Latein, Griechisch, Hebräisch: Studien und Dokumentationen zur deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung 9783110341003, 9783110337976

How did German linguists think about Latin, the international lingua franca in the 17th and 18th centuries, and about Gr

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Latein, Griechisch, Hebräisch: Studien und Dokumentationen zur deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung
 9783110341003, 9783110337976

Table of contents :
Vorwort
1. Einleitung
1.1 Historischer Rahmen
1.2 Lexikographische Konzeption und Quellen
2. Latein
2.1 Beleglage und Wortgebrauch
2.2 Genealogie und Typologie
2.2.1 Latein als Hauptsprache
2.2.2 Entstehung des Lateinischen
2.2.3 Entwicklung des klassischen Lateins
2.2.4 Latein im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
2.2.5 Sprachen aus dem Lateinischen
2.3 Latein als Lingua franca
2.3.1 Latein als Sprache der Gelehrsamkeit
2.3.2 Lateinisch-deutsche Sprachkonkurrenz
2.3.3 Kritik am Gebrauch des Lateinischen
2.3.4 Wissenschaftssprachliche Eignung
2.4 Entlehnung und Purismus
2.4.1 Kritik an lateinischen Entlehnungen
2.4.2 Puristische Forderungen
2.4.3 Lateinischer Purismus als Vorbild
2.4.4 Purismuskritik
2.4.5 Bereiche lateinischer Entlehnung
2.4.6 Romanisch-germanische Entlehnungen
2.4.7 Entlehnung lateinischer Lexik
2.4.8 Entlehnung der lateinischen Schrift
2.4.9 Grammatische Entlehnung
2.5 Schul- und Fremdsprache
2.5.1 Lateinkenntnisse der Bevölkerung
2.5.2 Fremdsprachenkanon
2.5.3 Sprachenfolge im Unterricht
2.5.4 Methoden des Sprachunterrichts
2.5.5 Rhetorikausbildung
2.5.6 Skepsis und Kritik
2.5.7 Übersetzung
2.6 Charakteristika
2.6.1 Laut und Schrift
2.6.2 Wortschatz
2.6.3 Wortbildung
2.6.4 Wortarten und Formbildung
2.6.5 Satzbau
2.6.6 Rhetorik und Stil
2.7 Vergleich und Wertung
2.7.1 Lateinisch-deutscher Sprachkontrast
2.7.2 Positive Wertschätzung
2.7.3 Negative Wertschätzung
2.8 Varietäten
2.8.1 Hochlateinisch
2.8.2 Römisch (Romanzisch)
2.9 Belegzitate
2.10 Belegstellen
3. Griechisch
3.1 Beleglage und Wortgebrauch
3.2 Genealogie und Typologie
3.2.1 Griechisch als Hauptsprache
3.2.2 Deutsch und Griechisch
3.2.3 Latein und Griechisch
3.3 Charakteristika
3.3.1 Laut und Schrift
3.3.2 Wort- und Formbildung
3.3.3 Eigentlichkeit und Reichtum (Wortschatz)
3.3.4 Entlehnung
3.3.5 Fremdsprachendidaktik
3.4 Vergleich und Wertung
3.4.1 Griechisch-deutscher Sprachkontrast
3.4.2 Positive Wertschätzung
3.4.3 Negative Wertschätzung
3.5 Varietäten
3.5.1 Mundarten und Literatursprache
3.5.2 Attisch
3.5.3 Äolisch, Dorisch, Ionisch
3.5.4 Neugriechisch
3.6 Belegzitate
3.7 Belegstellen
4. Hebräisch
4.1 Beleglage und Wortgebrauch
4.2 Genealogie und Typologie
4.2.1 Hebräisch als Hauptsprache
4.2.2 Hebräisch als erste Sprache der Menschheit
4.2.3 Deutsch und Hebräisch
4.3 Charakteristika
4.3.1 Schrift
4.3.2 Wortschatz
4.3.3 Grammatik und Text
4.4 Sprachdidaktik und Sprachkritik
4.5 Vergleich und Wertung
4.6 Belegzitate
4.7 Belegstellen
5. Fazit
5.1 Beleglage und Wortgebrauch
5.2 Genealogie und Typologie
5.2.1 Einordnung als Hauptsprache
5.2.2 Sprachentstehung
5.2.3 Sprachentwicklung
5.3 Entlehnung und Purismus
5.3.1 Entlehnungen aus dem Lateinischen
5.3.2 Purismus gegenüber dem Lateinischen
5.4 Sprachdidaktik
5.4.1 Fremdsprachenkenntnis
5.4.2 Sprachenkanon und Sprachenfolge
5.4.3 Methodische Reflexe
5.4.4 Übersetzung
5.5 Charakteristika
5.5.1 Laut und Schrift
5.5.2 Wortschatz
5.5.3 Grammatik
5.5.4 Rhetorik und Stil
5.6 Vergleich und Wertung
5.6.1 Genealogische und funktionale Aspekte
5.6.2 Positive Wertschätzung
5.6.3 Negative Wertschätzung
5.7 Varietäten
5.7.1 Latein
5.7.2 Griechisch
5.7.3 Hebräisch
6. Quellen
7. Literatur
8. Register
8.1 Sachregister
8.2 Sprachenregister
8.3 Namenregister

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Thorsten Roelcke Latein, Griechisch, Hebräisch

Studia Linguistica Germanica

Herausgegeben von Christa Dürscheid, Andreas Gardt, Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger

Band 119

Thorsten Roelcke

Latein, Griechisch, Hebräisch Studien und Dokumentationen zur deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung

DE GRUYTER

ISBN 978-3-11-033797-6 e-ISBN 978-3-11-034100-3 ISSN 1861-5651 Library of Congress Cataloging-in-Publication Data A CIP catalog record for this book has been applied for at the Library of Congress. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2014 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Druck und buchbinderische Verarbeitung: CPI buch bücher.de GmbH, Birach ♾ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

—— Oskar Reichmann in Dankbarkeit gewidmet

Vorwort Die vorliegenden Studien gehen auf ein Heidelberger Forschungsprojekt zur deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung zurück. Das Projekt, das von Andreas Gardt, Oskar Reichmann und mir geleitet und von der VolkswagenStiftung namhaft gefördert wurde, konnte im Jahr 2006 in Form einer Reihe von Einzelveröffentlichungen vorläufig abgeschlossen werden (Näheres dazu in der Einleitung). Hier wird nun bislang nicht verwandtes Material vorgestellt und ausgewertet. Allen Beteiligten in Vergangenheit und Gegenwart sei an dieser Stelle noch einmal auf das Herzlichste gedankt – für lexikographische Arbeiten insbesondere aber Jochen A. Bär und Christiane Schlaps, für Quellenbeschaffung und andere Arbeiten Frank Pommer und Bernd Weidmann sowie für die Software-Entwicklung Dieter und Ivo Wolf und nicht zuletzt Jan-Oliver Rüdiger (vor allem für sein Programm HISLEX). Gewidmet seien diese Studien Oskar Reichmann: Seine Tiefe und Weitsicht in der Forschung sowie seine Menschlichkeit und Freude an der Arbeit sind mir stets ein Vorbild. Wir haben uns vor etwa dreißig Jahren in seinen Seminaren zur Sprachreflexion im Barock und in der Aufklärung kennengelernt. Dass aus dem Lehrer seit dieser Zeit ein Freund wurde, erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit. Bernau im Schwarzwald, im Advent 2013

Thorsten Roelcke

Inhalt Vorwort —— VII 1. 1.1 1.2

Einleitung —— 1 Historischer Rahmen —— 1 Lexikographische Konzeption und Quellen —— 5

2. Latein —— 9 2.1 Beleglage und Wortgebrauch —— 9 2.2 Genealogie und Typologie —— 15 2.2.1 Latein als Hauptsprache —— 15 2.2.2 Entstehung des Lateinischen —— 18 2.2.3 Entwicklung des klassischen Lateins —— 23 2.2.4 Latein im Mittelalter und in der frühen Neuzeit —— 31 2.2.5 Sprachen aus dem Lateinischen —— 33 2.3 Latein als Lingua franca —— 39 2.3.1 Latein als Sprache der Gelehrsamkeit —— 40 2.3.2 Lateinisch-deutsche Sprachkonkurrenz —— 44 2.3.3 Kritik am Gebrauch des Lateinischen —— 49 2.3.4 Wissenschaftssprachliche Eignung —— 55 2.4 Entlehnung und Purismus —— 60 2.4.1 Kritik an lateinischen Entlehnungen —— 61 2.4.2 Puristische Forderungen —— 64 2.4.3 Lateinischer Purismus als Vorbild —— 66 2.4.4 Purismuskritik —— 69 2.4.5 Bereiche lateinischer Entlehnung —— 74 2.4.6 Romanisch-germanische Entlehnungen —— 76 2.4.7 Entlehnung lateinischer Lexik —— 78 2.4.8 Entlehnung der lateinischen Schrift —— 86 2.4.9 Grammatische Entlehnung —— 88 2.5 Schul- und Fremdsprache —— 91 2.5.1 Lateinkenntnisse der Bevölkerung —— 91 2.5.2 Fremdsprachenkanon —— 94 2.5.3 Sprachenfolge im Unterricht —— 95 2.5.4 Methoden des Sprachunterrichts —— 99 2.5.5 Rhetorikausbildung —— 103 2.5.6 Skepsis und Kritik —— 105 2.5.7 Übersetzung —— 108

X —— Inhalt

2.6 2.6.1 2.6.2 2.6.3 2.6.4 2.6.5 2.6.6 2.7 2.7.1 2.7.2 2.7.3 2.8 2.8.1 2.8.2 2.9 2.10

Charakteristika —— 112 Laut und Schrift —— 112 Wortschatz —— 115 Wortbildung —— 118 Wortarten und Formbildung —— 120 Satzbau —— 122 Rhetorik und Stil —— 124 Vergleich und Wertung —— 127 Lateinisch-deutscher Sprachkontrast —— 127 Positive Wertschätzung —— 131 Negative Wertschätzung —— 136 Varietäten —— 137 Hochlateinisch —— 137 Römisch (Romanzisch) —— 137 Belegzitate —— 139 Belegstellen —— 207

3. Griechisch —— 210 3.1 Beleglage und Wortgebrauch —— 210 3.2 Genealogie und Typologie —— 212 3.2.1 Griechisch als Hauptsprache —— 212 3.2.2 Deutsch und Griechisch —— 215 3.2.3 Latein und Griechisch —— 221 3.3 Charakteristika —— 224 3.3.1 Laut und Schrift —— 224 3.3.2 Wort- und Formbildung —— 227 3.3.3 Eigentlichkeit und Reichtum (Wortschatz) —— 230 3.3.4 Entlehnung —— 231 3.3.5 Fremdsprachendidaktik —— 233 3.4 Vergleich und Wertung —— 235 3.4.1 Griechisch-deutscher Sprachkontrast —— 235 3.4.2 Positive Wertschätzung —— 242 3.4.3 Negative Wertschätzung —— 244 3.5 Varietäten —— 246 3.5.1 Mundarten und Literatursprache —— 246 3.5.2 Attisch —— 250 3.5.3 Äolisch, Dorisch, Ionisch —— 252 3.5.4 Neugriechisch —— 254 3.6 Belegzitate —— 254 3.7 Belegstellen —— 274

Inhalt —— XI

4. Hebräisch —— 275 4.1 Beleglage und Wortgebrauch —— 275 4.2 Genealogie und Typologie —— 276 4.2.1 Hebräisch als Hauptsprache —— 277 4.2.2 Hebräisch als erste Sprache der Menschheit —— 279 4.2.3 Deutsch und Hebräisch —— 284 4.3 Charakteristika —— 288 4.3.1 Schrift —— 288 4.3.2 Wortschatz —— 289 4.3.3 Grammatik und Text —— 293 4.4 Sprachdidaktik und Sprachkritik —— 293 4.5 Vergleich und Wertung —— 296 4.6 Belegzitate —— 298 4.7 Belegstellen —— 311 5. Fazit —— 312 5.1 Beleglage und Wortgebrauch —— 312 5.2 Genealogie und Typologie —— 314 5.2.1 Einordnung als Hauptsprache —— 314 5.2.2 Sprachentstehung —— 316 5.2.3 Sprachentwicklung —— 320 5.3 Entlehnung und Purismus —— 324 5.3.1 Entlehnungen aus dem Lateinischen —— 324 5.3.2 Purismus gegenüber dem Lateinischen —— 326 5.4 Sprachdidaktik —— 330 5.4.1 Fremdsprachenkenntnis —— 330 5.4.2 Sprachenkanon und Sprachenfolge —— 331 5.4.3 Methodische Reflexe —— 332 5.4.4 Übersetzung —— 334 5.5 Charakteristika —— 334 5.5.1 Laut und Schrift —— 335 5.5.2 Wortschatz —— 337 5.5.3 Grammatik —— 340 5.5.4 Rhetorik und Stil —— 343 5.6 Vergleich und Wertung —— 344 5.6.1 Genealogische und funktionale Aspekte —— 345 5.6.2 Positive Wertschätzung —— 347 5.6.3 Negative Wertschätzung —— 350 5.7 Varietäten —— 351 5.7.1 Latein —— 351

XII —— Inhalt

5.7.2 5.7.3

Griechisch —— 352 Hebräisch —— 353

6.

Quellen —— 354

7.

Literatur —— 429

8. 8.1 8.2 8.3

Register —— 443 Sachregister —— 443 Sprachenregister —— 466 Namenregister —— 469

1. Einleitung 1.1 Historischer Rahmen Barock und Aufklärung stellen eine Zeit starker sozialer, kultureller und sprachlicher Spannungen und Veränderungen in ganz Europa dar. Dies gilt auch und gerade für den deutschen Sprachraum, in welchem trotz des herrschenden Partikularismus eine zunehmende kulturelle und nationale Identität in weiten Kreisen der Bevölkerung zu beobachten ist. Obwohl sich das 17. und 18. Jh. nicht für den Ansatz einer eigenen sprachgeschichtlichen Etappe des Neuhochdeutschen haben durchsetzen können (vgl. ROELCKE 1995, 137– 192; 1998), besteht in der Forschung weitgehend Einigkeit in Hinblick auf deren soziale, kulturelle und sprachliche Dynamik und somit auch auf deren sprach- und mentalitätsgeschichtliche Bedeutung für die jüngere Neuzeit und die Gegenwart (vgl. EGGERS 1986; VON POLENZ 1994). So bildet die Zeit vom Ende des 16. bis zum Beginn des 19. Jh.s unter anderem die historische Epoche des Absolutismus und des Merkantilismus, des Dreißigjährigen Kriegs und des Westfälischen Friedens, des Konflikts zwischen Sachsen und Preußen sowie der Überwindung der Ständegesellschaft und des Endes des Alten Reichs (vgl. zum Beispiel W EHLER 1987). Aus kulturgeschichtlicher Sicht ist dies die Zeit von Alamode-Wesen, des Rationalismus, der Empfindsamkeit sowie des Pietismus und der Säkularisierung, die Zeit ständischer Bildungspolitik, erster Schul- und Universitätsreformen und der Volksaufklärung, die Zeit erster Zeitungen und Zeitschriften, der „Leserevolution“ und des Briefeschreibens (vgl. ALT 2007; BÖNING/SCHMIDT/SIEGER 2007; NIEFANGER 2012; PÜTZ 1991). Die deutsche Sprache steht in der Barock- und Aufklärungszeit unter einer starken Konkurrenz und einem starken Lehneinfluss durch verschiedene europäische Sprachen (zusammenfassend VON POLENZ 1994, 49–106). Besonders intensiv erscheint hier derjenige des Französischen (vgl. unter anderem BÄR 2001; EISENBERG 2012; JONES 1976; 1978; KLUGE 2011; KÖRNER 2004; PÖRKSEN 2007; ZOLLNA 2004), insbesondere im deutschen Adel, dessen Vertreter seit der Mitte des 17. Jh.s und dem aufkommenden AlamodeWesen eine französisch-deutsche Zweisprachigkeit pflegen (vgl. etwa ARZBERGER 2007; HELFRICH 1990; KRAMER 2002; SCHARLOTH 2003; VOLLAND 1986). Die Mehrsprachigkeit (KIMPEL 1985) und die Entlehnungen in dieser

2 —— Einleitung

Zeit sind indessen nicht auf das Französische und andere romanische Sprachen wie insbesondere das Italienische und daneben das Spanische sowie darüber hinaus auch bereits immer mehr das Englische (FABIAN 1985; BUSSE 2008; 2011; VIERECK 1980; 2004) beschränkt. Mehrsprachigkeit und Spracheinflüsse bestehen darüber hinaus im Hinblick auf die drei alten Sprachen des humanistischen Bildungskanons – das Lateinische, das Griechische und das Hebräische. Das Lateinische als Lingua franca des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in Verwaltung, Rechtsprechung und Wissenschaft (HATTENHAUER 1997; MUNSKE 1996; MUNSKE/KIRKNESS 1996; VON POLENZ 1994, 347–368; PÖRKSEN 1986; ROELCKE 2001) verliert im Laufe dieser beiden Jahrhunderte zwar nach und nach an Bedeutung, büßt diese indessen (vor allem in konservativen Fakultäten) nicht ganz ein, sondern bedingt fortwährend zahlreiche Sprachkontakte (vgl. beispielsweise KIRKNESS 1991; LÖFFLER 1991; HENKEL 2004; SCHIEWE 1996). Entsprechendes gilt für das Griechische (HOLZBERG 2004), das zusammen mit dem Hebräischen eine anhaltend große Bedeutung für Theologie und Kirche zeigt. Solche Lehneinflüsse betreffen im Übrigen nicht alleine den Wortschatz. Trotz struktureller Unterschiede zwischen dem Deutschen einerseits und dem Lateinischen, Französischen oder Englischen andererseits (GLINZ 1994; KIENPOINTER 2010; KÖNIG/GAST 2009) ist auch die deutsche Wortbildung von fremdsprachlichen Einflüssen nicht frei (HOPPE [et al.] 1987; LUTZ 2008; MÜLLER 2005; 2009). Angesichts der ausgeprägten Mehrsprachigkeit und der zahlreichen Entlehnungen treten im deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jh.s wiederholt puristische Strömungen in Erscheinung, die einen Gebrauch anderer Sprachen neben dem Deutschen oder fremdsprachliche Elemente (EISENBERG 2012; GARDT 1997; 2001) innerhalb des Deutschen selbst im Ganzen oder in bestimmten Teilen ablehnen und zu vermeiden trachten (vgl. beispielsweise HÄRLE 1996; JONES 1995; KIRKNESS 1975; 1985; 1998; VON POLENZ 1994, 107–134). Dieser Purismus richtet sich insbesondere gegen die französische, daneben aber auch gegen die lateinische Sprache (vgl. etwa KLEIN 2011a; 2011b). Als Grund für diese Tendenz darf ein wachsender Kultur- und Sprachpatriotismus innerhalb der deutschen Bevölkerung angenommen werden, der die Idee einer deutschen Nation an die Vorstellung einer gemeinsamen Literatursprache im Sinne einer überregionalen Schriftsprache in Wissenschaft, Belletristik und Öffentlichkeit bindet (BOCK 2000; FAULSTICH 2007; GARDT 2000; 2004; HUBER 1984; REICHMANN 1990; ROELCKE 2000; TOWNSON 1992). Diese argumentative Verschränkung von Nation (oder auch von Volk) an Sprache (HERMANNS 2003; KOSELLECK [et al.] 1992; REICHMANN 1978; 2000)

Historischer Rahmen —— 3

ist ein europäisches Phänomen der frühen Neuzeit und wirkt sicher bis in die Gegenwart hinein fort (AHLZWEIG 1994; Fink 2000; W ODAK 1998; Ivo 1994; JOHNSTON 1990); umstritten ist, ob es sich hierbei jeweils um patriotische oder nationalistische Tendenzen handelt (GARDT 1999b; STUKENBROCK 2005). Der Sprachpurismus – mehr noch: die Bestrebungen, eine (überregionale) deutsche Literatursprache zu entwickeln und einzuführen (vgl. zum Beispiel BLACKALL 1966; ERBEN 1989; GUCHMANN 1964/69; JOSTEN 1976; MATTHEIER 1981; W EIGL-ANZINGER 2005), finden ihren institutionellen Niederschlag in der Gründung einer Reihe von sog. Sprachgesellschaften wie etwa der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ in Köthen (vgl. unter anderem CONERMANN 1985; GARDT 1998; HARDTWIG 1989; KILIAN 2000; OTTO 1972; ROELCKE 2000; VON POLENZ 2000). Diese Sprachgesellschaften verdanken sich dem Vorbild der Accademia della Crusca (ENGLER 2000; W EINRICH 1985, 85–103) in Florenz und verstehen sich als literarische Sozietäten, die nicht allein eine sprachliche, sondern letztlich eine ganzheitliche kulturelle Förderung ihrer Mitglieder – neben Vertretern des Adels oftmals auch Vertreter des Bürgertums (vgl. GESSINGER 1980) – anstreben. Die deutsche Sprachreflexion im Zeitalter des Barock und der Aufklärung besteht indessen nicht allein in puristischen Überlegungen und Ansätzen, eine überregionale Literatursprache zu etablieren: Es entbrennt ein Streit um sprachliche Richtigkeit und sprachliche Vorbilder, vertreten durch eine Reihe bedeutender Grammatiker und Orthographielehrer (etwa SCHOTTELIUS, GOTTSCHED, ADELUNG und viele andere mehr) sowie wichtiger Lexikographen (unter anderem ADELUNG und CAMPE). Langsam bildet sich neben der französischen auch so etwas wie eine deutsche Literatursprache heraus, während deutsche Fach- und Wissenschaftssprachen das Lateinische als Lingua Franca deutscher Universitäten sowohl im natur- als auch im geisteswissenschaftlichen Bereich zu verdrängen beginnen (THOMASIUS, W OLFF). – Zu den zahlreichen und vielfältigen Themenfeldern der deutschen Sprachreflexion im 17. und 18. Jh., die innerhalb der germanistischen Sprachwissenschaftsgeschichtsschreibung Beachtung gefunden haben (vgl. GARDT 1994; RICKEN 1990), gehören unter anderem: –



Sprachphilosophische Grundsätze im Umkreis von Nominalismus und Realismus (DASCAL [et al.] 1992/96; HANKAMER 1965; LEISS 2009; RITTER/GRÜNDER/GABRIEL 1971ff.); Grundsätze und Einzelerscheinungen der Rhetorik und der Stilistik – entweder in deskriptiver oder in präskriptiver Hinsicht (vgl. hier grundlegend die einschlägigen Artikel in UEDING 1992ff.);

4 —— Einleitung









– – – – –

Sprachkritik und Sprachpflege – insbesondere eines ostmitteldeutschen Vorbilds (vgl. etwa GLOY 1998; GREULE/AHLVERS 1986; HUNDT 2000; JOSTEN 1976; REIFFENSTEIN 1995; TAUCHMANN 1992; W OLFF 1996); Übersetzung sowie mutter- und fremdsprachlicher Unterricht – etwa im Französischen oder Lateinischen (GELHAUS 1989/90; HAMPEL 1980; KONRAD 2007; SCHRÖDER 1980–85; SPILLNER 1985; zum Deutschen als Fremdsprache vgl. GLÜCK 2002); Fach- und Wissenschaftssprachen – insbesondere im Hinblick auf den Wortschatz (GARDT 1999c; ROELCKE 1999; 2010, 178–207; SEIBICKE 1985); Ursprünge menschlicher Sprachen – analytisch wie auch (mehr oder weniger) spekulativ (BORST 1957–63; DUTZ/KACZMAREK 2000; GESSINGER/RAHDEN 1989; METCALF 1974); Natursprachenmodelle und Universalsprachenkonzepte (NATE 1993; STRASSER 1988; W EIß 1992); Enzyklopädien und Wörterbücher (EYBL [et al.] 1995; HAß-ZUMKEHR 2001; HENNE 1975; JONES 2000; KÜHN/PÜSCHEL 1990; SZLĘK 1999); Grammatiken und Orthographielehren (ÁGEL 2000; BERGMANN 1982; BETTEN 1987; KONOPKA 1996; TAKADA 1998); zentrale sprachliche Eigenschaften wie Deutlichkeit, Eigentlichkeit, Eindeutigkeit oder Gebrauch (GARDT 1995; REICHMANN 1992; 1993; 1995); Leben und Wirken einzelner Sprachdenker (vgl. neben zahlreichen Einzelstudien BREKLE [et al.] 1992ff.; DÜNNHAUPT 1990ff.; STAMMERJOHANN 1996).

Im Übergang vom 17. zum 18. Jh. ist im Allgemeinen eine Wandel der Diskussionskultur von einer eher ideologisch-wertenden zu einer eher neutralsachlichen Argumentationsweise, also so etwas wie ein „linguistic turn“ (NEUMER 2005), zu beobachten (zu Sprachtheorie und -reflexion des 17. und 18. Jh.s im Allgemeinen sowie zu den genannten Schwerpunkten im Besonderen vgl. auch: DUTZ 1993; GARDT 1994; 1999a, 94–229; HAßLER 1984; 1992; NIEDEREHE/KOERNER 1990; RICKEN 1990; SCHARLOTH 2005; Schmitter 1996; STRAßNER 1995, 65–202; an dieser Stelle sei insbesondere auf die lexikographische Darstellung mit den Schwerpunkten Sprachphilosophie, -entwicklung, -variation und -verwendung sowie phonetische, lexikalische und grammatische Beschreibung von HAßLER und NEIS 2009 hingewiesen). Ein weiteres wichtiges Thema der deutschen Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung ist die Beschreibung und Bewertung einzelner Sprachen und Mundarten – sei es in historischer, struktureller oder pragmatischer Hinsicht. Solche Sprachurteile finden in der Geschichtsschreibung der germanis-

Lexikographische Konzeption und Quellen —— 5

tischen Sprachwissenschaft zwar wiederholt Beachtung (das gilt insbesondere für das Ostmitteldeutsche; vgl. oben) – eine Aufarbeitung, in der einzelne Sprachen zum Ausgangspunkt der Quellenanalyse gemacht werden, ist indessen bislang ein weitgehendes Desiderat (vgl. etwa zum Niederdeutschen HERRMANN-W INTER 1992; zum Niederländischen ROELCKE 2002; zum Englischen ROELCKE 2003; zum Italienischen ROELCKE 2011). Dies erstaunt umso mehr, als angesichts von Mehrsprachigkeit, Entlehnung und Purismus die Auseinandersetzung mit fremden Sprachen als ein wesentliches Element des deutschen Sprachdenkens im 17. und 18. Jh. anzusehen ist. Angesichts der Bedeutung der drei alten Sprachen für die Geschichte der deutschen Sprache und die Geschichte des deutschen Sprachdenkens soll mit den vorliegenden Studien dieses Desiderat behoben und ein weiterer Beitrag für die germanistische Erforschung der Barock- und Aufklärungszeit geleistet werden.

1.2 Lexikographische Konzeption und Quellen Die vorliegenden lexikographischen Studien basieren auf dem Material eines Projekts zur Sprachtheorie in Barock und Aufklärung (GARDT [et al.] 1991). Im Rahmen dieses Projekts wurden rund 650 einschlägige Texte aus dem 17. und 18. Jh. (in Auswahl aus dem Ende des 16. und dem Beginn des 19. Jh.s) exzerpiert und über 115.000 Belege zu annähernd 29.000 Stichwörtern gezogen. Der thematische Bereich einzelner Sprachen und deutscher Mundarten macht dabei rund 8.000 Belege zu 131 Stichwörtern aus. Zu den Bezeichnungen für Sprachen und Mundarten gehören unter anderem: Adamische Sprache, Alemannisch, Altdeutsch, Arabisch, Attisch, Bairisch, Brabantisch, Britannisch, Chinesisch, Dänisch, Deutsch, Elsässisch, Finnisch, Flämisch, Fränkisch, Französisch, Gallisch, Germanisch, Griechisch, Hebräisch, Hochdeutsch, Holländisch, Huronisch, Ionisch, Irisch, Italienisch, Jüdisch, Karibisch, Keltisch, Kursächsisch, Lappisch, Latein, Meißnisch, Mitteldeutsch, Moscowitisch, Niederdeutsch, Niederländisch, Normannisch, Norwegisch, Oberländisch, Obersächsisch, Österreichisch, Persisch, Pfälzisch, Polnisch, Pommerisch, Ripuarisch, Rotwelsch, Russisch, Sächsisch, Schlesisch, Schwäbisch, Schweizerisch, Spanisch, Syrisch, Tatarisch, Tirolisch, Toskanisch, Türkisch, Ungarisch, Wallonisch, Wendisch, Westfälisch.

Die Struktur der folgenden drei lexikographischen Studien zum Lateinischen, Griechischen und Hebräischen umfasst jeweils die folgenden Positionen bzw. Abschnitte, die je nach Bedarf der Darstellung oder Umfang der Belege um weitere Positionen ergänzt werden:

6 —— Einleitung













Lemma: Da in den Quellentexten verschiedenartige Schreibungen existieren, wird das Lemma in der Schreibung der deutschen Standardsprache der Gegenwart angesetzt. Beleglage: Die Beleglage wird nach Zeitabschnitten, Anzahl der Quellen und Anzahl der Belege aufgearbeitet, um so eine Orientierung über deren zeitliche Verteilung zu ermöglichen. Die Quellen selbst erscheinen jeweils nicht allein unter Angabe von Autor sowie Erscheinungsort und -jahr, sondern darüber hinaus mit einem Kurztitel, um eine möglichst einfache Rezeption zu ermöglichen. Wortgebrauch: In diesem Abschnitt wird die ausdrucksseitige Verwendung der Sprachbezeichnungen erfasst. Berücksichtigt werden unter anderem Schreibvarianten, Wortarten (substantivischer bzw. adjektivischer Gebrauch), wichtige und seltene Prädikationen und Attribuierungen, aussagekräftige Kollokationen sowie auffällige Wortbildungen; bisweilen werden auch Wortfelder angegeben. Auf einen Nachweis durch Angabe einzelner Belegstellen wird dabei grundsätzlich verzichtet, da der Wortgebrauch in den folgenden Abschnitten differenziert nachvollzogen werden kann. Genealogie und Typologie: Überlegungen zur Genealogie und Typologie einzelner Sprachen nehmen in der deutschen Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung einen großen Raum ein. Dabei wird das Alter einer Sprache oft mit so etwas wie deren sprachlicher Originalität in Verbindung gebracht und deren Charakteristika im Vergleich mit anderen Sprachen hervorgehoben. Neben genealogischen Einteilungen finden sich in den Texten auch solche nach anderen Kriterien wie etwa der kulturellen Bedeutung der Sprachen; solche Klassifikationen werden in den vorliegenden Studien ebenfalls erfasst. Charakteristika: Hinsichtlich einzelner sprachlicher Merkmale stehen hier nicht einfache metasprachliche Beschreibungen und Erläuterungen (wie etwa im Rahmen einer deskriptiven Grammatik) im Vordergrund, sondern ausschließlich solche Äußerungen, die jeweils das (wie auch immer) Eigentümliche der betreffenden Sprache zu erfassen versuchen. Diese metasprachlichen Äußerungen werden hier textimmanent unter weitgehendem Verzicht auf eine sozial-, kultur- oder sprachgeschichtliche Auslegung des Materials ausgewertet, um so deren Interpretation unter diversen weiterführenden Gesichtspunkten zu ermöglichen. Vergleich und Wertung: Die Abschnitte zu Genealogie und Historie sowie zu Typologie und Charakteristika zeigen, dass die deutsche Sprachreflexion des 17. und 18. Jh.s im Gegensatz zur modernen Sprachgermanistik, nicht aber im Unterschied zur öffentlichen Sprachdis-

Lexikographische Konzeption und Quellen —— 7









kussion der Gegenwart, regelmäßig wertende Urteile fällt. Da es sich hier um ein wichtiges Charakteristikum barocken, in Auseinandersetzung hiermit aber auch aufgeklärten Sprachdenkens handelt, wird hier solchen Wertungen eine eigene Position eingeräumt. Trotz der Gefahr einer Polarisierung wird dabei zunächst zwischen eher positiv und eher negativ wertenden Urteilen unterschieden und im Weiteren ggf. eine Differenzierung vorgenommen. Eine Auflistung einzelner Merkmale wie Zierlichkeit oder Schwulst soll eine metasprachbezogene Interpretation solcher Wertungen unterstützen; diesem Ziel dient auch die besondere Berücksichtigung von Metaphern. Auch in diesem Rahmen wird eine weitgehend textimmanente Interpretation des Belegmaterials vorgenommen. Didaktik: Die Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch spielen im 17. und 18. Jh. aufgrund ihrer Bedeutung für Wissenschaft, Verwaltung und Kirche im Weiteren eine wichtige Rolle in der deutschen Fremdsprachendidaktik. Die Position zur Didaktik darf daher als ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Fremdsprachendidaktik im Zeitalter des Barock und der Aufklärung aufgefasst werden. [Varietäten]: Da Latein und Griechisch in den Quellen nicht stets als Ganze behandelt werden, sondern bisweilen auf regionale Ausprägungen dieser Sprachen Bezug genommen wird, finden diese jeweils eigens Berücksichtigung. Belegzitate: Die Belege werden in der vorliegenden Studie überwiegend textimmanent unter weitgehendem Verzicht auf eine sozial-, kultur- oder sprachgeschichtliche Interpretation des Materials aufgearbeitet. So werden Interpretationen unter verschiedenartigen Gesichtspunkten vorbereitet und ermöglicht, ohne diese durch einzelne Aspekte vorwegzunehmen oder zu verstellen. Vor diesem Hintergrund kommt der Dokumentation des Belegmaterials eine zentrale Bedeutung zu, sodass der Position der Belegzitate hinreichend Raum gegeben wird. Die einzelnen Belege erscheinen dabei unter Angabe von Kurztiteln in chronologischer Abfolge, wobei die betreffenden Sprachbezeichnungen einer leichteren Orientierung halber halbfett hervorgehoben sind. Durch Art und Umfang kann diese Position als Grundlage für weiterführende Interpretationen dienen oder auch als Materialsammlung für Lehrveranstaltungen Verwendung finden. Belegstellen: Um das Wörterbuch nicht über die Erfordernisse einer textimmanenten Interpretation und belegorientierten Dokumentation hinaus aufschwellen zu lassen, werden weitere Belegstellen, die lediglich ergänzend von Bedeutung sind, mit Kurztiteln angegeben.

8 —— Einleitung

Die genuin lexikographischen Teile zu den drei alten Sprachen werden abschließend einer gemeinsamen Auswertung unterzogen. Dabei stehen wiederum Beleglage und Wortgebrauch, Genealogie und Typologie, sprachliche Charakteristika, Vergleich und Wertung sowie Sprachdidaktik im Vordergrund. Dieser Auswertung schließen sich ein Quellenverzeichnis und ein Literaturverzeichnis an; ein Sach-, ein Sprachen- und ein Autorenregister beschließen die Studie. Das Quellenverzeichnis selbst umfasst sämtliche Quellen, die im Rahmen des ursprünglichen Projektes ausgewertet wurden; d.h. es werden der Dokumentation halber auch diejenigen Quellen angeführt, aus denen keine Belege zu den drei Sprachen gezogen wurden. Das Corpus folgt der grundlegenden Konzeption GARDTs (1994, 3–5), dessen umfangreiche Quellenrecherche in das Projekt eingeflossen ist, und umfasst somit eine Vielzahl an Textsorten, darunter insbesondere philosophische und mystische Texte, Orthographielehren, Grammatiken und Wörterbücher, sprachkritische und sprachdidaktische Texte sowie rhetorische, poetologische und literarische Texte. Neben dieser thematischen Vielfalt sind die wirkungsgeschichtliche Bedeutung einzelner Texte, deren Verteilung über den gesamten Sprach- und Zeitraum sowie die Herkunft ihrer Verfasser aus diversen sozialen Schichten wichtige Kriterien für die Aufnahme (vgl. GARDT [et al.] 1991, 20).

2. Latein 2.1 Beleglage und Wortgebrauch Im Rahmen des Projekts wurden 727 Belege zum Lateinischen aus 193 Quellen des 16. bis 19. Jh.s exzerpiert: 22 Belege aus 6 Quellen des 16. Jh.s: FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531; ICKELSAMER: Teütsche Grammatica, um 1534; ALBERTUS: Deutsche Grammatik, Augsburg 1573; ÖLINGER: Deutsche Grammatik, Straßburg 1573; BASSAEUS: Vorrede zu Rethorica, Frankfurt 1593; HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593 149 Belege aus 41 Quellen der ersten Hälfte des 17. Jh.s: HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602; SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610; Böhme, Jacob: Avrora, o.O. 1612/1730; RATKE: Memorial, o.O. 1612; HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614; HELWIG: Anlaitung in der Lehrkunst W. Ratichij, o.O. um 1614/15; HENISCH: Teütsche Sprach vnd Weißheit, Augsburg 1616; HELWIG: Sprachkuenste, Gießen 1619; RATKE: Verstehungslehrartlehr, o.O. 1619; SCHERAEUS: Miscellanea Hierarchica, Wittenberg 1619; SATTLER: Teutsche Orthographey vnd Phraseologey, Frankfurt 1621; SUMARAN: Sprachbuch, o.O. 1621; HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624; SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629; RATKE: Wortbedeuttungslehr, o.O um 1630; MEYFART: Teutsche Rhetorica, Coburg 1634; W ERNER: Manvdvctio Orthographica, Altenburg 1635; COMENIUS: Informatorium Maternum, Nürnberg 1636; COMENIUS: Prodomus Pansophiae, o.O. 1637; COMENIUS: Janua Linguarum Reserata Aurea, Hamburg 1642; COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J.; GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641; BENSE DU PUIS: Grammaire Allemande et Françoise, Paris 1643; SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643; ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643; SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644; ZESEN: Sendschreiben an den Kreutztragenden, o.J. um 1644; HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645; KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645; HARSDÖRFFER: Nothwendiger Vorbericht, Nürnberg 1646; LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646; RIST: Rettung der Edlen Teütschen Hauptsprache, Hamburg 1646; BELLIN: Ausarbeitung der hochdeutschen Sprache, Hamburg 1647; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647; SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647; BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648; GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648; SCHORER: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648; HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653; ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649; SPEE: Trutznachtigall, Köln 1649; BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650.

10 —— Latein

214 Belege aus 50 Quellen der zweiten Hälfte des 17. Jh.s: SCHOTTELIUS: Teutsche SprachKunst, Braunschweig 1651; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651; RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653; ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653; ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656; COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657; WINKELMANN: Proteus, Oldenburg 1657; CURTZ: Harpffen Dauids, Augsburg 1659; HARSDÖRFFER: Des Teutschen Secretarii Zweyter Teil, Nürnberg 1659; REDINGER: Verwandtschaft der Teutschen und Lateinischen Sprache, Hanau 1659; KINDERMANN: Der deutsche Redner, Frankfurt an der Oder 1660; RICHTER: Thesaurus Oratorius Novus, Nürnberg 1660; BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661; BELLIN: Syntaxis Praepositionum Teutonicarum, Lübeck 1661; BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663; ZESEN: Sendschreiben an den Kreutztragenden, o.J. um 1664; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668; VORST: Observatorium in Linguam Vernaculam Specimen, Cölln an der Spree 1668; ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668; SCHOTTELIUS: Ethica, Wolfenbüttel 1669; LEIBNIZ: Marii Nizolii de veris Principiis et vera Ratione Philosophandi, Frankfurt 1670; LEIBNIZ: Eine deutschliebende Genossenschaft, o.O. um 1671/1697; PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672; GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673; REINHOLD: Reime dich oder ich fresse dich, Northausen 1673; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674; HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678; SCHÖDTER: Brieff-Schräncklein, Leipzig 1678; BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679; STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681; WEISE: Politischer Redner, Leipzig 1681; LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682/1846; WEISE: Neu-Erleuterter Politischer Redner, Leipzig 1684; PRASCH: De Origine Germanica Latinae Linguae, Regensburg 1686; THOMASIUS: Nachahmung der Franzosen, 1687/1701; ROTTH: Vollständige Deutsche Poesie, Leipzig 1688; STIELER: Kurze Lehrschrift von der Hochteutschen Sprachkunst, Nürnberg 1691; STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691; THOMASIUS: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre, Halle 1691; HARSDÖRFFER: Delitiæ Philosophicæ et Mathematicæ, Nürnberg 1692; STIELER: Zeitungs Lust und Nutz, Hamburg 1695; TSCHIRNHAUS: Medicina mentis, Leipzig 1695; BOHSE: Neu-Erleuterter Briefsteller, Leipzig 1697; LANGJAHR: Leichte Erlernung der Teutschen Sprache, Eisleben 1697; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717; WEIDLING: Oratorischer Hofmeister, Leipzig 1698; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700; WEISE: Logica, Leipzig 1700; ZEILLER: Epistolische SchatzKammer, Ulm 1700. 142 Belege aus 22 Quellen der ersten Hälfte des 18. Jh.s: ARNOLD: Der Woleingerichtete Schul-Bau, Leipzig/Stendal 1711; PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713; THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713; WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713; HUNOLD: Einleitung zur Teutschen Oratorie, Halle/Leipzig 1715; LONGOLIUS: Erkäntniß der Teutschen Sprache, Bautzen 1715; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717; TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718; BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Erster Theil, Zürich 1721-1723; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725; Parnassus Boicus, München 1726; LITZEL: Der Undeutsche Catholik, Jena/Leipzig 1730; VENTZKY: Bild eines geschickten Ubersetzers, Leipzig 1732; Beyträge zur Criti-

Beleglage und Wortgebrauch —— 11

schen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33; EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720/35; WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735; HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736; LUDOVICI: Historie der Wolffischen Philosophie, Leipzig 1737; BREITINGER: Fortsetzung der Critischen Dichtkunst, Zürich/Leipzig 1740; GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742; BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746; GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747. 180 Belege aus 68 Quellen der zweiten Hälfte des 18. Jh.s: W OLFF: Von GOTT, Der Welt und der Seele des Menschen. Halle 1751; AICHINGER: Versuch einer teutschen Sprachlehre, Frankfurt/Leipzig 1754; MÜLLER: Teutsche Gesellschaften, Jena 1754; DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755; LINDNER: Anweisung zur guten Schreibart überhaupt, Königsberg 1755; RICHEY: Idioticon Hambvrgense, Hamburg 1755; GOTTSCHED: Gebrauch und Misbrauch vieler deutscher Wörter und Redensarten, Straßburg/Leipzig 1758; BASEDOW : Regelmäßigkeit der Teutschen Sprache. Kopenhagen 1759; GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759; SULZER: Kurzer Begriff aller Wissenschaften, Frankfurt/Leipzig 1759; MICHAELIS: Einfluß der Meinungen in die Sprache, Berlin 1760; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; HAMANN: Anmerkungen über die Wortfügung in der französischen Sprache, Königsberg 1762; MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763; LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764; BRAUN: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, München 1765; BRAUN: Kunst zu Denken, München 1765; TETENS: Grundsätze und Nutzen der Etymologie, 1765f.; HEß: Einleitung in die Uebersetzungskunst, Hamburg 1766; SÜßMILCH: Die erste Sprache, Berlin 1766; HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente, o.O. 1767; TILLING: Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767; HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Riga 1768; EHLERS: Vocabellernen beym Unterricht in Sprachen, Altona 1770; FULDA: Die beiden Hauptdialecte der Teutschen Sprache, Göttingen 1771; HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772; WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772; KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774; ANONYMUS: Beilage zu Herr Heynatzens Briefen die Deutsche Sprache betreffend, Liegnitz 1775; HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775; FULDA: Germanische Wurzel-Wörter, Halle 1776; ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777; ANONYMUS: Werth der Wohlredenheit und guten Schreibart, Stuttgart 1779; GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779; ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780; HEMMER: Kern der deütschen Sprachkunst und Rechtschreibung, Mannheim 1780; ADELUNG: Geschichte der Deutschen Sprache, Leipzig 1781; JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781; MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781; ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782; ADELUNG: Grundsätze der Deutschen Orthographie, Leipzig 1782; ADELUNG: Magazin für die Deutsche Sprache, Leipzig 1782; ADELUNG: Magazin für die Deutsche Sprache, Leipzig 1782; ANONYMUS: Ueber Adelungs deutsche Sprachlehre, Berlin 1783; RICHTER: Kritische Anmerkungen zu Adelungs Sprachlehre, Königsberg 1784; ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785; RÜDIGER: Uebersicht der neuern Litteratur, Leipzig 1785; MORITZ: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman, 1786;

12 —— Latein

BERNDT: Versuch zu einem slesischen Idiotikon, Stendal 1787; BÜSCH: Gewinnt ein Volk, wenn seine Sprache zur Universal-Sprache wird? Berlin 1787; GÜNTHER: Deutsche Höflichkeitssprache, Mannheim 1787; STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, o.O. 1789; THIEME: Lateinisches Sprachstudium befördern, Braunschweig 1789.; KEMPELEN: Mechanismus der menschlichen Sprache, Wien 1791; WINTERFELD: Schwierigkeiten der lateinischen Sprache, Braunschweig 1791; SULZER: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Leipzig 1792-94; ENGEL: Artikel, Hülfs- und Personenwörter der neuern Sprachen, Berlin 1794; HERTZBERG: Auszug, Berlin 1794; MACKENSEN: Beiträge zur Kritik der Sprache, Wolfenbüttel 1794; MORITZ: Bildsamkeit der deutschen Sprache, Berlin 1794; MORITZ/STUTZ: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1794; KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795; JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern und neuern Sprachen Europens, Berlin 1796; MERTIAN: Allgemeine Sprachkunde, Braunschweig 1796; HEINZELMANN: Grundsätze der Wortforschung, Braunschweig 1798; MACKENSEN: Ueber den Ursprung der Sprache, Braunschweig 1798; MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800. 20 Belege aus 6 Quellen des 19. Jh.s: GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802; VOß: Deutsche Sprachkunde, 1804; ADELUNG: Deutsche Sprachlehre für Schulen, Berlin 1806; NICOLAI: Herleitungen deutscher Wörter aus fremden Sprachen, Berlin 1808; ADELUNG: Mithridates II, Berlin 1809; KRAUSE: Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein, Leipzig 1855.

Die Sprachenbezeichnung Latein ist innerhalb der Belege in vielfältigen Verwendungsweisen zu finden. Das Substantiv Latein bzw. Lateinisch erscheint etwa, wenn von Latein oder von Lateinisch und anderen Sprachen die Rede ist. Man kann sich auf Lateinisch ausdrücken, das Latein bzw. das Lateinische auf verschiedene Art und Weise lesen, singen oder lernen. Es ist möglich und löblich, Lateinisch wie ein Tullius zu gebrauchen oder das Latein wie der Römer Varro auszuputzen; klassisches Latein ist bisweilen Majestätisches Latein, mittelalterliches dagegen barbarisches Latein, neuzeitliches steifes und ungeschmackhaftes Latein. Zeitgenossen des 17. und 18. Jh.s werden genannt, die ins Lateinische übersetzen oder Lateinisch untermengen bzw. aus dem Latein nehmen oder übernehmen, also entlehnen; manche dieser Gelehrten sprechen und schreiben gutes Latein, andere hingegen schlechtes Latein. Als Adjektiv lateinisch erscheint der Ausdruck meist in Groß-, daneben aber auch in Kleinschreibung – so in Lateinische Sprache oder lateinische Sprach (vgl. zum Beispiel Nachdruck und Schönheit der lateinischen Sprache, pracht-reiche Lateinische Sprache, lateinische Kirchensprache oder lateinische Sprache und Dichtkunst). In Bezug auf die graphische Ebene finden sich Attribuierungen wie Lateinische Buchstaben, Lateinische Litern (Lettern) oder Lateinische Schrifft. Hinsichtlich des Wortschatzes wird etwa auf Lateinische

Beleglage und Wortgebrauch —— 13

Wort, Lateinische Wörter, Lateinische Kunstwörter oder lateinische Termini und somit auf lateinisch gelehrte Ausdrücke Bezug genommen; manche Wörter haben eine eigentliche lateinische Bedeutung. Regeln und Normen des Lateinischen bilden die lateinische Grammatik und werden etwa in einer Lateinischen Grammatica oder einer lateinischen Sprachlehre bzw. Lateinischen Sprachkunst behandelt, die von Lateinischer Sprache berichtet und unter Umständen in einer Lateinischen Schule unterrichtet wird. Wer Kündigkeit der Lateinischen Sprache zeigt und diese, wie etwa ein lateinischer Schriftsteller oder jemand, der lateinisch von sich hören lässt, in Anwendung bringt, folgt lateinischem Muster bzw. Lateinischem Gebrauche. Er ist der Lateinischen Feder mächtig, kann die Lateinische Sprache ausüben, in Lateinischer Sprache reden, in gutem Latein schreiben, Wörter und Grammatik auf lateinische Weise gebrauchen, in Lateinischer Sprache handeln oder Künste treiben, eine Lateinische Rede, einen Lateinischen Vortrag halten oder einen Lateinischen Brief, wenn nicht ein lateinisches Buch oder gar ein lateinisches Werk verfassen. Voraussetzung hierfür sind die Erlernung der Lateinischen Sprache und die Beherrschung der Lateinischen Oratorie, lateinischen Redekunst bzw. Lateinischen Wohlredenheit. Wer ins Latein übersetzt, der kann lateinisch machen und fertigt eine Lateinische Dollmetschung. Das Deutsche kann aufgrund zahlreicher Entlehnungen, sofern also lateinische Wörter eingemischt werden, sogar lateinisch klingen. So sprechen oder schreiben dann lateinische Teutsche, die sich ein halb-lateinisches Ansehen geben, indem sie mit lateinischen Brocken um sich werfen und nicht der Lateinischen Flickwörter müßig gehen, sodass sich deren Kritiker wiederum vom Lateinischen verfolgt fühlen. Für einige dieser kritischen Autoren ist die lateinische Sprache gleichsam eine Tyrannin: man lebe unter der Occidentalischen Lateinischen Monarchie. In zahlreichen Belegen wird die Lateinische elliptisch anstelle die Lateinische Sprache verwendet. Einen adverbialen Gebrauch erfährt die Sprachenbezeichnung lateinisch in lateinisch schreiben und sprechen, lateinisch lesen und lehren, lateinisch disputiren und examiniren. Personen, die des Lateinischen mächtig sind, werden als die Lateinischen (in Entsprechung zu den Teutschen) oder als Lateiner, Latiner oder Latini bezeichnet. Ein guter Lateiner gilt als sprachliches Vorbild, ein blosser Lateiner verwendet das Latein im Alltag und nicht als Literatursprache. Es wird auf die berümbten Lateiner verwiesen, wenn man in der Zeit des Barock und der Aufklärung von den Lateinern entlehnen oder Sprachliches nach dem Muster der Lateiner einführen möchte. Einige Wendungen fokussieren mit Lateiner metonymisch unmittelbar die lateinische Sprache selbst, etwa dann, wenn von der Lateiner Armuth die Rede ist.

14 —— Latein

Wortbildungen mit Latein finden sich etwa mit Unlatein (als Volkssprache bzw. Lingua Rustica Romana der ungebildeten Kreise), Lateinschule (im Unterschied zur Muttersprachschule), verlateinern ‚ins Lateinische übersetzen‘, verlateinischen ‚ins Lateinische entlehnen‘, Lumpenlatein ‚lateinische Entlehnung im Deutschen‘, armseliges Kuchel-Latein ‚schlecht übersetztes Latein’, scholastisches Mönchslatein oder uhrsprünglich-lateinische eigene Nahmen. Einige Wörter, so zwar dem vrsprung nach eigentlich Lateinisch, aber der Endung nach teütsch seind, werden als Latino-Germanica (Lateinisch-teütsch) bezeichnet, andere wiederum als griech-lateinisch-deutsche Wörter. Ein Latinismus ist ein lateinisches Fremdwort im Deutschen; manche Wörter des Deutschen werden mit einer latinisierenden Hauptendung gebraucht; bei einer Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Lateinischen handelt es sich um Latinisirendes Teutschreden. Latinität ist zum einen Ausdruck für die Beherrschung und zum anderen für die Reinheit und Regelhaftigkeit der lateinischen Sprache. Der Ausdruck Latein ist darüber hinaus auch in Bezeichnungen für andere Sprachen und lateinische Varietäten gebräuchlich. Die attributive Konstruktion barbarisches Latein dient zur Bezugnahme auf das Mittel- oder Neulateinische, während die rechte reine Lateinische Sprache dem Unlateinischen als Lingua Rustica Romana gegenübergestellt wird; eine Entsprechung hierzu findet sich in der Unterscheidung eines in den barbarischen Zeiten eingeführten Lateins einerseits und der alten reinen Römischen Sprache andererseits. Eine lexikalische Einheit aus einer romanischen Sprache wird in diesem Zusammenhang auch als barbarisch-lateinisches Wort bezeichnet. Französisch selbst findet sich örtlich unter Bezeichnungen wie verkrüppeltes Latein. Als Synonyme für Latein bzw. lateinisch werden wiederholt Einheiten der Wortfamilie Rom bzw. römisch (ebenfalls meist in Großschreibung) gebraucht – sei es einfach wie in Römische Sprache und Sprache der Römer (bzw. Sprache Roms und Roms Sprache) oder in Doppelformen wie Römische oder Lateinische Sprach; hierher gehört auch die geographische Bezeichnung Sprache Latiens. Daneben wird auch von römischen Rednern gesprochen, die sich römischer Worte bedienen. Eine metaphorische Differenzierung unter Bezug auf den Turmbau von Babel besteht in der Römische Thurm der rechten Lateinischen Sprache; Römer und Lateiner als Doppelform für Nation und Sprache ist in den Belegen ebenfalls zu finden. Wiederholt erscheinen Wendungen wie die Römer benutzen ihre Sprache. Lateinische Bildungen in deutschsprachigen Texten sind unter anderem: Latinorum Syntax, Latina matrix und Latino-Germanica (lateinisch-deutsche Wörter).

Genealogie und Typologie —— 15

2.2 Genealogie und Typologie Latein wird von den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung als eine zentrale Sprache im Gefüge der kulturellen oder genealogischen Hauptsprachen bzw. Sprachfamilien in Europa angesehen. Dabei stehen insbesondere die Herkunft und die Entstehung des Lateinischen sowie dessen Entwicklung in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit im Vordergrund. Im Weiteren wird erörtert, welche Einzelsprachen der Neuzeit sich aus dem Lateinischen entwickelt haben (insbesondere Italienisch und Französisch) und auf welche Weise sich dieser Prozess vollzogen haben mag (zum Lateinischen als Sprache der Gelehrsamkeit und der Bildung vgl. unten). In diese Überlegungen wird immer wieder das Deutsche miteinbezogen – sei es im Hinblick auf tatsächliche sprachliche Erscheinungen und Entwicklungen oder im Rahmen verschiedener Werturteile. Dabei wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit dem Lateinischen im deutschen Sprachraum des 18. und 19 Jh.s eine wichtige Rolle bei der Suche nach einem geeigneten Zugang und einem angemessenen Verständnis der eigenen Sprache spielt.

2.2.1 Latein als Hauptsprache Die Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s setzen wiederholt so etwas wie europäische Hauptsprachen an, die sich von den anderen Sprachen Europas abheben. Als Merkmale einer Hauptsprache erscheinen entweder deren kulturelle Bedeutsamkeit für die wissenschaftliche, religiöse oder schöne Literatur oder deren genealogisches Alter als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer ganzen Sprachfamilie. Im 17. Jh. überwiegt dabei das Kriterium der kulturellen Bedeutung, wobei insbesondere auch das Lateinische neben diversen anderen Sprachen genannt wird. Es finden sich im Allgemeinen drei Gruppierungen, in denen Latein als europäische Hauptsprache erscheint: –

Latein neben Hebräisch und Griechisch: Latein wird hier neben dem Hebräischen und dem Griechischen als eine Sprache der Gelehrsamkeit und als eine Sprache humanistischer Bildung angesehen. Es gibt laut ISAAK HABRECHT akademische Gelehrsamkeit allein „in den nicht so gemainen Spraachen / als Hebräischen / Griechischen / vnd Latinischen“ (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 33), während Latein, Griechisch und Hebräisch für GEORG NEUMARK die „drey

16 —— Latein





Hauptsprachen“ darstellen, „darinnen alle Wissenschaft / Künste / Göttliche und menschliche Weisheit / gleichsam eingewikkelt und verwahret liegen“ (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 106f.; vgl. auch BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 28). Das Lateinische wird dabei bisweilen nach dem Hebräischen als „aller anderer Sprachen Mutter vnd Uhrahna / ja die fürnembste vnter allen“ angesehen (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629). – Gegenüber einer solchen Position nimmt etwa CARL GUSTAV VON HILLE ausdrücklich eine kritische Position ein, indem er neben den drei klassischen Sprachen auch dem Deutschen die Eignung zuspricht, als Kultursprache bzw. als Sprache akademischer Bildung zu dienen: Er stellt die rhetorische Frage, ob „man nur in Latein / Griechisch oder Hebräisch weiß / in Teutsch aber närrisch seyn sollte“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136). Latein neben Hebräisch, Griechisch und Deutsch: Im Sinne HILLEs wird das Deutsche von einigen anderen Autoren des 17. Jh.s gemeinsam mit den drei Sprachen der klassischen Antike als eine kulturell bedeutsame Sprache eingestuft. Somit ist das Lateinische ELIAS HUTTER zufolge nach dem Hebräischen und neben dem Griechischen und dem Deutschen eine der vier großen religiösen und profanen Kultursprachen Europas, in denen „beide Geistlich und Weltlich Regiment / bis an der Welt End / kann / sol vnd muß bestelt vnd erhalten werden“ (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 1; vgl. HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, A3). PHILIPP VON ZESEN stellt in diesem Zusammenhang eine Verbindung zwischen der kulturellen Bedeutung dieser vier Sprachen einerseits und deren struktureller Verwandtschaft andererseits her. So komme „die Deutsche Spraache / sonderlich die uhralte / der Hebräischen so gar gleich / daß ihr keine unter den andern letzten zwo Hauptsprachen / der Griechischen und Lateinischen / so nahe kömmt an der Ausrede / gebrauch der Wort / Sylben und Buuchstaben / als eben selbige“ (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 13f.). Latein neben weiteren Sprachen: Innerhalb einer Reihe von kulturell bedeutsamen Hauptsprachen wird neben dem Lateinischen und den anderen genannten Sprachen wiederholt auch das Slavische genannt (vgl. HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 1; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 87; HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3f.; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 111f.). Im Weiteren erscheinen auch Französisch, Spanisch und Phönizisch neben dem Lateinischen (vgl. etwa GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4f.; KINDERMANN: Der deutsche

Genealogie und Typologie —— 17

Redner, Frankfurt an der Oder 1660, 7). – Gerade in solchen Fällen, in denen das Lateinische nicht allein zusammen mit anderen Sprachen der klassischen Antike, sondern auch mit modernen Sprachen als kulturell bedeutsame Sprache Anerkennung findet, wird die Eignung des Deutschen, ebenfalls als eine solche Hauptsprache zu dienen, diskutiert. Ein Beispiel hierfür ist GEORG PHILIPP HARSDÖRFFERs Kritik an Auffassungen, denen zu Folge das Deutsche neben Latein und Griechisch oder Französisch und Italienisch gerade keine Sprache der Gelehrsamkeit sei: Wie sollte doch die fast Göttliche Vernunft des Menschen an ein gewisses Land gebunden seyn? Wie sollte das Himmelweite Nachsinnen der hohen Geister mit einer Sprache umschrenket und eingefangen werden können? Solcher gestalt were niemand / als auf Griechisch / Lateinisch / Welsch oder Frantzösisch verständig / und auf Teutsch ein Gauch. Uns ermangelt nicht ein Wort alles und jedes was man nur durchdenken kann / wolverständig auszureden. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27)

Im 18. Jh. tritt diese Diskussion um den Rang einzelner europäischer Sprachen hinsichtlich ihrer kulturellen Bedeutsamkeit in den Hintergrund. Es finden sich nun vielmehr Belege, die den genealogischen Zusammenhang der europäischen Sprachen thematisieren und dabei so etwas wie verschiedene europäische Sprachfamilien definieren. Die Einteilungen sind dabei wiederum verschiedenartig, weisen jedoch in eine gemeinsame Richtung: –



Latein neben Griechisch und Deutsch (und Slavisch): Laut EBERHARD TILLING ist das Lateinische zusammen mit dem Griechischen und dem Deutschen „aus einer Quelle geflossen“ (TILLING: Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767, 5; vgl. auch TETENS: Grundsätze und Nutzen der Etymologie, 1765-66, 11f.; KEMPELEN: Mechanismus der menschlichen Sprache, Wien 1791, 34f.). JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED nimmt hier noch das Slavische hinzu und behauptet einen gemeinsamen Ursprung dieser vier Sprachen bzw. Sprachfamilien aus dem „alten Celtischen“ bzw. „Skythischen“ (vgl. GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 237f). – Damit werden (neben dem Griechischen) aus genealogischer Perspektive mit dem Lateinischen eine romanische, mit dem Deutschen eine germanische und im Weiteren dann eine slavische Sprachfamilie unterschieden, die ihrerseits auf einen gemeinsamen sprachhistorischen Ursprung zurückgeführt werden. Latein neben Deutsch und Slavisch (ohne Griechisch): EWALD FRIEDRICH VON HERTZBERG betrachtet das Lateinische neben dem Deutschen und dem Slavischen als eine der zentralen europäischen Sprachen, aus

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der sich zahlreiche weitere „Mundarten“ bzw. Einzelsprachen entwickelt hätten: Alle andern Europäischen Sprachen sind nur verschiedene Mundarten, die ihren leicht zu erkennenden Ursprung, theils aus der Deutschen, theils aus der Lateinischen oder Sklavonischen Sprache genommen haben, und nur in Pohlen, Böhmen, Sklavonien, Bulgarien und Russland, in jedem Lande verschieden, modificiret worden sind. (HERTZBERG: Auszug, Berlin 1794, 12f.)

Dabei findet übrigens das Griechische neben einigen anderen Sprachen ausdrücklich keine Berücksichtigung, da es für Europa nur periphere Bedeutung habe: „Die Ungarische, Türkische und Griechische Sprache rechne ich hieher nicht, da sie nur von weit entlegenen und minder zahlreichen Nationen Europens gesprochen werden“ (ebd.).

2.2.2 Entstehung des Lateinischen Die lateinische Sprache wird im Zeitalter des Barock und der Aufklärung genealogisch auf verschiedene Sprachen zurückgeführt. Eine besondere Beachtung verdienen dabei Modelle, nach denen Latein auf die babylonische Sprachverwirrung bezogen wird, sowie solche, die dessen Ursprung im sog. Skythischen, im Griechischen oder im Deutschen suchen. Dabei sind diverse terminologische Varianten bzw. Interpretationen von sprachbezogenen Termini zu beachten. Die genealogische Herleitung des Lateinischen aus der babylonischen Sprachverwirrung (vgl. Genesis 11, 1–9) ist im 17. Jh. eine durchaus übliche Argumentation. Ein gutes Beispiel hierfür stellt die allegorische Durchführung dieses Bildes bei ANDREAS RIVINUS dar, der „in dieser grossen Stadt Babel / als aller Sprachen Mutter“ nunmehr drei Türme ausmacht: Im Zentrum und dabei auf der Stelle des ursprünglichen Gebäudes steht dabei der Turm des Hebräischen: „Der größte vnd mittelste (so zweifelsfrey noch ein Stück von dem fundament des alten Gebews) ist der H. Hebræischen Sprache“ (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 12f.). In dessen Nachbarschaft stehen dann die Türme des Griechischen und des Lateinischen: So befinde sich „der ander gegen Orient in der Griechischen und der dritt auff der lincken Seit / Niedergangs zu“ in „der Lateinischen“ Sprache (ebd.). Mit dieser bildhaften Ausgestaltung wird die Wertschätzung gegenüber dem Lateinischen als einer der wichtigsten europäischen Literatursprachen über die Zuschreibung eines geradezu biblischen Alters unterstrichen.

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Weniger mystisch, jedoch kaum weniger spekulativ nehmen sich solche genealogischen Herleitungen des 18. Jh.s aus, die Skythisch als Ausgangssprache des Lateinischen annehmen. Die Skythen gelten als ein Reiternomadenvolk, das etwa vom 8. bis 4. Jh. v. Chr. um das Schwarze Meer lebt; von den Römern wurden bisweilen ganz Kleinasien und Osteuropa als Scythia bezeichnet. Im 17. und 18. Jh. gehen einige deutsche Sprachdenker nun davon aus, dass sich das Lateinische zusammen mit dem Griechischen und dem Keltischen aus der Sprache eines skythischen Nomadenvolks entwickelt habe, wobei es sich im Falle des Lateinischen um eine Sprache handele, die „nicht gantz Griechisch oder gar Barbarisch / sondern aus beyden zusammen gesetzt“ sei (PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713, 47). Dass auch Sprachgelehrte wie GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ der Skythenthese expressis verbis anhängen (vgl. LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 19f.), mag mit dem pauschalisierenden Sprachgebrauch in der klassischen Antike selbst zusammenhängen. In Entsprechung zur Sicht jüngerer Linguistik wird hier bereits der Ursprung der meisten europäischen Sprachen in Kleinasien gesehen, die sich von dort über Europa verbreitet und weiterentwickelt haben. Um die Wende vom 18. zum 19. Jh. scheint sich im Weiteren eine Lehrmeinung durchzusetzen, nach der das Lateinische letztlich auf die Verbindung einer „keltischen“ mit einer „pelasgischen“, also (vor-)griechischen Sprache zurückzuführen ist. Bei MORITZ und VOLLBEDING wird diese Mischung aus dem Griechischen und anderen Sprachen wie folgt beschrieben: In dem westlichen und südlichen Theile Europens herrschte die celtische Sprache, welche auch verschiedene Mundarten hatte. Aus derselben entstand zuerst, durch eine Vermischung mit der alten pelasgischen Sprache, als die Griechen nach Italien kamen, die Lateinische, welche nach mehreren Jahrhunderten, durch mancherlei Vermischungen mit andern Sprachen, die Mutter der heutigen italischen, englischen, französischen und portugiesischen Sprache wurde. (MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 14)

Dabei wird übrigens ebenfalls eine Verwandtschaft der europäischen Sprachen mit denjenigen aus dem kleinasiatischen Raum angenommen: „Die griechische, lateinische, persische, armenische, und die slavische und teutonische Sprache sind in ihren Zweigen mit einander verwandt, und mochten einst von einander ausgehen“ (ebd.). – Ein früher Beleg für diese These ist bereits bei JOHANN HEINRICH SCHILL zu finden, der den Römern bei der Entstehung und Entwicklung der lateinischen Sprache einen großen Erfolg sprachpflegerischer Bemühungen attestiert: Es sei „erwiesen / daß dieselbe auß der alten Celtischen vnd Grichischen Sprach allgemächlich geformet / biß

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sie durch die Gunst deß Himmels vnnd Bearbeitung etlicher gelährter Römer zu der Schön vnd Vollkommenheit gebracht worden“ (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 210; vgl. PRASCH: De Origine Germanica Latinae Linguae, Regensburg 1686, 5). In Entsprechung zu dieser genealogischen Herleitung werden in zahlreichen Belegen des 17. und 18. Jh.s Bezüge zwischen der lateinischen Sprache und römischen Kultur und der griechischen Sprache und Kultur thematisiert. Dabei finden sich des Öfteren wiederum Hinweise auf deren weitere Ursprünge, die terminologisch als skythisch, keltisch oder deutsch ausgewiesen werden. So haben sich laut JOHANN KLAJ die Sprache und die Kultur der Römer aus dem Griechischen und somit letztlich aus dem Keltischen bzw. Deutschen entwickelt. Die Römer folgten also im Grunde genommen deutschen Sitten und Gebräuchen und gebrauchten darüber hinaus deutsche Wörter und Buchstaben: Es sei offensichtlich, „daß die Celtischen Wörter zu den Griechen folgends auf die Lateiner kommen / da dann aus der alten Celtischen / das ist / Teutschen / und der / Griechischen Sprachen das Latein ausgeputzet worden“ (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7f.). Diese umfassende Entwicklung reiche von der Kultur im Allgemeinen bis hin zur Schrift im Besonderen: „Ja es haben die Römer nicht allein der Teutschen Wörter / Gebräuche und Sitten / sondern auch ihre Buchstaben / mit Hindansetzung der Griechischen / angenommen“ (ebd.). Die These, dass sich das Lateinische aus dem Deutschen entwickelt habe, ist unter anderem auch bei DANIEL GEORG MORHOF zu finden. MORHOF weist dabei insbesondere auf die Herkunft lateinischer Wörter aus deutschen Stämmen hin und behauptet, „daß die alte Scythische die rechte Haupt-Quelle der Europæischen Sprachen sey / aus welcher die alte Teutsche und Gothische zu erst entsprungen / wo sie nicht fast eben dieselbe gewesen / und der Griechischen und Lateinischen zum Theil ihre StammWörter gegeben“ (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 50f.; vgl. ebd., 43; LANGJAHR: Leichte Erlernung der Teutschen Sprache, Eisleben 1697, o.P.; W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 34). Lateinische Wörter zeigen hiernach zwar durchaus eigene Flexionsendungen und folgen eigenen grammatischen Regeln, sind jedoch ursprünglich (ihrem Stamm nach) als deutsch aufzufassen; bei FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER heißt es zum Beispiel: „Denn wenn sich gleich solche nach griechischer oder lateinischer Art endigen; so sind doch in Grunde Teutsche Wörter, welche entweder noch heutiges Tages in der Hochteutschen Sprache üblich, oder doch in der alten Sächsischen gefunden werden“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6; vgl. ebd., 12ff.).

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Vor dem Hintergrund dieser genealogischen These unternehmen einige Sprachdenker des Barock und der Aufklärung den Versuch, eine starke Ähnlichkeit zwischen dem lateinischen und dem deutschen Wortschatz ihrer eigenen Zeit auszumachen (vgl. PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713, 47ff.; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 52). Diese Ähnlichkeit der beiden Sprachen sei der Grund dafür, dass die Bedeutungen lateinischer Wörter oftmals sehr gut anhand von denjenigen deutscher Wörter erklärt und verstanden werden könnten: Es sei also „der ursprung der Latein- und Griechischen wörter in unserer sprache zu suchen / der auch darinnen oftmals eigentlicher gefunden und dargethan werden kann“ (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 205). Der Nachweis, dass lateinischer Wortschatz letztlich auf deutschen Wortschatz der Vor- oder Frühantike zurückgehe, wird wiederholt anhand von Etymologisierungen lateinischer aus deutscher Lexik geführt; im Folgenden hierzu zwei typische Beispiele. In der Mitte des 17. Jh. unternimmt PHILIPP VON ZESEN den Versuch, den Ursprung des Lateinischen vom Deutschen durch eine etymologische Interpretation des Ausdrucks toskanisch zu beweisen; er schreibt: Weil nuhn auch / allem ansehen nach / vermuthlich / daß die kinder Jafets eine solche sprache gehabt / die nachmahls vom grössesten und mächtigsten volke unter ihnen / den Deutschen / auch die Deutsche genennet worden: und man gewis weis / daß solche Deutschen / (als Askanier / welche vom Askenas herkommen / und der Germanier / die vom To-Garma vielleicht entsprossen / kinder / oder brüder / oder Vettern /) eher gewesen / als die Griechen und Lateiner: indem beide von ihnen / und sonderlich die alten Tuszier (oder Toskanier / die man nachmahls auch Lateiner genennet / von den TuAskiern / oder Tu-Askaniern / oder Tu-Aschiern / (mit dem alten deutschen geschlechtsworte tho / oder to / oder tu /) des Askenas / oder / nach itziger deutschen aus-sprache / des Aschens nachkommen / entsprossen / wie ich anderwärts weitläuftiger darthun will: so mus auch gewis folgen / daß die Deutsche sprache eher gewesen sei / als die Griechische und Lateinische; welche nuhr mund-ahrten der Deutschen seind / und aus der Deutschen sprache / eben wie das Griechische und Lateinische volk von dem Deutschen volke / entsprossen. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 230; vgl. ebd., 233f.; 237f.)

Ein weiteres Beispiel für die zahlreichen Etymologisierungsversuche, mit denen das höhere Alter des Deutschen und das geringere Alter des Lateinischen belegt werden sollen, findet sich im 18. Jh. bei FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER; hier heißt es zur Etymologie von Germane:

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Es wurden aber die Teutschen Gewehr-Männer, kürtzer Germänner, oder Germanier, genennet, weil alle Manns-Personen, wie zum Acker-Bau, also auch zu Waffen angehalten wurden, daß sie solche wider die Feinde bey vorfallenden Kriegen führen sollten. Also kommt der Name Germanier nicht von dem Lateinischen Germanus her, daß man den Teutschen solchen deßwegen gegeben, weil sie mit den Galliern Brüder wären, wie Strabo lib. XV. meinet, sondern der Lateiner germanus ist von dem Teutschen genommen: sie belegten aber leibliche Brüder damit, weil die alten redlichen Teutschen in einer recht brüderlichen Vertrautheit und Aufrichtigkeit zu leben pflegten, und von der bey den Römern üblichen Heucheley und Falschheit entfernet waren. Andern gefällt das Wort Germanier von Gar und Mann, d. i. sehr tapfer herzuholen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 4)

Die Ambition solcher etymologischen Versuche ist in aller Regel weniger sprachgenealogischer als vielmehr sprachideologischer Natur: Indem der deutschen Sprache ein höheres Alter als der lateinischen attestiert wird, erfährt sie hinsichtlich ihrer gott- oder naturgegebenen Ursprünglichkeit eine entsprechende Aufwertung – selbst dann, wenn dem Lateinischen ein höherer Status als kultivierter Literatursprache eingeräumt wird. Dies wird zum Beispiel bei DANIEL GEORG MORHOF deutlich, wenn er schreibt: Es sind fast die meisten so geartet / daß sie vor einheimischen Dingen einen // Eckel haben / sich über alle frembde Sachen verwundern / und dieselbe hochhalten / welche die Teutsche Sprache auch erfahren / die von ihren eigenen Landsleuten geringschätzig gehalten / und der Hebräischen / Griechischen und Lateinischen unterwürffig gemacht / da sie doch / wenn ich ja die Hebräische ausnehme / der Griechischen und Lateinischen an Alter nicht allein nichts nachgiebt / sondern weit bevor thut / hingegen aber jene / in Ansehung der Teutschen neue / und etwas ehe durch Kunst ausgeübet seyn / als diese / die hingegen viel gründlicher / und jenen zum Theil den Ursprung gegeben. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 22)

In anderen Quellen, etwa bei KASPAR STIELERs Kurzer Lehrschrift, wird bisweilen sogar noch ein Schritt weiter gegangen und eine Verschlechterung des genealogisch älteren Deutschen durch das jüngere Latein beklagt, „da das meiste Lateinische und Griegische seinen Ursprung aus unserer Sprache hat / und unser gutes Teutsch von den Lateinern und Griechen auf ihre Weise nur verchlenkert und verderbet worden“ (STIELER: Kurze Lehrschrift von der Hochteutschen Sprachkunst, Nürnberg 1691, 32). Andererseits wird aber auch behauptet, dass das Lateinische unter Umständen dazu dienen könne, den ursprünglichen Charakter des Deutschen zu rekonstruieren. Eine solche These findet sich etwa bei PHILIPP VON ZESEN: Inzwischen leugne ich nicht / daß uns die Griechische und Lateinische / weil sie im grunde und ursprunge selbst auch deutsche seind / bisweilen ein licht und beihülfe sein

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können / den verstand und die bedeutung unserer wörter um so viel eher und gewisser zu finden: weil die ursprüngliche erste bedeutung in unserer sprache bisweilen vergangen / oder vielmehr mit der zeit verdunkelt worden, welches aber gar selten fürfallen wird. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 234)

2.2.3 Entwicklung des klassischen Lateins Die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung sind sich weitgehend darüber einig, dass die lateinische Sprache zur Zeit ihrer Entstehung literarisch noch wenig entwickelt gewesen sein muss. In diesem Sinne schreibt FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER: Man hat ehe schlecht als zierlich gesprochen: daher alle Sprachen in ihren ersten Zeiten rauh und unangenehm sind, wie man auch an der griechischen und lateinischen gewahr wird. Die Alten waren zufrieden, wenn sie so redeten, wie es die Nothdurft erforderte: nachdem aber fieng man auch nach und nach an, auf den Wohlklang und Annehmlichkeit zu sehen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 27)

Änderungen an diesem Zustand hätten allenfalls schleppend begonnen und sich dann über einen längeren Zeitraum hingezogen. Bei GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER heißt es entsprechend: Erst „nach vieler hundert Jahren Arbeit“ habe das Lateinische zu „endlicher Vollkommenheit“ entwickelt werden können (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 18). Diese vorliterarische Zeit des Lateinischen habe etwa bis in die Zeit des Zweiten Punischen Kriegs, also etwa bis zum Ende des 3. Jh.s v. Chr., angedauert. Möchte man JOHANN MATTHÄUS MEYFART folgen, zeigt sich die lateinische Sprache bis dahin „heßlich vnd bäurisch“ und weist viele „grobe vnd vbel-lautende Wörter“ auf (vgl. auch GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 3): Wir finden in den Historien / wie heßlich vnd bäurisch die Lateinisch Sprach im Anfang gewesen / so heßlich vnd bäurisch / daß zur Zeit deß andern Kriegs wider die Carthaginenser / niemand vnter den vortrefflichen Männern durch gantz Italien sich vnterwinden dürffen / die alte BundesTaffeln / zwischen den Römern vnd Africanern auffgerichtet / wegen der groben vnd vbel-lautenden Wörter / auszulegen. (MEYFART: Teutsche Rhetorica, Coburg 1634, 2f.)

Eine solche Einschätzung steht bei Autoren wie HALLBAUER und MEYFART indessen meist nicht für sich alleine. Sie dient vielmehr auch dazu, dem Deutschen im 17. und 18. Jh. ein eigenes literatursprachliches Entwicklungspotential zuzuschreiben: Habe sich das genealogisch jüngere und weniger ur-

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sprüngliche Latein zu einer Literatursprache entwickeln können, so müsse das genealogisch ältere und deutlich ursprünglichere Deutsche eine solche Entwicklung mit Sicherheit ebenfalls vollziehen können. So heißt es konsequenter Weise bei MEYFART: „Wenn der Teutschen Sprach dergleichen zugestanden / sollte man sie verdammen?“ (MEYFART: Teutsche Rhetorica, Coburg 1634, 3). Die Gründe und Bedingungen für die literatursprachliche Entwicklung des Lateinischen sind dabei bereits nach Auffassung der deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s ausgesprochen vielfältig. So greife eine einfache Reduktion auf einzelne Herrscher, Literaten oder Sprachgelehrte nach JOHANN CHRISTOPH ADELUNG deutlich zu kurz: Wem hatten die Sprachen Griechenlands, Roms und Frankreichs ihre Verfeinerung, ihre Vollkommenheit, ihr Ansehen zu danken? Nicht den Sprachgesetzen irgend eines Monarchen, nicht den Künsteleyen dieses oder jenes Schriftstellers, nicht den Grillen irgend eines Sprachlehrers, bloß dem Grade der Cultur im Ganzen. (ADELUNG: Geschichte der Deutschen Sprache, Leipzig 1781, 3f.)

Dennoch werden in den Texten dieser Zeit immer wieder einzelne bedeutende Redner und Gelehrte genannt; zu diesen zählen MARCUS TERENTIUS VARRO (116–27 v. Chr.), MARCUS TULLIUS CICERO (106–43 v. Chr.), LUCIUS ANNAEUS SENECA (etwa 1–65 n.Chr.) und andere mehr (vgl. etwa: GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4f.; KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7f.; GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 4f.; ZEILLER: Epistolische SchatzKammer, Ulm 1700, 264; JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 5f.; BÜSCH: Gewinnt ein Volk, wenn seine Sprache zur UniversalSprache wird? Berlin 1787, 17f.; GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 65). Der hohe Kunst der Beredsamkeit „römischer Redner“, die auch von den „ersten Lehrern des katholischen Christenthums“ gepflegt worden sei, zeichne sich durch „gründliche Beweise“ und „kräftige Bewegungsgründe“ sowie eine „natürliche Art zu reden“ aus; sie unterscheide sich hiermit von einem Sprachgebrauch mit „vielen Gleichnissen, Wortspielen und gehäuften Exempeln“ sowie „schwülstigen, übertriebenen und gezwungenen Redensarten“ (BRAUN: Kunst zu Denken, München 1765, 1). HEINRICH BRAUN zieht aus diesen Beobachtungen wiederum einen Schluss für die Pflege der deutschen Sprache in seiner eigenen Zeit und gibt dem Wunsch Ausdruck, dass doch „mehr, oder gar die meisten unsrer Landesleute von diesem Geschmacke und von dieser Denkungsart wären“ (ebd.).

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Die Entwicklung des Lateins zur klassischen Literatursprache erfolgt den deutschen Sprachdenkern im 17. und 18. Jh. zufolge insbesondere auch in einer Auseinandersetzung mit und in einer zunehmenden Verselbständigung gegenüber dem Griechischen. Diese These der Emanzipation des Lateinischen gegenüber dem Griechischen findet sich zur Zeit des Barock kurz gefasst bei JOHANN BUNO: Die Lateiner / so von den Griechen ursprünglich herkommen / haben von ihnen beydes Sprache und Schrift gezogen; Aber durch länge der Zeit / sind beyde so gar verkehret / dass endlich eine sonderliche Sprache / und sonderliche Schrift bey ihnen entstanden. (BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650, 5)

Bei HELWIG und JUNG wird die Annahme, dass sich einzelne Literatursprachen in Auseinandersetzung und Abgrenzung von anderen Literatursprachen herausbilden, zu Beginn des 17. Jh.s in einen allgemeinen Kontext gestellt, wobei das Lateinische und Griechische ebenfalls Berücksichtigung finden: So haben die berümbten Griechen / Lateiner vnd Araber […] in ihrer Muttersprach allerley Künste vnnd Weißheit getrieben / Schulen angerichtet vnd dadurch jre Sprach gewaltig gebessert / vermehret / außgeübet / vnd vnter andere Völcker außgebreitet / vnangesehen die Griechen von den Phoenicern / Egyptern vnd Chaldeern / die Lateiner vnd Araber von den Griechen anfenglich dieselbe vberkommen. (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 71f.)

Die Emanzipationsthese des Lateinischen gegenüber dem Griechischen wird indessen nicht allein von den Sprachdenkern des Barock, sondern auch von denjenigen der Aufklärung vertreten. Ein wichtiges Beispiel hierfür findet sich etwa bei JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS. Im Unterschied zu den Gelehrten des Barock hebt dieser jedoch nicht die vermeintlichen Gemeinsamkeiten, sondern die bestehenden Unterschiede zwischen den beiden Sprachen hervor: Es haben die Römer einen solchen ehrlichen und rühmlichen Diebstahl desto unvermerksamer begehen / und der weisen Griechen Erfindungen und Kunststükke / ohn verspürte Erhaschung / in ihre Sprache gebracht und verlateinischet / je weniger die Grichsche Sprache in so weit mit der Lateinischen Verwandniß hat: Und weil solche gelahrte Römer ihrer Sprache gründlich kündig gewesen / und wan sie der Grichschen Sinn und Meynung gewust / sich an Grichsche Ausrede und Redarten wenig gekehret / sonderen den Schmuck der Lateinschen Rede aus ihrer Sprache Eigenschaft wolkönnend hervorgesucht / und also die Lateinische Sprache so wol mit Ruhm und Kunst / als mit Nutz gezieret. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243; vgl. ebd., 1242)

Die anfängliche Orientierung an der griechischen Sprache und Kultur hat dem barocken und aufgeklärten Sprachdenken nach die Entwicklung zu einer ei-

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genständigen lateinischen Literatursprache zunächst jedoch gehemmt, das Vorbild des Griechischen habe eine eigenständige Entfaltung des Lateinischen in dessen Frühphase be-, wenn nicht gar verhindert. Diese Hemmung der literatursprachlichen Entwicklung beschreibt JOHANN FRIEDRICH W ILHELM JERUSALEM wie folgt: Rom hatte seine ganze Aufklärung den Griechen zu danken […]. Dies gab allerdings der Nation ihre Ausbildung, aber die Ausbildung ihrer Sprache und ihrer Litteratur blieb auch so viel länger zurück; die Griechen gaben den Ton, sie entschieden, ohne die lateinische Sprache selbst zu verstehn, daß dieselbe für die Wissenschaften zu arm und zu rau sey; man glaubte ihrem Ausspruch; was von gutem Geschmack seyn wollte, laß, redete und schrieb griechisch. (JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 5f.)

Eine Überwindung dieses Zustands wird schließlich erst mit dem ersten Jahrhundert v. Chr. angenommen, „bis endlich Cicero das Herz fassete, seiner Muttersprache ihre Ehre zu geben und darinn zu philosophiren“ (ebd.). Im Rahmen dieser Entwicklung sei dem römischen Idiom gegenüber anderen regionalen Ausprägungen der lateinischen Sprache eine besondere Bedeutung zugekommen: Also daß / wie unter den Griechschen Mundarten die Attische die beste geblieben / und die Oberste erworben / unter den alten Lateinischen Mundarten / endlich die Römische den Preiß behalten / und allen Schmuck / Zier und Gewisheit in und auf sich gebracht hat. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 175)

Letztlich verdanke sich die Herausbildung einer regional übergreifenden lateinischen Literatursprache der Zentralisierung und Organisation des römischen Reichs, welche aber deren Entwicklung selbst kaum beschleunigt, sondern eher gebremst hätten: Die unterschiedenen Provinzen des alten Griechenlandes, derer eine von der andern weder Befehl, noch Regel annahm, mußten nothwendig auf ungleiche Mundarten hinauslaufen: da hingegen das Latein so lange Zeit allerseits gleich geblieben, weil Rom das allgemeine Oberhaupt seinen Geist, und seine Sprache miteinander, allen auf gleiche Weise mittheilte. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 4)

Bei der Organisation ihres Reiches wird den Römern zwar Geschick in politischen, ökonomischen und technischen Belangen zugeschrieben, nicht jedoch in sprachlichen und kulturellen, sodass hier die weitere Vorbildfunktion

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des Griechischen noch lange habe anhalten können. So stellt JOHANN W ERNER MEINER zunächst fest: Der Lateiner hat z. B. außer den einzelnen Worten und Redensarten seiner Sprache, davon er aber doch selbst auch eine beträchtliche Anzahl den Griechen abgeborget hat, weder in der Sprache noch in den Wissenschaften etwas eigenthümliches aufzuweisen; alles, was er hat, hat er den Griechen zu verdanken. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 16)

Dann fährt er wenig schmeichelhaft fort: Man kann mit Recht die Frage aufwerfen: was doch die Ursache müsse gewesen seyn, daß der sonst so schöpferische Geist der Römer sich nur hierinnen so unthätig bewiesen hat, daß er sich lieber mit fremden Gütern hat behelfen, als eigene erwerben wollen? Man erlaube mir hierüber meine Meynung zu sagen. Als sich die Römer den griechischen Staat unterwürfig gemacht hatten, kamen zwey Völker zusammen, die in der That wahre Gegentheile von einander waren: das wildeste zu dem kultivirtesten; das gelehrteste und geschickteste zu dem ungelehrtesten und rohesten. (Ebd.)

Das römische Interesse an politischen, ökonomischen und technischen Angelegenheiten wird von den deutschen Sprachdenkern im Weiteren auch als ein Grund dafür angesehen, dass Latein nie zu einer Sprache philosophischer Spekulation entwickelt worden sei, sondern sich stets etwas Pragmatisches und Natürliches bewahrt habe (wobei nicht zuletzt auch auf strukturelle Besonderheiten wie einen Mangel an Artikeln, Konjunktionen oder Präpositionen hingewiesen wird; vgl. hierzu unten). In diesem Sinne ist zum Beispiel bei DANIEL JENISCH zu lesen: Die Lateinische Sprache ward nie bis zu einer hohen Stufe der Speculation bearbeitet, und, unter den Händen ihrer Dichter, Volksredner, praktischen Geschichtschreiber und populären Philosophen, so wie bei dem mehr praktischen, als speculativen und tiefsinnigen Genie der Nation, konnte sie nicht anders, als eine gewisse natürliche Energie behalten, zu welcher sie durch den Mangel gewisser anderer Feinheiten, z. B. des Artikels, der kleinen Verbindungswörter u. s. w. vorzüglich gemacht ist. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 23)

Die Entstehung und Entwicklung der klassischen lateinischen Literatursprache hat sich JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS zufolge (wie im Falle des Griechischen auch) neben der gemeinen Sprache des Alltags vollzogen, sodass es zu einer innerlateinischen Zweisprachigkeit im Alltag und in der Literatur gekommen sei. Die Literatursprache fand nach SCHOTTELIUS in Wissenschaft und Kunst immer mehr Verwendung und erfuhr im Zuge dessen eine

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fortschreitende Normierung (vgl. auch REDINGER: Verwandtschaft der Teutschen und Lateinischen Sprache, Hanau 1659, 7f.): Nach dem aber vortrefliche berühmte Männer dieselben Sprachen auszuüben / fest Gründe darin zuordnen / und dieselbige in ihre kunstmässige Gewisheit zusetzen / angefangen / sind selbige auch gemach und gemach gestiegen / sich sehr erweitert / Künste und Wissenschaften darin zierlich ausgedeutet / und haben die gelahrten Griechen und Römer alsdenn einen Unterscheid gesetzet / unter der altages Rede oder dem Pöbelgebrauche / und unter der Sprache / nach dero Eigenschaft und grundrichtigem Vermögen selbst; Inter sermonem vulgarem, wie sie es genennet / Et inter ipsam linguam Atticam seu Romanam. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 167f.)

Im Zuge dieser Entwicklung führen die sprachpflegerischen Bemühungen der Antike nach Meinung einiger Gelehrter des Barock und der Aufklärung zu der Ausbildung eines literatursprachlichen Normenapparats, der weit über einen solchen hinausreiche, den einzelne Sprachen im alltäglichen Gebrauch aufwiesen. So bemerkt JOHANN CONRAD W ACK, dass die „Regeln und Anmerckungen“, die in den Grammatiken und Rhetoriken der klassischen Sprachen Griechisch und Latein zu finden seien, „wohl um drey Theil mehr und grösser worden / als die Sprachen an sich selbst sind“ (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 29). Da diese literatursprachliche Norm somit im Grunde kein reales Vorbild hatte, wurde sie nach Auffassung deutscher Sprachgelehrter kaum vollständig umgesetzt und eingehalten. Dennoch dient den Gelehrten deren Annahme als Anlass, auch für das Deutsche die gezielte Entwicklung einer solchen literatursprachlichen Norm anzuregen. Bei SCHOTTELIUS etwa ist zu lesen: Wiewol man an keinem Orte weder in Griechenland noch Italien eben also redete / oder ein Dialectus oder Mundart eben also war / wie die unter den gelahrten Griechen und Römeren angenommene und in den Kunstbau gebrachte Grichsche und Lateinische Sprache. Unsere HochTeutsche Sprache / so eigentlich nicht in diesem oder jenem Dialecto bestehet / erfodert zu dero endlicher grundrichtigkeit und völligem Wesen nicht weniger Zeit und Hülf / so anderen HaubtSprachen gegönnet worden. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 2)

Es ist hiernach also letztlich wiederum der Sprachgebrauch der Dichter und Denker selbst, der die kulturelle Entwicklung einer einzelnen Sprache zu einer Literatursprache bedinge. Ein weiteres Beispiel für diese Sicht, in der nicht allein das Lateinische oder Griechische, sondern darüber hinaus auch das Französische, Italienische und Englische als Vorbilder für sprachpflegerische Bemühungen um das Deutsche herangezogen werden, liefert GEORG

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FRIEDRICH MEIER, der zunächst auf die literatursprachliche Entwicklung der genannten Sprachen hinweist: Dadurch ist ja so wohl die griechische als auch die lateinische Sprache, zu einer vollkommenen Sprache geworden, daß Redner, Poeten und Gelehrte sich derselben bedient haben. Eben dieses lehrt die Erfahrung von der französischen, engelländischen und italiänischen Sprache. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 97)

Im Weiteren wird dann eine entsprechende literatursprachliche Entwicklung des Deutschen proklamiert: Wenn also die Gelehrten in Deutschland fortfahren werden, in ihrem mündlichen und schriftlichen Vortrage der Gelehrsamkeit, sich der deutschen Sprache zu bedienen: so kann man sich die gegründete Hoffnung machen, daß sie mit der Zeit eine eben so vollkommene Sprache werden könne, als die lateinische und griechische (M EIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 97f.).

Hier erweisen sich sprachpflegerische Bemühungen also als etwas Innovatives, das letztlich der Verbesserung und nicht allein der Erhaltung einer Einzelsprache dient (vgl. demgegenüber unten). Neben der angenommenen literatursprachlichen Norm stellt auch ein lateinischer Sprachpurismus gegenüber dem Griechischen ein Vorbild für den deutschen Sprachpurismus gegenüber anderen Sprachen dar und dient somit als historische Begründung für eine wichtige Tendenz sprachpflegerischer Ansätze im deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jh.s. Besonders deutlich tritt diese Argumentation bei KASPAR STIELER zutage, wenn er schreibt: Immer und ewig Schade ist es / daß die neugierige Unkinder und Verrähter ihrer angebornen Sprache einen solchen unverdienten Neid auf dieselbe werfen / und lieber halb Bischoff und halb Bader / das ist / Stümmel- und Unteutschteutsche seyn / als der Welschen / Spanischen / Französischen und Lateinischen Flickwörter müßig gehen wollen […]. Die Römer / ob sie gleich dem halben Teil ihrer Sprache denen Griechen / die andere Helfte aber uns Teutschen zu danken haben / hätten dennoch sich eher in einen Finger gebißen / als in einer offentlichen Kunstrede oder bey ansehnlicher Versammlung ein Griegisch Wort eingelappet / und / da die Griechen schon von den Römern bezwungen worden / haben sie dennoch kein Lateinisches Wort under ihre Schrifften gemenget. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691, y)

Eine solche Argumentation ist Stil der Zeit. Im selben Jahr äußert sich zum Beispiel auch CHRISTIAN THOMASIUS ganz entsprechend und fordert den Gebrauch der deutschen anstelle der lateinischen oder französischen Sprache:

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Die Weltweißheit ist so leicht / daß dieselbige von allen Leuten / sie mögen seyn / von was für Stande oder Geschlecht sie wollen / begriffen werden kann. So schrieben auch nicht die Griechischen Philosophi Hebræisch / noch die Römischen Griechisch; sondern ein jeder gebraucht sich seiner Mutter-Sprache. Die Frantzosen wissen sich dieses Vortheils heut zu Tage sehr wohl zu bedienen. Warumb sollen denn wir Teutschen stetswährend von andern uns wegen dieses Vortheils auslachen lassen / als ob die Philosophie und Gelahrtheit nicht in unserer Sprache vorgetragen werden könnte. (THOMASIUS: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre, Halle 1691, 13)

Sprachpflegerische Bemühungen der Römer gelten schließlich nicht allein im Hinblick auf literatursprachliche oder puristische Bestrebungen für die barocken und aufgeklärten Sprachdenker als vorbildlich. In anderen Quellen ist es das Vorbild einer sprachkonservativen Haltung, das aus der klassischen Antike in die Neuzeit übertragen wird: In den Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache heißt es hierzu etwa: Bey der lateinischen Sprache haben viele diese Mühe über sich genommen. Sie haben dem Misbrauche vorkommen wollen, da viele in einer Sprache, die sie doch nicht erfunden haben, nach eigenem gefallen die Bedeutungen der Wörter zu ändern sich unterstehen. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 71)

Hier ist Sprachpflege also etwas konservativ Erhaltendes und nicht etwas innovativ Veränderndes: Die alte Norm wird nach Möglichkeit vor Neuerungen bewahrt (vgl. im Gegensatz hierzu oben). Ein konkretes Beispiel für die Erhaltung literatursprachlicher Normen in der Antike wird bei JAKOB HEMMER angeführt: Laut HEMMER „war die Sprache der römischen Gelehrten das allgemeine Muster, nach welchem sich alles richtete“; als jedoch „Livius, ein vortrefflicher lateinischer Schriftsteller […] in einigen Stücken davon abgewichen war, wurde er deßwegen vom Pollio einer Unrichtigkeit beschuldiget“ (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.). Letztlich beziehen sich Sprachkritik und Sprachpflege in der deutschen Barock- und Aufklärungszeit insbesondere auf Reinheit (puristischer Ansatz) und Richtigkeit (regulativer Ansatz) des deutschen Sprachgebrauchs: Dass eine intensive Beschäftigung mit anderen Sprachen, darunter auch mit dem Lateinischen, solchen Bemühungen bisweilen im Wege steht und die Sprachpflege des Lateinischen selbst kein Vorbild für eine solche des Deutschen zu entfalten vermag, macht JUSTINUS TÖLLNER deutlich. Er formuliert noch zu Beginn des 18. Jh.s ein Desiderat deutscher Sprachpflege angesichts der Bemühungen um das Lateinische zu seiner eigenen Zeit: Die meisten Gelehrten im Teutschland haben sich zwar auf die Lateinische / Griechische / Hebräische und andere fremde Sprachen geleget / und viel Zeit über derselben

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Excolirung zugebracht; aber auf ihre Mutter-Sprache haben die allerwenigsten rechten Fleis angewendet / noch sich um derselben Reinigkeit und Richtigkeit recht bekümmert. Daher kömmt es / daß / da in andern Sprachen sehr viele Grammatiken geschrieben und heraus gegeben worden sind / in der Teutschen Sprache (so viel mir wissend) nur die einige teutsche Grammatica des sel. Herrn Bödickers bekand ist. (TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718, 1)

2.2.4 Latein im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Das klassische Latein der Antike gilt den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung als diejenige Ausprägung dieser Sprache, die den höchsten Grad an Qualität in Politik, Literatur und Wissenschaft erreicht hat. So heißt es noch in dem Text eines anonymen Autors gegen Ende des 18. Jh.s: „Da Griechenland und Latium in ihrem männlichen Alter stund, waren ihre Sprachen am feinsten und zierlichsten“ (ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777, 943). Das Lateinische des Mittelalters und der frühen Neuzeit erfährt in den Belegen wiederholt eine schlechtere Beurteilung. Letztlich habe sich das Lateinische laut JOHANN CHRISTOPH ADELUNG im Verlauf des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu einem „barbarischen Latein“ oder „verunstalteten Latein“ entwickelt, dabei jedoch seinen Status als Lingua franca zunächst weitgehend erhalten: Roms Sprache sank in den folgenden Zeiten mit dem Verfalle des Geschmackes bis zu dem barbarischen Latein der mittleren Zeiten hinab, blieb aber dessen ungeachtet noch immer nicht allein die Schriftsprache, sondern selbst die feinere Gesellschaftssprache des größten Theiles von Europa, weil sie bey aller ihrer Barbarey doch lange Zeit sehr große Vorzüge vor den noch weit rohern und ungebildetern Volkssprachen hatte. (ADELUNG: Magazin fur die Deutsche Sprache, Leipzig 1782, 10)

Erst in jüngerer Zeit werde nun dieses als barbarisch eingeschätzte Mittel- und Neulatein nach und nach von diversen National- bzw. „Landessprachen“, die aufgrund sprachpflegerischer Bemühungen mehr und mehr eigene Literatursprachen entwickelten, verdrängt (wobei im Zuge dieser Entwicklung wiederum eine Pflege der lateinischen Sprache selbst zu beobachten sei): Nach und nach verfeinerten und veredelten sich auch diese, und so wie dieses geschahe, und ein Land an Wohlstand und Geschmack zunahm, so bildete sich auch in demselben aus seiner Mitte eine eigene Schriftsprache, und so wie diese erhöheten Landessprachen dem verunstalteten Latein ihrer Zeiten an Cultur gleich kamen, so nöthigten sie dasselbe, zu seiner alten Reinigkeit zurück zu kehren, wollte es nicht ganz

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aus seinem Besitze verdränget seyn; welchem Schicksale es doch nicht ganz entgehen konnte, wenn die Landessprachen die alte Römische an Reichthum und Cultur zu übertreffen glaubten, und diesem Schicksale in Zukunft gewiß noch weit mehr ausgesetzet seyn wird. (Ebd.)

Die Kritik der Sprachdenker der Neuzeit am Latein des Mittelalters bezieht sich insbesondere auf die Scholastik. Der lateinische Sprachgebrauch der Scholastik verliere sich in der Verwendung von Abstrakta und habe dabei oftmals den Bezug zum Konkreten verloren. So geht etwa DANIEL JENISCH von einer Geist/Körper-Dichotomie aus und fordert von der menschlichen Sprache (wie auch von einem menschlichen Leben) die hinreichende Würdigung beider Aspekte: Da aber die Sprache, so wie der Mensch selbst, einen geistigen und einen sinnlichen Theil hat, ich will sagen, – da sie eben sowohl sinnliche, als geistige Begriffe auszudrücken hat: so ist es ihr allerdings nicht vortheilhaft, wenn sie bloss jenen geistigen Theil ausbildet, und den sinnlichen vernachlässiget, als wenn der Mensch über dem angestrengten Denken seinen Körper hintansetzet: denn alsdann ergeht es der Sprache, wie es der lateinischen in der Epoche der Scholastiker erging. Sie erstarrt gleichsam nach und nach zu einem Skelet, welches, nach den Regeln des feinen Ausdruckes mit Fleisch und Muskeln zu bekleiden, dem Dichter, Redner und Geschichtschreiber fast unmöglich ist. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 12f.)

Trotz solcher Kritik findet das Lateinische als Sprache der Scholastik in anderen Quellen durchaus auch eine positive Würdigung. Solchen Einschätzungen zufolge seien hier zum einen sprachlicher Reichtum und zum anderen Nähe zur Gemeinsprache zu beobachten. Ein Beispiel hierfür findet sich bei JOHANN GEORG BÜSCH, der die Kritik an der Schulphilosophie eben nicht gänzlich auf deren Sprache bezieht: „Man mag die scholastische Philosophie so sehr herabwürdigen, als man will: gewiss bleibt es doch immer, daß die Begriffe von intellektuellen Dingen in keiner philosophischen Schule so genau auseinander gesetzt sind, als in dieser“ (BÜSCH: Gewinnt ein Volk, wenn seine Sprache zur Universal-Sprache wird? Berlin 1787, 17f.). Letztlich erfahre die lateinische Sprache eben genau in diesem Rahmen hier einen Ausbau von abstrakter Lexik, die in der Antike noch nicht zu finden sei (vgl. oben): Die Gelehrten brachten „in eben dieselbe eine philosophische Sprache hinein, die ihr bisher gefehlt hatte, die kein Cicero oder Seneca kannte, die aber doch eine gewisse Analogie mit der gangbaren Sprache behauptete“ (ebd.). Doch setzen sich die Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s nicht allein mit der lateinischen Sprache des Mittelalters kritisch auseinander: Auch das Latein der frühen Neuzeit ist Gegenstand ihrer Überlegungen. Bei CHRISTIAN

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GARVE heißt es in den um die Wende vom 18. zum 19. Jh. erschienenen Abhandlungen: Doch war das nachfolgende Jahrhundert in aller Absicht weit dunkler und barbarischer, als das, worin Luther lebte. Man vergaß sein Bischen ächtes altes Latein über den Zänkereyen, zu welchen sich eine verderbte, mit spitzfindigen Begriffen überladene Latinität am besten schickte; und deutsch lernte man auch nicht. Mit einem Worte: man hatte eigentlich gar keine Sprache. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 7)

Die Kritik am Gebrauch des Lateins öffnet sich hier zu einer Kritik am (wissenschaftlichen und literarischen) Gebrauch von Sprache überhaupt. Dass dabei eine tote Sprache wie das Latein als Lingua franca der Wissenschaft zum Gegenstand besonderer Kritik wird, ist daher kaum mehr überraschend. Für die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung ist das Lateinische die Sprache einer längst vergangenen Epoche und hat mit dem sprachlichen Diskurs der eigenen Zeit kaum mehr etwas zu tun: „Wo ist die Gegend zu erforschen / da das Majestätische Latein / noch auf gut Ciceronianisch geredet werde? Meines Erachtens / nirgends in der gantzen Welt“ (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f.).

2.2.5 Sprachen aus dem Lateinischen In ADELUNGs Mithridates werden dem Lateinischen Sprachstamm zum einen die Lateinische Sprache und zum anderen die Töchter des Lateins mit Italiänisch, Spanisch und Portugiesisch, Französisch sowie Romanisch oder Rhätisch zugeordnet (ADELUNG: Mithridates II, Berlin 1809, 22). Mit Ausnahme des Katalanischen und Rumänischen entspricht dies der Gruppe der romanischen Sprachen, wie sie auch heute von der modernen Sprachwissenschaft angesetzt wird. Naturgemäß wird in zahlreichen Belegen auf die enge genetische Verwandtschaft des Italienischen mit dem Lateinischen hingewiesen (vgl. etwa: GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 4; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 176). Dabei gibt es jedoch unterschiedliche Einschätzungen hinsichtlich der strukturellen Verwandtschaft der beiden Sprachen. Einige Autoren wie zum Beispiel JOHANNES GÜNTZEL machen hier eine große strukturelle Ähnlichkeit aus und beurteilen diese angesichts der hohen Wertschätzung, die das Lateinische im Allgemeinen erfährt, auch als positiv:

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Diese heutige Italianische Sprach behält also billich das Lob einmahl / von wegen ihrer herrlichen Ankunfft / vnd daß sie als ein rechter StammErb der Lateinischen Sprach / in gar vilen Stucken […] vergleichet werden könne. (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 6)

Andere Autoren wie etwa CARL GUSTAV VON HILLE betonen demgegenüber die strukturellen Unterschiede des Italienischen (hier: Welschen) gegenüber dem Lateinischen, die letztlich größer seien als etwa diejenigen zwischen dem Alt- und dem Neugriechischen (vgl. auch NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 106): Es ist aber obgedachte Griechische / welche in Griechenland heutiges Tages geredet wird / von der alten Griechischen / so weit abgewichen / geändert und gemißahrtet worden; daß zu zweifeln stehet / ob dieselbe anjetzo noch für eine Griechische Sprache zu achten sey: doch scheinet es gleichwol nicht / daß dieselbe von der alten rechten Sprache so weit / als die Welsche von der Lateinischen entfernet. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81)

Für die (also als mehr oder weniger gravierend erachteten) Veränderungen des Italienischen gegenüber dem Lateinischen wird im 17. und 18. Jh. insbesondere eine Beeinflussung der lateinischen Sprache durch germanische Dialekte in der Spätantike verantwortlich gemacht: Es sei zur italienischen Sprache anzumerken, dass „sie aus der lateinischen Sprache entstanden“ sei, „doch mit starcker Vermischung der teutschen, welche die einfallende Gothen und Langobarden redeten“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 17). Hier stellt das Deutsche zwar nicht den sprachlichen Ursprung des Lateinischen dar (vgl. oben), wird jedoch als eine Sprache angesehen, die es nachhaltig beeinflusste und zur Ausbildung einer neuen Sprache geführt hat. Neben der Verwandtschaft des Italienischen wird in den Texten des 17. und 18. Jh.s insbesondere auch auf die Verwandtschaft des Französischen mit dem Lateinischen hingewiesen (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 126; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 353f.; ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 43; HEINZELMANN: Grundsätze der Wortforschung, Braunschweig 1798, 143). Dabei wird ebenfalls ein starker Einfluss germanischer Dialekte auf das klassische Latein angenommen: So wird die französische Sprache von GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ schließlich als eine „vermischung des lateinischen und teutschen“ angesehen (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682/1846, 306). Und FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER beschreibt die Genese des Französischen in Entsprechung hierzu wie folgt:

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Es sei die alte Gallische Sprache fast unterdruckt worden, da die Römer Gallien eroberten, und ihre Sprache einführeten: als aber die Teutschen und Francken sich wieder dem Römischen Joch nach und nach entzogen, behielten sie mit ihrer Mutter-Sprache, dem Franckischen oder Teutschen: daher ist denn die französische Sprache entstanden, welche nach und nach immer mehr ausgekünstelt worden ist, bis sie die heutige Gestalt gewonnen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 16f.)

Diese Beschreibung legt die Annahme einer Sprache nahe, die als ein Zwischenschritt in der Entwicklung vom klassischen Latein zum mittelalterlichen Französisch erscheint. Eine solche Entwicklung über ein Vulgärlatein, das als „romanzische oder römische Bauersprache“ bezeichnet wird, wird zum Beispiel von JOHANN CHRISTOPH ADELUNG angesetzt: Die römische Sprache, welche unter der Herrschaft der Römer in Gallien festen Fuß fasste, schmolz mit den Ueberresten der alten gallischen zusammen, und artete unter einem fremden Himmel und bey dem Verfall der Nation in die romanzische oder römische Bauersprache aus, von welcher sie ohne dieß auch herstammte. (ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 241f.)

Angesichts der hierdurch bedingten strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Lateinischen und Französischen erscheinen manch einem Zeitgenossen des 17. und 18. Jh.s Übersetzungen vom Französischen ins Lateinische „dermassen schwehr“, dass man „vielleicht besser thäte und wenigere Mühe hätte, wan man die materi zu erst ins Teutsche, und hernach erst in Latein setzte“; anderenfalls drohe ein „armseliges Kuchel-Latein“ zu entstehen (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 2). In einigen Quellen werden Italienisch und Französisch gemeinsam als die wichtigsten Sprachen angesehen, die sich aus dem Lateinischen entwickelt hätten (so zum Beispiel bei LEIBNIZ: Marii Nizolii de veris Principiis et vera Ratione Philosophandi, Frankfurt 1670). Dabei erfahren sie wiederum unterschiedliche Beurteilungen im Hinblick auf ihre genealogische und strukturelle Verwandtschaft mit ihrer Ausgangssprache. Eine positive Wertung erfahren sie etwa bei AUGUST BUCHNER: Beide Sprachen verdankten jeweils dem Latein ihre „Zierde, Schmuck und Ansehnlichkeit“, da sie nicht allein dessen strukturelle Merkmale übernommen, sondern auch dessen literatursprachliche Normen erhalten hätten: Im übrigen soll man gewiß dafür halten / daß der Ursprung und Qvell aller Zierde / Schmuckes und Ansehnlichkeit der Reden nirgends anders / als bey den Griechen und Lateinern zu sehen ist, von denen alles hergeflossen / wodurch die Frantzosen / und Italiäner zuförderst ihre Sprache so hoch gebracht haben. (BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 80f.)

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Eine ganz andere Einschätzung findet sich demgegenüber bei GEORG NEUder Französisch und Italienisch als Verfremdungen und Verschlechterungen der klassischen lateinischen Sprache erachtet und folglich in einem puristischen Spottgedicht als verkrüppeltes Latein charakterisiert:

MARK,

Der Frantz- und Welschman mit Eyfer ist geflissen / Wie man mög seine Sprach in hohem Wollstand wissen; Die doch ist jung / und nur verkrüppeltes Latein: Und unsre Heldensprach soll nicht so würdig seyn? (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 6)

In anderen Belegen werden Italienisch, Französisch und Spanisch gemeinsam als genealogische Verwandte des Lateinischen als deren „Muttersprache“ (GOTTSCHED: Gebrauch und Misbrauch vieler deutscher Wörter und Redensarten, Straßburg/Leipzig 1758, 146) betrachtet. Dies ist bereits zu Beginn des 17. Jh.s zu beobachten: „In Regno Franciæ varia linguæ Romanensis Idiomata sunt. Romanensis linguæ tres alibi propagines fecimus, Italicum idiotismum, Hispanicum, Gallicanum, qui Idiotismi à Latina matrice tanquam traduces producti“ (SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610, 123; vgl. ebd., 119f.; vgl. auch: HENISCH: Teütsche Sprach vnd Weißheit, Augsburg 1616, 2; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 20). Es herrscht letztlich die Auffassung vor, dass es sich bei diesen drei angesichts ihrer zahlreichen strukturellen Eigentümlichkeiten, die sie im Laufe ihrer Geschichte durch Einflüsse anderer Sprachen angenommen hätten, nunmehr tatsächlich um eigenständige Sprachen und nicht um so etwas wie Dialekte des Lateinischen handele. Die italienische Sprache ähnele dabei noch immer am meisten dem Lateinischen, da Französisch in stärkerem Maße germanische und Spanisch im Weiteren arabische Sprachelemente enthalte: Die Welsche kommet zwar der Lateinischen näher als die andern beede / dann die Französische sehr vermischet / mit den alten Gallischen und Teutschen Wörtern. Wie auch die Hispanische mit der Arabischen: so herrühren von den Mährischen Völkern / welche in Hispanien lange Zeit gekrieget / gewohnet / und geherrschet haben. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 83)

Italienisch, Französisch und Spanisch seien somit drei „absonderliche eigene Sprachen / und müssen absonderlich erlernet werden“ (ebd.; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 108). Bisweilen findet sich in den Quellen eine allegorische Darstellung, nach der aus dem Material des lateinischen Turms, der aus der babylonischen

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Sprachwirrung hervorgegangen sei, weitere Paläste erbaut wurden. Eine solche Darstellung findet sich zum Beispiel in einem Beleg aus ANDREAS RIVINUS’ Sprachen-Thuer: Und die wir in der Occidentalischen Lateinischen Monarchie leben / reisen auch am meisten dem Lateinischen Thurme zu: welcher vns hernach desto leichter die übrigen Thüren vnd Thoren / Ränck vnd Gäßlein / Weg vnd Steg zu den anderen Sprachen weiset. Dann vmb diesen herumm ligen die schönsten newgebawten Palläste der Spanischen / Italiänischen vnd Frantzösischen Rede / vor welcher prächtigen ansehen vnd grossen Schein viel Frembdlinge das alte Römische Gebew schier für nichts achten: vnangesehen daß jene nur von diesem angefallenen Gemäur zusammengeflickt worden. (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 13)

Im Barock und in der Aufklärung finden sich allein Wertungen hinsichtlich des Italienischen und Französischen im Hinblick auf deren Herkunft von der lateinischen Sprache. In den Belegen erscheinen im Weiteren auch zahlreiche Wertungen hinsichtlich des Lateinischen und der romanischen Sprachen im Allgemeinen. Diese laufen insbesondere darauf hinaus, den Wert des Deutschen neben den des Lateinischen und somit über den der romanischen Sprachen zu stellen: So werden Italienisch, Französisch und Spanisch von JOHANN HEINRICH SCHILL als „Essig von der Lateinischen Sprach“ disqualifiziert und im Weiteren dem „reinen Wein“ gegenübergestellt, den die „eygene teutsche Muttersprach“ verkörpere (S CHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 139). Die einzelnen Sprachen, die sich nach der Besatzung in den verschiedenen römischen Provinzen aus einer Vermischung mit der lateinischen Sprache entwickelten, hätten sich nach Auffassung vieler deutscher Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s ausgesprochen weit vom Lateinischen entfernt und seien dabei derart „verderbet und verformet“ worden, dass sie weder für einen Italiener noch für einen Lateinkundigen verständlich seien; dem eigentlichen Lateinischen bleibe lediglich der Status einer Lingua franca internationaler Gelehrsamkeit: Von der Römischen oder Lateinischen Sprache Veränderung und reichem Abfluß hat der berühmte Scaliger viel geschrieben / und ist solche nur den siegreichen Waffen in Hispanien / Frankreich und Teutschland unter die Celten ausgebreitet / durch die fremden Völker aber samt dero Vaterland so verderbet und verformet worden / daß nun kein Land in der Welt ist / da man durchgehends Lateinisch zu reden pfleget / und bleibet sie also der Gelehrten Muttersprache / mit Verlauff der Zeit ist sie vor ihrem ersten Stammgrund (lingva osca) fast gantz abgekommen / daß sie noch ein Italianer noch einer der in dem Latein wol beschlagen ist / nicht verstehen kann. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 4f.)

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Neben der italienischen, französischen und spanischen Sprache werden von den deutschen Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s auch weitere romanische und andere Sprachen als genealogische Verwandte des Lateinischen betrachtet. Bei HANS JACOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN werden diese im Einzelnen nicht näher spezifiziert, sondern blumig als Rebsteckenwelsch zusammengefasst (GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 13f.). In dem Wörterbuch von MORITZ und VOLLBEDING umfasst eine solche Liste etwa neben dem Italienischen und Französischen auch das Englische und das Portugiesische: Das Latein sei „nach mehrern Jahrhunderten durch mancherlei Vermischungen mit andern Sprachen, die Mutter der heutigen italischen, englischen, französischen und portugiesischen Sprache“ geworden (MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 14). Wie bereits im Falle des Französischen erwähnt (vgl. oben), stellt die Herausbildung einer vulgärlateinischen Zwischensprache, die von den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung als „ProvincialSprache“ oder als „Römisch“ oder „Romanzisch“ bezeichnet wird, einen wichtigen Gesichtspunkt der Entstehung genealogisch verwandter Sprachen des Lateinischen dar. Nach JOHANN AUGUSTIN EGENOLFF seien die romanischen Sprachen zu einer Zeit entstanden, in der die Bevölkerung der römischen Provinzen keine Achtung vor der lateinischen Kultur mehr hatte und die lateinische Sprache daher mit den Lokalsprachen jeweils zu einer „ProvincialSprache“ vermischte: Denn so bald die Gewalt des Römischen Reichs theils durch innerliche Unruhe, und daß sich nach der Hand ein Land nach dem andern davon abgesondert, und in freyheit gesetzet; theils und hauptsächlich aber durch die Einfälle unterschiedener fremden Völcker abzunehmen anfieng, so bald fiel auch die Hochachtung vor die Lateinische Sprache, vornemlich dadurch, daß die neuen Einwohner eines Landes, in welchen vorher war Lateinisch geredet worden, ihre Mutter-Sprache mit dem Lateine vermischeten, daher anfänglich die so genante Provincial-Sprache hernachmahls aber die heutige Spanische, Frantzösische und Italiänische entstanden. (EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720, 254f.)

Diese Herausbildung einer „römischen“ oder „romanzischen“ Volkssprache wird von JOHANN CHRISTOPH ADELUNG demgegenüber nicht als Abgrenzung vom, sondern als Annäherung an das Lateinische beschrieben, indem er unter sprachsoziologischem Aspekt das Lateinische als Sprache der Oberschicht vom Römischen oder Romanzischen als Volkssprache unterscheidet. Zunächst hätten die Römer das Lateinische als Sprache in Verwaltung und

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öffentlichem Leben eingeführt und somit auch zur kulturellen Entwicklung der betroffenen Provinzen beigetragen: Wo die Römer, welche eben so stolz und bequem als die Araber waren, ein Land eroberten, da machten sie auch ihre Sprache zur herrschenden Gerichts- Hof- und Schriftsprache, und erreichten dadurch den Vortheil, theils daß sie die eroberten Völker auf das innigste mit sich verbanden, weil die Sprache eigentlich das ist, was Völker verbindet und trennet, theils aber auch, daß die Cultur unter den bezwungenen Völkern dadurch beschleunigt ward, weil sie mit der Sprache zugleich alle dazu gehörigen Begriffe überkamen. (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 345)

Im weiteren Verlauf hätte dann die Bevölkerung der besetzten Gebiete bereits ihre eigene Sprache jeweils nach und nach mit dem Lateinischen vermischt, sodass schließlich neue Sprachen entstanden seien: In manchen Provinzen, wo die Römischen Ankömmlinge zahlreich genug waren, und wo Roms Herrschaft lange genug dauerte, floß diese neue Sprache mit der alten Volkssprache zusammen, und wurde dessen ungeachtet noch immer die Römische oder Romanzische genannt, dagegen in den obern Classen und in Schriften die reinere Römische Sprache blieb, welche zum Unterschiede von jener vermischten Volkssprache nach und nach die Lateinische genannt wurde. (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 345)

2.3 Latein als Lingua franca Latein ist im europäischen Raum des 17. und 18. Jh.s die allgemeine Sprache auf internationaler Ebene; es erfährt jedoch im Verlauf dieser beiden Jahrhunderte zunehmende Konkurrenz durch die Verwendung einzelner Nationalsprachen wie etwa des Französischen oder auch des Deutschen. Dieser Umstand wird von den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung wiederholt aufgegriffen und erörtert. Dabei zeichnen sich unter anderem folgende Schwerpunkte ab: Die Entstehung und Entwicklung des Lateinischen als Lingua franca in Kirche und Theologie, in Bildung und Wissenschaft, in Politik und Verwaltung sowie in Rede- und Dichtkunst; die Konkurrenz des Lateinischen zu anderen europäischen Sprachen im Mittelalter und in der Neuzeit, Forderungen nach dem Gebrauch des Deutschen anstelle des Lateinischen (unter Berücksichtigung verschiedenartiger Argumente) sowie Überlegungen zur Eignung einzelner Sprachen als Wissenschaftssprache überhaupt. Die Diskussion um die lateinische Lingua franca spiegelt dabei die

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großen politischen und kulturellen Umwälzungen im deutschen Sprachraum im Zeitalter des Barock und der Aufklärung wider.

2.3.1 Latein als Sprache der Gelehrsamkeit Die Tatsache, dass Latein als Sprache der Gelehrsamkeit breite Verwendung findet, wird von den deutschen Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s ganz unterschiedlich bewertet. Das Spektrum reicht dabei von positiver Einschätzung und Anerkennung bis hin zu negativer Beurteilung und Ablehnung; hierfür zwei Beispiele: So betrachtet JOHANN KLAJ das Lateinische mit einer positiven Einschätzung als „Dolmetscherin der Welt“, auch wenn er selbst das Deutsche stets als „unsere Wunderkräfftige / Wortmächtige und Qwelreiche Sprache geliebet“ habe (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 2). Demgegenüber findet die Vorherrschaft des Latein bei ANDREAS RIVINUS eine negative oder zumindest neutrale Beurteilung, wenn dieser schreibt, dass „wir in der Occidentalischen Lateinischen Monarchie leben“ (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 13). In anderen Belegen wird die internationale Bedeutung des Lateinischen als sprach- und kulturhistorisches Faktum des europäischen Sprachraumes anerkannt: CARL GUSTAV VON HILLE richtet dabei den Blick über die Grenzen Europas hinaus nach Asien und kommt zu dem Ergebnis, dass das Lateinische im 17. Jh. die internationale Verkehrssprache in Europa sei, das Arabische hingegen diejenige in Asien, dass man also „mit der Lateinischen durch gantz Europen und mit der Arabischen durch gantz Asien“ komme (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 83f.). Nach JOHANN JOACHIM BECHER sind die Kenntnis und der Gebrauch des Lateinischen die Voraussetzungen, überhaupt an der internationalen Kommunikation im Bereich der Wissenschaft teilzuhaben: Denn „wer nicht Latein kann / wird nicht vor gelehrt gehalten / dieweil er das Mittel nicht hat gelehrt zu werden“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674; vgl. ebd.). Mit allegorischem Bezug auf die Babylonische Sprachverwirrung führt ANDREAS RIVINUS in diesem Sinne aus, dass der „Römische Thurm der rechten Lateinischen Sprache noch immer zu dem trefflichen Schloß / so hinter ihr lieget / nemlich den Irdischen Paradiß / aller künste / Wissenschaften vnd facultäten“ führe (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 13f.). Doch genau diese herausragende Stellung des Lateinischen ist es auch, die deutschen Sprachgelehrten wie JOHANN CHRISTOPH ADELUNG zufolge die Ausbildung einzelner nationaler Wissenschaftssprachen, darunter auch des Deutschen, bis in das 17. Jh. be-, wenn nicht verhindert habe: Eine national-

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sprachliche Wissenschaftssprache hatte sich im Mittelalter und in der (frühen) Neuzeit „von den Universitäten am wenigsten zu versprechen, weil das barbarische Latein alle Lehrstühle beherrschte“ (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 58). Die Herausbildung des Lateinischen zu einer solchen gelehrten Lingua franca im Allgemeinen und zu einer internationalen Wissenschaftssprache im Besonderen wird von zahlreichen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung diskutiert. FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER entwirft zum Beispiel folgenden Abriss einer Geschichte des Lateinischen im deutschen Sprachraum, wobei er eine ausgesprochen kritische Einschätzung offenbart: Nach dem Niedergang des römischen Reiches habe man zunächst aus echter „Hochachtung der lateinischen Sprache“ im Gottesdienst am Lateinischen festgehalten, dann aber aus Streben nach „Macht und Hoheit“ und, um das „Volk in Unwissenheit zu erhalten“, eine „abergläubische Hochachtung vor der lateinischen Sprache“ indoktriniert und „die teutsche Sprache, als eine ungeschickte und unfähige, desto mehr“ abgewertet. Im weiteren Verlauf der (mittelalterlichen und neuzeitlichen) Geschichte habe man schließlich „auch in Gerichten und Canzeleyen die lateinische Sprache eingeführet und diese bey dem Käyser, auch wol grossen Chur-Fürsten, die Erz-Bischöffe und Bischöffe, sonst aber insgemein bey den Fürsten die Aebte, Probste und canonici willig gebrauchen“ lassen. Im Zuge dieser Entwicklung „blieb nun die teutsche Sprache liegen, und wurde durch fremde Wörter vermischet: ja die alte teutsche Schrift wurde so gar unterdruckt und ausgetilget“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 34f.; vgl. hier etwa auch EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720/35, 276f.; ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 67; GÜNTHER: Deutsche Höflichkeitssprache, Mannheim 1787, 257; GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 5f.). Im Weiteren merkt HALLBAUER sprach- und sozialkritisch an, dass in öffentlichen Reden, „z. E. bey Huldigungen und Land-Tägen“, oftmals die deutsche Sprache verwendet wurde, da der Adel nur „selten der lateinischen Sprache mächtig“ gewesen sei, indem er sich damals meist „des Studirens enthielt“ (ebd., 35). HALLBAUER zeichnet somit einen Weg, dem zufolge das Lateinische zunächst in Kirche und Theologie und erst später in Bildung und Wissenschaft, Politik und Verwaltung sowie Rede- und Dichtkunst Verwendung gefunden hat. Diese Einschätzung findet sich im Hinblick auf das Latein im Mittelalter auch bei JOHANN CHRISTOPH ADELUNG, der hier das Bildungsmonopol und die Verwaltungsmacht der mittelalterlichen Geistlichkeit für eine Bevorzugung des Lateinischen und eine Vernachlässigung anderer Sprachen wie auch des Deutschen verantwortlich macht:

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Da die Geistlichen, welche anfänglich gemeiniglich Ausländer waren, aus Bequemlichkeit die Lateinische Sprache nicht allein zur Sprache des Gottesdienstes machten, sondern sie auch, weil sie die einigen Gelehrten dieser Zeit, ja die einigen waren, welche schreiben und lesen konnten, in Schriften und öffentlichen Verhandlungen einführten, weil man glaubte, die neuen Begriffe, welche man durch die Cultur erhielt, ließen sich in der alten barbarischen Volkssprache nicht ausdrucken, so, blieb diese in der Cultur zurück, und daher siehet z. B. die Deutsche Sprache dieser Zeit noch so roh und wild aus, als das Volk, welches derselben überlassen war. (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 348)

Auch in der frühen Neuzeit hat sich das Latein nach Auffassung der deutschen Sprachdenker des Barock und der Aufklärung als europäische Lingua franca noch gegenüber anderen Sprachen behaupten können. THIEME führt dies insbesondere auf den kanonischen Charakter klassischer Werke zurück, deren Sprachen, also das Griechische und das Lateinische, nicht allein im Mittelalter, sondern vor allem dann auch im Zeitalter der Renaissance und des Humanismus eine Vorbildfunktion entfalteten, die sich bis zu einer gewissen Mode weiter entwickelte: Da die Auffindung der römischen und griechischen Schriftsteller überhaupt zur Wiederherstellung der Wissenschaften die nähere Veranlassung ward: so blieben nicht nur diese Schriften vom Anfange lange Zeit die einzige – in der Folge wiederum lange Zeit die vorzüglichste Quelle der ganzen eleganten Gelehrsamkeit; sondern auch die Sprachen, in welchen sie abgefasst waren, wurden als ein Schmuck angesehen, von welchem man jene Wissenschaften selbst, nicht ohne sie zu schänden, entkleiden könnte. Auf diese Art ward besonders die lateinische Sprache das Organ der ganzen Gelehrsamkeit. Man schrieb und sprach, las und lehrte, disputirte und examinirte lateinisch; und Alles, was nur ein wenig gelehrten Anstrich haben wollte, lebte und webte im Latein. (THIEME: Lateinisches Sprachstudium befördern, Braunschweig 1789, 166f.)

