Konzepte der NATION im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert: Geschichts-, politik- und sprachwissenschaftliche Zugänge (Linguistik in Empirie und Theorie/Empirical ... Theoretical Linguistics) (German Edition) 9783662663318, 9783662663325

NATION stellt weiterhin die häufigste Form der politischen, d.h. staatlichen Organisation dar und wird als zentrale Ausp

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Konzepte der NATION im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert: Geschichts-, politik- und sprachwissenschaftliche Zugänge (Linguistik in Empirie und Theorie/Empirical ... Theoretical Linguistics) (German Edition)
 9783662663318, 9783662663325

Table of contents :
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Nation und Identität als sprachlich-narrativ konfigurierte Räume?
1 Einleitung
2 Nation als neuer, alter Identifikationsraum
3 Raum in der Geschichtswissenschaft und -theorie
3.1 Zum spatial turn in der Geschichtswissenschaft
3.2 Impulse für eine historiografische Raumnarratologie
4 Nation als Konstrukt begreifen, Nationskonstruktionen problematisieren
4.1 Gründungsmythos und narrative Motivierungen
4.2 Die Historisierungsbedürftigkeit von Geschichtserzählungen
4.3 Erfolgsgeschichte(n) und Identitätsproblematiken
4.4 Zur Wiedererfindung der Nation
5 Meisternarrative und Identifikationsräume
5.1 Von Anfängen …
5.2 … und Enden
6 Schlussbemerkung
Literatur
Presidential Speeches as Modus Operandi for the State- and Nation-Building
1 Introduction
2 Political Speeches within Political Communication
3 Material and Method
4 Analysis
5 Conclusions
Appendix
References
Does Islam belong to Germany?
1 Introduction
2 Methodology
3 Theory
3.1 Discourse, Power, Knowledge and Truth
3.2 Normalism
4 The Debate’s Contexts
4.1 Islam Discourses
4.2 Discourses on Germany
5 The Debate on Islam’s belonging to Germany
5.1 Flexibly Normalistic Belonging
5.2 Conditioned Belonging
5.3 Protonormalistic Belonging
6 Conclusion
References
The Bosnian Diaspora: Homeland Belongings and Categories
1 Introduction
2 The Ubiquity of Identity and (Official) Categories
3 Diaspora Dynamics
4 Methodology
4.1 Questionnaire and Semi-Structured Interviews
4.2 Methodological Challenges
4.3 Thematic Analysis
5 Results and Interpretation
5.1 Multiple Belongings
5.2 Dynamic Categories
6 Interpretation and Conclusion
References
Renaissance – ein transnationales neues Narrativ für Europa?
1 Kognition – Narration – Persuasion
2 Strategische Narrative im europapolitischen Diskurs
3 Renaissance: Argumentatives Potenzial eines kulturellen Symbolworts
4 Renaissance im europapolitischen Diskurs: Zwei Beispiele
4.1 Die Deklaration der Kulturschaffenden (2014)
4.2 Macrons Offener Brief (2019)
5 Renaissance – ein transnationales neues Narrativ für Europa?
Korpus
Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie?
1 Einleitung
2 Die Zeitschrift Bicник/The Herald/Le Messager (Visnyk) als Quelle der Diskursanalyse
3 Überschneidungen von religiösen und politischen Diskursen
4 Diskursanalyse im Kontext des Euromaidans und des Krieges in der Ostukraine
4.1 Erste Phase: Zurückhaltende Reaktion
4.2 Zweite Phase: Akkumulation der religiösen Deutungen
4.3 Dritte Phase: apokalyptische Kulmination
4.4 Vierte Phase: Rückgang des religiösen Pathos
5 Zusammenfassung
Literatur
Linguistik der Erinnerung – transnational. Das Beispiel lexikalischer Erinnerungsorte
1 Einleitung
2 Erinnerungsorte: die historische Referenzliteratur
3 Zwischen Sprach- und Geschichtswissenschaft
3.1 Lexikographie, Rhetorik, Semiotik
3.2 Linguistik: einzelsprachübergreifende Perspektiven
3.3 Versuch einer Synthese
4 Historische Germanismen als Fallstudie
4.1 Konstruktionen, Frames, Diskurse
4.2 Methodologie
4.3 Von diskursiver Aneignung zu De-Mnemonisierung
5 Ausblick
Literatur
Are We Brothers? Pseudo-peaceful Discourse in Russian Media Manipulation
1 Introduction
2 Theoretical Approach
3 Literary Review
4 Research Material
5 Findings
6 Conclusions
References
Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs
1 Einleitung
2 Theoretischer Ansatz und methodischer Zugriff
3 Nationskonzepte im ungarischen Rechtswesen
4 Die Lexeme nemzet („Nation“) und nemzeti („national“) in der ungarischen Gebrauchssprache
5 Konzeptualisierungen im ungarischen Pressediskurs
5.1 Das Korpus und die Analyseschritte
5.2 Ergebnisse der quantitativen Untersuchungen
5.2.1 Frequenzanalysen
5.2.2 Kollokationsanalysen
5.3 Ergebnisse der qualitativen Untersuchungen
6 Fazit
Literatur
Eine „imperiale Nation“? Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland: Ideen Greater Britains im 19. Jahrhundert und heute
1 Einleitung
2 An empire in making. Viktorianisches Empire und Föderation
3 No Empire but an ordninary state. Greater Britain zwischen higher brotherhood und world state
4 Back to the future. Greater Britain, Brexit, CANZUK
5 Conclusio
Literatur
The Metonymy EUrope as a Means of Legitimizing Nations in the Western Balkans
1 Introduction
2 Contextual Background
3 Theoretical and Methodological Framework
3.1 The Concept of Nation
3.2 Positioning in Discourse Space and Proximization Theory
3.3 Metonymy in Discourse Space
4 Corpus
5 Analysis and Discussion
5.1 Montenegro and EUrope
5.2 (North) Macedonia and EUrope
6 Conclusion
References
Nationbuilding gegen Nationalismus? Die Bestrebungen der Europäischen Union, die „albanische Frage“ in Kosovo zu lösen
1 Einleitung
2 Umstrittene Staatlichkeit und die Rolle der EU
3 Widerstreit der Narrative: Die Schlacht vom Amselfeld und die Liga von Prizren
4 State-building zwischen Nation, Staat und Kultur
5 Eine „europäische Perspektive“ für Kosovo
6 Fazit und Ausblick
Literatur
Auf der Suche nach kollektiver Identität – Der Begriff Nation im Spannungsfeld europäischer Renaissance und einzelstaatlicher Exitbestrebungen
1 Identität als Achillesverse der Europäischen Union
1.1 Der Begriff „Nation“ im Zeitalter einzelstaatlicher Exitbestrebungen
1.2 Der Begriff „Nation“ im Wandel der Zeit
1.3 Der Begriff „Nation“ im Spannungsfeld der europäischen Renaissance
2 Die konzeptuelle Komplexität von „Nation“
2.1 Der Begriff „Nation“ aus Sicht der Framesemantik
2.2 Kognitive Strategien der Stärkung des [Identitäts]-Frames
3 Emmanuel Macron‘s Versuch der Etablierung einer kollektiven [Identität]
3.1 „Europa“ als kollektive Großbaustelle ([Raum])
3.2 Friedenssicherung und Fortschritt als Vorteile einer kollektiven [Souveränität]
3.3 Kollektive [Identität] durch Komplementierung
4 Zusammenfassung
Literatur
Corporate Communication at the Intersection of Economic and Political Discourse: The Role of the Nation in CSR Communication in the Ukrainian Energy Sector
1 Introduction
2 CSR Communication across Disciplines and Cultures
3 Data and Method
4 Discussion of Results
5 Conclusions
References
Corona als Basis sprachlicher Argumentation an die eigene Nation und andere Nationen – vom Impfnationalismus bis hin zur Public Diplomacy
1 Einleitung
2 Zu den angewandten linguistischen Methoden
3 Das Nationale in der politischen Argumentation
3.1 Erster Wendepunkt: Das Nationale in der politischen Argumentation seit 2015
3.2 Zweiter Wendepunkt: Das Nationale in der politischen Argumentation um Corona
4 Bisherige linguistische Untersuchungen des deutschen Corona-Diskurses
5 Die Neologismen im Neologismuskorpus cOWIDplus
5.1 Wortbildung und Fachsprachlichkeit
5.2 Framing
5.2.1 Negatives Framing des fremden Raums als gefährlich und positives Framing des eigenen Raums und der eigenen Nation als schützend oder geschützt in cOWIDplus
5.2.2 Nur negatives Framing der Neologismen rund um die Impforganisation und die Impfstoffbeschaffung in cOWIDplus
6 Positives nationales (Um-)Framing der Neologismen zur Impforganisation und Impfstoffbeschaffung auf Twitter
6.1 Umframen des Lexems Impf(stoff)nationalismus auf Twitter hin zu einer negativen Eigenschaftszuweisung nur an fremde Nationen
6.2 Positives Framing einer Nation mithilfe eines Impfstoffs
7 Fazit
Literatur
Aus „Fährenland“ zum fliegenden Holländer – Ungarn zwischen Ost und West als Teil des nationalstaatlichen Identitätsdiskurses
1 Einleitung
2 Historischer Ursprung der Fährenland-Metapher
3 Sprachlich-diskursive Formen Ungarns Position zwischen Ost und West in den Reden von Viktor Orbán
3.1 Loslösung der „ungarischen Fähre“ vom Westen
3.2 Das „ungarische Schiff“ zwischen drei Großmächten
3.3 Ungarn als Brücke zwischen West und Ost
3.4 Mitteleuropa als illiberale Insel
4 Schlussfolgerung
Literatur
Discurso a la nación catalana: Sprachwissenschaftliche Überlegungen zum Nationenkonzept des spanischen Politologen Ramón Cotarelo
1 Einleitung
2 Katalonien und Spanien: Historische Hintergründe der Nation Building-Diskurse
2.1 Geschichtlicher Überblick
2.2 Nation, Nationalität, Sprache und Autonomie in der Verfassung
3 Discurso a la nación catalana
3.1 Titel, Prolog und Gliederung
3.2 Argumentatives Grundmuster
3.2.1 Rhetorische Untermauerung des Rechts auf Selbstbestimmung
3.2.2 Rhetorische Dekonstruktion Spaniens als Nation
3.2.3 Rhetorische Strategien zur Konstruktion der katalanischen Nation
3.3 Auffällige sprachliche Strukturen
3.3.1 Sprachliche Dichotomien
3.3.2 Verwendung von Hedges
3.3.3 Verweis auf Autoritäten
3.3.4 Verwendung von Metaphern
4 Fazit
Literatur

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Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation

Aleksandra Salamurović Hrsg.

Konzepte der NATION im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert Geschichts-, politik- und sprachwissenschaftliche Zugänge

Linguistik in Empirie und Theorie/ Empirical and Theoretical Linguistics

Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation Reihe herausgegeben von Igor Trost, Bad Abbach, Bayern, Deutschland Annamária Fábián, Bad Abbach, Bayern, Deutschland Torsten Leuschner, Gent, Belgium Armin Owzar, Freiburg im Breisgau, Baden-Württemberg, Deutschland Judith Visser, Bonn, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

In der trans- und interdisziplinär ausgerichteten Reihe Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation erscheinen Publikationen zu allen Aspekten der politischen Kommunikation und des politischen Diskurses im historischen (auch zeithistorischen) Kontext aus synchroner und diachroner Sicht. Besonderes Augenmerk gilt Studien, die sich an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen wie der germanistischen Linguistik, den Linguistiken der Fremdsprachenphilologien, den Literaturwissenschaften, der Soziologie sowie der Geschichts-, Kommunikations- und Politikwissenschaften befinden. Ein in der inter- und transdisziplinären Forschung erfahrenes Herausgebergremium sowie ein ausgewiesener wissenschaftlicher Beirat aus mehreren europäischen Ländern stellen die Qualität der Publikationen durch ein doppeltes Peer-ReviewVerfahren sicher. Die Reihe Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation geht auf den vom Herausgebergremium ins Leben gerufenen gleichnamigen internationalen Arbeitskreis zurück und steht als Publikationsplattform inter- und transdisziplinärer Forschung auch Nichtmitgliedern offen. Sub-Series Language, History, Politics and Communication The inter- and transdisciplinary book series Language, History, Politics and Communication invites publications on all aspects of political communication and discourse in its historical (including contemporary) context from a synchronic and/or diachronic perspective. Contributions at the interface with disciplines such as linguistics (especially, but not exclusively, of German), literary studies, sociology, history, communication studies and political science are particularly welcome. Quality is ensured through double peer review by an editorial team with broad experience in inter- and transdisciplinary research and a cross-European advisory board of qualified specialists. The book series Language, History, Politics and Communication is published under the auspices of the international research group by the same name, which was founded by the series editors. Its ambition is to serve as a platform for interand transdisciplinary research well beyond the membership of the group. Contributions may be written in German or English.

Aleksandra Salamurović (Hrsg.)

Konzepte der Nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert Geschichts-, politik- und sprachwissenschaftliche Zugänge

Hrsg. Aleksandra Salamurović Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas, Universität Regensburg Regensburg, Deutschland

ISSN 2662-5725 ISSN 2662-5733  (electronic) Linguistik in Empirie und Theorie/Empirical and Theoretical Linguistics ISSN 2662-2106 ISSN 2662-2114  (electronic) Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation ISBN 978-3-662-66331-8 ISBN 978-3-662-66332-5  (eBook) https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 Die Kapitel „Linguistik der Erinnerung – transnational. Das Beispiel lexikalischer Erinnerungsorte“, „The Metonymy EUrope as a Means of Legitimizing Nations in the Western Balkans“ und „Corporate Communication at the Intersection of Economic and Political Discourse: The Role of the Nation in CSR Communication in the Ukrainian Energy Sector“ werden unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (http://creativecommons. org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation in den Kapiteln. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Planung/Lektorat: Marta Schmidt J.B. Metzler ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer-Verlag GmbH, DE und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin, Germany

Vorwort

„Doch leben wir nicht alle in Nationen?“ Aleida Assmann 2020a: 73

1. Konzept Nation und warum es wichtig ist Nation als ein epistemisches, normatives, soziokulturelles, legales und institutionalisiertes Konzept (Malešević, 2006: 29) verliert auch im 21. Jahrhundert nicht an Anziehungs- und Wirkungskraft (Bieber, 2018: 519), trotz wiederkehrender Kritik aus wissenschaftlichen und intellektuellen Kreisen (vgl. Brubaker, 2006; Zahra, 2010; Vorwort von Assmann, 2020b) und Versuchen, durch transnationale politische Projekte Nation zu transzendieren. Sowohl im globalen als auch im europäischen Kontext, der im Mittelpunkt dieses Sammelbandes steht, scheinen verschiedene „Krisen“ der letzten Jahre sowie der aktuelle Krieg Russlands gegen die Ukraine Nation geradezu zu fördern, indem Formen und Inhalte von Inklusion/Exklusion, An-/Aberkennung, Sicherheit/Gefahr (vgl. Trost in diesem Sammelband), Partikularismus/Universalismus sprachlich-diskursiv erneut, teilweise kontrovers und in extremen Tönen verhandelt werden (vgl. Wodak, 2018; Bieber, 2020a, b; Reindorf & Wodak, 2022). Vor diesem Hintergrund kann auch der Appell der Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann verstanden werden: „Die Wiedererfindung der Nation [im Sinne einer Diskussion über die Nation, Anm. AS] ist ein bedrängendes Problem und eine große Aufgabe, aber auch ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient“

V

VI

Vorwort

(2020a: 86).1 Nur so kann man sich der gefährlichen Essentialisierung und Radikalisierung der Nation widersetzen (vgl. auch Beckmann in diesem Sammelband). Konzepte werden in verschiedenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen meist als übergeordnete, vorsprachliche, kognitive Repräsentationseinheiten betrachtet, die sich grundsätzlich durch Kompositionalität (bestehend aus verschiedenen Elementen) und Relationalität (Zusammenhang zwischen diesen Elementen und der Welt) auszeichnen (Margolis & Laurence, 1999; Czarnecka, 2012: 73; Ludwig, 2015: 8–12).2 Ausgehend von der sozialen Ontologie John Searls und der Systemtheorie, beschreibt Sprachwissenschaftler Benedikt Perak das Konzept Nation als … an iterative, hierarchical, emergent process of establishing aggregated entities in meronomic [part-of] relations that form in-class relations, with increasing relational complexity and decreasing structural stability of the aggregated entities (Perak, 2019: 230).

Einige dieser Entitäten sind materieller Natur wie etwa das Territorium, andere biologisch-psychologischer Natur wie etwa soziale Gruppen und Menschen/Mitbürger: innen, mit ihren Wissen, Wahrnehmungen und Emotionen. Schließlich spielen Rituale, Kommunikation, historische Narrative, Normen und Regeln als semiotische Systeme in der Produktion des Konzeptes Nation auch eine entscheidende Rolle (ebd. 232). Perak führt in seiner Arbeit weiter, dass das Konzept Nation durch Profilierung eines bestimmten kulturellen Modells in Diskursen modifiziert wird. Diese Profilierung hat zum Ziel, einer sozialen Gruppe Macht zu verleihen und somit kollektive Intentionalität und Zuschreibungen von bestimmten Funktionen (z. B. Nation X als „Hüterin bestimmter Werte“) hervorzurufen (ebd. 233). Grundsätzlich werden Konzepte zu normativen Wirklichkeitsvorstellungen, wenn sie in einer Gesellschaft mehrheitlich geteilt werden (Ludwig, 2015: 218). Das gilt auch für das Konzept Nation, das sich aufgrund von unterschiedlichen

1

Die Grundthesen aus diesem policy paper wurden in dem im Jahr 2020 erschienenen Buch „Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen“ detaillierter ausgearbeitet. 2 Eine einheitliche Definition des Terminus Konzept gibt es nicht. Hier wird vor allem die Sichtweise der Kognitionswissenschaften, die Kognitive Linguistik entscheidend prägte und auch in der (Sprach)Philosophie rezipiert wird, vertreten.

Vorwort

VII

historischen, mikro- und makro-soziologischen und diskursiven Konstellationen zum bedeutendsten Organisationsprinzip der modernen Welt entwickelte (Malešević, 2013: 6–8). Die Welt besteht aus Nationalstaaten, die Nationalität ist eines der grundlegenden rechtlichen Bestimmungsprinzipien, die für Individuen gelten (Bieber, 2020a: 1–2). Um diese heterogenen Aspekte von Nation möglichst umfassend analysieren zu können, folgt der Sammelband der These, dass man „nation-ness“ (Anderson, 2006: 2) als „set of contingencies, discursive frames, political projects or organisational routines“ (Malešević, 2006: 27) betrachten soll. Hybridität des Konzeptes Nation spiegelt sich nicht zuletzt in sprachlichen Formen wider, die wahlweise als politisches Ziel oder sozialer Zustand in Diskursen erscheinen. Die Berücksichtigung von spezifischen Versprachlichungsstrategien (vgl. auch Helfrich in diesem Sammelband) darf in Analysen von nation-ness nicht fehlen, da bestimmter Sprachgebrauch politischen Handlungen vorausgeht und diese einleitet bzw. gestaltet.

2. Beiträge in diesem Sammelband Die siebzehn Beiträge in diesem Sammelband verfolgen das Ziel, das komplexe Konzept Nation, seinen Status und seine Rolle im 21. Jahrhundert kritisch zu hinterfragen, indem relevante Identifikations- und Kategorisierungsprozesse, die Agierenden, die diese Prozesse tragen und/oder steuern, und kommunikative und sprachliche Formen, die die Konzeptualisierungen widerspiegeln bzw. konstituieren, untersucht werden. Dabei behandeln sie verschiedene europäische Länder aus unterschiedlichen disziplinarischen, theoretischen und empirischen Perspektiven. Neben dem politischen Diskurs, der in der sprachlich-diskursiven Gestaltung und Aufrechterhaltung von nation-ness dominant bleibt, erweisen sich auch Intellektuellen- (vgl. Beckmann, Rummel, Visser) und Mediendiskurse (vgl. Pidkuimukha, Rada) als besonders prägend und aussagekräftig. Konzepte der Nation sind nicht nur kontext-, sondern auch diskursabhängig. Besonders einleuchtend zeigen das die Beiträge von Holger Kusse und Marianna Novosolova zur Sakralisierung des Politischen und Nationalen in der ukrainischen Diaspora in Kanada, der Beitrag von Igor Trost über die Corona-Diskurse sowie der höchstaktuelle Beitrag von Nadine Thielemann und Zlatoslava Savych über nationale Referenzen in der Unternehmenskommunikation am Beispiel der ukrainischen Energieunternehmen. Oft lassen sich starke Verflechtungen zwischen bestimmten

VIII

Vorwort

Nationskonzepten und Führungspersonen beobachten, v. a. in Staaten wie Ungarn, die sich durch ein strong leadership auszeichnen (vgl. Turóczy), aber auch anderen, die den Anspruch haben, transnationale politische Projekte maßgeblich zu gestalten wie etwa Emanuel Macron (vgl. Helfrich, Ströbel). Der Zusammenhang zwischen Demokratie als einem weiteren grundlegenden Konzept und Nation wurde im Beitrag von Martina Berrocal für Tschechien komparativ beleuchtet, derjenige zwischen Islam und der Zugehörigkeit zur Nation am Beispiel Deutschlands im Beitrag von Junus El-Naggar. Nation wird nie in einem Vakuum entworfen, sondern in Interaktion mit externen Prozessen und Handelnden, von welchen die Europäisierung bzw. die Europäische Union als politische Akteurin am wichtigsten ist. Die Zusammenwirkung zwischen internen (nationalen) und externen (EU) Agierenden steht im Mittelpunkt der Beiträge von Seebass und Salamurović. Der Beitrag von Sally Heier beleuchtet Herausforderungen der Nutzung von Nation als Kategorie der Praxis, indem sie in einem bottom-up Ansatz nationale Zugehörigkeitszuschreibungen in der bosnischen Diaspora untersucht. Schließlich strebt der Beitrag von Torsten Leuschner an, Kontaktlinguistik und historisch geprägte Erinnerungsforschung zu integrieren und somit einen Beitrag zur Linguistik der Erinnerung zu leisten, indem er aufzeigt, wie sprachliche Ausdrücke, allen voran historische Germanismen, als immaterielle Erinnerungsorte über nationale Grenzen hinaus konzeptualisiert werden können.

3. Kontext der Forschung und des vorliegenden Sammelbandes Der vorliegende Sammelband geht aus einer Konferenz hervor, die vom 15. bis zum 17.04.2021 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattfand. Die Konferenz „National, Transnational, Anational: Konzepte der NATION im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert“ wurde in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Arbeitskreis Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation (SGPK) (https://www.sgpk.uni-passau.de/informationen/) konzeptionell und organisatorisch ausgerichtet. Die Konferenzbeiträge wiesen eine große fachliche und methodologische Bandbreite von der Sprachwissenschaft und der Diskurslinguistik bis zur Medien-, Kultur-, Politik- und Geschichtswissenschaft auf. An der Konferenz nahmen etablierte und Nachwuchswissenschaftler: innen aus

Vorwort

IX

Deutschland, Belgien, Österreich, Großbritannien, Ungarn, der Ukraine, Russland, dem Kosovo und Indien teil.3 Die Konferenz und das Thema selbst sind aber Teil eines größeren Forschungsvorhabens, das zwischen 2018 und 2021 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Förderlinie „Kleine Fächer  –  große Potenziale“ gefördert wurde. Das Projektvorhaben „Die öffentliche Kommunikation auf dem Westbalkan nach 2000 zwischen Nationalisierung und Europäisierung. Eine diskurslinguistische Untersuchung“ verfolgte das Ziel, einen sprachlich-kommunikativen Wandel im politischen und medialen Diskurs bezogen auf die Strukturen und Inhalte der Konzepte Nation und Europa in Montenegro und Nordmazedonien aufzuzeigen. Die Aufdeckung der Diskursdynamiken um die kulturell geprägten Konzepte Nation und Europa in diesen zwei Ländern ist nicht nur für die kollektive Selbstverortung beider Länder entscheidend, sondern hat auch aktuell Folgen für gesellschaftlichpolitische Praktiken über die Region und somit auch über das Fach Südosteuropastudien hinaus. Die Ergebnisse des Projektvorhabens wurden gezielt in einem interdisziplinären und internationalen Dialog präsentiert und diskutiert, dessen Höhepunkt die erwähnte Konferenz und dieser Sammelband sind. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich beim Bundesministerium für Forschung und Bildung für die dreijährige Förderung bedanken, die es mir ermöglichte, laufende politische und gesellschaftliche Entwicklungen in einer bisher noch unzureichend erschlossenen Region diskurslinguistisch zu untersuchen. Mit dieser theoretischen und methodologischen Orientierung konnte ich weiter an die interdisziplinäre Forschung zu öffentlichen Diskursen anknüpfen. Vor diesem Hintergrund kam es auch zur produktiven Zusammenarbeit mit dem Internationalen Arbeitskreis Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation (SGPK), bei dem ich mich auch herzlich bedanke, insbesondere bei dessen Vorsitzenden Prof. Dr. Igor Trost und beim Sektionsleiter für Deutsche Sprachwissenschaft, Prof. Dr. Torsten Leuschner. Die Realisierung dieses Sammelbandes wäre ohne die vielen Gutachter: innen der siebzehn Beiträge nicht möglich gewesen. Für deren konstruktive Gutachten und vor allem zeitnahe Antworten bedanke ich mich ganz herzlich. Hoffentlich werden sie die bearbeiteten Beiträge mit Wohlgefallen lesen.

3

Das Gesamtprogramm der Konferenz ist unter https://diskurswestbalkan.uni-jena.de/ forschung/konferenz-15-17-april-2021/ abrufbar (letzter Zugriff am 20.06.2022).

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Vorwort

Nicht zuletzt bedanke ich mich bei den Herausgeber: innen der Reihe „Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation“, in welcher der vorliegende Sammelband erscheint sowie beim Springer Verlag für die organisatorische und redaktionelle Betreuung, allen voran bei Marta Schmidt und Vivek Gopal. Bewusst nimmt dieser Sammelband an diskursiven Entwicklungen, insbesondere an einem wissenschaftlichen Diskurs um das Konzept der Nation teil, der von Aleida Assmann (2020b) neu angeregt wurde. Die Autor: innen der Beiträge und die Herausgeberin freuen sich auf einen gewinnbringenden Austausch und eine konstruktive Rezeption. Aleksandra Salamurović

Literatur Anderson, B. (2006). Imagined communities: Reflections on the origin and spread of nationalism (revised edition). Verso. Assmann, A. (2020a). Erinnerung, Identität, Emotionen: die Nation neu denken/Aleida Assmann. Blätter für deutsche und internationale Politik, 65(3), 73–86. Assmann, A. (2020b). Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen. Beck. Bieber, F. (2020a). Debating nationalism. The global spread of nations. Bloomsbury. Bieber, F. (2020b). Global nationalism in times of the COVID-19 pandemic. Nationalities Papers, 1–13. https://doi.org/10.1017/nps.2020.35. Bieber, F. (2018). Is nationalism on the rise? Assessing global trends. Ethnopolitics, 17(5), 519–540. https://doi.org/10.1080/17449057.2018.1532633. Brubaker, R. (2004). Ethnicity without groups. Harvard University Press. Czarnecka, M. (2012). „Die unzertrennliche Verbindung des Gedanken […] zur Sprache“ – der Begriff „Konzept“ in der kognitiven Linguistik. Germanica Wratislaviensia 135: Analysen und Betrachtungen, 71–83. Ludwig, H. (2015). Das albanische Europa. Kontroverse Konzepte zur europäischen Zugehörigkeit in der Intellektuellendebatte kadare-Qosja. Harrassowitz. Malešević, S. (2013). Nation-states and nationalisms. Organization, ideology and solidarity. Polity Press. Malešević, S. (2006). Identity as ideology. Understanding ethnicity and nationalism. Palgrave Macmillan. Margolis, E., & Laurence, S. (1999). Concepts: Core readings. MIT Press. Perak, B. (2019). The role of metonymy and metaphor in the conceptualization of the Nation: An emergent ontological analysis of syntactic-semantic construction. In Lj. Šarić & M. Stanojević (Hrsg.), Metaphor, Nation and Discourse (S. 227–259). John Benjamins.

Vorwort

XI

Rheindorf, M., & Wodak, R. W. (2022). Identity politics past and present. Political discourses from post-war Austria to the Covid crisis. University Press. Wodak, R. (2018). “We have the character of an island nation”. A discourse-historical analysis of David Cameron’s “Bloomberg Speech” on the European Union. In M. Kranert & G. Horan (Hrsg.), Doing politics: discursivity, performativity and mediation in political discourse (S. 27–58). John Benjamins. Zahra, T. (2010). Imagined noncommunities: National indifference as a category of analysis. Slavic Review, 69(1), 93–119. https://doi.org/10.1017/S0037677900016715.

Inhaltsverzeichnis

Nation und Identität als sprachlich-narrativ konfigurierte Räume? Anregungen zu einer historiografischen Raumnarratologie. . . . . . . . . . . . 1 Nicholas Beckmann Presidential Speeches as Modus Operandi for the State- and Nation-Building. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Martina Berrocal Does Islam belong to Germany? Flexibly Normalistic, Conditioned, and Protonormalistic Belonging in Statements on Islam by German Christian Democrats between 2010 and 2020 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Junus el-Naggar The Bosnian Diaspora: Homeland Belongings and Categories . . . . . . . . . 67 Sally Heier Renaissance – ein transnationales neues Narrativ für Europa?. . . . . . . . . 87 Uta Helfrich Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie? Analyse der Maidan-Gebete im Visnyk der Ukrainischen orthodoxen Kirche in Kanada im Jahr 2014. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Holger Kuße und Marianna Novosolova Linguistik der Erinnerung – transnational. Das Beispiel lexikalischer Erinnerungsorte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 Torsten Leuschner Are We Brothers? Pseudo-peaceful Discourse in Russian Media Manipulation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Liudmyla Pidkuimukha XIII

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Inhaltsverzeichnis

Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs. . . . . . . . . . 179 Roberta Rada Eine „imperiale Nation“? Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland: Ideen Greater Britains im 19. Jahrhundert und heute. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Patrick Rummel The Metonymy EUrope as a Means of Legitimizing Nations in the Western Balkans. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Aleksandra Salamurović Nationbuilding gegen Nationalismus? Die Bestrebungen der Europäischen Union, die „albanische Frage“ in Kosovo zu lösen . . . . . . . 245 Frauke M. Seebass Auf der Suche nach kollektiver Identität – Der Begriff Nation im Spannungsfeld europäischer Renaissance und einzelstaatlicher Exitbestrebungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 Liane Ströbel Corporate Communication at the Intersection of Economic and Political Discourse: The Role of the Nation in CSR Communication in the Ukrainian Energy Sector. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Nadine Thielemann und Zlatoslava Savych Corona als Basis sprachlicher Argumentation an die eigene Nation und andere Nationen – vom Impfnationalismus bis hin zur Public Diplomacy. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Igor Trost Aus „Fährenland“ zum fliegenden Holländer – Ungarn zwischen Ost und West als Teil des nationalstaatlichen Identitätsdiskurses . . . . . . . . . . 329 Zsófia Turóczy Discurso a la nación catalana: Sprachwissenschaftliche Überlegungen zum Nationenkonzept des spanischen Politologen Ramón Cotarelo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Judith Visser

Nation und Identität als sprachlichnarrativ konfigurierte Räume? Anregungen zu einer historiografischen Raumnarratologie Nicholas Beckmann Während Aleida Assmann, 2020 Die Wiedererfindung der Nation einfordert, hat die Geschichtstheorie bislang kein überzeugendes Werkzeug vorgelegt, mit dem nationalhistoriografische Meistererzählungen systematisch dekonstruiert werden können. Dies aber wäre ein wichtiger Schritt, um zu erschließen, wie Historiografie Nation und Identität als sprachlich-narrativ konfigurierte Räume eröffnet und welche Identifikationsräume dadurch erschlossen werden können. Erste Überlegungen zu den Konturen einer dazu zu entwickelnden historiografischen Raumnarratologie werden in diesem Beitrag entworfen, wobei die kritische Auseinandersetzung mit aktuell diskutierten Standpunkten zu den Themen „Nation“ und „Identität“ den Ausgangspunkt des Plädoyers für ein solches historiografischraumnarratologisches Projekt darstellen.

N. Beckmann (*)  Heidelberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_1

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1 Einleitung1 Nation und (nationale) Identität sind in Deutschland umstrittene Vokabeln, und das quer durch alle beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen und politischen Lager. Sie bleiben aber trotz eines scheinbaren Abgesangs auf den Nationenbegriff der Mehrheitsgesellschaft (zugunsten eines moderneren KosmopolitismusBegriffes) fortwährend gesellschaftspolitisches und -wissenschaftliches Thema. Der Politologe Volker Kronenberg plädiert noch 2013, unter dem nachhallenden Eindruck des sogenannten Fußballpatriotismus von 2005 und 2006, „für einen neuen, einen geschichtsverpflichteten und zugleich zukunftsorientierten ‚Patriotismus 2.0‘ in Deutschland“ (Kronenberg, 2013:6). Wenig später argumentieren Marina Münkler und Herfried Münkler angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015 und 2016 und dem daraus resultierenden polarisierenden gesellschaftlichen und politischen Diskurs um Identitäten und Zugehörigkeiten in ihrem Buch Die neuen Deutschen für eine Neudefinition und Identitätsveränderung der deutschen Gesellschaft (vgl. Münkler & Münkler, 2017:8). Kronenbergs These eines zukunftsorientierten deutschen Patriotismus „für ein vereintes Europa“ (Kronenberg, 2013:6) kommt angesichts der sich aus dieser Krise entwickelten rechtsnationalen Bewegung, die sich selbst den Namen Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes gibt, einen sehr bitteren Beigeschmack. Der antizipierte Patriotismus 2.0 ist letztlich kein zukunftsorientierter, sondern ein rückwärtsgewandter. Mit ihrem Essayband Die Wiedererfindung der Nation resümiert Aleida Assmann (2020), der Nationenbegriff sei heute geräumtes Terrain und durch rechte Akteur:innen leicht zu besetzen (vgl. Assmann, 2020:63). Es sei nun aber unabdingbar, den verlassenen Raum der Nation zurückgewinnen (vgl. Assmann, 2020:14). Nicht allein Assmanns Neologismus, die Nation wiederzuerfinden, lässt dabei aufhorchen; schon die Raummetaphorik, mit der sie Nation begreift und

1 Dieser

Aufsatz ist aus dem Skript zu meinem Vortrag Nation und Identität als sprachlich-narrativ konfigurierte Räume in historiografischen Meisternarrativen. Deutschlands langer Weg nach Westen? vom 15. April 2021 entstanden und basiert im Wesentlichen auf Zwischenergebnissen meiner im Februar 2022 an der Freien Universität Berlin verteidigten Dissertation Nationalgeschichte erzählen: Erzählstrukturen, Erzähltechniken und Darstellungsbedingungen als ästhetisch-literarische Kategorien nationaler Meisternarrative. Bedanken möchte ich mich bei den beiden Gutachter:innen für diesen Beitrag für ihre anregende und konstruktive Kritik. So wurde auch der Beitragstitel leicht abgeändert.

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eine Wiedererfindung begründet, ist höchst spannend. Assmanns provozierende Parallele in Der Standard, Nation sei „fast ein N-Wort geworden“ (Assmann, 2021) konterkariert indes ihre selbsterklärte linksliberale Position und hinterlässt einen polemischen Nachgeschmack. Zwar schließt sie ihr Plädoyer mit einem Appell, sich mit den eigenen Narrativen von Nation und Identität – will sagen: politisch legitimierend – auseinanderzusetzen. Assmann kommt aber zu einem fragwürdigen Schluss, wenn sie schreibt: „Dabei ist es wirkungsvoller, nationale Mythen kennenzulernen und sie auf ihre problematischen und schädlichen Wirkungen hin zu befragen, als sie einfach zu dekonstruieren und aus dem Weg zu schaffen“ (Assmann, 2020:304). Meint aber ein technischer, nicht-trivialer Begriff von Dekonstruktion nicht eben dies, nämlich nationale Mythen und daraus resultierende Meistererzählungen in ihrer Gemachtheit zu hinterfragen, um so die Konstruktion der Narrative sicht- und nachvollziehbar zu machen? Ich möchte Assmanns Einladung folgen: „Historiker*innen sollten sich also mit der Nation beschäftigen, wenn sie sie vor den Nationalisten retten wollen“ (Assmann, 2020:111). Dafür muss aber auch ein Blick in die Gegenwart geworfen werden, obwohl sich das für einen Historiker nicht gehöre (vgl. Assmann, 2020:77). Hier vertrete ich die These, dass nationalhistoriografische Geschichtsnarrative als Absicherungsnetz funktionieren können, indem sie entweder selbst kritische Identifikationsangebote schaffen, oder indem mit ihnen oder durch sie kritische Identifikationsangebote geschaffen werden. Letzteres ist m. E. aber nur durch (systematische) Dekonstruktion möglich. Erste Ansätze und Fragestellungen soll dieser Aufsatz an geeigneten Beispielen skizzieren. Die Textauswahl, an der ich erste Ideen eines solchen Ansatzes umreißen möchte, beschränkt sich dabei auf zwei deutsche Meistererzählungen. Da mit Werken wie Winklers Der lange Weg nach Westen oder Nipperdeys Deutsche Geschichte 1800–1918 Historiografien vorliegen, die auf eine bestimmte Weise konfiguriert und öffentlichkeitswirksam legitimiert sind, scheint es mir sinnvoll zu sein, diese bereits bestehenden Narrative auf ihre Strahl- und Wirkkraft hin zu untersuchen. Ich möchte über Assmanns bloße Raummetaphorik hinausgehen und hinterfragen, welche (Identifikations-)Räume diese Narrative konfigurieren und bereitstellen, um so Identitätskonstruktionen dekonstruierbar zu machen. Ein lohnenswerter Zugriff zeigt sich in einer historiografischen Raumnarratologie, deren Details indes auszubuchstabieren bleiben. Dafür muss eingangs aber geklärt werden, was überhaupt gemeint ist, wenn hier von Räumen die Rede ist.

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2 Nation als neuer, alter Identifikationsraum Mit der zunehmenden Globalisierung der Welt verändert sich der Bedarf an (Geschichts-)Erzählungen, die erklären, wie und warum die Welt geworden ist, wie sie ist. Während in der Geschichtswissenschaft noch vor einigen Jahren Nationalhistoriografien dazu dienten, diese Fragen zu klären, hat sich die moderne (deutschsprachige) Geschichtswissenschaft zunehmend von einseitigen nationalhistoriografischen Narrativen, die bloß die eigene Geschichte behandeln, entfernt und vermehrt supranationale, globalgeschichtliche Geschichtserzählungen hervorgebracht, die eben nicht (vermeintliche) nationale Errungenschaften oder – im Falle Deutschlands – scheinbare Sonderwege aufzeigen, sondern Querverbindungen herzustellen vermögen und Geschichte(n) global miteinander vernetzen (siehe dazu bspw. Berger, 2007; Bayly u. a., 2008; Reinhard, 2016; Osterhammel, 2016; Fahrmeir, 2020). Tatsächlich erklärt schon 1959 Hermann Heimpel, dass „die Zeit einer ausschließlich nationalstaatlichen Geschichtsbetrachtung vorbei“ sei (Heimpel, 1959:22; vgl. auch Conrad, 1999:11). Sebastian Conrad gibt aber zu bedenken, dass „ungeachtet dieser dezidierten Abwendung von nationalen Perspektiven […] eine intensive Beschäftigung mit der Nation das Kennzeichen der Geschichtsschreibung [blieb]“ (Conrad, 1999:12). So verlieren in Zeiten von Globalgeschichten die im 19. Jahrhundert so bedeutsamen Termini der Nation und nationalen Identität ihre einstige Strahlund Identifikationskraft, sie werden durch modernere, kosmopolitische Identifikationsfolien ersetzt – man möchte sagen überschrieben. Im Jahr 2022 jedoch ist dieser Trend in der Geschichtswissenschaft, der da weggeht von Nationalhistoriografien, eindeutig feststellbar, während hingegen die Rückbesinnung auf die eigene, nationale Geschichte wieder gesellschaftliches Thema ist. Denn in Deutschland haben wir spätestens 2015 erkennen müssen, dass Nation und nationale Identität einigen Wenigen noch immer als einzige (wenngleich zweifelhafte) Orientierungspunkte dienen, um sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zurecht zu finden. Inwieweit sich die PEGIDA-Aktivist:innen tatsächlich als Europäer:innen begreifen oder ob es sich dabei nicht viel eher um eine Verschleierungstaktik handelt, vermag die Menge an Reichsflaggen auf den entsprechenden Veranstaltungen zu beantworten. Die im Frühjahr 2017 angestoßene und öffentlich ausgetragene Diskussion über eine deutsche Leitkultur und die damit erneut aufkommenden Fragen nach einer kollektiven, nationalen Identität, die letztlich in Andreas Scheuers’ Aussage „Wir geben unsere Identität nicht auf, sondern sind bereit, dafür zu kämpfen. Die Burka gehört nicht zu Deutschland“ (ZEIT Online, 2017a:1) gipfelte, hat

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vor allem eines gezeigt: Nationale Identität wird von politischen Akteur:innen genutzt, um eine Gesellschaft, im Sinne einer Wir-Ihr-Dichotomie, nach innen und außen zu definieren, um sich so von den Anderen abzugrenzen. Dieses Phänomen ist nicht allein auf Deutschland bezogen, hier aber, mit Blick auf die Geschichte, in besonderem Maße fragwürdig. Aber auch in den USA wird mit Make America Great Again, in Brasilien mit Brasil acima de tudo, in Frankreich mit préférence nationale, in Italien mit Orgoglio Italiano oder in Großbritannien mit We Want Our Country Back das Nationale (wieder) betont. Der eigenen, nationalen Geschichte kommt in vielen dieser Narrative eine tragende Rolle zu. Dabei zeigt sich aber auch deutlich die Vorbelastung nationaler Identitätskonstruktionen in Deutschland. Der damalige Innenminister Thomas de Maizière stellt 2017 in seinem Leitkulturentwurf fest: „Wir sind Erben unserer Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen“ (ZEIT Online, 2017c:4), verpasst es aber, neben den Höhen, die er in Einheit, Föderalismus und errungener Freiheit ausmacht, auch die tatsächlichen Tiefen klar zu problematisieren. Stattdessen resümiert er, beinahe um einen Schlussstrich bemüht: „Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus. Mal wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen. All das ist vorbei“ (ZEIT Online, 2017c:8). Sein Nachfolger Horst Seehofer versucht in der FAZ im Frühjahr 2018 die Begriffe Leitkultur und Nation durch den Begriff der Heimat zu ersetzen und mit einem Plädoyer für einen „neuen Zusammenhalt“ zu verbinden (Seehofer, 2018). Auch hierbei spielt die gemeinsame Vergangenheit, Erinnerungspolitik und das Narrativ, das daraus und damit konstruiert wird, eine tragende Rolle. Vom recht(er)en Rand hingegen kommen radikale(re) Rufe nach einer „erinnerungspolitische[n] Wende um 180 Grad“ (ZEIT Online, 2017b) und ein erneuter Anstoß der Schlussstrichdebatte. Schauen wir uns aber in der Welt um, so ist nicht erst seit der CoronaPandemie die (Wieder-)Betonung der eigenen nationalen Interessen und mit der Durchsetzung nationaler Egoismen auch eine identitäre Abschottungspolitik vielerorts zentrales politisches Thema nicht mehr nur der Rechten. Nationale Identitäten werden damit wieder als Identifikationsräume eröffnet die – inzwischen wieder – von bekennenden Linken betreten werden dürfen. Das jedoch zeigt recht eindrücklich die Fragilität des Identitätsbegriffes auf, ist er doch ganz offensichtlich schnell einnehmbar. Das bringt auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Nation und (nationaler) Identität neu auf das Tableau, zeigt diese Entwicklung doch vor allem eines nachdrücklich auf: „Nation bleibt für die Historikerin und den Historiker eine entscheidende Kategorie und ihre Dekonstruktion eine wichtige Aufgabe“ (Richter, 2020:2). Dabei gilt es, auch die Raummetaphorik selbst zu verstehen und zu dekonstruieren.

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3 Raum in der Geschichtswissenschaft und -theorie Ähnlich wie Diskurs oder Narrativ scheint die Vokabel Raum Hochkonjunktur zu haben. Um nun nicht den Eindruck zu erwecken, lediglich einem vermeintlichen Trend folgen zu wollen, Raum aber wenig abgrenzbar zu machen, ist mir eine Vorabklärung des Begriffskonzeptes, wie ich es verstehe und nutze, wichtig.

3.1 Zum spatial turn in der Geschichtswissenschaft Eric Piltz hat in seinem Aufsatz Trägheit des Raums (Piltz, 2015:75–102) die durchaus kontrovers zu diskutierende These aufgestellt, die Geschichtswissenschaft habe bislang keinen tatsächlichen spatial turn hervorgebracht (vgl. Piltz, 2015:76 f.). Er argumentiert, in der Geschichtswissenschaft wurde mit dem Begriff Raum lange Zeit eine letztlich konkrete, realweltliche Raum-Referenzen verhandelt (siehe Osterhammel, 1998:374–397) und kritisiert, dass sich in der weiteren Be- und Verarbeitung in der Geschichtswissenschaft dadurch lediglich eine (inflationäre) Raummetaphorik herausgebildet habe, der es an einer exakten Bestimmung fehle (vgl. Piltz, 2015:79). Indem der Aufsatz dazu anregt, historische Abstrakta im Raum zu verorten, sie also an Quellenbefunde rückzubinden, liefert er wichtige, weiterführende Impulse für einen (erneuten?) spatial turn in der Geschichtswissenschaft und -schreibung. Zwar löst Piltz in seiner Auseinandersetzung mit der Raumsoziologie Martina Löws den histor(iograf)ischen Raum von seiner „Geographizität […], um nunmehr Raum als eine relationale Anordnung von Menschen und Gütern aufzufassen“ (Piltz, 2015:95), was damit aber – bis auf die nachvollziehbare(re) Rückbindung an eine außertextliche Entsprechung (gemeint sind dabei vor allem Quellen) – gewonnen ist, bleibt indes unklar. Felix Wiedemann hingegen stellt eben jene „Situierung in konkreten Räumen“ (Wiedemann, 2020: 205), die Piltz kritisiert, als wesentliches Merkmal einer geschichtswissenschaftlichen Raumtheorie heraus; Toponyme seien „unverzichtbares Konstituens historiographischer Handlungsräume“ (ebd.:212). Wiedemann kritisiert jedoch ebenfalls: „Trotz der konstitutiven Bedeutung von Raumkonzepten in der Geschichtsschreibung hat sich die historiographiegeschichtliche Forschung bisher nur unzureichend mit der Thematik beschäftigt“ (ebd.:207). In seiner Untersuchung Am Anfang war Migration konzentriert er sich auf den erzählten Raum, der narrativ her- beziehungsweise dargestellt werde und der mit der erzählten Welt, in der sich

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die historischen Figuren bewegen, zusammenfalle und von Wiedemann als historiografischer Handlungsraum beschrieben wird. Dabei verweist er auf die Komplexität eines solchen raumtheoretischen Zugriffs, lässt sich dieser doch letztlich nicht von der Analysekategorie Zeit trennen (vgl. ebd.:210). Auf diese Mehrschichtigkeit des Raumkonzepts verweist auch Karl Schlögel, der 2003 fordert, man müsse „beginnen, Raum, Zeit und Handlung wieder zusammenzudenken (Schlögel, 2003:24). Solche Anstöße fußen maßgeblich auf Bachtins Chronotopoi, der bereits 1973 feststellt, dass der Raum mit einem zeitlichen Element in wechselseitiger Beziehung steht (vgl. Bachtin, 2008:7); womit sich ein (literaturwissenschaftlich-)narratologisch inspirierter Zugriff aufdrängt, der eben jene Merkmale Raum, Zeit und Handlung bereits systematisch erfasst (siehe u. a. Martínez & Scheffel, 2016; Lahn & Meister, 2016). Berechtigterweise ließe sich einwenden, die Vokabel Raum stehe damit nicht mehr alleine im Fokus und erlebe gar nicht die zuvor beschworene Hochkonjunktur, sondern sei viel eher hinter den temporal turn getreten. Diesem turn jedoch sind Überlegungen zum Raum, wegen der oben beschriebenen Wechselwirkungen, inhärent und so ergibt sich womöglich die Aufgabe, Raum, Zeit und Handlung künftig als untrennbaren Begriffskomplex zu verstehen.

3.2 Impulse für eine historiografische Raumnarratologie Vielversprechender als ein raumsoziologisches Begriffskonzept und in Bezug auf mein eigenes Erkenntnisinteresse zielführender, das freilich ebenso seine Daseinsberechtigung hat, scheint mir hier ein narratologischer Zugriff auf historiografische Raumkonzeptionen. Dabei muss eine klare Unterscheidung gemacht werden zwischen den oben angesprochenen soziologischen, historiografiegeschichtlichen und den nachfolgenden erzähltheoretischen Ansätzen; auch wenn an einigen Stellen Querverbindungen aufzuzeigen (oder herzustellen) sind. Ausgehen möchte ich von folgender These: Narratologisch argumentiert erzeugen historiografische Texte, ebenso wie fiktionale Erzähltexte, mögliche Welten – ich möchte sie im nachfolgenden Storyworlds nennen. Für literarische Texte umfasst das Konzept der Storyworld „die Handlung sowie die Gesamtheit der Figuren, Objekte und räumlichen Gegebenheiten“ (Dennerlein, 2009:48). Das lässt sich auch auf historiografische Storyworlds übertragen. Sie zeichnet aber eines im Besonderen aus: Sie changieren gewissermaßen zwischen

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Fakt und Fiktion, indem sie einerseits Räume durch Interpretationen und/ oder Synthesen selbst herstellen oder narrativ eröffnen (Synthese- und damit mögliche Identifikationsräume) und sich andererseits auf außerliterarische, ontologisch verbürgte Räume (Referenzräume) rückbeziehen.2 Obwohl realweltliche, historische Raumbezüge durch Quellenverweise entsprechend nachweisbar sind, die man als Indizes oder Pointer deuten kann – Kathrin Dennerlein spricht von konkreten Räumen (vgl. Dennerlein, 2009:48 ff.) –, liegt dabei immer ein Konstruktionsakt der Historiker:innen vor. Hayden White nennt dieses Dilemma deshalb die Fiktion des Faktischen (vgl. White, 1978:122). Referenzräume wie Nationalstaaten jedoch sind – und das gilt es in besonderem Maße mitzudenken – ambivalent, sind sie doch einerseits realweltlich nachweisbar und andererseits bereits selbst konstruiert3; doch dazu an späterer Stelle (siehe Abschn. 4.1 und 4.2). Historiografische Meisternarrative nun, verstanden als „kohärente, mit einer eindeutigen Perspektive ausgestattete und in der Regel auf den Nationalstaat ausgerichtete Geschichtsdarstellung, deren Prägekraft […] öffentliche Dominanz erlangt“ (Jarausch & Sabrow, 2002:16), erzeugen qua Definition nicht nur Syntheseräume, sondern (mögliche) Identifikationsräume, weil sie mit ihrer Erzählung vergangene Ereignisse erzählerisch-kompositorisch anordnen, interpretieren und die Erzählung so perspektiveren. Kurzum: Um zu verstehen, wie nationale Meisternarrative in ihren Identifikationsangeboten funktionieren, müssen Referenz- und Identifikationsräume erschlossen, aufgezeigt und dekonstruiert werden. Dabei hilft es, Räume (jedweder Ausgestaltung) a priori als Konstruktionen zu verstehen, die der Extension des Raums eine Intension zuordnen. Aufgabe einer historiografischen Raumnarratologie kann es dabei sein, den Rahmen zu definieren, in dem Raumkonzepte sich als Referenz- und/oder Identifikationsräume bewegen können, indem sie erkennbar und dekonstruierbar gemacht werden und mit den Konzepten Zeit und Handlung rückgekoppelt werden.

2 In

Anlehnung an Konzepte der formalen Logik ließe sich dies als Extensionalitätsprinzip bezeichnen. 3  Anzumerken ist, dass die Konstruktion bereits eine Intensionsdimension eröffnet, die neben die realistische Extensionalität des Referenzobjekts tritt, und auf diese Weise eine ganz bestimmte Sinnkomponente in die Bedeutung einbringt.

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4 Nation als Konstrukt begreifen, Nationskonstruktionen problematisieren Dass Nationen konstruiert sind, ist keine neue Feststellung: „Nationalgeschichte wird gemacht“ (Conrad & Conrad, 2002), heißt es schon 2002 im Klappentext des Sammelbands Die Nation schreiben von Sebastian Conrad und Christoph Conrad, „Nation is narration“ (Berger u. a., 2011:1) heißt es bei Stefan Berger. Aber nicht allein National-Geschichten sind konstruiert, schon der NationenBegriff ist ein artifizieller, der vor allem dazu dient, sich als Gemeinschaft oder als Gesellschaft von den Anderen – wiederum alles Konstruktionen – abzugrenzen.

4.1 Gründungsmythos und narrative Motivierungen Nationalhistoriografien beschwören oftmals eine besondere Wirkmacht oder Strahlkraft der jeweiligen Nation und folgen dabei einem im Grunde immer gleichbleibenden Muster: Ausgehend von einem (mitunter sagenumwobenen) Gründungsmythos, den sie nicht nur selbst konstruieren und stabilisieren, sondern auch ausbauen (vgl. Berger, 2002:56 ff.; siehe Waechter, 2010:9), entwickelt sich die jeweilige Geschichte fortschreitend ins Positive. Anschließend wird sie durch ein wie auch immer gestaltetes Problem zurückgeworfen und so bis hin zu einem Fixpunkt erzählt, an dem das Problem wieder gelöst scheint (meistens in der Gegenwart der jeweils Schreibenden), um daran anschließend – wenigstens implizit – in eine (oftmals vielversprechende) Zukunft zu weisen.4 Nationalerzählungen sind entsprechend erzählerisch motiviert – Hayden White würde hier von emplotment sprechen –, das heißt, sie sind so erzählerischkompositorisch (an-)geordnet, dass sie entweder auf ein bestimmtes Ereignis hinzeigen oder von einem bestimmten Ereignis ausgehen. Mitunter machen sie das eine, ohne das andere zu unterlassen, dabei verfolgen sie aber immer ein kompositorisches Ziel, das sich oftmals bereits an bestimmten textuellen Signalen

4  Darin

unterscheiden sie sich von geschichtswissenschaftlichen Narrativen, die keinen hegemonialen oder weltpolitischen Geltungsanspruch legitimeren möchten (und können), weil die Strukturen schlichtweg nicht mehr vorhanden sind. Man denke an Der Untergang des Römischen Weltreichs (Heather, 2011) oder Der Fall Roms (Demandt, 2014). Hier wird stattdessen eine umgekehrte Reihenfolge erzählt: von der einstigen Bedeutsamkeit hin zum Verfall.

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ablesen lässt. So eröffnen sie durch die Nutzung von Referenzräumen und die Herstellung von Synthesen auch Identifikationsräume, bieten sie den Lesenden doch eine eindeutige Interpretation – oder Sinn – der jeweiligen Geschichte an. Ein solches Muster, wie ich es oben beschrieben habe, und eine entsprechende Motivation finden wir auch in Winklers Der lange Weg nach Westen, dessen erstes Kapitel mit dem Ausspruch Im Anfang war das Reich beginnt und das eine deutsche Geschichte entlang problematischer Sonderwege und Unwegsamkeiten beschreibt, um schließlich in der Erfolgsgeschichte der Wiedervereinigung und Westernisierung aufzugehen. Die Winklersche Fortschrittsgeschichte ist also vom Ende her (final) motiviert, weist doch bereits der Titel paratextuell (und proleptisch) auf die Auflösung der Narration hin.

4.2 Die Historisierungsbedürftigkeit von Geschichtserzählungen Nationalerzählungen sind immer zeit- und kontextgebunden und sind so nicht nur historisierbar, sondern unbedingt historisierungsbedürftig. Eine Längs- und Querschnittbetrachtung verschiedener Nationalhistoriografien zeigt, wie beweglich Nations- und Identitätskonzepte über die Zeit sind und wie sich die ausgewählten Ereignisse solcher Geschichten nach der jeweils intendierten Identitätskonstruktion ausrichten. Stefan Berger skizziert, wie sich in England „nationale Mythen lange Zeit um die Begriffe ‚Parliament‘ und ‚Empire‘; in Frankreich um die Revolution von 1789; in Italien um das ‚Risorgiomento‘ […] und in Deutschland um die Revolution von 1848 und um Bismarcks Reichsgründung“ (Berger, 2002:57) sammelten. Dabei vermochten die jeweiligen Gründungsmythen ganz unterschiedliche nationale Identitätskonstruktionen hervorzubringen (vgl. Berger, 2002:58) – je nach Perspektive und Interpretationswillen. An dieser Stelle sei ein Exkurs5 gestattet, der eben jene Perspektivierung und die durch sie eröffneten identitätspolitischen Identifikationsräume eindrucksvoll demonstrieren kann: Im Kreis der völkischen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich im Rückbezug auf die taciteische Germania – unter reger Beteiligung des Alldeutschen Verbands –, die Erzählung der Varusschlacht im Teutoburger Wald als Gründungsmythos der deutschen Nation als geeignete Folie

5  An

diesem Exkurs lassen sich recht eindrücklich In- und Exklusionsmechanismen historischer Narrative aufzeigen. Wichtig ist: Es handelt sich hier um ein außeruniversitäres Narrativ, das keinesfalls mit Winkler und Nipperdey verglichen werden soll.

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herauskristallisiert. Nationalerzählungen arbeiteten in der Ausbuchstabierung der modernen Nationalstaaten oftmals vermeintliche nationale Charaktereigenschaften heraus (vgl. Berger, 2002:59), um die eigene Superiorität herauszustellen. Diesen Mechanismus weiß auch der völkische Exeget Ludwig Wilser, seinerseits Arzt und Privatgelehrter, zu nutzen. In seinem Vorwort zu seiner Germania-Übersetzung schreibt er: Einer der größten Geschichtsschreiber aller Zeiten, dazu noch ein Gegner, hat über ein Hauptvolk dieses Stammes ein Urteil abgegeben, das im vollsten Umfang noch für die heutigen Deutschen zutrifft, ja geradezu auf unsere neueste Zeit gemünzt schein: „Das ist wahrlich ein glänzendes Zeugnis für ihre Tüchtigkeit und Kraft“ (Wilser, 1916:VI; Herv. N.B).

In der sogenannten Varusschlacht im Teutoburger Wald, die um das Jahr 9 nach Christus stattgefunden haben soll, haben die Germanen, die zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in Stämmen und nicht als Nation organisiert waren, drei römische Legionen in die Flucht geschlagen. Die taciteische Germania wurde, zumal hier ein Römer – Wilser spricht von einem Gegner – über die Germanen schrieb, als unmissverständlicher Beweis der historisch belegbaren Überlegenheit der Germanen (und damit der Deutschen) gelesen. Die Übersetzung der lateinischen Vorlage, die Ludwig Wilser 1916 vorlegt, hat dabei ein klares, selbstbenanntes identitätspolitisches Ziel und folgt keinesfalls geschichtswissenschaftlichen Grundsätzen. Wilser ist aber, das muss an dieser Stelle betont werden, keinesfalls der erste, der die Schlacht im Teutoburger Wald zu instrumentalisieren sucht. Und doch setzt er sie in einen besonderen Kontext, den es von den Lesenden heute entsprechend einzuordnen gilt: „Mitten in der Kriegsnot entstanden, möge dies Büchlein ein Vorbote des Friedens sein und die Tugenden schärfen helfen, die unser Volk so groß gemacht haben und des Deutschen Reiches Gedeihen auch in Zukunft verbürgen“ (Wilser, 1916:VIII). Damit eröffnet die Germania-Übersetzung einen (völkischen) Identifikationsraum, indem ein Gründungsmythos und eine Charakterskizze6 Der Deutschen beschrieben wird. Noch heute ist das (Nach-)Wirken dieses Gründungsmythos am sogenannten Hermannsdenkmal bei Detmold zu betrachten.

6 Eine solche Charakterskizze wird uns bei Nipperdey noch einmal begegnen – Wilser versucht aus der Germania eine bestimmte Wesensart der Deutschen herauszulesen: Weil die Germanen von Tacitus als tüchtig und kräftig beschrieben werden, sind es die Deutschen eo ipso auch.

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Versuchen wir hieraus eine vorläufige Conclusio zu ziehen, fällt eines unweigerlich auf: Nation zu erzählen, bedeutet immer auch (Nicht-)Zugehörigkeit anhand der Kategorien Sprache, Kultur und/oder Race/Ethnicity7 zu definieren, um so nationale Identitäten zu konstruieren. Problematisch dabei ist nicht nur der per se exkludierende Impetus, sondern auch, dass durch eine solche Darstellungsweise Nation und Identität und die jeweils eröffneten Identifikationsräume als a priori vorhanden präsentiert werden (vgl. Berger u. a., 2011:3). So werden diese Konzepte als historisch gegebene Entitäten wahrgenommen, die sie eigentlich nicht sind – und dieser Logik folgend werden Zugehörigkeiten und Identitäten als geschlossene, exkludierende Konzepte begriffen, die nicht nachträglich erworben oder ausgebildet werden können. Stefan Berger resümiert: „They [gemeint sind identities, N.B] have the power to appear ‘natural’. To construct nations on identities rooted in history is unwise precisely because they tend to essentialise particular ways of belonging to the nation and exclude others” (Berger u. a., 2011:3). Julia Angster schlägt stattdessen vor, Termini wie Nationalstaat (und verwandte Konzepte) zunächst als Quellenbegriffe zu verstehen, um sie so in ihrer Orts- und Kontextgebundenheit einzuordnen und zu dekonstruieren (vgl. Angster, 2018:4). Für einen umfassenden Blick darauf müsste in jedem Falle auch die Perspektivierung durch die schaffenden Erzähler:innen mitgedacht werden. Auch wenn dieser Schritt im vorliegenden Aufsatz nur angedeutet werden kann, möchte ich betonen, dass es im Umgang mit Nationalhistoriografien immer zu fragen gilt: Wer erzählt was, wie und warum?

4.3 Erfolgsgeschichte(n) und Identitätsproblematiken Geschichtswissenschaftliche Meisternarrative wie Heinrich August Winklers Der lange Weg nach Westen oder Nipperdeys Deutsche Geschichte 1800–1918 unterscheiden sich grundsätzlich von einem identitätspolitisch motivierten Narrativ, wie Wilser es vorgelegt hat (und der im Übrigen als Mediziner eher geschichtswissenschaftlicher Laie war, vgl. Wiwjorra, 2006:50, 52, 195). Ihnen liegt zuallererst ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse zugrunde. Trotzdem lassen

7  Hier

wurde bewusst der Begriff Race aus der angloamerikanischen, feministischen, intersektionalen Genderforschung als mögliche Analysekategorie genutzt und eben nicht ins Deutsche übersetzt, weist die Strukturkategorie race prinzipiell doch auf social stratification (vgl. Anthias, 2001) entlang mehrerer Termini hin.

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sich vereinzelt erzählerisch-kompositorische Kontinuitäten in der Erzählweise von Nation aufzeigen, doch dazu an späterer Stelle mehr (siehe Abschn. 5.2). Winkler und Nipperdey erzählen als westdeutsche Wissenschaftler deutsche Geschichte(n) vor allem als westdeutsche Erfolgsgeschichten, „[t]he role of the GDR in these histories was usually marginal“ (Biess & Eckert, 2019:4). Dabei ist es zweifelsohne nachvollziehbar, weshalb die Betonung des Erfolgs zentraler Bestandteil dieser Narrative war, hatte dies doch vor allem einen stabilisierenden Impetus und taugte als glänzender Gegenentwurf der deutschen Sonderwege (vgl. Biess & Eckert, 2019:5 f.), wie Frank Biess und Astrid M. Eckert nachvollziehbar darstellen: The success narrative initially served the needs of self-affirmation while supporting the respective political status quo. It focused on the stability of new democratic institutions and politics, economic recovery, and newfound prosperity, and it depicted the Federal Republic as a “phoenix [rising] from the ashes” (Biess & Eckert, 2019:4 f.).

Doch anders als es Winkler im Jahr 2000 impliziert, war Der lange Weg nach Westen nicht für alle Beteiligten eine Erfolgsgeschichte. Mit der deutschen Wiedervereinigung kamen Identitätsprobleme auf (vgl. Wehler, 2008:438; Winkler, 2010a:657; Borchmeyer, 2017:912), die bis heute nicht bewältigt sind, sondern gegenwärtig viel eher eine zunehmende Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschen provozieren. Denn während sich für Bürger:innen der alten Bundesrepublik wenig bis gar nichts änderte (vgl. Assmann, 2020:243), wurde der Traum der Wiedervereinigung insbesondere für manche Bürger:innen der ehemaligen DDR eher zum Trauma (vgl. Borchmeyer, 2017:914). Das lag schlussendlich nicht nur an schwierigen Integration der ehemaligen DDR-Bürger:innen in das kapitalistische System der BRD, sondern auch am Verlust eines verbindenden, ordnenden Narrativs. Aleida Assmann stellt mit Blick auf die unterschiedlichen Identitätskonzepte der BRD und DDR fest: „Manche, die in der DDR den Nationalstolz der Sieger teilen durften, stehen heute verständnislos einem nationalen Narrativ gegenüber, das die Täterschaft am Holocaust ins Zentrum der kollektiven Selbstdefinition rückt“ (Assmann, 2020:264).

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4.4 Zur Wiedererfindung der Nation Weil es „[e]ine Generation nach dem zentralen Wende-Ereignis […] noch kein gemeinsames Verständnis dieser Geschichte“ (Assmann, 2020:249) gebe, fragt Aleida Assmann: „Wem gehört diese Geschichte, wer erzählt und deutet sie?“ (Assmann, 2020:249). Unter der Kapitelüberschrift Ost- und Westdeutsche – die ver(n)einte Nation zeigt die Friedenspreisträgerin die Komplexität (der Herstellung) eines inklusiven Narrativs auf und plädiert für eine Wiedererfindung der Nation. Dadurch eröffnet sie Nation wieder als Identifikationsraum; eine Antwort darauf, weshalb Nation als Identifikationsfolie dienen muss, bleibt sie den Lesenden indes schuldig. Und doch: Assmann steht mit ihrer Forderung nach einem Umbau des deutschen Nationalnarrativs jedenfalls keineswegs allein da, auch wenn andere, wie Biess und Eckert, einen Zwischenschritt einplanen und zunächst fragen: Why Do We Need New Narratives for the History of the Federal Republic? (Biess & Eckert, 2019:1–18). Die Herausforderung kann aber nur, wie die Autoren eindrucksvoll demonstrieren, beantwortet werden, indem man sich kritisch mit nationalen Mythen und Meisternarrativen auseinandersetzt und problematische Termini, wie die der Westernisierung, des Sonderwegs oder der Erfolgsgeschichte, auf ihre Tragfähigkeit befragt und dekonstruiert. Auch Jennifer L. Allen argumentiert dafür, die Fetischisierung der Ereignisse von 1989–1990 zu hinterfragen, in denen sie ein ending myth erkennt, das ein Paradigma des bundesrepublikanischen Erfolgsnarrativs bilde (vgl. Allen, 2019:129). „Much as founding myths provide massaged origin stories for a particular political and cultural teleology, ending myths confirm the validity of that historical teleology. They announce its grand finale and the birth of a new order“ (Allen, 2019:129). Ähnlich argumentieren auch Sonja Levsen und Cornelius Torp, die im „bundesrepublikanische[n] Erfolgsnarrativ eine Komplementärerzählung mit happy end zur These vom deutschen ‚Sonderweg‘“ (Levsen & Torp, 2016:14) identifizieren. Die kritische Auseinandersetzung mit nationalen Narrativen ist in Zeiten, in denen supranationale Narrative zunehmend unter politischen Druck geraten, eine akademische (und auch politische) Verantwortung, die nicht wertfrei ist und nicht wertfrei sein darf. Insofern scheint es sinnvoll, einen Zwischenschritt einzuplanen und Assmanns Forderung zunächst eine erzähltheoretisch angeleitete und systematische Dekonstruktion von Nationalgeschichte(n) vorauszuschalten. Dies soll helfen zu verstehen, wie Raum- und damit Identitätskonstruktionen nationaler Meisternarrative funktionieren, bevor darüber nachgedacht wird, wie (und ob) neue Narrative geschaffen werden können.

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5 Meisternarrative und Identifikationsräume Thomas Nipperdeys Deutsche Geschichte 1800–1918 (erschienen, 1983, 1990, 1992) und Heinrich August Winklers Der lange Weg nach Westen (erschienen, 2000) gelten nach wie vor als Meistererzählungen der deutschen Geschichte. Neben konkreten (geografischen und epochalen) Raumbezügen eröffnen die Meistererzähler Nipperdey und Winkler durch ihre historiografischen Synthesen Identifikationsräume. Nicht allein wegen des ähnlichen Sujets und der zeitlichen Überschneidungen, die beide Werke aufweisen, aber doch wegen ihres Anspruchs, als Standard- oder Überblickswerke gelten zu können, drängt sich ein Vergleich beider Werke geradezu auf. Der vorliegende Aufsatz kann nur eine sondierende Analyse der Nipperdeyschen und Winklerschen Geschichten liefern. Ein kurzer Überblick über die Hauptteile beider Werke muss genügen, um anschließend ausführlicher auf die Anfänge und Enden eingehen zu können. Nipperdeys dreibändige deutsche Geschichte ließe sich am ehesten als parataktische Geschichte beschreiben, die sich in den unterschiedlichen Bänden unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen verschreibt. Er behandelt neben politischen und alltags- und gesellschaftsgeschichtlichen Themen auch Themen aus Forschung und Wissenschaft und widmet sich zudem dezidiert der Kultur und den Künsten. Ebenso setzt Nipperdey aber auch wirtschafts-, gesellschafts- und alltags- beziehungsweise mentalitätsgeschichtliche Akzente. Winklers politische Diskursgeschichte präsentiert hingegen eine stringente (dabei keineswegs unumstrittene) Sonderwegs-Erzählung der deutschen Geschichte, „die sich in der ‚doppelten Verspätung‘ in der Nationswerdung und in der Demokratisierung“ (Jarausch, 2001:1) zeigt und die ihren Fluchtpunkt im (nicht ausführlich besprochenen) Zerfall des Ostblocks, in der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und damit im Ankommen im vom Autor sogenannten Westen hat.

