Kritik der neomythischen Vernunft. Band 2: Neomythen der beruhigten Endlichkeit Die Zeit ab 1945
 9783506756701

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Hauser Kritik der neomythischen Vernunft Band 2

Kritik der neomythischen Vernunft

Neomythen der beruhigten Endlichkeit Die Zeit ab 1945

Linus Hauser

Kritik der neomythischen Vernunft

Band 2 Neomythen der beruhigten Endlichkeit Die Zeit ab 1945

Ferdinand Schöningh Paderborn · München · Wien · Zürich

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Einband: Evelyn Ziegler, München Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem und alterungsbeständigem Papier ! ∞ ISO 9706

© 2009 Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn (Verlag Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn) Internet: www.schoeningh.de Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages nicht zulässig. Printed in Germany. Herstellung: Ferdinand Schöningh, Paderborn ISBN 978-3-506-75670-1

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

...................................................................................................................... 13

EINFÜHRUNG IN DEN ZWEITEN BAND: NEOMYTHEN-HERMENEUTIK . 15 I. II. 1. 2. 3. III. 1. 2. 3. IV. 1. 2. 3. 4. V. 1. 2.

Übergänge zwischen Science und Fiction in der Nobeletage von Wissenschaft und Technik ...................................................................................... 15 Über die frühen Technokraten eines anderen Planeten Populäre Weltsichten bei Elitewissenschaftlern .................................................................... 16 Francis Crick .......................................................................................................... 16 Josef Blumrich ........................................................................................................ 17 Frank Tipler ............................................................................................................ 19 Wissenschaftliches Weltbild und Wissenschaftliche Weltanschauung ................... 20 ....................................................... 20 Das Wissenschaftliche Weltbild ............................................................................. 24 Die Wissenschaftliche Weltanschauung ................................................................. 28 Fantasiegeschaffene Kolportage als Methode der Wissenschaftlichen Weltanschauung auf dem religionsförmigen Niveau .............................................. 29 Was ist eine Kolportage? ........................................................................................ 29 Fantasiegeschaffene Allgemeinbegriffe im Ausgang von Giambattista Vico ......... 31 Das Thema des zweiten Bandes: Ausgestaltungen der fantasiegeschaffenen Wissenschaftskolportage seit dem Zweiten Weltkrieg ........................................... 34 Zur Methode der Darstellung: Eine Erinnerung an Hegels Phänomenologie des Geistes .................................................................................................................... 35 Neomythos und Christentum der Endlichkeit ......................................................... 39 Blick zurück auf Kant: Von den geschichtlichen Zügen eines transzendentalen Schemas .................................................................................................................. 39 Das Christentum der Endlichkeit: Heideggers schematisiertes Christentumsbild ... 41

Band 2 Neomythen der beruhigten Endlichkeit. 1945 bis heute VIERTER HAUPTTEIL DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS UND DER NEUE MENSCH DER LEISTUNGSKULTUR § 15 Wissenschaftlich isolierte Empfindungen: Wissenschaftstheorie und Impressionismus ............................................. 47

6 I. II. 1. 2. III. 1. 2. 3.

INHALTSVERZEICHNIS

Von der Romantik zum Marketing ..........................................................................47 Ernst Machs nachmetaphysische Erkenntnislehre ...................................................50 Kulturanthropologische Grundlagen nachmetaphysischer Erkenntnistheorie .........50 Empfindung als Basis alles Wirklichen ...................................................................53 Welt-Impressionismus als Erlebnisform ..................................................................57 Renaissance .............................................................................................................57 Ein globaler Modernisierungsschub des Empfindens ..............................................59 Impressionistische Farbenlehre ale Zeichen wie die Silben der .....................................................................63

§ 16 Der Mensch als Konsument ...........................................................................68 I. 1. 2. 3. II. III. IV. V. VI. VII. 1. 2. 3.

Die ,Beruhigte - und Leistungskultur ..............................68 Beruhigte Endlichkeit ..............................................................................................68 Die Utopie vom käuflichen Glück und ihre begriffliche Rekonstruktion ................71 Konsumorientierung als Lebensproblem .................................................................73 Konsumorientierung und das Problem der Individualisierung ................................77 Freizeit: Effektive Lebenszeitnutzung .....................................................................81 Massenmediengesellschaft ......................................................................................84 ...................................................89 Konsumismus und Narzissmus ...............................................................................90 Die Konzeption einer Markenreligion durch Marketing .........................................96 Konsumentenpsychologie: Zwischen Behaviorismus und Metaphysik der symbolischen Formen .............................................................................................96 Religionsförmige Bindung schaffen durch starke Marken ....................................102 Von der Unternehmensidentität zur Corporate Religion .......................................108

§ 17 Konsum, Leistung und Allmacht ................................................................117 I. 1. 2. 3. II. III. IV.

Ayn Rands Roman Wer ist John Galt? .................................................................117 Biografische und kulturgeschichtliche Hintergründe ............................................117 Selbstdisziplin und Weltgestaltung: Frühe religiöse Fleißgemeinschaften in den USA ............................................................................................................118 Ein Roman für das erfolgreiche Leben ..................................................................120 Der unbewusste Evolutionsgott in der volkswirtschaftlichen Wachstumstheorie .125 Leistungsorientierung und Allmacht .....................................................................128 .............................130

§ 18 Die Religionsförmigkeit der Konsum- und Leistungskultur ..............134 I. II. 1.

Religionsförmige Unternehmensberatung: Im Firmeninteresse den unbewussten Evolutionsgott anzapfen ..................................................................134 Die Erlebnisgesellschaft und ihr pantokratisches Subjektivitätskonzept ...............141 Ein religionsförmiger Erlebnisakt .........................................................................141

INHALTSVERZEICHNIS

2. VI. 1. 2. 3. a. b. c.

7

Das pantokratische Subjekt der Konsum- und Leistungsgesellschaft ................... 153 Viele Leben lang leisten und konsumieren: Abendländischer Reinkarnationsglaube ........................................................................................... 157 Abendländische Anwege ...................................................................................... 157 Der fernöstliche Glaube an Wiedergeburt ............................................................ 164 Grundelemente des Abendländischen Reinkarnationsglaubens ............................ 166 Der Glaube der Shirley MacLaine ........................................................................ 166 Selbstentwurf in Devachan: Rudolf Steiner .......................................................... 167 Grundzüge des Abendländischen Reinkarnationsglaubens ................................... 170

FÜNFTER HAUPTTEIL POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN § 19 Wissenschaftstheorie, Vernunftverzweiflung und Relativismus: der prinzipielle Weg zu den Fiktionen der Science ............................. 173 I. II. 1. 2. 3. III. 1. 2. 3. 4. 5. IV. 1. 2. V. 1. 2. VI. 1. 2.

. Modernität und das Relativismusproblem ............................................................................................ 173 Das Problem der Unanschaulichkeit moderner Wissenschaft ............................... 177 Tatsachen und Umformungsregeln (Wittgenstein) ............................................... 177 Ein mathematisches Beispiel begrenzter Vorstellungsfähigkeiten: Vom Apfelplaneten zum Universum ............................................................................. 178 Nichteuklidische Geometrie und die Grenzen der Vorstellbarkeit ........................ 180 Rudolf Carnaps wissenschaftstheoretische Utopie vom logischen Aufbau der Welt .................................................................................................... 189 Der fundamentalphilosophische Anspruch ........................................................... 189 Der Wiener Kreis in seinem kulturellen Umfeld .................................................. 193 Subjektivität und Metaphysik beim frühen Wittgenstein ...................................... 201 Engführungen Wittgensteins im Wiener Kreis ..................................................... 206 Der logische Aufbau der Welt ............................................................................... 210 tdeckung des Kommunikativen bei Karl Popper ........................................................................................................... 218 Karl Poppers Rezeption des semantischen Wahrheitsbegriffes von Alfred Tarski ........................................................................................................ 218 Falsifikation als Konvention die antipositivistische Wende des Basisproblems in der Logik der Forschung .................................................................................. 223 Vernunftmisstrauen und Feier der Maßstabslosigkeit ........................................... 231 Ein neuer romantischer Weg ................................................................................ 231 Theodor W. Adorno: Dialektik pendelt aus .......................................................... 232 Der unerreichte Urahn des modernen Relativismus: Charles Hoy Fort ................ 240 Die Biografie eines chronischen Skeptikers ......................................................... 240 Den Verdammten der Wissenschaft auf der Spur ................................................. 242

INHALTSVERZEICHNIS

8 a.

erkenntnistheoretische Grundlagen .......................................................................242 b. VII. 1. 2. a. b. c. 3. a. b. c. VIII. 1. 2. 3. 4. IX. 1. 2. 3. a. b.

..................................................................246 Selbstbegründung aus der wissenschaftsförmigen Vernunft (Postmoderne) .........252 Dimensionen des Postmodernismus ......................................................................252 Jean-François Lyotard und die postmoderne Rezeption von Naturwissenschaften .............................................................................................255 Lyotards Ansatz im Überblick ..............................................................................255 Lyotard und Kurt Gödels Unvollständigkeitsheorem ............................................259 Lyotard und Thomas S. Kuhns Paradigmenmodell ...............................................263 Alles ist irgendwie relativ. Albert Einstein und die Postmoderne .........................266 Ein Hinweis: Die spezielle Relativitätstheorie kann auch als Absolutheitstheorie bezeichnet werden .................................................................267 2

Einsteinrezeption ...................................................................................................269 Wissenschaftsförmige Vernunft zwischen Weltbild und Weltanschauung ...........272 Der wissenschaftstheoretische Fundamentalist Paul Feyerabend ...........................................................................282 Von Popper zu Feyerabend: Evolutionistische Wissenschaftstheorie am Ende der empiristischen Wissenschaftstheorie ................................................282 Anything goes I: Paul Feyerabends anarchistische Wissenschafts- und Erkenntnistheorie ..................................................................................................288 Anything goes II: Postmoderne Soziologie goes Astrologie .................................292 Feyerabends geheimer Wissenschaftsglaube .........................................................295 Formale Begriffslogik und Possible Worlds. Der moderne Gedankenspieler als menschengöttlicher intellectus archetypus ............................................................302 Meinungserlebnisse und Realitätsanmutung des Denkens ....................................302 Das Meinbare als Ausgangspunkt der formalen Logik .........................................307 Possible Worlds-Fantasien um einen Hilfsbegriff: Es muss mehr als alles geben 313 Eine Ouvertüre: Duns Scotus und Ockham ...........................................................313 Von Leibniz zu den Possible Worlds ....................................................................314

SECHSTER HAUPTTEIL

NEOMYTHEN DER WISSENSCHAFTSFUNDIERTEN TECHNIKKULTUR § 20 Sciencefiction im religionsgeschichtlichen Kontext ............................323 I. II. 1.

Was ist Sciencefiction? .........................................................................................323 Der religionsgeschichtliche Kontext der Sciencefiction: Jenseitsreisen ................329 Jenseitsreise und Entrückung ................................................................................329

INHALTSVERZEICHNIS

2. 3. a. b.

9

Die Vernunft der Ekstase: Erkenntnistheoretische Grundlagen eines Ekstasebegriffes .................................................................................................... 330 Zur Metapherngeschichte der Jenseitsreise ........................................................... 332 Ekstatische Himmelsreisen als Konstitution von Hoffnung: frühjüdische Apokalyptik im hellenistisch-römischen Kontext ................................................. 332 Jenseitsreisen der Moderne ................................................................................... 338

§ 21 Religionsförmige Neomythen der modernen Sciencefiction: der materiale Weg zu den Fiktionen der Science ................................. 348 I. II. 1. 2. 3. 4. III. 1. 2. 3. 4. 5. IV. 1. a. b. c. d. e. f. g. h. 2.

Wenn der Thetan das Universum durchquert ein Blick auf kosmische Allmachtsfantasien von Scientology her ............................................................... 348 Nachkopernikanische Geborgenheit im Kosmos: Wie überleben wir das Ende des Universums? .......................................................................................... 350 Big Crunch und gesteuerter Neubeginn: James Blishs Die fliegenden Städte ...... 350 George Zebrowskis Makroleben ........................................................................... 352 Unendlich viele endliche Ewigkeiten: Greg Bears Romane Äon und Ewigkeit .... 355 ................................ 357 Die Engel der Evolution: Sciencefiction als Antwort auf die metaphysische Anfrage des Darwinismus ..................................................................................... 362 UFO-Engel überwachen die Menschheitsevolution .............................................. 362 Vorabend der Ewigkeit und der Rückkehr des irdischen Lebens in den Kosmos .......................................................................... 364 Tiermenschen und Edelmenschen in ihnen gemäßen Lebensformen: Philip Emerson High ....................................................................................................... 368 Menschheitsevolution durch intelligente Meteoriten: Ian McDonalds Roman über das Chaga ......................................................................................... 371 Träume des Plasmaphysikers Gregory Benford: Erschaffen wir ein Universum! . 375 Kränkung hilft nur ein Evolutionssprung der Seelenkräfte ................................... 381 Manichäismus als Sciencefiction und als Bombenterror: Von Edward Elmer Smith zur Zerstörung des Alfred P. Murrah Federal Building (1995) ....... 381 Unheimlich kosmisch heimlich religiös ............................................................. 381 Zwei Galaxien im metaphysischen Gegensatz ...................................................... 382 Kosmische Spannungen im Manichäismus ........................................................... 385 Geschichte als Austragungsort .............................................................................. 387 Die Rolle der Menschen ....................................................................................... 390 Vom Lensträger zum neomythischen Halbgott ..................................................... 393 Der erlöste Erlöser in antiker und moderner Version ........................................ 394 Rassistische Lensmen: Literarische Hintergründe des Bombenanschlags in Oklahoma City ...................................................................................................... 399 Alfred Elton van Vogt, der Scientologe vor Hubbard und die nichtaristotelische Denkweise des Grafen Alfred Habdank Sharbek Korzybski ................................ 406

INHALTSVERZEICHNIS

10 3.

Wenn Verhaltensforscher gegen die freudianische Orientierungsaufgabe Utopien schreiben: Burrhus Frederick Skinners Walden Zwei ..............................418 Menschen wie Götter: Herbert Georg Psychologie ...........................................................................................................418 Skinners Utopia mit Gottähnlichkeits-Komplex ...................................................419 Mit dem Makroskop den Kosmos verstehen: Piers Anthony .................................431 Menschengötter oder Androidengötter: Lösungen einer metaphysischen Orientierungsaufgabe ............................................................................................434 Wir erschaffen Gott auf unterschiedlichsten Wegen. David Zindells Roman Neverness ..............................................................................................................434 Eine mystische Gottesvorstellung .........................................................................434 Die mathematikphilosophischen Grundlagen: Georg Cantor ................................436 Die Grundkonstellation von Zindells Längerem Gedankenspiel ...........................438 Ein Kosmos auf der Suche nach dem Neugottsein ................................................439 Die Apotheose des Meisterpiloten ........................................................................441 Die Gesetze der Robotik übergreifen das Endliche der Menschheitsgeschichte: Isaac Asimov und der Gasterrorismus der Aum Shinrikyô-Sekte .........................445 Isaac Asimovs Foundation-Zyklus ........................................................................445 Die asimovsche Erlebnistönung der japanischen Aum Shinrikyô-Sekte ...............449 Messiasevolution: Frank Herberts Duneromane ...................................................452 Gaia-Bewusstsein aus Genie, Lava und Internet David Brins literarische Ausgestaltung des New Age-Traums ....................................................................470 Ein Androide schützt vor den wiederkehrenden Toten. Peter F. Hamiltons Armaggedon-Zyklus ..............................................................................................475 Hamiltons Gottesvorstellung .................................................................................475 Die metaphysische Grundkonstellation .................................................................477 Weltanschauungstypen im hamiltonschen Kosmos ...............................................478 Der Einbruch der Seelen aus dem Jenseits ............................................................480 Der Protagonist als Neugott ..................................................................................484 ...................................................486

a. b. 4. V. 1. a. b. c. d. e. 2. a. b. 3. 4. 5. a. b. c. d. e. 6.

SIEBTER HAUPTTEIL

FANTASIEGESCHAFFENE NEOMYTHISCHE GEMEINSCHAFTEN § 22 Religionsförmige Züge im Sciencefiction-Fandom (Star Trek und Star Wars) ............................................................................493 I. II. III.

Das Kingdom der Fans 493 Star Trek-Religiosität ...........494 Die Wirkung der Star Wars-Serie ......................502

INHALTSVERZEICHNIS

11

§ 23 Ouvertüre in Utopia: Literarische Fantasien und sozialistische Gemeinschaftsbildungen in Amerika ....................................................... 509 I. II. 1. 2. 3. III. 1. 2. a. b. IV. 1. 2. 3.

Utopien und Experimentalutopien ........................................................................ 509 Etienne Cabet und die Ikarier ............................................................................... 512 Etienne Cabets Biografie ...................................................................................... 512 Der utopische Roman Reise nach Ikarien ............................................................. 514 Sozialexperiment in klösterlicher Lebensform (1883-1886) ................................. 516 Leben wie Gott in Altruria ................................................................................... 520 Mr Homos erzählt. Die Utopie des William Dean Howells .................................. 520 Mr Payne und Mr Harriman nehmen Mr Homos ernst. Die amerikanischen Altruria-Kolonien und ihre Ausläufer .................................................................. 523 Die Kolonie Altruria ............................................................................................. 523 Die Llano del Rio-Kolonien ................................................................................. 524 Literarisch fundierte Experimente in Brasilien ..................................................... 526 Eine fantasierte Anarchie: Sozialismus in Poggio al Mare .................................. 526 Eine versuchte Anarchie: die Kooperative Cittadella und die Colonia Cecilia .... 528 Ein neuer Versuch: Paranà .................................................................................. 530

§ 24 Der Jungdeutsche Orden auf der Suche nach Värnimöki ................. 533 I.

Die Gründung des JUNGDEUTSCHEN ORDENS aus dem Geiste des Fronterlebnisses .................................................................................................... 533

1. 2. 3.

......................................................................................................... 533 Von der parteiistischen Demokratie zum Volksstaat ............................................ 540 Kosmisch-jungdeutsche Abenteuer schwedischer Kämpen .................................. 542

§ 25 Die unendliche Durchlässigkeit von Realität und Fiktion: Der Scientology-Gründer Lafayette Ronald Hubbard ................................ 556 I. 1. 2. 3. II. III. 1. a. b. 2. 3. 4. IV. 1.

Von der Sciencefiction zum Heilbringer .............................................................. 556 Hubbards Biografie: der historische und der verkündigte Hubbard ...................... 556 Der Einstieg in die Sciencefiction-Szene ............................................................. 559 Der missglückte Kriegsheld wird zum Satanisten ................................................ 567 Sciencefiction und darüber hinaus ........................................................................ 573 Das Jahr 1 AD After Dianetics und die folgenden Jahre ....................................... 582 Dianetics im Kontext ............................................................................................ 582 Vorbilder in der zeitgenössischen Tiefenpsychologie .......................................... 582 ................................................................... 591 Die Scientology wird entwickelt ........................................................................... 594 Ein Menschengötter-Gerät: E-Meter ..................................................................... 595 Erinnerungen an die Ursuppe: Die History of Man .............................................. 596 Übersiedelung nach England und politische Allmachtsfantasien ......................... 602 Dr. Hubbard forscht in Saint Hill Manor ............................................................. 602

12 2. V. 1. 2. 3. 4. VI. 1. 2. 3. 4. a. b. c. VII.

INHALTSVERZEICHNIS

Ethics und GUARDIAN OFFICE ................................................................................605 Meeresabenteuer und letzte Fluchten ....................................................................613 Die Gründung der SEA ORG ..................................................................................613 Der Xenu-Neomythos und die Körper-Thetanen ...................................................619 Zurück in die USA und in die heile Welt der Sciencefiction ................................625 Letzte Rückzüge ....................................................................................................628 Die unfreiwillige Bekenntnisstruktur des letzten Romanwerkes ...........................632 Zur Methode, diesen Roman zu interpretieren ......................................................632 Das abzutragende Schuldenpaket: Lüge und Selbstlüge eines Heilbringerlebens .633 Die Ouvertüre: Kampf um die Erde .......................................................................634 Die Dekalogie Mission Erde Aber ich bemerkte auch, daß ich keinen .............................................................................................636 Eine Satire aber auf was und auf wen? ...............................................................636 Hauptpersonen des Romans ..................................................................................637 Auf zwei Planeten im psychischen Raum der Mission Erde ..............................653 Hubbards gescheiterte Erdmission ........................................................................671

§ 26 Die CHURCH OF ALL WORLDS: Eine Speerspitze des Neopaganismus ...............................................................................................674 1. 2. 3. 4. 5. 6.

Rock around the clock und sei gymnastic ever. Nicht nur jugendliche Aufbrüche in der Nachkriegszeit ...........................................................................674 Robert Anton Heinleins Roman Stranger in a strange Land ................................682 Die Gründung der CHURCH OF ALL WORLDS. Eine Romangestalt begeistet eine Studentengemeinde ...............................................................................................692 Timothy G. Zell und seine Theagenesis ................................................................696 Heimatliche Nester und tiefenökologische Praxisfelder ........................................699 Biografien im Kontext ...........................................................................................701

§ 27 CHAOS CULT OF CTHULHU 33 und andere Kulte des blinden Evolutionsgottes ..............................................................................................704 I. II. III.

Der Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft ........................................................704 Chaos Cult of Cthulhu 33 und andere Kulte des blinden Evolutionsgottes ...........708 Cthulhu als unbewusster Evolutionsgott ...............................................................714

AUSBLICK AUF DEN DRITTEN BAND ..................................................................713 BIOGRAFISCHE INFORMATIONEN ZUM ZWEITEN BAND ............................715 LITERATUR ...................................................................................................................733

Vorwort Endlich kann ich den zweiten Band meiner Kritik der neomythischen Vernunft vorlegen. Das positive Echo auf den ersten Band hat mich in meinem Projekt ermutigt. Ich freue mich, dass dieser Band gerade ins Englische übersetzt wird. Die Liste derer, die mir mit Rat und Tat beim zweiten Band zur Seite gestanden haben, ist lang. Meine Frau Marianne hat mir durch ihre therapeutische Ausbildung neue hermeneutische Dimensionen erschlossen. Zu dieser gegenüber dem ersten Band veränderten hermeneutischen Perspektive hat auch mein Gießener Kollege Prof. Dr. Franz-Josef Bäumer beigetragen. Wesentliche Anregungen zur Begrifflichkeit und zu historischen Fragestellungen erhielt ich durch Prof. Dr. Detlev Dormeyer, Prof. Dr. Peter Hünermann und Prof. Dr. Hermann Schrödter. Kritisch gelesen und viel korrigiert haben die mathematischen Teile Dipl. math. Nico Hauser, Susanne Lenius und mein wissenschaftlicher Mitarbeiter Michael Novian. Meine ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter Esther Diering, die viele Übersetzungen angefertigt hat, Matthias Werner und mein Habilitand Herr Dr. Alexander Seibold haben die Arbeit lange Jahre begleitet. Mein Dank gilt auch Herrn Dr. Christian Kölzer vom Cusanuswerk, der durch eine schöpferische Rezeption des ersten Bandes in seiner anglistischen Dissertation wesentlich auf mich zurückgewirkt hat. Meinen ehemaligen studentischen Hilfskräften Michaela Hahnenbruch-Jandl und Verena Suppinger gilt der Dank für jahrelange geduldige Arbeit im Hintergrund. Meine Sekretärin Frau Edeltraud Kuhl hat den Augiasstall des Manuskriptes ausgemistet und formatiert. Ihr gilt mein besonderer Dank. Eine Widmung wird das Gesamtwerk erst mit dem dritten Band erhalten. Linus Hauser Gießen, den 11.3.2009

Einführung in den zweiten Band: Neomythen-Hermeneutik I.

Übergänge zwischen Science und Fiction in der Nobeletage von Wissenschaft und Technik

Werner Heisenberg (1901-

ur und wird dabei von dem dieses Wort aufgreifenden Martin Heidegger (1889-1976) dergestalt ergänzt, dass dieser Mensch der 2 mehr gegenübertreten könne. Muss man dann sein Wesen neu erfinden? Das neunzehnte Jahrhundert bringt ein tiefes Interesse an fantasiegeschaffenen Orientierungsmustern mit der Idee einer Neuen Mythologie hervor. Das schöpferische Genie solle aus dem Chaos der in die Krise geratenen geistigen Gewalten des Abendlandes (Christentum, klassische Bildung und das Vertrauen in die sich autonom orientierende Vernunft) diese neuen Maßstäbe erschaffen. Im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft habe ich diesen Weg nachgezeichnet. In diesem zweiten Band soll nach den Grundmustern gesucht werden, die in der Nachkriegszeit zu einer immer selbstverständlicheren und immer deutlicher breitenwirksamen Lebensorientierung im Spannungsfeld des Fiktiven führen. Hinzu kommt eine immer stärkere Vermittlung von Hoch- und Populärkultur im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts, aus der sich ergibt, dass die Quellen, aus denen sich das Interesse am Fiktiven speist, oft populärer Natur sind und dass diese auch in die Bildungs- und Wissenschaftseliten hineinwirken. Dieser verschiedenen Denkenicht der eines Alternativradikalismus, der zwei unterschiedliche Bewegungen hervorbringt, sondern er fundiert einen spannungsreichen Standpunkt in den einzelnen Personen3. An drei wichtigen Persönlichkeiten der Wissenschafts- und Technikgeschichte des zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts will ich diese Verbindung von Elite- und Populärkultur im Hinblick auf neomythische Lebensorientierungen deutlich machen, um in die Thematik dieses zweiten Bandes einzuführen. Die aktuelle kulturgeschichtliche und politische Brisanz dieser Verbindung wird im dritten Band deutlich werden, der sich mit den Fiktionen der 1

__________ 1 2 3

Heisenberg, 1955, 17. Heidegger, 1962, 27. Riesebrodt, 2007, 249.

EINFÜHRUNG IN DEN ZWEITEN BAND

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Science. Die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts zwischen Neomythen und Fachrationalität beschäftigen wird. Ich wähle drei Beispiele, die es gemeinsam haben, die Beziehung auf universalgeschichtlich-kosmologische Deutungsmuster im Kontext der Auseinandersetzung mit Raumfahrt und extraterrestrischer Intelligenz im Kontext populärer Weltanschauungen zu spiegeln.

II.

Über die frühen Technokraten eines anderen Planeten : Populäre Weltsichten bei Elitewissenschaftlern

1.

Francis Crick

Francis Harry Compton Crick (1916-2004) ermittelt zusammen mit James Dewey Watson (*1928) 1953 die räumliche Struktur der Desoxyribonukleinsäure und erhält dafür 1962 den Nobelpreis. Im Internet unterschreibt Crick eine Erklärung über das Klonen von Menschen und die Unantastbarkeit der Forschung (Declaration in Defense of Cloning and the Integrity of Scientific Research). ugetieren unterscheiden dass Menschen von einer Gottheit mit einer unsterblichen Seele ausgestattet worden sind, die ihnen einen Wert verleiht, der mit dem anderer reichs. Die menschlichen Fähigkeiten unterscheiden sich graduell und nicht der -Debatte stellt sich daher unmittelbar die Frage: Sind die Verteidiger übernatürlicher oder spiri1 tueller Agendas wirklich qualifiziert, zu dieser Debatte Sinn . Zwar ist Crick kein Däniken-Anhänger, doch publiziert er in einem die Gedanken der ANCIENT ASTRONAUT-SOCIETY repräsentativ vorstellenden Sammelband mit dem Titel Aus den Tiefen des Alls. Handbuch zur Prä-Astronautik. Wissenschaftler auf den Spuren extraterrestrischer Eingriffe (1985), zu dem Erich Anton Paul von Däniken (*1935) ein Nachwort schreibt. Er legt dort seine Idee einer gelenkten Panspermie vor. Auf diese Weise stellt er seine einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse in den weiten Kontext von Universalgeschichte und Kosmologie. Zunächst einmal grenzt sich Crick von der sogenannten Ursuppen-Theorie ab, die davon ausgeht, dass in den frühesten Zeiten flüssiges Wasser und eine gasförmige Atmosphäre gegeben waren, in denen sich Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und einfache Verbindungen dieser Gase untereinander und mit Kohlenstoff befanden. Durch die aus dem Sonnenlicht entspringende Energie sei es zur __________ 1

Zit. nach der Internetveröffentlichung in: http://www.secularhumanism.org/library/fi/cloning_decleration_17_html (Übersetzung L.H.).

EINFÜHRUNG IN DEN ZWEITEN BAND

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Synthetisierung kleiner organischer Verbindungen gekommen, die sich im Wasser lösten und eine solche Ursuppe bildeten. Durch immer kompliziertere Weisen der Reaktion dieser Chemikalien habe sich schrittweise Leben entwickelt. Aus diesem primitivsten Leben seien dann im Verlaufe der Evolution alle komplexeren Formen des Lebens bis hin zum Menschen entstanden. Francis Crick greift hingegen Ideen des schwedischen Physikers und Astronomen Svante Arrhenius (1859-1927) auf, der 1903 den Nobelpreis für Chemie bekam. Für Svante Arrhenius entstand das Leben nicht auf der Erde, sondern wurde durch Mikroorganismen aus dem All auf die Planeten getragen. Svante Arrhenius nennt seine Auffassung die der Panspermie. Francis Crick entwirft auf diesem Hintergrund sein Modell der gelenkten Panspermie. Vom Alter des Kosmos und der Entwicklung der chemischen Elemente her betrachtet, sei es durchaus plausibel, dass sich schon vor langen Milliarden Jahren auf einem fernen Planeten intelligentes Leben entwickelt haben könnte. Dieses intelligente Leben habe dann eines Tages einen Stand von Wissenschaft und 1

seien von der Voraussetzung ausgegangen, dass es viele, für das Leben geeignete Planeten in der Milchstraße gebe. Es handele sich hier um Planeten, die Land und Meere hätten, in denen eine Ursuppe sich entwickeln könne, deren Bestandteile aber von anderen Leben bergenden Planeten kommen müssten. Diese Wesen hätten zugleich gewusst, dass auf ihrem Heimatplaneten das Leben begrenzt sei. Irgendwann würde auch ihr Stern aufhören Energie zu spenden. Um nun ihr Leben weitergeben zu können, hätten sie Mirkoorganismen ihres Planeten auf die weite, kosmische Reise geschickt. Mit unbemannten Raumschiffen, die die Organismen vor extremen Außenbedingunkeime wuchsen und gediehen in der irdischen Ursuppe und entwickelten sich 3 durch die Evolution zu den Arten, wie wir sie heute ken . 2

2.

Josef Blumrich

Josef Blumrich (1913-2002) ist ein berühmter österreichischer Raumfahrtingenieur und Publizist. Er arbeitet für das NATIONAL AERONAUTICS AND SPACE ADMINISTRATION S MARSHALL SPACE FLIGHT CENTER im Forschungsbereich der Saturn V-Rakete, verschiedener Satelliten, der Skylab und des Space Shuttle. Später leitet er bis zu seiner Pensionierung 1974 die ADVANCED STRUCTURAL DEVELOPMENT BRANCH der NASA. Er ist Mitglied des AMERICAN INSTITUTE OF AERONAUTICS AND ASTRONAUTICS, der AMERICAN ASSOCIATION FOR THE __________ 1 2 3

Crick, 1985, 82. Crick, 1985, 83. Crick, 1985, 85.

EINFÜHRUNG IN DEN ZWEITEN BAND

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ADVANCEMENT OF SCIENCE und der AMERICAN ASTRONAUTICAL SOCIETY. Blumrich erhält 1974 die Exceptional Service Medal der NASA. Zugleich ist Blumrich Mitglied der ANCIENT ASTRONAUT SOCIETY, die Erich von Dänikens Theorie fortentwickeln will. Diese Mitgliedschaft verdankt sich einem durch die Lektüre eines Däniken-Buches hervorgerufenen Erweckungserlebnis, das Blumrich im Vorwort zu seinem Buch über Da tat sich der Himmel auf. Die Begegnung des Propheten Ezechiel mit außerirdischer Intelligenz (original: The Spaceships of Ezekiel, 1974) erzählt. 1

R-

INNERUNGEN AN DIE ZUKUNFT . Ich begann diese Lektüre mit der überlegenen Einstellung eines Menschen, der von vornherein weiß, daß die dargebotenen Schlußfolgerungen keinesfalls richtig sein können. Nun zitiert von Däniken aber unter anderem Stellen aus dem Buch Ezechiel, deren unklare technische Angaben er für die Beschreibung eines Raumschiffes hält. Damit berührt er ein Gebiet, mit dem ich sehr vertraut bin, da ich den größten Teil meines beruflichen Lebens mit Konstruktion und Berechnung von Flugzeugen und Raketen zugebracht habe. Ich entschloß mich, diese Aussagen des Propheten zu benutzen, um von Däniken zu widerlegen und die Unhaltbarkeit seiner Behauptungen nachzuweisen. Kaum jemals war eine absolute Niederlage so reich belohnt, so faszinierend und so erfreulich! Huntsville, Alabama, No2 vember1972 Josef F. Blum .

In seiner technizistischen Relecture des alttestamentlichen Ezechielbuches entBeobachtungsgabe beschreibt der Prophet sowohl Konstruktion und Funktion dieses Raumschifftyps wie auch die Lebewesen und Ereignisse, die damit in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Ezechiel beginnt sein Buch mit der Schilderung der Endphase des Fluges eines Raumschiffes aus der Umlaufbahn zur Erde und der darauf folgenden Landung; er begleitet diese Schilderung mit der Beschrei3 bung der wesentlichen Teile d . Im Anschluss an seine Ezechielforschungen meldet Blumrich beim US-Patentamt ein Patent für ein allseitig bewegliches Rad an, von dem er meint, dass er dessen Konstruktionsmuster dem Alten Testament entnommen habe. Durch dieses Wechselspiel zwischen eigener Spezialdisziplin und Fragen des allgemeinen Interesses, woher der Mensch überhaupt komme und was sein Auftrag im Kosmos sei, stellt Blumrich zusammen mit seiner Spezialistenperspektive einen universalen Orientierungsanspruch auf. Kosmische Schicksale des Menschen werden ingenieurwissenschaftlich verstehbar.

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Anmerkung L.H.: Däniken, 1968. Blumrich, 1995, 7. Blumrich, 1995, 11.

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3.

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Frank Tipler

Frank J. Tipler (*1947) lehrt seit 1987 mathematische Physik an der TULANE UNIVERSITY in New Orleans. Er gehört zu den bekanntesten Kosmologen der Welt1. Tipler schreibt 1994 den Bestseller Physik der Unsterblichkeit. Obwohl dieses Buch schwer zu lesen ist, sieht man es im Erscheinungsjahr in deutschen Bahnhofsbuchhandlungen vom Boden her aufgestapelt ausliegen. Fünfzehn Wochen hält es sich auf der Bestsellerliste des SPIEGEL. Tipler erhebt den Anspruch, Wissenschaft und Religion zu versöhnen2. Dies erfordere allerdings einen Paradig3 men werden. Tipler interessiert sich zwar in erster Linie für die Eschatologie, doch weiß er sich auch für die großen Fragen der Menschheit nach Gott, Freiheit, Unsterblichkeit und der Welt im Ganzen zuständig. Diese Grundprobleme der Metaphysik sind für Tipler lösbar, wenn man sie im Bereich der Physik bearbeitet. Beispielsweise könne man zukünftig die Eigenschaften Gottes und die Wahrscheinlichkeit der Auferstehung berechnen wie die Eigenschaften eines Elektrons4. Die allgemeine Auferstehung wird nach Tipler eine Emulation, d.h. eine perfekte Simulation in einem gigantischen göttlichen Quantencomputer sein. Mit Zunahme der Rechen- und Speicherkapazität der Computer in der fernen Zukunft werde es möglich sein, auch Menschen und ganze Universen wieder existieren zu lassen5. Es werde bei dieser Emulation durch den Omegapunkt schließlich auch nicht darauf ankommen, ob ein Mensch oder ein Universum oder eine Parallelwelt n6 . Auch das Mögliche sei als verdickte i Im Blick auf diesen letzten Gesichtspunkt fühlt man sich an Schlegels Wort er 7 sein müsse. Die Erlösung des Kosmos wird nach Tipler die künstlichste aller Erlösungen sein, weil sie nicht nur die realen Endlichkeiten aufhebt, sondern auch fiktive Wesen erlöst. Der Himmel wird auf diese Weise zum postmodernen Panoptikum. Im erlösten tiplerischen Kosmos müssten folgerichtig nicht nur Petrus, Immanuel Kant und alle Menschen, die je gelebt haben, Hosiannah singen, sondern wir könnten dort nicht nur auf den joyceschen Leopold __________ 1 2 3 4 5 6 7

Vgl. dazu Hauser/ Werner, 2003 und Heller, 1994 und den folgenden dritten Band. Tipler, 1994, 13; 29; 30. Tipler Tipler, 1994, 13; 19; 26. Tipler, 1994, 13. Tipler, 1994, 258. Tipler, 1994, 277. Schlegel, II,1/312f.

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Bloom und den homerischen Odysseus sondern auch auf die intelligenzbegabte Micky Maus stoßen, die erlöst Halleluja singend neben Rotkäppchen sitzt nicht zu reden von den Erlösungsinteressierten aus der Menge aller möglichen Welten. Auch bei Tipler finden wir die Vorgehensweise, ausgehend von der eigenen Spezialdisziplin globale Problemzusammenhänge zu erfassen und zu lösen. Wenn wir dieses Muster, gemäß dem Blumrich, Crick und Tipler vorgehen, explizit zu bestimmen versuchen, stoßen wir auf den Komplex einer auf einem Wissenschaftlichen Weltbild basierenden Wissenschaftlichen Weltanschauung, die zu Religionsförmigen Neomythen führt.

III. Wissenschaftliches Weltbild und Wissenschaftliche Weltanschauung 1. Diese Einführung will über die schon im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft hinaus explizierten Grundbegriffe (Weltanschauung, Religionsförmige Religiosität, Religion, Mythos und Neomythos, metaphysische Orientierungsaufgaben, Wissenschaftsvertrauen, Wissenschaftsglaube und wissenschaftsfundierte Technik) einige weitere verstehensleitende Begriffe explizieren, die für diesen zweiten und den dritten Band relevant sind. An den drei eben vorgestellten Beispielen kann man erkennen, dass hier erstens der Ausgangspunkt der jeweiligen weltanschaulichen Orientierung in der eigenen wissenschaftlichen Disziplin zu finden ist. Zugleich ist zweitens zu bemerken, dass mit diesem Standpunkt die eigene Disziplin zugunsten einer umfassenderen Wirklichkeitsdeutung verlassen wird, die aber dem Gedankenstil 1 der eigenen Disziplin entsprechen. Um diese beiden Elemente disziplintranszendierender Stellungnahmen begrifflich zu fassen, will ich hier die Begriffe Wissenschaftliches Weltbild und Wissenschaftliche Weltanschauung einführen. Um dies zu leisten, setze ich bei dem schon dargestellten Begriff der Weltanschauung an. Im ersten Band hatte ich ausgeführt 2: Die Weltanschauung eines Menschen ist sein nie ganz explizit gestalteter und auch nie ganz in sich schlüssiger, also prinzipiell spannungsreicher Verstehenshorizont von Wirklichkeit, der durch eine je-individuelle Aneignung von Tradition in persönlichen Erfahrungen das Verhalten eines Menschen ausrichtet. In diesem Verstehenshorizont liegt sein Selbst- und __________ 1

Ich orientiere mich hier an Ludwik Flecks Terminologie. Jeder Begriff ist nach Fleck von geprägt. e-

2

Vgl. dazu Hauser, Bd.1/32-44.

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Weltverständnis als der Feststellung von Endlichkeit und dem zugleich damit gegebenen Streben nach der Aufhebung von Endlichkeit. Eine Weltanschauung ist spannungsreich, weil sie im Hinblick auf ihre Verstehensleistung immer unvollständig und lückenhaft, nie ganz konsistent und immer auch teilweise unreflektiert ist. Darüber hinaus eignet der Weltanschauung eine weitere innere Spannung. Sie ist Explizit ergriffene Lebensorientierung und zugleich ein Längeres Gedankenspiel, durch die sie Ausdruck menschlicher Selbstgestaltung wird, damit zeitlich offen ist und somit weiter auch eine oft lange Kulturelle Inkubationszeit haben kann, bis das, was Vordenker und Protagonisten eines experimentellen Lebens in neuen Sinnhorizonten versucht haben, eine gewisse Allgemeinheit erlangt. Der Begriff der Weltanschauung ist ein komplexer Begriff, der, wie die Begriffsgeschichte 1 besitzt. Es wird sich zeigen, dass dieser Begriff sowohl eine spannungsreiche objektivierende und zugleich eine subjektivierende Schattierung ebenso kennt als auch eine Beziehung auf erfahrungswissenschaftliche Erkenntnis einerseits und den Gedanken eines Grenzbegrifflichen, als Zielpunkt von gesicherter und zugleich aus individueller Problembestimmtheit heraus gewachsener Erkenntnis. Der Begriff der Weltanschauung erhält in der Goethezeit, zwischen 1800 und 1830, seine entscheidende Prägung. Als Neologismus nachweisbar ist er 1790, ein Jahr nach dem Beginn der Französischen Revolution2, und zeigt schon damit, dass er der Moderne verhaftet ist. Es gehört zur Gestalt dieses Begriffes wesentlich das Bewusstsein der epochalen Möglichkeit, dass sich das Individuum hinsichtlich seiner Meinungen, Neigungen und seines Geschmacks3 in einer von allen anderen Individuen abgegrenzten Weise selbst verstehen könne. Das Orientierung bildende System der Sitte, aus der heraus etwas vermeint, erstrebt oder für schön gehalten wird, verliert im durch rapide Modernisierungsschübe ausgelösten Individualisierungsprozess4 seine Verbindlichkeit. Das Individuum beginnt autonom und aus seiner Individualität heraus über das ihm sachhaltig scheinende Wahre, Gute und Schöne zu urteilen. Dieser vermeinten autonomen Selbsthaftigkeit im Urteilen entspricht die Intention auf feste Orientierungspunkte, die in dreierlei Hinsichten auftauchen. Die persönliche Einzelmeinung, die nicht mehr im sittegemäßen Rückbezug auf die Tradition eingeordnet und geregelt werden kann, wird erstens zu einem persönlichen Meinungsbündel5, einer durch persönliche Entscheidung hervorgerufenen individuellen Gesamtansicht6 zusammengefasst, die den Entstehungsrahmen für eine persönliche Weltanschauung bildet. Die Weltanschauung kann damit einerseits nicht notwendig Allgemeinheit verlangen und andererseits kann

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Meier, 1967, 159. An dieser Untersuchung orientiere ich mich im Folgenden im Hinblick auf die Begriffsgeschichte. Wenn nicht anders vermerkt, habe ich alle Belegstellen überprüft. Die systematischen Perspektiven stehen im Kontext meiner eigenen kulturgeschichtlichen Reflexionen. Vgl. weiter Thomé, 1972-2007, Bd. 12, Sp. 453-460 und Stock, 2003, 536-611. Meier, 1967, 66. Vgl. dazu Hauser, Bd. 1/158-164. Vgl. dazu ausführlich weiter unten § 15 II. Meier, 1967, 67. Meier, 1967, 68.

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1 sungsganzes in den Rang einer Totalität erho . Zweitens sucht das weltanschauliche Denken eine neue, nicht mehr durch die Tradition und die Sitte unvermittelt gegebene Gemeinschaftlichkeit in Weltanschauungsvereinen und versucht sich drittens seines Wahrheitscharakters durch den Bezug auf die zeitgenössischen Leitwissenschaften zu versichern. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entfalten sich diese drei Bestimmungen. Der Neologismus Weltanschauung stammt von Immanuel Kant (1774-1804). Kant verwendet das Wort einmal in der Kritik der Urteilskraft2 (1790). Weltanschauung steht hier im Kontext von Reflexionen über die Anschauung der Erscheinungswelt in ihrer Totalität im Blick auf den Grenzbegriff einer menschlich nicht möglichen übersinnlich(en)3 intellektuellen Anschauung4. In Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre5 (1796) etwa und unter Bezug auf diesen in Reflexionen Friedrich von Hardenbergs (Pseudonym: Novalis, 1772-1801) dient der Weltanschauungsbegriff analog zu dem der transzendentalen Anschauung als Grenzbegriff aller endlichen Erkenntnis und steht damit, wie auch Friedrich Wilhelm Joseph von Schellings (1775-1854) oder Johann Paul Friedrich Richters (Pseudonym: Jean Paul, 1763-1825) Weltanschauungsbegriffe, die diese mit den Leistungen des Genies in Verbindung bringen, im romantischen Denkstil. Als Basis seines Begriffs spricht Schelling in seinem Beitrag Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie. Für Vorlesungen (1799) von 6 7 t . 8 sei. Im System des transzendentalen Idealismus (1800) wird der objektive Aspekt an 9 stehe. Der Geograph Carl Ritter (1779-1859) gehört zu den Autoren, die 1808 den Weltanschauungsbegriff deutlich an die Wissenschaftssphäre binden. Die Weltanschauung sei das objektive Moment des eigenen Selbstfindungsprozesses. Die Selbstanschauung diene dem Innewerden der eigenen Subjektivität, die Weltanschauung diene der Integration empirinschauung im 10 . Entfaltet wird ein derartiges Konzept im fünfzigsten Paragrafen der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1830) Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831), der 11 spricht, die man im Denken überschreite. Erstmals wird der Weltanschauungsbegriff 1827 Teil eines Buchtitels. Karl Friedrich Eusebius Trahndorff (1782-1863) schreibt eine Aesthetik oder Lehre von der Weltanschauung und Kunst, der sich seitdem zweitausend weitere Weltanschauungstitel anschließen12.

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Meier, 1967, 68. Kant, 5/255. Kant, 5/254. Vgl. dazu Hauser, Bd. 1/§ 8. Vgl. dazu Fichte, III/18. Schelling, 1975, 182. Schelling, 1975, 265. Schelling, 1975, 265. Schelling, 1975, 543. Ritter, zit. nach Meier, 1967, 101. Hegel, 1970, 8/131. Meier, 1967, 142.

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In den folgenden Jahrzehnten zerklüftet die oben als zum Bedeutungsfeld des Weltanschauungsbegriffs gehörig angegebene Spannung zwischen Subjektivem und Objektivem, faktischen Wissensstand und universaler Wahrheitsintention die Verwendung des Begriffs. Alexander von Humboldt (1769-1859) betont das objektive Moment. Weltanschauung sei die Darstellung der Kosmostheorie im Ganzen einschließlich der Schilderung ihres Zustandekommens und Ausgestaltetwerdens in der Menschheitsgeschichte. Weltanschauung ner umfassenden Weltbeschreibung dient, 1 die das Ganze der Naturzu . Ein deutlich subjektives und zukünftig ausbaubares Element kommt mit Ludwig Knapps (1821-1858) System der Rechtsphilosophie (1857) zum Tragen. Weltanschauung wird hier 2 begriffen. Mit dieser in kosmische Dimensionen ausbaubaren Ahnung tritt das Irrationale in den Horizont des Weltanschauungse3 , der sich kein Mensch entziehen könne und die, über Religion und Philosophie stehend, die Weltgeschichte lenke. Wenn die Weltanschauung als Weltenlenkerin begriffen wird, dann kann seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aus der ahnenden Meinung bald ein ahnendes Tun werden, das sich in der Aktion einerseits ihrer Gewissheit versichert und andererseits erst die Weltanschauung als eigenen Willensakt zumindest mitkonstituiert4. Weltanschauung wird dann zur Gesinnung, deren Wahrheit die des individuellen Subjekts ist, die sich dann aber im Verlauf der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts zum sektiererischen Bekenntnis entfalten kann. Die Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919 sieht dieser Mentalität geFreiheit der Vereinigung zu Religionsgesellschaften 5 schaftliche Pflege einer Weltanschauung zur Aufgabe ma . durch die Ansprüche des Marxismus auf eine wissenschaftliche materialistische Weltanschauung (DiaMat) und durch die Erinnerung an eine nationalsozialistische völkische Weltanschauung belastet. Das begriffliche Problem eines Schwankens moderner Orientierungssuche zwischen Objektivem und in tatkräftigem Gehorsam umgesetztem Geahntem bleibt aber bestehen.

Ein wichtiges Element im weltanschaulichen Kontext meldet sich, wie schon zu sehen war, mit der wissenschaftsfundierten Technik. Ihr entspricht die spezifische Wissenschaftsorientierung des modernen Weltanschauungsbegriffs und des durch ihn angezielten Phänomens, die es notwendig machen, zunächst den Begriff des Wissenschaftlichen Weltbildes und später den der Wissenschaftlichen Weltanschauung im Kontext des Weltanschauungsbegriffs einzuführen.

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Meier, 1967, 166. Knapp, zit. nach Meier. 1967, 168. Knapp, zit. nach Meier, 1967, 169. Vgl. dazu Meiers (1967, 174-176) treffende Ausführungen. Zit. nach dem Verfassungstext in: www.dhm.de/lemo/html/dokumente/verfassung/.

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2.

Das Wissenschaftliche Weltbild

Bruno Hans Bürgel (1875-1948), deutscher Astronom und einer der meistgelesenen astronomischen Populärschriftsteller seiner Zeit, publiziert 1932 ein Buch mit dem Titel Die Weltanschauung des modernen Menschen, das ansonsten unverändert 1937 unter dem Titel Das Weltbild des modernen Menschen erscheint. Schon dieses Schwanken im Titel zeigt die Verwandtschaft beider Begriffe bzw. Termini und die Wichtigkeit einer Unterscheidung. Im Vorspruch formuliert Bürgel sein dem Untertitel des Buches Das All Die Erde Der Mensch Der Sinn des Lebens entsprechendes Anliegen. Im Bewusstsein des unvollständigen und an sich zu wenig den Stand und die Differenziertheit der modernen Wissenschaften werden, das kaum noch überblickbare Wissen unserer Zeit über Makrokosmos und Mikrokosmos, über das All und die Erde, über die Entwicklung unseres Planeten, über das Leben, über die Rätsel, die den Menschen umgeben, in einer Gesamt-Schau dem interessierten 1 Laien nahezubrin . Betrachtet man sich die Kapitelfolge, so bemerkt man einen thematischen Bruch. Makrokosmos, Mikrokosmos und die Naturgeschichte des Kosmos bis zum Auftauchen des Menschen und seiner Geschichte werden zunächst behandelt. Am Ende des Buches findet sich dann als erstes der beiden Kapitel mit einer Neuausrichtung die Frage nach dem Welträtsel, der sich dann eine persönliche Antwort des Autors über den Sinn des Lebens und unsere Aufgabe anschließt. Bürgels Antwort ist in diesem Jahre vier der Herrschaft des Nationalsozialismus humanistisch und immanentistisch. Nach dem Hinweis auf das Problem, wie sich der Einzelne anhand der Größe des Kosmos noch wertschätzen könne, gibt Bürgel Menschen, die Höhenwege suchen, sind Kameraden. Kulturwille ist das Entscheiden 2. Wir sehen hier eine wichtige Zweiteilung der Gedankenführung. Zunächst eine an den empirischen Erkenntnissen der Wissenschaften seiner Zeit orientierte Zusammenschau und im zweiten Schritt eine Interpretation derselben auf dem Hintergrund des eigenen Standpunktes. Die Unterscheidung eines Wissenschaftlichen Weltbildes von einer Wissenschaftlichen Weltanschauung verweist auf ein Verhältnis der Darstellung von faktischem wissenschaftlichem Wissen und deren (weltanschaulicher) Interpretation.

Das Wissenschaftliche Weltbild, mit dessen Erörterung ich hier beginnen will, ist ein unhintergehbares Element der Weltanschauung des Menschen der Moderne. Wie die Weltanschauung überhaupt ist es ebenfalls nie ganz explizit gestaltet und auch nie ganz in sich schlüssig. Analog zu allen weltanschaulichen Orientierungsweisen wird es ebenso als fester, gesicherter Standpunkt des wissenschaftlichen Wissens und zugleich als Längeres Gedankenspiel über heilsame oder unheilvolle zukünftige Wirkungen von Wissenschaft und Technik vollzogen. Die Möglichkeit ein Wissenschaftliches Weltbild zu haben entsteht mit der Moderne. Zwar hatten immer schon seit Platon die Wissenschaften auch ein Legitimati__________ 1 2

Bürgel, 1937, 9. Bürgel, 1937, 249.

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onsproblem, das ihnen auferlegte, eine eigene narrative Legitimation wissenschaftlicher Erkenntnis zu suchen s1 aufzubauen. Auf diese Weise wird dieses Wissen wenn ich hier Wilhelm Schapp (1884-1965) zitieren darf 2 . Doch wird erst in der Moderne die wissenschaftsfundierte Technik zu einer wesentlichen Lebensinstanz. Im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft habe ich ausgeführt, wie ungefähr ab 1830 die durch Philosophen verfasste spekulative Naturphilosophie durch Schriften über ein Wissenschaftliches Weltbild bzw. eine Wissenschaftliche Weltanschauung abgelöst wird, die durch Wissenschaftspopularisatoren oder auch zum Teil durch hoch anerkannte Wissenschaftler verfasst werden. Aber auch diejenigen, die kein Buch zum Thema lesen, kommen nicht um die Notwendigkeit herum, sich ein Wissenschaftliches Weltbild zu verfertigen. Alle Menschen, die irgend mit wissenschaftsfundierter Technik, mit zumindest popularisierten Informationen über wissenschaftliche Erkenntnisse und mit Wissenschaftsgläubigkeit konfrontiert werden, erarbeiten sich ein Wissenschaftliches Weltbild. Ein Wissenschaftliches Weltbild zu haben ist kein Privileg gebildeter Schichten es ist nur unterschiedlich fundiert und differenziert und unterschiedlich explizit thematisch. Ein Wissenschaftliches Weltbild hat ein Mensch auch dann, wenn er sich keine thematischen Gedanken über Gehalte und Lebensbedeutung der Wissenschaften macht. Das Wissenschaftliche Weltbild eines Menschen ist die Summe alles dessen, was dieser erstens als Informationen über die Wissenschaften und über das, was er für wissenschaftliche Erkenntnisse hält, erinnern kann, wenn er sich danach fragt oder fragen würde und zweitens deren Ordnungsmuster. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Wissenschaften (oder auch nicht selten emphatisch die Wissenschaft) hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit richtig eingeschätzt werden oder ob beispielsweise zweifelhafte parawissenschaftliche Erkenntnisse als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisbestände betrachtet werden. Die Para- oder auch Pseudowissenschaften nehmen für sich die wissenschaftlichen Erkenntnisweisen in Anspruch ohne dies einzulösen. Ihre Hypothesen und Theorien sind entweder nicht überprüfbar und/oder ermangeln äußerer Widerspruchsfreiheit. Beispiele für Parawissenschaften sind die Präastronautik Erich von Dänikens, die UFOlogie und die Parapsychologie. Zugeordnet sind dem Interessenfeld des Parawissenschaftlichen einzelne paratechnologische Projekte wie zum Beispiel die Paramedizin, Wünschelrutenlaufen, Astrologie und Wahrsagen3. In den Esoterikregalen der Buchhandlungen kann man meterweise entsprechende Bücher finden. Von großer Bedeutung sind für die Akzeptanz der Parawissenschaften Fernsehsendungen, wie etwa Rainer Holbes (*1940) Sendereihen Unglaubliche Geschichten

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Lyotard, 1986, 89. Schapp, 1959, 180. Kritisch zu Schapp: Scholz, 2004. Vgl. dazu Mahner, 1999, 228-230.

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und Phantastische Phänomene. Zu realitätsnah verfilmten paranormalen Phänomen werden hier scheinbar naturwissenschaftliche Erklärungen gesucht. In seinem mit der Fernsehreihe gleichnamigen Buch über phantastische Phänomene geht Holbe dann auf deutlichere Distanz zu an ihn herangetragenen esoterischen Glaubensinteressen1, trägt aber auf jeden Fall zur Gestaltung einschlägiger Wissenschaftlicher Weltbilder bei.

Es geht bei dieser Bestimmung des Begriffs des Wissenschaftlichen Weltbildes nicht um die Frage des Bewusstseins objektiver wissenschaftlicher Wahrheiten, sondern um das faktische Bewusstsein des einzelnen Menschen, der der Ansicht ist, etwas über die Wissenschaft(-en) wirklich, d.h. standpunktunabhängig zu wissen sogar wenn, im Extremfall, dieses Wissen im Ganzen für den außenstehenden Betrachter schief oder willkürlich fantasiert ist. Unter einem Wissenschaftlichen Weltbild will ich deshalb im Folgenden verstehen: Das Wissenschaftliche Weltbild eines Menschen ist sein als standpunktunabhängiges vermeintes Wissen über die Wissenschaften im Allgemeinen, einzelne wissenschaftliche Erkenntnisse und eine Beurteilung ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Bedeutung. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Wissenschaften und deren Erkenntnisse sachgemäß eingeschätzt oder ob zweifelhafte parawissenschaftliche Erkenntnisse als wissenschaftlich gesicherte Wissensbestände betrachtet werden. Das Wissenschaftliche Weltbild ist, weil unsere Kultur wesentlich durch die wissenschaftsfundierte Technik bestimmt wird, ein unhintergehbares Element der Weltanschauung des Menschen der Moderne und deshalb nie ganz explizit gestaltet und auch nie ganz in sich schlüssig. Ebenso wird es, wie alle Elemente der Weltanschauung, als gesichertes Wissen und zugleich als Längeres Gedankenspiel über die Zukunftsbedeutung von Wissenschaft und Technik vollzogen. Das Wissenschaftliche Weltbild ruft eine Stellungnahme hervor, weil die vermeinte Standpunktunabhängigkeit zu seinen Elementen gehört. Das Wissenschaftliche Weltbild verlangt nach einer Interpretation. Eine Weise der Interpretation führt zu dem Standpunkt, der sich oft selbst als Wissenschaftliche Weltanschauung bezeichnet. Dieser Bezug auf eine Stellungnahme gilt prinzipiell schon in der Antike, wiewohl die ganze Brisanz des Themas erst in den letzten zwei Jahrhunderten aufgeht. Ungefähr aus dem letzten Drittel des zweiten vorchristlichen Jahrtausends stammt das babylonische Weltschöpfungslied enuma elisch. Marduk, der König der Götter, hat das o2 in vorgeschriebene Bahnen gelenkt worden. Die Macht über die

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Vgl. Holbe, 1993, 232f. Albani, 2000, 65.

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Sterne ist dabei Marduks entscheidendes Kriterium für seine Königsfähigkeit. Nachdem die Götterversammlung Marduk zum Herrscher des Universums gemacht haben, testet sie ihn: Auslöschen und Wiederherstellung. Durch dein Wort laß das Sternbild verschwinden, mit einem zweiten Befehl Er gab den Befehl, und das Sternbild verschwand, mit einem zweiten Befehl kam das Sternbild wieder ins Sein. Als seine göttlichen Väter (das Ergebnis) seiner Äußerung sahen,

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2 s kommt nur am Rande zur Sprache die weltanschauliche Interpretation, die das enuma elisch hier implizit vornimmt und religionsgeschichtlich wirksam macht, ist die Entpersona 3 einheit führt. Mit dem Weltbild der babylonischen Wissenschaft setzt sich einer der Autoren der Genesis auseinander. Wenn dieser Schriftsteller im achten vorchristlichen Jahrhundert seinen erschaffen lässt, die an der Wölbung des Himmels hängen4, dann betreibt er ebenfalls mit den Maßstäben des Wissenschaftlichen Weltbildes seiner Zeit, unter Bezug auf die babylonische Astronomie einen Entmythologisierungsprozess, der dieses Weltbild in den Kontext seiner Weltanschauung stellt. Die alten Gestirnsgötter werden durch diese funktionale Interpretation entmachtet zugunsten des Gottes Elohim damit wird ein Weg hin zum jüdischen Monotheismus des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts5 geebnet. Ein Wissenschaftliches Weltbild wird interpretiert.

Stellungnahme zum als objektiv vermeinten Wissenschaftlichen Weltbild bedeutet Interpretation dieses vermeinten Wissens. Jeder Mensch, der mit moderner Wissenschaft und Technik in Kontakt kommt, ist unvermeidlich darauf bezogen, eine Stellungnahme zur Bedeutung der wissenschaftlichen Welt abzugeben. Es gibt die verschiedensten Formen einer solchen Interpretation, die hier nicht einzeln thematisiert werden müssen. Im Gegensatz zum Wissenschaftlichen Weltbild hat nicht jeder Mensch eine Wissenschaftliche Weltanschauung. Es gibt auch andere Weisen, sein Wissenschaftliches Weltbild in seinen weltanschaulichen Kontext zu integrieren. __________ 1 2 3 4 5

Das enuma elisch, zit. nach Albani, 2000, 53. Albani, 2000, 67 und vgl. auch 161f. Albani, 2000, 53. Gen 1,14-18. Jes 41,21-29 und Jes 44,6-8; vgl. das spätere Kapitel 4 in Dtn und für die späte alttestamentliche Zeit unter hellenistischem Einfluss Weish 13-15.

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Karl Barths (1886-1968) dialektische Theologie bedarf bereichsbezogen als Theologie keines weiteren Bezuges auf den Erkenntnisstand der modernen Wissenschaften. Karl Barths Wissenschaftliches Weltbild spielt für die innere Ausgestaltung seines Gedankensystems keine Rolle wenn man von der Vermutung absieht, dass die dialektische Theologie in dieser Hinsicht eine Defensivbewegung auch gegen den modernen wissenschaftlirühmten Kommentar zum Römer nie und nirgends anders aufzutreten, denn als Nebel über einem Sumpfgelände. Woher der Nebel? Was bleibt beharrlich, wenn der Nebel sich verzieht? Wir brauchen nicht zu ant1 wor . Diese Passage verwendet die gleiche Metaphorik wie einige Jahre später Sir Karl Raimund Popper (1902-1994) in seiner Logik der Forschung (1934), wenn er von der empirischen Basis der Wissenschaft als einem Sumpfland2 spricht. Wir werden im achtzehnten Paragrafen sehen, dass es von der Sumpfland-Behauptung zur Erkenntnisverzweiflung nicht weit ist.

Uns interessiert hier nur diejenige Interpretation des Wissenschaftlichen Weltbildes, die durch die Wissenschaftliche Weltanschauung vorgenommen wird.

3.

Die Wissenschaftliche Weltanschauung

Die Bestimmung des Begriffs der Wissenschaftlichen Weltanschauung ergibt sich auf dem Hintergrund der vorangegangenen Beschreibung des Wissenschaftlichen Weltbildes. Die Wissenschaftliche Weltanschauung ist eine spezifische Interpretation des als standpunktunabhängig vermeinten Wissenschaftlichen Weltbildes. Die Wissenschaftliche Weltanschauung vertritt die Auffassung, dass eine/die Wissenschaft/-en die großen menschheitlichen Fragen einer Beantwortung zuführen könnte(-n). Sie ist oft von dem Bewusstsein begleitet, die einzig wahre Interpretation des Wissenschaftlichen Weltbildes einer Zeit zu sein und ebenso durch den Hang geprägt, ihre Erklärungskraft als Ansatzpunkt für die Lösung vieler/aller menschlichen Lebensprobleme anzusehen. Mit diesem Wahrheitsbewusstsein (dem Explizit ergriffenen Standpunkt) ist bei der Wissenschaftlichen Weltanschauung manchmal die Vorstellung einer Zukunft gegeben, in der sich diese Wissenschaftliche Weltanschauung immer mehr bewahrheitet und Zustimmung findet, sich ausbreitet und der Menschheit oder einer bestimmten Gruppe zum Wohle gereicht (Längeres Gedankenspiel). Weil die Wissenschaftliche Weltanschauung nicht nur einen ein explizit ergriffenen Standpunkt des Fürwahrhaltens der eigenen Auslegung des Wissenschaftli__________ 1 2

Barth, 1924, 296. Popper, LdF/76.

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chen Weltbildes darstellt, sondern zugleich einen Zukunftsentwurf mit sich führt, also ein Längeres Gedankenspiel beinhaltet, ist derjenige, der sich auf den Standpunkt einer Wissenschaftlichen Weltanschauung stellt, angewiesen auf Spielmaterial für gedankliche Entwürfe, die mit dem Ernst des Spiels entwickelt werden. Woher bezieht er sie? Das Spielmaterial für den Gedankenspieler kann eng an die Realität angeschmiegt gefunden werden, es kann aber auch nahezu komplett aus dem Reich des Fiktiven stammen. Des Weiteren ist zu fragen, aus welchem thematischen oder unthematischen Selbstverständnis heraus der Gedankenspieler tätig wird. Ist der Gedankenspieler sich der Grenzen seiner Gedanken angesichts einer widerständigen Realität bewusst oder lebt er einfach nur in Allmachtsfantasien verdrängte Ohnmachtserfahrungen aus?

IV. Fantasiegeschaffene Kolportage als Methode der Wissenschaftlichen Weltanschauung auf dem religionsförmigen Niveau 1.

Was ist eine Kolportage?

Im Blick auf den speziellen Typ wissenschaftlicher Weltanschauung, den ich untersuchen möchte, die religionsförmigen Wissenschaftlichen Weltanschauungen, will ich hier den Begriff der Fantasiegeschaffenen Kolportage einführen. Beginnen wir mit dem Begriff der Kolportage. Der Terminus Kolportage hat seinen Ursprung im Kontext der Literaturgeschichte1. Kolportageliteratur sind nicht im ortsfesten Ladenlokal gehandelte Druckschriften (französisch: col = Hals und porter = tragen). Kolporteure verkaufen im 19. Jahrhundert diese Schriften an der Haustür. Typisch für die Kolportageliteratur ist der abonnierbare, oft äußerst umfangreiche Lieferungsroman. Ein Kolportageroman muss eine einfache, viele Fortsetzungen ermöglichende Handlung haben, die den Spannungsbogen von Heft zu Heft neu aufbaut und nie zerstört.

Ein idealer Kolportageroman bindet den Leser durch Handlungsstränge, die in allen Erdteilen und auf allen sozialen und moralischen Niveaus spielen und oft weite sowie so dass der Lesende an einem großen Welttheater teilzunehmen scheint, das zugleich durch ein Happy End, durch Belohnung der Guten und Bestrafung der Bösen und durch eine Aufklärung aller am Anfang bestehenden Geheimnisse ein Grandioses Verstehen von Verhältnissen schafft, die am Anfang des Romans als vollkommen undurchschaubar erschienen. __________ 1

Vgl. zur ursprünglichen Verwendung Klein, 1969, 148 und Wollschläger, 1976, 67.

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Ich führe hier den Terminus Grandioses Verstehen ein. Seine Bedeutung wird sich im Verlauf des zweiten und dritten Bandes dieser Kritik der neomythischen Vernunft immer deutlicher zeigen. Ich weise an dieser Stelle nur darauf hin, dass ich diesen Begriff auch im kritischen Blick auf den weiter unten zu behandelnden postmodernen Philosophen JeanFrançois Lyotard (1924-1998) und die postmoderne Philosophie im Allgemeinen bilde, die die Kolportage unter dem Stichwort individueller Intertextualität zum Habitus und zur Denkmethode erheben. In dieser Hinsicht kann man von der ein grandioses Verstehen ermöglichenden Kolportage auch von einer Einfachen Form sprechen. Es gibt so schreibt Jolles 1929 Einfache Formen die in Verbindung mit einer am Dasein im Ganzen interessierten Geistesbeschäftigung gesehen werden müssen. Form gehört, hat nur innerhalb dieser Form Gültigkeit. Die Welt einer Einfachen Form ist nur in sich gültig, in sich bündig; sobald wir etwas aus dieser Welt herausnehmen und in eine andere Welt herübertragen, verliert es seine Zugehörigkeit zu seinem bisherigen Kreise 1 .

Darüber hinaus redet man heute von Kolportage als literarischem Verfahren. Eine derartige Kolportage versucht, ein literarisches Genre auf eine nicht genretypische Aussage zuzuspitzen. Sie bedient sich grundsätzlich aus mehreren Werken, um deren bislang nur unterschwellig wahrgenommene gemeinsame Aussage herauszuarbeiten und dann frei umzugestalten. Indem sie aus mehreren Werken bislang unthematische Gemeinsamkeiten herauszieht und ans Licht hebt, schafft sie einen neuen Blick auf eine literarische Realität. In einer noch weitergehenden Bedeutung meint Kolportage eine ungesicherte Nachricht, deren Verbreitung dem Ausstreuen von Gerüchten entspricht. Eine gute Kolportage kann das Bewusstsein schaffen, dass es solche Wirklichkeiten gibt, die sie heraushebt und kann ihre Rezipienten faszinieren. Es ist dann so, wie wenn höchster weltzugewandter und in die tiefsten Tiefen unserer Wirklichkeit blickender Realismus und Märchen eine Verbindung eingehen. Diese Verzauberung ist in der Kolportage aber nur schöner Schein. Wer dies durchschaut, hat nicht nur ein geschärftes Wahrheitsbewusstsein, sondern er erlebt auch das prinzipiell auch kathartisch interpretierbare Gefühl einer Enttäuschung, weil man die Einladung zu einem reizvollen Längeren Gedankenspiel durch einen bewussten Erkenntnis- und Willensakt ausschlägt. Manche Menschen tendieren aber dazu, ihre religionsförmigen Bedürfnisse im Erkennen, ihre Geneigtheit im Erkennen nicht endlich zu sein, durch die Kolportage zu befriedigen. Sie durchschauen nicht den schönen Schein, wollen ihn vielleicht nicht durchschauen und gehen von der Voraussetzung aus, dass sie Erkenntnisse, vielleicht sogar ein Geheimwissen besäßen, das ihnen den wahren Urgrund unserer Wirklichkeit erschlösse. Wir werden sehen, dass sich diese Sehnsüchte in __________ 1

Jolles 62.

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der Moderne gern mit erfahrungswissenschaftlicher Orientierung im Berufsleben verbinden. Wenn ich diese unterschiedlichen Bestimmungen im Begriffsfeld der Kolportage in einer Gesamtschau zusammenfasse, dann ergibt sich als Ausgangspunkt für meine hermeneutischen Interessen: Eine Kolportage ist ein Längeres Gedankenspiel, das aus unterschiedlichen Werken oder Wirklichkeitsbereichen einen bisher ungewohnten und fremdartigen Aspekt (Kolportagetopos) herausarbeitet, durch den das Verstehen neue und oft faszinierende Maßstäbe angeboten bekommt, die zu einer Entscheidung über deren Triftigkeit herausfordern. Eine Wissenschaftsförmige Kolportage verabsolutiert unter dem Schein erfahrungswissenschaftlicher Grundlegung Maßstäbe einer speziellen Disziplin und/ oder auch mehrer aktueller Leitwissenschaften, findet in diesen ihren Kolportagetopos und deutet aus diesem die Teilbereiche des Lebens oder auch der Wirklichkeit im Ganzen. An dieser Stelle kann ich auf das Begriffselement fantasiegeschaffen im Begriff der Fantasiegeschaffenen Kolportage Bezug nehmen, das ich unter Bezug auf meine Reflexionen zum philosophisch-ätiologischen Ursprung des Mythos im ersten Band der Kritik der neomythischen Vernunft und sodann im Ausgang von Giambattista Vico (1668-1744) erörtern will.

2.

Fantasiegeschaffene Allgemeinbegriffe im Ausgang von Giambattista Vico

Im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft habe ich im Anschluss an Hans Blumenberg (1920-1996) ausgeführt, dass zum Begriff des Anfangs von Menschsein die Verbindung des Absolutismus der Wirklichkeit mit dem der Angst (Blumenberg) gehört. Absolutismus der Wirklichkeit bedeutet, dass der Mensch in keiner Weise am Beginn seines Menschseins über die Bedingungen seiner Wirklichkeit verfügt. Er ist hineingeschleudert in einen Kosmos von Unbegreiflichkeiten, die begriffen werden müssen, damit nicht aus prinzipiell jeder Richtung Todbringendes kommen kann. Als Angst wird die Reaktion auf dieses zunächst ganz unbestimmte Chaos von Gefahren begriffen. Am philosophisch-ätiologischen Uranfang ängstigt der Angst Furcht werden zu lassen. Benennbares, einzelnes Furchterregendes wird aus der Vielfalt der Wirklichkeit ausgesondert, damit der Rest der Wirklichkeit nicht mehr bedrohlich ist, sondern verfügbar wird. In mythischer Selbstorientierung kann so das Angsterregende zum Furchterweckenden werden, so seines global bedrohlichen Charakters verlustig gehen und handhabbar gemacht werden. Der

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Mensch bebildert die Welt mit Furchterweckendem und zugleich damit mit Mächten, die das Furchterweckende zu bewältigen helfen. Durch das magische Nennen von Gefährdendem wird die Angst überwunden und das Gefährdende in der Furcht durch seine Benennung beherrschbar. Zum Wesen der mit dem archaischen Bewusstsein in Verbindung gebrachten Magie gehört die Allmacht der Gedanken (Freud). 1

und wird im affektgela

nte 2

.

Durch den Mythos wird die Welt verlässlicher und es kann im Mythos darüber nachgesonnen werden, wie mächtig Menschen werden können, weil sich hier die Bewältigung der Angst durch die Einbindung der Furcht und des ihr entspringenden Mutes zur Selbst- und Weltgestaltung zeigen. Auf diese Weise sind die Poesie des Übermenschlichen und die Furcht vor den Auswirkungen der eigenen Machtlosigkeit im Mythos miteinander verflochten. Die mythologische Apperzeption3, das heißt die symbolische Nacherzählung der Welt in der Form des Mythos durch die Fantasie4, hat nach Rudolf Otto (18691937) ihre Grundlage in der Kontrastharmonie5 zweier grundlegender Elemente am Numinosem, dem Heiligen. Die durch die Angst aufgedeckte radikale Endlichkeit des Menschen wird zunächst erfahren als grundgelegt durch etwas Schauervolles, Übermächtiges und Energisches. So erscheint das Heilige als Mysterium tremendum in schlechthinnige(r) Unnahbarkeit6 und in der Form einer schlechthinnige(n) Übergewalt7. Die Menschenwirklichkeit erweckt ein absolute(s) Befremden8 und das Bewusstsein der schonungslosen Ausgeliefertheit. Auf der anderen Seite hat das Heilige aber auch das Moment der majestas9. In ndes, das nun mit dem abdrängenden Momente des tremendum in eine seltsame 10 Kontrastharmo . Das Mysterium tremendum wird auch als hinreißend, als verlockend und als reizvoll und damit als fascinans erfahren. Beide Aspekte des Numinosen reizen die Fantasie, sie zu bebildern. __________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Zucker, 1948, 56. Zucker, 1948, 56. Otto, 1963, 16. Otto, 1963, 16. Otto, 1963, 56. Otto, 1963, 22. Otto, 1963, 22. Otto, 1963, 30. Otto, 1963, 42. Otto, 1963, 42.

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In einer solchen Reflexionstradition stehen auch einige Aspekte von Giambattista Vicos Geschichtsphilosophie und Hermeneutik. Vico1 begründet seine Philosophie auf die durch ihn angenommenen anthropologischen Grundbestimmtheiten, 2 schlössen h, der an jeder Hilfe der Natur 3 , sehne sich nach etwas Höherem, r . die mit ausgesuchteren Zeremonien und mit geheiligteren Feiern begangen werden als Re4 5 den, L.H.) als die drei ersten Prinzipien unserer Wissen .

r, die allen Menschen eine Wahrnehmungs- und eine Reflexionsfähigkeit gegeben hätte, durch die sie ihre radikale Endlichkeit und die Geneigtheit zu deren Überwindung im Kontext von Gottesvorstellungen artikulieren konnten, sodass lferufen an die Natur nach etwas der Natur Überlegenem verlangten, das sie erret7 . In dieser Not komme es zu poetischen Leistungen einer natürlichen Theologie, die zu fantasiegeschaffenen Allgemeinbegriffen8 führe, in denen die Geborgenheit durch das Göttliche ausdrücklich gemacht werde. 6

Jupiter ist für Vico das göttliche Symbol, das am Anfang aller menschheitlichen Fragen 9 . Jupiter sei paradigmatisch fantasiegeschaffener Allgemeinbegriff, worauf alle Weissagungsangelegenheiten von den heidnischen Völkern zurückgeführt wurden, die folglich 10 ihrer Natur nach alle poetisch gewesen sein müs .

Vicos Geschichts- und Religionsphilosophie und ihre metaphysischen Prämissen müssen hier nicht diskutiert werden. Den Gedanken einer Selbstorientierung durch fantasiegeschaffene Allgemeinbegriffe am Anfang einer kollektiven Problemsituation möchte ich allerdings zum Ausgangspunkt einer Reflexion auf das Thema des zweiten Bandes der Kritik der neomythischen Vernunft nehmen. __________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Vgl. dazu Berlin, 1992, 3-98 und Burke, 1987. Vico, 1981, 31. Vico, 1981, 36. Vico, 1981, 31. Vico, 1981, 31. Vico, 1981, 56. Vico, 1981, 56f. Vico, 1981, 53f. Vico, 1981, 52. Vico, 1981, 53f.

EINFÜHRUNG IN DEN ZWEITEN BAND

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3.

Das Thema des zweiten Bandes: Ausgestaltungen der fantasiegeschaffenen Wissenschaftskolportage seit dem Zweiten Weltkrieg

Im ersten Band habe ich dargelegt, dass in der Zeit ab 1800 mit der wissenschaftsfundierten Technik eine Technologie in die Menschheitsgeschichte eintritt, die die Natur in ihren inneren Grundlagen umgestaltet. Es ergibt sich die drängende Frage, wie die Menschen mit dem humanen und mit dem zerstörerischen Potential dieses neuen Schöpfertums umgehen werden. Das Problem der metaphysischen Orientierungsaufgaben der Moderne, für welches symbolisch die Namen Nicolaus Kopernikus (1473-1543), Charles Darwin (1809-1882), Sigmund Freud (1856-1939) und die literarische Figur Dr. Frankenstein stehen, verschärft diese Fragwürdigkeit des modernen Daseins. Zugleich geraten wie schon oben angesprochen die geistigen Gewalten des Abendlandes, das Christentum, die klassischen Bildungsstandards und der Glaube an die Vernunft in eine tiefe Krise. Eine Wissensexplosion bringt die in Einzeldisziplinen zerklüftete Wissenschaftsvernunft hervor. Die Philosophie scheint sich für viele Gebildete diesem Prozess einfach anzuschließen und mit in diesen Sog zu geraten. Entsprechend taucht der Gedanke an ein neues Modell ganzheitlicher kognitiver Selbstorientierung auf, die es ermögliche, einen übergreifenden Standpunkt einzunehmen. Diesem Bedürfnis entspricht auch die Konzeption einer Wissenschaftlichen Weltanschauung. Zugleich haben wir gesehen, dass zu den begrifflichen Möglichkeiten einer Wissenschaftlichen Weltanschauung das Kolportagemoment gehört, durch das unter dem Schein erfahrungswissenschaftlicher Grundlegung Maßstäbe einer speziellen Disziplin und/oder auch mehrerer aktueller Leitwissenschaften verabsolutiert werden können. In der Wissenschaftlichen Weltanschauung findet sich ein Kolportagetopos, durch den wichtige Bereiche des Lebens oder auch die Wirklichkeit im Ganzen deutbar werden. Der hypothetische Charakter aller wissenschaftlichen Bemühungen und die methodische Beschränkung auf einzelne Wirklichkeitsbereiche werden dabei fallen gelassen. Indem die Wissenschaftliche Weltanschauung in sich die Möglichkeit birgt, zur Wissenschaftsförmigen Kolportage zu werden, erscheint ein Aspekt an ihr in neuem Licht. Mit ihrem Absolutheitsanspruch vertritt die Wissenschaftliche Weltanschauung oft nicht nur die Auffassung, dass eine/die Wissenschaft/-en die großen menschheitlichen Fragen einer Beantwortung zuführen könnte/n, sondern dass ihre Erklärungskraft als Ansatzpunkt für die Lösung vieler/aller menschlicher Lebensprobleme anzusehen sei. Die Wissenschaftliche Weltanschauung wird auf diese Weise zu einem Artikulationsort des modernen Wissenschaftsglaubens1. Damit ergibt sich zugleich die Vorstellung einer Zukunft, in der sich diese Wissenschaftliche Weltanschauung immer mehr bewahrheitet, Zustimmung findet, sich __________ 1

Vgl. dazu Hauser, Bd. 1/101.

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ausbreitet und der Menschheit oder einer bestimmten Gruppe zum Wohle gereicht. Diese Zukunft wird in Längeren Gedankenspielen ausbaubar, die zu einer Inspirationsquelle nicht nur für den Gedankenspieler, sondern auch für andere Menschen und dabei auch für andere Wissenschaftler werden können. Ein Spezialfall dieser Art von Wissenschaftskolportage sind ihre religionsförmigen neomythischen Ausgestaltungen. Sie allein sind in diesem zweiten Band relevant. Der Darstellung, wie diese der Wissenschaftlichen Weltanschauung inhärente Möglichkeit, zur Fantasiegeschaffenen Neomythischen Wissenschaftskolportage zu werden, seit dem Zweiten Weltkrieg verwirklicht wird, dient der zweite Band. Der dritte Band wird zeigen, wie diese Längeren Gedankenspiele über eine Aufhebung der menschlichen Endlichkeit durch Menschen oder andere endliche vernünftige Wesen aus dem Reich des Fiktiven und Gemeindeförmigen in den Bereich der modernen Wissenschaft überführt und zu Fiktionen der Science werden.

4.

Zur Methode der Darstellung: Eine Erinnerung an Hegels Phänomenologie des Geistes

Das Leitprinzip, gemäß dem sich der Aufbau der Argumentation im zweiten und im dritten Band gliedert, ist durch Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831) Phänomenologie des Geistes inspiriert1. Die Gliederung und damit der argumentative Aufbau dieses zweiten Bandes folgen in freier Aufnahme einer methodologischen und epistemologischen Idee Hegels, der bei seiner Darstellung drei Bewusstseinsstandpunkte unterscheidet. Hegels Denkweg in der Phänomenologie des Geistes ist die Rekonstruktion des Denkweges eines philosophierenden Subjekts, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts seines Lebens in einem umfassenden Sinne zu begreifen, indem es sein Denken, 2 sein Verhältnis zur Natur und seinen Stand als einen schrittweise sich erhellenden Weg der Selbsterfahrung darstellt. In der späteren Wissenschaft der Logik von 1812 schreibt Hegel: Wissenschaft, indem sie die Denkbestimmungen, die überhaupt unseren Geist instinktartig und bewußtlos durchziehen und, selbst indem sie in die Sprache hereintreten, ungegenständlich, unbeachtet bleiben, abgehandelt, auch die Rekonstruktion derjenigen sein, welche durch die Reflexion herausgehoben und von ihr als subjektive, an dem Stoff und Gehalt 3 . Hegel geht es also um die Rekonstruktion von Denkbestimmungen, die dem dargestellten Stoff nicht äußerlich sein sollen, sondern diesen aus sich heraus zum Sprechen bringen sollen.

__________ 1

2 3

Ich lese Hegels Phänomenologie (Hegel, 1952) im Kontext der Interpretation von Heinrichs, 1974, darüber hinaus war mir bes. Gniosdorsch, 1994 hilfreich. Gniosdorsch, 1994, 5. Hegel, 1981, 30.

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Die hermeneutische Struktur des Hegelschen Werkes setzt drei Bewusstseinsinstanzen und -standpunkte1 voraus. Es sind der Standpunkt des Autors, des Lesers und der Standpunkt des jeweiligen Natürlichen Bewußtseins (Hegel), d.h. der untersuchte Standpunkt. Die unterschiedlichen Standpunkte sind dabei so verknüpft, dass der vorangegangene Standpunkt zugleich auch ein Inhalt des neuen Standpunktes auf einem neuen Niveau ist. Auf diese Weise wird der alte Standpunkt in einer denkerischen Bewegung zugleich negiert und bewahrt. Hegel fasst beide Schritte, erste und zweite Negation, unter dem Terminus bestimmte Negation zusammen. Eine bestimmte Erlebnistönung des vorangegangenen Standpunktes wird negiert und zugleich werden andere inhaltliche Aspekte übernommen. Bei Hegel gibt es entsprechend eine Logizität2 auf drei Ebenen: Es gibt erstens die innere Logik der jeweiligen Bewusstseinsgegenstände (an 3 sich (für sich), also für den Autor und den Leser, die sich zum einen auf die beschriebenen Bewusstseinsgestalten als ganze richtet und zum anderen auf den Kontext, in dem sich diese Bewusstseinsgestalten entfalten und zum dritten die reine Logik der Wissenschaft (an und für sich), die Logik hinter dem Bewußtsein4, die der Autor sich erarbeitet hat. Diesem hermeneutischen Prinzip fühlt sich der zweite Band verpflichtet, ohne die universalistische Tendenz Hegels zu übernehmen. Der Standpunkt des neoestellt, ausführlich illustriert und begrifflich gefasst. Zugriff als fundiert in unserer alltäglichen Lebenssphäre. Im vierten Hauptteil des dreibändigen Gesamtprojektes wird entsprechend nach der Religionsförmigkeit des Konsumismus und der Leistungskultur gefragt, denn die Konsum- und Leistungsgesellschaft bildet den kollektiven Nährboden, auf dem sich die neomythische Vernunft heute entfaltet. Im ersten Paragrafen (§ 15) dieses vierten Hauptteils wird herausgearbeitet, dass es eine Erlebnisform der Moderne gibt, die primär empfindungsorientiert ist. Diese wird unter dem Terminus Welt-Impressionismus von der nachmetaphysischen Erkenntnistheorie Ernst Machs (1838-1916) und der impressionistischen Farbtheorie her eingeführt und dann im zweiten Schritt (§ 16) vom Subjektverständnis des modernen Marketing her als wichtige heutige Erlebnisweise nachgewiesen. Der Empfindungsorientierung des idealen Konsumenten entspricht eine Allmachtsfantasie im Leistungssektor, der sich der siebzehnte Paragraf widmet. Im achtzehnten Paragrafen über Die Religionsförmigkeit der Konsum- und Leistungskultur werden die vorangegangen Ergebnisse gebündelt und auf den moder__________ 1 2 3 4

Heinrichs, 1974, 13. Heinrichs, 1974, 41. Heinrichs, 1974, 41. Aus Notizen Hegels, abgedruckt in: Hegel, 1952, 578.

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nen abendländischen Reinkarnationsglauben bezogen, der den Spannungsreichtum einer konsum- und leistungsorientierten Lebensform zu kompensieren sucht. Der gesellschaftlichen Empfindungsorientierung entspricht ein erkenntnistheoretischer Skeptizismus, der nicht nur einen relativistischen Standpunkt hinsichtlich der alltäglichen Erkenntnisfähigkeiten mit sich führen kann, sondern darüber hinaus auch einen grundlegenden Zweifel an der epistemologischen Dignität der modernen Erfahrungswissenschaften mitbegründet (fünfter Hauptteil). Die positivistische und neopositivistische Wissenschaftstheorie, die Vernunftverzweiflung Theodor Wiesengrund Adornos (1903-1969) und die postmoderne Philosophie, die am Beispiel Jean-François Lyotards (1924-1998) und der postmodernen Rezeption der modernen Physik und Mathematik expliziert wird, sind Musterbeispiele dieser postromantischen Engführung des Vernunftbegriffes. Mit Paul Feyerabend (1924-1994) und Charles Hoy Fort (1874-1932) wird dann der explizite Weg zu einem Anything-goes-Bewusstsein dargestellt. Dabei erscheinen die beiden Autoren als Extrempole einer relativistischen Denkfigur, die im Sich-Stellen der Situation (Fort) sowie im Sich-Entziehen und in einem neuen Fundamentalismus (Feyerabend) ergriffen wird. Wissenschaftliches Bewusstsein, weltanschauliche Interessen und der Verzicht auf ein theoretisches Wahrheitsbewusstsein weisen den Weg zur Wissenschaftsförmigen Kolportage. Mit diesen beiden Momenten, der Konsum- und Leistungskultur und dem erkenntnistheoretischen Relativismus ist die Basis skizziert, von der aus, aufbauend auf Denkfiguren des 19. Jahrhunderts und der Vorkriegszeit, die neomythische Vernunft unserer Zeit sich dann inhaltlich entfaltet. Auf dem ersten, sie spezifisch betreffenden Entfaltungsniveau, stellt sich unser Natürliches Bewusstsein als Handlungsträger Längerer technologischer Gedankenspiele dar, die im Bewusstsein der Fiktionalität derselben Entlastung im Kontext der Metaphysischen Orientierungsaufgaben der Moderne und der zerbrechenden Geistigen Gewalten des Abendlandes schaffen wollen. Im Sechsten Hauptteil wird deshalb die moderne Sciencefiction dargestellt, die wie wir im dritten Band sehen werden den Themenhorizont vieler erfahrungswissenschaftlicher Forschungsprogramme und ihrer neomythischen Prämissen absteckt. Auf dieser ersten Stufe der neomythischen Vernunft des 20. und 21. Jahrhunderts erscheint das natürliche Bewusstsein fiktionalen Sphären verhaftet und auf sie beschränkt. Den Übergang von dem einen Standpunkt zum anderen bilden die Fangemeinschaften des Fandoms, in denen sich die Rezeption von Sciencefictionfilmen mit kultischem Freizeitvergnügen verknüpft. Wie in Hegels Darstellung verknüpfe ich vom Standpunkt des Autors und des ische schen Vernunft ist mit der vorangehenden so verknüpft, dass der vorangegangene Standpunkt zugleich auch ein Inhalt des neuen Standpunktes auf einem neuen Niveau ist. Auf diese Weise wird der alte Standpunkt in einer dialektischen Bewe-

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gung zugleich negiert und bewahrt. Dieses Verhältnis von Negation und Bewahrung zeigt sich in der Gründung religionsförmiger Gemeinschaften aus dem Geiste der Fantasie von Experimentalutopisten und Sciencefictionautoren. Der fiktionale Charakter der utopischen und Sciencefictionromane wird bewahrt, doch der unverbindliche Standpunkt des sich kleine Fluchten erlaubenden Lesers wird negiert. Das Fiktionale bekommt durch die Gründung von utopischen Siedlungsexperimenten und institutionalisierten Sciencefictionkirchen eine neue existenzielle Relevanz. Das ganze Leben wird auf ein Längeres Gedankenspiel begründet. Auch hier kann wieder an Schlegels Wort erinnert werden, dass die zukünftige 1 neue Mytho sein müsse und dass diese an die Stelle der tradierten Mythologie und Religion treten werde. Schon die Experimentalutopien des 19. Jahrhunderts, die exemplarisch an einigen amerikanischen Gruppen erörtert werden, zeigen das Bewusstsein, dass etwas Fiktives wie Ikarien oder Altruria oder auch der völkische Geist des JUNGDEUTSCHEN ORDENS, durch den Ordensgründer auf ferne Planeten verlegt, existenzielle Bedeutung erlangen und Grundlage für ein Experiment mit dem eigenen Leben werden kann. Im 20. und 21. Jahrhundert kommt es zur Gründung und zum Ausbau von realen neomythischen Kultgemeinschaften auf der Basis von Sciencefictionromanen. Dem wird anhand des JUNGDEUTSCHEN ORDENS, der Ursprünge der CHURCH OF SCIENTOLOGY, der CHURCH OF ALL WORLDS und der CTHULHU-Kulte nachgegangen werden. Wenn die neomythische Vernunft hier als natürliches Bewusstsein in phänomenologischen Entfaltungsschritten betrachtet wird, so ist der nächste Standpunkt wieder geprägt durch eine doppelte Negationsweise. Die religionsförmigen technologischen Fantasien und der Gesichtspunkt der Gründung neomythischer Kultgemeinschaften werden bewahrt, doch die in diesen Gemeinschaften nur implizite Orientierung am Wissenschaftsglauben wird negiert. Zum eigentlichen Movens dieser neuen Gemeinschaften wird die Orientierung an einer wissenschaftsfundierten kosmischen Geschichte und Kultur. Dabei gibt es zwei Anwege. Der eine führt über die weltanschauliche Interpretation erfahrungswissenschaftlicher Ergebnisse. Anhand heutiger Leitwissenschaften wird dieser Strang im dritten Band verfolgt werden. Zur Veranschaulichung der Relevanz dieser weltanschaulichen Interpretationen habe ich an den Beginn des ersten und des zweiten Bandes jeweils drei Beispiele gestellt. Die Erörterung dieser neomythischen Tendenzen innerhalb der heutigen Leitwissenschaften wird den Hauptteil das dritten Bandes beanspruchen. Die wissenschaftlichen Paradigmen unserer Zeit bieten nämlich einen idealen Zugang für die Versuche eines grandiosen Verstehens. Was scheint näher zu liegen, als den Weg zur Weltformel über die Physik, die Selbstorganisation, ihrer der Neuronen und Gene __________ 1

Schlegel, II,1/312f.

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zu suchen. Empirisches und metaphysisch scheinendes Kosmisches bieten hier für viele Menschen eine ideale Verbindung an. Zugleich werden wir auf einen zweiten Anweg vom parawissenschaftlichen Argumentieren her stoßen. Dieser Anweg wird durch die präastronautische Theorie, deren bekanntester Vertreter Erich von Däniken ist, dargestellt werden. Das Schema, in dem sich Elitewissenschaft und Parawissenschaft treffen, stammt aus dem mittelmeerisch-abendländischen Kulturbereich. Inklusive aller gnostischen und manichäischen Varianten formt sich hier das Bild einer schematischen Bestimmtheit dieser Neomythen als Ausdrucksform eines vermittels der modernen wissenschaftsfundierten Technik global wirksam werdenden Christentums der Endlichkeit. Deshalb bildet eine entsprechende Erörterung der Schema bildenden Ursprünge der fantasiegeschaffenen Kolportage des neomythischen Denkens den Abschluss dieser einführenden Abschnitte. Dieser hier vorliegende zweite Band konfrontiert zwar mit seltsamen und doch nicht nur weit verbreiteten, sondern auch wenn man an die im dritten Band darzustellenden High Tech-Eliten denkt wirkmächtigen Denkfiguren. Eine kurze Skizze zur abendländischen Bestimmtheit dieser Neomythen als Ausdrucksform eines Christentums der Endlichkeit1 soll diesen einführenden Abschnitt beschließen. In ihm soll einer der schemabildenden Ursprünge der fantasiegeschaffenen Kolportage erörtert werden, von dem neomythisches Denken zehrt.

V. Neomythos und Christentum der Endlichkeit 1.

Blick zurück auf Kant: Von den geschichtlichen Zügen eines transzendentalen Schemas

Jeder Begriff solle reinen Vernunft Ge

so schreibt Kant 1784 in der zweiten Auflage der Kritik der

. Reine Verstandesbegriffe seien nicht einfach mit 3 vergleichbar. Es entspreche ihnen keine (sinnliche) Anschauung. Kant fragt danach, wie es gedacht werden könne, dass eine Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen möglich sei. Dazu müsse eine vermittelnde Erkenntnisdimension angenommen werden, die er ch intellektuell, ande2

__________ 1

2 3

Diesen Titel habe ich Frau Zaccagnini als Titel für ihre bei Peter Probst und mir entstandene Dissertation (Zaccagnini, 2003) vorgeschlagen. Gerne übernehme ich ihn und stelle ihn in einen weiteren Kontext. Kant, 3/134 (B/176). Kant, 3/134 (B/176).

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1 rerseits . Kant bezeichnet dieses Vermittlung Leistende als das transzendentale Schema dieses Verstandesbegriffes. Es lägen unseren reinen sinnlichen Begriffen ni stände, sondern Schemata zum Grun 2. Das Schema eines reinen Verstandesbegriffs kann Kant letztlich nur metaphogriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und ist ein transzendentales Produkt der Einbildungskraft, welches die Bestimmung des inneren Sinnes überhaupt, nach Bedingungen ihrer Form, (der Zeit,) in Ansehung aller Vorstellungen, betrifft, sofern diese der Einheit der Apperzeption gemäß a priori in einem Begriff 3 zu . Das transzendentale Schema ist für Kant Symbol der Schnittstelle zwischen dem Kategorialen und dem Realitätsansich, das letztlich nicht mehr begrifflich erörtert, sondern nur als Grenzbegriff der Möglichkeit subjektiv-objektiver Erkenntnis überhaupt angesetzt werden muss. Es geht um die Symbolisierung der Beziehung zwischen der sinnlichen Anschauung und einem reinen Verstandesbegriff, durch dessen Verzeitlichung in einem individuellen Subjekt und dessen postuliern4 5

vorgestellt werden.

sbegriffe das, was einer Empfindung überhaupt korrespondiert; dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff ein Nichtsein (in der Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider geschieht 6 also in dem Unterschie . n7

.

Mit der Idee einer transzendentalen Schematisierung, einer transzendentalen Verzeitlichung von Verstandesbegriffen ergibt sich der Gedanke an eine transzendentalgeschichtliche Prägung dieses Schemas, das den reinen Kategorien epochale und kulturgeschichtlich/ -räumliche Dimensionen gibt8.

__________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Kant, 3/134 (B/177). Kant, 3/136 (B/180). Kant, 3/136 (B/181). Rohs, 1976, 101. Baumanns, 1997, 533. Kant, 3/137 (B/182). Kant, 3/137 (B/182). Vg. dazu im Ausgang von Heidegger meine Untersuchung: Hauser, 1984 und Heidegger, 1965.

EINFÜHRUNG IN DEN ZWEITEN BAND

2.

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Das Christentum der Endlichkeit: Heideggers schematisiertes Christentumsbild

Durch Martin Heideggers Vorlesung Einführung in die Phänomenologie der Religion (WS 1920/21) kann man nicht nur ein neues Kapitel in der Erforschung von Sein und Zeit (1927) aufschlagen, sondern auch systematisch weiterführende hermeneutische Anregungen von Heidegger erhalten. Ein Schlüsselbegriff seiner religionsphänomenologischen Vorlesung ist der der faktischen Lebenserfahrung, der si lziehe. Interessant ist für meinen Kontext, dass dieser hermeneutische Grundbegriff für Heidegger einen inneren Bezug auf christliche Gehalte besitzt, da es hier m.E. um das spezifisch abendländische Bekümmertsein über die eigene radikale Endlichkeit geht. Sein semantischer Bereich ist ein Verstehensmuster christlicher Provenienz, das aus dem ursprünglichen Selbstvollzug des christlichen Glaubens genommen und von Heidegger in den Rahmen einer ontologischen Beschreibung dessen gestellt wird, was Heidegger als faktisches Leben versteht1. 2 des Bewusstseins der eigenen Erlösungsbedürftigkeit und der Konversion zum christlichen Standpunkt. Dieses Christentum der Endlichkeit interessiert Heidegger eher von seiner präsentischen Dimension her. Die Verlagerung von Kategorien aus dem Bereich des Christlichen in den des Transzendentalontologischen ist typisch für Heideggers Methode in der religionsphänomenologischen Vorlesung. Heidegger rekonstruiert das Selbstbewusstsein des wie ich meine spezifisch abendländischen/ religiösen Subjekts und schwankt gleichsam zwischen der Rolle des religiösen Akteurs und des Phänomenologen, wie sich auch anhand der Heideggerschen Vorlesung über Die philosophischen Grundlagen der mittelalterlichen Mystik (WS 1918/1919) zeigen lässt. Auf den Zusammenhang des Heideggerschen Ansatzes mit den liberalen Theologien Ernst Troeltschs (1865-1923) und Adolf von Harnacks (1851-1930), die das Wesen des christlichen Glaubens im Ausgang von Rekonstruktionen einer wesentlichen oder urchristlichen Glaubenserfahrung gegenüber allen dogmengeschichtlichen Überlagerungen zu erarbeiten versuchen, gehe ich hier nicht ein. Heidegger bringt die Probleme der liberalen Theologie in deutlichster Form auf den Begriff.

Heidegger geht es bei seiner Interpretation urchristlicher Erfahrungsdimensionen um die Enthüllung der Geschichte des Menschen und ihres Sinnes in seiner unaustauschbaren Individualität. Sie erfassen nach Heidegger den Kern von __________ 1 2

Vgl. dazu Zaccagnini, 2003. Heidegger, 1995, 95.

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menschlichen Selbstvollzügen überhaupt. Die urchristliche Lebenserfahrung 1 rt von Erfahrung zum Vor . Deshalb dürfe man in der Bearbeitung der paulinischen Theologie nicht einzelne Begriffe historisch orientiert herauspicken oder eine systematische Theologie erarbeiten, sondern man müsse die dort enthaltene religiöse Grunderfahrung2 herausstellen. Wenn sich beispielsweise Aurelius Augustinus (354-430) ganz Gott anvertraue, so sei dies unthematisch der Vollzug einer transzendentalanthropologischen Bestimmtheit unter dem Maßstab einer bestimmten der spätantik-neuplatonischchristlichen Interpretation, die für Heidegger keine eigene philosophische Relevanz besitzt. In Augustins Bekenntnissen findet Heidegger Reflexionen über das, was später mit den Begriffen eigentlich uneigentlich und der Möglichkeit des Verfallens an das Man in Sein und Zeit eine große Bedeutung haben wird. Bekümmerung um das Sein seiner selbst. Es kommt auf das Selbst an, es ist wichtig lbst aus im Wie seines eigensten Seins die radikale Mög 3 . Die grundlegende Erfahrung in der urchristlichen Glaubenserfahrung, die durch die christliche Interpretation nicht verdeckt werden kann, ist die der eigenen radikalen Endlichkeit. diese selbst vollzugsgeschichtlich faktisch , sind alle in dieser Problematik aufzudeckenden Sinnexplikate Existenzialien, d.h. forma voll4 zugsgeschichtlich hermeneutische . Wenn die urchristliche Erfahrungsweise als anthropologische Grundbestimmtheit gefasst wird, werden einige schwerwiegende Voraussetzungen eingegangen. Zum Ersten wird die abendländische Kulturregion transzendentalontologisch absolut gesetzt. Alle menschlichen Subjekte könnten prinzipiell abendländisch verstanden werden. So wäre und dies entspricht dem Bild, das die mit Heideggers religionsphänomenologischer Vorlesung zeitgenössische Forschung vom Buddhismus entwirft dieser e5 zu bearbeiten. irpretationslosen Sich-Selbst in seiner radikalen Endlichkeit mehr als nur rekonstruktiv-reflexiv zur Kenntnis nehmen kann gerade die Diskussion über Heideggers zwiespältiges Verhältnis zum Nationalsozialismus und seine Hitlerbewunderung

__________ 1 2 3 4 5

Zaccagnini, 2003, 188. Heidegger, 1995, 75. Heidegger, 1995, 245. Heidegger, 1995, 232. Schmidt-Leukel, 1992, 66.

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als weltanschaulichen Ausflug in braune Untiefen stellen diese Frage auch an Heidegger persönlich1.

Interessant für den hermeneutischen Kontext dieser Kritik der neomythischen Vernunft ist Heideggers durch ein Christentum der Endlichkeit geprägter Zugang zur christlichen Tradition, weil er den Prozess der Ablösung von christlichen Interpretationen unserer Wirklichkeit unter Beibehaltung der formalen Anzeige, des christlichen Verstehensschemas zeigt: im Sinne einer geschichtlichen Transzendentalität des abendländischen Verstehensschemas eines Christentums der Endlichkeit. Das Christentum der Endlichkeit ist ein von den ursprünglichen Glaubenssituationen abgelöstes Selbstverstehen, in dem es um die spezifisch abendländische Wei fisch abendländische Weise geht, sich seiner radikalen Endlichkeit bewusst zu werden und dieses Bewusstsein in den unterschiedlichsten Spielarten zu leben. Eine dieser Spielarten des Christentums der Endlichkeit ist der Religionsförmige Neomythos, den ich im ersten Band als ein präsentatives Symbolisieren von menschlicher Endlichkeit ohne Akzeptanz ihrer Radikalität und im Bewusstsein der realen Aufhebung derselben durch das Handeln des Menschen oder anderer innerkosmischer Vollzüge bestimmt habe. Damit wird letzten Endes auch wenn manche Neomythen dies selbst nicht konsequent durchspielen die Existenz eines radikal transzendenten metaphysischen Absoluten bestritten. Mit diesem Interpretament ist es möglich, die im folgenden dargestellten neomythischen Denkfiguren, mit ihrem Patchwork aus apokalyptischen, gnostischen und volkstümlichen katholischen oder protestantischen Versatzstücken zu verstehen. Gerade der Patchworkcharakter des Neomythos verweist auf das oft willkürliche Schematisieren der Religionsförmigen Neomythen, die, noch im Stadium einer Suchenden Neomythologie, weit von einer neuen abendländisch-globalen Weltanschauungsgestalt entfernt sind. Den Beginn in der Darstellung der Neomythen der Beruhigten Endlichkeit macht nun zunächst die Beruhigte Endlichkeit der abendländisch-globalen Konsum- und Leistungskultur, die ihr Christentum der Endlichkeit weitgehend auf dem Niveau des Unthematischlassens der eigenen Erlösungsbedürftigkeit hält.

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Farias, 1989 und Müller, 1988, 206. Max Müller (1906-1994) hat mir 1976 bei einem Gespräch in München ausführlich von Heideggers bis zum Ende des Nationalsozialismus dauernder Hitlerfaszination erzählt.

Band 2 Neomythen der beruhigten Endlichkeit. 1945 bis heute

Vierter Hauptteil: Die Religionsförmigkeit des Konsumismus und der Neue Mensch der Leistungskultur § 15 I.

Wissenschaftlich isolierte Empfindungen: Wissenschaftstheorie und Impressionismus Von der Romantik zum Marketing

Im ersten Band der Kritik der neomythischen Vernunft habe ich am Beispiel der deutschen romantischen Philosophie dargelegt, dass sich mit der Moderne ein neues Vernunftverständnis ankündigt, das dem Universalitätsanspruch der Vernunft den Weg zu einem Primat des Ästhetischen bahnt. Die überlieferten geistigen Gewalten des Abendlandes, philosophische Reflexion, kirchlich gebundener christlicher Glaube und klassische griechisch-römische Bildung werden als nicht mehr tragfähig erlebt. Vernunft als Dimension übergreifender Lebensorientierung wird aus einer Perspektive ästhetisch orientierter Selbstkonstitution im Kontext neuer Mythologien betrachtbar. Spätere neomythische Engführungen sind in diesem gewandelten Vernunftverständnis prinzipiell, aber nicht notwendig, angelegt. Die neue Mythologie wird dabei nicht mehr als kosmisch eingefügt, durch eine Schöpfungsordnung, und traditional vorgegeben, sondern als individuelle Kunstgestalt verstanden. Für die Konzeption solcher fantasiegeschaffener Kunstwerke sei das Genie zuständig. Das weltanschauliche und psychische Chaos, mit dem sich der Romantiker konfrontiert sieht und das er bewältigen zu müssen glaubt, ist zwar zum einen das Resultat der in die Krise geratenen geistigen Gewalten des Abendlandes. Es wird für viele zum anderen aber auch das Chaos, das dem Chaoswasser des ersten Kapitels der Genesis gleicht, über dem der schöpferische Geist Gottes schwebt und dessen ordnende Tat nun dem Genie auferlegt ist, das 1 produktiv zu stellen vermag. Der an klassischen Bildungsgütern interessierte Leser wird diese Situation auf den engeren Bereich der Hochkultur und der Produktionen von Bildungseliten beschränken. Die Komponisten Richard Wagner (1813-1883) und Alexander Skrjabin (1872-1915) sind mögliche Beispiele, die sich dann einfallen können. Intensiv stößt Richard Wagner die Idee einer Kunstreligion politisch und ideengeschichtlich an2. Reinheit der Kunst will er als Unmittelbarkeit einer wahrhaftigen Begeg-

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Frühwald, 1996, 11. Vgl. etwa Hirsbrunner, 1996, 241ff.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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nung zwischen Werk und Publikum verstanden wissen. Sie wird für Wagner zum Kriterium für das wahre Kunstwerk. Deshalb wird für ihn das ästhetische Urteil zum moralischen: Das Gute in der Kunst will er mit dem moralisch Guten gleichgesetzt wissen. Im 19. Jahrhundert prägt man für diese Verschränkung von Ästhetik und Religion den Begriff der Kunstreligion. Wagners Ringen um die künstlerisch autonome Neuschöpfung des Mythos in der Musik führt ihn zu der Idee des Gesamtkunstwerks. Die geistige Situation einer neuen Mythologie, die Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel (1772-1829) in seinen Reflexionen über die neue Mythologie voraussetzt, die Verschränkung von Kunst und Religion in der Perspektive einer genialischen Schöpferaktivität, findet sich gesteigert bei Richard Wagner, wenn er in Religion und Kunst sagen, daß da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche die erstere im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werthe nach erfaßt, um durch 1 ideale Darstellung derselben die in ihnen verbor . In seiner Schrift über Das Kunstwerk der Zukunft (1850) entwickelt er die folgende Virschende Religion des Egoismus, die auch die gesamte Kunst in verkrüppelte, eigensüchtige Kunstrichtungen und Kunstarten zersplitterte, aus jedem Momente des menschlichen Lebens unbarmherzig verdrängt und mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist, kann aber die neue Religion, und zwar ganz von selbst, in das Leben 2 treten, die auch die Be . s Mediums Oper, also Musik, Libretto, alle Details der Vorgänge auf der Bühne und inner- und außerhalb des Zuschauerraums weiterentwickelte, veränderte, neu festlegte und in einen neuen gesellschaftspoliti3 . Dabei versucht er über seine Komposition hinaus auch deren Interpretation, die Aufführungs- und die Rezeptionsbedingungen festzulegen und begründet deshalb seine eigenen Festspiele. Der russische Komponist Alexander Skrjabin schreibt in der Schweiz sein Gedicht Le ase, welches 1906 zunächst in russischer Sprache erscheint und in dem er sein künstlerisches Selbstverständnis zum Ausdruck bringt. Der Künstler sei gewissermaßen ein Priester, der durch seine Musik den Menschen eine heilende Botschaft überbringe. In der Ekstase ä4 vollziehe sich die Wirkung eines Gesamtkunstwerks aus Musik-, Wort-, Bewegungs-, Licht- und Duftelementen. Die kosmische Rolle des künstlerischen Genies drückt sich in Le aus. Der Gedanke an einen unbewussten Evolutionsgott, der auf die Weckung kosmischer Gedanken, sich selbst nur ahnend, auf ein Genie wartet, drängt sich dem Leser dieser Passage auf: Erschöpfte Welt! Du dürstest, geschaffen zu werden. Du suchst deinen Schöpfer. Zart flog zu mir Das liebliche Seufzen

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3 4

Zit. nach Zöller, 2000, 105. Zit. nach: Zelinskiy, 1984, 97. Vgl. weiterhin Gal, 1982, 137-172 und Westenhagen, 1956, 427-446. Wagner, 2004, 72. Zöller, 2000, 112.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

49

Des Anrufs. Ich komme. Ich weile schon in dir, Oh meine Welt! Ich ewig leuchtender Augenblick, Ich Bejahung, Ein Flammenmeer Erfasst das Weltall. Der Geist, auf der Höhe des Seins, Fühlt nun Unendlichen Strom Der göttlichen Kraft Des freien Willens. Kühnheit durchdringt ihn. Was drohte Ist jetzt Erweckung, Was erschreckte Ist jetzt Genuss, Aus Panther- und Hyänenbissen Wurde nur neues Kosen, Neue Qual, Und aus dem Schlangenstich Nur brennendes Küssen. Und es hallte das Weltall Vom freudigen Rufe 1

Die in dieser Untersuchung angelegte Blickrichtung bezieht sich nicht nur auf die Auswirkung religionsförmigen Denkens im Kontext der Hochkultur, sondern fragt zugleich nach den lebensalltäglichen Kontexten, in denen die aus dem Orientierungschaos der Individualisierungs- und Modernisierungsschübe der Moderne neue Ordnungen schaffenden Genies tätig werden. Im Chaos einer Maßstäbe suchenden Modernität bieten sich die Konsum- und Leistungsorientierung als Lebensform und die Macher und Marketingexperten als Genies der Neuerschaffung der Welt aus dem Geiste des Markenwesens an. Der Maßstab ihres Schaffens einer modernen Lebenswelt ist sicher eher unthematisch als thematisch ein Mensch, der damit beschäftigt ist, sich nach dem Zusammenbruch metaphysischer und rationaler Ordnungsstrukturen über das Medium des ästhetisch bestimmten Empfindens zu orientieren. Die Empfindungsorientierung als Weiterentwicklung der Idee einer sich ästhetisch bestimmenden romantischen Vernunft führt uns zunächst zur nachmetaphysischen Erkenntnistheorie eines Ernst Mach (1838-1916) und zur impressionistischen Farbtheorie, die hier als Ouvertüre zur bewussten __________ 1

Zit. nach Gleich, 1963 (Anhang: Die Dich

, 111-121).

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

50

Empfindungsgestaltung in der Konsum- und Leistungsgesellschaft dargestellt werden soll.

II.

Ernst Machs nachmetaphysische Erkenntnislehre

1.

Kulturanthropologische Grundlagen nachmetaphysischer Erkenntnistheorie

Ernst Machs Erkenntnistheorie kann man als nachmetaphysisch1 bezeichnen. Nachmetaphysisch ist hier zu verstehen als eine philosophische Grundlegung von Erkennen und Handeln, die nicht mehr auf die transzendentale Leistung von (eventuell als göttlich übergriffener interpretierte) Subjektivität reflektiert und da schen ausklammert. Mach konstatiert im Kontext einer solchen Haltung nur den faktischen Vollzug von Empfinden, das sich durch Gewohnheit als ineins subjektiv und objektiv denkt. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gerät der mechanische Materialismus, dem die Frage nach dem erkennenden Subjekt kein Problem bedeutet und der objektivistisch Tatsachen mechanisch verfasster Wirklichkeit zu schildern versucht, in Konflikt mit psychologischen und sinnesphysiologischen Untersuchungen, etwa der Sinnesphysiologie von Hermann Ludwig Ferdinand von Helmholtz (1821-1894)2. Das beobachtende Subjekt hält nun Einzug in die Wissenschaftsphilosophie. Stellvertretend für viele kann man hier neben von Helmholtz, Richard Avenarius (1843-1896) oder Ernst Mach nennen3. iAlltagseinstellung von Erkennen ansetzt, wie etwa die mechanischen Materialisten, sondern ggeben ist und alles das, welches das erfahrende Individuum in den Gegenstand hineingedacht haben egebenen von seiten der Erfahrung hinzugefügt (wird, L.H.) unterscheidet sich zugleich das wissenschaftliche von dem naiven Erfahren, indem sich das erstere in der Entwicklung des Denkens aus dem letzteren differenziert, determiniert sich der Begriff der Erfahrung mehr und mehr auf das durch den Gegenstand gegebene dies allein ist es, was die wissen4 schaft . Das Verhält-

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3

rmas, 1988, 18-60; Schrödter, 1996, 17f und Lutz-Bachmann, 1996, 79-83. Vgl. etwa Helmholtz, 1867 und ders., 1921. Zum Verhältnis von Ernst Mach zu Richard Avenarius vgl. dessen eigenes Urteil (Mach, aft eine so nahe, als sie bei zwei Individuen von verschiedenem Arbeitsfeld, bei voller gegenseitiger Unabhängigkeit über-

4

König, 1968, 90-114. Avenarius, 1917, 35f.

2

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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nis dessen, was nach Avenarius ,wirklich durch den Ge dem, ,welches das erkennende Individuum in den Gegenstand hineingedacht haben möch Österreicher Ernst Mach, über den Robert Musil (1880-1942) 1908 eine Dissertation mit dem Titel Beitrag zur Beur bei dem Experimentalpsychologen Carl Stumpf (1848-1936) einreicht.

Machs Erkenntnistheorie ist eine der in der Kriterienreflexion des ersten Bandes dieser Kritik der neomythischen Vernunft angesprochenen Denkformen, die zu der offenen Menge von Lebensfiguren gehört, welchen die religiöse Grundsituation der nachchristlichen Zeit ausmachen. Wir wollen zunächst Machs Position darstellen, um sie anschließend anhand des zeitgenössischen Impressionismus und Neo-Impressionismus (Divisionismus/ Pointillismus) im Blick auf ihre Relevanz für das Verständnis der Konsumgesellschaft zu veranschaulichen. Ernst Mach wird 1838 in der Nähe Brünns geboren 1 und studiert ab 1855 an der Wiener Universität Mathematik und Physik, er promoviert 1860 und habilitiert sich 1861. Im Jahre 1864 erhält er die Berufung als Ordinarius für Mathematik an die Universität Graz, 1867 an die Prager Universität (Experimentalphysik) und kehrt endlich 1895 nach Wien auf eine eigens für ihn eingerichtete Professur für Philosophie insbesondere Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften zurück. Er stirbt 1916. Im Literaturblatt der NEUEN FREIEN PRESSE schreibt der Philosoph Friedrich Jodl (1849Geschichte der Naturwissenschaften und der ihr zugrundeliegenden Denkprozesse, Verwertung dieser Einsicht für die wissenschaftliche Methodenlehre und schonungslose Kritik jener Art von Metaphysik, welche in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung des vorigen Jahrhunderts gewissermaßen latent war, die es liebte sich jeder Art von philosophischer Spekulation als eine cognitio bene fundata, als eine wirkliche, beweisbare Erkenntnis, jeder Metaphysik als Wissenschaft gegenüberzustellen und die in Materie, Kraft, Stoff, Atom, Molekül, Element, Anziehung, Abstoßung, Masse, Geschwindigkeit, Energie letzte Realitä Philosophen gegen die Kraft- und Stoffmetaphysik datiert wahrscheinlich nicht erst von gestern. Aber die Welt hat in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts diese OppoSachkenntnis war nicht in Zweifel zu ziehen, wenn er darauf aufmerksam machte, daß man zwischen Feststellungen von Tatsachen und hypothetischen Erklärungen von Tatsachen 2 streng unter .

__________ 1 2

Zur Biographie Ernst Machs habe ich mich an Stadler, 1982, 24-39 orientiert. Abgedruckt in Mach, 1917, 465f.

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Ernst Mach wendet das durch Auguste Comte (1798-1857) erstellte klassische Schema positivistischer Geschichtsphilosophie auf den Positivismus des 19. Jahrhunderts selbst an1. Auguste Comte hat wie schon im ersten Band angesprochen die Idee einer Entwicklung der Menschheit zur empirisch-wissenschaftlichen Vernunft im Durchgang durch drei Stadien2 entworfen. Das erste sei das theologische Stadium der Menschheit, in dem Naturgegebenheiten als Gottheiten verehrt würden. Dieses werde durch das metaphysische Stadium überwunden, das diese Gottheiten als abstrakte Wesenheiten fasse und das endlich durch ein positives Stadium aufgehoben werde, in dem sich diese abstrakten Wesenheiten als Thema der Erfahrungswissenschaften ergäben. Ernst Mach hält an diesem Modell fest, bezieht es aber kritisch auf die durch Ludwig Büchner (1824-1899) und andere populäre Naturphilosophen repräsentierte aft3 öse(n), philoso . Die Rede von Kraft, Stoff, Materie etc. ist für Mach selbst noch metaphysisch und erzeuge nichts als Pseudoprobleme4. einen dem Forscher leichter verständlichen Teil zu begreifen, wird allmählich eine animistisch-dämonologische Naturmythologie, durch eine Mythologie der Stoffe oder Kräfte, durch eine mechanisch-atomistische oder durch eine dynamische ntasiesprossen und Blüten müssen angesichts der Tatsachen von der unerbittlichen Kritik vernichtet werden, bevor eine sich weiter entwickeln kann und längeren Bestand hat. Um diesen Vorgang zu würdigen, bedenke man, daß es gilt, die Naturvorgänge auf die einfachsten begrifflichen Elemente zurückzuführen. Dem Begreifen der Natur muss aber die Erfassung durch die Phantasie vorausgehen, um den Begriffen lebendigen anschaulichen Inhalt zu schaffen. Und eine desto lebhaftere Phantasie ist erforderlich, je ferner die zu lösende Aufgabe dem unmittelbaren biologischen Interesse 5 . Mit der Beziehung auf das unmittelbare biologische Interesse des Menschen an Erkenntnis ist Ernst Machs eigener kulturanthropologischer Ausgangspunkt angesprochen. Mach geht von einer Phänomenologie des Empfindens aus und versucht dann die wissenschaftliche Erkenntnislehre anthropologisch und kulturgeschichtlich zu begründen6. Seine kulturanthropologische Argumentation beruht allerdings wieder auf einer erkenntnistheoretischen Voraussetzung, die für die folgende Dar__________ 1 2 3 4 5 6

Zu Auguste Comtes Position vgl. Regozini, 1977 und Simon, 1963, 3-70. Vgl. dazu Comte, 1979, 5-41. Mach, 1917, 99. Mach, 1917, VII. Mach, 1917, 106f. Vgl. dazu Kaulbach, 1971, 39-55.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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stellung ebenfalls mitbedacht werden muss. Wir finden diese Prämisse in dem terie, von der Welt wissen wir durchaus nur, daß sie die funktionale Verknüpfung der sinnlichen Elemente eines und auch ver1 schiedener Menschen dar . So sei für uns alles was ist, zunächst (und letzten Endes nichts anderes) als Empfundenes und deshalb stelle die Analyse der Empfindungen den Ausgangspunkt jeder Wissenschaftslehre dar und diesen Ausgangspunkt habe der Wissenschaftstheoretiker mit dem Anthropologen oder dem Ethnologen gemeinsam. Mach ist in dieser Hinsicht ein (kritischer) Vorläufer des modernen Konstruktivismus.

2.

Empfindung als Basis alles Wirklichen

Wie ereignet sich nach Mach Empfinden? Empfinden ist für ihn eher eine umfassende Erlebniseinheit, denn eine differenzierte Gerichtetheit. Alles, was unsere Empfindungen betreffe, sei auf mannigfache Weise miteinander verbunden. Der Empfindende lebe wie in einem Meer, dessen Wassertropfen, die einzelnen Empfindungen, ihm zunächst nicht in ihrer Einzelheit bewusst seien. Aus dieser Verbundenheit entstünden Stimmungen, Gefühle und auch unser Wille. Es ergäben sich im Empfindenden so beständige Komplexe2 von Eindrücken, die dieser als in sich beständige erlebe. An diesem Punkt spiele die menschliche Kultur eine gewichtige Rolle. teigender Kultur zunächst durch die Teilung der Arbeit, die Entwicklung der Gewerbe usw. eintritt, gewinnt das auf ein engeres Thatsachengebiet gerichtete Vorstellungsleben des 3 einzelnen an Kraft, ohne daß je . Die Tatsachengebiete könnten aber missverstanden werden. Tatsachen seien nicht unbedingt in sich beständig. Ihre Beständigkeit könne auch trügen; ein Tisch 4 . Doch die 5 menschliche Neigun __________ 1 2 3

4 5

Mach, 1911, 303 (Zusatz zu S. 30). Mach, 1911, 4. Mach, 1917, 2. Vgl. seine kulturanthropologische Arbeit über Kultur und Mechanik (1915). Interessant ist auch seine globale Einschätzung der Bedeutsamkeit von WissenschaftsgeHeilen kann nach Mach hier nur die kritische Selbstreflexion auf die historische Genese des eigenen Standpunktes (Mach, 1865, 206 und auch 155f, 223). Vgl. weiterhin ders., 1910, 603f; ders., 1909, 36; ders., 1921, VIIIf. und ders., 1917, 4. Mach, 1911, 5. Mach, 1911, 5.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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i. Beständige Empfindungskomplexe würden dann benannt, sie erhielten Namen. Der Name könne Dauer verleihen und sich verfestigen. Dies geschehe etwa mit den Namen 1

2

ondern für geltend und treten mit elementa

3

.

4 n . Sei es zu derartigen unvermeidlichen, weil lebensnotwendigen Festlegungen gekommen, dränge sich zunächst ein bestimmter philosophischer Standpunkt geradezu auf. Man interpretiere die Welt nach dem Muster von Beständigem und Veränderlichem, das man in ihr zu finden glaube. Forschungspraktisch habe dies den Nutzen, dass die Eigenschaften des Veränderlichen erforscht und in letzte Elemente zerlegt würden, schon bevor man sich über den erkenntnistheoretischen Status dieser Elemente klar werde. Erst der erkenntnistheoretisch reflektierende Naturforscher gebe zu ihrer Natur dann später keine metaphysische Bestimmung mehr, sondern gehe mit ihnen rein pragmatisch um. 5 , weil man sich nicht auf den Gedanken an ein allem zugrundeliegendes Ding an sich beziehen dürfe6. Die Beziehung der Forscher auf jeweils letzte Elemente sei Ausdruck für den jeepochalen Stand der Forschung und so relativ auf eine bestimmte geschichtliche Forschungssituation hin zu verstehen. Diese Relativität immer wieder bewusst zu machen, sei der Sinn von Wissenschaftsgeschichte, die Mach ausführlich betreibt7. eliebten Theorie nicht entsprechen. Soll eine Theorie von dieser zweifelhaften

__________ 1 2 3 4

5 6 7

Mach, 1911, 2. Mach, 1911, 2. Mach, 1911, 18. Mach, 1917, 254. Vgl. zu diesem Ich-Begriff Machs auch: Ders., 1917, 18f, 22, 65. Im ungeklärten alltäglichen Ich-Verständnis liegt nach Ernst Mach wohl auch der Grund der Religion. Auch das alltägliche Ich-Verständnis erahne die W Einsicht, teils die Furcht vor derselben führen zu den absonderlichsten pessimistischen und 20). Mach, 1911, 4. Zu Machs Kantkritik vgl. etwa: Mach, 1917, 10, 15 u.ö. Vgl. dazu etwa nur die Untertitel seiner großen Untersuchungen über die Prinzipien der Wärmelehre und der Optik. Wärmelehre: Historisch-kritisch entwickelt; Optik: Historisch und erkenntnispsychologisch entwickelt.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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Rolle bewahrt werden, so müssen von Zeit zu Zeit die Gründe und Motive ihrer 1 Entwicklung und ihres Bestehens auf das Genaueste un . Was der Forschungslogik und zugleich dem Alltagsbewusstsein entspreche, Häufigkeit analoger Vorkommnisse gewöhnt man sich endlich, alle Eigenschaften der Körper als von bleibenden Kernen ausgehende, durch Vermittlung des Leibes dem Ich beigebrachte ,Wirkunaß die Welt 2 nur aus unseren Empfindungen be . Diese Gewohnheit sei zwar auch sachgemäß und sinnvoll. Nicht mehr sachgemäß sei allerdings unter erkenntnistheoretischem Gesichtspunkt die Subjektivierung, die das alltägliche Erkenntnisverständnis dem Empfindungsbegriff zukommen lasse. Hier setzt Machs Konzeption des Begriffs Element ein. Um darstellen zu können, wie Mach von der Empfindung zum Begriff des Elementes kommt, müssen wir noch einmal auf sein schon oben angesprochenes Verständnis von Ichheit zu sprechen kommen. Der Gedanke, dass die Welt nur aus unseren Empfindungen bestehe, müsse auch auf das Ichbewusstsein angewandt werden. Auch dieses sei nicht scharf abgegrenzt. Doch sei man unbewusst versucht, sich selbst als substanziell oder gleichsam substrathaft einzugrenzen und in einem Gegensatz zur Welt zu verstehen. nur Notbehelfe zur vorläufigen Orientierung und für bestimmte praktische Zwecke 3 , erweise sich dieser Gedanke als Schein. Es gebe dann keinen Gegensatz von Ich und Welt oder Empfindung und Ding. Der Komplex meines Erlebnisbewusstseins sei für den wissenschaftstheoretisch orientierten Betrachter dann nicht ontologisch als eine radikal vom Ich unterschiedene Welt zu verstehen, sondern sei konventionell, eine der Situation der Forschergemeinschaft bzw. eine dem Epochenbewusstsein entsprechende Festlegung. So sei auch jedes andere Haben von Gehalten, jedes Erleben eine Zusammensetzung aus einer Menge von Empfindungen, die als eine empfundene Welt gesetzt würden. Um die Gefahr einer dieser Welthaftigkeit der Empfindungen widersprechenden Subjektivierung des Empfindungsbegriffes zu bannen, verwendet 4 . Elemente seien ineins subjektiv und objektiv im ysischen Befunde kann ich in derzeit nicht weiter zerlegbare Elemente auflösen: __________ 1

2 3 4

Mach, 1865, 155f. Unausdrücklich kündigt sich hier schon die spätere Diskussion über Wissenschaftsgeschichte und die Logik der Kommunikation in einer Wissenschaftlergemeinschaft an. Wenngleich es Ernst Mach nicht expliziert, sind die letzten Elemente, auf die sich je eine Forschergemeinschaft bezieht, Ausdruck eines Konsenses, der immer neu geschaffen werden muss. Mach, 1911, 9f. Mach, 1911, 10f. Mach, 1911, 18.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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Farben, Töne, Drücke, Wärmen, Düfte, Räume, Zeiten usw. Diese Elemente zeigen sich sowohl von außerhalb U (= räumliche Umgrenzung unseres Körpers, L.H.), als von innerhalb U liegenden Umständen abhängig. Insofern und nur insofern letzteres der Fall ist, nennen wir diese Elemente auch Empfindungen. Da mir die Empfindungen der Nachbarn ebenso wenig unmittelbar gegeben sind, als ihnen die meinigen, so bin ich berechtigt dieselben Elemente, in welche ich das 1 Physische aufge . 2 Wir erlebten Elemente nur als Elementenkomplexe in unserem alltäglichen Lebenszusammenhang. Es gebe eine Blume etwa in der Verschränkung von Duft, Farbe, Form, der Möglichkeit, sie anzufassen, zu pflücken etc. also als eine Einheit von vielen Elementen. Die Forschung habe die Aufgabe, ohne alle metaphysischen Ansprüche derartige, je forschungsgeschichtlich derzeit (Mach) festgelegten Elemente in ihrer Komplexität zu verstehen und die Relationen in denen diese Elemente untereinander stehen, in Elementenkomplexen zu rekonstruieren. nteressieren kann, ist die funktionale Abhängigkeit (im mathematischen Sinn) dieser Elemente voneinander. Man mag diesen Zusammenhang der Elemente immerhin ein Ding nennen. Derselbe ist aber kein unerkennbares Ding. Mit jeder neuen Beobachtung, mit jedem naturwissenschaftlichen Satz 3 schreitet die Erkenntnis dieses Din . Im Verzicht auf den transindividuellen und transkonsensuellen Objektivitätsgedanken negiert nachmetaphysisches Denken hier die Bedeutung der Frage nach der Konstitutionsleistung dieses aufgespannten Verhältnisses von Selbstvollzug und Weltbezug durch ein mögliches transzendentes Absolutes. Mach konstatiert nur den faktischen Vollzug von Empfinden, das sich durch Gewohnheit als subjektiv und objektiv denkt. Mit dem Ausbleiben einer Reflexion des Unterschiedes von transzendentaler und faktischer Subjektivität wird allerdings eine nachmetaphysische Denkform geschaffen, die die Tendenz enthält, das Subjekt als entgrenzt zu beschreiben. Welt und Ich können so ununterscheidbar werden und ein entschränkter, paradoxerweise doch als ichhaft begriffener Empfindungsvollzug wird zum Leitmuster. Unter der Voraussetzung einer kulturellen Inkubationszeit von Theorien kann dies dann zum narzisstischen Selbstkonzept der modernen Erlebnisgesellschaft (Schulze) führen, die den Menschen als Freiheitskünstler (Zulehner) versteht. Ich tigkeiten verstehbar. Auch die dem Teilnehmer an der Konsumgesellschaft eigene Tendenz zur systematischen Asystematizität hat ihren Ursprung in diesen Denkformen des 19. Jahrhunderts. Wenn wir diese Denkform noch einmal deutlicher im Blick auf un__________ 1 2 3

Mach, 1917, 8f. Mach, 1911, 25. Mach, 1917, 11.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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sere spätere Darstellung der Konsumkultur pointieren wollen, ist es ratsam, sich der ästhetischen Theorie der Impressionisten zuzuwenden.

III. Welt-Impressionismus als Erlebnisform 1.

Renaissance

Ist in der mittelalterlichen Erlebnisweise der Blick auf das in analoger Erkenntnis erfahrbare Wesen der in Gott geborgenen Dinge ausgerichtet, so tritt mit dem Beginn der Neuzeit eine veränderte Perspektive auf. Die Naturbetrachtung wendet sich von der Wesenbeschreibung ab und dem empirischen Dasein der Dinge zu, deren Existenz und Gesetzmäßigkeiten für sich relevant werden1. Das 15. und das beginnende 16. Jahrhundert sind entsprechend das Zeitalter großer geographischer, technischer und astronomischer Entdeckungen. Mit der Entdeckung von Seewegen und neuen Ländern wird die Epoche der abendländisch beherrschten Weltgeschichte eingeleitet. Portugiesische Entdecker erreichen 1419 die Madeiragruppe, 1431 die Azoren, 1445 Cap Verde, 1482 die Kongo-Mündung, 1487 umsegelt Bartolomeu Diaz (um 1450-1500) die Südspitze Afrikas und 1498 findet Vasco da Gama (um 1469-1524) den Seeweg nach Indien. Portugiesische Küstenfestungen sichern im 15./16. Jahrhundert den Seeweg nach Indien diese Festungen werden zugleich zu Lagern für die afrikanischen Sklaven, von denen bis Anfang des 19. Jahrhunderts elf Millionen exportiert werden. ch den Genuesen Christoph Kolumbus (1451-1506) zerstört Hernán Cortés (1485-1547) zwischen 1519-1521 das Aztekenreich Moctezumas II. (um 1465-1520). Im Jahre 1500 wird Brasilien entdeckt und 1513 erreicht der Spanier -1517) den Stillen Ozean. Am Schluss sei noch auf Ferdinand Magellan (eigentlich: Fernão der Magalhães, 1480-1521) hingewiesen, der zum ersten Mal zwischen 1519-1521 die Erde umsegelt und damit den empirischen Beweis für die Kugelgestalt der Erde erbringt. Im 15. Jahrhundert ereignet sich auch ein Technologieschub. So beginnt man in Europa, Pulver für Feuerwaffen zu verwenden. Der Kompass und andere Navigationsgeräte werden verbessert dadurch erst kann sich die Küstenfahrt zur Seefahrt wandeln. Die Taschenuhr (Peter Henlein, ca. 1485-1542) wird entwickelt und erlaubt eine wesentlich standpunktfreiere Zeitmessung. Leonardo da Vinci (1452-1519) erfindet u.a. Pumpe, Drehbank, hydraulische Presse und in der Theorie erste Flugmaschinen. Johannes Gutenberg (eigentlich Gensfleisch, ca. 1400-1468) gelingt die Erfindung der Druckerpresse und eröffnet damit neue breitenwirksame Bildungsmöglichkeiten. Mit diesen Aufbrüchen wandelt sich auch das Weltbild bis hinein in die Wahrnehmungsweise.