Laut HERTZBERG hat sich das Deutsche zwar in der Folge LUTHERs erkennbar weiter entwickelt, sich jedoch gegen das Lateinische, da die „meisten Gelehrten Lateinisch schrieben, und selbst Staatsschriften in dieser Sprache verfasst wurden“, sowie das Französische, Spanische und Italienische nicht durchsetzen können (HERTZBERG: Auszug, Berlin 1794, 7f.; vgl. HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente, o.O. 1767, 248). Die deutschen Sprachdenker das 17. und 18. Jh.s äußern sich nur selten über das Verhältnis von Latein als europäischer Lingua franca zu anderen europäischen Sprachen. Im Allgemeinen wird auch hier auf die bevorzugte Verwendung der lateinischen Sprache hingewiesen. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang jedoch der Hinweis von JOHANN DAVID MICHAELIS, dass die romanischen Sprachen aufgrund ihrer einzelsprachlichen Besonderheiten nur wenig zum Gebrauch als (internationale) Wissenschaftssprachen

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geeignet seien; das „barbarische Latein“ sei als gelehrte Lingua franca kaum denkbar, „denn ein Volck versteht das barbarische Latein des andern nicht, weil ein jedes seine eigene Sprache damit vermischet“ (MICHAELIS: Einfluß der Meinungen in die Sprache, Berlin 1760, 74). MICHAELIS leitet daraus die Forderung ab, an der lateinischen Sprache im internationalen Sprachgebrauch festzuhalten: „Dies ist eben die Haupt-Ursache, welche die Gelehrten bewegen soll, sich der reinen und alten Latinität zu befleißigen“ (ebd.). Im fortgeschrittenen 18. Jh. kann JAKOB HEMMER feststellen, dass sich das Deutsche als Wissenschaftssprache in vielen Bereichen etablieren und dabei den Gebrauch des Lateinischen verdrängen konnte. Er schreibt zur Verwendung des Deutschen anstelle des Lateins: Deutschland hat nun nicht mehr nöthig, in Bearbeitung der Künste und Wissenschaften eine fremde Sprache zu reden, wie es so viele Jahrhunderte gethan hat, da ein grosen Theils steifes und ungeschmackhaftes Latein in seinen Büchern herrschete. Alles, was zur Sprach- Dicht- und Redekunst, was zur Geschichte, zur Rechts- und Gottesgelehrtheit, zur Vernunft- und Naturlehre, zur Grundwissenschaft (Metaphysica), zur ganzen Weltweisheit und Gröselehre (Mathesis) gehöret, alle Theile der menschlichen Kenntnisse lassen sich jetzt auf eine geschickte und vortreffliche Art deutsch einkleiden. (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 4f.)

FRIEDRICH GEDIKE betont in diesem Zusammenhang, welche Menge an neuen Wörtern, Wendungen und Wortfügungen die deutsche Sprache im Zuge dieser Entwicklung bereichert hätten, „so daß sie […] izt der Philosophie und Poesie gleich bequem geworden“ (GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779, 389). Er fragt weiter: Welcher Philosoph wagte es damals leicht, metaphysische Spekulationen deutsch abzuhandeln? Dies fiel damals eben so schwer, als es izt dem deutschen Philosophen, der die philosophische Urbarheit seiner Sprache kent, schwer fällt, lateinisch, versteht sich, nicht im scholastischen Mönchslatein, zu schreiben. (GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779, 389)

GEORG FRIEDRICH MEIER kommt in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s zu derselben Einschätzung und bezieht diese insbesondere auf den ostmitteldeutschen Raum: Wenn man den gegenwärtigen Zustand der Gelehrsamkeit in Deutschland, sonderlich unter den Protestanten, betrachtet, so wird man ohne Zweifel zugestehen, daß auch dieses mit zu den merkwürdigen Veränderungen derselben gerechnet werden müsse, daß sie mehrentheils in deutscher Sprache mündlich und schriftlich vorgetragen wird […]. Die lateinische Sprache hat beynahe aufgehört, die Muttersprache der Gelehrten zu seyn, und die Bemühung der meisten Gelehrten scheint dahin zu gehen, statt des

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Lateins die deutsche Sprache in der gelehrten Welt zur vornehmsten und gewöhnlichsten Sprache zu machen. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 3f.)

Doch steht MEIER dieser Entwicklung nicht ohne Skepsis gegenüber, denn er vermeint auch Gefahren der Verwendung des Deutschen anstelle des Lateins auszumachen. Daher fordert er im Weiteren eine vorbehaltlose Prüfung des Sprachgebrauchs, um eine drohende Provinzialisierung deutschsprachiger Wissenschaft zu vermeiden: Ich glaube, daß alle meine verständige Leser es für nützlich und nöthig halten werden, zu untersuchen: ob diese Veränderung in dem Zustande der Gelehrsamkeit unter den Deutschen, der Gelehrsamkeit zum Vortheil oder zum Schaden gereiche. Könnte man gründlich erweisen, daß die Gelehrsamkeit selbst dadurch einen Schaden litt, so müste man Deutschland beklagen. Es wäre zu besorgen, daß Deutschland, in Absicht der Gelehrsamkeit, über kurz oder lang in eine völlige Barbarey zurück sinken werde. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 3f.)

2.3.2 Lateinisch-deutsche Sprachkonkurrenz In den exzerpierten Belegen ist insbesondere von dem Gebrauch des Lateinischen in Kirche und Theologie, Bildung und Wissenschaft, Politik und Verwaltung sowie Rede- und Dichtkunst die Rede. Dabei steht wiederholt die Konkurrenz zwischen der lateinischen und der deutschen Sprache zur Zeit des 17. und 18. Jh.s im Vordergrund. Die große Bedeutung des Lateinischen in Kirche und Theologie zur Zeit des Mittelalters und der frühen Neuzeit geht aus zahlreichen Belegen hervor, die in der Regel eine kritische Stellung, insbesondere im Hinblick auf den Gebrauch des Lateins im Gottesdienst, einnehmen. Die entsprechenden historischen Bemühungen, die deutsche Sprache neben der lateinischen als Predigtsprache zu etablieren, fasst FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER wie folgt zusammen (vgl. im Weiteren auch ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 38f.; CURTZ: Harpffen Dauids, Augsburg 1659, 4; BELLIN: Syntaxis Praepositionum Teutonicarum, Lübeck 1661, B; EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720/35, 264f.): Nachdem die Teutschen zum Christlichen Glauben gebracht 1), wurde mit dem Gottesdienste die lateinische Sprache, zu nicht geringen Schaden der Mutter-Sprache, eingeführet 2): iedoch gab es oft Fälle, da man dieser sich nothwendig mündlich und schriftlich bedienen mußte: daher der Gebrauch derselben nie gäntzlich aufhören können 3). Uber dieses funden sich auch Verschiedene, welche durch höchstrühmliche verordnungen, auch eigenes Bemühen, der teutschen Sprache aufzuhelfen trachteten: unter wel-

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che vornehmlich die Käyser, Carl der Grosse 4), drey Frideriche 5), Rudolph 6), Maximilian 7), und Carl der fünfte 8) zu rechnen sind. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 33)

„Deutsch reden und schreiben wird in Teutschland“ laut KASPAR STIELER im ausgehenden 17. Jh. noch „vor eine der geringsten Künste geschätzet“ (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691). So würden das „Lateinische und Griechische, die Römische und Attische Sprachen, zum Studium der Philosophie, zu Erlernung mancherley Weysheit“ verwendet, während „das Hebräische, die Morgenländische, zum Studium der Theologie, zu Begreifung der göttlichen Geheimnüße“ sowie schließlich „die romanischen und andere Sprachen, die Französische / Welsche und Spanische aber / samt andern ausländischen“ im Allgemeinen „zur Bezier- und Erhebung scharfer Gedanken und Erfindungen die einzige Begleitsmänninen und Anweiserinnen seyn können“ (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691). Im Verlaufe des 18. Jh.s ändert sich dies, indem das Deutsche auch innerhalb von Bildung und Wissenschaft zunehmend in Gebrauch kommt und das Lateinische (mit Ausnahme etwa der Theologie) weitgehend verdrängt. Angesichts dessen ist eine Äußerung von JOHANN GOTTFRIED RICHTER von Bedeutung, der noch Ende des 18. Jh.s für eine Verwendung des Lateinischen als internationaler Wissenschaftsprache in der Philosophie wirbt: „Die lateinische Sprache ist insonderheit diejenige, vermittelst welcher die Gelehrten verschiedner Nazion sich einander mitteilen, und ihre Angelegenheiten untereinander abmachen, – könten und sollten“ (RICHTER: Kritische Anmerkungen zu Adelungs Sprachlehre, Königsberg 1784, 10). Er stellt in diesem Zusammenhang fest, dass das Lateinische dabei jedoch weiterer sprachpflegerischer Bemühungen bedürfe: Um sie zu diesem Zwek bequemer zu haben, sollte man von allem puristischen Vorurteil absehen, und sich die Freiheit nehmen, mit ihr nach filosofischem Wilkür zu schalten. So könnte dermaleinst aus der lateinischen eine der Mängel aller andern entledigte, volkommen zwekmäßige filosofische Sprache werden. (RICHTER: Kritische Anmerkungen zu Adelungs Sprachlehre, Königsberg 1784, 10f.)

Einen anschaulichen Einblick in den Gebrauch des Lateinischen im allgemeinen Universitätsbetrieb in der Zeit des Barock gibt mit einigem Wortwitz CHRISTIAN W EISE; der Beleg sei an dieser Stelle unkommentiert wiedergegeben: Ferner giebt es auff Universitäten Lateinisch zu reden / wenn man umb ein beneficium anhält. Also müssen an etlichen Orten die Candidati Baccalaureatus und Magisterii

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durch den ersten auf ihrer Ordnung ihr Desiderium in einer kurtzen Rede vortragen. Also auch unter den Magistris, wer in die Facultät kommen will / der muß seine Disputationes pro Loco, und wie es an etlichen Orten genennet wird / die Inspectionem Schedularum, und endlich die receptionem durch eine Lateinische Rede bey der Facultät erhalten. Ja / wer zu Leipzig eine Collegiatur haben will / von dem wird erfordert / daß er bey einem iedweden Collegiatem in specie umb ein gutes Votum bittet. (WEISE: Politischer Redner, Leipzig 1681, 851)

Neben den Bereichen Kirche und Theologie sowie Wissenschaft und Philosophie erscheint im 17. und 18. Jh. das Lateinische als Sprache in Politik und Verwaltung. Hier steht es indessen laut GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ nicht allein in Konkurrenz zum Deutschen, sondern auch zum Französischen und Italienischen: In Staats-Schrifften, so die Angelegenheiten und Rechte hoher Häupter und Potentzen betreffen, ist es nun dahin gediehen, dass man nicht nur des Lateinischen, sondern auch des Frantzösischen und Welschen sich schwerlich allerdings entbrechen kann. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 351)

Dieser Umstand hat auch Konsequenzen für die fremdsprachliche Kompetenz politischer Sekretäre, die nach ADAM FRIEDRICH GLAFFEY „nebst der Lateinischen und Frantzösischen, insonderheit der Teutschen Feder mächtig seyn“ sollten, um ihren Dienst angemessen leisten zu können (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 8). Den Grund für den Gebrauch des Lateinischen in Politik und Verwaltung sehen die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung in der Übernahme der römischen Verwaltungssprache im frühen Mittelalter. HALLBAUER geht davon aus, dass das Deutsche bereits zur Zeit der Karolinger neben dem Lateinischen als öffentliche Sprache eingesetzt wurde: Carolus M. ließ die Jugend so wol in der lateinischen als teutschen Poesie und Beredsamkeit anführen. Es wurde nach dem so gar in den Canzeleyen und Gerichten, auch auf den Reichstägen die Verträge, Lehnbriefe, Reichstagsabschiede etc. in lateinischer Sprache abgefasset: endlich haben verschiedene Keyser, als Rudolph und Maximilian, verordnet, daß die teutsche Sprache dazu gebraucht werden sollte. (HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736, 23f.)

Diese Mehrsprachigkeit werde bis in seine Zeit „so wol in Gesandschaftsreden, als in Hof- und Staatsschreiben sonderlich an auswartige Höfe beibehalten, wiewol man sich mehr des in den barbarischen Zeiten eingeführten Lateins, als der alten reinen Römischen Sprache bedienet“ (ebd.; vgl. auch BRAUN: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, München 1765, 16f.).

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Auch hieraus werden dann Konsequenzen für die fremdsprachliche Kompetenz politischer Sekretäre abgeleitet: Endlich wird auch erfordert, daß ein politischer Redner der Sprache, in der er reden muß, also mächtig sey, daß er sich richtig, rein, deutlich, zierlich und üblich ausdrucken könne. Was insbesondere die lateinische und teutsche Sprache, und in beyden den Curial-stilum anlanget; so werden ihm diejenigen, welche hierzu Anweisung gegeben, wohl zustatten kommen (HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/ Leipzig 1736, 44).

Im Rahmen dieser fachlichen bzw. politischen Mehrsprachigkeit sollten jedoch Interferenzen zwischen dem Lateinischen und Deutschen vermieden werden: „Die lateinische Sprache betreffend; so solte man auch in dieser die Reinlichkeit beobachten, wenn man sich solcher im politischen Händeln bedienet“ (ebd., 278; zur Vermeidung von Interferenz vom Italienischen im Deutschen vgl. ebd., 277). Der Gebrauch des Lateins in Rede- und Dichtkunst wird im Sprachdenken des 17. und 18. Jh.s durchaus problematisiert. So sei es für viele Gelehrte einfacher, Briefe auf Latein als auf Deutsch zu verfassen, da sie hiermit einer langen Tradition folgten, bei der der Gebrauch des Deutschen seit jeher vernachlässigt werde: Lernete man auch als ein Teutscher die teutschen Briefe ohne Anweisung und von sich selbst verfertigen / woher kömmt es dann / daß vielen Gelehrten zehnmal saurer wird / einen Brief in ihrer teutschen Mutter-Sprache / als in der Lateinischen / zu schreiben? Ohne Zweiffel / weil sie sich in ihrer Jugend auf den Ciceronem mehr geleget / als daß sie die Anweisung in der teutschen Brief-Verfassung weder gehabt noch gesuchet / auch alle Ubung darinnen / als etwas geringes / unterlassen und verachtet. (BOHSE: Neu-Erleuterter Briefsteller, Leipzig 1697, 2f.)

FRIEDRICH SPEE argumentiert ebenfalls pragmatisch und kommt angesichts der unterschiedlichen strukturellen Merkmale des Lateinischen und Deutschen zu dem Ergebnis, dass nicht solche sprachlichen Strukturen, sondern die Art und Weise, wie mit diesen umgegangen werde, als Kriterium zur Beurteilung sprachlicher Kunstwerke zu dienen habe. Daher sei in deutscher Sprache ebenso gut zu dichten wie in lateinischer: Daß aber nicht allein in Lateinischer sprach / sondern auch so gar in der Teutschen man recht gut Poetisch reden vnnd dichten könne / wird man gleich auß diesem Büchlein abnehmen mögen/ vnd mercken / daß es nicht an der sprach / sondern vielmehr an den personen / so es einmal auch in der Teutschen sprach wagen dörfften / gemanglet habe. (SPEE: Trutznachtigall, Köln 1649, 5)

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Der Gebrauch der lateinischen Sprache in klassischen Schriften gilt indessen vielen Sprachdenkern der Zeit als Vorbild für die deutsche Dichtung: Indem in deutschen Werken ein lateinischer Stil nachgeahmt werde, könne auch eine deutschsprachige Literatur entwickelt und gepflegt werden. So bemerkt etwa SIEGMUND VON BIRKEN am Beispiel von drei zeitgenössischen Literaten: In unserer Sprache sind / ohne Widerrede / die drei Ersten / als Opitz / Flemming und Thening / auch die drei Bästen: dann sie schreiben lauter Kern / Geist und Nachdruck / reden viel in wenig Worten und zierlich / und folgen der Lateinischen Poesy. (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 174; vgl. ebd., 39f.)

Für BIRKEN ist es dabei unter anderem auch der sprachliche Purismus einiger römischer Schriftsteller gegenüber dem Griechischen, der für einen Purismus innerhalb der deutschen Dichtung (insbesondere gegenüber dem Französischen) als vorbildlich zu gelten hat: Zu den zeiten Kais. Augusti / da zugleich die Lateinische Sprache und Poesy im höchsten Flur gestanden / haben die vornemste Redner und Poeten / als Cicero / Virgilius / Ovidius / Horatius und andere / nicht Griechisch / sondern in ihro angebohrnen Sprache geschrieben und geredet / und dieselbe auszuüben sich beflissen. (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 38f.)

Die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung propagieren also eine zunehmende Verwendung des Deutschen gegenüber dem Lateinischen in der Literatur. GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER spielt in diesem Zusammenhang auf die Sorge an, dass durch einen stärkeren Gebrauch des Deutschen in der Dichtung das Lateinische letztlich ganz verdrängt werden könnte: Viel stehen in dem Wahn / daß durch Erhebung der Teutschen Sprache die Lateinische fallen werde aller massen man sihet daß auf den hohen Schulen oft mehr Teutsche / als Lateinische Gedichte aufgesetzet werden / da man doch wegen dieser und nicht jener Sprache Erlernung dahin geschicket. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 40)

Er selbst teilt diese Sorge offensichtlich nicht. Vielmehr könne und solle der Gebrauch des Lateinischen in der Poesie zunächst einmal als Vorbild für den Gebrauch des Deutschen dienen: Keine kan der Zeit / ohne die andere / erlernet werden: Und welche den Griechischen und Lateinischen Poeten die seltene Erfindungen und die meisterzierlichen Handgriffe nicht abmercken / werden ihre Krippelreimen vielmehr zu ihrer Schande als Lob offentlich schautragen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 40f.)

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Bei JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED dient das Vorbild lateinischer Werke dazu, den als Schwulst empfundenen Stil früherer Zeiten zu vermeiden: Das beste Mittel wider den schwülstigen Geist, ist das Lesen der alten Lateiner und der neuern Franzosen. Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat […]; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdruckes verfallen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 249f.)

Im Weiteren wird von GOTTSCHED eine strukturelle Nähe zwischen dem Lateinischen und dem Deutschen behauptet, welche eine Nachahmung lateinischer Dichtung im Deutschen erleichtere: „Jemehr wir nämlich die Füße und Verse der Alten nachahmen können, destomehr Wohlklang und Harmonie hat unsre Sprache und Verskunst aufzuweisen“ (ebd., 467).

2.3.3 Kritik am Gebrauch des Lateinischen In zahlreichen Belegen des 17. und 18. Jh.s zeigt sich eine kritische Haltung gegenüber der Verwendung der lateinischen Sprache im deutschen Sprachraum, auch wenn die Vorbildfunktion des Lateinischen kaum in Frage gestellt wird. Eine wichtige Konsequenz aus dieser Haltung sind wiederholte Forderungen, auf den Gebrauch des Lateinischen zu Gunsten des Deutschen zu verzichten oder zumindest neben dem Gebrauch des Lateinischen auch den des Deutschen zuzulassen und zu pflegen (es geht hier also um den Gebrauch des Lateinischen oder des Deutschen in ganzen Texten und nicht um Entlehnungen aus dem Lateinischen in deutschsprachigen Texten; vgl. dazu unten). Die Gründe, die für eine solche Bevorzugung des Deutschen angeführt werden, sind zum einen patriotischer und zum anderen pragmatischer Natur. Die Forderung, Deutsch statt Latein als Wissenschaftssprache zu verwenden, wird im 17. Jh. insbesondere von PHILIPP VON ZESEN aufgestellt: Ja es were zu wündschen / daß der fleis und die erschrökliche arbeit / die etliche auf die Lateinische sprache gewendet / auf ihre muttersprache / die es würdiger ist / anwendeten / und so wohl ihr / als ihnen einen unsterblichen nahmen machten. (ZESEN: Rosenmând, Hamburg 1651, 241; vgl. ebd., 228)

Aber auch im 18. Jh. ist eine solche Haltung zu finden, etwa dann, wenn im Parnassus Boicus der Gebrauch des Lateinischen als Wissenschaftssprache anstelle des Deutschen kritisiert wird: Viele Gelehrten „jetziger Zeit“ würden sich „gäntzlich auf die Lateinisch- oder andere Sprach sich verlegen“ und die

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deutsche Sprache, „weil sie dann nichts wenigers verstehen (so gelehret sie auch nur seyn mögen oder wollen) als ihre Teutsche Muttersprach“, vernachlässigen oder gar verachten: „Ars non habet hostem nisi ignorantem“ (Parnassus Boicus, München 1726, 298). In dem fiktionalen Text der Deutschen Gelehrtenrepublik unterstreicht FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK zum Ende des 18. Jh.s diese Forderung mit einer sprachpatriotischen Haltung und bezieht sich dabei insbesondere auch auf die Bereiche der Theologie und der Philosophie: Die jetzigen Scholasten, die jenen nun das hundertmal nachsprechen, sind weiter nichts, als lateinische oder griechische Sprachmeister. Wer verachtet sie deswegen, weil sie nur das sind? Aber sollen sie denn deswegen, weil sie nur das sind, auch fortfahren eine Zunft zu seyn? Und dennoch würde die unüberwindliche deutsche Geduld sie noch beybehalten; wenn sie den Fortgang der Wissenschaften, durch Verwaltung der Nebendinge in Hauptsachen, des Mittels in den Zweck, nicht hinderten; nicht, weil man Anmerkungen über die Alten gar füglich lateinisch schreibt, noch immer bey ihrem Wahne blieben, daß man überhaupt am besten thäte in dieser Sprache zu schreiben; und, welches vollends alles übertrift, was nur ungedacht und lächerlich ist, daß man in keiner neuern, sondern einzig und allein in der römischen Sprache, (thun sie’s etwa? und kann man’s jezo noch?) schön schreiben könnte; wenn sie uns endlich, vornämlich durch diese Behauptung, nicht gerade zu verführen wollten, Hochverräther an unserm Vaterlande, an uns selbst, und an unsern Nachkommen zu werden, und zu glauben, die wahre, ihre, tiefeingeprägte Kraft und Schönheit des deutschen Geistes könne durch unsre Sprache nicht ausgedrückt werden. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 118)

An anderer Stelle formuliert KLOPSTOCK weniger elaboriert, dafür mehr provokativ: „Wer lateinisch schreibt (die bekanten Nothdurften ausgenommen) wird so lange Landes verwiesen, bis er etwas in unsrer Sprache geschrieben hat“ (ebd., 24). Immerhin wird in KLOPSTOCKS „Gelehrtenrepublik“ auch das Wagnis einer nationalen Einzelsprachnutzung angesprochen, das in der Gefahr einer zunehmenden Provinzialisierung deutscher Gelehrsamkeit bestehe: „Wir wissen […], daß wir uns sondern, und was wir wagen“, denn die wissenschaftliche Landschaft in Europa sei nach wie vor eine „grosse lateinische Republik“ (ebd., 129). Die Beherrschung des Lateinischen ist tatsächlich für zahlreiche Gelehrte des 17. und 18. Jh.s Voraussetzung für eine erfolgreiche Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst. Doch gebe es auch Umstände, in denen der Gebrauch anderer, lebender Sprachen wie des Deutschen sinnvoller erscheine als der des Lateinischen: „So gibt’s ja die erfahrung / das es eben so nötig ist / wo nicht nötiger ein rechtschaffene Teutsche Rede zustellen / als ein Lateinische“ (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 71).

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Hierfür seien (neben sprachpatriotischen) insbesondere auch pragmatische Erwägungen entscheidend, nach denen das Deutsche dem Latein aus Gründen der Verständlichkeit und Wirtschaftlichkeit vorzuziehen sei: Auch seind bißhero alle Sprachen / Künste vnd Wissenschafften an die Lateinische Sprache gebunden / also dz die Lateinische / gleichsam eine Tyrannin vber die andern Sprachen vnd Künste herrschet / der gestalt / daß niemand Hebreisch Griechisch / oder auch weißheit vnd Künste lernen kann / ehe dann er sich in der Lateinischen Sprach wol abgearbeitet / da doch viel füglicher ein jegliche Sprach stracks aus der Muttersprach gelehret / auch alle wissenschaften vnd Künste mit vorteil leichtlich / vnd außführlich in der Deutschen Sprach studiret / vnnd folgends in andern nützlichen Sprachen fast mit einer Mühe mögen getrieben werden. (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 66)

Es sei also aus dem Blickwinkel der Verständlichkeit leichter, Fachwissen zu lehren und zu lernen, indem man die deutsche Muttersprache und nicht die lateinische Fremdsprache verwende. Dies gelte letztlich für sämtliche Bereiche der Philosophie, der Naturwissenschaften und der angewandten Wissenschaften – sowohl in der Ausbildung als auch in der Beschäftigung damit selbst: Es sei die lautere warheit / dz alle Künste vnd Wissenschafften / als Vernunfftkunst / Sitten- vnd Regierkunst / Maß- Wesen- Naturkündigung / Artzeney- Figur- Gewicht- SternBaw- Befestkunst / oder wie sie Nahmen haben mögen / vielleichter / bequemer / richtiger vollkömlicher vnd außführlicher in Teutscher Sprache können gelehret vnd fortgepflantzet werden / weder jemals in Griechischer / Lateinischer oder Arabischer Sprach geschehen ist. (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 71f.)

Unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit betrachtet, lenke es nach GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER von dem eigentlichen Studium der Wissenschaft ab, im Vorfeld Latein zu lernen und sich erst dann mit deren Themen zu beschäftigen. Dies zeige insbesondere auch der Sprachgebrauch in anderen europäischen Ländern: Die Italiäner / Frantzosen und Spanier haben ihre Sprache sehr hoch erhaben. Wir Teutsche könten es auch dahin bringen / damit wir so viel Zeit in Erlernung des Lateins nicht verlieren dörfften / sondern so bald mit den zarten Jahren die Wissenschaften selbsten angehen könten. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 24)

Hier nimmt FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER noch einige Jahrzehnte eine andere Position ein: Seiner Auffassung nach ist das Deutsche als Sprache der Gelehrsamkeit tatsächlich ebenso geschickt wie das Lateinische. Doch sei es „einem Gelehrten nach den ietzigen Umständen unentbehrlich“, sodass er

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diejenigen „Studiosi“ kritisiert, die eine „gründliche Erlernung der lateinischen Sprache, als unnöthig“ erachteten (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 41f.). Ein weiteres Argument, das insbesondere im 18. Jh. gegen den Gebrauch des Lateinischen und für den des Deutschen in Bildung und Wissenschaft vorgebracht wird, ist, dass Latein immer wieder zur Verschleierung mangelhafter Kompetenz oder aus Angabe gegenüber Sprachunkundigen verwendet werde: Wenn einige Schulgelehrten nun auch die allergemeinsten Gedanken lateinisch und griechisch ausdrücken, so hoffen sie sich dadurch das Ansehen der Gelehrsamkeit zu geben, weil es ihrer Meinung nach gelehrt klingt. Sie begnügen sich nicht bloß damit, in einem artigen Umgange einem Frauenzimmer alles Wohlergehen zu wünschen, sondern sie wünschen demselben noch dazu alle Prosperitæt. Dergestalt riechen sie immer nach der Schule, und bilden sich ein, man würde sie für keine Gelehrte halten, wenn sie nicht beständig lateinisch oder griechisch von sich hören lassen. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 76)

Andererseits unterlägen gerade solche Gelehrten, die des Lateinischen nicht hinreichend mächtig seien, immer wieder der Versuchung, die Bedeutung von Sprache im Allgemeinen und diejenige einzelner Sprachen im Besonderen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu unterschätzen und daher herunterzuspielen: Es giebt auch Weltweise und andere Gelehrte, welche, weil sie selbst in keiner Sprache, und am allerwenigsten in der lateinischen, eine grosse Vollkommenheit erlangt haben, ihren Lesern und Zuhörern den Wahn beybringen, daß alles, was man von der Schönheit einer Sprache sage, zu den Schulsachen und grammatischen Kleinigkeiten gehöre, die man nicht zu dem Wesen einer grossen Gelehrsamkeit rechnen müsse, und um welche sich ein grosser Geist, als welcher beständig auf Realitäten sein Augenmerk richte, nicht bekümmern könne. Es sey nichts daran gelegen, ob man eine wichtige und nützliche Wahrheit in gutem oder schlechtem Latein, in einer guten oder einer schlechten Schreibart, ausdrücke. Genung, wenn man sie nur dergestalt ausdrücke, daß der Leser und Zuhörer uns verstehen, und eine gründliche Einsicht in diese Wahrheit erlangen könne. (ebd. , 4f.)

Viele Gelehrte des 17. und 18. Jh.s sind sich letztlich jedoch darüber einig, dass ein vollständiger Verzicht auf den Gebrauch der lateinischen Sprache im akademischen Kontext kaum sinnvoll und wünschenswert wäre. So ist es zum Beispiel auch CHRISTIAN THOMASIUS, der eine lateinisch-deutsche Zweisprachigkeit in der Jurisprudenz als vorteilhaft erachtet: Ein „Studiosus Juris“ solle einerseits „die lateinische / als eine todte Sprach / nicht gantz und gar verachte[n]: weil sie doch auf gewisse Art die Sprache der Gelehrten ist“;

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andererseits solle er nicht denken, „sie sey eintzig und allein zu der Weißheit nöthig / und es sey unbillig in andern Sprachen gelehrte Sachen vorzutragen“ (THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713, 141; vgl. anekdotisch: GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 61f.). Im Hinblick auf fachlichen Wortschatz spricht sich auch CARL GOTTHELF MÜLLER für den Gebrauch des Deutschen als Wissenschaftssprache aus, ohne jedoch die Bedeutung der lateinischen Sprache hinsichtlich ihrer Termini in Abrede stellen zu wollen: Die Sprache Latiens hatte sonsten das Recht, die allgemeine Sprache der Gelehrten zu seyn, behauptet; und wir wollen ihr auch diesen Vorzug, wegen der eingeführten Kunstwörter, einigermaßen nicht streitig machen; indessen ist es doch nicht unmöglich, wenn die teutschen Gelehrten eben diese Ehre ihrer eigenen Sprache bey ihren Landesleuten zuwege zu bringen suchten, daß solche auch zum Vortrage der wichtigsten Wahrheiten aus den höhern Wissenschaften geschickt erfunden werde. (MÜLLER: Teutsche Gesellschaften, Jena 1754, 13)

Einen Gebrauch des Lateinischen wie des Deutschen fordert etwa auch GEORG LITZEL: „Wer unter den Weisen weise ist, der bindet sich nicht völlig an die lateinische, sondern auch an die Muttersprache, als welcher er verwandt und von Natur gebunden ist“ (LITZEL: Der Undeutsche Catholik, Jena/Leipzig 1730, 85). Und als Begründung bzw. Vorbild gibt er den Sprachgebrauch der römischen Gelehrten selbst an, die sich ihrerseits nicht etwa der griechischen oder ägyptischen, sondern eben der lateinischen Sprache bedienten: „Die alten Weisen der Egyptier, Griechen und Römer erkanten solches wohl, und hielten es für eine Thorheit, in einer fremden Sprache zu philosophiren“ (ebd., 85f.). Neben Patriotismus und Pragmatismus ist es auch die Vorstellung der Bildung für weite Kreise der Bevölkerung, der vor allem, jedoch nicht allein Sprachdenker der Aufklärung dazu veranlasst, neben dem Gebrauch des Lateinischen auch den des Deutschen zu propagieren. Bereits zu Beginn des 17. Jh.s fordert JOHANN AMOS COMENIUS, Wissenschaft und Kunst nicht allein in lateinischer, sondern auch in deutscher Sprache zu lehren, um so den Zugang breiter Bevölkerungskreise zu Bildung zu ermöglichen. Er zeigt sich somit als früher Vertreter eines auf so etwas wie Volksaufklärung ausgerichteten Gedankenguts: Wir wünschen daher inständig, die Studien der Weisheit mögen nicht mehr nur in lateinischen Schriften gelehrt werden, so dass sie in den Kerkern der Schulen festgehalten werden. So ist es bisher in tiefster Verachtung des Volkes und der Volkssprachen zu Unrecht geschehen. Vielmehr soll jedem Volk alles in der eigenen Sprache gelehrt und dadurch allen, die Menschen sind, die Möglichkeit geboten werden, sich lieber mit die-

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sen freien Künsten zu befassen als sich mit den Sorgen dieses Lebens oder ehrgeizigen Bestrebungen, Zechgelagen und allen übrigen Nichtigkeiten abzumühen, wie es beständig geschieht, und so gleichzeitig ihr Leben und ihre Seele zugrunde richten. (COMENIUS: Prodomus Pansophiae, o.O. 1637, 165)

Neben der Bildung breiter Bevölkerungsanteile verspricht sich COMENIUS hiervon im Weiteren auch einen positiven Beitrag zur Entwicklung einer deutschen Literatursprache selbst und legt daher einige seiner Werke sowohl in lateinischer als auch in deutscher Sprache vor, so etwa auch „Prodomus Pansophiae“: Es würden dann, wie die Wissenschaften und Künste, auch die Sprachen selbst geschmackvoll verfeinert werden. Wir haben daher beschlossen, auch dieses unser Werk, wenn Gott seine Zustimmung gibt, in der lateinischen und in der heimischen Sprache zu veröffentlichen. (COMENIUS: Prodomus Pansophiae, o.O. 1637, 165)

In der „Didactica Magna“ begründet COMENIUS die Zweisprachigkeit bzw. Übersetzung des Werkes aus dem Deutschen ins Lateinische darüber hinaus durch die Hoffnung, sowohl national als auch international rezipiert zu werden. Er darf somit als früher Vertreter einer Auffassung angesehen werden, nach der eine nationale und eine internationale Wissenschaftssprache hinsichtlich verschiedener Rezipientengruppen in Koexistenz stehen sollten: Das Werk „wurde zunächst zum Gebrauch meiner Landsleute in meiner Muttersprache verfaßt, nun aber auf den Rat etlicher achtenswerter Männer ins Lateinische übersetzt, damit sie, wenn möglich, der Allgemeinheit von Nutzen sei“ (COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657, 13f.). Der Geist der Volksaufklärung wird dann bei GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ offenkundig. LEIBNIZ kritisiert zunächst die Auffassung einiger Gelehrter, dass deren „Weisheit nicht anders als in Latein und Griechisch sich kleiden lasse“, und deren Furcht, „es würde der welt ihre mit großen worthen geraffte geheime unwissenheit entdecket werden“ (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682/1846, 302). Im Weiteren fordert er den Gebrauch des Deutschen als Wissenschaftssprache, da der Gebrauch des Lateinischen zum einen die Weiterentwicklung der deutschen Gelehrsamkeit bremse, indem er von den eigentlichen Inhalten ablenke, und zum anderen die Aufklärung der Bevölkerung behindere, indem durch das Lateinische weiten Teilen der Bevölkerung Wissen und Bildung verschlossen blieben (ein Problem, zu dessen Überwindung in anderen Nationen bereits mehr geleistet worden sei; vgl. auch LEIBNIZ: Marii Nizolii de veris Principiis et vera Ratione Philosophandi, Frankfurt 1670, 14f.):

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In Teutschland aber hat man annoch dem latein und der kunst zuviel, der Muttersprach aber und der natur zu wenig zugeschrieben, welches denn sowohl bey den gelehrten als bey der Nation selbst eine schädiche würckung gehabt. Denn die gelehrten, indem sie fast nur gelehrten schreiben, sich offt zu sehr in unbrauchbaren dingen aufhalten; bey der ganzen nation aber ist geschehen, daß diejenigen, so kein latein gelernet, von der wißenschaft gleichsam ausgeschloßen worden, also bey uns ein gewißer geist und scharffsinnige gedancken, ein reiffes urtheil, eine zarthe empfindlichkeit deßen so wohl oder übel gefaßet, noch nicht unter den Leuten so gemein worden, als wohl bey den auslandern zu spüren, deren wohl ausgeübte Mutter-sprach wie ein rein polirtes glas gleichsam die scharffsichtigkeit des gemüths befordert und dem Verstand ein durchleuchtende clarheit giebt. (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682/1846, 302f.)

Während LEIBNIZ die meisten seiner Werke noch in lateinischer oder in französischer Sprache erscheinen lässt, zieht sein Schüler CHRISTIAN W OLFF zahlreiche Veröffentlichungen in deutscher Sprache vor. Als Grund hierfür gibt er insbesondere an, auch solche Personen erreichen zu wollen, die des Lateinischen nicht mächtig seien und nicht studiert hätten: Der gemeine Gebrauch entschuldiget nicht: eine Gewohnheit muß vernünfftig seyn und einen guten Grund vor sich haben, wenn man sich darnach achten soll. Uber dieses erforderte es mein Zweck, den ich mir vorgesetzet hatte, daß auch andere meine Schrifften lesen solten, die nicht studiret und niemahls lateinisch gelernet haben. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 26f.)

Einen nicht unbedeutenden Grund für die Wahl des Deutschen als Publikationssprache bildeten im Weiteren ein mangelndes Vermögen oder eine mangelnde Lust seiner eigenen Schüler, sich in lateinischer Sprache mit wissenschaftlichen Inhalten auseinanderzusetzen (vgl. auch oben): „Hingegen werden durch die lateinischen Kunst-Wörter andere abgeschreckt die Bücher zu lesen und sich daraus zu erbauen, die mit dem Latein entweder nicht können, oder nicht mögen zu thun haben“ (ebd., 27).

2.3.4 Wissenschaftssprachliche Eignung Die Forderung, neben dem Lateinischen oder anstelle dessen das Deutsche zu gebrauchen, unterstreichen zahlreiche Sprachdenker des Barock und der Aufklärung mit dem Hinweis, dass sämtliche Einzelsprachen als solche gleichermaßen dazu geeignet seien, wissenschaftliches Gedankengut zum Ausdruck zu bringen:

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Es ist zwar die Vernunft an keine gewisse Sprache gebunden: alle Zungen können verständige Gedanken ausreden / und were diesen zu nahe gesagt / daß man nur in Latein / Griechisch oder Hebräisch weiß / in Teutsch aber närrisch seyn sollte. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.)

Eine solche wissenschaftliche Äquivalenz einzelner Sprachen gelte insbesondere auch für deren Wortschatz: JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS stellt vor diesem Hintergrund zur Diskussion, ob „teutsche Kunstwörter nicht können eben so gründlich / vernemlich und wollautend ausdrükken und anzeigen das Ding / dessen Kunstmässige Wörter sie sind […] als die Griechische oder Lateinische“ (SCHOTTELIUS: Teutsche SprachKunst, Braunschweig 1651, 12). Und für GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER ist es nicht nachvollziehbar, dass man allein „auf Griechisch / Lateinisch / Welsch oder Frantzösisch verständig“ sein und sich gelehrt ausdrücken könne; denn dem Deutschen „ermangelt nicht ein Wort alles und jedes was man nur durchdenken kann / wolverständig auszureden“ (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27; vgl. PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672, 2). GEORG FRIEDRICH MEIER erklärt das Lateinische zu einer „gelehrten und philosophischen Sprache“ (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 36). Im Unterschied zu solchen Sprachdenkern, die europäische Hauptsprachen anhand von deren kultureller Bedeutsamkeit ausmachen (beispielsweise BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674; vgl. oben), möchte er jedoch diese Charakterisierung allein anhand einer Evaluation einzelsprachlicher Merkmale vornehmen. Es sei „lächerlich“, bei dem Ausdruck „gelehrte Sprache“ nur „an die lateinische und griechische Sprache“ zu denken, da nicht allein derjenige „gelehrt heissen könnte, wer nicht eine von diesen beyden Sprachen, oder beyde zugleich, in seiner Gewalt hat“; vielmehr müsse untersucht werden, ob diese beiden klassischen Sprachen überhaupt „alle diejenigen Vollkommenheiten in dem gehörigen Grade besitzen, um derenwillen eine Sprache, den Namen einer gelehrten und philosophischen Sprache, verdient“ (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 36f.). Im Weiteren fordert MEIER daher eine Prüfung struktureller Merkmale einzelner Sprachen hinsichtlich ihrer Tauglichkeit im wissenschaftlichen Bereich: Wer den ganzen Streit, über die Nothwendigkeit der griechischen und lateinischen Sprache zur wahren Gelehrsamkeit vernünftig entscheiden will, der muß einen deutlichen und vollkommenen Begrif von den mannigfaltigen Vollkommenheiten einer gelehrten Sprache haben, und alsdenn untersuchen, ob diese genannten Sprachen nicht nur diese Vollkommenheiten haben, sondern ob auch andere Sprachen mit eben diesen Vollkommenheiten ausgeschmückt sind, oder ob die es nicht sind. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 37f.)

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Eine solche Evaluation einzelsprachlicher Merkmale dürfe indessen nicht mit der Prüfung sprachlicher Kompetenz von einzelnen Personen verwechselt werden: Wer eine Sprache nicht recht gelernt hat, und wer keine recht vollkommene Fertigkeit in dem gebrauche derselben, durch seinen Fleiß, erlangt hat, in Absicht auf denselben ist die allervollkommenste Sprache sehr unvollkommen, aber durch seine eigene Schuld (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 38).

Dessen ungeachtet gesteht jedoch auch MEIER ein, dass es diverse wissenschaftliche Disziplinen gebe, die nicht ohne Latein – aufgrund seiner (sprachlichen) Geschichte – sinnvoll studiert werden können: Es giebt manche Theile der Gelehrsamkeit, welche schlechterdings nicht gehörig erlernt werden können, wenn man die griechische und lateinische Sprache nicht in seiner Gewalt hat; hierzu zählt er das römische Recht sowie die griechische und römische Historie. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 79f.)

Im Rahmen eines solchen Ansatzes erfahren dann das Lateinische und das Deutsche, die (wie bereits angedeutet) durchaus als wissenschaftssprachlich äquivalent angesehen werden, eine genauere Untersuchung. Und so beschäftigt sich GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ mit dem Verhältnis von Konkreta und Abstrakta und kommt dabei zu der Einschätzung, dass der Wortschatz des Lateinischen mehr Abstrakta und derjenige des Deutschen mehr Konkreta aufweise. Vor diesem Hintergrund eigne sich das Lateinische eher als Fachsprache theoretischer, das Deutsche dagegen als Fachsprache diverser angewandter Wissenschaften und technischer Disziplinen: Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch gebracht in allen dem, so mit den fünff Sinnen zu begreiffen, und auch dem gemeinen Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und Handwercks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauff überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genandten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel) von Ertz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede als die Teutsche. Dergleichen kann man von allen andern gemeinen Lebens-Arten und Professionen sagen, als von Jagt- und Wäid-Werck, von der Schiffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer so auffm grossen Welt-Meer fahren, die Nahmen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und Niedrländern entlehnet. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 330)

Auch BODMER und BREITINGER weisen auf lexikalische Defizite des Deutschen im wissenschaftlichen Bereich hin, da im deutschsprachigen Raum

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eher das Lateinische als das Deutsche als Wissenschaftssprache Verwendung finde: Daß uns in der Deutschen Sprache noch viele Begriffe ausbleiben / die keine eigene Nahmen haben / geschicht aus keiner andern Ursache / als weil Deutschlands sinnreichste Köpffe bisher lieber in der Lateinischen als in ihrer Mutter-Sprache geschrieben haben. (BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Erster Theil, Zürich 1721-1723, 4)

Als Lösung des Problems empfehlen die beiden Schweizer nach dem Vorbild Frankreichs Entlehnungen aus dem Lateinischen und Griechischen: „Die Frantzosen haben sich dieser Erlaubniß neue Wörter zumachen allezeit bedienet / und so wol aus der Deutschen und Griechischen / als sonderbar aus der Lateinischen die schönsten Wörter angenommen“ (ebd.). Die lexikalischen Unterschiede zwischen dem Lateinischen und Deutschen stellen für GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ letztlich ein gutes Kriterium dar, wissenschaftliche Thesen und Argumente, die in lateinischer Sprache verfasst sind, zu überprüfen: Sind diese auch auf Deutsch gut wiederzugeben, seien sie ernstzunehmen; ist dies dagegen nicht der Fall, seien sie als scholastisch zu verwerfen. Eine solche Sprachprüfung lateinischer Texte sei anhand romanischer Sprachen weitaus weniger sinnvoll, da diese mit dem Lateinischen näher verwandt seien und daher inhaltliche Defizite lateinischer Texte sprachlich eher wieder- und weitergeben könnten (vgl. auch LEIBNIZ: Marii Nizolii de veris Principiis et vera Ratione Philosophandi, Frankfurt 1670, 13): Es hat die deutsche Sprache darin einen trefflichen Vorzug vor der lateinischen und vor denen, die aus der lateinischen entsprossen, daß sie gleichsam ein Probierstein ist rechtschaffener guter Gedanken. Denn den Franzosen, Italienern und Engländern, weil sie die Freiheit haben, lateinische Worte ihres Gefallens einzumischen, ist es leicht, alle Schulgrillen und undienlichen Phantasien der Philosophen in ihrer Sprache zu geben. Hingegen, weil die deutsche Sprache dessen ungewohnt, daher kommt es, daß die Gedanken, die man mit gutem, reinen Deutsch geben kann, auch gründlich sind, was aber sich nicht in gutem Deutsch geben läßt, besteht gemeiniglich in leeren Worten und gehört zu der Scholastik. (LEIBNIZ: Eine deutschliebende Genossenschaft, o.O. um 1671/1697, 58)

Die lateinische Grammatik findet hinsichtlich ihrer wissenschaftssprachlichen Eignung unterschiedliche Beurteilungen. JOHANN DAVID MICHAELIS weist auf die geringe Kompositionsneigung im Lateinischen hin. Aus diesem Grunde sei es weniger zur wissenschaftlichen Kommunikation geeignet als etwa das Griechische (oder auch das Deutsche), selbst wenn es sich inzwischen aus historischen Gründen als internationale Wissenschaftssprache zu etablieren vermocht habe:

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Es wäre weit glücklicher, wenn das Loos die Griechische Sprache getroffen hätte, bey der doch die Lateinische in der Medicin und Natur borgen muß, und dabey allen dunckel ist, die kein Griechisch verstehen. Die Biegsamkeit des Griechischen in viel tausend neue Zusammensetzungen der Wörter, würde ein Vortheil gewesen seyn, den man anderwärts vergeblich suchet. Große Gelehrten haben es erkannt: allein es ist zu spät, das Loos ist geworfen, ehe man im Stande war zu wählen, und wir sind gezwungen seiner Entscheidung zu folgen. (MICHAELIS: Einfluß der Meinungen in die Sprache, Berlin 1760, 74)

Dagegen diskutiert JOHANN GOTTFRIED HERDER ein syntaktisches Merkmal, das bei dem Gebrauch einer Wissenschaftssprache von großer Bedeutung sei, nämlich das Fehlen von Inversionen: „Betrachtet eine Philosophische Sprache: wäre sie von einem Philosophen erdacht: so hübe sie alle Inversionen auf“ (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente, o.O. 1767, 191). Da lateinische Texte (aufgrund ihrer relativ freien Wortstellung) verhältnismäßig wenige Inversionen aufweisen, zeige die lateinische Sprache eine große Eignung, als Wissenschaftssprache Verwendung zu finden; und so rät HERDER: Nehmt die, die am meisten zur Weltweisheit gebraucht wird, die Lateinische, nehmt sie, wie sie in den Büchern der Weltweisheit ist, wenn sie Lehrsäzze und trockene Beweise vorträgt: wie ist sie? Ohne Inversionen meistentheils. (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente, o.O. 1767, 191)

Die Unterschiede zwischen der lateinischen und der deutschen Grammatik sind mit Grund dafür, dass die grammatische Terminologie des Lateinischen nicht als adäquat angesehen wird, die Grammatik der deutschen Sprache zu beschreiben. Im fiktionalen Text der „Gelehrtenrepublik“ weist KLOPSTOCK daher darauf hin, dass eine Grammatik der deutschen Sprache nicht allein mit (tradierter) lateinischer Terminologie auskomme, da zum einen die lateinische Grammatikschreibung selbst noch nicht vollständig sei und zum anderen die Grammatik der deutschen Sprache nicht in vollem Umfange derjenigen der lateinischen Sprache entspreche: Es sei klar, „daß eine deutsche Grammatik, in welcher die fremden Kunstwörter gebraucht würden, dennoch nicht ganz ohne deutsche seyn könnte“ (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 123). Die Begründung lautet wie folgt: Denn fürs erste haben diese alten Grammatiker verschiedenes nicht untersucht, was sie hätten untersuchen sollten; man müste also noch einige Kunstwörter mehr haben, als man bey ihnen antrift: fürs zweyte erfodert das Eigentümliche unserer Sprache einige, die in den lateinischen Grammatiken nicht vorkommen konten. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 123f.)

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Hinzu kommt laut KLOPSTOCK, dass innerhalb grammatischer Darstellungen und Untersuchungen des Deutschen im besten Falle ausschließlich deutschsprachige Termini verwendet würden. Denn die lateinische Terminologie sei aus der lateinischen Grammatikschreibung bekannt und präge somit die Einschätzung grammatischer Erscheinungen im Deutschen, während deutschsprachige Termini aus der vom Lateinischen unabhängigen Grammatikschreibung einen sprachwissenschaftlich vorbehaltlosen (und zudem sprachlich einfacheren) Zugang zur deutschen Grammatik erlaubten: Diejenigen, denen die fremden Kunstwörter durch lange Angewöhnung geläufig sind, können von dieser Sache nicht unpartheyisch urtheilen, wenn sie sich nicht an die Stelle derer setzen, welche diese Kunstwörter nun erst in spätern Jahren, und ohne die geringste Kentnis des Lateins, viel mühsamer lernen müsten, als sie dieselben in früheren, mit dem Lateine zugleich, gelernt haben. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 123f.)

2.4 Entlehnung und Purismus Im Verlauf der deutschen Sprachgeschichte wurden bis in das 17. Jh. wiederholt zahlreiche lexikalische Einheiten und grammatische Erscheinungen aus dem Lateinischen in die deutsche Sprache entlehnt (so während der römischen Besatzung in der Antike, im Zuge der Christianisierung im frühen Mittelalter und mit der Renaissance und dem Humanismus in der frühen Neuzeit). Für die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung stellen diese Entlehnungen einen wichtigen Gegenstand der Betrachtung dar. Solche Auseinandersetzungen mit lateinischen Entlehnungen zeigen insbesondere im 17. Jh. nur selten einen neutral beschreibenden, sondern meist einen negativ wertenden Charakter; im 18. Jh. sind demgegenüber wiederholt positive Wertungen sowie Überlegungen zu einem angemessenen Gebrauch lateinischer Entlehnungen zu finden. Im Folgenden wird zunächst der eher puristischen Diskussion des Barock und der Aufklärung um Zustimmung oder Ablehnung bzw. Gestaltung oder Vermeidung lateinischer Entlehnungen im Deutschen nachgegangen; im Anschluss hieran werden eher linguistische Überlegungen dieser Zeit zu Entlehnungen auf verschiedenen sprachlichen Beschreibungsebenen und in verschiedenen kommunikativen Bereichen, insbesondere im wissenschaftlichen und fachlichen Bereich, betrachtet. Diese Reihenfolge spiegelt die Verlagerung des thematischen Schwerpunkts im sprachreflexiven Diskurs von primär evaluierendem Sprachdenken in der Barockzeit zu primär objektivierendem Sprachdenken in der Zeit der Aufklärung wider.

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2.4.1 Kritik an lateinischen Entlehnungen Entlehnungen aus dem Lateinischen innerhalb von deutschsprachigen Texten sind vor allem im Barock, daneben aber auch in der Aufklärung, wiederholt Gegenstand von zum Teil heftiger Kritik. Diese Kritik bezieht sich im Wesentlichen auf lexikalische Entlehnungen und wird mit einer ganzen Reihe an Argumenten begründet; die teils patriotischer, teils pragmatischer und teils struktureller Natur sind. Laut KASPAR STIELER sind es vor allem „Griechisch / Lateinisch oder Französisch“, aus denen im Deutschen entlehnt werde; diesen Umstand empfindet er als „Schmach“, und es sei „undankbar und unerkentlich gegen Gott / unser Vaterland und uns selbsten seyn / daß wir fremden Dreck (mit Ehren zumelden) auflesen / und mit unsern köstlichen Perlen vermengen“ (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681). Hier ist es also letztlich eine sprachpatriotische Haltung, die zu einer Ablehnung fremdsprachiger Einheiten innerhalb des Deutschen führt. Bereits in der Mitte des 17. Jh.s sieht CHRISTOF SCHORER lateinische Entlehnungen in deutschen Texten von so beträchtlichem Ausmaß, dass er die Verständlichkeit der betreffenden Texte gefährdet sieht: Ein „einfältiger teutscher Mann“ sei kaum mehr in der Lage, „das halbe Theil“ einer Zeitung zu verstehen; es sei erforderlich, dass „er zween Männer bey sich stehen habe / auff der rechten Seiten einen Frantzosen / auff der Lincken / einen Lateiner / welche die frembde Wörter ihme auslegten“ (SCHORER: Teutscher SprachVerderber, o.O. 1643, 40). Im Falle einer Beibehaltung von Entlehnungen aus dem Lateinischen würden diese nach und nach in das deutsche Sprachsystem integriert. Die deutsche Sprache drohe auf diese Weise erheblich an Reinheit oder Ursprünglichkeit einzubüßen, sodass sie ihren Status einer Hauptsprache verlöre: Wenn man die heut zu tag gebräuchliche lateinische Wörter stätigs also fort pflantzet / so werden sie endlich der teutschen Sprache anhängig gemachet / vnd können nimmermehr darvon abgesondert werden / daß also die teutsche herzliche Sprach ihre Lauterkeit verlieret / vnd eine Haupt-Sprach zu seyn auffhöret. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 29f.)

Aber auch noch um die Mitte des 18. Jh.s kann JOHANN GOTTHELF LINDfeststellen, dass „fremde ausländische Wörter (barbarismi)“ aus dem Französischen und Lateinischen die deutschsprachigen Texte „unverständlich“ machten; dabei seien das Französische letztlich „nicht nöthig“ und das Latein der Wissenschaftssprache vorbehalten, sodass es „Gelehrten und NER

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noch eher Pedanten“ zuzugestehen sei (LINDNER: Anweisung zur guten Schreibart überhaupt, Königsberg 1755, 16f.). Eine weitere Kritik an Entlehnungen aus dem Lateinischen betrifft solche, die aus Geltungsbedürfnis gewählt würden. So wirft bereits CHRISTOF ARNOLD denjenigen Literaten, die aus dem Lateinischen entlehnen, vor, dass sie es als „grosse Kunst schetzen / wann sie Lumpenlatein miteinflikken“ (ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649, 28). Über ein Jahrhundert darauf schreibt IGNAZ W EITENAUER assimilierten Entlehnungen aus dem Französischen und Lateinischen dem Bedürfnis einiger Literaten zu, mit fremdsprachlichen Kenntnissen Eindruck schinden zu wollen: Noch eine bewährte Kunst, seine Belesenheit oder Erfahrenheit in Sprachen an den Tag zu legen, besteht in dem, daß man von der Zeit zu Zeit mit lateinischen, französischen, und andern Brocken um sich werfe, und ihnen zur Gnade einen deutschen Ausgang hintenan mache. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772,85)

Im Anschluss hieran zieht W EITENAUER dieses Verfahren ins Lächerliche: Man schreibt z. E. Mentionierte 300fl. sollen auf den angesetzten Termin der militarischen Cassa getreulich restituiret werden. Oder: Dem Venetianischen Legaten ist Audienz ertheilet worden. u. dgl. m. Diese Wörter sehen beynahe aus, wie die poetischen Meerwunder, welche Neptuns Wagen ziehen, und aus Pferden zu Fischen werden. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 85f.)

Im Zusammenhang mit der Kritik an flexionsmorphologisch assimilierten Lehnwörtern aus dem Lateinischen sei hier auch ein Einzelbeleg genannt, in welchem Kritik an grammatischer Entlehnung der Kasusrektion von Präpositionen geübt wird: „Endlich verstoßen auch diejenigen wider die Deutlichkeit, so im Teutschen den Casum nach denen Lateinischen Particuln eingerichtet wissen wollen“ (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen SchreibArt, Leipzig 1747, 28; vgl. zur Kritik an der Assimilation der Schreibung von lateinischen Fremdwörtern im Deutschen: DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 365). Eine ganz andere Begründung für den Gebrauch lateinischer Wörter im Deutschen macht JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS in Urteilen von ausländischen Sprachgelehrten aus. Diese würden eine Armut des Wortschatzes annehmen und in der deutschen Sprache lediglich einen geringen Anteil eigener Stammwörter ausmachen, sodass das Deutsche auf lexikalische Entlehnungen aus anderen Sprachen angewiesen sei: „Die Teutsche Sprache hette um ein tausent Wörter in sich / derer acht hundert von Griechen / Hebreern und Lateinern erbettelt / und ungerfehr zwey hundert grobe Teutsche Wörter da-

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selbst verhanden weren“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663). Einer solchen Sichtweise setzen Sprachgelehrte des 17. und 18. Jh.s entgegen, dass zahlreiche Entlehnungen aus dem Lateinischen aufgrund des lexikalischen Reichtums im Deutschen (vgl. dazu unten) nicht erforderlich seien. So kritisiert JOHANN CHRISTOPH ADELUNG noch gegen Ende des 18. Jh.s lexikalische Entlehnungen aus dem Lateinischen: Der „deutsche Styl“ erhalte mitunter ein „ungeheures halb-Lateinisches Ansehen, sofern er mit einer Menge unnöthiger Lateinischer Wörter bis zum Ekel überladen werde, wo unter hundert kaum eines den Nahmen eines Kunstwortes verdient“ (ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 77f.; vgl. ebd., 80). Ein weiteres Argument deutscher Sprachdenker des 17. Jh.s gegen Entlehnungen aus dem Lateinischen im Deutschen besteht in der Behauptung, dass bereits das Lateinische der Antike aus dem Deutschen entlehnt habe (dabei ist davon auszugehen, dass hier unter der Sprachbezeichnung Deutsch die Sprache derjenigen Völker Kleinasiens verstanden wird, die im Zuge der Völkerwanderung den europäischen Kontinent besiedelten). Das ältere (also vorantike) Deutsche sei hiernach dem jüngeren (antiken und nachantiken) Lateinischen vorzuziehen und bedürfe daher auch in der Gegenwart des 17. und 18. Jh.s keiner lateinischen Lehnwörter. Bei PHILIPP VON ZESEN heißt es zu deutschen Entlehnungen im Lateinischen: Daß aber selbige aus dem Lateinischen oder Griechischen entsprungen / werden die jenigen verneinen / die da bezeugen / daß die Deutsche Spraache eher im schwange gewesen alß die Griechische und Lateinische und werden vielmehr bejahen / daß die Lateiner und Griechen selbige Wörter von den Alten Deutschen und teils von den Hebräern entlehnet. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-übung, Hamburg 1643, 20f.)

Einige Beispiele hierfür werden bei JOHANN HEINRICH SCHILL angegeben: Daß aber die Lateiner auch der Teutschen Wörter gebrauchen / vnd in ihre Sprache eingeführet haben / erhellet auß nachfolgenden Exempeln; als Axis heist bey dem Teutschen ein Aks an dem Wagen / Ager ein Acker / Anchora ein Ancker / octo acht / Butyrum Butter / Barba, Bart. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 214)

Solch wilde Etymologien werden von Sprachdenkern des 18. Jh.s in der Regel abgelehnt. Bereits FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER spricht sich gegen diese aus und nennt einige abenteuerlich anmutende Methoden lexikalischer Stammsuche:

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Bey der Untersuchung des Stammes eines Wortes wird vielfältig gefehlet. Einige wollen alle teutsche Wörter aus fremden Sprachen herholen, z. E. aus der Hebräischen, Chaldäischen, Griechischen, Lateinischen, &c. andere erdichten Stamm-Wörter, die nie in der Welt gewesen: andere wollen offenbar fremde, und in neuern Zeiten eingeführte Wörter, zu alten und guten teutschen Wörtern machen: andere haben keinen andern Grund ihrer Ableitung, als eine blosse Allusion und Wortspiel: andere sind gar zu mühsam, und pflegen wol die kürzesten Stamm-Wörter noch von andern herzuleiten. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 74)

2.4.2 Puristische Forderungen Der wiederholten Kritik an Entlehnungen aus dem Lateinischen entsprechen zahlreiche Belege, in denen eine sprachpuristische Forderung nach Vermeidung lateinischer Ausdrücke im Deutschen laut wird. Als Gründe für eine solche puristische Haltung werden Wortschatzreichtum und Kompositionsneigung im Deutschen sowie patriotische und ästhetische Gesichtspunkte ins Feld geführt. Eine verhältnismäßig neutrale Formulierung dieser Forderung nach sprachlicher Reinheit findet GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ: Die Lateinische, Frantzösische, Italiänische und Spanische Worte belangend (dann vor der Griechischen haben wir uns nicht zu fürchten) so gehöret die Frage, ob und wie weit deren Einbürgerung thunlich und rathsam, zu dem Punct von Reinigkeit der Sprache, dann darin suchet man eben zum Theil die Reinigkeit des Teutschen, dass es von dem überflüssigen fremden mischmasch gesäubert werde. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 347)

Noch JOHANN CHRISTOPH ADELUNG äußert sich gegen Ende des 18. Jh.s kritisch gegenüber einem „Mischmasch Lateinischer Brocken, da man in tausend Fällen den verlangten begriff viel reiner und verständlicher Deutsch ausdrucken kann“ (ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 82). – Neben Reinheit werden auch sprachliche Zierlichkeit und Nachdrücklichkeit als Kriterien für die Entlehnung lateinischer Lexik im Deutschen herangezogen. So formuliert CHRISTIAN FRIEDRICH HUNOLD: Lateinische und französische Entlehnungen „aus eingebildeter Zierlichkeit“ gefährdeten letztlich den „Nachdruck“ deutschsprachiger Ausdrücke (HUNOLD: Einleitung zur Teutschen Oratorie, Halle/Leipzig 1715, 9). Dieser Forderung nach sprachlicher Reinheit und Nachdrücklichkeit wird von einigen Sprachdenkern mit einer starken Metaphorik Nachdruck verliehen. So wird bei TOBIAS SCHRÖDTER mit einer metaphorischen Aufwertung

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deutscher Wörter als Goldstücke oder Edelsteine der Purismus gegenüber lateinischer Lexik unterstützt: So laß ich auch billich in denen zierlich Deutschen Briefen / unserer Wort-mächtigsten / Gold- und Edelgestein-wichtigen hochdeutschen Muttersprache die schuldige Ehre alleine: und menge keines weges nach Vaganten und Schulmeister Art / die Lateinischen Wörter ohne Nothzwang mit unter. (SCHRÖDTER: Brieff-Schräncklein, Leipzig 1678, 2)

Bei CHRISTOPH SCHORER wird die Forderung nach lexikalischem Purismus insofern relativiert, als dieser ausdrücklich auf fachsprachliche Lexik aus dem Lateinischen hinweist, für den es keine Entsprechungen im deutschen Wortschatz gebe. SCHORER stellt zunächst fest, „dass insonderheit diese Künsten vnd Wissenschafften / welche vns von den Lateinern seyn in ihrer Sprach überlassen worden / solche Wörter zeigten, welche wir nicht mit einem oder ander andern Wörtern teutsch geben können“ (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 32f.). Doch im Anschluss hieran schränkt er diese These wiederum ein, indem er behauptet, dass „der meiste Theil seyn gar wol vnd füglich in vnser teutsch zu übersetzen“ und „solle man sich mit allem Fleiß dahin bearbeiten / daß man alle frembde Wörter / wo müglich in das teutsche übersetze / damit sie nicht in teutscher Sprach verbleiben / dieselbe verfälschen / vnd auch ander Unheyl erwecken“ (ebd., 33; vgl. DERS.: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648, 49f.). Während bei SCHORER wie bei den meisten Autoren des Barock und der Aufklärung Purismus gegenüber lateinischer Lexik gefordert wird, ist es in einem Beleg aus den „Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache“ ein solcher gegenüber ganzen Phrasen. Dabei spielen wiederum ästhetische Erwägungen eine Rolle, nach denen die Schönheit der deutschen Sprache nicht durch fremdes Wortgut gefährdet oder entstellt werden dürfe: Dergestalt sollen aus deutschen Schriften, die man für Muster der deutschen Schönheit ausgiebt, alle Redensarten der Ausländer verbannet seyn. Folglich giebt man zu erkennen, daß man sich in der Schönheit der deutschen Sprache nicht befleißige, wenn man in Briefen, in geschriebenen Büchern, in Unterredungen, in Reden und Predigten, da man sich der deutschen Sprache bedienen will, von den Lateinern, Frantzosen, und andern Völkern Verknüpfungen der Wörter entlehnet, ohne daß man von der höchsten Noth und dem augenscheinlichen Mangel der Wörter dazu gedrungen wird. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 60f.)

Ein wichtiges Mittel, Entlehnungen aus dem Lateinischen und auch aus anderen Sprachen zu vermeiden und damit eine solche puristische Haltung durchzusetzen, sehen die deutschen Sprachdenker insbesondere in der Wortbildung: „Keine lebende sprache in der welt ist zum zusammensezen so ge-

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schikt, als di deutsche, und dises ist eine unerschöpfliche gwelle ihres reichtumes“ (HEMMER: Kern der deütschen Sprachkunst und Rechtschreibung, Mannheim 1780, 7). Das Deutsche verfüge also über eine derart große Wortbildungsproduktivität, sodass fremdsprachige und insbesondere auch lateinische wie französische Wörter ausgesprochen leicht durch deutschsprachige Bildungen zu ersetzen seien: Es ist daher denjenigen nicht zu ferzeien, di so file lateinische, französische, oder andere fremde wörder mit einmischen. Denn alle diese fremdlinge one ausname lassen sich durch di zusammensezung gewiß gut und schön ferdeütschen, wenn sich kein einfaches wort für si finden sollte. (HEMMER: Kern der deütschen Sprachkunst und Rechtschreibung, Mannheim 1780, 7)

2.4.3 Lateinischer Purismus als Vorbild Die Kritik an Entlehnungen aus dem Lateinischen und die Forderung nach Purismus gegenüber lateinischen Wörtern und Phrasen wird in der Sprachreflexion des 17. und 18. Jh.s oft mit dem Vorbild der Antike selbst begründet. So hätten die Römer selbst keine Fremdwörter aus dem Griechischen entlehnt und auf diese Weise ihre Sprache gegenüber fremdem Wortgut frei bzw. rein erhalten. Hinweise auf Entlehnungen im Lateinischen aus dem Griechischen sind im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung wiederholt zu finden. Besonders deutlich äußert sich hier CHRISTIAN GARVE, der den Höhepunkt solcher Entlehnungen zur Zeit der klassischen Antike ansetzt: „Die lateinische Sprache hat griechische Wörter in großer Menge aufgenommen, und nie mehr, als da sie am meisten ausgebildet war“ (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 326). Den Grund sieht er in der intensiven Auseinandersetzung der Römer mit anderen Kulturen: „Es ist auch beynahe unvermeidlich, daß eine Nation, die von einer andern lernt, und aus deren Schriften ihren Ideenfonds bereichert, auch aus der Sprache derselben Wörter zur Bezeichnung der neuen Ideen annehme“ (ebd.; vgl. ebd., 327). Dem Eindruck von DANIEL GEORG MORHOF nach werden darüber hinaus „Redensarten“ aus dem Griechischen von den Römern im Rahmen von Übersetzungen mit großer Behutsamkeit entlehnt; er schreibt: Weil auch eine jede Sprache ihre sonderliche Eigenschafft in den translatis hat / oder auch bißweilen etwas mit andern gemein / so muß man insonderheit hierauff mercken / da man deren etwas per Analogiam aus einer frembden Sprache in die Teutsche übernehmen kann / welches aber mit grosser Bescheidenheit geschehen muß. Wir können

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dieses bey den Lateinischen Poeten sehen / welche dergleichen Redensarten den Griechen so artig abstehlen können / daß mans kaum gewahr wird / wenn mans nicht recht genaue betrachtet. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 318)

Der Entlehnung griechischer Lexik und Phrasen werde nun von den Römern mit puristischen Bestrebungen begegnet. Solch lateinischer Sprachpurismus könne für den deutschen Sprachraum zu Zeiten des Barock und der Aufklärung als Vorbild dienen. Diese Vorstellung zeigt sich zum Beispiel in den folgenden Belegen aus der Mitte des 17. Jh.s, die einige bemerkenswerte Nuancierungen erkennen lassen: –

CHRISTOPH SCHORER fordert recht vehement einen deutschen Sprachpurismus und nennt als Vorbild hierfür den Gebrauch der antiken Sprachen Griechisch und Latein: Ich wünsche von Hertzen / daß doch die Teutschen einmal die Augen auffthun / ihren vnverantwortlichen heßlichen Fehler in verderbung der alten redlichen vnd herrlichen teutschen Sprach erkennen / vnd vielmehr solche pflantzen vnd bawen / damit sie rein vnd lauter auf vnsere Nachkommene kommen möge / vnd sie nicht über vns vor Verderber vnnd Stümpler der reinen teutschen Sprach außschreyen vnd außruffen müssen / welches vns dann ein ewiger Spott vnd Schand were / weil ohne daß wir sehen / daß bey nahe alle Länder vnd Völcker jederzeit sich beflissen / wo es müglich / jhre Sprache rein vnd lauter auff die Nachkommene fortzusetzen, Welches insonderheit die Griechen vnd Lateiner wol in acht genommen. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 44f.)



Bei JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS heißt es demgegenüber ein wenig nüchterner und eher pragmatisch: Es ist zwar jedem vergönt zu parliren und zu concipiren etwas nach seinem humor und alomodo manier, aber deswegen muß nicht verboten seyn / unsere so hochherrliche / reiche / reine Teutsche Sprache aus den Quellen und Grunden der Teutschen Sprache / wie die Griechen die Griechische Sprache aus der Griechischen / die Lateiner die Lateinische Sprache aus der Lateinischen erhoben und ausgeübt / auch zuerheben und auszuüben. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 144; vgl. ebd., 146)



Lateinischer Sprachpurismus habe laut JOHANN KLAJ insbesondere innerhalb des öffentlichen Sprachgebrauchs gegolten und sei hierin dem reinen Gebrauch der deutschen Sprache in Vorzeiten vergleichbar: Gleichwie die Römer zu ihrem Wolstand allein die Lateinische Sprache geführet / und ihrem Ansehen und Hochheit verkleinerlich ermessen / so jemand in offenen Schrifften

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auß der Griechischen Sprache ein einiges Wort eingemischet / Gleichergestalt haben die alten Teutschen vor unziemlich erachtet / wann man in Schrifften / so vor Obrikeiten oder vor Gerichten ausgefertiget / Latein eingemischt / die allgemeine Sprach mit fremden Wörtern verbrämet / und nicht Teutsch und verständlich gehandelt. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 24f.)



In einem fiktiven Dialog lässt PHILIPP VON ZESEN den Deutschlieb fordern: Sollen wier kein Lateinisches / Griechisches oder Hebräisches / da diese doch die übrigen drey haupt- und grund-spraachen seyn / mit einmischen / vielweniger können wier gestatten / daß aus den andern Neben- oder unter-spraachen ein und das ander wort so vermässentlich in unsere allervollkommenste Haupt- und grund-spraache eingeflikt werde. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 37)



Als Vorbild für diesen Purismus wird wiederum der Sprachgebrauch der Römer selbst angeführt: „Wier sollen hierinnen billich den Lateinern nachahmen / oder vielmehr zuvor kommen / welche sich vor fremden wörtern so sehr und so lange gehütet / alß es ihnen müglich gewesen“ (ebd.). Eine besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang CARL GUSTAV VON HILLE, der sich nicht auf den Purismus hinsichtlich des klassischen Lateins, sondern auf die Feststellung eines neulateinischen Purismus seiner eigenen Zeit beruft und diesen zum Vorbild für einen reinen Gebrauch des Deutschen macht: Einmal sind wir Teutsche schuldig über unseres Vaterlandes / und unserer Sprache Freyheit zu halten / selbe zu lieben / zu ehren / und eussersten Vermögens zu handhaben. Wir verachten aber hierdurch keineswegs andere fremde Sprachen / sondern bejaen allein / daß selbe mit der unsern nicht zu vermischen / und jede absonderlich in gebürlichem Gebrauch zu halten seye: aller massen niemand das Frantzösische oder Spanische unter das Latein vermischet. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 78)



Neutral hinsichtlich des Alt-, Mittel- und Neulateins nimmt sich schließlich CHRISTOPH SCHORER aus: Es geschicht selten oder niemahln / daß die Lateiner teutsche oder andere frembde wörter / wann sie lateinische haben können / einnehmen. Aber die Teutschen gebrauchen sich allerley frembder Wörter / da Sie doch keinen Mangel in ihrer Sprache haben. Es ist fürwar eine grosse Schand dem Teutschland / daß es seine herrliche Sprache also verliederlichet / ja gar vergisset / vnd hingegen frembde Wörter einflicket. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 31; vgl. ders.: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648, 47f.)

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2.4.4 Purismuskritik Neben den zahlreichen puristischen Forderungen werden im Barock und in der Aufklärung immer wieder auch Stimmen laut, welche die Vermeidung lateinischer Wörter oder Phrasen im Deutschen nicht unterstützen bzw. ablehnen, sondern (bis zu einem gewissen Grade) befürworten. Wichtige Gesichtspunkte der Diskussion bilden dabei wiederum Natürlichkeit, Gebräuchlichkeit und Verständlichkeit des Wortgebrauchs, darüber hinaus aber auch die Entwicklung einer deutschen Wissenschaftssprache und das Bewusstsein einer gemeinsamen europäischen Identität. Eine purismusfeindliche Haltung findet sich durchaus bereits im 17. Jh.: So lehnt etwa JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS einen Sprachpurismus gegenüber dem Lateinischen und anderen Sprachen ab und charakterisiert entsprechende Forderungen als albern: Es sei festzustellen, „daß viele einer gar albernen Meinung seyn / alles was in Teutscher Sprache mit dem Griechischen / Lateinischen / Hebraischen / auch wol mit dem Frantzösischen nur eine adsonantiam quasidam habe / müsse ausgemustert und unteutsch seyn“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1245). Puristische Forderungen entsprächen also nicht der Natur der Sprache und zeugten letztlich von einer sachlichen Inkompetenz ihrer Vertreter: Sie liefen „klar wider das Geschichtwesen / auch wider die Ankunft und Natur der Sprache selbst und rührten aus einer unkündigkeit oder aus voreingebildetem Wahne / oder aus eigensinnigkeit doch recht zuhaben / eigentlich her“ (ebd., 1245). Auch GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ stellt angesichts der puristischen Diskussion fest, dass Entlehnungen aus dem Lateinischen oder Französischen im Deutschen eine historische Selbstverständlichkeit seien. Hier erscheint also weniger Natürlichkeit als vielmehr Gebräuchlichkeit als Kriterium, Entlehnungen nicht zu vermeiden: Es haben unsere Vorfahren kein Bedencken gehabt, solch Bürgerrecht zu geben. Wer siehet nicht, dass Fenster vom Lateinischen Fenestra? und wer Frantzösisch verstehet, kann nicht zweiffeln, dass ebentheuer, so bey uns schon sehr alt, von Avanture herkomme, dergleichen Exempel sehr viel anzutreffen, so dieses Vorhaben rechtfertigen können. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 352)

In diesem Sinne ist bei JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED zu lesen: Unter die üblichen Wörter möchte mancher auch wohl die ausländischen, sonderlich lateinischen und französischen rechnen wollen: weil nämlich nichts gewöhnlicher ist, als

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dieselben mit in unsere Sprache zu mischen, wenn wir reden. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 289)

Hinweise auf die Gebräuchlichkeit lateinischer Entlehnungen im Deutschen finden sich durchaus auch bereits im Sprachdenken des 17. Jh.s. Bei W OLFGANG RATKE wird eine solche Gebräuchlichkeit aber auch mit einer Mäßigung im Gebrauch von Lehnwortschatz verknüpft. Es sei in angemessenem Rahmen durchaus sinnvoll, Wörter aus dem Lateinischen oder auch aus anderen Sprachen in das Deutsche zu entlehnen; es sei „nicht gänzlich zu verwerfen, daß man unterweilen aus einer und der andern Sprache ein Zeichen oder Wort nimmet und gleichsam entlehnet (als wenn deutsch geredet wird, da pflegt man sich unterweilen bald lateinischer, französischer, bald italienischer, spanischer und anderen fremder Wort zu gebrauchen)“, es solle jedoch „in solcher nunmehr tief eingerissenen Gewohnheit eine Maß gehalten werden“ (RATKE: Verstehungslehrartlehr, o.O. 1619, 376). Als Kriterien für eine angemessene Entlehnung nennt RATKE im Weiteren: der Mangel an bestehenden Bezeichnungen für neue Gegenstände im Deutschen, ein besserer Klang der entsprechenden Lehnwörter und eine ökonomische Ausdrucksweise (vgl. ebd.). Gebräuchlichkeit und Mäßigung sind auch bei CHRISTIAN GUEINTZ miteinander verbunden: CICERO selbst habe Kunstwörter aus dem Griechischen „verlateinert; was sei dan strafwürdiger / dergleichen fleis in gleicher sache anwenden?“ (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4). Doch einen unangemessenen Gebrauch fremder Wörter lehnt auch GUEINTZ ab und nennt dabei neben dem Lateinischen auch die romanischen Sprachen seiner Zeit: Derowegen höchlich zu beklagen ist / das die Deütschen nunmehr aus den andern sprachen so viel wörter gebrauchen / als wan sie fast keine rede mehr führen könten / da nicht bald Frantzösisch / bald Italiänisch / bald Spanisch / bald Lateinisch mit untergemenget were. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4f.)

CASPAR ZIEGLER äußert sich in der Mitte des 17. Jh.s entsprechend und beklagt neben der Albernheit zudem die mangelnde Verständlichkeit mancher deutscher Entsprechungen, die aus puristischer Neigung erfunden worden seien: Gewiß es erbarmet mich offtermals derer ingenien, die sich mit solchen alberen Gedancken quelen und ihnen einbilden dörffen / als ob sie die Leute weren / von denen der reinen Sprache halber alle Welt gebothe anhören müste. Dahero siehet man / dz sie ehe sie ein Lateinisch Wörtlein untermischen / eher den gantzen Verstand durch eine fast lächerliche umschreibung verdunckeln / und sich darüber gelehrt bedüncken / wenn

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sie von den ungelehrten in ihrer Mutter-Sprache nicht allerdings verstanden werden. (ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 29)

Beispiele für solche unverständlichen Bildungen, wie sie etwa von PHILIPP VON ZESEN vorgeschlagen wurden, werden etwa im „Parnassus Boicus“ angeführt und abgelehnt – insbesondere in solchen Fällen, in denen die Lehnwörter bereits seit geraumer Zeit im Deutschen Verwendung fänden: Es sei unsinnig, „die allbereit angenommene Griechisch- oder Lateinisch- vnd nach vnser teutschen Mund-art schon abgeschliffne Wort zu vermeyden“ und an deren Stelle „neue / vngewöhnlich vnd übel-klingende entweder zu erdichten / oder zusammen zusetzen“ wie zum Beispiel für „das Wort Apothecker / weil es vom Griechischen herstammet“, die deutsche Bildung „Artzney-Koch“ oder „vor das Wort Fenster / weil seine Mutter das Lateinische Fenestra ist“, die Bildung „Tag-Latern“ (Parnassus Boicus, München 1726, 202f.). Eine ganz ähnliche Argumentation findet sich in der Mitte des 18. Jh.s wiederum bei GOTTSCHED, der sich auf die Neigung barocker Sprachdenker bezieht, „alle Wörter, die nur einigermaßen dem Lateine ähnlich waren, oder wirklich daraus herstammeten, auf eine wunderliche Art zu übersetzen“ – gerade so, „als wenn die Lateiner vormals alle griechische Namen oder dergleichen andre entlehnte und hergeleitete Wörter so heftig verabscheuet hätten“ (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 297f.). Er hält solchen Bestrebungen zunächst entgegen: Unsere Sprache ist weder so arm, als sich einige, die nicht viel Deutsches gelesen haben, einbilden; noch so ungeschickt, daß man nicht auch neue bequeme Wörter darinn bilden könnte, selbst die Kunstwörter der meisten Wissenschaften zugeben; wie man seit zehn oder zwanzig Jahren gesehen hat. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 298)

Dennoch sei es am Ende unsinnig, „Dinge, die keinen andern Namen haben, als der aus einer fremden Sprache genommen ist, umzutaufen; und dadurch unverständlich zu werden“ (ebd.). Somit erscheint hier bei GOTTSCHED neben Natürlichkeit auch Verständlichkeit als ein wesentliches Kriterium für Entlehnungen oder Purismus im Deutschen. Lehnwörter, die bereits seit Langem im Deutschen gebraucht werden, sind nach Auffassung von AUGUSTIN DORNBLÜTH nicht nur hinreichend verständlich, sondern zeigten auf diese Weise auch eine gewisse Natürlichkeit oder Selbstverständlichkeit. In den „Observationes“ diskutiert er mit den Bildungen Zuschrifft und zuschreiben ein konkretes Beispiel, das seine Skepsis bzw. Kritik an puristischen Bemühungen deutlich werden lässt: „Zuschrifft, zuschreiben, für: ein Buch dediciren, ist allzu general, und dem gemeinen

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Mann wohl unbegreifflicher, als das Lateinische, nachdem er dises auch nur einmahl gehört und die Bedeutung desselben erkundiget hat“ (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 309). Letztlich sei es sogar „denen Sachsen“, von denen zahlreiche puristische Eindeutschungen vorgenommen worden seien, seltsam erschienen: Es ist auch endlichen denen Sachsen selbst verdächtig vorgekommen; weswegen sie das zueignen, Zueignungs-Schrifft, darfür erfunden haben; villeicht aber eben so unglücklich, als das vorige: weilen auch dises die eigentliche und natürliche Bedeutung vorstehender lateinischer Worten nicht genugsam erklärt: Uberreichen, UbergabsSchrifft, wäre villeicht besser. Allein bedunckt mich immer: das schon von langem her teutonizirte: dediciren und Dedication seye vil natürlicher. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 309)

BODMER und BREITINGER kritisieren in diesem Zusammenhang eine sachlich unbegründete Überheblichkeit ostmitteldeutscher Sprachgelehrter hinsichtlich puristischer Ambitionen: Sie stellen fest, „dass das Glück ein Sachse gebohren zu seyn, eben keinen grossen Beytrag zu einer geschickten deutschen Schreibart thäte, da viele Sachsen so wenig auf ihrer Sprache halten, daß sie dieselbe eben so häufig, als bey uns geschieht, mit lateinischen und frantzösischen Wörtern vermengen“ (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 402). Im Weiteren führen BODMER und BREITINGER ein weiteres Argument für den Gebrauch lateinischer Lehnwörter im Deutschen an. Sie empfehlen Entlehnungen, um damit die weitere Entwicklung der deutschen Wissenschaftssprache zu fördern: „Die Frantzosen haben sich dieser Erlaubniß neue Wörter zumachen allezeit bedienet / und so wol aus der Deutschen und Griechischen / als sonderbar aus der Lateinischen die schönsten Wörter angenommen“ (BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Erster Theil, Zürich 1721-1723, 4). In der Wissenschaftssprache der Logik etwa seien laut CHRISTIAN W EISE lateinische Termini auch in einem deutschsprachigen Text durchaus selbstverständlich, insbesondere dann, wenn sie „deutsch erkläret / und mit anständigen Exempeln angebracht werden“ (W EISE: Logica, Leipzig 1700, 351; zu fachlicher Lexik vgl. unten). Ein bemerkenswertes Argument für Entlehnungen aus dem Lateinischen im Deutschen stellt die semantische Vergleichbarkeit europäischer Einzelsprachen dar, die durch die gemeinsame Vergangenheit aus der römischen Besatzungszeit sowie Renaissance und Humanismus bedingt sei und so etwas wie eine kulturelle Identität ihrer Verwender bedinge. So ist es etwa JOHANN FRIEDRICH AUGUST KINDERLING, der sich dafür ausspricht, so etwas wie

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Europäismen lateinischer (und daneben griechischer) Provenienz in deutschen Texten zuzulassen: Wenn wir auch alle übrige Sprachen entbehren könnten, so könnten wir doch die Lateinische und Griechische nicht füglich entbehren, weil alle wissenschaftliche Cultur der übrigen Europäischen Völker, wie der Deutschen, zunächst aus Italien von den Römern hergeleitet werden muss, diese aber die wissenschaftlichen Kenntnisse von den Griechen empfangen haben. Alle dergleichen Wörter, womit wir wissenschaftliche Kenntnisse bezeichnen, die wir Griechen und Römern verdanken, können auch, ohne Verunreinigung unsrer Sprache, mit ihren Ausdrücken bezeichnet werden. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 46f.)

Zusammen mit kultureller Identität gilt bei KINDERLING aber auch wiederum Gebräuchlichkeit als Kriterium für die Beibehaltung lateinischer Lehnwörter: Es sollten keine lateinischen Wörter „mit deutschen Wörtern vertauscht werden, die schon sehr gebräuchlich und folglich überall bekannt“ sind: „Es war lächerlich, wenn die fruchtbringende Gesellschaft Tageleuchter sagen wollte für Fenster“ (ebd., 48); weitere Beispiele für solch verbreitete Europäismen sind nach KINDERLING (zum Kirchenwortschatz vgl. auch SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 224f.; ZESEN: Sendschreiben an den Kreutztragenden, o.J. um 1664, 431; FULDA: Germanische WurzelWörter, Halle 1776, 27f.): Natur, Form, Materie, Object, Subject, Litteratur, Contrast, Genie u. s. w. imgleichen die krichlichen Ausdrücke, Altar, Opfer, Evangelium, Apostel, Christenthum, Sacrament, wodurch die Deutsche Sprache aber so wenig verunreiniget wird, als durch den Gebrauch fremder Nahmen von Menschen, Ländern und Oertern. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795,48f.)

AUGUSTIN DORNBLÜTH rechtfertigt den Gebrauch lateinischer Termini pragmatisch, indem es unter Umständen ausdrucksökonomischer sei, lateinische Termini zu gebrauchen als deren deutsche Umschreibungen. Diese Maxime der Sprachökonomie gelte insbesondere dann, wenn sich der betreffende Text an Personen wende, die der lateinischen Sprache mächtig seien: Ein Zoilus möchte mich villeicht tadeln, daß indem ich hier und in disem gantzen Wercklein von rein und gut-Teutsch rede; ich doch selbst, auch offt ohne Not, so viles Latein eingemengt habe. Doch hoff ich die Vernünfftige werden es mir zu gutem halten; welche nemlichen erkennen und erwögen, daß ich für Ubersetzere; folgsam für Männer die das Latein notwendig verstehen müssen; denen auch angenehmber seyn wird, wan sie das Notwendige kürtzer und ausdrücklicher in einfachen Worten finden; als wan sie es aus weitläuffigen Umschreibungen der Sachen, abnehmen müssten, schreibe. Doch

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bekenn ich, daß meine sträffliche Eylfertigkeit im Schreiben auch einige Schuld daran habe. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 317)

Um die Wende vom 18. zum 19. Jh. schließlich betrachtet CHRISTIAN GARVE puristische Bemühungen gegenüber lateinischer Lexik verhältnismäßig nüchtern und misst diesen keine große Bedeutung bei. Es wird deutlich, dass der deutsche Sprachpurismus gegenüber dem Lateinischen, der in der Zeit des Barock meist stark, in der Zeit der Aufklärung dann nur wenig emotional vertreten wird, in dieser Zeit (vorerst) kaum eine Rolle mehr spielt. GARVE empfindet puristische Ersatzbildungen als „löblich“ und „nützlich“, letztlich aber doch als „zweifelhaft“: Es giebt eine Erscheinung, welche die Meinung, daß unsere Sprache arm sey, hat veranlassen können. Das ist die, daß wir so viele ausländische Wörter in unsern wissenschaftlichen Vortrag, und selbst in die Reden des geselligen Umgangs mischen. Es ist daher mit unter die Arbeiten, welche die Academie übernimmt und leitet, gesetzt worden, daß in die Stelle der unter uns üblichen französischen und lateinischen Wörter und Redensarten, urspüngliche deutsche aufgesucht werden sollen. Die Absicht ist löblich und wenn sie gelingt, – das heißt, wenn die von einem Gelehrten versuchten Uebersetzungen jener Wörter wirklich, ich will nicht sagen von der ganzen Nation, sondern nur von dem größten Theile der guten Schriftsteller angenommen werden: – so ist der Erfolg nützlich. Aber an sich scheint mir das Uebel, welchem man dadurch abzuhelfen sucht, nicht sehr groß zu seyn, und die Wirksamkeit des Hülfsmittels ist zweifelhaft. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 325f)

2.4.5 Bereiche lateinischer Entlehnung Entlehnungen aus der lateinischen Sprache im Deutschen finden sich in verschiedenen kommunikativen Bereichen, die von den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung thematisiert werden. Hierzu zählen unter anderen Kirche, Recht, Wissenschaft und Technik; im Folgenden sind zur Illustration einige Belege in Auswahl angeführt. –

LEIBNIZ stellt um die Wende vom 17. zum 18. Jh. fest, dass lateinische Ausdrücke in der Sprache der Kirche nicht allein im theologischen Diskurs, sondern auch in der Liturgie, etwa in Predigten, üblich und für Gebildete verständlich seien (französische Ausdrücke dagegen ungewöhnlich und erklärungsbedürftig): Es kann zwar auch zu Zeiten ein Lateinisches oder aus dem Lateinischen gezogenes Wort, dabey ein sonderlicher Nachdruck, von einem Prediger gebrauchet werden; ein

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Lateinisches sage ich, dann das Frantzösische schicket sich meines Ermessens gar nicht auf unsere Cantzel, es ist aber alsdann rathsam, dass die Erklärung alsbald dabey sey, damit beyder Art Zuhörer ein Genügen geschehe. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 350f.)



Im Weiteren weist LEIBNIZ auf eine ganze Reihe an lateinischen Ausdrücken in der Rechtssprache hin (vgl. auch HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644, 16; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1192): Sonst ist von alten Zeiten her bräuchlich gewesen, in Rechtshandlungen, Libellen und Producten, Lateinische Worte zu brauchen, es thun es auch die Fremden so wohl als die Teutschen, obschon einige Gerichte, Facultäten und Schöppenstühle, zumahl in Abfassung der Urtheile und Sprüche von geraumer Zeit her, die nicht unlöbliche Gewohnheit angenommen, viel Teutsch zu geben so anderswo nicht anders als Lateinisch genennet worden: als Krieg rechtens befestigen, litem contestari; gerichts-Zwang, Instantia; End-Urtheil, Definitiva und dergleichen viel. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 351)



Nach CHRISTOPH SCHORER sind es im Übrigen insbesondere Juristen, die „etwas weiniges von lateinischer Sprach verstehen“ (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 19) und die „teutsche Sprach auch tapffer helffen verderben / als da seyn die Rechts-Gelehrte / Vorspräch vnd Anwäld“ (ebd., 27f.). Auch in diversen öffentlichen Schriften und Reden haben lateinische neben französischen Wörtern Platz, jedoch nicht in der Dichtung (vgl. auch HARSDÖRFFER: Des Teutschen Secretarii Zweyter Teil, Nürnberg 1659, 230): Lateinische und Frantzösische Wörter haben / in einem ernsthafften Carmine und in einer abgemessenen Rede keinen Platz. In Discoursen / (welches Wort auch durch kein Teutsches recht außgedrücket werden kann /) in Brieffen / in politischen Schrifften / wird man gezwungen / dieselben zu gebrauchen /denn es kann bisweilen viel nachdencklicher dadurch gegeben werden. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 317)



Lateinische Entlehnungen in deutschen Sachtexten, nicht aber in literarischen Texten sind für CASPAR ZIEGLER in der Mitte des 17. Jh.s durchaus denkbar und sinnvoll: „Ich nehme mir auch kein bedencken / ie zuweilen ein Lateinisch Wörtlein / wenn es den Verstand und Gedancken deutlicher darstellet / mit einzumischen. In der Poesie aber thue Ich das nicht“ (ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 30f.).

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Die lateinische Sprache mit ihren Ausdrücken und ihrem Stil zeichne laut CHRISTIAN GARVE noch um die Wende vom 18. zum 19. Jh. die deutsche Sprache der Wissenschaft aus, während die deutsche Literatur bzw. Dichtung französischen und englischen Einflüssen unterliege: Man muß hier die Gestalt unsrer Wissenschaften und den Charakter unsrer jetzigen Schriftstellersprache wohl unterscheiden. In jenen steckt, wenn ich so reden darf, mehr lateinischer Geist, in dieser hingegen mehr französischer und englischer. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 10)



Ein wichtiger Bereich, in dem keine lateinischen Entlehnungen anzutreffen sind, stelle derjenige des (später auch in LEIBNIZ‘ deutschsprachigen Schriften hervorgehobenen) Bergbaus dar: PHILIPP VON ZESEN antwortet in einem fiktiven Dialog auf die Frage, ob denn „die Bergleute auch eine sonderliche sprache“ hätten: Ja freilich: und disfals seind sie um so vielmehr und höher zu preisen / daß sie den neu erfundenen dingen in ihren werken keine Lateinische / Griechische / Französische / oder anderer fremden sprachen wörter zugeteilet; sondern eigene / entweder (wiewohl gantz wenige) von ohngefähr / oder aber aus der grundschacht ihrer reichen muttersprache / erfunden und gebildet. (ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668, 353)



Anfang des 18. Jh.s werden bereits zahlreiche lateinische Fachwörter als lexikalische Einheiten der deutschen Sprache selbst empfunden, sodass FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER in seiner lexikographischen Skizze unter anderem deren Aufnahme fordert: „Denn ein gut eingerichtetes teutsches Lexicon müsste […] l) Die lateinischen Kunst-Wörter in allen Wissenschaften mit gutem Teutsche ausgedrucket werden“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 65f.).

2.4.6 Romanisch-germanische Entlehnungen Einige Sprachdenker des Barock und der Aufklärung gehen der Frage nach, ob es Unterschiede bei der Entlehnung zwischen dem Lateinischen einerseits und verschiedenen anderen Sprachen bzw. Sprachfamilien andererseits gibt. Dabei steht insbesondere der Vergleich zwischen dem Lateinischen als Vorgänger der romanischen und dem Deutschen als Vertreter der germanischen Sprachen im Vordergrund. So erachtet GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ Entlehnungen aus germanischen Sprachen ins Deutsche als weniger problematisch als Entlehnungen

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aus romanischen Sprachen, da das Deutsche mit den germanischen Sprachen genealogisch und somit strukturell näher verwandt sei als mit den romanischen. Als Beispiel für eine germanische Sprache nennt er in diesem Zusammenhang das Niederländische, als Beispiel für eine romanische das Lateinische: So wie diejenigen Menschen leichter auffzunehmen, deren Glauben und Sitten den unsern näher kommen, also hätte man ehe in Zulassung derjenigen fremden Worte zu gehelen, so aus den Sprachen Teutschen Ursprungs, und sondernlich aus den Holländischen übernommen werden könten, als deren so aus der lateinischen Sprache und ihren Töchtern hergehohlet. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 347)

In Entsprechung hierzu geht CHRISTIAN GARVE davon aus, dass eine Entlehnung aus dem Lateinischen in romanische Sprachen vor dem Hintergrund ihrer genealogischen und strukturellen Verwandtschaft weniger problematisch ist als in das Deutsche. Daher erweise sich auch der Gebrauch lateinischer Lehnwörter in französischen (wie in englischen) Texten natürlicher und gebräuchlicher als in der deutschen Sprache: Nur ein einziger Umstand hat diese allgemeine Gewohnheit der Völker, Wörter von früher aufgeklärten Ausländern zu borgen, für uns Deutsche unbequemer gemacht, als sie für unsre südlichen und westlichen Nachbarn geworden ist. Die Sprachen dieser sind aus dem Lateinischen entstanden, gerade aus der Sprache derjenigen Nation, von welcher sie zuerst Wissenschaften und Cultur empfangen hatten. Die Römer waren, in Absicht der Griechen, in dem nämlichen Verhältnisse. Dieser Umstand macht, daß die Franzosen und Engländer, die wissenschaftlichen Wörter der Lateiner, diese die Kunstwörter der Griechen, und jede dieser Nationen die ihr gefallenden Idiomen der andern leicht in ihre Sprache haben übertragen, und durch kleine Veränderungen den Analogien derselben völlig anpassen können. In der deutschen Sprache, als einer ursprünglichen, ist dieß nicht möglich gewesen. Und in der That, so groß auch, in anderer Absicht, der Vorzug der Originalität seyn mag: so erhalten doch die aus dem Lateinischen abgeleiteten Sprachen dadurch einen überwiegenden Vortheil, daß sie die dem Vortrage gelehrter Kenntnisse vorlängst gewidmeten Ausdrücke, aus der Sprache, die lange Zeit die einzige Aufbewahrerin solcher Kenntnisse war, aufnehmen und sich eigen machen können, ohne durch das ausländische Ansehen derselben entstellt zu werden. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 326f.)

Die geringere Entlehnung lateinischer Termini im Deutschen hat für GARnicht unerhebliche Konsequenzen für deutsche Fachsprachen: Da das Deutsche wegen der geringeren Verwandtschaft mit dem Lateinischen weniger Wörter entlehnt habe als etwa das Französische, sei im Deutschen auch kein derart differenzierter Fachwortschatz in denjenigen wissenschaftlichen Disziplinen zu finden, die sich ursprünglich lateinischer Terminologie bedienten: VE

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Da unsere Wissenschaften, wie ich bereits gesagt habe, von den Lateinern zu uns gekommen sind, oder uns durch lateinisch geschriebene Bücher sind überliefert worden, so sind die meisten Wörter, die wir in den abstrakten Theilen der Wissenschaften nöthig haben, lateinisch. Diese haben nun natürlicher Weise in Sprachen, die von der lateinischen abstammten, leicht können aufgenommen werden; und die Franzosen, die sonst für die Reinigkeit ihrer Sprache so sehr besorgt sind, nehmen in dieser Art alle Tage noch mehr auf. Wir, die wir eine eigne Stammsprache haben, konnten diese Wörter durchaus nicht in deutsche verwandeln. Wir mußten also deutsche suchen oder machen, die mit jenen einerley Ideen bezeichnen sollten. So haben wir uns freylich zu helfen gesucht: aber wer in dieser Gattung schreibt, und noch mehr, wer darin übersetzt, der wird finden, daß für eine Menge von Begriffen immer nur Ein Wort vorhanden ist, wo die philosophische Genauigkeit deren mehrere verlangt, und unsre Nachbarn auch wirklich deren mehrere haben. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 19f.)

Auch JOHANN CHRISTOPH ADELUNG sieht Entlehnungen aus dem Lateinischen in den romanischen Sprachen aus strukturellen Gründen leichter als im Deutschen: Zehn Wörter aus zehn verschiedenen Sprachen drucken einen und eben denselben Hauptbegriff immer mit andern Nebenbegriffen aus; was würde entstehen, wenn diese Nebenbegriffe einen hinreichenden Grund abgeben könnten, die Deutsche Sprache mit fremden Wörtern zu überladen. Die aus dem alten Lateine entstandenen neuern Europäischen Sprachen, welche sich zum Theil noch von Zeit zu zeit aus jener bereichern, können hier nicht zum Muster dienen, indem sie in diesem Falle nur zu ihrer Quelle wieder zurück gehen. Allein die Deutsche, eine so reine und unvermischte Sprache, hat keine andere bekannte Quelle, als sich selbst, und kann folglich nicht aus fremden bereichert werden. (ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 110f.)

2.4.7 Entlehnung lateinischer Lexik Neben der mehr oder weniger engagiert geführten Diskussion um Zustimmung oder Ablehnung bzw. Gestaltung oder Vermeidung lateinischer Entlehnungen im Deutschen finden sich auch zahlreiche Belege, in denen solche Entlehnungen weniger aus puristischer als aus linguistischer Perspektive betrachtet werden. Da die puristische Diskussion eher im 17. und die linguistische eher im 18. Jh. anzutreffen ist und somit auch einen Verlagerung des thematischen Schwerpunkts im sprachreflexiven Diskurs von primär evaluierendem Sprachdenken in der Barockzeit zu primär objektivierendem Sprachdenken in der Zeit der Aufklärung widerspiegelt (vgl. oben), wird sie hier in dieser Reihenfolge präsentiert. In der Analyse der primär linguistischen Sprachreflexion wird im Folgenden zunächst auf die Reflexion der Entlehnung

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lateinischer Lexik und Fachlexik und darauf auf diejenige des Alphabets und diverser grammatischer Erscheinungen eingegangen. Bereits zu Beginn des 17. Jh.s gibt BARTHOLOMÄUS SCHERAEUS vier Gründe für die reiche Entlehnung aus dem Lateinischen im Deutschen an: deren gemeinsame genealogische Herkunft aus Kleinasien, den Sprachkontakt im Rahmen der Ausbreitung des römischen Reiches in der Antike, die Missionierung im frühen Mittelalter sowie die Übernahme der lateinischen Wissenschaftssprache im Mittelalter: Warumb aber so viel Lateinische vnnd andere wörter in der Deutschen Sprachen sind / da sie doch Gens indigena, nec infecta connubijs alius gentis, sind vrsachen / entweder das die Völcker Ascanij […] aus dem kleinern Asia, da die Griechische vnnd Lateinische Sprache gewesen / sich ins Deutschland begeben / vnnd dergleichen wörter außgebreitet haben / oder das die Deutschen flugs anfenglich die Druydas zu Priestern gehabt / welche fürnemlich Griechisch / vnd auch wol Lateinisch geredet haben […] / oder auch / das sie mit den Römern vnd Lateinern viel kriege geführet vnnd ihre wort gelernet haben, Item das hernach die freyen Künste vnd Sprachen bey ihnen auffkommen / welche in Griechischer vnd Lateinischer Sprache beschrieben sind / daran es ihnen am ersten trefflich gemangelt / vnd derohalben manche fürtreffliche Geschicht vnd That bey ihnen ist vnbeschrieben blieben / das sie bald selbst nichts von sich wissen / als was andere Leute oder Geschichtschreiber von ihnen melden / etc. (SCHERAEUS: Miscellanea Hierarchica, Wittenberg 1619, 219)

Als Bereiche, aus denen lateinisches Lehngut ins Deutsche aufgenommen worden sei, nennt KASPAR STIELER einige Jahrzehnte darauf ebenfalls zum einen den christlichen Wortschatz bei der „Bekehrung der Teutschen“ in der späten Antike und im frühen Mittelalter sowie zum anderen zahlreiche Sachbezeichnungen „von denen fremden Gewächsen / Zeugen / Kleidungen / Saitenspielen / Arzeneyen / Aemtern / Künsten und Tieren“ (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691; vgl. im Weiteren zum Beispiel auch FULDA: Die beiden Hauptdialecte der Teutschen Sprache, Göttingen 1771, 85). Bei JOHANN CHRISTOPH ADELUNG kommt neben der Missionierung und der Sachgeschichte noch das römische Recht als Quelle lateinischer Entlehnungen im Deutschen hinzu (vgl. zu Entlehnungen in Britannien auch ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 252): Indessen sind durch die ersten Lehrer des Christenthums, durch das Römische Recht, durch die Handlung, und durch den Umgang mit Fremden nach und nach doch viele fremde und besonders Lateinische Wörter in die Sprache gekommen. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 32)

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Entlehnte Wörter aus dem Lateinischen werden bereits in Barock und Aufklärung als Latinismen charakterisiert und dabei neben „Archaismen“, „Provinzialismen“ und „Neologismen“ gestellt, die zusammen pejorativ als „Barbarismen“ zusammengefasst werden. Eine solche Einteilung ist zum Beispiel bei JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED zu finden (vgl. auch ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 84): Rein ist, was nicht mit fremdartigen Theilen vermischt ist. Das Fremdartige, was in Sprachen in Betrachtung kommen kann, sind vornehmlich, verältere, provinzielle, ausländische und sprachwidrig gebildete neue Wörter, Bedeutungen und Formen. Die erste Art gibt die Archaismen, die zweyte die Provinzialismen, die dritte die Latinismen, Gallicismen, u. s. f. und die vierte endlich die Neologismen. Alle zusammen werden noch mit zu den Barbarismen gerechnet. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 84)

Solch lateinische Lehnwörter können im Laufe der Zeit Bedeutungsänderungen erfahren. Dies gilt unter anderem auch für wissenschaftliche Termini, wie JOHANN GEORG SULZER am Beispiel des sprachreflexiven Fachwortes „Idiotismus“ zeigt. Wiewol dieses Wort aus der griechischen Sprache zuerst in die lateinische und hernach auch in die neuern critischen Sprachen übergegangen ist, hat es doch seine Bedeutung ganz geändert: Die lateinischen Grammatiker, die dieses Wort von dem Wort Idiota (welches einen ganz gemeinen Menschen bedeutet) angeleitet hatten, nannten einen mit guter Ueberlegung gewählten, niedrigen, recht einfältigen und naiven Ausdruck, einen Idiotismus. Itzt aber bedeutet es das, was die Griechen und Römer durch das Wort Idioma ausdrückten: eine Redensart, einen Ausdruck, oder eine Wendung, die einer Sprache so eigen ist, daß es nicht möglich ist, in einer andern Sprache auf eine ähnliche Weise dasselbe zu sagen. (SULZER: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Leipzig 1792-94, 672)

Um die Wende vom 17. zum 18. Jh. ist es zum Beispiel CHRISTIAN W EIDLING, der die Verwendung lateinischer Ausdrücke im Deutschen angesichts des deutschen Wortschatzreichtums als sachlich wenig erforderlich erachtet. Eine Ausnahme bildeten lateinische Fachwörter und Eigennamen, die jedoch (ein für die Barockzeit nicht untypischer Vorschlag) eher in französischer Sprache wiederzugeben seien: Die deutsche Sprach ist reich und sufficient genug ohne die Lateinische auszukommen / es sey dann daß es ein Terminus technicus oder Nomen proprium sey / doch giebets eine grössere Anmuth / wann man dergleichen Frantzösische Terminos einstreuet / welche durch die Praxin mit den deutschen Bürger-Recht beschencket worden. (WEIDLING: Oratorischer Hofmeister, Leipzig 1698, 10)

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Wie bereits wiederholt zu sehen, stellt der Gebrauch lateinischer und deutscher Fachwörter einen wichtigen Gegenstand der deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung dar. Dabei geht es insbesondere auch um die Frage, inwieweit der Gebrauch deutscher Fachwörter die Verwendung lateinischer Termini ergänzen oder gar ersetzen kann oder soll. Die unterschiedlichen Positionen, die in dieser Frage bezogen werden, sind letztlich von der wissenschaftsgeschichtlichen Situation der einzelnen Fächer abhängig, wobei die Sprachdenker im 18. Jh. im Allgemeinen bereits von der Feststellung ausgehen, dass der Gebrauch deutscher anstelle lateinischer Fachlexik in den deutschsprachigen Texten ihrer Zeit bereits mehr oder weniger üblich sei. Vor allem in Medizin und Botanik, aber auch in anderen Naturwissenschaften erachtet JOHANN DAVID MICHAELIS den zunehmenden Gebrauch deutscher anstelle lateinischer Terminologie als sinnvoll und gibt dafür vier Gründe an. –







Zum einen sei festzustellen, dass es „in keiner Wissenschaft mehr des Lateins unkundige Zuhörer giebt“ (MICHAELIS: Einfluß der Meinungen in die Sprache, Berlin 1760, 31). Zum anderen gehe es hier um eine Disziplin, „in welcher wir von dem Landmann lernen, und seine Erfahrungen sammlen müssen: er hat die Natur stets vor Augen, und seine Entdeckungen gehen uns verlohren, wenn wir seine Sprache nicht verstehen“ (ebd.). Im Weiteren sei Latein „ohnehin zum Vortrage der Naturgeschichte ungeschickt, weil wir, nach dem Urtheil der größesten Kenner, noch so wenig wissen, welches Kraut oder Thier, diesen oder jenen Lateinischen Nahmen geführet hat“ (ebd.). Und nicht zuletzt sei in entsprechenden Vorlesungen die „Aussprache des Lateinischen so unprosodisch, (ärgerer grammaticalischer Sünden nicht zu gedencken) daß einem, der Latein verstehet, die Ohren dabey weh thun, und doch durch das öftere Anhören der falschen Aussprache, die Gewohnheit fast aufgezwungen wird, eben so unregelmäßig zu sprechen“ (ebd.).

Weitere Wissenschaften mit lateinischer Terminologie, in denen bis zum Beginn des 18. Jh.s deutsche „Kunstwörter“ eingeführt worden seien, stellen Anatomie und Philosophie dar; auch dies wird etwa in den „Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache“ positiv beurteilt:

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Dergestalt ist man denjenigen Gelehrten vielen Dank schuldig, die sich Mühe gegeben haben, die Kunstwörter, so man vor Zeiten nur in der griechischen und lateinischen Sprache hatte, mit deutschen zu verwechseln. Wer demnach von der Wahrheit des vorgebrachten Satzes überzeugt ist, der wird der vielen Arbeit, welche deßwegen in der Anatomie Hr. Johann Adam Kulmus, und in der Weltweisheit Hr. Hofr. Wolf übernommen, niemals ohne Ruhm gedenken. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 57f.)

Lateinische Termini der Grammatik sind nach JOHANN CHRISTOPH GOTTin einigen Bereichen durch deutschen Sprachgebrauch zu ersetzen – insbesondere dann, wenn sich die entsprechenden Texte an Personen wenden, die von beruflicher oder sozialer Herkunft nicht der lateinischen Sprache mächtig sind:

SCHED

Wegen der deutschen Kunstwörter muß ich noch etwas erinnern. Da ich mein Buch den Deutschen, und sonderlich der Jugend, zu gut abgefasset, die nicht allezeit die lateinische Grammatik gelernet hat; sonderlich wenn sie sich dem Soldatenstande, der Schreiberey, dem Handel und Landleben widmet: so habe ich es für unbillig gehalten, mich lauter lateinischer Kunstwörter zu bedienen. Vor allen denselben haben solche Anfänger nicht den geringsten Begriff, sondern lernen sie zur Noth auswendig, wie die Nonnen den Psalter: da sie hingegen durch deutsche Benennungen sogleich einigen Verstand von der Sache bekommen. Es war aber auch dabey das junge Frauenzimmer in Betrachtung zu ziehen: welches ja nicht unwürdig ist, seine Muttersprache etwas besser und richtiger schreiben zu lernen, als seine Mägde. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 14)

GEORG FRIEDRICH MEIER unterscheidet in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s zwei wesentliche Gründe für den noch immer zu beobachtenden Gebrauch lateinischer Termini in der deutschen Sprache: Unkenntnis des Deutschen und Überheblichkeit einiger Autoren: Daher kommts, daß man in einer Sprache ausländische Kunst-worte annimmt, und z. E. im Deutschen, bald einen lateinischen, bald einen griechischen gelehrten Ausdruck braucht. Geschieht dieses ohne Noth, und könnte man, statt des fremden Ausdrucks, einen eben so guten deutschen brauchen, so ist es ein Fehler des Gelehrten, welcher entweder die deutsche Sprache nicht recht in seiner Gewalt hat, oder, wie ein Schulfuchs, sich mit dem Latein und Griechischen groß machen will. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 43f.)

Dennoch sei es in bestimmten Fällen durchaus sinnvoll, lateinische Termini im Deutschen zu gebrauchen, insbesondere dann, wenn diese bereits seit Langem eingebürgert oder sachlich begründet seien; als Beispiel führt MEIER den Ausdruck Philosophie an:

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Man kann auch ofte einem griechischen oder lateinischen Worte in der deutschen Sprache das Bürgerrecht ertheilen, ohne der Natur unserer Sprache zuwider zu handeln. Man kan in unsern Tagen z. E. mit Wahrheit behaupten, daß das Wort Philosophie, durch den öftern Gebrauch, ein deutsches Wort geworden. Allein, dem alles ohnerachtet, da es doch eine Ausschweifung seyn würde, gar zu vielen ausländischen Worten das Bürgerrecht zu ertheilen: so muß man gestehen, daß es unmöglich sey, die meisten Theile der Gelehrsamkeit vollständig in deutscher Sprache abzuhandeln. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 90f.)

Ein Beispiel für einen lateinischen Terminus, der aufgrund seiner Ausdrucksmotivation einem möglichen deutschsprachigen Pendant überlegen und diesem somit vorzuziehen sei, diskutiert noch zu Beginn des 19. Jh.s IGNATZ MERTIAN; er bezieht sich dabei auf den Ausdruck „Substantiv“ (zum Gebrauch lateinischer Termini der Grammatik vgl. auch NICOLAI: Herleitungen deutscher Wörter aus fremden Sprachen, Berlin 1808, 174): Das Kunstwort Substantivum ist unter allen das richtigste. Es drücket eigentlich ein Wesen aus, Welches unter dem Dinge steht, Das auf unsere Sinne wirket, das heißt, Was unter den Eigenschaften der Sache, unter ihrer Seynsart, unter der Gestalt ist. (Ich rede hier von sinnlichen Substantiven, wie aber diese Benennung auch für übersinnliche gelten kann, werden Wir weiter unten sehen). Substantivum heißt also nicht, wie Man gewöhnlich das Wort verstehet: ein selbständiges Wesen, sondern bloß der Stand, auf Welchem eine Eigenschaft, eine Gestalt, eine Seynsart haftet. Die Benennung, Substantivum, wenn Sie gebraucht wird, hat also keinen andern Mangel, als daß Sie lateinisch ist. Und für welche Wissenschaft mag wol nothwendiger seyn, daß die Kunstwörter in die Sprache selbst eingekleidet werden, in Welcher Sie abgehandelt wird, als in der Wissenschaft der Sprache? (MERTIAN: Allgemeine Sprachkunde, Braunschweig 1796, 15f.)

Zu den bekanntesten und einflussreichsten Gelehrten des frühen 18. Jh.s, die sich um die Einführung und Entwicklung eines deutschsprachigen Fachwortschatzes im wissenschaftlichen Bereich bemüht und verdient gemacht haben, gehört sicher CHRISTIAN WOLFF, der gezielt auf den Gebrauch lateinischer (und anderer fremdsprachiger) Termini in seinen deutschsprachigen Schriften verzichtet und an deren Stelle deutsche Fachwörter verwendet. W OLFF erläutert: Da ich mir nun vorgenommen hatte von der Welt-Weisheit in deutscher Sprache zu schreiben; so schrieb ich auch auf eine solche Weise, wie es reine deutsche Mund-Art mit sich bringet. Ich habe mich nicht allein von ausländischen Wörtern enthalten, die man heute zu Tage in unsere deutsche Sprache häuffig mit einzumengen pfleget, sondern auch alle Redens-Arten vermieden, die unserer deutschen Mund-Art nicht gemäß, und bloß Ubersetzungen von Redens-Arten sind, die man aus fremden Sprachen entlehnt. Eben so habe ich keine lateinische Wörter mit untergemenget, weil diese sich so

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wenig in die deutsche Sprache, als die deutschen in die lateinische schicken. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 26; vgl. ebd., 29ff.)

Bei der Abfassung der deutschen Schriften folgt W OLFF nach eigenen Angaben zwei Verfahren zur Einführung deutschsprachiger Termini: –

Zum einen übernimmt er deutsche Entsprechungen für lateinische Wörter, sofern diese bereits eingeführt wurden: „Wo mir ein deutsches Wort bekandt gewesen, das von andern an statt eines lateinischen gebraucht worden, da habe ich kein neues erdacht; sondern das alte behalten“ (ebd., 29). Dieses Verfahren rechtfertigt er aus der Arbitrarität sprachlicher Zeichen: Denn da die Benennung willkürlich ist, und man nicht aus den Wörtern nach den Regeln der Sprach-Kunst, sondern aus den Begriffen nach den Regeln der Vernunfft-Kunst von den Sachen urtheilet; so gilt es gleich viel, mit was für einem Nahmen man eine Sache belegt. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 29)



Zum anderen vermeidet W OLFF Übersetzungen lateinischer Termini, sondern wählt deutschsprachige Ausdrücke, die ihm möglichst angemessen bzw. treffend erscheinen; er betont, dass er „die deutschen Kunst-Wörter nicht aus dem Lateinischen übersetzet habe / sondern sie vielmehr so eingerichtet, wie er es der deutschen Mund-Art gemäß gefunden / und wie er würde verfahren haben, wenn auch gar kein lateinisches KunstWort ihm wäre bekandt gewesen“ (ebd., 31). Als Grund für diese Vorgehensweise gibt er an, dass die „Ubersetzung der lateinischen KunstWörter gemeiniglich im Deutschen übel klinget“ (ebd.): Welches um soviel weniger zu verwundern, indem die meisten davon selbst im Lateinischen übel klingen, daß man auch deswegen die Lehren der Schul-Weisen heute zu Tage lächerlich macht und ihrer barbarischen Sprache spottet. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 31)

Dieses Verfahren demonstriert W OLFF an dem Beispiel eines scholastischen Terminus: Wie würde es im Deutschen geklungen haben, wenn ich das Kunst-Wort der SchulWeisen Conscientia theoretico practica von Wort zu Wort hätte übersetzen, oder auch dem lateinischen Worte nur eine deutsche Endigung geben, und es das theoretischpractische Gewissen nennen sollen? (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 31f.)

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Anstelle einer solchen Bildung schlägt er mit philosophischer Begründung vor: Mich bedünckt aber, da ich deutsch geschrieben, so lautet es besser, wenn ich es das nachgebende Gewissen genennet. Denn dieses Wort ist rein deutsch, welches niemand leugnen kann, und zu der Benennung lieget der Grund in der Sache selbst, und zwar ein solcher, darauf man in der Moral am meisten zu sehen hat, nemlich weil diese Art des Gewissens unter den besonderen Umständen noch nachgiebet, daß man dagegen handeln kann, unerachtet es uns zu anderer Zeit zu einem aufrichtigen Vorsatze bringet dasjenige, wovon es urtheilet, zu thun oder zu lassen. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 32)

Ein drittes Verfahren zur Einführung von deutschsprachigen anstelle von lateinischen Termini ist bei W OLFF deren ausdrückliche Definition, die eine hinreichende Deutlichkeit und Eindeutigkeit gewährleiste. Er habe „alle Wörter vorher erkläret, ehe er sie gebraucht, und dannenhero können sie zu keiner Zweydeutigkeit und Misverständnis Anlaß geben“ (ebd., 35f.); solche Definitionen seien im Übrigen auch bei der Verwendung „lateinischer Kunst-Wörter […] nöthig, woferne man nicht dieselben nach seinem eigenen Gefallen auslegen wollte“ (ebd.). W OLFF gibt einige Gründe für den Gebrauch deutscher statt lateinischer Fachwörter an. Zum einen sieht sich WOLFF durch die fremdsprachliche Situation an den deutschen Universitäten genötigt, Latein statt Deutsch zu gebrauchen, da die deutsche Sprache um die Wende vom 17. zum 18. Jh. mehr und mehr als Vorlesungssprache Verwendung findet: Daß ich aber von der Welt-Weisheit in deutscher Sprache schrieb, dazu hatte ich mehr als eine Ursache. Auf der Universität, wo ich die Welt-Weisheit lehrete, war es eingeführt, daß der Vortrag in den Collegiis in deutscher Sprache geschahe. Und also konnte ich nicht wohl von dieser Gewohnheit abgehen, fand auch mehr Gründe vor mich, warum ich dabey verblieb, als daß ich davon abwiche, ob ich gleich in Leipzig gewohnet war mich der lateinischen Sprache in meinen Collegiis zu bedienen. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 24f.)

Hinzu komme zum anderen, dass zahlreiche Studenten der lateinischen Sprache nicht mehr hinreichend mächtig seien: Denn es ist nicht zu leugnen, daß heute zu Tage viele auf Universitæten kommen, welche in der lateinischen Sprache es nicht so weit gebracht, daß sie den lateinischen Vortrag verstehen können, und die wenigsten sind darinnen so geübet, daß sie, was lateinisch vorgetragen wird, eben so wohl verstünden, als wenn man es ihnen in ihrer Mutter-Sprache vorgetragen hätte. Da es nun in Wissenschaften nicht auf die Worte, sondern auf die Sachen ankommet, und man nicht darauf zu sehen hat, wenn man sie andern vortragen soll, daß die Worte ins Gedächtnis fassen, sondern daß man ihnen einen Begriff von der Sache beybringe; so ist es nicht unbillig sich in diesem Stücke

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nach der Fähigkeit der Zuhörer zu richten. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 25)

Insbesondere solche Personen, die über keine Lateinkenntnisse verfügen oder erst gar nicht ein Studium absolviert haben, möchte W OLFF nicht von Wissenschaft und Gelehrsamkeit ausschließen: Am allerwenigsten aber halte ich wohl gethan zu seyn, wenn man einige gar entweder versäumen, oder von der Erlernung der Wissenschaften wegtreiben wollte, weil sie das Unglück gehabt in ihren Schul-Jahren in der Latinität versäumet zu werden. Hierzu kam noch dieses, daß mir bekandt war, wie sich aus deutschen Schrifften auch andere erbauen, welche nicht studiret haben, und es öffters in Wissenschaften andern zuvor thun, die studiret haben. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 25f.)

2.4.8 Entlehnung der lateinischen Schrift Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jh.s diskutieren die deutschen Sprachdenker die Übernahme der lateinischen Schrift im frühen Mittelalter. So geht Harsdörffer wie die meisten Gelehrten davon aus, dass „unsre ietzige Buchstaben / mit der Christlichen Religion zu Zeiten Kaiser Carls des Grossen / mit der Lateinischen Sprache eingeführet worden“ (HARSDÖRFFER: Des Teutschen Secretarii Zweyter Teil, Nürnberg 1659, 2). PHILIPP VON ZESEN vermutet, dass man erst in der Mitte des 13. Jh.s das Deutsche mit lateinischer Schrift wiedergegeben, zuvor jedoch eine andere Schrift gekannt habe: Es schreiben zwar etliche / daß mann zur zeit des Großen Karls / welches aber lange darnach / noch gar nicht Deutsch hette schreiben können / sondern sich in in befehlen / Befreyhungs-brieffen und öffentlichen Schrifften biß auff das m. cc. xljjj. Jahr des Lateins bedient / auch hernach erst das Deutsche mit Lateinischen Buchstaben zu schreiben angefangen. Doch leugnen sie nicht gar / daß mann zuvor Deutsch geschrieben. Dann sollten die Deutschen zuvor ehe sie in diese Länder kommen seyn keine Buuchstaben gehabt oder gar nicht geschrieben haben / das were wunder? (ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 19)

Eine genauere Darstellung der Einführung der lateinischen Buchstaben im germanisch-deutschen Sprachraum findet sich dann im 18. Jh. zum Beispiel bei JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED: Die Deutschen haben itzt alle die Buchstaben, die von den Lateinern, theils in ihren eigenen Wörtern, theils in denen, die sie aus dem Griechischen angenommen hatten, gebrauchet worden sind. Denn obgleich Ulfila, der gotische Bischof, im IV Jahrhunderte, bey Übersetzung der IV Evangelisten, seinem Volke zu gut, eigene gothische Buchsta-

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ben erfunden a) hat; ob wohl die alten Marcomannen auch ihre eigenen Buchstaben b); ja auch die Angelsachsen ihr sächsisches c), so wie die alten Schweden und Isländer ihr runisches Alphabeth gehabt d); welche man die ursprünglichen Buchstaben der Deutschen nennen könnte e): so haben doch, vermöge der Ausbreitung des Christenthums, die lateinischen endlich die Oberhand behalten; und allmählich durch die Mönchschrift, eine neue Forme und Gestalt bekommen. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 67)

Probleme der Wiedergabe deutscher Sprache durch die lateinische Schrift im Fränkischen Reich werden schließlich bei JOHANN CHRISTOPH ADELUNG angesprochen. Er stellt zunächst fest: „Es war ganz natürlich, daß die Franken dasjenige Alphabet und diejenigen Schriftzüge beybehielten, welche sie bereits in dem Lande fanden, und dieses waren nun keine andere, als die Römischen“ (ADELUNG: Grundsätze der Deutschen Orthographie, Leipzig 1782, 23). Daraufhin weist er auf lautliche Diskrepanzen zwischen dem Deutschen und Lateinischen hin: Allein, da die Deutsche Sprache, und besonders die Fränkische Mundart derselben, und die Lateinische, so sehr verschieden waren, so konnte es nicht fehlen, daß die Schriftzeichen der letztern den Lauten der erstern nicht allemahl angemessen waren, indem die Lateinischen Buchstaben die Fränkischen Töne oft nur ungefähr ausdruckten, für manche aber völlig mangelten. (ADELUNG: Grundsätze der Deutschen Orthographie, Leipzig 1782, 23f.)

Die Lösung des Problems wird von ADELUNG durch Hinweis auf königlichen Beschluss im 6. Jh. präsentiert: Man bemerkte dieses dem Anscheine nach sehr bald, daher der Fränkische König Chilporik um 580 das Lateinische Alphabet, so fern es in seiner Sprache gebraucht ward, mit drey neuen Buchstaben vermehrte, und Befehl gab, daß sie in den Schulen gelehret, und die bereits geschriebenen Bücher darnach geändert werden sollten. (ADELUNG: Grundsätze der Deutschen Orthographie, Leipzig 1782, 24)

ADELUNG gehört im Weiteren auch zu denjenigen, welche die schriftliche Assimilationen lateinischer Wörter in der deutschen Sprache diskutieren (vgl. auch ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 674): Es müssen daher auch die aus der Lateinischen Sprache entlehnten Nahmen und Wörter, wenn letztere nicht schon das Bürgerrecht erhalten haben, auf Lateinische Art geschrieben werden: Cicero, Cato, nicht Zizero, Kato. Wohl aber Staat, Engel, Zepter, Sklave, Pöbel u. s. f., weil sie schon das Bürgerrecht erhalten haben, und unter dieser Gestalt und Aussprache allgemein bekannt sind. (ADELUNG: Deutsche Sprachlehre für Schulen, Berlin 1806, 480)

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Zu Beginn des 17. Jh.s wird demgegenüber noch eine Beibehaltung der Schreibung von Wörtern lateinischer Provenienz gemäß ihrer lateinischen Schreibung gefordert: „Was für wörter aber ihren vrsprung auß Lateinischer Sprach haben / die sollen in Teutscher / wie in Lateinischer Sprach geschrieben werden / als Contract / Caution / etc. vnd nit Kontract / Kaution / etc.“ (SATTLER: Teutsche Orthographey vnd Phraseologey, Frankfurt 1621, 15; zu weiteren Differenzierungen vgl. ebd.).