5.1 Von Anfängen … Erzählungen bestehen grob aus Anfang, Mittelteil und Ende (und dem, was sich dazwischen befindet). Diese elementaren Bestandteile, verstanden als Klammern, definieren den zeitlichen, geografischen und erzählerischen Raum, in dem sich Geschichte(n) bewegt/bewegen. Bereits im Paratext werden historiografische Räume konfiguriert, dies passiert maßgeblich im Titel oder in der und durch die Kapitelanordnung. So verweist Winklers Titel bereits proleptisch in die Zukunft

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der erzählten Vergangenheit: ein Ankommen Deutschlands im Westen; und er eröffnet zugleich eine räumliche oder besser raummetaphorische Folie – denn wie der Westen definiert ist, klärt Winkler nicht endgültig. Die Raummetaphorik, die Winkler aufruft, ist einerseits territorial und andererseits epochal zu begreifen, verweist der Westen doch auf einen konkreten geografischen Raum und spielt zugleich auf den zeitlichen Kontext des Block- bzw. Systemkonfliktes an. Nipperdeys Titel hingegen ist weniger programmatisch als deskriptiv zu verstehen, grenzt im Paratext aber bereits den zeitlichen (und auch geographischen) Raum klar ein: Deutsche Geschichte 1800–1918. Die Untertitel geben dann Aufschluss darüber, mit welchen Aspekten der deutschen Geschichte sich die jeweiligen Bände befassen. Auch hier bedient sich Winkler einer eher umklammernden Sprache als sein Kollege Nipperdey, heißt es bei letzterem beispielsweise recht nüchtern Bürgerwelt und starker Staat (Nipperdey, 2013a), markiert Winkler Anfang und Endpunkt seiner Bände bereits im Untertitel: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik (Winkler, 2010b). Das legt den Fokus auf ein weiteres wichtiges Element der historiografischen Raumerzeugung: Neben den paratextuellen Räumen sind vor allem die Anfänge und Enden der eigentlichen Haupttexte für eine historiografische Raumnarratologie interessant: Jede Narration legt ihren Ausgangspunkt aus sich heraus fest und kommuniziert diesen. Dafür hat sich bei den Meistererzählern der Generation Nipperdeys, Winklers oder auch Wehlers eine erzählerische Konvention etabliert, die in Nipperdeys erstem Band von 1983 ihren Ursprung hat. Am Anfang war Napoleon. Die Geschichte der Deutschen, ihre Leben und ihre Erfahrungen in den ersten eineinhalb Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in denen die ersten Grundlagen eines modernen Deutschland gelegt worden sind, steht unter seinem überwältigenden Einfluß (Nipperdey, 2013a:11).

Der Rückbezug seines ersten Satzes auf die Genesis ist dabei offensichtlich. Nipperdeys Anfang wirkt damit quasi als (Versuch der) Etablierung eines (Gründungs-)Mythos, dabei rekurriert er auf ein Erzählmuster, das den meisten seiner Leser:innen geläufig sein dürfte. 17 Jahre später übernimmt Winkler diesen fast belletristischen Auftakt der Form nach, inhaltlich hingegen beginnt seine deutsche Geschichte mit dem Begriff des Reichs: Im Anfang war das Reich: Was die deutsche Geschichte von der Geschichte der großen westeuropäischen Nationen unterscheidet, hat hier seinen Ursprung. […] Das Reich ist eine von drei Grundtatsachen, die die deutsche Geschichte durch viele Jahrhunderte hindurch prägten (Winkler, 2010b:5)

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Der Reichsbegriff eröffnet einen sehr umfassenden Raum, dabei ist die Vokabel Reich zunächst geografisch und epochal wenig begrenzt. Winkler kann ihn zugleich als Vehikel nutzen, um Grenzen zu übertreten und so beispielsweise auch das römische Reich mit in die Überlegungen einbinden. Während Winkler das erste Kapitel seines Werkes nutzt, um Das Reich und sein[en] Mythos zu erläutern und hier bei der mittelalterlichen These der translatio imperii beginnt, bleibt Nipperdey in seinem paratextuell vordefinierten Rahmen und holt nur wenige Jahre bis zu den Revolutionskriegen 1792 (und nicht Jahrhunderte) aus. Dabei übertritt Nipperdey nur für Augenblicke die territorialen Grenzräume, die er in seinem Vorhaben abgesteckt hat, während Winkler, wenigstens anfänglich, den Blick großzügiger über die Grenzen schweifen lässt.

5.2 … und Enden Während die Anfänge konkrete (Referenz-)Räume eröffnet haben, müssen die Enden ebendiese (ab-)schließen. Wenn sie aber zu einer Conclusio kommen, eröffnen sie mitunter in ihrer Synthese mögliche Identifikationsräume. So geht auch Winkler vor, der da feststellt: Mit den Zäsuren 1945 und 1990 endeten zunächst der antiwestliche und anschließend der postnationale Sonderweg der Bundesrepublik und der internationalistische Sonderweg der DDR (vgl. Winkler, 2010a:655). Winkler zieht aus der Beendigung der (vermeintlichen) Sonderwege einen erinnerungspolitischen Schluss und schließt so einen neuen Identifikationsraum auf: „Die Deutschen müssen sich ihre gesamte Geschichte kritisch aneignen. […] Sie kommen nicht darum herum, über das nachzudenken, was sie zum Projekt Europa beitragen können. Ohne Klärung ihrer nationalen Identität ist dieses Ziel nicht zu erreichen“ (Winkler, 2010a:X). Winkler versteht nationale Identität dabei als erinnerungskulturell bestimmt und argumentiert für eine kritische Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte. Bemerkenswert bleibt dabei doch, dass Winkler nicht von wir, sondern von ihnen spricht – fast so, als ob er nicht zu dieser Gruppe dazugehören würde. Nipperdey hingegen lässt sich auch am Ende eher selten zu für die Gegenwart der Lesenden bedeutsamen Aussagen zur eigenen oder nationalen Identität hinreißen. Es scheint fast, als vermeide er die Konstruktion von Identifikationsräumen. Stattdessen versucht er, vermeintlich objektiv und unvoreingenommen zu erzählen und Appelle zu umgehen: „Der Historiker und sein Leser müssen die Vergangenheit wiedergeben, was sie einmal hatte, was jede Zeit und auch unsere

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Gegenwart hat, nämlich eine Zukunft“ (Nipperdey, 2013b:880 f.). Damit verbleibt er, im Modus eines darstellend-berichtenden Historikers, in der Zeit seines jeweiligen Untersuchungsgegenstandes und versucht, sein Wissen um die vergangene Zukunft auszuschalten. Seine schicksalhaften Herleitungen historischer Ereignisse können aus heutiger Sicht aber viel zu schnell als relativierend verstanden werden, beispielsweise, wenn er die grenz- und nationalpolitischen Konflikte zur Zeit der Revolution von 1848/49 beschreibt, fehlt hier doch eine kritisch-einordnende Stimme aus dem Heute des Erzählers: „Die Position der Deutschen in diesen Konflikten entsprach freilich dem gemeineuropäischen Nationalismus, war Teil seines Schicksals […]. Auf Schuldzuweisungen muß man verzichten. Es war die Tragik der Situation“ (Nipperdey, 2013a:629). Nipperdey beschreibt weitestgehend wertungsfrei, dass die Nation „das dominierende Prinzip der Zeit“ (Nipperdey, 2013a:802) war und legt nahe, dass die imperialen Bestrebungen und das „geradezu emphatisches Verlangen nach Macht und Großmacht“ (Nipperdey, 2013a:629) der Normalvorstellung der zeitgenössischen Politik europäischer Nationen entsprachen – was freilich nicht ganz von der Hand zu weisen ist, aber zweifelsfrei einen bitteren Beigeschmack hat. Das hat freilich seinen impact auf die Syntheseräume, die Nipperdey aufruft. Nipperdey verpasst es – und das macht die Synthese an dieser Stelle so problematisch –, in seiner schicksalhaft begründeten und motivierten Erzählung darauf hinzuweisen, dass hier bereits (und gar schon weitaus früher) der Samen für spätere Entwicklungen gepflanzt wurde. In seiner Erzählung sei die Zukunft zwar belastet, verhängt und umschattet, aber ebenso offen (vgl. Nipperdey, 2013a:803). Letzteres konfligiert dann mit der schicksalhaften Motivierung, die er zuvor aufgerufen hat. Denn wenn etwas bereits schicksalhaft bestimmt ist, kann es nicht gleichzeitig offen im Ausgang sein. Narratologisch ist diese vermeintliche Offenheit, die Nipperdey sich und seiner Erzählung zu erhalten versucht, äußerst interessant. In diesem Versuch nämlich liegt die erzählerische Raffinesse der Nipperdeyschen Geschichte und wohl auch ihr zugleich größtes Konfliktpotenzial, versucht er mit seiner Erzählung doch nicht, aus Zeiterfahrung Sinn zu bilden (vgl. Rüsen, 1990:157) oder auf Kontinuitätslinien hinzuweisen, sondern die Geschehnisse im Sinne eines sideshadowing (vgl. Morson, 1994:117 ff.) so neutral, unbefangen und offen im Ausgang wie möglich darzustellen. Problematisch wird ein solcher Zugriff erst mit dem Erlangen des Status einer Meistererzählung, ist ihr doch eine inherent persuasive force inhärent, die die Lesenden dazu verführt, die Erzählung nicht zu hinterfragen (vgl. Megill, 2011:29).

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Anstatt einen erinnerungspolitischen Identifikationsraum anzubieten, skizziert Nipperdey eine Charakterskizze der Deutschen – wir erinnern uns an Wilser –, die er auf die „Gemeinsamkeiten der Menschen einer Nation“ (Nipperdey, 2013b:904) zurückführen will und die er erkannt haben will in Eigenschaften wie Disziplin, Organisationsbegabung und -loyalität, Fleiß, Arbeitssinn und darum Effektivität [und] Innerlichkeit, grüblerische[r] Unruhe […], Distanz zu Institutionen und „äußerem Betrieb“, „Romantik“ […], Pedanterie, Mangel an Weltläufigkeit, Unsicherheit und dementsprechende[r] Überkompensation (Nipperdey, 2013b:904).

Die Nipperdeysche Conclusio, die letztlich eine auf Stereotypen aufgebaute Charakterskizze der Deutschen ist, eröffnet vor allem eines: einen (weitestgehend) unkritischen und undifferenzierten Identifikationsraum, das heißt er liefert ein Identifikationsangebot, in dem „der Erfolgsdeutsche“ nicht plötzlich „schlechter geworden“ (Nipperdey, 2013b:905) sei, historische Kontinuitäten zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus abgelehnt werden und in dem einem „modernen […] deutschen Charakter […] größere Komplexität und Sensibilität“ (Nipperdey, 2013b:905) zugesprochen wird. Auch wenn Nipperdey zweifelsohne recht hat, dass die Menschen nicht plötzlich schlecht(er) geworden sind, suggeriert seine Ablehnung von Kontinuitäten doch genau das: Er lässt die Leser:innen mit dem Fragenkomplex, wie es zur größten Katastrophe der deutschen Geschichte kommen konnte, schlussendlich allein und verloren zurück. Eine solch ernsthafte Kritik an Nipperdeys Erzählung mag nun mit einem Abstand von fast 30 Jahren beinahe deplatziert daherkommen, scheint mir aber wegen der ungebrochenen Gültigkeit – Paul Nolte nennt das Werk einen „Klassiker deutscher Geschichtsschreibung“ (Nolte, 2013:911) – umso wichtiger. Doch zeigt sich an dieser Stelle zeigt vor allem eines: Historiografische Narrative und ihre Produzent:innen sind unbedingt und fortwährend historisierungsbedürftig. Vor allem aber sind sie im sie umgebenden Kontext zu betrachten. Nipperdeys (Selbst-)Verständnis als „Geschichtsschreiber des Bürgertums“ (Nolte, 2018:33), wie Nolte ihn beschreibt, spiegelt sich auch in seiner Konstruktion von Nation wider.

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6 Schlussbemerkung Im direkten Vergleich dieser beiden Narrative zeigt sich eines recht deutlich: Nipperdey und Winkler konstruieren und konfigurieren Nation zwar vor allem als Identifikationsfolie und wirken damit identitätsstiftend – das jedoch tun sie in ganz unterschiedlicher Weise: Während Winkler mit einem erinnerungspolitischen Appell schließt, beschreibt Nipperdey eine Charakterskizze der Deutschen. Letztlich bleibt der narratologisch konfigurierte Identifikationsraum der Nation und/oder des Nationalstaates, den Historiografien offerieren, „das Ergebnis sozialer Konstruktionen […], im Alltag wird auf sie aber als Räume mit einer festen Innen-Außen-Unterscheidung referiert“ (Dennerlein, 2009:62), wie Katrin Dennerlein herausstellt. Der vorliegende Aufsatz soll erste Überlegungen skizzieren, wie eine historiografische Raumnarratologie es ermöglichen kann, systematisch zu hinterfragen Wer erzählt mir was, wie und warum? Die Diskussion hat vor allem eines gezeigt: Nicht neue Narrative sind gefragt, sondern ein tiefer gehendes Verständnis der bereits bestehenden Narrative ist angezeigt. In einer historiografischen Raumnarratologie, die auch Identifikationsräume aufschlüsselt und Identifikationsangebote kritisch durchleuchtet, kann zudem das von Aleida Assmann erkannte (und als exkludierend verstandene) Missverhältnis einer westdeutschen Erfolgsgeschichte hinterfragt werden. Dafür muss Geschichte aber unbedingt dekonstruiert werden. Raumkonstruktionen systematisch als Referenz-, Synthese- und Identifikationsräume zu verstehen und sichtbar zu machen, könnte helfen, Nationalhistoriografien zu dekonstruieren, um (nationale) Identitätskonstruktionen sicht- und hinterfragbar zu machen. Erst wenn dieser Schritt getan ist, könnten wir über die Wiedererfindung einer Nation diskutieren. Auch wenn ich einer Rehabilitierung des Nationenbegriffs, wie Aleida Assmann es vorschlägt, grundsätzlich mehr als kritisch gegenüberstehe.

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Presidential Speeches as Modus Operandi for the State- and NationBuilding Martina Berrocal Presidential speeches form an essential part of leadership strategies and are indispensable in the process of policy formulation and nation-building, which are disseminated, interpreted, and reproduced through public discourse. The New Year speeches and jubilee speeches are highly visible instruments for conceptualising the nation and its associated categories and values. These are not only parts of the discourses and representations about national identity, but they also influence social practices associated with them. Thus, the conceptualisations of the state shape mental structures and impose the common principles of “vision and division” (Bourdieu, 1994: 7–8). Using the SPEECHES corpus (Cvrček et al. 2015), in which the New Year speeches and anniversary speeches of Czech and Czechoslovak presidents are collected, this study aims to elicit the concepts that are considered fundamental to the Czech/Czechoslovak state and society after 1989. Methodologically, the study draws on the tenets of corpus-assisted discourse analysis, concretely uses the keyword analysis, and the steps devised by (Fidler & Cvrček, 2015) to interpret the obtained keywords. These quantitative findings point to democracy and democratic state as a prominent topic which is further contextualised in a detailed qualitative analysis. The methodological triangulation of quantitative and qualitative approaches proves highly relevant and reveals different conceptualization of democracy and democratic state by the first two Czech Presidents, which is exemplified with the analysis of the keyword “democratic” (demokratický). M. Berrocal (*)  Institut für Slawistik und Kaukasusstudien, Friedrich-Schiller Jena, Jena, Germany E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_2

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1 Introduction The Czech Velvet Revolution of 1989 was followed by a period of democratic transformation that played a decisive role in the foundation of the “new” democratic identity. From this time on, as Fagan and Kopecký observe “the legacies of communism and their particular exit from it have shaped and continue to shape political processes, both formal and informal” (Fagan & Kopecký, 2018:4). The transformation was carried out as a multi-layered process that included democratisation, marketisation, nation-(re)building, and Europeanisation, and can be viewed as a crisis marked by a constant identity struggle (Berrocal & Salamurović, 2019:2). In fact, the construction and reconstruction of national identity is one of the most integral parts of Czech political discourse until now. This study parts from the assumption that periodical political speeches include concepts and words which are to a lesser or greater extent related to the national identity. The purpose of the study is to identify the common keywords in presidential speeches and their relation to the construction and different conceptualization of national (democratic) identity. To achieve this, several research questions were raised to signpost the analytical process. 1. Using an explorative approach, can we determine common keywords used by both politicians in their speeches? Which are these? 2. Based on the extracted keywords can we track the prevalent topic(s)? 3. Does the keyword overlap translate into conceptual overlap in the analyzed speeches? When not, what conceptualization can we identify? This chapter provides a short introduction to the form and function(s) of political speeches and their role in political communication. The next section follows with the description of text material and the applied methodological steps, concretely the keyword extraction and its processing in the quantitative phase and the subsequent re-contextualization by means of close concordance analysis. The final section summarizes the obtained results and considers the benefits of the proposed analytical procedure.

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2 Political Speeches within Political Communication In general, political communication provides a connection between the public and political representatives. By means of political communication processes, the citizens are reached and the representatives are informed about the concerns of the citizens, facilitating both public participation and political representation that are without any doubts paramount in representative democracies.1 This way, political positions, decisions and alternatives are presented to the citizens, and they are discussed and legitimized (Chilton, 2004). Legitimization or delegitimization is, together with mis(representation) and coercion, one of the main strategic functions of politics (Chilton, 2004:45). It is considered a fundamental category of democratic theory (Jarren et al., 1998:253) and it is associated with the construction of trust, credibility and authority of political actors. This chapter focuses on the top–down communication from the president, the highest political representative, to the citizens. Presidential speeches are frequently associated with the formation of democracy and construction of democratic (national) identity that are formed and “filled with stories about the nation that are told about the past and in relation to the present” (Hall, 1994:201). In line with this, nation is perceived as an “imagined political community” (Anderson, 1991:6) and as such national identity is rooted in common history and collective memory (cf. Halbwachs, 1985) which “allows for identification of connection between theoretical discourses on national identity and myth, symbols and rituals of everyday life” (Wodak, 2002:146). In short, such discourse seeks to make sense of the nation’s own actions and perceptions. As Martin maintains, “the identity narrative channels political emotions so that they can fuel efforts to modify a balance of power, it transforms the perceptions of the past and of the present; it changes the organization of human groups and creates new ones; it alters cultures by emphasizing certain traits and skewing their meaning and logic. The identity narrative brings forth a new interpretation of the world in order to modify it” (Martin, 1995:13). In general, national identity is taken to mean social practice which encompasses emotional attitudes, behavioural tendencies and conventions acquired in the process of socialization and is produced and reproduced by discourse.

1  The

communicative process takes place between the citizens and the representatives, the immediate decision making is delegated, however, it is this communication that is the prerequisite for the inclusion of the citizens in the political process.

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The objective of political actors (and thus of the president) is to make one’s own views understandable and convincing enough to achieve the maximum response from their audience. Differently from political interviews, political speeches are a means which give the speakers the freedom of expression with minimally constrained space, without any opponent or rhetorical adversary, so that they can share their own views and interpretations of concepts and events. Presidential speeches are written (and orally delivered) texts which vary considerably in length and are addressed to different national and international political actors and the general public. They aim at enhancing or challenging the power relations by occasionally admonishing or confessing and they are generally oriented towards the establishment of consensus in basic political-ethical questions and thus form part of the institutionally embedded practice. A claim of correctness qua argumentum, but also qua persona official authority is raised (mode of validity) (Klein, 2014:190). Reisigl (2008:251) identifies two main goals of periodical political speeches: a. to establish supra-individual (national) identity, b. to foster solidarity. In the same way, the annually repeated New Year and jubilee speeches have been after the Czech Velvet Revolution of 1989, a way to regularly and festively reaffirm the anchoring of the country in the democratic political system.

3 Material and Method This exploratory study examines Presidential New Year’s and jubilee speeches (Corpus SPEECHES, Cvrček et al., 2015), concretely the speeches by Václav Havel and Václav Klaus (Table 1). These two politicians were selected because they held office in the first 20 years of the democratic transition and thus played a key role in forming the national and political identity after the Velvet revolution.2 The comparative analysis makes it possible to identify the similarities and differences between the two Presidents. The analytical approach draws on the procedures of the corpus-assisted discourse analysis (CADS) (Baker, 2006; Baker et al., 2008; Baker & Egbert, 2016;

2 Non-violent

transition to democracy in Czechoslovakia in 1989.

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Table 1   Description and size of the text (TextC) and reference corpus (RefC)

Presidents

Number of speeches

Number of tokens (TextC)

Number of tokens SYN 2010 (RefC)

Václav Havel (1990–2003)

25 (13/12)

47 915

121 666 414

Václav Klaus (2003–2013)

21 (11/10)

26 578

121 666 414

Partington et al., 2013; Taylor & Marchi, 2018) and aims to combine quantitative (keyword analysis) and qualitative (concordance and contextual analysis). Keywords in corpus linguistics part from the idea that “a word-form which is repeated a lot within the text in question will be more likely to be key in it” (Scott & Tribble, 2006:64). The procedure of KW extraction is based on word lists from the text corpus (TextC) and the reference corpus (RefC) that are compared via a statistical test.3 This procedure informs us about what is found in the text and in comparison to, what would be expected. To mark a word as a keyword, Cvrček and Fidler (2019) find that two conditions have to be satisfied. Firstly, the difference between the relative frequency in the target and reference corpus are statistically significant. Secondly, “the relative frequency of a word in the target corpus is higher than in the reference corpus” (Cvrček & Fidler, 2019:94). Furthermore, they point out that the measure of statistical significance is not sufficient to inform us about “whether the difference between the frequencies in the target text and the reference corpus carries any descriptive values” (ibidem) and thus they recommend combining the calculation of statistical significance with the one of the effect size.4 The extracted keywords (mostly lemmas and word forms) provide us with two kinds of information: firstly, the topic orientation of the text, or shortly, what it is about; secondly, linguistic units that are typical of the genre or style of the text (Cvrček, 2013:75; Stubbs, 2010:43). With the help of a metaphor, it can be said that keywords can be described as a key “that grants access to a place which is otherwise restricted, private and sealed off. In this sense a word or phrase is a key which enables one to see something, it is an enabling device” (Scott, 2010:44). McEnery notes that the interpretation of the extracted 3 LL,

Chi2, Fischer test. and Cvrček have developed their own effect size estimator (Fidler & Cvrček, 2015) that will also be applied in this study. 4 Fidler

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keywords requires detailed qualitative analysis and contextualisation, and for that, he recommends additional collocation analysis (McEnery, 2016:29). Cvrček and Fidler (2022) observe that not only methods like concordance and collocation analysis but also keyword cluster and keyword links analysis can be used for this purpose. In discourse analysis, the interlocking of the quantitative (extraction of keywords and key forms) and qualitative contextualisation and interpretation of the analysis is crucial for obtaining reliable and meaningful results. In this vein, this study applies close concordance analysis to recontextualize the extracted keywords. The methodological steps taken in this study are: In the quantitative part, the keyword extraction in KWORDS (Cvrček & Vondřička, 2013), the comparison of KW overlaps in the first 100 and 300 keywords in the speeches of both politicians, and the distinction of genre-related and topic keywords which facilitate the identification of main topics; choosing the topic of democracy and democratic state for a close concordance analysis, the keywords are recontextualized by the means of close concordance analysis in order to gain insight into the use and the conceptualization of the attribute democratic (demokratický).

4 Analysis In line with the above, the analysis was carried out in two steps. First, keywords were extracted by comparing the corpus of speeches by both politicians and the reference corpus SYN 2010. For keyword extraction the web application KWORDS5 (Cvrček & Vondřička, 2013) was used. Second, the keywords, first 100 and first 300 respectively, from both corpora were compared.6(Table 2) Within the first 100 keywords, the overlap between the two politicians includes keywords that, in a way, can be expected in the regular New Year’s and jubilee speeches, such as statehood, and sovereignty. Both politicians use

5 KWORDS

provides keyword extraction by computing statistical significance and effect size. In addition, it maps the distribution of the keywords and keyword links and calculates the thematic concentration. 6 This approach is inspired by keyword analysis of presidential speeches carried out by Fidler and Cvrček (2015). The number of analyzed KWs (n = 100, n = 300) is given by the explorative nature of this study. As the analysis of 100 KW did not provide a sufficient number of topic-related KW, the analysis was expanded to 300 KWs.

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Table 2   Comparison of the first 100 keywords

KW (n = 100)

Corpus V. Havel

Corpus V. Klaus

overlap in genre – related KW

vážení (dear/esteemed) milí (dear) spoluobčané (fellow citizens) státnosti (statehood) přeji (I wish)dovolte (let me)

Overlap in topicrelated KW

pokusme se (let us try) suverenity (sovereignty) severoatlantické (North-Atlantic) éře (era – LSg), samostatného (independent – GSg), cítíme (we feel), zkusme (let us try), soužití (coexistence), posilovat (strengthen), demokracie (democracy – NomSg), demokratický (democratic – GenSg, GenPl, NomPl), společenského (social – GenSg), spoluobčanů (fellow citizens – GenPl), občanům/občanů (citizens – DatPl, GenPl), jistoty (certainty, GenPl), ideály (ideal – GenPl), tradicím (tradition – DatPl), solidarita (solidarity – NSg), generacím (generation – (DatPl), nedůvěry (mistrust – GenSg), výzvou (challenge – InstSg), prospěchu (benefit – DatSg), naší (our – GenSg), nepřímo (indirect)

the speech to make an appeal to the audience (let us try) and refer to NATO (North Atlantic). Both politicians see the grounding of the state with the NATO structures as a guarantee of stability and sovereignty. 1. Svou jistotu vidíme, tak jako mnohé další středoevropské státy, v Severoatlantické alianci. Musíme se všestranně připravovat na své zamýšlené členství v ní, posilovat vlastní obranyschopnost, investovat materiální prostředky i lidské síly do příslušné transformace naší armády, prokazovat svou vůli ke spoluodpovědnosti účastí v mezinárodních mírových silách a znovu a znovu vysvětlovat našim západním partnerům… n1995HAV We see our security, like many other Central European states, in the North Atlantic Treaty Alliance. We must prepare ourselves in every way for our intended membership, strengthen our own defence capabilities, invest material and manpower in the appropriate transformation of our army, demonstrate our willingness to share responsibility by participating in international peacekeeping forces, and explain again and again to our Western partners… 2. Žijeme v otevřeném a vzájemně více a více propojeném světě. I když stále ještě patříme k novějším členům Severoatlantické aliance, získali jsme tam

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dobré jméno a prokázali jsme, že jsme partnery, na které je spolehnutí. Naše vojenské mise působí na několika místech světa a pomáhají tam nastolovat bezpečnost a pořádek. Dělejme to v rozumné míře i nadále. n2007KLA We live in an open and more and more interconnected world. Although we are still one of the newer members of the North Atlantic Treaty Organisation, we have earned a good name there and we have shown that we are partners that can be counted on. Our military missions are operating in several places around the world and helping to establish security and order. Let us continue to do so within reason. When appealing to the audience, the use of pokusme se (let us try) demonstrates how V. Havel concentrates his attention on the values and encourages the audience to overcome the barriers within society, while V. Klaus calls upon the people to be active, use the opportunity and rely on oneself. Also, some of his Eurosceptic views are already discernible. 3. Pokusme se přijmout ideu světa beze zdí mezi lidmi různých náboženství, různé barvy pleti, různých tradic a zvyklostí, různých jazyků a temperamentů. Pokusme se pochopit odpovědnost každého z nás za budoucí osudy lidského rodu jako organické součásti všeho, co na této Zemi vzniklo a vzniká a co spolutvoří velký zázrak bytí. n1999HAV Let us try to embrace the idea of a world without walls between people of different religions, different colours, different traditions and customs, different languages and temperaments. Let us try to understand the responsibility of each of us for the future destiny of the human race as an organic part of all that has been and is being created on this Earth and which co-creates the great miracle of existence. 4. Integrační tempo v Evropě dosáhlo takové intenzity, že se náš vstup do Unie stává více vnitropolitickou než zahraničněpolitickou záležitostí. Týká se zcela bezprostředně naší každodennosti, týká se každého z nás, na každém místě České republiky. Pokusme se této události využít k našemu posílení a nikoli k našemu oslabení. Pokusme se být aktivní, řešit své vlastní problémy a nespoléhat na to, že je za nás vyřeší někdo jiný. Vstupem do Evropské unie nesmí zaniknout dílo, které bylo vykonáno před osmdesáti pěti lety… r2003KLA The pace of integration in Europe has reached such an intensity that our entry into the Union is becoming more of a domestic than a foreign policy issue. It concerns our everyday life quite directly, it concerns each and every one of us,

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in every place in the Czech Republic. Let us try to use this event to strengthen us and not weaken us. Let us try to be active, to solve our own problems, and not rely on someone else to solve them for us. Joining the European Union must not undo the work that was done 85 years ago... As the comparison of the first 100 KW did not yield a sufficient number of topic keywords, the scope of the KW comparison was extended to 300 KWs. These were compared for overlaps and a subsequent close contextual analysis was conducted. The Table 3 provides the results of this comparison. The words in black depict the KW overlap of the first 100, and the KWs in grey are those that were added after the analysis of the first 300 KWs.

Table 3   Comparison of the first 300 keywords

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Table 4   Attribute (democratic) + noun (also see Appendix)

Havel democratic noun

Absf7 Relf (i.p.m.)8 Klaus n = 59 1231 democratic + noun

state (stát)

9

187.8

society (společnost) 3

112.8

institution (instituce) 5

104.3

choice (volba)

2

75.3

Absf Relf n = 37 (i.p.m.) 1392

Europe (Evropa)

4

83.5

republic (republika) 2

75.3

value (hodnota)

3

62.6

country (země)

2

75.3

circumstances (poměry)

3

62.6

state (stát)

2

75.3

tradition (tradice)

2

41.7

legitimization (legitimace)

2

75.3

order (řád)

2

41.7

republic (republika) 2

41.7

A close look at the list reveals that it includes words that refer to values, society and the (democratic) political system. As this chapter focuses on the construction of democratic (national) identity, the close analysis will focus on the lemma democracy (demokracie) and a nominal phrase which includes the attribute democratic (demokratický) and the corresponding noun. A mere glance at the keyword (keyword-form) list reveals several grammatical forms (3) of the adjective democratic (demokratický) and the noun democracy (demokracie). Using concordance and contextualization analysis, we aim to corroborate whether the overlap in the keywords translates into an overlap in the conceptualization of the attribute democratic within the nominal phrases (Table 4). From a statistical point9 of view, there is no statistically significant difference between the two speech corpora as far as the frequencies are concerned. However, when looking closely and contextualizing10 the analyzed phrase (democratic/de 7 Absf. = absolute 8 Relf = relative

frequency.

frequency; i.p.m. = item per million.

9 The

comparison (statistical test) of the attribute democratic (Chi2, p-value = 0.56) informs us that the frequencies in both corpora are not significantly different. Thus from a statistical point of view there is no significant difference between the two speech corpora as far as the attribute democratic is concerned.

10 In

general, we have looked at two sentences before and two sentences after the phrase, however, in some cases we have taken in to account context up five sentence before and five after the phrase.

Presidential Speeches as Modus Operandi … Table 5  Concepts associated with democratic (nation) state (demokratický stát)

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Havel

Klaus

civil society, civil engagement set of democratic values within/inside Europe

country, republic, society nation, language geographical space legacy of the ancestors

mokratický + noun), a different conceptualization of democracy (democracie), concretely the attribute democratic/demokratický stand out. For example, the noun phrase democratic state (demokratický stát) is associated with quite different concepts in the speeches of both politicians (Table 5). In the speeches by V. Havel, the democratic state is built as a community (or even family) which is closely linked to the civil society and social engagement, marked by anti-violence and anti-aggression, by certain (democratic) values and peaceful coexistence in solidarity. 5. …vytrvalou péčí o dobrý rozvoj všech rovin občanské společnosti, náš život se záhy stane jednorozměrným, bude pustnout, omezí se na pouhou honbu za ziskem, provázenou apatickým vztahem k veřejným zájmům a opětovným spoléháním na stát jako toho, kdo všechno zařídí za nás. Moderní demokratický stát se nemůže skládat – zjednodušeně řečeno – jen ze státní správy, politických stran a soukromých podniků. Musí otevírat občanům pestrý vějíř možností, jak se angažovat nejen soukromě, ale i veřejně […]“ n1994HAV ...by persistent concern for the good development of all levels of civil society, our life will soon become one-dimensional, desolate, reduced to the mere pursuit of profit, accompanied by an apathetic attitude to public interests and a renewed reliance on the state to do everything for us. A modern democratic state cannot consist—to put it simply—only of the state administration, political parties, and private enterprises. It must open up a wide range of opportunities for citizens to engage not only privately but also publicly [...]’ (n1994HAV) In Havel’s speeches, establishing democracy and the related democratic institutions is seen as a process that must be constantly supported and stimulated.

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6. Podobně nesmyslné by bylo, kdyby dnes někdo doufal, že samo zřízení demokratických institucí a pouhé stanovení pravidel volné hry tržních sil a svobodného podnikání automaticky zaručí, že všechno je navždy v pořádku a naše země bude už natrvalo a bez problémů vzkvétat. n1996HAV It would be similarly nonsensical if anyone today hoped that the mere establishment of democratic institutions and the mere establishment of rules for the free play of market forces and free enterprise would automatically guarantee that everything is forever in order and that our country will flourish forever and without problems. He articulates the underlying and necessary values for the development of the democratic society. 7. Ano, existují určité hodnoty, o nichž jsme se shodli, že musí být základními kameny naší demokratické státnosti. Jsou to úcta k lidským právům, idea právního státu, respekt k demokratickým institucím, principy tržní ekonomiky, ochrana duchovního a kulturního dědictví národa i životního prostředí, v němž žije, tvorba občanské společnosti. n1996HAV Yes, there are certain values that we have agreed must be the cornerstones of our democratic statehood. These are respect for human rights, the idea of the rule of law, respect for democratic institutions, the principles of a market economy, the protection of the spiritual and cultural heritage of the nation and the environment in which it lives, the creation of a civil society. In his speeches, the envisioned goal is to be a part of a democratic Europe (demokratická Evropa) that is symbolized by the European Community (later European Union) and security structures like the NATO and OBCE (Organization for Security and Cooperation in Europe). Joining these structures is paramount to installing a democratic system at the institutional and value-oriented level and towards safeguarding national security. 9. Nedávno jsme podepsali velmi důležitou Evropskou dohodu a stali se tak přidruženým členem Evropských společenství. Je to nesporný úspěch československé vlády i diplomacie: jde totiž možná o vůbec nejdůležitější smlouvu v našich poválečných dějinách, o smlouvu, která nám fakticky otevírá dveře do politického a ekonomického prostředí demokratické Evropy. Zpevňuje se naše spolupráce se Severoatlantickou aliancí, prohlubuje se i koordinace naší politiky se sousedním Polskem a Maďarskem. Aktivně

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se podílíme na práci Konference o bezpečnosti a spolupráci v Evropě. n1995HAV We have recently signed a very important European agreement and became an associate member of the European Communities. This is an undisputed success of the Czechoslovak government and diplomacy: It is perhaps the most important treaty in our post-war history, a treaty that effectively opens the door to the political and economic environment of democratic Europe. It strengthens our cooperation with the North Atlantic Alliance and deepens the coordination of our policy with neighbouring Poland and Hungary. We are actively participating in the work of the Conference on Security and Cooperation in Europe. n1995HAV Havel warns against hostility and resentment based on nationality, ethnicity, or skin colour and from this resulting covert or overt racism and discrimination. 10. Ve varovně rostoucí míře oddělují i skupiny etnické. Jednou přitom mají podobu nálady protiromské, jednou protiněmecké; jednou protiruské, jednou protiamerické; jednou protičernošské či protiarabské, jednou obecně protievropské. Ba objevuje se tu i zeď, o níž jsme si mysleli, že nemůže být už nikdy vztyčena, totiž zeď antisemitismu. Mnozí z nás jako by dávali stále viditelněji průchod vlastnímu latentnímu rasismu či předstírali, že ho nevidí u jiných; mnozí jako by zapomínali, že měřítkem kvality demokracie je poměr k menšině, a začali znovu věřit v historicky tak neblaze proslulou ideu \" práv většiny\"; mnozí jako by se pokoušeli stovkami chytráckých argumentů zdůvodňovat sobě samým, proč je třeba relativizovat vlastní mravní imperativy; mnozí jako by opět nevěděli, že útok na svobodu jedněch ohrožuje svobodu všech. Neúctou k lidským právům, rasismem a xenofobií to ovšem nekončí. n1999HAV They are also separating ethnic groups to an alarmingly growing extent. At the same time, they take the form of anti-Romani, anti-German, anti-Russian, anti-American, anti-Black or anti-Arab, and generally anti-European sentiments. Many of us seem to be giving more and more visible venting to our own latent racism, or pretending not to see it in others; many seem to forget that the measure of the quality of democracy is its relation to the minority, and have begun to believe once again in the historically infamous idea of majority rights; many seem to be trying to justify to themselves, with hundreds of clever arguments, why it is necessary to relativise their own moral imperatives; many seem to be ignorant once again that an attack on the freedom of some threatens the freedom of all. The disrespect for human rights, racism and xenophobia are not the end of it.

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A democratic country in the speeches of V. Klaus is closely inspired by and connected to the first Czechoslovakian republic and the tradition and values associated with it. Klaus recognizes the limited influence of Czech politics within European and world events, yet at the same time, he stresses the necessity of protecting the space and the legacy which the ancestors built and left behind. Contrary to Havel, democracy is not seen as something that should be actively developed and supported. On the contrary, it is rather rooted in the past and is to be understood as a fixed concept, represented by the democratic system. Klaus implicitly assumes that it is in danger as he calls for its protection. 11. Budoucnost v demokratické zemi, která, vědoma si své ne příliš rozsáhlé velikosti a svého jen velmi omezeného vlivu na evropské a světové procesy, nepřeceňuje své síly, ale má svou hrdost a sebevědomí. Která má ve svých demokraticky zvolených zástupcích, ve svých politických, kulturních, hospodářských a společenských elitách dost sil a odhodlání hájit prostor a odkaz, který pro nás naši předkové vybudovali. r2010KLA A future in a democratic country which, aware of its not very large size and its very limited influence on European and world processes, [country] does not overestimate its strengths but has its pride and self-confidence. Which has in its democratically elected representatives, in its political, cultural, economic and social elites the strength and determination to defend the space and the legacy that our ancestors built for us. In Klaus’ speeches, one of the anchoring points of the conceptualization of a democratic state is the feeling of community which is based on the same language, history and culture. 12. Na rok 1918, na okamžik vzniku našeho samostatného státu, vzpomínáme rádi, protože tehdy se u nás zrodila svobodná a demokratická společnost. Je dobře, že se těmito slovy dá charakterizovat i náš dnešek. Naše současná společnost je sice rozdělena politicky, sociálně i podle některých dalších dělících čar, ale spojuje nás velmi intenzivní vztah k naší zemi, národu, jazyku. n2008KLA We remember the year 1918, the moment of the establishment of our independent state, fondly because it was then that a free and democratic society was born in our country. It is good that these words can be used to describe our present day. Our present society is divided politically, socially and along some other dividing lines, but we are united by a very intense relationship with our country, nation, and language. n2008KLA

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The speeches forecast his strong Euroscepticism which had been gaining in intensity ever since. Here, Klaus makes a link between the membership in the European Union and the receding possibility to decide about one’s own affairs. This way, the European Union is positioned as an entity which hinders free decision-making and thus acts against the grounds of a democratic state. 13. Je tomu teprve devatenáct let, kdy se zhroucením komunismu stala naše vlast opět svobodnou. Jsou tomu čtyři roky, kdy jsme se většinovou demokratickou volbou občanů stali členy Evropské unie a dobrovolně jí předali značnou část své suverenity. Rozhodování o věcech veřejných se nám tím opětovně vzdaluje. r2008KLA It is only 19 years since the collapse of communism made our country free again. It is 4 years since we became a member of the European Union by a majority democratic vote of the citizens and voluntarily handed over a significant part of our sovereignty to it. Decision-making on public affairs is thus once again being taken away from us. When referring to democracy and the democratic state, sovereignty (suverenita) is identified as its fundamental democratic quality. The understanding of what sovereignty is and how it is achieved is markedly different for both speakers. For Havel, the exercise of sovereignty is a continuous task which is accomplished in the community, it is an active endeavour and the responsibility of each and every one. At the same time, he rejects the idea that identity and sovereignty can be simply taken away. 14. Všechny dohromady však spojuje jeden tradiční český blud: totiž domnění, že naše svébytnost, identita či suverenita není především náš vlastní úkol, naše poslání, naše starost a náš problém, ale že to je cosi, co je v rukou těch druhých, totiž těch, kteří se neustále snaží nám naši identitu vzít, nebo aspoň omezit. r2000HAV All together, however, they are united by one traditional Czech fallacy: namely the assumption that our identity or sovereignty is not primarily our own task, our mission, our concern, and our problem, but that it is something that is in the hands of others, namely those who are constantly trying to take our identity away from us, or at least limit it. By contrast, Klaus conceives sovereignty as something that is gained, and that the national community is in constant danger of losing. A feeling is communicated that there is an indefinite threat that could be materialized at any time.

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M. Berrocal

15. Díky dalším unikátním dějinným souvislostem jsme svobodu, demokracii a státní suverenitu před 17 lety získali zpět. Právě teď je nesmíme poztrácet. Na draze zaplacenou historickou zkušenost nesmíme zapomenout. Není pravda, že nám nic vážného nehrozí, že je svět zcela jiný než ten dřívější. r2006KLA Thanks to another unique historical context, we regained freedom, democracy and national sovereignty 17 years ago. We must not lose them now. We must not forget this dearly paid historical experience. It is not true that we are in no danger of anything serious, that the world is a very different place from what it used to be. r2006KLA

5 Conclusions The findings of this study lead us to the following conclusions. Methodologically, as shown in previous scholarly studies (cf. Baker et al., 2008; Koteyko, 2014; Cvrček, 2019), the corpus-linguistic keywords11 and its use in discourse analysis have proven analytically useful in several aspects. Apart from the information about the text genre, they provide information about the “aboutness” (Scott & Tribble, 2006) of the text, i. e. what the text is about. The topic keywords can be further organized into groups to better discern the main topic tendency. In our study, the main topic, based on the number of related KW (n = 300) was democracy and democratic state. When we further pursued the question of whether the overlap in the identified keywords can be translated into conceptual overlap in the analysed speeches, we hit the limits of the method. From a keyword perspective, the speeches by both politicians do not show the considerable difference as far as the identified keywords and their frequencies are concerned, and thus it could be assumed that they are similar. In line with recommendations of the scholarly literature (cf. McEnery, 2016; Cvrček & Fidler, 2022), a decision was made to carry out a close concordance analysis to verify whether the conceptualization of the attribute democratic (demokratický) is comparable in speeches by both politicians. The results of this qualitative part point to two different conceptualizations of democracy, the democratic state and the concepts in the speeches by V. Havel and V. Klaus. Havel understands these as a dynamic process which is closely tied to civil society and civic engagement,

11 For

reference to different kinds of keywords see (Stubbs, 2010).

Presidential Speeches as Modus Operandi …

41

freedom and free election. An important role in his views plays the promotion of human rights and strengthening of the democratic institutions. Quite different is the view by V. Klaus. His representation associates the democratic state with the nation (and national pride), language and geographic space. He portrays the EU as an institutional system which limits sovereignty and takes away the decisionmaking force. Likewise, sovereignty as such is perceived as something that is given and that can be taken away, thus creating a sensation of a constant threat. This is relevant when we take into account that political speeches are used as a stage for the legitimization of political views and ideologies which can influence the construction of the whole political system or its direction. Based on the findings of this study, it is possible to offer the following recommendations for future research. First, in the case of small corpora, it is useful to arrange the keywords into groups which enables us to discern a particular topic orientation. Second, it is highly important to re-contextualize the extracted keywords. This can be done by some “traditional” corpus-linguistic procedures, such as concordance and collocation analysis, however, there have been developed some new innovative methods recently (cf. Cvrček & Fidler, 2022) which may be worth exploring. The advantages of the combined quantitative and qualitative approach are the following: first, the quantitative results, via statistical tests generated keywords, serve as indicators of the topic orientation of the text. These are free from the subjective judgment of the researcher and would be impossible to attain otherwise. Even though the close concordance reading based on these keywords is quite labour intensive, in comparison with qualitative manual coding of the material, the researchers already work with underlying topic orientation, and thus, in short, they know what parts are worth exploring and which are rather irrelevant for the given research question.

Appendix

42

M. Berrocal

Table A6   Havel: complete account – attribute democratic (demokratický) + noun

Rank

Lemma

lemma

Absf

Rel.f (i.p.m.)

1

demokratický

stát (state)

9

187. 8

2

demokratický

instituce (institution)

5

104.4

3

demokratický

Evropa (Europe)

4

83.5

4

demokratický

hodnota (value)

3

62.6

5

demokratický

poměry (circumstances)

3

62.6

6

demokratický

tradice (tradition)

2

41.7

7

demokratický

pořádek (order)

2

41.7

8

demokratický

republika (republic)

2

20.9

9

demokratický

vývoj (development)

1

20.9

10

demokratický

Ústava (constitution)

1

20.9

11

demokratický

diskuse (discussion)

1

20.9

12

demokratický

federace (federation)

1

20.9

13

demokratický

země (country)

1

20.9

14

demokratický

Československo (Czechoslowakia)

1

20.9

15

demokratický

společenství (community)

1

20.9

16

demokratický

kultura (culture)

1

20.9

17

demokratický

revoluce (revolution)

1

20.9

18

demokratický

státnost (statehood)

1

20.9

19

demokratický

prostor (space)

1

20.9

20

demokratický

zákon (law)

1

20.9

21

demokratický

svět (world)

1

20.9

22

demokratický

řád (order)

1

20.9

23

demokratický

budoucnost (future)

1

20.9

Presidential Speeches as Modus Operandi …

43

Table A7   Klaus: complete account – attribute democratic (demokratický) + noun

Rank

lemma

lemma

Absf

Rel.f

1

demokratický

společnost (society)

3

112.9

2

demokratický

volba (election)

2

75.25

3

demokratický

republika (republic)

2

75.25

4

demokratický

země (country)

2

75.25

5

demokratický

stát (state)

2

75.25

6

demokratický

legitimace (legitimation)

2

75.25

7

demokratický

svět (world)

1

37.6

8

demokratický

hnutí (movement)

1

37.6

9

demokratický

kontrola (control)

1

37.6

10

demokratický

prosazování (enforcement)

1

37.6

11

demokratický

hodnota (value)

1

37.6

12

demokratický

strana (party)

1

37.6

13

demokratický

politika (country)

1

37.6

14

demokratický

prostředí (environment)

1

37.6

15

demokratický

proces (process)

1

37.6

16

demokratický

pravidlo (rule)

1

37.6

17

demokratický

uspořádání (structure)

1

37.6

18

demokratický

levice (left)

1

37.6

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M. Berrocal

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Presidential Speeches as Modus Operandi …

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Does Islam belong to Germany? Flexibly Normalistic, Conditioned, and Protonormalistic Belonging in Statements on Islam by German Christian Democrats between 2010 and 2020 Junus el-Naggar The question of whether or not Islam1 belongs2 to Germany has been discussed in Germany in its explicit form3 since 2010. The then Minister of the Interior Wolfgang Schäuble had already provided a similar keyword for a broad debate in 2006 but no debate came up until 2010. Christian Wulff, German President at that time, uttered the often-quoted sentence “Islam meanwhile also belongs

1 I

will put terms in italics to indicate that they are discursive constructions that by no means have a prediscursive essence, but can rather be seen as the result of discursive negotiations. 2 The original German noun Zugehörigkeit can be translated into English using the terms membership, belonging or affiliation. I consider the term belonging as most congruent with the original German term and will use it in the following. Using it as a translation of an originally German term indicates that I do not build on the use of the term belonging in interdisciplinary (Anglo-American) literature (Höfler 2020; Rheindorf & Wodak, 2020; Franz & Silva, 2020; Matta & Suremain, 2020). 3 Belonging is obviously frequently and subtly negotiated at different levels of the discourse. The debate examined below, however, negotiates belonging explicitly. The debate investigated is the one that openly asks: Does Islam belong to Germany? J. el-Naggar (*)  Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften, Universität Osnabrück, Osnabrück, Germany E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_3

47

48

J. el-Naggar

to Germany.” He was sharply criticized for this – mostly by his own Christian Democratic party. Wulff triggered a broad debate across all political parties that was held controversially and emotionally. This debate has been coming up again and again since then, flattening out and re-emerging. It negotiates the belonging of Islam to Germany. I will focus on the demarcation that is drawn between belonging and not belonging. For that, I will examine statements made by Christian Democratic politicians, analyze their argumentation, and undertake a normalistic classification. So why is belonging admitted or refused? What are possible conditions for Islam to belong to Germany?

1 Introduction Islam in 21st century Germany is repeatedly the subject of political and media debate. Islam is discussed in socio-political (Antes & Ceylan, 2017) and postcolonial (Attia, 2009) contexts. In the aftermath of then-German president Christian Wulff’s unity speech in 2010, a broad debate across all political parties came up that was held controversially and emotionally, especially within the two German Christian Democratic parties. This debate will be the object of investigation.

2 Methodology A systematic analysis of the constitution of the thread of the discourse on whether Islam belongs to Germany is not feasible within the limited scope of this chapter. In the following, I will therefore focus on some statements made by Christian Democratic politicians, which I consider as exemplary for the way of demarcation produced by politicians of the two German Christian Democratic parties, namely the Christian Democratic Union of Germany (CDU), and the Christian Social Union (CSU). My analysis is therefore not representative of the debate as a whole. Politicians of the so-called Union Parties are certainly not the only participants of this discourse, though they might be the loudest. However, their statements give a first insight into the logic of this debate. I will work out three ways of demarcation that have characterized the debate on Islam’s belonging to Germany in recent years. Flexibly normalistic belonging (1) tends to include Muslims and understands them as belonging to Germany. However, this flexibility almost always builds on certain conditions (2) of belonging that I will work up. Only rarely, Islam is categorically excluded (3).

Does Islam belong to Germany?

49

While analyzing the debates on Islam’s belonging (or not belonging) to Germany in journalists’ commentaries since October 2010 in three German daily newspapers (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, and taz) for my dissertation project, different ways of defining the demarcations between whether Islam belongs to Germany or not stood out. Reference to statements by politicians who argue in favor or against Islam’s belonging was made repeatedly in these newspapers. It struck me that the majority of politicians who were referred to in the debate (in an affirmative or opposing way) were politicians from the CDU and CSU.4 However, their positions are by no means homogeneous. Below, I will categorize their ways of drawing a line of demarcation between belonging and not belonging. I used 13 statements by politicians of the two sister parties that qualitatively reflect the range of ways of demarcation in the media mentioned. I consider the rest of the statements made by CDU/CSU politicians referred to in the debate as congruent with the ones I chose to investigate more closely not on a content level (which is subsidiary in this analysis), but in terms of the logic of their demarcation. These statements stem from Angela Merkel (2010, 2010, 2015, 2018), Christian Wulff (2010a, b), Friedrich Merz (2020), Kerstin Schreyer (2018), Markus Söder (2018, 2018), Julia Klöckner (2018), Hans Peter Friedrich (2010), and Volker Kauder (2012).

3 Theory Before examining the debate on Islam’s belonging, some theoretical groundwork needs to be laid. First, I will give an insight into central discourse theoretical concepts and then introduce the concept of Normalism.

3.1 Discourse, Power, Knowledge and Truth I consider the debate on Islam’s belonging to Germany embedded in broader Islam discourses. When speaking of discourses, the central source lies in the works of the French philosopher Michel Foucault (1979, 1982). For discourse

4 This

might be the case because the initiator of the debate on Islam’s belonging, Christian Wulff, was a CDU politician. Also, between 2010 and 2021, the Christian Democrats have hold steady as the strongest party in the German Bundestag.

50

J. el-Naggar

theory and analysis, however, Foucault’s very objects of investigation such as sexuality, insanity or punishment are of little interest. For discourse-analytical projects, it is the tracing of the formation of certain types of knowledge (Foucault, 2019: 20) that is particularly valuable and fruitful. I consider the debate on Islam’s belonging, firstly, as one that is traversed by power and embedded in power relations. Secondly, knowledge is produced in this debate. So what is Islam? What is Germany? And what does it mean for the one to belong to the other? I deny the existence of a prediscursive truth and, in contrast, understand Germany, Islam and belonging as results of continuous negotiation processes. Foucault points to this view when he describes discourses as “practices that systematically form the objects of which they speak” (Foucault, 1982: 49). This chapter is therefore neither searching for answers to the question of belonging nor will I try to find out whether statements made in the debate are true in the sense of logic. For when objects are constructed discursively, the question of whether a statement is true or not cannot be checked against a prediscursive reality or a prediscursive truth. The things brought up simply do not correspond to any objective objects in the world (Emcke, 2018: 133). Whether statements are true in the sense that they correspond to supposed facts is hardly relevant from a discourse theoretical perspective. Statements produce truth when they find their way into the discourse, when they assert themselves, when they produce knowledge and exercise power and subjects begin to understand themselves on the basis of these statements and adjust their actions accordingly. The actual things are inseparable from their human-given meanings. That is what the German linguist Margarete Jäger implies when she writes: “What cars, streets and other concrete things are for people can only be recognized when the observer is capable of assigning meanings to the objects which they do not carry independent of people. […] They do not carry any meaning themselves. Meaning is assigned to them by people” (Jäger, 1993: 95). This chapter will provide the first insight into the logics of this debate as well as into the way demarcation of belonging is constructed. To fully grasp the field of what can be said is therefore not the goal of this chapter. And yet, it shall be touched on in parts. Foucault sees the powerful feature of the discursive field in “the difference between what one could say correctly at one period (under the rules of grammar and logic) and what is actually said” (Foucault, 1991: 63). Valid knowledge is the subject of struggles for interpretation. There is a constant struggle for truth which already indicates the non-existence of the truth itself. Post-structuralist discourse theory is based on this very idea that “no one possesses the truth, no one can claim to legitimize their power with it [truth], and thus no one is finally in the right” (Jäger & Jäger, 2007: 37).

Does Islam belong to Germany?

51

3.2 Normalism The debate on Islam’s belonging deals with questions about a social inside and outside. The discourse theorist Jürgen Link’s theory of Normalism (Link, 1997) reflects the supposedly normal, its construction, reproduction and stabilization as well as the discursive inclusion and exclusion of subjects and their positioning in a social inside or outside, which has been central for poststructuralism and postcolonialism. The theory enables criticism of the drawing of boundaries and norms that are often accepted subliminally. The starting point for normalistic considerations was the development from an absolutist and repressive form of power to power of norms, a power that works with the help of norms, as outlined by Foucault in Discipline and Punish (Foucault, 1979). By adapting Link’s theoretical thoughts to the debate on Islam’s belonging to Germany, the following questions can be approached: What is normal, tolerable, acceptable and belonging? What is denormal, problematic, rejected and non-belonging? And where is the boundary between the two? Jürgen Link basically introduces two strategies for drawing boundaries (Link, 1997). Protonormalism tends to be less tolerant of boundaries, rather draws them tightly and rigidly and predominates in societies of the 19th and, in some cases, the 20th century. Flexible normalism provides a broader normal range and a narrower one for denormality. The boundaries to the outside world are flexible and blurred and the production of denormality is less aggressive. According to Link, this flexible normalism predominates in modern occidental cultures. With regard to the debate on Islam’s belonging, the question arises how demarcation is produced by the Christian Democrats mentioned above.

4 The Debate’s Contexts When recapitulating historical contexts to which the debate on belonging is linked, discourses about Islam and Germany must be considered. Both provide the basis for a debate like the one to be analyzed to come up. The formation of a Western identity in contrast to Islam has a long history, which will be briefly touched on below. I will point out that Islam has been the subject of debate in Europe for centuries, long before the era of nation-states, and that the debate to be analyzed below is not fundamentally new. The fact that debates about belonging arise is also closely related to the founding history of the German nation which led to the imagined necessity of a homogeneous national identity and thereby laid the foundation for excluding debates on who belongs to this group and who does

52

J. el-Naggar

not. To make this process comprehensible, the rudiments of this development shall be touched on below.

4.1 Islam Discourses Western discourses on Islam show a relatively high degree of continuity and many of the narratives currently dominant have a long tradition. The narrative of the violent Muslim, for example, has existed in the West since the early Islamic period and the Muslim expansions to Aquitaine, the Balearic Islands, Corsica and Sardinia as well as Marseille, Barcelona, Rome and Sicily. This narrative is partly based on the Islamic primary sources and suggests an affinity for violence in the religion of Islam (Rodinson, 1985: 41–49). The same applies to the narrative of sexual self-indulgence and feminine dependency. The prophet Muhammad5 was already described as hypersexual – for example by the Christian theologian John of Damascus (Saint John Damascene, 1916).6 The laxity of the Quranic regulations on marriage, polygamy and divorce has been repeatedly attacked in history. Even in 2015, the sexual assaults in Cologne on New Year’s Eve were followed by a broad Islam debate that culturalized sexism (Dziuba-Kaiser & Rott, 2016). The narrative of Muslim backwardness and inability to modernize gained momentum especially after the Ottoman decline in the 16th century. The oriental Muslim inability to modernize enables a progressive European self-image and is still emphasized in the 19th century by Hegel, Nietzsche, Marx, and Renan. Speaking of a Muslim irrationality analogously enables the Western emphasis on reason. Luke von Tuy describes the Arabs in the 13th century as animal-like because they blindly followed the prophetic teachings (Falque, 2003: 166). According to Wycliffe in the 14th century, discussions and questions about or criticism of Islamic teachings were not welcome anyway but had to be accepted (Southern, 2013: 34–66). Islam’s

5 Whose

name – from my discourse position as a Muslim – I give blessings to. John Damascene is not a Western writer and yet highly relevant when it comes knowledge on Islam in the West that was passed on for generations. When elaborating on Western Islam discourses, then this also includes sources whose authors worked in North Africa or West Asia. After all, many of the ideas that shaped Western Islam discourses over centuries are based on Oriental Christians like John Damascene. Their writings were broadly taken up and adapted by the Latin-speaking Christians.

6 Saint

Does Islam belong to Germany?

53

irrationality already appeared in the European Middle Ages, and for Luther, Islam was so irrational that a Muslim could never have been the Antichrist (Southern, 1981: 71). Herder condemned the strict obedience and submission to God and those who rule on his behalf (Raeder, 2006: 130). The narrative of the infidel Muslim is particularly present up to the Enlightenment period when Islam was regarded as the forerunner of the Antichrist and as a sign of end times (Daniel, 1997: 218). In this context, Islam’s expansion was understood as God’s punishment for Christianity. Christian standards and Christian sources of knowledge were applied to the assessment of the foreign religion of Islam. When the Islamic threat no longer seemed particularly acute after the defeat of the Ottomans, European-Christian missionary efforts were also increasing again. Reference was made to the technical, political, economic, and military superiority of the West, which makes it easy for the missionaries to use the proclaimed cultural stagnation and backwardness of Islam for their endeavors. Also, in Karl May’s orientalist stories at the end of the 19th century, the first-person narrator told his Muslim companion about the superiority of Christianity compared to Islam in an intellectually vastly superior way. He emphasized the pagan character of the Quran and thus caused his companion’s conversion to Christianity which reflects claims of superiority (May, 2019). In the course of what Edward Said conceptualizes as Orientalism (Said, 1978), Islam was then increasingly exoticized and symbolized the foreign as such. The Orient became an oasis of fantasy, longing and fascination. This fantasy included expectations of saber-rattling, barbaric and savage Orientals who chopped off heads and slit throats. These Orientals lived in an environment that was as beautiful as exotic. Sailing boats filled the rivers of oases full of palm trees; palaces with white domes and high minarets. In their palaces, the Orientals were wearing billowing and colorful robes, sitting on splendid carpets with beautifully embroidered pillows while smoking waterpipes and enjoying the performance of singers and dancers (Konrad, 2010: 11). Oriental women, however, were mostly captured in harems and highly sexually eroticized.

4.2 Discourses on  Germany Recapitulating discourses on Germany and its emergence, it can be noted that the German nation was understood as something previous, mythical, and organic by its founders. It was based on constructions of a common and idealized past and a

54

J. el-Naggar

similarly common origin. For the constitution of a German national identity an antagonistic Other was needed (Anderson, 2016), from which the German nation could dissociate itself. At the beginning of the 19th century, for example, it was the French nation against which the people were mobilized to fight, from which Germans tried to distinguish themselves and which thus gave meaning to their own community. This antagonistic Other is variable and could be supplemented or replaced for instance by Jewishness or the Soviet Union. The German’s original self-image was based on an ethnic origin as well as a history that was imagined as common. Then, further similarities were added into this supposed common ancestry. The German nation is to be understood as a cultural nation (Hoffmann, 1992). Language, religion, and culture have been regarded as criteria of belonging to the people. In the romantic sense, the legitimation of the people lies in the people themselves and the primacy of the German in the German itself. The German is based neither on a common will nor on action, national founding history, politics or territory. Against this background, debates about Leitkultur (Pautz, 2005: 39–52) and belonging can be understood as attempts to retrospectively assign common and unifying convictions to a German community. The idea of the (German) nation is based on the desire for communal harmony and efforts to homogenize on a legal, linguistic, cultural, and ideological level. This resulted in an intolerance towards difference, diversity and heterogeneity (Bauman, 1991: 102–159). From the late 20th century, since Muslims migrated to Germany in large numbers and Germany gradually began to consider itself as a country of immigration (Einwanderungsland), discourses on Islam and those on Germany have become increasingly intertwined. Islam discourses of the 21st century have been the object of discourse-analytical investigation again and again ever since (e.g. Friedrich & Schultes, 2013). Integration discourses have been ‘Islamized’ and argumentation patterns have been increasingly culturalized (Spielhaus, 2013: 169–194). This is when the debate on Islam’s belonging to Germany begins, which will be the subject of the analysis below.

5 The Debate on Islam’s belonging to Germany In the following, I will give an insight into the logics of the debate on Islam’s belonging to Germany. I approach this discourse on a political discourse level and will use individual quotes from CDU/CSU politicians to make a normalistic classification.

Does Islam belong to Germany?

55

5.1 Flexibly Normalistic Belonging By flexible normalism Jürgen Link understands broad boundaries, which with regard to this debate indicates a wide understanding of belonging to the German We. In compliance with Link’s flexibility, belonging is simply attributed to everyone who lives in Germany by some participants in the discourse. Chancellor Merkel, for example, in 2015 says: “I am the Chancellor of all Germans. This includes everyone who lives here permanently, regardless of their origin and background.”7 Representing this position has been exceptional in the Union Parties (Bundesregierung, 12. January 2015).8 It is growing up and living in Germany that are cited as reasons for Islam’s belonging to Germany. The admission of belonging in spite of an imagined Christian-Jewish history also falls into the area of flexible normalism. This understanding of belonging includes Islam and Muslims and locates them in the inside. Even in this way of demarcation, however, it becomes clear that Christianity and Judaism continue to be at the center of society and of normality. They form the German We’s core. According to this argumentation, German history is undoubtedly ChristianJewish and any contributions of Islam or Muslims to this history are questioned. However, as Muslims effectively live in Germany in the present, they also belong to the German We. This position is represented by the initiator of the debate, the former German Federal President Christian Wulff, who in his speech on the occasion of the 20th anniversary of German unity in 2010 said: “Christianity undoubtedly belongs to Germany. Judaism undoubtedly belongs to Germany. This is our Christian-Jewish

7 All

of the following politicians’ quotations are originally German statements that I have translated. I will refer to their German originals in footnotes. Merkel’s original statement: „Ich bin die Bundeskanzlerin aller Deutschen. Das schließt alle, die hier dauerhaft leben mit ein, egal welchen Ursprungs und welcher Herkunft sie sind.“ 8 However, it is not exceptional in the discourse as a whole. Many politicians who proclaim Islam’s belonging argue this way. The Green politician Jürgen Trittin, for example, in 2018 said: “Of course there are many Muslims living in this country. They grew up here. And of course, their faith belongs to this country” (Süddeutsche, 28. March 2018). Original German quotation: „Natürlich leben viele Muslime in diesem Land. Sie sind hier aufgewachsen. Und natürlich gehört ihr Glaube zu diesem Land.“

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history. But meanwhile, Islam also belongs to Germany”9 (Wulff, 03. October 2010a: 6). Even in the words of Wulff, who has often been lauded as a tolerant pioneer, a clear hierarchy emerges that locates Christianity and Judaism equally in the middle of society and as its origin. Islam, however, is recognized as “meanwhile also” belonging, as a quasi-new part of society that is just beginning to belong. A similar pattern of argumentation can also be recognized by Angela Merkel more than three years after her above-mentioned statement: “Our country was shaped very strongly by Christianity and Christianity is still shaping it. It is shaped by Judaism. But meanwhile, 4 million Muslims live in Germany who also practice their religion here and these Muslims also belong to Germany and so does their religion”10 (Merkel, 16. March 2018). Here, Merkel emphasized the historical influence of Christianity and Judaism on Germany and justified Islam’s belonging to Germany through the simple contemporary presence of Muslims in Germany. From Merkel’s reaction on Wulff’s, 2010a, b speech and her statement that Islam “is not the foundation of our cultural understanding”11 (Neue Presse, 05. October 2010), it can be noted that Islam is neither on a par with Christianity nor with Judaism. According to this logic, this construction of a German-Western culture differs fundamentally from Islam. Islam is explicitly listed separately from Judaism and Christianity while the latter two appear to be on par. In addition to this essentializing moment and the rigid and immovable understanding of culture, the principle of demarcation and the formation of the self’s identity through an Other can be observed, which was already evident in the construction of the German through distinction from Napoleon in the 19th century. The center of the German

9  Original

German quotation: „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ On the Federal President’s Website an English translation of Wulff’s speech can be found that I find imprecise. His statement is translated as follows: “Christianity is without a doubt part of German identity. Judaism is without a doubt part of German identity. Such is our JudaeoChristian heritage. But Islam has now also become part of German identity” (Wulff, 03. October 2010b: 6). 10  Original German quotation: „Die Prägung unseres Landes ist sehr stark durch das Christentum erfolgt und erfolgt auch heute durch das Christentum; es ist eine jüdische Prägung. Inzwischen leben aber vier Millionen Muslime in Deutschland, und sie üben hier auch ihre Religion aus. Diese Muslime gehören auch zu Deutschland, und genauso gehört ihre Religion damit zu Deutschland, also auch der Islam.“ 11 Original German quotation: „nicht Fundament unseres kulturellen Verständnisses“

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We, thus, is the (singular) German-European culture. Muslim culture is not only fundamentally different but also not the foundation of our society. However, in this flexibly normalistic argumentation, Muslim culture can still belong to us and in this respect differs from the following understanding of conditioned belonging.

5.2 Conditioned Belonging When belonging is admitted in the context of this debate, then this is often the case on the basis of certain conditions. Islam can, for example, belong to Germany if it is loyal to the constitution. This way of reasoning could be found, for example, in the argumentation of the Christian Democratic politician Friedrich Merz, who at the end of 2020 described Islam as belonging to Germany only as long as Muslims were willing “to adhere to our tradition, to our rules, to our constitutional order”12 (Frankfurter Allgemeine, 27. October 2010). Merz draws on tradition, rules and the constitution. Only if Muslims oriented themselves by an unspecified German tradition and adhered to our constitution, they could belong to Germany. His argumentation assumes that the group of Muslims generally distance themselves from the constitution. This triggers general suspicions of Muslims and leads to pressure to justify. Implicitly, a discrepancy between Sharia and the German constitution is postulated that, viewing German-Muslim realities of life, is insignificant. As opposed to the discourse however, Sharia and the German constitution are two fundamentally different entities and the former is by no means to be understood as a code of law. In Merz’ argumentation, Sharia is also implicitly assumed to be the primary normative standard of life for Muslims. The call to adhere to the constitution is obviously only addressed to certain groups of the population, who are said to principally have an essentialized distance from this constitution. The same applies to the condition of integrating into the German society. In 2018, the Bavarian CSU politician Kerstin Schreyer says said that the wellintegrated Muslims belong to Germany. Her statement exemplifies the topos of the Muslim inability or unwillingness to integrate into the German society. Not only the need to integrate is reproduced, but it is also a monodimensional and, above all, monodirectional understanding of integration that Schreyer reveals.

12 Original

German quotation: „Dies gilt nur so lange, wie sie auch bereit sind, sich an unsere Tradition, sich an unsere Regeln, an unsere Verfassungsordnung zu halten.“

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She imagined the German society as a homogeneous and coherent whole and called on Muslims to fit in and adapt to this society. Again, this call to integrate was only addressed to certain groups of the population that were assumed to have a fundamental need for integration. The Islamization of integration discourses is also evident here, as Muslims born or socialized in Germany were not acknowledged, but rather all Muslims were associated with an immediate history of migration. It is typical that Schreyer not even mentioned the non-belonging Muslims. She neither expressed that non-integrated Muslims would not belong to Germany nor did she exclude them. She rather, in the sense of Foucault, exercises positive, productive power and creates application guidelines for (Muslim) subjects to fit into. Another condition for belonging is the level of performance required of Muslims who might belong to Germany. This demand is evident in Markus Söder’s 2018 statement according to which “Muslims who live in Germany, pay taxes, work, contribute, and act on the basis of German values […] are an integral part of society”13 (Augsburger Allgemeine, 17. March 2018). While, as mentioned above, in Merkel’s argumentation, belonging was still admitted simply because Muslims live in Germany, Söder added paying taxes, professional employment, contributions and German values as preconditions. This has the effect of constructing the German ingroup as useful and powerful while Muslims have yet to prove their usefulness. Even though Christian Wulff’s speech from 2010 can be categorized as flexibly normalistic, his speech as a whole can barely be understood as a commitment to religious plurality. Flexibly normalistic and Conditioned Belonging can obviously overlap: Wulff’s line of demarcation is wide but at the same time, for him, Muslims belong to Germany simply because they are needed: “In the competition for bright minds, we have to attract the best and be attractive so that the best stay”14 (Wulff, 03. October 2010a: 5). Wulff gave his speech shortly after Thilo Sarrazin’s openly racist and pseudobiological theses. In his speech, Wulff answered many of Sarrazin’s theses and attacked him (without mentioning his name). However, Wulff took over Sarrazin’s performance narrative and

13  Original

German quotation: „Muslime, die in Deutschland leben, Steuern zahlen, arbeiten, sich einbringen und sich auf der deutschen Wertebasis bewegen, sind fester Bestandteil der Gesellschaft.“ 14 „Im Wettbewerb um kluge Köpfe müssen wir die Besten anziehen und anziehend sein, damit die Besten bleiben.“

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bluntly stated: “The future, I am firmly convinced, belongs to nations that are open to cultural diversity, to new ideas and to facing foreign people and things. Germany—with its connections to all over the world—must be open to those who come to us from all parts of the world. Germany needs them!”15 (ibid.). From these passages out of Wulff’s speech, no commitment to religious plurality itself can be derived. Muslims are simply needed. Accordingly, the former German international soccer player Mesut Özil was a central figure in the debate on Islam’s belonging in 2010. He was framed as a prime example of successful integration not only in a speech by Merkel in 2010: “Islam is also part of Germany. […] This cannot only be seen by taking the example of the football player Özil”16 (Deutsche Welle, 16. October 2010). This is based on an assumption that only those who perform well can belong.17 It is these highly high-performance Muslims who are accepted as belonging to Germany and who set the benchmark for all Muslims to strive for. It is an endless run for belonging which, according to Bauman (1991: 102–159), will possibly never be reached. Furthermore, only those who are neither radical nor fundamentalist can belong to Germany. Replying to CSU politician and Interior Minister Horst Seehofer (who stated Islam would not belong to Germany while Muslims did), the self-proclaimed feminist and parliamentary state secretary Julia Klöckner (CDU) put it this way: “No radicalization belongs to Germany, and neither do fundamentalists”18 (Welt, 16. March 2018). In doing so, she not only reproduced the assumption that Muslims are particularly prone to radicalization but also externalized radicality and located it in the group of Muslims and thus far away

15 „Denn

die Zukunft, davon bin ich felsenfest überzeugt, gehört den Nationen, die offen sind für kulturelle Vielfalt, für neue Ideen und für die Auseinandersetzung mit Fremden und Fremdem. Deutschland—mit seinen Verbindungen in alle Welt—muss offen sein gegenüber denen, die aus allen Teilen der Welt zu uns kommen. Deutschland braucht sie!“ 16 „Der Islam ist auch Teil Deutschlands. […] Das sieht man nicht nur am Fußballspieler Özil.“ 17 Similarly, in 2021, Covid vaccine developers Özlem Türeci and Ugur Sahin were framed as successful migrants and celebrated for their achievements while discourses on Islam and migration intertwine. The discourse’s ideal Muslims are the developers of a vaccine against a global pandemic or a soccer world champion. 18  Original German quotation: „Zu uns in Deutschland gehört keine Radikalisierung, gehören keine Fundamentalisten.“

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from her own German self. The list of conditions of belonging can be taken further.19 All in all, an image of a potentially belonging Islam is drawn according to concrete ideas of white German politicians. This Islam is committed to the liberal-democratic order, the German constitution, German norms and values, democracy, the rule of law, the separation between state and religion, liberality and modernity. The politicians quoted do not elaborate on these concepts because these concepts must necessarily remain open in meaning in order not to get entangled in contradictions. It is this Islam that commits itself to these concepts— and only this Islam—that can belong to the German We.