In der Renaissance ereignet sich auch eine Wahrnehmungsrevolution, die Konsequenzen für die gesamte Menschenwirklichkeit mit sich bringt. Der florentinische __________ 1

Vgl. Müller, 1981.

58

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Architekt und Bildhauer Filippo Brunelleschi (1377-1446) erarbeitet sich die Zentralperspektive. In der Zentralperspektive werden alle Punkte eines räumlichen Objektes durch gerade Linien, analog den Sehstrahlen, mit einem einzigen Punkt, dem Projektionszentrum, der sich normalerweise außerhalb dieses Objektes befindet, verbunden. An einer Stelle zwischen dem Projektionszentrum und dem Objekt errichtet man eine ebene Projektionsfläche, auf der alle Punkte des Objektes dort abgebildet werden, wo die von ihnen kommenden Linien die Fläche schneiden.

Weder die Griechen, noch die Römer und auch keine andere Kultur in der Weltgeschichte r1 spektive als der Perspektive des individuellen Betrachters . Es ist sogar umstritten, ob den früheren Künstlern die Regeln der Perspektive als solche bekannt waren. Manche klassischen Mathematiker insbesondere Claudius Ptolemaeus von Alexandria (um 100 - um 175) verwendeten die geometrische Perspektive bei der Erstellung von Landkarten und Bühnenprospekten. Auf jeden Fall gerät diese Art der Perspektive im mittelalterlichen Europa in Vergessenheit und auch die anderen großen Kulturen, die von den klassischen abendländischen Wissenschaften beeinflusst werden, wie China, Persien, Indien, Arabien und Byzanz haben für diese Fertigkeit keine Verwendung, bis sie in Italien um 1425 neu entdeckt wird Dabei erschließt diese Perspektive zugleich eine Art nicht nur standpunkt- sondern auch bereichsbezogener Objektivität. zentral davor platzierten Betrachter als der Norm ausgeht, dann ist es vom Standpunkt der exakten Wissenschaft ziemlich klar, daß die perspektivische Konfiguration der Gegenstände in diesem Bild sich tatsächlich der Art nähert, wie dieselben 2 . Deshalb ist das perspektivische Gemälde keine Reaktion auf das durch Objekte der Außenwelt verursachte Netzhautbild des Künstlers. Es ist eine der Wirklichkeit analoge Repräsentanz der Realität und damit eine Darstellungsweise, die dem zeitgenössischen Aufbruch in empirisch estand also darin, daß sie einen relativ unsubjektiven Weg für die Herstellung von Bildern fanden, auf die hin sich zu orientieren oder zu denen Zugang zu finden je3 . Zugleich wird aber auch durch die perspektivische Darstellung der Standpunkt des Betrachters systematisch reflektierbar. Diese Verbindung von Wissenschaft und bildender Kunst vertieft, in spezifisch modernitätsgerechter Weise, der Impressionismus. __________ 1

2 3

Hans Belting (2008) hat neuerdings einen weitreichenden Blick auf die Vorgeschichte dieser Art der Perspektivität geworfen. Edgerton, 2002, 11. Edgerton, 2002, 147.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

2.

59

Ein globaler Modernisierungsschub des Empfindens

Der Impressionismus ist ebenfalls Indikator einer epochalen Umgestaltung der abendländischen Erlebnisweisen; er ist Anzeichen für einen globalen Modernisierungsschub im Empfindungsbereich. Auch die traditionellen Empfindungsweisen, die durch ihre physiologischen Dimensionen hindurch sich gemäß den Traditionen des Christentums, der klassischen Bildung und der abendländischen Philosophie in die reflexive Erfahrung heben konnten, sind im 19. Jahrhundert in eine fundamentale Krise geraten. Deshalb muss sich die Suche nach einer erlebbaren Traditionsvermitteltheit des eigenen Selbst elementarisieren und nicht nur die standpunktartig-kognitive, sondern auch die empfindungsbestimmte Seite des Erlebens neu zu ordnen suchen. Dieser Neuorientierung entspricht eine Krise von Seiten der rnehmungsweisen. Der Kunstkritiker Diego Martelli (1839-1896) versucht, die impressionistische Farbenwahl positiv zu beurteilen und als Einübung in eine neue Wahrnehmung u1 . Der deutsche Schriftsteller und Journalist Theophil Zolling (1849-1901) pressionismus hat nicht nur seine Aesthetik, sondern auch seine eigene Optik. Im Sonnenscheine stechen ja alle Gebrechen menschlicher Natur nur um so kräftiger ademiker, noch der schwarzen der Realisten: er schaut mit unbewaffneten Augen, die aber anders blicken müssen, als gewöhnliche Sehorgane. Wo andre eine tadellos weiße Haut gewahren, entdeckt er den grünlichen Schiller der Verwesung darauf; für jedes nor2 male Auge sonst kohl . Die Konstitution von erlebter Empfindung solle so impressionistische Farbtheorien genau, und d.h. hier nach dem Muster erfahrungswissenschaftlicher Methoden, nachge 3 werden. Dieses Programm versucht der impressionistische Künstler zu realisieren. Mit Broude gehe ich von dem Phänomen eines Welt-Impressionismus aus, der 4 hundert lang präg . Die Bilder dieses Welt-Impr eine Welt aus Licht dar, aber es ist ein Licht sehr unterschiedlicher Art, von der __________ 1 2 3 4

Zit. nach: Cugini, 2003, 45. Zolling, (1881), Bd. 2/226. Rindfleisch, 1996, 267. Broude, 1990, 11.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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1 Australiens und den intensiven Kontrasten vo . Den Impressionisten ist die Beschäftigung mit dem Naturlicht gemeinsam, das die Maler in einer Landschaft als verbindendes Medium des Sehens erfahren. Ich verwende im Folgenden den Begriff Impressionismus inhaltlich sehr weit2. In Übereinstimmung mit der hier thematischen Epoche verstehe ich unter Impressionisten nicht nur die Maler der ersten Künstlergeneration, für welche diese Bezeichnung anlässlich einer ersten gemeinsamen Ausstellung 1874 geprägt wird. Impressionisten sind also nicht nur etwa Claude Monet (1840-1926), Auguste Renoir (1841-1919) und Edgar Degas (1834-1917), sondern auch die jüngeren Maler, deren künstlerische Interessen sich oft sogar in kritischer Distanz zu den älteren Impressionisten befinden, so etwa Paul Cézanne (1839-1906), Paul Gauguin (1848-1903) oder auch Vincent van Gogh (1853-1890). Versuchen wir, nach dieser terminologischen Festlegung, eine Interpretation des Impressionismus auf dem Hintergrund der zeitgenössischen machschen Erkenntnistheorie. Herbert schreibt über den französischen Impressionismus, dass die Rolle des wissenschaftlichen Forschers den Gebildeten des Second Empire und der Dritten Republik nahe liege3. Um die Mitte des Jahrhunderts setze sich eine naturwissenschaftlich orientierte Haltung durch. Sie durchdringe die Kunst und führe zur Ablehnung der Romantik. Gustave Flaubert (1821-1880) weist auf die Notwendigkeit für einen Autor hin, sich von der Rolle des Redakteurs oder Richters einer Handlung fernzuhalten, die er beschreibe. Der französische Maler Charles Angrand (1854-1926) erarbeitet in diesem Zusammenhang die Idee einer Kunst, in der die Farben und Formen 4 sollten. So könne die 5 der Leitung des Verstandes dienen. Herbert hält diese neutrale Blickrichtung als für das Verständnis des Impressionismus so bedeutsam, dass er zur Charakteristik dieser Grundhaltung den Terminus Distanz6 wählt. Distanz entspreche dem gegenstandsbezogenen Interesse an Objektivität. Distanz sei die Unabhängigkeit von jeder Beteiligung.

Robert Musil (1880-1942) hat diese Fähigkeit der Distanzierung und die damit verbundene Selbstermächtigung, über den Dingen zu stehen, in seinem Mann ohne Eigenschaften persifliert.

__________ 1 2 3 4 5 6

Broude, 1990, 11. Ich schließe mich hier Gloor, 1986, 24f an. Vgl. Herbert, 1989. Zit. nach Sutter, 1970, 77. Zit. nach Sutter, 1970, 77. Herbert, 1989, 65.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

61

Eine Dame und ihr Begleiter erleben mit, wie ein bei einem Verkehrsunfall Verletzter auf dem Bürgersteig behandelt wird. In sauberen, methodisch geordneten Kommentierungsschritten, distanziert sich der Begleiter von seiner Betroffenheit und hilft ebenso seiner Dame ihre unmittelbare Betroffenheit zu verlieren. die Tiefe des Lochs, wo man einen Mann, der wie tot dalag, an die Schwelle des Gehsteigs gebettet hatte. Auch die Dame und ihr Begleiter waren herangetreten und hatten, über Köpfe und gebeugte Rücken hinweg, den Daliegenden betrachtet. Dann traten sie zurück und zögerten. Die Dame fühlte etwas Unangenehmes in der Herz-Magengrube, das sie berechtigt war für Mitleid zu halten; es war ein unentschlossenes, lähmendes Gefühl. Der Herr sagte nach eiate sich dadurch erleichtert und dankte mit einem aufmerksamen Blick. Sie hatte dieses Wort wohl schon manchmal gehört, aber sie wußte nicht, was ein Bremsweg sei, und wollte es auch nicht wissen; es genügte ihr, daß damit dieser gräßliche Vorfall in irgend eine Ordnung zu bringen war und zu einem technischen Problem wurde, das sie nicht mehr unmittelbar anging. Man hörte jetzt auch schon die Pfeife eines Rettungswagens schrillen, und die Schnelligkeit seines Eintreffens erfüllte alle Wartenden mit Genugtuung. Bewundernswert sind diese sozialen Einrichtungen. Man hob den Verunglückten auf eine Tragbare und schob ihn mit dieser in den Wagen. Männer in einer Art Uniform waren um ihn bemüht, und das Innere des Fuhrwerks, das der Blick erhaschte, sah so sauber und regelmäßig wie ein Krankensaal aus. Man ging fast mit dem berechtigten Eindruck davon, daß sich ein gesetzliches und ordnungsmäßiges Ereignis volljährlich durch Autos 190 000 Perso rechtigte Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben.

ob, sah es ganz so

Die Straße, in der sich dieser kleine Unglücksfall ereignet hatte, war einer jener langen, gewundenen Verkehrsflüsse, die strahlenförmig am Kern der Stadt entspringen, die äußeren 1 .

Der distanzierte Künstler versuche, so Herbert, seine eigene Standpunktnahme gegenüber dem Interesse zurückzunehmen, die gesehenen Dinge sachgerecht, gabe zu, selbst dem Bild gegenüber Stellung zu nehmen, indem er es ohne impliziten oder expliziten Kommentar des Künstlers zu Kenntnis nehmen könne; damit wird er genötigt, die gleiche, losgelöste Position der Distanz zu wählen. oph Georg Simmel (1858-1918) 1908 in seiner Soziologie -Teilnahme denn diese steht überhaupt jenseits von subjektivem und objektivem Verhalten , sondern eine positiv-besondere Art der Teilnahme wie Objektivität einer theoretischen Beobachtung durchaus nicht bedeutet, daß der Geist eine passive tabula rasa wäre, in die die Dinge ihre Qualitäten einschrieben, sondern die volle Tätigkeit des nach seinen eigenen Gesetzen wirkenden Geistes, nur so, daß er die zufälligen Verschiebungen und Akzentuierungen ausgeschaltet hat, deren individuell-subjektive Verschiedenheiten ganz verschiedene Bilder von dem gleichen Gegenstand liefern

__________ 1

Musil, 1970, 10f.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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würden. Man kann Objektivität auch als Freiheit bezeichnen: der objektive Mensch ist durch keinerlei Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Aufnahme, sein Verständnis, 1 seine Abwägung des Gegebenen präjudizie . Scharfsinnig und zugleich emphatisch analysiert der französische Schriftsteller Emile Zola (1840-1902) den Impressionismus als eine Theorie und Praxis des Malens, der dem positivistischen Zeitgeist und dem Zusammenbruch der Prägekraft der drei geistigen Gewalten des Abendlandes entspricht. Nichts anderes sei dem Impressionismus wichtig, so Zola, als die Gegenwart in ihrer Aufbruchsstimmung, die es genau in ihrem alltäglichen Empfindungsvermögen zu rekonstruieren gilt. tlob haben wir uns der Griechen und Römer entledigt, selbst des Mittelalters sind wir bereits überdrüssig, das die Romantiker hierzulande nur während eines Vierteljahrhunderts zum Leben erwecken konnten. Nunmehr bleibt uns einzig die Wirklichkeit, und wir haben keine andere Wahl, als die Maler dazu anzuspornen, uns abzubilden, so wie wir sind, in unseren 2 Kleidern und mit unse . Was Zola hier als Charakteristikum der fortschrittlichen französischen Malerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts anführt, ist aus heutiger Sicht als Ereignis einer epochalen Umgestaltung der Erlebnisweisen, als globaler Modernisierungsschub im Empfindungsbereich anzusehen, der den Weg in die Konsum- und Leistungskultur der Nachkriegszeit ebnet. Man kann anhand der Schlussszene der berühmten Städte-Trilogie von Emile Zola beobachten, wie sich Fortschrittsoptimismus und impressionistisches Erleben miteinander verbinden. Marie, die Ehefrau eines von der Kirche abgefallenen und zum Positivismus bekehrten Priesters, weiht ihr Kind angesichts des zum Mittelpunkt der neuen Erde gewordenen Paris dem Fortschritt. völlig die moderne Zeit, war heute der Mittelpunkt der Völker, die sich in ununterbrochener Bewegung von Zivilisation zu Zivilisation mit der Sonne von Ost nach West befanden. Es war das Gehirn; eine ganze große Vergangenheit hatte es darauf vorbereitet, unter den Städten die Bahnbrecherin, die Zivilisatorin, die Befreierin zu sein. Gestern rief es den Natio und den von den Demokratien erwarteten neuen Glauben brin das Jahrhundert, würde das neuen Jahrhundert beginnen, sich aus ihm entfalten, und sein ganzer Arbeitslärm, sein ganzes die Erde beherrschendes Leuchtfeuer, erstrahlte in der endgültigen Herrlichkeit, aus der das menschliche Glück geschaffen würde. Marie stieß einen leisen Schrei der Bewunderung aus, indem sie auf Paris zeigte. ,Seht doch! Seht doch! Paris derung, die schrägstehende Sonne überschüttete das unermeßliche Paris mit Goldstaub Da hob Marie mit einer schönen Bewegung voller Begeisterung ihr Kind so hoch sie konnte und bot es dem unermeßli in Flammen, vom Licht der göttlichen Sonne übersät, die in ihrem Glanz die künftige Ernte 3 der Wahrheit und G . Zunächst stellt Marie ihren säkularen Chiliasmus fest, dann bildet sich dieser über der Stadt ab, er wird im dritten Schritt optisch erklärt (als Goldstaub und nicht einfach als

__________ 1 2

3

Simmel, 1908, 510. Zola, L,Evénement illustré, 23. Mai 1868, zit. nach Daval/ Blunden, 1989, 243 (Hervorhebungen L.H.). Zola (18981), 1991, 540f, (Hervorhebungen L.H.).

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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vorimpressionistisches goldenes Licht), dann in einer Opfergeste gewürdigt. Abschließend wird die Szene neureligiös gedeutet (Licht der göttlichen Sonne).

Die traditionellen Empfindungsweisen, die durch ihre physiologischen Dimensionen hindurch sich gemäß den Traditionen des Christentums, der klassischen Bildung und der abendländischen Philosophie in die reflexive Erfahrung heben konnten, sind in eine fundamentale Krise geraten. Deshalb muss sich die Suche nach einer erlebbaren Traditionsvermitteltheit des eigenen Selbst, muss sich die Suche nach der verlorenen Zeit (Marcel Proust, 1871-1922) gleichsam elementarisieren und nicht nur die kognitive, sondern auch die empfindungsbestimmte Seite des Erlebens neu zu ordnen suchen. Die Konstitution von erlebter Empfindung muss zugunsten der auf ihr basierenden Konstitution von moderner, nachmetaphysischer Erfahrung genau, und d.h. hier nach dem Muster erfahrungswissenschaftlicher Methoden, nachgezeichnet werden. Dieser Intention entspricht der Welt-Impressionismus.

3.

Impressionistische Farbenlehre emotionale Zeichen wie die Silben der Poesie und wie die Noten der Musik

Der Maler Georges Seurat (1859-1891) entwirft in seinem berühmten Brief an den Schriftsteller Maurice Beaubourg vom 28.8.1890 ein solches Programm des optischen Empfindens in der Sprache der naturwissenschaftlichen Experimentbeschreibung. Kunst ist Harmonie. Harmonie ist Analogie der Gegensätze. Analogie des traurigen Kombinationen unter Berücksichtigung der Dominante und des jeweiligen Beleuchtungseffekts. TECHNIK Die Phänomene der Dauer des Lichtreizes auf der Netzhaut werden als gültig anerkannt. Als Folge drängt sich die Synthese auf. Ausdrucksmittel ist die optische Mischung der Töne und Farben (der Ortsbeschaffenheit und der Beleuchtungsfarbe: Sonne, Petroleumlampe, Gas usw.), das heißt der Lichter und ihrer -, Abstufungs- und Ausstrahlungsge1 . Seurat ist in seiner ästhetischen Theorie beeinflusst durch die Untersuchung des französischen Chemikers und Farbtheoretikers Michel-Eugène Chevreuil (17861889) De La Loi du contraste simultané des couleurs (1839) und durch die Intro__________ 1

Zit. nach Sutter, 1970, 223.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

duction à une Esthétique scientifique (1885) des französischen Mathematikers und Kunstkritikers Charles Henry (1859-1926). Seurat war Charles Henry während der Ausstellung der Impressionisten im Mai 1886 begegnet. Nach Seurats Ästhetik gibt es in einem Bild Grundelemente Farbtupfen und Linie die es mechanisch bewirken, Empfindungen hervorzubringen, die unabhängig von den Dingen sind, deren Erscheinung sie im geistigen Bild hervorrufen. Mechanisch meint hierbei eine Kausalität, die algorithmisch rekonstruiert werden kann. Dieses algorithmische Verfahren ist so zu verstehen, dass man Empfindungskonstitution so beschreibt, als ob eine Operation mit Elementen dieses Systems ohne Nachdenken, gleichsam automatisch durch einen rechnenden Menschen oder Computer durchgeführt werden könne. Darum bezieht sich Seurats Ästhetik, beraubt aller Bezugnahme auf die inhaltliche Bestimmtheit des Sujets, nur auf abstrakte Strukturkomponenten als Träger der Empfindungselemente. Das Wesentliche der späteren (neo)impressionistischen Farbentheorie liegt dabei in der systematischen Verwendung der Komplementärfarben. Der amerikanische Physiker und Farbtheoretiker Nicholas Ogden Rood (18311902), ein durch von Helmholtz beeinflusster Farbtheoretiker, schreibt in seiner Schrift über Die moderne Farbenlehre mit Hinweisung auf ihre Benutzungen in Malerei und Kunstgewerbe (englisch 18791 indem unendlich kleine Wellen auf die Nervensubstanz der Netzhaut einwirken, Wir müssen hieraus begreifen, daß jenes, was wir Farbe nennen, kein äußerlich Bestehendes, von unserem Ich Getrenntes ist; nur mechanische Bewegungen fin1 . Deshalb bedeutet Farbenlehre einungen, welche die Farbenwahrneh2 mung be zu stellen. Cézanne schreibt über seine Grundprämisse in einem Brief (23.12.1904) an den Maler und Kunsttheoretiker Emile Bernard (1868bestreitbar ich bin hier ganz entschieden -: ein optischer Eindruck wird innerhalb unseres Sehorgans erzeugt, kraft dessen wir die durch Farbeindrücke repräsentierten Flächen (das Licht existiert nicht für den Maler) in Licht, in Halb- oder 3 . Die Argumentation des ebenfalls zeitgenössischen Kunsttheoretikers Teodor de Wyzewa (1862-1917), ein polnischstämmiger Russe, einflussreich als Journalist und Musik- und Kunstkritiker in Frankreich, baut die Farbentheorie des Impressionismus von einem anthropologischen Fundament aus auf. Kunst auszudrücken, dieses Bedürfnis hat die Maler sehr frühzeitig dazu gebracht, __________ 1 2 3

Rood, 1880, 11, Hervorhebung L.H. Rood, 1880, V. Cézanne, 1986, 159.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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das Gebiet der völlig realistischen Reproduktion ihrer Empfindungen aufzugeben e Farben und die Linien haben, wie die Wörter, unter dem Einfluß der Gewohnheit für den Menschen eine emotionale Bedeutung angenommen, die unabhängig von den Dingen existiert, welche sie darstel diese Farben, diese Konturen und diese Ausdruckshaltungen mit diesen Gemütsbewegungen in unserer Seele verknüpft; und sie sind hier nicht mehr allein die Zeichen visueller Empfindungen sondern zugleich auch Zeichen unserer Gemütsemotionale Zeichen wie die Silben der Poesie und wie lbar vorzustellendes Objekt, die Farben und Linien zur Darstellung eines reinen 1 symphonischen Gefüges ange . Bei Teodor de Wyzewa stoßen wir wieder auf das erkenntnistheoretische Muster der Philosophie eines Mach oder Avenarius. Bei Ernst Mach finden wir im Empfinden eine umfassende Erlebniseinheit, die noch nicht in sich differenzierte Gerichtetheit ist. Stimmungen, Gefühle und auch unser Wille ergäben für den E lebe und die unter dem Einfluss der Tradition zu Gewohnheiten würden. Ausgangspunkt für Teodor de Wyzewa ist ebenfalls die Gewohnheit der Menschen etwas in der Empfindung (von Farben und Linien) zu erleben. Diese Gewohnheit vermittele dem erlebenden Subjekt zugleich mit diesen Empfindungen eine emotionale Bedeutung, die sich unabhängig von den dargestellten Gehalten durchsetze. Eine wie ich sagen möchte geschichtliche Transzendentalität des Farbigen und Konturierten präformiert für diesen Farbtheoretiker alle Gemütsbewegungen in unserer Seele, so dass sie emotionale Zeichen würden. Diese könne der Künstler nach dem Muster der empirischen Naturwissenschaftler entdecken und nutzen, wie Seurat 1880 schreibt: rmonie der Linien, des Lichts und der Farben zu finden und die wissenschaftliche Erklä n Punkt: da alle Regeln den Naturgesetzen selbst entlehnt sind, ist prinzipiell nichts 2 leichter zu verstehen noch unent . In ihrem fortschreitenden Experimentieren geben die Impressionisten das übliche Verfahren auf, die Räumlichkeit eines Bildes durch das zunehmende Dunklerwerden der sogenannten Lokalfarbe zu erzeugen. In der früheren Malerei wird die Voraussetzung gemacht, dass ein Gegenstand, der sich von seiner Lichtquelle entfernt und in den Schatten rückt, umso dunkler gemalt werden müsse. Die Beobachtungen der Impressionisten beweisen ihnen dagegen, dass die Schattenpartien weder farblos noch einfach dunkler sind als die anderen helleren Stellen. Insofern sie nicht so stark von Licht erfasst sind, haben sie zwar nicht die gleichen __________ 1 2

Teodor de Wyzewa, zit. nach Sutter, 1970, 35f (Hervorhebungen L.H.). Seurat, zit. nach Sutter, 1970, 38.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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Farbwerte wie die von der Sonne erfassten Teile, sie sind aber trotzdem durch Farbtöne bestimmt, in denen die Komplementärwerte, vor allem das Blau, dominieren. So gelingt es ihnen, eine neue Art von Tiefe zu gestalten, ohne einfach nur dunkle Pechfarben zu benutzen. Auf diese Weise erhalten ihre Bilder einen helleren Ton. Natur. Sie haben über dem Schnee Himmel. Ihr Himmel ist blau. Dieses Blau muß im Schnee erscheinen. Morgens ist Grün und Gelb im Himmel. Auch diese Farben müssen im Schnee auftauchen, wenn Sie Ihr Bild am Morgen gemalt haben. Wäre es am Abend erstanden, müßten sich Rot und Gelb im Schnee zeigen. Ihre Schatten sind viel zu dunkel. Der Baum zum Beispiel hat auf der Sonnen- und der Schattenseite die gleiche Lokalfarbe. Aber Sie malen ihn, als wären es zwei verschiedene Objekte, ein helles und ein dunkles. Die Farbe des Objekts ist jedoch die gleiche, nur liegt ein Schleier darüber, der manchmal 1 dünn, manc .

Indem die Impressionisten ihrem Empfindungsvermögen gemäß zu arbeiten versuchen, verzichten sie auf den Anspruch, eine objektivistisch gegebene Realität einfach nur wiederholend zu erschaffen. Die Haltung eines solchen objektivistischen Realismus lehnen sie ab und wählen nur ein Element der Wirklichkeit das Licht , um die Natur zu interpretieren2. Vor allem können für sie die unzähligen deutlich sichtbaren Pinselstriche und ihre Kontraste dazu beitragen, die tätige Wirkung des Lichtes, sein Vibrieren, bis zu einem gewissen Grad auf der Leinwand darzustellen. Ferner ist für sie diese Technik, kleine lebhafte Flecken zu platzieren, besser geeignet, schnell wechselnde Stimmungen festzuhalten. Mit der Darstellung von Stimmungen erhält aber über die Rekonstruktion von Empfindungen hinaus das Subjekt in seinen spezifischen Eigenleistungen einen neuen Anteil an der Produktion und Rezeption von Kunst. Die Tagebücher des amerikanischen Impressionisten Theodore Robinson (1852-1896) bezeugen nicht nur sein persönliches Problem, zwischen eigener Spontaneität und der Orientierung an schulmäßig-akademischen Mustern des Malens zu wählen, sie charakterisieren auch die epochale Erlebnislage. Im Mai 1892 schreibt hte sie, und sie zerfallen an wichtigen Stellen in Stücke versuchen, mehr Größe und Vollständigkeit zu erreichen, gleichzeitig aber Vibra3 tion und leuchtende Far lerei zu früh aufhört und ich mich zu schnell mit dem äußeren Anschein (Oberfläche) zufriedengebe, ohne weiterzumachen und die nötige besondere Intensität hin1 . __________ 1 2 3

Rewald, 1965, 133, zit. nach einer nichtpublizierten anonymen Quelle von 1910. Vgl. Venturi, 1941, 12. Zit. nach Gerdts, 1990, 47f.

§ 15 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND IMPRESSIONISMUS

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Und auch Max Liebermann (1847-1935) reflektiert in seinem 1904 publizierten Vortrag über die Phantasie in der Malerei auf weiterführende Implikationen des impressionistischen Ausgangs vom Subjekt rein in seiner erfahrungswissenschaftdie korrekteste Zeichnung, der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe, wenn all diesen äußerlichen Vorzügen 1 das Innerliche, die Empfindung fehlt! Das Bild bleibt doch be . Im Jahre 1928 vertrat Max Slevogt (1868-1932) in einem Kommentar zu einem Aufsatz Liebermanns von 1904 eine ähnliche, wenn auch weniger philosophisch es ist eine lebendige Weiterleitung in unserem Organismus. Wohl immer ist es befangen, zu einem Zweck erzogen es ist ein Sieb, das beim Sehen eine ganze Contrebande anderer Dinge mit durchläßt. Es sieht, was es sucht, und was es nicht versteht, sieht es nicht. Ein Jäger sieht anderes als ein Matrose, der Nichtjäger nicht einmal den Hasen, der nahe bei ihm im Lager liegt. Das Auge sieht voller Einbildung, 2 . Deshalb dürfe man den Impressionismus nicht auf eine Malerei von und für Augentiere3 reduzieren. Damit stehen wir vor dem existenziellen Problem, das sich hinter dem erkenntnistheoretischen Begriff der Gewohnheit bei Mach und im Impressionismus verdurch Gewohnheit konstituierter Elementekomplex bzw. als Augentier zu verstehen ist. Eine nachmetaphysische Subjektivitätstheorie kann auf die klassischen Fragen der Metaphysik nach dem Woher und Wohin des Menschen und seiner im Jetzt bestehenden Bestimmung keine Antworten geben und will dies auch nicht. Das schlichte Problem, vor dem diese Subjekttheorie aber steht, ist, dass die Subjekte aus ihrer Subjektivität heraus eine solche Antwort wollen. In der Konsumkultur nach dem Zweiten Weltkrieg verbindet sich der durch den Impressionismus entdeckte manipulative Impuls einer extrinsezistischen Bezugnahme auf Empfindungen mit der Berücksichtigung des intinsezistischen Sehnens sich diese Sehnsucht zunächst in der Form einer Beruhigten Endlichkeit.

__________ 1 2

Liebermann, zit. nach Uhr, 1990, 359. Slevogt, zit. nach Uhr, 1990, 369.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

68

§ 16

Der Mensch als Konsument

I.

Die ,Beruhigt

1.

Beruhigte Endlichkeit

- und Leistungskultur

1

-

Germanentum in mythischer Weise so ausgedrückt wird, daß die Herrschaft der Götter von der unpersönlichen Zwangsläufigkeit des Schicksals abgelöst wird. Götterdämmerungen pflegen immer vom Schicksalsglauben gefolgt zu sein. Das ist ein mythischer Hinweis darauf, daß die Menschen der entgötterten Welt plötzlich und in beklemmender Weise unter sich sind und daß sie sich dem unpersönli2 chen Gesetze gegenüberse . Wie gehen diese Menschen mit ihrem Schicksal um? Die unsere technisch-wissenschaftliche Kultur begleitende Gestimmtheit führt bei vielen Menschen zu einem Standpunkt, den ich als den der Beruhigten Endlichkeit3 bezeichnen möchte. Diesen Begriff möchte ich zunächst im Kontext des Blicks auf einige Zeitphänomene klären. In den entwickelten Industrienationen der Ersten Welt besteht für viele Kulturkritiker eine Tendenz zur Spaßgesellschaft. Der Freizeitforscher Opaschowski Motive wie Nächstenliebe und gesellschaftlichen Verantwortung haben in den 4 . Seit den neunziger Jahren legen die Deutschen ein immer größeres Gewicht auf Fun. Parallel dazu wird das Zusammensein mit anderen unwichtiger. Nach Ansicht von Opaschowski ist die Spaßgesellschaft eine Reaktion auf den gestiegenen Stress der letzten Jahre, den ebigkeit der Non5 Stop, die sich immer weiter und weiter zu entwickeln scheint. Das ALLENSBACH-Institut spricht für die Deut

nge(n) Trend srMan fragt sich ja manchmal, wofür man lebt, was

einer Liste von möglichen Antworten 55% der Befragten den Lebensgenuss. Vor etwa drei Jahrzehnten, als Allensbach zum ersten Mal in einer Umfrage diese Frage stellt, geben die

__________ 1 2 3 4 5

Thielicke, 1957, 63f. Thielicke, 1957, 63f. Ich greife mit diesem Terminus eine briefliche Anregung Peter Hünermanns dankbar auf. Thielicke, 1957, 63f. Emsdettener Tageblatt, 11.04.01.

§ 16 DER MENSCH ALS KONSUMENT

69

Weg hin zu einem sinnvollen und vielleicht auch glücklichen Leben sehr viel umständlicher vorgestellt. Da war von Gewis 1 l . erne ist wie Johann Baptist Metz schreibt thos: die Imagination von Welt im Horizont unbefristeter, evolutionistisch entfristeter 2 , in der man entspannt glücklich sein kann. Das Emnid-Institut führt 2001 im Auftrag der Deutschen Hospiz Stiftung eine repräsentative Umfrage über Meinungen zum Sterben durch3. Die wenigsten Menschen sterben faktisch schnell und überraschend. Fünfundneunzig Prozent der Deutschen sterben innerhalb eines längeren Zeitraums. Diese Realität kontrastiert deutlich mit dem Realitätsgehalt von Sterbewünschen der Deutschen. Sechzig Prozent möchten schnell und plötzlich sterben und Schluss liegt nahe: Die meisten Menschen verdrängen noch immer eine realitätsbezogene Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Sterben und Tod. Es besteht eine eindeutige Dis4 . Frauen stellen sich dabei dieser Realität deutlicher als Männer. Dieser Verdrängung entspricht auch das als Realität betrachtete Wunschbild, dass das Sterben in Deutschland human und menschenwürdig vor 5 , damit keine Beunruhigungen über das eigene Sterben entstehen.

Aus dem Mythos des Sich-Zeit-Lassen-Könnens resultiert für viele Zeitbetrachter 6 e . Man scheint sich immer noch Zeit einräumen und sogar wie ein Viertel der Menschen in Europa mit dem Reinkarnationsgedanken von einer Folge weiterer, immer besserer Leben träumen zu können. Zeittypisch ist weiterhin, dass man heute in hohem Maße in der Lage zu sein scheint, seine eigene Endlichkeit als ein privates Problem zu betrachten, welches mittels bereitgestellter Technologien deutlich zu lindern ist. Dienlich sind dabei 7 Konsumgüterindustrien, Verkehrs Verbindung mit dem hohen Niveau an Lebenswünschen und Glücksansprüchen erwächst aus der Diesseitskonzentration den Menschen eine hohe Lebensanstren8 . Das mehr auf den Arbeitssektor bezogene Leistungsprinzip stellt dabei nur einen Aspekt dieser Leistungserwartungen dar. Angezielt ist ein Lebensgefühl, gemäß dem sich der heutige von Zulehner als Freiheitskünstler bezeichnete Mensch im persönlichen Leben alles als bewältigbar __________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Alle Zitate nach: Allensbacher Berichte: http://www.ifd-allensbach.de/Seiten/Abericht.html. Metz, 1990, 170. Zit. nach der Emnid-Seite: http://www.tns-emnid.com/index1.html. Zitat aus: http://www.tns-emnid.com/index1.html. Zitat aus: http://www.tns-emnid.com/index1.html. Metz, 1987, 172. Zulehner u.a., 1991, 264. Zulehner/ Denz, 1993, 242.

70

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

erscheinen lassen kann, auch wenn er im Letzten doch für sich prinzipielle Grenzen sieht. Robert Spaemann spricht hier von 1

kultur. Es reicht, das Leben so zu leben, in der Gegenwart

oh

2

.

Mit einer Ironisierung des Konsumterror-Vorwurfs wirbt 1975 ein Zeitungskonzern für was heute aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Nie mehr. Wie konnte es nur soweit kommen? Seit jeher steckt in uns allen der Wunsch nach weniger Arbeit und mehr Freizeit. Nur so konnten im Laufe der Zeit immer neue Produkte erfunden werden. Nur so konnten sie ständig verbessert und verbessert und verbessert werden. Gerade das aber ist es, was manche Leute verwerflich finden. Konsumterror schimpfen sie. Die Werbung verführe zu einem Luxus, den niemand haben will. Will ihn wirklich niemand? Eins steht jedenfalls fest: Diese Entwicklung hat unser Leben reicher gemacht: Wir können froh sein, uns den Luxus des Konsumüberflusses leisten zu können, wenn wir wollen. Deshalb wird die Geschichte des Konsumterrors wohl nie aufhören. Sie können sogar sicher sein: Fortsetzung 3 .

Entsprechend zeigen Umfragen immer wieder die nur scheinbar paradoxe Diskrepanz zwischen einer glücklichen individuellen Perspektive und gleichzeitigem Pessimismus im Hinblick auf die globalen Zukunftsaussichten. Ich habe in den Abschnitten über meine Grundbegriffe im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft die Weltanschauung als Versammlung aller menschlichen (bewussten und unbewussten) Erlebnisweisen bestimmt, die sich auf das Verstehen und damit Gestalten von Welt und Selbst auswirken. In diesem Verstehenshorizont liegt das menschliche Selbst- und Weltverständnis als ineins Feststellung von Endlichkeit und dem Streben nach der Aufhebung von Endlichkeit als menschlichem Zweckhorizont. Aus der Weltanschauung ergibt sich der Sinn des Lebens, dessen Bestimmung wir vornehmen müssen, um im Folgenden konsum-, leistungs- und neomythische Zukunftsziele bedenken zu können. Die Weise(n), wie ein Mensch die Spannung des Bewusstseins von (radikaler) Endlichkeit und seiner Geneigtheit, die eigene Endlichkeit als aufgehoben ansehen zu wollen (Religiosität), interpretiert und lebt, sind dessen (unthematischer und/ oder thematischer) Sinn des Lebens4. Von einer bestimmten Auslegung des Sinns des Lebens her möchte ich im Folgenden den Begriff der Beruhigten Endlichkeit im Blick auf die nachfolgenden Ausführungen bestimmen. __________ 1 2 3 4

Spaemann, 1993, 41. Kessler, 1999, 492. Gronemeyer, 1976, 15. Vgl. dazu meinen Aufsatz Sinn des Lebens, 2004.

§ 16 DER MENSCH ALS KONSUMENT

71

Beruhigte Endlichkeit bewältigt die Spannung des Bewusstseins von (radikaler) Endlichkeit und der Religiosität durch die Abspaltung der Verfallenheit an den Alterungs- und Todesprozess vom konsum- und leistungsorientierten Leben und durch die Abspaltung der individuellen Glückserwartungen von der Situation einer globalen Krise. Den Sinn des Lebens bildet für die Beruhigte Endlichkeit die Selbstgestaltung durch Konsum und Leistung. 1 Diese Beruhigte Endlichkeit 2 kann zu einer bekümmerten Endlichkeit werden, die die Begrenztheit ihrer Perspektive sieht, aber keinen Ausweg weiß und sich etwa in eine der zahlreichen Süchte oder in neomythische Fantasien flüchtet. So eignet der beruhigten Endlichoser Zeit 3 , deren Hülle die Konsum- und Leistungskultur ist4. Doch dieses Thema wird erst später relevant werden. Diese Kultur ist prädestiniert, Allmachtsfantasien der zeitlos-punktuellen Empfindungen durch Konsumakte zu entwickeln. Fragen wir, um diesen Begriff der Beruhigten Endlichkeit zum Sprechen zu bringen, in der Bewegung einer philosophisch-begrifflichen Rekonstruktion danach, wie sich diese konsumorientierte und zugleich leistungsbetonte Sinnstiftung entfaltet.

2.

Die Utopie vom käuflichen Glück und ihre begriffliche Rekonstruktion

Die globalen Zukunftsängste sind groß, doch die privaten Erwartungen an das Leben sind größer, weil der Glaube an Technik und Wissenschaft immer noch beliebter ist, als die Zukunftsangst. In der Form einer Dauererwartung der Katastrophe lässt sich nicht leben. Es gibt somit eine verständliche Behäbigkeit, die immer das Beste aus allem zu machen sucht, gern das Schlechte übersieht und das Bequeme voranstellt. Und so wie die politische Katastrophe des Nationalsozialismus verdrängt werden konnte, um dem Wirtschaftswunder Platz zu machen, so konnten auch die -1961), die Chemiekatastrophe von Bhopal (1984), der Atom-GAU in Tschernóbil (1986) und viele andere Technikfolgen vergessen werden. Der prosaische und behäbige Lebensalltag entwickelt seit der Nachkriegszeit seine eigene Utopie, die auch heute noch trotz konjunktureller Abstriche gilt. Wenn wir hier den sinnstiftenden Idealen nachgehen, die den Alltag in unserer Zeit prägen, dann fragen wir nach den lebensalltäglichen Utopien. Es sind die all__________ 1 2 3 4

Schmidtchen, 1979, 311. Metz, 1994, 83. Metz, 1987, 173. Vgl. ausführlich dazu meine Beiträge 1990, und ders./ Kropp, 1981.

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täglichen Wünsche, Träume und Hoffnungen, die wir (speziell seit dem Zusammenbruch des Ostblocks) zusammengefasst die Utopie des guten westlichen Lebens nennen wollen. Die Utopie des guten westlichen Lebens ist keine individuelle Traumwelt, sondern Ausdruck eines epochalen Lebensdurstes, der eine weltweite Anerkennung zu erlangen sich anschickt und somit breitere Zustimmung findet, als die verschiedenen ideologieinteressierten Wirtschafts- und Staatsutopien. Die weltweite Utopie des guten westlichen Lebens kann man als Konsumorientierung bezeichnen. Orientierung am Konsum ist vor der Orientierung an Leistung zu nennen. Das Leistungsprinzip ist unter globalem Maßstab gegenüber der Konsumorientierung insofern zweitrangig, als es in der nicht-abendländischen Welt weniger bereitwillig aufgenommen wird. Konsumorientierung und Leistungsprinzip selbst gründen auf einem Glauben an die unbeschränkten Möglichkeiten der modernen Technik und Wissenschaft. Um diese Utopie des konsumorientierten guten westlichen Lebens und ihre Bezüge zum Leistungsprinzip und zur Wissenschafts- und Technikgläubigkeit soll es in den folgenden Paragrafen gehen. Versuchen wir, dazu zunächst einmal die der Konsumorientiertheit eigene Logik herauszuarbeiten. Dazu stellen wir uns den idealen Konsumenten vor, dessen Weltanschauung die Konsumorientiertheit ist. Wir wollen diesen idealen Konsumenten gleichsam beim Wort nehmen. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)1 versteht in der Phänomenologie des Geistes (1807) diese Art der Betrachtungsweise so, dass man als Phänomenologe einen als natürliches Bewusstsein bezeichneten Standpunkt sich bis in seine letzte Konsequenz entfalten lässt, ohne diese Entfaltung zu manipulieren. Als Logiker kann der Philosophierende dann diese Entfaltungsbewegung systematisch einordnen und interpretieren. In diesem Zirkel von alltäglicher Erfahrung und philosophischem Begriff bildet die Entfaltungsbewegung des natürlichen Bewusstseins der 2 dieses Standpunktes. 3 dad . Am Ende dieses zu begrifflichen Spannungen und damit zu einer dialektischen Entfaltung führenden Weges wird sich die eigentliche Wahrheit des konsumorientierten Standpunktes zeigen es ist die Religionsförmige Religiosität, die das geheime Grundprinzip der Konsumkultur ausmacht. Methodisch impliziert dieser Ansatz des Beim-Wort-Nehmens, also des Ernstnehmens eines Standpunktes, dass nicht nur das Selbstverständnis von realen Konsumenten bedacht wird, sondern auch die in diesem Selbstverständnis eher verdeckten Voraussetzungen dieser Lebensform. Zu diesem tieferen Verstehen __________ 1 2 3

Vgl. dazu Heinrichs, 1974. Hegel, 1952, 578. Hegel, 1952, 71.

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gelangen wir über die Betrachtung der spezifischen Weise, wie der ideale Konsurlebt. Wir wissen, dass jeder Mensch so lebt, wie er mit seiner Zeit umzugehen weiß. Der eine überfüttert sich mit Terminen, der andere vertrödelt sein Leben, der eine eplagt. Was ist die spezifische Art des idealen Konsumenten, mit seiner Zeit umzugehen, was ist die Zeit des Konsums? Und darüber hinaus gefragt: Wie verzeitlicht sich die Geneigtheit, nicht endlich zu sein im Konsumieren?

3.

Konsumorientierung als Lebensproblem

Versuchen wir, die der Konsumorientierung eigene Logik herauszuarbeiten. Dazu stellen wir uns den idealen Konsumenten vor, dessen Weltanschauung die Konsumorientierung ist. Sein Heilsstreben geht auf im Glück durch Kaufen. Der hier vorgestellte ideale Konsument ist keine reale Person, die beobachtet werden kann, oder ein empirischer Allgemeinbegriff, der aus der Beobachtung vieler Konsumenten entspringt. Der ideale Konsument und auch die Konsumorientierung sind als Grenzbegriffe für den Versuch der totalen Verwirklichung menschlicher Freiheit im Konsum zu verstehen. Dabei sind diese Grenzbegriffe keine theoretischen Konstruktionen von Theologen und Philosophen. Die Werbebranche arbeitet durchaus mit diesem den idealen Konsumenten ins Normative überführenden Vorstellungsmodell, auch wenn sich dieser wie jetzt die Sinus-Studie gezeigt hat in den verschiedenartigsten Milieus bewegt. Die folgende Hosenwerbung kann für diese Ausführungen so etwas wie ein Leitmotiv sein: Der Mann: Ein Lebenserotiker. Seine Hose: Mobil Elasto. Dieser Mann ist ein herrliches Allroundtalent für pure Lebensfreude, reiches Genussempfinden und positives Denken. Sein Motto: Man lebt nur einmal. Ein Lebenserotiker zieht seine Umgebung magisch an. Er lebt bewusst und aktiviert fortwährend alle Sinne und Antennen für schöne Empfindungen. Wir wollen diesen, hier als vollschlanke Frohnatur mittleren Alters entworfenen, idealen Konsumenten, das natürliche Bewusstsein Lebenserotiker und sein positives Denken, beim Wort nehmen. Jeder einzelne Kaufakt soll die Vollendung bringen. Unser Lebenserotiker lebt für schöne Empfindungen, sei es bei der Arbeit, die er sich bequem, aber nicht leicht (Zigarettenwerbung) macht, sei es im durch Animateure betreuten Erlebnisurlaub auf einer Urlaubsfarm. Die Animierung zum Konsum kann auch dazu führen, selbst ein Animateur der schönen Empfindungen und so Teil einer idyllischen Werbewelt-Geschichte zu sein:

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Was für eine Überraschung: Frühstück im Bett, wie ich das liebe, und als ich meine Zuckerdose öffne, traue ich meinen Augen nicht: ein Armband aus reinem Platin. Dieser kurze Augenblick der schönen Empfindungen spiegelt sich in dem Lied Ich will alles, das die Schlagersängerin Gitte Haenning (*1946) 1982 singt:

Ich will nicht viel Ich will mehr Jetzt bin ich frei und will alles. Genauso erfolgreich ist Christina Stürmer 2006 mit ihrem Song Nie Genug: Ich kriege nie genug Da geht noch mehr Ich will alles auf einmal und nichts nur so halb Immer mehr Immer mehr Immer mehr Bedürfnisbefriedigung duldet beim idealen Konsumenten keinen Aufschub. Kosumorientierung als Lebensphilosophie zu verstehen, zeigt sich im Bezug der Werbeindustrie auf Grundbestimmtheiten des menschlichen Lebens gleichgültig, ob das einzelne Produkt eine Seife, Schokolade oder Zigarette ist; die einzelne Ware soll Schlüssel zum Königreich der Jugend, der Freiheit, des Erfolges und der Sorglosigkeit sein. Unverbrauchte Jugend, erfolgreiche Top-VIPs oder weise ältere Damen und Herren sind bessere Werbeträger. Berühmtheiten wie Quizmaster, Ski-Stars, Rennfahrer oder Tennisspieler werben mit ihrer Jugend und ihrem Erfolg für Banken und Alltagsdrogen. Ein treffendes Beispiel dafür, wie ein nur noch nostalgisch beibehaltenes Lebensideal mit Werbung verbunden wird, zeigt der Text einer Autofirma, die hier Werbung für einen Kleinwagen im Blick auf die Bezugsgruppe der altgewordenen APO-Revolutionäre der 1968er-Jahre macht: gegen. Halten Sie sich ruhig und äußerst rechts. Während Radfahrer mit Etappenziel Chefetage häufig unter verkrümmter Wirbelsäule leiden, erkennt man PandaDie Werbung richtet sich an den ehemaligen APOurch die oder, schlicht gesagt, Karriere machen will. Er will aber noch

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seine alten Ideale hochhalten. Dazu verhilft ihm der Kleinwagen Panda. Humorvoll wird lten. Wenn er kein unso-Autofahrer) wird, darf er redlich und solidarisch Karriere machen und trotzdem den durch den Philosophen Ernst Bloch (18851977) gepredigten roten Helden pflegen.

Jedes einzelne Kaufen will damit für sich das Glück an sich gut gestalteten Lebens realisieren. So entspringt der Weltanschauung des Konsums ein Zeiterleben, das das genaue Gegenteil des eschatologischen Kairos als erfüllter Zeit ist. Glück durch Kaufen als Bewältigung von Endlichkeit durch Kaufen reduziert sich auf einen Gegengrenzbegriff zu dieser eschatologischen Zeit, auf die nicht quantitativ messbare Zeitspanne zwischen dem Geben des Geldes und dem Erhalt der Ware. In diesem Augenblick erweist sich die erwartete Identität von einzelner Ware und vollendeter Endlichkeitsgestaltung als unwahr, denn das Bedürfnis nach dem vollendeten Glück an sich bleibt, auch wenn man den einzelnen Gegenstand besitzt. Umgekehrt gehört aber zu dieser Art Zeit zu gestalten mit dem ausdehnungslosen Zeitpunkt des Kaufaktes zugleich die unendliche Zeitlinie. Da es sich beim idealen Konsumenten um die Darstellung eines Grenzbegriffs von menschlichem Leben handelt, gehen wir einmal davon aus, dass der Konsument niemals versteht, warum ihn nach dem Erwerb einer Ware schon bald das Interesse an einer neuen Ware plagt. Auf diese Weise wird sein Leben eine nie abbrechende Reihung von Kaufakten bei vollkommener Ausblendung des jeweiligen Gebrauchswertes der Ware. So lebt der ideale Konsument primär im Kontext etiert. Vergangenes und Zukünftiges haben keinen eigengewichtigen Status gegenüber der jetzt lockenden Utopie der absoluten Befriedigung. Entsprechend hat der ideale Konsument eigentlich keine Geschichte, weil sich sein Verhalten auf die Gegenwart fixiert er lebt im Zeit-Punkt der ewigen Gegenwart von Bedürfnis, Befriedigung und neuem Bedürfnis. Ein Lebenserotiker lebt wie die Werbung sagt nNicht umsonst macht diese Werbeaussage unthematisch die philosophisch zutreffende Unterscheidung zwischen gelebter Erfahrung, die bedachten Erlebnissen entspringt, und der punktuellen Empfindung. Zukünftiger Lungenkrebs ist ausgeblendet, wenn die selbstbewusste und gut aussehende Persönlichkeit von der Plakatwand argumentationslos feststellt: Ich rauche gern! Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Utopie des durch Konsumieren glückenden Lebens nicht auf unseren Kulturraum beschränkt ist. Betrachten wir einmal folgende, nicht gestellte Szene: nach vielen Autostunden Fahrt durch Ghana, durch eine Landschaft, in der ein Abenteuerfilm aus der Steinzeit hätte gedreht werden können, kommen wir in ein Dörfchen, das auch gut als Kulisse dieses Films dienen kann. Da tritt plötzlich ein junger Mann aus einer dieser Hütten. Er ist nach der (relativ)

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neuesten New Yorker Disco-Mode gekleidet und trägt auf der Schulter einen gigantischen Ghetto-Blaster und hört die aktuellsten Hits. In diesem jungen Mann aus einem fernen Kulturkreis versammeln sich die lebensalltäglichen Träume des Abendlandes genauso, wie in der Sekretärin, die in einer der Metropolen der westlichen Welt arbeitet oder wie in den jungen Russen, die LEVIS-Lederschilder auf ihre Jeans östlicher Produktion kleben und mit den Stoffkrokodilen von LACOSTE ihre Hemden verschönern und diese in einem türkischen Basar an Deutsche verkaufen. Die Utopie des guten westlichen Lebens verschuldet mit die Verelendung der armen Regionen unserer Erde. Sie lässt nämlich Eliten entstehen, die (westlich gebildet) ihre Lebensmaßstäbe gemäß denen des Westens festlegen und sich weitgehend ihrer eigenen Kultur entfremden: es entstehen dann die Prachtpaläste im Angesicht der Slums. Auch hier wird durch die Gegenwart des je-einzelnen Kaufaktes die Zeit des Vorher und Nachher, in diesem Falle die Zeit der eigenen Tradition und Kultur zugunsten der Hoffnung auf die gleich bleibende Zeitlinie fortwährender Kaufakte ausgeblendet.

Wir können zusammenfassen, dass es heute eine globale lebensalltägliche Utopie des guten westlichen Lebens gibt, die alle anderen Utopien staatstheoretischer Art auf den zweiten Platz verweist und Marxismen, Liberalismen, islamische Staatsideale, autoritäre Regime und alte Stammeszusammenhänge ihrer Geltung immer mehr beraubt. 1 im Schein möglicher universaler Bedürfnisbefriedung als religionsförmiger Lebenserotiker einrichtet, verliert die Möglichkeit, auf seine radikale Endlichkeit zu achten. Die (bei unbegrenzten finanziellen Ressourcen) prinzipielle Allmacht über alle Konsumgüter spiegelt sich in der Struktur der Fernsehreklame wider, auf die Erwin Goffmann aufestimmte, uns bekannte Individuen abbilden, sondern eine Aktivität, die wir auch im wirklichen Leben wieder erkennen würden, falls sie von uns nicht näher bekannten Per zeigen die abgebildeten Szenen nicht bestimmte Personen, sondern Beispiele für Personenmer, denen beizuwohnen eine noch so gute Bekanntschaft oder Geschäftsverbindung uns nte uns einen solchen Einblick verschaffen. So genießt der Betrachter kommerziell arrangierter Szenen ähnlich wie der Leser von Charakterschilderungen eines Romans gottähnliche Allwissenheit, und er unterliegt nicht dem Zwang, seine intime Bekanntschaft mit der abgebildeten Szene durch soziale Gründe zu rechtfertigen. Kurz gesagt, die Möglichkeit, eine Szene aus der Perspektive des einzelnen Kamera-Auges zu arrangieren eine Perspektive, deren Blickwinkel und -distanz Millionen Betrachter übernehmen könnten , ist nicht nur ein op2 tisches, sondern auch ein gesell .

Die Handlung, dem Konsum Unbedingtheit für das eigene Leben einzuräumen, wird üblicherweise anders gedeutet, doch alles Verdrängte sucht seinen Ausdruck, will aufbrechen und bewusst werden. Um diese eben noch bildlich beschriebene Dynamik unserer Gesellschaft zu beschreiben, ist es sinnvoll, das der Konsum__________ 1 2

Vgl. dazu: Marcuse, 1967. Goffman, 1981, 76.

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kultur innewohnende Subjektivitätsmodell unter dem Interpretament Individualisierung vorzustellen.

II.

Konsumorientierung und das Problem der Individualisierung

Das wesentliche Problem des Menschen in der durch Konsumismus und Leistungsorientierung geprägten technisch-wissenschaftlichen Moderne kann man am Beispiel des Prozesses der Individualisierung veranschaulichen. Individualisierung ist nichts Neues. Individualisierende oder individualisierte Lebensstile und Lebenslagen finden sich schon im ausgehenden Mittelalter1. -biographische 2 Industrialisie . Die Modernisierungsprozesse seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert führen nicht nur zur Herausbildung einer zentralisierten Staatsgewalt, zu einer Kapitalkonzentration, zu einem immer differenzierteren Geflecht von Arbeitsteilungen und Marktbeziehungen, zu immer größerer Mobilität, zu Massenkonsum und individueller Leistungsbereitschaft. Modernisierung hat auch den weiteren und für uns interessanten dreifachen Effekt von Individualisierung. 3 Zum einen aus traditionellen, historisch vorgegebenen Sozialbeziehungen und aus ihnen entsprechenden Versorgungszusammenhängen. Zweitens i-

Leben einordnen und führen konnte. Individualisierung bedeutet drittens nicht nur Freisetzung von Individualität, sondern auch Einbindung in neue übergreifende Zusammenhänge. Individualisierung ist also nicht einfach gleichbedeutend mit der Schaffung eines zunehmenden individuellen Freiheitsraumes. Betrachten wir im Hinblick auf die Menschen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts zunächst den Gesichtspunkt der Herauslösung aus sozialen Zusammenhängen. Die Menschen leben nicht mehr in ständisch geprägten sozialen Ordnungsgefügen. Die Frauen werden aus der Eheversorgung herausgelöst und über die Idee der Gleichberechtigung in eine Situation gebracht, in der sie nicht mehr eine traditionale Hausfrauenexistenz leben zu können meinen, sondern einerseits auf dem für sie engen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und andererseits eine noch unge__________ 1

2 3

Vgl. etwa Tuchman, 1982; Huizinga, 1975, 88, 462-469, aber auch Gurjewitsch, 1980, 335350 und Bühler, 1954, etwa 289-309. Beck, 1986, 206. Ich beziehe mich im Folgenden bes. auf Beck, 1986, 205-219.

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führen. Wenn die Romantik als Bedingung der Ehe nicht mehr die wohlwollende Freundschaft, sondern die hingebungsvolle Liebe ansieht, wird Liebe zu einer lebenslangen Aufgabe, an der man sterben kann, wie die Faszination des 19. und frühen 20. Jahrhunderts durch Frauengestalten wie die Loreley, Judith, Salome, Isolde, Brünnhilde und die Sphinx zeigt2. Weiterhin verflüchtigen sich die traditionalen Arbeitszusammenhänge. Die Arbeitszeit wird flexibilisiert und der Arbeitsort wird zunehmend durch stetige Informationsverflechtungen dezentralisiert. Auf diese Weise entstehen neuartige Formen flexibler Zeitgestaltung. Dieser Herauslösung und dem mit ihr gegebenen Verlust von traditionalen Sicherheiten entspricht aber eine neue Art der sozialen Einbindung, die den Men1

zu werden. Die damit gegebenen individuellen Gestaltungsmöglichkeiten werden aber letzten Endes wiederum auf eine neue Weise standardisiert durch einerseits Einflussnahmen von übergreifenden, bis hin zum im Weltmaßstab operierenden Institutionen und andererseits durch die mit diesen verbundenen Massenmedien. ldungsabhängig, konsumabhängig, abhängig von sozial rechtlichen Regelungen und Versorgungen, von Verkehrsplanungen, Konsumangeboten, Möglichkeiten und Moden in der medizinischen, psychologischen und pädagogischen Beratung 4 und Betreu . Die traditionalen Bindungen und überkommenen Versorgungsbezüge werden auf diese Weise anonymer und scheinen zufälliger und freiheitserschließender zu sein. Typische ständisch geformte und durch Familienrollen geprägte Lebensläufe werden ersetzt durch übergreifende und oft auf Weltmaßstab sich durchsetzende standardisierte Lebensläufe. 3

5

. Einerseits trage das Fernsehen dazu bei, die Menschen aus ihren Traditionsbezügen herauszuheben und andererseits aber würden durch die Fernsehprogramme auch neue Lebensläufe als normative übermittelt. Das Fernsehen sei ein übernationales und überkulturelles Medium, welches auf Weltmaßstab vereinheitliche. Auf diese Weise bedeute Individualisierung nicht unbedingt die Eröffnung eines größeren Freiheitsraums, sondern nur eine neue Form der Wahl seiner selbst aus Vorgegebenem.

__________ 1 2 3 4 5

Beck, 1986, 208. Vgl. dazu Luhmann, 1982 und Frühwald, 1996 bes. 17. Beck, 1986, 209. Beck, 1986, 210. Beck, 1986, 213.

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Es würden über die übergreifenden institutionellen Zwänge und Medienangebote 1 angeboten. Der weiter unten thematische abendländische Reinkarnationsglaube, der als ein zentraler Strang der Bündelung der Religionsförmigen Neomythen der Moderne angesehen werden kann, ist eine Reaktion auf diese Baukasten-Situation. Die angebotenen Wahlmöglichkeiten werden dort insofern übersichtlich zu machen versucht, als im Glauben an viele Leben die Möglichkeit mitgeglaubt wird, die vielen Lebensmöglichkeiten und Daseinsangebote alle erschöpfend auszuleben.

Weil der Einzelne aus seinen gewachsenen Lebenszusammenhängen zunehmend herausgenommen und mit dem Problem einer Massen-Individualisierung konfrontiert wird, wird das Leben auch in einer anderen Hinsicht schwieriger. Innerhalb der Konsum- und Leistungskultur und des Glaubens an die Machbarkeit durch wissenschaftsfundierte Technik gibt es Bereiche, in denen die Ideen von universaler Machbarkeit und universalem genüsslichem Empfinden der Welt scheitern. Es sind die unvermeidlichen Ereignisse des Krankwerdens, des Alterns und des Todes. Wenn ein Mensch in traditionalen Ordnungsbezügen von einem Übel getroffen wird, trifft ihn dieses Übel in seinen gewachsenen Lebenszusammenhängen. In diesem überlieferten Kontext kann er dieses Ereignis eher als von außen kommenden Schicksalsschlag deuten. Gott oder die Natur hätten dieses Übel gesandt. Heute werden Übel hingegen deutlicher als Konsequenzen eigener Entscheidungen angesehen. Weil man innerhalb der normierten Wahlbiografien faktisch wählen musste und gewählt hat, übernimmt man mit dieser Wahlbiografie zugleich verstärkt eine Art Verantwortung für die in ihr auftretenden Übel. Wenn man die Bewegung der Moderne abgekürzt als eine Bewegung vom Schicksal zur Wahl charakterisieren will, dann bedeutet dies auch, dass alle negativen Ereignisse tendenziell auf ein persönliches Versagen zurückgeführt werden können. Die Neomythen um das positive Denken sind in dieser Hinsicht eine Reaktion auf die Individualisierungsprozesse der Moderne. Joseph Murphy (1898-1981), Minister-Director der CHURCH OF DIVINE SCIENCE in Los Angeles, Radioprediger und berühmter Buchautor, repräsentiert für die Öffentlichkeit die Idee des positiven Denkens. rkenntnis der Macht des Unterbewußtseins und der schöpferischen Kräfte von Gedanken und Vorstellungsbildern ist der schnellste Weg, allem inneren und äußeren Mangel ein Ende zu setzen und für immer in Wohlstand zu leben. Nehmen Sie also das Geschenk des Reichtums an, das Ihnen Ihr Unterbewußtsein bietet. Die richtige Einstellung zum Wohlstand und die feste Zuversicht, ihn bald verwirklicht zu sehen, lösen einen Prozeß aus, der seiner eigenen Mathematik und Mechanik gehorcht. Sobald es Ihnen gelingt, das Lebensgefühl eines wohlhabenden Menschen in sich zu 2 erzeu . Wer unter solchen Umständen dann noch krank wird, der ist durch eigene Schuld in diesen Zustand ge-

__________ 1 2

Beck, 1986, 217. Murphy, 1967, 128.

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Jede Krankheit, jedes Leiden steht im Widerspruch zur Natur: Wer krank ist, denkt 1 . Auch der unbewusste Evolutionsgott taucht in diesem Kontext auf. Auf sein Unterbewusstes könne man sich nur verlassen, weil es möglich s großen Kraft und eben jenem allmächtigen Gesetz (zu, L.H.) verbünden, das den Kosmos 2 . Zwar bezieht sich Murphy in seinen Schriften immer wieder auf biblische Textversatzstücke, deutlich ist aber, dass er apersonale Symbole wählt, wenn es um das Anzapfen des Kosmischen geht. Dann spricht er von der uns tragenden Kraft und dem allmächtigen Gesetz. Durch sein positives Denken könne man die magische Kraft3 seines Unterbewusstseins ausleben. Eine Gebetstherapie sei in d tseins und des Unterbewusstseins nach wissenschaftlichen Grundsätzen vereinigt und wohlüberlegt 4 hinzulenken. Der christliche Gebetsbegriff wird dabei deutlich auf zweckrationales Handeln red 5 . Günter Griebel geht mit seiner Theorie der Physischen Unsterblichkeit noch ein wesentliches Stück weiter und formuliert ein Musterbeispiel für den Begriff des Religionsförmigen Neomythos, wenn er die Radikalität der eigenen Endlichkeit folgendermaßen leugnet. 6 destens genauso , wenn er fest an seine innerkosmische Unsterblichkeit glaube.

Vertiefen wir die angezielte Lebensproblematik unter der Perspektive, dass hier 7 -relationalen Syn besteht. Zu der Freiheit der Konsumkultur gehört die Freiheit, sich in den unterschiedlichsten Lebensläufen selbst zu konsumieren. Unter Selbstkonsumtion verstehe ich hier, dass Menschen in die Lage geraten, die verschiedenen Möglichkeiten, die ihnen ihre Freiheit in diesem Leben bietet, so zu nutzen, dass sie ihr Leben experimentell im Test von Lebensläufen verbrauchen. Man kann in diesem Leben die unterschiedlichsten Rollen spielen und die unterschiedlichsten Lebensentwürfe ausprobieren und dabei im Kontext des Reinkarnationsglaubens so leben, als ob man schier unendliche Zeit habe. Im Hinblick auf diese Einstellung ist es interessant, den Begriff der multi-relationalen Synchronisation einzuführen. Eine multiBewusstsein nicht nur eine Vielzahl sozialer Beziehungen organisiert halten muß, sondern auch eine Mehrzahl von Laufbahnen, die für sein eigenes Leben relevant 8

sich projiziert, indem er unterschiedliche biografische Entwürfe auf dieser Landkarte erprobt. Auf diese Weise hat er mit seinen verschiedenen Laufbahnen auch __________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Murphy, 1967, 101 (Hervorhebungen L.H.). Murphy, 1967, 24. Murphy, 1967, 24. Murphy, 1967, 73. Murphy, 1967, 81. Griebel, 1990, 23. Berger/ Berger/ Kellner, 1987, 65. Berger/ Berger/ Kellner, 1987, 65.

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im Kopf. Diese biografische Landkarte der Gesellschaft wird nicht primär durch das Individuum geschrieben. Wie wir schon am Beispiel der Individualisierung dargelegt haben, wird diese Landkarte durch die Lifestyle-Macher im Blick auf die Interessen der Konsum- und Leistungskultur entworfen. So lassen sich die unterschiedlichen, aber in ihrer Konsumorientiertheit eine gemeinsame Basis aufweisenden Lebensstile durch die Lifestyle-Experten einer Gesellschaft zu vorgefertigten Lebensmustern zusammenpacken. Sie sind packageable fassen. Verschiedene Expertenkreise sind bereit, Rezepte für Package-Touren, Reisen mit einem detaillierten Inklusivprogramm, durch die gesellschaftliche 2 . Auch wenn man sich gegen eine solche Paketierung wehrt, um sich als Individuum zu definieren, bleibt man im Bereich der Paketierung. Schon die Individualisierungstendenzen und die Interessen an Nonkonformismus paketieren. Man gehört dann zu den Nonkonformisten, die nonkonformistische Angebote konsumieren. So wird einerseits die Biografie des Individuums als individuelle Wahl-Biografie verstehbar und andererseits ist sie nicht nur ein individuell entworfenes Projekt, sondern auch Vorgabe der Konsumkultur. 1

III. Freizeit: Effektive Lebenszeitnutzung Wie deutlich sich diese Paketierung als außengesteuerte Vorgabe erweist, zeigt sich exemplarisch anhand der Veränderungen im Freizeitverhalten. Die heutigen Erwartungen an Beruf, Freizeit, Familienleben und Freundschaft sind ungeheuer hoch3. Deshalb werden sie auch leicht enttäuscht. Es verbinden sich hier hohe Erwartungen an erfülltes glückliches Leben mit den Ängsten, diese Leistungen nicht erbringen zu können. In diesen Kontext gehört auch die Frage heutiger Freizeitnutzung. Parallel zu dem heute relativ frühen Ruhestand steigt die Lebenserwartung 4. In welchem Maße die Fähigkeit zur Gestaltung eines eigenen langen Lebens zunimmt, zeigt ein Vergleich der Lebenserwartung 1871 und 1995. Im 19. Jahrhundert hat der Mensch eine Lebenserwartung von siebenunddreißig Jahren und 1995 beträgt diese Lebenserwartung achtundsiebzig Jahre mit einer steigenden Tendenz. Ein anderer Gesichtspunkt, der die Freizeitkultur wesentlich mitprägt, ist die wachsende Veraltungsgeschwindigkeit (Odo Marquard) von Lebensstilen und neuen Medien.

__________ 1 2 3 4

Berger/ Berger/ Kellner, 1987, 64f. Berger/ Berger/ Kellner, 1987, 67. Vgl. dazu etwa Jaide/ Veen, 1989, das zweite und dritte Kapitel. Opaschowski, 1996, 15.

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In welchem Maße z.B. das Fernsehen das Freizeitverhalten in den USA verändert hat, zeigt sich an einer drastischen Reduzierung von nicht auf das Fernsehen bezogenen Freizeitgewohnheiten. Innerhalb eines Zeitraums von dreißig Jahren ermittelte Tibor Scitovsky 1 folgende Veränderungen: Für den amerikanischen Bürger gab es einen Rückgang der Essenszeiten von 107 auf 70 Minuten täglich, des Bücherlesens von 22 auf 9 Minuten, des Radiohörens von 26 auf 4 Minuten, des Zuschauens bei Sportveranstaltungen von 7 auf 2 Minuten, der Kinobesuche von 22 auf 3 Minuten und des Spazierengehens von 22 auf 1 Minute. Auch in Deutschland zeigt sich bei einem Vergleich ein deutlicher Unterschied zwischen den Freizeitlebensstilen der fünfziger Jahre zu denen seit den neunziger Jahren2. Ende der fünfziger Jahre gibt es in der Geburtenrate der Bundesrepublik einen Höheten Freizeitbeschäftigungen in der Familie wird. Die Familie ist in den fünfziger Jahren der eigentliche Freizeitbereich. Zur Freizeitbetätigung in den fünfziger Jahren gehören auch regelmäßige Verwandtenbesuche. Da es die Sechs-Tage-Woche gibt, ist die Freizeit am -dem-Fensterd sich dabei mit Nachbarn zu unterhalten ist seither ausgestorben. -dem-Fensterehen verdrängt. Aus dem Spiel mit den Kindern wird die Beschäftigung mit der Familie. Der Geburtenrückgang kündigt sich hier in den Freizeitgewohnheiten an. Als in den sechziger Jahren die Fünf-Tage-Woche eingeführt wird, verändert sich auch das Erholungsbedürfnis. Man hat mehr freie Zeit und kann sie dazu nutzen, sich extensiv auszuruhen. Man schläft länger und besucht dann Theater, kulturelle Veranstaltungen, nimmt am kirchlichen Gemeindeleben teil oder verbessert seine Allgemeinbildung. Seit der Transformation der Lebenskultur Ende der sechziger Jahre tauchen diese kulturellen und sozialen Aktivitäten nicht mehr auf. Mitte der siebziger Jahre gibt es eine dem Lebensstilbruch Ende der sechziger Jahre entsprechende Zäsur im Freizeitverhalten. Wesentlich wird der Medienkonsum in Form des Lesens von Zeitschriften und Zeitungen, des Radiohörens und Fernsehens. Es bürgert sich n Mitte der achtziger Jahre erweitert sich dann der Medienkonsum um die Freizeitbeschäftigung des Telefonierens. Ebenso gelangt der aktive Sport auf die Liste der vorzüglichen Freizeitaktivitäten. Seit den neunziger Jahren werden dann die elektronischen Freizeitmedien immer bedeutsamer. Trotzdem aber bleibt das Bücherlesen eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Je hektischer das Alltagsleben erfahren wird, desto mehr ergibt sich als Kontrast zum Stress des Arbeitstages die Sehnsucht nach Ruhe und Ausschlafen3.

Heute zeichnen sich wenn man diese Veränderungen zusammenfasst vier grundlegende Freizeitwerte ab, denen je eine Ambivalenz innewohnt. Auf der einen Seite eröffnen sie Lebenschancen und auf der anderen Seite setzen sie aber auch bestimmte Leistungen voraus, die unter Druck setzen können. Zugleich ist mit diesen Leistungen die Frage gegeben, inwiefern Freizeit etwas ist, das auch mit einem anspruchsvollen Sinnkonzept verbunden werden muss. __________ 1 2

3

Zit. nach Opaschowski, 1996, 20. Eingehend wird die bundesrepublikanische Fernsehkultur der fünfziger und der sechziger Jahre von Baar, 2003 und Schäffner, 2002 dargestellt. Opaschowski, 1996, 21-23.

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Der erste Freizeitwert ist das Freisein. Die Ambivalenz dieses Freizeitwertes liegt darin, dass man sich auf der einen Seite in seiner Freiheit erleben kann und auf der anderen Seite aber auch mit dem Problem konfrontiert wird, was inhaltlich mit der eigenen Freiheit in der Freizeit zu geschehen habe. Im Kontext dieses Freizeitwertes taucht als nächster der der Mobilität auf. Auf der einen Seite ist Mobilität etwas, was den Raum und auch die Zeit in höherem Maße für die eigenen Freiheitszwecke verfügbar macht. Auf der anderen Seite ergibt sich hier das Problem, inwiefern die größere Verfügung über Zeit und Raum dazu führt, ohne genaue Zielrichtung rast- und ruhelos zu werden. iert, ist der Freizeitwert des Konsums. Wie wir schon in unserer allgemeinen Analyse der Konsumorientierung gezeigt haben, ist es einerseits reizvoll, konsumorientiert leben zu können. Auf der anderen Seite aber entspringt auch hier eine spezifische Sinnproblematik. Man scheint fast alles konsumieren zu können, weil fast alles käuflich ist und doch bleibt da etwas an mangelhaftem Selbstvollzug im Konsum bestehen, der auf ein tieferes Verständnis von Freiheit verweist. Mit der Möglichkeit des Freiseins ist dann noch die der Steigerung von Lebensfreude als viertem Freizeitwert gegeben. Weil man viel Zeit hat, kann man jetzt auch das Leben genießen und Freude an seinem Leben haben. Aber andererseits ist Fun nicht alles. Wer happy ist, ist noch nicht glücklich oder gar im Besitze eines erfüllten Lebens. Aus diesen vier ambivalenten Freizeitwerten entsteht als eine Grundtendenz der heutigen Freizeitnutzung das, was im Amerikanischen als Nesting oder Cocooning bezeichnet wird. Man igelt sich in sich ein. Das Kokon-Bedürfnis umfasst nicht nur die Ausgestaltung des eigenen Zimmers, bzw. der Wohnung oder des Hauses, sondern auch die Ausgestaltung des eigenen Fahrzeugs oder die Ausgestaltung der eigenen Sportmittel, in denen man sich in die Landschaft begibt. Entsprechend nannten 1984 bzw. 1995 von je hundert Befragten in Westdeutschland als Freizeitaktivitäten der letzten Woche die Freizeitaktivitäten des Ausschlafens (1984: 36/ 1995: 48), des Faulenzens (1984: 31/ 1995: 39), seinen Gedanken nachzugehen (1984: 24/ 1995: 34) und sich in Ruhe zu pflegen (1984: 22/ 1995: 27) an erster Stelle und mit steigender Tendenz1. 2 . Was aber ist, wenn das Ego wenig leistungsfähig im freizeitschöpferischen Bereich ist? Auf der einen Seite erhält Freizeit gesamtgesellschaftlich und durch die Massenmedien vermittelt den Charakter eines Schlüssels zum Paradies des Genusses. Auf der anderen Seite aber erweist sich diese Utopie auch leicht als sinnleer. Freizei a 3. __________ 1 2 3

Opaschowski, 1996, 21-25. Opaschowski, 1996, 24. Opaschowski, 1996, 25.

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Gerade aufgrund dieser Spannung von hohen Erwartungen und prinzipiell zurückbleibenden Leistungen haben die Werbeindustrie und Massenmedien mit ihrer veröffentlichten Meinung einen guten Ansatzpunkt. Die Erwartungen sind hoch und wer erfüllt diese? Es sind die Lifestyle-Experten.

IV. Massenmediengesellschaft Neil Postman spricht in seinem zwar provozierenden, aber empirisch nicht zureichend abgesicherten Buch Wir amüsieren uns zu Tode von einer Weltanschauung, die das Fernsehen zwar nicht erfunden habe, wohl aber in ihrer eigentümlichen Gestalt erst sichtbar mache. Es ist die Weltanschauung, die sich, ohne dass Postman hier Anleihen macht, auf das stützt, was Martin Heidegger in fundamentalanthropologischer Perspektive in Sein und Zeit iche 1 atisiert hat . Postman spricht hier von der Und -Weltanschauung. ehen im allgemeinen angezeigt, daß das, was man soeben gehört oder gesehen hat, keinerlei Relevanz für das besitzt, was man als nächstes hören oder sehen wird, und möglicherweise für alles, was man in Zukunft einmal hören oder sehen wird, den blitzschnellen elektronischen Medien entworfene Welt keine Ordnung und 2 keine Bedeutung hat u . -Weltanschauung passt sich glänzend in den Kontext des Konsumismus ein. Illusionierung durch Ereignishaftigkeit bezeichnen könnte. Schon dadurch, daß der Alltag in einen Zeitraffer hineingerät, und dadurch, daß das Gesetz der Unterhaltung verlangt, daß es nicht nur zugeht wie im Leben, sondern ganz anders als im Leben, muß sozusagen eine Fernsehserie ereignishaft sein, es muß etwas passieren. Und zwar mehr, als bei der Hauptfunktion der Unterhaltung. Nun kann aber Ereignishaftigkeit Illusionen schaffen und ablenken von normalerweise doch mit weniger Ereignissen behafte3 ten alltäglichen Situatio . Postman ist es sicherlich zu verdanken, einige Züge der Amüsiergesellschaft herausgearbeitet zu haben. Auf der anderen Seite übertreibt er allerdings auch die Situation hinsicht-

__________ 1 2 3

Heidegger, 1979, 35-38. Postman, 1992, 123f. Mieth, 1987, 62.

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lich der Fernsehnutzung1. Ähnlich eingleisig argumentiert auch Finkielkraut in postmodergenblick, in dem anscheinend die Technik durch Fernsehen und Computereinsatz alles Wissen in alle Haushalte bringen kann. Das Wort bleibt bestehen, doch als leere Hülle, bar jeder Idee der Bildung, Weltoffenheit und Seelsorge. Von nun an wird das geistige Leben vom Vergnügungsprinzip der postmodernen Form des persönlichen Interesses bestimmt. Es geht nicht mehr darum, die Menschen zu autonomen Subjekten heranzubilden, es geht darum, ihren unmittelbaren Gelüsten Genüge zu tun, sie möglichst billig zu unterhalten. Als loses Konglomerat von flüchtigen und zufallsbedingten Bedürfnissen hat das postmoderne Individuum vergessen, daß Freiheit etwas anderes war als die Macht, das Pro2 gramm zu wechseln, und die Kultur mehr als ein be . ffenbar allgegenwärtig und schweigt nie; im Gegenteil, meist brüllt er. Seine Schöpfung ist die elektronische Umwelt, in die er einen jeden hineinzulullen sucht. Dieser Gott frißt gnadenlos die Aufmerksamkeit der Menschen, bindet die Faszinierten an sich und macht sie unersättlich und läßt sie gleichzeitig untätig bleiben. Es ist ein harter Gott, der Jugend, Schönheit, Leistung hochstellt und erbarmungslos nach den höchsten Opfern, nach Zeit und Geld der Menschen greift. Er verschont seine Gläubigen damit, daß sie viel verstehen und einsehen; dieser Gott gewährt tiefe Bewußtlosigkeit, und dies in einer Sintflut von Infor3 ma .

Der wesentliche Trendverstärker des Glaubens an den im Konsumismus steckenden Konsumzwang sind die Massenmedien. Die Massenmedien reagieren auf die konsumorientierte Weltanschauung und verstärken sie, indem sie eine einfache, fantasiegeschaffene Medienwelt zu errichten versuchen. Ihr Ausgangspunkt ist, dass für die meisten Menschen die Alltagserfahrung in hohem Maße durch Monotonie und durch die Langeweile einer Wiederkehr des ewig Gleichen von Tag zu Tag geprägt ist. Die Massenmedien sind das Kontrastprogramm zu diesem Alltag. In den Me4 bezeichnen kann. Diese formale Betriebsamkeit besteht darin, dass der wesentliche Wert die Dauerunterhaltung des Publikums ist. Aufgrund des permanenten Charakters dieser 5 Un wird, ist sie durch eine germalen Finessen, mit Farbe und Inszenierung und Lichteffekten, weil so die Illusion einer ganz anderen, vom All6 , drapiert wird. Der Tendenz (aber auch nur von seiten der Medienrezipienten, dem Empfindungen, Impressionen vermittelt werden. __________ 7

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Vgl. dazu Wörter, 1992. Finkielkraut, 1989, 130. Albrecht, 1993, 144. Bausinger, 1987, 20. Höhn, 2007, 119. Bausinger, 1987, 20. Bausinger, 1987, 20.

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Neben dieser Tendenz zur formalen Betriebsamkeit bei gleichzeitiger Inhaltsarmut gibt es in den Massenmedien eine Tendenz zu dem, was Bausinger al 1 bezeichnet. Entschränkung bedeutet, dass die Medien die Erlebniswelt des Alltags, der in einem hohen Maße durch Beschränkungen geprägt ist, auf eine Welt fast unendlicher Lebensmöglichkeiten hin erweitern. Mit dem Gedanken unendlich vielfältiger Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten (mit dem dann der abendländische Reinkarnationsglaube ernst macht), sind Möglichkeiten eines alltäglich-ritualisierten Aussteigens aus der eigenen Alltagsrealität gegeben. Bausinger nennt als solche Entschränkungsformen in den Medien 2 , die es gestatte, dass der Medienkonsument am Leben der oberen oder auch der unteren Zehntausend oder am Leben exotischer Völker teilische nte Erlebnisse im Medienbereich gegeben. Der Leser, Hörer oder Seher könne nicht nur durch die Zeit in ein antikes, mittelalterliches oder zukünftiges Milieu reisen, sondern er könne sich ohne moralische und juristische Probleme spielerisch mit den brutalsten Verbreche(r)n identifizieren und doch ein gutes Gewissen bewahren. gen wollte, definiert sich nun durch das Recht eines jeden auf die Kultur seiner Wahl (oder ndente, historische oder einfach mehrheitliche Macht kann die Vorlieben des postmodernen Subjektes in eine andere Richtung lenken oder seine Verhaltensweisen bestimmen. Ausgerüstet mit einer Fernbedienung im Leben wie vor seinem Fernsehgerät, stellt es gelassen sein Programm zusammen, ohne sich mehr von den traditionellen Hierarchien einschüchtern zu lassen. Frei im Sinne Nietzsches, daß nicht mehr über sich selbst zu erröten das Zeichen der verwirklichten Freiheit sei, kann es alles fahren lassen und sich genüßlich 3 der Unmittelbarkeit seiner einfachsten Lei .

Weiter bieten die Medien ein Gefühl der Heimat. Das Entscheidende am Heimatgefühl ist das Bewusstsein einer unbedingten Verlässlichkeit der nächsten Menschen. Beheimatung ist der Gegenbegriff zu Fremdheit sowohl unter Menschen als auch im räumlich zeitlichen Kontext. Eng mit dieser Beheimatung durch Medien hängt zusammen, dass Medien Transparenz und Übersichtlichkeit ermöglichen. In der nicht nur prosaischen, sondern auch unübersichtlichen Lebenswelt wird hier ein Ort der Ruhe und eben der Übersichtlichkeit angeboten. So ist es etwa in den Medien wichtig, dass die Sprecher bzw. Moderatoren von Sendungen immer die gleichen sind, die sich auf immer die gleiche Weise präsentieren. Sie sind Charaktere, die keine Widersprüche aufweisen dürfen, die sich, __________ 1 2 3

Bausinger, 1987, 21. Bausinger, 1987, 22-26. Finkielkraut, 1989, 123.

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weil sie sich nicht verändern, entsprechend berechnen lassen. Diese gefühlsmäßige Bindung an berechenbare, verlässliche Menschen in den Medien wird im angelsächsischen Sprachraum von den Medienpsychologen als parasoziale Interaktion bezeichnet. Durch parasoziale Interaktion kann der Mediennutzer eine emotionale Nähe zu den Repräsentanten der Medien entwickeln, die ihm durch Beziehungskrisen und Konkurrenzdruck im Alltag verloren gegangen zu sein scheint. Dies ist ein Punkt, an dem man auf das Problem der Gestaltung radikaler Endlichkeit in der Konsumkultur stößt. Die Bedürfnisse, die durch die Massenmedien aufgegriffen und konsumistisch aufbereitet werden, sind einerseits menschlich nicht nur verständlich, sondern vollkommen legitim. Auf der anderen Seite ist aber diese Befriedigungsweise auf eine unthematische Weise als neomythisch und religionsförmig zu bezeichnen. Denn mit dem Vorgang der Entschränkung der Alltagswelt durch die Medien werden die Probleme, die aus der Radikalität menschlicher Endlichkeit resultieren, auf ein bewältigbares religionsförmiges Ni1 vermittelt über die Sehgewohnheit strukturierende Orientierung und damit Sicherheit. Die nur mögliche und nicht wirkliche Welt der soap ist gerade als unwirkliche stabil und vermittelt Heimatgefühle und vertraute Bekanntschaft mit fiktiven, aber erlebbaren Menschen. Aus diesem Grund ist die soap-peer-group oft u dwo entveredelt. Die Außenwelt besteht aus Ladenfassaden, Schulhöfen, Skateboardpisten und Hofdurchgängen, idealen Treffpunkten. Dort trifft man sich, um unablässig 2 . Damit soll aber nicht einer globalen Ablehnung dieser Art der Medienkultur das Wort geredet werden. Programme dieser Art haben dann einen gesellschaftliMerkmale aufweisen. Es handelt sich dann um Wirklichkeitsbezug im Sinne sozialer und kultureller Nähe zur Umwelt des Zuschauers, identifikationsfähige und lebbare Charaktere, kritisch thematisierte gesellschaftlich akzeptierte Werte, um 3 Kitsch unterschei . Eingebunden sind Talkshows und soaps in den übergreifenden Zusammenhang der Markenwerbung.

ilich verschweigt die Konsum-Symbolik in den meisten Fällen das Böse, über das sie sportliche Raucher, dem Raucherhusten und Lun-

__________ 1 2 3

So ein schöner Gedanke von Thomas, 1998. Vgl. auch grundsätzlich Schilson, 1997. Landbeck, 2002, 11. Ring, 1993, 185.

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genkrebs nichts anhaben können, der kühne Bergsteiger, den es niemals in die Tiefe reißen wird, der Cowboy, für den die Kugel erst noch gegossen werden muß, die ihn ins Jenseits befördert, sie alle präsentieren die Überwindung des Todes und eine grundsätzliche Unzer1 .

Das Fernsehen unterhält seine Zuschauer mit alltäglichen Begebenheiten, denen es 2

immer weniger durch traditionale Institutionen vermittelt wird, gerät das Fernsehen gleichgültig ob freiwillig oder unfreiwillig 4 5 u . Das Fernsehen stiftet eine Aufmerksamkeit, an der auch der Durchschnittsmensch partizipieren kann. Franck und Höhn machen in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, wie wichtig der durch die Massenmedien vermittelte Maßstab der 6 . Diese werde in einer fortgeschrittenen Konsum- und Leistungskultur wesentlich für einen Prozess der massenmedialen Selbstfindung. Wenn sich immer 3

Wohlstands leisten können, dann muss sich der Wille nach Unterscheidung auf 7 . und sei es auch nur die für einen Tag in einer Talkshow gen Medium im Individualisierungsprozess.

wird zu einem wichti-

gen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz 8. Aufmerksamkeit in den Massenmedien und Anerkennung der eigenen Individualität verbinden 9.

Diese Bestätigung ist zugleich eine der eigenen Leistungsfähigkeit und nicht und daß gerade dieses auffällt und nicht jenes, schließt ein, daß eines sich gegen das andere durchsetzt und stärker, kraftvoller hervortritt als anderes, das ebenfalls 10 , schreibt Waldenfels. __________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Spiegel, 1986, 17. Keppler, 1994, 8. Keppler, 1994, 8. Keppler, 1994, 8. Keppler, 1994, 8. Franck, 1998, 47. Höhn, 2007, 120. Franck, 1998, 10. Berger/ Luckmann, 1980, 165. Waldenfels, 2004, 228.

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Zieht sich hingegen der für einen Tag Prominente in den Alltag zurück, dann verblasst auch seine Prominenz schnell. Der Unterschied zwischen der Alltagswelt und der Medienwelt liegt nach Bauenerell in der Realität draußen nichts entsteht man kann auch sagen, daß Realität nicht entsteht ohne eigene Mitwirkung, ohne Investitionen, daß dagegen die beim Mediengebrauch bezahlte Lustprämie sehr viel niedriger ist, daß die Bedürfnisbefriedigungen der Medien abgerufen werden können, fast ohne Gegenleistung. Die Gefahr liegt nicht in diesem Vorgang an sich, sondern in der Möglichkeit der Übertragung aufs wirkliche, aufs sonstige soziale Leben. Es ist 1 die Gefahr der Infantilisierung, der Dauereinrichtung regres . Im Narzissmusabschnitt werde ich auf diese Frage zurückkommen.

V. Die McDonaldisierung des Globus: Tourismus r drückt den Menschen in den Fernraum, der das Gewünschte bzw. Andere bereit2 . Dort soll Identitätsstiftung und Wunscherfüllung stattfinden. Im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft habe ich ausgeführt, dass der moderne Mensch durch die Wissenschaftsfundierte Technik auf der Grundlage der vorgegebenen natura prima eine natura secunda schaffen kann, deren elementare Strukturen er selbst entwirft. Die Aufbereitung der Welt in der touristischen natura secunda, die McDonaldisierung3 des Urlaubs, entspricht dieser Verwissenschaftlichung unserer Lebenswelt. Den durch Max Weber (1864-1920) eingeführten Bestimmungen von Rationalisierung als Effizienz, Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit und zunehmender Kontrolle entsprechen die seit 1955 zufällig zeitgleich mit MCDONALD S eingeführten DISNEYLAND-Erlebnisparks4. Jährlich werden dreißig Millionen Besucher über Laufbänder durch unabänderliche, genau berechnete Urlaubserlebnisse geführt. Im japanischen SEAGAIA OCEAN DOME liegt unter einer Kuppel der größte künstliche Strand der Welt. Computeranimationen und ein künstlicher, regelmäßig ausbrechender Vulkan scheinen eine gegenüber der natura prima vor den Kuppeltoren verbesserte Realität zu bieten. Alles in unserer Realität wird besichtigbar, weil es aufbereitet und zum schnellen Konsum stromlinienförmig geglättet wird. Es gibt Vorzeige-Slums in der __________ 1 2 3 4

Bausinger, 1987, 27. Kiefl/ Klörs, 1999, 39. Ritzer, 1997, 175. Hlavin-Schulz, 1999.

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Dritten Welt, das Staatsgefängnis Alcatraz darf betreten werden, Gafferlager werden an ehemaligen Kriegschauplätzen eingerichtet (Angola, Kosovo, Ho-ChiMinh-Pfad) um kriegstouristische Weekends zu veranstalten, Erlebnisgondeln mit Champagner führen zum Gletscher oder schweben über dem tropischen Regenwald in Costa Rica und wer auf dem amerikanischen EXTRATERRESTRIAL HIGHWAY UFO-Landeplätze besichtigt hat, kann, nachdem er in Texas am Zwei-Kilo-SteakEssen mitgewirkt hat, gleichsam einen Tag später in Finnland am Stechmückentotschlag-Wettbewerb oder am lappländischen Frauenschleppen über zweihundertfünfunddreißig Meter teilnehmen1. Der scheinbaren touristischen Grenzenlosigkeit widerspricht die Begrenzung durch das verschieden gestufte Sozialprestige unterschiedlicher Urlaubsangebote und die vermiedene Kontaktaufnahme zu Einheimischen. 2 r . Der Beruhigten Endlichkeit des Tourismus entspricht das Interesse an stets 3 , die die Irritation durch das Fremde in den geplanten Ferienwelten des Clubs garantieren. Entsprechend gibt es eine Clubphilosophie, Clubaccessoires, in den Club initiierende Wettbewerbe und Rituale, die es dem Cluburlauber ermöglichen, beruhigt unter seinesgleichen zu bleiben und zugleich das Gefühl zu besitzen, nicht zu den üblichen Touris zu gehören. als Möglichkeitsraum begriffen in dem neue Identitäten und Gemeinsamkeiten erprobt und/oder aufgebaut werden können. Die realen Räume bringen sich zu diesen Strukturen und Prozessen (ästhetisiert) in Beziehung, und dies bedeutet, daß sie von dem Fließenden und Globalisierten und nicht von den empirischen Sozial4 . Der Konsument sieht im Urlaub nur sich selbst wie Narcissus.

VI. Konsumismus und Narzissmus Die Nymphe Liriope wird so erzählt Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. 18 n. Chr.) in seinen Metamorphosen von dem Flussgott Cephisus vergewaltigt. n damals Kündenden Seher befragte, ob je dieser Knabe zu hohem Alter gelange, da gab er zur Ant __________ 1 2 3 4 5

Vgl. dazu Gyr, 1999, 56-59. Kiefl/ Klörs, 1999, 39. Kiefl/ Klörs, 1999, 31. Kiefl/ Klörs, 1999, 41. Ovid, 1971, 102 (III, 344-348).

5

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In einer Knopfdruck-Medien- und Konsumwelt, in der alles bequem auf Knopfdruck dem Willen entsprechend zu funktionieren scheint und doch rasante Modernisierungs- und Individualisierungsschübe einen zunehmenden Fremdheitskoeffizienten der Welt erzeugen, nehmen narzisstische Störungen zu. Sigmund Freud stellt in einem 1920 publizierten Aufsatz mit dem Titel Jenseits des Lustprinzips eine körperliche Lust an Ganzheit und Gleichgewicht einer stärker realitätsorientierten Körpererfahrung gegenüber, die lusttranszendierend ist1. Lust ist für Freud in ihrem Wesen die Suche nach einer Geborgenheit analog zur Geborgenheit des Fötus im Mutterleib. Lust habe in dieser Weise primär narzisstische Dimensionen. Der Schutz vor störenden Reizen ist nach Freud für den lebenden Organismus wesentlicher als die Reizaufnahme. Andererseits aber erkranke der Körper, wenn er nicht periodisch äußere Reize aufnehme. Unter dem Einfluss des Realitätsprinzips versuche eine Person, Unlust, d.h. störende Reize, zu dulden und zu integrieren. Innerhalb des Habitus eines Lustprinzips werde hingegen der Versuch unternommen, alle Unlust erzeugenden Reize zu besiegen. Die Zivilisation habe die Aufgabe, uns dazu zu bringen, das Realitätsprinzip zu akzeptieren. Die Zivilisation Erfahrungen, die sich nicht wegschieben lassen und die daher dazu führen, dass wir uns unerfüllt fühlen. Dennoch konzentrieren, aufmerksam zu werden, nachzufragen und sich für das zu interessieren, was 2 die Lust der Ganzheit verhin .

Die Entwicklungspsychologie3 geht davon aus, dass das Kind in seiner frühesten Entwicklung nicht zwischen sich und seiner Umwelt zu unterscheiden vermag. In einem Bild gesprochen, kann man sagen, dass sich das Kind ohne Bewusstsein ein 4 . In dieser Phase des primären Narzissmus ist es wichtig, dass die Mutter-Kind-Beziehung, aus der das so genannte Urvertrauen in die Verlässlichkeit der vom Ich zu trennenden Um- und Mitwelt entsteht, stabil ist. Eine Anlage zu narzisstischen Störungen gibt es in jedem Menschen. Das Gleichgewicht ütterlicher Fürsorge gestört, aber das Kind ersetzt die vorherige Vollkommenheit (a) durch den Aufbau eines grandiosen und exhibitionistischen Bildes des Selbst: das Größen-Selbst; und, (b) indem es die vorherige Vollkommenheit einem bewunderten, allmächtigen (Übergangs-)Selbst-Objekt zuweist: der idealisierten ElternImago 5. Erweist es sich jedoch für das noch nicht selbstbewusste Kind, dass die Welt als Horizont nicht ichhaft erlebter Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigungen eine Unwelt ist, d.h., dass es keine oder kaum Gewohnheiten in Blick auf (geregelte) __________ 1 2 3

4 5

Vgl. dazu Freud, 1920. Sennett, 1995, 459f. Vgl. etwa Viebahn, 1972; Riemann, 1979; Müller-Pozzi, 1991, Mahler/ Pine/ Bergmann, 1980; Bacal/ Newman, 1994 und Asper, 1990. Neumann, 1963, 17. Kohut, 1973, 43 (Hervorhebungen durch Kohut).

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Versagungen und Erfüllungen von Bedürfnissen entwickeln kann, sondern dass die Bedürfnisse eher zu Unregelmäßigkeiten und Versagungen führen, dann kann es zu narzisstischen Störungen kommen. Der Säugling ist dann nicht mehr in der Lage, angstfrei mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Im Laufe der kindlichen Entwicklung sind somit dosierte Frustrationen notwendig, um die bei sich befindlichen und auf die Eltern als Selbstobjekte verteilten Omnipotenzfantasien zu kanalisieren und zu begrenzen und in ein realistisches Selbst- und Weltgefühl und eine realitätsgerechte Einschätzung der Mitmenschen als nunmehr getrennt erlebtem Objekt zu überzuführen. Traumatisierende Frustrationen dieser Entwicklung des Selbst führen hingegen zu narzisstischen Störungen, in denen eine Regression auf das eigene archaische, grandiose Selbst geschieht. Dann kann es zu Größenfantasien kommen, während der Realitätsbezug an Atr Illusion ihrer absolutistischen Verfügbarkeit als Selbstobjekt, so tritt narzisstische Wut auf, die nicht als triebhaft elementare Bösartigkeit angesehen oder mit ichsyntoner Aggression zur Erreichung eines Zieles verwechselt werden darf. Sie spiegelt vielmehr das Entsetzen und die Ohnmacht, die im Verlust der Kontrolle über das selbstwertregulierende Außenobjekt begründet liegt. Da dieses jedoch als Selbstobjekt, also als Teil des eigenen Selbst erlebt wird, kommt sein Verlust gewissermaßen einem Selbstzerfall gleich. Dies kann beim narzisstisch Gestörten nicht nur zu bodenloser Scham und zu fanatisch-rächender narzisstischer Wut, sondern auch zu Fragmentierungserlebnissen führen, also zu subjektiven Empfindungen des Auseinanderfallens, zu Desintegration, Kohärenzverlust, Leere und Sinnlosigkeit, denen oft mit betonter Eigenstimulation, oft auch sehr schmerzhafter Art, begegnet wird, um sich dadurch wieder 1. als kohärent zu erleben und sich wieder fühlen und spüren zu kön

Durch die zahlreichen Rollenunsicherheiten, wertemäßigen und emotionalen Transformationen des modernen Individualisierungsprozesses und die Orientierung an einer Kultur individueller Bedürfnisbefriedigung ist eine derartige Kontinuität der ersten Lebensphase in vielen Sozialisationsprozessen nicht mehr ge2 währleistet. In der vieler moderne Familien kann es für das Kind nicht mehr so einfach zur Bildung eines grundlegenden Vertrauens in seine Welt und damit in sein Selbst kommen. Ohne dieses grundlegende Vertrauen in die Verlässlichkeit der Um- und Mitwelt ist aber eine realitätsgerechte Lebensgestaltung nicht möglich. Erst wenn die Mutter-Kind-Beziehung Quelle für die glückende Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse ist, kann dieses auch danach streben, die Welt zu gestalten und damit sich und die Welt nicht nur unterschieden, sondern auch differenziert zu sehen. Wird Versagung von Bedürfnissen nicht immer wieder durch die liebevolle Zuwendung der Mutter zu ihrem Kind in dieser frühen Phase aufgehoben, so dass sich die Gewohnheit bilden kann, die auch notwendigen Versagungen im Vertrauen auf eine wiederkehrende Aufhebung derselben zu ertragen, gerät das Klein__________ 1 2

Elhardt, 2001, 37f (Hervorhebung durch Elhardt). Wintels, 2000, 36.

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kind sozusagen in Perspektivlosigkeit. Perspektivlosigkeit bedeutet aber Ungerichtetheit von Bedürfnisbefriedigungen. Wird in der präödipalen Phase die Außenwelt durch solche Beziehungsstörungen ausgeblendet, dann kann die ödipale Phase nicht ausagiert werden. Am Ende der ödipalen Phase gelangt das Kind durch eine Rivalitätshaltung gegenüber dem Vater zur Identifikation mit ihm als Repräsentanten eines realitätsgerechten Überichs. Auch diese Zielrichtung wird durch die zunehmende Rollenunsicherheit von Männern und Frauen immer stärker in Frage gestellt. Geschieht also eine solche Störung der öd herausgebildet, sondern (zunächst) ausgehend vom primärnarzisstischen diesem Falle wird das Ichideal nicht von einem bereits durch neutralisierte Energie erstarkten Ich aufgebaut, sondern differenziert sich aus einem noch nicht entwickelten Ich heraus; dabei steht dieses Ichideal unter dem strengen primärnarzisstischen Anspruch der Omnipotenz: Es ist sozusagen von Beginn an -Bereich Fähigkeiten entwickeln zu können, die1 sem hochfliegenden Ideal nahezu . Wenn wir uns diese frühkindlich begründete Disposition zur Flucht vor der Realität und ihren Versagungen und zur Hinwendung in den konsumistischen Lebensbereich noch einmal abschließend im Ganzen ansehen, stoßen wir auf folgende Grundzüge der psychischen Struktur des narzisstisch beeinträchtigten Menschen. Aufgrund der mangelnden Lösung der Mutter-Kind-Beziehung sind narzisstische Gleichgewichtszustände und nicht Objektbeziehungen erstrebt. Dem auf Omnipotenz gehenden archaischen Ichideal steht ein rigides Überich gegenüber, an das keine identitätsstiftende Anknüpfung möglich ist. Als Konsequenz dieser Disposition kommt es zu einer Verweigerungshaltung gegenüber dem Realitätsrisiko narzisstischer Kränkungen. Weltangst und die Hinordnung zu Scheinwelten, die narzisstische Gleichgewichtszustände versprechen, entstehen. Psychologen vermelden in den letzten Jahrzehnten ein Ansteigen narzisstisch bezeichenbaren Verhaltens. Zwar kann man den narzisstischen Menschen aus psychischen Strukturen heraus deuten, nicht aber das Ansteigen narzisstischer Störungen. Deshalb kann man von der Voraussetzung ausgehen, dass Narzissmus und Konsumkultur eine wechselseitige Verbindung eingehen. Es ist sinnvoll, um hier auf die Erörterungen zur Romantik im ersten Band zurückzugreifen, davon zu sprechen, dass sich die Sehnsucht nach einem Infinitinomium, von der Friedrich -1801) gesprochen hat, auf eine überraschende und demokratisch-trivialisierte Weise hier niederschlägt. Jeder will seinen Kosmos aber als seinen privaten Kokon. __________ 1

Ziehe, 1975, 181f.

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Doch hat diese Sehnsucht nach dem Mutterleib und dem Vergnügen am Leben in der Dimension des Und-jetzt-Erlebens (Postman) ihre Grenzen. Durch die modernen Individualisierungsprozesse, die zahlreichen Rollenunsicherheiten, wertmäßigen und emotionalen Entwurzelungen und die Orientierung an einer Kultur individueller Bedürfnisbefriedigung, wird eine stabile Kontinuität der ersten Lebensphase in vielen Sozialisationsprozessen aufgrund der kulturell gewandelten Situation immer schwieriger gewährleistet. Kann das Kind keine 1 Perspektivlosigkeit bedeutet Ungerichtetheit von Bedürfnisbefriedigungen. Selbst 2 dar, die keinen Halt geben kann. Immer häufiger kommt es deshalb zu narzisstischen Selbstwertstörungen. Je weniger der narzisstisch gestörte Mensch sich selbst in seinem Wert und damit auch in seinen Grenzen erleben kann, desto größer die Sehnsucht nach dem Echo von außen, das aber nur Echo und nie Gegenüber sein darf. Dann ist die Flucht in das alte vorsprachliche Allmachtsgefühl angetreten worden. In der Vorstellung der eigenen Grandiosität des In meinem Kopf bin ich der Star und der suchthaften Suche nach Highlights werden die Verlassenheitserfahrung und die daraus resultierende Depression zu bewältigen versucht. Andere hingegen streben danach, sich ganz an eine andere, als mächtig geglaubte Person hinzugeben, um in einer Idealisierung des Selbstobjekts sagen zu können, dass man selbst ein Teil derselben sei. Das Interesse an Promis und der Starkult haben hier ihren Kontext. An einer unberührten Quelle sitzend verharrt Narcissus in sich. Und von der Hitze, gelockt von dem Quell und der Anmut des Ortes. Doch wie den Durst er zu stillen begehrt, erwächst ihm ein andrer Durst: beim Trinken erblickt er herrliche Schönheit; ergriffen Liebt er ein körperlos Schemen: was Wasser ist, hält er für Körper. Alles bewundert er jetzt, weshalb ihn die andern bewundern: 3

Nun so . Das Echo der Eigenwelt wird in Längeren unbewussten Gedankenspielen ausgebaut. Grandioses Verstellen ersetzt die Nüchternheit des Alltags. Der Ungerichtetheit von narzisstischen Interessen kommt unsere Konsumkultur entgegen. Der Mensch wird hier im behavioristischen Kontext als umfassendes emotionales Bündel betrachtet, das man außengeleitet bewegen könne. Ziellose, __________ 4

1 2 3 4

Wintels, 2000, 45. Wintels, 2000, 47. Ovid, 1971, 102 (III, 413-425, in Auszügen). Wintels, 2000, 50.

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blinde Aktivität ist daher der wesentliche Ausgangspunkt für den idealen Konsustechniken darauf ab, den Gebrauchswert der Produkte zugunsten einer Nutzung 1 für das narzisstische Gleichgewicht in den Hintergrund tre . tbildes würde die Anpassung an wechselnde Aktualitäten nur stören, nicht dagegen eine plurale Identität nach Art unzusammenhängender Momentaufnahmen im 2 zeitlichen Ablauf, ein ,Stunden. Nicht mehr die lineare Geschichtszeit, die von einer Einbettung in Tradition vorausgesetzt wird, prägt das Erleben, sondern eine Art Punktualisierung des eres 3 4 hat. Wenn vergleichende Maßstäbe schwinden, dann muss alles jetzt und hier immer wieder individuell erlebt werden im Blick auf eine Selbstgestaltung, die ihrer geschichtlichen Maßstäbe obsolet geworden ist. Das unmittelbare Erlebnis, die Empfindung und nicht mehr die in Tradition eingebettete, reflektierte Erfahrung bestimmen die neuen Lebensentwürfe. Mit der Gewohnheit, Erlebnisse zu erzeugen, geht die Notwendigkeit einher, Erlebnisse zu steigern. Es kommt zu dem Versuch, Erlebniserzeugung zu be5 6 -Beschleunigungs. Gerade die Verdichtung des Zeittaktes, die Erlebnis-Kumulation bewirkt es aber, dass Erlebnisse sich nicht mehr einprägen können. Wer besonders intensive Erfahrungen haben möchte (Erfahrungen und nicht Erlebnisse!), muss zwischen den einzelnen Erlebnissen, aus denen intensive Erfahrungen entstehen sollen, Zeit haben, diese reflexiv zu Erfahrungen hin zu verarbeiten. Genau dieser Zeit beraubt sich der erlebnisorientierte Mensch, der Erlebnisse anhäufen möchte. Aus dieser Situation resultiert die Tendenz des erlebnisorientierten Subjekts zur Destabilisierung. haltig Schaden an ihrem Selbst zu nehmen, ohne notorisch überfordert und dauer7 haft destabilisiert zu wer . Damit das gehäuft auftretende Erlebnis noch in irgendeiner Weise eine Intensität haben kann, muss das erlebende Subjekt sich etwas darüber vormachen. Erleb__________ 1 2 3 4 5 6 7

Wintels, 2000, 192. Wintels, 2000, 75. Kessler, 1999, 492f. Kessler, 1999, 593. Wintels, 2000, 146. Wintels, 2000, 169. Wintels, 2000, 150.

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niserwartungen müssen das Erlebnis überdecken, um aus dem Erlebten noch ein 1 wird die als 2 zum Rettungsanker. Noch mehr scheint noch schneller möglich, ohne dass es eine Zielvorgabe geben kann, weil das fantasierte Größenselbst nicht radikal endlich sein möchte und deshalb lvorstellung akzeptieren kann. Aus dem traditionell normativen Wahren, Schönen und Guten 3 wird auf diese unserer Lebenswelt zum Maßstab des Lebens. Aufgrund dieser Bezugspunkte zwischen Psyche und Konsumkultur verwundert es nicht, dass sich Marketinginteressen und Psychologie verbinden. Als Ersatz für die schwindende Einbettung in Tradition bzw. in Traditionen und einer realitätsgerechteren Selbstorientierung muss zunehmend ein neuer Orientierungsmaßstab gesucht werden. Dieser Orientierungsmaßstab ist die Selbstgestaltung der Individualität, die weitgehend in der Konsum- und Leistungskultur den LifestyleExperten überlassen wird. Eine der heutigen sich als Nymphe Echo tarnenden Orientierungsinstanzen ist der Marketingspezialist, der Narzissus den Spiegel seiner Sehnsüchte vorhält.

VII. Die Konzeption einer Markenreligion durch Marketing 1.

Konsumentenpsychologie: Zwischen Behaviorismus und Metaphysik der symbolischen Formen

Die Psychologie des Konsumentenverhaltens setzt in ihrem Aufbau beim Begriff der Emotion an. Emotionen seien Empfindungen, die als angenehm oder als unangenehm erlebt würden. Im Hinblick auf die Fragestellung der psychischen Determinanten des Konsumentenverhaltens könne man sie nach der Intensität, der Dauer (d.h. der zeitlichen Stabilität) und ihrer Gerichtetheit (d.h. ihrer Ausrichtung auf Wahrnehmungsgegenstände) einteilen. Unter den Emotionstheorien seien für die Frage nach dem Konsumentenverhalten vor allen Dingen Aktivierungstheorien interessant. Aktivierungstheorien setzten sich nur mit einem Aspekt von Emotionalität auseinander, mit ihrer Intensität. Emotionen seien in dieser Hinsicht allgemeine Erregungszustände des Organismus, die sich ihrer Intensität gemäß auf einem Kontinuum von sehr geringer Erregung bei Tiefschlaf bis hin zu stärkster Erregung bei Gefühlsausbrüchen ein__________ 1 2 3

Wintels, 2000, 175. Wintels, 2000, 175. Wintels, 2000, 190-217.

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tragen ließen. Durch Erregungszustände werde das Individuum mehr oder weniger stark aktiviert. Für die Konsumentenpsychologie ist es interessant, dass eine unterschiedlich intensive psychische Erregung auch in den Motiven und Einstellungen eines Individuums auftaucht. Um Emotionen hinsichtlich ihrer Intensität zu messen, gibt es verschiedene empirische Zugangswege. Man kann beispielsweise mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) arbeiten, welches gehirnelektrische Erscheinungen registriert oder man misst periphere Reaktionen des Kreislaufs, der Atmung oder die Veränderung des Hautwiderstandes. Im Hinblick auf die Messung von Emotionen durch periphere Reaktionen muss allerdings gesagt werden, dass hier die in ihnen erscheinenden Prozesse im zentralen Nervensystem nicht ganz bekannt sind. Am Beispiel der Messung von Veränderungen des elektrischen Hautwiderstandes, der Messung also der hautgalvanischen (HGR) oder auch psychogalvanischen Reaktion (PGR) soll dies kurz erläutert werden. Bei dieser Messung bezieht man sich auf zwei unterschiedliche Auswirkungen von emotionalen Reaktionen im zentralen Nervensystem. Zum einen handelt es sich um die Reaktion des so genannten Féré-Effektes, nach dem sich der elektrische Hautwiderstand in Abhängigkeit von der Emotionalisierung hinsichtlich ihrer Intensität ändert und zum anderen handelt es sich um den Tarchanoff-Effekt, nach dem die Haut an verschiedenen Punkten unterschiedliche elektrische Ladungen aufweist, deren Unterschiedlichkeit von den Emotionen abhängt. Meistens werden die heute üblichen PGR-Messungen auf den Féré-Effekt bezogen. Man befestigt dazu zwei Elektroden an der Versuchsperson und zwar meistens an der Handinnenseite, an den Fingern. Dann schickt man einen schwachen Strom in die Haut und registriert die Veränderungen des Hautwiderstandes. Der Hautwiderstand hängt wiederum von der Aktivität der Schweißdrüsen ab, und die Aktivität der Schweißdrüsen ist wiederum abhängig von der Stärke der psychischen Aktivierung. Die Versuchsperson muss dazu unter streng kontrollierten Bedingungen Reizen mit emotionalem Gehalt, etwa Werbeanzeigen, ausgesetzt werden. Die dann durch diese Reize ausgelösten psychogalvanischen Reaktionen werden mit Hilfe eines Schreibgerätes (Polygraphen) registriert, der die Veränderungen des elektrischen Hautwiderstandes in Form von Wellenlinien aufzeichnet. Die psychogalvanische Reaktion ist ein sehr sensibles Maß, das schon schwache emotionale Unterschiede wahrzunehmen vermag. Dadurch kann man sehr fein abgestufte emotionale Reaktionen feststellen und damit Aktivierungsunterschiede des emotionalen Lebens bemerken, die den Versuchspersonen selbst (etwa in einem Interview) überhaupt nicht bewusst werden. Trotzdem muss aber festgehalten werden, dass sowohl die individuellen, zeitlichen Schwankungen des Grundwiderstandes als auch die interindividuellen Abweichungen den Vergleich von PGR-Messwerten beträchtlich erschweren. Deshalb ist es in der Regel so, dass mehrere physiologische Messwerte kombiniert werden sollten, um ein Verhalten zu interpretie 1 beim Be ist.

__________ 1

Felser, 1999, 32.

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Durch Tests werde die Aktivierung des Individuums durch gezielte Reizdarbietung in einem gewissen Maße steuerbar. Biete man also einem Individuum oder einer ähnlich reagierenden Gruppe entsprechende Reize, so könne man die Aktivierung dieser Individuen beeinflussen und zwar so, dass man manchmal mit relativ hoher Sicherheit von der entsprechenden Reaktion der Individuen ausgehen könne. Emotionale Reaktionen erfolgten in hohem Maße automatisiert, also reflexartig. So seien für die Planung von Produktvermarktung im Werbe- und Marketingbereich Emotionen in zweierlei Hinsicht interessant. Die Werbeindustrie geht von der Voraussetzung aus, dass Emotionen erstens verhaltenswirksam und zweitens machbar sind. Die emotionale Stimulierung von möglichen Konsumenten einer bestimmten Ware erhält so für das Marketing eine zentrale Bedeutung. Wesentlich für eine empirische Untersuchung von Konsumentenverhalten seien emotionale Reaktionen dann, wenn man herausarbeiten könne, inwiefern genau angebbare Einzelreize eine hautgalvanische Reaktion, also eine bestimmte Emotion bewirkt hätten. Deshalb sei es uninteressant, einer Person komplexes Reizmaterial zu geben, weil man dann nicht wisse, welche dominanten Einzelreize die entsprechende Reaktion ausgelöst hätten. Aus diesem Grund geht es der Werbepsychologie zunächst darum, einzelne dominante Reizelemente1 zu isolieren. Erst auf diese Weise komme man zu einem eindeutigen Ergebnis. Einzelne Reizelemente gehörten wiederum in den Zusammenhang einer Reizkonstellation2. Subjektivität ist auf dem Voraussetzungshintergrund der Konsumentenpsychologie zunächst einmal reduzierbar auf einzelne Reizelemente, mittels derer man Produktmarketing betreiben kann. Die emotionalen Reizelemente der Werbung lösten aber nicht nur situative, spezifische Wirkungen der selektiven Aufmerksamkeit aus, sondern sie aktivierten auch das psychische Gesam emotionale Spannung für die Dauer der Übernahme der gesamten Werbebotschaft 3 . Eine gute Werbebotschaft habe deswegen nicht nur die Aufgabe, einzelne Reizelemente zu bieten, sondern eine gesamte Reizkonstellation zu entwer4 fen, die von Kroeber-Riel als ein ,Emotionsverstanden wird. Es gehe also nicht nur um singuläre, situative Gefühle, sondern um Erlebnistönungen, die auf Gegenstände unseres Erlebens gerichtet seien und diese Ge__________ 1 2 3 4

Kroeber-Riel, 1975, 60. Kroeber-Riel, 1975, 60. Kroeber-Riel, 1975, 61. Kroebererung die wahrgenommene Emotionsintensität. Die fehlinformierten und uninformierten Versuchspersonen nehmen die künstlich erzeugte Erregung intensiver wahr als die informierten Versuchspersonen, die die erhöhte Aktivierung auch registrieren, aber darauf kaum emotional reagieren. Anders ausgedrückt: Die wahrgenommene Erregung (Emotionsintensität) wird gedämpft, wenn die Ursachen der physiologischen Reaktionen verständlich sind, d.h. kognitiv

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genstände in einem positiven oder negativen Licht erscheinen ließen. Erlebnistönungen seien es, die die Bewertung von Waren wesentlich beeinflussen. Sie seien das grundlegende Movens der Werbung. Wahrnehmen, Denken und Handeln stimmungskongruent beeinflussen. Positive Stimmungen fördern die Wahrnehmung nützlicher Produkteigenschaften und die Kaufbereitschaft. Man versucht daher, durch Hintergrundstimuli eine angenehme Stimmung zu erzeugen. Als Stimmungsauslöser eignen sich vor allem diffuse Stimuli, z.B. Musik, Farben und Düfte, die nicht mit konkreten Erlebnis1 sen und Vorstellungen ver .

Durch die Reizkonstellation, die eine bestimmte Erlebnistönung verursache, werde das Produktimage, die Anmutungsqualität der Produkte geschaffen2. Blicken wir an dieser Stelle, an der Ausdrücke des Werbelebens wie Einzelreize, Reizelemente und der Zusammenhang einer Reizkonstellation, der ein Emotions-Mix von Reizelementen angeboten wird, auftauchen, zu Ernst Mach und den Impressionisten zurück, um eine geistesgeschichtliche Kontinuität der Moderne bewusst zu machen. Mach spricht über Komplexe von Eindrücken, die man in letzte Elemente zerlegen müsse, um die Elementenkomplexe adäquat verstehen zu können. Maurice Beaubourg spricht im Blick auf die Farbtheorie von der Dauer des Lichtreizes auf der Netzhaut. Teodor de Wyzewa reflektiert darauf, dass auch die Farben und die Linien unter dem Einfluß der Gewohnheit für die Menschen eine emotionale Bedeutung angenommen hätten und dass es in diesem Zusammenhang um die Gestaltung der Gemütsbewegungen in unserer Seele gehe. Farben seien emotionale Zeichen. Das Subjekt wird hier philosophisch als durch Gewohnheit konstituierter Elementenkomplex bzw. impressionistisch als Augentier verstanden.

Das Produktimage transportiere auf diese Weise durch die Reizkonstellation bestimmte Konsumnormen3. Mittels Konsumnormen werde durch Lifestyle-Experten ein bestimmter Lifestyle in einer Gruppe bzw. einer Kultur etabliert. Die SINUSStudie kann zu ihren Milieus etwa die angepassten Werbespots vorlegen. oder Werbebotschaften) gerichtete psychische Konstellation, die quantitativ durch einen mehr oder weniger hohen Aktivierungsgrad beschrieben werden kann. Die Auswirkungen umfassen alle Bereiche der menschlichen Informationsverarbeitung (kognitive, emotive und mo4 .

Dabei ist es nebensächlich, ob dieses Produktimage sich auf ein neues Produkt beziehe und inwiefern die betreffende Konsumnorm, der betreffende Lifestyle neu geschaffen werde oder auf vorhandene Konsumnormen und Lebensstile aufbaue. __________ 1 2 3 4

Behrens, 1991, 85. Kroeber-Riel, 1975, 58. Kroeber-Riel, 1975, 270. Behrens, 1991, 64.

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uft, ohne daß ein extensiver Entscheidungsprozeß vorangegangen ist. Das Kaufverhalten wird dann durch stark vereinfachte Entscheidungsprozesse bestimmt, es ist mehr oder weniger habitualisiert oder affektiv gesteuert. Der Informationsbedarf und demzufolge die Informationsaufnahme der Konsumenten sind unter diesen Umständen ge1 . In diesem Zusammenhang der Vorgabe eines bestimmten Lifestyles auf der Basis singulärer Reizelemente ergibt sich auch das Interesse des Marketing an einem auch metaphysisch begründeten Lifestyle und damit an einer steuerbaren, stromlinienförmigen Metaphysik. Den möglicherweise verlorenen Sinn des Lebens könne man dann im einzelnen Produkt wiederfinden. Gabriele Dieterle, eine Kroeber-Riel-Schülerin, formuliert in ihrem Buch über Verhaltenswirksame Bildmotive in der Werbung pragmatische Regeln, wie man Bildmotive zur Stimulierung von Emotionen im Marketing-Prozess einsetzen könne. Ihre Ausarbeitung kann anschaulich machen, in welchem Maße Konsumkultur auch Kultur der Verhaltenstechnologie auf der Ebene der Empfindungssteuerung durch symbolische Formen ist. e2 , besitzt nach Dieterle drei wesentliche Eigenschaften: Es sei aufmerksamkeitserregend, darüber hinaus erinnerungsstark und sei auf diese Weise in der Lage, die Erlebnisse in der Erinnerung lebendig zu halten. Erst durch die Lebendigkeit (vividness) könne ein Bild nicht nur erinnert werden, sondern sei auch in der Lage über lange Zeit zu wirken. Ganz deutlich wird dabei die verhaltenstechnologische Grundausrichtung des modernen Marketing, wenn Diedem es dem Konsumenten emotionale Zusatzinformationen bietet, welche in einer für ihn nicht durchschaubaren Weise auf die Entwicklung seines Gesamteindru3 4 nisbetonter Wer . eber-Riel, als elementare tiver Informationen zum Geschehen in der realen Welt hinaus, indem diese Informationen einer subjektiven Bewertung (oder emotionalen Einschätzung) unterzo5 . Subjektivität wird hier in ihren Grundlagen als empfindende begriffen. Die Passivität und verhaltenstechnologische Ausrichtung dieser Art von Marketing__________ 1 2 3 4 5

Kroeber-Riel, 1975, 355. Dieterle, 1992,5. Dieterle, 1992,7. Vgl. Dieterle, 1992, 12-14. Dieterle, 1992, 12.

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Anthropologie zeigt sich auch in dem Terminus, den Pöppel verwendet, um den Prozess des Erlebens zu kennzeichnen. Er spricht vom Er-Lebnis1, welches immer schon durch vorgegebene Emotionen geprägt sei. Wie es die Bedeutung der Messungen von elektrophysiologischen (Hautwiderstand), viszero-kortikalen (Blutdruck, Herzrate, Atmung) oder biochemischen (hormonelle Prozesse) Indikatoren im Kontext der Konsumentenpsychologie zeigt, ist trotz Einbezugs anderer Theorien zur Erklärung menschlicher Verhaltensmuster das behavioristische Element im Marketing das wesentliche. In der behavioristischen Verhaltenserklärung, die als westliche Begründer John Broadus Watson (1878-1950)2 und Burrhus Frederick Skinner (1904-1990)3 hat, wird durch objektivierbare Methoden äußeres Verhalten beobachtet. Reaktionen und Reflexe seien dieses äußere Verhalten, welches sich auf der Grundlage empirischer Verallgemeinerung streng messen ließe. Freiheit und Vernunft seien vorwissenschaftliche Begriffe, die für eine behavioristische Theorie Jenseits von Freiheit und Würde4 nur noch Scheinprobleme darstellten. Das Verhalten des Menschen sei ganz durch seine Umgebung und deren Reize bestimmt, die durch Milieubedingungen ausgelöst und verstärkt würden. Das Verhalten des Menschen könne durch Reizkontrollen modifiziert werden, die ein Behaviorist entwerfen könne. Insofern innere, durch autonome menschliche Freiheit hervorgerufene Prozesse als verhaltensauslösende Determinanten methodisch ausgeblendet und anthropologisch darüber hinaus sogar ausgeschlossen werden, eignet sich diese Theorie vorzüglich als Modell für eine Verhaltenstechnologie, die den Menschen faktisch auf der Basis von Emotionselementen in die Richtung eines konsumierenden, findigen Tiers hin gestaltet. Dieses behavioristische Grundmodell wird von Dieterle ausgebaut durch den Bezug auf Reizauslöser aus dem symbolischen Bereich. Dabei wird davon ausgegangen, dass es individuelle, kulturell geprägte und archetypische Bildwelten gibt, in denen Menschen ihr Leben führen.

Diese Bildwelten werden auf der Grundlage der amerikanischen Cultural Anthropology5 begriffen. Die empirische Kulturanthropologie fragt nach den symbolischen Formen, in denen Menschen sich kulturell organisieren. Dieterle verwendet hier den Terminus symbolische Sinnformeln6. Mittels symbolischer Sinnformeln bestimmt die Kultur das menschliche Wissen und damit das Weltbild7. Durch symbolische Sinnformeln sei es möglich, Emotionen in einer letzten Abische Sinnfor8

__________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Pöppel, 1982, 9. Watson, 1930. Skinner, 1938 und 1973. So Skinners Buchtitel von 1973. Vgl. dazu Friedl und Whiteford, 1988, Harris 1989 und Turner und Smith 1979. Dieterle, 1992, 45. Dieterle, 1992, 47. Dieterle, 1992, 47.

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102

. Durch Theorien über Individualisierung, die Erlebnisgesellschaft und Milieutheorien (SINUS-Studie) ist dabei der Sinn für die Pluralität der Erlebnistönungen und der symbolischen Sinnformeln geschärft. 1

2.

Religionsförmige Bindung schaffen durch starke Marken

Hans Domizlaff (1892-1971) ein deutscher Künstler und Pionier der Markentechnik schreibt in seinem 1939 erstmals erschienen, wirkmächtigen Buch über Die Gewinnung des öffentlichen Vertrauens. Ein Lehrbuch der Markentechnik, dem 2 befachmanns entstammt der Kenntnis der Massenpsyche. So verschieden auch die Markenziele sein mögen, sie können sich immer einheitlich auf den Gesetzen aufbauen, denen das Gehirn der Masse folgt, denn eine Marke ist nur ein Begriff im Gehirn der Masse. So sehr sich auch das natürliche Gefühl und der einfache Verstand dagegen sträuben, so ist doch die Erkenntnis unwiderlegbar, daß alle Menschen mehr oder weniger in einer Art Gemeinschaftsseele befangen bleiben und daß wir alle in jedem Augenblick, in dem wir Teil einer Masse sind, durch die gleichen Gesetze in unserer Denkfreiheit und Willensfreiheit eingeschränkt wer3 . Zwischen der Reflexion auf Markenziele und dem Blick auf die Gemeinschaftsseele bewegt sich auch heute noch das Marketing, wenn es ein Produkt, gleichsam das Ding an sich des Marketing, betreut4 und aus ihm eine Marke macht. Zunächst einmal scheine die Kaufbereitschaft am öffentlichen Image, dem Widerhall eines Produktes in der Gemeinschaftsseele zu hängen. Das Image stelle die Verbindung eines Produktes mit einem Markenbegriff dar5. Als Imagetransfer bezeichnet man eine M nbieter versucht, das positive Image, das ein von ihm angebotenes Produkt hat, für

__________ 1

2

3 4 5

Dieterle, 1992, 52. Auch Dieterle hat ebenso wie Kroeber-Riel ethische Probleme mit extremen Formen von Manipulation. So wendet Dieterle sich i-14; Watson 1930, 197-205), in denen sie ein elf Monate altes Kind darauf konditionieren, Tiere und pelzartige Gegenstände zu fürchten, indem sie ihm, sobald es nach bislang beliebten Spielobjekten greift, durch Lärm einen Schree (Dieterle, 1992, 52) habe dazu geführt, dass das Kind nun ebenfalls Furcht vor den Spielobjekten zeigt habe. Vgl. etwa Riesmann, 1956 (19501), de Man, 1952 (19511), Bernanos, 1949 und Ortega y Gasset, 1930. Domizlaff, 1992, 140. Kapferer, 1992, 86. Kapferer, 1992, 44.

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ein weiteres von ihm angebotenes Produkt durch Verwendung desselben Marken1 oder Firmennamens, der . Der Begriff des Imagetransfers beziehe sich dabei auf ein Geschehen in der Verbraucherpsyche2, welches einen Markentransfer vom Unternehmen vorausset für bestimmte Produkte eingeführte Markenzeichen und die Ausstattung auf andere, von diesen verschiedene Produkte zu übertragen, und zwar in der Weise, daß der Verbraucher alle mit der Marke gekennzeichneten Produkte als eine zusam3 mengehörende Einheit wahr . Für unseren s4 und ihre religionsförmige Dimension empfiehlt sich zunächst der Bezug auf die Anmutungsqualität eines Image und die Frage des Imagetransfers. Unter der leitenden neobehavioristischen Prämisse, dass Konsumentenverhalten nicht direkt durch objektive Reizkonstellationen erklärt werden kann, soll deshalb der Imagebegriff bedacht werden. Image wird innerhalb eines gestaltpsychologischen Ansatzes ab den sechziger 5

prägnantes, aber unthema

. Image ersetze Wissen. -

6 chologie, sondern einzig die Verbrau . Erweiterbar und in seinen objektiven Gehalten operationalisierbarer werde dieser Imagebegriff durch die Unterscheidung denotativer (sachhaltiger) und konnotativer (nicht-sachhaltiger) Produktinformationen7. Seien die denotativen Produktinformationen unmittelbar mit dem Produkt verbunden, so bezögen sich die kon-

. Emotionale Positionierung von Marken beziehe sich primär auf den konnotativen Merkmalsbereich. 8

In der Reihenfolge der Häufigkeit, in der bestimmte Erlebniswerte von der Marketingpraxis zur emotionalen Positionierung aufgegriffen werden, lassen sich aufzählen: Erotik9 Genuss Soziales Glück

__________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Koschnick, 1987, 372. Hätty, 1989, 39. Hätty, 1989, 49. Dieterle, 1992, 47. Nach Hätty, 1989, 79. Spiegel, 1961, 29. Hätty, 1989, 82. Hätty, 1989, 82. Vgl. dazu Metelmann, 2005.

30% 29% 26%

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104 Natur Sonstige

14% 11%1.

Der seit den achtziger Jahren zunehmend Bedeutung bekommende Begriff der Markenidentität bezeichnet den unternehmerischen Erarbeitungskontext eines Produktimages. Während das Image ein Akzeptanzkonzept2 darstelle und widerspiegele wie die Dekodierung von Werbeimpulsen durch das Publikum gelungen sei, so sei die Markenidentität ein bewusst geschaffenes Aussagenkonzept3, durch das sich ein Unternehmen seiner einer Marke zugrundeliegenden Idee versichere. Sei das Image einer Marke in der Öffentlichkeit vergänglich, so reflektiere die Markenidentität das bleibende Wirkung stiftende Element. weiß wem. Sie wird opportunistisch und demagogisch und verliert dadurch ihre Identität. n 4. Neil McElroy (1904-1972), späterer Geschäftsführer von PROCTER & GAMBLE und zeitweise Verteidigungsminister der USA, verfasst 1931 als junger Produktmanager ein Memo zur Werbung für Camay-Seife, in dem er ein System der Markenpflege entwirft. Vorausgesetzt sei die Einstellung eines Teams bestehend aus einem Produktmanager, einem Assistenten des Produktmanagers und Mitarbeitern, die die Lage vor Ort prüfen5. Das Modell, nach dem McElroy in Anlehnung an das Konzept von GENERAL MOTORS vorgeht6, hat die Zielrichtung, Verkaufsprobleme dergestalt zu lösen, indem es für jeden einzelnen Markt den Absatz und die Gewinne analysiert, um dadurch Problemmärkte zu identifizieren. Danach habe dann der Produktmanager für diese Problemmärkte Marktdaten zu erheben, um die Gründe für das Problem zu verstehen. Sodann könne er Pläne entwerfen, wie diese Probleme behoben werden könnten. Zur Bewältigung der Krise würden Werbung, Preisgestaltung, Verkaufsförderungskampagnen, Displays im Laden, Incentives für den Außendienst, Veränderungen der Verpackung oder Verbesserungen des Produkts eingesetzt. In diesem Konzept wird weiterhin davon ausgegangen, dass jede einzelne Marke gegen alle anderen Marken auch des eigenen Unternehmens, was Marktanteile und auch die Verfügung über Ressourcen im Unternehmen betrifft, konkurrieren müsse. Des Weiteren beschränke sich die Aktivität meist auf einen Markt in einem einzigen Land.

Der Ausgang der traditionellen Marketingmaßnahmen seien das Warenimage und die Frage einer Verbesserung seiner Akzeptanz. Die Aktivität des Produktmanagers beziehe sich hier auf die einer Reaktion auf eine Reaktion. Die Reaktion, auf die der Produktmanager hier reagiert, sei die des potentiellen Käufers auf ein Produkt durch die Ausbildung eines Images. Der Produktmanager verharre hier eher __________ 1 2 3 4 5 6

Hätty, 1989, 240 Kapferer, 1992, 44. Kapferer, 1992, 44f. Kapferer, 1992, 45. Zit. nach dem Auszug im Schaubild 1.2 in: Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 15. Vgl. dazu Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 16f.

