Klimawandel in der Wirtschaft: Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen [1. Aufl.] 9783662603949, 9783662603956

Erfahren Sie, was Unternehmen und Privatpersonen aktiv für den Klimaschutz tun können Das Buch widmet sich der Frage, w

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German Pages VII, 391 [378] Year 2020

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Klimawandel in der Wirtschaft: Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen [1. Aufl.]
 9783662603949, 9783662603956

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-VII
Mit Fragen beginnen (Alexandra Hildebrandt)....Pages 1-24
Front Matter ....Pages 25-25
Entrepreneurs For Future: Auch der Wirtschaft geht die Geduld aus (Katharina Reuter, Alexandra Hildebrandt)....Pages 27-30
Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften (Elmer Lenzen, Sonja Scheferling)....Pages 31-43
Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel (David Nelles, Christian Serrer, Alexandra Hildebrandt)....Pages 45-51
Front Matter ....Pages 53-53
Der grüne Krieger. Einführung in die Nachhaltigkeit (Robert Scheib)....Pages 55-61
Nachhaltigkeit ist die Jutetasche des 21. Jahrhunderts (Anne Weiss, Stefan Bonner, Alexandra Hildebrandt)....Pages 63-69
Das Prinzip Nachhaltigkeit im eigenen Leben (Claudia Silber, Alexandra Hildebrandt)....Pages 71-80
Nachhaltigkeit braucht Bewusstsein (Katharina Pavlustyk)....Pages 81-88
Generation „You can do this“ (Ann-Sophie Czech)....Pages 89-101
Baumeister für eine bessere Welt (Gordon Weuste, Arne Friedrich, Alexandra Hildebrandt)....Pages 103-109
„Fridays for Future“ als Tropfen auf dem heißen Stein (Stefan Hofer)....Pages 111-114
Gutes Klima: Warum Unternehmen einen Kompetenzmix aller Generationen brauchen (Werner Neumüller)....Pages 115-127
Front Matter ....Pages 129-129
Auszubildende engagieren sich für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung (Helga Berg)....Pages 131-143
Die Macht der kleinen Schritte (Ulrike Böhm)....Pages 145-155
Mobilität gegen den Klimawandel. Das Mobilitätskonzept der METRO (Olaf Schulze)....Pages 157-176
Unternehmenspraxis im Klimaschutz: Beispiel Deutsche Telekom (Andreas Kröhling)....Pages 177-188
Digitale Vernetzung für nachhaltige Geschäftsmodelle (Mirjam Gawellek)....Pages 189-208
Nachhaltigkeit schafft Zukunft (Carolina E. Schweig)....Pages 209-222
Nachhaltigkeit braucht Markenkraft (Gisela Rehm, Alexandra Hildebrandt)....Pages 223-235
Retten statt reden. Was Unternehmen tun, die aus Tradition verantwortungsvoll sind (Lars Breder)....Pages 237-245
Wo Klimaschutz beginnt. Zum bewussten Umgang mit Energie und Wasser (Alexandra Hildebrandt, Claudia Silber)....Pages 247-258
Front Matter ....Pages 259-259
Der Gedanke der Nachhaltigkeit in der Geschichte der ökonomischen Wissenschaft (Helge Hesse)....Pages 261-269
Leadership und Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert (Carl Friedrich Kreß)....Pages 271-280
Warum mich die Nachhaltigkeit gefunden hat (Mathias Wrede)....Pages 281-287
„Kein Öko-Bonus!“ (Claudia Silber, Alexandra Hildebrandt)....Pages 289-296
Anforderungen an eine professionelle CSR- und Nachhaltigkeitsberichterstattung (Claudia Silber, Alexandra Hildebrandt)....Pages 297-305
Mit Kennzahlen die Herausforderungen im Bereich des Klimawandels und der unternehmerischen Nachhaltigkeit bei EVU steuerbar machen (Angelika Sawczyn-Müller, Robert Prengel)....Pages 307-322
Im Augenblick sein: Warum wir Bilder der Nachhaltigkeit brauchen (Alexandra Hildebrandt, Nicole Simon)....Pages 323-329
Front Matter ....Pages 331-331
Bildungs(r)evolution und Fridays for Future: Die neue Potenzialentfaltung (Gereon Ingendaay, Zoe Bohlmann, Alexandra Hildebrandt)....Pages 333-352
„Eigentlich wollte ich die Welt retten.“ Die Generation Y entdeckt Goethe (Halil Topcuk, Alexandra Hildebrandt)....Pages 353-361
Mit Goethe lernen. Wie der Einzelne mit gesellschaftlichen Umbrüchen umgehen kann (Damian Mallepree)....Pages 363-374
Das Leben als Aufgabe (Alexandra Hildebrandt)....Pages 375-382
Mit der Taschenuhr zu Fridays for Future (Giselheid Schulz-Ëberlin)....Pages 383-392

Citation preview

Alexandra Hildebrandt Hrsg.

Klimawandel in der Wirtschaft Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen

Klimawandel in der Wirtschaft

Alexandra Hildebrandt Hrsg.

Klimawandel in der Wirtschaft Warum wir ein Bewusstsein für Dringlichkeit brauchen

Hrsg. Alexandra Hildebrandt Burgthann, Deutschland

ISBN 978-3-662-60394-9    ISBN 978-3-662-60395-6  (eBook) https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Springer Gabler © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Springer Gabler ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer-Verlag GmbH, DE und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin, Germany

Inhaltsverzeichnis

Mit Fragen beginnen Einleitung: Endlichkeit schafft Dringlichkeit. . . . . . . . . . . .   1 Alexandra Hildebrandt Teil I  Der Klimawandel: Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft Entrepreneurs For Future: Auch der Wirtschaft geht die Geduld aus. . . . . . . . . .  27 Katharina Reuter und Alexandra Hildebrandt Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  31 Elmer Lenzen und Sonja Scheferling Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  45 David Nelles, Christian Serrer und Alexandra Hildebrandt Teil II  Klimawandel der Generationen Der grüne Krieger. Einführung in die Nachhaltigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  55 Robert Scheib Nachhaltigkeit ist die Jutetasche des 21. Jahrhunderts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  63 Anne Weiss, Stefan Bonner und Alexandra Hildebrandt Das Prinzip Nachhaltigkeit im eigenen Leben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  71 Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt Nachhaltigkeit braucht Bewusstsein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  81 Katharina Pavlustyk Generation „You can do this“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  89 Ann-Sophie Czech Baumeister für eine bessere Welt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Gordon Weuste, Arne Friedrich und Alexandra Hildebrandt

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Inhaltsverzeichnis

„Fridays for Future“ als Tropfen auf dem heißen Stein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Stefan Hofer Gutes Klima: Warum Unternehmen einen Kompetenzmix aller Generationen brauchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Werner Neumüller Teil III  Unternehmerische Nachhaltigkeit – aus der Praxis für die Praxis Auszubildende engagieren sich für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Helga Berg Die Macht der kleinen Schritte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Ulrike Böhm Mobilität gegen den Klimawandel. Das Mobilitätskonzept der METRO. . . . . . . . 157 Olaf Schulze Unternehmenspraxis im Klimaschutz: Beispiel Deutsche Telekom. . . . . . . . . . . . . 177 Andreas Kröhling Digitale Vernetzung für nachhaltige Geschäftsmodelle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Mirjam Gawellek Nachhaltigkeit schafft Zukunft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Carolina E. Schweig Nachhaltigkeit braucht Markenkraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 Gisela Rehm und Alexandra Hildebrandt Retten statt reden. Was Unternehmen tun, die aus Tradition verantwortungsvoll sind. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Lars Breder Wo Klimaschutz beginnt. Zum bewussten Umgang mit Energie und Wasser . . . . 247 Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber Teil IV  Ökonomie und Nachhaltigkeit – Management und Nachhaltigkeitsberichterstattung Der Gedanke der Nachhaltigkeit in der Geschichte der ökonomischen Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 Helge Hesse Leadership und Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Carl Friedrich Kreß

Inhaltsverzeichnis

VII

Warum mich die Nachhaltigkeit gefunden hat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281 Mathias Wrede „Kein Öko-Bonus!“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt Anforderungen an eine professionelle CSR- und Nachhaltigkeitsberichterstattung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt Mit Kennzahlen die Herausforderungen im Bereich des Klimawandels und der unternehmerischen Nachhaltigkeit bei EVU steuerbar machen. . . . 307 Angelika Sawczyn-Müller und Robert Prengel Im Augenblick sein: Warum wir Bilder der Nachhaltigkeit brauchen . . . . . . . . . . 323 Alexandra Hildebrandt und Nicole Simon Teil V  Wissen als Basis für Veränderungen Bildungs(r)evolution und Fridays for Future: Die neue Potenzialentfaltung. . . . . 333 Gereon Ingendaay, Zoe Bohlmann und Alexandra Hildebrandt „Eigentlich wollte ich die Welt retten.“ Die Generation Y entdeckt Goethe. . . . . . 353 Halil Topcuk und Alexandra Hildebrandt Mit Goethe lernen. Wie der Einzelne mit gesellschaftlichen Umbrüchen umgehen kann. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 Damian Mallepree Das Leben als Aufgabe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Alexandra Hildebrandt Mit der Taschenuhr zu Fridays for Future. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 Giselheid Schulz-Ëberlin

Mit Fragen beginnen Endlichkeit schafft Dringlichkeit Alexandra Hildebrandt

„Das Wichtigste ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ Albert Einstein

• Die Beiträge in diesem Buch widmen sich folgenden Fragen: • Weshalb erfordert das Zusammenleben im Anthropozän ein anderes Denken, Handeln und Entscheiden? • Warum sollte Arbeit im digitalen Zeitalter nachhaltig gestaltet werden? • Wie engagieren sich Auszubildende für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung? • Wie kann eine Balance zwischen Klima- und Artenschutz hergestellt werden? • Weshalb braucht Begreifen auch ein greifbares Erleben, echte Dinge und die Rückbesinnung auf deren Resonanzqualitäten? • Weshalb ist vielen Menschen eine Bewegung wichtiger als das Vertrauen in Parteien? • Wie kann eine Bewegung zusammengehalten werden, die immer größer wird? • Wie kann Bildung junge Menschen auf eine Arbeitswelt vorbereiten, die in den kommenden Jahren einer starken Automatisierung ausgesetzt sein wird? • Was würde passieren, wenn die notwendigen Impulse aus der Bildungspolitik und von den Bildungsinstitutionen zu spät kommen? • Welche Kompetenzen muss der Bildungssektor zur Verfügung stellen? • Wie hängen CORONA und Klimawandel zusammen?

A. Hildebrandt (*) Freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin, Burgthann bei Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_1

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A. Hildebrandt

• Welche Bedeutung hat CSR für die junge Generation? • Inwiefern ist CSR ein sinnvolles Werkzeug, um sich an den entsprechenden Fragen der Digitalisierung abzuarbeiten? • Weshalb müssen im Kontext von Komplexität und dynamischer Transformation von Unternehmen die bisherige Umsetzung von CSR hinterfragt und neue Impulse gesetzt werden? • Wie beeinflussen digitale Technologien direkt und indirekt CSR-Programme oder sonstige soziale Engagements? • Wie kann der Fridays-for-Future-Bewegung der Schritt von der „Straßenbotschaft“ in eine erfolgreiche Debatte mit Politik und Öffentlichkeit gelingen? • Inwiefern entscheiden Demografie und Digitalisierung über die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands? • Weshalb müssen Unternehmen aufgrund des demografischen Wandels lernen, mit einer alternden Beschäftigungsstruktur umzugehen? • Weshalb nehmen im Transformationsprozess der Umgang mit Komplexität und das ganzheitliche Denken einen bedeutenden Stellenwert ein? • Inwiefern spielen Designer bei der Gestaltung unserer Zukunft eine tragende Rolle? • Welche Spuren hinterlässt die Digitalisierung in der Persönlichkeit der jungen Generation? • Warum brauchen wir heute ein Bewusstsein für Dringlichkeit? • Weshalb sollte der Begriff Employer Branding heute neu bewertet werden? • Welchen Einfluss haben Unternehmenskultur und Werte, aber auch die Erwartungen der öffentlichen Anspruchsgruppen auf die Umsetzung von Energieeffizienzmaß­nahmen? • Wie kann es gelingen, die Bedürfnisse der Babyboomer und der Generationen Y und Z in Einklang zu bringen und den Erfahrungsreichtum dieser Gruppen als Chance für Unternehmen zu begreifen? • Welche Ursachen und Auswirkungen hat die globale Erwärmung? • Welchen Einfluss hat die digitale Entwicklung auf Familien, auf unser soziales Miteinander? • Welche persönlichen und gesellschaftlichen Folgen hat die Digitalisierung auch im Blick auf die eigene kognitive Innenwelt und die soziale Umwelt? • Weshalb stellen Kritiker die Forderungen der jungen Aktivisten von Fridays for Future gerne als weltfremd dar? • Welche Bedeutung hat die internationale Protestbewegung Fridays for Future für die Gesellschaft? • Was müssen Organisationen tun, um einen wirksamen Generationenmix zu etablieren und ihn konkret zu nutzen? • Wie wird in Unternehmen der Generationenwechsel vollzogen? Wie hoch ist die Bereitschaft zur Digitalisierung? • Inwiefern verändern neue Geschäftsmodelle Formen der Zusammenarbeit? • Warum sind Geschäftsreisen und Klimaschutz eine ständige Herausforderung? • Warum brauchen wir Geschichten darüber, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen?

Mit Fragen beginnen

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• Wie sieht eine offene Gesellschaft aus, in der Grundformen von Sensibilität, von Offenheit, von Selbstbestimmung wieder verstärkt werden könnten? • Wie kann Digitalisierung das Leben der Menschen glücklicher machen, ohne sie von sich selbst zu entfremden? • Weshalb spielt Goethe für die junge Generation heute eine so bedeutende Rolle? • Und was braucht es, um die Green-Economy-Transformation erfolgreich angehen zu können? • Wer sind heutzutage die typischen Gründer und welche Charaktereigenschaften zeichnen sie aus? • Was motiviert Jugendliche, sich mit dem Gründertum auseinanderzusetzen? • Wie lässt sich eine immer stärker technisch geprägte Kultur mit der traditionellen Idee eines guten Lebens verbinden? • Wie kann es gelingen, Führung, Kommunikation und Inspiration in das eigene Denken und Handeln zu integrieren, die Welt mit anderen Augen zu sehen und die „mentalen Landkarten“ neu zu schreiben? • Was muss ein junger Gründer mitbringen, um seine Idee erfolgreich umzusetzen? • Weshalb wird der Jobwechsel im Zeitalter der Digitalisierung einfacher? Und wie können sich Ausbildungsinstitutionen darauf besser anpassen? • Weshalb werden Unternehmen in einigen Jahren nur noch Geld vom Kapitalmarkt erhalten, wenn sie vorher ihre Nachhaltigkeit bewiesen haben? • Wie können mit Kennzahlen die Herausforderungen im Bereich des Klimawandels und der unternehmerischen Nachhaltigkeit steuerbar gemacht werden? • Warum ist Nachhaltigkeit vom Kerngeschäft der Unternehmen nicht zu trennen? • Wie erfüllen wir das Pariser Klimaschutzabkommen? • Was beinhalten unternehmerische Klimaschutzstrategien? • Was kann gegen den Klimawandel getan werden? • Welche Kompetenzen müssen Führungskräfte und Mitarbeiter mitbringen, um ein Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen? • Warum ist Kultur für einige Intellektuelle ein großer Datenverarbeitungsapparat und warum wäre ohne den von ihr gesetzten Rahmen alles Denken und Tun nur Wahn und Willkür? • Welche Lebensbedingungen finden junge Menschen vor und wie gehen sie damit um? • Weshalb wird den Lebenswissenschaften künftig ein großes Potenzial zugeschrieben? • Was ändert sich beim Lernen im digitalen Zeitalter, warum und wie sieht es zukünftig aus? • Wie können junge Menschen das Lernen lernen und Transferqualifikationen ent­wickeln? • Was kann uns einen Maßstab für ein gelingendes Leben liefern, der es erlaubt, Lebensqualität an der Qualität der Weltbeziehung zu messen? • Wie kann die junge Generation der Menschheit am besten helfen? • Wie kann das Ansehen der Meisterberufe gestärkt werden? • Wie und wo können die richtigen Mitarbeiter identifiziert werden? • Wie ist Nachhaltigkeit in die unternehmerische Praxis integrierbar?

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A. Hildebrandt

• Was denkt die junge Generation über Nachhaltigkeit und Konsum? • Welche Rolle spielt der Gedanke der Nachhaltigkeit in der Geschichte der ökonomischen Wissenschaft? • Warum kommt in aktuellen Diskussionen über die Weiterentwicklung von Nachhaltigkeit Digitalisierung als Phänomen oder als eigenständige Kategorie so selten vor? • Welchen Beitrag können Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker und Bürger transdisziplinär in dieser digitalen Nachhaltigkeitsdebatte leisten? • Wie transparent ist die Nachhaltigkeitskultur in Unternehmen? • Warum gehören Klimaschutz und ein professionelles Nachhaltigkeitsmanagement zusammen? • Welche Aufgaben haben Nachhaltigkeitsmanager? • Die digitale Transformation findet in einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen und schlechter werdender Umweltbedingungen statt. Was kann Nachhaltigkeitspolitik zur Stabilisierung der Lage tun? • Weshalb muss der Drang nach Neuem wichtiger sein als Besitzstandswahrung? • Warum ist Ordnung ein Prinzip, das uns dabei hilft, zum Wesen der Nachhaltigkeit vorzudringen und das Thema ganzheitlich begreifbar und gestaltbar zu machen? • Warum brauchen wir heute eine neue Form des Optimismus? • Wie sehen künftig die betrieblichen Abläufe und Organisationsstrukturen aus? Wie können sie schon professionalisiert werden? • Was macht eine zeitgemäße Personalentwicklung aus? • Weshalb gewinnt das Personalressort in vielen Unternehmen heute an strategischer Relevanz? Welche Themen stehen auf der aktuellen Agenda der Personalabteilungen? • Warum ist Wissen ersetzbar, aber Persönlichkeit nicht? • Weshalb ist es wichtig, in langfristigen Perspektiven zu denken? • Welche Erwartungen haben junge Menschen an die Politik? • Weshalb muss die Politik Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen, um den realen CO2-Ausstoß zu reduzieren? • Wie ist Nachhaltigkeit in die unternehmerische Praxis integrierbar und welche Hilfestellungen gibt es insbesondere für KMU? • Weshalb braucht es heute eine neue Form des Optimismus? • Wie können junge Menschen zu Problemlösern unserer Gesellschaft ausgebildet werden? • Wie wird es nach den Klimaschutzforderungen für die Protestler weitergehen? • Welche Qualifizierungsbedarfe ergeben sich durch Industrie 4.0? • Weshalb stellen Klimawandel und Nachhaltigkeit nach Meinung der meisten Unternehmenschefs weltweit aktuell die größten Risiken für das Wachstum ihres Unternehmens dar? • Was sind in Zukunft die Schlüsselkompetenzen erfolgreicher Unternehmen? • Sind kleine Schritte sinnvoller als große Klimakonferenzen? • Wie gelingt es, Schüler rechtzeitig und auf spielerische Weise für das Thema Klimaschutz zu sensibilisieren, um sie zu ermächtigen, selbstständig Energieverschwendung zu erkennen und geeignete Maßnahmen zur Energieeinsparung zu entwickeln? • Weshalb liegt in vernetzten Strukturen die Zukunft? • Warum sind Klimaschutz und Empathie Treibstoff einer anständigen Gesellschaft?

Mit Fragen beginnen

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• Was werden die jungen Menschen tun, um ihre Forderungen im Rahmen der Fridays-­ for-­Future-Bewegung in die Tat umgesetzt zu sehen? • Was können wir tun, um Umwelt und Gesellschaft zu verbessern? • Weshalb muss, wer erfolgreich sein will, imstande sein, auch mit Veränderungen und Unsicherheiten umzugehen? • Wie können sich Unternehmen strategisch, strukturell und personell auf die Zukunft ausrichten und die Ansprüche der Jugendlichen bedienen? Wie können sie von jungen Menschen lernen? • Welche Unternehmen haben Nachhaltigkeit erfolgreich in ihr Kerngeschäft integriert? • Wie kann Jugendlichen vor der Wahl der Ausbildung Unternehmertum nähergebracht werden? • Weshalb ist eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur die wesentliche Vo­ raussetzung für ein erfolgreiches Unternehmen? • Wer denkt, was andere nicht denken und verbindet das bislang Unverbundene? • Weshalb sollte sich jeder, der Klimaschutzforderungen stellt, auch seiner persönlichen Verantwortung bewusst sein und konsequent sein eigenes Verhalten überdenken? • Lässt sich mit handelnder Vernunft die schlimmste Katastrophe noch abwenden? • Weshalb ist in einer auf Nachhaltigkeit basierenden Kultur des Versprechens ein Vo­r­ bild mehr als nur eine realisierte ethische Leitvorstellung? • Weshalb ist die Klimakrise ist ein ideales Beispiel für die Notwendigkeit von Vorgaben? • Weshalb braucht es gute Vorsätze, um eine Verbindlichkeit zu schaffen, die junge Menschen motiviert, ein Nachhaltigkeitsbewusstsein zu entwickeln? • Wie bleibt unsere Welt lebenswert? • Wie können junge Menschen auf eine Welt mit all ihren technischen Entwicklungen vorbereitet werden, die noch nicht existiert? • Wie können die kreativen Ideen, die Tatkraft und Lösungsansätze junger Menschen nachhaltig wirken? • Wie wird die Generation Z die Wirtschaft verändern? • Weshalb sind Technologie und Wissen heute die Schlüssel zu nachhaltigem Wachstum? • Wie wollen wir als Gesellschaft die Zukunft gestalten?

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Einleitung: Endlichkeit schafft Dringlichkeit

1.1

Was ist der Mensch?

Wir leben erstmals in einer Epoche der Weltgeschichte, in der der Mensch als Spezies die geologischen Zusammenhänge für die Zukunft kausal bestimmt. Seine Eingriffe sind so tief greifend, dass sie die Natur des Planeten radikal verändern. Im Jahr 2000 prägte der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen den Begriff Anthropozän, der den Zeitabschnitt der ca. letzten 60 Jahre in der Erdgeschichte umfassen soll, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Dieser menschliche E ­ ingriff wird über

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A. Hildebrandt

Abb. 1  Inferno: Tagebau Hambach. „Das Motiv erinnerte mich an die Folgen, was passieren könnte, wenn sich in naher Zukunft nichts ändern sollte.“ (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

viele Generationen hinweg eine Veränderung in der geoökologischen Zusammensetzung der Erde hinterlassen, welcher erhebliche Auswirkungen hat. Unsere Einflüsse auf die Natur werden immer stärker und führen zu dauerhafter Schädigung oder Zerstörung. Deshalb geht es heute vor allem um unsere Rolle im Naturgeschehen und die Herausforderungen, die mit dem Anthropozän verbunden sind. Das Zusammenleben in dieser Epoche erfordert ein anderes Denken, Entscheiden und Handeln. Für das Gelingen von Transformationsprozessen für mehr Nachhaltigkeit ist vor allem die Verhaltensebene entscheidend. Jeder Einzelne ist in der gesellschaftlichen Verpflichtung, sich der natürlichen, planetarischen Grenzen bewusst zu werden und selbst den ersten Schritt in die r­ichtige Richtung zu gehen. Das neue Zeitalter des Menschen hat uns innerhalb von weniger als zehn Generationen die planetarischen Grenzen aufgezeigt (Brunnhuber 2016). Dabei geht es um eine evolutionäre Reifeprüfung, ohne dass uns die Möglichkeit der Wiederholung offensteht. Die Klimakrise fordert ein massives Umdenken und Handeln. Unbedingt und sofort (Abb. 1).

1.2

Die Zeit drängt

Dem Begriff Dringlichkeit widmet sich auch Benedikt Herles in seinem Buch Zukunftsblind: Der Start-up-Investor kritisiert darin, dass der Wählerschaft von heute das Gefühl der

Mit Fragen beginnen

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Dringlichkeit fehlt, „weil sie die Schlagkraft des Wandels unterschätzt. Die Politik versucht sich derweil durchzumogeln und nimmt dafür gewaltige gesellschaftliche Verwerfungen in Kauf“ (Herles 2018). Bereits im Dezember 2011 trafen sich zehn deutsche Publizisten und Intellektuelle, um der politischen Praxis die Frage zu stellen: „Ist das noch Demokratie, was hier passiert, oder hat sich unser politisches System längst dem Gesetz des Marktes überantwortet?“ Franziska Augstein, Friedrich von Borries, Carolin Emcke, Julia Encke, Romuald Karmakar, Nils Minkmar, Ingo Schulze, Joseph Vogl, Harald Welzer und Roger Willemsen formulierten einen dringlichen (!) Aufruf, sich wieder v­ erantwortlich zu fühlen für das, was Gesellschaft heute ausmachen sollte. Auch im Film Angriff auf die Demokratie – eine Intervention von Romuald Karmakar fällt besonders „die sich überschlagende Dringlichkeit“ (Karmakar 2017) des Publizisten Roger Willemsen auf, der im August 2015 schwer erkrankte und im Februar 2016 seiner Krebserkrankung erlag. In der letzten Zeit vor seinem Tod wollte er sich nur noch Dingen widmen, die wirklich notwendig sind, keine Zeit verschwenden und sich genau um das kümmern, auf das es im Leben wirklich ankommt. Viele Freunde und Wegbegleiter, die er mit seinem Wissen und seinen Ideen unterstützt hat, bemerkten in ihren Nachrufen, dass er ihrer Arbeit „neben der ihnen eigenen Dringlichkeit (!) einen besonderen Glanz“ (Paulisch 2016) gegeben hat. Ihm blieb am Ende nicht mehr viel Zeit, die noch verbleibende Frist umfänglich zu nutzen. Aber er bezog schon im Leben aus dem Tod „die Dringlichkeit, die ihn vor blödsinnigem Fernsehkarrierismus und tausend anderen Eitelkeitsfallen der Egomanie schützte“ (Radisch 2016). Er war ein Dringlichkeitsarbeiter, dessen Publikationen uns „auf Temperatur“ bringen und die Veränderungsenergie geben, jetzt und unbedingt ans Werk zu gehen (Abb. 2).

Abb. 2  Weckruf. Tagebau Hambach. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

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A. Hildebrandt

Dringlichkeit ist etwas anderes als „wichtig“ – sie zeigt sich in dem Moment, in dem erkannt wird, dass sofort und gemeinsam gehandelt werden muss. Dringlichkeit fußt auf den drei Säulen Verstehen, Hoffnung und Identifikation. Die Erhöhung der Dringlichkeits­temperatur hat enormen Einfluss auf die Energie der (gesellschaftlichen) Veränderung. Denn ab einer bestimmten Temperatur fügen sich die Dinge und es entsteht die Bereitschaft, handfeste Beiträge zu leisten, anstatt nur zu reden oder zu schreiben. Die Veränderung kommt buchstäblich in die Gänge (Pfläging und Hermann 2015). Eine 2019 d­ urchgeführte Umfrage von SustainAbility („GlobeScan-SustainAbility Survey 2019: Evaluating Progress on the SDGs“; https:// sustainability.com/wp-content/uploads/2019/03/globescan-sustainability-sdgs-survey-2019. pdf) zu den Fortschritten bei der Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen ergab, dass Ziel 13 (Climate Action) als am dringlichsten gilt und die meiste Aufmerksamkeit erhält. Die Zukunft unserer Erde bemisst sich nach Jahrmilliarden, ihr Schicksal aber hängt davon ab, was wir jetzt gemeinsam tun. „Es vollzieht sich gerade eine nicht mehr zu übersehende ökologische Katastrophe, die diesen Planeten unbewohnbar machen wird, wenn nicht sofort dagegen gesteuert wird“ (Weber 2019), bemerkt Karen Duve im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Sie betont, dass sie so gern Schriftstellerin sein und sich nicht „mit so etwas wie der Zerstörung des Planeten“ herumärgern möchte. Doch die aktuelle Situation zerreißt sie geradezu: „Ich fürchte, ich kann gar nichts anderes mehr schreiben als Weltuntergang!“ (Abb. 3). Weltweit machen sich immer mehr Menschen für konsequenten Klimaschutz stark. Sie wollen nicht länger tatenlos zusehen, wie die Zukunft an die Wand gefahren wird. Die

Abb. 3  Die Stufen bis zum Erdboden. Tagebau Hambach. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

Mit Fragen beginnen

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Abb. 4  Aussicht. Tagebau Hambach. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

Protestformen sind zwar unterschiedlich, doch eint sie das Unbehagen gegenüber einem Wirtschaftsmodell, das mit seinem Wachstumsparadigma die planetaren Grenzen miss­ achtet. Es ist deshalb wichtig, an die Utopie eines neuen Zeitalters zu glauben. Die Motivation dieses Glaubens ist für die Autoren dieses Buches die Überzeugung, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Visionen unsere Gesellschaft in Bewegung bringen. Genauso wichtig ist es heute auch, die persönlichen Werte auszubilden und zu stärken, damit das eigene Gewissen immer wieder geprüft werden und nach innen geblickt werden kann. Wo diese Vertiefung fehlt, fehlt es auch an inneren Ressourcen und Reserven, die wir brauchen, weil sie uns resilient und immun gegenüber Verführungen machen und uns emotional nicht abstumpfen lassen (Abb. 4).

1.3

Es regiert: Politikverdrossenheit

Viele Menschen sind heute davon überzeugt, dass sie keinen nachhaltigen Einfluss auf die Politik haben. In der Gesellschaft und insbesondere bei der jungen Generation steigt indessen die Temperatur der Dringlichkeit an, und damit die Wut auf bestehende Systeme sowie die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung. Die Jugend will dabei sein und mitgestalten. Während die großen Parteien schrumpfen, zerfallen und zerfasern, glaubt sie daran, etwas bewegen zu können. Die meisten der jungen Menschen glauben nicht mehr an die großen Geschichten vom gesellschaftlichen Fortschritt und von der Zukunft. Relevant ist für sie eher das, was sie überschauen und jetzt verändern können – in

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A. Hildebrandt

Abb. 5  Die Wahl. Hambacher Forst. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

kleinen Gemeinschaften bzw. im eigenen Netzwerk. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, skandieren sie. Die Slogans von den Klimastreiks in München und Zürich zeigen, dass Schrankwänden (Cabinets) mehr Verstand zugetraut wird als Regierungen, aus null Kalorien (= Cola Zero) null Emissionen (= Zero Carbon) werden (Abb. 5). So macht die Young Generation derzeit der Politik sowie den Medien und der Wirtschaft Beine. Sie ist erfolgreich, weil sie bewegt, wo die Generationen vor ihr zu überzeugen versuchten – auch wenn ihnen FDP-Chef Christian Lindner die Fähigkeit absprach, „alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare“ zu sehen. „Das ist eine Sache für Profis“ (Böcking 2019).