5.3 Protonormalistic Belonging It is the flexible normalistic demarcation of boundaries just outlined that predominates in the CDU/CSU statements on belonging. In some cases, however, Islam’s belonging is denied in principle, that is, not even under certain conditions Islam can belong to Germany. These are the protonormalistic demarcations that, according to Link, have become less common in the contemporary West, but yet have not completely disappeared. This way of demarcation can be found in the 2010 argumentation of the then deputy leader of the CDU/CSU parliamentary group, Hans Peter Friedrich. He made clear: “I do not agree with the perspective

19  This

list is extended by many politicians of other parties, e.g. Wulff’s successor’s successor in the office of the Federal Presidency, Frank-Walter Steinmeier (Social Democratic Party of Germany, SPD). According to a speech in 2019, Islam belongs to Germany if it respects women’s rights: “The actual question is: What Islam belongs to Germany? What does an Islamic doctrine and practice of faith look like that is in harmony with life in a modern, pluralistic society? Neither the encouragement of child marriages nor the disregard of women’s rights are.“ (Steinmeier, 26. February 2019). Original German quotation: „Die eigentliche Frage lautet: Welcher Islam gehört zu Deutschland? Wie sieht eine islamische Lehre und Glaubenspraxis aus, die mit dem Leben in einer modernen, pluralistischen Gesellschaft im Einklang steht? Die Förderung von Kinderehenoder die Missachtung von Frauenrechten tun es sicher nicht!“ Steinmeier brings in a certain Islamic teaching and a certain concrete practice of this teaching as conditions for belonging to Germany. He not only hints at the incompatibility of divergent ideas with the modern, pluralistic society he praises, but also constructs child marriages and disregarded women’s rights as Islamic problems. This, in effect conceals inequalities that exist in Germany, for example considering equal pay for equal work. By this means, deficiencies are projected to the outside world and a German self is formed.

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according to which Islam was part of our culture. I do not share this interpretation of the Federal President”20 (Frankfurter Allgemeine, 05. October 2010). This hard boundary reveals the above-mentioned rigid, fixed and static understanding of culture with a fixed and unchangeable essence. Islam is located beyond the border of the German. While for example in Wulff’s argumentation, the Christian-Jewish history is emphasized and still, Islam is understood as belonging to Germany, Volker Kauder, Chairman of the CDU/CSU faction in the German Bundestag, in 2012 referred to this very history as a reason for Islam not to belong to Germany: “Islam is neither part of our tradition nor of our identity in Germany and therefore it does not belong to Germany”21 (Kauder, 10. May 2012). In 2018, the aforementioned Söder argues in a similar way: “It is very obvious that in terms of cultural history Islam does not belong to Germany”22 (Tagesspiegel, 16. March 2018). His understanding of identity is based on a long-shared past and belonging is based on historical presence and interaction. A recurring presupposition in the discourse is the topos of historically acquired belonging. This argumentation pattern is used on the one hand by those who affirm Islam’s belonging and on the other hand also by those who deny it. Those who deny it neither recognize any historical anchoring of Islam in German history nor any essential contribution that Muslims have made to science and progress. Both sides, however, argue within the very same logic. For even with regard to the affirming side, it remains to be questioned critically whether Islam and its followers would in any way belong to Germany more or less if Islam contributed historically more or less.

6 Conclusion The debate examined negotiates the boundaries of belonging. It is noticeable that protonormalistic arguments tend to appear only marginally. The majority of the mentioned CDU/CSU politicians who take part in the discourse do include Islam

20 Original

German quotation: „Dass der Islam Teil unserer Kultur ist, unterschreibe ich nicht. Diese Interpretation des Bundespräsidenten teile ich nicht.“ 21 Original German quotation: „Der Islam ist nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland.“ 22 Original German statement: „Dass der Islam nicht kulturgeschichtlich zu unserem Land gehört, ist doch ganz klar.“

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either solely because of the number of Muslims effectively living in Germany or under various conditions. These conditions have effects on German Muslims as they are only set to certain population groups. The German We is formed on the backs of the Muslim minority and in contrast to them. The group of Muslims, thus, is exposed to a general suspicion that connects this group to various criticized characteristics. These characteristics include, for example, a lack of loyalty to the German constitution, fundamentalism, violence and patriarchalism. In the discourse, Muslims who are allegedly unwilling to integrate into the German society and who do not belong are barely spoken of, but rather those who are willing to and who (may) belong to Germany. Speaking of a Muslim willing to integrate into the German society, however, is only thinkable in relation to the one unwilling to integrate. Speaking of a Muslim willing to integrate into the German society occurs only because the narrative of the one unwilling to is wafting around. The same applies to the peaceful and violent Muslim or to the emancipated and the misogynist Muslim. In this chapter, I have classified and criticized some of the argumentation patterns and pointed out their effects. It is the combination of flexibly normalistic, conditioned, and protonormalistic belonging that has characterized the CDU/CSU debate for the past 12 years. The debate about whether Islam belongs to Germany is not a past one but has recurred over the past decade and I expect it to recur again. With the awareness of the debate’s contexts and its effects, it is necessary to critically question the truth claims expressed in this discourse.

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The Bosnian Diaspora: Homeland Belongings and Categories Sally Heier

“Identity” as a term has been used abundantly in the context of post-war Bosnia. However, this concept is not without its problems as it is often overburdened, axiomatic, and not necessarily useful as a category of analysis, even in contexts where it is a category of practice. Therefore, this chapter rephrases the question of Bosnian national identity by exploring the relationship of individual members of the Bosnian diaspora to their homeland by investigating their sense of belonging and views on “Bosnian” as a category. Data from semi-structured interviews based on a modified version of the ISSP questionnaire with members of the Bosnian diaspora in Germany were analyzed using thematic analysis. The participants felt the strongest attachment to their hometowns, while entities played only a minor role. Regarding Bosnia as a whole, they felt connected, but some interviewees expressed discomfort with people who are overly attached to Bosnia. While they viewed “Bosnian” as a relatively flexible term, they also stated that religion is especially used as a marker of ethnic group affiliation.

S. Heier (*)  Department of International Relations, Faculty of Business and Administration, International University of Sarajevo, Sarajevo, Bosnia and Herzegovina E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_4

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1 Introduction This study arose from an ongoing research project examining how Bosnians permanently living in Germany conceptualize their homeland and how they maintain transnational ties. Bosnia’s ethnic divisions and contested statehood raised the question of Bosnian national identity. Since the Bosnian diaspora is not exposed to the ethnicized nature of the Bosnian state and society in their everyday lives, their national identity and views on homeland issues may sharply contrast that of locals residing in Bosnia. In the project’s pre-testing phase, I designed a questionnaire including a section based on the ISSP National Identity III Basic Questionnaire (ISSP Research Group, 2015) to delineate different components of the national identity of Bosnians permanently settled in Germany. Participants filled out the questionnaire before I conducted semi-structured interviews, asking them to explain their answers. In these interviews, participants showed relief that they could explain their answers because they were not as clear in the Bosnian context. Rather than taking answers at face value, understanding how the participants arrived at their answers is an essential prerequisite for starting any larger investigation of Bosnian national identity in its diaspora. Therefore, this chapter takes a conceptual step back. I analyzed the interview data with a thematic analysis approach to answer the following questions: How do the participants reflect on their sense of belonging regarding their homeland? How do they view the category “Bosnian”? The next section outlines the analytical approach which moves away from national identity towards a sense of belonging, self-understanding and social location due to the complexity of the Bosnian context and analytical quandaries of identity as a concept. After explaining the specific diaspora dynamics, the methodological section covers the development of the utilized questionnaire, methodological challenges, and thematic analysis as an analytical approach. The results section contains relevant themes, which I will subsequently utilize to answer questions connected to diaspora belonging and their conceptualization of “Bosnian” as a category.

2 The Ubiquity of Identity and (Official) Categories “Identity” has been a keyword for social analysis since the 1960s but also found its way into current political discourse (Brubaker & Cooper, 2000). It is usually defined as a form of social representation conciliating the relationship between the individual and the social world (Chryssochoou, 2003). National identity covers the relationship between an individual and a nation, involving both a cognitive

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awareness and an emotional attachment to that nation (Huddy & Del Ponte, 2020). Members of the nation must know that there is a national group, a national territory, national emblems, customs, and traditions; furthermore, they must know the typical characteristics of members of the national group, and they must be able to assess how similar they are to these characteristics (Matafora et al., 2021). “Nationality” usually refers to the identity connected to the political nationstate, while “ethnicity” typically comprises shared group membership, based on origin and history, symbolism, a common public culture, and a shared language and religion. However, in the Balkans, these two concepts often overlap with each other and with religious identity (Branković et al., 2017). The evolution of a special ethnic and national awareness of the Bosnian Muslims (or “Bosniaks”), which a religious community is one example of this overlap. The Bosniaks are now an ethnically perceived nation and constitutionally on the same level as Croats and Serbs (Marko, 2000). A civic approach to nationality, based on features like living on a common territory, a belief in common political principles, possession of state citizenship, representation by a common set of political institutions, and a desire or consent to be part of the nation (Shulman, 2004) would be based on the assumption that Bosnia was not a collectivity of separate entities but one historical entity with its own identity and history (Doubt & Tufekčić, 2019). This view has not been completely erased but was arguably confined to the edges of Bosnian society (Carmichael, 2015). Ethnic nationhood is expressed mainly in cultural terms, prioritizing features like common ancestry, culture, language, religion, traditions, and race as unifying features of members of the nation (Shulman, 2004). In the Bosnian case, language and religion function as the main ethnic markers since they are the two pillars around which Balkan ethnicity and nationalism were constructed (Todorova, 1997). With its two-level, ethnic-based form of citizenship, the Bosnian state makes the distinction between so-called ethnic and civic national identities even more challenging (Branković et al., 2017). The century-old pre-war demographics of mixed communities with no clear ethnic majority were almost completely erased during the Bosnian War (Doubt & Tufekčić, 2019; Marko, 2000; McCrudden & O’Leary, 2013) and cemented with the Dayton Agreement which was fashioned after the principle of inter-ethnic accommodation and compromise between the three ethnicities (Bieber, 2010). The federal structure also intensified the competition between the sense of loyalty to one’s nation and one’s state. These do not have to coincide and often compete for the allegiance of the individual (Connor, 1993). However, it would be oversimplifying to claim that identities centered on the state and those centered on nationality are

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constantly at odds with one another (Jensen, 2007). Various realities exist in post-war Bosnian society, but many frameworks either describe them with the legal categories of Dayton or simply reject them as inconsequential since they do not fit into this framework. While Dayton and its implementation impact political and social dynamics on the ground, these cannot be reduced to it (Bougarel et al., 2007). “Bosnian” is thus not an unambiguous concept. It can refer to civil identity and enable people to claim a trans-ethnic identity which would function according to the same principle of exclusivity as any other national ideology. The term might also be a means of arriving at a multicultural identity that is not exclusive but rests on multiple identities and does not force everyone qua Croat, Serb or Muslim to be categorical about their national identity. Rather, in Bosnia’s multi-ethnic context, it would offer an opportunity to identify with something quite special. Descendants of mixed marriages show that this is of everyday practical importance since the only choices are either to profess oneself as Serb, Croat or Muslim or to be excluded from all of these communities (Marko, 2000). The systems of identification or categorization seem to complicate any social analysis of Bosnian society, both in Bosnia and its diaspora. Brubaker and Cooper (2000) state that “identity” is neither necessary nor helpful as a category of analysis in East and Central Europe since systems of identification or categorization do not automatically result in real “groups” or robust “identities.” Undoubtedly, ethnic categories play a role in Bosnian politics and society, but the formal institutionalization and codification of ethnic and national categories imply nothing about the depth, resonance, or power of such categories in the lived experience of the categorized persons. Although the strongly institutionalized ethno-national classificatory system makes certain categories readily and legitimately available for the representation of social reality, the framing of political claims, and the organization of political action, we cannot presume bounded groupness with exhaustive and mutually exclusive categories. The extent to which official categorizations, like the constituent peoples in Bosnia, shape self-understandings, approximate real groups are open questions and a matter of empirical enquiry (Brubaker & Cooper, 2000). Therefore, instead of using identity as an all-encompassing concept, I focus on its “what is our relationship” dimension (Chryssochoou, 2003), namely the relationship between individuals living in diaspora and Bosnia as their homeland. For this, I analyze sense of belonging, defined as a positive emotional attachment and identification with a place or community. Although some

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authors equate sense of belonging with national identity (Huddy & Del Ponte, 2020), it is conceptually distinct from a nation-state-dependent form of identity institutionalized by a passport, citizenship, socialization agencies and official, ethno-national versions of historical memory in which borders of sovereignty between “us” and “them” are drawn (Matafora et al., 2021). I have included “Bosnian” as a category in this study, but rather than tapping into civic and ethnic aspects of national identity, I am using the ISSP questionnaire to understand how members of the Bosnian diaspora view “Bosnian” as a category.

3 Diaspora Dynamics Diaspora in its widest sense is defined as “that segment of a people living outside the homeland” (Connor, 1986, p. 16). Contrasting those who assimilate completely into society at their place of settlement, diasporas maintain ties and support for their homeland and develop communal consciousness and solidarity with their fellow countrymen abroad (Safran, 1991). Thus, both the homeland and the diaspora as a global network of deterritorialized people become imagined communities in Anderson’s (2006) sense. The homeland concept does not necessarily refer to a nation-state and its structure, but more often refers to a quite specific place and local community, a place of departure and imagined return (Halilovich, 2012). Furthermore, because the diaspora is removed from the actual homeland, they are not necessarily attached to a concrete or “existing” homeland, resulting in idealization. This idealization can lead to fundamental differences between locals and diasporas (Panossian, 2005). Despite these differences and tensions, a subjective sense of belonging still exists and becomes tangible through active practical commitment to the homeland, comprising familial, economic, religious, and political relationships which cross geographical, cultural, and political borders. These activities make communities abroad a diaspora and not only a minority ethnic group (Matafora et al., 2021; Panossian, 2005). Diasporas are, however, not only involved in their homeland but also the host society. This dual involvement is crucial to transnationalism (Matafora et al., 2021) and influences self-understanding. Nieminen (2018 as cited in Matafora et al., 2021, p. 50) shows how migrants’ identity formation comprises blending aspects of different cultures, what he described as a “pick and mix of culture.” The Bosnian diaspora is estimated to constitute more than one-third of the total Bosnian population. Their communal consciousness and solidarity foster a

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sense of collective identity and shared responsibility to maintain support in the new countries for their original communities (Halilovich, 2012). Since Bosnian diasporic communities and identities are complex, it is too simplistic to associate Bosnian diaspora members only with their broader ethnic or national diasporas (Paul, 2017). Especially in Western Europe, a large portion of the Bosnian diaspora consists of guest workers from Yugoslavia (Cohen, 2006) who left a different homeland and became “Bosnians abroad” as their country of birth disintegrated. Because of their removal from the ethnicized nature of the Bosnian state and society in their everyday lives and their host society’s influence, the Bosnian diaspora’s views on their homeland may sharply contrast the conditions in Bosnia. What does it mean for them to be Bosnian? How do they conceptualize this category? And where do they feel they belong? If the homeland does not have to be a nation-state, tapping into their sense of belonging instead of national identity may yield answers on their conceptualization of their homeland and their relation to it.

4 Methodology 4.1 Questionnaire and Semi-Structured Interviews The results presented in the subsequent section are embedded in an ongoing research project and part of its pre-testing phase originally intended to design a questionnaire to explore the national identity of Bosnians permanently living in Germany. To this end, I distributed a first draft of the questionnaire including questions about personal background, personal migration history, and national identity. The latter section used questions from the ISSP National Identity III Basic Questionnaire (ISSP Research Group, 2015) explicitly designed to measure respondents’ identification with their community (question one) and their conceptualization of nationality and membership (question four). The relevant items were: 1. How close1 do you feel to… 1.a. your Bosnian town 1.b. your entity (Federation BiH or Republika Srpska) 1.c. Bosnia and Herzegovina overall

1 “Close”

means emotional attachment and identification with the respective place.

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2. When someone asks me about my nationality, I usually answer… 3. When someone asks me where I’m from, I usually answer… 4. Some people say that the following things are important for being truly Bosnian. Others say they are not important. How important do you think each of the following is… 4.a. be born in Bosnia 4.b. Bosnian citizenship 4.c. having spent most of your life in Bosnia 4.d. speaking the local language 4.e. speaking Bosnian 4.f. speaking Croatian 4.g. speaking Serbian 4.h. religious affiliation 4.i. be Catholic 4.j. be Muslim 4.k. be Orthodox 4.l. respect for Bosnia’s institutions and laws 4.m. feeling Bosnian 4.n. having Bosnian ancestry I asked the participants to rate the items in question one on a Likert scale ranging from “not connected,” “not really connected,” “connected,” to “very connected.” The scale for question four included “not important,” “not really important,” “important” and “very important.” An additional option was “I don’t know” for all items in questions one and four. Questions two and three were not part of the ISSP questionnaire but added for reasons explained in the subsequent section. In these questions, the participants had to complete the respective statements. The questionnaire’s primary purpose was to provide the structure for the interviews. The interviews’ aimed to receive a first impression of how respondents interpreted the items, initial reactions to the questions, and to unveil common themes to explore further in subsequent testing phases. The participants filled out the questionnaire before the interview and were then asked to explain their answers but were also encouraged to comment on the questionnaire’s methodology. The questions thus prompted conversations about the participants’ views and experiences. I chose this qualitative element because it provides a much deeper picture of the complexity of the identity of migrants (Matafora et al., 2021) but also because of the complexity of the Bosnian case, as outlined in section two. The six interviewees were recruited with snowball sampling via Facebook from November 2020 to April 2021. I conducted all the interviews myself; they

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usually lasted two hours, with two extreme cases: one lasted only thirty minutes and another four hours. All interviews were conducted and recorded with Zoom. Both the questionnaire and the interviews were in German or English, depending on the participants’ wishes. Before the interviews, I asked for the participants’ consent to be recorded. After the interviews, I sent them the transcripts so they could redact them if needed. To ensure anonymity, I labeled the participants with the sequence of the interview and their gender. The participants were born between 1982 and 1999; three identified as male, three as female. I chose them because of their diverse migration backgrounds: 1F was born in Germany to Bosnian parents who met each other in Germany after leaving Yugoslavia in the 1990s. 2F was born and raised in Bosnia and moved to Germany to work after finishing her studies in Bosnia. 3M was a child refugee during the Bosnian War, returned with his family to Bosnia after the war and then moved back to Germany to study. 4F was born in Bosnia, moved to Germany to pursue her Master’s degree, and then stayed for work. 5M was a child refugee. 6M was born in Bosnia and has moved to Germany to study; his parents moved with him.

4.2 Methodological Challenges Adjusting the ISSP questionnaire’s pre-coding to the Bosnian context posed methodological challenges. In the pre-code of item Some people say that the following things are important for being truly [NATIONALITY]. Others say they are not important. How important do you think each of the following is… (ISSP, 2015, p. 2)

[NATIONALITY] refers to the nation the survey is conducted in, even when sub-national units exist. The codebook instructs to “implement a functionally equivalent term that all citizens of the country could respond to” (ISSP, 2015, p. 7), thus conflating citizenship and nationality. In the Bosnian context, such a term is not available. Moreover, [NATIONALITY] encourages coding one questionnaire for each ethnicity in Bosnia. To design a questionnaire for all Bosnian citizens, I added an introductory remark explaining that the questionnaire is specifically meant for all ethnic groups and that the questions revolve around the Bosnian state rather than ethnic identity. Coding “to be able to speak [COUNTRY LANGUAGE]” and “to be a [RELIGION]” according to ISSP guidelines was similarly challenging. If

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two or more languages are recognized nationwide both are included in the question. However, if there is one national lingua franca (Spanish, Russian) just give this language (ISSP, 2015, p.2).

Bosnian, Croatian, and Serbian are the three official languages but often viewed as one, evident by umbrella terms, such as “Serbo-Croatian” or “naš jezik” (our language). The questionnaire thus listed “speaking the local language” and three separate items for the official languages. I expect people with a more civic understanding to deem “the local language” as very important and rate each official language as equally important. Ethnic nationalists are more likely to rate “their” language as more important than others. A similar methodological compromise concerns the role of religion. The ISSP codebook advises writing the country’s dominant religion or denomination. None of the three main religions can be omitted, although they dominate certain geographic areas. Moreover, the question could be interpreted to ask about the role of religiosity in general. Therefore, I have included “religious affiliation” as a broader term besides the three dominant religions. I expect people more inclined to civic understandings of nationhood to rate all four items as not important while ethnically inclined people may deem religion as very important, rating one of the three dominant religions more important than the others. Finally, I included questions two and three to infer the participant’s ethnicity and avoid direct questions about ethnic affiliation, which may be too intimate for some participants. These items also show potential ambiguities between citizenship and ethnicity.

4.3 Thematic Analysis I analyzed the interview data with thematic analysis because of its ability to address a wide variety of research questions and topics (Castleberry & Nolen, 2018). The goal was to identify, analyze and report patterns, or themes, within the dataset to report experiences, meanings and the reality of the participants by following Braun & Clarke’s (2006) reflexive thematic analysis. Themes had to fulfil the criteria of prevalence, meaning they had to appear in most interviews, and “keyness,” (Braun & Clarke, 2006, p. 82) meaning they had to capture the participants’ sense of belonging, views of “Bosnian” as a category, or views about the role of nationality and ethnicity. Analyzing the data with these research questions in mind, I derived the following themes: Multiple Belongings focuses on the answers participants gave in relation to emotional attachment; Dynamic Categories shows how participants viewed nationality, ethnicity, and the category “Bosnian.”

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5 Results and Interpretation 5.1 Multiple Belongings 1. This is a very difficult question for me. I always say, “I am a citizen of the world” (4F) 4F found a cosmopolitan solution for the question of where she is from. She explained “identity questions” had followed her all her life due to her ancestry and diasporic experience: 2. I also had the question of identity in Bosnia because my parents ... were born in Sandžak2. ... then they came to Sarajevo [to study] … so I could never say that I’m Bosnian or that I’m Serbian. And now not German either (4F) 1F explains the complexities of the Sandžak region which shows how belonging can take a regional form. 3. My mother is ... from Sandžak … my father’s parents ... were against them marrying from the start and they still are against my mother, because she is from Sandžak ... that’s just so senseless, it’s really hard to surpass it in terms of senselessness. … But ... some [Bosnians] are [against] Sandžak and others are like “Yes, that’s part of Bosnia, [it should be part of our country]”. … Sandžak is a problem of its own anyway. For example, my mother would never say “I’m from Serbia”. She says ... “I’m from Bosnia” simply because it’s easier to explain to an outsider than explaining the whole Sandžak problem. ... if you’re from Brazil, then you ... have a Brazilian flag on your car or Spain has a Spanish flag and people from Sandžak, they always have a Sandžak symbol or something, they would never have Serbia there. ... you ... identify yourself through this area (1F) The case of 1F’s mother illustrates the complex overlap of belonging and selfunderstanding. While some Bosnians reject her mother because of her Sandžak ancestry, she still chooses to say that she is from Bosnia when the context is appropriate. While 2F’s answer is straightforward, 4F explains the roles of outsiders when she is explaining where she is from, similarly to 1F’s mother.

2 A

geo-political region in Serbia and Montenegro with a large Bosniak population.

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4. When somebody asks me about my nationality, I say “I’m Bosnian” and when somebody asks me where I’m from I say “I’m from Bosnia” (2F) 5. Yes, that’s difficult. For example, if we do small talk now, I would say, “Okay, I’m Bosnian”. If I have to explain to my friends, to important people, where I come from, then I explain everything. I don’t say “I’m from Germany”, I’m Bosnian first and then I explain everything. … In the end I grew up in Sarajevo, Sarajevo is my hometown, I always say that (4F) 4F’s emphasis on Sarajevo as her hometown also illustrates a strong identification with towns and villages. All participants stated they felt connected or very connected to their hometown. 6M’s comments further underline this: 6. How connected do I feel? With the city, the village, yes, very much. Not only with my village, but with… Krupa3 [which] is eight or nine kilometers [away] from Otoka4. Well, we all went to high school [in Krupa] … that’s where I grew up and everything. And almost everyone I know lives there. So, very connected [to the] place (6M) Given the importance assigned to entities in the literature and Bosnian politics, it is surprising that participants either did not comment or were aloof towards “their” entity. 2F was the only exception: 7. I feel connected to my entity like I feel connected to my hometown and Bosnia overall. The same amount (2F) 8. Entity? I don’t care [laughs] (4F) 9. [The Federation of Bosnia and Herzegovina] means nothing to me (5M) 10. Entity? Almost not at all [connected]… [That means] nothing to me (6M) Participants felt a stronger connection to Bosnia than to their entities (except for 2F), but not as much as to their hometowns. The only one who articulated his sense of belonging to Bosnia was 6M:

3 Bosanska 4 Bosanska

Krupa, a municipality located in the northwest of Bosnia. Otoka, a village in Bosanska Krupa.

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11. Bosnia overall?—Yes, somewhat connected. I don’t want to say “very connected,” I [don’t] cry every day because I’m not in Bosnia, but somewhat connected. I didn’t [feel like this] when I still lived in Bosnia. I didn’t care. But now… I’ve been here [in Germany] for… more than three years. Now I miss the little things… I didn’t care back then, but now I would say “connected”. [Now that these things are gone, you just miss them] (6M) Three interviewees even explained that they felt estranged by other members of the diaspora who express a strong attachment to Bosnia: 12. They’re [in Bosnia] once a year on vacation and they’re there with a German wallet, can have lots of fun, can spend lots of money, they only have a positive image of Bosnia, but it’s not like that. They’re so convinced they’re real Bosnians, even though they’re only there one-twelfth of the year. And then they form their opinion of Bosnia based on the little experience they have. So much for my generation [the second generation of Bosnians in Germany] (1F) 13. This is something you can connect to the elections5. … The votes from [the diaspora] have really chosen the representatives … [they] went to nationalistic parties. It’s unbelievable. I talked to my cousin in Germany, he’s a big Muslim, you know? I said … “you don’t live and work with these nationalistic guys. And you don’t know how it is”. But you know that they brainwash you saying “If you don’t vote for us, you’ll lose your identity, you’ll lose your religion”. Who will lose anything? There’s no reason to be afraid of losing anything. Nobody can ever destroy your faith or your national belonging. It’s with you. You can be a liberal, you can support everything without losing it (3M) 14. In my area, they say [auslender6]. And that’s not so positive. That’s what we mean: … you left, you’re someone else now and you want to be a bigger Bosnian than us. Such people exist, I know many of them. They move away, [to] Germany or somewhere, stay there for a few years. Suddenly he has a Bosnian tattoo, Bosnian flag, wears a lilly necklace, [writes] only in Bosnian on Facebook and Instagram. When he lived in Bosnia, he didn’t do that at all. Now all of a sudden he’s a super Bosnian. And then they come back to Bosnia and sit with real Bosnians. And they say to you, “You’re just

5 The 6 The

2020 municipal elections in Bosnia. Bosnian spelling of Ausländer, German for “foreigner”.

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an auslender, what do you want all of a sudden? All of a sudden, you’re a super Bosnian”. And that annoys me too. I’m in Germany now too, but I’m not any more Bosnian than when I lived [in Bosnia] … I’m still the same guy … Not everyone I meet needs to know I’m Bosnian because I have a Bosnian tattoo. I don’t care … I would say that those who go abroad suddenly become great Bosnians because they miss it … And the second thing: there is such a big mix of cultures in Germany and they want to create some space for themselves … although it … doesn’t mean a thing (6M) 3M’s statement also shows how locals view people differently as soon as they leave and that the diasporic experience is much more dynamic than the categories “German” and “Bosnian” can express: 15. Bosnians … think you go to Germany and you become German. I can’t see myself becoming German. We adapt to the system which is excellent … and we respect the rules and we work with the rules. So we become European, we become German, we become international (3M) 3M and 6M further explain how diaspora dynamics can sharply contrast those in the Balkans. While 3M illustrates this for the 1990s, 6M describes the present dynamics: 16. It’s a strange thing that we lived together [in the refugee camp], shared our homes, were friends, socialized with Serbs, Croats, with everyone else [outside the camp] too, Turks, Germans. We had a really multicultural environment and we never had this feeling of war …. Although we saw it in the news, people were killing each other because of their ethnicity and religious differences. But we never had this feeling. … I remember that I played harmonica and a Serb, Dario …, he was teaching me how to play it. So it was kind of strange (3M) 17. Bosnians… not just Bosnians, the whole Balkans are oriented towards community. We can’t help it. Here [in Germany], for example, when my mother meets someone who is from [the Balkans] … they suddenly become friends and exchange numbers immediately. We are attached to our people. When you’re in a foreign country [and you have a functional community of your people, very little can happen to you]. Of course, when you just hang out with your people… in a way it’s bad, it’s very difficult to integrate [into the host society], because in a way they keep each other … away from [outside influences] (6M)

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5.2 Dynamic Categories 18. I don’t see ‘Bosnian’ as a nationality. I see it more as a geographical description … which I accept, I would always say: “Yes, I am from Bosnia and Herzegovina”. You can also call me Bosanac. I’m not against the state. I think it’s good, I think everything is great, but I never… had the understanding that I’m a Bosnian by nationality (5M) 19. So if I ask where you are from…—From Bosnia-Herzegovina. —And when I ask what your nationality is, [then] you say Croatian?—Yes. I’m a Croat from Bosnia and Herzegovina (5M) Not only does 5M’s answer show that nationality and ethnicity are conflated in the Bosnian context, but that accepting the Bosnian state and calling oneself Bosanac does not automatically render ethnicity insignificant. 6M explains how the Republika Srpska and Bosna-Herceg are not comparable to his earlier statements that he feels very connected to his hometown. 20. “I’m not from Bosnia, I’m from the Republika Sprksa.” I think that’s completely stupid. … I immediately say “That [country] doesn’t exist.” Sorry, but … that’s not a country. “Show me your passport …,” I say. You don’t have a Republika Srpska passport, you never will. Or … “I’m from Herceg-Bosna.” I say right away … “Dude, that doesn’t exist. What are you talking about? Show me your passport. What is written there? Which country is there?” Except if he has a Croatian passport, but the place of birth still says Bosnia-Herzegovina … I have no problem with Serbian patriots in Serbia. Perfect. I’m in favor of that. Of course, you love your country, you should [love your country]. But you live in Bosnia and you are patriotic for Republika Srpska, just a small part of it. I’m also a local patriot, but I’m not going to say, “I only love my part, fuck Bosnia.” [And the Republika Srpska was built as a counter-project to Bosnia] (6M) 6M clarifies further that being Bosnian does not depend on citizenship. 21. I know great Bosnians that don’t have [Bosnian] citizenship, they have the Croatian [one] for example. … many [people] in my part [of Bosnia] have Croatian [citizenship]. Because that was offered to us at the end of the war. This is quite normal; this has nothing to do with [being Bosnian] (6M)

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According to 1F, most people in Bosnia, and in the diaspora too, draw their national pride from their ethnicity which they display with religious affiliation: 22. Although most people aren’t that religious, they still divide themselves … always into Orthodox, Catholic and Muslim and draw their pride from that… My parents, for example, who aren’t very religious, they don’t even know how to answer to Selam Aleykum. And yet [they say] “We’re Muslims and we’re proud to be Muslim”. They have no idea about [Islam], [just] like all of my parents’ friends (1F) Interestingly, it is not important how religious people are, the common denominator “Muslim” is enough to signify ethnic affiliation. 6M emphasizes that just because his parents are Muslim he does not have to be: 23. I’ve never been religious, I’m not religious now. Being a Muslim… doesn’t mean that much to me. Well, it’s my family, it doesn’t mean anything to me (6M) 1F further states that the increased importance of religion as a distinguishing factor between groups is not diaspora-specific: 24. I have the feeling that in Bosnia, at least whenever I’m there, people are becoming more and more religious, because even when my parents talk about [Yugoslavia], it wasn’t really like that. Well, of course, communist Yugoslavia … but now over time people are becoming more religious … and are defining themselves even more … with this Muslim thing (1F) 6M even goes so far as to state that because of group affiliation, the questionnaire does not need to contain separate items for each major religion: 25. [I would just put] “religion” and “local language” [into the questionnaire]. … Because … [if] you ask someone who [identifies] as a Croat, when they think of religion, they immediately think [of] Catholicism (6M) 5M explains the role of Catholicism for drawing group boundaries, confirming what 6M said: 26. [Being Catholic] is important to be recognized as a true Croat. At least if you come from the Balkans. … let’s say, it would be easier to [for you to say that

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you’re] Croatian, although you come from Germany and are … not Catholic, than, say, me if I weren’t Catholic.—I see. You don’t have as much leeway as me.—Yes. (5M) 4F underscores her view towards religion with a historic argument while also explaining that tolerance as a Bosnian historical constant has been almost erased outside of Sarajevo 27. A real Bosnian is a person who, throughout history, has always respected everyone and everything. It should be like this now and forever. But that’s different, you know. Now you’re in Sarajevo. It’s a little bit different [there]. For example, if you’re in a smaller town in Bosnia, you’ll experience something different. And surely [the experiences won’t be] that nice (4F) The interviewees also strongly criticized the status of the official languages: 28. Well, they’re three different languages. We all understand, I understand all of them. … I’m just against people who say Bosnian isn’t a language.—It’s mostly for political reasons why people say that. - Yes, exactly (4F) 29. I understand the problem behind it, why you can’t just write down one language, but still, it’s kind of stupid when [the questionnaire says] Serbian, Croatian, and Bosnian because it’s basically the same language with minimal differences. It also depends on the person who fills out the questionnaire. If you have an Orthodox Christian, for example, he might not say anything about Bosnian and Croatian, but speaking Serbian is very important (1F) Despite admitting their mutual intelligibility, all participants were willing to accept the official languages as distinct without reproducing the political construction of the language divide. All interviewees deemed it important to speak the local language or “one of the languages” to be truly Bosnian. 30. It’s important in the sense that one understands [what is said] and …that you can participate (5M) 31. Language is always important. … Speaking German in Germany is important, [speaking] Bosnian in Bosnia … is very important. Because for me, [language] is important … to feel a culture. And in the end, to be a Bosnian, that’s really to understand the culture (4F)

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32. It’s important that you speak the language to be a Bosnian. It doesn’t matter which of them. It’s a big part of our culture. If you were a Bosnian who only speaks German, we would understand each other … but I can tell you so much more in our language … we have so many concepts … words that you can’t translate (6M) While 5M stresses the importance of language to participate in Bosnian discourses and discussions, 4F and 6M evoke the cultural importance of language without tapping into ethno-nationalist arguments. Interestingly, most interviewees highlighted that their views were rare in Bosnia, especially for liberal views, with statements like “Not many people think that way,” “You rarely find that opinion in Bosnia,” and even “I would not say this in the Bosnian community.” While 6M said that he did not care about the interview’s anonymity and that he “stands by his views,” 1F appreciated being anonymous because otherwise her statements “could cause trouble for me in the Bosnian community here [in Germany].”

6 Interpretation and Conclusion The participants’ explanations of emotional attachment and sense of belonging indicate that national identity may not be necessary to analyze the relationship between the Bosnian diaspora and their homeland. The participants felt the strongest for their hometowns while entities played only a minor role. Regarding Bosnia as a whole, they felt connected, but some interviewees expressed estrangement from people who are overly attached to Bosnia. Moreover, the dynamic with which they viewed Bosnian as a category, independent from citizenship and religious affiliation but nevertheless with strong cultural undertones, further indicates that thinking in nationality terms may hamper rather than advance the understanding of the homeland link. When the questionnaire tapped into religion and language, the participants immediately started to speak about the official Dayton categories (Bosniaks, Croats, and Serbs) and the divisions in Bosnian society which they strongly rejected. Especially the role of religion in indicating group affiliation was criticized due to its dividing effect while the interviewees deemed language as important to understand Bosnian culture. However, they did not agree with the status of the three official languages since they are mutually intelligible. This shows that the Dayton categories are anchored in the participants’ views and come to light with certain buzzwords.

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However, the participants do not necessarily use them when they talk about their relationship with their homeland. This study has several limitations. Firstly, the ISSP questionnaire’s precoding becomes methodologically challenging with flawed relationships between state and nationality. Solutions need to be calibrated to the particular country’s context which may lead to limited comparability. Thus, researchers should ask themselves whether they focus on understanding a particular national identity or on comparability. Secondly, these results are merely a snapshot of individual identities. Since identity is constantly in flux and can change gradually or abruptly after dramatic events (Sökefeld, 2006), repeating the study can yield important insights about identity changes over time. Finally, comparing diaspora and local attitudes could sustain common views in diaspora literature and provide more insights into differing attitudes between those two groups.

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Renaissance – ein transnationales neues Narrativ für Europa? Uta Helfrich

Dieser Beitrag untersucht exemplarisch die Traktate zweier Akteure im europapolitischen Diskurs: 1. die Deklaration The Mind and Body of Europe (2014) von Kulturschaffenden im Rahmen der von der EU-Kommission initiierten Kampagne New Narrative for Europe und 2. den an die Citizens of Europe adressierten Offenen Brief des französischen Präsidenten Emmanuel Macron anlässlich der EU-Parlamentswahlen mit dem Titel For European Renewal/Pour une Renaissance européenne (2019). Der Schwerpunkt der Analyse liegt auf den Versprachlichungsstrategien, die in diesen programmatischen Texten das integrative Potenzial eines Narrativs des Neuanfangs repräsentieren. In diesem Zusammenhang wird zu diskutieren sein, inwiefern das Rahmenkonzept der Renaissance dazu beitragen könnte, angesichts der andauernden Legitimationskrise der EU einen wirksamen Gegendiskurs zu den konkurrierenden Nationalismen zu etablieren, verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen und eine transnationale europäische Identität zu konstruieren.

U. Helfrich (*)  Seminar für Romanische Philologie, Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen, Deutschland E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_5

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1 Kognition – Narration – Persuasion Geschichten erklären die Welt auf kognitiv leicht zugängliche und emotional eingängige Weise.1 Sie sind die Basisstrukturen2 des Verstehens, Begreifens und Beschreibens von Welt. Indem sie Zusammenhänge zwischen einer Reihe von Ereignissen oder Sachverhalten konstruieren, reduzieren sie Komplexität und schaffen Orientierung.3 Als kompaktes Deutungs- und Identifikationsangebot für das Individuum ebenso wie für Gruppen besitzen sie eine sinnstiftende Funktion nach innen; gleichzeitig dienen sie auch der Selbstdarstellung und Abgrenzung nach außen. Langfristig können sie zum festen Bestandteil des kollektiven Wissens und Gedächtnisses werden. Geschichten mit explikativ-legitimierendem Charakter4 sind darüber hinaus für die politische Kommunikation geradezu prädestiniert: intentional kreiert und einmal etabliert können sie als Narrative5 strategisch benutzt, weiterverbreitet, reproduziert und verhandelt werden. In der Tat sind Techniken der Narration im politischen Diskurs seit den 1990er Jahren zu einem zunehmend

1 Vgl.

auch Bordeau (2012: 130): „[…] le storytelling doit en même temps qu’il organise le déroulement d’une histoire, toucher l’inconscient collectif pour que chacun puisse reconnaître une parcelle de son moi dans les propos qu’on lui tient. Le storytelling conjugue le rationnel et l’émotion.“ 2 Barthes (1966: 1) spricht von einer menschlichen Universalie: „[…] le récit est présent dans tous les temps, dans tous les lieux, dans toutes les sociétés; le récit commence avec l’histoire même de l’humanité; il n’y a pas, il n’y a jamais eu nulle part aucun peuple sans récit; toutes les classes, tous les groupes humains ont leurs récits, […] international, transhistorique, transculturel, le récit est là, comme la vie.“ 3 Seargeant (2020: 74/75) bezeichnet sie als „explanatory toolkits to help us make sense of the times we’re living through.“ 4 Diese werden bei van Leeuwen (2007, 2018) als eine von vier gängigen Strategien der Legitimation unter dem Begriff Mythopoesis gefasst: „[legitimation] conveyed through narratives whose outcomes reward legitimate actions and punish nonlegitimate actions.“ 5 Naturgemäß führt die Popularität eines auf unterschiedlichen Traditionen basierenden und in den verschiedensten Disziplinen gleichermaßen präsenten Terminus wie Narrativ zu großer terminologischer wie konzeptueller Vielfalt. Für einen knappen Überblick über diskurslinguistische Konzepte vgl. auch Forchtner (2021). – Reisigl (2021) kritisiert, dass der Begriff in einem sehr weiten Sinne verwendet werde, bescheinigt ihm als „overstretched umbrella term“ mangelnde analytische Trennschärfe und plädiert lediglich für eine klare Unterscheidung zwischen Narration als Prozess des Erzählens und Narrativ als kommunikatives Produkt dieses erzählerischen Prozesses.

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wichtigeren Mittel der Persuasion6 avanciert (vgl. u. a. Salmon, 22008, 2012, der den Terminus storytelling bevorzugt; Gadinger et al., 2014; Osthus, 2015; Weidacher, 2018; Seargeant, 2020; Schröter & Spieß, 2021). Riessman (2008) spricht in diesem Zusammenhang von einem „narrative turn“ in der Politik, Wodak (2009) von der „fictionalisation of politics“. Auch Panagia (2009: 12) beobachtet ein Privileg der Narration als „genre for the exposition of claims and ideas in contemporary political thought“ und prägt diesbezüglich den Begriff „narratocracy“. Strategische Narrative sind mit ihrem Argumentations- und Persuasionspotenzial hocheffizienter Bestandteil des politischen Framing,7 denn „the expression of a frame in a ‚storified‘ structure, represents a ‚textualization‘ of formerly pre-linguistic ideas about a policy situation“ (Aukes et al., 2020: 13/14). Obwohl ihre Relevanz als zentrale Untersuchungseinheit politischer Kommunikation unumstritten ist, sind einschlägige Überlegungen, das Konzept des strategischen Narrativs für politolinguistische Analysen zu operationalisieren, noch immer rar. Osthus (2015: 120) identifiziert vier Kategorien von Techniken narrativer Persuasion in politischer Kommunikation: a) anekdotisches Einflechten personalisierter Geschichten, fiktionaler bzw. teilfiktionaler Elemente, z. B. die Darstellung einer prototypischen Aufsteigerbiographie oder Einbindung literarischer Figuren bzw. nationaler Mythen wie Vercingétorix, Jeanne dʼArc; b) Rückgriff auf fiktionale Elemente; c) Nutzung von Metaphern, Isotopien, Szenarios, Frames zur Stützung der Argumentation und d) Ankoppelung an übergreifende, ‚große‘, für die jeweilige Gruppe bzw. das jeweilige Kollektiv sinnstiftende Erzählungen, wie z. B. der American Dream aber auch die Heldenreise bzw. Quest oder die Fortschrittserzählung(en) der Moderne vom historischen Materialismus bis hin zur Emanzipationserzählung. Alle vier Strategien können sowohl textintern als auch als transtextuelle und transmediale Diskursstrategien Verwendung finden.

6 Bereits

die antike Rhetorik empfiehlt die narratio für persuasive Kommunikationszwecke, da damit innerhalb der Argumentation „persuasive Effekte erzielt werden können, die über eine reine Schilderung und Bewertung des Geschehens […] weit hinausgehen. Mit der narratio wird eine Wirklichkeit konstituiert, die untrennbar mit der Person des*der Redner(s)*in und deren Glaubwürdigkeit verknüpft ist“ (Girnth & Burggraf, 2019: 117). 7 Zur Theorie des politischen Framing vgl. u. a. Lakoff (2004); Ziem (2008); Niehr (2014, 2019); Wehling (2016); Busse (2012, 2017); Klein (2018a, b, c, 2019); Oswald (22022), etc.

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2 Strategische Narrative im europapolitischen Diskurs Strategische Narrative spielen eine wichtige Rolle im politischen Feld der nationalen und internationalen Integration und Kooperation. Als Identifikationsangebote für eine Nation oder anderweitig zusammengehörige kollektive Entität kommen sie immer da zum Einsatz, wo es darum geht, die Einstellungen der jeweiligen Zielgruppe im Sinne dieser Intention zu beeinflussen, Akteure und deren Handlungen zu legitimieren und Konsens zu kreieren oder zu sichern.8 Wie Miskimmon et al. (2018) aus politologischer Sicht erläutern, fungieren sie als […] a means by which political actors attempt to construct a shared meaning of the past, present and future of international politics to shape the behaviour of domestic and international actors. They are a vital component of how states seek to establish and maintain influence in the world. […] Strategic narratives function internally to enhance domestic legitimacy and support and externally to define an actor’s role, to define the nature of the system, and the challenges faced. Although tools, strategic narratives also constrain what leaders can say and do: narratives are grounded in a national or cultural historical experience, so a leader cannot construct a strategic narrative off-the-cuff. […] Narratives are formed […]; they are then projected, through leaders’ speeches and through news reporting, cultural diplomacy, by holding sporting events, and other ways to communicate your nation’s identity and aspirations; and, most fundamentally, narratives are received and interpreted by audiences at home and abroad. (Miskimmon et al., 2018: 4)

Auch der nach dem Zweiten Weltkrieg beginnende, europäische Integrationsprozess wurde diskursiv gestützt und wesentlich getragen von einem identitätsstiftenden, legitimierenden Healing-Narrativ. Kerngedanke dieses transnationalen Gründungsmythos ist, dass die infolge der Erfahrungen aus zwei Weltkriegen entstandene europäische Einigung vor allem der Sicherung einer dauerhaften Friedensordnung diene. In der Folge transponiert auf die Institution EU, findet sich dieses Narrativ des Kriegsverhinderers und Friedensgaranten nach wie vor auf den offiziellen EU-Seiten.9 Die sukzessiven EU-Erweiterungen wurden durch länderspezifische Erfolgs-Narrative diskursiv begleitet und legitimiert, so z. B. in Bezug auf Spanien die Überwindung der Franco-Diktatur als ProblemlösungsNarrativ oder bezüglich der osteuropäischen Staaten das an das biblische

8 Beispiele

u. a. in Poletta (2006); Hofmann et al. (2014); Gadinger et al. (2014), Šarić und Stanojević (2019). 9  Z.  B. https://ec.europa.eu/germany/about-us/reasons/peace_de, https://europa.eu/ european-union/about-eu/symbols/motto_de [Rev. 15–04-2021].

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Gleichnis vom verlorenen Sohn erinnernde Narrativ der Rückkehr in den Schoß der europäischen Familie nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“. Ein eigenes transnationales Narrativ bildet das im Jahr 2000 eingeführte offizielle Motto der EU Geeint in Vielfalt (engl. United in Diversity, frz. Unie dans la diversité, etc.), demzufolge der Aspekt der Vielfalt ganz offensichtlich als konstitutives Merkmal der EU betrachtet wird. Allerdings stellen sich hinsichtlich des Einigenden zunehmend Zweifel ein. Verstärkt durch verschiedene – allein in den letzten 10 Jahren – immer kürzer aufeinanderfolgende bzw. parallele Krisensituationen wie die sog. „Finanzkrise“, „Griechenlandkrise“, „Eurokrise“, „Migrationskrise“, das britische „Brexit“Referendum und aktuell die sog. „Corona-Krise“ erlebt die EU im 21. Jh. eine Legitimationskrise, die diskursiv in zahlreichen Fragmentierungsnarrativen ihren Ausdruck findet. Sie zielen darauf ab, die EU als politisches Gebilde mehr und mehr infrage zu stellen. In Krisensituationen wie diesen können sich Narrative als Verbindlichkeitsnarrationen […] und das Erzählen als ein zwar weiches, aber anpassungsfähiges Medium [erweisen], in dem sich zwischenmenschliche Einigungen jenseits festgefahrener Argumente und Artikulationen erzielen lassen. (Gadinger et al., 2014: 10)

Andererseits lassen sich „in jedem Versuch […], prekäre Situationen durch erzählerische Praktiken zumindest temporär auszubalancieren, […] nicht nur Verbindlichkeitsnarrationen, sondern auch Machtansprüche identifizieren“ (Gadinger et al., 2014: 12). Krisenzeiten sind folglich auch politische Bewährungsproben für etablierte Narrative – die veränderte Situation bedarf erneuter Vermittlung und damit ggf. auch modifizierter, anderer bzw. neuer Narrative.10 Entsprechend wurde in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten versucht, innerhalb der EU einen wirksamen Gegendiskurs11 zu den aktuell konkurrierenden Nationalismen zu etablieren, der explizit das integrative Narrativ des Neuanfangs aufgreift. Diese Strategie des positiven politischen Framing findet sich gleichermaßen in den hier exemplarisch untersuchten Beiträgen zweier Akteure im europapolitischen Diskurs, zum einen in der Deklaration der Kulturschaffenden von 2014 (vgl. § 4.1) und zum anderen im Offenen Brief des französischen Präsidenten Emmanuel

10 Turowski

und Mikfeld (2013) vertreten die Auffassung, dass sich neue Narrative eher in Krisenzeiten als in ruhigen Zeiten durchsetzen. 11 Vgl. u. a. Wodak und Boukala (2015) oder die Beiträge in Auboussier und Ramoneda (2015).

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Macron anlässlich der EU-Parlamentswahlen 2019 (vgl. § 4.2). Beiden ist gemeinsam, dass sie das kulturelle Symbolwort Renaissance (vgl. § 3.) als Schlüsselbegriff nutzen. Abschließend (§ 5.) wird zu diskutieren sein, ob und inwiefern Renaissance innerhalb Europas als transnationales identitätsstiftendes Narrativ fungieren könnte.12

3  Renaissance: Argumentatives Potenzial eines kulturellen Symbolworts Der Argumentationstheorie zufolge sind Lexeme „réservoirs de topoi,13 sortes d’arguments tout faits et implicites, cristallisés dans la compétence collective, et qui conditionnent des paradigmes d’enchainements discursifs visibles dans ses énoncés“ (de Chanay & Rémi-Giraud, 2007: 89). Dies trifft auf die erst im 19. Jh. u. a. von Jules Michelet und Jacob Burckhardt geprägte Epochenbezeichnung Renaissance zu, die einen durchwegs positiv besetzten Frame repräsentiert: Diese Zeit ist im kollektiven Wissen verankert als paneuropäische Epoche von kultureller Blüte (Kunst, Architektur, …), wirtschaftlicher Prosperität (die Medici in Florenz, die Fugger in Augsburg, …) und neuem Denken (die Werte des Humanismus, die Souveränität des Individuums, …), das sich, ausgehend von Italien, im 15./16. Jh. auch in Deutschland, England, Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Polen und Ungarn verbreitete.14 Indem sich die am Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit angesiedelte Epoche ihrerseits auf die kulturellen Errungenschaften der griechischen und römischen Antike beruft, aus denen sich wiederum der Mythos der Entstehung Europas speist, wird zugleich eine lange

12  Vgl.

Fraas (2005) zur Relevanz von Schlüsselkonzepten im kollektiven Wissen und Gedächtnis. Zur Funktion transnationaler Konzepte in der diskursiven Konstruktion europäischer Identität siehe etwa Zappettini (2017). 13 Vgl. auch Kienpointner (2017); Klein (2018c, 2019); Girnth und Burggraf (2019). 14 Ein prototypisches Beispiel – auch hinsichtlich des regelmäßig damit einhergehenden Pathos – bietet etwa die folgende Epochencharakteristik auf der Webseite planet-wissen. de: „Die Renaissance gehört zu den schillerndsten und unvergänglichsten Epochen der Menschheit. Mit grenzenlosem Selbstvertrauen bricht der Mensch im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts auf zu neuen Ufern und revolutioniert Kunst, Kultur und Wirtschaft. Kulturelle Eliten sorgen für einen einzigartigen Modernisierungsschub. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstehen grandiose Bauwerke, Gemälde und Kunstwerke, die zu den bedeutendsten Werken der Menschheit gehören.“ (https://www.planet-wissen.de/ geschichte/neuzeit/die_renaissance_das_goldene_zeitalter/index.html [Rev. 15–04-2021]).

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Legitimationskette aufgerufen. Renaissance steht somit für einer konkreten Epoche zugeschriebene, idealisierte, kollektive Vorstellungen und deren paneuropäisch bedeutende Werte einerseits sowie, im übertragenen Sinne, ganz allgemein für geistige und kulturelle Bewegungen des Umbruchs und Aufbruchs, die sich bewusst aus anerkannten Traditionen legitimieren mit dem Anspruch, diese wiederzubeleben und weiterzuentwickeln. Als „historisch gewachsener Orientierungspunkt, [der] fest in das ideologische Wertesystem einer Gemeinschaft eingebunden“ ist (Girnth 22015: 62), dürfte das kulturelle Symbolwort Renaissance über alle Voraussetzungen verfügen, im europapolitischen Diskurs ein starkes argumentatives Potenzial zu entfalten und als strategisches Narrativ mit hoher integrativer Strahlkraft Zuversicht zu vermitteln.

4  Renaissance im europapolitischen Diskurs: Zwei Beispiele 4.1 Die Deklaration der Kulturschaffenden (2014) Das auf der EU-Webseite veröffentlichte15 vierseitige pdf-Dokument (1802 Wörter) mit dem Titel The Mind and Body of Europe vom März 2014 ist von 16 Personen unterzeichnet,16 die als Members of the Cultural Committee for the

15 https://ec.europa.eu/assets/eac/culture/policy/new-narrative/documents/declaration_ en.pdf [Rev. 11-04-2021]. 16  Die Generalsekretärin der European Festivals Association und Mitbegründerin des European House of Culture Kathrin Deventer, der französische Kunsthistoriker und Geschäftsführer des Palais des Beaux-Arts in Brüssel (BOZAR) Paul Dujardin, der dänische Künstler isländischer Herkunft Olafur Eliasson, die Kunstproduzentin und Mitbegründerin des London International Festival of Theatre (LIFT) Rose Fenton, die spanische Installationskünstlerin und Bildhauerin Cristina Iglesias, der polnische Wissenschaftler und Politiker Michal Kleiber, der ungarische Schriftsteller und Essayist György Konrad, der niederländische Architekt und Vertreter zeitgenössischer Architektur Rem Koolhaas, der griechische Balletttänzer und Choreograph Yorgos Loukos, der slowenische Senior Programmleiter der Open Society Initiative für Europa Peter Matjasic, der australische Komponist und Festivalleiter Jonathan Mills, der italienische Maler, Aktionsund Objektkünstler und Kunsttheoretiker Michelangelo Pistoletto, der französische politische Karikaturist Jean Plantureux (alias PLANTU), die Generalsekretärin von Europa Nostra Sneska Quaedvlieg-Mihailovic, der tschechische Ökonom und Hochschullehrer Thomas Sedlacek, die portugiesische Balletttänzerin und Direktorin des Nationalkonservatoriums Luísa Taveir.

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‚New Narrative for Europe‘ project (p. 4)17 ausgewiesen sind. Die Deklaration ist Bestandteil der im selben Jahr lancierten EU-Kampagne New Narrative for Europe.18 Intention der Kampagne war, die öffentliche Wahrnehmung und die Einstellungen gegenüber der EU zu steuern und positiv zu verändern, und zwar vermittels der Etablierung eines bereits explizit im Kampagnennamen werbestrategisch explizit als new deklarierten Narrativs. Im Folgenden werden die konstitutiven Elemente der Argumentationslinie in dieser Deklaration dargestellt. To draft a new narrative for Europe for all citizens (p. 1) und take part in the European public space of debate by sharing their stories and concerns (p. 4) formuliert die Deklaration als Ziel. In typischer Manifest-Struktur beginnt der Text mit einem Glaubenssatz, durch den die EU als immaterielle Wertegemeinschaft charakterisiert wird (vgl. Bsp. 1). Gleichzeitig wird die grundsätzliche Wichtigkeit von Narrativen betont und metaphorisch verstärkt (vgl. Bsp. 1: tying Europe’s distant and recent past to the present and providing a vision for the future, Bsp. 2: the story of what it means to be a European in the 21st century): 1. We believe that for there to be a true and well-functioning political body in Europe, an understanding of what Europe as a „state of mind“ stands for is vital. We also know that a narrative tying Europe’s distant and recent past to the present and providing a vision for the future is equally essential.19 (p. 1) 2. These narratives will tell the story of what it means to be a European in the 21st century. (p. 4) Narrativ ist dabei immer positiv geframet, sowohl im Allgemeinen (new narrative (2 tokens), compelling narratives (2 tokens)) als auch im Spezifischen, wenn bilanzierend verschiedene etablierte Narrative nacheinander aufgerufen werden,

17 Die in den Zitaten in § 4.1 und § 4.2 angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die pdf-Versionen der Dokumente. 18 Eine anschließende Buchpublikation vom Oktober 2014 trägt den fast identischen Titel The Mind and Body of Europe: A New Narrative (https://issuu.com/europanostra/docs/ the-mind-and-body-of-europe [Rev. 11-04-2021]). Ab Februar 2016 nimmt die Kampagne in einer Neuauflage die Jugend in den Fokus mit verschiedensten – online wie offline durchgeführten – Debatten, Aktivitäten, Wettbewerben etc. sowie der im Januar 2018 verabschiedeten Abschlussdeklaration (https://europa.eu/youth/have-your-say/new-narrativefor-europe_fr [Rev. 11-04-2021]). 19 Hervorhebung UH; dies gilt für sämtliche Kursivsetzungen in den nachfolgenden Beispielen 1 bis 22.

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so etwa in Bsp. 3 das Wurzel-Narrativ (Jewish, Greco-Roman and Christian foundations), das dem Gründungsmythos inhärente Healing-Narrativ (after terrible disasters in the 20th century; born like a phoenix out of the ashes of World War I and World War II) und das Motto-Narrativ (unity in diversity): 3. Europe’s history has been marked by splendours and miseries. Its Jewish, Greco-Roman and Christian foundations were always confronted with the beliefs of other religions and systems of government. Europe’s state of mind matured and found a balance only in the modern era and after terrible disasters in the 20th century, leading to the idea of unity in diversity. […] The European integration project was born like a phoenix out of the ashes of World War I and World War II. (p. 2) Solchermaßen eingeführt als a state of mind formed and fostered by its spiritual, philosophical, artistic and scientific inheritance, and driven by the lessons of history (p. 1) bildet die Konzeptmetapher EUROPE IS A STATE OF MIND (insgesamt 8 tokens) ein zentrales Element des new narrative, auch argumentativ. Bei ihrer Ersteinführung noch mit Anführungszeichen versehen (vgl. Bsp. 1: Europe as a „state of mind“), wird die im Folgenden leicht modifizierte Phrase Europe is a state of mind zur rekurrenten, absatzeinleitenden und zusätzlich durch Fettdruck hervorgehobenen Formel mit textgliedernder Funktion (6 tokens); fünf sukzessive Abschnitte werden so eingeleitet (pp. 1 und 2).20 Dem Kampagnentitel und -ziel entsprechend sind new und narrative(s) erwartbare Schlüsselbegriffe mit einer Frequenz von 12 bzw. 8 tokens, davon zweimal in Kombination (new narrative).21 New wird sowohl mit Bezug auf die Zukunft (9 tokens) als auch – seltener – mit Bezug auf die Vergangenheit (3 tokens) benutzt; diesbezüglich findet es sich beispielsweise in Zusammenhang mit dem Healing-Narrativ (new communities of spirit and labour, Bsp. 4) und zweimal in Zusammenhang mit 1989 (new era, Bsp. 5 und 6):

20 Auch

die für politische Entitäten gängige Konzeptmetapher EUROPE IS A POLITICAL BODY (vgl. Musolff 2016a, b, 2019) zieht sich in gleicher Weise als zentraler Bestandteil durch die Argumentation: Europe as a political body (insgesamt 12 tokens, formelhaft absatzeinleitend pp. 3 und 4), mit positiven Attributen geframet (true and well-functioning political body, p. 1), genuine and effective political body, p. 1). Bereits im Titel der Deklaration The Mind and Body of Europe werden beide Konzepte zusammengeführt. 21 Damit sind new und narrative die viert- und fünfthäufigsten Lexeme in der Deklaration, nach erwartbar dominantem Europe/European (52 bzw. 19 tokens) sowie political und body (16 bzw. 13 tokens, davon zwölfmal in Kombination political body).

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4. Europe is a state of mind shared by the men and women who, with the force of their beliefs both religious and secular, have always provided light in the darkest hours of European history and have generated new communities of spirit and labour. (p. 2) 5. The fall of the iron curtain – 1989 marked a new era for Europe. (p. 2) 6. The transformation from a polarized Europe to a multi-polar Europe led to a new era of interconnectedness and interaction amongst people and countries. (p. 2) Als new werden aber auch – und vor allem – die Folgerungen und daraus abgeleiteten Forderungen der Kulturschaffenden für die Zukunft etikettiert. Der new political body Europa wird als auf das Kollektiv ausgerichtetes Gesellschaftsprojekt beschrieben, zu dem alle zivilgesellschaftlichen Gruppen verantwortlich beitragen (vgl. Bsp. 12). Weitere Ingredienzien des in Überschrift und Einleitung angekündigten new narrative for Europe for all citizens sind positive Kollokationen wie new horizon (Bsp. 7), new cosmopolitanism (Bsp. 8), new and radical forms of imagination (Bsp. 9), a new global model of society (Bsp. 10), a strong collective commitment (Bsp. 11) und new responsibilities (Bsp. 12): 7. This now needs to be complemented by stronger insistence on civil governance informed by the joint paradigms of participatory democracy and sustainability, which point to a new horizon of hope, solidarity and responsibility for all Europeans. (p. 3) 8. To trigger this potential, Europe as a political body needs to develop a new cosmopolitanism for its citizens that includes dynamic and creative urban environments and healthy competition between cities. (p. 4) 9. Europe as a political body needs the arts to generate new and radical forms of imagination that will educate its sensibility. (p. 3) 10. Europe as a political body must deploy fully its „soft power“ not only across the continent, but also beyond its borders […], promoting a new global model of society based on ethical, aesthetic and sustainable values. (p. 4) 11. For this new political body to take shape, Europe needs a strong collective commitment: […] (p. 4) 12. Europe also needs artists and scientists, educators and journalists, historians and sociologists, entrepreneurs and civil servants who are prepared to move beyond the comfort of their autonomy to take on new responsibilities towards Europe as a political body. (p. 4)

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In einem argumentativen Dreischritt wird das kulturelle Symbolwort Renaissance (3 tokens) nach und nach als Narrativ entfaltet. Zusammen mit der Ersterwähnung am Ende der ersten Seite der Deklaration (Bsp. 13) werden das zugrunde gelegte kulturspezifische Konzept und dessen Wertekanon skizziert sowie sein zeitlicher Rahmen definiert, der sich von der Antike über Renaissance und Aufklärung bis heute erstrecke: 13. Europe is a state of mind shared by citizens across the continent. The students, researchers, scholars, artists, professionals and politicians who live, study, work, think and journey across national borders, do so in order to deepen and expand their knowledge, unleash their creativity, and widen their opportunities. They retrace and revive the routes of the men and women who since Antiquity, and increasingly during the Renaissance and the Enlightenment, developed for Europe a shared grammar of music and art, a common body of science and philosophy, an astonishing richness of literature and a flourishing network of trade. (p. 1) Im zweiten Schritt wird Renaissance in der prominent platzierten Zwischenüberschrift Renaissance meets Cosmopolitanism (p. 3) zum Scharnier zwischen Vergangenheit und Zukunft, bevor im darauffolgenden Abschnitt schließlich die argumentative Verknüpfung mit dem new political body erfolgt: Die abgeleitete Zukunftsvision wird als New Renaissance bezeichnet (Bsp. 14). In der nachfolgenden Erläuterung wird die Begründung explizit mitgeliefert. Gleichzeitig wird argumentativ das Band geknüpft zwischen Vergangenheit und Zukunft: [a time that] laid the groundwork for the current age. Das Neue wird legitimiert aus der Vergangenheit, diese wird präsentiert als Blaupause für die Zukunft. 14. Europe needs a societal paradigm shift – in fact, nothing short of a „New Renaissance“. The term invokes the memory of the revolutions in thought that were sparked in the 15th and 16th centuries. This was a time when society, art and science, shook the established order and laid the groundwork for the current age of the Knowledge Society. (p. 13) „New Renaissance“ wird hier explizit propagiert als Paradigmenwechsel (societal paradigm shift, Bsp. 14) und damit als Gegenmodell zum aktuellen Modell. Signalcharakter besitzen sowohl das Attribut new als auch die Anführungszeichen. Auch wenn die Deklaration sich zurückhaltend als our response to the call of the European Parliament and of the President of the European Commission (p. 1) und als catalyst that we hope will trigger more contributions to the debate (p. 1)

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ausgibt, so weist die rekurrente Verwendung deontischer Modalverben wie need (13 tokens, vgl. Bsp. 7, 8, 9, 11, 12, 14) und must (7 tokens, vgl. Bsp. 10) doch ganz klar auf dezidierte Forderungen der Unterzeichnenden hin. Die Lancierung von New Renaissance als neues Narrativ soll dazu beitragen, einen Gegendiskurs zu konkurrierenden Strömungen und Narrativen zu konstruieren mit dem Ziel populist and nationalist narratives must not prevail (p. 1).

4.2 Macrons Offener Brief (2019) Die Verwendung kulturspezifischer Schlüsselbegriffe und Narrative ist eine rekurrente Strategie des französischen Präsidenten Emmanuel Macron; so etwa trägt sein Ende 2016 kurz nach Bekanntgabe der Präsidentschaftskandidatur veröffentlichtes Buch den Titel Révolution. Auch im europapolitischen Diskurs Macrons bilden Narrative zentrale Elemente der Argumentation. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2017 formulierte der neugewählte Präsident in einer europaweit viel beachteten Grundsatzrede mit dem Titel Initiative pour l’Europe: Une Europe souveraine, unie, démocratique22 seine Vorstellungen einer künftigen, vornehmlich von Frankreich geprägten „neuen“ Europapolitik. In dieser sog. Sorbonne-Rede fungiert refondation23 als argumentativer Dreh- und Angelpunkt (vgl. Helfrich, 2022): In Anknüpfung an das Gründungsnarrativ der Montanunion (EGKS) nach dem Zweiten Weltkrieg wirbt er für einen politischen Neubeginn in Krisenzeiten und inszeniert sich als Vordenker und Kämpfer für eine „runderneuerte“ EU.24 Macrons – sowohl transtextuelle als auch

22 Wortlaut

und Video der Sorbonne-Rede vom 26.09.2017 vgl. (Macron, 2017b) https:// www.elysee.fr/emmanuel-macron/2017/09/26/initiative-pour-l-europe-discours-demmanuel-macron-pour-une-europe-souveraine-unie-democratique [Rev. 26-09 -2017]. 23  Zuvor bereits im französischen Präsidentschaftswahlkampf in Bezug auf Frankreich etabliert, erweitert sich der Bedeutungsradius von refondation in Macrons Antrittsrede (14.05.2017; Macron, 2017a) erstmals auch auf Europa: L’Europe, dont nous avons besoin, sera refondée, relancée, car elle nous protège et nous permet de porter dans le monde nos valeurs. (http://discours.vie-publique.fr/notices/177001049.html [Rev. 10-09-2019]). Allerdings wird refondation erst mit der Sorbonne-Rede zum zentralen Schlüsselbegriff und Super-Frame innerhalb des Macronschen Europa-Diskurses. 24 Es ist bemerkenswert, wie der Elysée-Palast in einer jährlichen Erfolgsbilanz – zuletzt Quatre ans de travail pour l’Europe/Four years working for Europe (2021) – Macrons diesbezügliche Erfolge herausstellt und das Narrativ der refondation kontinuierlich fortschreibt (frz. https://www.elysee.fr/emmanuel-macron/europe, engl. https://www.elysee.fr/ en/emmanuel-macron/four-years-working-for-europe [Rev. 15-07-2021]).

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transmediale – kontinuierliche und sloganartige Propagierung von refondation als „Rezept in Krisenzeiten“ zielt auf ein (Re-)Framing des Konzepts EUROPA und soll notwendige Veränderungen auf EU-politischer Ebene legitimieren. Mittels Labelling positioniert sich der neue Akteur im politischen Wettbewerb und markiert den Neubeginn sprachlich. Auch im Vorfeld der Wahlen zum EU-Parlament 2019 sucht Macron wieder die europäische Öffentlichkeit. So erscheint Anfang März 2019 sein an alle Bürgerinnen und Bürger Europas adressierter Offener Brief unter dem Titel Pour une Renaissance européenne (1599 Wörter), dem Anlass entsprechend in den 22 EU-Sprachen und über verschiedene Online-Kanäle25 ebenso wie in der klassischen Print-Tagespresse.26 Publikationsort und Publikationsformat sind darauf ausgerichtet, weite Verbreitung und große Aufmerksamkeit zu generieren. Mit dem Format des Offenen Briefs rekurriert Macron auf eine innerhalb der französischen politischen Kommunikation existierende Textsorte, die Lettre du Président aux citoyens français, von der allerdings nur selten Gebrauch gemacht wird. Vielmehr scheint der Offene Brief des Staatsoberhaupts ein besonderes, für Krisenzeiten reserviertes Mittel der Wahl zu sein; lediglich zwei von Macrons Vorgängern im Amt, François Mitterrand (1988) und Nicolas Sarkozy (2012), haben ihn je einmal benutzt. Macron selbst verwendet dieses Format im Jahr 2019 sogar zweimal, zuerst Anfang des Jahres (14.01.2019) in Zusammenhang mit den „Gelbwestenprotesten“ zur Einleitung des sog. Grand débat und erneut zwei Monate später, Anfang März, als Auftakt zur französischen Kampagne für die Wahlen zum EU-Parlament 2019. Die in Anrede- und Schlussformel explizit angesprochenen citoyens d’Europe sind die Primär-adressaten dieses Briefes, in welchem Macron an die Bürgerinnen und Bürger Europas appelliert, zur Wahl zu gehen und die politischen Weichen neu zu stellen. Daneben fungiert der Offene Brief gleichzeitig als parteiinterne Vorgabe Macrons bezüglich der Linie von LREM im Europa-Wahlkampf sowie darüber hinaus, gewissermaßen in Nachfolge der Sorbonne-Rede von 2017, als neuer europapolitischer Vorstoß gegenüber den EU-Partner-Regierungen.