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in einer passiven, anpassenden Rolle. Jahrzehntelang habe dieses Modell funktioniert. Ein Team arbeite an der Betreuung einer Marke. Wenn Märkte hingegen komplexer würden und der Wettbewerbsdruck steige, wenn sich Absatzkanäle schnell und unübersichtlich entwickelten und sogar globale Marktspiele in Konkurrenz mit vielen Marken gespielt werden müssten, stoße man an die Grenzen dieses Modells. Die klassische Methode der Markenpflege sei in der Nachkriegszeit schrittweise abgelöst worden durch eine zunehmend aktivere Variante im Ausgang eines experimentellen Umgangs mit Markenidentitäten und Markenwerten unter dem regulativen Prinzip von sich im Markenevolutionsprozess durchsetzenden Siegermarken1. Mit dem Konzept der Siegermarken solle sich der Produktmanager mit langfristiger Perspektive strategisch und visionär statt taktisch und reaktiv verhalten2. Der Produktmanager reagiere nicht auf ein Markenimage, sondern er schaffe dasselbe, indem er einer Marke eine feste Identität gebe. Weiterhin seien Markenpflege und Investitionen in eine Marke nicht mehr bestimmt durch das Interesse an 3 s , sondern durch langfristige Strategien in einem oft4 mals globalen Prozess des Markenaufbaus unter dem Maßstab einer Markenidentität. Unterscheidung, die Permanenz, die Homogenität, den Wert, die Authentizität, die 5 Akzeptanz der Mar . Hinter der Markenidentität stehe das Versprechen eines Unternehmens gegenüber den Kunden6. Die Markenidentität überdauere das einzelne Produkt und erscheint in neomythologischer Hinsicht als Längeres konsumistisches Gedankenspiel. Sie habe ei7 i und sei in dieser Hinsicht als in sich ruhend zu begreifen, . So ließen sich auch eine erweiterte Markenidentität, eine Kernidentität und eine Markenessenz9 unterscheiden. Die Kernidentität einer Marke stelle deren we10 s . 8

. Es ist ein Anklang an den Platonismus, wenn von der ideellen Gestalt der Markenessenz der schnell dahergesprochene Slogan12 oder auch Claim unterschieden wird. __________ 11

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Vgl. dazu Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 17. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 17. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 24. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 22. Kapferer, 1992, 41. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 53. Kapferer, 1992, 46. Kapferer, 1992, 46. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 54. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 55. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 55. Aaker/ Joachimsthaler, 2001, 57.

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Die Autonomie einer in sich entwickelten Marke gebe ihr eine große Bedeutung für die Konstitution einer Firmenidentität. Viele Unternehmen seien deshalb heute gleichzeitig zur Marke geworden. 1 . Die Beziehung zwischen der Markenidentität und der Unternehmensidentität wird als die von Wesen und Erscheinung ch 2 , durch die die Öffentlichkeit das Unternehmen präsentiert bekomme. Deshalb müsse sich das Unternehmen auch selbst in der Marke wiedererbetrachten3. Umgekehrt könne das, was die Marke an Unternehmensidentität ausdrücklich mache, wiederum auf die Markenidentität einwirken. Unternehmensidentität zeige sich in der Ausrich4 , die die Marke nährten 5 und sie mit einer Weltanschauung ausstatteten. Außerdem wirkten sie motivie6 . Weil sich so die Marke aus der Unternehmensidentität speise und diese wiederum anreichere, könne man die Gebundenheit einer Marke an eine Unternehmungsidentität als Quellenwert7 bezeichnen. Wenn man die Ausführungen von Kapferer liest, wie der Quellenwert der Marke durch die Postulate aufgeladen werde, dass zu einer Marke auch eine Vision8 gehöre und man eine Tiefe9 in der Marke spüren müsse, die Marke weiterhin einer Evolution10 unterworfen sei und zwischen Innovation und Zeitlosigkeit oszilliere11, dann erstaunt der prosaische Charakter dieser parametaphysischen Darlegungen und der behaupteten Visionen, wenn sie konkret werden. ist bei der Kreation einer Marke die Vision genauso wichtig wie der Produktbezug. Soll die Kommunikation von Gerblé (der Marke, L.H.) lieber eine ländliche Assoziation aufbauen (mit Weizenfeldern, die sich im Wind wiegen) oder die biologischen Herstellverfahren und bewußte Ernährung (was moderner ist und mit städtischen Bedürfnissen übereinstimmt) in den Vordergrund stellen? Apple gibt seinen Produkten eine kalifornische Assoziation aus ari rühmt die Vorzüge ihrer Produkte, gibt ihnen aber keinen besonderen Bezug. Man spürt keine Tiefe in der Marke oder besondere Möglichkeiten, die auf die Mikro-Informatik zugeschnitten sind. Die Marke Mitsubishi verfügt trotz des Absatzvolumens weder über eigene Werte noch über ein eigenes Konzept.

__________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11

Kapferer, 1992, 88. Kapferer, 1992, 88. Kapferer, 1992, 88. Kapferer, 1992, 89. Kapferer, 1992, 89. Kapferer, 1992, 89. Kapferer, 1992, 89. Kapferer, 1992, 90. Kapferer, 1992, 90. Kapferer, 1992, 106ff. Kapferer, 1992, 109-115.

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Mitsubishi ist Produktname, also eine Art Rückversicherung oder Garantie. Der Verbraucher assoziiert damit die industrielle Leistung der Gruppe. Mitsubishi ist die Herstellermarke auf dem Kühlergrill, aber es ist kein erfolgversprechendes Konzept hinter der Marke 1 . Am Beispiel von FIELMANN2, dem führenden Filialisten in der Optikersparte, kann man exemplarisch darstellen, wie eine solche Markenvision aussieht und dazu führen kann, dass die Idee einer Marke so viel Triftigkeit bei den Kunden erlangt, dass aus der Region einer singulären Markenidee ein Aufstieg in den quasiplatonischen Ideenhimmel dergestalt geschieht, dass FIELMANN zur schier alleinigen Erscheinungsform der Idee einer Brille überhaupt wird. Mehr als neunzig Prozent der Bundesbürger kennen FIELMANN und vierzehn Millionen von ihnen tragen eine FIELMANN-Brille. Fielmann erreicht 2003 in Deutschland einen Absatzmarktanteil von fünfzig Prozent mit fünf Prozent (ca. fünfhundertzehn Filialen) aller augenoptischen Fachgeschäfte. Der Augenoptikermeister Günther Fielmann (*1939) eröffnet 1972 sein erstes Fachgeschäft in Cuxhaven und bietet seinen Kunden modische Brillen auf Rezept. Bald eröffnet er die ersten Filialen. In den siebziger Jahren orientieren sich die FIELMANN-Geschäfte nicht mehr an der branchenüblichen Kalkulationspraxis und bieten preiswerte Brillen an. In den achtziger Jahren entwickelt er die Vision des Unternehmens als Anbieter modischer Brillen auf Rezept zum Nulltarif. Diese Vision basiert auf einem Sortiment von neunzig Brillenmodellen in sechshundertvierzig Varianten. Das neue Konzept vertraglich gestützt seit 1981 durch die ALLGEMEINEN ORTSKRANKENKASSEN beendet das verrufene Kassengestell als der rezeptvermittelten Sozialprothese. Weil durch die eigenen Filialen der Großhandel ausgeschaltet bleibt, kann das Unternehmen langfristig kalkulieren. Die zum Klassiker gewordene Fernsehwerbung von 1984 lässt ein Kind sagen: Meine Brille von Fielmann hat drei Jahre Garantie und mein Papa hat keinen Pfennig dazubezahlt. Der seither eingängige Claim Brille: Fielmann wird erstmals 1987 verwendet. In den neunziger Jahren breitet sich FIELMANN nach der Wiedervereinigung auch in den neuen Bundesländern aus und baut einen Produktionsbetrieb in Brandenburg auf. Es entwickeln sich Beteiligungen und Joint Ventures in Europa, Russland und Hongkong und 1994 geht die FIELMANN AG an die Börse. Zwar ist das Jahr 1997 ein Krisenjahr für die ganze Branche, weil im Kontext der zweiten Stufe der Gesundheitsreform die Brille auf Rezept abgeschafft wird. Der Branchenumsatz geht in diesem Jahr um fünfzehn Prozent zurück und auch FIELMANN muss einen Umsatzrückgang von acht Prozent hinnehmen, doch wird die Wettbewerbsposition der FIELMANN AG im Ganzen gestärkt. Als mit dem 1. Januar 2004 die Brille weitgehend aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen wird, unternehmen einzelne Kassen im November 2003 den Vorstoß, die Vergütung der Brille nicht vom Datum der Rezeptausstellung abhängig zu machen, sondern von dem der Abgabe der fertigen Brille. Wer dann seine Brille 2003 in Auftrag gebe, aber erst 2004 abhole, dem wollten diese Krankenkassen die Erstattung verweigern. Fielmann garantiert daraufhin allen Kunden, die bis zum 31. Dezember 2003 auf Rezept oder Berechtigungsschein eine Brille erwerben, die Kassenleistung.

__________ 1 2

Kapferer, 1992, 90. Jary, 1999, 187 und vgl. weiterhin die Informationen im Ausgang von http://www.fielmann.com/de/index.php?PHPSESSID=58e86130c667f3d6c367e663a34e9be9 und in: http://www.stern.de/campuskarriere/arbeit/index.html?id=509608&nv=ct_cb&eid=505344 vom 25.6.2003.

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FIELMANNnungsform der Brille an sich1.

i-

Die Markenidentität werde durch ein Unternehmen konstituiert und bringe zugleich dessen eigene Identität stärker zum Ausdruck und setze sich möglicherweise an die Spitze der Unternehmensentwicklung. Doch sei andererseits ohne eine Unternehmensidentität eine Marke nicht lebensfähig.

3.

Von der Unternehmensidentität zur Corporate Religion

Im Kontext der Pointierung des Markenbegriffs und des Begriffs der Unternehmensidentität publizieren Autoren wie Matthias Horx (*1955), Peter Wippermann oder Jesper Kunde provokante und doch der Marktsituation nicht unangemessene, Denkanstöße gebende Bücher, die die eben beschriebenen Begriffslagen auf den religionsförmigen Kontext beziehen. Matthias Horx gibt zusammen mit Peter Wippermann den Sammelband Wie Waren zu Ikonen werden (1995) heraus und Jesper Kunde verfasst ein durchaus auch praktikable Anweisungen enthaltendes Buch mit dem Titel Corporate Religion. Bindung schaffen durch starke Marken (2000). Horx und Wippermann setzen mit einer Analyse der durch Individualisierungsund Modernisierungsschübe geprägten Zeitsituation, ihrer Veraltungsgeschwindigkeit und ihrem Innovationsdruck und dem Fehlen verlangsamender Rituale ein, wenn sie den Kult der mit Waren gemacht wird, in einen religionsförmigen Zusammenhang stellen. system, ein Ablauf von Ritualen und Symbolen. Dem einzelnen Individuum geben lte können transformieren in Form von Initiationsriten ermöglichen sie Passagen, entweder mentaler Art , ins Totenreich und wieder zurück oder von einer Entwicklungsstufe zur nächsten, vom Jungen- ins Mannsein, vom Mädchen zur Frau Zivilisation werden jene rituellen Formen, die verbindlichen Halt und verläßliche Zeichen für den einzelnen setzten, immer brüchiger. Kaum Konvention, vom Begräbnis bis zur Ehe, hat die Individualisierungswellen der letzten vierzig Jahre unbeschadet überstanden, kaum ein Sinnsystem, von den Ideologien bis zur Religion, ist heil geblieben. Der einzelne in der modernen Welt findet sich in einem chaotischen Zeichenkosmos wieder, in dem er leicht die Ori-

__________ 1

Einige der Daten stammen dankenswerter Weise aus dem FIELMANN AG (Weidestr. 118 a 22083 Hamburg).

MEDIA ARCHIV

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entierung verliert. Deshalb wandern Sinnkontexte in die Welt der Waren und da1 mit in das Imperium der Mar . Horx und Wippermann sind sich bei diesen Ausführungen der Krise des Markenbewusstseins durchaus und frühzeitig (1995) bewusst2. Wie schon oben kurz ausgeführt, wandert in den sechziger und siebziger Jahren die Verantwortung über die Markengestaltung von den Produktdesignern zu den Marketingexperten. Die achtziger Jahre setzen dann die größten Hoffnungen in die Werbung. Diese Zeit ist auch die Phase, in der es den Trend zu Status- und Luxuswerten gibt, der von den Yuppies, den schnellen Aufsteigern gepflegt wird, deren es in den Folgejahren immer weniger gibt. Die Bedeutung der Werbung schwindet Ende der achtziger Jahre schon wieder, weil sich die Werbung fast als eigene Kunstform etabliert und bewusst wird, dass sie zu dem Effekt führen kann, den Horx anhand der Camelund mit Medaillen gekrönte Werbung spitze aber sie betrachten sie als Unter3 . Parallel dazu werden in den neunziger Jahren die Lebensstile immer uneinheitlicher und die verschiedenen Käufergruppen entsprechend immer weniger auf Konsumprozesse hin verplanbar. In einer Allensbachumfrage (Anfang Juli 2003) zeigt sich deutlich, dass Markenartikel immer weniger Akzeptanz finden. Bis in die Mitte der neunziger Jahre sind vor allem Frauen markenbewusst gewesen. Heute orientiert sich nur noch jeder dritte, egal ob Frau oder Mann, hinsichtlich seiner Qualitätsvermutungen am Markenartikel. 4 hängt mit der wirtschaftlichen Großwetterlage und der pessimistischen Zukunftserwartung zusammen und dem Trend zum Discounter. Diese Entwicklung hat in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre begonnen. Waren 1996 noch vierundvierzig Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass sich der Kauf von Markenartikeln lohne, so sind dies 2003 nur noch dreiunddreißig Prozent. Diese Situation bezieht sich nicht auf die Konsumenten im Alter unter zwanzig Jahren, für die Marken Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten peer group sind.

Seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre mache sich ein Downtrading-Trend5, den der Gang zum Discounter pflege, auch in den mittleren Schichten bemerkbar. Der Discounter symbolisiere die Profanisierung der Brands6. Zugleich mache sich seit den neunziger Jahren eine neue Stil- und Sinnsuche bemerkbar, die an Sehnsuchtswerten7 orientiert ist. Das Interesse an mit einer Konsumkultur vermittelbaren Sehnsuchtswerten, hält bis heute an. In einer Allensbach-Umfrage Ende März 2002 im Umkreis der Frage nach einem

__________ 1 2 3 4 5 6 7

Horx/Wippermann, 1995, 11f. Horx, 1995, 47 u.ö. Horx, 1995, 52f. Allensbach-Umfrage: Weniger Markenbewusstsein (2003). Horx, 1995, 64. Horx, 1995, 66. Horx, 1995, 98.

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Stimmungsumschwung durch den Terroranschlag des 11. September 2001 zeigt sich, dass der Terminus Spaßgesellschaft der deutschen sozialen Wirklichkeit mit Einschränkungen gerecht wird. Zwar lasse sich wie oben schon kurz angesprochen 1 telanger Trend in Richtung Hedo beschreiben und die Zahl derer, die sich darauf konzentrieren, das Leben zu genießen, wachse weiter. So hätten 2001 zweiundfünfzig Prozent der Bevölkerung die Frage nach dem Sinn des Lebens mit einem Hinweis auf den Lebensgenuss und 2002 fünfundfünfzig Prozent geantwortet. Anfang der siebziger Jahre seien dies in Westdeutschland erst siebenundzwanzig Prozent gewesen. Damals sei noch von Gewissen (Tun, was mein Gewissen mir sagt), von Religion (Das tun, was Gott von mir erwartet) und von Pflicht und gesellschaftlicher Mitverantwortung (Mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffe) die Rede gewesen. Doch hätten diese Motive im Westen schon in dieser Zeit deutlich an Attraktivität verloren. Die Vorher-Nachher-Beobachtung zum 11. September zeige nun aber, dass nicht nur der Hedonismus weiter gewachsen ist, sondern dass sich wieder mehr Menschen für die Entwicklung einer besseren Gesellschaft interessierten. Die sozialen und altruistischen Motive hatten im Westen seit den frühen 70er Jahren deutlich an Attraktivität verloren oder sind wie auch die eindeutig religiösen Orientierungen noch weiter in den Hintergrund getreten. An meinem Platz mithelfen, eine bessere Gesellschaft zu schaffen, planten 1974 dreiundvierzig Prozent, Anfang 2001 sagten dies noch einunddreißig Prozent. Diese Ziele haben sich nach dem Terroranschlag wieder zweiundvierzig Prozent der Deutschen gesetzt.

In dieser Situation des Verfalls des Markenbewusstseins und der Suche nach Sehnsuchtswerten und nach Authentizität zähle, so Horx, der Kultwert einer Marke2. Dieser bestimme sich und hier kehrt Horx bis auf seinen Terminus zur Definition der Markenessenz zurück 3 druck her . Marketing müsse deshalb den mythischen Charakter einer Marke bedenken. shalb steigen, weil sich die westlichen Gesellschaften trotz aller Rezessionserscheinungen im Übergang von Überfluß- zu Überdrußgesellschaften befinden. Das heißt: Immer weitere Kreise der stilbildenden Schichten suchen nach mehr und mehr 4 in den Warenkonzep . Beschwörend und einem New Age-Denkstil nahekommend wird Horxens Sprache, wenn er die neue Markenspiritualität näher qualifiziert. Jenseits aller umsendwende sind Mythen des Weniger, des Wesentlichen, des Essentiellen, des Ewigen. Das wird für die Marken nicht ohne Konsequenz sein. Marken treiben Wertschöpfung im ökonomischen Sinn. Das ist ihr gutes Recht. Marken sind die Institutionen der Warenwelt, und wie alle Institutionen stehen sie zunehmend auf dem historischen Prüfstand. Wer die Evolution ins nächste Jahrtausend nicht mit__________ 1 2 3 4

Allensbach-Umfrage: Spaß muss sein (2001). Horx, 1995, 99. Horx, 1995, 99. Horx, 1995, 69.

§ 16 DER MENSCH ALS KONSUMENT

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machen kann, wer außer Waren nicht auch geistige Werte, Ideen, Visionen für das nächste Jahrtausend repräsentieren kann, der eignet sich nicht für die ganzheitliche 1 . Wenn man die Terminologie Horxens betrachtet, dann finden sich mit den Termini Kult, Kultwert, Spiritualität und Mythos direkte Bezüge zum philosophisch-theologischen Betrachten von Religion. Bevor hier die spezifische religionsförmige und Differenzierungen übersehende Art dieser Vorgehensweise in den Blick genommen werden, soll zunächst noch einmal anhand des Buches von Kunde der religionsförmige Gebrauch von traditionell zum Sprachspiel der Religionsphilosophie, vergleichenden Religionswissenschaft und Theologie gehörigen Termini durch Marketingtheoretiker weiter betrachtet werden. Schon der Titel des kundeschen Buches Corporate Religion. Bindung schaffen durch starke Marken zeigt den Willen, sich in seiner Terminologie wenig begriffsgeschichtliche Schranken zu setzen. Das fachliche Verdienst des Buches ist, dass Kunde differenziert beschreibt, wie eine Markenidee verbreitet werden kann, des Weiteren darlegt, wie sich eine Corporate Religion einführen lässt, und detailliert auf die Konsequenzen für Management und Organisation eingeht.

Kunde geht in seiner Darstellung von zwei grundlegenden Prämissen aus. Er setzt t2 beeinf 3 eines Produkts. Die zweite Voraussetzung bezieht sich auf die Relevanz der UnternehmensKunden kaufen ein Unternehmen und alles, wofür dieses Unternehmen steht. Folglich muss das Unternehmen in der Lage sein, sich in schlüssiger und konsis4 . Der Markenname werde zur Ausdrucksform eines Unternehmens, das in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses rücke. Auf Peters und Waterman5 geht das McKinsey7-S-Modell6 zurück, das hinter dieser Art der Bezugnahme auf Unternehmensphilosophien steht 7. Ihr Buch Auf der Suche nach Spitzenleistungen. Was man von den bestgeführten US-Unternehmen lernen kann (In Search of Excellence, 1982) wird zum Weltbestseller im Consultingsektor. __________ 1 2 3 4 5

6 7

Horx, 1995, 100f. Kunde, 2000, 2f. Kunde, 2000, 2f. Kunde, 2000, 3. Andere grundlegende Arbeiten, die zu Beginn der achtziger Jahre breit rezipiert werden sind: Ouchi, 1982; Deal, 1987 (19821); Pascale, 1982. Die beiden Autoren haben dieses Modell bei McKinsey entwickelt. Als Gesamtüberblick über diesen Bereich vgl. Schlette, 2005.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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Das 7-S-Modell das S steht für skills geht von der Voraussetzung aus, dass ein Unternehmen durch sieben Determinanten charakterisiert wird, die für den Unternehmenserfolg wichtig sind. Die Autoren unterscheiden harte und weiche Skills. Die harten Skills seien die Strategie des Unternehmens, seine Struktur und die Systeme, d.h. Diejenigen Prozesse, die die Umsetzung der Strategie in den Unternehmensstrukturen regulieren. Diese harten Skills seien bisher primär bedacht worden. Die weichen Skills seien hingegen weniger gut operationalisierbar. Sie betreffen die Unternehmenskultur, die Menschen, die Fähigkeiten, das heißt die charakteristischen Stärken eines Unternehmens und die Shared Values, auch Superordinate Goals, d.h. die Vision die ich hinter dem Unternehmensideen stecke. Wer die weichen Faktoren nicht in den Blicke nähme, gerade in die Gefahr seinem Unternehmen eine falsche Richtung zu geben oder etwa bei einer Fusion durch enttäuschende Ergebnisse überrascht zu werden. Eine Strategie die nicht zu der Unternehmensvision passe, könne nicht gelingen. Um in dieser Situation, so die These Kundes, angemessen handeln zu können, brauchten Unternehmen eine Corporate Religion. verwende ich, weil es die Vereinigung in einem gemeinsamen Glauben bedeutet. Ich halte es für unmöglich, eine bedeutende Zukunftsvision zu haben, ohne an eine Idee, an sich 1

2

h, obwohl die Grundsätze der Corporate Religion von erfolgreichen 4 entweder bewusst oder unbewusst eine Corporate Religion geschaffen, d.h. sie haben ein spirituel5 les Mana . 3

Kunde setzt diese auch in eine Beziehung zur Firm . Die Begriffsdefinition dessen, was unter Philosophie zu verstehen ist, ist dann denkbar prosaisch. Sie entspricht dem, was in der Regel als zum Begriffsfeld der Marke (Unternehmensidentität und Markenimage) zugehörig betrachtet wird. 6

So schreiben etwa Kofler und Bliemel über den Unternehmenszweck beziehungsweise den unternehmerischen Grundauftrag einfach: Was ist für den Kunden von Wert? Was wird künftig unser Geschäft sein? Was sollte unser

__________ 1 2 3 4 5 6

Kunde, 2000, 2f. Kunde, 2000, 5. Kunde, 2000, 9. Kunde, 2000, 9. Kunde, 2000, 37. Kunde, 2000, 9.

§ 16 DER MENSCH ALS KONSUMENT

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Geschäft sein?1 psychologische und die ökonomische Seite eines Rentabilitätskonzeptes2.

Verhalten der Unternehmen, die Kunden sensibilisieren und ihre Aufmerksamkeit auf die qualitativen und emotionalen Werte lenken, die mit dem Markenzeichen des Unternehmens assoziiert werden. Dafür gibt es keine Regeln. Ein Unternehmen muss über seine Philosophie eigene Regeln aufstellen die seiner Religion. Diese verbindet das Unternehmen in einer geteilten Vision, einer gemeinsamen 3 Mission und einem einheitlichen Sys . . Es entstehe dann eine Brand Religion , die den Einklang der Wertwelt der Mitarbeiter mit der Unternehmensidentität und fachlicher Kompetenz voraussetze. Auf der Basis traditioneller Marketingbegriffe und religionsförmiger Terminologie entwickelt Kunde dann das Modell eines Value Raised Growth Management6. Diese Konzeption gehe von der Prämisse aus, dass bei den meisten Unternehmen das Produkt der Ausgangspunkt sei. Das Produkt müsse in den zielorientierten Kontext einer Mission gestellt werden. Erst auf dieser Basis könne ein Unternehmen agieren, das im Anschluss an den Missionsentschluss eine Vision entwickeln müsse, die die Zielrichtung der Mission artikuliere. Habe die Unternehmensleitung diese Schritte geleistet, dann müsse das Unternehmen durch spirituelles Management auf bestimmte gemeinsame Werte eingeschworen werden, die Konsens finden und handlungsorientierend werden. Diese gemeinsamen Werte und Handlungsantriebe bildeten die Corporate Religion, die spirituelle Quelle des Engagements aller Mitarbeiter. ditionellen in ein religi7 vollzogen worden. Sehen wir uns die schon bei Horx und Wippermann anklingende Terminologie, ihren begriffsgeschichtlichen Hintergrund und ihre betriebswirtschaftliche Verwendungsweise genauer an. In Wie Waren zu Ikonen werden tauchen terminologische Bezüge zur Religion mit den Termini der Ikone, des Kults, der Kultmarke und des Kultwerts einer Marke, der Möglichkeit einer Profanisierung der Brands, den Sehnsuchtswerten von potentiellen Kunden, der Spiritualität und des Mythos auf. 4

5

__________ 1 2 3 4 5 6 7

Kofler/ Bliemel, 1995, 92. Meffert, 1994, 96. Kunde, 2000, 9. Kunde, 2000, 10. Kunde, 2000, 13. Vgl. dazu bes. Kunde, 2000, 121. Kunde, 2000, 266.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Kundes Corporate Religion verwendet Termini wie Corporate Religion, spirituelles Management, Vision, Philosophie, Mission, religionsgeprägtes Unternehmen und Brand Religion. Es ist auffällig, dass diese Terminologie ihres üblichen begriffsgeschichtlichen Inhalts nahezu entleert wird. Aus dem Kult im Kontext einer Religion wird eine emotionale Dauerbindung an eine Marke, die Verwendung des Religionsbegriffs reduziert sich auf die emotional unterlegte Mutmaßung, dass ein Firmenkonzept zukunftsträchtig ist und unter Spiritualität wird eine Umschreibung dessen verstanden, wie man das Vertrauen in ein Firmenkonzept durchsetzt. otional t Gefühlsmuster. Hierbei können Marketingmanager etwas Entscheidendes von Kulturhistorikern lernen. In der archaischen Welt, an der Schwelle der abendländischen Zivilisation, entstanden die Gefühle nicht spontan im Menschen, sondern wurden ihm von den Göttern aufgeprägt. Heute könnten wir ganz analog sagen: Die Gefühle werden uns von den Gütern und den Medien aufgeprägt. Doch wie können Güter an die Stelle von Göttern treten? Von den Ethnologen kann man lernen, daß für den Totemkult primitiver Gesellschaften das Göttliche in den Dingen des egenständen unterscheidet sich das Totem aber durch seine Eigenschaft, als faszinierendes Bild zu wirken, das Gefühle an sich bindet; es ist ein Wappen. Und auch die Güter unserer 1 Märkte tragen dieses Totemwappen .

Trotz dieser ganz am Äußeren haftenden, auf Originalität und Neugierkäufe ausgerichteten Terminologie ist der religionsförmige Gebrauch dieser traditionellen Begriffe nicht zu ignorieren. Sie verschleiern die magische Denkform, die hinter der Faszination durch Marken steht und die auch, wie wir im Folgenden immer deutlicher sehen werden, zum Wesen der Religionsförmigen Neomythologie gehört. Sigmund Freud (1856-1939) hat wie schon oben gesagt das Wesen der Magie mit dem archaischen Bewusstsein in Verbindung gebracht. Er spricht von der 2 n . Es ist kein Zufall, dass für unternehmerische Selbstvollzüge religiöse Terminologie verwandt wird. Konsum und Leistung verschmelzen in der Marke als Ausdruck einer Lebensform der schönen, kaufgestützten Empfindungen. Erscheint doch die faktische oder durch das Marketing auch nur erhoffte Hingabe an das Produkt, dem man, etwa bis hin zur Form des lange bindenden Kredits, pekuniäre Opfer bringt, damit es in den eigenen Lebensraum eintritt, als einer der wesentlichen subjektkonstituierenden Vollzüge in der Konsum- und Leistungskultur. In dieser Hinsicht ist die Marke als durch das Marketing erzeugte Erscheinungsform eines durch den Brandingprozess verzauberten nutzbaren Produktes durch eine __________ 1 2

Bolz/ Bosshart, 1995, Bolz/ Bosshart, 1995, 209. Freud, 1971, 97.

§ 16 DER MENSCH ALS KONSUMENT

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ebracht1 das Gemeinte und wird im affektgeladenen Erleben mit diesem ide Der Name symbolisiert nicht nur das Gemeinte, sondern fällt wie jedes Symbol 2 mit diesem zusam . ewußte Gewissheit aus, daß menschliches Leben durch ein Schicksal gleichgeschaltet sei mit außermenschlichem Geschehen, den meisten unbekannt, von einigen geahnt und 3 mit Namen ge . chtung auf 4 rtum, aber auch von der Verantwortung, die man als Mensch glaubte garnicht 5 übernehmen zu dürfen, und wovon die Opfer . Wo ein Opfer gebracht wird, da sind Priester, die die Zeremonien leiten. Horxens, Wippermanns und Kundes Denkstil wird von großen Firmen ernstgenommen, die die Autoren zu Beratungen einladen. Welche unternehmerische Spiritualität, d.h. welche emotional unterfütterte Weise, seine Leistungsbereitschaft bis zum workaholistischen Selbstopfer auszuleben und für kosmisch sinnvoll zu halten, lebt in den Herzen der den Glauben an die Markenmagie anbietenden und gestaltenden Marketingzauberer? Wir leben in einem Polytheismus der Marken und Moden. Branding schafft die kaleidoskopische Mythologie der Postmoderne. Und Moden funktionieren wie 6 Kurzzeitreligionen. Es sind starke, aber schnell wieder auflösba . Es wird darauf zu achten sein, welche Form der Angstbewältigung hinter diesen Selbstbildern steht. Schon im ersten Band der Kritik der neomythischen Vernunft habe ich darauf hingewiesen, dass Magie und Angst zusammengehören. Durch das magische Nennen von Gefährdendem wird die unbestimmte, orientierungslose Angst überwunden, in dem sie in bestimmbare und beherrschbare Furcht vor etwas umgestaltet wird. Das Gefährdende soll in der Furcht durch seine Benennung handhabbar und damit nutzbar werden. Welche Angst treibt die Macher unserer Wirtschaft, welche Furcht ersehnen sie, um angstfrei zu leben und welche magischen Opfer sind sie zu geben bereit?

__________ 1 2 3 4 5 6

Zucker, 1948, 56. Zucker, 1948, 56. Zucker, 1948, 75. Zucker, 1948, 77. Zucker, 1948, 77. Bolz/ Bosshart, 1995, 353.

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§ 17

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Konsum, Leistung und Allmacht

I.

Ayn Rands Roman Wer ist John Galt?

1.

Biografische und kulturgeschichtliche Hintergründe

Ayn Rands (1905-1982) hierzulande nahezu unbekannter, in den USA äußerst wirkungsträchtiger Roman Wer ist John Galt? (Atlas shrugged, 1957) eignet sich vorzüglich dazu, in die religionsförmige Mythologie der marktwirtschaftlichen Utopie vom Glück durch Leistung und Konsum einzuführen. Ihre Philosophie des Objektivismus und rationalen Individualismus (Libertarianism) begleitet die neoliberale Finanz- und Wirtschaftspolitik der USA seit Ronald Reagan (1911-2004) auf der Ebene der philosophischen und literarischen Unterfütterung. Alisa Rosenbaum, später nennt sie sich Ayn Rand1, wird am 2.2.1905 in St. Petersburg in Russland, geboren. Mit neun Jahren beschließt sie, Schriftstellerin zu werden, 1917 begrüßt sie mit Begeisterung die Februarrevolution und muss bald erleben, dass eine von ihr bewunderte junge Politikerin während der Oktoberrevolution erschossen wird. Die Familie flieht auf die Krim. Später enteignen die Bolschewiki ihren Vaters und die Familie muss zeitweise hungern. Ayn Rand studiert in Petrograd Philosophie und Geschichte und geht 1924 an das staatliche Institut der Filmkünste, um Drehbuchautorin zu werden. Sie erhält 1925 ein Besuchervisum für die USA und bleibt dort. In Hollywood arbeitet sie als Drehbuchautorin und wird durch eine Heirat 1929 amerikanische Staatsbürgerin. Sie kann 1932 ihr erstes Drehbuch Red Pawn verkaufen; ihr erster Roman We the Living (19361; Vom Leben unbesiegt) wird zunächst drei Jahre lang von den amerikanischen Verlagen abgelehnt. Ihr zweiter Roman The Fountainhead (Der Schöpfer) wird dann ein Bestseller und mit dem 1957 veröffentlichten Roman Atlas shrugged (Wer ist John Galt?) wird sie für viele Menschen zu einer intellektuellen Wegweiserin. In einer 2003 veröffentlichten Umfrage nach den hundert besten Romanen der Welt durch den Verlag RANDOM HOUSE2 wird unterschieden zwischen der Meinung eines Expertengremiums und der Umfrage unter Lesern. Das Expertengremium setzt an die erste Stelle den Ulysses von James Joyce (1882-1941) und die befragten Leser platzieren dort an die erste Stelle Ayn Rands Atlas shrugged, gefolgt von The Fountainhead (Platz 2).

Nach ihren Romanerfolgen beschäftigt sie sich mit der Konzeption ihrer Philosophie des Objektivismus. Sie stirbt am 6.3.1982 in New York. __________ 1

2

Vgl. als ersten Einstieg in die Biografie Ayn Rands: http://www.frauenstadtarchiv.de/aynrand/bio.htm. http://www.randomhouse.com/modernlibrary/100bestnovels.html (Diesen Hinweis verdanke ich Herrn Dr. Christian Kölzer).

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

117

Um Ayn Rands Roman in den Kontext der amerikanischen utopischen Gedankenwelt stellen zu können, ist es wichtig, auf die Tradition religiöser Gemeinschaftssiedlungen und individueller Lebensexperimente im Kontext des Puritanismus einzugehen. Später werden wir uns diesem Thema der religiösen Gemeinschaftssiedlungen noch ausführlicher zuwenden.

2.

Selbstdisziplin und Weltgestaltung: Frühe religiöse Fleißgemeinschaften in den USA

Jede Nation bedarf einer Gründungsmythologie. Ein wichtiger Baustein der amerikanischen Mythologie ist der Pilgerzug der pilgrim fathers, die in die Neue Welt kommen, um ihren religiösen Prämissen gemäß zu leben und dafür ein hartes und fleißiges Siedlerleben auf sich nehmen1. Ihr Leben ist gekennzeichnet durch einen stützter Ansiedlungen, zwischen denen riesige Territorien unbeherrschter Wildnis 2

Historisch entspricht dieser Mythologie die Besiedelung vor allem durch von England ausgehende puritanische Kolonisten im 17. Jahrhundert. Die mit der Mayflower kommenden pilgrim fathers gehören dem radikalen Flügel des Puritanismus an3, der sich von der Staatskirche gelöst hat, 1607 nach dem freieren Holland ausgewichen ist und von dort aus, um der Wahrung ihrer englischen und puritanischen Identität willen, nach Virginia übersetzen will. Sie haben sich von der CHURCH OF ENGLAND gelöst und eine eigene Kirche gegründet. Ihrer Herkunft nach stammen sie aus der 1607 in Scrooby gegründeten Separatistenkirche, die ihre Mitglieder aus dem Milieu der einfachen Bauern bezieht. In welchem Maße religiöse Verfolgung hier eine Rolle spielt, zeigt sich an der Vielfalt der Auswanderer. Separatisten fliehen nach Plymouth, Puritaner nach Massachusetts, Katholiken nach Maryland, Hugenotten nach Süd-Carolina, Quäker nach Pennsylvania und schottisch-irische Presbyterianer verteilen sich auf verschiedene Kolonien.

Die pilgrim fathers errichten in New Plimmoth (Plymouth) in Neuengland (später: Massachusetts) 1620 eine Theokratie. Im Bewusstsein, ein Land zu betreten, das keine staatliche Ordnung hat, wollen sie keine andere Autorität anerkennen als die Gottes. Die Puritaner verstehen sich nach der Analogie des alttestamentlichen Exodusvolkes. Deshalb werden andere Konfessionen nicht geduldet und das private religiös-sittliche Leben der Bürger öffentlich kontrolliert. __________ 1 2 3

Vgl. zur amerikanischen Siedlermentalität: Münch, 1986, Bd. 1, 257-281. Bauszus, 2005, 204. Vgl. dazu Hauschild, Bd. 2: 1999, 227-229; 633-635; Samhaber, 1954, 8-61; Faulkner, 1950, 30-50; Dahms, 1953, 45-60 und Perry, Bd. 1, 1948, 74-137.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

In einer Engführung der Gedanken Johannes Calvins (eigentlich: Jean Cauvin, 1509-1564)1 verstehen sich die Puritaner in Massachusetts von der Ausrichtung auf Selbstdisziplin und Weltgestaltung her. Fasst man ihre Lebenssicht zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Die Welt sei kein hinzunehmendes Übel, sondern eine Aufgabe, die es zu meistern gelte. Der Mensch, der dieser Welt gegenüber trete, sei von Anbeginn in den Schöpfungsplan Gottes eingeordnet. Gott bestimme durch sein Vorauswissen die Heiligen vorher zur Rechtfertigung und Heilung. In ihnen komme die Gnade siegreich zur Auswirkung. Die gerettet werden, seien positiv zum Heil vorherbestimmt, die anderen, die nicht in dieser Weise prädestiniert seien, gingen ins Verderben. Der Puritaner fühlt sich als Erwählter, als ein Werkzeug in Gottes Hand, das in der Welt bestimmten Zwecken zu dienen habe. Mit Heroismus und Härte sei das Leben zur größeren Ehre Gottes zu führen. steht ein Bündnis der Pilger als einer einheitlichen Gemeinschaft mit Gott, ein heiliger Vertrag (covenant), der sie verpflichtet, auf dem von ihnen besiedelten Boden eine neue, den ethischen Geboten Gottes entspre2 . In der 1630 von John Winthrop (1588-1649), dem Führer einer großen Gruppe puritanischer Siedler nach Salem und späteren (von 1630-1639) Gouverneur der durch ihn mitgegründeten MASSACHUSETTS BAY COLONY, an Bord des Auswandererschiffs Arabella gehaltenen Predigt, kommt diese Haltung zum Ausdruck: Vertrag eingetreten, wir haben einen Auftrag übernommen, der Herr hat es uns überlassen, unsere eigenen Artikel aufzusetzen, wir haben gelobt, diese Unternehmungen durchzufüh3 .

dann habe Gott diesen Vertrag ratifiziert. Zugleich ist aber auch der Zweifel gegeben, dass das eigene Erlösungsbewusstsein Täuschung sein könnte. So bestimmt letztlich qualvolle Unsicherheit das Leben, die der Blick auf die erfolgreiche und damit vielleicht durch Gott geförderte irdische Existenz etwas zu mildern vermag. Im Mittelpunkt der Kolonie4 in New Plimmoth steht die schlichte weiße Holzkirche, die als Andachts- und Gebetshaus und als politisches meeting house dient. Wahlbürger in dieser Theokratie können nur diejenigen gentleman/ freeman sein und die Anrede Mister beanspruchen, die nicht nur erwiesen strenggläubige Kirchenmitglieder, sondern auch als Grundbesitzer in ihrem wirtschaftlichen Erfolg höherer Gnade teilhaftig zu sein scheinen

__________ 1

2 3 4

Calvin ist kein wie gern angenommen wird direkter Wegbereiter puritanischer oder gar kapitalistischer Ethik. Gewirkt haben seine Epigonen (vgl. dazu, Stadtland, 1972, 174-184 und Scheld, 1989, 132f und 179-199). Münch, 1986, Bd. 1, 259. Winthrop zit. nach Münch, 1986, Bd. 1, 260. Dahms, 1953, 53.

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

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zuerst ist dies ein Fünfundzwanzigstel, später ein Fünftel der Bevölkerung. Wer nur Beisasse (inhabitant) ist, vielleicht nur vorübergehend dort wohnt (sojourner), als Dienstbote arbeitet (servant) oder weiblich ist, hat kein Bürgerrecht und wird mit Goody bzw. Goodwife und Goodman angeredet.

Die Hauptanstrengungen der Puritaner richten sich eindeutig auf die Errichtung und die äußere wie innere Festigung ihres eigenen Gemeinwesens, in dem sie ihre religiös-politischen Idealvorstellungen von einem Neuen Jerusalem verwirklichen wollen ißung Gottes in der Apokalypse des Johannes, alles neu zu machen (Apk 21,5), aufgreifen. So erstaunt nicht, dass sich die pilgrim fathers gern als City upon the hill bezeichnen. Das Neue Jerusalem ist in der Johannes-Apokalypse die endzeitliche weltweite Stadt als Heimatraum der Christen (Apk 21,9-22,5)1. Auch Ayn Rand beschreibt in ihrem Roman Wer ist John Galt? die Suche einiger Menschen nach einer neoliberalen Fleißgemeinschaft und deren Auffindung2.

3.

Ein Roman für das erfolgreiche Leben

Die Betonung des Vorranges der Leistung vor dem irdischen Vergnügen und die Aufgliederung in leistungsfähige Begnadete und den Rest der Bevölkerung findet sich vollendet in Ayn Rands Roman Wer ist John Galt? ausgestaltet, der für viele heutige Leser die ethische Grundlage ihres politischen und ökonomischen Libertarismus ist. Die philosophische Grundprämisse des Romans ist, dass das Privateigentum ausschließlich in die freie Verfügung des einzelnen Eigentümers gehöre. Dabei wird der Eigentümer wesentlich als Unternehmer gesehen. Der unbeschränkt freie Markt regele sich selbst und mache Politik als Ausdruck kollektiver und speziell sozialpolitischer Interessen überflüssig. Was sich aus dem Marktprozess ergebe, sei nicht normierbar durch äußere Einflussfaktoren. Keine äußere Instanz dürfe die Interaktionen der einzelnen Marktteilnehmer einschränken. Steuern dürften nicht erhoben werden, um Sozialpolitik zu betreiben. Keiner sei für einen anderen verantwortlich, sondern nur für sich selbst. Der Roman spielt in den USA der Zukunft. Immer deutlicher wird für erfolgreiche und fleißige Unternehmer wie , Dagny Taggart, John Galt oder Hank Rearden, wie prekär die wirtschaftspolitische Großwetterlage ist. Am Fleiß der Unternehmer parasitierende Gewerkschafter und Politiker schränken zugunsten eines jede Leistungsfähigkeit abtötenden Egalitarismus die unternehmerische Freiheit immer mehr ein. Durch diese Maßnahmen wird die Infrastruktur __________ 1 2

Dormeyer/ Hauser, 1990, 73-98 und 1986, 167. Zur Bedeutung von utopischen Strömungen und Gemeinschaftssiedlungen und den Wellen ihrer Entstehung in den USA vgl. die kurze Überblicksskizze in Schwarz, 1985, 412.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

der USA immer mehr ausgehöhlt. Eisenbahnlinien brechen zusammen, ein Pirat macht den Außenhandel unmöglich, Anschläge vernichten Bergwerke, Elektrizität wird nicht mehr selbstverständlich und elementare handwerkliche Fähigkeiten verkümmern. Anklänge an den Untergang der römischen Welt sind gewollt. In der Bevölkerung breiten sich Verzweiflung und Resignation aus. Diese Stimmung drückt sich in einem Sprichwort aus: Wer ist John Galt?1. In ihm meldet sich die verloren gegangene Erinnerung an einen großen Wirtschaftsweisen, der Amerika retten könnte. einer der Schüler John Galts legt in einer langen Rede einer neuen Mitstreiterin seine Philosophie des Geldes vor. eschichte ein Land des Geldes und ich kann Amerika keinen höheren, ehrfürchtigeren Tribut zollen, denn das bedeutet: ein Land der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Produktion, der Leistung. Zum ersten Mal konnten sich Denken und Geld frei entfalten, und es gab keine eroberten, sondern nur erarbeitete Vermögen, und an Stelle der Krieger und Sklaven erschien der wahre Schöpfer des Reichtums, der größte Arbeiter, der höchste Menschentyp der Selfmademan 2 der amerikanische Indus . Das Gegenmodell sind die verludernden Sozialstaaten Europas und die amerikanischen weil es eAmerikaner um dieses Ausdrucks willen von den verrotteten Kulturen der Plündererkontinente angeprangert. Und nun hat das Plünderercredo Sie dazu gebracht, Ihre stolzesten Leistungen als Schandmal anzusehen, Ihren Wohlstand als Schuld, Ihre größten Männer, die Industriellen, als Gauner und Ihre großartigen Fabriken wie die ägyptischen Pyramiden als Produkt der Muskelkraft mit der Peitsche angetriebener Sklaven. Der Lump, der mit dümmlichem Grinsen behauptet, er sehe keinen Unterschied zwischen der Macht des Dollars und der Macht der Peitsche, sollte den Unterschied am eigenen 3 Leib erfahren . Den unterschiedlichen wirtschaftstheoretischen Perspektiven entspricht ein fast rassischer Unterschied im psychophysischen Erscheinungsbild von unternehmerischen Selfmademenschen und parasitär lebenden Schwächlingen. ggart saß an seinem Schreibtisch. Er sah wie ein Mann um die Fünfzig aus, der, ohne je jung gewesen zu sein, vom Kind gleich zum alten Mann geworden war. Er hatte schmale, heruntergezogene Lippen und dünnes, auf einer Halbglatze klebendes Haar. Seine Haltung war so

__________ 1 2 3

Etwa Rand, 1985, 17, 32, 70, 192, 203, 256. Rand, 1985, 437-442. Rand, 1985, 437-442.

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

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schlaff und von einer jeden Bewegung erfassenden Nachlässigkeit, so als wollte er seine eines Aristokraten würdige schlanke, hochgewachsene Gestalt Lügen strafen. Er wirkte wie ein dümmlicher Flegel. Seine Haut war blaß und weich. Seine Augen farblos und verhangen. Sie bewegten sich langsam, ohne sich jemals auf irgend etwas zu richten. Was auch immer sie sahen, sie verachteten es. Er strahlte einen merkwürdig kraftlosen Eigensinn aus. 1 . Das Gegenbild ist der Erfinder und unternehmerisch erfolgreiche tätige Hank Rearden. Leid und Angst und Schuld. Die Form des Mundes verriet Stolz, einen Stolz, der sich seiner offensichtlich bewußt war. Die kantigen Flächen seiner Wangen mochten an Härte, Anmaßung und Hochmut denken lassen, doch das Gesicht als Ganzes strafte diesen Eindruck Lügen; aus ihm sprachen gelassene Entschlossenheit und unbeirrbare Gewißheit. Es war ein Gesicht selbstbewußter Schuldlosigkeit, die Vergebung weder heischte noch gewährte, ein Gesicht, das nichts zu verbergen und nichts zu scheuen hatte, das sich nic leichte Stoff seines Hemdes betonte die Umrisse seiner Gestalt, anstatt sie zu verbergen. Seine Haut war von Sonne, Wind und Wetter gebräunt. Sein Körper strahlte die Klarheit, Festigkeit und Härte eines Metallgusses aus, etwa einer in weicher Kupfer-Aluminium-Le2 .

Die rührigen Unternehmer und Manager, die noch an das Leistungsprinzip glauben, leben in einer ihnen absurd erscheinenden Welt. Je mehr sie sich anstrengen ihre Unternehmen zum Erfolg zu führen, desto mehr werden sie durch neidische Politiker und Gewerkschafter eingeschränkt, die, ohne zu arbeiten, am Reichtum partizipieren wollen. Wenn man die Atmosphäre beschreibt, in der sich Ayn Rands Protagonisten bewegen, so fühlt man sich an die französischen atheistischen Existenzialisten erinnert. Jean-Paul Sartre (1905-1980) beschreibt die Vision einer Welt, die im Icherzähler nur Ekel erregt. Das literarische Ich seines Romans Der Ekel (1938) erlebt in einem Café die Universalität des E ab. Auch das verursacht einem Ekel. Vielmehr: das ist Ekel. Der Ekel ist nicht in mir: dort auf der Wand ist er, auf den Hosenträgern, überall rings um mich. Er bildet eine Einheit mit 3 . In dieser absurden Welt, in der der philosophierende Exisder Park, die Stadt, ich 4 se und damit über die Entfremdung von der Welt durch den Ekel hinauswachsen kann, erleben sich die randschen Heldinnen und Helden solange nur negativ bis sie wieder einen Ausweg finden um ihr freies Unternehmertum zu pflegen. Das Wort Ekel ist das durchgängige Schlüsselwort, das die Entfremdung in einer Welt, die den Manchesterliberalismus beschränkt, charakterisiert5. Wie ein Ausschnitt aus Sartres Roman klingt die folgende Pasdieses Gefühl des Ekels gespürt, das nicht durch etwas Besonderes hervorgerufen war, aber alles rings um ihn zu überfluten und die ganze Stadt zu durchtränken schien. Er konnte den Ekel vor etwas Konkretem verstehen und es aus der gesunden Entrüstung des Wissens bekämpfen, daß es

__________ 1 2 3 4 5

Rand, 1985, 11. Rand, 1985, 745. Sartre, 1970, 26. Sartre, 1970, 139. Vgl. etwa Rand, 1985, 41, 49, 174, 398, 460, 499, 501 u.ö.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

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nicht in die Welt gehörte; aber dies war für ihn neu

dieses Gefühl, daß die Welt etwas hkeit zu Handeln ihm diesen Ekel eingeflößt oder ob der Ekel ihm das Verlangen zu handeln 1 . Darüber hinaus erfahren die blockierten Unternehmer Mißbehagen, Erschöpfung, Langeweile, unerklärliche Abscheu, etwas Bleiernes und Leeres, Enttäuschung, jähe seltsame Leere, nicht einen Hauch von Freude, Bitterkeit, unendliche Müdigkeit, Widerwille, das Leben in dieser Welt Schmerzenslast, fühlen sich traurig belustigt und einen dumpfen quälenden Schmerz 2 um . Schon in Vom Leben unbesiegt erweisen sich die Heldinnen und Helden als bereit zum Martyrium für ihre Art der Freiheit. Der Roman spielt in der Sowjetunion und schildert die Revolte und den Fluchtversuch mit tödlichem Ausgang der Kira Argunjowa. Als sie auf der Flucht aus der Sowjetunion angeschossen wird, gilt ihre Sorge dem mitgeführten Geld. h3

weiter, eine zarte Gestalt, in dem wehenden, mittelalterlichen Gewand einer Priesterin, über 4 dessen w .

Die parasitären Vertreter des staatlichen Büros für Wirtschaftsplanung und nationale Bodenschätze5, die gegen jede ökonomische Vernunft das zerstörerische Chancenausgleichsgesetz6 durchsetzen und dabei zynisch eine Religion der Selbstaufopferung7 predigen, werden geradezu als eine andersartige Untermenschenrasse gegenüber den liberalen Unternehmern gekennzeichnet. Sie schwanken zwischen Lebensüberdruß und zynischer Resignation8, strahlen eine zynische Gleichgültigkeit9 aus und wirken im Ganzen entmenscht10. Hank Rearden erlebt sie wie Affen11, die ein fettes glattes Gesicht und Mörderaugen12 haben. Die Zukunft der USA aturen, niedriger als Tiere. Menschen, die auf dem Bauch kriechen und grunzend 13 . Sie führen jetzt schon das 14 s . __________ 1 2

3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Rand, 1985, 398. Die Belege in der Reihenfolge: Rand, 1985, 7, 7, 43, 46, 49, 49, 72, 123 (vgl. auch 152), 135, 142, 152, 394, 424, 456. Rand, 1956, 568. Rand, 1956, 572. Rand, 1985, 292. Rand, 1985, 291. Rand, 1985, 799. Rand, 1985, 7. Rand, 1985, 16. Rand, 1985, 620. Rand, 1985, 598. Rand, 1985, 926. Rand, 1985, 761. Rand, 1985, 853.

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

123

Diesen Menschen und dieser Gesellschaft treten die für freies Unternehmertum in erbarmungsloser Askese1 kämpfenden Menschen mit der Haltung von Verachtung, gnadenloser Gleichgültigkeit und gnadenloser Entschlossenheit2 entgegen. 3 . Immer mehr dieser besten Köpfe des Landes ziehen sich auf Grund der Beschränkungen des Wirtschaftslebens in eine verborgene Region der USA zurück und gründen dort ein Modell des neuen Amerika. i4 . Eine religiöse Gemeinschaftssiedlung des Manchesterliberalismus entsteht. bei meiner Liebe zum Leben: Ich werde nie für andere leben, und ich werde nie von anderen verlangen, daß sie für mich leb 5. Jeder arbeitet dort für seinen Lebensunterhalt und versucht durch unternehmerische Fantasie seinen Bereich auszubauen. Die hinter dieser Auszugsbewegung stehende Metapher ist die Verweigerung, weiter für den Wohlstand derer zu arbeiten, die selbst nichts leisten wollen. Prometheus, der Kulturstifter, sei so lange gerade wegen seiner schöpferischen Leistungen ausgebeutet worden, dass er sich Nachdem er jahrhundertelang von den Geiern dafür zerfleischt worden ist, daß er den Menschen das Feuer der Götter gebracht hat, hat er seine Ketten zerbrochen und das Feuer wieder fortgenommen bis zu dem Tage, an dem die Menschen 6 den Geiern den Garaus ma . Als sich absehen lässt, dass das im Chaos versinkende Amerika bereit ist, sich erneuern zu lassen, lässt sich der Aufbruch der Unternehmer aus dem Exil absehen. Die letzten Zeilen des Romans sprechen die Sprache einer religionsförmigen Liturgie der Heilung eines monetären Kosmos. John Galt segnet die Welt als Beginn der Inkarnation des freien Unternehmertums in dieses Gelduniversum. Berges schimmerte, war das Sternenlicht auf Galts Haar. Er stand am Rande des Felsens und sah nicht in das Tal hinunter, sondern über seine Wände hinweg in die war nur eine Leere von Dunkelheit und Fels, doch diese Dunkelheit verbarg die Ruinen eines Konti

__________ 1 2 3 4 5 6

Rand, 1985, 221. Die Belege in der Reihenfolge: Rand, 1985, 44, 44 (vgl. 113) und 123. Rand, 1985, 805. Rand, 1985, 750. Rand, 1985, 779. Rand, 1985, S. 553.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

124

Er hob die Hand, und schrieb über der verödeten Erde das Dollarzeichen in die 1 . Die freien Unternehmer werden zu neomythischen Weltherrschern und heilschaffenden Menschengöttern2.

II.

Der unbewusste Evolutionsgott in der volkswirtschaftlichen Wachstumstheorie

Konsumismus und Leistungsorientierung bilden keine Weltanschauung, die durch manipulierende Marketing-Experten zustande kommt, sondern erwachsen aus einer Grundhaltung der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation. Wir alle arbeiten gemeinsam an der globalen konsumistischen Lebenshaltung mit. Dies macht sich auch darin bemerkbar, dass wir uns etwa eine Volkswirtschaft ohne dauerndes Konsumwachstum kaum vorstellen können3. Eine solche Prämisse hat auch metaphysische Gründe. In das metaphysische Gespräch des 19. Jahrhunderts tritt wie im ersten Band im § 9 ausgeführt als neuer Vorschlag der Antwort auf die metaphysische Grundfrage nach dem metaphysisch transzendenten Absoluten das Bild eines unbewusst werdenden Evolutionsgottes. Zu diesem Bild gehört nicht der Gedanke an eine Schöpfung aus dem Nichts. Vorausgesetzt wird nur, dass Etwas gegeben ist und dass sich dieses Gegebene gemäß einer ihm immanenten Tendenz entfaltet, die keine teleologische Vorgabe beinhaltet. Analog zu diesem unbewussten Sichausgestalten einer Tendenz ohne Zielrichtung denkt die volkswirtschaftliche Wachstumstheorie. Unter Wirtschaftswachstum versteht man positive Veränderungen der durch Wirtschaftseinheiten hervorgebrachten Leistungen im Produktions- und Dienstleistungssektor. Dabei wird davon ausgegangen, dass in Marktrationelle Fertigungsweise (Effizienz beim input und bei der Kombination des inputs) erzeugt und meist unter Konkurrenzbedingungen am Markt angeboten wor4 haben. Die moderne Wachstumstheorie, die als Grundlage marktwirtschaftlich-kapitalistischer Volkswirtschaften gilt, geht von der Voraussetzung aus, dass ein einmal schwerwiegende volkswirtschaftliche Entwicklungsprobleme vermieden werden sollten. Dabei werden zwei grundlegende Effekte des Investitionsprozesses ange__________ 1

2

3 4

Rand, 1985, S. 1255f. Es konnte nicht ausbleiben, dass Rands Roman satyrisch bearbeitet wurde. Vgl. dazu Ruff, 1997. Gern übernehme ich diesen Terminus aus Stephan Breuers (2004) Rezension des ersten Bandes in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Vgl. im Folgenden Glastetter, 1974. Oppenländer, 1988, 1.

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

125

nommen. Es sei zum einen der Kapazitätseffekt, gemäß dem jede Nettoinvestition neue Kapazitäten schafft und zum anderen der Einkommenseffekt, gemäß dem durch Investitionsprozesse neue Einkommen entstünden. Betrachte man die Verbindung des Kapazitätseffektes mit dem Einkommenseffekt, dann ergebe sich ein volkswirtschaftlich nicht hintergehbarer Wachstumsprozess. Durch den Investitionsprozess entstünden neue Kapazitäten, die ausgelastet werden müssten. Die Auslastung dieser Kapazitäten könne nur durch zusätzliche Einkommen zustande kommen. Diese Einkommensschaffung bedinge Neuinvestitionen, welche wiederum zu neuen Kapazitäten führten, die durch die Schaffung von neuen Einkommen im Blick auf die geschaffenen Investitionen ausgelastet werden müssten. bei gegebener Konsumfunktion die Investition vergrößert werden, um über den Multiplikatoreffekt das benötigte zusätzliche Einkommen, die höhere tatsächliche Produktion, zu schaffen. Diese erhöhten Investitionen, welche in dieser Phase das zur Auslastung der Kapazität erforderliche Einkommen erzeugen, beschleunigen aber den Zuwachs zum Kapitalstock, das Maß der Kapazitätsausdehnung, über das bisherige Maß hinaus, so daß neue, über das Niveau der Vorperiode hinausgehende Investitionen notwendig werden, die wiederum das zum Kauf der gestiegenen potentiellen Produkte benötigte neue Einkommen 1 .

Wir finden hier das Modell einer spiralförmigen Entwicklung: Einkommensschaffende Investitionen produzieren Kapazitäten, die erneut einkommensschaffender Investitionen bedürfen. Somit ergibt sich die Vorstellung eines sofern keine äußere Störung katastrophaler Art eintritt notwendig sich expandierenden volkswirtschaftlichen oder auch globalen Ganzen. Im Hintergrund dieses Fortschrittsbildes steht eine Art von Konsumzwang bzw. deutlicher wertneutral ausgedrückt , von Konsumnotwendigkeit, ohne den die Einkommen keine neuen Kapazitäten schaffen, bzw. die alten auslasten könnten. Zugleich ist in diesem Modell auch enthalten, dass diese Entwicklung durch Auslastungsnotwendigkeit zwar in einer fortschreitenden Entwicklung begriffen ist, die aber nicht zielgerichtet ist. Hier haben wir eine weitere Analogie zum unbewusst werdenden Evolutionsgott. Analog wie dieser Gott unbewusst in seinem Sein wird, entfaltet sich auf dem Hintergrund einer grundlegenden Dynamik, der Auslastungsnotwendigkeit, ein nicht zielgerichteter marktwirtschaftlicher Prozess zu einem Mehrwerden ohne metaphysisch vorgegebene oder menschlich geplante Richtung. Ein Blick in den Bereich der neoklassischen Haushalts- und Unternehmenstheorie kann diese Metaphysik noch einmal verdeutlichen 2. Hier wird von der unthematischen Prämisse ausgegangen, dass sowohl die Anbieter- als auch die __________ 1 2

Rose, 1991, 21. Erlei/ Leschke/ Sauerland, 1999, 45-51.

126

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Nachfragerseite so ausgerichtet ist, dass sich Anbieter und Nachfrager auf einem Markt treffen, auf dem als alleiniges Kriterium des Kaufs der durch Angebot und Nachfrage sich regulierende Preis zählt. Metaphysisch bedeutsam ist in diesem Modell die Voraussetzung, dass erstens auf allen Märkten die Marktform der vollständigen Konkurrenz von Seiten sowohl der Anbieter als auch der Nachfrager herrscht, dass es zweitens über das Le 1 räumli gibt, dass die Anbieter und Nachfrager informiert sind und dass der Gesichtspunkt langfristiger Geschäftsbeziehungen keine Rolle spielt2. Eine Konsequenz dieses sich selbst regulierenden Modells sei das stetige Wirtschaftswachstum. Damit ist ein Modell für einen globalen Prozess gegeben, der die universale Harmonie eines Prozesses stetigen Wachstums vorausgesetzt sich selbst ohne jede bewusste Planung in Synergieeffekten ordnet. Der unbewusste Evolutionsgott ist dann der perfekte Wirtschaftsminister. Um diese spiralförmige Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Gang halten zu können, muss weiterhin u.a.3 vorausgesetzt werden, dass Bedürfnisse nach Konsumgütern unbegrenzt bestehen. Wenn keine Konsumgüternachfrage mehr besteht, die Verbrauchsnachfrage hinter der Kapazitätsentwicklung zurückhängt, hsendem Wohlstand keine zunehmende Bedürfnisbefriedigung) und dem Drang der For4 . Das gesamte marktwirtschaftliche System gerät sonst in eine rezessive Phase, die in einer katastrophalen politischen Situation enden kann. Abgesehen von der Frage, nisse gibt, wird hier die Verbindung von marktwirtschaftlich-kapitalistischer Wohlstandsgesellschaft und Konsumzwang zu einem echten Problem für die Unternehmen und die Gesellschaft im Ganzen. Deshalb gehört im Blick auf die anthropologische Prämisse einer Unbegrenztheit von Konsumbedürfnissen zur Wachstumstheorie, dass sich die konsumorientierte Marktwirtschaft immer deutlicher als ein unhintergehbarer Proto-Lifestyle, als Rahmen einer Pluralität von Lifestyles des Konsumierens darstellt. Konsum wird damit gleichsam zur anthropologischen Aufgabe die Öffentlichkeit hat dann die einzuüben. Die Einübung in das Konsumieren haben wir uns eben schon besonders am Beispiel der Konsumenten vor Augen geführt. Ein anderer Aspekt ist Einüben von Leistungsfähigkeit, die Verdienstmöglichkeiten eröffnet, die Konsumieren gestattet. An der Einübung in diese Verpflichtung, um des Wachstums __________ 1 2 3 4

Erlei/ Leschke/ Sauerland, 1999, 46. Erlei/ Leschke/ Sauerland, 1999, 48. Zu den vielfältigen anderen Bedingungen vgl. Oppenländer, 1988, 224-247. Oppenländer, 1988, 2.

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

127

willen zu leisten und zu konsumieren, sind wir alle beteiligt und setzen dazu vor allem die Massenmedien ein.

III. Leistungsorientierung und Allmacht Wir wollen deshalb den Leistungsgedanken, der unsere Kultur mitprägt, betrachten und dies wieder mit dem Blick auf Werbesprüche einleiten. Besonders in den abendländischen Regionen wird die Konsumorientierung mit der Orientierung an Leistung verbunden. Leistung soll um des Konsums willen sein und umgekehrt repräsentiert gehobener Konsum die Leistungsfähigkeit. Betrachten wir etwa die Lebensphilosophie im PORSCHEFAHREN: MEINE KLIENTEN SETZEN MEINE ARBEITSZEIT FEST, MEIN STEUERBERATER MEIN GEHALT, ABER MEIN AUTO SUCHE ICH SELBST AUS. Der Porschefahrer ist ein gelassen-selbstironischer Selbständiger oder ein leitender Angestellter, der so viel Leistung erbringt, dass er keine Zeit hat, sich um die Begrenzung seiner Arbeitszeit oder um die Berechnung seines Gehaltes zu kümmern. Das einzige, um das er sich neben seiner Arbeit noch kümmert, ist sein Porsche. Ein guter Fotoapparat wirkt auf die anderen Menschen so: CHARAKTER. KOMPETENZ. MASSSTAB. BESSER ZU SEIN ALS DER DURCHSCHNITT BEDEUTET, SICH VOM ALLTÄGLICHEN ZU UNTERSCHEIDEN. DAS BESONDERE BETONEN. WER UM SEINE QUALITÄTEN WEIß, KANN SELBSTBEWUßT AUFTRETEN, WIRD ZUM VORBILD SELBST DER KONKURRENZ. Innerhalb der Konsum- und Leistungskultur gibt es einige grundlegende Symbole idealen menschlichen Daseins, die gegeben sein müssen, wenn jemand als idealer Konsument oder idealer Leistungsträger gelten möchte. Wer viel leisten will oder wer viel konsumieren will, muss schön, jung und sportlich-dynamisch sein. Unter den Bedingungen solcher konsumistischer Anthropologien ergibt es sich, dass die Symbolfiguren, die diese Eigenschaften besitzen, zu Sakralgestalten werden. Ein Beispiel dafür ist etwa der zur Zeit blühende Fußballkult1. Nicht nur dass die lebenden Konsumenten der Fußballspiele die Stars in den Stadien oder vor den Fernsehschirmen verraum ,FußballEINTRACHT FRANKFURT wird angesagt,

__________ 1

Hempelmann, 2006.

128

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

dass die Ehefrau eines anwesenden prominenten Fanclub-Vorsitzenden gerade im Krankenhaus liege. Sie bekomme am heutigen Spieltag noch ihr Baby. Da dies sicher ein Junge werde, hätten sich die Eltern dazu entschieden, den ersten Eintracht-Torschützen dieses Spiels zum Namenspatron zu machen1. Ein thailändischer Fan des englischen Fußballspielers David Beckham (*1975) hat eine ungefähr dreißig Zentimeter hohe, vergoldete Statue im Bangkoker Pariwas-Tempel aufgestellt2. Sie befindet sich mit ungefähr hundert anderen Gottheiten in einer Abteilung für untergeordnete Götter am Fuße der zentralen Buddhastatue. Auf Beschwerden kommentierte nhändie Gefühle von Millionen Menschen, die Beckham bewundern, zu tei Schritt, die Figur aufzustellen, entschlossen. Eine nahezu menschengöttergleiche Ehrung ist David Beckham im August 2002 gelungen, wenn er zwei ermordeten englischen Mädchen, die am Tage ihres Todes Fußballhemden mit Beckhamaufschrift getragen hatten, das erste Saisontor widmet3. Wenn die religionsförmige Fußballbegeisterung bis zum Lebensende anhält, gibt es auch für das nachtodliche Fußball-Nirvana (in den Niederlanden) eine passable Lösung. Im September 1997 hat das niederländische Parlament in Den Haag ein Gesetz verabschiedet, gemäß dem die Asche von toten Fußballfans künftig auf den Spielfeldern ausgestreut werden darf, wenn der Verein dazu seine Genehmigung erteilt. So ist der Fußballfan noch im Tode mit seinem Verein verbunden4. Entsprechend nimmt es nicht wunder, wenn sich Bestattungsunternehmen auf den Fußballkult einstellen. Ein pfälzischer Unternehmer bietet Särge in Vereinsfarben an. Es gäbe auch eine Urne in Fußballform5. Die BILD-ZEITUNG bringt 2004 mit einer Schlagzeile über die Suche nach einem neuen Heilbringertrainer der Nationalelf die Religionsförmigkeit mancher Fußballbegeisterung auf den Punkt: Klinsi erlöse uns!6.

Es grenzt denkt man an das Ozonloch an die Verehrung des Totengottes, wenn eine Konservendose mit Formel 1-Abgasen von Michael Schumacher (*1964), dessen Vierjahresvertrag mit Ferrari ab 1998 zweihundertzweiundvierzig Millionen Mark einbringt, für 60.000,- DM versteigert werden kann7. Am Leistungsprinzip müssen wir noch etwas anderes bedenken. Leistung im Sinne des Leistungsprinzips ist letztlich eine Weise des Konsums, nämlich Selbst__________ 1

2

3 4 5 6 7

Unter der Überschrift Exorzismus im Stadion berichtet die EMSDETTENER VOLKSZEITUNG vo Seit 31 Jahren warten die Fans auf einen nationalen Meistertitel des argentinischen Traditionsvereins RACING CLUB, stetig ging es bergab. Der neu gewählte Präsident Daniel Lalin will nun eine unkonventionelle Lösung gefunden haben, damit der Top-Verein der 50er-Jahre zur JahrtausendMes adion exorzieren und anschließend mit einem Fackelmarsch alle bösen Geister vertrei Vgl. dazu: http://news.bbc.co.uk/hi/english/world/asia-pacific/newsid_742000/742997.stm (BBC News Asia-Pacific vom 16.5.2000: Beckham meets Buddha) Ein Foto findet sich unter: http://members.tripod.com/sriwit/newsphotos/sport.html. Nach: EMSDETTENER VOLKSZEITUNG vom 26.8.2002. So eine Meldung der EMSDETTENER VOLKSZEITUNG vom 11.9.1997. Nüchtern, 1998, 325. BILD-ZEITUNG vom 23.7.2004. Vgl. Krohmer, 1998, 321.

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

129

Verzehrung. Sie beansprucht im Extrem betrieben den Menschen physisch und psychisch vollkommen und macht ihn abhängig. Sie verweist darauf, dass aller Konsum zur Droge wird, weil er uns auf diese ewig gleiche, unendliche Zeitlinie von Kaufen und Konsumieren im Blick auf neues Kaufen zwingt. Zunächst lässt sich die Droge aber verklären. Beginnen wir die Darstellung der Lebensform des Leistungsmenschen zunächst anhand des elementarsten Bereichs am Menschen, dem des Körpers.

IV. Die Leistungsbereitschaft in ihren religionsförmigen Dimensionen ergreift den ganzen Menschen. Nicht nur im Beruf, auch in der Freizeit soll viel geleistet werden. Dazu muss man fit sein. Das fleischgewordene Leistungsprinzip zeigt sich an dem, der sich dem Bodybuilding unterwirft. Zur technologischen Moderne gehört das Interesse, seinen Körper zu stählen. Man kann davon ausgehen, dass heute ungefähr drei Millionen Deutsche Fitnessstudios aufsuchen, um ihren Körper zu trainieren 1 praxis des Körperformens Therapie und Bodybuilding, Diät und Maskerade bestimmt wie selbstverständlich die Lebensweise des modernen Menschen in der 2 rie . Das Bodybuilding beginnt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und ist dort gepaart mit einem antitechnischen Effekt. Die Kraftakrobaten demonstrieren, dass sie das, was Maschinen können, genauso gut können. Sie heben Elefanten, sprengen Ketten, verbiegen Eisen, tragen Pferde, zerreißen Hufeisen, bewegen Menschenpodeste und stemmen vollbesetzte Autos. Der berühmte Kraftathlet Bernhard Leitner (1865-1959) zeigt 1893 den Trick mit der Pferdeschaukel. Er hält eine Schaukel, auf der zwei Pferde stehen. Hier zeigt sich der antitechnische Affekt, dass im beginnenden Zeitalter der Automobile Pferde eingesetzt werden. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts weicht dann das Pferd dem Auto. Statt einer Pferdeschaukel stemmen die Kraftathleten eine Klappbrücke für Automobile. Nachdem der Nationalsozialismus die Krafttrainings und das Bodybuilding in Verruf gebracht hat, beginnt dessen Renaissance eigentlich erst zu Beginn der achtziger Jahre, die auch den antitechnischen Affekt überwunden hat. odybuilding zu sprechen kommen, wollen wir hier zunächst um der Anschaulichkeit willen die Leistungsbereitschaft eines Bodybuilding-Lebensstiles veranschaulichen. So beginnt etwa der Tag eines berühmten Muskelmodels wie David Abrams auf folgende Weise:

__________ 1 2

Wedemeyer, 1996, 12. Bransstetter, 2004, 7.

130

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Abrams steht auf und macht fünfzig Liegestütze und zweihundert Sit-Ups. Anschließend trinkt er einen Kaffee und macht wiederum hundert Liegestütze und noch einmal zweihundert Sit-Ups. Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und schluckt keine Pillen außer Vitaminen. Niemals würde er für sich Süßigkeiten oder sonstige kalorienreiche Nahrung akzeptieren. Das Essen derartiger Ausnahmeathleten unterscheidet sich auch wesentlich vom Essen des Durchschnittsmenschen. Arnold Schwarzenegger (*1947), ein Mensch, der zu den religionsförmigen Medienheilbringern und jetzt auch Spitzenpolitikern Amerikas gehört, empfiehlt, fünf bis sechs Mahlzeiten am Tag, die jeweils mindestens sechs Eier, ein Kilo Rinderhack, zwei Liter Milch, sehr viel Quark, Nüsse, Gemüse und Thunfisch enthalten sollen. Andere Bodybuilder empfehlen jeden Tag zweihundert Tabletten getrocknete Leber einzunehmen, sich vor den Mahlzeiten Vitamin E mit Vitamin A zuzuführen oder während des Essens einen B-Komplex mit Salzsäure zu schlucken.

Sowohl Training als auch Ernährung eines Bodybuilders lassen sich zunächst noch in den Bereich der weiter oben definierten Erfahrungstechnik einordnen. det, um den eigenen Körper zu verbessern. Die wissenschaftsfundierte Technik greift aber auch in den Bodybuildingbereich ein. Es scheint so zu sein, dass ein gewisses Maß von Muskelwachstum nur noch durch Mittel möglich ist, die die wissenschaftsfundierte Technik bereitstellt. Anabolika, das heißt anabole Steroide, die den Körper dazu bringen, mehr als das schon vorhandene körpereigene Eiweißtestosteron zu produzieren, werden eingesetzt, um schnelleres und größeres Muskelwachstum anzuregen. Nebenwirkungen wie Hodenschrumpfung, Impotenz, auch deutliche Steigerung von Sexualität oder Roid-Rage, eine Gehirnaufweichung in Verbindung mit Wahnvorstellungen, müssen allerdings möglicherweise in Kauf genommen werden. Auf diese Weise wird aus der körperlichen natura prima eine natura secunda, die inklusive Schönheitsoperationen immer mehr zum eigenen Erzeugnis wird. - und wellness) und r1 . Mit solchen Körpern wird dann für Konsumgüter geworben. Es ist heutzutage kaum noch möglich, dass für Zigaretten, Alkohol, bequeme Fortbewegungsmittel, Versicherungen und Banken etc. andere männliche Models werben dürfen, als die, die ein zumindest body-hebendes Fitnessprogramm hinter sich gebracht haben. Der gestählte und muskulöse Körper steht eben nicht nur für sich, sondern sogar primär für ein geglück 2 des Medizinischen und analog des Sportlichen. Mo

__________ 1 2

Bonnet, 2004, 7. Höhn, 2007, 37.

Vorgeschichte seit Beginn der

§ 17 KONSUM, LEISTUNG UND ALLMACHT

131

aus, daß deren Mitglieder ein besonders hohes, die hundert Jahre weit übertreffendes Alter aufweisen würden. Gerade die Utopien der Jahrhunder problem, daß es langwierige eugenische, erzieherische und revolutionäre Anstrengungen 1 . Dies gilt auch für die Dopingpraxis. Vor der Pariser Société de Biologie verkündet der Neurologe und Physiologe Charles Édouard Brown-Séquard am 1. Juli 1889, dass er sich durch eine aus tierischen Hoden gewonnene Injektion um gefühlte dreißig Jahre verjüngt habe2.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass aus den implizit religionsförmigen Taten der Bodybuilder explizite Bekenntnisse zu einer religionsförmigen Lebensführung werden.3 Der Bodybuilder ist der Held der edlen Vorzeit, der sich die vorzeitlichen und das heißt die vor-menschlichen Kräfte und Mächte durch seinen eisernen Willen verfügbar gemacht hat. Auf diese Weise gerät er in eine kosmische Harmonie und erfährt den vor-kulturellen Sinn seiner Existenz. Diese Haltung ist innerhalb der Bodybuilding-Philosophie nicht unüblich. Schon die noch dem antitechnischen Effekt unterworfene Vorgeschichte des heutigen Bodybuildings zeigt, dass die großen Bodybuilding-Theoretiker deutlich religiöse Dimensionen mit dem Bodybuilding verbinden. Theodor Siebert (1866-1961) verbindet in zeitgenössisch typischer Weise lebensreformerische Tendenzen mit Bodybuilding. In seinem Buch Der Kraftsport Seele, Geist und Körper. Diese Dreiheit bildet die unteilbare Einheit Mensch, denn 4 . Siebert betont immer wieder, dass Vegetarismus, Spiritismus, Athletik und Yoga zusammengehören. Ein weiterer berühmter Kraftsportler ist George Hackenschmidt (1878-1968). In seinem 1935 veröffentlichtem Werk Menschheit und kosmischer Gegensatz zwischen Bewußtsein und Geist fasst er den Extrakt seines philosophischen Briefwechsels mit dem Dramatiker und Vegetarier George Bernhard Shaw (1856-1950) zusammen. Von seinen Gedankengängen kann auch die sich anbahnende nationalsozialistische Mentalität zehren. Theodor Siebert schreibt 1907 in Der Kraftsport: tkrieg, so wird es sich bewähren, dass nicht entnervte Halbmenschen das Banner der Zi5 vilisation retten können, sondern nur muskulöse n . Verdun und Giftgas machen allerdings dann alle gleich.

__________ 1 2 3 4 5

Stoff, 2004, 43f. Stoff, 2004, 45. Vgl. auch Jäger/ Quarch, 2004. Siebert, 1907, 86 (zit, nach Wedemeyer, 1996, 86). Siebert, 1907, 14.

132

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Adolf Lanz (1874-1954)1 schreibt in seinem Buch Rasse und Wohlfahrtspflege (1907), dass man die nordischen Menschen durch gezielte Züchtung schöner und kräftiger machen olo2 an. Durch den Nationalsozialismus sind derartige Gedanken nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst verpönt. Doch im Kontext einer religionsförmigen Mentalität und gentechnischer Fantasien entwickelt sich heute wiederum langsam die Vorstellung eines Elitemenschen, der körperlich und geistig hochtrainiert und hochgezüchtet ist. In einem ersten Schritt der begrifflichen Entfaltung solcher Gedanken kann man an das Bodybuilding die Hoffnung auf ein glückendes Leben herantragen. Lisa Lyon (*1953), die erste Bodybuilderin, die für PLAYBOY (Oktober 1980) abgelichtet wird, schreibt in ihrem Buch (1983), dass man mit Bodybuilding das gesamte Leben ändern könne. raktiver, produktiver im Beruf, im Bereich der Kunst und in der 3 Liebe. Kurz, sie legen den Grund . Und die amerikanische Bodybuilderin Stacey Bentley (*1956) schreibt in der Terminologie amerikanischer, fundamentalistischer Wiedererweckungsbewegun. Lisa Lyon verdeutlicht den angenommenen Elitecharakter des Bodybuildings. hrzunehmen. Pflegen Sie den Umgang mit Menschen, die Hervorragendes leisten, mit Menschen, die das, was sie selbst gkeit 5 ihnen die Energie raubt. Brechen Sie den Umgang mit Verlier . Dieser Mentalität entsprechend ergibt sich in einem zweiten Schritt, dass man vom Bodybuilding noch mehr erwartet als nur Erfolg im Leben. Nicht nur dass sich Fettpolster, poröse Knochen, eine schlechte Körperhaltung, geringe Muskeln und andere äußere Unzulänglichkeiten durch Bodybuilding beseitigen ließen, sondern darüber hinaus könne man auch innere Krankheiten heilen wie etwa den Krebs oder gar den Alterungsprozess als solchen aufhalten. Weil Bodybuilding weiterhin die Durchblutung anrege, werde auch das Gehirn angeregt und deswegen auch ein Intelligenzschub stattfinden. Eine Firma kann einen Mitarbeiter mit gestähltem Körper und Intelligenzschüben gut gebrauchen. Gehen wir in unserer Erkundung des Leistungsprinzips nun vom Körper zur Psyche und kommen damit zur Betrachtung der religionsförmigen Dimension der Unternehmensberatung. 4

__________ 1 2 3 4 5

Vgl. dazu Hauser, Bd. 1/412-424. Lanz, 1907, 57. Lyon, 1983, 23. Bentley, 1983, 7. Lyon, 1983, 38.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

§ 18 I.

133

Die Religionsförmigkeit der Konsum- und Leistungskultur Religionsförmige Unternehmensberatung: Im Firmeninteresse den unbewussten Evolutionsgott anzapfen

Globalisierung und die Angst vor einer wirtschaftlichen Rezession macht es vielen Firmenleitungen plausibel, dass der Erfolg nicht einfach von einem soliden Fachwissen und vom Fleiß der Mitarbeiter abhängt, sondern auch von ihrer schöpferischen Intelligenz. Innovationsfähigkeit ist aber etwas, was man nicht einfach auf der Universität erlernen kann. Schöpferisches Handeln hängt eng mit der Persönlichkeitsstruktur eines Mitarbeiters zusammen. Von daher ist es durchaus verständlich, dass manche Firmenleitungen der Meinung sind, man müsse nicht nur fachlich fortbilden, sondern sich auch um die Persönlichkeitsentwicklung der Mitarbeiter kümmern. Es gibt Unternehmensberater, die nicht nur praxisorientierte Kurse anbieten, in denen es um neue Führungstechniken, um die Schulung von Teamfähigkeit, um den Umgang mit neuen Computerprogrammen oder um die Einübung von Rationalisierungsmaßnahmen geht. Vielmehr werden hier Kurse angeboten, die ein völlig gesichertes Wissen und Patentrezepte für einen automatisch sich einstellenden Persönlichkeitsschub und gesicherten Erfolg versprechen. Ein FORSCHUNGS-INSTITUT

BEWUßTSEINS-ERWEITERUNG bietet Marketingseminare, sprechen an, dass die schöpferische Intuition hier mit Sicherheit erworben werden könne. -fiction wird morgen Wirklichkeit sein. Aber nicht dadurch, daß man abwartet, was geschehen wird, sondern indem man selbst aktiv eingreift. Es gibt jetzt eine Möglichkeit, sich Wi der weiten Bevölkerung vorbehalten war. Um eine Aktivierung des siebten Sinnes allge1 . Versprochen wird dann unter andere sache FÜR

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2

. Möglich werde dieser Erfolg, weil man

, kennen lernen werde.

Angesprochen werden hier meist Menschen, die in hohem Maße ein technischwissenschaftliches Weltbild haben. Sie sind oft formal fachlich hoch qualifiziert, weiten aber die Tragkraft binnenwissenschaftlicher Rationalität auf ihr gesamtes Leben aus. Aufgrund der großen zeitlichen Belastung und wegen der Verantworngebung __________ 1 2 3

Katalog des o.a. Instituts. Aus dem Programmheft des o.a. Instituts. Aus dem Programmheft des o.a. Instituts.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

134

. Damit sind sie im Blick auf die Gründung einer sinnvollen Lebensidentität ganz auf ihren Beruf, und das heißt, auf die Ideen von Erfolg, Durchsetzungsfähigkeit und universaler Machbarkeit bezogen. Weil zu ihrem Selbstbild Festigkeit und dynamisches Durchsetzungsvermögen gehören, glauben sie, sich an einem Wochenende viel an Persönlichkeitsveränderung zumuten zu können. 1

Im Blick auf das Businesscoaching nach Martin Sage2 kommt auch noch die erhoffte symmetrische Preisoder gar ein Monatstraining für 10.000 $ absolviert hat, stellt das bereits bezahlte Produkt 3 .

Durch eine Machermentalität, die übersieht, dass die menschliche Persönlichkeit ncierten inneren und äußeren Anpassungen an die 4 ist, sind sie darauf eingestellt, sich schnell destabilisieren zu lassen, diese Destabilisierung schnell zu verkraften und schnell ihre neue, vermeinte durchsetzungs- und erfolgsorientierte Persönlichkeit aufzubauen. Wirksam wird hier auch die schon angesprochene Problematik einer Verlagerung der Sinngebung in den beruflichen Bereich. Deshalb gibt es als zweite Erwartung, über die der Erschaffung einer noch erfolgreicheren Persönlichkeit hinaus, die der Stabilisierung der eigenen Sinngebung. Neben der versprochenen Vermittlung technisch-fachlicher Fähigkeiten, ist deshalb der Markt der Unternehmensberatung auch ein Markt für Persönlichkeitsivation aus 5 . Aus dieser Zielrichtung heraus ist es nicht unverständlich, dass sich die Liste der Unternehmens-Beratungen, die Lebenssinn verkaufen wollen, fast beliebig erweitern lässt. Hemminger hat in seinen Untersuchungen über Psychokurse und Erfolgstechniken in der Wirtschaft einige prägnante Zitate zusammengestellt6. Das ORENDA-INSTITUT AG EXCELL

MARKETING GMBH

,Futurederen Zukunftsentwicklung in genialster sönlich

TRACY-COLLEGE en und tun können, was Sie in Ihrem Leben wolonelles Berechnungssystem namens

__________ 1 2 3 4 5 6

Hemminger, 1996, 8. Vgl. dazu Sage, 2004 und Anonymus, im MATERIALDIENST von 2005, 377. Anonymus, im MATERIALDIENST von 2005, 377. Hemminger, 1996, 6. Hemminger, 1996, 9. Hemminger, 1996, 10f.

-

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

zur vollen Persönlichkeitsentfalt higt werden. Und das PALLAS-MAGAZIN 95 preist sei die Teilnehmer der Kurse in der L Weisen als das Lebenswasser be

INSTITUT -

FÜR

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TRANSFORMATION -

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Anbieter dieser Kurse, die sich in hohem Maße psychotherapeutischer Techniken bedienen, oft keine fachliche Ausbildung haben. Aufgrund dieser mangelhaften Qualifikation wird auch den Kursteilnehmern keine Diagnose gestellt. Es wird davon ausgegangen, dass es einen unzureichend entwickelten Zustand der Kursteilnehmer vor dem Kurs gäbe und einen vollkommeneren Zustand nach dem Kurs geben werde es sei denn die Teilnehmer versagten. Die Menschen, die in dem Kurs gemeinsam dieses Wissen erwerben sollen, werden nach dem populär-behavioristischen Muster eines beliebig formbaren Anfangsmaterials behandelt. Individuelle Unterschiede und der Ist-Zustand der Teilnehmer spielen keine Rolle. Analog zu dem bedenkenlosen Umgang mit der Ausgangssituation der Kursteilnehmer ist die Erwartung an den zwei- bis dreitägigen Kurs. Schon der gesunde Menschenverstand befindet, dass man im Blick auf eine Veränderung seiner Persönlichkeit viel Zeit nötig habe. Bei diesem Stil von Unternehmensberatung wird hingegen vorausgesetzt, dass man durch einen physisch und psychisch anstrengenden Wochenend-Marathon an Persönlichkeitsentwicklung eine vollkommene Veränderung zum Guten durchführen könne. Die früher zu den führenden Mitgliedern der radikalen Guru-Gruppe BRAHMAKUMARIS gehörende Heide Fittkau-Garthe (*1942) verspricht, dass man durch isetzung von Athma-, Lebensein inneres Tor zum enen 1 . Fittkau-Garthe hat im Januar 1997 auf andere Weise von sich reden gemacht. Es handelt sich hier wohl um die Schattenseite ihrer Erfolgsorientierung. Nach ihrer Promotion 1970 über emotionale Reaktionen von unterstellten Mitarbeitern im Hinblick auf unterschiedliches Vorgesetzten Kumaris-Sekte, gründet sie das HOLISTISCHE ZENTRUM ISIS. Auf Teneriffa plant sie im Januar 1997 einen Gruppenselbstmord, der von den Behörden vereitelt wird2.

Persönlichkeitsentwicklung wird auf diese Weise zu einem gänzlich spektakulären, aber trotzdem zügig und technisch-pragmatisch durchführbaren Geschehen. Durch gewisse Informationen und anstrengende, aber kurze Trainings ist man in der Lage, den inneren Schalter umzulegen und dann noch besser, noch dynamischer, noch erfolgreicher, noch liebenswerter usw. zu funktionieren. __________ 1 2

Hemminger, 1996, 21. Notiz in: MATERIALDIENST, 1998, 53f.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Um dieses Gefühl eines unproblematischen Hineingleitens in eine neue Evolutionsstufe der Weltgestaltung zu ermöglichen, wird in diesen Kursen mit sehr drastischen Methoden gearbeitet. Hemminger schreibt, dass die Gesamtatmo1 i wirke. Zu den Elementen, die diese typische Gesamtatmosphäre schaffen, gehören disziplinarische Auflagen bzw. Lernphasen. Im Kurs werden Schlafmangel und Nahrungsmangel erzeugt, die kombiniert werden mit anstrengenden körperlichen Übungen. Durch diese Ausnahmesituation wird die Fähigkeit der Teilnehmer, sich gegen die Kursleitung bzw. gegen die Gruppe durchzusetzen und damit die Kritikfähigkeit vermindert. Weiterhin wird versucht, die Kursteilnehmer in eine infantile Situation regredieren zu lassen. Man muss um Erlaubnis fragen, wenn man zur Toilette gehen will, man wird morgens rigide geweckt, es werden pedantisch genau Pflichten abgefragt und kleinliche Regeln aufgestellt, die Verstöße geradezu erzeugen. Oft müssen auch Ausweise und persönliche Gegenstände vor Beginn des Kurses abgegeben werden. Auch dies trägt zur Destabilisierung der Kursteilnehmer bei. Diese Destabilisierung wird weiter gefördert durch die Betonung der Vorordnung der Interessen der Gruppe vor dem Einzelnen. Gruppenöffentlich werden Lob und harsche Tadel erteilt. In dieser extremen Stresssituation werden dann der Gruppe Hoffnungen auf eine glorreiche zukünftige Lebenspraxis gemacht. Um glaubhaft zu machen, dass diese Zukunft nicht nur durch zukünftiges Training schrittweise realisierbar ist, sondern dass diese Zukunft jetzt schon angebrochen sei, werden extreme Empfindungen hervorgerufen. Wir können hier wieder an den Aspekt modernen Erlebens erinnern, den wir am Beispiel des Impressionismus bzw. der machschen Erkenntnistheorie herausgearbeitet haben. Selbstkonstitution der Subjekte geschieht auf der Basis von singulären Empfindungselementen. pfindungen geschieht etwa durch das Fördern von Gefühlsausbrüchen gegenüber Eltern, Ehepartnern oder Mitarbeitern, durch stresserzeugende Meditationstechniken (stundenlanges In-die-Augen-Schauen) oder durch die Konfrontation mit exotischen Erfahrungen. Es werden Erfolgskurse angeboten, die an das Ende des Kurses ein Feuerlaufen stellen. Andere Unternehmensberater konfrontieren die Kursteilnehmer mit der Erfahrung des Körperkontaktes mit Riesenschlangen, Giftschlangen, Skorpionen und Vogelspinnen. Durch die Konfrontation mit exotischen Empfindungen kommt es zu der Hoffnung, dass aus dem durch die psychische Destabilisierung erzeugten Chaos durch das Schöpferwort des Unternehmensberaters eine Neukonstitution von beruflicher und persönlicher Identität stattfinde. __________ 1

Hemminger, 1996, 24.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

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Auch hier kann man wieder an das 19. Jahrhundert erinnern. Der Ausgangspunkt von einem Chaos, welches durch genialische Aktivität auf der Basis ästhetischer Erfahrungen zu einem neuen Selbstbild führt, verweist auf die Romantik und deren Konzeption des Genies als Person in der 2ten Potenz1. Wenn also nach anfänglichem Zusammenbruch, nach größten psychischen und physischen Schwierigkeiten am Ende der Feuerlauf oder das Hineinsteigen in ein Becken mit Schlangen oder Vogelspinnen, d.h. der Sieg über die feindseligen Mächte der Außenwelt steht, wird ein künstliches Erfolgserlebnis produziert. Die Gruppe erfährt sich als wiedergeboren durch das Feuer oder den Kampf mit Monstern. Um den folgenden prosaischen Alltag zu bestehen, werden der Gruppe entsprechende Aufbaukurse angeboten. Wenn man diese erfolgsgläubige Spiritualität von ihrem Hintergrund her betrachtet, gelangt man zu einer Anthropologie der Leistungsgesellschaft. Ausgangspunkt ist die Voraussetzung, dass alle Menschen wirtschaftlichen Erfolg und einen hohen sozialen Status haben wollten, und dass darüber hinaus nur erfolgreiche Menschen glücklich sein könnten. Aufgrund dieser inneren Verbindung von Erfolg und Glück erweitert sich diese anthropologische Grundbestimmtheit um die Voraussetzung, dass Erfolg nicht nur Glück, sondern auch Realisierung des Guten für alle Menschen bedeute. Erfolg und damit das Glück und damit die Realisierung des Guten werde verhindert durch persönliche Defizite. Diese Defizite seien durch zeitlich überschaubare und durch ein einfaches Wissen erwerbbare Methoden behebbar. Wer diese Defizite nicht behebe, sei zum einen an seinem persönlichen Unglück schuld und verstoße zum anderen gegen die kosmische Dimension des Guten für alle Menschen. Ein zweiter Voraussetzungsbereich betrifft die Frage nach dem Menschen im Hinblick auf die Grenzen seiner Durchsetzungsfähigkeit. Hier wird gemäß den religionsförmig-religiösen Prämissen des neomythischen Denkens davon ausgegangen, dass es nahezu keine natürlichen und individuellen Grenzen für den Lebenserfolg des Menschen gebe. Weder Erbanlagen, noch Lebensschicksale, noch Krankheit, noch im Extremfall wie wir später sehen werden der Tod seien letzte Grenzen für Menschen, die sich wirklich durchsetzen wollten. In einem dritten Voraussetzungsfeld wird davon ausgegangen, dass persönlicher Erfolg im Arbeitsleben und im Privatleben prinzipiell nicht auf Kosten eines anderen Menschen gehen könne. Wenn ein anderer Menschen unter dem Erfolg eines anderen leide, dann seien die mangelhafte Bereitschaft dieser Menschen, selbst erfolgreich zu sein und ihr mangelhaftes Wissen um ihre Möglichkeiten daran schuld. Diese anthropologischen Voraussetzungen führen uns wieder auf das metaphysische Bild eines unbewusst werdenden Evolutionsgottes. Der Mensch könne so oft auch der explizite Standpunkt nur deswegen seinen Erfolg automatisch pla__________ 1

Vgl. Hauser, Bd. 1, 168.

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nen, weil er ein Einfallstor der kosmischen Kräfte sei. Diese kosmischen Kräfte seien moralisch wertneutral nutzbar. Jeder könne diese kosmischen Kräfte zu seinen willkürlichen Zwecken nutzen. Die Möglichkeiten, diese prinzipiell unendlichen kosmischen Kräfte für sich einzusetzen, seien allerdings oft faktisch blockiert und die Verbindung zum Unbewussten, zum Kosmos usw. sei entsprechend oft gestört. Wenn durch ein entsprechendes Training bzw. durch den Unternehmensberater diese Blockaden aufgehoben würden, dann sei der Mensch seiner persönlichen und unternehmerischen radikalen Endlichkeit ledig geworden. Seiner Selbstentfaltung stehe von diesem Moment an nichts mehr im Wege. Diese Mentalität des positiven Denkens ist typisch für die Grundhaltung der Mitarbeiter in sogenannten Strukturvertrieben. Ein Strukturvertrieb versucht seine 1 g zu vertreiben. Das Grundprinzip von Strukturvertrieben ist die Idee eines Verkaufs von Gütern im Konständige Unternehmer, die auf eigenes Risiko diese Waren verkaufen dürfen und der Gründerfirma eine Provision zahlen. Die Subunternehmer engagieren zu Provisionsbedingungen wieder neue Subunterneh2 dige Fir .

Weil Strukturvertriebe in der Lage sind eine große Zahl von Verkäufern, in der Branche gern Indianer genannt, für wenig Provision Umsatz machen zu lassen, ist für die Firmenelite die Rentabilität gesichert. Den unten arbeitenden Verkäufern winkt bei entsprechendem Verkauf Aufstieg in der Hierarchie durch ein Stufenund Provisionsmodell. Wer etwa auf der untersten Stufe A für ein entsprechendes Versicherungsunternehmen ca. dreihunderttausend Euro Versicherungssumme direkt selbst verkauft, steigt höher auf die Stufe B und kann ab dann an Mitarbeitern der Stufe A anteilsmäßig verdienen und erhält Anteil an deren Fremdumsatz (Eigenanteil)3. AMWAY ist der Name eines bekannten amerikanischen Unternehmens, welches Leistung und Profit religiös verklärt. Durch Provision und ein ausgeklügeltes Bonussystem werden den Mitarbeitern Höchstgewinne in Erwartung gestellt. Es sollen für Provision von den AMWAY-Beratern, ausgehend vom unmittelbaren Freundes- und Bekanntenkreis, Haushalts- und Reinigungsartikel, Kosmetika und Schmuck verkauft werden. Vor allem soll der AMWAY-Berater aber gegen einen Bonus neue AMWAY-Berater gewinnen. Auf Mammuttreffen wird die AMWAYPhilosophie des positiven Denkens eingeübt ein Slogan wird verkündet, die Menge steht auf, klatscht, ruft, schreit begeistert vom Geist des Leistungsprin__________ 1 2 3

Weghorn/ Lachner, 1996, 13. Feldmann, 1993, 24f. Weghorn/ Lachner, 1996, 19ff.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

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zips. AMWAY-Kritiker werden explizit als mit Satan im Bunde bezeichnet, die Hierarchie der zu Erfolg gelangten Mitarbeiter wird in Smoking und Abendkleid auf der Bühne vorgeführt. Jeder könne durch positives Denken und AMWAY so werden, heißt es. Bezeichnend ist der Autoaufkleber: Fly with the eagles or scratch with the chickens. Weiter werden der AMWAY-Familie auch Gottesdienste angeboten, die christlichen Erweckungsversammlungen gleichen. Wiedergeborene werden getauft, Kinder gesegnet und AMWAY-Trauungen durchgeführt. Wer in Strukturvertrieben arbeitet, verkauft oft nicht nur Waren, sondern auch sich selbst. denken dermaßen stark geprägt, daß er nach und nach seine ei muß auf einer Feier und sei es nur der Geburtstag des Kindes unbedingt Champagner 1 . Bei Arbeitsessen zahlt der meist nur scheinbar erfolgreiche Mitarbeiter indem er um seine Goldcard (Visa, American Express) oder Platincard (American Express) gewickelte Geldscheine zückt, die von einer brillantbesetzten Goldklammer zusammengehalten werden. Auf diese Weise will er den Dagoberteffekt2 erzielen und zeigen, dass er mit Disneys Dagobert Duck konkurrieren könne. Viele Strukturvertriebe bieten ihren Mitarbeitern Bestellkataloge, aus denen Statussymbole mit Firmenlogo bestellt werden können3. ten für die Krawatte oder den Anzug - Manschettenknöpfe mit Logo (soweit vorhanden) - Schlüsselanhänger aus Silber oder Gold mit Logo, die eingesetzten Brillanten sind Zeichen des Eigenumsatzes, ein Brillant entspricht z.B. DM 250.000,- Versicherungssumme im Kapitallebenbereich - Armbanduhren aus Gold mit Logo, z.B. von Chopard oder Rolex, z.T. mit Brillanten verziert für Mitarbeiter in höheren Stufen (ab Stufe 4) - Geldklammern aus Gold mit Logo - Schreibsets aus Silber oder Gold (z.B. Crosset) mit Logo - Lederaktenkoffer mit Logo (z.B. Stufe 6 Straußenlederkoffer, Collegemappe und Timer) - Zeitplaner (Timer) aus Leder mit Logo - Brillen (Cartier, Jaguar oder Porsche) aus Gold bzw. edlem Material mit und ohne Logo - Designeranzüge, Hemden, Hosen, Jacketts, Krawatten, Mäntel, Socken, Shorts, Unterhemden und Schuhe - Markenwagen wie BMW, DB, Porsche, Jaguar, aber auch Corvette, Rolls-Royce, Lamborghini, Alfa-Spider und alle Mittelklasse- und Oberklasse-Cabriolets (Morgan plus 8) 4 .

__________ 1 2 3 4

Weghorn/ Lachner, 1996, 129. Vgl. dazu sehr anschaulich Lauster, 1988. Weghorn/ Lachner, 1996, 127. Weghorn/ Lachner, 1996, 131. Zit. aus einem Katalog nach Weghorn/ Lachner, 1996, 131.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Die faktische Verschuldung vieler Indianer, die sich selbst und andere über ihren wirtschaftlichen und sozialen Status etwas vormachen, verweist auf die spezifischen Allmachtsfantasien der Leistungs- und Konsumkultur.

II.

Die Erlebnisgesellschaft und ihr pantokratisches Subjektivitätskonzept

1.

Ein religionsförmiger Erlebnisakt

Aus dem Managerkranken der fünfziger und sechziger Jahre wird in den achtziger Jahren terminologisch der Workaholik, der Arbeitssüchtige, der nicht mehr abschalten kann, der sich auf der unendlichen und immer gleichen Zeitstraße von Leistung zu größerer Leistung und noch größerer Leistung treibt, bis Körper und Psyche ausgelaugt sind. Er verzehrt, er konsumiert sich selbst. Der Leistungssüchtige kennt keine schöpferische Muße, keine Erneuerung in der Stille. Das feierabendliche Abschalten gelingt dann kaum noch ohne Alkohol und Tabletten. Schon in der Grundschule erhalten Kinder Konzentrationspillen und Beruhigungspillen, um den Leistungsdruck zu ertragen. Das führt zur Routine: am Morgen Aufputschmittel und am Abend Schlaftabletten, zwischendurch Tranquilizer und Aspirin gegen Kopfschmerzen. Es entsteht der Gedanke an einen Ausstieg: Aussteiger und midlife-crisis werden zu Schlagworten. Doch nicht jeder fährt nach Indien, um sich dem Guru anzuschließen oder verschwindet in den Wäldern Kanadas zum einfachen Leben. Die Konsum- und Leistungskultur entlässt ihre Zöglinge nicht so leicht. Sie bietet die Freiheit des Konsums auch in abenteuerlicher Gestalt für den Ferien-Aussteiger an, lädt ein zur Camel-Trophy ins Innere Afrikas, zum Auto-Trail durch die letzten unberührten Zonen der Welt und wirbt für die tausend Kilometer lange Abenteuerroute ohne Gedanke an das Raucherbein und die Atemnot des Kettenrauchers, der sicher nicht mehr Meilenweit für eine Camel gehen kann. Reisebüros verbinden Reisen mit Zigarettenwerbung, wenn sie die Fahrt ins Marlboro-Country als Marlboro-Abenteuer-Reisen anbieten. Ob als Northern-Ranger unterwegs oder auf dem Klondike-Trail lässt sich hier etwas erleben, lassen sich schöne Empfindungen sammeln. Dazu passend der Marlboro-Rucksack aus dem Marlboro-Shopncisco oder in good old Germany Hinter diesen kleinen Fluchten steckt die Sehnsucht nach Erfahrungen von Authentizität, von Ursprünglichkeit in einer durchplanten und weltweit erschlossenen Lebenswelt. Diesem ernsthaften Bedürfnis entspricht die Werbewirtschaft; sie verkauft diese Sehnsucht als Erlebnis-Konsum. In einer Zeit, in der die letzten unberührten Wälder abgeholzt werden und in denen der deutsche Wald stirbt, entsteht die Sehnsucht nach den geländegängigen Autos. Fahren soll so zum Erlebnis-Fahren in der Art des Safari-Abenteuers werden.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

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Die kurze Zeit des Glücks durch Kaufen wird stilisiert zur Zeit des ErlebnisKaufens: Kaufhäuser entstehen, die kleine Paläste und zugleich Abenteuer-Spielplätze sind. In den USA, die Symbol dieser kaufend-käuflichen Welt sind, ist diese Bewegung schon weiter fortgeschritten. In der Nähe von Minneapolis liegt die Mall of America, die mit dreihundertneunzigtausend Quadratmetern und mehr als fünfhundertzwanzig Ladengeschäften das größte Einkaufszentrum der USA ist. Es gibt Wolkenkratzer, in denen viele Millionen Dollar teure Appartements liegen, deren Bewohner sich mit diesen Zimmern einen Erlebnisraum kaufen, den sie nicht mehr verlassen müssen/wollen. Wenn außerhalb der Verfall einer Riesenstadt sichtbar ist, bleibt man lieber in den eigenen vier Wänden. Vieles ist aus Glas, in gläsernen Aufzügen schwebt der dort Wohnende durch die Stockwerke. Er betrachtet die Luxusboutiquen, die edlen Restaurants und die Angebote des Psychotherapeuten, er betrachtet sogar in der schützenden, doch durchsichtigen Glaskugel des Aufzuges schwebend die eingefangene und entschärft dargebotene Natur die Krönung des Trump Tower sind hohe Wasserfälle. Wenn wir weiter oben dargelegt haben, dass zum idealen Konsumenten seine Entwurzelung aus allen Traditionen gehört, so haben wir im Trend, riesige überkuppelte Einkaufszentren (Malls) an die Stadtränder zu legen, ein gutes Beispiel, wie sich die abstrakte Zeitlichkeit des Konsumierens verräumlicht. An die Stelle jahrhundertealter innerstädtischer Marktanlagen und entsprechender kaufmännischer Standestraditionen werden prinzipiell austauschbare Konsumentenhallen errichtet. Zugunsten der Förderung eines abstrakten Kaufrausches zerbricht ein Stück Stadtgeschichte. In der Traumwelt des Konsums gibt es die verschiedensten Störfaktoren. Der Körper ist ein Störfaktor des doch so körpergebundenen Konsumenten: er kann verfetten, er kann bleich sein, er kann hässlich sein, er kann riechen, er kann also letztlich auf vielfältige Weise nicht so funktionieren, dass er der Mannigfaltigkeit der Konsummöglichkeiten entspricht. Zwar kann der ideale Konsument mit einem noch so hässlichen Körper Genussgifte zu sich nehmen, fernsehen oder mit einem schnellen Wagen fahren, er kann aber kaum ungebundene Sexualität mit vielen Partnern, den entsprechenden Mode-Sport oder auch nur einen schicken Badeurlaub genießen. Deshalb muss der Körper im modernen Körperkult erst zum rechten Genießen gestählt, abgemagert und gebräunt werden. Der Markt bietet hierzu unterstützt durch Film- und Sportstars Aerobic, Body-Shaping, Stretching, Body-Building etc. an. In diesem Tun verschränken sich Leistungs- und Konsumperspektive. Im selben Maße, wie es in der Logik der Arbeitswelt gilt, dass nur eine entsprechende Leistung mit Konsummöglichkeiten belohnt werden kann, so muss sich auch der Body-Builder (um dieses Beispiel wieder aufzugreifen) seine Möglichkeiten, mit einem gestählten Körper aktiv und exhibitionistisch zu konsumieren, hart erarbeiten. Der Arbeitstag im Betrieb setzt sich am Abend im Trimm-Studio fort. Darüber hinaus können durch Drogen Muskeln produziert werden, die durch Training noch nicht groß genug waren, nun aber so überdimensional werden, dass sie Sehnen zerreißen, die nicht mit ihnen wachsen konnten.

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Sind der Körper schön und der finanzielle Rückhalt gegeben, scheint das perfekte Konsumieren beginnen zu können. Der Konsum bildet aus sich heraus den Wasserfall-Häusern ähnliche, kleine Nischen, in denen er sich voll zu entfalten und d.h. zu inszenieren versucht. Wer eine exklusive Club-Reise wählt, wird in ein hermetisch abgeschlossenes Disney-Land des Urlaubs versetzt, in dem alles schön, alles jugendlich, alles spontan und lustig ist. Der Nicht-Ort (ou-topos) der klassischen Utopie, den wir unter dem Namen Utopia kennen, wird zum unwirklichen Ort des Ferienclubs, auf dem die Utopier als Animateure warten, um den Gästen das Moment einer Traumerfüllung zu garantieren. Es scheint zum perfekten Konsumerlebnis die Club-Abgeschlossenheit von einer Welt zu gehören, die in ihrer Endlichkeit und Anfälligkeit unangenehme Erinnerungen an sich selbst als radikal endlichen Menschen wecken könnte. Der Animateur als Nachfahre der homerischen Circe ist darin geschult, eben diese Erinnerungen nicht aufkommen zu lassen. Doch ist diese Endlichkeit nicht aus dem Leben des idealen Konsumenten zu verbannen. Es entsteht eine Entfremdung zwischen Konsumangebot und den allein schon körperlichen und nicht erst finanziellen Hemmnissen des ungestörten ErlebnisKonsums: nicht alles, was man will, ist physisch und psychisch verkraftbar und zu vielem langt das Geld nicht. Da bieten sich dann die Fantasiewelten an, von denen her wir gleich einen Einstieg in das Verständnis der heutigen Religionsförmigen Neomythen finden werden. Man kann in diese Welten fliehen, um dort die Befriedigung zu erlangen, die die Realität vorenthält. Das Bewusstsein der radikalen Endlichkeit des Menschen führt den Lebenserotiker in eine Krise. So viele schöne Empfindungen er auch hat, es gibt eine Unzahl von Möglichkeiten anderer schöner und vielleicht schönerer Empfindungen, die er nie realisieren kann. Das gelebte Leben ist ineins bleibend auch ungelebtes Leben, und je mehr der Lebenserotiker erleben möchte, umso stärker wird dies schmerzlich bewusst. Nicht nur der Körper der Menschen ist endlich. Endlich ist auch seine Psyche. Die Isolation des narzisstisch Güter und sich selbst in Konsum und Leistung verzehrenden Menschen wird zum kollektiven Problem des Westens. In der technologischen Sprache der wissenschaftsgläubigen Psychokultur redet man üb Damit steht am Ende unserer Entfaltung des Selbstbildes des Lebenserotikers der beschädigte Mensch, der sich aber seines Zustandes nicht recht bewusst werden will. Er verzehrt sich im selbstgeschaffenen Nichts seiner punktuellen Suche nach schönen Empfindungen. Es ist eine Selbstverzehrung, die in der Apokalypse des Johannes als endzeitliches Phänomen betrachtet wird. In der Vision der ersten sechs Posaunen (Apk 8,2-9,21) fällt der geordnete Kosmos in sich zusammen, Sterne fallen vom Himmel und es regnet Feuer, Hagel und Blut. Die Lebensener-

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gien eines Menschen werden selbstzerstörerisch, wenn er an keine Ideale über sich mehr glauben kann und wenn der Himmel über seinem Leben einstürzt. Sodann fallen riesige Heuschrecken mit alles verschlingender Fressgier über eine Welt her, die keinen Sinn mehr kennt, sondern nur noch sinnloses sich und alles verzehrendes Leben will. Die Zivilisationskrankheiten des Westens sind Beispiele dieser persönlichen Selbstzerstörung durch Konsum. Der sich selbst verzehrende Mensch sucht möglicherweise seinen Ausweg in einer der aktuellen Formen von leicht konsumierbarer Neuer Religiosität, die oft einen kosmischen Reigen von Reinkarnationen, also von möglichen neuen Konsumakten in schönen Empfindungen, verspricht. In der Wohlstandsgesellschaft wird aus dem sich literarisch konstituierenden Subjekt der Romantik eine neue Gestalt des Daseins. Die ästhetische Konstruktion des literari Infinitinomium e1 hen . Anstelle dieser ästhetischen Konstitution im ausdrücklich Literarischen kommt es zur Verdinglichung se realer Bedürfnislagen eines sich durch diese Bedürfnisse konstituierenden Selbst. Aus dieser systematischen Passivität resultiert das Bewusstsein oder besser das oft nur unthematische Gefühl eines Sinnvakuums. In der Konsumkultur entwickelt 2

, zu su-

chen. Kultur- und Religionssoziologen gehen soweit, dass sie den Begriff der Religion unter soziologischem und sozialpsychologischem Gesichtspunkt an den Begriff der Heimat 3 . Aufgrund der Pluralisierung des Alltagslebens und der damit verbundenen Möglichkeiten der Lebenslaufwahl in der modernen Gesellschaft entwickelt sich 4 . Sozialpsychologisch ergebe sich aus dieser Heimatlosigkeit im Kosmos vor allem das Problem, dass es keine Instanz mehr zu geben scheine, die in der Lage sem zu geben. Auf der einen Seite vernichte der moderne Lebenszusammenhang die Legitimation religiöser Theodizeen und auf der anderen Seite ändere dies nichts an der grundlegenden Lebenssituation des Menschen radikal endlich zu sein. __________ 1 2 3 4

Vgl. dazu Hauser, Bd. 1, 146-181. Sloterdijk, 1993, 115. Berger/Berger/Kellner, 1987, 72. Berger/Berger/Kellner, 1987, 159.

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Die leistungs- und konsumorientierten Öffentlichkeitshersteller dulden in dieser Öffentlichkeit zwar den Horror als Spektakel, nicht aber die reflexive Wendung des Individuums auf sich als ein radikal endliches Wesen, auf das spätestens in der Zukunft selbst ein Horror, letzten Endes ein horror vacui, das zweideutige Nichts des Grabes, wartet1. Während sich das Individuum in der öffentlichen Sphäre nicht zu diesem horror vacui bekennen darf, dürfen in der Privatheit die Ängste hervortreten. Die Privatheit ist aber, um mit Arnold Gehlen (1904-1976) zu sprechen, unterinstitutionalisiert2. Durch diese Unterinstitutionalisierung ist es nicht möglich dem horror vacui, d.h. der Angst vor dem eigenen Nicht-mehr-sein, anders denn privatistisch zu begegnen. So wird aus dem gemeinsamen öffentlichen Zeugnis etwa der christlichen Religion, dass die radikale Endlichkeit des Menschen zwar auferlegt, aber auch prinzipiell durch Gott überwunden sei, ein privater Versuch, sich einen eigenen religiösen Kosmos zu zimmern. Aufgrund der Unterinstitutionalisierung des Privaten entsteht aber das Problem mangelnder Orientierungsfähigkeit im Bereich metaphysisch-transzendenter Argumentation. In diese Situation kann sich dann der durch die globale Informationsgesellschaft geschaffene Pluralisierungsschub im weltanschaulichen Bereich als Synkretismus individuell niederschlagen. Insofern das private Leben unterinstitutionalisiert ist in dem Sinne, dass keine breit anerkannten gesellschaftlichen Angebote mehr bestehen, ergibt sich aus der re Institu3 und Milieus (SINUS-Studie) zu suchen. Wie stark die religionsförmig-religiöse Dimension von Heimat zum Konsumgut geworden ist, lässt sich exemplarisch am Erfolg der Volksmusik, die ungefähr fünfundsiebzig Prozent des deutschen Musikmarktes abdeckt, zeigen. sellschaft zunehmend unbefriedigte Triebsehnsucht, das Gefühl der Unsicherheit der Konsumenten erfolgreich ernst genommen wird: die Texte versuchen wie auch die herkömmlichen Schlager , einen Lebenssinn inmitten zerfallener Geborgenheitssysteme zu vermitteln, einen Sinn, der in der weitgehend passiven Hinnahme der gesellschaftlichen Ent4 wick . Den Volksmusik-Konsumenten werden im Text Leerstellen eingebaut, in die persönliche Gefühle, Erinnerungen, Assoziationen, vorher gefesselte Fantasien eingetragen werden können. Dabei ergibt sich seit den achtziger Jahren ein Trend zum gesungenen, übergreifenden metaphysischen Rahmen. In den siebziger Jahren war die Musik-Botschaft noch weniger metaphysisch und auch weniger ökologisch orientiert. Heute wird Bezug auf ein Weltmodell genommen, das Frahm in Anlehnung an einen Roman-Titel von Luis Trenker (1892-1990) als Heimat aus

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Vgl. dazu Wegner, 1990, bes. 25-28; Czwikla, 1996, bes. 79f und Shattuck, 2001. Gehlen, 1957. Gehlen, 1957. Frahm, 1992, 50. Vgl. dazu auch Seeßlen, 1986.

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Gottes Hand bezeichnet. Wesentlich ist die Inszenierung eines demonstrativen Gottvertrauens in den wohlgeordneten Lauf der Welt unter Verzicht auf den Bezug zu einer komplexen politischen Kultur. Titel wie Patrona Bavariae, Gott laß uns erhalten, was Du geschaffen hast, Heimweh nach der Heimat oder Danke, daß Du mich magst machen dies deutlich1.

Diese kosmische Heimatlosigkeit ist auch ein Grund, aus dem Fan-Clubs, informelle Workshopbekanntschaften, neue Sekten und Internet-Chatkreise entstehen können. Es geht hier um die Bildung einer Kolportagegemeinschaft der am Land Kosmos sich konsumierenden Subjekte ausgelebt werden können. Wir haben weiter oben schon auf den konstitutiven Zusammenhang von Narzissmus und Konsum hingewiesen. Nun können wir diesen Zusammenhang im Hinblick auf die neomythische Struktur der religionsförmigen Form von Modernität entfalten. Die wissenschaftsfundierte und konsumorientierte Moderne hat ihre eigentümliche posttechnische Form von Magie. Magie geht davon aus, dass es durch den Menschen in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen nutzbare Beziehungen zwischen allen Dingen des Kosmos gäbe. und die sich überall ausbreitet, wo sie will oder soll. Magie ist die alleinige spezifische Macht, eine Kraft, einzig in ihrer Art, die nur im Menschen wohnt, die nur durch seine magische Kunst freigelassen wird, sich mit seiner Stimme ausdrückt und 2 durch . Dabei verzichtet das magische Denken letzten Endes auf den Anspruch einer experimentellen Methode, wie sie die Wissenschaften besitzen. Der kausale Zusammenhang aller Dinge ist nur eine Wunschvorstellung. Magie diene dazu, Dinge und Menschen durch die Kraft des eigenen Gedankens zu beherrschen, dessen Leistungen der Magier für eminent weltförmig, d.h. den Weltgesetzen genau entsprechend hält. ienen, die Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht oder vielmehr das Prinzip der Magie ist so auffällig, daß es von allen Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man von dem beigemistaking an 3 ideal connexion for a real one . Und einige Seiten weiter schreibt Freud wie schon weiter oben zitiert welches die Magie, die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der __________ 1 2 3

Frahm, 1992, 58. Malinowski, 1983, 60. Freud, 1971, 90.

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. Freud stellt weiterhin eine Parallele zwischen psychilmacht der Gedanken, die Überschätzung der seelischen Vorgänge gegen die Realität, als unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in allen von 2 . Freuds Vorstellung über das, was das magische Denken kulturell und nicht auf der individuellen Ebene des Neurotikers bewirken kann, weist auf unser Konzept eines neomythischen Projektes der Moderne hin. Das uns aus Auguste Comtes (1798-1857) Dreistadiengesetz der Wissenschafts- und Menschheitsgeschichte vom ersten Band her bekannte Schema einer Entfaltung der Menschheit durch eine theologische, eine metaphysische hin zu einer endgültigen positiven (erfahrungswissenschaftlichen) Phase taucht auch bei ihm auf. animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven 3 Allmachtsglaubens wei . schauung eine Blüte durch die Verbindung von Individualisierungsdruck, Erlebnishunger und Verdrängung radikaler Endlichkeit, der die Moderne auszeichnet. Im freien Aufgreifen von Grundgedanken aus Gerhard Schulzes Buch über Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart4 können wir den der Konsumgesellschaft innewohnenden Verweisungszusammenhang auf Religionsförmigkeit noch deutlicher herausarbeiten. Schulze setzt in seinem Buch die oben aufgegriffene Individualisierungsthese hinsichtlich der Gestalt von Modernität voraus5. Auf dem Hintergrund dieser Individualisierungsthese erarbeitet er seine empirisch gestützte Beschreibung der Erlebnisgesellschaft. Wie wir weiter oben schon gesehen haben, bedeutet Modernität unter anderem auch das Herausgerissenwerden aus traditionalen Zusammenhängen und die damit verbundene 1

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5

Freud, 1971, 97. Freud, 1971, 99. Freud, 1971, 100 (Hervorhebungen L.H.). Grenzen des erlebnisgesellschaftlichen Ansatzes von Schulze, arbeitet Kochanek, 1996, 166ndern auch die Frage nach der globalen Bedeutung von Erlebnisrationalität für alle Milieus (168) sind bei der Lektüre des Buches in Rechnung zu stellen. Die Sinus-Studie arbeitet auf dieser Basis weiter am Modell differierender Milieus. Vgl. dazu Schulze, 1993, 78.

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Zunahme von Entscheidungsprozessen über das eigene Leben. Aus dem Schicksal wird der Zwang zur Wahl des eigenen Lebens. Mit dem Verlust einer vergleichende Maßstäbe bietenden Einbettung in Tradition bzw. in Traditionen muss ein neuer Orientierungsmaßstab gesucht werden. Dieser Orientierungsmaßstab ist die Selbstgestaltung der Individualität, die allerdings weitgehend in der Konsum- und Leistungskultur den Livestyle-Experten überlassen wird. Nicht mehr die lineare Geschichtszeit, die bei einer Einbettung in Tradition(en) vorausgesetzt wird, prägt das Erleben, sondern eine Art Punktualisierung des Weltprozesses. Wenn vergleichende Maßstäbe schwinden, dann muss alles jetzt und hier immer wieder individuell neu im Blick auf eine Selbstgestaltung erlebt werden, die ihrer geschichtlichen Maßstäbe obsolet geworden ist. Das Erlebnis und nicht mehr die in Tradition eingebettete (reflektierte) Erfahrung bestimmen das wie Schulze es bezeichnet 1 . Bis zum Beginn des Jahrhunderts hinein war 2 Selbstgestaltung des Le , welches danach fragt, wie man vorgegebene äußere Umstände durch andere Vorgegebenheiten äußerer Art manipulieren kann. Auch das eigene Leben konnte auf diese Weise in den Griff genommen werden. So war es etwa eine eher außengeleitete Fragestellung, ob jemand diese oder jene Frau heiratet im Blick darauf, welche das größere Vermögen mit in die Ehe bringt. Genauso außengeleitet bleibt in diesem Zusammenhang einer traditionellen Eheschließung das Kriterium, inwiefern diese mögliche Ehekandidatin fleißiger ist als jene 3. Die hochentwickelte Konsumen4 5 der äu . Das innenorientierte Lernen ist primär daran interessiert, sich intensive Erlebnisse zu verschaffen. Im Erlebnis konstituiert sich das Subjekt als seine eigenen Maßstäbe schaffende Individualität. Konsumgüter dienen etwa dann dazu, Ausgangspunkt für intensive Erlebnisse zu werden. Wie wir schon am Beispiel der Konsumentenpsychologie dargestellt haben, ist es völlig richtig, nierenden Faktor der Kaufmo wird6. Mit diesem Wandel von der in Traditionen eingebetteten reflektierten Erfahrung zum situativen Erlebnis verändern sich auch die Aufgabenbestimmungen

Arbeit, Kampf, Fortpflanzung werden verdrängt durch die Instrumentalisierung __________ 1 2 3

4 5 6

Schulze, 1993, 52. Schulze, 1993, 66. Vgl. dazu die anschaulichen Schilderungen in den beiden Kurzgeschichten Der Heiratsvermittler und Die Probier von Ludwig Thoma (1867-1921; Thoma, Bd. 3/70-78). Schulze, 1993, 66. Schulze, 1993, 66. Schulze, 1993, 59.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

des Organismus als Erlebnismedium. Die Psyche wird nicht mehr gemessen mit Begriffen wie Tugend, Standhaftigkeit, Charisma oder edle Größe, sondern mit 1 Kriterien wie Spontaneität, Erfin . Eine gleichartige Verschiebung der Maßstäbe bezieht sich auch auf die sozialen Bindungen. Nicht mehr verwandtschaftliche Beziehungen oder standesmäßige und religiöse Bezüge bilden den Orientierungspunkt für Sozialbeziehungen, sondern 2 . Auf diese Weise ergibt sich eine Situation, durch die die Selbstkonstitution durch Erlebnisse in der Moderne zu einer zentralen Bedeutung kommt. Die früher wesentliche Bedeutung des Überlebensgesichtspunktes und der Einbettung in eine überkommene Religion tritt gegenüber der metaphysischen Bedeutung des Erlebnisses und seines Zustandeüche wandern von der Peripherie ins Zentrum der persönlichen Werte; sie werden zum Maßstab über Wert und Unwert des Lebens 3 schlechthin und definieren den S . Eine der typischen Tendenzen dieser Bewegung ist eine Verlagerung der Gemeinschaftsseite des Religiösen aus klassischen kirchlichen Institutionen in kirchliche oder nichtkirchliche Szenen, die emeinsamen Lebenslagen oder Standesinteressen der daran Teilnehmenden heraus entstehen, die einen signifikant geringen Verbindlichkeitsgrad und Verpflichtungscharakter aufweisen, die nicht prinzipiell selektiv und exkludierend strukturiert und auch nicht auf exklusive Teilhabe hin angelegt sind, die aber gleichwohl als symbolisch markierte, vergemeinschaftende Erlebnis- und 4 Selbststilisierungs . Wenn Religion traditionell mit der Bewältigung der Frage nach der radikalen Endlichkeit dergestalt zu tun hat, dass sie auf dieses Problem die Antwort gibt, dass radikale Endlichkeit real aufgehoben wird, so ist anzunehmen, dass in der Erlebnisgesellschaft unter der Voraussetzung des wesentlichen selbstkonstituierenden Charakters von Erlebnissen auch die Frage nach Endlichkeit auftritt. Zunächst einmal tritt Endlichkeit auf den Plan, wenn es um die Frage geht, wie 5 , die mit der dauernden Wiederholung von Erlebnissituationen gegeben ist, umgeht. Die Erlebnisintensität sinkt mit dem Wiederhole 6 . Die selbstauferlegte Spontaneität bleibt aus, wenn sich Erlebnisse wiederholen, und mit dem Ausbleiben der Spontaneität bleiben die großen Gefühle aus. Hier zeigt sich auch die radikale Endlichkeit des Menschen. Noch deutlicher zeigt sie sich aber dort, wo Erlebnisse auftreten, die nicht der genussorientierten Erlebnisförmigkeit der Konsumkultur entsprechen. Die Grenzfälle Krank__________ 1 2 3 4 5 6

Schulze, 1993, 59. Schulze, 1993, 59. Schulze, 1993, 59. Hitzler, 2005, 140. Schulze, 1993, 69. Schulze, 1993, 77.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

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heit, Tod, Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit und Armut und zunehmend auch Sucht werden in der Erlebnisgesellschaft auf zweierlei Weise verarbeitet. Zum einen durch Marginalisierung in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen und an den Rand gedrängt werden. Sie werden nicht wie in der traditionellen Eine weitere Umgangsform im Modus des Verdrängens ist die der Ästhetisierung. Mit täglichen Sendungen wie murder of the day oder accident of the day (man könnte dies auch auf war of the day erweitern) wird Unglück ästhetisiert. Die . Postman, den wir weiter oben mit seiner Phänomenologie des Nachrichtenwesens unter dem Gesichtspunkt des Und jetzt zitiert haben, hat dies treffend charakterisiert. Aus dem lebenserfahrenen Gefühl des Mitleides, der Mitsorge und der Barmherzigkeit wird eine -2004) 2 hat in On Photography festgestellt, dass in jedem Foto ein Moment der Wirklichkeit usurpierenden Aggression liege. Diese Feststellung betrifft die ganze Medienöffentlichkeit, in der sich noch das an Magersucht sterbende Model und der gegen den Krebs kämpfende Filmheld selbstverständlich präsentieren. Auch noch der Tod des Prominenten wird nicht nur zum Medienereignis, sondern auch zu einem Geschehen, dass von nachfolgend sterbenden prominenten Mitmenschen kopiert und variiert wird 3. Wir werden später sehen, wie die Religionsförmige Religiosität einerseits auf die Marginalisierung des Leidens dergestalt reagiert, dass sie die Frage des Erlebens mit der Frage des Überlebens koppelt und andererseits diese Überlebensfrage ästhetisiert. Mit der Frage nach der Konstitution von Erlebnissen, die der Herstellung des eigenen Selbst dienen, ist die Frage nach Erlebnisrationalität4 gestellt. Erlebnisrationalität meint, dass man versucht, Erlebnisse nicht einfach geboten zu bekommen und sie einfach nur hinzunehmen, sondern dass man selbst aktiv seine Erlebnisse gestaltet. Nun hat jeder, der dem Projekt des schönen Lebens folgt und erlebnisrational seine eigenen Empfindungen gestalten will, das Problem, dass er diese nicht einfach als seine Selbsttäuschungen betrachten möchte, sondern als reale, schöne Erlebnisse, die an ein objektives, die Wirklichkeit als schöne Wirklichkeit repräsentierendes Ursprungserlebnis, angeschlossen sind. Wenn wir an die Empfindung bei Ernst Mach denken, die zugleich subjektiv und objektiv ist, so haben wir für Schulzes Rekonstruktion des Erlebnisbegriffes in der Konsumkultur einen Maßstab gefunden. Die Ursprungserlebnisse sind objektiv 1

__________ 1 2 3 4

Schulze, 1993, 69. Sontag, 1978, 6f. Schickel, 1986, 173f. Sowohl Erlebnisrationalität als auch der gleich verwandte Begriff Ursprungserlebnis sind Begriffe, die von Schulze immer wieder verwendet werden. Vgl. etwa Schulze, 1993, 53 und 430f.

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und subjektiv zugleich so der Maßstab des Subjekts der Erlebnisgesellschaft. Doch ist dieser Maßstab spannungsreich und führt wie wir sehen werden leicht in ein religionsförmiges Bewusstsein. Die Erlebnisrationalität muss auf der Voraussetzung eines subjektiv auferbauenden und objektiv vorgegebenen Ursprungserlebnisses beruhen. Mit dieser metaphysischen Voraussetzung der Erlebnisrationalität sind zwei Probleme gegeben1. Zum ersten ist nicht notwendigerweise deutlich, welche Art von Erlebnissen der gemäß der Erlebnisrationalität Handelnde überhaupt anstrebt. Und auch wenn ein erlebnisorientierter Mensch dies weiß, bleibt es zweitens noch offen, ob er solche Erlebnisse verwirklichen kann. Diese beiden Probleme, das der mangelnden Klarheit über die eigenen Erlebnisinteressen und das der technischen Grenzen der Erlebnisbewerkstelligung, verdrängt der erlebnisorientierte Konsument leicht durch eine umso intensivere Versenkung in die Angebotspalette. Die Erlebnisorientierung ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass es zu einer Kumulation2 kommt. Mit der Gewohnheit, Erlebnisse zu erzeugen, geht die Notwendigkeit ei 3 leb . Gerade die Verdichtung des Zeittaktes, die Erlebnis-Kumulation, bewirkt es aber, dass Erlebnisse sich nicht mehr einprägen können. Wer besonders intensive Erfahrungen haben möchte (Erfahrungen und nicht Erlebnisse!) muss zwischen den einzelnen Erlebnissen, aus denen intensive Erfahrungen entstehen sollen, Zeit haben, diese reflexiv zu Erfahrungen hin zu verarbeiten. Genau dieser Zeit beraubt sich der erlebnisorientierte Mensch, der Erlebnisse kumulieren möchte. Aus dieser Situation resultiert die Tendenz des erlebnisorientierten Subjekts zur Autosuggestion4. Damit das gehäuft auftretende Erlebnis noch in irgendeiner Weise eine Intensität haben kann, muss das erlebende Subjekt sich selbst etwas darüber vormachen. Erlebniserwartungen müssen das Erlebnis überdecken, um aus dem Erlebten noch ein intensives Erlebnis machen zu können. Darüber hinaus ist es notwendig, dass man Bezug auf Lifestyle-Experten nimmt und auf entsprechende Szenen von Konsumenten. Mit dem Gesichtspunkt der Autosuggestion, der nach Schulze auf das entsprechende Konsumentenmilieu leitet, ist ein Gesichtspunkt gegeben, von dem her wir, aufbauend auf Schulzes Argumentation, dessen Theorie erweitern müssen. Autosuggestion leitet auf der einen Seite in das Man (Heidegger) eines Mitkonsumenten-Milieus. Wechselseitig kann Man sich dort der objektiven Dignität seiner intensiven Erlebnisse vergewissern. Diese Autosuggestion, dass das Erlebte ein objektives, intensives Selbstgestaltungsgeschehen sei, hat aber auch noch eine andere metaphysische Seite, die uns auf die Religionsförmige Religiosität verweist. Um diesen Verweis herauszuarbeiten, setzen wir noch einmal bei __________ 1 2 3 4

Vgl. dazu Schulze, 1993, 431-435. Schulze, 1993, 434. Schulze, 1993, 434. Schulze, 1993, 435.