2.4.9 Grammatische Entlehnung Auch wenn Überlegungen zu lexikalischen Entlehnungen aus dem Lateinischen in das Deutsche innerhalb der Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung bei Weitem überwiegen, sind neben solchen zur Schrift auch einige wenige zu grammatischen Entlehnungen auf morphologischer wie auch syntaktischer Ebene zu finden. Diese betreffen zum einen die Deklination (insbesondere von Eigennamen) und zum anderen die Wort- bzw. Satzgliedstellung. Auf allgemeine Schwierigkeiten in der Deklination lateinischer Wörter im Deutschen zur Zeit des 18. Jh.s weist KARL PHILIPP MORITZ am Beispiel des Substantivs „Verbum“ hin: […] deklinirt man es, und sagt: des Verbi, der Verborum, so spricht man offenbar zwei Sprachen; will man ihm eine deutsche Endigung geben, und sagt; des Verbums, so fühlt man, dass man der Sprache Gewalt anthut; sagt man; das Verb und die Verben, so ist dieses ebenfalls eine gezwungene Biegung. (MORITZ: Bildsamkeit der deutschen Sprache, Berlin 1794, 88)

Im Unterschied zum Deutschen integrierten sich lateinische Wörter im Englischen und in den romanischen Sprachen weitaus leichter: In der englischen und französischen Sprache fügen sich die Wörter, welche aus dem Lateinischen darin aufgenommen worden, durch eine leichte Biegungssilbe, nach dem Genius und dem Laute, der in diesen Sprachen herrschend ist. In der deutschen macht die Aufnahme eines lateinischen Worts in den meisten Fällen unendliche Schwierigkeiten. (MORITZ: Bildsamkeit der deutschen Sprache, Berlin 1794, 88)

Lateinische Eigennamen sind nach SAMUEL BUTSCHKY im Deutschen nicht lateinisch, sondern deutsch oder gar nicht zu flektieren: Was die eigentlich Nahmen (Nomina propria) der Götter / Männer / Weiber / &c. (so aus fremden Sprachen entlehnet seyn / und alzeit mit deutschen Buchstaben ausgeschrie-

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ben werden sollen) betrift / bedürfen wier / nach Art der Lateiner / und Griechen / nicht beugen: sondern sie / so viel möglich / auf unsere Endung bringen; oder aber nur ungebeuget / und unverändert / in allen Fällen brauchen. (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 90f.)

Eine solche Auffassung vertritt auch FRIEDRICH GEDIKE, indem er kritisiert, dass lateinischen Wörtern und Namen im Deutschen „noch immer zu sehr das fremde Kleid gelassen“ werde (GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779, 401). Die lateinische Deklination von Eigennamen empfindet er aus struktureller Sicht als weitaus unangemessener als die schlichte Entlehnung von Wörtern: Dahin gehört das noch bei so vielen Schriftstellern gebräuchliche lateinische Dekliniren vieler […] aus dem Griechischen und Lateinischen entlehnten Wörter und lateinischen Namen, welches, weil es mehr das Innre der Sprache betrift, wirklich undeutscher ist, als unnöthige Aufnahme irgend eines fremden Worts. (GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779, 401)

Eine konkrete Diskussion von Alternativen zu der Deklination lateinischer Eigennamen im Deutschen ist etwa bei JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED zu finden: Als bey Terenz und Horaz kann ich unmöglich sagen, des Terenzens, des Horazens: sondern da bin ich genöthiget, entweder die lateinische Endigung, oder die deutsche Verkürzung unverändert zu behalten, und den Abfall durch den Artikel anzudeuten. Gewisse Namen haben an sich schon deutsche Endungen, als Solon, Alexander, Hannibal u. d. gl. Und diese können ohne alle Aenderung nach Art deutscher Wörter gebraucht werden. Die Endigungen us, as und es, imgleichen die Namen, die ein a, o, oder einen andern lauten Buchstaben zum Ausgange haben, sind am schlimmsten nach deutscher Art zu brauchen. Denn man kann nicht sagen, des Julius’s, Epaminondas’s, Praxiteles’s Sylla’s, Cicero’s etc. berühmte Namen. Die Engelländer machens in ihrer Sprache so, und im Deutschen habens einige nachthun wollen; aber noch keine Nachfolger gefunden. Es ist also am rathsamsten, alle die Wörter entweder zu lassen, wie sie sind, und den deutschen Artikel vorzusetzen, oder den verkürzten Zeugefall der Lateiner, z. E. Cicerons, Catons, u. d. gl. zu gebrauchen; oder sie nach Gelegenheit gar auf lateinische Art zu verändern. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 292f.)

Syntaktische Lehnprägungen aus dem Lateinischen werden von einigen Sprachdenkern des 18. Jh.s als Erscheinungen angesehen, die nicht der Struktur der deutschen Sprache entsprechen und daher negativ zu bewerten sind: Hiezu noch eine kleine Erinnerung an den Einfluß, welchen das Latein durch die Regular- und Sekulargeistlichkeit, durch die Kanzleien und durch die Übersetzer ehemals in

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die Deutsche Verbindung der Sätze und Wörter gehabt hat, so wird man sich es erklären, warum wir bei dem Theil von Biegsamkeit, welche die Sprache der Deutschen itzt wirklich hat, doch zu Weilen noch von der Unzulänglichkeit ihrer Geschmeidigkeit reden können (ANONYMUS: Beilage zu Herr Heynatzens Briefen die Deutsche Sprache betreffend, Liegnitz 1775, 60).

Laut JOHANN CONRAD W ACK hat das syntaktische Vorbild des Lateinischen demgegenüber zu einer weiteren Entwicklung des deutschen Satzbaus beigetragen. Diese syntaktische Entwicklung wertet W ACK positiv, während lexikalische Veränderungen als negativ angesehen werden: Die Alten haben die reinsten / nachdrücklichsten und körnichsten Wörter / wir aber im Griechischen / Lateinischen und anderen Occidental-Sprachen schier von Jugend auf erzogen / haben ein gewetztern und zierlich geschräncktern Periodum. (WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 83f.)

JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED geht auf konkrete syntaktische Erscheinungen ein und wendet sich etwa gegen Einflüsse aus dem Lateinischen, die bei der Stellung des Partizips Präsens am Satzanfang zu beobachten seien: „Es ist eine altväterlische Nachahmung des Griechischen und Lateinischen, die wider den natürlichen Schwung unserer Sprache läuft, wenn man einen Satz mit einem Mittelworte der gegenwärtigen Zeit anfängt“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 550f.). Auf Lehneinflüsse der lateinischen auf die deutsche Verbstellung weisen (durchaus kritisch) BODMER und BREITINGER hin: Es ist gantz wahrscheinlich, daß diese Verstellung der Zeitwörter in der deutschen Sprache eine ungereimte Nachahmung der lateinischen Sprache sey; daß sie ihr nicht eigen sey, zeigen die Schriften, die vor der Widerherstellung der Wissenschaften, und der lateinischen Sprache verfertiget worden, in welchen man die gegenwärtige Ordnung der Zeitwörter vielfältig aus der Acht gelassen hat (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 562f.).

Im Weiteren drücken sie ihr Erstaunen darüber aus, dass diese syntaktischen im Gegensatz zu den lexikalischen Interferenzen von ihren Zeitgenossen kaum registriert, geschweige denn diskutiert würden: „Es ist wunderbar, daß die Deutschen, die in diesem Stücke die Lateiner so unnöthig nachahmen, einen so deftigen Abscheu selbst gegen die ausländischen Wörter bezeugen, welche sie unentbehrlich nöthig haben!“ (ebd., 563; zur Entlehnung von Sprichwörtern und Redensarten vgl. BREITINGER: Fortsetzung der Critischen Dichtkunst, Zürich/Leipzig 1740, 331).

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2.5 Schul- und Fremdsprache Hinsichtlich des Lateinischen als Schul- und Fremdsprache spielen im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung folgende Aspekte eine besondere Rolle: Die Lateinkenntnisse innerhalb der Bevölkerung, der Fremdsprachenkanon der Zeit, die Sprachenfolge und verschiedene Lehrund Lernmethoden im Unterricht sowie Übersetzung aus dem und in das Lateinische.

2.5.1 Lateinkenntnisse der Bevölkerung Viele Sprachgelehrte des Barock und der Aufklärung stellen fest, dass Lateinkenntnisse in einigen Kreisen der deutschen Bevölkerung rückläufig, in anderen gar nicht vorhanden seien. Hierfür werden zum einen sprachdidaktische und zum anderen sprachstrukturelle Gründe verantwortlich gemacht. Bereits gegen Ende des 16. Jh.s werden die sprachlichen Kenntnisse bzw. Kompetenzen der deutschen Bevölkerung im Hinblick auf das Lateinische thematisiert: So machten es fehlende Kenntnisse des Lateinischen in großen, weniger gebildeten Teilen der deutschen Bevölkerung erforderlich, dass Fachliteratur aus dem Bereich der freien Künste nicht in lateinischer oder griechischer, sondern in deutscher Sprache verbreitet werde: Denn weil es nicht in eines jeden Gelegenheit / Griechisch / Lateinisch / vnnd andere Sprachen / in welchen die freyen Künste anfänglichs beschrieben / zu lernen / Vnnd aber doch die Künste an im selbst hoch von nöten / darumb seyn dergleichen Deutsche Bücher fleissigen Leuthen / vnnd dem gemeinen Mann / weil die Künst darauß sichtlich zufassen vnnd zu erlernen / vmb so viel desto mehr annemblicher vnnd bequemlicher. (BASSAEUS: Vorrede zu Rethorica, Frankfurt 1593, 4)

Besonders fragwürdig erscheinen den Sprachdenkern mangelnde Lateinkenntnisse bei solchen Personen, die dennoch lateinische Elemente in Wort und Schrift verwendeten; so klagt zum Beispiel GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER in der Mitte des 17. Jh.s, dass eine solche Unsitte nicht allein in gebildeten, sondern auch in ungebildeten gesellschaftlichen Kreisen zu beobachten sei: „Dieses Unheil bleibet nicht bey denen / die andere Sprachen erlernet / und derselben mächtig sind: Nein / es ist biß auf den groben Pövelmann herabgekommen / dem das Latein bekannt / wie dem Blinden die Farben“ (Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644, 353f.). Für CHRISTIAN W OLFF sind mangelhafte Kompetenzen von deutschen Studenten in der lateinischen Sprache ein wesentlicher (wenn auch nicht der

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einzige) Grund dafür, Vorlesungen an der Universität in deutscher und eben nicht, wie seinerzeit üblich, in lateinischer Sprache zu halten (zum Gebrauch der deutschen Sprache als solcher und zur Verwendung deutscher und lateinischer Fachwörter bei W OLFF vgl. oben): Denn es ist nicht zu leugnen, daß heute zu Tage viele auf Universitæten kommen, welche in der lateinischen Sprache es nicht so weit gebracht, daß sie den lateinischen Vortrag verstehen können, und die wenigsten sind darinnen so geübet, daß sie, was lateinisch vorgetragen wird, eben so wohl verstünden, als wenn man es ihnen in ihrer Mutter-Sprache vorgetragen hätte. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 25)

Einen ersten bemerkenswerten Grund für nachlassende Lateinkenntnisse sieht THIEME in einer geänderten didaktischen, wenn nicht sogar epistemologischen Einschätzung der lateinischen Sprache. Diese geänderte sprachdidaktische Einschätzung besteht darin, dass lateinische Sprachkenntnisse nicht mehr als Gelehrsamkeit selbst erachtet, sondern lediglich als Mittel, sich mit Bildungsthemen auseinandersetzen zu können, angesehen werden. Diese Verschiebung vom Gegenstand von Bildung zum Mittel zur Bildung habe zu einer geringeren Gewichtung des Lateinunterrichts geführt: Man hat eingesehn, daß die Sprachkenntniß an sich nicht Gelehrsamkeit, sondern nur Werkzeug zur Erwerbung der Gelehrsamkeit sey. Kurz, es wird ietzo weit weniger Lateinisch geredet und geschrieben, folglich auch gehöret und gelesen, als sonst. – Der Einfluß dieser Veränderung auf den Jugendunterricht ist unausbleiblich. Man weiset nicht nur jetzt der lateinischen Sprache im System der Schulstudien eine ganz andere Stelle an; sondern man kann auch nicht mehr so viel Zeit, Sorgfalt und Mühe auf Erlernung derselben wenden als ehemals. (THIEME: Lateinisches Sprachstudium befördern, Braunschweig 1789, 168; vgl. ebd., 180f.)

In diesem Sinne wird von einigen Sprachdenkern der Zeit als Konsequenz neben dem Unterricht der lateinischen auch ein Unterricht der deutschen Sprache gefordert. Die metasprachlichen Kenntnisse und Kompetenzen der Schüler im Lateinischen seien oftmals besser als diejenigen im Deutschen. Es „wäre daher also wol gut / nützlich und nöthig / daß man in den Schulen die junge Knaben / nebst der Lateinischen und andern Sprachen / bald anfangs zu einem reinen teutschen angewehnete“ (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681, 115). Der Vorteil wäre der, dass „sie alsdenn nicht erst in ihrem Alter / oder / wenn sie itzo zu Dienst kommen / sich mit den Knechtischen Formulen schleppen“ und somit „ihre Muttersprache / so ihnen doch angebohren / erst hin und wieder zusammen raspeln / und gleichsam erbetteln müsten“ (ebd.).

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Auch CARL FRIEDRICH AICHINGER trifft noch einige Jahrzehnte später die Feststellung, dass seine Schüler „in der Muttersprache schier so leicht fehlten, als in der lateinischen“; er klagt, „daß sie z. B. weit leichter das tempus eines lateinischen, als teutschen uerbi formirten, weit hurtiger den casum einer lateinischen, als teutschen Präposition erriethen, die Ordnung der teutschen Redetheile selten träffen“ (AICHINGER: Versuch einer teutschen Sprachlehre, Frankfurt/Leipzig 1754, 2f.). Ein zweiter Grund für unzureichende Kenntnisse im Lateinischen besteht für Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s in strukturellen Unterschieden zwischen dem Deutschen und dem Lateinschen. Diese sprachstrukturelle Einschätzung führt letztlich zu dem Eindruck, dass die lateinische Sprache schwerer zu erlernen sei als etwa die griechische. So heißt es zum Beispiel bei KASPAR SEIDEL: Die Griechische Sprach ist zwar eine schwere vnd weitläuffige Sprach / vnnd kömpt einen freylich desto schwerer an / wenn man sie nach der alten Art in so viel Classes, dahero man auch viel Conceptus nemmen vnd machen muß / eintheilet / die Jugende mit so vielen Declinationibus, Conjugationibus, vnnd sonsten vielen vnnötigen Dingen beschwert. Wo sie aber auff diese Weise gelehret vnd gelernet wird / kompt sie einem gar leicht für / vnd zwar viel leichter als die Lateinische. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 55f.)

Laut SEIDEL wiegt diese Einschätzung umso mehr, als andere Fremdsprachen im deutschen Sprachraum durchaus mit Erfolg erworben und gebraucht würden. Der Erwerb des Lateinischen erscheine angesichts dieser Tatsache sogar als Vergeudung wertvoller Lebenszeit: Die Teutschen haben das Lob / daß sie / wie andere Künste / also auch sonderlich mancherley Sprachen sich hoch befleißigen / vnnd wo sie der einmal kundig / solcher in pronunciatiori vnd sonsten ansehenlich gebrauchen können. Kömpt sie auch weder Italiänisch / Polnisch / Böhmisch / noch andere Sprachen / sonderlich schwer an / nur allein die Lateinische / die Lateinische sag ich / die erfordert bißheriger Disciplin nach / so viel Zeit / Arbeit vnd Unkosten / daß fast deß Menschen meistes Leben vnd Arbeit drauff gehet / vnnd bey vielen die Zeit / so nützlicher zum exercitio verbi divini, zum Gottesdienst / Gebett / Gewissens-Examini vnd andern nötigen Verrichtungen anzuwenden / nur auff vergebliche Grammaticen-Marter gespendiret / also mehr verlohren vnd verdorben / als angewendet vnd erworben wird. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 10)

Im ausgehenden 18. Jh. sind es dann weniger sprachdidaktische oder sprachstrukturelle Argumente, sondern die sprachpragmatische Einschätzung des Lateins als einer toten Sprache, die Anlass dazu gibt, dessen Erwerb im deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jh.s zu problematisieren. So

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sei Latein schwerer zu erlernen als eine der lebenden Sprachen – oder umgekehrt formuliert: Es gehöre vielmehr zu einem der „Vorzüge auf Seiten der neuern Sprachen […], daß sie leichter zu erlernen seyn müssen, als die lateinische Sprache“ (W INTERFELD: Schwierigkeiten der lateinischen Sprache, Braunschweig 1791, 28f.).

2.5.2 Fremdsprachenkanon Das Lateinische gehört neben einigen anderen Sprachen zum festen Fremdsprachenkanon der Zeit des Barock und der Aufklärung (vgl. etwa SUMARAN: Sprachbuch, o.O. 1621, 1). Der Hinweis, dass das Lateinische als die einzige Fremdsprache neben der Muttersprache Deutsch bis zur vollständigen Beherrschung zu lernen sei, findet sich allenfalls zu Beginn der Epoche, noch bevor sich das Französische nach dem Dreißigjährigen Krieg als internationale Sprache neben dem Lateinischen durchzusetzen beginnt (COMENIUS: Informatorium Maternum, Nürnberg 1636, 150f.). In diversen Aufzählungen erscheint Latein vielmehr in der Nachbarschaft verschiedener Einzelsprachen; im Einzelnen können dabei unterschieden werden: –



Latein neben Altgriechisch als weiterer klassischer Sprache (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 55f.; SULZER: Kurzer Begriff aller Wissenschaften, Frankfurt/Leipzig 1759, 21; W ERNICKE: Epigramme, Hamburg 1704, 187f.). Latein neben Griechisch und Hebräisch (bei Personen von Stand im Rahmen humanistischer Bildung): Es mag solches dem gemeinen Pövelmann der mit der Hand- und nicht mit der Haubtmühe sein tägliches Brod gewinnen muß / gnug sein; nicht aber denen / die im Geistund Weltlichen Stande ihre Unterhabende lehren / leiten / regiren und führen sollen. Diesen lieget ob / die liebe Jugend nicht allein nur zu dem Ebreischen / Griechischen und Lateinischen / sondern auch zu der Teutschen Sprache anzugewehnen / darmit sie im Geist- und Weltlichen Stande sich nehren müssen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22)

– –

Latein neben Griechisch, Französisch und Italienisch (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27). Latein neben den beiden klassischen Sprachen humanistischer Bildung, Griechisch und Hebräisch, sowie ein oder zwei modernen Fremdsprachen:

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Folgende Sprachen sollen hier gelernt werden: 1. ein oder zwei Sprachen der Nachbarvölker, 2. Latein, 3. Griechisch, 4. Hebräisch. Das alles kann leicht in sechs Jahren bewältigt werden; fürs Lateinische braucht man drei Jahre, fürs Griechische zwei, fürs Hebräische ein Jahr. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f.)



Latein neben den romanischen Sprachen Italienisch, Französisch und Spanisch: Es soll aber ein Edelmann / der erstlich studiren / und hernach seinen Verstand durch die Erfahrung desto vollkommener machen will / […] 2. Bey legendem Grunde zur teutschen Oratorie und Poesie, Lateinisch / Frantzösisch / Italiänisch und Spanisch lernen. (SCHRÖTER: Anweisung zur Information der Adlichen Jugend, Leipzig 1704, 5)





Latein neben den romanischen Sprachen Französisch und Spanisch, ohne explizite Nennung des Italienischen (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 34f.). Latein neben den romanischen Sprachen Französisch und Spanisch sowie dem Englischen (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 28f.).

2.5.3 Sprachenfolge im Unterricht JOHANN AMOS COMENIUS betrachtet die Lateinschule als Schule der Reifezeit, in der Schüler „in verschiedenen Sprachen unterrichtet werden“; sie folge auf die „Muttersprachschule als Schule des Knabenalters“, welche der deutschen Sprache vorbehalten bleibe (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329). Im Hinblick auf die „Lateinschule“ setzt COMENIUS sechs Fächer an: „Sprachpflege (Grammatica), Naturkunde (Physica), Mathematik, Pflege des sittlichen Verhaltens (Ethica), Dialektik und Pflege der Redekunst (Rhethorica)“ (ebd.) sowie Sprachunterricht. Hinsichtlich der Sprachen sei zu vermitteln, „wie ausdrücken? In der Muttersprache, auf Lateinisch, auf Griechisch?“ (ebd., 331). Dabei deutet COMENIUS bereits so etwas wie einen spiralcurriculären Ansatz an, denn in „der Schule der Reifezeit, der Lateinschule, solle dasselbe gelehrt werden wie in der Schule des Knabenalters, der Muttersprachschule“ (ebd., 329); dies jedoch unter Beachtung von drei Prinzipien (vgl. ebd.): –

Unterricht in verschiedenen Fremdsprachen: „Ihr Studium füllt diese Altersstufe am meisten aus. Damit das möglichst leicht und erfolgreich geschehe, soll es unter der Führung durch schon bekannte Sachen vor sich gehen.“

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Erweiterung der Lehr- und Lerninhalte: „Damit jedoch kein zu großer Überdruß entsteht, soll es auch an neuen Sachen als Lockspeise nicht fehlen.“ Berücksichtigung philosophischer Fragestellungen: „Es sollen sich aber den Jugendlichen auch schon die Gründe der Dinge auftun, darum möge man hier schon Philosophie treiben.“

Für viele Sprachdenker der Epoche gilt, dass das Lateinische erst dann erfolgreich gelehrt und gelernt werden kann, wenn die deutsche Muttersprache hinreichend beherrscht wird. Der Beginn des Lateinunterrichts hängt hiernach von der persönlichen Reife der Schüler ab: Wie also Cicero gesagt hat, er könne keinen reden lehren, der nicht sprechen könne, so können wir unsere Methode dahin zusammenfassen, daß sie niemanden Latein lehren kann, der seine Muttersprache nicht beherrscht, weil diese zu jenem hinführen soll. (COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657, 194f.)

Im Gegensatz hierzu werden fremde Sprachen in dieser Zeit jedoch verhältnismäßig zeitig unterrichtet: Laut JOHANN JOACHIM BECHER sei es „sehr gebräuchlich bey uns Teutschen“, neben der Muttersprache auch bereits früh eine Fremdsprache, „eine Mutter und Kunst-Sprach zu gleich oder bald auffeinander“ zu lernen, wie etwa „unsere Kinder / ehe sie noch einmal recht Teutsch können / Frantzösisch / Welsch / und Latein lallen“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 43). Der Einschätzung COMENIUS‘, mit dem Erwerb einer Fremdsprache und insbesondere mit dem des Lateinischen nicht allzu früh zu beginnen, entspricht etwa die Forderung von TSCHIRNHAUS, die lateinische Sprache erst dann zu lehren, wenn die Schüler aus sachlichem Interesse auch eine Motivation zum Erwerb dieser Sprache gewonnen hätten. Er vertritt die Auffassung, „daß man die Knaben nicht früher zum Sprachstudium zulassen soll, bevor in ihnen eine große Sehnsucht nach Dingen erregt wurde, die sie nur aus den Büchern der Sprache schöpfen können, die man sie zu lehren beabsichtigt“ (TSCHIRNHAUS: Medicina mentis, Leipzig 1695, 253). Zur Begründung heißt es dann: Hieraus ist einer von den wichtigsten Gründen ersichtlich, weshalb man soviel Zeit verbrauchen und soviel Verdruß ertragen muß, bevor die Jünglinge schon allein die lateinische Sprache lernen; weil nämlich die Lehrer es versäumten, das voranzuschicken, was in jenen eine große Begierde erregen konnte, lateinisch geschriebene Bücher zu lesen, durch deren Lektüre sie sich diese Sprache sehr leicht angeeignet hätten. (TSCHIRNHAUS: Medicina mentis, Leipzig 1695, 253)

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Die didaktische Forderung, mit dem Lateinunterricht nicht zu früh, sondern erst in einer Phase des natürlichen Interesses der Lernenden zu beginnen, ist auch in der Mitte des 18. Jh. wiederzufinden – so beispielsweise, wenn JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED schreibt: Und was kann in der That wunderlicher seyn, als zu fordern: daß ein Deutscher erst eine lateinische, oder französische Grammatik können müsse, ehe er seine Muttersprache recht richtig reden und schreiben lernen kann? (G OTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 14)

Und so sollte der Lateinunterricht laut STUVE auch erst deutlich nach dem Anfang des Französischunterrichts beginnen. Denn zum einen sei das Französische als lebende Sprache der deutschen Sprache und Kultur näher als das Lateinische: Es sei das Französische, außer dem, daß es an sich eine leichtere, und dem Deutschen weit gleichförmigere Sprache, wie die lateinische ist, eine lebende Sprache einer Nation, deren ganze Denkart, Sitten, Begriffe, u. s. w. unserer Denkart, unsern Sitten und Begriffen viel gleichförmiger sind, als die eines Volks, welches so lange vor uns lebte, und in allem Betracht so sehr von uns verschieden war, als die alten Römer. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, 1789, 143; vgl. ebd., 144)

Und zum anderen sei es in einem früheren Lebensalter weniger ersichtlich, ob Kinder im späteren Leben überhaupt auf Lateinkenntnisse angewiesen seien: Man kann daher auch nicht früher bestimmen, ob sie Latein zu lernen brauchen oder nicht – und es ist in den allermeisten Fällen durchaus nichts anders als Zeitverschwendung, wenn ein Kind das am Ende nicht studiren kann und soll, einige Jahre mit Erlernung der Anfangsgründe der lateinischen Sprache gequälet wird. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, 1789, 145)

Vor diesem Hintergrund sollten Kinder nicht vor dem zwölften Lebensjahr mit dem Erwerb der lateinischen Sprache anfangen, zumal sie in jüngeren Jahren damit auch noch überfordert seien: Nach meiner Idee muß man die Kinder nicht vor dem 11ten oder 12ten Jahre Latein lernen lassen […]. Die Erfahrung lehrt, daß man einen Knaben von 12 Jahren in einem halben Jahre weiter in der Kenntniß der Sprache bringen kann, als ein Kind von 7 Jahren in einem vier oder fünfmal größerem Zeitraum. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, 1789, 141f.)

Unter den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung wird im Weiteren diskutiert, ob Kenntnisse im Lateinischen eine geeignete Grundlage für

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den Erwerb weiterer Fremdsprachen bilden oder nicht. Dabei vertritt etwa KASPAR STIELER die weit verbreitete Auffassung, dass auf der Grundlage des Lateinischen der Erwerb von (mehreren) romanischen Sprachen erheblich erleichtert werde. Er unterstreicht diese These, indem er auf einen entsprechenden Lernbedarf angesichts des Reichtums an entsprechenden Lehnwörtern in aktuellen Schriften seiner Zeit hinweist: Jedennoch kann es ein Weltmann / und der ein rechter Zeitungs-Leser seyn will / nicht ändern / indem die Zeitungen nicht allein von Lateinischen und andern ausländischen Worten gleichsam starren / sondern auch aus der Lateinischen Sprache / als der Mutter / die Welsche / Spanische und Französische / Tochterweise entsprungen seyn: also / daß /wer Lateinisch gelernet hat / dieser dreyen Sprachen Kundigkeit in wenig Monaten hinlänglich erwerben kann. (STIELER: Zeitungs Lust und Nutz, Hamburg 1695, 148)

Zu einer ganz anderen Einschätzung kommt hier W ILHELM SCHICKARDT. Er vertritt die Auffassung, dass das Latein keine geeignete Grundlage für den Erwerb weiterer Fremdsprachen (wie etwa des Hebräischen) bilde: „Nicht viel besser machens noch Heut zu tag die jenige / so die welt bereden wollen / man müsse alle andere Sprachen vermittelst der Lateinischen ergreiffen“ (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629). Fremde Sprachen sollten besser unmittelbar und ohne den Umweg über eine weitere (kontrastierende) Fremdsprache erworben werden: Ich aber bin der Meinung / man könne gleich gerad hinzu gehen / vnd alle Sprachen viel leichter ohne das Latein / (wem es vnbekandt ist/) ergreiffn / wo man nur deren vnterweisung / vnd andere darzu taugliche Bücher / in der angerbornen Muttersprach hette. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629)

Für ISAAK HABRECHT bildet das Lateinische ebenfalls keine geeignete Grundlage für den Erwerb weiterer fremder Sprachen. Es sei „falsch“ anzunehmen, „die Lateinisch Spraach seye so behüfflich / das man darnach andere Spraachen desto eher vnd leichter wisse zubegreiffen“ (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 21; vgl. RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 20f.). HABRECHT führt zwei Argumente für diese Position an: –

Zum einen werde die Lateinische Sprache in der Regel nicht hinreichend beherrscht, um sie zum Ausgangspunkt des Erwerbs einer weiteren Fremdsprache zu machen: „erstlich verstehen sie nichts von der Lateinischen / die man so jung hinweg schickt / das sie auch ihre Mutterspraach offt nicht lesen oder schreiben können“ (ebd.).

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Und zum anderen zeige die Erfahrung, dass fremde Sprachen nicht gut aus grammatischen Darstellungen und anderem Lehrmaterial, sondern weitaus besser durch deren Gebrauch innerhalb konkreter Sprachhandlungen erworben würden: Zum andern erfahrt man / das wann offt junge Herren / vom adel / vnd andere in Frembde land vereissen das die jüngsten / ja offt die Lackeyen vil eher vnd besser die frembde Spraach begreiffen / als ihre Herren Preceptoren / die das Latein on schuhen vertretten / darzu dag vnd nacht auff den grammaticen ligen. (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 21)

Noch Ende des 18. Jh.s spricht sich JOHANN CHRISTOPH ADELUNG gegen den Fremdsprachenerwerb anhand lateinisch orientierter Grammatiken und Lehrwerke aus, da diese nicht den strukturellen Eigenheiten der neueren Fremdsprachen entsprechen könnten: Fast alle Sprachlehren der neuern Sprachen, und also nicht allein die Deutschen, sind mit ihren meisten Regeln nach den lateinischen Sprachlehren geformet; daher sind sie auch insgesammt so mangelhaft und unvollständig, daß sie zur gründlichen Erlernung einer Sprache nicht hinreichen. Das Eigene jeder Sprache muß in ihr selbst ausgesucht werden; die bemerkte Analogie gibt die Regeln, und die Abweichungen des Sprachgebrauchs machen die Ausnahmen von den Regeln aus (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 112f.).

2.5.4 Methoden des Sprachunterrichts Die Gestaltung und der Erfolg des Lateinunterrichts sind weitere wichtige Themen der sprachdidaktischen Diskussion im 17. und 18. Jh. In der Mitte des 17. Jh.s geht KASPAR SEIDEL von einem gewissen Pluralismus an Methoden aus, der sich auf die Bedeutung des Lateinunterrichts und die Vielzahl an Lateinschulen zurückführen lasse (vgl. W EISE: Neu-Erleuterter Politischer Redner, Leipzig 1684, 20; TSCHIRNHAUS: Medicina mentis, Leipzig 1695, 256f.): Weil die Lateinische Sprache fast in allen Landen vnter den Gelehrten vor anderen am üblichsten vnd gebräuchlichsten ist / auch die vornembsten Künste / zu allen Ständen gehörig / in solcher beschrieben / als ist keine Schul / da man Sprachen lehret vnd lernet / in welcher nicht von der Lateinischen der Anfang gemacht / vnd sie für andern allen solte getrieben vnd excoliret werden. Dahero es auch kompt / daß solche auff so vnterschiedene Art vnd Weise / nach vnterschiedlichen Meynungen und heraußgegebenen Didacticen gelehret vnd gelernet wird. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 24)

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Neben Übersetzungen unterscheidet er dabei drei allgemeine Methoden des Lateinunterrichts: Regelerwerb aus einer lateinischen Grammatik, Nachahmung lateinischer Autoren sowie Gebrauch der lateinischen Sprache (analog zu einer lebenden Sprache): Einer versuchts vnd nimmet auff diese / der ander auff eine andere Weise für. Einer will / man müsse das Latein auß der Grammatica lehren vnd lernen. Der ander will fast von keiner Grammatica wissen / gibt für / man müsse die Lateinische Sprache auß einem eintzigen gewissen guten Autore lernen. Was er aber eben für ein Autor, Terentius, Plautus, Cicero, Seneca oder Plinius seyn müsse / da ist noch keine Gleichstimmigkeit. Mancher will weder von der Grammatica noch eintzigen gewissen Autore hören / gibt für / man soll Latinam linguam usu lernen / nur auß blossen reden / wie jhr viel heutiges Tages das Frantzösische lerneten / vnd sich doch darzu keiner Grammaticen gebraucheten. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 24f.)

Da Lateinlernende oft eher die deutschen Äquivalente lateinischer Wörter angeben könnten und weniger die lateinischen Äquivalente deutscher Wörter, fordert SEIDEL an anderer Stelle das Vokabellernen in beiden Richtungen: Mir ists offt widerfahren / wenn ich meine Discipulos gefraget: was dieses oder jenes Lateinische wort teutsch heisse / haben sie alsobald antworten können / wenn ich aber ein wenig hernachher gefraget / was selbige Wörter Lateinisch heißen / haben sie es entweder gar nicht gewusst / oder sich ja etwas lang darauff besinnen müssen. Eben vmb dieser Ursach willen habe ich vnten das Teutsch vorangesetzt / daß die es von beyden Seiten hin vnd her lernen müssen / vnd desto besser behalten können. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 27f.)

Ganze Übersetzungen aus dem Deutschen ins Lateinische seien nach JOHANN DANIEL LONGOLIUS insbesondere bei jüngeren Lernenden, deren sprachliche Kompetenzen im Deutschen noch nicht ausgereift sind, kaum sinnvoll, um die lateinische Sprache zu erlernen: Denn was die widrige Praxin, welche dißfalls durch die Mönche in die Lateinische Schulen eingeführet worden ist / anbelanget; So bezeuget ihre unglückliche Würckung zu baldigen Begriffe der Lateinischen Sprache zur Genüge / daß es eben so eine Thorheit sey / den in beyden Sprachen unerfahrnen Knaben Exercitia aus dem Teutschen ins Latein zu übersetzen vorzuschreiben / als es seyn würde / wenn einer mit Gewalt aus einem Sacke etwas heraus haben wollte / da doch noch nichts inne wäre. (LONGOLIUS: Erkäntniß der Teutschen Sprache, Bautzen 1715, 504f.)

Bei der Nachahmung lateinischer Autoren rät DANIEL RICHTER, die klassischen Autoren zum Vorbild zu wählen, da bei diesen das Lateinische noch unverfälscht und nicht von anderen kulturellen und sprachlichen Einflüssen verfremdet gebraucht werde:

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In der lateinischen Sprache werden wol die alten Classici Autores, als: Cicero, Livius, Curtius, Salustius, Tacitus, Terentius und die übrigen vor den neuen den Preiß behalten. Ein Quellwassser ist doch allezeit klarer und besser bey dem Brunnen / als wo es weit durch die Wiesen und Felder geflossen / und von derselbigen Erde andern Geschmack und zugleich Unsauberkeit an sich gezogen: Also mag ein neuer Autor so gut Latein geschrieben haben / wie er will / so ist es doch viel rahtsamer / das Latein aus obgesetzten alten Autoribus selbst zu lernen / weil solche doch allezeit reiner / und jedwedere Nation von ihrem idiomate oder idea der Muttersprache in die Lateinische hineinzumischen pfleget. (RICHTER: Thesaurus Oratorius Novus, Nürnberg 1660, 10)

Eine Anlehnung an bekannte (darunter auch lateinische) Autoren durch Übersetzungen und Abschriften trägt auch nach CHRISTIAN SCHRÖTER zur Entwicklung eines guten Stils bei: Es werden auch die Gemüther nicht wenig auffgewecket / und das Judicium geschärfft / wenn ein junger Mensch die besten Loca aus der Lateinischen / Frantzösischen / Italiänischen und Spanischen Sprache ins Teutsche übersetzet / oder sich bißweilen ihre Poeten in ungebundener Rede zu excerpiren bemühet / weil die Poesie an sich selbst etwas dunckel / und unverständlicher als die Oratorie zu seyn pfleget / und dieser vielmahl mit schönen Worten aushelffen muß. Dadurch setzt sich einer in ungebundenem und gebundenem Stylo feste / und lernet nach dem / was er gelesen oder excerpirt hat / einen geschickten Verß und Periodum machen / begreifft unvermerckt die Poetischen und Oratorischen Artificia, findet allerhand geschickte Epitheta und sinnreiche Sprüche / Zeugnisse / Exempel und Gleichnisse / und bekömmt mit der Zeit einen solchen Stylum, der zur itzigen teutschen Oratorie und Poesie erfordert wird. (SCHRÖTER: Anweisung zur Information der Adlichen Jugend, Leipzig 1704, 27f.)

Nachdem ISAAK HABRECHT feststellt, dass fremde Sprachen am besten durch den Gebrauch in konkreten Sprachwendungssituationen erlernt würden (vgl. oben), fordert er konsequent auch für die Didaktik des Lateinischen, dass es durch den kommunikativen Gebrauch im Unterricht erworben werden solle (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 23). Die traditionelle Weise des Spracherwerbs durch das Studium einer lateinischen Grammatik bleibe demgegenüber weitgehend erfolglos: Dann einem Schuler der Latinischen vnbekandten Spraach / Eine Latinische Grammatick fürlegen / ist gleich als ob man einem Tauben ein Retzel auffgibt / oder ein Schöne Musick vorhergehen last / oder einem Stockblinden eine Fackel vortregt (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 31; vgl. ebd., 24f.).

Ein weiterer Gegenstand der sprachdidaktischen Diskussion ist die Verwendung lateinischer oder deutscher Fachwörter im Unterricht. Das Lateinische aus einer lateinischen bzw. lateinischsprachigen Grammatik zu ler-

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nen, ist den „Beyträgen“ zufolge nur wenig erfolgversprechend (vgl. dazu auch oben): Man würde eben so wunderlich handeln, als diejenigen in Schulen thun, oder vielmehr thun müssen, welche die zarten Kinder aus lateinischen Grammatiken im Latein unterrichten, da doch ein jeder lachen würde, wenn man einen Anfänger im Hebräischen und Griechischen aus griechischen und hebräischen Grammatiken den Weg zu diesen Sprachen weisen wollte (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 78f.).

Im Weiteren erwiesen sich auch lateinische Fachwörter im Schulgebrauch nach CHRISTOPH HELWIG weniger sinnvoll als deutsche, da sie weniger verständlich und schlechter zu merken seien. Aus diesem Grunde sei es hilfreich, anstelle der lateinischen eben deutsche Termini einzuführen, selbst wenn diese zunächst ungewöhnlich anmuteten: Dann ob wol die ins Teutsche obergesetzte termini technici seltzam lauten / dieweil man deren nicht gewohnet / so gibt doch die Erfahrung / wann einem Lehrknaben dieselben termini vorgelegt / vnd mit gebührendem fleiß erkläret werden / dz er sie viel leichter vnd ehe fasset / lernet vnd verstehet / auch in dem Gedechtnuß besser behelt / als die Lateinische. (HELWIG: Sprachkuenste, Gießen 1619, 2)

Demgegenüber geht KASPAR SEIDEL im Falle des Grammatikunterrichts „nicht“ davon aus, „daß die Lateinischen Grammaticalischen Termini abgeschafft / die Teutschen oder andere dargegen auff- und in Gebrauch kommen sollten“; er plädiert stattdessen für eine Zweisprachigkeit mit Latein und Deutsch in der Grammatik: „Kann man sie doch den Knaben verteutschen / als Nomen heist eine Nahme oder Nennwortt &c.“ (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 27). Lateinische Wörter sollten (neben deutschen Wörtern und anderen Fremdwörtern) im Allgemeinen erläutert werden, wenn die Personen, an die sie gerichtet werden, nicht hinreichend gebildet seien. Dies trage laut KINDERLING zur Vermeidung von fehlerhaften Volksetymologien und zu einer Verbesserung der allgemeinen Bildung bei: Der gemeine Mann will wirklich gern etwas bey den Ausdrücken denken, die er gebraucht oder hört, und daher verunstaltet er fremde Wörter so lange, bis sie eine Aenlichkeit mit andern ihm bekannten Ausdrücken bekommen. Auch viele Deutsche Wörter versteht er nicht ohne Erklärung, viel weniger Lateinische. Eine gute Uebersetzung ist ihm zugleich eine Sacherklärung von grossem Werthe. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 72)

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In diesen Zusammenhang gehören im Übrigen auch Forderungen, in deutscher und nicht in lateinischer Sprache eine Grammatik des Deutschen zu erarbeiten, „wie in Griechischer / Lateinischer vnd andern sprachen gschehen“ (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, X). VALENTIN ICKELSAMER gilt dabei die lateinische Grammatik als Vorbild, eine solche deutsche Grammatik zu verfassen, doch solle sich diese deutsche Grammatik an der deutschen Sprache selbst orientieren und nicht in einer Übersetzung der lateinischen Grammatik ins Deutsche bestehen. Die sprachlichen Strukturen seien letztlich zu verschieden: „Welcher aber ain lateinische Grammatica schlecht teutschen will / was sy im Latein gibt / des Grammatica würdt den teutschen seltzamer vnd vnbekandter sein / dann ain Lateinische / oder villeicht ain Chaleentische“ (ICKELSAMER: Teütsche Grammatica, um 1534, A3v; vgl. ebd., A1v).

2.5.5 Rhetorikausbildung Ein wesentliches Ziel des Lateinunterrichts im 17. und 18. Jh. stellt unter anderem der Erwerb von rhetorischen und stilistischen Kompetenzen dar. Rhetorik und Stil im Lateinischen bilden für viele Sprachdenker der Zeit ein Vorbild für Rhetorik und Stil im Deutschen; hierfür einige Beispiele: –





SIEGMUND VON BIRKEN erachtet hier die Lektüre lateinischer Schriftsteller als eine gute Grundlage: „Insonderheit ist nötig / daß ein Anfänger die bäste Latinische Poeten fleissig lese / und ihnen die Wortzierden und ErfindKünste ablerne“ (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 175). AUGUST BOHSE sieht in Übersetzungen aus dem Lateinischen als Grundlage der Erwerbs deutschen Stils: „Wer des teutschen Styli mächtig werden will / der gewehne sich zum ubersetzen aus der lateinischen und aus der Frantzösischen Sprache“ (BOHSE: Gründliche Einleitung zu Teutschen Briefen, Jena 1706, 246f.). Und laut JOHANN GEORG SULZER „gehöret unter die nothwendigen todten Sprachen die Griechische und Lateinische“, denn: „Zur Erlernung der Beredtsamkeit, zur Erweiterung der Dichtkunst, zur Kenntniß aller übrigen schönen Künste, der Geschichten und Philosophie, sind diese Sprachen unentbehrlich“ (SULZER: Kurzer Begriff aller Wissenschaften, Frankfurt/Leipzig 1759, 21).

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Andere Autoren des 17. und 18. Jh.s nehmen eine entgegengesetzte Position ein: Rhetorik und Stil würden im Allgemeinen anhand der lateinischen Sprache gelehrt, sodass sie letztlich in deutscher Sprache nicht zur Verfügung stünden und somit die sprachliche Fähigkeiten der Lernenden im Deutschen nicht hinreichend gefördert würden. Nachteile für Rhetorik und Stil im Deutschen werden etwa in folgenden Fällen angenommen: –

Bei HELWIG heißt es zu Beginn des 17. Jh.s: Bißhero / vnd noch / seind in den Schulen der zarten angehenden Jugend die Sprachkünste nicht in der angebornen Mutter: sonder Lateinischer Sprache / so deroselben gantz ohnbekant vnnd eben als Arabisch vnd Türckisch ist / vorgetragen / vnd zwar nicht ohne der lieben Jugend grosse Verwirrung / Außmattung vnd Verseumnuß. (HELWIG: Anlaitung in der Lehrkunst W. Ratichij, o.O. um 1614/15, 2)



Mitte des 17. Jh.s wendet sich GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER gegen eine deutsche Dichtkunst, die sich nach den Regeln der lateinischen Dichtung richte: Diejenigen / so vermeinen / man müsse die teutsche Poeterey nach dem Lateinischen richten / sind auf einer gantz irrigen Meinung. Unsre Sprache ist eine Haubtsprache / und wird nach ihrer Eigenschaft / und nach keiner andern Lehrsätzen gerichtet werden können. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 1; 18)



Und GOTTFRIED ARNOLD kritisiert das „überflüssige und affectirte Versmachen“ im Lateinunterricht deutscher Schulen „sonderlich in Griechischer und Lateinischer Sprache, als bisweilen von Schul-Leuten ein Handwerck draus gemachet worden“ (ARNOLD: Der Woleingerichtete Schul-Bau, Leipzig/Stendal 1711, 43f.).

Nach FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER ist eine rhetorische Ausbildung als solche bereits fragwürdig, da sie meist der natürlichen Sprachkompetenz zuwiderlaufe: Der erschreckliche Lerm / den man von tropis und figuris macht / ist vergebens: denn die mancherley Arten zu reden sind allen angeboren: und so wenig / als wir essen und trincken aus Büchern lernen; so wenig haben wir nöthig diese aus der Oratorie und noch dazu mit so grosser Mühe zu holen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 8)

Dies gelte erst recht für eine rhetorische Ausbildung in lateinischer oder griechischer Fachsprache:

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Bekannte Sachen / als unbekante zu erlernen / ist eine vergebliche Arbeit: dieses aber noch dazu unter griechischen und lateinischen Wörtern und Definitionen zu thun / ist eine mehr als vergebliche / ich will nicht sagen höchst-thörichte Bemühung (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 8; vgl. ebd., 490f.).

Aus HALLBAUERs Sicht ist darüber hinaus eine Übertragung lateinischer Stilregeln auf die deutsche Sprache bedenklich, da sie nicht deren Struktur entsprächen und (wenn überhaupt) befremdliche Ergebnisse bedingten. HALLBAUER führt ironisch aus: Einer der grösten Fehler ists / daß in manchen Schulen die teutsche Oratorie in geringsten nicht verderbet wird: denn sie ist da so unbekant / als die Zobeln im Thüringischen Walde. Darinne werden lauter lateinische / griechische / hebräische / syrische / arabische / frantzösische etc. Redner gezogen. Die teutsche Beredsamkeit ist für die lateinischen Schulen zu gering. Doch einige halten sie noch für ein Neben-Werck / das man die langeweile zu vertreiben mit nehmen könne: allein es muß doch alles nach einer alten lateinischen / oder nach einer aus dieser gezogenen teutschen Rhetorik geschehen. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6)

Es sei zwar möglich und vielleicht auch sinnvoll, allgemeine Regeln von Rhetorik und Stil anhand lateinischer Texte zu vermittlen, doch sei dies eben nicht hinreichend, da hierbei die Spezifika deutscher Texte keine Berücksichtigung fänden: Man findet wol in allen teutschen Oratorien auch eine Anweisung zum teutschen stilo: sie ist aber bey den meisten sehr kurz und unzulänglich, auch wol nach dem Unterricht, welchen die Alten vom Lateinischen gegeben, schlechterdings abgefasset, ohne auf die teutsche Sprache insbesondere Absicht zu haben, welches doch schlechterdings nöthig ist, wenn man einen im teutschen stilo unterrichten will. Man hat zwar allgemeine Lehren, als von der Reinlichkeit, Deutlichkeit, etc. die bei dem stilo durchgehends in allen Sprachen zu beobachten sind: allein bey der Application hat man doch in jeder Sprache viel besonderes zu mercken; ja es werden viel Anmerckungen erfordert, die unter den gemeinen Lehren gar nicht begriffen sind. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 495f.)

2.5.6 Skepsis und Kritik Bereits früh wird Kritik an der didaktischen Methodik des Lateinunterrichts überhaupt geübt. So fordert ELIAS HUTTER sogar eine politische Regelung, da die Ausbildung im Lateinischen seit geraumer Zeit nicht das leiste, was man sich von ihr erhoffe. Daher sei eine Schulreform zur Förderung des Lateinunterrichts erforderlich, die ggf. auch von höchster staatlicher Stelle unterstützt werden sollte:

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Und were wol nötig / daß der Lateinischen Sprachen halben / eine gute Reformatio Scholarum fürgenommen würde / sollte es auch auff einem allgemeinen Reichstage geschehen / damit im Heiligen Römischen Reich / wo es je nicht weiter köndte gebracht werden / ein gewisser Methodus Linguæ in Scholis zu haben vnd zu halten / Von Kayser / Chur: vund Fürsten / einhellig möchte beschlossen werden. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, Bf.)

An gleicher Stelle äußert sich HUTTER indessen durchaus positiv über sprachpolitische Bestrebungen im 13. Jh., denen zufolge der Gebrauch des Deutschen neben dem Lateinischen im institutionellen Sprachgebrauch zugelassen und geregelt würde: Deßgleichen hat Kayser Rudolphus primus, Anno 1283 allhier zu Nürnberg / allein vmb der Deutschen Sprache willen / einen sonderlichen Reichstag gehalten / darauff Confirmirt vnd beschlossen / weil man zuvor alle Sachen in Cantzeleyen / Räthen vnd Rechten / allein in Lateinischer Sprache gehandelt / vnd manchem Einfältigen so derselbigen vnerfahren / offt grosse gewalt vnd vnrecht geschehen / daß man forthin alles in Deutscher Sprachen vorbringen / handeln vnd vorabscheiden solle. (Ebd.)

Konkrete Kritik am Lateinunterricht des frühen 17. Jh.s übt etwa W OLFRATKE: „Die Künste vnd Faculteten werden der Lieben Jugent fast mit gewalt, Doch nicht sonder große Mühe vnd Arbeit […] eingetrieben“ (RATKE: Memorial, o.O. 1612, 24). Als Methoden des Lateinunterrichts werden dabei angegeben: GANG

Erstlich müßen sie mannigerhand Lectiones Außwendig lernen, Auch dieselbige vielmahls widerholen vnd Auffsagen. Darnach müssen sie teutsch zu Latein, Latin zu Greksch etc., oder wie es In den Schulen genennet wird, viel Exercitien teglichs machen, vnd sich darin vben. (RATKE: Memorial, o.O. 1612, 25)

In diesem Sinne muss bereits COMENIUS feststellen: Daß in Schulen die rechte vndd eigentliche Art die Sprachen zu lehren bißhero nicht genugsamb bekandt gewesen / bezeugt die That selbst. Die meisten so sich im Studieren ergeben hatten / veralteten vber den Wörtern; Auff die eintzige Lateinische Sprache würden zehen vnd mehr Jahr gewendet / ja das gantze Leben / wie gar langsamen vnd zwar geringen Fortbringen / so auch die Mühe vnd Arbeit nicht belohnet. (COMENIUS: Janua Linguarum Reserata Aurea, Hamburg 1642, 1)

Die wiederholte Kritik an Ziel und Erfolg des Lateinunterrichts lassen letztlich nicht allein Zweifel an der Methodik des Lateinunterrichts, sondern Zweifel am Lateinunterricht überhaupt aufkommen. So raube der Erwerb der lateinischen Sprache laut CHRISTIAN THOMASIUS die Zeit, Wichtigeres zu lernen, und werde darüber hinaus mit Gegenständen verbunden, die für die

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Lernenden seiner Zeit kaum von Bedeutung seien. Daher sei es unter Umständen erfolgversprechender, eine kluge, aber ungebildete Person (hier: ein „Frauenzimmer“) zu unterrichten, als eine gebildete, aber voreingenommene Person (hier: eine „Mannsperson“): Aber gleichwie ich einem ieden gerne seine Meinung lasse: also getraue ich mir doch nicht allein dieses, was ich gesetzet, mit guten Gründen zubehaupten, sondern gar darzuthun, daß es viel leichter sey und mehr Succes zuhoffen, ein Frauenzimmer von einem guten Verstande, welche kein Lateinisch verstehet, auch nichts oder wenig von der Gelehrsamkeit weiß, als eine auch mit guten Verstande begabte Mannsperson, die aber darneben von Jugend auff sich mit Latein geplackt, auch wohl allbereit herrliche Zeugnüsse ihrer Geschicklichkeit erhalten hat, zu unterrichten, nicht zwar als ob die Lateinische Sprache die Gelehrsamkeit hindern sollte, (denn wer wollte so unvernünfftig raisoniren?) sondern weil durch die durchgehends gewöhnliche Lehr-Art viel ungegründet und ohnnöthig zeug nebst dem Latein in die Gemüther der Lehrlinge eingepräget wird, welches hernachmahls so feste klebet, und merckliche Verhinderungen bringet, daß das tüchtige und gescheide nicht hafften will. (THOMASIUS: Nachahmung der Franzosen, 1687/1701, 25)

Der Erwerb des Lateins führt insbesondere nach Auffassung einiger Sprachdenker des 18. Jh.s dazu, dass andere Bildungsinhalte viel zu spät oder erst gar nicht erlernt würden. So heißt es zum Beispiel bei JOHANN AUGUSTIN EGENOLFF: Dieses ist gewiß, daß wir Teutschen die schönsten und besten Jahre der ersten Jugend mit allzumühsamer Erlernung der Lateinischen Sprache zu bringen, und also diejenige Zeit vorbey streichen lassen, in welcher die Römische Jugend des besten Grund zu andern und höhern Wissenschaften, als etwa der Erdmeß-Kunst u. d. derer in unsern Schulen nicht gedacht wird, geleget. (EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1735, 268)

Der Verzicht auf den Erwerb des Lateinischen und der Gebrauch des Deutschen oder Französischen könne nach THOMASIUS wiederum dazu beitragen, dass wichtige Bildungsinhalte wesentlich rascher und gezielter vermittelt würden, zumal die Beherrschung einer Fremdsprache nur Bildungsbeiwerk sei: Warum solte es nicht angehen, daß man durch Hülffe der Teutschen und Frantzösischen Sprache, welche letztere fast bey uns naturalisiret worden, Leute, die sonsten einen guten natürlichen Verstand haben, in kurtzer Zeit viel weiter in der Gelehrsamkeit brächte, als daßman sie erst so viel Jahre mit dem Lateinischen placket. Sprachen sind wohl Zierrathen eines Gelehrten, aber an sich selbst machen sie niemand gelehrt. (THOMASIUS: Nachahmung der Franzosen, 1687/1701, 19f.)

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Latein gilt für viele Sprachgelehrte der Zeit als Sprache der Gelehrsamkeit. Doch könne das Deutsche eine solche Funktion ebenfalls erfüllen, selbst wenn es bis dahin einer gewissen Vermittlung durch das Latein bedürfe: Uns ermangelt nicht ein Wort alles und jedes was man nur durchdenken kann / wolverständig auszureden / ob man gleich noch bey Anfang oft besagter Spracharbeit / wegen der Leser oder Zuhörer das Latein zu einem Dolmetsch gebrauchen muß / damit das noch unbekante Ding durch ein bekanntes Wort erlernet werde. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27)

Dass auf Kenntnisse der lateinischen Sprache noch im 18. Jh. indessen doch nicht ganz verzichtet werden kann, macht FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER deutlich. Er fordert, trotz der Bedeutungsänderung des Lateinischen nicht von einem Erwerb des Lateinischen abzusehen, da es gerade im wissenschaftlichen Bereich nach wie vor unentbehrlich sei: Wenn aber Studiosi zu ihrem Schaden daher Gelegenheit nehmen, die gründliche Erlernung der lateinischen Sprache, als unnöthig auszusetzen, betriegen sie sich sehr, und handeln gar nicht nach der Absicht dieser hochberühmten Männer, als deren lateinische Schriften sie überzeugen sollten, daß dieser Sprache einem Gelehrten nach den ietzigen Umständen unentbehrlich sey. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 41f.)

Eine interessante Spracherwerbsinterferenz zwischen dem Lateinischen und Deutschen wird in einem Beleg von JOHANN BELLIN angesprochen. Im Sprachraum des Niederdeutschen werde das Lateinische zusammen mit dem Hochdeutschen erlernt, was zu einem fehlerhaften Gebrauch des Hochdeutschen führe, indem dieser lateinische Konstruktionen imitiere: Ja in dem sie (die Nidersachsen) die hochdeutsche sprache solcher gestalt aus den büchern und in den schulen straks mit der lateinischen zugleich gelärnet haben / sosein auch viel falsche ahrten zu reden / die sie nach dem lateinischen / wan sie es durch das hochdeutsche haben auslägen müssen / gerichtet / und auch also in öffentlichen büchern geschrieben haben / überal eingeschlichen / und es möchten auch selbige / wo ihm nicht bei zeiten fohrgebauet würd / noch weiter einreissen. (BELLIN: Ausarbeitung der hoch-deutschen Sprache, Hamburg 1647, 4)

2.5.7 Übersetzung Übersetzungen aus dem Lateinischen sind ein Thema des deutschen Sprachdenkens sowohl in der Barock- als auch in der Aufklärungszeit. Dabei geht es um grammatische Übersetzungsfehler, um die Beurteilung wörtlicher

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und freier Übersetzungen, um das Studium lateinischer Schriftsteller anhand von deutschen Übersetzungen anstelle von lateinischen Originaltexten sowie um den Gebrauch des Lateinischen als vermittelnder Sprache. Grammatische Übersetzungsfehler sind eine Erscheinung des 17. wie des 18. Jh.s. So kritisiert etwa JOHANN BELLIN Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Deutsche (vornehmlich aus dem niederdeutschen Raum; vgl. auch oben), in denen die lateinische Kasusrektion bei Präpositionen entgegen denjenigen des Deutschen beibehalten werde: Dän sonsten oft böses Deudsch wärden würde / wän man sich an das Lateinische allenthalben wolt binden: wiezuweilen in Nidersächsischen Schulen pfläget zu geschähen / da man / wän man verdeudschen sol / post te, ad me, sine me, &c. das Deudsche Fürnänwort eben in derselbigen zalendung / darinnen das Lateinische stähet / anspricht oder schreibet / als: Nach dich / zu mich / on mir / u.a.m. für / Nach dir / zu mir / on mich: dän: nach und zu nämen die näm- / on aber die klagendung allezeit zu sich. (BELLIN: Syntaxis Praepositionum Teutonicarum, Lübeck 1661, 9).

Ein Beispiel für eine Übersetzung, in der die lateinische Syntax im Deutschen übernommen wird, gibt etwa JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED: „Senes amantes vidi permultos, amatum nullum: Ich habe gesehen vil liebhabend Mann, aber liebgehabten keinen. Ja gemeiniglich gehet es denen so, die alte römische Scribenten deutsch übersetzen wollen“ (GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759, 872). Er klassifiziert Übersetzungen dieser Art als eine der „Arten der pedantischen Schreibart“ und beschreibt sie als „die Kunst, im Deutschen lateinisch zu reden, und lauter solche Wortfügungen, Einschaltungen und Versetzungen der Wörter zu brauchen, der gleichen die Lateiner sonst gebrauchet haben“ (ebd.). Im Allgemeinen erachten die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung (im Gegensatz zu manchen Schullehrern) freie Übersetzungen aus dem Lateinischen den entsprechenden wörtlichen Übersetzungen als überlegen (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 386). So kritisiert etwa GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER wörtliche Übersetzungen und fordert entsprechend freie Übersetzungen, die den Sinn der lateinischen Ausgangstexte adäquat wiedergeben könnten: „Hier ist auch etlicher Latinisirendes Teutschreden zu bemerken / welche vermeinen / wann sie Wort vor Wort übersetzen / so haben sie es meisterlich ausgerichtet / man pflege gleich also zu reden / oder nicht“ (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 115). Auch JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS spricht sich für freie Übersetzungen aus:

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Dieses wenige erzehle ich dir / damit du augenscheinlich wahrnehmest / daß eine jede Phrasis oder Redart anderst im Lateinischen und anderst im Teutschen müsse lauten / und daß es die Worte / so nach ein ander übergesetzet und verteutschet werden / gar nicht wollen ausmachen / und den Verstand / so sie in einer Sprache haben / in der anderen nach rechter eigenschaft gar nicht behalten. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1224)

Übersetzungen sollten somit möglichst keinen „Latinismus“ aufweisen; daher sei bei einer Korrektur der Übersetzungen von Lateinlernenden insbesondere auch auf deren Vermeidung zu achten: „Man muß aber in der Ausbesserung solcher Uebersetzungen fleißig Acht haben, daß kein Latinismus, oder sonst etwas Ungeschicktes in den Redensarten und Wortfügungen mit unterlaufe“ (GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759, 117). GEORG FRIEDRICH MEIER geht davon aus, dass es im Allgemeinen sinnvoller sei, das Studium lateinischer Schriftsteller anhand von Übersetzungen zu betreiben, wenn die Sprachkenntnisse im Lateinischen nicht ausreichten. Er wendet sich damit gegen Positionen, die allein das Studium der Originaltexte forderten und das von Übersetzungen ablehnten, und argumentiert dabei wie folgt: Wenn man behauptet, man könne sich in allen Fällen, da man in einigen Theilen der Gelehrsamkeit die griechischen und lateinischen Schriftsteller lesen muß, wenn man was gründliches lernen will, mit den Uebersetzungen derselben behelfen, als an denen man heute zu Tage keinen Mangel habe: so sagen einige eifrige Verehrer des Griechischen und Lateinischen, daß es unmöglich sey, den wahren Sinn der Alten aus den Uebersetzungen kennen zu lernen, weil keine derselben den Grundtext erreicht. Nun ist es ohne Zweifel in den meisten Fällen ganz unläugbar, daß man besser thue, einen Schriftsteller in der Grundsprache zu lesen, als in der Uebersetzung. Allein es muß dabey nicht nur vorausgesetzt werden, daß man keine guten Uebersetzungen desselben habe, sondern, daß man auch die Sprache, in welcher er geschrieben hat, dergestalt in seiner Gewalt habe, daß man ihn lesen kann, ohne daß man selbst in seinen Gedanken ihn erst übersetzen müsse. Diejenigen, welche bey allen Gelegenheiten darauf dringen, daß man die lateinischen und griechischen Schriftsteller in der Grundsprache lesen müsse, wenn man anders ihre wahre Meinung, und die Vortrefflichkeit Ihrer Gedanken, erknnen wolle, betrügen sich selbst ofte handgreiflich, und sie können diesen Betrug leicht merken, wenn sie nur auf ihre eigene Erfahrung acht geben. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 81; vgl. ebd., 81f.)

Latein erscheint im 17. und 18. Jh. oft als vermittelnde Übersetzungssprache. So skizziert etwa JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS ein Wörterbuch deutscher Stammwörter, in welchem lexikalische Bedeutungen insbesondere in lateinischer Sprache anzugeben seien: „Die Stammwörter aber müsten etwa mit Lateinischen / Frantzösischen und Griechschen Wörtern erkläret werden, sodass der Leser unsere Teutsche radices samt Lateinischer explication fin-

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den“ könne (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 159). Auch bei JUSTINUS TÖLLNER werden in einem orthographischen Wörterbuch lateinische Ausdrücke zur Angabe der Bedeutung deutscher Wörter herangezogen: Ich habe auch zu ieglichem Wort mit Fleis das Lateinische gesetzet / theils / daß man den Unterschied eines ieden Worts desto besser begreifen / theils auch / daß die studirende Jugend die Lateinischen Wörter entweder zugleich lernen / oder doch wiederholen möge. (TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718, 4)

Eine entsprechende Verwendung erfährt das Lateinische des Weiteren etwa in dem italienischen Sprachlehrwerk für Deutsche von JOHANNES GÜNTZEL, das ggf. auch von Fremdsprachlern zu verwenden sei: Was nun beschließlich vnser teutsch vn Italianisches Sprachwercklein belangt / so seyn wir nicht der meinung gewesen / jemandts / sey er wer er wolle / darinnen die Lateinische Sprache zulehrnen / als welche sonst fast in allen Stätten / ja wol Dörffern / TeutschesLandes geübet vnd getriben wird. Jedoch vmb der Außländischen willen / bey vilen Dictionen vnd Redarten / das Latein mit beygefügt / das vbrige aber / so auch vil mit dem Italianischen fast vbereinkommet / daß auch diß Werck nicht zu groß lieffe / vnd zu thewr gemacht wurde / alles aussen gelassen. (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 6)

Eine bemerkenswerte Überlegung zu Übersetzungen mit der lateinischen Sprache findet sich schließlich bei JOHANN W ERNER MEINER: Hiernach sollten Übersetzungen aus dem Griechischen nicht ins Deutsche, sondern ins Lateinische erfolgen, um so den Zusammenhang zwischen der lateinischen und griechischen Sprache und Literatur transparent zu machen: Und sollte nicht eben diese genaue Verbindung, so sich zwischen der lateinischen und griechischen Literatur befindet, unsere Vorfahren zu jener weisen und klugen Anordnung veranlasset haben, daß diese beyden Sprachen in dem Unterrichte der dem Studieren gewidmeten Jugend stets mit einander aufs genaueste verbunden werden sollten, und zwar also, daß […] das Griechische nicht in das Deutsche, sondern in das Lateinische übersetzet werden sollte, es müsste denn seyn, daß dem Schüler das Latein bey einer Stelle zu schwer vorkäme, in welchem Falle man es zuvor auch in das Deutsche und sodann erst ins Lateinische übersetzen lassen könnte? Dieses Verfahren hat den unläugbaren Nutzen, daß dem Schüler die nahe Verwandtschaft und Aehnlichkeit der beyden Sprachen immer gegenwärtig erhalten, und ihm zugleich die Quelle zu allen lateinischen Wendungen eröffnet wird, welches ihm nothwendig das angenehmste Vergnügen verschaffen muß. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 24)

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2.6 Charakteristika Die sprachlichen Charakteristika des Lateinischen, die von den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung (außerhalb der Darstellung in lateinischen Grammatiken) diskutiert werden, sind auf sämtlichen sprachlichen Beschreibungsebenen zu finden (Laut und Schrift, Morphologie und Syntax, Lexik und Phrasen, Stil sowie Varietäten). Im Folgenden werden zunächst neutrale und kontrastive Beobachtungen betrachtet (zu Vergleich und Wertung vgl. unten).

2.6.1 Laut und Schrift Auf dieser Ebene interessieren die deutschen Sprachdenker im 17. und 18. Jh. insbesondere Onomatopoesie, der Bestand an Vokalen und Konsonanten, das Laut/Buchstaben-Verhältnis, die Gestaltung einzelner Buchstaben sowie Prosodie bzw. Akzent. Das Lateinische wird dabei insbesondere im Vergleich zum Deutschen charakterisiert. Onomatopoesie ist insbesondere für die Sprachgelehrten des Barock ein sprachliches Charakteristikum, das auf ein hohes Maß an Natürlichkeit und Eigentlichkeit einer Sprache hindeutet. Und so ist es für GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER von großer Bedeutung, auf lateinische Onomatopoetika hinweisen zu können: Von den Thieren ist zuvor Meldung beschehen / daß ihre Namen meistentheils von ihrer Stimme hergekommen / wie auch die Benennung etlicher anderer Sachen / die eine Tönung und Laut von sich geben / und darunter sihet man das Lateinische Wort fumus, Rauch / welches nicht kann ausgesprochen werden / als vermittels des blasens. Das Wörtlein Nos, Wir / ziehet den Odem an uns / und Vos, ihr / lässet den Odem von den Lippen. (HARSDÖRFFER: Delitiae Philosophicae et Mathematicae, Nürnberg 1692, 61)

Ein Vergleich des Lateinischen mit dem Deutschen komme indessen zu dem Ergebnis, dass das Deutsche nicht nur härter (reicher an Konsonanten) als das Lateinische sei, sondern sich auch dadurch auszeichne, dass es onomatopoetisch die „Natur mehr nachahmen“ könne als dieses. So schreibt DANIEL GEORG MORHOF (zu Onomatopoetika im Lateinischen vgl. auch LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 20f.): Ich wollte ein gantzes Wörterbuch durchgehen / und nach der Reihe erweisen / daß unsre Wörter nicht härter sind / als die Griechischen und Lateinischen / ja wohl weicher

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/ als jene / und / wo sie härter sind / der Natur mehr nachahmen / als jene. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 225)

Wie bereits bei MORHOF angedeutet, wird im 17. und 18. Jh. auf die Feststellung wert gelegt, dass das Inventar an Vokalen und Konsonanten im Lateinischen demjenigen im Deutschen mehr oder weniger entspreche. So sei der Bestand an Lauten in den beiden Sprachen den „Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache“ nach (von einigen wenigen Unterschieden abgesehen) ähnlich: Der selbstlautenden [Töne] sind im Deutschen so viel, als im Lateinischen. Unter den mitlautenden ist im Deutschen das W, dessen die Lateiner ganz ermangeln; und das K, welches si selten brauchen. Und dergestalt giebt die deutsche Sprache der lateinischen an Aehnlichkeit nichts nach, wenn man die selbstlautenden und mitlautenden Töne nach ihrer Allgemeinheit betrachtet. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 161; vgl. ebd., 172f.)

Das Laut/Buchstaben-Verhältnis im Lateinischen lautet nach FABIAN FRANGK 1:1: Dieses ideale Verhältnis solle auch im Deutschen hergestellt werden: Wenn ein iedlich wort / mit gebürlichen Buchstaben außgetruckt / das ist / recht vnd reyn geschriben wirt / also / dz kein Buchstab müssig / oder zuuil / noch zuwenig / Auch nicht an statt des andern gesetzt / noch versetzt / Darzu nicht frembdes / abgethanes / so einen missestandt oder verfinsterung geberen möchte / eingefürt wird / Wölches sunst die Latiner vnnd Griechen / Orthographiam / wir aber / Rechtbuchstäbig Teutsch schreiben / nennen wollen. (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, 2)

In Entsprechung hierzu äußert sich auch VALENTIN ICKELSAMER: Bey den Lateinischen wirt die Orthographia / dz ist /recht buchstäbisch schreiben / so eben vnd fleissig gehalten / das ainer der gantzen Lateinischen kunst vnwissend würdt geachtet / der nur ainen buchstaben vnrecht / oder ainen zuuil oder zu wenig setzet / warumb soll es dann bey den Teutschen gleich gelten / man schreib recht oder falsch? (ICKELSAMER: Teütsche Grammatica, um 1534, 3f.)

Lateinische und deutsche Buchstaben weisen deutschen auch den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung eine gewisse Ähnlichkeit in ihrer Gestaltung auf. So heißt es beispielsweise in den „Beyträgen“: Die Buchstaben, welche die Stellen auszusprechender Töne vertreten, sind in beyden Sprachen nicht minder dergestalt gebildet, daß unser Auge an den gleichnamigen eine ziemliche Aehnlichkeit bemerkt; man mag nun entweder die großen der Lateiner mit den großen der Deutschen; oder die kleinen mit den kleinen in Vergleichung ziehen. Es

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ist wohl wahr, daß in einigen Deutschen etwas gekünstektes heraus kömmt: Doch aber hat sie die Kunst den Lateinischen nicht ganz unähnlich gemacht. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 162)

Dabei werde im deutschsprachigen Texten noch die „alte eckige Schrift“, in lateinischen Texten die „neuere runde“ gebraucht (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 639f.; vgl. im Weiteren zu den Buchstaben c und k HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 126; zum Buchstaben y ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656, 40; zu lateinischen Buchstaben in niederländischen Schriften LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 353; im Weiteren auch ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 146; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 9f.; ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777, 158). – Eine Erklärung für die Ähnlichkeit lateinischer und deutscher Buchstaben findet sich etwa in HERDERs „Ursprung der Sprache“; dort wird darauf hingewiesen, dass sämtliche Schriften Europas letztlich auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgingen: „Die Morgenländischen Alphabete sind im Grunde Eins: das Griechische, Lateinische, Runische, Deutsche u. s. w.“ (HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772, 139). Das deutsche Prinzip des Stammsilbenakzents wird wiederholt gegenüber dem Akzent des Lateinischen abgegrenzt, insbesondere auch hinsichtlich der Konsequenzen für die Dichtung (ob hier die moderne sprachtypologische Unterscheidung zwischen silben- und akzentzählenden Sprachen vorweggenommen wird, muss derweil unbestimmt bleiben). Bei KLOPSTOCK heißt es hierzu (vgl. auch ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777, 162f.; ADELUNG: Magazin für die Deutsche Sprache, Leipzig 1782, 8): Unser Tonmaß verbindet die Länge mit den Stamwörtern oder den Stamsylben, und beyde mit den Hauptbegriffen; die Kürze hingegen mit den Veränderungssylben, (diejenigen, durch welche umgeendet, und umgebildet wird) und beyde mit den Nebenbegriffen. Dieses macht, daß unsre Sprache den Absichten der Verskunst angemessner ist, als es selbst die beyden alten Sprachen sind. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183)

Ein bemerkenswerter Vergleich zwischen dem Lateinischen und dem Deutschen findet sich hier schließlich bei JOHANN GEORG BERNDT. Dieser weist auf die strukturelle Ähnlichkeit des Lateinischen und Niederdeutschen auf der Ebene der Lautung hin:

Charakteristika —— 115

Die plattdeutsche Sprache hat ihre besondre Flexionen; ihre Geschlechtswörter stimmen nicht mit dem Oberdeutschen überein; sie hat ihre besondern Redensarten. Doch verdient sie alle Aufmerksamkeit, so gut wie die hochdeutsche: und dieses um so viel mehr, weil die plattdeutschen Worte dem Latein oder dem verwandten Dialekte, von welchem die deutschen Worte abstammen, viel näher kommen; Z. E. Der Oberdeutsche sagt die Pfoten, der Niederdeutsche die Poden, vielleicht vom griechischen: Podes; der Schlesier sagt, das Pfütel, die Pfütel. Die Pforte der Oberdeutschen heißt bey den Niederdeutschen die Poorte, vom lateinischen, porta. Die Furke kennt der Schlesier gar nicht, aber wohl die mistgabel oder Ofengabel, Furke ist das lateinische furca (BERNDT: Versuch zu einem slesischen Idiotikon, Stendal 1787, XXVI).

Ganz offensichtlich ist es hier das Ausbleiben der zweiten Lautverschiebung, das bei lateinischen Entlehnungen im niederdeutschen Raum eine größere Ähnlichkeit der Sprache mit dem Lateinischen selbst nahelegt als im hochdeutschen.

2.6.2 Wortschatz Im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung spielen sog. Stammwörter eine wichtige Rolle. Ähnlich der Onomatopoetika werden sie als Garant für eine hohe Natürlichkeit und Eigentlichkeit einer Sprache angesehen, da sie keine sozial- und kulturgeschichtlich bedingten Veränderungen zeigten. Neben der Zahl an Stammwörtern sind es der Reichtum oder die Armut einer Sprache an einzelnen Wörtern überhaupt, die als deren wesentliches Charakteristikum angesehen werden. Im Hinblick auf die Zahl an Stammwörtern fällt das Urteil über das Lateinische bei CARL GUSTAV VON HILLE wenig günstig aus – zumindest nicht im Vergleich zum Deutschen: Die lateinische Sprache weise also eine relativ geringe Zahl an solchen Stammwörtern auf (vgl. auch ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649, 28f.; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 208f.; W INKELMANN: Proteus, Oldenburg 1657, 64): So ist auch unsere geliebte Teutsche Muttersprache; unter andern Haubtsprachen nicht die geringste; sondern die prächstigste; ja die nechste der Hebräischen: wie solches die glaubwürdige Geschichtsschreiber bezeugen / auch aus den viel einsylbigen Stammwörtern / deren allein Simon Stevin bey die 2170. aus den Teutschen zusammengelesen: in der Lateinischen Sprache hat er 163. und in der Griechischen 265. Gefunden. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 78f.)

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Mit dieser Argumentation wird offensichtlich versucht, das Deutsche anhand eines vermeintlich objektiven Kriteriums gegenüber dem Lateinischen aufzuwerten. Für JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS sind der Reichtum an Stammwörtern und die Kompositionsneigung die zwei wesentlichen Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Lateinischen: „Die Lateinische Sprache vermag weder an Menge der Stammwörter / noch an Vermögen der Verdoppelung sich mit der Teutschen Sprache vergleichen“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1244). Dennoch – und in dieser Beurteilung weicht SCHOTTELIUS etwa von HILLE ab – sei das Lateinische eine Literatursprache, die hervorragend ausgearbeitet und genauestens untersucht sei, was für die deutsche Sprache eben noch nicht zutreffe: Die Lateinische Sprache vermag weder an Menge der Stammwörter / noch an Vermögen der Verdoppelung sich mit der Teutschen Sprache vergleichen / ihre herrliche Ausschmükkung und perfectionirung aber hat sie dem fleisse der vortreflichen vielen Leute / die sich aller Ekken und Orten ihrer also treulichst angenommen / aller ihrer Wörter Kraft und Wirkung untersuchet / und wo es nur seyn können / aus allen Winkelen herausgeschmükket: An welcher rechten Ausarbeitung und gebührender genauer Untersuchung hat es bishero der Teutschen Sprache ermangelt. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1244)

Der (von der Zahl an Stammwörtern unabhängige) Wortreichtum der lateinischen Literatursprache wird bei SCHOTTELIUS auf zahlreiche Entlehnungen aus dem Griechischen zurückgeführt: Solche „Grichische Worte / als termini artium müssen von dem / der Lateinisch recht was wissen will / erlernet werden“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243). Letztlich habe „die Lateinische Sprache / ohn Abbruch ihres Ruhms / solche terminos wol behalten / und durch Beyfügung der Lateinischen terminationum sich vielmehr selbst Wortreicher machen können“ (ebd.). SCHOTTELIUS weist im Weiteren auf den großen Reichtum an „Vorwörtern“ (Präpositionen) im Deutschen im Vergleich zum Lateinischen hin, die (in Form von Verbzusätzen oder Derivationsmorphemen) wiederum zu einer höheren Wortbildungsproduktivität beitrügen: Es ist die Anzahl der Teutschen Vorwörter grösser als der Griechen und Lateiner […] / und lassen sie sich mit einer sonderlichen Füglichkeit bey sehr viele Zeitwörter / wie auch auch veile Nennwörter / solcher massen setzen / daß dahero eine Verdoppelung / oder verdoppeltes Wort entstehet. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 88)

Charakteristika —— 117

Einen lexikalischen Reichtum im Lateinischen, der „sehr viele Hauptwörter, Beywörter, und Zeitwörter […], welche kurze Stamsylben, und lange Veränderungssylben haben“, umfasse, nimmt im Weiteren auch FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK an (Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183; vgl. zu Wortschatzreichtum und -armut im Lateinischen auch MACKENSEN: Beiträge zur Kritik der Sprache, Wolfenbüttel 1794, 8). Eine Gleichwertigkeit des Deutschen und des Lateinischen wird von den Sprachgelehrten des 17. und 18. Jh.s im Hinblick auf den metaphorischen Gebrauch von Wörtern behauptet: In der lateinischen Sprache hat man eigentliche und uneigentliche Wörter und Redensarten. So groß aber der Vorrath im Lateinischen ist: So geringe ist auch der Mangel im Deutschen. Wolfs mathematische und philosophische Schriften legen wiederum in vieler Weitläufigkeit dar, wie weit sich der eigentliche Ausdruck der Gedanken in unsrer Sprache erstrecke. Verlangt man aber Exempel des uneigentlichen Ausdrucks: So darf man nur die Schriften unsrer Redner und Poeten vor die Hand nehmen. Die Anzahl ihrer Werke ist so hoch gestiegen, daß man nicht den geringsten Zweifel haben darf, ob die deutsche Sprache der lateinischen in dem tropologischen Ausdrucke Wage halte. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 160)

Das Lateinische zeige im Weiteren mehr bildhafte Redensarten als das Deutsche, so CHRISTIAN W EISE: Im Lateinischen lassen sich solche „Redens-arten sehr wol geben / weil die Sprache an sich selbst in diesem Stücke glückseliger ist als die Teutsche“ (W EISE: Politischer Redner, Leipzig 1681, 61). Hinsichtlich des Reichtums an Wörtern neigt JOHANN JOACHIM BECHER zu einer relativierenden Position: In „vielen Sachen ist die Lateinische Sprach Wortreich / in vielen Wortarm“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 19). Und GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ erörtert am Beispiel von Wortschatzunterschieden im Lateinischen, Griechischen, Französischen und Deutschen so etwas wie ein sprachliches Relativitätsprinzip: Nun glaub ich zwar nicht, dass eine Sprache der Welt sey, die ander Sprachen Worte jedesmahl mit gleichem Nachdruck und auch mit einem Worte geben könne. Cicero hat den Griechen vorgeworffen, sie hätten kein Wort, das dem Lateinischen ineptus antworte: Er selbst aber bekennet zum öftern der Lateiner Armuth. Und ich habe den Frantzosen zu Zeiten gezeigt, dass wir auch keinen Mangel an solchen Worten haben, die ohne Umschweiff von ihnen nicht übersetzt werden können. Und können sie nicht einmahl heut zu Tag mit einem Worte sagen, was wir Reiten oder die Lateiner Equitare nennen. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 344f.)

Das Deutsche stehe dem Lateinischen letztlich auch an Fachwortreichtum als solchem nicht nach; es bestünden jedoch Unterschiede in den diversen fachlichen Bereichen selbst:

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Ja die deutsche Sprache hat nicht nur einen Reichthum an Wörtern, welche die Stelle der lateinischen Kunstwörter vertreten, die man in der Gelehrsamkeit gebraucht: Sondern sie ist so gar mit Wörtern versehen, wodurch man diejenigen Benennungen ausdrücken kann, mit welchen in Rom besondere Verrichtungen, Aemter und andere Sachen belegt wurden. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 158f.)

Das Lateinische und das Deutsche wiesen zahlreiche Wörter auf, die gleiche Bedeutung und gleichen Ausdruck haben: „Man hat im Deutschen und Lateinischen Wörter, die einerley Sache bedeuten, und im Ohre fast einerley Bewegung erregen“ (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 163). Dabei sei es aus synchron-struktureller Sicht nebensächlich, ob es sich um Entlehnungen aus der einen in die andere Sprache oder umgekehrt handele; wichtig sei allein diese Entsprechung, die oft zu belegen sei, selbst (zu Beispielen vgl. ebd., 163f.): Ich will mich aber darum nicht bekümmern, ob die Deutschen aus den Lateinischen entstanden; oder die Lateinischen aus den Deutschen herkommen; denn ich bin unterdessen damit zufrieden, daß ich einen Vorrath von dergleichen Wörtern aufweisen kann, die nicht nur einerley Bedeutung führen, sondern auch im Tone etwas haben, welches in beyden Sprachen einerley ist (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 163).

2.6.3 Wortbildung Das Lateinische gilt unter den deutschen Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s als eine Sprache, die eine nur geringe Wortbildung (Komposition und Derivation) zeige. Sie wird dabei insbesondere mit dem Griechischen und dem Deutschen verglichen. So neige das Lateinische erkennbar weniger zur Wortbildung als etwa deutschen Sprache (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 11f.). Dies gelte insbesondere für die Komposition (hier als „Verdoppelung“ oder „Zusammensetzung“), die von CARL GUSTAV VON HILLE auf den niedrigen Anteil einsilbiger Stammwörter im Lateinischen zurückgeführt wird: Bey ersterzehlten Namen ist zu beobachten die künstliche Füglichkeit unserer Teutschen Wörter / deren vielen die Lateinische Sprache nicht nachsprechen kann / und was wir mit einer Verdopplung ausreden / mit etlichen Worten geben / oder zu dem Griechischen fliehen muß. Solche Füglichkeit der Zusammensetzung entstehet eigentlich von den viel einsylbigen Stammwörtern der Teutschen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 176)

Charakteristika —— 119

Laut JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS weise auch das Griechische eine höhere Wortbildungsneigung als das Lateinische auf: „Die Menge und Compositio Vocabulorum / ist in Grichscher Sprache ein gewaltig Kunststükke / dessen die Lateinische Sprache sich auf solche Weise nicht zurühmen weiß“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243). Die geringe Wortbildungsneigung des Lateinischen wird etwa einhundert Jahre später auch bei JOHANN FRIEDRICH LAMBERT festgestellt. Die im Vergleich hohe Wortbildungsneigung des Deutschen und Griechischen wird dabei als Vorteil gegenüber dem Lateinischen (insbesondere im fachsprachlichen Bereich) angesehen: Eine Sprache ist daher auch vollkommener, je mehr sie Möglichkeiten enthält, aus ihren Wurzelwörtern Wörter von jeder beliebigen Bedeutung zusammenzusetzen und abzuleiten, dergestalt, daß man aus der Structur des neuen Wortes seine Bedeutung verstehen könne. Diesen Vorzug hat die griechische und deutsche Sprache; Hingegen bleibt die lateinische darinn zurück, und die Römer borgten ihre neuen Wörter mehrentheils den Griechen ab, und der Gebrauch verboth ihnen, viele davon ausn ihrer eigenen Sprache zusammenzusetzen, die gar wohl möglich und der Art ihrer Sprache nicht zuwider gewesen wären. (LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764, 76f.)

Versuche, lateinische Komposita in philosophischen Texten zu einzuführen, muteten fremdartig an und seien daher fehlgeschlagen: „Die Schullehrer maßten sich diese Freyheit an, aber mehrentheils ohne die Art der Sprache zu kennen, und daher waren ihre philosophischen Kunstwörter eher Mißgeburten als ächtes Latein“ (ebd.). Im Deutschen hingegen sei die Wortbildung ein hervorragendes Mittel, Fachwörter zu generieren und damit zum weiteren Ausbau des gesamten Fachwortschatzes beizutragen: Die deutsche Sprache, die bereits angefangen hat, zur gelehrten Sprache zu werden, scheint die Vollkommenheit der griechischen erreichen zu können. Sie hat bestimmte und bedeutende Wörter, und sehr viele Möglichkeiten der Zusammensetzung und Ableitung. Sie leidet härtere Fügungen der Mitlauter, und ist zu Metaphern biegsam. (LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764, 77)

Hinsichtlich der Negation durch die Präfixe in- bzw. im- im Lateinischen und un- im Deutschen erscheinen die lateinische und die deutsche Sprache den Sprachdenkern strukturell und lexikalisch als äquivalent; hier erweise sich also die Wortbildungsneigung der beiden Sprachen im Unterschied zur Komposition als mehr oder weniger vergleichbar (zur doppelten Negation im Lateinischen vgl. auch W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 222):

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Diejenigen Wörter, die sich bey den Lateinern mit in oder im anfangen, und eine Verneinung bedeuten, werden im Deutschen durch Wörter gegeben, die eben das bedeuten, und un zur Anfangssylbe haben. So groß als die Menge verneinender zusammengesetzter Wörter im Lateinischen ist, die ihrer Zusammensetzung auf einerley Art gemachet werden: So groß ist auch die Anzahl der Wörter im Deutschen, die etwas verneinen, und auf einerley Weise zusammengesetzt werden. Z. E. Immodestus, unbescheiden. Immutabilis, unveränderlich. Insanabilis, unheilbar. Insaturabilis, unersättlich. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 162f.)

Beispiele für lateinische Wortbildungen finden sich zum Beispiel bei JOCHRISTOPH GOTTSCHED: „Z. E. Horaz brauchet, tergeminis, decertare, dissociabilis, depraeliantes, dereptus, irruptus, u. d. gl. Doch da ich in seinen ersten XV. Oden nicht mehr, als diese sechs finden kann, so sieht man, wie bescheiden er damit umgegangen“ (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 294; vgl. ebd., 301). Angesichts der Wortbildungsarmut im Lateinischen könne man nach JOHANN CHRISTOPH ADELUNG auf einen Wortbildungsteil in Darstellungen zur lateinischen Grammatik ganz verzichten: HANN

Nun war die Lateinische Sprache auch zur Zeit ihres größten Flores in Zusammensetzung der Wörter sehr eingeschränkt, und jetzt da sie als eine todte Sprache gelehret und erlernet wird, ist sie es noch mehr, so daß es jetzt noch weniger frey stehet, neue Wörter dieser Art zu bilden. Man konnte daher die Regeln, nach welchen die wenigen Wörter dieser Art gebildet worden, in den Lateinischen Sprachlehren entbehren, weil sie doch nicht weiter angewandt werden können. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 210)

2.6.4 Wortarten und Formbildung Das Lateinische und Deutsche zeigen laut einer Aufstellung in den „Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache“ zahlreiche Entsprechungen in Wortarten und grammatischen Kategorien; diese Aufstellung ist einerseits selektiv; andererseits spiegelt sie wesentliche Gesichtspunkte der genealogischen und strukturellen Verwandtschaft der Sprachen aus Sicht der Gelehrten im 17. und 18. Jh. wider: Die Lateiner zählen acht Hauptarten von Wörtern: Namen, Zeitwörter, Vorwörter, Mittelwörter, Nebenwörter, Fürwörter der Namen, Verknüpfungswörter, Zwischenwörter. Die Namen sind theils wesentliche, theils zufällige; theils Stammnamen, theils abstammende. Die Namen hat man unter gewisse Geschlechter gebracht. Die zufälligen und die Nebenwörter können gewisser Grade theilhaftig werden, als des Grades der Gleichheit, der Ungleichheit und des gänzlichen Unterschieds. Die Namen sind verschiedenen

Charakteristika —— 121

Abfällen (casibus) unterworfen. Die Zeitwörter beschreiben die Sachen nach dem Zustande verschiedner Zeiten, stellen Personen vor, und haben allerhand Modos, als den Indicatiuum, den Impertaiuum, den Coniunctiuum, den Infinitiuum. So wohl Namen als Zeitwörter und Mittelwörter drücken entweder ein Ding oder mehrere einer Art aus, d. i. man braucht sie bald im Singulari, bald im Plurali. Alles dieses wird auch in der Sprache der Deutschen angetroffen. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 159f.)

An anderer Stelle heißt es entsprechend: Im Deutschen und Lateinischen werden Wörter, die einerley Verstand in sich begreifen, nach einerley Regel verbunden. Also mag man auf die Abfälle, auf die Geschlechter, auf die Numeros, auf die Modos sehen: So wird man in beyden Sprachen eine große Uebereinstimmung erblicken. Man hat zwar wenig Regeln, die man so allgemein abfassen könnte, daß nicht eine Ausnahme dabey statt haben sollte. Aber dem ohngeachtet muß man sich über die Größe der Aehnlichkeit in diesem Stücke verwundern, wenn mann die Grammatiken beyder Sprachen gegen einander hält (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 165).

Im Gegensatz zu den „Beyträgen“ weist JOHANN MICHAEL HEINZE in erster Linie auf Unterschiede zwischen der lateinischen und der deutschen Sprache hin. Dabei versucht er am Beispiel der Kasus zu zeigen, dass verschiedene Sprachen dieselben grammatischen Kategorien auf jeweils eigene Weise zum Ausdruck bringen könnten – das Lateinische morphologisch durch Flexionsformen, andere Sprachen periphrastisch durch Partikel oder dergleichen (vgl. auch HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 74, 89f.): Wie? Wenn sich nun in allen Nennwörtern nicht mehr als vier Endungen fänden: würde man denn Ursache haben, mehr als 4 Casus anzunehmen? Die Griechische Sprache hat nur Fünf, und ist doch iederzeit für vollkommner gehalten worden, als die Lateinische. Die Deutsche aber hat wirklich nur vier: Weil der Vocativus dem Nomin. allemal gleich: und bald mit Vorsetzung des Wörtchens o! ach! u. s. w. bald ohne dieselben, gleichwie der Ablativus durch den Dativum und mit Hülffe eines der Vorwörter von, mit, durch, vor u. s. w. ausgedrücket wird. Denn ein anders ist sechs Endungen haben, ein anders die sechs Endungen einer andern Sprache ausdrücken können. Die Franzosen und Engelländer haben gar keine Casus, weil ihre Nomina keine verschiedene Endungen haben, ob sie gleich alle Sechs Latein. Casus vermittelst gewisser Vorwörter ausdrücken können, welches auch von vielen alten Sprachen, als der hebräischen, gilt. (HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 58f.)

Hiermit nimmt HEINZE eine sprachtypologische Unterscheidung vorweg, die spätestens im 19. Jh. als diejenige zwischen Synthese und Analyse im Sprachbau bekannt wird.

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Dass diese Unterscheidung zwischen synthetischer und analytischer Bauweise kein Einzelfall ist, zeigt eine Beobachtung von JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED: Das Lateinische kenne keine Artikel, während das Deutsche über solche verfüge. Die Tatsache, dass auch die romanischen Sprachen Artikel aufweisen, erklärt GOTTSCHED durch Entlehnung aus dem Deutschen: Denn unsere Sprache hat in den Artikeln, oder Geschlechtswörtern eine große Ähnlichkeit mit der griechischen. Auch die alte gothische hergegen hatte sie schon, wie aus dem Ulfila erhellet. Die lateinische hergegen hat sie nicht: ihre heutigen Töchter aber, die wälsche, spanische und französische, haben sie von ihren deutschen Überwindern, den Gothen, Longobarden, Vandaliern, Burgundern, Franken, und Normannen annehmen müssen. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 198f.)

Eine weitere Textstelle, in der synthetische Konstruktionen im Lateinischen und analytische im Deutschen einander gegenübergestellt werden, findet sich bei MORITZ und STUTZ. Im Bereich der deutschen Verben würden Hilfsverbkonstruktionen eingesetzt, um Flexionsformen des Lateinischen periphrastisch zu umschreiben (vgl. darüber hinaus etwa auch JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 23): Von den Konjugationsverhältnissen, welche andere Sprachen an ihren Verbis durch Biegung desselben ausdrücken, bezeichnet die deutsche Sprache an ihren Zeitwörtern selbst sehr wenige. Man ersetzet aber diesen Mangel, und macht die deutsche Konjugation nach dem Muster der lateinischen dadurch vollständig, daß man durch hülfe der Wörter sein, haben und werden die ihr selbst fehlenden Konjugationsverhältnisse umschreibt. (MORITZ/STUTZ: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1794, 261)

2.6.5 Satzbau Überlegungen zur lateinischen Syntax sind in den Quellen weitaus seltener zu finden als solche zur Lexik oder zur Morphologie. In den wenigen Quellen, in denen der Satzbau des Lateinischen zum Gegenstand gemacht und mit demjenigen anderer Sprachen, darunter auch dem des Deutschen, verglichen wird, geht es insbesondere um syntaktische Komplexität sowie um Wort- und Satzgliedstellung bzw. Inversionen. Die lateinische Sprache hat unter den deutschen Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s den Ruf, einen komplexen Satzbau zu zeigen, der eher mit demjenigen des Deutschen als dem des Französischen zu vergleichen sei. Dass Komplexität des Satzbaus nicht zwangsläufig mit einer negativen Wertung

Charakteristika —— 123

einhergeht, zeigt sich etwa bei JOHANN JERUSALEM, der so etwas wie Schwerfälligkeit und Verworrenheit im deutschen, Leichtigkeit und Einförmigkeit im französischen sowie Unübersichtlichkeit im lateinischen Satzbau annimmt (zum Vergleich lateinischer und deutscher Syntax vgl. auch MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 250; 251): Bey aller dieser schon so glücklichen Ausbildung unsrer Sprache, muß sie aber doch noch beständig den Vorwurf leiden, daß ihr Gang zu schwerfällig, daß ihre Construction zu verworren sey, und die Härte und Rauhigkeit ihrer Töne das Ohr zu sehr beleidige. Denen, die an den leichtern und einförmigern Gang der französischen Sprache einmal gewohnt sind, müssen allerdings die langen Perioden, die eingeschobenen Parenthesen, die gehäuften und zusammengesetzten Beywörter, die Versetzung der Präpositionen, die Trennung des Hauptworts von seinem regierenden Verbo, und daß dieses erst am Ende der Perioden kommt, nothwendig die Sprache sehr schwer machen. Aber jede Sprache hat ihren besondern Gang, der erst gekannt seyn will; die lateinische Sprache würde sonst, wegen ihrer uns eben so verworfen scheinender Constructionen, und der langen Perioden des Cicero eben der Vorwurf treffen. (JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 17)

Nach JOHANN GEORG HAMANN zeige das Lateinische im Vergleich zum Französischen zahlreiche Inversionen, also eine verhältnismäßig geringe Verbindlichkeit der Wortstellung: „In der Vergleichung, welche man bey Gelegenheit einer Streitfrage zwischen der lateinischen und französischen Sprache anstellt, gerieth man auch auf eine Untersuchung der Lehre von den Inversionen“ (HAMANN: Anmerkungen über die Wortfügung in der französischen Sprache, Königsberg 1762, 130). Diese geringe Stellungsverbindlichkeit gelte jedoch allein syntaktisch – funktional oder semantisch seien diverse Stellungsvarianten durchaus zu unterscheiden: Es ist bekannt, wie weit die Freyheit in der römischen Sprache geht die Wörter zu versetzen, und daß man in Schulen die Gewohnheit hat, diese Schönheit der alten Schriftsteller, durch das sogenannte construiren, zu vernichten; weil durch diesen methodischen Unfug dem Ohr der Jugend die Übung des Wohlklangs, der zu einem lateinischen Perioden gehört, entzogen wird, und zugleich der Nachdruck des Sinns vielmals verloren geht, wo durch die Stellung der Wörter die Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuhörers erweckt und stuffenweise unterhalten werden soll. (HAMANN: Anmerkungen über die Wortfügung in der französischen Sprache, Königsberg 1762, 130)

Zur thematischen Organisation des lateinischen Satzbaus heißt es etwa bei MARTIN EHLERS: Auch selbst in der lateinischen Sprache; die es am meisten zulässt, ist es gar nicht gleichgültig, wie die Wörter unter einander geworfen werden. Eine gewisse Folgeord-

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nung ist immer vorzüglich harmonisch, und eine Aenderung ohne Rücksicht auf Nachdruck ist selten so erlaubt, daß der Wohlklang nicht darunter leide. (EHLERS: Vocabellernen beym Unterricht in Sprachen, Altona 1770, 49f.)

Ein kurzes Beispiel für funktional bzw. thematisch zu unterscheidende Inversionen ist bei JAKOB HEMMER zu finden (zur Vergleichbarkeit lateinischer und deutscher Satzsemantik vgl. auch: Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 172): Was die Ordnung der Theile eines Redesatzes anlanget, so ist dieselbe in einigen Sprachen, als der lateinischen u. a. m., sehr veränderlich. Z. B. der Redesatz, Vita humana Bellum est, kann folgende Versetzungen haben: Vita Bellum est humana, humana Vita est Bellum, Bellum humana est Vita, est Bellum Vita humana, humana Bellum est Vita u. s. w. Allein diese Versetzungen gehen in unserer und vielen andern Sprachen nicht an. Wie ungereimt käme es nicht heraus, wenn wir nach dem Lateinischen sagen wollten: Das Leben ein Krieg ist das menschliche, ein Krieg das menschliche ist Leben, und so weiter, an Statt, das menschliche Leben ist ein Krieg, oder, ein Krieg ist das menschliche Leben, welches die zwo einzigen Versetzungen sind, die der obige Redesatz im Deutschen annimmt. Es ist also die Ordnung der Theile eines Redesatzes in unserer Sprache an gewisse Gesetze gebunden, die Niemand überschreiten darf. (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 431f.).

2.6.6 Rhetorik und Stil Rhetorik und Stil sind für die deutschen Sprachdenker des Barock und der Aufklärung wichtige Aspekte innerhalb der Überlegungen zur Entwicklung einer überregionalen Literatursprache. In den Belegen spielen dabei die Unterscheidung von zwei Stilebenen sowie die Bedeutung von Individualstil für die Entwicklung eines allgemeinen Stils eine besondere Rolle. Die deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s setzen im Lateinischen zwei Stilebenen an, die Ebene der Alltagssprache und diejenige der Literatursprache: „Ein blosser Lateiner / Grieche / vnd Ebreer deßgleichen / ob er schon grosse Weißheit vnd Kunst / in seiner Sprachen fürgibt / Disputirt / zanckt / hadert / wie er kann vnd will“ (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 3). Diese beiden Stilebenen oder gar sprachlichen Varietäten unterscheidet auch PHILIPP VON ZESEN und überträgt diese Beobachtung auf das Griechische und Deutsche. Dabei ist bemerkenswert, dass Athen und Rom mit Obersachsen und Meißen in Verbindung gebracht werden: Dan in iedem Lande finden sich zweierlei sprachen / eine hohe oder zierliche / und eine niedrige oder bäurische. Jene ist bei Hofe / unter gelehrten / unter geschickten und höflichen menschen / und sonderlich unter dem Frauenzimmer / üblich: Diese aber gehet

Charakteristika —— 125

unter dem gemeinen manne / und dem Land-volke im schwange. So hat man zu Atehn das zierlichste Griechische / zu Rohm das zierlichste Latein geredet. So redet man noch in Obersachsen und Mweissen das zierlichste Hochdeutsch / das man im schreiben gebrauchet. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 226f.)

Ein weiterer Beleg für diese stilistische Dichotomie findet sich bei SCHOTTELIder zwischen der „rechten Lateinischen Sprache“ und der „Lingua rustica Romana“ unterscheidet:

US,

Zu des Varronis Zeiten / auch noch lange hernach / ward der Unterscheid in der Lateinischen Sprache gehalten / daß die rechte reine Lateinische Sprache / welche durch Anweisung in den Schulen gefasset werden muste / weit anderst angesehen und beehret worden / als die Lingua rustica Romana, deshalber der gute Varro es sich so saur werden lies / das Unlateinische entweder gar abzuthun oder zur Gültigkeit und Grundrichtigkeit zubringen. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1228; vgl. auch ebd., 168)

Der Unterscheidung von zwei Stilebenen spiegelt sich auch in der Auffassung wider, dass ein Individualstil von römischen Schriftstellern nicht gepflegt oder gefördert werde, da es einer einzelnen Person kaum zustehe, das kommunikative Medium der Allgemeinheit selbst zu bestimmen: Gleichwie aber in der Lateinischen Sprache ein Auctor iezuweiln ein Wort in einer Bedeutung oder Construction braucht, in welcher es bey keinem andern leichte angetroffen, und dahero von guten Lateinern nicht gern, wenn gleich der Auctor sonst von großem Ansehen, und aus dem güldnen Seculo wäre, nachgeahmt, sondern deswegen billig vor einen Eigensinn oder entfallenes Wort geachtet wird, weil ein einziger Mann nicht vermögend ist, der gantzen Sprache etwas aufzubürden, und die übrigen alle zum Beyfall gleichsam zu nöthigen. (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 15)

Dieses allgemeine Ideal wird von GLAFFEY letztlich auch auf den literarischen Gebrauch der deutschen Sprache übertragen: Also muß man auch im Teutschen darauf sehen, daß man solche Worte, Constructionen und Redens-Arten erwehle, welche hin und wieder von guten Teutschen SchrifftStellern gebraucht, und in der grossen Welt einmal auf und angenommen worden sind. (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 15)

Die exzerpierten Belege enthalten zahlreiche Überlegungen zu diversen rhetorischen und stilistischen Erscheinungen. Diesen soll an dieser Stelle nicht im Einzelnen nachgegangen werden, da aus ihnen in der Regel nur verhältnismäßig wenig Grundsätzliches hervorgeht; einige Beispiele, die auf

126 —— Latein

stilistische Unterschiede zwischen zwischen lateinischen und deutschen Texten eingehen, seien indessen der Illustration halber angeführt: –

In der lateinischen Poesie werde im Unterschied zur deutschen nicht gereimt: Die Griechen und Lateiner haben nicht so viel reim-wort wie die Deutschen und Hebräer / deshalben sie auch keine Reimen machen / noch machen können / sondern gebrauchen gar eine andere Art in ihren Verschen / da gar kein Reim gemacht wird / wie den Gelehrten bekannt ist. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14)



Im Lateinischen seien Anagramme üblich, im Deutschen nicht (wo sie jedoch durchaus möglich erschienen): Als Opitz seinen Aristarch geschrieben, gab es unter den lateinischen Deutschen Leute, welche der deutschen Sprache es vor eine grosse Ungeschicklichkeit enrechneten, daß sie keine Anagrammata, wie die lateinische an das Licht bringen könnte; damit er der unschuldigen Sprache auch derselben Gewogenheit erwürbe, unterzog er sich der Arbeit, die sonst für seinen Geist gar nicht anständig war, und anagrammatisirte ihnen ein paar deutsche Nahmen. (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 358)



Das Lateinische zeige eine größere sprachliche Kürze als das Deutsche: In gemein aber leßt sich auch ausser diesen eine Meynung viel kürtzer in der Lateinischen als in der Deutschen Sprache fassen / und weiß Ich nicht wie es kömt / daß / wenn es ein Deutscher nachthun will / solches niemahls ohne Zwang geschehen kann.“ (ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 33; vgl. ebd. 33f.)

Zum lateinischen Versbau, Stil und Rhetorik (Prosodie, Akzent, Längen und Kürzen, Parenthesen usw.) vgl. im Weiteren beispielsweise auch BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 143f.; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 252; 259; Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 174; GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 22; ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 32; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 213f.; 226f.

Vergleich und Wertung —— 127

2.7 Vergleich und Wertung Das Lateinische wird im Sprachdenken des Barock und der Aufklärung wiederholt mit dem Deutschen verglichen. Neben funktional-sachlichen Überlegungen zum lateinischen-deutschen Sprachkontrast finden sich dabei auch zahlreiche positive und einige negative Werturteile.

2.7.1 Lateinisch-deutscher Sprachkontrast Der Kontrast sprachlicher Charakteristika beider Sprachen ist gerade auch für deutschsprachige Autoren profilbildend und wird dabei partiell auch mit Bewertungen beider Sprachen verbunden. Um einige Ergebnisse aus der Betrachtung sprachlicher Charakteristika (vgl. oben) noch einmal zusammenzufassen: –











Latein gilt als Sprache mit zahlreichen Onomatopoetika, welche deren Natürlichkeit und Eigentlichkeit ausmachen (das Deutsche gilt daneben als eine Sprache, die eine noch größere Zahl an Onomatopoetika aufweise). Das 1:1-Verhältnis von Lauten und Buchstaben wird aus sprachökonomischer Warte als etwas Günstiges innerhalb der lateinischen Sprache aufgefasst (das schlechtere Laut/Buchstaben-Verhältnis im Deutschen wird demgegenüber als nachteilig bewertet). Stammwörter, die lediglich aus einer Silbe bzw. einem Morphem bestehen, gelten in Barock und Aufklärung ebenfalls als Garanten für Natürlichkeit und Eigentlichkeit einer Einzelsprache; hier zeichne sich das Lateinische durch eine große Zahl aus, die jedoch vom Deutschen noch übertroffen werde. Ein großer Reichtum an Wörtern gilt im Weiteren (unabhängig von dem Bestand an Stammwörtern) als wichtiges Charakteristikum einer Sprache; auch hier trete das Latein positiv hervor, werde aber von der deutschen Sprache übertroffen. Die Möglichkeit, Wörter zu bilden, und hier insbesondere die Kompositionsneigung, stellt ebenfalls ein positives Merkmal von Einzelsprachen dar; während diese Neigung gerade im Deutschen besonders stark ausgeprägt sei, spiele sie im Lateinischen kaum eine Rolle. Das Lateinische gilt als Sprache, in der (aufgrund der vergleichsweise freien Wort- und Satzgliedstellung) nur wenige Inversionen zu finden sind;

128 —— Latein



auch dies erfährt eine positive Wertschätzung und wird gegenüber dem Deutschen abgegrenzt, in dem solche Inversionen häufiger in Erscheinung treten würden. Das Verhältnis von synthetischer und analytischer Bauweise wird im 17. und 18. Jh. demgegenüber noch verhältnismäßig neutral bewertet. Eine unterschiedliche Gewichtung im Lateinischen und Deutschen führt daher nicht zu verschiedenen Bewertungen der beiden Sprachen.

In den exzerpierten Belegen finden sich noch einige weitere Beispiele für Bewertungen des Lateinischen, zum Teil auch im Vergleich mit dem Deutschen. Dabei erscheinen sowohl Positionen, die das Lateinische und das Deutsche letztlich als gleichrangig ansehen, als auch solche, die beide Sprachen unterschiedlich beurteilen. Bereits JACOB BÖHME postuliert zu Beginn des 17. Jh.s die funktionale Gleichwertigkeit des Lateinischen und Deutschen, indem er dem Deutschen die gleiche Eignung als Mittel zu religiöser Erkenntnis zuschreibt wie dem Hebräischen oder eben dem Lateinischen: Denn verstehe nur deine Mutter-Sprache recht, du hast so tieffen Grund darinnen als in der Hebräischen oder Lateinischen, ob sich gleich die Gelehrten darinnen erheben wie eine stoltze Braut; es kümmert nichts, ihre Kunst ist ietzt auf der Boden-Neige. Der Geist zeiget, daß noch vorm Ende mancher Läye wird mehr wissen und verstehen, als ietzt die klügesten Doctores wissen: denn die Thür des Himmels thut sich auf; wer sich nur selber nicht verblenden wird, der wird sie wol sehen. (BÖHME: Avrora, o.O. 1612/1730, 96)

Der strukturelle Vergleich des lateinischen mit der deutschen Sprache, der in den „Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache“ vorgenommen wird und dabei die Ebenen der Lautung, Schreibung, Lexik, Morphologie und Syntax sowie einige stilistische Aspekte berührt (vgl. oben), führt über ein Jahrhundert später ebenfalls zu dem Ergebnis, dass beide Sprachen gleichermaßen geeignete Möglichkeiten zur Verfügung stellten, Texte zu verfassen: Ich sage nicht, daß man im Deutschen und Lateinischen allenthalben einerley Ordnung beobachten könne; meine Meynung ist diese, daß man in der deutschen Schreibart den Regeln der Ordnung überhaupt so gut Gnüge leisten könne, als in dem lateinischen Ausdrucke. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 161; vgl. ebd., 174f.)

Vergleich und Wertung —— 129

Aus dem annähernd gleichen Verhältnis zwischen Vokalen und Konsonanten sowie einem ähnlichen Satzbau ergebe sich im Weiteren auch eine vergleichbare „Zierlichkeit“ des Lateinischen und Deutschen: Der Wohlklang ist das vornehmste in dem, was zur Zierlichkeit einer Sprache gehört; und kann niemals ohne Ordnung seyn. Denn er besteht in einer ähnlichen Abwechslung der Töne einer Sprache; und die Ordnung einer Sprache in der Aehnlichkeit, die in den verknüpften Wörtern und in der Art ihrer Verbindung lieget. Demnach kann man in der deutschen Sprache eben so zierlich und ordentlich schreiben, als in der lateinischen. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 161; vgl. ebd., 174)

Aus funktionaler Sicht laufe dies letztlich also auf eine Gleichwertigkeit der beiden Sprachen hinaus: Man nehme dasjenige vor sich, was zur Weltweisheit gehört, und die übrige Gelehrsamkeit betrifft; und halte diese Sachen gegen beyde Sprachen: So wird man sich nach sorgfältigem Nachforschen ünerzeugt sehen, daß die deutsche Sprache nicht geringere Geschicklichkeit habe, diese Dinge auszudrücken, als man der Lateinischen zugestehen muß. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 157)

Hinsichtlich der Wortlänge erweisen sich Latein, Griechisch und Deutsch nach JOHANN HEINRICH VOß als miteinander vergleichbar: „Unsere Sprache hat, was die Worte betrifft, ungefähr einerley Länge mit ihrer Schwester, der griechischen, und deren Neffin im Latium“ (VOß: Deutsche Sprachkunde, 1804, 333; vgl. auch oben). Das positive Charakteristikum der Ausdrucksökonomie ist hiernach also sowohl im Lateinischen als auch im Deutschen (sowie in anderen Sprachen) gegeben. – Andere Autoren betonen gegenüber solchen Gemeinsamkeiten eher die Unterschiede zwischen dem Lateinischen und Deutschen. So führt zum Beispiel AUGUSTIN DORNBLÜTH hinsichtlich sprachlicher Ökonomie aus: Weilen die teutsche Sprach mit der Lateinischen und allen übrigen, die von dieser herkommen, nicht nur keine Verwandtschafft hat, sondern denenselben ihrer Schreib-Art nach schnur-stracks zuwider ist: dan anstatt diese viles nur laconicè und concisè mit einem oder wenigen Worten andeuten, und es nichts destoweniger verstanden wird und schön lautet; will hingegen die teutsche Sprach die Sach ausführlich haben. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 4)

Danach ist die sprachliche Kürze des Lateinischen zwar eine positive Eigenschaft, die „schön lautet“, die größere Länge deutschsprachiger Konstruktionen wird demgegenüber als „ausführlich“ ebenfalls positiv gewertet.

130 —— Latein

Viele Sprachgelehrte des 17. und 18. Jh.s sehen in dem Lateinischen als wissenschaftlicher Lingua franca ein Vorbild für die Entwicklung einer nationalen deutschen Wissenschaftssprache (vgl. oben). In struktureller Hinsicht kommt CHRISTIAN W OLFF sogar zu der Einschätzung, dass sich die deutsche Sprache eher zum wissenschaftlichen Sprachgebrauch eigne als das Lateinische, da sie diskursiv noch wenig verbraucht oder vorbelastet sei: Ich habe gefunden, daß unsere Sprache zu Wissenschaften sich viel besser schickt als die lateinische, und daß man in der reinen deutschen Sprache vortragen kann, was im Lateinischen sehr barbarisch klinget. Derowegen habe ich die barbarischen KunstWörter der Schul-Weisen rein deutsch gegeben: Denn es gilt einem Anfänger gleich viel, ob er das Kunst-Wort deutsch oder lateinisch lernet, und, wer studiret kann das lateinische Kunst-Wort sowohl als bey andern Wörtern das lateinische lernen. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 27)

Im Unterschied zur Wissenschaftssprache ist nach HUTTER jedoch die lateinische Fassung der Bibel (zusammen mit der hebräischen und der griechischen) letztlich der deutschen Fassung überlegen. Dabei spielt der Gedanke der Eigentlichkeit (im Sinne einer Nähe zur göttlichen Offenbarung), eine entscheidende Rolle: Ob nun ein Deutscher schon inn seiner Sprachen recht glaubt / vnd seinen glauben auß der Deutschen Biblia zimlich wol vertheidigen kann / ist er doch kegen einem Juden / Griechen / Lateiner vil zu schwach / sonderlich wenn er auß einem Spruch inn den anderen / vnnd auß einer Sprachen in die ander gejagt wirdt. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 3)

Unterschiedliche Auffassungen finden sich in den Belegen hinsichtlich der Natürlichkeit (im Sinne von Freiheit gegenüber stilistischen und literarischen Normen) in der lateinischen Sprache. So zeige das Lateinische laut PHILIPP VON ZESEN weniger Natürlichkeit in der Dichtung als das Deutsche, da sie sich diversen poetischen Regeln zu unterwerfen habe: Was aber die jenigen lehren anbelanget / darinnen sie von dem / wider die natur eingeführten / gekünstetem zwange der Lateiner und Griechen abweichet / und ehrst der natur und eigenschaft ihrer sprache / in betrachtung der wort-glieder kürtze und länge nach-gehet / ehe sie sich der kunst befleisset; darvon wollen wier dem Leser auch kurtzen / iedoch so klahren bericht tuhn / daß er wird bekennen müssen / daß unsere heutige Dicht-kunst / (indem sie beides der natur und der kunst ihr recht lässet / und beide / wan es tuhnlich sein will / fein artig mit einander vermählet /) viel fol-kommener und grund-richtiger / ja lieblicher sei / als beides die Latein- und Griechische; Welche ihre wort-glieder nicht nach der natur und aus-sprache / wie bei uns geschihet / sondern durch bloß-gekünsteltes wesen / und wider die natur lauffende gesetze / lang oder kurtz uhrteilet und brauchet. (ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656, 37f.)

Vergleich und Wertung —— 131

Eine ganz andere Auffassung vertritt hier DANIEL JENISCH. Die lateinische Sprache habe ihre Natürlichkeit auch in der Dichtung bewahrt, da sie nie konsequent zu einer Literatursprache ausgearbeitet wurde (und dabei zum Beispiel eine relative Armut an Artikeln und Partikeln sowie Konjunktionen und Präpositionen aufweise): Die Lateinische Sprache ward nie bis zu einer hohen Stufe der Speculation bearbeitet, und, unter den Händen der Dichter, Volksredner, praktischen Geschichtsschreiber und populären Philosophen, so wie bei dem mehr praktischen, als speculativen und tiefsinnigen Genie der Nation, konnte sie nicht anders, als eine gewisse natürliche Energie behalten, zu welcher sie durch den Mangel gewisser anderer Feinheiten, z. B. des Artikels, der kleinen Verbindungswörter u. s. w. vorzüglich gemacht ist. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 23)

2.7.2 Positive Wertschätzung In zahlreichen Belegen erfährt das Lateinische positive Wertschätzung durch die betreffenden Autoren. Im Folgenden sei eine Auswahl positiver Charakteristika in chronologischer Folge zusammengestellt (eine Wertungstendenz über die Jahrzehnte hinweg ist dabei kaum auszumachen): –





Herrlichkeit, Notwendigkeit, Nützlichkeit und Güte: „Was aber die Lateinische Sprache betrifft / ist vnnötig viel davon zuschreiben / wie herrlich / nötig / nütz / vnd gut sie sey“ (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, B). Notwendigkeit, Adel und Gemeinheit (im Sinne von Gebräuchlichkeit): Bei HABRECHT erscheint Latein zusammen mit „Teutsch / Hispanisch vnd Frantzösisch“ als „die nöthigste / edelste vnd gemeinste Spraachen“ (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 34f.). Ausarbeitung (Pflege) und Vollkommenheit: Latein ist nach GUEINTZ (neben dem Griechischen, Französischen und anderen Sprachen) eine ausgearbeitete und vollkommene Sprache: Und gewis wan alle ausgeübete und volkommene Sprachen wie sie weren / von den Griechen / von den Lateinern / von den Galliern und Spanischen / von den Phoeniciern selbst auf den Rechtplatz kommen sollten / daselbst umb die ehre durch ehre und Schwert und Waffen zu streiten und des Urtheils zuerwarten / so würden die Deutschen nicht auszubleiben ursache haben. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4f.)

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Macht, Mächtigkeit: Bisweilen erscheint Latein als eine Sprache, die „in den Sinndeutungen so mächtig“ ist (ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649, 43), und Deutsch sogar als eine solche, die „in den Sinndeutungen mächtiger als die Lateinische“ ist (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644, 15). Vortrefflichkeit, in konzeptioneller Nachbarschaft zu Nützlichkeit: „Ich will den Nutzen der Grichischen nicht melden / noch der Lateinischen Fürtrefflichkeit anziehen / weiln solche als Haupt-Sprachen für sich selbsten nicht allein berühmt / sondern deren Hilff alle andere Wissenschaften von nöthen haben“ (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 206). Schönheit und Vollkommenheit als Eigenschaften des lateinischen Sprachgebrauchs zu Zeiten Augustus‘: Was die lateinische Sprach anbetrifft / ist von den Gelehrten erwiesen / daß dieselbe auß der alten Celtischen vnd Grichischen Sprach allgemächlich geformet / biß sie durch die Gunst deß Himmels vnnd Bearbeitung etlicher gelährter Römer zu der Schön vnd Vollkommenheit gebracht worden / warinn sie zur Zeit deß Augusti geblühet / vnnd die besten Früchten damals getragen. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 210)











Natürlichkeit: Latein sei der Natur gemäß, doch sei das Deutsche „der Natur gemesser / als das Lateinische“ (LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646, 53). Lieblichkeit: Die deutsche Sprache sei an „den Stammwörtern […] der Hebräischen überlegen / an der Verdoppelung der Griechischen gleichbürtig“, und „an der Lieblichkeit übertrifft sie die Lateinische mit allen denen zungen / die von ihr entsprungen“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 142). Ordnung und Zierde: Das Lateinische wurde in „alle ordnung vnd grosse Zierd gebracht“ (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 4). Schmuck, Zier und Gewissheit: SCHOTTELIUS schreibt der römischen Mundart „Schmuck / Zier und Gewisheit“ als herausgehobener lateinischer Varietät zu (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 175). Pracht: Bei NEUMARK ist von „der pracht-reichen Lateinischen Sprache“ die Rede (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2).

Vergleich und Wertung —— 133



Majestät als eine Eigenschaft, die insbesondere dem Sprachgebrauch Ciceros zuzuschreiben sei: Wer kann mir einen Ohrt benennen / wo die herrliche Griechische Sprache in vorigem Zier-Wesen anzutreffen? Welche Landschaft ist in heutigem gantzen Griechenlande zufinden / da ihre hiebevorige schöne Reinigkeit ausgesprochen? Oder wo ist die Gegend zu erforschen / da das Majestätische Latein / noch auf gut Ciceronianisch geredet werde? Meines Erachtens / nirgends in der gantzen Welt. (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f.)

– –



Adel und Notwendigkeit: Latein ist für BECHER „nöthig und edel“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674). Majestät und Ernsthaftigkeit: Im „Parnassus Boicus“ erscheint Deutsch als eine Sprache, die „der Lateinischen an Maiestät und Ernsthafftigkeit nichts bevor gibt“ (Parnassus Boicus, München 1726, 198). Zierlichkeit im Gegensatz zu einer „verhärteten Unsauberkeit“ im Deutschen: Die griechische, und sonderlich die lateinische Sprache liessen sie sich eifrig angelegen seyn, und suchten deren Zierlichkeit im Reden und Schreiben hervor zu bringen und fort zu pflanzen; aber die deutsche Sprache liessen sie in der verhärteten Unsauberkeit liegen, und gedachten nicht im geringsten darauf, wie sie aus derselben möchte heraus gezogen und gesäubert werden. (LITZEL: Der Undeutsche Catholik, Jena/Leipzig 1730, 6)







Nachdrücklichkeit und Schönheit: GOTTSCHED wirft die Frage auf, wie sich auch im Deutschen „der Nachdruck und die Schönheit der lateinischen Sprache ausdrücken und erreichen lasse“ (GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759, 117). Einfalt (Klarheit) und Leichtigkeit (Deutlichkeit): HEINZE lobt „Einfalt und Leichtigkeit der Lateinischen oder Griechischen“ Formbildung (HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 85). Vollkommenheit der lateinischen Sprache postulieren etwa HARSDÖRFFER und MEIER: „Wie aber die Griechische und Lateinische Sprache / nach vielen hundert Jahren Arbeit / zu endlicher Vollkommenheit gelanget / so ist solche dieser Zeit bey dem Anfang nicht zu verhoffen“ (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 18). Und MEIER schreibt: Das Wesen der Gelehrsamkeit besteht, in einer vorzüglich vollkommenen, und durch die Kunst verbesserten, vernünftigen Erkenntniß, wozu auch allerdings eine vollkommene Sprache erfodert wird. Allein nimmermehr kann aus diesem Begriffe erwiesen

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werden, daß diese Sprache keine andere als die griechische und lateinische seyn könne (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 75). Die lateinische und griechische Sprache ist, auch in diesem Stücke, so vollkommen, daß die Regeln der Sprachkunst in diesen Sprachen völlig bestimmt sind. Es fehlt ihn[en] aber auch, zum andern, noch eine Anmuth in dem Klange, welcher theils aus der Aussprache eintzelner Worte, theils aus der Aussprache mehrerer Worte hintereinander, entsteht (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 93f.).



Adel, Erhabenheit und Anstand sind bei MEIER weitere positive Charakteristika des Lateinischen und anderer alter Sprachen, die von seinen Zeitgenossen jedoch vielfach überbewertet würden: Die alten todten Sprachen, und die ausländischen Sprachen, werden nemlich unter einem Volke gemeiniglich für edler, erhabner und anständiger gehalten, als die Landessprache. Wenn unter uns Deutschen lateinische, griechische, französische Ausdrücke gebraucht werden, und sollten dieselben auch noch so pöbelhaft seyn, so merken es unendlich viele Deutsche nicht. Sie schämen sich ofte, eine Sache deutsch zu nennen, und nennen sie ohne Schaam mit einem lateinischen Namen, der nicht erhabner ist; und es geschiehet nicht selten, daß ehrbare Leute die pöbelhaften französischen Ausdrücke brauchen, ohne roth zu werden. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 48)



Gelehrtheit: Latein wird von MEIER und vielen anderen Autoren der Zeit als eine „gelehrte Sprache“ angesehen; hier nur ein Beispiel, in welchem Latein und Griechisch als tradierte Sprachen der Gelehrsamkeit gegenüber dem Deutschen abgegrenzt werden (vgl. dazu oben): Nach diesen allgemeinen Betrachtungen, über die Natur der gelehrten Sprache, wird es nicht unnöthig seyn, einige Betrachtungen über die lateinische, griechische und deutsche Sprache anzustellen, in so ferne diese Sprachen, als gelehrte, betrachtet werden müssen. Ich setze hier, als eine ungezweifelte Sache, voraus, daß die lateinische und griechische Sprache in der That, den Namen der gelehrten Sprache, mit dem vollkommensten Rechte verdienen; weil sie alle diejenigen Vollkommenheiten in einem vorzüglichen Grade besitzen, wodurch eine Sprache ein gelehrte Sprache wird. Und ich glaube, daß man mit leichter Mühe beweisen könne, daß, ausser diesen Sprachen, keine andere bekannte Sprache, in einem so vorzüglichen Grade, eine gelehrte Sprache genennet zu werden verdiene. Es ist demnach die Frage: ob die griechische und lateinische Sprache so nothwendig und wesentlich zu der wahren Gelehrsamkeit erfordert werden, daß ohne dieselben niemand ein wahrer Gelehrter werden könne, und daß niemand den Namen eines wahren Gelehrten verdiene, wer nicht wenigstens eine von diesen beyden Sprachen in seiner Gewalt hat? (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 74; vgl. ebd., 85, 89; 102f.).

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Nachdrücklichkeit, Eleganz, Erhabenheit und Lebhaftigkeit – jedoch ohne Schwulst und Prahlerei: Die Römer konnten nachdrücklich, und doch elegant schreiben; sie konnten sich erhaben und lebhaft ausdrücken, ohne schwülstig zu werden und zu pralen. Ihre Sprache hatte eine unendliche Biegsamkeit, und die unterschiedenen Charactere derselben waren bestimmt. Sie durften die Worte nicht suchen, sie stellten sich von selbst ein (HEß: Einleitung in die Uebersetzungskunst, Hamburg 1766, 2).



Schönheit ist sicher eine der schillerndsten Eigenschaften, die in Barock und Aufklärung einer Sprache zugesprochen werden. SÜßMILCH gibt in diesem Zusammenhang vier Kriterien sprachlicher Schönheit im Sinne von Wohlklang an – ein ausgewogenes Verhältnis an Vokalen und Konsonanten, eine abwechslungsreiche Folge ein- und mehrsilbiger Wörter sowie ein ausgewogenes Verhältnis von Lang- und Kurzvokalen im Satz: Ich könnte auch noch der Schönheit der Sprache gedenken und sie darthun, wenn es mich nicht zu weit verleitete, zumahl da der Begriff des Schönen nicht bey allen einerley ist. Will man sie in der gehörigen Abmessung und Verhältniß der Theile gegen einander, wie auch in der geschickten Verbindung des Aehnlichen und Unähnlichen setzen, so lässet sich solche bey einer Sprache beurteilen, 1) aus der gehörigen Vermischung der Consonanten und Vocalen, daß die schwereren mit den leichteren, die hartklingenden mit den sanften abwechseln, und daß die eine Art nicht zu sehr gehäuffet werde. 2) Aus der Vermischung der ein- und vielsylbigen Wörter. 3) Aus dem Gebrauch der Töne und aus dem Sylbenmaas der kurzen und langen etc. Dieses alles enthält den Grund der Euphorie oder des Wohlklanges und der Nutzen davon zeigt sich besonders in der Dichtkunst und Rede, die auf die Erregungen der Leidenschaften abzielen. (SÜßMILCH: Die erste Sprache, Berlin 1766, 32f.)