1.4

Die dringliche Stimme der Außenstehenden

Die Verkörperung der Erkenntnis, dass die Menschheit ihrem Ende entgegengeht, ist gegenwärtig die schwedische Schülerin Greta Thunberg, „eine Jeanne d’Arc des ökologischen Bewusstseins“ (Steinfeld 2019), die sich über Wochen täglich vor den Reichstag in Stockholm setzte und ein Plakat mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ zeigte. Mit ihr und der weltweiten Fridays-for-Future-Bewegung setzte ein Umdenken ein: Der Klimawandel wurde vom abstrakten Phänomen und zerfaserten, schwer greifbaren Problem zur akuten Sorge vieler. „Ich will, dass Ihr in Panik geratet, dass Ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre“ (Koch 2019). Entweder die Politiker beenden schnell den Ausstoß klimaschädlicher Abgase – oder es kommt der Jüngste Tag, sagt das Mädchen mit den langen

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Zöpfen und der Wollmütze, die mit ihrem handgemalten Schild („Schulstreik für das Klima“) die internationale Protestbewegung „Fridays for Future“ ausgelöst hat und für viele Autoren dieses Buches eine wichtige Rolle spielt. Als sie elf Jahre alt war und Filme über Umweltzerstörung gesehen hatte, verstärkte sich ihre Angst um den Planeten. „Ich hatte das Gefühl, nichts macht mehr Sinn, wo wir doch ohnehin alle sterben werden“ (Strittmatter 2019). Greta Thunberg, das vom Asperger-Syndrom betroffene Mädchen, das viel Energie aus den positiven Reaktionen auf ihr Engagement zieht, verweist ebenfalls auf die Dringlichkeit des Themas. Mit ihr (dem Mädchen, das sich um die Zukunft sorgt) und dem Hambacher Forst (ein Wald, der abgeholzt werden soll, um klimaschädliche Kohle abzubauen) hat die Klimabewegung fast zeitgleich jene Symbole erhalten, die ihr in der Vergangenheit fehlten. Auch Greta Thunberg besuchte im August 2019 den Hambacher Forst, den Nicole Simon für dieses Buch fotografiert hat. Mit ihren Bildern möchte sie ebenfalls ein Zeichen für den Klimaschutz setzen (Abb. 6, 7, 8 und 9). Die Dringlichkeit, auf die Greta Thunberg verweist, wird von wissenschaftlichen Studien bestätigt: Wenn die großen Industrienationen so weitermachen wie bisher, dürfte sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um drei bis vier Grad aufheizen, Forscher halten maximal zwei Grad für verkraftbar (Müller 2019). Sie kommen seit Jahren zum Ergebnis, dass radikaler Klimaschutz dringend nötig ist. So haben Tausende Wissenschaftler (Scientists for Future) eine gemeinsame Stellungnahme unterzeichnet, die von deutschen, öster-

Abb. 6  Die Grenze. „Auf diesem Motiv sieht man sehr deutlich, wo die Grenze ist zwischen Wald und Tagebau. Ich befinde mich noch auf der Seite des Hambacher Forstes, wo der Wald noch unversehrt steht und die Demos stattfanden. Gegenüberliegend ist es dann gespenstisch, denn dort beginnt der Tagebau. Er ist völlig abgesichert“ (Nicole Simon). (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

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Abb. 7  Love my forest. Hambacher Forst. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

Abb. 8  Die Stufen bis zum Forst. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

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Abb. 9  Bis auf den Grund. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

reichischen und Schweizer Wissenschaftlern zu den Protesten für mehr Klimaschutz ­(Fridays for Future) am 12.03.2019 veröffentlicht wurde. In der Stellungnahme wird die Notwendigkeit entschlossenen Handelns wissenschaftlich begründet. Zu verstehen, was gerade geschieht, setzt viel Wissen und Verständnis für komplexe Zusammenhänge voraus (das macht es den Wissenschaftsverweigerern zuweilen sehr einfach). Die Anliegen der jungen Generation, die auch von Doctors for Future, Parents for Future, Kitas for Future, Artists for Future etc. unterstützt wird, sind berechtigt: Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei Weitem nicht aus. Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 verpflichtet die Staaten völkerrechtlich verbindlich, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu halten. Darüber hinaus haben alle Länder Anstrengungen versprochen, die Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Es kommt nun darauf an, die Nettoemissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen rasch abzusenken und weltweit spätestens zwischen 2040 und 2050 auf null zu reduzieren. Eine schnellere Absenkung erhöht hierbei die Wahrscheinlichkeit, 1,5 °C nicht zu überschreiten. Die Verbrennung von Kohle sollte bereits 2030 fast vollständig beendet sein, die Verbrennung von Erdöl und Erdgas gleichzeitig reduziert werden, bis alle fossilen Energieträger durch klimaneutrale Energiequellen ersetzt worden sind. Der Klimaforscher Prof. Hans Joachim Schellnhuber bringt die Bedeutung der Fridays-­ for-­Future-Bewegung, die für ihn der bisher sichtbarste Beweis der Entstehung einer neuartigen Allianz zwischen Wissenschaft, Jugend und Kunst ist, vor diesem Hintergrund auf den Punkt: Hier „erleben wir gänsehautnah, wie das langjährige Leugnen und Ignorieren wissen-

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schaftlicher Erkenntnisse durch die etablierten politischen Kräfte von den H ­ eranwachsenden nicht mehr hingenommen wird, ja einen ebenso zornigen wie unschuldigen Sturm des Protests entfacht hat.“ Die jungen Menschen haben erkannt, dass die Zeit für eine radikale Minderung des Ausstoßes von klimaschädlichen Treibhausgasen im Sinne des Pariser Abkommens von 2015 fast abgelaufen ist, „und dass ihre Zukunft und die ihrer Kinder auf diesem Planeten von den älteren Generationen verjubelt wird“ (Schellnhuber 2019). Bereits in seinem monumentalen Werk Selbstverbrennung (2015) spricht Schellnhuber nicht von einer fernen, mystischen Apokalypse, sondern von einem „nahen, profanen Desaster, auf das unsere Zivilisation zusteuert“ (Schellnhuber 2015). In seinem Buch leuchtete er die mangelnde Zukunftsfähigkeit der Art aus, wie wir unseren Planeten (im Großen wie im Kleinen) betreiben. Auch hier spielte der Klimawandel die entscheidende Rolle, „weil er ein Menschheitsproblem darstellt, das alle Maßstäbe traditioneller Lösungskompetenz sprengt“.1 Um den Klimakollaps zu verhindern, ist nach Greta Thunberg „Kathedralendenken“ erforderlich: „Wir müssen den Grundstein legen, obwohl wir noch nicht genau wissen, wie wir das Dach bauen müssen“, sagte sie am 23.04.2019 vor dem britischen Parlament: „Manchmal müssen wir einfach einen Weg finden. In dem Moment, da wir uns entscheiden etwas zu erreichen, können wir alles tun. Und ich bin sicher, dass wir ab dem Moment, in dem wir anfangen uns zu verhalten wie in einer Notsituation, die Klima- und Ökokatastrophe verhindern können. Menschen sind sehr anpassungsfähig: Wir können das noch richten. Aber die Gelegenheit dazu wird nicht mehr lange bestehen. Wir müssen heute anfangen. Wir haben keine Ausreden mehr. Wir Kinder opfern nicht unsere Bildung und unsere Kindheit, damit Sie uns erzählen, was Sie für politisch möglich halten in der Gesellschaft, die Sie geschaffen haben. Wir sind nicht auf die Straße gegangen, damit Sie Selfies mit uns schießen können und damit Sie uns erzählen, wie sehr Sie bewundern, was wir tun. Wir Kinder tun das, um die Erwachsenen aufzuwecken. Wir Kinder tun das für Sie, damit Sie Ihre üblichen Differenzen beenden und so handeln, wie Sie es in einer Krisensituation tun würden. Wir Kinder tun das, weil wir unsere Hoffnungen und unsere Träume zurückhaben wollen“. (Rede von Greta Thunberg o. J.)

Gemeinsam mit Klimaaktivistin Greta Thunberg rief Arnold Schwarzenegger bei der Klimakonferenz am 28.05.2019 in Wien dazu auf, in allen Bereichen des Lebens umzudenken. Veranstalter der Konferenz war die NGO „R20 – Regions of Climate Action“, die Schwarzenegger 2010 gegründet hat. Die Veranstaltung soll vor allem Akteure vernetzen und eine Präsentationsplattform für regionale vorbildliche Beispiele im Klimaschutz sein. Schwarzenegger unterschied in seiner Ansprache zwischen den Träumern, den Machern und den Zweiflern. Die ersten beiden müssten zusammenarbeiten und den Zweiflern beweisen, dass diese mit ihrer Haltung nur für weitere Probleme sorgten. Er könne nicht nachvollziehen, dass deutsche Autohersteller lieber betrügen würden, statt einen „Elektromotor zu entwickeln, der sich weltweit verkaufen würde wie warme Pfannkuchen“. „Eure Zeit ist bald abgelaufen“, rief er denen zu, die aus seiner Sicht nur den Status quo b­ ewahren 1

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wollten. „Ihr könnt den Fortschritt bremsen. … Aber wir Träumer und Macher weltweit werden Euch beweisen, dass ihr falsch liegt“ (Schwarzenegger und Thunberg 2019).

1.5

Gesellschaft in Bewegung

Die Klimastreiks stehen für viele Menschen in der Tradition der großen Bürgerrechtsbewegungen. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Jugendstudien, hat die Bewegung untersucht und spricht von der breitesten Straßenbewegung von jungen Menschen seit der 1968er-Generation (Emonts und Wetzel 2019). Nach über einem Jahr, nachdem Greta Thunberg erstmals in einen Klimastreik getreten war, wurde Klimaschutz zum beherrschenden Thema der öffentlichen und politischen Debatte. Bewegungen fließen und haben keine Hierarchien sowie ein klares, einfach zu fassendes Ziel. Sie passen in eine Zeit, in der sich Jugendliche nicht festlegen wollen und viele Identitäten haben. Wissen ist der Ausgangspunkt für nachhaltige Veränderungen – es umzusetzen bedeutet, richtige Entscheidungen zu treffen und das eigene Verhalten daran zu orientieren – und sich selbst zu verändern. Denn alles hängt miteinander zusammen, wirkt auf etwas und hängt von etwas ab. Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf einzelne Maßnahmen des Umwelt- und Klimaschutzes der Städte und Gemeinden zu vertrauen, in deren Kompetenz das Thema häufig fällt, sondern selbst tätig zu werden. Mehr als anderen Generationen ist der jungen Generation bewusst, dass gerade sie von den Folgen des fortschreitenden Klimawandels betroffen sein wird und dass sie selbst einen Beitrag zum Klimaschutz leisten muss: Sei es, Energie zu sparen, weniger Plastik zu nutzen, regionales Obst und Gemüse sowie weniger Fleisch zu essen. Folgerichtig fordert sie Politik und Gesellschaft auf, verstärkt für den Klimaschutz einzutreten, denn der Klimawandel gehört zu den größten Umweltbedrohungen für die Menschheit und wirkt sich auf fast alle Lebensbereiche aus. Die Publizistin Carolin Emcke verwies in der Süddeutschen Zeitung (Emcke 2019) auf das Klimaabkommen von Paris, wo die Staaten auch einander versprachen, dementsprechend zu handeln. Die Fridays-for-Future-Bewegung nimmt dieses Versprechen ernst und die Regierung beim Wort. Gegenwärtig haben wir es mit einem Teufelskreis zu tun: Während das Weltklima sich schneller verändert als je zuvor in der Menschheitsgeschichte, verhalten sich viele Menschen mehr oder weniger so wie immer. Täglich beschäftigen sie sich mit ihren üblichen Aufgaben und halten kaum einmal inne, um über die wahren Folgen ihrer Lebensweise nachzudenken. Wissen ist deshalb der Ausgangspunkt für nachhaltige Veränderungen – es umzusetzen bedeutet, richtige Entscheidungen zu treffen und das eigene Verhalten daran zu orientieren – und sich selbst zu verändern. Denn alles hängt miteinander zusammen, wirkt auf etwas und hängt von etwas ab. Deshalb ist es wichtig, nicht nur auf einzelne Maßnahmen des Umwelt- und Klimaschutzes der Städte und Gemeinden zu vertrauen, in deren Kompetenz das Thema häufig fällt, sondern selbst tätig zu werden. Hier und jetzt.

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1.6

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Chancen und Herausforderungen für Unternehmen

Die Europawahl 2019 hat gezeigt, wie wichtig der neuen Wählergeneration der Klimaschutz ist. Sie erwartet, dass auch die Unternehmenschefs liefern (AFP Agence France-­ Presse 2019). „Das Thema Klimawandel ist stärker in den Vordergrund gerückt als je zuvor“, erklärte der Chef von KPMG in Deutschland, Klaus Becker. KPMG ließ die Chefs von 1300 Großunternehmen weltweit befragen, darunter 125 Geschäftsführer aus Deutschland. 2018 war noch der Handelskrieg die Sorge Nummer eins der Wirtschaftslenker, in den Jahren davor sorgten sie sich noch hauptsächlich um den eigenen Ruf und zu strenge gesetzliche Vorgaben. Die Befragung ergab, • dass nach wie vor die beiden Hauptmotivationen für Unternehmenschefs kurzfristiges Wachstum und eine positive Entwicklung für die Anteilseigner sind. Erst dann folgen Mitarbeiterbelange sowie langfristiges nachhaltiges Wachstum. • Knapp zwei Drittel der deutschen Befragten gaben an, dass die Kunden ihr Verständnis von Umweltschutz und sozialen Regeln in der Unternehmenskultur wiedererkennen sollen. • Mehr als die Hälfte kämpft darum, ihr Unternehmenswachstum mit einem „breiteren gesellschaftlichen Zweck“ zu verknüpfen. • Mehr als die Hälfte glaubt, dass sie über rein finanzielles Wachstum hinausgehen müssen, um langfristig und nachhaltig erfolgreich zu sein. • Dass die Wirtschaft weltweit in den nächsten drei Jahren wächst, glauben nur noch 50 Prozent der deutschen Befragten. Weltweit sind es 62 Prozent. • Die Chefs sind dafür umso optimistischer, selbst wachsen zu können. Hier lag die Zustimmungsquote bei 94 Prozent in Deutschland wie auch weltweit (von AFP Agence France-Presse 2019). Wirtschaft und Unternehmen müssen sich beispielsweise darauf einstellen, dass sie auf fossile Brennstoffe künftig verzichten müssen, weil diese voraussichtlich mit hohen CO2-Preisen belastet und so unrentabel werden könnten. Andere müssen mit Schäden durch Stürme, Überschwemmungen und andere Wetterextreme rechnen. Laut einer neuen Studie des Carbon Disclosure Project (CDP) beziffern 215 Unternehmen, die weltweit zu den 500 größten zählen, die Risiken durch den Klimawandel für ihre Geschäfte auf knapp eine Billion Dollar. Mögliche Auswirkungen könnten demnach schon in den nächsten fünf Jahren Realität werden. Gleichzeitig sehen die Unternehmen im Klimawandel jedoch auch eine Chance. Sie wollen künftig klimafreundlichere Produkte und Dienstleistungen anbieten. Insgesamt beziffern die größten Konzerne ihre Geschäftschancen durch den Klimawandel auf 2,1 Billionen Dollar – die Chancen überwiegen also klar die Risiken. Insgesamt beantworteten

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fast 7000 Unternehmen den Fragebogen der Organisation. Im Energiesektor müssen vor allem Öl- und Gasfirmen mit erheblichen Umbrüchen rechnen (Liebrich 2019).

1.7

Nachhaltigkeit ist nichts Gestriges, sondern etwas Dringliches

Früher wurde der Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer als „Mister Umwelt“ bezeichnet  – heute ist er „Mister Nachhaltigkeit“ („Mister Nachhaltigkeit“ feiert Geburtstag 2013). Der Wandel dieser Bezeichnungen sagt viel über die Evolution des Themas aus, das sich vom Ökoansatz zu einem Management- und Führungsthema entwickelt hat. Er zeigt aber auch die nachhaltige Entwicklung des Lebens von Klaus Töpfer. Die von ihm geführte Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung stellte die Weichen, um die Bundespolitik von der früheren Position des „die Kernenergie ist sicher und bezahlbar“ mit einem gesellschaftlichen Konsens zu vermitteln, der dies anders sieht. Vor dem Hintergrund der Fridays-for-Future-Bewegung für mehr Klimaschutz verweist er darauf, dass dies nicht „nicht ein Anliegen von jungen Leuten“ bleiben darf, denn es ist ein „Anliegen von allen Menschen“, sagte Töpfer im Interview der Woche des Deutschlandfunks (Klaus Töpfer im Gespräch mit Barbara Schmidt-Mattern 2019). Er unterstütze die Forderungen der jungen Demonstranten vorbehaltlos: „Ich bin Vater von drei Kindern und von vier Enkelkindern. Also, die Zukunft ist auch bei einem Alten durchaus täglich mit am Tisch“, sagte er. Es gehe jetzt darum, für das Jahr 2050 eine Zukunft ohne CO2 zu gestalten. „Und dafür brauchen wir Jugendliche. Dafür brauchen wir Leute, die dann wiederum verantwortlich sind und diese Verantwortung mit übernehmen wollen.“ Auch äußerte er sich zum Video des Youtubers Rezo mit dem Titel „Zerstörung der CDU“. Neben sozialer Ungleichheit macht Rezo die Partei in dem Film besonders für Versäumnisse beim Klimaschutz verantwortlich. Rezos Forderung nach mehr Klimaschutz wird von Töpfer unterstützt, wenngleich er hinzufügt, dass es vergleichsweise leicht ist, „etwas zu zerstören, aber damit ist das Thema nicht bewältigt.“ Er mahnte, dass eine Partei wie die CDU es in ihren Genen haben müsse, dass „wir nicht die Kosten unseres Wohlstands auf kommende Generationen abwälzen.“ In seiner Partei sei diesbezüglich noch „viel Luft nach oben“. Eine von den ökologischen Fragen abgekoppelte Wirtschaftspolitik sei „immer eine schlechte“. Nachhaltigkeit ist für ihn die Rückbesinnung darauf, dass man nicht nur die kurzfristig nicht zu vermeidenden Kosten berücksichtigt, sondern auch das Mittel- und Langfristige, darüber nachzudenken, wie das auf Dauer wirkt. Gleichzeitig kommen immer mehr gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen auf uns zu, für die nachhaltige Strategien und innovative Lösungen gesucht werden. Die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit kann uns darin unterstützen, die Welt zu begreifen und wieder zu erhellen. Es kommt nur darauf an, den Begriff mit neuen Formen des Denkens zu verbinden, das dazu führt, wieder ins Handeln zu kommen (Hildebrandt 2019).

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Ausgangspunkt für die Debatte um Nachhaltigkeit war der Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992. Auf der damaligen UN-Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ wurde ein gemeinsames Entwicklungsleitbild Sustainable Development (nachhaltige Entwicklung) formuliert, um der Erkenntnis gerecht zu werden, dass eine langfristige und dauerhafte Verbesserung der Lebensverhältnisse für eine rasant wachsende Weltbevölkerung nur möglich ist, wenn sie die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen mit einschließt. Konkreter beinhaltet diese Erkenntnis, dass die gegenwärtig dominierende Lebens- und Wirtschaftsweise in den Industrieländern im Konflikt steht zu einer weltweit und langfristig tragfähigen Entwicklung. Nachhaltigkeit gehört seit dem ersten in sich geschlossenen deutschen Werk zur Forstwirtschaft, der Sylvicultura Oeconomica von 1713 (Sächsische Hans-Carl-von-­CarlowitzGesellschaft 2016), zum kulturellen Erbe der Deutschen. Verfasser ist der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz aus Freiburg in Sachsen. Gemeinschaft (Soziales), Geldwirtschaft (Ökonomie) und Natur (Ökologie) sind auch heute das tragende Fundament einer nachhaltigen Gesellschaft, die sich im Komplexitätszeitalter ständig im Erhalten und im Haushalten üben muss, um Ressourcen und Werte auch für künftige Genera­ tionen zu bewahren. Was für Carlowitz Pflügen, Säen und Pflegen war, ist heute Emissionsminderung, Ressourcensparen und nachhaltiges, qualitatives Wachstum. Wir sollten uns den Ursprung der Nachhaltigkeit (Wald- und Forstwirtschaft) immer wieder vergegenwärtigen, um mit dem Thema buchstäblich etwas anfangen zu können. Für Carlowitz hatte Nachhaltigkeit mit einer Kultur des Machens und Weitergebens zu tun. Damit verbunden ist allerdings auch eine Kultur des Wachsenlassens, des Schonens und des Sich­ einlassens auf die Zyklen und Rhythmen der Natur. Wie Carlowitz sollten wir heute regenerativ denken. Viele Bücher über Nachhaltigkeit widmen sich dem Ernst der Lage, ohne allerdings eine Perspektive anzubieten, die aus ihr herausführen könnte. Dieses Buch setzt bei der jungen Generation an, die uns zeigt, warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen und unseren Optimismus nicht verlieren dürfen. Sie begreift, dass es ein Thema ist, das sie ihr Leben lang betreffen wird und kein Hype ist. Es nimmt jeden Tag an Dringlichkeit zu. Die Friday-for-Future-Bewegung bringt Nachhaltigkeit auf die Straße. Lernen hat mit Neugier, Interesse oder der Beschäftigung mit einer Sache zu tun, die einen Menschen einnimmt. Nur wenn er den richtigen Fokus setzen kann, ergibt sich eine stimmige Linie für das eigene Leben. Es geht vor allem darum, innerlich zu wachsen und sich selbst und die Welt besser zu verstehen, um sie nachhaltig gestalten zu können. Das überhitzte „Mehr, mehr, mehr!“ verdeckt heute allerdings die Frage nach einem guten Leben. „Maßhalten ist das Beste“, sagten bereits die alten Griechen. In der Maori-Kultur umfasst das Konzept des Wohlbefindens geistiges, ökologisches, soziales und wirtschaftliches Wohlergehen. In den Anden-Kulturen ist das „buen vivir“ („gut leben“) eine Weltsicht, in der „die Fülle des Lebens in Gemeinschaft mit anderen und mit der Natur“ große Wertschätzung erfährt. Resonanz ist der Schlüssel zu einem neuen Verständnis von Nachhaltigkeit, denn nur, wenn der Mensch seine soziale Mitwelt, seine natürliche Umwelt und seine personale Innenwelt als Resonanzräume erfährt, wird nachhaltige Entwicklung möglich: „Wir sind die erste Menschheitsgeneration, die einen vollen

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Überblick über die mit unserer Lebens- und Wirtschaftsweise verbundenen Risiken hat, und gleichzeitig vielleicht die letzte, die sie abwehren kann“ (Reheis 2019). Der lateinischen Wortbedeutung nach ist Resonanz zunächst eine akustische Erscheinung, denn „re-sonare“ bedeutet „widerhallen“, „ertönen“. Je nach Anwendungsbereich hat es drei Grundbedeutungen („Mitschwingen“ von Körpern in der Physik, „Klangverstärkung“ und „Klangverfeinerung“ in der Musik, „Interesse“ und „Verständnis“ beim Menschen). Der Mensch ist, so der Soziologe Hartmut Rosa, als soziales Wesen auf Resonanz angewiesen, darauf, dass sie antwortet. Seine These ist, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, „auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung“ (Rosa 2016). Ohne Liebe, Achtung und Wertschätzung bleiben die Resonanzachsen allerdings „starr und stumm“.2 Resonanz liefert den Maßstab für ein gutes Leben, das reich an Resonanzerfahrungen sein und über stabile Resonanzachsen verfügen sollte.3 Die Generation Thunberg erinnert uns daran. Nachhaltigkeit ist heute keine Phrase und keine alternative Lebensweise mehr, sondern die einzig mögliche (Abb. 10). Das Buch plädiert für einen bewussteren Umgang mit unserer Zukunft. Es soll kein neuer Alarmismus hinzugefügt und weitere Ängste geschürt werden, sondern zeigen, dass die Krise eine enorme Chance ist, weil sie dazu führt, das Leben wieder bewusster wahrzunehmen und zu erkennen, dass ein „Weiter-so“ nicht möglich ist. Es wird gezeigt, warum uns nur eine ganzheitliche Verbindung hilft, Antworten auf die großen existenziellen Fragen zu finden, die sich angesichts globaler Bedrohungen auftun und unseren Zukunftshorizont verdunkeln. Anhand von Generationenkonzepten, Unternehmens- und persönlichen Erfahrungsberichten und Praxisbeispielen wird dargestellt, dass die verschiedenen Generationen aufeinander angewiesen sind und gesellschaftliche Probleme nur gemeinsam gelöst werden können. Symbolisch dafür steht der offene Brief von Giselheid Schulz-Ëberlin („Mit der Taschenuhr zu Fridays for Future. Der Versuch einer Antwort an die Generation Z von Einer aus der Generation 50+“) am Ende des Buches. Eine wichtige innere Klammer, die alle Generationen miteinander verbindet, ist auch Goethe, auf den sich viele Autoren dieses Buches beziehen. Er vereinte in sich einen unermesslichen geistigen Reichtum, schöpferische Kraft und Lebensklugheit und er sah die Erscheinung der Dinge in ihren Zusammenhängen. Und er ist noch heute so etwas wie der „Superkleber für eine partikulare, auseinanderstrebende Gesellschaft“ (Scholz 2019). Die Beschäftigung mit ihm im Kontext der Nachhaltigkeit ist unabdingbar, weil sein Werk zu allen Zeiten lebendige Sinnzusammenhänge offenbart und Möglichkeiten im kollektiven und persönlichen Umgang mit der eigenen Endlichkeit zeigt, die mit dem Thema Dringlichkeit verbunden ist. Von Goethe lässt sich konkretes Handeln und die ganzheitliche Betrachtung der Dinge lernen, die eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben und nachhaltiges Wirtschaften ist. Auch Manager finden viele Parallelen bei Goethe, der in Weimar „gute Miene zu all den neuen Anforderungen, den bürokratischen Entscheidungen im 2 3

 Ebd., S. 24 f.  Ebd., S. 749.

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Abb. 10  Atmosphäre. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

­ eheimen Consilium [machte], wo er bald über den Wegebau zu entscheiden hatte, den G Bergbau im Thüringer Wald ankurbeln sollte und vieles, vieles mehr mitentscheiden musste“ (Seemann 2019). Goethe gehörte auch zu den kritischen Beobachtern, die ihr Unbehagen an der Rastlosigkeit des Menschen äußerten. Die Lebhaftigkeit des Handelns, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anwachsen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, die wachsende Mobilität – das war die Welt, die ihn umgetrieben hat und nicht zur Ruhe kommen ließ. Es war keine gute Zeit, um innehalten zu können. Die hektische Betriebsamkeit seiner Zeit beschäftigte ihn u. a. in seinen Maximen und Reflexionen. Unruhe fand er auch in sich selbst genug, doch in der Natur glaubte er Ruhe zu finden. Er war misstrauisch, wenn es darum ging, nur in sich selbst hinabzusteigen, weil man hier in der Gestaltlosigkeit schnell den Halt verlieren kann und es nichts Festes gibt. Aber draußen, im Erdreich, ist das „Grundfeste“ ein stabiles Fundament. Goethe war wie so viele von uns hin und her gerissen zwischen dem Verlangen nach Ruhe und Abschirmung, nach einem Ort, wo er sein Haus zuschließen konnte, und einer Neugier, bei großen Ereignissen unbedingt dabei zu sein. Er wollte sich der Welt entziehen und gleichzeitig an ihr teilhaben. Das zu können ist Lebenskunst. Noch im hohen Alter strebte er danach, täglich anderes zu denken. Er war davon überzeugt, dass man sich ständig verändern, erneuern und verjüngen müsse, um nicht zu „verstocken“. Goethe blieb neugierig, begeisterungsfähig und lernbereit. Noch in seinem letzten Lebensjahr war er bis zuletzt unermüdlich tätig. Abschluss suchte der Meister immer

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im Einzelnen, doch konnte er mit der Vorstellung, dass das Leben erst am Ende zu seiner Vollendung kommt, nichts anfangen. Das, was auf ihn einwirkte, hat er sich anverwandelt und weitergedacht. Nur durch das, was von außen kam, konnte er sich selbst verstehen und innerlich sammeln. Goethe ist wie alle großen Geister aus der Zeit gefallen und bleibt immer aktuell. Die enorme Bedeutung, die er auch bei der jungen Generation Y hat, belegt die Twitter-Parade #100TageGoethe, ein gemeinsames Projekt der Generationen Y und X. Sie fand vom 15.09.2018 bis 23.12.2019 statt. Daran beteiligt waren das Goethemuseum Düsseldorf (Damian Mallepree), Halil Topcuk, der den größten Goethe-Twitter-­ Account in Deutschland betreibt, die Fotokünstlerin Nicole Simon und ich. Die Beiträge von allen Beteiligten sind in diesem Buch erstmals vereint (Abb. 11). Goethe war davon überzeugt, dass man nur genau genug hinschauen müsse, damit sich das Wichtige und Wahre zeigt. Der Goethe-Experte Damian Mallepree betont in seinem Beitrag, dass er bei seiner Betrachtung der Welt vom Allgemeinen auf das Nutzbare kommt, vom Bedarf zur Kenntnis. Auch dachte Goethe praktisch: wie Moose und Kräuter beispielsweise wirtschaftlich nutzbar gemacht werden können (an ähnlichen Themen forscht die heutige Biotechnologie, z.  B.  Algen für Biosprit). Goethes „anschauendes Denken“ gegenüber der Natur versucht, die Natur zu sich sprechen zu lassen. Seine Haltung ist von Respekt und Demut vor der natürlichen Schöpfung geprägt, die den Menschen ausdrücklich miteinschließt. Mallepree verweist in diesem Zusammenhang auf Goethes Entdeckung des Zwischenkieferknochens des Menschen  – damit ist er nicht mehr die

Abb. 11  Das Goethe-Team #100TageGoethe (v.  l.  n.  r.): Damian Mallepree, Nicole Simon, Dr. Alexandra Hildebrandt, Halil Topcuk. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

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„Krone der Schöpfung“ und ihr Herr, sondern ein Teil davon. Die Fähigkeit der achtsamen Naturbetrachtung öffnet nach Goethe den Weg zur Humanität. Was wir heute im Komplexitätszeitalter brauchen, ist auch innere Klarheit, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch diesbezüglich lässt sich von Goethe lernen: Bei turbulenten äußeren Umständen hat er niemals den Überblick verloren und spottete zuweilen über Menschen, die urteilsfroh, aber nicht urteilsstark sind. In der konkreten Anschauung, von dem, „was ist“, sah er den Weg zu einem klaren Urteil. So sehr die Klimawandeldebatte von Befindlichkeiten bereits durchkreuzt ist, so ist es nach Damian Mallepree umso dringlicher, sich auf entscheidende historische Persönlichkeiten berufen zu können. Goethe war nicht „nur“ Politiker im Sinne eines Verwaltens, sondern auch Visionär, Gestalter und Macher, von dem auch die Wirtschaft lernen kann (Abb. 12). Das Buch widmet sich ihm deshalb auch in einer besonderen Weise einer Bewegung, die ihre Kraft und Wirksamkeit aus der Dringlichkeit ihres Anliegens zieht. Was wir tun können, ist, den Generationen zuzuhören und zu versuchen, den Zustand der Welt neu zu bewerten – auf dieser Grundlage ist nachhaltiges Handeln möglich. Ich danke allen Autoren, die daran mitgewirkt haben. Nicht alle Meinungen müssen die der Herausgeberin wiedergeben – das soll auch so sein, denn es ist doch gerade die Vielfalt, die unser Denken und Handeln erweitert. Ebenso danke ich Christine Sheppard vom Verlag Springer Gabler für die nachhaltige und geduldige Begleitung. Ohne sie wäre dieses Buch in dieser Form nie entstanden. Ebenso danke ich Janina Tschech für die erneute vertrauensvolle und wunderbare Zusammenarbeit. Der Fotokünstlerin Nicole Simon danke ich für ihr stetiges Mitund Weiterdenken und ihr unermüdliches Nachhaltigkeitsengagement, das sich auch in ihren Bildern in diesem Buch spiegelt. Meiner Mutter und „Papa Jürgen“ danke ich für alles – für das Großartige, das mir durch beide zuteilwurde, gibt es keine Worte. Am heutigen Tag der Abgabe des Vorworts habe ich erfahren, dass mein Vater unheilbar an Krebs

Abb. 12  Goethe 21.0. (Mit freundlicher Genehmigung von Nicole Simon)

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erkrankt ist. Mein Beitrag „Das Leben als Aufgabe“ am Ende dieses Buches hat vor diesem Hintergrund eine Tiefe und Dringlichkeit erhalten, die ich erst jetzt erkenne. Burgthann, am 14.11.2019 Im Sinne der leichteren Lesbarkeit schließt in diesem Buch die männliche Form jeweils auch die weibliche mit ein.

Literatur AFP Agence France-Presse, 30.05.2019. https://www.csr-news.net/news/2019/05/30/wirtschaftbeim-umweltschutz-aufgewacht/. Zugegriffen am 08.08.2019 AFP Agence France-Presse, 30.05.2019. CSR News. https://www.csr-news.net/news/2019/05/30/ nachhaltigkeit-und-klimawandel-groesste-wachstumsrisiken/. Zugegriffen am 08.08.2019 Böcking D (2019) „Das Wichtigste ist, dass die jungen Leute weiter nerven“. Der Spiegel (21.05.2019). https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/entrepreneurs-for-future-firmen-unterstuetzen-klimastreiks-a-1268531.html. Zugegriffen am 08.08.2019 Brunnhuber S (2016) Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Herder GmbH, Freiburg im Breisgau Emcke C (2019) „Die Schüler nehmen die Bundesregierung beim Wort“ (13.04.2019). https://www. s u e d d e u t s c h e . d e / p o l i t i k / k l i m a p o l i t i k - d i e - s c h u e l e r- n e h m e n - d i e - bu n d e s r eg i e rung-beim-wort-1.4405783. Zugegriffen am 08.08.2019 Emonts B, Wetzel W (2019) Fridays for Future: Warum die Schüler zu Recht auf die Straße gehen und sich Sorgen machen. Süddeutsche Zeitung (26.07.2019), S 30–31 Häntzschel J (2019) Menschengewalt. Süddeutsche Zeitung (01./02.06.2019), S HF Herles B (2018) Zukunftsblind. Wie wir die Kontrolle über den Fortschritt verlieren. Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München, S 98 f Hildebrandt A (2019) Stimme der Nachhaltigkeit: Warum Klimaschutz nicht nur ein Anliegen junger Menschen sein sollte (28.05.2019). https://dralexandrahildebrandt.blogspot.com/2019/05/ stimme-der-nachhaltigkeit-warum.html. Zugegriffen am 08.08.2019 https://sustainability.com/wp-content/uploads/2019/03/globescan-sustainability-sdgs-survey-2019. pdf. Zugegriffen am 08.08.2019 Karmakar R (2017) #16 Angriff auf die Demokratie – Eine Intervention (Democracy under attack – an intervention). Dokumenta 14 (03.04.2017). https://www.documenta14.de/de/calendar/15192/16-angriff-auf-die-demokratie. Zugegriffen am 08.08.2019 Klaus Töpfer im Gespräch mit Barbara Schmidt-Mattern. Deutschlandfunk (26.05.2019). https:// www.deutschlandfunk.de/ex-umweltminister-cdu-hat-viel-luft-nach-oben-bei.868.de.html?dram:article_id=449699. Zugegriffen am 08.08.2019 Koch H (2019) Warum Greta Thunberg so erfolgreich für Klimaschutz mobilisiert. Schwäbische (13.03.2019). https://www.schwaebische.de/ueberregional/politik_artikel,-warum-greta-thunberg-so-erfolgreich-f%C3%BCr-klimaschutz-mobilisiert-_arid,11021702.html. Zugegriffen am 08.08.2019 Liebrich S (2019) Studie Klimawandel könnte Firmen eine Billion Dollar kosten. Südde (04.06.2019). https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/klimawandel-unternehmen-risiko-1.4472596. Zugegriffen am 08.08.2019 „Mister Nachhaltigkeit“ feiert Geburtstag. Handelsblatt (23.07.2013). www.handelsblatt.com/technik/das-technologie-update/themen-und-termine/klaus-toepfer-mister-nachhaltigkeit-feiert-geburtstag/8559254.html. Zugegriffen am 08.08.2019 Müller E (2019) Luxus in Grün. manager magazin (Mai 2019), S 127

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Paulisch A-C (2016) Die deutsche Amnesty-Sektion trauert um Roger Willemsen. Amnesty International (09.02.2016) www.amnesty.de/2016/2/9/die-deutsche-amnesty-sektion-trauert-um-roger-­ willemsen. Zugegriffen am 08.08.2019 Pfläging N, Hermann H (2015) Komplexithoden. Clevere Wege zur (WiederBelebung) von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. Redline, München Radisch R (2016) Alles im Übermaß. Die Zeit (25.02.2016). www.zeit.de/2016/07/nachruf-roger-willemsen. Zugegriffen am 08.08.2019 Rede von Greta Thunberg vor dem britischen Parlament (o. J.). https://social.stefan-muenz.de/display/8564897d-715c-c323-1b77-8ad064959810. Zugegriffen am 28.04.2019 Reheis F (2019) Die Resonanz-Strategie. Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen. Oekom, München, S 10 Rosa H (2016) Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin, S 19 Sächsische Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft (2016) Bausteine der Nachhaltigkeit. Carlowitz weiterdenken. Oekom, München Schellnhuber HJ (2015) Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. Bertelsmann, München, S 6 Schellnhuber HJ (2019) Ein Weckruf in Grafiken. In: Gonstalla E (Hrsg) Das Klimabuch. Über die Erwärmung des Planeten. Oekom, München, S 6–7 Scholz A-L (2019) Goethe, mir graut’s. Die Zeit (10.10.2019), S 1 Schwarzenegger und Thunberg (2019) „Eure Zeit ist bald abgelaufen“. Tagesspiegel (28.05.2019). https://www.tagesspiegel.de/politik/schwarzenegger-und-thunberg-eure-zeit-ist-bald-abgelaufen/24391010.html. Zugegriffen am 08.08.2019 Seemann A (2019) Goethes Orte in Weimar. Insel, Berlin, S 46 f Steinfeld T (2019) Der bevorstehende Kollaps. Süddeutsche Zeitung (09.07.2019), S 12 Strittmatter K (2019) Reifeprüfung. Süddeutsche Zeitung (27./28.04.2019), S 3 Weber A (2019) Der Punkt, an dem die Sache kippt. Süddeutsche Zeitung (09.04.2019), S 32

Dr. Alexandra Hildebrandt  ist freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin. Sie studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim den Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs vCSR-­Manager (IHK)“. Sie leitet die AG „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ für das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „Nachhaltig Erfolgreich Führen“ (IHK Management Training). Im Verlag Springer Gabler gab sie in der Managementreihe Corporate Social Responsibility die Bände CSR und Sportmanagement (2014, 2. Aufl. 2019), CSR und Energiewirtschaft (2015, 2.  Aufl. 2019) und CSR und D ­ igitalisierung (2017) heraus. Aktuelles Buch bei Springer Gabler (mit Werner Neumüller): Visionäre von heute – Gestalter von morgen (2018).