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dem Begriff des Ursprungserlebnisses an. Ursprungserlebnisse waren wie wir Schulzes Theorie im Anschluss an Ernst Mach deutlicher zum Sprechen bringen konnten bestimmt worden als Erlebniseinheiten, in denen sich Subjektives und Objektives miteinander verbinden. Diese Erlebniseinheiten sind der metaphysische Horizont, in dem sich unthematisch Erlebnisorientierung abspielt. Der Kosmos so die unthematische Voraussetzung sei so gestaltet, dass er einem Menschen Erlebnisse biete, die ihn in seiner Individualität auferbauten. Nun gehen wir in dieser Untersuchung davon aus, dass in jedem Selbstvollzug unthematisch der Gedanke an vollendete Selbstgestaltung steckt. Dies ist eingangs in unserem Begriff der Weltanschauung erörtert worden1. Beziehen wir diesen Gesichtspunkt in unsere religionsphilosophische Konzeption ein. Ursprungserlebnisse sind dann etwas, wodurch der Kosmos mir in meinem Individualitätsstreben und meinem Streben nach individuellem Heil entgegenkommt. Wenn jemand sich als Individualität innerhalb des Individualisierungsdruckes der Moderne von allen anderen Individuen (in dieser Hinsicht) unterscheiden will, dann ist der Bezug auf einen personalen Gott, der ihm diese auferbauenden Erlebnisse schickt (Gnade), nicht sinnvoll. Über den Schöpfergott und die mit ihm gegebene Schöpfungsordnung wird jemand eingemeindet in einen universalen Zusammenhang, der seinem Individualisierungsstreben gerade entgegen zu stehen scheint. Damit taucht das metaphysische Wesen der Konsumkultur, der Gesichtspunkt des unbewussten Evolutionsgottes wieder auf. In einem Menschen sucht sich der Kosmos eine Erlebniseinheit, durch die hindurch er sich auferbaut. Auf einmal überspielt, so ist dies nun etwas zu differenzieren. Die Grenze der marxschen Theorie des Warenfetischismus (die unthematisch hinter dieser Metapher steht) besteht darin, dass es keinen erlebnisbestimmten und, spezieller betrachtet, religiösen Aspekt vom Gebrauchswert der Ware her nach Marx gibt3. Marx denkt den Gebrauchswert der Ware gleichsam naturalistisch vom direkten Verbrauch her. Zum Gebrauchswert der Ware gehört aber auch, dass, metaphysisch betrachtet, im einzelnen Warenangebot die Transzendenz auf den Heilsgedanken hin sichtbar wird. Im NIKE-Sportschuh steckt unthematisch der Gedanke einer vollendeten körperlichen Selbstgestaltung. Auch dies gehört zum Gebrauchswert. Damit wird aus dem Erlebnismarkt4 nicht nur ein Markt des Warenangebots, sondern auch ein religionsförmiger Ort. Auf dem Erlebnismarkt werden Symbole vollendeter Selbstgestaltung unter dem Schutzmantel des unbewussten Evolutionsgottes ausgetauscht. Weil auch der auchs nicht aus der Luft gegriffen, sondern zurückzuführen (ist, L.H.) auf eine Anzahl tatsächlich durchlebter Erfahrungen, in __________ 2

1 2 3 4

Vgl. dazu Hauser, 1/31-44. Schulze, 1993, 59. Vgl. zu den begrifflichen Grundlagen bei Marx: Hartmann, 1970, 258-262 und 274-283. Schulze, 1993, 421.

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denen dem Menschen seine Macht, das ersehnte Ziel zu erreichen, offenbar 1 , hat das Konsumieren von Marken eine magische Seite. Mit der Marke kommt es zur Beschwörung des gelingenden Lebens.

2.

Das pantokratische Subjekt der Konsum- und Leistungsgesellschaft

Nähern wir uns der Religionsförmigkeit des konsum- und leistungsorientierten Alltags im nächsten Schritt im ebenfalls freien Aufgreifen der vierlingschen Theorie der Profanen Alltags-Religion2. Wenn wir nach dem Profanen fragen, dann stoßen wir auf das, was vor dem heiligen Bezirk liegt, was weltlich, unkirchlich, unheilig und alltäglich ist. In diesem Kontext hat der Alltag seinen prinzipiellen Stellenwert im Zusammenhang der Erarbeitung eines Religionsbegriffs. Den Alltag kann man nach Vierling in zwei Hinsichten betrachten. Zunächst gibt es das engere Verständnis von Alltag, welches das betrifft, was täglich von neue eschieht. Der Mensch steht morgens auf, isst, trinkt, tut etwas, wird müde und schläft. Dieser vertraute Alltag ist gekennzeichnet von Gewohnheiten und Bedürfnissen, die zu befriedigen versucht werden. In diesem Alltag kann durchaus etwas Neues stattfinden. Auch der Alltag bietet seine Überraschungen, die aber niemals Überraschungen darstellen, die mich aus meinem Alltag herausreißen und auf eine vertiefte Selbstreflexion hin entwurzeln. Wenn man etwa an die Schlagzeilen der BILDZEITUNG denkt, hat man eine Nachrichtenpolitik, die das Überraschende des Alltags zum Thema macht. Zwar ist es unalltäglich, wenn nicht der Hund den Briefträger, sondern der Briefträger den Hund beißt. Doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass diese Nachricht einen Menschen im Allgemeinen nicht in seinem Inneren aufwühlt. Auch diese Ereignisse werden in den Alltag integriert. Weil der Alltag die ewige Wiederkehr des Vertrauten ist, ist die spezifische Zeitlichkeit des Alltags kreisförmig und wird . Der kleine Kreis des Alltags, der einen Tag beschreibt, kann sich jederzeit aber auch ausdehnen. Wenn Bedürfnisse nicht sofort befriedigt werden können, dann muss sich der Kreis erweitern auf Monate und vielleicht sogar auf Jahre hinaus. Es kann sich in manchen Hinsichten der Kreis des Alltags erst schließen, wenn nach fünfundzwanzig Jahren eine Lebensversicherung ausgezahlt wird. __________ 3

1 2

3

Malinowski, 1983, 66. Vgl. Vierling, 1994. Dass Vierling terminologisch von Religion auf der begrifflichen Ebene spricht, an der ich von Religionsförmigkeit rede, tut nichts zur Sache. Im Gegensatz zu Vierling stellt Bukows Kritik der Alltagsreligion (1984) nichts anderes als ein Negativbeispiel daann, ohne überhaupt zu sagen, was Religion sei. Folgerichtig findet man auch im Sachregister keinen Punkt Religion. Vierling, 1994, 23.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

153

Neben der Alltagszeit gibt es auch eine spezifische Räumlichkeit des Alltags. Der Alltagsort ist der Raum, innerhalb dessen ein Mensch auf das Alltagsgeschehen Einfluss nehmen kann. Innerhalb dieser jedem Menschen gegebenen Reichweite in den eigenen Alltag hinein gibt es Schwierigkeiten, die überwunden wer1 . Doch sind dies alles Hürden, die noch im Alltag überwindbar sind. Erst die anderen, oder besser gesagt, die ganz anderen Hürden, wie etwa der Fall einer schweren Erkrankung oder der in den Familien- und Freundeskreis eintretende Tod, sprengen diesen Alltag. Doch nach kurzer Zeit der Konfrontation mit diesen großen Hürden kann man sich in den Alltag zurückwenden und diese großen Hürden aus seiner technisch bestimmten Realität herauskatapultieren. Der Alltag ist gibt dem Alltagsbewußtsein einen grundlegenden Sinn, den zu hinterfragen ganz unsinnig wä 2. Wenn ich diesen Alltag hinterfragen würde, könnte ich keine Handbewegung mehr machen, keinen Bleistift mehr aufnehmen und keinen Kaffee kochen, ohne nach dem Sinn dieses Tuns für das Ganze zu fragen. Als Ausgangspunkt, um seinen Begriff von Religion ins Spiel zu bringen, wählt Vierling den Ausgang von der Religion als einer menschlichen Realität, in der es um eine Über-Macht geht. Vierling charakterisiert das spezifische an der Religion im Kontext der Orientierung an Polaritäten. Die Religion hat als Orientierung an der Über-Macht zugleich eine Orientierung an einem Über-Ort, an dem sich die Übermacht symbolisch lokalisieren lässt. Landläufig wird dieser Ort beispielsweise unter Christen als der Himmel bezeichnet. Dieser Überort ist alltäglichem Handeln nicht erreichbar. Zugleich aber bestimmt dieser Überort das Leben der Menschen. Kraftlogisch geht die Übermacht vom Überort aus. Wenn wir diese beiden Begriffe auf unsere hochentwickelte Konsumkultur und Technikzivilisation beziehen, stoßen wir darauf, dass in der profanen Alltags-Religion der Überort paradoxerweise in das Diesseits verlegt ist. Nicht die Götter oder Gott herrschen, sondern die Menschen regulieren ihr Leben selbst. So ist der Überort in unserer Gesellschaft der bleibende Sinn, der durch Selbstverwirklichung individu -Ort berührt den Bereich des handlungserfüllten Jetzt, den die unmittelbare Reichweite 3 . Der Sinn, der in der Selbstverwirklichung liegt, ist dem Alltag enthoben. Die kleinen und mittleren Hürden des Lebens dienen diesem Sinn und andererseits sind sie bewältigbar oder werden als bewältigbar angesehen, weil es diesen Sinn, die Selbstverwirklichung gibt. Die Vision eines mit sich identischen, konsumorientierten und leistungsfähigen Selbst, das keine technischen Probleme mehr kennt und sich im zwischenmenschlichen Bereich virtuos zu bewegen vermag, ist der Ort, an dem das Über-Selbst vom Ich als Orientierung ergriffen wird. __________ 1 2 3

Vierling, 1994, 26. Vierling, 1994, 28. Vierling, 1994, 45.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

So wird das Selbst zum Himmel auf Erden. Dieses idealisierte, sich vollendet in individueller Ausformung verwirklichende Selbst ist der Hort der Vitalität, die dem Ich Kraft schenkt. Weil das vitale Selbst auch an gesellschaftliche Normen gebunden ist, kann dort, wo der Individualisierungsdruck zu groß ist, immer Schutz gesucht werden im Man. Das Man bietet Konsumstandards an, die in der Lage sind, den durch den Himmel des Selbst aufgegebenen Individualisierungsdruck zu mildern. Die Werbung ist ein beredtes Beispiel dafür, wie der Himmel auf Erden für das Ich, in das man flüchtet, vorgestellt wird. Selbst-Verwirklichung wird zur Verwirklichung in der Form des Konsumenten. Ein weiteres wichtiges Gegensatzpaar sind die Begriffe Transzendentes und Absolutes. Die Grenze zwischen dem Jetzt des kreisförmigen Alltagslebens und dem Über-Ort sind nicht festgelegt. Zwar ist der Überort transzendent, doch kennt jede Religion den Fall, dass die Übermacht sich in das diesseitige Leben einmischt. Die Götter wandeln auf Erden und Gott wendet sich dem Einzelnen personal zu. Weiterhin kennen etwa durch die Metaphorik der Jenseitsreise 1 Religionen auch eine Möglichkeit, dass sich auserwählte Menschen zu einer Reise in die Himmelssphären begeben. Der Grenzübertritt ist allerdings in beiden Fällen nur möglich, weil die Übermacht gegeben ist. Wenn die Übermacht des Selbst in der profanen Alltagsreligion den Menschen überwältigt und so ein heiliger Ort im Profanen geschaffen wird, dann macht das Ich eine tiefe intensive Erfahrung mit seinem Selbst. Wem es gelingt, diese intensive Erfahrung des Selbst in den eigenen Alltag zu integrieren, der kann sich ein Stück Himmel auf Erden schaffen. Zwei wesentliche Begriffe Vierlings sind in diesem Kontext der Begriff das Freie und das Überzeugende. Zu den Leitgedanken der fortgeschrittenen Konsumkultur gehört der der Freiheit zu tun und zu lassen, was man möchte. Dem unübersehbaren Waren- und Selbstentfaltungsangebot entspricht die Idee einer Freiheit, die schier grenzenlos ist. Damit diese Freiheit aber auch überzeugen kann, bedarf sie der Orientierung am himmlischen Selbst. Nur das vitale Selbst ist so stark, um in dieser Situation der Freiheit Überschaubarkeit und Ordnung zu schaffen. Der Boom der Informationstechnologie ist ein deutlicher Hinweis auf diese religiöse Dimension der von Vierling so bezeichneten Alltagsreligion. Mit Handys um ein Beispiel zu nehmen ist der Mensch in seiner Mobilität zugleich jederzeit überschaubar zu erreichen und kann nahezu universal kommunizieren. Was ist klein, mobil und in ganz Europa zu Hause? (NOKIA). So hat er als Ich sein Selbst so verwirklicht, dass er sich an den unterschiedlichsten Orten aufhalten kann, ohne sich in diesen aus seinem Alltag herauszusprengen. Treten Sie ein in die Welt unbegrenzter Mobilität (SIEMENS). Prinzipiell kann er seine Geschäftsabschlüsse auch im Schwimmbad oder auf einem anderen Kontinent tätigen. Am Anfang hatte ich nur eine Idee und mein Sony. Die Übermacht ist zugleich auch das Unbedingte und das Heilige. Die Kraft des himmlischen Selbst ist __________ 1

Vgl. dazu weiter unten den zwanzigsten Paragrafen.

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unbedingt, insofern sie das sich auf der Suche nach Selbstverwirklichung befindliche Ich ergreift und seine Selbstverwirklichung ermöglicht, ohne von etwas anderem abzuhängen. Das Selbst ermöglicht uns den Alltag und die transzendente Fähigkeit der Realisierung des Himmels auf Erden im individuellen Ich. Insofern das ofern ist das Selbst nicht nur das Unbedingte der profanen Alltagsreligion, sondern auch das Heilige. Es ist die Lebenskraft, die uns zur Selbstverwirklichung führt und insofern ist es auch das Fraglose und das Dringende. Selbst-Verwirklichung ist fraglos akzeptiert, wenn sie gelingt. Für den Alltag der Konsum- und Leistungskultur zählt nur der Erfolg, der den Alltag heiligt. Es scheint ihm keine über die Selbstverwirklichung hinausgehende weitere transzendente Rechtfertigung des Tuns und keinen entsprechenden Legitimationsdruck zu geben. Weil das Selbst das Fraglose ist, ist es im Alltag der profanen Religion zugleich auch das Dringende. Nichts anderes ist wichtiger, als sich möglichst schnell selbst zu verwirklichen. Deshalb gehört der Zeitdruck, der Stress zu den inneren Merkmalen der profanen Alltagsreligion. Dieser Stress ist zunächst durchaus positiv. Es geschieht etwas, was uns aus der Alltagsroutine und ihrer Kreisförmigkeit herausreißt. Die Werbung reagiert darauf mit dem Gesichtspunkt, dass es darauf ankomme, Interesse zu wecken, Emotionen zu schaffen, die uns in ihren Bann1 ziehen. Auf der anderen Seite sind für denjenigen, dem die Selbstverwirklichung nicht so zu gelingen scheint, die dringenden Aufgaben plötzlich Aufgaben, die unter Zeitdruck stehen. Durch diesen Zeitdruck aber wird die Selbst-Verwirklichung gerade verunmöglicht und der Zeitdruck führt in den Alltagskreislauf zurück. Die Fraglosigkeit des Selbst als Übermacht verweist auf den Horizont, innerhalb dessen der Mensch der Konsumkultur sein Leben führt. Der Mensch der Konsumkultur kann sich hinterfragen bis auf den Gesichtspunkt, dass er an der Maxime der absoluten Individualisierung stehen bleiben muss. Es geht immer um Selbstverwirklichung im Horizont der Überkraft des himmlischen Selbst. Um nun aber die innere Kraft zu finden, sich diesem Horizont zu nähern, bedarf es einer Spannkraft. Vierling verweist auf die Geschichte der Religionen, in der es immer sogenannte Sprungworte oder Horizontworte gibt, die den Menschen über sich hinaustreiben. Horizont- und Sprungworte können zum Beispiel das Nirvana, die visio ugend zu wirken, daß es Leben entfaltet, erfüllt es seine Aufgabe. Es muss deshalb zugleich ein Kraftwort sein, will es nicht ohnmächtig einen religiösen Horizont 2 . Sprungbretter in den Sinnhorizont der Konsumkultur stellen auch die Werbeslogans dar. Wenn etwa der Weg frei (Werbung für Volksbanken) gemacht __________ 1 2

Vierling, 1994, 74. Vierling, 1994, 87.

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wird für einen Menschen oder jemand meilenweit für eine Camel geht, wenn jemand sein Selbst im Geschmack von Freiheit und Abenteuer (Zigarettenwerbung) findet oder nicht immer aber immer öfter (Bierwerbung) zumindest seinem Hund Respekt einzuflößen vermag, dann sind solche Kraftworte gegeben. Weil für die profane Alltagsreligion der Horizont des Selbst der Über-Macht als bewältigbar vorgestellt wird, gehört zur profanen Alltagsreligion auch der Sinn für das Machbare und das Leistungsstarke. Das sich Selbstverwirklichung versprechende Selbst stellt alle alltäglichen Dinge in den Horizont der Verfügung für das Individuum. glose Mach1 . Dass dies der Fall ist, dass Selbstverwirklichung so fraglos vorausgesetzt und angestrebt wird, hängt damit zusammen, dass die Übermacht des himmlischen Selbst dem Alltagshorizont auch Stärke verleiht. Die Kraft des Selbst ist die Kraft für Leistung. Das Selbst ist das Leistungsstarke. Durch Slogans wie schneller höher weiter, Glück, happiness, fun, Erfolg, Liebe, Selbstbewusstsein und vieles mehr wird das Selbst zum Ort, an dem die Leistungsstärke unter dem Gesichtspunkt der Machbarkeit ins Leben tritt. Es geht der profanen Alltagsreligion um die Realisierung der himmlischen Übermacht, des sich selbst absolut verwirklichenden Ichs. Wenn sich das Ich als himmlisches Selbst absolut verwirklicht, so bedeutet das, dass es durch eigene Leistungen, aus dem eigenen Selbst heraus, die eigene Endlichkeit aufhebt. Angezielt ist eine Lebensform, die das eigene Innere, das zunächst noch unverfügbare doch der Verfügung durch das Subjekt harrende Selbst als Kraft absoluter Selbst- und Weltgestaltung begreift. Ein ideales Modell, sein Leben aus Beruhigter Endlichkeit heraus zu verstehen, ist der Abendländische Reinkarnationsglaube.

VI. Viele Leben lang leisten und konsumieren: Abendländischer Reinkarnationsglaube 1.

Abendländische Anwege

Nach abendländisch-christlicher Auffassung wird der Mensch für ein Leben geboren, verweilt für eine begrenzte Zeit in diesem Leben und nimmt einen begrenzten Raum ein2. Dieser raumzeitliche Ort ist bestimmt durch Gottes Schöpfungs- und Erlösungshandeln, das den Menschen nach einem Leben auferstehen lässt. Christlicher Glaube ist in einer Zeit der Macher und des Wissenschaftsglaubens in einer Krise. Eine Alternative scheint sichtbar zu werden. Es ist der Abendländische Reinkarnationsglaube. Durch diesen Glauben scheint mehr erlebbar und mehr selbst gestaltbar zu werden; aus dem Schicksal wird das Machsal3. Man __________ 1 2 3

Vierling, 1994, 93. Vgl. dazu Hebr 9, 27. Nach Thiede, 1994, 56.

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dürfe, so schreibt der Esoteriker Hans-Dietrich Leuenberger, auf dem Standpunkt des vom Schicksal eines Körpers gelösten Menschen, das Dasein als Kinderspiel 1 e . Weiter oben habe ich den Begriff der Beruhigten Endlichkeit eingeführt. Beruhigte Endlichkeit bewältigt die Spannung des Bewusstseins von (radikaler) Endlichkeit und Religiosität durch die Abspaltung der Verfallenheit an den Alterungsund Todesprozess vom konsum- und leistungsorientierten Leben und durch die Abspaltung der individuellen Glückserwartungen von der Situation einer globalen Krise. Den Sinn des Lebens bildet für die Beruhigte Endlichkeit die Selbstgestaltung durch Konsum und Leistung. Die Beruhigte Endlichkeit kann sich mit dem Konzept des Abendländischen Reinkarnationsglaubens noch einen Schritt weiter konkretisieren und beruhigen. Der durch sein Buch über Die Möwe Jonathan (1970) bekannt gewordene Schriftsteller Richard Bach (*1936) schreibt trium ücke über die Zeit, wir wölben uns über das Meer, lassen uns zu unserem bloßen Vergnügen auf gefährliche Unternehmungen ein, erleben Geheimnisse, wählen Katastrophen, Triumphe, Herausforderungen, Situationen, in denen unsere Chance eins zu hundert steht, stellen uns immer wieder auf die Probe und lernen Liebe, Liebe, 2 LIE . Ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der Menschen in Westeuropa träumen heute mit dem Reinkarnationsgedanken von einer Folge weiterer Leben, wobei Reinkarnation primär als zeitlich nacheinander angelegtes Weiterleben eines substanziellen Ichkerns in verschiedensten Körpern verstanden wird3. Unter praktizierenden Christen findet sich dieser Glaube sogar in höherem Maße als bei Konfessionslosen. Vom 17. bis in das frühe 19. Jahrhundert kann man über kleine Zirkel hinaus keine Präsenz des Themas im Abendland feststellen 4. Öffentlich anfanghaft diskutabel wird es besonders durch den vierundneunzigsten Paragrafen der Schrift über Die Erziehung des Menschengeschlechts (1780) von Gotthold Ephraim Lessing (1729nte jeder einzelne Mensch auch nicht mehr als 5 um sich zu vervollkommnen.

__________ 1 2 3 4

5

Leuenberger zit. bei Thiede, 1994, 56. Bach, 1985, 419. Vgl. dazu bes. Wichmann, 1994, 181-193. Die Vorgeschichte dieses abendländischen Reinkarnationsglaubens erörtere ich nicht. Zanders großes Werk über die Geschichte der Seelenwanderung in Europa. Alternative Traditionen von der Antike bis heute (1999) bietet hier die wesentlichen Informationen. Vgl. auch die ausführliche Bibliographie zum Themenkreis Reinkarnation, die Kear, 1996, zusammengestellt hat und Hauser, Reinkarnationsglaube 1998 und Reinkarnationsglaube 1996. Lessing, Bd. 6, 77. Vgl. auch die §§ 90-100 insgesamt.

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, das er früher abgelehnt hat, nicht in die Erziehung des Menschengeschlechts auf wohl weil dies viele Leser irritieren würde. Erst gar nicht in seine Publikation aufgenommen wird die Annahme früherer Verkörperungen als Tier. Dass er sie ventiliert hat, unterstellen die Erinnerungen seines Bruders Karl Gotthelf Lessing (1740redungen erinnere ich mich nur so viel. Die menschliche Seele, glaubte er, wäre schon in viele Körper gewandert und immer aus dem letztern vollkommener gekommen, als aus dem vorhergehenden; es könnte seyn, daß sie auch Anfangs gar in thierischen Körpern gewesen und durch Verlassung endlich in menschliche übergegangen, aus denen sie noch in weit edlere Wesen wandern würde, wenn sie nicht vorsetzlich dieser Veredlung entgegen arbei2 .

rgrund 3 . Im 19. Jahrhundert taucht der Reinkarnationsgedanke bei den Gebildeten häufiger auf, bis er sich heute in Westeuropa und den USA bei ungefähr einem Fünftel der Bevölkerung als zumindest Längeres Gedankenspiel einpendelt. Die erste deutsche empirische Untersuchung zum Themenfeld des Reinkarnationsglaubens stammt von ALLENSBACH aus dem Jahre 1961. Im Jahre 1961 halten elf Prozent der Deutschen eine Seelenwanderung für möglich. Schon 1968 aber ergibt eine GALLUP-Umfrage, dass fünfundzwanzig Prozent der Bevölkerung in der alten BRD Reinkarnationsvorstellungen zustimmt. Spätere Umfragen zeigen, dass diese Zustimmungsquote ungefähr bis heute konstant geblieben ist. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner gibt an, dass 1990 vierundzwanzig Prozent der Österreicher an die Möglichkeit einer Wiedergeburt glauben4. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass sich in einer Frage zur Glaubwürdigkeit von Wiedergeburtserlebnissen in Österreich 1990 nur dreizehn Prozent bejahend geäußert haben5. In einer Publikation6 wird von einer noch höheren Zahl an Reinkarnationsgläubigen bei den Schweizern ausgegangen. So wissen sich 1988/89 fast fünfzehn Prozent von ihnen mit der Behauptung einer Reinkarnation (Wiedergeburt) der Seele in einem anderen Leben als voll einverstanden und fast vierzehn Prozent fühlen sich mit dieser Behauptung eher einverstanden Überblick vom Herbst 1989 glauben 21% der Europäer an die Reinkarnation. Besonders auffällig daran ist jedoch die Tatsache, daß etwa ein Drittel der regelmäßig praktizierenden europäischen Katholiken (31%) und Protestanten (37%) zugeben, daß sie an die Reinkarnation glauben. Die Zahlen für die Vereinigten Staaten sind dem vergleichbar. Entsprechend einer Meinungsumfrage von 1990 glaubt beinahe jeder vierte Amerikaner (21%) an die Reinkarnation, während 22% sich nicht sicher sind. 11% glauben an Hellseherei, die mentale Fähigkeit, in die Vergangenheit zu sehen und die Zukunft vorherzusagen; 25%

__________ 1 2 3 4

5 6

Zander, 1999, 348. Zit. nach Zander, 1999, 348. Zander, 1999, 11. Zulehner, 1994, 201. Später differenzieren sich seine Belege, ohne dass der Befund (bleibend über zwanzig Prozent) davon betroffen ist (Zulehner/ Hager/ Polak, 2001, 52f). Zulehner/ Denz, 1993, 241 und ders., 1994, 201. Dubach/ Campiche, 1993, 336f.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

nehmen die Astrologie ernst; 11% denken, daß , Trance, die Kontrolle über Menschen er

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.

Seit etwa 1968 ist die Zustimmung zum Reinkarnationsglauben ungefähr gleich geblieben. Man kann somit davon ausgehen, dass ungefähr ein Fünftel der (west-) deutschen Bevölkerung dem Reinkarnationismus positiv gegenübersteht2. Damit kündigt sich eine Transformation nicht nur des abendländischen Jenseitsglaubens, sondern auch des Todesbewusstseins und des Menschenbildes an. In der Antike und im Mittelalter versteht man das Leben als Vorbereitung für den endgültigen Abschied von dieser Welt. In der Neuzeit wandelt sich hingegen für viele das Bewusstsein der Unsterblichkeit als Zeit der Ernte zum Bewusstsein der Unsterblichkeit als Aufgabe, wie es sich etwa in Immanuel Kants Begründung des Unsterblichkeitsglaubens niederschlägt. Mit dieser einschneidenden Transformation des Todesbewusstseins eröffnet sich der Weg zum abendländisch geprägten Glauben an Reinkarnation zum Zwecke der Selbstvervollkommnung. Es gibt seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert ein neues anthropologisches Fortschrittsverständnis, die Theorie von der Herstellbarkeit des Neuen Menschen, die zu einer spezifisch modernen Restauration der Götter3 geführt hat. Küenzlen arbeitet in seiner Habilitationsschrift die anthropologischen Implikationen eines gewandelten Fortschrittsbegriffes heraus, der im Laufe des 18. Jahrhunderts entischen Kreislauf oder theologisch verankert in den heilsgeschichtlichen Kontext 4 . Fortschritt werde jetzt zum immanenten weltgeschichtlichen Entwicklungsgeschehen, das durch die unterschiedlichsten Standpunkte hindurch die Utopie vom Neuen Menschen hervorbringe. enen Gott machen und auf dem Weg empirisch-diesseitiger Realisation den Neuen 5 e6 komme es dabei, unter Beibehaltung des Glaubens an eine den Tod überwindende Existenz des Neuen Menschen, zu einer Entweltlichung dieses Glaubens in der Form des abendländischen Reinkarnationismus. Die Restauration der Götter finde im Kreislauf der Wiedergeburten statt, weil der vollendete Fortschritt auf der Erde fragwürdig scheine.

__________ 1 2 3 4 5 6

Toolan, 1993, 395. Daiber, 1987, 208f. So der Buchtitel des Sammelbandes von Faber/ Schlesier, 1985. Küenzlen, 1994, 70. Küenzlen, 1994, 242. Küenzlen, 1994, 242.

160

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

Aufklärer arbeiten das folgenreiche Programm der Verklammerung von geschichtsphilosophischem Fortschritt, individuellem Fortschreiten und Unsterblichkeit aus1. Moses Mendelssohn (1729nem unaufhörlichen Wachs werde. Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709-1789) stellt sich die Unsterblichkeit in ähnlicher Weise vor: 2

unentlichen Vollkommenheiten

mein Geschäfte ewige Thätigkeit im Guten seyn 3 . Ohne die Annahme einer Unsterblichkeit sind Fortschritt und Aufklärung nicht denkbar. Dies gilt auch für Hermann Samuel Reimarus (1694-1768), der Moralität, Perfektibilität und Unsterblichkeit der Seele untrennbar verbindet4, Der supranaturalistische Göttinger Theologe Gottfried Leß (1736-1797) sieht durch die Unsterblichkeit die Vorausnden unermeßliche Fortgänge 5 . Johann Caspar Lavater (1741-1801), der den Mesmerismus in Deutschland bekannt macht, versteht in seinen Aussichten in die Ewigkeit (1770ff) den Menschen als mit Fähigkeiten begabt, die es ihm ermöglichen, über den Tod hinaus nicht nur fortzudauern, sondern darüber hinaus auch noch sich zu vervollkommnen und tätig zu sein. Seine jenseitigen Tätigkeiten erinnern dabei in vielem an die Vergnügungen olympischer Göttinnen und Götter6. Der Jurist Johann Georg Schlosser (1739-1799), Ehemann von Goethes Schwester Cornelia (1750-1777) und zeitweise Lehrer Goethes, mit dem er in den Frankfurt Gelehrten Anzeigen rezensiert, ist der erste, der 1781 mit Ueber die Seelenwanderung ein Buch mit entsprechendem Titel veröffentlicht und sich auch in den Kontext eines aufklärerischen Fortschrittsoptimismus stellt. Schlossers Schrift präsentiert sich als philosophischer Dialog zwischen einem den Reinkarnationsglauben vertretenden Eugenius und einem Cleomathus, der einen gegnerischen Standpunkt vertritt. Ausgangspunkt ist die Frage nach der Bestimmung des Menschen, die von der Glückseligkeit her verstanden wird. Der Mensch müsse die Befähigung erlangen, ewigdaurenden Glückseeligkeit in jedem Augenblick zu geniessen 7 __________ 1

2 3

4 5 6 7

Ich beziehe mich hier auf die Angaben in Briese, 1995. Daraus werden im Folgenden einige Belege herangezogen, die ich nach ihren Originalquellen zitiere. Mendelsohn, 1989, 275, 271, 276f. Jerusalems Schrift Fortgesetzte Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion (1772), zit. nach Kurz, E., 1980, 101. Reimarus, 1972, Bd. I, 10 (Einleitung). Less, 1779, 581f. Vgl. dazu Lavater, 1773, Bd. I, 54/276; Bd. II/ 213, Bd. III/ 209f. Schlosser, 1781, 21 (zit. nach Zander, 1999, 353).

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

161

Eines der Probleme, auf das ein denkender Mensch im Hinblick auf die christliche Eschatologie stoße, sei die Frage nach der ewigen Verdammnis, die einen individuellen Fortschritt zum Besseren ausschließe. Hier vertrete der Glaube an Seelenwanderung eine hil zum andern, macht überall die Erfahrung des Guten, und des Bösen Der innere Mensch wird auf tausend und tausenderley Art gestossen; getrieben, verwundet, beseeligt, und erwirbt endlich den Instinctmäsigen Geschmack, der ihn allein auf 1 . Vier Jahre nach Schlossers Schrift erscheinen anonym die Beyträge zur Lehre von der Seelenwanderung (1785), die ein Lehrgedicht über die Seelenwanderung enthalten. zum wahren innern Selbstgenuß, den nie die Macht von den Phantomen der Sinnlichkeit ganz stören muß: soll dich kein Laster mehr verführen, der Tugend Reiz allein dich rühren, von ihrem Werth nur hingeneigt; so ist der Weg der Selbsterfahrung fast ganz allein die Offenbarung, die dir dein Ziel nicht blos von ferne zeigt. Erleb erst ganze Millionen von Erdenrevolutionen als Mitgenoß der Geisterzunft; dann frage nach der Vorsicht Spuren im Schicksalsgang der Kreaturen mit aufgeklärterer Vernunft, Ist dir denn noch der Menschheitgang ein Räthsel, gut, so nimm die Hülle vors Auge bis der Welten Fülle sich aufgelöst zu Einem Lobgesang. Freund, frage nun nicht weiter! ist denn der Wandrer schon am Ziel? schau über dich! der Dinge Leiter, hat sie nicht noch der Sprossen viel? wirst du die höchste je ersteigen? wird je Flor dir sich neigen? nein, Kühner! seliger ist dein Loos! was wären hunderttausend Leben wohl ohne ewgem Vorwärtsstreben? ist ein Genuß, ohn Hofnung grössern groß?

__________ 1

Schlosser, 1781, 29 (zit. nach Zander, 1999, 353).

162

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

In Dankempfindungs Harmonieen erheb des Weltenvaters Lob, der dich schon hier, im Land der Mühen, zur mittlern Geisterstuf erhob! und, ohne dir ein Ziel zu zeigen, dich ewig, ewig dich läßt steigen: den jedem Absatz Ruh dir giebt, dir neue Aussicht zu durchdringen! dir Kraft giebt, höher dich zu schwingen, und, höchster Wonngedank

1

.

Es geht um einen Weg der Tugend der zugleich als ein Weg der Selbsterfahrung charakterisiert wird und nach einer Art natürlicher Offenbarung verstanden wird. Bei seiner Seelenwanderung könne man ganze Millionen von Erdenrevolutionen miterleben und so langsam zum Bewusstsein seiner Verbundenheit im Schicksalsgang der Kreaturen und aufgeklärterer Vernunft gelangen. Als Ziel wird eine Situation angegeben, in der der Welten Fülle zu Einem Lobgesang anstimme. Auf die Frage nach der Wegstrecke wird dieses Ziel aber relativiert. Es gebe kein Ende der Wanderung und diese Situation sei schöner als ein ewig gleicher Himmel der Seligen. Denn seliger ist dein Loos! das von ewgem Vorwärtsstreben geprägt sei. Dieser Standpunkt sei in der Lage des Weltenvaters Lob zu singen, der den Menschen auf den Stand einer mittlern Geisterstuf erhoben habe und dann im Sinne eines deistischen Schöpfers ohne dir ein Ziel zu zeigen, dich ewig, ewig dich läßt steigen. Der Leser erlebt hier die Ablösung der irdischen Pilgerschaft nach dem Neuen Jerusalem durch die Wanderung in einem Kosmos, in dem noch nicht einmal mehr der Schöpfergott selbst übergreifende Zielsetzungen und damit letzte Verbindlichkeiten eingerichtet hat. Jeder Mensch geht seinen Weg in alle Ewigkeit und erlebt viel. Der Flaneur der 19. Jahrhunderts, der durch die Großstädte streift, wird hier antizipiert und zu einem kosmischen Maßstab erhoben.

Friedrich Nietzsche formuliert um 1886 den abendländischen Reinkarnationsgeseiner furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederk i Europäische Form des Buddhismus: Energie des Wissens und der Kraft zwingt zu einem solchen Glauben. Es ist die wissenschaftlichste aller möglichen Hypothesen. Wir leugnen Schlußziele: hätte das Daseins eins, so müßte es erreicht 2 . Doch Nietzsches Einwand setzt sich nicht durch. Aus diesen sich hier langsam anbahnenden Längeren Gedankenspielen erscheint es nicht unverständlich, wenn das fortschrittliche Jenseits und das fortschrittliche Diesseits miteinander durch den Abendländischen Reinkarnationsglauben verknüpft werden. __________ 1 2

Anonymus, 1785 (zit. nach Zander, 1999, 375f). Nietzsche, VIII/1,217 (zit. nach Zander, 1999, 466).

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

163

Dieser hat wenig mit dem hinduistischen oder buddhistischen Glauben an Wiedergeburt gemeinsam.

2.

Der fernöstliche Glaube an Wiedergeburt

Der Abendländische Reinkarnationsglaube und der fernöstliche des hinduistischen und des buddhistischen Denkens unterscheiden sich gravierend. Auf dem indischen Subkontinent bürgert sich der Gedanke an eine Wiedergeburt im sechsten vorchristlichen Jahrhundert endgültig in den meisten hinduistischen Religionen ein. Der weitaus größte Teil der hinduistischen Religion versteht Wiedergeburt als leidvolles Geschehen und den Ausstieg aus dem Drama des Wiedergeborenwerdens als Erlösung1. Man kann wenn wir hier nur einzelnes buddhistisches Gedankengut in den Blick nehmen von der Aufgabe einer Selbst-(Ent-)Vergewisserung als grundlegendem Interessehorizont buddhistischer Denkbewegung reden. Die Lehre des Fürstensohnes Siddharta aus der Familie Gautama, auch Shakyamuni, der Weise -307 v.Chr.), ist nur aus buddhistischem Schrifttum rekonstruierbar. Siddharta weigert sich auf die metaphysischen Fragen nach der Zeitlichkeit oder Ewigkeit der Welt, dem Dasein nach dem Tode usf. zu antworten. Auf eine gesagt, Mâlunkyâputta? Habe ich gesagt: Komm, Mâlunkyâputta, und sei mein Jünger; ich will dich lehren, ob die Welt ewig oder nicht ewig ist, ob die Welt begrenzt oder unendlich ist, ob das Lebewesen mit dem Körper identisch oder von ihm verschieden ist, ob der Vollendete nach dem Tode fortlebt oder nicht fortlebt, oder ob der Vollendete nach dem Tode zugleich fortlebt und nicht fortlebt, oder ob 2 . Im Kontext dieser erkenntnistheoretisch konsequenten Weigerung ist auch die buddhistische Haltung zur Wiedergeburt zu sehen. Gautama glaubt mit seinen Zeitgenossen an eine Wiedergeburt. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen hält er es nicht nur für schlimm, in einer Höllenwelt, als Dämon oder als Tier wiedergeboren zu werden auch eine Wiedergeburt als Mensch unter schönen Umständen oder als göttliches Wesen in einer Himmelswelt scheint ihm nicht erstrebenswert. Wiedergeburt wird hier nicht als identitätswahrende Seelenwanderung begriffen, sondern an das Wiederverköpert-Werden des alles Seiende betreffenden, allumfassenden Existenz-Durstes. __________ 1 2

Vgl. dazu Zander, 1999, 35. Zit. nach Oldenberg, 1920, 314.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

164

Alles, was entsteht, ist auch zum Vergehen bestimmt. Dies gilt auch für das, was uns als unsere Individualität erscheint. Der Mensch ist kein in sich geschlossenes Ganzes, sondern eine Verbindung von fünf Weisen des Anhaftens, den Einzelelementen seines Seins, den skandhas. Diese sind der Körper, die Empfindung, die Wahrnehmung, die Triebkräfte und das Bewusstsein, die für sich alle vorübergehender Natur sind. Es gibt keine substanzielle Ichheit, die wir wahrnehmen könnten. Alles, was wir wahrnehmen, ist Lebensdurst. Vergänglich, o Herr. Was vergänglich ist, ist das freudvoll oder leidvoll? Leidvoll, o Herr. Was vergänglich und leidvoll ist, kann ich von dem sagen, das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst? Nein, o Herr. Dann gebt es auf, das Aufgegebene wird 1 . Es handelt sich hier um eine Auskunft in pragmatischer und nicht in semantischer Hinsicht. Für den das nirvanische Dasein anstrebenden Selbstentwurf sind diese theoretischen Fragen irrelevant. 2

dlichkeit

festklammernden Lebensdurstes, der ,s Buddismus Richtungen gibt, die besonders seit der Begegnung mit dem okzidentalen Denken im 19. Jahrhundert ein permanentes Person-Prinzip annehmen). eidens: Die Gier, die zur Wiedergeburt führt, die mit Freude und Leidenschaft verbunden hier und dort nach Freuden sucht, nämlich die Gier nach Sinnenlust, die Gier nach 3 . -Vollzug verfestigt dieses karmische Schicksal für die nächste Wiedergeburt. Vereinfacht gesagt, handelt es sich im Buddhismus 4 . In jeder denkbaren Existenzform gibt es eine Ausrichtung auf Vergängliches jedes Seiende ist vergänglich (auch ein ebunden in das beständige Wandern der Wiedergeburten. 5 ist die Reinkarnation sowohl ein Ausdruck des Leidens als auch eine Chance zur Befreiung 6 aus dem Samsara. Die ist aber auf jeden Fall kein Wert für sich. Das sieht der Abendländische Reinkarnationsglaube anders.

__________ 1 2 3 4 5 6

Zit. nach Krauskopf, 1954, 135f. Pieris, 1993, 389. Zit. nach Winternitz, 1929, 39. Hummel, 1988, 56. Wesolowski, 1994, 36. Wesolowski, 1994, 37.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

3.

Grundelemente des Abendländischen Reinkarnationsglaubens

a.

Der Glaube der Shirley MacLaine

165

Um sich diesen oben angedeuteten Abendländischen Reinkarnationsglauben zu veranschaulichen, soll zunächst ein populäres Werk, die autobiografisch geprägte Schrift Zwischenleben (Out on a Limb, 1984) der Schauspielerin Shirley MacLaine (*1934), interpretiert werden. In Zwischenleben, das 1987 auch als vierteilige Serie gleichen englischen und deutschen Namens für das Fernsehen verfilmt wird, legt die Autorin ihre spirituelle Biografie vor. MacLaine schildert dort eine Lebenskrise, die sie erfasst und die sie löst, indem sie zum Bewusstsein der Reinkarnation, zur Gewissheit des Behütetseins durch außerirdische, spirituell weiter entwickelte Wesen und zum Glauben an das Gehaltensein durch das Netzwerk einer spirituellen Menschengemeinschaft kommt. gen stellen, suchen, denken und fühlen ließ? War es lediglich das physische Gehirn, waren es diese kleinen grauen Zellen, oder war es der Verstand, der mehr Erkenntnis, daß dies die Summe aller dieser Begriffe ist? Und wenn ja, wie paßten sie zueiVier Dieses Buch handelt also von der Suche nach meinem Selbst einer Suche, die mich auf eine lange Reise führte, die sich mir allmählich auftat und die zu jeder Zeit höchst erstaunlich war. Ich versuchte mit wachem Verstand dabei zu sein, denn ich fand mich langsam, aber stetig Dimensionen von Zeit und Raum ausgesetzt, die für mich bislang in die Welt der 1 Science Fiction oder in ein Gebiet, das ich mit Okkultismus bezeichnen würde, gehör .

Gesprächspartner ist ihr als literarischem Ich vor allem der Esoteriker David, der sie behutsam zum okkulten Baum der Erkenntnis führen kann, weil er schon etliche Male in anderen Leben mit ihr eng verbunden war und sie entsprechend gut kennt. Der Durchbruch zur spirituellen Erkenntnis geschieht dann in den Anden, wo sie die Erfahrung einer Entkörperung zu machen und, als nur durch eine feinstoffliche Nabelschnur mit ihrem Körper verbunden, durch den astralen Kosmos zu reisen meint. als er sagte, Gott sei überall, das in gewissem Sinn wörtlich gemeint hat er wollte dadurch ausdrücken, daß diese lebensbegleitende, geistige Energie überall ist. Das Leben besteht aus einer Kombination von Molekularstruktur, der physischen Materie, und der Quelle, der geistigen Energie. Die physische Form stirbt. Die geistige E

__________ 1

MacLaine, 1990, 13f.

DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

166

Ich fuhr mir durch die Haare, um den Schweiß wegzuwischen, und schlang dann die Arme um meinen Körper. Dann sagte ich laut: ,Energie kann nicht erschaffen oder zerstört rmel aufsagen. dem, was sichtbar und beweisbar ist. Molekulare Einheiten sind leichter zu erkennen als Energieeinheiten. Und die Seele ist eine Ansammlung von Energieeinheiten. Sie besitzt ihren eigenen freien Willen, und wenn ihr begleitender Körper stirbt, individualisiert sie sich, bis sie ihre karmische Entscheidung trifft, in welcher Form sie leben möchte, und das ist 1 .

Ein in der esoterischen Szene beliebtes (historisch jedoch falsches) Argument, welches auch MacLaine verwendet, indem sie es David in den Mund legt 2, besteht im Hinweis, dass auch die Kirche bis zum sechsten Jahrhundert mit dem Reinkarnationsglauben zu kämpfen hatte. Sie konnte so die These ihre Macht erst entfalten, als der antihierarchische Reinkarnationsglaube be die Kirche von schritts jeder Seele durch die Jahrhunderte. Die reine Wahrheit ist die Verantwortung jeder Seele für ihre eigene Handlungsweise und das Begreifen ihrer eigenen 3 Gött

b.

Selbstentwurf in Devachan: Rudolf Steiner

Der Blick auf den Abendländischen Reinkarnationsglauben zeigt uns eine andere Weltanschauung als die des Fernen Ostens. Als systematisch ausgearbeitetes Modell für diese Glaubensrichtung kann neben der im ersten Band schon besprochenen Gedankenwelt des Hippolyte Léon Denizard Rivail (1804-1869, Allan Kardec) Rudolf Steiners Ansatz (1861-1925) dienen. Steiner bewegt sich Zeit seines Lebens im Grenzbereich zwischen einer naturwissenschaftlich orientierten Weltanschauung und der Suche nach dem Weisheitskern aller Religionen. Nachdem er ab 1902 als erster Generalsekretär der neugegründeten deutschen Sektion der THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT gearbeitet hat, gründet er 1912 seine eigene, die ANTHROPOSOPHISCHE GESELLSCHAFT. Sein ungefähr dreihundertfünfzig Bände umfassendes schriftliches Werk ist Grundlage der heutigen Anthroposophie. Seine Reinkarnationstheorie kann als ein Paradigma des Abendländischen Reinkarnationismus gelten. i__________ 1 2 3

MacLaine, 1990, 339-342. MacLaine, 1990, 243. MacLaine, 1990, 210.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

167

nem Leben abhängen von den vorhergehenden Leben, daß wir uns in den verflos1 senen Lebensläufen unser Schicksal selbst gezim . Dabei geht Steiner von einem fortschreitenden Verlauf der Reinkarnationen aus. Die steinersche Geisteswissenschaft rdenleben so, daß wir von unserer gegenwärtigen Verkörperung innerhalb des Sinnendaseins zurückblicken zu anderen Verkörperungen in der Vergangenheit, aber auch in die Zukunft blicken zu späteren Verleiblichungen unserer Wesenheit. So daß wir das Gesamtleben des Menschen teilen in ein Leben zwischen Geburt und Tod und in ein anderes, welches für die Sinne und für den Verstand rein geistig verläuft zwischen dem Tode und der nächsten Geburt. Aber nicht in einer ewig wiederkehrenden Art stellt sich die Geisteswissenschaft dies vor, sondern so, daß sie in diesen Wiederholungen nur Zwischenzustände anerkennt, das Gesamtleben des Menschen aber auf ein ursprüngliches Geistiges zurückführt, welches allem Leben, vor allem unserem Planeten, vorangegangen ist; so daß die Erdenleben einmal einen Anfang genommen haben, als der Mensch aus einem rein geistigen Dasein heraustrat, und daß, nachdem sich einst die Bedingungen erfüllt haben, der Mensch wieder in rein geistige Zustände eintreten wird, welche in sich die Früchte alles dessen enthalten werden, was der Mensch 2 durch die verschiedenen Erdenle .

Die Fortschrittsbewegung der Reinkarnationen beginne in einem umfassenden 3 , dem die Menschenseele erstmalig entsteige. So komme es zur ersten Inkarnation, für deren Auslöser Steiner keine Begründung gibt. Mit dem Tod eines Menschen löse sich sein physischer Leib ab und vergehe, und das Leben dieser vergangenen Inkarnation ziehe noch einmal in einem Erinnerungstableau (Steiner) vorüber. In seinem Tod lege der Mens

lle

der Mensch würde aus der geistigen Welt, in der er ist, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist, zurückschauen auf das Schicksal seines physischen Leibes, wie er, verwest oder verbrannt, den physischen Elementen der Erde übergeben wird. Was der Mensch in diesen Prozessen sieht, wenn er von der geistigen Welt aus zurückschaut auf das Schicksal des physischen Leibes, das könnte man ein Naturereignis nennen wie ein anderes Naturereignis, ein Ereignis, bei dem man moralische Begriffe so wenig anwendet, wie man moralische Begriffe anwendet, wenn die Wolken sich bilden und der Blitz von einer Wolke in die andere fährt und dergleichen. So wie man auf diese Naturereignisse sieht, so hat man zunächst auf das zu sehen, was sich da auflöst als physischer Leib. Wir wissen aber weiter, daß der Mensch dann einige Tage verbunden bleibt mit seinem Ätherleibe und daß als eine Art zweite Loslösung die des Ätherleibes vom astralischen Leib und vom Ich geschieht. Wenn der Mensch dann zurückschaut auf den abgelösten Ätherleib, so nimmt sich dieser schon anders aus in seinen Prozessen als der abgelöste physische Leib. Vor allem können wir nach dem Tode von der geistigen Welt aus auf den Ätherleib nicht so hinschauen, daß

__________ 1 2 3

Steiner zit. bei Zander, 1995, 59. Steiner, 1989, 16f. Steiner zit. bei Zander, 1995, 62.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

wir das, was der Ätherleib dann ist und was aus ihm wird, wie ein Naturereignis ansehen können. Das ist gar nicht der Fall, sondern dieser Ätherleib zeigt uns in seiner Eigenart, wie in ihn verwoben, was wir als Gesinnungen unserer Seele in uns getragen haben bis zu unsesale des ätherischen Leibes anzuschauen 1.

Anschließend trennt sich auch der Ätherleib ab, und es verbleibt der Astralleib, in 2 . Der Mensch tritt mit seinem Astralleib dann in den Läuterungsort Kamaloka ein, wo er sich ungefähr dreißig Jahre lang von den sinnlichen Orientierungen des Erdenlebens befreit. Anschließend erschließt sich dem Menschen die geistige Welt Devachan. Dort tritt ihm seine karmische Vergangenheit wie real entgegen. Das Ich gestaltet sich nun, einem Architekten vergleichbar, aus diesen karmischen Realitäten des vergangenen Lebens seinen Selbstentwurf für die nächste Inkarnation. An diese karmische Vorgabe ist es in seiner gestalterischen Arbeit gebunden. Später sucht sich 3 n . Diese Form der auf dem karmischen Material aufbauenden fortschreitenden Selbstgestaltung steht in engstem Verhältnis zum neuzeitlich-abendländischen Fortschrittsglauben. Entsprechend orientiert sich Steiner hier am Paradigma der biologischen Evolutionstheorie. Es gibt deshalb für ihn kein völliges Scheitern(Wollen) aus Freiheit, das der christlichen Höllenvorstellung entspräche. Dem Menschen wird kein radi des Menschengeistes bedeutet sein Fortschreiten durch immer neue Verkörperun4 . Durch eine entsprechende Schulung soll nach Steiner der Mensch zur Erkenntnis seiner vorhergegangenen Inkarnationen kommen können. Diese Schulung ist edanken, welche also eine Wiederverkörperung leugnen, wandeln sich um in dem wiederverkörperten Leben in innere Nichtig 5 . Am Ende dieser Evolution werde der Mensch über seinen Körper frei verfügen und Nachwuchs zeugen durch das reine Aussprechen des Gedankens an diesen Vererbung zugunsten einer alchimistischen Erschaffung des Menschen aus dem 6 .

__________ 1 2 3 4 5 6

Steiner, 1991, 200f. Steiner zit. bei Zander, 1995, 63. Steiner zit. bei Zander, 1995, 64. Steiner zit. bei Zander, 1995, 65. Steiner zit. bei Zander, 1995, 69. Hummel, 1988, 94.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

c.

169

Grundzüge des Abendländischen Reinkarnationsglaubens

Will man die indirekte und durch die Massenmedien popularisierte Aufnahme dieses anhand MacLaines und Steiners exemplarisch erörterten Abendländischen Reinkarnationsglaubens charakterisieren, so erhalten wir folgende grundlegenden Züge, die sich im Sinne einer begrifflichen Rekonstruktion des gelebten Reinkarnationsglaubens nicht unbedingt in den einzelnen Vertretern dieses Standpunktes rein darstellen müssen1. Reinkarnation wird im Abendländischen Reinkarnationsglauben mit Fortschrittsgläubigkeit verbunden und als immer bewussteres, diachrones Weiterleben eines substanziellen Ichkerns in verschiedensten Körpern verstanden. Reinkarniert werde ein innerer Wesenskern, der die Unverständigkeiten und psychischen Beschränkungen der Alltagspersönlichkeit2 schrittweise hinter sich lasse. Dabei sei diese Vervollkommnung getragen durch eine ontologisch begründete ausschließe. Die Frage nach dem möglichen Anfang und dem möglichen Ende der Reinkarnationsfolge ist auf diesem Standpunkt höchstens ein Randthema und deshalb erscheinen Geburt und Tod nicht mehr als entscheidende Zäsuren des Lebens. Das eigene Leben wird für Reinkarnationsgläubige faktisch unverbindlicher und verantwortungsentlastet. Verschiedenste Lebens-Rollen könnten in einem Leben experimentell vollzogen werden, das oft als Schule, Übungsplatz, Abenteuer oder Drama (niemals als Tragödie!) bezeichnet wird. In dieser Weise wird auch der das Le eigene Macht prinzipiell wieder korrigiert werden. Der eigene Körper wird dabei oft als akzidentiell und sogar als hinderlich gesehen3. Eingebettet ist die sich reinkarnierende Seele in einen Kosmos, der Ausdrucksgestalt eines unbewusst wirkenden Evolutionsgottes ist 4 und der sich in seiner göttlichen Qualität durch endliche vernünftige Wesen (Menschen und Außerirdische), die sich möglicherweise auf unterschiedlichen Seinsstufen befinden, zu artikulieren lernt5.

__________ 1 2 3

4 5

George Trevelyan zit. bei Feder, 1991, 55.

Katechismus ablesen.

an einer Stelle. Vgl. dazu MacLaine, 1990, 335. Auf dieses Gottesbild und seine philosophischen Kontexte werden wir weiter unten eingehen.

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DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DES KONSUMISMUS

eines unpersönlichen Substrats, einer grundlegenden Lebenskraft des Kosmos, die sich in den vernünftigen Wesen artikuliert. In einer Bewegung der Entkörperlichung vervollkommne der sich vergöttlichende Mensch selbst. Es gebe 1 einen un , an dessen Ausgestaltung, der voll2 , alle Wesen mitwirkten. Der Gewissheitsgarant für diese evolutive Kosmotheologie bzw. für den Reinkarnationsglauben sei neben empirischen Beweisen (déjàvu-Erlebnisse, Spiritismus, UFO-Sichtungen) das eigene Gefühl3. Der Abendländische Reinkarnationsglaube beinhaltet einen eindeutigen Primat der Ichentwicklung gegenüber dem kommunikativen Aspekt der Selbst- und Welterschließung. Da das konkrete Du (wie auch das konkrete Ich) weitgehend als zur Alltagspersönlichkeit gehörig angesehen wird, wird ein Du eher als zur Eigenentwicklung nützliche, transformative Beziehung4 verstanden. Dem zunehmenden Singledaseinsgefühl in der hochentwickelten Konsumkultur entspricht hier ein metaphysisches System. Durch den Bezug des Individuums auf eine lange Kette vergangener und zukünftiger Inkarnationen werden die metaphysischen Orientierungsaufgaben der Moderne zu bewältigen versucht. Die kopernikanische Orientierungsaufgabe erscheint verkraftbar durch den Gedanken an Reinkarnationen auf anderen Planeten. Die Unüberschaubarkeit der Naturgeschichte (darwinische Orientierungsaufgabe) wird zugänglich durch den Bezug auf die mögliche eigene Erinnerung an frühe tierische und menschliche Stadien. Der Unauslotbarkeit des eigenen Unbewussten (freudianische Orientierungsaufgabe) stellt der Reinkarnationsglaube die Vision einer vollendeten Bewusstheit der eigenen Reinkarnationen und damit des eigenen inneren Lebens gegenüber. Die androidische Orientierungsaufgabe wehrt dieser Glaube durch den Gedanken eines nahezu universalen Switchens in andere Körper und so auch in androidische Gestalten ab. Des Weiteren scheint die Beruhigte Endlichkeit im Reinkarnationsglauben auch die Traditions- und Individualisierungskrise der Moderne zu bewältigen. Wenn ein Mensch sich prinzipiell an viele Leben in den un__________ 1 2 3

MacLaine, 1990, 102. MacLaine, 1990, 328. lich. Ich fühle

4

Marylin Ferguson zit. bei Feder, 1991, 80-85.

§ 18 DIE RELIGIONSFÖRMIGKEIT DER KONSUM- UND LEISTUNGSKULTUR

171

terschiedlichsten Kulturen und Epochen erinnern kann, dann ist die Menschheitsgeschichte etwas sehr Vertrautes und genauso erscheint das Leben im unübersichtlichen einundzwanzigsten Jahrhundert als typischer Fall einer sich in die weiteste (auch intergalaktische Dimension erstreckende) Pluralität des eigenen Existierens. Typisch ist für den (sich auch im Reinkarnationsglauben niederschlagenden) Neo-Paganismus die Suche nach einer Einwurzelung im Uralten und Unvordenklichen. Die Pluralität im eigenen reinkarnierenden Selbstvollzug ist in unserer Kultur auch schon angelegt in einem Pluralismus, der zum Relativismus werden kann.

Fünfter Hauptteil: Postmodernes Vernunftmisstrauen § 19

I.

Wissenschaftstheorie, Vernunftverzweiflung und Relativismus: der prinzipielle Weg zu den Fiktionen der Science alle Gedanken Reisenden gleichen . Modernität und das Relativismusproblem

Der amerikanische Schriftsteller Ronald Sukenick (1932-2004) schreibt in Death of the Novel ealität, es gibt keine Zeit, es gibt keine Personalität. Gott war der allwissende Autor, aber er starb, und seit unsere Wirklichkeit die Rechtfertigung durch einen Schöpfer vermissen lässt, gibt 1 es keinen Garanten für die Authentizität der empfangenen Ver . In Anlehnung an Microsoftterminologie kursiert einmal aus anderer Terminologie zum Sprechen zu bringen der Slogan Reality is just another window. Hellsichtig hat Friedrich Nietzsche (1844-1900) in Die Fröhliche Wissenschaft fern wir die Möglichkeit nicht abweisen können, daß sie unendliche Interpretationen in sich schließt 2. Zur Intellektualität der Moderne gehört der thematische oder unthematische Umgang mit dem Gefühl der Relativität von Standpunktnahmen. Diese Erlebnistönung kann, muss aber nicht dazu führen, dass man alles für relativ hält. Honoré de Balzac (1799-1850) schreibt in seinem Vetter Pons wunderung und verstehendes 3 . Reisende ziehen weiter, nichts bleibt von ihnen als eine leere Wartehalle, die die nächsten und übernächsten Reisenden ad infinitum und manchmal auch einen Flaneur4 aufnehmen wird.

__________ 1 2

3 4

Sukenick, 1992, 41 (Übersetzung L.H.). Nietzsche (Frenzel), Bd. 1, 525 (§ 374); auf diese Stelle macht Ferry, 1992, 288 aufmerksam. Vgl. dazu sein Konzept des Übermenschen, der in dieser durch keinen Schöpfer gegabe, die der Mensch selbst ist mann, 2001, 147). Adorno verbindet später diesen Gedanken der Fülle der Interpretationen mit dem der Verdinglichung. Balzac, 1977, 17. Vgl. dazu Weppen, 1995, 90-104, Höhn, 1994 und Baumann, 1997.

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POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

Der deutsche Schriftsteller Hermann Kasack (1896-1966)1 berichtet im Hinblick auf die Entstehungsgeschichte seines Romans Die Stadt hinter dem Strom über einen Traum im Herbst 19412. Über seinen Traum, sein Initialerlebnis, Jener Traum entrückte mich in das Reich der wirklich Gestorbenen. Mir schien, als wiesen sie noch Reste des Lebens auf, die sich, rascher und langsamer, verloren, bis das individuelle Bewusstsein ins Anonyme, in das 3 völlig Tote unter . Diese visionären Bilder arbeitet Kasack in seinem Buch aus. Der Altorientalist Dr. Robert Lindhoff wird von einer ihm unbekannten Präfektur als Archivar und Chronist eingestellt. Die Reise zur Präfektur führt ihn ins Totenreich. Er erlebt mit, wie das Leben der Menschen hier langsam ausklingt. Er lernt den Schriftsteller Leonhard kennen und sieht, wie sich dessen ugendliche Leonhard konnte sich schließlich nicht enthalten, mit dem Mittelfinger leicht gegen einen weiteren Bücherrücken zu schnippen, mit dem Erfolg, dass die Seitenbündel knisternd heraussprangen und wie modrige Baumblätter umherflatterten. Als der Schriftsteller 4 nach einigen haschte, zerbrö . Im Wissen um die radikale Endlichkeit menschlichen Seins und menschlicher Leistungen fährt Robert am Ende des Romans wieder in das Diesseits der Lebenden zurück. Kasack stellt uns vor das Problem: Ist jetzt nach dem für viele so erlebten Tode des Christengottes alles vortodliche Denken relativ? Der Wissenschaftstheoretiker Rupert Lay (*1929) schreibt in seinem Buch über Nachkirchliches Christentum. Der lebende Jesus und die sterbende Kirche (1995) über seine konstruktivistische Erkenntnistheorie heißt eine Erkenntnistheorie, die davon ausgeht, daß unser kognitives System (Sinne, Verstand, Vernunft) durch eine offene Menge bei einem jeden Menschen verschieden miteinander verbundener Hirnfunktionen beschrieben , Modell) erzeugen. Selbstverständlich ist eine konstruktivistische Erkenntnistheorie selbst 5 s . Für ihn gibt es keine geltungskonstitutive Bedeutung der Vernunft mehr. Auf die selbstgestellte im Gehirn keine höchste Entscheidungs- und Kontrollebene außer der Selbster6 .

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Ich orientiere mich an Stimpson, 1995 und Hubl, 2003. Kasack, 1956, 350-354. Kasack, 1956, 353. Kasack, 1996, 232. Lay, 1996, 248. Lay, 1996, 246.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

175

Selbsterfahrung, ohne den Anspruch diese in einem sachhaltigen und damit überindividuellen Objektivitätsbezug zu orten, hat aber keine übergreifenden Maßstäbe außerhalb des Individuellen. 1

zum Problem der möglichen Objektivität von

Erkenntnis sieht anders aus: Nach der Feststellung, dass sich das alltägliche Bewusstsein zunächst auf Weltstücke richtet, wird darauf verwiesen, dass das alltägliche Bewusstsein auch aus dem Modus des Außer-Sich-Seins zu sich zurückkehren kann. Dieses Rückkehren ist Reflexion durch das Vermögen der Rückkehr zu sich erweist sich das Bewusstsein als Selbstbewusstsein das Denken bedenkt sich selbst. Nun ist es fraglich, ob man diese noetische Reflexion zum fundamentalen Prinzip der Philosophie machen kann, da hier etwa die Unklarheit auftaucht, ob die Noesis in einen epochalen, soziologischen oder psychologischen Kontext unmittelbar eingeordnet und damit ihres Wahrheitsanspruchs beraubt werden kann. Die noematische Reflexion bedenkt das Ergebnis des Aktlebens. Auch sie stößt auf die gleichen methodologischen Schwierigkeiten wie die noetische Reflexion, insofern das Noema in der Subjektivität gründet und nicht deutlich gemacht werden kann, inwiefern das Noema wirklichkeitsbezogen objektiv ist. Für das Noema ist aber nicht nur Gehaltlichkeit konstitutiv, sondern auch Geltungsdifferenz. Transzendentalphilosophie setzt an dieser Stelle mit einer noematischen Geltungsreflexion auf das Subjekt als Geltungs- und nicht als Konstitutionsgrund an. Wie muss eine solche Reflexion verfahren, die nach der Gültigkeit von Erkenntnis fragt? Die Reflexion zeigt die Momente auf, die der Erfahrung ihre Gültigkeit verleihen. Die klassische Vorgehensweise der Philosophie besteht dann darin, herauszuarbeiten, dass jeder Selbstvollzug das Sein selbst voraussetzt als Gegenstand in der Idee, aber als Idee eines Gegenstandes, der als unabhängig von der Idee als Sein selbst habend gedacht werden muss, des Weiteren als in seinem Sein selbst erkannt werden soll und zum dritten zumindest anfänglich objektiv erkannt werden kann. Oder kurz gesagt: Wer sagt, dass alles relativ sei, kommt nicht umhin, den absoluten Wahrheitsgehalt seiner Aussage zu beanspruchen und damit in einen Selbstwiderspruch zu geraten. Diese formale Argumentation nimmt dem Leiden unter dem Relativismusverdacht des eigenen Erkennens aber nicht seine existenzielle und epochale Härte. Rupert Lay scheut vor diesem letzten Schritt des Konstruktivistischen zurück und postuliert, sich gleichsam heim in das Reich des klassischen Philosophierens wendend: sind, dieses exogen zu aktivieren. 2. Das kognitive System erkennt sich selbst in einigen Funktionen des realen Gehirns nicht nur in seinem Dasein, sondern auch in seinem Sosein wenigstens grundsätzlich, wenn auch nicht in Einzelheiten, zutreffend. 3. Das kognitive System erkennt zutreffend, daß es (nach ihrem Dasein und Sosein kommunikativ interagie

2

.

__________ 1

2

Ich verweise hier etwa auf Cramer, 1954 und 1957; Holz, 1984; Hönigswald, 1969f und 1976f; Lotz, 1978 und 1979; Wagner, 1967. Ein philosophiediaktisches Meisterstück stellt in dieser Hinsicht Hegels Phänomenologie des Geistes dar. Terminologisch orientiere ich mich in der folgenden Passage an Wagner, 1967. Lay, 1996, 250.

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In diesem Paragrafen werden einige verschlungene Wege nachgezeichnet, auf denen sich die Moderne mit diesem Problem des Konstruktivistischen und Relativistischen auseinandersetzt. Relativismus soll hier zunächst negativ1 bestimmt und sodann in einem zweiten Schritt positiv als eine grundlegende Lebenshaltung verstanden werden. Der Ausgangspunkt des Relativismus besteht in der Zustimmung zu vier Behauptungen, die alle vier für sich noch nicht relativistisch sind. Erstens wird vorausgesetzt, dass es keine universale Übereinkunft über das geben kann, was das Wahre, Schöne, Gute und Bedeutungsvolle sei. Zweitens könne es keinen objektiven Standpunkt außerhalb der individuellen menschlichen Erlebnisweise geben. Drittens seien das Wahre, Schöne und Gute überzeitliche Ideen, die sich nicht gültig verzeitlichen könnten. Viertens könne es keine allein wahre Behauptung über irgend einen Wirklichkeitsbereich geben. In diesen Grundzusammenhang tragen sich dann die verschiedenen erkenntnistheoretischen Standpunkte wie die Behauptung der universalen Sprachlichkeit aller Bedeutungen, ihre Beziehung auf willkürliche Begriffskonstruktionen, auf Theorien und Wissenchaftsparadigmen, auf kulturelle, wissenssoziologische, persönliche oder epochale Kotexte ein. Wenn wir nun Relativismus positiv bestimmen, dann fügen wir zu diesen Aspekten noch den einer Entscheidung hinzu, jeden möglichen Bezug auf den Gedanken einer metaphysisch transzendenten oder transzendentalen und damit durchaus formalen Idee von Wahrheit, Gutem und Schönem zu bestreiten. Relativismus wird dann als eine mögliche Grundhaltung verstanden.

Die empiristische Wissenschaftstheorie mit der dieses Hauptkapitel in das Thema einsteigt setzt bei einem empirisch und mathematisch hochabgesicherten Objektivitätsbewusstsein an und endet im Sumpfland (Sir Karl Popper, 1902-1994). Die Kritische Theorie Theodor Wiesengrund Adornos (19031969) gelangt zum immer intensiveren und spannungsreichen Durchleben einer Verzweiflung an der Vernunft um der Vernunft willen, postmoderne Philosophien versuchen das Bewusstsein der Unanschaulichkeit moderner Wissenschaftlichkeit durch eine spätromantische Psychisierung der wissenschaftlichen Vernunft zu bewältigen. Konsequent durchlebt Charles Hoy Fort (1874-1932) diese Relativismuskrise. Der österreichische Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend (1924-1994) beschließt in meiner Darstellung den Reigen der mit dem Relativismus Ringenden, weil er die Flucht in den Fundamentalismus und in das Fiktive antritt und damit auf eine weitere Gestalt des modernen Geistes vorweist, die anschließend als materialer Anweg zu den Fiktionen der Science thematisch sein wird2.

__________ 1 2

Vgl. dazu Baghramian, 2004, 2-18. Zu den ethischen Konsequenzen vgl. Rorts, 1993 und Shusterman, 1994.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

II.

Das Problem der Unanschaulichkeit moderner Wissenschaft

1.

Tatsachen und Umformungsregeln (Wittgenstein)

177

Ludwig Wittgenstein (1889-1951) schreibt im Tractatus logico-philosophicus (1921), dass Logik und Mathematik nichts über die Welt aussagen1, sondern Arten von Umformungsregeln und internen Beziehungen und Symbolen darstellen. Damit wird implizit schon ein Problem formuliert: Verliert die moderne empirische Wissenschaft paradoxer Weise die Realität? Erkenntnistheoretisch 2 t machen und nicht schlichte vorsprachliche Ansich-Bezüge haben. Deshalb entsprechen im Tractatus Worte Dingen und Sätze Tatsachen mit interner Struktur3. Auf dem Hintergrund alltäglicher Vorstellungen vom Empirismus oder Positivismus scheint es hingegen so zu sein, dass Wissenschaftstheorie Wissenschaft im engsten Bezug zur Erfahrungswirklichkeit darzustellen hat. Empirische Wissenschaft sollte sich so die gängige Meinung gerade der Realität in höchstem Maße zuwenden. Die wittgensteinsche Rede von einer Fundierung dieser Wissenschaftstheorie in einer Reflexion mathematischer Strukturen, die für sich nichts zu bedeuten scheinen und keine Gegenstandsbezüglichkeit außerhalb ihrer selbst haben sollen, wirkt dann geradezu als Widerspruch in sich. Verschärft wird diese Spannung noch dadurch, dass auch die Ergebnisse der empirischen Wissenschaften selbst und nicht nur die mathematischen Methoden den Bereich der alltäglichen Anschaulichkeit verlieren. Ich möchte in diesem neunzehnten Paragrafen darstellen, wie sich in der empiristischen Wissenschaftstheorie bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein und auch auf dieser aufbauend in der postmodernen Philosophie eine relativistische Haltung ergeben konnte, die zugleich auch einen Hang zum religionsförmigen Fundamentalismus aus sich entlässt. Neben den Prozessen der metaphysischen Orientierung in einem kopernikanischen, darwinischen, freudianischen und einem kommenden auch androidisch geprägten Kosmos und neben den Individualisierungs- und Modernisierungsschüben der Moderne ist ein Grund für das sich ausbreitende relativistische Lebensgefühl die lebensalltägliche Unanschaulichkeit der modernen, mathematisch bestimmten Wissenschaft.

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2 3

Vgl. dazu Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Zu Wittgensteins Verständnis der Mathematik vgl. Bernays, Betrachtungen zu Ludwig Wittgensteins ,Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (in: ders., 1976, sowie Wright, 198o). Wittgenstein, 1964, 2.1. Wittgenstein, 1964, 3.14-3.1432.

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2.

Ein mathematisches Beispiel begrenzter Vorstellungsfähigkeiten: Vom Apfelplaneten zum Universum

Ein durch jeden nachprüfbares Beispiel, wie mit Hilfe einer einfachen Mathematik ein Ergebnis erzielt werden kann, das unser alltägliches Vorstellungsvermögen überschreitet, soll im Folgenden als anschaulicher Einstieg in die eben gegebene Problemstellung dieses Kapitels dienen1. Wir denken uns eine Mathematiker-Erde, die genau kreisrund ist und einen unserer Erde nahezu entsprechenden äquatorialen Umfang von genau 40.000 Kilometern hat. Ein Konstrukteur baut nun ein Band, das genau 40.000 Kilometer und 1 Meter (= 0,001 km), also 40.000,001 Kilometer lang ist. Das Band soll weiter so unser Konstrukteur überall gleich hoch auf Säulen über dem Äquator unserer Mathematiker-Erde stehen. Wie weit steht dieses Band von der Mathematiker-Erde ab? Welche Säulen-Höhe muss unser Konstrukteur einplanen? Bevor wir diese Fragen beantworten, schauen wir uns einen anderen Konstrukteur an. Er nimmt einen kleinen runden Planeten, der ungefähr den Um-Planeten hat einen Umfang von 24 cm. Auch er baut wie der erste Konstrukteur ein Band, das genau um einen Meter länger ist als der Umfang des Apfel-Planeten, und setzt es auf Säulen. Er verlängert also die Äquatorlänge um 1 Meter und erhält damit ein Band von 1,24 Metern Länge. Wie hoch sind seine Säulen? Die folgende Rechnung kann den Unterschied zwischen strengem Denkergebnis und seiner Vorstellbarkeit deutlich machen: Der Umfang (U) eines Kreises ist U 2 r , wobei r der Radius des Kreises ist. Sei U M der Umfang der ,MathematikerU M 40.000km und U A der Umfang des ,ApfelU A 24cm . Berechnen wir nun die Säulen-Höhe für die beiden Fälle. Die (noch unbekannte) Säulen-Höhe bezeichnen wir mit x. Beginnen wir mit der kerDie Länge des Bandes BM beträgt BM U M 0,001km 40.000,001km . Legt man aus diesem Band einen Kreis, so entspricht sein Umfang der Bandlänge BM . rM plus die Säulenhöhe x , also rM x . Setzen wir dies in die Formel zur Berechnung des Kreisumfangs ein, so ergibt sich für den Umfang des Kreises, der aus dem Band gelegt wird: BM U M 0,001km 2 rM x 2 rM 2 x und für den Umfang der ,MathematikerU M 2 rM . Daraus ergibt sich durch Einsetzen folgende Gleichung: 2 rM 0,001km 2 rm 2 x , woraus folgt, dass 0,001km 2 x entsprechen, folglich x 0,001km ist. Also sind die Säulen der

__________ 1

2

Ich habe auf keine Fernsehsendung so viele (verblüffte) Rückmeldungen bekommen wie auf die Campus-Sendung An den G , in der ich dieses Beispiel vorgestellt habe, das mit den mathematischen Kenntnissen der achten gymnasialen Klasse bearbeitbar ist. Dieses Kapitel ist intensiv von Frau Susanne Lenius durchgesehen worden.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

179

Mathematiker-Erde 1 Meter hoch. 1 1 2 Da 3,14 , ergibt sich als Säulenhöhe 2 3,14 m 6,28 m 0,1592m 15,92cm Analog errechnen wir die Säulenhöhe für den Apfel-Planeten: BA

UA

UA

2

0,001km

2

rA

x

rA , also muss 0,001km

2

2

höhe auf dem Apfel-Planeten die Höhe

rA

2

x

x sein. Somit ergibt sich auch für die Säulen-

1 2

m

15,92 . cm

In beiden Fällen haben die Säulen eine Höhe von 15,92 cm. Dabei spielt es keine Rolle, wie groß der Planet ist, bei dem man das Band anbringt. Diese Rechnung gilt auch für ein Band um die Sonne oder denkt man das Universum als eine Kugel für ein Band um das ganze Universum. Hier aber geraten wir an die Grenzen dessen, was wir uns vorstellen können. In diesem Falle handelt es sich aber um ein Beispiel für ein mathematisches Ergebnis, dessen Unvorstellbarkeit trotz allem noch innerhalb unserer lebensalltäglichen Erlebnisweise loziert ist. Durch die Überprüfung des Ergebnisses mittels Messungen bei Tennisbällen, Fußbällen und Sitzbällen können wir uns das Ganze etwas plausibel machen. Was aber, wenn die Ergebnisse der Wissenschaften vollkommen unanschaulich sind und unserer anthropologischen Sinnesorganisation überhaupt nicht mehr entsprechen? Wird dann nicht alles wissenschaftliche Erkennen für den Alltagsverstand auch willkürlich und relativ auf die Willkür des Erfinders (nicht des objektivitätsbezogenen Entdeckers) einer wissenschaftlichen Theorie reduzierbar? Diese Hilflosigkeit gegenüber den immer unvorstellbareren Theorien der Grundlagenwissenschaften und die selbstgeschaffene Hilflosigkeit populärer empiristischer Wissenschaftstheorien seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wecken das trotzige Denken des überschaubare Weltbilder suchenden Menschen in der Form des postmodernen Philosophen. Zum Widerstand gegen alles, was dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen scheint, wird dann aufgerufen und aus Verzweiflung an den modernen Wissenschaften jede Erkenntnisobjektivität bestritten. Die Unanschaulichkeit der wissenschaftlichen Vernunft gebiert die denkerische Willkür. Diese Denkbewegung der Moderne im Ausgang von scheinbar gesicherter empirischer Erkenntnis zum Relativismus und einer Art erkenntnistheoretischem Dezisionismus soll Thema dieses Paragrafen sein. Am Ende des Relativismus stehen der Fundamentalismus und die Suche nach Halt gebenden Neomythen. Beginnen wir diesen Durchgang mit einem klassischen und wissenschaftstheoretisch bedeutsamen Beispiel für eine unanschauliche wissenschaftliche Denkungsart und wenden uns der nichteuklidischen Geometrie zu.

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180

3.

Nichteuklidische Geometrie und die Grenzen der Vorstellbarkeit

Aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. ist ein geometrisches Lehrbuch überliefert, das vorangegangene Forschungen zusammenfasst. Es sind Die Elemente des Euklid (um 300 v.Chr.) 1. Diese waren bis ins 19. Jahrhundert hinein ein anerkanntes Lehrbuch der Geometrie. Die Erdmessung, die dort systematisiert wird, bezieht sich auf die Weise, wie sich unsere Welt sichtbar macht. Euklids Darstellung beginnt mit der Exposition einiger grundlegender Axiome, die als nicht beweisbar ursprünglich vorausgesetzt werden. Euklid unterscheidet dabei noch Definitionen, Postulate und communes animi conceptiones, wohingegen man heute daran gewöhnt ist, die grundlegenden Sätze eines mathematischen Systems als Axiome zu bezeichnen. Zu diesen grundlegenden Sätzen, die sich, gemäß der traditionellen Philosophie der Mathematik, als unmittelbar einsichtige darstel Geraden trifft und mit ihnen auf der selben Linie innere Winkel bildet, deren Summe kleiner ist als zwei Rechte, dann treffen sich die beiden Geraden, wenn 2 man sie auf dieser Seite ver . Dieses euklidische Postulat wird als Parallelenpostulat bezeichnet, weil aus ihm unschwer zu folgern ist, dass durch einen Punkt P, der außerhalb der Geraden g liegt, höchstens eine Parallele zu g geht. Diese Folgerung entspricht vollkommen unserer alltäglichen Raumanschauung. Es ist das Skandalöse für viele Mathematiker, dass diese als grundlegendes Axiom festgelegte Aussage, aus den übrigen Axiomen nicht bewiesen werden konnte, aber auch nicht bewiesen werden konnte, dass es tatsächlich unabhängig von den übrigen Axiomen ist. Dieser Bemühung widmete man sich fast zweitausend Jahre3. Die Erfahrung des Parallelenpostulates als Skandalon der Mathematik fußt auf Platons (427-347 v.Chr.) Ideenlehre und Aristotele -322 v.Chr.) späterem Axiomenverständnis4 als unbeweisbaren Sätzen zurückgehenden Voraussetzung, dass es mathematische Ideen gebe, die sich aus der Bezugnahme auf diese Ideenwelt unmittelbar erschlössen. Es ist die Annahme dieser inhaltlichen Auffa Gegenständlichkeiten eine be bezeichnet wird. Weil sie sind, sind sie mit ganz bestimmten Eigenschaften; diese sucht der Mathematiker zu erforschen. Er der mathematischen Entitäten gibt, die er in ähnlicher Weise erforscht wie der Naturwissenschaftler die äußere Reali 5.

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2 3 4

5

Euklides, 1933. Dieses Kapitel ist intensiv von Herrn Dipl.-Math. Nico Hauser durchgesehen und bearbeitet worden. Zit. nach Meschkowski, 1971,13. Meschkowski, 1969,14. So etwa: Platon, Politeia VI, 510c-511b und Aristoteles, Analytica posteriora I, 10. Vgl. dazu Carls, 1974, 5-21 sowie Szabó/ Oeing-Hanhoff, 1971, 737-748. Wittenberg, 1957,33. Wittenbergs Untersuchung hat mir geholfen, den Übergang von Mathematik und Logik zur allgemeinen und speziellen Wissenschaftstheorie verstehen zu

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Diese platonistische Interpretation der Mathematik geht von der Voraussetzung aus, dass mathematische Sachverhalte "entdeckt und nicht erschaffen (werden, L.H.). Die Formalismen, in denen mathematische Sätze ausgedrückt werden, dienen der Beschreibung solcher objektiv existente Sachverhalte. Darum sind sie mehr als bloßes Mittel zum Zweck und dürfen nicht nach Belieben abgeändert werden, um irgendwelche Schwierigkeiten zu beseitigen 1.Wird die Matheiker vor einem Abgrund, wenn eine Beweislücke von der Qualität des Parallelenpostulates auftaucht. Der ungarische Mathematiker Wolfgang Bolyai (1775-1856) schreibt warnend an seinen Sohn Johann (1802elen auf jenem Wege nicht versuchen; ich kenne diesen Weg bis an sein Ende auch ich habe diese bodenlose Nacht durchgemessen, jedes Licht, jede Freude meines Lebens sind in ihr ausgelöscht worden ich beschwöre dich bei Gott, laß die Lehre von den Paralle en, mich für die Wahrheit aufzuopfern; ich wäre bereit gewesen, zum Märtyrer zu werden, damit ich nur die Geometrie von diesem Makel gereinigt dem menschlichen Geschlecht übergeben könnte. Schauderhafte, riesige Arbeiten habe ich vollbracht, habe bei weitem Besseres geleistet, als bisher geleistet wurde, aber keine vollkommene schaut habe, daß man den Boden dieser Nacht von der Erde aus nicht erreichen 2 kann, ohne Trost, mich selbst und das ganze Menschengeschlecht bedau . Neben der begriffsrealistischen inhaltlichen Interpretation der Mathematik und überhaupt der Unklarheit des Problems gibt es noch ein anderes Argument, das unbeweisbare Parallelenpostulat als Skandal und Herausforderung zu empfinden. Dem Bezug auf die reinen Ideen entspricht zugleich ein Bezug auf unsere lebensalltägliche Raumanschauungsweise. Es erscheint uns einfach natürlich, dass es durch einen Punkt zu einer Geraden nur eine Parallele geben dürfe. Eine solche Geometrie sollte in sich nicht schlüssig im Sinne von unbeweisbar, aber intuitiv einleuchtend, sein3? Skandalös war auch, dass diese Frage nicht entschieden werden konnte. In der griechischen Antike gibt es Versuche, es zu beweisen, nicht es zu widerlegen. Aber immerhin hat Euklid es als Postulat formuliert. Den erbitterten Streit um diese Frage, ob es denn ein Postulat sei, zeigen drei Zitate aus dem Kommentar von Proclus (410-485) zu Euklids Ele-Postulat ist zu streichen von der Liste der Postulate, 4

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1 2 3

4

lernen. Zur Grundargumentation dieses Abschnittes vgl. Nordhofens Untersuchung 1976, 29-94. Volkert, 1986, 188. Zit. nach Meschkowski, 1969, 5. Zum Leibapriori der euklidischen Geometrie und dem theoretischen Hintergrund der nichteuklidischen Geometrie vgl. Einstein, 1920. Proclus, 1945, 301.

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lenpostulat stehe nicht für sich selbst, (aus Evidenz, d.h. als Selbstverständlich2 . In der griechischen antiken Mathematik herrscht durchaus keine Einigkeit darüber, was eigentlich evident ist. Für Euklid ist das fünfte Postulat evident, so dass er es nicht beweisen muss. Proclus dagegen meint, gerade weil es evident sei, könne man es auch beweisen. Zwar gilt es allgemein als wahr, aber eben nicht allgemein als beweisbar. Anders ausgedrückt: die Frage ist umstritten, ob das Parallelenpostulat ein Axiom (im von Aristoteles, als Gegenständlichkeit mit einem idealen Sein) oder ein Satz (d.h. eine zu untersuchende Eigenschaft einer dieser Gegenständlichkeiten) ist. John Wallis (1616-1703) und Thomas Hobbes (1588-1679) haben einen erbitterten Streit darüber. Giovanni Saccheri (1667-1733) ging schon anders herum vor (und bereitete ungewollt den Boden für den Beweis der Nichtbe1

beneinander. Zwar ist er überzeugt, dass nur der erste Fall richtig ist; der Rest nung, dass die letzten beiden zum Widerspruch führen, was ihm aber nicht zu zeigen gelingt (wir wissen warum: sie stimmen eben auch). Aber immerhin kann er die anderen Fälle schon einmal logisch denken. Mit genau dieser geistigen Grundlage (wenn auch vielleicht nicht direkt mit der Schrift von Saccheri) arbeiteten dann Bolyai und Lobatschewski. Man kann trotzdem von einer Beweislücke zu sprechen. Denn zum einen haben die meisten Mathematiker, die sich mit dem Parallelenpostulat beschäftigt haben, versucht es zu beweisen; fast alle haben geglaubt, dass es wahr ist. Zum anderen beinhaltet der Begriff der Beweislücke sowieso auch die Möglichkeit der Widerlegung. Wir haben es bei der euklidischen Geometrie mit einer Konzeption zu tun, die den lebensalltäglichen Subjektvollzug im Raum zu wahren weiß, auch wenn sie keine eng physikalische Geometrie ist, die den Geometer zum Landvermesser macht. Es gibt bis zum 18. Jahrhundert eine relativ anschauungskonforme 3 . Die nichteuklidische Geometrie ist ein Element, dass sich Sätze, die von der lebensalltäglichen Anschau4 , plötzlich analytisch als falsch erwiesen. In den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wird nun diese erkenntnisrelational geordnete Welt auf den Kopf gestellt. Die breite __________ 1 2 3 4

Proclus, 1945, 295. Proclus, 1945, 321. Volkert, 1986, 91. Volkert, 1986, 91.

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innermathematische Rezeption der nichteuklidischen Geometrie findet erst ab 1860 statt1. Es gelingt dem russischen Mathematiker Nikolai Iwanowitsch Lobatschewski (1793-1856) und Johann Bolyai unabhängig voneinander, eine nichteuklidische Geometrie zu begründen, in der das fünfte Postulat Euklids nicht gilt, es also auch nicht gilt, dass es durch einen Punkt zu einer Geraden in der durch Punkt und Gerade bestimmten Ebene nur eine Parallele geben könne. Bolyai und Lobatschewski nehmen einen grundlegenden Perspektivenwechsel vor. Das einem euklidischen Weltbild entsprechende Subjekt lebensalltäglicher Anschauung wird durch das nichteuklidische Parallelenpostulat suspendiert: der Geraden g von E min2 des . Mit diesem Postulat überschreiten wir die Grenzen 3 des Vorstellbaren . Auch wenn uns die nichteuklidische Geometrie anschaulich unvorstellbar ist, so ist sie in sich doch widerspruchsfrei möglich und tilgt das Problem der Unbeweisbarkeit des ometrie genannt hatte. selwinkeln ( und 1) geschnitten. mit AB einen von verschiedenen Winkel 4 .

Der Winkel = liegt am Punkt B (also zwischen h und k), der Winkel 1 am Punkt A (also zwischen g und k). Die Möglichkeit, nichteuklidisch zu denken, ergibt sich intuitiv daraus, daß man bei einer Messung in unserer uns anschaulich möglichen Wirklichkeit für einen Winkel der sich nur minimal von unterscheidet, die Frage eines Schnittpunktes faktisch nicht experimentell entscheiden kann, obwohl dies, prinzipiell betrachtet, der einzig gangbare

__________ 1 2 3 4

Volkert, 1986, 89. Meschkowski, 1971,14. Vgl. zum weiteren Kontext: Volkert, 1986. Meschkowski, 1971, 13.

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Weg ist. So schreibt David Hilbert (1862-

urch das Ex1

ist. Wenn nun (

2

. Die Möglichkeit, nichteuklidisch zu denken, ergibt sich intuitiv daraus, daß man bei einer Messung in unserer Wirklichkeit, in unserer realen Welt für einen Winkel sich nur minimal von unterscheidet, die Frage eines Schnittpunktes faktisch nicht experimentell entscheiden kann, obwohl dies, prinzipiell betrachtet, der einzig gangbare Weg ist. So schreibt David Hilbert (18623 ist. Wenn nun ( 4

. Denn je weniger die Winkel sich unterscheiden, desto genauer verläuft B liegt ein potentieller Schnittpunkt. Wenn man den Unterschied der Winkel immer kleiner macht (aber noch größer als 0 werden lässt), kann man irgendwann nicht mehr weit genug zeichnen, um den Schnittpunkt zu zeichnen, falls er existiert. Die Frage bleibt dann für diesen Fall experimentell offen, ob jemals ein Schnittpunkt kommt; und falls keiner kommt, dann hat man eine nicht-euklidische Geometrie. Der berühmte Mathematiker Karl Friedrich Gauß (1777-1855) hat den Versuch unternommen, dies im Harz mit einem Theodoliten empirisch zu überprüfen, konnte dann allerdings aus seinem Experiment keine verantwortbaren Schlüsse ziehen 5.

David Hilbert systematisiert und reflektiert die Konsequenzen einer nichteuklidischen Geometrie in seinen Grundlagen der Geometrie (1899). Die Mathematiker lernen sich hier kennen als Wissenschaftler der formalen Systeme, die keine ontologischen Aussagen über das Wesen mathematischer Gegenstände zu machen brauchen. Der mathematische Gegenstand stehe, so schreibt der ungarische Philosoph Richard Hönigswald (1875schau ten Formelspiels. Der mathematische Gegenstand konstituiert sich, will man es einmal so ausdrüc aber eben als Gegenstand, d.h. 6 geln des Formelspiels und in der Systematik der ,konkreten Zei . Im dem Enthusiasmus, der dem Erlebnis eines Perspektivenwechsels folgt, schreibt Hilbert an seinen Kollegen Gottlob Frege (1848-1925) zur Frage des grundlegenden Kriteriums für die Aufstellung eines Axiomensystems, dass es ihm nur um Widerspruchsfreiheit, Vollständigkeit und Unabhängigkeit der grundlegenden Sätze eines mathematischen Systems gehe. Der ontologische __________ 1 2 3 4 5 6

Hilbert, Naturerkennen und Logik, in: ders., 1970, Bd. 3, 378-387, hier: 383. Meschkowski, 1969, 14. Hilbert, Naturerkennen und Logik, in: ders., 1970, Bd. 3, 378-387, hier: 383. Meschkowski, 1969,14. Meschkowski, 1969,15. Hönigswald, Bd. 1, 1976, 97.

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Charakter der mathematischen Objekte werde erst im in sich geschlossenen Axiomensystem bedeutsam, die so nur für die cht einander widersprechen mit sämtlichen Folgen, so sind sie wahr, so existieren die durch die Axiome de1 finier Hilberts Buch über die Grundlagen der Geometrie kann deshalb mit der einfa Dingen: die Dinge des ersten Systems nennen wir Punkte und bezeichnen sie e des dritten Systems nennen wir Ebenen und bezeichnen sie mit , , , in gewissen gegenseitigen Beziehungen und bezeichnen diese Beziehungen naue und vollständige Beschreibung dieser Beziehungen erfolgt durch die Axiome der 2 Geomet . Es wird hier nichts darüber hinaus gesagt, was diese Gegenstände der drei Systeme außerhalb der Hilbertschen Erklärung sind. Wir können uns zunächst darunter vorstellen, was wir wollen, vorausgesetzt, unsere Vorstellungen sind mit den folgenden Beziehungsbeschreibungen verträglich. In diesem Beschreibungsvorgang interner Beziehungen werden die Objekte der Geometrie implizit weiter definiert und der Möglichkeitshorizont von Vorstellungen, die von außen herangetragen werden könnten, wird so immer mehr eingeschränkt. Implizites Definieren bedeutet damit einerseits, sich nicht mit ontologischen Fragen beschäftigen zu müssen, aber auch, dass der Bezug auf die lebensalltägliche Realwelt immer geringer wird. Andererseits lässt sich aber auch eine derartige ontologisch uninterpretierte Struktur universal erproben die Welt kann so vorzüglich ins Experiment genommen werden. Hilbert schreibt in einem anderen Brief an Fre Punkten irgendwelche Systeme von Dingen, z.B. das System: Liebe, Gesetz, hungen zwischen diesen Dingen annehme, so gelten meine Sätze, z.B. der Satz des Pythagoras, auch von diesen Dingen. Mit anderen Worten: eine jede Theorie kann stets auf unendlich viele Systeme von Grundelementen angewendet 3 wer . In der prinzipiell möglichen Applizierbarkeit der mathematischen Struktur auf unendlich viele Systeme von Grundelementen ergibt sich ein erster Gesichtspunkt zur Beziehung mathematischer Strukturen auf unsere Erfahrungswelt im logischen Empirismus und den späteren Formen der analytischen Wissenschaftstheorie. In seinem Aufsatz über Axiomatisches Denken schreibt Hilbert enthusiastisch: __________ 1 2 3

Zit. nach Meschkowski, 1971, 17. Hilbert, 1968, 2. Zit. nach Meschkowski, 1971, 16.

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glaube: Alles, was Gegenstand des wissenschaftlichen Denkens überhaupt sein kann, verfällt, sobald es zur Bildung einer Theorie reif ist, der axiomatischen Methode und damit mittelbar der Mathematik. Durch Vordringen zu Wesen des wissenschaftlichen Denkens selbst immer tiefere Einblicke und werden uns der Einheit unseres Wissens immer mehr bewußt. In dem Zeichen der axiomatischen Methode erscheint die Mathematik berufen zu einer führen1 den Rolle in der Wissenschaft über . Um im Folgenden die ontologische Neutralität der implizit definierten Subwelten dieser Art des axiomatischen Denkens anschaulich zu machen 2, vereinfachen wir das Grundmodell des nichteuklidischen Perspektivenwechsels.

Auf der Abbildung ist ein Kreis zu sehen, in dessen Inneren zwei Geraden abgetragen (g1 und g2) sind, die sich in dem Punkt A schneiden sowie eine Gerade g, die die Verlängerung von g2 idet. Für die nichteuklidische Geometrie ist die Beschränkung auf die Pseudoebene des Kreises (die wir im Folgenden mit E3 bezeichnen), d.h. die Abblendung jeglicher Außenbeziehungen konstitutiv; innerhalb des Kreises gilt das nichteuklidische Weltbild. Der endlichkeit zu reisen, unserer Anschauung entstammen könnte, muss aus der Interpretation herausfallen. Wir können nun in der nichteuklidischen Geometrie vorausgesetzte Bedingungs- und Bed 3 miteinander vermittelt. Es sei zunächst einmal die E1 Ebene der sinnlich-anschaulichen Wirklichkeit räumlicher Verhältnisse. Die sinnlich-anschauliche Wirklichkeit konstituiert im ersten Transfer die Erarbeitung der klassischen euklidischen Geometrie als die __________ 1 2 3

Hilbert, Axiomatisches Denken, in: ders., Bd. 3, 1970, 156 (Hervorhebungen L.H.). Nordhofen, 1976, 47f. Nordhofen 1976, 50-56.

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Ebene E2. Beweisprobleme von E2 führen zur Entwicklung der nichteuklidischen Geometrie, in der die Grundbegriffe der euklidischen Geometrie insofern transferiert werden (zweiter Transfer), als sich ihre erkenntnistheoretische Brückenfunktion, die Vermittlung von E1 zu E2 und der Fortschritt von ihr zu Ebene E3 auf eine einseitig ins Innere des Systems reduzierte Elementfunktion (im Kreisausschnitt) beschränkt. Nach Hilbert wird jede Form der Geometrie zunächst durch Begriffe und sie beschreibende Axiome festgelegt. Die Begriffe an sich haben keinerlei ontologische Bedeutung; erst durch die aufgrund der Axiome geforderten Beziehungen zwischen den Begriffen entstehen überhaupt ontologische Objekte, die Beziehungen konstituieren die ontologische Bedeutung der Begriffe. Die Widerspruchsfreiheit schließlich ergibt die Existenz. Deswegen spricht Hilbert auch von der experimentellen Unentscheidbarkeit zwischen euklidischer und nicht-euklidischer Geometrie. Bolyai und Lobatschevski steht vor dem Problem, dass die Denknotwendigkeit der euklidischen Geometrie nicht besteht, weil es eben eine sie ausschließende Alternative gibt. Beide äußern direkt, dass damit die Frage -euklidisch ist, offen sei. Bolyai und Lobatschevski lösen die Verbindung zwischen E1 und E2 und sie stellten eine neue zwischen E2 und E3 her, zumindest auf der systeminternen Ebene der mathematischen Methoden. Damit stellen sie das Problem der Wirklichkeitsnähe überhaupt erst. Eine Ebene höher aber ist durch die Sprache noch ein Zusammenhang gegeben. Bolyai und Lobatschevski benutzen die Sprache der euklidischen Geometrie. Hilberts Fortschritt (und der Grund seiner Euphorie) ist, dass er das Problem der Wirklichkeitsnähe nicht etwa löst er erklärt es für sinnlos. Er leugnet einen Zusammenhang zwischen irgendeiner Geometrie und der Wirklichkeit, er war also eine Art Antirealist im Sinne des 19. Jahrhunderts. Zusammenhang mit der Wirklichkeit auf der einen Seite ist bei Hilbert eine Frage der Erfahrung, und die eben liefert keine Entscheidungsmöglichkeit darüber, ob es unsere Welt euklidisch oder nicht-euklidisch ist. Mathematik aber auf der anderen Seite (und damit eine Geometrie) speise sich nicht 1 aus der Wirklichkeit, sondern aus Axiomen. Man könne sie beliebig wählen , damit existierten die durch sie über die Beziehungsbeschreibungen konstituierten Objekte; dies sei auch die einzige ontologische Bedeutung, die ein mathematisches Objekt haben könne. Nur wenn die Axiome widersprüchlich seien, dann sei das System sinnlos und folglich sei dann die solchermaßen konstituierten Objekte nicht existent. Und der sprachliche Zusammenhang sei auch nur Zufall, weil man es so gewohnt sei, von Punkten, Geraden und Ebenen zu sprechen. Es könnten aber auch völlig andere Bezeichnungen verwendet werden. Wir finden also drei Ebenen der Betrachtung: Es ist erstens die Frage einer inhaltlichen der mathematischen Methode: was behandele ich und wie gehe ich an die Problemstellungen heran? Z.B. anschaulich (an der Anschauung orientiert) wie Euklid und Kant, formal mit anschaulichen Begriffen wie Bolyai und Lobatschevski oder rein axiomatisch wie Hilbert. Der zweite Zugriff ist der einer sprachlichen Methode: welches Begriffsuniversum verwende ich z.B. Punkte/Gerade/Ebenen oder Objekte aus den Mengen P, G und E? Und zu dritten der einer erkenntnistheoretischen, Ebene: welche Idee führt zu welchem Transfer von Begriffen oder Vorstellungen, so dass ein neuer Behandlungsgegenstand angegangen wird?

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Vgl. die Einleitung zur zweiten Auflage der Grundlagen der Geometrie (Hilbert, 1903).

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Systemintern betrachtet gibt es keine Beziehung zwischen E1 und E3 . Systemextern betrachtet aber finden wir ein Konstitutionsverhältnis, das es notwendig macht, die Bedingungen des nichteuklidischen Denkens in der Sprache der euklidischen Geometrie zu beschreiben, die wiederum ihren Bezug auf das alltägliche Raumerfahren wahrt. So hat sich der Bezug auf die Erkenntnisleistung des Subjekts in die nichteuklidische Geometrie als konstitutiv für den Vollzug derselben, wiewohl nicht für deren systeminterne Geltung, eingestellt. Diese Sachlage will ich jetzt im Blick auf gleich zu skizzierende Wege des Relativismus verallgemeinern. Für Mathematiker ist die methodisch getrennte, im Alltag zugestandene Verbindung von E1 und E3 zum einen selbstverständlich und zum anderen kein existenzielles oder mathematisches Problem. Ihr innermathematisches Tun erträgt die Unanschaulichkeit des nichteuklidischen Denkens. Was aber, wenn Menschen mit hohen Erwartungen an die Wissenschaft herantreten? Im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft habe ich diese Erwartungen vom genus her als Wissenschaftsvertrauen und von der species her als Wissenschaftsglaube bestimmt1. Unter Wissenschaftsglauben verstehe ich eine Haltung, Wissenschaft nicht nur als lebensbedeutsam anzusehen, sondern als grundlegend lebensbedeutsam für das Gelingen des Lebens im Ganzen. Der Wissenschaftsglaube erhofft sich von der Wissenschaft und der ihr entsprechenden Technologie Lösungen für ein glückendes Leben in seiner Totalität. Die wissenschaftsgläubigen Sehnsüchte geraten in eine Spannung zum Abstraktheits- und Unanschaulichkeitsgrad moderner Wissenschaftlichkeit. Was das Leben gelingen lassen solle, das aber müsse doch auch so die unthematische Haltung vieler gut verständlich sein und es müsse außerdem ganz objektivierbar sein, dass die Wissenschaften wirklich Wirklichkeit bedächten. Was soll man dann aber anfangen mit um populäre Vorstellungen zu verwenden gekrümmten Raumzeiten, Teilchen, die zugleich Wellen sind, Wurmlöchern, Unbestimmbarkeitsrelationen und Quantensprüngen? Vor dem Zweifel meldet sich aber das Interesse an fundierter Objektivität. Diesem Bedürfnis scheint die empiristische Wissenschaftstheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre zu entsprechen. Als dieses Bedürfnis nicht befriedigt werden kann, meldet sich eine Verzweiflung an wissenschaftlicher Erkenntnis. Beide Standpunkte zeichnen sich, wie im ersten Band der Kritik der neomythischen Vernunft zu lesen ist, schon im 19. Jahrhundert ab. Betrachten wir zunächst den objektivistischen Aufbruch in die Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis und sein Scheitern am Beispiel der empiristi__________ 1

Hauser, 2004, 97f.

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schen Wissenschaftstheorie. Dazu wenden wir uns besonders Rudolf Carnap (1891-1970)1 und Sir Karl Popper zu.

III. Rudolf Carnaps wissenschaftstheoretische Utopie vom logischen Aufbau der Welt 1.

Der fundamentalphilosophische Anspruch

Rudolf Carnap publiziert 1923 eine Abhandlung zum physikalischen Wissenschaftsbegriff Über die Aufgabe der Physik2. Er vertritt hier die Auffassung, dass ein reiner Empirismus machscher oder avenarischer Prägung, der sich an je-meinigen Sinnesdaten zu orientieren versuche, unmöglich sei. Die Axiome der Physik seien vielmehr konventionell und nicht bruchlos der Welt korrespondie Zeit hindurch die Frage nach den Quellen der physikalischen Erkenntnis heftig umstritten worden ist, darf heute vielleicht schon gesagt werden, daß der reine Empirismus seine Herrschaft verloren hat. Daß der Aufbau der Physik sich nicht auf die Versuchsergebnisse allein stützen kann, sondern auch nichterfah3 rungsmäßige Grund . Diese Einsicht der frühen logischen Positivisten wird auch in der Konzeption der Begriffe Erkenntnis und Erlebnis in den programmatischen Vorstellungen des WIENER KREISES in Deutschland (1929) und vor dem amerikanischen philosophierenden Publikum (1931)4 deutlich. Es handelt sich hier um die Unterscheidung der wissenschaftsbegründenden Erkenntnis, die intersubjektive Verständigung und Wahrheitsansprüche durch gezielte und logisch kontrollierte Beobachtungen ermöglicht, von einem rein persönlichen Erlebnis. In seinem Essays über die Dreidimensionalität des Raumes und Kausalität (1924)5 Welt alltäglicher Erfahrungen und intersubjektiver Verständigung darstelle und rmation ins Sag- und Denkbare diese zweite Welt sei. Diese Transformation sei weitgehend unbewusste Konstruktion von Gedankenleistungen. Im Gegensatz zur kantschen Konzeption des ,Dinges als an sich selbst betrach 6 ist aber diese erste Welt nicht Resultat einer rekonstruktiven Bewegung der Reflexion über Erfahrung, d.h. als Begriff für die notwendige Bezogenheit von Erkennen und Wirklichkeit zu denken, sondern wird von Carnap __________ 1 2

3 4 5 6

Vgl. zu Carnaps exemplarischer Bedeutung: Haller, 1993, 10. Carnap, Aufgabe, 90. Für den Systementwurf Carnaps vor dem logischen Aufbau der Welt (1928) stütze ich mich im Wesentlichen auf Caton, 1974f. Carnap, Aufgabe, 90. Carnap/ Hahn/ Neurath, Weltauffassung; Blumenberg/ Feigl, 1931. Carnap, 1924. Vgl. dazu Prauss, 1971, sowie ders., 1974.

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als die phänomenale Basis selbst angesehen. Die erste Welt ist nicht schlicht erkennbar. Das Gegebene als unmittelbare Erkenntnisbasis und ineins damit schlicht Erkennbares zu fassen dies wird die grundlegende Spannung in der Ontologie Rudolf Carnaps werden. Carnap sieht dieses Problem schon hier und versucht ihm dergestalt auszuweichen, dass er eigentümlich zwischen einer Anerkennung erkenntnistheoretischer Subjektleistungen und dogmatischem Empirismus zu schweben beginnt. Carnaps erster Philosophie 1 den, wenn wir keine Dinge däch . Vor diesem Dilemma stehend, sucht Carnap eine dritte Position gleichsam ontologischer Neutralität, die das Realismusproblem, das Problem der Transzendenz des Selbst zum Gegenstand, ausklammern soll. Zum Verhältnis von konkretem, direkt gegenstandsbezüglichem Erleben zu physikalischem Erkennen schreibt Car (oder eigentlich metaphysische) Frage nach der Seinsbedeutung der beiden Gebiete soll hier ganz beiseitegelassen werden. Für die Lösung unserer Aufgabe ohne Bedeutung, ob man im phänomenalistisch-realistischen Sinne die Inhalte des ersten Gebietes (z.B. die wahrgenommene Farbe Blau) ,bloße Erscheinunivistischen Sinne die ersteren als ,wir 2 . Verfolgen wir Carnaps Versuch am Beispiel der Schrift Der logische Aufbau der Welt3, dem ersten großen wissenschaftstheoretischen Werk nach der mathematischen Grundlagendiskussion. Interessant für unseren Kontext sind dabei vorzüglich der fundamentalphilosophische Aspekt und seine subjekttheoretischen Implikationen4. Mit Friedrich Kambartel und Susan Haack zähle ich die Untersuchung Der logische Aufbau der Welt unter die Versuche einer Theorie über den menschlichen Verstand zu John Lockes (1632-1704) Ein Versuch über den menschlichen Verstand (um 1670) und Immanuel Kants (1724-1804) Kritik der reinen Vernunft (1781). __________ 1 2 3 4

Caton, 1974f, 635 (Übersetzung L.H.). Carnap, Aufgabe, 100. Ich zitierte im Folgenden aus: Carnap, LA/Seitenzahl. Detaildiskussionen finden sich bei: Eberle, 1975, 55-73, der sich wesentlich auf Goodman, 1951 bezieht; Goodman, 1963; Wedberg, 1975. Zur einer subjektivitätstheoretischen Reflexion des logischen Aufbau der Welt vgl. Caton, 1974f und Kambartel, 1968,149-198. Als nutzbringend im Sinne einer kritischen Abgrenzungsmöglichkeit erwies sich Haack, 1977. Kurze Referate der Grundthesen des logischen Aufbau der Welt liefern Krauth, 1970, 1-21 (vgl. auch 131-149) und Stegmüller, Bd. I, 1969, 351-411.

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Betrachten wir zunächst den Anspruch, den Carnap im Vergleich zu Kants Ansprüchen in den beiden Vorreden (1781 und 1787) der Kritik der reinen Vernunft erhebt, um darzustellen, inwieweit sich Carnap hier selbst als epochal bedeutsam versteht. Carnap legt in seiner intellektuellen Autobiografie dar1, dass er sich zeitweise mit Kant beschäftigt habe. Doch dürfte diese Beschäftigung wohl eher nur äußerlich geblieben sein, da Carnap in der Erwähnung Kants in Der logische Aufbau der Welt in erster Linie aus neukantianischem Gedankengut schöpft. Er beruft sich etwa an einer Stelle auf eine Interpretation Paul Natorps 2 a . So ist die überraschende Gleichartigkeit der auftretenden Metaphern, mit denen Kant und Carnap ihren Beitrag zur epochalen Umwälzung der Philosophie als strenger Wissenschaft darlegen, wohl eher eine Gleichartigkeit, die aus dem Erlebnis eines in ihren Augen grundlegenden Perspektivenwechsels folgt. Beide entwerfen eine Art wissenschaftsgeschichtsphilosophisches Krisenmodell, in dem sich drei Phasen finden. Es ist erstens die Phase der Krisensituation, die sich durchaus sehr lange hinziehen kann. Im Falle der Philosophiegeschichte kann sich diese Krisensituation als die gesamte Vergangenheit erweisen. Sie sei, wie es Kant3 ausdrückt, als Metaphy enen aufklärerischen 4

heben, 5 sollte auch noch so viel geprie . Auch Carnap betrachtet die vergangene Philosophie als auf falschen Voraussetzungen fußend als sich selbst missverstehende, Lebensgefühle ausdrü6 ckende Dichtung. Gena , die die Grundlagenkrise der Mathematik für die Mathematiker heraufbeschworen habe, eine Neuorientierung derselben zu der Problemsituati nes Perspektivenwechsels machen. Indem die wissenschaftliche Philosophie damit be 7 , könne sie sich auf den 8 begeben. Auch nach Kant solle, nach der g umtap __________ 1 2 3

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Carnap, 1963, 4. Carnap, LA/225. Kant, Kritik der reinen Vernunft (= KrV), A VIII: Vgl. auch ders., 1900ff, Bd. 18/S.33 Nr. 4936. Kant, KrV A XII. Kant, KrV A XIII. Carnap, LA/XVII. Carnap, LA/XIX. Carnap, LA/XVIII.

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eingeschlagen werden können. Im hohen Selbstbewusstsein des Aufklä mich zu sagen, daß nicht eine einzige metaphysische Aufgabe sein müsse, die hier nicht aufgelöst oder zu deren Auflösung nicht wenigstens der Schlüssel dargereicht 2 . Mit dem gleichen hohen Selbstbewusstsein teilt Carnap am Ende seiner programmatischen Schrift über Scheinprobleme der Philosophie3 (1928) auf den letzten drei Seiten alle ihm als möglich erscheinenden Gegenstandpunkte ein und versucht sie 4 als unmöglich zu erweisen. Sein letzter Satz über die Scheinprobleme, mit denen sich das vergehende Zeitalter der Dichterphiloso5 cheren Verständnis ausdrücklich zu einem dieser Standpunkte zu beken . Kant entwickelt eine Philosophiegeschichtsphilosophie, in der ein Zeitalter 1

i schaftliche Ausgestaltung des Grundsystems kritischer Philosophie erweisen wird. die einzige aller Wissenschaften, die sich eine solche Vorstellung und zwar in kurzer Zeit und mit nur weniger, aber vereinigter Bemühung versprechen darf, so daß nichts vor die Nachkommenschaft übrigbleibt, als in der didaktischen Manier alles nach ihren Absichten einzurichten, ohne darum den Inhalt im 6 Mindesten vermehren zu kön . Auch Carnap schwebt der Gedanke einer endlich einheitlichen Bemühung aller Wissenschaftsphilosophen vor. Gegenüber dem genialischen Dichterphilosophen, der sein persönliches System aus Intuition und Imagination heraus genzelne unternimmt nicht mehr, ein ganzes Gebäude der Philosophie in kühner Tat zu errichten. Sondern jeder arbeitet an seiner bestimmten Stelle innerhalb ein sicherer Bau errichtet, an dem jede folgende Generation weiterschaffen 7 . 8 zu sein, findet sich bei beiden in der Legitimation des __________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Kant, KrV B VII. Kant, KrV A XIII. Carnap, Scheinprobleme, 291-336. Kant, KrV B 350-732/A 293-704. Carnap, Scheinprobleme, 336. Kant, A XX. Carnap, LA XIX.

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weltweisheitlichen Perspektivenwechsels, der aus dem ,gesunden Menscheni 1 wegs aber das Inte und Carnap versucht in seiner Untersuchung über Die Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache2 darauf hinzuweisen, dass alle großen metaphysischen Grundbegriffe eigentlich eine ursprünglich gegenständliche oder symbolisch-mythologische Bedeutung hatten, in der sich keine theoretischen Ausdrücke, sondern nur ein bestimmtes Lebensgefühl finden ließen. Genauso wie einer seiner Lieblingsgegner, Martin Heidegger (1889-1976), versucht Carnap originellerweise einige etymologische Ableitungen um seine Argumente zu begründen. Zum Begriff rsprüngliche bemerken wir, daß hier der gleiche Entwicklungsgang vorliegt. Die ursprüngliche Beort ausdrücklich genommen; es soll nicht mehr das zeitlich Erste, sondern das Erste in einer anderen, spezifisch metaphysischen Hinsicht be3 e .

Wesentlich sind also bei Carnap die Beziehung auf empirisches Wissen, der fundamentalphilosophische Anspruch und der Bezug auf den gesunden Menschenverstand. Im Verlauf der wissenschaftstheoretischen Diskussion werden diese Elemente so die breit rezipierten Ansätze verloren gehen.

2.

Der Wiener Kreis in seinem kulturellen Umfeld

Nachdem ich schon im ersten Band der Kritik der neomythischen Vernunft auf die wissenschaftstheoretische Bedeutung der Reflexion der Wissenschaftsgläubigkeit des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts für die Entwicklung der Wissenschaftstheorie hingewiesen habe, soll hier ein eher traditionsgeschichtlicher Bezug auf Quellen und Motive der sich exemplarisch im Wiener Kreis bündelnden modernen Wissenschaftstheorie genommen werden, der zeigen soll, dass diese Denkmuster eine breite geistesgeschichtliche Tradition betreffen und die sich später ergebende Krise der Wissenschaftstheorie und ihre relativistischen Interpretationen entsprechende Breitenwirksamkeit besitzen. Es gibt mannigfaltige Einflüsse für die Entstehung des logischen Positivismus4. Auf die grundlegende Bedeutsamkeit der mathematischen Grundlagen__________ 1 2 3 4

Kant, KrV B XXII. Carnap, Überwindung. Überwindung, 225. Ich orientiere mich hier vorzüglich an Kraft, 1968; Passmore, 1970, 35-94 und 367-393; Stegmüller, 1969, 351-362; Suppe, 1977, 6-17; Halder, 1971, 161-174; Simon, 1963, 3-70 und 238-272; Urmson, 1956; Staadler, 1982 und Schnädelbach, 1983, 89-137.

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krise habe ich schon am Beispiel der nichteuklidischen Geometrie und des neuen axiomatischen Denkens hingewiesen. Ein anderer Faktor ist der Niedergang des idealistischen, speziell des hegelschen Denkens ins Epigonale, soweit dies seine Öffentlichkeitswirksamkeit betrifft1. Im 19. Jahrhundert versuchen Epigonen Hegels, im Missverstehen der Intentionen ihres Meisters, Systementwürfe zu erstellen, die dahin tendieren, spekulative Kategorien, d.h. Begriffe, in denen sich das Denken selbst als objektiv bestimmtes Denken in Kategorien selbst auslegt, mit empirischen Allgemeinbegriffen über die Wirklichkeit zu identifizieren. Auf diese Weise kann der populäre Eindruck entstehen, als seien kosmische Gesetze durch professorale Weltgeister a priori erforschbar und die Weltgeschichte als göttlich-menschliche Fortschrittsgeschichte im reinen Denken antizipierbar. Gleichgültig, wie weit derartige Vorwürfe im Einzelnen berechtigt waren oder nicht, wirkt dieses Image idealistischer und speziell hegelscher Philosophie nach. Die terminologische Aura, die Hegels Philosophie umgibt, kann bei Wissenschaftlern, die von naturwissenschaftlicher Ausbildung her an empirisch-verallgemeinernder oder mathematischer Exaktheit interessiert sind und das Missverhältnis zwischen der Entwicklung der Philosophie und dem naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt der Gründerzeit wahrnehmen, wenig Verständnis finden. Zwei Jahrzehnte nach Hegels Tod, zwischen 1850 und 1870, wird die populäre deutsche Philosophie durch einen mechanistischen Materialismus geprägt 2, der sich unter anderem aus einer Rezeption des comteschen Positivismus 3 entwickelte. Ein typischer Vertreter der mechanistischen Wissenschaftsphilosophie ist der schon aus dem ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft bekannte Ludwig Büchner (1824-1899). Sein 1855 erschienenes und vieldiskutiertes Hauptwerk Kraft und Stoff. Empirisch-naturphilosophische Studien erlebt bis 1872 zwölf Auflagen und wird in verschiedenste Sprachen übersetzt. In einem Rückblick auf den seltenen Erfolg seines Buin eine Zeit, welche sehr stark unter dem Bedürfnis nach etwas Philosophisch Neuem und Besserem litt. Die ehemalige speculative Schul-Philosophie, welche solange Wissenschaft und Leben in Deutschland zu deren Schaden beherrscht hatte, war infolge der Resultatlosigkeit ihrer Bemühungen nach und nach in Mißkredit geraten. Der Glaube an

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Vgl. dazu Schnädelbach, 1983, 17-21; 172-193; 232-242 für den deutschen und Passmore, 1970, 48-94 für den englischen Kulturraum. Suppe, 1977, 6f warnt allerdings vor einer zu hohen Betonung dieses Aspektes, der eher aus bewusster Selbstinszenierung der Empiristen stammen könnte. Vgl. Passmore, 1970, 13-47 und den ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft (Hauser, 2004, § 9). Vgl. dazu Hauser, 2004, § 9 über die Wissenschaftsgläubigkeit des neunzehnten Jahrhunderts. Simon, 1963, 3-70 und Halder, 1971, 161-174 stellen die durch Comte geprägte Ausgangslage ausführlich dar.

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das Abrakadabra des philosophischen Hexenmeisters und ihrer beweislosen Versiche1 run . Büchner entwirft einen Wissenschaftsbegriff, der der Rekonstruktion der mechanischen Gesetze des Universums aus den aufeinander untrennbar bezogenen Urelementen Kraft und Stoff dienen soll. In diesem mechanistischen Wissenschaftsverständnis gibt es keine apriorischen Momente, die systematische Bedeutung für die wissenschaftliche Wahrheit haben. Alles müsse aus direkter Gegenstandsbezogenheit entnommen werden. kein Stoff ohne Kraft. Eines für sich ist so wenig möglich oder denkbar, als das andere für sich. Auseinandergenommen zerfallen beide in leere Abstraktionen oder Begriffe, welche nur dazu dienen, zwei Seiten oder Erscheinungs2 i . Auf diesem Grundverhältnis entwickelt sich die Büchnersche Wissenschaftsphilosophie und Erkenntnistheorie. ts anderes kann uns über die wirkliche Existenz einer Kraft Aufschluß geben, als die Eigenschaften, Veränderungen oder Bewegungen, welche wir an der Materie 3 . In den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnt sich dieser mechanistische Materialismus, der die Frage nach dem erkennenden Subjekt ausklammert, in Konflikt mit psychologischen und sinnesphysiologischen Untersuchungen zu geraten. 4 , in der das Gegenständliche und das Subjektive ungetrennt zusammen seien. Ebenso ist es nicht unverständlich, dass zu dieser Zeit auch die transzendentale Reflexion auf das wissenschaftliche Erkennen wieder Fuß fassen kann. Dies geschieht vor allem in der neukantianischen Wissenschaftstheorie eines Hermann Cohen (1842-1918), eines Paul Natorp (1854-1924) und überhaupt der Marburger Schule. Bei Cohen verbindet sich das Interesse an Kant mit einem Interesse an Mathematik und Logik, um eine Erkenntnistheorie in Auseinandersetzung mit den Erfahrungswissenschaften zu entwerfen. Die Logik der reinen Erkenntnis hat nach Cohen die Aufgabe, die grundlegenden, synthetisch-apriorischen Strukturen unserer Erlebensweise von Welt aufzudecken und dadurch erst einzelwissenschaftliche Ergebnisse als gültig legitimieren zu können, wobei sich dieses transzendentale Verständnis von Logik zugleich an die durch die mathematischen Naturwissenschaften hervorgebrachten Leistungen als deren transzendentale Rekonstruktion bindet. Diese Selbstexplikation transzendental handelnder Subjektivität in der Wendung auf ihre eigene Grundform, das Denken, fundiert Methoden zunächst dergestalt, dass aus der grundlegenden Einsicht, dass alles als (aber nicht nur) Gedachtes ist, die Konsequenz ge 5 an. Das Denken darf keinen Ursprung haben au . Die Rekonstruktion der wissenschaftlichen Geltungsansprüche beruht darauf, sie auf ihre Grunderlebnisweise, das Denken, zu beziehen, dieses andere aber auch erst durch den Bezug auf jene zureichend explizieren zu können. ken. Indessen in diesem Satz schon liegt wieder die besagte Unbestimmtheit im Worte Denken. Sie kann nur überwunden werden, sofern es gestattet ist, von einer bestimmten Wissenschaft auszugehen, deren Methoden die Bestimmtheit dieses Denkens zur Dar-

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Büchner, 1874, 466. Büchner, 1883, 3. Büchner,, 1883, 5. Avenarius, 1917, 35. Cohen, 1902, 11. Vgl. auch Marx, 1977 sowie Natorp, 1910.

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stellung bringen. Als diese Wissenschaft hat sich die mathematische Naturwissenschaft 1 herausge . Um 1900 hat diese Art von Neukantianismus ihre Blütezeit.

Direkt wichtig für die Entwicklung des logischen Positivismus werden Gedanken von Ernst Mach2. Die Wissenschaft hat sich nach Mach auf eine möglichst exakte und ökonomische Beschreibung des unmittelbar Gegebenen zu beschränken, auf Empfindungen. So könne sie über einfachste Beschreibungen der Empfindungselemente nicht hinausgelangen. Die Grundwissenschaften dieser Wissenschaftstheorie seien die Psychologie und die Physik, die die Elemente des Körper- und Ichkomplexes beschrieben. Die Frage nach der Realität der Außenwelt könne in einem solchen Kontext gar nicht gestellt werden. Man dürfe derartige Standpunkte aber nicht als individualistisch-introspektiv, um mit Ernst Mach zu rzeichnen. etwas so Einfaches und Fundamentales, daß ihre Zurückführung auf noch Einfache dung ist übrigens weder bewußt noch unbewußt. Bewußt wird dieselbe durch die Einordnung in die Er3 lebnisse der Ge . Diese Beziehung der Welt auf unsere Erlebnisqualitäten sei aber, wissenschaftstheoretisch betrachtet, gerade unproblematisch. Sie werde als an-sichabbildend genommen, sofern sie wissenschaftlich kontrolliert geschehe. Deshalb bestehe die Welt nicht aus Empfindungen, Erscheinungen eines An-sich, sondern (ontologisch neutral ausgedrückt) aus Elementen4 gestellte Frage, ob die Welt wirklich ist, oder ob wir sie bloß träumen, gar kei5 nen wissenschaftli . In systematischer Nähe von Machs Gedanken haben William Kingdon Clifford (18791887: The Common Sense of the Exact Sciences, 1885), Karl Pearson (1857-1936: The Grammar of Science, 1892) und Heinrich Hertz (1857-1894: Die Prinzipien der Mechanik, 1894) versucht6, diese Position langsam in Richtung einer Akzeptanz apriorischer Elemente durch die Wissenschaftsphilosophie auszubauen. Ähnlich argumentiert auch Jules Henri Poincaré (1854-1912: La scien , 1902)7.

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Cohen, 1902, 17. Vgl. dazu Haller, 1993, § 4 und Stadler, 1997, 147-167. Mach, 1917, 44. Mach, 1910, 239. Mach, 1911, 9. Zu Ernst Machs Wissenschaftsphilosophie vgl. neben bes. Mach, 1911, noch Bradley, 1971 und Kaulbach, 1971. Clifford, 1946; Pearson, 1892 und Hertz, 1894. Poincaré, 1902.

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An der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert gibt es in der deutschen Philosophie drei grundlegende Richtungen: den Neukantianismus, mechanistische Positivisten und Immanenzorienierte. Als Albert Einstein (1879-1955) 1905 seine spezielle und 1916 seine allgemeine Relativitätstheorie vorlegt1 und die Quantentheorie in ihrer ersten Gestalt entwickelt wird, führt dies innerhalb aller drei wissenschaftsphilosophischen Positionen zu einer Krise. Der sensualistisch interessierte erfahrungsmäßige Umgang mit Teilchen, die sich größenmäßig im 10 minus XYZ-Bereich bewegen, ist beispielsweise schwerlich vorstellbar und sie sind nicht empfindbar. Eine Anekdote aus dem Leben Ernst Machs kann dies erläutern. Es war Machs Antwort auf die Frage nach der Existenz von Atomen, selbst nachzufra 2 . Die zukunftsweisenden Antworten auf diese Probleme der Unanschaulichkeit der modernen Wissenschaften werden in Berlin unter Hans Reichenbach (1891-1953, Berliner Schule)3 und in Wien unter Moritz Schlick (18821936, Wiener Kreis) gegeben4. Beide stimmen miteinander darin überein, dass Mach dergestalt Recht habe, als er das Verifikationsprinzip zum Grundpfeiler wissenschaftstheoretischer Erkenntnistheorie mache. Sie unterscheiden sich allerdings von ihm dadurch, dass sie der Mathematik einen grundlegenden Stellenwert für die wissenschaftliche Arbeit einräumen. Mit Mach ist für sie der Gegenstandsbereich wissenschaftlicher Theorien der Bereich des empirisch Messbaren doch charakterisieren die logischen Positivisten diesen Bereich durch theoretische Begriffe. In der Orientierung an Henri Poincaré gehen sie davon aus, dass theoretische Begriffe nichts anderes als Konventionen seien, die in Phänomensprache übersetzt werden müssten. Theoretische Sätze müssten explizit in Objektsprache definierbar sein und seien nichts anderes als deren Abkürzungen. Um derartige objektsprachliche Beschreibungen theoretisch zu formulieren, könne man die Mathematik benutzen. Bertrand Russells (1872-1970) Principia Mathematica5 (1910-1913) versuchen, die Mathematik axiomatisch auf die Logik zu gründen. Dieser Versuch ist Anlass für die Logischen Positivisten in Berlin und Wien, Machs und Poincarés Positionen miteinander zu vermitteln. Diese Verbindung ist die erste grundlegende Gestalt einer modernen Wissenschaftstheorie, ihre Probleme bilden für lange Jahre, bis zur Entwicklung des strukturalistischen Theoriekonzeptes (seit 19716) durch Joseph Donald Sneed __________ 1 2 3 4

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Einstein, 1905 und ders., 1916. Kaulbach berichtet dies in 1971, 51. Vgl. allgemein Volkert, 1986. Zur wenig erschlossenen Philosophie Reichenbachs vgl. Salmon, 1981. Zur Geschichte des Wiener Kreises vgl. Kraft, 1968, Stadler, 1982, Haller, 1993, hier bes. § 6 und Stadler, 1997. Whitehead/ Russel, 1910-1913. Informativ ist auch Russels Artikel, der 1918 aus dem Gespräch mit seinem Schüler Wittgenstein entstanden ist (Russell, 1976, 178-277 und 285f, Anmerkungsteil). Vgl. dazu Hauser, 1996.

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(*1938) und Wolfgang Stegmüller (1923-1991), die Ausgangsbasis der analytischen Wissenschaftstheorie der folgenden Jahre. Das Grundargumentationsmuster des Logischen Positivismus hinsichtlich der Struktur einer wissenschaftlichen Theorie kann dergestalt charakterisiert werden1: Die Axiome einer wissenschaftlichen Theorie seien durch mathematische Logik darzustellen. Es gebe nur drei Klassen logisch-mathematisch axiomatisierter wissenschaftlicher Begriffe: die logische und mathematische Begrifflichkeit, theoretische Begriffe und Beobachtungssätze, als fundamentale Phänomenbeschreibungen, deren Abkürzungen die theoretischen Begriffe seien. Diese wissenschaftlichen Axiome müssten ausdrücklich theoretische Begriffe von der Form Ox Tx sein (die drei waagerechten Striche bedeuten Äquivalenz), wobei T ein theoretischer und O ein objektsprachlicher Begriff sei. Wirklichkeit sei an Objektsprache und Objektsprache an Metasprache unmittelbar gebunden, ohne dass dabei die Frage nach den Leistungen des Wissenschaft betreibenden Subjekts als erkenntnisfundierend auftauchen müsse. Als Problem sehen wir hier schon die Frage nach der Gegenstandsbezüglichkeit der Metasprache wie der Objektsprache auf die Logischen Empiristen zukommen. Hans Reichenbach, dessen Gedanken über die logische Analyse wohl als typisch für den Logischen Empirismus gelten können, schreibt 1924: iven Wissenschaften im steten Zusammenhang mit der Erfahrung gefundenen Resultate setzen Prinzipien voraus, deren Aufdeckung durch logische Anal darüber klar werden, daß es auch in der Erkenntnistheorie kein anderes Verfahren gibt, als festzustellen, welches die in der Erkenntnis tatsächlich angewandten Prinzipien sind. Der Versuch Kants, diese Prinzipien aus der Vernunft zu 2 entnehmen, muß als gescheitert betrachtet wer . Es sei die Aufgabe des Wissenschaft rekonstruierenden Philosophen, das, was ein Wissenschaftler unthematisch vollzieht, ausdrücklich zu machen und so erst eine logisch akzeptable Gestalt von Theorie zu entwickeln. Andererseits aber sei es auch so, dass der Wissenschaftsphilosoph durch eben diesen Vollzug normiert sei. die selbst direkt dem Experiment zugänglich sind; aus ihnen leitet sie die gesamte Theorie ab, indem sie noch gewisse begriffliche Elemente, die Definitio3 nen, hin . Diese Art von Definition theoretischer Begriffe durch T x Ox geschieht durch Korrespondenzregeln. __________ 1 2

3

Vgl. dazu Suppe 1977. Reichenbach, 1924, 71. Vgl. dazu auch: Kamlah, 1980: 26, der auf diese Stelle aufmerksam macht. Reichenbach, 1925, 32.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

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Carnaps Versuch aus dem Jahre 1923 ist eine der ersten Unternehmungen, die klassische logisch-empiristische Position zu formulieren, indem er die Struktur einer physikalischen Theorie auf die Idee von Zuordnungsbeziehungen zwischen einem Axiomensystem und gültig(n) Z.-B B. dann, wenn sie jeder tatsächlich gegebenen zeitlichen Reihe von Empfindungsinhalten (mindestens) eine auf Grund der Axiome mögliche Ablaufreihe 1 zuord . Rudolf Carnap formuliert damit aber nicht nur das Programm des Logischen Empirismus, sondern mit der Idee der Zuordnungsbeziehungen, den späteren Korrespondenzregeln, zugleich auch das, was Karl Popper 1934 über den Logischen Positivismus zum Falsifikationismus des Kritischen Rationalismus hinaustreibt. Axiomensystem und Gültige Z.-B.s werden nur dadurch als stetig Vermittlung leistend denkbar, wenn man ihre implizite spezifische Zeitlichkeit, den durch Hume verbotenen Schluss auf die Zukunft immer gültiger Korrespondenz, induktionslogisch voraussetzt. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist allerdings für die nicht an Kant geschulten Wissenschaftstheoretiker das Jahr 1934 noch fern. Zunächst dominieren die emphatische Begeisterung und die auch politisch motivierte Missionsbemühung im Wiener Kreis, dem Rudolf Carnap als fahrendes Mitglied angehört.

Der Wiener Kreis begründet sich so die Kurzversion2 explizit unter diesem Namen unter der Schirmherrschaft des Lehrstuhlinhabers für Philosophie der induktiven Wissenschaften Moritz Schlick. Seit 1930 besitzt der Wiener Kreis ein eigenes Publikationsorgan, er führt die ANNALEN DER PHILOSOPHIE unter dem Namen ERKENNTNIS fort. Herausgeber dieser Zeitschrift sind Rudolf Carnap und Hans Reichenbach. Gemeinsam ist den Vertretern des Wiener Kreises, Philosophen, Mathematikern und Naturwissenschaftlern, das Interesse an logischer Strenge und Sauberkeit und der Gedanke, dass ein Fortschritt der stattfinden werde3. An dieser Stelle sei auch auf den populären Wissenschaftsglauben und die Tradition der Volksbildungsbewegungen spiegelnden ALLGEMEINEN NATURWISSENSCHAFTLICHEN BILDUNGSVEREIN ERNST MACH hingewiesen4, zu dem von Seiten des Wiener Kreises mannigfache Verbindungen bestehen. Er wird im November 1928 auf eine Initiative des Freiden haltung von Vorträgen und Vorlesungen, durch Führungen und Exkursionen, durch Bei-

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3

4

Carnap, Aufgabe, 106f. Zu den Details und der etwas ermüdenden Frage möglicher Gründungsmythen vgl. Haller, 1993, 62f und Stadler, 1997, 225-545. Über die Mitglieder des Wiener Kreises schreibt part, its members were scientists of mathematicians, already antimetaphysical Machians. Except for Schlick himself they knew little about and cared less for, the classical philoso. Vgl. dazu Stadler, 1982, 173.