Eine solche Schönheit sei nun auch in der lateinischen wie in der deutschen Sprache zu finden: Ich glaube daß auch jede Sprache ihre Schönheiten habe und daß sie sich von denen etwanigen Schlacken leicht reinigen lasse. Die lateinische, französische und deutsche geben hievon Beweisthümer. (SÜßMILCH: Die erste Sprache, Berlin 1766, 33)



Feinheit und Zierlichkeit im Rahmen einer literatursprachlichen Entwicklung: „Da Griechenland und Latium in ihrem männlichen Alter stund, waren ihre Sprachen am feinsten und zierlichsten“ (ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777, 943).

136 —— Latein

2.7.3 Negative Wertschätzung Seltener als eine positive, aber durchaus ebenfalls in den Belegen vertreten, sind negative Wertschätzungen des Lateinischen. Diese beziehen sich in aller Regel auf das ältere Latein vor der klassischen Periode, daneben aber auch auf das Mittel- oder Neulatein. Einige Beispiele für entsprechende Charakteristika seinen hier wiederum in chronologischer Reihenfolge angeführt: –











Grobheit, Übelkeit, Hässlichkeit und Bauerntum: Das ältere Latein sei aufgrund seiner „groben vnd vbel-lautenden“ Wörter „heßlich vnd bäurisch gewesen“ (MEYFART: Teutsche Rhetorica, Coburg 1634, 2f.). Oder: Das ältere Latein sei aufgrund seiner „groben und übel-lautenden“ Wörter „heslich vnd ungereumet gewesen“ (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 3). Armut, Unschlachtigkeit, Pöbelhaftigkeit: Die ältere lateinische Sprache wurde „dem Ansehen nach arm / unschlachtig / und für eine Pöbelrede gehalten“; erst später habe man „dieselbige in ihre kunstmässige Gewisheit zusetzen / angefangen“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 167). Die lateinische Sprache und Literatur wird gegenüber der deutschen abgewertet, indem festgestellt wird, „daß also die Alterthümer der teutschen Sprache einen grossen Vorzug vor den Alterthümern der griechischen und lateinischen haben“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 27). Steifheit und Unschmackhaftigkeit: Mittel- und Neulatein werden als ein „grosen Theils steifes und ungeschmackhaftes Latein“ charakterisiert (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 4f.). Wildheit, Ungelehrtheit, Rohheit: In der Auseinandersetzung mit der griechischen Sprache und Kultur kamen mit der lateinischen Sprache und römischen Kultur „das wildeste zu dem kultivirtesten; das gelehrteste und geschickteste zu dem ungelehrtesten und rohesten“ (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 16). Barbarentum: ADELUNG nennt „barbarisches Latein der mittleren Zeiten“ und spricht hier im Weiteren von einem „verunstalteten Latein“ (ADELUNG: Magazin für die Deutsche Sprache, Leipzig 1782, 10).

Varietäten —— 137

2.8 Varietäten Die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung beziehen sich in aller Regel auf das Lateinische als die literarische Sprache des klassischen Altertums. Differenzierungen finden sich historisch, indem das Lateinische der klassischen Periode oder das Latein des Mittelalters bzw. das der Neuzeit angesprochen werden; daneben wird eine Unterscheidung zwischen der lateinischen Literatursprache und der Sprache im Alltag getroffen (vgl. dazu oben). Im Weiteren erscheinen in den Quellenbelegen zwei weitere lateinische Sprachbezeichnungen, auf die hier gesondert einzugehen ist: Hochlateinisch und Römisch.

2.8.1 Hochlateinisch Die Bezeichnung erscheint als Adjektiv lediglich in einem Beleg des exzerpierten Korpus aus der zweiten Hälfte des 18. Jh.s und wird hier attributiv zu Sprache gebraucht. CONSTANTIN DINKLER nennt hier mit dem Lateinischen und dem Deutschen die aus seiner Sicht wichtigsten Literatur- oder Kultursprachen Europas überhaupt und betrachtet beide als „Hochsprachen“. In Entsprechung hierzu werden das Lateinische als „Hochlateinisch“ und das Deutsche als „Hochdeutsch“ bezeichnet und somit terminologisch über die anderen Sprachen Europas (und der Welt) gestellt: „Ausser der hochteutschen und hochlateinischen Sprache wird nicht leicht eine Sprache auf dieser Welt mehr seyn, die sich völlig zur Hochsprache aus ihrer eigenen platten erhoben hätte“ (DINKLER: Sprache der Menschen, Erfurt/Gotha 1785, 40).

2.8.2 Römisch (Romanzisch) Die Sprachbezeichnung Römisch wird in zahlreichen Quellen als Synonym für die lateinische Sprache verwendet (vgl. zum Beispiel HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 4f.). Daneben wird sie aber auch als Bezeichnung für eine vulgärlateinische Zwischensprache gebraucht, die eine Etappe der Entwicklung vom Lateinischen zu anderen romanischen Sprachen darstellt. In dieser Bedeutung findet sie sich im Belegmaterial viermal – in zwei Quellen aus dem 17. Jh. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSpra-

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che, Braunschweig 1663) und zwei Quellen aus dem 18. Jh. (ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780; ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782). Synonyme für den Terminus sind im Weiteren Romanzisch oder ProvinzialSprache. Nach JOHANN AUGUSTIN EGENOLFF seien die romanischen Sprachen dadurch entstanden, dass innerhalb der Bevölkerung der römischen Provinzen keine Achtung vor der lateinischen Kultur und Sprache mehr herrschte. Folglich sei das Lateinische zunehmend mit den betreffenden Lokalsprachen zu einer „Provincial-Sprache“ vermischt worden. Er beschreibt diese Genealogie wie folgt: Denn so bald die Gewalt des Römischen Reichs theils durch innerliche Unruhe, und daß sich nach der Hand ein Land nach dem andern davon abgesondert, und in freyheit gesetzet; theils und hauptsächlich aber durch die Einfälle unterschiedener fremden Völcker abzunehmen anfieng, so bald fiel auch die Hochachtung vor die Lateinische Sprache, vornemlich dadurch, daß die neuen Einwohner eines Landes, in welchen vorher war Lateinisch geredet worden, ihre Mutter-Sprache mit dem Lateine vermischeten, daher anfänglich die so genante Provincial-Sprache hernachmahls aber die heutige Spanische, Frantzösische und Italiänische entstanden. (EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720, 254f.)

Eine etwas genauere Beschreibung der Entstehung einer solchen Volkssprache erfolgt bei JOHANN CHRISTOPH ADELUNG, der das Lateinische als Sprache der Oberschicht vom „Römischen“ oder „Romanzischen“ als Volkssprache unterscheidet (vgl. auch ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 241f.): Wo die Römer, welche eben so stolz und bequem als die Araber waren, ein Land eroberten, da machten sie auch ihre Sprache zur herrschenden Gerichts- Hof- und Schriftsprache, und erreichten dadurch den Vortheil, theils daß sie die eroberten Völker auf das innigste mit sich verbanden, weil die Sprache eigentlich das ist, was Völker verbindet und trennet, theils aber auch, daß die Cultur unter den bezwungenen Völkern dadurch beschleunigt ward, weil sie mit der Sprache zugleich alle dazu gehörigen Begriffe überkamen. In manchen Provinzen, wo die Römischen Ankömmlinge zahlreich genug waren, und wo Roms Herrschaft lange genug dauerte, floß diese neue Sprache mit der alten Volkssprache zusammen, und wurde dessen ungeachtet noch immer die Römische oder Romanzische genannt, dagegen in den obern Classen und in Schriften die reinere Römische Sprache blieb, welche zum Unterschiede von jener vermischten Volkssprache nach und nach die Lateinische genannt wurde. (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 345)

JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS unterscheidet bereits zu der Zeit des klassischen Lateins zwischen dem Lateinischen als Literatursprache, die in gebilde-

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ten Kreisen gelehrt werde, und der „Lingua rustica Romana“ als Volkssprache der Ungebildeten. Vergleich und Wertung gehen eindeutig aus, indem die erste als die „rechte reine Lateinische Sprache“ und die andere als das „Unlateinisch“ charakterisiert werden: Zu des Varronis Zeiten / auch noch lange hernach / ward der Unterscheid in der Lateinischen Sprache gehalten / daß die rechte reine Lateinische Sprache / welche durch Anweisung in den Schulen gefasset werden muste / weit anderst angesehen und beehret worden / als die Lingua rustica Romana, deshalber der gute Varro es sich so saur werden lies / das Unlateinische entweder gar abzuthun oder zur Gültigkeit und Grundrichtigkeit zubringen […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1228)

2.9 Belegzitate Das wir Teutschen neben andern Nationen inn vnser Sprache / nicht so gantz vngeschickt befunden würdenn / hab ich den Jungen / teutscher zung vngeübten / vnd den recht Regulirts Teutsch liebhabern / disen kurtzen vnderricht / zur anweisung / sich darinnen zeüben / fürschreiben wöllenn / wie wols on schaden / ia meins bedunckens hoch von nöten wer / das ein gantze Grammatica hierin beschriben würde / wie in Griechischer / Lateinischer vnd andern sprachen gschehen. (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, X) Recht Teutsch schreiben aber / wirt hie nicht genommen oder verstanden / als Reyn / Höflich Teutsch mit geschmuckten vnnd verblümbten worten / ordenlich vnd artig / nach dem sinn oder Meynung eins iedlichenn dings / von sich schreiben / Wölchs hier der Redmaß vnnd Rethoricken zustendig / vnnd derhalben in der Redkündiger schule gehörig / da wirs auch bleibenlassen / Sondern / Wenn ein iedlich wort / mit gebürlichen Buchstaben außgetruckt / das ist / recht vnd reyn geschriben wirt / also / dz kein Buchstab müssig / oder zuuil / noch zuwenig / Auch nicht an statt des andern gesetzt / noch versetzt / Darzu nicht frembdes / abgethanes / so einen missestandt oder verfinsterung geberen möchte / eingefürt wird / Wölches sunst die Latiner vnnd Griechen / Orthographiam / wir aber / Rechtbuchstäbig Teutsch schreiben / nennen wollen. (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, 2) Welcher aber ain lateinische Grammatica schlecht teutschen will / was sy im Latein gibt / des Grammatica würdt den teutschen seltzamer vnd vnbekandter sein / dann ain Lateinische / oder villeicht ain Chaleentische. In summa / der ain rechten und gründtlichen verstand hat / der oft gedachten acht rede tail / mit iren acciden: vnd waißt darnach Teütscher sprach art / an den wörtern vnd gantzen reden / der würdt ain nützliche teütsche Grammatica können geben / vnd sunst kainer / wann er gleich der best Grammaticus auf erden wär. (ICKELSAMER: Teütsche Grammatica, um 1534, A3v)

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Bey den Lateinischen wirt die Orthographia / dz ist /recht buchstäbisch schreiben / so eben vnd fleissig gehalten / das ainer der gantzen Lateinischen kunst vnwissend würdt geachtet / der nur ainen buchstaben vnrecht / oder ainen zuuil oder zu wenig setzet / warumb soll es dann bey den Teutschen gleich gelten / man schreib recht oder falsch? Ja billich ist es allen Teutschen am schand vnd spott / das sy anderer sprachen maister wollen sein / vnd haben ire aigne angeborne müter sprach noch nye gelernet oder verstanden […]. (ICKELSAMER: Teütsche Grammatica, um 1534, B3vf.) Germanica lingua fere omnibus in locis (paucis exceptis) Latinorum Syntaxin sequitur. (ÖLINGER: Deutsche Grammatik, Straßburg 1573, 110) Denn weil es nicht in eines jeden Gelegenheit / Griechisch / Lateinisch / vnnd andere Sprachen / in welchen die freyen Künste anfänglichs beschrieben / zu lernen / Vnnd aber doch die Künste an im selbst hoch von nöten / darumb seyn dergleichen Deutsche Bücher fleissigen Leuthen / vnnd dem gemeinen Mann / weil die Künst darauß sichtlich zufassen vnnd zu erlernen / vmb so viel desto mehr annemblicher vnnd bequemlicher. (BASSAEUS: Vorrede zu Rethorica, Frankfurt 1593, 4) Allerliebsten Kinder Gottes / dieweil die heilige Ebraische / vnd nechst derselbigen die Griechische / Lateinische und Deutsche Sprachen / das einzige rechte mittel sind / durch welches beide Geistlich und Weltlich Regiment / bis an der Welt End / kann / sol vnd muß bestelt vnd erhalten werden. (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 1) So viel […] ist gewiß / vnd vnwidersprechlich / daß Schrifften vnd Sprachen / sonderlich die Ebraische heilige Gottes Sprache / vnd nechst derselben / die Griechische / Lateinische vnd Deutsche Sprache / daß einige rechte Mittel findt / dadurch sich GOTt nach seinem Wesen vnd Willen / vnd die gantze Natur mit aller irer zugehör / durch etliche wenig Buchstaben / Puncta, Vocales, vnd Accentus gleichsam in einen Spiegel vnd widerschal / zusehen / zuhören / zuverstehen / zubeschreiben / vnd außzusprechen geoffenbaret. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, A3) Was aber die Lateinische Sprache betrifft / ist vnnötig viel davon zuschreiben / wie herrlich / nötig / nütz / vnd gut sie sey / Sintemal weder inn Geistlichem noch Weltlichem Standt / einige Facultet / Kunst und Profession zu finden / darüber sie nun in die 1600 Jahr nicht ihre Monarchiam löblich erhalten hette. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, B) Und were wol nötig / daß der Lateinischen Sprachen halben / eine gute Reformatio Scholarum fürgenommen würde / sollte es auch auff einem allgemeinen Reichstage geschehen / damit im Heiligen Römischen Reich / wo es je nicht weiter köndte gebracht werden / ein gewisser Methodus Linguæ in Scholis zu haben vnd zu halten / Von Kayser / Chur: vund Fürsten / einhellig möchte beschlossen werden / dadurch bey künfftiger Posteritet / solcher grosser nutz vnd frommen köndte geschaffet werden / als mit keinem Schatz der Welt zubezalen. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, Brf.) Deßgleichen hat Kayser Rudolphus primus, Anno 1283 allhier zu Nürnberg / allein vmb der Deutschen Sprache willen / einen sonderlichen Reichstag gehalten / darauff Confirmirt vnd beschlossen / weil man zuvor alle Sachen in Cantzeleyen / Räthen vnd Rechten / allein in

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Lateinischer Sprache gehandelt / vnd manchem Einfältigen so derselbigen vnerfahren / offt grosse gewalt vnd vnrecht geschehen / daß man forthin alles in Deutscher Sprachen vorbringen / handeln vnd vorabscheiden solle. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, Bvf.) Ein blosser Lateiner / Grieche / vnd Ebreer deßgleichen / ob er schon grosse Weißheit vnd Kunst / in seiner Sprachen fürgibt / Disputirt / zanckt / hadert / wie er kann vnd will / hilffts noch bawets doch nichts / wo er nicht bey dem rechten / Catholischen / vhralten / besten grund der heiligen Patriarchen / Propheten vnd Aposteln / vnd den zugehörigen verständlichen Hauptsprachen bleibt. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, E3) Ob nun ein Deutscher schon inn seiner Sprachen recht glaubt / vnd seinen glauben auß der Deutschen Biblia zimlich wol vertheidigen kann / ist er doch kegen einem Juden / Griechen / Lateiner vil zu schwach / sonderlich wenn er auß einem Spruch inn den anderen / vnnd auß einer Sprachen in die ander gejagt wirdt / biß er etwa mit einem Buchstaben oder Wörtlein gefangen / darauff mit gutem schein veracht / verlacht / vnnd zu schanden gemacht wirdt / Vnd geschicht solchem recht / denn es soll keiner verachten / was er nicht verstehet / noch sich etwas vnterfangen / das er / nechst Gott / nicht außführen kann. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, E3) In Regno Franciæ varia linguæ Romanensis Idiomata sunt. Romanensis linguæ tres alibi propagines fecimus, Italicum idiotismum, Hispanicum, Gallicanum, qui Idiotismi à Latina matrice tanquam traduces producti. (SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610, 123; vgl. ebd., 119f.) Denn verstehe nur deine Mutter-Sprache recht, du hast so tieffen Grund darinnen als in der Hebräischen oder Lateinischen, ob sich gleich die Gelehrten darinnen erheben wie eine stoltze Braut; es kümmert nichts, ihre Kunst ist ietzt auf der Boden-Neige. Der Geist zeiget, daß noch vorm Ende mancher Läye wird mehr wissen und verstehen, als ietzt die klügesten Doctores wissen: denn die Thür des Himmels thut sich auf; wer sich nur selber nicht verblenden wird, der wird sie wol sehen. Der Bräutigam krönet seine Braut, Amen. (BÖHME: Avrora, o.O. 1612/1730, 96) Der Algemeine gebrauch, so In Allen Schulen des Reichs biß Anhero noch erhalten wird, Ist dieser, das die Künste vnd Faculteten, zum ersten in Latinischer , Dan in Grekischer, vnd hernach, wie woll gahr wehnig In Ebreischer Sprache, Dürch Allerhand Lextiones, Auß vielfeltigen Büchern, Der Lieben Jugent fast mit gewalt, Doch nicht sonder große Mühe vnd Arbeit, werden eingetrieben. | Die vornehmsten Mittel Aber, wordurch die Liebe Jugent solchs thut faßen vnd behalten, sein Diese. Erstlich müßen sie mannigerhand Lectiones Außwendig lernen, Auch dieselbige vielmahls widerholen vnd Auffsagen. Darnach müssen sie teutsch zu Latein, Latin zu Greksch etc., oder wie es In den Schulen genennet wird, viel Exercitien teglichs machen, vnd sich darin vben. (RATKE: Memorial, o.O. 1612, 25) Bißhero / vnd noch / seind in den Schulen der zarten angehenden Jugend die Sprachkünste nicht in der angebornen Mutter: sonder Lateinischer Sprache / so deroselben gantz ohnbekant vnnd eben als Arabisch vnd Türckisch ist / vorgetragen / vnd zwar nicht ohne der lieben

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Jugend grosse Verwirrung / Außmattung vnd Verseumnuß. (HELWIG: Anlaitung in der Lehrkunst W. Ratichij, o.O. um 1614/15, A2r) Auch seind bißhero alle Sprachen / Künste vnd Wissenschafften an die Lateinische Sprache gebunden / also dz die Lateinische / gleichsam eine Tyrannin vber die andern Sprachen vnd Künste herrschet / der gestalt / daß niemand Hebreisch Griechisch / oder auch weißheit vnd Künste lernen kann / ehe dann er sich in der Lateinischen Sprach wol abgearbeitet / da doch viel füglicher ein jegliche Sprach stracks aus der Muttersprach gelehret / auch alle wissenschaften vnd Künste mit vorteil leichtlich / vnd außführlich in der Deutschen Sprach studiret / vnnd folgends in andern nützlichen Sprachen fast mit einer Mühe mögen getrieben werden. Denn was solt uns Deutschen fehlen / das wir nicht eben so wol können zum Griechischen vnd Hebreischen kommen auß unser Muttersprach / als die Hebreer / Römer vnd andere Europeische / Asiatische / vnd Africanische Völcker / zu der Griechischen aus ihrer Muttersprach? Bevorab / da die Deutsche sich fast besser mit dem Griechischen vnnd Ebreischen reimet / als die Lateinische. Vnd wer nachsinnen will / kann leichtlich verstehen / wo es vrsprünglich herkommet / dass man ins Gemein nichts dann Lateinisch hat lernen müssen / Gerad als were die Lateinische allein die richtschnur aller andern Sprachen vnd Künsten / da man doch neher hette können darzu kommen. (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 66) So gibt’s ja die erfahrung / das es eben so nötig ist / wo nicht nötiger ein rechtschaffene Teutsche Rede zustellen / als ein Lateinische. Wie kann nu solches mit bestand vnd gewißheit geschehen / wann es nicht aus dem rechten grund genommen ist? Mann bedencke nur / zu was Ende Gott den Menschen die Sprach gegeben hat / nemlich / damit einer den andern von Gottes Willen vnd Wercken vnterrichten / GOTtes geschöpff erkennen vnd betrachten leren / vnd in nützlichen Künsten vnterweisen könne. Nu seind ja alle Gottes gaben vollkommen / vnd keine ist vergeblich / das sie nicht sollte den Zweck erreichen / darauff sie gerichtet ist. Solches haben die berümbten Griechen / Lateiner vnd Araber in acht genommen / vnd in ihrer Muttersprach allerley Künste vnnd Weißheit getrieben / Schulen angerichtet vnd dadurch jre Sprach gewaltig gebessert / vermehret / außgeübet / vnd vnter andere Völcker außgebreitet / vnangesehen die Griechen von den Phoenicern / Egyptern vnd Chaldeern / die Lateiner vnd Araber von den Griechen anfenglich dieselbe vberkommen. (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 71) Zu dem so ist es auch die lautere warheit / dz alle Künste vnd Wissenschafften / als Vernunfftkunst / Sitten- vnd Regierkunst / Maß- Wesen- Naturkündigung / Artzeney- Figur- GewichtStern- Baw- Befestkunst / oder wie sie Nahmen haben mögen / vielleichter / bequemer / richtiger vollkömlicher vnd außführlicher in Teutscher Sprache können gelehret vnd fortgepflantzet werden / weder jemals in Griechischer / Lateinischer oder Arabischer Sprach geschehen ist. (HELWIG/JUNG: Kurtzer Bericht Von der Didactica, Gießen 1614, 71f.) Dann ob wol die ins Teutsche obergesetzte termini technici seltzam lauten / dieweil man deren nicht gewohnet / so gibt doch die Erfahrung / wann einem Lehrknaben dieselben termini vorgelegt / vnd mit gebührendem fleiß erkläret werden / dz er sie viel leichter vnd ehe fasset / lernet vnd verstehet / auch in dem Gedechtnuß besser behelt / als die Lateinische / die ihm gantz ohnbekant / vnnd gleichsam / wie man zu sagen pfleget / Böhmische Dörffer sind. (HELWIG: Sprachkuenste, Gießen 1619, A2v)

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Ferner, obwohl auch nicht gänzlich zu verwerfen, daß man unterweilen aus einer und der andern Sprache ein Zeichen oder Wort nimmet und gleichsam entlehnet (als wenn deutsch geredet wird, da pflegt man sich unterweilen bald lateinischer, französischer, bald italienischer, spanischer und anderen fremder Wort zu gebrauchen), jedoch soll in solcher nunmehr tief eingerissenen Gewohnheit eine Maß gehalten werden. (RATKE: Verstehungslehrartlehr, o.O. 1619, 376) Warumb aber so viel Lateinische vnnd andere wörter in der Deutschen Sprachen sind / da sie doch Gens indigena, nec infecta connubijs alius gentis, sind vrsachen / entweder das die Völcker Ascanij, wie itzt gesagt / aus dem kleinern Asia, da die Griechische vnnd Lateinische Sprache gewesen / sich ins Deutschland begeben / vnnd dergleichen wörter außgebreitet haben / oder das die Deutschen flugs anfenglich die Druydas zu Priestern gehabt / welche fürnemlich Griechisch / vnd auch wol Lateinisch geredet haben / wie droben gesagt / oder auch / das sie mit den Römern vnd Lateinern viel kriege geführet vnnd ihre wort gelernet haben, Item das hernach die freyen Künste vnd Sprachen bey ihnen auffkommen / welche in Griechischer vnd Lateinischer Sprache beschrieben sind / daran es ihnen am ersten trefflich gemangelt / vnd derohalben manche fürtreffliche Geschicht vnd That bey ihnen ist vnbeschrieben blieben / das sie bald selbst nichts von sich wissen / als was andere Leute oder Geschichtschreiber von ihnen melden / etc. (SCHERAEUS: Miscellanea Hierarchica, Wittenberg 1619, 219) Was für wörter aber ihren vrsprung auß Lateinischer Sprach haben / die sollen in Teutscher / wie in Lateinischer Sprach geschrieben werden / als Contract / Caution / etc. vnd nit Kontract / Kaution / etc. (SATTLER: Teutsche Orthographey vnd Phraseologey, Frankfurt 1621, 15) […] das aber auch jenes falsch seye / das etliche einwenden / die Lateinisch Spraach seye so behüfflich / das man darnach andere Spraachen desto eher vnd leichter wisse zubegreiffen: ist dasselb auff zweyerley weiß kräfftig zuwiderlegen: erstlich verstehen sie nichts von der Lateinischen / die man so jung hinweg schickt / das sie auch ihre Mutterspraach offt nicht lesen oder schreiben können: Zum andern erfahrt man / das wann offt junge Herren / vom adel / vnd andere in Frembde land vereissen das die jüngsten / ja offt die Lackeyen vil eher vnd besser die frembde Spraach begreiffen / als ihre Herren Preceptoren / die das Latein on schuhen vertretten / darzu dag vnd nacht auff den grammaticen ligen. (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 21) Dann einem Schuler der Latinischen vnbekandten Spraach / Eine Latinische Grammatick fürlegen / ist gleich als ob man einem Tauben ein Retzel auffgibt / oder ein Schöne Musick vorhergehen last / oder einem Stockblinden eine Fackel vortregt. (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 31) Nicht viel besser machens noch Heut zu tag die jenige / so die welt bereden wollen / man müsse alle andere Sprachen vermittelst der Lateinischen ergreiffen. Welches eben so viel ist / als wann jederman / der gen Hierusalem walfahren wollte / zuvor auff Rom ziehen müste / vnd nicht auch einen neheren Weg / von seiner Heimat aus treffen könnte. Ich aber bin der Meinung / man könne gleich gerad hinzu gehen / vnd alle Sprachen viel leichter ohne das Latein / (wem es vnbekandt ist/) ergreiffn / wo man nur deren vnterweisung / vnd andere

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darzu taugliche Bücher / in der angerbornen Muttersprach hette. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629, o.P.) Wir finden in den Historien / wie heßlich vnd bäurisch die Lateinisch Sprach im Anfang gewesen / so heßlich vnd bäurisch / daß zur Zeit deß andern Kriegs wider die Carthaginenser / niemand vnter den vortrefflichen Männern durch gantz Italien sich vnterwinden dürffen / die alte BundesTaffeln / zwischen den Römern vnd Africanern auffgerichtet / wegen der groben vnd vbel-lautenden Wörter / auszulegen. Wenn der Teutschen Sprach dergleichen zugestanden / sollte man sie verdammen? Die Majestet der Teutschen Sprach ist ein geraume Zeit verborgen gelegen / aber niemahls in dem Elende vmbgeschweiffet: Sie ist verschwiegen blieben / aber noch niemahls verstummet / Inmassen aus angemeldeter Poëterey zuspüren. (MEYFART: Teutsche Rhetorica, Coburg 1634, 2f.) Daß man nicht alle Sprachen mit derselben Genauigkeit lernen muß, haben wir zu Anfang des Kapitels besprochen. Nur der Muttersprache und dem Latein müssen wir solche Sorgfalt zuwenden, dass wir sie schließlich ganz und gar beherrschen. (COMENIUS: Informatorium Maternum, Nürnberg 1636, 150f.) Wir wünschen daher inständig, die Studien der Weisheit mögen nicht mehr nur in lateinischen Schriften gelehrt werden, so dass sie in den Kerkern der Schulen festgehalten werden. So ist es bisher in tiefster Verachtung des Volkes und der Volkssprachen zu Unrecht geschehen. Vielmehr soll jedem Volk alles in der eigenen Sprache gelehrt und dadurch allen, die Menschen sind, die Möglichkeit geboten werden, sich lieber mit diesen freien Künsten zu befassen als sich mit den Sorgen dieses Lebens oder ehrgeizigen Bestrebungen, Zechgelagen und allen übrigen Nichtigkeiten abzumühen, wie es beständig geschieht, und so gleichzeitig ihr Leben und ihre Seele zugrunde richten. Es würden dann, wie die Wissenschaften und Künste, auch die Sprachen selbst geschmackvoll verfeinert werden. Wir haben daher beschlossen, auch dieses unser Werk, wenn Gott seine Zustimmung gibt, in der lateinischen und in der heimischen Sprache zu veröffentlichen. (COMENIUS: Prodomus Pansophiae, o.O. 1637, 165) Man muß, kurz gesagt, allgemein folgendes beachten: I. In der Schule der Reifezeit, der Lateinschule, soll dasselbe gelehrt werden wie in der Schule des Knabenalters, der Muttesprachschule; aber 1. in verschiedenen Sprachen. Ihr Studium füllt diese Altersstufe am meisten aus. Damit das möglichst leicht und erfolgreich geschehe, soll es unter der Führung durch schon bekannte Sachen vor sich gehen. 2. Damit jedoch kein zu großer Überdruß entsteht, soll es auch an neuen Sachen als Lockspeise nicht fehlen. 3. Es sollen sich aber den Jugendlichen auch schon die Gründe der Dinge auftun, darum möge man hier schon Philosophie treiben. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329) Folgende Sprachen sollen hier gelernt werden: 1. ein oder zwei Sprachen der Nachbarvölker, 2. Latein, 3. Griechisch, 4. Hebräisch. Das alles kann leicht in sechs Jahren bewältigt werden; fürs Lateinische braucht man drei Jahre, fürs Griechische zwei, fürs Hebräische ein Jahr. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f.) Und gewis wan alle ausgeübete und volkommene Sprachen wie sie weren / von den Griechen / von den Lateinern / von den Galliern und Spanischen / von den Phoeniciern selbst

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auf den Rechtplatz kommen sollten / daselbst umb die ehre durch ehre und Schwert und Waffen zu streiten und des Urtheils zuerwarten / so würden die Deutschen nicht auszubleiben ursache haben. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4) Der Entwurf der Kunstwörter / wie von andern angefangen / ist ferner daß sie Deutsch sein können versuchet. Ein versuch aber in sothanen dingen ist nicht zu tadeln / welcher auch sonsten in dergleichen niemal. Und hat Cicero in seiner sprache die Kunstwörter verlateinert (das ich so reden mag / oder in das Lateinische übergesetzet) was ist dan strafwürdiger / dergleichen fleis in gleicher sache anwenden? (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4) Derowegen höchlich zu beklagen ist / das die Deütschen nunmehr aus den andern sprachen so viel wörter gebrauchen / als wan sie fast keine rede mehr führen könten / da nicht bald Frantzösisch / bald Italiänisch / bald Spanisch / bald Lateinisch mit untergemenget were. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 10) Daß in Schulen die rechte vndd eigentliche Art die Sprachen zu lehren bißhero nicht genugsamb bekandt gewesen / bezeugt die That selbst. Die meisten so sich im Studieren ergeben hatten / veralteten vber den Wörtern; Auff die eintzige Lateinische Sprache würden zehen vnd mehr Jahr gewendet / ja das gantze Leben / wie gar langsamen vnd zwar geringen Fortbringen / so auch die Mühe vnd Arbeit nicht belohnet. (COMENIUS: Janua Linguarum Reserata Aurea, Hamburg 1642, 1) Sehen wir von den Cantzleyen hinweg / so treffen wir alsbald Leute an / die die teutsche Sprach auch tapffer helffen verderben / als da seyn die Rechts-Gelehrte/Vorspräch vnd Anwäld. Hier solte einer wunder hören / wie in ihrem so mündlichen so schrifftlichen Vorbringen die teutsche Sprache noth leidet. Mancher Vorspräch hältet darvor / es were ihm eine grosse Schand / wann er seine Schrifften / wo müglich / teutsch stellen vnd fassen solte / er meinete er thäte vnrecht / vnd könte es nicht verantworten / wann er nicht alles von lateinischen Wörtern übersetzte. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 27f.) Derwegen / wann man die heut zu tag gebräuchliche lateinische Wörter stätigs also fort pflantzet / so werden sie endlich der teutschen Sprache anhängig gemachet / vnd können nimmermehr darvon abgesondert werden / daß also die teutsche herzliche Sprach ihre Lauterkeit verlieret / vnd eine Haupt-Sprach zu seyn auffhöret. (SCHORER: Teutscher SprachVerderber, o.O. 1643, 29f.) Es geschicht selten oder niemahln / daß die Lateiner teutsche oder andere frembde wörter / wann sie lateinische haben können / einnehmen. Aber die Teutschen gebrauchen sich allerley frembder Wörter / da Sie doch keinen Mangel in ihrer Sprache haben. Es ist fürwar eine grosse Schand dem Teutschland / daß es seine herrliche Sprache also verliederlichet / ja gar vergisset / vnd hingegen frembde Wörter einflicket. (SCHORER: Teutscher SprachVerderber, o.O. 1643, 31) Aber daß ich auff das vorige komme / man bestehet dieses gern / daß insonderheit diese Künsten vnd Wissenschafften / welche vns von den Lateinern seyn in ihrer Sprach überlassen worden / solche Wörter haben / welche wir nicht mit einem oder ander andern Wörtern

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teutsch geben können; doch aber der meiste Theil seyn gar wol vnd füglich in vnser teutsch zu übersetzen / vnd solle man sich mit allem fleiß dahin bearbeiten / daß man alle frembde Wörter / wo müglich in das teutsche übersetze / damit sie nicht in teutscher Sprach verbleiben / dieselbe verfälschen / vnd auch ander Unheyl erwecken. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 32f.) Wie mancher einfältiger teutscher Mann / der etwa die Zeitungen (sonderlich derer Orter / wo man sie zu drucken pflegt) liset / verstehet kaum das halbe Theil. Es wehre von nöthen bey dieser jetzigen zeit / daß / wann einer die Zeitungen lesen will / er zween Männer bey sich stehen habe / auff der rechten Seiten einen Frantzosen / auff der Lincken / einen Lateiner / welche die frembde Wörter ihme auslegten (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 40). Ich wünsche von Hertzen / daß doch die Teutschen einmal die Augen auffthun / ihren vnverantwortlichen heßlichen Fehler in verderbung der alten redlichen vnd herrlichen teutschen Sprach erkennen / vnd vielmehr solche pflantzen vnd bawen / damit sie rein vnd lauter auf vnsere Nachkommene kommen möge / vnd sie nicht über vns vor Verderber vnnd Stümpler der reinen teutschen Sprach außschreyen vnd außruffen müssen / welches vns dann ein ewiger Spott vnd Schand were / weil ohne daß wir sehen / daß bey nahe alle Länder vnd Völcker jederzeit sich beflissen / wo es müglich / jhre Sprache rein vnd lauter auff die Nachkommene fortzusetzen, Welches insonderheit die Griechen vnd Lateiner wol in acht genommen. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 44f.) Diß kann ich zwar zugeben / daß die Deutsche Spraache (es sey nun welche es wolle) die vornehmste und erste unter den andern Spraachen sey und mit der Hebräischen nach der Babilonischen Verwirrung / zugleich im gange und schwange gewesen und eher fortgepflanzet worden als andere / wie aus glaubwürdigen Geschichten zu erweisen / aber weiter gehe ich nicht. Solches schließ ich auch daraus / weil die Deutsche Spraache / sonderlich die uhralte / der Hebräischen so gar gleich / daß ihr keine unter den andern letzten zwo Hauptsprachen / der Griechischen und Lateinischen / so nahe kömmt an der Ausrede / gebrauch der Wort / Sylben und Buuchstaben / als eben selbige. (ZESEN: Hooch-Deutsche SpraachÜbung, Hamburg 1643, 13f.) Adelmund. Worinnen ist dann die Deutsche Spraache der Hebräischen gleich? Deutschlieb. Erstlich in der Poesie. Dann die Griechen und Lateiner haben nicht so viel reim-wort wie die Deutschen und Hebräer / deshalben sie auch keine Reimen machen / noch machen können / sondern gebrauchen gar eine andere Art in ihren Verschen / da gar kein Reim gemacht wird / wie den Gelehrten bekannt ist. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14) Es schreiben zwar etliche / daß mann zur zeit des Großen Karls / welches aber lange darnach / noch gar nicht Deutsch hette schreiben können / sondern sich in in befehlen / Befreyhungs-brieffen und öffentlichen Schrifften biß auff das m. cc. xljjj. Jahr des Lateins bedient / auch hernach erst das Deutsche mit Lateinischen Buchstaben zu schreiben angefangen. Doch leugnen sie nicht gar / daß mann zuvor Deutsch geschrieben. Dann sollten die Deutschen zuvor ehe sie in diese Länder kommen seyn keine Buuchstaben ge-

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habt oder gar nicht geschrieben haben / das were wunder? (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 19) Daß aber selbige [Lehnwörter] aus dem Lateinischen oder Griechischen entsprungen / werden die jenigen verneinen / die da bezeugen / daß die Deutsche Spraache eher im schwange gewesen alß die Griechische und Lateinische und werden vielmehr bejahen / daß die Lateiner und Griechen selbige Wörter von den Alten Deutschen und teils von den Hebräern entlehnet. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 20f.) Sollen wier kein Lateinisches / Griechisches oder Hebräisches / da diese doch die übrigen drey haupt- und grund-spraachen seyn / mit einmischen / vielweniger können wier gestatten / daß aus den andern Neben- oder unter-spraachen ein und das ander wort so vermässentlich in unsere allervollkommenste Haupt- und grund-spraache eingeflikt werde. Zu dem ist auch die Hoochdeutsche Spraache die allerprächtigste und mächtigste Helden-Spraache / die mann unter der Sonnen haben mag / und wird gar deutlich und etwas langsam mit einer sonderlichen ernsthafftigkeit ausgesprochen / daß sie also anderer Spraachen wörter / wegen derselben geschwind- und flüchtigkeit (ja die auch offt kaum halb und gar zerstömpelt ausgesprochen werden) nicht dulden kann. Wier sollen hierinnen billich den Lateinern nachahmen / oder vielmehr zuvor kommen / welche sich vor fremden wörtern so sehr und so lange gehütet / alß es ihnen müglich gewesen. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 37) Unsere Teutsche in allem ist ihrer Reinlichkeit von vielen tausend Jahren hero / bis auf unsere Zeit / unbeflecket verblieben. Nicht wenigere Schicklichkeit hat sie von der Kunst zurühmen. Sie ist Wortreicher als die Ebreische / in der Verdoppelung fugsamer als die Griechische / in den Sinndeutungen mächtiger als die Lateinische / in der Ausrede prächtiger / als die Spanische / in der Lieblichkeit anmuthiger als die Frantzösische / in der Verfassung richtiger als die Welsche / wie solche überreiche Vollkommenheit bey allen Teutschgelehrten ausser allem Zweiffel. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644, 15) Mein lieber Landsmann / so offt du einen Spannier / einen Frantzosen vnnd Italianer in Jhrer Muttersprach reden hörest / so offt gedencke / vnd halte darfür / daß du einen Essig von der Lateinischen Sprach kostest / vnd ein Lied von der alten Dienstbarkeit hörest. Hergegen wann du deine eygene teutsche Muttersprach hörest / so hastu einen reinen Wein / eine vnbefleckte Jungfrauw / ein keusche Königin. Ach schände solche nicht / treib mit ihren kein blutschande / du würst sonsten daheimen verhasst / draussen aber nicht vnbillich verlacht vnnd veracht werden. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 139) Ich will den Nutzen der Grichischen nicht melden / noch der Lateinischen Fürtrefflichkeit anziehen / weiln solche als Haupt-Sprachen für sich selbsten nicht allein berühmt / sondern deren Hilff alle andere Wissenschaften von nöthen haben. Man muß ja ausländische Sprachen verstehen / vnd reden lernen / weilen sie in Verschickung Kauffmanschafften / auff den Reisen / vnnd in andere weg ihren guten Nutzen schaffen / auch in selbigen Sprachen viel schöne Bücher herauß kommen / auß welchen die Teutschen offtmals feine Sachen ergreiffen können. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 206)

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Was die lateinische Sprach anbetrifft / ist von den Gelehrten erwiesen / daß dieselbe auß der alten Celtischen vnd Grichischen Sprach allgemächlich geformet / biß sie durch die Gunst deß Himmels vnnd Bearbeitung etlicher gelährter Römer zu der Schön vnd Vollkommenheit gebracht worden / warinn sie zur Zeit deß Augusti geblühet / vnnd die besten Früchten damals getragen. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 210) Daß aber die Lateiner auch der Teutschen Wörter gebrauchen / vnd in ihre Sprache eingeführet haben / erhellet auß nachfolgenden Exempeln; als Axis heist bey dem Teutschen ein Aks an dem Wagen / Ager ein Acker / Anchora ein Ancker / octo acht / Butyrum Butter / Barba, Bart. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 214) Daß aber die Teutschen nicht auch etliche Wörter von den Grichen vnnd Lateinern sollten entlehnet haben / kann nicht geleugnet werden. Dann man findet von alters her in vnser teutschen Mutter-Sprach kein Wort / daß ein Kirch oder Tempel / Clauß oder Capell heist / die teutsche Zung weiß von keinem Altar / von keinem Opffer / Oblaten / Hostien / Bischoffen / Pfarrherrn / Predigern / Priestern / Pfaffen / Schulen / Schulmeistern / Schreibern / Dinten / Fest / Fasten oder Feiern. Es sind solche Wort auß dem Grichischen vnd Latein genommen / vnnd von der Römischen Kirchen den teutschen Christen auffgeerbt […]. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 224f.) Wie nun aber die alten Lateiner viel Wörter von den Teutschen in jhre Sprach genommen / als folgen hierinnen auch die heutigen Italianer / dann solches auß folgendem zuerweisen. Was bey vns Hellebart / das ist bey ihnen Alabarda, was bey vns Hering / das ist Aringa bey jhnen / Antasten nennen sie Attastar, abentheur Aventura, Balcken Balco […]. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 234) Es mag solches dem gemeinen Pövelmann der mit der Hand- und nicht mit der Haubtmühe sein tägliches Brod gewinnen muß / gnug sein; nicht aber denen / die im Geist- und Weltlichen Stande ihre Unterhabende lehren / leiten / regiren und führen sollen. Diesen lieget ob / die liebe Jugend nicht allein nur zu dem Ebreischen / Griechischen und Lateinischen / sondern auch zu der Teutschen Sprache anzugewehnen / darmit sie im Geist- und Weltlichen Stande sich nehren müssen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22) Die Italiäner / Frantzosen und Spanier haben ihre Sprache sehr hoch erhaben. Wir Teutsche könten es auch dahin bringen / damit wir so viel Zeit in Erlernung des Lateins nicht verlieren dörfften / sondern so bald mit den zarten Jahren die Wissenschaften selbsten angehen könten. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 24) […] / wie sollte doch die fast Göttliche Vernunft des Menschen an ein gewisses Land gebunden seyn? Wie sollte das Himmelweite Nachsinnen der hohen Geister mit einer Sprache umschrenket und eingefangen werden können? Solcher gestalt were niemand / als auf Griechisch / Lateinisch / Welsch oder Frantzösisch verständig / und auf Teutsch ein Gauch. Uns ermangelt nicht ein Wort alles und jedes was man nur durchdenken kann / wolverständig auszureden / ob man gleich noch bey Anfang oft besagter Spracharbeit / wegen der Leser oder Zuhörer das Latein zu einem Dolmetsch gebrauchen muß / damit das noch

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unbekante Ding durch ein bekanntes Wort erlernet werde. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27) 40. Viel stehen in dem Wahn / daß durch Erhebung der Teutschen Sprache die Lateinische fallen werde aller massen man sihet daß auf den hohen Schulen oft mehr Teutsche / als Lateinische Gedichte aufgesetzet werden / da man doch wegen dieser und nicht jener Sprache Erlernung dahin geschicket. 41 Solches ist gewißlich nicht zu beförchten. Keine kan der Zeit / ohne die andere / erlernet werden: Und welche den Griechischen und Lateinischen Poeten die seltene Erfindungen und die meisterzierlichen Handgriffe nicht abmercken / werden ihre Krippelreimen vielmehr zu ihrer Schande als Lob offentlich schautragen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 40f.) Was zieren wir uns doch wie Federlose Dolen / Die jenen Schmuk zumal den andern abgestolen / Die fremd entlehnte War: wann jeder nimt zu sich / Was ihm entwendet ist / so heißt es: Schäme dich! Dieses Unheil bleibet nicht bey denen / die andere Sprachenerlernet / und derselben mächtig sind: Nein / es ist biß auf den groben Pövelmann herabgekommen / dem das Latein bekannt / wie dem Blinden die Farben. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644, 353f.) Ob nun zwar bisanhero / auf jüngstaufgerichtetem Lehrstule / die hochheilige Sprachmutter die Ebraische / dero Tochter die Syrische / die versüssete Griechische / und die Dolmetscherin der Welt / die Lateinische Sprache / der Jugend treueiferigst eingetreufelt worden / so habe ich der wenigste / unter den Teutschen Muttersöhnen / je und je unsere Wunderkräfftige / Wortmächtige und Qwelreiche Sprache geliebet. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 2) Woraus dann zu schliessen / daß die Celtischen Wörter zu den Griechen folgends auf die Lateiner kommen / da dann aus der alten Celtischen / das ist / Teutschen / und der / Griechischen Sprachen das Latein ausgeputzet worden / durch den übertrefflichen Römer Varro. Ja es haben die Römer nicht allein der Teutschen Wörter / Gebräuche und Sitten / sondern auch ihre Buchstaben / mit Hindansetzung der Griechischen / angenommen. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7f.) Gleichwie die Römer zu ihrem Wolstand allein die Lateinische Sprache geführet / und ihrem Ansehen und Hochheit verkleinerlich ermessen / so jemand in offenen Schrifften auß der Griechischen Sprache ein einiges Wort eingemischet / Gleichergestalt haben die alten Teutschen vor unziemlich erachtet / wann man in Schrifften / so vor Obrikeiten oder vor Gerichten ausgefertiget / Latein eingemischt / die allgemeine Sprach mit fremden Wörtern verbrämet / und nicht Teutsch und verständlich gehandelt. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 24f.) Ja in dem sie (die Nidersachsen) die hochdeutsche sprache solcher gestalt aus den büchern und in den schulen straks mit der lateinischen zugleich gelärnet haben / sosein auch viel falsche ahrten zu reden / die sie nach dem lateinischen / wan sie es durch das hochdeut-

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sche haben auslägen müssen / gerichtet / und auch also in öffentlichen büchern geschrieben haben / überal eingeschlichen / und es möchten auch selbige / wo ihm nicht bei zeiten fohrgebauet würd / noch weiter einreissen […]. (BELLIN: Ausarbeitung der hoch-deutschen Sprache, Hamburg 1647, 4) Einmal sind wir Teutsche schuldig über unseres Vaterlandes / und unserer Sprache Freyheit zu halten / selbe zu lieben / zu ehren / und eussersten Vermögens zu handhaben. Wir verachten aber hierdurch keineswegs andere fremde Sprachen / sondern bejaen allein / daß selbe mit der unsern nicht zu vermischen / und jede absonderlich in gebürlichem Gebrauch zu halten seye: aller massen niemand das Frantzösische oder Spanische unter das Latein vermischet. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 78) So ist auch unsere geliebte Teutsche Muttersprache; unter andern Haubtsprachen nicht die geringste; sondern die prächstigste; ja die nechste der Hebräischen: wie solches die glaubwürdige Geschichtsschreiber bezeugen / auch aus den viel einsylbigen Stammwörtern / deren allein Simon Scavin bey die 2170. aus den Teutschen zusammengelesen: in der Lateinischen Sprache hat er 163. und in der Griechischen 265. gefunden. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 78f.) Es ist aber obgedachte Griechische / welche in Griechenland heutiges Tages geredet wird / von der alten Griechischen / so weit abgewichen / geändert und gemißahrtet worden; daß zu zweifeln stehet / ob dieselbe anjetzo noch für eine Griechische Sprache zu achten sey: doch scheinet es gleichwol nicht / daß dieselbe von der alten rechten Sprache so weit / als die Welsche von der Lateinischen entfernet. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81) Aus dem Lateinischen seynd entsprungen / die Welsche / die Französische / die Hispanische / welche aber so weit abgewichen und ausgetreten / dass dieselbe für Mundarten der Lateinischen nicht füglich können gehalten werden , und sind nunmehr absonderliche eigene Sprachen / und müssen absonderlich erlernet werden. Die Welsche kommet zwar der Lateinischen näher als die andern beede / dann die Französische sehr vermischet / mit den alten Gallischen und Teutschen Wörtern. Wie auch die Hispanische mit der Arabischen : so herrühren von den Mährischen Völkern / welche in Hispanien lange Zeit gekrieget / gewohnet / und geherrschet haben. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 83) Weiln auch jetzo der Arabischen Meldung geschieht / gibt mir solches Anlaß / dieselbe mit mehren zu berühren und anzuzeigen; daß dieselbe heutiges Tages in einem Theil der Welt / gegen Morgen und gegen Abend viel gebrauchet wird; gleicher Gestalt als wie man mit der Lateinischen durch gantz Europen; also auch mit der Arabischen durch gantz Asien kommen / etc. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 83f.) Es ist zwar die Vernunft an keine gewisse Sprache gebunden: alle Zungen können verständige Gedanken ausreden / und were diesen zu nahe gesagt / daß man nur in Latein / Griechisch oder Hebräisch weiß / in Teutsch aber närrisch seyn sollte. Ach nein / unsere Teutsche Haubtsprache ist so wortreich in ihren Wurtzeln/ so prächtig in der Ausrede / so mächtig in der Deutung / so vollkommen in ihren Kunstfugen / so grundrichtig in ihrer Lehrart / daß kein Sinnbegrief zu finden / welcher nicht wol vernemlich / und wunderschikklichst

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sollte können verabfasst werden. An den Stammwörtern ist sie der Hebräischen überlegen / an der Verdoppelung der Griechischen gleichbürtig / an der Lieblichkeit übertrifft sie die Lateinische mit allen denen zungen / die von ihr entsprungen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.) Bey ersterzehlten Namen ist zu beobachten die künstliche Füglichkeit unserer Teutschen Wörter / deren vielen die Lateinische Sprache nicht nachsprechen kann / und was wir mit einer Verdopplung ausreden / mit etlichen Worten geben / oder zu dem Griechischen fliehen muß. Solche Füglichkeit der Zusammensetzung entstehet eigentlich von den viel einsylbigen Stammwörtern der Teutschen / wie hiervon zu lesen der Gelehrten Sonne und Wonne Scaliger. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 176) Die Teutschen haben das Lob / daß sie / wie andere Künste / also auch sonderlich mancherley Sprachen sich hoch befleißigen / vnnd wo sie der einmal kundig / solcher in pronunciatiori vnd sonsten ansehenlich gebrauchen können. Kömpt sie auch weder Italiänisch / Polnisch / Böhmisch / noch andere Sprachen / sonderlich schwer an / nur allein die Lateinische / die Lateinische sag ich / die erfordert bißheriger Disciplin nach / so viel Zeit / Arbeit vnd Unkosten / daß fast deß Menschen meistes Leben vnd Arbeit drauff gehet / vnnd bey vielen die Zeit / so nützlicher zum exercitio verbi divini, zum Gottesdienst / Gebett / GewissensExamini vnd andern nötigen Verrichtungen anzuwenden / nur auff vergebliche GrammaticenMarter gespendiret / also mehr verlohren vnd verdorben / als angewendet vnd erworben wird. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 10). Weil die Lateinische Sprache fast in allen Landen vnter den Gelehrten vor anderen am üblichsten vnd gebräuchlichsten ist / auch die vornembsten Künste / zu allen Ständen gehörig / in solcher beschrieben / als ist keine Schul / da man Sprachen lehret vnd lernet / in welcher nicht von der Lateinischen der Anfang gemacht / vnd sie für andern allen sollte getrieben vnd excoliret werden. Dahero es auch kompt / daß solche auff so vnterschiedene Art vnd Weise / nach vnterschiedlichen Meynungen und heraußgegebenen Didacticen gelehret vnd gelernet wird. Einer versuchts vnd nimmet auff diese / der ander auff eine andere Weise für. Einer will / man müsse das Latein auß der Grammatica lehren vnd lernen. Der ander will fast von keiner Grammatica wissen / gibt für / man müsse die Lateinische Sprache auß einem eintzigen gewissen guten Autore lernen. Was er aber eben für ein Autor, Terentius, Plautus, Cicero, Seneca oder Plinius seyn müsse / da ist noch keine Gleichstimmigkeit. Mancher will weder von der Grammatica noch eintzigen gewissen Autore hören / gibt für / man soll Latinam linguam usu lernen / nur auß blossen reden / wie jhr viel heutiges Tages das Frantzösische lerneten / vnd sich doch darzu keiner Grammaticen gebraucheten. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 24f.). Es wird meines erachtens so bald nicht dahin kommen / daß die Lateinischen Grammaticalischen Termini abgeschafft / die Teutschen oder andere dargegen auff- und in Gebrauch kommen sollten. Kann man sie doch den Knaben verteutschen / als Nomen heist eine Nahme oder Nennwortt &c. Wenn sonsten keine andere Difficulitäten in vnd zur Lateinischen Sprache weren; so hette es keine noth (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 27) Mir ists offt widerfahren / wenn ich meine Discipulos gefraget: was dieses oder jenes Lateinische wort teutsch heisse / haben sie alsobald antworten können / wenn ich aber ein wenig

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hernachher gefraget / was selbige Wörter Lateinisch heißen / haben sie es entweder gar nicht gewusst / oder sich ja etwas lang darauff besinnen müssen. Eben vmb dieser Ursach willen habe ich vnten das Teutsch vorangesetzt / daß die es von beyden Seiten hin vnd her lernen müssen / vnd desto besser behalten können. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 27f.) Die Griechische Sprach ist zwar eine schwere vnd weitläuffige Sprach / vnnd kömpt einen freylich desto schwerer an / wenn man sie nach der alten Art in so viel Classes, dahero man auch viel Conceptus nemmen vnd machen muß / eintheilet / die Jugende mit so vielen Declinationibus, Conjugationibus, vnnd sonsten vielen vnnötigen Dingen beschwert. Wo sie aber auff diese Weise gelehret vnd gelernet wird / kompt sie einem gar leicht für / vnd zwar viel leichter als die Lateinische / wenn sonderlich die rechten Vortel vnd Handgriffe / darbey gebraucht werden / welche gar leicht auß vorigen können gemercket werden […]. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 55f.) Was die eigentlich Nahmen (Nomina propria) der Götter / Männer / Weiber / &c. (so aus fremden Sprachen entlehnet seyn / und alzeit mit deutschen Buchstaben ausgeschrieben werden sollen) betrift / bedürfen wier / nach Art der Lateiner / und Griechen / nicht beugen: sondern sie / so viel möglich / auf unsere Endung bringen; oder aber nur ungebeuget / und unverändert / in allen Fällen brauchen. (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 90f.) Dise Lateinische Sprache / als sie dißmahl ihren zimlichen Anfang erlangt / vnd nun auff die 8. oder neundthalb hundert Jahren / in ihrer schlechtigkeit vnd vnordnung gestanden / hat hernach der allergelehrteste Lateiner / der Marcus Varro, welcher vmb die Zeit der anfahenden Röm: Kayser Monarchiæ vnd neben dem Cicerone / vnd andern hochverständigen Lateinern gelebet / diese Sprach in alle ordnung vnd grosse Zierd gebracht / vermittelst welcher hernach / diß letzte grosse Römische WeltReich / dermassen vnd noch biß an heut regiert vnd geführt worden […]. (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 4f.) Diese heutige Italianische Sprach behält also billich das Lob einmahl / von wegen ihrer herrlichen Ankunfft / vnd daß sie als ein rechter StammErb der Lateinischen Sprach / in gar vilen Stucken / (welche allhier zuerzehlen gar zu lang werden wurde.) vergleichet werden könne. (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 6) Was nun beschließlich vnser teutsch vn Italianisches Sprachwercklein belangt / so seyn wir nicht der meinung gewesen / jemandts / sey er wer er wolle / darinnen die Lateinische Sprache zulehrnen / als welche sonst fast in allen Stätten / ja wol Dörffern / TeutschesLandes geübet vnd getriben wird. Jedoch vmb der Außländischen willen / bey vilen Dictionen vnd Redarten / das Latein mit beygefügt / das vbrige aber / so auch vil mit dem Italianischen fast vbereinkommet / daß auch diß Werck nicht zu groß lieffe / vnd zu thewr gemacht wurde / alles aussen gelassen. (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 6)

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Von der Römischen oder Lateinischen Sprache Veränderung und reichem Abfluß hat der berühmte Scaliger viel geschrieben / und ist solche nur den siegreichen Waffen in Hispanien / Frankreich und Teutschland unter die Celten ausgebreitet / durch die fremden Völker aber samt dero Vaterland so verderbet und verformet worden / daß nun kein Land in der Welt ist / da man durchgehends Lateinisch zu reden pfleget / und bleibet sie also der Gelehrten Muttersprache / mit Verlauff der Zeit ist sie vor ihrem ersten Stammgrund (lingva osca) fast gantz abgekommen / daß sie noch ein Italianer noch einer der in dem Latein wol beschlagen ist / nicht verstehen kann; Massen solches klärlich zuersehen / aus der Poesi Osca / deß Sinnreichen J. Balde. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-53, 4f.) Diejenigen / so vermeinen / man müsse die teutsche Poeterey nach dem Lateinischen richten / sind auf einer gantz irrigen Meinung. Unsre Sprache ist eine Haubtsprache / und wird nach ihrer Eigenschaft / und nach keiner andern Lehrsätzen gerichtet werden können. Wir wollen hiervon etwas Weniges zu anderer mehrverständigen Nachspur melden / und uns richten nach den jenigen / welche bißhero nicht ohne unsterblichen Namensruhm liebliche Gedichte verablasset / und in Druck gegeben: Wie aber die Griechische und Lateinische Sprache / nach vielen hundert Jahren Arbeit / zu endlicher Vollkommenheit gelanget / so ist solche dieser Zeit bey dem Anfang nicht zu verhoffen / sondern beruhet alles auf genausichtiger Verbesserung glücklich. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-53, 18) Hier ist auch etlicher Latinisirendes Teutschreden zu bemerken / welche vermeinen / wann sie Wort vor Wort übersetzen / so haben sie es meisterlich ausgerichtet / man pflege gleich also zu reden / oder nicht (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-53, 115). Auß abbesagtem aber ist unschgwer ein Gegenstand an sie zu wagen / daß sie nichts wenigers als der Teutschen / geschweige der Hochteutschen / Mundart beflissene / ihnen für eine gar grosse Kunst schetzen /wann sie Lumpenlatein miteinflikken […]. (ARNOLD: Kunstspiegel, Nürnberg 1649, 28). Daß aber nicht allein in Lateinischer sprach / sondern auch so gar in der Teutschen man recht gut Poetisch reden vnnd dichten könne / wird man gleich auß diesem Büchlein abnehmen mögen/ vnd mercken / daß es nicht an der sprach / sondern vielmehr an den personen / so es einmal auch in der Teutschen sprach wagen dörfften / gemanglet habe. Derohalben hab ich solchen zu helffen vnderstanden / vnd befliessen mich zu einer recht lieblichen Teutschen Poetica die baan zu zeigen / vnd zur grösseren ehren Gottes einen newen geistlichen Parnassum / oder kunstberg algemach anzutretten. (SPEE: Trutznachtigall, Köln 1649, 5) Die Lateiner / so von den Griechen ursprünglich herkommen / haben von ihnen beydes Sprache und Schrift gezogen; Aber durch länge der Zeit / sind beyde so gar verkehret / dass endlich eine sonderliche Sprache / und sonderliche Schrift bey ihnen entstanden. (BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650, 5) Dies muß einer beweisen / wer da einen misgönstigen Zweiffel recht ausbrüten will: Ob unsere teutsche Kunstwörter nicht können eben so gründlich / vernemlich und wollautend ausdrükken und anzeiogen das Ding / dessen Kunstmässige Wörter sie sind / und ob sie nicht in einer geringen Lehrzeit durch kurze Gewonheit eben so beliebt und unseren Ver-

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stande annehmlich werden können / als die Griechische oder Lateinische. (SCHOTTELIUS: Teutsche SprachKunst, Braunschweig 1651, 12) Ach! Es ist zu bedauern / daß so viel große und gelehrte Leute / die Deutschland erzielet / sich um ihre Muttersprache nicht mehr bekümmert / als sie getahn / und ihre zeit nur in fremden sprachen fast vergeblich / ja so zerplagen / oder die arme sprache so radebrechen / wan sie irgend den uhrsprung eines wortes ergünden wollen. Ja sie zerren ihn oftmahls bei den haaren aus dem Griechischen und Lateinischen sotahnig heraus / daß einen die ohren gällen: da vielmehr der ursprung der Latein- und Griechischen wörter in unserer sprache zu suchen / der auch darinnen oftmals eigentlicher gefunden und dargethan werden kann. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 205) Dan in iedem Lande finden sich zweierlei sprachen / eine hohe oder zierliche / und eine niedrige oder bäurische. Jene ist bei Hofe / unter gelehrten / unter geschickten und höflichen menschen / und sonderlich unter dem Frauenzimmer / üblich: Diese aber gehet unter dem gemeinen manne / und dem Land-volke im schwange. So hat man zu Atehn das zierlichste Griechische / zu Rohm das zierlichste Latein geredet. So redet man noch in Obersachsen und Mweissen das zierlichste Hochdeutsch / das man im schreiben gebrauchet […]. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 226f.) Weil nuhn auch / allem ansehen nach / vermuthlich / daß die kinder Jafets eine solche sprache gehabt / die nachmahls vom grössesten und mächtigsten volke unter ihnen / den Deutschen / auch die Deutsche genennet worden: und man gewis weis / daß solche Deutschen / (als Askanier / welche vom Askenas herkommen / und der Germanier / die vom To-Garma vielleicht entsprossen / kinder / oder brüder / oder Vettern /) eher gewesen / als die Griechen und Lateiner: indem beide von ihnen / und sonderlich die alten Tuszier (oder Toskanier / die man nachmahls auch Lateiner genennet / von den Tu-Askiern / oder Tu-Askaniern / oder Tu-Aschiern / (mit dem alten deutschen geschlechts-worte tho / oder to / oder tu /) des Askenas / oder / nach itziger deutschen aus-sprache / des Aschens nachkommen / entsprossen / wie ich anderwärts weitläuftiger darthun will: so mus auch gewis folgen / daß die Deutsche sprache eher gewesen sei / als die Griechische und Lateinische; welche nuhr mundahrten der Deutschen seind / und aus der Deutschen sprache / eben wie das Griechische und Lateinische volk von dem Deutschen volke / entsprossen. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 230) Inzwischen leugne ich nicht / daß uns die Griechische und Lateinische / weil sie im grunde und ursprunge selbst auch deutsche seind / bisweilen ein licht und beihülfe sein können / den verstand und die bedeutung unserer wörter um so viel eher und gewisser zu finden: weil die ursprüngliche erste bedeutung in unserer sprache bisweilen vergangen / oder vielmehr mit der zeit verdunkelt worden, welches aber gar selten fürfallen wird. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 234) Ja es were zu wündschen / daß der fleis und die erschrökliche arbeit / die etliche auf die Lateinische sprache gewendet / auf ihre muttersprache / die es würdiger ist / anwendeten / und so wohl ihr / als ihnen einen unsterblichen nahmen machten. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 241)

Belegzitate —— 155

Doch seind in dieser grossen Stadt Babel / als aller Sprachen Mutter […] / drey grosse mächtige Thürme / die wir von ferne vor allen andern weit vnd breit sehen. Der größte vnd mittelste (so zweifelsfrey noch ein Stück von dem fundament des alten Gebews) ist der H. Hebræischen Sprache: der ander gegen Orient: der Griechischen vnd der dritt auff der lincken Seit / Niedergangs zu / der Lateinischen gewidmet. (RIVINUS: Die erste SprachenThuer, Leipzig 1653, 12f.) Und die wir in der Occidentalischen Lateinischen Monarchie leben / reisen auch am meisten dem Lateinischen Thurme zu: welcher vns hernach desto leichter die übrigen Thüren vnd Thoren / Ränck vnd Gäßlein / Weg vnd Steg zu den anderen Sprachen weiset. Dann vmb diesen herumm ligen die schönsten newgebawten Palläste der Spanischen / Italiänischen vnd Frantzösischen Rede / vor welcher prächtigen ansehen vnd grossen Schein viel Frembdlinge das alte Römische Gebew schier für nichts achten: vnangesehen daß jene nur von diesem angefallenen Gemäur zusammengeflickt worden. (RIVINUS: Die erste SprachenThuer, Leipzig 1653, 13) Also ist vns dieser Römische Thurm der rechten Lateinischen Sprache noch gleichsam ein Eingang zu dem andern allen / ja als ein Wegweiser zu der gantzen Glossopoli oder Sprachen-Stadt: wie diese hinwiderumb ein Paß vnd ebener gebahneter Weg ist zu dem trefflichen Schloß / so hinter ihr lieget / nemlich den Irdischen Paradiß / aller künste / Wissenschaften vnd facultäten. (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 13f.) Daß aber auch dieses falsch sey / welches etliche einwenden / die Lateinische Sprache seye so behülfflich / daß man darnach andere Sprachen desto ehe vnd leichter wisse zu begreiffen: Dasselbe wiederleget sich selbsten augenscheinlich auff zweyerley Weise: Dann erstlich werden etliche so jung hinweg verschickt / daß sie auch ihre Muttersprache offt nicht lesen oder schreiben können / zugeschweigen daß sie was vom Latein verstehen sollten: Zum andern erfehrt man /daß wan offt junge Herrn / oder auch von Adel vnd andere in frembde Lande verreisen / daß die jüngsten vnd vngelehrtesten / ja offt die Lackeyen viel ehe vnd besser die ausländische Sprache begreiffen / als jhre Herrn præceptoren / die das Latein an den Schulen vertreten / vnd Tag vnd Nacht auff den Grammaticken liegen. (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 20f.) Gewiß es erbarmet mich offtermals derer ingenien, die sich mit solchen alberen Gedancken quelen und ihnen einbilden dörffen / als ob sie die Leute weren / von denen der reinen Sprache halber alle Welt gebothe anhören müste. Dahero siehet man / dz sie ehe sie ein Lateinisch Wörtlein untermischen / eher den gantzen Verstand durch eine fast lächerliche umschreibung verdunckeln / und sich darüber gelehrt bedüncken / wenn sie von den ungelehrten in ihrer Mutter-Sprache nicht allerdings verstanden werden. (ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 29) Ich nehme mir auch kein bedencken / ie zuweilen ein Lateinisch Wörtlein / wenn es den Verstand und Gedancken deutlicher darstellet / mit einzumischen. In der Poesie aber thue Ich das nicht: warumb? Denn wenn Ich gleich da etwas umbschreibe / das sich sonst nicht gar wohl Deutsch geben leßt / so leßt sich das vor eine Poetische Art zureden billich halten / und kann als denn solches / es sey so abentheurlich verdolmetscht als es wolle / wohl entschuldigt und geduldet werden. (ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 30f.)

156 —— Latein

In gemein aber leßt sich auch ausser diesen eine Meynung viel kürtzer in der Lateinischen als in der Deutschen Sprache fassen / und weiß Ich nicht wie es kömt / daß / wenn es ein Deutscher nachthun will / solches niemahls ohne Zwang geschehen kann. Ein Italianer aber soll einem Lateiner ziemlich nachahmen / denn der hat seine Gerundia und andere Vorthel / damit er artig spielen und in ein eintzig comma offtermahls so viel als ein Deutscher kaum in dreye bringen kann. (ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 33) Was aber die jenigen lehren anbelanget / darinnen sie von dem / wider die natur eingeführten / gekünstetem zwange der Lateiner und Griechen abweichet / und ehrst der natur und eigenschaft ihrer sprache / in betrachtung der wort-glieder kürtze und länge nach-gehet / ehe sie sich der kunst befleisset; darvon wollen wier dem Leser auch kurtzen / iedoch so klahren bericht tuhn / daß er wird bekennen müssen / daß unsere heutige Dicht-kunst / (indem sie beides der natur und der kunst ihr recht lässet / und beide / wan es tuhnlich sein will / fein artig mit einander vermählet /) viel fol-kommener und grund-richtiger / ja lieblicher sei / als beides die Latein- und Griechische; Welche ihre wort-glieder nicht nach der natur und aussprache / wie bei uns geschihet / sondern durch bloß-gekünsteltes wesen / und wider die natur lauffende gesetze / lang oder kurtz uhrteilet und brauchet. (ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656, 37f.) Daraus ist nun diese Abhandlung erwachsen, welche, wie ich hoffe, dem Gegenstand gründlicher zu Leibe rückt, als das bisher geschah. Sie wurde zunächst zum Gebrauch meiner Landsleute in meiner Muttersprache verfaßt, nun aber auf den Rat etlicher achtenswerter Männer ins Lateinische übersetzt, damit sie, wenn möglich, der Allgemeinheit von Nutzen sei. (COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657, 13f.) Fünftens bedeutet jemanden eine fremde Sprache lehren zu wollen, bevor er die eigene beherrscht, ebensoviel wie seinen Sohn reiten lehren wollen, bevor er gehen kann. Es ist besser, der Reihe nach vorzugehen […]. Wie also Cicero gesagt hat, er könne keinen reden lehren, der nicht sprechen könne, so können wir unsere Methode dahin zusammenfassen, daß sie niemanden Latein lehren kann, der seine Muttersprache nicht beherrscht, weil diese zu jenem hinführen soll. (COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657, 194f.) In der lateinischen Sprache werden wol die alten Classici Autores, als: Cicero, Livius, Curtius, Salustius, Tacitus, Terentius und die übrigen vor den neuen den Preiß behalten. Ein Quellwassser ist doch allezeit klarer und besser bey dem Brunnen / als wo es weit durch die Wiesen und Felder geflossen / und von derselbigen Erde andern Geschmack und zugleich Unsauberkeit an sich gezogen: Also mag ein neuer Autor so gut Latein geschrieben haben / wie er will / so ist es doch viel rahtsamer / das Latein aus obgesetzten alten Autoribus selbst zu lernen / weil solche doch allezeit reiner / und jedwedere Nation von ihrem idiomate oder idea der Muttersprache in die Lateinische hineinzumischen pfleget. (RICHTER: Thesaurus Oratorius Novus, Nürnberg 1660, 10) Meiner Meinung nach gibt es sieben Sprachen, die zur allgemeinen Verständigung notwendig und höchst nützlich sind. Von diesen nehmen drei den gelehrten, vier aber den allgemeinen und gewöhnlichen Sprachen die Palme weg. Ich betrachte nämlich die Sprachen als gelehrte und gewöhnliche. Gelehrte Sprachen sind die, welche man durch Gesetze und Regeln lernt, vornehmlich Latein, Griechisch und Hebräisch. Wer diese Sprachen be-

Belegzitate —— 157

herrscht, wird mit Leichtigkeit die Gelehrten und ihre Schriften verstehen. Von den gewöhnlichen Sprachgruppen sind die arabischen, slavischen, romanischen, germanischen am verbreitetsten. [...]. Schließlich lernt man Arabisch als die im Orient von allen Sprachen gebräuchlichste kennen. Denn soweit sich die Lehre des Islam erstreckt, ist die arabische Sprache des Korans wegen lebendig. (BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 28) […] dän sonsten oft böses Deudsch wärden würde / wän man sich an das Lateinische allenthalben wolt binden: wiezuweilen in Nidersächsischen Schulen pfläget zu geschähen / da man / wän man verdeudschen sol / post te, ad me, sine me, &c. das Deudsche Fürnänwort eben in derselbigen zalendung / darinnen das Lateinische stähet / anspricht oder schreibet / als: Nach dich / zu mich / on mir / u.a.m. für / Nach dir / zu mir / on mich: dän: nach und zu nämen die näm- / on aber die klagendung allezeit zu sich. (BELLIN: Syntaxis Praepositionum Teutonicarum, Lübeck 1661, 9) Im übrigen soll man gewiß dafür halten / daß der Ursprung und Qvell aller Zierde / Schmuckes und Ansehnlichkeit der Reden nirgends anders / als bey den Griechen und Lateinern zu sehen ist, von denen alles hergeflossen / wodurch die Frantzosen / und Italiäner zuförderst ihre Sprache so hoch gebracht haben. (BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 80f.) Etliche Ausländer halten die Teutschen in ihren Schriften (was ihre Sprache betrift) für grobe brummende Leute / die mit röstigen Worten daher grummen / und mit harten Geleute von sich knarren: ja schreiben etzliche öffentlich / die Teutsche Sprache hette um ein tausent Wörter in sich / derer acht hundert von Griechen / Hebreern und Lateinern erbettelt / und ungerfehr zwey hundert grobe Teutsche Wörter daselbst verhanden weren / und helt man diese Hauptsprache / als sie nicht könne verstanden / noch von anderen recht erlernet / oder einige Lieblichkeit darin aufgebracht werden. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, o.P.) Wiewol man an keinem Orte weder in Griechenland noch Italien eben also redete / oder ein Dialectus oder Mundart eben also war / wie die unter den gelahrten Griechen und Römeren angenommene und in den Kunstbau gebrachte Grichsche und Lateinische Sprache. Unsere HochTeutsche Sprache / so eigentlich nicht in diesem oder jenem Dialecto bestehet / erfodert zu dero endlicher grundrichtigkeit und völligem Wesen nicht weniger Zeit und Hülf / so anderen HaubtSprachen gegönnet worden. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 2) Es ist die Anzahl der Teutschen Vorwörter grösser als der Griechen und Lateiner […] / und lassen sie sich mit einer sonderlichen Füglichkeit bey sehr viele Zeitwörter / wie auch auch veile Nennwörter / solcher massen setzen / daß dahero eine Verdoppelung / oder verdoppeltes Wort entstehet; Da dan nicht unschwer der Schluß zu machen / was für einer übergrosse ungläubliche Menge solcher verdoppelten Wörter in Teutscher Sprache müsse verhanden seyn / daß man gar leichtlich nur zu Probe etzliche tausend könnte hervorlegen […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 88)

158 —— Latein

Die Teutsche Sprache hat bishero solche Ausübungsart vornehmlich gehabt / daß ein jeder nach eigener Freiheit / die Wörter darin geendet / gestaltet / geschrieben und geredt / […] auch deroselben Redarten und natürliches Vermögen / guten Theils dahinten gelassen und ofters verdrungen und verzwungen / durch ausländische Flikkereien / nach allen misbräuchlichen Einfällen: Welches ja warlich kein richtiges Mittel seyn kann / die Muttersprache zu ihrer angebornen Zier / und rechter Gewisheit völlig zubringen. Es ist zwar jedem vergönt zu parliren und zu concipiren etwas nach seinem humor und alomodo manier, aber deswegen muß nicht verboten seyn / unsere so hochherrliche / reiche / reine Teutsche Sprache aus den Quellen und Grunden der Teutschen Sprache / wie die Griechen die Griechische Sprache aus der Griechischen / die Lateiner die Lateinische Sprache aus der Lateinischen erhoben und ausgeübt / auch zuerheben und auszuüben. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 144) Dieweil zu ferneren Nachsinnen es nicht undienlich / wil ich hiebey meine unvorgreifliche Gedanken kürzlich eröfnen / wie man nemlich zu einer unmangelbaren Verfertigung eines völligen Teutschen Lexici endlich gelangen möchte. Müsten demnach […] ausgesuchet / und allein jhrem Stamme oder Stamletteren gesetzet werden / die unmangelbare Zahl aller Teutschen Stamwörter: Dabey sonder Zweiffel mit Lust würde abzunehmen seyn / in welcher wunderkünstlichen Artlichkeit solche Stammletteren aufsteigen und durch Ab- und Zuwachs der wesentlichen und zufälligen Buchstaben aufs reicheste mannicherley Wörter hervorgeben würden: Die Stammwörter aber müsten etwa mit Lateinischen / Frantzösischen und Griechschen Wörtern erkläret werden. Dabey aber viele gute uhralte Stamwörter / ob dieselbe schon in Ober-Teutschland nicht bekannt / sonderen nur in Niederland und Niedersachsen von alters her / und annoch üblich / nicht würden können übergangen werden / aus kurtz vorher angezogenen Uhrsachen […] wird der Leser unsere Teutsche radices samt Lateinischer explication finden können. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 159) So lange die Grichsche und Lateinische Sprache / ihren Gründen und Lehrsätzen nach / uneingefasset und unbeschlossen war / ward sie (Kraft derer / von ihren eigenen Landsleuten gethanen Zeugnissen) dem Ansehen nach arm / unschlachtig / und für eine Pöbelrede gehalten: Nach dem aber vortrefliche berühmte Männer dieselben Sprachen auszuüben / fest Gründe darin zuordnen / und dieselbige in ihre kunstmässige Gewisheit zusetzen / angefangen / sind selbige auch gemach und gemach gestiegen / sich sehr erweitert / Künste und Wissenschaften darin zierlich ausgedeutet / und haben die gelahrten Griechen und Römer alsdenn einen Unterscheid gesetzet / unter der altages Rede oder dem Pöbelgebrauche / und unter der Sprache / nach dero Eigenschaft und grundrichtigem Vermögen selbst; Inter sermonem vulgarem, wie sie es genennet / Et inter ipsam linguam Atticam seu Romanam. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 167f.) Also daß / wie unter den Griechschen Mundarten die Attische die beste geblieben / und die Oberste erworben / unter den alten Lateinischen Mundarten / endlich die Römische den Preiß behalten / und allen Schmuck / Zier und Gewisheit in und auf sich gebracht hat / gleichermassen auch in der weiten und räumigen Teutschen Hauptsprache / die mehrgemelte Hochteutsche Mundart die jenige eintzig seyn wird / kann / und muß / darin die Grundrichtigkeit gepflantzet / kunstmessige Ausübung gesetzet / und alle wahre Zier / Kunst / Lob /

Belegzitate —— 159

Pracht und Vollkommenheit gesuchet / gefunden / behalten / und fortgepflantzet werden muß (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 175). Dieses wenige erzehle ich dir / damit du augenscheinlich wahrnehmest / daß eine jede Phrasis oder Redart anderst im Lateinischen und anderst im Teutschen müsse lauten / und daß es die Worte / so nach ein ander übergesetzet und verteutschet werden / gar nicht wollen ausmachen / und den Verstand / so sie in einer Sprache haben / in der anderen nach rechter eigenschaft gar nicht behalten. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1224) Zu des Varronis Zeiten / auch noch lange hernach / ward der Unterscheid in der Lateinischen Sprache gehalten / daß die rechte reine Lateinische Sprache / welche durch Anweisung in den Schulen gefasset werden muste / weit anderst angesehen und beehret worden / als die Lingua rustica Romana, deshalber der gute Varro es sich so saur werden lies / das Unlateinische entweder gar abzuthun oder zur Gültigkeit und Grundrichtigkeit zubringen: Mit der Teutschen Sprache hat es gleichmeßige Bewandniß […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1228) Die Menge und Compositio Vocabulorum / ist in Grichscher Sprache ein gewaltig Kunststükke / dessen die Lateinische Sprache sich auf solche Weise nicht zurühmen weiß / sonderen es hat die Lateinische Sprache / ohn Abbruch ihres Ruhms / solche terminos wol behalten / und durch Beyfügung der Lateinischen terminationum sich vielmehr selbst Wortreicher machen können: Und wird man denselben für einen Gekk halten / der sich rühmen wollte / er könnte oder wollte rein Lateinisch was schreiben / daß auch kein Grichsch Wort sollte darunter seyn / und dan bey unvermeidlicher Vorkunft der Grichschen terminorum so fort auf eine Lateinische Elenlange Umschreibung fallen. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243). Es haben die Römer einen solchen ehrlichen und rühmlichen Diebstahl desto unvermerksamer begehen / und der weisen Griechen Erfindungen und Kunststükke / ohn verspürte Erhaschung / in ihre Sprache gebracht und verlateinischet / je weniger die Grichsche Sprache in so weit mit der Lateinischen Verwandniß hat: Und weil solche gelahrte Römer ihrer Sprache gründlich kündig gewesen / und wan sie der Grichschen Sinn und Meynung gewust / sich an Grichsche Ausrede und Redarten wenig gekehret / sonderen den Schmuck der Lateinschen Rede aus ihrer Sprache Eigenschaft wolkönnend hervorgesucht / und also die Lateinische Sprache so wol mit Ruhm und Kunst / als mit Nutz gezieret. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243) Die Lateinische Sprache vermag weder an Menge der Stammwörter / noch an Vermögen der Verdoppelung sich mit der Teutschen Sprache vergleichen / ihre herrliche Ausschmükkung und perfectionirung aber hat sie dem fleisse der vortreflichen vielen Leute / die sich aller Ekken und Orten ihrer also treulichst angenommen / aller ihrer Wörter Kraft und Wirkung untersuchet / und wo es nur seyn können / aus allen Winkelen herausgeschmükket: An welcher rechten Ausarbeitung und gebührender genauer Untersuchung hat es bishero der Teutschen Sprache ermangelt. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1244)

160 —— Latein

Dieses ist anfänglich zumerken / daß viele einer gar albernen Meinung seyn / alles was in Teutscher Sprache mit dem Griechischen / Lateinischen / Hebraischen / auch wol mit dem Frantzösischen nur eine adsonantiam quasidam habe / müsse ausgemustert und unteutsch seyn; Lauft klar wider das Geschichtwesen / auch wider die Ankunft und natur der Sprache selbst / davon in diesem Opere mehr als an einem Orte der beweistuhm beygebracht; Rühret aus einer unkündigkeit oder aus voreingebildetem Wahne / oder aus eigensinnigkeit doch recht zuhaben / eigentlich her […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1245). Wer kann mir einen Ohrt benennen / wo die herrliche Griechische Sprache in vorigem ZierWesen anzutreffen? Welche Landschaft ist in heutigem gantzen Griechenlande zufinden / da ihre hiebevorige schöne Reinigkeit ausgesprochen? Oder wo ist die Gegend zu erforschen / da das Majestätische Latein / noch auf gut Ciceronianisch geredet werde? Meines Erachtens / nirgends in der gantzen Welt. (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f.) Und wo ist ein Franzoß / der unsre Zunge liebt? Wie daß dann du so hast nur fremden Mund und Ohren? Ist unsre Sprache dann dort hinterm Zaun gebohren? Ist sie von Babel nicht mit andern außgereist? Die unter vieren auch der ältesten eine heist. Der Frantz- und Welschman mit Eyfer ist geflissen / Wie man mög seine Sprach in hohem Wollstand wissen; Die doch ist jung / und nur verkrüppeltes Latein: Und unsre Heldensprach soll nicht so würdig seyn? Pfuy / Teutscher / schäm dich doch! Und willst du dich nicht schämen: So wird Gott dir die Wehr und deine Freyheit nehmen: Machst du die Sprach zur Magd: So wirst du werden Knecht Der Fremden / weil dir ist dein Vatterland zu schlecht. Nicht also / Patriot: ach nein: bedenk dich besser. Wird deine Nation / so wirst du selber grösser An Ehren und an Ruhm. Hilf alte Teutsche Treu / Hilf Teutscher Sprache Zier / mein Teutscher, mache neu. (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 6) Es ist aber obgedachte Griechische / welche in Griechenland heutiges Tages geredet wird / von der alten Griechischen / so weit abgewichen / geändert und gemißahrtet worden; daß zu zweifeln stehet / ob dieselbe anjetzo noch für eine Griechische Sprache zu achten sey: doch scheinet es gleichwol nicht / daß dieselbe von der alten rechten Sprache so weit / als die Welsche von der Lateinischen entfernet. (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 106) Die dritte Hauptsprache ist nun die Lateinische: welche sich auch in unterschiedene Mundahrten ausgebreitet; und ist selbige nunmehr eben so wenig in einigem Lande in gemeinem Gebrauch / daß sie daraus erlernet werden könte / als die Hebräische und Griechische. Diß sind […] die drey Hauptsprachen / darinnen alle Wissenschaft / Künste / Göttliche und menschliche Weisheit / gleichsam eingewikkelt und verwahret liegen: welche auch durch

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den Anschlag an dem Kreutze / unsers Erlösers und Seligmachers Jesu Christi / als des einigen Erhalters der Fruchtbringenden Gesellschaft / gleichsam geweihet und geheiliget worden; In Betrachtung / noch heutiges Tages obgedachte alle drey […] aus dazu dienlichen Schriften / vermittelst angewendeten Fleiß und Arbeit erlernet / und die nützlichen Bücher derselben geteutschet werden müssen. (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 106f.) Ja freilich: und disfals seind sie um so vielmehr und höher zu preisen / daß sie den neu erfundenen dingen in ihren werken keine Lateinische / Griechische / Französische / oder anderer fremden sprachen wörter zugeteilet; sondern eigene / entweder (wiewohl gantz wenige) von ohngefähr / oder aber aus der grundschacht ihrer reichen muttersprache / erfunden und gebildet. Dan sie haben solches aus keinem gelehrten / und durch fremder dinge erfahrung und kunst ausgeübtem verstande tuhn können; weil sie nur gemeine leute / und in andern sprachen und wissenschaften wenig / oder wohl gar nichts erfahren. (ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668, 353) Es hat die deutsche Sprache darin einen trefflichen Vorzug vor der lateinischen und vor denen, die aus der lateinischen entsprossen, daß sie gleichsam ein Probierstein ist rechtschaffener guter Gedanken. Denn den Franzosen, Italienern und Engländern, weil sie die Freiheit haben, lateinische Worte ihres Gefallens einzumischen, ist es leicht, alle Schulgrillen und undienlichen Phantasien der Philosophen in ihrer Sprache zu geben. Hingegen, weil die deutsche Sprache dessen ungewohnt, daher kommt es, daß die Gedanken, die man mit gutem, reinen Deutsch geben kann, auch gründlich sind, was aber sich nicht in gutem Deutsch geben läßt, besteht gemeiniglich in leeren Worten und gehört zu der Scholastik. (LEIBNIZ: Eine deutschliebende Genossenschaft, o.O. um 1671/1697, 58) Es ist sich aber nicht drüber zu verwundern / wann einer drüber zum Narren wird / der neben dem Teutschen auch vollkommen Lateinisch / Hebræisch und Sclavonisch lernen will / dann auß dem Hebræischen kombt Syrisch / Chaldæisch / Arabisch / Persisch / Medisch / Türckisch / aus dem Sclavonischen Polnisch / Böhmisch / Russisch / Croatisch / Wendisch &c. Auß dem Lateinischen / Italianisch / Spanisch / Französisch / und mancherley Rebsteckenwelsch / gleichwie auß dem rechten Teutschen Holländisch / Englisch / Dänisch / Schwedisch / Norwegisch &c. entsprungen; Wann nun einer alle Kräffte seines Verstandes anlegt / diese Sprachen zulernen / massen viel Witz in einem guten Kopff hierzu erfordert wird / Lieber was wird ihme übrig verbleiben / solches zu andern Sachen zugebrauchen? Sehen wir doch täglich / wie geckisch sich theils der Unserigen beydes in Kleidung / Sitten und Geberden stellen / wann sie auß Franckreich kommen / und kaum anderthalbe Sprachen gelernet / wie würden sie ererst thun / wann sie deren noch mehr könten? (GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 13f.) Unter diesen zehlet man ins gemein fünf Hauptsprachen: nämlich zum ersten die Ebräische; welche / als eine ertz-Hauptsprache / aller anderer Mutter oder vielmehr Groß- und Ertzmutter ist. Darnach folget / als die nächste / die Hochdeutsche; dan die Griechische; auf diese die Lateinische / und endlich die Slavische oder Slavonische. (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3)

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So laß ich auch billich in denen zierlich Deutschen Briefen / unserer Wort-mächtigsten / Gold- und Edelgestein-wichtigen hochdeutschen Muttersprache die schuldige Ehre alleine: und menge keines weges nach Vaganten und Schulmeister Art / die Lateinischen Wörter ohne Nothzwang mit unter. (SCHRÖDTER: Brieff-Schräncklein, Leipzig 1678, 2) Es gibt auch Unteutsche Gelehrte in Teutschland / die allein Lateinische Verse hoch-achten / und hingegen die Teutsche Poesy vernichten. Zu den zeiten Kais. Augusti / da zugleich die Lateinische Sprache und Poesy im höchsten Flur gestanden / haben die vornemste Redner und Poeten / als Cicero / Virgilius / Ovidius / Horatius und andere / nict Griechisch / sondern in ihro angebohrnen Sprache geschrieben und geredet / und dieselbe auszuüben sich beflissen. (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 38f.) In unserer Sprache sind / ohne Widerrede / die drei Ersten / als Opitz / Flemming und Thening / auch die drei Bästen: dann sie schreiben lauter Kern / Geist und Nachdruck / reden viel in wenig Worten und zierlich / und folgen der Lateinischen Poesy. Wer diese viel gelesen / der wird leichtlich erkennen / was er von den andern halten soll / auch welche jenen dreien am nächsten kommen / und leswürdig seyen. (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 174) Die andere Ubungs-Art / fliest aus der ersten: weil man ja darum Poeten lieset / daß man selbst Poetisiren lerne. Am ersten zwar kann man / in guter Ordnung / daß es leichtlich zu finden sei / auf- und ausschreiben / was man gutes gelesen / zum künftigen Gebrauch: und sollte ihm wol ein jeder / in der Jugend / so ein Buch zusammen schreiben. Wer aber ein getreues Gedächtnis hat / der wird das gelesene nirgend bäßer hin schreiben können / als in dasselbige. Insonderheit ist nötig / daß ein Anfänger die bäste Latinische Poeten fleissig lese / und ihnen die Wortzierden und ErfindKünste ablerne. (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 175) Schreiben wir nun Griechisch / Lateinisch oder Franzöisch an Leute / so deren Sprachen unkundig seyn / was ist es anders / als ihnen ihre Faulheit / Unverstand und Unwissenheit vorrücken / und sie nicht wenig dardurch beschämet machen? Die dürre Wahrheit rund heraus zubekennen: Es ist keine Schmach grösser / als diese / daß wir Teutsche / denen die Freyheit von unsern tapfern unbezwungenen Vorfahren / mit der so reinen / weit um sich greiffenden / herrlichen und prächtigen teutschen Sprache / anggeerbet worden / so undankbar und unerkentlich gegen Gott / unser Vaterland und uns selbsten seyn / daß wir fremden Dreck (mit Ehren zumelden) auflesen / und mit unsern köstlichen Perlen vermengen / nur darüm / weil wir / aus Unwissenheit / deren wir uns doch / durch Nachforschung und genaue Untersuchung / nicht einmal zubefreyen gedenken / darvor halten / daß / was wir mit den Bettellappen beflicken / schöner und ansehnlicher / als ein unzerstücktes und ganzes Kleid sey / zu unser wolverdienten Schmach und Aushönung aller ausländischen Völker […]. (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681, o.P.) Dieweil aber jede Kunst ihre (a) Vorspiele hat / und die junge Vöglein erst von einem Ast zum andern hüpfen lernen / eher sie sich in die freye Luft begeben; Als soll ein angehender Secretarius sich zuerst in dergleichen (b) Vorübungen aufhalten / bis er der Worte und Sachen mächtig / und zu grössern wichtigern Geschäften angewendet werden möge. Wäre also wol gut / nützlich und nöthig / daß man in den Schulen die junge Knaben / nebst der

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Lateinischen und andern Sprachen / bald anfangs zu einem reinen teutschen angewehnete / damit sie alsdenn nicht erst in ihrem Alter / oder / wenn sie itzo zu Dienst kommen / sich mit den Knechtischen Formulen schleppen / und ihre Muttersprache / so ihnen doch angebohren / erst hin und wieder zusammen raspeln / und gleichsam erbetteln müsten. (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681, 115) Im Lateinischen lassen sich solche Redens-arten sehr wol geben / weil die Sprache an sich selbst in diesem Stücke glückseliger ist als die Teutsche. (WEISE: Politischer Redner, Leipzig 1681, 61) Ferner giebt es auff Universitäten Lateinisch zu reden / wenn man umb ein beneficium anhält. Also müssen an etlichen Orten die Candidati Baccalaureatus und Magisterii durch den ersten auf ihrer Ordnung ihr Desiderium in einer kurtzen Rede vortragen. Also auch unter den Magistris, wer in die Facultät kommen will / der muß seine Disputationes pro Loco, und wie es an etlichen Orten genennet wird / die Inspectionem Schedularum, und endlich die receptionem durch eine Lateinische Rede bey der Facultät erhalten. Ja / wer zu Leipzig eine Collegiatur haben will / von dem wird erfordert / daß er bey einem iedweden Collegiatem in specie umb ein gutes Votum bittet. (WEISE: Politischer Redner, Leipzig 1681, 851) Allein wir haben auch dießfals in Teutschland nicht zu clagen, und scheinet, daß bey uns mehr einigen gelehrten als hohen Potentaten die schuld zu geben. Ich will die unsterbliche Nahmen derer fürsten alhier nicht an führen, welche in die so löbliche gesellschaften getreten, dadurch man die Teutschen gemüther erwecken wollen, und die gewislich nicht geringe frucht gebracht. Unser gelehrten aber, so dazu lust bezeiget, sind sehr wenig gewesen, theils weil einige unter ihnen gemeinet, daß die Weisheit nicht anders als in Latein und Griechisch sich kleiden laße; oder aber auch weil manche gefürchtet, es würde der welt ihre mit großen worthen gelraffte geheime unwissenheit entdecket werden. Davor aber haben sich grundgelehrte Leute nicht zu befürchten, sondern vielmehr vor gewiß zu halten, daß je mehr die Weißheit und wissenschaft unter die leute kommen wird, ie mehr sie ihrer Vortrefflichkeit zeugen finden werden; dahingegen die, so unter einem lateinischen Mantel gleichwie mit einem Homerischen Nebel bedecket, sich unter die wahren Gelehrten gestecket, mit der zeit recht entdecket und beschämet werden würden. (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682, 302) In Teutschland aber hat man annoch dem latein und der kunst zuviel, der Muttersprach aber und der natur zu wenig zugeschrieben, welches denn sowohl bey den gelehrten als bey der Nation selbst eine schädiche würckung gehabt. Denn die gelehrten, indem sie fast nur gelehrten schreiben, sich offt zu sehr in unbrauchbaren dingen aufhalten; bey der ganzen nation aber ist geschehen, daß diejenigen, so kein latein gelernet, von der wißenschaft gleichsam ausgeschloßen worden, also bey uns ein gewißer geist und scharffsinnige gedancken, ein reiffes urtheil, eine zarthe empfindlichkeit deßen so wohl oder übel gefaßet, noch nicht unter den Leuten so gemein worden, als wohl bey den auslandern zu spüren, deren wohl ausgeübte Mutter-sprach wie ein rein polirtes glas gleichsam die scharffsichtigkeit des gemüths befordert und dem Verstand ein durchleuchtende clarheit giebt. (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682, 302f.)

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Warum solte es nicht angehen, daß man durch Hülffe der Teutschen und Frantzösischen Sprache, welche letztere fast bey uns naturalisiret worden, Leute, die sonsten einen guten natürlichen Verstand haben, in kurtzer Zeit viel weiter in der Gelehrsamkeit brächte, als daßman sie erst so viel Jahre mit dem Lateinischen placket. Sprachen sind wohl Zierrathen eines Gelehrten, aber an sich selbst machen sie niemand gelehrt. (THOMASIUS: Nachahmung der Franzosen, 1687/1701, 19f.) Aber gleichwie ich einem ieden gerne seine Meinung lasse: also getraue ich mir doch nicht allein dieses, was ich gesetzet, mit guten Gründen zubehaupten, sondern gar darzuthun, daß es viel leichter sey und mehr Succes zuhoffen, ein Frauenzimmer von einem guten Verstande, welche kein Lateinisch verstehet, auch nichts oder wenig von der Gelehrsamkeit weiß, als eine auch mit guten Verstande begabte Mannsperson, die aber darneben von Jugend auff sich mit Latein geplackt, auch wohl allbereit herrliche Zeugnüsse ihrer Geschicklichkeit erhalten hat, zu unterrichten, nicht zwar als ob die Lateinische Sprache die Gelehrsamkeit hindern sollte, (denn wer wollte so unvernünfftig raisoniren?) sondern weil durch die durchgehends gewöhnliche Lehr-Art viel ungegründet und ohnnöthig zeug nebst dem Latein in die Gemüther der Lehrlinge eingepräget wird, welches hernachmahls so feste klebet, und merckliche Verhinderungen bringet, daß das tüchtige und gescheide nicht hafften will. (THOMASIUS: Nachahmung der Franzosen, 1687/1701, 25) Deutsch reden und schreiben wird in Teutschland vor eine der geringsten Künste geschätzet. Der Gelehrte bekümmert sich allein um ausländische Sprachzierde und Fertigkeit / in denen Gedanken stehend / daß die Römische und Attische Sprachen ihme zu Erlernung mancherley Weysheit: Die Morgenländische zu Begreifung der göttlichen Geheimnüße: Die Französische / Welsche und Spanische aber / samt andern ausländischen / zur Bezier- und Erhebung scharfer Gedanken und Erfindungen die einzige Begleitsmänninen und Anweiserinnen seyn können. Der Nichtgelehrte vermeinet / es lange das Teutsche / so er mit der Muttermilch eingesogen / und zu seiner Notdurft durch den alltäglichen Gebrauch gefaßet / zu seinem Auskommen überflüssig hin / daß er einer weiteren Anfürung zum Reden nicht benötiget wäre. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691, o.P.) Immer und ewig Schade ist es / daß die neugierige Unkinder und Verrähter ihrer angebornen Sprache einen solchen unverdienten Neid auf dieselbe werfen / und lieber halb Bischoff und halb Bader / das ist / Stümmel- und Unteutschteutsche seyn / als der Welschen / Spanischen / Französischen und Lateinischen Flickwörter müßig gehen wollen. Kein Ungar / Böhme / Polak / Moskowit / wird seiner Rede solche bunte und närrische Flicklappen ankleistern / als die schandkützliche Stiefteutsche zuthun pflegen. Die Römer / ob sie gleich dem halben Teil ihrer Sprache denen Griechen / die andere Helfte aber uns Teutschen zu danken haben / hätten dennoch sich eher in einen Finger gebißen / als in einer offentlichen Kunstrede oder bey ansehnlicher Versammlung ein Griegisch Wort eingelappet / und / da die Griechen schon von den Römern bezwungen worden / haben sie dennoch kein Lateinisches Wort under ihre Schrifften gemenget. Der Franzos nimmet wol teutsche Soldaten an / und besoldet sie / er nimmet aber keine teutsche Wörter mehr an / ist auch denenselben dergestalt spinnenfeind / daß er die in seiner Sprache von Alters her gebrauchte Teutsche und Zeltische Wörter / immer nach und nach ausmustert / und davor andere einschaltet / so /

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entweder aus dem zerbrochenen Latein entlehnet / oder aufs neue von ihnen erdacht werden. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691, o.P.) Ein anders ists mit denen Lateinischen Worten / welche bey der Bekehrung der Teutschen eingefüret / und keinen Grund in der Teutschen Sprache haben / welches auch von denen fremden Gewächsen / Zeugen / Kleidungen / Saitenspielen / Arzeneyen / Aemtern / Künsten und Tieren zuverstehen: Nur ist daran gelegen / daß man erst den Teutschen Busch wol ausklopfe / und die Brunnqvellen prüfe / ehe man dißfalls verspielet gebe / und vor fremde Türen Brotsuchen gehe. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691, o.P.) Die Weltweißheit ist so leicht / daß dieselbige von allen Leuten / sie mögen seyn / von was für Stande oder Geschlecht sie wollen / begriffen werden kann. So schrieben auch nicht die Griechischen Philosophi Hebræisch / noch die Römischen Griechisch; sondern ein jeder gebraucht sich seiner Mutter-Sprache. Die Frantzosen wissen sich dieses Vortheils heut zu Tage sehr wohl zu bedienen. Warumb sollen denn wir Teutschen stetswährend von andern uns wegen dieses Vortheils auslachen lassen / als ob die Philosophie und Gelahrtheit nicht in unserer Sprache vorgetragen werden könnte (THOMASIUS: Einleitung zu der VernunfftLehre, Halle 1691, 13). Von den Thieren ist zuvor Meldung beschehen / daß ihre Namen meistentheils von ihrer Stimme hergekommen / wie auch die Benennung etlicher anderer Sachen / die eine Tönung und Laut von sich geben / und darunter sihet man das Lateinische Wort fumus, Rauch / welches nicht kann ausgesprochen werden / als vermittels des blasens. Das Wörtlein Nos, Wir / ziehet den Odem an uns / und Vos, ihr / lässet den Odem von den Lippen. (HARSDÖRFFER: Delitiae Philosophicae et Mathematicae, Nürnberg 1692, 61) Jedennoch kann es ein Weltmann / und der ein rechter Zeitungs-Leser seyn will / nicht ändern / indem die Zeitungen nicht allein von Lateinischen und andern ausländischen Worten gleichsam starren / sondern auch aus der Lateinischen Sprache / als der Mutter / die Welsche / Spanische und Französische / Tochterweise entsprungen seyn: also / daß /wer Lateinisch gelernet hat / dieser dreyen Sprachen Kundigkeit in wenig Monaten hinlänglich erwerben kann. (STIELER: Zeitungs Lust und Nutz, Hamburg 1695, 148) Weil aber nicht jedem die Gelegenheit und das hierfür notwendige Geld zur Verfügung stehen, ist zu beachten, […] daß man die Knaben nicht früher zum Sprachstudium zulassen soll, bevor in ihnen eine große Sehnsucht nach Dingen erregt wurde, die sie nur aus den Büchern der Sprache schöpfen können, die man sie zu lehren beabsichtigt. Hieraus ist einer von den wichtigsten Gründen ersichtlich, weshalb man soviel Zeit verbrauchen und soviel Verdruß ertragen muß, bevor die Jünglinge schon allein die lateinische Sprache lernen; weil nämlich die Lehrer es versäumten, das voranzuschicken, was in jenen eine große Begierde erregen konnte, lateinisch geschriebene Bücher zu lesen, durch deren Lektüre sie sich diese Sprache sehr leicht angeeignet hätten. (TSCHIRNHAUS: Medicina mentis, Leipzig 1695, 253) Lernete man auch als ein Teutscher die teutschen Briefe ohne Anweisung und von sich selbst verfertigen / woher kömmt es dann / daß vielen Gelehrten zehnmal saurer wird / einen

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Brief in ihrer teutschen Mutter-Sprache / als in der Lateinischen / zu schreiben? Ohne Zweiffel / weil sie sich in ihrer Jugend auf den Ciceronem mehr geleget / als daß sie die Anweisung in der teutschen Brief-Verfassung weder gehabt noch gesuchet / auch alle Ubung darinnen / als etwas geringes / unterlassen und verachtet […]. (BOHSE: Neu-Erleuterter Briefsteller, Leipzig 1697, 2f.) Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch gebracht in allen dem, so mit den fünff Sinnen zu begreiffen, und auch dem gemeinen Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und Handwercks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauff überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genandten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel) von Ertz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede als die Teutsche. Dergleichen kann man von allen andern gemeinen Lebens-Arten und Professionen sagen, als von Jagt- und Wäid-Werck, von der Schiffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer so auffm grossen Welt-Meer fahren, die Nahmen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und Niedrländern entlehnet. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 330) Nun glaub ich zwar nicht, dass eine Sprache der Welt sey, die ander Sprachen Worte jedesmahl mit gleichem Nachdruck und auch mit einem Worte geben könne. Cicero hat den Griechen vorgeworffen, sie hätten kein Wort, das dem Lateinischen ineptus antworte: Er selbst aber bekennet zum öftern der Lateiner Armuth. Und ich habe den Frantzosen zu Zeiten gezeigt, dass wir auch keinen Mangel an solchen Worten haben, die ohne Umschweiff von ihnen nicht übersetzt werden können. Und können sie nicht einmahl heut zu Tag mit einem Worte sagen, was wir Reiten oder die Lateiner Equitare nennen. Und fehlet es weit, dass ihre Ubersetzungen des Tacitus oder anderer vortrefflicher Lateinischer Schrifften, die bündige Krafft des Vorbildes erreichen sollten. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 344f.) Es sind aber in der Einbürgerung gewisse Stuffen zu beobachten, dann gleichwie diejenigen Menschen leichter auffzunehmen, deren Glauben und Sitten den unsern näher kommen, also hätte man ehe in Zulassung derjenigen fremden Worte zu gehelen, so aus den Sprachen Teutschen Ursprungs, und sondernlich aus den Holländischen übernommen werden könten, als deren so aus der lateinischen Sprache und ihren Töchtern hergehohlet. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 347) Die Lateinische, Frantzösische, Italiänische und Spanische Worte belangend (dann vor der Griechischen haben wir uns nicht zu fürchten) so gehöret die Frage, ob und wie weit deren Einbürgerung thunlich und rathsam, zu dem Punct von Reinigkeit der Sprache, dann darin suchet man eben zum Theil die Reinigkeit des Teutschen, dass es von dem überflüssigen fremden mischmasch gesäubert werde. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 347) Es kann zwar auch zu Zeiten ein Lateinisches oder aus dem Lateinischen gezogenes Wort, dabey ein sonderlicher Nachdruck, von einem Prediger gebrauchet werden; ein Lateinisches sage ich, dann das Frantzösische schicket sich meines Ermessens gar nicht auf

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unsere Cantzel, es ist aber alsdann rathsam, dass die Erklärung alsbald dabey sey, damit beyder Art Zuhörer ein Genügen geschehe. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 350f.) In Staats-Schrifften, so die Angelegenheiten und Rechte hoher Häupter und Potentzen betreffen, ist es nun dahin gediehen, dass man nicht nur des Lateinischen, sondern auch des Frantzösischen und Welschen sich schwerlich allerdings entbrechen kann, dabey doch eine ungezwungene und ungesuchte Müssigung wohl anständig seyn dürffte; wenigstens sollte man sich befleissen, das Frantzösische nicht an des Teutschen Stelle zu setzen, wann das Teutsche eben so gut, wo nicht besser; welches ich gleichwohl gar offt bemercket habe. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 351) Sonst ist von alten Zeiten her bräuchlich gewesen, in Rechtshandlungen, Libellen und Producten, Lateinische Worte zu brauchen, es thun es auch die Fremden so wohl als die Teutschen, obschon einige Gerichte, Facultäten und Schöppenstühle, zumahl in Abfassung der Urtheile und Sprüche von geraumer Zeit her, die nicht unlöbliche Gewohnheit angenommen, viel Teutsch zu geben so anderswo nicht anders als Lateinisch genennet worden: als Krieg rechtens befestigen, litem contestari; gerichts-Zwang, Instantia; End-Urtheil, Definitiva und dergleichen viel. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 351) Es haben unsere Vorfahren kein Bedencken gehabt, solch Bürgerrecht zu geben. Wer siehet nicht, dass Fenster vom Lateinischen Fenestra? und wer Frantzösisch verstehet, kann nicht zweiffeln, dass ebentheuer, so bey uns schon sehr alt, von Avanture herkomme, dergleichen Exempel sehr viel anzutreffen, so dieses Vorhaben rechtfertigen können. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 352) Ich will zwar solches an meinem Orte dahin gestellet seyn lassen, habe doch gleichwohl befunden, dass den Holl- und Nieder-Ländern die Hoch-Teutsche Schrifft bey unsern Büchern beschwerlich fürkommt, und solche Bücher weniger lesen macht, daher sie auch selbst guten theils das Holländische mit Lateinischen Schrifften drucken lassen, diese Behinderung zu verhüten. Und erinnere ich mich, dass, als ich etwas vor Nieder-Länder einsmahls Teutsch schreiben lassen sollen, man mich sonderlich gebeten, Lateinische Buchstaben brauchen zu lassen. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697, 353) Die deutsche Sprach ist reich und sufficient genug ohne die Lateinische auszukommen / es sey dann daß es ein Terminus technicus oder Nomen proprium sey / doch giebets eine grössere Anmuth / wann man dergleichen Frantzösische Terminos einstreuet / welche durch die Praxin mit den deutschen Bürger-Recht beschencket worden. […]. Wo man lateinische Nomina Propria oder Terminos artificiales einmischet / hat man nicht Ursach zu decliniren / weil sie materialiter genommen werden / es müste denn sehr hart klappen. (W EIDLING: Oratorischer Hofmeister, Leipzig 1698, 10) Es sind fast die meisten so geartet / daß sie vor einheimischen Dingen einen // Eckel haben / sich über alle frembde Sachen verwundern / und dieselbe hochhalten / welche die Teutsche Sprache auch erfahren / die von ihren eigenen Landsleuten geringschätzig gehalten / und der Hebräischen / Griechischen und Lateinischen unterwürffig gemacht / da sie doch / wenn ich ja die Hebräische ausnehme / der Griechischen und Lateinischen an Alter nicht

168 —— Latein

allein nichts nachgiebt / sondern weit bevor thut / hingegen aber jene / in Ansehung der Teutschen neue / und etwas ehe durch Kunst ausgeübet seyn / als diese / die hingegen viel gründlicher / und jenen zum Theil den Ursprung gegeben. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 22) So ist dann nun dieses meine gäntzliche Meinung / die nicht ohne gute Gründe von den treflichen Leuten Salmasio und Boxhoprnio auffgebracht / wiewohl sie dieselbe nicht außgeführt / daß die alte Scythische die rechte Haupt-Quelle der Europæischen Sprachen sey / aus welcher die alte Teutsche und Gothische zu erst entsprungen / wo sie nicht fast eben dieselbe gewesen / und der Griechischen und Lateinischen zum Theil ihre Stamm-Wörter gegeben / welches zu beweisen keine grosse Mühe erfordern würde. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 50f.) Aber man muß aus diesen Exempeln nicht überhaupt von der gantzen Sprache urtheilen / wie man bey den Griechen / ja bey allen Nationen solche verschieden gehabt / und noch heutiges Tages hat. Ich wollte ein gantzes Wörterbuch durchgehen / und nach der Reihe erweisen / daß unsre Wörter nicht härter sind / als die Griechischen und Lateinischen / ja wohl weicher / als jene / und / wo sie härter sind / der Natur mehr nachahmen / als jene. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 225) Lateinische und Frantzösische Wörter haben / in einem ernsthafften Carmine und in einer abgemessenen Rede keinen Platz. In Discoursen / (welches Wort auch durch kein Teutsches recht außgedrücket werden kann /) in Brieffen / in politischen Schrifften / wird man gezwungen / dieselben zu gebrauchen /denn es kann bisweilen viel nachdencklicher dadurch gegeben werden. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 317) Weil auch eine jede Sprache ihre sonderliche Eigenschafft in den translatis hat / oder auch bißweilen etwas mit andern gemein / so muß man insonderheit hierauff mercken / da man deren etwas per Analogiam aus einer frembden Sprache in die Teutsche übernehmen kann / welches aber mit grosser Bescheidenheit geschehen muß. Wir können dieses bey den Lateinischen Poeten sehen / welche dergleichen Redensarten den Griechen so artig abstehlen können / daß mans kaum gewahr wird / wenn mans nicht recht genaue betrachtet. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 318) Man darff sich auch nicht wundern / daß lauter lateinische Termini vorkommen / denn es ist genung / daß sie deutsch erkläret / und mit anständigen Exempeln angebracht werden. (WEISE: Logica, Leipzig 1700, 351) Es soll aber ein Edelmann / der erstlich studiren / und hernach seinen Verstand durch die Erfahrung desto vollkommener machen will / […] 2. Bey legendem Grunde zur teutschen Oratorie und Poesie, Lateinisch / Frantzösisch / Italiänisch und Spanisch lernen. (SCHRÖTER: Anweisung zur Information der Adlichen Jugend, Leipzig 1704, 5) Es werden auch die Gemüther nicht wenig auffgewecket / und das Judicium geschärfft / wenn ein junger Mensch die besten Loca aus der Lateinischen / Frantzösischen / Italiänischen und Spanischen Sprache ins Teutsche übersetzet / oder sich bißweilen ihre Poeten in

Belegzitate —— 169

ungebundener Rede zu excerpiren bemühet / weil die Poesie an sich selbst etwas dunckel / und unverständlicher als die Oratorie zu seyn pfleget / und dieser vielmahl mit schönen Worten aushelffen muß. Dadurch setzt sich einer in ungebundenem und gebundenem Stylo feste / und lernet nach dem / was er gelesen oder excerpirt hat / einen geschickten Verß und Periodum machen / begreifft unvermerckt die Poetischen und Oratorischen Artificia, findet allerhand geschickte Epitheta und sinnreiche Sprüche / Zeugnisse / Exempel und Gleichnisse / und bekömmt mit der Zeit einen solchen Stylum, der zur itzigen teutschen Oratorie und Poesie erfordert wird. (SCHRÖTER: Anweisung zur Information der Adlichen Jugend, Leipzig 1704, 27f.) Wer des teutschen Styli mächtig werden will / der gewehne sich zum ubersetzen aus der lateinischen und aus der Frantzösischen Sprache. (BOHSE: Gründliche Einleitung zu Teutschen Briefen, Jena 1706, 246f.) Das ehemalige überflüssige und affectirte Versmachen / sonderlich in Griechischer und Lateinischer Sprache bekömmt in wolbestellten Schulen auch seine gehörige Einschränckung / soferne sonst von Schul-Leuten ein Handwerck draus gemachet worden. Dagegen wird die Teutsche Sprache sowol in Reden und Brieffen / als in Versen sorgfältiger und nützlicher excolirt / nur daß manche abermal auch hierinne zu sehr excediren. (ARNOLD: Der Woleingerichtete Schul-Bau, Leipzig/Stendal 1711, 43f.) 17. Daß er [ein Studiosus Juris] eines theils die lateinische / als eine todte Sprach / nicht gantz und gar verachte: weil sie doch auf gewisse Art die Sprache der Gelehrten ist. 18. Und daß er auf der andern Seite nicht davor halte / sie sey eintzig und allein zu der Weißheit nöthig / und es sey unbillig in andern Sprachen gelehrte Sachen vorzutragen. Denn diese Meinung gehöret unter die übrig gebliebenen StaatsMaximen des Pabstthums. (THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713, 141) Nun wissen wir / wie lang / vielfältig und mühsam die Griechen und Lateiner an ihrer Sprach gearbeithet / und so subtil daran gekünstelt; daß die Regeln und Anmerckungen darüber wohl um drey Theil mehr und grösser worden / als die Sprachen an sich selbst sind. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 29) Die Alten haben die reinsten / nachdrücklichsten und körnichsten Wörter / wir aber im Griechischen / Lateinischen und anderen Occidental-Sprachen schier von Jugend auf erzogen / haben ein gewetztern und zierlich geschräncktern Periodum. Ist also die erste Regul / je rauer und übellautender das Wort ist / ja älter und näher ist es bey seinem Ursprung. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 83f.) Doch in einer abgemessenen und solennen rede muß man sparsam damit umgehen / und sich endlich bey aller Gelegenheit dieser Vorsicht bedienen: daß man nicht aus unnöthigen Scrupel eine Sache durch lauter teutsche Wörter lieber weniger / als durch fremde exprimire / noch aus eingebildeter Zierlichkeit Frantzösische und Lateinische gebrauche / wo teutsche eben den Nachdruck haben. (HUNOLD: Einleitung zur Teutschen Oratorie, Halle/Leipzig 1715, 9)

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Denn was die widrige Praxin, welche dißfalls durch die Mönche in die Lateinische Schulen eingeführet worden ist / anbelanget; So bezeuget ihre unglückliche Würckung zu baldigen Begriffe der Lateinischen Sprache zur Genüge / daß es eben so eine Thorheit sey / den in beyden Sprachen unerfahrnen Knaben Exercitia aus dem Teutschen ins Latein zu übersetzen vorzuschreiben / als es seyn würde / wenn einer mit Gewalt aus einem Sacke etwas heraus haben wollte / da doch noch nichts inne wäre. (LONGOLIUS: Erkäntniß der Teutschen Sprache, Bautzen 1715, 504f.) Die meisten Gelehrten im Teutschland haben sich zwar auf die Lateinische / Griechische / Hebräische und andere fremde Sprachen geleget / und viel Zeit über derselben Excolirung zugebracht; aber auf ihre Mutter-Sprache haben die allerwenigsten rechten Fleis angewendet / noch sich um derselben Reinigkeit und Richtigkeit recht bekümmert. Daher kömmt es / daß / da in andern Sprachen sehr viele Grammatiken geschrieben und heraus gegeben worden sind / in der Teutschen Sprache (so viel mir wissend) nur die einige teutsche Grammatica des sel. Herrn Bödickers bekand ist. (TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718, 1) Demnach es auch viel Teutsche Wörter gibt / welche entweder fast auf einerley Art ausgesprochen werden / aber doch immer anders und anders nach ihrer Bedeutung geschrieben werden müssen / oder mit einerley Buchstaben zwar geschrieben werden / aber doch unterschiedliche Bedeutung haben; so habe ich sie zusammen getragen / und davon im IV. und V. Capittel einen doppelten Catalogum gemacht / damit man alsbald sehen könne / wie ein iegliches von diesen Wörtern recht zu schreiben. Ich habe auch zu ieglichem Wort mit Fleis das Lateinische gesetzet / theils / daß man den Unterschied eines ieden Worts desto besser begreifen / theils auch / daß die studirende Jugend die Lateinischen Wörter entweder zugleich lernen / oder doch wiederholen möge. (TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718, 4) Denn so bald die Gewalt des Römischen Reichs theils durch innerliche Unruhe, und daß sich nach der Hand ein Land nach dem andern davon abgesondert, und in freyheit gesetzet; theils und hauptsächlich aber durch die Einfälle unterschiedener fremden Völcker abzunehmen anfieng, so bald fiel auch die Hochachtung vor die Lateinische Sprache, vornemlich dadurch, daß die neuen Einwohner eines Landes, in welchen vorher war Lateinisch geredet worden, ihre Mutter-Sprache mit dem Lateine vermischeten, daher anfänglich die so genante Provincial-Sprache hernachmahls aber die heutige Spanische, Frantzösische und Italiänische entstanden (EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720, 254f.). Daß uns in der Deutschen Sprache noch viele Begriffe ausbleiben / die keine eigene Nahmen haben / geschicht aus keiner andern Ursache / als weil Deutschlands sinnreichste Köpffe bisher lieber in der Lateinischen als in ihrer Mutter-Sprache geschrieben haben. Die Sprachen bereichern sich nicht mit guten Wörtern / als wenn geschickte Männer anfangen in denselben zuschreiben und zuraisonniren /denn solche Leute / die an Gedancken reicher sind weder das schlichte Volck / werden dannzunahlen genöthiget neue Wörter zubrauchen / um ihre neue Gedancken auszubilden. Die Frantzosen haben sich dieser Erlaubniß neue Wörter zumachen allezeit bedienet / und so wol aus der Deutschen und Griechischen / als sonderbar aus der Lateinischen die schönsten Wörter angenommen. (BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Erster Theil, Zürich 1721-23, 4)

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Zum teutschen stilo ist die Anweisung sehr sparsam / wo man sie nicht gar schuldig bleibt: oder man speiset einen Teutschen mit Regeln von dem lateinischen stilo ab / und denckt nicht / daß jede Sprache besondere Anmerckungen von nöthen habe. Der Unterricht von der Zierlichkeit / oder dem numero führet meist auf eine Sylbenstecherey und macht / daß die periodi zwar mühsam / aber nicht natürlich / gezwungen / aber nicht zierlich werden. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 1) Es wurden aber die Teutschen Gewehr-Männer, kürtzer Germänner, oder Germanier, genennet, weil alle Manns-Personen, wie zum Acker-Bau, also auch zu Waffen angehalten wurden, daß sie solche wider die Feinde bey vorfallenden Kriegen führen sollten. Also kommt der Name Germanier nicht von dem Lateinischen Germanus her, daß man den Teutschen solchen deßwegen gegeben, weil sie mit den Galliern Brüder wären, wie Strabo lib. XV. meinet, sondern der Lateiner germanus ist von dem Teutschen genommen: sie belegten aber leibliche Brüder damit, weil die alten redlichen Teutschen in einer recht brüderlichen Vertrautheit und Aufrichtigkeit zu leben pflegten, und von der bey den Römern üblichen Heucheley und Falschheit entfernet waren. Andern gefällt das Wort Germanier von Gar und Mann, d. i. sehr tapfer herzuholen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 4) Einer der grösten Fehler ists / daß in manchen Schulen die teutsche Oratoriein geringsten nicht verderbet wird: denn sie ist da so unbekant / als die Zobeln im Thüringischen Walde. Darinne werden lauter lateinische / griechische / hebräische / syrische / arabische / frantzösische etc. Redner gezogen. Die teutsche Beredsamkeit ist für die lateinischen Schulen zu gering. Doch einige halten sie noch für ein Neben-Werck / das man die langeweile zu vertreiben mit nehmen könne: allein es muß doch alles nach einer alten lateinischen / oder nach einer aus dieser gezogenen teutschen Rhetorik geschehen. (HALLBAUER: Anweisung Zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6) Wir können uns […] auf nomina propria berufen, welche die griechischen und lateinischen Scribenten anführen, wenn sie von Celten, Galliern, Gothen, Wenden und andern von Japhet herkommenden Völckern schreiben. Denn wenn sich gleich solche nach griechischer oder lateinischer Art endigen; so sind doch in Grunde Teutsche Wörter, welche entweder noch heutiges Tages in der Hochteutschen Sprache üblich, oder doch in der alten Sächsischen gefunden werden, […]. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6) Die tröstlichste Lehre von den generibus caussarum hülft oder hindert so vel / als das fünfte Rath am Wagen. Der erschreckliche Lerm / den man von tropis und figuris macht / ist vergebens: denn die mancherley Arten zu reden sind allen angeboren: und so wenig / als wir essen und trincken aus Büchern lernen; so wenig haben wir nöthig diese aus der Oratorie und noch dazu mit so grosser Mühe zu holen. Bekannte Sachen / als unbekante zu erlernen / ist eine vergebliche Arbeit: dieses aber noch dazu unter griechischen und lateinischen Wörtern und Definitionen zu thun / ist eine mehr als vergebliche / ich will nicht sagen höchstthörichte Bemühung. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 8)

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Nach dem ist zwar diese alte Gallische Sprache fast unterdruckt worden, da die Römer Gallien eroberten, und ihre Sprache einführeten: als aber die Teutschen und Francken sich wieder dem Römischen Joch nach und nach entzogen, behielten sie mit ihrer MutterSprache, dem Franckischen oder Teutschen: daher ist denn die französische Sprache entstanden, welche nach und nach immer mehr ausgekünstelt worden ist, bis sie die heutige Gestalt gewonnen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 16f.) Von der heutigen Italiänischen ist zu mercken, daß sie aus der lateinischen Sprache entstanden: doch mit starcker Vermischung der teutschen, welche die einfallende Gothen und Langobarden redeten. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 17) Man hat ehe schlecht als zierlich gesprochen: daher alle Sprachen in ihren ersten Zeiten rauh und unangenehm sind, wie man auch an der griechischen und lateinischen gewahr wird. Die Alten waren zufrieden, wenn sie so redeten, wie es die Nothdurft erforderte: nachdem aber fieng man auch nach und nach an, auf den Wohlklang und Annehmlichkeit zu sehen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 27). Nachdem die Teutschen zum Christlichen Glauben gebracht 1), wurde mit dem Gottesdienste die lateinische Sprache, zu nicht geringen Schaden der Mutter-Sprache, eingeführet 2): iedoch gab es oft Fälle, da man dieser sich nothwendig mündlich und schriftlich bedienen mußte: daher der Gebrauch derselben nie gäntzlich aufhören können 3). Uber dieses funden sich auch Verschiedene, welche durch höchstrühmliche verordnungen, auch eigenes Bemühen, der teutschen Sprache aufzuhelfen trachteten: unter welche vornehmlich die Käyser, Carl der Grosse 4), drey Frideriche 5), Rudolph 6), Maximilian 7), und Carl der fünfte 8) zu rechnen sind. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 33) Der Grund zur Hochachtung der lateinischen Sprache war von den Römern selbst geleget: die überwundene Völcker nutzten in ihren Gerichten die lateinische Sprache so wol, als die gebornen Römer gebrauchen: man suchte dieselbe immer zierlicher zu machen, und allenthalben in Ansehen zu setzen. Daher geschahe es, daß man endlich in allen Theilen der Welt lateinisch hörete, und die Gelehrten sonderlich desselben sich bedieneten. Nachdem aber, als die lateinische Sprache mit der Macht der Römer in Abnehmen zu kommen beginnete; wollte man aus dieser Hochachtung nicht zugeben, daß sie ganz und gar ausgehen sollte, und verordnete, daß der Gottesdienst in selbiger verrichtet werden sollte. Da auch die Geistlichen nach derjenigen Macht und Hoheit strebten, darinne sie sich noch im Pabstthum befinden; kam ihnen dieses wohl zu statten. Denn hierzu war nöthig, das Volk in Unwissenheit zu erhalten: und dazu war nichts bequemer, als wenn der Gottes-Dienst in der lateinischen, als einer ihme unbekannten Sprache, verrichtet würde. Und damit das Volk solches desto eher geschehen liesse; brachte man ihnen auch eine abergläubische Hochachtung vor der lateinischen Sprache bey, indem man vorgab, sie sey eine heilige und GOtt sehr angenehme Sprache: daher sich auch Christus selbiger bedienet, und GOtt die heilige Schrift in der selben gegeben habe, ja er erhöre kein Gebet, welches nicht lateinisch verrichtet würde; ob man gleich die Sprache nicht verstünde, so habe dieselbe doch eben die Kraft, als wenn sie verstanden würde, u. s. f. Hingegen machte man die teutsche Sprache, als eine ungeschickte und unfähige, desto mehr herunter. Ja endlich spieleten sie es so weit, daß