Teil I Der Klimawandel: Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft

Entrepreneurs For Future: Auch der Wirtschaft geht die Geduld aus Volle Kraft voraus für mehr Klimaschutz Katharina Reuter und Alexandra Hildebrandt

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Interview mit Katharina Reuter

Frau Dr. Reuter, was war der ausschlaggebende Impuls, Entrepreneurs For Future zu gründen? Nachdem die Fridays-for-Future-Bewegung die Dringlichkeit anmahnte und die Scientists die wissenschaftliche Grundlage bestätigt hatten, fehlte die Stimme aus der Wirtschaft, die sagt: Die streikenden Schüler haben recht – und wir die geforderten Alternativen. Die Initiative „Entrepreneurs For Future“ zeigt, dass Klimaschutz auch ökonomisch machbar ist und dass die Lösungen bereitstehen. Verschiedene Unternehmen und Initiativen hatten dann – fast gleichzeitig – die Idee und haben sich zusammengefunden. Gibt es ein Programm und welche Personen unterstützen die Initiative? Als „Programm“ kann man die Stellungnahme der Initiative bezeichnen. In den acht Forderungen, die sich immer auf das 1,5-Grad-Ziel beziehen, geht es von CO2-Bepreisung über einen schnelleren Kohleausstieg bis zur Agrar- und Mobilitätswende. Auch Wärmewende und Kreislaufwirtschaft dürfen nicht fehlen. Das zeigt, der Forderungskatalog bzw. die Unternehmen verstehen den notwendigen Wandel als ganzheitlichen Prozess. Als Personen stecken die ersten Unternehmer dahinter, die so etwas auf die Beine stellen wollten, aber auch die Vertreter der Verbände aus dem Initiativkreis. Es musste eine Organisation gefunden werden, die im rechtlichen Sinne (für Impressum o. Ä.) agiert und auch die Koordination von Aktivitäten übernimmt. K. Reuter Koordination Entrepreneurs For Future, c/o UnternehmensGrün e. V., Berlin, Deutschland E-Mail: [email protected] A. Hildebrandt (*) Freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin, Burgthann bei Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_2

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K. Reuter und A. Hildebrandt

Welche Unternehmen haben sich bislang beteiligt und wie sind sie auf die Bewegung aufmerksam geworden? Es beteiligen sich Unternehmen branchen- und größenübergreifend, vom Großunternehmen über klassische Mittelständler und Hidden Champions bis hin zu Start-ups. Nachhaltige Unternehmensverbände wie UnternehmensGrün oder der Verbund Service und Fahrrad (VSF) konnten einen Großteil ihrer Mitglieder von der Initiative überzeugen. Die Verbände, in denen das Thema Klimaschutz und/oder Nachhaltigkeit weniger im Mittelpunkt steht, hatten es in der Mobilisierung schwerer. Aber genau darin liegt auch ein Wert der Initiative, wenn eher herkömmliche Verbände wie der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) das Thema aufgreifen. In den ersten Monaten trugen auch die Öffentlichkeitsarbeit und das Medieninteresse stark zur Sichtbarkeit der Initiative bei. Wie viele Beteiligte hat die Bewegung derzeit? Inzwischen haben schon mehr als 4.500 Unternehmen gezeichnet (Stand April 2020). Wie konkret ist das gemeinsame Handeln? Welche Projekte gibt es? Wie das oft in Bewegungen ist, die „bottom up“ entstehen, kommen hier ganz viele Vorschläge aus dem Kreis der Unterzeichner. Sei es das Angebot eines regionalen Vernetzungstreffens, sei es die gemeinsame Unterstützung von Aktionen der Schüler von #FridaysForFuture oder das Hineintragen der Forderungen in die Politik. Die Herausforderung ist, dass diese Initiative ohne nennenswertes Budget koordiniert wird. Da sind dann auch einfach oft fehlende finanzielle oder personelle Kapazitäten der limitierende Faktor. Aber die unterzeichnenden Unternehmen wünschen sich den Austausch mit der Politik und untereinander – und wir werden Wege finden, dies umzusetzen. Wie gewährleisten Sie, dass die Bewegung von Unternehmen nicht für Werbezwecke missbraucht wird? Wo ziehen Sie die Grenze? Der Forderungskatalog, der unterzeichnet werden muss, hat es in sich und ist somit der Schutz vor Greenwashing. Die Stellungnahme sorgt für eine natürliche Auslese, sodass sich in der Unterzeichnerliste keine Flughäfen oder Betreiber von Kreuzfahrtschiffen finden. Zu den insgesamt acht Punkten gehört ein wirksamer und ansteigender CO2-Preis für alle Sektoren und ein schnellerer Kohleausstieg. Aber auch die Kerosinsteuer wird gefordert, ebenso wie Divestment und die Abschaffung klimaschädlicher Subventionen. Besonders wichtig war dem Initiativkreis auch eine ganzheitliche Sicht auf den Wandel, denn die Transformation braucht genauso die Agrarwende, die Mobilitätswende und die Kreislaufwirtschaft. Diesen ganzheitlichen Ansatz haben aber natürlich nicht alle Akteure verinnerlicht, sodass auch dies ein Novum in der Landschaft der Positionspapiere ist. Müssen sich Unternehmen finanziell beteiligen? Nein. Wer kann sich bei Interesse anmelden und wo? Die Initiative lädt aktive Unternehmer, Gründer und Selbstständige aus allen Branchen, die heute schon Klimaschutz mit ihren Unternehmungen voranbringen oder die davon überzeugt sind, dass schnellere und bessere Klimaschutzmaßnahmen nötig sind, ein, die Stellungnahme von #EntrepreneursForFuture zu unterschreiben. Die Unterzeichnung erfolgt über https://www.entrepreneurs4future.de.

Entrepreneurs For Future: Auch der Wirtschaft geht die Geduld aus

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Arbeiten Sie mit der Fridays-for-Future-Bewegung zusammen? Ja. Schon vor dem „going online“ der Initiative wurde Rücksprache mit den Organisatoren von Fridays for Future gehalten. Wir wollten die Initiative so aufsetzen, dass sie tatsächlich nützlich ist für das Anliegen der streikenden Schüler und Studierenden. Dass die jungen Menschen darauf verweisen können, wenn es wieder einmal heißen sollte: „Ja, aber die Wirtschaft kann nicht“, oder „ja, aber die Wirtschaft will nicht.“ Die Entrepreneurs For Future zeigen: Die Wirtschaft kann mehr Klimaschutz. Und die Wirtschaft will mehr Klimaschutz. Wie kann sichergestellt werden, dass auch Parents for Future, Kids for Future, Omas for Future, Artists for Future etc. keine Einzelinitiativen bleiben, sondern ganzheitlich auch mit Ihrem und dem FFF-Engagement verschmelzen? Es gibt einen losen Koordinierungskreis aller Initiativen. Das ist auch gut so. Ergebnisse sind u. a. eine gemeinsame Mobilisierung für zentrale Klimastreiktermine. Ein „Verschmelzen“ halte ich aber nicht für erstrebenswert – es muss eher darum gehen, dass man keine Marketingaktionen auf dem Rücken der Fridays-for-Future-Bewegung macht, sondern strategisch überlegt, wie wir dazu beitragen können, dass die Ziele der jungen Menschen erreicht werden. Sie sprachen den Unternehmensverband UnternehmensGrün an. Welche Impulse setzt er konkret im Kontext der FFF-Bewegung? UnternehmensGrün ist der FFF-Bewegung sehr verbunden, denn Klima- und Umweltschutz sind das zentrale Thema des Verbandes. Wir haben die Proteste der Schüler und Studierenden seit Jahresanfang 2019 unterstützt, einerseits mit Mobilisierung zu den Klimastreikterminen (und Teilnahme), andererseits mit der Gründung und Koordinierung der Entrepreneurs For Future. Aus unserem täglichen Handeln wissen wir: Klimaschonendes Wirtschaften funktioniert heute schon. Viele innovative Technologien, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle für einen besseren Klimaschutz gibt es bereits. Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt, dass die technologische Entwicklung und Möglichkeiten für den Klimaschutz rasant gestiegen und die Kosten immens gesunken sind. Aber weitergehende politische Rahmenbedingungen sind endlich nötig, damit faire Wettbewerbsbedingungen für klimaschonende Technologien und Geschäftsmodelle hergestellt werden und die Wirtschaft insgesamt umsteuert. Wenn wir jetzt handeln, ist eine geregelte Dekarbonisierung der Wirtschaft möglich. Nur dann schaffen wir eine enkeltaugliche Wirtschaft. Nur dann können wir die Klimakrise noch steuern und unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten. Dafür streiken die Kinder und Jugendlichen von Fridays for Future; ihnen gebührt unsere Achtung und unsere volle Unterstützung. Welche Ziele werden verfolgt und welche Aufgabe haben Sie? Als Profis aus der Wirtschaft wissen wir um die Kraft innovativer Geschäftsmodelle und Technologien, die das Klima und die Umwelt schützen und profitabel sind. Die konsequente und schnelle Einführung erneuerbarer Energien, einer ökologischen L ­ andwirtschaft, einer Kreislaufwirtschaft und einer neuen Mobilität schaffen und sichern zukunfts­ fähige Arbeitsplätze. Klimaschützende Technologien und Geschäftsmodelle schei­tern

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K. Reuter und A. Hildebrandt

aber häufig an politischen Rahmenbedingungen, die Geschäftsmodelle und Technologien der Vergangenheit schützen. Daher setzt UnternehmensGrün an den politischen Stellschrauben an. Der Verband wurde 1992 gegründet. Seit mehr als 28 Jahren engagieren sich hier Unternehmer aus der nachhaltigen Wirtschaft. UnternehmensGrün ist branchenübergreifend aufgestellt, parteipolitisch unabhängig und als gemeinnützig anerkannt. Im Fokus steht der Wandel: Sei es die Energie- und Wärmewende, Agrar- und Ernährungswende oder die Mobilitätswende – in der Vereinsgeschichte wurden immer wieder zentrale Erfolge errungen, etwa bei der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Wichtige Themen sind heute Circular Economy und eine nachhaltige Steuer- und Handelspolitik. UnternehmensGrün vertritt mehr als 350 Mitgliedsunternehmen, Pioniere der Nachhaltigkeit, aber auch etablierte mittelständische Unternehmen und grüne Start-ups. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Verband im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung für die nächste Generation und bringt Schülern und Auszubildenden den nachhaltigen Wirtschaftsgedanken näher. Über seinen europäischen Dachverband Ecopreneur.eu bezieht der Verein auch in Brüssel Stellung zu umwelt-, energie- und wirtschaftspolitischen Themen. Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Dr. Katharina Reuter  engagiert sich seit vielen Jahren für die nachhaltige Wirtschaft – zunächst in Lehre und Forschung, dann im Stiftungs- bzw. Verbandsbereich. Die Agrarökonomin war als Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der Klima-­ Allianz Deutschland tätig. Als Beraterin für Bio und Nachhaltigkeit arbeitete sie eng mit Unternehmen zusammen. Seit 2014 führt sie die Geschäfte von UnternehmensGrün, der politischen Stimme der nachhaltigen Wirtschaft. Katharina hat verschiedene Organisationen mit aufgebaut und im Vorstand/Aufsichtsrat begleitet, ist u. a. Mitbegründerin der European Sustainable Business Federation (Ecopreneur.eu), der Regionalwert AG Berlin-­Brandenburg und von „Entrepreneurs For Future“. Innovative Nachhaltigkeitsprojekte begeistern sie – mit Herzblut engagiert sie sich daher in der Jury für den Deutschen Umweltpreis oder den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. In den sozialen Medien zählt sie zur Initiative #nachhaltige100, die digitale Influencer aus dem Bereich der Nachhaltigkeit auszeichnet. Ihr Themenspektrum: Agrar- und Ernährungswirtschaft, Biobranche, Handels­ politik, nachhaltiges Wirtschaften, Klimaschutz, Green Start-ups, SDGs, Circular Economy. © Fotocredit: UnternehmensGrün, Jörg Farys

Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften Elmer Lenzen und Sonja Scheferling

1

Einführung

Wie wir das Klima schützen können, wird aktuell heiß diskutiert. Dabei geben zurzeit Bürgerschaftsbewegungen wie etwa die Jugendlichen um Fridays for Future (FFF) den Ton an. Viele Experten finden diese Entwicklung positiv, reagiert doch Politik mit ihren Abstimmungs- und Kompromissprozessen für viele Aktivisten zu langsam, um den Klimawandel zu begrenzen. Die Schülerproteste sind in mehrfacher Hinsicht spannend. Zum einen meldet sich hier eine neue Stakeholdergruppe zu Wort. Die Welt für nachfolgende Generationen zu bewahren, ist zwar schon seit dem Brundtland-Report der 1980er-Jahre gelernter Konsens. Aber wir betreiben das „enkeltauglich“ – also so, dass wir Erwachsenen Stimme und Mandat für diese Nichtstimmberechtigten ausüben. Betreuung und Macht liegen in unseren Händen. Bei den Teenagern ist das ganz anders. Die Generation Greta will und kann selbst entscheiden. Das stellt Machtfragen. Zugleich sind auch die Freitagsdemonstrationen Produkte unserer Zeit: „Eine Gesellschaft, die mit ihrer eigenen Komplexität nicht klar kommt, sehnt sich nach einfachen Lösungen“, schreibt Hendryk Broder (Welt 18.04.19). Tatsächlich ist die Welt komplizierter und Zielkonflikte sind allgegenwärtig. Und auch die Schülerproteste liefern bisher vage Antworten auf soziale und ökonomische Folgen der Transformation. Das heißt aber nicht, dass dies nicht möglich ist. Im Gegenteil: Unternehmer, Ingenieure, Erfinder und Aktivisten haben die richtigen Ideen und Instrumente. Allein es fehlt oft der Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen.

E. Lenzen · S. Scheferling (*) macondo publishing GmbH, Münster, Deutschland E-Mail: [email protected]; [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_3

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E. Lenzen und S. Scheferling

Der Klimawissenschaftler Felix Ekardt warnt im UmweltDialog-Themenheft zu Klima (11/2019) zugleich vor Naivität: „Nullemissionen pro Kopf in maximal zwei Dekaden sind für alle Menschen in Deutschland eine sehr große Herausforderung. Es ist ein Gewerkschafts-­Märchen zu glauben, es gehe nur um einige Wohlhabende. Selbst unsere Hartz-IV-Empfänger gehören – kaufkraftbereinigt – weltweit zu den rund 15 Prozent der Wohlhabendsten.“ In diesem Aufsatz widmen wir uns deshalb zwei Aspekten des Themas Klimawandel: 1. Wie kann Deutschland CO2-arm werden, ohne dass wir dafür unsere Wirtschaft, unseren Wohlstand und unsere Jobs aufgeben? 2. Wie können Unternehmen ihre Klimaziele im Produktionsprozess managen?

2

Deutschland CO2-neutral bis 2050 – So kann es klappen

95 Prozent weniger Treibhausgase bis 2050 im Vergleich zu 1990: Das ist die Vorgabe der deutschen Bundesregierung, um die Klimaschutzziele von Paris zu erreichen. Damit das gelingt, müssen der Energie- und Verkehrssektor sowie energieintensive Industriezweige und die Landwirtschaft radikal umdenken. Aber wie funktioniert das? Seit dem Pariser Klimagipfel von 2015 ist der Begriff der Dekarbonisierung in aller Munde, wenn es um Klimaschutz geht. Dekarbonisierung bedeutet, dass die Gesellschaft auf kohlenstoffartige Energieträger verzichtet und diese durch kohlenstofffreie ersetzt. Das kann durch erneuerbare Energien oder durch Kernenergie passieren. Die zweite Variante birgt aber unkontrollierbare gesellschaftliche und ökologische Risiken, wie die Nuklearkatastrophen Tschernobyl und Fukushima gezeigt haben. Der Fokus auf erneuerbare Energien bedeutet gleichzeitig eine tief greifende Umstrukturierung unseres bisherigen Energiesystems, also das, was in Deutschland allgemein als Energiewende bezeichnet wird.

CO2-Minderung: Mehr als nur Dekarbonisierung

„Treibhausgasneutralität“ meint, dass Deutschland seine CO2-Emissionen bis 2050 um 95 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren muss. Dementsprechend haben wir dann nur noch ein Emissionsbudget von 60 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr zur Verfügung. Das wird laut der Studie „Treibhausgasneutrales Deutschland 2050“ vom Umweltbundesamt vor allem von der Landwirtschaft und im geringeren Umfang von Industrieprozessen, Lösemitteln und Produktanwendungen verbraucht. Neben der Dekarbonisierung unserer Gesellschaft gibt es weitere Möglichkeiten, CO2-Emissionen zu reduzieren und/oder das Klima zu schützen. Beispielsweise:

Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften

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• Substitution von Kohle als Energieträger durch kohlenstoffärmere wie Erdgas, aber Achtung: Pfadabhängigkeiten berücksichtigen; • CO2-Abscheidung und -Speicherung; • Effizienzmaßnahmen wie Wärmedämmung in Gebäuden oder Kraftwerke mit höherem Wirkungsgrad etc.; • Nutzung von Biomasse (allerdings nur Abfall, kein zusätzlicher Anbau, da die Flächen sonst der Nahrungsmittelproduktion verloren gehen); • Sparmaßnahmen wie der Verzicht auf Flugreisen, Tempolimit auf Autobahnen, geringer Einsatz von Klimaanlagen etc. In einem „sauberen“ Energiesystem wird der Strom über Wind- und Sonnenkraft gewonnen. Auch Wasserkraft und Geothermie können eine Rolle spielen: „Zentraler Baustein einer vollständig regenerativen Energieversorgung ist die Erzeugung von Wasserstoff durch Wasserelektrolyse mit Hilfe von erneuerbar erzeugtem Strom. Aus Wasserstoff können durch weitere katalytische Prozesse Methan (Power-to-Gas) und weitere Kohlen­ wasserstoffe (Power-to-Liquid) erzeugt werden“, schreibt das Umweltbundesamt. Diese könnten wiederum als Brenn- und Kraftstoffe dienen und seien in der Industrie und in einem sauberen Energiesystem essenziell. Damit die Energiewende ein Erfolg wird, gilt es nicht nur, den Stromsektor zu dekarbonisieren, sondern auch in den Bereichen Wärme und Verkehr mithilfe von Ökostrom und moderner Technik auf fossile Energie zu verzichten. Dabei ist der Einsatz von Wasserstoff nur eine Möglichkeit. Die Vernetzung von Strom, Mobilität und Wärme zur Optimierung des Energiesystems wird Sektorkopplung genannt. Das gilt unabhängig davon, ob die Energie aus regenerativen oder fossilen Quellen stammt.

2.1

Sektorkopplung

Noch heizen die Deutschen vor allem mit fossilen Energieträgern wie Öl und Gas, wie das Bundeswirtschaftsministerium schreibt. Ein großes Potenzial für eine saubere Lösung bieten hier zum Beispiel Power-to-Heat-Technologien, die Strom nutzen, um Wärme zu gewinnen. Dazu zählen Wärmepumpen im Heizungskeller. Diese nutzen Strom, um die vorhandene Erdwärme aufzunehmen, zu verdichten und damit dann die Heizung zu betreiben: „Das ist auch noch effizient: In energetisch sanierten Gebäuden machen gute Wärmepumpen aus einer Kilowattstunde Strom mehrere Kilowattstunden Wärme.“ Auch der Verkehrssektor lässt sich in vielen Bereichen auf Strom umstellen. So fahren viele Züge bereits elektrisch; an der E-Mobilitätsoffensive bei Pkws und Lkws wird von-

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E. Lenzen und S. Scheferling

seiten der Automobilindustrie massiv gearbeitet. Allerdings bedeutet das gleichzeitig, dass künftig der Strombedarf für den Betrieb der Fahrzeuge extrem ansteigen wird. Darüber hinaus wird für die Herstellung stromerzeugter, synthetischer Kraftstoffe viel Energie benötigt. „Es ist daher unumgänglich, den Endenergiebedarf des gesamten Verkehrssektors deutlich zu senken  – trotz des prognostizierten Verkehrsanstiegs“, fordert das Umweltbundesamt. Das sei u.  a. durch Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsmittel oder Effizienzsteigerung möglich.

2.2

CO2-neutrale Industrie nur über technische Innovation

Führt Dekarbonisierung zu Deindustrialisierung? Oder lässt sich ein treibhausgasneutraler und energieeffizienter Industriesektor in Deutschland entwickeln? Ja, sagt das Umweltbundesamt: Während die energiebedingten Emissionen durch den Einsatz von Ökostrom, Wasserstoff und Methan vollständig vermieden werden könnten, könnten die prozessbzw. rohstoffbedingten Emissionen erheblich gesenkt werden. Dabei seien 2050 die Zement-, Kalk- und Glasindustrie die größten Emittenten. Um den CO2-Ausstoß innerhalb der Industrie zu reduzieren, bedürfe es in vielen Branchen aber angepasster Herstellungsprozesse und geeigneter Anlagetechniken. Beispielsweise geht das Umweltbundesamt davon aus, dass es in der Stahlindustrie keine Primärstahlerzeugung über die Hochofen-­ Oxygenstahl-­Route mehr gibt. Dafür würde die Elektrostahlerzeugung mittels Schrott und Schwammeisen massiv ausgebaut. Auch das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI sieht eine umfassende Dekarbonisierung nur mithilfe von CO2-neutralen Technologien und einem umfassenden technischen Wandel, insbesondere bei der sogenannten Grundstoffindustrie. Diese umfasst alle Industriebranchen, die Rohstoffe gewinnen und weiterverarbeitet bereitstellen. Das Forschungsinstitut plädiert dabei für eine verbesserte Energieeffizienz, da diese die Kosten für eine Dekarbonisierung reduziere und einen wichtigen Beitrag zur CO2-Einsparung leisten könne: „Doch das alleine reicht nicht, um die Emissionen ausreichend zu mindern. Ein entscheidender Faktor ist ein schneller Ausbau der Erneuerbaren Energien, um CO2-freien Strom zu gewinnen“, so das Fraunhofer ISI. „Dies ist insbesondere deshalb wichtig, da sich der Stromverbrauch des Industriesektors bis 2050 stark erhöhen könnte“, etwa durch Einsetzen von Strom für die Prozesswärmeerzeugung.

2.3

Klimasünde durch Fleischkonsum

2017 war die deutsche Landwirtschaft für zirka sieben Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich, wie das Thünen-Institut berichtet. Die eigentlichen „Klimakiller“ im Agrarsektor sind insbesondere Lachgas (Stickstoffdünger auf landwirtschaftlichen Flächen) und

Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften

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Methan (verdauungsbedingter Ausstoß der Nutztiere). „Vor allem die weltweite Nachfrage nach Fleisch bestimmt, wie viele Tiere gehalten werden. Die Viehwirtschaft ist der größte Nutzer von Landflächen, wobei eine Verschiebung von Weiden hin zum Anbau von Futterpflanzen auf Ackerflächen stattfindet“, informiert eine Greenpeace-Studie zum Thema Landwirtschaft und Klima. Ein zusätzliches Problem: Für den Anbau von Futterpflanzen werden große Flächen Regenwald abgeholzt, die damit als CO2-Speicher wegfallen. Es gibt unterschiedliche Maßnahmen, die Treibhausemissionen der Landwirtschaft zu senken. Dazu zählen u. a. natürlich eine Reduzierung des Fleischkonsums und ein verantwortungsvoller Umgang mit Lebensmitteln, um Abfälle zu vermeiden.

3

So senken Unternehmen ihren CO2-Ausstoß

Klimawandel bedeutet vor allem eins: Wir müssen unseren CO2-Ausstoß konsequent reduzieren. „Wir wissen, dass wir im Laufe des Jahrhunderts eine Dekarbonisierung brauchen“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer 2015 zum Abschluss des G-7-Gipfels. In Berlin drückt man dafür mittlerweile aufs Tempo. Allen voran Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) verlangt, dass alle ihren Beitrag leisten und verlässliche Pfade einschlagen sollen. Das Pflichtenheft für die Wirtschaft trägt den Titel „Dekarbonisierung im Industriesektor“ und kursiert seit einigen Monaten. Darin ist nachzulesen: „Das Förderprogramm soll ein wesentlicher Baustein sein, um das Ziel einer weitgehenden Treibhausgasneutralität bis 2050 in emissionsintensiven Industriebranchen mit treibhausrelevanten Energie- und Prozessemissionen zu erreichen. Für das 2030-Ziel werden erste Beiträge erwartet.“ Dazu müssen auch Unternehmen beitragen. Wie kann dieser Beitrag konkret aussehen? Was heißt das für Unternehmen ganz konkret? 1. Wenn die Politik die selbst gesteckten Ziele des Pariser Klimaabkommens ernst nimmt, dann muss rigoroser CO2 eingespart werden. Von allen. Die staatlichen Auflagen werden in diese Richtung gehen. 2. Klare Zielvorgaben verlangen Nachprüfbarkeit. Angaben über den Emissionsausstoß werden auf Dauer verbindlicher sein, als es heute noch der Fall ist. In diese Richtung drängt etwa die „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ (TCFD) unter Leitung von Michael Bloomberg. 3. Bereits mittelständische Unternehmen tun daher gut daran, sich darauf einzustellen, weil spätestens der Einkauf der Großunternehmen hier in naher Zukunft belastbare Kennzahlen abfragen wird.

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E. Lenzen und S. Scheferling

3.1

Mit Klimamanagement anfangen

Die Einführung eines betrieblichen Klimamanagements ist eine sinnvolle Ergänzung zu bestehendem Umwelt-, Energie- und/oder Nachhaltigkeitsmanagement. Vieles wird an diesen Stellen oft bereits erfasst, neu sind dann eher die Maßnahmen, die sich ergeben. Etablierte Methodenstandards, wie etwa das GHG Protocol oder ISO 14064, bieten Orientierung bei der Berechnung und Berichterstattung eines Corporate Carbon Footprint, beantworten aber nicht alle Fragen. Unternehmen sollten deshalb intern festlegen, was das jeweilige Klimamanagement erreichen will. Ein Ziel kann etwa die Identifikation von Emissionshotspots im eigenen Unternehmen oder entlang der Wertschöpfungskette sein oder auch Möglichkeiten der effektiven Emissions- und Kostenreduktion. Zudem sollte von Anfang an Klarheit herrschen bei Fragen des Zeithorizonts (Geht es um kurzfristige oder langfristige Ziele?), der Systemgrenzen (Welche Standorte und Emissionsquellen sollen einbezogen werden?) sowie des Ambitionsniveaus (Wie viele THG-Emissionen sollen eingespart werden?). Auch gesetzgeberische Entwicklungen und Erwartungen seitens der Stakeholder sollten vorab mitgedacht werden. Eine ganz praktische Alltagsproblematik ist auch die Erhebung der Daten. Hier sollten frühzeitig Mitwirkende eingebunden werden. Was ist der Corporate Carbon Footprint?

Der Carbon Footprint beschreibt die Gesamtmenge an Treibhausgasemissionen, die direkt und indirekt von einer Person, einer Organisation, einem Event oder einem Produkt ausgehen. Der Corporate Carbon Footprint (CCF) betrachtet die Emissionen eines Unternehmens in t CO2e pro Jahr.

3.2

Messen und berechnen

„Das Greenhouse Gas Protocol (Treibhausgas-Protokoll) ist ein weltweit gültiges Instrument zur Berichterstattung über Treibhausgasemissionen. Entwickelt wurden die Standards vom World Resource Institute (WRI) und dem World Business Council for Sus­ tainable Development (WBCSD). Unternehmen nutzen die Standards für das Management ihrer Treibhausgasemissionen“, schreibt Josephin Lehnert im CleanEnergy-Blog. Gemäß Greenhouse-Gas-Protokoll werden die Emissionsquellen eines Unternehmens in drei Kategorien unterschieden. Scope 1 Darunter versteht man direkte Emissionen aus eigenen Verbrennungsprozessen. Dazu zählen stationäre oder mobile Anlagen, chemische Prozesse sowie eigene Energieerzeugung. Emissionsquellen sind Erdgasheizung, eigene Kraftwerke auf dem Gelände oder Verbrennungsanlagen, Firmenwagen, Gabelstapler, Kühlgeräte etc.

Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften

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Tab. 1  Fiktives Beispiel der Scope-2-Berechnung Land Verbrauch MWh a) Location-based Method Deutschland 10.000 MWh USA 10.000 MWh China 10.000 MWh Belgien 10.000 MWh Summe 40.000 MWh b) Market-based Method Deutschland 10.000 MWh USA 10.000 MWh China 10.000 MWh Belgien 10.000 MWh Summe 40.000 MWh

Emissionsfaktor

CO2-Ausstoß

528 gr CO2/kWh 561 gr CO2/kWh 749 gr CO2/kWh 187 gr CO2/kWh

5280 t 5610 t 7490 t 1870 t 20.250 t

0 gr CO2/kWh∗ 0 gr CO2/kWh∗ 749 gr CO2/kWh 500 gr CO2/kWh∗∗

0 t 0 t 7490 t 5000 t 12.490 t



PPA mit RECS-Zertifikat fehlender Nachweis, daher Residualmix (RE-DIS II Belgien 2013)

∗∗

Scope 2 Darunter versteht man indirekte Emissionen aus dem Bezug von leitungsgebundener Energie. Dazu zählen z. B. der eingekaufte Strom, Dampf, Heizung, Kühlung (Tab. 1). Scope 3 Das sind Emissionen aus den vor- und nachgelagerten unternehmerischen Aktivitäten. Dazu zählen u. a. eingekaufte Güter und Dienstleistungen, deren Transport und Verteilung, Pendeln der Arbeitnehmer, Geschäftsreisen, Nutzung der verkauften Produkte und der Umgang an deren Lebenszyklusende. Scope 1 und Scope 2 sind Emissionen, die unmittelbar vom Unternehmen verursacht werden. Scope 3 wieder lässt sich über die Vertragsgestaltung mit Lieferanten steuern. Letzteres ist insofern wichtig, als dass ein Großteil der Emissionen eben in dieser Scope-­3-­ Ebene stattfindet. Nach Berechnungen des Deutschen-Global-Compact-Netzwerkes aus 2017 fallen 87 Prozent aller Emissionen in der Automobilbranche erst nach Auslieferung der Fahrzeuge an. Nämlich bei der Nutzung der Fahrzeuge durch uns Verbraucher. In der IT-Branche beträgt der Wert 78 Prozent, bei Immobilien immerhin noch 70 Prozent. Nur in der Energiewirtschaft ist der größte Klimaschaden bereits bei der Erzeugung verursacht. Hier beträgt der Scope-3-Anteil nur 18 Prozent. Schritt 1 im Unternehmen ist daher das strukturierte Sammeln von Aktivitätsdaten zu den Emissionsquellen. Bei Scope 1 heißt das zum Beispiel: Wie viel und welche Art von Brennstoff (sei es Öl, Erd- oder Biogas, Plastik oder Restmüll) wird in den Anlagen verbrannt? Wie viele Liter Kraftstoff hat die eigene Fahrzeugflotte im letzten Jahr verbraucht? Bei Scope 2 wird der gekaufte Strom-, Kühlungs- und Wärmeverbrauch erfasst. Mit Scope 3 tun sich die meisten Unternehmen schwer. Hier gibt es auch kaum

38

E. Lenzen und S. Scheferling

Verpflichtungen, sodass die meisten Betriebe Rosinenpicken betreiben und meist jene Werte erfassen, die leicht zugänglich sind: Geschäftsreisen etwa oder bestenfalls noch Teilangaben zu Logistik. Schritt 2 ist die Auswahl geeigneter Kennzahlen. Je nach Komplexität des Unternehmens empfiehlt es sich, Einzelkennzahlen (z. B. pro Standort) zu wählen und/oder aggregierte Kennzahlen für das Gesamtunternehmen. Zudem sollte das Unternehmen sich überlegen, ob es Sinn macht, absolute Kennzahlen (z. B. Kilowattstunden/Jahr) auszuweisen oder besser intensitätsbezogene Kennzahlen. Dann werden die CO2-Angaben z.  B. pro Produkteinheit, pro Quadratmeter, pro Mitarbeiter, pro € Umsatz oder € Gewinn ausgegeben. Je nach Geschäftsmodell sind solche intensitätsbezogenen Kennzahlen sinnvoll: Bei Immobilien ist die Quadratmeterangabe griffig. Firmen mit hohen Beschäftigtenzahlen wiederum, z.  B.  Logistiker, nutzen gern die Angaben/Mitarbeiter, um ihre hohen CO2-­ Gesamtwerte kleinzurechnen. Schritt 3 ist schließlich die Berechnung der THG-Emissionen nach folgender Formel: Verbrauchte Materialmenge ( z. B. in kg oder Liter ) × GHG

−Emissionsfaktor ( z. B. 3,14 kg CO2e / l bei Dieseltreibstoff ) = GHG − Emissionen in kg CO2e.