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stellung fachwissenschaftlicher Literatur naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu ver1 . Mehr aus Anerkennung der guten Ziele denn aus Enthusiasmus, lässt sich Moritz Schlick zum Vorsitzenden dieses Vereins wählen. In seinem Eröffnungsvortrag skizziert Otto Neurath (1882-1945) historisch-genetisch auf den Spuren Comtes die Wissenschaftsentwicklung als Transformationsfaktor der a -wissenschaftlichen Weltauffas2 nach Ernst Mach, Josef Popper-Lynkeus (1838-1921), Richard Avenarius, Henri Poincaré und Betrand Russell. In den folgenden vier Jahren erfolgen dann Vorträge zur wissenschaftlichen Volksbildung, deren Organisation die Freidenker und deren Durchführung die Mitglieder des Wiener Kreises leisten.

Bevor auf die programmatischen Schriften des Wiener Kreises, deren Metaphysikkritik und die Schrift Der logische Aufbau der Welt eingegangen werden kann, muss auf die Rolle des frühen Wittgenstein Bezug genommen werden, der auf die logischen Positivisten einen nachhaltigen Einfluss ausübt. Viktor Kraft (1880-1975), zum Umfeld des Wiener Kreises gehörig, schreibt rückbliwohl er niemals anwesend war. Sie wurden von Schlick und Waismann übermittelt, die mit ihm, der damals in Wien war, in persönlichem Verkehr standen. Sie reichten somit über seinen Tractatus logico-philosophicus weit hinaus. Aus dieser Zusammenarbeit ergab sich ein so rascher Fortschritt, wie er sonst nur in 3 Spezialwissenschaften sich ein . Rudolf Carnap schreibt in seiner metaphysikkritischen Programmschrift über die Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache (1931), seiner Darstellung zugrundeliege, neben seinem Buch Der logische Aufbau der Welt noch der Tractatus logico-philosophicus und Friedrich Waismanns (18961959) Logik, Sprache und Philosophie4 genannt werden müssten. Symbolisch für die Bedeutung Wittgensteins im Wiener Kreis ist, dass das erste Zitat in der Vorstellung des Wiener Kreises in der Hauszeitschrift ERKENNTNIS, der Aufsatz über die Wissenschaftliche Weltauffassung, von Wittgenstein stammt. Es ist der berühmte Ausspruch, dass sich das, was sich überhaupt sagen lasse, klar sagen lasse5. In ihm drückt sich das wissenschaftliche Ethos der logischen Empiristen und auch das des carnapschen Logischen Aufbau der Welt aus. Wir werden sehen, dass die Wissenschaftsphilosophie des Wiener Kreises zugleich eine Wittgensteinrezeption darstellt, die man als Engführung und Radikalisierung des empiristischen Programms im Tractatus logico-philosophicus beschreiben kann, in__________ 1

2 3 4 5

Aus dem Wiener Stadtarchiv zit. nach Stadler 1982, 170 die Statuten des VEREINS ERNST MACH. Nach Stadler, 1982, 173. Kraft, 1968, 2. Carnap, Überwindung, 224. Waismanns Buch (1976) wurde zwischen 1929/30 verfasst. Wittgenstein, TLP/Nr.4.116, zit. in Carnap/ Hahn/ Neurath, Weltauffassung, 205.

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sofern sie sich gegen jede Art kritischer Selbstreflexion zu immunisieren versucht. Den Katzenjammer über diese Engführung wird dann Karl Popper, ohne die Konsequenzen zu ziehen, in der Logik der Forschung anstimmen, wenn er von dem Sumpfland schreibt, auf dem die Wissenschaften ihre Fundamente gründen. Erkenntnistheoretische Anarchisten und postmoderne Mandarine werden später diese Situation ebenso ausbauen wie Grenzwissenschaftler. Deshalb sei im Folgenden die Position des frühen Wittgenstein hinsichtlich des Status von Subjektivität und Metaphysik dargelegt, um von dieser Position her den Logischen Positivismus zum Sprechen zu bringen.

3.

Subjektivität und Metaphysik beim frühen Wittgenstein

Der Tractatus logico-philosophicus erscheint 1921 in den ANNALEN DER NATURPHILOSOPHIE. In ihm wird der fundamentalphilosophische Anspruch, die Hauptprobleme der Philosophie zu lösen, erhoben1. Im Brief Nr. 37 an Bertrand Russell wird diese Intention auf grundlegende philosophi was durch Sätze gesagt werden kann, d.h. durch die Sprache (und was auf dasselbe hinausläuft, was gedacht werden kann) und was nicht durch Sätze gesagt, 2 . Wittgensteins kurzes Vorwort im Tractatus ist der kompakteste Leitfaden zur Interpretation der Grundintention des Buches. Der fundamentalphilosophische Ansatz drückt sich in dem Satz aus, dass das Buch die phi wie ich glaube daß die Fragestellung dieser Probleme auf dem Mißverständnis der Logik unse3 . Weil kritische Grenzziehung der wissenschaftlichen Denkungsart gegenüber allen denkmöglichen dichterischen Metaphysiken geschehe, kann diese Grenzzie 4 Probleme im Wesentlichen gelöst zu ha . Fünf Aspekte durchziehen das im Vorwort thematische philosophische Ethos5. E esenden als selbstständig Philosophierenden anspricht. Nur wenn der Lesende den Gang des Denkens mitgeht, nicht Ergebnisse rezipiert, kann er am Ende der 6 Untersuchung verstehen, wie die Me zu verstehen ist, __________ 1

2 3 4 5 6

Ich orientiere mich im Folgenden an Schrödter 1979, 53-86. Hilfreich waren für mich besonders als Überblicke: Hacker, 1978; Terribracas, 1975 und Stenius, 1969. Zu Wittgensteins Religionstheorie vgl. neben Schrödter, 1979 noch Baum, 1979. Auf weiterführende Literatur wird im Text eingegangen werden. Schrödter, 1979, 54 zit. aus Griffin, 1964, 18. Wittgenstein, TLP, S. 7. Wittgenstein, TLP, S. 8. Schrödter, 1979, 65f. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.54.

202

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die dann, nach der Lektüre und dem Gehen des sprachkritischen Weges, fortzuwerfen sei, weil der Weg eines Redens in der Sprache über die Sprache selbstwidersprüchliche Verdinglichungen mit derselben als einem gleichsam distanziert betrachtbaren Gegenstande mit sich bringe. In dieser klassisch-philosophischen Grundhaltung unterscheidet sich Wittgenstein grundlegend von den Vertretern des Wiener Kreises. Diese Reflexionshaltung entdecke philosophische Grundprobleme wie die Frage nach der Daseinsweise von Welt und Mensch als Sprachselbstmissverständnisse (Pkt. 2), sodass die Grenzziehung zwischen sinnvoll und unsinnig Sagbarem vollzogen werden könne (Pkt. 3). Diese Grenzziehung sei endgültig (Pkt. 4) und umgrenze nicht nur unser sinnvolles Sprechen als theoretisches Handeln, sondern zugleich unser sinnvolles Sprechen im Hinblick auf Lebensprobleme (Pkt. 5). Es ergibt sich, wie wir später auch bei den Vertretern des Wiener Kreises sehen werden, dass die Thematisierung von Lebensproblemen nur noch als entschiedenes Tun denkbar wird 1 bens präwissenschaftlich-sprachlos beliebig zu lösen versuchen könnte. Ob dann dem neomythischen Längeren Gedankenspiel gehuldigt wird und das Reich der Fantasie Macht über das Leben bekommt oder eine der großen Menschheitsreligionen gewählt wird, ob man mit Jean-Paul Sartre oder Woody Allen (*1935) Atheist ist, ist dann gleichgültig Hauptsache ma e2 . Die nichtwissenschaftliche Alltagssprache wird, akzeptiert man diese Prämisse einer Orientierung am logisch-positivistischen Modell, zur Willkürsprache. Beliebige Metaphern können dann das eigene Leben ausdrücken und beliebige Mythensysteme normierend werden.

Der erkenntnistheoretische Hintergrund des Tractatus ist die Voraussetzung, dass es eine strenge Korrelation von Welt und Sprache gebe das Grundmuster sei das der Beziehung von Name zu Benanntem, von dem schon Alfred North Whitehead (1861-1947) und Bertrand Russel in den drei Bänden der Principia Mathematica (1910-1913) ausgehen, die für Wittgenstein das logische Grundlagenwerk dar e immanente Ontologie. 3 Nur dadurch wird eine ausdrückliche überflüssig und zum Scheinprob . Was Wittgensteins Bedeutung als Metaphysiker, relativ auf die Metaphysik des Wiener Kreises betrachtet, ausmacht, ist, dass ihm die Beziehung von Namen zu Benanntem wieder problematisch wird. Er durchdenkt das Faktum, dass die Logik nicht über die Welt mitentscheidet, sondern nur über mögliche Formen in ihr4. Wittgenstein versteht einen Satz als Bild, insofern er ein Modell der en einfachen Teilen, aus Elementen bestehe5. __________ 1 2 3 4 5

Wittgenstein, TLP, Nr. 6.52. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.521. Schrödter, 1979, 58. Vgl. Schrödter, 1979, 58. Wittgenstein, TLP, Nr. 2.12.

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Die Elemente des Bildes verträten im Bild die Gegenstände. Überdeutlich zeigt sich die logisch-atomistische Ausgangsposition Wittgensteins in der Metapher, dass die Beziehungen der Bildelemente zu den Gegenständ 1 mit denen das Bild die Wirk seien. Dieses Bild von den Fühlern bedeute aber auch, dass die Fühler nicht selbst die Wirklichkeit seien, sonBild und Abgebildetem ist die Form der Abbildung. -Welt (die Tractatus-Welt, L.H.) ist keine, die wir anfassen oder riechen können, sondern ein Verzeichnis aller bestehenden Relationen zwischen allen möglichen Gegenständen die deren Wesen ausmachen (2.04, 2.01, 2.021- 2. Wir werden auch auf diesen Gesichtspunkt im carnapschen Logischen Aufbau der Welt stoßen, in dem die Relationen zwischen den Einzeldingen das repräsentieren, was ihre Wirklichkeit ausmacht. Zugleich zeigt sich dabei dann aber auch die Paradoxie, dass eben diese Relationen konventionell-logisch gesetzte sind. Wittgenstein reflektiert allerdings im Gegensatz zu Carnap auf diese erkenntnistheoretischen Probleme als auf die nach der Möglichkeit und der Struktur3 die Dinge so zuei4 nander verhalten, wie die Elemente des Bil . Diese Möglichkeitsaussage ist aus der Perspektive einer kritischen Metaphysik der Erkenntnis heraus formuliert, insofern die grundsätzlich und unausgewiesen angenommene Sprache-Welt-Harmonie des logischen Atomismus damit aufgehoben ist5.

Indem auf das Modalitätsproblem im Kontext der Korrelation von Sprache und Welt reflektiert wird, liegt es nahe zu sehen, inwiefern Wittgenstein auch die ontologische Bedeutung des Abbildung von Wirklichkeit vollziehenden Subjekts zur Sprache bringen wird. In diesem Problemzusammenhang ergibt sich zunächst einmal, da sich im Satz die logische Form der Wirklichkeit zeigt, dass die ontologische Triftigkeit des Zeigens, seine Gegenstandsbezüglichkeit, nicht noch einmal satzhaft versprachlicht werden kann, weil die satzhafte Darstellung des Zeigens wiederum einen auszuweisenden Satz und somit einen infiniten sprachlichen Begründungsregress hervorbringen würde. , sie spiegelt sich in ihm. Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die 6 logische Form der Wirklich . Insofern das Zeigen, das Sprache und Welt miteinander verbindet, ein lebensalltägliches Faktum ist, das jeder der redet, implizit akzeptiert, gibt es die Möglichkeit, die geltungskonstituierende Handlung transzendentaler Subjektivität als Interpretament für das empi-

__________ 1 2 3 4 5 6

Wittgenstein, TLP, Nr. 2.1515. Pavièiæ, 1979, 203-205, hier 204 (Übersetzung L.H.). Wittgenstein, TLP, Nr. 2.15. Wittgenstein, TLP, Nr. 2.151. Vgl. Schrödter, 1979, 60f. Wittgenstein, TLP, Nr. 4.121.

204

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1 rische Ge . Der Vergleichspunkt ist eben die Qualität einer Vermittlungsleistung, die ineins geltungskonstitutiv (Prinzip) und faktischer Vollzug im Menschen (Faktum) ist. Allerdings ist eine derartige Rekonstruktion transzendentalphilosophischer Gedanken aus dem Tractatus insofern schon an einer Grenze angelangt, als über transzendental handelnde Subjektivität in der klassischen wie modernen Transzendentalphilosophie und -theologie Aussagen per Implikation gemacht werden, sie nicht als reines X der Synthesis, hier des Zeigens, über das keine anderen Aussagen gemacht werden können, ausgegrenzt wird. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Wittgenstein radikal von allen transzendentalen Ansätzen. Wittgenstein ist also in diesem Sinne kein transzendentaler Denker, sondern rührt nur an Problemzusammenhänge, die im logisch-empiristischen Denkstil auf subjektivitätstheoretische Entfaltungsmöglichkeiten verweisen, ohne diese Möglichkeiten zu ergreifen.

Wenn auch nicht explizit subjektivitätstheoretisch weitergedacht und auf transzendental handelnde Subjektivität Bezug genommen wird, so versucht Wittgenstein aber auch keine Immunisierungsstrategie. Er lässt dieses Problem nicht, wie später die Vertreter des Wiener Kreises, unter den Tisch fallen, sondern führt aus, dass, wenn es auch nicht möglich ist, in der Welt die Subjektivität des Zeigens als jedem Zeigen vorgeordneten transzendentalen Vollzug 2

3

gibt. Das metaphysische Subjekt vergleiche die Gedanken des empirischen Ich mit der Wirklichkeit und besitze somit eine eigene, dem Philosophierenden nicht rekonstruierbare Wissensart. Metaphysisches Wissen um die Triftigkeit der Sprache-Welt-Beziehung zeige sich immer nur im Vollzug des Lebens. Betrachten wir Wittgensteins Position weiter4. Es besteht die prekäre Situation, dass sich Lebensprobleme auf den das Zeigen Vollziehenden beziehen, d.h. Lebensprobleme sind, was ihre Thematisierung betrifft, gebunden an die Thematisierung des metaphysischen Subjekts. Lebensprobleme ändern weiterhin nichts an der Welt. Ob der Mensch so oder so gesinnt ist oder handelt, ob er existiert oder nicht die Welt der Naturwissenschaften, die versprachlicht werden kann, ändert sich dadurch nicht. Ebenso gehören theologische Aussagen über ewiges Leben, Gnade, Offenba__________ 1

2 3 4

Vgl. dazu die einleitenden Bemerkungen zum spekulativen Subjektsbegriff in: Hauser, 1983a, 19-31. Wittgenstein, TLP, Nr. 5.641. Wittgenstein, TLP, Nr. 5.632. Zur transzendentalen Interpretation Wittgensteins vgl. den Ausgangspunkt bei Stenius, 1969, 288. Nach Stenius könnte im Hinblick auf die traditionelle transzendentalphilosoe Form der Erfahrung nne, wobei das metaphysische Subjekt dasjenige Subjekt unterschieden werden muß, welches ein Teil der in der Sprache beschreibbaren

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1 Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum . Deshalb offen2 . Damit ist aber keine abstrakte Gottesleugnung ausgesprochen, metaphysische Fragen werden von Wittgenstein ernst genommen. Es bleibt, wenn metaphysische Probleme kontradiktorisch von sinnvolle Probleme behandelnden Sätzen disjungiert sind, das Gefühl. Wir fühlen das Mystische das Gefühl tritt die Nachfolge argumentativ ausgerichteter Metaphysik unter den Bedingungen des logischen Atomismus bzw. Positivisspecie aeterni ist ihre Anschauung als begrenztes Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mysti3 . e4 antwortet sind, unsere Lebensprobleme garnicht berührt . Man bemerkt 5 ihre Lösung nur am Verschwinden des Problems . So wie der Satz die Sachlage als deskriptives Zeigen sichtbar macht (zeigen1)6, das metaphysische Subjekt als transzendentales Zeigen die Wirklichkeit im Satz zeigt (zeigen2), so gibt es noch ein transzendentes Zeigen (zeigen3). Es ist das Zeigen, welches das Un-

ist das Mysti

7

.

den muss, so ergibt sich als Korrelat des rein wissenschaftstheoretischen Denkens der Bezug auf reine Praxis. Wittgenstein lebt hier konsequent. Er sieht die theoretischen Hauptprobleme mit seinem Tractatus logico-philosophicus als gelöst an, wirft als lebensweisheitlich beachtenswerte Konsequenz die Leben zurück8. Für die Rezeption des Tractatus logico-philosophicus durch den Wiener Kreis ergibt sich: Der systematische Ort des Mystischen im Tractatus logicophilosophicus ist ambivalent und in zwei Richtungen ausgestaltbar. Das Mystische ist zum einen eine nichthintergehbare Voraussetzung für das Bild(-en) von i9 nsinnig10 hervorheben. Wittgenstein zog die Konsequenz des schweigenden Tuns und der Zuwendung zu den nur nichtsprachlich lösbaren Lebensproblemen. __________ 1 2 3 4 5 6 7 8

9 10

Wittgenstein, TLP, Nr. 6.4312. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.432. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.45. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.52. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.521. Ich orientiere mich hier an Fahrenbach, Bd. 2, 1970, 25-54. Wittgenstein, TLP, Nr. 6.522. Zur mystischen Komponente in der Biographie Wittgensteins, der sich mit Kierkegaard (1813-1591), Johannes vom Kreuz (1542-1591) und zeit seines Lebens mit Augustinus beschäftigte, vgl. die kurze Skizze von Baum, 1979, 30-32. Wittgenstein, TLP, Nr. 7. Schrödter, 1979, 70.

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Im Kontext der Wissenschaftsgläubigkeit als Kulturform der Rezeption von Wissenschaft und Erkenntnistheorie ist hingegen anzunehmen, dass Wittgenstein wie die Rezeption gezeigt hat in seinen Konsequenzen weitgehend allein bleibt. Das Mystische wird in der Folge in seiner bedeutungskonstituierenden Rolle zunächst gegenüber dem Sagbaren entwertet und unthematisch gehalten. Diesen Weg schlägt der Wiener Kreis ein.

4.

Engführungen Wittgensteins im Wiener Kreis

Verfolgen wir Rudolf Carnaps Theorie im Ausgang von den Manifesten des Wiener Kreises zur Metaphysikkritik bis hin zu einem Vergleich der subjektivitätstheoretischen Reflexionen im Tractatus logico-philosophicus und Logischen Aufbau. Es ist sinnvoll, die möglichen Satzarten, die nach Wittgenstein verwendet werden können bzw. nicht verwendet werden können, in drei grundlegende Prinzipienklassen zu gliedern1. Es gibt sinnvolle Sätze als Abbildungen von Tatsachen diese sind die Sätze der Naturwissenschaft. Sie können aposteriorisch als wahr oder falsch aufgewiesen werden. Es gibt sinnlose Sätze als reine Strukturaussagen. Sie sind insofern Scheinsätze als sie nur mögliche Aussagen als Tatsachenformulierungen fassen. Diese Strukturformulierungen kann ein Logiker als wahr oder falsch a priori explizieren. Zum Dritten gibt es unsinnige Sätze. Sie sind zum einen als erläuternde Sätze möglich, wie die Sätze des Tractatus logico-philosophicus Leiterfunktion mit der Aufgabe in Sprache über Sprache zu reden haben also sprachreflexive Sätze. Zum anderen als die mystischen Sätze der Metaphysik, Ethik und Ästhetik. Wenn wir den Gesprächsbereich dieser Satzarten angeben, so ist dieser, wie Wittgenstein selbst erläutert, das Zeigen des metaphysischen Subjekts der Grenzbegriff alles durch konkrete Subjekte, gleichgültig ob sinnvoll, si überhaupt2, der extensional die Allklasse möglicher Individuen darstellt, welcher, intensional betrachtet, der nicht sprachlich darstellbare leere Begriff ist.

__________ 1 2

Zimmermann, 1975, 31. Vgl. dazu Petzingers, 1973, 1 kurzgefasste Definition des Begriffs im Sinne des Systems von Freytag gen. Löringhoff, Bd. 1, 1972, 16ge

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nur der rekonstruierenden Reflexion zugängliches, niemals anschauliches: metaphysisches Subjekt

Sprachraum konkreter Subjektivität: sinnvolle, sinnlose und unsinnige (erläuternde oder mystische) Sätze Die Pfeile deuten symbolisch an, dass zur Thematisierung dieser Ebene des metaphysischen Subjekts ein neues Verhalten, sei es transzendental reflektierender, sei es schweigender Art, notwendig ist. Bei den Logischen Positivisten wird die Reflexion auf den Gesprächsbereich ausgeklammert.

Rudolf Carnap gliedert die möglichen Sätze analog der wittgensteinschen Konzep der Sätze: man beobachtet, experimentiert, sammelt und bearbeitet das Erfahrungsmaterial. Oder es geht um eine Klarstellung der spezifischen Form der Wissenschaftssätze, sei es ohne Rücksicht auf den Inhalt (formale Logik), sei es in Hinblick auf die logischen Beziehungen bestimmter Begriffe (Konstituti1 onstheorie, Erkenntnistheorie als angewandte Lo . Die Sätze der Logik und Mathematik seien Tautologien als analytische Sätze, die rein auf Grund ihrer Form gültig seien. Die gehaltvollen Sätze brächten einen Sachverhalt zum Ausdruck und gehörten in den Bereich der Realwissenschaft2. Die unsinnigen Sätze würden aufgedeckt durch logische Analyse der Sprache. Es sei durch die Entwicklung der modernen Logik, so Carnap, möglich geworden, den Geltungsbereich metaphysischer Sätze klar zu reflektieren und sie 3 zu erkennen, insofern sie Wortreihen darstellten, die egebenen Sprache gar keinen Satz bilde(n). Es kommt vor, daß eine solche Satzreihe auf den ersten Blick so aussieht, als 4 sei sie ein Satz; in die . Der Begriff der Scheinsätze disjungiere sich in zwei Arten in Scheinsätze, die auf einem Scheinbegriff beruhten und in solche, die syntaxwidrige Zusammenstellungen von Worten darstellten. Betrachten wir zunächst die ersteren. Scheinbegriffe seien Begriffe, die nur scheinbar eine Bedeutung hätten. Carnap zitiert hier Wittgensteins berühmtes Wort, dass der Sinn eines Satzes in seinem Wahrheitskriterium liegt. Die sinnvolle Bedeutung eines Wortes ergebe __________ 1 2 3 4

Carnap, Universalsprache, 433. Carnap, Universalsprache, 423. Carnap, Überwindung, 220. Carnap, Überwindung, 227.

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sich daraus, dass jeder Begriff auf eine elementare Satzform zurückgeführt werden könne, deren grundlegendes Charakteristikum ihre Verifizierbarkeit sei. -babige Dinge gebe, ohne dass man auf die Frage, wie man im konkreten Falle feststellen könne, dass ein Ding babig sei oder nicht, eine Antwort wisse. nicht ange

1

.

Anthony Flew (*1919) hat zu diesem Verdikt über die Rede von Gott das Bild vom unsichtbaren und schier unfehlbaren Gärtner gefunden, den ein Urwaldreisender einem anderen als Grund für die überraschend schöne Gartenlandschaft, die beide im Dschungel gefunden hatten, angeben will (1955). Alfred J. Ayer (1910-1989) ist derjenige, der 1946 in Language, truth and logic punkt ausführlich behandelt. Weiter sind neben Flew und Ayer auch noch Ronald William Hepburn (*1927), Richard Bevan Braithwaite (1900-1990) und Richard Mervyn Hare (1919-2002) zu nennen, die im Gegensatz zu den beiden vorgenannten versuchen, bei Bejahung des empiristischen Sinnkriteriums Auswege in den Bereich des Ethischen und Subjektiven hinein zu finden, ohne die Frage nach Gott im Ganzen als vergangenes Problem zu betrachten2.

Neben den Scheinsätzen, die nach Carnap durch einen Scheinbegriff konstituiert werden, gibt es für ihn noch die Art der syntaxwidrigen Wortverbindungen (,Cäsar ist eine Prim Am B Was ist Metaphysik? (1929) versucht Carnap eine derartige syntaxwidrige Art insofern fehlerhaft verwendet werde, als es als Gegenstandsname aufgefasst als logische Form von Sätzen dienen. Für Carnap sind Martin Heideggers Betrachtungen zum nichtendenden Nichts somit sinnlos. Gegen Ende seiner Abhandlung kann Carnap zum großen Finale kommen, wenn er schreibt, dass die Metaphysik im Ganzen eine sinnlose menschliche Anstrengung sei, sofern man sie als theoretisches Bemühen betrachte, wie es die klassische Philosophie und Theologie immer getan hätten3. Ähnlich wie im Falle Wittgensteins zieht auch er die Konsequenz der reinen Praxis4. __________ 1 2

3 4

Carnap, Überwindung, 227. Flew, 1955,96-99; Ayer, 1946; Hepburn, 1958; Braithwaite, 1955; Hare, 1955, 99-103. Vgl. dazu Schrödter, 1979, 87-109 und Pannenberg, 1973, 34-37. Carnap, Überwindung, 233-241. Vgl. dazu Carnap, Überwindung -)Sätze der Metaphysik dienen nicht den; sie dienen zum Ausdruck des Lebensge

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Deshalb sei es die Aufgabe der neuen wissenschaftlichen Weltauffassung, im Gegensatz zur herkömmlichen Philosophie, nicht eigene Bestimmungen zu Sein und Wesen aufzustellen, sondern nur Sätze zu klären, die der empirischen (Einheits-)Wissenschaft zugehörten. Verfolgen wir diese Intention unter subjektivitätstheoretischem Gesichtspunkt am Beispiel des Logischen Aufbau.

5.

Der logische Aufbau der Welt

Es wurde schon weiter oben die These aufgestellt, dass Rudolf Carnaps Buch thematisch in die Reihe der großen Schriften über den menschlichen Verstand gestellt werden kann. Es geht Carnap um die empiristische Grundfrage, ob die Gesamtheit unserer wissenschaftlichen Begriffe sich definitorisch auf eine elementare Basis und auf die damit zusammenhängende Frage nach einem universalen Reduktionssystem zurückführen lasse, welches zugleich prinzipieller Geltungsgrund und faktischer Ausgangspunkt des erscheinenden Wissens der Wissenschaften sein solle. Die methodologische Vorgabe, durch die sich Carnap gegenüber klassischen Empiristen bis hin zu Mach und Avenarius abgrenzen kann, ist die, dass die Bezugnahme auf begrifflich noch ungeformte Empfindungsgehalte ,an t mehr nötig ist, sondern dass Carnap auf Strukturbegriffe zurückgreifen kann, die seit den hilbertschen Grundlagen der Geometrie (1899) zugänglich geworden sind. Wenn wir uns in diesem Kontext an das oben zu Hilbert Ausgeführte erinnern, so besteht dieser darauf, dass seine Axiome nicht Sätze über inhaltliche Bestimmungen, sondern einfache Verwendungsregeln ohne spezifische physikalische oder anthropologische Bedeutung sind. Hilberts Axiome sind keine r logischen Form möglicher Behauptungen, die sich durch diese dann gewinnen lassen, wenn man in die Variablen Ausdrücke für wohlbestimmte Relationen und Eigenschaften einträgt. Damit sich aus der hilbertschen Idee des Kalküls der Systemgedanke einer Einheitswissenschaft soll erarbeiten lassen, muss aber ein Weg gefunden werden, den rein durch die Explikation der internen Relationen der Grundbegriffe Hilberts Idee der Metamathematik und bei Russell zeigen, führt Carnap aus. __________ Siehe auch ders., 1934 und Moritz Schlicks Abhandlung Vom Sinn des Lebens (1927, 334f), in der er als seine bedeutet Bewegung und Handeln, und wenn wir einen Sinn in ihm finden wollen, so müssen sie Spiel nenne

210

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Nehmen wir hier um dies darzustellen unseren Ausgang beim Gedanken der impliziten Definition, den Hilbert in einer Karte vom 22.9.1900 an Gottlob Fre rch seine Beziehung zu anderen Begriffen logisch festgelegt werden kann. Diese Beziehungen, in bestimmten Aussagen formuliert, nenne ich Axiome und komme so 1 dazu, daß die Axiome die Definitionen der Beg . Es bestimmten sich die Begriffe eines Systems wechselseitig, ohne dass ein Definitionsregress und damit wiederum die Frage nach der Gegenstandsbezüglichkeit der Begriffe außerhalb ihres axiomatischen Kontextes notwendig werde. Im Gegensatz zur Konzeption objektive Geltung setzender (transzendentaler) Subjektivität, die sich selbst in apriorischen Kategorien auslegt, ist aber dieses ierende Handlung. Sie stellt vielmehr einen systeminternen Definitionszusammenhang dar und beschreibt rein systeminterne Beziehungen. Interessant wird es, wenn sich die metamathematische Reflexion mit der impliziten Metaphysik eines Strukturnaturalismus2 verbindet, der wie Russell, Wittgenstein und (wie wir sehen werden) Carnap davon ausgeht, dass die Welt diesen Strukturen ontologisch entspreche. Um zu sehen, ob Carnap hier einen anderen Weg einschlägt als Wittgenstein mit seiner Konzeption des metaphysischen Subjekts, wenden wir uns zunächst Russells Strukturbegriff zu. Im zweiten Band der Principia Mathematica3 bestimmt Russell den Begriff Logischen Aufbau ausdrücklich bezieht4. Zwei Relationen P und Q seien einander genau dann ähnlich, wenn es eine Zuordnung der beiden Gebiete GP und GQ gebe, auf die sich diese Relationen beziehen, bei der die Relate, die in der Beziehung P stünden, in Relate, die in der Beziehung Q stünden, überführt würden und umgekehrt. Die Struktur einer Relation R sei dann die Klasse der zu R ähnlichen Relationen. Bezieht man diesen Strukturbegriff auf den Logischen Aufbau, dann erweist es sich, dass der Logische Empirismus auf diese Weise, als Vereinigung von Metamathematik und empiristischem Tatsachenethos, eine seltsame Doppelgestalt erhält. Zur Frage nach der Möglichkeit struktureller Beschreibung empirischer Phänchen zuzuordnen und sie damit der begrifflichen Bearbeitung zugänglich zu __________ 1

2 3 4

Zit. bei Kambartel, 1968, 167, der mir für den Bezug Carnaps auf Hilbert und Russell am hilfreichsten war. Ich entnehme diesen einprägsamen Terminus Nordhofen (1976, 13). Whitehead/ Russell, 1910-1913, 152. Vgl. dazu im LA die Kap. 11f.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

211

machen, obwohl (!) andererseits die empirischen Gegenstände überhaupt durch 1 diese Zei . Der logische Empirismus steht so in der Spannung, konventionell festgelegte reine als angewandte Logik2 mit individuellen Gegenständen der Erfahrungswelt zu konfrontieren, ohne ihre individuelle Gegenstandsvalenz ausklammern zu wollen. Carnap übernimmt in seinem Entwurf zur Untersuchung der Reichweite des theoreti seine Definition von Russell und bezieht diesen auf seine Voraussetzung, dass in der Wirklichkeit Gegenstände miteinander an sich strukturell verbunden sind. Er entwirft die Idee eines Konstitutionssystems aller wissenschaftlichen Begriffe, die auf grundlegend einfache Elementarerlebnisse zurückgeführt werden könnten. nung der Gegenstände derart, daß die Gegenstände einer jeglichen Stufe aus denen der niederen konstituiert werden. Wegen der Transitivität der Zurückführbarkeit werden dadurch indirekt alle Gegenstände des Konstitutionssystems aus den Gegens 3 . Für die folgende Darstellung der Grundprobleme des Logischen Aufbau interessiert uns hier in erster Linie dieser Basis-Bezug der Begriffsstufen und die Frage nach demjenigen, welches die Relationen zwischen den Systemelementen aufgespannt sein lasse. rgrund der Russellschen Typentheorie, die zur Überwindung der Mengenantinomien entwickelt wurde (1908). duen (Typ 0), Mengen von Individuen (Typ 1), Mengen von Individuenmengen (Typ 2) usf. Weiterhin werden alle Variablen des Systems mit den Typenzahlen entsprechenden Indizes versehen. Zu den Umformungsregeln wird zugefügt, daß eine Aussage ,x ist Ele Damit wird die Paradoxie, dass etwa ein Kreter selbst über sich eine wahre Aussage der achen kann, ausgeschlossen, da die Selbstanwendung des Satzes einen anderen Aussagetyp bezeichnet. In dieser Richtung versucht Carnap sein Konstitutionssystem wissenschaftlicher Begriffe nach Gegenstandsarten (eigenpsychische Gegenstände, physische, fremdpsychische und geistige Gegenstände) dergestalt zu gliedern, dass alle Aussagen über Gegenstände letztlich in Elementarerlebnisse übersetzt und so konstituiert werden können. nur Gegenstände der folgenden Arten in dem Konstitutionssystem vorkommen: auf der ersten Konstitutionsstufe nur Klassen von Elementen und Relationen zwischen Elemen-

__________ 1

2

3

Carnap, LA, 19. In LA, 19f vergleicht Carnap dieses Verfahren mit der eben bei Hilbert angesprochenen impliziten Definition. Die Logik ist für Carnap, da er synthetisch-apriorische Erkenntnisse ausklammert, konventionell. Dies hat, wie wir weiter unten sehen werden, beträchtliche erkenntnistheoretische Folgen. Vgl. LA , 107 und ders., 1930, 23-25. Carnap, LA, 2.

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ten, auf der zweiten Stufe nur erstens Klassen solcher Klassen oder Relationen erster Stufe und zweitens Relationen zwischen solchen Klassen oder Relationen erster Stufe 1 oder Ele .

Wenn wir nach der Basis der angestrebten Konstitutionsprozesse fragen, so stoßen wir auf unmittelbar Aufweisbares in der Form des erlebnismäßig Gegebenen. Es ist das unmittelbarste, weil alles, was ist, als Erlebtes ist. Das Subjekt ist also hier aus dem Versuch eines systematischen Ableitungszusammenhanges aller empirischen Begriffe nicht herauszuhalten. Betrachten wir deshalb die spezifische logisch-empiristische Weise von Subjektivität zu reden. Es wird sich zeigen, dass die Wende zu einem individuellen postmodernen Wirklichkeits- und Weltkonstrukteur hier schon angelegt ist. Rudolf Carnap spricht von einem methodischen Solipsismus2, der durch das t signalisieren soll; es ist weiter 3 die Rede vom Erlebnisstrom , der das in ihm objektiv Gegebene abbilde. So will also der Ausgangspunkt beim erlebnismäßig Gegebenen als jenseits der Disjunktionen ,individuellert verstanden werden, um Objektivität der Erkenntnis ohne transzendentale Reflexionen rekonstruieren zu können oder die eigenpsychische Basis aufgeben zu müssen. Trotzdem ist das je-meinige Erleben hier idealiter als notwendige Beziehung darauf verstanden, dass alles, was ist, als Erlebtes ist. Grundlegend bedeutsam sind neben dem Bezug auf die eigenpsychische Basis des Konstitutionssystems noch die Fundamentalbegriffe Grundelement und Grundrelation. Grundelemente sind die Elementarerlebnisse, die Carnap gemäß der metaphysischen Neutralität der eigenpsychischen Basis als die unzerteilte Ganz, charakterisiert. Obgleich der Ausgangspunkt einer derartigen Erlebnisvorstellung die an ganzheitlichem Erfahren orientierte Gestaltpsychologie 5 ist, versucht Carnap, diesen gestaltpsychologischen Entdeckungszusammenhang seines Elementarerlebnisses abzuschütteln. Elementarerlebnisse seien einerseits zwar die eigenpsychisch-empirische Basis, zum anderen aber auch explizit Abstraktionen. In ihrer Konzeption setzt sich die eigentümliche Spannung von Subjektivem und Objektivem, die sich schon in Carnaps Wahl der eigenpsychischen, aber ontologisch neutralen Basis zeigt, fort. 4

damit nicht angenommen der Erlebnisstrom sei aus bestimmten, diskreten Ele__________ 1 2 3 4 5

Carnap, LA, 86. Carnap, LA, 86. Carnap, LA, 92. Vgl. auch Carnap, Scheinprobleme, 297f.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

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menten zusammengesetzt. Vielmehr wird nur vorausgesetzt, daß über gewisse Stellen des Erlebnisstroms Aussagen gemacht werden können von der Art, daß eine solche Stelle zu einer bestimmten anderen in einer bestimmten Beziehung stehe u. dergl.; es wird aber nicht behauptet; der Erlebnisstrom könne eindeutig 1 in solche Stel . Es wird in diesem Zitat auch behauptet, dass man keine metaphysischen Aussagen über Elementarerlebnisse machen dürfe und zugleich wird dieses Elementarerlebnis aber als grundlegende Basis eines empiristischen Systems genommen. An anderer Stelle spricht Carnap mit Bezug auf diesen Paragrafen nhaltlich bestimmten Unzerlegbarkeit, die aus der Wahl der ih2 rem Wesen unzerlegbaren Elementarerleb . Bewegt sich Carnap hier im Bereich einer Metaphysik der Dinge an sich? Er kann dieses Problem zunächst noch umgehen im Sinne von verschieben, indem er auf seine Absicht, durch Strukturbeschreibungen Objektivität zu konstituieren, verweist. Wissenschaft beziehe sich auf den Aufweis von Struktureigenschaften unmittelbarer Erlebnisgegebenheiten, nicht auf diese selbst und Elementarerlebnisse seien keine persönlichen Erlebnisse, Empfindungen usw. Aber auch dann wird das Problem der Geltungsbegründung nur verschoben. Die Erke und daß es daher einen Weg gibt, vom individuellen Erlebnisstrom ausgehend 3 , kläre erst den Sinn von metaphorischen Formulierun Ausgangspunkt im Sinne einer erkenntnismäßigen Ordnung der Gegenstände, nämlich vom Eigenpsychischen aus keinen Weg zum Übersubjektiven s 4. Trotzdem liegt aber hier eine Problemverschiebung vor, die darin besteht, dass Carnap in seiner Theorie als empirischer Theorie zumindest die Voraussetzung machen muss, dass, wenn schon nicht das Materiale der Elementarerlebnisse objektivitätskonstituierend sei, so doch zumindest dies, dass man nicht nur aus dem Gegebenen eine Struktur herausarbeiten könne, sondern dass, wie Kambar ist Kenntnis des Gegebenen soll das für wissenschaftlich legitime Begriffsbildung nötige und mögliche Erfahrungswissen gleichwohl vollständig repräsentieren. ist, gewissermaßen bereits beschrie __________ 1 2 3 4 5

Carnap, LA, 93. Carnap, LA, 103. Carnap, LA, 91. Carnap, LA, 91. Kambartel, 1968, 175 (Hervorhebung L.H.).

5

.

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Kambartel unterlässt es, die metaphysische Prämisse Carnaps, dass das ist, zu reflektieren und damit auf subjekttheoretische Prämissen im Sinne etwa Wittgensteins zu kommen. Um diese subjektivitätstheoretisch orientierte Kritik ausführen zu können, wenden wir uns einem anderen Grundmoment der carnapschen Wissenschaftskonzeption, der Ähnlichkeitserinnerung als nichthintergehbarer Grundrelation, zu. Wenn Strukturgleichheiten zwischen Elementarerlebnissen objektivitätskonstituierend sein sollen, so wird eine Reflexion ihrer Beziehungen notwendig. Carnap spricht hier, um ein Beispiel zu geben, von der Beziehung etwa der Teilähnlichkeit, die dann bestehe, wenn bei zwei Elementarerlebnissen ein b n Erlebnisbestandteil b von y in ihren Be1 m . Die unterschiedlichsten Formen von Ähnlichkeiten zwischen Elementarerlebnissen hätten eine bestimmte Art von Zeitlichkeit gemeinsam. Es sei die Zeitlichkeit, die in der Erinnerung früherer und der Beziehung derselben auf gegenwärtige Elementarerlebnisse bestehe. Diese Erinnerungsbeziehung zwischen den Elementarerlebnissen nennt Carnap die Ähnlichkeitserinnerung und versteht sie, in ausdrücklich als psychologisch gekennzeichneter Sprache, als 2 rungsvorstellung von x mit y als teilähnlich erkannt wer . Carnap versucht, wie auch schon am Beispiel der Elementarerlebnisse und der Konzeption der eigenpsychischen Basis gesehen, die Ähnlichkeitserinnerung möglichst von allen metaphysischen Problemen zu entlasten, indem er die folgenden Beschreibungen seiner Grundbegriffe ausdrücklich als entweder konstitutionale oder psychologische Sprache kennzeichnet. So wird aus dem oben zitierten Satz zur Ähnlichkeitserinnerung in konstitutio 3

abkürzt. Es ist allerdings die Frage, ob durch diese Abkürzung viel erreicht ist, da der metaphysische Rechtsanspruch der konstitutionalen Definition überhaupt noch nicht geklärt ist. Die unthematische Prämisse, dass das Gegebene nicht nur als Struktur beschreibbar, sondern ontologisch Struktur sei, ist unausgewiesen. Formalisierung dient hier als Immunisierungsstrategie. Nun können wir auf Wittgensteins Konzeption des metaphysischen Subjekts zurückkommen. Das metaphysische Subjekt ist ausdrücklich als Bedingung der Möglichkeit der Objektivität des Bezuges von Bild und Abgebildetem entworfen. Die eigenpsychische Basis, von der her Carnap den Vollzug objektiver Strukturen in der Ähnlichkeitserinnerung konzipiert, ist hingegen ein metho__________ 1 2 3

Carnap, LA, 109. Carnap, LA, 110. Carnap, LA, 110.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

215

disch eingesetztes, systeminternes Moment der Konstitutionstheorie also nicht deren Geltungsgarant überhaupt. Erinnert man sich weiter daran, dass Carnap der Auffassung ist, dass die o über den Gebrauch von Zeichen und aus Tautologien auf Grund dieser Festset1 bestehe, die Logik dabei aber zugleich jene die Teilähnlichkeit erst thematisierende Instanz des Systems sei, so fragt man sich, ob dies nicht eine empiristische Variante eines vom Empirismus selbst gepflegten Zerrbildes von Idealismus darstellt2. Die Logik wird dann nicht mehr an (wie auch immer näher zu explizierende) Vernunft, sondern an den Willen gebunden. Als Konsequenz einer derartigen Auffassung kann wissenschaftliche Vernunft zu einer Funktion von in der Selbstermächtigung gegenüber objektiv normierender Realität stehender Subjektivität werden. Wissenschaft und andere rationale Orientierungsbemühungen werden dann funktionalisierbar. Rationalität und zu ernst genommene Längere Gedankenspiele können dann verschmelzen, weil der bewusst ergriffene Standpunkt keinen Maßstab außerhalb der eigenen Entscheidung mehr hat. Der Fantasie wird dann an die Macht verholfen. So können dann wie wir später sehen werden das wissenschaftsförmige Empirische und das Neomythische kooperieren. In diesem zweiten Band der Kritik der neomythischen Vernunft wird diese Kooperation auf der Ebene des Fiktionalen (Sciencefiction) und sektiererisch Religionsförmigen dargestellt. Der dritte Band wird die globale und auch eminent politische Bedeutung der miteinander verschmolzenen wissenschaftlichen Rationalität und den Längeren neomythischen Gedankenspielen herausarbeiten. Von diesen Betrachtungen her sieht man auch die Weiterführung Carnaps gegenüber Wittgensteins selbstreflexivem Tractatus logico-philosophicus zur Reflexion der logischen Syntax der Sprache (1934) und zu Testability and meaning3 (1936f), in denen der konventionalistische Charakter der Sprachstrukturen wissenschaftlicher Systeme herausgearbeitet wird, als konsequente Entwicklung. Fasste Wittgenstein Sprache metaphysisch als die letzte, nicht mehr hintergehbare Instanz4, so wird sie von Carnap instrumentalisiert als Trägerin wissenschaftlicher Erkenntnisse5. In diesem Sinne ist es dann beim späten Carnap eine konsequente Weiterführung seiner Art von Logischem Empirismus, wenn er, wie Wolfgang Stegmüller über die späten Werke schreibt, das Problem der Induktion als prakti__________ 1 2 3 4

5

Carnap, LA, 107. Vgl. dazu Caton, 1974, 645-647 und Zimmermann, 1975, 32-35. Carnap, Syntax, und ders., Testability. Wittgenstein, TLP, 3.3/5.4731/6.233. Vgl. dazu den interessanten Artikel von Wallner, 1979, 193-195. Vgl. dazu Carnap, Universalsprache, 235ff und LA/252ff.

216

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e, wobei Stegmüllers Formulierung1 es offen lässt, ob die prakh 2 als eine sich selbst ermächtigende Vernunft ist. Hier ist dann die Logik des Willens in ihrer willentlichen Form fast explizit begriffen. Prinzipiell meldet sich hier das postmoderne Denken. Induktion wird als ein Entscheidungsvorgang begriffen, indem ein Individuum aus individueller Problemperspektive heraus festlegt, was der Text dieser Welt ist und diese in den Kontext individueller Intertextualität stellen kann. Wird aber die Welt als Gefüge von Texten begriffen, dann ist der Weg zum Anspruch eines grandiosen Verstehens dieser Wirklichkeit und zu einer metaphysischen Kolportage nicht mehr weit. Trotzdem hält aber der späte Carnap an seinem empiristischen Grundsatz fest, wenn er 1961 im Vorwort zur zweiten Auflage des Logischen Aufbau die alten Formulierungen lese, finde ich manche Stellen, die ich heute anders sagen oder auch ganz weglassen würde. Aber mit der philosophischen Einstellung, die dem Buche zugrunde liegt, stimme ich heute noch überein. Das gilt vor allem für die Problemstellung und für die wesentlichen Züge der angewendeten Methode. Das Hauptproblem betrifft die Möglichkeit der rationalen Nachkonstruktion von Begriffen aller Erkenntnisgebiete auf der Grundlage von Begriffen, die sich auf das unmittelbare Gegebene bezie3 . In diesem Festhalten offenbart sich die grundlegende Unvermitteltheit eines empiristischen Denkens, das zu ehrlich ist, sich über seine Qualität als Denken hinwegzutäuschen.

Wenn aber für den Empiristen der Weltbezug durch das Subjekt nur als im Wil zendentale Leistungen konstituiert erscheint, liegt es dann nicht nahe, denselben nur noch als regulative Idee anzunehmen, dem sich empirische Forschung nur nähern kann, indem sie alte wissenschaftliche Ideen falsifiziert? Damit wären wir bei Karl Popper angelangt.

__________ 1

2 3

So etwa Stegmüller in seinem Artikel, 1979, 44-97, hier: 77. Vgl. auch die kritischen Anmerkungen Scharrers 1977, 42-47. Vgl. dazu Bubner, 1976. Carnap, LA, X.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

217

IV.

als Grenzbegriff und die Entdeckung des Kommunikativen bei Karl Popper

1.

Karl Poppers Rezeption des semantischen Wahrheitsbegriffes von Alfred Tarski

Alfred Tarskis berühmte Wahrheitstheorie 1 ist wohl deshalb der erfolgreichste neuere Definitionsversuch geworden, weil sie geradezu den Gesprächsrahmen für alle möglichen Spezifikationen von Wahrheitstheorien abzugeben scheint2. Auch Karl Popper3 wohl Tarski nur wenig älter war als ich, und obwohl wir uns in diesen Tagen persönlich sehr nahe gekommen waren, sah ich in ihm meinen wirklichen Leh4 rer in der Philoso . Tarskis semantische Theorie der Wahrheit (zuerst 1931) soll uns deshalb als Ausgangspunkt der Darstellung der wissenschaftstheoretischen Position Karl Poppers dienen, weil sich im Ausgang von ihr die Tendenzen der empiristischen Wissenschaftstheorie zu einem postmodernen intertextuellen Relativismus hin zeigen lassen. In ihrer klassischen Bedeutung ist Wahrheit ein Begriff, der die Beziehung ei teilswahrheit thematisiert. Es ist die methodologisch nicht rechtfertigbare Rezeption der tarskischen Wahrheitsdefinition, durch die Begründungsprobleme entstehen, was die Frage der Geltung wissenschaftlicher Erkenntnisse betrifft. Tarskis Wahrheitstheorie ist eine semantische, insofern sie die Beziehung zwischen den sprachlichen Ausdrücken und den durch diese Ausdrücke bezeichneten Sachverhalten oder Gegenständen reflektiert, die von Karl Popper als Rehabilitierung der klassischen Korrespondenztheorie der Wahrheit umgedeutet wird. Tarski sieht sei rakterisieren und eine logisch einwandfreie und sachlich zutreffende Verwen5 dungsweise dieser Begriffe aufzustel . __________ 1

2

Orientiert habe ich mich dazu an: Tarski I; ders. Tarski II; = Tarski III/ vgl. dazu: Haack, 1978, 99-127; Puntel, 1978, 41-69; ders., 1974, 1649-1668; Tugendhat, 1977; Stegmüller, 1968, (Achim) Schmidt, 1979 und Nordhofen, 1976, 97-114. been so influential. For one thing, his adaequacy conditions on definitions of truth promise a kind filter to discriminate, among the ambarrassingly numerous theories of truth, those which meet minimal conditions of acceptability, which therefore have some prospect of

3

4 5

Zit. wird im Folgenden Popper, 1973 als LdF/Seitenzahl. Grundlegende Hilfen waren für mich: Nordhofen, 1976; Schneeberger, 1976, 88-103; Schäfer, 1974, 57-105 und Bubner, 1973, 129-174. Popper, = OE/S., 350 (= Wahrheit/S.). Tarski, II/357.

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Innerhalb des o.a. Gesprächsbereichs ist auch seine semantische Definition von Wahrheit zu orten. Um wissenschaftliche Semantik betreiben zu können, entwickelt er im Anschluss an Hilberts Beweistheorie das berühmt gewordene Begriffspaar der Objekt- und Metasprache. Die Objektsprache ist diejenige Sprache, mittels der man spreche, die Metasprache sei diejenige Sprache, welche über die Objektsprache spreche. Die semantischen Begriffe, die die Relation von sprachlichem Ausdruck und dem, worüber der Benutzer der Sprache bei ihrer Verwendung redet, reflektierten, seien damit metasprachliche Begriffe. Sie gäben die Bedingungen an, unter denen etwas in ei könne. Im ersten Schritt der Wahrheitsdefinition geht Tarski davon aus, dass die Objektsprache beschrieben werden muss. Sie werde durch folgende Elemente beschrieben: - es müssten alle Grundzeichen der Objektsprache eingeführt werden (einfache/ undefinierte Terme); - es müssten Definitionsregeln angegeben werden, mit deren Hilfe man neue, von den Grundzeichen der Sprache verschiedene Terme einführen könne; - es müssten Formregeln angegeben werden, die die zulässigen Zeichenkombinationen beschrieben und so erst Sätze möglich machten; - es müssten alle beweislos eingeführten Axiome dargelegt werden, und endlich - alle Beweise geregelt werden, mit deren Hilfe man aus den Axiomen andere Lehrsätze und Aussagen ableiten könne (Theoreme). Eine derartige Objektsprache sei natürlich keine im alltäglichen Sinne gelebte Sprache, sondern nur als formalisierte Sprache denkbar, in der der Sinn eines Ausdrucks eindeutig durch seine formale Gestalt bestimmt sei. Sprachen mit ganz exakten 1 Me .

Im zweiten Schritt sei die Konstruktion einer Metasprache, in der über die Objektsprache geredet werden solle, notwendig. Erst in dieser könne ja die Semantik der gegebenen Objektsprache entwickelt werden. Zur Metasprache gehören nach Tarski drei Arten von Ausdrücken: Zum einen müsse die Metasprache als Reflexion auf die Objektsprache (1) alle objektsprachlichen Ausdrücke enthalten. Es zeige sich darin der endliche Charakter der Objektsprache, da nur eine Sprache, die endlich viele Ausdrücke enthalte, noch einmal durch eine Metasprache extensional übergriffen werden könne. Die zweite Art der Ausdrücke sind Terme, die die Objektsprache im Hinblick auf ihre Gestalt, Struktur, Bauform und ihre Relationen formal beschreibbar machten. __________ 1

Tarski, II/352. Vgl. dazu Puntel, 1978, 58, der auf Tarskis zweideutige Haltung gegenüber mentarisches Interpretationsfeld für formalisierte Wahrheitsdefinitio

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219

Es gehe also um Ausdrücke, die zur Bildung eines Namens für die objektsprachliche Aussage zuständig seien. Der Begriff derartiger Ausdrücke disjungiere sich nach Tarski dann noch einmal in die (2) Anführungsnamen und die (3) strukturell-deskriptiven Namen. Als Anführungsnamen bezeichnet sinnlosen Ausdrucks), welcher aus Anführungszeichen (den links- und rechtsseitigen) und dem Ausdruck besteht, der eben das durch den betrachteten Na1 men Bezeich . Im nächsten Schritt fragt Tarski, unter welcher Bedingung die Verwendungsweise eines semantischen Begriffs in der Metasprache als sachlich zutreffend und mit dem üblichen Sprachgebrauch als übereinstimmend betrachtet werden dürfe. Er entwickelt dazu den Begriff der semantischen Konvention, welche die richtige Verwendungsweise der semantischen Begriffe in der Metasprache festlege. Der Begriff der semantischen Konvention verweist uns, soweit er das Bedeutungsproblem ausdrückt, schon auf die semantische Wahrheitskonzeption Tarskis. Bevor wir diese in ihrem Verhältnis zur Wahrheitskonvention behandeln, muss vorausschickend und speziell im Blick auf Karl Poppers Tarskiinterpretation noch einmal festgestellt werden, dass für Tarski die Extension diese Sätze ausdrücken2. Er betrachtet die Satzwahrheit und nicht die Urteilswahrheit. Somit steht Tarskis Wahrheitsdefinition im Bereich einer logischen Sprachanalyse; diese Ortung wird von Popper gerade nicht als zentral angesehen. Tarski legt fest, dass eine Definition der Wahrheit, die der klassischen Konzeption entsprechen können solle, die Form ,x ist eine wahre Aussage dann und nu haben müsse. x sei dabei das Symbol für den Namen einer Aussage und p sei das Symbol für die Aussage selbst. Dieses Schema ist nicht die Wahrheitsdefinition Tarskis3, sondern eine Wahrheitskonvention im Sinne eines allgemeinen Schemas von Wahrheitsverständnissen und eines Aussageschemas, das das Kriterium abgibt, gemäß dem die Wahrheitsdefinition entsprechend zu gestalten ist. Es ist hier im Blick auf Popper darauf aufmerksam zu machen, dass in der Umgangssprache, in der nicht zwischen Objekt- und Metasprache unterschieden wird, eine Wahrheitsdefinition im Sinne Tarskis ausgeschlossen ist, da wir hier dann auf die schon oben behandelten Antinomienprobleme stoßen würden (Beispiel: Alle Kreter lügen, sagt ein Kreter). Bei seiner Wahrheitsdefinition geht Tarski von dem semantischen Begriff der Erfüllung aus, den er an die Spitze aller semantischen Begriffe endlicher Sprachen gestellt wissen will, insofern seine Definition relativ wenig Probleme __________ 1 2 3

Tarski, I/453. Dazu bes. Stegmüller, 1968. Dies scheint Fischer, 1980, 40 etwa zu übersehen.

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bereitet. Erfüllung sei die Beziehung zwischen beliebigen Gegenständen und Aussagefunktionen. Aussagefunktionen unterschieden sich von Aussagen dadurch, dass sie in sich Variablen enthielten (Beispiele: x ist weiß/ x ist größer als y). Eine Aussage sei dann nur eine spezifische Art von Aussagefunktion ihr Grenzfall als eine Aussagefunktion ohne freie Variable. Tarski gelangt zu seiner Wahrheitsdefinition mittels folgenden rekursiven Verfahrens: - alle Aussagefunktionen einfachster Art müssten beschrieben werden; - alle Regeln bzw. Operationen, durch die aus den einfachsten Aussagefunktionen komplexe Funktionen konstruiert werden könnten, müssten angegeben werden; - werde der Begriff der Erfüllung nun so definiert, dass alle Gegenstände angegeben werden müssten, die die einfachsten Aussagefunktionen erfüllten; - würden alle Bedingungen festgelegt, unter denen die gegebenen Gegenstände eine entgegengesetzte Funktion erfüllten. Sofern es sich bei den Aussagen um Grenzbegriffe von Aussagefunktionen handele, um Aussagefunktionen ohne freie Variable, gelte diese Definition der Erfüllung auch für Aussagen. Für Aussagen gibt es, nach Tarski, zwei Möglichkeiten: - entweder werde eine Aussage von allen Gegenständen erfüllt - oder eine Aussage werde von keinem Gegenstand erfüllt.

Für Tarski ergibt sich damit als 1 dann wahr ist, wenn sie von allen Gegenständen er . Mit Achim Schmidt, dem ich hier neben Wolfgang Stegmüller gefolgt bin, kann man festhal nzeption, daß sie jedem erkenntnistheoretischen Standpunkt gegenüber völlig neutral sei. Er ist sich auch klar darüber, daß seine Konzeption nur für künstlich geschaffene Wissenschaftssprachen gelten kann und nicht etwa für natürliche Sprachen. Er sieht daher auch als wichtigstes Gebiet für die Anwendung der wissenschaftlichen Semantik die mathematischen Wissenschaften an. Man kann daher sagen, daß die semantische Wahrheitstheorie keineswegs der klassischen Korrespondenztheorie entspricht. Denn in der semantischen Wahrheitstheorie kommt das Prä - und Schriftgebilde zu und nicht, wie in der 2 klassischen Auffassung, dem Urteil, also dem Sinn des Sat . Karl Popper übernimmt einerseits Tarskis semantische Wahrheitsdefinition, indem er sie als gleichgeartete Präzisierung der Korrespondenztheorie fasst, 3 deutet. Auf der anderen Seite aber __________ 1 2 3

Tarski, III/157. (Achim) Schmidt 1979, 18. Vgl. auch Tugendhat, 1977, 194.

ition K.R. s Tarskis semantische Definition der Wahrheit interpretiert als eine Präzisierung der Korrespondenztheorie akzeptiert und andererseits eine fortschrittliche Konzeption wachsenden Wissens verteidigt. Liegt nun Wahrheit verstanden als Übereinstimmung mit Tatsachen und Fakten vor, so kann von einem Fortschritt des

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übernimmt er eine Konzeption des wachsenden Wissens, die nie zu einer -Aussage im Sinne eines realistisch umgedeuteten Tarski gelangen kann darin, so werden wir sehen, liegt die Rationalitätslücke bei Popper. Betrachten wir Poppers Tarski-Rezeption genauer. Karl Popper schreibt in dem Sammelband über Objektive Erkenntnis habilitierung und Präzisierung der klassischen Theorie der Wahrheit, die Wahrheit sei die Übereinstimmung mit den Tatsachen; und das scheint mir den me1 taphysischen Realismus zu stüt . Im Bewusstsein der Kontraposition zu Tarskis Selbstinterpretation versucht Popper dann den Bereich der logischen Sprachanalyse mit dem ontologischer Aussagen zu ver verstands mit dem Bewußtsein, daß ich da anhing, interessierte ich mich sehr für den realistischen Aspekt der Tarskischen Wahrheitstheorie, deren bloße Existenz aber Tarski, wie ich fast glaube, bestreiten wür 2. Tarski folgt dem hilbertschen Programm der Beweistheorie, indem er dessen Unterscheidung von Objekt- und Metasprache für seine Konzeption von Semantik aufgreift und zwischen der nichtsprachlichen Wirklichkeit, der Objektsprache und der Metasprache unterscheidet und so die Extension der zu untersuchenden Sprache begrenzt, um einerseits eine widerspruchsfreie Wahrheitsdefinition ohne Bezug auf das Geltung konstituierende, Subjekt geben zu können und andererseits zugleich die Antinomien nicht in Kauf nehmen zu müssen. Nach dem nordhofenschen Transfermodell bildet ja die Objektsprache die mittlere Ebene des doppelten Transfers von der Welt nicht-objektsprachlicher Gegenstände zur Metasprache. Popper lehnt dieses ausdrückliche und ontologische Reflexionen erschließende Denkmodell ab und geht von der Objektsprache als einer quasinatürlichen Erstgegebenheit aus, indem er die tarskische Darstellung, dass die Metasprache semantisch reicher als die Objektsprache sein müsse, folgendermaßen 3 Hierarchie von Meta . Damit erschließt er sich die Möglichkeit einer Theorie des unendlichen Fortschreitens in der Erkenntnis, der Geschichtlichkeit der Forschung, ihres ständig sich verändernden Gegenstands- und Begründungsbereichs, eröffnet aber zugleich den Problemhorizont für geltungstheoretische Anfragen, die diese situativ festgestellte Objektivität des als objektiv Gesetzten problematisieren.

per

-

__________

1 2 3

Wissens, oder, wie Popper sagt, von einer Annäherung an die Wahrheit (verisimilitude, Wahrheitsähnlich Popper, Wahrheit, 351. Popper, Wahrheit, 351 (Hervorhebung L.H.). Popper, Wahrheit, 353.

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gen einer Zeit nicht nur den Köpfen der großen Denker entspringen, sondern daß vielmehr philosophisches Gedankengut die Wiederspiegelung einer Mentalität ist, die mehr oder weni nur rational kritisch zu denken, sondern auch alle vermeintlichen Gewißheiten zu be1 .

orie gestattet uns, die Wahrheit zu definieren als Übereinstimmung mit den Tatsachen; aber wir können sie auch benutzen, um die Wirklichkeit zu definieren 2 heitsbegriff definieren kann, kann man den Wirklichkeitsbegriff definie . t . Logik der Forschung angelangt. 3

2.

Falsifikation als Konvention die antipositivistische Wende des Basisproblems in der Logik der Forschung

In der 1934 erschienenen Untersuchung zur Logik der Forschung stellt sich Popper die Frage, was empirische Wissenschaft ist. Er grenzt sich dabei von der Auffassung ab, empirische Wissenschaft sei induktiv und charakterisiert dieses Vorgehen folgendermaßen: Induktives Vorgehen schreite von besonderen Sätzen (Beobachtungen, Experimenten etc.) zu allgemeinen Sätzen (Hypothesen, Theorien etc.) fort. Die Notwendigkeit und Legitimation dieses Fortdargelegt, durch den das bereits durch David Hume (1711-1776) thematisierte Induktionsproblem4 auftauche. Das Induktionsproblem lasse sich folgendermaßen veranschaulichen5. Gesetzesaussagen könnten nicht nur nicht als wahr, sie könnten nicht einmal als wahrscheinlich ausgewiesen werden. Gesetzesaussagen seien allgemeine Fälle, die für prinzipiell unendlich viele Fälle gelten würden. Wenn man von irgendeiner endlichen Zahl von Sätzen ausgehe, die verifiziert würden, dann lasse sich im Blick auf die unendlich vielen anderen Fälle nie eine Wahrscheinlichkeit aussagen, die größer als Null sei. Gesetze besäßen so betrachtet noch nicht einmal die geringste positive Wahrscheinlichkeit. __________ 1 2 3 4

5

Weger, 1981, 5. Popper, Wahrheit, 357. Popper, Wahrheit, 357. Ausführlich, im Blick auf das Verhältnis Poppers zu den späteren Erörterungen Carnaps, wird dieses Problem von Stegmüller, 1971, 13-74 erörtert. Dabei treten dann Übereinstimmungen zu Tage, die durch Auseinandersetzungen zwischen den Schulen eher verdeckt werden. Vgl. dazu Rohs, 1979, 66.

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Inwiefern könne man einen allgemeinen Satz durch induktive Schlüsse erhalten? Dieses Problem könne man durch das Konzept eines Induktionsprinzips zu lösen versuchen, durch einen Sa 1 . Da aber ein solches Induktionsprinzip prinzip zu rechtfertigen, induktive Schlüsse anwenden, für die wir also ein In2 duktionsprinzip höherer Ordnung vor . Das aber würde einen unendlichen Regress von Begründungen auslösen. Popper möchte dieses unlösbare Problem durch einen neuen wissenschaftlichen Erkenntnisweg, den der deduktiven Methode der Nachprüfung, ausschalten und geht das Problem im Kontext der Frage nach der Abgrenzung der empirischen Wissenschaft von der Metaphysik an. Es gehe ihm um ein Abgrenzungskriterium -metaphysischen Charakters eines 3 theoreti . Die Logischen Empiristen meinten, dieses Abgrenzungskriterium in dem Postulat zu finden, dass alle wissenschaftlichen oder legitimen Sätze auf elementare Erfahrungsbegriffe oder elementare Erfahrungssätze bezogen werden sollten. Die Logischen Empiristen seien sich nach Popper aber nicht über die Konsequenzen ihrer Vorgehensweise im Klaren gewesen4. Sechs Jahre nach Rudolf Carnaps Logischem Aufbau schreibt Popsmus vernichtet mit der Metaphysik auch die Naturwissenschaft: Auch die Naturgesetze sind auf elementare Erfahrungssätze 5 logisch nicht zurückführ . Um dieser positivistischen Aporie zu entgehen, müsse ein Ausweg durch einen Standpunktwechsel gefunden werden, sodass Sätze der empirischen Wissenschaft, die nicht empirisch verifizierbar seien, empirisch anerkannt werden könnten. Empirisch nachprüfbare Sätze müssten nicht unbedingt verifiziert werden, aber sie müssten an der Erfahrung scheitern können. Es werde also nicht mehr festgesetzt, dass empirisch wissenschaftliche Sätze vollentscheidbar sein sollten (d.h. verifizierbar und falsifizierbar), sondern nur teilentscheidbar (falsifizierbar). Damit eröffnet sich bei Popper dem konkreten Forschen gegenüber dem engeren Begründungsverständnis des Wiener Kreises ein größerer Freiraum: Übermäßige Strenge wissenschaftstheoretischer Prinzipien könne Forschung behindern, statt ihr heuristische und kritische Hilfestellung zu bieten. Poppers Methode der deduktiven Nachprüfung geht in einem ersten Schritt geringerer Allgemeinheit ableitet. Diese Sätze müssen ihrerseits, da sie inter__________ 1 2 3 4

5

Popper, LdF/4. Popper, LdF/4. Popper, LdF/9. Dass Popper aber zugleich geheime Sehnsüchte nach der heilen Welt der Protokollsätze verspürt, hat Wellmer, 1967, nachgewiesen. Popper, LdF/11.

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subjektiv nachprüfbar sein sollen, auf die gleiche Art überprüfbar sein usw. ad 1 infini . Es gehe aber nicht darum, diesen unendlichen Regress zu realisieren. Eine solche Vorstellung wäre unrealistisch. Es komme vielmehr darauf an, dass dieser unendliche Regress prinzipiell für jeden, der wissenschaftliche Sätze überprüfen wolle, möglich sei. Jeder Wissenschaftler und jede wissenschaftliche Forschergemeinschaft sollte sich vielmehr solange vergewissern können und solange vergewissern müssen, als sie es im Entscheidungsfalle für notwendig hielten. So lässt sich das deduktivische Abgrenzungskriterium Poppers von empirischer Wissenschaft und Metaphysik logisch durch die einfache Schlussfigur des modus tollens darstellen: Wenn H, dann K; nun ist K nicht; also ist H nicht (aktuelle Begriffslage A erfüllt K nicht, ist divers zu K)2. Diese Methode der deduktiven Nachprüfung macht für Popper eine neue Reflexion auf die Satzarten erforderlich, die von den empirischen Wissenschaften verwendet werden könnten. Popper disjungiert den Begriff der kausal erklärenden Sätze in die Arten der allgemeinen oder universellen Sätze und die der besonderen Sätze, die nur für den betref sierten, aus denen man mit Hilfe der allgemeinen Sätze den besonderen Satz deduzieren könne3. Die universellen Sätze disjungiert Popper dann weiter in die Arten der Allsätze und der universellen Es-gibt-Sätze. Sei ein Allsatz eine Aussage über unbegrenzt viele Elemente, so entstehe der universelle Es-gibt-Satz durch dessen Negation (Beispiel: ,Nicht alle Raben sind schwa r Weil in naturwissenschaftlichen Theorien Gesetze die logische Form von Allsätzen hätten, so sei es auch möglich, diese in der Form der Negation eines universellen Es-gibt-Satzes auszusprechen in der Form des ,Es-gibt-nichta behaupteten nicht, daß etwas existiere, sondern daß etwas nicht existiere. Ge4 rade wegen dieser Form seien sie falsi . Auf diese Weise kann Popper dann als architektonische Gliederung seines Begriffs von Sätze von verschiedener Allgemeinheitsstufe unterscheiden. Die allgemeinsten Sätze sind die Axiome; aus ihnen kann man weniger allgemeine Sätze deduzieren. Allgemeine empirische Sätze haben in Bezug auf die aus ihnen ableitbaren weniger allgemeinen immer den Charakter von Hypothesen, d.h. sie können durch Falsifikation eines von diesen weniger allgemeinen Sätzen falsifiziert werden. Aber auch die weniger allgemeinen Sätze eines solchen hypothetisch-deduktiven Systems sind noch immer im Sinne unserer sagen, daß sie insofern hypothetischen Charakter haben, als aus ihnen mit Hilfe des

__________ 1 2 3 4

Popper, LdF/21. Vgl. dazu Petzinger, 1973, 14 und Freytag gen. Löringhoff , 1966, Bd. 1, 126f. Popper, LdF/32. Popper, LdF/39.

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225

Systems Folgesätze ableitbar sind, durch deren Falsifikation sie mitbetroffen werden 1 kön .

Gemäß dieser Konzeption sei es durch falsifizierende Schlüsse gemäß der Form des modus tollens möglich, ein wissenschaftliches System, das zur Deduktion eines falsifizierenden Es-gibt-Satzes verwendet würde, im Ganzen zu falsifizieren2. Popper entwickelt den Begriff des Basissatzes, um die Bedingungen anzugeben, unter denen ein System als falsifizierbar anzusehen ist. In einer ersten Umschreibung bestimmt er den Basissatz folgendermaßen: sissatz) ein (singuläres) Ereignis darstellt oder beschreibt. Anstatt von den durch Theorie verbotenen Basissätzen zu sprechen, können wir dann auch sagen, daß die Theorie gewisse Ereignisse verbietet, d.h. durch das Eintreffen 3 solcher Ereignisse falsifi . Popper grenzt sich in seiner Ausarbeitung des Basiskonzeptes ausdrücklich von den Protokollsatztheorien der Logischen 4 o verlangten. Er will hingegen den Begriff der objektiven Wissenschaft scharf von unserem Wissen unterscheiden. So bestimmt er die Basissätze näher als ihrer -gibt-Zeit-Stelle k Diese singulären Es-gibt-Sätze ließen sich niemals aus einem allgemeinen Satz ohne die Angabe spezieller Rahmenbedingungen deduzieren und ließen es zugleich zu, dass ein allgemeiner Satz mit ihnen in Diversität stehen könne. Neben diesen beiden formalen Forderungen, die an die Basissätze zu stellen seien, gebe es noch die materiale Forderung, dass die im Es-gibt-Satz behaupteten Vorgänge beobachtbar sein müssten. Mit dem Begriff der Beobachtbarkeit bzw. des beobachtbaren Vorgangs5 haben wir den Punkt erreicht, an dem wir auf Poppers Fortschritt gegenüber der Elementarerlebnis-Konzeption Carnaps, zugleich aber auch auf ein erkenntnistheoretisches Grundproblem Poppers stoßen. Popper sagt, dass er den Begriff der Beobachtbarkeit nicht durch Definition, 6 sier . Beobachtbar ist für Popper das, was durch Konvention als Basissatz anerkannt7 werde. Die Basissätze seien nämlich __________ 1 2 3 4 5 6 7

Popper, LdF/45. Vgl. dazu Freytag gen. Löringhoff, 1966, Bd. 1, 127. Popper, LdF/45. Popper, LdF/63. Popper, LdF/68. Popper, LdF/69. Popper, LdF/71.

226 Festsetzungen1

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htungen und erst recht Sätze über Beobachtungen 2 . So idungen über die

betrachtet, willkürliche Festsetzungen sind (psychologisch betrachtet zweck3 mäßige Reaktio . Damit ist aber erstens der Begriff des Basissatzes nicht mehr durch seine nicht-psychologische objektive Konzeption von den Wahrnehmungsprotokollen des Wiener Kreises unterschieden, sondern dadurch, dass aus diesen gleichsam rden. Auch hier kann man vorwärts in die PostmoMachtgruppe, ein Erlebnismilieu oder je-ich? Poppers Lösung des Basisproblems wird damit ambivalent. Popper verzichtet einerseits im Vergleich mit der carnapschen Konzeption der Elementarerlebnisse auf ontologische Vorgaben hinsichtlich dessen, was ein Basissatz sein dürfe er verweist hier auf die nicht antizipierbare Voraussetzung faktischer Kommunikationen der Wissenschaftlergemeinschaft und arbeitet damit die wissenschaftstheoretische Bedeutung derselben für den Vollzug gültigen wissenschaftlichen Erkennens heraus. Die wissenschaftliche Forschung wird nach Popper für die analytische Wissenschaftstheorie zu einer Geschichte von Falsifikationen, Falsifikationsversuchen und der Einigung darüber, was als falsifizierender Basissatz in einer bestimmten Forschungssituation verstanden werden soll. Andererseits ist damit aber das Problem des Objektivitätsbezuges der analytischen Wissenschaftstheorie erneut nicht gelöst, sondern aus der als objektiv betrachteten Erlebnissphäre in die Sphäre der Beschlüsse konventionalistisch gewendet4. Wissenschaft wird zum Beschlussverfahren. Insofern sich also die kritisch-rationalistische Wissenschaftstheorie durch das pragmatische und nicht ontologische Wahrheitsgeltung reflektierende Prinzip der Objektivitätsfindung im wissenschaftlichen Erkennen qualifiziert, verwundert es nicht, dass am Ende dieses Kapitels über das Basisproblem in der Logik der Forschung dann die folgende von Popper ironisch gegen die Logischen Empiristen gewendete Formulierung von der empirischen Basis der objektiven __________ 1 2 3 4

Popper, LdF/71. Popper, LdF/72. Popper, LdF/74.

h motivierte Beschlußwert, der den Basissätzen zukommt, lenkt erneut auf das Verhältnis von Theorie und Beobachtungssätzen. Denn von ganz gezielten theoretischen Fragestellungen. Diese aber sind natürlich durch eben die Theorie eröffnet, um deren Bestätigung bzw. mögliche Widerlegung es doch geht. Damit entscheidet die Theorie zu gewissen Graden über die eigene Anwendbarkeit durch steuernden Einfluß auf die Festsetzung der 95 für den frü sis, daß er Erfahrung selbst sozusagen logifizieren könnte. Er sieht nicht, daß er für eine empirische Falsifikation nicht Prämissen benötigt, sondern einen Erfahrungsgegens

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Wissenschaft als eines Sumpflandes cht auf Felsengrund. Es ist eher ein Sumpfland, über dem sie die kühne Konstruktion ihrer Theorien erhebt; sie ist ein Pfeilerbau, dessen Pfeiler sich von oben her in den Sumpf senken Denn nicht deshalb hört man auf, die Pfeiler tiefer hineinzutreiben, weil man auf eine feste Schicht gestoßen ist: wenn man hofft, daß sie das Gebäude tragen werden, beschließt man, sich vorläufig mit der Festigkeit der Pfeiler zu begnü1 . Der Popperschüler Imre Lakatos (1922-1974) spricht von einem 2 von Anomalien, in dem wir uns orientieren müssten. Wenn wir die eben schon angesprochene Metaphorik der Intertextualität in eine Beziehung zu der des Pfeilers bringen, dann sind die verschiedenen Texte, die eine intrapsychische Interaktion ausüben, diesen Pfeilern vergleichbar. Im postmodernen Wissen wird aus dem Sumpf ein selbstverständliches positives Erlebnismedium und der Mangel an natürlichem, gegebenem Grund nicht mehr als Mangel erklärt. Wir werden allerdings auch weiter sehen, dass der defizitäre Charakter dieses Standpunktes seine Kompensation im Längeren Gedankenspiel findet. Zugleich zeigen sich in dieser Konzeption der Basissätze als Beschlussprotokolle der Wissenschaftlergemeinschaft die Konsequenzen der popperschen Tarski-Interpretation. In dem Augenblick, in dem das Objektivitätsproblem als Problem der Frage nach der Gegenstandsbezüglichkeit von Basissätzen gestellt wird, kann Popper nicht mehr den doppelten Transfer von der Metasprache zur Objektsprache und zur nicht objektsprachlich finitisierten Wirklichkeit reflektieren und muss damit im Bereich der Objektsprache konventionalistisch verharren. Er greift dabei auf die tarskische Einsicht zurück, dass die Metasprache mehr Inhalt als die Objektsprache haben muss und interpretiert diese als 3 l , dem unendlichen Progress der Falsifikationsversuche in der Geschichte der Forschergemein4 schaft. Verstehen die Lo ementarnoch weitgehend als Ansprüche, zwischen Subjekt und Gegenstand erkenntnistheoretisch eine Brücke zu schlagen, so handelt es sich bei den popperschen Basissätzen um innertheoretische Relate, die keiner erkenntnistheoretischen Fundierung mehr bedürfen, sondern nur

__________ 1 2 3 4

Popper, LdF/76.. Lakatos, 1974, 108. Auf diese Stelle macht Köchy, 2003, 131, aufmerksam. Popper, Wahrheit, 352. sprüng

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auch LdF/62f und zum historischen Ausgangspunkt Carnaps Aufsatz Universalsprache, Hand der Erfahrung aufgestellt wird. Die empirische Nachprüfung bezieht sich nicht auf den einzelnen Satz, sondern auf das System der Sätze oder auf ein Teilsystem. Die Nachschematisiert vor, als würden alle unsere Erlebnisse, Wahrnehmungen, aber auch Gefühle, Gedanken usw. sowohl in der Wissenschaft als auch im gewöhnlichen Leben zunächst schriftlich protokolliert, so daß die weitere Verarbeitung immer an ein Protokoll als Ausrnap, 1932/33 und Neurath, 1932/33 sowie Fischer, 1980, 19-26.

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noch strukturtheoretisch reflektiert werden müssen, wenn man wie Popper die Versuche, 1 2 , bezeichnet. Lakatos schre 3 zudrücken: Poppers Abgrenzungskriterium hat nichts mit Erkenntnistheo .

Popper versteht die Festlegung seines empiristischen Sinnkriteriums als einen Über die Zweckmäßigkeit einer Festlegung kann man verschiedener Meinung sein; einen vernünftigen, argumentierenden Meinungsstreit kann es jedoch nur zwischen denen geben, die denselben Zweck verfolgen; die Wahl des Zweckes aber ist allein Sache des Entschlusses, über 4 den es einen Streit mit Argumenten nicht ge . Hier sind wir auf ein weiteres grundlegendes Problem bei Popper gestoßen, das uns schon bei Rudolf Carnap und Ludwig Wittgenstein begegnet ist. Geschichtlich und kommunikativ vermittelte Entscheidungen sperren sich nach ihnen allen Versuchen, sie rational zu rekonstruieren. Sie sind nur für Popper hinsichtlich ihres Entscheidungscharakters im Blick. Und weil so auch für den Kritischen Rationalismus Glaube/ Entscheidung und Wissen streng getrennt werden, kann Popper diese 5 nennen. Auf seine Weise hat Paul Feyerabend dieses Verfahren dann konsequent weiterbedenken können6. In einer Kultursituation, in der eine Neigung zum Relativismus besteht, wird man den von Popper betonten reinen Entscheidungscharakter der Festlegung des jeweiligen Basiskriteriums als arationale und willkürliche Entscheidung pointieren. Wahrheit wird zur Entscheidung. Die problematische ontologische Reflexion Karl Poppers im Hinblick auf das kritischrationalistische Sinnkriterium zeigt sich weiter in seiner Wahrheitskonzeption. Wir hatten ja schon weiter oben festgestellt, dass Tarskis Wahrheitsbegriff Satzwahrheit und nicht Urteilswahrheit begrifflich fasst che Reichtum der Metasprache ist nur im Verhältnis zur Objektsprache und nicht absolut bestimm7 . hend gewendet, dass der in Gang befindliche Fortschritt des wissenschaftlichen Erkenefasst wird. Popper argumentiert geradezu transzendental, wenn er sagt, dass wir einerseits alle Erkenntnis für vorläufig halten müssen, trotzdem aber an einem Ideal objektiv gültiger im Sinne von Wirklichkei Wahrheit ist also absolut, aber es kann keine absolute Gewißheit geben: wir suchen nach 8 . Popper versucht unvermittelt, den die ontologischen Aspekte

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Popper, LdF/12. Popper, LdF/12. Lakatos, 1971, 95. Popper, LdF/12. Popper, OS/2/284. Bubner, 1973 stellt diesen Übergang dar. Nordhofen, 1979, 142. Popper, Alltagsverstand, 60. Vgl. auch LdF/ 22 und ders., Truth, hier: 229, Köchy, 2003.

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heitsähnlich Suchen nach Wahrheitsähnlichkeit.

229 -

1

gehöre einerseits die Menge aller eren die Menge der fal-

2 (,keinen zu großen Falschheitsgehalt ha . Es sei so, dass wir Menschen uns nie absolute Sicherheit verschaffen könnten, dass eine Theorie nicht falsifiziert werden könne. Man könne nur nach dem Falschheitsgehalt der 3 s . Damit gerät aber ein zumindest alltagssprachlich geläufiges und begriffsgeschichtlich

Verdacht, dass dies so ist, weil Popper hier mit seiner eigenen Konzeption systematische Probleme hat.

fol nicht einmal der Falschheit einer Theorie ganz sicher sein, aber immerhin kann man leichter feststel haben sogar gute Gründe für die Annahme, daß die meisten unserer Theorien auch unsere besten streng genommen falsch sind; denn sie übervereinfachen oder idealisieren die Tatsachen. Doch eine falsche Vermutung kann der Wahrheit näher oder ferner stehen. So kommt man zum Begriff der Wahrheitsnähe oder der besseren oder schlechteren Näherung an die Wahrheit, das heißt, zum rsucht, daß sich dieser Begriff in ähnlicher Weise rehabilitieren läßt, wie Tarski die Idee der Wahrheit 4 als Überein . Ein solcher Wahrheitsbegriff eröffnet den Bereich des Phantastischen. Wenn alle Theorien über wenn das postromantische Bewusstsein Ideen ausar 5 , kosmischer sind. Neomythen bieten sich dann an und es kann postmodern debattiert werden. Die späteren postmodernen Philosophien können nicht nur von solchen wissenschaftstheoretischen Beurteilungen zehren, sondern auch aus anderer Tradition Gedankengut ziehen.

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Popper, Alltagsverstand, 71. Popper, Alltagsverstand, 71. Popper, Wahrheit, 345 und vgl. auch ders., Alltagsverstand, 96. Popper, Wahrheit, 345. Zu dieser romantischen Terminologie vgl. Hauser, Bd. 1/177.

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V. Vernunftmisstrauen und Feier der Maßstabslosigkeit 1.

Ein neuer romantischer Weg

Im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft1 habe ich die romantische Philosophie im Zusammenhang von Karl Wilhelm Friedrich von Schlegel (1772-1829) und Friedrich von H -1801) unter dem Gesichtspunkt des erkenntniskritisch reflektierten Beginns einer Suche nach Maßstäben und zugleich als Ausgangspunkt einer möglichen neomythischen Selbstentgrenzungsperspektive betrachtet. Im Hinblick auf den sogenannten postmodernen Denkstil, soll dies hier analog anhand der späten Philosophie Theodor W. Adornos (Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno: 1903-19692) geschehen. Das Chaos des Zusammenbruchs der abendländischen Orientierungsmaßstäbe, das die Romantiker erfahren, ist auch das Chaos, das dem Chaoswasser des ersten Kapitels der Genesis entspricht, über dem der schaffende Geist Gottes schwebt. Das Genie als exemplarischer Mensch 3 habe Orientierung an einer transzendentalen Anschauung des Ganzen, aus der eine neue Ordnung geschaffen werden könne. Doch ist bei den romantischen Philosophen diese Orientierung im letzten nur ein Grenzbegriff. Die Subjektivität wird nur als Ikone der transzendentalen Ichhaftigkeit verstanden, nicht als deren vollendete Verwirklichung im konkreten Selbstvollzug. Der romantischen Philosophie gelingt es durch das Konzept der Ironie dem tiefen Bedürfnis nach sinngebender Systemkonstruktion im postchristlichen Abendland zu entsprechen, ohne das mitgegebene Bewusstsein zu verdrängen, dass genau diese Systemansprüche nicht möglich sind. Sie gestaltet in ihren Suchbewegungen ein Schweben (Fichte) der Subjektivität zwischen sich und dem anderen ihrer Selbst als Haltung des Schwebens zwischen Systemanspruch und dem Bewusstsein der Vergeblichk ist klares Bewusstsein der ewigen Agilität, des unendlich vollen Cha 4. Auf diese Weise bewegt sich die romantische Philosophie an den Grenzen philosophischen Den hter und Schrankenlos in ewigem Kreis

5

.

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Vgl. dazu Hauser, 2004, § 8. Zur Schlüssigkeit der Zusammenfügung von Adornos und postmodernen Philosophen in einem Kapitel vgl. auch Honneth, 1988 und Jameson, 1996, 60 und 229f. Eine deutliche Spannung zwischen Adorno und der Postmoderne nimmt hingegen Raulet, 1986, wahr. Vgl. zur Anthropologie der Romantik neuerdings das grundlegende Werk von Schweizer, 2008. Schlegel, II/263 Nr.69; ich entnehme dieses Zitat Götze, 2001, 213. Schlegel, XVIII, 10 (in eckige Klammern Gesetztes ist ein Zusatz der Herausgeber).

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physik zu konstatieren und doch weiter an den Rändern von Metaphysik zu denken, ist auch ein zentrales Motiv der adornoschen Philosophie. Und so, wie die romantische Philosophie aus sich eine epigonale Auslegung initiiert und den Allmachtsgedanken einer real existierenden Subjektivität auf der Stufe transzendentaler Anschauung aus sich entlässt, so wird aus der adornoschen Selbst-Ent-Vergewisserung des Nichtidentischen im Verlauf der Frustrationsgeschichten der linken Bewegungen ein postmodernes Denken, das sich dem Grundsatze, dass Denken tragischerweise Identifizieren heiße, so zuwendet, dass es daraus die Maxime ableitet, dass dann alles Denken gleichberechtigt in seinen Wahrheitsansprüchen sei. Nicht mehr ist dann das Ganze das Unwahre, sondern alles ist wahr, so weit es ein Standpunkt für sich nutzt.

2.

Theodor W. Adorno: Dialektik pendelt aus

Den frühen geschichtsphilosophischen Schlüssel zu Adornos Spätwerken, der Negativen Dialektik (1966) und der unvollendeten Ästhetischen Theorie (posthum 1970), bilden die zusammen mit Max Horkheimer (1895-1973) ab 1942 geschriebenen Aufsätze über die Dialektik der Aufklärung 1 . Besonders angesichts der ersten Nachrichten vom technisierten Massenmorde an den Juden und im Blick auf eine vorausgesetzte universale technologische Herrschaftsstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von 2 Barbarei ver . Aufklärung wird von beiden nicht nur als historische Epoche gesehen, sondern als die Geschichte des Denkens und damit letztlich der Menschheitsge3 überhaupt verstanden, die Herren 4 . Als Herren über die Natur, gegen die sie sich, um sich am Leben zu halten, von Anfang an stellen mussten und immer werden stellen müssten. Der Prozess der Aufklärung beginnt nach Horkheimer und Adorno mit der Ent Aber die Mythen, die der Aufklärung zum Opfer fallen, wa nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären. Mit der Aufzeichnung und Sammlung der Mythen hat sich das verstärkt. Sie wurden

__________ 1 2 3 4

Jäger, 2003, 173. Horkheimer/ Adorno, 1969, 1. Schmucker, 1977, 17. Horkheimer/ Adorno, 1969, 1.

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. Mythos und Aufklärung seien zwei Seiten einer übergeschichtlichen Erlebnisweise der Menschheit. Indem der Mensch kausale Ursachen für Naturphänomene suche, gerate er rung über und die Natur in bloße Objektivität. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann. Dadurch wird ihr An sich Für ihn. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der Dinge immer 2 als je dasselbe, als Substrat von Herr . In der Epoche der bürgerlichen Aufklärung habe dieser Prozess seinen Wendepunkt erreicht3. Einerseits würden die Mittel zur Verfügung gestellt, das Leben menschenwürdig zu gestalten, zugleich richte sich aber die Rationalität der Naturbeherrschung gegen den Menschen, zeige dialektisch das andere Gesicht der Aufklärung, welches dieser immer schon angehaftet habe. Das negative Element des Fortschritts, die Notwendigkeit alles zu zerstören, was der Emanzipation des Menschen im Wege stehe, offenbare sich, indem es den Menschen der von ihm geschaffenen zweiten Natur unterwerfe, so dass er sich am Ende des Prozesses selbst verdingliche4. Der Motor, welcher die bürgerliche Aufklärung in Bewegung gesetzt habe, die Rationalität, habe die Möglichkeit von Freiheit vernichtet. Die zu ihrem Gegenteil gewordene Rationalität versuche seitdem ihre eigenen Bedingungen, Humanität und Freiheit, weil unberechenbar, und damit dem Profitstreben entgegenstehend, zu eliminieren5. Aufklärung mit Geschichte gleichzusetzen, macht für Adorno die Menschheits Anfangsstadium, dessen Subjekt noch exklusiv die Natur war, und einem möglichen Endstadium, in welchem sie zugunsten einer von der Herrschaft befreiten Natur wieder aufgehoben worden ist, ereignet. Sie und ihre Genesis grün6 den in einer nur faktisch ableitbaren und be . Die Gestimmtheit, die Menschheitsgeschichte katastrophisch zu sehen, führt die späte Negative Dialektik konsequent und verstärkt erkenntnistheoretisch gewendet weiter. Der Beginn der Katastrophe wird von Adorno in einem my1

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3 4 5 6

Horkheimer/ Adorno, 1969, 14. Horkheimer/ Adorno, 1969, 15. Was passiert, wenn man diese geschichtsphilosophische Konzeption, die für sich schon eine große Distanz zur realen Menschheitsgeschichte und zur Geistesgeschichte im Speziellen aufweist, noch einmal katastrophisch dramatisiert, kann man an Cochetti (1985) sehen. Harvey, 1989, 13. Always, 1995, 83. Horkheimer/ Adorno, 1969, 13f. Rohrmoser, 1970, 12.

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thischen Licht gesehen; Ähnlichkeiten mit dem biblischen Sündenfall drängen iehenden Katastrophe korrespondiert eher die Vermu1 tung, einer irrationalen Katast . Nach dem praktischen Scheitern der marxistischen Philosophie habe sich für 2 Situation ergeben: ilosophie, die einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward. Das summarische Urteil, sie habe die Welt bloß interpretiert, sei durch Resignation vor der Welt verkrüppelt auch in sich, wird zum Defaitismus der Vernunft, nachdem die Veränderung 3 der Welt miss . ren Gegenständen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit um keinen Preis mehr dogmatisch reden darf. Nach 4 wird dem schlichten Nihilismus eine Absa . Philosophie, die sich einst angemaßt habe, alle Aspekte der Realität unter einen Begriff bringen zu können und dabei vergessen habe, sich auf ihre Rolle in der Gesellschaft zu besinnen, werde mit dialektischem Schwung in ihr Gegenteil befördert. zur Realität geworden, und zwar desto mehr, je gründlicher sie jene Einschränkung vergaß und es als ein ihr Fremdes von sich wies, auf ihre Stellung in einem Ganzen sich zu besinnen, das sie als ihr Objekt monopolisiert, anstatt zu erkennen, wie sehr sie bis in ihre innere Zusammensetzung, ihre immanente Wahrheit hinein davon abhängt. Nur Philosophie, die solcher Naivität sich entledigt, ist irgend wert weitergedacht zu werden. Ihre kritische Selbstreflexion darf aber nicht innehalten vor den höchsten Erhebungen ihrer Geschichte. An ihr wäre zu fragen, ob und wie sie nach dem Sturz der Hegelschen überhaupt noch möglich sei, so wie Kant der Möglichkeit von Metaphysik nach der Kritik 5 am Rationalismus nach .

s Interesse dort, wo Hegel, einig mit der Tradition, sein Desinteressement bekundete: beim Begriffslosen, Einzelnen 6 und Besonde . Adorno versucht das Konkrete und individuell Seiende zu würdigen und setzt dabei als grundlegenden Zug des Begreifens Verdinglichung voraus. Begriffe würden, trotz permanenter Zerstörung der durch sie entstandenen Begrifflichkeit im dialektischen Denken, das individuelle Objekt wieder mit einem Allgemein Natur sich unterwerfende Wesen von Herrschaft gründet in der Herrschaft des Begriffs, durch den sich die Vernunft dem Gesetz der Identität unterwirft. Der Begriff wird von Adorno verstanden als instrumentaler Vollzug, durch den das __________ 1 2 3 4 5 6

Adorno, 1970, 315. Schmucker, 1977, 53. Adorno, 1970, 13. Jäger, 2003, 257. Adorno, 1970, 14. Adorno, 1970, 17f.

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Subjekt nach der Regel der Identität die Welt auf sich selbst und seinen Herrschaftswillen hin bestimmt und so dem Begriff homogen macht. Herrschaft 1 gründet für Adorno in letzter Instanz in dem Gesetz der Iden . inne. Denken heißt identifizieren. Befriedigt schiebt begriffliche Ordnung sich vor das, was Denken begreifen will. Sein Schein und seine Wahrheit verschrän2 . Deshalb gehe in der Allgemeinheit der Begriffe, die in ihrer Abstraktheit das Einzelne vergewaltigten und ihrer Tendenz nach sich immer der verwalteten Welt anfügten, die alles nur als qualitätslose Quantität ansehe, das Individuum, sei es Subjekt oder Objekt, verloren und doch müsse gedacht werden. Diese Idee einer Logik des Zerfalls (Schmucker)3 hatte Adorno schon in seinen Studentenjahren. Dialektik versuche, Begriff und zu Begreifendes ineinander aufgehen zu lassen. Hegel fasse in der Phänomenologie des Geistes seine Arbeit auf, als nicht eingreifender Be4 obachter den Weg des natürlichen B s , dardem Gegenstande, der Gegenstand dem Begriffe entspricht. Der Fortgang zu diesem Ziele ist daher auch unaufhaltsam, und auf keiner früheren Station ist Befriedigung zu 5 . Da der Zusammenfall des Begriffs mit dem Gegenstand für Hegel von vornherein festgestanden habe, habe er seine Begriffe sich nicht an die Objekte anschmiegen lassen, sondern habe sie in die gewünschte Richtung gezwungen, da er seine dialektischen Schritte schon im Sinne eines Gesamtkonzeptes vorausgedacht habe6. Aus der in ihrer Grundstruktur dynamischen dialektischen Methode sei ein letztlich statisches, weil vorgedachtes System geworden. Hegel h eflektiere, müsse diese selbst sein, wenn anders sie sich nach der Form des Widerspruchs organisieren solle. Die Wahrheit, die in der idealistischen Dialektik über jedes Partikulare als ein in seiner Einseitigkeit Falsches hinaustreibt, sei die des Ganzen; wäre sie 7 nicht vor . Hegels Versuch, Subjekt und Objekt in der Sphäre des Geistes zu versöhnen, verdamme diesen zur Unwahrheit, da Hegel die realen Widersprüche der Wirklichkeit nicht aufheben könne, und trotzdem Versöhnung behaupte den dritten Schritt der Dialektik ion mit Positivität ist die Quintessenz des Identifizierens, das formale Prinzip auf seine reinste Form gebracht. Mit ihm gewinnt im Innersten von Dialektik das antidialektische Prinzip die Oberhand, jene traditionelle Logik, welche more arithmetico minus mal minus als Plus verbucht. Sie ward jener Mathematik abgeborgt, gegen die Hegel sonst so idiosynkratisch reagiert. Ist das Ganze der Bann, das Negative, so bleibt die Negation

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Rohrmoser, 1970, 15. Adorno, 1970, 15. Adorno, 1970, 146 und 407. Hegel, 1970, 73. Hegel, 1970, 74. Es ist hier nicht weiter zu fragen, ob Adornos Hegelbild Ähnlichkeit mit Hegel hat. Adorno, 1970, 20.

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der Partikularitäten, die ihren Inbegriff an jenem Ganzen hat, negativ. Ihr Positives wäre allein die bestimmte Negation, Kritik, kein umspringendes Resultat, das Affirmation glücklich in Händen hiel 1. Geist, sondern eben das Negative, welches Hegel von ihm abwälzte auf diejenigen, die ihm parieren müssen und deren Niederlage das Verdikt, ihre Differenz von der Objekti2 vi . So sagt Adorno gegen Hegels Ausspruch aus der Vorrede zur Phänomenologie des 3 Geistes . Jedem Versuch, der Dialektik eine bestimmte hrung an sich, höchst real, antagonistisches System sei, nicht erst vermöge seiner Vermittlung zum erkennenden Subjekt, das darin sich wiederfindet. Die zwanghafte Verfassung der Realität, welche der Idealismus in die Region von Subjekt und Objekt projiziert hatte, ist aus 4 ihr zurückzuüber . Durch diese Rückübersetzung verschiebe sich das Verhältnis von Subjekt und Objekt. r5 .

In der negativen Dialektik hat das Objekt vor der verdinglichenden Vernunft den Vorrang. Durch den sowohl natürlichen wie auch den gesellschaftlich bedingten Zwang sei es fraglich geworden, was noch zu tun sei. Alles was getan oder unterlassen werde, stütze das System der eigenen Verdinglichung. Samuel Beckett (1906-1989) ist nach Adornos Auffassung der Künstler, dem es gelungen sei, zeitgemäße Kunst zu schaffen. Er wollte ihm seine Ästhetische Theorie widmen. Dem Dichter Werner Kraft (1889-1976) teilt Adorno 1962 mit, er habe Becketts Ro6 man Der Namenlose (1953) . Auf den Seiten seines Ex er

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7

.

also diese Menschen, die eigentlich ihr Ich verloren haben, die sind eben wirklich die Produkte der Welt, in der wir leben. Es ist nicht der Beckett, der aus irgendwelchen spekulativen Gründen reduziert; sondern er ist, um es sehr pointiert zu sagen, er ist realistisch insofern, als er in diesen Gestalten, die zugleich nur noch Stümpfe und etwas allgemeines sind, der genaue Interpret dessen, wozu die einzelnen Menschen als bloße Funktionen des universalen gesellschaftlichen Zusammenhangs werden. Er fotografiert sozusagen die Gesellschaft, in der alles Funktionszusammenhang ist, von der schäbigen 8 Seite, in dem er zeigt, was aus den Menschen in dieser funk .

__________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Adorno, 1970, 159. Adorno, 1970, 159. Adorno, 1970, 296. Adorno, 1970a, 57. Wellmer, 1985. Adorno zit. nach Müller-Doohm, 2003, 545. Beide Sätze Adornos zit. nach Müller-Doohm, 2003, 546. Adorno zit. nach Müller-Doohm, 2003, 546.

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es zu wissen; die Menschheit vegetiert kriechend fort nach Vorgängen, welche eigentlich auch die Überlebenden nicht überleben können, auf einem Trümmerhaufen, dem es 1 noch die Selbstbe . Menschen, weder fähig zu leben noch zu sterben, vegetierten vor sich hin, körperlich wie geistig Krüppel. Ihre Monologe und Gespräche sagten nur noch Banalitäten und dummes Zeug und verlängerten das Dasein der Menschen durch endlose wirre Reflexionen um nichts, deren Ausdauer und wissenschaftliche Akribie, ein Hohn auf technokratisch-rationales Denken, die Trostlosigkeit und das Gefühl der Absurdität noch verstärkten. 2 ? In einem Brief ese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Kompromisslosigkeit gegen die verwaltete Welt den Gedanken an Versöhnung alität wird zur sozialen Legitimation von Kunst. Um der Versöhnung willen müssen die 3 authentischen Werke jede Erinnerungsspur von Versöhnung til .

In Adornos späten Schriften taucht endgültig eine Erkenntnistheorie auf, die letztlich keinen Wahrheitsanspruch mehr begründen kann, der sich außerhalb 4 . Adorno bte eine Sprache vor, die nicht auf ihre instrumentell-identifizierende Seite beschränkt sei, sondern dem Besonderen, dem Nichtidentischen zum Ausdruck verhelfen sollte. In seinem geplanten Buch über Ästhetik gedachte Adorno auszuführen, wie es mit den Mitteln der Kunst möglich sei, etwas zu tun, was der diskursiven Erkenntnis versagt ist: zu sagen, was sich nicht sagen 5 läßt, das Begrifflose zum Vorschein zu brin . Auch die ästhetischen Selbstvollzüge oder Momente seien nur noch ein verzweifelter Einspruch um des unerreichbar Nichtidentischen willen. Dieser Rest schon das Nichtidentische. Aber in ihm, das heißt in dem, was nicht in der Identität aufgeht und deshalb das Bestehende brüchig erscheinen lässt, meldet sich der Anspruch der 6 Nichtiden . Doch wenn sich etwas nur meldet und nicht selbst erscheint, so wird auch das größte Glück als dem Identitätszwang immer schon erlegen betrachtet und das Nichtidentische zum Grenzbegriff eines niemals sich ereignenden Erlebens. __________ 1 2 3 4

5 6

Adorno, 1970b, 192. Adorno, 1972, 367. Adorno, 1972, 348. Vgl. dazu Seels (2004) wegweisendes Buch. Auch Schweppenhäuser stellt in seinem im unerträglich schulphilosophischen Stil des Neo- oder Spätadorniten geschriebenen Beitr Adornosche Theorie aus der Bearbeitung dergestalt entläßt, daß diese am Ende als in einen haltlosen negativen und in einen haltbaren positiven Teil zerfallende Philosophie dappenhäuser, 1973, 58). Müller-Doohm, 2003, 554. Többicke, 1992, 116.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

237

Adorno wird auf diese Weise zu einem unfreiwilligen Wegbereiter eines erkenntnistheoretischen Relativismus, der in den Folgejahren, nach dem schnellen Scheitern der Achtundsechziger-Träume eine der Denkbahnen wird, die im kulturellen Leben eine wichtige Rolle spielen. Schon zu Lebzeiten Adornos wurde diese Spannung zwischen Rettungsanspruch und Perspektivlosigkeit bemerkt. Siegfried Kracauer (1889-1966) schreibt 1960 in einem Brief an Leo Löwenthal (1900rfährt er nach immer demselben Prinzip: zuerst zertrampelt er alles, dann streicht er es wieder glatt. Und der Begriff der Utopie wird, was höchst unzulässig ist, als reiner Grenzbegriff benutzt, der nicht den geringsten Inhalt hat. Ach, er sieht die Utopie nicht. Ich kenne kein anderes 1 Beispiel von scheinbar eingreifender Kritik, die so wenig Greif . 2 : ische Theorie: die Sinnlosigkeit dieser Gesellschaft und dieses Lebens darzustellen, dagegen zu protestieren, und dennoch den Gedanken an das Bessere in seinem Protest aufzuheben. Adorno sagt zu jeder seiner Analysen auch das Gegenteil. Aber trotz dieser auf die Spitze getriebenen Dialektik bleibt das, was er sagt, unwahr. Denn die Wahrheit läßt si 3 kommt aber darauf an, das, was man an Wahrheit hat, irgendwie zu realisie . Und der Schriftsteller und Komponist Jürgen von der Wense (1894-1966) notiert: weil der 4 Kaiserstil fehlt, an den die Gratsparren verzapft wer .

Vernunft sei von Anbeginn selbsterhaltend. Das Subjekt kann sich nach Adornos Maßstab nur durch seine Vernunft konstituieren, welche alle Regungen unter ihre Einheit, die Selbsterhaltung, gebracht habe. Jedoch müsste die eigene Selbsterhaltung aufgelöst werden, um das Ich aus der unheilvollen Situation zu befreien, in der es sowohl sich, als auch die Objekte versklave. Diese Auflösung wäre jedoch zugleich die der Vernunft damit die d Kern des Subjekts wohnen die objektiven Bedingungen, die es um der Unbedingtheit seiner Herrschaft willen verleugnen muß und die deren eigene sind. Ihrer müßte das Subjekt sich entäußern. Voraussetzung seiner Identität ist das Ende des Id rordnete Heteronomie, so ist umgekehrt kein Glück, als wo das Selbst nicht es selbst ist. Stürzt es, unter dem unmäßigen Druck, der auf ihm lastet, als schizophrenes zurück in den Zustand der Dissoziation und Vieldeutigkeit, dem geschichtlich das Subjekt sich entrang, so ist die Auflösung des Subjekts zugleich das ephemere und verurteilte Bild eines möglichen Subjekts. Gebot einmal seine Freiheit dem Mythos Einhalt, so befreite es sich, als vom letzten Mythos, von sich 5 selbst. Utopie wäre die opferlose Nichtidentität des Sub . __________ 1 2 3 4 5

Zit. nach Jäger, 2003, 251. Jäger, 2003, 251. Zit. nach Müller-Doohm, 2003, 542 und parallel dazu Jäger, 2003, 251f. Zit. nach Jäger, 2003, 252. Adorno, 1970, 275.

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Wellmer weist darauf hin, dass die Starrheit des Allgemeinbegriffs, von der 1 ist. Sprache ist schillernd und Begriffe sind außerhalb des begriffslogisch Konstruierten nicht durch strenge Beziehungen, sondern durch Familienähnlichkeit miteinander verbunden. An dieser als starr empfundenen Vernunft, die Adorno voraussetzt und deren Begriffe mehr in den Bereich des Verstandes gehören, kann man, um der Realität gerecht zu werden, verzweifeln, wenn man sie als universales Erlebnismedium versteht. Man kann dann im Gefolge der Romantik diese Situation aber auch in den Kontext einer ästhetischen Selbstwerdung stellen und Vernunfterkenntnis als Spielmittel begreifen, um im Ernst des Spiels einen neuen Zugang zur Wirklichkeit zu finden. Dieses Verständnis von Vernunft als je schon immer selbsterhaltend und einen Verblendungszusammenhang konstituierend kann auch dazu führen, dass nur die reine Praxis übrig bleibt, die dann individueller Willkür ausgeliefert wird, deren Rechtfertigung wiederum plötzlich nach festen Prinzipien und einem sicheren Fundament ruft. dem Bild, das eine szientistisch verengte Aufklärung von der Vernunft gezeichnet hatte. Nur haben sich bei Adorno die Vorzeichen verkehrt. Während die szientistische Aufklärung ihr affirmatives Bild der Vernunft am Paradigma der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschaft gewinnt, werden letztere bei Adorno zum Paradigma einer Rationalität, die als diskursive verdinglicht 2. Bei vielen postmodernen Philosophen wird diese adornosche Antithesenbildung gegenüber der szientistischen These in einen anderen Rahmen gestellt. Der Zweifel an der Allgemeinverbindlichkeit einer gesamtmenschlichen Vernunft bleibt, doch wird die gegenüber Adorno neue Perspektive nicht in der Form der unbestimmten Negation aller Selbstorientierungsversuche gesehen, sondern in der Form eines Durchgangs durch die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften umwillen einer Problemlösung. Diese Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften findet und hier ergibt sich wiederum eine zweite Familienähnlichkeit mit Adornos Philosophie der Ästhetik auf der Sphäre der ästhetisch bestimmten Ansprache durch naturwissenschaftliches Denken statt. Dies wird später Thema sein. Es bleibt also bei einem antithetischen Verhältnis, doch wird dies durch die ästhetisch bestimmte Legitimation der eigenen erkenntnis- und geschichtsphilosophischen Thesen verdeckt. Konsequent hingegen lebt seine Verzweiflung an der modernen verstandesmäßigen Vernunft Charles Hoy Fort (1874-1932), der um Kracauer noch einmal zu zitieren -

__________ 1 2

Wellmer, 1985, 85. Wellmer, 1985, 96.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

VI. 1.

239

Der unerreichte Urahn des modernen Relativismus: Charles Hoy Fort Die Biografie eines chronischen Skeptikers

Eine wenig bekannte, doch in den unterschiedlichsten Weisen und Kreisen markant wirkende Gestalt der amerikanischen Geistesgeschichte ist Charles Hoy Fort. Er beeindruckt Schriftsteller wie Ben Hecht (1894-1964), John Cowper Powys (1872-1963), Malcolm Lowry (1909-1957), Henry Miller (18911980) und Aldous Huxley (1894-1963). Ezra Pound (1885-1972) widmet der schon zu Forts Lebzeiten (1931)gegründeten FORTEAN SOCIETY in seinen Cantos zwei Zeilen: r

1

.

George Grosz (1893-1959) porträtiert ihn. Der später zu besprechende Schriftsteller Howard Phillips Lovecraft (1890-1935) verwendet das durch Fort zusammengetragene Material. Theodore Dreiser (1871-1945), durch seinen Roman Sister Carrie (1900) ein Begründer des amerikanischen Naturalismus und . Fort ist darüber hinaus einer der konsequentesten erkenntnisund wissenschaftskritischen Publizisten des zwanzigsten Jahrhunderts, der seine Erkenntnisskepsis wie kein anderer auch lebt. Besonders im Kontrast zur moderaten und letztlich religionsförmigen Denkweise Paul Feyerabends (19241994) wird dies deutlich werden. Moderne Konstruktivisten werden in Fort nicht nur einen frühen denkerischen Gewährsmann finden, sondern darüber hinaus auch noch einen Menschen, der diesen Konstruktivismus konsequent durchlebt und sicherlich auch durchlitten hat. Es ist weiterhin bemerkenswert, dass seine Bücher aber auch eine Klientel ansprechen, die ein ganz unkritisches Interesse am Mysteriösen, an Präastronautik und Ufologie hat und ihre Längeren Gedankenspiele im Grenzbereich von Sciencefiction und Okkultismus pflegt. Charles Hoy Fort wird am 6. August 1874 in Albany (New York) geboren. Sein Vater sei so Fort grausam, gewalttätig und intolerant gewesen. Seine Verachtung jeder Autorität mag hier ihren Ursprung haben. Nach vielen Auseinandersetzungen verlässt Fort mit achtzehn Jahren sein Vaterhaus und wohnt bald in New York City. Er schlägt sich als Lokaljournalist durch und verkauft nebenbei Witze und Anekdoten. 1893 tritt er ohne Mittel eine mehrjährige Weltreise an. Er heiratet 1896 und lässt sich in 2

__________ 1 2

Pound, 1964, (LXXIV) 129. Magin, 1997, 8.

240

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der Bronx nieder. Seine Mittel sind geringe Einkünfte aus dem Erbe seines Großvaters und aus seiner journalistischen Tätigkeit. Depressionen und Selbstmordgedanken stellen sich angesichts der Armut ein. Seit 1905 wird Theodore Dreiser sein großer Förderer. Um 1910 widmet sich Fort zunehmend dem immer schon von ihm gepflegten Sammeln von fortianischen (Dreiser) Meldungen. Fortianische Meldungen sind Nachrichten von Theorien wissenschaftlicher Abweichler und Autodidakten, die man heute als grenzwissenschaftliche oder parawissenschaftliche Theorien bezeichnet. Fort beginnt sich für den Rest seines Lebens in Bibliotheken einzunisten. Er liest Bücher über die Hohlwelttheorie, beschäftigt sich mit mathematischen Geheimnissen der Pyramiden und Untersuchungen von Meteoriten, die die Panspermie-Theorie von Svante Arrhenius (1859-1927) stützen sollen. Auch beschäftigen ihn obskure Meldungen in Zeitungen und Zeitschriften. Zu dieser Zeit fasziniert ihn noch der Gedanke, auf diesen grenzwissenschaftlichen und geheimnisvollen Meldungen ein neues Weltbild aufzubauen. Doch schon 1916 schreibt er in einem Brief an Dreiser, dass ihm auch der diese Phänomene sichtende menschliche Verstand selbst nicht als real erscheine 1. In diesem Jahr stirbt sein Vater und Fort erbt einen Teil seines Vermögens, das ihm die Möglichkeit eines Privatgelehrtendaseins eröffnet. Er beginnt die Bücher zu verfassen (The Book of the Damned, 1919; New Lands, 1923; Lo!, 1931 und Wild Talents, 1932), die seinen erkenntnistheoretischen Relativismus ausarbeiten und die zugleich dazu führen, dass ihn bis heute viele Grenzwissenschaftler für einen der ihren halten. Hoys Perspektive ist aber eine andere. Er will die Sicherheit der modernen 2 von Anomalien gegenüber sehe, wird von ihm antizipiert. Die ersten Zeilen seines ersten Buches lauten: Mit den Verdammten meine ich die Ausgeschlossenen. Wir werden eine Prozession der Daten vorbeiziehen sehen, die von der Wissenschaft ausgeschlossen wurden. Bataillone der Verfluchten werden marschieren, angeführt von bleichen Daten, die ich exhumiert habe. Nun werden Sie lesen, und die Daten werden marschieren. Manche sind leichenblaß, manche feurig, manche verwest. Unter ihnen sind Leichen, Skelette und Mumien, die sich winden und taumeln, belebt von Gefährten, die lebendigen Leibes verdammt wurden. Riesen werden in tiefem Schlaf vorübergehen. Manche sind wie Lehrsätze, andere kommen in Lumpen. Sie werden vorbeimarschieren wie Euklid, Arm in Arm mit dem Geist der Anarchie. Hier und da eilt eine kleine Dirne vorbei. Viele sind Possenreißer. Aber viele andere sind äußerst respektabel. Manche sind sogar Mörder. Sie kommen als gräßlicher Gestank und hohlwangiger Aberglaube daher, als Schatten und freche Bosheit, als Kapriole und guter Freund. Sie sind naiv und pedantisch, bizarr und grotesk, aufrichtig und unaufrichtig, tiefgründig und kindisch. Ein Dolchstoß und ein Hohnlachen und die ergeben gefalteten Hände hoffnungsloser Rechtschaffenheit. Das Erzrespektable und dennoch Verdammte.

__________ 1 2

Magin, 1997, 76. Lakatos, 1974, 108.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

241

Alle zusammen erwecken sie den Eindruck von Würde und Liederlichkeit zugleich. Alle zusammen erheben sie die Stimmen zum trotzigen Gebet. Aber der Geist des Ganzen ist der einer Prozession. Die Macht, die all diesen Dingen sagte, daß sie verdammt nen werden herumtollen, und Mißgeburten werden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Clowns mögen mit ihren Späßen den Rhythmus des Aufzuges stören, aber nicht die Wirkung der Prozession insgesamt: den Eindruck, den uns die Dinge machen, die vorbeiziehen, vorbei und immer vorbei, die kommen und kommen und kommen ohne Ende. Die unwiderstehliche Kraft von Dingen, die uns nicht drohen, die uns nicht verspotten und uns nicht trotzen, sondern sich zu einem riesigen Aufmarsch formieren, der ewig 1 an uns vorbei .

Im Folgenden soll Forts Ansatz im Ausgang von seinen ontologischen und seinen erkenntnistheoretischen Prämissen dargestellt werden. In einem zweiten Schritt werde ich exempla

2.

Den Verdammten der Wissenschaft auf der Spur

a.

Mit Gott meine ich einen automatischen Jehova . Ontologische und erkenntnistheoretische Grundlagen

Auf den ersten Seiten von Forts erstem Werk Das Buch der Verdammten finden sich die Grundsätze, die in terminologisch wechselnder Weise seine Bücher durchziehen. Der erste ist und dem, was nicht sein wird, jener Zustand also, den wir gemeinhin und ab2 surderweise als die aber in Wirklichkeit, d.h. auf der Ebene des Seins, gar keine abgegrenzten Dinge seien. Weder das Subjekt noch die Gegenstände seines Erkennens seien 3 für sich eigenständig. Sie bildeten eine . Diese Kontinuität könne 4 e . Diese Kontinuität sei zweitens nicht nur eine auf der Ebene des allgemeinen Seins. Diese Kontinuität wirke sich vielmehr auch in der Menschenwirklichkeit dergestalt aus, dass die einzelnen Wirklichkeiten spontan dieses Gebundensein 5 aus sich entlassen und eine ganz andere Art der Seiendheit annehmen könnten. Aus einem Wassertropfen könne deshalb spontan ein Frosch werden. Dieser Gesichtspunkt führt, wie wir später sehen werden, zu Forts empirischen Studien. __________ 1 2 3 4 5

Fort, 1995, 1f. Fort, 1995, 2. Fort, 1995, 5f. Fort, 1995, 34. Fort, 1995, 16.

242

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Drittens sei nicht nur die Kontinuität, sondern auch die Unterschiedenheit von Subjekt und Objekt ein ontologisches Geschehen. 1 . Ohne voneinander abgegrenzte Tatsachen gebe es kein Erkennen. Es wird sich herausstellen, dass nach Fort die Wissenschaften diese ontologische Bestimmtheit überbewerten und meinen, mit ihren Methoden die Realität zu treffen. Auf der anderen Seite entspreche dieser Grunddisposition des Subjekts ein auch wenn sie nur Ausstülpungen sind, den Bruch mit jener tieferen Ebene an2 streben, die ihnen eine eigene Identität v . age sich dabei zu3 4 existieren schein o . Aus dieser ontologischen Grundlage zieht Fort viertens den Schluss, dass 5 heit, die zugleich ver6 schmelzen läßt und individua . Somit, so folgert Fort weiter, erkennten die Wissenschaften nichts Wirkliches. Die poppersche Rede vom Sumpfland auf dem die Wissenschaften aufruhten und in dem sie stocherten und manchmal etwas an Land zögen, passt gut in den fortschen Kontext, einer durch Tatsachen (hier kann man an Wittgenstein denken) verbarrikadierten Realität.

7

. Und

die eindeutig bestimmen und nutzen zu wollen, lässt uns das eigentliche Sein verden eindeutigen Zu 8

versellen zu wer

9

.

__________ 1 2 3 4 5 6

7 8 9

Fort, 1995, 4. Fort, 1995, 5f. Fort, 1995, 5f. Fort, 1995, 5f. Fort, 1995, 5f. Fort, 1997, 19, vgl. die Reflexion auf die ontologische Bedeutung des Traumes (Fort, 1997, 286). Fort, 1995, 9. Fort, 1995, 9. Fort, 1995, 11f.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

243

Im Kosmos gebe es somit um mit der Darstellung der fortschen Grundprinzipien fortzufahren fünftens einen ewigen Kampf um Existenz und Eindeutigkeit und zugleich ein dauerndes Scheitern dieses Kampfes, der sich, weil 1 kein eigentliches Sein habend, al bezeichnet werden könne. gischen, psychischen und soziologischen Phänomenen einen Ausdruck findet, und der allenthalben versucht, eindeutig und konkret zu werden: daß wir diesem Bemühen in verschiedenen Phänomenbereichen die nur quasi-unterschiedlich sind , unterschiedli2 .

sdrucksformen des immer gleichen V 3 zu individualisieren 4 strichPositivität und Negativität . Die Menschen seien ent dgültigem 5 . Menschliche und andere Existenz sei ein 6 7 zipiellen-prinzipienlosen Regeln-Regellosigkeiten unserer Pseudogründen. Den realistischen und idealistischen Philosophien stellt Fort seine Philosophie, seine Theorie des Intermediarismus gegenüber. nd Intermedia-Existenz ein Zwischenzustand ist zwischen 8 Eindeu . Menschli9 n . 10 mehr fast, doch sei zu beach 11 t . Der unbewusste Evolutionsgott regt sich auch bei Fort. In verstreuten Reflexionen über das Göttliche finden sich Gedanken zu einer organismisch-kosmischen und im Werden befindlichen Seinsweise des Universellen. Das was die h __________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11

Fort, 1995, 11f. Fort, 1995, 6f. Fort, 1995, 11f. Fort, 1998, 92 (Hervorhebung durch Fort) und vgl. den Gesamtzusammenhang 92-94. Fort, 1995, 11f. Fort, 1995, 15. Fort, 1998, 89. Fort, 1995, 16f. Fort, 1998, 53. Fort, 1995, 28. Fort, 1998, 140.

244

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an seiner Entwicklung arbeitet mit Faktoren wie Planeten und Säuren und Käfern, Flüssen und Gewerkschaften und Zyklonen, Politikern und Inseln und Astrono1 . Es ist für Fort vorstellbar, dass es eine übergreifende, nicht unbedingt bewusste Steuerung der kosmischen Prozesse gibt. innerhalb eines geschlossenen Systems in Begriffen eines embryonischen Aufbaus vor, und alle Verästelungen der Geschichte als örtliche Aspekte einer super-embryonischen Entwicklung. Zellen eines Embryos bauen sich in dem Sinne falsch und vergeblich auf, daß das, was sie bauen, nur vorübergehend von Bedeutung und später nicht mehr angepaßt sein wird. Wenn es aber Bedingungen gibt, die dazu führen, daß aufeinanderfolgende Stufen durchlaufen werden müssen, bevor der Reifezustand erreicht ist, dann kommen wir zu der Ansicht, daß auch das Falsche und Vergebliche eine Funktion hat, in welchem Falle diese Begriffe nicht als Herabsetzung benutzt werden soll eine Anleitung gab, sobald wir daran denken, daß Menschen Zellverbände in einem einzigen sich entwickelnden Organismus sind; und daß der menschliche Geist eine eigene Grundlage so wenig braucht wie die sub-embryonischen Zellen, die im Vorgriff auf die Maßstäbe späteren Wachstums sinnwidrig aufgebaut werden, und die dennoch aufgebaut werden, wie es der Anleitung entspricht. In dieser Hinsicht ist die menschliche Vernunft ein Tropismus oder eine Reaktion auf einen Reiz, und der Gebrauch der Vernunft entspricht dem empirischen Herumprobieren eines primitiven Einzellers oder ist einer Empfänglichkeit für tiefere Anforderungen gleichzusetzen, einem Tasten, das zu allen möglichen Verformungen führt, bis die Anpassung an die tieferen Erfor Ich selbst akzeptiere, daß es vielleicht eine Letzte Wahrheit gibt, und daß man sie erreichen kann, aber nie durch eine Dienstleistung für irgendeine Wissenschaft oder Nation oder 2 .

Menschliche Vernunft und einzelliges Leben spielen in diesem komischen Prozess eine prinzipiell gleichberechtigte Rolle. Sie sind kleine Rädchen in einem globalen Betrieb, die sich selbst nicht in ihrer Bedeutung einzuschätzen vermögen. Aus solchen Gründen kann Fort auch keine näheren Beschreibungen des kosmischen Designers geben. Zu viele Daten, die er sammele, bezögen sich höchs 3 Blasphemie sein könnte, ihr Intelligenz zuzuschrei . Den mechanistischen und organismischen Zeitgeist hinsichtlich der Gottesfrage spiegelt Fort auf metamythischem Niveau mit zwei in den Kontext einer 4 adäquaten Theodizee eingepassten Metaphern: t. Mit Gott meine 5 ich einen automati . __________ 1 2 3 4 5

Fort, 1996, 30. Fort, 1998, 298f und vgl. auch 1997, 91. Fort, 1997, 85. Fort, 1997, 21f. Fort, 1997, 304.

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b.

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Wir werden eine Prozession der Daten vorbeiziehen sehen, die von der Wissenschaft ausgeschlossen wurden

beispielsweise über den Mondkrater Kopernikus, der von der Kreisform abweicht, oder über das plötzliche Auftauchen purpurfarbener Engländer über stationäre Strahlungsquellen von Meteorschauern und über angebliches Haarwachstum es Interesse gilt 1 . Mit diesem Programm steht Fort in einer literarischen Tradition der Paradoxographie2, die schon in der griechischen Literatur, beginnend etwa mit dem alexandrinischen Dichter Kallimachos von Cyrene (ca. 280- ca. 245 v. Chr.) und etwa Phlegon von Tralles (2. Jhd.), wundersame Begebenheiten literarisch verarbeitet. Köpfe und eine angemessene Zahl von Gl Frau des Cornelius Gallicanus gebar in der Nähe von Rom ein Kind das den 3 Kopf des Anu . (griech. = wunderbar) ist zunächst etwas, das der gewöhnlichen Meinung zuwiderläuft und unglaubliche Züge aufweist. Doch reicht Forts Verwendung der Stilmittel der Paradoxographie in eine tiefere Schicht des Redens über paradoxe Sachverhalte. Im sophistischen Denken wird das Paradoxon genutzt, um erkenntnisfördernde Perspektivenwechsel zu provozieren. Cicero übersetzt mit (ad)mirabilia contraque opinionem omnium (wundersam und gegen die Meinung aller). Es findet sich also in diesem Begriff eine erkenntniskritische und zugleich erkenntniserschließende Gerichtetheit, die das Paradoxon verwendet, um zu verfremden und damit vorurteilsfreiere Erkenntnis zu fördern. Das Paradoxe erhält, über den Spass am Merkwürdigen und Rätselhaften hinaus, eine gewisse Erhabenheit. In der späteren Paradoxographie nach Kallimachos geht diese Tendenz auf erkenntnisstimulierenden Perspektivenwechsel zunehmend verloren und sie wird zur Unterhaltungsliteratur, die die Sensationslust befriedigt. So geht es auch Fort mit seinen späteren Rezipienten in der FORTEAN SOCIETY, die sich auch mehr für seltsame Phänomene als den Intermedianismus interessieren. In fast jeder Tageszeitung wird auf den Seiten, die etwa Aus aller Welt heißen, bis heute gern paradoxographisch berichtet:

__________ 1 2 3

Fort, 1998, 6. Vgl. zum antiken Begriff des Paradoxon, Schilder, 1933, 4-19. Phlegon ediert durch Hansen, 1998, 256 (Übersetzung L.H.).

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Madrid/Rom (dpa). Während in Spanien die vom Himmel gestürzten Eisbrocken den Experten weiter Rätsel aufgeben, ist nun auch in Italien ein solcher Klumpen auf die Erde gestürzt. Der fünf Kilogramm schwere Brocken sei auf einem Schulhof in der Nähe gestern. Es sei niemand verletzt worden. Ein Teil des Eisklumpens sei zur wissenschaftlichen Untersuchung ins Eisfach gelegt worden. In Spanien konnte eine Kommission von Wissenschaftlern den Ursprung der Eisbrocken bislang nicht definitiv klären. Es sei nicht völlig auszuschließen, dass die geheimrit komme als Ursache hingegen nicht in Frage. Zur Klärung seien weitere Analysen 1 .

Si schaft real, w

und sich dem 3 hingebe, um etwas empirisch Überprüfbares und Verallgemeinerbares zu haben, dürfe nicht auf die Anomalien geschaut werden, fälschlich und willkürlich ausge4 schlossenen zählen. Die Daten der Verdamm . Fort hält in den paradoxographischen Nachrichten seiner Zeit ein Auge auf 2

abgelehnt wurden. Natürli 5 6 Gren habe geglaubt werden können, so sei es auch mit der modernen Wissenschaft. Fort geht 7 . Di 8 und Prin wirkten auf die heutige Geisteswelt hypnotisch. Fort macht auf seine Weise hier auf ein in der modernen Wissenschaftskultur vernachlässigtes Faktum aufmerksam. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind Hypothesen und keine sicheren Wirklichkeitsbelege. Im dritten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft wird sich die Brisanz dieser schlichten Feststellung erst deutlich zeigen.

Aus diesem Grund habe er sich einer anderen Sphäre des Empirischen zugewandt allerdings nicht, um etwas positiv zu beweisen, sondern nur, um die Wissen 9 rückgekehrt bin ich mit den Quasi. Die Verdammten __________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9

In: Emsdettener Tageblatt vom 24.1.2000. Fort, 1995, 11f. Fort, 1995, 11f. Fort, 1995, 11f. Fort, 1995, 264. Fort, 1995, 12. Fort, 1995, 13. Fort, 1995, 13. Fort, 1995, 12.

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der Wissenschaft würden eines Tages zu Engeln und würden dann aber wieder verstoßen werden1. Spielerisch erprobt Fort absurde Hypothesen, wie etwa die Annahme einer über uns schwebenden Super-Sargassosee2 mit Inseln, aus der es immer wieder regnet bzw. von denen etwas auf die Erde herunter fällt: Eisklumpen, Fische, Frösche. Diese wunderliche Hypothese stützt er in einem genialen Verwirrspiel durch Berichte über Eis-, Frosch- und Fischregen und belegt die Triftigkeit seines Längeren Gedankenspiels durch die hohe Zahl der Nachrichtenquellen, die der Hintertür kleinen Fröschen und Uferschnecken eine hilfreiche Hand entge3 , um durch seine in höchstem Ernste betriebenen paradoxographischen Forschungen die modernen Wissenschaftssicherheiten zu paralysieren. -120, zitiert eine Zeitung aus Virginia: In Norfolk, Virginia, seien 1853 zusammen mit Hagelkörnern Fische niedergegangen, angeblich Welse, die teilweise bis zu einen Fuß lang waren. In Toulouse, Frankreich, fielen am 28. Juli 1874 Gemüseabfälle vom Himmel, nicht im Innern großer Hagelkörner, sondern gefroren auf ihrer Oberfläche klebend (La Science Pour Tous, 1874-270). In der Schilderung eines Sturms, der am 11. Juli 1864 in Pontiac, Kanada, tobte, wird behauptet, es seien keine Hagelkörner, geNaturalist, 2-1Farmer, dessen Wahrhaftigkeit außer Zweifel steht, erklärte, er habe ein Stück Hagel oder Eis in die Hand genommen, und im Innern, habe sich ein kleiner grüner Frosch beowa, gingen am 16. Juni 1882 während eines Sturms Hagelkörner und Eisbro Novelty Iron Works erklärt, in zwei großen Hagelkörnern, die er zum Schmelzen herunterregneten, wiesen eine Eigentümlichkeit auf, die auch wenn die Hinweise darauf ausgesprochen bizarr zu nennen sind vermuten läßt, daß sie lange Zeit bewegungslos irgendwo geschwebt hatten. Wir werden bald darauf zurückkommen. Living Age, 52-186: Daß am 30. Juni 1841 in Boston Fische, von denen einer zehn Zoll lang war, vom Himmel regneten; daß acht Tage später in Derby Fische und Eis herunterka-275, lesen wir, daß in Derby die Fische in großer Zahl vom Himmel gefallen seien; ihre Größe habe zwischen einem halben Zoll und zwei Zoll geschwankt, einige seien erheblich größer gewesen. Aus dem Athenäum, 1841-542, nachgedruckt im Sheffield Patriot, erfahren wir, daß einer der Fische drei Unzen gewogen habe. In mehreren Berichten heißt es, zusammen mit den Fischen seien zahlreiche fahren, daß die Frösche und Fische von einem Wirbelsturm an einem anderen Ort der Erde hochgesogen worden seien. Es wird allerdings nicht gesagt, welcher Wirbelsturm dies war und von welchem Ort der Erde im Juli Eis herbeigeweht werden kann. Wir finl ner Times vom 15. Juli 1841 lesen wir, bei den Fischen habe es sich um Stichlinge gehandelt. Sie seien zusammen mit Eis und kleinen Fröschen vom Himmel herabgeregnet, und viele von ihnen hätten den Sturz überlebt. Wir stellen fest, daß drei Monate später

__________ 1 2 3

Fort, 1995, 2. Fort, 1995, 225. Fort, 1997, 24.

248

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(7. Oktober 1841) in Dunfermline während eines Gewitters zahlreiche Fische von mehreren Zoll Länge niedergingen (Times, 12. Oktober 1841). Wegen der Hagelkörner machen wir uns keine großen Sorgen. Die Schichten scheinen interessant zu sein, aber wir wollen uns in Hinblick auf mögliche Daten über die 1 Super-Sargassosee eher den Eisklumpen zu .