25 Am

04.03.2019 auf der Élysée-Webseite (https://www.elysee.fr/emmanuel-macron/2019/03/04/ pour-une-renaissance-europeenne), Twitter (https://twitter.com/emmanuelmacron), Facebook (https://www.facebook.com/EmmanuelMacron/) und Instagram (https://www.instagram. com/emmanuelmacron/). 26 Am 05.03.2019 in 28 europäischen Tageszeitungen der sog. „Qualitätspresse“, so etwa Le Figaro (Frankreich), Die Welt (Deutschland), El País (Spanien).

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Wie in der zuvor betrachteten Deklaration der Kulturschaffenden fungiert das kulturelle Symbolwort Renaissance auch in Macrons Offenem Brief als prominenter Schlüsselbegriff (5 tokens27) – allerdings nicht in allen Sprachversionen.28 In der französischsprachigen ebenso wie in den übrigen romanischsprachigen Versionen erscheint das kulturelle Symbolwort Renaissance in drei von insgesamt fünf Fällen als Zukunftsvision in der Kollokation aus unbestimmtem Artikel, Nomen und Adjektivattribut,29 wodurch der hier gemeinte politische Geltungsbereich EU in bewährter strategischer Vagheit positiv geframet wird.30 Mit dieser Kollokation beginnt (Titel: Pour une Renaissance européenne) und endet der Offene Brief (p. 3: C’est le choix que je vous propose, pour tracer ensemble le chemin d’une Renaissance européenne31), d. h. ein zentrales Konzept – hier: Renaissance européenne – wird bereits mit der Überschrift gesetzt und als Rahmung benutzt.32 Die sprachunabhängige Formulierung des Titels als programmatischer Slogan33 (frz. Pour une Renaissance européenne/

27  Wie

in der Deklaration der Kulturschaffenden (vgl. § 4.1) wird die Frequenzliste der Lexeme erwartbar von Europe/européen(ne) (29 bzw. 33 tokens) angeführt. Mit großem Abstand folgen liberté (9 tokens), progrès (8 tokens), projet (7 tokens), protection (6 tokens) und Renaissance (5 tokens). 28  Zu diesbezüglichen Unterschieden anderssprachiger Versionen des Offenen Briefs s. unten und § 5. 29 Je einmal ist Renaissance mit bestimmtem Artikel bzw. anaphorischem Demonstrativpronomen belegt, und zwar in zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Sätzen als conclusio am Ende des einleitenden Abschnitts: Nous sommes à un moment décisif pour notre continent; un moment où, collectivement, nous devons réinventer politiquement, culturellement, les formes de notre civilisation dans un monde qui se transforme. C’est le moment de la Renaissance européenne. Aussi, résistant aux tentations du repli et des divisions, je vous propose de bâtir ensemble cette Renaissance autour de trois ambitions, la liberté, la protection et le progrès (p. 1). 30  Zur strategischen Vagheit des Substantivs Europe und von Konstruktionen mit dem Adjektiv européen in politischen und massenmedialen Europa-Diskursen vgl. u. a. Wodak (2007), Guilhaumou (2015), Auboussier (2016), Helfrich (2022). 31 Stellvertretend für alle Versionen, die mit dem Renaissance-Begriff operieren, wird hier und in den nachfolgend in § 4.2 angeführten Beispielen die auf der Elysée-Webseite veröffentlichte französischsprachige Version zitiert. 32 Wie refondation in der Sorbonne-Rede, wobei Renaissance im politischen Diskurs Macrons von Anfang an ausschließlich in Zusammenhang mit Europa verwendet wird. 33  Auch die Titelformulierung und die weiteren Versprachlichungsstrategien und Argumentationstechniken ähneln den in Macrons Sorbonne-Rede identifizierten Mustern (vgl. Helfrich, 2022).

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engl. For European renewal/dt. Für einen Neubeginn in Europa) benennt dies als Ziel und Zweck des Briefs und des Macronschen Konzepts für Europa. Auf diese Weise wird der positiv besetzte Frame Renaissance via Naming im Titel des Briefes durchaus evoziert – dies suggeriert auch die Majuskel –, sodann innerhalb der Argumentation jedoch nicht als Kulturtopos, sondern vor allem allgemein als Ausgangspunkt für einen ‚Aufbruch unter Rückbesinnung auf große Zeiten’34 begriffen. Im Unterschied zur Deklaration der Kulturschaffenden wird Renaissance bei Macron auch nicht als Blaupause für Europas Zukunft präsentiert, sondern neu geframet durch Verknüpfung mit einer für den französischen politischen Diskurs charakteristischen, aus drei Fahnenwörtern bestehenden Triade (liberté – protection – progrès),35 die er zu ambitions für Europa deklariert (vgl. Bsp. 15, 16): 15. […] je vous propose de bâtir ensemble cette Renaissance autour de trois ambitions, la liberté, la protection et le progrès. (p. 1) 16. Liberté, protection, progrès. Nous devons bâtir sur ces piliers une Renaissance européenne. (p. 2) Es ist insbesondere der Filler protection,36 der aus dem Renaissance-typischen Rahmen fällt und ein positiv konnotiertes Gegenszenario konstruieren soll zu dem in dem Offenen Brief ebenso prominent entworfenen negativen Szenario der Bedrohung durch Nationalismen (choc, crise, danger, piège, etc.): […] l’impasse du Brexit est une leçon pour tous (p. 3). Dass die kulturspezifischen Konnotationen von Renaissance bei Macron durchaus impliziert sein mögen, für die Argumentation jedoch letztlich keine Rolle spielen, zeigt sich darin, dass auf eine explizite Entfaltung dieses tradierten Narrativs verzichtet wird. So erklärt sich auch die auf die romanischen Sprachen und daneben auf das Dänische (!) beschränkte Verwendung von Renaissance: frz. Renaissance européenne, span. Renacimiento Europeo, it. Rinascimento europeo, port. Renascimento europeu, rumän. Renaștere europeană, dän. europæisk 34 Wie

refondation in der Sorbonne-Rede. der triadischen Verwendung sind die Kookkurrenzen von liberté, protection und progrès mit Renaissance besonders stark, was zusätzlich durch die Treecloud-Analyse bestätigt wird. Die Anspielung auf das auf die Französische Revolution zurückgehende, ebenfalls triadisch strukturierte Motto liberté – égalité – fraternité ist nicht zufällig und findet sich auch in ähnlicher Form in der Sorbonne-Rede. 36 Zur Relevanz des Sicherheitstopos in Phasen politischer Instabilität und Rekonstruktion vgl. Marks (2019). 35 Infolge

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Renæssance. In anderen Sprachversionen hingegen wird Renaissance an allen Stellen des Offenen Briefs durchgängig ersetzt, etwa engl. European renewal, dt. Neubeginn in Europa, nl. Vernieuwing van Europa, griech. ευρωπαϊκή Αναγέννηση. Folgerichtig findet sich daneben eine Reihe von Filler-Lexemen, die zum einen auf Renaissance im wörtlichen, etymologischen Sinne (‘Wiedergeburt’, ‘Wiederweckung’) zugreifen und zum anderen – vor allem aber – einen ‘Neubeginn, der an Bewährtes, aber Verlorenes anknüpft’ repräsentieren. Entsprechende programmatische Forderungen nach Erneuerung sind – wie in der Sorbonne-Rede – bevorzugt mit dem Präfix re- bzw. ré- versprachlicht (vgl. Bspe. 17–22); teilweise verstärkt durch deontische (Bspe. 17–21) bzw. prognostische Konstruktionen (Bsp. 22) und auch hier teils in Verbindung mit den Aspekten ‘Erneuerung durch Reformen’ (Bspe. 19, 20) und ‘Wiedererlangen von Kontrolle’ (Bspe. 18, 22): 17. […] nous devons réinventer politiquement, culturellement, les formes de notre civilisation dans un monde qui se transforme. C’est le moment de la Renaissance européenne. (p. 1) 18. La frontière, c’est la liberté en sécurité. Nous devons ainsi remettre à plat l’espace Schengen […]. (p. 2) 19. Nous devons réformer notre politique de concurrence, refonder37 notre politique commerciale. (p. 2) 20. Retrouver l’esprit du progrès (Zwischenüberschrift, p. 2) 21. Renouer avec le fil du progrès, c’est aussi prendre la tête du combat écologique. (p. 2) 22. Dans cette Europe, les peuples auront vraiment repris le contrôle de leur destin; dans cette Europe, le Royaume-Uni, j’en suis sûr, trouvera toute sa place. (p. 3)

5  Renaissance – ein transnationales neues Narrativ für Europa? Die beiden hier betrachteten Texte (§ 4.1, § 4.2) zeichnen sich durch die Propagierung einer „positive[n], mobilisierende[n] Idee bzw. ein[es] Leitbild[s] von einer Gesellschaft ‚nach der Transformation‘“ (Turowski & Mikfeld, 2013: 37 Refondation

ist im Offenen Brief lediglich als verbales Filler-Lexem (refonder, 1 token) vertreten. Auch der in der Sorbonne-Rede wichtige Aspekt einer transformation/révolution (im Sinne von ‚tiefgreifende Veränderung, die das Bewährte völlig hinter sich lässt‘) wird in dem Offenen Brief ausgeblendet.

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33) aus: Im europapolitischen Diskurskontext der Krise(n) wird die Positivfolie Renaissance eingesetzt als „neues ‚zentrales Versprechen‘, das Ängste, Unsicherheiten und Verlustaversionen überwindet“ (Turowski & Mikfeld, 2013: 33). Der Kategorisierung von Osthus (2015) folgend kann die strategische Verwendung von Renaissance in den beiden untersuchten Texten den Kategorien c) und d) zugeordnet werden. Dabei ist eine gewisse Zweigleisigkeit in der Argumentation38 zu beobachten; zum einen die Nutzung von Renaissance als Narrativ unter Bezugnahme auf eine konkrete Epoche mit hohem Prestige und europäischem Symbolwert, zum anderen das Konzept der ‘Erneuerung und des Aufbruchs unter Rückbesinnung auf Bewährtes’, explizit im new der Deklaration der Kulturschaffenden bzw. in den re-/ré-Verben in Macrons Offenem Brief. Während die Deklaration den etablierten Kulturtopos inklusive des ihm eigenen Pathos reproduziert und New Renaissance ganz explizit als gesamtgesellschaftliche Vision und neues transnationales Narrativ für die Zukunft propagiert, wird der Begriff Renaissance européenne im Offenen Brief von Macron vor allem als Aufhänger für sein Plädoyer der Erneuerung der politischen Entität EU benutzt und neu geframet. Die sowohl transtextuelle als auch transmediale Verwendung von Renaissance gibt Hinweise darauf, dass diesem Begriff fortan eine zentrale Rolle im europapolitischen Marketing zugedacht war,39 so etwa in der Kampagne der französischen Partei LREM, wo der Begriff als Hashtag (#Renaissance), als URL (uerenaissance.fr), als Accountname und Avatar (@EU_Renaissance) transmedial Karriere machte und als strategisches Label im marketing-technischen Sinne (Bordeau, 2012) helfen sollte, die Botschaft zu verkaufen. Allerdings schienen von anderer Seite gewisse Zweifel zu bestehen hinsichtlich der transnationalen Tragfähigkeit des Labels; darauf deutet z. B. die Tatsache hin, dass der Begriff Renaissance in einigen Textversionen des Offenen Brief Macrons systematisch durch renewal, Neubeginn etc. ersetzt ist. Ebensowenig ist und war Renaissance

38 So

fällt die absolute Frequenz des Lexems Renaissance in der Deklaration mit 3 tokens zwar geringer aus, jedoch ist Renaissance hier als Narrativ stärker argumentativ ausgebaut. Demgegenüber ist Renaissance im Offenen Brief mit 5 tokens zwar absolut häufiger vertreten, aber bewusst anders, à la française, geframet (liberté – protection – progrès). 39  „Although storytelling has played an important part in politics throughout history, today’s combination of digital media, populism and partisanship is making it an even more important part of the persuasive process – so much that even when the current cast of characters get written out of the script, the storylines will continue to resonate throughout the culture“ (Seargeant, 2020: 6).

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Bestandteil der EU-weiten Kampagne der liberalen EU-Parlamentsfraktion RE (Renew Europe) als vielmehr der Aspekt des ‘Aufbruchs und der Erneuerung’, den der – ausschließlich englische – Fraktionsname programmatisch aufgreift. Der im shared knowledge etablierte Kulturtopos Renaissance knüpft an ein transnational als herausragend konnotiertes Momentum des Aufbruchs und der Erneuerung in der europäischen Kulturgeschichte an. Damit wäre dieses kulturelle Symbolwort für eine strategische Verwendung im europapolitischen Re-Branding zweifellos geeignet, um als „zukunftsweisende ‚Vorwärtsgeschichte‘“ (Gadinger et al., 2014: 17) positive Emotionen wie Hoffnung und Zuversicht zu erzeugen.40 Eine weitere Voraussetzung für seinen Erfolg als neues, transnationales identitätsstiftendes Narrativ ist allerdings, dass dieses möglichst breit geteilt wird – was im Falle von Renaissance nur eingeschränkt auf politisch bzw. kulturell Interessierte mit entsprechendem Bildungsniveau zutreffen dürfte.

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40 Unabhängig

davon, ob die damit verknüpften, diffusen shared values als gemeinsame ideologische Basis von allen Beteiligten in Gänze anerkannt werden. Dass damit freilich auch gespielt werden kann, zeigt das Beispiel Macron.

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Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie? Analyse der Maidan-Gebete im Visnyk der Ukrainischen orthodoxen Kirche in Kanada im Jahr 2014 Holger Kuße und Marianna Novosolova Die verschiedenen ukrainischen Kirchen in Kanada, die ukrainisch-katholische, die katholische, die orthodoxen Kirchen und besonders die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche in Kanada haben mit Beginn des Euromaidans intensiv Anteil an den Geschehnissen in der Ukraine genommen und dieses auch in ihrer Gebetspraxis zum Ausdruck gebracht. In der Monatszeitschrift der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in Kanada (UOKK), Bicник/The Herald/Le Messager (Visnyk), erschienen regelmäßig Gebete, die auf die aktuellen Ereignisse Bezug nahmen und sich mit der Zeit immer deutlicher aufseiten des Euromaidans positionierten. Im Verlauf des Jahres 2014 lässt sich eine zunehmende Dramatisierung in den Gebeten erkennen, die in apokalyptischen Bildwelten ihren Höhepunkt fand. Gegen Ende

Diese Publikation ist eine überarbeitete und erweiterte Version eines Artikels, der in 2020 in der Reihe „Зaxiднoкaнaдcький збipник“ der Shevchenko Scientific Society of Canada auf Ukrainisch veröffentlicht wurde (Куссе & Новосьолова, 2020). H. Kuße · M. Novosolova (*)  Institut für Slavistik, Slavische Sprachgeschichte und Sprachwissenschaft, Technische Universität Dresden, Dresden, Deutschland E-Mail: [email protected] H. Kuße  E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_6

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des Jahres wurden diese allerdings wieder etwas zurückgenommen. Die Gebetspraxis wurde zur nationalen Stimme der Ukraine in der Diaspora. Sie entwickelte sich aber nicht zu einer nationalen Ideologie, sondern öffnete einen semiotischen Raum, in dem sowohl die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Kanada und der Ukraine als auch der historische Abstand zwischen Vorbildern aus der biblischen und frühneuzeitlichen Gebetspraxis und der Gegenwart überbrückt und sogar nivelliert wurden.

1 Einleitung Der Kyiver Euromaidan 2013 und die auf ihn folgende Revolution der Würde 20141 stellen einen Wendepunkt in der Geschichte des ukrainischen Staates, seiner Staatlichkeit selbst und nicht zuletzt des Schicksals seiner Bürgerinnen und Bürger dar. Denjenigen, die sie aus der Ferne beobachtet haben, wie das bei der großen ukrainischen Diaspora in Kanada der Fall ist, werden vor allem die eindrücklichen Bilder von den Ereignissen auf dem Platz der Unabhängigkeit (Maйдaн Heзaлeжнocтi) in Erinnerung behalten: die blau-gelben ukrainischen Fahnen, die über Tausenden von Menschen wehten, die Barrikaden, die in der Nacht brannten, der schwarze Qualm der Gummireifen, die erschossenen Demonstrierenden, die auf dem Pflaster der Institutsstraße lagen, die Gottesdienste, die bei ihnen unter freiem Himmel gehalten wurden. Von Beginn an begleiteten auch Geistliche das Geschehen. Unabhängig von der Konfession beteten sie mit und für die Menschen und schlossen sich im Geistlichen Rat des Maidans (Дyxoвнa paдa Maйдaнy) zusammen. Wie sich der Erzbischof der Apostolisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine, Stefan Nehrebetsky, erinnert, „…standen [sie] zusammen, beteten zusammen und vermittelten den Menschen das Evangelium von der Bühne aus. (…) Im spirituellen Kreis hörten alle aufeinander, und jeder hatte das gleiche Stimmrecht, und keiner war besser als die anderen und niemand hatte ein Monopol auf die Wahrheit“ (Кoвтyнoвич & Пpивaлкo, 2015: 133 – Übersetzung: H. K.). Sie agierten bewusst nicht als

1 Als

Euromaidan werden die Demonstrationen gegen die Nichtunterzeichnung des Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der Europäischen Union durch den damaligen Präsidenten Viktor Janukovyč im November 2013 und als Revolution der Würde die Absetzung von Janukovyč und die Bildung einer Übergangsregierung durch das Parlament im Februar 2014 bezeichnet. Es kann auch der ganze Prozess als Revolution der Würde bezeichnet werden.

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Staatsbürger oder Patrioten, sondern als Geistliche. Der spontane Wunsch, im ‚Gewand‘, also in geistlicher Bekleidung, auf den Maidan zu gehen, unter den Menschen zu sein, mit ihnen zu sprechen (Кoвтyнoвич & Пpивaлкo, 2015: 119–120, 127), zeigte, dass es den Geistlichen darum ging, in ihrem Amt die Entwicklung der Zivilgesellschaft zu unterstützen und ihr geistliches Sprachohr zu sein (Филипoвич & Гopкyшa, 2014). Die Beteiligung der Kirche bzw. der Kirchen an Revolutionen ist nicht selbstverständlich. In der Bibel lässt sich sogar ein regelrechtes Verbot dafür finden, das in der Kirchengeschichte und Kirchenpolitik keine geringe Rolle gespielt hat. Im Römerbrief schreibt der Apostel Paulus: „Jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt“ (Röm 13:1; – Einheitsübersetzung, 1980). Es gibt aber auch Beispiele, in denen sich die Kirche deutlich auf die Seite derer stellte, die sich gegen eine bestehende (Unrechts-)Ordnung wandten. In der jüngeren deutschen Geschichte ist dies die friedliche Wende in der damaligen DDR 1989, als sich Vertreter der evangelischen und katholischen Kirchen an die Seite der politischen Oppositionsbewegung stellten, Friedensgebete organisierten, an Demonstrationen und maßgeblich am ‚Runden Tisch‘ teilnahmen. Der Slogan „Wir sind das Volk!“ wurde zur Quintessenz der Forderungen nach Demokratisierung und des Kampfes für Menschenrechte, mit denen sich die Kirchen identifizierten. Auf eine gewisse Distanz gingen die Kirchen erst, als aus dieser Forderung der Slogan „Wir sind ein Volk“ wurde, der nicht mehr Fragen der Demokratisierung, sondern der Nationalität berührte. Im Vergleich zur Begleitung des Euromaidans durch Geistliche ist dieser Vorgang insofern bemerkenswert, als auf dem Euromaidan und in den Gebeten für den Euromaidan keine Trennung von politischen (demokratischen) und nationalen Forderungen zu beobachten war.2 Damit stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen religiösen und politischen Diskursen im Allgemeinen und im Verlauf von Konflikten in einer

2 Zur

religiösen Praxis der Leipziger Montagsgebete während der friedlichen Wende von 1989 vgl. die Studie Religion als Ressource in säkularisierten Gesellschaften, in der Ulla Fix zeigt, wie sich die damalige Gebetspraxis aufgrund der zum großen Teil mehr politisch als religiös bewegten Teilnehmergruppen ‚säkularisierte‘ (Fix 2017). Im Gegensatz dazu lässt sich bei den hier untersuchten kirchlichen Gebeten, die auf den Euromaidan und seine Folgen reagierten, eher von einer Sakralisierung des Politischen und Nationalen sprechen (zum Verhältnis von Säkularisierung und Sakralisierung allgemein vgl. auch Kuße (2011, 2012b)).

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Gesellschaft im Besonderen. Wir werden im Folgenden die Gebete für die Ukraine als religiöses Genre analysieren, das aktuelle politische und militärische Ereignisse thematisiert, und zeigen, wie die Dramatik der Ereignisse in der Gebetspraxis der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in Kanada (UOKK) religiös aufgefasst, kommentiert und ‚verarbeitet‘ wurde. Die ausgewählten Gebete wurden seit 2014 in der Monatszeitschrift Bicник/The Herald/Le Messager (im Folgenden: Visnyk), veröffentlicht.3 Diese Gebete sind nicht auf die UOKK beschränkt, sondern waren auch in der Ukraine selbst im Umlauf, ihr Abdruck im Visnyk von Monat zu Monat zeigt aber eindrücklich, wie sich die UOKK immer klarer im Konflikt politisch positionierte und die Identifikation mit der Ukraine und dem Euromaidan bzw. der Revolution der Würde vollzog.

2 Die Zeitschrift Bicник/The Herald/Le Messager (Visnyk) als Quelle der Diskursanalyse Religiöse Diskurse der Diasporakirchen zu untersuchen, ist deshalb von besonderem Interesse, weil die Dimension der nationalen Identität in ihnen eine herausragende Rolle spielt. Die ukrainische Diaspora in Kanada ist eine der größten ukrainischen Auslandsgemeinschaften der Welt, und die ukrainischen Kirchen sind ihre stärksten Organisationszentren. Die Medien der ukrainischen Kirchen in Kanada reflektieren und dokumentieren ihre offiziellen Positionen zu drängenden gesellschaftlichen Fragen. Sie repräsentieren eine vielfältige Palette in Bezug auf Sprache, Stil und Genre. Unter ihnen wurde Visnyk, die Zeitschrift der UOKK ausgewählt, die aus mehreren Gründen eine ideale Quelle für die Ausarbeitung der Fragestellung ist, wie im Genre des Gebets religiöse, politische und nationale Dimensionen zusammenkommen und eine Einheit bilden. Erstens ist die UOKK ein selbstverwaltetes orthodoxes Erzbistum und untersteht direkt dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Sie ist also auch in ihrer nationalen Position unabhängig vom Einfluss anderer orthodoxer Patriarchate. Zweitens berichtete Visnyk ab Januar 2014 und verstärkt ab März 2014 über die Ereignisse in der Ukraine, insbesondere in den einzelnen thematischen Rubriken „Ukraine Situation“ (im März 2014), „The Church and the Revolution“ (im Mai 2014) und „Ukraine in Crisis“ (ab Juni 2014). Drittens wurden seit Januar 2014 in jedem Heft Gebete für die Ukraine veröffentlicht, in denen verschiedene

3  Inzwischen

03.01.2022).

auch online abrufbar unter https://uocc.ca/visnyk/ (letzter Zugriff:

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Motivwechsel in direktem Zusammenhang mit der Dynamik der Ereignisse in der Ukraine nachvollzogen werden können. Bevor mit der Analyse von Beispielen begonnen wird, sollen zunächst noch einige grundlegende Merkmale des religiösen Diskurstyps und die diskursiven Funktionen des Gebets skizziert werden.

3 Überschneidungen von religiösen und politischen Diskursen Obwohl es kaum möglich ist, eine allgemeine Definition von Religion zu formulieren, die auf alle existierenden Religionen zutreffen würde, lassen sich doch einige gemeinsame Merkmale von Religionen feststellen. Eines dieser Merkmale ist, dass Religionen auf Unsicherheiten und das Unverstandene des Daseins reagieren, indem sie ihnen Bedeutungen in Lebenszusammenhängen verleihen. In diesem Sinne versteht Niklas Luhmann unter Religion die Schaffung eines „weltkonstituierenden Sinns“, der die unbestimmte Welt des Menschen in eine bestimmbare verwandelt (Luhmann, 1996: 22, 26). Dieser Konstituierung von Sinn liegt ein bestimmter axiologischer Gegensatz zugrunde, in dem der sinngebende und transzendente Bereich (in dem Sinn sich konstituiert) das absolute Gute ist, während der sinnempfangende Bereich (eine einzelne Person, eine Gesellschaft oder eine Umwelt) ihr gegenübergestellt und negativ bewertet wird, solange sie nicht die religiöse Sinngebung empfangen hat (vgl. Kuße, 2012a: 153; ders., 2012b: 64, 76). Die Wechselwirkung dieser Bereiche besteht darin, dass der sinnempfangene Bereich durch den transzendenten sinngebenden Bereich sowohl axiologisch aufgewertet als auch rationalisiert wird. In den auf Offenbarung basierenden abrahamitischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – nimmt Transzendenz die Form eines kommunikativen Aktes zwischen Gott und Menschen (der gesamten Menschheit, einer Religionsgemeinschaft, mehreren oder auch nur einem einzigen Auserwählten) an. Deshalb definierte der Religionswissenschaftler Gustav Mensching Religion als „erlebnishafte Begegnung mit heiligen Mächten einerseits und antwortendes Handeln des Menschen anderseits“ (Mensching, 1983: 10). Ausgehend von diesem Verständnis von Religion als Begegnung von Gott (oder dem Göttlichen) und Mensch stellt das Gebet „das zentrale Phänomen der Religion“ dar (Heiler, 1923: 1). Damit betonte Friedrich Heiler bereits im ersten Satz seines religionsgeschichtlichen und religionsphänomenologischen Grundlagenwerks Das Gebet die fundamentale Bedeutung dieser Textsorte des religiösen Diskurses.

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Das Gebet, das auch in jüngeren Arbeiten zur Religionslinguistik als „grundlegende Form religiöser Rede“ (Arens, 2009: 48) oder zentrale kommunikative Form zum Ausdruck von Verehrung (vgl. Lasch & Liebert, 2015: 483; Kämper, 2017: 76) aufgefasst wird, steht nicht nur am Anfang der Religion, an ihm lässt sich auch die Entwicklung von Religionen in allen Ausprägungen, die die Geschichte hervorgebracht hat, ablesen. Wir können uns an dieser Stelle nicht im Detail mit Theorien des Gebets befassen, nehmen aber aus Heilers vor nunmehr schon einem Jahrhundert publizierter Religionsphänomenologie den Gedanken auf, dass der Ursprung des Gebets in der Bitte liegt. Aus diesem ursprünglichen „primitiven Gebet[]“ (Heiler, 1923: 58–98) haben sich nach Heilers Typologie alle weiteren Formen entwickelt, die besonders für das christliche Gebet charakteristisch sind: Anrufung, Klage, Bitte, Fürbitte, Danksagung usw. (s. Abb. 1) Darüber hinaus enthalten schon die alttestamentlichen Gebete (bei den Propheten, in den Psalmen) gängige Formen wie Sündenbekenntnisse und Bitten um Sündenvergebung, die ebenfalls zu festen Bestandteilen der Gebete der christlichen Kirchen wurden (Heiler, 1923: 452–454). Die Typologie der Gebetsformen ist nicht spezifisch christlich. So unterscheidet zum Beispiel der Rabbiner Chajim Halevyh Donin Bitte, Vergewisserung, Bekenntnis und Dank als die vier Formen des jüdischen Gebets (Donin, 2002: 8; Kämper, 2017: 77–78). Im Verlauf der Religions- und (im Christentum) der Kirchengeschichte lassen sich aber Verschiebungen in der Gewichtung der einzelnen Typen beobachten, z. B. von der Bitte hin zur Verehrung und zum Dank oder von der Bitte hin zur Vergewisserung von Gemeinschaft. So wird in einem jüngeren orthodoxen Katechismus die zeitliche und räumliche Grenzen überspannende gemeinschaftsbildende Funktion des Betens, in dem jeder einzelne Gläubige mit Christus und der Kirche in eine unauflösliche Verbindung tritt, an den Anfang der Lehre vom Gebet gesetzt: Jedes Beten, auch das private, ist in der Orthodoxen Kirche Mit- oder Nachvollzug des Gebetes von Christus selbst und Seinem Leib, der Kirche, in der der Heilige Geist die Gläubigen vertritt und die Glieder gegenseitig füreinander eintreten. Das orthodoxe Gebet ist daher primär Dank und Hingabe an Gott, der in Jesus Christus uns nahe gekommen und unser Vater geworden ist. (Heitz, 1994: 153)

In diesem sehr sublimen Gebetsverständnis wird jede Bitte zu einer Bitte um Gemeinschaft mit Gott, hinter der alle konkreten Bittanliegen zweitrangig erscheinen:

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Zugleich ist das Gebet aber immer auch Bittruf, wobei die Gläubigen die noch nicht vollendet, sondern immer noch auf dem Weg sind, in den immer wiederkehrenden Ruf „Kyrie eleison!“ (Herr erbarme Dich! Gospodi pomiluj!) nicht in erster Linie ihrer unzähligen Gebetsanliegen, sondern schlicht ihrer Bedürftigkeit und Sehnsucht nach Gottes Nähe, Hilfe und Rettung Ausdruck geben (…). (Heitz, 1994: 153)

Als Wechsel von Begegnung und Antwort von Gott (Göttlichem) und Mensch ist das Gebet, wie der griechisch-orthodoxe Bischof Kallistos Ware schreibt, „eine lebendige Beziehung zwischen Personen“ (Ware, 1983: 44) oder zumindest eine Verbindung „ex analogia societatis humanae“ (Heiler, 1923: 491), ein kommunikativer „Verkehr, der die Formen der menschlichen Gesellschaftsbeziehungen widerspiegelt“ (ebd.), wie sich Heiler etwas vorsichtiger ausgedrückt hat. Die Beziehung im Gebet ist zudem einerseits die persönliche Beziehung jedes Einzelnen zu Gott, andererseits aber auch gemeinschaftlich, und das heißt: die Beziehung einer Gemeinschaft zu Gott und ein selbstreflexiver, sich selbst vergewissernder Akt der Beziehungsstiftung zwischen Menschen dieser Gemeinschaft untereinander. Auch das Gebet als Kommunikation einer Person mit Gott spiegelt soziale Beziehungen wider, insbesondere wenn das Gebet eine Fürbitte ist. Gebete können eine persönliche Anrede an Gott hinter verschlossenen Türen, eine gemeinsame Anrede wie zum Beispiel in der Familie, und sie können öffentlich sein. Im letzteren Fall ist der Ausdruck zwischenmenschlicher Beziehungen und sozialer Kontexte besonders deutlich, da gerade das öffentliche Gebet sowohl eine Rede von Menschen zu Gott als auch zueinander ist, aber letztlich gilt für alle Gebete, dass sie, metaphorisch gesprochen, sowohl eine vertikale als auch eine horizontale Dimension haben. Dazu schreibt der evangelische Theologe Hans-Martin Barth: Die Vorstellung des Gebets als einer unmittelbaren Zweierbeziehung („one-to-one relationship“) ist völlig ungenügend, weil das Gebet des Einzelnen letztlich vom öffentlichen Gebet der Gemeinschaft und ihrer Gebetstradition lebt. Das Reden zu Gott in der Gemeinschaft ist immer auch gleichzeitig Sprechen zu anderen. (Barth, 1981: 108)

Somit ist das Gebet, auch wenn es als ein individuelles und mystisches Gebet einer Person verrichtet wird, Teil des allgemeinen religiösen Diskurses, und das gilt umso mehr, je öffentlicher das Gebet ist und in seiner Form den Traditionen einer bestimmten Kirche folgt. Konfessionell gesehen ist die soziale, gemeinschaftsbildende Funktion des Gebets als Ausdruck der gemeinsamen Hinwendung aller Gläubigen zu Gott und ihrer Vereinigung in einer Kirche in den orthodoxen Kirchen besonders ausgeprägt. In dem bereits zitierten orthodoxen

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Katechismus wird dies wiederholt betont, auch im Hinblick auf das private Gebet des Einzelnen: So geht es auch in der Aufnahme des öffentlichen kirchlichen Gebetes durch das private tägliche Gebet des einzelnen Gläubigen nach orthodoxem Verständnis nicht primär um das Ausschütten des Herzens und aller seiner Wünsche vor Gott, sondern um die Weiterführung des kirchlichen Gebetes in Dank, Anbetung, Anamnese und Bitte um Rettung für sich und andere, sowie um die Bezeugung der Herrschaft des Kyrios Jesus Christus, also letztlich darum, ‚in Christus‘ zu ‚bleiben‘, damit Er in uns bleibe und Frucht bringe (Joh 15,4–5). (Heitz, 1994: 153–154)

Aus der gemeinschaftsbildenden Funktion erwächst, auch wenn dies nicht unmittelbar intendiert ist, die politische Dimension des Gebets. Die Gebete für die Ukraine können deshalb als Genre des religiösen Diskurses an der Schnittstelle von Religion und Politik betrachtet werden. Da es in unserem Fall um eine Diaspora-Kirche geht, gehört dazu als weitere Dimension die Dimension der kulturellen Identität in Beziehung zu einer bestimmten, in diesem Fall der ukrainischen, Nation (Abb. 1).

Religiöse Textsorten

gesprochene Sprache

Gespräch freies Gebet

gesungene Sprache

Lieder

Liturgie

Predigt

festes Gebet

geschriebene Sprache

liturgische Gesänge

Anrufung Klage Bitte Fürbitte Danksagung Sündenbekenntnis Bitte um Sündenvergebung Bußgebet Beichte

Abb. 1   Religiöse Textsorten. (Vgl. Kuße, 2012a: 164)

Texte

primär (Bibel)

traditionell

aktuell

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4 Diskursanalyse im Kontext des Euromaidans und des Krieges in der Ostukraine In den Gebeten für die Ukraine, die seit 2014 im Visnyk veröffentlicht wurden, dominieren Bitten und Fürbitten. Es gibt aber auch andere Motive wie das Sündenbekenntnis und die Bitte um Sündenvergebung. Obwohl diese Gebete individuell von einer Person verrichtet werden können, sind sie typologisch Gemeinschaftsgebete, da sie veröffentlicht und in Gottesdiensten gesprochen werden. In diesen Gebeten bringt die ukrainische christliche Gemeinde in Kanada ihre Haltung zu den Ereignissen in der Ukraine zum Ausdruck. In diesem Sinne kann das Gebet als verschleiertes politisches Statement interpretiert werden. Im Hinblick auf die Revolution der Würde, die Annexion der Krim und schließlich den Krieg im Donbas ist die Notwendigkeit einer eindeutigen Positionierung der Kirche (und erst recht einer Nationalkirche außerhalb des Staates) jedoch nicht so offensichtlich, wie es auf den ersten Blick scheint, weil diese Ereignisse nicht das geistliche und religiöse Leben betreffen, sondern direkt nur das politische System und die Staatsgrenzen der Ukraine. In diesem Fall kann sich die christliche Kirche von dem Konflikt distanzieren, gestützt auf die erwähnte Stelle aus dem Römerbrief (Röm 13:1) oder auch auf das Jesus-Wort „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22:21 – Einheitsübersetzung, 1980). Andererseits beobachten wir im Alten Testament eine starke Tradition des kollektiven politischen Gebets bei den Propheten und in den Psalmen. Hauptmotive dieser Gebete sind Bitten um Gerechtigkeit, Sündenbekenntnisse des ganzen Volkes, Klagen des Volkes, die Bitte um Schutz vor Feinden. Die Gebete für die Ukraine der UOKK stehen in weiten Teilen in dieser alttestamentlichen Tradition, die Heiler (1923) als prophetisch bezeichnete und der mystischen Tradition (die durch individuelle und meist unpolitische mystische Gebete gekennzeichnet ist) gegenüberstellte. Darüber hinaus lässt sich die alttestamentliche Positionierung der UOKK mit der engen Verbindung von Kirche und Volk erklären, die als ein Leib in Analogie zum Organismus eines Menschen konzeptualisiert wird. Auch diese Verbindung hat ihre Wurzeln im Alten Testament, wurde aber in der Geschichte des Christentums vor allem in Byzanz und später in den orthodoxen Ostkirchen bedeutsam (Heyer, 1977) und verstärkte sich nach der Eroberung Kyivs durch die Tataren (1240) und die osmanische Invasion auf dem Balkan seit dem späten 14. Jahrhundert (Schlacht auf dem Amselfeld, 1389; Eroberung Konstantinopels, 1453). In diesem Zusammenhang spricht der bekannte amerikanische russisch-orthodoxe Theologe und Kirchenhistoriker Aleksandr Šmemann von der „extremen

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Verschärfung des religiösen Nationalismus“ während des „Türkischen Jochs“ (Шмeмaн, 1954: 323 – Übersetzung: H.K.), die aus einer Verbindung des Universalismus des römischen Imperiums mit der byzantinischen Idee „des heiligen Staates“ hervorgegangen sei. Diese Verbindung erst ermöglichte die Übertragung des christlichen Universalismus auf eine nationale Idee, was am Ende zu nationalen Spaltungen innerhalb der Orthodoxie geführt habe (vgl. Шмeмaн, 1954: 328 – Übersetzung: H.K.). Die Gebete für die Ukraine weisen genau diese prophetischen und nationalen Merkmale des öffentlichen Gebets in orthodoxer Tradition auf: Es gibt das Sündenbekenntnis der ganzen Nation, die Bitte um Sündenvergebung für das Volk, Klagen des leidenden Volkes, die Bitte um Schutz vor Feinden und Anrufungen und Danksagungen, in denen das Volk mit einer Stimme spricht (Abb. 2).

Politische Umstände in der Ukraine Euromaidan 11.2013-02.2014

Krim-Annexion 02.2014-03.2014

Krieg in der Ostukraine seit 04.2014

Gebete für die Ukraine im Vysnik der UOKK in 2014 Sündenbekenntnis der ganzen Nation

Bitten um Sündenvergebung für das Volk

Klagen des leidenden Volkes

Bitten um Schutz vor Feinden

Anrufungen

Danksagungen

Religiöse Tradition Neutestamentliche Tradition:

Alttestamentliche Tradition:

So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört! (Mt 22:21)

Kollektives politisches Gebet bei den Propheten und in den Psalmen

Abb. 2   Diffusion des Politischen und des Religiösen

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4.1 Erste Phase: Zurückhaltende Reaktion Die Ausgabe des Vysniks vom Januar 2014 enthält noch keine offiziellen Statements der UOKK zu den Ereignissen in der Ukraine. Auf der ersten Seite ist die Weihnachtsbotschaft an die Kirchgemeinden zu lesen, zu der traditionell die Worte aus dem Propheten Jesaja gehören: Hapoд, який в тeмpявi xoдить, Cвiтлo вeликe пoбaчить, I нaд тими, xтo cидить y кpaю тiнi cмepти, Cвiтлo зacяє нaд ними! (Icaї 9:1) Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. (Jesaja 9:1 – Einheitsübersetzung, 1980)

Die Stelle wird in der Weihnachtsbotschaft sehr allgemein kommentiert: B cивy дaвнинy цi cлoвa бyли дoнeceнi дo людeй, якi жили y тpивoзi, cтpacтi тa вiдчaю, людeй пoзбaвлeниx yпeвнeнocтi, бeзпeки тa пpиcyтнocтi Бoжoї.4 Vor lange Zeit wurden diese Worte zu Menschen gesprochen, die in Angst, Begierden und Verzweiflung lebten, Menschen, die das Vertrauen und die Gewissheit der Gegenwart Gottes verloren hatten. (Übersetzung: H. K.)

Im Kontext der Auseinandersetzungen auf dem Maidan konnten das Jesaja-Zitat und der Kommentar als Hinweis auf die aktuellen Ereignisse gelesen werden, aber dieser Bezug ergibt sich nicht notwendig. Auch in den Weihnachts- und Neujahrsgrüßen der Bischofsversammlung der UOKK wurden die aktuellen Ereignisse zunächst noch recht allgemein thematisiert: Mи cпpиймaємo cepцeм пoдiї в Укpaїнi, дeмoнcтpaцiї нa Maйдaнi, тиx якi пpoдoвжyють бopoтьбy зa звiльнeння вiд гнiтy i пpaгнyть дo життя y Xpиcтi, гiднicть i пpaвeднicть.5 Wir sind im Herzen bei den Ereignissen in der Ukraine, den Demonstrationen auf dem Maidan, bei denen, die den Kampf um die Befreiung aus der Unterdrückung fortsetzen und nach einem Leben in Christus, Würde und Gerechtigkeit streben. (Übersetzung: H. K.)

4 Bicник. 5 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 1, Jan. 2014, S. 1. The Herald. Le Messager, LXXX, № 1, Jan. 2014, S. 3.

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H. Kuße und M. Novosolova

Das Statement mit seinem nun eindeutigen Bezug zum Euromaidan lässt zwar schon eine politische Positionierung erkennen, diese bleibt jedoch noch eine recht zurückhaltende allgemeine Unterstützung von Christen in schwierigen Zeiten, da explizit diejenigen angesprochen werden, die nach einem Leben in Christus streben – das müssen aber nicht unbedingt Anhänger des Euromaidan sein, auch wenn der Kontext dies nahelegt. Das „Gebet zur Rettung des ukrainischen Staates und der Befriedung von Zwietracht und Streit zwischen den Menschen“ in dieser Nummer ist schon im Titel ausdrücklich Ukraine-zentriert: Moлитвa зa cпaciння дepжaви Укpaїнcькoї i втиxoмиpeння в нiй poзбpaтy i чвap мiж людьми Гocпoди Бoжe, Icyce Xpиcтe, Cпacитeлю нaш! Дo Teбe пpипaдaємo зi cкopбoтним cepцeм i cпoвiдyємocя y гpixax i бeззaкoнняx нaшиx, щo ними зpaнили Tвoє милocepдя i зaчинили вiд ceбe щeдpoти Tвoї. Бo вiдcтyпили вiд Teбe, Bлaдикo, i зaкoнiв Tвoїx нe дoтpимyємocя, i нe poбимo тoгo, щo зaпoвiдaв Tи нaм. Toмy й ypaзив Tи нac бeзлaддям i вiддaв нa пoтoптaння й знeвaжeння вopoгaм нaшим, i пpинижeнi ми бiльшe iншиx нapoдiв, i знeвaгy й нapyгy тepпимo вiд cyciдiв нaшиx.6 Gebet zur Rettung des ukrainischen Staates und der Befriedung von Zwietracht und Streit zwischen den Menschen Herr, Gott, Jesus Christus, unser Retter! Wir kommen zu dir mit Herzen voll Trauer und bekennen, dass wir gesündigt und gegen deine Gesetze verstoßen haben. Wir bekennen, dass wir deine Barmherzigkeit verletzt und uns von dir getrennt haben. Denn wir sind von dir abgewichen, o Herr, und wir halten weder deine Gebote noch tun wir das, was du uns auferlegt hast. Deshalb hast du uns mit Verwirrung geschlagen und uns unter die Füße und die Demütigungen unserer Feinde gegeben, und wir werden mehr gedemütigt als andere Nationen, und wir leiden unter der Verachtung und Beleidigung unserer Nachbarn. (Übersetzung: H. K.)

Im Gebet werden die Zusammenstöße auf dem Euromaidan einerseits als innerer Konflikt zwischen den Bürgern bewertet (Zwietracht und Streit zwischen den Menschen), andererseits wird wie bei den Propheten des Alten Testaments (z. B. Jeremia) die Bedrohung durch Fremdvölker (Feinde) beklagt (wir werden mehr gedemütigt als andere Nationen, und wir leiden unter der Verachtung und Beleidigung unserer Nachbarn). In dieser prophetischen Tradition werden Feindseligkeit und Verachtung, denen sich das Volk gegenübersieht, als Gottes Strafe für die ganze Nation, für ihre Sünden und Ungerechtigkeiten angesehen (Denn wir sind von dir abgewichen, o Herr … Deshalb hast du uns … unter die Füße

6 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 1, Jan. 2014, S. 4.

Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie?

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und Demütigungen unserer Feinde gegeben …). Worin genau die Verfehlungen und die Demütigungen bestehen, wird jedoch nicht konkretisiert, und die Feinde werden nicht identifiziert. In der ersten Phase, die sich durch eine zurückhaltende kirchliche Reaktion auszeichnen, weisen die Gebete für die Ukraine vor allem Merkmale der Beichte und des Sündenbekenntnisses auf. Es handelt sich also im Kern um Bußgebete. Es kommt noch nicht zu Bittgebeten um den Schutz vor Feinden.

4.2 Zweite Phase: Akkumulation der religiösen Deutungen In der zweiten Ausgabe des Visnyk vom Februar 2014 gewinnt die Reflexion der Ereignisse in der Ukraine im Genre des Gebets deutlich an Klarheit und Schärfe: Moлитвa зa Укpaїнy Гocпoди Icyce Xpиcтe Бoжe нaш, ми згpiшили пepeд Toбoю, i пpaвeдним Tвoїм cyдoм чepeз нeпpaвди i бeззaкoння нaшi втpaтили миp i злaгoдy в Укpaїнi нaшiй. Tи, Гocпoди, бaчиш пpoтиcтoяння мiж влaдoю i нapoдoм. Tи бaчиш, як злi cили poзпaлюють вopoжнeчy i нeнaвиcть мiж людьми. (...) Tи ж, милocтивий Гocпoдь, щo нe дo кiнця гнiвaєшcя, дивлячиcь нa нaшi вiкoвi вeликi cтpaждaння, гoлoдoмop, гoнiння нa Цepквy, зacлaння i кaтyвaння, a щe бiльшe – нa вeликe тepпiння нaшoгo нapoдy, бo ми i в cтpaждaнняx, i в нeвoлi нe втpaчaли вipy в Teбe, єдинoгo icтиннoгo Бoгa (...) Згляньcя нa нac, Чoлoвiкoлюбний Гocпoди, i нe кapaй нac гнiвoм Tвoїм зa нaшi пpoвини вiльнi i нe вiльнi(...) Гocпoди Icyce Xpиcтe, Tи cкaзaв: «Бeз мeнe нe мoжeтe poбити нiчoгo». Дoпoмoжи нaм знaйти пpимиpeння мiж пpoтидiючими cилaми. (...) Гocпoди, Cпacитeлю нaш, дaй мyдpicть нapoдним дeпyтaтaм Укpaїни, щoби вoни пpиймaли cпpaвeдливi зaкoни нa блaгo нapoдy i кoжнoї людини, i нe чинили нeпpaвди. Гocпoди Бoжe нaш, Tи є cyддя пpaвeдний, пoшли cyддям нaшим блaгoдaтнy дoпoмoгy i пpoбyди їxню coвicть, щoби вoни нe дивилиcь нa oбличчя, нa пocaди i нa гpoшi, a чинили cпpaвeдливий cyд (...) Гocпoди, нaдoyм пpaвooxopoнцiв нe зacтocoвyвaти збpoю пpoти cвoгo нapoдy, пpoти cвoїx бaтькiв i мaтepiв, бpaтiв i cecтep. Haвчи тaкoж нepoзyмниx людeй нe cпoкyшyвaти пpaвooxopoнцiв нa нacилля. Гocпoди, Бoжe нaш, (...) зaxиcти нac вiд видимиx i нeвидимиx вopoгiв нaшиx, якi xoчyть пoнeвoлити нac, i пoмилyй нapoд нaш, як Tи пoмилyвaв нiнeвiтян зapaди їx пoкaяння. (...) Aмiнь.7

7 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 2, Feb. 2014, S. 7.

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H. Kuße und M. Novosolova

Gebet für die Ukraine Herr Jesus Christus, unser Gott, wir haben vor dir gesündigt und durch dein gerechtes Urteil um unserer Verirrungen und Verfehlungen willen den Frieden und die Harmonie in unserer Ukraine verloren. Du, Herr, siehst die Konfrontation zwischen der Herrschaft und dem Volk. Du siehst, wie böse Mächte Feindschaft und Hass zwischen den Menschen entfachen. (...) Du aber bist ein gnädiger Herr und wirst nicht ewiglich zürnen, wenn Du auf unsere Jahrhunderte währenden großen Leiden schaust, den Holodomor, die Verfolgungen der Kirche, die Verschleppungen und Foltern, und noch mehr – auf die große Duldsamkeit unseres Volkes, denn wir haben in den Leiden und der Knechtschaft den Glauben an Dich, einziger, wahrer Gott, nicht verloren (...) Schau auf uns, Herr, der Du die Menschen liebst, und strafe uns nicht mit deinem Zorn für unsere Sünden, die gewollten und die ungewollten (...) Herr Jesus Christus, Du hast gesagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Hilf uns, Versöhnung zwischen den gegensätzlichen Kräften zu finden. (...) Herr, unser Retter, gebe den Abgeordneten der Ukraine Weisheit, damit sie gerechte Gesetze zum Wohle des Volkes und eines jeden Menschen erlassen und nichts Ungerechtes tun. Herr unser Gott, Du bist ein gerechter Richter, sende unseren Richtern barmherzige Hilfe und erwecke ihr Gewissen, damit sie nicht auf die Person, den Rang und das Geld schauen, sondern Gerechtigkeit tun (...) Herr, mach’ dass die Gesetzeshüter keine Waffen gegen ihr Volk, gegen ihre Väter und Mütter, Brüder und Schwestern richten. Lehre die unverständigen Menschen, die Gesetzeshüter nicht zur Gewalt zu provozieren. Herr, unser Gott (...) beschütze uns vor unseren sichtbaren und unsichtbaren Feinden, die uns versklaven wollen, und erbarme dich unseres Volkes, so wie Du auch den Niniviten um ihrer Reue willen gnädig warst. (...). Amen (Übersetzung: H. K.)

Im Text dieses komplexen Gebets überschneiden sich verschiedene religiöse Bedeutungen und Motive. Die Ereignisse in der Ukraine werden transparenter als bisher interpretiert und akzentuiert. Es beginnt als eine typische Anrufung an Gott in Form eines Bußgebets (Herr Jesus Christus, unser Gott, wir haben vor dir gesündigt). Die Schuld ruht nach alttestamentlicher Tradition bei der ganzen Nation. Da die ukrainische Diaspora in Kanada als unabdingbarer Bestandteil der Nation angesehen wird, teilt sie alle Sünden voll und ganz, die im Folgenden konkretisiert werden. Einerseits wird die Auffassung von der Einheit des Volkes durch die Gegenüberstellung von Herrschaft und Volk relativiert (Du, Herr, siehst die Konfrontation zwischen der Herrschaft und dem Volk), andererseits wird diese Gegenüberstellung mit der Bedrohung durch böse Mächte gleich im nächsten Satz wieder nivelliert (Du siehst, wie böse Mächte Feindschaft und Hass zwischen den Menschen entfachen). Im nächsten Schritt geht das Gebet in die Klage über und zählt die Leiden des ukrainischen Volkes auf (wenn Du auf

Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie?

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unsere Jahrhunderte währenden großen Leiden schaust, den Holodomor, die Verfolgungen der Kirche, die Verschleppungen und Foltern, und noch mehr – auf die große Duldsamkeit unseres Volkes), das trotz aller dieser Leiden nicht vom christlichen Glauben abgefallen sei (denn wir haben in den Leiden und der Knechtschaft den Glauben an Dich, einziger, wahrer Gott, nicht verloren). Nach der Verherrlichung der Gnade Gottes folgt die in jedem Bußgebet enthaltene Bitte um Gottes Barmherzigkeit (Schau auf uns, Herr, der Du die Menschen liebst, und strafe uns nicht mit deinem Zorn für unsere Sünden, die gewollten und die ungewollten). In dieser Bitte appelliert das Gebet direkt an Jesus Christus als Fürsprecher der Menschen vor Gott, dem Vater (Herr Jesus Christus, Du hast gesagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“) und drückt den vollkommenen Gehorsam des Volkes gegenüber Gottes Willen aus. Schließlich wird aus dem Bußgebet eine für die Ektenie, das große Fürbittgebet in der orthodoxen Liturgie, typische Bitte für den Staat, seine Regierung und seine Organe8. Das Gebet wird mit Fürbitten für die Regierung, Abgeordnete, Richter und Polizeibeamte fortgesetzt. Da in den Fürbitten wiederholt und sehr eindringlich die möglichen Verfehlungen von Abgeordneten und Richtern und Polizei benannt werden (nichts Ungerechtes tun, nicht auf die Person, den Rang und das Geld schauen, keine Waffen gegen ihr Volk richten), können sie auch als implizierter Vorwurf interpretiert werden: die Regierung dient de facto ihren eigenen und nicht den Interessen des Volkes, den Abgeordneten fehlt es an Weisheit, den Richtern an Gewissen, und die Sicherheitsorgane stehen nicht aufseiten des Volkes, sondern wenden sich gegen es. Dennoch bleibt das Gebet politisch scheinbar neutral, weil es Unabhängigkeit und staatliche Einheit als universelle Werte betont und Gott um Schutz vor äußeren Feinden anruft, ohne diese zu identifizieren. Sie bleiben zum Teil sogar „unsichtbar“ (beschütze uns vor unseren sichtbaren und unsichtbaren Feinden). Im März 2014 sind dann im Visnyk die ersten offiziellen Verlautbarungen des ökumenischen Patriarchats und der UOKK zu den Ereignissen in der Ukraine zu lesen. In seiner Botschaft an die Gläubigen bezeichnet Patriarch Bartholomäus die Lage in der Ukraine als inneren Konflikt, in dem jedoch die Schuld eindeutig aufseiten der Regierung gesehen wird:

8  In

der von der Liturgischen Kommission der UOKK im Jahr 2016 herausgegeben Liturgie lautet die Ektenie: „Wir beten auch für unseres gottliebendes und von Gott geschütztes Land Kanada, für die Regierung, die Armee und unser ganzes frommes Volk, damit der Gott, der Herr ihnen beistehe und sie vor jedem Feind und Gegner beschütze“ (Бoжecтвeннa Лiтypгiя, 2016: 35 – Übersetzung: H. K.).

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H. Kuße und M. Novosolova

…ми змyшeнi – в iм'я eтocy i кyльтypи cвoбoди, дaнoї Бoгoм yciм людям як бoжecтвeнний дap – зacyдити бeзжaльнy жopcтoкicть тa нaпoлягти нa миpнoмy i poзвaжливoмy виpiшeнню внyтpiшнix пpoблeм Укpaїни зaдля дoбpa її нapoдy тa нa cлaвy Бoжy. Hexaй Biн пpoвeдe oбpaниx кepiвникiв Укpaїни дo цьoгo блaгocлoвeннoгo зaвepшeння.9 … wir sind gezwungen – im Namen des Ethos und der Kultur der Freiheit, die Gott allen Menschen als göttliches Geschenk gegeben hat –, die rücksichtslose Grausamkeit zu verurteilen und auf einer friedlichen und umsichtigen Lösung der inneren Probleme der Ukraine zum Wohle ihres Volkes und zum Ruhme Gottes zu bestehen. Möge er die gewählten Führer der Ukraine zu dieser gesegneten Einsicht (wörtl. Vollendung od. Schlussfolgerung) führen. (Übersetzung: H. K.)

Mit Formulierungen wie rücksichtslose Grausamkeit wird nun ein expliziter Vorwurf gegen die ukrainische Regierung gerichtet. Dem schließt sich auch das Episkopat der UOKK in seiner Botschaft an den Klerus und alle Gläubigen an, in der es den Gewaltausbruch am 18. Februar in Kyiv mit klaren Worten verurteilt, die ukrainische Regierung eindeutig beschuldigt und sich unmissverständlich auf die Seite des Volkes und der Demonstrierenden stellt. Die Auseinandersetzungen werden hier bereits mit dem Ausdruck „Revolution der Würde“ bezeichnet: Mи нaдзвичaйнo cтypбoвaнi бeзпpeцeдeнтнoю aгpecивнicтю, пpoдeмoнcтpyвaнoю влaдoю cyпpoти yкpaїнcькoгo нapoдy тa пpoявлeнoгo нeю нacильcтвa нaд миpними людьми нa Maйдaнi, в цeнтpi Києвa, тa в iншиx мicцяx пo вciй кpaїнi. (…) Укpaїнcькi peлiгiйнi пpoвiдники oxapaктepизyвaли цю бopoтьбy нapoдy як «peвoлюцiя гiднocтi», якa бopeтьcя зa людcькy гiднicть, cпpaвeдливicть i мopaльнi цiннocтi.10 Wir sind äußerst besorgt über die beispiellose Aggression der Behörden gegen das ukrainische Volk und ihre Gewalt gegen Zivilisten auf dem Maidan im Zentrum von Kyiv und anderswo im Land. (…) Die ukrainischen religiösen Führer haben diesen Kampf des Volkes als „Revolution der Würde“ charakterisiert, die für Menschenwürde, Gerechtigkeit und moralische Werte kämpft. (Übersetzung: H. K.)

In diesem Zusammenhang empfiehlt das Episkopat den kanadischen Geistlichen, in die Ektenien eine Fürbitte für die Ukrainerinnen und Ukrainer aufzunehmen und die Totenmesse für die Seelen der Ermordeten abzuhalten: Блaгocлoвляємo нaшoмy дyxoвeнcтвy в нeдiлю 23-гo лютoгo 2014 p.Б. пiд чac Cв. Лiтypгiї нa Блaгaльнiй Єктeнiї пicля пpoxaння ≪Щe мoлимocя зa змилyвaння, життя, cпoкiй...≫ дoдaти нacтyпнe пpoxaння:

9 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 3, Mar. 2014, S. 8. The Herald. Le Messager, LXXX, № 3, Mar. 2014, S. 9.

10 Bicник.

Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie?

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«Щe мoлимocя зa бpaтiв i cecтep нaшиx в Укpaїнi, щo в цeй чac вeликиx випpoбyвaнь зaзнaють пoгpoз, пpинижeнь i пoбoїв. Зaxиcти їx, Bceмилocepдний Гocпoди, i дapyй їм любoв, єднicть, злaгoдy i пepeмoгy нaд вopoгaми, щoб y нaшoмy нapoдi зaпaнyвaли cвoбoдa, пpaвдa i cпpaвeдливicть». Mи тaкoж блaгocлoвляємo пicля Бoжecтвeннoї Лiтypгiї cлyжити Пaнaxидy зa yпoкiй дyш yбитиx вiд нacильcтвa i пepecлiдyвaння.11 Wir segnen unsere Geistlichen am Sonntag, den 23. Februar 2014, während der Heiligen Liturgie in der Gebetslitanei nach der Bitte „Wir beten um Barmherzigkeit, Leben, Frieden ...“ fügen Sie die folgende Bitte hinzu: „Auch beten wir für unsere Brüder und Schwestern in der Ukraine, die derzeit großen Prüfungen von Bedrohungen, Demütigungen und Schlägen ausgesetzt sind. Beschütze sie, barmherziger Herr, und gib ihnen Liebe, Einheit, Harmonie und den Sieg über die Feinde, damit Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit in unserem Volk herrschen können“. Wir feiern auch nach der göttlichen Liturgie die Panychida für die Seelen derer, die durch Gewalt und Verfolgung getötet wurden. (Übersetzung: H. K.)

4.3 Dritte Phase: apokalyptische Kulmination Das Frühjahr 2014 wird zu einem Wendepunkt in der neuesten Geschichte der Ukraine. Zum Zeitpunkt der April-Ausgabe des Visnyk ließ sich die Aggression seitens der Russischen Föderation nicht mehr leugnen oder verschleiern. Am 1. April unterstützte der Föderationsrat die Anfrage Vladimir Putins, russisches Militär auf ukrainischem Territorium zum Einsatz zu bringen. Nach dem umstrittenen Referendum vom 16. März kam es am 18. März zu Annexion der Krim. Dieses Ereignis hat auch den aktuellen religiösen Diskurs der UOKK massiv beeinflusst. In den offiziellen Botschaften des Klerus und den Gebetstexten für die Ukraine ändert sich die Modalität deutlich. Der äußere Feind wird eindeutig identifiziert. In der Visnyk-Ausgabe vom April 2014 ist in ukrainischer Standardsprache ein aus PetroMohylas Trebnyk aus dem 17. Jahrhunderts kompiliertes Gebet veröffentlicht, das unmittelbar auf feindliche Angriffe auf den Staat reagiert12:

11 Ibid. 12 Der

Hinweis auf Petro Mohyla fehlt an dieser Stelle im Vysnik. Er findet sich aber zum Beispiel auf der ukrainischen Seite Пpaвocлaвний мoлoдiжний вeб-пopтaл Hram.Lviv. Ua, wo als Kompilator Mitropolit Dymytrij Rudjuk von Ukrainisch-Orthodoxen Kirche, Kyjiver Patriarchat (heute Orthodoxe Kirche der Ukraine) genannt wird (http://hram.lviv. ua/2879-molitva-v-dni-nespokoyu-ta-nashestya-vorogiv.html; letzter Zugriff: 03.01.2022).

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H. Kuße und M. Novosolova

Moлитвa зa Укpaїнy: Moлитвa в днi нecпoкoю тa нaшecтя вopoгiв нa дepжaвy i вiтчизнy нaшy Гocпoди Бoжe cил, Бoжe cпaciння нaшoгo, (...) вopoги нaшi зiбpaлиcя нa нac, щoб пoгyбити нac i знищити дepжaвy нaшy тa cвятинi нaшi. (...) Пoвcтaнь нa дoпoмoгy нaм i пoдaй вoїнcтвy нaшoмy з Iм'ям Tвoїм пepeмoгти. Пoгyби нaмipи i нeпpaвeднi нacмiлeння тиx, xтo йдe нa нac вiйнoю. Moлимocь дo Teбe, Bлaдикo миpy i cпoкoю нaшoгo, щoб як щeзaє дим, тaк нexaй щeзнyть вopoги нaшi, i як пpax poзcипaєтьcя вiд лиця вiтpy, тaк нexaй poзвiютьcя їxнi злi дyмки знищити дepжaвy нaшy Укpaїнcькy. (...) Hexaй жe Гocпoди бyдe вoля Tвoя нaд нaми i, якщo Tвoє Пpoвидiння бyдe тaким, щoб пoклacти вoїнaм нaшим y битвi зa Bipy i Укpaїнy дyшi cвoї, тo i їм пpocти гpixи їxнi, i в дeнь пpaвeднoгo Tвoгo Cyдy пoдaй вiнцi нeтлiння. (...) Aмiнь!13

Gebet für die Ukraine: Gebet in Tagen der Unruhe und der Invasion von Feinden in unseren Staat und unser Vaterland Herr, Gott der Stärke, Gott unseres Heils, (...) unsere Feinde haben sich gegen uns versammelt, um uns zu vernichten und unseren Staat und was uns heilig ist zu zerstören. Steh auf, um uns zu helfen! Und gib, dass unserer Armee in deinem Namen siege. Vernichte die Absichten und den ungerechten Willen derer, die gegen uns in den Krieg ziehen. Wir beten zu Dir, Herr unseres Friedens und unserer Ruhe, dass so, wie der Rauch sich auflöst, auch unsere Feinde sich zerstreuen, und wie der Staub vom Winde verweht wird, so sollen auch ihre bösen Gedanken, unseren ukrainischen Staat zu zerstören, vergehen. (...) Dein Wille, Herr geschehe über uns, und wenn Deine Vorsehung will, dass unsere Soldaten ihre Seelen im Kampf für den Glauben und die Ukraine hingeben sollen, dann vergib ihnen ihre Sünden und verleihe ihnen am Tag Deines Gerichts die Krone der Unsterblichkeit. (...) Amen. (Übersetzung: H. K.)

Dieses Bittgebet, das auch in den folgenden Ausgaben der Zeitschrift wiederholt veröffentlicht wurde, zeigt eine deutliche Identifikation der ukrainischen Diasporakirche mit der Ukraine und weckt Assoziationen zur tatarischen Eroberung der Kyiver Rus’ oder zum Kampf Bohdan Chmel’nyc’kyjs gegen Polen-Litauen im 17. Jahrhundert (unsere Feinde haben sich gegen uns versammelt). Im Vergleich zu früheren Gebeten nimmt die militärische Thematik zu. Gott wird nicht nur um den Schutz vor Feinden (Hilf uns, o Gott, unser Retter, und befreie uns), sondern auch um den Sieg (gib, dass unserer Armee in deinem Namen siege) und die Überwindung der feindlichen Mächte (dass so, wie der Rauch sich auflöst, auch unsere 13 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 4, Apr. 2014, S. 6.

Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie?

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Feinde sich zerstreuen) gebeten. Wenn in früheren Gebeten das Sündenbekenntnis vorherrschte und der innere Konflikt in der Ukraine als Strafe Gottes für menschliche Sünden verstanden wurde, richtet sich nun die Bitte an Gott, sich angesichts der äußeren Bedrohung der vergangenen Sünden des ukrainischen Volkes nicht mehr zu erinnern (gedenke nicht der Verfehlungen und der Verirrungen deines Volkes). Am Ende des Gebets werden der christliche Glaube und das ukrainische Volk miteinander identifiziert (ihre Seelen im Kampf für den Glauben und die Ukraine hingeben), was insofern erstaunlich ist, als die nicht namentlich genannten Soldaten oder Polizeikräfte der gegnerischen Seite, die sich religiös verstehen, überwiegend auch zur orthodoxen Konfessionsgemeinschaft gehören – anders als 1240 oder in den Kämpfen der Kosaken gegen das katholische Polen. Mohyla hatte seine Kriegsgebete im Trebnyk als Gebet beim Angriff der Heiden (Moли́твa в̑́ нaшécтвьïи 8"źы́къ) bezeichnet (Tpeбник, 1646/1988: 1409). Die Rückkopplung an diese Texte lässt die Verteidigung der Ukraine nach dem Euromaidan und der Revolution der Würde als Heiligen Krieg erscheinen, in dem sich das Gebet zu Gott richtet, er möge den gefallenen ukrainischen Soldaten ihre Sünden vergeben und ihnen das ewige Leben schenken (vergib ihnen ihre Sünden und verleihe ihnen am Tag Deines Gerichts die Krone der Unsterblichkeit). Das Verständnis der Auseinandersetzungen in der Ukraine als Heiligem Krieg bildet den Höhepunkt des Diskurses. Der Staat wird zum Objekt religiöser Gefühle, zu einem der christlichen Heiligtümer und zum absoluten Guten, befindet sich also in der argumentativ nicht mehr greifbaren axiologischen Dichotomie von heilig und unheilig im Raum des Heiligen: Alles, was auf der Seite des absolut Guten steht, wird automatisch auch absolut gut. Alles andere rutscht in Richtung des entgegensetzten Pols der Dichotomie und kann schließlich zum absoluten Bösen werden. Im Rahmen eines solchen mythologischen binären Denkens erscheinen apokalyptische Motive und infernale Metaphern. Diese Metaphorik ließ sich seit Sommer 2014 intensiv in den ukrainischen Medien (Tapaнeнкo, 2016) und publizistischen Diskursen (Hoвoceлoвa, 2016) beobachten, in denen es von „Unmenschen“, „bösen Geistern“, „Dämonen“, „Orks“ regelrecht wimmelte, die „infernale Meetings“ organisierten und mit „bösen Kräften“ die ukrainischen Städte überfielen usw. Innerhalb solcher Szenarien ist auch der Auftritt des Erzengels Michael, der nach der Offenbarung des Johannes das Böse im apokalyptischen Kampf besiegte, durchaus folgerichtig; vgl. den Auftritt des Erzengels in der Offenbarung des Johannes:

128

H. Kuße und M. Novosolova

Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. (Offenbarung 12:7–8 – Einheitsübersetzung, 1980)

Das Bittgebet, das im Juni 2014 veröffentlicht wurde, ruft Michael als den wahren christlichen Beschützer und Verteidiger der Gerechtigkeit um Schutz vor allen Feinden an. Moлитвa зaxиcтy дo Apxиcтpaтигa Mиxaїлa Beликий Apxиcтpaтижe Бoжий, Mиxaїлe, пepeмoжцю дeмoнiв, пepeмaгaй i знищ вcix мoїx вopoгiв видимиx i нeвидимиx. Bипpocи y Гocпoдa Bceдepжитeля Лacкy: нexaй Biн cпace i збepeжe мeнe вiд вciлякoї xвopoби, вiд cмepтoнocнoї paни i вiд нaглoї cмepтi, cьoгoднi, i пoвcякчac, i нa вiки вiчнi. Aмiнь.14 Schutzgebet an den Erzengel Michael Großer Erzengel Gottes, Michael, Bezwinger der Dämonen, besiege und vernichte alle meine sichtbaren und unsichtbaren Feinde. Bitte den allmächtigen Herrn um Gnade: Dass er mich rette und mich vor aller Krankheit bewahre, vor der tödlichen Wunde und dem plötzlichen Tod, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen. (Übersetzung: H. K.)

Der Sieg über die bösen Mächte ist auch in den Psalmen ein wiederkehrendes Motiv. In der Ausgabe vom Juni 2014 wird der Psalm 16 (in westkirchlicher Zählung Psalm 17) zitiert, in dem der Beter sich von Frevlern und Feinden umringt sieht und Gott um Schutz vor diesen bösen Mächten bittet: (…) y тiнi кpил Tвoїx пpиxиcти мeнe. Biд лиця нeчecтивиx, якi нaпaдaють нa мeнe, – вiд вopoгiв дyшi мoєї, щo oтoчyють мeнe (…); вoни cпpямoвyють oчi cвoї, щoб пoвaлити мeнe нa зeмлю; вoни cxoжi нa лeвa, щo жaдливий нa здoбич (…) (Пc 16: 8–12).15 (…) birg mich im Schatten deiner Flügel, vor den Frevlern, die mich hart bedrängen, vor den Feinden, die mich wütend umringen. (...); sie trachten danach, mich zu Boden zu strecken; so wie der Löwe voll Gier ist zu zerreißen (…) (Psalm 17: 8–12 – Einheitsübersetzung, 1980)

Zu diesem binären Paradigma gehört auch ein kurzes Gebet, das Teil der Gebetsordnung für die gefährdete Ukraine ist. In ihm werden die Handlungen des Feindes gegenüber der Ukraine als Beleidigung des Herrn bewertet:

14 Bicник. 15 Ibid.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 6, Jun. 2014, S. 8.

Gebete für die Ukraine. Eine nationale Ideologie?

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Cкopo пocпiши дo нac, Xpиcтe Бoжe нaш, дoки нe пoнeвoлив вopoг, який гaньбить Teбe тa пoгpoжyє нaм: здoлaй Xpecтoм Tвoїм тиx, xтo бopeтьcя пpoти нac, нexaй зpoзyмiють, щo мoжe вipa пpaвocлaвниx, мoлитвaми Бoгopoдицi, єдиний Чoлoвiкoлюбчe.16 Eile zu uns, Christus, unser Gott, auf dass Du den Feind, der dich beschämt und uns bedroht, bezwingst. Überwinde durch Dein Kreuz diejenigen, die gegen uns kämpfen, lass sie verstehen, was der Glaube der Orthodoxen durch die Gebete der Gottesmutter vermag, Du der Einzige, der die Menschen liebt. (Übersetzung: H. K.)