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auch in Gerichten und Canzeleyen die lateinische Sprache eingeführet, und die Vorträge, Lehn-Briefe, Stiftungen, Testamente u. d. g. in derselben aufgesetzet wurden, daß der Bauer keine Kuh verkauffen konnte, darüber nicht lateinisch wäre geschrieben worden. Und weil die Geistlichen allein vor Meister der lateinischen Sprache gehalten wurden; so wurden ihnen die Aemter der Canzler und Schreiber aufgetragen, dazu sich bey dem Käyser, auch wol grossen Chur-Fürsten, die Erz-Bischöffe und Bischöffe, sonst aber insgemein bey den Fürsten die Aebte, Probste und canonici willig gebrauchen liessen. Also blieb nun die teutsche Sprache liegen, und wurde durch fremde Wörter vermischet: ja die alte teutsche Schrift wurde so gar unterdruckt und ausgetilget. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 34f.) Daß dieses zur Aufnahme der teutschen Sprache diene, wird niemand leugnen: also ist man Herrn Thomasio, Buddeo und anderen angesehenen Männern Danck schuldig, daß sie in der Mutter-Sprache zu lehren angefangen, und zeigen wollen, daß diese dazu so geschickt sey, als die lateinische. Wenn aber Studiosi zu ihrem Schaden daher Gelegenheit nehmen, die gründliche Erlernung der lateinischen Sprache, als unnöthig auszusetzen, betriegen sie sich sehr, und handeln gar nicht nach der Absicht dieser hochberühmten Männer, als deren lateinische Schriften sie überzeugen sollten, daß dieser Sprache einem Gelehrten nach den ietzigen Umständen unentbehrlich sey. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 41f.) Bey der Untersuchung des Stammes eines Wortes wird vielfältig gefehlet. Einige wollen alle teutsche Wörter aus fremden Sprachen herholen, z. E. aus der Hebräischen, Chaldäischen, Griechischen, Lateinischen, &c. andere erdichten Stamm-Wörter, die nie in der Welt gewesen: andere wollen offenbar fremde, und in neuern Zeiten eingeführte Wörter, zu alten und guten teutschen Wörtern machen: andere haben keinen andern Grund ihrer Ableitung, als eine blosse Allusion und Wortspiel: andere sind gar zu mühsam, und pflegen wol die kürzesten Stamm-Wörter noch von andern herzuleiten. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 74) Man findet wol in allen teutschen Oratorien auch eine Anweisung zum teutschen stilo: sie ist aber bey den meisten sehr kurz und unzulänglich, auch wol nach dem Unterricht, welchen die Alten vom Lateinischen gegeben, schlechterdings abgefasset, ohne auf die teutsche Sprache insbesondere Absicht zu haben, welches doch schlechterdings nöthig ist, wenn man einen im teutschen stilo unterrichten will. Man hat zwar allgemeine Lehren, als von der Reinlichkeit, Deutlichkeit, etc. die bei dem stilo durchgehends in allen Sprachen zu beobachten sind: allein bey der Application hat man doch in jeder Sprache viel besonderes zu mercken; ja es werden viel Anmerckungen erfordert, die unter den gemeinen Lehren gar nicht begriffen sind. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 495f.) Weiter / so ist es kein gemeiner Unformd / die allbereit angenommene Griechisch- oder Lateinisch- vnd nach vnser teutschen Mund-art schon abgeschliffne Wort zu vermeyden / neue / vngewöhnlich vnd übel-klingende entweder zu erdichten / oder zusammen zusetzen / als wie / wann einige das Wort Apothecker / weil es vom Griechischen herstammet / teutschen Artzney-Koch: vor das Wort Fenster / weil seine Mutter das Lateinische Fenestra ist / Tag-Latern setzen; welche Abgeschachigkeit einem solchen Alster-Teutschen zu zeigen /

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der Mercurius ihme die Fenster eingeworfen / mit dieser Entschuldigung / daß er beym Tag keiner Latern vonnöthen / auch keine andre beym Tag mehr erduldet werde / biß deß alten Diogenes seine widerumb zum Vorschein vnd an das Tagliecht komme. (Parnassus Boicus, München 1726, 202f.) […] weil nun nit wenige auch auß denen Gelehrten jetziger Zeit in der Jugend hierinnen versaumber werden / hernachmahlen aber gäntzlich auf die Lateinisch- oder andere Sprach sich verlegen / als wissen sie auch nit vil mehrers / als sie von ihren Kinds-Mägden oder von dem gemeinen Pövel / mit deme sie in ihrer Jugend umbgangen / gehöret oder gelehrnet: vnd weil sie dann nichts wenigers verstehen (so gelehret sie auch nur seyn mögen oder wollen) als ihre Teutsche Muttersprach / als vernachlässigen sie entweder solche / oder verachtens wohl gar / welches vnwidersprechlich auß ihrer Unwissenheit herstammet / dann die Kunst hat keinen Verachter als den Unverständigen: Ars non habet hostem nisi ignorantem. (Parnassus Boicus, München 1726, 298) Die griechische, und sonderlich die lateinische Sprache liessen sie sich eifrig angelegen seyn, und suchten deren Zierlichkeit im Reden und Schreiben hervor zu bringen und fort zu pflanzen; aber die deutsche Sprache liessen sie in der verhärteten Unsauberkeit liegen, und gedachten nicht im geringsten darauf, wie sie aus derselben möchte heraus gezogen und gesäubert werden. (LITZEL: Der Undeutsche Catholik, Jena/Leipzig 1730, 6) Die Lateinische Sprache hat zwar von vielen Zeiten her die Ehre gehabt, von den Weltweisen gebraucht zu werden. Ich misgönne ihr diese Ehre nicht, und wäre unweißlich gehandelt, wenn man deren Gebrauch nicht beybehalten wollte; Aber wer unter den Weisen weise ist, der bindet sich nicht völlig an die lateinische, sondern auch an die Muttersprache, als welcher er verwandt und von Natur gebunden ist. Die alten Weisen der Egyptier, Griechen und Römer erkanten solches wohl, und hielten es für eine Thorheit, in einer fremden Sprache zu philosophiren. (LITZEL: Der Undeutsche Catholik, Jena/Leipzig 1730, 85f.) Von den zusammengesetzten Schönheiten, welche die Bedeutung zusammengesetzter Ausdrückungen in der deutschen Sprache verursacht, werden alle Zusammensetzungen der Wörter ausgeschlossen, welche der Deutlichkeit der allgemeinen deutschen Sprache widersprechen. Dergestalt sollen aus deutschen Schriften, die man für Muster der deutschen Schönheit ausgiebt, alle Redensarten der Ausländer verbannet seyn. Folglich giebt man zu erkennen, daß man sich in der Schönheit der deutschen Sprache nicht befleißige, wenn man in Briefen, in geschriebenen Büchern, in Unterredungen, in Reden und Predigten, da man sich der deutschen Sprache bedienen will, von den Lateinern, Frantzosen, und andern Völkern Verknüpfungen der Wörter entlehnet, ohne daß man von der höchsten Noth und dem augenscheinlichen Mangel der Wörter dazu gedrungen wird. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 60f.) Diese Art der Arbeit, die ich bey der deutschen Sprache für nützlich halte, hat man schon längst ihres besondern Nutzens halber bey andern Mundarten verrichtet. Und die Schriften, so wir noch davon besitzen, sind überaus bequem, die so genannten todten Sprachen recht zu verstehen, und sie nach dem Geschmacke der besten Meister zierlich zu reden und zu schreiben. Bey der lateinischen Sprache haben viele diese Mühe über sich genommen. Sie haben dem Misbrauche vorkommen wollen, da viele in einer Sprache, die sie doch nicht

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erfunden haben, nach eigenem gefallen die Bedeutungen der Wörter zu ändern sich unterstehen. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 71) Denn wenn fremde Nationen zur deutschen Sprache angeführet werden sollen, so muß es in der Sprache geschehen, welche ein solches Volk von andern unterscheidet; man wollte denn eben so wunderlich handeln, als diejenigen in Schulen thun, oder vielmehr thun müssen, welche die zarten Kinder aus lateinischen Grammatiken im Latein unterrichten, da doch ein jeder lachen würde, wenn man einen Anfänger im Hebräischen und Griechischen aus griechischen und hebräischen Grammatiken den Weg zu diesen Sprachen weisen wollte. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 78f.) Man nehme dasjenige vor sich, was zur Weltweisheit gehört, und die übrige Gelehrsamkeit betrifft; und halte diese Sachen gegen beyde Sprachen: So wird man sich nach sorgfältigem Nachforschen ünerzeugt sehen, daß die deutsche Sprache nicht geringere Geschicklichkeit habe, diese Dinge auszudrücken, als man der Lateinischen zugestehen muß (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 157). Ja die deutsche Sprache hat nicht nur einen Reichthum an Wörtern, welche die Stelle der lateinischen Kunstwörter vertreten, die man in der Gelehrsamkeit gebraucht: Sondern sie ist so gar mit Wörtern versehen, wodurch man diejenigen Benennungen ausdrücken kann, mit welchen in Rom besondere Verrichtungen, Aemter und andere Sachen belegt wurden. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 158f.) Die Lateiner zählen acht Hauptarten von Wörtern: Namen, Zeitwörter, Vorwörter, Mittelwörter, Nebenwörter, Fürwörter der Namen, Verknüpfungswörter, Zwischenwörter. Die Namen sind theils wesentliche, theils zufällige; theils Stammnamen, theils abstammende. Die Namen hat man unter gewisse Geschlechter gebracht. Die zufälligen und die Nebenwörter können gewisser Grade theilhaftig werden, als des Grades der Gleichheit, der Ungleichheit und des gänzlichen Unterschieds. Die Namen sind verschiedenen Abfällen (casibus) unterworfen. Die Zeitwörter beschreiben die Sachen nach dem Zustande verschiedner Zeiten, stellen Personen vor, und haben allerhand Modos, als den Indicatiuum, den Impertaiuum, den Coniunctiuum, den Infinitiuum. So wohl Namen als Zeitwörter und Mittelwörter drücken entweder ein Ding oder mehrere einer Art aus, d. i. man braucht sie bald im Singulari, bald im Plurali. Alles dieses wird auch in der Sprache der Deutschen angetroffen. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 159f.) In der lateinischen Sprache hat man eigentliche und uneigentliche Wörter und Redensarten. So groß aber der Vorrath im Lateinischen ist: So geringe ist auch der Mangel im Deutschen. Wolfs mathematische und philosophische Schriften legen wiederum in vieler Weitläufigkeit dar, wie weit sich der eigentliche Ausdruck der Gedanken in unsrer Sprache erstrecke. Verlangt man aber Exempel des uneigentlichen Ausdrucks: So darf man nur die Schriften unsrer Redner und Poeten vor die Hand nehmen. Die Anzahl ihrer Werke ist so hoch gestiegen, daß man nicht den geringsten Zweifel haben darf, ob die deutsche Sprache der lateinischen in dem tropologischen Ausdrucke Wage halte. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 160)

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Der selbstlautenden [Töne] sind im Deutschen so viel, als im Lateinischen. Unter den mitlautenden ist im Deutschen das W, dessen die Lateiner ganz ermangeln; und das K, welches si selten brauchen. Und dergestalt giebt die deutsche Sprache der lateinischen an Aehnlichkeit nichts nach, wenn man die selbstlautenden und mitlautenden Töne nach ihrer Allgemeinheit betrachtet. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 161) Damit man aber nicht auf vergebne Einwürfe verfalle, so will ich mich etwas deutlicher erklären. Ich sage nicht, daß man im Deutschen und Lateinischen allenthalben einerley Ordnung beobachten könne. Denn freylich hat die Ordnung in der lateinischen Sprache besondere und eigene Gründe, von welcher diejenigen, auf denen die Ordnung in der Deutschen beruhet, unterschiedlich sind; in so fern nemlich jene lateinische und diese die deutsche heißt. Sondern meine Meynung ist diese, daß man in der deutschen Schreibart den Regeln der Ordnung überhaupt so gut Gnüge leisten könne, als in dem lateinischen Ausdrucke. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 161; vgl. ebd., 174f.) Die Buchstaben, welche die Stellen auszusprechender Töne vertreten, sind in beyden Sprachen nicht minder dergestalt gebildet, daß unser Auge an den gleichnamigen eine ziemliche Aehnlichkeit bemerkt; man mag nun entweder die großen der Lateiner mit den großen der Deutschen; oder die kleinen mit den kleinen in Vergleichung ziehen. Es ist wohl wahr, daß in einigen Deutschen etwas gekünsteltes heraus kömmt: Doch aber hat sie die Kunst den Lateinischen nicht ganz unähnlich gemacht. Ihre Züge sind dergestalt geführet, daß ein aufmerksames Auge dasjenige, was in den Deutschen und Lateinischen einerley ist, gar wohl entdecken kann. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 162) Diejenigen Wörter, die sich bey den Lateinern mit in oder im anfangen, und eine Verneinung bedeuten, werden im Deutschen durch Wörter gegeben, die eben das bedeuten, und un zur Anfangssylbe haben. So groß als die Menge verneinender zusammengesetzter Wörter im Lateinischen ist, die ihrer Zusammensetzung auf einerley Art gemachet werden: So groß ist auch die Anzahl der Wörter im Deutschen, die etwas verneinen, und auf einerley Weise zusammengesetzt werden. Z. E. Immodestus, unbescheiden. Immutabilis, unveränderlich. Insanabilis, unheilbar. Insaturabilis, unersättlich. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 162f.) Man hat im Deutschen und Lateinischen Wörter, die einerley Sache bedeuten, und im Ohre fast einerley Bewegung erregen. Hierher sind nicht nur die Nahmen zu rechnen, wodurch einzelne Dinge benennet werden; sondern auch andere Wörter, die sich wiederum in verschiedene Arten vertheilen. Einige haben am Anfange, andere am Ende einlerley Klang. Und die am Anfange einerley Schall im Ohre erwecken, sind wieder mancherley: Indem einige nur einen Ton, andere zweene, andere dreye, andere noch mehrere mit einander gemein haben. Endlich giebt es Wörter, deren gemeinschaftliche Töne zerstreut sind. Ich will mich aber darum nicht bekümmern, ob die Deutschen aus den Lateinischen entstanden; oder die Lateinischen aus den Deutschen herkommen. Von einigen, da die Verwandschaft so gar groß ist, möchte eines von beyden leicht können erwiesen werden. Bey den übrigen aber würde dergleichen Beweis viel Mühe kosten. Und obgleich die Gegner nicht nicht gnugsame Ursache haben dörften, es unwahrscheinlich zu machen: So würde doch an sehr schweren

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Einwürfen kein Mangel seyn. Ich bin unterdessen damit zufrieden, daß ich einen Vorrath von dergleichen Wörtern aufweisen kann, die nicht nur einerley Bedeutung führen, sondern auch im Tone etwas haben, welches in beyden Sprachen einerley ist. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 163) Im Deutschen und Lateinischen werden Wörter, die einerley Verstand in sich begreifen, nach einerley Regel verbunden. Also mag man auf die Abfälle, auf die Geschlechter, auf die Numeros, auf die Modos sehen: So wird man in beyden Sprachen eine große Uebereinstimmung erblicken. Man hat zwar wenig Regeln, die man so allgemein abfassen könnte, daß nicht eine Ausnahme dabey statt haben sollte. Aber dem ohngeachtet muß man sich über die Größe der Aehnlichkeit in diesem Stücke verwundern, wenn mann die Grammatiken beyder Sprachen gegen einander hält. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 165). Die Verbindung der Wörter kann in beyden Sprachen dergestalt eingerichtet werden, daß nicht nur der Verstand einerley Gedanken dadurch bekommt, sondern daß auch das Gehöre aus ihrem Klange gleiche Annehmlichkeit empfindet. Exempel hievon sind die guten Übersetzungen, die man einige Zeit her aus dem Latein dem Drucke überlasset. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 172) Der Wohlklang ist das vornehmste in dem, was zur Zierlichkeit einer Sprache gehört; und kann niemals ohne Ordnung seyn. Denn er besteht in einer ähnlichen Abwechslung der Töne einer Sprache; und die Ordnung einer Sprache in der Aehnlichkeit, die in den verknüpften Wörtern und in der Art ihrer Verbindung lieget. Demnach kann man in der deutschen Sprache eben so zierlich und ordentlich schreiben, als in der lateinischen. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 161; vgl. ebd., 174) Denn so bald die Gewalt des Römischen Reichs theils durch innerliche Unruhe, und daß sich nach der Hand ein Land nach dem andern davon abgesondert, und in freyheit gesetzet; theils und hauptsächlich aber durch die Einfälle unterschiedener fremden Völcker abzunehmen anfieng, so bald fiel auch die Hochachtung vor die Lateinische Sprache, vornemlich dadurch, daß die neuen Einwohner eines Landes, in welchen vorher war Lateinisch geredet worden, ihre Mutter-Sprache mit dem Lateine vermischeten, daher anfänglich die so genante Provincial-Sprache hernachmahls aber die heutige Spanische, Frantzösische und Italiänische entstanden. (EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1735, 254f.) Dieses ist gewiß, daß wir Teutschen die schönsten und besten Jahre der ersten Jugend mit allzumühsamer Erlernung der Lateinischen Sprache zu bringen, und also diejenige Zeit vorbey streichen lassen, in welcher die Römische Jugend des besten Grund zu andern und höhern Wissenschaften, als etwa der Erdmeß-Kunst u. d. derer in unsern Schulen nicht gedacht wird, geleget. (EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1735, 268) Daß ich aber von der Welt-Weisheit in deutscher Sprache schrieb, dazu hatte ich mehr als eine Ursache. Auf der Universität, wo ich die Welt-Weisheit lehrete, war es eingeführt, daß der Vortrag in den Collegiis in deutscher Sprache geschahe. Und also konnte ich nicht wohl von dieser Gewohnheit abgehen, fand auch mehr Gründe vor mich, warum ich dabey verblieb, als daß ich davon abwiche, ob ich gleich in Leipzig gewohnet war mich der lateini-

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schen Sprache in meinen Collegiis zu bedienen. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 24f.) Denn es ist nicht zu leugnen, daß heute zu Tage viele auf Universitæten kommen, welche in der lateinischen Sprache es nicht so weit gebracht, daß sie den lateinischen Vortrag verstehen können, und die wenigsten sind darinnen so geübet, daß sie, was lateinisch vorgetragen wird, eben so wohl verstünden, als wenn man es ihnen in ihrer Mutter-Sprache vorgetragen hätte. Da es nun in Wissenschaften nicht auf die Worte, sondern auf die Sachen ankommet, und man nicht darauf zu sehen hat, wenn man sie andern vortragen soll, daß die Worte ins Gedächtnis fassen, sondern daß man ihnen einen Begriff von der Sache beybringe; so ist es nicht unbillig sich in diesem Stücke nach der Fähigkeit der Zuhörer zu richten. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 25) Am allerwenigsten aber halte ich wohl gethan zu seyn, wenn man einige gar entweder versäumen, oder von der Erlernung der Wissenschaften wegtreiben wollte, weil sie das Unglück gehabt in ihren Schul-Jahren in der Latinität versäumet zu werden. Hierzu kam noch dieses, daß mir bekandt war, wie sich aus deutschen Schrifften auch andere erbauen, welche nicht studiret haben, und es öffters in Wissenschaften andern zuvor thun, die studiret haben. Und auf diese reichtete ich zugleich mein Absehen, und mir sind auch Exempel bekandt, daß ich in diesem Stücke meinen Zweck erreichet habe. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 25f.) Da ich mir nun vorgenommen hatte von der Welt-Weisheit in deutscher Sprache zu schreiben; so schrieb ich auch auf eine solche Weise, wie es reine deutsche Mund-Art mit sich bringet. Ich habe mich nicht allein von ausländischen Wörtern enthalten, die man heute zu Tage in unsere deutsche Sprache häuffig mit einzumengen pfleget, sondern auch alle Redens-Arten vermieden, die unserer deutschen Mund-Art nicht gemäß, und bloß Ubersetzungen von Redens-Arten sind, die man aus fremden Sprachen entlehnt. Eben so habe ich keine lateinische Wörter mit untergemenget, weil diese sich so wenig in die deutsche Sprache, als die deutschen in die lateinische schicken. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 26) Der gemeine Gebrauch entschuldiget nicht: eine Gewohnheit muß vernünfftig seyn und einen guten Grund vor sich haben, wenn man sich darnach achten soll. Uber dieses erforderte es mein Zweck, den ich mir vorgesetzet hatte, daß auch andere meine Schrifften lesen solten, die nicht studiret und niemahls lateinisch gelernet haben. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 26f.) Hingegen werden durch die lateinischen Kunst-Wörter andere abgeschreckt die Bücher zu lesen und sich daraus zu erbauen, die mit dem Latein entweder nicht können, oder nicht mögen zu thun haben. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 27) Ich habe gefunden, daß unsere Sprache zu Wissenschaften sich viel besser schickt als die lateinische, und daß man in der reinen deutschen Sprache vortragen kann, was im Lateinischen sehr barbarisch klinget. Derowegen habe ich die barbarischen Kunst-Wörter der Schul-Weisen rein deutsch gegeben: Denn es gilt einem Anfänger gleich viel, ob er das

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Kunst-Wort deutsch oder lateinisch lernet, und, wer studiret kann das lateinische KunstWort sowohl als bey andern Wörtern das lateinische lernen. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 27) Indem ich auf deutsche Kunst-Wörter bedacht gewesen; so habe ich auf folgende Regeln acht gehabt. I. Wo mir ein deutsches Wort bekandt gewesen, das von andern an statt eines lateinischen gebraucht worden, da habe ich kein neues erdacht; sondern das alte behalten. Denn da die Benennung willkürlich ist, und man nicht aus den Wörtern nach den Regeln der Sprach-Kunst, sondern aus den Begriffen nach den Regeln der Vernunfft-Kunst von den Sachen urtheilet; so gilt es gleich viel, mit was für einem Nahmen man eine Sache belegt, und ist nicht nöthig, daß man erst critisiret, ob sich der Nahme dazu schickt, oder nicht. (WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 29) Ferner ist zu mercken, daß ich 2. die deutschen Kunst-Wörter nicht aus dem Lateinischen übersetzet habe / sondern sie vielmehr so eingerichtet, wie ich es der deutschen Mund-Art gemäß gefunden / und wie ich würde verfahren haben, wenn auch gar kein lateinisches Kunst-Wort mir wäre bekandt gewesen. Dieses habe ich deswegen gethan, weil mir Ubersetzung der lateinischen Kunst-Wörter gemeiniglich im Deutschen übel klinget: Welches um soviel weniger zu verwundern, indem die meisten davon selbst im Lateinischen übel klingen, daß man auch deswegen die Lehren der Schul-Weisen heute zu Tage lächerlich macht und ihrer barbarischen Sprache spottet. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 31) Z. E. Wie würde es im Deutschen geklungen haben, wenn ich das Kunst-Wort der SchulWeisen Conscientia theoretico practica von Wort zu Wort hätte übersetzen, oder auch dem lateinischen Worte nur eine deutsche Endigung geben, und es das theoretisch-practische Gewissen nennen sollen? Will es jemand thun, so will ich ihm deswegen keinen Krieg ankündigen. Er hat darinnen seine Freiheit. Mich bedünckt aber, da ich deutsch geschrieben, so lautet es besser, wenn ich es das nachgebende Gewissen genennet. Denn dieses Wort ist rein deutsch, welches niemand leugnen kann, und zu der Benennung lieget der Grund in der Sache selbst, und zwar ein solcher, darauf man in der Moral am meisten zu sehen hat, nemlich weil diese Art des Gewissens unter den besonderen Umständen noch nachgiebet, daß man dagegen handeln kann, unerachtet es uns zu anderer Zeit zu einem aufrichtigen Vorsatze bringet dasjenige, wovon es urtheilet, zu thun oder zu lassen. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 31f.) Unerachtet ich deutsche Kunst-Wörter gebraucht, so werden doch dadurch meine Schrifften nicht dunckel und schwer zu verstehen. Denn ich habe alle Wörter vorher erkläret, ehe ich sie gebraucht, und dannenhero können sie zu keiner Zweydeutigkeit und Misverständnis Anlaß geben. Wer einen Satz erklären will, daß er meinem Sinne gemäß ist, der darf nur auf die von mir gegebene Erklärung des Wortes acht haben, und so ist nicht möglich, daß er meinen Sinn nicht erreichen sollte. Hätte ich lateinischer Kunst-Wörter gebraucht, so wäre eben dieses nöthig, woferne man nicht dieselben nach seinem eigenen Gefallen auslegen wollte: welches aber nicht geschehen darf, woferne man versichert seyn will, daß man mir nicht etwas falsches andichtet, das von meiner Meinung weit entfernet ist. (W OLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 35f.)

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Es hatten die Teutschen viel mit den Römern zu thun, und ist zu glauben, daß sie dabey die lateinische Sprache erlernet, und sich derselben, wo es die Umstände erforderten, bedienet haben. Carolus M. ließ die Jugend so wol in der lateinischen als teutschen Poesie und Beredsamkeit anführen. Es wurde nach dem so gar in den Canzeleyen und Gerichten, auch auf den Reichstägen die Verträge, Lehnbriefe, Reichstagsabschiede etc. in lateinischer Sprache abgefasset: endlich haben verschiedene Keyser, als Rudolph und Maximilian, verordnet, daß die teutsche Sprache dazu gebraucht werden sollte […]. Doch wird noch heutiges Tages die lateinische Sprache so wol in Gesandschaftsreden, als in Hof- und Staatsschreiben sonderlich an auswartige Höfe gebraucht: wiewol man sich mehr des in den barbarischen Zeiten eingeführten Lateins, als der alten reinen Römischen Sprache bedienet. (HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736, 23f.) Endlich wird auch erfordert, daß ein politischer Redner der Sprache, in der er reden muß, also mächtig sey, daß er sich richtig, rein, deutlich, zierlich und üblich ausdrucken könne. Was insbesondere die lateinische und teutsche Sprache, und in beyden den Curial-stilum anlanget; so werden ihm diejenigen, welche hierzu Anweisung gegeben, wohl zustatten kommen. (HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736, 44) Die lateinische Sprache betreffend; so solte man auch in dieser die Reinlichkeit beobachten, wenn man sich solcher im politischen Händeln bedienet: allein die Sammlungen der lateinischen Reden und Briefe, die wir von Lünigen haben, zeigen, daß man in vielen all zu weit davon abweiche. Nun läst sich dieses bey den einmal angenommenen Titeln und Formeln nicht sonderlich ändern: doch kann ein politischer Redner und Schriftsteller in vielen andern gleichgültigen Sachen sich eines reinen Ausdrucks befleißigen. (HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736, 278) Das beste Mittel wider den schwülstigen Geist, ist das Lesen der alten Lateiner und der neuern Franzosen. Wer sich die Schönheiten des Terenz, Virgils, Horaz und Juvenals, bekannt und geläufig gemacht hat; wer den Boileau, Racine, Corneille und Moliere mit Verstande gelesen, und ihre natürliche Schönheit der Gedanken kennen gelernet; wer andlich den Longin vom Erhabenen, Bouhours von der Art in sinnreichen Schriften wohl zu denken: und Werenfels, (de meteoris orationis) des Pope Art of Criticism, und den deutschen Antilongin mit Bedacht gelesen hat; der wird gewiß unmöglich auf eine so seltsame Art des poetischen Ausdruckes verfallen: gesetzt, daß er noch so erhaben zu schreiben gesonnen wäre. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 249f.) Unter die üblichen Wörter möchte mancher auch wohl die ausländischen, sonderlich lateinischen und französischen rechnen wollen: weil nämlich nichts gewöhnlicher ist, als dieselben mit in unsere Sprache zu mischen, wenn wir reden. Dieses Uebel ist auch so neu nicht, als man wohl denken sollte, sondern schon vor hundert und mehr Jahren, hat sich Opitz in seiner deutschen Poeterey darüber beschweret. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 289) Bey etlichen aber will auch das erste nicht angehen. Als bey Terenz und Horaz kann ich unmöglich sagen, des Terenzens, des Horazens: sondern da bin ich genöthiget, entweder die lateinische Endigung, oder die deutsche Verkürzung unverändert zu behalten, und den Abfall durch den Artikel anzudeuten. Gewisse Namen haben an sich schon deutsche En-

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dungen, als Solon, Alexander, Hannibal u. d. gl. Und diese können ohne alle Aenderung nach Art deutscher Wörter gebraucht werden. Die Endigungen us, as und es, imgleichen die Namen, die ein a, o, oder einen andern lauten Buchstaben zum Ausgange haben, sind am schlimmsten nach deutscher Art zu brauchen. Denn man kann nicht sagen, des Julius’s, Epaminondas’s, Praxiteles’s Sylla’s, Cicero’s etc. berühmte Namen. Die Engelländer machens in ihrer Sprache so, und im Deutschen habens einige nachthun wollen; aber noch keine Nachfolger gefunden. Es ist also am rathsamsten, alle die Wörter entweder zu lassen, wie sie sind, und den deutschen Artikel vorzusetzen, oder den verkürzten Zeugefall der Lateiner, z. E. Cicerons, Catons, u. d. gl. zu gebrauchen; oder sie nach Gelegenheit gar auf lateinische Art zu verändern. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 292f.) Was die neuen Wörter anlanget, so fraget sichs, ob man dergleichen machen könne oder dörfe? Man versteht hier durch neue Wörter entweder ganz neue Sylben und Töne, die man sonst in unserer Sprache nicht gehöret hat, oder nur eine neue Zusammensetzung alter Sylben und Wörter, die nur auf diese neue Art noch nicht verbunden worden. Die lateinischen Poeten haben dergleichen neue Wörter zuweilen mit gutem Glücke gewaget. Z. E. Horaz brauchet, tergeminis, decertare, dissociabilis, depraeliantes, dereptus, irruptus, u. d. gl. Doch da ich in seinen ersten XV. Oden nicht mehr, als diese sechs finden kann, so sieht man, wie bescheiden er damit umgegangen. In den folgenden Zeiten aber, als Geschmack und Witz in Rom aus der Art schlugen, ist man viel verwegener damit geworden, wie Seneca, Lucan und Claudian zeigen. Ob dieses auch im Deutschen möglich sey, daran ist wohl kein Zweifel: ja es ist bey uns viel möglicher und leichter, als im Italiänischen und Französischen; weil unsre Sprache mehr Aehnlichkeit mit der alten griechischen hat, als alle heutige europäische Sprachen. Diese aber war überaus geschickt, durch die Zusammensetzung, recht vielsylbige neue Wörter zu machen; wie uns die Kunstnamen in der Zergliederungskunst, und die Dithyramben der alten Poeten sattsam zeigen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 294) Sonderlich hat man sich bemühet, alle Wörter, die nur einigermaßen dem Lateine ähnlich waren, oder wirklich daraus herstammeten, auf eine wunderliche Art zu übersetzen: gerade, als wenn die Lateiner vormals alle griechische Namen oder dergleichen andre entlehnte und hergeleitete Wörter so heftig verabscheuet hätten. Daß man sich bemühet, alles, was sich deutsch geben lässt, deutsch auszudrücken, das ist allerdings löblich. Unsere Sprache ist weder so arm, als sich einige, die nicht viel Deutsches gelesen haben, einbilden; noch so ungeschickt, daß man nicht auch neue bequeme Wörter darinn bilden könnte, selbst die Kunstwörter der meisten Wissenschaften zugeben; wie man seit zehn oder zwanzig Jahren gesehen hat. Allein Dinge, die keinen andern Namen haben, als der aus einer fremden Sprache genommen ist, umzutaufen; und dadurch unverständlich zu werden: das ist gewiß tadelhaft. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 297f.) Denn außer daß man die Verwirrung dergestalt besser vermeidet, so gewinnt unsre Sprache und Dichtkunst auch dadurch eine mehrere Aehnlichkeit mit der griechischen und lateinischen, welches ihr in Ansehung der übrigen heutigen Sprachen allerdings einen Vorzug giebt. Jemehr wir nämlich die Füße und Verse der Alten nachahmen können, destomehr Wohlklang und Harmonie hat unsre Sprache und Verskunst aufzuweisen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 467)

182 —— Latein

Als Opitz seinen Aristarch geschrieben, gab es unter den lateinischen Deutschen Leute, welche der deutschen Sprache es vor eine grosse Ungeschicklichkeit enrechneten, daß sie keine Anagrammata, wie die lateinische an das Licht bringen könnte; damit er der unschuldigen Sprache auch derselben Gewogenheit erwürbe, unterzog er sich der Arbeit, die sonst für seinen Geist gar nicht anständig war, und anagrammatisirte ihnen ein paar deutsche Nahmen. (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 358) Ich will jetzo nur dieses sagen, wenn man den Sachsen gleich zugestehen wollte, daß ihre Sprache die gemeldeten Vortheile vor andern deutschen Mundarten hätte, daß dennoch das Glück ein Sachse gebohren zu seyn, eben keinen grossen Beytrag zu einer geschickten deutschen Schreibart thäte. Einestheils, weil zu geschehen pflegt, daß die Sachen, die wir im Ueberflusse besitzen, von uns weniger werth gehalten werden; daher viele Sachsen so wenig auf ihrer Sprache halten, daß sie dieselbe eben so häufig, als bey uns geschieht, mit lateinischen und frantzösischen Wörtern vermengen. Andern theils; weil sie sich bedüncken lassen, sie haben eine gnugsame Kundschaft der Sprache, welche sie von Kindheit an gehöret und geredet haben, geben sie sich daher keine Mühe, die guten Scribenten dieserwegen aufzuschlagen, sondern begnügen sich an der gewöhnlichen Sprache, ungeachtet diese niehmals so zierlich und geschickt ist, als der guten Verfasser. (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 401f.) Es ist gantz wahrscheinlich, daß diese Verstellung der Zeitwörter in der deutschen Sprache eine ungereimte Nachahmung der lateinischen Sprache sey; daß sie ihr nicht eigen sey, zeigen die Schriften, die vor der Widerherstellung der Wissenschaften, und der lateinischen Sprache verfertiget worden, in welchen man die gegenwärtige Ordnung der Zeitwörter vielfältig aus der Acht gelassen hat. Es ist wunderbar, daß die Deutschen, die in diesem Stücke die Lateiner so unnöthig nachahmen, einen so deftigen Abscheu selbst gegen die ausländischen Wörter bezeugen, welche sie unentbehrlich nöthig haben! (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 562f.) Will jemand in Teutschland einen Secretarium eines hohen Ministers oder Gesandtens abgeben, muß er, nebst der Lateinischen und Frantzösischen, insonderheit der Teutschen Feder mächtig seyn, weil seinem Herrn nicht allemal frey steht, in was vor Sprache er seine Berichte schreiben will, da denn gewiß der Herr Secretarius gar schlecht bestehen dürffte, wenn er in denen elenden Brief-Stellern sich Raths zu erholen, oder, nach dem bloßen Cantzley-Formular seine Ausfertigung zu machen, genöthiget würde. (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 8) Gleichwie aber in der Lateinischen Sprache ein Auctor iezuweiln ein Wort in einer Bedeutung oder Construction braucht, in welcher es bey keinem andern leichte angetroffen, und dahero von guten Lateinern nicht gern, wenn gleich der Auctor sonst von großem Ansehen, und aus dem güldnen Seculo wäre, nachgeahmt, sondern deswegen billig vor einen Eigensinn oder entfallenes Wort geachtet wird, weil ein einziger Mann nicht vermögend ist, der gantzen Sprache etwas aufzubürden, und die übrigen alle zum Beyfall gleichsam zu nöthigen: Also muß man auch im Teutschen darauf sehen, daß man solche Worte, Constructionen und Redens-Arten erwehle, welche hin und wieder von guten Teutschen Schrifft-Stellern gebraucht, und in der grossen Welt einmal auf und angenommen worden sind. (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 15)

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Endlich verstoßen auch diejenigen wider die Deutlichkeit, so im Teutschen den Casum nach denen Lateinischen Particuln eingerichtet wissen wollen, welcher Fehler iedoch einem gesunden Teutschen Gehör so vernemlich ist, daß ich Exempel davon zu geben nicht nöthig befinde. (GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 28) […]: bis ich wahrnahm, daß meine Schüler in der Muttersprache schier so leicht fehlten, als in der lateinischen; daß sie z. B. weit leichter das tempus eines lateinischen, als teutschen uerbi formirten, weit hurtiger den casum einer lateinischen, als teutschen Präposition erriethen, die Ordnung der teutschen Redetheile selten träffen, u. d. g. (AICHINGER: Versuch einer teutschen Sprachlehre, Frankfurt/Leipzig 1754, 2f.) Die Sprache Latiens hatte sonsten das Recht, die allgemeine Sprache der Gelehrten zu seyn, behauptet; und wir wollen ihr auch diesen Vorzug, wegen der eingeführten Kunstwörter, einigermaßen nicht streitig machen; indessen ist es doch nicht unmöglich, wenn die teutschen Gelehrten eben diese Ehre ihrer eigenen Sprache bey ihren Landesleuten zuwege zu bringen suchten, daß solche auch zum Vortrage der wichtigsten Wahrheiten aus den höhern Wissenschaften geschickt erfunden werde. Mehr als ein beträchtlicher Vortheil würde dadurch unserm Vaterlande zuwachsen. Die höhern Wissenschaften würden nicht nur, durch solche teutsch abgefasste Schriften, in desselben Grenzen ein desto schöneres Wachsthum erhalten, und mehr empor kommen; sondern auch die Ausländer müssten, zur Ehre unsers Volkes, die teutsche Sprache, so wie wir die ihrige, erlernen; ja, die Teutschen würden alsdann nicht allein den Namen der Uebersetzer führen, bey denen die UebersetzungsSeuche so überhand genommen, daß sie auch so gar alle französische Kleinigkeiten nicht unübersetzt lassen. (MÜLLER: Teutsche Gesellschaften, Jena 1754, 13) Dises ist sonderbar beym Ubersetzen des Französischen ins Latein zu mercken: dann weilen jenes meistens von disem herkomt, und jedoch gar vile Wort, die den Ursprung vom Lateinischen haben, von denen Franzosen (wie anderwärts wird gezeiget werden), in alia significatione gebraucht werden: so kann man darmit gar leicht die gröbste Fehler begehen. Wan auch zweytens dergleichen Wort schon die nemliche Signification mit dem Lateinischen haben; müssen sie jedoch nicht jederzeit, ja selten, nach dem Lateinischen gesetzt werden; sonsten komt ein gar armseliges Kuchel-Latein heraus; wie wir dessen an dem Buch, Clericus Instructus genannt, ein gantz frisches Exempel haben. Es ist dahero eine gute Version aus dem Französischen ins Latein zu machen, dermassen schwehr, daß man, um sich nicht vom Ur-Text, den man vor sich hat, einnehmen zu lassen, villeicht besser thäte und wenigere Mühe hätte, wan man die Materi zu erst ins Teutsche, und hernach erst ins Latein setzete. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 2) Weilen die teutsche Sprach mit der Lateinischen und allen übrigen, die von dieser herkommen, nicht nur keine Verwandtschafft hat, sondern denenselben ihrer Schreib-Art nach schnur-stracks zuwider ist: dan anstatt diese viles nur laconicè und concisè mit einem oder wenigen Worten andeuten, und es nichts destoweniger verstanden wird und schön lautet; will hingegen die teutsche Sprach die Sach ausführlich haben. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 4)

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Zuschrifft, zuschreiben, für: ein Buch dediciren, ist allzu general, und dem gemeinen Mann wohl unbegreifflicher, als das Lateinische, nachdem er dises auch nur einmahl gehört und die Bedeutung desselben erkundiget hat. Es ist auch endlichen denen Sachsen selbst verdächtig vorgekommen; weswegen sie das zueignen, Zueignungs-Schrifft, darfür erfunden haben; villeicht aber eben so unglücklich, als das vorige: weilen auch dises die eigentliche und natürliche Bedeutung vorstehender lateinischer Worten nicht genugsam erklärt: Uberreichen, Ubergabs-Schrifft, wäre villeicht besser. Allein bedunckt mich immer: das schon von langem her teutonizirte: dediciren und Dedication seye vil natürlicher. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 309) Ein Zoilus möchte mich villeicht tadeln, daß indem ich hier und in disem gantzen Wercklein von rein und gut-Teutsch rede; ich doch selbst, auch offt ohne Not, so viles Latein eingemengt habe. Doch hoff ich die Vernünfftige werden es mir zu gutem halten; welche nemlichen erkennen und erwögen, daß ich für Ubersetzere; folgsam für Männer die das Latein notwendig verstehen müssen; denen auch angenehmber seyn wird, wan sie das Notwendige kürtzer und ausdrücklicher in einfachen Worten finden; als wan sie es aus weitläuffigen Umschreibungen der Sachen, abnehmen müssten, schreibe. Doch bekenn ich, daß meine sträffliche Eylfertigkeit im Schreiben auch einige Schuld daran habe. (DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 317) Fremde ausländische Wörter (barbarismi) machen die Schrift unverständlich. Es läßt überhaupt nichts närrischer als ein Mischmasch von Wörtern aus allerley Sprachen; denn es sieht wie ein Bettlerkleid aus. Man muß sich wundern, wie dieses Uebel die Deutschen besonders in ihren Briefen angesteckt: Allein die neuern Kunstrichter haben ihre Mutter sprache, die gar nicht arm ist, von dem Schimpf, den schon der alte Rachel durchzieht, befreiet. Das Französische ist nicht nöthig, das Latein vergiebt man Gelehrten und noch eher Pedanten. Zu einer reinen Sprache hilfe viel das Lesen guter deutscher Komödien und wohl übersetzter unanstößiger Romanen. (LINDNER: Anweisung zur guten Schreibart überhaupt, Königsberg 1755, 16f.) Man thut auch wohl, wenn man sie diese Reden übersetzen lässt, solche sattsam ausbessert, und die das Deutsche von neuem auswendig und hersagen lässt: damit sie um so vielmehr sehen mögen, daß sich auch in der Muttersprache der Nachdruck und die Schönheit der lateinischen Sprache ausdrücken und erreichen lasse. Man muß aber in der Ausbesserung solcher Uebersetzungen fleißig Acht haben, daß kein Latinismus, oder sonst etwas Ungeschicktes in den Redensarten und Wortfügungen mit unterlaufe. (GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759, 117) Es giebt der Pedantereyen so viel, daß ich nicht fertig werden kann, alle Arten der pedantischen Schreibart zu erzählen. Dahin gehöret unter anderen auch die Kunst, im Deutschen lateinisch zu reden, und lauter solche Wortfügungen, Einschaltungen und Versetzungen der Wörter zu brauchen, der gleichen die Lateiner sonst gebrauchet haben. Z. E. Nikolaus von Weil, dessen Deutschungen ich oben angeführet, übersetzet diese Worte: Senes amantes vidi permultos, amatum nullum: Ich habe gesehen vil liebhabend Mann, aber liebgehabten keinen. Ja gemeiniglich gehet es denen so, die alte römische Scribenten deutsch übersetzen wollen. (GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759, 872)

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Wie? Wenn sich nun in allen Nennwörtern nicht mehr als vier Endungen fänden: würde man denn Ursache haben, mehr als 4 Casus anzunehmen? Die Griechische Sprache hat nur Fünf, und ist doch iederzeit für vollkommner gehalten worden, als die Lateinische. Die Deutsche aber hat wirklich nur vier: Weil der Vocativus dem Nomin. allemal gleich: und bald mit Vorsetzung des Wörtchens o! ach! u. s. w. bald ohne dieselben, gleichwie der Ablativus durch den Dativum und mitHülffe eines der Vorwörter von, mit, durch, vor u. s. w. ausgedrücket wird. Denn ein anders ist sechs Endungen haben, ein anders die sechs Endungen einer andern Sprache ausdrücken können. Die Franzosen und Engelländer haben gar keine Casus, weil ihre Nomina keine verschiedene Endungen haben, ob sie gleich alle Sechs Latein. Casus vermittelst gewisser Vorwörter ausdrücken können, welches auch von vielen alten Sprachen, als der hebräischen, gilt. (HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 58f.) Zweytens gehöret unter die nothwendigen todten Sprachen die Griechische und Lateinische. In beyden, vorzüglich aber in der Griechischen, sind Werke bis auf unsre Zeiten gekommen, welche die größte Meisterstücke der Gelehrsamkeit sind. Zur Erlernung der Beredtsamkeit, zur Erweiterung der Dichtkunst, zur Kenntniß aller übrigen schönen Künste, der Geschichten und Philosophie, sind diese Sprachen unentbehrlich. (SULZER: Kurzer Begriff aller Wissenschaften, Frankfurt/Leipzig 1759, 21) Den lateinischen Vortrag, der beynahe in allen andern Facultäten abgeschaffet ist, hat man in den medicinischen Vorlesungen beybehalten, ob es gleich in keiner Wissenschaft mehr des Lateins unkundige Zuhörer giebt: die Botanik wird als Theil der Medicin angesehen, darum wird sie lateinisch gelehret, und dem Zuhörer werden keine andere Nahmen geläufig, als deren sich seine Lehrer bediente. Ich will die Lateinische Sprache nicht von den Universitäten verdrängen helfen: allein den Wunsch halte ich für patriotisch, daß sie in den Lehrsälen der Naturgeschichte und Botanik der Muttersprache Platz mache. Man trage alle Disciplinen, wenn man will Lateinisch vor, nur nicht die, in welcher wir von dem Landmann lernen, und seine Erfahrungen sammlen müssen: er hat die Natur stets vor Augen, und seine Entdeckungen gehen uns verlohren, wenn wir seine Sprache nicht verstehen. Die Lateinische Sprache ist ohnehin zum Vortrage der Naturgeschichte ungeschickt, weil wir, nach dem Urtheil der größesten Kenner, noch so wenig wissen, welches Kraut oder Thier, diesen oder jenen Lateinischen Nahmen geführet hat: und mich dünckt, diese Sprache seufze nach ihrer Befreyung aus den Botanischen Hörsälen. Die Aussprache derselben ist so unprosodisch, (ärgerer grammaticalischer Sünden nicht zu gedencken) daß einem, der Latein verstehet, die Ohren dabey weh thun, und doch durch das öftere Anhören der falschen Aussprache, die Gewohnheit fast aufgezwungen wird, eben so unregelmäßig zu sprechen. Kein Liebhaber des Lateins, und kein Freund der Botanik, kann die Fortsetzung einer so wunderlichen Botanik wünschen. (MICHAELIS: Einfluß der Meinungen in die Sprache, Berlin 1760, 31) Das barbarische Latein ersetzt den Mangel schlecht: denn ein Volck versteht das barbarische Latein des andern nicht, weil ein jedes seine eigene Sprache damit vermischet. Dies ist eben die Haupt-Ursache, welche die Gelehrten bewegen soll, sich der reinen und alten Latinität zu befleißigen. Es wäre weit glücklicher, wenn das Loos die Griechische Sprache getroffen hätte, bey der doch die Lateinische in der Medicin und Natur borgen muß, und dabey allen dunckel ist, die kein Griechisch verstehen. Die Biegsamkeit des Griechischen in

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viel tausend neue Zusammensetzungen der Wörter, würde ein Vortheil gewesen seyn, den man anderwärts vergeblich suchet. Große Gelehrten haben es erkannt: allein es ist zu spät, das Loos ist geworfen, ehe man im Stande war zu wählen, und wir sind gezwungen seiner Entscheidung zu folgen. (MICHAELIS: Einfluß der Meinungen in die Sprache, Berlin 1760, 74) Wegen der deutschen Kunstwörter muß ich noch etwas erinnern. Da ich mein Buch den Deutschen, und sonderlich der Jugend, zu gut abgefasset, die nicht allezeit die lateinische Grammatik gelernet hat; sonderlich wenn sie sich dem Soldatenstande, der Schreiberey, dem Handel und Landleben widmet: so habe ich es für unbillig gehalten, mich lauter lateinischer Kunstwörter zu bedienen. Vor allen denselben haben solche Anfänger nicht den geringsten Begriff, sondern lernen sie zur Noth auswendig, wie die Nonnen den Psalter: da sie hingegen durch deutsche Benennungen sogleich einigen Verstand von der Sache bekommen. Es war aber auch dabey das junge Frauenzimmer in Betrachtung zu ziehen: welches ja nicht unwürdig ist, seine Muttersprache etwas besser und richtiger schreiben zu lernen, als seine Mägde. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 14) Und was kann in der That wunderlicher seyn, als zu fordern: daß ein Deutscher erst eine lateinische, oder französische Grammatik können müsse, ehe er seine Muttersprache recht richtig reden und schreiben lernen kann? (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 14) Die Deutschen haben itzt alle die Buchstaben, die von den Lateinern, theils in ihren eigenen Wörtern, theils in denen, die sie aus dem Griechischen angenommen hatten, gebrauchet worden sind. Denn obgleich Ulfila, der gotische Bischof, im IV Jahrhunderte, bey Übersetzung der IV Evangelisten, seinem Volke zu gut, eigene gothische Buchstaben erfunden a) hat; ob wohl die alten Marcomannen auch ihre eigenen Buchstaben b); ja auch die Angelsachsen ihr sächsisches c), so wie die alten Schweden und Isländer ihr runisches Alphabeth gehabt d); welche man die ursprünglichen Buchstaben der Deutschen nennen könnte e): so haben doch, vermöge der Ausbreitung des Christenthums, die lateinischen endlich die Oberhand behalten; und allmählich durch die Mönchschrift, eine neue Forme und Gestalt bekommen. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 67) Rein ist, was nicht mit fremdartigen Theilen vermischt ist. Das Fremdartige, was in Sprachen in Betrachtung kommen kann, sind vornehmlich, verältere, provinzielle, ausländische und sprachwidrig gebildete neue Wörter, Bedeutungen und Formen. Die erste Art gibt die Archaismen, die zweyte die Provinzialismen, die dritte die Latinismen, Gallicismen, u. s. f. und die vierte endlich die Neologismen. Alle zusammen werden noch mit zu den Barbarismen gerechnet. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 84) Wir folgen hierinn den griechischen Sprachlehrern, die auch damit den Anfang machen. Denn unsere Sprache hat in den Artikeln, oder Geschlechtswörtern eine große Ähnlichkeit mit der griechischen. Auch die alte gothische hergegen hatte sie schon, wie aus dem Ulfila erhellet. Die lateinische hergegen hat sie nicht: ihre heutigen Töchter aber, die wälsche, spanische und französische, haben sie von ihren deutschen Überwindern, den Gothen, Longobarden, Vandaliern, Burgundern, Franken, und Normannen annehmen müssen. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 198f.)

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Man thut also, in Ansehung der letzten Art von Wörtern, am besten, wenn man weder eins, noch das andere behauptet, sondern die Mittelstraße geht. Die vernünftigsten Gründe geben es nämlich, daß alle europäischen Sprachen von der alten celtischen, und scythischen ihren Ursprung genommen haben. Von dieser alten gemeinschaftlichen Mutter und Großmutter nun, haben die griechische, lateinische, deutsche und sklavonische Sprache, als die vier europäischen Hauptsprachen, eine große Anzahl Stammwörter, so unverfälscht beybehalten, daß sie einander darinnen noch gewissermaßen ähnlich sind. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 237f.) Es ist eine altväterlische Nachahmung des Griechischen und Lateinischen, die wider den natürlichen Schwung unserer Sprache läuft, wenn man einen Satz mit einem Mittelworte der gegenwärtigen Zeit anfängt. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 550f.) Übrigens ist es nicht genug, so zu schreiben, daß man zur Noth verstanden werden kann, wenn man recht Latein oder Deutsch schreiben will. Die Germanismi im Lateine sind auch zu verstehen und taugen doch nichts. So ist es mit den Latinismis, Gallicismis, Anglicismis im Deutschen auch. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 553) In der Vergleichung, welche man bey Gelegenheit einer Streitfrage zwischen der lateinischen und französischen Sprache anstellt, gerieth man auch auf eine Untersuchung der Lehre von den Inversionen. Es ist bekannt, wie weit die Freyheit in der römischen Sprache geht die Wörter zu versetzen, und daß man in Schulen die Gewohnheit hat, diese Schönheit der alten Schriftsteller, durch das sogenannte construiren, zu vernichten; weil durch diesen methodischen Unfug dem Ohr der Jugend die Übung des Wohlklangs, der zu einem lateinischen Perioden gehört, entzogen wird, und zugleich der Nachdruck des Sinns vielmals verloren geht, wo durch die Stellung der Wörter die Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuhörers erweckt und stuffenweise unterhalten werden soll. (HAMANN: Anmerkungen über die Wortfügung in der französischen Sprache, Königsberg 1762, 130) Wenn man den gegenwärtigen Zustand der Gelehrsamkeit in Deutschland, sonderlich unter den Protestanten, betrachtet, so wird man ohne Zweifel zugestehen, daß auch dieses mit zu den merkwürdigen Veränderungen derselben gerechnet werden müsse, daß sie mehrentheils in deutscher Sprache mündlich und schriftlich vorgetragen wird. Und wenn man auch alle lateinischen Schriften der deutschen Gelehrten zusammennimmt, so sind doch die wenigsten derselben in gutem Latein geschrieben. Die lateinische Sprache hat beynahe aufgehört, die Muttersprache der Gelehrten zu seyn, und die Bemühung der meisten Gelehrten scheint dahin zu gehen, statt des Lateins die deutsche Sprache in der gelehrten Welt zur vornehmsten und gewöhnlichsten Sprache zu machen. Ich glaube, daß alle meine verständige Leser es für nützlich und nöthig halten werden, zu untersuchen: ob diese Veränderung in dem Zustande der Gelehrsamkeit unter den Deutschen, der Gelehrsamkeit zum Vortheil oder zum Schaden gereiche. Könnte man gründlich erweisen, daß die Gelehrsamkeit selbst dadurch einen Schaden litt, so müste man Deutschland beklagen. Es wäre zu besorgen, daß Deutschland, in Absicht der Gelehrsamkeit, über kurz oder lang in eine völlige Barbarey zurück sinken werde. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 3f.) Es giebt auch Weltweise und andere Gelehrte, welche, weil sie selbst in keiner Sprache, und am allerwenigsten in der lateinischen, eine grosse Vollkommenheit erlangt haben, ihren

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Lesern und Zuhörern den Wahn beybringen, daß alles, was man von der Schönheit einer Sprache sage, zu den Schulsachen und grammatischen Kleinigkeiten gehöre, die man nicht zu dem Wesen einer grossen Gelehrsamkeit rechnen müsse, und um welche sich ein grosser Geist, als welcher beständig auf Realitäten sein Augenmerk richte, nicht bekümmern könne. Es sey nichts daran gelegen, ob man eine wichtige und nützliche Wahrheit in gutem oder schlechtem Latein, in einer guten oder einer schlechten Schreibart, ausdrücke. Genung, wenn man sie nur dergestalt ausdrücke, daß der Leser und Zuhörer uns verstehen, und eine gründliche Einsicht in diese Wahrheit erlangen könne. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 4f.) Es würde, in einer philosophischen Abhandlung dieser Sache, in der That lächerlich seyn, wenn man, bey dem Worte, eine gelehrte Sprache, gleich an die lateinische und griechische Sprache denken wollte; und wenn man also den Schluß machte, daß niemand gelehrt heissen könnte, wer nicht eine von diesen beyden Sprachen, oder beyde zugleich, in seiner Gewalt hat. Sondern, wenn man, auf eine philosophische Art, die griechische und lateinische Sprache, als die gelehrten Sprachen, betrachten will: so muß man, durch die critische und philosophische Untersuchung derselben, einsehen, daß sie alle diejenigen Vollkommenheiten in dem gehörigen Grade besitzen, um derenwillen eine Sprache, den Namen einer gelehrten und philosophischen Sprache, verdient. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 36f.) Es ist in Wahrheit einem Gelehrten höchst unanständig, wenn er mit einer blinden Hitze behaupten wolte, daß niemand ohne Latein gelehrt, oder daß derjenige, welcher die lateinische Sprache nicht versteht, kein Gelehrter seyn könne, und wenn er dabey gar nicht wüste, warum diese Sprache eine gelehrte Sprache sey. Wer den ganzen Streit, über die Nothwendigkeit der griechischen und lateinischen Sprache zur wahren Gelehrsamkeit vernünftig entscheiden will, der muß einen deutlichen und vollkommenen Begrif von den mannigfaltigen Vollkommenheiten einer gelehrten Sprache haben, und alsdenn untersuchen, ob diese genannten Sprachen nicht nur diese Vollkommenheiten haben, sondern ob auch andere Sprachen mit eben diesen Vollkommenheiten ausgeschmückt sind, oder ob die es nicht sind. Nun müssen wir hier, die Vollkommenheiten einer Sprache selbst, nicht mit den Vollkommenheiten der Fertigkeit des Gebrauchs derselben verwechseln. Wer eine Sprache nicht recht gelernt hat, und wer keine recht vollkommene Fertigkeit in dem gebrauche derselben, durch seinen Fleiß, erlangt hat, in Absicht auf denselben ist die allervollkommenste Sprache sehr unvollkommen, aber durch seine eigene Schuld. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 37f.) Daher kommts, daß man in einer Sprache ausländische Kunst-worte annimmt, und z. E. im Deutschen, bald einen lateinischen, bald einen griechischen gelehrten Ausdruck braucht. Geschieht dieses ohne Noth, und könnte man, statt des fremden Ausdrucks, einen eben so guten deutschen brauchen, so ist es ein Fehler des Gelehrten, welcher entweder die deutsche Sprache nicht recht in seiner Gewalt hat, oder, wie ein Schulfuchs, sich mit dem Latein und Griechischen groß machen will. Wenn es aber aus Noth geschieht, so ist die Frage, ob man nicht in einer Sprache ein neues Wort, auf eine der Natur derselben Sprache gemässe Art, hätte einführen können? Wäre dieses möglich gewesen, und man vermischt dem ohnerachtet diese Sprache beständig mit fremden Ausdrücken, so erhält man sie in ihrer Dürftigkeit, und man verhindert dadurch, daß sie nicht nach und nach eine gelehrte Sprache wird.

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Ist dieses aber nicht möglich gewesen, so ist es ein Beweis, daß dieselbe Sprache, nach ihrer dermaligen Beschaffenheit, noch keine gelehrte Sprache werden kann. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 43f.) Man kann die vorhergehende Betrachtung durch eine Meinung bestätigen, welche unendlich viele Menschen haben, und welche als ein unschädliches Vorurtheil zu betrachten ist, welches unmöglich unter den Menschen ausgerottet werden kann. Die alten todten Sprachen, und die ausländischen Sprachen, werden nemlich unter einem Volke gemeiniglich für edler, erhabner und anständiger gehalten, als die Landessprache. Wenn unter uns Deutschen lateinische, griechische, französische Ausdrücke gebraucht werden, und sollten dieselben auch noch so pöbelhaft seyn, so merken es unendlich viele Deutsche nicht. Sie schämen sich ofte, eine Sache deutsch zu nennen, und nennen sie ohne Schaam mit einem lateinischen Namen, der nicht erhabner ist; und es geschiehet nicht selten, daß ehrbare Leute die pöbelhaften französischen Ausdrücke brauchen, ohne roth zu werden. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 48) Nach diesen allgemeinen Betrachtungen, über die Natur der gelehrten Sprache, wird es nicht unnöthig seyn, einige Betrachtungen über die lateinische, griechische und deutsche Sprache anzustellen, in so ferne diese Sprachen, als gelehrte, betrachtet werden müssen. Ich setze hier, als eine ungezweifelte Sache, voraus, daß die lateinische und griechische Sprache in der That, den Namen der gelehrten Sprache, mit dem vollkommensten Rechte verdienen; weil sie alle diejenigen Vollkommenheiten in einem vorzüglichen Grade besitzen, wodurch eine Sprache ein gelehrte Sprache wird. Und ich glaube, daß man mit leichter Mühe beweisen könne, daß, ausser diesen Sprachen, keine andere bekannte Sprache, in einem so vorzüglichen Grade, eine gelehrte Sprache genennet zu werden verdiene. Es ist demnach die Frage: ob die griechische und lateinische Sprache so nothwendig und wesentlich zu der wahren Gelehrsamkeit erfordert werdne, daß ohne dieselben niemand ein wahrer Gelehrter werden könne, und daß niemand den Namen eines wahren Gelehrten verdiene, wer nicht wenigstens eine von diesen beyden Sprachen in siner Gewalt hat? (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 74) Das Wesen der Gelehrsamkeit besteht, in einer vorzüglich vollkommenen, und durch die Kunst verbesserten, vernünftigen Erkenntniß, wozu auch allerdings eine vollkommene Sprache erfodert wird. Allein nimmermehr kann aus diesem Begriffe erwiesen werden, daß diese Sprache keine andere als die griechische und lateinische seyn könne. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 75) Aus dieser übertriebenen Hochachtung der lateinischen und griechischen Sprache entsteht eine andere Thorheit mancher Schulgelehrten, vermöge welcher sie überall von dem Latein und von dem Griechischen verfolgt werden. Und wenn sie auch die allergemeinsten Gedanken lateinisch und griechisch ausdrücken, so hoffen sie sich dadurch das Ansehen der Gelehrsamkeit zu geben, weil es ihrer Meinung nach gelehrt klingt. Sie begnügen sich nicht bloß damit, in einem artigen Umgange einem Frauenzimmer alles Wohlergehen zu wünschen, sondern sie wünschen demselben noch dazu alle Prosperitæt. Dergestalt riechen sie immer nach der Schule, und bilden sich ein, man würde sie für keine Gelehrte halten, wenn sie nicht beständig lateinisch oder griechisch von sich hören lassen. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 76)

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1) Es giebt manche Theile der Gelehrsamkeit, welche schlechterdings nicht gehörig erlernt werden können, wenn man die griechische und lateinische Sprache nicht in seiner Gewalt hat. Hierher gehört z. E. das römische Recht, die griechische und römische Historie u. s. w. Allein 2) es giebt manche Theile der Gelehrsamkeit, in denen man es zu einer sehr grossen Vollkommenheit bringen kann, ob man gleich weder der lateinischen noch griechischen Sprache mächtig ist. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 79f.) 3) Wenn man behauptet, man könne sich in allen Fällen, da man in einigen Theilen der Gelehrsamkeit die griechischen und lateinischen Schriftsteller lesen muß, wenn man was gründliches lernen will, mit den Uebersetzungen derselben behelfen, als an denen man heute zu Tage keinen Mangel habe: so sagen einige eifrige Verehrer des Griechischen und Lateinischen, daß es unmöglich sey, den wahren Sinn der Alten aus den Uebersetzungen kennen zu lernen, weil keine derselben den Grundtext erreicht. Nun ist es ohne Zweifel in den meisten Fällen ganz unläugbar, daß man besser thue, einen Schriftsteller in der Grundsprache zu lesen, als in der Uebersetzung. Allein es muß dabey nicht nur vorausgesetzt werden, daß man keine guten Uebersetzungen desselben habe, sondern, daß man auch die Sprache, in welcher er geschrieben hat, dergestalt in seiner Gewalt habe, daß man ihn lesen kann, ohne daß man selbst in seinen Gedanken ihn erst übersetzen müsse. Diejenigen, welche bey allen Gelegenheiten darauf dringen, daß man die lateinischen und griechischen Schriftsteller in der Grundsprache lesen müsse, wenn man anders ihre wahre Meinung, und die Vortrefflichkeit Ihrer Gedanken, erknnen wolle, betrügen sich selbst ofte handgreiflich, und sie können diesen Betrug leicht merken, wenn sie nur auf ihre eigene Erfahrung acht geben. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 81) Es ist eine Ausschweifung der Gelehrten gewesen, daß sie von je her unnöthige gelehrte Kunstwörter, in allen Theilen der Gelehrsamkeit, eingeführet haben. Die gelehrte Welt könnte dieselben, ohne Schaden der reellen gelehrten Erkenntniß, auf ewig vergessen, und es hat keinen erheblichen Nutzen, daß man ofte genöthiget ist, sein Gedächtniß mit dieser überflüßigen Last zu beschweren. Man kann auch ofte einem griechischen oder lateinischen Worte in der deutschen Sprache das Bürgerrecht ertheilen, ohne der Natur unserer Sprache zuwider zu handeln. Man kan in unsern Tagen z. E. mit Wahrheit behaupten, daß das Wort Philosophie, durch den öftern Gebrauch, ein deutsches Wort geworden. Allein, dem alles ohnerachtet, da es doch eine Ausschweifung seyn würde, gar zu vielen ausländischen Worten das Bürgerrecht zu ertheilen: so muß man gestehen, daß es unmöglich sey, die meisten Theile der Gelehrsamkeit vollständig in deutscher Sprache abzuhandeln. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 90f.) Die lateinische und griechische Sprache ist, auch in diesem Stücke, so vollkommen, daß die Regeln der Sprachkunst in diesen Sprachen völlig bestimmt sind. Es fehlt ihn[en] aber auch, zum andern, noch eine Anmuth in dem Klange, welcher theils aus der Aussprache eintzelner Worte, theils aus der Aussprache mehrerer Worte hintereinander, entsteht. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 93f.) Nun lehrt die durchgängige Erfahrung, daß eine Sprache nicht eher aus ihrer ursprünglichen Barbarey herausgerissen wird, bis nicht die schönen Künste und Wissenschaften, und die Gelehrsamkeit, sich derselben bedienen. Ein schöner Geist und ein Gelehrter werden eben, durch die schönen und höhern Wissenschaften, in den Stand gesetzt, tausend Fehler in der

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Sprache zu entdecken und zu verbessern, die ein anderer nicht einmal zu bemerken im Stande ist. Indem ein schöner Geist und Gelehrter mehr denkt, als ein anderer: so erhöhet er das Gefühl aller seiner Erkenntnißkräfte, und ist also im Stande, die Schönheiten und Häßlichkeiten der Ausdrücke zu bemerken. Dadurch ist ja so wohl die griechische als auch die lateinische Sprache, zu einer vollkommenen Sprache geworden, daß Redner, Poeten und Gelehrte sich derselben bedient haben. Eben dieses lehrt die Erfahrung von der französischen, engelländischen und italiänischen Sprache. Selbst unser Deutsches hat, den ganzen Grad seiner Vollkommenheit, durch welchen es so weit von dem alten Deutschen unterschieden ist, den deutschen Dichtern, Rednern und Gelehrten zu verdanken. Wenn also die gelehrten in Deutschland fortfahren werden, in ihrem mündlichen und schriftlichen Vortrage der Gelehrsamkeit, sich der deutschen Sprache zu bedienen: so kann man sich die gegründete Hoffnung machen, daß sie mit der Zeit eine eben so vollkommene Sprache werden könne, als die lateinische und griechische. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 97f.) Da die Wörter als Zeichen betrachtet willkürlich sind, so sind sie auch so ferne eine bloße Gedächtsnißsache, und ihre Anzahl sollte dadurch vermindert werden, daß man ihre Ableitung und Zusammensetzung in allewege bedeutend mache. Eine Sprache ist daher auch vollkommener, je mehr sie Möglichkeiten enthält, aus ihren Wurzelwörtern Wörter von jeder beliebigen Bedeutung zusammenzusetzen und abzuleiten, dergestalt, daß man aus der Structur des neuen Wortes seine Bedeutung verstehen könne. Diesen Vorzug hat die griechische und deutsche Sprache; Hingegen bleibt die lateinische darinn zurück, und die Römer borgten ihre neuen Wörter mehrentheils den Griechen ab, und der Gebrauch verboth ihnen, viele davon ausn ihrer eigenen Sprache zusammenzusetzen, die gar wohl möglich und der Art ihrer Sprache nicht zuwider gewesen wären. Die Schullehrer maßten sich diese Freyheit an, aber mehrentheils ohne die Art der Sprache zu kennen, und daher waren ihre philosophischen Kunstwörter eher Mißgeburten als ächtes Latein. Die deutsche Sprache, die bereits angefangen hat, zur gelehrten Sprache zu werden, scheint die Vollkommenheit der griechischen erreichen zu können. Sie hat bestimmte und bedeutende Wörter, und sehr viele Möglichkeiten der Zusammensetzung und Ableitung. Sie leidet härtere Fügungen der Mitlauter, und ist zu Metaphern biegsam. (LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764, 76f.) Es liegt der Kirche und dem Staate selbst daran, daß ihre Geschäfte in einer guten und gründlichen Red- und Schreibart abgehandelt werden. Da es endlich auch weit unentbehrlicher ist, eine gute Rede, einen Brief, oder eine Schrift in der deutschen als in der lateinischen Sprache verfassen zu können, so liegt die Nothwendigkeit, daß man sich eben so wohl auf die deutsche als auf die lateinische Redekunst begeben soll, von sich selbst ganz klar am Tage. (BRAUN: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, München 1765, 16f.) Wollte doch Gott! dass mehr, oder gar die meisten unsrer Landesleute von diesem Geschmacke und von dieser Denkungsart wären, wie bald würde nicht die wahre Beredsamkeit wiederum auf den Thron erhoben werden, auf welchen sie die griechischen und römischen Redner gesetzet, und worauf sie hernach auch die ersten Lehrer des katholischen Christenthums erhalten haben. Wie bald würden nicht anstatt der vielen Gleichnisse und Sinnbilder gründliche Beweise, anstatt der Wortspiele und gehäuften Exempel kräftige Bewegungsgründe, und endlich anstatt der schwülstigen, übertriebenen und gezwungenen Redensarten eine natürliche Art zu reden erscheinen, welche und gewiß weit mehr rühren und einnehmen

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wurde, als die geschminkte; wie eine natürliche Stellung des Leibes Jedrmann besser gefällt, als eine geswungene (BRAUN: Kunst zu Denken, München 1765, 1) Die Römer konnten nachdrücklich, und doch elegant schreiben; sie konnten sich erhaben und lebhaft ausdrücken, ohne schwülstig zu werden und zu pralen. Ihre Sprache hatte eine unendliche Biegsamkeit, und die unterschiedenen Charactere derselben waren bestimmt. Sie durften die Worte nicht suchen, sie stellten sich von selbst ein. (HEß: Einleitung in die Uebersetzungskunst, Hamburg 1766, 2) Ich könnte auch noch der Schönheit der Sprache gedenken und sie darthun, wenn es mich nicht zu weit verleitete, zumahl da der Begriff des Schönen nicht bey allen einerley ist. Will man sie in der gehörigen Abmessung und Verhältniß der Theile gegen einander, wie auch in der geschickten Verbindung des Aehnlichen und Unähnlichen setzen, so lässet sich solche bey einer Sprache beurteilen, 1) aus der gehörigen Vermischung der Consonanten und Vocalen, daß die schwereren mit den leichteren, die hartklingenden mit den sanften abwechseln, und daß die eine Art nicht zu sehr gehäuffet werde. 2) Aus der Vermischung der ein- und vielsylbigen Wörter. 3) Aus dem Gebrauch der Töne und aus dem Sylbenmaas der kurzen und langen etc. Dieses alles enthält den Grund der Euphorie oder des Wohlklanges und der Nutzen davon zeigt sich besonders in der Dichtkunst und Rede, die auf die Erregungen der Leidenschaften abzielen. Ich glaube daß auch jede Sprache ihre Schönheiten habe und daß sie sich von denen etwanigen Schlacken leicht reinigen lasse. Die lateinische, französische und deutsche geben hievon Beweisthümer. (SÜßMILCH: Die erste Sprache, Berlin 1766, 32f.) Betrachtet eine Philosophische Sprache: wäre sie von einem Philosophen erdacht: so hübe sie alle Inversionen auf: käme eine allgemeine Sprache zu Stande: so wäre bei ihren Zeichen noth wendig jeder Plaz und jede Ordnung so bestimmt, als in unsrer Dekadik. So lange wir aber noch keine durchaus Philosophische Sprache haben, die blos für die Weltweisheit erfunden wäre: so nehmt die, die am meisten zur Weltweisheit gebraucht wird, die Lateinische, nehmt sie, wie sie in den Büchern der Weltweisheit ist, wenn sie Lehrsäzze und trockene Beweise vorträgt: wie ist sie? Ohne Inversionen meistentheils. (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente, o.O. 1767, 191) Auch selbst in der lateinischen Sprache; die es am meisten zulässt, ist es gar nicht gleichgültig, wie die Wörter unter einander geworfen werden. Eine gewisse Folgeordnung ist immer vorzüglich harmonisch, und eine Aenderung ohne Rücksicht auf Nachdruck ist selten so erlaubt, daß der Wohlklang nicht darunter leide. (EHLERS: Vocabellernen beym Unterricht in Sprachen, Altona 1770, 49f.) Die unterschiedenen Provinzen des alten Griechenlandes, derer eine von der andern weder Befehl, noch Regel annahm, mußten nothwendig auf ungleiche Mundarten hinauslaufen: da hingegen das Latein so lange Zeit allerseits gleich geblieben, weil Rom das allgemeine Oberhaupt seinen Geist, und seine Sprache miteinander, allen auf gleiche Weise mittheilte. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 4) Noch eine bewährte Kunst, seine Belesenheit oder Erfahrenheit in Sprachen an den Tag zu legen, besteht in dem, daß man von der Zeit zu Zeit mit lateinischen, französischen, und

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andern Brocken um sich werfe, und ihnen zur Gnade einen deutschen Ausgang hintenan mache. Man schreibt z. E. Mentionierte 300fl. sollen auf den angesetzten Termin der militarischen Cassa getreulich restituiret werden. Oder: Dem Venetianischen Legaten ist Audienz ertheilet worden. u. dgl. m. Diese Wörter sehen beynahe aus, wie die poetischen Meerwunder, welche Neptuns Wagen ziehen, und aus Pferden zu Fischen werden. (W EITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 85f.) Wer lateinisch schreibt (die bekanten Nothdurften ausgenommen) wird so lange Landes verwiesen, bis er etwas in unsrer Sprache geschrieben hat. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 24) Die jetzigen Scholasten, die jenen nun das hundertmal nachsprechen, sind weiter nichts, als lateinische oder griechische Sprachmeister. Wer verachtet sie deswegen, weil sie nur das sind? Aber sollen sie denn deswegen, weil sie nur das sind, auch fortfahren eine Zunft zu seyn? Und dennoch würde die unüberwindliche deutsche Geduld sie noch beybehalten; wenn sie den Fortgang der Wissenschaften, durch Verwaltung der Nebendinge in Hauptsachen, des Mittels in den Zweck, nicht hinderten; nicht, weil man Anmerkungen über die Alten gar füglich lateinisch schreibt, noch immer bey ihrem Wahne blieben, daß man überhaupt am besten thäte in dieser Sprache zu schreiben; und, welches vollends alles übertrift, was nur ungedacht und lächerlich ist, daß man in keiner neuern, sondern einzig und allein in der römischen Sprache, (thun sie’s etwa? und kann man’s jezo noch?) schön schreiben könnte; wenn sie uns endlich, vornämlich durch diese Behauptung, nicht gerade zu verführen wollten, Hochverräther an unserm Vaterlande, an uns selbst, und an unsern Nachkommen zu werden, und zu glauben, die wahre, inre, tiefeingeprägte Kraft und Schönheit des deutschen Geistes könne durch unsre Sprache nicht ausgedrückt werden. Nichts geringeres liegt in ihrer Behauptung. Denn sie wissen, oder solten wissen, daß wir auf keine Weise verlangen etwas Fremdes, was Ausländisches, altes oder neues auszudrücken. Ich rede gar nicht mehr von diesen Männern, gar nicht mehr mit ihnen, wenn ich hinzuseze, daß wir noch sehr vieles ungethan lassen, wenn wir nur diesen hochverrath nicht begehen. Wir müssen den Mut haben, den Entschluß fassen, ihn mit deutscher Standhaftigkeit ausführen, alle Wissenschaften, welche diesen grossen Namen verdienen, und dieß ungeachtet der Mitansprüche der gebildeten Völker Europa’s, in unsrer Sprache zu erweitern, und zu erhöhn. Denn der ist nur ein Kleinmütiger, ein Halbdeutscher, einer, der sein Vaterland verkent, der es noch erst lernen muß, daß der ächte Deutsche, der kernhafte Mann der Nation alsdann gewiß ausführt, wenn er auszuführen beschlossen hat. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 118) Wer diese Kunstwörter den deutschen vorzüge, müste, ausser den angeführten, noch viele die ihnen ähnlich sind, lernen. Dazu komt nun noch, daß eine deutsche Grammatik, in welcher die fremden Kunstwörter gebraucht würden, dennoch nicht ganz ohne deutsche seyn könnte. Denn fürs erste haben diese alten Grammatiker verschiedenes nicht untersucht, was sie hätten untersuchen sollten; man müste also noch einige Kunstwörter mehr haben, als man bey ihnen antrift: fürs zweyte erfodert das Eigentümliche unserer Sprache einige, die in den lateinischen Grammatiken nicht vorkommen konten. Also lateinische und deutsche Kunstwörter durch einander, ein gemisch, das mir wenigstens sehr widrig vorkomt. Ich hoffe, daß ich die, für welche ich schreibe, auf meiner Seite habe. Diejenigen, denen die fremden Kunstwörter durch lange Angewöhnung geläufig sind, können von dieser Sache nicht un-

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partheyisch urtheilen, wenn sie sich nicht an die Stelle derer setzen, welche diese Kunstwörter nun erst in spätern Jahren, und ohne die geringste Kentnis des Lateins, viel mühsamer lernen müsten, als sie dieselben in früheren, mit dem Lateine zugleich, gelernt haben. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 123f.) Die Gelehrtenrepubliken Europa’s machen, wie ihr wisset, Eine grosse lateinische Republik aus. Ihr sondert euch und tretet aus diesem vieljährigen Bunde, und wagt es mit eurer Sprache, wie weit sie sich, und mit ihr die darinn vorgetragnen Wissenschaften ausbreiten, oder nicht ausbreiten werden. Wir wissen, antwortete ich, daß wir uns sondern, und was wir wagen. Unsre Sprache hat Kraft und Schönheit; und Inhalt, denk ich, geben wir ihr in unsern Schriften doch auch bisweilen. Was ihre Ausbreitung; anbetrift, so sagen unsre Aldermänner, daß wir keinen grösseren, und beynah keinen andern Stolz haben müssen, als den, für unsre Nation zu arbeiten. Ihr sehet, daß uns diese strengen Leute denjenigen Stolz, der auch nach Beyfalle der Ausländer strebt, fast verbieten. Sind übrigens unsre Schriften nur gut; so wird auch unsre Sprache, wir mögen diesen Stolz haben, oder nicht haben, ihren Weg schon gehen. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 129) Unser Tonmaß verbindet die Länge mit den Stamwörtern oder den Stamsylben, und beyde mit den Hauptbegriffen; die Kürze hingegen mit den Veränderungssylben, (diejenigen, durch welche umgeendet, und umgebildet wird) und beyde mit den Nebenbegriffen. Dieses macht, daß unsre Sprache den Absichten der Verskunst angemessner ist, als es selbst die beyden alten Sprachen sind. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183) Hiezu noch eine kleine Erinnerung an den Einfluß, welchen das Latein durch die Regularund Sekulargeistlichkeit, durch die Kanzleien und durch die Übersetzer ehemals in die Deutsche Verbindung der Sätze und Wörter gehabt hat, so wird man sich es erklären, warum wir bei dem Theil von Biegsamkeit, welche die Sprache der Deutschen itzt wirklich hat, doch zu Weilen noch von der Unzulänglichkeit ihrer Geschmeidigkeit reden können. (ANONYMUS: Beilage zu Herr Heynatzens Briefen die Deutsche Sprache betreffend, Liegnitz 1775, 60) Deutschland hat nun nicht mehr nöthig, in Bearbeitung der Künste und Wissenschaften eine fremde Sprache zu reden, wie es so viele Jahrhunderte gethan hat, da ein grosen Theils steifes und ungeschmackhaftes Latein in seinen Büchern herrschete. Alles, was zur SprachDicht- und Redekunst, was zur Geschichte, zur Rechts- und Gottesgelehrtheit, zur Vernunftund Naturlehre, zur Grundwissenschaft (Metaphysica), zur ganzen Weltweisheit und Gröselehre (Mathesis) gehöret, alle Theile der menschlichen Kenntnisse lassen sich jetzt auf eine geschickte und vortreffliche Art deutsch einkleiden. (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 4f.) Das gute und kernhafte Latein sucheten die Römer vormals in gleicher Quelle. Den Sprachgebrauch nennet Quintilian die Übereinstimmung der Gelehrten Es gingen in dem alten Italien eben so wohl verschiedene Mundarten im Schwange, als heut zu Tage bei uns und in andern Reichen; nicht desto weniger war die Sprache der römischen Gelehrten das allgemeine Muster, nach welchem sich alles richtete. Livius, ein vortrefflicher lateinischer Schriftsteller, der in einigen Stücken davon abgewichen war, wurde deßwegen vom Pollio einer Unrichtigkeit beschuldiget. Es ist zwar als etwas besonderes zu merken, daß in Griechenland vier verschiedene Mundarten, nämlich die attische, dorische, äolische und ioni-

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sche, gezählet wurden, die alle gut waren: allein sie waren blos darum gut, weil es eben so viele Mundarten verschiedener Gelehrten waren. Keine derselben, saget Schottel, wurde in irgend einer Gegend Griechenlands so geredet, wie sie von den Gelehrten gebrauchet wurde. Da nun ihr Ansehen hauptsächlich von den Gelehrten her kam: so mußte diejenige billig den Vorzug haben, welche die mehrsten und vortrefflichsten Ausüber und Bearbeiter aufzuweisen hatte; und dieses traf in der attischen vollkommen zu. (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.) Was die Ordnung der Theile eines Redesatzes anlanget, so ist dieselbe in einigen Sprachen, als der lateinischen u. a. m., sehr veränderlich. Z. B. der Redesatz, Vita humana Bellum est, kann folgende Versetzungen haben: Vita Bellum est humana, humana Vita est Bellum, Bellum humana est Vita, est Bellum Vita humana, humana Bellum est Vita u. s. w. Allein diese Versetzungen gehen in unserer und vielen andern Sprachen nicht an. Wie ungereimt käme es nicht heraus, wenn wir nach dem Lateinischen sagen wollten: Das Leben ein Krieg ist das menschliche, ein Krieg das menschliche ist Leben, und so weiter, an Statt, das menschliche Leben ist ein Krieg, oder, ein Krieg ist das menschliche Leben, welches die zwo einzigen Versetzungen sind, die der obige Redesatz im Deutschen annimmt. Es ist also die Ordnung der Theile eines Redesatzes in unserer Sprache an gewisse Gesetze gebunden, die Niemand überschreiten darf. (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 431f.) Diejenige Sprachforscher gefallen mir nicht, welche in Verbesserung der teutschen Sprache auf die älteste Zeiten, und gleichsam auf ihre Geburt zurük gehen, wo sie im werden und am unvollkommensten war. Da Griechenland und Latium in ihrem männlichen Alter stund, waren ihre Sprachen am feinsten und zierlichsten. (ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777, 943) Es hat freilich nie an deutschen Grammatiken gefehlt, die mir triumviralischer Strenge alle Sprachbereicherung in die Acht erklärten. Schon aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert könnte ich Exempel davon anführen. Aber wie würden sich diese Männer wundern, wenn sie wieder aufstünden, und sähen, was für eine veränderte und – ich denke, sie sollten es selbst eingestehen – schönere Gestalt unsre Sprache seit ihren Zeiten gewonnen. Welche Menge von neuen Wörtern, neuen Wendungen, neuen Wortfügungen haben sie seitdem wirklich bereichert, so daß sie, ein seltner Fall! izt der Philosophie und Poesie gleich bequem geworden. Wer wagte es damals leicht, metaphysische Spekulationen deutsch abzuhandeln? Dies fiel damals eben so schwer, als es izt dem deutschen Philosophen, der die philosophische Urbarheit seiner Sprache kent, schwer fällt, lateinisch, versteht sich, nicht im scholastischen Mönchslatein, zu schreiben. (GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779, 389) Man würde es lächerlich finden, wenn ein Fremdling, der sich in einem andern Lande niedergelassen, dennoch steif und fest bei seinen vorigen Sitten und Gebräuchen bliebe, ja sogar in seiner Nazionaltracht öffentlich zur Schau einherspazierte. Und doch thun dieß die fremden Wörter bei vielen unsrer Schriftsteller. Zwar ist’s nun schon fast überall aus der Mode gekommen (wenigstens im Druck,) sie mit andrer Schrift zu schreiben. Aber dennoch lassen wir ihnen noch immer zu sehr das fremde Kleid. Dahin gehört das noch bei so vielen Schriftstellern gebräuchliche lateinische Dekliniren vieler (sie widersprechen sich selbst, da sie’s nicht mit allen thun) aus dem Griechischen und Lateinischen entlehnten Wörter und

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lateinischen Namen, welches, weil es mehr das Innre der Sprache betrift, wirklich undeutscher ist, als unnöthige Aufnahme irgend eines fremden Worts. (GEDIKE: Gedanken über Purismus und Sprachbereicherung, 1779, 401) Die römische Sprache, welche unter der Herrschaft der Römer in Gallien festen Fuß fasste, schmolz mit den Ueberresten der alten gallischen zusammen, und artete unter einem fremden Himmel und bey dem Verfall der Nation in die romanzische oder römische Bauersprache aus, von welcher sie ohne dieß auch herstammte. Als die Franken dieses Reich eroberten, so brachten sie die deutsche Sprache mit dahin, welche bis in das 10te Jahrh. die französische Hofsprache blieb, dagegen die romanzische den niedern Classen des überwundenen Volkes überlassen blieb. (ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 241f.) Keine lebende sprache in der welt ist zum zusammensezen so geschikt, als di deutsche, und dises ist eine unerschöpfliche gwelle ihres reichtumes. Es ist daher denjenigen nicht zu ferzeien, di so file lateinische, französische, oder andere fremde wörder mit einmischen. Denn alle diese fremdlinge one ausname lassen sich durch di zusammensezung gewiß gut und schön ferdeütschen, wenn sich kein einfaches wort für si finden sollte. (HEMMER: Kern der deütschen Sprachkunst und Rechtschreibung, Mannheim 1780, 7) Wem hatten die Sprachen Griechenlands, Roms und Frankreichs ihre Verfeinerung, ihre Vollkommenheit, ihr Ansehen zu danken? Nicht den Sprachgesetzen irgend eines Monarchen, nicht den Künsteleyen dieses oder jenes Schriftstellers, nicht den Grillen irgend eines Sprachlehrers, bloß dem Grade der Cultur im Ganzen. (ADELUNG: Geschichte der Deutschen Sprache, Leipzig 1781, 3f.) Hierzu kommt noch, daß die deutsche Literatur eben das Schicksal gehabt hat, was den Fortgang der römischen Litteratur so lange aufhielt. Rom hatte seine ganze Aufklärung den Griechen zu danken. Lehrer und Hofmeister wurden aus Griechenland geholt, um die Jugend zu bilden, und was von jungen Römern von Stande auf feine Sitten, auf Wissenschaft und Geschmack Anspruch machte, gieng nach Athen. Dies gab allerdings der Nation ihre Ausbildung, aber die Ausbildung ihrer Sprache und ihrer Litteratur blieb auch so viel länger zurück; die Griechen gaben den Ton, sie entschieden, ohne die lateinische Sprache selbst zu verstehn, daß dieselbe für die Wissenschaften zu arm und zu rau sey; man glaubte ihrem Ausspruch; was von gutem Geschmack seyn wollte, laß, redete und schrieb griechisch; bis endlich Cicero das Herz fassete, seiner Muttersprache ihre Ehre zu geben und darinn zu philosophiren. (JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 5f.) Bey aller dieser schon so glücklichen Ausbildung unsrer Sprache, muß sie aber doch noch beständig den Vorwurf leiden, daß ihr Gang zu schwerfällig, daß ihre Construction zu verworren sey, und die Härte und Rauhigkeit ihrer Töne das Ohr zu sehr beleidige. Denen, die an den leichtern und einförmigern Gang der französischen Sprache einmal gewohnt sind, müssen allerdings die langen Perioden, die eingeschobenen Parenthesen, die gehäuften und zusammengesetzten Beywörter, die Versetzung der Präpositionen, die Trennung des Hauptworts von seinem regierenden Verbo, und daß dieses erst am Ende der Perioden kommt, nothwendig die Sprache sehr schwer machen. Aber jede Sprache hat ihren besondern Gang, der erst gekannt seyn will; die lateinische Sprache würde sonst, wegen ihrer

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uns eben so verworfen scheinender Constructionen, und der langen Perioden des Cicero eben der Vorwurf treffen. (JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 17) Der Lateiner hat z. B. außer den einzelnen Worten und Redensarten seiner Sprache, davon er aber doch selbst auch eine beträchtliche Anzahl den Griechen abgeborget hat, weder in der Sprache noch in den Wissenschaften etwas eigenthümliches aufzuweisen; alles, was er hat, hat er den Griechen zu verdanken. Man kann mit Recht die Frage aufwerfen: was doch die Ursache müsse gewesen seyn, daß der sonst so schöpferische Geist der Römer sich nur hierinnen so unthätig bewiesen hat, daß er sich lieber mit fremden Gütern hat behelfen, als eigene erwerben wollen? Man erlaube mir hierüber meine Meynung zu sagen. Als sich die Römer den griechischen Staat unterwürfig gemacht hatten, kamen zwey Völker zusammen, die in der That wahre Gegentheile von einander waren: das wildeste zu dem kultivirtesten; das gelehrteste und geschickteste zu dem ungelehrtesten und rohesten. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 16) Und sollte nicht eben diese genaue Verbindung, so sich zwischen der lateinischen und griechischen Literatur befindet, unsere Vorfahren zu jener weisen und klugen Anordnung veranlasset haben, daß diese beyden Sprachen in dem Unterrichte der dem Studieren gewidmeten Jugend stets mit einander aufs genaueste verbunden werden sollten, und zwar also, daß 1) das Griechische nicht in das Deutsche, sondern in das Lateinische übersetzet werden sollte, es müsste denn seyn, daß dem Schüler das Latein bey einer Stelle zu schwer vorkäme, in welchem Falle man es zuvor auch in das Deutsche und sodann erst ins Lateinische übersetzen lassen könnte? Dieses Verfahren hat den unläugbaren Nutzen, daß dem Schüler die nahe Verwandtschaft und Aehnlichkeit der beyden Sprachen immer gegenwärtig erhalten, und ihm zugleich die Quelle zu allen lateinischen Wendungen eröffnet wird, welches ihm nothwendig das angenehmste Vergnügen verschaffen muß. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 24) Wo die Römer, welche eben so stolz und bequem als die Araber waren, ein Land eroberten, da machten sie auch ihre Sprache zur herrschenden Gerichts- Hof- und Schriftsprache, und erreichten dadurch den Vortheil, theils daß sie die eroberten Völker auf das innigste mit sich verbanden, weil die Sprache eigentlich das ist, was Völker verbindet und trennet, theils aber auch, daß die Cultur unter den bezwungenen Völkern dadurch beschleunigt ward, weil sie mit der Sprache zugleich alle dazu gehörigen Begriffe überkamen. In manchen Provinzen, wo die Römischen Ankömmlinge zahlreich genug waren, und wo Roms Herrschaft lange genug dauerte, floß diese neue Sprache mit der alten Volkssprache zusammen, und wurde dessen ungeachtet noch immer die Römische oder Romanzische genannt, dagegen in den obern Classen und in Schriften die reinere Römische Sprache blieb, welche zum Unterschiede von jener vermischten Volkssprache nach und nach die Lateinische genannt wurde. (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 345) In denjenigen Ländern, wohin die Römische Herrschaft nicht reichte, war die alte Landessprache oder vielmehr die von den einwandernden fremden Völkerschaften mitgebrachte Sprache, diesen Veränderungen nicht ausgesetzt, sondern sie blieb dem Fortschritte ihrer eigenen Cultur überlassen. Allein da die Geistlichen, welche anfänglich gemeiniglich Ausländer waren, aus Bequemlichkeit die Lateinische Sprache nicht allein zur Sprache des Gottesdienstes machten, sondern sie auch, weil sie die einigen Gelehrten dieser Zeit, ja die

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einigen waren, welche schreiben und lesen konnten, in Schriften und öffentlichen Verhandlungen einführten, weil man glaubte, die neuen Begriffe, welche man durch die Cultur erhielt, ließen sich in der alten barbarischen Volkssprache nicht ausdrucken, so, blieb diese in der Cultur zurück, und daher siehet z. B. die Deutsche Sprache dieser Zeit noch so roh und wild aus, als das Volk, welches derselben überlassen war. (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 348) Es geschahe dieses zuerst von den Franken, welche bey ihrer Einwanderung in Gallien ein durch Römische Cultur bereits aufgeklärtes und gesittetes Volk antrafen. Da sie hier der Zahl nach die schwächsten waren, so mussten sie sich nach den Sitten und der Cultur der Überwundenen bequemen, und nunmehr fingen sie auch an, schreiben zu lernen. Es war ganz natürlich, daß sie dasjenige Alphabet und diejenigen Schriftzüge beybehielten, welche sie bereits in dem Lande fanden, und dieses waren nun keine andere, als die Römischen, so wie sie sich aus der großen Quadrat-Schrift, bereits zur Current-Schrift gebildet hatten. Allein, da die Deutsche Sprache, und besonders die Fränkische Mundart derselben, und die Lateinische, so sehr verschieden waren, so konnte es nicht fehlen, daß die Schriftzeichen der letztern den Lauten der erstern nicht allemahl angemessen waren, indem die Lateinischen Buchstaben die Fränkischen Töne oft nur ungefähr ausdruckten, für manche aber völlig mangelten. Man bemerkte dieses dem Anscheine nach sehr bald, daher der Fränkische König Chilporik um 580 das Lateinische Alphabet, so fern es in seiner Sprache gebraucht ward, mit drey neuen Buchstaben vermehrte, und Befehl gab, daß sie in den Schulen gelehret, und die bereits geschriebenen Bücher darnach geändert werden sollten. (ADELUNG: Grundsätze der Deutschen Orthographie, Leipzig 1782, 23f.) Roms Sprache sank in den folgenden Zeiten mit dem Verfalle des Geschmackes bis zu dem barbarischen Latein der mittleren Zeiten hinab, blieb aber dessen ungeachtet noch immer nicht allein die Schriftsprache, sondern selbst die feinere Gesellschaftssprache des größten Theiles von Europa, weil sie bey aller ihrer Barbarey doch lange Zeit sehr große Vorzüge vor den noch weit rohern und ungebildetern Volkssprachen hatte. Nach und nach verfeinerten und veredelten sich auch diese, und so wie dieses geschahe, und ein Land an Wohlstand und Geschmack zunahm, so bildete sich auch in demselben aus seiner Mitte eine eigene Schriftsprache, und so wie diese erhöheten Landessprachen dem verunstalteten Latein ihrer Zeiten an Cultur gleich kamen, so nöthigten sie dasselbe, zu seiner alten Reinigkeit zurück zu kehren, wollte es nicht ganz aus seinem Besitze verdränget seyn; welchem Schicksale es doch nicht ganz entgehen konnte, wenn die Landessprachen die alte Römische an Reichthum und Cultur zu übertreffen glaubten, und diesem Schicksale in Zukunft gewiß noch weit mehr ausgesetzet seyn wird. (ADELUNG: Magazin fur die Deutsche Sprache, Leipzig 1782, 10) Die Aufnahme fremder Wörter: ein Mittel, zu welchem die Deutschen zu allen Zeiten im Ganzen ihre Zuflucht nur mit schüchterner Sparsamkeit genommen haben, weil, wie aus der Lehre von dem Tone erhellen wird, in einer so reinen und unvermischten Sprache, als die Deutsche ist, der Fremdling doch immer sein Fremdes Ansehen behält, wenn er auch Jahrhunderte auf Deutschen Grunde und Boden gewohnt hätte. Indessen sind durch die ersten Lehrer des Christenthums, durch das Römische Recht, durch die Handlung, und durch den Umgang mit Fremden nach und nach doch viele fremde und besonders Lateinische Wörter

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in die Sprache gekommen. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 32) Die Universitäten, welche nunmehr häufiger zu werden anfingen, und die höhern Wissenschaften und freyen Künste dem dunklen Staube der Dom- und Kloster-Schulen entrissen, konnten der Sprache und den schönen Künsten nicht aufhelfen. Sie wurden Tummelplätze staubiger Pedanten, und unter den ewigen Zänkereyen der Nominalisten, Realisten und Formalisten konnten weder Geschmack noch gesunde Vernunft augkeimen. Die Sprache hatte sich von den Universitäten am wenigsten zu versprechen, weil das barbarische Latein alle Lehrstühle beherrschte. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 58) Fast alle Sprachlehren der neuern Sprachen, und also nicht allein die Deutschen, sind mit ihren meisten Regeln nach den lateinischen Sprachlehren geformet; daher sind sie auch insgesammt so mangelhaft und unvollständig, daß sie zur gründlichen Erlernung einer Sprache nicht hinreichen. Das Eigene jeder Sprache muß in ihr selbst ausgesucht werden; die bemerkte Analogie gibt die Regeln, und die Abweichungen des Sprachgebrauchs machen die Ausnahmen von den Regeln aus. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 112f.) Jedoch, die Verwunderung höret auf, so bald man nur den gewöhnlichen Gang unserer Sprachlehren kennet, welche insgesammt nach den Lateinischen gemodelt sind. Nun war die Lateinische Sprache auch zur Zeit ihres größten Flores in Zusammensetzung der Wörter sehr eingeschränkt, und jetzt da sie als eine todte Sprache gelehret und erlernet wird, ist sie es noch mehr, so daß es jetzt noch weniger frey stehet, neue Wörter dieser Art zu bilden. Man konnte daher die Regeln, nach welchen die wenigen Wörter dieser Art gebildet worden, in den Lateinischen Sprachlehren entbehren, weil sie doch nicht weiter angewandt werden können. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 210) Dieß gilt sowohl von Gattungswörtern, als auch, und zwar vorzüglich von eigenen Nahmen: Vocal, Consonant, celebriren, Punct, Medicin, Cato, Cicero, Scipio, Citation, und nicht Vokal, Konsonant, zelebriren, Punkt, Medizin, Kato, Zizero, Zipio, Zitazion. Hier gilt die Frage: wie lässt das: allerdings, weil sie auf den guten Geschmack, d. i. die dunkele Empfindung des Wohlanständigen gegründet ist, die letzern Schreibarten aber denselben doppelt beleidigen, sowohl den Römer in Deutsche Tracht kleiden, ungeachtet er nie ein Deutscher werden kann, als auch in Ansehung der Deutschen, weil sie die Deutsche Tracht missbrauchen, und dadurch Mißgeburten zur Welt bringen, welche weder Deutsch noch Lateinisch sind. (ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 674) Gelehrte Sprachen sind diejenigen der verstorbenen Sprachen, mit deren Leichnamen die Gelehrten Anatomika treiben; ich meine, welche wegen ihrer aufbewarten schriftlichen Denkmäler vorzüglich betrieben, gelernt und gelehrt werden. Die lateinische Sprache ist insonderheit diejenige, vermittelst welcher die Gelehrten verschiedner Nazion sich einander mitteilen, und ihre Angelegenheiten untereinander abmachen, – könten und sollten. Um sie zu diesem Zwek bequemer zu haben, sollte man von allem puristischen Vorurteil absehen, und sich die Freiheit nehmen, mit ihr nach filosofischem Wilkür zu schalten. So könnte dermaleinst aus der lateinischen eine der Mängel aller andern entledigte, volkommen zwek-

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mäßige filosofische Sprache werden. Wenigstens scheint sie mir zu einer Grundlage dieser vor allen am geschiktesten. (RICHTER: Kritische Anmerkungen zu Adelungs Sprachlehre, Königsberg 1784, 10f.) Wird er gemeiniglich mit einer Menge unnöthiger Lateinischer Wörter bis zum Ekel überladen, wo unter hundert kaum eines den nahmen eines Kunstwortes verdient, daher denn der ganze Styl ein ungeheures halb-Lateinisches Ansehen erhält. (ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 77f.) Da diese Mängel so allgemein sind, so müssen sie auch sehr allgemeine Ursachen haben, welche dabey so stark wirken, daß auch Nationen von dem feinsten Geschmacke ihnen unterworfen sind; daher es der Mühe werth ist, diese Ursachen aufzusuchen. Alle diese Mängel schränken sich theils auf die barbarische Einmischung des Lateines ein, theil aber auch und vornehmlich auf die Fortpflanzung der veralteten Sprache, daher man nur die Ursachen aufsuchen darf, warum man diese noch so lange in den Kanzelleyen beybahalten hat, selbst in solchen Provinzen, in welchen die Sprache des höhern gesellschaftlichen Umganges die Sprache aller übrigen schriftlichen Aufsätze geworden ist. (ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 80) Zehn Wörter aus zehn verschiedenen Sprachen drucken einen und eben denselben Hauptbegriff immer mit andern Nebenbegriffen aus; was würde entstehen, wenn diese Nebenbegriffe einen hinreichenden Grund abgeben könnten, die Deutsche Sprache mit fremden Wörtern zu überladen. Die aus dem alten Lateine entstandenen neuern Europäischen Sprachen, welche sich zum Theil noch von Zeit zu zeit aus jener bereichern, können hier nicht zum Muster dienen, indem sie in diesem Falle nur zu ihrer Quelle wieder zurück gehen. Allein die Deutsche, eine so reine und unvermischte Sprache, hat keine andere bekannte Quelle, als sich selbst, und kann folglich nicht aus fremden bereichert werden. (ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 110f.) Ausser der hochteutschen und hochlateinischen Sprache wird nicht leicht eine Sprache auf dieser Welt mehr seyn, die sich völlig zur Hochsprache aus ihrer eigenen platten erhoben hätte. (DINKLER: Sprache der Menschen, Erfurt/Gotha 1785, 40) Die plattdeutsche Sprache hat ihre besondre Flexionen; ihre Geschlechtswörter stimmen nicht mit dem Oberdeutschen überein; sie hat ihre besondern Redensarten. Doch verdient sie alle Aufmerksamkeit, so gut wie die hochdeutsche: und dieses um so viel mehr, weil die plattdeutschen Worte dem Latein oder dem verwandten Dialekte, von welchem die deutschen Worte abstammen, viel näher kommen. Z. E. Der Oberdeutsche sagt die Pfoten, der Niederdeutsche die Poden, vielleicht vom griechischen: Podes; der Schlesier sagt, das Pfütel, die Pfütel. Die Pforte der Oberdeutschen heißt bey den Niederdeutschen die Poorte, vom lateinischen, porta. Die Furke kennt der Schlesier gar nicht, aber wohl die mistgabel oder Ofengabel, Furke ist das lateinische furca. (BERNDT: Versuch zu einem slesischen Idiotikon, Stendal 1787, XXVI) Man mag die scholastische Philosophie so sehr herabwürdigen, als man will: gewiss bleibt es doch immer, daß die Begriffe von intellektuellen Dingen in keiner philosophischen Schule so genau auseinander gesetzt sind, als in dieser. In eben dieser Schule verlor die Lateini-

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sche Sprache, die sie doch immer zu üben fortfuhr, äußerst an ihrer Ausbildung. Aber sie brachte in eben dieselbe eine philosophische Sprache hinein, die ihr bisher gefehlt hatte, die kein Cicero oder Seneca kannte, die aber doch eine gewisse Analogie mit der gangbaren Sprache behauptete, reicher war, als sie je in einem Zeitalter der Philosophie gewesen ist, aus welcher wie so vieles beibehalten haben; und noch immer manches wieder hervorsuchen könnten. (BÜSCH: Gewinnt ein Volk, wenn seine Sprache zur Universal-Sprache wird? Berlin 1787, 17f.) Nach meiner Idee muß man die Kinder nicht vor dem 11ten oder 12ten Jahre Latein lernen lassen. Sehr viel und wichtige Gründe machen solches rathsam. Fängt man beträchtlich früher an, so quält man sich selbst und die Kinder ohne Frucht und merklichen Nutzen – man mag es machen wie man will. – Die Erfahrung lehrt, daß man einen Knaben von 12 Jahren in einem halben Jahre weiter in der Kenntniß der Sprache bringen kann, als ein Kind von 7 Jahren in einem vier oder fünfmal größerem Zeitraum – vorausgesetzt nämlich, daß die übrigen Umstände gleich sind. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, o.O. 1789, 141f.) Die Gründe, aus denen ich es für rathsamer erachte, die Kinder früher Französisch als Latein zu lehren, sind folgende: Einmal ist das Französische, außer dem, daß es an sich eine leichtere, und dem Deutschen weit gleichförmigere Sprache, wie die lateinische ist, eine lebende Sprache einer Nation, deren ganze Denkart, Sitten, Begriffe, u. s. w. unserer Denkart, unsern Sitten und Begriffen viel gleichförmiger sind, als die eines Volks, welches so lange vor uns lebte, und in allem Betracht so sehr von uns verschieden war, als die alten Römer. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, o.O. 1789, 143) [...] ist es für die künftige Bestimmung, die ganze Lebensart und alle äußere Verhältnisse des Kindes wichtiger, gut Französisch sprechen und schreiben zu können, als Latein. Ich glaube Jeder, der mit dem gegenwärtigen Zustande der Welt etwas bekannt ist, wird mir solches ohne Bedenken und Widerspruch zugeben. Wenn das aber so ist, so folgt von selbst daraus, daß es weislich gehandelt ist, die Kinder früher Französisch als Latein zu lehren – zumal da es beim Französischen so sehr auf eine Leichtigkeit und Fertigkeit im Reden und eine gute Aussprache ankommt – zu beiden aber eine frühe Erlernung und Uebung sehr wesentlich erfodert wird. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, o.O. 1789, 144) Man kann daher auch nicht früher bestimmen, ob sie Latein zu lernen brauchen oder nicht – und es ist in den allermeisten Fällen durchaus nichts anders als Zeitverschwendung, wenn ein Kind das am Ende nicht studiren kann und soll, einige Jahre mit Erlernung der Anfangsgründe der lateinischen Sprache gequälet wird. (STUVE: Mittel das Latein durch Sprechen zu lehren, o.O. 1789, 145) Da die Auffindung der römischen und griechischen Schriftsteller überhaupt zur Wiederherstellung der Wissenschaften die nähere Veranlassung ward: so blieben nicht nur diese Schriften vom Anfange lange Zeit die einzige – in der Folge wiederum lange Zeit die vorzüglichste Quelle der ganzen eleganten Gelehrsamkeit; sondern auch die Sprachen, in welchen sie abgefasst waren, wurden als ein Schmuck angesehen, von welchem man jene Wissenschaften selbst, nicht ohne sie zu schänden, entkleiden könnte. Auf diese Art ward beson-

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ders die lateinische Sprache das Organ der ganzen Gelehrsamkeit. Man schrieb und sprach, las und lehrte, disputirte und examinirte lateinisch; und Alles, was nur ein wenig gelehrten Anstrich haben wollte, lebte und webte im Latein. (THIEME: Lateinisches Sprachstudium befördern, Braunschweig 1789, 166f.) Man hat eingesehn, daß die Sprachkenntniß an sich nicht Gelehrsamkeit, sondern nur Werkzeug zur Erwerbung der Gelehrsamkeit sey. Kurz, es wird ietzo weit weniger Lateinisch geredet und geschrieben, folglich auch gehöret und gelesen, als sonst. – Der Einfluß dieser Veränderung auf den Jugendunterricht ist unausbleiblich. Man weiset nicht nur jetzt der lateinischen Sprache im System der Schulstudien eine ganz andere Stelle an; sondern man kann auch nicht mehr so viel Zeit, Sorgfalt und Mühe auf Erlernung derselben wenden als ehemals. (THIEME: Lateinisches Sprachstudium befördern, Braunschweig 1789, 168) Wollte man einwenden, es gebe keine vollkommen philosophische Sprache, so wird man doch zugeben, daß von zwei Sprachen die eine mehr, die andere minder, sich ihr nähern könne; und daß von diesen beiden die erstere leichter seyn müsse, als die letztere. Kömmt nun noch dazu, daß von zwei zu lernenden Sprachen, die natürlich leichteste auch mit der Muttersprache des Lehrlings näher übereinstimmt als die andere; so wird das Uebergewicht für erstere noch entscheidender. Sind nun beide Vorzüge auf Seiten der neuern Sprachen, wie in die Augen fällt, und ich in meinen vorigen Aufsätzen erwiesen zu haben glaube; so folgt unwidersprechlich, daß sie leichter zu erlernen seyn müssen, als die lateinische Sprache. (WINTERFELD: Schwierigkeiten der lateinischen Sprache, Braunschweig 1791, 28f.) Idiotismen. […]. Wiewol dieses Wort aus der griechischen Sprache zuerst in die lateinische und hernach auch in die neuern critischen Sprachen übergegangen ist, hat es doch seine Bedeutung ganz geändert: Die lateinischen Grammatiker, die dieses Wort von dem Wort Idiota (welches einen ganz gemeinen Menschen bedeutet) angeleitet hatten, nannten einen mit guter Ueberlegung gewählten, niedrigen, recht einfältigen und naiven Ausdruck, einen Idiotismus. Itzt aber bedeutet es das, was die Griechen und Römer durch das Wort Idioma ausdrückten: eine Redensart, einen Ausdruck, oder eine Wendung, die einer Sprache so eigen ist, daß es nicht möglich ist, in einer andern Sprache auf eine ähnliche Weise dasselbe zu sagen. (SULZER: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Leipzig 1792-94, 672) Es ist nicht zu leugnen, dass die Deutsche Sprache, die im sechszehnten Jahrhundert durch Luthers reinen und kraftvollen Styl, vorzüglich durch seine Übersetzung der Bibel einige Fortschritte gemacht hatte, einestheils noch in selbigem und im folgenden Jahrhundert durch die Italianische und Spanische Sprache, die am Wiener Hofe die herrschenden waren, anderntheils aber auch dadurch zurück gehalten wurde, dass die meisten Gelehrten Lateinisch schrieben, und selbst Staatsschriften in dieser Sprache verfasst wurden. Endlich gewann die Französische Sprache, die in Ludwigs des vierzehnten Jahrhundert so sehr vervollkommnet wurde, dermassen in ganz Europa und am meisten in Deutschland die Oberhand, dass sie, und zwar vorzüglich in unserm Jahrhundert, theils wegen der Zierlichkeit und des reizenden Vortrages Französischer Schriftsteller, noch mehr aber des grossen Einflusses wegen, den der Französische Hof auf ganz Europa hatte, und durch die Herrschaft der Mode, die sich die Französische Nation zuzueignen wusste, die Hauptsprache aller Höfe und aller Societäten, bey Negociationen, bey Staatsgeschäften und in Büchern

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wurde. Auch noch jetzt weiss sie sich in ihrem Besitze zu behaupten. (HERTZBERG: Auszug, Berlin 1794, 7f.) Alle andern Europäischen Sprachen sind nur verschiedene Mundarten, die ihren leicht zu erkennenden Ursprung, theils aus der Deutschen, theils aus der Lateinischen oder Sklavonischen Sprache genommen haben, und nur in Pohlen, Böhmen, Sklavonien, Bulgarien und Russland, in jedem Lande verschieden, modificiret worden sind. Die Ungarische, Türkische und Griechische Sprache rechne ich hieher nicht, da sie nur von weit entlegenen und minder zahlreichen Nationen Europens gesprochen werden. (HERTZBERG: Auszug, Berlin 1794, 12f.) In der englischen und französischen Sprache fügen sich die Wörter, welche aus dem Lateinischen darin aufgenommen worden, durch eine leichte Biegungssilbe, nach dem Genius und dem Laute, der in diesen Sprachen herrschend ist. In der deutschen macht die Aufnahme eines lateinischen Worts in den meisten Fällen unendliche Schwierigkeiten. Ich führe nur das Wort Verbum zum Beispiel an: deklinirt man es, und sagt: des Verbi, der Verborum, so spricht man offenbar zwei Sprachen; will man ihm eine deutsche Endigung geben, und sagt; des Verbums, so fühlt man, dass man der Sprache Gewalt anthut; sagt man; das Verb und die Verben, so ist dieses ebenfalls eine gezwungene Biegung. (MORITZ: Bildsamkeit der deutschen Sprache, Berlin 1794, 88) Von den Konjugationsverhältnissen, welche andere Sprachen an ihren Verbis durch Biegung desselben ausdrücken, bezeichnet die deutsche Sprache an ihren Zeitwörtern selbst sehr wenige. Man ersetzet aber diesen Mangel, und macht die deutsche Konjugation nach dem Muster der lateinischen dadurch vollständig, daß man durch hülfe der Wörter sein, haben und werden die ihr selbst fehlenden Konjugationsverhältnisse umschreibt. Daher haben diese Verba den Namen Hülfsverba bekommen. (MORITZ/STUTZ: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1794, 261) Diess vorausgesetzt, dass viele Wörter irrig für ausländische angesehen werden, ist nun die Frage: ob Wörter aus einer andern Sprache die Deutsche verunreinigen? Ob folglich alle fremde Wörter ausgestossen werden müssen? Diess wäre eine übertriebene Forderung, und bey den vielen neuen Erfindungen und Begriffen, welche ein Volk dem andern mittheilt, wäre sie wirklich unmöglich. Wenn wir auch alle übrige Sprachen entbehren könnten, so könnten wir doch die Lateinische und Griechische nicht füglich entbehren, weil alle wissenschaftliche Cultur der übrigen Europäischen Völker, wie der Deutschen, zunächst aus Italien von den Römern hergeleitet werden muss, diese aber die wissenschaftlichen Kenntnisse von den Griechen empfangen haben. Alle dergleichen Wörter, womit wir wissenschaftliche Kenntnisse bezeichnen, die wir Griechen und Römern verdanken, können auch, ohne Verunreinigung unsrer Sprache, mit ihren Ausdrücken bezeichnet werden. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 46f.) Fremde Wörter, die nicht mit deutlichen Deutschen Wörtern vertauscht werden können, die ferner schon sehr gebräuchlich und folglich überall bekannt sind, mit welchen auch keine widrige Nebenbegriffe verbunden sind, verdrängt man also nicht aus ihrem Gebrauche, sondern betrachtet sie als vollgültige Münzen, die immer im Umlauf bleiben müssen. Es war lächerlich, wenn die fruchtbringende Gesellschaft Tageleuchter sagen wollte für Fenster;

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allein viele andere Wörter, die sie anstatt der Lateinischen und Griechischen erfand, waren nicht so lächerlich, und doch in anderer Absicht verwerflich. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 48) Eben so verhält sichs mit verschiedenen andern Wörtern, besonders aus der Lateinischen Sprache, die durch den allgemeinen Gebrauch ein Deutsches Bürgerrecht erhalten haben, und nicht bequem Deutsch gegeben werden können, z. B. Natur, Form, Materie, Object, Subject, Litteratur, Contrast, Genie u. s. w. imgleichen die krichlichen Ausdrücke, Altar, Opfer, Evangelium, Apostel, Christenthum, Sacrament, wodurch die Deutsche Sprache aber so wenig verunreiniget wird, als durch den Gebrauch fremder Nahmen von Menschen, Ländern und Oertern. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 48f.) Fremde Wörter, die eine Verunreinigung der Sprache seyn sollen, müssen entbehrlich seyn, und nur alsdann, wenn man in der Deutschen Sprache eben so verständliche und bestimmte Wörter hat, muss das Fremde dem Einheimischen billig weichen. Hier ist die Nachlässigkeit deuerer Schriftsteller aufs äusserste zu tadeln, die so viele entbehrliche Lateinische und Französische Ausdrücke ins Deutsche einmischt. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 49) Der gemeine Mann will wirklich gern etwas bey den Ausdrücken denken, die er gebraucht oder hört, und daher verunstaltet er fremde Wörter so lange, bis sie eine Aenlichkeit mit andern ihm bekannten Ausdrücken bekommen. Auch viele Deutsche Wörter versteht er nicht ohne Erklärung, viel weniger Lateinische. Eine gute Uebersetzung ist ihm zugleich eine Sacherklärung von grossem Werthe. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 72) Da aber die Sprache, so wie der Mensch selbst, einen geistigen und einen sinnlichen Theil hat, ich will sagen, – da sie eben sowohl sinnliche, als geistige Begriffe auszudrücken hat: so ist es ihr allerdings nicht vortheilhaft, wenn sie bloss jenen geistigen Theil ausbildet, und den sinnlichen vernachlässiget, als wenn der Mensch über dem angestrengten Denken seinen Körper hintansetzet: denn alsdann ergeht es der Sprache, wie es der lateinischen in der Epoche der Scholastiker erging. Sie erstarrt gleichsam nach und nach zu einem Skelet, welches, nach den Regeln des feinen Ausdruckes mit Fleisch und Muskeln zu bekleiden, dem Dichter, Redner und Geschichtschreiber fast unmöglich ist. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 12f.) Die Lateinische Sprache ward nie bis zu einer hohen Stufe der Speculation bearbeitet, und, unter den Händen ihrer Dichter, Volksredner, praktischen Geschichtschreiber und populären Philosophen, so wie bei dem mehr praktischen, als speculativen und tiefsinnigen Genie der Nation, konnte sie nicht anders, als eine gewisse natürliche Energie behalten, zu welcher sie durch den Mangel gewisser anderer Feinheiten, z. B. des Artikels, der kleinen Verbindungswörter u. s. w. vorzüglich gemacht ist. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 23) Das Kunstwort Substantivum ist unter allen das richtigste. Es drücket eigentlich ein Wesen aus, Welches unter dem Dinge steht, Das auf unsere Sinne wirket, das heißt, Was unter den Eigenschaften der Sache, unter ihrer Seynsart, unter der Gestalt ist. (Ich rede hier von sinn-

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lichen Substantiven, wie aber diese Benennung auch für übersinnliche gelten kann, werden Wir weiter unten sehen). Substantivum heißt also nicht, wie Man gewöhnlich das Wort verstehet: ein selbständiges Wesen, sondern bloß der Stand, auf Welchem eine Eigenschaft, eine Gestalt, eine Seynsart haftet. Die Benennung, Substantivum, wenn Sie gebraucht wird, hat also keinen andern Mangel, als daß Sie lateinisch ist. Und für welche Wissenschaft mag wol nothwendiger seyn, daß die Kunstwörter in die Sprache selbst eingekleidet werden, in Welcher Sie abgehandelt wird, als in der Wissenschaft der Sprache? (MERTIAN: Allgemeine Sprachkunde, Braunschweig 1796, 15f.) In dem westlichen und südlichen Theile Europens herrschte die celtische Sprache, welche auch verschiedene Mundarten hatte. Aus derselben entstand zuerst, durch eine Vermischung mit der alten pelasgischen Sprache, als die Griechen nach Italien kamen, die Lateinische, welche nach mehreren Jahrhunderten, durch mancherlei Vermischungen mit andern Sprachen, die Mutter der heutigen italischen, englischen, französischen und portugiesischen Sprache wurde. (MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 14) Die griechische, lateinische, persische, armenische, und die slavische und teutonische Sprache sind in ihren Zweigen mit einander verwandt, und mochten einst von einander ausgehen. (MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 14) Doch war das nachfolgende Jahrhundert in aller Absicht weit dunkler und barbarischer, als das, worin Luther lebte. Man vergaß sein Bischen ächtes altes Latein über den Zänkereyen, zu welchen sich eine verderbte, mit spitzfindigen Begriffen überladene Latinität am besten schickte; und deutsch lernte man auch nicht. Mit einem Worte: man hatte eigentlich gar keine Sprache. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 7) Man muß hier die Gestalt unsrer Wissenschaften und den Charakter unsrer jetzigen Schriftstellersprache wohl unterscheiden. In jenen steckt, wenn ich so reden darf, mehr lateinischer Geist, in dieser hingegen mehr französischer und englischer. Beyde zusammen machen eine Mischung, die, wenn man sie recht aus einander scheiden könnte, den Zustand unsrer Köpfe und unsrer Schriften am besten erklären würde. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 10) Da unsere Wissenschaften, wie ich bereits gesagt habe, von den Lateinern zu uns gekommen sind, oder uns durch lateinisch geschriebene Bücher sind überliefert worden, so sind die meisten Wörter, die wir in den abstrakten Theilen der Wissenschaften nöthig haben, lateinisch. Diese haben nun natürlicher Weise in Sprachen, die von der lateinischen abstammten, leicht können aufgenommen werden; und die Franzosen, die sonst für die Reinigkeit ihrer Sprache so sehr besorgt sind, nehmen in dieser Art alle Tage noch mehr auf. Wir, die wir eine eigne Stammsprache haben, konnten diese Wörter durchaus nicht in deutsche verwandeln. Wir mußten also deutsche suchen oder machen, die mit jenen einerley Ideen bezeichnen sollten. So haben wir uns freylich zu helfen gesucht: aber wer in dieser Gattung schreibt, und noch mehr, wer darin übersetzt, der wird finden, daß für eine Menge von Begriffen immer nur Ein Wort vorhanden ist, wo die philosophische Genauigkeit deren

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mehrere verlangt, und unsre Nachbarn auch wirklich deren mehrere haben. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 19f.) So wurde ich also zu Mustern des prosaischen deutschen Styls Moses Mendelssohn, Lessing und Engel annehmen. Unter den Franzosen würde ich Rousseau und Büffon an die Spitze der Uebrigen stellen. Addison und Hume möchten die Repräsentanten der Engländer seyn, denen ich aus unsern Tagen im historischen Styl den Gibbon zugesellen würde. Bei den Lateinern vereiniget sich alles dem Cicero die erste Stelle zu geben: denn welchen Rang man ihm auch als Schriftsteller unter seinen Landsleuten anweisen mag, so ist er gewiß, was den bloßen Styl betrifft, ohne allen Streit der Erste. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 65) Es giebt eine Erscheinung, welche die Meinung, daß unsere Sprache arm sey, hat veranlassen können. Das ist die, daß wir so viele ausländische Wörter in unsern wissenschaftlichen Vortrag, und selbst in die Reden des geselligen Umgangs mischen. Es ist daher mit unter die Arbeiten, welche die Academie übernimmt und leitet, gesetzt worden, daß in die Stelle der unter uns üblichen französischen und lateinischen Wörter und Redensarten, urspüngliche deutsche aufgesucht werden sollen. Die Absicht ist löblich und wenn sie gelingt, – das heißt, wenn die von einem Gelehrten versuchten Uebersetzungen jener Wörter wirklich, ich will nicht sagen von der ganzen Nation, sondern nur von dem größten Theile der guten Schriftsteller angenommen werden: – so ist der Erfolg nützlich. Aber an sich scheint mir das Uebel, welchem man dadurch abzuhelfen sucht, nicht sehr groß zu seyn, und die Wirksamkeit des Hülfsmittels ist zweifelhaft. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 325f.) Es ist freylich ein Uebelstand und eine Unbequemlichkeit, daß wir ausländische Wörter in unsere Sprache mischen, weil wir glauben, die damit verknüpften Ideen durch keine deutschen ausdrücken, und doch ihrer nicht entbehren zu können. Indeß haben wir diesen Uebelstand und diese Unbequemlichkeit mit den meisten Sprachen und Nationen der Welt gemein; und bey keiner hat er den höchsten Flor der Beredsamkeit und die vollkommenste Cultur der Sprache verhindert. Die lateinische Sprache hat griechische Wörter in großer Menge aufgenommen, und nie mehr, als da sie am meisten ausgebildet war. Die Franzosen haben auf gleiche Weise von den Lateinern und Italienern, die Engländer von den Franzosen, Wörter sowohl als Redensarten entliehn, und thun es noch täglich. Es ist auch beynahe unvermeidlich, daß eine Nation, die von einer andern lernt, und aus deren Schriften ihren Ideenfonds bereichert, auch aus der Sprache derselben Wörter zur Bezeichnung der neuen Ideen annehme. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 326) Nur ein einziger Umstand hat diese allgemeine Gewohnheit der Völker, Wörter von früher aufgeklärten Ausländern zu borgen, für uns Deutsche unbequemer gemacht, als sie für unsre südlichen und westlichen Nachbarn geworden ist. Die Sprachen dieser sind aus dem Lateinischen entstanden, gerade aus der Sprache derjenigen Nation, von welcher sie zuerst Wissenschaften und Cultur empfangen hatten. Die Römer waren, in Absicht der Griechen, in dem nämlichen Verhältnisse. Dieser Umstand macht, daß die Franzosen und Engländer, die wissenschaftlichen Wörter der Lateiner, diese die Kunstwörter der Griechen, und jede dieser Nationen die ihr gefallenden Idiomen der andern leicht in ihre Sprache haben übertragen, und durch kleine Veränderungen den Analogien derselben völlig anpassen

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können. In der deutschen Sprache, als einer ursprünglichen, ist dieß nicht möglich gewesen. Und in der That, so groß auch, in anderer Absicht, der Vorzug der Originalität seyn mag: so erhalten doch die aus dem Lateinischen abgeleiteten Sprachen dadurch einen überwiegenden Vortheil, daß sie die dem Vortrage gelehrter Kenntnisse vorlängst gewidmeten Ausdrücke, aus der Sprache, die lange Zeit die einzige Aufbewahrerin solcher Kenntnisse war, aufnehmen und sich eigen machen können, ohne durch das ausländische Ansehen derselben entstellt zu werden. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 326f.) Unsere Sprache hat, was die Worte betrifft, ungefähr einerley Länge mit ihrer Schwester, der griechischen, und deren Neffin im Latium; die Verlängerung der Silben durch Mitlauter und überflüssige Schriftzeichen gehört nicht zur Frage. (VOß: Deutsche Sprachkunde, 1804, 333) Es müssen daher auch die aus der Lateinischen Sprache entlehnten Nahmen und Wörter, wenn letztere nicht schon das Bürgerrecht erhalten haben, auf Lateinische Art geschrieben werden: Cicero, Cato, nicht Zizero, Kato. Wohl aber Staat, Engel, Zepter, Sklave, Pöbel u. s. f., weil sie schon das Bürgerrecht erhalten haben, und unter dieser Gestalt und Aussprache allgemein bekannt sind. (ADELUNG: Deutsche Sprachlehre für Schulen, Berlin 1806, 480) Ja was noch mehr ist, diese Campe’schen Verdeutschungsgrillen der Kunstwörter die nicht zu verdeutschen sind, finden sich nicht nur in drei sich auf die Sinne beziehenden Künsten, sondern auch in der unmittelbar von den Sinnen in den Verstand übergehenden Sprachkunst. Man mögte beim ersten Anblick meinen, wenn es irgendwo erforderlich wäre nur deutsche Kunstwörter zu brauchen, so wäre es wohl in der deutschen Sprachlehre. Gleichwohl hat Adelung sowohl in seinem Lehrgebäude als in seinem Wörterbuche allenthalben die lateinischen grammatischen Kunstwörter beibehalten, ja sie sogar lateinisch dekliniert. (NICOLAI: Herleitungen deutscher Wörter aus fremden Sprachen, Berlin 1808, 174)

2.10 Belegstellen ICKELSAMER: Teütsche Grammatica, um 1534, A1V; A8Rf.; B6V; ALBERTUS: Deutsche Grammatik, Augsburg 1573, 19; ÖLINGER: Deutsche Grammatik, Straßburg 1573, 110; HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 2; BÖHME: Avrora, o.O. 1612/1730, 96f.; HELWIG: Anlaitung in der Lehrkunst W. Ratichij, o.O. um 1614/15, 46f.; HENISCH: Teütsche Sprach vnd Weißheit, Augsburg 1616, 2; SUMARAN: Sprachbuch, o.O. 1621, 1; HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 15; 21; 23; 24f.; 28f.; 31; 34f.; SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629; RATKE: Wortbedeuttungslehr, o.O um 1630, 280; WERNER: Manvdvctio Orthographica, Altenburg 1635, 6f.; COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f; 331; GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 3; SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 19; 32; ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 15f.; 17f.; 21; 38f.; HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644, 14; 16; LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646, 53f.; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, ; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81; 87; BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 32f.; 87; GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 4; HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-

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1653, 1; 11f.; 18; 126; SCHORER: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648, 46; 47f.; 49f.; ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649, 28f.; 43f.; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 146; 208f.; 221ff.; 228; 233f.; 237f.; 242; ZIEGLER: Von den Madrigalen, Leipzig 1653, 32; ; 34f.; 35; 36f.; WINKELMANN: Proteus, Oldenburg 1657, 64; 113; 114f.; ZESEN: HoochDeutscher Helikon, Jena 1656, 34f.; CURTZ: Harpffen Dauids, Augsburg 1659, 4; HARSDÖRFFER: Des Teutschen Secretarii Zweyter Teil, Nürnberg 1659, 2; 230; REDINGER: Verwandtschaft der Teutschen und Lateinischen Sprache, Hanau 1659, 7f.; KINDERMANN: Der deutsche Redner, Frankfurt an der Oder 1660, 7; BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 41f.; BELLIN: Syntaxis Praepositionum Teutonicarum, Lübeck 1661, B; BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 55f.; 56f.; 143f.; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 126; 146; 166f.; 168; 176; 1192; 1242; ZESEN: Sendschreiben an den Kreutztragenden, o.J. um 1664, 412f.; 415; 425; 431; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2; 106; 108; 111f.; ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668, 308; 341; 342; 370; LEIBNIZ: Marii Nizolii de veris Principiis et vera Ratione Philosophandi, Frankfurt 1670, 13; 15; PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672, 2; GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 61f.; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, ; 10; 15; 19f.; 20; 43; HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3f.; BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 3; 39f.; LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O. um 1682/1846, 306; STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681, 44; 164; W EISE: Politischer Redner, Leipzig 1681, 846; WEISE: Neu-Erleuterter Politischer Redner, Leipzig 1684, 20; 29f.; PRASCH: De Origine Germanica Latinae Linguae, Regensburg 1686, 5; STIELER: Kurze Lehrschrift von der Hochteutschen Sprachkunst, Nürnberg 1691, 32; TSCHIRNHAUS: Medicina mentis, Leipzig 1695, 256f.; LANGJAHR: Leichte Erlernung der Teutschen Sprache, Eisleben 1697; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, o.O. 1697/1717, 313; 353f.; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 30f.; 43; 250; 251; 252; 259; W EISE: Logica, Leipzig 1700, 38; ZEILLER: Epistolische SchatzKammer, Ulm 1700, 264. LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 14ff.; 19f.; 20f.; SCHRÖTER: Anweisung zur Information der Adlichen Jugend, Leipzig 1704, 7; 9f.; WERNICKE: Epigramme, Hamburg 1704, 187f.; PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713, 47ff.; W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 34; 222; EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720/35, 282f.; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 9f.; 12ff.; 16; 21f.; 22; 23; 27; 30; 35; 38f.; 65f.; 104f.; 490f.; Parnassus Boicus, München 1726, 19; 198; EGENOLFF: Historie der Teutschen Sprache, Leipzig 1720/35, 249f.; 264f.; 267f.; Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 164f.; 172f.; 174; WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 28f.; HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736, 277; LUDOVICI: Historie der Wolffischen Philosophie, Leipzig 1737, 76f.; WOLFF: Ausführliche Nachricht von seinen eigenen Schrifften, Frankfurt 1735, 27f.; 29ff.; 41f.; HALLBAUER: Anleitung zur Politischen Beredtsamkeit, Jena/Leipzig 1736, 104f.; BREITINGER: Fortsetzung der Critischen Dichtkunst, Zürich/Leipzig 1740, 331; GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 301; 358; GLAFFEY: Anleitung zu einer welt-üblichen Teutschen Schreib-Art, Leipzig 1747, 195; WOLFF: Von GOTT, Der Welt und der Seele des Menschen. Halle 1751, 169f.; AICHINGER: Versuch einer teutschen Sprachlehre, Frankfurt/Leipzig 1754, 2f.; DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 2; 59; 365; 386; BASEDOW : Regelmäßigkeit

Belegstellen —— 209

der Teutschen Sprache. Kopenhagen 1759, 7; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 4; 40; 74; 84f.; 89f.; 135; 213f.; 223; 226f.; HAMANN: Anmerkungen über die Wortfügung in der französischen Sprache, Königsberg 1762, 133; MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 81f.; 85; 89; 91f.; 102f.; TETENS: Grundsätze und Nutzen der Etymologie, 1765-66, 11f.; TILLING: Versuch eines bremischniedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767, 5; HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente, o.O. 1767, 179; 248; FULDA: Die beiden Hauptdialecte der Teutschen Sprache, Göttingen 1771, 85; HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772, 139; KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183; FULDA: Germanische Wurzel-Wörter, Halle 1776, 27f.; ANONYMUS: Übereinstimmung in der teutschen Rechtschreibung, Stuttgart 1777, 158; 162f.; ANONYMUS: Werth der Wohlredenheit und guten Schreibart, Stuttgart 1779, 666; ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 252; ADELUNG: Magazin für die Deutsche Sprache, Leipzig 1782, 8; ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 43; 67; 639f.; ANONYMUS: Ueber Adelungs deutsche Sprachlehre, Berlin 1783, 588; ADELUNG: Ueber den Deutschen Styl, Berlin 1785, 79; 81f.; 83f.; 113; RÜDIGER: Uebersicht der neuern Litteratur, Leipzig 1785, 39; MORITZ: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman, 1786, 185f.; BÜSCH: Gewinnt ein Volk, wenn seine Sprache zur Universal-Sprache wird? Berlin 1787, 25; GÜNTHER: Deutsche Höflichkeitssprache, Mannheim 1787, 257; THIEME: Lateinisches Sprachstudium befördern, Braunschweig 1789, 180f.; 193; KEMPELEN: Mechanismus der menschlichen Sprache, Wien 1791, 34f.; ENGEL: Artikel, Hülfs- und Personenwörter der neuern Sprachen, Berlin 1794, 219f.; MACKENSEN: Beiträge zur Kritik der Sprache, Wolfenbüttel 1794, 8; KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 12; 69f.; JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 23; MERTIAN: Allgemeine Sprachkunde, Braunschweig 1796, 16f.; HEINZELMANN: Grundsätze der Wortforschung, Braunschweig 1798, 143; MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 14; GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 5f.; NICOLAI: Herleitungen deutscher Wörter aus fremden Sprachen, Berlin 1808, 214; ADELUNG: Mithridates II, Berlin 1809, 22; KRAUSE: Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein, Leipzig 1855, 247; 267; 361f.