Den Multiplikationsfaktor der jeweiligen GHG-Emissionen einzelner Prozesse oder Warengruppen können Unternehmen aus einschlägigen Datenbanken ableiten. Das britische Umweltministerium DEFRA veröffentlicht jährlich aktualisierte Emissionsfaktoren für eine Vielzahl unternehmensrelevanter Prozesse. Auch die Deutsche Emissionshandelsstelle gibt eine Liste von Emissionsfaktoren für Standardbrennstoffe heraus. Konkretere Tipps liefern außerdem die jeweiligen Branchenverbände.

3.3

Ziele setzen

Immer mehr Unternehmen orientieren ihre Klimastrategie an den Vorgaben der Science-­ Based-­Targets-Initiative (SBTi). Die wird unter anderem von der Umweltstiftung WWF getragen und wirbt bei Unternehmen dafür, sich wissenschaftsbasierte Reduktionsziele zu setzen. Sie sollen im Einklang mit den Ergebnissen des Paris-Abkommens stehen und helfen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu beschränken. Neue Technologien und Praktiken z.  B. zeigen, dass Unternehmen die Umweltauswirkungen von der Wirtschaftstätigkeit entkoppeln können. Unternehmen können anschließend ihre jeweilige Klimaperformance bei der Initiative prüfen lassen. Stehen sie in Einklang mit dem Paris-Abkommen, werden sie von ihr als wissenschaftlich fundiert anerkannt.

Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften

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Welche Methode sollte ein Unternehmen bei der Festlegung eines wissenschaftlich fundierten Ziels wählen? Die Science-Based-Targets-Initiative empfiehlt hier den sogenannten Sectoral Decarbonisation Approach (SDA), um seine Ziele für die Scopes 1 und 2 festzulegen. Unternehmen sollten sich dabei nicht bloß an das Ziel halten, das am einfachsten zu erreichen ist. Vielmehr empfiehlt die SDA-Methode Unternehmen, die ambitioniertesten Dekarbonisierungsszenarien einzusetzen, die zu den frühesten und massivsten Reduzierungen führen. Das Unternehmen sollte dafür mehrere mögliche Pfade durchleuchten und das Ziel wählen, das die eigene Marktführerschaft am besten demonstriert. Die Methodenauswahl kann auch durch praktische Überlegungen beeinflusst werden, wie z. B. die Verfügbarkeit von Inputdaten für das Basisjahr und das Zieljahr. Sind absolute oder relative Klimaziele besser? Absolute Ziele – also beispielsweise eine feste Vorgabe wie Senkung von 20 Prozent CO2 im Unternehmen bis 2020 – haben den Vorteil, dass sie leicht zu kommunizieren und zu verstehen sind. Andererseits kann das dazu führen, dass man an den falschen Ecken CO2 einspart, zu sehr auf schnelle Erfolge setzt und spätestens bei Unternehmenswachstum oder Unternehmensveränderungen anfängt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Relative Ziele orientieren sich meist an intensitätsbezogenen Kennzahlen. Der Vorteil liegt somit in Flexibilität in Bezug auf Wachstumserwartungen oder veränderte Systemgrenzen. Aber Obacht: Ein relatives Ziel führt allerdings nicht zwangsläufig zu absoluten THG-Emissionsminderungen. Selbst wenn ein Produkt CO2-ärmer als der Vorgänger ist, dafür aber mehr verkauft wird, hat das Weltklima nichts gewonnen. Einschränkend heißt es dazu bei SBTi: „Unternehmen, die ökonomische Methoden zur Festlegung von Intensitätszielen verwenden möchten, können dies tun, beachten Sie aber, dass Intensitätsziele nur dann als wissenschaftlich fundiert gelten würden, wenn sie zu absoluten Reduktionen im Einklang mit der Klimawissenschaft führen oder mit einem anerkannten Sektorpfad oder einer von der Science Based Targets-Initiative genehmigten Methode (z. B. dem Sectoral Decarbonization Approach) modelliert werden.“ Ist die Science-Based-Targets-Initiative (SBTi) die einzige Methode? Nein, zahlreiche weitere Methoden sind am Markt. Auf diese soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Das Hannoveraner Beratungsunternehmen imug schreibt: „In den letzten Jahren haben sich verschiedene Initiativen verstärkt damit auseinandergesetzt, wie die Klimaziele von Unternehmen mit den politischen Vorgaben in Einklang gebracht werden können. Zu den als ‚wissenschaftsbasiert‘ bezeichneten Ansätzen zählen beispielsweise ‚The 3 % Solution‘, ‚Corporate Finance Approach to Climate-Stabilizing Targets‘, ‚Context-Based Carbon Metrics‘, ‚Greenhouse Gas Emissions per Unit of Value Added‘, ‚Britisch Telecommunications Climate Stabilization Intensity Targets‘ sowie die ‚Mars Methode‘.“

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3.4

E. Lenzen und S. Scheferling

Maßnahmen ergreifen

Was man messen kann, kann man auch steuern. Dieser bekannte Satz von Peter Drucker gilt natürlich auch bei Klimamanagement. Firmen können dazu ganz konkrete Maßnahmen ergreifen. In der Lieferkette kann Scope 3 etwa gesteuert werden durch entsprechende Einkaufsrichtlinien, Reiserichtlinien, die Auswahl alternativer Verpackungsmaterialien, Training und Qualifikation der Lieferanten. Das Unternehmen selbst kann nachhaltige Produkte und Geschäftsmodelle sowie entsprechende Produktrücknahme- und Entsorgungskonzepte entwickeln. Zudem kann es in Scope 1 Maßnahmen in den Bereichen Energieeffizienz und Flotteneffizienz oder einfach anfallendes CO2 durch Kompensation ausgleichen. Der interessanteste und häufigste Hebel ist jedoch der Bereich Scope 2: Hier kann über entsprechende Verträge bei Versorgern relativ einfach und konkret Klimaschutz betrieben werden.

3.5

Strom ist nicht gleich Strom

Seit der Deregulierung des europäischen Strommarktes gibt es eine Vielzahl an Stromanbietern und Stromprodukten. Jedes davon hat einen eigenen CO2-Fußabdruck, weshalb sich ein genauer Blick in die Vertragsmodalitäten lohnt. Wenn wir noch einmal zurückkehren zur erwähnten Berechnung der THG-Emissionen, so gibt es bei Strom zwei Faktoren, die zur Auswahl stehen: a) Länderspezifische Emissionsfaktoren (Location-based Method) Dieser basiert auf dem jeweiligen nationalen bzw. regionalen Strommix. Dieser Mix wird berechnet nach Energieträgern, die im jeweiligen Land verbraucht werden. Viel Kohle und Öl bedeuten viel CO2, viele erneuerbare Energien wenig CO2. Der Vorteil der Nutzung dieser landesweiten Angaben ist die bessere Vergleichbarkeit bei mehreren Standorten innerhalb eines Unternehmens oder der Vergleich mit Wettbewerbern. Allerdings lassen sich diese Werte in keiner Weise durch das Unternehmen steuern oder verbessern. b) Anbieterspezifische Emissionsfaktoren (Market-based Method) Hierbei werden die jeweiligen CO2-Angaben des Anbieters berechnet. Diese ergeben sich aus dem spezifischen Energiemix. Ökostrom beispielsweise ist naturgemäß CO2-­

Grundlagen für ein CO2-armes Wirtschaften

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Was ist der Residualmix eines Landes?

Der Residualmix ist der um den Handel mit Herkunftsnachweisen bereinigte Strommix eines Landes. Zwischen dem im Land produzierten und im Land verbrauchten Strom kann nämlich ein gewaltiger Unterschied liegen, wie das Beispiel Norwegen zeigt: Norwegen produziert zu 98 Prozent umweltfreundlichen Strom aus Wasserkraft. Grüner geht es nicht, sollte man meinen. Tatsächlich sind die Norweger aber auch gute Kaufleute und exportieren einen Großteil dieses Grünstroms ins europäische Ausland. Dort herrscht große Nachfrage nach nachhaltigem Strom und die Preise sind entsprechend hoch. Zum Ausgleich kauft Norwegen günstig Strom auf dem europäischen Markt zu, um die eigene Versorgung sicherzustellen. Das Ergebnis ist schockierend: Aus einem 98-Prozent-Sauberland wird eine echte Dreckschleuder: Norwegen konsumiert zu 54 Prozent Strom, der aus fossiler Verbrennung gewonnen wurde, zu 33 Prozent aus Kernenergie und nur zu 13 Prozent aus erneuerbaren Energien. Diesen Verbrauchsmix nennt man auch Residualmix.

ärmer. Daher kann ein Unternehmen durch den gezielten Anbieterwechsel und entsprechende Vertragsgestaltung seinen CO2-Verbrauch selbst steuern. Wichtig ist dabei allerdings, dass der Kunde auch die Nachweise und Zertifikate vom Stromhändler erhält. Ohne diesen Nachweis gilt die grüne Berechnung nicht und es wird dann automatisch der Landes - bzw. Residualmix zugrunde gelegt. Grünstrom ist also gut für das Klima, andererseits verschleiern solche Stromverträge durchaus den dahinterliegenden Energieverbrauch. Beispiel: Wenn man zwei Lampen anschaltet und beide mit Grünstrom betrieben werden, so liegt der Verbrauch zwar bei 0 gr CO2, aber dennoch ist der Stromverbrauch doppelt so hoch wie bei einer Lampe. Effizienzmaßnahmen können also durch Ökostrom ausgebremst werden. Machen wir eine fiktive Berechnung, um den Verbrauch nach Landesmix bzw. anbieterspezifischem Wert zu berechnen: Nehmen wir an, eine Firma hat Produktionsstandorte in Deutschland, den USA, China und Belgien. Der Verbrauch ist der Einfachheit halber überall gleich. Nach der Location-based Method würde der Stromverbrauch mit der Landeskennzahl multipliziert. Dieser ist in China hoch (hoher Kohleanteil) und in Belgien niedrig (hoher Atomstromanteil). Bei der Market-based Method lässt sich der Verbrauch fast überall positiv steuern. Ausnahme China: Hier gibt es keinen freien Strommarkt und damit keine Alternative zum Landesmix. Liegen allerdings keine Zertifikate vor, dann wird auf den Residualmix zurückgegriffen und der ist in Belgien deutlich schlechter als der Landesmix. In unserem fiktiven Beispiel lassen sich also 38 Prozent CO2 nur durch

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E. Lenzen und S. Scheferling

entsprechendes Stromvertragsmanagement einsparen. Das ist ein echter Beitrag zum Klimaschutz (Tab. 1). Und hier noch ein finaler Tipp: Schon bei der Auswahl der Datenquelle lässt sich jede Menge CO2 einsparen. So sind die Angaben des Umweltbundesamtes UBA zum nationalen regionalen Strommix traditionell strenger als die der Internationalen Energieagentur IEA. Demnach betrug etwa der deutsche Strommix in 2007 bei der UBA 608 g CO2/kWh und bei der IEA nur 504 g CO2/kWh. Dank der Energiewende sanken die Angaben in den letzten Jahren dann kontinuierlich in beiden Berechnungsmodellen: Auf 544 g CO2/kWh laut UBA und 461 g CO2/kWh laut IEA. Aufgrund der durchgehend günstigeren Zahlen der IEA wird bei den allermeisten Unternehmen in der Bilanzierung stets der IEA-­ Referenzwert genutzt. So fällt der Carbon Footprint um 15 Prozent besser aus als nach UBA-Angaben. Wer sich die eigene Performance übrigens rückwirkend schön rechnen will, der berechnet alte CO2-Werte nach UBA und wechselt dann zu den IEA-Zahlen. Zwischen 2007 und 2010 lassen sich so 25 Prozent Emissionen mit bloßem buchhalterischen Trick auf dem Papier einsparen.

Literatur Deutsches Global Compact Netzwerk (Hrsg) (2017) Einführung Klimamanagement. Schritt für Schritt zu einem effektiven Klimamanagement in Unternehmen. Berlin

Dr. phil. Elmer Lenzen  ist Gründer und Geschäftsführer der macondo publishing GmbH. Er studierte Publizistik und Politikwissenschaften an den Universitäten RU Bochum, WWU Münster und UCR San José/Costa Rica. macondo publishing ist ein führender Verlag in Deutschland für Nachhaltigkeitsthemen. Es veröffentlicht unter anderem das Magazin UmweltDialog, die Jahrbücher des Global Compact in Deutschland sowie die internationalen „Global Goals Yearbooks“ in Kooperation mit UN-Organisationen und unterstützt regelmäßig deutsche Bundes- und Landesregierungen sowie Forschungseinrichtungen in deren Nachhaltigkeitskommunikation. Zuvor arbeitete Lenzen für deutsche und Schweizer Zeitungen wie Die Woche, Handelsblatt, taz und Tages-Anzeiger (Zürich) sowie für die deutschen Nachrichtenagenturen dpa und epd. Er ist auch Vorsitzender der macondo foundation, einer gemeinnützigen Organisation zur Förderung der nachhaltigen Entwicklung, und Mitbegründer der „Sustainable Business Angels“, einem Netzwerk von engagierten CEOs, die junge Sozialunternehmer beraten. Viele Jahre lang war er auch Mitglied des Lateinamerika-Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands.

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Sonja Scheferling,  M.  A., studierte Neuere und Neueste Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft an der WWU Münster mit dem Schwerpunkt der politischen Kultur der Vereinigten Staaten. Außerdem wurde sie an der freien Journalistenschule Berlin als PR-Referentin ausgebildet. Seit einigen Jahren arbeitet sie als Redakteurin bei der macondo publishing GmbH und betreut dort insbesondere den CSR-Nachrichtendienst UmweltDialog. Dabei beschäftigt sie sich vor allem mit CSR-spezifischen Themen wie Klima- und Wassermanagement oder der sozial- und umweltkonformen Gestaltung von Lieferketten.

Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel David Nelles, Christian Serrer und Alexandra Hildebrandt

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Interview mit David Nelles und Christian Serrer

Herr Nelles, woher kommt Ihr anpackendes Engagement für den Klimaschutz? Nelles: Nach dem Abitur bin ich mit einem Klassenkameraden für sechs Monate nach Kanada gereist. In dieser Zeit haben wir auf kleinen, ökologischen Farmen gearbeitet. Dabei waren wir täglich mit Umweltproblemen wie dem Einsatz von Pestiziden, Arten­ sterben, Plastikverschmutzung, Abholzung von Wäldern oder dem Klimawandel konfrontiert. Nach diesen Erfahrungen war mir klar, dass ich mich aktiv für den Umwelt- und Klimaschutz einsetzen werde. Herr Serrer, und wo liegen die Wurzeln Ihres Engagements? Serrer: Ich habe mich schon immer sehr für neue Technologien und Wege interessiert, die den Zustand unserer Umwelt verbessern bzw. erhalten können. Deshalb habe ich beispielsweise in der Schule die Chemie- und Physikleistungskurse besucht. Wie entstand die Idee zu Ihrem Buch Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel (Nelles und Serrer 2018)? Serrer: Beim Mittagessen in der Mensa unserer Uni hatten wir über den Klimawandel diskutiert. Ehrlich gesagt haben wir dabei schnell festgestellt, dass wir zwar eine grobe Ahnung hatten, aber auf viele konkrete Fragen keine Antwort geben konnten: Wie groß ist der Anteil des Menschen an der globalen Erwärmung? Treten Stürme und Überschwemmungen bereits heute häufiger auf? Müssen wir jedes Jahr Ernteausfälle befürchten und D. Nelles · C. Serrer Zeppelin Universität, Friedrichshafen, Deutschland E-Mail: [email protected]; [email protected] A. Hildebrandt (*) Freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin, Burgthann bei Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_4

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D. Nelles et al.

welchen Einfluss hat der Klimawandel auf unsere Gesundheit? Um diese Fragen zu ­beantworten, hatten wir aber keine Lust, dicke Fachbücher zu lesen. Stattdessen haben wir ein Buch gesucht, das das A und O des Klimawandels mit kurzen Sätzen und vielen anschaulichen Grafiken leicht verständlich auf den Punkt bringt. Unsere Suche endete jedoch erfolglos und so haben wir uns kurzerhand entschieden dieses Buch selbst zu schreiben. Nach der fixen Idee beim Mittagessen, was war der erste Schritt auf dem Weg hin zu Ihrem ersten Buch? Nelles: Zu Beginn stand natürlich eine ziemlich umfangreiche Recherchearbeit. Angefangen bei den Berichten des Weltklimarates über die dicken Fachbücher bis hin zu unzähligen wissenschaftlichen Publikationen haben wir alles gelesen, was uns an wissenschaftlicher Literatur in die Hände gefallen ist. War das nicht besonders kompliziert, so viele wissenschaftliche Publikationen als Laie zu wälzen? Nelles: Besonders am Anfang mussten wir uns ziemlich reinhängen, aber sich als Laie dem Thema anzunehmen, ist auch ein riesiger Vorteil. Denn wir konnten ganz befreit an das Thema herangehen und uns die Frage stellen, was uns interessiert und was wir als Laien wissen müssen, um das gesamte Problem Klimawandel zu verstehen. Aber auch wenn wir ausschließlich wissenschaftliche Literatur gelesen haben, konnten wir logischerweise nicht ausschließen, dass wir etwas falsch verstehen und dass sich Fehler in unsere Texte einschleichen. Erfreulicherweise konnten wir aber über 100 Wissenschaftler für unser Buchprojekt begeistern, die uns während der gesamten Zeit mit wertvollen Anregungen und Tipps zu unseren Texten unterstützt haben. In welchem Rahmen haben Sie die Fachgespräche für das Buch geführt? Serrer: Nachdem wir die Wissenschaftler per E-Mail kontaktiert hatten, haben wir ihnen meist in einem Skype-Gespräch unser Projekt vorgestellt und sie versucht dafür zu begeistern. Als es dann an die tatsächliche Kontrolle der Texte ging, waren gerade bei einer solchen Menge an Input und Anregungen E-Mails das erste Mittel der Wahl. Darauf folgten nicht selten längere Telefonate bei Unklarheiten oder um einfach ausführlich über Themen diskutieren zu können. Das ein oder andere Mal haben wir uns auch persönlich mit den Wissenschaftlern zur Überarbeitung und Kontrolle unserer Texte getroffen. Wie kam es dazu, dass Sie sogar Ihren eigenen Verlag gegründet haben? Nelles: Unser Ziel war es von Anfang an, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Uns als Studenten war daher klar, dass sich jeder unser Buch leisten können muss und es nicht mehr kosten darf als eine Pizza. Da hätte kein klassischer Verlag mitgemacht und so haben wir kurzerhand beschlossen unseren eigenen zu gründen. Denn nur weil wir Aufgaben wie Finanzierung, Lektorat, Marketing, Vertrieb und Druck selbst organisiert haben, konnten wir einen Buchpreis von 5 € ermöglichen. Sie sind mit einer Erstauflage von 100.000 Exemplaren gestartet, haben drei Grafiker beschäftigt usw. Wie haben Sie es geschafft, Ihr Vorhaben zu finanzieren? Serrer: Als Studenten hätten wir ein Projekt solchen Umfangs niemals allein stemmen können und waren natürlich auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Die fanden wir – anders als noch anfangs vermutet – in der Privatwirtschaft. Wir konnten die Elektrizitäts-

Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel

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werke Schönau, Munich Re und einige weitere Unternehmen und Institutionen für unser Vorhaben begeistern. Sie haben einige Bücher vorbestellt, die sie an ihre Mitarbeiter verschenkt haben und uns so unterstützen, noch mehr Menschen für den Klimaschutz zu begeistern. Ohne die Unternehmen, die den Mut hatten, uns schon in der frühen Phase unseres Projektes zu unterstützen, hätten wir das niemals geschafft. Weshalb setzen Sie in Ihrem Buch vor allem auf die Sprache der Bilder? Serrer: Wir haben darauf verzichtet, lange Texte zu schreiben, und haben stattdessen komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse auf den Punkt gebracht. Doch das reicht meist nicht aus, um ein abstraktes und vermeintlich trockenes Thema wie die globale Erwärmung greifbar zu machen. Genau das schaffen wir mit den Grafiken: Durch sie lassen sich die Inhalte noch leichter verstehen – vor allem macht es durch die Illustrationen aber auch richtig Spaß, das Buch zu lesen und durchzublättern. Damit erreichen wir sogar Menschen, die sich eigentlich nicht mit dem Thema Klimawandel befassen wollen. Denn Bilderbücher haben wir zumindest in unserer Kindheit wohl alle gern gelesen. Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben? Nelles: Auf der einen Seite ist unser Buch so kompakt, anschaulich und leicht verständlich, dass jeder Laie in kurzer Zeit und ohne großen Aufwand versteht, was wirklich Sache ist. Gleichzeitig ist so umfangreich und wissenschaftlich fundiert, dass sich auch Studenten und Wissenschaftler einen guten Überblick verschaffen und Dinge nachschlagen können. Wir möchten damit so viele Menschen wie möglich erreichen und sie motivieren, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Inwiefern trägt das Buch dazu bei, zwischen wissenschaftlich belegten Argumenten und Fehlinformationen unterscheiden zu können? Nelles: Die meisten sogenannten Klimaskeptiker verwenden Argumente, die für ein Laienpublikum schlüssig klingen. So waren auch wir zu Beginn unserer Recherche verunsichert, wenn wir gelesen haben, dass die Temperaturen seit 15 Jahren angeblich nicht mehr steigen und es deshalb keinen Klimawandel geben soll oder aber dass die CO2-­ Konzentration in der Atmosphäre mit 0,04 % viel zu niedrig sei, um einen Einfluss auf das Klima zu haben. Diese irreführenden Aussagen lassen sich mit etwas Hintergrundwissen leicht widerlegen. Genau dieses notwendige Wissen möchten wir mit unserem Buch verständlich, kompakt und anschaulich vermitteln. Um sicherzustellen, dass wir dabei nur fundierte Argumente anführen, berufen wir uns auf wissenschaftliche Literatur und haben jeden Text durchschnittlich von neun Wissenschaftlern überprüfen lassen. Warum braucht es Ihr Buch? Serrer: Wir haben erkannt, dass die Öffentlichkeit – noch vor einiger Zeit uns eingeschlossen  – viel zu wenig über den Klimawandel informiert ist. Erst als wir unzählige Forschungsberichte gelesen und viele Gespräche mit Wissenschaftlern geführt hatten, wurde uns die Ernsthaftigkeit der Thematik richtig bewusst und uns war klar: Wir müssen selbst anpacken und in unserem Alltag und auch im Beruf etwas dagegen tun. Wir können aber nicht darauf warten, dass 80 Millionen Menschen in Deutschland oder sieben Milliarden Menschen auf der Welt, die Zeit und Lust haben, sich genau wie wir für ein halbes Jahr einzusperren und wissenschaftliche Literatur zu wälzen. Deshalb haben wir in

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D. Nelles et al.

­ nserem Buch die Informationen verständlich zusammengefasst, die uns zum Handeln u gebracht haben, und hoffen damit noch mehr Menschen zu motivieren, sich für den Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen. Weshalb ist das Thema Klimawandel so schwer zu vermitteln? Nelles: Das Hauptproblem des Klimawandels ist, dass wir ihn nicht sehen können. Denn die Folgen des Klimawandels nehmen wir in unserem Alltag  – im Gegensatz zu vielen anderen Umweltproblemen – nicht wahr, da wir davon nicht regelmäßig, akut und ganz persönlich betroffen sind. Das heißt, jeder, der morgens aus dem Haus geht und an den Straßenrand schaut, sieht dort Müll liegen oder kennt Bilder von verwesten Vögeln, deren Mägen mit Plastik gefüllt waren. Die Problematik ist offensichtlich. Der Klimawandel schreitet aber scheinbar schleichend voran. Kein Mensch spürt beispielsweise, dass die weltweite Temperatur oder der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre immer weiter angestiegen ist oder dass sich Klima- und Vegetationszonen verschieben. Denn diese Veränderungen geschehen über Jahrzehnte und sind damit viel zu langsam, um sie im Alltag ernsthaft wahrzunehmen. Dasselbe Problem haben wir übrigens auch beim Klimaschutz. Was heißt das konkret? Nelles: Wir erhalten vom Klima keine Rückmeldung, ob wir uns nun klimafreundlich oder klimaschädlich verhalten. Zum einen sind die Treibhausgase, die wir ausstoßen, unsichtbar und die damit verbundenen Folgen treten nicht sofort auf. Entsorgt man seinen Müll im Wald, erkennt man sofort die Umweltverschmutzung. Fliegt man aber einmal um den Globus und stößt dadurch Tonnen von CO2 aus, werden Stürme und Überschwemmungen nicht schon am nächsten Tag zunehmen. Das liegt vor allem daran, dass das Klima träge ist. Das heißt, es reagiert nur verzögert auf den Anstieg der Mengen an Treibhausgasen in der Atmosphäre und daher haben wir es mit sehr langfristigen Entwicklungen zu tun. Genauso ist es, wenn wir versuchen das Klima zu schützen. Schaffen wir es heute, unsere Treibhausgasemissionen enorm zu reduzieren, wird der Klimawandel nicht sofort gestoppt. Heben wir stattdessen beim Joggen ab und zu Müll auf, ist die Straße sofort wieder sauber. Ist es nicht die Aufgabe von Medien, eben genau diese Zusammenhänge klar zu machen? Serrer: Auf jeden Fall! Aber auch hier hat der Klimawandel wieder ein Problem. Für den Großteil der Medien sind hauptsächlich Neuigkeiten und Überraschungen interessant. Schleichende Veränderungen wie der Klimawandel passen da eher nicht ins Bild. Erst ein Dürresommer, Hitzetote oder extreme Starkregenereignisse setzen das Thema auf die Agenda. Außerdem wurde die globale Erwärmung in der öffentlichen Debatte immer als Phänomen behandelt, das uns in Deutschland und in Europa erst in der Zukunft betreffen wird. Dazu kommt, dass die Thematik in der Vergangenheit oft auf den Eisbären und den Meeresspiegel reduziert wurde. So hart es auch klingt, im täglichen Leben interessiert es aber fast niemanden, ob ein Tier ausstirbt, dass kaum jemand in echt sehen wird, oder wenn am anderen Ende der Welt Inseln untergehen. Erst wegen der persönlichen Betroffenheit durch den Dürresommer im Jahr 2018 und dank den Demonstrationen von Fridays for Future dominierte das Thema die Diskussion in den Medien.

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Jetzt haben Sie es schon angesprochen. Was halten Sie von der Bewegung Fridays for Future? Nelles: Ganz wichtig! Wie wir auch am Ende unseres Buches skizzieren, braucht es den Druck und auch die Unterstützung von der Bevölkerung, damit sich die Politik bewegt – egal in welchen Bereichen. Die Ergebnisse der Europawahl 2019 haben klar gezeigt, dass die Bewegung Fridays for Future ihr Ziel erreicht hat: die Europawahl zu Klimawahlen zu machen. Klimaschutz war eines der entscheidenden oder das entscheidende Thema in West- und Mitteleuropa. Fridays for Future setzt die Politik massiv unter Druck, sensibilisiert die Bevölkerung und schafft damit eine sichtbare Mehrheit für mehr Klimaschutz – eine historische Chance! Wo und wie engagieren Sie sich persönlich für den Klimaschutz? Nelles: Es gibt nichts Einfacheres, als bei sich selbst anzufangen. Deshalb sind wir, wann immer es möglich ist, mit dem Fahrrad und der Bahn unterwegs, wir ernähren uns mittlerweile hauptsächlich vegetarisch und wir beziehen Ökostrom. Außerdem kaufen wir weniger und möglichst langlebige Produkte und wenn wir Urlaub machen, verzichten wir auf Flüge und Kreuzfahrten. Besonders wichtig ist es uns zu betonen, dass es nicht darum geht, ab sofort 100 % umweltfreundlich zu leben – auch wenn das natürlich für das Klima super wäre. Es geht aber vor allem darum, irgendwo anzufangen! Jeder sollte sich bewusst machen, dass man es selbst in der Hand hat, seinen eigenen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Schritt für Schritt kann jeder ausprobieren, wie er selbst am effektivsten und einfachsten Emissionen vermeiden kann. Manche Dinge fallen leichter, andere wiederum schwerer. Wir denken, dass man das Ganze spielerisch angehen muss. Serrer: Dieser Ansatz klingt vielleicht angesichts der Bedeutung des Klimawandels verharmlosend, aber wir sind davon überzeugt, dass man damit am einfachsten die vielen Möglichkeiten richtig kennenlernt. Mal probiert man sich eine Woche vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren, das Auto für ein paar Tage oder einen Monat stehen zu lassen und öfters zu Fuß zu gehen oder mit der Bahn zu fahren. Dann versucht man mal zwei Wochen nur saisonale Lebensmittel zu kaufen und der nächste Urlaub geht vielleicht nicht nach Übersee, sondern an die Nordsee. Dadurch kann jeder spielerisch seinen ganz eigenen Weg finden. Hauptsache ist, man fängt irgendwo an. Welche Projekte beschäftigen Sie in der nächsten Zeit? Nelles: Während unserer Recherche haben wir uns hauptsächlich mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels beschäftigt. Denn wir sind der Meinung, dass man ein Problem erst einmal verstehen muss, bevor man es angeht bzw. überhaupt erst richtig angehen kann. Das haben wir nun erreicht und deshalb fokussieren wir uns zurzeit auf die möglichen Lösungsansätze. Ob daraus wieder ein Buch wird oder ob wir über einen anderen Weg dieses Wissen verbreiten werden, steht aber nicht fest. Schon vor dem Studium hatten Sie beide großes Interesse am Thema Umweltschutz. Warum haben Sie sich für ein Studium der Wirtschaftswissenschaften entschieden? Serrer: Um es kurz zusammenzufassen: Wer etwas in dieser Welt verändern will, sollte verstehen, wie sie funktioniert, und dafür ist der von uns gewählte interdisziplinäre

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­ tudiengang der Wirtschaftswissenschaften sehr gut geeignet. Denn ein interdisziplinäres S wirtschaftswissenschaftliches Verständnis, angefangen von rechtlichen Grundlagen über politische Prozesse bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen, öffnet den Blick und schafft ein Verständnis – oftmals auch ein Unverständnis – für getroffene Entscheidungen in dieser Welt. Wie soll es bei Ihnen nach dem Studium weitergehen? Nelles: Das Thema Klimaschutz ist für uns beide zum absoluten Herzensanliegen geworden. Deshalb werden wir auf jeden Fall daran arbeiten, die globale Erwärmung so weit wie möglich zu begrenzen. Wie genau das aussehen wird, steht aber noch nicht fest. Daran mitzuwirken, politische Rahmenbedingungen zu verändern, das Umweltbewusstsein in der Öffentlichkeit weiter zu schärfen oder umweltfreundlichen Technologien zum Durchbruch zu verhelfen, sind nur ein paar von vielen Möglichkeiten, die wir uns gut vorstellen können. Sie halten auch regelmäßig Vorträge über die Erkenntnisse, die Sie in Ihrem Buch zusammengetragen haben … Serrer: Genau. Mittlerweile sind wir in ganz Deutschland unterwegs und halten Vorträge in Buchhandlungen, an Schulen, bei Preisverleihungen, bei Konferenzen, bei Parteien, bei Unternehmen und bei vielen weiteren unterschiedlichen Organisationen. Einmal waren wir sogar schon bei der Europäischen Zentralbank. Es macht uns einfach unglaublich viel Freude, so vielen Menschen unser Wissen weitergeben zu dürfen und sie zu motivieren, sich ebenfalls aktiv für den Klimaschutz einzusetzen. Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Literatur Nelles D, Serrer C (2018) Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel. Friedrichshafen

David Nelles,  Jahrgang 1996, ist in Koblenz geboren und aufgewachsen in Brieden – einem kleinen Dorf in der Eifel/Mosel-Region. Nach dem Abitur, das er 2015 am Martin-­von-­Cochem-Gymnasium in Cochem machte, verbrachte er ein halbes Jahr in Kanada. Dort arbeitete er auf einigen kleinen, ökologischen Farmen und war täglich mit Umweltproblemen wie dem Einsatz von Pestiziden, Arten­ sterben, Plastikverschmutzung, Abholzung von Wäldern oder dem Klimawandel konfrontiert. Nach diesen Erfahrungen stand für ihn fest, dass er sich aktiv für den Umwelt- und Klimaschutz einsetzen wird. Seit 2016 studiert er „Corporate Management & Economics“ an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Kleine Gase – Große Wirkung: Der Klimawandel

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Christian Serrer,  Jahrgang 1996, ist in Offenburg geboren und aufgewachsen in Oberharmersbach im Schwarzwald. 2015 legte er sein Abitur auf dem Marta-Schanzenbach-Gymnasium in Gengenbach ab. Für neue Technologien und Wege, die den Zustand unserer Umwelt verbessern bzw. erhalten können, hat er sich schon immer interessiert. Seit 2016 studiert er „Corporate Management & Economics“ an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und ist Stipendiat der Stiftung der deutschen Wirtschaft.