Nach dem blutigen Sommer 2014 enthalten die im Visnyk veröffentlichten Gebete für die Ukraine fast keine Bitten um Sündenvergebung mehr, sondern vor allem das Lobpreis Gottes und seiner Macht, der sich die Gläubigen anvertrauen: Бo Tвoя є влaдa, Цapcтвo i cилa, вiд Teбe дoпoмoгy вci пpиймaємo, нa Teбe нaдiю пoклaдaємo i Toбi cлaвy вoзcилaємo, Oтцю, i Cинy, i Cвятoмy Дyxoвi, нинi, i пo вcякчac, i нa вiки вiкiв. Aмiнь.17 Denn Dein ist die Macht, das Reich und die Kraft, von Dir empfangen wir alle Hilfe, auf Dich trauen wir, und Dir geben wir die Ehre, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. (Übersetzung: H. K.)

Gleichzeitig folgt der Diskurs der Idee des Heiligen Krieges, indem beispielsweise der Angriff auf die Ukraine symbolisch mit der Schändung des Jerusalemer Tempels verglichen wird. Dafür steht in der September-Ausgabe des Visnyk der 78. Psalm (in der Übersetzung der Einheitsübersetzung: Psalm79): Пcaлoм 78: Пcaлми пiд чac лиxa й нaпaдy вopoгiв Бoжe, пpийшли чyжинцi в нacлiддя Tвoє, ocквepнили cвятий xpaм Tвiй, Єpycaлим oбepнyли нa pyїнy. Кинyли тpyпи paбiв Tвoїx нa пoживy птaxaм нeбecним, тiлa cвятиx Tвoїx – звipaм зeмним. (…) Пoмoжи нaм, Бoжe, Cпacитeлю нaш, зaдля cлaви iмeни Tвoгo. (…) Hexaй нa oчax нaшиx зaзнaють нeвipнi пoмcти зa пpoлитy кpoв вipниx Tвoїx. Hexaй пpийдe пepeд лицe Tвoє cтoгiн yв'язнeниx; мoгyтнicтю Tвoєю збepeжи зacyджeниx нa cмepть. Bceмepo пoвepни в cepцe вopoгaм нaшим нapyгy їx, щo нeю Teбe, Гocпoди, вoни знeвaжaли. A ми, нapoд Tвiй i вiвцi пacoвиcькa Tвoгo, бyдeмo вiчнo пpocлaвляти Teбe тa з poдy в piд cпoвiщaти xвaлy Tвoю. Aмiнь.18

16 Bicник. 17 Bicник. 18 Ibid.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 8, Aug. 2014, S. 7. The Herald. Le Messager, LXXX, № 9, Sep. 2014, S. 6.

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Psalm 79: Psalm in der Stunde der Katastrophe und des Angriffs von Feinden Gott, die Heiden sind eingedrungen in dein Erbe, sie haben deinen heiligen Tempel entweiht und Jerusalem in Trümmer gelegt. Die Leichen deiner Knechte haben sie zum Fraß gegeben den Vögeln des Himmels, die Leiber deiner Frommen den Tieren des Feldes. (…) Um der Ehre deines Namens willen hilf uns, du Gott unsres Heils! (…) Lass kund werden an den Heiden vor unsern Augen, wie du das vergossene Blut deiner Knechte vergiltst. Das Stöhnen der Gefangenen dringe zu dir. Befrei die Todgeweihten durch die Kraft deines Armes! Zahl unsern Nachbarn siebenfach heim die Schmach, die sie dir, Herr, angetan. Wir aber, dein Volk, die Schafe deiner Weide, wollen dir ewig danken, deinen Ruhm verkünden von Geschlecht zu Geschlecht. (Psalm 79 – Einheitsübersetzung, 1980)

4.4 Vierte Phase: Rückgang des religiösen Pathos Ab November 2014 weisen die Gebete des Visnyk einen allmählichen Rückgang des heroischen Pathos und eine Rückkehr zum Pathos des absoluten Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes auf. Auch dafür wird auf ältere Quellen zurückgegriffen. In der November-Nummer erfolgte der Abdruck von zwei ins Ukrainische übertragene Gebeten aus dem Trebnyk Petro Mohylas von 1646, überschrieben mit Moлитвa зa вoїнiв, щo йдyть нa вiйнy (Gebet für Soldaten, die in den Krieg ziehen) und Moлитвa зa пpaвocлaвниx вoїнiв, якi йдyть нa битвy (Gebet für orthodoxe Soldaten, die in den Kampf ziehen). Wir zitieren hier den Anfang des ersten Gebets: Moлитвa зa вoїнiв, щo йдyть нa вiйнy Bлaдикo Гocпoди, Бoжe oтцiв нaшиx, Teбe пpocимo i Teбe cмиpeннo i з poзчyлeнням блaгaємo: згляньcя милocтивo нa мoлитвy нac, нeдocтoйниx paбiв Tвoїx, i як кoлиcь Caм блaгoзвoлив єcи виcтyпити з yгoдникoм Tвoїм Moйceєм, вивoдячи людeй Cвoїx, Iзpaїля, з Єгиптy в зeмлю oбiтoвaнy, тaк i нинi Caм виcтyпи з paбoм Tвoїм цим (iм'я гoлoвнoкoмaндyвaчa) тa вoїнaми цими, i Caм бyдь їм пoмiчникoм i зacтyпникoм, i збepeжи їx i вдeнь, i внoчi нeвpaзливими i нeyшкoджeними вiд ycякoї злoї нaпacтi i нeдyги, гoлoдy, пoтoплeння i вiд ycякoгo cтpaxy.19 Gebet für Soldaten, die in den Krieg ziehen Herr, Gott, Gott unserer Väter, wir bitten Dich und flehen in Demut und mit bebendem Herzen Dich an: Schau gnädig auf unser Gebet, von deinen unwürdigen Dienern, und wie Du deinen Knecht Mose gesegnet hast, um dein Volk Israel aus

19 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXX, № 11, Nov. 2014, S. 5.

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Ägypten in das Land der Verheißung zu führen, so sprich auch heute zu diesem deinem Diener (Name des Kommandanten) und zu diesen Soldaten, und sei ihnen selbst ihr Helfer und Beschützer, und halte sie Tag und Nacht unverwundet und unversehrt von allem Untergang, von Krankheit, Hunger und Ertrinken und von aller Furcht. (Übersetzung: H. K.)

Die Passage drückt Gehorsam und Selbsterniedrigung vor der Macht Gottes aus (Schau gnädig auf unser Gebet, von deinen unwürdigen Dienern). Die frühere Bitte um Gottes Hilfe ersetzt demütiges Flehen (wir bitten Dich und flehen in Demut und mit bebendem Herzen Dich an). In der Modalität des Gehorsams bleibt auch die Bitte um den Sieg über den Feind im genannten zweiten in der Novembernummer abgedruckten Gebet aus dem Trebnyk: … блaгocлoви в yci днi життя нaшoгo, щoб, вiд Teбe дoпoмoгy, i зacтyпництвo, i визвoлeння пpийнявши, cлaвy i вдячнicть бeз жoднoї пepeшкoди зaвжди ми Toбi вoзcилaли.20 … segne an allen Tagen unseres Lebens, damit wir, nachdem wir von Dir Hilfe und Beistand und Befreiung empfangen haben, Dir stets und ohne alles Hindernis die Ehre und Dankbarkeit geben können. (Übersetzung: H. K.)

Hier wird festgestellt, dass der Sieg über den Feind kein bloß erwünschtes Ziel ist, sondern eine Gelegenheit, dem Herrn weiterhin zu dienen und Ihn dankbar zu verherrlichen. Im Januar 2015 lässt sich in den Gebeten die vollständige Neutralisierung des heroischen Pathos beobachten. Das Motiv des Krieges ist wieder verschwunden: Moлитвa зa Укpaїнy Бoжe Beликий, Бoжe Bcecильний! Mи, гpiшнi дiти Tвoї, y пoкopi cepдeць нaшиx пpиxoдимo дo Teбe i cxиляємo гoлoви нaшi. Oтчe! Пpocти пpoвини нaшi тa пpoвини бaтькiв, дiдiв i пpaдiдiв нaшиx. (…) Блaгocлoви нaшy Бaтькiвщинy Укpaїнy, дoлю тa щacтя їй дaй. Пpeмилocepдний Гocпoди, yciм, xтo вдaєтьcя дo Teбe з блaгaнням, милicть Tвoю пoдaй. Блaгaємo Teбe, Бoжe, зa бpaтiв i cecтep нaшиx, зa вдoвиць, зa cиpiт, зa кaлiк i нeмiчниx, i зa тиx, xтo Tвoгo милocepдя тa дoпoмoги Tвoєї пoтpeбyють. З'єднaй нac ycix в єдинy вeликy Xpиcтoвy ciм'ю, щoб yci люди, як бpaти, cлaвили вeличнe iм'я Tвoє зaвжди, i нинi, i пoвcякчac, i нa вiки вiкiв. Aмiнь.21 Gebet für die Ukraine

20 Ibid. 21 Bicник.

The Herald. Le Messager, LXXXI, № 1, Jan. 2015, S. 15.

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Großer Gott, allmächtiger Gott! Wir, deine sündigen Kinder, kommen in Demut unseres Herzens zu dir und neigen unsere Häupter. Vater! Vergib uns unsere Schuld und die Schuld unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. (…) Segne unser Vaterland Ukraine, schenke ihm Wohlergehen und Glück. Barmherziger Herr, gewähre deine Barmherzigkeit allen, die sich mit Flehen an dich wenden. Wir bitten dich, o Gott, für unsere Brüder und Schwestern, für Witwen, für Waisen, für Verkrüppelte und Kranke und für diejenigen, die deiner Barmherzigkeit und deiner Hilfe bedürftig sind. Führe uns alle zu der einen großen Familie Christi zusammen, damit alle Menschen als Brüder deinen großen Namen jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit verherrlichen können. Amen. (Übersetzung: H. K.)

In diesem Gebet sehen wir einen Unterschied zur Modalität der Gebete, die im Sommer und im September 2014 im Visnyk veröffentlicht wurden. Mit großer Demut (kommen in Demut unseres Herzens zu dir und neigen unsere Häupter) und dem Bekenntnis der Schuld (Vergib uns unsere Schuld und die Schuld unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern) wendet sich das Gebet nicht mit der Bitte um Schutz der Ukraine und Befreiung von Feinden, sondern um Segen, Wohlergehen und Glück an Gott (Segne unser Mutterland Ukraine, schenke ihm Wohlergehen und Glück). Es wird nicht mehr speziell für den Schutz von Soldaten und Menschen, die unter feindlichem Angriffen leiden, sondern für alle Menschen gebetet, die Hilfe benötigen (Wir bitten dich, o Gott, für unsere Brüder und Schwestern, für Witwen, für Waisen, für Verkrüppelte und Kranke und für diejenigen, die deiner Barmherzigkeit und deiner Hilfe bedürftig sind). Schließlich gibt es den Ruf, alle Christen zu vereinen (Führe uns alle zu einer großen Familie Christi zusammen). Im Gebet gibt es keine direkten Aufrufe zur Versöhnung, zu Gerechtigkeit oder die Bitte um den Sieg über Feinde und daher auch keine impliziten Hinweise auf den bestehenden Konflikt. Die Einheit in Christus wird nun als der wichtigste Wert und das wichtigste Ziel der Menschheit verkündet. In den folgenden Ausgaben des Visnyk kommt es nur gelegentlich zur Rückkehr zum Gebet in den Tagen der feindlichen Invasion wie im April 2014. In den journalistischen Beiträgen steht freilich der Krieg im Donbas im Mittelpunkt. Zum Teil werden Beiträge aus anderen ukrainischen Medien nachgedruckt.

5 Zusammenfassung Die knappe Analyse des religiösen Diskurses am Beispiel der Zeitschrift Visnyk der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in Kanada zeigt, wie im Genre des „Gebets für die Ukraine“ auf die Dynamik der Ereignisse in der Ukraine reagiert wurde. Die erste vorsichtige Reaktion auf den Euromaidan im Januar 2014 wurde von

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einem allmählichen Anstieg des heroischen Pathos abgelöst, der im Sommer 2014 in apokalyptischen Motive kulminierte. In dieser Kulmination mit ihrer Konzeptualisierung von Kyiv als Jerusalem und der Interpretation von aktuellen Ereignissen in Bildern aus der Johannesoffenbarung wurde der zeitliche Abstand zwischen den biblischen Gebeten, Gebeten aus dem 17. Jahrhundert und der Gegenwart überbrückt. Gebete sind in ihrer Hinwendung an das Göttliche auch die Vergegenwärtigung des Göttlichen, in der zeitliche und räumliche Distanzen aufgehoben sein können (vgl. Lasch & Liebert, 2015: 483–484; Selmani, 2017: 138) und sich der Beter/die Beterin in Gemeinschaft mit Menschen versteht, die in anderen Lebenskontexten und zu anderen Zeiten (möglicher Weise Jahrtausenden) leben oder gelebt haben. Diese Gebetspraxis der Rückbindung an dramatische, religiös aufgeladene kriegerische Auseinandersetzungen in der Vergangenheit konnte den religiösen Diskurs nicht lange dominieren. Ende 2014 wurde auch in den Gebetsvorschlägen darauf reagiert, dass der Krieg für Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer zur Realität wurde, die den „normalen“ Alltag begleitet. Es zeigte sich, dass in Zeiten lang andauernder Konflikte Gebete nicht nur heroische Stimmungen der Bürgerinnen und Bürger hervorrufen und verstärken sollten, sondern sie dem inneren Frieden der Menschen dienen müssen. Motive der universellen christlichen Einheit und des Gehorsams gegenüber Gottes Willen rückten deshalb in den Vordergrund. Diese Zurücknahme des heroischen Pathos im Gebet ist jedoch auch im Kontext einer konsequenten politischen Positionierung des Klerus der UOKK in anderen Genres des religiösen Diskurses zu sehen. Sendschreiben des Episkopats an die Gemeinden und der Nachdruck ukrainischer journalistischer Beiträge im Visnyk brachten die Identifikation der Diaspora mit den Bürgerinnen und Bürgern der Ukraine zum Ausdruck. Der Blick der UOKK und der ukrainischen Diaspora auf das innere Leben der Ukraine ist somit ein Blick von Außen auf sich selbst, in dem das Eigenen über das Fremde (den tatsächlichen kulturellen und gesellschaftlichen Abstand zwischen der Ukraine und Kanada einschließlich seiner ukrainischen Diaspora) dominiert.

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H. Kuße und M. Novosolova

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Linguistik der Erinnerung – transnational. Das Beispiel lexikalischer Erinnerungsorte Torsten Leuschner Anhand historischer Germanismen in Nachbarsprachen des Deutschen (v. a. des Englischen, aber auch des Polnischen) versucht der Aufsatz, einen Beitrag zu einer interdisziplinären Linguistik der Erinnerung zu leisten. Den Ausgangspunkt bildet die Frage, wie sprachliche Ausdrücke als immaterielle Erinnerungsorte (P. Nora) konzeptualisiert werden können. Nach einer Übersicht über die relevante geschichtsund sprachwissenschaftliche Literatur wird zunächst vorgeschlagen, das Denotat lexikalischer Erinnerungsorte als narrative Abbreviatur (J. Rüsen), das Konnotat als historisches Stereotyp (H.H. Hahn, H. Orłowski) zu beschreiben. In einem zweiten Schritt wird die strenge Dichotomie von Denotat und Konnotat durch eine flexiblere framesemantische Konzeption ersetzt. So lässt sich linguistisch modellieren, wie Sprache als Erinnerungsstabilisator (J. Fried) die Ordnungen des sozialen Gedächtnisses (H. Feilke) herzustellen und weiterzutragen hilft, und zwar auch übereinzelsprachlich, insofern nämlich translingualer Wortschatz als Repertoire transnationaler Erinnerungsorte zur perpetuierenden Aktualisierung geteilter Erinnerung beiträgt.

1 Einleitung Obwohl die Sprach- und die Geschichtswissenschaft eine beachtliche Reihe von Berührungspunkten aufzuweisen haben (siehe u. a. die Beiträge in Trabant, Hrsg., 2005b), hat die historische Erinnerungsforschung bisher nur wenig Interesse T. Leuschner (*)  Sprachwissenschaft – Deutsch Blandijnberg, Universität Gent, Gent, Belgien E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en) 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_7

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an Sprache gezeigt. Eine seltene Ausnahme bildet die von dem Mediävisten Johannes Fried vertretene „historische Memorik“, die die klassische philologische Quellenkritik durch Erinnerungskritik ergänzt und relativiert (Fried, 2004). Sie schreibt der Sprache eine Rolle als „Erinnerungsstabilisator“ zu (ebd.: 296), beruft sich dabei jedoch auf die neurokulturelle Gedächtnisforschung (ebd.: 80–152), nicht auf die Linguistik, und nimmt auch keine konkreten sprachlichen Ausdrücke in den Blick. In ihrer fachwissenschaftlichen Rezeption (Überblick bei Müllerburg, 2010; theorievergleichende Diskussion bei Riel, 2018: 49–55) ist von Sprache dann auch ebenso wenig die Rede wie in Arbeiten, die sich der transnationalen Verflechtung von Erinnerungen widmen (Aust, 2009; Feindt et al., 2014a, 2014b) oder Gedächtnis und Erinnerung als Herausforderung der Geschichts- bzw. der historisch orientierten  Politikwissenschaft anerkennen (Jaworski, 2009; Subotic & Steele, 2021). Entsprechendes gilt für die Erinnerungsforschung literatur-, kultur- und kommunikationswissenschaftlicher Prägung. Deren Grundeinsicht lautet: „Erinnerungen sind […] darauf angewiesen, dass sie vermittelt und transportiert werden“ (Rüsen & Jaeger, 2006: 78); sie haben eine „kommunikative Struktur“ (ebd.). Umso mehr muss es überraschen, dass einschlägige Arbeiten wie die von A. Assmann (u. a. 1999, 2006) und Erll (u. a. 2004, 2017) die Rolle der Sprache als Medium von Erinnerung nicht substanziell thematisieren bzw. dies im Falle Assmanns (1999: 179–217) nur indirekt anhand der Schrift tun. Zwar schreibt Erll (2004: 4): Die Konstitution und Zirkulation von Wissen und Versionen einer gemeinsamen Vergangenheit in sozialen und kulturellen Kontexten werden erst durch Medien ermöglicht: durch mündliche Sprache, Buch, Fotografie und Internet etwa. Auf kollektiver Ebene ist Gedächtnis stets medial vermittelt bzw. [...] wird es oftmals überhaupt erst medial konstruiert.

Und Assmann (2006: 25) hebt unter Verweis auf Halbwachs hervor, dass das individuelle Gedächtnis immer schon sozial gestützt (ist). [...] Das Gedächtnis als Zusammenhalt unserer Erinnerungen wächst also ähnlich wie die Sprache von außen in den Menschen hinein, und es steht außer Frage, dass die Sprache auch seine wichtigste Stütze ist.

Trotz der so begründeten Verankerung des kommunikativen Gedächtnisses in „einem Milieu räumlicher Nähe, regelmäßiger Interaktion, gemeinsamer Lebensformen und geteilter Erfahrungen“ (ebd.) bleibt natürliche Sprache im umfassenden, Mündlichkeit einschließenden Sinne jedoch außer Betracht; „eine

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Untersuchung der Medien des Gedächtnisses“, hatte Assmann zuvor bereits pointiert formuliert, „muss von der Schrift ausgehen“ (Assmann, 1999: 180). Diese Aussparung setzt sich in der Behandlung des sozialen und kollektiven sowie kulturellen Gedächtnisses durch Assmann (2006: 26–31, 51–54) ebenso fort wie in den Spezialaufsätzen, in denen Assmann die viel diskutierte Kategorie Erinnerungsort thematisiert (Assmann, 2009; Assmann & Assmann, 2014). In der konstruktivistischen Erinnerungs- und Gedächtnistheorie von S.J. Schmidt (1994, 2010) bleibt natürliche Sprache ebenfalls unberücksichtigt. Angesichts dieser offenkundigen Lücke versucht der vorliegende Beitrag, die von Trabant (2005a) noch „halb ironisch“ (ebd.: XV) geforderte „Linguistik der Geschichte“ (ebd.: XIV–XVI, XXII) in eine Linguistik der Erinnerung umzumünzen, die den „Eigensinn des Mediums Sprache“ (Jäger, 2005) im Konstituieren von Erinnerung ernst nimmt. Dass Jäger (2005; implizit auch Riel, 2018) natürliche Sprache als Medium im kommunikationswissenschaftlichen Sinn betrachtet (statt z. B. wie S.J. Schmidt, 2000: 94 als den „Prototyp von Kommunikationsinstrumenten“, aber „nicht als Medium“), ist dabei nicht entscheidend. Vielmehr nehmen wir konkrete sprachliche Ausdrücke in den Blick und fragen, ob/wie sie als immaterielle Erinnerungsorte (Nora, 1984, siehe unten) zu konzeptualisieren sind. Dabei nehmen wir die transnational-translinguale Perspektive ein, die Harnisch (2017) u. a. anhand deutsch-tschechischer Toponymdubletten demonstriert. Da die erinnerungsvermittelnde Rolle von Lexik bei komplexerer Semantik deutlicher hervortritt, ziehen wir statt Toponyma jedoch Praxonyma wie Anschluss, Endlösung und Kulturkampf sowie Appellativa wie Blitzkrieg, Drang nach Osten und Lebensraum als Beispielmaterial heran. Deren Gebrauch als sog. historische Germanismen im Englischen sowie teils auch im Polnischen haben Schröter und Leuschner (2013), Leuschner und Schröter (2015) und Jaworska und Leuschner (2018) mit diskursanalytischen Mitteln erforscht, ohne jedoch schon Bezüge zur Erinnerungsforschung oder zu Erinnerungsorten herzustellen. Im nachfolgenden Abschn. 2 wird zunächst die wichtigste Handbuch literatur zu Erinnerungsorten erschlossen, wonach in Abschn. 3 die Kategorien „narrative Abbreviatur“ (Rüsen, 1994) und „historisches Stereotyp“ (Hahn, 1995 u.ö., Orłowski, 2004 u.ö.) als Bausteine der Analyse historischer Germanismen als lexikalischer Erinnerungsorte herausgestellt werden. Da sich die von Harnisch (2017) vorgeschlagene Dichotomie von Denotat und Konnotat in der Praxis kaum durchhalten lässt, wird in Abschn. 4 – vor dem Hintergrund der empirischen Forschungsergebnisse zu historischen Germanismen, insbesondere ihrer unterschiedlichen diskursiven Aneignung in den Nehmersprachen – eine flexiblere framesemantische Konzeption vorgeschlagen, mit deren Hilfe sich linguistisch modellieren lässt, wie Lexik als Erinnerungsstabilisator die „Ordnung sozialer

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Gedächtnisse“ (Feilke, 2014: 104) herzustellen hilft, im fortgesetzten Gebrauch außerhalb mnemonischer Kontexte aber auch einer De-Mnemonisierung und ggf. De-Onymisierung unterliegen kann. Wie zusammenfassend in Abschn. 5 gezeigt wird, kann von einem nicht nur einzelsprachlichen, sondern zumindest rudimentär auch übereinzelsprachlichen Common Sense im Sinne von Feilke (ebd.) gesprochen werden, insofern nämlich translinguale Lexik als Menge transnationaler Erinnerungsorte zur perpetuierenden Aktualisierung geteilter Erinnerung beiträgt. Daraus wiederum ergibt sich ein vielversprechendes interdisziplinäres Forschungsprogramm, bei dem (Lehnwort-)Lexikologie, historische Erinnerungsforschung, historische Stereotypenforschung und Diskursanalyse zusammenwirken.

2 Erinnerungsorte: die historische Referenzliteratur Der Gedanke, dass sprachliche Ausdrücke als Erinnerungsorte betrachtet werden können, geht schon auf Pierre Nora zurück, der in der Einleitung zu Les lieux de mémoire (Nora, 1984) diese Möglichkeit erwähnt. Sprachliche Zitate oder Kategorien finden sich in Les lieux de mémoire allerdings nur selten und zufällig als Lemmata; der Slogan „Liberté, égalité, fraternité“ ist eines der wenigen Beispiele, ein anderes sind Straßennamen („Le nom des rues“). Besondere Überlegungen zum Status sprachlicher Ausdrücke als Erinnerungsorte werden von Nora ebenso wenig angestellt wie von dem wohl wichtigsten Vermittler seines Ansatzes im deutschen Sprachraum, Etienne François. In dessen Aufsatz über „Begriffe als Erinnerungsorte“ (François, 2019) fließen Real-, Begriffs-, Sprach- und Erinnerungsgeschichte ineinander, wobei Wortartwechsel und/oder semantischer Wandel (Bedeutungsverengung, Pejoration) am Beispiel résistant und collaborateur behandelt und diesen beiden Begriffen (sowie nebenbei auch Shoah) der Status von Erinnerungsorten zugeschrieben wird. Explizit thematisiert wird dieser Status jedoch nicht. Den eher metaphorischen als analytisch-terminologischen Charakter der Kategorie Erinnerungsort betonen François und Schulze (2001: 18) in der Einleitung zu ihrem dreibändigen Standardwerk Deutsche Erinnerungsorte. Dort definieren sie Erinnerungsorte als langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden sind und die sich in dem Maße verändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert.

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Im Zusammenhang mit der ebenfalls schon von Nora (1984) eingeführten Unterscheidung zwischen materiellen und immateriellen Erinnerungsorten erwähnen François und Schulze (2001: 18) „Begriffe“ als einen Typ immaterieller Erinnerungsorte. Inwiefern „Begriff“ hier terminologisch zu verstehen ist und ob die Autoren an bestimmte Lemmata denken, bleibt jedoch offen. Immerhin finden sich in den Deutschen Erinnerungsorten mehrere als Zitat markierte Lemmata wie „Am deutschen Wesen …“, „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ und „Wissen ist Macht“, die mehr oder weniger an das oben genannte „Liberté, égalité, fraternité“ erinnern. Auch einige Buchtitel wie etwa De l’Allemagne kommen vor. Anders gehen die Europäischen Erinnerungsorte (den Boer et al., Hrsg., 2012) vor. Sie enthalten eine eigene Sektion „Metaphern, Zitate, Schlagworte“ (ebd.: 565–624) mit acht Lemmata: „Cogito ergo sum“, „Liberté, Egalité, Fraternité“, „Das Europäische Haus“, „Europas Mitte“, „Grenze Ural“, „Balkan“, „Gleichgewicht der Kräfte“, „Konzert der Mächte“. Deren Status als Erinnerungsorte wird hier jedoch ebenso wenig thematisiert wie in den einbändigen Erinnerungsorten in Ostmitteleuropa (Weber et al., Hrsg., 2011), wo ein anderer Typ immaterieller Erinnerungsorte zum Zuge kommt, nämlich Jahreszahlen. Unter der Überschrift „Historische Umbrüche im geteilten Gedächtnis“ werden 1945, 1956, 1968 und 1989 behandelt (ebd.: 287–367). Stärker theoriegeleitet verfahren die binationalen Deutsch-polnischen Erinnerungsorte (Hahn & Traba, Hrsg., 2012–2015), indem sie fordern, die Kategorie,Erinnerungsort‘ eng an realhistorische Phänomene zu binden und klar von Kategorien wie ‚Mythos‘ und ‚Stereotyp‘ abzugrenzen (Hahn & Traba, 2012: 42; zur terminologischen Differenzierung in diesem Bereich siehe Hahn, 2008; Pleitner, 2001: 124–128; Konrad, 2006: 124–131). In der Aufzählung möglicher Typen von Erinnerungsorten durch die Herausgeber (Hahn & Traba, 2012: 20) werden Begriffe, Schlagworte, Slogans usw. nicht erwähnt. Demgemäß enthalten die Deutsch-polnischen Erinnerungsorte zwar Lemmata wie Schlacht bei Tannenberg, Kulturkampf (als historische Epoche), Rosa Luxemburg, Bromberger Blutsonntag und Oder-Neiße-Grenze sowie (passend zur bilateral-beziehungsgeschichtlichen Perspektive) auch Schlagwortpaare wie verlorene Heimat/wiedergewonnene Gebiete, aber keine zitatförmigen Lemmata. Gegen die realistisch-normative, teils wohl auch der lexikographischen Praktikabilität geschuldete Position von Hahn und Traba wendet sich der flexiblere, funktionsorientierte Ansatz von Orłowski (2013). Nicht ganz zufällig formuliert Orłowski seine Position im Reflexionsband zu den Deutsch-polnischen Erinnerungsorten, und zwar anhand historischer „Stereotype der langen Dauer“ wie etwa polnische Wirtschaft, deren Anerkennung als Erinnerungsorte er verlangt. Zur Begründung verweist er u. a. auf die Fähigkeit solcher Stereotype, Diskurse zu strukturieren und so eine erhebliche realhistorische Wirksamkeit zu

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entfalten (ebd.: 114), wobei er speziell das Fehlen des historischen Stereotyps polnische Wirtschaft als Lemma in den Deutsch-polnischen Erinnerungsorten beklagt (ebd.: 111–118). Angesichts der funktionalen Symmetrie gegenseitiger Heterostereotype in der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte (Wippermann, 1996) ließe sich diese Argumentation leicht um z. B. Drang nach Osten erweitern.

3 Zwischen Sprach- und Geschichtswissenschaft 3.1 Lexikographie, Rhetorik, Semiotik Ebenso wenig wie in der historischen Referenzliteratur wird in dem von Linguisten erarbeiteten Wörterbuch der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ (Eitz & Stötzel, 2007) über den Zusammenhang zwischen Sprache und Erinnerung nachgedacht. Anlass dafür hätte es ausreichend gegeben, soll dieses Werk doch „darüber auf(klären), wie […] im öffentlichen Sprachgebrauch [der Bundesrepublik] auf Ereignisse, Institutionen, Personen und auf den Sprachgebrauch zwischen 1933 und 1945 Bezug genommen wird“ (ebd.: 1). Unter den Lemmata finden sich naturgemäß auch einige, die uns in Nachbarsprachen des Deutschen als historische Germanismen begegnen wie z. B. Anschluss und Endlösung (ebd.: 10–24 bzw. 163–185). Insgesamt gilt jedoch, was ein rezensierender Historiker schon mit Blick auf das zuvor von denselben Autoren herausgegebene Zeitgeschichtliche Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache feststellte: „Sprachbezogene Reflexionen sucht man […] vergebens“ (Dipper, 2003: 2). Mehr verspricht der Titel von Reisigls Aufsatz „Erinnerungsorte aus linguistischer und rhetorischer Sicht“ (Reisigl, 2009). Jedoch spielt darin gerade die linguistische Perspektive kaum eine Rolle. Vielmehr kritisiert Reisigl den Begriff Erinnerungsort aus Sicht der klassischen Rhetorik, indem er ein „rezeptive[s] Missverständnis der rhetorischen Mnemotechnik“ konstatiert, die zu einer Vermischung der Kategorien topos/locus einerseits und imago andererseits geführt habe (ebd.: 118). Die in dem vorliegenden Aufsatz behandelten lexikalischen Erinnerungsorte würden gemäß Reisigls Gegenvorschlag wohl gar nicht zu den Erinnerungsorten gehören, insofern diese Kategorie nämlich materiellen Referenten im Sinne „räumlich-geographische[r] Örtlichkeiten“, die erinnert werden, vorbehalten sein soll (ebd.: 125, 136 f.); vielmehr würden sie zumindest teilweise unter „Erinnerungsgeschehen“ (ebd.: 138) fallen. Da laut der auf ontologischen Kategorien fußenden Taxonomie Reisigls auch z. B. Personen („Erinnerungsfiguren/-gestalten“, ebd.: 137) nicht zu den Erinnerungsorten gezählt werden (ebd.: 134 am Beispiel Goethes), definiert

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Reisigl die Kategorie Erinnerungsort noch erheblich enger als Hahn und Traba (2012) in den Deutsch-polnischen Erinnerungsorten. „Stereotype der langen Dauer“ à la Orłowski hätten darin wohl erst recht keinen Platz. Bei Reisigl würden sie vielmehr unter die „Erinnerungstopoi“ (bzw. dt. „Erinnerungsfundplätze“, 2009: 125, 138 f.) fallen, also unter jene „kognitiven topischen Entitäten […], die eine mnemonische und sehr häufig argumentativ-persuasive (einschließlich symbolisch identifikationsheischende) Funktion erfüllen“ (ebd.: 138, sehr ähnlich ebd.: 125). Wenn im vorliegenden Beitrag ein anderer Weg gewählt und an dem Begriff Erinnerungsort festgehalten wird, dann u. a. deshalb, weil sich aus der von Reisigl (ebd.: 124 f.) kritisierten konzeptuellen Vermischung des erinnerten Objekts, des erinnerungstragenden Zeichens und der vom Zeichen hervorgerufenen Erinnerung in dem Begriff Erinnerungsort (als vermeintliches Negativbeispiel zitiert Reisigl ebd. François & Schulze, 2001: 17 f.) durchaus auch andere Schlüsse ziehen lassen. Statt auf eine Schwäche verweist Reisigls Kritik (die ja von nichts anderem handelt als vom klassischen semiotischen Dreieck) gerade auf eine Stärke der Kategorie Erinnerungsort, sofern man Erinnerungsorte nämlich konsequent semiotisch auffasst. Hierfür zu werben, ist der Zweck des Begriffs mnemonic signifier, der – interessanterweise von Historikern (Feindt et al., 2014a: 31) – als Alternative zu Erinnerungsort vorgeschlagen worden ist. Wenn zudem Erinnerungen „immer Bewusstseinsphänomene, […] kognitive Operationen“ sind (Reisigl, 2009: 122) und Erinnern „als prozessuale Etablierung eines kognitiven Erlebnisbereichs eigener Art zu verstehen (ist), der den kognitiven Bereich eben um die memorialen Prozesse erweitert“ (ebd.), dann scheint die Annahme materieller und immaterieller Erinnerungsorte à la Nora sinnvoller als Reisigls dualistische Trennung zwischen rein materiellen Erinnerungsorten und rein kognitiven Erinnerungstopoi – was immaterielle Erinnerungsorte selbstverständlich nicht daran hindert, im rhetorischen Kontext als argumentativ-persuasive, teils identifikationsheischende Topoi zu fungieren. Indem die Linguistik untersucht, aufgrund welcher semantischen Voraussetzungen lexikalische Erinnerungsorte als sprachliche Zeichen dies leisten, trägt sie dazu bei, das medientheoretische Defizit der lieux de mémoire-Tradition (P. Schmidt, 2004) zu beheben.

3.2 Linguistik: einzelsprachübergreifende Perspektiven Ganz anders als Reisigl geht Harnisch (2017) vor, indem er – Noras Unterscheidung zwischen materiellen und immateriellen Erinnerungsorten aufgreifend

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– unumwunden feststellt: „Immaterielle Erinnerungsorte sprachlicher Art können uns in einer großen Spannweite entgegentreten, etwa textuell, lexikalisch oder pragmatisch“ (ebd.: 49). Als Beispiele für „textuelle“ Erinnerungsorte im ostmitteleuropäischen Kontext nennt Harnisch Täter- und Opfernarrative wie etwa bezüglich des Münchener Abkommens von 1938 und der Vertreibung der Deutschen ab 1945 (ebd.). Terminologisch wäre es daher wohl treffender, von „narrativen“ Erinnerungsorten zu sprechen als von „textuellen“. Für das in der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung vorhandene Interesse an Narration und Narrativität (Reil, 2018: 43-45; Subotic & Steele, 2021) ist eine solche transtextuelle Verortung von Erinnerungsorten unmittelbar anschlussfähig. Harnischs Ansatz hat nach eigener Aussage (2017: 49, Fn. 1) eine Affinität zu Linke (2005), die vom „Gedächtnispotenzial“ von Sprache spricht und damit v. a. die Gebrauchskontexte indizierende, Generationen teils vereinende, teils trennende Funktion sprachlicher Formen meint (ebd.: 76–80); der Entwurf einer „kulturanalytischen Linguistik“ (Kämper, 2015) setzt diese Traditionslinie mit handlungstheoretischer Akzentuierung fort. Außerdem steht Harnischs Ansatz der sog. „kultursensitiven“ Linguistik nahe, die anhand von Leitbegriffen wie „sprachliches Weltbild“ (Bartmiński, 2012) bzw. „diskursives Weltbild“ (Czachur, 2011) die einzelsprachliche Verfasstheit und Manifestation des (individuellen wie sozialen) Gedächtnisses sowie dessen ständige Re-Konstitution im Kommunikationsprozess zu erfassen sucht. Der Unterschied zu Harnisch liegt vor allem in der Perspektive: Während sich Harnisch für den jeweils lexemspezifischen Wissensund Meinungsgehalt interessiert, geht es der kultursensitiven Linguistik um die Systematik des Wissens und Meinens, das sich im Zeichengebrauch manifestiert. Mit Teilen der kultursensitiven Linguistik (u. a. Czachur, 2011) hat Harnisch den einzelsprachübergreifenden Ansatz gemein, wobei ihn jedoch vor allem der Austausch von Lehnwörtern interessiert. Wechselseitige Entlehnungen wie dt. Kren (< tschech. křen) und tschech. švagr (< dt. Schwager) erinnern Harnisch zufolge an „den Sprach- und Kulturkontakt, in dem dieser Austausch möglich war, zumal wenn solche Wort-Herkünfte gewusst werden“ (2017: 49). Allerdings ist ein solches metasprachliches Expertenwissen kaum vergleichbar mit dem alltäglichen, historisch-enzyklopädischen Bedeutungswissen und ideologisch gefärbten ‚Meinen‘, auf das es Harnisch (wie auch der kultursensitiven Linguistik) ansonsten ankommt. Wichtiger als die Etymologie vollintegrierter Lehnwörter dürfte die Wahrnehmung un- oder nur teilintegrierter Entlehnungen in ihren nehmersprachlichen Verwendungskontexten sein, da hierbei der indexikalische Aspekt der Zeichenverwendung salient wird (siehe zur Indexikalität im Zusammenhang mit Sprache als „Erinnerungsmittel“ Feilke, 2014: 91 f.). Buchtitel sind dafür ein einschlägiges

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Beispiel. So ist etwa in einem englischsprachigen Titel wie Hans Frank: Lebensraum and the Holocaust (Housden, 2003) der historische Germanismus Lebensraum schon durch sein Auftreten in Nachbarschaft zu Holocaust als ein auf die NS-Zeit verweisender Erinnerungsort markiert – und zwar auch und gerade dann, wenn seine alltagssprachliche Bedeutung (etwa als Synonym von Biotop) dem englischsprachigen Leser unbekannt ist. Eine sprachvergleichende Gegenprobe hierzu liefern Fälle, wo ein historischer Germanismus nur in bestimmten Sprachen als Erinnerungsort fungiert wie etwa bei Kulturkampf, das diese Rolle z. B. im Polnischen hat, nicht aber im Englischen (Jaworska & Leuschner, 2018, Näheres unten in Abschn. 4.3).

3.3 Versuch einer Synthese Damit sind wir wieder bei der diskursiven Dimension angelangt, die es mit Blick auf Harnischs Ansatz hervorzuheben galt. Sie ermöglicht eine doppelte Anschlussfähigkeit: zum einen (bei allen Einwänden) zur rhetorischen Perspektive Reisigls, zum anderen zur Historischen Stereotypenforschung, wie sie vor allem von Hahn (u. a. 1995, 2008) vertreten wird. Hahn – der schon erwähnte Mitherausgeber der Deutsch-polnischen Erinnerungsorte – schließt aus der Kontextgebundenheit von Stereotypen nämlich, dass eine „historische Diskursanalyse“ die geeignetste Methode zur Erforschung von Stereotypen sei (2008: 242). Passend dazu hatte er zuvor (Hahn, 1995) bereits die beiden komplementären Grundfragen der Historischen Stereotypenforschung herausgearbeitet: nach dem historischen Gehalt von Stereotypen („Geschichte im Stereotyp“) und nach der realhistorischen Rückwirkung von Stereotypen („das Stereotyp in der Geschichte“). Wenn Orłowski (2013), wie erwähnt, die realhistorische Wirksamkeit historischer Stereotype ins Feld führt, um am Beispiel von polnische Wirtschaft deren Berücksichtigung in den Deutsch-polnischen Erinnerungsorten einzufordern, vertritt er implizit Hahns eigene Konzeption, die übrigens zeitgleich von Leuschner (2013) anhand von Drang nach Osten durchgespielt wurde. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht lassen sich die Gedankengänge dieser Autoren für die Frage nach dem „Eigensinn des Mediums Sprache“ (Jäger, 2005) in Hinblick auf Erinnerungsorte fruchtbar machen. Den letzten noch fehlenden Hinweis gibt der Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen, der mit Blick auf die diskursive Weitergabe von Erinnerung die Kategorie „narrative Abbreviatur“ einführt (1994: 11 f., auch zitiert bei Orłowski, 2004: 66 f.; von „Erinnerungsorten“ spricht Rüsen hier nicht, erst in Rüsen, 2013: 225 ist beiläufig von „Orten der

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Erinnerung“ die Rede). Narrative Abbreviaturen sind laut Rüsen „in Sprache eingelagerte Geschichten“, die dank der Anlagerung an das betreffende sprachliche Zeichen nicht mehr ausführlich erzählt zu werden brauchen. Vielmehr werden sie (um es linguistisch auszudrücken) als tatsächlicher oder vermeintlicher Teil des jeweiligen Common Ground prä-supponiert, d. h. im Diskurs „als schon erzählte [Geschichten] aufgerufen“, um der „schnellen Verständigung über historische Voraussetzungen, Hintergründe, Erklärungen und Implikationen einer Aussage“ zu dienen (Rüsen, 1994: 10 f.). Treffend und eingängig bezeichnet Rüsen narrative Abbreviaturen deshalb auch als „Ultrakurzgeschichten“ (ebd.: 11). Noch deutlicher als an Rüsens Beispielen Bismarck, Bastille und Auschwitz (ebd.: 10; zum „Erinnerungspotenzial“ von Bismarck, Einstein und Auschwitz auch Kämper, 2015: 176–178) lässt sich das Gemeinte an Lexemen verdeutlichen, deren semantischer Frame von vornherein temporal strukturiert ist. Prädestiniert hierfür sind deverbale Substantive wie Anschluss (< anschließen), Drang (< drängen) und -lösung (< lösen) in Endlösung, darüber hinaus aber auch z. B. -krieg, das mit Blitz- als Determinans einen Krieg von besonders kurzer Dauer und entsprechendem Überraschungseffekt bezeichnet, und auch -nacht in dem von Rüsen erwähnten Beispiel Reichskristallnacht (1994: 217; siehe hierzu auch Eitz & Stötzel, 2007: 523–531); selbst das Kompositum Lebensraum mit dem semantisch an sich nicht-temporal strukturierten Determinatum -raum kann in Nachbarschaft des Praxonyms Holocaust zur Abbreviatur für eine dynamische, brutale Eroberungen und Genozid rechtfertigende Ideologie werden (siehe oben zum Titel von Housden, 2003). Diskursanalytisch betrachtet schlägt die Kategorie narrative Abbreviatur somit die Brücke zwischen lexikalischer und (trans) textueller Semantik: Je nach Bedarf können historische Ereignisse im Diskurs ultra-kurz mittels Einzellexemen (à la Rüsen) oder explizit auf Textebene und darüber hinaus (à la Harnisch) narrativ erinnert werden – mit vielen Zwischenstufen, die uns hier nicht im Einzelnen zu beschäftigen brauchen. Für weiterführende Überlegungen anschlussfähig sind die Ansätze Harnischs, Hahns, Orłowskis und Leuschners auch insofern, als alle vier Autoren ähnliche Vorstellungen von der semantischen Gesamtstruktur lexikalischer Erinnerungsorte bzw. historischer Stereotype entwickeln. Schaff (1980: 109) folgend spricht Hahn davon, dass Stereotype an Begriffen „schmarotzen“, indem sie deren referenzielle Inhalte ideologisch-emotional aufladen wie etwa im Fall von Jude (Hahn, 2008: 241); sehr Ähnliches meint Harnisch, wenn er sagt, dass auf dem historischen Denotat lexikalischer Erinnerungsorte ein Konnotat ideologisch grundierten „Meinen(s)“ aufsetze (2017: 54). Als Beispiel verweist Harnisch (ebd.: 50, Fn. 2) auf Drang nach Osten, das Leuschner als „Index für ideologische Aufladung“ bezeichnet hatte (Leuschner, 2013: 285, vgl. Harnisch,

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2017: 50, Fn. 2), ferner auf Begriffspaare wie tschech. odsun und dt. Vertreibung (ebd.: 54 f.) sowie auf Toponymdubletten im deutsch-slawischen Kontaktbereich mit ihren potenziell konfliktträchtigen illokutionären und perlokutionären Verwendungsdimensionen (ebd.: 53), etwa wenn ostentativ dt. Eger für tschech. Cheb gebraucht wird (ebd.: 56). Nach allem oben Gesagten ist leicht zu erkennen, wie sich die genannten Ansätze zusammenführen lassen, nämlich indem als Konnotate historischer Germanismen – insoweit diese als lexikalische Erinnerungsorte fungieren, also nicht de-mnemonisiert sind (siehe hierzu v. a. Abschn. 4.3) – historische Stereotype angenommen werden. Dies liegt nicht zuletzt bei Drang nach Osten nahe, das ja auch schon von Hahn selbst (1995: 199 f., 2008: 247 f.) als historisches Stereotyp eingeordnet wird.

4 Historische Germanismen als Fallstudie 4.1 Konstruktionen, Frames, Diskurse Wenn wir uns im Folgenden der Funktionsweise entlehnter sprachlicher Ausdrücke mit einerseits narrativ-abbreviierendem, andererseits historisch-stereotypisierendem Gehalt aus linguistisch-empirischer Sicht zuwenden, weichen wir in einem linguistisch wichtigen Punkt von der Konzeption Harnischs ab, nämlich indem wir auf die (heuristisch gleichwohl hilfreiche) Unterscheidung zwischen Denotat und Konnotat verzichten. Stattdessen wählen wir einen von Konstruktionsgrammatik und Framesemantik geprägten, kognitiv fundierten Ansatz, der das in den betreffenden Ausdrücken sprachlich gebundene Wissen in den Mittelpunkt rückt und hier zunächst anhand von Drang nach Osten demonstriert werden soll. Drang nach Osten gehört zu jenen deutschen Ausdrücken, die in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa v. a. in der Sprache der Medien weithin geläufig sind (Oschlies, 2000). Er verbalisiert eine pessimistische Sicht der Beziehungen Deutschlands zu seinen östlichen Nachbarn, der zufolge die Deutschen im Laufe ihrer ganzen Geschichte seit dem Mittelalter (mit einem besonderen Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert) eine kollektivpsychologische Disposition gezeigt haben, ihren Einfluss und ihr Siedlungsgebiet ostwärts auszudehnen (Lemberg, 2003). Als Makroframe für die historische Rolle Deutschlands in Ostmitteleuropa (vgl. Orłowski, 2004: 148–156 zu polnische Wirtschaft als „Makrodefinition“ des Polenbilds in Deutschland) indiziert Drang nach Osten ein dauerhaftes historisches Verlaufsmuster mit Täter-Opfer-Dichotomie, das in der Erinnerung für die östlichen Nachbarn entsprechend identi-

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tätsstiftend und ggf. handlungsleitend wirken kann bzw. soll. Diese Konzeption kann an den lexikologischen Ansatz der klassischen Politolinguistik (Dieckmann, 1975) anknüpfen, dem zufolge Drang nach Osten ein typisches (in diesem Fall: phrasenförmiges) Stigmawort ist, das einem spezifischen Kollektiv eine negative Evaluation zuordnet. Im Sinne konstruktionsgrammatischet und framesemantischer Ansätze (u. a. Ziem, 2008) betont sie allerdings stärker das Zusammenspiel zwischen sprachlicher und kognitiver Stereotypisierung. Nach konstruktionsgrammatischer Auffassung bildet ein Syntagma genau dann eine Konstruktion, d. h. ein eigenständiges Form-Bedeutungs-Paar im jeweiligen einzelsprachlichen Konstruktikon, wenn es Eigenschaften hat, die aufgrund seiner Komponenten oder anderer, bereits etablierter Konstruktionen nicht strikt vorhersagbar sind (Ziem & Lasch, 2013: 9–17). Dies ist bei Drang nach Osten der Fall, vor allem dank Osten, das im Deutschen eine ersatzkoloniale „Ostmythik“ indiziert (Lemberg, 1985: 79). Damit erweist sich Drang nach Osten als eine typische Kollostruktion, d. h. als eine stereotypisierte Konfiguration von Kollexemen (Stefanowitsch, 2013), der aus framesemantischer Sicht eine im kollektiven Wissen der Sprachgemeinschaft verankerte Füllung seiner spezifischen Leerstellen („slots“) entspricht. Diese erlaubt es Drang nach Osten, als Erinnerungstopos im Sinne Reisigls zu fungieren, ohne die Besetzung der Experiencer-/Agensstelle explizieren zu müssen. Tatsächlich bleibt die Besetzung gewöhnlich implizit, es sei denn, es erfolgt kontextbezogen eine explizite Attribuierung mittels deutsche oder der Deutschen (Leuschner, 2013: 282). Der zweite Traditionsstrang, der in letzter Zeit in die Erforschung historischer Germanismen Einzug gehalten hat und deren Funktion als Erinnerungsorte erhellt, ist die Diskursanalyse. Bedeutsam ist in dieser Hinsicht u. a. die altbekannte Tatsache, dass Drang nach Osten überwiegend in nicht-deutschsprachigen Quellen verwendet wird. Meyer (1996: 110) schätzt ein Verhältnis von 1:10 für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg; eine Vergleichsschätzung von Leuschner und Schröter (2015: 170) aufgrund gegenwartssprachlicher Referenzkorpora ergab ein ähnliches Zahlenverhältnis für die Zeit nach 1990. Dies ist umso bemerkenswerter, als im Deutschen zahlreiche Abwandlungen des Ausdrucks Drang nach Osten vorkommen, die die stereotypisierte Kollexem- und Framekonfiguration Drang nach Osten als Kontrastfolie für Rekonfigurationen wie „Drang der Deutschen nach Süden/nach Einheit/nach Erkenntnis“, „Drang der Deutschen in die Fremde“, „Drang der Deutschen, sich und andere unaufhörlich zu erziehen“, „Drang der deutschen Unternehmen, im Ausland zu investieren“ usw. nutzen (Leuschner, 2013: 282). Regelmäßig ist zudem von einem „russischen Drang nach Westen“ und dergleichen die Rede (ebd.: 283). In qualitativer Hinsicht lässt sich dank der diskursanalytischen Perspektive u. a. die diskursive Aneignung (engl. „discursive appropriation“) des historischen

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Schlagworts Drang nach Osten mittels Transposition in neue zeithistorische Diskurskontexte ab 1990 verfolgen (Leuschner & Schröter, 2015: 165–172; zu Schröter & Leuschner, 2013 siehe weiter unten). So wurde im Vorfeld des EU-Beitritts Polens und anderer Staaten 2004 die EU-Osterweiterung oft als eine Fortsetzung des deutschen Drangs nach Osten mit anderen Mitteln darstellt; auch multinationale Firmen wurden und werden in journalistischen Texten gelegentlich als Agens eines erneuerten Drangs nach Osten identifiziert. In solchen Fällen dient der Drang nach Osten als Erinnerungstopos dazu, eine Gegenwartssituation im doppelten Sinne zu ‚framen‘ und durch Anschluss an das präsupponierte historische Stereotyp negativ zu evaluieren (Leuschner & Schröter, 2015: 170–172). Dabei machen sich allerdings auch Abnutzungseffekte bemerkbar, die dazu führen, dass sich die negative Evaluation mit zunehmender Entfernung von der ursprünglichen Konfiguration immer mehr verliert (ebd.: 172). Ein wichtiger Indikator solcher De- und Rekontextualisierungen sind die typischen Kollokationsmuster von Drang nach Osten, nicht zuletzt aus sprachvergleichender Sicht. So wird Drang nach Osten im polnischen Korpus oft gemeinsam mit anderen, ebenfalls deutschsprachigen Schlagwörtern wie etwa Lebensraum verwendet, und zwar fast immer existenzpräsupponierend und ohne Distanzierungssignale (Leuschner & Schröter, 2015: 168). In den deutschsprachigen Daten finden sich gelegentlich Parallelen, etwa wenn Drang nach Osten (irrtümlich) als Nazi-Jargon behandelt wird. Selbst dann schreiben deutschsprachige Autoren den Drang nach Osten gewöhnlich aber nicht den Deutschen insgesamt zu, sondern den Nationalsozialisten oder einzelnen Individuen; Kollokationen wie „unser Drang nach Osten“ fehlen völlig, während Kollokationen wie „Niemcy z ich Drang nach Osten“ (,die Deutschen mit ihrem Drang nach Osten‘) in den polnischen Daten gang und gäbe sind (ebd.: 171).

4.2 Methodologie Zu den wichtigsten Bindegliedern im angestrebten Zusammenwirken von Kontaktlinguistik und Erinnerungsforschung gehört es, dass Entlehnungen nicht primär als Teile des Lexikons betrachtet werden (so z. B. noch Pfeffer & Cannon, 1994; Stanforth, 1996), sondern als Teile von Diskursen. Ihre graduelle, von Fall zu Fall unterschiedliche Integration in nehmersprachliche Diskurse war Gegenstand einer Pionierstudie, mit der Schröter und Leuschner (2013) mit Blick auf das Englische – noch ohne Bezug zu Themen wie Erinnerung und Erinnerungsorte – vier historische Germanismen untersuchten, und zwar neben der älteren Entlehnung Drang nach Osten auch noch die mit der NS-Zeit assoziierten Germanismen Anschluss, Blitzkrieg und Endlösung.

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Im Rahmen dieses Ansatzes entwickelten Schröter und Leuschner eine Skala diskursiver Appropriierungsgrade, die anhand korpuslinguistisch bestimmter Gebrauchskontexte definiert werden. Dabei unterscheiden Schröter und Leuschner (2013: 155) vier entsprechende Verwendungsweisen: die historische, die aktualisierende, die erweiternde und die transponierende. Grundlegend für die historische Verwendungsweise ist die mnemonische Funktion des jeweiligen Germanismus als Index für das betreffende historische Phänomen im Rahmen der deutschen Geschichte. Der aktualisierende, der erweiternde und der transponierende Gebrauch stehen dann für die progressive De- und Rekontextualisierung des Germanismus in weiter abliegende Diskurse, wobei auch zunehmend dessen mnemonische Funktion als Erinnerungsort in den Hintergrund geraten kann (aber nicht muss). Klassische Indikatoren einer anfänglich geringen systemischen Integration wie das Beibehalten der Initialmajuskel und die Hinzufügung einer nehmersprachlichen Übersetzung in Klammern und/oder von Anführungsstrichen werden ins Gesamtbild einbezogen. Als Quellen verwendeten Schröter und Leuschner (2013) eine Reihe überregionale Zeitungen Großbritanniens, die in der Datenbank LexisNexis zugänglich sind; je vier Qualitäts- und Boulevardzeitungen samt ihren Sonntagsausgaben wurden ausgewählt und auf das Vorkommen der vier Germanismen untersucht. Die zur Verfügung stehenden Zeitabschnitte variierten dabei von durchschnittlich ca. 22 Jahren bei Qualitätszeitungen (z. B. The Times ab, 1985) bis zu ca. 15 Jahren bei Boulevardzeitungen (z. B. The Daily Mail ab, 1992). Insgesamt wurden so 2316 Artikel, in denen Blitzkrieg vorkam, gefunden und heruntergeladen (gut 2 Mio. laufende Wörter), 955 Artikel mit Anschluss (gut 1 Mio. laufende Wörter), 34 Artikel mit Drang nach Osten und 22 Artikel mit Endlösung. Dabei wurde jeweils auf Einschluss von Groß- und Kleinschreibung, von und sowie von Umlauten und ihren Auflösungen ( in Endloesung) geachtet. Wie sich zeigt, sind historische Germanismen in Qualitätszeitungen weit geläufiger als in Boulevardblättern, wo es aus inhaltlichen und stilistischen Gründen weniger Gelegenheit gibt, eine solche Lexik zu verwenden (Schröter & Leuschner, 2013: 160). Allerdings gibt es auch hier Divergenzen: So kommt Blitzkrieg selbst in Boulevardzeitungen relativ häufig vor, während die Vorkommenszahlen von Drang nach Osten und Endlösung wesentlich geringer waren; diese beiden Germanismen konnten Schröter und Leuschner daher nur qualitativ, nicht quantitativ analysieren (ebd.: 159–162). Im Falle von Blitzkrieg und Anschluss wurden die heruntergeladenen Texte mit dem Korpusanalysetool Sketchengine auf Kollokationsmuster im Zusammenhang mit Anschluss bzw. Blitzkrieg durchsucht. Dabei wurden Kookkurrenzen bis zur 5. Position links

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und rechts des Suchworts berücksichtigt und die Kollokationsstärken mittels log likelihood berechnet, sodass Kollokatoren ausschieden, die auch anderswo im Korpus oft vorkommen wie etwa der Artikel the.

4.3 Von diskursiver Aneignung zu De-Mnemonisierung Die Einzelanalyse weist Endlösung als den am wenigsten appropriierten der vier Germanismen aus (Schröter & Leuschner, 2013: 162 f.). Endlösung wird ausschließlich historisch und nur in spezifischen, auf die Vergangenheit referierenden Genres verwendet, nämlich in Buchbesprechungen, Nachrufen, Essays über historische Ereignisse oder Persönlichkeiten usw. Dabei sind 20 der 22 Treffer mit der Übersetzung „final solution“ versehen und sind auch klare Belege für die Rekontextualisierung von final solution überliefert, etwa wenn der damalige britische Außenminister Robin Cook 1999 das Vorgehen Serbiens gegen Albaner im Kosovo als „Milosevic‘s final solution“ umschrieb. Offenbar haben britische Journalisten größeren Respekt vor Endlösung als vor final solution, was dessen Potenzial als Topos historischer Vergleiche angeht, und sollte Schröter und Leuschners semasiologischer Ansatz folglich durch eine onomasiologische Perspektive ergänzt werden, um ein vollständigeres Bild zu erzielen. Etwas häufiger als Endlösung wird mit 34 Treffern Drang nach Osten verwendet. Drang nach Osten wird von englischsprachigen Journalisten offenbar auch für deutlich bekannter gehalten, denn nur vier Treffer sind mit einer Übersetzung versehen (,push/drive/expansion to the East‘). Obwohl Drang nach Osten nie zum Nazi-Jargon gehörte, wird es im Englischen (wie auch im Deutschen, Schröter & Leuschner, 2013: 163 f.) gern mit der Nazi-Zeit in Verbindung gebracht. Daneben gibt es aber auch aktualisierende und erweiternde Gebrauchsweisen, unter denen die aktualisierende Verwendung im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung in Großbritannien mit acht Belegen (alle zwischen 1989 und 1994 datiert) hervorsticht; in diesen Fällen dienen Attribute wie new/ next/reproduced/updating/renewing als lexikalische Indikatoren. Erweiternde Verwendungsweisen beziehen den Drang auf andere Staaten oder Instanzen (USA, EU, die European Bank for Reconstruction and Development) und sogar auf die englische Sprache (ebd.: 164). Weit häufiger als die vorigen beiden Germanismen wird Anschluss verwendet, und zwar überwiegend historisch, wie Kollokatoren wie 1938 (205), Austria (171), Nazi (57), Nazis (23), Germany (73), Hitler (73) usw. zeigen (ebd.: 165 f.). Gelegentlich finden sich in der britischen Presse um 1990 Wiedergaben und Echos der innerdeutschen Debatte um den Charakter der Wiedervereinigung

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(zu dieser Eitz & Stötzel, 2007: 18–23), etwa wenn über die Bezeichnungskonkurrenz zwischen Beitritt und Anschluss berichtet wird. In diesen Fällen liegt Aktualisierung vor; in anderen Fällen kommt es zur Erweiterung mit weiterhin mnemonischer Funktion, etwa wenn die britische Übergabe Hongkongs an China als „Anschluss“ bezeichnet wird. Transpositionen in andere Diskurse sind seltene Einzelfälle ohne erkennbares Muster. Der frequenteste und bei weitem am stärksten appropriierte der vier historischen Germanismen ist Blitzkrieg (Schröter & Leuschner, 2013: 166–168). Auf graphemische Integration deutet die mehrheitliche Schreibung mit statt hin. Dennoch wird auch Blitzkrieg überwiegend in historischen Diskurskontexten verwendet; typische Kollokatoren sind deshalb German (141 Treffer), 1940 (90 Treffer), France (64 Treffer) usw. Erweiternde Gebrauchsweisen gibt es bei Blitzkrieg erwartbarerweise mit Bezug auf neuere Kriege, u. a. bezüglich der Balkankriege der 1990er Jahre (mit Kollokatoren wie Croatian, Croatia, Bosnia, Serbs), vor allem aber wiederum hinsichtlich der Golfkriege der 1990er Jahre (mit Kollokatoren wie Gulf, Iraq, Saddam usw.). Wie stets ist eine Nachkontrolle der Belege notwendig, etwa bei einem Beleg wie „ruthlessness of a Nazi blitzkrieg“, in dem der Kollokator Nazi keineswegs einen direkten Bezug auf den Zweiten Weltkrieg indiziert, sondern vielmehr eine Charakterisierung der Besetzung Kuweits durch Saddam Hussein. Interessanterweise wird auch die US-geführte Gegeninvasion gern als „blitzkrieg“ bezeichnet, ohne dass damit eine Abwertung verbunden wäre. Ganz offensichtlich genügen strukturelle Analogien mit neueren Ereignissen, um den Agens-Slot im Frame von Blitzkrieg umzubesetzen und die vom ursprünglichen Agens evozierte Evaluation in den Hintergrund zu drängen. Damit tritt auch die mnemonische Funktion des Topos Blitzkrieg zu-nehmend in den Hintergrund, sodass von einer De-Mnemonisierung von Blitzkrieg gesprochen werden kann. Weiter reicht die Umbesetzung der Leerstellen des Frames bei jenen Gebrauchsweisen, die durch die Transposition von Blitzkrieg in (vor allem) folgende drei Diskursdomänen bedingt sind: Innenpolitik („the Blair blitzkrieg“), Werbung („a publicity/advertising/marketing/promotional blitzkrieg“) und Sport („a 33-minute blitzkrieg of aces“, „blitzkrieg basketball“). Der frequenteste relevante Kollokator bleibt zwar German, das 141 der insgesamt 2316 Verwendungen von Blitzkrieg begleitet. Bei den Kollokatoren Germans und Germany beziehen sich jedoch nur 25 der insgesamt 44 Vorkommen auf den Zweiten Weltkrieg. Die übrigen 19 sind disparat, enthalten aber immerhin siebenmal einen Bezug zum Fußball. Angesichts der deutsch-englischen Fußballrivalität mit ihren Reminiszenzen an den Zweiten Weltkrieg wird hier besonders deutlich, dass die De-Mnemonisierung von Blitzkrieg nur eine relative ist.

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Entsprechendes zeigt sich auch bei Kulturkampf, in diesem Fall jedoch besonders klar im interlingualen Vergleich. Wie Jaworska und Leuschner (2018: 131–133, 137 f.) in einer separaten Studie nachwiesen, bildet Kulturkampf als deutschsprachige Entlehnung im Polnischen weiterhin eine wichtige Reminiszenz an jene (letztlich gescheiterten) Anstrengungen Bismarcks im Bunde mit den Liberalen zur Domestizierung der katholischen Kirche und der katholischen polnischen Minderheit in Preußen/Deutschland ab den frühen 1870er Jahren, als deren zunächst positiv besetzte Bezeichnung Kulturkampf 1873 in den öffentlichen Diskurs eingeführt wurde (Molik & Scholz, 2015); bei Kulturkampf im Englischen spielt dagegen weder der identitätsstiftende noch der evaluative Aspekt eine Rolle (Jaworska & Leuschner, 2018: 132–134). Zwar sorgt die Komponente -kampf weiterhin für die temporal strukturierte Semantik, im Gebrauch entwickelt sich Kulturkampf im Englischen (wie übrigens auch im Deutschen) inzwischen jedoch zu einem Topos zur Charakterisierung innergesellschaftlicher Deutungskämpfe (ebd.: 134, 140), dem dann keine praxonymische oder mnemonische Funktion mehr anhaftet. Insofern ist bei Kulturkampf nicht nur von einer De-Mnemonisierung, sondern auch von einer damit eng verbundenen De-Onymisierung zu sprechen.

5 Ausblick Am Beispiel historischer Germanismen demonstriert die soeben vorgeführte Methodologie das angestrebte Zusammenspiel von (Lehnwort-)Lexikologie, historischer Erinnerungsforschung, historischer Stereotypenforschung und Diskursanalyse in der angestrebten „Linguistik der Erinnerung“. Anknüpfend an Harnisch (2017) gingen wir davon aus, dass Lehnwortschatz ein „wichtiger lexikalischer Erinnerungsort“ ist (ebd.: 49). Als Beispielmaterial wählten wir jedoch Praxonyme wie Anschluss, Endlösung und Kulturkampf sowie Appellative wie Blitzkrieg und Drang nach Osten, da sich mit deren Hilfe eine theoretische und empirische Lücke füllen lässt, die sich im Ansatz Harnischs (2017) zwischen Appellativa ohne historische Referenz wie Kren und švagr und Toponymen wie Cheb/Eger auftut. Anstelle des metasprachlichen Expertenwissens, das notwendig ist, um vollintegrierte Entlehnungen wie Kren und švagr überhaupt als Entlehnungen zu identifizieren, genügen bei historischen Germanismen im Allgemeinen einfache Kontextualisierungssignale, um – im Zusammenspiel mit Laienwissen – den indexikalischen Aspekt der sprachlichen Zeichenverwendung salient zu machen. Solche Signale können vom Textthema, von Kollokaten oder von der gebersprachlichen Graphemik ausgehen, etwa wenn im laufenden nehmersprachlichen Text

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ein Wort mit Initialmajuskel, Umlautgraphem, oder dergleichen (eventuell in Kursivsatz oder mit nehmersprachlicher Übersetzung) auftaucht. Mit Blick auf die potenzielle Transnationalität des Sprachkontakts lassen sich historische Germanismen in den europäischen Nachbarsprachen des Deutschen zusammenfassend als translinguale Erinnerungsorte bestimmen, die der transnational verflochtenen europäischen Erinnerung (u. a. Aust 2009; Feindt et al., 2014a, 2014b) einen geteilten Makroframe bezüglich des Nationalsozialismus/Faschismus, des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust bereitstellen (vgl. hierzu auch Riel 2018: 45, die von „kulturell erlernte[n] Erzähl- und Deutungsmodelle[n]“ spricht, ohne den Framebegriff zu erwähnen). Die Erinnerungen sind dabei im doppelten Sinne „geteilt“, da die „Europäisierung des ‚negativen Gedächtnisses‘“ bezüglich dieser historischen Themen zwar weit fortgeschritten ist, aber nie vollständig gelingen wird (Bauerkämper, 2012: 392–401; ferner u. a. Assmann, 2006: 250–271 u.ö.; Leggewie, 2011). Indem er die ständige, mehr oder weniger beiläufige, teils konvergente, teils divergente Perpetuierung des Erinnerns in unterschiedlichen Nehmersprachen am Beispiel historischer Germanismen dokumentiert, stellt der hier vorgeführte Ansatz zugleich eine induktive, performativ orientierte Form der empirischen Operationalisierung theoretischer Konstrukte bereit, wie sie die nicht-normative, sozialkonstruktivistisch geprägte „dritte Welle“ der Erinnerungsforschung seit einigen Jahren anstrebt (Feindt et al., 2014a: 27, 43 f.). Die Ergebnisse legen nahe, dass historische Germanismen mit ihren divergierenden Verwendungsmustern – bis hin zur De-Mnemonisierung, ggf. auch De-Onymisierung – am jeweiligen sprachlichen „Common Sense“ der betroffenen Sprechergemeinschaften im Sinne von Feilke (1994) teilhaben und deren teils kon-, teils divergente „diskursive Weltbilder“ (Czachur, 2011) konstituieren helfen.

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Open Access Dieses Kapitel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Kapitel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.

Are We Brothers? Pseudo-peaceful Discourse in Russian Media Manipulation Liudmyla Pidkuimukha This chapter is aimed at highlighting the analysis of pseudo-peaceful Russian propaganda relating to the hybrid Russian-Ukrainian war in Donbas. The data included into this research was taken from the program We Need to Talk! (Rus.: “Nado pohovorit!”) broadcasted on the television channel Russia-1 in 2019. This program was chosen due to the way it represents what was called “friendly” and “peaceful” discourse, as portrayed in the Russian media. The analysis is informed by Critical Discourse Analysis (CDA), involving the analysis of text, discourse and sociocultural practice. This chapter’s primary subject of investigation is the vocabulary that characterizes family relationships, emotional states and feelings. It also clarifies the functions and roles of this lexicon in the construction of pseudo-peaceful discourse. Moreover, it analyzes historical myths (such as “Rus” stands for Russia; Ukrainians and Russians are “one nation”) and nostalgic motives of the Soviet Union, which have been used as an element of Russian This article is a revised version of the previously published work in Ukrainian: Pidkuimukha, Liudmyla (2021): My ž odyn narod, abo do pytannja “myrnoji” propahandy v rosijs’komu mediaprostori [We are One Nation: to the Question of “Peaceful” Propaganda in the Russian Media Space]. In: XI. Internationale virtuelle Konferenz der Ukrainistik “Dialog der Sprachen Dialog der Kulturen. Die Ukraine aus globaler Sicht.” Bd. 2020. Herausgegeben von Olena Novikova und Ulrich Schweier. Verlag readbox unipress Open Access LMU, München, 2021. pp. 139–148. L. Pidkuimukha (*)  Fachbereich 05—Sprache, Literatur, Kultur, Institut für Slavistik, Justus Liebig Universität Gießen, Giessen, Germany E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_8

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propaganda. The analysis shows that, in addition to hate speech, techniques of pseudo-peaceful propaganda have been utilized in the modern Russian media space in order to make Kremlin policy highly effective.

1 Introduction The media plays a huge role in influencing political processes in modern society. It helps shape a global narrative on economic, political, and social issues. Researchers have recognized the importance of media in all affairs of war, especially after recent wars and conflicts, such as the Syrian War (2011–ongoing) (Greenwood & Jenkins, 2015), the Iraq War (2003–2011) (Griffin, 2004; Fahmy & Kim, 2008), and the Russian-Georgian War (2008) (Tsauro, 2016). According to Cottle (2006), contemporary conflicts are fought not only on battlefields; they are spectacles played out in the realm of the public sphere and represented by the media. McQuail (2006) underlined the importance of media in environments of war. This influence could be explained by the increase of power and globalization of media institutions, the idea of reporters’ access to war, and the perception that war requires effective public communication. Müür et al. (2016: 29) wrote that “the process of mediatization of war has several effects – on one hand, media can be considered an important player in depicting war, but, at the same time, fighting a war means deploying media as an informational and psychological weapon.” In the 2014 conflict in Eastern Ukraine and Crimea, Russian propaganda information operations were employed at all levels, from the political level (against the state of Ukraine, state structures, and politicians) to the military level. The manipulation of history has become one of the instruments used in Russia’s intervention in Ukraine, also serving as a pretext for the full-scale war. After the Russian Security Council meeting on February 21, President Putin described his version of Ukraine’s history in his address to the Russians. According to his words, Ukraine was allegedly created by Lenin, who gave it “too much autonomy” in the new Soviet state. By stating that Ukraine had never existed before, Putin declared that it was purely Russian territory (Vneplannovoje zasedanije). Many of the most recent research efforts focused on various topics relating to Russian politics, hybrid warfare in Ukraine, or Russian information warfare against the Ukrainian state in general (e.g., Berzinš, 2014; Darczewska, 2014; De Silva, 2015; Galeotti, 2014; Howard & Pukhkov, 2014; Pikulicka-Wilczewska & Sakwa, 2015; Winnerstig, 2014).