3. Griechisch 3.1 Beleglage und Wortgebrauch Das exzerpierte Material umfasst insgesamt 295 Belege aus 89 Quellen des 16. bis 19. Jh.s: 10 Belege aus 5 Quellen des 16. Jh.s: FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531; ALBERTUS: Deutsche Grammatik, Augsburg 1573; ÖLINGER: Deutsche Grammatik, Straßburg 1573; BASSAEUS: Vorrede zu Rethorica, Frankfurt 1593; HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593. 62 Belege aus 21 Quellen der ersten Hälfte des 17. Jh.s: HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602; SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610; HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, 1624; BESOLD: De Natvra Populorum, Tübingen 1632; GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641; SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643; ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643; KEMPE: Neugrünender Palm-Zweig der Teutschen Helden-Sprache, Jena 1644; SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644; HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645; KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645; HARSDÖRFFER: Nothwendiger Vorbericht, Nürnberg 1646; LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647; SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647; BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648; SCHORER: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648; HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653; ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649; BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650; COMENIUS: Pampaedia, o.O. oJ. 79 Belege aus 26 Quellen der zweiten Hälfte des 17. Jh.s: SCHOTTELIUS: Teutsche SprachKunst, Braunschweig 1651; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651; RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653; LAUREMBERG: Vier Scherz-Gedichte, 1654; ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656; SCHOTTELIUS: Teutsche Vers- oder Reim Kunst, Lüneburg 1656; COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657; BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661; BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663; KEMPE: Neugrünender Palm-Zweig der Teutschen Helden-Sprache, Jena 1664; LEIBNIZ: Blütenlese deutscher Dichtung, o.O. um 1667; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668; ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668; SCHOTTELIUS: Ethica, Wolfenbüttel 1669; PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672; REINHOLD: Reime dich oder ich fresse dich, Northausen 1673; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674; HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678; BIRKEN: Teutsche Rede-bind

Beleglage und Wortgebrauch —— 211

und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679; LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O um 1682; STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691; STIELER: Von der Hochteutschen Sprachkunst, Nürnberg 1691; THOMASIUS: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre, Halle 1691; STIELER: Zeitungs Lust und Nutz, Hamburg 1695; ZEILLER: Epistolische SchatzKammer, Ulm 1700. 58 Belege aus 16 Quellen der ersten Hälfte des 18. Jh.s: WERNICKE: Epigramme, Hamburg 1704; LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65; ARNOLD: Der Woleingerichtete Schul-Bau, Leipzig/Stendal 1711; WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717; TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718; BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Zürich 1721-1723; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725; Parnassus Boicus, München 1726; VENTZKY: Bild eines geschickten Ubersetzers, Leipzig 1732; Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33; BODMER: Von der Natur des Poetischen Geschmackes, Zürich 1736; GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742; SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644; BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746. 72 Belege aus 20 Quellen der zweiten Hälfte des 18. Jh.s: DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755; GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763; LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764; HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, Fragmente 1767; TILLING: Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767; HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, 1768; HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772; BÜRGER: Gedanken über die Beschaffenheit einer deutschen Übersetzung des Homer, Leipzig 1771; TETENS: Ursprung der Sprachen und der Schrift, Bützow/Wismar 1772; WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772; KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774; HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775; JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781; MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781; ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782; SULZER: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 1792-94; KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795; MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800. 14 Belege aus 3 Quellen des 19. Jh.s: GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802; ADELUNG: Deutsche Sprachlehre für Schulen, Berlin 1806; KRAUSE: Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein, Leipzig 1855.

Die Bezeichnung Griechisch erscheint in den Quellen des 17. Jh.s nahezu ausschließlich, in denen des 18. Jh.s oft in Großschreibung. Sie attribuiert in zahlreichen Schreibvarianten meist das Substantiv Sprache: Griechische / Grichische / Grichsche / Griegische Sprache; daneben finden sich auch andere attribuierte Substantive sowie erweiterte Attribute wie zum Beispiel Griechische Buuchstaben, Griechisches Θέός, die versüssete Griechische Sprache,

212 —— Griechisch

Grichscher Sinn und Meynung, Grichsche Ausrede und Redarten, Griegisch Wort. Bisweilen erscheint der Ausdruck als Substantiv, so etwa: Griechisch, Griegisch, Griechisches. Das Griechische ist eine Hauptsprache, eine der vier haupt- und grund-spraachen, eine Muttersprache (die Θέός-Muttersprache, aus der sich mehrere griechische Dialekte entwickelt haben). Typische Phrasen sind etwa in das Griechische bringen ‚ins Griechische übersetzen‘ oder aus dem Griechischen entspringen ‚entlehnt werden‘. Neben der sprachbezogenen Verwendungsweise des Ausdrucks findet sich auch eine solche, die sich auf die griechische Bevölkerung und deren Lebensraum bezieht: Hier wird etwa die Sprache von den Griechen gesprochen; oder Griechenland rühmt sich seiner Sprache. Die Griechen selbst treten als Sprecher und Sprachdenker in Erscheinung; ein blosser Grieche verwendet seine Sprache als Alltagssprache. All diese Bezeichungsvarianten beziehen sich in der Regel auf das Altgriechische; wird dieses vom Neugriechischen unterschieden, ist etwa von dem alten Griechischen als Sprache oder von den alten Griechischen als deren Sprechern die Rede. Diese Orientierung an der antiken Sprache spiegelt sich auch in Paarnennungen mit dem Lateinischen wider, die in den Quellen ausgesprochen häufig erscheinen: Griechisch und Latein, griechische und lateinische Sprache oder Griechen und Römer. Die Bezeichung Attische Sprache erscheint meist als Hyponym (neben anderen griechischen Dialekten; vgl. unten), selten auch als Quasi-Synonym.

3.2 Genealogie und Typologie Die Überlegungen zur Genealogie des Griechischen umfassen im 17. und 18. Jh. insbesondere folgende Schwerpunkte: Die Einordnung des Griechischen als einer genealogischen oder literarischen Hauptsprache, die historische Verwandtschaft des Griechischen mit dem Deutschen sowie deren wechselseitiger Lehneinfluss, die historische Verwandtschaft des Griechischen mit dem Lateinischen und Entlehnungen aus dem Griechischen ins Lateinische, die Entwicklung einer griechischen Literatursprache, die Entstehung und Gliederung der griechischen Mundarten sowie die Herausbildung des Neugriechischen.

Genealogie und Typologie —— 213

3.2.1 Griechisch als Hauptsprache Unter einer Hauptsprache verstehen die Sprachdenker des Barock und der frühen Aufklärung (entsprechende Belege stammen ausschließlich aus dem 17. Jh.) so etwas wie eine Einzelsprache, die sich aufgrund ihres hohen Alters oder der Herausbildung einer Literatursprache in besonderer Weise gegenüber anderen Einzelsprachen auszeichnet. Eine jüngere Lesart dieser Merkmale einer Hauptsprache lässt hier auch eine Interpretation im Sinne verschiedener Sprachfamilien zu, die teils anhand eigener Bezeichnungen, teils anhand einzelsprachlicher Vertreter terminologisch erfasst werden. In den Belegen sind die Angaben darüber, welche Sprachen neben dem Griechischen als Hauptsprachen anzusehen sind, schwankend: –

Griechisch neben Hebräisch und Latein: Von der babylonischen Sprachverwirrung (Genesis 11, 1–9) ausgehend leitet ANDREAS RIVINUS in der Mitte des 17. Jh.s allegorisch aus der Zerstörung des alten großen Turmbaus drei jüngere und kleinere Türme ab, die den drei jüdischchristlichen Sprachen des Altertums, Hebräisch, Latein und Griechisch, entsprechen: Der größte vnd mittelste (so zweifelsfrey noch ein Stück von dem fundament des alten Gebews) ist der H. Hebræischen Sprache: der ander gegen Orient: der Griechischen vnd der dritt auff der lincken Seit / Niedergangs zu / der Lateinischen gewidmet. (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 12)



Nüchterner argumentiert wenig darauf JOHANN JOACHIM BECHER, der drei gelehrte von vier gewöhnlichen Sprachen unterscheidet: „Gelehrte Sprachen sind die, welche man durch Gesetze und Regeln lernt, vernehmlich Latein, Griechisch und Hebräisch“ (BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 28). Hier erscheinen die drei Sprachen als die klassischen Sprachen humanistischer Bildung: „Wer diese Sprachen beherrscht, wird mit Leichtigkeit die Gelehrten und ihre Schriften verstehen“ (ebd.). Griechisch neben Latein, Germanisch und Slavisch: JOSEPH JUSTUS SCALIGER weist dem Griechischen zu Beginn des 17. Jh.s zusammen mit drei weiteren Sprachen eine besondere Bedeutung als einer Muttersprache zu, von der zahlreiche Abkömmlinge oder Dialekte entsprungen seien. Er charakterisiert diese Sprachen anhand ihrer Wörter für Gott: „Deus, Θέός, Godt, Boge“ seien „Kennzeichen der vier größeren Muttersprachen

214 —— Griechisch





Lateinisch, Griechisch, Germanisch, Slawisch“ (SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610, 74). Griechisch neben Hebräisch, Latein und Deutsch: Etwa zu der selben Zeit unterscheidet PHILIPP VON ZESEN ebenfalls vier „Hauptsprachen“, wobei hier anstelle des Slavischen das Hebräische erscheint: Das Deutsche und das Hebräische seien „nach der Babilonischen Verwirrung / zugleich im gange und schwange gewesen und eher fortgeplanzet worden“, sodass „die Deutsche Spraache / sonderlich die uhralte / der Hebräischen so gar gleich, daß ihr keine unter der andern letzten zwo Hauptspraachen / der Griechischen und Lateinischen / so nahe kömmt“ (ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14). Hier wird das Griechische als eine Sprache ausgewiesen, die weniger alt sei als das Deutsche (und somit letztlich im Vergleich zu diesem einen geringeren Grad an Eigentlichkeit aufweise bzw. weniger nahe an der göttlichen Offenbarung stehe). Griechisch neben Hebräisch, Latein, Germanisch und Slavisch: An anderer Stelle unterscheidet ZESEN nicht vier, sondern fünf Hauptsprachen: Die vier „Hauptsprachen“ Deutsch Griechisch, Latein und Slavisch seien danach aus dem Hebräischen entstanden: Es sei davon auszugehen, daß alle sprachen und zungen / die man itzund in der gantzen welt redet / im grunde ihrer natur eine sprache / oder eigentlich mundarten der ersten sind: das ist / aus der allerersten / als der einigen hauptsprache / nämlich der Adamischen oder Ebreischen / wie sie nachmals nach den kindern Ebers genennet worden / mit den andern vieren / als der Deutschen / Griechischen / Lateinischen und Sclavonischen / welche ins gemein auch für hauptsprachen gehalten werden / entsprossen; nuhr dass man ihre wörter / nach den unterschiedlichen mundarten teils an mit- teils an selb-lautern / verändert / verzwikket / oder verlängert. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 98f.)

Eine entsprechende Klassifikation in fünf Hauptsprachen findet sich auch bei anderen Autoren wie HABICHTHORST oder HILLE: Dabei wird dem Hebräischen von HILLE wiederum ein Sonderstatus eingeräumt: „Es sind aber nechst der uralten Hebräischen vier Europeische Haubtsprachen / nemlich die Griechische / und Lateinische: und dann die Teutsche und Sclavonische“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 86). Neben diesen fünf Hauptsprachen werden dann „sieben geringere; die sich sonderlich nit weit ausbreiten“ genannt; zu diesen Sprachen, denen also eine geringere geographische oder literarische Bedeutung beigemessen wird, zählen im Einzelnen: „Eporitisch“, „Tartarisch“ oder „Cosakisch“, „Hungerisch“, „Finnisch“ (und „Lappisch“), „Irrländisch“, „alt Britannisch“, „Canthadrisch“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 86f.; vgl.

Genealogie und Typologie —— 215

NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 111f.). Wie ZESEN oder HILLE unterscheidet schließlich auch HABICHTHORST mit Hebräisch, Griechisch, Latein, Germanisch und Slavisch „fünf Hauptsprachen“, die ebenfalls untereinander gewichtet werden: [Z]um ersten die Ebräische; welche / als eine ertz-Hauptsprache / aller anderer Mutter oder vielmehr Groß- und Ertz-mutter ist. Darnach folget / als die nächste / die Hochdeutsche; dan die Griechische; auf diese die Lateinische / und endlich die Slavische oder Slavonische. (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3)

Die Belege zeigen somit, dass dem Griechischen von den deutschen Sprachdenkern des Barock hinsichtlich seiner geographischen Verbreitung und insbesondere in Bezug auf seine literarische Bedeutung der Satus einer „Hauptsprache“ eingeräumt wird. Daneben werden mit dem Hebräischen und Lateinischen die beiden anderen klassischen Sprachen humanistischer Bildung sowie das Germanische bzw. Deutsche und das Slavische genannt; dabei wird dem Hebräischen (seltener dem Deutschen) eine besondere Bedeutung gegenüber dem Griechischen und den anderen Sprachen eingeräumt.

3.2.2 Deutsch und Griechisch Einige Sprachdenker des Barock und später auch der Aufklärung diskutieren die sprachliche Verwandtschaft des Griechischen und des Deutschen. In dieser Diskussion, die insbesondere auch im Hinblick auf den Gebrauch der Bezeichnung Deutsch von Interesse ist, spielen Entlehnungen aus beiden Sprachen eine wichtige Rolle: Eine zentrale These barocken Sprachdenkens im deutschen Raum besteht in der Abstammung des Griechischen aus dem Deutschen. Die These findet zum Beispiel in PHILIPP VON ZESEN einen großen Anhänger: Denn nach ZESEN „seind die Griechen und Lateiner dem uhrsprunge nach Deutsche / und haben auch eigentlich eben daher eine Deutsche sprache oder mundahrt / nuhr daß sie den nahmen und ihre gestalt / wie es zu geschehen pfleget / von jahren zu jahren verändert“ (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 230f. – vgl. auch ebd., 221; SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 218f.). Dieses genealogische Verhältnis versucht ZESEN anhand von zwei Entwicklungen festzumachen: Er geht zum einen davon aus, dass „die Griechische und Lateinische Sprache eine mund-ahrt der Deutschen / und aus derselben geflossen“ sei (ebd., 242), also dass sich das Griechische aus

216 —— Griechisch

dem „alten“ Deutschen entwickelt habe. Zum anderen werden für eine frühe Zeit (vor und gegebenenfalls während der klassischen Antike) Entlehnungen aus dem Deutschen in das Griechische angenommen: Daß aber selbige [Lehnwörter] aus dem Lateinischen oder Griechischen entsprungen / werden die jenigen verneinen / die da bezeugen / daß die Deutsche Spraache eher im schwange gewesen alß die Griechische und Lateinische und werden vielmehr bejahen / daß die Lateiner und Griechen selbige Wörter von den Alten Deutschen und teils von den Hebräern entlehnet. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 20f.)

Für die jüngere Entwicklung nimmt ZESEN dann wechselseitige Entlehnungen zwischen dem Griechischen und dem Deutschen an (ebd., 21), steht diesen jedoch kritisch gegenüber: Sollen wier kein Lateinisches / Griechisches oder Hebräisches / da diese doch die übrigen drey haupt- und grund-spraachen seyn / mit einmischen / vielweniger können wier gestatten / daß aus den andern Neben- oder unter-spraachen ein und das ander wort so vermässentlich in unsere allervollkommenste Haupt- und grund-spraache eingeflikt werde. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 37)

Im Weiteren argumentiert ZESEN, dass das Griechische einen Beitrag zum besseren Verständnis des Deutschen leisten könne, indem hier ursprünglich deutsche Bedeutungen erhalten geblieben seien: Inzwischen leugne ich nicht / daß uns die Griechische und Lateinische / weil sie im grunde und ursprunge selbst auch deutsche seind / bisweilen ein licht und beihülfe sein können / den verstand und die bedeutung unserer wörter um so viel eher und gewisser zu finden: weil die ursprüngliche erste bedeutung in unserer sprache bisweilen vergangen / oder vielmehr mit der zeit verdunkelt worden, welches aber gar selten fürfallen wird. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 234)

KASPAR STIELER geht noch Ende des 17. Jh.s von einer analogen These sprachlichen Ursprungs und sprachlicher Entlehnungen im Griechischen aus dem Deutschen aus, bewertet diese jedoch negativ unter dem Hinweis, dass im Zuge dieser Prozesse so etwas wie das sprachliche Substrat des Deutschen im Griechischen verfälscht worden sei. Indem „das meiste Lateinische und Griegische seinen Ursprung aus unserer Sprache hat / und unser gutes Teutsch von den Lateinern und Griechen auf ihre Weise nur verschlenkert und verkerbet worden“ (STIELER: Von der Hochteutschen Sprachkunst, Nürnberg 1691, 32). Diese Bewertung ist insofern von Bedeutung, als STIELER an anderem Ort das Griechische durchaus positiv beurteilt, beispielsweise wenn er auf die Bedeutung der Entstehung von Schriftlichkeit hinweist: „Bey

Genealogie und Typologie —— 217

den Orientalischen Völkern / auch Griechen und Lateinern war es kein Wunder“ (STIELER: Zeitungs Lust und Nutz, Hamburg 1695, 15). Die Motivation, das Griechische aus dem Deutschen abzuleiten, ist einem zeittypischen Streben nach Aufwertung der eigenen Sprache gegenüber den anerkannten Literatursprachen geschuldet: Der Nachweis, dass das Deutsche genealogisch älter sei als das Griechische und diese klassische Sprache letztlich sogar auf das Deutsche zurückgehe, wird mit einem positiven Werturteil hinsichtlich der deutschen Sprache verbunden. Dies geht so weit, dass Entlehnungen aus dem Griechischen im Deutschen (wie bereits bei STIELER angedeutet) als sprachlicher Makel empfunden werden. So wendet sich zum Beispiel JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS bezeichnenderweise gegen Hinweise, dass im Deutschen überwiegend Lehngut aus dem Griechischen sowie aus dem Lateinischen und aus Hebräischen anzutreffen sei (vgl. zur Kritik an Entlehnungen aus dem Griechischen im Weiteren LAUREMBERG: Vier ScherzGedichte, 1654, 353): Etliche Ausländer halten die Teutschen in ihren Schriften (was ihre Sprache betrift) für grobe brummende Leute / die mit röstigen Worten daher grummen / und mit harten Geleute von sich knarren: ja schreiben etzliche öffentlich / die Teutsche Sprache hette um ein tausent Wörter in sich / derer acht hundert von Griechen / Hebreern und Lateinern erbettelt / und ungerfehr zwey hundert grobe Teutsche Wörter daselbst verhanden weren / und helt man diese Hauptsprache / als sie nicht könne verstanden / noch von anderen recht erlernet / oder einige Lieblichkeit darin aufgebracht werden. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, o.P.)

Die These von der genealogischen und strukturellen Verwandtschaft zwischen dem Griechischen und Deutschen wird nicht allein im Barock vertreten; sie findet sich auch innerhalb der Aufklärung, macht hier jedoch eine bemerkenswerte Veränderung mit. So geht etwa GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ von der Hypothese aus, dass Europa von Asien her besiedelt worden sei: Die sog. Skythen hätten zum einen Griechenland besiedelt und zum anderen weiter im Norden und Westen als Kelten das Germanische und Gallische hervorgebracht: Cependant ces langues viennent toutes d’une source et peuvent estre prises pour des alterations d’une meme langue, qu’on pourroit appeller la Celtique. Aussi les anciens appelloient-ils Celtes tant les Germains que les Gaulois. Et en remontant: d’avantage pour y compendre les origins tant du Celtique et du Latin que du Grec, qui ont beaucoup de racines communes avec les langues Germaniques ou Celtiques, on peut conjecturer que cela vient de l’origine commune de tous ces peuples descendus des Scythes, venus de la mer noire, qui ont passé le Danube et la Vistule, don’t une partie pourroit ester allée en Grèce, et l’autre aura rempli la Germanie et les Gaules; ce qui

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est une suite de l’Hypothese qui fait venire les Europeens d’Asie. (LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 18)

Bemerkenswert ist hier die unsichere Terminologie hinsichtlich der Völker Kleinasiens: Die Stämme, auf die die Griechen und deren Sprache zurückgingen, werden hier nicht als Deutsche bzw. „Alemands“, sondern als „Skythen“ oder „Kelten“ bezeichnet; ihre ursprüngliche Siedlungsgegend setzt LEIBNIZ in Kleinasien an, von wo sie sowohl Griechenland als auch das westliche Europa erreichten. Eine entsprechende These findet sich in LEIBNIZ’ Unvorgreifflichen Gedancken, wobei die gemeinsamen Vorfahren die Bezeichnung „Goten“ erhalten: Und ob zwar die Lateiner das Übrige von den Griechischen Colonien bekommen haben mögen, so haben doch sehr gelehrte Leute auch ausser Teutschland wohl erwogen, dass es vorher mit Griechenland eben wie mit Italien zugangen; mithin die ersten Bewohner desselbigen von der Donau und angränzenden Landen hergekommen, mit denen sich hernach Colonien über Meer aus Klein-Asien, Ægypten und Phönicien vermischet, und weil die Teutschen vor Alters unter dem Nahmen der Gothen, oder auch nach etlicher Meinung der Geten, und wenigstens der Tartaren, gegen dem Ausfluss der Donau und ferner am schwartzen Meer gewohnet, und zu gewisser Zeit die iezt genannte kleine Tartarey inngehabt, und sich sich fast biss an die Wolga erstrecket, so ist kein Wunder, dass Teutsche Worte nicht nur im Griechischen so häufig erscheinen, wie von vielen Gelehrten bemercket worden. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 339f.)

LEIBNIZ’ Vorstellungen sind hier denjenigen der jüngeren Indogermanistik vergleichbar: Als indoeuropäische Sprachen zeigen das Griechische wie das Deutsche einander entsprechende sprachliche Merkmale, die auf einen gemeinsamen sprachlichen Ursprung in Kleinasien zurückzuführen sind. Bemerkenswert ist, dass dieser Ursprung nun auch bei LEIBNIZ nicht als „Deutsch“, sondern auf andere Weise bezeichnet wird. Ein genealogisches Modell, das demjenigen bei LEIBNIZ vergleichbar ist und dabei noch deutlich von den barocken Vorgängern geprägt ist, findet sich zu Beginn des 18. Jh.s bei FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER. Er stellt fest, „daß die Teutsche Sprache eine der ältesten, weil alte Sprachen, als die Griechische von ihr herstammen“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 12). Bei seiner Begründung dieser These geht HALLBAUER angesichts des griechischen Wortschatzes von „Teutschen Stämmen“ und eigenen griechischen (wie lateinischen) Flexionsendungen aus: Wir können uns […] auf nomina propria berufen, welche die griechischen und lateinischen Scribenten anführen, wenn sie von Celten, Galliern, Gothen, Wenden und andern

Genealogie und Typologie —— 219

von Japhet herkommenden Völckern schreiben. Denn wenn sich gleich solche nach griechischer oder lateinischer Art endigen; so sind doch in Grunde Teutsche Wörter, welche entweder noch heutiges Tages in der Hochteutschen Sprache üblich, oder doch in der alten Sächsischen gefunden werden (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6; vgl. ebd., 12-16; kritisch gegenüber anderen, spekulativen Etymologisierungsversuchen dann ebd., 74)

Obwohl die lexikalischen Einheiten der aus Kleinasien stammenden Völker hier wiederum als „in Grunde Teutsche Wörter“ angesehen werden, bleibt deren Unterscheidung von denen, die unter anderem auch „in der Hochteutschen Sprache üblich“ sind, deutlich. Ein weiteres Argument für das höhere Alter des (indoeuropäischen) Deutschen und das geringere Alter des Griechischen baut HALLBAUER hinsichtlich des Alphabets auf: Das deutsche Alphabet spreche sich einfach, das griechische hingegen kompliziert: So zeiget auch von dem Alterthum der teutschen Sprache, daß die Buchstaben oder Lettern (welches kein lateinisch, sonder teutsch Wort von litt oder lett, d.i. nach HochTeutscher Mund-Art Glied) alle einlautend und natürlich, a, b, c, d etc. die Griechen aber sagen schon gekünstelter alpha, bita, gamma, etc. Je schlechter aber und natürlicher etwas ist, ie älter ist es: und im Gegentheil ie mehr etwas ausgeputzt und gekünstelt, ie jünger ist es. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 9f)

Im 18. Jh. finden sich die ältere These, dass sich das Griechische aus dem Deutschen im engeren Sinne entwickelt habe, und die jüngere These, dass es aus einer gemeinsamen (indoeuropäischen) Vorgängersprache entstanden sei, wiederholt. Dies lässt sich anhand von einigen weiteren Belegen aus Texten von JOHANN CONRAD W ACK und JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED zeigen. Dabei erweist sich W ACK noch als ein Vertreter der älteren These, indem er das Deutsche in die Nähe des Hebräischen rückt und als Vorläufer des Griechischen ausweist: Doch lohnt es die Müh etwas zum voraus zu sagen; damit die heiß-hungrigen inzwischen nur etwas haben / wovon sie glauben können / daß unser / der gesamten Teutschen Mutter-Sprach älter / als die Griechisch- und Lateinische / und der allerersten / die uns unmittelbar von GOtt gegeben / viel länger und näher verwandt / als diese beyde / nebst allen / die bey ihnen am ersten die Mutter gebrochen. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 3; vgl. zu Aristoteles ebd. 6)

GOTTSCHED geht dagegen von einem gemeinsamen Ursprung der europäischen Sprachen aus, den er als „celtische“ oder „scythische“ Sprache charakterisiert; daraus entwickelten sich dann die „griechische“, die „lateinische“, die

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„deutsche“ und die „sklavonische“ Sprache und bildeten nun die vier „europäischen Hauptsprachen“, die „eine große Anzahl Stammwörter, so unverfälscht beybehalten, daß sie einander darinnen noch gewissermaßen ähnlich sind“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f., 237f.). Weitere Belege aus dem 18. Jh. beschäftigen sich mit Entlehnungen aus dem Griechischen im Deutschen (vgl. zum Folgenden auch unten: Charakteristika). So möchte etwa JOHANN FRIEDRICH KINDERLING feststellen, dass die „Deutsche Sprache […] weniger als die übrigen Europäischen Sprachen aus der Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Slavonischen, u. s. w. entlehnet“ habe (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 12). Dieser Auffassung entsprechend wird in EBERHARD TILLINGs Wörterbuch auf spekulative Etymologien möglichst verzichtet: Den Ursprung der Wörter zu lehren, wo es sich ohne Zwang thun ließ, ist eine der Hauptabsichten der Verfasser gewesen: Wobey sie sich doch für alle weithergehohlte, gezwungene, phantasiereiche Ableitungen sorgfältig gehütet haben. Und der Leser wird finden, daß sie so wenig zu den Hellenisten, als Romanisten gehören: weil sie glauben, daß ihre Vorfahren eben so wohl eine eigne Sprache gehabt haben, als die Lateiner und Griechen. Die Stammwörter sind meistens aus der Sprache ihrer Vorväter, der Angel-Sachsen, und, wo es sich thun ließ, aus dem Celtischen gehohlet. Wo sich aber keine einiger Maaßen annehmliche und wahrscheinliche Ableitung angeben ließ, da hat man lieber gar keine geben, als dem vernünftigen Leser Eckel erwecken wollen. (TILLING: Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767, 4f.)

Und in dem Wörterbuch von MORITZ und VOLLBEDING findet sich der Hinweis, dass einige Entlehnungen aus dem Griechischen im Zuge der Renaissance und des Humanismus bis in das 15. Jh. hinein festzustellen seien: Man findet in allen europäischen Sprachen Wörter aus der griechischen (weil sie sich bei aller Ausartung doch als eine lebende Hauptsprache bis ins 15te Jahrhundert erhielt), oder Aehnlichkeiten in den Wortfügungen, weil die meisten als Abkömmlinge dieser fruchtbaren Mutter anzusehen sind. (MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 13f.)

Die Einstellung gegenüber griechischen Entlehnungen in der Schreibung und Grammatik des Deutschen ist im Allgemeinen eher zurückhaltend: So spricht sich etwa ZESEN gegen die T-Schreibung von Deutsch (also: Teutsch) aus und führt als Grund für diese Schreibvariante das griechische Θέός an, stellt diese Etymologie jedoch als wenig haltbar heraus (vgl. ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 24). Nach JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED solle es im Deutschen keine „altväterische Nachahmung des Griechischen und Lateinischen“ geben; er bezieht sich dabei auf die satzein-

Genealogie und Typologie —— 221

leitende Stelle des Partizips Präsens: „Es ist eine altväterische Nachahmung des Griechischen und Lateinischen, die wider den natürlichen Schwung unserer Sprache läuft, wenn man einen Satz mit einem Mittelworte der gegenwärtigen Zeit anfängt“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 550f.). Trotz solcher puristischer Tendenzen, die aus der Barockzeit bis in die Aufklärung hinein anhalten, sprechen sich die Sprachdenker gegen eine strenge Assimilation der Schreibung griechischer Wörter im Deutschen aus (vgl. etwa DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 365) und weisen eine Eindeutschung griechischer und lateinischer Wörter wie Apothecker in Artzney-Koch oder Fenster in Tag-Latern zurück (vgl. Parnassus Boicus, München 1726, 202f.). Letztlich zeigen also die Belege zur historischen Verwandtschaft des Griechischen mit dem Deutschen sowie zu deren wechselseitigem Lehneinfluss, dass das Deutsche im 17. Jh. noch im Sinne einer einzelnen Sprache als sprachlicher Ursprung des Griechischen angesehen wird, während im 18. Jh. der Auffassung Ausdruck verliehen wird, dass es eine gemeinsame Ausgangssprache im Raum Kleinasiens gegeben habe, aus der sich sowohl das Griechische als auch die Mehrheit der europäischen Sprachen entwickelten; diese Annahme erinnert bereits an die Vorstellung einer indoeuropäischen Sprachgeschichte. Dass auch im 18. Jh. dieses vermeintliche Indoeuropäische als Deutsch bezeichnet wird, ist letztlich als Reminiszenz an den Versuch im 17. Jh. anzusehen, das Deutsche gegenüber dem Griechischen über das Argument seines höheren Alters aufzuwerten. Im Vergleich zu den puristischen Bestrebungen gegenüber dem Lateinischen und Französischen etwa erweist sich die Diskussion um Entlehnungen aus dem Griechischen als moderat, wobei im Korpus überwiegend Belege aus dem 18. Jh. zu finden sind.

3.2.3 Latein und Griechisch Bei den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung wird ein erheblicher Einfluss der griechischen Kultur und Sprache auf das Lateinische angenommen. Dabei reichen die Auffassungen von einer kulturellen und sprachlichen Beeinflussung des Lateinischen vom Griechischen bis hin zu einer genealogischen Ableitung der lateinischen aus der griechischen Sprache selbst. Die These, dass sich das Lateinische aus dem Griechischen genealogisch ableite, findet sich insbesondere in Belegen aus dem 17. Jh.; hier eine Auswahl:

222 —— Griechisch







So heißt es zum Beispiel bei JOHANN BUNO: „Die Lateiner / so von den Griechen ursprünglich herkommen / haben von ihnen beydes Sprache und Schrift gezogen“ (BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650, 5; vgl. BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 20). JOHANN HEINRICH SCHILL ist demgegenüber der Auffassung, dass das Lateinische als eine Mischsprache aus dem Griechischen und dem Keltischen (möglicherweis im Sinne der Sprache der Etrusker; vgl. aber unten) entstanden sei: Latein habe sich „auß der alten Celtischen vnd Griechischen Sprach allgemächlich geformet“ (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 206; KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7f.). Und bei KASPAR STIELER ist Latein demgegenüber halb Griechisch und halb Deutsch. Dennoch hätten die Römer einen strengen sprachlichen Purismus walten lassen, der für den deutschen Sprachraum am Ende des 17. Jh.s als Vorbild dienen könne: Die Römer / ob sie gleich den halben Teil ihrer Sprache denen Griechen / die andere Helfte aber uns Teutschen zu danken haben / hätten dennoch sich eher in einen Finger gebißen / als in einer offentlichen Kunstrede oder bey ansehnlicher Versammlung ein Griegisch Wort eingelappet / und / da die Griechen schon von den Römern bezwungen worden / haben sie dennoch kein Lateinisches Wort unter ihre Schrifften gemenget. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691)

Andere, insbesondere auch jüngere Belege machen über einen genealogischen Zusammenhang zwischen dem Griechischen und dem Lateinischen keine Aussage, schließen sich jedoch der These einer Existenz griechischen Lehnguts im Lateinischen an: –



Auf lexikalische Entlehnungen im Lateinischen aus dem Griechischen weist beispielsweise GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER hin und bezieht sich dabei (ohne eine Wertung auszusprechen) vor allem auf den Bereich der Fach- bzw. „Kunst-wörter“ (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-53, 4). Demgegenüber betrachtet dies JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS als einen positiven Beitrag zur Herausbildung der lateinischen Literatursprache und weist dabei auf eine gewisse Unbekümmertheit der Römer gegenüber Entlehnungen aus dem Griechischen hin: Es haben die Römer einen solchen ehrlichen und rühmlichen Diebstahl desto unvermerksamer begehen / und der weisen Griechen Erfindungen und Kunststükke / ohn verspürte Erhaschung / in ihre Sprache gebracht und verlateinischet / je weniger die

Genealogie und Typologie —— 223

Grichsche Sprache in so weit mit der Lateinischen Verwandniß hat: Und weil solche gelahrte Römer ihrer Sprache gründlich kündig gewesen / und wan sie der Grichschen Sinn und Meynung gewust / sich an Grichsche Ausrede und Redarten wenig gekehret / sonderen den Schmuck der Lateinschen Rede aus ihrer Sprache Eigenschaft wolkönnend hervorgesucht / und also die Lateinische Sprache so wol mit Ruhm und Kunst / als mit Nutz gezieret. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243)



Der Einfluss des Griechischen auf das römische Bildungswesen und die lateinische Sprache ist für die Sprachdenker des 18. Jh.s offenkundig. Dies gilt zum Beispiel auch für JOHANN JERUSALEM, der im Gegensatz zu SCHOTTELIUS in diesem Zusammenhang eher die Rolle griechischer Gelehrter als die römischer Unbekümmertheit betont (vgl. auch MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 16–18; GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 326f.): Rom hatte seine ganze Aufklärung den Griechen zu danken […]. Dies gab allerdings der Nation ihre Ausbildung, aber die Ausbildung ihrer Sprache und ihrer Litteratur blieb auch so viel länger zurück; die Griechen gaben den Ton, sie entschieden, ohne die lateinische Sprache selbst zu verstehn, daß dieselbe für die Wissenschaften zu arm und zu rau sey; man glaubte ihrem Ausspruch; was von gutem Geschmack seyn wollte, laß, redete und schrieb griechisch; bis endlich Cicero das Herz fassete, seiner Muttersprache ihre Ehre zu geben und darinn zu philosophiren. (JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 5f.;)



Nach FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER schließlich reichen Entlehnungen aus der griechischen Sprache nicht allein in das Lateinische, sondern darüber hinaus bis in das Italienische (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 17).

Im Ganzen betrachtet, lassen die These einer (partiellen) Entstehung des Lateinischen aus dem Griechischen und die These griechischer Entlehnungen im Lateinischen deutlich werden, dass die deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s eine mehr oder weniger große und dabei einseitige Abhängigkeit des Lateinischen vom Griechischen annehmen. Bei der großen Wertschätzung, die zu dieser Zeit dem Lateinischen gegenüber besteht, ist dies letztlich als eine noch höhere Bewertung des Altgriechischen zu verstehen: Dieses Verhältnis erhält im gesamten Diskurs insofern eine gewisse Brisanz, als im Weiteren das Deutsche als Einzelsprache oder als so etwas wie eine indoeuropäische Ausgangssprache seinerseits in seinem Wert über das Griechische gestellt wird (vgl. oben).

224 —— Griechisch

3.3 Charakteristika Von den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung werden zahlreiche Charakteristika der griechischen Sprache genannt und erörtert. Diese Charakteristika lassen sich folgenden thematischen Schwerpunkten zuordnen: Laut und Schrift, Grammatik (insbesondere Wort- und Formbildung), Eigentlichkeit und Reichtum des Wortschatzes sowie Entlehnung ins Deutsche; besondere Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang Überlegungen zur Fremdsprachendidaktik.

3.3.1 Laut und Schrift Äußerungen zu Lauten im Griechischen bzw. Altgriechischen sind verhältnismäßig selten. Von Anmerkungen zur Artikulation einzelner Laute (vgl. zum Beispiel ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 54; BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 116) oder deren Repräsentation durch bestimmte Buchstaben (vgl. unter anderem HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 126; ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656, 40; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 27, 30) abgesehen, sind hier vor allem Hinweise auf Onomatopoetika sowie Versmaß und Reim von Interesse. Im Folgenden finden sich einige unsystematische Beispiele: –

So stellt JOHANN NICOLAUS TETENS fest, dass PLATON eine hohe Zahl an Onomatopoetika im Griechischen bemerkt habe: Plato fand in vielen Wörtern der Griechischen Sprache eine solche Harmonie der Töne und der Sachen. Wie es oft geschieht, daß man so etwas, welches man am besten siehet, auch allein siehet, so hielte er diese Entstehungsart der Wörter für die einzige, auf welche sie alle zusammen erfunden seyn sollten. (TETENS: Ursprung der Sprachen und der Schrift, Bützow/Wismar 1772, 46; vgl. ebd. 48)



Dieser spätaufklärerische Hinweis auf Möglichkeiten der Wortschatzerweiterung über Onomatopoesie hinaus ist insofern wichtig, als diese im Sinne eines unmittelbaren Bezugs von Wörtern zu Gegenständen sowohl für die Sprachdenker des Barock als auch für diejenigen der Frühromantik eine große Attraktivität hatte. PHILIPP VON ZESEN weist darauf hin, dass sich Griechisch und Latein einerseits sowie Hebräisch und Deutsch andererseits hinsichtlich des End-

Charakteristika —— 225



reims ähnelten: So reimten die einen nicht, während die anderen kaum über reimende Wörter verfügten, denn „die Griechen und Lateiner haben nicht so viel reim-wort als die Deutschen und Hebräer / deshalben sie auch keine Reimen machen / noch machen können“ (ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14). – In Entsprechung hierzu sehen BODMER und BREITINGER in reimlosen Gedichten ein hohes lyrischen Potential für die deutsche Dichtung und weisen dabei ausdrücklich auch auf antike Vorbilder hin: „Unsere Gedichte würden ohne die Reime so poetisch werden können, als die Gedichte der Römer und der Griechen sind“ (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 320). Bezüglich des Versmaßes führt JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED im Weiteren aus, dass unsre Sprache und Dichtkunst auch dadurch eine mehrere Aehnlichkeit mit der griechischen und lateinischen gewinne, welches ihr in Ansehung der übrigen heutigen Sprachen allerdings einen Vorzug gebe: Jemehr wir nämlich die Füße und Verse der Alten nachahmen können, destomehr Wohlklang und Harmonie hat unsre Sprache und Verskunst aufzuweisen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 467)



Hier wird die starke Vorbildfunktion von antiker Literatur für die Sprachdenker der Aufklärung spürbar, die später auch die Weimarer Klassik beeinflussen sollte. Die Längen und Kürzen im Deutschen schließlich sind laut KLOPSTOCK für die Verskunst angemessener als diejenigen im Griechischen und Lateinischen; er schreibt: Unser Tonmaß verbindet die Länge mit den Stamwörtern oder den Stamsylben, und beyde mit den Hauptbegriffen; die Kürze hingegen mit den Veränderungssylben, (diejenigen, durch welche umgeendet, und umgebildet wird) und beyde mit den Nebenbegriffen. Dieses macht, daß unsre Sprache den Absichten der Verskunst angemesner ist, als es selbst die beyden alten Sprachen sind. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183)

Und wenig später heißt es (vgl. zum Verhältnis von Länge und Betonung auch ebd., 189): Es ist genug, wenn ich die Kenner der Alten daran erinre, daß in der griechischen und lateinischen Sprache sehr viele Hauptwörter, Beywörter, und Zeitwörter verkommen, welche kurze Stamsylben, und lange Veränderungssylben haben. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183)

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Die Schreibung des Deutschen ist noch im 17. und 18. Jh. uneinheitlich, was nicht zuletzt auch durch die mittelalterliche Übernahme des lateinischen Alphabets zur Repräsentation eines andersartigen lautlichen Systems bedingt ist. Vor diesem Hintergrund weist FABIAN FRANGK auf ein weitgehend eindeutiges Laut/Buchstaben-Verhältnis im Griechischen (oder auch im Lateinischen) hin und fordert ein solches Verhältnis idealiter auch für die Schreibung des Deutschen; er bezeichnet eine solche Schreibweise als „recht Teutsch schreiben oder als Rechtbuchstäbig Teutsch schreiben“: Wenn ein iedlich wort / mit gebürlichen Buchstaben außgetruckt / das ist / recht vnd reyn geschriben wirt / also / dz kein Buchstab müssig / oder zuuil / noch zuwenig / Auch nicht an statt des andern gesetzt / noch versetzt / Darzu nicht frembdes / abgethanes / so einen missestandt oder verfinsterung geberen möchte / eingefürt wird. (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, 2)

In diesem Sinne fordert auch ZESEN eine Vereinheitlichung der deutschen Schreibung und führt dabei das Griechische wie das Lateinische als Vorbilder an: Es sei eine „Schande / wenn wier uns wegen der Rechtschreibung in der Deutschen Spraache weniger als in der Griechischen / Lateinischen oder andern Spraachen bekümmern wollten“ (ZESEN: Hooch-Deutsche SpraachÜbung, Hamburg 1643, 39). Recht divergierend zeigen sich die Überlegungen zu einem Zusammenhang zwischen dem griechischen Alphabet und den Buchstaben, die im Deutschen verwendet werden. So sei die griechische Schrift ZESEN zufolge von den Germanen vor der lateinischen Schrift verwendet worden. Die „Alten Deutschen“ hätten zunächst keine eigene Schrift gekannt, sondern „fremde Buuchstaben und Schriften entlehnet“: Ursprünglich „sollen sie die Griechischen Buuchstaben eine lange Zeit gebraucht haben / biß sie sich endlich teils durch Krieg / teils durch Kauffmannschafft / sich mit den Römern bekannt gemacht“ (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 18). Laut GOTTSCHED seien die griechischen Buchstaben hingegen über das Lateinische ins Deutsche gelangt: „Die Deutschen haben itzt alle die Buchstaben, die von den Lateinern, theils in ihren eigenen Wörtern, theils in denen, die sie aus dem Griechischen angenommen hatten, gebrauchet worden sind“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f.). Und bei HERDER schließlich heißt es, dass sämtliche Schriften Europas letztlich auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen: „Die Morgenländischen Alphabete sind im Grunde Eins: das Griechische, Lateinische, Runische, Deutsche u. s. w.“ (HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772, 139; zur Schreibung griechischer Lehnwörter im Deutschen: ADELUNG: Deutsche Sprachlehre für Schulen, Berlin 1806, 480f.).

Charakteristika —— 227

3.3.2 Wort- und Formbildung Die Belege zum Griechischen enthalten kaum Äußerungen zu dessen Grammatik als solcher. In den meisten Belegen wird ein Vergleich zwischen der Form- und Wortbildungsmorphologie der griechischen und der deutschen Sprache gezogen, der auf deren Komplexität im Sinne synthetischer Bauweise abzielt. Dabei wird das Deutsche zum Teil als ähnlich komplex angesehen, ihm also ein mehr oder weniger vergleichbarer Grad an synthetischer Bauweise zugeschrieben. Dies zeigen insbesondere die folgenden Äußerungen: –



Die These vergleichbarer morphologischer Komplexität im Griechischen wie Deutschen wird wiederholt im Hinblick auf die Komposition aufgestellt: Während die deutsche Sprache etwa nach CARL GUSTAV VON HILLE „an der Verdopplung der Griechischen gleichbürtig“ sei (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 137), erscheint sie laut CHRISTOF ARNOLD „in der Verdoppelung so fugsam / als die Griechische“ (ARNOLD: Kunstspiegel, Nürnberg 1649, 43 – vgl. auch SCHOTTELIUS: Ethica, Wolfenbüttel 1669, 343f.; KEMPE: Neugrünender Palm-Zweig der Teutschen HeldenSprache, Jena 1664, 3). Etwas eingehender erläutert SAMUEL BUTSCHKY diesen Befund, indem er auf die Segmentierbarkeit synthetischer Konstruktionen im Deutschen wie im Griechischen hinweist: Mit sonderbarer Lust muß man / durchgehend / ersehen / wie doch solche abgeleitete / und auch die verdoppelte Wörter / so zierlich an einander gefüget / und gewisser maßen gebildet werden / daß man bey uns / die Wurzel eines Wortes / oder das Stamwort / oder die wesentliche Stambuchstaben / oder den Grund / müsse ausforschen / und könne finden / eben wie bey den Griechen oder Hebreern. (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 49f.)



An anderer Stelle fordert BUTSCHKY unter Verweis auf das Griechische, Eigennamen im Deutschen nicht zu flektieren und damit auf eine synthetische Kennzeichnung zu verzichten: „Nahmen (Nomina propria) der Götter / Männer / Weiber / &c. […] bedürfen wier / nach Art der Lateiner / und Griechen / nicht beugen“ (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 90f.). Im Parnassus Boicus heißt es dann im 18. Jh. hinsichtlich des Deutschen im Vergleich zum Lateinischen, Griechischen und Hebräischen: Es sei „nachdermahlen vnsere Teutsche Sprache so hoch gestigen / daß sie der Hebræischen Sprach an Stamm-Wörteren überlegen / der Griechischen

228 —— Griechisch



an Verdopplung vnd Zusammenfügung der Worten gleichbürtig / der Lateinischen an Majestät vnd Ernsthaftigkeit nichts bevor gibt (Parnassus Boicus, München 1726, 198). Auf die vielfältigen Wortbildungsmöglichkeiten im Deutschen weist auch GOTTSCHED hin und vergleicht diese mit denjenigen im Griechischen und grenzt sie gegenüber denjenigen im Französischen oder Italienischen ab. Dabei bezieht er sich insbesondere auf den Bereich der Literatursprache: Ob dieses auch im Deutschen möglich sei, daran ist wohl kein Zweifel: ja es ist bey uns viel möglicher und leichter, als im Italiänischen und Französischen; weil unsre Sprache mehr Aehnlichkeit mit der alten griechischen hat, als alle heutige europäische Sprachen. Diese aber war überaus geschickt, durch die Zusammensetzung, recht vielsylbige neue Wörter zu machen; wie uns die Kunstnamen in der Zergliederungskunst, und die Dithyramben der alten Poeten sattsam zeigen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 294)



Synthetische Konstruktionen werden sowohl im Griechischen als auch im Deutschen mit Sprachökonomie, „Zierlichkeit und Kürze“ sowie guter Verständlichkeit „Deutlichkeit“ in Verbindung gebracht. So heißt es etwa bei W EITENAUER: Unter andern Aehnlichkeiten, welche das Deutsche mit dem Griechischen hat, ist die edle Geschicklichkeit die Wörter miteinander auf das glücklichste zu verbinden: welches nicht nur eine besondere Zierlichkeit und Kürze verursachet, sondern auch die Deutlichkeit beförderet, und den Reichthum des Sprachschatzes unendlich vermehret. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 90)



Mit dem Hinweis, dass die deutsche Sprache „in den Artikeln, oder Geschlechtswörtern eine große Ähnlichkeit mit der griechischen“ habe, weitet GOTTSCHED den Vergleich zwischen den beiden Sprachen auf den Bereich der Wortarten und ein Merkmal analytischer Konstruktionsweise aus (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f.; vgl. auch KRAUSE: Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein, Leipzig 1855, 254f.).

Einigen anderen Belegen zufolge zeige das Deutsche in seiner Form- und Wortbildung sogar einen höheren Grad an Synthetizität bzw. Analytizität als das Griechische. Ein solch höherer Synthesegrad im Deutschen findet bei den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung eine positive Einschätzung und wird beispielsweise bei den folgenden Autoren angenommen:

Charakteristika —— 229







Es sei laut LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN „erwiesen / daß unsere Sprache […] glückseliger […] in den verdoppelten oder zusammengefügten Wörtern / als die Griechische“ (LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646, 53). SIEGMUND VON BIRKEN nennt das Griechische als ein gutes Beispiel für eine Sprache, die eine ausgeprägte Wortbildung zeige, „massen die Griechische Sprache hierinn eine meisterin ist / wiewol es die Teutsche ihr weit zuvor thut“ (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 175). GOTTSCHED argumentiert anhand von deutschsprachigen Beispielen: Es sind die deutschen Hauptwörter entweder einfache, oder zusammengesetzte. Die einfachen sind solche, als wir zu den Stamm- oder Wurzelwörtern gezählet haben; oder auch Tisch, Bank, Kopf, Ohr, Auge, Feder u. d. gl. Zusammengesetzte aber, wenn man aus zweyen oder mehreren Redetheilchen, oder aus andern Bildungssyllben längere Wörter gemachet hat: als Drechselbank, Eselsohr, Schalksauge, Schreibfeder, Stockknopf, Theetisch u. s. w. In diesen Zusammensetzungen nun ist unsere Sprache sehr reich und glücklich; ja sie übertrifft darinnen die Geschicklichkeit der griechischen. Denn wir sind nicht nur im Stande, zwey, sondern wohl drey, vier und mehr verschiedene Wörter zusammen zu setzen; und dadurch unendlich viel Begriffe auszudrücken; z. E. Oberberghauptmann, Oberlandjägermeister; u. d. gl. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f., 220)

Dieser Beleg ist im Hinblick auf die Geschichte der deutschen Wortbildung von Bedeutung, da hier bereits in der Mitte des 18. Jh.s auf vierund mehrgliedrige Komposita hingewiesen wird. Eine Bemerkung von SCHOTTELIUS weist indessen in genau eine andere Richtung. So existierten im Deutschen mehr „Vorwörter“ (Präpositionen) als im Griechischen und Lateinischen (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 88). Dieser Befund kann somit als Hinweis auf einen höheren Grad an analytischer Bauweise im Deutschen im Vergleich zum Griechischen aufgefasst werden. Ein höherer Synthesegrad im Griechischen gegenüber dem Deutschen wird im Sprachdenken des 17. und 18. Jh.s schließlich kaum angenommen. Hinweise hierauf finden sich innerhalb des Belegkorpus nicht ausdrücklich, sondern lediglich implizit: So wird bei MEINER das synthetische Medium im Griechischen genannt, das im Deutschen insbesondere durch analytische Reflexivkonstruktionen zum Ausdruck gebracht wird: Unter allen Nationen waren es die Griechen allein, die da eingesehen haben, daß ein Verbum, welches einen thätigen Verhältnißbegriff bezeichnet, außer den beiden ge-

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wöhnlichen Formen, der Actiuae und Passiuae, die andere Sprachen auch haben, auch noch eine Dritte, die Mediam haben müsse, wenn man anders bey voller Kürze, dennoch recht bestimmt reden wollte, ohne bey dem Zuhörer fernere Fragen zu veranlassen. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, XVI; vgl. ebd., 13-15)

Die Vorstellung, dass ein historischer Abbau morphologischer Formen zu einer Schwächung bei der synthetischen Kennzeichnung der Diathese führen kann, zeigt sich hier nicht. Der wiederholte Hinweis auf den großen Formenreichtum und die hohe Wortbildungsproduktivität des Griechischen und des Deutschen ist in den Belegen also meist mit einem positiven Werturteil verbunden. Dies ist Ausdruck einer Sprachideologie, welche die Güte einer Sprache an der Höhe ihrer morphologischen Komplexität bzw. an dem Grad ihrer synthetischen Bauweise misst.

3.3.3 Eigentlichkeit und Reichtum (Wortschatz) Neben dem Hebräischen, Lateinischen und Deutschen gilt auch das Griechische im 17. Jh. als eine derjenigen Sprachen, in denen die göttliche Schöpfung besonders deutlich bzw. eigentlich repräsentiert ist und die daher semantisch als besonders wertvoll erscheinen. Das Griechische ist laut ELIAS HUTTER eine Sprache mit hoher Eigentlichkeit (im Sinne natürlicher Ursprünglichkeit oder göttlicher Schöpfungsnähe), welche die „Mittel findt / dadurch sich GOTt nach seinem Wesen vnd Willen / vnd die gantze Natur mit aller irer zugehör“, im Einzelnen „durch etliche wenig Buchstaben / Puncta, Vocales, vnd Accentus gleichsam in einen Spiegel vnd widerschal / zusehen / zuhören / zuverstehen / zubeschreiben / vnd außzusprechen geoffenbaret“ (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, A3). Dabei geht es HUTTER an dieser Stelle weniger um das Griechische als um das Deutsche, das den drei antiken Sprachen hinsichtlich einer solchen Eigentlichkeit gleichgesetzt werden soll. An anderer Stelle relativiert HUTTER diese Auffassung jedoch: Zum einen stellt er fest, dass ein „Deutscher“ im Rahmen eines theologischen Disputs „kegen einen Juden / Griechen / Lateiner vil zu schwach sei“ (ebd., E3); zum anderen räumt er ein, dass auch das Griechische nicht allein als religiöse Kultursprache, sondern auch als Sprache des Alltags Verwendung gefunden habe:

Charakteristika —— 231

Ein blosser Lateiner / Grieche / vnd Ebreer deßgleichen / ob er schon grosse Weißheit vnd Kunst / in seiner Sprachen fürgibt / Disputirt / zanckt / hadert / wie er kann vnd will / hilffts noch bawets doch nichts / wo er nicht bey dem rechten / Catholischen / vhralten / besten grund der heiligen Patriarchen / Propheten vnd Aposteln / vnd den zugehörigen verständlichen Hauptsprachen bleibt. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, E3)

Im 18. Jh. spielt die Vorstellung einer großen Eigentlichkeit der griechischen und anderer Sprachen nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch sei das Deutsche etwa nach JOHANN CONRAD W ACK in besonderer Weise dazu geeignet ist, die Bibel zu übersetzen bzw. Gottes Wort wiederzugeben, sodass hier das Prinzip der Eigentlichkeit in einer strukturell-pragmatischen Variante weitergeführt wird: Wann keine Sprache zulangt den heiligen Text, oder daß Ebräisch / Chaldäisch und Griechische / sage vielmehr Syrische Testament / von Wort zu Wort zu geben; so versuche mans im Teutschen / so werden / wann gleich allen Worten ihr Recht geschieht / sowohl die vollkommenste Gleichheit in den idiotismis, als auch der rechte und eigentliche Wort-Verstand sich am füglichsten weisen. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 216)

Neben Eigentlichkeit gilt in Barock und Aufklärung insbesondere auch Reichtum als Güteeigenschaft einer Sprache. Dabei wird von den deutschen Sprachdenkern betont, dass das Deutsche insbesondere hinsichtlich seines Fachwortschatzes annähernd so reich wie das Griechische sei – und damit reicher als andere europäische Sprachen: Man könnte also fast sagen, daß alle Sprachen, die nur durch gelehrte Federn ausgearbeitet worden, gleich vollkommen wären: wenn es nicht manchen an dem Überflusse der Wörter mangelte, alle ihre Begriffe auszudrücken. Dieses sieht man am meisten in Wissenschaften, bey den Kunstwörtern: denn da müssen gewisse Sprachen alles aus andern borgen; wie die Lateiner z. E. von den Griechen; die Franzosen und Engländer aber von den Lateinern und Griechen. In Ansehung dessen nun, ist unsere Sprache viel reicher; und gewissermaßen der griechischen zu vergleichen: denn wir können fast alle Kunstwörter mit ursprünglichen deutschen Benennungen ausdrücken. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f.)

3.3.4 Entlehnung Das Griechische tritt bei den deutschen Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s vor allem Gebersprache für das Deutsche auf. Dabei werden Entlehnungen aus der griechischen in die deutsche Sprache unterschiedlich beurteilt (zur

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Bedeutung von Entlehnungen bei der Diskussion der genealogischen Verwandtschaft des Griechischen und des Deutschen vgl. oben: Genealogie und Typologie). Im 17. und 18. Jh. werden diverse Bereiche griechischer Entlehnungen im Deutschen ausgemacht. So sind hier einem Beleg von JOHANN HEINRICH SCHILL aus der Mitte des 17. Jh.s zahlreiche Wörter aus dem Lateinischen und Griechischen entlehnt; er führt insbesondere solche christlicher Provenienz an und wertet diese nicht: Daß aber die Teutschen nicht auch etliche Wörter von den Grichen vnnd Lateinern sollten entlehnet haben / kann nicht geleugnet werden. Dann man findet von alters her in vnser teutschen Mutter-Sprach kein Wort / daß ein Kirch oder Tempel / Clauß oder Capell heist / die teutsche Zung weiß von keinem Altar / von keinem Opffer / Oblaten / Hostien / Bischoffen / Pfarrherrn / Predigern / Priestern / Pfaffen / Schulen / Schulmeistern / Schreibern / Dinten / Fest / Fasten oder Feiern. Es sind solche Wort auß dem Grichischen vnd Latein genommen / vnnd von der Römischen Kirchen den teutschen Christen auffgeerbt. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 224f.)

Ein weiterer Bereich, in dem Entlehnungen aus dem Griechischen im Deutschen zu beobachten seien, wird zu Beginn des 18. Jh.s in den Beyträgen zur Critischen Historie der Deutschen Sprache genannt – die nun im Aufbau befindliche deutsche Wissenschaftssprache, welche zahlreiche Lehnübersetzungen lateinischer und griechischer Kunstwörter aufweise: Dergestalt ist man denjenigen Gelehrten vielen Dank schuldig, die sich Mühe gegeben haben, die Kunstwörter, so man vor Zeiten nur in der griechischen und lateinischen Sprache hatte, mit deutschen zu verwechseln. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 57f.)

Angesichts solcher Befunde wendet sich JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS bereits im 17. Jh. gegen einen deutschen Fremdwortpurismus gegenüber allem, „was in Teutscher Sprache mit dem Grichschen / Lateinischen / Hebraischen auch wol mit dem Frantzösischen“ zusammenhänge (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1245). Laut KINDERLING könne letztlich gegen Ende des 18. Jh.s auf griechische und lateinische Lehnwörter in der deutschen Wissenschaftssprache nicht mehr verzichtet werden, auf solche anderer Provenienz dagegen durchaus: Wenn wir auch alle übrige Sprachen entbehren könnten, so könnten wir doch die Lateinische und Griechische nicht füglich entbehren, weil alle wissenschaftliche Cultur der übrigen Europäischen Völker, wie der Deutschen, zunächst aus Italien von den Römern hergeleitet werden muss, diese aber die wissenschaftlichen Kenntnisse von den Grie-

Charakteristika —— 233

chen empfangen haben. Alle dergleichen Wörter, womit wir wissenschaftliche Kenntnisse bezeichnen, die wir Griechen und Römern verdanken, können auch, ohne Verunreinigung unsrer Sprache, mit ihren Ausdrücken bezeichnet werden. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 46f.)

Im Gegensatz zu SCHILL geht GOTTFRIED W ILHELM LEIBNIZ davon aus, dass nur wenig Lehngut aus dem Griechischen ins Deutsche gelangt sei und dessen Reinheit daher kaum beeinträchtige, „dann vor der Griechischen haben wir uns nicht zu fürchten“ (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/ 1717, 347; vgl. auch KINDERLING: Reinigkeit der deutschen Sprache, Berlin 1795, 12; zu Entlehnungen aus dem Griechischen ins Lateinische oder Französische vgl. BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Zürich 1721-1723, 4; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f.). Eine solche puristische Einstellung ist auch unter anderen Autoren des Barock und der Aufklärung nicht sonderlich stark ausgeprägt. Dies gilt zum Beispiel auch für JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED oder JOHANN MICHAEL HEINZE (vgl. etwa GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 40; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 248).

3.3.5 Fremdsprachendidaktik Das Griechische gilt im deutschen Sprachdenken des 17. und 18. Jh.s als eine nicht einfach zu erlernende, da „schwere vnd weitläuffige“ Sprache (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 55). Als Grund für die geringe Erlernbarkeit gibt KASPAR SEIDEL weniger sprachstrukturelle Gründe als vielmehr eine verfehlte Fremdsprachendidaktik an: Die griechische Sprache „kömpt einen freylich desto schwerer an / wenn man sie nach der alten Art in so viel Classes, dahero man auch viel Conceptus nemmen vnd machen muß / eintheilet“; auf diese Weise werde „die Jugende mit so vielen Declinationibus, Conjugationibus, vnnd sonsten vielen vnnötigen Dingen beschwert“ (ebd., 55f.). Vor diesem Hintergrund fordert SEIDEL dann auch seine eine neue Fremdsprachendidaktik (vgl. ebd.). Das Erlernen des Griechischen gehört tatsächlich in die fremdsprachendidaktischen Curricula des 17. und 18. Jh.s. Eine kurze Zusammenstellung eines solchen Curriculums einschließlich seines zeitlichen Rahmens findet sich etwa bei JOHANN AMOS COMENIUS. Hiernach sei das Griechische in zwei Jahren neben dem Lateinischen und Hebräischen zu erlernen: Folgende Sprachen sollen hier gelernt werden: 1. ein oder zwei Sprachen der Nachbarvölker, 2. Latein, 3. Griechisch, 4. Hebräisch. Das alles kann leicht in sechs Jahren be-

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wältigt werden; fürs Lateinische braucht man drei Jahre, fürs Griechische zwei, fürs Hebräische ein Jahr. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f.)

Als didaktische Methode empfiehlt COMENIUS eine kontrastive Vorgehensweise, die von bereits erworbenen Kenntnissen des Lateinischen ausgeht (zur kontrastiven Didaktik vgl. auch Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 79): In der griechischen Grammatik z. B. müssen die Definitionen der Nomina und Verben, der Fälle und Zeiten oder die syntaktischen Regeln, die nichts Neues enthalten, nicht wiederholt werden, weil man sie als schon verstanden voraussetzen darf. Daher soll man nur darüber Regeln aufstellen, worin das Griechische vom bereits bekannten Latein abweicht. Dann lässt sich die griechische Grammatik auf einige Seiten reduzieren und alles wird deutlicher, leichter und sicherer. (COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657, 150)

Die hier angeführte Sprachenfolge Latein – Griechisch – Hebräisch ist unter den Sprachdidaktikern der Zeit jedoch nicht unumstritten. Alternativ hierzu schlägt etwa JOHANN JOACHIM BECHER vor, gerade nicht vom Lateinischen zum Griechischen voranzuschreiten, sondern vom Griechischen auszugehen, um dann das Lateinische zu erwerben, „dann es seynd kaum zweyhundert Lateinische Wörter / die übrige kommen all von dem Griechischen her“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 32). Eine weitere sprachdidaktische Variante wird zum Beispiel von JOHANN W ERNER MEINER ins Spiel gebracht, wenn er vorschlägt, dass ein griechischer Text nicht ins Deutsche, sondern ins Lateinische „übersetzet werden sollte, es müsste denn seyn, daß dem Schüler das Latein bey einer Stelle zu schwer vorkäme, in welchem Falle man es zuvor auch in das Deutsche und sodann erst ins Lateinische übersetzen lassen konnte“ (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, 24). Ein didaktischer Diskussionsgegenstand stellt zudem der in der Schuldidaktik weit verbreitete Gebrauch von Termini griechischer (wie lateinischer) Provenienz dar. Es sei wenig sinnvoll, hießt es bei JOHANN JACOB BODMER, bereits Bekanntes als etwas Unbekanntes zu erlernen und dabei noch eine fremde Sprache zu verwenden: Bekante Sachen / als unbekante zu erlernen / ist eine vergebliche Arbeit: dieses aber noch dazu unter griechischen und lateinischen Wörtern und Definitionen zu thun / ist eine mehr als vergebliche / ich will nicht sagen höchst-thörichte Bemühung. (BODMER: Von der Natur des Poetischen Geschmackes, Zürich 1736, 9)

Vergleich und Wertung —— 235

Einmal mehr nimmt JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED auch in diesem Falle eine eher konservative Gegenposition ein, indem ungeachtet terminologischer Fragen er an der Lehre von Rhetorik und Stilistik festhalten möchte: Man giebt es zu, daß viele Schullehrer der Sache zuviel gethan, und sich gar zu lange dabey aufgehalten haben. Man giebt auch zu, daß die griechischen Namen oft eine unnöthige Schwierigkeit verursachen, und daß man besser thäte, wenn man an ihrer Stelle deutsche einführete. Man gestehet auch endlich, daß die Natur selbst lebhafte Leute in Figuren reden lehret, die sonst ihr lebenlang keine Anleitung dazu bekommen haben. Aber aus dem allen folget noch nicht, daß die Lehre von Figuren aus den Anweisungen zur Wohlredenheit gar zu verbannen sey. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 82f.)

3.4 Vergleich und Wertung Neben einzelnen grammatischen Vergleichen (vgl. oben) sowie verschiedenen Werturteilen gegenüber der griechischen Sprache dreht sich die vergleichende Sprachreflexion der Barock- und Aufklärungszeit insbesondere um deren Status als „Hauptsprache“, die den kommunikativen Anforderungen von Wissenschaft, Religion und Dichtung gerecht wird. Die Aufmerksamkeit ist dabei insbesondere auf das Verhältnis der griechischen zur deutschen Sprache gerichtet.

3.4.1 Griechisch-deutscher Sprachkontrast So betrachtet bereits ELIAS HUTTER die „Griechische Sprache“ neben dem Hebräischen, Lateinischen und Deutschen als eine der vier wichtigsten weltlichen und geistlichen Literatursprachen der Erde, als eine der „vier Hauptsprachen“, die „das einzige rechte mittel sind / durch welches beide Geistlich und Weltlich Regiment / bis an der Welt End / kann / sol vnd muß bestelt vnd erhalten werden“ (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 1f.). In diesem Zusammenhang geht es jedoch weniger um eine Würdigung des Griechischen selbst als letztlich um eine Aufwertung des Deutschen (vgl. oben). NICOLAUS BASSAEUS sieht das Griechische ebenfalls als eine der Kultursprachen an, „in welchen die freyen Künste anfänglich beschrieben“ worden seien (BASSAEUS: Vorrede zu Rethorica, Frankfurt 1593, 4): Im Unterschied zu HUTTER wird daneben jedoch allein das Lateinische genannt; das Hebräische und das Deutsche finden keine Erwähnung. Trotz dieser hohen Bedeutung des Griechischen weist BASSAEUS ausdrücklich darauf hin, dass „dergleichen

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Deutsche Bücher fleissigen Leuthen / vnnd dem gemeinen Mann / weil die Künst darauß sichtlich zufassen vnnd zu erlernen / vmb so viel desto mehr annemblicher vnnd bequemlicher“ seien (ebd.; vgl. in diesem Sinne auch HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 2). Das Griechische und das Lateinische behalten ihre Status als herausragende „gelehrte“ oder „vollkommene“ Sprachen über das 17. bis in das 18. Jh. bei: Die These vom Nutzen des Griechischen als Wissenschaftssprache, die zum Vorbild und zur Ausgestaltung anderer Wissenschaftssprachen dienen kann, wird in der Mitte des 17. Jh.s etwa von JOHANN HEINRICH SCHILL vertreten: Ich will den Nutzen der Grichischen nicht melden / noch der Lateinischen Fürtrefflichkeit anziehen / weiln solche als Haupt-Sprachen für sich selbsten nicht allein berühmt / sondern deren Hilff alle andere Wissenschaften von nöthen haben. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 206)

Im 18. Jh. erfährt die griechische Sprache dann eine Charakterisierung als die „Hofsprache der höhern Cultur“ (ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 344; analog SULZER: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 1792-94, 114). Nach GEORG FRIEDRICH MEIER verdienten insbesondere das Griechische und das Lateinische die Charakterisierung als „gelehrte Sprachen“, und er fragt, ob diese „nothwendig und wesentlich zu der wahren Gelehrsamkeit erfordert werden“ oder ob jemand auch auch ohne Kenntnis einer dieser beiden Sprachen den „Namen eines wahren Gelehrten“ verdiene (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 74). Griechisch und Latein gelten hier nicht per se als „gelehrte“ oder „vollkommene“ Sprachen, da die entsprechenden Besonderheiten auch anderen Sprachen eigen sein können (vgl. MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 37f.; vgl. etwa auch ebd., 75, 85): Und so geht MEIER davon aus, dass eine einzelne Sprache dann zu einer „gelehrten“ bzw. „vollkommenen“ Sprache wird, wenn diese in Wissenschaft, Religion und Dichtung Verwendung findet und einen entsprechenden Reifungsprozess durchläuft: Indem ein schöner Geist und Gelehrter mehr denkt, als ein anderer: so erhöhet er das Gefühl aller seiner Erkenntniskräfte, und ist also im Stande, die Schönheiten und Häßlichkeiten der Ausdrücke zu bemerken. Dadurch ist ja so wohl die Griechische als auch die lateinische Sprache, zu einer vollkommenen Sprache geworden, daß Redner, Poeten und Gelehrte sich derselben bedient haben. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 98)

Nur wenige Wissenschaftsbereiche können somit nach MEIER ausschließlich mit dem Griechischen oder Lateinischen bewältigt werden. Hierzu zählten

Vergleich und Wertung —— 237

„das römische Recht“ oder „die griechische und römische Historie“; in anderen Bereichen könne dagegen auch gearbeitet werden, „ob man gleich weder der lateinischen noch griechischen Sprache mächtig ist“ (ebd., 79f.; vgl. auch ebd., 82). Im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung wird immer wieder eine erhebliche Kluft zwischen der Literatur der Antike und deutschem Schrifttum empfunden. Diese Diskrepanz zwischen griechischer und deutscher Literatur und damit letztlich auch griechischem und deutschem Sprachgebrauch hebt GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER auf eine verhältnismäßig drastische Weise hervor: „Die Teutschen haben vor Jahren nichts geschrieben / wie die Ebreer / Griechen und Lateiner / deßwegen müssen sie in aller Welt Bestien heissen / die nichts mehr können / als kriegen / fressen und sauffen“ (HARSDÖRFFER: Nothwendiger Vorbericht, Nürnberg 1646, 4). MEIER ist hier nüchterner, indem er feststellt, dass die deutsche Sprache als Wissenschaftssprache „noch nicht so vollkommen sey, als erforderlich wird, wenn man durch sie allein, die gesammte Gelehrsamkeit, in Deutschland in ihrem Flore erhalten, und immer vollkommener machen will“ (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 89). Daher solle entweder weiter auf das Lateinische und das Griechische zurückgegriffen werden, oder das Deutsche müsse weiter entwickelt werden, „wenn anders die Gelehrsamkeit nicht über kurz oder lang in Deutschland einen merklichen Nachtheil leiden soll“ (ebd.; vgl. ebd., 90f.). Auch hinsichtlich der Grammatik und Stilistik sei das Deutsche (anders als das Griechische und Lateinische) noch nicht vollkommen als Wissenschaftssprache ausgebildet: „Die lateinische und griechische Sprache ist, auch in diesem Stücke, so vollkommen, daß die Regeln der Sprachkunst in diesen Sprachen völlig bestimmt sind. Es bedarf also unsere Sprache, auch noch in diesem Stücke, einer Verbesserung“ (ebd., 93; vgl. auch ebd., 91f.). Dennoch und gerade deshalb fordert MEIER: Ob nun gleich die deutsche Sprache noch nicht den Grad der Vollkommenheit erlangt hat, daß sie, als eine gelehrte Sprache betrachtet, der griechischen oder lateinischen gleich zu schätzen wäre: so kann man doch mit Wahrheit behaupten, dass ein jeder, durch den deutschen Vortrag der Gelehrsamkeit, eine mehr als mittelmäßige Vollkommenheit, in den meisten Theilen der Gelehrsamkeit, zu erlangen im Stande ist. Es gereicht demnach zur weitern Ausarbeitung der Wissenschaften, und der übrigen Theile der Gelehrsamkeit, unter den Deutschen, wenn die Gelehrten, so wohl in ihren Schriften, als auch in ihrem mündlichen Vortrage, sich der deutschen Sprache bedienen (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 102f.).

Die Überlegungen MEIERs zeigen bereits deutlich, dass in der Aufklärung zwischen der prinzipiellen Anlage einer Sprache, als Wissenschaftssprache

238 —— Griechisch

verwendet zu werden, einerseits und deren tatsächlichem Erscheinen als eine solche Wissenschaftssprache andererseits unterschieden wird. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Eignung einzelner Sprachen zieht GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER bereits in der Mitte des 17. Jh.s einige Schlussfolgerungen, die bereits dem Geist der Frühaufklärung entsprechen: Zum einen sei keine Sprache als solche einer anderen Sprache als Medium von Wissenschaft und Literatur über- oder unterlegen, sodass Griechisch und Deutsch letztlich gleichrangig seien (vgl. auch HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.; BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 87; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 331): Wie sollte doch die fast Göttliche Vernunft des Menschen an ein gewisses Land gebunden seyn? Wie sollte das Himmelweite Nachsinnen der hohen Geister mit einer Sprache umschrenket und eingefangen werden können? Solcher gestalt were niemand / als auf Griechisch / Lateinisch / Welsch oder Frantzösisch verständig / und auf Teutsch ein Gauch. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27)

Und zum anderen sei eine „Teütsche Spracharbeit“ von Nöten, um eben Wissenschaft und Literatur, aber auch Verwaltung in deutscher Sprache zu ermöglichen: Es mag solches dem gemeinen Pövelmann der mit der Hand- und nicht mit der Haubtmühe sein tägliches Brod gewinnen muß / gnug sein; nicht aber denen / die im Geistund Weltlichen Stande ihre Unterhabende lehren / leiten / regiren und führen sollen. Diesen lieget ob / die liebe Jugend nicht allein nur zu dem Ebreischen / Griechischen und Lateinischen / sondern auch zu der Teutschen Sprache anzugewehnen / darmit sie im Geist- und Weltlichen Stande sich nehren müssen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22)

Ein Beleg aus CHRISTIAN GUEINTZ’ Sprachlehre Entwurf zeigt ein weiteres Mal die für die Zeit des (späten) Barock und der (frühen) Aufklärung eigentümliche Verbindung aus sachlicher Argumentation und bildhafter Ausdrucksweise. Auch hier wird das Griechische letztlich als ein Vorbild für die Beurteilung und Bewertung des Deutschen herangezogen, wobei wiederum die Gleichrangigkeit dieser beiden Sprachen mit den alten und neuen europäischen Kultursprachen betont wird: Und gewis wan alle ausgeübete und volkommene Sprachen wie sie weren / von den Griechen / von den Lateinern / von den Galliern und Spanischen / von den Phoeniciern selbst auf den Rechtplatz kommen sollten / daselbst umb die ehre durch ehre und Schwert und Waffen zu streiten und des Urtheils zuerwarten / so würden die Deutschen

Vergleich und Wertung —— 239

nicht auszubleiben ursache haben. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4f.)

Die Gleichrangigkeit des Deutschen und des Griechischen als Wissenschafts- und Literatursprachen hebt wenig später auch SCHOTTELIUS hervor und macht darauf aufmerksam, dass eine Beschäftigung mit der deutschen Sprache nicht die Erlernung der alten Sprachen beeinträchtige: Etzliche / welche dem Fortgange und Werthaltung der Muttersprache / mit guter Gewogenheit zum besten nicht zugethan / bringen zu Bescheinigung ihrer abgeneigtheit vor / wan die Jugend / und sonst jedermänniglich / sich auf die Teutsche Sprache zusehr begeben würde / möchte die Lateinische und Griechische dadurch dahinten gelassen / und nicht der Gebühr erlernet werden. Scheinet aber eine gantz vergebene Sorge; die rechte Lust zu einer Sprache erwekket vielmehr die andere; Und gleich wie ohn Handbietung und Kündigkeit der Lateinischen und Griechschen Sprache / als worin die Künste / Wissenschaften / Gottesdienst und Geschichte beschrieben / etwas lobwürdigeres im Teutschen wol niemand so leichtlich darthun und hervorbringen wird; Also vermag auch die rechte grundmäßige Kündigkeit der Teutschen Sprache / dem Lateinischen und Griechschen mit Lust in Erklärungen der Dinge / an die Hand zugehen / und aufs lieblichste und beweglichste alle Sachen auszudeuten (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 146; vgl. ebd., 159)

Im Sinne von SCHOTTELIUS setzt sich CHRISTIAN PUDOR mit der Tatsache auseinander, „dass viel Teutschen mehr um der Lateinischen / Griechischen / Hebreischen / Frantzösischen / und anderer / als ihrer eigenen Sprache / gründliche Erlernung sich bekümmern“ (PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672, 2). Und auch LEIBNIZ hebt den geringen Gebrauch der deutschen Sprache in der Wissenschaft kritisch hervor: Unser gelehrten aber, so dazu lust bezeiget, sind sehr wenig gewesen, theils weil einige unter ihnen gemeinet, daß die Weisheit nicht anders als in Latein und Griechisch sich kleiden lasse; oder aber auch weil manche gefürchtet, es würde der welt ihre mit großen worthen gelarffte geheime unwissenheit entdecket werden. (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O um 1682, 302)

Der Gebrauch des Griechischen und anderer Sprachen scheint im 17. und 18. Jh. durchaus auch der intellektuellen Profilierung gedient und sich so zum Jargon entwickelt zu haben. Ein solch exklusiver Gebrauch des Griechischen wird beispielsweise von MEIER thematisiert: Der Gebrauch des Griechischen und Lateinischen im Alltag suggeriere bei manchen „Schulgelehrten“ Gelehrsamkeit: „Wenn sie auch die allergemeinsten Gedanken lateinisch und griechisch ausdrücken, so hoffen sie sich dadurch das Ansehen der

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Gelehrsamkeit zu geben“ (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 76). Oder CHRISTIAN W ERNICKE spottet in Hinblick auf Äußerungen, denen zufolge die Gelehrsamkeit einzelner Personen an Kenntnissen des Lateinischen und Griechischen gemessen wird: „Wer die Poeten nicht, kein Griechisch und Latein │ Versteht, noch voller Sinn-Sprüch’ ist, │ Der sey ein schlechter Tropff“ (W ERNICKE: Epigramme, Hamburg 1704, 187f.). Analog hierzu äußert sich STIELER unter anderem im Hinblick auf den Gebrauch der griechischen bzw. „attischen“ Sprache: Deutsch reden und schreiben wird in Teutschland vor eine der geringsten Künste geschätzet. Der Gelehrte bekümmert sich allein um ausländische Sprachzierde und Fertigkeit / in denen Gedanken stehend / daß die Römische und Attische Sprachen ihme zu Erlernung mancherley Weysheit: Die Morgenländische zu Begreifung der göttlichen Geheimnüße: Die Französische / Welsche und Spanische aber / samt andern ausländischen / zur Bezier- und Erhebung scharfer Gedanken und Erfindungen die einzige Begleitsmänninen und Anweiserinnen seyn können. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691)

Auch STIELER steht einem exklusiven Gebrauch der alten Sprachen in der Wissenschaft zum Ende des 17. Jh.s kritisch gegenüber. Dabei weist er auf das Sprachverhalten der Römer und Griechen selbst hin, das durch den Gebrauch der eigenen Sprache und einen Purismus gegenüber fremder Lexik geprägt sei (vgl. bereits KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 24f.; SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 45; ders.: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648, 63f.): Die Römer / ob sie gleich den halben Teil ihrer Sprache denen Griechen / die andere Helfte aber uns Teutschen zu danken haben / hätten dennoch sich eher in einen Finger gebißen / als in einer offentlichen Kunstrede oder bey ansehnlicher Versammlung ein Griegisch Wort eingelappet / und / da die Griechen schon von den Römern bezwungen worden / haben sie dennoch kein Lateinisches Wort unter ihre Schrifften gemenget. (ebd.)

In der Frühaufklärung ist es insbesondere auch CHRISTIAN THOMASIUS, der die Entwicklung einer deutschen Literatursprache fordert und eine eigene philosophische Wissenschaftssprache auf Grundlage des Deutschen in eigenen Vorlesungen und Schriften einführt. Auch THOMASIUS geht davon aus, dass das Deutsche ebenso gut wie das Griechische und andere Sprachen dazu geeignet ist, als Wissenschaftssprache Verwendung zu finden (vgl. daneben auch FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, X; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6):

Vergleich und Wertung —— 241

Die Weltweißheit ist so leicht / daß dieselbige von allen Leuten / sie mögen seyn / von was für Stande oder Geschlecht sie wollen / begriffen werden kann. So schrieben auch nicht die Griechischen Philosophi Hebræisch / noch die Römischen Griechisch; sondern ein jeder gebraucht sich seiner Mutter-Sprache. Die Frantzosen wissen sich dieses Vortheils heut zu Tage sehr wohl zu bedienen. Warumb sollen denn wir Teutschen stetswährend von andern uns wegen dieses Vortheils auslachen lassen / als ob die Philosophie und Gelahrtheit nicht in unserer Sprache vorgetragen werden könnte. (THOMASIUS: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre, Halle 1691, 13)

Einige Jahrzehnte darauf kann dann JOHANN FRIEDRICH LAMBERT bereits feststellen, dass das Deutsche auf dem Weg der Herausbildung einer Wissenschaftssprache bereits sehr gute Fortschritte gemacht habe und dabei an das Griechische heranreiche. Als besonderes sprachliches Merkmal dieser Entwicklung sieht LAMBERT die Ausnutzung von Wortbildungsmöglichkeiten in der deutschen Sprache an (zum Vergleich der Wortbildung im Griechischen und Deutschen vgl. oben): Eine Sprache ist daher auch vollkommener, je mehr sie Möglichkeiten enthält, aus ihren Wurzelwörtern Wörter von jeder beliebigen Bedeutung zusammenzusetzen und abzuleiten, dergestalt, daß man aus der Structur des neuen Wortes seine Bedeutung verstehen könne. Diesen Vorzug hat die griechische und die deutsche Sprache, hingegen bleibt die lateinische darinn zurück, und die Römer borgten ihre neuen Wörter mehrentheils den Griechen ab, und der Gebrauch verboth ihnen, viele davon aus ihrer eigenen Sprache zusammenzusetzen, die gar wohl möglich und der Art ihrer Sprache nicht zuwider gewesen wären. Die Schullehrer maßten sich diese Freyheit an, aber mehrentheils ohne die Art der Sprache zu kennen, und daher waren ihre philosophischen Kunstwörter eher Misgeburten als echtes Latein. Die deutsche Sprache, die bereits angefangen hat, zur gelehrten Sprache zu werden, scheint die Vollkommenheit der griechischen erreichen zu können. (LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764, 76f.)

Eine hiermit vergleichbare Auffassung vertritt auch GOTTSCHED, der in den zahlreichen Wortbildungen der deutschen Wissenschaftssprache einen Reichtum an Wortschatz sieht: Das Deutsche sei insbesondere hinsichtlich seines Fachwortschatzes annähernd so reich wie das Griechische (und damit letztlich sogar reicher als andere europäische Sprachen): Man könnte also fast sagen, daß alle Sprachen, die nur durch gelehrte Federn ausgearbeitet worden, gleich vollkommen wären: wenn es nicht manchen an dem Überflusse der Wörter mangelte, alle ihre Begriffe auszudrücken. Dieses sieht man am meisten in Wissenschaften, bey den Kunstwörtern: denn da müssen gewisse Sprachen alles aus andern borgen; wie die Lateiner z. E. von den Griechen; die Franzosen und Engländer aber von den Lateinern und Griechen. In Ansehung dessen nun, ist unsere Sprache viel reicher; und gewissermaßen der griechischen zu vergleichen: denn wir können fast alle Kunstwörter mit ursprünglichen deutschen Benennungen ausdrücken. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f.)

242 —— Griechisch

Ein immer wieder genanntes Beispiel für den Reichtum an Wortbildungen und an Fachwortschatz stellt der Gebrauch der deutschen Sprache im Bereich des Bergbaus dar: Ja freilich: und disfals seind sie um so vielmehr und höher zu preisen / daß sie den neu erfundenen dingen in ihren werken keine Lateinische / Griechische / Französische / oder anderer fremden sprachen wörter zugeteilet; sondern eigene / entweder (wiewohl gantz wenige) von ohngefähr / oder aber aus der grundschacht ihrer reichen muttersprache / erfunden und gebildet. Dan sie haben solches aus keinem gelehrten / und durch fremder dinge erfahrung und kunst ausgeübtem verstande tuhn können; weil sie nur gemeine leute / und in andern sprachen und wissenschaften wenig / oder wohl gar nichts erfahren. (ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668, 353)

3.4.2 Positive Wertschätzung Über das Griechische der Antike werden im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche positive Werturteile gefällt. Zu den wichtigsten Eigenschaften, die in diesem Zusammenhang angeführt werden, zählen Eigentlichkeit im Sinne natürlicher Ursprünglichkeit oder göttlicher Schöpfungsnähe sowie Reichtum an Wortschatz (vgl. dazu oben). Weitere wichtige positive Merkmale des Griechischen im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung sind etwa (in chronologischer Reihenfolge): –

Herrlichkeit: CHRISTIAN GUEINTZ vergleicht die „Herligkeit“ der griechischen Kultur und Sprache insbesondere mit derjenigen der Römer: Griechenland was rühmest du dich sonsten vor anderen? Ist es nicht / daß nach den Morgenländischen Völckern du deßwegen mit deiner Herligkeit Hoch zu halten, wie vorhin andere? Du Sinreiches tapferes Rom / dich machten hoch die Heldentaten; aber berümt die Künste und deine Sprache. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 1f.)



Reinheit und Lauterkeit: Reinheit im Sinne von ‚Freiheit von fremdsprachlichen Einflüssen‘ und Lauterkeit im Sinne von ‚Freiheit von Vulgarismen, Regionalismen und Archaismen‘ sind insbesondere für CHRISTOPH SCHORER hervorstechende Merkmale des Griechischen: Viele Sprachgemeinschaften seien bestrebt, „ihre Sprache rein vnd lauter auff die Nachkommene fortzusetzen. Welches insonderheit die Griechen vnd Lateiner wol in acht genommen“ (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 45).

Vergleich und Wertung —— 243





Gründlichkeit, Vernehmlichkeit und Wohllautung seien Charakteristika des griechischen Fachwortschatzes: Die griechischen Kunstwörter können laut SCHOTTELIUS „gründlich / vernemlich und wollautend ausdrükken und anzeigen das Ding / dessen Kunstmässige Wörter sie sind“, doch fragt er, ob dies nicht auch deutschsprachige Fachwörter leisten, „eben so beliebt und unserem Verstande annehmlich werden“ können (SCHOTTELIUS: Teutsche SprachKunst, Braunschweig 1651, 12). Zierde, Schmuck und Ansehnlichkeit jeder europäischen Sprache verdankten sich laut BUCHNER insbesondere dem Vorbild griechischer und lateinischer Rhetorik: Im übrigen soll man gewiß dafür halten / daß der Ursprung und Qvell aller Zierde / Schmuckes und Ansehnlichkeit der Reden nirgends anders / als bey den Griechen und Lateinischen zu sehen ist, von denen alles hergeflossen / wodurch die Frantzosen / und Italiäner zuförderst ihre Sprache so hoch gebracht haben (BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 80f.).









Herrlichkeit und Zierde: In einigen Belegen wird das Altgriechische positiv gegenüber dem Neugriechischen abgegrenzt und dabei mit Herrlichkeit und Zierde in Verbindung gebracht: „Wer kann mir einen Ohrt benennen / wo die herrliche Griechische Sprache / in vorigem Zierwesen / anzutreffen?“ (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f.). Im Weiteren geht es bei NEUMARK dann um die „an der Weißheits-volle Griechische“ Sprache oder die „herrliche Griechische Sprache“ und deren „Zier-Wesen“ (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f.). Glanz: Das Altgriechische habe in seiner Entwicklung zum Neugriechischen seinen „alten Glantz“ verloren (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 4). Pracht, Nachdruck und Anmut: BODMER und BREITINGER prädizieren das Griechische als „prächtig […] mit ihren zusammen gezogenen Epithetis“ (BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Zürich 1721-1723, 6f.). An anderer Stelle ist von „Nachdruck“ und „Anmuth“ der „Griechen“ die Rede (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 563f.). Geschicklichkeit (Reichtum und Glück) gilt im Sprachdenken des 18. Jh.s als eine grammatische Eigenschaft, in diesem Falle die Kompositionsneigung, die nach GOTTSCHED im Deutschen noch ausgeprägter sei als im Griechischen: In „Zusammensetzungen nun ist unsere Sprache sehr reich und glücklich; ja sie übertrifft darinnen die Geschicklichkeit der

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griechischen“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f., 220). Die Vollkommenheit der griechischen Sprache sei ein erreichbares Vorbild für Bemühungen um eine deutsche Literatursprache: „Die deutsche Sprache, die bereits angefangen hat, zur gelehrten Sprache zu werden, scheint die Vollkommenheit der griechischen erreichen zu können“ (LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764, 76f.). Sang und Klang: HERDER stellt die „Griechen, deren Sprache sang und klang, wie ein Saitenspiel in dem reinen Aether des hohen Olymps“ aufweise, und die Deutschen, deren Sprache „wie eine Flöte unter einem dicken und niederen Himmel dumpfer tönen“ mag, gegenüber (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, 1768, 31f.). Die Geschicklichkeit der griechischen Sprache, Wörter zu bilden, mache einerseits deren Zierlichkeit und Kürze und andererseits deren Deutlichkeit und Reichtum aus und sei letztlich mit derjenigen des Deutschen zu vergleichen: Unter andern Aehnlichkeiten, welche das Deutsche mit dem Griechischen hat, ist die edle Geschicklichkeit die Wörter miteinander auf das glücklichste zu verbinden: welches nicht nur eine besondere Zierlichkeit und Kürze verursachet, sondern auch die Deutlichkeit beförderet, und den Reichthum des Sprachschatzes unendlich vermehret. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 90)



Sprache von Originalgenies: Der Geniegedanke des 18. Jh.s wird auch mit der wissenschaftlichen und der sprachlichen Entwicklung im antiken Griechenland in Verbindung gebracht: Die Griechen muß man nicht nur in Betrachtung ihrer Sprache, sondern auch in Ansehung derjenigen Vorzüge, so sie in allen Arten von Wissenschaften vor andern Nationen voraus haben, für wirkliche Originalgenies erkennen (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, XVI).

3.4.3 Negative Wertschätzung Negative Urteile über das Griechische erscheinen im deutschen Sprachdenken des 17. und 18. Jh.s weitaus seltener, sind aber durchaus ebenfalls zu finden. Hierzu gehören (ebenfalls in chronologischer Reihenfolge): –

Süßlichkeit: JOHANN KLAJ nennt „die versüssete Griechische“ Sprache und stellt dieser „unsere Wunderkräfftige / Wortmächtige und Qwelreiche

Vergleich und Wertung —— 245





Sprache“ gegenüber (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 2); an anderer Stelle ist für ihn „der Griech der Trunkenpold“ (ebd., 5). Aufschneidertum: Bei HILLE ist durch ein lyrisches Ich von der Sprache der „Aufschneider / ihr / ihr Griechen“ die Rede (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 58). Künstlichkeit bzw. Unnatürlichkeit (Dichtung): In der Dichtung seien die „Latein- und Griechische“ Sprache nach PHILIPP VON ZESEN mehr künstlich und weniger natürlich als die deutsche Sprache, indem sie „ihre wortglieder nicht nach der natur und aus-sprache / wie bei uns geschihet / sondern durch bloß-gekünsteltes wesen / und wider die natur lauffende gesetze / lang oder kurtz uhrteilet und brauchet“ (ZESEN: HoochDeutscher Helikon, Jena 1656, 38). In Entsprechung hierzu fomuliert nur wenig später AUGUST BUCHNER: Uber dieses so haben die Griechen gar ofte / die Lateiner zu weilen in den Wörtern / da viel kurtze Sylben zusammen stossen / die erste gemeiniglich wieder die Natur lang gemacht / damit sie solche Wörter nach erheischender Notturfft brauchen / und in den Verß einbringen könten (BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 143f.)



Kompliziertheit: Nach JOHANN CONRAD W ACK hat die Ausbildung der griechischen Literatursprache zu einer sehr komplexen, wenn nicht gar: zu komplexen Norm geführt: Nun wissen wir / wie lang / vielfältig und mühsam die Griechen und Lateiner an ihrer Sprach gearbeithet / und so subtil daran gekünstelt; daß die Regeln und Anmerkungen darüber wohl um drey Theil mehr und grösser worden / als die Sprachen an sich selbst sind (WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 29).



Rauheit: FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER stellt demgegenüber fest, dass das frühe Altgriechische eher „rauh und unangenehm“ gewesen sei: „Man hat ehe schlecht als zierlich gesprochen: daher alle Sprachen in ihren ersten Zeiten rauh und unangenehm sind, wie man auch an der griechischen und lateinischen gewahr wird“ (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 27).

246 —— Griechisch

3.5 Varietäten Für die deutschen Sprachdenker in Barock und Aufklärung stellen die Entstehung der verschiedenen Dialekte des Griechischen, die Herausbildung einer griechischen Literatursprache sowie die Entstehung des Neugriechischen wichtige Themen dar. Unter den Dialekten selbst wird insbesondere dem Attischen, dem Äolischen, dem Dorischen und dem Ionischen Beachtung geschenkt.

3.5.1 Mundarten und Literatursprache Das Interesse an den griechischen Dialekten kann mit der sprachlichen Situation im deutschen Sprachraum im 17. und 18. Jh. erklärt werden, die durch das Bestehen zahlreicher Mundarten und das Fehlen einer überregionalen Literatursprache geprägt ist: Die Entstehung einer griechischen Literatursprache in der Antike wird so zu einem Vorbild für sprachpflegerische Bemühungen im deutschen Sprachraum. Für die Entstehung der verschiedenen Mundarten des Griechischen macht JOSEPH JUSTUS SCALIGER vor allem die geographische Gestalt Griechenlands verantwortlich: „Von der Θέός-Muttersprache gibt es mehrere Dialekte, was nicht verwunderlich ist in einer solchen Inselwelt, die sprachlich ebenso wie räumlich große Unterschiede aufweist“ (SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610, 75). CARL GUSTAV VON HILLE hebt insbesondere vier „Mundarten“ des Griechischen hervor: die „Atheniensische / Jonische / Dorische / Eolische / und deren mehr“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81). Einige der Sprachdenker gehen im Weiteren davon aus, dass sich die griechische Literatursprache auf der Grundlage einer oder mehrerer dieser Mundarten entwickelt habe, wobei verschiedene Modelle vertreten werden. Solche Modelle der Entstehung einer griechischen Literatursprache sind etwa: –

Entstehung mehrerer dialektal geprägter Literatursprachen nebeneinander: So stellt etwa GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER fest, dass jeder griechische Schriftsteller „nach seiner eigenen Mundart geschrieben habe, obwol eine besser und zierlicher / als die andere gewesen“ (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 38; vgl. auch unten: W EITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck, 1772, 4). Letztlich sei-

Varietäten —— 247

en sowohl das Griechische als auch das Lateinische „nach vieler hundert Jahren Arbeit / zu endlicher Vollkommenheit gelanget“, einer Vollkommenheit, die hinsichtlich der deutschen Sprache „dieser zeit bey dem Anfang nicht zu verhoffen“ sei (ebd., 18). Die Tatsache, dass man im antiken Griechenland jeweils dialektal sprachpflegerisch tätig gewesen sei (so etwa BODMER und BREITINGER), bilde dies auch ein wichtiges Vorbild für eine vielfältige Sprachpflege im deutschen Sprachraum (vgl. darüber hinaus auch die Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 71f.): Aus allen diesen und mehr dergleichen Ursachen sollte wohl kein besonderes Volck in der Sprache des andern Knecht werden, sondern jedes sollte seinen eigenen Dialekt, so gut als es könnte, ausbessern. Also haben die Griechen in ihren verschiedenen Provintzen gethan. (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 626f.)





Entstehung einer Literatursprache auf der Grundlage des attischen Dialekts: Nach PHILIPP VON ZESEN habe man dagegen „zu Atehn das zierlichste Griechische / zu Rohm das zierlichste Latein geredet“ (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 226f.). Und auch JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS stellt fest, dass „unter den Griechschen Mundarten die Attische die beste geblieben / und die Oberste erworben“; sie entspreche damit dem römischen Dialekt und der Hochdeutschen Mundart und zeichne sich dabei durch „Grundrichtigkeit […] / kunstmessige Ausübung […] / und alle wahre Zier / Kunst / Lob / Pracht und Vollkommenheit“ aus (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 175; vgl. im Weiteren auch HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.). Entstehung einer überregional gültigen Literatursprache, die nicht auf eine Mundart alleine zurückgeht, sondern durch Übereinkunft hinsichtlich eines „Dialectus communis“: Im Parnassus Boicus werden in diesem Sinne diverse griechische Mundarten sowie eine „allgemeine Red-art“ unterschieden: Gleichwie dann nun die Griechische Sprache / so Weyland die allerzierlichste der gantzen Welt wurde / obwohl sie ihre gantz sonderbare Dialectos, oder Red-Arten hatte / nemblich die Æolische / Jonische / Dorische / Attische vnd Corinthische / nichtsdestoweniger keine von denen Gelehrten in ihren Schriften / als die Haupt-Sprach ist gebraucht worden / sondern ein gewiser Dialectus communis, oder allgemeine Red-art / so zwar in keinem Ort ijn gantz Griechenland geredet / doch aber von denen Gelehrten durchauß beliebet worden; so hat es mit vnser Teutschen Helden-Sprach auch eine gleiche Bewandtniß / daß nemblich diese zwar an keinem Orth zu gantz Teutschland /

248 —— Griechisch

wohl aber bey denen Gelehrten vnd ihrer Sprach Geflissnen allein zesuchen / vnd zufinden ist. (Parnassus Boicus, München 1726, 207f.; vgl. auch ebd., 14, 386f.)

JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS setzt sich im Weiteren wiederholt mit der Entwicklung der griechischen (attischen) Literatursprache (und der entsprechenden Entwicklung der lateinischen Literatursprache) selbst auseinander. Er unterscheidet dabei die Herausbildung eines Stammwortschatzes und die darauf folgende Einführung von Wortbildungen bis hin zur Entstehung eines Gesamtwortschatzes, mit dem Wissenschaft und Kunst abgedeckt werden können. Dabei habe das Griechische eine Vorbildfunktion für die sprachliche Pflege des Lateinischen übernommen: Ich halte auch dafür es habe mit Griechscher und Lateinischer Sprache gleich meßige Bewantniß gehabt: ihre alte eigene Worte / als ihr eigen Ertz und Metal haben sie gehabt / behalten / daran geschliffen / gefeilet / poliret / geschmoltzen und gearbeitet so lang / so oft / so fleißig / und zwar die Grichen ehender als die Römer / biß ihre unausgearbeitete Landwörter gleichsam in eine Zier ihrer rechten Deutung angekleidet / und auf richtigen Grund ihres Vermögens gepflantzet worden / daß hernacher mit der Zeit durch kunstfügliche und eigenschaftliche Zusammensetzung der Wörter / eine so vortrefliche Wortreiche Grichsche Sprache entstanden / dadurch alles / was fast in der Welt gewesen / auch Künste und Wissenschaften vermittelst der Grichschen Verdoppelung / kunten wol ausgesprochen werden: Und ist dieser Grichschen Sprache nachgerade die Lateinische Sprache mit Kunst und Füglichkeit nachgefolget: Wiewol doch die Römer lange Zeit selbsten dafür gehalten / daß es mit ihrer Sprache / in ansehen dessen / was die Grichsche vermocht / wenig bewant seyn würde. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1242; vgl. ebd., 94)

Eine für den deutschen Sprachraum vorbildliche Sprachpflege im antiken Griechenland (wie im antiken Italien) nimmt schließlich auch JOHANN GOTTFRIED HERDER an: Griechen und Römer, wären sie auch in allem, was sie in der Sprache dachten, so weit unter uns, als es uns oder ihnen belieben mag – in dem, wozu sie die Sprache machten, waren sie weit über uns. Was sie mit dem Werkzeuge ausgerichtet haben, mag viel oder wenig sein: aber wie sie über ihrem Werkzeuge selbst sich Mühe gaben, läßt sich nicht verkennen, und sollte ein großer Theil ihrer glücklichen Unternehmungen nicht eben durch diese vor- und nebenanlaufende Mühe erleichtert seyn? Wie arbeiteten sie nicht an ihrer Sprache, und darum gerieth ihnen auch in derselben die Arbeit so gut. (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, 1768, 11; vgl. ebd., 179)

An anderer Stelle führt SCHOTTELIUS dann aus, dass sich durch die zunehmende Kultivierung des Griechischen zwei Stilebenen herausgebildet hätten (vgl. auch oben) – eine alltägliche auf mundartlicher Grundlage, die

Varietäten —— 249

„sermo vulgaris“, und eine gehobene mit überregionaler Gültigkeit, die „lingua Attica“: So lange die Grichsche und Lateinische Sprache / ihren Gründen und Lehrsätzen nach / uneingefasset und unbeschlossen war / ward sie (Kraft derer / von ihren eigenen Landsleuten gethanen Zeugnissen) dem Ansehen nach arm / unschlachtig / und für eine Pöbelrede gehalten: Nach dem aber vortrefliche berühmte Männer dieselben Sprachen auszuüben / fest Gründe darin zuordnen / und dieselbige in ihre kunstmässige Gewisheit zusetzen / angefangen / sind selbige auch gemach und gemach gestiegen / sich sehr erweitert / Künste und Wissenschaften darin zierlich ausgedeutet / und haben die gelahrten Griechen und Römer alsdenn einen Unterscheid gesetzet / unter der altages Rede oder dem Pöbelgebrauche / und unter der Sprache / nach dero Eigenschaft und grundrichtigem Vermögen selbst; Inter sermonem vulgarem, wie sie es genennet / Et inter ipsam linguam Atticam seu Romanam. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 167f.)

Für SCHOTTELIUS hat die Entwicklung der griechischen Literatursprache nicht allein eine kulturelle, sondern darüber hinaus auch eine ausgesprochen hohe gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung: Die Römer und Griechen / in dem sie ihrer Vorfahren Tugenden / in ihrer Muttersprache / ihrer Jugend so lieblich vor Augen stelleten / reitzeten sie hierdurch dieselbe / mit Hindansetzung Leibes und Gutes / zu gleichmäßiger Tugendlust / und hat also die ausgezierte Muttersprache ihrem Vaterlande oftermals Wolstand und Wolwesen in viel wege veruhrsachet. (ebd., 150)

Zudem sei das kulturelle Erbe des antiken Griechenlands ohne die Ausbildung einer literarischen Sprache und deren schriftlicher Überlieferung bei Weitem nicht so groß ausgefallen: Der Griechen mannigfaltige Tapfrigkeit / der Römer vernünftiges Kriegswesen und prächtiges Siegen / were samt allem Lobe dahin / todt und in die lange Nacht gerahten / wenn sie nicht von ihrer Muttersprache die Hülfe der Stetswehrenheit hochvernünftlich genommen / und dadurch ihren untödlichen Rahmen der gantzen Welt verlassen hetten. (ebd., 146)

Angesichts solcher Überlegungen leitet SCHOTTELIUS schließlich aus den sprachpflegerischen Bemühungen um das Griechische (vgl. auch Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 71f.) eine Vorbildfunktion für das sprachpflegerische Bemühen um die deutsche Sprache ab: Es ist zwar jedem vergönt zu parliren und zu consipiren etwas nach seinem humor und alamodo manier, aber deswegen muß nicht verboten seyn / unsere so hochherrliche / reiche / reine Teutsche Sprache aus den Quellen und Grunden der Teutschen Sprache

250 —— Griechisch

/ wie die Griechen die Griechsche Sprache aus der Griechschen / die Lateiner die Lateinische Sprache aus der Lateinischen erhoben und ausgeübt / auch zuerheben und auszuüben. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 144)

3.5.2 Attisch Das Korpus umfasst insgesamt sieben Belege zu der Bezeichnung Attisch aus sechs Quellen. Nur zwei Belege aus einer Quelle stammen dabei aus dem 17. Jahrhundert (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663), die übrigen aus dem 18. Jahrhundert (Parnassus Boicus, München 1726; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig, 1759; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775; BIESTER: Kursachsen das Tribunal der Sprache, Berlin 1783). – Das Adjektiv attisch ist belegt in Groß- und Kleinschreibung und attribuiert Mundart, Rede, Sprache und Wörter; daneben findet sich auch unattisch. Bisweilen ist zudem die Rede von den Attici, ihrer Provinz Attika und deren Sprache. In der Sprachreflexion der Barock- und Aufklärungszeit findet der attische Dialekt überwiegend zusammen mit den anderen Mundarten des antiken Griechenlands, Dorisch, Äolisch und Ionisch, Erwähnung. Dabei werden zumeist Parallelen zwischen der sprachlichen Situation im Griechenland der Antike einerseits und im deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jahrhunderts andererseits gezogen. Sprachliche Charakteristika des Attischen sowie genealogische und typologische Gesichtspunkte werden dabei kaum berührt. So vertritt JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS zunächst die These, dass dem Hochdeutschen im Hinblick auf die Entwicklung der Literatursprache eine Vorrangstellung unter den deutschen Mundarten zukomme, ohne dass hierdurch die übrigen Mundarten des Deutschen sogleich zu verwerfen seien (vgl. oben). Insbesondere im Hinblick auf den fach- und sondersprachlichen Wortschatz wird man hiernach „zulassen müssen / daß auch ausser der Meisnischen Mundart viele Wörter verhanden seyn / welche […] in Beschreibung mancherley Händel / als Schiffwesens / Bergwerkes / Jagtrechtens / etc.“ von Bedeutung seien (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 176). Diese These einer literatursprachlich vorrangigen Mundart versucht SCHOTTELIUS sodann anhand einiger Beispiele aus anderen Sprachen zu erhärten und verweist in diesem Zusammenhang insbesondere auf das Attische, dem er unter den klassischen griechischen Dialekten ebenfalls eine solche Vorrangstellung einräumt, ohne dass dabei

Varietäten —— 251

dem Sprachgebrauch klassischer Schriftsteller folgend „alle Wörter und Redarten aus Jonischer / Eolischer und Dorischer Mundart“ (ebd.) zu verwerfen seien. Auch JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED folgt dieser Argumentation, wenn er mit dem Attischen, Dorischen, Äolischen und Ionischen zunächst vier „Hauptmundarten“ des Griechischen nennt und kurz darauf feststellt, dass die „Mundart der Gelehrten, oder auch wohl der Höfe zu nennen [...] jederzeit den rechten Kern einer Sprache ausgemachet habe, der im Hinblick auf das klassische Griechisch die Bezeichnung Atticismus trage“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 38). Wertschätzungen dieser Art, die der attischen Mundart eine Vorrangstellung gegenüber anderen Dialekten des klassischen Griechenlands einräumen und diese Verhältnisse auf eine literatursprachliche Vorrangstellung des Hochdeutschen innerhalb des deutschen Sprachraums übertragen, sind in der Sprachreflexion des 17. und 18. Jahrhunderts kein Einzelfall (vgl. zum Beispiel auch HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.; BIESTER: Kursachsen das Tribunal der Sprache, Berlin 1783, 196f.). Eine solche Wertschätzung des attischen gegenüber anderen griechischen Dialekten wird indessen auch in anderen Belegen deutlich, etwa wenn das Attische als Idealbild der klassischen griechischen Sprache innerhalb grammatischer Erläuterungen zum Deutschen Erwähnung findet (vgl. HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig, 1759, 89f.). Entsprechend der Vorrangthese des Attischen fällen die deutschen Sprachdenker des Barock und der Aufklärung wiederholt Urteile, in denen insbesondere das Attische positiv, andere griechische Dialekte dagegen negativ bewertet werden. Solch positive Wertschätzungen belegen die folgenden Beispiele: –

Attisch als der vornehmste griechische Dialekt (etwa dem Römischen im lateinischen Sprachraum vergleichbar): Also daß / wie unter den Griechschen Mundarten die Attische die beste geblieben / und die Oberste erworben / unter den alten Lateinischen Mundraten / endlich die Römische den Preiß behalten / und allen Schmuck / Zier und Gewisheit in und auf sich gebracht hat / gleichermassen auch in der weiten und räumigen Teutschen Hauptsprache / die mehrgemelte Hochteutsche Mundart die jenige eintzig seyn wird / kann / und muß / darin die Grundrichtigkeit gepflantzet / kunstmessige Ausübung gesetzet / und alle wahre Zier / Kunst / Lob / Pracht und Vollkommenheit gesuchet / gefunden / behalten / und fortgepflantzet werden muß. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 175)

252 —— Griechisch







Attisch als ein Dialekt freundlicher Menschen: Laut IGNAZ W EITENAUER folgt der Charakter einer Sprache bzw. der Charakter ihres Gebrauchs dem Charakter ihrer Verwender: „Nachdem nun ein Volk des mächtigen und fruchtbaren Griechenlandes geartet war, darnach fiel auch seine Mundart aus“; und so könnte „man […] den netten Athenienser, den tapferen Lacedämonier, den ehrlichen Thebaner, den bequemen Jonier, auch in seiner Sprache erkennen“ (W EITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 4). Attisch als der Dialekt mit den meisten und vortrefflichsten Sprechern: Selbst wenn allen griechischen Mundarten eine literarische Bedeutung zugesprochen werden könne, „so mußte diejenige billig den Vorzug haben, welche die mehrsten und vortrefflichsten Ausüber und Bearbeiter aufzuweisen hatte; und dieses traf in der attischen vollkommen zu“ (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.). Attisch als Dialekt von rhetorisch und stilistisch geschulten Sprechern, die auch die Vorzüge anderer Mundarten zu schätzen wüssten: Wenn „der Athenienser, seines feinen und verwöhnten Ohrs ungeachtet, doch die Delicatesse und den Wohlklang des ionischen Herodots nicht verkennt: so kann davon die Dichtkunst und Beredsamkeit Vortheil ziehen“ (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802; 24f.).

3.5.3 Äolisch, Dorisch, Ionisch Zur Beleglage und zum Wortgebrauch der drei Bezeichnungen: –



Die Bezeichung Äolisch (als Adjektiv Eolisch in Groß- und äolisch in Kleinschreibung) erscheint in drei Belegen aus einer Quelle des 17. Jahrhunderts (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663) und zwei Quellen des 18. Jahrhunderts (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775); sie attribuiert dabei Dialect, Mundart oder Hauptmundart. Die Bezeichnung Dorisch erscheint in drei Belegen aus einer Quelle des 17. Jahrhunderts (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663) und zwei Quellen des 18. Jahrhunderts (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775). Die Bezeichnung erscheint als Adjektiv (in Groß- oder Kleinschreibung) und attribuiert dabei Dialect, Mundart oder Hauptmundart.

Varietäten —— 253



Das Adjektiv ionisch (jonisch / ionisch in Groß- oder Kleinschreibung) erscheint in drei Belegen aus einer Quelle des 17. Jahrhunderts (S CHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663) und zwei Quellen des 18. Jahrhunderts (G OTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775); es attribuiert Dialect, Mundart oder Hauptmundart.

Die drei Mundarten des antiken Griechenlands werden in der Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung stets gemeinsam und zusammen mit dem Attischen genannt. Dabei wird stets darauf hingewiesen, dass dem Attischen in der Antike eine Vorrangstellung zugekommen sei, ohne dass hierbei die übrigen Mundarten auf gänzliche Ablehnung gestoßen wären. Dieser Hinweis erfolgt dabei vor dem Hintergrund der Diskussion um die Vorrangstellung des Ostmitteldeutschen gegenüber anderen Mundarten im Zuge der Standardisierung der deutschen Sprache. Bei JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS heißt es hierzu, dass „nicht alle Wörter und Redarten aus Jonischer / Eolischer und Dorischer Mundart / in Grichischer Sprache verwerflich waren / wie sonderlich aus den Poeten / die sich oftmals unattischer Reden und Wörter gebrauchet / abzunehmen ist“ und dass man in Entsprechung hierzu insbesondere in fachsprachlicher Hinsicht wird „gleichfals zulassen müssen / daß auch ausser der Meisnischen Mundart viele Wörter“ Verwendung finden, „welche bey etwa einer Verfertigung eines vöIligen Wörterbuches nicht müssen übergangen / noch in Beschreibung mancherley Händel / als Schiffwesens / Bergwerkes / Jagtrechtens / etc. werden künnen gemisset werden“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 176). Hiermit vergleichbar stellt auch JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED fest: „So waren vor Zeiten, in Griechenland vier Hauptmundarten gewöhnlich, die man Dialekte nennete: der attische, dorische äolische und ionische“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 38). Und wenig später räumt GOTTSCHED dann im Hinblick auf das Griechische, Lateinische und Deutsche ein (vgl. auch HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.): Doch ist noch zu merken, daß man auch eine gewisse eklektische, oder ausgesuchte und auserlesene Art zu reden, die in keiner Provinz völlig im Schwange geht, die Mundart der Gelehrten, oder auch wohl der Höfe zu nennen pflegt. Diese hat jederzeit den rechten Kern einer Sprache ausgemachet. In Griechenland hieß sie der Atticismus, in Rom Urbanitas. In Deutschland kann man sie das wahre Hochdeutsche nennen. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 38)

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3.5.4 Neugriechisch Die Entstehung des Neugriechischen macht SCHOTTELIUS letztlich einerseits an einem sprachlichen Wandel hinsichtlich lexikalischer Ausdrücke und Bedeutungen und andererseits an Veränderungen innerhalb der Formbildung und der Aussprache zurück: Zu dem / vermag nicht allein die Fluht der Jahre viele Wörter mit sich dahin zunehmen / sondern auch in Endung und Ausspruch der Wörter / in Redarten / Zier und Geschmuk / viel Wesens und Unterscheides mit sich zubringen / wie solches der Griechischen und Lateinischen Sprache […] wiederfahre. (ebd., 166f.)

Im Zuge dieser Entwicklung habe sich das Neugriechische nach HILLE nicht ganz so weit vom Altgriechischen entfernt wie das Italienische vom Lateinischen: Es ist aber obgedachte Griechische / welche in Griechenland heutiges Tages geredet wird / von der alten Griechischen / so weit abgewichen / geändert und gemißahrtet worden; daß zu zweifeln stehet / ob dieselbe anjetzo noch für eine Griechische Sprache zu achten sey: doch scheinet es gleichwol nicht / daß dieselbe von der alten rechten Sprache so weit / als die Welsche von der Lateinischen entfernet. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81)

Am Beispiel des Belegs von HILLE wird deutlich, dass das Neugriechische von den deutschen Sprachdenkern im 17. und 18. Jh. im Vergleich zum Altgriechischen eine geringere Wertschätzung erfährt. Das Altgriechische als eine „gelehrte Sprache“ (ebd., 81) erscheint hier als eine „herrliche [...] Sprache“, die sich durch „Zierwesen“ und „schöne Reinigkeit“ auszeichne (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f., vgl. ebd., 106) und in ihrer weiteren Entwicklung zum Neugriechischen „dermaßen verbastert und verdorben“ worden sei, „daß sie ihren alten Glantz fast gantz verlohren habe“ (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 4).