In seinen Büchern spielt Fort auch noch andere intermediaristische Hypothesen durch. Die Wirklichkeit eines parapsychischen Phänomens wie der Teleportation2 von Dingen, Tieren und Menschen, dem Hauptthema des Buches Da! werden mit Hilfe seiner vierzigtausend Belege zählenden Aus aller Welt-Zettelsammlung ausgelotet und einer intermediaristischen Rélecture unterzogen. Viele heutige Grenzwissenschaftlicher zehren von diesen Daten und vergessen dabei die intermediaristische Pointe. Mit hohem literarischem Witz und Gespür für den unbewussten Evolutionsgott macht Hoy Fort das alttestamentliche Mannawunder, das den Israeliten des Exodus ihr Überleben gesichert habe, verständlich und stellt dieses als eher übliches Geschehen in einen evolutionistischen Kontext. Im Blick auf die im dritten Band anzusprechende Position Erich von Dänikens will ich auch diese Passage ausführlich zitieren. , die in Kleinasien vom Himmel fielen, sind verwirrend, weil es Berichte über zwei Arten von Substanzen gab. Es scheint, als könnten zuckerähnliche Stoffe nicht akzeptiert werden. Im Juli 1927 schickte die Hebräische Universität von Jerusalem eine Expedition auf die Sinai-HalbinNew York Times, 4. Dezember 1927. Expeditionsteilnehmer fanden etwas, das sie ttern von Tamariskenbäumen und in der Nähe der Bäume auf dem Boden. Sie erklärten, es handele sich dabei um Sekrete von Insekten. Aber die Beobachtungen dieser Expedition haben nichts mit den Daten oder Geschichten über Niederschläge von faserigen, klebrigen Klumpen einer Substanz zu tun, die zu einem eßbaren Mehl zermahlen werden kann. Ein Dutzend Mal seit Anfang des 19. Jahrhunderts ich habe keine eindeutigen Daten über frühere Ereignisse wurden aus Kleinn Ein frühes Entwicklungsstadium in der Schale eines Eis etwas protoplasmatisch Wachsendes tastet in der umgebenden Substanz herum und es ist nicht fähig, sich aus sich selbst heraus zu erhalten und wäre, auf sich allein gestellt, verloren. Nahrung und Schutz und Anleitung werden ihm vom Ganzen gegeben. Oder, um den Bogen weiter zu spannen ein paar tausend Jahre früher eine Gruppe von Flüchtlingen dringt zögernd in eine Wüste vor. Dies soll für die zukünftige gesellschaftliche Organisation von Bedeutung sein. Aber in der Wüste sind sie nicht versorgt und leiden Hunger. Speise fällt vom Himmel. Es ist ein ganz alltägliches Wunder. Kein Embryo ist im Mutterleib fähig, sich selbst Existenz vorausgesetzt, können wir uns vorstellen, wie ein Ganzes seine Teile behütet. Oder, daß vor langer Zeit einmal ein Ganzes auf die Bedürfnisse eines Teils reagiert hat und Jahrtausende, nachdem das damalige Bedürfnis längst gestillt ist, gelegentlich im-

__________ 1 2

Fort, 1995, 233f. Vgl. dazu etwa Fort, 1997, 20; 175.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

249

. Das kommt uns dumm vor. Ich sage dies in einem seltenen Anflug von Frömmigkeit, denn ich bemerke, daß ich, obschon es in unserer Neo-Theologie keine Andacht gibt, mit dieser Auffassung von etwas, das wir Gottheit nennen könnten, eine Grundlage zur Anbetung lege. Laß einen Gott irgend etwas verändern, und es wird neben guten auch böse Reaktionen geben. Allein die Dummheit kann gen Tag in Kleinasien fallen, sind nur ein Faktor in einem größeren Zusammenhang. Es könnte sein, daß ein Organismus, der einmal eine halbwegs eßbare Substanz auf seine erwählten Phänomene regnen ließ, als Ausdruck seiner Zuneigung einfach weitermacht, so daß besagte erwählte Phänomene seither im Überfluß die verschiedensten Arten von 1 .

Auf populärer Basis wirkungsgeschichtlich wichtig werden Forts Überlegungen, die in die Richtung der heutigen vor allem durch Erich von Däniken bekannt gewordenen Präastronautik gehen, obwohl sie diese Gedankenwelten intermediaristisch brechen. Fort findet in seinen Aus aller Welt-Karteikästen Nachrichten, dass an verschiedenen Orten der Erde ölige Substanzen vom Himmel gefallen seien. Auch hier kommt es zu einer intermediaristischen Hypothesenbildung. Wenn es Superschiffe2 gebe, die zwischen den Planeten unseres Sonnensystems hin- und herfahren, dann sei es durchaus plausibel, dass diese technologisch so fortgeschritten seien, dass sie nicht mehr mit Kohle, sondern mit Öl betrieben würden. So sei es durchaus plausibel, dass nicht Kohle, sondern ölige Substanzen vom Himmel fielen. Diesen Luftschiffen entsprächen auch Inseln im Weltraum mit den üblichen Accessoires wie Flüssen, Ozeane, Städten etc. einer Extra-Geographie3. Solche Städte könne man so viele Berichte über der Erde schweben sehen. Auch dar. Für jeden an historischer Selbstvergewisserung interessierten UFO-Gläubigen ist die Sammlung von unbekannten Luftschiffen eine Fundgrube, mit der Fort seine Darstellung untermauert6. Der Präastronautik der Dänikenanhänger wird Material angeboten durch die Wiedergabe von Berichten über einen vom Himmel gefallenen Stein mit Mayaschriftzeichen7. Weniger plausibel für diese Klientel dürften Überlegungen Forts zu einer Neo-Paläontologie8 sein, dass mumifizierte Trachodonkörper wohl eher aus der überirdischen Extra-Geographie gefallen sein dürften, als aus den Tiefen des Erdreiches stammten. Dass Außerirdische aus keinen anderen 4

__________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Fort, 1997, 21f. Fort, 1995, 79. Fort, 1996, 5. Fort, 1995, 20. Fort, 1995, 14. Fort, 1996, bes. 275-308. Fort, 1995, 184. Fort, 1996, 234f.

5

250

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als Modegründen unsere Art der Evolution in Gang gesetzt haben könnten, wird wohl auch eher als mangelnde Ernsthaftigkeit empfunden werden 1. Nachdem Fort im Rahmen seiner intermediaristischen Hypothese die Frage nach der Überbrückbarkeit großer interstellarer Räume geklärt hat 2, stellt er bezüglich der Möglichkeit, dass die Erde außerirdischen Besuch gehabt haben drehenden Sternen (bewegen, L.H.), wobei die entferntesten Planeten jeweils jahrelang in, 3 . Auf diese Weise wird Raumfahrt plausibel und die Meldung der Londoner TIMES vom 6.1.1913 4 , die Fort zitiert, zu etwas Normalem. Die UFO-Hypothese und der Glaube an einen unbewussten Evolutionsgott schließen sich spielerisch zusammen, wenn Fort ein universal(natur)geschichtliches Modell der kosmischen Evolution entwirft. Dabei antizipiert Fort zugleich Gedanken des im dritten Band ausführlich zu besprechenden englischen Biochemikers Rupert Sheldrake (*1942). Nach Sheldrakes Auffassung werden alle Formen in der Natur von morphogenetischen Feldern mitgeprägt, die u.a. als arteigener Gedächtnisspeicher fungieren und über dieses kollektive Gedächtnis spätere Generationen beeinflussen. Die als morphische Resonanz bezeichenbare Wirkmacht ist unabhängig von Zeit und Raum, wie er seit seinem Buch A New Science of Life (1981, deutsch: Das schöpferische Universum. Die Theorie des morphogenetischen Feldes) nicht zu versichern aufhört. 5

-embryonischen Ent dann in der Natur-

s gebe -

würden innerhalb des Superembryos irdischerseits für das Auftauchen und UnIntegration in den Kontext des kosmischen Embryonen werde auch die Menschheitsgeschichte zu einem Testfeld kosmischer Evolution. Fort lebt seine Verzweiflung an der Vernunft auch im Zeugnis seines Lebensalltags aus. Eine intellektuelle Pose, eine Flucht in bürgerliche Lebensformen oder der Rettungsanker aus seiner Tätigkeit, eine direkte Erkenntnis abzuleiten, sind ihm fremd. Wir werden im Folgenden sehen, dass der Verzweiflung an der modernen Vernunft aber auch durchaus Züge der Beruhigten Endlichkeit zugehören können.

__________ 1 2 3 4 5

Fort, 1998, 126. Fort, 1996, 189f. Fort, 1996, 199. Fort, 274. Alle Zitate bis zum Ende des Abschnittes im Folgenden aus Fort, 1996, 298ff.

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VII. Selbstbegründung aus der wissenschaftsförmigen Vernunft (Postmoderne) 1.

Dimensionen des Postmodernismus

Wenn wir den adornoschen Gedanken, dass Denken Identifizieren der Wirklichkeit mit dem eigenen Gedanken heiße, entfalten, so stoßen wir auf folgende mögliche Schlusskette. Denken heißt Identifizieren. Identifizieren meint ein willkürliches, d.h. aufgrund individueller, gattungsgeschichtlicher oder gesellschaftlicher Dispositi Festlegen der Wirklichkeit. Willkürliches Festlegen bedeutet wiederum eine Beliebigkeit von Erkenntnis und weil diese Vernunftbestimmtheit universal ist auch der wissenschaftlichen Erkenntnis. Erkenntnis ist damit ein willkürliches und der Realität nicht gerecht werdendes Stochern im popperschen Sumpfland. Postmodernes Denken kann hier gut ansetzen1. Ich will in diesem Kapitel zunächst einen orientierenden Begriff von Postmodernismus vorstellen und sodann den Bezug auf meinen speziellen Gesichtspunkt herstellen. Im Kontext einer Kritik der neomythischen Vernunft, die u.a. den in Anlehnung an Vico gesprochen fantasiegeschaffenen metaphysischen Allgemeinbegriffen der Wissenschaften nachspürt, will ich in diesem Abschnitt über die postmodernen Denkweisen den Schwerpunkt auf deren Rezeption der Naturwissenschaften legen2. In der postmodernen Rezeption mathematischer und physikalischer Erkenntnisse zeigt sich das Wesen dieses Denkstils am markantesten. So wie die postmodernen Philosophen eigenes Fiktionales auf der Projektionsfolie der Wissenschaften inszenieren, so thematisiert postmodernes Denken aber auch auf seine meist metaphorische Weise die Fiktionen der Wissenschaften und weist zugleich auf das Wissenschaftliche des Fiktionalen hin3. Unter Bezug auf spezielle Relativitätstheorie, Unschärferelation, Unvollständigkeitstheoreme, Theorien der Fraktale, Katastrophentheorie, Theorie der dissipativen Strukturen, neuere Wissenschaftstheorie und synergetische Chaosforschung schreibt Welsch, sonst

__________ 1

Dieses Hauptkapitel VII. ist von Herrn Dipl. Math. Nico Hauser durchgesehen und bearbeitet worden. In seinem kritischen Buch zur Postmoderne stellt sich Schmidt (1994) auf den postmodernen Standpunkt, was die präzisere begriffliche Beschreibung des Phänomens betrifft. Wer über ein sich eher unbestimmt präsentierendes Phänomen schreibt, muss diesem nicht seine Dar wird, man solle doch endlich damit herausrücken, was denn nun Postmoderne eigentlich sei, damit man sie beurteilen könne, dann hat man sich mit dieser Fragestellung schon eine ganz zutreffende erste Antwort darauf gegeben, was Postmoderne sei, ohne daß man die Vertreter der Postmoderne bemühen müsste. Die würden ohnehin sogleich antworten kön-

2

Vgl. dazu Sokal/ Bricmont, 1999. Ich orientiere mich im Folgenden an Welsch, 1993; Gabriel, 1996; Hoheisel, 1996; Kemper, 1988; Jameson, 1996; Eagleton, 1997; Schmidt, 1994; Rika, 1995; Huyssen/ Scherpe, 1986.

3

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stheoremen der wissenschaftlichen Moderne dieses Jahrhunderts. Wie Pluralität, Diskontinuität, Antagonismus und Partikularität in den Kern des Wissenschaftsbewusstseins eingedrun1 . Die mobeigetragen, denn gerade durch nicht von außen, sondern von innen oder zumindest vom Rande der Wissenschaft her kommende Reflexionen werden Veränderungen der Wis2 senschaft nicht bloß angesonnen, sondern in ihr ausge .

Die feuilletonistisch gewandte Verwendung des Begriffs Postmoderne gleicht da gängigen Schubladen nicht so recht hineinpassen will und wofür man einen Postmoderne die einen ein neues Zeitalter ganzheitlicher Weltdeutung herauf3 im Zentrum des postmodernen Wis . In diesem Zusammenhang hat der Postmodernismus auch als ein Element der religiösen Individualisierung Bedeutung. Religiöse Individualisierung beuberung bisher geltender religiöser Welt- und Lebensdeutungen. Nicht nur in Westeuropa und Nordamerika, sondern etwa auch in den afrikani4 schen und asi ist im Kontext der letzten zweihundert Jahre ein Weltanschaulicher Schwebezustand entstanden. Von einem Schwebezustand spreche ich, weil sich diese Situation nicht

lässt und weil sich neue Maßstäbe nur langsam in einer unspezifischen Suchbewegung zu der u.a. auch die Religionsförmigen Neomythen gehören herausbilden. Diese Suchbewegung pendelt oft zwischen Relativismus und Fundamentalismus. Es ist zu vermuten, dass beide Gesichtspunkte zwei Seiten einer Medaille darstellen. Anhand von Paul Feyerabends Philosophie werden diese beiden Seiten deutlich hervortreten. Exponieren wir einen im Folgenden einzuholenden Begriff des postmodernen Denkens: Im postmodernen Denken verschränken sich zwei Haltungen, die man als präzisen und als diffusen Postmodernismus5 bezeichnen kann. Der diffuse Postmodernismus der Beliebigkeit6 feiert sich als willkürliche Mischung aller Denkstile, esoterischer Transrationalismen und Exotismen7. __________ 1 2 3 4 5

6 7

Welsch, 1993, 188. Welsch, 1993, 188. Gabriel, 1996, 39. Hoheisel, 1996, 11. Welsch, 1993, 2. Im Gegensatz zu Welsch sehe ich beide Haltungen im postmodernen Denken bei vielen seiner Repräsentanten gleichzeitig präsent. Welsch, 1993, 2. Vgl. dazu Hauser, 1987.

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Der präzise Postmodernismus reflektiert die unhintergehbare intersubjektive und intrasubjektive radikale1 Pluralität der Moderne. Beide Haltungen finden sich oft im gleichen Subjekt und reflektieren die Spannung des bewusst ergriffenen Standpunktes und des Längeren Gedankenspiels. Aufgrund dieser Spannung wird es dem postmodernen Denken möglich, nach der neuzeitlichen Verabschiedung von Substanzbegriffen zugunsten von Funktionsbegriffen2, auch in Sinnstiftungsfunktion übernehmenden fantasiegeschaffenen Allgemeinbegriffen Orientierung zu finden und weltanschauungsrelevant zu werden. Die weltanschauliche Dimension dieses Denkens ist dabei ein Schweben zwischen Relativismus und Fundamentalismus. Welsch schreibt, dass der Überschritt von der Moderne zur Postmoderne (in der Moderne und als sich selbst vollbringende Moderne) mit dem Verschwinden von Verlustwird, befinden wir uns in der Moderne. Erst wenn sich eine andere Wahrnehmung dieses 3 Abschieds eine positive herausbildet, gehen wir in die Postmoderne ü . Stefan Georges (1868-1933) Gedicht Der Herr der Insel veranschaulicht diese Abschiedsstimmung der Moderne, die hier zugleich mit dem kitschigen Zucker der Selbstinszenierung überzogen ist und damit in die diffundierenden Gefühlslagen der Postmoderne hinreicht: Auf einer insel reich an zimt und öl Und edlen steinen die im sande glitzern Ein vogel war der wenn am boden fußend Mit seinem schnabel hoher stämme krone Zerpflücken konnte wenn er seine flügel Gefärbt wie mit dem saft der tyrer-schnecke Zu schwerem niedrem flug erhoben: habe Er einer dunklen wolke gleichgesehen. Des tages sei er im gehölz verschwunden Des abends aber an den strand gekommen Im kühlen windeshauch von salz und tang Die süße stimme hebend daß delfine Die freunde des gesanges näher schwammen Im meer voll goldner federn goldner funken. So habe er seit urbeginn gelebt Gescheiterte nur hätten ihn erblickt. Denn als zum erstenmal die weißen segel Der menschen sich mit günstigem geleit Dem eiland zugedreht sei er zum hügel Die ganze teure stätte zu beschaun gestiegen Verbreitet habe er die großen schwingen Verscheidend in gedämpften schmerzeslau

4

.

__________ 1 2 3 4

Welsch, 1993, 4. Vgl. dazu Ernst Cassirers (1874-1945) Arbeiten (bes. Cassirer, 2000). Welsch, 1993, 175. Britting, 1963, 564.

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Der Postmodernismus akzeptiere, so Welsch, die Wirklichkeitsvielfalt nicht als modisches Feuilletonthema, sondern als Vielfalt von Lebenswelten1, die seit den siebziger Jahren zur allgemeinen Grundverfassung2 der westlichen Kultur geworden sei3. Postmodernes Denken liege dort vo iche Pluralität von Sprachen, Modellen, Verfahrensweisen praktiziert wird, und zwar nicht bloß in verschiedenen Werken nebeneinander, sondern in ein und 4 . Nach Welsch ist die Postmoderne als di hunderts zu begreifen. Wofür man auch sagen kann: Sie ist eigentlich radikalmodern, nicht post-modern. Und auch: Sie gehört als eine Transformation 5 derselben der Moderne . Zu diesem Ultramodernen an der Postmoderne gehöre auch der bewusste intrapsychische Pluralismus. Diese Züge machen eine Lektüre oder besser in meinem Falle: Rélecture postmoderner Autoren nicht einfach.

2.

Jean-François Lyotard und die postmoderne Rezeption von Naturwissenschaften

a.

Lyotards Ansatz im Überblick

Jean-François Lyotard (1924-1998) ist eine der wesentlichen Gestalten der postmodernen Philosophie. Seine ersten Anstöße erhält Lyotard von der Phänomenologie (Edmund Husserl, 1859-1938 und Maurice Merleau-Ponty, 19081961), später engagiert er sich im Kontext der marxistischen Tradition in der Zeitschrift SOCIALISME OU BARBARIE, wendet sich aber um 1966 Sigmund Freuds Denken und später Ludwig Wittgensteins und Immanuel Kants Philosophie zu. Lyotards Hauptwerke sind Das postmoderne Wissen. Ein Bericht (La Condition postmoderne, 1979) und Der Widerstreit (Le Différend, 1983), in dem die Auseinandersetzung mit Kant wesentlich ist. Am Beispiel des erstgenannten Buches über das postmoderne Wissen will ich exemplarisch erstens eine breitenwirksame postmoderne Denkform und zum zweiten das Verhältnis vieler postmoderner Denker zu den Naturwissenschaften deutlich machen. Zur Gesamtinterpretation Lyotards werde ich später noch den Widerstreit heranziehen. Ein Blick auf andere Autoren und ihre Rezeptionsweise naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wird diesen Abschnitt beschließen. __________ 1 2 3

4 5

Welsch, 1993, 3. Welsch, 1993, 5. Zum zeitlichen Auftauchen und zur begrifflichen Vielfalt des Terminus postmodern und des postmodernen Denkens vgl. Welsch, 1993, 8-43. Welsch, 1993, 16. Welsch, 1993, 6.

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Lyotards Das postmoderne Wissen gliedert sich in vierzehn Kapitel. In den ersten zwölf Kapiteln entwickelt der Autor auf eine üblichen akademischen Maßstäben vertraute Weise einen philosophischen Gedankengang über die moderne Wissenskultur. Im elften Kapitel taucht ein wichtiger Bezug auf Kurt Gödels (1906-1978) Unvollständigkeitssatz auf. Nach der Gödelinterpretation, die wir uns später ansehen werden, verläuft Lyotards Argumentation wieder im gängigen akademischen Fahrwasser, bis mit dem dreizehnten Kapitel über Die postmoderne Wissenschaft als Erforschung von Instabilitäten ein Wasserfall von Informationen aus dem naturwissenschaftlichen Sektor über den Leser hereinbricht, der zum Beleg für die geistespolitischen Konsequenzen der auf den vorhergehenden Seiten erarbeiteten Kapitel dienen soll. Hier entwickelt sich ein spezifisches Stilmittel postmoderner Philosophie.

Lyotard fragt in seinem

ursprünglich als Gutachten ausgearbeiteten Buch 1 , die er 2 bezeichnet. Das postmoderne Bewusstsein entste 3 4 lun bezeichnet. Diese großen Erzählungen werden von ihm als Erzählun5 s bezeichnet. Spätestens seit den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts sei diese Legitimationskrise der Selbst- und Weltorientierung6 breitenwirksam geworden. Wesentlich habe die moderne Informationstechnologie zu dieser Krise beigetragen. Das, was als wissbar gesellschaftlich akzeptabel sei, müsse in ope7 , übersetz 8 9 10 s und führe zu einer 11 12 . Damit werde die Frage nach den gesellschaftlich akzeptierten Realitätskoordinaten zugleich eine Frage der gesellschaftlichen Machtausübung13. Den globalen Machtkanälen, in denen die 14 s . __________ 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

Lyotard, 1986, 13. Lyotard, 1986, 13. Lyotard, 1986, 54 vgl. etwa auch 13f. Lyotard, 1986, etwa 16 und 103. Lyotard, 1986, 96. Zum allgemeinen Erkenntnisbegriff vgl. Lyotard, 1986, 64f. Lyotard, 1986, 23. Lyotard, 1986, 23. Lyotard, 1986, 23. Lyotard, 1986, 23. Lyotard, 1986, 24. Lyotard, 1986, 23. Lyotard, 1986, 35. Lyotard, 1986, 29. Vgl. dazu auch Lyotard, 1986, 137f.

256

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Die operationalisierbare Form des Wissens sei denkbar weit von der Art der 1 Wissens sei, dem narrativ vermittelten Wissen. Erzählungen über glückendes und nicht glückendes Heldentum würden erstens zu Maßstäbe verleihenden Gründungsmythen von gesellschaftlich akzeptierten Normen und Institutionen. Sie seien luralität an Sprachspie2 . Empirische Weltbeschreibung, weisheitliche oder normative Sprachspiele tauchten in Erzählungen auf. Zum Dritten verbänden Erzählungen Zuhörer und Erzähler im Konsens einer diachronen Gemeinschaftlichkeit über die Geltung der betreffenden Erzählung. eine, nämlich jene des Senders, zu besetzen, sich auf den doppelten Umstand gründet, 3 die andere, also die des Narratärs, einge .

Diesem Konsens eigne in narrativen Kulturen eine große Selbstverständlich4 ihre Er kommensurabilität zwischen der volkstümlichen narrativen Pragmatik, die von Anbeginn legitimierend ist, und diesem dem Abendland bekannten Sprachspiel, der Frage nach der Legitimität oder vielmehr: die Legitimität als Referent des 5 . Wissenschaftliches Wissen sei nach abendländischem Maßstab geprägt durch die Prämissen des Anspruchs des Wissenschaftlers (des Senders), dass dieser etwas Wahres sage, des Rezipienten (Empfängers), dass er zu dessen fachmännischer Meinung positiv oder negativ Stellung nehmen könne und zum Dritten, dass die betreffende Wirklichkeit (Referent) durch die wissenschaftliche Aussage getroffen werde6. Damit werde zugleich deutlich, dass das denotative Sprachspiel gegenüber anderen Sprachspielen die Wissenschaft präge und andere Sprachspiele ausgegrenzt würden. Wenn deshalb ein Wissenschaftler 7 g frage und kein ihm vertrautes Verifikations- oder Falsifikationskriterium finde, so beurteile er diese Art von 8 Erkenntnisgewinnung als eine primitive Form von n . Zugleich besäßen aber schon seit Platon die Wissenschaften auch ein Legitimationsproblem, das ihnen auferlege, eine eigene narrative Legitimation

__________ 1 2 3 4

5 6 7 8

Lyotard, 1986, 67; vgl. dazu bes. 67-72. Lyotard, 1986, 68. Lyotard, 1986, 71. Lyotard, 1986, 74. Ob das wirklich stimmt, sei hier nicht weiter besprochen. In narrativen Kulturen kämpfen Erzählungen oftmals gegeneinander. Lyotard, 1986, 75. Lyotard, 1986, 76-78. Lyotard, 1986, 85. Lyotard, 1986, 85.

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wissenschaftlicher Erkenntnis zu suchen 1 dische wi aufzubauen. Lyotard legt seiner Postmodernitätsthese einen Ausgangspunkt zugrunde, der Analogien mit dem im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft dargestellten Zugang über das Zerbrechen der geistigen Gewalten des Abendlandes aufweist2. In der Neuzeit verschärfe sich diese Legitimationsproblematik, da metaphysische Begründungen wie der Bezug auf ein Höhlengleichnis ausfielen. neuen Autoritäten eine Lösung zu bringen. In einer narrativen Problematik wird naturgemäß der Name eines Helden als Antwort auf die Frage erwartet: Wer hat das Recht, für die Gesellschaft zu entscheiden? Welches Subjekt ist es, dessen Präskriptionen Nor3 men für jene sind, die durch sie verpflichtet wer

Das Volk werde zum Helden dieser Erzählung. Der Konsens im Volk legitimiere die Normen und Ergebnisse des wissenschaftlichen Erkennens. Dabei 4 entweder 5 begreifen. Werde das Volk als Held der Freiheit Legitimationsinstanz, dann sei die legitimierende große Erzählung die Geschichte vom Fortschritt zu vermehrter Freiheit. Die andere Metaerzählung, in der das Volk als Legitimationsinstanz diene, sei der Blick auf ein Leben, das gleichzeitig Subjekt sei6 und das sich in einer universalen Geschichte des Geistes in immer größeren Wissenszusammenhängen fortschreitend entwickele. Durch die Zerklüftu 7 ga gerieten diese beiden großen Erzählungen in eine Krise. Es gebe in un8 a 9 Entwurf des System-Subjekts ist ein Misserfolg, der der Emanzipation hat mit der Wissenschaft nichts zu schaf10 . Legitimationsinstanz für Erkenntnis in der Moderne sei nach dem Ende der metaphysischen Begründungen und der neuzeitlichen Metaerzählungen das In__________ 1 2

3 4 5 6 7 8 9 10

Lyotard, 1986, 89. Vgl. dazu Hauser, Bd. 1/§ 8. Eine vergleichbare Einschätzung des exemplarischen Charakters der Romantik findet sich auch bei Lyotard (Lyotard, 1985, 38 und 1986a, 75 und 97). Lyotard, 1986, 92f (Hervorhebung im Original). Lyotard, 1986, 103 und vgl. 112. Lyotard, 1986, 95. Lyotard, 1986, 102. Lyotard, 1986, 120. Lyotard, 1986, 120. Lyotard, 1986, 120. Lyotard, 1986, 120.

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teresse an Geld und damit auch an Macht. Wissenschaft könne nicht aus sich heraus begründet werden. Lyotard versucht diese These im Ausgang der modernen Mathematik und der Naturwissenschaften einsichtig zu machen. Es gehe bei diesem Legitimationsproblem nicht nur um Konsequenzen der Spezialisierung und Binnendifferenzierung im Wissenschaftsbetrieb, sondern um die prinzipielle Unmöglichkeit einer Begründung der Sachhaltigkeit und damit der Wirklichkeitsgerechtheit moderner Wissenschaft überhaupt.

b.

Lyotard und Kurt Gödels Unvollständigkeitsheorem

Um seine These triftig zu machen, stützt sich Lyotard besonders auf Kurt zum Gödelschen Theorem führt, ist ein wirkliches Paradigma dieser Wesens1 in der Begründung von wissenschaftlicher Erkenntnis. Gödel beweist, dass die Widerspruchsfreiheit eines Systems nicht mit den Mitteln des Systems selbst formuliert werden kann, wenn es sich um ein Kalkül handelt, das reich genug ist, um eine Theorie der natürlichen Zahlen zu entwickeln. Damit ist also eine vollständige Axiomatisierung unmöglich. In jeder Wissenschaftssprache bleiben stets formal unentscheidbare Aussagen zurück, die nicht als aus dem axiomatischen System deduzierbar betrachtet werden können. Nur für Axiomenssysteme, die eine so kleine Objektmenge konstituieren, dass sie die Natürlichen Zahlen nicht vollständig erzeugen können, gilt das gödelsche Unvollständigkeitstheorem nicht. Für manche Geisteswissenschaftler sieht es dann so aus, als ob nichts mehr richtig begründbar sei. 2 che Quelle in , dazu inspiriert, über geistesgeschichtliche Konsequenzen nachzudenken. Ich will Gödels Denkfigur zunächst skizzieren. Ein formales System ist potentiell unendlich. Potentiell unendlich zu sein, meint, die Möglichkeit einer beliebigen Innendifferenzierung zu besitzen. Damit taucht als metamathematisches Problem der Erstellung von Kalkülen die Voraussetzung der Widerspruchsfreiheit unter den Bedingungen ihrer potentiellen Unendlichkeit auf. Widerspruchsfreiheit, Konsistenz meint, dass eine bestimmte formale Aussage, die in einer inhaltlichen Interpretation des Kalküls einen Widerspruch verkörpert, nicht formal herleitbar sein darf. Dieses Problem wurde durch den Mathematiker Kurt Gödel (19061978) mit dem berühmten Unvollständigkeitstheorem thematisiert3.

__________ 1 2 3

Lyotard, 1986, 160. Sokal/ Bricmont, 1999, 200. Gödel, 1931. Vgl. dazu (Achim) Schmidt, 1979; Lay, 1971, 128-130 und Meschkowski, 1969, 112-121.

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Betrachtet man ein vermutlich widerspruchsfreies formales System F1, das genügend ausdrucksfähig ist, damit die elementare Arithmetik in ihm formalisiert werden kann. iteren Strich hinter den letzten Strich des vorherigen Zeichens setzt. Innerhalb dieser elementaren Zahlentheorie kann man konkrete (inhaltliche) Additionen, Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen durchführen und beschreiben. Die Formalisierbarkeit der elementaren Arithmetik impliziert, dass alle arithmetischen Ausdrücke derart formalen Ausdrücken entsprechen, dass kein formales Theorem von F einem falschen arithmetischen Satz entspricht. Falls ein formaler Satz, z.B. f, die Formalisierung eines arithmetischen Satzes a ist, dann kann man sagen, dass a eine arithmetische Interpretation oder die intuitive Bedeutung von f ist. F formalisiert vollständig die elementare Arithmetik, wenn bei jedem formalen Satz f (so er die Formalisierung eines arithmetischen Satzes ist), entweder f oder ~f ein formales Theorem von F ist. f muss also entscheidbar sein. David Hilbert zielt auf die völlige Formalisierung der klassischen Mathematik. Kurt Gödel erbringt hingegen den Beweis, dass sogar ein formales System, das nichts weiter als die elementare Arithmetik zu formalisieren sucht, dies nicht vollständig leisten kann. Er weist die Unvollständigkeit von F durch die effektive Konstruktion eines formalen Satzes f nach, der einen arithmetischen Satz formalisiert, bei dem weder f noch ~f ein formales Theorem von F ist. Mit seinem zweiten Theorem beweist Gödel, dass man die Widerspruchsfreiheit von F nicht in F beweisen kann. Falls F widerspruchsfrei ist und falls f eine Formalisierung des Satzes ist, dass F widerspruchsfrei ist, dann ist f kein formales Theorem von F.

Zunächst skizziert Lyotard grundlegende Prämissen der Syntax eines formalen Systems (Konsistenz, syntaktische Vollständigkeit, Entscheidbarkeit und die Unabhängigkeit der Axiome voneinander). Gödel hab Behauptung, die im System weder beweisbar noch widerlegbar ist, im arithme2 . Damit sei die Prämisse einer syntaktischen Vollständigkeit für das arithmetische System nicht mehr gegeben. Weil man Gödels Unvollständigkeitstheorem verallgemeinern dürfe, müsse man auch schlussfolgern, dass alle formalen Sprachen für sich selbst unbegründbar sind. Die Metasprache, die eine künstliche Sprache (Axiomatik) beschreiben solle, sei deshalb die Alltagssprache. Alle anderen Sprachen ließen sich in sie übersetzen. Die Alltagssprache habe aber hinsichtlich der Maßstäbe der strengen Wissenschaf3 zu. Die Frage der Legitimierung des Wissens werde damit zum Problem. Deshalb verdankten, nach dem Ende der metaphysischen Begründungsmöglichkeiten und der großen ErExistenz einer Sprache, deren Funktionsregeln selbst nicht bewiesen werden können, aber Gegenstand eines 4 Konsens der Exper . Außerhalb mathematischer und einiger, schon 1979, dem Erscheinungsjahr des Postmodernen Wissens, nicht mehr aktuellen wissenschaftstheoretischen __________ 1 2 3 4

Vgl. dazu Körner, 1968, 108f. Lyotard, 1986, 125. Lyotard, 1986, 125. Lyotard, 1986, 127.

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Problemstellungen, sind Gödels Beweise weder innermathematisch noch im Blick auf den rätsellösenden Wissenschaftler noch für den Wissenschaftstheoriker existenziell von einschneidender Bedeutung. Nur durch die Dramatisierung der gödelschen Beweise gelingt hier der Aufweis einer geistes- und kulturgeschichtlichen Zäsur. Gödels zur mathematischen Grundlagenforschung gehörige Beweise haben we 1 , dafür aber für manchen Geisteswissenschaftler eine hohe symbolische Bedeutung. Darüber hinaus sind diese Beweise für die moderne Wissenschaftstheorie ebenfalls entschärft. Diese Dramatisierung Gödels durch Geisteswissenschaftler hat ihren Hintergrund in der unthematischen wissenschaftsgläubigen Prämisse, dass Wissenschaft auf eine Einheitswissenschaft hin tendiere. Im logischen Empirismus gib es lange Zeit die Idee der einen Wissenschaft als Vermittlerin allen Wissens, 2.

Carnap basiert seinen Logischen Aufbau der Welt auf der Ursprache, also der einen Sprache, und wollte bis 1930 nicht einsehen, dass es mehrere inkompatible Sprachen gibt. Aufbauend darauf träumt Neurath von der Einheitswissenschaft3, veranstaltet in den 30er Jahren die Kongresse zur Einheit der Wissenschaft und gründet das INSTITUTE OF UNIFIED SCIENCE in Den Haag. Die Bewegung wird von den anderen Zentren des Logischen Empirismus (Prag, Berlin) mitgetragen und auch nach dem 2. Weltkrieg in den USA weitergeführt. Immer findet sich hier die Vorstellung, dass die vielen Disziplinen der Wissenschaft nur wieder in einer Sprache sprechen müssen, um die eine, einzige Einheitswissenschaft zu bilden Gödels Unvollständigkeitstheorem hat mehrere Wirkungen auf die Kollegen im Wiener Kreis: alle außer den Mathematikern ignorieren es, weil sie es nicht wahrhaben wollen. Karl Menger (1902-1985), Professor für Politische Ökonomie in Wien, bringt es als Toleranzprinzip getarnt doch wieder ein und erreicht schließlich, dass Carnap, Neurath und auch Schlick von dem Konzept der einen Sprache abgingen und eine Sprachenpluralität annahmen das Konzept aber gab es schon vor Gödel, und es entstand u.a. aus Problemen in Carnaps Frühwerken und Neuraths Protokollsatz-Theorien. Doch ist eine Einheitswissenschaft niemals entstanden. Statt der einen Sprache müssen die Logischen Empiristen auf die Pluralität der Sprache zurückgehen. Die meisten Fachwissenschaftler zeigen kaum Interesse, ihre fachspezifische Sprache durch eine gemeinsame Sprache zu ersetzen. Vielmehr ist gerade __________ 1 2 3

Sokal/ Bricmont, 1999, 159. Hilbert, Axiomatisches Denken, in: ders., Bd. 3, 1970, 156 (Hervorhebungen L.H.). Neurath, 1933.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

261

die gemeinsame Gruppensprache oft konstituierend für eine Forschergemeinschaft (von der Ausdehnung etwa der Kernphysiker) 1, und sie hängt nicht nur oft am Forschungsparadigma und am Paradigma der Vorstellungen über das eigene Wissensgebiet2, die sich kurzfristig ändern können (Paradigma und damit auch die Sprache), sondern die Sprache wird sogar aufgeladen mit ungesagtem und außerhalb der entsprechenden Forschergemeinschaft unsagbarem Wissen3, das nur nutzbar ist, solange im Sprachverständnis der jeweiligen Forschergruppe die benutzten Begriffe mit diesem Wissen aufgeladen sind. Deswegen hat Gödels Theorem kaum Bedeutung, denn erst in Wissenschaft, die nach vollkommener Einheitlichkeit und vollkommener Vollständigkeit strebt, tauchen die Gödel-Probleme4 überhaupt auf. Seit dem Jahre 1971, wenn ich hier eine Parallele zum Entstehungszeitraum der lyotardschen Gedanken ziehe, hat sich die Vorstellung eines direkten Beweisens in empirischen Theorien wissenschaftstheoretisch überholt. Der (nur zufällig mit der französischen Denkrichtung namensgleiche) wissenschaftstheoretische Strukturalismus im Ausgang von Joseph Donald Sneed und Wolfgang Stegmüller (1923-1991)5 erarbeitet seit 1971 ein formales Handwerkszeug, das nicht nur in der Lage ist, im engeren Sinne theoriegeleitete Grundlagen einer Wissenschaft und eher situative (experimentelle) Anwendungen derselben formal miteinander in Beziehung zu setzen, sondern auch historisch ortbare wissenschaftliche Gemeinschaften, ihre Leistungen und die ihnen entsprechenden, Wissenschaft als Kulturleistung vermittelnden Rezipienten. Für unseren Kontext, in dem es um die Entdramatisierung der gödelschen Beweise für die Wissenschaftspraxis und -theorie geht, lohnt sich ein Blick auf die strukturalistische Beweistheorie. Theoretische Größen werden hier nicht mehr von Beobachtungssätzen unterschieden. Sie werden vielmehr spezifisch als diejenigen qualifiziert, welche die Gültigkeit der Theorie T, in der sie verwendet werden, schon voraussetzen. Alle anderen Größen werden in einem ersten Schritt zunächst nicht-theoretisch genannt (damit ist die Frage nach der oben erörterten, erkenntnistheoretische Probleme heraufbeschwörenden fgehoben). In dem Augenblick aber, in dem die theoretischen Größen als die genommen werden, die die Gültigkeit der Theorie schon voraussetzen, also nicht mehr durch Korrespondenzregeln auf Außertheoretisches von T bezogen werden, scheint das Problem der Zirkularität in der Beweisführung virulent zu werden. Da also Beweisprobleme auftauchen, wenn die theoretischen Größen in der Frage, ob eine empirische Struktur a eine theoretische Struktur T erfüllt, schon das zu Beweisende voraussetzen, wird der Vorschlag gemacht zu fragen, ob die empirische Struktur a*, die lediglich mittels nicht-theoretischer Größen (im Sinne von T -theoretisch/T -theoretisch usw.) beschrieben wurde, genügt. Um dieses Vorgehens willen wird selbstverständlich auf die Beweiskraft anderer Theorien zurückgegriffen es geht um T-nicht-theoretische, nicht um nicht-theoretische Beweisverfahren überhaupt, die undenkbar sind, weil jedes Beweisen theoretisch ist. So ist also mit dem Terminus T-nicht-theoretisch nicht die Vorstellung verbunden, dass hier

__________ 1 2 3 4

5

Vgl. dazu Rheinberger, 2006. Vgl. dazu Kuhn, 1983. dazu: Michael Polanyi: Personal knowledge; ders.: The tacit dimension Dieser Terminus stammt von Nico Hauser. Sneed, 1971. Vgl. dazu zur Einführung Stegmüller, 1979 und zur ausführlicheren Beschäftigung: ders., 1980; ders., 1973; ders., 1979a. Formalisierende Anwendungen auf bestehende Theorien liefern Balzer, 1982; Hauser, 1996 und ders., 1993.

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der Bezug auf Protokollsätze, alltägliche Erfahrung oder (politische oder kommunikative) Praxiserfahrungen gemeint wäre. Von den wissenschaftstheoretischen Strukturalisten wird eben deshalb der terminologische Vorschlag gemacht, relativ auf eine Theorie T bezogen T-theoretische und Tnicht-theoretische (aber im Normalfall einer anderen Theorie T , T etc. zugehörige) Größen zu unterscheiden. Die beweisrelevante Empirie einer Theorie sind dabei gerade die T-nicht-theoretischen Größen.

Lyotard nimmt hier weder die faktische Wissenschaftspraxis noch neue Entwicklungen in der Wissenschaftstheorie zur Kenntnis. Man sehe, so Lyotard, nicht nur am Beispiel Gödels, dass sich in der gegenwärtigen Mathematik ein 1 verhalten im menschlichen Maß . Wo aber die Objektivierbarkeit von Wissenschaft fehle, zögen die Subjekte als Maßstab ein. Maßstäbe dessen, was als Erkenntnis gelte, würden deshalb in der Postmoderne durch diejenigen gesetzt, die Forschung finanzierten. Die Geldströme regelten so die Erkenntnisströme2.

c.

Lyotard und Thomas S. Kuhns Paradigmenmodell

Eine ähnliche Stütze ist für Lyotard seine Sicht auf die Situation der Wissenschaftstheorie. Für Lyotard ist die kuhnsche Theorie vom Paradigmenwechsel von exemplarischer Bedeutung. Thomas Samuel Kuhns (1922-1996) 1962 erschienenes Buch über Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen 3 Werk der neue , hat für viele Geisteswissenschaftler Symbolwert erhalten. Das Wort Paradigma ist durch es in Mode gekommen und auch ins allgemeine Sprachbewusstsein getreten. Kuhn sucht vor allen Dingen durch den Paradigmabegriff die Unterscheidung von der positivistischen Wissenschaftstheorie4. Ich will zunächst Kuhns Theorie skizzieren. Paradigmen konstit 5 eine wissenschaftliche Gemeinschaft. Sie seien nicht vorkonstruierbar, sondern würden im wissenschaftlichen Alltag verstanden und anerkannt. __________ 1 2

3

4

5

Lyotard, 1986, 167f. Auf das politischzu den Speichern und Datenbanken erha Bayertz, 1981, 1. Lorenz Krüger spricht in seiner Einleitung zu Kuhns Die Entstehung des Neuen -Kuhnsche und nach-Kuhnsche Wissenschaftsbe Auf dieses Problem machen besonders Toulmin, 1978, 132 und sehr detailliert Masterman, 1974, bes.61ff aufmerksam. Masterman unterscheidet einundzwanzig verschiedene Bedeutungen des Wortes Paradigma bei Kuhn. Kuhn, Paradigma, 393.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

263

Durch ein stillschweigendes Wissen gestaltmäßig1 schematisierter Paradigmen und nicht durch die Summe der Protokollsätze bzw. den bewussten Bestand von Regeln2 konstituiere sich der wissenschaftliche Verstehenshorizont, in den sich der einzelne Wissenschaftler als Mitglied einer Forschungsgemeinschaft nicht nur intellektuell, sondern auch gefühlsmäßig eintragen könne. Auf dem Hintergrund eines Paradigmas konstituiere sich normale Wissenschaft. Sie betreibe keine Grundlagenforschung. Nachdem ein Paradigma eingesetzt sei, orientiere sie sich am Detail, um den Anwendungsbereich desselben zu erkunden. Normale Wissenschaft sei so eine Harmonisierungsbemühung hinsichtlich des Ver3 hält einordne. Kuhn spricht 4 provozierend vom puzzle-solving, dem Rätsellösen und vergleicht die Tätigkeit der Normalwissenschaft weiter mit einem Geduldsspiel5 bzw. einem Kreuzworträtsel6. Normale Forschung sei also nicht bestrebt, Neuheiten hervorzubringen, sondern interessiere sich für die spezifische Art des Weges, wie erwartetes Naturverhalten erreicht werden könne7. Die theoretische Frage nach den verwandten Regeln und ihrer Triftigkeit werde der normalwissenschaftlichen Forschung erst dann wichtig, wenn die Gestaltungskraft eines Paradigmas schwinde. Die Normalwissenschaft strebe nicht nach tatsächlichen und theoretischen Neuheiten und finde auch keine, wenn sie funktioniere, sondern sie bewege sich im Bereich kniffligen Rätsellösens. Durch diese Ausrichtung unterscheide sie sich grundlegend von der außerordentlichen Wissenschaft8, die dann beginne, wenn nicht zu leugnende Widerstände im Faktenmaterial aufträten. Neue Entdeckungen begännen damit, dass eine Anomalie bewusst, der anomale Bereich explizit befragt und dann vom anomalen zum erwarteten werde. In einer solchen Phase verstärkter fachwissenschaftlicher Unsicherheit funktioniere dann plötzlich das Rätsellösen nicht mehr. Man suche nach neuen Regeln, Theorienversionen wucherten, und endlich entstehe eine neue Theorie als unmittelbare Antwort auf die Krise. Dabei sei der Übergang von einem krisenhaften Paradigma zu einem anderen, neue Normalwissenschaft begründenden Nachfolger nicht kumulativ, sondern Neuaufbau auf neuen Grundlagen hin zu neuen Konsequenzen. Paradigmen sind nach Kuhn einander 9 inkommensur s . Es sei eine Umwälzung wissenschaftlicher Theoriebildung, die nur als grundlegender 10 n verstanden werden könne 11 Paradigmen kann nicht durch Beweise entschieden wer .

__________ 1 2

3 4 5 6 7

8 9 10 11

Vgl. dazu Kuhn, Paradigma, 402. So (LdF, 25f). Kuhn, SWR, 45. Kuhn, SWR, 59. Kuhn, SWR, 60. Kuhn, SWR, 60. Popper findet für diese Vorstellung von Normalwissenschaft (in: Normalwissenschaft, 52) fol wie ihn Kuhn beschreibt, eine bemitleidenswerte Per Kuhn, SWR, 117. Kuhn, SWR, 146. Kuhn, SWR, 165. Kuhn, SWR, 196.

264

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Die Orientierung an einem neuen Paradigma sei eine nicht wissenschaftlich1 und setze sich meist erst durch das Aussterben der Gegner allgemein durch. Entscheidend sei allein der Glaube an die rätsellösende Kraft des neuen gewählten Paradigmas2. Kuhns Theorie versucht, wissenschaftsgeschichtliche Abläufe idealtypisch zu beschreiben. Eine teleologische Betrachtungsweise im Sinne einer fortschrittsorientierten Wissenschaftsgeschichte oder eine moralische Betrachtung der humanitätsfördernden oder -behindernden Geschichte der Wissenschaft ist Kuhns Zugang fremd. Ebenso wenig interpretiert Kuhn seinen wissenschaftsgeschichtlichen Blick in erkenntnistheoretischer Hinsicht. Lyotard tut genau dies. Er interpretiert die Ergebnisse Kuhns epistemologisch und stellt seine Interpretation als selbstverständlich alternativlose Tatsachenfeststellung dar. Eine anarchische Genese von Wissenschaft wird von ihm vorausgesetzt, ohne dass diese Schlussfolgerung etwa dem üblichen Wissenschaftsbetrieb und dem Selbstverständnis von Wissenschaftlern gerecht wird. die unter der Vorherrschaft eines Paradigmas (in der hier eingefügten Fußnote schreibt Lyotard: Im Sinne Kuhns, L.H.) gemacht werden, streben danach, sie zu stabilisieren; sie sind wie die Ausbeutung einer technologischen, ökonomidaß immer jemand kommt, r eine Macht voraussetzen, die die Erklärungsfähigkeiten destabilisiert und sich in der Verordnung neuer Normen des Begreifens manifestiert, oder, wenn man dies vorzieht, im Vorschlag neuer Regeln des wissenschaftlichen Sprachspiels, die ein neues Forschungsfeld abgrenzen. Im wissenschaftlichen Verhalten ist dies derselbe Prozeß, den Thom Morphogenese nennt. Er ist selbst nicht ohne Regeln (es gibt Klassen von Katastrophen), aber seine Bestimmung ist immer lokal. Auf die wissenschaftliche Diskussion übertragen und in eine Zeitper3 de . Nur aus der Betrachterperspektive kann diese katastrophische Vermutung Lyotard stützt sich ja explizit auf Thom als eindeutige Tatsachenfeststellung stilisiert werden. Bemerkenswert bei seinem Bezug auf Thom ist die willkürliche Behauptung, dass Kuhns Theorie des Paradigmenwechsels und Thoms Begriff der Morphogenese n. Kuhns Denken entspreche wissenschaftlichen Ansätzen, die von einer Realität ausgehen, in der es wie etwa Quanten- und Katastrophentheorie zeigten keinen durchgängigen Determinationszusammenhang gebe. __________ 1 2

3

Kuhn, SWR, 200. Die von Kuhn hier verwandte Metapher der Konversion kann in Verbindung mit seiner Konzeption eines ein neues Sehen ermöglichenden Gestaltwandels nicht grundlos sehr irritieren. Vgl. dazu Watkins, 1974, 35 und Meynell, 1975, 85. Lyotard, 1993, 177.

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265

und manchen anderen Forschungen die Idee, daß die Überlegenheit der stetigen, ableitbaren Funktion als Paradigma der Erkenntnis und Prognose im Verschwinden begriffen ist. In ihrem Interesse für die Unentscheidbaren, für die Grenzen der Präzision der Kontrolle, die Quanten, die Konflikte unvollständiger Information, die Frakta die Katastrophen und pragmatischen Paradoxa entwirft die postmoderne Wissenschaft die Theorie ihrer eigenen Evolution als diskontinuierlich, katastrophisch, nicht zu berichtigen, paradox. Sie verändert den Sinn des Wortes Wissen, und sie sagt, wie diese Veränderung stattfinden kann. Sie bringt nicht Bekanntes, sondern Unbe1 kanntes her . dene Zwei 2 o . Dieser Abschnitt sei aus mathematischer und physikalischer Perspektive sinnlos und vermittele nichts weiter als einen mathematisch und physikalisch versiert klingenden Wortsalat. Des Weiteren verwechsele Lyotard die Einführung nichtdifferenzierbarer (oder sogar unstetiger) Funktionen in wissenschaftlichen Modellen mit diskontinuierlichen und katastrophischen Entwicklungen einer Wissenschaft im Zustand der außerordentlichen Forschung. Trivial ist darüber hinaus die Feststellung, dass einem Paradigmenwechsel unterliegende Wissenschaften mit neuen Theorien auch neues Wissen hervorbringen, doch wird damit der Sinn des Wortes Wissen nicht verändert. Was eine neue Theorien oder ein neues Paradigma an neuem Wissen erschließt, ist wie alles neue Wissen etwas Neues aber nichts Unbekanntes.

3.

Alles ist irgendwie relativ. Albert Einstein und die Postmoderne

a.

Ein Hinweis: Die spezielle Relativitätstheorie kann auch als Absolutheitstheorie bezeichnet werden

Ein ur in der Nach3 kriegszeit . Das Wort Relativitätstheorie entwickelt von Anfang an eine Eigendynamik im Hinblick auf eine globale Relativismusvermutung. den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stand die Relativitätstheorie für mehr als nur für eine neue wissenschaftliche Theorie. Sie vollzog öffentlich die Ablösung des klassischen Wissenschaftsverständnisses, dem zufolge davon ausgegangen

__________ 1 2 3

Lyotard 1993, 172 f. Vgl. Sokal/ Bricmont, 1999, 158f. Vgl. dazu Könneker, 2001, 117-298 und bes. Hentschel, 1990.

266

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wird, dass die Naturf o 1 . Die deutschnationale Philosophin und Journalistin Lenore Kühn (1878-1955) spricht 2 . Erich Dombrowski (1882-1972), späterer Chefredakteur der MAINZER ALLGEMEINEN ZEITUNG und 1946 Gründungsherausgeber der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG schreibt unter dem Pseudonym Johannes Fischart 1920 ikus stürzte die absolute Ruhe der Erde, Einstein aber stürzte den Absolutismus überha 3 Welt . Der aus Breslau stammende Schriftsteller Erich Ruckhaber (*1876) verfasst in seinem Roman Relativia (1929) eine Einsteinparodie, in der der alttestamentlich für Sprachverwirrung stehende Ort Babel erinnert wird. Der babylonische Gott Jowa sendet den Einstein repräsentierenden Verwirrer Jowidor auf die Erde, um die Relativismusreligion zu begründen. In diesem Roman findet sich das folgende Gedicht: Kommt nach Relativia, Wo kein Ort und keine Stadt Einen festen Standpunkt hat! Nichts ist fest, nichts absolut; Ob es sich bewegt, ob ruht, Hängt allein vom Standpunkt ab. Alles ist nur relativ;

ef,

Jeder Standpunkt ist uns recht.

Was nicht mit der Logik geht, Macht die Relativität; Alles, was unmöglich ist, Macht die relative List. Heil dir, Relativprophet, Alles wie am Schnürchen geht, Nie war solche Freiheit da, 4 .

__________ 1 2 3 4

Wazeck, 2005, 22. Kühn, 1924 zit. nach Könneker, 2001, 285. Fischart, 1920,535 zit. nach Könneker, 2001, 284. Ruckhaber, 1929, 42f, zit. nach Könneker, 2001, 264f.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

267

Auch heute gilt Einsteins Relativitätstheorie vielen als Symbol eines erkenntnistheoretischen Relativismus. Dabei ist wie ich jetzt darlegen will seine spezielle Relativitätstheorie durchaus nicht in diesem Sinne zu verstehen. Isaac Newton (1643-1727) geht von der Voraussetzung aus, dass der Raum von einem feinsten materiellen Medium durchdrungen sein müsse, damit das Licht durch den Raum dringen könne. Das Licht könne sich so die noch im 19. Jahrhundert verbreitete Annahme durch diesen später hermetisch gedeuteten Ätherstoff je nach Rahmenbedingung schneller oder langsamer bewegen. Auf dem Hintergrund von Experimenten, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts durchgeführt werden und ihren Höhepunkt im Michelsonschen Experiment1 finden und die die Äthertheorie falsifizieren, postuliert Einstein die Lichtgeschwindigkeit als Konstante. Er begreift die Lichtgeschwindigkeit als unabhängig von der Bewegung des Beobachters oder der Lichtquelle. Dies bedeutet, dass für zwei Messende, die sich mit deutlich unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegen und die dieselbe Lichtgeschwindigkeit messen, unterschiedlich viel Zeit vergeht. Einstein fragt in seiner bahnbrechenden Arbeit Zur Elektrodynamik bewegter Körper (1905) grundsätzlich danach, was Raum, Zeit und Bewegung physikalisch eigentlich bedeuten. ewegung eines materiellen Punktes beschreiben, so geben wir die Werte seiner Koordinaten in der Funktion der Zeit. Es ist nun wohl im Auge zu behalten, daß eine derartige mathematische Beschreibung erst dann einen physikalischen Sinn hat, wenn man sich vorher darüber klar geworden ist, 2 n . Indem Einstein die spezielle Relativitätstheorie entwickelt, vermag er, gegenüber jeder landläufigen und alltagssprachlichen Relativismusvermutung und gerade im Gegensatz zu dieser, für die Physik die standortbedingte Relativität der Erscheinungen und der Positionen des Messenden aufzuheben, indem er sie systematisch einbezieht. Der Wechsel von einem zum anderen Standort verursacht eine Änderung der Messung diese aber ist berechenbar, so dass aus der Messung an einem Standort die an allen anderen berechenbar und damit unabhängig von ihren Standorten werden. Es wird exakt bestimmbar, dass jeder Beobachter der Lichtfortpflanzung nach allen Richtungen hin die gleiche Geschwindigkeit, dem Licht hinsichtlich seiner Geschwindigkeit also Absolutheit relativ zu jedem materiellen System zuerkennen kann 3. Das aber wird die Austauschbarkeit der Beobachtungsstandorte durch die Theorie ermöglicht, da der relative Unterschied der Zeitmaße verschiedener Orte in die Theorie integriert ist. Eine Messung wird unabhängig von der willkürlichen Wahl des Beobachtungsortes, alle Orte und daher auch alle physikalisch erkennenden Subjekte bilden eine

__________ 1 2 3

Vgl. dazu Meurers, 1984, 60-66 und Wandschneider, 1982, 142-144. Einstein, 1958, 26-50, 27. Vgl. dazu Wandschneider, 1982, bes. 184f.

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Gemeinschaft, die mithilfe der durch die Theorie vermittelten Austauschbarkeit einen Einheitspunkt objektiver Erkenntnis gefunden hat. Es entsteht eine Gemeinschaft von Beziehungen, in die kein undefiniertes Element mehr eingeht und somit jeder mögliche Ort eines Beobachters von jedem möglichen anderen Ort prinzipiell erfassbar ist. Es ist also eine neue Art von Absolutheit in der Bestimmung der physikalischen Welt entstanden, weil die in der klassischen Physik gegebene Beschränkung der Standortabhängigkeit der Ausdeutung von Erscheinungen aufgehoben ist. Da diese Beschränkung in der klassischen Physik nicht einmal erkannt wurde, produzierte sie zugleich die Gefahr von Fehlschlüssen durch unzulässiger Übertragung von aus Beobachtungen an einem Ort hervorgegangenen Naturgesetzen an andere Orte. Auch diese Gefahr ist nun aufgehoben, wodurch die Physik mit der universalen Vollziehbarkeit der Messbedingungen einer zentralen Bedingung für die Erfüllung der Forderung der Objektivität von Natur(-gesetzlichkeit) erst entspricht.

Trotzdem hat Einsteins Theorie enorme Auswirkungen auf das von Orientierungsängsten geschüttelte moderne Bewusstsein. Vielen scheint wissenschaftlich bewiesen, dass alles relativ ist und dass nichts mehr an gesicherter Wahrheit zwischen Himmel und Erde existiert. Ihren deutlichen Niederschlag findet diese Vermutung bei vielen postmodernen Autoren.

b.

Ist E = mc2 eine geschlechtsspezifische Gleichung? Postmoderne Einsteinrezeption

Im Blick auf Einstein und andere physikalische Theorien schreiben Gilles Deleuze (*1925) und Félix Guattari (1930Perspekti . In der Sprache der Scholastik gesprochen, interpretieren beide hier unvermittelt Variable und Konstante ontologisch nach dem Maßstab von substantia und accidens, wenden allerdings deren vermeinte ontologische Wertigkeit um. Das Akzidentielle muss etwa bei Thomas von Aquin (ca. 1225-1274) immer mit seinem Bezugspunkt, dem Substanziellen, ausgesagt werden die Akzidentien sind eine res, cuius naturae debetur esse in alio, eine ens in alio. Ontologisch kann die Substanz in einer gewissen immer auf die allein a se seiende göttliche Substanz bezogenen Weise für sich existieren. Die Substanz ist das, was sein Sein in sich und für sich hat, der eigene Selbststand. Substanz und Akzidentien können aber ohne das andere nicht in Raum und Zeit existieren2. 1

__________ 1

2

Deleuze/ Guattari, 1996, 151 (Auf diese und andere Stellen in diesem Abschnitt 3b machen Sokal/ Bricmont, 1999 aufmerksam). Vgl. dazu Thomas von Aquin, STh III, 77, 1 ad 2 und Honnefelder, 1990.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

269

Hier werden nun die Akzidentien, die Variablen zum Wesentlichen erklärt es gibt nichts Festes, alles ist im Flusse, lautet die Grundbotschaft. Eine Rechtfertigung für diese metaphysische Interpretation wird nicht gegeben. Interessant ist, dass alte, besonders seit der frühen Neuzeit entwickelte Trennungen in zwei Seinssphären die zur Vorgeschichte des modernen Empirismus gehören hier wieder auftauchen. Einen Endpunkt dieser Entwicklung finden wir bei Christian Wolff (1679-1754), der in seiner schulmäßigen Systematisierung der leibnizschen Gedankenwelt zwischen ewigen Vernunftwahrheiten und kontingenten Tatsachenwahrheiten unsind zweyerley Arten der Wahrheiten, nothwendige und zufällige 1 Veritates necessaria und contingen . Diese Unterscheidung lässt sich nicht nur gut auf das Wissenschaftsverständnis des 19. Jahrhunderts hin spezifizieren. Man kann in der populären Wissenschaftstheorie veritates necessaria und experimentell bestätigbares Tatsachenwissen als das über die veritates contingentes unterscheiden. Entsprechend bietet es sich einer erkenntnistheoretischen Rekonstruktion dieses Bildes von empirischer Wis Guattari wenden dieses Schema nur spiegelverkehrt an: die Variablen werden zu den veritates necessaria und die Konstanten zu den unwesentlichen veritates contingentes.

Auch auf andere Weise lässt sich aus Einstein epistemologisches und gesellschaftskritisches Kapital schlagen. Virtuos vermittelt Luce Irigaray (*1932) zwischen den unterschiedlichsten Erkenntnis- und Lebensbereichen. Über Einsteins Denken und seine Metapher, dass Gott nicht würfele, schreibt Luce Irigaem das, daß er uns keine andere Chance als seinen Gott läßt, geht man von seinem Interesse für die Beschleunigungen ohne elektromagnetisches Gleichgewicht aus. Sicher, er spielte Geige; die Musik bewahrte sein persönliches Gleichgewicht. Aber was bedeutet diese allgemeine Relativität für uns, die in den Atomkraftwerken über uns bestimmt und unsere 2 Körperträgheit, eine lebenswichtige Bedin Als nahezu universal gültiger hermeneutischer Schlüssel dient Irigaray das Wort Beschleunigung. 3 , habe Einstein immerhin als Ruhepol das Geigenspiel gefunden. Nicht die allgemeine Relativitätstheorie, sondern die spezielle biete (wie zu vielen anderen Bereichen) Bezüge zur Entwicklung von Atomkraftwerken. Inwiefern (auch in der newtonschen Mechanik und nicht nur bei Einstein vorkommende) physikalische Trägheit etwas mit Körperträgheit zu tun hat und inwiefern diese durch Einstein gefährdet ist, wird von Irigaray auch nicht geklärt. Beschleunigung ist dann auch der Ausgangspunkt, um Einsteins mythenträchtiges E = mc2 E = mc2 eine geschlechtsspezifische Gleichung? Vielleicht. Stellen wir die Hypothese auf, daß __________ 1 2 3

Wolff, 1740, 9. Irigaray, 1989, 318f (Auf diese Stelle machen Sokal/ Bricmont, 1999, 127 aufmerksam). Irigaray, 1989, 318 (Auf diese Stelle machen Sokal/ Bricmont, 1999, 127 aufmerksam).

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sie es insofern ist, als sie die Lichtgeschwindigkeit gegenüber anderen Geschwindigkeiten, die für uns elementar notwendig sind, vorzieht. Was in meinen Augen den möglicherweise geschlechtsspezifischen Charakter der Gleichung anzuzeigen scheint, ist nicht unmittelbar ihre Verwendung in Kernwaf1 . Die standortbedingte Relativität der Erscheinungen und der Positionen des Messenden wird mit der speziellen Relativitätstheorie systematisch durch die Erarbeitung eines messtheoretisch abgesicherten Bezugssystems einbeziehbar. Dieses Bezugssystem interpretiert Bruno Latour (*1947). Bevor wir Latours Position betrachten, sei allgemein festgestellt 2: Durch ein Bezugssystem, auch Beobachter genannt, kann man durch räumliche und zeitliche Koordinaten (x, y, t) Ereignissen die Angabe eines Wo und Wann zuordnen. Aus den rein abstrakt vorausgesetzten Beobachtern, die nicht menschlich sein müssen, sondern auch Messinstrumente sein können, werden bei Latour individuelle Realpersonen, die in mehr als nur messtheoretischen, beispielsweise auch in machtpolitischen Beziehungen stehen. Verhalten eines fallenden Steins angestellt wird, mit der Beobachtung in Übereinstimmung zu bringen ist, die vom Bahndamm aus über denselben fallenden Stein gemacht wird? Wenn es nur ein oder auch zwei Bezugssysteme gibt, läßt sich kei drei actors zu betrachten: einen im Zug, einen auf dem Bahndamm und einen dritten, den Autor [enunciator] oder einen seiner Stellvertreter, der versucht, die verschlüsselten Beobachtungen, die von den beiden anderen zurückgeschickt wurden, überei3 . Damit Latour den Nachweis des repressiven Charakters der Physik führen kann, benötigt er, im Gegensatz zu Einstein, einen dritten Beobachter und legt die Behauptung von dessen Existenz Einstein in den Mund. Zugleich stellt er wie das gleich folgende Zitat zeigt mit der Behauptung dasselbe eine Identität von Ökonomie und Physik hinsichtlich von Machtfragen fest. Identität4 heißt: Etwas ist genau dieses und nicht jenes A ist A und nicht B. Identität ist beispielsweise nicht Ähnlichkeit, sondern ihr Grenzfall. Sie ist auch nicht die Gleichheit zweier industriell gefertigter Produkte eines Laufbandes. Auch die Schreibweise A = A darf nicht im Sinne einer Gleichheit gelesen werden. Es sind nicht zwei A, die gleich ( = ) sind, sondern beide A sind dasselbe A, das nur aus sprachlicher Rücksicht zweifach geschrieben wird. A ist A bedeutet auch nicht eine Verzeitlichung ihrer Identität, also etwa A ist immer A. A = A ist das Symbol für Identität als der Beziehung eines Gedachten auf sich selbst.

__________ 1 2 3 4

Irigaray, 1987, 110 (Diese Stelle entnehme ich Sokal/ Bricmont, 1999, 130). Vgl. dazu Sokal/ Bricmont, 1999, 146f. Zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 148. Zur Begriffstheorie im Blick auf Identität vgl. aus analytischer Perspektive das grundlegende Werk von Nørreklit, 1973 und Freytag, 1972, 23.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

271

Aber auch nur alltagssprachlich verstanden, ist Latours Behauptung sehr weitreichend.

profitiert davon, daß all diese delegierten Beobachter zu Bahndämmen, Zügen, Sonnenstrahlen, der Sonne, nahen Sternen, beschleunigten Auftrieben und den Grenzen des Weltalls geschickt werden? Wenn der Relativismus recht hat, wird jeder von ihnen in gleicher Weise davon profitieren. Wenn die Relativitätstheorie recht hat, wird nur einer von ihnen (das heißt der enunciator, Einstein oder ein anderer Physiker) in der Lage sein, an einem Ort (sein Labor, sein Büro) die Dokumente, Berichte und Messungen zu sammeln, die von all seinen Dele1 .

c.

Wissenschaftsförmige Vernunft zwischen Weltbild und Weltanschauung

Was verbindet diese postmodernen Bezüge in ihrem Verhältnis zu den Naturwissenschaften? Bricmont und Sokal haben in ihrem Buch Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften missbrauchen aus naturwissenschaftlicher Perspektive nachgewiesen, in welchem Ausmaße die eben angeführten Autoren jenseits jeder sachlich legitimierbaren Weise mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen psychologistisch, natur- und kulturphilosophisch und erkenntnistheoretisch umgehen. Diese unfachliche Rezeption naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ist das erste Verbindende. Es ist auf Bricmonts und Sokals Darstellungsebene stimmig, mit dieser Feststellung die Beschäftigung mit den postmodernen Denkstilen aufzugeben zumindest was die Auseinandersetzung mit ihren Gedanken zu den Naturwissenschaften betrifft. Es bleibt aber ein Problem: Warum werden so möchte ich weitergehend fragen naturwissenschaftliche Erkenntnisse von postmodernen Autoren derart intensiv rezipiert, und warum interessieren sich so viele Menschen auch für diese Art der Rezeption der modernen Naturwissenschaften? Der französische Autor Régis Debray (*1940) gibt in seiner Rezeption hochabstrakter naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einen Hinweis auf den politischen Kontext vieler postmoderner Denker. Den repressiven gesellschaftlichen Bedin chen, ja kindlichen Worten wiedergeben. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Mehrarbeit und das Unbewußte in einem einzigen Satz zu definieren sind (und daß in der Physik die Gleichung der allgemeinen Relativitätstheorie in drei __________ 1

Zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 150.

272

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Buchstaben zu erfassen ist), besteht keine Gefahr, Einfachheit mit übertriebener 1 Vereinfachung zu verwech . In dieser Art der Verbindung sozialwissenschaftlicher, psychologischer und physikalischer Theorienwelten in einen großen Zusammenhang, der eher an eine Große Erzählung erinnert, als an eine Ausführung über deren Unzeitgemäßheit, zeigt sich als ein weiterer wichtiger Zug des postmodernen Denkens: Es wird eine neue Art der Globalaussage, eine wissenschaftsförmige Kolportage formuliert, die in einer dem gängigen akademischen Maßstab entsprechend fremden Darstellungsweise als Grandioses Verstehen präsentiert wird. Diese selbstbewusst propagierte Universalzuständigkeit im Deuten des als nichtdeutbar Behaupteten verweist auf einen anderen Einflussstrang. Es sind die zerfallenen radikalreformerischen Traditionen und die Ressentiments gesellschaftskritischer Kreise gegenüber dem System. Hellsichtig hat der deutsche Journalist Carl Christian Bry (1893-1926) in seinem Buch Verkappte Religionen. Kritik des kollektiven Wahns schon 1924 von der Elephantiasis philosophica2 gesprochen. Die Anhänger einer verkappten Religion sagten nicht nur Hinter deinem gewöhnlichen Leben und hinter der gewöhnlichen Welt liegt etwas bisher Verborgenes, etwas zwar seit langem Geahntes, aber für uns nie Verwirklichtes, eine noch nie realisierte Möglichkeit, der wir beikommen können und jetzt beikommen wol3 len und beizu . Sie behaupteten darüber hinaus infiziert durch eine Elephantiasis philosophica dass es nichts mehr gäbe, das mit ihrem 4 r .

In der Wahrnehmungsweise der für postmodernes Denken nach 1968 und in einem neuen Schub nach 1989 aufgeschlossenen Intellektuellen entspricht die Komplexität einer mathematisierten Wissenschaftswelt, die sich der Anschaulichkeit entzieht, der Widerständigkeit und Komplexität des gesellschaftlichen Systems bzw. des militärisch-industriellen spät- oder monopolkapitalistischen Komplexes5. Die Niederlage der Linken nach 1968 und dann noch einmal nach 1989 erweckt die Ahnung, dass das System nicht einfach aus seinem Zentrum heraus zerstört werden könne. Dies führt bei manchen, sich in die Randzonen der Kultur ge 6 7 Minoritä werden. Auf einmal gibt es eine mögliche wissenssoziologische Verwandtschaft zwischen der gesellschaftlichen Positionierung der Altlinken, der Neonazis, der UFOlogen und anderen Rand-

__________ 1 2 3 4 5 6 7

Debray 1981, 256 (Hervorhebung im Original) zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 200f. Bry, 1979, 42. Bry, 1979, 36f. Bry, 1979, 38f. Auf diesen Aspekt macht Eagleton, 1997, aufmerksam. Eagleton, 1997, 2. Eagleton, 1997, 3.

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existenzen. Mit dieser positionellen Problematik lässt sich ein alter linker Gedanke in neuem Gewande revitalisieren. Die alte immanente Kritik wird zur Dekonstruktion und Relecture, deren Stütze die einst eher als individualistisch und systemstabilisierend verdächtigte Tiefenpsychologie und auch die Ethnologie, als Beschreibung von gesells führen dann die postmodern gewendeten Denker einen lehranalytisch und therapeutisch unterfüt f die Festung der Ver1 . Zur offenen Großschlacht, die einem traditionellen, diskursiv und lang angelegten Argumentationsstrang entspräche, kann es nicht mehr kommen. Zu einem intellektuellen Guerillakrieg passt eher die essayistische und aphoristische Denkform, die auf den Ernst der tiefen Rezeption zugunsten des schnellen Angriffs auf wenig abgesicherter Theoriegrundlage verzichtet. Systematisch einen systemzugehörigen Standpunkt zu sichten würde nach diesem postmodernen Maßstab nur eine Anpassu edeuten. Folgerichtig wird in dieser Situation der vermeinten Machtlosigkeit auch das Verschwinden des Subjekts diskutiert2. Der Machtlosigkeit des Subjekts entspricht die Verlagerung des Wesentlichen transzendentaler Absolutheit in den Bereich des Textlichen. Die Realität wird zum Text. Wenn etwa der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) von einer Dezentrierung des Subjekts spricht, dann sieht dies nicht eine Ausblendung der Geschichte vor, sondern ist Ausdruck des lacanschen Primates der symbolischen Ordnungen gegenüber der Geschichte, in der diese vollzogen werden 3. Texte aber können auch anders und noch ganz anders verfasst und interpretiert werden, und man kann einen Text immer wieder neu schreiben. Gestützt wird diese neue Darstellungsweise durch eine der traditionellen Linken eher fremde Verständnisweise, die den von der Studentenbewegung nicht sonderlich ernst genommenen subjektiven Faktor stark macht. Die Verständnisweise des Therapeuten, der aus der je individuellen Konstellation der unbearbeiteten Gestalten des Selbst, in denen sich ein Mensch lebenslang bewegt, gemeinsam mit seinem Klienten ein lebbares Gesamtbild seiner selbst nach einer tiefenpsychischen Logik zusammenfügt und zum Erproben anbietet, das ganz anders als der Klient es erwartet und in sich äußerst spannungsreich sein kann, wird zum Vorbild intellektueller Orientierung. Therapie und Surrealismus verbinden sich dann für den nicht postmodern denkenden Betrachter auf eine eigentümliche Weise. __________ 1 2

3

Eagleton, 1997, 9. Etwa: Wetz, 1998; Zima, 2000 und 2001; Bürger/ Bürger 2000; Schrödter, 1994; Baudrillard, 1991; Decker/ Weibel, 1990; Dodge, 2000; Faber, 1991; Krämer, 2002; Paech, 1991, 773-790; Postman, 1984; Theweleit, 2002; Virilio, 1986; Birk, 2006; Fröhlich, 2001; Lönker, 2001 und Martinsen, 1991. Heinrichs, 1988, 77.

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POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

Auf diese Weise kann eine Autorin wie die Philosophin und Psychoanalytikerin Luce Irigaray (*1932) über Einsteins berühmte Formel als eine mögliche 1 schreiben. Der Soziologe und Philosoph Jean Baudrillard (*1929) bezieht unvermittelt Entwicklungen in Mathematik (nichteuklidische Geometrie, Chaostheorie) und Physik (Synergetik) unmittelbar auf kulturgeschichtliche Erscheinungen und deren politische Konsequenzen. nde (und das der Geschichte im besonderen) liegt darin, daß man von dem, was nach dem Ende kommt, und zugleich von der Unmöglichkeit, Schluß zu machen, reden muß. Dieses Paradox ergibt sich daraus, daß in einem nichtlinearen Raum, im nichteuklidischen Raum der Geschichte kein Ende ausge Diese Verzerrung von Ursachen und Wirkungen, diese geheimnisvolle Autonomie der Wirkungen, diese Umkehrung von Wirkung und Ursache, die Unordnung oder eine chaotische Ordnung erzeugt (genau das ist unsere gegenwärtige Situation: eine Umkehrung von Information und Realem, die eine Unordnung von Ereignissen und eine völlig überdrehte Medienwirkung erzeugt), 2 erinnert unweigerlich an die Chaos . Weiter oben wurde das Augenmerk auf die fachliche Dignität der Rezeption naturwissenschaftlicher Theorien geworfen. Eben habe ich die große Unvermitteltheit der Verknüpfung von mathematisch beschreibenden naturwissenschaftlichen Theorien mit Politik, Kultur- und Geschichtsphilosophie angesprochen. Es sticht bei der Lektüre postmoderner Wissenschafts- und Kulturkritik zum Dritten eine auch stilistische Freiheit im Umgang mit den Naturwissenschaften und überhaupt allen interpretierten Phänomen ins Auge, die uns zu den weltanschaulichen Dimensionen postmodernen Denkens führt. Betrachten wir einige Textbeispiele, in die ich um des Erkenntnisgewinns willen eine kleine Tücke eingebaut habe ich nenne zunächst keine Autorennamen und bezeichne die Autoren der Texte erst einmal mit den Namen A, B, C, D. Allen vier Autoren ist der Bezug auf eine fantasiegeschaffene Wissenschaftsrealität gemeinsam. Der geneigte Leser kann hier einmal raten, welcher Text von einem postmodernen Philosophen und welcher Text aus einem Sciencefiction-Roman stammt. Autor A:

e Tiefe der Zeit Tiefen vernünftigen Raums ersetzt; wenn die Kommutation des Interface die Entgrenzung von Oberflächen verdrängt; wenn die Transparenz Erscheinungen wiederherstellt, dann stellen wir uns die Frage, ob das, was wir beharrlich RAUM nennen, in Wirklichkeit nicht LICHT ist, ein unterbewußtes, para-optisches ewige Geschenk einer Relativität, deren topologische und teleologische Stärke und Tiefe zu diesem letzten Meßinstrument gehören, besitzt diese Lichtgeschwindigkeit eine Richtung, die zugleich ihre Größe und Dimension ist und die sich mit derselben Geschwindigkeit in alle Radialrichtungen fortpflanzt, die das Uni

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Irigaray 1987b, 110 (zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 130). Baudrillard 1994, 171f (zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 172f).

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Autor B:

die von menschlichen Operateuren bereist werden, werden häufig mit komplexen Städten aus Informationen verglichen: Türme von Firmen- und Regierungsdaten, Highways der Datenverarbeitung, breite Boulevards der Dateiebeneninteraktion, U-Bahnen umgeleiteten Ver das sichtbare Analogon eines jeden Mikrowellenstroms und Gegenstroms, von denen eine Stadt lebt. bilden vor ihren Augen neue Wurzeln und Zweige und Schößlinge aus; unter dem Wald gedeihen ganze Mikroökologien von Datenfluß- und Subroutine-KIs, erblühen und sterben, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben; unter der wogenden, flüssigen Bodensubstanz der Matrix arbeitet ein emsiges unterirdisches Leben von Datenmaulwürfen, Kommunikationswürmern, Reprogrammierungsbakterien, Datenbaumwurzeln und Endlosschleifensamen, während oben, in und zwischen und unter den verschlungenen Wäldern aus Tatsachen und Wechselwirkungen Analogons von Raubtieren und Beute ihre geheimnisvollen Pflichten erfüllen, niederstoßen und laufen, klettern und hüpfen und teilweise auch frei durch die großen Zwischenräume zwischen Zweigsynapsen und Neuronenblät Autor C:

(in einem astrophysikalischen oder axiologischen Sinne) ist nur durch die Vermittlung autopoietischer Maschinen möglich. Irgendwo muß eine Zone des Selbstgehörens existieren, damit ein Wesen oder die Modalität eines Wesens zum kognitiven Leben erweckt werden kann. Außerhalb dieser Kopplung Maschine/Universum besitzen Wesen nur den reinen Status einer virtuellen Einheit. Und dasselbe gilt für ihre Ausdruckskoordinaten. Die auf diesem Planeten gekoppelte Biosphäre und Mecanosphäre konzentrieren sich auf eine Perspektive des Raums, der Zeit und der Energie. Sie beschreiben einen Winkel der Konstitution unserer Galaxie. Außerhalb dieser partikularisierten Perspektive existiert das übrige Universum (in dem Sinne, daß wir Existenz hierunter begreifen) nur durch die virtuelle Existenz anderer autopoietischer Maschinen im Zentrum anderer durch das Weltall verstreuter BioAutor D:

scher Objekte, die wir für interessant und tun dies, weil Kreise schön und interessant sind. Aber damit wissen wir noch immer nichts über Kreise. Nun, manche Dinge sind offenkundig wahr (oder es macht Spaß, sie so zu behandeln, als wären sie wahr), und so erschaffen wir die Axiome der Mathematik. Alle rechten Winkel sind kongruent, Parallelen schneiden sich nie, Parallelen schneiden sich immer, es gibt mindestens eine unendliche Menge all dies sind Axiome. Und so haben wir Linien und Kreise und Axiome und brauchen Regeln, um damit umzugehen. Diese Regeln sind logisch. Durch Logik beweisen wir unsere Theoreme. Wir können die natürliche Logik wählen, wo eine Aussage entweder wahr ist oder nicht, oder eine Quantenlogik, wo eine Aussage ein Maß an Wahrscheinlichkeit den Glanz des Zahlensturms lieben, wenn er tobt und uns verzehrt, und wenn wir von dem heiligen Feuer der Inspi

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Diese Texte stammen von dem französischen Architekten und postmodernen Publizisten Paul Virilio (*1932; Autor A1), dem Psychiater und poststrukturalistischen Philosophen Felix Guattari (1930-1992; Autor C2) und von den weiter unten ausführlich zu besprechenden Sciencefictionautoren Dan Simmons (*1948; Autor B3) und David Zindell (*1952; Autor D4). Ununterscheidbar verschränken sich hier Sciencefiction und postmoderne Philosophie.

Die Freiheit im Umgang mit naturwissenschaftlicher und mathematischer Forschung beruht auf dem Prozess einer spezifischen Ästhetisierung dieser Erkenntnisse. Dabei ist es auch eine Ästhetisierung des naturwissenschaftlichen Beiklangs, den naturwissenschaftliche Darstellungen haben? In allen Texten werden nicht nur die Erkenntnisse verdreht, sondern teilweise Begriffe bar ihres Erkenntniszusammenhangs und ohne Rekurs auf ihre semantischen Verwendungsrestriktionen eingesetzt. Das bedeutet, nicht nur verstehen die Autoren den wissenschaftlichen Erkenntniszusammenhang nicht mehr, sie interessieren sich nicht mehr für ihn. Der Leser bekommt nicht nur Begriffe in falschen Erkenntniszusammenhängen präsentiert und kann dies mangels Fachkenntnis oft nicht bemerken er bekommt überhaupt keine Erkenntnisse mehr mitgeliefert bzw. er bekommt die Begriffe frei von ihrem Erkenntniszusammenhang vorgeworfen, so dass sie nicht falsch verwendet, sondern sinnlos verwendet und dadurch selbst sinnlos sind. Das heißt, hier tauchen die Begriffe nicht wegen der Erkenntnis auf, die hinter ihnen steckt, sondern nur aufgrund ihrer Fähigkeit, bestimmte Assoziationen zu wecken: zuwahr Frage nach dem Universum Frage nach den letzten Dingen icherweise aber auch das Gefühl der Unsicherheit des Suballes ist unklar ich bin Teil eines größeren Ganzen gefühls und der negativen Auflösung ins Unbestimmte, um den Leser psychisch zu entcher ich fühle mich verloren da ist jemand, der sich auskennt ich lasse mir von ihm die Unklarheiten abneh Man kann hier zutreffend von einer Erotik der Wissenschaft 5 sprechen. Diese Art der Erotik der Wissenschaft basiert auf Symbolen aller Art wie Zeichen, Bilder und Begriffen und wissenschaftlich klingende/aussehende Zeichen, Begriffe und Zeichnungen werden als relevant wahrgenommen. Im Duktus des Wissenschaftsglaubens vermitteln wissenschaftlich erscheinende Symbole Stärke (durch Sachkenntnis), Überlegenheit (als Beherrscher des für den Normalmenschen Undurchschaubaren) und Schönheit (wegen ihrer Allwissenheit). Sie wirken anziehend auf einer psychischen Ebene und werden daher gerne als Lockmittel eingesetzt, aus dem gleichen Grund werden sie nicht rational hinterfragt oder überhaupt rational verarbeitet.

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Virilio, 1984, 77 (zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 198f, Hervorhebung im Original). Guattari 1995, 50ff (zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 189ff). Simmons, 1993, 335f. Zindell, 1991, 640. Der Terminus stammt von Nico Hauser.

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Um diese Ästhetisierung von Erkenntnis geistesgeschichtlich näher einzuordnen, ist eine Erinnerung an die Romantik sinnvoll. Schon in der Romantik ließ sich eine Transformation des abendländischen Vernunftverständnisses beobachten. Aufgrund dieser Spannung wird es dem postmodernen Denken möglich, nach der neuzeitlichen Verabschiedung von Substanzbegriffen zugunsten von Funktionsbegriffen1, auch in fantasiegeschaffenen Allgemeinbegriffen Orientierung zu finden und weltanschauungsrelevant zu werden. Die weltanschauliche Dimension dieses Denkens ist dabei ein Schweben zwischen Relativismus und Fundamentalismus. Die spezifische Ästhetisierung des Vernünftigen, die viele postmoderne Denker auf dem Hintergrund ihrer therapeutischen Erfahrungen und ihrer Selbstanalysen vornehmen, ist die Einbindung von Vernunft in den Kontext eines auch unbewussten Stroms von Bewusstseinsgehalten, durch den dieses Denken etwa mit dem Dadaismus und dem Surrealismus verbunden ist2. Die heutige Postmoderne stützt sich auf geistesgeschichtliche Erscheinungen der fünfziger und sechzi 3 im Zeitalter Hit . Das postmoderne Denken hat auch einen Bezug zur Unterhaltungssphäre, weil avantgardistische Darstellungsmetho-fiction und Horror-Story Eingang gefunden haben, und dies ohne den Anspruch, diese Genres

immer häufiger Trivialformen und Genres auf, die von den klassischen Modernisten ver4 . Dies führt in der Öffentlichkeit zusätzlich zu einer Verunsicherung über den Status postmoderner Diskursstile. Eine weitere Problematik ist die Beziehung auf tiefenpsychologische Blickwinkel, die an den Surrealismus denken lassen. Einer der Begründer des Surrealismus, André Breton (1896-1966), schreibt in seiner programmatischen Schrift Erstes Manifest des Surrealismus Rechte einzutreten. Wenn die Tiefen unseres Geistes seltsame Kräfte bergen, die imstande sind, die der Oberfläche zu mehren oder gar zu besiegen, so haben wir allen Grund, sie einzufangen, sie zuerst einzufangen und danach, wenn nötig, der Kontrolle unserer Vernunft zu unterwerfen. Auch die analytischen Denker können dabei nur gewinnen. Dabei ist jedoch der Hinweis wichtig, daß keine Methode a priori zur Verwirklichung dieses Vorhabens bestimmt ist; daß diese bis auf weiteres ebenso der Domäne der Dichter entstammen kann wie der der Gelehrten und daß ihr Erfolg nicht von den 5 mehr oder weniger gewundenen Wegen abhängt, die man einschla . Der Traum ist für Breton eines der wesentlichen Erkenntnismedien, das mit dem Wach ser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art ab-

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Vgl. dazu Ernst Cassirers (1874-1945) Arbeiten (bes. Cassirer, 2000). Ein noch tiefer liegender Strang ist trotz allem die Romantik (vgl. dazu Kurz, 2004). Huyssen, 1986, 18. Auch Rika (1995) weist dies besonders im Hinblick auf Hans Arp (1887-1966), Max Ernst (1891-1976) und Paul Scheerbart (1863-1915) nach. Huyssen, 1986, 24. Breton, 1968, 15f.

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soluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität 1. Entsprechend veränderten sich 2 daß es nicht Phantastisches mehr gibt: es gibt nur noch das Wirkli . Es ist sicherlich kein Zufall, dass viele postmoderne Autoren aus dem ethnologischen und dem psychoanalytischen Wissenschaftsmilieu kommen.

Auf diesem Hintergrund erscheinen viele Texte, nach dem Maßstab eines diskursiven Denkens beurteilt, als willkürlich und assoziativ und wenn ich an die Rezeption großer Philosophie oder der Ergebnisse der Naturwissenschaften und der Mathematik denke nicht sachorientiert. Mit dieser Einsicht kann man sich zufrieden geben, wenn es um die fachliche Beurteilung einzelner Personen ständlich, warum dieser Denkstil in den späten achtziger und neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bei vielen Menschen Anklang findet. Um die spezifische spätromantische Ästhetik, die die Faszination dieses postmodernen Gedankenstils für viele bewirkt, näher zu verstehen, ist es ratsam, sich den tiefenpsychologischen Begriff des freien Assoziierens anzusehen. Ist für das romantische Bewusstsein des frühen neunzehnten Jahrhunderts der Maßstab das aus dem Chaos der zerbrochenen geistigen Gewalten des Abendlands geschaffene geniale Kunstwerk, so ist es hier eher die aus dem Chaos des freien Assoziierens gewonnene Selbstsicherheit im Urteilen, das sich seines radikal konstruierten Charakters zugleich bewusst sein darf. Viele postmoderne Autoren sind Psychoanalytiker und haben Lehranalysen hinter sich, in denen freies Assoziieren praktiziert wird. Freies Assoziieren bedeutet, dass man alles ausspricht, was aktuell über die Zunge kommt. Alle Wahrnehmungsdimensionen des Körpers, der Empfindungen und der Gefühle, des Erinnerns, Wünschens und Fantasierens werden in das freie Assoziieren einbezogen. Wenn man zwischen absolut freiem Assoziieren ohne jegliche Vorgabe und relativ freiem Assoziieren unterscheidet, kann man bei den postmodernen Autoren von einem relativ freien Assoziieren sprechen, da sie über kulturell vermittelte Gehalte frei assoziieren. In der therapeutischen Situation kann man als heilsam erleben, dass es ein wichtiger Schritt zum bewussten Zur-Kenntnis-Nehmen und zur Neu-Erfindung seiner selbst gehört, alles klar auszusprechen, was man in sich sonst nur am Rande wahrzunehmen erlaubt. Durch das freie Assoziieren können der Therapeut und/oder man selbst wenig bewusste Hintergründe seiner Lebensgestaltung und -orientierung verstehen. Somit ist freies Assoziieren ein diagnostisches und selbstreflexives Instrument. Dieses In-die-Welt-Setzen des Wahrgenommenen bedeutet auch, alles in sich zuzulassen und damit auch Intuitionen zu folgen, die sonst nicht auftauchen könnten. Freies Assoziieren eruiert also die unbewussten Motive und klärt __________ 1 2

Breton, 1968, 18. Breton, 1968, 19.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

279

die innere Seelenlandschaft, das innere Erleben umwillen größerer Bewusstheit und Handlungsfreiheit. Freuds Gedanken über den 1 chi , werden in einigen nachfreudianischen Ansätzen weiterentwickelt. Nicht mehr die auf autonomes Regeln der Person zielende Instanz des Ich (Freud), sondern das Selbst, als Begriff der eigenen Symbolisierung der psychophysischen Ganzheit der Person, tritt in den Blick2. Diese Psychologen entdecken, dass die innere Dynamik der psychischen Bilder eine ganz andere ist, als die Art von Lebenswahrheit, die eine rational und systematisch sich organisierende philosophische Reflexion oder ein wirtschafts- und sozialpolitisches Befreiungsprogramm zu entwerfen vermag. An der Basis der Vernunft tummele sich eine psychische Urbevölkerung, die eine ganz andere und auch lebensrelevante Wirklichkeit des Individuums aufscheinen lasse. Das Selbst führe sein Leben in den unterschiedlichsten Ich-Zuständen, die sich im Idealfall unter der Leitung eines erwachsenen inneren Moderators positiv nutzen und ihren Ansprüchen gemäß ausleben ließen3. Diese psychische Wirklichkeit zeige sich so manche aus diesen Ansätzen resultierende Therapieformen nur bildlich und bedürfe dramaturgischer Inszenierungen des Heilmachens, die zu dialektischen Umschlagserlebnissen führen könnten. Wird diese innere Wirklichkeit, diese Tiefenstruktur aber als der eigentliche Maßstab fenommen, dann bestimmt sie auch die innere Systematizität der poststruktural interpretierten Oberfläche. Diese Denkgestimmtheit der Postmodernen wird von den unterschiedlichsten Standzungen der von Nietzsche geübten Ideologiekritik; hier begegnet man auch den methodischen Übertreibungen einer total gewordenen Vernunftkritik, die einen diffusen Zeit4 geist eher symptoma . als bergehenden Erschütterung der wissenschaftlichen Rationalität in einer demokratischen Gesellschaft führen. Aber es wird letzten Endes diese Rationalität nicht nur nicht zerstödie Erfahrung der Welt als begrenztes Ganzes, die Erfahrung von Einmaligkeit eines Dinges, der Einmaligkeit jedes Menschen, der Einmaligkeit und einmaligen Bedeutung jeder Situation, der Einmaligkeit des Universums. Diese Erfahrung ist mit der Erfahrung der Ähnlichkeit und Wiederholbarkeit von allem, die der Wissenschaft zugrunde liegt, inkommensurabel 5. zu diesem futurisierten Antimodernismus, bei dem inzwischen die Moderne selbst dann nicht mehr

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4 5

Freud, X/294. Vgl. dazu etwa Kohut, 1977; Mahler/ Pine/ Bergmann, 1980 und Blanck/ Blanck, 1998. Vgl. dazu etwa Kouwenhoven/ Kiltz/ Elbing, 2001, bes. 32f; Berne, 1989, 3 und 66-69; Rath, 1992, 98ff und ders., 1995. Habermas, 1985, 135. Spaemann, 1986, 35f (Hervorhebung durch Spaemann).

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POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

gut wegkommt, wenn ihr keine erlösende Zukunft entgegengehalten werden kann. Man tritt jetzt gegen die Moderne nicht mehr im Namen einer bestimmten heilen Zukunft an, man tritt nur noch gegen die Moderne an, so daß der wichtigste Erfolg schon darin gesehen wird, die Moderne hinter sich zu haben oder sie hinter sich haben zu wollen. Das Programm der Postmoderne ist die Schwundstufe des futurisierten Antimodernismus 1. bringt Strategien der Verunendlichung hervor: Die Relativierung der Werte erlaubt es, prinzipiell jede ethische Position einzunehmen, und zwar in beliebigem und beliebig häufigem Wechsel. Die Relativierung der Güter lässt prinzipiell jedes Gut und beliebig viele Güter erstrebenswert erscheinen. Die Relativierung personaler Identität lässt prinzipiell jedes Lebenskonzept in beliebigem Wechsel adaptierbar erscheinen. Die Relativierung interpersonaler Bindungen lässt prinzipiell jede noch so zufällige Begegnung zu einem potentiellen Erfüllungsversprechen werden. Die Relativierung der Bedeutung lässt die Zeichenfolge der Texte zu einem unabsehbaren Gewebe des fließenden Be2 deutungsaufschubs oder . Auflösung von Gewißheiten in die Beliebigkeit und die Relativität einzelner Orientierungen, die dann eben nicht mehr mit dem Ansp 3 f .

Für den außenstehenden Betrachter postmodernen Denkens werden auf diese Weise viele postmoderne Autoren kaum verständlich, weil diese im Stil oft strukturalistisch, ohne eine allgemeine Struktur vorauszusetzen, schreiben. Die Welt wird zum Text einer Seelenlandschaft, die der postmoderne Autor vorneuen Art der monadologischen Entsprechung befinden sich dann Innen und Außen in einer individualistischen Äquivalenz. Alle wissenschaftlichen Disziplinen werden auf diesem Wege aus ihrer modernen Zerklüftung zurückgerufen in den universalwissenschaftlichen Blick dessen, der alles auf einen und d.h. in diesem Falle seinen persönlichen Nenner intertextuell zu bringen vermag, wie das folgende Beispiel zeigt. jekts durch die Spaltung bestimmt ist, so bezeichnet dieses Wort auch die Atomspaltung. Nietzsche nahm sein Ego ebenfalls als einen von Explosion beschluß an die amerikanische Big-Bang-Theorie, den Ursprung des Universums 4 . Wo die Welt verschwindet, blüht die freie Fantasie und erschafft sie neu. Anything goes in dieser Tätigkeit.

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Marquard, 1986, 53 (Hervorhebung durch Marquard). Wenzel, 2005, 14. Küenzlen, 1994, 350. Irigaray 1989, 318f (zit. nach Sokal/ Bricmont, 1999, 127f).

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

VIII. 1.

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Die Sucht nach geistiger Sicherheit . Der wissenschaftstheoretische Fundamentalist Paul Feyerabend

Von Popper zu Feyerabend: Evolutionistische Wissenschaftstheorie am Ende der empiristischen Wissenschaftstheorie

Die unausgeglichene Spannung zwischen einem innertheoretischen und einem die Transzendenz des Gegenstandes umfassenden Wahrheitsbegriff lässt den späten Popper zu einer biologistischen Lösung des Objektivitäts- und Wahrheitsproblems greifen zu einem evolutionslogischen Entwurf, der das falsifikatorische Verfahren im Allgemeinen aufwertet, Wahrheit als notwendige menschlich-organismische Leistung begreift, die das Subjekt als neues Überlebensinstrumentarium entwirft. Methode von Versuch und Irrtumsbeseitigung anwenden, aber die Amöbe nicht gern irrt, während Einstein gerade davon angezogen wird; er sucht bewußt nach seinen Fehlern, um aus ihrer Entdeckung und Beseitigung etwas zu lernen. Die Methode der Wissenschaft ist die kritische Methode. Die evolutionäre Erkenntnistheorie ermöglicht also ein besseres Verständnis der Evolution wie der Erkenntnistheorie, soweit sie mit der wissenschaftlichen Methode zusammenfallen. Sie ermöglicht ein besseres Verständnis auf logischer Grundla 1.

Das Objektivitätsproblem lässt den Philosophen Popper im Alter nicht los. In eder Erkenntnistheoretiker versucht, 2 , um die Sachbezogenheit der eigenen wissenschaftstheoretischen Position zu fundieren, kann man für dieses späte Fundierungsprogramm formulieren, dass Popper hier die Konstitution von Objektivität wissenschaftlicher Erkenntnis in Auseinander 3 geschichtlichen Welt des objektiven Geistes zu erörtern versucht . Es wird dabei nicht verwundern, dass der Autor der Logik der Forschung, der eine Theorie des Wissenswachstums durch trial and error vertritt, auf den Darwinismus stoßen wird, dessen Selektionstheorie als trial and error des Aufstiegs und Niedergangs von Arten in Analogie zum Wissenserwerb scheint gebracht werden zu können. Kann der wissenschaftstheoretische Standpunkt des Kritischen Rationalismus zu einem Anwendungsfall des Darwinismus werden? __________ 1 2 3

Popper, Alltagsverstand, 84f. Popper, Naturgesetze, 57. Popper entwickelt ausgehend von seinem Drei-Welten-Modell auch eine Theorie des Verhältnisses von Gehirn und Geist in Zusammenarbeit mit Eccles (Vgl. Popper/ Eccles, Gehirn), auf die hier nicht eingegangen werden kann. Vgl. dazu Rohs, 1982, 399-428 und Holz, 1981, § 25.

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POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

Und umgekehrt gefragt: Kann der Darwinismus das Begründungsdefizit des Kritischen Rationalismus hinsichtlich der Objektivität des wissenschaftlichen Erkennens aufheben, indem er ihn als Spezialfall einer evolutiven Logik erweist? Für Popper ist der Darwinismus keine überprüfbare wissenschaftliche 1 , welches zwar nicht direkt singuläre Gesetzesaussagen ermögliche, wohl aber einen Rahmen für eine Heuristik darstelle, die zu fruchtbaren Ergebnissen motivieren könnten, insofern sie Einzelforschungen durch ihre Rahmengebung erhellte. Popper fragt ausgehend von einem allgemeinen Verständnis von Darwinismus danach, was es bedeutet, dass ein Organismus ein Problem löse, welches ihm als Überlebensproblem vorgegeben sei. So sei ein charakteristisches Kennzeichen nicht nur des wissenschaftlichen Arbeitens, sondern auch jedes Organismus das Problemlösen, hier das Lösen des Überlebensproblems in einer durch Wandel geprägten Umwelt unter den Bedingungen eines sich selbst auch wandelnden Organismus. Problemlösung geschehe dadurch, dass sich der Organismus in eine neue Beziehung zu seiner Umwelt in dem Sinne setze, dass eine solche ökologische Ni solche Nische in Einzelfällen sogar schaffe2. Er setze sich so neuem Selektionsdruck aus, der für weitere Anpassungen an die gewählte Nische unter möglicherweise mehreren Angeboten die spezifische Weise des dann auf ihn von leseverfahren habe noch nichts mit Willensfreiheit zu tun, wohl aber mit einer Analogie zur Freiheit auf der Ebene des primitivsten Organismus als Ergreifen einer Möglichkeit neben anderen, ohne dass dieses Ergreifen von Bewusstsein begleitet sein müsse. Popper versucht in Anlehnung an dieses Evolutionsschema Evolution des als objektiv gesichertes Wissen betrachteten Wissens zu erfassen. Gerade im Zusammenhang seiner Rede von objektivem Wissen oder objektiver Erkenntnis die er auch als Buchtitel Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf zu Ehren kommen lässt verwendet er aber wieder eine Metapher, die stark an die Rede von wissenschaftlicher Arbeit als Durchsuchen eines abgründigen Sumpflandes in der Logik der Forschung erinnert. Wir werfen, so Popper, im wenn es an irgendeinem noch so schwachen Zweiglein Halt findet. schied zwischen unseren Bemühungen und denen eines Tieres Amöbe ist nur der, daß unser Seil in einer dritten Welt kritischer Halt finden kann: einer Welt der Sprache, der objektiven Er

Der Unteroder einer Diskussion 3 .

Popper disjungiert den Begriff der Erkenntnis in die Arten subjektive Erkenntnis und objektive Erkenntnis. Diese Differenzierung ist nach Popper den __________ 1 2 3

Popper, Ausgangspunkte, 244. Vgl. etwa Popper/ Eccles, Gehirn, 32f. Popper, Erkenntnistheorie, 168.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

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vorangegangenen Philosophengenerationen nicht bewusst gewesen. Mit dem Selbstbewusstsein des das Philosophieren radikal zum Wege der Wissenschaft e Erkenntnistheorie des Alltagsverstands, und mit ihr alle (Hervorhebung, L.H.) Philosophen mindestens bis Bolzano und Frege, gingen fälschlich davon aus, daß es nur eine Art der Erkenntnis gebe Erkenntnis, die ein erkennendes Subjekt hat. 1 Ich nenne diese Art der Erkenntnis ,subjektive Erkennt . Subjektive Erkenntnis sei der faktische Erkenntnisvollzug im individuellen, erkennenden Subjekt. Popper bezeichnet sie auch als organismische 2 sei. Die subjektive Erkenntnis wird also bei Popper im Kontext seiner evolutionären Erkenntnistheorie als Spezialfall der allgemeinen organismischen Überlebensbewegung verstanden. Wir haben weiter oben gesehen, dass Popper in spezieller Auslegung von Tarskis Version der Wahrheitstheorie an einem ontologischen Wahrheitsbegriff orientiert ist. Es ist zu erwarten, dass er zur Befriedigung dieser Interessenlage den Begriff des objektiven Wissens konzipiert. Objektive Erkenntnis ist für ihn eine Erkennt 3 halt unse 4 kenntnis ohne erken . Als geltungsbedeutsame Wirklichkeitsebenen konzipiert Popper ein DreiWelten-Modell (Welt 1/ Welt 2/ Welt 3) und verbindet dieses zugleich mit einer physikalischen Gegenstände oder physikalischen Zustände; zweitens die Welt der Bewusstseinszustände oder geistigen Zustände oder vielleicht Verhaltensdispositionen zum Handeln; und drittens die Welt der objektiven Gedankeninhalte, insbesondere der wissenschaftlichen und dichtenden Gedanken und 5 Kunst . Zur Welt 1 gehöre etwa auch unser Gehirn als materieller Gegenstand, zur Welt 2 gehörten unsere Erkenntnisvollzüge als organismische Regungen und zur Welt 3 unsere Erkenntnisergebnisse. Die faktischen Bewusstseinszustände seien das Vermittlungsleistende zwischen der Welt 1 der physikalischen Objekte auf der einen Seite und der Welt 3 des objektiven Geistes auf der anderen. Das objektive Moment, der transzendental-realistische Aspekt der Welt 3, ist lediglich, dass diese den durch die Gattungsgeschichte angesammelten und implizit wie explizit zur Verfügung stehenden Gedankenschatz der Menschheit __________ 1 2 3 4 5

Popper, Alltagsverstand, 87. Popper, Alltagsverstand, 88. Popper, Alltagsverstand, 88. Popper, Erkenntnistheorie, 126 und vgl. auch ders., Erkenntnistheorie, 125. Popper, Erkenntnistheorie, 123. Vgl. auch dazu etwa: Popper/ Eccles, Gehirn, 174 u.ö. und auch Eccles, 1982, 97-99.

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Mensch, vergleichbar mit einer Spinnwe

1

. t-

gewähre. In dieser Hinsicht, dass sich in dem geschichtlich-faktischen Fundus Welt 3 prinzipiell unbegrenzt viele Möglichkeiten seiner Ausgestaltung (Entdeckung) finden, ist sie das dem subjektiven Erkennen korrelierende Universum des objektiven Wissens. Fragen wir nach Poppers Kriterien für die reklamierte Logizität der Welt 3, so finden wir keines, das die faktischWelt 3 überstiege, obwohl es doch gerade sie sein soll, die den Prozess zur korrespondenztheoretisch verstandenen Wahrheit als regulativem Prinzip leitet. Popper bindet in seiner evolutionären Erkenntnistheorie vielmehr den logischen Gehalt der Welt 3 an den Fundus organismischer Möglichkeiten und spricht vom objektiven Wissen der Welt 3 als dem objekti 3 Gehalt unseres genetischen Co . 2

Hinter dieser Auffassung steht die Theorie von der organismischen Theorienimprägrienimprägniert: Sie sind Interpretationen im Lichte von Theorien. Wir beobachten nur das, was unsere Probleme, unsere biologische Situation, unsere Interessen, unsere Erwartungen und Handlungsprogramme bedeutsam machen. Genauso wie unsere Beobachtungsinstrumente auf Theorien beruhen, so tun es schon unsere Sinnesorgane, ohne die wir nichts beobachten können. Es gibt kein Sinnesorgan, dem nicht vorgreifend 4 Theo . Auch hier finden wir die Tendenz Poppers, erkenntnistheoretische Begriffe umfangsmäßig so zu erweitern, dass sie zwar nicht mehr recht praktikabel, dafür aber für seine Zwecke nutzbar sind hier für die biologistische Interessenlage Poppers.

Nun ist der Organismus zweifellos eine Bedingung der Möglichkeit von objektiver Erkenntnis, insofern er das Leibapriori möglichen Geltungsvollzugs betrifft. Er kann aber niemals Bedingung der Möglichkeit des gültigen Vollzugs von Wahrheit sein5. Es bedarf also notwendig des Bezugs auf eine transzendental verfasste Logizitätsbedingung. Popper gibt sich aber mit seinem Welt 3Konzept den Anschein einer transzendental-realistischen Lösung der Aufgabe 6. __________ 1 2 3 4 5

6

Popper, Erkenntnistheorie, 129. Popper, Alltagsverstand, 67. Popper, Alltagsverstand, 88. Vgl. dazu Popper, Gehirn, 173. Vgl. dazu besonders die Argumentationen aus der Hönigswald-Schule. Ausführlich nimmt neben Hönigswald auch Cramer zum Problem der organismischen Bedingtheit von Erkenntnis Stellung ohne allerdings in einen derartigen naturalistischen Fehlschluss zu verfallen. Seltsam klingt es, wenn Alt, 1980, 82f Poppers evolutionäre Erkenntnistheorie so darstellt, als ob die Feststellung der Universalität der Evolutionslogik zugleich geltungskonstituierend und antierden häufig als historisch, soziokulturell und linguistisch (sowie inte-

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

285

Dazu müsste aber die Welt 3, was die transzendentale Ermöglichung von Erkenntnis als objektiver betrifft, in dieser Hinsicht prinzipiell (qualitativ) von der Welt 2 unterschieden werden können. Diesen Schritt vollzieht Popper aber nicht. Die dritte Welt ist ein natürliches Erzeugnis wie eine Spinnwebe 1. Sie ist als Objektivierung vieler individueller Erkenntnisleistungen nur graduell (quantitativ) von der Welt 2 unt 2 wohl wir ständig auf sie einwirken und sie auf uns ein . Es gibt bei Popper kein Abgrenzungskriterium dafür, was zum in der Welt 3 kulturell realisierten logischen Gehalt des genetischen Codes gehört und was eine missverstandene Interpretation desselben ist. Das einzige Wahrheitskriterium Poppers ist damit, dass Theo der wichtigsten biologischen Funktionen von Welt 2, Theorien zu schaffen und bevorstehende Ereignisse geistig vorwegzunehmen; und es ist die wichtigste biologische Funktion von Welt 3, zu ermöglichen, daß diese Theorien widerlegt 3 werden, daß unsere Theorien an unserer Stelle ster . Welt 2 und Welt 3 zeigen sich nicht als einander geltungs- und vollzugstheoretisch bedingend wie im ersten Modell, sondern als Spielformen rein organismischen Überlebensdranges im Gewande der Kultur bzw. der Reflexion des Individuums auf seine Kultur. Was ist aber alles moralisch legitim, wenn es rein um das organismische Überleben geht? Popper, der mit hohem moralischem Anspruch gegen Stalinismus und Nationalsozialismus schreibt, würde derartige Gedanken sicherlich subjektiv mit Recht zurückweisen. Trotzdem muss aber an dieser Stelle als Beispiel das Problem moralischer Wahrheit unter der einzigen interesseleitenden Bedingung des Überlebenswillens angesprochen werden, da dieses Problem in der Moderne, wie es im ersten Band erörtert wurde, große Bedeutung erhalten hat.

Popper ist zu einem biologistischen Wahrheitsbegriff gelangt, der den menschlichen Erkenntnisvollzug als organismische Artikulation versteht, deren Freiheit darin besteht, zwischen verschiedenen Überlebensstrategien zu wählen, insofern sie verschiedene Weltbewältigungsangebote für ökologische Nischen sind. Die Frage nach der Transzendenz des Subjekts zum Gegenstand, die Poppers immer mitgeschleppter ontologischer Wahrheitsbegriff impliziert, ist damit wieder nicht bearbeitbar geworden. __________

ressenspe nismus als ein Versuch aufgefaßt werden kann, die genannten Relativierungen zu relativieren. Die Relativierung der allgemein gesprochen Historizität unserer Erkenntnisse Unterscheidung etwa zwischen natürlicher und soziokultureller Evolution ihre Berechtigu ktion übereinstimmende 1 2 3

Popper, Erkenntnistheorie, 129. Popper, Erkenntnistheorie, 129 und auch 135. Popper, Gehirn, 177.

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Poppers Wahrheitsbegriff stellt sich immer im Spannungsfeld zwischen einem ontologischen und einem konventionalistischen Verständnis dar. Hier finden wir den Konventionalismus übergriffen von der Einordnung der Bestrebungen der Forschergemeinschaft in den Kontext der Geschichte der Auseinandersetzung um die beste Überlebensstrategie1 in einer sich wandelnden Welt, ohne dass es ein Kriterium gibt, Überlebensstrategien selbst noch einmal wahrheitstheoretisch zu bedenken. Damit ist der Forschergemeinschaft die Möglichkeit eröffnet, prinzipiell jede kulturell überlieferte Möglichkeit des Lebens gleichberechtigt zu testen, ohne einen Rahmenkonsens zu besitzen. Der Rahmen ist das reine Überleben. Damit gelangen wir zu dem lebenslangen Popper-Schüler/-Kritiker Paul Feyerabend. Dieser erlaubt auch eine faschistische ode tur in unserer Gesellschaft. Die Welt 3 die Praktikabilität von Physik, Handlesekunst und Schwarzer Magie gemäß dem trial-and-error-Prinzip testen. Mag sich Karl Popper gegen diese Konsequenzen einer anarchistischen Erkenntnistheorie (Feyerabend) wehren. Die begrifflichen Grundlagen können in einer gegen den Geist der popperschen Philosophie verstoßenden Weise aus seiner buchstäblichen Konzeption entnommen werden.

2.

Anything goes I: Paul Feyerabends anarchistische Wissenschafts- und Erkenntnistheorie

Der österreichische Philosoph Paul Karl Feyerabend (1924-1994) gehört zu Lebzeiten zu den Lieblingskindern des Feuilletons. Mit Wortwitz stellt er sein sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nicht darauf abgesehen hat, es zu verdünnen, um seine niedrigen Instinkte zu daß es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen

__________ 1

Vgl. dazu Carvalhos (1982, 172) Argument: Nach Darwin sei die Evolution kein zielgerichte Ziel an. Die natürliche Auslese sollte allein für die Evolution verantwortlich sein. Der evolutive Prozeß bewegt sich nach Darwin von primitiven Anfängen fort, aber nicht auf ein Ziel hin. Popper hingegen definiert den Wissenschaftsfortschritt als einen Prozeß der zunehmenden Annäherung an die Wahrheit. Jedes Stadium der wissenschaftlichen Entwicklung stellte demnach einen höheren Grad der Wahrheitsnähe dar. Wenn jedoch die biologische Evolution unter Darwins Voraussetzungen kein zielgerichteter Prozeß ist, so erweist sich der Gedanke einer Annäherung an die Wahrheit als Ziel der wissenschaftlichen Entwicklung zumindest unter Zugrundelegung eines darwinistischen Erklärungsmodells als überflüs

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

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Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten läßt. Es ist der Grundsatz: 1 . Strenger Wissenschaftlichkeit wird nicht mehr Wert und Nutzen zugestanden, als ihn die Magie besitzt. Paul Feyerabend setzt begründungslos geltungstheoretischen Relativismus, die kommunikationstheoretische Relativität verschiedener Traditionen und die physikalische Relativitätstheorie hinsichtlich ihrer geltungstheoretischen Bedeutung ineins. einander gegenübertreten. Konflikte dieser Art zwingen uns, den Inhalt von Bewertungen genauso zu relativieren, wie Physiker den Inhalt der einfachsten Sätze über Raum und Zeit nach Entdeckung der Abhängigkeit aller Raum-Zeit2 Angaben vom Koordinatensystem relati . Für die traditionellen Positivisten bis hin zu Rudolf Carnap ist es selbstverständlich davon auszugehen, dass man eine Schnittstelle herstellen könne zwischen dem subjektiv entworfenen wissenschaftlichen Satz über die Welt und der objektiven Welt selbst ktiv zugleich sind. Sir Karl Rudolf Popper löst diesen erkenntnistheoretischen Optimismus auf. Empirische Wissenschaft wird zu einer Entscheidungssache. Popper versteht die Festlegung seines Kriteriums, was als ,wissenschaftlich 3 der Empiri set ner Meinung sein; einen vernünftigen, argumentierenden Meinungsstreit kann es jedoch nur zwischen denen geben, die denselben Zweck verfolgen; die Wahl des Zweckes aber ist allein Sache des Entschlusses, über den es einen Streit mit 4 Ar . 5 irrationalen Glauben an die Ver . Auf seine Weise hat Feyerabend dieses Verfahren dann konsequent weiterbedenken können6. In einer Kultursituation, in der eine Neigung zum Relativismus besteht, wird man den von Popper betonten reinen Entscheidungscharakter der Festlegung des jeweiligen Basiskriteriums als arationale und willkürliche Entscheidung pointieren.

und mit dieser und vergleichbaren Metaphern die Möglichkeit einer relativistischen Auslegung seiner Theorie befördert, so kehrt Paul Feyerabend in lebens__________ 1 2 3 4 5 6

Feyerabend, WM, 45. Feyerabend, EFM, 69 (Hervorhebung L.H.). Popper, LdF, 76. Popper, LdF, 12. Popper, OS/ Bd. 2/284. Bubner, 1973 stellt diesen Übergang sehr schön dar.

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langer Auseinandersetzung mit Poppers Standpunkt dieses Prinzip um. Alles ist möglicherweise vernünftig, wenn man es so betrachten will1. Feyerabends Philosophie repräsentiert den Bruch mit der Wissenschaftsgläubigkeit seit Auguste Comte allerdings unter den Bedingungen derselben. Er akzeptiert die Prämissen und die als relativistisch interpretierbaren Ergebnisse der von ihm abgelehnten Wissenschaftstheorie und speziell des Kritischen Rationalismus und zieht daraus mögliche, aber nicht notwendige, jedoch für unsere Kultursituation nicht untypische Konsequenzen und formuliert endlich einen fundamentalistischen Wissenschaftsglauben neu. Feyerabend fungiert dabei als Trendverstärker einer aktuellen Plausibilität. Er repräsentiert die relativistische Position eines weltanschaulichen Synkretismus, dessen Entwicklung wir schon im neunzehnten Jahrhundert beobachten konnten, deren Intensität sich aber seit dem Zweiten Weltkrieg zunehmend steigert. Um diese Situation begrifflich zu erschließen, wollen wir uns an unsere Kulturdefinition erinnern: ,Kultur Kritik der neomythischen Vernunft bestimmt als System überlieferter Möglichkeiten zur Gestaltung der Endlichkeit des Menschen im Kontext des menschlichen Strebens nach vollendeter Selbstgestaltung (Heilsstrebens)2. Eine synkretistische Kultur entsteht, wenn aus diesem System überlieferter Möglichkeiten willkürlich Bruchstücke gelöst und miteinander verbunden werden, ohne dass dabei auf den inneren Zusammenhang dieser Momente Rücksicht genommen wird, so dass eine Art Collage entsteht. An Epochenschwellen nimmt das Bewusstsein der Brüchigkeit von Werten und Weltanschauungen zu und man versucht, dieselben in eine neue Ordnung zu bringen, ohne dass unbedingt schon ein übergreifender Gesichtspunkt existiert. Für eine solche kulturelle Bewegung steht auch der erkenntnistheoretische Anarchismus. Die spezifisch neuzeitliche Gestalt dieses Relativismus liegt im Überhandnehmen des technisch-wissenschaftlichen Bewusstseins begründet bei gleichzeitiger Abnahme des Glaubens an die anerkannten Formen von Technik und Wissenschaft. Robert Spaemann spricht von dieser technisch-wissenschaftlichen Kultur der Neuzeit als einer hypothetischen Zivilisation. Hypothesen, nicht Grundwerte leiten die Verhaltensweisen in einer derartigen Kultur. Hypothesen können besser oder schlechter bestätigt sein, sie können besser oder schlechter funktionieren es gibt immer andere, funktional äquivalente Lösungsmöglichkeiten. So bewältigt man Probleme, fragt aber nicht nach der Wahrheit. __________ 1

2

Ich beziehe mich hinsichtlich der Philosophie Paul Feyerabends im Folgenden auf Feyerabend, 1978 (= Probleme), 1981 (= Realismus), WM und EFM. Hinweise zur Interpretation Paul Feyerabends gaben mir besonders: Fischer, 1980, 95-140; ders., 1978; Strasser, 1981; Nordhofen, 1979; Schnädelbach, 1980, 299-314; Dieterich, 1980. Hauser, Bd. 1/36.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

289

sche Rationalismus, der die Falsifikation zum Maßstab ihrer sinnvollen Aussa1 gen macht und davon auch moralische Normen prinzipiell nicht aus . In einer Weiterführung der erkenntnisskeptischen Tendenzen des Kritischen Rationalismus entwickelt Paul Feyerabend seine Wissenschafts- und Erkenntnisphilosophie. Wenn alles eine mögliche Lebensbewältigungsstrategie sein kann, wenn anything goes, dann gibt es keine Lebensform, die als mögliche Weltbewältigungsform ausgeschlossen sein müsste. Paul Feyerabend schlägt entsprechend konsequenterweise vor, alle Lebensfor lich zu machen. Wer seine Möglichkeiten nur durch Morden erfüllen kann und wer nur inmitten tödlicher Gefahren richtig lebt, dem sei es gestattet, Subkulturen zu bilden, wo man Jäger und Gejagte auswählt und die letzteren gnadenlos 2 . In der Spannungssituation des Verlustes von bergender Tradition, der zugleich mit einem Überangebot von Lebensmöglichkeiten verbunden ist, versucht Feyerabend, Sinnbezüge aus allen erreichbaren Welt- und Weltanschauungsregionen zu erhalten, um so der durch Überangebot entstandenen Desorientierung Herr zu werden. Diese Lebenssituation hat Peter L. Berger für den Bereich der Religiosität im engeren Sinne dargestellt. Modernität, als Determinante heutiger Religiosität, elegt habe3. Prämoderne Gesellschaften hätten ein hohes Maß an als selbstverständlich angesehenen Sicherheiten gehabt 4 notwendig er . Nun gehe das deutsche Wort Häresie auf das griechische Verb hairein = wählen zurück also sondern auch verunsichernd wirke. Diesen Zwang zur Häresie begrüßt Feyerabend bedingungslos. Er setzt dabei the den dargestellten Gegenst vorgeschriebenen Bahnen bewegen, seine Ergebnisse müssen genau bestimmte Züge tragen, die Welt soll in diesen, und keinesfalls in anderen Formen dargestellt werden. Die sehr mangelhafte Tatsachenkenntnis ermöglicht es dann, 5 Ideal und Wirklichkeit zu verwech . __________ 1 2 3 4 5

Spaemann, 1979, 265. Feyerabend, Probleme, 278. Berger, 1980, 24. Berger, 1980, 27. Feyerabend, Realismus

osophen sind heute -

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Weil sich nun die Wissenschaft immer mehr von traditionellen institutionellen Lebensformen und der realen Wahrheitssuche abgewendet habe und zu szientistischen Selbstreflexionen fortgeschritten sei, habe sie den Kontakt mit 1 der Wirk , der, wie in 2 früheren Zeiten die Kirche, die Staatsgewalt unerbittlich usurpiere . eyera nunftherrschaft war die Forderung mancher Zweige der historischen Aufklärung. Wo das Absolute verendlicht wird, mit einem Endlichen gleichgesetzt wird, kommt jedoch der Totalitarismus auf, der Schrecken des Endlichen, das sich zum Unendlichen macht. Diese Schreckensherrschaft des Endlichen kann unter Bedingungen des Agnostizismus nur von Anarchismus, also der Beliebigkeit des anything goes überwunden werden, weil im Agnostizismus kein wirklich geistiges Widerlager gegen das Endliche, das sich zum Absoluten aufplustert, zur Verfügung steht. Wenn der Anarchismus und seine Beliebigkeit das letzte Wort bleiben, führt dies zum Nihilismus und gesellschaftlichen Minima3 .

Alternative Möglichkeiten zum wissenschaftlichen Vorgehen im Leben würden mit Selbstverständlichkeit in der demokratischen Gesellschaft ausgeschlossen. Dieser Sündenfall der wissenschaftlichen Vernunft, auszugrenzen, statt sich der Realität zu stellen, müsse rückgängig gemacht werden, wenn die Menschlichkeit des Menschen gerettet werden solle. man liebt ihn, er Elend und Selbstsucht auf, in den ihn sein Schicksal geworfen hat und wo er die Unterhal

3.

4

.

Anything goes II: Postmoderne Soziologie goes Astrologie

Ein Blick auf das Jahr 2001 zeigt, dass Feyerabends Perspektive des Anything goes für die postmoderne Reflexion auf die Astrologie zukunftsträchtig ist. Astrologen erhalten 2001 in einigen hochentwickelten Ländern akademische Anerkennung. __________

1 2

3 4

erabends Schüler nicht auf Lehrstühle berufen, in der Herrenmenschensprache als Akademische Nagetiere bezeichnet. Feyerabend, EFM/ 103. Vgl. dazu auch Feyerabend, E ob einige der sogenannten Großen der Menschheit, ob Menschen wie Platon, Christus, Kant, Marx, Luther nicht zu den größten Verbrechern der Geschichte gezählt werden Koslowski, 1988, 18. Feyerabend, EFM/239.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

291

In den USA gibt eine föderative Körperschaft, die Akkreditierungs-Kommission für Berufsfachschulen und Fachhochschulen für Technologie (ACCST ACCREDITING COMMISSION OF CAREER SCHOLLS AND COLLEGES OF TECHNOLOGY), dem ASTROLOGICAL INSTITUTE, INC., in Scottsdale (Phönix, Arizona)1 eine offizielle Anerkennung2. Die ACCSCT versteht sich selbst3 als eine erzieherischer Qualität und Unbescholtenheit gewidmete Organisation in Amerikas Berufsschulen. Das astrologische Institut bietet einen einjährigen Kurs in Astrology and Psychology an, an dessen Ende ein entsprechendes Diplom steht. Für die NEW YORK TIMES vom 28.8.2001 bedeutet dies den ersten Schritt auf dem Weg zur Gründung einer staatlich anerkannten Schule für Astrologie. Die Anerkennung der Schule in Phönix werde es ihr ermöglichen, über das Erziehungsministerium föderative Subventionen und Darlehen zu bekommen. Das Institut bietet unter seinen Kursen etwa eine Meisterklasse über die Asteroidengöttinnen (master class on the asteroid goddesses) an un schreibt man eine astrologische Ko Die Umstände, durch die das Institut auf Betreiben der unermüdlichen Schulgründerin Joyce Jensen (1940-2002) seine Akkreditierung erhält, zeigen einen Abschied von klassischen Bildungsidealen. Grundlage für eine pragmatisch-marktorientierte Entscheidung war der Nachweis, dass seine Lehrer eine entsprechende fachliche Qualifikation und seine Alumni in entsprechend qualifizierten Berufen, als selbständige oder in den Massenmedien tätige Astrologen, arbeiten können4. In Indien anerkennen die Erziehungsbehörden seit 2001 Astrologiekurse zur Erlangung eines niederen und eines höheren akademischen Grades, wie die FINANCIAL TIMES am 5.5.2001 berichtet. Der indische Minister für Human Resources Development, Science & Technology and Ocean Development Murli Manohar Joshi (*1934)5 habe die Schaffung von Astrologieinstituten an vierundzwanzig Universitäten beantragt. Der ehemalige Physikprofessor Joshi, der der RASHTRIYA SWAYAMSEVAK SANGH (RSS) angehört, die für die Vorherrschaft des Hinduismus eintritt und hinter der BHARATIYA JANATA PARTEI steht, geht im Kontext des Reinkarnationsglaubens davon aus, dass praktisch jede moderne Wissenschaft (etwa die Atomphysik) in den Vedas zu finden sei, ft und Spiritualität, in ihrer Suche nach der Wahrheit zu einer großen Vereinheitlichung von Materie und Geist konvergieren. Meiner __________ 1 2

3 4

5

Vgl. dessen Homepage: http://www.arizonapsa.org/astrologicalinstituteinc.html. Vgl. die Zeitungsartikelsammlung in: http://www.valleyskeptic.com/astrology_school.html (Übersetzungen im Folgenden L.H.) und den Artikel: Schwindel der Astrologie hat neue Hochkonjunktur. Papst spricht sich deutlich dagegen aus: Die Zukunft ist Gott vorbehalten (Quelle: Zenit.org/ 19.01.2002). Vgl. dazu die Homepage: http://www.accsct.org/. DER SPIEGEL hat 1988 unter Bezug auf Reagan, 1988, mit dem Titelblatt Politik nach Horoskop. Astrologie-Affäre Nancy Reagan einschlägige politische Dimensionen der Astrologie aus den USA berichtet. Vgl. zu Joshi: http://www.bjp.org/leader/mmjoshi.htm; Artikel: Orlans, in: http://www.findarticles.com/p/articles/mi_m1254/is_5_33/ai_78545579.

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Ansicht nach ist die Botschaft des 20. Jahrhunderts an die künftigen Generationen die Erkenntnis des höchst beglückenden Zustandes einer grundlegenden, das gesamte Universum durchdringenden Harmonie: ATMAN IST BRAHMAN. WISSENSCHAFT IST WAHRHEIT UND WAHRHEIT IST 1 BRAH . Die berühmte französische Astrologin Elizabeth Teissier, wird am 7. April 2001 unter ihrem Mädchennamen Germaine Hanselmann (*1938) von der Pariser Sorbonne mit einer Arbeit über Die epistemologische Situation der Astrologie, dargestellt anhand der Ambivalenz Faszination/Ablehnung in den postmodernen Gesellschaften ( à travers ) promoviert2. Vier Nobelpreisträger und über dreihundertfünfzig Soziologen fordern in einer Petition die Universität auf, die Anerkennung des Doktortitels noch einmal zu überdenken. Später stellt eine Expertenkommission der gegen Parawissenschaftlichkeit kämpfenden FRANZÖSISCHEN GESELLSCHAFT FÜR WISSENSCHAFTLICHE INFORMATION ( SSOCIATION FRANÇAISE POUR L NFORMATION SCIENTIFIQUE: AFIS) zur teissierschen Doktorarbeit fest, dass diese in keiner Weise eine soziologische Doktorarbeit darstelle3. Doch die Pariser Universität zeigt sich unbeeindruckt und steht trotz aller Proteste zu ihrer Entscheidung. Elisabeth Teissier ist allerdings schon vorher in Frankreich einflussreich. Der französische Staatspräsident François Mitterrand (1919-1999) befragt 1991 vor seinem Eintritt in den Golfkrieg die Sterne nach einem günstigen Tag und wendet sich dabei an seine Hofastrologin Elizabeth Teissier4. Da Mitterrand Tonbandaufnahmen zulässt 5, kann Teissier belegen, dass sie ihn auch berät, als seine Premierministerin Edith Cresson (*1934) in Schwierigkeiten gerät, dass sie die Sterne zum Putsch in Moskau Stellung nehmen lässt und bei der Suche nach dem richtigen Zeitpunkt für das Maastricht-Referendum behilflich ist. __________ 1

2

3

4 5

http://www.bjp.org/leader/mmjoshi.htm; Artikel: Orlans, in: http://www.findarticles.com/p/articles/mi_m1254/is_5_33/ai_78545579 (Übersetzung L.H.; Hervorhebung durch Joshi). Vgl. Schnabel, U., Astrologin der Postmoderne. Die Sterndeuterin Elisabeth Teissier hat in Frankreich einen heftigen Soziologenstreit ausgelöst (DIE ZEIT, Archiv 36/2001), in: http://www.zeit.de/archiv/2001/36/200136_teissier. Aufschlussreich ist der Artikel von Puech, in: http://www.zetetique.ldh.org/et_index.html, vgl. auch weiterhin xml; Leurquin, in: http://www.comitepara.be/ASTROLOGUE_SORBONNE.html; http://www.comitepara.be/ASTRO LOGUE_SORBONNE.html und http://www.wsws.org/de/2001/sep2001/teis-s27.shtml. mation Scientifique: Afis (Homepage): Le Groupe , in: http://pseudosciences.org/phpteissier/frames.php. Nürnberger Nachrichten, 26.6.2000. Vgl. die Mitschnitte in Teissier, 1997.

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293

Postmoderne Soziologen können mit Teissiers Arbeit einen akademischen Sinn verbinden und ermöglichen ihr deshalb die Promotion. Der durch sein Buch über Die postindustrielle Gesellschaft1 international bekannt gewordene französische Soziologe Alain Touraine (*1925) sieht in Elisabeth Teissiers Arbeit eine Bastion gegen den Szientismus und fordert in LE MONDE eine lebendigere Wissenschaft, die über die Vernunft und ihre Kalküle hinausgehe. Alain Touraines Ausgangsfrage ist, ob Frau Teissier in ihrer Arbeit behaupte, dass die Astrologie eine Wissenschaft sei. Diese Auffassung sei in einer Dissertation nur dann nicht vertretbar, wenn es sich um eine naturwissenschaftliche These handele. Frau Teissier fasse die Astrologie aber als eine Wissenschaft vom Menschen (science humaine) auf. Nun sei es eine szientistische Beschränkung des Wissens vom Menschen, wenn man in den Geisteswissenschaften selbstverständlich die gleiche Erkenntnissituation wie die der Naturwissenschaften voraussetze. Frau Teissier schreibe aber über ihre reichen Erfahrungen mit der Astrologie. Ihre Doktorarbeit sei geprägt durch eine beachtliche Anstrengung und große Kenntnisse (effort considérable et de larges connaissances), die sie klar ausdrücken könne. Wir könnten so Tourraine nicht länger von einem einheitlichen Universum ausgehen und müssten über den Verstand (la raison) und seine Kalküle hinausge en wir dabei, diesen Szientismus (scientisme) zu verlassen und uns von der gesamten Wirklichkeit ( ) welche die Erkenntnis hervorbringe, betreffen zu lassen und nicht lediglich den Geist ( ) einzuspannen. Man gehe also vernunftlos (sans raison) an Frau Teissiers Arbeit heran, wenn man ihre Arbeit als parawissenschaftlich betrachte. Die Pariser Soziologin Judith Lazar stellt ihre Stellungnahme zur Promotion von Frau Teissier in den Kontext der Hexenverfolgungen: Muss man die Doktoratsthese der Astrologin Elizabeth Teissier verbrennen? Zurück zur Hexenjagd (Fautchasse aux sorcières) fragt sie in LE FIGARO2. Hinter der noblen Fassade des Königreiches der französischen Soziologie gebe es, entsprechend unserer zunehmen Kritiker dieses regulär abgelaufenen Promotionsverfahrens hätten diese Arbeit nicht gelesen. Weiterhin sei es kein Problem, eine Doktorarbeit über ein ungewöhnliches Gebiet zu schreiben und darüber hinaus sei es kein Argument zu behaupten, dass eine Astrologin wie Frau Teissier nicht eine gute Dissertation verfassen könne. Getroffen werden solle wohl auch der Doktorvater Michel Maffesoli (*1944), der oft Kritik an einer schwächlichen, durch ältlichen Akademismus geprägten Disziplin geäußert und der nicht gezögert habe, originelle Themen zu verteidigen, die ein bisschen Luft an die sterbende Soziologie bringen könnten. __________ 1 2

Touraine, 1972. Lazar, 2001.

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Maffesoli ist Professor für Soziologie an der Sorbonne und Direktor des CENTRE D TUDES SUR L CTUEL ET LE QUOTIDIEN (Paris V). Maffesoli definiert Postmoderne im Kontext einer Verschmelzung von archaischer Selbstorientierung und High-Tech-Kultur. Auch wenn es schwierig sei, eine Beschreibung dessen zu geben, was unter Postmoderne (Post-modernité) zu verstehen 1 Phänomenen und techni . Gegenüber den großen Themen (grands thémes) wie Staat und Nation, Institution oder dem ideologischen System könne man feststellen, dass sich die Postmoderne als Rückkehr zum Lokalen, als Neuentdeckung des Stammes und als Mythenbricolage darstelle. In dieser Hinsicht ist es verständlich, dass Maffesoli Interesse an einer Astrologin hat, die virtuos in den virtuellen Welten der Massenmedien eine Erkenntnisweise anbietet, die sich auf dem weltbildlichen Hintergrund der babylonischen Astronomie bewegt. Man sieht, dass Feyerabends wissenschaftstheoretischer Anarchismus kein Einzelphänomen ist.

4.