Teil II Klimawandel der Generationen

Der grüne Krieger. Einführung in die Nachhaltigkeit Robert Scheib

1

The story of my life

1.1

Kindheit ohne die Mär der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist „the story of my life“ und wird mit fortschreitendem innerlichen Erwachsenwerden zunehmend relevanter in meinem Leben. Meine Kindheit und wie ich die Welt sah und sehe, wurden sehr stark durch meinen Großvater geprägt, der 1909 als Bauernjunge in der Eifel geboren wurde und dort aufwuchs. Zur Schule ging man 6 km, die Herbstferien waren Erntearbeit. Er, später zunächst Schuhmacher und nach dem Krieg Stuckateur, verbrachte mit mir, dem Enkelsohn, viel Zeit in der Natur und den Wäldern der Eifel und auf dem dortigen Hof der Schwester. Ich wurde nachts aus dem Bett geholt, wenn das Kälbchen auf die Welt kam, erfuhr hautnah, dass die Katze die die Vögel aus dem Nest holte und Mäuse auf dem Hof jagte, nicht das süße Schmusekätzchen war, nach dem sie aussah, ich sah, wie dem Huhn der Kopf abgeschlagen wurde und es danach gerupft wurde, ich trank frische Milch von der Kuh und versuchte mich auch im Melken, sammelte die Eier im Stall ein, aß riesige Brotschnitten mit selbst eingemachter Marmelade. Auf der Wiese fingen wir mit den anderen Kindern Grashüpfer, die wir in Gläsern beobachteten und schließlich wieder freiließen  – gemäß dem Grundsatz: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Oder wir sprangen von Heuballen zu Heuballen in der Scheune und auf dem Feld. Smartphones gab es nicht, die Sonne war unsere Uhr, das Wetter und die Natur unser Spielplatz. Helikoptereltern hätten keine Chance gehabt, sobald wir erst einmal aus dem Hause raus und außerhalb Blickweite der Erwachsenen waren. Die Bäume, auf die wir kletterten, hatten keine gepolsterten Matten unter ihren Ästen. „Mach keinen Unfug, gell? Nee, klar, ne.“ „Siehste“ und „isso“, hab ich R. Scheib (*) Langenfeld/Rheinland, Deutschland © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_5

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R. Scheib

häufig genug hinterher vom Opa, der Oma oder Tante gehört, wenn wir wieder etwas angestellt hatten. Dennoch: Schlimme Unfälle gab es so gut wie keine – außer ein paar blaue Flecken, wenn wir wieder mal nicht darauf geachtet hatten, dass Bäumeraufklettern auch das Festhalten beinhaltete. Bio und Nachhaltigkeit existierten nicht in meinem Wortschatz, denn sie waren allgegenwärtige Realität in meiner kindlichen und der erwachsenen Welt meines Großvaters. Noch heute stehe ich als Erwachsener manchmal gedankenverloren vor dem restlichen Teil des Moltke-Denkmals „Schmied mit Knabe“ in Düsseldorf, auf dem der Schmied (wie mein Großvater) den Knaben im Arm hält und ihm große Geschichten erzählt, während der Knabe gespannt lauscht. Ich liebe dieses Bildnis, denn so war das Verhältnis zwischen mir und meinem Großvater (Abb. 1). Wir zogen auf Wanderungen durch die Wälder, ich in meiner Lederhose, beide den Wanderstab in der Hand und er erklärte mir die Welt, gab sein Wissen weiter und die Regeln der Natur. Da schlängelte sich eine gefährliche Giftschlange über den Weg, auf dem wir liefen, die er dann nach ausführlicher Erklärung als harmlose Ringelnatter oder Blindschleiche enttarnte. Die Natur erleben war Abenteuer pur, ob ich leicht schmerzlich erfuhr, wie man eine Brennnessel richtig anfasst, ohne sich daran zu verbrennen, oder wie man die Himmelsrichtungen im Wald bestimmen kann und wieder nach Hause findet, wenn man sich verlaufen hat, oder was man essen kann und was nicht. Lebensweisheiten basierend auf Beobachtungen und Erfahrungen, weitergegeben von Generation zu Generation gehörten immer zu unseren Ausflügen. Ich liebte die einfachen Mahlzeiten und das Fokussieren auf die Notwendigkeiten, deren man habhaft sein sollte, wenn man sich in der Natur bewegt. Ein kleines Taschenmesser zum Schnitzen, ein Vergrößerungsglas und die Welt des Mikrokosmos waren „mein“. Wir waren ein untrennbares Team. Er der Lehrer, ich der gelehrige Schüler. Vieles davon nahm ich mit in mein späteres Leben, einiges habe ich vergessen. Materielles spielte dabei und auch heute noch immer nur eine geringe Rolle. Mäßigung statt Überfluss, Funktion statt Schein, sich auf die eigenen Fähigkeiten und Gaben verlassen, sich an den kleinen und einfachen Dingen erfreuen, zu verweilen, wenn Gott einem in der Natur ein Geschenk bietet, und die vielen kleinen Glücksmomente in Abb. 1  Robert Scheib als Kind mit seinem Großvater. (Eigene Darstellung)

Der grüne Krieger. Einführung in die Nachhaltigkeit

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eine grundlegende Zufriedenheit und vor allen Dingen Sicherheit und Urvertrauen zu wandeln. „Wir können das und wir schaffen das – und alles wird gut.“ Das war immer die Grundhaltung meines Großvaters. Das ist auch bis heute stets meine innere Haltung geblieben – auch in der aktuellen Klimawandeldebatte und der Pandemie-Bewältigung.

1.2

Innerliches Erwachsenwerden

Im späteren Verlauf und im Prozess des Erwachsenwerdens traten die erlernten Dinge um die Nachhaltigkeit ungewollt und schleichend in den Hintergrund. Aufgewachsen in einem kleinstädtischen Milieu im Einzugsgebiet der Metropolen Düsseldorf und Köln hatten Natur und Nachhaltigkeit in Zeiten grenzenlosen Wachstums, obwohl der Club of Rome bereits seine Warnung in Limits to Growth ausgerufen hatte, nur begrenzten Einfluss. Kritisches Hinterfragen unseres Konsums war allein aufgrund begrenzter finanzieller Möglichkeiten und dadurch gesetzter natürlicher Konsumgrenzen selten. Die Welt war grenzenlos, autofreie Sonntage waren mehr eventartig als wirklich angsteinflößende Vorzeichen einer möglichen Energie- oder Ressourcenapokalypse. Alles war konsumorientiert. Erste Umweltbewegungen wurden sichtbar, Schüler nannten sich Ökos, deren Eltern aus einem intellektuelleren Elternhaus als dem Arbeiterdasein meiner Eltern entstammten. So verging die Zeit und Jobs und Karriere, Familie wechselten bis hin zu den ersten Hinterfragungen von wirtschaftlichen Einflüssen auf die Umwelt und neuen technischen Möglichkeiten, um umweltschädigende Einflüsse von Produkten zu reduzieren. Ohne Hektik, Panik. Alles nach Plan. Greenwashing kam und ging. Heute ist Greenwashing fast zu einem Must Do geworden. Kaum ein Unternehmen, dass nicht nachhaltig agiert oder nachhaltige Produkte anbietet. Kompensationsengagement gar nicht zu erwähnen. Und dennoch scheinen wir erstmals, nicht zuletzt durch eine junge und fordernde Generation, mit allem Recht darauf hingewiesen, zu erkennen, wie weit wir von Nachhaltigkeit entfernt sind und wie wir der unumkehrbaren immer gravierenderen Zerstörung unseres Planeten näherkommen.

1.3

Der grüne Krieger und Held

Die Anzahl der Menschen, die ein fehlgeleitetes Konsum- und Umweltverhalten erkennen, wird größer, die Anzahl der Ignoranten und Unwissenden aber auch. Anlass genug, basierend auf meinen langjährigen beruflichen Erfahrungen und denen meiner Jugend, eine Betrachtung der Gesamtthematik vorzunehmen. „Alles hängt mit allem zusammen“, war schon eine der zentralen Aussagen von Alexander von Humboldt, des großen deutschen Naturforschers. Einführungen in die Nachhaltigkeit sind deshalb auch rund um die Themen Klimawandel, Naturverlust, Umweltverschmutzung und Biodiversität zu sehen. Nahezu alles scheint sich mit allem zu verbinden. Unsere Erde fordert immer dringlichere Antworten auf lange verdrängte Fragen, wie wir und folgende Generationen in einer nicht

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mehr allzu fernen Zukunft leben wollen. Mutig, visionär, alternativ, offen für Neues und Altbewährtes erhaltend. Daher ist es so notwendig, sich als Individuum ein persönliches 360°-Playbook rund um Achtsamkeit und nachhaltige Sichtweise zu erarbeiten. Als Einstieg zum Ausstieg und der Kampf um Planet A, den schönsten Ort im Universum, der noch lange nicht als verloren gelten sollte. Das Wort Held leitet sich ab vom altgermanischen Wort Halil oder Halub und bedeutet so viel wie Krieger. Wir benötigen friedliche Krieger, Umwelthelden, die sich den Naturbedürfnissen und umweltrelevanten Diskussionen zielstrebig stellen und die die Möglichkeit zu konkretem Handeln nutzen. Die Herausforderungen steigender Weltbevölkerung über Wasserengpässe und Smart Cities, Energieversorgung und Mobilität der Zukunft bis hin zur Digitalisierung und zu individuellem und gemeinschaftlichem Glücksempfinden einer transformierten Lebensführung von Wellness hin zu Selfness fordern Lösungen und Rückbesinnungen auf Ursprünge des Seins. Zentrale Fragestellung ist, wie wir dahin gelangen können, sinnlosen Konsum und Glück in einem Piece of Mind voneinander zu entkoppeln. Wir benötigen einfache Antworten, verständlich an vielfältige Gruppierungen von Jung bis Alt gerichtet, um in dem verwirrenden Klimawandel-News-Stream einen zusammenhängenden Überblick zu erlangen, mit dem man eine eigene Haltung und Verhalten in Sachen Nachhaltigkeit entwickeln kann. Reine Fakten und Zahlenwerke, die sich im aktuellen Lobbyistengeschehen täglich auftun, widersprechen und überbieten sich gegenseitig, sodass sie schnell zur Hyper- oder Überkommunikation führen und spaltend statt zielführend sind. Dabei benötigen wir weniger eine absolute Verbotskultur als mehr ein tieferes Verständnis, Erkenntnis und Schulung in Achtsamkeit, um dem Menschen einen schrittweisen Einstieg in die Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Praktisch gesprochen kann ich von jemandem, der gewohnt ist, seine Brötchen mit dem Auto vom Bäcker zu holen, nicht von heute auf morgen erwarten, mit dem Fahrrad früh morgens 20 km zur Arbeit zu fahren, nur weil abstrakt in wissenschaftlichen Betrachtungen der Weltuntergang verkündet wird. Womöglich noch im Winter in strömendem Regen, mit Gegenwind und bei Temperaturen leicht über null. „Every day is a new day“ und das Prinzip der kleinen Schritte zu verfolgen, was unsere Politiker über Jahre vernachlässigt haben, ist der beste und sich selbst verstärkende Ansatz verbunden mit einer frühkindlichen Bewusstseinsbildung und Anleitung durch verantwortliche Erwachsene. Nicht zu Unrecht fordern Jugendliche nun von Politikern, deren eigene Lebensspanne auf diesem Planeten vielleicht nur noch 10 bis 20 Jahre sein wird, unseren Planeten in einem gesunden Zustand übergeben zu bekommen. Junge Menschen wie die in der Graswurzelbewegung von Fridays-for-Future-Aktivisten haben noch 65 bis 70 Jahre vor sich und somit ein Anrecht darauf, dass Erwachsene und alte Menschen ihnen unseren Heimatort Erde ein bisschen besser hinterlassen, als sie ihn selber betreten haben. Machbar ist das! Ein zentraler Ansatzpunkt, die klimaschädlichen Einflüsse zurückzudrängen, ist eine zwingend erforderliche Eindämmung der Globalisierung, im industriellen als auch privaten Bereich. Der Kosmopolit ist nicht mehr länger der erstrebenswerteste Erdbe­

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wohnerlebensstil. Kartoffeln aus Ägypten oder Israel müssten in Deutschland nicht verkauft werden. Minderwertige Waren, die wir auf jedem Flohmarkt als Original- oder Me-too-Produkt aus dem asiatischen Raum erhalten, müssen qualitativen Ansprüchen genügen, ansonsten haben sie ihre Existenzberechtigung verloren. „Müll von Anfang an“ können wir uns nicht mehr länger leisten. Mehrkosten für lokale Produktion könnten wir in vielen Fällen verkraften. Warum muss ich in den USA in einem original Merchandise Shop eine „New York Yankees Cap“ für 20 Dollar kaufen, die in China produziert wurde? Wäre diese wirklich teurer, wenn die wieder in den USA produziert werden würde? Und wenn schon. Ich trage solch ein Cap nun seit mehr als 10 Jahren, 5 Dollar mehr hätten keinen Unterschied gemacht. Das kann und müssen Regierungen und Gesetzgeber beeinflussen und die entsprechenden Rahmenbedingungen setzen. Dies liegt aber auch in der Verantwortung jedes einzelnen Konsumenten. Alte Handwerkskünste wie das Klingenhandwerk sollten eine Renaissance erleben. Das Solinger-Küchenmesser der Oma kann über Jahrzehnte nachgeschliffen werden, ohne seine Funktionsfähigkeit zu verlieren, während das günstige Brotmesser aus Asien gerade einmal den Weg nach Hause schafft, bevor es anfängt zu rosten oder unschleifbar im Abfall landet, wenn nicht zuvor bereits der Plastikgriff abgebrochen ist. Unternehmen müssen sich ihre Existenzberechtigung und ihre Position über Authentizität, lokale Produktion und Qualität zurückerobern, der Verbraucher sollte geschult werden und das auch honorieren. Das ist eine seiner Konsumentenpflichten. Wir beschweren uns, dass der Einzelhandel schließt, tragen jedoch selbst durch unsere Internetkäufe dazu bei. Die Marke muss ihre verlorene Existenz als Qualitätsgarant zurückerlangen, statt als schmückendes Anhängsel für die Selbstdarstellung auf Instagram zu dienen. Wenn ich meinen „Meindl Wanderschuh“ und meine „Pfanner Waldarbeitshose“ auf Naturwanderungen anziehe, dann ist die Marke Garant für deren Funktion. Das sieht von außen niemand. Aber das Wissen um die Qualität gibt mir die Sicherheit. Und erstaunlicherweise kommen viele dieser einmaligen, hochqualitativen Lösungen aus dem Mittelstand. Der Staat muss solche nachhaltigen Produkte und Unternehmen stärker unterstützen. Konsequent muss auch europaweit und global gegen eine viel zu lange lasch gehandhabte Markenpiraterie vorgegangen werden. Wer kennt nicht die im Süden oftmals angebotenen Markentaschen, -uhren, -schmuck? Wir kommen nicht umhin Globalisierung völlig neu zu überdenken. Diese scheinbar einleuchtenden Themen traut sich derzeit kein Politiker in den umweltrelevanten Diskussionen anzufassen. „Kauft Kartoffeln aus Deutschland nicht vom anderen Ende der Welt!“ Einfach und verständlich. Der Handel kann hierbei durch ein geschicktes Nachhaltigkeitsmanagement und Preisgestaltung das Handeln der Konsumenten positiv beeinflussen. Er sollte seine Marktmacht ebenso nutzen. Der Verbraucher war sich in den 1980er-Jahren stärker bewusst, dass er noch immer das stärkste Nachfrageglied in der Kette ist. Wann erfolgen heute noch wirkliche Boykotte? Nachhaltiges Einkaufen kann dabei in jeder sozialen Schicht installiert werden, wenn auch in unterschiedlichen Segmenten und Abstufungen. Ehrliches Nachhaltigkeitsmanagement heißt zunächst einmal, den festen Willen zu installieren zu handeln und Missbrauch eines „Billiger-und-nur-begrenzt-Haltbar“ und Greenwashing zu unter-

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binden. Nachhaltigkeitsberichte bekommen eine zunehmende Bedeutung, insofern ihre Erstellung der Authentizität unterliegt und nicht zum reinen Schmuckwerk der Marketing­ abteilung degradiert wird. Wenn ein kommuniziertes Nachhaltigkeitselement durch ein anderes schädigendes Element ausgehebelt wird, ist das nichts anderes als eine der vielen Arten von Greenwashing. Wir laufen derzeit Gefahr, durch die Unausgewogenheit der geplanten Klimamaßnahmen und unterschiedlichen Belastungen von Arm und Reich soziale Ungerechtigkeit herbeizuführen. Die lokale CO2-Steuer, im Extrem mit einer Summe von 60 Euro pro Tonne CO2 gefordert, würde dieses mit einem pauschalierten Aufschlag wesentlich stärker fördern als der effizient und hoffentlich endlich konsequent durchgeführte Emissionshandel ohne kostenlose Emissionszertifikatevergabe. Auch Außerkraftsetzungen für Teilbereiche wie im Flugverkehr sind für eines der klimaschädlichsten Verkehrsmittel keine Option mehr. Die Auslöser der Gelbwestenbewegung in Frankreich und deren katastrophale Gewalt­ inszenierung sind den meisten wohl noch bekannt. Wenn die Masse erst einmal losgelassen, ist das Innehalten schwerlich zu bewerkstelligen. Insbesondere wenn es sich um Graswurzelbewegungen handelt, die an sich keine Führungspersönlichkeiten oder festen Ordnungsstrukturen besitzen, wird es schwierig, bei der Eskalation einen Vertreter für Verhandlungen zu finden. Begleitend zu einem Emissionshandel, der wirklich an der Verursacherquelle ansetzt und den Markt den Preis weitestgehend regeln lässt, kommen wir um Verbote nicht gänzlich herum, die den Menschen gleichzeitig Anreize alternativen Handelns zeigen. So ist es mehr als einseitig, die Dieselfahrer mit einem Einfahrverbot in Innenstädte zu belegen, während der 15-Liter-Sportwagen weiterhin ungehindert in der Innenstadt sein Show­ posing fortsetzt. Dort sind Kommunen, Gesetzgeber und Industrievertreter gleichermaßen gefragt und nicht zuletzt der Konsument. Eine generell autofreie Innenstadt kombiniert mit einem Bürgerticket des ÖPNV würde alle Menschen, unabhängig ihres Einkommens oder Vermögens, im positiven wie negativen Sinne betreffen. Alle oder keiner. Klimaschutz darf nicht zu sozialer Abgrenzung werden. Fliegen und Autofahren darf nicht wieder zum Privileg der Reichen werden und Umweltengagement nicht mit dem Learjet zur Schau getragen werden. Generationenkonflikte dürfen nicht entstehen, niemand kann dem anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Kein Erwachsener möchte seinen Kindern die Erde schlechter übergeben, als er sie selbst betreten hat. Eine Entideologisierung und Herausnahme von Populismus auch in der Klimapolitik könnten zu einer Versachlichung der Thematik führen. Keine Generation wäre heute dort, wo wir stehen, wenn sie sich nicht auf die vorhergehende oder nachfolgende stützen könnte. Wir sind lernfähige Wesen, die Jungen brauchen die Älteren und die Älteren brauchen die Jungen. Erfahrung, Wissen, Fortschritt, Innovation und Transformation können nur Hand in Hand erfolgen. Jedes Individuum ist darüber hinaus – unabhängig von Alter und Stellung – für seinen eigenen Beitrag und sein Handeln verantwortlich und kann die Gemeinschaft beeinflussen. Nicht umsonst heißt es: „Machen ist wie wollen, nur viel krasser.“ Und das gilt für alle Generationen, für die,

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welche den Planeten noch lange bewohnen, und für diejenigen, die ihn in Kürze an die nächste Generation übergeben werden. Im Mikrokosmos trägt immer der Einzelne die Verantwortung. Die Digitalisierung bietet uns das erste Mal in unserer Entwicklungsgeschichte die Möglichkeit, nahezu in einem Zeitalter absoluter Wahrheit zu leben, was wohl keine Generation zuvor von sich behaupten kann. Doch wir müssen lernen damit umzugehen, wie wir uns auch durch die gesamte Menschheitsgeschichte immer wieder aufs Neue an Gegebenheiten anpassen mussten. Ansonsten könnte Evolution durchaus auch ohne uns stattfinden. Irgendwann, ob nun 1,5 Grad, 2 Grad, 4 Grad oder 6 Grad. Doch der Kampf um Planet A ist nicht verloren. Wissen ist der erste Schritt: „Every day is a new day!“

Robert Scheib,  geb. 1965  in Bayern, zwei Kinder, in fester Lebenspartnerschaft in Langenfeld/Rheinland lebend, nach dem Abitur, Zivildienst, Studium der BWL und langjährigen Leitungsfunktionen im strategischen Marketing von Großkonzernen. Sein Leben hat er privat und später beruflich stetig auf Nachhaltigkeit ausgerichtet. Er verpflichtet sich auch als S4F-Mitglied der Regionalgruppe RheinRuhr intensiv den Themen Klimawandel, Natur- und Umwelt, Biodiversität und Achtsamkeit im Kontext der Nachhaltigkeit mit Respekt und Verantwortung gegenüberzutreten. Seine Hobbys sind Fitnessund Ausdauertraining, Akustikgitarre, sein Weimaraner, das Sein mit und in der Natur, der Wald und das Meer. Seine Philosophy of Life: „Every day is a new day. It is better to be lucky. But I would rather be exact. Then when luck comes you are ready“ (aus: Ernest Hemingway, The old man and the sea). Publikationen: DER GRÜNE KRIEGER – Einführung in die Nachhaltigkeit, epubli 2019.

Nachhaltigkeit ist die Jutetasche des 21. Jahrhunderts Anne Weiss, Stefan Bonner und Alexandra Hildebrandt

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Interview mit Anne Weiss und Stefan Bonner

Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie das erste Mal mit dem Begriff Nachhaltigkeit in Berührung kamen? Stefan Bonner: Das muss irgendwann Ende der Achtzigerjahre, Anfang der Neunzigerjahre gewesen sein. Ich war damals in der sechsten Klasse und wir bekamen Besuch von Mitgliedern der Organisation Robin Wood, die uns etwas über Nachhaltigkeit erzählten. Die Verwendung des Begriffs im Sinne des Prinzips, dass nicht mehr verbraucht werden sollte, als nachwachsen oder zukünftig bereitgestellt werden kann, war noch neu. Und ganz ehrlich: Außer dem Klassenprimus verstand kaum einer von uns, was das nun genau bedeutete – am wenigsten unser Lehrer, für den Nachhaltigkeit vor allem eine Frage der richtigen Forstwirtschaft war. Anne Weiss: Lustigerweise hat das bei mir auch was mit Bäumen zu tun. Unser Lehrer hat uns Ende der Achtzigerjahre auf einen Waldeinsatz geschleppt, wo wir eine Woche lang im sehr feuchten Forst rumlaufen, Äste sammeln und langweilige Vorträge über den gemeinen Borkenkäfer hören durften. Da kam auch das Stichwort nachhaltige Forstwirtschaft vor. Noch besser erinnere ich mich an den Moment aus meinem Erwachsenenleben, als ich mit dem Thema Nachhaltigkeit nur Kopfschütteln auslöste: Als frisch gebackene Abteilungsleiterin war ich damals zum ersten Mal auf einer Führungskräftekonferenz mei-

A. Weiss · S. Bonner Berlin, Deutschland E-Mail: [email protected]; [email protected] A. Hildebrandt (*) Freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin, Burgthann bei Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_6

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ner Firma. Es ging um die Zukunftsentwicklung des Unternehmens. Ich schlug vor, dass es doch gut wäre, wenn wir uns bei der Herstellung unserer Produkte noch mehr auf ­Nachhaltigkeit konzentrieren könnten – und erntete dafür nur belustigtes Schmunzeln der Geschäftsführung. Im Vordergrund stände eher die wirtschaftliche Entwicklung, lernte ich, und natürlich eine Steigerung der Rendite. Was macht den Begriff, der ja mit einer bemerkenswerten Geschichte verbunden ist, zu einem Plastikwort? Warum lässt sich das Thema so schwer kommunizieren? Anne Weiss: Ich glaube, Nachhaltigkeit ist die Jutetasche des 21. Jahrhunderts. Irgendwie halten wir sie für gut, aber wir wissen nicht genau, warum eigentlich. Und irgendwann, sehr schnell, hat man sich an ihr sattgesehen und findet sie einfach nur noch kratzig. Ich glaube, Nachhaltigkeit muss sexy werden. Bei Fair-Trade-Biokleidung ist das längst der Fall: Wahrscheinlich muss Nachhaltigkeit, damit wir sie als Menschen toll finden, mit unserer Shoppingwelt kompatibel sein. Nachhaltigkeit sollte nicht prämiert werden müssen, sondern es müsste selbstverständlich sein, dass Dinge nachhaltig gehandhabt werden. Das allerdings ist eine Schwelle, die vor allem die nächste Generation helfen kann zu überschreiten. Denn die gehen viel unbeschwerter, unverkrampfter mit dem Thema um. Natürlich bleibt Nachhaltigkeit so lange ein unbeliebtes Wort, wie es Verzicht bedeutet. Ich glaube persönlich, dass man Nachhaltigkeit mit so schönen Inhalten füllen kann, wie man will  – der Nachhall des schnöden und lustfeindlichen Verzichts bleibt kleben. Ich fürchte daher, wir müssen hier einen anderen Begriff finden, der grundsätzlich dasselbe bedeutet, aber als sexy und als Bereicherung verstanden wird. Weshalb bezeichnen Sie Ihre Generation, die Florian Illies auch „Generation Golf“ nannte, als „Generation Weltuntergang“? Stefan Bonner: Wir sind vermutlich die Letzten, die noch einmal beschwingt über den Planeten spazieren, bevor der Klimawandel unsere Welt für Menschen unbewohnbar macht. Die globale Erwärmung ist keine Zukunftsmusik mehr. Wir sind bereits mittendrin im Klimawandel und können die verheerenden Auswirkungen überall auf der Welt nachvollziehen: Extremregenfälle, Monsterstürme, Hitzewellen, Dürren, die schmelzenden Pole, der steigende Meeresspiegel. Für die Klimaforscher ist die Frage nicht mehr, ob der Klimawandel existiert und ob er von uns Menschen verursacht wurde, sondern vielmehr, wie schnell die Veränderungen vonstattengehen werden und wie schlimm es wird. Und ihre Prognosen sehen ziemlich finster aus, wenn alles so weiter geht wie bisher. Sehen Sie Ihre Generation manchmal kritisch, und wenn Ja, warum? Anne Weiss: Menschen sind keine besonders helle Spezies, könnte man oft denken. Wir schaffen es meist nur in letzter Minute, noch mal das Ruder rumzureißen. Ein gutes Beispiel ist die Bekämpfung des Ozonlochs: „Die meisten Menschen haben nie begriffen, wie knapp das damals war“, sagte mal der Nobelpreisträger Paul J. Crutzen, der erforscht hat, warum das Ozonloch entstand. In jedem Fall ist der Mensch an und für sich meist eher ein leicht abzulenkendes, nicht sehr vorausschauendes Wesen. Würden Außerirdische uns beobachten, nehme ich an, dass sie lauter Fragezeichen über dem Kopf hätten: Wir Menschen verschmutzen unser Trinkwasser mit den Mikrofasern aus den Fleecepullis, die wir in die Waschmaschine werfen,

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bauen Megacitys, in denen Autofahrer stärkere Rechte als Atemluftkonsumenten haben. Wir essen Junkfood und lassen Tiere ohne Tageslicht in Schweinehochhäusern vor sich hinvegetieren, während wir zu Hause Fiffi auf dem Sofa verhätscheln, wir lieben das Meer und schmeißen trotzdem jeden Tag Tonnen von Plastik hinein, das bis zu 400 Jahre brauchen kann, um zu verrotten. Alles in allem nicht sonderlich schlau. Stefan Bonner: Wir sind vor allem auch Kinder der Spaßgesellschaft der Achtzigerund Neunzigerjahre. Für viele von uns stand bislang das persönliche Lebensglück im Vordergrund – was jetzt kein Vorwurf sein soll, wir nehmen uns da beide nicht aus. Im Gegensatz etwa zu unseren Eltern  – die, ob bürgerlich angepasst oder rebellisch, den Begriff „68er“ verpasst bekamen – gab es für unsere Generation bis jetzt kein großes politisches Thema, für das wir uns engagieren konnten oder wollten. Klar, in Sachen Umwelt da war mal die Episode mit den Borkenkäfern, saurem Regen oder Atomkraft, nein danke. Spätestens, als die Grünen in die Regierung einzogen, hatten die meisten von uns aber das Gefühl, dass in Sachen Umwelt alles auf einem guten Weg ist. Vielleicht haben wir gegen den Golfkrieg protestiert, auch mal gegen die Einführung von Studiengebühren. Dann jahrelang: Flaute. Wir widmeten uns als junge Erwachsene den scheinbar dringenderen Themen wie der Jobsuche und der Finanzierung von Dauerpraktika, der eigenen Reproduktion und einem Heim für die Familie. Wie es derweil um unsere Lebenswelt oder die politische Landschaft steht, haben viele von uns dabei aus den Augen verloren. Nun stellen wir erstaunt fest, dass rechtsradikale Parteien Oberwasser haben und der Erde langsam die Puste ausgeht. Es wird interessant sein, wie unsere Generation darauf regiert: Legen wir das Gamepad aus der Hand, schalten Netflix ab, erheben uns vom Sofa und treten für Klimaschutz und Demokratie ein, Dinge, die uns bislang selbstverständlich erschienen? Wie engagieren Sie sich konkret für mehr Nachhaltigkeit in der Gesellschaft? Inwiefern leben Sie selbst nachhaltig? Stefan Bonner: Es ist nicht so einfach, den gesamten Lebenswandel nach dem Nachhaltigkeitsprinzip auszurichten. Ich nehme mir nach und nach einzelne Lebensbereiche vor, in denen ich etwas ändere. Angefangen habe ich mit meiner Mobilität, ich versuche seit einigen Jahren, mich möglichst klimaschonend von A nach B zu bewegen. Im Alltag komme ich gut mit einem Lastenrad voran, das auch für den großen Wocheneinkauf gute Dienste tut. Längere Strecken lege ich möglichst mit der Bahn zurück. Auf Flugreisen verzichte ich seit vier Jahren komplett – übrigens ohne, dass ich etwas vermissen würde, Urlaub kann man auch prima in Deutschland oder in den Nachbarstaaten machen. Meine beiden großen Baustellen sind derzeit die Ernährung und die Dinge, die ich im Alltag verwende, also beispielsweise Kleidung oder Elektrogeräte. Ich kaufe möglichst Produkte, die nachhaltig produziert werden oder die gebraucht noch in einem guten Zustand sind, also etwa Secondhandkleidung oder den Refurbished-Laptop, den ich mir neulich besorgt habe. Und was die Ernährung betrifft, wäre ich gerne Veganer, da ich das Prinzip durchaus einleuchtend finde. Bislang gelingt mir das allerdings nur in Teilzeit, mein Geschmackssinn hängt noch zu sehr an der gewohnten Ernährungsweise. Zum Glück weiß ich aber meine Kollegin Anne an meiner Seite, die nicht nur meine Co-Autorin, sondern auch meine Ernährungsberaterin ist und mich ständig mit guten Ratschlägen versorgt.