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Moreover, propaganda gains its actuality with the aggravation of crisis and military conflicts in the Eastern region of Ukraine (Pocheptsov, 2016). Manipulative techniques are analyzed as an important element in the information war (Malyk, 2015), and the audience impact is highlighted (Eljaševs’ka, 2015). The Russian media uses its own methods of propaganda (Kuznecova et al., 2018; Ivanyc’ka & Husjeva, 2018) which make its policy very effective. In the current hybrid war, the Russian media is used as an information and psychological weapon that deliberately uses psychological techniques to subdue the psyche and consciousness of recipients (Informacionnaja vojna, 2011). Mass media in the Russian Federation has spread the same myths and stereotypical interpretations of events. These include: Imposing the blame or responsibility for all conflicts on Kyiv (Kyiv did not hear Donbas; Maidan is the cause of the war in Donbas, etc.); Forming a perception of the war organized by Russia in eastern Ukraine as a protest movement of the masses (war against their own people, civil war); Legitimizing “LPR” and “DNR” (Kuznecova, 2018: 65). Additionally, concepts of hate speech (Isakova, 2016; Žabotinskaja, 2015) and hybrid war (Javors’ka, 2016) have been investigated in a number of studies. Some studies have also investigated peaceful discourse. For instance, Gorsevski (2004) explore how conflicts can be understood, prevented, managed, or reduced by employing peace-minded rhetorical means. According to Gorsevski (2014), nonviolence generally refers to respecting one’s adversary and social and cultural equality. In my research, I use the word combination pseudo-peaceful discourse since so-called peaceful narratives were aimed at inciting hostility. There was no question of equality of sides because Russia had been proclaimed as a stronger and better “elder brother”. Moreover, pseudo-peaceful propaganda is rarely chosen as a subject of research to determine the relevance of my study. Javors’ka (2015: 368) points out that “the direct application of ‘concepts of peace’ can generate an additional layer of conflicting meanings.” Fairclough (2006) states that media discourse should be regarded as having complex and contradictory ideological constructions. He highlights three different levels of analysis. The first covers the linguistic analysis of text; the second level studies discursive practices, and the third includes sociocultural phenomena and social practice. In this study, I will focus on sociocultural analysis along with selective intertextual analysis, providing me with data to explore my research objectives, which are: 1. To identify the main aspects of the propaganda discourse in hybrid warfare conditions;

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2. To examine the means of pseudo-peaceful Russian propaganda; and 3. To analyze the role of ideology and myths in Russian propaganda.

2 Theoretical Approach In this chapter, a qualitative approach is used to analyze propaganda and myths in Russian media. The analysis is coupled with critical discourse analysis tools, such as CDA, and considers how discourse is constructed by ideologies and power and how discourse affects social identities and systems of belief. Kellner (2003) points out that film, television, radio, and other types of media culture are capable of constructing one’s self-perception and perception of selfhood, nationality, identity, sexuality, ethnicity and race, class, status, sense of “us” and “them” etc. Van Dijk (1995; 9), in turn, examines the role of the media in the “broader framework of the social, cultural, political, or economic power structures of society.” Since the media provides the crucial sources required to categorize “us” and “them”, it often propagates/repropagates the ideologies of the dominant groups in society through exclusion, stereotyping or discrimination (Baig et al., 2020a: 415). Moreover, discursive strategies are “the forms of discursive manipulation of reality by social actors, including journalists” (Carvalho, 2000: 23). CDA is a research enterprise that critically analyses the relationship between language and society. In the present study, I have collected discourse samples (text in context) and classified them using the sociocognitive approach in critical discourse studies that allows for an understanding of us vs. them social constructions (van Dijk, 2009). Discourse is thereby a means of being and doing. The way this specific practice can be understood and interpreted demonstrates a further three analytical elements of study: production, form and reception. The structure and relationship of these three and their interplay through political and cultural concerns develop a myriad of social effects of discourse (Fairclough, 2003: 11). Additionally, CDA has determined that there are relationships between language, power, and ideology, as well as between how the world is represented in texts and how people think about it (Baig et al., 2020b: 70). According to Wodak (1996), discourse is always embedded in a specific context and meaningful only when interpreted within its situational, cultural, ideological, and historical context. Furthermore, “discourse is socially constitutive as well as socially conditioned – it constitutes situations, objects of knowledge, and the social identities of and relationships between people and groups of people” (Fairclough & Wodak, 1997: 260).

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Based on this reasoning, CDA allocates the analysis of context to a central place and enables one to “systematically explore often opaque relationships of causality and determination between a) discursive practices, events and texts, and b) wider social and cultural structures, relations and processes; to investigate how these types of practices, events and texts arise out of and are ideologically shaped by relations of power and struggles over power” (Fairclough, 1995a: 132). Van Dijk (1998: 8) determines ideology as “the basis of the social representations shared by members of a group. This means that ideologies allow people, as group members, to organize the multitude of social beliefs about what is the case, good or bad, right or wrong, for them, and to act accordingly.” However, Caravalho (2000: 26) analyses ideology together with a political dimension and defines it as “the groundwork for the most fundamental political standings—how should society be organized, what is the role of the state, what kind of government is desirable.” In this study, I will use van Dijk’s (2006) approach to describe manipulation because most manipulation occurs through text and speech. I will analyze how manipulation appeals to people’s feelings and emotions. Van Dijk understands manipulation as “a form of social power abuse, cognitive mind control and discursive interaction” (Dijk, 2006: 359). The author also stresses that manipulation involves the use of emotional appeals and adducing seemingly irrefutable proofs of one’s beliefs and reasons (Dijk, 2006: 380). In my research, CDA provides an understanding of the exercise of power through discourse. Furthermore, I will investigate how historical myths and fake information are used as a means of manipulative discourse since, rather than providing information to the audience, the media try to manipulate people’s opinions by means of discourse (Smirnova, 2013: 482).

3 Literary Review For a clear understanding of the present topic, I will discuss various studies that have analyzed the influence of Russian propaganda in the media, since “mass media create a peculiar social context for communicating ideas and opinions on alien cultures” (Smirnova, 2013: 481). Because of its subtle, covert, and unassuming nature, propaganda functions as a method of social control by using tools of persuasion, manipulation, and “hidden” or undefined source[s] (Henderson, 1943). Governments also use propaganda to encourage [or coerce] citizens to act and think in accordance with their philosophy and to uphold and support the contrived image of themself as well as the nation they seek to

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portray (Koppang, 2009). Unifying and isolating words such as “us” and “them” and visuals, slogans, and symbols are all utilized to hastily attract support to its message without critical thought or reflection on its meaning (Koppang, 2009). Today’s political propaganda can be seen as “lies [that] take many forms, from rewriting the history taught in schools, to preventing the media from reporting on policy failures to relatively innocuous spinning of the economy’s performance in press conferences” (Little, 2016: 224). Propaganda is a successful means of discourse due to the simplicity of its messages (slogans), targeting all groups of the population and appealing to people’s emotions. These methods have been actively used during military conflict since “the history of the late war (World War I – L.P.) showing that modern war must be fought on three fronts: the military front, the economic front, and the propaganda front” (Lasswell, 1927: 214–215). Therefore, military propaganda has existed for a great deal of time. However, now its application methods are shifting: “special units are formed to analyze problems related to the transmission of information before and after combat operations and subsequent victory” (Kavjerina, 2015: 99). The discourse of the war in Donbas unfolds on three levels: local, interstate, and global (Javors’ka, 2015: 370). Until February 24, 2022, the Kremlin had been proclaiming that the Russian Federation was not taking part in the war in Donbas, which gives me reason to identify this military conflict as hybrid warfare. According to Hoffman (2007: 14), hybrid warfare is characterized by blurred modes of war and a blurring of who is fighting and what technologies are brought to bear. It is important to note that “Hybrid Wars incorporate a range of different modes of warfare, including conventional capabilities, irregular tactics and formations, terrorist acts including indiscriminate violence and coercion, and criminal disorder” (Hoffman, 2007: 14). Before Russia’s full-scale invasion of Ukraine, the phenomenon of hybrid warfare had two main modes of existence—material (physical) and discursive. In the material (military) dimension, the RussianUkrainian conflict was localized in the eastern part of Ukraine. However, the discourse on hybrid warfare has become global (Javors’ka, 2016: 47). According to Javors’ka (2015: 366), the specificity of the Russian information war lies in the intensity and breadth of the audience of information influences, the systematic and comprehensive use of the media and of new media, and in creating a new discourse of war and hate. Berzinš (2014: 5) characterizes Russia’s strategy as psychological and informational military action. Whereas previous strategies were based on logical or material components, the Kremlin has now swapped the battlefield for the consciousness of the masses.

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The success of Russian propaganda can be explained by the incredible volume and large number of channels, for instance, the Internet, social media, satellite television, as well as traditional radio and television broadcasting. NechayevaYurichuk (2018) distinguishes three levels of the Russian information warfare against Ukraine. The first level aims to “inform the publicity” about the “crimes” of Ukrainian authorities in order to depict Ukraine as an inhumane state and the war in Donbas as a civil war. Moreover, the “discrimination of the Ukrainian ruling elite and their identification as the Nazis was one of the most favorite tricks used by Russian propaganda” (Hurak, 2017: 32). The second direction is characterized by information invasion through social networks and media. At the third level, financial support is provided for European left- and rightwing parties and groups. Moreover, Russian propaganda is generating “very strong emotions, aggression, and a dramatic departure from reality” (Goşu & Mane, 2015). This is based on the transmission of information and applies two arguments, both of which are false and mutually exclusive: “Russia must invade Ukraine, because it is a repressive country”; “Russia should intervene in Ukraine because it does not exist as a state nation” (Wasiuta, O. & Wasiuta, 2016). During Putin’s terms as president, the Kremlin’s propaganda became “more influential, producing strongly negative attitudes to Ukrainian national identity defined outside the Russkii Mir, democratic revolutions, and NATO and EU enlargement” (Kuzio, 2015: 112–113). As a means of misinformation and manipulation of the masses, the Russian media use the following techniques: distorting truths and stating them as facts, playing with people’s emotions and feelings, spreading rumors, imposing labels and stereotypes, and turning to authoritative sources (Ivanyc’ka & Husjeva, 2018: 56). Russian information warfare is successful because it is based on certain sociotechnical principles, such as: • The principle of massive and long-lasting impact (stereotypes about “bloodthirsty banderivtsi”); • The principle of desired information (Russians and Russian-speaking people believe that their rights should be protected); • The principle of emotional agitation (bringing the recipients of the message to a condition in which they will act without much thought, even irrationally); • The clarity principle (the message is simplified, uses black-and-white terms, and is full of loaded keywords, such as Russophobe); • The principle of supposed obviousness (causing the propaganda thesis to be associated with created political and historical myths) (Darczewska, 2014: 25).

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Researchers also ascribe the effectiveness of Russian propaganda to a number of reasons. Firstly, Russian media is efficient and has been covering the Donbas area, while Ukraine has had a low level of technical support for occupied territories. Moreover, the Kremlin had been actively spreading its theses, myths and stereotypes while the Janukovych1 government remained pro-Russian (Kavjerina, 2015: 98). Apart from this, the Russian media forms several negative stereotypes about Ukraine. Having analyzed the leading Russian media channels (RTR, ORT, NTV) for the period 2013–2014, Eljaševs’ka (2015: 165–166) distinguishes the following stereotypes: • • • • •

Ukraine is a part of Russia, and it cannot exist without Russian language. There is no Ukrainian language. Euromaidan is a manifestation of aggression against Russia. Ukrainian culture does not exist. Crimea is a part of Russia.

Having analyzed propaganda discourse and its influence on the conceptual picture of the world, Smola (2015: 44) argues that “in the Ukrainian-Russian conflict it is a correction of the value orientations and political interests of the objects of influence.” According to Kremlin propaganda Ukraine is not capable of ensuring an independent future and separate development since Ukrainians and Russians are like brothers (or siblings) and share a history (period of the “Kyivan Rus”); they belong to the same ethnic (Eastern Slavic) as well as linguistic (Slavic) groups; both are linked to the Christian Orthodox religion. As Kissinger points out, “to Russia, Ukraine can never be just a foreign country” (Kissinger, 2014).

4 Research Material My research is founded on the analysis of the program, We Need to Talk! (Rus: Nado pohovorit’! [Haдo пoгoвopить]), which was broadcasted on the TV channel Russia 1 on July 12, 2019 (Rossijsko-ukrainskij proekt “Nado

1 Viktor

Janukovych is a former politician who served as the fourth president of Ukraine from 2010 until he fled to Russia in 2014 during the Euromaidan or Revolution of Dignity.

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pohovorit!”, 2020). The largest holding company is the all-Russian State Television and Radio Broadcasting Company, which consists of nine TV channels and five radio stations. Its main TV channels, Russia and Russia 24, fully comply with the Kremlin’s orders. The First Channel is state-controlled. Less influential channels, such as TVC and Russia Today, receive a variety of funds from the state budget for disseminating Russia’s official positions (Bevz, 2015: 152–153). As Fairclough (1995b) points out, the media industry falls under the control of certain institutions that hold political, economic, and cultural power. I have chosen this program to illustrate pseudo-peaceful propaganda in Russian media discourse since this topic had not been taken as an object for investigation. In the vast majority of the TV shows and News Programs, hate speech became a tool for depicting the situation in Donbas. I believe that such a program is able to shed the light on Russian manipulative techniques and demonstrate that even in a program that ought to use peaceful narratives, there was no equality of sides. The selected program was broadcasted in place of the previously scheduled teleconference between TV channel Russia 1 on the Russian side and NewsOne, pro-Russian TV channel from Ukraine that was running by Viktor Medvedchuk, an ally of Russian president Vladimir Putin. A number of Ukrainian political forces and their leaders had criticized such a teleconference. As a result, it was cancelled, however, Russians decided to make a one-side program. According to federal channels, “Ukrainian media broadcasters canceled its showing due to it containing threatening messages from radicals” (Rossijsko-ukrainskij proekt “Nado pohovorit!”, 2020). In the program, the hosts, Andrij Malakhov and Marija Sittel, emphasize that Ukrainians and Russians have to “talk”. Alexej Korostyl’ov, the correspondent of the Russian TV channel Dozhd [literally Rain], points out that “it is a typical reaction of Russian propaganda on Russian television. Again, this is a fault of Ukrainians because we didn’t have the necessary conversations” (Nyni vže, 2021). One of the video-descriptions found on YouTube suggests that “Ukrainian journalists, political scientists, and public figures came to Moscow for a dialogue” (Rossijsko-ukrainskij proekt “Nado pohovorit!”, 2020). However, in practice, only artists honored by the Russian Soviet Federative Socialist Republic (RSFSR) and a handful of spectators participated in the TV show. Initially, the conversations of “ordinary people” were announced because of the understanding that “an open conversation between ordinary people is long overdue” (Vesti Nedeli, 2021). Interestingly, only two “ordinary” participants had no scripted roles and had not been “mentored” by the show’s producers. One was the brother

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of the writer Arkadij Inin2 and the other, the son of the actress Margarita Šubina3. Thus, one can immediately recognize the manipulation factor by analyzing the selection and representation of participants as well as the narratives, metaphors and particular phrases they were using. When writing about the program, the Russian propaganda media stressed that its participants “mentioned works of art of different directions, historical events that unite Russia and Ukraine, and called for the restoration of full-fledged relations between these two countries” (Fachrutdinov, 2019). Further on in this article, I will analyze how the authors and participants of the talk show managed to construct a “peaceful” propaganda discourse through the falsification of history.

5 Findings The Russian Federation utilizes propaganda as a highly effective component of the hybrid warfare against Ukraine. According to Kyrylo Haluško, coordinator of the project Literacy Campaign-Historical Front, “history occupies no less a place in Russian propaganda than current policy, and this should come as no surprise. Very often, our northern neighbor justifies its actions with ‘historical’ facts and traditions” (Harkavenko, 2017). In fact, manipulation of history has become one of the instruments in Russia’s intervention in Ukraine and has served as a pretext for the current war. Vladimir Putin, in his address to the Russians after the Russian Security Council meeting on February 21, 2022 (Vneplanovoje soveščanije, 2022), as well as in his article On the historical unity of Russians and Ukrainians from July 12, 2021 (Putin, 2021), proclaimed that Ukrainians are an inseparable part of the “triune Russian nation”. He went even further to allege that Lenin created Ukraine. By saying that Ukraine had never existed before, Putin declared that it was purely Russian territory. Thus, he tried to lay the foundations for a possible large-scale attack, which began on February 24.

2  Arkadij

Inin – Russian writer and screenwriter. Honored Artist of Russia (1989). In September 2015, he was included in the List of Persons Threatening the National Security of Ukraine. 3 Margarita Šubina is a Soviet and Russian actress and director. Honored Artist of Russia (2009).

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Propaganda discourse is effective and succeeds due to its ability to appeal to emotions. Therefore, with its enhanced emotional component, audiovisual information is yet another method used in the analyzed program We need to talk! Ljubov Tytarenko, who heads up the Bravo Theater in Kyiv, joins the program via Skype and stresses that the first teleconference should have been held with Donbas since “people are living in poverty there, shots are being fired all around, old people are starving, and the authorities in Kyiv don’t seem to care” (translation here and further on my own). Moreover, in an effort to call upon people’s sentimentalism, the guests use vocabulary that depicts family relationships, such as grandmother, brother, father, wife, godfather. For example, “I have many relatives in Ukraine”, “All my relatives live in Ukraine—grandmothers, grandfathers.” One of the participants, writer Arkadij Inin, says That’s awful, that’s sad that you can’t see your brother. We must try to keep in our souls the memories of the wonderful times when Russia and Ukraine were together. It was impossible to imagine this before

In some cases, personal relations become a metaphor for depicting UkrainianRussian diplomatic relations: Ukraine as a younger brother. As Weiss argues, because of these family metaphors (such as younger sister, younger brother) Ukraine is conceived of as “a small, weak and passive or non-autonomous, if not inexistent being” (Weiss, 2020: 8) and “a will-less tool in the hands of his elder sibling” (Weiss, 2020: 12). Additionally, TV host Andrij Malakhov gives a few examples of the “friendship of people” by resorting to metaphors such as love has no borders and nationalities, and we love each other. For instance, he mentions his duet with Ukrainian singer Ani Lorak, known for her close ties with Russia. Additionally, Malakhov emphasizes, weddings of Ukrainian and Russian singers—Regina Todorenko and Vlad Topalov, as well as Russian businessman Oleh Kesajev and Ukrainian model and Miss Ukraine, Olha Klymenko—exemplify friendship and love between Russia and Ukraine.

In this program, statements that Ukrainians and Russians are “friends” and “brotherly people”, who should be united as one, are repeated quite often. The imposition of friendly relations between the countries has been another component of the pseudo-peaceful discourse in the Russian media. One of the

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heroes of this program is actor Rustam Sagdullajev. He became famous for his role as Romeo in the film “Only ‘Old Men’ Are Going into Battle” (Rus. B бoй идyт oдни “cтapики”; one of the meanings of the Russian idiom “old man” is “most experienced person”). Sagdullajev persuades the audience, “Where do we take this friendship now? We must be friends”. The majority of the talk show participants attempt to persuade Ukrainians and Russians to live together in every possible way, so they frequently repeat the lexical item friendship and its derivatives: Russian-Ukrainian friendly society, friendship, only friendship. For example, a reporter notes that “Kiewskii Railway Station [in Moscow] is a symbol of friendship between countries.” Another Russian singer, Kaj Metov, says that Ukrainians and Russians need to “reject all political issues that take up space in their heads as soon as possible. Both songs and love for each other, which unite us, must be primary.” Host Marija Sittel continues this theme and stresses, we must force people to face one another so that they can look each other in the eye and repeat these important words: how difficult it is to live without each other, how important it is to be together.

The main argument in support of these appeals is that in Soviet times, both cinema and “blue lights” (popular television broadcast on New Year’s) were common. Nostalgia for the Soviet Union at the lexical level is manifested in the following phrases: it is impossible to separate us; all that remains is to live in the past; unification of two Soviet nations; and so on. Russian historical propaganda often emphasizes that the USSR was a powerful industrial and military empire. It is said that the Soviet Union turned a poor country into a powerful industrial giant and a global superpower, and modern Ukrainians neglect its achievements, albeit they continue to use its potential (Jermolenko, 2019: 26). The history of the USSR is presented as the history of the “great power” in the context of the myth of a victorious war. Simultaneously it is also cited as the victory of a certain “historical project” that became possible due to the unification of many peoples in the USSR, led by Russia (Krotjuk & Kovalčuk, 2017: 164). The idea of the Ukrainian and Russian “likeness” is a significant component analyzed in the program We need to talk! and is realized at the level of word combinations such as Ukrainians are like Russians, the fraternal people, we think alike, Russian-Ukrainian friendly society, one nation, friendly people, common families, common movies, common holidays, we are all one. For example, the son of Soviet and Russian actress and director Margarita Šubina states that

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“Ukrainians are ordinary people; they are just the same as Russians.” Another guest of the program, singer Oleksij Piddubnyj, also known as Django, notes that he never divided Ukrainians and Russians and “always considered them one people.” Soviet myths of Russian-Ukrainian “fraternal brotherhood” that deny the Ukrainian right to independence and depict Russians and Ukrainians as “one people” (odin narod) are pervasive in the program. According to Kuzio, in the second half of the 1930 s, the concept of “friendship of peoples” and “brotherly Russian-Ukrainian peoples” became central to Soviet nationality policies, and these were assiduously promoted through Soviet ideological tirades and official historiography (Kuzio, 2017: 85–117). However, Putin and Russian leaders have replaced Soviet views of Ukrainians as a people, separate from but closely bonded to Russians, with pre-Soviet Russian nationalist views of Ukrainians as one of the three “Russian” peoples (Kuzio, 2017: 33–84). “Our historical, spiritual and other roots give me the right to say that we are basically one people,” proclaimed Vladimir Putin at a press conference on December 14, 2017 (Bol’šaja press-konferencija, 2017). According to Kuzio, “Putin has increasingly described Russians and Ukrainians as ‘one people’ while his aggressive policies have widened the gulf between them. Returning to Russian chauvinist views of Ukrainians will not endear Ukrainians to again become ‘brothers’” (Kuzio, 2019: 302). The imperial interpretation of Kyivan Rus as the cradle of three fraternal peoples – Russian, Ukrainian, and Belarusian – remains a canonical historical scheme in the Russian Federation. According to Masenko, thanks to the concept of a “common cradle,” Russia has appropriated the ancient Ukrainian state, its written heritage, and even its name, replacing the original name of the Russians “moskovyty” (“muscovites”) with the strange adjective formation “russkije” (Masenko, 2016). Masenko points out that the “cradle of three fraternal peoples” threatens to turn into a coffin because one of the “fraternal peoples,” like a kleptoparasitic bird, does everything to throw out of the nest its true owners and take their place. In addition, the image of a “common cradle” is a failed image since no sane person would put as many as three children into one cradle. Moreover, these children should be triplets and, according to the official ideology, the Russian brother was proclaimed as the eldest, who together with the two younger ones, for some reason, found himself in the same cradle (Masenko, 2016). Moreover, the “Russian brother” is not elder at all, but the youngest. And he [Russian brother] was never in a common cradle because by the time he was born, the cradle had already collapsed” (Pivtorak, 2001: 78). However, Moscow’s arguments continue to promote the concept of a Kyivan Rus, or a ninth-century cradle of Slavic [Russian according to Moscow] civilization

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in the territory of Ukraine. The talk-show participants indirectly repeat the thesis, imposed by Russian propaganda, that Rus means Russia in their statements: and Kyivan Rus is native, everything is native, reconciliation of two Rus nations. In this way, Russians carry out the “annexation of history”, depict Ukraine as an “artificial state,” and “show that Ukrainian history does not actually exist” (Sučasna Rosija, 2019). Instead, Ukrainian historian Zalizniak notes that “Moscow’s rights to the historical and cultural heritage of Princely Kyiv are neither greater nor less than the rights of Madrid, Lisbon, Paris, and Bucharest to the history and culture of Latin Rome. As the Roman peoples inherited a certain heritage of Roman culture, so the Belarusians and Russians absorbed into their ethno-defining complex certain elements of the princely Kyiv culture. However, as the former were not the direct creators of the Latin culture of Roman Empire, the latter have an indirect relation to the creation of the Kyivan Rus culture” (Zaliznjak, 2004: 123). Thus, in We need to talk! guests and hosts discuss love, friendship and relationships, but do not resort to politics or to an analysis of the causes that led to the Russian-Ukrainian conflict. This is in line with the concept of Kremlin propaganda, where the viewer is given a ready-made and clear idea rather than being forced to think and analyze what is, indeed, unfolding around them.

6 Conclusions This chapter focused on investigating the means of manipulation employed by the Russian media and its use of propaganda discourse – a method that has become an integral part of the way the Kremlin operates. The analyzed data demonstrates that in today’s Russian media space, in addition to hate speech, techniques of pseudo-peaceful discourse are used. It is a widely known technique that dates back to the Soviet period and is capable of inciting hostility. Old theses about Ukrainian-Russian friendship, brotherhood and mutual love have been fundamental in the analyzed program We need to talk! Like its Soviet predecessor the Russian propaganda machine is falsifying historical facts and distorting data in order to demonstrate Ukraine’s inferiority, minimize its culture, and distort its language. Therefore, this article contributes to the discussion about whether and how media can represent and construct different socio-cultural ideologies and the role media plays when creating a national and spiritual culture. Moreover, it discusses whether and by which adopted methods the media rewrites and distorts history and how these messages, disseminated through all forms of media, can influence people’s perception of others. Thus, this research can be valuable not only for various academic applications but also for analyzing the reasons for

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the full-scale war in Ukraine and improving appropriate counter-propaganda strategies since historical narrative has become a crucial component in the hybrid war in Ukraine.

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Are We Brothers? Pseudo-peaceful Discourse in Russian Media ...

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Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs Roberta Rada

Das Hauptanliegen des Beitrags besteht darin, das Konzept der Nation (ung. „nemzet“) im Gegenwartsungarischen im Rahmen einer korpusbasierten linguistischen Analyse zu ermitteln. Im ersten Schritt wird der Begriff „nemzet“ („Nation“) im ungarischen Rechtswesen aufgrund der „Verfassung der Republik Ungarn“ definiert. Im zweiten Schritt werden die lexikalisierten und lexikografisch fixierten Bedeutungen des Substantivs nemzet („Nation“) und des Adjektivs nemzeti („national“) in der ungarischen Gebrauchssprache anhand von gedruckten und Onlinebedeutungswörterbüchern ermittelt. Da zurzeit im ungarischen öffentlichen Sprachgebrauch die beiden Lexeme fast schon inflationär gebraucht werden, erfolgt ergänzend zur Wörterbuchanalyse auf der Basis des ungarischen digitalen Textkorpus Magyar Nemzeti Szövegtár (d. h. „Ungarisches Nationales Textkorpus“), abgekürzt MNSZ, die Analyse der Gebrauchsfrequenz und der Kollokatoren der beiden Lexeme in dem aktuellen Pressediskurs in Ungarn. Diese bescheidenen quantifizierenden Analysen werden durch ausführlichere qualitative Volltextanalysen ergänzt. Ausgehend von den ermittelten Verwendungsweisen der Lexeme soll aufgedeckt werden, ob und wenn ja, welche zeittypischen Merkmale die Konzeptualisierung von Nation im gegenwärtigen ungarischen Pressediskurs aufweist (z. B. konnotative Aufladung, Schlagwortcharakter).

R. Rada (*)  Germanistisches Institut, Eötvös-Loránd-Universität, Budapest, Ungarn E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_9

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R. Rada

1 Einleitung In der gegenwärtigen ungarischen öffentlichen Kommunikation begegnet man auf Schritt und Tritt den Wörtern nemzet („Nation“)1 und nemzeti („national“), und zwar in einer Reihe von relevanten Lebensbereichen, z. B. Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft, Politik, Medien (vgl. dazu einige Beispiele unten). Die beiden Wörter bilden feste Elemente der Rhetorik der jetzigen Regierungspartei Fidesz. Auf ihrer Facebookseite sind Wahl- und Parteislogans wie A magyar nemzet egységes és oszthatalan. Ez a mi politikánk („Die ungarische Nation ist einheitlich und unteilbar. Das ist unsere Politik.“) oder Az a nemzet, amely nem tudja megvédeni az országát, nem is érdemli meg azt („Die Nation, die ihr Land nicht verteidigen kann, verdient es auch nicht“) zu lesen. In zahlreichen Benennungen von staatlichen Institutionen, Organisationen oder Unternehmen ist die Einheit nemzeti („national“) enthalten. In Ungarn werden die Steuererklärungen in dem Nemzeti Adó-és Vámhivatal („Nationales Steuer- und Zollamt“) eingereicht. Tabakwaren dürfen in Ungarn ausschließlich in den sog. Nemzeti Dohánybolt („Nationaler Tabakladen“) ge- und verkauft werden. In den staatlichen ungarischen Schulen wird nach dem sog. Nemzeti Alaptanterv („Nationaler Grundlehrplan“), einem grundlegenden inhaltlich-normierenden Dokument unterrichtet. Im Wirtschaftssektor unterstützt der Staat sog. „nationale Unternehmen“, ung. nemzeti vállalatok. Das sind solche Unternehmen, deren Eigentümer Ungarn sind, und die ihren Gewinn in Ungarn investieren. Bestimmte Wissenschaften werden als nemzeti tudományok, d. h. „nationale Wissenschaften“ bezeichnet. Sie gelten als solche, weil sie zum besseren Kennenlernen der ungarischen Geschichte beitragen, weswegen ihre Forschung auch staatlich gefördert wird. Bei der Benennung von neu gegründeten bzw. ins Leben gerufenen Institutionen, wie z. B. Nemzeti Közszolgálati Egyetem („Nationale Universität für den öffentlichen Dienst“), greift man auf das Attribut nemzeti („national“) zurück. In den in den letzten 10 Jahren vollzogenen Umbenennungen schon längst bestehender Einrichtungen wird entweder das Attribut nemzeti („national“) eingefügt, z. B. der Vorläufer des oben erwähnten Nemzeti Adó- és Vámhivatal („Nationales Steuer- und Zollamt“) hieß noch Adó- és Pénzügyi Ellenőrzési Hivatal („Amt für die Kontrolle von Steuer- und Finanzangelegenheiten“) oder die Attribute

1 Die

deutschen Übersetzungen der ungarischen Wörter und Ausdrücke erscheinen jeweils in doppelten Anführungszeichen in Klammern. Bei den Zitaten wird jedoch auf die Klammern verzichtet.

Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs

181

állami („staatlich“), országos („Landes-“), eventuell magyar („ungarisch“) werden durchgängig durch nemzeti („national“) abgelöst, z. B. Nemzeti Útdíjfizetési Szolgáltató („Nationaler Autobahngebührdienst“) ist als Rechtsnachfolger von Állami Autópálya Kezelő („Staatliche Autobahnverwaltung“) zustande gekommen. Die Reihe solcher Beispiele ließe sich fast unendlich fortsetzen, wodurch der Eindruck entstehen kann, dass in Ungarn alles nemzeti („national“) heißt. Basierend auf solchen Beobachtungen über den häufigen Gebrauch von nemzet und nemzeti im ungarischen öffentlichen Sprachgebrauch setzt sich der Beitrag zum Ziel zeittypische Merkmale der Konzeptualisierung von nemzet und nemzeti („Nation“ und „national“) in dem den öffentlichen Sprachgebrauch beeinflussenden und abbildenden Pressediskurs in Ungarn zu erfassen. Dies soll in Anlehnung an die theoretisch-methodologischen Ansätze der deskriptiven linguistischen Diskursanalyse (vgl. Spitzmüller, 2017) korpusbasiert, im Rahmen einer wortorientierten Analyse (vgl. Spitzmüller & Warnke, 2011) erfolgen. Die erzielte Untersuchung stützt sich auf das MNSZ. Obwohl auch bescheidene quantitative Untersuchungen2 durchgeführt werden, steht die qualitative Analyse der Pressetexte im Fokus des Interesses.

2 Theoretischer Ansatz und methodischer Zugriff Bei meinem Vorhaben stütze ich mich auf das Diskurskonzept von Busse und Teubert (1994), die den Diskurs als „virtuelles Textkorpus“ auffassen. Darunter ist eine Zusammenstellung von Texten zu verstehen, die inhaltlich-semantisch bestimmt sind, in einen gemeinsamen Kommunikationszusammenhang gehören und durch eine gemeinsame Zeit und einen gemeinsamen Gesellschaftsausschnitt bestimmt sind. Mein praktisches Verfahren orientiert sich an der deskriptiven linguistischen Diskursanalyse. Diese hat die Aufgabe, die sog. Sprachgebrauchsmuster (vgl. Bubenhofer, 2009), also die typischen, musterhaften kommunikativen Strukturen von Diskursen zu beschreiben, um zu erklären „nicht nur wie, sondern auch warum eine bestimmte Gruppe von Akteuren (oder mehrere) ein bestimmtes Thema in einer bestimmten Art und Weise bewertet bzw. bestimmte Prozesse und

2  Ein

Beispiel für umfassende, ausführliche quantitative Analysen zur Erfassung eines vergleichbaren Konzeptes, nämlich des Konzepts „Islam“ im Rahmen einer diskurslinguistischen Untersuchung leistet Kalwa (2013).

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R. Rada

Personen(gruppen) einschätzt“ (Spitzmüller, 2017: 52). Zu solchen Sprachgebrauchsmustern gehören u. A. auch bestimmte Wörter und Ausdrücke. Die diskursive Bedeutung von Wörtern sieht Gür-Şeker (vgl. 2015: 78) zum einen in ihrer Geläufigkeit im Diskurs. Zum anderen setzen die Diskursakteure bestimmte Wörter ein, weil durch sie bestimmte Sichtweisen und Bewertungen in Bezug auf wichtige Sachverhalte und aktuelle Themen des Diskurses aufmerksamkeitserregend, kurz und prägnant vermittelt werden können. Sie sind oft u. A. Schlag- und Schlüsselwörter in Form von Einwortlexemen oder auch Mehrworteinheiten. Die Bedeutung solcher Wörter konstruiert sich im Sinne einer wichtigen These der Diskurslinguistik erst im Diskurs und kann nur durch die Erschließung ihrer Verwendungskontexte erklärt werden (vgl. Spitzmüller & Warnke, 2011). Schlag- und Schlüsselwörter können im Diskurs spezifische interessengeleitete Denk- und Handlungsmuster versprachlichen, die sich in sog. handlungsleitenden Konzepten niederschlagen. Das sind sprachliche Konzepte, die die gesellschaftlichen Akteure bei der „Vermittlung von gesellschaftlich relevanten Sachverhalten“ meistens „bewusst versuchen durchzusetzen“ (vgl. Felder, 2006). Oft stehen politische Interessen und Machtspiele im Hintergrund. Diskurslinguistische Wortanalysen als Analysen des Ausdruckseitigen im Sinne von materiell Sichtbaren ermöglichen nicht nur die Aufdeckung zeittypischer Sprechweisen über bestimmte Sachverhalte und Themen, sondern sie erlauben auch Rückschlüsse auf Inhaltseitiges zu ziehen. Darunter sind Konzeptualisierungen, Wissensbestände, Denk- und Bewertungsmuster und damit die aktuelle Wahrnehmung und Einstellung der Sprachgemeinschaft gegenüber diesen zu verstehen (Felder, 2009).

3 Nationskonzepte im ungarischen Rechtswesen In der Geschichtswissenschaft wird gewöhnlich zwischen zwei Nationskonzepten unterschieden, zwischen der politischen Nation und der Kulturnation. In den europäischen Ländern herrschen auch gegenwärtig diese beiden Nationskonzepte und das ist in Ungarn auch nicht anders. In der „Verfassung der Republik Ungarn“ wird die Nation wie folgt definiert: „A nemzet politikai értelemben az állampolgárok közössége.“ („Im politischen Sinne ist die Nation die Gemeinschaft der Staatsbürger.“) (vgl. Trócsányi & Sanda, 2014). Zur ungarischen Nation gehören in diesem Sinne auch die auf dem Gebiet des Landes lebenden nationalen Minderheiten (vgl. auch das sog. Minderheitengesetz, CLXXIX/2011), die staatsbildend (auf ung. „államalkotó tényezők“) sind (vgl. ebd). Dies schlägt sich sprachlich auf eine sehr spezifische Art und Weise nieder. Beispielsweise ist es im

Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs

183

Ungarischen nicht möglich die Angehörigen der in Ungarn lebenden Minderheiten etwa analog zu Chinese Americans, African Americans als *deutsche Ungarn, *rumänische Ungarn oder *Roma Ungarn (auf ung. *német magyarok, *román magyarok, *roma magyarok) zu bezeichnen, sie heißen magyarországi németek/ románok/romák, wörtlich „ungarländische Deutsche/Rumänen/Roma“. Nach demselben Prinzip nennt man auch die außerhalb der Staatsgrenzen Ungarns lebenden Vertreter der ungarischen Minderheit romániai/szlovákiai/ausztriai magyarok, d. h. „Ungarn in Rumänien/in der Slowakei/in Österreich“ (Cseresnyés, 2004:138). Allerdings kann nicht darüber gesprochen werden, dass man es im ungarischen Recht nur mit einem einzigen Verständnis über die Nation, d. h. politische Nation, zu tun hat, denn zur ungarischen Nation gehören laut der „Verfassung der Republik Ungarn“ auch die Ungarn, die außerhalb der Staatsgrenzen leben und über keine ungarische Staatsbürgerschaft verfügen. In der „Verfassung“ wird ausdrücklich betont, dass das Land Ungarn Verantwortung für diese Menschen trägt, damit die ungarischen nationalen Gemeinschaften auch im Ausland, also in ihrem Heimatland ihre kulturelle und sprachliche Identität bewahren können. Hier liegt also das Verständnis über die Nation als Kulturnation vor (vgl. Trócsányi & Sanda, 2014). Da die ungarische Nation als politische und ethnische Gemeinschaft nicht übereinstimmt, wird Ungarn in der „Verfassung“ auch nicht nemzetállam, d. h. „Nationalstaat“ genannt, allerdings gilt das Ungarntum als die titulare Nation, d. h. die namensgebende Ethnie. Die ungarische Ethnie ist also prägend für die Staatlichkeit, die durch die gemeinsame Sprache, nationale Kultur und historisch entstandene Zugehörigkeit gekennzeichnet ist (ebd.). Im ungarischen Rechtswesen sind somit beide Begriffe der Nation vorhanden, die ungarische Nation im politischen Sinne und im ethnologischen Sinne fallen jedoch nicht zusammen. Bereits in den ungarischen Gesetzen des 15. und 16. Jahrhunderts wird ganz strikt zwischen dem Ungarntum und den Bewohnern Ungarns unterschieden. Bei den letzteren wird über Wlachen3, Slawen und Rutenen4 gesprochen, die nicht zur ungarischen Nation gezählt worden sind. Die Zugehörigkeit zur ungarischen Nation war eindeutig ethnisch geprägt und der Ausdruck ungarische Nation hatte eine distinktive Bedeutung. Sie umfasste jedoch alle gesellschaftlichen Schichten und Klassen und war nicht auf ausgewählte soziale Klassen beschränkt (vgl. Deér, 1936).

3 Wlachen,

auf ung. oláhok, ist eine archaische Bezeichnung der Rumänen. auf ung. rutének oder auch ruszinok, bildeten ein eigenständiges Volk, das hauptsächlich Transkarpatien besiedelte und sich von den Ukrainern und Russen abgrenzte.

4 Rutenen,

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4 Die Lexeme nemzet („Nation“) und nemzeti („national“) in der ungarischen Gebrauchssprache Der Nationsbegriff findet in die modernen europäischen Sprachen durch die lateinischen Wörter natio, nationes Einzug. Das lateinische Wort natio bedeutet wörtlich ‚Geburt‘ (lat. nasci, natus), später ‚Geschlecht‘ und ‚Rasse‘ und im engeren Sinne auch ‚Sippe‘ und ‚Volksstamm‘ (vgl. Csekey, 1938: 108). Györffy (1999: 318 ff.) erläutert die Etymologie des ungarischen Wortes nemzet mithilfe des Substantivs nem („Geschlecht“), von dem im Ungarischen das Verb nemz („erzeugen“) abgeleitet worden ist. Das Substantiv nemzet ist durch Ableitung aus diesem Verb gebildet worden und bedeutet im 12.–14. Jahrhundert ‚Sippe‘ ‚von der gleichen Sippe sein‘ bzw. ‚erzeugtes Volk‘. Die Bedeutung des Wortes nemzet hängt also mit der Fortpflanzung zusammen und deutet auf die genetische Verwandtschaft zwischen den Mitgliedern einer Nation hin. Im Mittelalter meinte das Konzept in allen europäischen Sprachen, so auch im Ungarischen, die Gesamtheit der Menschen mit einer gemeinsamen Religion und Sprache als Untergeordnete eines Herrschers (Deér, 1936: 14). Die Nation wurde durch das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit und der gemeinsamen Traditionen (z. B. Sprache, gemeinsamer Ursprung) geprägt und ihre Angehörigen gehörten meistens auch zur selben Ethnie. Möchte man sich über die lexikalisierten und lexikografisch fixierten Bedeutungen des Wortes nemzet („Nation“) in der ungarischen Gegenwartssprache informieren, so wendet man sich an die gedruckten und Onlinewörterbücher. Den umfangreichsten und informativsten Wortartikel findet man in „Magyar Nyelv Értelmező Szótára“ (2016), in dem online „Bedeutungswörterbuch der ungarischen Sprache“ (https://mek.oszk.hu/adatbazis/magyar-nyelv-ertelmezo-szotara). Beim substantivischen Lemma nemzet („Nation“) werden vier Bedeutungen aufgelistet, von denen zwei als archaisch (‚Volk‘) bzw. (‚menschliche Rasse‘) und eine als dichterisch (‚Sippe‘, ‚Familie‘) markiert sind.5 Die normalsprachliche, neutrale (also nicht markierte Bedeutung) wird wie folgt beschrieben: „Történelmileg kialakult tartós közösség, amelyet közös nyelv, terület, gazdasági élet, vmely jellegzetes kultúrában megnyilvánuló közös lelki sajátosság és rendsz. vmilyen államszervezet tart össze.“ „Eine historisch gewachsene Gemeinschaft von Menschen, die durch die gemeinsame Sprache, das gemeinsame geografische Gebiet und wirtschaftliche Leben, durch gemeinsame seelische Eigenschaften, die sich in einer charakteristischen Kultur äußern, und gewöhnlich durch eine Staatsorganisation zusammengehalten worden ist.“ 5 Sie

spiegeln illustrativ die Etymologie des ungarischen Wortes wider.

Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs

185

In dieser Definition erscheinen die Elemente beider Nationskonzepte, wobei das ethnokulturelle Verständnis der Nation (gemeinsame Sprache, gemeinsame seelische Eigenschaften, die sich in einer charakteristischen Kultur äußern) eher mehr perspektiviert ist. Auch in anderen Onlinewörterbüchern (z. B. https://wikiszotar.hu/ertelmezoszotar) und gedruckten Wörterbüchern (z. B. Pusztai, 2003) erscheinen die gleichen definitorischen Merkmale von nemzet („Nation“), allerdings mit unterschiedlichen Akzentuierungen der Elemente der beiden Nationskonzepte, z. B. „Egy államot alkotó nép, azonos nyelvű, kultúrájú, közös történelmi gyökerű, azonos jogú polgárok tartós közössége.“ (https://wikiszotar.hu/ertelmezo-szotar). „Ein Volk, das einen Staat bildet, beständige Gemeinschaft von Staatsbürgern mit der gleichen Sprache und Kultur, mit gemeinsamen kulturellen Wurzeln und mit gleichen Rechten“

Als Synonyme des Wortes nemzet werden in den Wörterbüchern: nép („Volk“), állam („Staat“) und ország („Land“) angeführt. In dieser Definition werden mehr die Elemente des politischen Nationsbegriffes (Volk, das einen Staat bildet; Gemeinschaft von Staatsbürgern mit gleichen Rechten) perspektiviert. An diese Bedeutung des Substantivs knüpfen die Bedeutungsangaben beim adjektivischen Lemma nemzeti („national“). In „Magyar Nyelv Értelmező Szótára“ (2016) werden sechs Bedeutungen des Adjektivs auseinandergehalten. Abgesehen von den zwei Bedeutungen, ‚Nationalität‘ und ‚nationalistischen, chauvinistischen Charakters‘, die als archaisch eingestuft werden, geht es um die folgenden: a) „Az egész nemzethez tartozó, az egész nemzetre vonatkozó, az egész nemzetet (meg)illető“ „zur ganzen Nation gehörend, auf diese bezogen, z. B. nationales Einkommen, Nationalhymne, Nationalfarben, usw.“ b) „Vmely nemzet történeti életében kialakult, vmely nemzetre jellemző“ „in der Geschichte einer Nation entstanden, für die Nation charakteristisch, z. B. nationale Traditionen, nationale Literatur, Sprache“ c) „A nemzet tulajdonában levő; állami“ „den Besitz der Nation bildend, verwaltet vom Staat“, z. B. Nationalpark, nationales Vermögen d) „Országos jellegű v. a nemzet egészére kiterjedő jelentőségű, érdekű (ilyen intézmények, szervek nevében gyakori jelző)“ „etw. mit Landescharakter oder mit Relevanz und Interesse für die ganze Nation (häufiges Attribut in den Namen von Institutionen und Organisationen)“

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Die lexikografisch fixierten Synonyme von nemzeti sind állami („staatlich“) und országos („Landes-“). Die definitorischen Wesensmerkmale von nemzet (Subst.) und nemzeti (Adj.) legen nahe, dass in der ungarischen Gebrauchssprache ebenfalls beide Nationskonzepte vorhanden sind, die jedoch in den Bedeutungen der beiden Wörter nicht unterschieden werden.

5 Konzeptualisierungen im ungarischen Pressediskurs 5.1 Das Korpus und die Analyseschritte Für die folgenden wortorientierten Analysen ist ein Teilkorpus von MNSZ6 herangezogen worden. Die Arbeit an der Zusammenstellung dieses digitalen Textkorpus begann 1998 am Institut für Linguistik an der Ungarischen Akademie der Wissenschaft. Das Ziel war die Aufstellung eines Textkorpus im Umfang von 100 Mio. Wordtokens, das die charakteristischen Äußerungen der gegenwärtigen ungarischen Sprache in Ungarn zu repräsentieren vermag. Seitdem ist dieses Textkorpus durch vier Varietäten des Ungarischen ergänzt worden, die im Karpatenbecken außerhalb der Staatsgrenzen Ungarns verwendet werden. Diese sind die in Oberungarn (Slowakei), in Siebenbürgen (Rumänien), in der Wojwodina (Serbien) und in der Ukraine verwendeten Varietäten des Ungarischen. Das MNSZ umfasst zurzeit 1039,7 Mio. Tokens, es wird allerdings ständig erweitert und aktualisiert. Es enthält geschriebene Texte aus den letzten 25 Jahren und aus fünf Varietäten des Ungarischen in den kommunikativen Bereichen Presse, schöngeistige Literatur, Behörde, Wissenschaft und private Kommunikation mit Gesprächen aus Internetforen. Den sechsten Bereich illustriert das 76 Mio. Tokens umfassende gesprochensprachliche Teilkorpus, das aus Radiotexten, wie vorgelesene Nachrichtentexte und spontane Gespräche in Reportagen, aus der Zeitspanne 2004–2012 besteht. Das MNSZ enthält somit 30 Teilkorpora, die wie folgt dargestellt werden können und für die Zwecke dieses Beitrags benannt worden sind:

6 http://mnsz.nytud.hu/

(gesehen am 15.03.2021).

Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs

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Tab. 1   Die Struktur des MNSZ

Varietäten des Ungarisch in Ungarisch in Ungarisch in Ungarisch in Ungarisch der Slowakei der Ukraine Rumänien in Serbien Ungarischen →  Ungarn  = UAUng  = ROUng  = SRBUng Funktionalstile  = HUUng  = SKUng ↓

Presse

 = HUUng/ Pre

Schöngeistige Literatur

 = HUUng/ Lit

Wissenschaft

 = HUUng/ Wiss

Behörde

 = HUUng/ Beh

Private  = HUUng/ Kommunikation Pri Gesprochene Sprache

 = HUUng/ Ges

Das MNSZ ist nicht nur eine Datenbasis, nicht nur eine Ansammlung einer Riesenmenge von Texten, sondern integriert auch Analysetools zu statistischen Berechnungen der Frequenz, der Kollokationen von Suchwörtern usw., mit deren Hilfe lexikostatistische Analysen durchgeführt werden können. Ein wesentliches Merkmal des Textkorpus ist, dass neben dem Wort jeweils der Wortstamm, die Wortart und die morphologische Analyse des Wortes als Informationen zu finden sind.7 Von den oben kurz vorgestellten Teilkorpora (vgl. Tab. 1) habe ich mich bei meinen Untersuchungen auf das Pressekorpus im Ungarischen in Ungarn, HUUng/Pre beschränkt. Es umfasst 350,5 Mio. Tokens und gilt als größtes Teilkorpus des MNSZ, zumal es ca. ein Drittel das Gesamtkorpus (alle Teilkorpora des MNSZ inbegriffen) ausmacht. Es enthält Texte aus überregionalen

7 Ausführlicher

über das MNSZ vgl. Oravecz et al. (2014).

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R. Rada

und regionalen gedruckten und Onlinepresseprodukten unterschiedlichster Orientierungen und Richtungen, die seit 1998 in Ungarn veröffentlicht worden sind und kann somit (zumindest einen Teil) des ungarischen Pressediskurses an bzw. seit der Jahrtausendwende in Ungarn repräsentieren. Die Analysen, die sich auf die Lexeme nemzet („Nation“) und nemzeti („national“) beziehen, sind korpusbasiert (vgl. Bubenhofer, 2009: 100), zumal an das Korpus mit den Fragen herangegangen worden ist, wie oft die beiden Lexeme auftreten und wie, in welcher Bedeutung sie verwendet werden. Um diese Fragen zu beantworten, sind zum einen quantitative Untersuchungen mithilfe des Analysetools des MNSZ durchgeführt worden, in deren Rahmen statistische Auffälligkeiten der Lexemverwendungen in Form von Analysen der Verwendungsfrequenz und der häufigsten Kollokationen ermittelt worden sind. Bei der Kollokationsanalyse8 wurden die ersten hundert, inhaltlich relevanten Kollokatoren der beiden Lexeme, die sich unmittelbar rechts und links (1R und 1L) von ihnen befinden, berücksichtigt. Zwar können die Auswertungen statistikbasierter Analysen Hinweise auf diskursive Entwicklungen geben, müssen aber „anhand konkreter Belege aus den Korpora qualitativ überprüft werden“ (Niehr, 2014: 72). In diesem Sinne werden auch in dieser Arbeit Volltextanalysen durchgeführt, um weitere Muster und/oder sprachliche Trends aufzuspüren, die zu „diskursanalytisch abgesicherten Erkenntnissen“ führen können (ebd.: 74).

5.2 Ergebnisse der quantitativen Untersuchungen 5.2.1 Frequenzanalysen Hierbei können aus Platzgründen lediglich einige relevante Daten erwähnt werden. Bei der Analyse der Vorkommenshäufigkeit bin ich im ersten Schritt von Teilkorpora des Ungarischen in Ungarn, also HUUng ausgegangen, die (medial) schriftliche Texte enthalten. In der Tab. 2 ist die Gebrauchsfrequenz des substantivischen Lexems nemzet („Nation“) in den folgenden Teilkorpora des Ungarischen in Ungarn dargestellt worden: HUUNg/Pre, HUUng/Lit, HUUng/ Wiss, HUUng/Beh und HUUng/Pri dargestellt worden. Von diesen fünf Teilkorpora des HUUng-Korpus erweist sich der Gebrauch des Lexems nemzet eindeutig im HUUng/Pres Korpus am häufigsten. Am zweithäufigsten wird es etwa annähernd gleich in den Teilkorpora der literarischen und 8  Bei

der Berechnung der Kollokatoren sind folgende Parameter eingestellt worden: Minimale Signifikanz im Korpus: 5; minimale Signifikanz im Suchfenster: 3; t -value; logDice.

Das Konzept Nation im aktuellen ungarischen Pressediskurs

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Tab. 2   Relative Frequenzen des Wortes nemzet („Nation“)

(Teil)korpus

Relative Frequenz des Wortes nemzet („Nation“)

HUUng

142,81/1 Mio. Tokens

HUUng/Pre

170,59

HUUng/Lit

134.06

HUUng/Wiss

132,94

HUUng/Beh

102,29

HUUng/Priv

106,06

Tab. 3   Relative Frequenz der Synonyme von nemzet

Nemzet („Nation“)

Ország („Land“)

Állam („Staat“)

Nép („Volk“)

170,59

1219, 99

706,57

156,23

Tab. 4  Relative Frequenzen des Wortes nemzeti („national“)

Teil(korpus)

Relative Frequenz des Wortes nemzeti

HUUng

393,34/1 Mio. Tokens

HUUng/Pre

558,31

HUUng/Lit

175,98

HUUng/Wiss

364,98

HUUng/Beh

430,33

HUUng/Pri

160,27

der wissenschaftlichen Texte, HUUng/Lit und HUUng/Wiss verwendet. Auch im Vergleich zum vollständigen HUUng-Korpus (Umfang 164.710.196 Tokens) kann der Gebrauch von nemzet im HUUng/Pre-Korpus als am häufigsten eingestuft werden. Allerdings zeigt in Tab. 3 ein Vergleich mit Synonymen (vgl. Kap. 4), wie ország („Land“), állam („Staat“) und nép („Volk“), dass ország („Land“) und állam („Staat“) im HUUng/Pre-Korpus mit Abstand frequenter verwendet werden als nemzet („Nation“)9. Die Gebrauchshäufigkeit des Adjektivs nemzeti („national“) in den Teilkorpora von HUUng zeigt ein ähnliches Bild (vgl. Tab. 4), sein Vorkommen ist

9 Ebenfalls

aufgrund der relativen Frequenz.

190

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Tab. 5   Relative Frequenz der Synonyme von nemzeti („national“)

Nemzeti („national“)

Országos („Landes-“)

Állami („staatlich“)

558,31

483,83

485,44

mit 558,31/Mio. Tokens auch in HUUng/Pre am stärksten belegt und auch im Vergleich zum HUUng-Korpus gilt seine Verwendung in den ungarischen Pressetexten als am häufigsten. Und auch im Vergleich zu Synonymen országos („Landes-“) und állami („staatlich“) schneidet nemzeti („national“) am besten ab, vgl. Tab. 5. Der Gebrauch des Adjektivs nemzeti in HUUng/Pre-Korpus, also in den ungarischen Pressetexten in Ungarn scheint im Vergleich zu nemzet dominanter zu sein.

5.2.2 Kollokationsanalysen „Von besonderem Interesse für linguistische Diskursanalysen sind die sogenannten Kookkurrenzen oder Kollokationen eines Ausdrucks. Damit wird berechnet, welche Wörter in einem (zu definierenden) Abstand statistisch besonders häufig gemeinsam vorkommen“ (Niehr, 2014: 43). Solche Festigkeiten haben sich durch häufigen Gebrauch herausgebildet und veranschaulichen sprachliche Konventionen und rekurrente Muster. Die Kollokationspartner eines Lexems gelten als Indikatoren für Lexembedeutungen und für konzeptgebundenes Wissen (vgl. Fraas, 2002). Die Ermittlung der Kollokationen von nemzet und nemzeti erfolgte in dem Teilkorpus HUUng/Pre, zumal die beiden Lexeme eben in diesem Teilkorpus am häufigsten vorkommen (vgl. Abschn. 5.2.1 oben). Die im HUUng/Pre-Korpus unmittelbar rechts oder links (R1-L1) von den Suchwörtern nemzet und nemzeti stehenden Kollokatoren (vgl. den Terminus von Bubenhofer, 2013: 112 f.), ohne sie separat zu behandeln, spiegeln thematisch unterschiedliche Akzentuierungen wider und lassen sich den folgenden thematischen Gruppen zuordnen: a) Einheit, Zusammenhalt: egész („ganze“), egységes („einheitlich“), egysége („Einheit“), közösség („Gemeinschaft“), együttműködés („Zusammenarbeit“), összetartozás („Zusammengehörigkeit/-halt“), konzultáció („Konsultation“ i.S.v. Referendum) b) Identität und deren Symbole: magyar („ungarisch“), saját („eigen“), identitás („Identität“), ünnep („Feier“), lobogó („Flagge“), jelkép („Symbol“) und Abgrenzung von anderen: szuverén („souverän“), többi („die anderen“)

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c) Gefühle, Einstellungen: érzelmek („Gefühle“), önbecsülés („Selbstachtung“), lejáratás („Diskreditierung“) d) Interesse: ügye („Angelegenheit“), érdeke („Interesse“), szolgálata („Dienst“) e) Zukunft: jövője („Zukunft“), java („Wohl“), sorsa („Schicksal“), boldogulása („Zurechtkommen“), felemelkedése („Aufstieg“) f) Kultur: kultúra („Kultur“), jellem („Charakter“), történelem („Geschichte“) g) Eigenschaften: erős („stark, kräftig“), büszke („stolz“), lovas („Reiter-“), sikeres („erfolgreich“), győztes („Gewinner“), civilizált („zivilisiert“) h) Sport und Kunst: sportoló („SportlerIn“), kupa („Pokal“ i.S.v. Nationalspiele im Fußball, Handball usw.), színésze („SchauspielerIn“) i) Wirtschaft: vagyon („Vermögen“), bruttó („brutto“), jövedelem („Einkommen“), valuta („Währung“). Die meisten Kollokatoren sind im Ungarischen positiv konnotierte Wörter, z. B. java („Wohl“), boldogulása („Zurechtkommen“), felemelkedése („Aufstieg“), önbecsülés („Selbstachtung“), manche benennen als positiv erachtete Werte z. B. egysége („Einheit“), közösség („Gemeinschaft“), együttműködés („Zusammenarbeit“), összetartozás („Zusammengehörigkeit/-halt“). Zahlreiche Kollokationen mit nemzeti und nemzet klingen im Gegenwartsungarischen sogar pathetisch, z. B. nemzet java („das Wohl der Nation“), nemzet sorsa („das Schicksal der Nation“), nemzet felemelkedése („der Aufstieg der Nation“), nemzeti jellem („nationaler Charakter“). Unter den ermittelten Kollokationen gibt es auch solche, die auffällige Parallelen zu dem öffentlichen Sprachgebrauch in einer früheren Epoche der Geschichte Ungarns, nämlich im 19. Jahrhundert zeigen, z. B. nemzet érdeke („Interesse der Nation“), nemzet jóléte („Wohl der Nation“), magyar nemzet („ungarische Nation“).10 Die Vorliebe für die Thematik Nation bzw. die häufige Verwendung von nemzet und nemzeti im 19. Jahrhundert ist historisch bedingt. Das 19. Jahrhundert gilt nämlich in der ungarischen Geschichte als eine besonders wertgeschätzte, weil als erfolgreich erachtete Periode. Es ist die Zeit der Identitätsstärkung und Souveränität, die in den Unabhängigkeitsbestrebungen und 1867 in der Loslösung vom Habsburgerreich bzw. in der Gründung des eigenen Staates ihren Höhepunkt fanden. Diese Ereignisse sind wiederum im historischen Kontext von Mittel- und Ost- und Südosteuropa zu betrachten.

10 Zum

Nachweis können literarische Texte, etwa die bekannten und populären Romane des ungarischen Schriftstellers Mór Jókai (1825–1904) herangezogen werden, in denen der öffentliche Sprachgebrauch im 19. Jahrhundert gut dokumentiert ist.

192

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In dieser Region bildeten sich seit dem 13. Jahrhundert große Reiche, wie das Habsburger Reich, das Russische Reich oder das Osmanische Reich heraus, die mehrere unterschiedliche Ethnien, Sprachen, Kulturen sowie Gebiete mit unterschiedlicher geschichtlicher Tradition umfassten. Die auf dem Gebiet eines solchen Reiches zusammenlebenden Völker wiesen teilweise unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen auf, manche lebten sogar in ständigem Kampf miteinander (vgl. Szarka et al., 2007). Die verschiedenen Völker Mittel-, Ost- und Südosteuropas als Teile des Habsburgerreiches haben ihre eigene Identität auf der Basis von ethnischen, sprachlichen und geschichtlichen Grundlagen herausgebildet und trachteten danach, eigene Staaten zu gründen, um sich auch auf diese Weise von anderen Nationen abzugrenzen. Zum anderen lassen sich manche untersuchten Kollokatoren der beiden Wörter mit Merkmalszuschreibungen und Benennungen von Charakterzügen in Zusammenhang bringen, z. B. erős („stark, kräftig“), büszke („stolz“), lovas („Reiter-“), sikeres („erfolgreich“), győztes („Gewinner“), civilizált („zivilisiert“), die wiederum positiv konnotiert sind. Diese erinnern uns an ethnische und national-kulturelle Stereotype. Autostereotype des Typs der Ungar ist stolz, vornehm, klug, überheblich, tatkräftig, liebt die Freiheit und seine Heimat, sind seit dem 17. Jahrhundert in den ungarischen geschichtlichen Werken belegt (vgl. Czuczor & Fogarasi, 1862, Vámbéry, 2003). Solche Autostereotype bilden neben der finnisch-ungarischen Abstammung die Merkmale, die die ungarische Nation von den anderen unterscheidet. Ihr Erkennen und Bewusstwerden machen des Geschichtsbewusstseins der Ungarn aus, das seinerseits als Teil des Nationsbewusstseins betrachtet wird (vgl. Deér, 1936).

5.3 Ergebnisse der qualitativen Untersuchungen Die an den Volltexten des Korpus durchgeführten qualitativen Untersuchungen belegten zum einen eindeutig, dass im untersuchten Pressediskurs die Nation als Kulturnation begriffen ist. Dies wird im Diskurs auch explizit thematisiert, z. B. „a több országban, kisebbségi közösségekben és szétszóródásban élő tizennégytizenötmillió magyar nem politikai, hanem kulturális értelemben alkot nemzetet“ (press_hu_dtn_2004) „die in mehreren Ländern, in den Minderheitengemeinschaften und in der Diaspora lebenden vierzehn-fünfzehn Millionen Ungarn bilden nicht im politischen, sondern im kulturellen Sinne eine Nation“

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oder „Arra a kérdésre, tíz- vagy tizenötmillió magyar miniszterelnöke kíván-e lenni, Orbán elmondta: mindig azon a véleményen volt, hogy a magyar állam és a magyar nemzet nem esik egybe. A következő kormány azonban a magyar nemzet része lesz. “ (press_hu_nem_2005) „Auf die Frage, ob er der Ministerpräsident von zehn oder fünfzehn Millionen Ungarn sein möchte, antwortete Orbán, dass er schon immer der Meinung gewesen sei, dass der ungarische Staat und die ungarische Nation nicht zusammenfallen würden. Die nächste Regierung werde aber der Teil der ungarischen Nation sein.“

Zum anderen konnte ermittelt werden, dass der Begriff nemzeti („national“) im Vergleich zu den lexikografisch fixierten gebrauchssprachlichen Bedeutungen des Wortes im Diskurs teilweise eine Umdeutung erfährt. Es bedeutet nicht nur ‚staatlich‘, ‚Landes-‘ bzw. ‚auf die Nation bezogen, für sie charakteristisch‘ usw., sondern er wird in manchen Verwendungsweisen mit neuem Inhalt gefüllt. „A nemzeti kormány és a nemzeti pártok ellenzéke ugyebár nemzetietlen, továbbá nem polgári, nem magyar, nem keresztény, hanem valami más, a nemzeten, a polgárságon, a magyarságon, a kereszténységen kívül eső entitás.“ (press_hu_hir_2018) „Die Opposition der nationalen Regierung und der nationalen Parteien ist dann natürlich anational, sowie nicht bürgerlich, nicht ungarisch, nicht christlich, sondern eine andere Entität außerhalb der Nation, des Bürgerlichen, des Ungarntums, des Christentums.“

Nemzeti („national“) meint in solchen Verwendungsweisen eine politische Gemeinschaft von bestimmten politischen Parteien, die sich durch die ideologischen Werte bürgerlich, ungarisch und christlich definieren und diese für sich beanspruchen (d. h. ausschließlich sie können bürgerlich, ungarisch, christlich sein).11 Alle anderen politischen Kräfte gehören also nicht zu dieser politischen Gemeinschaft und sie werden als anational abgestempelt, zumal es die nationale Regierung und die nationalen Parteien sind, die die Nation überhaupt und angemessen vertreten können. „Hoffmann elmondta, hogy a Fidesz oktatáspolitikája a nemzet javát és az ország felemelkedését akarja szolgálni (…)“ (press_hu_origo_itthon_2013)

11 Obwohl

es nicht untersucht worden ist, darf man davon ausgehen, dass parallel auch das Besetzen der Begriffe „ungarisch“ und „bürgerlich“ einhergeht.

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„Hoffmann12 äußerte, dass die Bildungspolitik der Fidesz das Wohl der Nation und den Aufstieg des Landes herbeiführen möchte (…)“

Im Spiegel der Ergebnisse der quantitativen (Abschn. 5.1 und 5.2) und der bereits vorgestellten qualitativen Analysen kristallisiert sich eine diskursive Position und eine bestimmte Art der diskursiven Konstruktion von nemzet („Nation“) und nemzeti („national“), die wie folgt beschrieben werden kann: Die Akteure, die diese diskursive Position vertreten, sind Vertreter der rechten politischen Parteien, die sich selbst seit dem politischen Wechsel in Ungarn 1989/90 als nemzeti pártok („nationale Parteien“) bezeichnen (vgl. Szabó, 2005: 13). Betrachtet man die Zeitspanne, aus der die in diesem Beitrag untersuchten Pressetexte stammen, so kann man durch die ständige Veränderung der Palette der politischen Parteien in Ungarn von Wahlperiode zu Wahlperiode jeweils andere politische Parteien als recht einstufen. Die Fidesz, die seit 2010 ununterbrochen in Ungarn regiert, charakterisiert sich selbst seit ihrer Gründung 1998 als eine nationale Partei. Die politische Gemeinschaft der rechten politischen Parteien wird zusammenfassend auch nemzeti oldal („nationale Seite“) genannt (vgl. ebd.). Von diesen Akteuren sind im untersuchten Pressediskurs die Begriffe „nemzet“/„nemzeti“ besetzt. Es wird ein ethnokulturelles Verständnis der Nation im Diskurs durchgesetzt, bei dem zum einen die Identität und die Zusammengehörigkeit der innerhalb und außerhalb der Grenzen Ungarns lebenden Ungarn besonders perspektiviert sind. Der Begriff nemzeti („national“) wird teilweise umgedeutet, zumal es eine politische Gemeinschaft mit spezifischen ideologischen Werten bedeutet, die sich selbst als alleiniger Vertreter der Nation definiert und deklariert. Die Zugehörigkeit zu dieser politischen Gemeinschaft, also die Inklusion und Exklusion werden sprachlich durch das Wortpaar nemzeti („national“) vs. nemzetietlen („anational“) bzw. nemzetellenes („antinational“) markiert. Die Begriffe nemzet und nemzeti sind mit positiven Werturteilen und Konnotationen verbunden. Diese ergeben sich zum einen aus der Kontextualisierung durch Kollokatoren, die positiv konnotierte oder stilistisch auffällige pathetische Wörter sind. Zum anderen spielt das Framing (vgl. Wehling, 2018) eine wichtige Rolle. Durch den Bezug auf das Geschichtsbewusstsein der Ungarn (Autostereotype) sowie auf den Rückgriff auf eine insbesondere hinsichtlich der Souveränität und Identitätsstärkung besonders wichtige und erfolgreiche

12 Rózsa

Hoffmann war zwischen 2010 und 2014 Staatssekretärin, die für die öffentliche Bildung verantwortlich war.

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historische Epoche der ungarischen Geschichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Abschn. 5.2.2) werden die beiden Begriffe positiv geframt. All das soll noch mehr zur Stärkung der nationalen Identität in der Gegenwart beitragen. „Nemzet“ und „nemzeti“ erweisen sich somit im gegenwärtigen ungarischen Pressediskurs als handlungsleitende Konzepte, die als wichtige Elemente der politischen Selbstbestimmung der Partei Fidesz anzusehen sind. Die sie benennenden beiden Wörter nemzet und nemzeti fungieren gleichzeitig als politische Schlagwörter, die die Handlungen, Maßnahmen und politische Ideologie der Fidesz legitimieren und das Denken, Fühlen und Verhalten der Menschen steuern sollen. Die qualitativen Untersuchungen zeigen aber auch, dass diese Konzepte im Diskurs nicht gänzlich unausgehandelt bleiben. Im Aushandlungsprozess spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Mit Bezug auf die westeuropäischen Länder wird betont, dass dort in Bezug auf die Fragen, wer die Nation vertritt und wer zur Nation gehört, längst Konsens bestehe. „Mert mi a nagy különbség a nyugat-európai és a magyar állapotok között? Az, hogy a nyugati országokban hosszú évtizedek óta konszenzusra jutottak olyan alapvető kérdésekben, hogy ki képviseli a nemzetet, és ki nem, illetve ki tartozik a nemzethez, és ki nem, ki a nemzetidegen, és ki nem. A nyugat-európai országokban minden politikai erő, párt - leszámítva persze a durva szélsőségeket - a nemzet része, a nemzet mint téma nem tartozik a politikai és pártviták igen-nem jellegű, alapvető kérdései közé. (press_hu_nem_2009) „Denn wo liegt der große Unterschied zwischen den west-europäischen und ungarischen Verhältnissen? Ja dort, dass in den westlichen Ländern schon seit Jahrzehnten in Bezug auf solche grundlegenden Fragen ein Konsens besteht, wer die Nation vertritt und wer nicht bzw. wer zur Nation gehört und wer nicht, wer nationsfremd ist und wer nicht. In den westeuropäischen Ländern sind alle politischen Parteien und Kräfte - abgesehen von den groben Extremen - Teile der Nation und das Thema Nation gehört nicht zu den grundlegenden Fragen des Typs ja-nein der politischen und Parteidebatten.“

Es wird im Diskurs auch die Meinung vertreten, dass die Begriffe nemzet und nemzeti wegen der ständigen, wiederholten Verwendung abgenutzt und besetzt seien bzw. dass ihnen negative Werte, wie Diskriminierung und Ausgrenzung anhaften. Die sprachreflexiven Äußerungen zeugen gleichzeitig davon, dass im Diskurs die beiden Wörter semantisch umkämpft sind. „A szakadatlan koptatás szándékolt vagy latens hatásaként sikerült elérni, hogy az eredeti jelentésükben közösséget kifejező terminusok jelentése a politikai kisajátítás folytán megfordult, s kirekesztő, elhatárolódást jelölő szavakká változtak.“ (press_ hu_hir_2018)

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„Als beabsichtigte oder latente Folge der Abnutzung ist erreicht, dass sich die Bedeutung von Termini, die ursprünglich Gemeinschaft bedeuteten, in Folge ihrer politischen Besetzung umkehrte und sie zu Wörtern wurden, die Diskriminierung und Ausgrenzung bezeichnen.“

Die Ausgrenzung aus der Nation wird im Diskurs auch ausführlicher thematisiert. „Etnikai, vallási kisebbségként, nőként, egyedülálló anyaként, fogyatékossággal élőként, idős vag ybtg emberként sokan érzik úgy, hogy nem teljes jogú tagjai a nemzetnek“. (press_hu_nszv_belföld_2000) „Als ethnische, religiöse Minderheiten, als Frauen, als alleinerziehende Mütter, als Behinderte, als alte oder kranke Menschen empfinden viele nicht gleichwertige Staatsbürger der Nation zu sein.“

Das nächste Zitat belegt, dass dem Nationskonzept der Fidesz weitere negativ bewertete inhaltliche Elemente, wie Ausschließlichkeit und Selbstgefälligkeit zugeschrieben werden. „A nemzethez tartozás tulajdonképpen pozitív érzés... 