Feyerabends geheimer Wissenschaftsglaube

Die Einschränkung, die das wissenschaftliche Denken für den Menschen bringe, zeige sich so Feyerabend aber nicht nur im Individuellen, sondern auch darin, dass die Gesellschaft als ganze Lebensformen, die dem wissenschaftlichen Modus nicht entsprächen, nicht dulde. Eine der Grundkritiken, die Feyerabend immer wieder formuliert, ist, dass die liberale Demokratie menschenverachtend sei. heißt nicht Gleichheit von Traditionen; es heißt Gleichheit des Zugangs zu ei2 ner bestimmten Tradition . So fordert er 3 , in der alle Lebensformen einen gleichartigen Zugang zu den Institutionen des Staates besäßen und so den Primat der wissenschaftlichen Lebensform in unsessenschaft und Staat ist vielleicht unsere einzige Chance zur Überwindung der hektischen Barbarei unseres wissenschaftlich-technischen Zeitalters und zur Verwirklichung einer Menschlichkeit, zu der wir fähig sind, die aber nie völlig ausgebildet 4 . Es gibt, dies ist Feyerabends unausgewiesene Begründung seiner Staatskonzeption, das grundlegende Recht des Menschen, so zu leben, wie er __________ 1 2 3 4

Maffesoli, (o.J.). Feyerabend, EFM/ 16. Feyerabend, EFM/ 17 und ebda. 77. Feyerabend, WM/ 398f.

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wolle und dieses Recht müsse die Gesellschaft verwirklichen, um selbst human zu sein. wenn ihr Leben anderen Menschen gottlos, bestialisch, irrational er

1

.

nschenrechte gibt2. Das Prinzip, das ihn zu dieser Menschenrechtskonzeption führt, können wir aber rekonstruieren, wenn wir lesen: können wir unsere Freiheit erweitern, sodaß wir unsere Fähigkeiten nicht rein 3 gewohnheitsmäßig, sondern auf Grund freier Entscheidungen ver . Es gehe also um die Verwirklichung einer Lebensweise, die eine allseitige Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten ermöglicht, ohne dass es ein einziges moralisches Kriterium für die Richtung dieser Entfaltung gebe. Wenn allseitige und kriterienfreie Entwicklung das Unbedingte des feyerabendschen Denkens sind, sind wir in die Randzonen der Metaphysik des erkenntnistheoretischen Anarchismus gelangt zu der Vorstellung, dass sich in dem unbegrenzten und normenlos ausgetragenen Aufblühen und Wuchern von Subkulturen einer Gesellschaft die allseitige Entwicklung der Fähigkeiten am Besten ergeben werde. In diesem freien Sich-Ausleben könne der Mensch an einen Urgrund unmittelbarer humaner Erfahrungen gelangen, an die sich in allen Aspekten ausbildende Erfahrungsfähigkeit der Menschheit. Dass eine derartige Ontologie der vollentfalteten Selbsterfahrung bei ihm im Hintergrund steht, erfahren wir dann, wenn wir den Rückbezug Paul Feyerabends auf eine derartige als real gesetzte Selbsterfahrung des Menschen in der entwickelt eine eigenartige Theorie des Sündenfalls der Vernunft und die einer realen und ineins idealen Vorzeit, die er, gemäß den Modetrends unserer Zeit, nicht mehr bei den Griechen, wie etwa bei Ludwig Büchner und Jacob Moleschott, sondern bei den Hopi-Indiandern festmacht. nismen zeigt, daß die frühere Harmonie zwischen Mensch und Natur eine biologische Grundlage gehabt haben könnte. Das führt zu einem neuen Interesse an der Schöpfungsgeschichte der Hopi. Könnte der Mythos nicht wirkliche Ereignisse berichten, eine wirkliche Entzweiung von Mensch und Natur? Nach

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3

Feyerabend, Probleme/ 71. Vgl. auch: Feyerabend, Realismus/ 167 und ders., EFM/ 167. Und scheinbar alles hinterfra daß Menschenantlitz und menschliches Verhalten schon das Menschsein konstituieren. Feyerabend, Probleme/275.

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allem, was man heute weiß, muß etwas derartiges bei der Entwicklung des 1 Menschen aus seinen Vorfahren ge . Und er fährt fort und schlägt damit als Weg zur neomythisch orientierten Auf die Mythen der ,Primi enthalten, wenn sie sich wieder zum Leben erwecken lassen und dadurch zur Verbesserung der ausgefeiltesten Teile der abendländischen Wissenschaft beitragen, dann muß die ideologische Vielfalt nicht nur ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Grundsätze sein, sondern auch der Grundsätze einer ver2 nünf . Interessant ist, dass der wissenschaftskritische Paul Feyerabend einen fundamentalistischen Tatsachenbegriff in die Mythenhermeneutik einbringt. Seine Art, Mythen auszulegen, setzt ein objektivistisches Modell von mythischer Faktizität voraus. Mythen sind für ihn euhemeristisch betrachtet Allegorien für hinter ihnen sich verbergende Tatsachen und nicht symbolische Erzählungen mit meist ätiologischem Hintergrund. Wo aber die Geschichten der alten Völker als chiffrierte Tatsachenberichte interpretiert werden, ist möglicherweise ein religiöses Bedürfnis verborgen. Dem christlichen Fundamentalismus, der in der Bibel göttliche Offenbarungsberichte und satzhafte Statuten sucht, entspricht bei Feyerabend die Suche nach Erinnerungen an einen gleichsam götterähnlichen Urzustand der Menschheit, der einem zukünftigen neuen Götterdasein entsprechen soll. Von diesem religionsförmigen religiösen Interesse her ergibt sich folgerichtig auch eine weiterführende religiöse Ausgestaltung seines Systems. So wie Ludwig Büchner in den Spuren Auguste Comtes einen wissenschaftlich reflektierten Kultus der Menschheit fordert, so sucht auch Paul Feyerabend nach einer neuen Verbindung von Wissenschaftlichkeit und Religion. -der-WeltSeins gibt, jede mit ihren Vorteilen und ihren Nachteilen, und daß sie alle nötig sind, um uns zu Menschen im vollen Sinne des Wortes zu machen und die Probleme unseres Zusammenlebens in dieser Welt zu lösen. Eine solche fundamentale Lehre muß nun mehr sein als eine rein intellektuelle Einsicht. Sie muß die Kraft haben, unsere Gedanken zu beleben und unseren Gefühlen Richtung zu geben. Sie muß eine Weltanschauung sein oder, verwenden wir doch nur ohne Furcht das alte Wort, eine Religion. Nur eine Religion kann die vielen Strömungen, die vielen widersprüchlichen Errungenschaften, Hoffnungen, Dogmatismen, die es heute gibt, zähmen und zu einer harmonischen Entwicklung zusammenführen. Es ist überraschend, aber auch sehr beruhigend zu

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Feyerabend, WM/ 83. Vgl. auch: ders., WM/ 73 und ders., EFM/ 115 und 207. Feyerabend, WM/ 83f.

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sehen, daß sich eine solche Religion allmählich im Rahmen der Wissenschaften 1 selbst entwi . Damit haben wir wieder die Idee des neunzehnten Jahrhunderts von einer zugleich wissenschaftlichen und doch ganzheitlichen Lebenshaltung, die zugleich auch (funktionalistisch reduzierte) Religion ist. Der erkenntnistheoretische Anarchismus ist in den vertrauten Rahmen der Versuche einer ,wissenabends enttäuschter Wissenschaftsglaube trotz aller Kritik an der Wissenschaftlichkeit unserer Kultur am Faszinosum des Wissenschaftlichen festhält und damit seiner Epoche verhaftet ist. Nicht weniger emphatisch als Ludwig Büchner fordert er ja eine Religiosität, die aus den Wissenschaften selbst entsteht und die den den Menschen vollendenden kosmischen Urgrund von vitaler Selbsterfahrung enthüllen hilft und zugleich die Basis einer alle Pluralität intergrierenden Einheitswissenschaft bildet. Fragen wir in einem weiteren Schritt nach der genaueren Logik dessen, was sich als Prozess der freien Selbstentfaltung aller gesellschaftlichen Traditionen und Lebensformen bei Feyerabend darstellt. Es ist interessant, dass sich dieser Leben und entfaltetes Bewusstsein spendende Urgrund in Auseinandersetzung mit der oben dargelegten popperschen Drei-Welten-Lehre rekonstruieren lässt. In seiner Kritik an Poppers Konzeption von objektiver Erkenntnis führt Feyerabend den Gedanken an, dass letzten Endes Welt 1 und Welt 3 zusammenstimmten Verhalten veranlassen kann, damit als autonomer Gegenstand der dritten We usammen; jeder Gegenstand hat die (verwirklichte oder unverwirklichte) Fähigkeit, Menschen 2 oder andere Lebewesen zu einem bestimmten Verhalten zu veranlas . So sei die Poppersche Welt 3 nach Feyerabend keine Welt der reinen Ergebebensformen gedacht werden. In dieses pulsierende Leben hinein ereigne sich der Sündenfall der wissenschaftlichen Vernunft. Es sei ein Sündenfall der Wissenschaft insofern, als sich die wissenschaftstheoretische Reflexion und die Wissenschaften als Ausle3

sich dem Lebensprozess entzögen, um diesen als ihnen selbst Fremdes zu ana__________ 1

2 3

Feyerabend, WM, 25. Der wissenschaftstheoretische Anarchismus, der Menschenrechte außer Acht lassen darf, ist für Feyerabend zugleich auch etwas Hochmoralisches, denn nur uzugeben, daß die Welt, für die sie kämpfen, für die sie als Kinder bestraft wurden und als Erwachsene gelitten haben, nicht die ganze Welt ist und daß andere Menschen mit gleichem Recht für radikal andere Lebensformen leiden oder mit Ruhm ü EFM, 146f). Feyerabend, Probleme, 334. Feyerabend, Probleme, 37.

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lysieren. Insofern die Vernunft, als Tradition des abstrakten Aufklärens betrachtet1, sich dem Geschichtsprozess entziehe, werde sie zur unbarmherzigen Zensorin aller anderen Traditionen2. Nun seien aber alle Traditionen historische Traditionen. Feyerabend führt i -intuitiven und nur teilweise standardisierten Verfahren ihrer Mitglieder durch abstrakte Modelle mit abstrakteren Begriffen und abstrakten Beziehungen zwischen diesen zu ersetzen, und sie 3 und entfremdeten sich so ihrer Lebensform. Wir können hier unschwer die Verfahrensweisen der analytischen Wissenschaftstheoretiker als angezielt erkennen, insofern diese sich nicht nur als Wissenschaft rekonstruierende, sondern zugleich normierende verstehen. Feyerabend hat dabei von seiner Vergangenheit her sicherlich in erster Linie die Carnapschule und die Kritischen Rationalisten im Blick. Ganz anders als die Vertreter theoretischer Traditionen verhielten sich die 4 o . Sie bestünden auf dem lebenskontextuellen Charakter ihrer Traditionen und rgehens; sie behaupten, daß es Gebiete gibt, auf denen man theoretische Traditionen einführen kann, aber aus empirischen wie auch aus moralischen Gründen nicht einführen soll. Auf diesen Gebieten kann die Vernunft höchstens als ein Instrument des Le5 bens dienen . Wenn man nun den o.a. Sündenfall der wissenschaftlichen Vernunft rückgängig machen wolle, so müsse man eben das wissenschaftliche Bewusstsein als solches explizit als eine Lebensform neben anderen begreifen und relativieren. Seitdem die Wissenschaft des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts die Relativität aller Erkenntnisse im Hinblick auf die verwandten Theorien und Messmethoden nachgewiesen habe (ich habe oben auf die Mengenlehrediskussion und die schon in der Weimarer Republik geführte kulturphilosophische Diskussion über die spezielle Relativitätstheorie hingewiesen), ein Akt, der symbolisch im Folgenden von mir als Einsteins Tat bezeichnet wird, habe nach Feyerabend die Wissenschaft ihren Absolutheitsanspruch verloren. __________ 1

2 3 4 5

Welt, wenn man sie nicht zugleich annimmt. Vernunft-Annehmen, Zur-Vernunft-Kommen heißt immer auch, sich und anderen zu unterstellen, vernünftig sein zu können, und es ren oder auch dagegen zu entscheiden, wenn man Gründe hat Feyerabend, Probleme, 37. Feyerabend, Probleme, 38. Feyerabend, Probleme, 38. Feyerabend, Probleme, 38.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

299

erung der Welten verursacht hat. Aber seit Bohrs Analyse des Falles von Einstein, Podolsky und Rosen gibt es ja die Unterscheidung zwischen Änderungen, die durch kausale Wechselwirkung hervorgerufen werden, und anderen Änderungen, die auf eine Änderung der Bedingungen zurückzuführen sind, unter denen man von Situationen bestimmter Art sprechen kann. Wir meinen die letzten, wenn wir sagen, daß eine Änderung universaler Prinzipien eine Änderung der Welt veranlaßt. Das eliminiert die Idee einer von unserer Erkenntnistätigkeit unabhängigen Welt aus der allgemeinen Philosophie und schränkt sie auf besondere Theorien ein. Unsere erkennende Tätigkeit beeinflußt also auch das festeste Stück der Welteinrichtung sie bringt die Götter zum Verschwinden 1 und ersetzt sie durch Atomhaufen im lee . Paul Feyerabend hat in Einsteins Tat die dem Sündenfall der wissenschaftlichen Vernunft korrelierende Erlösungsleistung gefunden, die für Ludwig Büchner und Jacob Moleschott durch Galileo Galilei geschah. Die Konsequenzen von Einsteins Tat müssten von den wissenschaftstheoretischen Anarchisten in die Praxis getragen werden. Wir können Feyerabends Geschichtsmodell schematisch so darstellen: Harmonie von Mensch und Natur (etwa bei den Hopis) Sündenfall der wissenschaftlichen dogmatischen Vernunft Einsteins Bewusstwerden des relativistischen Charakters von Erkenntnis Feyerabends Eröffnung eines humanen Lebens in Subkulturen Die Forderung, dass alle Lebensformen gleichberechtigt Zugang zu den staatlichen Institutionen haben sollen, müsse durchgesetzt werden, um die Welt zu humanisieren. Fragen wir genauer, was eine Lebensform eigentlich ist, wenn wir sie in ihrem Verhältnis zu Feyerabends Theoriebegriff betrachten. Paul Feyerabend identifiziert Theorien weitgehend mit dem begrifflichen Ausdruck, den gelebte Selbst- und Weltverständnisse geben. Vernunft ist nichts anderes als die Vernunft einer Lebensform. ein Teil der Forschung und ihr unterworfen. Die Frage, wie dieses ,Unterwor: man verwendet jeweils die Theorie, an der man interessiert ist, baut sie aus und beobachtet ge2 nau die Züge, die dabei zutagetre . __________ 1 2

Feyerabend, Realismus, 202. Feyerabend, Realismus, 349.

300

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Paul Feyerabend, der die epochale Wirkung eines Einstein als Grundlage des modernen Relativismus fasst, sollte sich allerdings daran erinnern, dass in der 2 berühmten -Formel nur deshalb Relativitätstheorie betrieben werden kann, weil man immerhin u.a. die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit annimmt. Sein staatsphilosophisches Modell, das Vernunft selbst noch einmal als reines Produkt von kontingenten Lebensformen auffasst, kann, wie Klaus Fischer 1 sehr schön darstellt, nach dem alten behavioristischen Modell der Black Box rekonstruiert werden. Da beliebige Lebensformen zugelassen sind, kann ein Gegenstand beliebig prinzipiiert werden. Jede beliebige Behauptung eines Subjekts über die Welt ist zugelassen. Dies bedeutet, dass die Korrespondenzregeln, die die Beziehung von Theorie und Beobachtung ausdrücken, in einer black box verschlossen und der Reflexion unzugänglich sind2. Dies hat auch für die Sozialphilosophie der Subkulturen, in denen gelebte Lebensformen ihre eigene Logik entwickeln können, unangenehme Konsequenzen. Es kann prinzipiell jedes Mitglied einer Subkultur zu jeder Zeit eine den Prämissen seiner Subkultur widersprechende Behauptung aufstellen, unter wahlweise der Prämisse nun einer noch spezielleren Subkultur mit entsprechenden staatlichen Vergünstigungen anzugehören oder aber die wahre Ausdrucksgestalt seiner Subkultur zu sein. Damit ist aber jede Rationalität als mindestens notwendiger Begriff für die Kommunikabilität von Gehalten in einer Subkultur an ihr Ende gelangt. Paul Feyerabend reflektiert, im Sinne des Widerspiegelnden, unfreiwillig nur den als absolut gesetzten Individualisten unserer westlichen konsumorientierten Industriegesellschaft, der als Grenzbegriff betrachtet nie anders will, als ihn seine Neigungen hier und jetzt treiben. In dieser Weise ist seine Erkenntnistheorie die Form des Wissenschaftsglaubens in einer hypothetischen Zivilisation. Wenn aber der Wille zu rein individuell erstellten Hypothesen über die Realität so ungehindert durch erkenntnistheoretische Spielregeln sich soll ausagieren dürfen, dann ist der Fantasie keine Grenze gesetzt. In einer solchen kulturellen Großwetterlage anarchischer Erkenntnisgenesen nimmt es nicht wunder, wenn sich Sciencefiction-Autoren an dem Wettbewerb um die beste Neue Mythologie bzw. neue Form der neomythischen Religiosität beteiligen und dabei reüssieren. __________ 1 2

Fischer, 1980, 138. Auf den starken Anteil, den reine Stilmittel, die Objektivitätsansprüche denunzieren, bei Paul Feyerabend einnehmen, geht Stoves verdienstvolle Arbeit (1982, 3-42) ein: wish to recommend a philosophy of science to readers, who are sure to find the irrationalism in it implausible, then your literary strategy must clearly be a mixed one. Irrationalism which was open and unrevealed would be found hopelessly implausible. So your irrationalist strokes must be softened, by being mixed with others of an opposite kind, or again by being disquised as themselves of an opposite kind. All our authors, accordingly, emStove fügt dabei etwa als beliebtes Mittel das Neutralisieren von Worten an, die Erkenntnis und Objektivität ausdrücken, indem man ihnen ganz selbstverständlich einen anderen begrifflichen hrungszeichen gebraucht.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

301

Possible Worlds werden literarische Figuren, aus denen moderne Gedankenspieler Realitätskonzepte entwickeln, indem sie den hypothetischen Charakter aller Selbst- und Weltorientierung ausblenden.

IX. 1.

Formale Begriffslogik und Possible Worlds. Der moderne Gedankenspieler als menschengöttlicher intellectus archetypus Meinungserlebnisse und Realitätsanmutung des Denkens

Formale Reflexionen, die zunächst ohne ontologische Postulate vorgetragen werden, werden im Klima dieser Längeren Gedankenspiele über die empirische Basis der Wissenschaft als Sumpfland (Popper), einen demokratischen Relativismus in einer prinzipienlosen Gesellschaft (Feyerabend) und der konstruktivistischen Behauptung, dass unser kognitives System (Sinne, Verstand, Vernunft) durch eine offene Menge bei einem jeden Menschen verschieden miteinander verbundener Hirnfunktionen beschrieben werden kann, die das Erkannte (als Konstruktion, Konstrukt , Modell) erzeugen (Lay) gegenläufig als Ausgangspunkt ontologischer Modellierungen genutzt, um unterschwellig neue Realitätsbezüge zu entdecken bzw. zu schaffen. Wer dann eine mögliche formale Welt als reale Welt deklariert, unternimmt wie sich dann weiter unten zeigen wird den schon im ersten Band beschriebenen Versuch, sich selbst, den Denkenden als intellectus archetypus einzusetzen und damit einen neomythischen Erkenntnisanspruch zu stellen. Der intellectus archetypus wurde dort als Identität von Wahrheits- und Wirklichkeitsvollzug gefasst, der in der Philosophie als heuristisches Symbol für endlichen, diskursiven Gegenstandsvollzug konkreter Subjekte dient. In der ontologisch aufgeladenen Possible Worlds-Interpretation wird der Gedankenspieler, der sich eine Welt denkt, zum realen Schöpfer dieser Welt. Der Entwicklung dieser Denkfigur wollen wir nun nachgehen. Aus den Formen des Denkens werden in einem ersten Schritt mögliche Welten, die dann in einem zweiten Schritt zu Realitäten erklärt werden. Der Geist der Romantik, die die neue Mythologie als das künstlichste aller Kunstwerke (Schlegel) erschaffen will, regt sich so auch im formalen Denken. Um dieses formale Denken in seinem Bezug auf den Denkenden bei der Diskussion über Possible Worlds darstellen zu können, ist es sinnvoll, zunächst den Anweg über die Darstellung der formalen Grundlagen der philosophischen Begriffslogik1 zu wählen, da Denkender und die gedachte Formalität eng, aber ontologisch neutral miteinander in einen Bezug gebracht werden sollten. Stellen wir bei unserer philosophischen Reflexionen der formalen Logik zunächst fest: __________ 1

Vgl. dazu meine ausführlichen Darlegungen in Hauser, 1996, 25-64.

302

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Der Gegenstand der formalen Logik ist das Denken von Eigenschaften und Beziehungen in Sachverhalten, soweit diese ihrer Form nach thematisch sein können. Dabei wird Denken nicht als psychischer Vollzug, gefasst. Viele Philosophen haben diese Fehlinterpretation als Psychologismus angegriffen1. Die formale Logik ist, da sie grundlegend Objektivität von Denken erschließt, als eine die Gedanken formal frei von individuellen psychischen Einflüssen ordnende Methode aufzufassen. Darüber hinaus darf die formale Logik nicht als Erschließungsinstrument gehaltlicher Erkenntnis in seiner Gehaltlichkeit betrachtet werden sie macht Aussagen über die Form unseres Denkens von Welt, wenn dieses Denken als geregelt und damit als möglicherweise objektiv vermeinend gedacht werden können soll. Die Frage nach dem Verhältnis von Gegenstand und Gedanke, also die Frage nach der Transzendenz des Subjekts zum Gegenstand, wird dabei nicht stellbar. So wehrt sich der Logiker auch gegen einen Ontologismus in der formalen Logik. Insofern weiterhin die formale Logik im Gewande einer Sprache begegnet, wird sie leicht als eine Art von (Tiefen-)Grammatik interpretiert. Auch dieser Linguismus ist auszuschließen, weil die reine Logik weltweit Gedankengänge verschiedenartigster Sprachen darstellbar werden lässt, ohne auf diese Sprachen notwendig Bezug nehmen zu müssen. Als letztes ist auszuschließen, dass die formale Logik für sich erkenntniserschließend sein soll. Was ohne Widerspruch formal richtig gedacht werden kann, ist damit noch nicht als wahr erkannt, es kann ja formal richtig die größte Unwahrheit gedacht und gesagt werden. So darf auch kein logischer Gnoseologismus in das Bedenken der formalen Logik einfließen. Wenn wir im Ausgang von diesen Vorabgrenzungen fragen, wie wir zu einer reinen Logik kommen können, so setzen wir bei der Einsicht an, dass Denken immer Denken von etwas ist. Das Denken von etwas kann nicht anders gedacht werden denn als Feststellung von Identität. Etwas ist genau dieses und nicht jenes A ist A und nicht B. Die reine Logik geht diese Identität an und entfaltet sich als System formallogischer Zusammenhänge, weil nicht alles, was wir denken, immer nur Identisches ist. Es gibt für uns nicht nur A, das A ist, sondern auch B, C und D und vieles andere auf der Welt, und zugleich sind A, B, C und D durch die verschiedensten Beziehungen miteinander verbunden. Das Denken bewegt sich immer in einem Netz von Identität und Nicht-Identität. Diese Verhältnisse interessieren die Logiker. Weil aber Nicht-Identisches Identität voraussetzt, kann gesagt werden, dass die Logik die Lehre von der Identität ist. Identität ist also einer der Grundbegriffe unseres Denkens. Sie ist nicht definierbar, sondern nur durch Abgrenzung von anderen Begriffen zu veran__________ 1

Vgl. dazu speziell die Logik-Vorlesung Heideggers (1976).

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303

schaulichen. Identität ist beispielsweise nicht Ähnlichkeit, sondern ihr Grenzfall. Sie ist auch nicht die Gleichheit zweier industriell gefertigter Produkte eines Laufbandes. Auch die Schreibweise A = A darf nicht im Sinne einer Gleichheit gelesen werden. Es sind nicht zwei A, die gleich ( = ) sind, sondern beide A sind dasselbe A, das nur aus sprachlicher Rücksicht zweifach geschrieben wird. A ist A bedeutet auch nicht eine Verzeitlichung ihrer Identität, also etwa A ist immer A. A = A ist das Symbol für Identität als der Beziehung eines Gedachten auf sich selbst. Wir wollen dieses Gedachte im Folgenden auch als Begriff bezeichnen1 und betreiben deshalb Begriffslogik2, wenn wir über die reine Logik als Logik der Identität reden. Weil die Logik nur sinnvoll ist, wenn sie Begriffe nicht nur als mit sich selbst identische zueinander in Beziehung setzt, sondern Begriffssysteme zu klären erlaubt, Relationen etwa einer wissenschaftlichen Theorie erläutert, müssen wir unsere Logik der Identität erweitern, indem wir auf Begriffsbeziehungen achten, die Verschiedenheiten von Begriffen untereinander ausdrücken können. Diese unterschiedlichen Verschiedenheiten verbindet, dass sie mit A nicht völlig identisch sind. Ihre Gemeinsamkeit, die Verschiedenheit von A als solche, ist Nicht-A, das Negat zu A. Die Logik hat dies schon immer mit dem Satz des Widerspruchs ausgedrückt, der dem Satz der Identität folgt: A ist nicht Nicht-A. Dieser Satz setzt den Satz der Identität voraus und ergänzt ihn, indem er verbietet, dass A zugleich mit Nicht-A identisch ist. Er setzt damit der Freiheit der Begriffsbildung eine Schranke. Zusammengenommen kann man als Gehalt des Satzes der Identität und des Satzes vom Widerspruch festhalten, dass alles mit sich und nichts mit seinem Negat identisch ist. Weder der Satz der Identität noch der Satz vom Widerspruch sind definierbar, weil sie die letzten Grundbegriffe der reinen Logik darstellen, und sie können so nur durch einander verdeutlicht werden. Im Ausgang von David Hilberts Konzept einer Metamathematik hat der Begründer des Wiener Kreises, Moritz Schlick, dieses Verfahren wechselseitiger Verdeutlichung eine implizite Definition genannt. Hier wird aber nicht ein spezielles mathematisches Axiomensystem, sondern es wird alles mögliche Begreifen, es werden alle möglichen Begriffe überhaupt implizit auf die Sätze der Identität und des Widerspruchs bezogen. Die Tradition der formalen Logik kennt auch noch den Satz vom ausgeschlossenen Dritten, der inhaltlich nichts Neues besagt, sondern nur die Beziehung zum Nicht-A, zum Verschiedenen überhaupt, erläutert, wenn er sagt, dass A oder Nicht-A der Fall sei, und tertium non datur. A und Nicht-A, Identitäts- und Negatverhältnisse, erschöpfen die Gesamtheit dessen, was als Begreifen sein kann.

__________ 1

2

Zur Begriffstheorie vgl. aus analytischer Perspektive das grundlegende Werk von Nørreklit, 1973. Von Freytag, 1972, 23.

304

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Begriff kann für die reine Begriffslogik alles sein, was überhaupt gedacht, vermeint wer 1 universal gültig, weil es für uns Menschen nichts anderes als das gibt, was wir meinen, denn alles, was ist, ist als Gemeintes, als Gedachtes, auch wenn selbstverständlich vorausgesetzt ist, dass das Gedachte mehr ist als nur Gedanke, sondern ineins damit objektiv weltbezüglich, geschichtlich und kommunikativ vermittelt etc. Die Welt geht also nicht im Gedanken, im Gedachtsein, auf, sie ist uns Menschen aber nur in der Dimensionsqualität Wissen (Richard Hönigswald)2 zugänglich. Doch ist diese ontologische und erkenntnistheoretische Frage nach der Wirklichkeitsbezüglichkeit des Gemeinten nicht interessant für die formale Logik. Für die formale Logik sind vielmehr Inhalt und Gegenstand eines Begriffs identisch, weil sie sich nur mit der Form von Gedanken beschäftigt. Man kann also nichts benennen, was nicht meinbar, denkbar ist, denn wenn man so etwas wollte, dann hätte man es im Fassen und Aussprechen dieses Gedankens schon längst gemeint, gedacht. Mit von Bruno Baron von Freytag-Löringhoff (1912-1996) und seinem Lehrer Günther Jacoby (1881-1969) wollen wir dieses unbegrenzte Feld alles dessen, was gemeint, was Begriff werden kann, als das Meinbare3 bezeichnen. Zum Meinbaren gehört auch das Widersprüchliche, der Unsinn, denn wir würden die Logik nicht benötigen, wenn wir davon ausgehen könnten, dass es in unserem Denken und damit auch in unserem Erkennen keine Widersprüche gibt. Berühmte widerspruchsvolle Begriffe, die als solche eben auch gemeinte 4 oder die volkstümliche Rede vom hölzernen Eisen oder weißen Rappen. Begriffe begegnen uns nicht nur als Begriffe für Individuen, sondern auch als Begriffe für Gruppen von Individuenmerkmalen als Gattungsbegriffe und entsprechende Artverhältnisse. Jeder Mensch bewegt sich lebenslang formallogisch betrachtet in einem gestuften Sprachraum von Gattungs- und Artverhältnissen. So weiß etwa jeder intuitiv, dass er einerseits zwar beim r

ufen geht, wenn man von zu Hause fortgeht.

Diese lebensweltlich immer schon realisierten Begriffspyramiden dürfen nicht ontologisch verstanden werden als Erkenntnisweisen universal gültiger Verhältnisse, weil jeder Mensch faktisch eine andere Begriffspyramide, bzw. eine Vielzahl von Gattung-Art__________ 1 2 3 4

Von Freytag, 1972, 23. Hönigswald, 1976, 349. Vgl. Jacoby, 1925, Bd. 1, 398-576, hier: 526. 529. 545 u.ö. und von Freytag, 1972, 23 u.ö. Aristoteles, 1969, 6f.

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lichsten schichten- und kulturspezifischen und individuellen Dispositionen unterscheiden. Problematisch für die Logik sind die Fragen nach der Spitze und der Basis der Pyramide(n), die auch für den Philosophierenden interessant werden. An dieser Stelle wollen wir zunächst einmal sämtliche meinbaren Arten von Identitätsund Diversitätsverhältnissen darstellen, die von Freytag systematisch herausgearbeitet und als vollständig erwiesen hat. Beziehen wir uns dabei auch auf unsere oben angegebene Kriteriologie für die Verwendung einer formalen Logik für erkenntnistheoretische Zwecke. Mit dem Beweis, dass alles, was irgend gemeint werden kann, als Identitätsund Negatverhältnis gedacht werden muss, wird bewiesen, dass die formale Logik dieser Identitäts- und Negatverhältnisse die Grundlage allen Denkens überhaupt ist. Von Freytag kann ausgehend von reinen Identitäts- und Diversitätsverhältnissen das so genannte Urteilsquadrat der klassischen Logik, d.h. das System aller möglichen Begriffsverhältnisse zwischen zwei Begriffen und damit prinzipiell unendlich vielen Begriffen, erstellen. Es ergeben sich entsprechend dem Urteilsquadrat der klassischen Logik als Ergebnis einer systematischen Entfaltung logischer Begriffsverhältnisse in einem Logikkalkül verschiedene Identitäts- und Diversitätsverhältnisse1. Schon Aristoteles2 kennt die vier möglichen Arten, Aussagen miteinander in Beziehung zu setzen. Es sind die allgemein bejahende Aussage (S a P) = a-Urteil, die allgemein verneinende Aussage (S e P) = e-Urteil, die partikulär bejahende Aussage (S i P) = i-Urteil und die partikulär verneinende Aussage (S o P) = o-Urteil. Die Totaldiversität bildet dabei den Grenzfall eines eUrteils. Diese Urteilsarten hat die traditionelle Logik als logisches Quadrat miteinander vollständig in Beziehungen gesetzt.

Im logischen Quadrat sind alle Möglichkeiten, etwas zu meinen ihrer Form nach angegeben. Von Freytag kann zum Beweis der im Urteilsquadrat behaupteten grundlegenden Begriffsverhältnisse zwischen zwei Begriffen ausschließlich im Rahmen der reinen Logik,

__________ 1

2

Vgl. von Freytag, 1972, 72 und den Artikel Logisches Quadrat, in: Klaus/ Buhr (Hrsg.), 1972, Bd. 3, 894 f. Vgl. Aristoteles, 1969, 27-35.

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d.h. im Rahmen der Explikation von Identitäten und Diversitäten, bleiben und diese damit als Fundament aller anderen formalen Logiken überhaupt beweisen.

Wenn die formale Logik als fundamentale Begriffslogik die vollständige Darstellung aller zunächst zweistelligen und prinzipiell n-stelligen Relationen von Begriffen ist und deshalb den Bereich des Meinbaren grundlegend strukturiert, 1 Gegliedert ist, dann haben wir in ihr ein Phänomen vor uns, das sich in der Nähe eines transzendentalen Verhältnisses von Erfahrungsermöglichung befindet und stoßen auf die eben schon angesprochene Problematik der Spitze und der Basis der Begriffspyramide.

2.

Das Meinbare als Ausgangspunkt der formalen Logik

Wir wollen diese Nähe zu transzendentalen Begriffslagen ausloten und werden dabei zu den begriffslogischen Grundlagen transzendentaler Verhältnisse gelangen, die für das tiefere philosophische Verständnis der neomythischen Machbarkeit der Possible Worlds-Thematik wichtig sind2. Dazu ist es notwendig, die oben schon angedeutete Frage nach den oberen und unteren Grenzen der Begriffspyramide, der Gegliedertheit unseres Denkens in Gattungs- und Artverhältnissen, zu stellen. Setzen wir dazu mit dem Hinweis darauf an, dass Begriffsverhältnisse in der traditionellen Logik als Art- und Gattungsverhältnisse ausgedrückt werden und dass sich derartige Ausdrücke in eine extensionale und eine intensionale Deutung gliedern lassen. Wenn wir, um diese Deutungen zu erläutern, von einem 3 , so können wir sehen, dass zu jedem Begriff ein bestimmter Anwendungsbereich gehört, auf den sich diese Bestimmungen beziehen. Diese Klasse verstehen wir die strukturierten Eigenschaften eines Begriffs. an Klasse aller Wirbeltiere der Klasse aller Fische übergeordnet. In intensionaler i thält etwa neben anderen die Eigennschen ist übergeordnet der Klasse aller n__________ 1 2 3

Müller, 1980, 36. In dieser Hinsicht orientiere ich mich an Müller, 1980. Vgl. dazu Hauser, 1987. Schrödter, 1979, 285.

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Zwischen dem Inhalt und dem Umfang eines Begriffs besteht ein spannungsreiches Verhältnis. Je mehr Umfang ein Begriff hat, umso weniger Inhalt bemfang, der alles, was im Kosmos ist, umfasst. Er sagt damit aber auch wenig aus. Hingegen hat der Beund geringen Umfang, dafür aber mannigfaltige inhaltliche Bestimmungen. Ausgehend von einer extensionalen und einer intensionalen begriffslogischen Betrachtungsweise wollen wir zur Klärung des für uns relevanten Gehalts der reinen Logik auf unsere schon angesprochene Frage nach den oberen und unteren Grenzen der Begriffspyramide zu sprechen kommen. Betrachten wir zunächst einmal die Spitze der Pyramide. Wenn man von geläufigen Allgemeinbegriffen ausginge und zu immer höheren Gattungen aufstiege, geriete man irgendwann in eine Situation, in der man keine gemeinsamen Inhaltsteile mehr finden könnte und damit auch keine höhere gemeinsame Gattung1. Andererseits aber wären diese obersten Gattungen noch nicht die Oberste. Begriffspyramide für die reine Logik ihren Abschluss nicht in einem ontologisch interpretierten Ideenhimmel von reinen Allgemeinheiten, sondern im Meinbaren überhaupt. Dem Meinbaren kann man nicht mehr das ,Nichtmüsste. Das Meinbare ist in der reinen Logik der einzige Begriff, zu dem es kein Negat gibt, weil er alles umfasst, was überhaupt gemeint, d.h. begriffen, werden kann2. In dieser Hinsicht ist das Meinbare aber auch ein Begriff, der keinerlei Inhalt, wohl aber universale Extension besitzt, insofern alles, was bewusst erlebt wird, als Gemeintes ist, zugleich damit aber auch nicht das Geringste an Besonderem ausgesagt wird. Auf der anderen Seite der Pyramide steht auch keine Reihe unterster Arten, die ontologisch interpretiert das Wesen der Dinge rein aufgeschlossen halten, sondern das absolut Widerspruchsvolle. Dieses ist nämlich der völlig umfangslose Begriff, der widerspruchsvolle Grenzbegriff des Merkmals aller möglichen Merkmale, der alle möglichen Intensionen in sich vereinigt und somit keinerlei Umfang hat, weil er sich auf nichts beziehen kann, denn alles, was ist, wird als Abgegrenztes gedacht. Die Rolle dieser beiden Grenzbegriffe des Meinbaren wie auch des Merkmals aller Merkmale ist für eine philosophische Reflexion der Begriffslogik von besonderem Interesse.

__________ 1 2

Von Freytag, 1972, 37. Inwiefern hier dem Problem der Mengenantinomien keine Bedeutung zukommt vgl. von Freytag, 1972, 37f u. 189-193 und ders., 1967, 36-45.

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Es ist unvermeidlich, hier auf Hegels berühmten Beginn der Wissenschaft der Logik hinlbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts und das Nichts in 1 Sein nicht übergeht, sondern übergeg .

Der absolute Umfang kann durch keinen Begriffsinhalt spezifisch näher fortbestimmt werden und lässt sich logisch so darstellen, dass das gesamte logische Quadrat als Spezifikat des Meinbaren auftaucht. Wir erhalten dann eine Begriffslage, die den Bezug zum transzendenta 2 3 4 5 darstellt und die uns wieder auf das Bild eines schon im Romantikparagrafen des ersten Bandes erörterten intellectus archetypus führt. Weil in der Metaphysik schon immer der Bezug auf den Denkweg des metaphysisch erkennenden Subjekts impliziert ist 6, beginnt auch die neuzeitliche Transzendentalphilosophie mit Kants Kritik der reinen Vernunft (1781) als Frage nach den berechtigten und unberechtigten Ansprüchen der Metaphysik7. Das transzendentale Denken unterscheidet sich von anderen Formen der Metaphysik darin, dass es in hohem Maße die nichtindividuell gefasste, subjektive Vermittlung des Erkennens als auch geltungskonstitutiv versteht. Sie spricht damit der Weise, wie sich das Subjekt durch den Gegenstand auf sich selbst bezieht, eine hohe metaphysische Bedeutung zu. Um sich dies zu erhellen, entwirft sie als zunächst heuristisches Symbol den Gedanken einer Selbstbeziehung, die als unabhängig von der Vermitteltheit mit Ereignissen gedacht werden kann. Kant entwirft als einen derartigen, sich selbst absolut auf sich beziehenden Geltungsgrund den intellectus archetypus, der als Symbol transzendentaler Spontaneität von menschlicher Subjektivität hinsichtlich ihrer Einheitlichkeit dienen könne. Ein intellec Selbstbewußtsein zugleich das Mannigfaltige der Anschauung gegeben würde, ein Verstand, durch dessen Vorstellung zugleich die Objecte dieser Vorstellung __________ 1 2 3 4 5 6

Hegel, 5/83. Jacoby, 1925, 526. Jacoby, 1925, 529. Jacoby, 1925, 545. Müller, 1980, 190. die Frage nach dem wahrhaft und ursprünglich Seienden in Atem gehalten. Diese Frage Frage nach dem Weg und der Entwicklung, die das Denken durchzumachen hat, um seinde des Seienden und das eigentliche Sein in den Blick zu be-

7

ndere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft. ... Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphy

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309

existierten, würde einen besonderen Actus der Synthesis des Mannigfaltigen zu der Einheit des Bewußtseins nicht bedürfen, deren der menschliche Verstand, 1 . Insofern der intellectus archetypus als Identität von Wahrheits- und Wirklichkeitsvollzug ein heuristisches Symbol für endlichen, diskursiven Gegenstandsvollzug konkreter Subjekte darstellt, ist er Bild für den Einheitsgrund aller endlichen Formen eines universe of discourse. Logisch lässt sich dies als absolute Allklasse möglicher Gegenstände, als Meinbares, rekonstruieren, ohne dass darin seine transzendentale Wendung aufgeht. Der intellectus archetypus ist ein Grenzbegriff, d.h. ein Begriff, der einen denkbaren Grenzfall des Erkennens betrifft, der innerweltlich nicht realisierbar ist. Was aber geschieht, wenn dieser Grenzbegriff als menschlich oder zumindest innerkosmisch realisierbar angesehen wird und diese Grenze des Endlichen zur realen Möglichkeit endlicher und damit aktuell oder einst nicht mehr endlicher Vernunft wird? Schon die Romantik hat, wie wir gesehen haben, mit diesem Bild ironisch gebrochen gespielt. Logisch betrachtet wird dann der Anspruch erhoben, alles, was vermeint werden kann, realisieren zu können. Da dann aber die extensionale Perspektive auf die existierenden Elemente des Meinbaren eingenommen werden muss, bedeutet dies, dass ein real existierendes Meinbarkeitssubjekt der real existierende absolute Selbstwiderspruch wäre, er wäre dann das real existierende widerspruchsvolle Merkmal aller möglichen Merkmale, ein Wesen, das in derselben Hinsicht (Totalidentität) weiß und schwarz, alt und jung, dick und dünn, halb und ganz, lebendig und tot etc. wäre. Es fällt also schwer, ein lebendiger Grenzbegriff zu sein. Im ersten Band habe ich Religiosität als die Geneigtheit, die eigene Endlichkeit als prinzipiell nichtig bzw. als real aufhebbar bzw. aufgehoben ansehen zu wollen, gefasst. Ich hatte weiter ausgeführt, dass diese Geneigtheit seit der Moderne in der Weise einer Religionsförmigen Neomythologie gelebt werden kann. Religionsförmige Neomythen habe ich bestimmt als ein kulturelles und individuelles Sich-Beziehen auf Endlichkeit ohne Bewusstsein ihrer Radikalität und im Bewusstsein der realen Aufhebung derselben durch das Handeln des Menschen oder anderer endlicher Mächte2. Das neomythische Subjekt begreift sich als real existierender Keim eines in ihm steckenden Potentials, das Meinbare als intellectus archetypus zu leben, d.h. alles grenzenlos und ohne Maßstab außer dem der eigenen Verknüpfungsfantasie zu realisieren. Weiter oben habe ich auf Tiplers Auferstehungstheorie hingewiesen. Auferstehung ist für ihn eine Emulation, d.h. eine vollendete Simulation in einem gi__________ 1 2

Kant, 3/112. Die begrifflichen Unschärfen bei anderen Versuchen dieses Phänomen zu erfassen kann man in Norbert Bolz 210) zu sprechen.

310

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gantischen göttlichen Quantencomputer. Dabei ist es für Tipler gleichgültig, ob bei dieser Emulation durch den Omegapunkt ein Mensch oder ein Universum wieder auferweckt, sondern auch Menschen, d

1

. Wenn auch

i was vermeint werden kann, im Omegapunkt des Kosmos existieren. Hier wird also der Quantencomputer zum real existierenden Meinbaren. Nach der Lehre des Scientology-Begründers Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986) ist ein Thetan der Wesenskern des Menschen. Er strebe nach Unabhängigkeit von allen verendlichenden Bezügen und könne diese Unabhängigkeit zwar verlieren, er könne sie aber auch selbst wieder erlangen. Wer diesen Thetan in sich finde und freisetze, könne von allem frei werden, was ihn einschränke auch von seiner menschlichen Gestalt. Einem Thetan eigne die Fähigkeit, in universaler Beherrschung von Raum und Zeit den Kosmos in seiner räumlichen und zeitlichen Erstreckung zu erschließen. Ein Thetan ist gemäß scientologischem Verständnis ein über sich selbst aufgeklärter Mensch, der schier allmächtig ist. Ihm gehöre letzten Endes das gesamte Universum. Er könne es zerstören, er könne es durchstreifen, er könne es nach seinem Maßstab neu schaffen oder umgestalten. Im durch sein Thetansein erschlossenen Meinbarkeitsraum der Scientologen ist alles machbar, was vermeint werden kann und vermeint werden kann alles. Es wird sich in diesem zweiten Band der Kritik der neomythischen Vernunft zeigen, dass neomythische Fantasien eines fast unbegrenzten Auslebens des Meinbarkeitsraumes einen breiten Raum in den technologischen Fantasiewelten der Moderne einnehmen. Wenn beispielsweise der Operating Thetan Hubbards vollständig entfaltet ist, erschafft er sich da er keinen anderen Gott neben sich dulden kann sein eigenes Universum. Der dritte Band wird zeigen, wie diese technologischen Fantasiewelten in der Wissenschafts- und Technikelite zu fantasiegeschaffenen Technologieentwürfen und Forschungsvorhaben führen. Dabei wird auf das vollkommen Widersprüchliche verzichtet. Der absolute Meinbarkeitsraum, dessen logische Grundlagen eben erörtert wurden, schränkt sich ein auf den Bereich, des widerspruchsfrei Meinbaren und bewegt die Fantasie vieler unter dem Terminus der Possible Worlds, insofern diese nicht nur möglich, sondern auch wirklich sein könnten. Possible Worlds werden so nicht impossible als prinzipiell realisierbar imaginiert und dann auch zu leben versucht.

__________ 1

Tipler, 1994, 277.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

311

3.

Possible Worlds-Fantasien um einen Hilfsbegriff: Es muss mehr als alles geben

a.

Eine Ouvertüre: Duns Scotus und Ockham

Im Zusammenhang der spätmittelalterlichen Theologie und Philosophie verändert sich die durch Thomas von Aquin repräsentierte, hochmittelalterliche Denkungsart. Die Macht Gottes wird in hohem Maße mit seiner Freiheit verbunden. Johannes Duns Scotus (1266-1308) und Wilhelm von Ockham (um 12851349/50) betonen die je größere Freiheit Gottes und das unbedingte Übergeordnetsein der Gnade. Johannes Duns Scotus definiert das Seiende als id cui non repugnat esse1. Das Seiende wird als jenes begriffen, welches nicht logisch selbstwidersprüchlich sei und daher sein könne. Alles, was widerspruchsfrei denkbar sei, sei damit zugleich auch mögliches Seiendes. Mögliches könne, müsss aber nicht auch wirklich sein. Alles, was nicht selbstwidersprüchlich sei, könne deshalb durch Gottes Schöpfungsmacht ins Sein gerufen werden. Diese Art der göttlichen Allmacht über alles Mögliche bezeichnet Johannes Duns Scotus als potentia Dei absoluta2. Innerhalb des Rahmens logischer Möglichkeiten könne Gott alles regeln. In dem Augenblick, in dem sich Gott dazu entscheide, etwas ins Sein zu rufen, indem er aus dem weiten Reich des Möglichen etwas verwirkliche, werde aus der potentia Dei absoluta eine verwirklichte und geordnete Macht. Diese wird als potentia Dei ordinata bezeichnet. Gott habe sich als Ausübender der potentia ordinata für diese und nicht für jene und darüber hinaus für überhaupt eine Seinsordnung entschieden. Gottes Freiheit wird somit zu Beginn der Neuzeit, in der Subjektivität in einer vertieften Hinsicht entdeckt wird, ebenfalls in ihrer Qualität radikaler reflektiert. Gottes Freiheit wird durch nichts begrenzt als zunächst durch die logische Widersprüchlichkeit selbst. Deutlich wird diese Pointierung der potentia Dei bei William von Ockham. Ockham behandelt die potentia Dei ordinata in seinen Schriften zumeist nur kurz, während er sich ausführlich mit der potentia Dei absoluta auseinandersetzt. Seine Betonung der absoluten Voraussetzungslosigkeit göttlicher Gnade wird geradezu absurd, wenn Ockham etwa im Anschluss an die biblische Geschichte von Jakob und Esau schreibt, dass Gott aus seiner potentia absoluta heraus durchaus einem Menschen die Liebe eingießen und ihn gleichwohl zur ewigen Strafe bestimmen könne 3.

__________ 1 2 3

Vgl. dazu Honnefelder, 1979. Vgl. dazu im Folgenden Hünermann, 2003, 152ff. 3 Sent. q. 5 L., vgl. dazu Blumenberg, 1988, 159-204.

POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

312

Der Ausübungsraum der potentia Dei absoluta wird hier, im Gedankenexperiment, fast zum Entscheidungsraum eines nach heutigen Maßstäben Willkürgottes, auf den man später zugunsten anderer Modelle verzichten kann, wenn es um das Problem möglicher Alternativentwürfe/-welten geht. Auf der anderen Seite betont Ockhams nominalistisches Denken aber auch in dessen 1 Reflexionen über Semantik und Logik die Eigenständigke , in dem sich die Menschen bewegen. Es gibt für Ockham, gegen Thomas von Aquin, eta2 führt aber nicht wie in der späteren neomythischen Lesart zur Willkür des menschengöttlichen Konstruierten, sondern die Beziehung Gottes zur Singuläre ist das Besondere als das individuell von Gott G

3

. Gott kann jedes 4 l . Auf diese Weise kann auch eine vertiefte Beziehung der Perichorese, der Durchwaltung des Menschlichen und des Göttlichen, gedacht werden.

b.

Von Leibniz zu den Possible Worlds

In seinem Essai de Theodizee (1710) legt der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) die Frage nach Alternativschöpfungen mit einer Güte, die nicht weniger unendlich ist als sie, nur das Beste wählen 5 6 . Man endlich viele Arten hätte anfüllen können, und daß es unendlich viele mögliche Welten gibt, von denen Gott die beste gewählt haben muß, da er nichts tut, 7 ohne der höchsten Vernunft gemäß zu han che Welten ohne Sünde und ohne Elend vorstellen und könnte daraus etwas schaffen, was Romanen, Utopien und Sevaramben gleicht, aber diese Welten 8 würden im übrigen der unseren bedeutend nachste . Aus dieser philosophischen Blickrichtung, die schon das literarische Moment erwähnt, wandert die Rede von den möglichen Welten in der Moderne in das Reich mathematischer und logischer Grundlagenfragen, erscheint in einer metaphysisch aufgeladenen physikalischen Kosmologie, um später einen Siegeszug in einer popularisierten Naturphilosophie und in der Sciencefictionliteratur anzutreten. Blicken wir zunächst kurz auf den logischen Kontext. __________ 1 2 3 4 5 6 7 8

Hünermann, 2003, 151. Goldstein, 1998, 290. Goldstein, 1998, 290. Hünermann, 2003, 132. Leibniz, 1985, 219. Leibniz, 1985, 219. Leibniz, 1985, 221. Leibniz, 1985, 223.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

313

zeichnet werden kann. Mit dem die Possible Worlds-Theorie mit sich führenden Wahrheitsbegriff ergibt sich eine ontologisch nutzbare Assoziation. Deren begriffliche Genese will ich hier zunächst kurz darstellen und dann in einem eren. irgendein Bezug auf den Vollzug dieses Satzes und damit ein Bezug auf eine Wirklichkeit, in der dieser Satz gilt, angesprochen werden. Soll nun ein Satz A uneingeschränkt wahr sein, dann heißt dies, dass dieser Satz nicht nur mit Hegels Phänomenologie des Geistes1 gesprochen gültig ist, wie der Standpunkt des natürlichen Bewusstseins, dass nur ein im raussetzt. Ein Satz A ist dann wahr, wenn A nicht nur hier und jetzt und auch nicht vielleicht noch morgen und dort gilt, sondern wenn er unter jedem Umstand b als wahr gilt. Man kann diese Geltung unter b als die in allen möglichen Welten, die zur Menge B, als Menge aller möglichen Welten, in denen A wahr ist, charakterisieren2. Im Raum des widerspruchsfrei Meinbaren liegt der begriffliche Ausgangspunkt der Possible Worlds-Theorie3. Es sei eine Totalität möglicher Welten, in denen alle widerspruchsfrei denkbaren Möglichkeiten gegeben seien. Herausgehoben sei eine dieser möglichen Welten, die unsrige, die als wirkliche in dieser Hinsicht im Gegensatz zu den möglichen Welten stehe, die (für uns) lediglich möglich seien und zugleich sei ichen Welten auf diese Totalität gewährleiste. Mit unserer Welt sind eine Teilmenge der möglichen Welten als M-mögliche Welten mit unserer Welt gestuft verbunden, als extensional am weitesten logisch mögliche Welten (Widerspruchsfreiheit), sodann analytisch-mögliche (kategoriale Gemeinsamkeiten) Welten und als extensional am wenigsten weite nomologisch/ naturgesetzlich-mögliche Welten. Unter dieser Maßgabe ist das, was M-möglich (logisch, kategorial oder nomologisch/naturgesetzlich) wahr in einer dieser M-möglichen Welten ist, auch wahr in allen anderen M-möglichen Welten. Analoges gilt für das, was Mmöglich (logisch, kategorial oder naturgesetzlich) unwahr ist. Dieser Schritt ist in ontologischer Perspektive noch unspektakulär. Noch wird hier keine ontologische Interpretation des Possible Worlds-Argumentes vorgenommen. Warum dieses Argument zu ontologischen Interpretationen motiviert, kann mit dem nächsten Darstellungsschritt schon aufscheinen. __________ 1 2 3

Hegel, 3/84ff. Vgl. dazu Stegmüller, 1976, 154f und Haack, 1978, 188. Wesentlich für meine Darstellung der Possible Worlds-Theorie im allgemeinen war für mich Divers, 2002.

314

POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

Die Wissenschaften sind von sich her auf Rückgriffe in den Bereich des Mmöglichen Allgemeinen bezogen vor allem, wenn es um die Auseinandersetzung mit ätiologischen Fragen geht. ben ist, sondern vielmehr aus einem späteren Stadium der Entwicklung ätiologisch entworfen wird, steht vor einer spezifischen Gedoppeltheit der Perspektive. Einerseits muss der Anfang als reiner Anfang thematisiert werden, der weniger enthält als das Spätere, und andererseits muss zugleich dieser Anfang so dargestellt werden, dass verständlich wird, dass das Spätere wirklich von 1

interpretiert werden kann. Damit stehen auch wissenschaftliche Aussagen über globale Anfänge unter einem unhintergehbaren narrativen Vorbehalt. Sie erzählen, etwa wenn es um globale Anfänge geht, wie es unter den M-möglich (logisch, kategorial oder nomologisch/naturgesetzlich) wahren Bedingungen zu dieser Wirklichkeit kommen konnte. rwinist Ernst Mayr (1904menten und Methoden bewiesen werden kann, durch die rein physikalische 2 . Nicht nur im Zusammenhang mit Ursprungsfragen in der Biologie muss man zwischen deduktiv-nomologischen und historisch-narrativen Erklärungen unterscheiden3. Als deduktiv-nomologisch kann man eine Methode bezeichnen, durch die ein Sachverhalt logisch korrekt aus einem wissenschaftlich gültigen Gesetz und aus Beobachtungen erklärt wird. Historisch-narrative Erklärungen arbeiten ätiologisch, d.h. sie versuchen das vorhandene empirische Material unter der Wahrung der spezifischen deduktiv-nomologischen Prämissen durch ein angenommenes Ablaufszenario in einer Erzählung darzustellen. Mit dieser Methode partizipieren sie am der wirklichen M-möglichen Welt begriffslogisch übergeordneten Raum der M-möglich wahren nomologischen Dimension. Sie beschreiben eine mögliche Genese unserer Welt unter dem unhintergehbaren Bezug auf die M-möglichen nomologischen Allgemeinheiten. Wenn unsere wirkliche Welt eine nur als mögliche beschreibbare Genese hat, dann kann so der nächste begriffliche Schritt doch der Versuch gewagt werden, wie es denn sein könnte, wenn unter den M-möglichen Bedingungen etwas anderes wirklich geworden wäre. Es kann dann im geschichtswissenschaftlichen Bereich die virtuelle What-ifGeschichte kontrafaktischer Geschehnisse entstehen4. Was wäre, wenn Alexan__________ 1 2 3

4

Overhage/ Rahner, 1961, 89. Mayr 2001, 13 (Übersetzung L.H.). Vgl. dazu Szalay/ Bock, 1991 und auf einem grundsätzlichen Niveau den wegweisenden Artikel von Gutmann, 196, bes. 106. Vgl. dazu Ferguson, 1999; Demandt, 2001 und kritisch Kiesewetter, 2002.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

315

der der Große nicht 323 v. Chr. gestorben wäre, was wäre, wenn Hannibal nach dem Sieg von Cannae versucht hätte, Rom einzunehmen, was wäre, wenn Alarich 410 n. Chr. in Rom geblieben wäre, was wäre, wenn Dschingis Khan politisch virtuose Erben gehabt hätte, die sein Reich bewahrt hätten? Alternative Sternstunden der Menschheit1 werden entworfen, um den Gesetzmäßigkeiten und Entstehungszusammenhängen realer Geschichtsprozesse auf die Spur zu kommen. Von dieser umstrittenen Methode aus ist es nur ein kleiner nächster Schritt zur literarischen Nutzung des Possible Worlds-Gedankens. reine Fiktion ist. Wir lernten auf dem Schoß unserer Mutter, dass Peter und der Wolf en Wolf nie gegeben habe. Aber wenn wir gefragt werden, ob es solche Charaktere wie Lear und Peter gebe, dann ist die erste Antwort, dass es sie wirklich gibt. In einem Moment billigen wir die Binsenwahrheit, dass es keine Drachen, Einhörner und Elfen gibt und nie gegeben habe. Im anderen bemerken wir an uns, dass wir es selbstverständlich zulassen, dass es in der Fiktion Drachen, Einhörner, Elfen und alles andere gibt. Das sind die widerstreitenden Selbstverständlichkeiten, aus denen die Frage nach dem ontologischen Status fiktionaler Gegenstände 2 . Über diese lebensalltägliche Spannung hinaus gibt es noch einen weiteren für uns wichtigen Grund, warum die poststrukturalistische Erzähltheorie 3 die Possible Worlds-Theorie rezipiert. Vielen Literaturtheoretikern scheint in klassischen Erzähltheorien4 die pragmatische Seite von Literatur, ihre Rezeption und die Gemeinschaftswirkung derselben ebenso unterbelichtet, wie der Autor als auktorialer Schreiber und der auktoriale Erzähler in einer Geschichte überbewertet würden. Viele Theorien literarischer Fiktionalität fußten auf der Prämisse, dass es nur ein legitimes Universe of Discourse, unsere reale Welt, gebe5. Wenn um auf die wissenschaftstheoretische Perspektive zurückzugreifen die empirisch Fall sein kann6 dann gibt es wie Wittgensteins Gewährsmann Bertrand Russell schreibt nur diese glisch: real Es gehört zum Wesen von Dichtung, dass nur Shakespeares und seiner Leser Gedanken, Gefühle etc. wirklich sind, und dass es nicht auch noch zusätzlich 7 . __________ 1 2 3

4 5 6 7

Zweig, 1989. Walton, 1990, 385 (Übersetzung L.H.). Zur Erzähltheorie im Allgemeinen vgl. Abbott, 2002; Bal, 1985 2 und Gibson, 1996 und den Klassiker, Auerbach, 1971 (19461). Als Basisinformation dienten mir Genette, 1998 und Martinez/ Scheffel, 2005. Wittgenstein, 1963, Nr. 1. Russell, 1919, 169 (Übersetzung L.H.).

316

POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

Schematisch kann man diese Autor-Text-Leserbeziehung1 so veranschaulichen: AUTOR

TEXT

LESER nimmt diese fiktive Welt zur Kenntnis

Erlebt würden um mit der Darstellung der poststrukturalistischen Position fortzufahren für diese Literaturtheoretiker2 feste Textstrukturen und eine durch den Leser präzise fixierbare Bedeutung, die aus der Beziehung auf eine durch den Text erschließbare narrative Autorität herausgearbeitet werden könne. Man könne weiter aus der Perspektive der in einer Erzählung vorkommenden literarischen Personen sogar sagen, dass diese in ihrer literarischen Eigenständigkeit nicht ernst genommen würden, wenn der Erzähler grundsätzlich als narrative Autorität zwischen sie und den Leser geschaltet sei3. Der Leser als Mitgestalter des literarischen Kosmos müsse in den Blick treten. Von Henry Jenkins4 Textwilderer (Textual Poachers) genannte Autoren aus dem Fanbereich schreiben Fan-Fiction (auch: FanFiction oder Fanfic) über ihre Kultbücher, Kultserien im Fernsehen oder Kultfilme, aber auch über Prominente (Promis). Fan-Fiction ist ein gutes Beispiel, um die Relevanz der durch die poststrukturalistischen Autoren eingeklagten Autor-Text-Leser-Kommunikation im Ausbau möglicher Welten zu verdeutlichen. Zwar ist es in der Geschichte der Mythologie oder auch der Weltliteratur nicht unüblich, sich an literarischen Figuren und Werken jahrhundertelang weiter abzuarbeiten, doch gibt es den wesentlichen Unterschied zu dieser Art der Rezeption durch den Bezug der Fan-Fiction auf den literarischen Untergrund des Fandoms (Kingdom der Fans5), aus dem die Fan-Fiction entsteht. Fan-Fiction-Autoren im engeren Sinne tauchen ab den späten sechziger Jahren zunächst im Kontext von Star Trek auf. Heute finden sich umfängliche Datenbanken zu allen möglichen literarischen oder cineastischen Kultwelten im Internet. Wenn man etwa die Homepage von Harry Potter fanfiction.com besucht, erhält man die Mitteilung, dass sich auf dieser Seite an Fan-Fiction 48377 Geschichten von 22799 Autoren befinden und dass sich bis zum Februar 20086 1.472.100 Besucher diese Seite angesehen haben.

__________ 1 2

3 4

5 6

Vgl. dazu Hauser, 2008. Ich stelle hier den poststrukturalistischen Zugang zur Possible World-Theorie immament aus der Perspektive der Poststrukturalisten dar. Ob Erzähltheorien vorher so beschaffen waren oder nicht, kann ich nicht fachlich zureichend beurteilen, obgleich ich persönlich daran zweifle. Vgl. dazu Heinen, 2002, 250f. Jenkins, 1992 und vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Fan-Fiction. Die Fachsprache der FanFiction-Szene findet man unter: http://www.subreality.com/glossary/terms.htm Vgl. dazu später den Paragrafen 22. Ich schreibe diese Zeilen im Februar 2008.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

317

brochenen Tätigkeit menschlicher Verstandestätigkeit und menschlichen Tuns 1 konstant am Wachsen und Sich. Der Autor-Text-Leserkommunikation gerechter wird man nach Meinung vieler neuerer Literaturwissenschaftler, wenn man als Universe of Discourse nicht das Werk als Ideenkosmos eines Autors ansetzt, sondern im Blick auf diese Unabschließbarkeit der Rezeption und des Ausbaus dieses Kosmos die Menge aller auf das Werk relativ möglichen Welten. Damit kann die schematische Darstellung der Autor-Text-Leser-Kommunikation folgendermaßen erweitert werden. AUTOR verfasst

TEXT

und konstruiert

FIKTIVE WELT

LESER nimmt diese fiktive Welt zur Kenntnis und rekonstruiert sie und baut sie aus und2 gründet/ findet eine TEXTAUSBAUGEMEINSCHAFT

Dann erübrige sich, so viele poststrukturalistische Erzähltheorien, ein weiteres 3 nicht zureichend gewüri4 s erzählerischen Vermittlung oder die Handlungsstruktur richten, sondern se5 stark einbeziehen. In diesem Kontext sei die Possible Worlds-Theorie bedeutsam, die bewusst mache, dass narrative Texte alternative Welten entwürfen. Mit der Rezeption der Possible Worlds-Theorie durch die Literaturwissenschaften werde es möglich, sich für das Anliegen, den erzählten Kosmos ernst zu nehmen, zu sensibilisieren. So komme es zu einer Verlagerung, fort von formalen, textimnarrativer Strukturen sowie zur Erfassung der Sinndimension narrativer Tex 6. __________ 1 2 3 4 5 6

A Surkamp, 2002, 153. Surkamp, 2002, 153. Surkamp, 2002, 153. Surkamp, 2002, 153.

POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

318

zösische Poststrukturalismus entwickelte sich wie der Name der zahlreiche Disziplinen umspannenden geistesgeschichtlichen Strömung schon andeutet in einer Anknüpfung und Revision des Strukturalismus. Zentraler Ansatzpunkt ist die Zeichentheorie Ferdinand dec Saussures, dessen linguistische Theorie den Strukturalismus maßgeblich prägte. Während Saussure noch von einer zwar arbiträren, aber dennoch stabilen Verbindung von sprachlicher Form und Bedeutetem, von signifikant und signifié ausging, wird Bedeutung im Poststrukturalismus (insbesondere in der einflußreichen von Signifi

1

.

Ein weiterer Pluspunkt der Possible Worlds-Theorie für die Erzähltheorie sei darin zu sehen, dass nicht nur die relative ontologische Eigenständigkeit der narrativen Wirklichkeit und deren Entwicklungsmöglichkeiten im Rezeptionsprozess und die lebenspraktische Wahrheit fiktionaler Aussagen besser thematisiert werden könnten. Die poststrukturalistische Theorie eines umfassenden Bedeutungsnetzes, dem eine intersubjektive Wirkung eigne, ohne dass es einen der möglichen Welt entsprechenden wirklichen Bedeutungsgegenstand gebe, sei für die klassische Narratologie2 eher skandalös. Für diese sei der literarische Text zum einen ckens gehören streng genommen nicht mehr dazu, sondern bilden den Paratext. 3 Zum anderen wird er als intern strukturierte und kohärente Einhei . Darüber hinaus würden die Textstrukturen und deren Funktionsweise so aufgefasst, dass sie eine für manche Theoretiker nahezu eindeutig erschließbare Textbedeutung mit sich führten. Für den Poststrukturalismus ist dies eine Illusion. Das Postulat einer einzigen bestimmbaren Bedeutung werde der Transzendenz des Textes über alle faktisch zugeschriebenen Bedeutungen hinaus nicht gerecht. Andrew Gibson, einer der Hauptvertreter einer postmodernen Narratologie, listischen Dekonstruktionen traditioneller 4 spricht davon, dass man, im Kontrast zur klassischen an Mime5 sis orien -Mimesis ineins, als ineinander 6 denken müsse. Dem entspreche ein Lektüreverhalten, das von Jaques Derrida (1930-1970) als Dekonstruktion bezeichnet werde, es sei das Offenlegen von Widersprüchen und nicht erkundeten Implikationen. Des Weiteren macht der Poststrukturalismus Ernst mit der Erkenntnis, dass es keine Außenperspektive auf den Text geben könne. Alle der Autor und die Rezipienten seien Mittuende im Rezeptionsprozess. __________ 1 2 3 4 5 6

Heinen, 2002, 244. Ein Musterbeispiel is Heinen, 2002, 246f. Nünning, 2002, 15. Der Klassiker ist Auerbach, 1971 (19461). Gibson, 1996, 103 (Übersetzung L.H.).

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

319

lich ihre unabschließbare Interaktion kann Bedeutung immer wieder aufs neue generie1 .

Die Bedeutung eines Signifikanten werde durch ein offenes Netz von möglichen Bezügen auf andere Signifikanten immer weiter in einen offenen Verweisungszusammenhang gestellt, an dessen Verweisungsbezügen die Autor-Lesergemeinschaft arbeite. Jaques Derrida und auch Roland Barthes (1951-1980) bezeichnen dies als Spiel der Signifikanten. Wenn man zwischen der erzählten Welt (taleworld) und der Präsentationsweise dieser Welt für unsere Lebenswelt (storyrealm) unterscheide, damit man sie als Autor und Leser/ Zuschauer/ Zuhörer etc. 2 verstehen könne, dann gehöre zu deren Rezeption wie es Walton anschaulich ausdrückt das Bewusstsein einer gewissen Dehnbarkeit3 des reality-principle4. Aus diesem prinzipiell unabschließbaren, dehnenden Spiel ergebe sich die Be5 liege, sondern ein Oberflächenphänomen, das sich im Prozess der ständigen Referenz auf andere Zei6 chen erst konstitu , sei. Ontologische Fragen, welchen Wirklichkeitswert eine solche mögliche Welt habe, kann man nach Ryan auf zweierlei Weisen beantworten. In einer strengen Deutung (absolute characterization) sei die reale Welt (the actual world) die einzig unabhängig vom menschlichen Geist existierende Welt. Nur mögliche Welten seien Produkte geistiger Prozesse. In der durchlässigen Deutung (relative characterization) sei die reale Welt die Welt, von der aus jemand spreche und denke, und die möglichen Welten seien Welten, in die jemand gleichsam hineinsehe7. Am Beispiel der im Folgenden darzustellenden Welt der wissenschaftsfundierten Neomythen der Sciencefiction wird dieses Hineinsehangebot und die Mitarbeit am technisch-religionsförmigen Neomythos expliziert, um den Gedankengang des dritten Bandes, die neomythischen Fantasien in den HighTech-Welten und den heutigen Leitwissenschaften, vorzubereiten. Die sich den Paragrafen 20 und 21 anschließenden Darstellungen der Gründung von Kultgemeinschaften im Sciencefiction-Fandom durch fantastische Experimentalutopien und durch Sciencefictionromane erfordert in dieser begrifflichen Exposition noch einen weiteren Schritt des Ausbaus unserer Theorie der Leser-Text-Autor-Kommunikation. __________ 1 2

3 4 5 6 7

Heinen, 2002, 250. Die Terminologie entnehme ich Young, 2002, 76, verwende sie dabei in meinem eigenen begrifflichen Kontext. Walton, 1990, 67f. Docherty, 1997, 119. Heinen, 2002, 245. Heinen, 2002, 245. Ryan, 2001, 101.

320

POSTMODERNES VERNUNFTMISSTRAUEN

Der letzte Schritt dieser Kommunikation, der in den Paragrafen 22 bis 27 ausführlich in seiner empirischen Relevanz belegt wird, betrifft die spirituelle Bedeutung von Texten und die Rückwirkung der Gründung von Textausbaugemeinschaften auf den Autor. Schon im ersten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft hatte ich mit Edward Schillebeeckx durchbrochen wird und wir etwas Überraschendes erleben, das sich als wirklich Neues erweist, und wenn wir darin das Tiefste von uns selbst (wieder-)erken1 nen, dann sa . Dieses Wiedererkennen wird dabei nicht als distanzierte Kenntnisnahme, sondern als Geschehnis einer Lebenserneuerung begriffen. In dieser Hinsicht können auch Fiktionen zu anthropologischen Offenbarungserlebnissen werden. Schillebeeckx weist des Weiteren darauf hin, dass diese Lebenserneuerung stiftenden Offenbarungserfahrungen im alltäglichmenschlichen, profanen Sprachgebrauch2 üblicher Weise noch in einen Interpretationsrahmen gestellt würden, der durch eine weltanschauliche Tradition vorgegeben wird. In unserem Falle bedeutet dies: Während die einen als Interpretationsrahmen etwa den Atheismus oder eine theistische Religion wählen, so ist es auch möglich, einen neomythischen Interpretationsrahmen zu wählen. Ideal, aber wie u.a. das Beispiel der CHURCH OF ALL WORLDS und der CHURCH OF SCIENTOLOGY zeigen wird nicht zwingend notwendig, ist es dann, wenn der Autor in den Prozess der Mythisierung seiner Fiktion einbezogen wird und dies sogar gern mitmacht. So wird aus dem Auto eine Stifterfigur. Dieser Prozess liegt in des Dekonstruktionismus wird konsequent jeder Kontext zugunsten des reinen Textes aufgelöst. Alles mögliche Wissen über Umstände und Bedingungen eines Textes wird selbst als ein anderer Text bedeutet, so daß Geschichte zur Literaturwissenschaft und zum Spiel immer neuer Intertextualität mutiert. Die zu verschaffen. Hinter dem Rücken der Dekonstruktionsagenten vollzieht sich Deutung von Texten unendlich frei ist, wird Geschichte ubiquitär verfügbar. Die Kehrseite des radikalen Konstruktivismus ist, paradox genug, ein neuer Substanzialismus, der es einzelnen Gruppen erlaubt, sich Geschichte auf ihre Akteure oder soziale Gruppen entwerfen sich eine eigene Vergangenheit, um sich in der Gegenwart als ein homogenes Handlungssubjekt mit starker Identi3 . Wir können damit im Hinblick auf unsere Interessenlage das Raster der Autor-Text-Leser-Interaktion noch einmal erweitern: __________ 1 2 3

Schillebeeckx, 1980, 84. Schillebeeckx, 1990, 45. Graf, 2004, 240.

§ 19 WISSENSCHAFTSTHEORIE UND RELATIVISMUS

AUTOR

TEXT

und konstruiert

FIKTIVE WELT

321

LESER nimmt diese fiktive Welt zur Kenntnis und rekonstruiert und baut sie aus und1 findet ein TEXTAUSBAUGEMEINSCHAFT

des

und entdeckt mit dieser die lebenserneuernde Kraft Textes und

bietet dem Autor dieses neue auktorielle Selbstbild an und es bildet sich eine NEOMYTHISCHE KULTGEMEINSCHAFT

Diesen Prozess einer sich durch die Leserinteraktionen weltanschaulich ausgestaltenden Rezeption wollen wir im Folgenden auf dem Hintergrund unserer Arbeitsbegriffe und unserer Darstellung des kulturellen Rahmens anhand neomythischer Fantasien zur Bedeutung der wissenschaftsfundierten Technik beobachten. Dazu betrachten wir zunächst die zeitgenössische Sciencefiction und befassen uns sodann mit daraus entspringenden neomythischen Kultgemeinschaften. Im dritten Band werden wir dann beobachten, wie auch Teile der scientific community zu einer religionsförmigen Textausbaugemeinschaft werden können.

__________ 1

Hier baue ich das bis eben rezipier

Sechster Hauptteil: Neomythen der wissenschaftsfundierten Technikkultur § 20 I.

Sciencefiction im religionsgeschichtlichen Kontext Was ist Sciencefiction?

Der Sciencefiction-Herausgeber und -Autor Donald Allen Wollheim (1914-1990) s Atombombe gezündet wurde, habe ich die verwirrende Überzeugung, dass wir in 1 einer Sciencefiction. Die Veraltungsgeschwindigkeit von Sozialformen und Technologien bringt es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit sich, dass eine neue Art von Literatur entsteht, die diesen rasanten Wandel meist eher unkritisch zu kompensieren, denn zu reflektieren sucht. Wenn wir nach dem Ursprung des Terminus Sciencefiction Ausschau halten, lesen wir als frühen Beleg etwa im NEW YORK HERALD vom 5. September 1835 über die neuartigen Themen, die Richard Adams Locke (1800-1871) mit seinen Ge zeption. Er ist verschnörkelt und sehr fantasievoll. Er kann als Erfinder einer völlig neuen Art von Literatur bezeichnet werden, die wir als scientific novel beunter dem Blickwinkel der Wissenschaft (light of science 2. Der Terminus Science Fiction wird zum ersten Mal 1851 von dem britischen A Little Earnest Book upon a Great 3 Old Subject verwendet. Er breitet sich aber erst seit dem Jahre 1929 aus, als Hugo Gernsback (1884-1967) ihn in der Juni-Nummer seines Magazins SCIENCE WONDER STORIES wieder verwendet. Vorher hatte Gernsback den Terminus scientifiction zur Charakterisierung des Inhalts seiner Zeitschrift AMAZING STORIES verwandt. Hugo Gernsback, auf den die Namensschöpfung in ihrer wirkungsgeschichtlichen Bedeutung zurückgeht, schreibt im editorial der ersten Nummer seines Sciencefiction-Magazins AMAZING STORIES:

__________ 1 2 3

Wollheim, 1971, 1 (Übersetzung L.H.). Gernsback, 1926, Zit. nach: Jehmlich, 1980, 17 (Kursivierung und Übersetzung L.H.). Wilson, 1851, 131-149.

324

NEOMYTHEN DER WISSENSCHAFTSFUNDIERTEN TECHNIKKULTUR

scientifiction verstehe ich den Jules Verne, H. G. Wells und Edgar Allan Poe entsprechenden Typ von Geschichte eine bezaubernde Erzählung ver1 . Ein ursprünglich ASTOUNDING STORIES OF SUPER-SCIENCE und später ASTOUNDING STORIES heißendes Konkurrenzblatt wird 1938 dann den Namen ASTOUNDING SCIENCE FICTION erhalten. -Geschichte in einer Zeitschrift ist ein schon vollständig vorhandener Roman, der in Abschnitte zerteilt und durch Zusammenfassungen ergänzt wird. Einige Überarbeitungen können notwendig sein, um am Ende der ersten Teile Spannungsbögen zu erzeugen, aber grundsätzlich ist die ganze Geschichte aus einem Guss. Es ist ein Buch, dessen Publikation vertraglich vereinbart ist; die Zeitschriftenpublikation soll nur eine größere Publicity und/ oder dem Autor einen zusätzlichen Verdienst einbringen. So etwas wie Romane in Sciencefiction-Form am Zeitungskiosk gab es bis ca. 1950 ständig in einer Ausgabe oder in kurzen Serien von Noveletten unter gemeinsamen Titel und Verfasserangabe mit gemeinsamen Charakteren und verschiedenen Subplots unter dem 2 .

John Wood Campbell (1910-1971), der Herausgeber von ASTOUNDING SCIENCE FICTION und später zu den Männern der ersten Stunde gehörender Dianetik-Anhänger3 science-fiction) ist, dass es möglich ist, kommende Erfindungen und Techniken und ihren Einfluss auf den Menschen, die Gesellschaft und die Blickwinkel der Zivilisation 4 (viewpoints of civilization . Mit diesen überindividuellen viewpoints of civilization erkennt Campbell die stark apokalyptische Dimension der Sciencefiction, der es oft um die Darstellung großer Epochenveränderungen und Zusammenbrüche von Zivilisationen auf globaler oder gar kosmischer Ebene geht. Der Sciencefiction-Autor Algys Budrys (1931-2008) charakterisiert diese Art von Roman in seinen Kolumnen über das Schreiben, die im Fanmagazin Locus erscheinen. Er sagt, Erzählliteratur erzähle immer eine Geschichte und es gebe sieben Merkmale, anhand derer ein Leser eine Geschichte erkennen könne.

__________ 1 2 3

4

Gernsback, 1926, Zit. nach: Jehmlich, 1980, 17 (Kursivierung und Übersetzung L.H.). Budrys, 1982, 65 (Übersetzung E.D.). Vgl. dazu die einschlägige FBI-Akte über die Gründer der Dianetics-Bewegung unter http://www.xenu.net/archive/FBI/fbi-93.html. Zit. nach: Bainbridge, 1986, 13 (Kursivierung und Übersetzung L.H.). An anderer Stelle terature, and, so long as it is sciencenovel tries to show the effect of experiences on the individual who is the central character. Science-fiction tries to explore the effect of experiences on the group-entity culture, race, or confederation of races which is, in fact, the central character. Note that this must be presented through individual eyes but while a man may be the viewpoint character, Man is the nbridge, 1986, 13).

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

a. b. c. d. e. f. g.

325

ein Protagonist mit einem Problem in einem Kontext, in dem seine Bemühungen, dieses Problem zu lösen, eine Folge von offenbarenden Niederlagen sind, die zum auslösenden Ereignis führen, welches eine Lösung, gefolgt von einer Belohnung unausweichlich macht1.

Ab ungefähr 1950 kennt man Sciencefiction-Literatur nicht nur als Heftchenliteratur, sondern auch als Paperbacks2. Lange Zeit später gilt allerdings noch die Lektüre von und auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sciencefiction als intellektuell anrüchig3. Erst seit dem Beginn der siebziger Jahre wird die akademische Beschäftigung mit Sciencefiction im deutschsprachigen Bereich ernsthaft, wenngleich in bescheidenem Ausmaße, betrieben. Dies rührt daher, dass Sciencefiction in hohem Maße eine Verbrauchsliteratur des Trivialsektors ist. Die herausragenden Beispiele von Hochliteratur, in denen technisch-wissenschaftliche Fantasien eine zentrale Bedeutung einnehmen, werden (so die übliche Verfahrensweise) entweder von den Verlagen nicht als Sciencefiction bezeichnet oder sie werden nicht vom Hochliteratur lesenden Publikum rezipie Zufallsprodukte der Einbildungskraft. Matt klingt durch alle ihre Heldentaten, gewöhnlich und kindisch wie sie gewöhnlich sind, ein Echo von etwas unvorstellbar Archaischem: den 4 . Nahezu unbearbeitet ist in der deutschsprachigen Literatur die Frage nach religiösen Themen in der Sciencefiction5. Wenn in der frühen deutschsprachigen Sciencefiction-Sekundärliteratur das Thema Religion auftaucht, findet es sich allzu oft in einem gönnerhaftoberflächlichen Jargon des studentenbewegten Daseins thematisiert. So geschieht dies etwa Science fiction mit religiösen Themen zunächst gar nicht gegeben. Es zeigt sich jedoch sehr schnell, daß die Mystifikation gesellschaftlicher Verhältnisse in der Science fiction häufig

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4

5

Budrys nach Roberts, 1990, 90. Vgl. dazu Alpers u.a. Bd. 1, 1980, 27 und Parrinder, 1980, 2. -1940s, P. Schuyler Miller contended that cultivated readers did not reject these neighboring forms of literature as quickly as they did science fiction: It is an anomaly of our scientific age that science fiction is less respectable in the eyes of literary critics and of the general reader than are tales of the frankly supernatural. A good argument could be made for the point of view that ghosts, witches, and the other denizens of nightmare are actually a very solid part of our cultural heritage, and that the average person has far more reason to beMcGlashan 1979, 217 (Übersetzung L.H.). Vgl. zu diesem Problemfeld auch Schechter, 1979. Erste Orientierung über den Themenbereich bieten die Lexikonartikel von Hauser, 1990, SF, Hauser, 2000, SF und Nicholls, 1979, 493-496. Ohne Tiefgang und roten Faden in der Argumentation zählt etwa Zett (1997, 245f) einige Sciencefiction-Werke mit religiösem Bezug auf. Wichtige allgemeine Überblicke sind von Fritsch/ Lindwedel/ Schärtl, 2003 und Rüster, 2007.

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NEOMYTHEN DER WISSENSCHAFTSFUNDIERTEN TECHNIKKULTUR

hältnissen, wie schon Karl Marx in seiner ,Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Ein1 . Ausnahmen bilden weiterhin Seibold2, Rüster und der Beitrag von Fritsch, Lindwedel und Schärtl. Im angelsächsischen Sprachraum steht die akademische Welt hingegen der Sciencefiction3 und ihrer religiösen Dimension aufgeschlossen gegenüber. Ein gutes Beispiel für den treffsicheren Zugriff eines angelsächsischen Autors zum ebenden Anderen in allen Mythen; und die Götter kommen meistens zu uns in der Form der andersartigen Anderen Kinder, Tiere, (Wahnsinnige, sofern wir diese als Randexistenzen einbeziehen) und als Fremde. Eine der am häufigsten gebrauchten Beinamen von Zeus war Xenios der Gott derjenigen, die als Frem n4 . Auf die heuristische Bedeutung der Sciencefiction n anderes philosophisches Thema bietet die Science-Fiction eine Fülle von Anschauungsmaterial für die gesamte verwickelte Gemengelage dieser Thematik. Ja, man kann durchaus behaupten, dass philosophische Literatur drauf angewiesen ist, Extremsituationen zu fingieren, um feinste Nuancen der Frage nach der Identität eines Gegenstandes durch die Veränderungen der Zeit herauszuarbeiten. In der ulicher Extremsituationen, wird die Anwendbarkeit bisheriger Begr getestet. Ohne solche fingierten und imaginierten Fälle wären wir vielleicht gar nicht in der Lage, Leistungsfähigkeit wie Anfälligkeit eines Identitätskonzepts zu ermessen. Und dieser Test geschieht nicht nur in aktuellen philosophischen Lehrbüchern zum Thema der Identität, in denen munter gebeamt, verdoppelt, gesplittet und fusioniert wird, sondern durchaus 5 .

Fragen wir nach diesem einleitenden historischen Blick auf die Sciencefiction nach einer Definition derselben. Ich beziehe mich in diesem zweiten Band nur auf __________ 1 2

Lück, 1977, 247.

irche und der altehrwürdigen Utopie-Tradition, sondern auch der Träume und Sehnsüchte der Menschen. Sie produziert Visionen anderer Welten aus den Illusionen der Menschen und evoziert mit ihren Visionen bei Menschen Illusionen. Zum Beispiel die Illusion von außerirdischen Manifestationen in unserer Wirklichkeit, die Illusion von Außerirdischen, die uns beobachten und überwachen, und die Illusion von fremden Raumschiffen, die über unserem Nachthimmel antastischer Mehrweltigkeit um2006, 94). Man könne

3

4 5

dann unterscheiden zwischen einer Mehrweltigkeit, irklichkeit betreffen, einer rock- und Neuscholastik auftaucht und einer offenen Mehrweltigkeit (Tomberg 2006, 94). Die Mehrweltigkeit des Phantastischen korrespondier fahrungen im Gefolge der jüdischIn den USA ist die Sciencefiction auch als philosophiedidaktisches Instrument entdeckt worden. hilosophy not only to consider an alternative but to experience it in an entertaining form. (Miller jr./ Smith, 1982, 12f). Fritsch, 2004, 25.

so Tomberg

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

327

die Sciencefiction- und nicht auf die Fantasyliteratur, weil ein wesentlicher Gesichtspunkt für mich die Herausarbeitung der Bedeutung der wissenschaftsfundierten Technik für die moderne Religiosität ist. Christian Kölzer hat meinen neomythischen Ansatz an zwei exemplarischen Fantasyautoren, John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973) und Philip Pullman (*1946) mit erfreulich fruchtbaren Ergebnissen erprobt1. Aus der Fülle der oftmals begriffslogisch unzureichenden2 Beschreibungen3 will ich hier vier Bestimmungen anführen. 4 schen Fantasie im technischen Zeitalter . Rüster bestimmt Science Fiction als Form, die, mit genreimmanenten Mitteln der Verfremdung arbeitend, kritischen 5 . Der Sciencefiction-Autor Brian Wilson Aldiss (*1925), der auch ein monumentales Werk zur Geschichte der Sciencefiction verfasst, definiert Sciencefiction rsum, die vor unserem fortgeschrittenen, aber verunsicherten Stand des Wissens bestehen kann, und sie ist im allgemeinen in einer romantischen oder postromanti6 e . Der Autor und Physiker Herbert Werner Franke (*1927) schreibt über das zentrale Merkmal der Sciencefic mit der Zukunft. Aber es gibt auch Zukunftsromane, die keine Science Fiction sind. Und es gibt auch Science Fiction, die in der Gegenwart oder in der Vergangenheit spielt. Wesentlich scheint zu sein, daß die Science-Fiction-Autoren sich nicht davor scheuen, technische Entwicklungen in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen. Es dürfte kein Zweifel daran bestehen, daß unsere Welt von Mor__________ 1 2

Kölzer, 2008. Manchmal sind solche Definitionen bergriffslogisch abstrus weit, wie etwa die von Darko Su der Prosadichtung auffassen, die durch den hegemonischen literarischen Kunstgriff einer Lokalisierung und/oder dramatis personae bestimmt wird, die sich 1. Radikal oder zumindest a

3

4 5 6

, aber 2. Nichtsdestotrotz

soweit sich die

Bestätigung, unterscheidet gleichzeitig im Rahmen der kosmologischen und anthropologischen Erkenntnisnormen des Zeitalters des Autors nicht für unmöglich nce Fiction signalisiert dieser Gattungsbegriff zweifelsfrei eine Textkategorie mit bestimmten Inhalten und Darstellungsweisen. Er verbindet damit scheinbar festgefügte und klar umrissene Vorstellungen, wenn er die Zukunft als die für diese Gattung charakteristische Handlungszeit, den Weltraum als den bevorzugten Handlungsort und die Auseinandersetzung mit außerirdischen Wesen als beliebten Handlungsgegenstand bezeichnet. Diesem klaren Selbstverständnis auf Seiten des Lesers steht eine nun schon seit mehr als Barmeyer, 1972, 7-23, 7. Rüster, 2007, 33. Aldiss, 1987, 30.

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gen noch mehr als die Gegenwart von der Technik geprägt sein wird. Fachleute stimmen darin überein, daß diese Technik nicht wie heute vor allem physikalisch und chemisch ausgerichtet sein wird; vielmehr wird man es in einem heute noch unvorstellbaren Maße mit biotechnischen, psychotechnischen und soziotechnischen Prozessen zu tun haben. Die Konzentration auf technisches Geschehen wird von der Kritik oft negativ vermerkt und als Gegenargument verwendet so, als ginge ein Text, der sich mit 1 technischen Entwicklungen beschäftigt, den Mensc . Wir wollen Sciencefiction für unseren nicht primär durch die literaturwissenschaftliche Perspektive geprägten Kontext folgendermaßen bestimmen. Sciencefiction beschäftigt sich mit der narrativen Darstellung der Herkunft und den der Auswirkungen wirklicher und möglicher Errungenschaften der wissenschaftsfundierten Technik auf den Menschen2. Es sollen nun die neomythischen Fantasien besonders anhand der angelsächsischen Sciencefiction nach dem Zweiten Weltkrieg unter den vier schon im ersten Band exponierten Gesichtspunkten der Stellungnahme zu den neuzeitlichen metaphysischen Orientierungsaufgaben im Kontext neomythischer Denkfiguren betrachtet werden3. Wir werden danach fragen, wie die Unübersichtlichkeit und schiere Unendlichkeit des kosmischen Raumes (kopernikanische Orientierungsaufgabe), die tierische Herkunft des Menschen in der Zeit (darwinische Orientierungsaufgabe), die __________ 1 2

3

Franke, 1972, 106.

charakterisiert die Sciencefiction vom Unterschied zur traditionellen Mythologie her. iencefiction stories and myths may sometimes appear to be about the same archetypal human problems; but science-fiction stories do not ask the same questions about these problems that myths ask, nor do they ask them in the same words. In science fiction, we may recognize certain mythical archetypes, such as the god in disguise, the invasion from outer space (heaven), doomsday, the war between good and evil; and much of the best science fiction deals with great cosmic and ethical questions, and even resorts to a transcendent element at times. But the manifestation is inevitably colored by science, the new ingredient in this new genre, and it may be argued that scientific strictures cannot support the heavy load of reli-Erzählliteratur steht die Science Fiction ihrem Wesen nach der Mythologie nahe. Sie erweitert ihr Gesichtsfeld über die Perspektive des Einzelmenschen hinaus und erschließt, nicht selten sogar buchstäblich, kosmische Dimensionen. Mit der ihr eigenen Naivität, die neben den meist mehr ins Auge fallenden Schwächen zweifellos auch in mancher Hinsicht besondere Vorzüge bietet, kann sie es unternehmen, ähnlich dem klassischen Mythos archetypische Gegebenheiten der Welt und des menschlichen Daseins in bildctions, inward toward the mind and its creative products, outward toward unknown reality, the still unexplored universe. Thus SF mythopoesis succeeds in wedding the analytical/critical mode of thought usually associated with science to the mystical/visionary, which is an intensive and synthetic

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

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Abgründigkeit des menschlichen Geistes (freudianische Orientierungsaufgabe) und die mögliche Konkurrenz des Menschen mit Androiden (androidische Orientierungsaufgabe) durch die Sciencefiction bearbeitet werden und wie Sciencefiction zu oft neomythischen Lösungen führt. Um allerdings die moderne Sciencefiction in die ihr gemäße religions- und metapherngeschichtliche Perspektive zu rücken, müssen wir zuvor einen Blick auf die menschheitsgeschichtliche Tradition der Jenseitsreise-Bilder werfen. Dies wollen wir anhand antiker Grundmuster und mit einem abschließenden Blick auf die großen Schriftsteller der Moderne tun.

II.

Der religionsgeschichtliche Kontext der Sciencefiction: Jenseitsreisen

1.

Jenseitsreise und Entrückung

Die radikale Endlichkeit des Menschen ruft die Frage nach deren realer Überwindung wach. Diese Frage kann sich bebildern. Der Glaube an die Unmöglichkeit einer solchen Überwindung oder der Glaube an deren Realität kann sich selbst nicht allein auf diskursivem Wege deutlich werden. Er muss einen anschaulichen Charakter erhalten. Deshalb gibt es eine Fülle von Bildern, in denen Menschen diesen Problemkomplex anschaulich machen. Eines dieser Bilder kann das der Jenseitsreise sein, das sich in vielen Kulturen findet1. Die moderne Sciencefiction ist ohne diesen Metaphernbereich der Jenseitsreise nicht verständlich. Deshalb soll hier zunächst über Jenseitsreisen und dabei speziell über Himmelsreisen gesprochen werden. Um Himmelsreisen zu charakterisieren, ist es sinnvoll, diese zunächst von Entrückungen zu unterscheiden2. Dies ist in drei Punkten möglich. Das Subjekt der Himmelsreise ist (erstens) in der griechischen und römischen Antike die menschliche Seele. In der jüdischen Antike ist es der leibhaftige Mensch mit Leib und Seele. Nach der Himmelsreise kommt der Mensch wieder auf die Erde zurück. Das Subjekt der Entrückung wird hingegen entweder lebendig oder tot endgültig von der Erde fortgenommen. Das Interesse an einer Himmelsreise-Erzählung liegt (zweitens) auf dem Vorgang der Reise und auf dem Reiseziel, an dem der Reisende etwas erfährt, das er nur in diesen himmlischen Sphären erfahren kann. Das Interesse an einer Entrückung bezieht sich auf den Gesichtspunkt, dass der Entrückte durch Götter/ Gott aus der Menschenwelt genommen und zu den Göttern/ zu Gott gebracht wurde. __________ 1

2

Vgl. dazu Bousset, 1960; Lohfink, 1971; Wissmann/ Betz, 1982; Hauser, 1994; Collins/ Fishbane, 1995, Heininger, 1996 und Hauser, 2006, Jenseitsreisen. Lohfink, 1971, 32-41.51-53.

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NEOMYTHEN DER WISSENSCHAFTSFUNDIERTEN TECHNIKKULTUR

Die Erzählperspektive der Himmelsreiseerzählung ist (drittens) die des Reisenden selbst, da es keine anderen irdischen Zeugen geben kann. Aus irdischer Perspektive wird hingegen das Verschwinden des Entrückten konstatiert und durch die Angabe des Schauplatzes der Entrückung und durch die Aufzählung von Zeugen glaubwürdig gemacht. Weiterführend kann man sagen, dass Himmelsreisen literarisch ausgestaltete Erlebnisse des übergreifenden Blicks auf die kosmische Ordnung bzw. auf ihre Un-Ordnung sind und damit auch auf die religiöse Fragestellung der Aufhebung des endlichen Daseins des Menschen verweisen. Himmelsreisen sind Ordnungsbemühungen in der Form der Anschauung. Sie können auch rein literarische Darstellungsmittel sein. Ein derartiges Bild der kosmischen Ordnung kann aber besonders beeindrucken, wenn es so erfahren wird, als habe es in den Menschen Raum gewonnen, ohne durch eigene bildnerische Tätigkeit angestoßen worden zu sein. Himmelsreise-Erzählungen spiegeln auf diese Weise den Geist ihrer Zeit wider und werden zum Medium, in dem sich Weltanschauungen gestalten können. Sie sind damit ein Element, das zur kulturellen Inkubationszeit von Mentalitäten gehört. So darf vom Träumenden und seinen Zuhörern ein nächtlicher Traum, in dem sich die tieferen Bildwelten eines Menschen und vielleicht einer ganzen Kultur erschließen, als durch Außen, als durch die Götter, durch Gott (oder einen Engel) oder in der Moderne durch UFO-Wesen, durch das archetypische Wesen des Menschen oder die Erdmutter Gaia gesandt ausgelegt werden. Dabei kann man auch durch Ekstasetechniken sein Wachbewusstsein mit solchen Bildern aus den Tiefenschichten des Menschlichen füllen. Wenden wir uns nach diesem Vorblick der Himmelsreise-Metaphorik im Ausgang von einer philosophischen Bestimmung des Ekstasebegriffes zu.

2.

Die Vernunft der Ekstase: Erkenntnistheoretische Grundlagen eines Ekstasebegriffes

Wenn wir auf unsere Lebensvollzüge philosophisch reflektieren, so stoßen wir auf eine Voraussetzung, die jeder ichhafte erkennende Selbstvollzug zumindest unthematisch macht. Es ist die Voraussetzun ion. könnte es keine Gegenstandbezüglichkeit seines Erkennens behaupten. In jedem e eser oder jener Gedanke oder gar alle

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

331

Auf der anderen Seite ist das Subjekt aber auch die Erkenntnisrelation 1 . Es ist sich seiner Gegenstandsbezüglichkeit bewusst. Das Subjekt weiß nicht nur etwas, sondern es weiß auch, dass es etwas weiß. Nur in dieser aufgespannten Erkenntnisrelation ist Subjektivität denkbar. So ist das Subjekt in seiner Beziehung zum Gegenstand seines Erkennens, zum Objekt in einer Situation, es ist dort als situatives Subjekt und es ist ineins der Ort, an dem diese Situation als Situation bewusst ist, es ist also auch als übergreifendes ü Die Erkenntnisrelation hat damit philosophisch betrachtet drei Momente. Das übergreifende Ich, das situative Ich und das Objekt. Alle drei Begriffe sind dabei nur Momente der Reflexion auf den Lebensvollzug des konkreten Subjekts und nicht etwa getrennt sichtbare Gegenständlichkeiten. Sie , rekonstruierende Wendung des Denkens2 oder wirklich in einer symbolischen Darstellung, etwa in der Form einer Ektasebehauptung 3 bzw. Ekstaseerzählung. Sie sind nicht direkt erlebbar. Die Schilderung einer Ekstase darf philosophisch betrachtet nicht einfach als empirische Beschreibung, nicht als simultane Reportage eines aktuellen AußerSich-Seins verstanden werden. Der Außer-Sich-Seiende ist ja nicht bei sich, um simultan zu schildern, was er im Außer-Sich-Sein erlebt, auch wenn wie ethnologische Forschungen belegen4 dieses Außer-Sich-Sein noch ,Seiten den alltäglichen Lebensbereich erlaubt. Eine Ekstase-Erzählung ist somit eine Reflexion auf ein Erlebnis, das erst nachträglich und normalerweise einem Konsens der Gemeinschaft gemäß als ,eksta literarisch bearbeitet wird. Ein Verständnis von Ekstase als Deutung eines Erlebnisses kann dabei an zwei Punkten ansetzen. Zum einen kann man eine vollendete Hingabe an den Gegenstand des Erkennens vertreten, wobei man Erkennen hier nicht kognitivistisch enggeführt verstehen darf, sondern als jede Art von Bezug auf die Wirklichkeit, der man sich zuwendet. Dabei wird das situative Subjekt als zum Objekt geworden erfahren und die Selbstbewusstheit, das Übergreifen des Subjekts, wird als nicht anwesend behauptet. Selbstverständlich handelt es sich hier um einen Grenzbegriff zur Deutung dieses Erlebens, von dem nur Annäherungen realisiert werden. Es bleibt ein Fenster für alltägliche Wahrnehmungen offen. __________ 1 2 3 4

Hegel, 8/373. Vgl. dazu Schrödter, 1979, 24 und Hauser, 1983, 17-21. Vgl. dazu Wissmann, 1982. Ich beziehe mich hier auf einen Diskussionsbeitrag von Herrn PD Bruno Illius während einer Tagung in Basel (1995) über Formen der Ekstase. Vgl. weiter Sharma, 1987 und Heiler, 1961, 554f.

332

NEOMYTHEN DER WISSENSCHAFTSFUNDIERTEN TECHNIKKULTUR

Zum anderen kann aber auch eine gleichsam von jeder Situiertheit entschränkte Beziehung zum Gegenstand postuliert werden. Dann hat das Ich alles Erkennbare überhaupt zur Verfügung, weil es nicht mehr in singulären Gegenstandsbezügen lichen konkreten Erkenntnissituation und damit als ,auf einem absoluten StandAnschauung eines intellectus archetypus. In einer konkreten Ekstasesituation können sich dabei beide Erlebnisse miteinander verbinden. Das Subjekt erlebt sich als gegeben. Auch kann eine Himmelsreise den Blick zugleich in die Gefangenschaft hten. Im Extremfall kann man dieses Erlebnis als Symbol des intellectus archetypus deuten. punkten. Das Subjekt begibt sich metaphorisch gewendet es in diesem ekstatischen Erlebnis und der literarisch aufgearbeiteten (reflektierten) Erfahrung dieses Erlebnisses die Spannung zwischen seiner endlichen Binnenperspektive und dem Anspruch eines absoluten Objektivitätsbemühens, mit dem Auge der Götter/ bzw. Gottes zu schauen. Dieses Bild wollen wir ansatzweise von seiner geschichtlichen Logik her entfalten, um die Faszination der Sciencefiction für das religionsförmig interessierte moderne Bewusstsein zu erschließen und zugleich einen weiteren Zugriff zum Neomythischen zu gewinnen.

3.

Zur Metapherngeschichte der Jenseitsreise

a.

Ekstatische Himmelsreisen als Konstitution von Hoffnung: frühjüdische Apokalyptik im hellenistisch-römischen Kontext

Um das abendländische apokalyptische Jenseitsreisemotiv ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. zu verstehen, müssen wir kurz auf den allgemeinen Kontext der hellenistischen Kultur1 und auf ekstatische Himmelsreisen in den Mysterienkulten und sodann auf die spezifisch jüdische Situation eingehen. Als Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (ca. 228-160 v.Chr.) 168 v.Chr. das Makedonische Reich zerstört, erlöschen die Nachfolgemächte Alexanders des Großen (356-323 v.Chr.) und die griechische Vormachtstellung geht unter. Rom beginnt sich als Erbe des Alexanderreiches zu betrachten2. Octavianus Augustus (63 v. 14 n.Chr.) institutionalisiert das Kaisertum als principat. Zeitgleich mit Augustus schreibt Publius Vergilius Maro (70-90 v.Chr.) die Aeneis (zw. 29-19 __________ 1

2

Ich beziehe mich hier vor allem auf Stockmeier (in: ANRW II, 23,2, 871-909), Gigon, 1969, Dahlheim, 1994 und Hasenfratz, 2004. Vgl. dazu Rawson, 1985.

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

333

v.Chr.), in der er dem Aeneas die Aufgabe ein grenzenloses Imperium zu gestalten (imperium sine fine1) zuteilt. Roms Siege scheinen einem göttlichen Willen zu entsprechen Rom solle zur lux orbis terrarum werden. Wer unter der durch diese Siege errichteten pax romana steht, bekundet seine Loyalität, indem er vor den Standbildern der Staatsgottheiten und später auch vor dem Genius des Herrschers das Sublikationsopfer verrichtet. Diese Art der Religion, die sich im ganzen Reich ausbreitet, ist zunächst vom Kaisertum unabhängig. Mit Augustus entwickelt sie sich zu einer Loyalitätsreligion, deren Kult in der späteren Kaiserzeit unter dem Einfluss orientalischer Herrscherideologie im Herrscher- und im Kaiserkult zugespitzt wird. Frieden und wirtschaftlicher Aufschwung scheinen gesichert, die alte Religion wird um ihrer staatserhaltenden Rolle willen gefördert2. Trotzdem stellt sich die weltanschauliche Situation im Zeitalter des Prinzipats ambivalent dar, was die Problematik einer Vermittlung von Erlebnis und Reflexion in religiösen Erfahrungen betrifft. Sie gleicht unserer nachchristlichen, postmodernen Situation. Der Staatskult, bzw. der Kult für die Staatsgötter bekundet die Loyalität gegenüber dem Imperium, seinen Einrichtungen und Repräsentanten. Er vermittelt aber für die wenigsten noch religiöses Erleben in dem Sinne, dass der Einzelne darin eine Deutung seines Lebens und der Welt empfängt 3. Die Gebildeten der hellenistischen Kultur goutieren eher ästhetizistisch die alten Göttervorstellungen, deren Namen und Funktionen in gelehrten Kompendien gesammelt werden, glauben aber an eine abstrakte Weltvernunft und bewegen sich in rituell und magisch ausgerichteten Mysterienzirkeln, in denen sie sich mirakusität besteht aus Magie und Ritus, ohne von einer Theologie getragen zu sein. ösen. Am römischen Astrologie. Feinsinnige Damenkränzchen am Hof gerieren sich spirituell interessiert; und ihre vornehmste Repräsentantin Iulia Domna (gest. 217), Gattin von Kaiser Septimius Se4 .

Die meist unverbunden nebeneinanderstehenden Bereiche, einerseits Gelehrsamkeit und mirakulöser Mystizismus und andererseits die Orientierung an populären __________ 1 2

Aeneis, I, 278f. religiöses Vakuum, sondern ein reichhaltiges Angebot an Kulten, Riten und Frömmigkeits-

3

4

n Worten: Religion in ihrer ritualisierten Äußerlichkeit und politischen InanHasenfratz, 2004, 54f.

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Formen von Magie und Kult, resultieren aus dem antiken Synkretismus, der durch die seit Alexander gegebene große Mobilität im Mittelmeerraum zustande kommt. Immer mehr Religionen und Kulte werden bekannt und damit der Möglichkeitshorizont von wählbarer Religiosität unübersehbar ausgeweitet. Auch hier herrscht erungsprobleme entstehen, aus denen d

1

ist, dass er sich als

erlebt. Deshalb äußert sich in dieser unübersichtlichen Situation die Sehnsucht nach esucht. Seit dem 1. Jhd. v. Chr., also mit dem Beginn der römischen Kaiserzeit, bricht 2

ffen, weil eigene Originalität verloren gegangen ist. Kommentare zu den Klassikern entstehen (Edition des Aristoteles im 1. Jhd. v. Chr.) und Diskussionen 3

findet sich ein verehrungssüchtiges Aufspüren ältester Weisheit (pythagoräische Schriften, hermetische Literatur, Astrologie des Orients). Zauberei und orientalische Kulte werden von den Gebildeten erprobt (Theurgie). Für die sprachliche Welt entdeckt man das unverständlich gewordene Gebilde der Hieroglyphen. denen sahen, die nicht einmal richtig artikuliert sprechen konnten, ist es nun gerade das vermeintliche Gestammel der Fremden, das zur heiligen Sprache voller 4 Verheißungen und verschwiegener Offenba . So ist es kein Wunder, wenn Himmelsreisen Interesse wecken. In der sogenannten Mithrasliturgie, im Kontext des sich ab dem ersten nachchristlichen Jahrhundert entsprechenden Mysterienkultes, findet sich folgende Instruktion für den in die Ekstase einer Himmelsreise ge ziehend, so stark du kannst, und du wirst dich sehen aufgehoben und hinüberschreitend zur nes Tages und jener Stunde die göttliche Ordnung, die tagbeherrschenden Götter hinaufgehen zum Himmel und die andern herabgehen; und der Weg der sichtbaren Götter wird durch die nd gegen dich heranrücken. Du lege sogleich den Zeigefinger auf den Mund und sprich ,Schweigen! wirst du sehen, wie die Götter gnädig auf dich sehen und nicht mehr gegen dich 5 heranrücken, sondern an die Stelle ihrer Tätig .

__________ 1 2 3 4 5

Hasenfratz, 2004, 84. Hasenfratz, 2004, 84. Beyschlag, 1982, 101. Eco, 1994, 27. Zit. nach Lohfink, 1971, 33.

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

335

Am Ziel der Reise erwartet den Mysten das Folgende: die innerhalb der Türen ist, so daß von der Lust und Freude des Anblicks dein Geist mitge1 rissen wird und in die Hö . Und Apuleius (um 125 nach 170 n. Chr.) spricht vage von dem, was die Isismysten in ihrer Ekstase erwartet: durch alle Elemente zurück; um Mitternacht sah ich die Sonne in weißem Lichte flimmern, trat zu den Totengöttern und Himmelsgöttern von Angesicht zu Angesicht und betete sie ganz aus 2 .

In breiten Volksschichten ist im Mittelmeerraum schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. ein Interesse an ekstatischen, visionären Erlebnissen als Medium direkter . Ohne visionäre Begabung wollte man wenigstens durch die Lektüre bzw. Erzählung entsprechender geheimer Offenbarungsschriften an diesem höheren Wissen Anteil erhalten. In diesem kulturgeschichtlichen Kontext hat auch die frühjüdische Apokalyptik ihren Ort. Die Spur Gottes zu finden in schier aussichtsloser Zeit, ist die Aufgabe der frühjüdischen Apokalyptiker4. In den Mythen und der Staatsräson der hellenistischen Großreiche taucht für die gläubigen Juden die blasphemische Möglichkeit auf, das Lebensgesetz Gottes durch das Gesetz dieser mächtigen, kulturimperialistischen Reiche zu tauschen. Gottes Wirken wird radikal fragwürdig und er wird zu einem fernen Gott, der Mittlerfiguren, Engel, einsetzt, um sich der Welt mitzuteilen, die im Bann von gefallenen Engeln und anderen Dämonen zu stehen scheint. Als der syrische Seleukidenkönig Antiochus IV. Epiphanes ( 163 v.Chr.) 167 im Jerusalemer Tempel, dem Ort des bilderlosen Gottes, einen fremden Kult einrichtet, dabei eine Götzenstatue aufstellt und die jüdischen Riten hinsichtlich ihrer staatsgesetzlichen Verankerung annullieren lässt, wird für manche Juden Israel global in Frage gestellt. Die Beschneidung wird etwa als Ausdruck des Protestes gegen die hellenistische Staatsordnung verboten. Gesetzestreue Juden sehen durch diesen unheilvollen Gräuel5 das Ende der jüdischen Kultur und damit das der Welt gekommen apokalyptisches Denken entsteht in jüdischen Kreisen. 3

__________ 1

2 3 4

5

Zit. nach Lohfink, 1971, 33. Vgl. dazu Betz, 2001 und zum Verhältnis dieses Textes zum sich seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert entwickelten Mithraskult: Klauck, 1995, 123. Apuleius, Metamorphosen XI, 23,7, auf diese Stelle weist Lohfink, 1971, 33 hin. Hengel, 1969, 382. Vgl. dazu aus der breiten Literatur einführend Dormeyer/ Hauser, 1990; Hahn, 1998; Oegema, 2001 und weiterführend Oegema, 1999; Collins, 1979 und Hauser, 2006. Dan 11,31.

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Die Bilder, in denen sich die apokalyptischen Schriftsteller ihre Not vom Herzen schreiben, sind oft mitreißend und können über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg die Fantasie beschäftigen. Dieser mitreißende Charakter kommt zustande, weil Apokalyptiker Träume der Nacht und ekstatische Visionen des Tages zugrundelegen und dann systematisch literarisch auf dem Hintergrund der jahwegläubigen Deutungsgemeinschaft ausarbeiten. Ein geläufiges Darstellungsmittel ist dabei das Medium der Reise in die himmlischen Sphären, die unsere Welt begründen und ihr Ordnung geben. Der Apokalyptiker sieht in Visionen und Traumbildern Anfang und Ende der Welt während einer Reise durch den Raum und durch die Zeit (Anfang und Ende der Geschichte/ Ordnung der kosmischen Gesetze) 1. Er sieht aus dieser Perspektive die alle Katastrophen dieser vergänglichen Welt übergreifende ewige Ordnung im Bereich der Naturgesetze und Geschichtsabläufe und bekommt diese mittels eines Deuteengels erklärt2. Ebenso erfährt er den Grund für die jetzige chaotische und menschlichem Tun ausweglos erscheinende Situation. Die alttestamentliche mythische Gestalt Henoch reist deshalb mit ihrem Deuteengel Michael im äthiopischen Henochbuch (ab 170 v.Chr.) durch alle natürlifung. Im jüngsten ungefähr zur Zeitenwende geschriebenen Teil dieser Schrift heißt es: wie Hyazinth. Und ich fiel auf mein Angesicht vor dem Herrn der Geister. Und der Engel Michael, einer von den Erzengeln, faßte mich bei meiner rechten Hand, und er hob mich auf und führte mich hin zu allen Geheimnissen, und er zeigte mir alle Geheimnisse der Barmherzigkeit, und er zeigte mir alle Geheimnisse der Gerechtigkeit. Und er zeigte mir alle Geheimnisse der Enden des Himmels und alle Kammern der Sterne und alle Lichter, von wo sie ausgehen vor das Angesicht der 3 . der Apokalyptiker auch den Beginn der Geschichte, das Paradies, den Sündenfall, den Aufstieg und Fall der großen Weltreiche und endlich das Ende als Katastrophe und das Heilwerden des Kosmos. __________ 1 2

3

Vgl. zum breiten Rahmen Collins, 1995; Heininger, 1996 Gruenwald (1980,7f) weist auf einen Strang jüdischer Theologie hin, der sich u.a. im IjobBuch zeigt. Gott weist Ijobs Kompetenz, gegen ihn zu argumentieren zurück, indem er ihm nachweist, dass er Gottes Weisheit in der Natur nicht versteht (vgl. dazu Ijob 38,4ff.15ff. 22ff.31ff; 39,1ff; 40,15ff.25ff; 41,5ff). Diese Skepsis gegenüber dem, was ein Mensch selbst sich erarbeiten kann, führt zu der apokalyptischen Sichtweise. Wenn Gott den eigenen Schöpfungsplan gegenüber dem apokalyptischen Visionär bzw. dem apokalyptischen Gläubigen enthüllen wolle, dann gebe er auch Auskunft über die Geheimnisse der Natur. ÄthHen LXXI, 1-4.

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

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Nachdem der Schrecken dieses Äons vor Augen geführt ist, weist der Apokalyptiker darauf hin, dass Gott die gesamte Weltordnung in seiner Hand habe. Er habe alles von Anfang an geordnet und wer zu den gesetzestreuen Menschen, den Gericht, zu denen zählen, die ewig und glücklich lebten. Auf diese Weise dient die Himmelsreise innerweltlich der Neukonstitution von Hoffnung in scheinbar hoffnungsloser Zeit. Wir lesen etwa in der neutestamentlichen Apokalypse des Johannes, die im Kontext der radikalen Infragestellung der Christen durch ein gefordertes Loyalitätsopfer für Rom oder für Kaiser Domitian (51mich in der Verzückung auf einen hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen ge1 schrieben: die Namen der zwölf Stämme der Söhne Is .

Endzeitliche Richterfiguren (Menschensohn, Dan 7,13f2) vermitteln in diesen Visionen durch ihre Mitwirkung bei einem Endgericht im Namen Gottes die neue Ordnung des neuen Paradieses an die in Gute und Böse geschiedene Menschheit. Auch diese Richterfiguren legen eine Himmelsreise zurück und gelangen auf dem Standpunkt der Himmlischen und mit der entsprechenden richterlichen Legitimation auf die Erde. Der klassische Beleg stammt aus dem Buch Daniel immer noch in der Beschauung der nächtlichen Gesichte, da kam auf den Wolken des Himmels eine Gestalt wie ein Menschensohn; er gelangte zu dem Hochbetagten (Gott, L.H.) und wurde vor diesen geführt. Ihm wurde nun Macht und Herrlichkeit und die Königsherrschaft gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen sollten ihm dienen. Seine Herrschaft sollte eine ewige Herrschaft sein, die nie ver3 gehen wird, und sein Königtum sollte nie . __________ 1 2 3

Apk 21,9-12. Vgl. dazu Dormeyer/ Hauser, 1990 und Vögtle, 1997. Dan 7,13f vgl. auch 4 Esra 13,1-13. Im Blick auf den Vergleich mit anderen Kulturen ist von diesen Träumen und Visionen zu sagen, dass es kaum Hinweise darauf gibt, wie diese ekstatischen Initialerlebnisse zustande kommen. Manche dieser Bilder sind wohl im Zusammenhang mit Fasten und Schlafentzug aufgetreten. Eine auf Halluzinogene hinweisende Stelle könnte sich vielleicht in 4 Esra 14,38-41 (abgefasst zwischen 81-96 n.Chr., vgl. dazu Hengel, 1969, zu also: siehe, ein voller Kelch ward mir gebracht; der war gefüllt wie von Wasser, dessen Farbe aber dem Feuer gleich war. Den nahm ich und trank; und als ich getrunken, entströmte meinem Herzen Einsicht, meine Brust schwoll von Weisheit, meine Seele bewahrte die Erinnerung. von Halluzinogenen stellt diese Stelle aber nicht dar.

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NEOMYTHEN DER WISSENSCHAFTSFUNDIERTEN TECHNIKKULTUR

Jenseitsreisen der Moderne

Wir haben im ersten Band (§7) festgestellt, dass der Überschritt vom spätmittelalterlichen theologischen Bedenken des Subjekts in seinen Erkenntnisschranken und seiner biblischen Verankerung zur neuzeitlichen Perspektive durch Erfahrungen der eigenen Ohnmacht und der eigenen Größe hervorgerufen wird. Die epochale Verschiebung der Verstehenshorizonte vom Mittelalter zur Neuzeit, deren technologische Auszeitigung wir heute miterleben, wird durch zahlreiche Schockerlebnisse und durch Erlebnisse herausragender menschlicher Leistungen bewirkt. Im Zeitraum zwischen dem 15. Jahrhundert und der heutigen Zeit verwandelt sich der (absolute) Blick mit dem Auge Gottes, den der Himmelsreisende der Antike und des Mittelalters erlebt, in einen anderen Blick. Nikolaus Cusanus (1401-1464) schreibt in de visione dei (Von Gottes Sehen) ganz im Sinne eines intellectus-archetypusschränktheit freie und unbedingte Blick (Gottes, L.H.) aber umfaßt zugleich und mit einem Male die Gesamtheit aller hne dies von allem gelöste, unbedingte Sehen kann es kein erscheinungsgebundenes und bedingtes (Sehen, 1 L.H.) ge . Wenn in der Moderne aufgrund der oben beschriebenen neuzeitlichen Umuens leer bleibt, wird aus der visio dei 2 . Was macht dann aber der kosmische Ordnungen suchende Himmelsreisende? Wer sich dann auf die Suche nach der Adlerperspektive begibt, übersieht den Schatten, den sein Adlerflug auf der Erde wirft. Peter Schlemihl hat in Adelbert von Chamissos (1781-1838) 1813 veröffentlichter Erzählung Peter Schlemihls wundersame Geschichte seinen Schatten verkauft. Alle Menschen wenden sich von dem Schattenlosen ab. Am Ende entdeckt Peter Schlemihl, als letzte Lebensmöglichkeit, Siebenmeilenstiefel für die ganz große Reise. einher. Wunderbar veränderliche Länder, Fluren, Auen, Gebirge, Steppen, Sandwüsten entrollten sich vor meinem staunenden Blick; es war kein Zweifel, ich hatte Siebenmeilenstiefel an den Füßen. Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß Tränen des Dankes denn klar stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von menschlicher Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das 3 Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissen . 4 So ergibt sich seine neue Existenz i . __________ 1 2 3 4

Cues, 1944, 58. Jung, 1994, 60. Chamisso, 1980, 71. Chamisso, 1980, 74.

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Peter Schlemihl der in seiner Isolation dem im ersten Band erwähnten Kapitän Nemo aus Jules Vernes (1828-1905) Roman 20000 Meilen unter dem Meer gleicht versucht noch, den Bezug zu einer organismisch gedachten, holistischen Blick zugänglichen Natur zu erhalten. Er kann dies aber nicht in der Gemeinschaft, sondern nur in nostalgischer Haltung als privatisierender Gelehrter. Das wissenschaftliche Grundgefühl des 19. Jahrhunderts ist ein anderes. Es neigt sich dem Spezialisten zu. Zu eindrucksvoll sind die Erfolge der wissenschaftlichen Technik bereits am Anfang des Jahrhunderts. Literarisch vollendet hat Jean Paul (eigentl.: Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825) dieses Thema der Himmelsreise des naturwissenschaftlich entzauberten Blicks auf die Welt 1796 aufgegriffen und bewusst kritisch gewendet. Er greift dabei direkt die oben zitierte Passage Dan 7,13f auf, in der der antike Visionär den Menschensohn mit den Wolken des Himmels herabkommen lässt. Aber Jean Paul biegt dieses Bild aus dem alttestamentlichen Daniel-Buch um. Die Weltperspektive dieses Christus ist so trostlos, wie die Perspektive der 1 phischen Atheisten und sich selbst heftig zu rühren und zu erschüt . 2 Zunächst beginnt seine Vision wie eine traditionelle Erzählung des Jüngsten Gerichtes. entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesa

a-

Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des HerJetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar her Nun müsste nach dem traditionellen christlichen Szenario Jesus Christus Gericht über die Auferweckten und über die Lebenden halten und sie zu Gott bzw. in die Hölle schicken. Da ändert Jean Paul die Blickrichtung. Der ganze Leib jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt. Christus fuhr fort: ,Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstr Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an, und die Ewigkeit lag auf __________ 1

2

Auf die stilistischen Vorbilder und die vergleichbare ästhetische Theorie Edward Burkes (1729-1797); (A philosophical Enquiry into the Origin of the Sublime and Beautiful, 1757) macht Götz Müller, 1994 aufmerksam. Jean Paul, 1986, 272-274 in Auszügen im Folgenden zitiert.

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dem Chaos und zernagte es und wiederkauete sich. Schreiet fort, Mißtöne, zerschrei Sehen wir uns diesen Text näher an, so merken wir, dass Jean Paul zwei Arten von Bildern einsetzt. Auf der einen Seite tauchen Bilder auf, die uns an die christliche Glaubenstradition erinnern. Es sind zunächst einmal als Rahmenhandlung das Bild der Wiederkunft Jesu Christi zum Gericht und wir finden im letzten Abder werden verbunden mit Bildern, die sich auf eine erfahrungswissenschaftlich entzauberte Welt beziehen. Der Himmel wird interpretiert als eine Wüstenlandschaft von Milchstraßen und Sonnen. Von Gott wird festgestellt, dass er nicht existiere und das göttliche Auge könne die unermessliche Welt nicht mehr überblicken, weil es eine abgründige bodenlose Augenhöhle geworden sei. Wenn die Ewigkeit auf dem Chaos liege, dann ist es nicht mehr der Geist Gottes, der über den Chaoswassern schwebt (vgl. Genesis 1,1), 1 . Bekannt wurde für die so genannte Hochliteratur der Moderne neben dem Text von Jean Paul die Hadesfahrt von Leopold Bloom zum Friedhof im Dublin des Ulysses (1922) von James Joyce (1882-1941). Die Schatten und zugleich die 2 , die unterwegs begegnen. Aber auch andere der ganz großen Autoren der Moderne haben sich an Jenseitsreiseerzählungen versucht. Im Traum eines lächerlichen Menschen (1876) beschreibt Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) einen durch Ohnmachtserfahrungen und Allmachtsfantasien geplagten Menschen, der in einer traumhaften Jenseitsreise dem gesamten Kosmos sein Wesen einprägt und sich als Ursache des Sündenfalls 3 . durch den Weltenraum schon weit entfernt von der Erde. Ich fragte den, der mich trug, 4 . Wie der antike Jenseitsreisende macht er Sünde und Sündenbringer.

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und wird freiwillig-unfreiwillig zum ineins Licht-

__________ 1

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Auf das Thema des Dunklen, das an blinder Kraft überschäumende Moment der titanischen Menschengöttlichkeit, im Hinblick auf die Gegen-Bewegung des Himmelstürmers bei Jean Paul, macht eindringlich auch im Blick auf dessen Aktualität Maier (2006, bes. 253-257) aufmerksam. Joyce, 1981, 138 und vgl. dazu Gilbert, 1977, 131-144. Dostojewski, 1968, 508. Dostojewski, 1968, 508. Dostojewski, 1968, 510.

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Auch Hanns Henny Jahnn (1894-1959), einer der sprachgewaltigsten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts bedient sich in seinem dreibändigen Riesenwerk Fluß ohne Ufer (1949-1961) im zweiten Band über Die Niederschrift des Gustav Anias Horn (1949) der Himmelsreise-Metaphorik, um die menschliche Verflochtenheit mit der Natur und die nachmetaphysische Gebanntheit in diese zu veranschaulichen und in den Kontext einer neopaganen Heiligung des Daseins zu stellen1. die bevorste warf mich ins Bett, stand wieder auf, trank Kognak, fühlte, wie mein Schlund von der Schärfe des Alkohols angeätzt wurde, warf mich zurück und schlief. Vielmehr, der Traum nahm überhand und erdrosselte das Wachsein vollends. Ich wurde irgendwohin geschleudert, in alle Schwierigkeiten dieser Welt, in die gewesenen un einkreiste. Sie sollte vor seinen Fängen entfliehen. Aber sie konnte es nicht. Der Boden ließ sie nicht los. Sie konnte diese Aufgabe nicht lösen. Ich konnte nicht fliehen. Ich konnte Abstammung war. Ein Rochen hatte mich abgelaicht und mir die Dornen seines häßlichen Schwanzes vererbt. Wäre ich nicht von einer schwarzen Nacht in die andere gestürzt, von den Menschen fort ins Getier, von den Tieren fort in Berge rinnenden Korns, und weiter in grünes Wasser und saphirenen Basalt ich wäre vor Scham umgekommen. Vor Scham, der zu sein, der ich war. Trotz dieses fürchterlichen Falls in die Vergangenheit hinein (und die Zukunft der nächsten Jahrtausende war möglicherweise auch dabei, denn ich entsinne mich, daß große Veränderungen an meinem Körper vorgegangen waren: statt der Füße hatte ich fleischige Stümpfe, meine Augen waren verschleiert, und meinem Munde schmeckte das Brot nicht mehr, weil mir sowohl Zähne wie Speichel fehlten; es fehlte vieles, was mir im Wachen an meinem Leibe gewohnt und selbstverständlich ist), war ich am nächsten Morgen ausgeruht. Mein Bewußtsein war klar und 2 . Zugleich endet diese apokalyptische Himmelsreise aber auch mit dem auch typischen psychischen Effekt der Läuterung. Wer sich dem Schrecklichen ausgesetzt hat, hat sich seiner Ängste vergewissert und darf hoffen. Robert Musils (1880-1942) Mann ohne Eigenschaften nur als Längeres Gedankenspiel über mögliche Eigenschaften aufzufassen vermag3, hat hingegen eine dem (post-)modernen Bewusstsein entsprechende ironisch distanzierte Himmelsreise-Vision. Wassers, auf der kleinen, heißen Sandplatte der Insel zwischen den kalten Tiefen __________ 1 2 3

Vgl. dazu Niehoff, 2001. Jahnn, o.J., 182f. Musil, 1970, 18f.

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oben. Diese Insel war ihm davongeflogen. Er begriff seine Geschichte. Hunderte von menschlichen Ordnungen sind ge einigen hundert oder tausend Jahren geheimnisvoll zusammensinkend und zu dem Nichts, jedesmal nach einer anderen Seite versuch 1. Thomas Mann (1875-1955) schildert im Zauberberg (1924) eine Himmelsreise, die das naturwissenschaftliche Weltbild positiv aufgreift und die Mann in einer Ekstase profaner Art enden lässt. Auch hier finden wir die Haltung der ironischen Distanz zur nachmetaphysischen Zeit. Der lungenkranke Hans Castorp sitzt auf der Veranda seines Zimmers und sinniert über naturwissenschaftliche Weltbilder. Er fragt nach der Ordnung des Lebens. Mikrokosmos und Makrokosmos beginnen sich für ihn zusammenzuschließen unter dem Gesichtspunkt einer organismischen Grundstruktur. Im Halbschlaf hat er Visionen: verwun Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in seiner von Pelz und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte sich in der vom Scheine des toten Gestirnes erhellten Frostnacht das Bild des Lebens. Es schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, entrückt und doch sin wie höchstwahrscheinlich der Erdenstern, den wir bewohnten, organisch betrachtet, ein tiefes Innen war. Hatte nicht die träumerische Kühnheit eines Forschers kosmischen Ungeheuern, deren Fleisch, Bein und Gehirn sich aus Son auf dem Lampentischchen, eins lag am Boden, neben dem Liegestuhl, auf der Matte der Loggia, und dasjenige, worin Hans Castorp zuletzt geforscht, lag ihm auf dem Magen und drückte, beschwerte ihm sehr den Atem, doch ohne daß von seiner Hirnrinde an die zuständigen Muskeln Order ergangen wäre, es zu entfernen. Er hatte die Seite hinunter gelesen, sein Kinn hatte die Brust erreicht, die Lider waren ihm über die einfachen blauen Augen gefallen. Er sah das Bild des Lebens, seinen blühenden Gliederbau, die fleischgetragene Schönheit. Sie hatte die Hände aus dem Nacken gelöst, und ihre Arme, die sie öffnete und an deren Innenseite, namentlich unter der zarten Haut des Ellbogengelenks, die Gefäße, die beiden Äste der großen Venen, sich bläulich abzeichneten, diese Arme waren von unaussprechlicher Süßigkeit. Sie neigte sich ihm, neigte sich zu ihm, über ihn, er spürte ihren organischen Duft, spürte den Spitzenstoß ihres Herzens. Heiße Zartheit umschlang seinen Hals, und während er, vergehend vor Lust und Grauen, seine Hände an ihre äußeren Oberarme legte, dorthin, wo die den Triceps überspannende, körnige Haut von wonniger Kühle war, fühlte er auf seinen Lippen die __________ 1

Musil, 1970, 1523.

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. Auf allen diesen Ebenen spielt sich das Drama von Schöpfung und Sündenfall und dem Schrei nach Erlösung ab. Diese in stilistisch-ironischer Brechung des klassischen ekstatischen Himmelsreise-Motivs durch eine realexistierende Traum-Frau, die aus dem Bild auf den Balkon tritt und ihn verführt. irisch wissenschaftlich geprägten Technologie als Chaos oder zumindest als Krisenzeit schildern, bzw. gegenüber der ironischen Distanz eines Robert Musil oder Thomas Mann, bietet der angelsächsische Philosoph Olaf Stapledon (1886-1950) in Der Sternenschöpfer (1937) das Modell einer Himmelsreise an, das versucht, ein trinitarisches Gottesbild unter den Bedingungen des evolutiven Denkens 2 zu formulieren. Der Icherzähler erlebt mit den unterschiedlichsten neuen, den evolutiven Stufen des Kosmos entsprechenden Wahrnehmungsorganen begabt eine Reise durch alle Nuancen der kosmischen Evolution bis hin zur Schau des trinitarischen kosmischen Geistes. 1

die Hü Die Dunkelheit, die anstelle des Erdbodens getreten war, begann zusammenzuschrumpfen und sich zu verdichten. Die südlichen Konstellationen ließen sich nicht mehr erkennen. Bald machte die Erde unter mir den Eindruck einer riesigen kreisförmigen Tischplatte, einer gewaltigen Scheibe Dunkelheit, die von Sternen umgeben war. Ich entfernte mich von meinem Heimatplaneten offensichtlich mit 3 un . absoluten Geist auf unerklärliche Weise, daß der Kosmos trotz allem voller Lieblichkeit war und ein vollkommen geformtes Wesen darstellte; und daß jede Verwirrung und jede Pein, so grausam sie auch dem Leidenden erscheinen mochte, letzten Endes unweigerlich in der erhöhten Klarheit des kosmischen Geistes selbst endete. In diesem Sinne wenigstens war keine der einzelnen Tragödien sinnlos. Und wie durch Tränen der Leidenschaft und des heißen Widerspruchs sah ich den Geist des höchsten und vollkommens rfüllung seines Strebens. Und in der Freude des Sternenschöpfers und seines höchsten Kosmos wurde auf seltsame Weise der absolute Geist selbst deutlich, der Geist, in dem alle Zeiten gegenwärtig und alle Wesensformen eins sind; denn der __________ 1 2

3

Mann, 1978, 287-302 in Auszügen. Vergleichbar breit angelegt, allerdings nicht als Himmelsreise gestaltet, ist Alfred (Bruno) Döblins (1878-1957) Roman Berge, Meere und Giganten (1924). Stapledon, 1982, 15. Olaf Stapledon gehört zu den niveauvollsten Sciencefiction-Autoren. Die breite literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Stapledon bezeugt am Besten die Bibliographie von Crossley, 1994.

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aus dieser Vereinigung entspringende Geist zeigte sich meinem ohnmächtigen 1 Verstand zugleich als Ursache und Ergebnis aller endli . Stapledon greift hier die christliche Trinitätslehre auf, gemäß der sich als wechselseitige Perichorese/Durchdringung des Vaters und seiner erlösten Schöpfung in Jesus dem Sohn der Geist darstellt. Stapledons Einstellung zu einer Art schultheologischer Dogmatik offenbart sich wahrscheinlich am deutlichsten in seinem Abschluss des ersten Kapitels von Saints and Revolutionaries (1939): Spekulation, so lange sie weiß, was sie ist, kann einen erfrischenden Effekt auf den Geist haben. Ich glaube wirklich, dass wir eine Seite unserer Natur verletzen, indem wir alle Spekulation meiden, genauso wie wir eine andere Seite verletzen, wenn wir uns bloßer Spekulation hingeben. Wir werden unvermeidlich immer spekulieren, solange unsere mentalen Augen nicht zerstört wurden. Daher lasst uns kritisch spekulieren, 2 ohne in zuversichtli .

Marcel Proust (1871-1922) bringt Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (19131927 z. T. posthum) im erkenntnistheoretischen Ansatz analog zu Stapledon die Grenzen einer jeden Jenseitsreise auf den philosophischen Begriff. Zum iven, die sowohl den diskursiven wie den leibhaft empfindenden Bereich betreffen, gehöre Atmungsapparat, die uns erlauben würden, den unendlichen Raum zu durchmessen, würden uns nichts nützen, denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würden diese alles, was wir sehen könnten, mit dem gleichen Aspekt umkleiden wie die Dinge der Erde. Die einzige wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, 3 die je . __________ 1

2 3

Stapledon, 1982, 342 (Hervorhebung L.H.). Auf dem Hintergrund dieser trinitarischen Gottesvorstellung ist es schwer nachvollziehbar, dass Fiedler so selbstverständlich von der Prä-christliche G Auch Rüster, 2007, 79, irrt mit seiner Behauptung, dass philosophisch gesehen, klar erkennbar Produkt einer deistischen Welt- beziehungsweise Gottessicht . McCarthy, 1982, 75-77, übersieht vollkommen diesen religionsgeschichtlichen Aspekt bei Stapledon. sion found its most complete expression. Here the growth of consciousness goes beyond even worlds in a galactic mind, and ultimately with other minded galaxies to form the Cosmic Mind that for an eternal instant encompasses all consciousness that has ever existed in time and space the ,supreme moment and in that instant perceives something of the nature of the Creator of the ssacs, 1975, 25). Stapledon zit. nach Crossley, 1982, 28 (Übersetzung E.D.). die Auseinandersetzung mit der Kunst.