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Anne Weiss: Es ist ein bisschen kompliziert mit dem Beraten, wenn man nicht ständig wie eine Spaßbremse rüberkommen will. Am liebsten ist mir, wenn die Menschen um mich herum ihre eigenen Schlüsse ziehen, daher sage ich inzwischen meist nur dann etwas, wenn ich gefragt werde. Die besten Ergebnisse erziele ich, wenn ich zeige, dass mir das, was ich tue, am Herzen liegt, und es vorlebe, anstatt es zu predigen. Die Frage, wie man Menschen zu mehr Nachhaltigkeit und zum Umdenken bringen kann, bewegt mich als Autorin, aber sie sollte uns alle bewegen – denn schließlich geht’s beim Klimawandel und überhaupt bei Umweltverschmutzung – Pardon my French – um unser aller Ärsche. Unsere Zukunft steht auf dem Spiel. In Generation Weltuntergang haben wir jedenfalls versucht, das Thema so locker, verständlich und unterhaltsam aufzubereiten, wie es irgend möglich ist. Immerhin will man ja nicht, dass die Leser das Buch verzweifelt beiseitelegen, sondern dass sie losgehen und selbst aktiv werden. Als vorteilhaft erweist sich da aus meiner Erfahrung eine Mischung aus Staunen, Wundern und Fragen, wie es beispielsweise der Kabarettist Hagen Rether macht, aber es gibt auch andere Herangehensweisen – ich nehme an, so viele wie es auch Menschen gibt. Es ist ein bisschen wie beim Fleischverzicht: Der eine macht es, weil ihm Tiere am Herzen liegen, andere aus gesundheitlichen Gründen, wieder andere wegen des Klimaschutzes … Dabei: Die Ergebnisse der Recherche zum Buch haben uns dabei das ein oder andere Mal erschüttert. Menschen zu treffen, die sich im Klimaschutz engagieren und versuchen nachhaltig zu leben, lassen mich trotz der Faktenlage die Hoffnung nicht verlieren, dass sich auch gesamtgesellschaftlich etwas verändern kann. Insofern hat das Schreiben des Buches einiges bei uns bewegt. Ich bin schon im Teenageralter aus Tierliebe Vegetarierin geworden und habe dann vor etwa sieben Jahren bei einer Demo endlich verstanden, dass das nur die halbe Miete ist und dass auch für andere Tierprodukte Tiere gequält werden: Seitdem lebe ich vegan und kaufe möglichst immer Bioware. Seit der Arbeit an Generation Weltuntergang achte ich noch konsequenter da­ rauf, was regionale Produkte angeht, und habe mich vor kurzer Zeit einer bioveganen Solawi in der Nähe von Berlin angeschlossen. Was Initiativen angeht, tut es mir auch gut, mich zu engagieren: In Berlin bin ich bei einer Klimaschutzgruppe aktiv, die sich rund um die Rise-for-Climate-Aktion gegründet hat; der Kollege und ich nehmen gerade Anlauf zu einer Benefizlesung rund um die nächste Klimakonferenz – wenn das zustande kommt, werden wir auch mit einem Umweltschutzverband und einer politischen Initiative zusammenarbeiten. In Hinblick auf Mobilität, einen der großen Sektoren, der CO2 erzeugt: Für mich in Berlin ist das meiste gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Daher habe ich kein Auto, fahre die weiteren Strecken mit der Bahn und innerhalb der Stadt mit Fahrrad oder Bus, Tram, S- und U-Bahn – in der Großstadt zugegebenermaßen leichter und oft auch viel praktischer ist als auf dem Land. Das Schreiben von Generation Weltuntergang hat auch bei mir dazu geführt, dass ich gar nicht mehr fliege. Habe ich wegen meiner Flugangst sowieso auch vorher schon ungern gemacht, war aber als Journalistin hin und wieder für eine Tauchzeitschrift beruflich

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unterwegs. Ich habe seitdem zwei Pressereisen abgelehnt, eine auf die Malediven und eine weitere nach Kuba – ich wollte zwar immer schon dahin, konnte es aber nun vor mir selbst nicht mehr rechtfertigen, dass die Inseln quasi noch schneller untergehen sollen, nur weil ich unbedingt da tauchen möchte. Zumal ein Artikel im Magazin dann wieder andere Menschen dazu verleitet, dorthin zu fliegen … Das Tauchen habe ich nicht ganz aufgegeben, weil ich es liebe. Aber wenn ich tauchen gehe, dann im Sommer in Seen und vielleicht im nächsten Jahr an der französischen Küste, wo man einigermaßen gut mit dem Zug hingelangt. Dass ich – genau wie der Kollege – Ökostrom beziehe, überrascht sicher nicht. Und der Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech hat mich inspiriert – ich lebe minimalistisch und mit so wenig Konsum wie möglich: Secondhand, Reparieren, Leihen statt Kaufen … Ich merke vor allem, wie wichtig es ist, dass man unaufgeregt, aber immer wieder über das spricht, was man tut. Viele meiner Freunde und Bekannten haben mir ungefragt gesagt, dass sie ihr Verhalten auch überdenken. Alles in allem fühle ich mich offen gestanden wohler damit, etwas in meinem Einflussbereich zu tun, als abzuwarten, bis die Politik und die Unternehmen endlich handeln. Dennoch, bei aller Liebe zum Engagement im Privaten: Wir müssen den Politikern unbedingt auf den – hohlen – Zahn fühlen, damit sich endlich auf großer Fläche etwas ändert. Wie sehen Sie das Engagement der nachfolgenden Generationen Y und Z? Inwiefern unterscheidet es sich von Ihrer Generation? Anne Weiss: Ich glaube, für die nachfolgenden Generationen wird es gar keine Frage mehr sein, ob sie sich im Klimaschutz engagieren oder deswegen auf etwas verzichten: Es wird zu ihrem Alltag unweigerlich dazugehören, genau wie das Anpassen an Extremwetterlagen: Überschwemmungen, Stürme, Dürren. In Deutschland hatten wir 2018 eine Dürre von historischen Ausmaßen, der die Politiker vor allem dadurch begegnet sind, dass sie Ausgleichszahlungen für die Landwirtschaft beschlossen haben  – deren Großbetriebe durch die immer intensivere Bewirtschaftung, die vielen Düngemittel und die industrielle Tierhaltung auch Mitverursacher der Klimakrise sind. Klimaschutzmaßnahmen blieben anstelle dessen auf der Strecke: Umweltministerin Svenja Schulze – ironischerweise eine ehemalige Kohlelobbyistin – beklagte, dass zu wenig für den Klimaschutz getan worden sei. Man würde sich wünschen, dass folgende Generationen die Politiker stärker in die Pflicht nehmen. Sehr hoffnungsfroh bin ich da allerdings nicht, da ich auch in diesen netflix-getränkten, unterhaltungsgewöhnten, smartphoneabgelenkten Generationen ein eher unpolitisches Bewusstsein vermute. Unsere Generation hat beispielsweise noch den Protest gegen die Volkszählung mitbekommen, die nachfolgenden Generationen geben ihre Daten weg wie warme Schrippen. Und die Politik hat ja nicht ohne Grund Nachwuchsprobleme. Ich sage das jetzt vor allem, weil ich hoffe, dass sich jemand aus diesen Generationen so angepikst fühlt, dass er oder sie mir das Gegenteil beweist. Wo sehen Sie Möglichkeiten, dass generationsübergreifend zusammengearbeitet wird?

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Anne Weiss: Zunächst mal sind Eltern, Dozenten, Autoren, Promis, Journalisten und Lehrer, die zu unserer Generation gehören, dafür verantwortlich, bei Kindern und Jugendlichen, auch bei jungen Erwachsenen ein Bewusstsein zu schaffen und ihnen zu vermitteln, dass es ohne das entsprechende Verhalten oder Engagement nicht gehen wird. Wir müssen Nachhaltigkeit vorleben, unsere Kinder und Enkel dazu anhalten, damit es für sie später keine große Umstellung und Überwindung wird. Wir haben’s (mit-)verbockt, immerhin gehören wir zu der Generation, die den Konsum, den Plastikverbrauch und anderes entscheidend vorangetrieben hat. Nicht aus böser Absicht – wir dachten ja damals einfach noch nicht darüber nach. Die bunte Warenwelt, die Auswahl unter x neuen Shampoosorten und die Sachen, die wir uns auf einmal leisten konnten, weil: Billigplastikkopie aus China, freuten uns einfach. Genauso wenig kann man die Hedonisten in den Generationen Y und Z dafür verantwortlich machen, dass sie mit vollen Tüten aus dem Primark stolzieren. Sie kaufen das Billigzeug, fliegen durch die Weltgeschichte, dekorieren ihre Wohnung alle paar Wochen um, weil sie es können. Finanziell, angebotshalber, befördert durch das, was sie vorgelebt bekommen und in der Werbung sehen. Und das ist das, wo sich die Generationen die Hand reichen müssen: Wir alle müssen einsehen, dass alles, was wir tun, sich auf die Zukunft der Menschen nach uns auswirkt. Und daraus müssen wir unser Handeln ableiten. Das bedeutet auch, dass Politiker nicht nur Politik für die Babyboomer machen dürfen, sondern viel mehr für die Generationen Y und Z tun müssen. Erstaunlicherweise denken eine Menge Menschen heute, dass ihr Nachwuchs es sein wird, der ein geniales Mittel in Sachen Klimaschutz erfinden wird – vielleicht im Moment noch in der Kita oder noch nicht mal geboren. Diesen Trugschluss müssen wir aufgeben und uns solidarisieren: unter den Generationen, länderübergreifend. Die Älteren in den entsprechenden Positionen müssen beispielsweise mehr Forschungsgelder bereitstellen, damit die Techniken, die von gleichaltrigen Forschern und Nachwuchswissenschaftlern zu entwickeln sind, genügend gefördert werden. Wir müssen einsehen, dass klimaschädliches Essen, Wohnen, Reisen die Chancen für eine friedliche, lebenswerte Zukunft verringern. Mehr an Lösungen denken, als wie Kaninchen im Scheinwerferlicht der nahenden Klimakatastrophe zu verharren. Und im Sinne aller handeln, nicht nur im Sinne unseres eigenen Fortkommens und unserer eigenen Bequemlichkeit. Denn erst, wenn wir endlich begreifen, dass wir es nur gemeinsam schaffen können, ist keine von uns die Generation Weltuntergang. Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Nachhaltigkeit ist die Jutetasche des 21. Jahrhunderts

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Anne Weiss,  Jahrgang 1974, hat Anglistik, Kulturwissenschaften und Germanistik in Bremen und Coleraine studiert und mit dem Magister abgeschlossen. Sie hat als Lektorin in verschiedenen Publikumsverlagen gearbeitet und mehrere Sachbuchbestseller geschrieben, bevor sie mit ihrem Co-Autor eine verlagsinterne Schreibschule geleitet hat. Inzwischen lebt sie als freie Autorin in Berlin, schreibt Sachbücher sowie Artikel für Spiegel-­Online und andere Magazine. Überdies engagiert sie sich ehrenamtlich im Klimaschutz und in Tierrechtsorganisationen. Mit dem Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller hat sie „Writers for Future“ ins Leben gerufen. Ihre aktuelle ­Buchpublikation Mein Leben in drei Kisten beschäftigt sich mit Minimalismus und Nachhaltigkeit. Weiterführende Informationen: www.meinlebenindreikisten.de. © Foto: Laura Droße Stefan Bonner,  Jahrgang 1975, Studium der Anglistik, Germanistik und Geschichte an der Universität Bonn, langjähriger Verlagslektor und Leiter der Bastei Lübbe Academy, heute freier Schriftsteller und Autor von Bestsellern wie Generation Doof oder Wir Kassettenkinder. Mehr unter: www.bonnerweiss.de. © Foto: Olivier Favre

Das Prinzip Nachhaltigkeit im eigenen Leben Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt

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Interview mit Claudia Silber

Frau Silber, Sie arbeiten seit 2009 bei der memo AG, einem Versandhandel, der nach­ haltige Alltagsprodukte verkauft, aber auch rundum nachhaltig handelt. Mittler­ weile leiten Sie dort die Unternehmenskommunikation. Wie hat Sie die Arbeit in ei­ nem nachhaltigen Unternehmen im Laufe der Zeit beeinflusst oder auch verändert? Für Umwelt- und Naturschutz habe ich mich schon immer interessiert. Dennoch habe ich mir früher eher wenig Gedanken darüber gemacht, welches Papier in meinem Drucker oder in dem meines Arbeitgebers lag oder wo und wie meine Kleidung produziert wurde. Durch meine tägliche Arbeit bei der memo AG und die Erfahrungen, die ich dabei mittlerweile gesammelt habe, hinterfrage ich heute sehr oft, was ich wo kaufe. Das fängt an beim Kauf von bestimmten Produkten für den Alltag wie Lebensmittel oder Bekleidung: Wo sind die Produkte hergestellt? Welches Unternehmen steht dahinter? Wie wirken sich die Produkte auf Umwelt, Klima und Gesundheit aus? Wie sieht es mit dem Ressourcenverbrauch aus? Ich kaufe mittlerweile sehr viel bewusster ein und ich kaufe sehr häufig auch einmal gar nichts, denn eigentlich habe ich alles, was zum Leben notwendig ist. An welchen Stellen tun Sie sich noch schwer? Leider muss ich jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fahren, da Greußenheim, wo wir mit der memo AG sitzen, vergleichsweise schlecht mit dem öffentlichen Personennahver-

C. Silber Leiterin Unternehmenskommunikation, memo AG, Greußenheim, Deutschland E-Mail: [email protected] A. Hildebrandt (*) Freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin, Burgthann bei Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_7

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kehr zu erreichen ist. In Würzburg, wo ich wohne, versuche ich aber, möglichst viel zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen. Inwiefern beeinflusst die Bewegung Fridays for Future Ihrer Meinung nach Wirt­ schaft und Gesellschaft? Ich denke und hoffe, dass die Bewegung letztlich großen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft haben wird, sofern die Kinder und Jugendlichen „Durchhaltevermögen“ und einen „langen Atem“ haben und weitermachen. Von nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen wie der memo AG wird die Bewegung  durchaus begrüßt und befürwortet. Unsere Partner UnternehmensGrün und B.A.U.M. e. V. unterstützen Fridays for Future beispielsweise auch mit eigenen Unternehmensinitiativen. Gesellschaftlich gesehen war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich eine derartige Bewegung formiert hat. Immer mehr Menschen erkennen die Gefahr der menschengemachten Klimaveränderung und steuern mit ihrem Handeln gegen. Wir und die vorhergehenden Generationen setzen mit unserem Lebensstil die Zukunft der nachfolgenden Generationen aufs Spiel – und da ist es nur recht und gut, dass diese sich auf eine sehr demokratische Weise zur Wehr setzen. Werden die jungen Menschen wirklich ernst genommen? Leider werden die jungen Menschen vor allem von denen nicht ernst genommen, die es federführend mit in der Hand haben, jetzt zu handeln – die Politik. Aussagen wie, „die Klimapolitik den Experten zu überlassen“, sind in diesem Fall rückwärtsgewandt und vor allem nicht „enkeltauglich“. Ein wichtiges Thema im Nachhaltigkeitskontext ist auch Haben und Sein. Der durchschnittliche Europäer besitzt etwa 10.000 Gegenstände. Was davon bedeutet Ihnen wirklich etwas? Ich bin vor nicht allzu langer Zeit umgezogen und habe mich verkleinert. In meiner Wohnung sind jetzt nur noch die Dinge, die ich benötige und die mir etwas wert sind. Besonders hänge ich zum Beispiel an einem Leuchtturm aus Porzellan, der zwar eigentlich nur ein teures Dekoobjekt ist, der aber ein Abschiedsgeschenk meines ehemaligen Chefs nach einem Praktikum bei einem renommierten Porzellanunternehmen war. Er bedankte sich damit für meine Arbeit – und das war das eigentliche Geschenk. Jedes Mal muss ich daran denken, wenn ich mir den Leuchtturm ansehe. Sicherlich könnte ich die Dinge, die ich besitze, noch weiter reduzieren, aber ich möchte nicht auf das verzichten, was mir etwas wert ist, weil ich damit schöne Momente oder Lebensphasen und Menschen verbinde, die mir am Herzen liegen. Und vor allem möchte ich nicht auf meine Bücher verzichten. Warum? Ich könnte einen Großteil davon auf einem E-Book-Reader speichern. Dann würde mir aber das Haptische fehlen, das ich an Büchern so liebe. Und der Geruch. Und mir würden die Geschichten fehlen, die ich mit jedem meiner Bücher verbinde, und die Zeiten, in denen ich sie gelesen habe. Ich nehme mir auch bewusst Zeit zum Lesen. Obwohl ich Germanistik studiert habe, muss ich ehrlich zugeben, dass ich Goethe und Co. nie etwas abgewinnen konnte. Mit Lyrik tue ich mich ebenfalls schwer. Ich liebe aber gute Geschichten, egal ob fiktional oder den Tatsachen entsprechend.

Das Prinzip Nachhaltigkeit im eigenen Leben

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Welche Bücher interessieren Sie besonders? Während meines Studiums und auch heute noch interessierten mich schon immer Bücher über oder von Überlebenden des Holocaust. Meine Diplomarbeit habe ich über Jurek Becker und das Autobiographische in seinen Werken geschrieben. Mit am meisten beeindruckt hat mich der Roman Jeder stirbt für sich allein von Hans Fallada, der noch heute zu meinen Lieblingsbüchern zählt. Dazwischen gab es eine Phase mit südamerikanischen Autoren – bevorzugt Garcia Marquez und Allende. Seit einigen Jahren lese ich nun bevorzugt amerikanische und englische Autoren. Ich mag die frische und lebendige Art zu erzählen – deutsche Autoren scheinen mir oft zu steif, zu verkopft, zu kompliziert. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören Annie Proulx (Aus hartem Holz), Helen McDonald (H wie Habicht). Beeindruckt haben mich zusätzlich die Bücher von Maja Lunde (Die Geschichte der Bienen, Die Geschichte des Wasser, Die Letzten ihrer Art) und Nino Haratischwili (Das achte Leben, Die Katze und der General). Warum haben greifbare Dinge für Sie eine besondere Bedeutung? Weil ich das Erklärbare, Bodenständige und Immobile brauche. Das gibt mir Sicherheit, Halt und Schutz: Wo das „Greifbare“ ist, bin auch ich und mein Zuhause. Was bedeutet Ihnen Ordnung? Das hat für mich auch mit Minimalismus zu tun: Wenn wir zu viel „anhäufen“, verlieren wir den Überblick, es wird unordentlich und wir sind letztlich nicht glücklich. Dabei geht es dann auch wieder um das Thema Konzentration, die uns den Blick auf das Wesentliche richten lässt. Ich fühle mich schlecht und unruhig, wenn „Chaos“ herrscht. Die Konzentration auf die wesentlichen Dinge (und Menschen) im Leben macht uns glücklich und wir fühlen uns „sortiert“, gut aufgehoben. Der Rest kann getrost in den Papierkorb wandern oder besser: in gute Hände weggegeben werden. Morgens mag ich meine Wohnung nicht verlassen, wenn nicht alles an seinem Platz ist. Das gilt auch für das Büro: Ich kann dann am besten arbeiten, wenn ich nur das aktuelle Projekt auf dem Schreibtisch liegen habe. Sie sind mit Dingen aufgewachsen, die der Smartphonegeneration fremd sind. Welche Erinnerungen haben Sie, wenn Sie beispielsweise an Telefonzellen denken? Ich verbinde damit Erinnerungen an meine längst verstorbene Großmutter: Vor dem Haus, in dem sie wohnte, stand eine gelbe Telefonzelle. Und nachdem meine Oma gestorben war, war auch bald die Telefonzelle verschwunden. Es war eine von zweien in unserem kleinen Ort mit damals rund 1000 Einwohnern. Die zweite Telefonzelle gab es übrigens etwas länger, aber auch sie verschwand irgendwann. Das Traurige ist für mich, dass es heute kaum mehr Orte gibt, an die wir uns zurückziehen können, um – wenn auch nur kurz – mit jemandem zu sprechen, denn wir können das heute überall, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Wir müssen noch nicht einmal den Mund dazu aufmachen – dank SMS und WhatsApp. Welche Rolle spielt die Musik für Sie? Ich denke, dass Musik in jeder Generation eine große Rolle spielt. Nur die Genres sind unterschiedlich. Wurde die Generation meiner Eltern einerseits noch von deutschen Schlagern und andererseits von den Beatles und den Rolling Stones beeinflusst, war es in der

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Generation danach die Musik der „68er“. Typisch für meine Generation X war die Neue Deutsche Welle. Es folgten Techno bis hin zu Rap. Jede Generation hat ihre eigene prägende Musikrichtung. Gemeinsam ist ihnen allen, dass diese Musik auch immer wieder den aktuellen Zeitgeist widerspiegelt. Einen Schwerpunkt in Sachen Musik gibt es bei mir nicht, allerdings „erwische“ ich mich in letzter Zeit immer mehr dabei, im Radio die Sender zu hören, die entweder nicht den Mainstream liefern oder auch ältere Titel spielen. Mit den aktuellen Charts kann ich nichts mehr anfangen – das klingt alles gleich. Ich höre zu bestimmten Zeiten aber auch gerne Jazz oder Klassik. Oft wähle ich die Musik (und das geht ja heutzutage dank Streaming recht einfach) nach Stimmung aus: Hardrock, wenn ich schlechte Laune habe oder wütend bin, Jazz zum Putzen der Wohnung (empfehlenswert: Ella Fitzgerald „Gold“) oder Klassik mit einem Glas Wein am Abend. Dementsprechend habe ich keine Lieblingsband oder -musiker und auch kein Lieblingslied, sondern wähle individuell aus. Aber ganz besondere Musiker, Lieder oder Stücke sind für mich: Adele, ACDC, Ed Sheeran, Abba, „Großvater“ von S.T.S., „Vienna“ von Ultravox (ich habe über drei Jahre in Wien gelebt!), der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco, Sinfonie No. 9 von Beethoven – die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Viele Lieder verbinde ich mit Erinnerungen. Stimmungen können beeinflusst werden. Musik gehört für mich deshalb einfach zum Leben dazu und macht es im wahrsten Sinne des Wortes „nachhaltig“. Wie sehen Sie Ihre Generation X und die Nachfolgegeneration? Es gibt durchaus Momente, in denen ich als Mitglied der Generation X die Jüngeren nicht mehr verstehe. Rufe ich mir dann jedoch in Erinnerung, wie es in diesem Alter bei mir war, sehe ich durchaus Parallelen. Bis Anfang 30 hatte ich beispielsweise wenig Interesse an gesellschaftlichen Themen, was ich häufig auch bei der jüngeren Generation bemerke. Das hat sich jedoch in den letzten Jahren geändert. Generell sollten wir „Älteren“ deshalb auch mehr Verständnis für die Jüngeren aufbringen, denn sie haben durchaus keine rosafarbene Zukunft vor sich und müssen letztlich die Fehler der ihnen vorangegangenen Generationen ausbaden. Warum spricht sie deren Musik nicht an? Mir fehlt die Individualität, der besondere Rhythmus. Die Musik von heute ist nicht unterscheidbar und es macht den Eindruck, als ob es nicht viel mehr als ein gutes Computerprogramm braucht, diese Musik zu machen. Heute reicht es schon aus, sich entsprechend „laut“ in den sozialen Medien zu präsentieren, um ein „Star“ zu sein. Sicherlich haben auch früher manche Musiker durch fragwürdige Aktionen Schlagzeilen gemacht, aber das heute schreckt mich ab. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Sie bezeichnen sich augenzwinkernd als „Wohnungsspießerin“. Was meinen Sie damit? Keine Woche vergeht, ohne zumindest einmal die Wohnung von oben nach unten auf Vordermann zu bringen. Gefühlt stand ich damit immer allein da, wenn ich hörte, dass Bekannte entweder eine Putzfrau haben oder maximal alle vier Wochen zu Hause saubermachen. Beides kommt für mich nicht infrage, denn insgeheim genieße ich das Gefühl nach dem Putzen, wenn alles sauber ist und frisch riecht. Putzen kann ja auch eine Art

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Meditation sein kann und ist sogar eine der wichtigsten Traditionen der japanischen Kultur. Selbstreinigung sozusagen – und das ist es auch für mich. Beim Putzen lasse ich Gedanken kommen und gehen, denke über schwierige Entscheidungen nach und bringe auch innerlich alles in Ordnung. Danach ist dann oft alles glasklar  – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sprechen von Selbstreinigung, meinen damit aber nicht nur die reine In­ nenwelt? Nein, in Balance bin ich, wenn meine äußere und innere Welt in Ordnung sind. Und bei der äußeren Ordnung achte ich sehr auf die Details: Ich verwende ausschließlich ökologische Reinigungsmittel auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Mein Staubsauger ist energieeffizient und meine Müllbeutel sind aus Recyclingkunststoff mit Blauem Engel. Putzen gehört für viele Menschen häufig in die Kategorie von Nichtereignissen, die keinen guten Ruf genießen, weil sie für Gedankenlosigkeit und Zeitverlust stehen. Sie fühlen sich unbehaglich, wenn die Zeit beim Saubermachen einfach so verstreicht und nicht „effizient“ genutzt wird … Es wäre doch im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens, wenn es gelänge, kein schlechtes Gewissen mehr bei banalen und sich wiederholenden Tätigkeiten wie dem Putzen zu haben. Wer also behauptet, dass Putzen eine Last sei, dem lege ich ans Herz: „Ändert den Blickwinkel und ‚genießt‘ auch diese Zeit im Hier und Jetzt!“ Mittlerweile ersetzen Carsharingsysteme Privatautos, die einst ein Symbol für Freiheit waren. Es ist für die jüngere Generation Y nicht mehr so erstrebenswert, Eigentümer eines Fahrzeugs zu sein. Wie wichtig ist das Auto für Sie? Ich bin noch damit aufgewachsen, dass Autofahren Freiheit bedeutet. Gerade auf dem Land war es damals das Größte, endlich den Führerschein zu haben und nicht mehr auf die Eltern oder den Bus angewiesen zu sein. Heute sehe ich das Ganze natürlich etwas kritischer. Ich versuche so oft wie möglich auf das Auto zu verzichten. Das geht in der Stadt allerdings besser als auf dem Land. Was macht den modernen Ökokäufer aus? Hier hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren. Ökokäufer sind nicht mehr an ihrem rein Äußerlichen zu erkennen. Sie leben bewusst und hinterfragen Kaufentscheidungen. Die Ausprägungen sind dabei vielfältig: Die einen versagen sich nichts und geben durchaus auch viel Geld für dieses Leben aus. Und die anderen leben eher minimalistisch. Nachhaltige Produkte sind auch absolut nicht mehr muffig und angestaubt, sondern viele haben ein ansprechendes Design. Welche Tipps haben Sie für mehr Nachhaltigkeit im Alltag? Was kann jeder Mensch tun, um seinen Alltag bewusster und nachhaltiger zu gestalten? Eigentlich ist es ganz einfach. Am Anfang sollte man sich bewusst machen, was man kauft und wo und an welchen Stellen man sich nicht gerade nachhaltig verhält. Die Dinge, die am leichtesten zu verändern waren, bin ich zuerst angegangen. Es kam dann ganz von selbst, auch die etwas größeren Dinge anzugehen, z. B. den Kauf konventioneller Bekleidung weitestgehend zu vermeiden. Allerdings muss es schon sein, sich zu informieren. Ich

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empfehle an dieser Stelle Plattformen wie Utopia oder auch den Nachhaltigen Warenkorb. Hier findet jeder für seinen Bedarf entsprechende Anregungen zu einem bewussteren Leben und seinen ganz eigenen Weg. Inwiefern muss sich die Nachhaltigkeitskommunikation ändern, um die Men­ schen wirklich im Herzen zu erreichen? Nachhaltigkeitskommunikation in Form von Nachhaltigkeitsberichterstattung ist wichtig. Diese Form ermöglicht die annähernde Vergleichbarkeit von Unternehmen und Organisationen in ihren nachhaltigen Leistungen und Maßnahmen. Allerdings ist sie aufgrund der sehr sachlichen und häufig wissenschaftlichen Grundlagen doch für die meisten Menschen auch sehr unverständlich. Außerhalb dieser Berichterstattung muss die Nachhaltigkeitskommunikation näher an den Menschen heranrücken. Nachhaltigkeit muss einfach erklärt werden und verständlich sein. Gerade in der Kommunikation von ökologisch und sozial verträglichen Produkten ist es wichtig, dem Verbraucher zu erklären, warum dieses Produkt besser als ein herkömmliches ist. Wenn es um unabhängige und zuverlässige Umweltzeichen und Labels geht, ist es gerade eben wichtig, deutlich zu machen, warum sie sich von „hausgemachten“, unternehmenseigenen Labels, die meist nur „Greenwashing“ sind, unterscheiden. Und letztlich muss die Nachhaltigkeitskommunikation von einem unabhängigen, zuverlässigen und vertrauenswürdigen Journalismus geprägt sein. Es gibt auch in diesem Bereich zu viele Medien, die nur gegen Bezahlung die reinen Pressemeldungen abdrucken, anstatt Hintergründe zu recherchieren. Für den Leser wäre allerdings ein gut recherchierter und mit weiteren Informationen angereicherter Bericht weitaus hilfreicher und zielführender. Die Berichterstattung darf auch nicht mit dem „erhobenen Zeigefinger“ daherkommen, sondern mit guten Argumenten arbeiten und Überzeugungsarbeit leisten. Ich weiß, dass das aufgrund personeller und finanzieller Schwachstellen oft schwierig ist – dennoch macht alles andere wenig Sinn. Warum bleibt die Umsetzung des memo Nachhaltigkeitsberichts im Unternehmen und wird nicht wie in vielen Großunternehmen an Agenturen gegeben? Bei memo wird der Nachhaltigkeitsbericht traditionell im eigenen Haus verfasst. Verantwortlich dafür ist das Nachhaltigkeitsmanagement, das dabei von der Unternehmenskommunikation unterstützt wird. Uns ist es wichtig, ehrlich und transparent zu kommunizieren. Dabei geht es nicht nur um unsere eigene Handschrift und Sprache, sondern auch um die Bilder, die zum größten Teil selbst gemacht sind. Wir selbst wissen am besten, welche Themen wir im Bericht aufgreifen und wie die einzelnen Maßnahmen umgesetzt wurden und ob sie Erfolg hatten. Eine externe Person könnte diese internen Einblicke niemals gewinnen. Was macht für Sie eine nachhaltige Kooperation aus? Sie bedeutet in erster Linie Partnerschaft, von der alle Beteiligten profitieren. Die Kommunikation zwischen den Partnern findet auf Augenhöhe statt und das Verständnis für Probleme, die gemeinsam gelöst werden, ist entsprechend ausgeprägt.

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Sie haben sich bereits zwei Mal auf den Weg nach Röttingen im südlichen Land­ kreis Würzburg gemacht, um als Freiwillige beim Bergwaldprojekt e.  V. dabei zu sein und einen Tag lang Bäume zu pflanzen. Was war Ihre Motivation? Ich möchte nicht nur wissen, wovon ich spreche, wenn es um den Kooperationspartner der memo AG geht, sondern deren Arbeit selbst auch erleben. Außerdem möchte ich wissen, was die vielen Menschen antreibt, ohne die die Arbeit des Bergwaldprojekts nicht möglich wäre. Können Sie Ihren ersten Tag im Dezember 2018 beschreiben? Als ich auf dem Parkplatz in Röttingen eintraf, war ich eine der ersten. Es nieselte leicht und ich war dankbar über die Regenhose, die mir meine Freundin geliehen hatte. Wetterfeste, warme Kleidung und robustes Schuhwerk waren für die Arbeit, die vor mir lag, unabdingbar. Nach und nach kamen die rund 60 freiwilligen Teilnehmer und einige Mitarbeiter des Bergwaldprojekts an. Ich staunte über die Autonummern: Frankfurt, Nürnberg und sogar aus dem knapp 300 Kilometer entfernten München hatten sich Menschen in aller Herrgottsfrühe aufgemacht. Es war ein bunter Haufen aus Jung und Alt inklusive der Labradoodle-Hündin Elsa. Dann die große Neuigkeit des Tages: Christoph und Peter vom Bergwaldprojekt verkündeeten, dass wir an diesem Tag keine Bäume pflanzen können. Es war einfach zu trocken. Der Regen am Vortag war im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Stattdessen machten wir uns auf, um auf einer 0,7 Hektar großen Fläche oberhalb von Röttingen Stiel- und Traubeneicheln auszusäen. Auf dem lichten Waldstück standen vor allem Kiefern, einige Walnussbäume und wenige Elsbeeren. Mit schweren Wiedehopfhauen legten wir auf Markierungen, die Christoph und Peter zogen, den Waldboden vom darüber liegenden Mulch frei. An vielen Stellen staubte dabei der Boden auf. Mir wurde klar, dass das für Anfang Dezember nicht normal ist. Auf dem Waldboden wurden dann die Eicheln großzügig ausgebracht und mit dem Mulch wieder abgedeckt. Dabei sollten sie nur nicht mehr zu sehen sein – bei zu viel Mulch würden sie ersticken. Sechs der Freiwilligen zogen derweil einen Zaun um das Areal, der in erster Linie dazu dient, die Wildschweine von ihrer Lieblingsmahlzeit, den Eicheln, abzuhalten. Wenn einige der Eicheln dann aufgegangen sind, soll die Umzäunung den Verbiss durch Wild verhindern. Manfred Rüb, der zuständige Revierförster, mit dem das Bergwaldprojekt für unseren heutigen Einsatz eng zusammenarbeitet, erklärte uns, dass dieses Waldstück wie auch die umliegenden bereits ab 1900 landwirtschaftlich genutzt wurden, beispielsweise als Weideflächen. Später wurde dann wieder aufgeforstet und dafür die jetzt dort ansässigen Kiefern gepflanzt. Heute weiß man, dass Monokulturen aus ökologischer Sicht nicht optimal sind und Mischwälder vor allem im fortschreitenden Klimawandel widerstandsfähiger sind. Deshalb säen wir heute Eicheln, denn Eichen eignen sich einerseits sehr gut für den etwas kargen Muschelkalkboden in Unterfranken und kommen andererseits sehr gut mit Trockenheit zurecht. Ich schickte deshalb allen Eicheln, die ich an diesem Tag gesät und abgedeckt habe, die besten Wünsche hinterher und hoffe, dass einige zu starken und kräftigen Bäumen werden. Davon werden sich jedoch nur die Kinder in unserer heutigen Gruppe überzeugen können (Abb. 1).