  - Igen, de a probléma az, hogy ebben olyan elemek is helyet kaptak, melyek a másik elutasítása felé mutatnak: ellenséges érzések más népekkel szemben, a kizárólagosság, az önteltség.“ (press_hu_dtn.clean_2000) „Die Zugehörigkeit zur Nation ist eigentlich ein positives Gefühl… Ja, aber das Problem ist, dass darin auch Elemente enthalten sind, die in die Richtung der Ablehnung Anderer zeigen: feindliche Gefühle anderen Völkern gegenüber, die Ausschließlichkeit, die Selbstgefälligkeit.“

Gleichzeitig wird ein anderes Konzept, das sog. Konzept „der modernen Nation“, dem im Diskurs dominanten gegenübergestellt, in dem die Nation als Gemeinschaft von allen, die dazu gehören wollen, aufgefasst wird. „A modern nemzet ezzel szemben mindenki közössége, aki vállalja az odatartozást.“ (press_hu_nszb_2012) „Die moderne Nation ist demgegenüber die Gemeinschaft von allen, die sich zur Zugehörigkeit bekennen.“

Darüber hinaus werden auch inhaltliche Aspekte des Begriffs „der modernen Nation“, wie berechenbarer Lebensberuf, Mobilität, Lebensqualität usw. aufgezählt.

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„de azokat a civilizációs javakat - viszonylag kiszámítható életpálya, mobilitás, életminőség -, amelyek egy modern nemzet fogalmába beletartoznak, szétverték és elherdálták.“ (press_hu_nszv_belfold_2020) „aber die Zivilisationsgüter – ein relativ berechenbarer Lebensberuf, Mobilität, Lebensqualität – die zu einem modernen Begriff der Nation gehören, hat man zerschlagen und verschleudert.“

Diese Diskursfragmente legen eine andere diskursive Position bzw. diskursive Konstruktion nahe. Diese diskursive Position wird von Akteuren getragen, die die linksliberalen Oppositionsparteien in Ungarn vertreten und sich mit dem Nationskonzept der Fidesz auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung besteht in der Distanzierung vom und in der Kritik am Nationsbegriff der Fidesz sowie im semantischen Kampf um die Bedeutung des Wortes Nation. Allerdings erfolgt interessengeleitet auch durch diese Akteure die Besetzung der beiden Begriffe. Zum einen so, dass das Nationskonzept der Fidesz mit negativen Wertelementen verbunden, also abgewertet wird (grenzt aus und diskriminiert). Zum anderen wird auch eine eigene Konzeptualisierung, der Entwurf einer „modernen Nation“ präsentiert, der aufgewertet wird. Sowohl bei der Abwertung des fremden als auch bei der Aufwertung des eigenen Konzeptes wird in erster Linie auf leitende ideelle und ideologische Werte in dem modernen Europa und insbesondere in der Europäischen Union Bezug genommen, wie Ablehnung der Abgrenzung und Diskriminierung, Forderung der Toleranz gegenüber und der Akzeptanz von Minderheiten sowie der Zugehörigkeit von allen.

6 Fazit Aufgrund der durchgeführten quantitativen und qualitativen Untersuchungen im untersuchten ungarischen Pressediskurs konnten zwei diskursive Konstruktionen von nemzet („Nation“) und nemzeti („national“) ermittelt werden. Einerseits das ethnokulturelle Nationskonzept der Fidesz bzw. der als „nationale Seite“ bezeichneten rechten politischen Gemeinschaft, das auf dem Mythos der ruhmreichen Vergangenheit basierend die Identitätsstärkung innerhalb der Nation fokussiert und als handlungsleitend gesetzt ist. Starke Identität gilt zugleich als Bedingung der Souveränität der einzelnen politischen Nationen. Das „Europa der Nationen“ funktioniert auf der Basis von starken und souveränen Nationen. Andererseits ist es der sog. Begriff „der modernen Nation“ der linken Oppositionsparteien in Ungarn, der durch die zeitgemäße Vorstellung eines transnationalen Europas sowie durch weitere moderne Ideologien der Europäischen Union inhaltlich gefüllt wird.

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Eine „imperiale Nation“? Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland: Ideen Greater Britains im 19. Jahrhundert und heute Patrick Rummel Im englischsprachigen Raum kreisten und kreisen Konzepte wie Anglo-Saxon race, English-speaking peoples oder Anglosphere stets um den Begriff der Nation. In diesem Kontext gebräuchliche Nationenbegriffe benennen kein kohärentes Territorium. Vielmehr beschreiben sie eine Sphäre institutioneller, politischer und kultureller Affinität, die wahlweise als gegeben postuliert oder als zu erstrebendes Ziel erscheint. Diese Diskussion um Greater Britain gewann im Zuge des Brexit-Referendums 2016 erneut an Werbern wie an Zuhörern. Indes ist diese keineswegs neu und wurzelt tief im 19. Jahrhundert. Das britische Empire in viktorianischer Zeit sowie zwei Advokaten Greater Britains im 19. Jahrhundert, Edward A. Freeman und John R. Seeley, werden im Folgenden näher betrachtet, bevor ihre modernen Erben ins Zentrum gerückt werden. Dabei wird das Werben um Greater Britain als nachträgliche Reorganisation der durch Kolonisation expandierten englischen respektive britischen Nation perspektiviert.

P. Rummel (*)  Fachbereich 06: Geschichte und Kulturwissenschaften, Seminar für Neueste Geschichte, Philipps-Universität Marburg, Marburg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_10

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1 Einleitung Mit 51,9 zu 48,1 % stimmte die britische Bevölkerung am 23. Juni 2016 für den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union.1 Dass der tatsächliche Austritt weitere vier Jahre dauern würde, ließ vor allem die Brexiteers unruhig werden, betitelten doch nicht nur sie diese Frage als ‚Schicksalsfrage der Nation‘. Während Remainer sozialen und ökonomischen Niedergang befürchteten, träumten und träumen Brexiteers von „neuer Größe“ eines „wahren“, wie es u. a. Theresa May formulierte, „Global Britain“ (May, 2016).2 Die durch das Referendum entflammte Debatte war keineswegs neu. Sie wurzelt tief in der imperialen Vergangenheit Großbritanniens im 19. Jahrhundert und der bereits in viktorianischer Zeit intensiv debattierten Frage nach nationaler und imperialer Identität sowie einer Föderation Großbritanniens und der Siedlerkolonien im heutigen Kanada, Australien und Neuseeland – nach Greater Britain. Ebendiese Kontinuitätslinien sollen im Folgenden beleuchtet werden, auch entlang der Fragen „welches Schicksal?“ und „welche Nation?“. Dabei wird eine bloße Narration der wechselvollen Beziehungsgeschichte zwischen dem Vereinigten Königreich und Kontinentaleuropa im 20. Jahrhundert bewusst ausgespart und nur in Schlaglichtern wiedergegeben.3 Vielmehr stehen die Wurzeln der gegenwärtigen Debatte im Fokus, die vergangene Narrative Greater Britains im 19. Jahrhundert vorstellen, um so zeitgenössische, oftmals vage bleibende Imaginationen eines Global Britains näher zu beleuchten.4 Gerade weil jene zeitgenössischen Konzepte oftmals mit Blick auf ihre semantische Aufladung spekulativ bleiben, dient eine Analyse ihrer historischen Anleihen der sukzessiven Konturschärfung ihres Bedeutungsspektrums sowie ihres Gebrauchs innerhalb aktueller politischer Diskussionen in Großbritannien. Nach einer Skizze des viktorianischen Empires stehen zwei prominente Advokaten Greater Britains im Fokus, ihre Konzepte und ihre Mittel und Wege,

1 Siehe

detailliert hierzu BBC News, EU Referendum Results (2016). hierzu e.g. auch Harrois (2018). 3 Ein zentrales Ereignis dieser wechselvollen Beziehung, das EU-Referendum von 1975, analysiert Saunders (2018). Er bietet überdies eine ausführliche Darstellung der Vorgeschichte, „The Road to 1975“ (ebd. 29), sowie eine Skizze der post-referendum-Phase nach 2016 (siehe ebd.: 29–62, 365–382). 4 Grundlegende und aktuelle Arbeiten, die die zentrale Stellung des britischen Empires innerhalb der Intellectual History des 19. Jahrhunderts analysieren, sind im folgenden Kapitel an entsprechender Stelle nachgewiesen. 2 Siehe

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den Verbund ihren Lesern und Zuhörern intelligibel werden zu lassen: Edward Augustus Freeman (1823–1892) und John Robert Seeley (1834–1895). Ideen Greater Britains respektive ihrer gegenwärtigen Nachfolger, die im Anschluss an das Referendum 2016 reüssierten, schließen das Panorama.

2 An empire in making. Viktorianisches Empire und Föderation Das britische Empire in viktorianischer Zeit zwischen 1837, als Königin Viktoria gekrönt wurde, und ihrem Tode in 1901 kann sinnvoller Weise nicht von der Zeit vor Viktorias Regentschaft und den Jahren nach ihrem Ableben getrennt werden, die in den Ersten Weltkrieg mündeten. Das britische Weltreich war zu jeder Zeit „an empire-in-making“, das sich einer starren Periodisierung entzieht (Darwin, 2012: xii).5 Nichtsdestotrotz wartete das Empire gerade in viktorianischer Zeit mit einer verstärkten Hinwendung zu Begriffen auf, die allesamt um den der Nation kreisten: character, race, state, brotherhood oder federation.6 Ein Schlüsselbegriff dieser Zeit, der im britischen Kontext gleichsam ungewöhnlich erscheinen mag, war federation, Föderation.7 Besonders um die Jahrhundertmitte erfuhr Föderalismus als politisches Organisationsprinzip in der britischen Politik zunehmend Aufmerksamkeit. Indes speiste sich diese Aufmerksamkeit nicht aus der Situation auf den britischen Inseln, sondern aus der Imagination eines global agierenden und föderal organisierten britischen Empires. „Natur“, Zweck und Zukunft des britischen Weltreichs vereinnahmten diese imperialen Imaginationen und ließ die letzten drei Dekaden des 19. Jahrhunderts zu einer Hochzeit des Nachdenkens, Ringens und der Implementierungsversuche eines Verbunds aus Großbritannien und den Siedlerkolonien werden.8 Ideen jenes Verbunds sammelten sich, ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeiten, unter dem Begriff Greater Britain.9 5 Einführungen

in viktorianische Zeit und das viktorianische Empire bieten Martin Hewitt (Hrsg.) (2012) und Porter (Hrsg.) (1999). Zur Periodisierung der viktorianischen Zeit vgl. Rummel (2020). 6 Siehe e.g. Cain (2007); Mandler (2000); Bell (2010, 2015, 2007b). 7 Hierzu grundlegend Burgess (1995); Kendle (1997). 8 Vgl. und siehe dazu Cain (1999a, b). 9 Dazu grundlegend Bell (2007a). Das Standardwerk analysiert die Ideen Greater Britains vor dem Hintergrund ihres breiten Bedeutungsspektrums zwischen 1860 und 1900. Zum Begriff siehe auch Armitage (1999, 2004).

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Jenes Greater Britain und damit das Konzept imperialen Föderalismus sprach im Kern einen Verbund an, der global und föderal gedacht wurde. Ob dieser zuvorderst auf kultureller Uniformität basierte, also das Teilen einer gemeinsamen Herkunft und Sprache, das Etablieren gemeinsamer Institutionen oder das Tradieren derselben Werte, und diese brotherhood, wie sie Edward A. Freeman bezeichnete, als ausreichend starke, informelle Bindung der englischsprachigen Welt pries oder darauf aufbauend einen föderal organisierten world state mit gemeinsamen Parlament forderte, wie ihn John R. Seeley entwarf, blieb Verhandlungssache und markiert die Pole zwischen denen sich Ideen Greater Britains bewegten. Was dagegen keine Frage der Präferenz war, sondern als Axiom der sog. Föderationsdebatte gelten kann, war die Begrenzung der Diskussion auf Großbritannien und die Siedlerkolonien: Beherrschungskolonien, wie Britisch-Indien, hatten darin keinen Platz. Als gesamtimperiale Klammer konnte dagegen die britische Monarchie gereichen. Während die Krone im Verlauf des 19. Jahrhunderts ihr effektives Gestaltungsvermögen aufgab, gewann sie an repräsentativer Allgegenwart, die auch und insbesondere das Empire umschloss.10 Mit der Kaiserinnenwerdung Viktorias 1877 in Indien festigte sich der Zugriff Großbritanniens auf BritischIndien auch symbolisch. Die Monarchie als einheitsstiftende Kraft und verbindendes Symbol konnte auf allen gesellschaftlichen Ebenen verfangen und auf diese Weise mit disparaten imperialen Ideologien verschmelzen. So ließ sich die Krone nicht weniger als Klammer für hier beschriebene föderale Konzepte Greater Britains integrieren. Sie konnte als ein weiteres kohäsives Element der global diffundierten englischen respektive britischen Nation identifiziert werden, das gegen mögliche zentrifugale Tendenzen, die föderalen Modellen bisweilen anhafteten, in Stellung gebracht werden.11 Das Limitieren der Diskussion um Greater Britain auf die Siedlerkolonien spiegelte jene zunehmende, interne kulturelle und „rassische“ Teilung des Empires wider. Ein solches Typisieren der Bewohner des Weltreichs war zentrales

10  Vgl.

Cannadine (1983: 120–125), der die zunehmend imperiale Aufladung der Krone analysiert im Zusammenhang mit e.g. der ersten Kolonialkonferenz zu Viktorias goldenem Thronjubiläum in 1887 oder dem diamantenen 1897, zu dem Joseph Chamberlain dezidiert koloniale Premierminister und Truppen einlud, um die Synthese von Krone und Empire zu symbolisieren. Vgl. dazu ausführlich auch Rummel (2020). 11  Siehe und vgl. hierzu Rummel (2021): 387–424, insbesondere das Teilkapitel Republikanismus, die Krone, das Empire: Integratives Greater Britain? (siehe ebd. 413– 424).

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Merkmal „imperialen Lebens“ und das einhergehende „rassische Überlegenheitsdenken“ der weißen Bevölkerungen in Großbritannien und der Siedler wurde nach den 1850er Jahren zunehmend als gegeben begriffen.12 Mehr noch, es wurde als zentral für das zukünftige Überleben des Empires beschrieben und konnte unter dem „rassisch“ infundierten character-Begriff als politische Legitimationsstrategie für Greater Britain dienen. Der bereits zeitgenössisch viel bemühte character-Begriff kann als Synonym „für den [individuellen oder kollektiven] sozialen, kulturellen, ethischen und politischen Habitus“ beschrieben werden (Stuchtey, 2016: 11).13 Den Bewohnern Großbritanniens sowie den von dort stammenden Siedlern zugeschrieben konnte der gemeinsame character zum Imperativ politischer, ökonomischer oder militärischer Kooperation gereichen. Er konnte als Antwort auf und als Lösung für an Großbritannien und das Empire herangetragene, oder als solche wahrgenommene, Herausforderungen funktionalisiert werden, die gleichsam von innen und von außen aufwarteten. Siedlerkolonialer Nationalismus oder Protektionismus im Fahrwasser zunehmender Selbstregierung „von innen“ oder aufstrebende geo-strategische und ökonomische Rivalen wie die Vereinigten Staaten oder das Deutsche Reich nach 1870/71 „von außen“ forderten das Weltreich heraus.14 Dabei kreiste diese postulierte Gemeinschaft der Bewohner Großbritanniens und der Siedler in den Kolonien im Kern um gemeinsame egalitäre politische Institutionen: fortschreitende Parlamentarisierung im „Mutterland“ und in den Siedlerkolonien fortschreitende Selbstregierung, self-government.15 Daraus konnte ein Programm imperialer Konsolidierung abgeleitet, diskutiert und politisch forciert werden, das in seinen utopischen Entwürfen einer globalen Föderation nicht nur geo-strategischen oder ökonomischen Herausforderungen zu begegnen suchte, sondern gleichsam aktuelle Revolutionen in der Transportund Kommunikationstechnologie integrieren konnte und die mögliche Föderation

12 Vgl.

Porter (1999a): 1–28. Siehe auch Cain (2012); Osterhammel (2006). hierzu Collini (1991); Mandler (2006). 14 Zu siedlerkolonialem Nationalismus siehe e.g. Cole (1971); zu Protektionis-mus und Freihandel hier siehe Howe (1998); grundlegend zu britischem Sied-lerkolonialismus siehe Belich (2009). Für Greater Britain, oder: imperiale Re-form, als Antwort auf „äußere Herausforderungen“ siehe und vgl. einführend Bell (2007a): 1–30. 15  Zu fortschreitender Parlamentarisierung besonders in imperialen Kontexten siehe umfassend Stuchtey (2010): 123–218. 13 Grundlegend

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dieser global diffundierten „imperialen Nation“ durch serielle Dampfschifffahrt und unterseeische Telegraphenkabel weiter intelligibel werden ließ.16 Unermüdliche Diskutanten zukünftiger imperialer Föderation, wie Edward Augustus Freeman oder John Robert Seeley, entwickelten teils vage, teils ausdifferenzierte Visionen Greater Britains, die um den Begriff der Nation kreisten und wahlweise kulturell begründete oder politisch-institutionell eingehegte Verbünde entwarfen.

3 No Empire but an ordninary state. Greater Britain zwischen higher brotherhood und world state Der Oxforder Historiker und viktorianische Föderalismusexperte, Edward A. Freeman,17 erlangte insbesondere durch seine monumentale History of Federal Government (1863) Berühmtheit, doch befeuerte die Föderationsdebatte ebenso mit Schriften wie Some Impressions of the United States (1883) oder Greater Greece and Greater Britain and George Washington, The Expander of England (1886).18 Freemans umtriebiges bewerben rein kultureller Föderation der global diffundierten englischen respektive britischen Nation zentrierte auf den Föderalismusbegriff und dessen, wie Freeman angab, paradoxen Gebrauch in viktorianischer Zeit. In seiner typischen antithetischen Rhetorik brachte er dies wie folgt auf den Nenner: „Where there is Empire, there is no brotherhood; where there is brotherhood, there is no empire“ (Freeman 1886: 102). Für Freeman war imperiale Föderation ein Widerspruch. Ein Widerspruch deshalb, weil seinem Verständnis nach „Imperium“ „(Fremd-)Herrschaft“ und „Föderation“ „Selbstbestimmtheit“ versprach. Beides zusammen konnte nicht gedacht werden. Dementgegen stellte er seine Vision Greater Britains, die auf drei Säulen fußte: „rassische“ Einheit der English-speaking peoples, ein adäquat verstandener Kolonie- und Kolonialismusbegriff und eine gemeinsame, auf die weltweiten

16 Für

die Begrifflichkeit „imperiales Programm“ vgl. Porter (1999a) in Anm. 8. Mit Blick auf die Rolle serieller Dampfschifffahrt und unterseeisches Telegra-phenkabel im Kontext imperialer Imaginationen siehe Bell (2005). 17 Das folgende Teilkapitel und die Ausführungen zu Edward A. Freeman und John R. Seeley basieren auf zwei Kapiteln meiner Dissertation (Das „englische Volk“ weltweit: E. A. Freemans Higher brotherhood und Die Diffusion des Nationalstaates: J. R. Seeleys World state). Vgl. und siehe Rummel (2021). 18 Freeman (1863), (1883) und (1886).

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Territorien dieser English-speaking peoples projizierte Staatsbürgerschaft, a common citizenship.19 Freemans Konzept einer „imperialen Nation“, deren Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit sich bis in die frühen Jahre der Besiedlung Großbritanniens zurückverfolgen lasse,20 wurde bereits in seinen Anfängen nicht allein geographisch definiert. Was die Jahre überdauerte und demnach auch die Expansion der Nation stets begleitete, war Freemans postulierte „rassische“ Einheit, racial unity. Dass die Einwohner Großbritanniens und die britischen Siedler in Übersee eine Herkunft teilten, signalisierte ihm nicht nur jene nationale Gemeinschaft, sondern verband auch das von Freeman vielzitierte Modell einer „imperialen Nation“, mithilfe dessen er sein Konzept der brotherhood seinen Zeitgenossen intelligibel zu machen suchte. Bei diesem Model, bisweilen auch Vorbild, für die Neugestaltung des britischen Empires handelte es sich um antike griechische Kolonisation. Das lange als „imperial unbrauchbar“ ignorierte Modell des sonst so hochfrequentierten antiken Analogienreservoirs versprach erprobte Leitlinien der Organisation, die dem neuen Empire-Gedanken entsprachen.21 In Freemans Artikel Imperial Federation von 1885 wies er auf dieses neuendeckte Vorbild hin. Er schrieb: „[T]he relations between metropolis and colony were one of the brightest features of Greek political life; in modern times the relations between mother-country and colony have often been among the darkest“ (Freemann, 1885: 437). Von dieser Erkenntnis leitete er einen in der Neuzeit falsch verstandenen Kolonie- und Kolonisationsbegriff ab. Neuzeitlicher Kolonie- und Kolonisationsbegriff impliziere stets Abhängigkeit; blicke man hingegen auf antike – griechische, und nicht etwa athenische, alexandrinische oder römische22 – Kolonisationsprozesse, könne man ihren „wahren“ Charakter erkennen: politische Unabhängigkeit zwischen „Metropole“ und Kolonie bei gleichzeitiger, starker kultureller Verbundenheit – in Freemans Worten: eine higher brotherhood anstelle politisch verpflichtender Treue. Die dritte und einzige politisch-institutionelle Säule seiner vorgeschlagenen Neuorganisation

19 Vgl.

Freeman (1879, 1885, 1892). historischen Herleitung des Freeman’schen Begriffs der englischen respektive britischen Nation siehe Rummel (2021): 185–191. 21  Siehe und vgl. hierzu Anm. 13. Zur grundsätzlichen Rolle und Bedeutung der europäischen Antike für das britische Empire und im britischen Kontext siehe e.g. Hagerman (2013); Larson (1999); Stray (1998). 22 Zu anderen, „nicht-griechischen” Modellen und ihrer Funktionalisierung, teils in anderen imperialen Kontexten, siehe e.g. Harrison (2005); Hagerman (2009); Hausteiner (2015); Huhnholz (2014). 20  Zur

208

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der English-speaking peoples entlehnte er ebenso einem antiken griechischen Konzept. Seinen Vorschlag einer common citizenship leitete er von der griechischen Institution der Isopolitie ab, das er als gemeinsame Staatsbürgerschaft der Bewohner Großbritanniens und der Siedler weiterentwickelte. Freeman suchte, Greater Britain in ein modernes Greater Greece zu transformieren, das politische Abhängigkeit zwischen „Metropole“ und Siedlerkolonien gegen das Betonen existierender kultureller Bande eintauschen sollte, imperialen Paternalismus durch das Ideal seiner higher brotherhood der englischsprachigen Welt. Ein Ideal, das er wie folgt zusammenfasste: The ideal after which I would fain strive would be for all members of the scattered English folk to feel at least as close a tie to one another as was felt of old by all members of the scattered Hellenic folk. Geographical distance, political separation, fierce rivalry, cruel warfare, never snapped the enduring tie which bound every Greek to every other Greek. So the Englishman of Britain, of America, of Africa, of Australia, should be each to his distant brother as were the Greek of Massalia, the Greek of Kyrênê, and the Greek of Chersôn (Freeman, 1883: 24).

Anders als Edward A. Freeman favorisierte eine breite Masse der Advokaten Greater Britains eine, wenn auch hinsichtlich ihres konkreten Aufbaus oft variierende, politisch institutionell verankerte Föderation. Einer ebendieser Advokaten war John R. Seeley. Der Cambridger Regius Professor of Modern History erlangte besondere Bekanntheit durch seinen Bestseller und das bis weit in das 20. Jahrhundert hinein neuaufgelegte Referenzwerk The Expansion of England von 1883.23 Es lohnt sich, auf dieses prominente Werk, seinen Titel und sein Erscheinungsjahr einzugehen, lässt sich hier doch in besonders deutlicher Weise zeigen, wie sehr die Idee eines Empires durch Expansion der Nation in Reaktion und Abgrenzung auf die Wirklichkeit fortdauernder imperialistischer und territorialer Annexion in Stellung gebracht wurde. Ein Jahr vor dem Erscheinen des Seeley’schen Bestsellers, 1882, okkupierte das Empire unter der liberalen Regierung William Gladstones Ägypten. Das dort geschaffene Quasi-Protektorat, dem Evelyn Baring, der spätere Lord Cromer, de facto vorstand, galt vielen Liberalen und Imperialismuskritikern wie John A. Hobson als Ausweis eines überkommenen und abzulehnenden Empire-Konzeptes.24 Auch Seeley wandte sich gegen diesen

23 Seeley

(1883). eine Darstellung der Okkupation Ägyptens siehe Al-Sayyid-Marsot (1999). Zu John A. Hobson und liberaler Empire-Kritik siehe Bell (2009).

24 Für

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„veralteten“ Empire-Begriff und stellte diesem seine Vision Greater Britains entgegen, seinen world state.25 Blickt man in Seeleys Bestseller, so wird die Zweiteilung des britischen Empires bereits im Inhaltsverzeichnis deutlich. Den maßgeblichen Inhalt der Expansion of England bildet die Geschichte und momentane Situation der Siedlerkolonien; dem ist, quasi in Form eines notwendigen, indes klar davon abzutrennenden Appendix, Geschichte und Rolle Britisch-Indiens nachgeordnet. Die Unterscheidung in Siedlerkolonien und politisch vollständig abhängige Gebiete wie Britisch-Indien – oder auch das jüngste Beispiel: Ägypten – und ihre grundsätzliche Verschiedenheit wollte Seeley ins Zentrum und ins Bewusstsein der von ihm mit Blick auf das Siedlerimperium als „geistig abwesend“ beschriebene Viktorianer rücken.26 In Seeleys world state liege die „wahre“ Identität der englischen respektive britischen Expansion. Was Seeley grundsätzlich in seiner Expansion of England entwickelte, flankierte er mit Schriften wie Our Colonial Expansion (1887) oder in Growth of British Policy (1895) sowie mittels seines Werbens für die in diesem Zeitraum gegründete Imperial Federation League, einer politisch wohl vernetzten pressure group, die die Föderation des britischen Empires voranzutreiben suchte.27 Auch wenn er ein konkretes Föderationskonzept für die expandierte Nation schuldig blieb, so lassen sich dennoch Eckpfeiler benennen. Der für Seeley auf gegebener „common nationality, common religion, and common interest“ (Seeley, 1883: 44) fußende world state müsse mit staatsbürgerschaftlichen Kompetenzen auf lokaler wie auf übergeordneter Ebene ausgestattet und im bestens Sinne föderal organisiert sein: lokale Angelegenheiten in lokalen Händen belassen, indes „nach außen“ mit einer Stimme sprechen. Ob er, wie andere, dabei ein föderales Parlament in London imaginierte, ist wahrscheinlich, bleibt aber im Unklaren. Um seinen world state – und viel mehr noch sein Verständnis von einer expandierten „imperialen Nation“ – intelligibel zu machen, tat er es Edward A. Freeman gleich und wählte ebenso das Modell antiker Griechen.28 Anders als sein Vorredner sah er darin indes kein Analogon, sondern bot seinen Lesern und

25 Seeley

(1883); Seeley (1887a, b). Siehe auch Seeley (1896). Begriff der Absent-minded imperialists siehe und vgl. Porter (2004). 27 Seeley (1887); Seeley (21897 [1895]). Zu Seeleys Engagement in der Imperial Federation League siehe e.g. Seeley (1886). Zur Imperial Federation League siehe einführend Burgess (1984); Burgess (1991). 28 Siehe und vgl. hierzu Anm. 13. 26 Zum

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Zuhören griechische Kolonisationsprozesse als Ausgangspunkt. Seeley modifizierte das griechische Beispiel und entwickelte es für seine Zwecke fort. Die Weiterentwicklung des Modells lag vor allem in seinem Empire- und Staatsverständnis begründet.29 Anders als die Gesamtheit aller übrigen Beispiele in Geschichte und Gegenwart bestehe das britische Empire nicht aus einer „congeries of nations held together by force“, wie er schreibt, „but in the main of one nation, as much as if it were no Empire but an ordinary state.“ Dieser Umstand der Expansion einer Nation spiegle einzig die koloniale Situation der antiken Griechen im Grundsatz wider. „The Greek regard the State as essentially small“, referiert er, „and infer that a surplus population can only be accommodated by founding another State.“ Und fragt weiter rhetorisch: „But is there anything necessarily unnatural in the other view that the State is capable of indefinite growth and expansion“ (Seeley, 1883: 44 und 48)? Antike Griechen verließen ihren Stadtstaat und ließen ihre citizenship zurück; moderne Siedler indes sollten ihre Staatsbürgerschaft behalten – ganz gleich, ob sie sich in der britschen „Metropole“ oder in einer der atlantischen oder pazifischen Kolonien befanden. Föderation war der Hebel und moderne Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten das Mittel, durch das der world state möglich werden konnte. Die beiden Historiker und Public moralists bewegten sich überdies in einer „galaxy of less prominent authors“ (Bell, 2007a: 12), die Greater Britain imaginierten, diskutierten oder zu implementieren suchten und keineswegs nur (professorale) Eliten umfassten.30 Ihre Erben im 21. Jahrhundert können diese Variationsbreite bislang noch nicht aufweisen.

4 Back to the future. Greater Britain, Brexit, CANZUK Die Advokaten Greater Britains fröhnten, gleich ihren Erben, techno-utopischen Konzepten, die umfassende politische und ökonomische Möglichkeiten mit technologischem Wandel und Neuerungen begründeten. Die alleinige Hürde, die 29 Dazu

einführend auch Burroughs (1973). Begriff der Public moralists vgl. und siehe Collini (1991). Diese „Galaxie an weniger prominenten Akteuren“ umfasste Politiker der zweiten und dritten Reihe, Journalisten und Militärs bis hin zu anonym gebliebenen Kommentato-ren und Rezensenten. Siehe e.g. Seebohm (1880); Smith (1884); Newall (1882); [Anonymus] (1893).

30  Zum

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der „Wiedervereinigung“ der expandierten Nation im Weg stehe, so zeigten sich ihre Advokaten sicher, war weder geographische Distanz oder fehlende Transport- oder Kommunikationsmöglichkeiten noch die Abwesenheit gemeinsamen Interesses und geteilter Identität – es sei einzig politischer Wille.31 Während sich die Termini wandelten und eine „imperiale Nation“ bestehend aus Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland wahlweise und über die Zeit mit Begriffen wie Anglo-Saxon race, English-speaking peoples oder nun Anglosphere paraphrasiert oder bisweilen substituiert wurde, blieben die korrespondierenden Ideen politischer Organisation seit viktorianischer Zeit beeindruckend kongruent. In nachviktorianischer Zeit versetzten markante Ereignisse dem fortdauernden Projekt immer wieder Rückschläge, doch zeigen diese Krisenmomente auch stets die Persistenz der Idee. Während 1914 die Föderationsdebatte in den Hintergrund rückte, in der Zwischenkriegszeit zunächst der Begriff des Commonwealth als Assoziation ehemaliger und noch bestehender Territorien des Empires reüssierte,32 setzte sie Winston Churchill 1946 mit seinem Ruf nach der „fraternal association of the English-speaking peoples“ (zit. n. Ryan, 1979: 896), der besonders an die Vereinigten Staaten gerichtet war und stark an Freemans brotherhood erinnerte, erneut auf die Agenda. Die Wechselvolle Geschichte zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa während der Nachkriegszeit erreichte in manchen Augen der Angloshpere-Werber ihren negativen Höhepunkt 1972. Der Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Gemeinschaft konnte als Gegensatz zur Möglichkeit einer eng zusammenrückenden englischsprachigen Gemeinschaft konstruiert werden.33 Erst mit dem kühnen Referendum von 2016 und seinem bekannten Ausgang schien der Erwartungshorizont einer Neuorganisation der Angloshpere wieder offen zu sein.34

31 Für

die folgenden Ausführungen zu CANZUK dieses Teilkapitels vgl. Bell und Vucetic (2019), insbesondere 371–379. Indes sind andere Akzente gesetzt. 32  Zum Commonwealth-Begriff und dessen spezifischen Gebrauch auch im imperialen Kontext siehe Morefield (2007, 2014). 33  Grundlegend hierzu Saunders (2018): insbesondere 254–277, der überdies einen Argumentationsstrang beleuchtet, der den EG-Beitritt als „not so much a retreat from Britain’s global ambitions as a shift to new instruments of power“ (ebd. 277) perspektiviert. Zur Phase nach 1914, insbesondere nach 1972 zum EG-Beitritt Großbritanniens und der auch darauffolgenden Konstruktion eines „Gegensatzes” zwischen Anglosphere und EU, siehe und vgl. dagegen Anm. 31. 34 Zum Begriffspaar und Konzept Erfahrungsraum und Erwartungshorizont siehe und vgl. Steinmetz (1993).

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Boris Johnsons „Take Back Control“ (Johnson, 2016) lässt sich dabei als prominentes Bonmot nennen, das Elemente imperialer Imaginationen nachhallen lässt. Wesentlich konkreter indes kann die Idee Greater Britains bspw. unter den Advokaten der CANZUK-Union nachverfolgt werden, einem Akronym aus Canada, Australia, New Zealand und United Kingdom.35 Bereits seit der Jahrtausendwende wurde CANZUK diskutiert. Der britische Historiker und Literat George Robert Conquest warb bereits 1999 dafür und referierte in seinem Artikel Toward an English speaking union über die disparaten Nationalitäten Großbritanniens und der Siedlerkolonien, die zweifelsohne zu unterscheiden seien, aber einen gemeinsamen Ursprung teilten, der wiederum verbinden und eine übergeordnete Nation bilden könne.36 Die mögliche Union wird dabei als Handelszone, engeres Verteidigungsbündnis, Territorium eines gemeinsamen Visa-Regimes bis hin zu einer politisch-institutionellen Föderation imaginiert.37 Bereits in den frühen 2000er erntete die Idee dagegen prominente Kritik und wurde u. a. durch den ehemaligen Vorsitzenden der Liberalen Partei Kanadas, Michael Ignatieff, etwas despektierlich als „cozy vision“ (Ignatieff, 2000) abgetan. Nach dem Referendum erfuhr die Idee indes erneute Zustimmung. Dabei müssen die Advokaten CANZUKs selbst als eher loser Verbund beschrieben werden, deren Organisation nicht über einzelne Websites oder Auftritte auf diversen Social Media-Plattformen hinausgeht. Dennoch wird die Idee ebenso durch prominente Stimmen unterstützt, wie der Schriftsteller und Unternehmer James C. Bennett oder der am Londoner King’s College lehrende Historiker und Biograph Andrew Roberts sowie der ehemalige britische Abgeordnete im EUParlament und zwischenzeitlich mit einer Life Peerage versehene Daniel John Hannan.38 Obschon die Kritik an dieser „kuscheligen Vision“ nicht ausblieb, die sich zum einen in Verweisen auf bestehende Handelsbeziehungen oder Sicherheitsbündnisse äußert und zum anderen in den Vorwürfen reaktionärer Tendenzen bis hin zum Bewerben einer white man’s world zeigt,39 erfolgt das Bewerben

35 Vgl.

CANZUK (2017). Conquest (1999). 37 Vgl. CANZUK International (2021). 38 Vgl. CANZUK (2017); CANZUK International (2021). 39 Siehe hierzu allgemein Lake und Reynolds (2007); spezifisch im imperialen und interimperialen Kontext mit Blick auf die Beziehung zwischen dem britischen Empire und den Vereinigten Staaten siehe Bell (2020). 36 Vgl.

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CANZUKs mit Hilfe teils wohlbekannter Anleihen. Wie ihre viktorianischen Vorgänger verweisen auch die modernen Advokaten einer Union der englischsprachigen Welt, wie etwa James C. Bennett, darauf, dass ihr Konzept vieles sei oder sein könne, indes keineswegs ein „re-born British Empire“ (Bennett, 2017). Andrew Roberts wurde im Jahr des Referendums etwas konkreter und gab an, dass CANZUK einem – und so muss hinzugefügt werden: imperialen – Traum entspreche, „the dream of early 20th century giants such as Joseph Chamberlain“ (Roberts, 2016), der eine zuvorderst, indes nicht ausschließlich, ökonomische Föderation des britischen Weltreichs durch eine exklusive Freihandelszone anvisiert hatte. Daniel John Hannan erkannte gar in der nachträglich neu zu organisierenden Expansion der Nation und ihrer, wie er es begriff, „fundamentalen Liberalität“ gleichzeitig die Globalisierung eines Prinzips, das als ‚„antibody against the infections of slavery and dictatorship“‘ (zit. n. Bell & Vucetic, 2019: 379)40 wirken könne.

5 Conclusio Die Idee CANZUKs lässt sich als Weg zurück in die Zukunft beschreiben, der infolge des Referendums zwar revitalisiert wurde, indes tief in viktorianischer Zeit wurzelt. Damals wie heute offenbart die Idee einer kulturell stärker oder politisch-institutionell strikter eingehegten englischsprachigen Welt viel mehr über ideologische Praktiken englischsprachiger Eliten als über ökonomische oder geopolitische Realitäten.41 Greater Britain scheiterte nicht zuletzt aufgrund der Inkongruenz von kolonialer Theorie und imperialer Wirklichkeit.42 Wenngleich aufgrund des Blicks auf einzelne Werber um CANZUK nicht durchgängig neoimperiale Phantasien unterstellt werden dürfen, so dienen solche Konzepte und ihre Analyse nichtsdestotrotz als Brennglas, das Annahmen, Interessen und „Träume“ solcher offenbart, die Großbritanniens Position als globaler und exzeptioneller Akteur der ersten Reihe teils wiedergewinnen, teils zu verstetigen suchen. Blickt man auch vor diesem Hintergrund auf die Auseinandersetzung zwischen Brexiteers und Remainers zurück, lässt sich ungeachtet des jeweiligen

40 Das

Zitat entstammt im Original Hannan (2013). Bell und Vucetic (2019): 379. 42 Vgl. Rummel (2021), siehe insbesondere 16, 124, 517 und 545f. 41 Vgl.

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politischen Standpunktes konstatieren, mit welcher Intensität vermeintlich überkommene Narrative nationaler Identität das Vor- und Ausrechnen düsterer ökonomischer Realitäten überstrahlen. Utopien politischer Organisation oder nostalgische Träume historischer „Größe“ lassen sich nur schwerlich „wegkürzen“. In jedem Fall bleibt eine Restmenge übrig, die sich den scheinbar so eindeutigen Prozessen mathematischer Wahrheiten bisweilen entzieht. Ob der „Traum“ einer Union der englischsprachigen Welt – oder anders formuliert: einer „Wiedervereinigung“ dieser „imperialen Nation“ – im 21. Jahrhundert einen anderen Ausgang finden werde oder dementgegen gar das Narrativ fortschreitender (kontinental-)europäischer Integration auf den britischen Inseln reüssieren kann, bleibt abzuwarten.

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The Metonymy EUrope as a Means of Legitimizing Nations in the Western Balkans Aleksandra Salamurović This chapter focuses on the metonymic use of the lexeme Europe and country name in Montenegro and North Macedonia with the aim of investigating their co-occurrences in discursive-linguistic realizations of the concept of Nation in both countries. The analysis is based on a corpus consisting of political speeches, election slogans, and media texts (both newspaper and social media) that cover the period from 2006 in Montenegro and 2011 in North Macedonia, respectively. Discourse Space Theory (Chilton 2004, 2014) and Proximization Theory (Cap 2009, 2013, 2017) provide a theoretical framework against which the legitimization of particular conceptualizations and framing are disclosed. The analysis shows that although EUrope is largely used for specific national (re)identification in both Western Balkans countries, these discourses are characterized by a complex legitimization: On the temporal and spatial axis, EUrope is constructed as a distant Other (e.g., “European integration,” “our European path”, “European future”), while on the axiological axis, as a symbolic part of the Self (e.g., “European face of Montenegro”, “vote for a European Macedonia”). This divergent legitimation can be seen both as discursive and linguistic handling of the protracted EU rapprochement processes and as a management tool for inner divisions in both countries along the lines of civic versus ethnic-national identification.

A. Salamurović (*)  Lehrstuhl für Geschichte Südost- und Osteuropas, Universität Regensburg, Regensburg, Germany E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en) 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_11

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1 Introduction National and European discourses through which respective collective identities are “produced, transformed, maintained and dismantled” (Wodak et al., 2009, 3–4) are strongly intertwined and mutually influence each other. This influence can be traced back to the very beginnings of the formation of the European identity in the contemporary sense and the foundation of the EU as an institutional structure beyond a nation-state (Heinemann et al., 2022: 11–12). The linkage between Nation1 and EUrope2 as two conceptual entities is produced and visible in all fields of political action (Reisigl & Wodak, 2009: 90), encompassing heterogeneous genres of political communication. Weiss (2002), Wodak and Bukala (2015), and Wodak (2018) provide conclusive evidence based on analyses of political speeches that the concepts of EUrope are deeply anchored in and shaped by inner state discourses on national identification and positioning, irrespective of the particular perspective (i.e., pro- or anti-European). Bieber und Bieber (2021) note that within the EU, the co-existence of European and national identities is already defined in the Preamble of the EU Treaty (Maastricht Treaty). However, the two identification models are not equally binding (2021: 92). EUrope is not only conceived from a national perspective (Hooghe & Marks, 2009: 7, Karner & Kopytowska, 2017: 2; Breit et al., 2020: 9, Helfrich, 2022: 71), but also increasingly discursively and linguistically integrated into re-narrating national identities (Horbyk, 2014: 66; Nancheva, 2015: 2–3, Thielemann & Savych in this volume). The nexus between these two conceptual and linguistic operations is best explained against the background of political legitimization. The meaning-making of a specific concept is a prerequisite for establishing a particular social order in which the concept will operate as an important ideological ground and from which political actions can be derived and presented as right and necessary in the discursive process of legitimization (Bennett, 2022: 372). This holds especially true for countries that are candidates for EU membership. However, legitimization and its crises are a long-lasting challenge for EU members as well (Visser, 2022; Zappettini & Bennett, 2022). As aptly stated by Zappettini and Bennett, EU and EUrope are used in legitimation

1 I

adopt the view by Perak (2019) that the lemma nation is an ontological metonymy (as well as metaphor), which is why this lemma is set in small caps throughout the chapter. 2  The designation EUrope goes back to the communication scholar Sine Nørholm Just (2009) and has been widely used since. This linguistic form captures both the metonymic relation between Europe and European Union, and the non-metonymic use of those nouns.

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processes as “a discursive signifier” (2022: 200) that enables the “semantic bending of general ‘European values’ to fit specific agendas” (2022: 201). In current political discourses, EUrope as “a political metonymy” (Heinemann et al., 2022: 10) designates not only a variety of political institutions, but even more so historical, cultural and ideological values and entities (Uspenskij, 2012: 181, Horbyk, 2014: 75; Perak, 2019: 232, Bennett, 2022: 385, Visser, 2022: 185). Accordingly, political actors resort to EUrope as an effective legitimization means due to its polysemy. In this analysis, I focus on Montenegro and North Macedonia, two countries in the Western Balkans, in which nation-(re)building processes have not been completed yet (Bieber, 2003; Soldić, 2012; Brković, 2013; Džankić, 2014b; Takovski & Markovikj, 2017). They are strongly influenced not only by the European Union as an active political actor in the region (Bieber, 2003; Biermann, 2014; Brezar, 2021; Koneska, 2019), but also by EUrope, a cognitive and linguistic device used to shape particular concepts of Nation and to legitimize political actions around it (cf. Bieber, 2020). Legitimizing state and national restructuring by referring to EUrope notably came to the fore in the 2006 referendum on independence in Montenegro and in the 2018 referendum on state name change in North Macedonia. This study explores how the legitimization of revised concepts of Nation was brought about before, during, and after the referendum by focusing on cooccurrences of the metonymic use of the lexeme Europe and the country name. To capture dynamic discursive and linguistic relations between those two metonyms, Discourse Space Theory (Chilton, 2004, 2014) and Proximization Theory (Cap, 2009, 2013, 2017) were applied in the analysis. The following section outlines the political and social context before and after the referendum. Section 3 addresses the theoretical and methodological framework applied to the corpus data described in Sect. 4. Results of the analysis are presented and discussed in Sect. 5, followed by the Conclusion in Sect. 6.

2 Contextual Background The linkage between EUrope and Montenegro and North Macedonia is mainly reflected in processes regarding EU accession negotiations, in the role the EU played as a mediator in the statehood issue in Montenegro before the referendum in 2006 (Džankić, 2014a: 83), and in conflict management on several occasions in North Macedonia, including support in resolving the name dispute and in the referendum in 2018 (Ilievski & Taleski, 2009: 357, Koneska, 2019: 147).

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As regards the status of the accession process, there are a few cornerstones that have to be emphasized. The Republic of North Macedonia has been a candidate for EU membership since December 2005 (Mojsovska, 2021: 563), but accession negotiations have not yet begun. The process has been hindered for years by the dispute over the official state name. The dispute was formally resolved in June 2018 through an agreement between the highest representatives of the Macedonian and Greek governments under the auspices of the UN. The referendum on the name change was held on 30th September 2018, and the name change was finally adopted in parliament in January 2019. However, in the same year, France stopped the start of accession negotiations because of their fundamental doubts about the EU’s enlargement potential (Mojsovska, 2021: 563). Additionally, in 2020, Bulgaria vetoed the start of negotiations because of ethnonationalistic attitudes towards North Macedonia’s distinctive language and history (Georgievski, 2020). Montenegro has been a candidate country since December 2010, with accession negotiations starting in June 2012. By November 2020, Montenegro had opened 33 negotiating chapters but has temporarily closed three (cf. European Commission). The relationship between EUrope and the two Western Balkan countries is not unidirectional. In Montenegro and North Macedonia, political agents refer to EUrope to enhance their political and ideological status and secure their power. The most prominent political actor in Montenegro, Milo Djukanović, and the party under his leadership, the Democratic Party of Socialists (DPS), initiated the re-framing of several elements in the hitherto existing concept of Nation that was mainly based on the equation between Montenegrin and Serb ethnic and national identification elements such as shared memory, language, and religion, especially after 1997 and again after 2002 (Pavlović, 2003: 95). In this process of reframing, Djukanović linked EUrope and the country’s name through metonymy, standing for both his government and citizens to enhance civic identity containing values of multiculturalism and tolerance (Džankić, 2014a, b: 355). This civic identification model relying on EUrope was his “offer” in the referendum for independence and remained his legitimization tool in domestic political struggles. Džankić noted in her qualitatively and quantitatively analysis of identity transformation in Montenegro that The Montenegrin identity category was linked to support for independence and what were perceived as western values, like pro-democracy rhetoric and European Union integration. (Džankić, 2014b: 352)

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The metonymically motivated adjective “European”, concomitant with the metonym Montenegro, has played a constitutive role linguistically in Montenegrin political discourse for decades, as the names of the ruling DPS party’s coalitions since 2002 reveal. In 2002, the coalition “Democratic List for a European Montenegro” ran for elections, while in 2006 it was “For a European Montenegro”. In 2009, and 2012, the party that won parliamentary elections, DPS, used the slogan “European Montenegro”. Similarly, in North Macedonia, the Social Democratic Union of Macedonia (SDSM), as an opposition party, formed a coalition for parliamentary elections in 2008 under the name “Sun. Coalition for Europe” (Mitrevska, 2008: 85). This was the first time that the SDSM claimed EUrope for the legitimization of its political goals and merged it with metaphorically conveyed national identification (the sun is a symbol depicted on the Macedonian national flag, and it transmits the idea of an inclusive nation because the sun is shining for everyone). In 2011, on the occasion of the celebration of 20 years of independence, EUrope was used to design a concept of a civic nation in the speeches of the then ruling nationalconservative VMRO-DPMNE (through an emphasis on multi-ethnic composition of the state) (Hristova & Cekik, 2013: 54). However, in speeches surrounding this event, the leading political actors still appealed more to identification based on traditional ethnic features such as culture, history, religion, and language (Salamurović, 2019: 262). In both countries, the referendum was the pinnacle of the discursive and linguistic integration between EUrope and the metonymic use of state names. On May 21, 2006, Montenegro held a referendum to decide on the country’s independence. Accordingly, the referendum question was formulated as a yes–no question: “Do you want the Republic of Montenegro to become an independent state with full international and legal subjectivity?” The main slogan of the coalition campaigning for independence was “For a Montenegro we love.” However, the adjective “European” appeared repeatedly in public, accompanying the country name or the name of the country’s capital city: “Independent Montenegro, European Podgorica! YES! Winner rally!” (Pobjeda, 18 May 2006, p. 15), “European state Montenegro” (referendum speech by Djukanović, 18 May 2006). In North Macedonia, the presence of EUrope in the referendum discourse was much more direct. The referendum question was: “Are you in favor of membership in the EU and NATO by agreeing to the agreement between the Republic of Macedonia and the Republic of Greece?” The accompanying slogan of the ruling party promoting the name change was “Vote YES for a European

224

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Macedonia.”3 From a linguistic point of view, the slogan was an implicature because it suggests that if one votes for the name change, the country will enter the European Union. The driving force behind this discursive and linguistic solution lies both in the political background of the referendum and in many straightforward encouraging statements by EU and NATO officials (Veliu, 2021: 176). The referendum, however, did not end the reframing of the Nation either in Montenegro or in North Macedonia. This process is still influenced by the protracted accession to the EU with the related Europeanisation and observable reflections on the internal EU crises in both countries, as the analysis in this study will show. Additionally, EUrope is used to contend with inner state divisions regarding national identification models in both countries.

3 Theoretical and Methodological Framework Given the interdisciplinarity of the research topic in this study, I will first draw from the conceptualizations of nation in social sciences, which can be fruitful for the linguistic analysis that is the focus of my research. I will then introduce two linguistic theories that integrate the issues of national identification processes performed through mechanisms of inclusion and exclusion, legitimization as an overarching discursive strategy used in these processes, and metonymy as a linguistic device employed to emphasize particular positioning and set lines between Self and Other within the concept of Nation.

3.1 The Concept of Nation Following Benedict Anderson’s seminal work and definition (2006: 6), a nation is viewed as a social construct with a specific cognitive structure that makes up the core of the “imagined communities” (cf. de Cillia et al., 1999; Wodak, 2018: 36; Bieber, 2018; Perak, 2019). Regarding the functionality of this social construct, Bieber emphasizes inclusion and exclusion as two main mechanisms, operating on both individual and collective levels (Bieber, 2018: 521). Structurally, Nation

3 The

literal translation of the referendum slogan would be: Go out and vote for a European Macedonia. Here, the translation is altered in line with the political message of the slogan. All translations are mine, if not stated differently.

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involves entities from spatial (territory), temporal (history, present, future), perceptional (emotions, values), and cognitive (knowledge, narratives, norms) dimensions, to name but a few (Perak, 2019: 232). Finally, it is of paramount importance to underline that in line with Brubaker, all forms of collective identification have processual character, are dynamic, and can be gradually transformed (Brubaker & Cooper, 2000; Brubaker, 2004). Following Anderson and Brubaker, Jelena Džankić (2014b: 351) analyzes national identity as a cognitive (in the sense of an individual) and political (in the sense of relative/changeable and interactional) frame, which influence each other. The former illuminates how individuals relate to and define their national belonging, while the latter shows how group membership is construed in political and public discourses by various policies and practices. Although Džankić’s notion of the frame is not based on its cognitive-linguistic understanding (Ziem, 2014), it reflects Josef Klein’s holistic view (Klein, 2018: 289) that frames contain a cognitive-structural dimension and a performative, i.e., action-oriented dimension, which are often activated simultaneously in political discourse. As in any form of collective identification, various aspects of knowledge about an object of imagination—in this case, national identity and its representation— play an important role. Specifically, questions on what the constitutive elements of the nation are, who is part of the imagined community and who is outside, and on what ground they relate to each other are the most prominent. These aspects of knowledge about the Nation are discursively and linguistically ordered in a specific manner, however, they can also be altered and readjusted (Džankić, 2014b: 351, Mylonas & Turod, 2021: 117). It is important to stress that the iterative process of knowledge production and representation takes place at various levels, such as political discourse, individual and group behavior, and everyday practices in which these different levels are intertwined (Mylonas & Turod, 2021). In this study, I concentrate only on “nation-builders” (Malešević, 2006: 26) in political discourse and emphasize the way they design the dynamic, heterogeneous, and processual notion of the Nation by (re)positioning its various elements in discourse space.

3.2 Positioning in Discourse Space and Proximization Theory In political discourse, representational structures about specific content and actors are always relational. They are displayed so that one’s positions appear as generally valid/acceptable as possible to be shared and followed. In contrast,

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A. Salamurović

there are positions of Other that are opposed and distant to the Self and that are to be questioned and possibly rejected (Cap, 2017: 4). The cognitive-conceptual sites in which social entities are positioned in specific ways and set in relation to each other are discursively and linguistically termed as discourse space by Chilton in his Discourse Space Theory (2004) and Deictic Space Theory (2004), respectively. Essential for Chilton’s theoretical understanding is that discourse space is always organized according to the “orientation of self in experienced space–time as its starting point” (Chilton, 2017: 238). Accordingly, both social actors and their representations of particular knowledge regarding material and abstract concepts are positioned on the scale between the deictic center where the discursive Self is located (Inside-Deictic-Center, IDC) or the deictic periphery (Outside-Deictic-Center, ODC), two end poles of a scale. One can claim that principles of inclusion and exclusion operate here too. The discursive Self is understood as both an individual (the speaker) and collective entity (party, media, nation) because the speaker often merges with these entities through metonymic mapping. The positioning on the deictic scale is instructive for the analysis of legitimization and de-legitimization strategies because these are driven by the deictic center in which the Self is located and express particular relations to the discursive Other which is in ODC. In line with Cap (2009, 2013, 2017) and based on previous work by Chilton, the positioning evolves on three levels: on the spatial axis, physical proximity/distance is depicted, on the temporal axis, past and future are represented, with the present being the point where the Self is, and finally, on the axiological axis, ideological values and beliefs of Self and Other are identified. The discursive strategy in which actors, events, and relations are represented along these three axes as directly affecting the addressees by their closeness is described as proximization by Cap in his Proximization Theory (Cap, 2017: 16–20, further on: PT). He understands proximization as a dynamic discursive model; that is, the discursive Self and Other can rearrange their positions on all three axes (Cap, 2017: 17). This is crucial for integrating the above-defined national identity as the frame containing both cognitive and performative dimensions. Furthermore, in Cap´s approach, proximization is outlined as one of the strategies through which (de)legitimization is carried out (Cap, 2013: 58). This is particularly relevant when the extralinguistic context calls for discursive-linguistic interventions on particular content, which was the case in renegotiating the Nation in Montenegro and North Macedonia. So far, proximization theory has been used mainly in analyses of the legitimization of potential and actual interventionist and preventive measures (e.g., US war on terror by President Bush in Cap, 2009; intervention in Kosovo

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in 1999 by President Clinton in Chilton, 2012; Representation of Ukraine conflict in 2014 in Czech and US political discourse in Berrocal, 2019). Furthermore, this theoretical framework was applied in analyses of climate change, diseases, and migration, which are all entities perceived as possible threats to actors in ICD (Cap, 2017: 26 and the following). While the focus of the PT was predominantly on “the negative modality” (Berrocal, 2019: 874) of proximization, Wieczorek (2008: 32) emphasizes that proximization patterns can be used for macro acts of offering (or promising). This way, a positive proximization entails events that are represented on the axiological axes as “beneficial and promising” and not “consequential and threatening”: The positive, rather than negative outcome of a given event is within the addressee’s grasp, which compels them to (re)act. (Wieczorek, 2008: 34)

By the same token, it can be assumed that such favorable events are depicted as spatially closer to IDC and, on the temporal axis, as more present-oriented (Wieczorek, 2008: 33). Finally, on the micro-level, many linguistic devices are used to instantiate proximization. Anaphors, prepositions, discourse markers, pronouns, proper names (Chilton, 2003; Filardo-Llmas, 2010), modal verbs, shibboleths and catchwords, metaphors (Cap, 2017), speech acts, implicatures (Wieczorek, 2008; Cap, 2009), syntactic structures (Kopytowska & Chilton, 2018), and quotes (Berrocal, 2019) were closely examined in the existing scholarly literature. Due to their cognitive and pragmatic properties, metonymies can also be powerful linguistic devices and “lexico-grammatical carriers” (Cap, 2017: 23) of proximization (Weiss, 2019).

3.3 Metonymy in Discourse Space Metonymy is defined as a cognitive process in which one conceptual entity is used to convey another one  within the same idealized cognitive model (Radden & Kövecses, 1999: 21). It is a potent device for pragmatic fore- and backgrounding through focus shift (Zima, 2021: 95). This focus shift relies immensely on shared knowledge between group members, both in terms of “systems of cultural representations” valid in a community (Hall, 1994: 200) and in terms of the specific extralinguistic context engaged in pragmatic inferencing. Thus, the use of metonymy can cause misunderstanding since the processing

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effects are significant (Salamurović, 2019: 253). At the same time, metonymic polysemy bears a significant contextual impact because metonymy is “a very efficient means of saying two things for the price of one” (Brdar, 2006: 262). This ambiguity is often exploited in political discourse, especially in discourses on Nation, as the analysis in this chapter will show. Pragmatically, fore- and backgrounding, as some of the underlining principles of metonymy, become relevant especially when the positive traits of the ingroup and, consequently, the negative ones of the out-group are emphasized. This is how metonymy can be used to create distance between Self and Other within discourse space. In addition, metonymy strengthens social relationships by activating shared knowledge (Littlemore, 2015: 1). For example, metonymic targets of the metonym country name are often historical events and particular properties (e.g., antifascist past, European future) that evoke evaluation (Littlermore, 2015: 5), (re)production of the specific ideological stance (Salamurović, 2020: 192), and emotionalization (Conoscenti, 2013: 269). Additionally, these types of metonymy often convey distinct argumentation patterns. For the present study, I use an annotation tool developed by Markert and Nissim (2002, 2006), differentiating literal, metonymic, and mixed readings (Markert & Nissim, 2002: 1388). In addition, the types and subtypes were extracted according to the annotation scheme for location names (Markert & Nissim, 2006: 159). The source domain is always the toponym, either the country name or Europe. The target domains are politicians, official administration, government, citizens, or other entities that are metonymically linked to the speaker (party, media) and the issue spoken about (i.e., EUrope). It is hypothesized that the country name and related target domains belong to IDC, whereas Europe/EUrope, and associated targets belong to the ODC.

4 Corpus The corpus used in this study comprises several data types: political speeches, newspaper articles, and social media posts. Generally, data collection was event-driven. The primary dataset refers to the respective referendum in Montenegro (2006) and North Macedonia (2018). As stated above, national redefinition was not concluded by these referenda, so further posterior data were added to the corpus and analyzed. Political speeches were compiled from the official websites of political figures holding the position of president and/or prime minister of the country. They belong mainly to the field

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Table 1   Subcorpus Montenegrin data Political speeches

Number of Texts

Tokens

Source

28

41,452

Milo Djukanović4

50, 477

Daily “Pobjeda”5

Newspaper articles

179

Sum

207

91,929

Table 2   Subcorpus Macedonian data

Number of Texts

Tokens

Source

Political speeches

20

38,499

Various speakers6

Newspaper articles

8

26,530

Daily “Nova Makedonija”

9170

Twitter Излeзи зa—campaign7

Social media Sum

308 336

74,199

of formation of public attitudes, opinion, and will (commemorative and jubilee speeches), the field of political advertising (election and protest speeches), and organization of international/interstate relations (speeches at summits, regional cooperation initiatives and the like, Reisigl & Wodak, 2009: 91). Newspaper articles were sampled during research stays in National libraries in Cetinje (Montenegro) and Skopje (North Macedonia) using constructed week sampling technique8 (Luke & Caburney, 2011: 78). For the Macedonian subcorpus, tweets issued only during the referendum campaign in September 2018 were

4 Milo

Djukanović was the Montenegrin prime minister during the following time periods: 2002–2006, 2008–2010, and 2012–2016. He was president 1998–2002 and again since 2018. His speeches were chosen because of his dominance in political and public life in Montenegro, especially his pivotal role in the referendum and the national reframing of the state. 5 “Pobjeda“ is pro-governmental oriented and the oldest daily in Montenegro. 6  Presidents: Branko Crvenkovski 2004–2009, Gjordje Ivanov 2009–2019, Stevo Pendarovski since 2019; Prime Ministers: Nikola Gruevski 2006–2016, Zoran Zaev 2017– 2022; Presidents of the Parliament: Trajko Veljanoski 2006–2017, and Talat Xzaferi since 2017; President of the opposition party VMRO-DPMNE Hristijan Mickoski. 7 The official campaign ran under the slogan „Излeзи ЗA eвpoпcкa Maкeдoниja“ (spelling in the original), which was also the main hashtag on Twitter. 8 This technique represents a specific form of random sampling, covering all seven days of the week in the sample.

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gathered manually because this was the central medium of the pro-governmental campaign. In Montenegro, social media, primarily Facebook, gained relevance in political discourse only in the last parliamentary elections in August 2020 (Zrnović et al., 2020: 16), which were not covered by this study. The subcorpora are depicted in Table 1 and 2:

5 Analysis and Discussion 5.1 Montenegro and EUrope Both in the daily Pobjeda and the analyzed speeches, the metonym Montenegro is far more frequent9 than the metonym EUrope and the adjective European, which Brdar (2015: 92) defines as a metonymic synonym. This finding is not surprising and can be explained by the extralinguistic context. While the dominant political actors (the party, prime minister, pro-governmental media) advocated the idea about a specific EUropean Montenegro, they strived at the same time to reach the part of the population that opposed independence. By constantly referring to Montenegro as a metonym that blended pro-governmental actors and citizens (Salamurović, 2020: 191), the differences were eliminated and all citizens were mobilized for preferred political action as a homogeneous collective, as in example 1: 1. Hecпopнo je дa Цpнa Гopa имa пpaвo дa oдлyчyje o cвojoj cyдбини, кao штo cy имaли и дpyги нapoди нeкaдaшњe Jyгocлaвиje. (Pobjeda, 05/23/2006, pp. 2). It is indisputable that Montenegro has the right to decide its own fate, just like other peoples of the former Yugoslavia. In Pobjeda, the metonymic source of the concept Europe is realized most frequently through an adjective phrase. The target of this metonymic synonym is the European Union, EU membership and ideological orientation comprised under ‘European values’ (Bennett, 2019: 20). The most recurrent collocate of the adjective European is the noun future, which indicates that the relation between IDC and ODC on the time axis is a rather distant one.

9 When

referring to frequency, relative frequency is calculated.

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2. Ђyкaнoвић je кaзao дa Цpнa Гopa имa дoвoљнo кaпaцитeтa дa y нajкpaћeм poкy пocтaнe члaницa EУ, штo нe би билo мoгyћe дa ниje oдлyкoм нa peфepeндyмy пpeyзeлa oдгoвopнocт зa cвojy eвpoпcкy бyдyћнocт. (Pobjeda, 05/23/2006, front page) Djukanović said that Montenegro has enough capacity to become an EU member as soon as possible, which would not have been possible if it had not taken responsibility for its European future by deciding [on independence] in the referendum. Besides the European future, several conventionalized metonymies and metaphors such as European values, standards, orientation, perspective, or joining the European family connect time and the axiological axis. Space and axiological axes are often connected through “space builders” (Chilton, 2003: 112): integrated into Europe, seen, welcomed in Europe, towards/in the direction of Europe. Immediately after the referendum on May 21, 2006, IDC and ODC merged to fiercely legitimize a very tight referendum result, as shown in examples 3 and 4: 3. Пoзивaм лидepe oпoзициje дa нeyтeмeљeним изjaвaмa нe ocпopaвajy oнo штo нe мoжe бити ocпopeнo и дa нe ocтaвљajy cjeнкy нa дeмoкpaтcки и eвpoпcки oбpaз Цpнe Гope, пopyчиo je Mилo Ђyкaнoвић. (Pobjeda, 05/23/2006, pp. 2) I call on opposition leaders not to deny with unfounded statements what cannot be denied and not to overshadow the democratic and European face of Montenegro, said Milo Djukanović. 4. Цpнa Гopa вишe ниje мaлa, вeћ вeликa звиjeздa нa eвpoпcкoj зacтaви, peкao je Кpивoкaпић. … Ocвaнyлa je нoвa мajcкa зopa, oтвopили cмo вpaтa eвpoпcкe Цpнe Гope, peкao je Jaнкoвић зaxвaљyjyћи Цeтињaнимa кojи cy изгpaдили тeмeљ цpнoгopcкe нeзaвиcнocти. Montenegro is no longer small, but a big star on the European flag, Krivokapić said. … A new May day has dawned; we have opened the doors of European Montenegro, said Janković, thanking the people of Cetinje who built the foundation of Montenegrin independence. In political speeches by the most dominant political actor in Montenegro of the last 30 years, the current president Milo Djukanović, the proximization patterns between Montenegro and EUrope depend on the target group and context of the delivered speeches. In the field of political advertising (examples 5 and 6), Djukanović refers to the existing spatial and axiological distance between

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Montenegro and EUrope that can be transcended if the citizens comply with his political offer. In the field of formation of public attitudes and will (examples 7 and 8), he stresses the integration between IDC and ODC on the axiological axis (we are Europeans, the Balkans as a part of Europe), which has been typical of his policy for years. Moreover, he blends Montenegro and EUrope in 2021 for the first time also on the spatial axis (example 8) by stating that taking the European path10 lies behind the present, that is, the moment of speaking. The European future stands for EU membership on the temporal axis and remains a remote event. 5. Na pragu 21. vijeka, Crna Gora pred Evropom i svijetom polaže ispit svoje civilizacijske zrelosti. Ja znam da će Crna Gora položiti taj istorijski ispit. (05/18/2006, Final referendum convention) On the threshold of the 21st century, Montenegro is taking the test of its civilizational maturity in front of Europe and the world. I know that Montenegro will pass this historical exam. 6. Upravo, naševropski put vidim kao put ka bogatstvu svih građana Crne Gore, kao put stvaranja jednakih šansi za sve. Kako će je ko iskoristiti, to zavisi od svakog pojedinačno. (02/28/2008 Exposé on the occasion of government formation) Precisely, I see our European path as a path towards the wealth of all citizens of Montenegro, as a path towards creating equal opportunities for all. How it will be used, depends on each individual. 7. Evropa mora da zna, ako sebi želi dobro, da Balkan ne smije ostati van Evrope. Mi kao Evropljani želimo da budemo dio rješenja, a ne vječito predvorje evropske civilizacije, ili eksperimentalna politička radionica njene birokratije. (07/12/2018, Speech on the occasion of the Statehood day) Europe must know, if it wishes itself well, that the Balkans must not remain outside Europe. As Europeans, we want to be part of the solution, not the eternal antechamber of the European civilization or the experimental political workshop of its bureaucracy. 8. Ovo je vrijeme novih iskušenja za Crnu Goru, koja se našla u sred veoma složenih unutrašnjih, regionalnih i globalnih procesa. Uprkos svim izazovima, siguran sam da nema bojazni za njenu evropsku budućnost. Naša zemlja je

10  The

phrase “European path” implies movement and as such conceptualizes spatial proximization. However, in EUropean discourses, it is often simultaneously used as a metaphor, indicating thus the axiologiocal relation between IDC and ODC.

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233

davno prošla raskrsnicu na kojoj je izabrala svoj evropski put, s kojeg nema skretanja ni povratka. (07/12/2021, Speech on the occasion of Statehood Day) This is a time of new temptations for Montenegro, which has found itself amid complex internal, regional and global processes. Despite all the challenges, I am sure there is no fear over its European future. Our country has long passed the crossroads where it chose its European path, from which there is no turning back. The political change on the governmental level in August 2020 (Djukanović still holds the presidential office, however, his party lost the majority after 30 years in power) has not significantly influenced the EUropean orientation of Montenegro as discursively and linguistically conceptualized by Djukanović. In a speech delivered in May 2021, the then-new prime minister Zdravko Krivokapić refers to European Montenegro as one of the three main goals of his government without elaborating on this concept in detail.11 While EUrope stays a part of national (re) identification processes, Krivokapić resorts to other contested elements such as religion and language.

5.2 (North) Macedonia12 and EUrope Just as in Montenegro, in Macedonian public discourse, the metonym Macedonia considerably exceeds the frequency of the metonym EUrope, although this conceptual, discursive, and linguistic connection was at the core of the referendum discourse. The reason is twofold: on the one side, there was the longlasting dispute over the official state name with Greece that was resolved only in 2018 and validated in the referendum on September 30, 2018, and additionally sealed by parliamentary decisions on January 11, 2019. On the other side, the name issue was actively used in the political polarization carried out by the two main political parties, the national-conservative VMRO-DPMNE and the socialdemocratic SDSM. In political speeches before the referendum that span the period from 2011 to 2018, a significant difference in the use of the metonym EUrope can be identified 11 This speech, delivered on the occasion of 15 years of independence in May 2021, is available only as audio on youtube. It was not considered in the corpus because it was the only one by Krivokapić who was prime minister for less than 1,5 years. 12 The state under analysis changed its name in 2019. As the corpus also contains texts from the period before this date, the previous state name is used too.