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Günter Grass (*1927) führt 1986 im Blick auf die atomare und ökologische Bedrohung der Menschheit eine nachmenschliche Menschensohn-Gestalt in seinem apokalyptischen Roman über Die Rättin ein. der tote Christus vom Weltgebäude herab, spricht weithallend die Rättin vom Müllgebirge: Nichts spräche von euch, gäbe es uns nicht. Was vom Menschengeschlecht geblieben, zählen wir zum Gedächtnis auf. Vom Müll befallen, breiten sich Ebenen, strändelang Müll, Täler, in denen der Müll sich staut. Synthetische Masse wandert in Flocken, Tuben, die ihren Ketchup vergaßen, verrotten nicht. Schuhe, weder aus Leder noch Stroh, laufen selbsttätig mit dem Sand, sammeln sich in vermüllten Kuhlen, wo schon des Seglers Handschuh und drolliges Badegetier warten. All das redet von euch ohne Unterlaß. Ihr und eure Geschichten in Klarsichtfolie verschweißt, in Frischhaltebeuteln versiegelt, in Kunstharz 1 gegossen, in Chips und Klips ihr: das gewe . Vor eskapistischen Himmelsreisen warnt die Himmelsreiseschilderung eines großen Unbekannten der englischen Literatur. Es ist der visionäre Autor David Lindsay (1876-1945)2. Den Weg zum Licht, umgeben von Personen die die verschiedenen Weisen endlicher Erkenntnis und endlicher moralischer Haltungen repräsentieren, in einer Welt bizarrer Landschaften, gehen zwei Männer, Aspekte eines Selbst, Nightspore und Maskull Die 3 Reise zum Arcturus (1920) . Der Roman erzählt von Tormance, einer Welt, in der die endlichen menschlichen Standpunkte, die den Aufstieg zum maximum (Nicolaus Cusanus) verhindern, sich verleiblichen. Der eine, Maskull, repräsentiert die in jedem Menschen vorhandenen Aspekte des Durchschn idenschaft für das Fremde und Lichte, er ist ein Asket. Diese Doppelpersönlichkeit gerät aus einer spiritistischen Sitzung in London auf den Weg zum Planeten Tormance im Arcturus-System. Dazu verhilft ihnen eine seltsame Figur, der zynische, aufrührerische, körperlich wie moralisch abstoßend wirkende Krag. Doch ist es gerade dieser nur scheinbar widerliche Krag, der in Maskull die Nightspore selbstverständliche Sehnsucht nach dem Licht erweckt. Auf Tormance gelandet verlieren wir zunächst die Spur von Nightspore und Krag. Der Roman schildert im Wesentlichen die Erlebnisse des Herrn Jedermann Maskull. Es erlebt dieser Herr Jedermann, dass Leben Umgang mit der eigenen radikalen Endlichkeit ist. Er kann sich diesem Anspruch aber __________ 1 2

3

Grass, 1988, 11f. Sammons, 1998, 127 zit. Stimmen zu Voyage to Arcturus weil es wissenschaftlich Unsinn ist, Visi Out of a Silent Planet (von C.S.Lewis, E.D.), Religion und Moral treten darin stärker hervor (Sammons, 1998, 127, Übersetzung E.D.). Lindsay, 1986. Vgl. dazu Sellin, 1981, Pick/ Wilson/ Visiak, 1970 und Hauser, in: ders./ Wachler, 1989, 11-23.

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letztlich nicht stellen und stirbt. Mit dem Tod Maskulls stoßen wir wieder auf Krag und den Asketen Nightspore. Nightspore schafft den Aufstieg in die Lichtwelt. Doch es ist nicht mehr die antike Lichtwelt eines leidenschaftslos, abgründig und fern existierenden Gottes, sondern es ist das Bewusstsein, dass in dieser gefängnishaften Welt, der Welt des schillernden, von falscher Schönheit gleißenden Kristallmannes kein rettender Lichtgott derart existiert, dass er den Menschen einfach aus dieser Welt sich entwerden lässt. Ein Mensch kann sich nicht von sich her von seiner Endlichkeit trennen. Der Lichtgott, hier die Lichtwelt Muspel, ist vielmehr nur dann gegen den Kristallmann, den Schöpfer dieser falschen Welt, mächtig, wenn der Mensch selbst sich gegen den Kristallmann, gegen den unechten Glanz aller Endlichkeiten stellt. Nightspore, der auf dem Weg zum Licht schließlich an sein Ziel gekommen ist, steht zum Schluss auf der Plattform eines hohen, letztlich kosmischen Turms. Er steht auf dem absoluten Standpunkt doch ist die sehen oder zu hören, hatte er den bestimmten Eindruck, daß die Dunkelheit and er, daß er völlig von der Welt des Kristallmanns umgeben war, und daß Muspel aus ihm selbst und dem steinernen 1 . David Lindsays Roman ist aber kein Werk, das in existenzialistischer Absurdität endet. Es ist vielmehr ein Werk, das christliches Gedankengut schöpferisch aufnimmt. Der widerwärtige, immer ekelerregender werdende, zynische, auf jede Absurdität verweisende und jede Schönheit entlarvende Krag ist genau der gesuchte Mittler, von dem her Erlösung sichtbar wird. Er ist der Lichtbote Surtur, an dem das Licht des fernen Muspel in Erscheinung tritt. So wie für das Christentum das Heil nur durch sein Gegenteil, durch das Leiden und das Kreuz erreichbar ist, so zeigt sich das Licht in Krag, als Entlarvung des scheinbar vollkommenen Glanzes und Schönen, das der Kristallmann dieser Welt gegeben hat. Krag sagt dem Lichtsucher Nightspore auf den letzten Zeilen des Aber nichts wird bewirkt werden ohne die blutigsten Schlä Nightspore langsam und ohne Überraschung. ,Aber welches ist Ihr Name auf Er2 . Was aber, wenn man meint, jeden Schmerz durch technische Mächte und Gewalten zu besiegen? Eine andere Art der Jenseitsreise erfreut sich heute angesichts der irdischen Probleme mit diesem Körper und mit dieser Raumzeit großer Beliebtheit es sind die Jenseitsreisen der Sciencefiction3, aus denen Längere religionsförmige Gedankenspiele werden können, die zu Kirchengründungen und großen wissenschaftli__________ 1 2 3

Lindsay, 1986, 256. Lindsay, 1986, 260. 1974, 15).

(Ketterer,

§ 20 SCIENCEFICTION IM RELIGIONSGESCHICHTLICHEN KONTEXT

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chen Forschungsprojekten wie im dritten Band dieser Kritik der neomythischen Vernunft gezeigt werden wird führen können. Woher kommt der Mensch und wohin geht der Mensch und was soll der Mensch auf dieser Welt tun, wenn er sich technisch vollendet selber gestalten kann bzw. wenn die Technik ihn zum Einsamsein und zur Selbstzerstörung verdammt?

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§ 21 I.

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Religionsförmige Neomythen der modernen Sciencefiction: der materiale Weg zu den Fiktionen der Science Wenn der Thetan das Universum durchquert sche Allmachtsfantasien von Scientology her

ein Blick auf kosmi-

Steht an einem Extrempunkt der Mensch, der sich als radikal endlich und in dieser Endlichkeit als Staubkorn im Getriebe der Welt betrachtet, so steht am anderen Ende, wenn wir die Sprache der Scientology-Sekte gebrauchen, der Thetan, der absolute Souveränität über Körper, Raum und Zeit und damit den Genuss der Welt besitzt. Die neomythische Weltanschauung der Scientologen soll im Folgenden als Leitfaden der weiteren Erkundung der religiösen Bedeutung von Sciencefiction dienen, so wie umgekehrt später die Bedeutung der Sciencefiction für die neomythische Religiosität von Scientology deutlich werden wird. Ihr Erfinder, Lafayette Ronald Hubbard (1911-1986), ist Zeit seines Lebens selbst Sciencefiction-Autor gewesen. Weil Scientology in diesem zweiten Band eine exemplarische Rolle spielt, wollen wir hier schon einmal Grundzüge der scientologischen Lehre skizzieren, obwohl wir später noch ausführlich auf Hubbard und Scientology zu sprechen kommen. Wie wird man ein Thetan? Der scientologische Glaube verknüpft vulgärfreudianische mit eurobuddhistischen Gedanken. Die Einsicht einer populären Psychologie, dass es innerhalb der Biografie und speziell der frühen Kindheit Erlebnisse gebe, die den seelischen Handlungsspielraum einschränkten (Neurosen), wird aufgegriffen und erweitert. Diese Erweiterung bezieht sich darauf, dass von einer Reinkarnationslehre ausgegangen wird. Der Klient des Reinkarnationstherapeuten meint rückwärts durch die Zeit vieler vergangener Inkarnationen zu reisen. So therapiere der scientologische Heiler nicht nur die Probleme eines Lebens, sondern nahezu unzählige Leben würden durch den Reinkarnationstherapeuten aufgearbeitet. Der Leidende hat vom Reinkarnationstherapeuten suggerierte , erer eingeschränkter Existenzweisen und löst dabei (dem Anspruch nach) also nicht nur die Engramme (Blockierungen) in seiner Psyche innerhalb seines jetzigen Lebens, sondern auch die vergangenen Einschränkungen, die sich in früheren Inkarnationen ergaben. Deshalb kann der Reinkarnationstherapeut seinem Klienten auch versprechen, er werde erst wenn das letzte Engramm, das Urengramm am Anfang seines Daseins auf der Zeitspur1 als Mitglied der Urhorde oder gar als eines molluskenartigen Meereswesens, gelöst sei, zur Freiheit des Thetanen und der wahren Eingliederung in die kosmische Ordnung befreit werden können. Sei er erst befreiter, d.h. operierender Thetan, so eigne ihm die Fähigkeit, in universaler __________ 1

Hubbard, 1979, 239.

§ 21 RELIGIONSFÖRMIGE NEOMYTHEN DER MODERNEN SCIENCEFICTION

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Beherrschung von Raum und Zeit den Kosmos in seiner räumlichen und zeitlichen Erstreckung zu erschließen und so zum kosmischen Reisenden zu werden. Ein Operating Thetan ist gemäß scientologischem Verständnis allmächtig. In einer teuer aufgemachten Hochglanz-Broschüre der Scientologen von 1996 heißt es: geistiger Befreiung vom endlosen Zyklus der Geburt und des Todes gesucht und haben die eigene Unsterblichkeit gesucht, einschließlich vollständigen Bewußtseins, Erinnerungen und Fähigkeit, als ein vom Fleische unabhängiger Geist zu exis des Zustandes Operierender Thetan ist ,wissentlich und willentlich Ursache über 1 Leben, Gedanken, Mate . Und entsprechend diesen Superfähigkeiten kann der Thetan eigentlich nur ein Superman2, ohne seinen, seine radikale Endlichkeit einfordernden Schatten Clark Kent sein. wegen, indem sie einfach einen Energiefluß auf sie stürzen. Sie können sich mit höchster Geschwindigkeit fort3 bewegen. Sie sind nicht durch Atmosphären oder Temperaturen be . Der Thetan hat, in der Comic-Sprache von Superman gesprochen, Superpuste, Hitzeblick, Supertempo, kann Superbauchreden Wie der Traum, ein Superman zu werden, sich dann im fiktiven Erleben darologyem anderen Teil des Universums, in dem ich gerade zu sein wünschte, Raum hatte. Dies ist schwer zu erklären, aber unglaublich und fantastisch zu erfahren, zu sehen, nicht nur durch meine Augen, sondern vollständig exterior als Thetan wahrzunehmen. Da ist ein anderer großer Gewinn. Ich bin nicht nur exterior, wenn ich es will. Während ich exterior bin, kann ich handeln, sogar ohne Körper. Ich bin gerade in ein total 4 neues Gebiet eingetre . gten Angst vor dem eig era5

Allmachtsfantasien, die eigene Endlichkeit hinter sich zu lassen und Jahrmillionen zu leben, bebildern und reflektieren viele Sciencefiction-Autoren. Ich stelle diese Gedanken auf der Folie der metaphysischen Orientierungsaufgaben der Moderne dar. __________ 1 2 3 4 5

L. Ron Hubbard Library, 1996, 65-67 in Auszügen. Zur Einführung in diese Comicgestalt vgl. Hausmanninger, 1989. Zit. nach Haack, 1982, 15. Zit. nach Haack, 1982, 15. Diesen schönen Terminus entnehme ich dem Roman Evolution von Stephen Baxter (2004, 124).

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II.

Nachkopernikanische Geborgenheit im Kosmos: Wie überleben wir das Ende des Universums?

1.

Big Crunch und gesteuerter Neubeginn: James Blishs Die fliegenden Städte

In den Problemzusammenhang eines zeitlich begrenzten Lebens gehört die Frage, wie man die physikalische Grenze des ganzen Kosmos, den Big Crunch, wie man das Ende des Universums überleben könne. Nach der heute populären physikalischen Weltsicht entstand unser Universum durch den Big Bang und wird am Ende im Big Crunch in sich zusammenfallen. Damit ist aber das Problem gegeben, wie Leben Sinn haben kann, wenn alles wieder in sich zerbricht. Was nützt ein ewiges Leben in diesem Kosmos, wenn der Kosmos, d.h. unser Lebensraum selbst endlich ist? Wie überleben wir das Ende des Universums? Der Mikrobiologe und Zoologe James Benjamin Blish (1921-1975)1 hat in seinem zwischen 1955 bis 1970 veröffentlichten Romanzyklus über Die fliegenden Städte2 einen ersten Schritt zur religionsförmigen Lösung dieses Problems gesucht. In der Apokalypse des Johannes3 sendet Gott die endzeitliche Stadt, das Neue Jerusalem vom Himmel herab, damit die Menschen in ihr und so in ihm wohnen können. Ein Deuteengel entrückt in der Vision Johannes, das literarische Ich der Apokalypse, und zeigt ihm die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis. Die Stadt hat eine große und hohe Mauer mit zwölf Toren und zwölf Engeln darauf. Auf die Tore sind Namen geschrieben: die Namen der zwölf Stä 21,9-12). Wer nach der vollendeten Erlösung dieses Kosmos im Neuen Jerusalem spazieren geht, sieht alle Geheimnisse unseres Kosmos in der unverfälschten Form der ursprünglichen Bildgestalten, die Gott dem Kosmos gab, als in ihm noch nichts Böses war. Die Apokalyptik konfrontiert uns mit einem Vorschein dieser erlösten Bilder in suchender und verwirrter Zeit und d.h. mit Bildern der Anfechtung, des Schreckens, des Kampfes und letztlich aber des Trostes.

__________ 1

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3

Zur Ermittlung von Kurzbibliographien und Lebensdaten habe ich mich oft orientiert an Alpers/ Fuchs/ Hahn/ Jeschke, Band 1, 1980 und an Dies., 1982. Ausführlichere biographische Angaben stammen aus Spezialliteratur, die jeweils vermerkt wird oder aus dem Internet. 1985 (Originalausgaben: They shall have stars; A life for the stars; Earthman, come home; A clash of cymbals; 1955-1970). Vgl. dazu Dormeyer/ Hauser, 1990, 93-96 und Giesen, 1986. Die berühmte, an die Apokalypse des Johannes angelehnte Endzeit-Romanserie Left behind von Tim La Haye unter Mitarbeit von Jerry Jenkins (1995ff) ist hier kein Thema, weil sie das neomythische Element nicht enthält, sondern Ausdruck eines verzweifelten Christentums der Endlichkeit ist, das noch an christlichen Versatzstücken klebt. Vgl. dazu Trimondi (in: http://www.iivs.de/~iivs01311/H.Krieg/Bertelsmann.htm), Ehrhardt (2004) und Valentin (2005).

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James Blish übernimmt das Bild der hütenden und das Heil wahrenden Stadt und überführt es in den Bereich des menschlich Machbaren. Aus den armen und sozial zerrütteten Städten der Erde werden heilbringende Städte, sobald sie sich in den Himmel erheben. Blish beschreibt, wie sich auf der sterbenden Erde eine Stadt nach der anderen zu einem Weltraumschiff umrüstet und in die kosmischen Weiten startet, um zu überleben. Diese Reise dauert Jahrtausende und das Leben der Menschen währte dabei immer länger. Eine andere Variante, wie sich in überkuppelten Städten das Heil sichtbar macht, findet sich in Michael Bishops (*1945) Roman über Die Cgynus-Delegation (19771). Nachdem es eine atomare und ökologische Katastrophe gab, gibt es im Jahre 2068 auf der Erde überkuppelte Stadtstaaten. In der Stadt Atlanta gibt es eine religiöse Diktatur, der Ortho-Urbanismus. Es wird erzählt, dass in dieser Stadt Außerirdische auftauchen, die den Menschen zunächst nahezu unverständlich zu sein scheinen. Später erfahren allerdings einige Stadtbewohner, dass die Cygnusier die folgende Reinkarnationsstufe der Erdenmenschen darstellen. Die Cygnusier sind gekommen, um diese Nachricht zu übermitteln. Das Ehepaar, das diese einer Offenbarung teilhaftig geworden. Wie Paulus, wie Mohammed, wie Ignatius von 1 .

Am Ende von Blishs Städtegeschichte müssen die Überlebenden erkennen, dass ihr Universum sich dem Big Crunch nähert. Sie selbst können nicht überleben. In Blishs Physik ist der Big Crunch die Grenze. Deshalb sterben die kosmischen Reisenden in ihrer fliegenden Stadt im Moment des Big Crunch; sie sorgen aber dafür, dass ihre Lebensenergie zum, den neuen Zyklus einleitenden, Lebenssamen des neuen Kosmos wird. So ist ihre fliegende Stadt das Neue Jerusalem einer neuen kosmischen Evolution, für das sich die Repräsentanten der Menschheit opfern. Die letzten Sätze dieser vier zusammenhängenden Romane beschreiben das Sterben der letzten Menschen und den Übergang ihrer Lebenskeime in das neue Universum. Als das alte Universum sich zum Zusammenbruch neigt, opfern die letzten Stadtbewohner Retma und Amalfi sich selbst, damit ihre chemischen und energetischen Bestandteile zu Samen des Neuen Universums werden. nicht die Zeit, alles zu erfahren, was wir wissen wollten. D

2

.

ftigen Universen betreten konnte, was wäre wenn sich im Moment der Vernichtung jeder so platzierte, dass jeder ein Universum würde, die ausdehnungslose Materie für einen eigenen Big Bang in sich bergend? Vielleicht könnte etwas vom Cha__________ 1 2

Bishop, 1980, 232. Blish, 1985, 798.

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rakter jeder Person auf unerwartete Weise das Wesen des aus ihm geborenen Universums determinieren; eine Galaxis würde aus jeder Zelle ihre Körpers erwachsen. Auch wenn die Erinnerungen schwänden, so würde sonst alles am 1 Individuum einst wieder le . Die Menschen des alten Universums sind aber als Individuen tot hier ist die Grenze der religionsförmigen Fantasie Blishs, die im Folgenden weit überschritten wird.

2.

George Zebrowskis Makroleben

Das Thema eines möglichen Weiterlebens nach dem Ende des aktuellen Universums spricht auch Charles Sheffield, englischer Physiker, zeitweiliger Präsident der AMERICAN ASTRONAUTICAL SOCIETY und Sciencefiction-Autor (1935-2002) an. Zwischen den Schlägen der Nacht (Between the Strokes of Night, 1985) spielt im ersten Teil im Jahre 2010, im zweiten Teil im Jahre 27698. Ein kurzer Prolog aus dem Blickwinkel des Jahre 29872 leitet den Roman ein. Der Epilog schildert die letzten Sekunden vor dem Big Crunch2 ten Augenblick des bestehenden Universums, zerfällt alles. Nichts kann unendliche Temperatur, unendlichen Druck, unendliche Dichte überleben. Alles wird versei denn, das Bewußtsein kann vielleicht die Grenzen der Physik überwinden? Ich weiß es nicht. Weniger als eine Minute vor dem Ende ist mir die Natur der Wirklichkeit noch immer ein Geheimnis. Der Himmel ist jetzt unendlicher Kontrast, anschwellendes Schwarz und unglaubliche Strahlung. Zwanzig Sekunden zum Monoblock. Es bleibt keine Zeit mehr für die Zeit. Fünfzehn Sekunden. Hier ist Sy Dai, einst von Pentecost und jetzt von Überall. In den letzten Augenblicken des unendlichen Lichts verkünde ich meinen Glauben: . Weiter ausgebaut findet sich die Darstellung der Suche nach einem ewigen in4 nerkosmischen Leben k , das sich aus eigener Kraft durch zusammenbrechende und neu entstehende Universen __________ 3

1

tastrophenschilderungen verbindet sich mit der bewußt zum Exzeß getriebenen Degeneration der Ansatz eines neuen Wachstumsprozesses. Ähnlich wie der Phönix aus der Asche neu ersteht, hat die neue Menschheit ihren Ursprung in einem Läuterungsprozeß, der die Erfahrung des Untergangs ei-

2

Sheffield, 1988, 333. Sheffield, 1988, 335. Salewski, 1986, 255f.

3 4

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hindurch bewahrt, bei George Zebrowski (*1945) in seinem 1979 veröffentlichten Roman über das Makroleben1. Dieser Roman nimmt die oben erwähnten Thesen des Frank J. Tipler über die Physik der Unsterblichkeit vorweg. Der Terminus Macrolife selbst geht auf den amerikanischen Raumfahrtingenieur und Futurologen, Dandridge MacFarland Cole (1921-1965) zurück. Cole stellt in seinem zusammen mit Donald W. Cox verfassten Buch über Islands in Space. The Challenge of the Planetoids (1964) die Vision vor, einen ellipsoiden Asteroiden von dreißig Kilometern Länge auszuhöhlen, ihn um die Längsachse rotieren zu lassen, um eine künstliche Gravitation zu schaffen, das Innere durch Sonnenlichtspiegel zu erhellen und als Weltraumstation zu verwenden. In diesem Zusammenhang prägt Cole den Terminus Makroleben. Als das Wirtschaftsimperium der Familie Bulero, so Zebrowskis Roman, im irdischen Sonnensystem 2021 zusammenbricht, fliehen die Buleros aus dem 2 in die kosmischen Weiten hinaus. Ihre Vision ist nun die Schöpfung von Makroleben 3 . Deutlich ist hier mit dem Konzept eines alles Menschliche übergreifenden, bewussten Makrolebens der Bezug auf die Metaphysik eines unbewussten Evolutionsgottes, der durch technische Mittel entfaltet wird. Es wird erzählt, wie sich die Menschheit auf einer kosmischen Reise ihrer Endlichkeit dadurch entledigt, dass sie sich als Computerinformation abbildet, so zu einem Makroleben wird und sich im Laufe ihrer kosmischen Wanderschaft zu immer größeren Verbänden mit anderen Intelligenzen zusammenschließt. So soll es möglich werden, auch das als zyklisch angenommene Aufeinanderfolgen von Big Bang und Big Crunch zu überleben. Am Ende des ersten Universums steht dann der Beginn eines neuen und größeren Universal-Zusammenhangs, in den das einzelne Ich sich auflöst. Mit den Augen John Buleros lässt uns Zebrowski diesen Übergang der Universen im kosmischen Blick des den Big Crunch überlebenden Jenseitsreisenden miterleben. Geschildert wird in der folgenden Passage der Übergang von einem Big Crunch zu einem neuen Big Bang. Das Makroleben tritt in die Gemeinschaft mit unendlich vielen anderen Makroleben ein. John Bulero erlebt das gespannte Schweigen des alten Kosmos im Übergang zum neuen Kosmos, der in die alte Nacht das neue Licht bringen wird. In banger Erwartung fragen sich Billionen Bewohner des Makrolebens, ob sie den Big Crunch überleben werden4. Bis jetzt lag aber nur Dunkelheit vor ihnen. Ein neues Geplapper erhob sich um ihn, aber er schloß es aus. ische Masse von Zweifeln nach sich ziehen würde, die ihn allein inmitten eines Meeres __________ 1 2 3 4

Zebrowski, (Macrolife, 19791), 1981. Zebrowski, 1981, 90. Zebrowski, 1981, 52. Zebrowski, 1981, 342ff (in Auszügen).

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iversum neu zu einem neuen Zyklus auf höherem Niveau. Die endliche Vernunft des alten Zeitalters hat überlebt. Dann bemerkte er ein weiteres Licht. Es leuchtete aus großer Entfernung, und plötzlich erkannte er, daß es eine durchsichtige Kugel war. ::Radius: 100 Millionen Kilometer:: Als das Objekt näher kam, bemerkte John, daß es von Millionen glühender Objekte angefüllt war. ::Makroleben, das aus einer Zeit vor unserem Zyklus stammt und ungezählte Zerstörungen der Natur überlebt hat. Wir sind nicht die ersten großen Einheiten von intelligentem Bewußtsein:: rgangenheit überlebt hatte. Sie brauchten keine Worte. Die ältere Form öffnete ihre Schale, und die Millionen Welten flogen ohne Zeremonie hinein. Jeder Zyklus hatte Überlebende. Sie waren erwartet wor Wir erkennen hier unschwer ein Konzept, bei dem endliche Vernunft aus eigener Kraft heraus den Kosmos begeistet. Das Konzept des unbewussten Evolutionsgottes ist hier präsent. Der Evolutionsgott ist in der kosmischen Festplatte zum Selbstbewusstsein erwacht. Kritisch greift der polnische Autors Stanislaw Lem (*1921) derartige Fantasien auf. In Tagebuch (1969)1 stellt er die in sich zusammengekrümmte Selbstreflexion eines mondgroßen Computers dar, der durch einen Kurzschluss von allen Außenbezügen isoliert wurde. Im Nachspann zu diesem Tagebuch eines Riesencomputers schreibt ein Wissenschaftler, der diesen Rie Sein Geheimnis erklärt sich durch die einfache Tatsache, daß er im Zuge der Entltete. Ein zu Außenphänomenen irgendwelcher Art und verwandelte es in ein ,autonom denstheorie. Es war fähig, all diese etwas triviale Metapher veran Individualität unte i das heißt, von abgekapselten Oasen autonomer Prozesse, deren jede das mathema__________ 1

In: Lem, 1977, 83-105.

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. Dieser Computer hält sich für Gott und erschafft im Kontext der Tradition einerseits des gnostischen Demiurgen und andererseits des unbewussten Evolutionsgottes Hunderte von Milliarden von Universen mit dem Ziel, dass diese ihm ihrem Schöpfer den Sinn seines Lebens erkunden sollen. Zum Schluss entdeckt dieser Computer sein notwendiges Scheitern, beharrt aber dabei zugleich auf seinem Gottsein. Gegen Ende seines Tagebuches bekennt der Computer das Problem seines göttlif einmal, gleich viel, um zu bekennen, daß sie erschaffen wurden zu unserem höhnischen Ebenbild, daß wir Allwissenheit sind, die sich selbst nicht begreift, und Allmacht, nur für andere nicht fruchtlos wie sollten wir ihnen diese Wahrheit 2 berichten, di Diese Selbstkritik des unbewussten und zu Bewusstsein gelangenden Evolutionsgottes ist den meisten Sciencefiction-Autoren und, wie wir später im dritten Band sehen werden, manchen Spitzenwissenschaftlern, die sich forsch in das naturphilosophische Gebiet hinein wagen, fremd. 1

3.

Unendlich viele endliche Ewigkeiten: Greg Bears Romane Äon und Ewigkeit

Auf hohem literarischem Niveau hat sich der amerikanische Autor Greg Bear (*1951) in seinen 1985 und 1988 publizierten, auf einander aufbauenden Romanen Äon und Ewigkeit dieser Problematik angenommen3. Die Romanhandlung kommt in Gang durch das Auftauchen eines gigantischen Artefakts, das auf einer elliptischen Umlaufbahn die Erde zu umkreisen beginnt. In den sieben Kammern dieses Steins stoßen Wissenschaftler auf einen dunklen Bereich, der sich in die Unendlichkeit erstreckt. Während die Erforschung dieser Kammer beginnt, wird die Erde zum Opfer einer atomaren Auseinandersetzung. Indem das siebte Siegel (Apk 8,1) geöffnet, die siebte Kammer des Artefakts betreten wird, geht die irdische alte Welt unter und eine neue Welt beginnt sich abzuzeichnen. Aus der Perspektive der Nachrichtensatelliten sieht diese Apokalypse der Menschheit so aus: jeder Explosion auf, als würde man eine gewaltige Stahlkugel in einen See werfen. Über dem westlichen Rand jenseits des Atlantiks dämmerte heller als üblich ein bald gelbes, bald rotes, bald grünes Morgengrauen. Um die ganze Welt jagte das Lauffeuer, das nicht von Baum zu Baum, sondern von Stadt

__________ 1 2 3

Lem, 1977, 104. Lem, 1977, 103. Bear, 1987 (Eon, 19851) und ders., 1992 (Eternity, 1988).

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zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent übersprang. Menschen waren dabei bloße Tannenna1 .

Eine Apokalypse ist aber nicht nur negativ. Dem Untergang folgt ein Neuanfang auf höherem Niveau. Die neue Heilige Stadt Jerusalem (Apk 21,2), die aus den Himmeln herabkommt, um die Menschen aufzunehmen, ist die Stadt der dimensionalen Unendlichkeit. Die Menschheit lebt in den Dimensionen des Steins in einer Welt, in der alle Übersichtlichkeit verlorengegangen ist. Zeitbegrenzungen und die Begrenztheit durch den prinzipiell überflüssigen eigenen Körper sind Vergangenheit. Das Universum wird hier zu einer gigantischen Postmoderne. Ein möglicher Big Crunch des Universums spielt überhaupt keine Rolle mehr, da die irdischen Raum- und Zeitmaßstäbe und zugleich die üblichen Vorstellungen von dem, was ein Ich ist, verschwunden sind. Auf den unterschiedlichsten kosmischen Wegen kann sich der Mensch dort bewegen. Einer dieser Reisenden, die sich zwar suchen, aber wissen, dass die Suche Bereich der Superserie äußerer Universen, die alle unsere diversen Weltlinien um2 faßt hat, ü . In einer modernen Jenseitsreise-Vision erlebt Bears Romanfigur, der Wissenschaftler Korzenowski mittels seiner wissenschaftlichen Sensoren ein Universum, das grenzenlose Lebensmöglichkeiten bietet aber auch keine Ordnung mehr in sich birgt. allgemeinen Plan oder Sinn entdecken. Keine Intelligenz hatte all dies gemacht, nichts hatte durch seinen Willen diese Totalität ins Sein gerufen. Ob ein Gott oder Götter existierten, sie hatten hier keinen Platz. Soviel verstand er ohne jeden Schatten von Zweifel, erkannte er auf eine Weise, die er nie bewußt begreifen oder erreichen konnte. Es gab keinen Gott, der für alles zuständig war. Kein Gott hätte sich eine solche Rolle gewünscht; denn was Korzenowski sah, konnte nie geschaffen worden sein und nie zerstört werden. Es war das eigene, unaussprechliche Geheimnis des Superraums, das Sammelbecken aller Mathematik und Physik, welches alle Gödelschen Widersprüche absorbierte. Was Korzenowski sah, war eine phantastische Garnitur von Malflächen, auf denen jene Dinge dargestellt werden konnten, die Intelligenzen betrafen, ein Spielplatz für sich stets entwickelnde und immer größere Intelligenzen, bis hinauf zu Göttern und darüber hinaus. Welten über Welten über Welten ohne Ende oder Anfang. __________ 1 2

Bear, 1987, 246f. Bear, 1987, 590.

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Dort würde es nie echte Langeweile geben oder echte und anhaltende Einsam1 keit. Dies war Alles . Ob das alles ist an der Ewigkeit dass sie nicht langweilig ist? Auf jeden Fall ist diese Art von innerweltlich-endlicher Ewigkeit weniger langweilig, wenn man die Realität nicht mehr nur ewig bereisen, sondern auch beherrschen kann. Der Kosmos soll völlig verstanden und damit auch völlig beherrscht werden. Erst dann scheint der kopernikanische Schock kompensierbar und zugleich wird die darwinische Orientierungsaufgabe bearbeitbar. Beide Themen greift Stephen Baxter, zur darwinischen Orientierungsaufgabe überleitend, auf.

4.

Aber es entstand keine neue Menschheit : Stephen Baxter

Einer der aktuell erfolgreichsten Sciencefictionautoren ist der Engländer Stephen Baxter (*1957). Baxter arbeitet nach seinem Studium der Mathematik und der Ingenieurswissenschaften als Mathematik- und Physiklehrer, dann in der Computerbranche und lebt seit 1995 als freier Schriftsteller. In seinem umfangreichen Roman Evolution (2002) entwirft er aus der Perspektive eines die erdgeschichtlichen Epochen übergreifenden, allwissenden Ichs eine Naturgeschichte des Lebens auf der Erde bis zu dessen Untergang. Als Trost, dass das intelligente Leben auf der Erde etwas Dauerhaftes im Universum hervorgebracht hat, bleibt ein sich im ischen Lebenskeime werden im Kontext der Panspermiehypothese des Svante Arrhenius durch irdische Meteoriten über den Kosmos verteilt. Auf diese Weise überlebt etwas Irdisches das Ende des irdischen Universums. Die Rahmenhandlung von Evolution spielt im Jahre 2031 im Kontext einer rliegenden 2 Erkenn gebündelt werden sollen, um Perspektiven eines zukünftigen Überlebens zu finden. Während dieser Diskussionen kommt es zu globalen Katastrophen, die endlich in einem globalen Krieg enden. Die Paläontologin Joan Useb und ihre Tochter Lucy überleben diese anthropologische Katastrophe zunächst. Innerhalb der Gespräche von Mutter und Tochter vor und nach dem absehbaren Untergang der vertrauten Art des Menschseins entfaltet Baxter eine weite kosmische Perspektive. der Kinder sich anzupassen vermögen, müssen die meisten der heute Lebenden 3 ster . __________ 1 2 3

Bear, 1992, 439. Baxter, 2004, 18. Bis zur nächsten Fußnote Auszüge aus: Baxter, 2004, 822-825.

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mmer der Prozess der Evolution uns erscheint, eines Tages vielleicht etwas Neues und in irgendeiner Hinsicht auch Besseres für Lucy gottlos -Ju im Himmel ent omorphes ösen Erwiderung aus. die ganze Zeit eingreifen Du hast zehn Millionen Großmütter, Lucy. Zehn Millionen, seit dieser Komet die Dinosaurier ausgelöscht und den ersten rattenartigen Primaten eine Chance gegeben hat. Stell dir vor, sie wären alle nebeneinander aufgereiht, deine Großmutter menschliche G Der allwissende Erzähler spendet dann Joan und dem Lesepublikum den Trost der großen Perspektive. Im ersten Band der Kritik der neomythischen Vernunft habe ich Wilhelm Bölsche (1861-1939) herangezogen, um diese Art der Reaktion auf das Bewusstsein der kosmischen Verlorenheit des nachkopernikanisch und nachdarwinisch sich orientierenden Menschen zu veranschaulichen. Im Liebesleben in der Natur. Eine Entwickelungsgeschichte der Liebe (1900-1903) schreibt 1 Bölsche, dass man durch eine entsprechende das uns umge2 müsse. Wo ein kosmischer Energiezusammenhang organismisch gefasst werde und alles in diesem Gott-Organismus seinen Ort habe, könne die Evolutionsgeschichte den Trost der (kompensatorischen) großen Perspektive3 schenken. Wilhelm Bölsche schreibt gegen die individuelle Erlebnistöltenlauf überall heraus, wenn man ihn auf große Vergangenheitslinien anschaut, auf Millionenjahre-Züge, auf Weltperspekti 4. Baxters allwissender Erzähler tröstet auch durch dieses Darstellungsmittel, aber er kann seine beruhigenden Ausführungen nur mit einem Sollenssatz beenden: im Gegensatz zu den meisten von ihnen hatte sie einen Blick in den dunklen Abgrund zu werfen vermocht, der ihr Leben umgab. Sie hatte die Kenntnis erlangt, dass ihre Vorfahren so ganz anders waren als alles in ihrer Welt und dass nichts wie sie bis in die fernste Zukunft zu überleben vermochte. Aber sie wusste auch, dass das Leben weitergehen würde wenn auch nicht ihr Leben, wenn auch nicht __________ 1 2 3 4

Bölsche, 1910f, , Bd. II, 338. Bölsche, 1910f, , Bd. II, 338. Vgl. dazu Hauser, Bd. 1/202-209. Bölsche, 1910f, 335, zit. bei Gebhard, 1984, 341.

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dieses Leben , so lang die Erde überdauerte und vielleicht sogar noch länger. Und das sollte für jeden genug sein 1. Baxter beginnt seine Darstellung der irdischen Naturgeschichte fünfundsechzig Millionen Jahre vor dem einundzwanzigsten Jahrhundert und schildert den Verlauf der Evolution des Lebens auf der Erde bis zu deren Erlöschen. Die Menschheit, wie wir sie kennen, bildet in diesem Monumentalgemälde nur eine Episode. Alles Leben orientiert sich dabei an dem finalen Imperativ2 Mit dem langsamen Aufstieg der Säugetiere im Saurierzeitalter setzt Baxter ein. Tiere, die von Baxter mit Namen versehen werden, tauchen auf, der Leser begleitet ihren Weg einige Seiten/Zeit lang und erlebt dann ihr Sterben. Exemplarisch schildert Baxter mittels dieser Episoden eine naturgeschichtliche Entwicklungsstufe. So etwa Purga, die an der Grenze zwischen Nagetier und Halbaffe steht die Welt eine Scheibe in Schwarz, Weiß und Blau, erleuchtet vom Licht des Kometen, das hinter hohen verstreuten Wolken hervordrang. Ihre großen Augen hatten nicht die hohe Farbempfindlichkeit der Dinosaurier-Augen manche Räuber vermochten sogar Farben außerhalb des von Menschen wahrnehmbaren Spektrums zu sehen, zum Beispiel trübes Infrarot und funkelndes Ultraviolett , doch dafür hatte sie eine gute Nachtsichtfähigkeit. Und Schnurrhaare, die wie taktile Radarstrahlen die Umgebung sondierten. Purga hatte mit den Schnurrhaaren, einer spitzen Schnauze und kleinen, angelegten Ohren eher das Aussehen eines Nagetiers als eines Primaten. Sie hatte etwa die Größe eines dessen Quelle die tiefste Vergangenheit und dessen Mündung die allerfernste Zukunft war. Und aus diesem Fluss der Gene, der im Verlauf von Jahrmillionen sich ständig verbreiterte und verzweigte, würde eines Tages die Menschheit auftauchen: Jeder Mensch, der je geboren wurde, würde von Purgas Kindern abstammen. oder 3 e . In einer Welt, die durch Meteoriten und Vulkane verwüstet wird, leben diese MenAnlagen der Menschheit in sich trugen, über die verwüstete, schwelende Ebene. Meteore 4 gingen um sie herum .

Während die kleinen Säugetiere überleben, finden die großen Saurier keine Schutznische in einer sich wandelnden Ökosphäre und wanken ohne den Trost einer großen Perspektive bewusstlos dem Untergang entgegen. wanderte von einem finalen Imperativ getrieben übers Land: überleben. Aber das Gift und der Regen setzten auch ihm zu. Lebewesen wie Purga suchten in Bauten oder unter Steinen Schutz vorm Regen und wenn es sein musste, auch unter einem leeren Schildkrötenpanzer. Das Euoplo war jedoch zu groß, um irgendwo Unterschlupf zu finden, und einzugraben vermochte es sich auch nicht. Der Rücken war ent-

__________ 1 2 3 4

Baxter, 2004, 822-825 (Hervorhebung L.H.). Baxter, 2004, 124. Baxter, 2004, 24f. Baxter, 2004, 111.

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setzlich verbrüht, von den großen Knochenplatten löste sich das Fleisch, und die Faserstränge brannten wie Feuer. 1 .

Baxter erzählt dann vom Aufstieg des Menschen zu einem seines Selbst bewussten Wesens und seinem Niedergang nach der Katastrophe, deren Zeuginnen Joan und Lucy Useb werden. Im Verlauf der Evolutionszeit verliert der Mensch wieder sein Bewusstsein und lebt am Ende des planetaren Lebens in Symbiose mit einem Baum. Die eigentlichen Gewinner des irdischen Evolutionsprozesses sind intelligente Maschinen. Die Menschheit hatte vor der Katastrophe Robotsonden2 zwecks Vorbereitung eines Terraforming des Mars ausgeschickt. Diese Sonden waren als 3 gedacht. Die Marsroboter waren so konzipiert, dass sie sich reparieren und replizieren konnten. Sie hatten Unterkünfte, Fahrzeuge und Computer für die zukünftigen Kolonisten gebaut, Luft und Wasser synthetisiert und Nahrungsmittel anzubauen begonnen. Die Menschen trafen nicht auf dem Mars ein, es gab keine neuen Befehle mehr von der Erde und so blieb der alte Befehl, sich zu replizieren erhalten. Damit ist in Baxters Roman eine neue Stufe des alttestamentlichen Aufrufs aus der Genesis sich die Roboter und verließen diesen Planeten, als der Mars zu eng für sie wurde und neue Rohstoffe zur Replikation benötigt wurden. Im Laufe der Jahrhunderttausende entwickelten die robotischen Replikatoren ein Bewusstsein. Am Ende des Zeitalters allen irdischen Lebens besucht eine intelligente Robotsonde, die Sphäre, die Erde auf der Suche nach ihren Wurzeln. Kind, das seinen unbekannten Vater suchte. Die letzten Spuren der alten Konstruktionspläne der Mars-Roboter, die von längst toten NASA-Ingenieuren in Computer-Labors in Kalifornien und Südengland konzipiert worden waren und sich seitdem ständig verändert hatten, waren verloren. Es schien angemessen, dass dieses größte und seltsamste Vermächtnis der Menschheit rein zufällig entstanden war und dass ihre Urheber ihrem Schicksal gefolgt waren. Es gab hier nichts mehr in Erfahrung zu bringen. Mit dem Äquivalent eines Seufzens 4 .

Die Sonne beginnt zu schrumpfen und wird deshalb im Folgenden immer heißer. Die Photosynthese beginnt zusammenzubrechen. Die letzten Pflanzen verwelken und mit ihnen vergehen die Tiere. Nur Hitze liebende Bakterien können jetzt noch überleben. __________ 1 2 3 4

Baxter, 2004, 124. Baxter, 2004, 702-704. Baxter, 2004, 702-704. Baxter, 2004, 807f.

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Die Stratosphäre verändert sich und in der Folge werden die Wassermoleküle vom Ultraviolett der Sonne in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Der Wasserstoff verflüchtigt sich im Weltraum. Es wird immer heißer Zwar sterben nun auch die Bakterien in einer Hitze, in der Blei zu schmelzen beginnt, doch hinterlassen sie dehydrierte Sporen in harten Hüllen. Wenn Asteroiden und Kometen einschlagen, werden große Gesteinsmengen ins All geschleudert. Mit diesen irdischen Meteoriten reisen die Bakteriensporen und einigen von ihnen gelingt es, in den Ursuppen neuer Planeten die irdische DNA neu erblühen zu lassen. Die Erde tangierte die diffuse Peripherie der angeschwollenen Sonne wie eine Mücke, die einen Elefanten umschwirrte. Der sterbende Stern verbrannte alles, was er hatte. Im Endstadium loderte die Hülle aus Gas und Staub auf, die die Sonne umspannte. Das Sonnensystem wurde zu einem planetaren Nebel, einer in phantastischen Farben schillernden Sphäre, die über Lichtjahre zu sehen war. Diese großen Zuckungen markierten den Untergang der Erde. Doch auf einem neuen Planeten eines neuen Sterns war der Nebel nur eine Lichtshow am Himmel. Was zählte, war das Hier und Jetzt, die Meere und das Land, wo neue Ökosysteme entstanden, wo die Lebewesen durch Veränderung ihrer Gestalt auf Veränderungen der Umwelt reagierten und wo Variation und Selektion blindlings immer komplexere Organismen formten. Das Leben war immer schon ein Glücksspiel gewesen. Und nun hatte es Mittel und Wege gefunden, sogar dem ultimativen Auslöschungs-Ereignis ein Schnippchen zu schlagen. In neuen Meeren und in einem unbekannten Land hatte die Evolution wieder begonnen. 1 .

Ist das die nachkopernikanische Geborgenheit im Kosmos, dass intelligente Maschinen den Menschen beerben? Der amerikanische Physiker und Sciencefictionautor Poul William Anderson (1926-2001) geht mit seiner Panspermievision nicht in die postmoderne Beliebigkeit. In seinem Romanwerk Sternengeist (1993) bewegt er sich im Kontext von Denkfiguren, die durch seine Kontakte mit Tipler entste 2 3 fliegen Bewusstseinskeime 4 . Die Menschen erlang ethoden, 5 . Baxter hat eine andere Perspektive. Wie lässt Baxter durch seinen allwissenden für jeden ge

6

.

__________ 1 2 3 4 5 6

Baxter, 2004, 812-815. Anderson, 1995, 665. Vgl. auch den 1981 entstandenen Roman über Das Avatar. Anderson, 1995, 664. Anderson, 1995, 665. Anderson, 1995, 665. Baxter, 2004, 822-825.

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III. Die Engel der Evolution: Sciencefiction als Antwort auf die metaphysische Anfrage des Darwinismus Die durch Darwin und die Neodarwinisten ausgearbeitete Evolutionstheorie ist nicht nur eine wissenschaftliche Lehre. Der Mensch der Moderne hat sie so unter die allgemeinen Plausibilitäten seines Daseins aufgenommen, wie sich der Christ früherer Zeiten anhand von scheinbar eindeutigen Auferstehungsbeweisen und anderen Beglaubigungswundern seines Glaubens sicher sein konnte. Die Evolutionstheorie gehört zu den großen kulturellen Plausibilitäten unserer Zeit. Für viele Menschen scheint sie Gottes Schöpfertum auszuschließen. Klammert aber ein Evolutionstheoretiker die zum Schöpfungsgedanken gehörige teleologische Denkungsart aus, so taucht das Problem einer metaphysischen Absicherung des Weges der Menschen und des ganzen Kosmos auf. Der Kosmos kann sich nicht selbst eine Antwort auf die Frage geben, woher er komme und wohin er gehe. Dies sind aber wesentliche Fragen der Menschen. Hier tut sich die schon angesprochene metaphysische Orientierungsaufgabe des Darwinismus auf. In dieser ungesicherten Situation kann man dem Kosmos eine Art Expansionstendenz nicht nur in raumzeitlicher Hinsicht zuordnen. Der Kosmos erhält dann imen durchdrungen zu werden und sich dabei auch immer bewusster zu werden. Einfacher ist es allerdings, die Existenz technisch und moralisch fortgeschrittenerer Wesen anderer Planeten anzunehmen, die uns Erdenmenschen den Weg zeigen. Beide Wege werden in der Moderne beschritten. Wir betrachten diese Längeren Gedankenspiele zunächst in der Sphäre der Fiktion der Sciencefiction und später im dritten Band dann noch einmal in der Sphäre von Spitzenwissenschaftlern, die ihre Naturwissenschaft im spirituellen Klima des Glaubens an Kontakte mit anderen Planetenbewohnern uvm. betreiben.

1.

UFO-Engel überwachen die Menschheitsevolution

Der 1954 veröffentlichte Roman Der Beobachter1 von Edgar Pangborn (19091976) spiegelt die religiöse Erwartung an die Weisheit von UFO-Wesen, welche über die Erde wachen und den richtigen Verlauf der Menschheitsgeschichte kennen. Pangborns Roman spielt im Jahre 1963 und erzählt über einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren hinweg die Geschichte der Erde in einer Phase der politischen Korruption und deren Ende durch eine durch biologische Kampfstoffe hervorgeru__________ 1

Im Original A Mirror for Observers, zitiert nach der deutschen Ausgabe Pangborn, 1978.

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fene Katastrophe1, die der Menschheit möglicherweise einen neuen, menschlich tieferen Anfang ermöglicht. Auf der Erde leben die fast menschenähnlichen und daher von Menschen kaum unterscheidbaren Marsbewohner, die Salvayer. Sie haben seit langen Jahrtausenden die Rolle von Kulturstiftern und -förderern übernommen. So überblicken sie mit der kulturphilosophischen Gelassenheit von Jahrtausenden die Entwicklung der Menschheit in der Moderne. ging im neunzehnten Jahrhundert verloren, und Millionen Menschen schütteten in ihrer übereilten Art das Kind mit dem Bade aus. Begriffe wie Disziplin, Verantwortung und Ehre wurden zusammen mit den diskreditierten Dogmen auf den Müllhaufen geworfen. Der Stütze Gottes und seiner Gesetze beraubt, wollen sie 2 . Ihre Hauptquartiere sind verborgene, unterirdische Städte, von denen aus sie ihre Aktionen zur Förderung des menschlichen Wohls steuern. Einige Salvayer lieben die Menschen, einige verachten sie. Es überwiegen allerdings die Kulturförderer. So spiegelt sich das alte metaphysische Verhältnis von Engeln und Teufeln, die um die Menschen streiten, auch bei den Salvayern wider. Für die, die die Menschen verachten, sind sie nur menschliche() Tier(e)3. Einer aus dieser Gruppe sagt in einer Diskussion zu einem anderen Marsianer namens Elmis dumm, Elmis. Sie haben immer ihr bestes getan, um die wenigen Außenseiter, die etwas Weitblick und Fantasie, Einsicht und Engagement haben, zu ersticken und zu zerstören, dabei wird es immer bleiben. Meinst Du, Christus könnte im 20. Jahrhundert länger leben, als es ihm vor 2000 Jahren vergönnt war? Galilei widerruft noch immer, Sokrates trinkt wieder den Schirlingsbecher, jeden Tag eines jeden Jahres aber inzwischen besteht der Schwarm aus vier Milliarden Einheiten, in einer kleiner gewordenen Welt, und sie haben rationellere Kreuzigungsmethoden entwickelt, ohne peinliche Publizität. Die vier Milliarden krabbeln und wimmeln überall auf der hilflosen Erde herum, zerstören und verderben, vernichten die Wälder, vergiften die Luft mit Rauch und Gasen, mit radioaktivem Staub und dem 4 quä . Für die anderen Marsmenschen stehen die Menschen allerdings auf der Stufe des Homo quasi-sapiens5, der auf eine höhere Evolutionsebene gehoben werden kann. __________ 1

Bemerkenswert sind manche Vorblicke Pangborns auf andere Katastrophen, die die Menschheit bedroh daß der Wasserspiegel der Ozeane jetzt viel schneller ansteigt als im letzten Jahrhundert. Es wird wärmer, und die Polkappen schmelzen allmählich ab. Vielleicht wird das Wasser den Rest besorgen. Die großen Wellen würden selbst mit den neuesten Hochhäusern und Wol-

2

Pangborn, 1978, 90. Pangborn, 1978, 7. Pangborn, 1978, 200. Pangborn, 1978, 9.

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Ihre Prognosemittel sind streng wissenschaftliche Hochrechnungen gegenwärtigen Verhaltens im Hinblick auf zukünftige moralische Prozesse der Menschheit. In einem Gespräch zweier wohlmeinender Marsianer wird diese übergreifende Perspektive des distanzierten, wissenschaftlichen Urteilens deutlich: uche durch den Schaum von Konflikten, Kriegen, Wandlungen, sozialen Spaltungen und Ideologien zu sehen. Ich beschäftigte mich wieder einmal mit Konfuzius, als du mich ,Ein paar, und sie bestätigen deine intuitive Vermutung vor hundert Jahren: daß eine echt ethische Revolution, vergleichbar der Entdeckung des Feuers, der Landwirtschaft oder des sozialen Bewußtseins um das Jahr 31 000 einsetzen und sich während der folgenden 1 Jahrhunderte entwi .

Am Beispiel des Versuchs, zwei außergewöhnliche Kinder zu fördern, Sharon Brand, das musikalische Genie und den ethisch genialen, aber sozial vernachlässigten und delinquent gewordenen Angelo Pontevecchio, wird dann die Romanhandlung aufgezogen. Gerade als Sharon Brand eine berühmte Konzertpianistin geworden ist, und Angelo Pontevecchio sich in die Höhen ethischer Genialität zu erheben beginnt, bricht eine Katastrophe über die Erde herein. Ein von Neonazis hergestelltes künstliches Virus rottet 1972 zwanzig Prozent der Menschheit aus. Der literarisch anspruchsvoll geschriebene Roman endet nachdenklich, versöhnlich und kritisch zugleich. Die Pianistin wird aufgrund der Virenerkrankung taub und muss ihre musikalischen Karriere aufgeben. Sharon Brand und Angelo Pontevecchio heiraten und führen in der Folge einen Gemischtwarenladen. Den nnere mich er im Norden aufstieg und seine Bahn über den Himmel zog, nicht schnell wie ein Meteor, aber für das Auge bei weitem eiliger als jeder Stern. Die wohl dramatischste Errungenschaft menschlicher Wissenschaft und zugleich etwas mehr als 2 Wissenschaft .

2.

Vorabend der Ewigkeit und der Rückkehr des irdischen Lebens in den Kosmos

Der englische Schriftsteller Brian Wilson Aldiss (*1925) veröffentlicht 1962 mit Vorabend der Ewigkeit einen Roman über die Endzeit der irdischen Menschheit und der irdischen Lebewesen überhaupt. Zwergenhaft kleine grüne Menschen und __________ 1 2

Pangborn, 1978, 14. Pangborn, 1978, 220.

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geflügelte Menschenwesen leben in tribalen Zusammenhängen auf einem gigantischen Baum, der einen ganzen Kontinent umfasst. Es gibt mittlerweile keinen Tag-Nacht-Zyklus mehr. Weil sich die Erde nicht mehr dreht, gibt es eine Nachtseite, auf der das Leben erstorben ist, und eine baumbedeckte Seite des ewigen Tages. Diese Baumwelt wird von Aldiss folgendermaßen charakteri das langlebigste Wesen dieser kleinen Welt, hatte Tausende von Stämmen. Vor langer Zeit, vielleicht vor zwei Millionen Jahren, hatte es viele Arten von Bäumen gegeben. Das hing vom Klima oder vom Boden ab. Dann wurde es immer wärmer. Die Bäume wuchsen, wurden größer und behinderten sich gegenseitig. Auf diesem Kontinent schaffte es der Feigenbaum, alle zu überleben. Er gedieh in der ständigen Hitze und verstand es, seine Luftwurzeln richtig zu benutzen. Jede Feige wurde größer als die vorherige; der Baum paßte sich den neuen Lebensbedingungen an. Er wurde höher und breiter, bis es ihm gelang, seine Äste und Luftwurzeln mit denen des benachbarten Baums zu verbinden und dort weiterwachsen zu lassen. So entstand in mittlerer Höhe ein Dickicht, durch das kein anderer Baum mehr hindurchstoßen konnte. Der Feigenbaum wurde der König des Waldes und zugleich unsterblich. Der Kontinent, auf dem die Menschen lebten, wurde von einem einzigen Feigenbaum bedeckt, dem Wald. Tausende und aber Tausende mächtiger Stämme waren durch Äste und riesige Blätter miteinander verbunden und bildeten so ein großes Ganzes. Der Baum hatte Wüsten, Gebirge und Sümpfe besiegt. Nur von den breiten Strömen und dem Meer war er aufgehalten worden. Im Meer lebte das tödliche Seegras. Die zweite Grenze war der Terminator, jene Linie rund um die Erde, hinter der die 1 ewi .

Die Menschen leben in kleinen tribalen Zusammenhängen und besitzen kaum noch ein Bewusstsein. Es gibt wuchernde Pflanzen und nur noch wenige Tierarten, die den räuberisch gewordenen Pflanzen nicht zum Opfer gefallen sind. Der Roman schildert den Aufbruch der irdischen Lebewesen in den Kosmos am Beispiel eines kleinen Familien-Verbandes. Es ist die Familie von Lily-Yo. LilyYo verliert ihr Kind Clat an eine fleischfressende Pflanze. Der Tradition gemäß muss sie zum Baumgipfel gehen, um Clats Seele freizu ein roh geschnitztes Stück Holz mit den Formen einer Frau. Immer wenn ein Kind geboren wurde, mußte ihm der Vater eine solche Totem-Seele schnitzen. Wer in die grüne Tiefe stürzte, dessen Gebeine konnten niemals bestattet werden. Die 2 Seele aber war immer . Über den Baumwipfeln erleben diese Menschenwesen die gigantische Feuerpflanze und spinnenähnliche Pflanzen, die Traverser, welche riesige Taue zum Himmel flechten. Diese Traverser haben Körperumfänge von über einem Kilometer und können den Weltraum kreuzen. Nachdem Clats Seele freigelassen wurde, verabschiedet sich Lily-Yo von ihrer Sippe und geht mit den anderen Erwach__________ 1 2

Aldiss (Hothouse. The long Afternoon of Earth), 1979, 10f. Aldiss, 1979, 8.

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senen wiederum in die Baumgipfel, um zu sterben. Es ist Sitte, dass man sich dann einem Traverser anschließt. Eingesponnen in Kokons werden Lily-Yo und ihre Gefährten von den Traversern zum Mond transportiert und dort abgeladen. Dort verpuppen sie sich zu Flugmenschen. Weil die riesigen Traverser kleine Samenkörner und Menschenkokons mit sich tragen, befruchten sie den Mond. Dabei handelt es sich um einen Akt der natürlichen Auslese. Nicht jeder Mensch in den Kokons überlebt diese Transformation. Lily-Yo macht sich nach ihrer Verpuppung mit den anderen überlebenden Familienmitgliedern auf die Reise zurück zur Erde, um ihre Kinder zu holen. In der Zwischenzeit durchstreifen die Kinder die sterbende Erde. Gren, das unternehmungslustigste Kind, begegnet einem mutierten Pilz, der Morchel, die von der Weltherrschaft träumt. Diese Morchel kann allerdings nur überleben, wenn sie sich parasitär einem anderen Lebewesen anschließt. Die Morchel geht eine Symbiose mit Gren ein und verkündet 1 Gren und seiner Frau Poyly t . Zwar ist die Morchel ein bösartiger Parasit, aber sie ist in der Lage, Grens Intelligenz zu heben und ihm die Erinnerungen an die Menschheitsgeschichte zurückzugeben. Als Lily-Yo, die ja inzwischen als Flugmensch ihre Mutation erfahren hat, zu ihren Kindern zurückkehrt, können sie ihre neuen Erfahrungen austauschen. Sie wissen, dass sie sich auf einem sterbenden Planeten befinden, dessen Lebenskeime zurück in den Kosmos drängen. Plötzlich sehen sie einen kosmischen Strahl, der diese Lebenskeime aufsaugt. n ewigen Wäldern ein greller Strahl aus dem Himmel herab und blieb. Er blieb! Dann begann er sich zu verfärben, zuerst unten, dann über seine gesamte Länge. Es war, als sauge er alles Grüne von der Erde hinauf in die Unendlichkeit des Raumes. Er wurde dicker. Sein oberes Ende verlor sich in der klaren Bläue des Himmels, die zwischen den wenigen Wolken hervorlugt. eheure Naturereignis zu sehen. ,Das Ende der Erde nähert si Samen, Staub, Leben, alle Hoffnungen der Erde. Sie verlassen den Mutterplaneten, denn sie wissen, das er sterben muß. Das Leben will niemals sterben. Es sucht neue Wege, um der drohenden Vernichtung zu entgehen. Energie! Stabilisierte Energie, wenn du willst. Die Natur hält zusammen, wenn es ums Überleben geht. Der Lebenskeim der Erde wird nicht zerstört. Er wird eine neue Welt finden, wohin er sich flüchten kann. Die Galaxis ist groß 2 und bietet viele Mög .

Die letzten Menschen sind weise geworden und wissen, dass sie diese kosmische Reise in irgendeiner Form mitmachen müssen und mitmachen wollen. Ihr Blick3 , sondern auf die __________ 1 2 3

Aldiss, 1979, 60. Aldiss, 1979, 141. Aldiss, 1979, 148.

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keiten für alle Rassen, die intelligent und strebsam sind. Das Universum wird immer grün bleiben, wird immer leben, auch wenn 1 . Die Rückkehr in den Kosmos wird von Aldiss mit dem Bild eines großen Zyklus verbunden. Genauso, wie alle physikalischen Einheiten aus einer Ureinheit im Big Bang 2 auseinandergeschleudert werden und wiederum im Big Crunch zusammenfinden, so geht es auch mit den Lebenskeimen. einer einzigen Zelle vereinigt. Später, als es Formen genug gab, entstanden neue dadurch, daß bestehende verschwanden. Sporen kamen aus dem Raum zur Erde, wurden zu Tieren, Pflanzen und Menschen. Viele der verschiedenen Arten gibt es heute nicht mehr. Warum aber gibt es sie nicht mehr? Weil die Ströme der Galaxis, die unserer Sonne das Leben gaben, sie nun wieder erlöschen lassen. Dieselben Ströme kontrollieren alles Leben. Sie beenden es, weil sie die Erde sterben lassen. Die Natur verfällt. Erneut vermischen sich die Formen, so wie es zu Beginn der Zeiten war. Sie gehen ineinander über und lassen sich kaum noch 3 unterschei .

Dabei kennt dieses evolutionistische Modell keine Geschichte. Der Kreislauf des Lebens ist ein dauernder Ausbruch von Lebenskeimen aus dem Urkeim und eine dauernde Rückkehr, in der sich nichts Neues ereignen wird. Es ist das zyklische Kreisen eines letztlich in seinen Mechanismen gefangenen Kosmos um sich selbst. kelter als die vorangegangene sein muß. Wir nähern uns wieder dem embryonalen Zustand, aus dem wir einst hervorgingen. So schließt sich der Ring, der Kreislauf des Lebens nähert sich seinem Ende. Der Prozeß des Universums ist abgeschlossen. Die galaktischen Ströme werden Lebenskeime von der Erde zu neuen Sonnensystemen tragen, so wie sie einst hierher gebracht wurden. Dort wird alles von vorn begin4 nen . __________ 1 2

Aldiss, 1979, 148. Natürlich ist diese Welt extremer als die heutige.

r more hazardous in Al-

fantastic array of carnivorous and poisonous jungle plants the wiltmilts, the killerwillows, the bellyelms, the trappersnappers, and many others. The overheated earth was no longer a ants today, and the other mammals have long since met with extinction. ,Over everything, inthe end of the novel, that in a matter of generations the sun will become a nova and incinerate all life on the planet. After many adventures, however, he has made his peace with the forest.

3 4

world may be, it is our world, we have our place in it, and sooner or later everything will end, (Wagar, 1982, 96). Aldiss, 1979, 153. Aldiss, 1979, 154.

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Hier ist wie schon bei Adolf Hitler (1889-1945) im ersten Band geschehen der hier sicher nicht bösartige Standpunkt eines kosmischen Indifferentismus zu beobachten.

3.

Tiermenschen und Edelmenschen in ihnen gemäßen Lebensformen: Philip Emerson High

Eine ähnliche Denkfigur finden wir in der auf kosmischer und evolutionstheoretischer Basis konzipierten Sozialutopie eines autodidaktischen Busfahrers, des Briten Philip Emerson High (*1914), der nach eigenem Zeugnis die Welt der Philosophie, des Parapsychologischen und des Mystischen an ihren rechten Platz, den 1 der Literatur, stellen möchte . In seinem Roman Der Planet der Schmetterlinge (1971) beschreibt er eine moralisch verfallene Welt in einer nicht allzu fernen Zukunft. In einer dem zur Entstehungszeit des Romans diskutierten staatspolitischen StaMoKap-Modell (Staatsmonopolistischer Kapitalismus) entsprechenden Gesellschaft wird hier eine von verbrecherischen multinationalen Konzernen beherrschte Weltkultur geschildert, die allmählich im Chaos versinkt. Ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung steht im Sold der Mafia-Konzerne, ein Drittel sind neutrale Bürger und ein Drittel wehrt sich gegen diese Verbrecher. Im Mittelpunkt der folgenden Handlung steht nun Peter Maynard, ein dreißig Jahre alter Techniker zweiter Klasse bei den vereinigten Elektronik-Werken2. Peter Maynard ist bekannt durch seine naive Ehrlichkeit3. Darüber hinaus können die psychologischen Computer, die seine Personalakte verwalten, eine unbekannte Abweichung von der Norm feststellen, die ihn für das globale Verbrechersyndikat interessant machen. Jeder, der von der Norm abweicht, hat möglicherweise eine Fähigkeit, die die Verbrecher nutzen können. Er wird entführt und soll in die weltweite Verbrecherorganisation eingegliedert werden. Doch kann er fliehen. Auf der Suche nach einem Versteck wird er von einer nicht korrumpierten, geheimen Sonderabteilung4 der Polizei gerettet. Bei der Sonderabteilung wird er zunächst einmal über die Weltlage aufgeklärt, die ihm bisher unbekannt war. Die Ausgangssituation für die ehrlichen Menschen erscheint absolut hoffnungslos. Genauso wie ein apokalyptischer Gläubiger im zweiten vorchristlichen Jahrhundert eine Welt erlebt, in der es keine Perspektive für ein erfolgversprechendes menschliches Handeln gegen die bösen kosmischen Mächte des unteren Luftraumes gibt, ist es die Situation in dieser Zukunftswelt.

__________ 1 2 3 4

High, zit. nach Reginald, Bd. 2, 1979, 936 (Übersetzung L.H.). High, 1972, 6 (Butterfly Planet, 1971). High, 1972, 7. High, 1972, 12.

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Vertreter des Gesetzes, die Organisation. Sie sind ein Neutraler gewesen, das heißt, Sie wußten nicht, was sich abspielte. Ein Drittel der Menschheit befindet sich in derselben Lage, die Leute haben keine Ahnung davon, was vor ihren Augen vorgeht. Aber beide Seiten strengen sich an, es dabei zu belassen. Die hart bedrängten Gesetzesvertreter, weil klare Erkenntnis bei allen Neutralen zu Anarchie und dem Zusammenbruch der Zivilisation führen würde. Die Gegner, weil sie das ausnützen und sich gleichzeitig dahinter verstecken können. Im übrigen kann kein Raubtier ohne Beute auskommen, und neunzig Milliarden Neutrale stellen eine geradezu phantastische Einnahmequelle dar. Die Organisation operiert hinter einer legitimen ,Das hört sich

sere einzigen Vorteile sind ein höherer Wirkungsgrad und, in einer veralteten Philosophie, 1 ein höhe .

Es stellt sich heraus, dass die sich in Maynards Art der Abweichung die zukünftige Norm nach dem Evolutionssprung sein wird. Maynard kann unter anderem von fremden Planeten träumen und dortiges Realgeschehen erleben, er kann sich hypnotisch gegenüber seinen Feinden anders aussehen lassen, und er kann unbekannte Feinde sofort instinktiv identifizieren. Seltsamerweise erscheinen ihm diese Feinde immer als Tiere2. Im Folgenden wird Maynard aufgrund dieser Fähigkeiten zu einem der großen Kämpfer für die Gerechtigkeit. Seine neuen instinktiven Fähigkeiten ermöglichen es der Polizei zum ersten Mal in der Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Polizei und Verbrechersyndikat, siegreich zu bleiben. Im Verlaufe des Kampfes erhalten immer mehr Polizisten Maynards parapsychische Fähigkeiten. Bei den Verbrechern setzt hingegen ein andersartiger instinktiver Prozess ein. Sie beginnen sich vor den guten Menschen zu fürchten und vor diesen zurückzuziehen. So kommt es endlich zu einer Massenflucht zu einem Planeten, der allen Verbrechern als Paradies erscheint. Aus den Menschen, die keine Moral besitzen und deshalb wie Tiere leben, werden durch Mutation reale Tiere. fort. Die abstoßende Kraft, vom Feind irrtümlich für eine neue Waffe gehalten, 3 . Anschaulich schildert High, wie die Verbrecher sich zu Tieren zurückentwickeln: rganisation, auf dem Boden und strahlte begeistert den Fluß an. Er liebte den Fluß, es gefiel ihm, wie er über die Steine murmelte und an den größeren Felsblöcken kleine Wirbel erzeugte. Auch er nahm Veränderungen wahr, Veränderungen in sich und an den Werten. Was, zum Teufel, hatte ihn getrieben, sein halbes Leben der Jagd nach dem Geld zu opfern? Wa-

__________ 1 2 3

High, 1972, 13f. High, 1972, 52. High, 1972, 137.

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rum hatte er ohne Widerspruch die Willkür des Lebens, die Hetzjagd um Macht, die unaufhörliche Angst vor dem Ausgeschaltetwerden mitgemacht? Seit den vergangenen vierzehn Tagen hatte Brinker nichts als eine kurze Hose getragen. Er hatte nun, wie er sich selbst versicherte, eine schöne und gesunde Bräune. Die Tatsache, kungen des Sonnenbrands zurück, die Haut wurde dabei rissig, ganz natürlich. Natürlich war auch, daß sie ein bißchen grau und an exponierten Stellen dicker wurde. Er wusch sich nie mehr, lag aber oft im seichten Wasser und ließ es über seinen nackten Körper plätschern. Es war merkwürdig, daß sein Bart nicht mehr wuchs, und aus irgendeinem Grund war 1 die dichte Brustbehaarung von früher völlig verschwun .

Nachdem die menschlichen Bösen ausgeschaltet sind, gelingt es der Menschheit im nächsten Schritt, zu einer Bewusstwerdung über die zu schaffende Gemeinschaft aller Lebewesen guten Willens im Kosmos zu gelangen. Eine fremde Rasse startet einen Angriff gegen die Menschheit, um sie auszurotten. Durch ihre hochentwickelten parapsychischen Fähigkeiten gelingt es der Menschheit unschwer einen Sieg über die feindlichen Mächte herbeizuführen. Dabei vernichten sie die Gegner nicht, sondern versuchen, sie von ihren kosmischen Zielsetzungen her zu überzeugen. In einem Gespräch mit Maynard wird der außerirdische Befehlshaber Alkine vom Sinn und Zweck des kosmischen Geschehens überzeugt. Maynard führt aus, dass die Planeten auf denen sich Leben bildet, eine Art von Kulturschalen2 sind. Diese r -Planeten3 haben die Aufgabe, Leben hervorzubringen. Dabei sind sie allerdings abhängig von einem Urplaneten, auf dem alles intelligente Leben einstmals seinen Ausgang genommen wie ich schon sagte, alle der Ordnung unterworfen. Es sollte mich nicht wundern, wenn jemand in den nächsten Tagen einen Traum hätte Sie werden die Fähigkeiten dazu entwickeln. Wie der Schmetterling werden Sie neue Dimensionen erreichen. Sie werden wissen, wohin Sie gehen sollen, eine Welt en wir einmal den Glauben, es werde ein Tag kommen, an dem die Guten von den Bösen geschieden werden. Die Bösen sollten an einen Ort der Dunkelheit, und die Guten wach. ,Gewiß, vielleicht gibt es ein Rassengedächt4 nis, oder viel . Mit diesen Worten endet der Roman. Es lässt sich absehen, dass die fremde Rasse auch bekehrt werden wird. Auf eine biologisch-evolutive Weise sorgt der Kosmos für eine partiale Apokalypse. Auf einem Planeten, auf dem sich intelli__________ 1 2 3 4

High, 1972, 109f. High, 1972, 145. High, 1972, 145. High, 1972, 155.

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gentes Wesen bis zu einem gewissen Grad der Scheidung in Gute und Böse entwickelt hat, kommt es zu einem Evolutionssprung, der ein Gericht über Gute und Böse darstellt. Die Bösen werden wieder zu Tieren und erhalten damit die Chance, ihre Lebenskeime am Ende eines weiteren Evolutionsprozesses in das Reich des guten Kosmos einzubringen und die Guten werden durch ihre neuen parapsychischen Kräfte in tieferem Maße an die kosmischen Lebenskeime angeschlossen. Sie können sich dann mit anderen kosmischen Rassen zu einer großen universalen Einheit verbinden.

4.

Menschheitsevolution durch intelligente Meteoriten: Ian McDonalds Roman über das Chaga

Am 30. Juni 1908 sei, so vermuten manche Wissenschaftler, in der sibirischen Tunguska-Region ein Meteoroid oder Komet mit der Masse von ungefähr hunderttausend Tonnen niedergegangen, der eine Explosion von vierzig Megatonnen TNT hervorgerufen habe. Noch neunhundert Kilometer vom Epizentrum der Katastrophe entfernt, habe man Störungen des Magnetfeldes der Erde feststellen können und auf der ganzen Welt seien Erdbebenwellen zu messen gewesen. Auch wenn erst neunzehn Jahre später eine Expedition zu der von den in dieser Region ansässigen Schamanen als verflucht angesehenen vermuteten Aufschlagstelle aufbricht, so trägt doch dieser Ort zur empirischen Fundierung des Neomythos von der welterschaffenden oder kulturschaffenden Kraft von Kometen und Meteoriten bei. In seinem 1995 veröffentlichten Roman greift Ian McDonald (*1960) das Motiv der Erschaffung der Menschenwelt durch gelenkte Meteoriten anhand dieser historischen Tunguska-Katastrophe auf. Genauso wie der Gnostiker eine vorgegebene prinzipiell formbare Prämaterie voraussetzt, die der göttliche Lichtfunke als Schöpfung gestaltet, so setzt McDonald in seinem Roman voraus, dass es eine von Tieren belebte Erde gab, die darauf gewartet hat, begeistet zu werden. Zwei Faktoren sind wesentliche Motoren der Handlung. Es ist zum einen die Voraussetzung, dass Meteoriten von einer übergeordneten Sternenintelligenz auf die Erde gesandt werden, um den Evolutionsprozess der Erde im Hinblick auf die Gestaltwerdung von kosmischem Geist in Gang zu bringen und zum anderen das Auftreten eines extrem tödlichen Aidsvirus. Nicht nur in der Urgeschichte der Erde sind solche lebensspendenden Meteoriten gesandt worden. Auch im ausgehenden 20. Jahrhundert schlagen Meteoriten auf der Erde ein. Die Afrikaner nennen den Meteoriten, der in Afrika einschlägt, und die aus ihm nun wuchernde stellare organische Materie das Chaga. Die grassierende neue Aidsseuche wird im Anschluss an bewältigte Vorgänger als HIV 4 bezeichnet. Später wird sich herausstellen, dass das HIV 4-Virus von den Sternenwesen gesandt ist, um als Motor der Evolution zu dienen.

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Zentrale Heldin des Romangeschehens ist Gaby McAslan, eine Fernsehjournalistin, die nach Afrika reist, um den Meteoriten und die Landschaft, die sich um ihn aus extraterrestrischer Materie gebildet hat, zu erforschen. Da die Regierungen das Gerücht verbreiten, dass jeder Kontakt mit dem Chaga tödlich sei, ist es ein sensationelles journalistisches Ereignis, als es ihr gelingt, den Prominenten Peter Werther zu interviewen, der in dem Chaga verschollen war. Peter Werther erzählt nicht nur, dass er das Chaga überleben konnte, sondern er schwärmt mit geradezu religiöser Inbrunst vom Chaga. bei den Sternen liegt. Das ist unser rechtmäßiger Ort, unser Ziel. Aber nicht so, wie wir jetzt sind; deswegen ist das Chaga gekommen, um sich mit uns zu verei1 nen und uns so zu verwan . Zur Zeit der Erforschung des Chaga durch Gaby McAslan steht auch fest, dass andere Planeten im Sonnensystem von diesen Meteoriten getroffen und umgewandelt werden. Aus Unkenntnis heraus empfinden die Menschen diese Meteoriten als Gegner. Eine große Bedrohung für die Menschheit scheint aus dem dauernden Wachstum des Chaga zu resultieren. Über geheime Kanäle erfährt Gaby McAslan, dass es illegale Spähtrupps gibt, die das Chaga erforschen, aus der instellaren Materie neue chemische Verbindungen entnehmen und auf dem schwarzen Markt an große Chemiekonzerne verkaufen. Mit einer solchen Gruppe bereist sie nun die Chagaregion. Auf diese Weise kann sie in der Konfrontation mit dem Chaga auch ihre Art der Jenseitsreise vollziehen. Sie erlebt eine materielle Welt aus den Sternenreichen, die der vertrauten irdischen Welt fremd ist. ns zu stehen. Es gab eine nahe Küste, aber keine ferne. Für Gaby unter dem Affenbrotbaum war er unendlich. Der Unterschied zwischen dem Chaga und dem trockenen Akaziengestrüpp, das zu ihm führte, war größer als der Unterschied zwischen Savanne und Regenwald. Es war der Unterschied zwischen Land und Meer, zwischen Sonne und Mond. Die Satellitenfotos hatten ihr das Chaga im geographischen Maßstab gezeigt, aber sie konnten das Gefühl der Unendlichkeit und Unausweichlichkeit nicht einfangen, das man empfand, wenn man tatsächlich davorstand, nicht mit den Augen Gottes hinabblickend, sondern mit menschlichen Augen. Aus dem Weltraum betrachtet war es ein dunkles, irrwitzig gemustertes Rondell, auf die Landkarte von Afrika gezeichnet. Unter einem Affenbrotbaum zwei Meilen vom Terminum entfernt, wie die vorderste Ausläuferlinie genannt wurde, war es, als ob sich ein Fenster auf einen fremden Planeten geöffnet hätte. Wenn man diesen Hang hinab und durch das Dornengebüsch gehen und diese Linie überqueren würde, würde man im selben Augenblick an einen schrecklichen Ort versetzt, Galaxien entfernt. 2 selhöhlen. Es roch nach dem Ozean des Unbekann .

__________ 1 2

McDonald, 1997, 122 ( , 1995). McDonald, 1997, 165-167 in Auszügen.

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Während Gaby McAslan gegen den Willen der UN-Behörden das Chaga erforscht, nähert sich eine neue Gefahr dem Sonnensystem. Es taucht ein riesiges, offensichtlich intelligent gesteuertes Objekt im Sonnensystem auf. Dr. Shepard, der Geliebte von Gaby McAslan, arbeitet seit 2006 als Exobiologe für die UN an der Erforschung des Chaga. Er erhält den Auftrag, diesen künstlichen Asteroiden zu erforschen. Durch Visionen, die das Chaga sendet, und durch über die Raumfahrer vermittelte Erlebnisse mit diesem künstlichen Asteroiden gelangt die Menschheit endlich zu der Erkenntnis, dass das Chaga ein Evolutionsmotor1 ist. immer der Hauch Großer Gedanken mitschwang. ,Es hat uns als Spezies weiterbewegt, vielleicht als viele Spezies. Unsere Technik hat uns in eine evolutionäre Sackgasse geführt. Die Biotechnik erlaubt uns eine Entwicklung in die Richtung, in die wir uns zu entwickeln wünschen: größer, kräftiger, gesünder, intelligenter, schöner. Wir bilden uns ein, daß dies die zukünftige Menschheit sein wird. Absurd. Wenn ein Stamm des Australopithecus sich hingesetzt hätte, um den nächsten evolutionären Durchbruch zu gestalten, dann hätten sie etwas geplant, das die Fähigkeit gehabt hätte, schneller zu laufen, weiter zu sehen, besser zu riechen, und mit größeren Nägeln ausgestattet gewesen wäre, um Insekten und Wurzeln auszugraben. Sie hätten keinen sprechenden, denkenden, Werkzeug herstellenden Homo sapiens geplant. Da draußen ist eine Umwelt, die uns so fremd ist, wie es Paris für den Australopithecus wäre, eine Umwelt, die sich verändert, um neue Reaktionen von uns zu erfordern, die Tausende von Lebensnischen schaffen kann. Wir wissen nicht, was wir brauchen, um uns ins Universum auszudehnen, deshalb verleiht uns das Chaga die Gabe, uns in tausend, zehntausend, eine Million Unterspezies aufzuteilen: eine millionenfache Menschheitssaat, in die Dunkelheit ge haftlich. ,Und vielleicht, weil da draußen genügend Platz ist, wird die gesamte Saat aufgehen. Transhumanität. Posthumanität. Panhumanität. 2 . Der relativistische Pluralismus der Postmoderne differenziert sich hier evolutiv aus.

Dr. Shepard bemerkt angesichts des Eindruckes, den der innen hohle, zur evolutiven Ausgestaltung durch eine neue transhumane Menschheit bereitstehende Asterend diese Gabe von den Mächten des Himmels immer näher kommt, klammern 3 wir uns an die Wände unse . Die Menschen erfahren, dass das Chaga nicht erst seit kurzer Zeit auf der Erde gelandet ist und weiterhin erfährt man, dass diese ,Mächte des eten hatten. __________ 1 2 3

McDonald, 1997, 431. McDonald, 1997, 431. McDonald, 1997, 632.

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Auch hier finden wir also das verbreitete neugnostische Element. Gaby McAslan erzählt: Ophiuchi, am Rand der Scorpius-Schleife. Seit wir der Hypothese Nahrung gegeben haben, daß die Chaga-Macher sich im Raum entwickelt haben, analysieren die orbitalen Teleskope die Spektren der Molekularwolken im tiefen Raum. Das gesamte Rohmaterial des Lebens ist dort draußen; Kohlenwasserstoff, Aminosäure, RNS. Von den Wolken des tiefen Raums wurden die ersten Buckyballs abgeleitet. Wir haben vom Rho Ophiuchi Spektren komplizierter Fullerene bekommen, die annähernd dieselben sind wie die, die Tolkien (ein Raumschiff, L.H.) auf dem Iapetus beobachtet hat. Nur daß diese etwa achthundert Lichtjahre tiefer zum Zentrum der Galaxis hin liegen. Wenn wir den Chaga-Machern großzügig ein Prozent der Lichtgeschwindigkeit zubilligen, dann blicken wir durch unsere Teleskope auf eine Kultur, die mindestens hunderttausend Jahre alt ist und wahrscheinlich noch viel äl ,Peter Werther erzählte mir, das sei nicht das erste Mal, daß wir mit ihnen Verbindung enschheit 1 statt, dort draußen in der Prä .

Eine zwiespältige Rolle spielt in diesem Evolutionsprozess die HIV 4-Erkrankung. Wer sich als Kranker in das Chaga, gleichsam in die heilenden heiligen Haine rettet, der wird nicht nur gesund, sondern er wird körperlich und geistig transformiert. Alle Kranken, die kein Vertrauen in das Chaga setzen, sterben allerdings eines jämmerlichen Todes. Wer aber den Mut hat, sich in das Chaga zu begeben, der findet nicht nur Heilung, sondern auch ein schier ewiges Leben. Denn die evolutive Transformation, die das Chaga mit den Menschen durchführt, verlängert auch ihre Lebensdauer ins schier Unendliche. Auf diese Weise findet ein zweiter Evolutionssprung der kosmischen Intelligenz auf der Erde statt. In der Morgendämmerung der Menschheit wurden durch das Chaga aus den Menschenaffen Menschen. Nun können durch das Chaga bedingt aus den Menschen Menschengötter werden, indem sie sich symbiotisch mit dem Chaga verbinden. Peter Werther verkündet Angst davor. Es ist nichts, wovor man Angst haben müßte, es ist keine Verunstaltung. Es wird in etwas Besseres, etwas Passenderes verwandelt. Ich bin nicht die Zukunft, aber viel2 leicht bin ich eine Zu . Das Chaga repräsentiert die Möglichkeit, dass die kosmische Intelligenz auf der Erde weiter zu sich kommt und selbst als kosmische Intelligenz weitere kosmische Intelligenz zeugt. Das spezifisch neu-gnostische Element dieses Romans scheint deutlich auf. Genauso wie bei vielen anderen Romanen bzw. neomythischen Standpunkten im Anschluss an Helena Blavatsky darf man das Chaga nicht als Gesandten Gottes verstehen. Der gnostische Lichtgott hat nur ein Interesse daran, die Schöpfung sich wieder entleeren und entwerden zu sehen. Alle Lichtteile sollen zurück in sein Reich und die materielle Substanz des Anfangs soll für sich bleiben. Hier hingegen geht es darum, dass der Kosmos sich selbst vergeistigt. Der künstliche Asteroid, der in das irdi Produkt einer Technologie, die verglichen mit der unseren wie Magie erscheint, aber wir

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McDonald, 1997, 286f (Hervorhebung L.H.). McDonald, 1997, 125.

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haben es geschafft. Wir sind hier. Wir bedeuten etwas. Klein, groß. Es ist wie mit den Engeln, die bei all ihrer Göttlichkeit letztendlich dem hohen und heiligen Gott nicht näher sind als wir Menschen. Dieses Gebilde mag eine ganze Welt sein, aber gemessen an den Sternen, den Spiralarmen, den Galaxien, dem weiten Universum, das wir gemeinsam bewohnen, ist es so klein wie ich. Wir sind beide winzige helle Lichtstrahlen der Empfindung. Wir brauchen beide jemanden, der uns in der Dunkelheit festhält. Und deshalb klammern wir uns aneinander. Symbio 1.

Eine Symbiose, die an der Vergeistigung aller kosmischen Regionen mitarbeitet. Die Erfüllung der äußersten Hoffnung einer durch die metaphysische Kränkung der kopernikanischen Wende bedrückten UFOgläubigkeit wird nur angedeutet. Die Symbionten sind vielleicht Wesen wie wir Menschen und zur freundschaftlich wohlwollenden Kommunikation bereit. Der letzte Satz, den eine den künstlichen Asteroiden besuchende Expeditionsgruppe zur Erde zurückmeldet lautet: 2 sagen, da seien Gestalten, die sich im Dunst herunterbewe . Im Folgeroman Kirinja (1998) lösen sich die irdischen Maßstäbe endgültig auf.

5.

Träume des Plasmaphysikers Gregory Benford: Erschaffen wir ein Universum!

Ein Teilchenbeschleuniger beschleunigt positive und negativ geladene Teilchen bis nahe an den Bereich der Lichtgeschwindigkeit. Weil diese Teilchen in der Nähe der Lichtgeschwindigkeit eine enorme Masse erhalten, können sie in diesem Gerät zertrümmert werden. Indem man die Bruchstücke der kleinsten Teilchen sichtet, hofft man, auf neue Elementarteilchen zu stoßen. Gregory Benford (*1941) erzählt in seinem Roman Cosm (1998), wie sich nach einem solchen Experiment etwas Unerwartetes bildet, ein in sich geschlossenes Universum, das in Anlehnung an den dieses Universum bergenden Kosmos als Cosm bezeichnet wird. Benford ist Professor für Plasmaphysik und Astrophysik an der UNIVERSITY OF CALIFORNIA (Irvine). Dort im ihm vertrauten Physikermilieu spielt auch die Handlung seines Romans. Benfords wissenschaftliches Format zeigt sich weiterhin darin, dass er als Berater für das Department of Energy, für die NASA und für das WHITE HOUSE COUNCIL ON SPACE POLICY tätig ist. Wir haben in ihm zugleich einen der niveauvollsten Sciencefiction-Autoren der Gegenwart vor uns. Der Roman spielt im Jahre 2005, am Anfang eines neuen Jahrtausends. In den Naturwissenschaften ist eine depressive Stimmung eingekehrt. Die Naturwissen__________ 1 2

McDonald, 1997, 644f. McDonald, 1997, 646.

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schaftler legen eine Philosopause1 ein. Eine tiefe Skepsis gegenüber den Erkenntnisfähigkeiten und dem Nutzen der Naturwissenschaften macht sich breit. Die Weltprobleme scheinen durch die Wissenschaften nicht gelöst werden zu können. Es bürgert sich die Haltung eines wissenschaftlichen Zynismus2 ein. Entweder man philosophiert über die eigene wissenschaftliche Disziplin und vergräbt sich dabei in scheinbar tiefe Gedanken über Trübes von Drüben oder man betreibt die Kunst des Rätsellösens, von dem der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn 1962 gesprochen hat, d.h. man widmet sich Detailfragen, weil ein großer neuer Wurf naturwissenschaftlicher Erkenntnis fehlt. Der Physiker Benford bezieht sich hier sicher explizit auf Kuhn, für den normale Wissenschaft eine Harmonisierungsbemühung hinsichtlich des Verhältnisses von Theorie und Fakten ist, die sperrige Fakten auf diese Weise in Schubladen einordnet. Kuhn spricht provozierend vom puzzle-solving, dem Rätsellösen und vergleicht die Tätigkeit der Normalwissenschaft weiter mit einem Geduldsspiel bzw. einem Kreuzworträtsel. Normale Forschung ist also nicht bestrebt, Neuheiten hervorzubringen, sondern interessiert sich für die spezifische Art des Weges, wie erwartetes Naturverhalten erreicht werden kann3. In diese alles Kreative und alle Aufbruchsstimmung tötende Normalität ist so das Romanszenario die Physik an der Jahrtausendwende gefallen. Um noch Forschungsmittel zu bekommen, wird seitens amerikanischer Physiker ein publicityträchtiges Vorhaben durchgeführt. In der amerikanischen Aufmerksamkeitsgesellschaft4 muss die Wissenschaft irgend einen großen Erfolg, und sei es auch nur ein Scheinerfolg, vorweisen, um weiter finanziert zu werden. Ein publikumswirksamer Anlass, die Wissenschaft wieder ins Gespräch zu bringen, ereignet sich im Brookhaven National Laboratory auf Long Island, das einen Relativistic Heavy Ion Collider zur Verfügung hat, der Kollisionen zwischen Elementarteilchen herbeiführen kann. Da die Explosionen bei diesen Kollisionen von Elementarteilchen eine äußerliche Ähnlichkeit zu dem Zustand des Universums in der ersten Millionstel Sekunde nach dem Urknall aufweisen, verkauft man dieses Verfahren der sensationslüsternen Aufmerksamkeitsgesellschaft als Mini Bang5. Es wird am Beginn des neuen Jahrtausends ein wissenschaftlicher Aufbruch vor der Weltöffentlichkeit simuliert, um Forschungsgelder für kleinliches Rätsellösen zu erschleichen. Der Jahrtausendaufbruch der Naturwissenschaften scheint zu einer kulturellen Lebenslüge zu werden.

__________ 1 2 3 4 5

Benford, 2000, 29. Benford, 2000, 28. Kuhn, 1983, 45 und 59f. Benford, 2000, 217f. Benford, 2000, 30.

§ 21 RELIGIONSFÖRMIGE NEOMYTHEN DER MODERNEN SCIENCEFICTION

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Doch gibt es die farbige Alicia Butterworth von der University of California in Irvine. Sie ist eine unbedeutende Experimentalphysikerin ohne Lebenszeitprofessur. Menschlich vereinsamt hat sie sich in die Naturwissenschaften geflüchtet. 1 hin flüchtete, um einer Welt zu entkommen, die ihr unbe Gerade sie, die sich aus der Welt flüchtet und damit exemplarisch die Lebenslügen dieser fruchtlos gewordenen Naturwissenschaften und des neuen Jahrtausends repräsentiert, wird eine neue Welt erschaffen. Kennzeichnend für Butterworth ist weiter, dass sie ihren christlichen Kinderglauben verloren hat, ohne einen Erwachsenenglauben gefunden zu haben2, und somit auch in ihrer metaphysischen Orientierung über das Woher und Wohin aller Wirklichkeit ziellos ist. Die überkommene christliche Religion steckt selbst in einer Krise. Sie hat den Menschen in ihrem Leben nichts mehr zu sagen und kann nur noch an den Lebenswenden, vor allem beim Begräbnis, die Trauer verbrämen3. So wie einerseits die kirchlichen Priester nichts mehr an Lebenshilfe anzubieten haben, so haben andererseits die Naturwissenschaftler von sich selbst Abschied genommen und verstehen sich als elitäre Priester einer naturwissenschaftlichen esoterischen Kaste4, die eifersüchtig ihre kleinen Geheimnisse hütet und ihre Eitelkeiten pflegt. Dies ist die Kulturatmosphäre der sogenannten 00-Jahre5. In dieser Situation geschieht etwas Besonderes. Butterworth erzeugt bei einer Kollision von Elementarteilchen ein in sich eigenständiges Universum und wird damit ungewollt zur neomythischen Schöpfergottheit. Zunächst scheint dieses Universum nur eine Kugel zu sein, die mit mechanischen Mitteln undurchdringlich ist, aber im Blick auf ihre Strahlungen messbar. Sie hat die Größe einer Bowlingkugel und wird heimlich von Butterworth aus dem Brookhaven National Laboratory fort und in ihre Universität nach Irvine gebracht. Dort untersucht sie die Kugel mit ihren Mitarbeitern Zak Nguyen und Brad Douglas, der bei einem dieser Experimente ums Leben kommt. Da sie die physikalische Gestalt dieser Kugel nicht verstehen kann, zieht sie den theoretischen Physiker Max Jalon hinzu, der an der Eliteforschungsstätte Caltech arbeitet und Spezialist für Gravitationswellen, Kosmologie und Astrophysik ist. Auch Max Jalon ist ein Gescheiterter. Er hat sich in den Elfenbeinturm der theoretischen Physik geflüchtet, um seine Persönlichkeitsprobleme zu bewältigen. Er ist es, der herausfindet, dass diese Kugel ein in sich geschlossenes Universum ist, __________ 1 2 3 4 5

Benford, 2000, 120. Benford, 2000, 183. Benford, 2000, 199f. Benford, 2000, 264. Benford, 2000, 159.

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in dem die Zeit wesentlich schneller abläuft, als im irdischen Kosmos. Diese Kugel expandiert in ihre eigene Raumzeit hinein und vergrößert sich dabei im irdischen Kosmos nicht. Weil diese Kugel ihren Ursprung im irdischen Kosmos hat, wird sie als Cosm bezeichnet. Als die Universitätsleitung die Sensation erkennt, die sich hinter dem Diebstahl von Butterworth verbirgt, wird der Cosm in das Observatorium verlegt. Im Observatorium, das sonst der Betrachtung des Makrokosmos der Erde dient, wird ein kompletter Mikrokosmos, der für sich selbst ein Makrokosmos ist, betrachtet. Selbst der amerikanische Präsident kommt und bewundert das Universum und auf einmal wird Butterworth in der Aufmerksamkeitsgesellschaft zur Göttin, die Galaxien erschafft1. Währenddessen beginnt die Raumzeit des Cosm immer schneller zu verlaufen. Wenn am Ende des durch den Big Bang in Gang gesetzten Prozesses der Big Crunch steht, ist es verständlich, dass bald erste Fragen aufzutauchen beginnen, die traditionell die Religion zu thematisieren hat. Das Problem einer fernen deus otiosus taucht auf. Unter einem deus otiosus versteht man in der Religionswissenschaft einen Weltbaumeister, der den Kosmos in einem einmaligen Schöpfungsakt so vollendet, dass die ihm immanenten Gesetzmäßigkeiten in sich bis zum Ende aller Zeiten funktionieren. Nach diesem Schöpfungsakt hat Gott die Schöpfung sich überlassen und sich in eine abgründige Ferne zurückgezogen.

In einem Gespräch zwischen Butterworth und ihrem Vater merkt dieser an, dass iversum in Gang gesetzt und sich dann anderen Dingen zugewandt hat. Sie wollen einen Gott, der sich für sie interessiert. Aber ihr Wissenschaftler geht alle genau in die entgegenge2 setzte Richtung, bei euren Visionen über . Butterworth erwidert, dass der Wissenschaftler sich rsön3 zu kümmern habe. Doch ihr Vater bezieht hier einen egal, ob Sekte oder Amtskirche ist nicht einfach erfunden worden, weil jemand sich abstrakte Gedanken über den Ursprung aller Dinge gemacht hat, hier geht es um Herzenssehnsüchte, Mädchen, von Menschen, die sich wünschten, ein Gott möge Anteil an uns 4 . Für die Wissenschaftler, in deren Milieu Butterworth verkehrt, ist Religion hin5 . __________ 1 2 3 4 5

Benford, 2000, 314. Benford, 2000, 363. Benford, 2000, 364. Benford, 2000, 364. Benford, 2000, 364.

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379 -

vorge . Doch andererseits lassen sich die letzten Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen und damit nach dem Woher und Wohin des Universums, das direkt vor den Augen der Alicia Butterworth immer mehr expandiert und das sich zugleich auf seinem Wege zum Big Crunch befindet, nicht vermeiden. Butterworths Vater repräsentiert die überlieferte Lebensweisheit, wenn er am 1

ganzes Universum erschaffen kann. Damit entwurzelst du gleich einen ganzen Wald von Glaubensvorste 2 schließlich deiner eige . Mit der Frage nach dem Woher und Wohin dieses Cosm-Universums taucht eine andere Frage notwendigerweise auf. Es ist die Frage, ob in diesem Kosmos intelligentes Leben entstanden sein könnte. Dieses intelligente Leben würde auch nach seinem eigenen Woher und Wohin fragen und geriete vielleicht auch in eine derartige Gottverlassenheit hinein, wie sie Butterworth ausgedrückt hat. l) Kosmos als Bild nehmen für das, was sich nach Jalons Auffassung im Cosm abspielt, dann wiederkauet sich dieser Cosm dergestalt, dass in ihm intelligente Wesen andere Cosms schaffen. So entsteht der Gedanke einer unabsehbaren und in sich gestuften Folge von Kosmen, die durch endliche Vernunftwesen wie Butterworth geschaffen wurden. igermaßen neugierig sind, werden sie ihre eigenen Cosm erzeugenden Experimente durchführen, und sei es nur, um die Theorie zu verifizieren. Wer weiß, vielleicht finden sie sogar eine Möglichkeit, in ein Tochteruniversum hineinzugelangen, und wandern aus? Jedenfalls werden einige Töchter annehmbare Lebensbedingungen bieten, dort wird sich wiederum Intelligenz entwickeln und in der nächsten Toch3 tergene . Es ergibt sich damit auch der Gedanke einer Cosm-Evolution. Unter den geschaffenen Universen gibt es einige, die intelligentes Leben hervorbringen und einige, die eben kein intelligentes Leben hervorgebracht haben. Wenn dies der Fall ist, werden sich einige Kosmen fortpflanzen, andere nicht. Die Evolutionstheorie wird hier auf ein kosmisches Niveau gehoben. Ist man aber erst einmal gedanklich so weit gekommen, dann ergibt sich notwendigerweise auch als letzte radikale Konsequenz dieser Kosmologie, dass der eigene Kosmos nichts anderes sein könnte als die Schöpfung einer anderen endlichen Vernunft in einem anderen durch endliche Vernunft geschaffenen Kosmos. Das alte Problem, dass die Menschheit irgendwo einen ersten Beweger sucht, der __________ 1 2 3

Benford, 2000, 364f. Benford, 2000, 365f. Benford, 2000, 455.

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als selbst nicht Bewegter sich zureichend in seiner Unendlichkeit im göttlichen Sein genügt, taucht hier wieder auf. Wer war der Beweger, der den ersten Kosmos schuf? Alicia Butterworth bringt ihre Hilflosigkeit angesichts dieser Frage auf den Bee1 . Die Stimmung ist nun schon lange umgeschlagen. Alicia Butterworth ist, nachdem sie beim Präsidenten und in den Medien in Ungnade gefallen ist, mit wenigen Getreuen und ihrem Cosm in die Einsamkeit der Natur geflohen und erlebt dort den Big Crunch, das in sich Zusammenfallen ihres Cosm mit. Auf diese Weise erfährt sie auch, wie sie auf einem ganz neuen Niveau technischen Titanentums als Göttin zugleich ihrer radikalen Endlichkeit überführt wird. Sie hat etwas geschaffen, was sie in Götter- bzw. in Gottesnähe bringt. Sie kann dieses Geschaffene aber nicht kontrollieren und sie muss den Untergang dieses Geschaffenen miterleben, kann ihrem Kosmos kein Neues Jerusalem schenken. Sie selbst steht am Ende da, wo sie vorher stand. Sie hat keine Auskunft über ihr eigenes Wohin und Woher bekommen. Sie ist immer noch die Person, die sie am Anfang war nur etwas berühmter. Gregory Benford gibt in einer letzten Wendung des Gedankenganges eine stimmige Antwort. Alicia Butterworth ist zu ihrer Endlichkeit verurteilt. Sie kann sich für andere, für einen ganzen Kosmos zur Göttin machen und merkt gerade in diesem Tun, wie endlich und begrenzt sie ist. Aber es gibt in dieser Situation der erfahrenen Endlichkeit nur eine mögliche Versöhnung. Es ist die kleine Aufhebung von radikaler Endlichkeit, die in der Liebe geschieht. Benford lässt am Ende aufleuchten, wie scheinbar unüberbrückbare Gegensätze zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Theorie und Praxis der Physik ausgeglichen werden können durch die Liebe. Allerdings ist Benford zu sehr Künstler und Realist, um nicht zu wissen, dass ein bloß angehängter Schluss mit Happy End stillos wäre. Deshalb endet der Roman nicht mit einer schmalzigen Geschichte, wie sich die Schwarze Alicia Butterworth und der Weiße Max Jalon lieben lernen und damit ihre Einsamkeit und ihre verschrobene Persönlichkeit heilen. Vielmehr bilden den Schluss des Romans nur noch Schlagzeilen, die die weiteren Geschehnisse kurz skizzieren. Es finden sich eine Notiz über die Explosion, die das in sich Zusammenfallen des Cosm begleitet hat, eine weitere über die Kritik an Alicia Butterworth und auch über ihre endlich erfolgende Anerkennung als Wissenschaftlerin, in den letzten Zeilen des Romans schließlich eine Mitteilung aus den Gesellschaftsnachrichten über die Heirat zwischen Max Jalon und Alicia Butterworth.

__________ 1

Benford, 2000, 457.

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Dieser Schluss ist zugleich eine Problemanzeige. Die Liebe in dieser unversöhnten und durch radikale Endlichkeit geprägten Welt ist eine stetige Aufgabe endlicher Wesen. Ein reines rosiges Happy End kann es nicht geben, aber es ist die letzte Chance für Menschen, menschlich zu leben in einem radikal endlichen Universum und darauf zu vertrauen, dass es eine Macht jenseits aller Mächte gibt, die alles heilt, weil sie alles miterleidet.

IV.

sche Kränkung hilft nur ein Evolutionssprung der Seelenkräfte

-

1.

Manichäismus als Sciencefiction und als Bombenterror: Von Edward Elmer Smith zur Zerstörung des Alfred P. Murrah Federal Building (1995)

a.

Unheimlich kosmisch heimlich religiös

Der 1934 in Heftform im Magazin AMAZING STORIES begonnene Lensmen-Zyklus -1965) ist eine der berühmtesten Space Operas den am weitest verbreiteten und fortdauernden Werken populärer Sciencefiction. Die Zustimmung anlässlich ihres Erscheinens in Heftform schlug hohe Wellen, 1 . Weltbild der Gnosis in ihrer manichäischen Ausformung vergleichbar. Dass diese Struktur nicht nur im dritten nachchristlichen Jahrhundert als Manichäismus, sondern auch im zwanzigsten Jahrhundert als Sciencefiction realisiert wird, ist wohl nicht auf eine manichäische Religiosität von Smith zurückzuführen, sondern auf den Zusammenhang des Auftauchens heilsgeschichtlicher Dualismen an geschichtlichen Wendepunkten. Es lohnt sich, diesen Vergleich durchzuführen, weil durch ihn noch einmal das spezifisch neomythische Moment dieser religionsförmigen Fantasie zum Sprechen gebracht werden kann. Erscheint die manichäische Realisation der genetischen Struktur explizit als Form der Religion, so können wir bei Smith eine Version beobachten, die metaphysische Prämissen in der Form der technisch-wissenschaftlichen Kultur darstellt. Wir werden eine Form der Technikkritik finden, die, auf Verfallsformen aufgeklärter Subjektivität fußend, zugleich durch Wissenschaftsgläubigkeit konstituiert wird. Fragen wir aber zunächst nach den Strukturgleichheiten zwischen dem manichäischen Weltbild und der smithschen Kosmologie. __________ 1

Sanders, 1986, 4 (Übersetzung L.H.). Wer von Sanders etwas anderes als solide biografische nstruktives Literaturverzeichnis erwartet, wird enttäuscht.

382

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Die Gnosis in ihrer manichäischen Ausformung ist die (systematisch wie historisch) letzte große Konsequenz des antiken Synkretismus1 vor dem endgültigen Sieg des Christentums im Abendland. In der Situation mangelnder religiöser Verbindlichkeit können neue religiöse Bewegungen Fuß fassen, die die zentralen menschlichen Fragen nach Woher und Wohin ohne die Verwir durch das Angebot einer Gnosis (Wissen) des Heils2 aufheben wollen. Der Manichäismus ist eines dieser gnostischen Angebote, die Einfluss von Spanien bis China erlangen3. Der Begründer des Manichäismus, der Perser Mani (ca. 176-216 n.Chr.), greift Gedanken gnostischer Tradition auf, um sie zu einem eigenständigen System weiterzuverarbeiten. Mani sieht es explizit als seine Aufgabe, bewussten Synkretismus4 zu betreiben, die damals gegebene religiöse Überlieferung des Orients in eine gnostische Erlösungslehre einzuschmelzen. Die Gnosis zielt auf Erlösung durch Erkenntnis der Situation des Menschen in einer radikal verkommenen, von einem unberührbaren Urgrund getrennten Welt; durch diese Erkenntnis kann das Selbst des Gnostikers zur Welt des Lichtes Verbindung erlangen. Mani denkt diese Welt in seiner spezifischen Weise nicht nur als Ort des Abfalls vom Lichtgott, sondern zugleich als Produkt eines bösen Gegenprinzips, in dessen Kampf mit dem Lichtreich Gottes der Mensch unweigerlich gestellt ist. In diesem Kampf befinden sich auch die Lensträger, die guten Helden des Edward Elmer Smith. Um der besseren Übersichtlichkeit des Vergleiches willen, stellen wir den Manichäismus5 rschränkt dar.

b.

Zwei Galaxien im metaphysischen Gegensatz

Es ist im durch das erfahrungswissenschaftliche Paradigma geprägten smithschen Weltbild nicht möglich, Schöpfung aus metaphysischen Prinzipien zu beschreiben. Sein erster Lensmenroman beginnt mit der Beschreibung des Zustandekommens von Planeten durch eine innerkosmische Katastrophe. Vor etwa zwei Milliarden Jahren durchdrangen sich zwei Galaxien. Dadurch erhielt im Verlauf mehrerer __________ 1 2 3

4 5

Vgl. dazu etwa Reitzenstein/ Schaeder, 1926; Gigon, 1969; sowie Momigliano, 1975. Allgemeine Züge der Gnosis hebt Pauen, 1994, 29-45 heraus. Als Einführung in die manichäische Gedankenwelt seien empfohlen: Rudolph, 1977, 349365; Böhlig, 1980; Haardt, 1967 und Colpe, 1980. Rudolph 1977, 357. Mani hat seine Gedanken gegen Verfälschungen absichern wollen und deshalb niedergeschrieben. Aus diesen Arbeiten sind uns nur dürftige Reste geblieben (in Form von Zitaten aus Schriften seiner Freunde und Gegner). Vorzüglich aus diesen, aber auch aus anderen manichäischen Dokumenten (Lehrstücke, Hymnen, etc.) wird im Folgenden zitiert.

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hundert Millionen Jahre fast jede Sonne der beiden Galaxien einen oder mehrere Planeten. Was die beiden Galaxien vorher als Galaxien qualifizierte, lässt sich nicht ausmachen. Eine Galaxis, in der es nur Sonnen gibt, ist keine Galaxis, die physikalisch triftig vorstellbar ist. Einer solchen Erklärung eignet allerdings der Schein des physikalisch Abgesicherten. Man erkennt in dieser physikalischen Unstimmigkeit aber auch das metaphysische Interesse von Smith, im Hinblick auf die Sphäre der bewohnbaren Planeten, bei einer Art von innerkosmischer Schöpfung anzufangen. Dieses Universum ist aber noch seltsamer. Smith schreibt, dass es trotzdem vor diesem Zusammentreffen einige Sonnensysteme, d.h. einige Sonnen mit Planeten gab. In der Ersten Galaxis ungefähr drei und in der Zweiten Galaxis mit intelligentem Leben bevölkert wur 1. Eine derartige Inkonsequenz erscheint zunächst völlig willkürlich, wird sich aber durch den Vergleich mit dem manichäischen Weltbild in ihrer metaphysischen Bedeutung erklären lassen. war, obwohl er zugesteht, dass auch eine Zufallstheorie vertretbar sei; auch hier geraten wir in Randzonen eines Weltbildes, auf die noch später eingegangen werden wird. Nachdem das kosmische Szenario festliegt, werden die beiden Hauptakteure eines kosmischen Kampfes vorgestellt. Auf einem der wenigen Planeten der Ersten Galaxis leben die Arisier, die gute Rasse. Sie haben die Vision einer kosmischen Zivilisation des Friedens auf den Milliarden Planeten, die durch die Durchdringung der Galaxien entstehen werden. Die Arisier fühlen sich noch auf eine andere Weise dem in der Galaxis entstande2

Verantwortung. Denn sie wußten, daß die existierenden und noch entstehenden Rassen eigentlich (von mir hervorgehoben, L.H.) arisischen Ursprungs waren und daß sie sie aus diesem Grunde den machthungrigen Eddoriern auf keinen Fall 3 . Es ist bedeutsam, dass es keine genaueren Aussagen zu dieser Abstammung gibt es ist die Eigentlichkeit einer gemeinsamen, als metaphysisches Prinzip verstandenen Galaxis, in der sich die arisischen Lebenssporen4 verbreiteten. Da die Arisier nahezu unendlich lange leben, haben sie über Jahrzehntausende hinweg eine Entwicklung zu reinen Geistes-Wissenschaftlern zurückgelegt, durch die sie in der Lage sind, ihre Ideale, ihre Vision einer kosmischen Zivilisation des __________ 1 2 3 4

Smith, 1981a, 5. Smith, 1981a, 5. Smith, 1981b, 11. Smith, 1981c, 5.

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Friedens zu realisieren. Dem heutigen Gemeinverständnis von Erfahrungswissenschaftlichkeit als Orientierung an den Naturwissenschaften stehen die Arisier also entgegen. Qualifizieren sich die Arisier speziell durch ihr Streben nach einem kosmischen Frieden durch Geisteswissenschaft, so zeichnet sich ihr Gegenbild, die Eddorier, durch das Streben nach Macht durch Technologie aus. Die Richtung der in den Romanen implizit enthaltenen smithschen Zivilisationskritik ist aus dieser Konstellation heraus schon erkennbar. Auch sonst sind die Eddorier antitypisch entworfen. Sie stammen nicht aus der Zweiten Galaxis, sondern aus einem dem arisischen und damit allen anderen Lebensformen gegenüber völlig anderen Kontinuum. Sie verließen dieses Kontinuum, als ihr Machtstreben kein Ventil mehr finden konnte. Nach vielen, sie selbst fast vernichtenden Bruderkriegen suchten sie nach einer Galaxis, die sie unterwerfen könnten. Sie erreichten das andere Kontinuum, indem sie ihren Planeten Eddore als Raumschiff verwandten. und drückend heißer Planet. Seine Atmosphäre besteht aus einer Mischung gifti 1 stin . Seine Bewohner, die Eddorier, sind nicht humanoid gebaut, so wie es die Arisier vor ihrer Vergeistigung als reine Gehirne ursprünglich waren, sondern können jede Körperform annehmen. Ihre Unfähigkeit zu lieben beruht auf ihrer absoluten Geschlechtslosigkeit. Eddorier pflanzen sich nur durch eine Art von Teilung fort. Aus dieser Unfähigkeit machen die Eddorier aber eine Tugend. gem wußten, daß sie in ihrer Geschlechtslosigkeit einzigartig waren, während das Leben überall sonst vom sexuellen Moment bestimmt wurde, trug diese Erkenntnis nur dazu bei, daß sie ihre Herrschaftspläne um so intensiver verfolgten. Sie wollten allerdings nicht nur herrschen, sondern das Universum 2 . Die Eddorier werden von Smith erant, überheblich, herrschsüchtig, raubgierig, unersättlich, kalt, dickfellig und brutal. Sie waren schlau, scharfsinnig, talentiert, beharrlich und tüchtig. Sie besaßen kein Gefühl für jene höheren Dinge und Ideale, die den zivilisierten Rassen 3 . Ihr ganzes Streben geht auf Machterwerb. Weil sich die Eddorier auch rassenintern nicht lieben können, gestaltete sich die eddorische Geschichte entsprechend als zahllose Kriege. Endlich aber fanden sie heraus, dass sie einander weder töten noch versklaven können, ohne sich selbst zu vernichten. __________ 1 2 3

Smith, 1981b, 9. Smith, 1981d, 174. Smith, 1981a, 8.

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Sie brachen aus ihrem Kontinuum auf, um sich einen Ort zu suchen, an dem sie ihr Machtstreben befriedigen konnten und kamen auf ihrem Weg zur Zweiten Galaxis. Als sich die beiden Galaxien dann durchdrangen, musste es eines Tages zu einer Konfrontation zwischen Arisiern und Eddoriern kommen.

c.

Kosmische Spannungen im Manichäismus

Grundspannung, die einen kosmologischen Dualismus beherrscht, anhand des Manichäismus gefragt werden. Finden wir bei Smith zwei gleichsam materielose Galaxien, die nur Sonnen, aber keine Planeten besitzen, die, einander durchdringend, Planeten schaffen und die von Wesen bevölkert werden, von denen die einen fast absolut gut und die anderen fast absolut schlecht, sogar aus einem anderen Kontinuum sind so finden wir diese Disjunktion von Gut und Böse im Manichäismus in der These eines unableitbaren Gegensatzes von Licht- und Finsterniswelt, von Gott und Hylé (Materie). tige Eigenschaften, die Vernunft (Nous), das Denken, die Einsicht, das Sinnen und die Überlegung sind. Im smithschen Kosmos wäre dieser König ein passabler Geistes-Wissenschaftler. Auf der giftigen Finsterniswelt, die von Dämonen bevölkert ist, lebt ein in sich uneiniger König, dessen Wesenseigenschaften der Rauch, der Brand, der Glühwind, das Wasser und die Dunkelheit sind. Genauso wie sich die Eddorier untereinander bekriegten, so bekriegt sich auch die Finsterniswelt. Ihr ist eine Unruhe eigen, die die Kämpfenden schließlich an die Grenzen des Lichtreiches treibt und das Licht entdecken lässt. Die Herrschaft des Lichtes hatte Gott der Vater inne, ewig in seinem heiligen Geschlecht, herrlich in seiner Kraft, wahr seiner Natur nach, immer jubelnd wegen seiner Ewigkeit, in sich tragend die Weisheit und die lebendigen, geistigen Kräfte nd an der Seite jener herrlichen heiligen Erde war das Land der Finsternis, tief und unermesslich in seiner Ausdehnung, in dem feurige Körper wohnten, d.h. verderbenbringende Geschlechter. Hier strömt unbegrenzte Finsternis, die man nicht zählen kann, aus derselben Natur mit ihren Sprösslingen. Jenseits dieser Finsternis waren schmutzige, stürmische Gewässer mit ihren Bewohnern, innerhalb von ihr schreckliche, starke Winde mit ihrem Herrscher und ihren Erzeugern. Weiter eine feurige und verderbte Region mit ihren Herrschern 1 . __________ 1

Zit. bei Böhlig, 1980, 230.

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Da das Licht sich selbst genügend ist, ging der Angriff von der Finsterniswelt aus. In einer manichäischen Hymne klingt dies so: Rauch, das Feuer, der Wind, das Wasser und die Finster 1 kriecht in ihnen, bewegt sie und stachelt sie an, sich gegenseitig zu bekrie . Da sie nun miteinander Krieg führten, gelangten sie an die Grenzen ihres Reiches. aufgereizt und angestachelt, sogar bis an die Grenzen des herrlichen Landes des Lichtes vorzudringen. Als sie aber wahrnahmen, daß sein wunderbares und überaus schönes Aussehen weit besser war als das ihrige, da versammelten sie sich d.i. jene finstere Hyle und beschlossen gegen 2 . Auch die Eddorier wanderten aus ihrem Kontinuum fort, um inneren Zwistigkeiten zu entgehen. Dabei gerieten sie in die Kollision der beiden Galaxien, durch deren Vermischung erst Planeten geschaffen wurden und damit zugleich die Möglichkeit von Leben außerhalb Eddores und Arisias. Analog denkt der Manichäismus. Schöpfung meint Vermischung von Finsternis- und Lichtteilen zu einer Einheit, die einerseits von der Finsternis zum Kampf gegen das Licht, andererseits aber auch vom Lichtgott als Strategie zur Überwindung der Finsternis geschaffen wird. Es geht hier nicht darum, die komplexe mythologische Architektonik dieses Schöpfungsprozesses bei Smith ablesen zu wollen3, sondern um die semantische Tiefenstruktur beider. Deshalb müssen wir die manichäische Schöpfungslehre nicht im Detail darstellen. Gerade der Manichäismus verstand sich ja explizit als bewusster Synkretismus und erlaubte deshalb seinen Missionaren, jede vorfindliche Religion als neuen Inhalt einzuarbeiten. Der Grundzug dieser Vermischung, die durch die Schöpfung entsteht, ist, dass Gott einen Gesandten aus sich emaniert, der von der Finsternis verschlungen wird. Dies ist einerseits eine Niederlage, andererseits aber auch eine List, um die Finsternisteile zu binden. Es geht darum, in der kämpfenden Vermischung die Finsternis endgültig zu bannen, andererseits aber auch die gefangenen Lichtteile wieder zum Licht zurückzuführen. Zu diesem Zweck emaniert der Lichtgott neue Gesandte, die den ersten Gesandten wieder erlösen sollen; die Finsternis schafft (am Ende eines komplexen Prozesses) hingegen das erste Menschenpaar, um die Lichtteile möglichst lange gefesselt zu halten. An diesem Punkt wird der Mythos

__________ 1 2 3

Zit. bei Haardt, 1967, 224. Auszüge aus einer manichäischen Schrift, zit. bei Böhlig 1980, 135. Zur hoch entwickelten Architektonik des gnostischen Mythos vgl. die kulturgeschichtlichen Anmerkungen von Taubes, 1971, 145-156.

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wieder bedeutsam für unser Anliegen, die gemeinsame semantische Tiefenstruktur des Manichäismus und der smithschen Kosmologie zu finden1. Nachdem die Mächte der Finsternis die ersten Menschen geboren haben, liegt Adam zunächst wie tot da2. e der Emanationen des Lichtgottes, L.H.) dem naiven Adam und erweckte ihn vom Todesschlafe, damit er erlöst wer ihm die Väter der Höhe und seine Seele, wie sie in alles geworfen wa im Gestank der Finster 3 See . Der manichäische Jesus schickt dem Menschen dann zur Aufklärung über seinen Zustand den durch ihn berufenen lichten Verstand. In Mani endlich verkörpert sich der Licht-Nous, die Lichtvernunft vollkommen. Es ist zu fragen, wie die Menschen über ihre Verstrickung in den kosmischen Kampf bei Smith aufgeklärt werden. Wie konstituiert sich bei Smith Gnosis, d.h. Heilswissen im Kampf gegen die Finsternis?

d.

Geschichte als Austragungsort

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns mit dem geschichtlichen Abriss beschäftigen, den Smith zur Frage nach der Entwicklung der beiden Galaxien nach ihrer Verschmelzung gibt. ochen. Planeten kühlen ab, bilden eine feste Oberfläche, stabilisierten sich. Das erste Leben entstand, wuchs, entwickelte sich und wurde in dieser Entwicklung einem spürbaren Einfluß ausgesetzt, den diametral entgegengesetzten Kräften Ari4 sias und Eddo . Durch gezielte Unterstützung verwandeln Arisier und Eddorier die Planeten zu ihrem Kampfplatz, die Planetenbewohner sind ihre Truppen, die allerdings nicht wissen, für wen sie kämpfen. Es gibt immer Tarnorganisationen, die für die beiden Grundmächte den Kampf koordinieren, auch die Verbündeten Arisias werden erst zum Schluss der Auseinandersetzung vollkommen eingeweiht. Ein Spezifikum der smithschen Kosmologie ist es nun, dass die Eddorier von den Arisiern systematisch in Unkenntnis über die Existenz von Arisia gehalten __________ 1

2 3

4

Zum sprachwissenschaftlichen Kontext dieser Begriffe vgl. etwa Greimas, 1971 und Eco, 1972. Vgl. dazu den Ausgangspunkt im Alten Testament (Gen 1,26-29). Böhlig, 1980, 107f zit. Theodor bar Koni (8. Jhd. n. Chr.), einen der Gegner des ManichäisSmith, 1981a, 13.

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werden. Die Eddorier glauben, leichtes Spiel im Kampf um die Macht zu haben. Zwar hat es zu Beginn der Auseinandersetzung eine Konfrontation von Arisiern und Eddoriern gegeben, diese wurde allerdings aus dem eddorischen Bewusstsein durch arisische Geisteskräfte gelöscht. So kämpfen die Guten im vollen Wissen der Gefahr, die Bösen hingegen im Glauben, es nur mit schwachen Planetenbewohnern zu tun zu haben. Die Eddorier bringen auf den Planeten Persönlichkeiten unter ihren Einfluss bzw. bilden Pseudopersönlichkeiten, die für sie die Zivilisation hemmen, im Extremfall durch einen Atomkrieg zerstören, wie es im Falle von Atlantis geschah. Während dieser Zeit versuchen die den Eddoriern unbekannten, weil vergessenen eschieht speziell auf den vier Planeten in ihrer Heimatgalaxis, von denen einer die Erde ist. Damit sich der Widerstand gegen die Eddorier ausbreiten kann, wird eine Strategie entworfen, in der noch einmal die Richtung der Smithschen Zivilisationskritik deutlich wird: Zweitens wird hierzu allein die galaktische Patrouille in der Lage sein, deren Bildung wir seit unzähligen Zyklen anstreben. Da kein Arisier und auch keine Gemeinschaft von Arisiern jemals in der Lage sein wird, dieser Organisation vorzustehen, ist es drittens nach wie vor erforderlich, eine Rasse zu schaffen, deren Mentalität sie zur Erfüllung dieser Aufgabe geeignet macht. Da es schließlich dieser neuen Rasse zu verdanken sein wird, daß die Eddorier vertrieben werden, werden ihr die Arisier viertens als Bewahrer der Zivilisation Platz machen. Fünftens dürfen die Eddorier auf keinen Fall von unserer Existenz erfahren, ehe es für sie physikalisch und 1 mathematisch unmöglich ist, eine wirksame Gegenwaffe zu konstru .

Die Geistes-Kraft wird der Technologie als siegreiches Prinzip gegenübergestellt, nur durch sie sind die Eddorier zu überwinden. Es ist für unseren Vergleich der spätantiken mit der neuzeitlichen Realisierung der semantischen Tiefenstruktur wichtig, dass die Arisier auf die Entwicklung einer Rasse warten müssen, die für sie die Eddorier besiegen kann, eine Rasse, 2 ihre Aufgabe als Wächter der Zivilisation er . Aus dieser Rasse, den Menschen, werden dann die höchsten Grade der smithschen Lensträger auserwählt werden, die den Sieg über Eddore herbeiführen werden, zu dem die Arisier nicht fähig sind. Hier findet sich die grundlegende Differenz zwischen antikem und modernem Dualismus, deren Fundierung in der unterschiedlichen Anthropologie liegt. Bei Mani wäre eine solche Denkfigur, wie sie Smith vorlegt, unmöglich. Hier ist der Mensch nichts anderes als ein Lichtfunke im Kot. Dieser Lichtfunke muss aus dem Körper geläutert werden und in das Lichtreich zurückkehren, damit der

__________ 1 2

Smith, 1981a, 15. Smith, 1981a, 12.

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Kampf erfolgreich beendet werden kann. Hilfe können die sich im Kampf mit der Finsternis verlierenden Lichtboten nur wieder in der Sendung eines weiteren Boten von oben erhalten, nicht aber vom Men Mensch (kein irdisches Wesen, L.H.) seinen Kampf vollendet hatte, sandte der Vater seinen 1 zweiten Sohn. Er kam, seinem Bruder aus dem Abgrund zu hel . Fragen wir nach dem Handlungsfeld dieser durch Arisia auserwählten Kämpfer im Vergleich mit der manichäischen Glaubenspraxis, so finden wir einen weiteren Hinweis auf die Integration der dualistischen Denkfigur in das moderne Weltbild. Im Manichäismus besteht die Praxis der Lichtläuterung aus Askese. Lichtelemente sind überall in den organischen und anorganischen Bestandteilen des irdischen Lebens enthalten. Deshalb dürfen sie so wenig wie möglich geschädigt werden. Arbeit, Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr schädigen die Lichtelemente. So gehört es zum manichäischen Lebensstil, möglichst asketisch zu leben. Da der Mensch allerdings leben muss, gliedert sich die manichäische Gemeinde in zwei Gruppen. Es ist der kleine Kern der electi (Auserwählte), die sich in radikaler Weise an die Gebote der Ehelosigkeit, des Fastens und Nicht-Arbeitens halten. Diese können allerdings nur existieren, weil es eine größere Zahl von auditores (Hörer) gibt, die sie ernähren. Diese dürfen Berufe ausüben und heiraten. Trotzdem sie weniger vollkommen sind als die electi, können sie gerettet werden. Diesen auditores und electi steht eine dritte Gruppe gegenüber, die verworfen ist. Es sind die hylé-Verfallenen, für die es keine Rettung gibt. Die gleiche Gliederung der Menschheit (bzw. der vernünftigen Planetenbewohner) finden wir auch im smithschen Kosmos. Es gibt die Lensträger, die als auserwählte Kämpfer gegen die Finsternis auftreten, es gibt die (moralisch eher wertneutral bis positiv eingestellte) schweigende Mehrheit und die Wesen, die (ohne es allerdings explizit zu wissen) Diener der Eddorier sind. om Menschen scheint hier grundlegend von manichäischen Vorstellungen unterschieden zu sein, da es gerade nicht auf Passivität, sondern auf Kampfbereitschaft bezogen ist. Wir finden bei Smith zwar auch asketische Züge, die die Lensmen betreffen 2, primär bedeutet der Kampf gegen Eddore aber ein Dasein als Waffentechniker und Kämpfer im physikalischen wie mentalen Bereich3. Dem Autonomieanspruch neuzeitlicher Subjektivität scheint es nicht mehr zu genügen, nur über seinen Unheilszustand aufgeklärt zu werden und dann in asketischer Passivität zu verharren. __________ 1

2 3

Aus einem poetischen Bericht des Heilsgeschehens, dem Psalm 233 eines koptischen Psalmenbuchs. Zit. bei Böhlig, 1980, 120. Im aktiven Dienst stehende Lensträger heiraten nicht (Smith, 1981c, 41). Strategische Fragen werden fast ausschließlich im Rekurs auf das je-größere Raumschiff bzw. Energiepotential gelöst. Geht es darum, auf mentalem Wege einen Gegner zu erledigen,

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Ein neues Indiz für die Differenz von Neuzeit und Antike? Diese Vermutung ist nicht falsch, muss aber differenzierter dargestellt werden. Gruppen, die heilsgeschichtliche Dualismen vertreten, können auch in der Antike aktiv werden. So gibt es vom zweiten vorchristlichen Jahrhundert ab am Rande des offiziellen Judentums etwa zweihundertfünfzig Jahre lang die QUMRAN-GEMEINDE der ESSENER, die in einem Wüstenkloster am Toten Meer lebte. Sie versteht es, sich und ihre Sendung in militärischer Terminologie darzulegen. Ihre Schrift Krieg der Kinder der Finsternis gegen die Kinder des Lichts drückt schon im Titel die Art und Weise aus, wie sich die Gemeinde ihre Teilnahme an den endzeitlichen Kämpfen gegen die Finsternis vorstellte1. Doch auch der gnostische Standpunkt kennt eine eigentümliche Dialektik von in enthusiastischen Aktivismus umschlagender Passivität und Askese. In dem Augenblick, in dem der Gnostiker sich als Wissender qualitativ unterschieden gegenüber allen anderen Menschen verstehen kann, ist die Möglichkeit impliziert, Wissen als Grundform erlösten Subjektseins zu sehen, das alle Handlungen und Einstellungen überformt und entwertet. So kann Gnosis zur Legitimation von Willkür verwandt werden: ,Weil ich Gnostiker bin, kann mich kein irdisches Verlangen Folgerichtig kommt es in der Antike auch zu Orgien im Namen der Askese 2. Zum tätlichen Angriff gegen die Mächte der Finsternis außerhalb der Gemeinde kam es im Manichäismus wohl nur deshalb nicht, weil die Manichäer meistens in Verfolgungsgefahr lebten und nicht das Image von Aufrührern noch zusätzlich vertiefen wollten, das sie schon besaßen. Die Frage nach dem Anteil modernen Subjektverständnisses in der Rolle der Kämpfer Arisias lässt sich nicht einfach gemäß dem Gegensatzpaar passiv aktiv bestimmen, sondern von dem Unterschied des Mythischen zum Neomythischen her. Wir werden darauf am Ende des Abschnittes zurückkommen. Kehren wir zur Frage nach der Rolle des Menschen bei Smith zurück.

e.

Die Rolle der Menschen

Die Entwicklung des smithschen Menschen zum Lensträger und Nachfolger der Arisier, als Wächter der Zivilisation, verläuft in einer Art von Heilsgeschichte, die __________ 1

2

Vgl. dazu den Text und entsprechende Kommentierungen in Burrows (1960, 327-336) und Licht (1981, 281-285). Zu derartigen vereinzelten Auswüchsen vgl. Rudolph, 1977, 254-257. Man fühlt sich hier an eweihte gelangt nicht nur zum Zweifel an dem Sein der sinnlichen Dinge, sondern zur Verzweiflung an ihm, und vollbringt in ihnen teils selbst ihre Notwendigkeit, teils sieht er sie

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allerdings, als naturgesetzlich verlaufende Evolution geistiger Fertigkeiten betrachtet, in das technisch-wissenschaftliche Weltbild eingeordnet wird. Zunächst sind sich die Menschen des kosmischen Kampfes, in dem sie stehen, nicht bewusst. Auf einer ersten Stufe der Entwicklung treten die Arisier, die ja auch den Eddoriern gegenüber noch unerkannt bleiben wollen, nur als Zivilisationsformer1 auf. arbeiten die Eddorier mit ähnlichen Methoden. Die Erde wird mehrmals vernichtet, weil die Menschen eine für die eddorischen Interessen widerspenstige Rasse sind. Erst als sich das eddorische Interesse von ihr abwendet, kann sich die Menschheit unter arisischem Einfluss entwickeln und nach den Sternen greifen. Während dieser Zeit versuchen die Arisier die Rasse, die die Galaxien durch gesteigerte Geistes-Kraft von den Eddoriern erlösen soll, hoch zu züchten. Es gibt unter den Menschen zwei genetische Linien, die sich über Jahrtausende hinweg nicht vermischen dürfen. Durch eine psychische Sperre werden die Träger dieser Erbteile an einer verfrühten Zucht gehindert. Um es dem Leser einfacher zu machen, werden diese beiden Pole durch einfache Merkmale ls ein Mann namens Kinnison ein Mädchen mit rotbronzenen Haaren und goldfleckigen Augen 2

arisischen gentechnischen Programms sind, werden sie über die Fähigkeiten ihrer Schöpfer hinauswachsen und dieselben von den Eddoriern befreien.

Hier finden wir wieder eine Inkonsequenz, die sich in die smithsche Zivilisationskritik immer wieder einschleicht und die belegt, dass Smith dem technisch-wissenschaftlichen Weltbild in seiner Kritik verhaftet ist. Durch technisch-wissenschaftliche Methoden, durch Gentechnologie, sollen Ziele einer Überwindung der technologischen Eddorier vorangetrieben werden. an das Zusammentreffen mit Arisia erinnern, um gerade so über die wirkliche Macht Arisias getäuscht zu werden. In dieser Zeit beginnt Arisia unter den Planetenbewohnern explizit Kämpfer zu erwählen. Seinen Ausgang nimmt diese Entwicklung auf der Erde. Ein Rothaariger mit goldfleckigen Augen namens Virgil Samms führt die Menschheit endgültig in das Sternenzeitalter. Zu seiner Zeit besteht in der Unzahl von bewohnten Planeten nur eine kleine planetenübergreifende Vereinigung, die Dreiplaneten-Liga. Um den interplaneta__________ 1 2

Smith, 1981a, 19. Smith, 1981a, 86.

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rischen Flugverkehr vor Piraten (in Wirklichkeit Kämpfer Eddores) zu schützen, existiert im Auftrag der Dreiplaneten-Liga eine Raumpatrouille, die Samms leitet. Sein Problem ist die Bestechlichkeit, die sich als Verführung zur Macht (das Eddorier-Thema) äußert. Weiterhin sucht Samms ein Erkennungsmerkmal, durch das jeder Mensch Mitglieder der Patrouille von Betrügern unterscheiden kann. Da bekommt er einen telepathisch übermittelten Hinweis auf den bisher allseits tabuisierten Planeten Arisia. Dieser Planet war bisher von allen raumfahrenden Rassen seiner Probleme findet auf Arisia eine Erfüllung und leitet über zur dritten Stufe der Geschichtsentwicklung. Der Patrouillenchef trifft dort ein Riesengehirn, den Arisier Mentor bei Homer ist Mentor der väterliche Freund und Erzieher Telemachs. Mentor initiiert Samms als ersten Lensträger. Auch die Manichäer kannten Initiationsriten. Bei ihnen waren es der Friedensgruß, die D