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Abb. 1 Bergwaldprojekt. (Eigene Darstellung)

Wer war an diesem Tag alles neben den Organisatoren dabei? Seite an Seite arbeiten an diesem Tag Menschen, die sich bereits von anderen Einsätzen kennen oder sich vollkommen unbekannt sind. Von Beginn an herrscht eine sehr positive Stimmung – die sinnvolle Arbeit und das gemeinsame Engagement schweißen auch ohne Worte zusammen. Die großartige Arbeit, die das Bergwaldprojekt unermüdlich leistet, zeigt sich nicht nur darin, jedes Jahr über 2000 Freiwillige zu mobilisieren, sondern auch in der organisatorischen Arbeit: Am Mittag macht sich der gesamte Tross zu einer nahe gelegenen Forsthütte auf, wo Krautfleckerln, Gemüsesuppe und warme Getränke für alle Teilnehmer warten. Gekocht hat eine Mitarbeiterin des Bergwaldprojekts aus der Verwaltung. Nach der anstrengenden Arbeit mit der Hacke esse ich glücklich meine Krautfleckerln und selbst das einzige Plumpsklo, das mitten im Wald zur Verfügung steht, schockt mich nicht wirklich. Wer mit dem Bergwaldprojekt unterwegs ist, sollte sich auf dreckige Hände und einigermaßen anstrengende Arbeit gefasst machen und darüber hinaus einfache Verhältnisse nicht scheuen. Aber das gehört eben dazu! Und nach dem Mittagessen …? Danach ist die Saat der Eicheln auf dem Rest des Waldstücks recht schnell beendet und auch der Zaunbau nähert sich seinem Ende. Eine noch geplante, kleinere Fläche kann an diesem Tag allerdings aufgrund der früh einbrechenden Dunkelheit nicht mehr bearbeitet werden. Zum Abschluss stehen wir in einer großen Runde und klopfen uns gegenseitig – einmal nach rechts, einmal nach links  – auf die Schulter. Wir haben einiges geschafft. Dennoch war es eher ein „Einsatz light“, da das Pflanzen von Bäumen vor allem durch das Graben von Löchern dann doch kraftraubender ist. Was ist Ihnen von diesem Tag besonders in Erinnerung geblieben? Christoph und Peter beschließen den Tag mit einigen Informationen und Anmerkungen, die nicht nur mir zu denken geben. Es ist nicht sicher, ob die Erderwärmung bei 1,5 Grad gestoppt werden kann. Wenn wir bzw. die nachfolgenden Generationen „Glück haben“, wird sich unser Planet „nur“ um 2 Grad erwärmen. Aktuell haben Freiburg und Würzburg eine Jahresdurchschnittstemperatur von 10 Grad. Im Vergleich dazu liegt diese in Bordeaux im Südwesten Frankreichs aktuell bei 12 Grad. Wir steuern in unseren bisher

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gemäßigten Breiten also auf ein mediterranes, heißes Klima zu, das nicht nur auf uns Menschen, sondern auf die Tierwelt und das gesamte Ökosystem direkte Auswirkungen haben wird. Und natürlich auf den Wald. Es sind komplizierte Überlegungen, welche Baumarten heute gepflanzt werden sollten, um in 50 bis 60 Jahren der Trockenheit und der Hitze im Sommer und den trotzdem sehr kalten Temperaturen von bis zu −10 Grad im Winter trotzen zu können. Eine Gewissheit gibt es dafür jedoch nicht. Was bleibt? Der Tag in der freien Natur und die zeitweise doch recht anstrengende Arbeit haben körperliche Spuren hinterlassen. Und ich bin einerseits glücklich über den schönen Tag und die sinnvolle Arbeit. Aber ein fader Beigeschmack, warum wir uns heute an dieser Stelle zusammengefunden haben, bleibt dennoch. Auch dank der Trumps auf dieser Welt und der Tatsache, dass Leugner des Klimawandels in einigen Bevölkerungsgruppen wieder Gehör finden, mache ich mir keine großen Hoffnungen, dass Katowice ein Erfolg wird. Dennoch heißt es für mich und jeden von uns, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und nicht zu denken, dass doch bitte die anderen erstmal anfangen sollen. Jeder von uns kann täglich etwas tun, um klimafreundlich und nicht auf Kosten der nachfolgenden Generationen zu handeln. Und ich nehme mir ganz fest vor, dass der Tag mit dem Bergwaldprojekt nicht der letzte war. Was können andere Unternehmen davon lernen? Wer immer nur alleine kämpft, kämpft einsam! Im Bereich nachhaltige Unternehmen gibt es einige kleine, dafür ganzheitlich nachhaltig tätige Unternehmen, die nachhaltiges Wirtschaften und Handeln schon seit Beginn an ehrlich und ernsthaft verfolgen. Mit vielen von ihnen verbindet uns eine langjährige Freundschaft und Partnerschaft. Es bestehen nicht zu allen geschäftliche Beziehungen. Es ist vor allem das gemeinsame Ziel, unserer gesellschaftlichen Verantwortung durch unser tägliches Handeln nachzukommen. Und sicherlich können wir immer noch gegenseitig voneinander lernen. Welche aktuellen Debatten, Tatsachen, Maßnahmen etc. machen Ihnen Freude? Zu meiner Tätigkeit in der Unternehmenskommunikation gehört auch der Bereich Kooperationen. Damit bin ich der Ansprechpartner für alle nachhaltigen Projekte und Initiativen, die mit der memo AG zusammenarbeiten möchten. Fast täglich bekomme ich Informationen zu tollen Projekten von Menschen, die sich engagieren und diese Welt zu einem besseren Ort machen möchten. Das macht oft Freude, obwohl wir natürlich leider nicht jedes gute Projekt unterstützen können. Und was macht Ihnen Sorge? Wie sorglos und ignorant mit dem Zustand unseres Planeten und mit der Armut vieler Menschen im In- und Ausland umgegangen wird! Das fängt damit an, dass es bei uns noch viel zu viele Menschen gibt, die sich nicht bewusst sind oder nicht sein wollen, dass z. B. der Kauf von „Wegwerfkleidung“ massive Auswirkungen auf andere Menschen in anderen Ländern hat. Es geht weiter über die Tatsache, wie einfach die neue Regierung die vereinbarten Klimaziele über Bord geworfen hat. Vielleicht haben sie den Eindruck, dass das Thema der Mehrheit in Deutschland nicht wichtig ist, aber sie spielen damit mit

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­ nserer Zukunft und der der nachfolgenden Generationen. Das macht mich wütend. Und u dann sind da natürlich noch Figuren wie Trump, Putin, Erdogan oder Orbán … Haben Sie heute mehr Angst als in jungen Jahren? Ich mache mir mehr Sorgen als früher um das, was kommt. Das betrifft einerseits mich persönlich und meine Familie, aber auch immer häufiger gesellschaftliche Themen. Schon allein aus beruflichen Gründen beschäftige ich mich fast täglich mit Szenarien, die eintreffen können, wenn wir es nicht schaffen, rechtzeitig gegen Klimawandel und die damit verbundenen Folgen vorzugehen. Und es ärgert mich, dass viele zwar die Notwendigkeit sehen, aber nichts dagegen tun oder nur reden – denn jeder kann seinen Beitrag leisten! Die Veränderungen, die mit dem heutigen Stand sicherlich auf uns zukommen werden, können und dürfen wir nicht ignorieren, sondern müssen jetzt sofort Maßnahmen ergreifen. Den einen wird es etwas schwerer fallen, anderen dagegen leichter. Aber es nützt nichts, etwas zu ignorieren, das gegeben ist. Und vielleicht schaffen wir es sogar gemeinsam, diese Welt dadurch ein kleines Stückchen besser zu machen. Haben Sie eine „Vision“ für eine bessere Welt? Ich hätte da zumindest eine Idee, die vielleicht vermessen klingt und etwas unrealistisch ist, meiner Meinung nach aber zumindest hier in Deutschland viel bewirken könnte: Ich würde den Solidaritätszuschlag nicht abschaffen, sondern ihn zweckgebunden für rein gesellschaftlich relevante Bereiche verwenden. Das könnte z. B. sein, Nachhaltigkeit nicht nur punktuell, sondern generell bereits in die Vorschul- und Schulbildung zu integrieren, oder er könnte für den Ausbau nachhaltiger Verkehrs- und Mobilitätskonzepte verwendet werden oder zur gezielten Förderung innovativer und effektiver Konzepte zum Umweltund Klimaschutz. Wie nachhaltig sehen Sie sich selbst? Im guten Mittelfeld. Sicherlich geht noch viel mehr, aber jeder sollte für sich den gangbaren Weg finden. Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt

Claudia Silber  ist seit 2009 als Pressesprecherin bei der memo AG/ Greußenheim tätig. Seit 2013 leitet sie den Bereich Unternehmenskommunikation des Unternehmens. In dieser Funktion ist sie nicht nur für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des ganzheitlich nachhaltig tätigen Versandhandels zuständig, sondern ist auch Ansprechpartnerin für die zahlreichen Kooperationspartner der memo AG. Nach dem Studium der Germanistik und Journalistik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg war sie einige Jahre in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Textilunternehmen tätig. Ein internes CSR-Projekt weckte ihr Interesse am Thema Nachhaltigkeit, dem sie sich seither beruflich widmet. Zu ihren Aufgaben gehört u.  a. auch die Mitarbeit am memo Nachhaltigkeitsbericht, der alle zwei Jahre erscheint.

Nachhaltigkeit braucht Bewusstsein Katharina Pavlustyk

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Zukunft braucht Herkunft

1.1

Prägende Erinnerungen

Ich wurde in Buzuluk geboren, einer 80.000-Einwohner-Stadt im Gebiet Orenburg in Russland. Ein paar Jahre später zogen wir – Mutter, Vater, mein zweieinhalb Jahre älterer Bruder und ich – ins Dorf meines Vaters. Ich bin also sehr ländlich aufgewachsen, war viel draußen, habe meinen Eltern bei der Kartoffelernte geholfen und hatte Spaß dabei, Kühe auf der Weide zu hüten. Als Kind habe ich mir keine großen Gedanken um Klimaschutz gemacht. Doch im Nachhinein betrachtet war unser Leben auf dem Dorf genau davon geprägt: Wir haben uns zu einem großen Anteil selbst versorgt. Im Garten haben wir Kartoffeln, Möhren, Kürbis, Bohnen, Gurken und Tomaten angepflanzt. Wir hatten Kühe, die Milch gaben, Hühner, die Eier legten. Und von Lebensmittelverschwendung war keine Spur: Was gut war, wurde verbraucht. Ich habe es geliebt, draußen zu sein, im Wald wilde Erdbeeren zu pflücken, Pilze zu sammeln und meiner Mutter beim Melken zuzusehen. Ich habe meine Kindheit als schön erlebt, als eine gewisse Art von Freiheit. Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich vor allem die Weiten der Felder, viel Grün, den Fluss hinter unserem Haus. Wir hatten kein Auto, die Wege wurden auf dem Dorf zu Fuß zurückgelegt. Wenn wir in die 80 Kilometer entfernte Stadt fahren mussten, nahmen wir den Bus, wenn wir meine Großeltern mütterlicherseits besuchten, den Zug. Heute ist Minimalismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber schon damals lebten wir minimalistisch: Ich hatte wenig Kleidung, wenig Spielzeug – und war dennoch K. Pavlustyk (*) Bielefeld, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_8

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(oder gerade deswegen) glücklich. Es wurden auch keine unnützen Dinge gekauft. Und geheizt wurde in unserem Haus mit Holz. Das Dorfleben, so scheint es mir heute, ist etwas langsamer. Es gibt zwar bestimmte Vorgaben (etwa die Uhrzeit, wann die Kühe aus dem Stall getrieben werden mussten), aber doch viel Raum. Vielleicht sehe ich das aber auch deshalb so, weil ich damals ein Kind war. Für meine Eltern war die dreifache Belastung – Job, Kinder und der gesamte Haushalt mit Kühen, Hühnern, Stallausmisten, Gemüseanpflanzen usw. – sicher anstrengend. Mein Bruder und ich mussten mithelfen, in der Küche und beim Aufräumen, waren aber auch viel draußen. Oft habe ich den Eindruck, dass die einfache Art zu leben – etwa auf einem landwirtschaftlichen Betrieb – nicht mehr geschätzt wird, denn wir leben in einer schnelllebigen Zeit, in der Likes und Impressions und Follower zählen. Es geht immer nach vorn, immer höher und schneller und weiter. Dass das Leben abseits dessen wunderschön sein kann, gerät in den Hintergrund. Es fehlt auch, glaube ich, die Wertschätzung dessen, was auf den Tisch kommt. Massentierhaltung ist für mich ein Beispiel dafür, wie maßlos der Mensch und die Industrie geworden sind. Ich bin in einem Umfeld groß geworden, in dem ich wusste, wo die Eier herkommen und der Fisch und das Fleisch, die wir gegessen haben. Auch hier wieder: Unser Essen auf dem Dorf war relativ einfach, wir haben kaum in­ dustriell gefertigte Produkte konsumiert. Schokolade und andere Süßigkeiten waren etwas Besonderes, Fleisch gab es ein- bis zweimal in der Woche. Würden die Menschen in Massentierhaltungsbetriebe gehen, sie würden ihren Konsum von Fleisch und Eiern usw. überdenken. Hoffentlich.

1.2

Bildung

Seit 1994 leben wir in Deutschland. Hier durchliefen wir verschiedene Stationen: Aufnahmelager in Hamm, Notunterkunft in Unna, Notwohnung in Dolberg bei Ahlen. Nach etwa einem Jahr in der neuen Heimat hatten wir unsere erste eigene Wohnung, die uns glücklicherweise möbliert überlassen wurde. Meine Eltern fanden Arbeit. Zwar lebten wir immer noch sehr sparsam und kauften nur das Nötigste. Aber einige Dinge veränderten sich auch: Meine Eltern kauften ein Auto, wir hatten immer einen vollen Kühlschrank und flogen knapp zwei Jahre nach unserer Ankunft in Deutschland für zwei Wochen nach Russland. Vielleicht zeigt sich gerade daran, dass Klimaschutz vorher, auf dem Dorf, nur deshalb gelebt wurde, weil das normal war. Ich schätze, dass das Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen nicht primär eine Rolle spielte. Es lag eher an den Rahmenbedingungen. In Deutschland lebten wir plötzlich in einer Gesellschaft des Überflusses. Und das sah ich auch in der Schule: Manche Kinder trugen ständig neue Kleidung und Schuhe, ihre Eltern konnten sich teure Marken leisten. Das hat gewiss etwas mit mir gemacht, denn ich entwickelte den Wunsch, später genug Geld zu verdienen, um mir alles kaufen zu können,

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was ich wollte. Ich stellte das Konsumverhalten anderer nicht infrage, ich passte mich mehr und mehr an. Nach der Realschule ging ich aufs Wirtschaftsgymnasium, schließlich kam das Studium der Literatur- und Sprachwissenschaften sowie Pädagogik an der Uni Paderborn. Und ich entfernte mich immer weiter von diesem wenn auch nicht umweltbewussten, aber doch umweltfreundlichen Leben in Russland. Ich verdiente mit Aushilfsjobs und als freie Journalistin mein erstes Geld und kaufte mir Kleidung und Schuhe. Äußere Werte spielten eine immer größere Rolle, nicht die inneren. Damals wollte ich einfach nur dazugehören. Aber bewusst war mir das nicht.

2

Mein Weg zur Nachhaltigkeit

2.1

Der eigene Lebensstil

Seit meiner Schul- und Unizeit hat sich in meinem Leben einiges verändert. Zum Besseren, würde ich behaupten. Ich bin mir meiner selbst und meines Konsums viel mehr bewusst. Nachhaltigkeit ist für mich nicht nur eine vegane Ernährung, sondern ein bewusster Konsum im Allgemeinen. Ich lebe relativ minimalistisch, besitze keinen Fernseher und relativ wenig Kleidung und Schuhe. Wenn ich Kleidung kaufe, dann nicht immer neu, sondern oft Secondhand. Ich kaufe mir nicht jedes halbe Jahr ein neues Smartphone, sondern nutze Geräte, solange sie funktionieren. Ich kaufe Obst und Gemüse gern bio, das klappt aber nicht immer. Ich versuche, so einfach wie möglich zu essen und nicht zu viele industriell produzierte Produkte zu konsumieren. Ich bin, was Nachhaltigkeit angeht, nicht perfekt. Ich fahre zum Beispiel Auto. Auch hier darf jeder schauen, was er verändern kann, was für ihn individuell machbar ist. Seit Oktober 2013 lebe ich vegan. Ich halte Veganismus für eine optimale Möglichkeit, um nicht nur das Tierleid zu beenden, sondern auch Nachhaltigkeit zu leben. Um tierische Produkte zu erzeugen, wird beispielsweise am meisten Wasser verbraucht. Die UNESCO hat ausgerechnet, dass 700 Liter Wasser nötig sind, um ein Kilogramm Äpfel zu produzieren. Ein Kilo Eier verbrauchen 3300 Liter Wasser, ein Kilogramm Käse 5000 Liter und ein Kilogramm Rindfleisch sogar 15.500 Liter. Und dabei hört es nicht auf: Kühe bekommen zum Beispiel Soja und Mais zu fressen, die auf Flächen von gerodetem Regenwald angebaut werden. Und dann noch das Thema CO2: Bei Spiegel Online habe ich gelesen, dass die Deutschen jedes Jahr pro Kopf etwa elf Tonnen Treibhausgase produzieren. Wer sich pflanzlich ernährt, bei ansonsten gleichbleibendem Lebensstil (Auto, Reisen usw.), reduziert seine Bilanz um zwei Tonnen pro Jahr. Das sind, so der Spiegel, etwa acht Economy-­Class-Flüge zwischen London und Berlin. Es ist eigentlich notwendig, dass wir ein paar Schritte zurückgehen, dass wir uns wieder darauf besinnen, was wir der Natur und den Tieren antun. Es gibt schon viele nachhaltige Projekte und Konzepte, Urban Gardening, Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung, vegane Initiativen. Die Industrie werden wir, glaube ich, so schnell nicht verändern, auch wenn viele Unternehmen, die t­ ierische

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Produkte herstellen, bereits umdenken und zum Beispiel pflanzliche Alternativen anbieten. Es braucht mehr Aufklärung und ein Bewusstsein für das eigene Tun und Konsumieren, ein Reflektieren. Und das fängt bei jedem Menschen an. Leider sehe ich, dass viele Menschen in entscheidenden Positionen, die einen Einfluss auf ernährungstechnische Entscheidungen anderer haben, also etwa Ernährungsberater oder Mediziner, in diesem Bereich nicht genug Wissen haben. Es wird immer noch gelehrt, dass Milch und Fleisch gesund seien, obwohl zahlreiche Studien das widerlegen. Ich hoffe, dass die vegane Bewegung weiterwächst, weil Veganismus die Antwort auf so viele Probleme ist: Tierschutz, Umweltschutz, Welthunger. Im Grunde geht es darum, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, sie mit den Themen anzusprechen, die sie bewegen. Wem Gesundheit wichtig ist, der ist möglicherweise offen für eine Ernährungsumstellung. Wer sehr aufs Geld achten muss, ist vielleicht interessiert am maßvollen Konsum. Die eine Kommunikationsstrategie gibt es nicht, weil wir Menschen unterschiedlich sind. Manche Menschen werden vegan, nachdem sie Dokumentationen wie „Earthlings“ angesehen haben. Andere zucken nicht mit der Wimper, wenn sie das täglich stattfindende Elend in Massentierhaltungsbetrieben sehen. Manche lesen über den Klimawandel und nutzen öfter die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Fahrrad, andere wollen nicht auf den Komfort ihres Autos verzichten. Ich glaube, es ist in den unterschiedlichen Bereichen der Nachhaltigkeit essenziell, den Menschen zu zeigen, dass eine Veränderung keinen Verzicht bedeuten muss. Aber oft kommt man einfach nicht gegen die Gewohnheiten der Menschen an … Und oft fehlt einfach das Bewusstsein für das eigene Tun.

2.2

 arum nicht nur die „Fridays for Future“-Bewegung und die W Anliegen der Jugend ernst genommen werden sollten

Ich finde, dass schon Kinder ernst genommen werden sollten, einfach weil jeder Mensch von Beginn an ein Individuum ist – mit Ideen und Vorstellungen, die wichtig sind. Jeder Mensch ist wichtig, jeder hat etwas zu sagen. Ein kleines Baby kann sich vielleicht noch nicht artikulieren, aber es hat auch Bedürfnisse und eine Persönlichkeit. Neulich hörte ich eine russische Redewendung, die mich auf die Palme gebracht hat: „Wenn sich Erwachsene unterhalten, sitzen die Kinder in der Ecke und popeln.“ Solch eine Einstellung (und die findet sich nicht nur in Russland) ist der Grund dafür, dass Kinder und Jugendliche verstummen, dass sie ihre Talente und Fähigkeiten „vergessen“, dass sie anfangen zu denken, dass sie nicht wichtig sind, dass ihre Meinung nicht zählt. Und dann richten sie sich nach dem, was andere sagen, gehen genau den Weg, den vielleicht schon ihre Eltern gegangen sind, um dann mit Anfang/Mitte 30 festzustellen, dass sie unglücklich sind. Das ist jetzt eine sehr vereinfachte Darstellung; es gibt viel mehr Aspekte, die auf dem Weg ins Erwachsenenleben zu berücksichtigen sind. Aber die Selbstwirksamkeit ist ein entscheidender Faktor, um erfolgreich erwachsen zu werden, sich selbst zu kennen, sich selbst zu vertrauen, seine Meinung sagen zu können.

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In der Pädagogik ist die Bindungsorientierung ein relativ neuer Ansatz, es geht darum, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen, es anzunehmen, ernst zu nehmen, sich als Erwachsener nicht über seine Bedürfnisse zu stellen. Natürlich darf es auch Grenzen geben, aber es geht vor allem um eine vernünftige Kommunikation, um ein Gehört- und Verstan­ denwerden. Die Bewegung „Fridays for Future“, bei der Jugendliche bundesweit für Nachhaltigkeit demonstrieren, erreicht ungeahnte Ausmaße. Mancher mag bemängeln, dass das bloß ein Vorwand ist, um freitags die Schule zu schwänzen. Doch das Engagement der Schüler, das sich seit Monaten zeigt, beweist, dass es um weit mehr geht. Die Teenager könnten vielleicht das schaffen, was den Generationen vor ihnen nicht gelungen ist: die Politik und die breite Öffentlichkeit aufmerksam machen auf ein Problem, das uns alle angeht. Wir Menschen sind von Natur aus empathisch – doch warum verschließen wir so oft die Augen vor dem Leid anderer Lebewesen und den Konsequenzen, die unser Handeln auf die Umwelt hat? Sicher, ich kann niemandem etwas vorwerfen: Vor einigen Jahren habe ich mich keinen Deut um Nachhaltigkeit geschert. Kurze Strecken mit dem Auto fahren und jedes Jahr in den Urlaub fliegen? Aber klar! Jedes Wochenende neue Kleidung kaufen? Sicher! Fleisch auf den Teller? Aber natürlich! Ich habe mir keine Gedanken da­ rüber gemacht, wie ich gelebt habe. Ich war absolut unbewusst. Und so leben die meisten Menschen. Erst wenn es ihnen gesundheitlich nicht gut geht, hinterfragen sie vielleicht ihre Ernährungsweise und fangen an, sich zu bewegen. Erst wenn sie merken, dass all ihre Besitztümer sie nicht glücklich machen, widmen sie sich Phänomenen wie dem Down­ sizing oder Minimalismus. Ähnlich war das auch bei mir. So banal es erscheinen mag, aber zum Thema Nachhaltigkeit bin ich gekommen, weil ich abnehmen wollte. Ich hatte vor sechs Jahren nur meinen eigenen Vorteil im Sinn, als ich ein veganes Kochbuch gekauft und mir vorgenommen habe, mich 30 Tage lang rein pflanzlich zu ernähren. Es sollte ein Test sein – mit hoffentlich positivem Effekt im Bereich BBP: Bauch, Beine, Po. Schon in den ersten Tagen habe ich gemerkt, wie viel Energie ich hatte. Das Mittagstief kannte ich von da an nicht mehr. Meine Haut wurde reiner, meine Nägel schöner. Und wie gut das vegane Essen geschmeckt hat! Man kann also sagen, dass meine Absichten höchst egoistisch waren. Zunächst. Denn ich fing an, mich mit meinem neuen Lebensstil zu beschäftigen und immer mehr Dinge zu hinterfragen, die wir als „normal“ kennen. Wieso wird uns eingetrichtert, dass Milch gesund und gut für starke Knochen ist, wenn das überhaupt nicht stimmt? Wieso berichten die Medien nicht darüber, dass Milchprodukte im Gegenteil zur Übersäuerung führen und Entzündungen im Körper fördern? Wieso sagt einem keiner, dass Kuhmilch und Fleisch Risikofaktoren für Krebs sein können? Warum ist es normal für uns, Rind oder Huhn zu essen, aber nicht Hund oder Katze? Wieso schneiden wir die einen Lebewesen in Stücke und streicheln die anderen? Tiere sind in der heutigen Zeit zu Objekten verkommen, die effizient sein müssen. Das Leben an sich, die Natur spielt keine Rolle. Die Lebenserwartung von Hühnern liegt normalerweise bei etwa sieben oder acht Jahren, manchmal sogar bei zehn Jahren oder länger.

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In der Massentierhaltung wird ein Masthuhn nur etwa sechs Wochen alt, Legehennen werden nach anderthalb Jahren geschlachtet, männliche Küken bald nach der Geburt geschreddert. Und alles nur im Namen des Profits, im Zeichen der Effizienz. Nehmen wir das Yulin-Hundefleisch-Festival, bei dem tausende Hunde „auf grausame Weise getötet und zu Nahrungsmitteln oder Leder verarbeitet“1 werden: Wir regen uns furchtbar über diese barbarische Tierquälerei auf – doch dass bei uns in Deutschland genau das Gleiche passiert, Tag für Tag, das blenden wir aus. Würde jeder die Zustände in der Massentierhaltung mit eigenen Augen sehen, wir hätten deutlich mehr Vegetarier und Veganer. Nachdem ich vegan geworden war, wollte ich mit den Menschen in meiner Umgebung über all das sprechen, ich wollte sie aufklären über etwas, was ich erfahren hatte, was oft auf Skepsis stieß. Denn wir sind auch Gewohnheitstiere. Wir haben ja schon immer Fleisch gegessen und Milch getrunken. Es fällt schwer, etwas komplett anders zu machen als vorher und vor allem als die meisten anderen. Ja, als Veganer wird man dann und wann belächelt, man muss so manchen blöden Spruch ertragen und erleben, dass Menschen wütend werden, nur weil man sich pflanzlich ernährt. Mein Weg führte mich auch zu einem immer größeren Hinterfragen. So viele Dinge hatte ich selbst für „normal“ gehalten. Ich hatte Unmengen an Kleidung und Schuhen, ich kaufte alles neu, nie gebraucht. Plastik im Supermarkt? Klar, was ist das Problem? Gut, ich habe schon früher keinen Müll auf die Straße geschmissen. Dazu haben mich meine Eltern erzogen. Aber erst nachdem ich meine Ernährung umgestellt hatte, änderten sich verschiedene Bereiche meines Lebens. Ich mistete meinen Kleiderschrank radikal aus und fragte mich: Brauche ich das wirklich? Habe ich das in den vergangenen sechs Monaten überhaupt angezogen? Ich trennte mich von allem, was zu viel war. Dekokram, Küchenutensilien, Kleidung und noch mal Kleidung. Ich las immer mehr über vegane Bewegungen, über Minimalismus und alternative Lebens- und Arbeitsmodelle. So viele Jobs könnten zum Beispiel aus dem Homeoffice erledigt werden, doch die Vorgesetzten wollen die Kontrolle über ihre „Schäfchen“ nicht aufgeben. Würden mehr Menschen von zu Hause arbeiten, stünden sie nicht morgens und nachmittags im Stau und ihre Autos verursachten keinen CO2-Ausstoß. Co-Working, Co-­ Living, Konsumverzicht: Ich habe irgendwann angefangen, mir über all das Gedanken zu machen. Das bedeutet nicht, dass ich nur noch mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs bin. Ich lebe auch nicht komplett plastikfrei oder in einer einsamen Hütte im Wald. In gewissen Bereichen gibt es bei mir noch Luft nach oben. Jeder sollte schauen, was er möglich machen kann, was er möglich machen will. Neulich las ich, dass „der effektivste Weg, um den dringend notwendigen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten“,2 der Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte sei. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Universität Oxford. Die Herstellung von Fleisch- und  https://www.peta.de/yulin-hundefleisch-festival. Zugegriffen am 20.08.2019.  https://animalequality.de/blog/oxford-studie-belegt-pflanzliche-ernaehrung-ist-am-besten-fuer-die-umwelt/. Zugegriffen am 20.08.2019.

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Milchprodukten sei in den meisten Fällen mit einem deutlich höheren Ressourcenverbrauch verbunden, als es bei pflanzlichen Lebensmitteln der Fall sei. Tierische Produkte wie Fleisch und Milch decken beim menschlichen Konsum lediglich 18 % der Kalorien- und 37 % der Eiweißversorgung. Doch ihre Produktion belegt etwa 83 % der landwirtschaftlich genutzten Flächen und erzeugt rund 60 % der Treibhausgase. Eine extrem unausgeglichene Bilanz – mit bislang fatalen Folgen für die Umwelt. (Animal Equality)

Für die Untersuchung wurden mehr als 40.000 landwirtschaftliche Betriebe in 119 Ländern und 90 % der vom Menschen konsumierten Lebensmittel untersucht. Würde die Weltbevölkerung aufhören, Fleisch- und Milchprodukte zu konsumieren, ließen sich Agrar­ flächen um 75 % reduzieren. Vielleicht werden die nachfolgenden Generationen umsichtiger mit natürlichen Ressourcen umgehen, es geht eben auch in der Natur nicht höher, schneller, weiter. Irgendwann ist Schluss. Beim veganen Stammtisch, zu dem ich eine Zeit lang regelmäßig gegangen bin, waren immer mehr Jüngere. Schüler, Studenten. Viele von ihnen engagieren sich bei Peta oder machen beim Cube of Truth mit, einer Demo, bei der Szenen aus Massentierhaltungsbetrieben gezeigt werden. Ich bewundere all diese Menschen, die sich jedes Wochenende an einen belebten Ort stellen und Passanten informieren, die nicht müde werden, für den Tier- und Umweltschutz einzustehen. Meine Demoerfahrung beschränkt sich auf eine Peta-Aktion kurz vor Ostern, bei der wir über das Kükenschreddern informiert haben. Auch dies ein aktuelles Thema, weil das Bundesverwaltungsgericht jüngst entschieden hat, dass das „massenhafte Töten von Eintagsküken“3 erlaubt bleibt, bis eine Alternative gefunden ist, die Betriebe das Geschlecht des Kükens im Ei bestimmen und männliche Embryonen töten können, bevor aus ihnen Küken geworden sind. Jedes Jahr werden in Deutschland 45 Millionen männliche Küken getötet, erstickt, geschreddert, zu Tierfutter verarbeitet. Laut Tierschutzgesetz braucht es einen „vernünftigen Grund“, um ein Tier zu töten. Doch in der Massentierhaltung, wo täglich Tiere umgebracht und gequält werden, findet dieses Gesetz keine Anwendung. Sicher ist der Konsum tierischer Produkte nur ein Aspekt, wenn es um Klimaschutz geht. „Für den notwendigen Wandel müssen sektorübergreifend grundlegende Veränderungen stattfinden. Vor allem in den Sektoren Energieerzeugung, Wohnen und Bauen, Industrie, Transport und Verkehr sowie Landwirtschaft sind enorme Anstrengungen nötig. Das wirtschaftliche Handeln darf nicht weiterhin planetare Grenzen überschreiten“, heißt es auf der Website der Bewegung „Fridays for Future“.4 Angefangen hat alles im August 2018, als die schwedische Schülerin Greta Thunberg begann, vor dem schwedischen Reichstag für Klimaschutz zu protestieren, statt in die Schule zu gehen. Greta „lebt aus ethischen Gründen vegan“ und plädiert „für die ­Bedeutung 3  https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-06/kuekenschreddern-toetung-bundesverwaltungsgericht-urteil-tierwohl-gefluegelwirtschaft. Zugegriffen am 20.08.2019. 4  https://fridaysforfuture.de/forderungen/. Zugegriffen am 20.08.2019.

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und Wirksamkeit einer pflanzlichen Ernährung“,5 was selbst bei Klimaschützern oft auf Unverständnis stößt. Auch jenen, die sich für die Umwelt einsetzen, sind die Zusammenhänge zwischen dem individuellen Konsumverhalten und den weltweiten Folgen der Massentierhaltung oft nicht klar. Es verblüfft mich, dass … Umweltschützer und Klimawandel-Aktivisten weiterhin die Rolle der landwirtschaftlichen Tierhaltung im Klimawandel ignorieren und Fleisch und Milchprodukte essen. Die Statistik: Die Abholzung des Regenwaldes ist zu 90 % ein Ergebnis landwirtschaftlicher Tierhaltung, landwirtschaftliche Tierhaltung ist der drittgrößte Verursacher des Klimawandels – nach Öl und Kohle. Also frage ich euch, wenn ihr es mit dem Umweltschutz ernst meint: Warum seid ihr nicht vegan? (Moby)6

Das herausragende Engagement Einzelner bewundere ich zutiefst. Und ich hoffe sehr, dass sich immer mehr Menschen über unsere Erde Gedanken machen – und wie wir sie für die nachfolgenden Generationen hinterlassen.