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between the representatives of the two biggest parties. When they involve EUrope in their concept of Nation, the nationalist-conservative VMRO-DPMNE stresses the already existing compatibility on the axiological axis, as in example 9: 9. Mopaмe дa гo зaoкpyжимe нaшeтo eвpoaтлaнтcкo интeгpиpaњe! maкeдoниja e eвpoпa, a eвpoпa e maкeдoниja! Hиe вo нajyбaвaтa cмиcлa, пpиpoднo, мy пpипaѓaмe нa eвpoпcкoтo ceмejcтвo. (09/08/2011, speech by Trajko Veljanovski, president of the Parliament on the occasion of Independence Day) We must complete our Euro-Atlantic integration! Macedonia is Europe, and Europe is Macedonia! In the most beautiful sense, naturally, we belong to the European family. The implicature of the first sentence in Veljanovski’s speech – the integration has to be completed, thus, it must have already started prior to the moment of speech – and the present tense show that even on the spatial and temporal axes, EUrope is depicted as very close. This proximization pattern is repeated in speeches by the then Prime Minister Nikola Gruevski. The only token of conceptualizing ODC as distant from IDC is the conventionalized phrase our European future. However, considering the linguistic means co-occurring with this token — declarative mode, deontic modality — one can argue that in this particular case, the European future is a privileged future projection and, as outlined by Cap (2021: 329), it is therefore construed not as a distant but as a near point in time. By integrating ODC and IDC, VMRO-DPMNE tries to discursively and linguistically strengthen their argument that a robust national-ethnic identification based on cultural and historic features, and ultimately the unaltered state name, are accepted in the European Union. The political consequence was that the main Macedonian problem in foreign policy could not be solved under this government (Martens, 2020: 42). The oppositional SDSM used EUrope as a legitimization device for the domestic political struggle claiming European values for themselves. Only after the opposition took power, a closeness on the axiological axis could be established: 10. Зa дa ja иcпpaвимe нa нoзe Maкeдoниja кoja e фpлeнa нa кoлeнa! Зa дa ги зaпишeмe oднoвo избpишaнитe eвpoпcкитe вpeднocти! Ha злoyпoтpeбитe ќe cтaвимe кpaj! И миpиca нa cлoбoдa вo oвoj пpoлeтeн мaj! (05/17/2015, rally speech by Zoran Zaev)

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To get Macedonia, which has been forced to its knees, back on its feet! To subscribe again to abandoned European values! We will end the abuse! This spring May smells of freedom! After Zoran Zaev was elected prime minister in 2017, EUrope was conceptualized as a part of IDC on the axiological axis, as in the following example: 11. Peгиoнoт e пoдгoтвeн дa вoди пoлитики нa зpeлocт, мyдpocт и пocвeтeнocт кoн cвoитe гpaѓaни. Peгиoнoт ce oднecyвa eвpoпcки и зacлyжyвa дa ja дoбиe шaнcaтa дa ce paзвивa вo eвpoпcкoтo и eвpoaтлaнтcкoтo ceмejcтвo. (08/02/2017 speech on the occasion of national holiday Ilinden) The region is ready to pursue policies based on maturity, wisdom, and commitment to its citizens. The region is/behaves European and deserves to get the chance to develop within the European and Euro-atlantic family. The referendum campaign was the peak of the amalgamation of EUrope and the country’s name. Half of the total 30 instances of the metonym EUrope in three speeches are accounted for by the phrase European Macedonia, which was also a part of the referendum slogan. The unique feature of this metonymic phrase is that it combines all three axes in the proximization model. It serves as an argumentation topos for changing the country’s name: If you agree to the name change, the country will join the EU. It, thus, suggests that the referendum date, as a particularly near point in time, would bring about change in spatial terms and terms of values (cf. example 14). The use and effect of this metonymy were favored by extra-linguistic, i.e., social, contextual, and communicative conditions. Zaev delivered his central referendum speech on September 16, as a part of the event “The March for a European Macedonia” in the capital Skopje, in front of the headquarters of the EU delegation. This was in the middle of the campaign launched by the government on Twitter on August 30, which also ran under the slogan “Vote YES for a European Macedonia”. Furthermore, the EU Delegation in Macedonia ran a campaign on Facebook under the slogan “Imagine a future together”.13 13  The

support for the suggested name change solution was provided by several highranking Western politicians visiting Macedonia in September 2018, including Austrian Chancellor Sebastian Kurz, German Chancellor Angela Merkel, NATO Secretary General Jens Stoltenberg, and Jim Mattis, the US Defense Secretary.

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In the analyzed speeches and tweets, future is a salient collocate of European Macedonia (examples 12 and 13). 12. #ИзлeзиЗA eвpoпcкa Maкeдoниja‫@ ‏‬Izlezi_ZA Ha 30-ти ceптeмвpи ќe мy пoкaжeмe нa cвeтoт дeкa cмe зa eвpoпcкa #Maкeдoниja. Ќe пoкaжeмe дeкa cмe зa пoдoбpa иднинa, пoквaлитeтeн живoт и пocpeќни гpaѓaни. (1. Sept. 2018, https://twitter.com/Izlezi_ZA/sta tus/1035958533165129728) On September 30th, we will show the world that we are for a European #Macedonia. We will show that we are for a better future, a better quality of life, and happier citizens. 13. #ИзлeзиЗA eвpoпcкa Maкeдoниja‫@ ‏‬Izlezi_ZA Пoддpшкaтa e гoлeмa! Mapшиpaмe ЗA пoдoбpa иднинa, ЗA eвpoпcкa Maкeдoниja! #ИзлeзиЗA (16. Sept. 2018, https://twitter.com/Izlezi_ZA/sta tus/1041289591922151424) The support is excellent! We are marching FOR a better future, FOR a European Macedonia! 14. #ИзлeзиЗA eвpoпcкa Maкeдoниja‫@ ‏‬Izlezi_ZA Ceкoj пaт зaпoчнyвa co пpвиoт чeкop. Eвpoпcкaтa вpaтa e oтвopeнa, a ниe co иcпpaвeнa глaвa ќe гo пoминeмe пpaгoт нa 30 ceптeмвpи! #ИзлeзиЗA (16. Sept. 2018, https://twitter.com/Izlezi_ZA/status/1041310650688040960 Every travel (path) begins with the first step. The European door is open, and we will pass the threshold on September 30 with a high raised head! The political opposition restrained from any direct appeals for a referendum boycott and supported the choice based on voters’ “conscience” (Nedos 2018). The usually pro-governmental daily “Nova Makedonija” represented the counter viewpoint (cf. also Trajkova, 2020) that argued against the name change pointing to EUrope as distant on spatial, temporal axes (the early EU membership is questioned and ironized) and the axiological axis: 15. Eвpoпa ќe нé yчи штo e пpaвo, пpaвнa дpжaвa и пoчитyвaњe нa зaкoнcкитe oдpeдби, кoи пaтeм caмaтa Eвpoпa или нejзинитe фyнкциoнepи ги игнopиpaaт. (10/03/2018 Nova Makedonija) Europe will teach us what the law, the rule of law, and respect of legal provisions are, which, by the way, Europe itself or its officials ignore. From the speeches after the referendum, nine belong to the jubilee genre and commemorative speeches. EUrope is mainly used by Zoran Zaev, who was prime minister until January 2022. Here the axiological and temporal axes are

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united, and two metonyms are both realized as adjectives, that is, as metonymic synonyms (example 16): 16. Oд нajдoбpoтo oд минaтoтo coздaдoвмe дpжaвa co coceмa извecнa eвpoпcкa иднинa. Maкeдoнcкa и eвpoпcкa иднинa co пoвeќe нaдeж, блaгococтojбa и пpocпepитeт зa cитe нaши гpaѓaни, ocлoбoдeни oд cтpaвoвитe и пpeдpacyдитe нa минaтoтo. (09/08/2021, Speech on the occasion of 30 years of Independence) Taking the best of our past, we have created a country with an entirely sure European future. A Macedonian and European future with more hope, wealth, and prosperity for all our citizens, free from fears and prejudices of the past. The restriction in the realization of the country name metonymy is a direct consequence of the Prespa agreement between then Macedonia and Greece, which foresees that the noun Macedonia can be used only to refer to the distinct historical and cultural heritage (Art. 7); for denotation of citizens and language, the adjectival form “Macedonian” is to be used (Salamurović, forthcoming). Interestingly, there is one instance in the corpus (example 17) when Zaev combined EUrope with the new state name, which can be understood as a continuous legitimization attempt of the highly polarized decision of renaming the state (Kolozova, 2020) because the new state name is metonymically used only to refer to either the government, or the state and government (mixed reading): 17. Штo e, впpoчeм, Илиндeнcкoтo вocтaниe aкo нe кpик зa Eвpoпcкa Ceвepнa Maкeдoниja кaкo нaпpeднa Peпyбликa нa Бaлкaнoт? (08/02/2021, National holiday Ilinden) Besides, what is the Ilinden Uprising if not a cry for a European North Macedonia as a progressive Republic in the Balkans? As before the referendum, there is still a difference in proximization patterns based on party affiliation. The opposition leaders from VMRO-DPMNE claim EUrope now for themselves, and Albanian politicians refer to the EU only non-metonymically. In two examples originating from speeches of President Stevo Pendarovski and former President Branko Crvenkovski the dominant concept of IDC and ODC as being near as possible by the current government is being questioned. Both speeches were delivered at celebrations of 30 years of independence in September 2021. Pendarovski states that, “if we lose the nation, we do not need European integration”, and Crvenkovski warns of seeing EU

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integration without some policy alternative if the European Union decides to stop with enlargement: 18. Штo вo тoj cлyчaj ќe пpaвимe ниe зa кoи нe пocтoи дpyгa aлтepнaтивa? Ќe ce caмoyкинeмe, ќe ce caмopacпyштимe кaкo дpжaвa? Или мopa дa нajдeмe aлтepнaтивa! (09/27/2021) What will we, with no other alternative, do in this case? Are we going to abolish ourselves, or will we dissolve ourselves as a state? Or we need to find an alternative! These statements reflect on the protracted accession to the EU, which, after the referendum and the state renaming, is a direct consequence of internal crises and nationalistic tendencies in the European Union, and recently of the war in Ukraine.

6 Conclusion The analysis of various data from political discourse in Montenegro and North Macedonia demonstrated conclusively that nation-builders in the two countries employ the political metonym EUrope to redesign and legitimize their concept of Nation. This re-narrating unfolds along spatial, temporal, and axiological axes, albeit with different intensity and quality. The distinction was identified both in terms of comparison between the two countries and in terms of discursivelinguistic practices in each country. Generally, complex legitimization can be observed in both countries. While EUrope is conceptualized as rather distant on the temporal axis, on the spatial it is somewhat near and on the axiological axis it becomes a part of the Self. The emergence of EUrope in discourses about Nation was at first connected to the legitimization in an inner political and ideological repositioning. In this initial phase, the axiological amalgamation between Montenegro and EUrope was used to manage inner divisions along the lines of civic versus ethnic identification models. Additionally, in Macedonia, EUrope was introduced to highlight the differences between the two major parties. As accession negotiations evolved, the conceptual integration on the axiological axis reflected the view of EUrope “as a normative center” (Bennett, 2019: 28) in which the Nation is embedded (Zappettini, 2019: 151) and therefore, is ready to join the “European family”. In Macedonian discourses after the referendum, one can observe the contestation of this positioning as the discursive and linguistic answer to the endless postponement of the EU integration process. The movement of ODC

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towards IDC on the spatial axis can be interpreted as the legitimization of the EU rapprochement and more generally, continued adherence to the EU, despite no visible progress in this process. On the temporal axis, the metonym EUrope has a restrictive meaning: it exclusively refers to EU membership. This is why EUrope remains remote on this axis. To conclude, the metonymy EUrope has developed a significant discursive career (Musolff, 2013: 140) in conceptualizing the Nation in the Western Balkans. Due to its semantic ambiguity and pragmatic flexibility, it proves an emotionally appealing and utilitarian discursive and linguistic device. Acknowledgement  This publication is a part of the research project ”Between the Nation and Europe: A Discourse Linguistic Account of the Communication in the Public Sphere in the Western Balkans (DiskursWestBalkan)“ funded by the German Federal Ministry of Education and Research (BMBF). I would particularly like to thank my colleague Martina Berrocal for her insightful comments and suggestions on the earlier drafts of this chapter.

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Nationbuilding gegen Nationalismus? Die Bestrebungen der Europäischen Union, die „albanische Frage“ in Kosovo zu lösen Frauke M. Seebass Die albanische Frage beschäftigt die internationale Staatengemeinschaft spätestens seit der Berliner Konferenz 1878 und hat angesichts des KosovoKonflikts neue Bedeutung gewonnen. Während unter den Bürger:innen des Landes ethnische Loyalität vorherrscht, setzen die Europäische Union und ihre Partner beim Statebuilding auf die Schaffung eines inklusiven Nationalstaats. Eine Annäherung an die EU und die damit verbundene Konditionalität soll Anreize zur Bewältigung interethnischer Konflikte im Land selbst bieten, gemeinsam mit einem von Brüssel vermittelten Dialog zwischen Belgrad und Prishtina über die Statusfrage Kosovos. Mit Blick auf die Geschichte des albanischen und serbischen Nationalismus empfiehlt dieser Beitrag den EUAkteuren eine vertiefte Auseinandersetzung mit den lokalen Besonderheiten ethnischer Beziehungen und ein Zurückstellen innenpolitischer Interessen, die eine kohärente EU-Außenpolitik und den strategischen Aushandlungsprozess nationaler Identität und Staatlichkeit in Kosovo behindern.

1 Einleitung Die Republik Kosovo erklärte 2008 ihre Unabhängigkeit, ist allerdings bis heute nur eingeschränkt souverän. Ihr Status ist international umstritten und wird von einer Vielzahl interner und externer Akteure ausgehandelt (Brunner, F. M. Seebass (*)  Andrássy Universität Budapest, Doktorandenkolleg netPOL, Budapest, Ungarn E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_12

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2000: 117 ff.). Das mehrheitlich von ethnischen Albaner:innen bewohnte, multiethnische Gebiet war nie zuvor unabhängig und seit dem Ende des Osmanischen Reiches eine Provinz Serbiens, dessen Armee sie 1912 gewaltsam erobert hatte (Malcolm, 1998: 252 ff.). Gleichzeitig wurden panalbanische nationale Bestrebungen von der internationalen Gemeinschaft zugunsten geopolitischer Interessen abgelehnt, sodass die „albanische Frage“ auf dem Balkan in den neuen Grenzen zementiert wurde, anstatt sie zu lösen (Hajrullahu, 2007: 42). Nach einer Phase weitreichender Autonomie in der Republik Jugoslawien von 1974 bis 1989 waren die albanischen Bürger:innen unter Präsident Slobodan Milošević erneut massiver Gewalt ausgesetzt, die schließlich im Kosovo-Krieg ab 1998 eskalierte. Für die EU, damals deutlich kleiner und institutionell weniger entwickelt als heute, war der Kosovo-Krieg ein Lackmustest für internationale Friedenssicherung (Seebass, 2018: 1). Gemeinsam mit UNMIK (United Nations Interim Administration Mission in Kosovo) widmete sie sich nach 1999 dem Aufbau von Institutionen und spielte seit der Erklärung der Unabhängigkeit eine Schlüsselrolle besonders durch die Rechtsstaatlichkeitsmission EULEX (European Union Rule of Law Mission in Kosovo), die bis 2018 die höchste Gerichtsbarkeit des Landes stellte. Heute wird die politische Zusammenarbeit über die Vertretung der EU (EUSR) im Kosovo gewährleistet und fußt auf bilateralen Verträgen wie den Stabilisierung- und Assoziierungsabkommen (SAA). Neben dem Statebuilding, also der Schaffung stabiler staatlicher Institutionen, sind auch die Bemühungen um ein inklusives Nationenkonzept (Nationbuilding) ein wichtiges Kapitel auf der Agenda der internationalen Intervention in Kosovo (Simonsen, 2004: 289 f.). Baliqi (2014: 17) beobachtet, „[a]lthough, constitution and institutional arrangements define Kosovo as a state of its citizens, the sentimental loyalty and self-identification of communities are primarily on the basis of ethnic affiliation“. Dennoch wird kosovarisches Nationbuilding zumindest innerhalb der albanischen Mehrheit auch als erfolgreich beschrieben (Wittkowsky, 2019). Dieser Beitrag widmet sich der Frage, welche Instrumente die internationale Gemeinschaft – insbesondere die EU als zentraler politischer Akteur – zur Unterstützung eines inklusiven Nationbuilding in Kosovo nutzt und wie diese mit lokalen Narrativen interagieren. Kann ein externer Akteur mit bürokratischen Mitteln eine neutrale Alternative zu historisch gewachsenen und politisch instrumentalisierten Identitäten schaffen? Ein besonderer Fokus liegt dabei auf den Spannungen zwischen inklusiven und exklusiven Nationalismen sowie auf politischen Strategien der Überwindung ethnischer Spaltung. Die zentrale Frage des finalen Status’ Kosovos ist eng mit dem Dialog mit Serbien verknüpft, in dem

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die EU als Vermittlerin auftritt und der gleichzeitig für beide Parteien Voraussetzung für einen zukünftigen EU-Beitritt ist. Schließlich gehe ich auf die lokale Zivilgesellschaft ein, die in den internationalen Aufbauplänen Kosovos eine zentrale Rolle einnimmt (Sörensen, 2009: 256).

2 Umstrittene Staatlichkeit und die Rolle der EU Kosovo in seinen heutigen Grenzen war von 1945 bis 1992 Teil der jugoslawischen Teilrepublik Serbien, ab 1974 mit weitreichender Autonomie inklusive eigener Verfassung (Krasniqi, 2012: 355). 1989 schränkte die Regierung unter dem serbischen Präsidenten Slobodan Milošević den Autonomiestatus Kosovos drastisch ein und verfügte die kulturelle Unterdrückung der ethnischen albanischen Bevölkerung. Diese erklärte das Gebiet 1991 durch ein Referendum von der internationalen Staatengemeinschaft unbeachtet für unabhängig und wehrte sich sowohl mit gewaltfreien Methoden als auch bewaffnetem Widerstand gegen serbische Sicherheitskräfte (Schmidt, 2000: 200 f.). Als internationale diplomatische Bemühungen um eine friedliche Lösung des Konflikts erfolglos blieben, führten Streitkräfte der Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO) von März bis Juni 1999 zahlreiche Luftangriffe auf dem Gebiet Restjugoslawiens durch, die durch das Kumanovo-Abkommen am 9. Juni 1999 beendet wurden (Deda, 2010: 88). Als Folge des Kosovokriegs wurde in Kosovo ein internationales Protektorat unter Resolution 1244 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (UN) mandatiert, welches Serbien die Kontrolle über die Teilrepublik entzog und einen Friedens- und Aufbauplan für diese vorlegte. Mit der Resolution wurde ein internationales Interimsaufsichtsgremium in Form der Interimsverwaltungsmission UNMIK eingerichtet, die von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und der EU bei Aufbau und Reformen staatlicher Institutionen unterstützt werden sollte. Zusätzlich wurde die NATOMission Kosovo Force (KFOR) auf dieser völkerrechtlichen Grundlage im Land stationiert (De Wet 2009: 84 ff.). Die EU schuf die Basis einer gemeinsamen, dezidiert wertegeleiteten Außenund Sicherheitspolitik mit dem Vertrag über die Europäische Union, der in Maastricht verabschiedet wurde (Neuhaus, 2019: 29 f.). Angesichts der multiplen gewalttätigen Eskalationen in Südosteuropa sollte so eine größere Handlungsfähigkeit gewährleistet werden. In dieser Außenpolitik erhält Kosovo, wie die

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anderen Staaten des „Westbalkans1“, einen besonderen Status in Form einer Mitgliedschaftsperspektive (Europäische Kommission, 2020). Diese geht zurück auf das Abschlussdokument des Europäischen Gipfeltreffens von Thessaloniki im Jahr 2003, das eine Beitrittsperspektive der Länder des ehemaligen Jugoslawiens und Albaniens zum Inhalt hat. Diese Perspektive wurde in der neuen WestbalkanStrategie 2018 erneut bekräftigt (Europäische Kommission, 2018). Bisher ist von diesen Ländern jedoch nur Kroatien beigetreten. Für Kosovo wird keine baldige Aufnahme der Gespräche erwartet, da das Land zunächst eine besondere Hürde überwinden muss. Denn fünf EU-Mitgliedsstaaten (Griechenland, Rumänien, Slowakei, Spanien und Zypern) erkennen Kosovos Souveränität nicht an. Gleichzeitig betonen Vertreter:innen der EU die Wichtigkeit der Region und deren klare europäische Perspektive und haben insbesondere in Kosovo enorme finanzielle und personelle Ressourcen investiert (Elbasani, 2018: 154 f.). Der Vorschlag des UN-Sondergesandten Martti Ahtisaari für eine umfassende Vereinbarung zur Klärung der kosovarischen Statusfrage wurde 2007 in Prishtina angenommen, in Belgrad jedoch abgelehnt. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich auf keine Alternative einigen, da Russland die serbische Position unterstützte (Krasniqi, 2012: 356). Auf Basis des Ahtisaari-Plans wurde dennoch ein Internationaler Zivilvertreter (ICR) ernannt, der gleichzeitig als Sondergesandter der EU (EUSR) diente und vom Rat der Europäischen Union ernannt wurde. Gemeinsam mit UNMIK und unterstützt vom Internationalen Zivilbüro (ICO) sollte der EUSR eigentlich innerhalb einer 120-tägigen Übergangsperiode die erforderlichen Rechtsvorschriften zur vollständigen Umsetzung des Plans verabschieden, woraufhin die Zuständigkeiten der Mission geschlossen an die kosovarischen Behörden übergehen sollten (Ahtisaari, 2007: 10 f.). Als Kosovo am 17. Februar 2008 einseitig seine Unabhängigkeit erklärte, bekräftigte die EU ihre Bemühungen, indem sie darauf aufbauend die Zivilmission EULEX Kosovo ins Leben rief, um Reform und Aufbau von Justizund Polizeistrukturen zu unterstützen und Rechtsstaatlichkeit im Rahmen der Resolution 1244 zu fördern. Ausgestattet war sie dabei mit weitreichenden Exekutivbefugnissen wie der Verfolgung von organisiertem und interethnischem Verbrechen, Kriegsverbrechen und Korruption von hohen Beamten. Dabei gab es jedoch von Beginn an strategische Differenzen der einzelnen Mitgliedsstaaten sowie zwischen Europäischem Rat und EU-Kommission, die die Reichweite der Mission sowie ihre Legitimität begrenzten (Beha & Hajrullahu, 2020: 119).

1 Diese

scheinbar geografische Bezeichnung wird in der Literatur vielfach kritisiert und deshalb hier in Anführungszeichen gesetzt (Vgl. z. B. Kolstø 2016).

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Aufgrund der unterschiedlichen Haltungen der Konfliktparteien zu den Beilegungsplänen wurde der Übergang von UNMIK zu EULEX erschwert und zwischen beiden entstanden parallele Strukturen und überlappende Zuständigkeiten (Krasniqi, 2012: 356 f.). 2009 wurde mit dem Vertrag von Lissabon der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) ins Leben gerufen, der als diplomatisches Korps den Hohen Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik international unterstützt und seit 2010 auch für zivile Missionen zuständig ist. Gleichzeitig ist der EAD für die diplomatischen Verhandlungen zwischen Belgrad und Prishtina verantwortlich und erfuhr in dieser Doppelrolle angesichts der internen Uneinigkeit zum Status Kosovos von Anfang an viel Kritik. Außenpolitische Entscheidungen bedürfen der Einstimmigkeit, was den fünf EU-Staaten, die Kosovo aufgrund eigener innenpolitischer Vorbehalte nicht als Staat anerkennen, großes Gewicht verleiht (Gross & Rotta, 2011: 3 ff.). Die Hoffnungen auf signifikante Veränderungen durch den Wechsel der Zuständigkeiten von UN zu EU konnten sich nicht erfüllen angesichts der Ablehnung des Ahtisaari-Plans durch Serbien sowie der Uneinigkeit innerhalb der EU, die sie bis heute zu einer neutralen Haltung zur Statusfrage Kosovos zwingt (Krasniqi, 2012: 362). 2018 wurde die Mission wesentlich verkleinert und hat nunmehr eine beratende Funktion, während die Exekutivfunktionen an die kosovarischen Behörden übertragen wurden (Neuhaus, 2019: 29). In den nördlichen Gebieten mit serbischer Mehrheit konnten die EULEXMitarbeiter:innen kaum effektiv arbeiten. Sie werden de facto von Belgrad kontrolliert und entziehen sich weitgehend der Kontrolle kosovarischer Institutionen. Diese parallelen Strukturen verstärken ethnische Trennung zusätzlich, da sie alle Lebensbereiche bestimmen und interethnischen Kontakt minimieren (Simonsen, 2004: 296 f.). Die EU war also von vornherein begrenzt handlungsfähig, was direkt auf die umstrittene Staatlichkeit und nationale Identität Kosovos zurückzuführen ist. Hierbei spielen interne Faktoren – vor allem die Uneinigkeit über den Status unter den Mitgliedsstaaten – wie auch externe Einflüsse eine Rolle. Zu letzteren zählt die mangelnde Akzeptanz der externen Akteure und Exekutivbefugnisse in der Bevölkerung, aber auch die politische Instrumentalisierung der nationalen Frage insbesondere zwischen Serbien und der mehrheitlich albanischen Regierung in Kosovo (EuRh, 2012). So bleibt trotz bilateraler Abkommen und Einbettung in die Nachbarschaftspolitik das Paradox, einen Staat aufbauen zu wollen, ohne ihn vollständig als solchen anzuerkennen. Für die EU sind daher die Normalisierungen der Beziehungen zwischen Serbien und der kosovarischen Regierung der wichtigste Schritt in ihrer außenpolitischen Strategie für Kosovo. Bevor ich diesen Dialog

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und seine Auswirkungen näher beschreibe, lege ich zunächst serbische und albanische Narrative zur Rechtfertigung territorialer Ansprüche in Kosovo und ihre historischen Hintergründe dar und gehe auf die daraus resultierenden interethnischen Beziehungen ein.

3 Widerstreit der Narrative: Die Schlacht vom Amselfeld und die Liga von Prizren Die Verhandlungen um die Lösung des Status sind wenig aussichtsreich solange die serbische Regierung einerseits innenpolitisch von der Mystifizierung Kosovos als historische Wiege serbischer Kultur profitiert und gleichzeitig von der Ambivalenz der kosovarischen Statusfrage außenpolitisches Kapital schöpfen kann (Hajrullahu, 2019: 106 f.). Kosovo ist eng mit dem legitimierenden Narrativ der serbischen nationalistischen Expansionspolitik seit Mitte des 19. Jahrhunderts verknüpft: Es ist der historische Schauplatz der Schlacht vom Amselfeld (srb. Kosovo Polje), in der 1389 der serbische Fürst Lazar Hrebeljanović getötet und seine Armee vom osmanischen Heer geschlagen wurde. Obwohl es kaum gesicherte Erkenntnisse über das historische Ereignis gibt, wurde darum ein Mythos nationalen Traumas geschaffen (Reuter, 2000: 141 f.; Clewing, 2015: 47 ff.). Eine zentrale Rolle spielt die serbisch-orthodoxe Kirche, einerseits als pränational verbindendes Element, das einen gemeinsamen Bedeutungsrahmen schaffte (zumal angesichts der Bedrohung durch das muslimische osmanische Heer) und andererseits durch die Bedeutung des Patriarchats von Peć (alb. Peja) als autokephale orthodoxe Repräsentanz im 14. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Kosovo. Aus diesem Grund wird Kosovo als Geburtsstätte der serbischen Religion und Nation inszeniert. Diese Mystifizierung geht einher mit einer rassistischen Ideologie und einem islamophoben religiösen Fundamentalismus, die seit den Balkankriegen 1912–1913 die systematische Verfolgung der Kosovo-Albaner:innen immer wieder legitimiert haben (Hajrullahu, 2007: 41 f.; Reuter, 2000: 145 f.) Neben großserbischer Geopolitik schließt die Frage nach Kosovos Staatlichkeit aber auch an die Geschichte panalbanischer nationalistischer Bestrebungen seit dem späten 19. Jahrhundert an (Malcolm, 1998: 217 ff.). Im Vergleich mit den anderen Balkanvölkern entwickelte sich der albanische Nationalismus spät2, was geopolitisch zum Nachteil wurde (Misha, 2002: 40). Erst mit dem Ende der osmanischen Herrschaft entstand eine Bewegung, die die Einheit ethnischer

2 Eine

Betrachtung der Gründe dieser Verzögerung bietet Misha (2002).

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Albaner:innen auf einem eigenen Territorium forderte. In der dominanten Lesart verorteten sie sich als Nachkommen der autochthonen Illyrer:innen, die bereits vor Ankunft der Slav:innen auf dem Balkan im Königreich (und der ihm nachfolgenden römischen Provinz) Dardanien beheimatet waren, das das heutige Kosovo einschließt (ibid.: 42). Zentral für die Institutionalisierung albanischer nationalistischer Forderungen war die Liga von Prizren, gegründet in der gleichnamigen Stadt im heutigen Kosovo im Jahr 1878 mit dem Ziel, einen unabhängigen albanischen Staat aus vier osmanischen Vilâyets mit mehrheitlich albanischer Bevölkerung zu erschaffen. Die Berliner Konferenz von 1878, in der die europäischen Großmächte nach der osmanischen Niederlage im Russisch-Osmanischen Krieg über die eroberten Gebiete verhandelten, verweigerte die Schaffung eines albanischen Staats jedoch, sodass die mehrheitlich albanischen Gebiete auf dem Balkan bis 1912 unter osmanischer Herrschaft blieben. Die anschließende Unabhängigkeit währte nur wenige Wochen, in denen Kosovo durch die serbische Armee besetzt und die muslimische Bevölkerung brutal verfolgt wurde, um die ethnische Verteilung zugunsten der eigenen Bevölkerung zu erhöhen und auf diese Weise Gebietsansprüche geltend zu machen (Malcolm, 1998: 255). Am Ende des Ersten Balkankrieges 1913 waren fast alle albanischen Gebiete durch die Länder des Balkanbundes (Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland) besetzt. Angesichts der exzessiven Gewalt gegen Albaner:innen im Zuge dieses Krieges, wurde die „albanische Frage“ in den Neuverhandlungen über die Grenzziehungen auf dem Balkan bei der Londoner Botschafterkonferenz 1913 erstmals ausführlich diskutiert (Misha, 2000: 40). Österreich-Ungarn und seine Verbündeten, in einem Versuch, die slawische Expansion einzudämmen, schlugen eine Vereinigung aller mehrheitlich albanischen Gebiete vor, was aber von Russland und Frankreich abgelehnt wurde. Schließlich wurde die Grenzziehung ungeachtet albanischer Forderungen und ethno-linguistischer Faktoren festgelegt, mit dem Ergebnis, dass 40 % der ethnischen Albaner:innen in der Region außerhalb dieser Grenzen lebte (Hajrullahu, 2007: 47–49). Hajrullahu (ibid.: 42; Hervorhebungen im Original) bemerkt dazu angesichts späterer Entwicklungen: „Hätte man […] die Grenzen etwas „behutsamer“ gezogen, hätte man vielleicht die Grausamkeiten Ende des 20. Jh. großteils vermeiden können. Auch heute ist eine langfristige Friedenspolitik immer wieder der Gefahr einer „interessenlastigen Ausrichtung“ ausgesetzt.“

Kosovo blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs – abgesehen von einer kurzen Phase, in dem es größtenteils Albanien unter italienischem Protektorat angehörte

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(Reuter, 2000: 147) – unter slawischer Herrschaft und wurde nach dessen Ende als serbische Provinz Teil der Föderativen Republik Jugoslawien. Die Zwischenund Nachkriegszeit waren geprägt von Repressionen gegen Albaner:innen und mehrere Bemühungen, diese durch „ethnische Säuberung“ aus der Provinz zu vertreiben, blieben erfolglos (ibid: 145 ff.). Gleichzeitig betonte eine zunehmende Trennung von einem sich stetig isolierenden Albanien die Fremdheit der größtenteils albanischen Bevölkerung in Kosovo gegenüber den mehrheitlich slawischen Gruppen innerhalb Jugoslawiens (Rogel, 2003: 171 f.). In der Unterdrückung durch die Milošević-Regierung in den 1990er Jahren zeigen sich erneut Versuche ethnischer Homogenisierung wie auch der machtpolitischen Instrumentalisierung des Kosovo-Mythos,’ die die albanische Frage und den nationalen Kampf Kosovos als historische Heimat der Albaner:innen wieder auf die politische Agenda und ins Bewusstsein der Bevölkerung brachte (Reuter, 2000: 151 ff.). Dabei stehen nach wie vor ethno-territoriale Ansprüche im Vordergrund, die in vielen Fällen politischen Interessen und nicht dem Wohlergehen der Bevölkerungsgruppen dienen, wie im Verlauf noch gezeigt wird.

4 State-building zwischen Nation, Staat und Kultur Historische Mythen und Ursprungsgeschichten sind ein wesentlicher Bestandteil kollektiv geteilter Erfahrungen und daher konstitutiv für nationalistische Narrative (Schöpflin, 2002: 29). Als solche sind sie immer Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse und Mobilisierungsstrategien, bergen durch ihren emotionalen Charakter aber auch ein hohes Konfliktpotenzial: „Myth ist the political […] tool of choice, for those who want to simplify complex realities for the sake of making a group’s action predictable“ (SchwandnerSievers, 2002: 17). So legitimierte die Milošević-Regierung ihre machtpolitischen Strategien ethnischer Homogenisierung zugunsten eines exklusiven Nationalismus, und so werden exklusivistische territoriale Ansprüche in Kosovo bis heute legitimiert. Demgegenüber steht der Anspruch der internationalen Staatengemeinschaft, eine inklusive, multiethnische kosovarische Identität zu fördern, die selbst vor dem Krieg kaum verbreitet war (Simonsen, 2004: 291 ff.). Um die ethnischen Spannungen einzudämmen und ein inklusives Zusammenleben zu gewährleisten, bemühte sie sich nach 1999 um die Schaffung einer multiethnischen Gesellschaft und verband darin von vornherein Elemente von State- und Nationbuilding (Krasniqi, 2012: 356 f.). Ersteres wird hier als der Aufbau politischer Institutionen und Rechtsstaatsmechanismen verstanden, während

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letzteres sich auf den Gemeinschaftssinn abseits ethnischer Zugehörigkeiten bezieht (Simonsen, 2004: 290). Der interethnische Konflikt resultierte in massiven Fluchtbewegungen, von denen zunächst etwa 90 % der Albaner:innen betroffen waren, während Serb:innen, Roma und andere ethnische Minderheiten vor allem auf Grund von – oder aus Angst vor – Vergeltungsschlägen in Nachbarländer oder mehrheitlich serbische Enklaven abwanderten (ibid.: 292 f.) Diese physische Trennung von Albaner:innen und Serb:innen, verfestigt durch die internationale Intervention zur Verhinderung erneuter Gewaltausbrüche zwischen ihnen, verstärkte bestehende Stereotype und Mangel an gegenseitigem Vertrauen und bedingt diese gleichzeitig, insbesondere in den jüngeren Generationen, die oft ohne gegenseitige Kontakte aufwachsen und keine gemeinsame Sprache haben (Dahlmann & Williams, 2010: 417). Der Prozess politischer und sozialer Integration und friedlicher Koexistenz ist komplex und fragil, da er zunächst Spannungen überbrücken muss, um dann zu versuchen, prävalente und politisch instrumentalisierte ethnische Loyalitäten in den Hintergrund zu rücken zugunsten gemeinsamer Interessen und Erfahrungen (Baliqi, 2014: 3). Um uns der Kernfrage dieses Beitrags zu nähern, werden im Folgenden  Mechanismen dargestellt und bewertet, mit denen die internationale Gemeinschaft multiethnische, demokratische Strukturen in Kosovo schaffen will. Der Abschluss des NATO-Einsatzes bedeutete noch kein Ende interethnischer Gewalt in Kosovo, und die ausländischen Sicherheitskräfte konnten in den ersten Monaten Angriffe auf vor allem serbische Personen und Kulturgüter nur teilweise verhindern. Bereits kurz nach Inkrafttreten der Resolution 1244 wurde auch deshalb die Wichtigkeit von Versöhnung zur Etablierung einer inklusiven, multiethnischen Gesellschaft betont (Landau, 2017: 450). Simonsen (2004: 295 ff.) betrachtet verschiedene politische und gesellschaftliche Bereiche, in denen Institutionen geschaffen oder reformiert wurden, um nach dem Ende des Krieges die Grundlage für ein inklusives Zusammenleben zu bieten. Quotenregelungen in politischen Institutionen für ethnische Minderheiten, besonders Serb:innen, sollen einen politischen Dialog institutionalisieren und ein Gefühl gemeinsamen Ownerships des Prozesses anregen. Doch dieses System führt nicht automatisch zu einer Kooperation zwischen den ethnisch weitgehend homogenen Parteien, die zudem durch das Quotensystem kaum Anreize haben, außerhalb der eigenen Gruppe um Wähler:innen zu werben. Außerdem nutzt die eng mit der serbischen Regierung verbundene Partei Srpska Lista diese Möglichkeit, um die kosovarische Regierung zu sabotieren. Das langfristige Ziel sollte es daher sein, die politische Ethnisierung zu entschärfen und Brücken zwischen den ethnischen Parteien und ihren Anhänger:innen zu bauen.

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Vielversprechende Ansätze sieht Simonsen (ibid.) in der Etablierung multiethnischer Polizeikräfte, die insbesondere in ethnisch gemischten Regionen bereits erfolgreich rekrutiert werden und in der Schaffung inklusiver nationaler Symbole. So wurden die Flagge und Hymne des Landes unter Aufsicht der internationalen Gemeinschaft möglichst neutral gewählt und enthalten keine ethnischen Marker. Durch dieses fehlende Identifikationspotenzial werden sie jedoch wiederum angreifbar durch ethnonationalistische Gruppen, deren Interessen interethnischer Versöhnung zuwiderlaufen (Baliqi, 2014: 12 f.). Ein zentrales Hindernis inklusiver Strukturen ist die sprachliche Trennung der Albaner:innen und Serb:innen (Simonsen, 2004: 303). Dadurch sind zentrale Elemente der Schaffung eines nationalen Bewusstseins wie Bildung und Medien weitgehend ethnisch getrennt, ebenso wie Kunst und Kultur (Dahlman & Williams, 2010: 410). In der Verfassung von 2008 wurden Albanisch und Serbisch als gleichwertige Amtssprachen festgelegt, außerdem regional Bosnisch, Türkisch und Romanes (Ministerium für Kommunale Verwaltung, 2018). Zudem wird Kosovo als säkulärer Staat festgelegt. Auf diese Weise soll die Diskriminierung auf Basis von Sprache und Religion, die viele Kosovo-Albaner:innen noch aktiv erlebt haben, verhindert werden. Allerdings wird dieses Prinzip regional unterschiedlich umgesetzt und Minderheiten werden insbesondere in weitgehend homogenen Gemeinden oft benachteiligt (Simonsen, 2004: 305). Auch wird das Problem der Trennung nicht gelöst und die Nachkriegsgenerationen haben kaum Anreize, die jeweils andere Sprache zu lernen (ibid.: 303). Lokale und regionale Initiativen organisieren Programme zum gegenseitigen Sprachenlernen (Haxhiaj, 2021), aber solange die Trennung politischen Interessen dient, haben umfassendere Ansätze kaum eine Chance. Das politisch wie emotional sensibelste Thema und eine zentrale Grundlage für multiethnisches Zusammenleben bleibt eine Versöhnung nach den traumatischen Erlebnissen interethnischer Gewalt (Simonsen, 2004: 304). Übergangsjustiz (Transitional Justice) und Rechtsreformen spielen hier eine zentrale Rolle und standen im Fokus der internationalen Interventionen nach den Jugoslawienkriegen (Griessler, 2020: 22 ff.). Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) klagte die zentralen politischen Verantwortlichen der Verbrechen inklusive Milošević an und dokumentierte sie ausführlich. Allerdings konnten Verbrechen gegen Serb:innen in Kosovo nicht verurteilt werden und die lokalen Reaktionen zeigten, dass die Täter in den nationalen Diskursen sehr unterschiedlich betrachtet werden (Simonsen, 2004: 305). Nachdem Details der Verfolgung kosovarischer Serb:innen bekannt wurden, stimmte die Regierung in Prishtina 2015 der Errichtung eines Sondergerichtshofs in Den Haag zu, der sich exklusiv mit diesen Verbrechen befasst. Wie Hehir (2019:

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267 ff.) zeigt, wurden Lehren des ICTY – allen voran die Wichtigkeit lokaler Legitimität und Ownership – jedoch nicht umgesetzt, was sich auch in der lokalen Akzeptanz in Kosovo spiegelt. Der Aufbau von unabhängigen und resilienten Rechtstaatlichkeitsmechanismen unter EULEX war wie bereits dargelegt nur begrenzt erfolgreich und das Rechtssystem ist nach wie vor zutiefst dysfunktional (Elbasani, 2018: 152). Die andauernde Präsenz internationaler Akteure und deren Einfluss ermöglichte ihre Instrumentalisierung als Sündenböcke für fehlende Reformen zugunsten des Machterhalts lokaler Eliten, zumal für die EU Stabilität immer wichtiger war als Reformen (Fruscione, 2020: 29). Die neue Regierung strebt darum ein umfassendes Überprüfungsverfahren (Vetting Process) an, das von der EU allerdings abgelehnt wird, die um die Handlungsfähigkeit des Rechtssystems fürchtet (Halla, 2022). Insgesamt waren die internationalen Bemühungen, in einer Kombination aus State- und Nationbuilding die Voraussetzungen für ein multiethnisches Kosovo zu schaffen, also nur begrenzt erfolgreich. Zentrale Gründe sind der Mangel an politischem Willen für echte Reformen auf allen Seiten sowie die politische Instrumentalisierung ethnischer Narrative, die durch die ungeklärte Statusfrage betont werden. Hinzu kommt die Erkenntnis aus mehr als zwei Dekaden des internationalen Staatsaufbaus, dass Reformen nur begrenzt extern beeinflusst werden können (Ejdus, 2017: 7 f.). Um interethnische Spannungen langfristig zu mindern und einen inklusiven Gemeinschaftssinn zu fördern, ist eine gemeinsame Zukunftsperspektive ein zentrales Instrument zur Förderung des sozialen Zusammenhalts und Handelns (Simonsen, 2004: 305). Während hier die Bemühungen aller internationaler Akteure zur Schaffung inklusiver Strukturen betrachtet wurden, widmet sich der folgende Abschnitt deshalb der außenpolitischen Strategie der EU abseits staatlicher Intervention und betrachtet die politischen Verhandlungen um eine Beitrittsperspektive Kosovos, die direkt mit der Klärung der Statusfrage mit Serbien verknüpft ist.

5 Eine „europäische Perspektive“ für Kosovo Wie eingangs beschrieben, ist Kosovo Teil der „Westbalkan“-Strategie der EU, über die eine graduelle Annäherung an deren Normen und Werte und langfristig Frieden und Stabilität erreicht werden soll. Status und Fortschritt der potenziellen Beitrittskandidaten werden anhand festgelegter Kriterien bewertet und der Fortschritt regelmäßig kontrolliert (Huszka, 2020: 2). Eine Grundvoraussetzung sind gute nachbarschaftliche Beziehungen und sowohl für Kosovo als auch für Serbien

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ist die finale Beilegung des territorialen Streits und eine Normalisierung der Beziehung explizit an den Fortschritt im Beitrittsprozess geknüpft. Da die Regierungen beider Länder offiziell einen EU-Beitritt anstreben, sollte die Klärung in ihrem gemeinsamen Interesse liegen und dieser Anreiz ebneten tatsächlich den Weg für die Aufnahme formeller Gespräche unter Vermittlung der EU im Jahr 2011, nachdem der Internationale Gerichtshof (IGH) die Unabhängigkeit Kosovos als nicht rechtswidrig bewertet hatte (ibid.: 2014). Der Auswärtige Dienst war gerade gegründet worden und nahm mit dem Dialog die Ambitionen der EU als globaler Akteur wahr (Troncotă, 2017: 216). In komplizierten Verhandlungen wurde eine elementare Vereinbarung erzielt, durch die Kosovo in regionale Organisationen eingebunden werden kann, ohne einen finalen Status festzulegen (Hajrullahu, 2019: 114). Der Dialog wurde 2013 im Brüsseler Abkommen institutionalisiert und darin wurden 15 konkrete Schritte zur Normalisierung der Beziehungen beschlossen (Troncotă, 2017: 216). Doch die Umsetzung machte kaum Fortschritte und stoppte 2018 durch wechselseitige Blockaden und Sanktionen (Fruscione, 2020: 20). Die Positionen der verhandelnden Parteien zu den zentralen Streitfragen, nämlich der zukünftige Status Kosovos und die der mehrheitlich serbischen Gemeinden, sind diametral entgegengesetzt. Der anfängliche Verhandlungserfolg zeigt, dass die EU in ihrer Position über Druckmittel und Anreize verfügt, um die ehemaligen Kriegsparteien in einen Dialog zu bringen. Doch eine Reihe von Defiziten in der strategischen Herangehensweise schränken ihre Handlungsfähigkeit ein und bergen das Potenzial, die Fronten noch zu verhärten (Troncotă, 2017: 235). Vorgesehen war ein sequenzierter Dialog, in dem die Verhandlungen nach politischen und technischen Themen und einer vorher festgelegten Reihenfolge geführt werden sollten (Stankovski, 2021: 377). Eine zentrale Taktik und Hauptquelle der Kritik ist die Nutzung konstruktiver Ambiguität, also bewusst vager Formulierungen, die einer finale Klärung des Streitpunkts Aufschub gewähren soll. Da die Gespräche jedoch bereits mit unterschiedlichen Erwartungen begannen, entwickelten sie sich durch diese Taktik zunehmend zu einem „Dialog der Gehörlosen“ (Troncotă, 2017: 215), in dem zentrale Vereinbarungen des Brüsseler Abkommens in den beiden Ländern völlig verschieden interpretiert und diskutiert und die Gespräche selbst immer mehr zu einer Konfrontation wurden. Eine Zäsur des Prozesses stellte 2018 der Vorschlag der kosovarischen und serbischen Präsidenten Hashim Thaçi und Aleksandar Vučić über einen Gebietsaustausch zwischen den Ländern dar. Der mehrheitlich serbische Norden Kosovos sollte an Serbien angegliedert werden, während die albanischen Gebiete im Süden Serbiens an Kosovo fallen sollten (Stankovski, 2021: 387).

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In der Folge büßte die EU in ihrer Rolle als Mediatorin, aber auch das Engagement der internationalen Gemeinschaft in Kosovo insgesamt massiv an Vertrauen ein. Nicht nur waren die Reaktionen aus Brüssel und den Mitgliedsstaaten uneinheitlich, alleine die Erwägung dieses Vorschlags steht im Widerspruch zu den Prinzipien und Grundlagen des Kosovo-Einsatzes, die in der Resolution 1244 und im Ahtisaari-Plan 2007 festgelegt wurden (ibid.: 383 f.). Gleichzeitig manifestierte sich in diesem Streit eine Tendenz des Dialogs (und der EU-Strategie im Land insgesamt), die die Nachhaltigkeit des Prozesses insgesamt beeinträchtigt. Denn die zunehmend ethnoterritoriale Rhetorik der Verhandlungen über ethnische Homogenisierung und Gebietsansprüche standen im Widerspruch zu den Beschlüssen von 2007 und machten die Serb:innen in Kosovo zu Objekten statt Beteiligten des Dialogs (ibid.: 388 f.). Dieses Bild wurde noch verstärkt durch den Einbezug der albanischen Regierung in Tirana in die Gespräche, während die lokale Zivilgesellschaft außen vor blieb. Ein zentrales Hindernis in der EU-Strategie bleibt die Uneinigkeit über die Statusfrage Kosovos. Diese ist eng an die Lösung des Streits mit Belgrad geknüpft, weshalb die EU den Dialog als zentrales Element in den Beziehungen zum Kosovo versteht (Fruscione.: 23 f.) Gleichzeitig hat die EU die staatliche Anerkennung Kosovos durch Serbien nie explizit als Ziel des Dialogs genannt, wohl auch aus Angst, dessen europäische Ambitionen zu schwächen (Hajrullahu, 2019: 103). Doch ohne Druck von der EU hat die Regierung keinen Anreiz, den Streit beizulegen, sondern profitiert sogar von der eingeschränkten Staatlichkeit Kosovos, zumal die Errichtung paralleler Strukturen in Kosovo ihren Einfluss sichert und international nicht sanktioniert wird. So wird die ethnoterritoriale Teilung zusätzlich forciert und eine Integration in kosovarische Verwaltungsstrukturen verhindert (Dahlman & Williams, 2010: 421 f.). Ob die EU den Dialog reformieren und wichtige Entscheidungen vermitteln kann, hängt maßgeblich davon ab, ob sie verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und den Akteuren greifbare Anreize bieten kann. Dazu gehört vor allem eine Rückkehr zu den zentralen Prinzipien der Intervention sowie zu einer klaren Konditionalität im Annäherungsprozess (Stankovski, 2021: 391 f.) Denn auch abseits des Dialogs verspielt sie zunehmend ihren Einfluss in der Region, indem innenpolitische Interessen der Mitgliedsstaaten außenpolitischen Strategien übergeordnet werden. So werden antidemokratische Regierungen zugunsten scheinbarer Stabilität gestützt, während gleichzeitig signifikante Fortschritte nicht wie vereinbart honoriert werden. Das gilt auch für Kosovo, das seit 2017 alle Voraussetzungen für eine Visaliberalisierung erfüllt, die von den Mitgliedsstaaten jedoch bis heute nicht gewährt wird (ibid.: 391).

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In diesen anhaltenden Widersprüchen zeigen sich die begrenzten Handlungsoptionen der EU in der aktuellen Herangehensweise. Sie wird ihrer selbstgewählten Verantwortung nicht gerecht und verspielt Möglichkeiten für interne Kohäsion (Hajrullahu, 2019: 117). Sowohl der Ahtisaari-Plan als auch das Urteil des IGH böten eine ausreichende Grundlage für die Anerkennung der Unabhängigkeit, ohne einen Präzedenzfall darzustellen (Stankovski, 2021: 384). Stattdessen legitimiert die ambivalente Haltung der EU die illegitime Einmischung Belgrads in Kosovo, die interne Versöhnung und Kohäsion unterbindet (Hajrullahu, 2019: 117). Der Dialog wurde 2020 neu aufgenommen und durch die Rolle eines Sondergesandten institutionell aufgewertet (Stankovski et al., 2021: 25). Doch wie der Konflikt um die im Brüsseler Abkommen vereinbarte Regelung für Autokennzeichen im Grenzgebiet im Herbst 2021 zeigte, wurde das Problem der konstruktiven Ambiguität nicht behoben und spitzt sich der Streit weiter zu (Armstrong, 2021). Kritiker:innen fordern einen inklusiveren Ansatz und mehr local ownership für den Dialog und die EU-Politik in Kosovo allgemein, etwa eine stärkere Einbeziehung der Zivilgesellschaft für mehr Transformation von innen (Troncotă, 2017: 236). Deren Förderung ist ein weiterer wichtiger Baustein der EU-Strategie sowie eine Grundvoraussetzung für interethnische Versöhnung (Griessler, 2020: 57). In Folge der internationalen Intervention ist dieser Sektor jedoch vor allem eine lukrative Einnahmequelle anstatt eines lokalen Korrektivs geworden, was einerseits mit der Art der Finanzierung und anderseits mit den überlappenden Verwaltungsstrukturen zusammenhing (Coelho, 2012: 9). Da der Begriff in erster Linie auf Institutionen und nicht auf eine Reihe komplexer und vielschichtiger Interaktionen innerhalb einer Gesellschaft angewandt wurde, rückten Nichtregierungsorganisationen (NRO) in den Mittelpunkt der Geberkonzepte zum Aufbau eines idealisierten, homogenisierten zivilgesellschaftlichen Sektors, der in der Folge wenig Legitimität und Wirkung im lokalen Bereich hatte (Sörensen, 2009: 257 f.). In Kosovo kommt hinzu, dass die gleichen internationalen Geber direkt am Staatsaufbau beteiligt sind, allerdings ohne Rechenschaftspflicht gegenüber den Wähler:innenn. Durch die Abhängigkeit der internationalen Finanzierung gab es kaum einflussreiche Systemkritik seitens der lokalen Zivilgesellschaft in Kosovo, die angesichts der ungeklärten Statusfrage vor allem als technische und apolitische Institutionen aufgestellt wurden (Coelho, 2012: 10). So wurden sie faktisch zu Erfüllungsgehilfen internationaler Ziele, anstatt lokale Bedürfnisse zu vertreten und inter-ethnische Versöhnung zu fördern.

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6 Fazit und Ausblick „After centuries of coexistence in a multinational empire, it was almost impossible to define clearly the cultural and linguistic lines dividing people.“ So beschreibt Misha (2002: 43) die Herausforderungen, denen die albanische nationale Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts gegenüberstand. Die neuen künstlichen Trennlinien widersprachen den täglichen Erfahrungen, die von Überschneidungen und gegenseitiger Anpassung geprägt waren. Erst die Bedrohung von außen durch einen ungleich erfolgreicheren serbischen Nationalismus festigte das ethnonationale Selbstverständnis der Albaner:innen in Kosovo – und Jahrzehnte systematischer Repression schürten ein Verlangen nach nationaler Autonomie. Die Regierung in Belgrad und die serbisch-orthodoxe Kirche dagegen propagieren den Kosovo-Mythos als Ursprung der serbischen Nation und Religion. Die damit einhergehenden territorialen Ansprüche haben sich seit Beginn der nationalistischen Bewegung kaum geändert und die rassistische Rhetorik der Balkankriege wurde in nachfolgenden Konfrontationen regelmäßig wiederbelebt, um Diskriminierung und Vertreibung zu rechtfertigen. Erst mit dem Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft in den 1990er Jahren und dem Ahtisaari-Plan von 2007 wurde eine nationalstaatliche Perspektive greifbar. Die internationalen Akteure haben eine Reihe von Strategien entwickelt, um einen inklusiven Staatsaufbau, interethnische Versöhnung und gemeinsame Zukunftsvisionen zu fördern. Eine wichtige Rolle für diesen Prozess spielt die Außen- und Erweiterungspolitik der EU – ebenso wie umgekehrt. Denn die Entwicklung außenpolitischer Instrumente und Normen sind eng mit der Kosovound „Westbalkan“-Politik der Staatengemeinschaft verbunden. Sowohl Serbien als auch Kosovo streben einen EU-Beitritt an, die über diesen Anreiz und die damit verbundene Konditionalität eine einzigartige Möglichkeit zur Einflussnahme in den Verhandlungen zwischen den Staaten hat. Gleichzeitig zeigt sich darin auch die Ambiguität der EU als außenpolitischer Akteur, dessen strategische Kohärenz regelmäßig einzelstaatlichen Interessen zum Opfer fällt. Dadurch verliert sie Einfluss und Vertrauen in der Region und büßt ihr demokratisierendes Potenzial ein, während antidemokratische Kräfte profitieren. Der Konflikt mit Serbien konnte auch deshalb bislang nicht gelöst werden, weshalb die Statusfrage weiter ungeklärt bleibt. Leidtragende sind die Serb:innen und andere etnische Minderheiten in Kosovo, die nur Gegenstand statt Partner:innen bei den Verhandlungen sind, aber auch alle anderen kosovarischen Staatsbürger:innen, die durch die Blockade von internationalen Institutionen ausgeschlossen und in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Die zunehmende Verschiebung der Rhetorik zugunsten

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ethnoterritorialer Ansprüche zeigt das schwindende Vertrauen in den Willen und die Grundsätze auch innerhalb der EU. Dreh- und Angelpunkt des EU-Engagements ist der Streit um die Anerkennung der Staatlichkeit Kosovos, die fünf Mitgliedsstaaten weiterhin aufgrund innenpolitischer Belange ablehnen. Für sie ist ein umfassendes Abkommen zwischen Serbien und seiner ehemaligen Provinz der Schlüssel zur Anerkennung. Die ambivalente Haltung der EU im Dialog und die fehlende Definition zentraler Ziele haben jedoch mit dazu beigetragen, Spannungen zwischen den Regierungen in zentralen Fragen zu verschärfen. Dabei zeigen bisherige Erfolge wie das Abkommen von 2012, das dem Kosovo die Teilnahme an regionalen Foren ermöglicht, das Potenzial der EU-Konditionalität, wenn sie konsequent angewendet wird. Mit dem Versprechen von Thessaloniki hat die EU eine wichtige Verantwortung für die Länder des „Westbalkans“ übernommen. Das gilt insbesondere für Kosovo, wo sie die Staatsgeschäfte seit der Unabhängigkeitserklärung direkt mitbestimmt. Indem sie jedoch Stabilität über Reformen stellte und ihre Konditionalitätskriterien vernachlässigte, wird die EU diesem Versprechen nicht gerecht und behindert lokale Selbstbestimmung und den Aufbau multiethnischer Strukturen im Versöhnungsprozess. Eine strategische Neuausrichtung unter Einbeziehung diverser lokaler Reformkräfte aus Politik und Zivilgesellschaft ist daher nötig, um den Dialog und den multiethnischen Staatsaufbau in Kosovo nachhaltig zu unterstützen.

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Auf der Suche nach kollektiver Identität – Der Begriff Nation im Spannungsfeld europäischer Renaissance und einzelstaatlicher Exitbestrebungen Liane Ströbel Das Gespenst des Nationalismus geht wieder um und nährt sich aus den aktuellen Krisen und dem angeblichen Scheitern der Europäischen Union diese zu bewältigen. Vielfach wird die Frage aufgeworfen, ob der Traum der EU als nicht nur transnationales Gebilde, sondern auch als große Nation und Gegenpol zu anderen Großmächten überhaupt noch weiter geträumt oder endgültig begraben werden sollte. Im vorliegenden Artikel werden die Probleme des Begriffs „Nation“ an sich kurz vorgestellt, um dann am Beispiel dreier Reden von Emmanuel Macron zu verdeutlichen, dass der Kern des Übels im Fehlen einer gemeinsamen europäischen Identität liegt, die nun im Nachhinein, u. a. mit sprachlichen Mitteln, erst in den Köpfen der Europäer Gestalt annehmen muss.

1 Identität als Achillesverse der Europäischen Union 1.1 Der Begriff „Nation“ im Zeitalter einzelstaatlicher Exitbestrebungen Wir befinden uns in einer Zeit, in der progressiv betriebener Nationalismus uns dazu zwingt, das Konzept von „Nation“ neu zu überdenken (Rapp, 2017; L. Ströbel (*)  RWTH Aachen, Romanistik, Aachen, Deutschland E-Mail: [email protected] © Der/die Autor(en), exklusiv lizenziert an Springer-Verlag GmbH, DE, ein Teil von Springer Nature 2023 A. Salamurović (Hrsg.), Konzepte der nation im europäischen Kontext im 21. Jahrhundert, Sprache, Geschichte, Politik und Kommunikation, https://doi.org/10.1007/978-3-662-66332-5_13

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Stegemann, 2018). Etymologisch aus dem klassischen lateinischen nasci „geboren werden“ hervorgegangen, ist wahrscheinlich kein Begriff so stark mit Identität und Identitätssuche verbunden, wie der Begriff „Nation“, aber auch kein anderer Begriff steht im 21. Jahrhundert vor größeren Herausforderungen (Beauchard, 2018; Manow, 2018). Gerade das Projekt „Europa“ scheint einen internen Abspaltungsprozess des Begriffs, in nationale Vielfalt auf der einen und nationale Interessen auf der anderen Seite gefördert zu haben. Dies verdeutlichen auch eindrücklich der Brexit und weitere Exitbestrebungen (vgl. Frexit-, Spanxitbestrebungen etc. oder der erst im Frühjahr 2021 geforderte Ausstieg aus der EU der AFD). Nationalistische Ideen schöpfen ihre Energie aus den in der Bevölkerung vorherrschenden salienten Ängsten (Davies, 2019; Gadinger & Simon, 2019). Diese stark mit der wahrgenommenen Identität einer Gemeinschaft zusammenhängenden Ängste werden a) von außen, durch eine allgemeine Zunahme von Migrationsbewegungen und deren Auswirkung auf die -von manchen als Bedrohung empfundene- Durchmischung der Bevölkerung und b) von innen, durch die Ausweitung gesellschaftlicher Toleranzgrenzen und die Aufhebung traditioneller Tabus,  geschürt (Fukuyama, 2018; Luther, 2018). Gerade in der Definition von [Identität1] liegt auch das Schlüsselproblem „Europas“. Die Europäische Union, ein aus der Not gewachsener wirtschaftlicher Zusammenschluss räumlich nah beieinanderliegender und aneinandergrenzender Staaten ([Raum]), will nun auch als Nation wahrgenommen werden, um seine [Souveränität] gegenüber anderen Großmächten, die sich schon länger als Nationen bezeichnen, zu behaupten. Ein vereintes Territorium ([Raum]) und der Wille nach einem gemeinsamen starken Außenauftritt ([Souveränität]), reicht aber noch nicht aus, um sich als Nation zu definieren. Verschiedene Identitätsentwürfe und deren Problematik wurden bereits in anderen Werken und Beiträgen thematisiert (Baumgärtner et al., 2007). Aus diesem Grund wird im Folgenden eine linguistische Perspektive auf den Begriff „Nation“ und den damit verbundenen Stellenwert einer [kollektiven Identität], anhand von sprachlichen Strategien der Etablierung und Stärkung ebendieser, diskutiert.

1 Die

eckigen Klammern verweisen auf die kognitiven Frames des Konzepts „Nation“ (vgl. 2.1 und 2.2).

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1.2 Der Begriff „Nation“ im Wandel der Zeit Betrachtet man den Begriff „Nation“ diachron, so fällt auf, dass dieser ursprünglich eine endogen gewachsene homogene Menge von Individuen gleicher Abstammung beschreibt ([genetische Identität]). Teile dieser noch eng an die Etymologie angelehnten Definition finden sich auch in der umstrittenen Bezeichnung „Rasse“ ([genetische Identität]). Aus synchroner Sicht hingegen bezeichnet „Nation“ eine heterogene Gruppe mit gemeinsamer sprachlicher und/oder kultureller Überdachung, deren Herausbildung jeweils spezifisch nach unterschiedlichen historischen und politischen Faktoren (exogenen Kriterien) determiniert ist und deren Entwicklung in jedem Einzelfall auch anders verlaufen hätte können (Gardt, 2000; Schulze, 2004). Heute definieren sich die Mitglieder einer Nation meist nur über den gemeinsamen Wunsch neben dem Staat in einer Art affectio societatis in einer Nation zusammen zu leben. Aus diesem Grund muss zwischen „Nation“ und „Staat“ unterschieden werden. Rein formal und objektiv besteht die Europäische Union aus Nationalstaaten, die sich durch ein eigenes Territorium ([Raum]) und Verfassung ([Souveränität]) voneinander abgrenzen und von der EU und ihren Institutionen überdacht werden. Der Begriff „Nationalstaat“ bezieht sich auf einen Staat, der mit einer Nation übereinstimmt, die auf einem abgegrenzten Territorium angesiedelt ist und sich durch eine gemeinsame [Identität] der Bevölkerung definiert. Dabei lassen sich chronologisch verschiedene Konstellationen feststellen. Im Fall von Frankreich existierte der Staat vor der Nation. Das Nationalgefühl ([Identität]) musste daher erst nachträglich etabliert werden. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Vereinheitlichung der Sprache2 (Windisch, 2008). Anders verhält es sich im Fall von Deutschland, bei dem die Nation der Bildung eines Staates vorausging. In diesem Fall kann sich die Bevölkerung ihrer nationalen [Identität] bewusstwerden und den Willen zum Zusammenleben durch die Gründung eines Staates mit politischen und administrativen Institutionen zeigen. Eine Problematik stellen multinationale Staaten dar, welche geographischethnographische Einheiten, wie auch größere Zusammenschlüsse umfassen, wie im Falle von Großbritannien (Dierse & Rath, 1984). Diese verfügen bereits über 2  Dies

erklärt vielleicht auch die ursprüngliche Motivation der Erschaffung einer eigenen Sprache (Esperanto) und christlichen und/oder auf der griechischen Mythologie basierenden Interpretationsversuchen der Europaflagge. (https://www.cvce.eu/en/education/ unit-content/-/unit/eeacde09-add1-4ba1-ba5b-dcd2597a81d0/2b4e569f-9aa3-48dd-b87713d0d5f1d177 [25.01.2022]).

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eine [kollektive Identität], die in Konkurrenz zur (noch vagen) europäischen Identität steht und somit Exitbestrebungen begünstigt. Eine weitere Gefahr stellen nicht übereinstimmenden Grenzen zwischen Staat und Nation dar, bei der eine Gruppe die Zugehörigkeit zu einer Nation, aufgrund ihrer Verbundenheit beansprucht oder ihre Autonomie einfordert ([diskontinuierliche Identität)], obwohl sie von einem anderen Staat abhängt (vgl. Katalanen, Korsen usw.). Anders als im Falle der multinationalen Staaten könnte die Überdachung durch eine gemeinsame europäische Identität hier Konflikte abmildern.

1.3 Der Begriff „Nation“ im Spannungsfeld der europäischen Renaissance Das Potenzial der EU als Nation unter anderen Nationen zu fungieren, wird gerade in Frankreich, vielleicht bedingt durch seine Geschichte (vgl. 1.2) erkannt. Aus diesem Grund konzentriert sich dieser Beitrag auf die französische Perspektive, da davon ausgegangen wird, dass gerade unter dem französischen Vorsitz im Europarat mit dem Motto „Aufschwung, Stärke, Zugehörigkeit“ diese Vision neue Strahlkraft erfahren wird. Die Analyse erfolgt am Beispiel dreier Reden, die Emmanuel Macron‘s Traum von „Europa“ (Rede anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 10/05/183), die gemeinsame Verantwortung von Deutschland und Frankreich innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft (Rede im Rahmen des Traité d’Aix-la -Chapelle, 22/01/194) und seine Vision für die EU (Rede anlässlich der Übernahme des Französischen Vorsitz im Europarat, 19/01/225) deutlich machen.

2 Die konzeptuelle Komplexität von „Nation“ 2.1 Der Begriff „Nation“ aus Sicht der Framesemantik Für Emmanuel Macron ist das Projekt „Europa“ eine Utopie, aber eine real existente. Ähnlich wie Anacharsis Cloots (1755–94) geht er davon aus, dass die 3 https://www.karlspreis.de/Portals/0/pdf/Discours_Presidence_de_la_Republique_100518. pdf?ver=2018-05-17-182455-107. 4 https://www.vie-publique.fr/discours/267904-emmanuel-macron-22012019-traite-francoallemand-aix-la-chapelle. 5 https://www.elysee.fr/emmanuel-macron/2022/01/19/discours-du-president-emmanuelmacron-devant-le-parlement-europeen.

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Menschen in einer Gemeinschaft nur dann in Frieden leben, wenn sie eine große Nation bilden. Um diese Vision zu stärken, muss er die wichtigsten Assoziationen des Begriffs „Nation“ in seinen Reden iterativ verwenden. Das Konzept von „Nation“ basiert auf drei inhärenten Pfeilern: einem [Raum], der gleichzeitig auch das Territorium darstellt, einer Einheit, die auf sozialer [Identität] beruht und einem dynamischen Konzept der [Souveränität], welche Stabilität und Sicherheit für die beiden vorangegangenen Pfeiler garantieren soll. Werden diese drei Pfeiler ([Raum], [Souveränität], [Identität]) in einer Rede geschickt kombiniert, wird die Vision von „Nation“ mental evoziert, ohne den Begriff „Nation“ explizit nennen zu müssen. Die kognitive Vernetzung der drei Pfeiler lässt sich am besten mithilfe der Framesemantik illustrieren, denn Frames treten nie isoliert auf, sondern sind immer netzwerkartig mit menschlichen Erfahrungen verknüpft. Daher gelten Frames als eines der effektivsten Mittel, die Struktur von Konzepten sichtbar zu machen (Barsalou, 1992; Ziem, 2008; Loebner, 2015). Frames sind mit Szenen menschlicher Erfahrung verbunden und in diese eingebettet (Ruiz de Mendoza et al., 2014). Mit anderen Worten: Die menschliche Kognition basiert auf Begriffsstrukturen, die sich wiederum aus Attributen mit einer inhärenten Werteskala zusammensetzen. So besteht das Konzept „Paris“ aus Attributen wie Lage ([Raum]), Ausdehnung ([Extension]), Bevölkerung ([Dichte]), Geschichte ([Zeit]), Wahrzeichen ([Form]) usw. und den entsprechenden Werten. Konzepte sind ständigem Wandel unterworfen. So hat in den letzten Jahrhunderten nicht nur die Bevölkerung ([Dichte]) zugenommen, was Auswirkungen auch auf die Ausdehnung ([Extension]) hat, sondern auch die mit Paris vorrangig assoziierten Symbole ([Form]) haben sich verändert. Waren vielleicht vorher Notre-Dame de Paris und später der Louvre die vorrangigen Symbole von Paris, wurden diese Ende des 19. Jahrhunderts durch den Eiffelturm abgelöst. Wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln nachgezeichnet, hat auch der Nationsbegriff eine Erweiterung im Laufe der Zeit erfahren. Diese Extension ist für zwei der drei konzeptuellen Pfeiler des Nationsbegriffs und ihre Attribute relative unproblematisch. Beim [Raum]-Frame handelt sich nicht nur um ein geographisches, sondern auch um ein ideologisches Territorium, da dieses als historische Heimat ([Zeit]) und als Ursprung bzw. Wiege der [Identität] gesehen wird ([Pfad]). Der [Raum]-Frame verfügt zwar über Grenzen, kann aber auch erweitert werden ([Extension]). Zudem kann der Raum affektiv aufgeladen werden ([Wert]), indem er mit Heimat und Patriotismus assoziiert oder sogar gleichgesetzt wird.

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Der ebenfalls dynamische [Souveranitäts]-Frame verstärkt die positive Polarisierung ([Wert]) mit einem konstituierenden Machtanspruch ([Stärke]), welcher sich wiederum über die [Identität] legitimiert. Beiden, [Raum]- und [Souveranitäts]-Frame, ist gemeinsam, dass sie sich über den [Identitäts]-Frame definieren, anders als dieser aber flexibler auf Veränderungen ([Extension]) reagieren können (Hayati & Hosseini, 2007; Hroch, 2012). Der Kern des Übels liegt im Fehlen des Parameters [Expansion] im etymologischen Teilkonzept von „Nation“, der [Identität]. Der [Identitäts]-Frame speist sich von außen durch die kollektive symbolische kohärente Darstellung des Territoriums ([Raum], vgl. ius soli) und intern durch zeitlich ([Zeit]) gewachsene Identifikationsanker ([Stabilität]), wie Geschichte, Kultur, Tradition, Sprache und Religion (vgl. ius sanguinis). Nationale Stereotypen können daher als Ergebnis einer erfolgreichen klar definierten Identität gewertet werden, die [Kohäsion] schafft (Kachouian, 2008; Moeini Alamdari, 2002). Allerdings impliziert ein Zugehörigkeitsgefühl [Ingroup] auch gleichzeitig immer eine Abgrenzung [Outgroup]. Jeder, der nicht in das Schema des nationalen [Identitäts]-Frames passt, wird als potenzielle Bedrohung gesehen (Azarello, 2011). Der nativistische [Identitäts]-Frame stellt eine noch feindseligere Version des nationalistischen [Identitäts]-Frames dar (Mazzoleni, 2003), da er ein Gefühl von exklusiver Identität suggeriert (Fella & Ruzza, 2013). Der nativistische [Identitäts]-Frame ist daher stark an die Definition von Rechtspopulismus geknüpft. Die Dominanz der Identität im Sinne von Gleichheit findet sich z. B. überdeutlich in der Namensgebung rechtsgerichteter Parteien und Strömungen, vgl. Rassemblement National (rassembler