3.6 Belegzitate Das wir Teutschen neben andern Nationen inn vnser Sprache / nicht so gantz vngeschickt befunden würdenn / hab ich den Jungen / teutscher zung vngeübten / vnd den recht Regulirts Teutsch liebhabern / disen kurtzen vnderricht / zur anweisung / sich darinnen zeüben / fürschreiben wöllenn / wie wols on schaden / ia meins bedunckens hoch von nöten wer / das ein gantze Grammatica hierin beschriben würde / wie in griechischer / Lateinischer vnd andern sprachen gschehen. (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, X)

Belegzitate —— 255

Recht Teutsch schreiben aber / wirt hie nicht genommen oder verstanden / als Reyn / Höflich Teutsch mit geschmuckten vnnd verblümbten worten / ordenlich vnd artig / nach dem sinn oder Meynung eins iedlichenn dings / von sich schreiben / Wölchs hier der Redmaß vnnd Rethoricken zustendig / vnnd derhalben in der Redkündiger schule gehörig / da wirs auch bleibenlassen / Sondern / Wenn ein iedlich wort / mit gebürlichen Buchstaben außgetruckt / das ist / recht vnd reyn geschriben wirt / also / dz kein Buchstab müssig / oder zuuil / noch zuwenig / Auch nicht an statt des andern gesetzt / noch versetzt / Darzu nicht frembdes / abgethanes / so einen missestandt oder verfinsterung geberen möchte / eingefürt wird / Wölches sunst die Latiner vnnd Griechen / Orthographiam / wir aber / Rechtbuchstäbig Teutsch schreiben / nennen wollen. (FRANGK: Teutscher Sprach Art und Eygenschafft, Frankfurt 1531, 2) Denn weil es nicht in eines jeden Gelegenheit / Griechisch / Lateinisch / vnnd andere Sprachen / in welchen die freyen Künste anfänglichs beschrieben / zu lernen / Vnnd aber doch die Künste an im selbst hoch von nöten / darumb seyn dergleichen Deutsche Bücher fleissigen Leuthen / vnnd dem gemeinen Mann / weil die Künst darauß sichtlich zufassen vnnd zu erlernen / vmb so viel desto mehr annemblicher vnnd bequemlicher. (BASSAEUS: Vorrede zu Rethorica, Frankfurt 1593, 4) Allerliebsten Kinder Gottes / dieweil die heilige Ebraische / vnd nechst derselbigen die Griechische / Lateinische und Deutsche Sprachen / das einzige rechte mittel sind / durch welches beide Geistlich und Weltlich Regiment / bis an der Welt End / kann / sol vnd muß bestelt vnd erhalten werden. (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 1) So viel […] ist gewiß / vnd vnwidersprechlich / daß Schrifften vnd Sprachen / sonderlich die Ebraische heilige Gottes Sprache / vnd nechst derselben / die Griechische / Lateinische vnd Deutsche Sprache / daß einige rechte Mittel findt / dadurch sich GOTt nach seinem Wesen vnd Willen / vnd die gantze Natur mit aller irer zugehör / durch etliche wenig Buchstaben / Puncta, Vocales, vnd Accentus gleichsam in einen Spiegel vnd widerschal / zusehen / zuhören / zuverstehen / zubeschreiben / vnd außzusprechen geoffenbaret. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 3) Ein blosser Lateiner / Grieche / vnd Ebreer deßgleichen / ob er schon grosse Weißheit vnd Kunst / in seiner Sprachen fürgibt / Disputirt / zanckt / hadert / wie er kann vnd will / hilffts noch bawets doch nichts / wo er nicht bey dem rechten / Catholischen / vhralten / besten grund der heiligen Patriarchen / Propheten vnd Aposteln / vnd den zugehörigen verständlichen Hauptsprachen bleibt. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 3) Wir können also jeder Muttersprache ein Wort entnehmen, das den Abkömmlingen oder Dialecten gemeinsam ist, und sie danach benennen. Diese vier Wörter sollen sein: Deus, Θέός, Godt, Boge, als Kennzeichen der vier größeren Muttersprachen Lateinisch, Griechisch, Germanisch, Slawisch. (SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610, 74) Von der Θέός-Muttersprache gibt es mehrere Dialekte, was nicht verwunderlich ist in einer solchen Inselwelt, die sprachlich ebenso wie räumlich große Unterschiede aufweist. (SCALIGER: Diatribae de Evropaeorvm lingvis, Paris 1610, 75)

256 —— Griechisch

Dennoch aber / haben alle also ihren Ursprung nehmen müssen / ausser der ersten / die GOTT dem vernünftigen geschöpfe anfangs mit eingeplantzet: Wie auch neben den Künsten und wissenschaften ein jegliches Volck / so nach der Babylonischen verwirrung abgesondert / seine Sprache geliebet / geübet / erweitert / und nach begebenheit gezieret Vornehmlich aber diß Volk / so den Freyen künsten hold / und mit denselben von GOTT beseeliget worden. Griechenland was rühmest du dich sonsten vor anderen? Ist es nicht / daß nach den Morgenländischen Völckern du deßwegen mit deiner Herligkeit Hoch zu halten, wie vorhin andere? Du Sinreiches tapferes Rom / dich machten hoch die Heldentaten; aber berümt die Künste und deine Sprache. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 1f) Und gewis wan alle ausgeübete und volkommene Sprachen wie sie weren / von den Griechen / von den Lateinern / von den Galliern und Spanischen / von den Phoeniciern selbst auf den Rechtplatz kommen sollten / daselbst umb die ehre durch ehre und Schwert und Waffen zu streiten und des Urtheils zuerwarten / so würden die Deutschen nicht auszubleiben ursache haben. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 4f.) Ich wünsche von Hertzen / daß doch die Teutschen einmal die Augen auffthun / ihren vnverantwortlichen heßlichen Fehler in verderbung der alten redlichen vnd herrlichen teutschen Sprach erkennen / vnd vielmehr solche pflantzen vnd bawen / damit sie rein vnd lauter auf vnsere Nachkommene kommen möge / vnd sie nicht über vns dermal einest klagen / vnnd vns vor Verderber vnnd Stümpler der reinen teutschen Sprach außschreyen vnd außruffen müssen / welches vns dann ein ewiger Spott vnd Schand were / weil ohne daß wir sehen / daß bey nahe alle Länder vnd Völcker jederzeit sich beflissen / wo es müglich / ihre Sprache rein vnd lauter auff die Nachkommene fortzusetzen. Welches insonderheit die Griechen vnd Lateiner wol in acht genommen. (SCHORER: Teutscher Sprach-Verderber, o.O. 1643, 44f) Diß kann ich zwar zugeben / daß die Deutsche Spraache (es sey nun welche es wolle) die vornehmste und erste unter den andern Spraachen sey und mit der Hebräischen nach der Babilonischen Verwirrung / zugleich im gange und schwange gewesen und eher fortgepflanzet worden als andere / wie aus glaubwürdigen Geschichten zu erweisen / aber weiter gehe ich nicht. Solches schließ ich auch daraus / weil die Deutsche Spraache / sonderlich die uhralte / der Hebräischen so gar gleich / daß ihr keine unter den andern letzten zwo Hauptsprachen / der Griechischen und Lateinischen / so nahe kömmt an der Ausrede / gebrauch der Wort / Sylben und Buuchstaben / als eben selbige. (ZESEN: Hooch-Deutsche SpraachÜbung, Hamburg 1643, 13f.) Daß aber selbige [Lehnwörter] aus dem Lateinischen oder Griechischen entsprungen / werden die jenigen verneinen / die da bezeugen / daß die Deutsche Spraache eher im schwange gewesen alß die Griechische und Lateinische und werden vielmehr bejahen / daß die Lateiner und Griechen selbige Wörter von den Alten Deutschen und teils von den Hebräern entlehnet. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 20f.) Sollen wier kein Lateinisches / Griechisches oder Hebräisches / da diese doch die übrigen drey haupt- und grund-spraachen seyn / mit einmischen / vielweniger können wier gestatten / daß aus den andern Neben- oder unter-spraachen ein und das ander wort so vermässentlich in unsere allervollkommenste Haupt- und grund-spraache eingeflikt werde. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 37)

Belegzitate —— 257

Ich will den Nutzen der Grichischen nicht melden / noch der Lateinischen Fürtrefflichkeit anziehen / weiln solche als Haupt-Sprachen für sich selbsten nicht allein berühmt / sondern deren Hilff alle andere Wissenschaften von nöthen haben. Man muß ja ausländische Sprachen verstehen / vnd reden lernen / weilen sie in Verschickung Kauffmanschafften / auff den Reisen / vnnd in andere weg ihren guten Nutzen schaffen / auch in selbigen Sprachen viel schöne Bücher herauß kommen / auß welchen die Teutschen offtmals feine Sachen ergreiffen können. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 206) Daß aber die Teutschen nicht auch etliche Wörter von den Grichen vnnd Lateinern sollten entlehnet haben / kann nicht geleugnet werden. Dann man findet von alters her in vnser teutschen Mutter-Sprach kein Wort / daß ein Kirch oder Tempel / Clauß oder Capell heist / die teutsche Zung weiß von keinem Altar / von keinem Opffer / Oblaten / Hostien / Bischoffen / Pfarrherrn / Predigern / Priestern / Pfaffen / Schulen / Schulmeistern / Schreibern / Dinten / Fest / Fasten oder Feiern. Es sind solche Wort auß dem Grichischen vnd Latein genommen / vnnd von der Römischen Kirchen den teutschen Christen auffgeerbt […]. (SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 224f.) Es mag solches dem gemeinen Pövelmann der mit der Hand- und nicht mit der Haubtmühe sein tägliches Brod gewinnen muß / gnug sein; nicht aber denen / die im Geist- und Weltlichen Stande ihre Unterhabende lehren / leiten / regiren und führen sollen. Diesen lieget ob / die liebe Jugend nicht allein nur zu dem Ebreischen / Griechischen und Lateinischen / sondern auch zu der Teutschen Sprache anzugewehnen / darmit sie im Geist- und Weltlichen Stande sich nehren müssen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22) […] / wie sollte doch die fast Göttliche Vernunft des Menschen an ein gewisses Land gebunden seyn? Wie sollte das Himmelweite Nachsinnen der hohen Geister mit einer Sprache umschrenket und eingefangen werden können? Solcher gestalt were niemand / als auf Griechisch / Lateinisch / Welsch oder Frantzösisch verständig / und auf Teutsch ein Gauch. Uns ermangelt nicht ein Wort alles und jedes was man nur durchdenken kann / wolverständig auszureden / ob man gleich noch bey Anfang oft besagter Spracharbeit / wegen der Leser oder Zuhörer das Latein zu einem Dolmetsch gebrauchen muß / damit das noch unbekante Ding durch ein bekanntes Wort erlernet werde. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 27) Ob nun zwar bisanhero / auf jüngstaufgerichtetem Lehrstule / die hochheilige Sprachmutter die Ebraische / dero Tochter die Syrische / die versüssete Griechische / und die Dolmetschrein der Welt / die Lateinische Sprache / der Jugend treueiferigst eingetreufelt worden / so habe ich der wenigste / unter den Teutschen Muttersöhnen / je und je unsere Wunderkräfftige / Wortmächtige und Qwelreiche Sprache geliebet. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 2) Die Teutschen haben vor Jahren nichts geschrieben / wie die Ebreer / Griechen und Lateiner / deßwegen müssen sie in aller Welt Bestien heissen / die nichts mehr können / als kriegen / fressen und sauffen. (HARSDÖRFFER: Nothwendiger Vorbericht, Nürnberg 1646, 4)

258 —— Griechisch

Es ist aber obgedachte Griechische / welche in Griechenland heutiges Tages geredet wird / von der alten Griechischen / so weit abgewichen / geändert und gemißahrtet worden; daß zu zweifeln stehet / ob dieselbe anjetzo noch für eine Griechische Sprache zu achten sey: doch scheinet es gleichwol nicht / daß dieselbe von der alten rechten Sprache so weit / als die Welsche von der Lateinischen entfernet. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 106) Es sind aber nechst der uhralten Hebräischen vier Europeische Haubtsprachen / nemlich die Griechische / und Lateinische: und dann die Teutsche und Sclavonische. Nebenst diesen V. Haubtsprachen / seynd sieben geringere; die sich sonderlich nit weit ausbreiten. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 86; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 111) Es ist zwar die Vernunft an keine gewisse Sprache gebunden: alle Zungen können verständige Gedanken ausreden / und were diesen zu nahe gesagt / daß man nur in Latein / Griechisch oder Hebräisch weiß / in Teutsch aber närrisch seyn sollte. Ach nein / unsere Teutsche Haubtsprache ist so wortreich in ihren Wurtzeln/ so prächtig in der Ausrede / so mächtig in der Deutung / so vollkommen in ihren Kunstfugen / so grundrichtig in ihrer Lehrart / daß kein Sinnbegrief zu finden / welcher nicht wol vernemlich / und wunderschikklichst sollte können verabfasst werden. An den Stammwörtern ist sie der Hebräischen überlegen / an der Verdoppelung der Griechischen gleichbürtig / an der Lieblichkeit übertrifft sie die Lateinische mit allen denen zungen / die von ihr entsprungen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.) Die Griechische Sprach ist zwar eine schwere vnd weitläuffige Sprach / vnnd kömpt einen freylich desto schwerer an / wenn man sie nach der alten Art in so viel Classes, dahero man auch viel Conceptus nemmen vnd machen muß / eintheilet / die Jugende mit so vielen Declinationibus, Conjugationibus, vnnd sonsten vielen vnnötigen Dingen beschwert. Wo sie aber auff diese Weise gelehret vnd gelernet wird / kompt sie einem gar leicht für / vnd zwar viel leichter als die Lateinische / wenn sonderlich die rechten Vortel vnd Handgriffe / darbey gebraucht werden / welche gar leicht auß vorigen können gemercket werden […]. (SEIDEL: Didactica Nova, Tübingen 1647, 55f.) Mit sonderbarer Lust muß man / durchgehend / ersehen / wie doch solche abgeleitete / und auch die verdoppelte Wörter / so zierlich an einander gefüget / und gewisser maßen gebildet werden / daß man bey uns / die Wurzel eines Wortes / oder das Stamwort / oder die wesentliche Stambuchstaben / oder den Grund / müsse ausforschen / und könne finden / eben wie bey den Griechen oder Hebreern (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 49f.) Dergleichen ist auch von der griechischen Sprache bewust / daß die Athische Ausrede von der Dorischen und Jonischen unterschieden gewesen / von welcher die Lateinische Sprache viel Kunst-wörter geborget / und wegen ihrer Armut oder Unglückseligkeit in Zusammenfügung der vielsylbigen Wörter / noch nicht wiedergeben kann / sondern zu Behaltung aller Wissenschaften von nöthen hat. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648–53, 4)

Belegzitate —— 259

Unsre Sprache ist eine Hauptsprache […]. Wie aber die Griechische und Lateinische Sprach / nach vieler hundert Jahren Arbeit / zu endlicher Vollkommenheit gelanget / so ist solche dieser zeit bey dem Anfang nicht zu verhoffen / sondern beruhet alles auf genausichtiger Verbesserung glücklich. (HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648–53, 18) Folgende Sprachen sollen hier gelernt werden: 1. ein oder zwei Sprachen der Nachbarvölker, 2. Latein, 3. Griechisch, 4. Hebräisch. Das alles kann leicht in sechs Jahren bewältigt werden; fürs Lateinische braucht man drei Jahre, fürs Griechische zwei, fürs Hebräische ein Jahr. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f.) Dies muß einer beweisen / wer da einen misgönstigen Zweiffel recht ausbrüten will: Ob unsere teutsche Kunstwörter nicht können eben so gründlich / vernemlich und wollautend ausdrükken und anzeigen das Ding / dessen Kunstmässige Wörter sie sind / und ob sie nicht in einer geringen Lehrzeit durch kurze Gewonheit eben so beliebt und unserem Verstande annehmlich werden können / als die Griechische oder Lateinische. (SCHOTTELIUS: Teutsche SprachKunst, Braunschweig 1651, 12) Ich für mein teil halte gäntzlich dafür / daß alle sprachen und zungen / die man itzund in der gantzen welt redet / im grunde ihrer natur eine sprache / oder eigentlich mundarten der ersten sind: das ist / aus der allerersten / als der einigen hauptsprache / nämlich der Adamischen oder Ebreischen / wie sie nachmals nach den kindern Ebers genennet worden / mit den andern vieren / als der Deutschen / Griechischen / Lateinischen und Sclavonischen / welche ins gemein auch für hauptsprachen gehalten werden / entsprossen; nuhr dass man ihre wörter / nach den unterschiedlichen mundarten teils an mit- teils an selb-lautern / verändert / verzwikket / oder verlängert. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 98f.) Dan in iedem Lande finden sich zweierlei sprachen / eine hohe oder zierliche / und eine niedrige oder bäurische. Jene ist bei Hofe / unter gelehrten / unter geschickten und höflichen menschen / und sonderlich unter dem Frauenzimmer / üblich: Diese aber gehet unter dem gemeinen manne / und dem Land-volke im schwange. So hat man zu Atehn das zierlichste Griechische / zu Rohm das zierlichste Latein geredet. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 226f.) Inzwischen leugne ich nicht / daß uns die Griechische und Lateinische / weil sie im grunde und ursprunge selbst auch deutsche seind / bisweilen ein licht und beihülfe sein können / den verstand und die bedeutung unserer wörter um so viel eher und gewisser zu finden: weil die ursprüngliche erste bedeutung in unserer sprache bisweilen vergangen / oder vielmehr mit der zeit verdunkelt worden, welches aber gar selten fürfallen wird. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 234) Doch seind in dieser grossen Stadt Babel / als aller Sprachen Mutter […] / drey grosse mächtige Thürme / die wir von ferne vor allen andern weit vnd breit sehen. Der größte vnd mittelste (so zweifelsfrey noch ein Stück von dem fundament des alten Gebews) ist der H. Hebræischen Sprache: der ander gegen Orient: der Griechischen vnd der dritt auff der lincken Seit / Niedergangs zu / der Lateinischen gewidmet. (RIVINUS: Die erste SprachenThuer, Leipzig 1653, 12f.)

260 —— Griechisch

Richtschnur für die Abfassung der Reguln einer neuen Sprache sei eine früher erlernte, so daß nur die Abweichungen von dieser aufgezeigt werden müssen. Denn das beiden Sprachen Gemeinsame zu wiederholen, ist nicht bloß unnütz, sondern auch schädlich, weil es durch den Schein einer großen Weitläufigkeit und Verschiedenheit, die den Tatsachen nicht entspricht, den Verstand erschreckt. In der griechischen Grammatik z. B. müssen die Definitionen der Nomina und Verben, der Fälle und Zeiten oder die syntaktischen Regeln, die nichts Neues enthalten, nicht wiederholt werden, weil man sie als schon verstanden voraussetzen darf. Daher soll man nur darüber Regeln aufstellen, worin das Griechische vom bereits bekannten Latein abweicht. Dann lässt sich die griechische Grammatik auf einige Seiten reduzieren und alles wird deutlicher, leichter und sicherer. (COMENIUS: Didactica Magna, Amsterdam 1657, 150) Meiner Meinung nach gibt es sieben sprachen, die zur allgemeinen Verständigung notwendig und höchst nützlich sind. Von diesen nehmen drei den gelehrten, vier aber den allgemeinen und gewöhnlichen Sprachen die Palme weg. Ich betrachte nämlich die Sprachen als gelehrte und gewöhnliche. Gelehrte Sprachen sind die, welche man durch Gesetze und regeln lernt, vernehmlich Latein, Griechisch und Hebräisch. wer diese Sprachen beherrscht, wird mit Leichtigkeit die Gelehrten und ihre Schriften verstehen. Von den gewöhnlichen Sprachgruppen sind die arabischen, slawischen, romanischen, germanischen am verbreitetsten. Den Gebrauch der letzten Sprache wird man in ganz Nieder- und Oberdeutschland feststellen, teilweise in Dänemark und Schweden. (BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 28) Uber dieses so haben die Griechen gar ofte / die Lateiner zu weilen in den Wörtern / da viel kurtze Sylben zusammen stossen / die erste gemeiniglich wieder die Natur lang gemacht / damit sie solche Wörter nach erheischender Notturfft brauchen / und in den Verß einbringen könten. (BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 143f.) Etliche Ausländer halten die Teutschen in ihren Schriften (was ihre Sprache betrift) für grobe brummende Leute / die mit röstigen Worten daher grummen / und mit harten Geleute von sich knarren: ja schreiben etzliche öffentlich / die Teutsche Sprache hette um ein tausent Wörter in sich / derer acht hundert von Griechen / Hebreern und Lateinern erbettelt / und ungerfehr zwey hundert grobe Teutsche Wörter daselbst verhanden weren / und helt man diese Hauptsprache / als sie nicht könne verstanden / noch von anderen recht erlernet / oder einige Lieblichkeit darin aufgebracht werden. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663) Es ist zwar jedem vergönt zu parliren und zu consipiren etwas nach seinem humor und alamodo manier, aber deswegen muß nicht verboten seyn / unsere so hochherrliche / reiche / reine Teutsche Sprache aus den Quellen und Grunden der Teutschen Sprache / wie die Griechen die Griechsche Sprache aus der Griechschen / die Lateiner die Lateinische Sprache aus der Lateinischen erhoben und ausgeübt / auch zuerheben und auszuüben […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 144) Etzliche / welche dem Fortgange und Werthaltung der Muttersprache / mit guter Gewogenheit zum besten nicht zugethan / bringen zu Bescheinigung ihrer abgeneigtheit vor / wan die

Belegzitate —— 261

Jugend / und sonst jedermänniglich / sich auf die Teutsche Sprache zusehr begeben würde / möchte die Lateinische und Griechsche dadurch dahinten gelassen / und nicht der Gebühr erlernet werden. Scheinet aber eine gantz vergebene Sorge; die rechte Lust zu einer Sprache erwekket vielmehr die andere; Und gleich wie ohn Handbietung und Kündigkeit der Lateinischen und Griechschen Sprache / als worin die Künste / Wissenschaften / Gottesdienst und Geschichte beschrieben / etwas lobwürdigeres im Teutschen wol niemand so leichtlich darthun und hervorbringen wird; Also vermag auch die rechte grundmäßige Kündigkeit der Teutschen Sprache / dem Lateinischen und Griechschen mit Lust in Erklärungen der Dinge / an die Hand zugehen / und aufs lieblichste und beweglichste alle Sachen auszudeuten. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 146) Der Griechen mannigfaltige Tapfrigkeit / der Römer vernünftiges Kriegswesen und prächtiges Siegen / were samt allem Lobe dahin / todt und in die lange Nacht gerahten / wenn sie nicht von ihrer Muttersprache die Hülfe der Stetswehrenheit hochvernünftlich genommen / und dadurch ihren untödlichen Rahmen der gantzen Welt verlassen hetten. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 146) Die Römer und Griechen / in dem sie ihrer Vorfahren Tugenden / in ihrer Muttersprache / ihrer Jugend so lieblich vor Augen stelleten / reitzeten sie hierdurch dieselbe / mit Hindansetzung Leibes und Gutes / zu gleichmäßiger Tugendlust / und hat also die ausgezierte Muttersprache ihrem Vaterlande oftermals Wolstand und Wolwesen in viel wege veruhrsachet. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 150) Es ist aus den Benahmungen vieler Berge / Wälder / Länder / Stäte / Flüsse etc. wie auch aus den alten Reimen / Liederen und annoch verhandenen Schriften / oftmals abzunehmen / daß viele der Teutschen Wörter / die damals gültig und bekannt gewesen / nunmehr gar unbekant / verlegen / deutlos und Unwörter worden seyn / so viel nemlich die Ankunft und eigentliche deroselben Deutung betrift. Zu dem / vermag nicht allein die Fluht der Jahre viele Wörter mit sich dahin zunehmen / sondern auch in Endung und Ausspruch der Wörter / in Redarten / Zier und Geschmuk / viel Wesens und Unterscheides mit sich zubringen / wie solches der Griechischen und Lateinischen Sprache gleichfalls wiederfahren. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 166f.) So lange die Grichsche und Lateinische Sprache / ihren Gründen und Lehrsätzen nach / uneingefasset und unbeschlossen war / ward sie (Kraft derer / von ihren eigenen Landsleuten gethanen Zeugnissen) dem Ansehen nach arm / unschlachtig / und für eine Pöbelrede gehalten: Nach dem aber vortrefliche berühmte Männer dieselben Sprachen auszuüben / fest Gründe darin zuordnen / und dieselbige in ihre kunstmässige Gewisheit zusetzen / angefangen / sind selbige auch gemach und gemach gestiegen / sich sehr erweitert / Künste und Wissenschaften darin zierlich ausgedeutet / und haben die gelahrten Griechen und Römer alsdenn einen Unterscheid gesetzet / unter der altages Rede oder dem Pöbelgebrauche / und unter der Sprache / nach dero Eigenschaft und grundrichtigem Vermögen selbst; Inter sermonem vulgarem, wie sie es genennet / Et inter ipsam linguam Atticam seu Romanam. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 167f.)

262 —— Griechisch

Also daß / wie unter den Griechschen Mundarten die Attische die beste geblieben / und die Oberste erworben / unter den alten Lateinischen Mundraten / endlich die Römische den Preiß behalten / und allen Schmuck / Zier und Gewisheit in und auf sich gebracht hat / gleichermassen auch in der weiten und räumigen Teutschen Hauptsprache / die mehrgemelte Hochteutsche Mundart die jenige eintzig seyn wird / kann / und muß / darin die Grundrichtigkeit gepflantzet / kunstmessige Ausübung gesetzet / und alle wahre Zier / Kunst / Lob / Pracht und Vollkommenheit gesuchet / gefunden / behalten / und fortgepflantzet werden muß. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 175) Es hat aber die Teutsche Sprache ihre Haubtzier / wie erwehnt / und höchste Lieblichkeit dem Hochteutschen vorbehalten / welche Hochteutsche Mundart gleichsam allein den Nahmen der Teutschen Sprache überkommen / wie vormals die Attische in Griechenland / die Römische in Welschland / noch heute die Persische in Asien / die Toscanische in Italien / die Castilianische in Spanien / und les nobles in Frankreich. Gleich wie aber nicht alle Wörter und Redarten aus Jonischer / Eolischer und Dorischer Mundart / in Grichischer Sprache verwerflich waren / wie sonderlich aus den Poeten / die sich oftmals unattischer Reden und Wörter gebrauchet / abzunehmen ist; Also wird man gleichfals zulassen müssen / daß auch ausser der Meisnischen Mundart viele Wörter verhanden seyn / welche bey etwa einer Verfertigung eines völligen Wörterbuches nicht müssen übergangen / noch in Beschreibung mancherley Händel / als Schiffwesens / Bergwerkes / Jagtrechtens / etc. werden künnen gemisset werden. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 176) Ich halte auch dafür es habe mit Griechscher und Lateinischer Sprache gleich meßige Bewantniß gehabt: ihre alte eigene Worte / als ihr eigen Ertz und Metal haben sie gehabt / behalten / daran geschliffen / gefeilet / poliret / geschmoltzen und gearbeitet so lang / so oft / so fleißig / und zwar die Grichen ehender als die Römer / biß ihre unausgearbeitete Landwörter gleichsam in eine Zier ihrer rechten Deutung angekleidet / und auf richtigen Grund ihres Vermögens gepflantzet worden / daß hernacher mit der Zeit durch kunstfügliche und eigenschaftliche Zusammensetzung der Wörter / eine so vortrefliche Wortreiche Grichsche Sprache entstanden / dadurch alles /was fast in der Welt gewesen / auch Künste und Wissenschaften vermittelst der Grichschen Verdoppelung / kunten wol ausgesprochen werden: Und ist dieser Grichschen Sprache nachgerade die Lateinische Sprache mit Kunst und Füglichkeit nachgefolget: Wiewol doch die Römer lange Zeit selbsten dafür gehalten / daß es mit ihrer Sprache / in ansehen dessen / was die Grichsche vermocht / wenig bewant seyn würde […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1242) Es haben die Römer einen solchen ehrlichen und rühmlichen Diebstahl desto unvermerksamer begehen / und der weisen Griechen Erfindungen und Kunststükke / ohn verspürte Erhaschung / in ihre Sprache gebracht und verlateinischet / je weniger die Grichsche Sprache in so weit mit der Lateinischen Verwandniß hat: Und weil solche gelahrte Römer ihrer Sprache gründlich kündig gewesen / und wan sie der Grichschen Sinn und Meynung gewust / sich an Grichsche Ausrede und Redarten wenig gekehret / sonderen den Schmuck der Lateinschen Rede aus ihrer Sprache Eigenschaft wolkönnend hervorgesucht / und also

Belegzitate —— 263

die Lateinische Sprache so wol mit Ruhm und Kunst / als mit Nutz gezieret. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1243) Wer kann mir einen Ohrt benennen / wo die herrliche Griechische Sprache / in vorigem Zierwesen / anzutreffen? Welche Landschaft ist in heutigem gantzen Griechenlande zufinden / da ihre hiervorige schöne Reinigkeit ausgesprochen? (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2f.) D. Haben dan die Bergleute auch eine sonderliche sprache? // M. Ja freilich: und disfals seind sie um so vielmehr und höher zu preisen / daß sie den neu erfundenen dingen in ihren werken keine Lateinische / Griechische / Französische / oder anderer fremden sprachen wörter zugeteilet; sondern eigene entweder (wiewohl gantz wenige) von ohngefähr / oder aber aus der grundschacht ihrer reichen muttersprache / erfunden und gebildet. (ZESEN: Helikonische Hechel, Hamburg 1668, 353) Unter diesen zehlet man ins gemein fünf Hauptsprachen: nämlich zum ersten die Ebräische; welche / als eine ertz-Hauptsprache / aller anderer Mutter oder vielmehr Groß- und Ertzmutter ist. Darnach folget / als die nächste / die Hochdeutsche; dan die Griechische; auf diese die Lateinische / und endlich die Slavische oder Slavonische. (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3) Ja die Griechische / und Slavonische / ob sie schon an etlichen örtern / als Muttersprachen / noch gebreuchlich / seind gleichwohl dermaßen verbastert und verdorben / daß sie ihren alten Glantz fast gantz verlohren. (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 4) Man wird auch / aus Homeri und anderer griechischer Poeten Schriften / die Kunst ergreiffen können / schöne Gattworter und Composita zu machen: massen die Griechische Sprache hierinn eine meisterin ist / wiewol es die Teutsche ihr weit zuvor thut. (BIRKEN: Teutsche Rede-bind und Dicht-Kunst, Nürnberg 1679, 175) Ich will die unsterbliche Nahmen derer fürsten alhier nicht an führen, welche in die so löbliche gesellschafften getreten, dadurch man die Teutschen gemüther erwecken wollen, und die gewislich nicht geringe frucht gebracht. Unser gelehrten aber, so dazu lust bezeiget, sind sehr wenig gewesen, theils weil einige unter ihnen gemeinet, daß die Weisheit nicht anders als in Latein und Griechisch sich kleiden lasse; oder aber auch weil manche gefürchtet, es würde der welt ihre mit großen worthen gelarffte geheime unwissenheit entdecket werden. (LEIBNIZ: Ermahnung an die Teutsche, o.O um 1682, 302) Deutsch reden und schreiben wird in Teutschland vor eine der geringsten Künste geschätzet. Der Gelehrte bekümmert sich allein um ausländische Sprachzierde und Fertigkeit / in denen Gedanken stehend / daß die Römische und Attische Sprachen ihme zu Erlernung mancherley Weysheit: Die Morgenländische zu Begreifung der göttlichen Geheimnüße: Die Französische / Welsche und Spanische aber / samt andern ausländischen / zur Bezier- und Erhebung scharfer Gedanken und Erfindungen die einzige Begleitsmänninen und Anweiserinnen seyn können. Der Nichtgelehrte vermeinet / es lange das Teutsche / so er mit der Muttermilch eingesogen / und zu seiner Notdurft durch den alltäglichen Gebrauch gefaßet / zu seinem Auskommen überflüssig hin / daß er einer weiteren Anfürung zum Reden nicht

264 —— Griechisch

benötiget wäre. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691) Die Römer / ob sie gleich den halben Teil ihrer Sprache denen Griechen / die andere Helfte aber uns Teutschen zu danken haben / hätten dennoch sich eher in einen Finger gebißen / als in einer offentlichen Kunstrede oder bey ansehnlicher Versammlung ein Griegisch Wort eingelappet / und / da die Griechen schon von den Römern bezwungen worden / haben sie dennoch kein Lateinisches Wort unter ihre Schrifften gemenget. (STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691) […], da das meiste Lateinische und Griegische seinen Ursprung aus unserer Sprache hat / und unser gutes Teutsch von den Lateinern und Griechen auf ihre Weise nur verschlenkert und verkerbet worden. (STIELER: Von der Hochteutschen Sprachkunst, Nürnberg 1691, 32) Die Weltweißheit ist so leicht / daß dieselbige von allen Leuten / sie mögen seyn / von was für Stande oder Geschlecht sie wollen / begriffen werden kann. So schrieben auch nicht die Griechischen Philosophi Hebræisch / noch die Römischen Griechisch; sondern ein jeder gebraucht sich seiner Mutter-Sprache. Die Frantzosen wissen sich dieses Vortheils heut zu Tage sehr wohl zu bedienen. Warumb sollen denn wir Teutschen stetswährend von andern uns wegen dieses Vortheils auslachen lassen / als ob die Philosophie und Gelahrtheit nicht in unserer Sprache vorgetragen werden könnte. (THOMASIUS: Einleitung zu der VernunfftLehre, Halle 1691, 13) Und ob zwar die Lateiner das Übrige von den Griechischen Colonien bekommen haben mögen, so haben doch sehr gelehrte Leute auch ausser Teutschland wohl erwogen, dass es vorher mit Griechenland eben wie mit Italien zugangen; mithin die ersten Bewohner desselbigen von der Donau und angränzenden Landen hergekommen, mit denen sich hernach Colonien über Meer aus Klein-Asien, Ægypten und Phönicien vermischet, und weil die Teutschen vor Alters unter dem Nahmen der Gothen, oder auch nach etlicher Meinung der Geten, und wenigstens der Tartaren, gegen dem Ausfluss der Donau und ferner am schwartzen Meer gewohnet, und zu gewisser Zeit die iezt genannte kleine Tartarey inngehabt, und sich sich fast biss an die Wolga erstrecket, so ist kein Wunder, dass Teutsche Worte nicht nur im Griechischen so häufig erscheinen, wie von vielen Gelehrten bemercket worden. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 339f.) Die Lateinische, Frantzösische, Italiänische und Spanische Worte belangend (dann vor der Griechischen haben wir uns nicht zu fürchten) so gehöret die Frage, ob und wie weit deren Einbürgerung thunlich und rathsam, zu dem Punct von Reinigkeit der Sprache, dann darin suchet man eben zum Theil die Reinigkeit des Teutschen, dass es von dem überflüssigen fremden mischmasch gesäubert werde. (LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 347) Cependant ces langues viennent toutes d’une source et peuvent estre prises pour des alterations d’une meme langue, qu’on pourroit appeller la Celtique. Aussi les anciens appelloientils Celtes tant les Germains que les Gaulois. Et en remontant: d’avantage pour y compendre les origins tant du Celtique et du Latin que du Grec, qui ont beaucoup de raciness communes avec les langues Germaniques ou Celtiques, on peut conjecturer que cela vient de

Belegzitate —— 265

l’origine commune de tous ces peuples descendus des Scythes, venus de la mer noire, qui ont passé le Danube et la Vistule, don’t une partie pourroit ester allée en Grèce, et l’autre aura rempli la Germanie et les Gaules; ce qui est une suite de l’Hypothese qui fait venire les Europeens d’Asie. (LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 18) Auff einen Schul-Fuchs. │ dass eine glückliche Natur │ Bissweilen grosse Leut’ ohn’ andre Hülffe machet, │ Das glaubt er nicht, und denckt wer bey der Lamp’ und Uhr │ Nicht manche lange Nächte wachet; │ Wer die Poeten nicht, kein Griechisch und Latein │ Versteht, noch voller Sinn-Sprüch’ ist, │ Der sey ein schlechter Tropff: Kurtz, Crato bildt sich ein, │ Dass keiner lesen kann, als der mit Brillen lisst. (W ERNICKE: Epigramme, Hamburg 1704, 187f.) Doch lohnt es die Müh etwas zum voraus zu sagen; damit die heiß-hungrigen inzwischen nur etwas haben / wovon sie glauben können / daß unser / der gesamten Teutschen MutterSprach älter / als die Griechisch- und Lateinische / und der allerersten / die uns unmittelbar von GOtt gegeben / viel länger und näher verwandt / als diese beyde / nebst allen / die bey ihnen am ersten die Mutter gebrochen. Die Griechen / so gegen uns Teutsche die ältern seyn sollen / wissen vor ihrem Homero keinen zu weisen / noch zu nennen / der in ihrer Sprach geschrieben. Dieser aber hat das Schulwesen erst eingericht / und angefangen / da die Orientaler schon längst ausstudirt und zu Grab gegangen. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 3) Nun wissen wir / wie lang / vielfältig und mühsam die Griechen und Lateiner an ihrer Sprach gearbeithet / und so subtil daran gekünstelt; daß die Regeln und Anmerkungen darüber wohl um drey Theil mehr und grösser worden / als die Sprachen an sich selbst sind. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 29) Wann keine Sprache zulangt den heiligen Text, oder daß Ebräisch / Chaldäisch und Griechische / sage vielmehr Syrische Testament / von Wort zu Wort zu geben; so versuche mans im Teutschen / so werden / wann gleich allen Worten ihr Recht geschieht / sowohl die vollkommenste Gleichheit in den idiotismis, als auch der rechte und eigentliche WortVerstand sich am füglichsten weisen. (WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 216) Die Frantzosen dabey sich dieser Erlaubniß neue Wörter zumachen allezeit bedienet / und so wol aus der Deutschen und Griechischen / als sonderbar aus der Lateinischen die schönsten Wörter angenommen. (BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Zürich 1721–23, 4) Wir können uns […] auf nomina propria berufen, welche die griechischen und lateinischen Scribenten anführen, wenn sie von Celten, Galliern, Gothen, Wenden und andern von Japhet herkommenden Völckern schreiben. Denn wenn sich gleich solche nach griechischer oder lateinischer Art endigen; so sind doch in Grunde Teutsche Wörter, welche entweder noch heutiges Tages in der Hochteutschen Sprache üblich, oder doch in der alten Sächsischen gefunden werden, […]. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6)

266 —— Griechisch

Einer der größten Fehler ists / daß in manchen Schulen die teutsche Oratorie in geringsten nicht verderbet wird: denn sie ist da so unbekannt / als die Zobeln im Thüringischen Walde. Darinne werden lauter lateinische / griechische / hebräische / syrische / arabische / frantzösische etc. Redner gzogen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6) So zeiget auch von dem Alterthum der teutschen Sprache, daß die Buchstaben oder Lettern (welches kein lateinisch, sonder teutsch Wort von litt oder lett, d.i. nach Hoch-Teutscher Mund-Art Glied) alle einlautend und natürlich, a, b, c, d etc. die Griechen aber sagen schon gekünstelter alpha, bita, gamma, etc. Je schlechter aber und natürlicher etwas ist, ie älter ist es: und im Gegentheil ie mehr etwas ausgeputzt und gekünstelt, ie jünger ist es. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 9f) Endlich bemerket man, daß die Teutsche Sprache eine der ältesten, weil alte Sprachen, als die Griechische von ihr herstammen. Wenn die Töchter alt sind, so muß ja wol die Mutter noch älter seyn. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 12) Man hat ehe schlecht als zierlich gesprochen: daher alle Sprachen in ihren ersten Zeiten rauh und unangenehm sind, wie man auch an der griechischen und lateinischen gewahr wird. Die Alten waren zufrieden, wenn sie so redeten, wie es die Nothdurft erforderte: nachdem aber fieng man auch nach und nach an, auf den Wohlklang und Annehmlichkeit zu sehen. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 27) Gleichwie dann nun die Griechische Sprache / so Weyland die allerzierlichste der gantzen Welt wurde / obwohl sie ihre gantz sonderbare Dialectos, oder Red-Arten hatte / nemblich die Æolische / Jonische / Dorische / Attische vnd Corinthische / nichtsdestoweniger keine von denen Gelehrten in ihren Schriften / als die Haupt-Sprach ist gebraucht worden / sondern ein gewiser Dialectus communis, oder allgemeine Red-art / so zwar in keinem Ort ijn gantz Griechenland geredet / doch aber von denen Gelehrten durchauß beliebet worden; so hat es mit vnser Teutschen Helden-Sprach auch eine gleiche Bewandtniß / daß nemblich diese zwar an keinem Orth zu gantz Teutschland / wohl aber bey denen Gelehrten vnd ihrer Sprach Geflissnen allein zesuchen / vnd zufinden ist. (Parnassus Boicus, München 1726, 207f.) Dergestalt ist man denjenigen Gelehrten vielen Dank schuldig, die sich Mühe gegeben haben, die Kunstwörter, so man vor Zeiten nur in der griechischen und lateinischen Sprache hatte, mit deutschen zu verwechseln. Wer demnach von der Wahrheit des vorgebrachten Satzes überzeugt ist, der wird der vielen Arbeit, welche deßwegen in der Anatomie Hr. Johann Adam Kulmus, und in der Weltweisheit Hr. Hofr. Wolf übernommen, niemals ohne Ruhm gedenken. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732– 33, 57f.) Denn wenn fremde Nationen zur deutschen Sprache angeführet werden sollen, so muss es in der Sprache geschehen, welche ein solches Volk von andern unterscheidet; man wollte denn eben so wunderlich handeln, als diejenigen in Schulen thun, oder vielmehr thun müssen, welche die zarten Kinder aud lateinischen Grammatiken im Latein unterrichten, da doch

Belegzitate —— 267

ein jeder lachen würde, wenn man einen Anfänger im Hebräischen und Griechischen aus griechischen und hebräischen Grammatiken den Weg zu diesen Sprachen weisen wollte. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732–33, 79) Bekante Sachen / als unbekante zu erlernen / ist eine vergebliche Arbeit: dieses aber noch dazu unter griechischen und lateinischen Wörtern und Definitionen zu thun / ist eine mehr als vergebliche / ich will nicht sagen höchst-thörichte Bemühung. (BODMER: Von der Natur des Poetischen Geschmackes, Zürich 1736, 8f.) Man giebt es zu, daß viele Schullehrer der Sache zuviel gethan, und sich gar zu lange dabey aufgehalten haben. Man giebt auch zu, daß die griechischen Namen oft eine unnöthige Schwierigkeit verursachen, und daß man besser thäte, wenn man an ihrer Stelle deutsche einführete. Man gestehet auch endlich, daß die Natur selbst lebhafte Leute in Figuren reden lehret, die sonst ihr lebenlang keine Anleitung dazu bekommen haben. Aber aus dem allen folget noch nicht, daß die Lehre von Figuren aus den Anweisungen zur Wohlredenheit gar zu verbannen sey. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 82f.) Ob dieses auch im Deutschen möglich sei, daran ist wohl kein Zweifel: ja es ist bey uns viel möglicher und leichter, als im Italiänischen und Französischen; weil unsre Sprache mehr Aehnlichkeit mit der alten griechischen hat, als alle heutige europäische Sprachen. Diese aber war überaus geschickt, durch die Zusammensetzung, recht vielsylbige neue Wörter zu machen; wie uns die Kunstnamen in der Zergliederungskunst, und die Dithyramben der alten Poeten sattsam zeigen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 294) Denn außer daß man die Verwirrung dergestalt besser vermeidet, so gewinnt unsre Sprache und Dichtkunst auch dadurch eine mehrere Aehnlichkeit mit der griechischen und lateinischen, welches ihr in Ansehung der übrigen heutigen Sprachen allerdings einen Vorzug giebt. Jemehr wir nämlich die Füße und Verse der Alten nachahmen können, destomehr Wohlklang und Harmonie hat unsre Sprache und Verskunst aufzuweisen. (GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst, Leipzig 1742, 467) In welcher Sprache willst du daß ich mit dir rede / o Richter der Todten! In der stoltzen Frantzösischen die für die Männer gemachet ist; in der lieblichen Italiänischen, die so nachdrücklich ist, das Frauenzimmer zu caressieren; oder in der Deutschen, die den gravitetischen Richtern wol anstehet? Liebet man in diesem Land der Todten die todten Sprachen mehr? So sage ob du Chaldeisch, Syrisch, Aethiopisch, Coptisch, Arabisch wollest; Ich an meinen Orte halte es mit der Griechischen die so prächtig ist mit ihren zusammen gezogenen Epithetis. (BODMER/BREITINGER: Discourse der Mahlern, Zürich 1721–23, 6f.; vgl. BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 242) Unsere Gedichte würden ohne die Reime so poetisch werden können, als die Gedichte der Römer und der Griechen sind. (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 320) Aus allen diesen und mehr dergleichen Ursachen sollte wohl kein besonderes Volck in der Sprache des andern Knecht werden, sondern jedes sollte seinen eigenen Dialekt, so gut als

268 —— Griechisch

es könnte, ausbessern. Also haben die Griechen in ihren verschiedenen Provintzen gethan. (BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 626f.) Unter allen so genannten barbarischen Völkern, hat es nirgends eine Beredsamkeit gegeben, davon uns irgend einige Spuren übrig geblieben wären. Die einzigen Griechen haben sich durch ihre besondere Lebhaftigkeit des Geistes, hervorgethan; und nebst den meisten andern Künsten und Wissenschaften, auch die Beredsamkeit von sich selbst erfunden, und zur Vollkommenheit gebracht. (GOTTSCHED: Ausführliche Redekunst, Leipzig 1759, 63) So waren vor Zeiten, in Griechenland vier Hauptmundarten gewöhnlich, die man Dialekte nennete: der attische, dorische äolische und ionische. Der toscanische Dialekt ist heute zu Tage in Wälschland, vom neapolitanischen, lombardischen und venetianischen sehr unterschieden. Und so ist es in Frankreich mit dem parisischen, gasconischen, niederbrittanischen und provenzalischen ebenfalls. In Deutschland hat gleichfalls fast jede größere Landschaft ihre eigene Mundart: doch konnte man die hochdeutsche Sprache hauptsächlich in die österreichische, schwäbische, fränkische und meißnische abtheilen. Die plattdeutsche, oder eigentliche sächsische Sprache, theilet sich abermal in viele Mundarten, worunter die preußischbrandenburgische, braunschweigische, hollsteinische und westphälische leicht die ansehnlichsten seyn werden. Doch ist noch zu merken, daß man auch eine gewisse eklektische, oder ausgesuchte und auserlesene Art zu reden, die in keiner Provinz völlig im Schwange geht, die Mundart der Gelehrten, oder auch wohl der Höfe zu nennen pflegt. Diese hat jederzeit den rechten Kern einer Sprache ausgemachet. In Griechenland hieß sie der Atticismus, in Rom Urbanitas. In Deutschland kann man sie das wahre Hochdeutsche nennen. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 38) Die Deutschen haben itzt alle die Buchstaben, die von den Lateinern, theils in ihren eigenen Wörtern, theils in denen, die sie aus dem Griechischen angenommen hatten, gebrauchet worden sind. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51) Man könnte also fast sagen, daß alle Sprachen, die nur durch gelehrte Federn ausgearbeitet worden, gleich vollkommen wären: wenn es nicht manchen an dem Überflusse der Wörter mangelte, alle ihre Begriffe auszudrücken. Dieses sieht man am meisten in Wissenschaften, bey den Kunstwörtern: denn da müssen gewisse Sprachen alles aus andern borgen; wie die Lateiner z. E. von den Griechen; die Franzosen und Engländer aber von den Lateinern und Griechen. In Ansehung dessen nun, ist unsere Sprache viel reicher; und gewissermaßen der griechischen zu vergleichen: denn wir können fast alle Kunstwörter mit ursprünglichen deutschen Benennungen ausdrücken. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f.) […] sind die deutschen Hauptwörter entweder einfache, oder zusammengesetzte. Die einfachen sind solche, als wir zu den Stamm- oder Wurzelwörtern gezählet haben; oder auch Tisch, Bank, Kopf, Ohr, Auge, Feder u. d. gl. Zusammengesetzte aber, wenn man aus zweyen oder mehreren Redetheilchen, oder aus andern Bildungssyllben längere Wörter gemachet hat: als Drechselbank, Eselsohr, Schalksauge, Schreibfeder, Stockknopf, Theetisch u. s. .w. In diesen Zusammensetzungen nun ist unsere Sprache sehr reich und glücklich; ja sie übertrifft darinnen die Geschicklichkeit der griechischen. Denn wir sind nicht nur im Stande, zwey, sondern wohl drey, vier und mehr verschiedene Wörter zusammen zu

Belegzitate —— 269

setzen; und dadurch unendlich viel Begriffe auszudrücken; z. E. Oberberghauptmann, Oberlandjägermeister; u. d. gl. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 220) Die vernünftigsten Gründe geben es nämlich, daß alle europäischen Sprachen von der alten celtischen, und scythischen ihren Ursprung genommen haben. Von dieser alten gemeinschaftlichen Mutter und Großmutter nun, haben die griechische, lateinische, deutsche und sklavonische Sprache, als die vier europäischen Hauptsprachen, eine große Anzahl Stammwörter, so unverfälscht beybehalten, daß sie einander darinnen noch gewissermaßen ähnlich sind. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 237f.) Es ist eine altväterische Nachahmung des Griechischen und Lateinischen, die wider den natürlichen Schwung unserer Sprache läuft, wenn man einen Satz mit einem Mittelworte der gegenwärtigen Zeit anfängt. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 550f.) Wer den genauen Streit, über die Nothwendigkeit der griechischen und lateinischen Sprache zur wahren Gelehrsamkeit vernünftig entscheiden will, der muß einen deutlichen und vollkommenen Bergrif von den mannigfaltigen Vollkommenheiten einer gelehrten Sprache haben, und alsdann untersuchen, ob diese genannten Sprachen nicht nur diese Vollkommenheiten haben, sondern ob auch andere Sprachen mit eben diesen Vollkommenheiten ausgeschmückt sind, oder ob sie es nicht sind. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 37f.) Ich setze hier, als eine ungezweifelte Sache, voraus, daß die lateinische und griechische Sprache in der That, den Namen der gelehrten Sparche, mit dem vollkommensten Rechte verdienen; weil sie alle diejenigen Vollkommenheiten in einem vorzüglichen Grade besitzen, wodurch eine Sprache eine gelehrte Sprache wird. Und ich glaube, daß man mit leichter Mühe beweisen könne, daß, ausser diesen Sprachen, keine andere bekannte Sprache, in einem so vorzüglichen Grade, eine gelehrte Sprache genennet zu werden verdiene. Es ist demnach die Frage: ob die griechische und lateinische Sprache so nothwendig und wesentlich zu der wahren Gelehrsamkeit erfordert werden, daß ohne dieselben niemand ein wahrer Gelehrter werden könne, und daß niemand den Namen eines wahren Gelehrten verdiene, wer nicht wenigstens eine von diesen beyden Sprachen in seiner Gewalt hat? (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 74) Aus dieser übertriebenen Hochachtung der lateinischen und griechischen Sprache entsteht eine andere Thorheit mancher Schulgelehrten, vermöge welcher sie überall von dem Latein und von dem Griechischen verfolgt werden. Und wenn sie auch die allergemeinsten Gedanken lateinisch und griechisch ausdrücken, so hoffen sie sich dadurch das Ansehen der Gelehrsamkeit zu geben, weil es ihrer Meinung nach gelehrt klingt. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 76) 1) Es giebt manche Theile der Gelehrsamkeit, welche schlechterdings nicht gehörig erlernt werden können, wenn man die griechische und lateinische Sprache nicht in seiner Gewalt hat. Hierher gehört z. E. das römische Recht, die griechische und römische Historie u. s. w. Allein 2) es giebt manche Theile der Gelehrsamkeit, in denen man es zu einer sehr grossen Vollkommenheit bringen kann, ob man gleich weder der lateinischen noch griechischen Sprache mächtig ist. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 79f.)

270 —— Griechisch

Ich halte nemlich dafür, daß unsere Muttersprache noch nicht so vollkommen sey, als erforderlich wird, wenn man durch sie allein, die gesammte Gelehrsamkeit, in Deutschland in ihrem Flore erhalten, und immer vollkommener machen will. Es muß also die lateinische und griechische Sprache entweder, wie es dem Ansehen nach scheint, nicht von Zeit zu Zeit immer mehr und mehr unter den Deutschen in Verfall gerathen, oder die deutsche Sprache muß noch merklich vollkommener werden, wenn anders die Gelehrsamkeit nicht über kurz oder lang in Deutschland einen merklichen Nachtheil leiden soll. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 89). Es ist eine Ausschweifung der Gelehrten gewesen, daß sie von je her unnöthige gelehrte Kunstwörter, in allen Theilen der Gelehrsamkeit, eingeführet haben. Die gelehrte Welt könnte dieselben, ohne Schaden der reellen gelehrten Erkenntniß, auf ewig vergessen, und es hat keinen erheblichen Nutzen, daß man ofte genöthiget ist, sein Gedächtniß mit dieser überflüßigen Last zu beschweren. Man kann auch ofte einem griechischen oder lateinischen Worte in der deutschen Sprache das Bürgerrecht ertheilen, ohne der Natur unserer Sprache zuwider zu handeln. Man kan in unsern Tagen z. E. mit Wahrheit behaupten, daß das Wort Philosophie, durch den öftern Gebrauch, ein deutsches Wort geworden. Allein, dem alles ohnerachtet, da es doch eine Ausschweifung seyn würde, gar zu vielen ausländischen Worten das Bürgerrecht zu ertheilen: so muß man gestehen, daß es unmöglich sey, die meisten Theile der Gelehrsamkeit vollständig in deutscher Sprache abzuhandeln. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 90f.) Wir haben, vorerst, noch keine vollständige deutsche Sprachkunst, und man kann beynahe mit Gewißheit behaupten, daß es keinen deutschen Schriftsteller gebe, der nicht Fehler wider die Sprachkunst, entweder aus Nachlässigkeit, oder aus Mangel festgesetzter grammatischen Regeln, begehe. Man mag nun aus dieser Unvollkommenheit so wenig machen, als man es für gut befindet, so bleibt sie doch allemal eine Unvollkommenheit. Die lateinische und griechische Sprache ist, auch in diesem Stücke, so vollkommen, daß die Regeln der Sprachkunst in diesen Sprachen völlig bestimmt sind. Es bedarf also unsere Sprache, auch noch in diesem Stücke, einer Verbesserung. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 93) Indem ein schöner Geist und Gelehrter mehr denkt, als ein anderer: so erhöhet er das Gefühl aller seiner Erkenntniskräfte, und ist also im Stande, die Schönheiten und Häßlichkeiten der Ausdrücke zu bemerken. Dadurch ist ja so wohl die Griechische als auch die lateinische Sprache, zu einer vollkommenen Sprache geworden, daß Redner, Poeten und Gelehrte sich derselben bedient haben. Eben dieses lehrt die Erfahrung von der französischen, engelländischen und italiänischen Sprache. Selbst unser Deutsches hat, den ganzen Grad seiner Vollkommenheit, durch welchen es so weit von dem alten Deutschen unterschieden ist, den deutschen Dichtern, Rednern und Gelehrten zu verdanken. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 98) Ob nun gleich die deutsche Sprache noch nicht den Grad der Vollkommenheit erlangt hat, daß sie, als eine gelehrte Sprache betrachtet, der griechischen oder lateinischen gleich zu schätzen wäre: so kann man doch mit Wahrheit behaupten, dass ein jeder, durch den deutschen Vortrag der Gelehrsamkeit, eine mehr als mittelmäßige Vollkommenheit, in den meisten Theilen der Gelehrsamkeit, zu erlangen im Stande ist. Es gereicht demnach zur weitern

Belegzitate —— 271

Ausarbeitung der Wissenschaften, und der übrigen Theile der Gelehrsamkeit, unter den Deutschen, wenn die Gelehrten, so wohl in ihren Schriften, als auch in ihrem mündlichen Vortrage, sich der deutschen Sprache bedienen. Alsdenn sind viel mehrere Laute im Stande, diesen Vortrag zu verstehen, und gelehrt zu werden, als wenn er durchgehends in lateinischer Sprache geschähe. (MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 102f.) Da die Wörter als Zeichen betrachtet willkührlich sind, so sind sie auch in so ferne eine bloße Gedächtsnißsache, und ihre Anzahl sollte dadurch vermindert werden, daß man ihre Ableitung und Zusammensetzung in allewege bedeutend mache. Eine Sprache ist daher auch vollkommener, je mehr sie Möglichkeiten enthält, aus ihren Wurzelwörtern Wörter von jeder beliebigen Bedeutung zusammenzusetzen und abzuleiten, dergestalt, daß man aus der Structur des neuen Wortes seine Bedeutung verstehen könne. Diesen Vorzug hat die griechische und die deutsche Sprache, hingegen bleibt die lateinische darinn zurück, und die Römer borgten ihre neuen Wörter mehrentheils den Griechen ab, und der Gebrauch verboth ihnen, viele davon aus ihrer eigenen Sprache zusammenzusetzen, die gar wohl möglich und der Art ihrer Sprache nicht zuwider gewesen wären. Die Schullehrer maßten sich diese Freyheit an, aber mehrentheils ohne die Art der Sprache zu kennen, und daher waren ihre philosophischen Kunstwörter eher Misgeburten als echtes Latein. Die deutsche Sprache, die bereits angefangen hat, zur gelehrten Sprache zu werden, scheint die Vollkommenheit der griechischen erreichen zu können. (LAMBERT: Neues Organon, Leipzig 1764, 76f.) Den Ursprung der Wörter zu lehren, wo es sich ohne Zwang thun ließ, ist eine der Hauptabsichten der Verfasser gewesen: Wobey sie sich doch für alle weithergehohlte, gezwungene, phantasiereiche Ableitungen sorgfältig gehütet haben. Und der Leser wird finden, daß sie so wenig zu den Hellenisten, als Romanisten gehören: weil sie glauben, daß ihre Vorfahren eben so wohl eine eigne Sprache gehabt haben, als die Lateiner und Griechen. Die Stammwörter sind meistens aus der Sprache ihrer Vorväter, der Angel-Sachsen, und, wo es sich thun ließ, aus dem Celtischen gehohlet. Wo sich aber keine einiger Maaßen annehmliche und wahrscheinliche Ableitung angeben ließ, da hat man lieber gar keine geben, als dem vernünftigen Leser Eckel erwecken wollen. (TILLING: Versuch eines bremischniedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767, 4f.) Griechen und Römer, wären sie auch in allem, was sie in der Sprache dachten, so weit unter uns, als es uns oder ihnen belieben mag – in dem, wozu sie die Sprache machten, waren sie weit über uns. Was sie mit dem Werkzeuge ausgerichtet haben, mag viel oder wenig sein: aber wie sie über ihrem Werkzeuge selbst sich Mühe gaben, läßt sich nicht verkennen, und sollte ein großer Theil ihrer glücklichen Unternehmungen nicht eben durch diese vor- und nebenanlaufende Mühe erleichtert seyn? Wie arbeiteten sie nicht an ihrer Sprache, und darum gerieth ihnen auch in derselben die Arbeit so gut. (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, 1768, 11) Nun sind wir freilich keine Griechen, deren Sprache sang und klang, wie ein Saitenspiel in dem reinen Aether des hohen Olymps; gegen sie mag die Unsere wie eine Flöte unter einem dicken und niederen Himmel dumpfer tönen. (HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, 1768, 31f.)

272 —— Griechisch

Plato fand in vielen Wörtern der Griechischen Sprache eine solche Harmonie der Töne und der Sachen. Wie es oft geschieht, daß man so etwas, welches man am besten siehet, auch allein siehet, so hielte er diese Entstehungsart der Wörter für die einzige, auf welche sie alle zusammen erfunden seyn sollten. (TETENS: Ursprung der Sprachen und der Schrift, Bützow/Wismar 1772, 46) Die unterschiedenen Provinzen des alten Griechenlandes, derer eine von der andern weder Befehl, noch Regel annahm, mußten nothwendig auf ungleiche Mundarten hinauslaufen: da hingegen das Latein so lange Zeit allerseits gleich geblieben, weil Rom das allgemeine Oberhaupt seinen Geist, und seine Sprache miteinander, allen auf gleiche Weise mittheilte. Nachdem nun ein Volk des mächtigen und fruchtbaren Griechenlandes geartet war, darnach fiel auch seine Mundart aus: man konnte den netten Athenienser, den tapferen Lacedämonier, den ehrlichen Thebaner, den bequemen Jonier, auch in seiner Sprache erkennen. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 4) Unter andern Aehnlichkeiten, welche das Deutsche mit dem Griechischen hat, ist die edle Geschicklichkeit die Wörter miteinander auf das glücklichste zu verbinden: welches nicht nur eine besondere Zierlichkeit und Kürze verursachet, sondern auch die Deutlichkeit beförderet, und den Reichthum des Sprachschatzes unendlich vermehret. (WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 90) Unser Tonmaß verbindet die Länge mit den Stamwörtern oder den Stamsylben, und beyde mit den Hauptbegriffen; die Kürze hingegen mit den Veränderungssylben, (diejenigen, durch welche umgeendet, und umgebildet wird) und beyde mit den Nebenbegriffen. Dieses macht, daß unsre Sprache den Absichten der Verskunst angemesner ist, als es selbst die beyden alten Sprachen sind. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183) Es ist genug, wenn ich die Kenner der Alten daran erinre, daß in der griechischen und lateinischen Sprache sehr viele Hauptwörter, Beywörter, und Zeitwörter verkommen, welche kurze Stamsylben, und lange Veränderungssylben haben. (KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 183) Es ist zwar als etwas besonderes zu merken, daß in Griechenland vier verschiedene Mundarten, nämlich die attische, dorische, äolische und jonische, gezählet wurden, die alle gut waren: allein sie waren blos darum gut, weil es eben so viele Mundarten verschiedener Gelehrten waren. Keine derselben, saget Schottel, wurde in irgend einer Gegend Griechenlands so geredet, wie sie von den Gelehrten gebrauchet wurde. Da nun ihr Ansehen hauptsächlich von den Gelehrten her kam: so mußte diejenige billig den Vorzug haben, welche die mehrsten und vortrefflichsten Ausüber und Bearbeiter aufzuweisen hatte; und dieses traf in der attischen volkommen zu. (HEMMER: Deutsche Sprachlehre, Mannheim 1775, 8f.) Rom hatte seine ganze Aufklärung den Griechen zu danken […] Dies gab allerdings der Nation ihre Ausbildung, aber die Ausbildung ihrer Sprache und ihrer Litteratur blieb auch so viel länger zurück; die Griechen gaben den Ton, sie entschieden, ohne die lateinische Sprache selbst zu verstehn, daß dieselbe für die Wissenschaften zu arm und zu rau sey; man glaubte ihrem Ausspruch; was von gutem Geschmack seyn wollte, laß, redete und schrieb

Belegzitate —— 273

griechisch; bis endlich Cicero das Herz fassete, seiner Muttersprache ihre Ehre zu geben und darinn zu philosophiren. (JERUSALEM: Deutsche Sprache und Litteratur, Berlin 1781, 5f.) Die Griechen muß man nicht nur in Betrachtung ihrer Sprache, sondern auch in Ansehung derjenigen Vorzüge, so sie in allen Arten von Wissenschaften vor andern Nationen voraus haben, für wirkliche Originalgenies erkennen. Denn sie haben diese Vorzüge niemanden anders, als ihrem eigenen Nachdenken und ihrer eigenen Erfindung zu verdanken, zu sehen, wie andere Nationen sich so gerne mit ihren erworbenen Gütern schmückten. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, XVI) Unter allen Nationen waren es die Griechen allein, die da eingesehen haben, daß ein Verbum, welches einen thätigen Verhältnißbegriff bezeichnet, außer den beiden gewöhnlichen Formen, der Actiuae und Passiuae, die andere Sprachen auch haben, auch noch eine Dritte, die Mediam haben müsse, wenn man anders bey voller Kürze, dennoch recht bestimmt reden wollte, ohne bey dem Zuhörer fernere Fragen zu veranlassen. (MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, XVI) Die Deutsche Sprache hat weniger als die übrigen Europäischen Sprachen aus der Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Slavonischen, u. s. w. entlehnet. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 12) Wenn wir auch alle übrige Sprachen entbehren könnten, so könnten wir doch die Lateinische und Griechische nicht füglich entbehren, weil alle wissenschaftliche Cultur der übrigen Europäischen Völker, wie der Deutschen, zunächst aus Italien von den Römern hergeleitet werden muss, diese aber die wissenschaftlichen Kenntnisse von den Griechen empfangen haben. Alle dergleichen Wörter, womit wir wissenschaftliche Kenntnisse bezeichnen, die wir Griechen und Römern verdanken, können auch, ohne Verunreinigung unsrer Sprache, mit ihren Ausdrücken bezeichnet werden. (KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 46f.) Man findet in allen europäischen Sprachen Wörter aus der griechischen (weil sie sich bei aller Ausartung doch als eine lebende Hauptsprache bis ins 15te Jahrhundert erhielt), oder Aehnlichkeiten in den Wortfügungen, weil die meisten als Abkömmlinge dieser fruchtbaren Mutter anzusehen sind. (MORITZ/VOLLBEDING: Grammatisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1800, 13f.) Alle Sprachen, die in großen Reichen gesprochen werden, müssen Dialekte haben; aber nicht bey allen haben diese Dialekte gleiche Wirkung. Wenn jedermann, oder wenn wenigstens der Mann von Erziehung die Hauptdialekte seines Landes versteht, wie das in Griechenland war, und noch jetzt in Italien ist; wenn nicht jede Provinz den Dialekt der andern durchaus und absolut lächerlich findet; wenn der Athenienser, seines feinen und verwöhnten Ohrs ungeachtet, doch die Delicatesse und den Wohlklang des ionischen Herodots nicht verkennt: so kann davon die Dichtkunst und Beredsamkeit Vortheil ziehen. Uns aber, bey denen jene Bedingungen nicht statt finden, würde ein Dichter, wie Homer, der die verschiedenen Dialekte unsres Landes vereinigen wollte, nicht anders als abentheuerlich und abgeschmackt scheinen. (GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 24f.)

274 —— Griechisch

3.10 Belegstellen HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 2; HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, E3; ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14f., 15f., 20f., 21, 23f, 38f., 53f.; SCHILL: Der Teutschen Sprach Ehren-Krantz, Straßburg 1644, 210, 218f.; KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7f., 24f.; LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646, 53f.; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 58, 86f., 78f.; HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 4, 18, 37f; BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 87f.; SCHORER: Newe außgeputzte Sprachposaun, o.O. 1648; ARNOLD: Kunstspiegel, Nürnberg 1649, 43; BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650, 4; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 203f., 221ff., 242; LAUREMBERG: Vier Scherz-Gedichte, 1654, 353; SCHOTTELIUS: Teutsche Vers- oder Reim Kunst, Lüneburg 1656, 7; ZESEN: Hooch-Deutscher Helikon, Jena 1656, 37f., 40; BUCHNER: Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst, Jena 1663, 116; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 94, 159, 1245; KEMPE: Neugrünender Palm-Zweig der Teutschen Helden-Sprache, Jena 1664, 3; LEIBNIZ: Blütenlese deutscher Dichtung, o.O. um 1667, 73; NEUMARK: Der NeuSprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2; SCHOTTELIUS: Ethica, Wolfenbüttel 1669, 343f.; PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672, 2; REINHOLD: Reime dich oder ich fresse dich, Northausen 1673, 21; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 20, 32; STIELER: Zeitungs Lust und Nutz, Hamburg 1695; ZEILLER: Epistolische SchatzKammer, Ulm 1700, 315. LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 16f.; W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 6; LEIBNIZ: Unvorgreiffliche Gedancken, 1697/1717, 331; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 12, 16, 17, 27, 30, 74; Parnassus Boicus, München 1726, 14, 202f., 386f.; VENTZKY: Bild eines geschickten Ubersetzers, Leipzig 1732, 73f.; Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 71f.; BODMER/BREITINGER: Mahler der Sitten, Zürich 1746, 563f.; TILLING: Versuch eines bremischniedersächsischen Wörterbuchs, Bremen 1767, 5); DORNBLÜTH: Observationes, Augsburg 1755, 365; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 248f.; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 51f., 550f.; MEIER: Natur der gelehrten Sprache, Halle 1763, 36f., 75, 82, 85, 91; HERDER: Über die neuere Deutsche Litteratur, 1768, 173f., 179; HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772, 84, 122f., 136f.; BÜRGER: Gedanken über die Beschaffenheit einer deutschen Übersetzung des Homer, Leipzig 1771, 16f.; TETENS: Ursprung der Sprachen und der Schrift, Bützow/Wismar 1772, 48; WEITENAUER: Zweifel von der deutschen Sprache, Innsbruck 1772, 90; KLOPSTOCK: Deutsche Gelehrtenrepublik, Hamburg 1774, 88f., 118, 183, 185f., 189; MEINER: Philosophische und allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781, XVI; vgl. ebd., 13-18, 24; ADELUNG: Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Leipzig 1782, 343f.; SULZER: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, 1792-94, 69, 114; KINDERLING: Reinigkeit der Deutschen Sprache, Berlin 1795, 48; GARVE: Sammlung einiger Abhandlungen, Leipzig 1802, 326f.; ADELUNG: Deutsche Sprachlehre für Schulen, Berlin 1806, 480f.; KRAUSE: Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein, Leipzig 1855, 154f.

4. Hebräisch 4.1 Beleglage und Wortgebrauch Das exzerpierte Material umfasst 146 Belege zum Hebräischen aus 60 Quellen, die vom 16. bis in das 19. Jh. reichen: 7 Belege aus 3 Quellen des 16. Jh.s: ALBERTUS: Deutsche Grammatik, Augsburg 1573; ÖLINGER: Deutsche Grammatik, Straßburg 1573; HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593. 94 Belege aus 33 Quellen des 17. Jh.s: COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J.; COMENIUS: Panglottia, o.O. o.J.; HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602; HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624; SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629; GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641; ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643; HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1644; GUEINTZ: Deutsche Rechtschreibung, Halle 1645; KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645; HARSDÖRFFER: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646; LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646; BELLIN: Ausarbeitung der hochdeutschen Sprache, Hamburg 1647; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647; BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648; GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648; ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649; BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650; HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651; RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653; CURTZ: Harpffen Dauids, Augsburg 1659; BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661; SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668; PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672; GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674; HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678; STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681; STIELER: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, Nürnberg 1691; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700; ZEILLER: Epistolische SchatzKammer, Ulm 1700. 41 Belege aus 21 Quellen des 18. Jh.s: LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65; REIMMANN: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709; PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713; THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713; WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713; TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725; Parnassus Boicus, München 1726; BÖHME: Avrora, o.O. 1612/1730; Beyträge zur Criti-

276 —— Hebräisch

schen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33; JABLONSKI: Lexicon der Künste und Wissenschaften, Leipzig 1748; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762; HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772; BRAUN: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, München 1765; ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780; ADELUNG: Magazin für die Deutsche Sprache, Leipzig 1782; ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782; FISCHER: Begriff einiger sinnverwandten Wörter, Frankfurt/Leipzig 1794; Wagner: Über Vokale und Konsonanten, Braunschweig 1795; JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796. 4 Belege aus 3 Quellen des 19. Jh.s: VATER: Versuch einer allgemeinen Sprachlehre, Halle 1801; KLOPSTOCK: Von der Sprache der Poesie, Leipzig 1844; KRAUSE: Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein, Leipzig 1855.

Die Sprachbezeichnung Hebräisch erscheint in den deutschen Quellen des Barock und der Aufklärung überwiegend adjektivisch in zahlreichen Schreibvarianten, so etwa in Hebräische Sprache, Hebreische Sprach oder Ebreische sprache (jeweils in Groß- oder Kleinschreibung). Bisweilen wird das Adjektiv heilig hinzugenommen, also etwa heilige Hebräische Spraache, H. Hebraische spraach, heilige Ebraische Sprache oder Ebraische heilige GottesSprache (lateinisch: lingua sancta hebraea). Weitere Attribuierungen lauten zum Beispiel hebräische Buchstaben, hebräische Stamm-Wörter oder auch Ebreischer sprachlehrer; ein Wort ist auff Hebräische art zu beugen. Als substantivierende Ellipse erscheinen die Hebräische, die Hebreische, die Hebraische, die Ebraische, die Ebreische oder etwa die Gott-beliebte und geübte Hebräische. In einigen Belegen ist von den Hebräern und deren Sprache die Rede; man kann sich nach hebräischen Rednern richten oder auch Wörter von den Hebräern entlehnen. Als (partielles) Synonym wird insbesondere im 17. Jh. Adamisch verwendet.

4.2 Genealogie und Typologie Die Überlegungen der deutschen Sprachdenker des Barock und der Aufklärung zur Genealogie und Typologie des Hebräischen drehen sich im Wesentlichen um vier Themen- bzw. Problembereiche: die Einordnung der hebräischen Sprache als eine sog. Hauptsprache, zweitens Status als erste bzw. älteste Sprache der Menschheit, die Entstehung weiterer Einzelsprachen aus dem Hebräischen sowie schließlich die (genealogische oder typologische) Verwandtschaft zwischen dem Hebräischen einerseits und dem Deutschen andererseits.

Genealogie und Typologie —— 277

4.2.1 Hebräisch als Hauptsprache Im Barock und in der Aufklärung werden einige Sprachen als sog. „Hauptsprachen“ angesehen, die im weltlichen oder im geistlichen Bereich von besonderer Bedeutung sind. Die Angaben, welche Einzelsprachen in diesen zentralen Kreis europäischer Literatur- oder Kultursprachen gehören, sind durchaus schwankend. Sofern das Hebräische als die Sprache der Bibel bzw. des Alten Testaments hierbei Berücksichtigung findet, sind folgende Zusammenstellungen zu verzeichnen: –

Hebräisch allein wird im 17. Jh. als die erste bzw. ursprünglichste und somit vornehmste Sprache unter den Sprachen des klassischen Altertums angesehen, so etwa bei W ILHELM SCHICKARDT: Dann die Hebreische ist aller anderer Sprachen Mutter vnd Bhrathna / ja die fürnembste vnter allen: wie sie dann auch der Römische Präsident Pilatus / in dem Tirtul des Creutzes Christi zu verdrift angesetzt / vnd seiner eignen angebornen Lateinischen MutterSprach weit vorgezogen hat. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629)



In einem Beleg von CARL GUSTAV VON HILLE wird dabei das Griechische in nächste Nähe zum Hebräischen gesetzt: „Die andere (nechst der Hebräischen) gelehrte Sprache ist die Griechische“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81). Hebräisch neben Latein und Griechisch: Hebräisch wird in zahlreichen Belegen neben den beiden anderen Sprachen der klassischen Antike als eine Sprache der Gelehrsamkeit und als eine Sprache humanistischer Bildung angesehen. So gebe es laut ISAAK HABRECHT akademische Gelehrsamkeit allein „in den nicht so gemainen Spraachen / als Hebräischen / Griechischen / vnd Latinischen“ (HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 33). ANDREAS RIVINUS entfaltet in diesem Zusammenhang das allegorische Bild der Babylonischen Sprachverwirrung, in deren Verlauf aus den Resten des zerstörten großen Turmbaus drei kleinere Türme erschaffen worden seien: Doch seind in dieser grossen Stadt Babel / als aller Sprachen Mutter […] / drey grosse mächtige Thürme / die wir von ferne vor allen andern weit vnd breit sehen. Der größte vnd mittelste (so zweifelsfrey noch ein Stück von dem fundament des alten Gebews) ist der H. Hebræischen Sprache: der ander gegen Orient: der Griechischen vnd der dritt auff der lincken Seit / Niedergangs zu / der Lateinischen gewidmet. (RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 12f.)

278 —— Hebräisch

Auch JOHANN JOACHIM BECHER charakterisiert diese drei als „gelehrte Sprachen“ und grenzt sie von den „allgemeinen und gewöhnlichen Sprachen“ ab: Gelehrte Sprachen sind die, welche man durch Gesetze und Regeln lernt, vornehmlich Latein, Griechisch und Hebräisch. Wer diese Sprachen beherrscht, wird mit Leichtigkeit die Gelehrten und ihre Schriften verstehen. Von den gewöhnlichen Sprachgruppen sind die arabischen, slavischen, romanischen, germanischen am verbreitetsten. (BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 28)

Demgegenüber stellt bereits CARL GUSTAV VON HILLE in der Mitte des 17. Jh.s die kulturelle Vorrangstellung dieser drei Sprachen infrage: Es ist zwar die Vernunft an keine gewisse Sprache gebunden: alle Zungen können verständige Gedanken ausreden / und were diesen zu nahe gesagt / daß man nur in Latein / Griechisch oder Hebräisch weiß / in Teutsch aber närrisch seyn sollte. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 141f.)



Hebräisch neben Griechisch, Latein und Deutsch: In einigen Belegen wird neben den drei klassischen Sprachen auch das Deutsche zu den kulturellen Hauptsprachen gezählt. Bereits ELIAS HUTTER etwa betont die tragende Rolle des Hebräischen neben der griechischen, der lateinischen und eben der deutschen Sprache in weltlicher wie in geistlicher Hinsicht: Allerliebsten Kinder Gottes / dieweil die heilige Ebraische / vnd nechst derselbigen die Griechische / Lateinische und Deutsche Sprachen / das einzige rechte mittel sind / durch welches beide Geistlich und Weltlich Regiment / bis an der Welt End / kann / sol vnd muß bestelt vnd erhalten werden (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 1; vgl. zum Erwerb ebd., 2).



Und laut PHILIPP VON ZESEN seien Hebräisch, Griechisch und Latein neben dem Deutschen „doch die übrigen drey haupt- und grundspraachen“ (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 37; vgl. HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22; Parnassus Boicus, München 1726, 386f.). Hebräisch neben Griechisch, Latein, Deutsch und Slavisch: In einigen Fällen findet sich eine weitere Argumentation, welche zunächst die hebräische Sprache als prima inter pares charakterisiert und ihr dann weitere Hauptsprachen hinzugesellt; so zum Beispiel wiederum bei CARL GUSTAV VON HILLE: „Es sind aber nechst der uralten Hebräischen vier Europeische Haubtsprachen / nemlich die Griechische / und Lateinische;

Genealogie und Typologie —— 279

und dann die Teutsche und Sclavonische“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 86; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 111f.). Auch PHILIPP VON ZESEN erachtet das Hebräische wiederum als die erste Sprache der Menschheit und leitet daraus dann vier weitere Hauptsprachen ab: Ich für mein teil halte gäntzlich dafür / daß alle sprachen und zungen / die man itzund in der gantzen welt redet / im grunde ihrer natur eine sprache / oder eigentlich mundarten der ersten sind: das ist / aus der allerersten / als der einigen hauptsprache / nämlich der Adamischen oder Ebreischen / wie sie nachmals nach den kindern Ebers genennet worden / mit den andern vieren / als der Deutschen / Griechischen / Lateinischen und Sclavonischen / welche ins gemein auch für hauptsprachen gehalten werden / entsprossen; nuhr dass man ihre wörter / nach den unterschiedlichen mundarten teils an mit- teils an selb-lautern / verändert / verzwikket / oder verlängert. (ZESEN: Rosenmând, Hamburg 1651, 98f.)

Analog hierzu ist schließlich bei ANDREAS DANIEL HABICHTHORST zu lesen: Unter diesen zehlet man ins gemein fünf Hauptsprachen: nämlich zum ersten die Ebräische; welche / als eine ertz-Hauptsprache / aller anderer Mutter oder vielmehr Großund Ertz-mutter ist. Darnach folget / als die nächste / die Hochdeutsche; dan die Griechische; auf diese die Lateinische / und endlich die Slavische oder Slavonische. (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3; vgl. ebd., 3f.)

4.2.2 Hebräisch als erste Sprache der Menschheit Die unterschiedlichen Ansätze zur Klassifikation von sog. Hauptsprachen lassen deutlich werden, dass (insbesondere im 17. Jh.) das Hebräische als die älteste und erste Sprache der Menschheit angesehen wird. Diese Auffassung wird auch in zahlreichen weiteren Belegen zum Ausdruck gebracht. So heißt es unter Berufung auf das Alte Testament etwa bei CHRISTIAN GUEINTZ: Um solcher willen nun ist bis anhero einhelliglich / ausser was etliche / mehr aus darzeigung ihres scharfsinnigen Nachdenckens / und erweisung ihres Witzes / als vielleicht aus Liebe zur Warheit / vorgebracht / von der gelährten welt dafür gehalten worden / das die Hebräische Sprache die Mutter aller andern sey. Weil auch der erste mensch in demselben Lande gewohnet / da man sich zu der zeit derselben gebrauchet. (GUEINTZ: Deutsche Rechtschreibung, Halle 1645, 2; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 105f.)

280 —— Hebräisch

PHILIPP VON ZESEN geht hierbei noch einen Schritt weiter und postuliert, dass sich das Hebräische in seiner Geschichte im Anschluss an die Babylonische Sprachverwirrung letztlich kaum verändert habe: Dan es ist wohl gläublich / dass die Adamsche sprache / (die vom anfange der welt bis auf die Babelsche verwürr- oder vielmehr veränderung der ersten sprache in unterschiedliche mund-ahrten / 1932 jahr / wie die Schrift klärlich bezeuget / unverrükt und eine mund-ahrt geblieben/) eben dieselbe sei / welche die kinder Ebers / die sie vielleicht zu so trotzigen reden nicht gemisbrauchet / wie die Hamischen / oder bei ihrem Groß-vater dem Nohe / (so dazumahl noch lebete und gleich 857 jahr alt war / weil sein gantzes alter nach der Sündfluth 350 jahr gewesen / indem er im 50. jahre des Ertzvaters Abrahams erst gestorben /) sich aufgehalten / und zu solchem hochmühtigen baue nicht geholfen / nachmahls unverrükt behalten / und nach ihrem nahmen genennet / damit sie von den andern daraus entsprossenen sprachen / oder vielmher mundahrten / möchte unterschieden werden. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 104f.)

Terminologisch schlägt sich diese genealogische Vorstellung bei ZESEN wie auch bei anderen Autoren in der Bezeichnung „Adamisch“ nieder, wenn etwa von „der Adamischen oder Ebreischen / als der rechten sprachen-mutter“ (ebd., 234) die Rede ist. Auch JOHANN JOACHIM BECHER stellt zunächst fest, dass „die Hebraische Sprach die Erste in der Welt / und deß Adams Mutter-Sprach gewesen seye“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 24). Im Anschluss daran kommt er dann zu der Frage, „wie die Hebraische Sprach die Primitiva, einfältigste / und vollkomenste seye“ (ebd., 25). Das Antwort hierauf gibt er unter Hinweis auf eine große Zahl an Stammwörtern im Hebräischen und hält fest: Dass „die Hebraische Sprach die Erste seye / hat man auß der h. Schrift / daß sie die einfältigste sey / weisen ihre wenig-sylbige Radices“ (ebd., 26). Eine solche Ansicht hat noch bis zum Ende des 17. Jh.s als allgemeine Auffassung zu gelten; dies belegt die folgende Formulierung von KASPAR STIELER: Daß die Hebreische Sprache die allerälteste und erste Erzsprache / ja diejenige gewesen / in welcher GOtt selbst mit unsern Ureltern / Adam und Even / im Paradis geredet / bezeugen nicht allein alle gelehrte und rechtgesinnete Sprachenforscher / sondern es ist auch dasselbe aus dem Wortverstand und Bedeutung der Nahmen und Geschlechter der Erzväter erweislicher und klärer / als daß es einiger überflüßigen Ausführ- und Erörterung bedürfen sollte. (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681)

Im folgenden 18. Jh. erfährt diese Position einige Relativierungen, kann sich jedoch da und dort, so zum Beispiel im Parnassus Boicus, weiter behaupten: „Es hat aber die obgedachte / von GOtt eingeföste erste Welt-Sprach / das ist / die Hebräische von Anbegin der Welt an vnvermischt gedauret / biß zu Er-

Genealogie und Typologie —— 281

bauung deß Thurn Babels /gleich die Heil. Schrift Gen. 9 saget“ (Parnassus Boicus, München 1726, 8). Die Entstehung weiterer Sprachen aus dem Hebräischen wird im Barock unter Hinweis auf das Alte Testament mit der Babylonischen Sprachverwirrung in Verbindung gebracht. CARL GUSTAV VON HILLE etwa beschreibt die Babylonische Sprachverwirrung wie folgt und datiert sie dabei auf das Jahr 1717 der Menschheitsgeschichte (vgl. auch NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 104f.; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 99; RIVINUS: Die erste Sprachen-Thuer, Leipzig 1653, 12): Ausser allem Zweiffel ist / daß im Anfang und nechst nach Erschaffung der Welt / die Menschen ingemein / nur eine Sprache / nemlich die uralte Hebräische geredet: Solches beglaubet die Hochheilige Schrift / welche alle die ersten Menschen Hebräischen benamet. Aus selbiger hochheiligen Schrift ersehen wir ebenmässig / daß im Jahr nach der Erschaffung / etwan 1717 bey Erbauung des Babylonischen Wunderthurns / sich eine durchgehende Enderung / und Austheilung aller Sprachen / erhoben / wiewol etliche der Meinung / es weren die Sprachen nach der Menge und Zahl der Stämme vertheilet / andere erweisen wollen / daß die Nachkommen Japhets nicht gegen Morgen gereist / sondern die Mitternächtischen Länder / welche ihnen der Ertzvater Noa angewiesen / gleich nach der Sündflut / bezogen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 79f.)

Nach der Vorstellung einiger Sprachdenker (insbesondere des Barock) haben sich dabei aus dem Hebräischen diverse Sprachen des vorderen Orients entwickelt: HILLE stellt in diesem Zusammenhang beispielsweise fest, „daß die Hebräische unter allen Sprachen / darinnen alle Göttliche und weltliche Weisheit begriffen / und gleichsam versiegelt sich befindet / die erste und älteste sey“; diese habe „dann endlichen durch Länge der Zeit / etliche Enderung und Mundarten an sich gezogen; als da sind die Chaldeische und Syrische Sprachen“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 80). JOHANNES GÜNTZEL postuliert ebenfalls einen genealogischen Zusammenhang zwischen dem Hebräischen und anderen Sprachen des vorderen Orients: „Also hielten sich die Nachkommen von dem Sem, deß Nohae ältesten Sohn / zu der ersten Haupt: vnd Hebraischen / auch andere darauß erwachsene Morgenländischen / Syrischen / Chaldeischen vnd andern Sprachen“ (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 7). Nach GRIMMELSHAUSEN sind es „Syrisch / Chaldæisch / Arabisch / Persisch / Medisch / Türckisch“, die „auß dem Hebræischen“ kommen (GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 13). Eine ganz andere genealogische Einordnung bzw. sprachliche Klassifikation nimmt zu Beginn des 18. Jh.s JOHANN GOTTFRIED LEIBNIZ vor: Er thematisiert die genealogische Verwandtschaft der Sprachen Kleinasiens und Euro-

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pas und geht dabei nicht vom Hebräischen aus, sondern erwähnt hier das „Arabische (unter welchem das Hebräische, das alte Punische, das Chaldäische, das Syrische und das Äthiopische der Abessinier einbegriffen werden müssen)“ (LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 21). Über die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachen des vorderen Orients herrscht also unter den deutschen Sprachgelehrten des 17. und frühen 18. Jh.s kaum Einigkeit; selbst die Angaben einzelner Autoren sind durchaus schwankend. So stellt beispielsweise JOHANN JOACHIM BECHER zunächst fest, dass die „Arabische / Syrische / Chaldäische von der Hebräischen“ Sprache abstammen (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 20), während er diese Aufzählung nur wenig später ergänzt: Dass „die Chaldeische / Samaritanische / Syrisch / und Arabische von der Hebraischen kommen / ist gewiß“ (ebd., 28f.). Angesichts dieser Unsicherheit macht BECHER schließlich den Vorschlag zu einer historisch vergleichenden Sprachforschung durch ein „Collegium von Gelehrten / und viler Sprachen verständigen Männern“: [Diese] suchen Erstlich in jeder Sprach transpositionem literarum, hernach merken sie /wie die Sprachen einander verwandt seynd / und wie sie voneinander lehren / Drittens / wie jede Sprach ihre Wörter propriè, oder impropriè, auß dieser / oder jener Sprach nimmet / Vierdtens / wie die decompositæ ad compositas reducirt werden / und Fünftens / wie die Compositæ mit der Primitiva nemblich der Hebraischen übereinkommen. (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 29f.)

Im Laufe des 18. Jh.s wird das Problem der ursprünglichen Sprache der Menschheit und ihrer Merkmale zunehmend nüchtern gesehen. JACOB FRIEDRICH REIMMANN lässt die Antwort, ob das Hebräische die erste und älteste Sprache sei, offen – weder in der Bibel noch aus gelehrten Schriften seien hier eindeutige Hinweise zu finden (vgl. auch PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713, 2f.): Wir armen Kinder wissen noch nicht einmahl was sie in diesem Abschnitt der Zeiten vor eine Sprache gehabt / ich geschweige denn / daß wir von der damahligen Grammatica oder Sprach-Kunst eine gewisse Nachricht geben können. Denn in denen H. Schrifften finden wir hievon nichts aufgezeichnet. Und die Muthmassungen der Gelehrten lauffen in diesem Stück so bunt durcheinander / daß man fast nicht weiß wohin man sich mit seinem Beyfall neigen soll. Einige halten die Ebräische / einige die Griechische / einige die Æthiopische / einige die Syrische / einige sogar die Cimbrische oder Holländische vor die erste / älteste und Adamische Sprache. (REIMMANN: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 44f.)

Selbst unter der Annahme, dass das Hebräische als die erste Sprache der Menschheit anzusehen sei, könne im Weiteren aber nicht ausgeschlossen

Genealogie und Typologie —— 283

werden, dass sich diese im Laufe der Zeit von ihrem ursprünglichen Zustand entfernt und somit mehr oder weniger stark verändert habe: Und wenn wir uns denn nun schon zu dem grössesten Hauffen halten / und die hypothesin mit annehmen wollen / dass die Ebräische Sprache die erste sey / so sind wir doch hernachmals nicht versichert / ob dieselbe in dem Fortgang derer Zeiten da sich die Menschen auf der Erden vermehret / und sich in verschiedene Länder nach denen verschiedenen plagis und climatis des Himmels ausgebreitet nicht auch in verschiedene dialectos und Mundarten / und endlich gar in andere Sprachen verwandelt habe. (REIMMANN: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 45)

FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER geht ebenfalls davon aus, dass die ursprüngliche Sprache der Menschheit nicht mehr erhalten sei. Es hätten sich aus ihr zu Zeiten der Babylonischen Sprachverwirrung viele einzelne Sprachen durch Veränderung entwickelt, es seien jedoch keine neuen Sprachen neben ihr entstanden: Die Hebräische und uhralte Scythische oder Celtische Sprache sind wol die ältesten unter allen. Man zweifelt nicht ohne Ursach, ob die allererste Sprache, die man bis auf den Babylonischen Thurm-Bau geredet, noch vorhanden sey: denn es heißt im I. B. Mos. XI. 7. GOtt habe die erste Sprache verwirret, daß keiner den andern verstanden. Es war also eine Verwirrung der alten Sprachen, und keine Erschaffung neuer Sprachen. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 8)

Und für JOHANN CHRISTOPH ADELUNG ist die erste und ursprüngliche Sprache der Menschheit schlichtweg nicht rekonstruierbar: Welches die erste und älteste Sprache war, ist eine sehr unnütze Untersuchung. Gesetzt, es habe einmahl nur eine einige Sprache gegeben, so muste sie doch nach der Natur aller Sprachen sich gar bald verändern, und bey der Verbreitung der Menschen in unzählige Dialekte verwandeln, welche sich mit der Zeit zu eigenen Sprachen umschufen. (ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 222)

Das Hebräische sei zwar die älteste bekannte Sprache, von der namhafte Quellen bekannt seien, doch eben nicht die erste Sprache überhaupt (vgl. auch ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 10f.; VATER: Versuch einer allgemeinen Sprachlehre, Halle 1801, 88): Die Hebräische Sprache ist freylich die älteste, von welcher wir noch einige beträchtliche Ueberbleibsel haben; allein sie ist um deswillen noch nicht die erste und ursprüngliche. Der Abstand von ihr bis zu dem Ursprunge des menschlichen Geschlechts ist zu weit und mit zu vielen großen Veränderungen durchwebt. (ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 222f.)

284 —— Hebräisch

Im Zusammenhang des Entstehens von menschlicher Sprache überhaupt sei darauf hingewiesen, dass die deutsche Sprachreflexion der Aufklärung im Ansatz bereits eine Unterscheidung zwischen allgemeiner Sprachfähigkeit, einzelnen Sprachen und sprachlichen Äußerungen kennt. So heißt es im Wörterbuch von JOHANN THEODOR JABLONSKI: Sprache, das wort hat zweyerley bedeutung. Einmal wird dadurch verstanden das vermögen, welches der mensch hat, seine gedancken durch eine vernemliche stimme zu erkennen zu geben. Solch vermögen ist ein vorzug, dessen sich das vernünfftige geschöpff allein zu rühmen hat, und wird betrachtet, als innerlich, wie sie in dem verstand empfangen, oder als äusserlich, wie sie durch den mund verrichtet wird. Und in diesem letzten verstand bedeutet es die vernemliche stimme selbst, durch welche ein mensch dem andern seine gedancken mittheilet. (JABLONSKI: Lexicon der Künste und Wissenschaften, Leipzig 1748, 1112)

4.2.3 Deutsch und Hebräisch Neben der Diskussion um das Hebräische als die erste und ursprüngliche Sprache der Menschheit und um die genealogische Verwandtschaft zwischen dem Hebräischen und anderen Sprachen des vorderen Orients nimmt eine weitere Argumentation einen nicht unerheblichen Raum im deutschen Sprachdenken des 17. und 18. Jh.s ein: die Verwandtschaft des Deutschen mit dem Hebräischen. So leitet etwa CHRISTIAN GUEINTZ das Hebräische direkt aus der Babylonischen Sprachverwirrung her und behauptet, dass das Deutsche wiederum unmittelbar vom Hebräischen abstamme (vgl. auch GUEINTZ: Deutsche Rechtschreibung, Halle 1645, 2f.): Die Deutsche sprache ist mehrertheils von der Hebräischen sprache her entsprungen: Aber nicht von der Arabischen oder andern / den kein Araber in unsere deutsche Länder kommen / und keine Deutsche in ihre / sprechen zu lernen. Gleichlautende wörter sind viel in allen sprachen / aber es komt deswegen nicht stracks eine von der andern. Sondern es ist eine iede vor sich von der Hebreischen nach der Babilonischen verwirrung entstanden. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 2)

Eine ganz ähnliche Argumentation findet sich bei KASPAR STIELER: Wir Teutsche gönnen der Hebräischen Sprache gern den Ruhm / daß unsere teutsche Wurzeln aus derselben herstammen; Diß aber können wir mit nichten einreumen / daß wir auch aus andern Sprachen / als der Griechischen oder Lateinischen / unsere Stammworte erbetteln müsten / noch vielweniger / daß derselben eine der unsern an Zierlichkeit / Reichtum / Reinlichkeit / Bindungen / Verdoppelungen und Verständlichkeit bevor gehen könne. (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681, 164)

Genealogie und Typologie —— 285

Noch in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s schließt JOHANN CHRISTOPH GOTTnicht aus, dass das Deutsche genealogisch aus dem Hebräischen herzuleiten sei: „Ja, gesetzt, daß diejenigen Gelehrten recht hätten, die auch so gar in hebräischen Wörtern die Ähnlichkeiten mit vielen deutschen finden; und daher dieselben für die Samkörner der deutschen ansehen wollten: so würde ich nicht entgegen seyn“ (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 347). Und er fährt kurz darauf fort: „Ich kann dieses nämlich gar wohl einräumen, ohne deswegen zuzugeben, daß das Hebräische die Sprache des ersten Menschen in der Welt gewesen; als welches von vielen gelehrten Männern nicht unglücklich widerleget worden“ (ebd.). In der Hooch-Deutsche Spraach-Übung geht PHILIPP VON ZESEN indessen sogar noch einen Schritt weiter und setzt das Deutsche mit dem Hebräischen auf eine gemeinsame genealogische Stufe. Wie viele Gelehrte seiner Zeit setzt auch ZESEN mit der Babylonischen Sprachverwirrung an:

SCHED

Ich halte dafür / daß sie zugleich damahls sey auffkommen / als die Kinder zu Babilon das Noha Nachkömmlinge / wie Moses beschreibet / den ungeheuren Turn / der mit seiner Höhe die Sterne ja den Himmel selbst trotzen sollte / zu bauen angefangen / damit ihre Nachkommen sehen möchten / was vor große mächtige Leute sie gewesen. Da dann GOtt ihre heilige Hebräische Spraache / die sie von Anbegin nur einig und allein gehabt / in einem Augenblik verwirret und ihnen viel und mancherley Spraachen eingeblasen. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 12)

Aus der Sprachverwirrung sei das Hebräische selbst nur wenig verändert hervorgegangen, sondern sei letztlich mehr oder weniger erhalten geblieben: Daß mann vor der Babilonischen Verwirrung von keiner andern Spraache alß der Hebräischen gewust / wird niemand verneinen / der die heilige Schrifft vor war erkennet […]. Auch ist die erste Hebräische Spraache durch die Babilonische Verwirrung nicht so gar verloschen und eine andere / die ihr etwas gleich und ihren Nahmen führet / hernach geredet worden / wie etliche vorgeben (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 12f.).

Angesichts dieser Annahme dürfe man auch nicht davon ausgehen, dass die deutsche älter als die hebräische Sprache sei: „Darum kann unsere Deutsche Spraache ihr am Alter nicht vorgezogen werden“ (ebd., 13). Im Weiteren geht ZESEN jedoch davon aus, dass das Deutsche ebenso alt wie das Hebräische sei, da es diesem stark ähnele: Diß kann ich zwar zugeben / daß die Deutsche Spraache […] die vornehmste und erste unter den andern Spraachen sey und mit der Hebräischen nach der Babilonischen Verwirrung / zugleich im gange und schwange gewesen und eher fortgepflanzet worden als andere / wie aus glaubwürdigen Geschichten zu erweisen / aber weiter gehe ich nicht.

286 —— Hebräisch

Solches schließ ich auch daraus / weil die Deutsche Spraache / sonderlich die uhralte / der Hebräischen so gar gleich / daß ihr keine unter den andern letzten zwo Hauptsprachen / der Griechischen und Lateinischen / so nahe kömmt an der Ausrede / gebrauch der Wort / Sylben und Buuchstaben / als eben selbige. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 13f.)

Die Auffassung, dass das Hebräische und das Deutsche die ältesten Sprachen der Menschheit darstellen, wird auch von anderen Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s durchaus geteilt. So heißt es etwa noch bei FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER: [Doch] glaube ich, daß in der hebräischen und alten teutschen Sprache, als zween Töchtern der allerersten Sprache, eine weit größere Gleichheit zwischen den Worten und Sachen anzutreffen, als in andern, und daß folglich dieses von Beyder Alterthum ein klares Zeugniß giebet. Denn es ist kein Zweifel, die Alten haben iedem Dinge einen Namen gegeben, der mit dessen Natur überein kam. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 12)

Das Deutsche sollte laut HARSDÖRFFER jedoch im Unterschied dem Hebräischen nicht als die erste Sprache der Menschheit angesehen werden: „Lingua Germanica Prima non est, ut Hebræa, sed primo genita ejus filia, quæ cum gentis libertate nihil, vel parum, à prima integritate delibavit“ (HARSDÖRFFER: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646, 1284). Aufgrund ihrer genealogischen Verwandtschaft und ihres gemeinsamen hohen Alters erwiesen sich Hebräisch und Deutsch nach PHILIPP VON ZESEN im Weiteren als Gebersprachen für Entlehnungen ins Griechische und Lateinische: Daß aber selbige aus dem Lateinischen oder Griechischen entsprungen / werden die jenigen verneinen / die da bezeugen / daß die Deutsche Spraache eher im schwange gewesen alß die Griechische und Lateinische und werden vielmehr bejahen / daß die Lateiner und Griechen selbige Wörter von den Alten Deutschen und teils von den Hebräern entlehnet. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-übung, Hamburg 1643, 20f.)

Ähnlich äußert sich auch JOHANN KLAJ: „Gehe nun einer hin und sage / es hätten die Teutschen ihre Dichtkunst von den Lateinern und Griechen / ihren ärgsten Feinden / erlernet:“ Es sei „doch beweislicher / daß die alten Weltweisen in Griechenland von den Ebraern und ihren Nachkommen / denen Celten / unterrichtet worden“ (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7). Historische und genealogische Verortungen dieser Art dienen letztlich meist dazu, das Deutsche über dessen Alter als ursprünglicher bzw. eigentlicher und somit als wertvoller herauszustellen als das Griechische und Latei-

Genealogie und Typologie —— 287

nische sowie das Französische und andere romanische Sprachen. Insbesondere die deutschen Sprachdenker des 17. Jh.s versuchen, die deutsche Sprache auf diese Weise gegenüber anderen europäischen Sprachen aufzuwerten; hier ein spätes Beispiel: Es sind fast die meisten so geartet / daß sie vor einheimischen Dingen einen // Eckel haben / sich über alle frembde Sachen verwundern / und dieselbe hochhalten / welche die Teutsche Sprache auch erfahren / die von ihren eigenen Landsleuten geringschätzig gehalten / und der Hebräischen / Griechischen und Lateinischen unterwürffig gemacht / da sie doch / wenn ich ja die Hebräische ausnehme / der Griechischen und Lateinischen an Alter nicht allein nichts nachgiebt / sondern weit bevor thut / hingegen aber jene / in Ansehung der Teutschen neue / und etwas ehe durch Kunst ausgeübet seyn / als diese / die hingegen viel gründlicher / und jenen zum Theil den Ursprung gegeben. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 22)

Eine klare Zusammenfassung dieser Argumentation findet sich bei JOHANN CONRAD W ACK:

Allein wozu dienet wohl daß / wann wir daß unstreitige Alterthum der Ebräer zeigen / da wir vielmehr von unsern Teutschen und dessen uralten Herkommen / reden sollten? Dahin nemlich dienet es: Wann die Ebräer mit ihrer Sprach die ersten und ältesten / wie sie es dann unwidersprechlich sind / und unsere Teutsche Mutter-Sprach von dieser so zu sagen / daß leibliche Kind ist / oder ohnmittelhalber herstammet; so ist zugleich bewiesen / daß sie älter / und dem Alterthum nach / weit adelicher ist / als die Griechen und Lateiner / samt allen ihren Kindern. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 6f.)

Und so erstaunt es nicht, dass sich schließlich auch einige Sprachdenker der Aufklärung kritisch gegenüber deutschen Etymologisierungsversuchen aus dem Hebräischen (und anderen alten Sprachen) äußern. Zu diesen gehört etwa FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER: Bey der Untersuchung des Stammes eines Wortes wird vielfältig gefehlet. Einige wollen alle teutsche Wörter aus fremden Sprachen herholen, z. E. aus der Hebräischen, Chaldäischen, Griechischen, Lateinischen, &c. andere erdichten Stamm-Wörter, die nie in der Welt gewesen: andere wollen offenbar fremde, und in neuern Zeiten eingeführte Wörter, zu alten und guten teutschen Wörtern machen: andere haben keinen andern Grund ihrer Ableitung, als eine blosse Allusion und Wortspiel: andere sind gar zu mühsam, und pflegen wol die kürzesten Stamm-Wörter noch von andern herzuleiten. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 74)

288 —— Hebräisch

4.3 Charakteristika Die Überlegungen zu den Charakteristika des Hebräischen im 17. und 18. Jh. betreffen insbesondere die Ebenen der Schrift, der Lexik, der Morphologie und des Stils; als wichtige Merkmale dieser Sprache werden Gottesnähe, Ursprünglichkeit und Eigentlichkeit angesehen.

4.3.1 Schrift Besonderes Augenmerk verdient die hebräische Schrift den deutschen Sprachdenkern nach hinsichtlich der Kennzeichnung von Vokalen. Dabei werden Vokale in der Mitte des 17. Jh.s als die „Seele“, das Lebendige einer Sprache angesehen, Konsonanten dagegen lediglich als deren Begleitung. Aus diesem Grunde seien zu Beginn der Entwicklung einer Buchstabenschrift laut ZESEN zunächst nur Zeichen für Konsonanten, nicht aber solche für Vokale eingeführt worden: Daß auch die mitlauter eher und viel eher seind erfunden und geschrieben worden / als die lauter selbst / erhellet aus der Ebreischen und andern sprachen / die am nächsten aus ihr geflossen / und ihr am ähnlichsten seind. Dan / weil die lauter die seele und den lebendigen klang den mit-lautern geben / und selbige als stumme lebendig und lautend machen / so haben die ersten erfünder gemeinet / es were unnöthig / daß man solchen lebendigen klang durch buchstaben oder schreib-zeuchen abbildete / indem es die menschliche zunge im lesen durch die aussprache selbst tähte. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 142)

Erst infolge von zunehmenden Lese- bzw. Verständnisschwierigkeiten sei die Kennzeichnung von Vokalen in Ergänzung hierzu eingeführt worden: Nachdem sie aber mit der zeit gesehen / daß es nur verwürrung veruhrsachet / und den stummen buchstaben / oder mit-lautern / wie wier sie nennen / nicht allezeit der rechte eigendliche lebendige klang im lesen durch dr zungen aus-sprache zugefüget / und also viel wörter auf unterschiedliche weise gelesen worden; so haben endlich die Ebreer / und / ihnen zu folge / die andern völker / so ihrer sprache am nächsten / etliche tüpflein / so den eigentlichen lebendigen laut andeuten sollten / erfunden / und teils über / teils unter die stummen buchstaben gesetzet. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 142f.)

Ein ähnliches Bild findet sich noch am Ende des 18. Jh.s; Vokale bilden hier die Substanz, Konsonanten die Struktur einer Sprache: „Aber auch als den Körper der Sprache kann man die Vokale betrachten“, heißt es etwa bei W AGNER, „als ihren Körper, dem die Konsonanten nur den Umriß und die

Charakteristika —— 289

Form leihen“ (W AGNER: Über Vokale und Konsonanten, Braunschweig 1795, 102). Und zur Schreibung von Konsonanten und Vokalen heißt es hier entsprechend (zu Lauten und Buchstaben im Hebräischen vgl. auch: BELLIN: Ausarbeitung der hoch-deutschen Sprache, Hamburg 1647, VII, ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 86f.; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 23; THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713, 139; W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 85; HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 9f.; 69f.): Und dann ergibt es sich, warum der Hebräer sich mit der Bezeichnung der Konsonanten allein befriedigen konnte. Hatte er nur die Umrisse der Wortgestalten, wenn ich mich anders dieses Ausdruckes bedienen darf, so war es ihm bei der Dürftigkeit seiner Sprache etwas leichtes, das in dieselben hineinzutragen, was erforderlich war, um sie zu völligen Körpern auszubilden (W AGNER: Über Vokale und Konsonanten, Braunschweig 1795, 102).

Hinsichtlich der Buchstaben im kleinasiatischen und europäischen Raum kann JOHANN BUNO trotz zahlreicher Unterschiede in der Gestaltung einzelner Buchstaben große Gemeinsamkeiten in deren Benennung feststellen. Die Alphabete glichen sich auffällig: Den ob zwar die Schriften anderer Sprachen von der Hebräischen / als der ältisten / ursprünglich herrühren / welches auch die fast gleiche appellationes und Nahmen der Buchstaben / damit sie in den so merklich unterschiedenen Sprachen genennet werden / genugsam zuerkennen geben: massen / wan der Hebräer in Erzehlung seiner Litteren / sagt Aleph, Beth, Gimel, Daleth: der Syrer spricht / Olaph, Beth, Gomal, Dolath: der Araber Elit, Be, Gym, Dal: und der Griche Alpha, Beta, Gamma, Delta, da unter den Nahmen kein sonderlicher Unterscheid zusehen: So gehen dennoch die Figuren der Buchstaben sehr fern voneinander ab / und hat die Zeit diese merkliche Veränderung vermuthlich eingeführet / wie das dem Latein und Deutschen ebener massen begegnet. (BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650, 4)

4.3.2 Wortschatz Auf der Ebene der Lexik ist es insbesondere ein großer Bestand an Stammwörtern, der das Hebräische – zusammen mit dem Deutschen – gegenüber anderen Sprachen auszeichne. Einsilbige Stammwörter seien typisch für alte Sprachen, während sich jüngere Sprachen durch mehrsilbige Bildungen auszeichneten. Bei FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER heißt es hierzu etwa: Erweisen das Alterthum der teutschen Sprache die in so grosser Menge vorhandene einsylbige und meist, wie in der hebräischen Sprache, aus drey Buchstaben bestehen-

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de Stamm-Wörter. Die Alten giengen der Natur nach, und machtens schlecht und recht & druckten also die Sachen mit kurzen und einsylbigen Wörtern aus: dahingegen man in den jüngern Sprachen mehr auf den Wolklang gesehen, und vielsylbige Wörter gemacht. Je älter nun eine Sprache, ie mehr einsylbige Wörter hat sie: daher auch die hebräischen Stamm-Wörter nur aus drey consonantibus bestehen. Nun ist wol keine Sprache zu finden, die mehr einsylbige Wörter haben sollte, als die teutsche. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 10)

Andere Autoren erachten den Bestand an solchen Stammwörtern im Deutschen sogar als noch größer als im Hebräischen. Bei CARL GUSTAV VON HILLE heißt es zum Beispiel: „An den Stammwörtern ist die deutsche Sprache der Hebräischen überlegen“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136). Und im Parnassus Boicus wird ebenfalls ein größerer Bestand an Stammwörtern im Deutschen als im Hebräischen angenommen: So sei „nachdermahlen vnsere Teutsche Sprache so hoch gestigen / daß sie der Hebræischen Sprach an Stamm-Wörteren überlegen“ (Parnassus Boicus, München 1726, 198; zum Bestand an Stammwörtern im Hebräischen vgl. auch: ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 86; 208; 212; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 26). – Selbst bei LEIBNIZ findet sich ein Hinweis auf den höheren Bestand an etwas „Ursprünglichem“ im Deutschen gegenüber dem Hebräischen: Die seltsamen und oft lächerlichen Etymologien des Goropius Becanus, eines gelehrten Arztes aus dem 16. Jahrhundert, sind sprichwörtlich geworden, obgleich er andererseits nicht allzu unrecht hatte, wenn er behauptete, daß die deutsche Sprache, die er die kimbrische nennt, ebensoviel und mehr Zeichen von etwas Ursprünglichen besitzt wie selbst das Hebräische. (LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 33)

Aussagen dieser Art zielen meist darauf hin, das Deutsche neben dem Hebräischen als eine besonders alte Sprache auszuweisen, die aufgrund dieses Alters eine große Ursprünglichkeit und einen hohen Grad an Eigentlichkeit bewahrt habe, die in anderen Kultursprachen Europas wie dem Lateinischen oder Französischen verloren gegangen seien (vgl. oben). Aber auch unabhängig von einem Vergleich mit dem Deutschen stellt Eigentlichkeit im Sinne von natürlicher Ursprünglichkeit oder göttlicher Schöpfungsnähe für die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung ein wichtiges Merkmale der hebräischen Sprache dar. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Verwendung des Hebräischen in der Bibel; so heißt es etwa bei ELIAS HUTTER: So viel […] ist gewiß / vnd vnwidersprechlich / daß Schrifften vnd Sprachen / sonderlich die Ebraische heilige Gottes Sprache / vnd nechst derselben / die Griechische / Lateinische vnd Deutsche Sprache / daß einige rechte Mittel findt / dadurch sich GOTt nach seinem Wesen vnd Willen / vnd die gantze Natur mit aller irer zugehör / durch etliche

Charakteristika —— 291

wenig Buchstaben / Puncta, Vocales, vnd Accentus gleichsam in einen Spiegel vnd widerschal / zusehen / zuhören / zuverstehen / zubeschreiben / vnd außzusprechen geoffenbaret. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 3)

In Anbetracht einer solchen Eigentlichkeit solle das Alte Testament auch ausschließlich in hebräischer Fassung gelesen werden; die Rezeption von (griechischen, lateinischen oder gar deutschen) Übersetzungen komme laut W ILHELM SCHICKARDT an die des Originaltextes nicht heran: Es gucken alle die nur durch Gläser / so die Bibel Alten Testaments / in anderer / als Hebreischr Sprach lesen / kann auch wol bißweilen die Brill nit sauber außgewischt seyn / oder sonsten ein Bläterlein vnd Sandkörnlein darin stecken daß es in die ferne betreugt / vnd man (nach dem Sprichwort) ein Esel für den MüllerKnecht ansihet. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629)

Dabei zeige das Hebräische der Bibel keinen großen Wortschatz, jedoch genaue bzw. eigentliche Bedeutungen: „Die Schriften in dieser Sprache sind nicht häufig, sondern was noch gutes zu finden ist, wird lediglich in den Büchern des alten Testaments eingeschlossen behalten“; jedoch: „ob sie schon nicht allzu reich von Wörtern ist, dem ungeachtet nicht selten etliche Wörter gebrauchet werden, die der Bedeutung nach sorgfältig unterschieden sind, wenn man die Bücher der heiligen Schrift wohl verstehen will“ (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 72). – Ganz anders äußert sich hier im Übrigen bereits JACOB BÖHME, der die Gleichwertigkeit des Deutschen mit dem Hebräischen und anderen Sprachen als Mittel (weltlicher wie geistlicher) Erkenntnis betont: Denn verstehe nur deine Mutter-Sprache recht, du hast so tieffen Grund darinnen als in der Hebräischen oder Lateinischen, ob sich gleich die Gelehrten darinnen erheben wie eine stoltze Braut; es kümmert nichts, ihre Kunst ist ietzt auf der Boden-Neige. Der Geist zeiget, daß noch vorm Ende mancher Läye wird mehr wissen und verstehen, als ietzt die klügesten Doctores wissen: denn die Thür des Himmels thut sich auf; wer sich nur selber nicht verblenden wird, der wird sie wol sehen. (BÖHME: Avrora, o.O. 1612/1730, 96)

Neben dem hohen Bestand an Stammwörtern wird mit der Ursprünglichkeit und Eigentlichkeit der hebräischen Sprache vor allem von Sprachdenkern des 18. Jh.s ein weiteres Merkmal in Verbindung gebracht – ein hoher Bestand an Konkreta und ein geringer Bestand an Abstrakta. So weisen gerade ältere Sprachen laut KARL GOTTLIEB FISCHER wenige Abstrakta im Wortschatz auf:

292 —— Hebräisch

Arme Sprachen – und das waren ursprünglich alle – haben nur wenig Wörter. Wo wenig Wörter sind, da muß man vieles mit einem Worte bestreiten. Man sieht von selbst, daß hier von Wörtern die Rede ist, durch welche – nicht sinnliche Gegenstände, sondern – Verstandesbegriffe bezeichnet werden: denn für die ersten mußte man frühzeitig besondere Namen erfinden; für die letzten aber hatte man Anfangs nicht viele Namen. Hier mußte ein Wort oft viele Begriffe, bisweilen solche, die nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit mit einander haben, bezeichnen. (FISCHER: Begriff einiger sinnverwandten Wörter, Frankfurt/Leipzig 1794, 109f.)

Dies zeige sich insbesondere am Hebräischen: Eine Menge Beweise hievon giebt die hebräische Sprache. Sie hat – um nur ein Beispiel anzuführen – keine besondere Namen für Treue, Glauben, Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheit: dieß alles und noch mehr drücket ein einziges Wort bey ihr aus. (FISCHER: Begriff einiger sinnverwandten Wörter, Frankfurt/Leipzig 1794, 110)

Eine solche Armut im Wortschatz führt laut DANIEL JENISCH (im Unterschied etwa zur Position der Beyträge; vgl. oben) letztlich auch zu Interpretationsproblemen der Heiligen Schrift: Alle unkultivirte Sprachen bezeichnen, wegen der ihnen eigenthümlichen Armuth, mehrere Begriffe mit Einem Wort, dessen Werth und Bedeutung an seiner jedesmaligen Stelle, eben deswegen sehr oft schwankend seyn muss. Man erinnere sich zum Beispiel der vielen und auf den ersten Anblick oft sehr ungleichartigen Bedeutungen eines und desselben Zeitworts, eines und des nämlichen Substantivs in der Hebräischen Sprache, als wodurch so viele Stellen der alten Testaments höchst vieldeutig und nicht selten dem Exegeten durchaus unerklärlich werden. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 31)

PHILIPP VON ZESEN geht ebenfalls davon aus, dass der ursprüngliche Wortschatz des Hebräischen verhältnismäßig klein gewesen sei. Einzelne Wörter hätten daher jeweils Vagheit und Polysemie gezeigt, die erst durch Wortschatzerweiterung anhand von Wortbildungen nach und nach größerer Klarheit und Deutlichkeit sowie Eindeutigkeit gewichen seien: Darum darf ich wohl sagen / daß unsere itzige sprache bedeutlicher / eigentlicher / unterschiedlicher und ausgearbeiteter / ja daher folkommener ist als die erste Adamische oder Ebreische / welche als die erste und der anfang der sprachen / ja daher noch unfolkommener / auch wohl folkommener würde sein gemacht worden / wan man sie noch weiter fortgepflantzet. Dan sie ist in vielen noch gantz schlecht / d. i. man hat die wenigkeit ihrer worte / oder die darinnen befindliche buchstaben / in ihre verwante / nicht so viel verwandelt und wieder verwandelt / wie in der unsrigen geschehen; und aus den wenig worten / da oft eines viel dinge nohtwändig bedeuten mus / durch sotahnige verwandlung viel unterschiedliche wörter gemacht / die für andern / denen sie doch des ursprungs wegen gleich seind / sonderliche wörter zu sein scheinen / und also die undeut-

Sprachdidaktik und Sprachkritik —— 293

ligkeit und verwirrung weg nehmen / und unterschiedliche dinge unterschiedlicher bezeuchnen könten. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 202f.)

4.3.3 Grammatik und Text Weitere Merkmale des Hebräischen werden auf den Ebenen Morphologie und Stil diskutiert: Auf morphologischer Ebene ist es die Motiviertheit bzw. Transparenz von Wortbildungen, die als Merkmal der hebräischen – und wiederum der deutschen – Sprache angesehen wird. Ein Beispiel hierfür bildet der folgende Beleg von SAMUEL BUTSCHKY: Mit sonderbarer Lust muß man / durchgehend / ersehen / wie doch solche abgeleitete / und auch die verdoppelte Wörter / so zierlich an einander gefüget / und gewisser maßen gebildet werden / daß man bey uns / die Wurzel eines Wortes / oder das Stamwort / oder die wesentliche Stambuchstaben / oder den Grund / müsse ausforschen / und könne finden / eben wie bey den Griechen oder Hebreern. (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 49f.)

Poetische Merkmale in Prosatexten schließlich stellen nach HEINRICH BRAUN ein weiteres Charakteristikum des Hebräischen dar: Sogar die wichtigsten Stücke, z. B. die Segen der ältesten Patriarchen, wovon das Heil des Volkes und der ganzen Nachkommenschaft abhieng, wurden in einem Syllbenmaaße der hebräischen Sprache abgefaßt. Die poetische Beredsamkeit gieng also selbst bey geistlichen Gegenständen der prosaischen vorher, und beyde findet man nachher bey den ältesten Geschichtschreibern des Volkes Gottes, die eben die ältesten aller anderer auch Profanschriftsteller sind, mit einander vergesellschaftet, und verbunden. (BRAUN: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, München 1765, 13)

4.4 Sprachdidaktik und Sprachkritik Das Hebräische ist im deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jh.s zusammen mit dem Lateinischen und Griechischen und einigen modernen Sprachen eine der diversen Schulfremdsprachen. Bereits für COMENIUS gehört das Hebräische zum Sprachenkanon der Lateinschule: „In der Schule der Reifezeit, der Lateinschule, soll dasselbe gelehrt werden wie in der Schule des Knabenalters, der Muttesprachschule; aber 1. in verschiedenen Sprachen“ (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329). Als Zeitrahmen für den Erwerb des Hebräischen gibt er dabei unter anderem ein Jahr an:

294 —— Hebräisch

Folgende Sprachen sollen hier gelernt werden: 1. ein oder zwei Sprachen der Nachbarvölker, 2. Latein, 3. Griechisch, 4. Hebräisch. Das alles kann leicht in sechs Jahren bewältigt werden; fürs Lateinische braucht man drei Jahre, fürs Griechische zwei, fürs Hebräische ein Jahr. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f.)

Etwas bescheidener äußert sich in dieser Hinsicht ELIAS HUTTER: Das Hebräische könne „innerhalb drey oder vier Jaren“ erlernt werden (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 2; vgl. ebd., 2f.). Der Anfangsunterricht im Hebräischen solle nicht auf Hebräisch, sondern in deutscher Sprache erfolgen, da „doch ein jeder lachen würde, wenn man einen Anfänger im Hebräischen und Griechischen aus griechischen und hebräischen Grammatiken den Weg zu diesen Sprachen weisen wollte“ (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 78f.). Angesichts der verschiedenen Fremdsprachen, die im deutschen Sprachraum gelernt und gesprochen würden, merkt CHRISTIAN PUDOR etwa kritisch an, dass „viel Teutschen mehr um der Lateinischen / Griechischen / Hebreischen / Frantzösischen / und anderer / als ihrer eigenen Sprache / gründliche Erlernung sich bekümmern“ (PUDOR: Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlichkeit, Cölln an der Spree 1672, 2). HANS JACOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN zieht das extensive Fremdsprachenlernen seiner Zeit, das auch das Hebräische einbegreife, entsprechend ins Lächerliche: Es ist sich aber nicht drüber zu verwundern / wann einer drüber zum Narren wird / der neben dem Teutschen auch vollkommen Lateinisch / Hebræisch und Sclavonisch lernen will / dann auß dem Hebræischen kombt Syrisch / Chaldæisch / Arabisch / Persisch / Medisch / Türckisch / aus dem Sclavonischen Polnisch / Böhmisch / Russisch / Croatisch / Wendisch &c. Auß dem Lateinischen / Italianisch / Spanisch / Französisch / und mancherley Rebsteckenwelsch / gleichwie auß dem rechten Teutschen Holländisch / Englisch / Dänisch / Schwedisch / Norwegisch &c. entsprungen; Wann nun einer alle Kräffte seines Verstandes anlegt / diese Sprachen zulernen / massen viel Witz in einem guten Kopff hierzu erfordert wird / Lieber was wird ihme übrig verbleiben / solches zu andern Sachen zugebrauchen? Sehen wir doch täglich / wie geckisch sich theils der Unserigen beydes in Kleidung / Sitten und Geberden stellen / wann sie auß Franckreich kommen / und kaum anderthalbe Sprachen gelernet / wie würden sie ererst thun / wann sie deren noch mehr könten? (GRIMMELSHAUSEN: Simplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 13f.)

Neben den Sprachen der klassischen Antike wird aber auch ein Unterricht in der deutschen Sprache selbst gefordert. So ist nach GEORG PHILIPP HARSDÖRFFER eine Unterweisung breiter Teile der Bevölkerung im Deutschen wichtiger als in den klassischen Sprachen (darunter auch im Hebräischen):

Sprachdidaktik und Sprachkritik —— 295

Es mag solches dem gemeinen Pövelmann der mit der Hand- und nicht mit der Haubtmühe sein tägliches Brod gewinnen muß / gnug sein; nicht aber denen / die im Geistund Weltlichen Stande ihre Unterhabende lehren / leiten / regiren und führen sollen. Diesen lieget ob / die liebe Jugend nicht allein nur zu dem Ebreischen / Griechischen und Lateinischen / sondern auch zu der Teutschen Sprache anzugewehnen / darmit sie im Geist- und Weltlichen Stande sich nehren müssen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22)

JUSTINUS TÖLLNER kritisiert in diesem Zusammenhang, dass es (unter anderem aus Motivation hinsichtlich humanistischer Gelehrsamkeit heraus) zahlreiche Schulgrammatiken für die drei klassischen Sprachen des Altertums gebe, jedoch nur eine einzige für das Deutsche (vgl. auch THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713, 139): Die meisten Gelehrten im Teutschland haben sich zwar auf die Lateinische / Griechische / Hebräische und andere fremde Sprachen geleget / und viel Zeit über derselben Excolirung zugebracht; aber auf ihre Mutter-Sprache haben die allerwenigsten rechten Fleis angewendet / noch sich um derselben Reinigkeit und Richtigkeit recht bekümmert. Daher kömmt es / daß / da in andern Sprachen sehr viele Grammatiken geschrieben und heraus gegeben worden sind / in der Teutschen Sprache (so viel mir wissend) nur die einige teutsche Grammatica des sel. Herrn Bödickers bekand ist. (TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718, 1)

Und bei FRIEDRICH ANDREAS HALLBAUER ist es nicht die Grammatik, sondern die Rhetorik, die nicht aus dem Deutschen herausgelehrt werde: „Einer der grösten Fehler ists / daß in manchen Schulen die teutsche Oratorie in geringsten nicht verderbet wird: denn sie ist da so unbekant / als die Zobeln im Thüringischen Walde“, denn: „Darinne werden lauter lateinische / griechische / hebräische / syrische / arabische / frantzösische etc. Redner gezogen“ (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6). Puristische Überlegungen gegenüber dem Hebräischen erscheinen in den Belegen (im Vergleich zu solchen gegenüber dem Lateinischen oder Französischen) verhältnismäßig selten und erweisen sich dabei als recht moderat. So fordert beispielsweise PHILIPP VON ZESEN, dass weder aus dem Lateinischen oder Griechischen noch aus dem Hebräischen ins Deutsche entlehnt werden dürfe: „Sollen wier kein Lateinisches / Griechisches oder Hebräisches / da diese doch die übrigen drey haupt- und grund-spraachen seyn / mit einmischen“ (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 37) JUSTUS GEORG SCHOTTELIUS weist solche puristischen Bestrebungen letztlich ganz ab, da sie sich gegen den natürlichen Gebrauch von Sprache wendeten. Es stellt zunächst fest, dass „viele einer gar albernen Meinung seyn /

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alles was in Teutscher Sprache mit dem Griechischen / Lateinischen / Hebraischen / auch wol mit dem Frantzösischen nur eine adsonantiam quasidam habe / müsse ausgemustert und unteutsch seyn“ (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1245). Eine solche Auffassung laufe „klar wider das Geschichtwesen / auch wider die Ankunft und natur der Sprache selbst“ und „Rühret aus einer unkündigkeit oder aus voreingebildetem Wahne / oder aus eigensinnigkeit doch recht zuhaben / eigentlich her“ (ebd.).

4.5 Vergleich und Wertung Die angeführten Belege lassen deutlich werden, dass Charakteristika der hebräischen Sprache von den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung oft im Vergleich mit solchen der deutschen Sprache diskutiert werden. Hierbei erscheinen insbesondere Wortbildung und Eigentlichkeit von großer Bedeutung (vgl. oben). In den Belegen sind indessen auch weitere Aspekte zu finden. Ein direkter Vergleich des Hebräischen mit dem Deutschen kommt nach PHILIPP VON ZESEN zu vier übereinstimmenden Charakteristika. Auf die Frage nach den Gemeinsamkeiten der hebräischen und deutschen Sprache, worin denn „die Deutsche Spraache der Hebräischen“ gleiche, lässt ZESEN den Deutschlieb folgende Merkmale angeben (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14f.): –







Endreim in der Poesie: „Dann die Griechen und Lateiner haben nicht so viel reim-wort wie die Deutschen und Hebräer / deshalben sie auch keine Reimen machen“; Form- und Wortbildung: „Darnach werden die Wörter auch fast auff Hebräische art gebeuget / verkleinert und vergrössert / vornehmlich / wann wier die rechten uhralten Deutschen Spraachen / ehe sie so sehr seyn verändert worden / ansehen / welche den Hebräern sehr gleich kommen“; Verzicht auf den Gebrauch von Artikeln und Hilfsverben: „Hernach seyn ihre Spraachen auch ohne Geschlechts- oder Zeit-Wort ausgeredet worden / wie die Hebräische“; gemeinsamer Wortschatz (Etymologie): „Endlich / so hatt auch keine Spraache so viel Wörter aus der Hebräischen alß die Deutsche / wie ich / wann es die Zeit dulden wollte übergenug erweisen könnte“ (dies könne auch auf Entlehnung zurückgeführt werden; vgl. ebd., 15f.).

Vergleich und Wertung —— 297

Nach W ILHELM SCHICKARDT erweisen sich das Hebräische und Deutsche als nahe Verwandte, die größere Gemeinsamkeiten auf grammatischer und lexikalischer Ebene zeigen als jeweils etwa zum Lateinischen: Ja es vergleicht sich die Hebreische Sprach / mit vnserer teutschen besser / als mit der Lateinischen / nicht allein / daß sie auch keine Casus oder Declinationes hat / sondern vornemlich weil gar viel teutsche Wörter von Hebreischen Wurtzeln offenbarlich seyn entsprungen / vnd desto besser im gedächtsnis zubehalten. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629).

In HARSDÖRFFERs Specimen Philologiae Germanicae werden ebenfalls lexikalische und grammatische Gemeinsamkeiten der hebräischen und deutschen Sprache ausgemacht: Linguarum conformitas cognationes gentium indicat. Conformitas Linguæ Hebrææ & Germanicæ est vel intrinseca, vel extrinseca. Extrinseca conformitas consistit I. in Literis. II. in Nomibus. III in Verbis. IV in præfixis, suffixis & servilibus. V in Constructione. VI in resolutione syllabarum. Semicomma Hebræorum. (HARSDÖRFFER: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646, 127)

Und laut CHRISTOF ARNOLD schließlich ist das Deutsche so „Wortreich / als die Ebreische“ Sprache (ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649, 43; vgl. LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646, 53f.). Die vermeintliche Ähnlichkeit der beiden Sprachen zeige sich nach JOHANN CONRAD W ACK insbesondere anlässlich von Übersetzungen aus dem Hebräischen in das Deutsche: „Wann keine Sprach zulangt den heiligen Text, oder daß Ebräisch / Chaldäisch und Griechische / sage vielmehr Syrische Testament / von Wort zu Wort zu geben; so versuche mans im Teutschen“ (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 216). Denn „so werden / wann gleich allen Worten ihr Recht geschieht / sowohl die vollkommenste Gleichheit in den idiotismis, als auch der rechte und eigentliche WortVerstand sich am füglichsten weisen“ (ebd.). Dem Hebräischen wird in den Belegen des 17. und 18. Jh.s fast ausschließlich eine positive Wertschätzung zuteil; zu den wichtigsten Charakteristika gehören dabei: –



Vornehmheit (Erstrangigkeit): „Die Hebreische ist aller anderer Sprachen Mutter vnd Bhrathna / ja die fürnembste vnter allen“ (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629). Heiligkeit: ELIAS HUTTER bezieht sich auf die „heilige Ebraische“ Sprache oder die „Ebraische heilige Gottes Sprache“ (HUTTER: Offentlich Auß-

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schreiben, Nürnberg 1602, 3). JOHANN KLAJ bezeichnet das Ebraische als „hochheilige Sprachmutter“ (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 2), während bei GEORG NEUMARK die „Gott-beliebte und geübte Hebräische“ Gegenstand der Überlegungen ist (NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2). Pracht: Das Hebräische komme hierin dem Deutschen sehr nahe; so ist „auch unsere geliebte Teutsche Muttersprache; unter andern Haubtsprachen nicht die geringste, sondern die prächtigste: ja die nechste der Hebräischen“ (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 78; vgl. NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 104). Einfalt und Vollkommenheit: JOHANN JOACHIM BECHER erörtert, wie die „Hebraische Sprach die Primitiva, einfältigste / und vollkomenste seye“ (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 25; vgl. ebd., 27). Göttlichkeit: JOHANN GOTTFRIED HERDER bezieht sich auf das „Ebräische als so genannte Göttliche Sprache“ (HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772, 71). Bildhaftigkeit: FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK bezieht sich auf die „feurige bildervolle Kürze“ der hebräischen Sprache (KLOPSTOCK: Von der Sprache der Poesie, Leipzig 1844, 214).

Eine negative Wertschätzung, die jedoch nicht abwertend erscheint, findet sich bei DANIEL JENISCH, der dem Hebräischen Rauheit attestiert: Es hatte „der Hebräer in seinem sanften Clima (sanft, wenigstens in Vergleichung mit unserm nordischen Himmel) eine sehr rauhe Sprache“ (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 52).

4.6 Belegzitate Allerliebsten Kinder Gottes / dieweil die heilige Ebraische / vnd nechst derselbigen die Griechische / Lateinische und Deutsche Sprachen / das einzige rechte mittel sind / durch welches beide Geistlich und Weltlich Regiment / bis an der Welt End / kann / sol vnd muß bestelt vnd erhalten werden. (HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 1) Man muß, kurz gesagt, allgemein folgendes beachten: I. In der Schule der Reifezeit, der Lateinschule, soll dasselbe gelehrt werden wie in der Schule des Knabenalters, der Muttesprachschule; aber 1. in verschiedenen Sprachen. Ihr Studium füllt diese Altersstufe am meisten aus. Damit das möglichst leicht und erfolgreich geschehe, soll es unter der Führung durch schon bekannte Sachen vor sich gehen. 2. Damit jedoch kein zu großer Überdruß entsteht, soll es auch an neuen Sachen als Lockspeise nicht fehlen. 3. Es sollen sich aber

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den Jugendlichen auch schon die Gründe der Dinge auftun, darum möge man hier schon Philosophie treiben. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329) Folgende Sprachen sollen hier gelernt werden: 1. ein oder zwei Sprachen der Nachbarvölker, 2. Latein, 3. Griechisch, 4. Hebräisch. Das alles kann leicht in sechs Jahren bewältigt werden; fürs Lateinische braucht man drei Jahre, fürs Griechische zwei, fürs Hebräische ein Jahr. (COMENIUS: Pampaedia, o.O. o.J., 329f.) So viel […] ist gewiß / vnd vnwidersprechlich / daß Schrifften vnd Sprachen / sonderlich die Ebraische heilige Gottes Sprache / vnd nechst derselben / die Griechische / Lateinische vnd Deutsche Sprache / daß einige rechte Mittel findt / dadurch sich GOTt nach seinem Wesen vnd Willen / vnd die gantze Natur mit aller irer zugehör / durch etliche wenig Buchstaben / Puncta, Vocales, vnd Accentus gleichsam in einen Spiegel vnd widerschal / zusehen / zuhören / zuverstehen / zubeschreiben / vnd außzusprechen geoffenbaret. (HUTTER: Offentlich Außschreiben, Nürnberg 1602, 3) Denn verstehe nur deine Mutter-Sprache recht, du hast so tieffen Grund darinnen als in der Hebräischen oder Lateinischen, ob sich gleich die Gelehrten darinnen erheben wie eine stoltze Braut; es kümmert nichts, ihre Kunst ist ietzt auf der Boden-Neige. Der Geist zeiget, daß noch vorm Ende mancher Läye wird mehr wissen und verstehen, als ietzt die klügesten Doctores wissen: denn die Thür des Himmels thut sich auf; wer sich nur selber nicht verblenden wird, der wird sie wol sehen. Der Bräutigam krönet seine Braut, Amen. (BÖHME, JACOB: Avrora, o.O. 1612/1730, 96) Dann die Hebreische ist aller anderer Sprachen Mutter vnd Bhrathna / ja die fürnembste vnter allen: wie sie dann auch der Römische Präsident Pilatus / in dem Tirtul des Creutzes Christi zu verdrift angesetzt / vnd seiner eignen angebornen Lateinischen MutterSprach weit vorgezogen hat. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629) Ich habe etwas blöde Augen / vnd brauche nun viel Jahr die Brillen / kann aber doch mit den aller reinesten / nimmermehr so scharff in die weite sehen / als etwa ein gesundes Aug / so von freyem hinschawet: Also gucken alle die nur durch Gläser / so die Bibel Alten Testaments / in anderer / als Hebreischr Sprach lesen / kann auch wol bißweilen die Brill nit sauber außgewischt seyn / oder sonsten ein Bläterlein vnd Sandkörnlein darin stecken daß es in die ferne betreugt / vnd man (nach dem Sprichwort) ein Esel für den MüllerKnecht ansihet. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629) Ja es vergleicht sich die Hebreische Sprach / mit vnserer teutschen besser / als mit der Lateinischen / nicht allein / daß sie auch keine Casus oder Declinationes hat / sondern vornemlich weil gar viel teutsche Wörter von Hebreischen Wurtzeln offenbarlich seyn entsprungen / vnd desto besser im gedächtsnis zubehalten […]. (SCHICKARDT: Der Hebraische Trichter, Leipzig 1629) Der Ursprung: die Deutsche sprache ist mehrertheils von der Hebräischen sprache her entsprungen: Aber nicht von der Arabischen oder andern / den kein Araber in unsere deutsche Länder kommen / und keine Deutsche in ihre / sprechen zu lernen. Gleichlautende wörter sind viel in allen sprachen / aber es komt deswegen nicht stracks eine von der an-

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dern. Sondern es ist eine iede vor sich von der Hebreischen nach der Babilonischen verwirrung entstanden. (GUEINTZ: Deutscher Sprachlehre Entwurf, Köthen 1641, 2) Liebhold. Wo / wenn und wie die Deutsche Spraache entsprossen waltet im Zweiffel. Goropius will zwar behaupten / daß sie gar die erste sey und der Hebräischen im Altertuhm noch vorgehen soll; Absonderlich seine Mutter-Spraache die Zimbrische / welche wie itzt mit dem Pomponius Mela die Hollsteinische nennen. Es haben aber schon längst seine ungegründete Gründe Justus Lipsius / Christian Bekmann / Joseff Skaliger und andere fast mehr mit außlachen als mit widersprechen gnugsam widerleget. Ich halte dafür / daß sie zugleich damahls sey auffkommen / als die Kinder zu Babilon das Noha Nachkömmlinge / wie Moses beschreibet / den ungeheuren Turn / der mit seiner Höhe die Sterne ja den Himmel selbst trotzen sollte / zu bauen angefangen / damit ihre Nachkommen sehen möchten / was vor große mächtige Leute sie gewesen. Da dann GOtt ihre heilige Hebräische Spraache / die sie von Anbegin nur einig und allein gehabt / in einem Augenblik verwirret und ihnen viel und mancherley Spraachen eingeblasen. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 12) Deutschlieb. Daß mann vor der Babilonischen Verwirrung von keiner andern Spraache alß der Hebräischen gewust / wird niemand verneinen / der die heilige Schrifft vor war erkennet: Darum kann unsere Deutsche Spraache ihr am Alter nicht vorgezogen werden. Auch ist die erste Hebräische Spraache durch die Babilonische Verwirrung nicht so gar verloschen und eine andere / die ihr etwas gleich und ihren Nahmen führet / hernach geredet worden / wie etliche vorgeben. Dann / ob schon in der Babilonischen Verwirrung im Lande Senaar / unter denen die den Turn baueten / die Spraachen seyn verwirret worden / daß sie von der Hebräischen nichts oder gar wenig mehr gewust / so ist doch dieselbe heilige Spraache noch bey einem andern Volke / so GOtt mehr geliebet / ohne zweiffel erhalten und auff ihre Nachkommen durch sonderliche Schikkung GOTtes fortgepflantzet worden. (ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 12f.) Diß kann ich zwar zugeben / daß die Deutsche Spraache (es sey nun welche es wolle) die vornehmste und erste unter den andern Spraachen sey und mit der Hebräischen nach der Babilonischen Verwirrung / zugleich im gange und schwange gewesen und eher fortgepflanzet worden als andere / wie aus glaubwürdigen Geschichten zu erweisen / aber weiter gehe ich nicht. Solches schließ ich auch daraus / weil die Deutsche Spraache / sonderlich die uhralte / der Hebräischen so gar gleich / daß ihr keine unter den andern letzten zwo Hauptsprachen / der Griechischen und Lateinischen / so nahe kömmt an der Ausrede / gebrauch der Wort / Sylben und Buuchstaben / als eben selbige. (ZESEN: Hooch-Deutsche SpraachÜbung, Hamburg 1643, 13f.) Adelmund. Worinnen ist dann die Deutsche Spraache der Hebräischen mehr gleich? Deutschlieb. Erstlich in der Poesie. Dann die Griechen und Lateiner haben nicht so viel reimwort wie die Deutschen und Hebräer / deshalben sie auch keine Reimen machen / noch machen können / sondern gebrauchen gar eine andere Art in ihren Verschen / da gar kein Reim gemacht wird / wie den Gelehrten bekannt ist. Darnach werden die Wörter auch fast auff Hebräische art gebeuget / verkleinert und vergrössert / vornehmlich / wann wier die rechten uhralten Deutschen Spraachen / ehe sie so sehr seyn verändert worden / ansehen /

Belegzitate —— 301

welche den Hebräern sehr gleich kommen / als Erstlich in etlichen Endungen / alß weihna / ich heilige / weihnais / du heiligst / weihnai / er heiliget / weihna / wier heiligen / weiha / der heilige / weiham / die heilige; weihnaim wiben / die heilige Weiber etc. (ZESEN: HoochDeutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 14f.) Hernach seyn ihre Spraachen auch ohne Geschlechts- oder Zeit-Wort ausgeredet worden / wie die Hebräische. Dann die vergangene Zeit ist niemahls mit haben und die zukünfftige mit werden ausgesprochen worden / wie itzund gebreuchlich / sondern ohne einigen Zusatz / alß / isnat / er einsahe / und er hatt eingesehen: Hacibida / er hub / und er hatt gehoben: rodida / er redete / und er hatt geredet: teta / er täht und er hatt gethan: zispreitta / er zertreuet und hatt zerstreuet; nidargesitta / er hatt niedergesetzt etc. Die Zusätze alß haben und werden / seyn nicht von Anbegin in der Deutschen Spraache gewesen / sondern eben so hinnein kommen / wie heutiges tages das flikwort tuhn / welches von etlichen wieder die natur der reinen Spraache eingeschoben und eingeflikt wird / alß wenn sie sagen / er tuht reden / die Sonne tuht scheinen / vor / die Sonne scheinet / er redet etc. Endlich / so hatt auch keine Spraache so viel Wörter aus der Hebräischen alß die Deutsche / wie ich / wann es die Zeit dulden wollte übergenug erweisen könnte. (ZESEN: Hooch-Deutsche SpraachÜbung, Hamburg 1643, 15) Daß aber selbige aus dem Lateinischen oder Griechischen entsprungen / werden die jenigen verneinen / die da bezeugen / daß die Deutsche Spraache eher im schwange gewesen alß die Griechische und Lateinische und werden vielmehr bejahen / daß die Lateiner und Griechen selbige Wörter von den Alten Deutschen und teils von den Hebräern entlehnet. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 20f.) Sollen wier kein Lateinisches / Griechisches oder Hebräisches / da diese doch die übrigen drey haupt- und grund-spraachen seyn / mit einmischen / vielweniger können wier gestatten / daß aus den andern Neben- oder unter-spraachen ein und das ander wort so vermässentlich in unsere allervollkommenste Haupt- und grund-spraache eingeflikt werde. (ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 37) Um solcher willen nun ist bis anhero einhelliglich / ausser was etliche / mehr aus darzeigung ihres scharfsinnigen Nachdenckens / und erweisung ihres Witzes / als vielleicht aus Liebe zur Warheit / vorgebracht / von der gelährten welt dafür gehalten worden / das die Hebräische Sprache die Mutter aller andern sey. Weil auch der erste mensch in demselben Lande gewohnet / da man sich zu der zeit derselben gebrauchet. (GUEINTZ: Deutsche Rechtschreibung, Halle 1645, 2) Es mag solches dem gemeinen Pövelmann der mit der Hand- und nicht mit der Haubtmühe sein tägliches Brod gewinnen muß / gnug sein; nicht aber denen / die im Geist- und Weltlichen Stande ihre Unterhabende lehren / leiten / regiren und führen sollen. Diesen lieget ob / die liebe Jugend nicht allein nur zu dem Ebreischen / Griechischen und Lateinischen / sondern auch zu der Teutschen Sprache anzugewehnen / darmit sie im Geist- und Weltlichen Stande sich nehren müssen. (HARSDÖRFFER: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 22)

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Ob nun zwar bisanhero / auf jüngstaufgerichtetem Lehrstule / die hochheilige Sprachmutter die Ebraische / dero Tochter die Syrische / die versüssete Griechische / und die Dolmetschrein der Welt / die Lateinische Sprache / der Jugend treueiferigst eingetreufelt worden / so habe ich der wenigste / unter den Teutschen Muttersöhnen / je und je unsere Wunderkräfftige / Wortmächtige und Qwelreiche Sprache geliebet. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 2) Gehe nun einer hin und sage / es hätten die Teutschen ihre Dichtkunst von den Lateinern und Griechen / ihren ärgsten Feinden / erlernet: Da doch beweislicher / daß die alten Weltweisen in Griechenland von den Ebraern und ihren Nachkommen / denen Celten / unterrichtet worden. (KLAJ: Lobrede der Teutschen Poeterey, Nürnberg 1645, 7) Linguarum conformitas cognationes gentium indicat. Conformitas Linguæ Hebrææ & Germanicæ est vel intrinseca, vel extrinseca. Extrinseca conformitas consistit I. in Literis. II. in Nomibus. III in Verbis. IV in præfixis, suffixis & servilibus. V in Constructione. VI in resolutione syllabarum. Semicomma Hebræorum. (HARSDÖRFFER: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646, 127) Lingua Germanica Prima non est, ut Hebræa, sed primo genita ejus filia, quæ cum gentis libertate nihil, vel parum, à prima integritate delibavit. (HARSDÖRFFER: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646, 1284) So ist auch unsere geliebte Teutsche Muttersprache; unter andern Haubtsprachen nicht die geringste, sondern die prächtigste: ja die nechste der Hebräischen […]. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 78) Ausser allem Zweiffel ist / daß im Anfang und nechst nach Erschaffung der Welt / die Menschen ingemein / nur eine Sprache / nemlich die uralte Hebräische geredet: Solches beglaubet die Hochheilige Schrift / welche alle die ersten Menschen Hebräischen benamet. Aus selbiger hochheiligen Schrift ersehen wir ebenmässig / daß im Jahr nach der Erschaffung / etwan 1717 bey Erbauung des Babylonischen Wunderthurns / sich eine durchgehende Enderung / und Austheilung aller Sprachen / erhoben / wiewol etliche der Meinung / es weren die Sprachen nach der Menge und Zahl der Stämme vertheilet / andere erweisen wollen / daß die Nachkommen Japhets nicht gegen Morgen gereist / sondern die Mitternächtischen Länder / welche ihnen der Ertzvater Noa angewiesen / gleich nach der Sündflut / bezogen / wie hiervon unser Spielender umständige Meldung gethan. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 79f.) Aus diesen Ursachen dann zu behaupten / daß die Hebräische unter allen Sprachen / darinnen alle Göttliche und weltliche Weisheit begriffen / und gleichsam versiegelt sich befindet / die erste und älteste sey. Welche dann endlichen durch Länge der Zeit / etliche Enderung und Mundarten an sich gezogen; als da sind die Chaldeische und Syrische Sprachen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 80) Die andere (nechst der Hebräischen) gelehrte Sprache ist die Griechische; welche wie dieselbe zu Zeit des Kaisers Augusti / noch unvermengt oder unverdorben gewesen unter-

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schiedene Mundarten überkommen; als die Atheniensische / Jonische / Dorische / Eolische / und deren mehr. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 81) Es sind aber nechst der uralten Hebräischen vier Europeische Haubtsprachen / nemlich die Griechische / und Lateinische; und dann die Teutsche und Sclavonische. Nebenst diesen V. Haubtsprachen / seynd sieben geringere; die sonderlich nie weit ausbreiten. Als erstlichen die Epirotische / so man höret in den Epirischen Gebürgen unter einem grausamen kriegerischen Volke / von welchem man nicht eigentlich weiß / ob dieselbe unlangsten da eingesessen / oder vor wenig Zeiten daselbsten erstlichen angekommen. 2. Die Tartarische oder Cosakische. 3. Die Hungerische welche aus Asien in Europen gebracht worden. 4. Die Finnische wovon die Lappische hersprieset. 5. Die Irrländische, deren sich auch die wilden Schotten gebrauchen. 6. Die alte Britannische / welche annoch im Land Waliß in Engelland / und im Lande Bretagne, in Frankreich gebraucht wird. 7. Die Canthadrische / welche ist die uralte Spanische / so annoch in und an den Pireneischen Gebürg gebräuchlich. Diß sind also auch die Europeischen Sprachen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 86f.) Es ist zwar die Vernunft an keine gewisse Sprache gebunden: alle Zungen können verständige Gedanken ausreden / und were diesen zu nahe gesagt / daß man nur in Latein / Griechisch oder Hebräisch weiß / in Teutsch aber närrisch seyn sollte. Ach nein / unsere Teutsche Haubtsprache ist so wortreich in ihren Wurtzeln/ so prächtig in der Ausrede / so mächtig in der Deutung / so vollkommen in ihren Kunstfugen / so grundrichtig in ihrer Lehrart / daß kein Sinnbegrief zu finden / welcher nicht wol vernemlich / und wunderschikklichst sollte können verabfasst werden. An den Stammwörtern ist sie der Hebräischen überlegen / an der Verdoppelung der Griechischen gleichbürtig / an der Lieblichkeit übertrifft sie die Lateinische mit allen denen zungen / die von ihr entsprungen. (HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647, 136f.) Mit sonderbarer Lust muß man / durchgehend / ersehen / wie doch solche abgeleitete / und auch die verdoppelte Wörter / so zierlich an einander gefüget / und gewisser maßen gebildet werden / daß man bey uns / die Wurzel eines Wortes / oder das Stamwort / oder die wesentliche Stambuchstaben / oder den Grund / müsse ausforschen / und könne finden / eben wie bey den Griechen oder Hebreern […]. (BUTSCHKY: Der Hochdeutsche Schlüszel zur Schreibrichtigkeit, Leipzig 1648, 49f.) Also hielten sich die Nachkommen von dem Sem, deß Nohae ältesten Sohn / zu der ersten Haupt: vnd Hebraischen / auch andere darauß erwachsene Morgenländischen / Syrischen / Chaldeischen vnd andern Sprachen. (GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648, 7) Wie nun die Figuren der Hebräischen Buchstaben von anderer Dinge Bildnüssen entlehnet; also findet sich / daß ein gleiches mit anderer Sprachen Buchstaben geschehen / ein und ander Nachricht. Den ob zwar die Schriften anderer Sprachen von der Hebräischen / als der ältisten / ursprünglich herrühren / welches auch die fast gleiche appellationes und Nahmen der Buchstaben / damit sie in den so merklich unterschiedenen Sprachen genennet werden / genugsam zuerkennen geben: massen / wan der Hebräer in Erzehlung seiner Litteren / sagt Aleph, Beth, Gimel, Daleth: der Syrer spricht / Olaph, Beth, Gomal, Dolath: der Araber Elit,

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Be, Gym, Dal: und der Griche Alpha, Beta, Gamma, Delta, da unter den Nahmen kein sonderlicher Unterscheid zusehen: So gehen dennoch die Figuren der Buchstaben sehr fern voneinander ab / und hat die Zeit diese merkliche Veränderung vermuthlich eingeführet / wie das dem Latein und Deutschen ebener massen begegnet. (BUNO: Vralter Fußsteig, Danzig 1650, 4) Ich für mein teil halte gäntzlich dafür / daß alle sprachen und zungen / die man itzund in der gantzen welt redet / im grunde ihrer natur eine sprache / oder eigentlich mundarten der ersten sind: das ist / aus der allerersten / als der einigen hauptsprache / nämlich der Adamischen oder Ebreischen / wie sie nachmals nach den kindern Ebers genennet worden / mit den andern vieren / als der Deutschen / Griechischen / Lateinischen und Sclavonischen / welche ins gemein auch für hauptsprachen gehalten werden / entsprossen; nuhr dass man ihre wörter / nach den unterschiedlichen mundarten teils an mit- teils an selb-lautern / verändert / verzwikket / oder verlängert. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 98f.) L. Sollte aber die Ebreische sprache die erste / und dieselbe sein / die Adam geredet. M. Der leiste teil hält solches darfür. Dan es ist wohl gläublich / dass die Adamsche sprache / (die vom anfange der welt bis auf die Babelsche verwürr- oder vielmehr veränderung der ersten sprache in unterschiedliche mund-ahrten / 1932 jahr / wie die Schrift klärlich bezeuget / unverrükt und eine mund-ahrt geblieben/) eben dieselbe sei / welche die kinder Ebers / die sie vielleicht zu so trotzigen reden nicht gemisbrauchet / wie die Hamischen / oder bei ihrem Groß-vater dem Nohe / (so dazumahl noch lebete und gleich 857 jahr alt war / weil sein gantzes alter nach der Sündfluth 350 jahr gewesen / indem er im 50. jahre des Ertz-vaters Abrahams erst gestorben /) sich aufgehalten / und zu solchem hochmühtigen baue nicht geholfen / nachmahls unverrükt behalten / und nach ihrem nahmen genennet / damit sie von den andern daraus entsprossenen sprachen / oder vielmher mundahrten / möchte unterschieden werden. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 104f.) Daß auch die mitlauter eher und viel eher seind erfunden und geschrieben worden / als die lauter selbst / erhellet aus der Ebreischen und andern sprachen / die am nächsten aus ihr geflossen / und ihr am ähnlichsten seind. Dan / weil die lauter die seele und den lebendigen klang den mit-lautern geben / und selbige als stumme lebendig und lautend machen / so haben die ersten erfünder gemeinet / es were unnöthig / daß man solchen lebendigen klang durch buchstaben oder schreib-zeuchen abbildete / indem es die menschliche zunge im lesen durch die aussprache selbst tähte. Nachdem sie aber mit der zeit gesehen / daß es nur verwürrung veruhrsachet / und den stummen buchstaben / oder mit-lautern / wie wier sie nennen / nicht allezeit der rechte eigendliche lebendige klang im lesen durch dr zungen aussprache zugefüget / und also viel wörter auf unterschiedliche weise gelesen worden; so haben endlich die Ebreer / und / ihnen zu folge / die andern völker / so ihrer sprache am nächsten / etliche tüpflein / so den eigentlichen lebendigen laut andeuten sollten / erfunden / und teils über / teils unter die stummen buchstaben gesetzet. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 142f.) Darum darf ich wohl sagen / daß unsere itzige sprache bedeutlicher / eigentlicher / unterschiedlicher und ausgearbeiteter / ja daher folkommener ist als die erste Adamische oder Ebreische / welche als die erste und der anfang der sprachen / ja daher noch unfolkommener / auch wohl folkommener würde sein gemacht worden / wan man sie noch weiter fortge-

Belegzitate —— 305

pflantzet. Dan sie ist in vielen noch gantz schlecht / d. i. man hat die wenigkeit ihrer worte / oder die darinnen befindliche buchstaben / in ihre verwante / nicht so viel verwandelt und wieder verwandelt / wie in der unsrigen geschehen; und aus den wenig worten / da oft eines viel dinge nohtwändig bedeuten mus / durch sotahnige verwandlung viel unterschiedliche wörter gemacht / die für andern / denen sie doch des ursprungs wegen gleich seind / sonderliche wörter zu sein scheinen / und also die undeutligkeit und verwirrung weg nehmen / und unterschiedliche dinge unterschiedlicher bezeuchnen könten. Auf solche weise dürften die Ebreischen sprachlehrer so nicht grübeln / und ihre sinnen brechen / wan sie eines wortes / das bei ihnen oft so viel unterschiedliche dinge bezeuchnet / eigentliche bedeutung ergrübeln wollen. (ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 202f.) Doch seind in dieser grossen Stadt Babel / als aller Sprachen Mutter […] / drey grosse mächtige Thürme / die wir von ferne vor allen andern weit vnd breit sehen. Der größte vnd mittelste (so zweifelsfrey noch ein Stück von dem fundament des alten Gebews) ist der H. Hebræischen Sprache: der ander gegen Orient: der Griechischen vnd der dritt auff der lincken Seit / Niedergangs zu / der Lateinischen gewidmet. (RIVINUS: Die erste SprachenThuer, Leipzig 1653, 12f.) Meiner Meinung nach gibt es sieben Sprachen, die zur allgemeinen Verständigung notwendig und höchst nützlich sind. Von diesen nehmen drei den gelehrten, vier aber den allgemeinen und gewöhnlichen Sprachen die Palme weg. Ich betrachte nämlich die Sprachen als gelehrte und gewöhnliche. Gelehrte Sprachen sind die, welche man durch Gesetze und Regeln lernt, vornehmlich Latein, Griechisch und Hebräisch. Wer diese Sprachen beherrscht, wird mit Leichtigkeit die Gelehrten und ihre Schriften verstehen. Von den gewöhnlichen Sprachgruppen sind die arabischen, slavischen, romanischen, germanischen am verbreitetsten. (BECHER: Character, pro Notitia Linguarum Universali, Frankfurt 1661, 28) Dieses ist anfänglich zumerken / daß viele einer gar albernen Meinung seyn / alles was in Teutscher Sprache mit dem Griechischen / Lateinischen / Hebraischen / auch wol mit dem Frantzösischen nur eine adsonantiam quasidam habe / müsse ausgemustert und unteutsch seyn; Lauft klar wider das Geschichtwesen / auch wider die Ankunft und natur der Sprache selbst / davon in diesem Opere mehr als an einem Orte der beweistuhm beygebracht; Rühret aus einer unkündigkeit oder aus voreingebildetem Wahne / oder aus eigensinnigkeit doch recht zuhaben / eigentlich her […]. (SCHOTTELIUS: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig 1663, 1245) Es ist sich aber nicht drüber zu verwundern / wann einer drüber zum Narren wird / der neben dem Teutschen auch vollkommen Lateinisch / Hebræisch und Sclavonisch lernen will / dann auß dem Hebræischen kombt Syrisch / Chaldæisch / Arabisch / Persisch / Medisch / Türckisch / aus dem Sclavonischen Polnisch / Böhmisch / Russisch / Croatisch / Wendisch &c. Auß dem Lateinischen / Italianisch / Spanisch / Französisch / und mancherley Rebsteckenwelsch / gleichwie auß dem rechten Teutschen Holländisch / Englisch / Dänisch / Schwedisch / Norwegisch &c. entsprungen; Wann nun einer alle Kräffte seines Verstandes anlegt / diese Sprachen zulernen / massen viel Witz in einem guten Kopff hierzu erfordert wird / Lieber was wird ihme übrig verbleiben / solches zu andern Sachen zugebrauchen? Sehen wir doch täglich / wie geckisch sich theils der Unserigen beydes in Kleidung / Sitten und Geberden stellen / wann sie auß Franckreich kommen / und kaum anderthalbe Spra-

306 —— Hebräisch

chen gelernet / wie würden sie ererst thun / wann sie deren noch mehr könten? (GRIMMELSSimplicissimi Pralerey und Gepräng, o.O. 1673, 13f.)

HAUSEN:

Vorschlag / es seye ein Collegium von Gelehrten / und viler Sprachen verständigen Männern / die suchen Erstlich in jeder Sprach transpositionem literarum, hernach merken sie /wie die Sprachen einander verwandt seynd / und wie sie voneinander lehren / Drittens / wie jede Sprach ihre Wörter propriè, oder impropriè, auß dieser / oder jener Sprach nimmet / Vierdtens / wie die decompositæ ad compositas reducirt werden / und Fünftens / wie die Compositæ mit der Primitiva nemblich der Hebraischen übereinkommen. (BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 29f.) Unter diesen zehlet man ins gemein fünf Hauptsprachen: nämlich zum ersten die Ebräische; welche / als eine ertz-Hauptsprache / aller anderer Mutter oder vielmehr Groß- und Ertz-mutter ist. Darnach folget / als die nächste / die Hochdeutsche; dan die Griechische; auf diese die Lateinische / und endlich die Slavische oder Slavonische. (HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3) DAß die Hebreische Sprache die allerälteste und erste Erzsprache / ja diejenige gewesen / in welcher GOtt selbst mit unsern Ureltern / Adam und Even / im Paradis geredet / bezeugen nicht allein alle gelehrte und rechtgesinnete Sprachenforscher / sondern es ist auch dasselbe aus dem Wortverstand und Bedeutung der Nahmen und Geschlechter der Erzväter erweislicher und klärer / als daß es einiger überflüßigen Ausführ- und Erörterung bedürfen sollte. (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681) Wir Teutsche gönnen der Hebräischen Sprache gern den Ruhm / daß unsere teutsche Wurzeln aus derselben herstammen; Diß aber können wir mit nichten einreumen / daß wir auch aus andern Sprachen / als der Griechischen oder Lateinischen / unsere Stammworte erbetteln müsten / noch vielweniger / daß derselben eine der unsern an Zierlichkeit / Reichtum / Reinlichkeit / Bindungen / Verdoppelungen und Verständlichkeit bevor gehen könne. (STIELER: Teutsche SekretariatKunst, Nürnberg 1681, 164) Es sind fast die meisten so geartet / daß sie vor einheimischen Dingen einen // Eckel haben / sich über alle frembde Sachen verwundern / und dieselbe hochhalten / welche die Teutsche Sprache auch erfahren / die von ihren eigenen Landsleuten geringschätzig gehalten / und der Hebräischen / Griechischen und Lateinischen unterwürffig gemacht / da sie doch / wenn ich ja die Hebräische ausnehme / der Griechischen und Lateinischen an Alter nicht allein nichts nachgiebt / sondern weit bevor thut / hingegen aber jene / in Ansehung der Teutschen neue / und etwas ehe durch Kunst ausgeübet seyn / als diese / die hingegen viel gründlicher / und jenen zum Theil den Ursprung gegeben. (MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 22) Die tatarische Sprache aber, die mit ihren Abkömmlingen den Nordosten Asiens erfüllte, scheint die der Hunnen und Cumanen gewesen zu sein, wie sie die der Usbeken oder Türken, der Kalmücken und der Mugallen ist. Alle diese Sprachen Skythiens haben untereinander und mit den unseren viele Wurzeln gemeinsam, und es stellt sich heraus, daß sogar das Arabische (unter welchem das Hebräische, das alte Punische, das Chaldäische, das Syrische und das Äthiopische der Abessinier einbegriffen werden müssen) deren ebenfalls eine

Belegzitate —— 307

so große Zahl besitzt, daß man es nicht dem bloßen Zufall noch auch einfach den Verkehrsbeziehungen, sondern eher den Wanderungen der Völker zuschreiben kann. (LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 21) Die seltsamen und oft lächerlichen Etymologien des Goropius Becanus, eines gelehrten Arztes aus dem 16. Jahrhundert, sind sprichwörtlich geworden, obgleich er andererseits nicht allzu unrecht hatte, wenn er behauptete, daß die deutsche Sprache, die er die kimbrische nennt, ebensoviel und mehr Zeichen von etwas Ursprünglichen besitzt wie selbst das Hebräische. (LEIBNIZ: Nouveaux essais, 1704/65, 33). Wir armen Kinder wissen noch nicht einmahl was sie in diesem Abschnitt der Zeiten vor eine Sprache gehabt / ich geschweige denn / daß wir von der damahligen Grammatica oder Sprach-Kunst eine gewisse Nachricht geben können. Denn in denen H. Schrifften finden wir hievon nichts aufgezeichnet. Und die Muthmassungen der Gelehrten lauffen in diesem Stück so bunt durcheinander / daß man fast nicht weiß wohin man sich mit seinem Beyfall neigen soll. Einige halten die Ebräische / einige die Griechische / einige die Æthiopische / einige die Syrische / einige sogar die Cimbrische oder Holländische vor die erste / älteste und Adamische Sprache. Einige hingegen bestehen gantz steiff und fest darauf / daß die lingua Primæva in der Babylonischen Sprach-Verwirrung mit verschlungen und verlohren gangen sey. Und wenn wir uns denn nun schon zu dem grössesten Hauffen halten / und die hypothesin mit annehmen wollen / dass die Ebräische Sprache die erste sey / so sind wir doch hernachmals nicht versichert / ob dieselbe in dem Fortgang derer Zeiten da sich die Menschen auf der Erden vermehret / und sich in verschiedene Länder nach denen verschiedenen plagis und climatis des Himmels ausgebreitet nicht auch in verschiedene dialectos und Mundarten / und endlich gar in andere Sprachen verwandelt habe? (REIMMANN: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 44f.) Allein wozu dienet wohl daß / wann wir daß unstreitige Alterthum der Ebräer zeigen / da wir vielmehr von unsern Teutschen und dessen uralten Herkommen / reden sollten? Dahin nemlich dienet es: Wann die Ebräer mit ihrer Sprach die ersten und ältesten / wie sie es dann unwidersprechlich sind / und unsere Teutsche Mutter-Sprach von dieser so zu sagen / daß leibliche Kind ist / oder ohnmittelhalber herstammet; so ist zugleich bewiesen / daß sie älter / und dem Alterthum nach / weit adelicher ist / als die Griechen und Lateiner / samt allen ihren Kindern. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 6f.) Wann keine Sprach zulangt den heiligen Text, oder daß Ebräisch / Chaldäisch und Griechische / sage vielmehr Syrische Testament / von Wort zu Wort zu geben; so versuche mans im Teutschen / so werden / wann gleich allen Worten ihr Recht geschieht / sowohl die vollkommenste Gleichheit in den idiotismis, als auch der rechte und eigentliche Wort-Verstand sich am füglichsten weisen. (W ACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 216) Die meisten Gelehrten im Teutschland haben sich zwar auf die Lateinische / Griechische / Hebräische und andere fremde Sprachen geleget / und viel Zeit über derselben Excolirung zugebracht; aber auf ihre Mutter-Sprache haben die allerwenigsten rechten Fleis angewendet / noch sich um derselben Reinigkeit und Richtigkeit recht bekümmert. Daher kömmt es / daß / da in andern Sprachen sehr viele Grammatiken geschrieben und heraus gegeben worden sind / in der Teutschen Sprache (so viel mir wissend) nur die einige teutsche Gram-

308 —— Hebräisch

matica des sel. Herrn Bödickers bekand ist. (TÖLLNER: Unterricht von der Orthographie, Halle 1718, 1) Einer der grösten Fehler ists / daß in manchen Schulen die teutsche Oratorie in geringsten nicht verderbet wird: denn sie ist da so unbekant / als die Zobeln im Thüringischen Walde. Darinne werden lauter lateinische / griechische / hebräische / syrische / arabische / frantzösische etc. Redner gezogen. Die teutsche Beredsamkeit ist für die lateinischen Schulen zu gering. Doch einige halten sie noch für ein Neben-Werck / das man die langeweile zu vertreiben mit nehmen könne: allein es muß doch alles nach einer alten lateinischen / oder nach einer aus dieser gezogenen teutschen Rhetorik geschehen. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 6). Die Hebräische und uhralte Scythische oder Celtische Sprache sind wol die ältesten unter allen. Man zweifelt nicht ohne Ursach, ob die allererste Sprache, die man bis auf den Babylonischen Thurm-Bau geredet, noch vorhanden sey: denn es heißt im I. B. Mos. XI. 7. GOtt habe die erste Sprache verwirret, daß keiner den andern verstanden. Es war also eine Verwirrung der alten Sprachen, und keine Erschaffung neuer Sprachen. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 8) So zeiget auch von dem Alterthum der teutschen Sprache, daß die Buchstaben oder Lettern (welches kein lateinisch, sonder teutsch Wort von litt oder lett, d.i. nach Hoch-Teutscher Mund-Art Glied) alle einlautend und natürlich, a, b, c, d etc. die Griechen aber sagen schon gekünstelter alpha, bita, gamma, etc. Je schlechter aber und natürlicher etwas ist, ie älter ist es: und im Gegentheil ie mehr etwas ausgeputzt und gekünstelt, ie jünger ist es. Die Lateiner, ob sie gleich vielen von den Griechen annehmen, haben sich in Benennung ihrer Buchstaben, lieber nach den uhralten Celten richten wollen. Die Namen der hebräischen Buchstaben aleph, beth, cet sind nicht so alt, als die Buchstaben: und zweifels ohne werden die alten Hebräer ihre Buchstaben eben wie die Celten einlautend ausgesprochen haben. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 9f.) Erweisen das Alterthum der teutschen Sprache die in so grosser Menge vorhandene einsylbige und meist, wie in der hebräischen Sprache, aus drey Buchstaben bestehende StammWörter. Die Alten giengen der Natur nach, und machtens schlecht und recht & druckten also die Sachen mit kurzen und einsylbigen Wörtern aus: dahingegen man in den jüngern Sprachen mehr auf den Wolklang gesehen, und vielsylbige Wörter gemacht. Je älter nun eine Sprache, ie mehr einsylbige Wörter hat sie: daher auch die hebräischen Stamm-Wörter nur aus drey consonantibus bestehen. Nun ist wol keine Sprache zu finden, die mehr einsylbige Wörter haben sollte, als die teutsche. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 10) […] doch glaube ich, daß in der hebräischen und alten teutschen Sprache, als zween Töchtern der allerersten Sprache, eine weit größere Gleichheit zwischen den Worten und Sachen anzutreffen, als in andern, und daß folglich dieses von Beyder Alterthum ein klares Zeugniß giebet. Denn es ist kein Zweifel, die Alten haben iedem Dinge einen Namen gegeben, der mit dessen Natur überein kam. (HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 12)

Belegzitate —— 309

Bey der Untersuchung des Stammes eines Wortes wird vielfältig gefehlet. Einige wollen alle teutsche Wörter aus fremden Sprachen herholen, z. E. aus der Hebräischen, Chaldäischen, Griechischen, Lateinischen, &c. andere erdichten Stamm-Wörter, die nie in der Welt gewesen: andere wollen offenbar fremde, und in neuern Zeiten eingeführte Wörter, zu alten und guten teutschen Wörtern machen: andere haben keinen andern Grund ihrer Ableitung, als eine blosse Allusion und Wortspiel: andere sind gar zu mühsam, und pflegen wol die kürzesten Stamm-Wörter noch von andern herzuleiten. (HALLBAUER: Anweisung zur verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 74) Es hat aber die obgedachte / von GOtt eingeföste erste Welt-Sprach / das ist / die Hebräische von Anbegin der Welt an vnvermischt gedauret / biß zu Erbauung deß Thurn Babels /gleich die Heil. Schrift Gen. 9 saget. (Parnassus Boicus, München 1726, 8) Was die hebräische Sprache betrifft, so scheint diese Arbeit nicht so nöthig zu seyn. Die Schriften in dieser Sprache sind nicht häufig, sondern was noch gutes zu finden ist, wird lediglich in den Büchern des alten Testaments eingeschlossen behalten. Doch hat man auch hierbey einigen Fleiß sehen lassen, der deßwegen nicht zu mißbilligen ist, weil in der Sprache, ob sie schon nicht allzu reich von Wörtern ist, dem ungeachtet nicht selten etliche Wörter gebrauchet werden, die der Bedeutung nach sorgfältig unterschieden sind, wenn man die Bücher der heiligen Schrift wohl verstehen will. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 72) Denn wenn fremde Nationen zur deutschen Sprache angeführet werden sollen, so muß es in der Sprache geschehen, welche ein solches Volk von andern unterscheidet; man wollte denn eben so wunderlich handeln, als diejenigen in Schulen thun, oder vielmehr thun müssen, welche die zarten Kinder aus lateinischen Grammatiken im Latein unterrichten, da doch ein jeder lachen würde, wenn man einen Anfänger im Hebräischen und Griechischen aus griechischen und hebräischen Grammatiken den Weg zu diesen Sprachen weisen wollte. (Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Leipzig 1732-33, 78f.) Sprache, das wort hat zweyerley bedeutung. Einmal wird dadurch verstanden das vermögen, welches der mensch hat, seine gedancken durch eine vernemliche stimme zu erkennen zu geben. Solch vermögen ist ein vorzug, dessen sich das vernünfftige geschöpff allein zu rühmen hat, und wird betrachtet, als innerlich, wie sie in dem verstand empfangen, oder als äusserlich, wie sie durch den mund verrichtet wird. Und in diesem letzten verstand bedeutet es die vernemliche stimme selbst, durch welche ein mensch dem andern seine gedancken mittheilet. (JABLONSKI: Lexicon der Künste und Wissenschaften, Leipzig 1748, 1112) Indessen will ich es nicht läugnen, daß nicht die deutsche Sprache auch aus einer ältern Mundart, die ihre Mutter gewesen, als z. E. aus der celtischen, gothischen, oder scythischen, viele Zeitwörter herhabe. Allein, weitgefehlet, daß dieses ihr fremde Wörter seyn sollten; so sind es vielmehr die einheimischen Wurzeln und Stämme, welche sich in soviel schöne Zweige, Reiser und Blätter ausgebreitet haben. Ja, gesetzt, daß diejenigen Gelehrten recht hätten, die auch so gar in hebräischen Wörtern die Ähnlichkeiten mit vielen deutschen finden; und daher dieselben für die Samkörner der deutschen ansehen wollten: so würde ich nicht entgegen seyn. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 347)

310 —— Hebräisch

Ich kann dieses nämlich gar wohl einräumen, ohne deswegen zuzugeben, daß das Hebräische die Sprache des ersten Menschen in der Welt gewesen; als welches von vielen gelehrten Männern nicht unglücklich widerleget worden. (GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 347) Sogar die wichtigsten Stücke, z. B. die Segen der ältesten Patriarchen, wovon das Heil des Volkes und der ganzen Nachkommenschaft abhieng, wurden in einem Syllbenmaaße der hebräischen Sprache abgefaßt. Die poetische Beredsamkeit gieng also selbst bey geistlichen Gegenständen der prosaischen vorher, und beyde findet man nachher bey den ältesten Geschichtschreibern des Volkes Gottes, die eben die ältesten aller anderer auch Profanschriftsteller sind, mit einander vergesellschaftet, und verbunden. (BRAUN: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, München 1765, 13) Welches die erste und älteste Sprache war, ist eine sehr unnütze Untersuchung. Gesetzt, es habe einmahl nur eine einige Sprache gegeben, so muste sie doch nach der Natur aller Sprachen sich gar bald verändern, und bey der Verbreitung der Menschen in unzählige Dialekte verwandeln, welche sich mit der Zeit zu eigenen Sprachen umschufen. Die Hebräische Sprache ist freylich die älteste, von welcher wir noch einige beträchtliche Ueberbleibsel haben; allein sie ist um deswillen noch nicht die erste und ursprüngliche. Der Abstand von ihr bis zu dem Ursprunge des menschlichen Geschlechts ist zu weit und mit zu vielen großen Veränderungen durchwebt. (ADELUNG: Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, Leipzig 1780, 222f.) Arme Sprachen – und das waren ursprünglich alle – haben nur wenig Wörter. Wo wenig Wörter sind, da muß man vieles mit einem Worte bestreiten. Man sieht von selbst, daß hier von Wörtern die Rede ist, durch welche – nicht sinnliche Gegenstände, sondern – Verstandesbegriffe bezeichnet werden: denn für die ersten mußte man frühzeitig besondere Namen erfinden; für die letzten aber hatte man Anfangs nicht viele Namen. Hier mußte ein Wort oft viele Begriffe, bisweilen solche, die nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit mit einander haben, bezeichnen. Eine Menge Beweise hievon giebt die hebräische Sprache. Sie hat – um nur ein Beispiel anzuführen – keine besondere Namen für Treue, Glauben, Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Wahrheit: dieß alles und noch mehr drücket ein einziges Wort bey ihr aus. (FISCHER: Begriff einiger sinnverwandten Wörter, Frankfurt/Leipzig 1794, 109f.) Aber auch als den Körper der Sprache kann man die Vokale betrachten, – als ihren KIörper, dem die Konsonanten nur den Umriß und die Form leihen. Und dann ergibt es sich, warum der Hebräer sich mit der Bezeichnung der Konsonanten allein befriedigen konnte. Hatte er nur die Umrisse der Wortgestalten, wenn ich mich anders dieses Ausdruckes bedienen darf, so war es ihm bei der Dürftigkeit seiner Sprache etwas leichtes, das in dieselben hineinzutragen, was erforderlich war, um sie zu völligen Körpern auszubilden. (WAGNER: Über Vokale und Konsonanten, Braunschweig 1795, 102) Alle unkultivirte Sprachen bezeichnen, wegen der ihnen eigenthümlichen Armuth, mehrere Begriffe mit Einem Wort, dessen Werth und Bedeutung an seiner jedesmaligen Stelle, eben deswegen sehr oft schwankend seyn muss. Man erinnere sich zum Beispiel der vielen und auf den ersten Anblick oft sehr ungleichartigen Bedeutungen eines und desselben Zeitworts, eines und des nämlichen Substantivs in der Hebräischen Sprache, als wodurch so viele

Belegstellen —— 311

Stellen der alten Testaments höchst vieldeutig und nicht selten dem Exegeten durchaus unerklärlich werden. (JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 31)

4.7 Belegstellen ALBERTUS: Deutsche Grammatik, Augsburg 1573, 12f.; 15; HUTTER: New A B C Buch, Hamburg 1593, 2; HABRECHT: Ianua Linguarum Quadrilinguis, Argentinae 1624, 14/15; 33; COMENIUS: Panglottia, o.O. o.J., 166; ZESEN: Hooch-Deutsche Spraach-Übung, Hamburg 1643, 15f.; 21; 33f.; GUEINTZ: Deutsche Rechtschreibung, Halle 1645, 2f.; HARSDÖRFFER: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646, 282; LUDWIG VON ANHALT-KÖTHEN: Der Fruchtbringenden Gesellschaft Nahmen, Frankfurt/M. 1646, 53f.; BELLIN: Ausarbeitung der hoch-deutschen Sprache, Hamburg 1647, VII; HILLE: Der Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1647; GÜNTZEL: Haubtschlüssel der Teutschen vnd Italiänischen Sprache, Augsburg 1648; HARSDÖRFFER: Poetischer Trichter, Nürnberg 1648-1653, 1; ARNOLD: Kunst-spiegel, Nürnberg 1649, 43f.; ZESEN: Rosen-mând, Hamburg 1651, 86f.; 99; 208; 212; 233f.; CURTZ: Harpffen Dauids, Augsburg 1659, 7; NEUMARK: Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Weimar 1668, 2; 104; 104f.; 105f.; 111f.; 141f.; BECHER: Methodvs Didactica, Frankfurt 1674, 24–29; HABICHTHORST: Bedenkschrift, Hamburg 1678, 3f.; MORHOF: Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie, Lübeck/Frankfurt 1700, 23; 45. PONATUS: Anleitung zur Harmonie der Sprachen, Braunschweig 1713, 2f.; WACK: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 29; 85; THOMASIUS: Cautelen, Halle 1713, 139; HALLBAUER: Anweisung Zur Verbesserten Teutschen Oratorie, Jena 1725, 8; 69f.; Parnassus Boicus, München 1726, 8; 198; HEINZE: Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprachlehre, Göttingen/Leipzig 1759, 130f.; GOTTSCHED: Deutsche Sprachkunst, Leipzig 1762, 348; HERDER: Ursprung der Sprache, Berlin 1772, 71f.; 87f.; ADELUNG: Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, Leipzig 1782, 10f.; JENISCH: Vergleichung und Würdigung von vierzehn ältern and neuern Sprachen Europens, Berlin 1796, 52; VATER: Versuch einer allgemeinen Sprachlehre, Halle 1801, 88; KLOPSTOCK: Von der Sprache der Poesie, Leipzig 1844, 214.

5. Fazit 5.1 Beleglage und Wortgebrauch Die Beleglage zur Reflexion von Latein, Griechisch und Hebräisch im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung ist in quantitativer Hinsicht uneinheitlich. Selbst wenn die genauen Bedingungen der Quellenexzerption nicht rekonstruierbar sind (wenn sie denn überhaupt kontrollierbar waren), zeigen die Beleg- und Quellenzahlen unterschiedliche Gewichtungen (vgl. Tab. 1); dabei erscheinen zum einen die Zahlen für die einzelnen Sprachen und zum anderen diejenigen für die einzelnen Jahrhunderte von Interesse. Tabelle 1: Beleglage.

Latein Zeit

Griechisch

Hebräisch

Belege

Quellen

Belege

Quellen

Belege

Quellen

16. Jh.

22

6

10

5

7

3

17. Jh., 1. Hälfte

149

41

62

21

94

33

17. Jh., 2. Hälfte

214

50

79

26

18. Jh., 1. Hälfte

142

22

58

16

41

21

18. Jh., 2. Hälfte

180

68

72

20

19. Jh.

20

6

14

3

4

3

727

193

195

89

146

60

Beleglage und Wortgebrauch —— 313

Mit zusammen 727 Belegen aus 193 Quellen ist das Lateinische gegenüber dem Griechischen mit 195 Belegen aus 89 Quellen rund 3,7 bzw. 2,2 mal öfter repräsentiert, gegenüber dem Hebräischen mit 146 Belegen aus 60 Quellen 5,0 bzw. 3,2 mal; das Griechische erscheint hiernach gegenüber dem Hebräischen 2,0 bzw. 1,5 mal öfter. In der Beleghäufigkeit einzelner Sprachen liegt Latein somit vor Griechisch und zuletzt Hebräisch. Ein Vergleich der Zahlen für Belege und Quellen aus den beiden zentralen Jahrhunderten (das 16. und das 19. Jh. bleiben hier unberücksichtigt) zeigt bei jeder Sprache eine erhöhte Häufigkeit im 17. gegenüber dem 18. Jh. Während die Werte beim Lateinischen und Griechischen jeweils nur einige Belege bzw. Quellen ausmachen, liegt der Wert im Falle des Hebräischen über dem Doppelten: Vor diesem Hintergrund darf angenommen werden, dass Latein und Griechisch im Barock und in der Aufklärung gleichermaßen Gegenstand der Sprachreflexion sind, während sich das Interesse am Hebräischen in der Aufklärung gegenüber dem Barock verliert. Für die Tatsache, dass die zweite Hälfte des 17. wie auch die des 18. Jh.s höhere Werte zeigen als jeweils die erste, können (von allgemeinen Schwankungen im Reflexionsinteresse einmal abgesehen) mindestens zwei Gründe vermutet werden: Zum einen ein Anstieg an gedruckter Literatur in deutscher und anderen Sprachen nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Westfälischen Frieden seit der Mitte des 17. Jh.s und zum anderen ein Anstieg deutschsprachiger Literatur als Reaktion auf die frankophile AlamodeZeit nach der Wende vom 17. zum 18. Jh. Die Sprachenbezeichnungen Latein, Griechisch und Hebräisch erscheinen in den exzerpierten Texten sowohl als Substantive wie auch als Adjektive, die meist attributiv zu Sprache oder einzelnen sprachlichen Erscheinungen Verwendung finden; sie werden dabei meist großgeschrieben und weisen einige orthographische Varianten auf (so zum Beispiel Lateinische Sprache, Griegische Doppelungen, Hebreische Buchstaaben; zu den Attribuierungen von Latein selbst vgl. unten). Bemerkenswert sind Formulierungen, die von den Lateinern bzw. Römern, Griechen oder Hebräern und deren Sprache wie Kultur handeln. Wortbildungen sind selten und vornehmlich mit Latein zu finden; es handelt sich dabei meist um Komposita (zum Beispiel Lateinschule, Mönchslatein oder Lumpenlatein) seltener um Derivata oder Konversionen (etwa Unlatein oder verlateinern). Als Synonyme erscheinen Römisch für Latein und teils Adamisch für Hebräisch; Bezeichnungen für literarische und regionale Varietäten sind zum einen Hochlateinisch, Römisch und Romanzisch und zum anderen Attisch, Äolisch, Dorisch und Ionisch.

314 —— Fazit

5.2 Genealogie und Typologie Ein zentrales Thema des deutschen Sprachdenkens im 17. und 18. Jh. stellt die Einordnung des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen als sog. Hauptsprachen dar. Im Weiteren werden genealogische und historische Überlegungen zur Entstehung und Entwicklung der drei alten Sprachen (einschließlich der hieraus jeweils entstandenen neuen Sprachen) sowie zu deren Verhältnis untereinander und zum Deutschen angestellt.

5.2.1 Einordnung als Hauptsprache Als Hauptsprachen werden im Barock und in der Aufklärung solche Sprachen angesehen, die entweder genealogisch (aufgrund ihres hohen Alters) oder kulturell (hinsichtlich der Herausbildung einer Literatursprache) gegenüber anderen Sprachen eine herausragende Stellung einnehmen. Die Zusammenstellungen, die sich in den Belegen finden lassen, sind vielfältig und können letztlich in sieben Gruppen zusammengefasst werden (vgl. Tab. 2). Tabelle 2: Hauptsprachen.

I

II

III

IV

V

VI

VII

Latein

X

X

X

X

X

X

Griechisch

X

X

X

X

X

X

X

X

X

Hebräisch

X

Romanische Sprachen

X

Slavische Sprachen Deutsch,

X

X

X

X

X

X

X

X

germanische Sprachen



Gruppe I wird ausschließlich vom Hebräischen gebildet. Das Hebräische gilt insbesondere im 17. Jh. als eine Sprache, die entweder unmittelbar aus der Babylonischen Sprachverwirrung (Genesis 11, 1–9) heraus entstanden oder gar mit der „adamischen“ Sprache aus der Zeit vor diesem

Genealogie und Typologie —— 315











biblischen Ereignis gleichzusetzen ist. Vor diesem Hintergrund kommt ihm eine prominente Stellung unter den im Weiteren angeführten Hauptsprachengruppen zu. Gruppe II umfasst die drei alten Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch, die einerseits als Sprachen der Bibel und andererseits als Sprachen humanistischer Bildung zu gelten haben. Sie werden dabei in den Belegen aus der Barockzeit als die drei direkten Nachfolger der adamischen Sprache im Zuge der Babylonischen Verwirrung angesehen. Die Gruppe III entspricht der Gruppe II unter Hinzunahme des Deutschen bzw. der germanischen Sprachfamilie. Da hierbei andere moderne Sprachen – etwa der romanischen oder slavischen Familie – ausgespart sind, rückt das Deutsche in den Kreis derjenigen Sprachen auf, die im geistlichen Kontext von Relevanz erscheinen, und erfährt auf diese Weise Prominenz gegenüber anderen Sprachen der Zeit. In der Gruppe IV finden neben den drei alten Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch auch die modernen Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und deren Sprachfamilien Berücksichtigung. Da das Englische im 17. und 18. Jh. im deutschen Sprachraum lediglich von untergeordneter, wenn auch von zunehmender Bedeutung ist, werden mit dieser Gruppe die alten und neuen Literatursprachen der Zeit zusammengefasst und das Deutsche somit als eine (noch weiter zu entwickelnde) Literatursprache aufgewertet. In einer weiteren Gruppe werden mit den drei alten Sprachen die germanische und die slavische Sprachfamilie zusammengebracht. Die Aussparung der romanischen Sprachen im Allgemeinen und des Französischen im Besonderen in der Gruppe V ist dabei als eine Abwertung derjenigen modernen Literatursprache anzusehen, die vor allem um die Wende vom 17. zum 18. Jh. als die größte Konkurrenz des Deutschen anzusehen ist. Diese Position reicht letztlich über eine rein sprachpatriotische Haltung hinaus. Entsprechendes gilt schließlich auch für die Gruppen VI und VII: Diese entsprechen der Sprachenzusammenstellung in Gruppe V, verzichten dabei jedoch auf die Nennung des Hebräischen bzw. die Nennung des Hebräischen und Griechischen. Hierdurch erhält der Kreis der europäischen Hauptsprachen, denen das Deutsche zugerechnet wird, einen noch exklusiveren Charakter, wobei eine konzeptionelle Verschiebung von einem genealogischen zu einem literarischen Verständnis von solchen Hauptsprachen zu erkennen ist.

316 —— Fazit

Letztlich zeigt sich, dass die Einordnung einer Sprache als Hauptsprache in der Zeit des Barock eher genealogisch und in der Zeit der Aufklärung eher kulturell begründet wird. Die Diskussion um europäische Hauptsprachen ist dabei wiederholt einem sprachpatriotischen Anliegen untergeordnet, indem das Deutsche neben dem Lateinischen, Griechischen und Hebräischen und gegenüber dem Französischen und anderen neuen Sprachen der Zeit genealogisch oder kulturell aufgewertet wird.

5.2.2 Sprachentstehung Entstehung und Abstammung einzelner Sprachen stellen ein wichtiges Thema der deutschen Sprachreflexion im Barock und in der Aufklärung dar. Dabei werden im 17. Jh. mythologische Ansätze, welche die Entstehung der drei Sprachen auf die Babylonische Sprachverwirrung zurückführen, und im 18. Jh. historische Ansätze, die von Völkerwanderungen aus Kleinasien nach Europa ausgehen, bevorzugt. Das barocke Sprachdenken geht in Anlehnung an Genesis 11, 1–9 von einem gottgegebenen Ursprung der menschlichen Sprache aus. Diese „adamische“ Sprache habe bis zur Babylonischen Sprachverwirrung bestanden und sei der Ursprung sämtlicher Sprachen der Menschheit. Das Adamische zeichne sich durch eine hohe Zahl an onomatopoetischen Ausdrücken sowie an Stammwörtern und eigentlichen Wortbedeutungen aus, die eine große Nähe zur göttlichen Schöpfung widerspiegelten oder zumindest einen hohen Grad an Ursprünglichkeit aufwiesen. Alle anderen Sprachen, die sich nun aus dem Adamischen ableiten, zeigten eine geringere Schöpfungsnähe bzw. einen niedrigeren Ursprungsgrad. Die drei Sprachen der klassischen Antike – also Latein, Griechisch und Hebräisch – sind nach dieser Vorstellung unmittelbar aus dem Adamischen hervorgegangen, wobei dem Hebräischen bisweilen eine Sonderstellung zugewiesen wird. Hebräisch hat hiernach als die engste Nachfolgesprache des Adamischen zu gelten und sei daher durch eine im Vergleich zu anderen Sprachen große Schöpfungsnähe bzw. Ursprünglichkeit gekennzeichnet, die sich wiederum in onomatopoetischen Ausdrücken, zahlreichen Stammwörtern und eigentlichen Bedeutungen erweise; letztlich zeige das Hebräische noch zahlreiche Züge der adamischen Sprache. Das Lateinische und das Griechische werden nach dieser These entweder als direkte oder als indirekte Nachfolgesprachen (über das Hebräische) des Adamischen angesehen. Da sie sich somit in ihrer Entwicklung noch weiter von der adamischen Ursprungssprache entfernt hätten, sei ihr Bestand

Genealogie und Typologie —— 317

an Stammwörtern und eigentlichen Bedeutungen geringer als im Hebräischen. Sie erfahren daher auch eine entsprechend geringere Wertschätzung durch die Sprachdenker der Zeit. Diese Wertungstendenz setzt sich fort mit dem Französischen und anderen romanischen Sprachen, die als Fortentwicklungen aus dem Lateinischen einen noch weiteren Abstand von der göttlichen Schöpfung bzw. von sprachlicher Ursprünglichkeit zeigten. Eine beliebte Allegorie für diese sprachgeschichtliche Entwicklung besteht in der Vorstellung, dass aus dem großen Babylonischen Turm (des Adamischen) drei kleinere Türme (des Hebräischen sowie des Lateinischen und Griechischen) und aus diesen wiederum zahlreiche Paläste (wie beispielsweise des Französischen) errichtet worden seien. Von besonderer Brisanz erweist sich die Sprachursprungshypothese nach Genesis 11, 1–9 durch die Integration der deutschen Sprache. So stellen zahlreiche Gelehrte des Barock die These auf, dass das Deutsche ebenfalls direkt aus dem Hebräischen hervorgegangen, wenn nicht sogar mit diesem und somit letztlich auch mit dem Adamischen selbst gleichzusetzen sei. In Entsprechung hierzu finden sich wiederholt Belege, in denen auf onomatopoetische Ausdrücke, auf eigentliche bzw. ursprüngliche lexikalische Bedeutungen sowie auf einen großen Reichtum an Stammwörtern im Deutschen hingewiesen wird. Angesichts solcher Vorstellungen über den genealogischen Zusammenhang des Deutschen einerseits und der klassischen Sprachen andererseits ist es im Weiteren kaum mehr überraschend, dass das Hebräische (zusammen mit dem Deutschen) als Gebersprache für Entlehnungen im Lateinischen und Griechischen angesehen wird. Der Witz dieser These besteht nun darin, dass dem Deutschen auf diese Weise ein immenser Grad an Schöpfungsnähe oder Ursprünglichkeit zugesprochen wird, der denjenigen des Lateinischen oder des Griechischen und erst Recht den des Französischen und anderer Sprachen übersteigt. Wird dann, wie bisweilen zu beobachten, der deutschen Sprache im Weiteren eine höhere literarische Kultivierung als dem Hebräischen zugeschrieben, rückt es in der Werteskala unter den Sprachen an erste Stelle (vgl. Abb. 1). – Diese Argumentation ist für das deutsche Sprachdenken im 17. Jh. insofern von Bedeutung, als ein Gefühl der Minderwertigkeit hinsichtlich der eigenen Sprache gegenüber der lateinischen Lingua franca in Wissenschaft und Verwaltung und der französischen Sprache in Philosophie und Literatur aufgehoben und somit die ideologische Grundlage für sprachpflegerische Bemühungen um das Deutsche geschaffen wird.

318 —— Fazit

Abbildung 1: Schöpfungsnähe und literarische Entwicklung (grau = Grad an Eigentlichkeit).

Genealogie und Typologie —— 319

In der deutschen Sprachreflexion des 18. Jh.s findet die mythologische Sprachursprungsthese rasch kaum mehr Beachtung. An ihre Stelle tritt ein historischer Ansatz, der die Entstehung der europäischen Sprachen auf Siedlungsbewegungen zurückführt, die ihren Ausgang in Kleinasien nehmen. Der Bezeichnung der römischen Provinz Scythia (in Kleinasien und Osteuropa) folgend wird dieser sprachliche Ursprung oftmals als Skythisch bezeichnet. In einer terminologischen Variante, die bereits auf das 17. Jh. zurückgeht, ist hier von Keltisch die Rede, wobei den entsprechenden Völkern ebenfalls eine Heimat in Kleinasien zugeschrieben wird. Eine weitere Variante ist mit der Bezeichnung Deutsch zu finden, wobei Deutsch des Öfteren expressis verbis mit Keltisch oder Skythisch gleichgesetzt wird. Dies darf als eine Reminiszenz an die Sprachreflexion des 17. Jh.s angesehen werden, mit der nicht allein an deren Terminologie, sondern auch an deren sprachliche Ideologie angeknüpft wird, das Deutsche anhand seines erheblichen Alters gegenüber den bekannten alten und neuen Sprachen zu profilieren. Während das Hebräische nun in diesem Argumentationsrahmen weitgehend ausgespart wird, stellt sich der genealogische Zusammenhang zwischen dem Lateinischen und Griechischen einerseits und dem Deutschen andererseits als verhältnismäßig komplex dar: So findet sich auch noch im 18. Jh. neben der einfachen Völkerwanderungsthese, nach der die Sprachen Südostund Nordeuropas verschiedene Entwicklungswege genommen haben, die Vorstellung, dass das Griechische letztlich aus dem Deutschen hervorgegangen und somit lediglich als dessen Mundart anzusehen sei. Entsprechendes gelte für das Lateinische, das ebenfalls auf das Keltische bzw. Deutsche (in einer anderen Terminologie auf eine pelasgische, also wie auch immer vorgriechische Sprache) zurückgehe. Unter der Annahme, dass das Lateinische viel aus dem Griechischen entlehnt habe (wenn nicht sogar hieraus entwickelt wurde), wird hiermit dem Deutschen wiederum eine genealogische Vorrangstellung eingeräumt. Unter methodischen Gesichtspunkten erscheint in diesem Zusammenhang ein recht unbefangener Umgang der deutschen Sprachdenker mit etymologischen Befunden bemerkenswert. Genealogisch verwandte Wörter des Griechischen oder Lateinischen einerseits und des Deutschen andererseits werden zum Teil bis in das 18. Jh. hinein nicht auf eine griechische oder lateinische Gebersprache für das Deutsche in Antike, Mittelalter oder Neuzeit zurückgeführt. Vielmehr wird in solchen Fällen eine keltische bzw. deutsche Gebersprache für die beiden anderen Sprachen zurzeit der Vor- oder Frühantike angenommen und anhand von vergleichbarem Wortmaterial versucht nachzuweisen.

320 —— Fazit

5.2.3 Sprachentwicklung Die Angaben zur sprachgeschichtlichen Entwicklung des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen selbst nehmen sich innerhalb der exzerpierten Belege unterschiedlich aus. Während zum Lateinischen eine ganze Reihe an Überlegungen besteht, erweisen sich solche zum Griechischen und Hebräischen als verhältnismäßig gering. Unterm Strich lassen sich die Entwicklung des Lateinischen als monozentrisch, die des Griechischen als plurizentrisch und die des Hebräischen als irrelevant bzw. als historisch konstant charakterisieren. Während das Lateinische in seiner vorliterarischen Zeit von den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung in aller Regel noch als unkultiviert eingeschätzt und entsprechend negativ bewertet wird, erfährt das Latein der klassischen Periode eine hohe Wertschätzung. Die Entstehung der klassischen lateinischen Literatursprache wird dabei auf mindestens drei Faktoren zurückgeführt, die den monozentrischen Charakter der lateinischen Sprachgeschichte bis zur Spätantike ausmachen: –





Zentralisierung des römischen Reichs mit den Erfordernissen einer von Rom gesteuerten überregionalen Rechtsprechung und Verwaltung sowie dem Ergebnis eines (dem römischen Idiom weitgehend entsprechenden) Sprachgebrauchs, der eine Verständigung über das gesamte Imperium hinweg erlaubt. Sprachgebrauch durch einzelne Schriftsteller, Redner und Gelehrte (im Zuge eines individuellen Beitrags zu einer Kultivierung der gesamten Gesellschaft und nicht im Sinne einer individualsprachlichen Profilierung, die wiederholt zu Sanktionierungen geführt habe); Emanzipation gegenüber dem Griechischen durch literarische Eigenständigkeit und sprachlichen Purismus (was wiederum als Vorbild für Bemühungen um eine Pflege der deutschen Sprache und Literatur sowie einen Purismus gegenüber dem Lateinischen oder auch dem Französischen genannt wird).

Die Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s nehmen eine lateinische Zweisprachigkeit an, indem sie zwischen einer Sprache im Alltag und einer Sprache in der Literatur unterscheiden. Deren Reinheit und Richtigkeit (Latinitas) stellen sich dabei als eine (meist unerreichte) Norm dar, die als sprachliches Ideal den öffentlichen und literarischen Gebrauch des Lateinischen maßgeblich bestimme und auch als Vorbild für einen entsprechenden Gebrauch des Deutschen dienen könne (bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang

Genealogie und Typologie —— 321

Überlegungen zum regionalen Ursprung dieses Ideals, der vornehmlich im ostmitteldeutschen Raum und hier vor allem um Weimar, daneben aber auch im ober- oder niederdeutschen Raum gesehen wird). Im Gegensatz zum klassischen Latein werden Mittel- und Neulatein im deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jh.s wiederum oftmals als „barbarisch“ eingeschätzt. Dies gilt insbesondere für den lateinischen Sprachgebrauch der mittelalterlichen Scholastiker, der als abstrakt und zirkulär, somit letztlich als weltfremd angesehen wird. Aber auch der Gebrauch des Lateinischen als wissenschaftlicher Lingua franca der Neuzeit reicht nach Auffassung der Sprachdenker in Barock und Aufklärung qualitativ kaum mehr an dessen Gebrauch in der klassischen Antike heran, nicht zuletzt auch deshalb, weil hier eine tote Sprache Verwendung finde, die nur wenig Bezug zum Alltagsleben der Zeitgenossen aufweist. Die Funktion des Lateinischen als europäischer Lingua franca und traditioneller Sprache der Gelehrsamkeit ist im 17. und 18. Jh. wiederholt Gegenstand der Reflexion – und der Kritik. Dabei wird zum einen auf die sprachliche Konkurrenz des Lateinischen und Deutschen in Kirche und Theologie, Bildung und Wissenschaft, Politik und Verwaltung sowie Rede- und Dichtkunst hingewiesen. Zum anderen werden mindestens sechs (hier nicht weiter zu gewichtende) Gründe für den Gebrauch des Deutschen neben oder gar anstelle des Lateinischen angeführt: –











Sprachpatriotismus: Die eigene, deutsche Sprache sei gegenüber den gängigen Literatursprachen der Zeit (neben dem Lateinischen insbesondere auch das Französische) aufzuwerten und zu pflegen. Verständlichkeit: Der Gebrauch der Muttersprache gewährleiste eher einen kommunikativen Erfolg als der Gebrauch der lateinischen Fremdsprache. Wirtschaftlichkeit: Der Gebrauch des Deutschen beschleunige den kommunikativen Erfolg (ohne den Umweg über die mühsam zu erwerbende und schwer beherrschbare Fremdsprache Latein). Redlichkeit: Es gelte im Weiteren, dem wiederholt zu beobachtenden Gebrauch der lateinischen Sprache zur Verschleierung geringer fachlicher Kompetenz entgegenzutreten. Volksaufklärung: Es wird wiederholt die Forderung nach einem Zugang zu Bildung für breite Kreise der Bevölkerung erhoben – auch wenn diese zunächst eher programmatisch bleibt. Publikationstätigkeit: Angesichts der Zunahme deutschsprachiger Veröffentlichungen um die Jahrhundertwende seien solche auch weiter zu bevorzugen.

322 —— Fazit

Im Zuge der Auseinandersetzung um den Gebrauch des Lateinischen als Wissenschaftssprache im deutschen Sprachraum kommen in der Zeit der Aufklärung wiederholt Überlegungen zur Eignung beider Sprachen innerhalb wissenschaftlicher Kommunikation auf. Dabei wird insbesondere auf drei sprachliche Charakteristika abgehoben (zu weiteren Charakteristika von Wissenschaftssprachen vgl. auch unten): –





Verhältnis von Konkreta und Abstrakta: Eine Wissenschaftssprache habe neben konkreter Lexik auch zahlreiche Abstrakta aufzuweisen, um theoretische Überlegungen fassen zu können. Dies sei eher im Lateinischen als im Deutschen der Fall, sodass das Lateinische hier in stärkerem Maße wissenschaftssprachlichen Anforderungen genüge. Möglichkeit der Kompositabildung: Die Bildung von zwei- oder mehrgliedrigen Determinativkomposita erlaube eine Erweiterung und Differenzierung des wissenschaftlichen Wortschatzes: Unter diesem Gesichtspunkt erscheint das Lateinische den Sprachdenkern des 18. Jh.s zufolge dem Deutschen unterlegen. Fehlen von Inversionen: Fehler im Satzbau werden mit Fehlern oder zumindest mit Unsicherheiten im Denken in Verbindung gebracht. Insofern zeichne das weitgehende Fehlen von Inversionen das Lateinische als gute Wissenschaftssprache aus – nach Auffassung der deutschen Sprachgelehrten auch gegenüber dem Deutschen.

Die Familie der romanischen Sprachen, die sich aus dem Lateinischen entwickelt hat, erfährt bei den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung keine einheitliche Wertschätzung. Sofern die „Töchter“ der lateinischen Sprache als solche überhaupt bewertet werden, schneidet das Italienische als direkte Nachfolgesprache am besten ab, wird jedoch aufgrund seiner größeren Entfernung von der Eigentlichkeit (im Sinne von Schöpfungsnähe bzw. Ursprünglichkeit) des Lateinischen oder zumindest der weiteren Abweichung von dessen Literatursprache negativ beurteilt. Dies gilt mehr noch für das Französische und das Spanische, welche als weiter entfernte Verwandte des Lateinischen bzw. Italienischen angesehen werden. Im Zuge dieser Abwertung wird das Deutsche wiederum aufgewertet, da es nicht durch eine verfremdende Fortentwicklung aus einer anderen Sprache hervorgegangen sei und sich somit seine Eigentlichkeit oder schöpferische Ursprünglichkeit bewahrt habe (vgl. zusammenfassend Abb. 2).

Genealogie und Typologie —— 323

Abbildung 2: Entwicklung der lateinischen Sprache (grau = Sprachgüte).

324 —— Fazit

Die Entstehung der einzelnen romanischen Sprachen erklären die deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s in der Regel mit dem Aufkommen von so etwas wie einer vulgärlateinischen Zwischensprache. Diese sei in den betreffenden römischen Provinzen jeweils entweder zur Blütezeit des Imperiums durch Annäherung der Volkssprache an das Lateinische oder gegen dessen Niedergang hin durch Vernachlässigung des Lateinischen selbst entstanden. Beide Auffassungen legen wiederum die Annahme einer wachsenden Entfernung vom Ideal der Eigentlichkeit der lateinischen Sprache und somit eine negative Beurteilung der betreffenden romanischen Sprachen nahe. Im Unterschied zur Entwicklung des Lateinischen finden sich in den exzerpierten Belegen nur wenige Überlegungen zur Entwicklung der beiden anderen klassischen Sprachen Griechisch und Hebräisch: Im Falle des Griechischen wird im Rahmen einer plurizentrischen Entwicklung auf die Herausbildung der attischen Literatursprache verwiesen, die neben anderen Idiomen im antiken Griechenland bestanden habe (vgl. dazu unten). Das Hebräische wird demgegenüber als eine historisch konstante Sprache ohne eine erkennbare eigene Entwicklung angesehen; insbesondere im Kontext mythologischer Sprachursprungskonzeptionen wird dies mit der Bewahrung einer göttlichen Schöpfungsnähe bis zur Babylonischen Sprachverwirrung in Verbindung gebracht und findet dabei eine positive Bewertung.

5.3 Entlehnung und Purismus Die Diskussion um fremdsprachliche Entlehnungen betrifft im deutschen Sprachraum des Barock und der Aufklärung insbesondere solche aus dem Lateinischen; Lehngut aus dem Griechischen wird demgegenüber nur wenig, solches aus dem Hebräischen kaum thematisiert. Während im 17. Jh. starke puristische Tendenzen zu beobachten sind, nehmen diese im Laufe des 18. Jh.s nach und nach ab.

5.3.1 Entlehnungen aus dem Lateinischen Die deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s machen diverse Bereiche lateinischer Entlehnungen im Deutschen aus und unterscheiden dabei auch unterschiedliche sprachliche Beschreibungsebenen. Solche „Latinismen“ werden terminologisch unter „Provinzialismen“ klassifiziert und neben „Archaismen“ und „Neologismen“ gestellt; sie werden somit ausdrücklich von unmar-

Entlehnung und Purismus —— 325

kiertem Wortschatz bzw. neutralen sprachlichen Erscheinungen unterschieden. Als kommunikative Bereiche der Entlehnung aus dem Lateinischen gelten insbesondere (ohne Anspruch auf historische Vollständigkeit): – – –

Theologie und Kirche (in diesem Zusammenhang wird zudem auf nicht unerhebliche Entlehnungen aus dem Griechischen hingewiesen); Recht und Verwaltung sowie öffentliche Reden und Schriften; Wissenschaften, darunter insbesondere Medizin und Botanik, Anatomie und Philosophie sowie Grammatik (ebenfalls unter Hinweis auf griechische Entlehnungen).

Daneben werden auch Bereiche genannt, in denen keine lateinischen Entlehnungen zu finden seien. Prominentes Beispiel ist hier der Bergbau, dessen Terminologie sich alleine aus der deutschen Sprache speise und keiner Entlehnung bedürfe. Sprachliche Beschreibungsebenen, auf denen im 17. und 18. Jh. Entlehnungen aus dem Lateinischen im Deutschen ausgemacht werden, sind insbesondere die folgenden: –





Schrift: Die Übernahme der lateinischen Buchstaben im Mittelalter wird hinsichtlich einer mangelhaften Entsprechung von Lauten und Buchstaben sowie hinsichtlich der Assimilation lateinischer Wörter im Deutschen problematisiert. Wortschatz: Die lexikalische Ebene ist diejenige, auf die sich die meisten Überlegungen der deutschen Sprachdenker zu Entlehnungen beziehen, und auch diejenige, hinsichtlich der die meisten puristischen Forderungen erhoben werden (vgl. unten). Grammatik: Es finden sich in den exzerpierten Belegen insbesondere Überlegungen zur Deklination lateinischer Wörter und Namen sowie Hinweise auf syntaktische Lehnprägungen in deutschsprachigen Texten, die als system- bzw. regelwidrig empfunden werden.

Für das Vorkommen lateinischer Lexik im Deutschen werden im Wesentlichen zwei Entlehnungsgründe angegeben: –

Sprachverwandtschaft: Die gemeinsame genealogische Herkunft des Lateinischen und Deutschen mache Entlehnungen verhältnismäßig einfach, wobei in der Barockzeit neben der Entlehnung vom Lateinischen ins Deutsche auch eine solche vom Deutschen ins Lateinische angenommen

326 —— Fazit



wird (vgl. oben). In der weiteren Diskussion wird indessen darauf hingewiesen, dass Entlehnungen aus germanischen Sprachen ins Deutsche und solche aus dem Lateinischen in romanische Sprachen leichter seien als solche aus dem Lateinischen ins Deutsche, da sich hier jeweils der enge Grad an sprachlicher Verwandtschaft noch stärker bemerkbar mache. Sprachkontakt: Bereits die Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s unterscheiden drei Entlehnungswellen aus dem Lateinischen ins Deutsche. So habe der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt zwischen Römern und Germanen zu zahlreichen sprachlichen Entlehnungen geführt, die zum Teil kaum mehr als solche erkennbar seien. Im Weiteren sei die Missionierung im frühen Mittelalter für Entlehnungen im abstrakten Wortschatz verantwortlich zu machen. Und schließlich komme der lateinischen Wissenschaftssprache im Mittelalter (und in der Neuzeit) eine große Bedeutung für (vorwiegend fachsprachliche) Entlehnungen in zahlreichen Disziplinen zu.

5.3.2 Purismus gegenüber dem Lateinischen Die zahlreichen Entlehnungen aus dem Lateinischen ins Deutsche auf verschiedenen sprachlichen Ebenen und in diversen kommunikativen Bereichen werden von zahlreichen Sprachdenkern des Barock wie auch der Aufklärung durchaus kritisch gesehen. Aus diesem Grunde werden wiederholt puristische Forderungen gegenüber lateinischem Lehngut laut. Entlehnungen aus dem Griechischen und aus dem Hebräischen werden weitaus seltener kritisiert – zum einen, weil sie in einem geringeren Ausmaß erfolgen, und zum anderen, da eine genealogische und strukturelle Verwandtschaft zwischen dem Deutschen und dem Griechischen bzw. dem Hebräischen angenommen wird (vgl. dazu oben). Kritik an lateinischen Entlehnungen üben die deutschen Sprachdenker aus unterschiedlichen Gründen und leiten daraus entsprechende Motivationen für puristische Forderungen ab. –

Förderung von Sprachpatriotismus: Entlehnungen aus fremden Sprachen wie dem Lateinischen (und daneben insbesondere auch dem Französischen) werden von vielen Sprachdenkern als Verfremdung der eigenen Muttersprache und der sprachlichen Kultur im Lande empfunden. Eine Vermeidung lateinischer Lehnwörter und -konstruktionen sowie eine Ersetzung durch muttersprachliche Einheiten trage somit nicht allein zu ei-

Entlehnung und Purismus —— 327









ner höheren Reinheit der Sprache bei, sondern auch zu einer größeren Authentizität der eigenen Kultur – nicht zuletzt auch im Vergleich zu anderen Sprachen und Kulturen in Europa. Vermeidung von Unverständlichkeit: Nach Auffassung der deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s erschweren lateinisches (und anderes) Lehngut die Kommunikation unter Muttersprachlern, sofern sie dieses nicht kennen oder der entsprechenden Sprachen selbst nicht mächtig sind. Insofern gewährleistete die Vermeidung von lateinischen Entlehnungen insbesondere in denjenigen Bevölkerungskreisen, die kein Latein beherrschen, eine größere Verständlichkeit gesprochener wie geschriebener Texte. Kampf gegen Profilierungssucht und Inkompetenz: Nach Auffassung einiger Sprachgelehrter bedienten sich zahlreiche deutsche Autoren des 17. und 18. Jh.s der lateinischen Sprache und lateinischer Entlehnungen im Deutschen, um über mangelhafte fachliche Kenntnisse und Fertigkeiten hinwegzutäuschen oder um sich mit ihren Sprachfähigkeiten bei ihrem Publikum hervorzutun. Gerade in der Zeit der Aufklärung, in der lateinische Sprachkompetenz nicht mehr als Bildung per se angesehen wird, werden Forderungen nach einer sachlich mehr oder weniger angemessenen Ausdrucksweise ohne persönliche Profilierung durch einen Gebrauch des Lateinischen laut. Nutzung sprachstruktureller Möglichkeiten: Nach Auffassung mancher Sprachdenker verfüge das Deutsche zum einen über einen verhältnismäßig reichen Wortschatz und zum anderen über recht produktive Wortbildungsmöglichkeiten. Diese machten Entlehnungen aus welcher Sprache auch immer entbehrlich und verlangten eine entsprechende Nutzung, insbesondere im fachlichen Bereich. – Einige Autoren lassen eine lexikalische Entlehnung in diesem Kontext demgegenüber dann zu, wenn zu dieser im Deutschen kein lexikalisches Äquivalent besteht und auch keine adäquate Wortbildung möglich erscheint. Beachtung von sprachlicher Schönheit: Puritas, also sprachliche Reinheit, gilt vor allem im Zeitalter des Barock, aber auch noch in der Aufklärung als ein rhetorisches Schönheitsideal. Die Forderung nach Vermeidung lateinischer und anderer Entlehnungen im Deutschen ist aus diesem Kontext heraus weder sprachpatriotisch noch sprachpragmatisch oder sprachstrukturell motiviert, sondern fußt ausschließlich auf sprachästhetischen Prinzipien der klassischen Rhetorik (die freilich anderen Intentionen untergeordnet werden).

328 —— Fazit

Die genannten Motivationen kumulieren sich bei einigen Autoren. Mit das bekannteste Beispiel hierfür liefert sicher CHRISTIAN W OLFF, der sich in seinen deutschsprachigen Schriften über mangelhafte Lateinkenntnisse seiner Studenten beklagt und dem bereits die Idee einer Volksaufklärung nicht ganz fremd ist. Zwei Maximen prägen sein Bestreben, deutschsprachige Fachwörter anstelle lateinischer Termini zu gebrauchen: Zum einen die (wenn möglich) Übernahme von bereits eingeführten und anerkannten deutschen Entsprechungen für lateinische Termini sowie zum anderen der Gebrauch von angemessenen deutschen Wörtern und Bildungen (und nicht von einfachen, sachlich bisweilen verfehlten Übersetzungen). Die zunehmende Kritik an Entlehnungen und der aufkommende Purismus rufen im deutschen Sprachraum ihrerseits Kritik hervor. Diese Kritik am Purismus gegenüber dem Lateinischen wird insbesondere im 18. Jh. vorgetragen, verebbt aber zusehends um die Wende zum 19. Jh. Sie greift argumentativ insbesondere auf die folgenden Begründungen zurück: –





Bewahrung sprachlicher Natürlichkeit: Wechselseitige Lehneinflüsse unter verschiedenen Sprachen erscheinen vielen Sprachgelehrten der Aufklärung als etwas ganz Selbstverständliches im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen oder kulturellen Miteinander sprachlicher Gemeinschaften. Vor diesem Hintergrund werden puristische Bemühungen als strukturell motivierte, letztlich jedoch unangemessene Versuche angesehen, gegen die kommunikative Natur von Sprache vorzugehen. Festhalten an gebräuchlichen sprachlichen Erscheinungen: Zahlreiche Entlehnungen – auch und gerade solche aus dem Lateinischen innerhalb der deutschen Fachsprachen – sind für die meisten Sprachdenker des 18. Jh.s nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil: Sie prägen vielmehr die Kommunikation und erweisen sich somit als etwas Selbstverständliches. Puristische Forderungen, solche Entlehnungen aus ästhetischen und anderen Gründen zu vermeiden, liefen somit einem üblichen Sprachgebrauch zuwider und könnten diesen bisweilen erschweren. Sicherung von Verständlichkeit: Die Gebräuchlichkeit vieler lateinischer Entlehnungen im Deutschen garantiere letztlich oft auch die Verständlichkeit der Texte, in denen sie Verwendung finden. Eine puristische Vermeidung solcher Einheiten würde zu einer Verschlechterung dieser Verständlichkeit beitragen. – Bemerkenswert an diesem Argument ist, dass Verständlichkeit sowohl von Purismusanhängern, die Entlehnungen als unverständlich erachten, als auch von Purismusgegnern, denen (insbesondere gebräuchliche) Entlehnungen verständlich erscheinen, in Anspruch genommen wird.

Entlehnung und Purismus —— 329





Berücksichtigung kommunikativer Wirtschaftlichkeit: Auch dieses Kriterium ist eng mit Gebräuchlichkeit und Verständlichkeit verbunden. Sofern Entlehnungen aus dem Lateinischen als gebräuchlich und verständlich eingeschätzt werden, kann deren Gebrauch als kommunikationserleichternd und nicht als -erschwerend angesehen werden. Ihre Vermeidung würde somit dem Prinzip sprachlicher Ökonomie widersprechen, sodass puristische Forderungen zurückzuweisen sind. – Die Forderung nach einer Schwächung individueller Profilierung korrespondiert diesem Argument. Wahrung kultureller Identität auf europäischer Ebene: Spätestens im Zeitalter der Aufklärung werden sich die Gelehrten einer seit Langem gewachsenen, gemeinsamen europäischen Identität in kultureller und sprachlicher Hinsicht bewusst. Entlehnungen aus dem Lateinischen tragen nach dieser Vorstellung ein gemeinsames europäisches Erbe (im Sinne von Europäismen), sodass sie kaum als Fremdkörper im Deutschen aufzufassen sind. Hier steht also eine purismusfeindliche gesamteuropäische einer purismusfreundlichen nationalpatriotischen Position gegenüber.

Diese Aufstellung lässt deutlich werden, dass sich einige Argumente der Befürworter und der Gegner puristischer Maßnahmen im Deutschen gegen Entlehnungen aus dem Lateinischen (und anderen Sprachen) entsprechen (vgl. hierzu die Übersicht in Tab. 3). Tabelle 3: Purismusdebatte.

Purismus pro

contra

Nationaler Patriotismus

Europäischer Internationalismus

Verständlichkeit von Muttersprache

Verständlichkeit etablierter Einheiten

Schwächung persönlicher Profilierung

Stärkung allgemeiner Ökonomie

Spezifische Struktur von Sprache

Kommunikative Natur von Sprache

Bewahrung sprachlicher Schönheit

Erhaltung sprachlicher Gebräuchlichkeit

330 —— Fazit

5.4 Sprachdidaktik Die deutsche Sprachreflexion im 17. und 18. Jh. kreist hinsichtlich der Didaktik alter Sprachen insbesondere um die Bedeutung der Kenntnis dieser Sprachen als solcher sowie um Sprachenkanon, Sprachenfolge und einige weitere methodische Probleme. Darüber hinaus finden sich in den Belegen immer wieder Überlegungen zur Übersetzung – insbesondere auch im schulischen Kontext des Fremdsprachenerwerbs.

5.4.1 Fremdsprachenkenntnis Die Sprachgelehrten des 17. Jh.s weisen wiederholt auf rückläufige Kenntnisse im Bereich der alten Sprachen hin, nicht zuletzt auch in Bezug auf das Lateinische im Universitätsbetrieb. Diese Defizite werden auf sprachstrukturelle Verschiedenheiten, einen Bedeutungsverlust des Erwerbs alter Sprachen und nicht zuletzt auch auf eine Veränderung des allgemeinen Bildungsideals selbst zurückgeführt. –



Die Sprachdenker des Barock und der Aufklärung nehmen stärkere Unterschiede zwischen der Struktur der lateinischen und derjenigen der deutschen Sprache wahr, geringere dagegen zwischen der des Griechischen (oder der des Hebräischen) und der des Deutschen (vgl. dazu auch oben). Aus diesem Grunde sei das Lateinische weniger leicht zu erlernen als das Griechische. Für alle drei alten Sprachen gelte dabei im Weiteren, dass sie als tote Sprachen schwerer zu erlernen seien als lebende Sprache wie das Französische oder Spanische, sodass der Rückgang entsprechender Kenntnisse (insbesondere auch vor dem Hintergrund der erheblichen Konkurrenz durch das Französische) naheliege. Die Konkurrenz des (lebenden) Französischen mag im Weiteren auch ein Grund dafür sein, dass der Erwerb des (toten) Lateins und der anderen alten Sprachen als unverhältnismäßig hoher Lernaufwand, ja sogar als Vergeudung von Lebenszeit angesehen wird. Vor diesem Hintergrund wird bisweilen nicht allein an der Methodik des altsprachlichen Unterrichts, sondern an diesem selbst Kritik geübt. Darüber hinaus wird neben dem Fremdsprachenunterricht im Französischen und anderen lebenden Sprachen konsequent auch eine Stärkung des muttersprachlichen Unterrichts im Deutschen gefordert.

Sprachdidaktik —— 331



Letztlich wird gegen Ende des 17. Jh.s ein Wandel des sprachlichen Bildungsideals selbst spürbar: Während die Beherrschung des Lateinischen bis in die Barockzeit hinein bereits für sich genommen als Gelehrsamkeit angesehen wird, erscheint sie nunmehr in der Aufklärung lediglich als ein Mittel, Gelehrsamkeit auf anderen Gebieten zu erlangen. Sofern nun also Latein lediglich als ein solches Mittel zum Zweck dient und nicht mehr per se ein Bildungsideal darstellt, vermindert sich offensichtlich auch die Motivation, diese Sprache zu erlernen, sodass der zu beobachtende Rückgang der Lateinkenntnisse die deutschen Sprachdenker um die Wende vom 17. zum 18. Jh. kaum mehr verwundert.

5.4.2 Sprachenkanon und Sprachenfolge Im 17. und 18. Jh. werden im deutschen Sprachraum verschiedene Vorstellungen über die Zusammensetzung und die Reihenfolge des Erwerbs von Fremdsprachen entwickelt. Dabei spielt das Lateinische wiederum eine zentrale Rolle. Sämtliche Kanonisierungen der zu erlernenden Fremdsprachen sehen den Erwerb des Lateinischen als akademischer Lingua franca vor; Unterschiede zeigen sich im Hinblick auf die weiteren Sprachen (vgl. Tab. 4). So Tabelle 4: Fremdsprachenkanon.

I

II

III

IV

V

VI

VII

Latein

X

X

X

X

X

X

X

Griechisch

X

X

X

Hebräisch Französisch

X

X X

Spanisch Italienisch Englisch

X

X

X

X

X

X

X

X

X

X

X X

332 —— Fazit

wird zum einen der Erwerb des Griechischen und zum anderen derjenige des Griechischen und des Hebräischen vorgesehen. Neben solchen Forderungen bezüglich der alten Sprachen gibt es auch solche, die darüber hinaus den Erwerb von zwei oder drei lebenden Fremdsprachen ansetzen. Unter diesen erscheinen insbesondere das Französische und daneben aber auch das Spanische und das Italienische. Die englische Sprache spielt hier noch eine untergeordnete Rolle, findet aber durchaus bereits Erwähnung. Die Überlegungen zur Reihenfolge des Fremdsprachenerwerbs fokussieren insbesondere den Zeitpunkt des Erwerbs der lateinischen Sprache. Dabei sind sich die Sprachdenker – offensichtlich entgegen der herrschenden Praxis – weitgehend darüber einig, dass mit dem Lateinunterricht nicht zu früh begonnen werden dürfe. Entscheidend seien der persönliche Reifegrad der Schüler und deren sachlich bedingte Motivation, diese Sprache überhaupt zu erwerben. Da die berufliche Notwendigkeit, Latein zu erlernen, im frühen Lebensalter kaum abzusehen sei, solle zunächst das Französische als lebende Sprache unterrichtet werden, erst im Anschluss hieran das Lateinische (konkret: etwa ab dem zwölften Lebensjahr). Hinsichtlich der alten Sprachen selbst wird die Folge Latein – Griechisch – Hebräisch bevorzugt; in Ausnahmefällen wird der Beginn mit dem Griechischen (als einer dem Deutschen strukturell ähnlicheren, wenn nicht genealogisch eher verwandten Sprache) empfohlen.

5.4.3 Methodische Reflexe Bereits in der deutschen Sprachdidaktik des 17. und 18. Jh.s gilt Methodenpluralismus als eine wichtige Bedingung für einen erfolgreichen Fremdsprachenunterricht. Dabei wird mitunter heftig darüber diskutiert, welche Verfahrensweisen in welcher Verbindung miteinander zielführend sind. Zu den eher traditionellen wie den eher innovativen Methoden des Lateinunterrichts (sowie partiell des Unterrichts in den beiden anderen alten Sprachen) gehören dabei insbesondere: – – – – – – – –

Erlernen von Vokalen (in beide Richtungen); Erwerb von Regeln aus Darstellungen zur lateinischen Grammatik; Übersetzungen (zunächst Latein-Deutsch, dann auch Deutsch-Latein); Nachahmung von guten (soll heißen: klassischen) Autoren; Sprachkontrastive Übungen (insbesondere Griechisch gegenüber Latein); Gebrauch lateinischer (griechischer) und deutscher Fachwörter; Unterricht in deutscher Sprache (vor allem im Anfangsunterricht); Gebrauch analog einer lebenden Sprache (wie im Französischen).

Sprachdidaktik —— 333

Die lateinische Sprache gilt bei einigen Sprachdenkern als Grundlage für den Erwerb weiterer Fremdsprachen, insbesondere des Französischen und anderer romanischer Sprachen, aber auch des Griechischen und des Hebräischen. Andere Sprachdenker lehnen einen solchen kontrastiven Ansatz ausdrücklich ab, wobei unter anderem auch die folgenden Gründe angegeben werden: – –



Die Beherrschung des Lateinischen sei in der Regel nicht hinreichend (zu den verschiedenartigen Gründen vgl. oben); Die Struktur des Lateinischen entspreche nicht derjenigen lebender Sprachen (hier kommen Aspekte wie eher synthetischer und eher analytischer Sprachbau ins Spiel; vgl. unten); Sprachverwendung sei erfolgversprechender als Sprachvergleich (etwa auch im ungesteuerten Spracherwerb).

Neben der Funktion des Lateinischen beim Erwerb weiterer Fremdsprachen wird im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung auch dessen Rolle in der Rhetorikausbildung diskutiert. So sollen der Latein- und darüber hinaus auch der Griechischunterricht im Weiteren zur Ausbildung von Rhetorik und Stil im Deutschen dienen: Grundlage hierfür bildeten die Lektüre alter Schriftsteller sowie Übersetzungen aus den beiden Sprachen. Jedoch wird auch in diesem Punkt von einigen Sprachdenkern eine Gegenposition bezogen: Da die rhetorische und stilistische Ausgestaltung lateinischer Texte derjenigen im Deutschen vielleicht im Hinblick auf allgemeine kommunikative Strategien, sicher jedoch nicht hinsichtlich einzelner sprachlicher Erscheinungen entspreche, sei hier mit negativen Folgen für die Ausbildung zu rechnen. Eine extreme Position beziehen in diesem Punkt letztlich solche Stimmen, die eine grundsätzliche Kritik an der Rhetorikausbildung überhaupt anmelden, da diese so etwas wie einer natürlichen Sprachkompetenz zuwider laufe. In diesem Zusammenhang seien schließlich Überlegungen um eine Beschreibung und Vermittlung der deutschen Grammatik genannt, welche die lateinische Grammatik zur Grundlage nehmen. Auch hier finden sich zwei gegensätzliche Positionen – die eine, nach der die lateinische Grammatik Ausgangspunkt für eine deutsche Grammatikschreibung und -vermittlung bilden kann und soll, und demgegenüber die andere, der zu Folge die Grammatik des Deutschen nicht anhand lateinischer Kategorien zu erfassen, sondern als eigenes sprachliches System zu begreifen ist. Vor diesem Hintergrund wird dann auch die Forderung erhoben, den muttersprachlichen Unterricht im Deutschen gegenüber dem fremdsprachlichen Unterricht im Lateinischen sowie in den anderen alten und neuen Sprachen zu stärken.

334 —— Fazit

5.4.4 Übersetzung In den exzerpierten Belegen ist im Zusammenhang mit den drei alten Sprachen wiederholt von Übersetzungen die Rede. Dabei ergibt sich jedoch kein zusammenhängendes Bild – es handelt sich hier vielmehr um verschiedene Reflexe, die diverse übersetzungsbezogene Aspekte des deutschen Sprachdenkens im 17. und 18. Jh. deutlich werden lassen. – Zusammengefasst stehen dabei folgende Themen im Vordergrund: –









Wörtliche vs. freie Übersetzung: Es wird die Forderung nach freien und sinngemäßen Übersetzungen erhoben, da sich diese gegenüber wörtlichen Übersetzungen, wie sie im Schulbereich der Zeit offensichtlich üblich sind, überlegen erweisen. Studium übersetzter Texte: Angesichts unzureichender Kenntnisse im Lateinischen und in den anderen Sprachen wird für den Bereich der Schule wiederholt die Lektüre und das Studium von Übersetzungen anstelle der Originaltexte empfohlen. Übersetzungen aus und in alte Sprachen: Es wird die Empfehlung gegeben, aus dem Griechischen nicht etwa ins Deutsche, sondern ins Lateinische übersetzen zu lassen, um so die strukturelle Verwandtschaft der beiden Sprachen transparent zu machen. Latein als Vermittlungssprache: An dem Gebrauch des Lateinischen als (lexikographischer) Vermittlungssprache (zum Beispiel auch in deutschen Stammwörterbüchern) wird festgehalten. Übersetzungsfehler: Als typische Bereiche von Übersetzungsfehlern aus dem Lateinischen im Deutschen werden der Gebrauch der Kasus bei Präpositionen sowie die Wort- und Satzgliedstellung angegeben.

5.5 Charakteristika Die deutsche Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung ist reich an Überlegungen zu einzelnen Charakteristika der alten Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch. Diese betreffen die Beschreibungsebenen Laut und Schrift, Wortschatz, Wort- und Formbildung, Satzbau sowie Rhetorik und Stil. Das exzerpierte Material stammt dabei kaum aus grammatischen (Gesamt-) Darstellungen selbst, sondern vor allem aus der sprachlichen Reflexion in Texten anderer thematischer Gattungen (vgl. Quellenverzeichnis).

Charakteristika —— 335

5.5.1 Laut und Schrift Die Überlegungen der deutschen Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s kreisen im Falle der drei alten Sprachen um das Inventar an Konsonanten und Vokalen, onomatopoetische Ausdrücke, die Akzentverhältnisse, den (fehlenden) Gebrauch von Reimen sowie das Inventar an Buchstaben. Dabei werden bisweilen Aussagen getroffen, in denen diese drei Sprachen untereinander oder mit dem Deutschen verglichen werden (vgl. Tab. 5). Im Hinblick auf das Inventar an Vokalen und Konsonanten wird festgestellt, dass der Lautbestand im Lateinischen und derjenige im Deutschen einander mehr oder weniger entsprechen; einer anderen Auffassung nach erweist sich der Bestand an Konsonanten im Deutschen als höher als derjenige im Lateinischen. In Bezug auf den Bestand an Vokalen im Griechischen findet sich demgegenüber der Hinweis, dass hier Längen und Kürzen für die Anforderungen poetischer Texte weniger günstig verteilt seien als im Deutschen. Das Lautinventar im Hebräischen wird im exzerpierten Material nicht eigens thematisiert. Onomatopoetische Ausdrücke stellen insbesondere für die Sprachdenker des Barock einen Garant für die Eigentlichkeit (im Sinne von Nähe zur göttlichen Schöpfung) oder Natürlichkeit (im Sinne genealogischer Ursprünglichkeit) einer Sprache dar. Während für das Lateinische und Griechische eine große Zahl an Onomatopoetika und somit ein hohes Maß an Eigentlichkeit und Natürlichkeit postuliert werden, ist dies im Hinblick auf das Hebräische in den Belegen nicht der Fall; angesichts der allgemeinen Diskussion um die Eigentlichkeit der hebräischen Sprache darf dies jedoch implizit ebenfalls angenommen werden. Das Deutsche wird hier unterschiedlich eingeschätzt: Während einige Autoren ein hohes Maß an Eigentlichkeit und Natürlichkeit sowie Onomatopoetika im Deutschen annehmen (letztlich das Deutsche mit einer adamischen bzw. der hebräischen Sprache gleichsetzen), gehen andere von einer im Vergleich geringeren Zahl und einem entsprechend niedrigeren Maß aus. Im Weiteren wird auf Unterschiede im Akzent zwischen dem Lateinischen und Deutschen sowie zwischen dem Griechischen und Deutschen hingewiesen. Diese unterschiedlichen Akzentverhältnisse spiegelten sich in der Dichtung wider (und erschwerten letztlich auch deren Übersetzung). Ähnliches gilt für den Endreim: Weder im Lateinischen noch im Griechischen sei dieser zu beobachten, sodass hier ebenfalls erhebliche Unterschiede zum Deutschen zu Tage träten. Zu den Akzent- und Reimverhältnissen im Hebräischen finden sind in den exzerpierten Belegen keine ausdrücklichen Angaben.

336 —— Fazit

Tabelle 5: Laut und Schrift.

Lautinventar

Latein

Griechisch

Bestand an Vokalen

Längen und Kürzen

und Konsonanten

im Griechischen

entspricht dem des

weniger günstig als

Deutschen;

im Deutschen.

Hebräisch

Deutsch reicher an Konsonanten als Latein. Onomatopoesie

Hoher Bestand an

Hoher Bestand an

[Hoher Bestand an

Onomatopoetika

Onomatopoetika

Onomatopoetika

(Natürlichkeit und

(Natürlichkeit und

(Natürlichkeit und

Eigentlichkeit);

Eigentlichkeit).

Eigentlichkeit)].

Geringerer Bestand an Onomatopoetika als im Deutschen. Akzent

Reim

Buchstaben

Akzentunterschiede

Akzentunterschiede

im Lateinischen und

im Lateinischen und

Deutschen (mit

Deutschen (mit

Konsequenzen für

Konsequenzen für

die Dichtung).

die Dichtung).

Keine Reime in der

Keine Reime in der

Literatur.

Literatur.

Laut/Buchstaben-

Laut/Buchstaben-

Buchstaben für

Verhältnis 1:1

Verhältnis 1:1

Konsonanten (Vo-

(Vorbild für das

(Vorbild für das

kale als Seele der

Deutsche);

Deutsche);

Sprache);

Ähnlichkeit der

Gemeinsamer Ur-

Spätere Korrektur

lateinischen und

sprung aller europä-

durch Einführung

deutschen Buch-

ischen Alphabete.

von Vokalzeichen.

staben.

Charakteristika —— 337

Das Inventar an Buchstaben einzelner Sprachen ist für die Sprachdenker des 17. und 18. Jh.s von nicht unerheblicher Bedeutung. Dabei wird ein 1:1-Verhältnis von Lauten und Buchstaben als Idealfall angenommen, der im Lateinischen und Griechischen realisiert sei und als Vorbild für die Schreibung des Deutschen dienen könne. Die Ähnlichkeit der lateinischen und deutschen, ja: sämtlicher Buchstaben europäischer Schriftsysteme wird im Allgemeinen durch einen gemeinsamen Ursprung dieser Systeme erklärt. Dieser Ursprung wird (analog der Sprachgenealogie) in Kleinasien lokalisiert, wobei den Germanen und deren Vorfahren (den sog. Skythen oder Kelten) ein eigenes Schriftsystem zugeschrieben wird, das mit dem des Griechischen verwandt sei. – Die Konsonantenschreibung im Hebräischen schließlich wird als die graphische Darstellung eines sprachlichen Lautkörpers angesehen, während die Vokale als Seele einer Sprache (zunächst) nicht verschriftlicht worden seien.

5.5.2 Wortschatz Das deutsche Sprachdenken des 17. und 18. Jh.s dreht sich im Hinblick auf den Wortschatz der drei alten Sprachen insbesondere um den Reichtum an Wortschatz im Allgemeinen sowie um denjenigen an Stammwörtern und Abstrakta im Besonderen; hinzu kommen Überlegungen, die in die Richtung eines gemeinsamen europäischen Wortschatzes und somit eines gemeinsamen kulturellen Erbes weisen. Auch hier spielen Überlegungen zum Verhältnis zwischen dem Lateinischen, Griechischen oder Hebräischen einerseits und dem Deutschen andererseits eine wichtige Rolle. Ein großer Reichtum an Wortschatz gilt in Barock und Aufklärung als ein wichtiges Gütemerkmal einer Sprache, da hiermit ein vielfältiger Bezug auf die außersprachliche Wirklichkeit gewährleistet scheint. Die Beurteilung der drei alten Sprachen fällt dabei jedoch unterschiedlich aus: Während dem Lateinischen und dem Griechischen jeweils ein verhältnismäßig großer Wortschatz attestiert wird, kommt dem Hebräischen die Feststellung eines relativ geringen Wortreichtums zu. Diese lexikalische Armut werde indessen zum einen durch eine hohe semantische Qualität der einzelnen Bedeutungen ausgeglichen: In der Heiligen Schrift seien viele eigentliche und gut unterscheidbare Wörter zu finden (selbst wenn sich hier aufgrund einer gewissen Vagheit und Polysemie der einzelnen Wörter letztlich doch wiederholt Interpretationsprobleme ergäben). Zum anderen zeige das Hebräische eine nicht unerhebliche Wortschatzerweiterung durch Wortbildung (vgl. unten).

338 —— Fazit

Tabelle 6: Wortschatz.

Wortreichtum

Stammwörter

Abstrakta/Konkreta

Latein

Griechisch

Hebräisch

Großer Reichtum

Großer Reichtum

Geringer Reichtum

an Wortschatz

an Wortschatz

an Wortschatz

Geringer Grad an

Hoher Grad an

Hoher Grad an

semantischer Ei-

semantischer Ei-

semantischer Ei-

gentlichkeit:

gentlichkeit

gentlichkeit;

Geringer Bestand

Hoher Bestand an

an (einsilbigen)

(einsilbigen)

Stammwörtern;

Stammwörtern;

Deutsch reicher an

Deutsch gleich

Stammwörtern als

reich (oder reicher)

Latein.

an Stammwörtern

Latein mit hohem

Guter Bestand an

Anteil an Abstrakta

(eigentlichen) Kon-

(mehr als im Deut-

kreta (nicht jedoch:

schen);

Abstrakta).

Deutsch mit höherem Anteil an Konkreta (Bergbau). Europäismen

Zahlreiche gleiche

Zahlreiche gleiche

Wörter im Lateini-

Wörter im Hebräi-

schen und Deut-

schen und Deut-

schen (Ausdruck

schen (Ausdruck

und Bedeutung).

und Bedeutung).

Neben dem Reichtum an Wortschatz als solchem ist für die Sprachdenker (insbesondere die des Barock, aber auch die der Aufklärung) der Reichtum an Stammwörtern von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung einer Sprache. Stammwörter – im Allgemeinen ausgezeichnet durch Einsilbigkeit – sind Ausdruck der natürlichen Ursprünglichkeit einer Sprache oder gar deren Nähe zur göttlichen Schöpfung: Sie machen damit einen wichtigen Teil der Eigentlichkeit einer Sprache aus. Auch hier weichen die Beurteilungen der

Charakteristika —— 339

drei alten Sprachen voneinander ab, spiegeln jedoch nicht die Einschätzung hinsichtlich deren Wortschatzreichtums als solchen wider. Und so wird dem Griechischen und dem Hebräischen jeweils ein hoher Grad an semantischer Eigentlichkeit bzw. ein hoher Bestand an Stammwörtern zugesprochen; dem Lateinischen hingegen wird angesichts eines geringen Bestands an (einsilbigen) Stammwörtern lediglich ein geringer Grad an semantischer Eigentlichkeit zuerkannt. Diese Beurteilungen erscheinen angesichts der Aussagen über die deutsche Sprache von besonderer Brisanz. So wird dem Deutschen ein Reichtum an Stammwörtern zuerkannt, der demjenigen des Hebräischen mehr oder weniger entspreche und somit den des Lateinischen übertreffe. Barocker Sprachauffassung nach zeichnet sich somit das Deutsche im Vergleich zum Lateinischen durch eine höhere Eigentlichkeit oder auch Ursprünglichkeit bzw. Schöpfungsnähe aus. Damit wird die deutsche Sprache gegenüber der herrschenden lateinischen Lingua franca (sowie gegenüber der hiervon abstammenden französischen Literatursprache) aufgewertet und zum Gegenstand sprachpflegerischer Bemühungen gemacht. Die Anzahl der Abstrakta innerhalb einer Sprache wird von den Sprachdenkern des 17. und 18. Jh.s in der Regel als Indikator für ihre Entwicklung zu einer Literatursprache erachtet. So wird dem Lateinischen ein ausgesprochen großer Anteil an Abstrakta zugesprochen, wobei hierunter nicht allein der Wortschatz aus dem Altertum, sondern auch derjenige aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit zu rechnen ist. Während in den exzerpierten Belegen keine entsprechenden Aussagen zum Griechischen erscheinen, findet das Hebräische hier wiederum eine andere Einschätzung: Der Wortschatz der hebräischen Sprache zeichne sich angesichts seiner Ursprünglichkeit bzw. Schöpfungsnähe durch zahlreiche Konkreta und wenige Abstrakta aus; diese erwiesen sich jedoch angesichts ihrer Eigentlichkeit von hohem semantischen und literarischen Wert (wie an theologischen Schriften leicht nachzuweisen sei). Auch hier wird wiederholt ein Vergleich des Wortschatzes alter Sprachen mit demjenigen der deutschen Sprache angestellt. Angesichts der noch geringen literarischen Ausarbeitung weise das Deutsche weitaus weniger Abstrakta auf als das Lateinische. Es sei somit auch als Wissenschaftssprache zum gegebenen Zeitpunkt nur bedingt tauglich. Im Gegensatz hierzu sei die Lexik des Deutschen jedoch durch zahlreiche Konkreta geprägt, die sich insbesondere auch im fachsprachlichen Bereich der Angewandten Wissenschaften und der Technik finden ließen (prominentes Beispiel hierfür ist bei den Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung der Wortschatz des Bergbaus). Mit einer solchen Charakterisierung wird das Deutsche zum einen als

340 —— Fazit

fachsprachlich wertvoll ausgewiesen und somit gegenüber den Literatursprachen der Zeit aufgewertet; zum anderen werden die Einführung und die Entwicklung einer eigenen deutschen Wissenschaftssprache argumentativ unterstützt. Angesichts zahlreicher sprachpatriotischer Äußerungen (insbesondere im 17. Jh.) fallen im deutschen Sprachdenken (vor allem des 18. Jh.s) Überlegungen auf, die eine gemeinsame kulturelle und sprachliche Grundlage in ganz Europa sehen und somit so etwas wie eine Vorstellung von Europäismen entwickeln. Ungeachtet möglicher Entlehnungen wird hierbei auf zahlreiche lexikalische Ausdrücke und Bedeutungen hingewiesen, die sich sowohl im Lateinischen als auch im Deutschen als mehr oder weniger gleich erwiesen; Ähnliches wird auch für Art und Weise sowie Wert der Metaphorik in beiden Sprachen angenommen. – Gemeinsamkeiten im Wortschatz des Deutschen und des Hebräischen sind im Weiteren ebenfalls Gegenstand deutscher Sprachreflexion (vornehmlich im Barock und weniger in der Aufklärung), wobei diese Gemeinsamkeiten kaum auf eine gemeinsame europäische Kultur, sondern vielmehr auf eine genealogische Nähe der beiden Sprachen zurückgeführt werden.

5.5.3 Grammatik Die Belege zur Wort- und Formbildung beschäftigen sich im exzerpierten Material insbesondere mit der morphologischen Komplexität von Wortbildungen im Lateinischen, Griechischen und Hebräischen überhaupt, der Quantität und Komplexität von Komposita in den drei alten Sprachen im Vergleich zum Deutschen, der Präfixbildung im Lateinischen und Deutschen, der Komplexität der Formbildung in den drei Sprachen einerseits und in der deutschen Sprache andererseits sowie mit syntaktischer Komplexität und Verbindlichkeit (vgl. Tab. 7). Dabei werden bereits Überlegungen angestellt, die an diejenigen seit der Wende vom 18. zum 19. Jh. im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen einem synthetischen und einem analytischen Sprachbau erinnern. Die morphologische Komplexität von Wortbildungen im Lateinischen wird von den deutschen Sprachdenkern des Barock und der Aufklärung als verhältnismäßig gering angesehen: Sie erwiesen sich hier weder als zahlreich noch als strukturell besonders ausgeprägt. Im Unterschied hierzu wird die Komplexität von Wortbildungen im Griechischen als relativ hoch eingeschätzt. Damit wird letztlich eine strukturelle Verwandtschaft des Deutschen mit dem Griechischen, nicht aber mit dem Lateinischen postuliert, welche die deutsche Sprache wiederum gegenüber der lateinischen qualifiziert.

Charakteristika —— 341

Tabelle 7: Wort- und Formbildung.

Latein

Griechisch

Wortbildung:

Wenige Bildungen

Zahlreiche Bildun-

Komplexität

im Sinne geringer

gen im Sinne hoher

morphologischer

morphologischer

Komplexität.

Komplexität.

Geringere Zahl und

Zahl und Komplexi-

Struktur und Trans-

Komplexität als im

tät denen im Deut-

parenz dem Deut-

Deutschen.

schen vergleichbar.

schen vergleichbar.

Komposition

Negation

Hebräisch

Präfixbildungen denen im Deutschen äquivalent.

Formbildung:

Äquivalenz zu der

Griechisch im Ver-

Äquivalenz zu der

Synthese/Analyse

im Deutschen; La-

gleich zum Deut-

im Deutschen;

tein eher synthe-

schen synthetisch

tisch durch Flexion;

durch Flexion;

Deutsch eher analy-

Deutsch eher analy-

Deutsch eher analy-

tisch: Artikel, Prä-

tisch: Präpositio-

tisch: Artikel, Hilfs-

positionen, Hilfs-

nen.

verben.

verben. Satzbau

Hohe Komplexität bei weitgehendem Fehlen von Inversionen

Analog den Hinweisen zur geringen Wortbildungskomplexität des Lateinischen im Allgemeinen wird diesem vor allem auch im Bereich der Komposition eine geringe Zahl an einzelnen Bildungen (und Gliedern) zugeschrieben. Angesichts der hohen Kompositionsneigung im Deutschen wird hier das Lateinische als strukturell unterlegen angesehen, was dem Aufwertungsbestreben deutscher Sprachdenker dieser Zeit durchaus entgegenkommt. Und so findet sich hierzu entsprechend eine ganze Reihe weiterer Belege, in denen die Zahl und die Komplexität von Komposita im Griechischen oder die Struk-

342 —— Fazit

tur und die Transparenz von Komposita im Hebräischen jeweils mit denjenigen in der deutschen Sprache verglichen und als mehr oder weniger gleichwertig ausgewiesen werden. Insbesondere griechische Komposita werden mit Zierlichkeit und Kürze in Verbindung gebracht, was die positive Wertschätzung, mit der dieser Sprache begegnet wird, unterstreicht. Anhand einer solchen Beschreibung und Bewertung wird das Deutsche strukturell und ideell in die Nähe der beiden älteren der drei alten Sprachen gerückt und ein weiteres Mal gegenüber der herrschenden lateinischen Lingua franca profiliert. Neben Äußerungen zur strukturellen Verschiedenheit des Lateinischen und Deutschen finden sich in der deutschen Sprachreflexion des 17. und 18. Jh.s auch zahlreiche Belege, die eine entsprechende Verwandtschaft der beiden Sprachen hervorheben. Auch dies darf mitunter als (etwas bescheidenerer) Versuch gewertet werden, die deutsche Sprache gegenüber der lateinischen Lingua franca aufzuwerten. Ein Beispiel aus dem Bereich der Wortbildung ist hier die Negation durch Präfixbildungen: Man ist sich darüber einig, dass die Bildungen in beiden Sprachen strukturell und funktional äquivalent seien, sodass Latein und Deutsch auf einer strukturellen Ebene anzusehen sind. Dies gilt im Weiteren auch für die Formbildung des Lateinischen und des Deutschen. Dabei haben die deutschen Sprachdenker des Barock und der Aufklärung insbesondere die grammatischen Kategorien selbst im Blick, die den beiden (indoeuropäischen) Sprachen gemeinsam sind. Denn unter formalem Gesichtspunkt wird in den Belegen wiederholt auf strukturelle Unterschiede hingewiesen, die auf eine Repräsentation dieser Kategorien durch echte Flexionsformen im Lateinischen einerseits und durch den Gebrauch von Periphrasen mit Artikeln, Präpositionen oder Hilfsverben im Deutschen andererseits hin abzielen. Mit dieser Differenzierung wird deutlich, dass im deutschen Sprachdenken dieser Zeit die typologische Unterscheidung zwischen synthetischem und analytischem Sprachbau, die um die Wende vom 18. zum 19. Jh. manifest wird, bereits angedacht ist. Eine ganz ähnliche Einschätzung erfahren zudem die Formbildung des Griechischen und des Hebräischen im Vergleich zu derjenigen des Deutschen: Auch hier wird von zahlreichen Entsprechungen im Inventar grammatischer Kategorien ausgegangen und den beiden alten Sprachen ein höherer Grad an (synthetischer) Flexionsbildung bzw. dem Deutschen ein höherer Grad an (analytischer) Periphrasierung (wiederum durch Artikeln, Präpositionen und Hilfsverben) zugewiesen. Angesichts der zeitgenössischen Neigung, einzelne Sprachen nicht allein zu beschreiben, sondern auch zu bewerten, ist hier bemerkenswert, dass diese Unterscheidung zwischen einer eher synthetischen und einer eher analytischen Kennzeichnung der grammatischen Ka-

Charakteristika —— 343

tegorien – wie im Falle des Lateinischen – kaum mit einer wie auch immer gearteten Wertung der einzelnen Sprachen einhergeht, sondern mehr oder weniger unvoreingenommen getroffen wird. Überlegungen zum Satzbau der drei alten Sprachen sind in der deutschen Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung recht selten. Im exzerpierten Material sind insbesondere solche Belege zu finden, in denen die lateinische Syntax im Vergleich zur deutschen als verhältnismäßig komplex angesehen wird. Darüber hinaus wird auf die geringe Zahl an Inversionen im Rahmen einer relativ freien, jedoch thematisch oder funktional durchaus motivierten Wort- und Satzgliedstellung im Lateinischen hingewiesen. Zur Syntax des Griechischen und Hebräischen finden sich im Material kaum einschlägige Äußerungen.

5.5.4 Rhetorik und Stil Die exzerpierten Belege geben nur bedingt die Diskussion um Rhetorik und Stil der drei alten Sprachen – insbesondere auch im Vergleich zu denjenigen des Deutschen – wider. Bemerkenswert sind Aussagen zu verschiedenen Stilebenen und diversen stilistischen Merkmalen (vgl. Tab. 8). Für das Lateinische und das Griechische werden jeweils zwei Stilebenen angenommen: zum einen die Alltagssprache und zum anderen eine literarische Sprache, die sich mehr als Ideal denn als Realität erweise und der es nachzueifern gelte. Im Hinblick auf lateinische Schriften wird darüber hinaus betont, dass hier kaum eine Tendenz zur Individualisierung des Stils zu beobachten sei: Römische Autoren sähen von der Pflege eines individuellen Stils in aller Regel ab, sondern ordneten sich im Allgemeinen (Ausnahmen werden angegeben) einem gesamtgesellschaftlichen Stilideal unter bzw. trachteten danach, dieses im Sinne eines sprachkulturellen Ganzen weiter zu entwickeln. Gerade diese an der Allgemeinheit orientierte Haltung wird dann als Ideal für sprachpflegerische Bemühungen um so etwas wie eine deutsche Literatursprache hervorgehoben. Im Hinblick auf einzelne stilistische Merkmale wird etwa auf Unterschiede zwischen dem Lateinischen und Griechischen einerseits und dem deutschen andererseits durch Fehlen bzw. Einsatz des Endreims hingewiesen. Das Lateinische unterscheide sich vom Deutschen im Weiteren hinsichtlich des Vorkommens von Anagrammen und der Befolgung des rhetorischen Ideals der Kürze (brevitas), das in barocken, aber auch aufgeklärten Texten tatsächlich eine untergeordnete Rolle spielt. Hebräischen Prosatexten schließlich werden Kennzeichen poetischer Texte zugeschrieben.

344 —— Fazit

Tabelle 8: Rhetorik und Stil.

Stilebenen

Latein

Griechisch

Alltagssprache und

Alltagssprache und

literarische Sprache

literarische Sprache

(als Ideal);

(als Ideal).

Hebräisch

Vermeidung von Individualstil. Merkmale

Kein Endreim wie

Kein Endreim wie

Poetische Charak-

im Deutschen

im Deutschen

teristika in Prosa-

üblich;

üblich.

texten.

Anagramme im Gegensatz zum Deutschen üblich; Kürze als Ideal (im Gegensatz zum Deutschen).

5.6 Wertung Die Bewertung einzelner Sprachen spielt neben deren Beschreibung ein wichtiges Charakteristikum des deutschen Sprachdenkens in Barock und Aufklärung dar. Solche sprachlichen Bewertungen werden dabei meist im Vergleich mit der eigenen, deutschen Sprache vorgenommen. Die Diskussion dreht sich dabei insbesondere um genealogische und funktionale Gesichtspunkte; daneben finden sich zahlreiche Prädizierungen und Attribuierungen, die eine positive oder negative Wertschätzung der betreffenden Sprachen erkennen lassen.

Wertung —— 345

5.6.1 Genealogische und funktionale Aspekte Der Wert einer einzelnen Sprache wird in der deutschen Sprachreflexion des 17. und des 18. Jh.s zum einen an deren genealogischem Alter und zum anderen an deren literarischer Eignung gemessen. Das genealogische Alter des Deutschen wird dabei vor allem im Barock mit dem des Hebräischen gleichgesetzt und somit über dasjenige des Lateinischen oder Griechischen gestellt; dabei scheint die Vorstellung tragend, dass alte Sprachen letztlich ein hohes Maß an Eigentlichkeit im Sinne natürlicher Ursprünglichkeit oder göttlicher Schöpfungsnähe aufwiesen, das sich im Laufe ihrer weiteren Entwicklung nach und nach verringere (vgl. dazu ausführlich Kap. 5.2.2 und Abb. 1). Eine positiv einzuschätzende Entwicklung nehme eine einzelne Sprache allein durch die Ausbildung von so etwas wie einer Literatursprache – sei es nun in der Dichtung oder in Wissenschaft und Verwaltung (vgl. hierzu Kap. 5.2.3 und Abb. 2). Die Eignung einer einzelnen Sprache zu wissenschaftlicher Kommunikation hängt den deutschen Sprachdenkern nach von diversen Merkmalen ab. Neben dem Reichtum an Wortschatz, dem Verhältnis von Konkreta und Abstrakta, der Möglichkeit der Kompositabildung und dem Fehlen von Inversionen (vgl. oben) seien es vor allem Kürze und Natürlichkeit, die eine Sprache zu einer guten Wissenschaftssprache machen. Dabei wird insbesondere das Latein als wissenschaftliche Lingua franca in Konkurrenz zum Deutschen in den Fokus der Betrachtung gerückt: –



Kürze des Ausdrucks: Dem Lateinischen wird gegenüber dem Deutschen eine deutlich ausgeprägtere Kürze zugeschrieben. Diese zeige sich etwa in synthetischen Flexionsformen gegenüber analytischen Periphrasen grammatischer Kategorien oder in der Textgestaltung nach dem Ideal der Ausdruckskürze (brevitas), die vor allem dem Stilideal des Barock zuwider läuft. Da Ausdruckskürze als wissenschaftssprachliches Ideal angesehen wird, zeige somit das Lateinische eine bessere Eignung zu wissenschaftlicher Kommunikation als das Deutsche. Natürlichkeit der Sprachverwendung: Da das Lateinische eine ausgesprochen lange literatursprachliche Tradition aufweise, sei es als Wissenschaftssprache wiederum weniger geeignet als das Deutsche. Hier kommt ein weiteres Mal die Vorstellung sprachlicher Natürlichkeit oder Ursprünglichkeit zum Tragen. Die (an sich positiv einzuschätzende) literatursprachliche Entwicklung entferne eine Sprache von deren Eigentlichkeit, sodass wissenschaftliche Erkenntnisse besser in einer literarisch wenig tradierten Sprache zum Ausdruck zu bringen sind. – Eine Differen-

346 —— Fazit

zierung erfährt diese Position zum einen durch den Hinweis, dass sich das Lateinische im Zuge seiner Entwicklung ein verhältnismäßig hohes Maß an Eigentlichkeit erhalten habe, da es nie konsequent literatursprachlich reglementiert worden sei. Zum anderen wird angegeben, dass sich lateinische, griechische und hebräische Fassungen der Bibel aufgrund ihrer Eigentlichkeit letztlich ihren deutschen Übersetzungen als überlegen erwiesen. Kürze des Ausdrucks und Natürlichkeit der Sprachverwendung lassen also neben den anderen wissenschaftssprachlichen Charakteristika deutlich werden, dass sich einzelne Sprachen nach Auffassung des 17. und 18. Jh.s durch ganz verschiedene Eigenschaften zu wissenschaftlicher Kommunikation eignen (vgl. die Gegenüberstellung in Tab. 9). Vor diesem Hintergrund gehen zahlreiche Gelehrte des Barock und insbesondere der Aufklärung von einer prinzipiellen Eignung jeder Sprache als Wissenschaftssprache aus. Daher dürfe hier der prominente Gebrauch des Lateinischen (und Griechischen) nicht denjenigen des Deutschen be- oder verhindern. Folglich wird die Forderung nach der Entwicklung einer eigenen deutschen Literatur- und Wissenschaftssprache erhoben, wobei Latein und Griechisch wiederum als Vorbilder dienen. Tabelle 9: Wissenschaftssprachliche Charakteristika.

Latein

Deutsch

Reichtum an Wortschatz

X

X

Häufigkeit von Abstrakta

X

Möglichkeit der Komposition

X

Fehlen von Inversionen

X

Kürze des Ausdrucks

X

Natürlichkeit der Sprachverwendung

X

Wertung —— 347

5.6.2 Positive Wertschätzung Die sprachreflexiven Quellen aus dem deutschen Sprachraum des 17. und 18. Jh.s sind ausgesprochen reich an positiven Attribuierungen und Prädizierungen, die mit den drei alten Sprachen verbunden werden. Dabei kommen dem Lateinischen mit 31 Zuschreibungen die meisten unterschiedlichen Bewertungen zu, gefolgt vom Griechischen mit 20 und dem Hebräischen mit sieben Zuschreibungen (vgl. Tab. 10). Eine abschließende Systematisierung der zahlreichen Attribuierungen und Prädizierungen erscheint an dieser Stelle kaum möglich – nicht zuletzt auch deshalb, weil viele dieser Zuschreibungen aus ganz verschiedenartigen Kontexten heraus vorgenommen werden. Im Folgenden sei daher der Versuch einer ersten Annäherung gemacht, indem verschiedene Themen- und Metaphernbereiche unterschieden werden (einige Doppelnennungen sind möglich): –







Sprachliche Eigenschaften: Ausarbeitung (Pflege), Bildhaftigkeit (Metaphernreichtum), Eigentlichkeit (natürliche Ursprünglichkeit bzw. göttliche Schöpfungsnähe), Einfalt (Klarheit), Nachdrücklichkeit (Nachdruck), Ordnung, Reinheit, Vernehmlichkeit, Wohllautung. Sozialer (weltlicher oder geistlicher) Stand einschließlich entsprechender Attribute: Adel, Gemeinheit, Göttlichkeit, Heiligkeit, Herrlichkeit, Macht, Majestät, Pracht, Reichtum, Vornehmheit. Geist und Seele (insbesondere in Bezug auf Erkenntnis und Moral): Anmut, Anstand, Erhabenheit, Ernsthaftigkeit, Feinheit, Gelehrtheit, Gewissheit, Glück, Gründlichkeit, Güte, Lauterkeit, Natürlichkeit, Originalität, Reinheit, Vernehmlichkeit, Vortrefflichkeit. Körper und Bewegung (Gestaltung und Kraft): Ansehnlichkeit, Eleganz, Feinheit, Geschicklichkeit, Glanz, Klang, Leichtigkeit, Lieblichkeit, Macht, Majestät, Natürlichkeit, Notwendigkeit, Nützlichkeit, Ordnung, Pracht, Reichtum, Reinheit, Sang, Schmuck, Schönheit, Vollkommenheit, Zier, Zierlichkeit.

Darüber hinaus seien an dieser Stelle zwei weitere wichtige Metaphernbereiche hervorgehoben: Zum einen derjenige der drei (kleineren) Türme, die aus dem Material des (großen) babylonischen Turms errichtet seien (und aus denen dann die Paläste einiger weiterer Sprachen erbaut wurden), und zum anderen derjenige des Weines (aus dem dann im weiteren sprachgeschichtlichen Verlauf Essig entstanden ist).

348 —— Fazit

Tabelle 10: Positive Wertschätzung.

Latein Adel

Griechisch

X

Anmut

X

Ansehnlichkeit

X

Anstand

X

Ausarbeitung (Pflege)

X

Bildhaftigkeit

X

Eigentlichkeit

X

Einfalt (Klarheit)

X

Eleganz

X

Erhabenheit

X

Ernsthaftigkeit

X

Feinheit

X

Gelehrtheit

X

Gemeinheit

X