Katharina Pavlustyk,  Jahrgang 1984, wurde in Russland geboren. Sie zog mit ihrer Familie 1994 nach Deutschland, wo sie die Liebe für die deutsche Sprache entdeckte. Während ihres Studiums der Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Pädagogik arbeitete sie als freie Journalistin für eine Tageszeitung und sammelte Erfahrungen in diversen Zeitungspraktika. Nach ihrem Volontariat war sie als Redakteurin bei einer Tageszeitung tätig, danach als PR-Redakteurin bei einer Kommunikationsagentur und später als Öffentlichkeitsreferentin bei einem Online-Weiterbildungsanbieter. Die freiberufliche Lektorin (www.katharinapavlustyk.de) ist Autorin von vier Büchern: „Liebe deine Arbeit“ (2016, Tredition), „Sei dir selbst ein guter Freund“ (2017), „Auf Umwegen zum Glück“ (2018) und „Der Weg des Herzens“ (2019).

5  https://animalequality.de/blog/fridays-future-fuer-greta-beginnt-umweltschutz-auch-auf-unseren-tellern/. Zugegriffen am 20.08.2019. 6  https://www.instagram.com/p/Bu7AoxZhzZZ/. Zugegriffen am 20.08.2019.

Generation „You can do this“ Ein Erfahrungsbericht über das Suchen und Finden von Bestimmung in der Nachhaltigkeit Ann-Sophie Czech

I don’ want your hope, I don’t want you to be hopeful. I want you to panic. I want you to feel the fear I feel every day and then I want you to act … as if you would be in a crisis. I want you to act as if the house is on fire because it is. – Greta Thunberg, 16, Umweltaktivistin, beim World Economic Forum 2019 (The Guardian (25.01.2019). Our house is on fire: Greta Thunberg urges leaders to act on climate. Abgerufen von: https://www.theguardian.com/environment/2019/jan/25/our-houseis-on-fire-greta-thunberg16-urges-leaders-to-act-on-climate). My mission is to create a world where we can live in harmony with nature. And can I do that alone? No. So there is a whole army of youth that can do it. – Jane Goodall, 85, Verhaltensforscherin (Phil Stubbs 2019. Jane Godall quotes. Abgerufen von: https://www.environmentshow.com/ jane-goodall-quotes/).

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 ins und eins macht drei: Die verflixte Mathematik E der Nachhaltigkeit

Als Idealist habe ich es weder in meiner Generation noch in der heutigen Welt und vor allem nicht in der Nachhaltigkeit einfach. Mit leuchtenden Augen zeige ich meine neuen Bambusohrenstäbchen in die Runde, um im nächsten Moment die ersten vernichtenden Kommentare einzusammeln, wie: „Weißt du, wie viel Wasser Bambus verbraucht?“ Und: A.-S. Czech (*) Waldburg, Deutschland Email: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_9

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„Die wurden in China hergestellt, schau mal, wie lange die geflogen sind.“ Für mich bedeutet Nachhaltigkeit ein ständiges Paradox. Drehst du an einer Stellschraube kreierst dabei drei neue Probleme. So kauft man, überzeugt das Richtige zu tun, eine Kunstlederjacke, um hinterher zu erfahren, dass die vegane Alternative aus Erdöl hergestellt wurde, eine kürzere Lebensdauer hat als eine echte Lederjacke, zudem nicht wieder recycelt werden kann und somit noch mehr zu unserer Plastikverschmutzung beiträgt. Andere argumentieren dagegen, dass die Umweltbelastung während der Herstellung einer Lederjacke viel höher ist. Dabei wurde aber die Entsorgung der ausgedienten Kunstlederjacke nicht mit eingerechnet. Recherchen zu nachhaltigen Themen lassen mich oft aufgewühlt, ratlos und unbefriedigt zurück. Das Was-wäre-wenn-Szenario von den Grenzen unseres Planeten sowie den Konsequenzen des Klimawandels kann von Weltuntergang bis unnötiger Panikmache in verschiedenen Berichten und Forschungsergebnissen die unterschiedlichsten Gestalten annehmen. Was wir heute brauchen, sind Taten statt Diskussionen. Und die werden uns aktuell von einer Armada junger Menschen vor Augen geführt, die die Dringlichkeit der Situation verstehen, keine Geduld mehr für das Auf-die-lange-Bank-Schieben von Politikern haben, kein Verständnis für weißhaarige, profitgetriebene Entscheider aufbringen, die ihre Zukunft in Gefahr bringen und wirkliche Veränderungen im Keim ersticken. Aber was ist mit mir, was bedeutet das alles für mich – einer Vertreterin der zum Teil als träge bezeichneten Generation Y? Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit längst keine Ehrendisziplin mehr, sondern eine Pflichtdisziplin. Zu sehr ist mir in den letzten Jahren während meiner Reisen die Fragilität unseres Planeten bewusst geworden. Wenn man unter Wasser statt bunter Fische nur noch einem leer gefegten, weißen Korallenriff begegnet, fühlt man sich zugleich gelähmt vor Trauer, rasend vor Wut und irgendwie machtlos. Dennoch bin ich der Meinung, dass für das Thema Nachhaltigkeit ein gewisser Idealismus von essenzieller Bedeutung ist, um das „brennende Haus“ zu löschen. Ich habe das Gefühl, dass meine Generation auf der Suche nach Bestimmung die Zerrissenheit zwischen den alten, etablierten, wirtschaftlichen Strukturen und dem Aufbruch in etwas Neues, von dem wir aber noch nicht richtig wissen, was sich da genau entwickelt, zu überbrücken versucht. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass wir dabei unseren Optimismus verlieren, etwas bewirken zu können, und die Chance verpassen, unsere eigene nachhaltige Zukunft zu schreiben. Obwohl ich dabei Gefahr laufe, zu optimistisch und idealistisch zu klingen, ist es doch viel wichtiger, das brennende Haus vor dem Einsturz zu bewahren, indem ich mir die aktuell dringlichsten Fragen unserer Zeit stelle: Was kann ich tun und wo muss ich anpacken?

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Eine besondere Spezies: der Homo internatus

Um darzulegen, wie ich mich dieser Frage genähert habe, möchte ich zunächst von mir erzählen, einer waschechten Vertreterin der Generation Y, geboren im Jahr 1993. Als Tochter eines Bekleidungsunternehmers war ich mit dem Thema Nachhaltigkeit von klein auf konfrontiert. Bereits im Teenageralter durfte ich meinen Vater als seine Assistentin zu den

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Produktionsstätten begleiten. Dort zeigte er mir, worauf geachtet werden sollte, um umweltfreundlich sowie sozialverträglich zu produzieren und zusätzlich mit erstrebenswerten Nachhaltigkeitslabels zertifiziert zu werden. Dadurch war ich dem Thema gegenüber sehr sensibel, sodass mir jegliche Nachrichten und Neuigkeiten darüber sofort ins Auge gesprungen sind. Die Aktualität und Bedeutung des Themas sowie die Bemühungen meines Vaters sollte ich jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt einordnen können. Zu Beginn der 10. Klasse habe ich die Schule gewechselt und das Internat Schule Schloss Salem am Bodensee besucht. Mit all den neuen Eindrücken und Erlebnissen rückte die Nachhaltigkeit auf meiner Prioritätenliste erst einmal weit nach unten. Neben dem normalen Schulbetrieb, dem neuen Umfeld und den sportlichen Aktivitäten musste ich auch wöchentlich sozialen Diensten nachgehen: Ich meldete mich für die Freiwillige Feuerwehr. Im Laufe der Jahre begegnete ich vielen Vorurteilen, wenn Menschen erfuhren, welche Schule ich besuchte. Viele hinterfragen bei der Erwähnung des Namens Salem noch heute meine nachhaltige Gesinnung. Zu krass scheint die Diskrepanz zwischen dem elitären Schüler mit der pelzbekragten Jacke und dem latzhosetragenden Öko, der sich mit einem Klemmbrett und Megafon bewaffnet für die Rettung der Weltmeere einsetzt. Doch kann man eine nachhaltige Überzeugung wirklich an ohnehin überspitzten Stereotypen über das private und staatliche Bildungssystem festmachen? Ich persönlich habe meine Zeit im Internat als eine ganzheitliche persönliche und akademische Ausbildung erlebt, die mich bis heute sehr prägt. Meine Stärken und Interessen, die in den Nachwehen der Pubertät und im Trubel des Schulwechsels untergegangen waren, wurden wieder zutage gebracht und gefördert. Die Vision des Gründers der Schule Schloss Salem Kurt Hahn, „Persönlichkeiten bilden“, wurde täglich gelebt. Und obwohl ich in der Schule nicht besonders strebsam war und hier sicher mehr hätte rausholen können, hat man mich nicht übermäßig getriezt, sondern mich entwickeln lassen. So konnte ich Hobbys nachgehen, die vielleicht an einer staatlichen Schule nicht möglich gewesen wären. Ich wechselte von der Freiwilligen Feuerwehr zum botanischen Dienst und wurde Nachhaltigkeitsbeauftragte im Schulparlament, entgegen des allgemein verankerten Stereotyps eines „typischen Internatlers“. Mich hat die Zeit im Internat zu der Persönlichkeit gemacht, die ich heute bin, eine junge Frau mit einer Leidenschaft für Nachhaltigkeit und Kommunikation, die sich bis heute aufrichtig mit ihrer Salem-Familie identifiziert. Als Abiturientin des ersten G8-Jahrgangs und damit eines Doppeljahrgangs konnte ich den Unterschied in der Belastung des Schülers zwischen dem G8- und dem G9-System am eigenen Leib erfahren. Wir hatten in der 10. Klasse nicht nur einen deutlich strafferen Stunden- und Stoffverteilungsplan als der G9-Jahrgang, sondern auch ein Jahr weniger Zeit unseren außerschulischen Aktivitäten nachzugehen. Besonders im Internatsleben wurde deutlich, was das eine Jahr weniger auch für die persönliche Entwicklung ausmachte: Ein Jahr weniger bedeutete zum Beispiel ein Jahr kürzer Dienst, was Ausbildungen wie die Feuerwehrgrundausbildung oder den Seerettungsschein deutlich erschwerte. Während die G9-Schüler als weitgehend gereifte Persönlichkeiten ihren akademischen Weg mit einem Studium antraten, stellte sich eine Vielzahl der G8-Schüler erst einmal während einer horizonterweiternden Weltreise die Sinnfrage oder brach ihr Studium nach

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dem ersten Jahr ab. Auch ich war mir nach Jahren hinter der Schulbank weder sicher, was ich in meinem Leben erreichen wollte, noch wohin mich das angeeignete Wissen der vergangenen Jahre führen würde. Und mit meinem Abiturzeugnis in der Hand und einer Welt voller Möglichkeiten stellte sich mir die alles entscheidende Frage der Generation Y: Was ist meine Bestimmung?

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Die Bestimmung

Während eines knappen Jahres Leben und Arbeiten in Asien, das mir mein Vater durch ein Praktikum bei der Otto Group in Hongkong geebnet hatte, konnte ich mir nicht nur über meine Ziele klar werden, sondern auch einen Weg ausarbeiten, wie ich diese erreichen wollte. Fasziniert von den leuchtenden Werbereklamen und dem Stellenwert der digitalen Kommunikation in Asien, erkannte ich die Wirkungskraft gezielt platzierter Botschaften und entschied mich dazu PR- und Kommunikationsmanagement zu studieren. Noch heute verspüre ich zu Hongkong eine enge Verbundenheit, da ich innerlich das Gefühl habe, dass meine Bestimmung genau an diesem Ort ihren Lauf genommen hat. Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich mich intensiv mit verschiedenen Themen, wie zum Beispiel Werbung und Kommunikation sowie deren subtiler Wirkung, auseinanderzusetzen, Strukturen zu hinterfragen und Zusammenhänge herzustellen. In Hongkong hatte ich das erste Mal das Gefühl, eine tragende Rolle in der Gesellschaft spielen zu können, mit angeeignetem Wissen in der Zukunft vielleicht sogar Veränderungen bewirken zu können  – kurz gesagt erwachsen zu werden. Ich entschied mich dazu, das Studium an einer Fachhochschule aufzunehmen, da ich von dem praktischen Ansatz für einen leichteren Einstieg ins Berufsleben überzeugt war. Tatsächlich war diese Wahl genau die richtige Entscheidung für mich. Bei Praxisprojekten mit echten Kunden, wie der Süddeutschen Zeitung oder der Kommunikationsagentur Salt Works, entwickelten wir spannende Kommunikationskonzepte auf der Grundlage empirischer Erhebungen im Team. Zunächst fesselten mich Themen wie Branding, Werbung und Social Media. Als ich jedoch für meine Bachelorarbeit nach einem geeigneten Thema suchte, fragte ich mich, welchen Beitrag ich eigentlich mit meiner Forschung leisten möchte. Während dieser Zeit schaute ich auch die Dokumentation von Leonardo DiCaprio Before the flood. DiCaprios Enthüllungen zeigen, dass Regierungsmitarbeiter angewiesen wurden, das Wort „Klimawandel“ nicht mehr zu verwenden, während Politiker an höchster Stelle die Existenz des Klimawandels leugnen, um die Industrie und das Wachstum des Landes weiter zu stärken. Ich fand es zugleich erschreckend und beängstigend zu sehen, in welchem Maß die Interessen der Industrie, wie zum Beispiel die der Energiekonzerne, das amerikanische Parlament infiltrieren und die Verabschiedung von essenziellen Klimaschutzgesetzen erheblich erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Plötzlich hinterfragte ich mein Studium, denn ich war auf dem besten Weg, selbst zu der Zerstörung

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unseres Planeten beizutragen. Mir wurde bewusst, dass auch ich zum Überkonsum, der als Ursprung vieler Umweltprobleme gilt, beitrage, indem ich mit ausgeklügelten Kommunikationsmaßnahmen ein künstliches Verlangen beim Konsumenten auslöste, das bestenfalls in einem Kauf münden würde. Ich war tief beeindruckt von DiCaprios Dokumentation und der Entschlossenheit einer einzelnen Person, die es sich zur Mission machte, Aufmerksamkeit für den Klimaschutz zu generieren und dabei auch als Sprachrohr besorgter Wissenschaftler, Politiker und Aktivisten zu fungieren. Auch ich verspürte einen immer stärker werdenden inneren Drang, mehr von der prekären Lage unserer Umwelt zu verstehen, und begann vermehrt darüber nachzudenken, wie Kommunikationsmittel helfen konnten uns aus dieser Lage zu befreien. War das etwa meine Bestimmung? Der Klimawandel stellt durch seine wissenschaftliche Komplexität laut Nachhaltigkeits- und Marketingprofessor sowie Mitglied des Cambridge Institute for Sustainability Leadership Ken Peattie sowohl für das Marketing als auch für die Journalisten eine der größten kommunikativen Herausforderungen dar (Peattie et al. 2009). Als Digital Native wollte ich mich dem Thema Klimawandelkommunikation vor dem Hintergrund der wachsenden Relevanz von sozialen Netzwerken und der Kraft von Mund-zu-Mund-­Propaganda, auch Electronic Word-of-Mouth (eWOM) genannt, annähern. Ein soziales Netzwerk, in welchem eWOM durch das Teilen, auch Retweeten genannt, von Nachrichten eine große Rolle spielt, ist Twitter. Der Microblogging-Dienst ist in der Sozial- und Kommunikationsforschung eine äußerst wichtige Quelle, da er eine unmittelbare Informationsquelle für die Meinungen und Einstellungen der Gesellschaft zu aktuellen Themen darstellt (Cody et al. 2015). So untersuchte ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit einer quantitativen Inhaltsanalyse die Erfolgsfaktoren, wie die Anzahl der Likes (wie vielen der Beitrag gefallen hat) oder Retweets (wie oft etwas geteilt wurde), die Verwendung von Bildern oder Hashtags und vieles mehr, der Botschaften von Meinungsführern über den Klimawandel auf Twitter. Die Ergebnisse meiner Untersuchung zeigten auf, dass Hashtags ein wesentlicher Treiber für die Verbreitung von Tweets sind, was Befunden vorangegangener Studien entspricht (Stieglitz und Dang-Xuan 2012). Meine Forschungen in diesem Bereich haben jedoch vor allem verdeutlicht, dass grundsätzlich eine große Forschungslücke im Bereich Klimawandelkommunikation in sozialen Netzwerken besteht. Da das Konsumverhalten zunehmend durch Botschaften von Meinungsbildnern im Netz und die Verbreitung dieser durch eWOM bestimmt wird (Uzunoǧlu und Misci Kip 2014), sind Erkenntnisse über die Erfolgsfaktoren von Nachrichten in sozialen Netzwerken wie Twitter auch für Unternehmen äußerst wertvoll, um den Konsumenten zu erreichen und dessen Bedürfnisse zu verstehen. Angetrieben durch meine Forschungserkenntnisse und mit dem Ziel, das Potenzial von Kommunikation und insbesondere von Marketinginstrumenten für die Erschaffung einer nachhaltigeren Zukunft weiter zu untersuchen, setzte ich mein Studium mit einem Master in Marketing an der University of St Andrews in Schottland fort. Ich hatte meine Bestimmung vorerst gefunden.

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Mit dem Master gegen das drohende Desaster

Manchmal fühlte es sich so an, als ob dieser abgeschiedene Ort direkt am Ozean meine Motivation, einen positiven Beitrag zur drohenden Klimakatastrophe zu leisten, verstärkte. Es war, als ob mir die Natur an Tagen, wo das Tosen der Wellen und das Pfeifen des Windes besonders laut waren, die Bedrohlichkeit der aktuellen Lage vor Augen hielt. Ich war positiv beeindruckt, wie sehr es uns tatsächlich möglich war, den Inhalt des Studiums unseren eigenen Interessen anzupassen. So konnte ich bei eigenen Projektarbeiten und Essays die Fragestellungen auf einen bestimmten Trend oder ein bestimmtes Thema beziehen und das Thema Nachhaltigkeit und Marketing von verschiedenen Perspektiven beleuchten. Ich untersuchte beispielsweise während eines Essays Konzepte wie Materialismus (Materialism), Konsumismus (Consumerism) sowie deren gesellschaftlichen Einfluss. Dabei erfuhr ich mehr über den sogenannten neuen Materialismus, der Menschen entgegen der Wegwerfmentalität dazu motivierte, durch Pflege und Reparatur eine langfristigere Beziehung zu Produkten einzugehen. Ein Beispiel hierfür sind Marken wie Patagonia, die Menschen aktiv dazu bewegen, ihre Produkte zu reparieren, statt ein neues Kleidungsstück zu kaufen (Patagonia 2011). Während der Vorlesungen wurde uns zudem vermittelt, welche aktuellen Trends auf die Disziplin Marketing einwirken. Wir erfuhren mehr über die Herausforderungen, Chancen und den gesellschaftlichen Stellenwert von Marketing in der Zukunft. Als besonders interessant empfand ich auch den Kurs „Consumer Behaviour“, welcher die Wirkung der Marketingmaßnahmen von der psychologischen Seite des Konsumenten beleuchtete. Meine Masterarbeit sah ich als Chance, an den Erkenntnissen meiner Bachelorarbeit anzuknüpfen und dabei mehr über die Möglichkeiten zu erfahren, sozial, ökonomisch sowie ökologisch verträglicher zu wirtschaften. Bei der quantitativen Inhaltsanalyse der Tweets während meiner Bachelorarbeit fühlte ich mich in meinen Erkenntnissen immer wieder begrenzt, da ich lediglich Aussagen über die Erfolgsfaktoren von Kommunikationsmaßnahmen, jedoch keine Aussagen über die Bedürfnisse des Konsumenten treffen konnte. Inspiriert durch meine Masterkurse wollte ich mehr über die psychologischen Prozesse erfahren, die einen Menschen zum tatsächlichen nachhaltigen Handeln bewegen, wie zum Beispiel die zugrunde liegende Motivation beim Kauf verpackungsarmer Produkte oder beim Recyceln von Plastikflaschen. Darüber hinaus war es mir ein Anliegen, Erkenntnisse über den Einfluss verschiedener Kommunikationsmaßnahmen auf das Konsumentenverhalten zu gewinnen. Ich stützte das Theoriekonstrukt meiner Arbeit auf das Attitude-Behaviour-Gap-Modell, welches das Phänomen zu erklären versucht, warum eine bestimmte Einstellung, geprägt durch Werte, Erfahrungen, Intentionen, und Informationen, entgegen den psychologischen Erkenntnissen anerkannter K ­ onsumentenverhaltensmodelle (Ajzen 1988) nicht immer auch zu einer entsprechenden Handlung führt. Da Millennials nicht nur eine bedeutende Kaufkraft darstellen, sondern auch ihre Kaufentscheidungen im Hinblick auf Gesundheit und ökologischen Fußabdruck im Vergleich zu anderen Generationen vermehrt hinterfragen (Nielsen 2014), entschied ich mich dazu, meine Daten durch Diskussio-

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nen in Fokusgruppen mit Studierenden der Generation Y zu erheben. Mein Forschungsziel war es, sowohl Faktoren, die die Lücke zwischen umweltfreundlichen Einstellungen und umweltfreundlichem Handeln beeinflussen, als auch die Wirkung und das Potenzial von Kommunikationsmaßnahmen wie Green Advertisement für die Überbrückung der Lücke näher zu beleuchten. Green Advertisements können dabei als Botschaften definiert werden, welche ein umweltfreundliches Konsumverhalten bewerben (Kilbourne 1995). Die Gespräche und Diskussionen innerhalb der Fokusgruppen mit Vertretern der Generation Y lieferten mir nicht nur wissenschaftlich wertvolle Erkenntnisse, sondern halfen mir auch die Beweggründe für bestimmte Handlungen, Werte, Treiber und Zukunftsvorstellungen meiner Generation zu verstehen. Meine Untersuchungen zeigten auf, dass Faktoren, die die Lücke zwischen nachhaltigen Einstellungen und tatsächlich nachhaltigem Handeln verstärken, vor allem Bequemlichkeit (wie viel Energie muss ich aufwenden, um ein nachhaltiges Äquivalent zu finden), Verfügbarkeit von nachhaltigen Produkten (wo finde ich nachhaltige Produkte überhaupt), fehlende Unmittelbarkeit von Umweltproblemen (Umweltprobleme stellen noch keinen erheblichen Einschnitt in unserem Leben dar), Funktionalität (kann die umweltfreundlichere Version eines Produktes die gleichen Funktionen erfüllen), fehlendes Wissen (was ist wirklich nachhaltig) und fehlendes Vertrauen (was bedeuten die Zertifikate wirklich) sind. Faktoren, die die Übersetzung von nachhaltigen Einstellungen in entsprechendes Handeln erleichtern, sind hingegen Vertrauen, Bildung sowie das Verhalten der Referenzgruppe. Ein weiterer interessanter Aspekt, der helfen kann die Attitude Behaviour Gap zu verkleinern, ist die sogenannte kognitive Dissonanz. Diese entsteht, wenn Individuen Unstimmigkeiten in ihrer Wahrnehmung über sich selbst, ihrem Verhalten und ihrer Umwelt empfinden, was in psychologischem Unbehagen mündet (Festinger 1957). Nichtwissenschaftlich ausgedrückt kann man auch von einer Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit sprechen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, je größer die kognitive Dissonanz ist, desto eher werden Verhaltensveränderungen hervorgerufen. Im Einklang mit vorangegangenen Studien zeigen meine Ergebnisse, dass man ein Unbehagen hervorruft, indem man die Menschen auf die Lücke zwischen ihren angegebenen Einstellungen (z. B. hoher Stellenwert der Umwelt) und dem, was sie tatsächlich tun (z. B. langes Duschen), hinweist. Dieses unbehagliche Gefühl kann dann zu einem umweltfreundlicheren Verhalten führen, wie zum Beispiel zu einem geringeren Wasserverbrauch bei der alltäglichen Dusche (Terlau und Hirsch 2015; Juvan und Dolnicar 2014). Mithilfe verschiedener Techniken versuchen Individuen jedoch diese Dissonanz zu rationalisieren, um sich besser zu fühlen (Juvan und Dolnicar 2014). So suchten auch die Teilnehmer meiner Untersuchungen nach verschiedenen Gründen, warum sie nicht umweltfreundlich konsumieren ­können. Die persönliche Verantwortung abstreitend, sahen Teilnehmer meiner Studie die Verantwortung vorwiegend bei Unternehmen oder der Regierung, dem Konsumenten die Wahl für ein nachhaltiges Produkt zu erleichtern, oder verwiesen auf eine Machtlosigkeit, indem sie aufzeigten, mit dem Recyceln ihrer Flaschen nicht die benötigte weitreichende Veränderung bewirken zu können. Kurzum das Thema Nachhaltigkeit ist ein Spielplatz,

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auf dem sich große kognitive Dissonanzen und verschiedenste kleine Rationalisierungstechniken tummeln, die wir uns je nach Bedarf unbewusst oder sogar bewusst zurechtlegen. Die Literaturrecherche zeigte auch mir auf, wie sehr ich mir teilweise selbst etwas vorspielen und einreden konnte, wenn es darum ging, Verantwortung für mein eigenes umweltschädliches Verhalten zu übernehmen. Heute ertappe ich mich bewusst dabei, wie ich mir unbewusst minutenlang ganze Argumentationsstränge zurechtlege, um mich zu rechtfertigen, warum ich jetzt zum Beispiel das Auto für eine Kurzstrecke anwerfen muss: Dafür benutze ich ja keine Plastiktüten und außerdem nehme ich ja Menschen bei Mitfahrgelegenheiten mit und zudem fahren andere Menschen ja auch viel größere Autos. Nach den Diskussionen in den Fokusgruppen war ich mir bei einer Tatsache sicher: Diskutieren und argumentieren kann die Gen Y und zwar bis zum bitteren Ende. Aber was kann den Menschen nun in solches Unbehagen bringen, dass er auch wirklich sein Verhalten ändert? Dazu untersuchte ich zum einen die Wirkung von Green Advertisements, die ein bestimmtes Produkt bewerben, wie zum Beispiel eine Bambuszahnbürste, und zum anderen Green Advertisements, die vordergründig Aufmerksamkeit zu einem bestimmten Umweltthema generieren, wie zum Beispiel eine Antiplastikkampagne von Greenpeace. Eine erstaunliche Erkenntnis war, dass die Mehrheit der Studienteilnehmer mehr mit Werbungen konfrontiert werden wollten, die ihr tägliches Handeln infrage stellen würden. Sie forderten aktiv in eine kognitiv dissonante Situation gebracht zu werden, um konstant an ein umweltfreundliches Verhalten erinnert zu werden, sodass dominierende Faktoren wie Bequemlichkeit in den Hintergrund treten. Des Weiteren war es den Teilnehmern besonders wichtig, durch Werbungen konkrete Informationen über den positiven Einfluss eines bestimmten Produkts oder einer bestimmten Handlung zu erhalten. Eigentlich eine sehr einleuchtende Erkenntnis, wenn man bedenkt, dass das „Y“ unserer Generation auch für „why“, also Hinterfragen, steht. Der Gen Y-Konsument möchte verstehen, welche Kaufentscheidungen sich wie auswirken, um sein Verhalten zu verändern. Denn die Blackbox über, was kann man tun, womit der Umwelt wirklich geholfen wird, ist aktuell zu groß für den im Alltag gefangenen Konsumenten am Supermarktregal. In allen Diskussionsgruppen entwickelten Teilnehmer ohne Aufforderung eigene Ideen und Konzepte, wie man Menschen dazu motivieren könnte, nachhaltiger zu konsumieren und zu handeln. Zusammen erarbeiteten sie ganz ohne mein Zutun in produktiven und differenzierten Diskussionen Ansätze, die ihnen helfen würden umweltfreundlicher zu handeln. Obwohl es eine künstlich hergestellte Situation war oder eben auch gerade weil dem so war, unterhielten sich meine Kommilitonen in einer Ernsthaftigkeit, Tiefgründigkeit und Emotionalität über diese Themen, wie ich sonst nur selten gesehen hatte. Genau dieses Erlebnis empfand ich als eine der wertvollsten Erkenntnisse meiner gesamten ­Studienzeit: Im verständnisvollen Miteinander und Austausch liegt der Schlüssel zum Erfolg für eine nachhaltigere Zukunft.

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Fridays for my Future

Und genau das fordern nun seit geraumer Zeit Schüler in ihren freitäglichen Demonstrationen. Dabei besonders prominent, die 17-jährige Aktivistin Greta Thunberg als Gesicht der Wünsche und Anliegen Tausender Jugendlicher, die erwachsene Menschen in Machtpositionen zum Umdenken und zu einem rücksichtsvolleren Handeln im Sinne der nächsten Generationen bringen möchten. Der Treiber hierbei: unsere Umwelt, das Zuhause von 7,7 Milliarden Menschen, vor der Zerstörung zu bewahren, statt immerfort auszubeuten. Das Problem: das wirtschaftliche Wachstumsparadigma, das in vielen Köpfen fest verankert ist und oft nur schwer mit CO2-Reduzierungen einhergeht. Wirtschaft neu denken ist für viele noch ein rotes Tuch, das den jahrelangen wirtschaftlichen Aufschwung und alles, woran viele Generationen in den letzten Jahren gearbeitet haben, infrage stellt und in ein schlechtes Licht rückt. Dass Fridays for Future daher nicht nur auf Unterstützer trifft, ist naheliegend. Doch was genau bedeutet diese Bewegung? Viele Aspekte der allwöchentlichen Demonstrationen mögen auf Kritik stoßen. Schule schwänzen aktiv zu fördern, linksradikalen Trittbrettfahrern eine neue Plattform zu geben, Forderungen zu stellen, ohne die Konsequenzen bedacht zu haben, und Politikern den schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben für ein jahrzehntelanges Versäumnis einer ganzen Gesellschaft ist natürlich schwierig, aber meines Erachtens nicht das, worum sich Fridays for Future eigentlich dreht. Fridays for Future ist eine Protestbewegung junger Menschen, die versucht die Welt ein Stückchen besser zu machen und sie vor allem vor einer Sache bewahren will: einer heraneilenden Klimakatastrophe. Viele mögen dies als eine unnötige Panikmache und einen Auswuchs hysterischen Aktivismus klassifizieren, doch wie so viele Protestbewegungen – wir erinnern uns an die Frauenbewegung, die es möglich gemacht hat, dass auch Frauen sich am demokratischen Entscheidungsprozess beteiligen können – kann auch diese unsere Welt zum Positiven verändern. Auch wenn viele Forderungen überspitzt sind und sich nicht ad hoc umsetzen lassen, so stoßen sie eben aber doch einen Entwicklungsprozess an, der sich ohne die Fridays-for-Future Demonstration vielleicht noch über ein paar Jahre länger erstreckt hätte. „Our house is on fire“ und damit hat Greta nun mal recht und genau darum ist hier ein bisschen Panik auch angebracht. Nun hinterfragen viele den Personenkult hinter einem Mädchen wie Greta Thunberg oder ihrem deutschen Äquivalent Luisa Neubauer. Doch wer macht diese Personen zu den Sternchen am Ökohimmel? Im ersten Schritt vielleicht Eltern, Unterstützer, Motivatoren oder die Personen selbst. Aber in letzter und entscheidender Konsequenz vor allem die Medien, deren Berichterstattung sich an einzelnen Persönlichkeiten aufhängt. Man kann natürlich die Motive der Eltern, ihrer Motivatoren und Unterstützer infrage stellen, aber die Quintessenz ist eindeutig: Greta hat das Thema Umweltschutz personifiziert und ­emotionalisiert und das macht sie zu einer weiblichen Vorreiterin, die sich in die beste Gesellschaft einzigartiger junger Frauen wie Jeanne d’Arc, Alexandra Scott und Malala Yousafzai in die Geschichtsbücher einreihen wird. Ob sie nun von einem PR-Team von Anfang an inszeniert wurde, kann sicher wichtig sein, wenn man sich mit Gretas Persönlichkeit

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dezidiert auseinandersetzen will, tut jedoch der Bewegung keinen Abbruch. Denn ob PR-Inszenierung hin oder her – die wissenschaftlichen Fakten wie der jüngste Weltklimabericht des Intergovernmental Panel On Climate Change (IPCC) sprechen für sich und erfordern ein Bewusstsein für das Thema auf breiter gesellschaftlicher, ökonomischer sowie politischer Ebene. Um noch einmal zu der Ursprungsfrage zurückzukehren: Was bedeutet diese Bewegung? Sie bedeutet die Emotionalisierung eines höchst wissenschaftlichen Themas und demnach genau das, woran es so viele Jahre gescheitert ist – ein abstraktes und unmittelbares, physikalisches sowie ökologisches Problem auf die politische Agenda zu bringen. Sie bedeutet das Wachrütteln politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträger. Eine Mammutaufgabe, die Unterstützung braucht. Die Reaktionen der Politiker zu Fridays for Future sind oft verhalten, denn die Kinder und Jugendlichen hätten nicht die realen Konsequenzen ihrer Forderungen mitbedacht. Hier sehe ich, abgesehen von der sowieso wachsenden Professionalisierung der Bewegung, nicht die Aufgabe von Fridays for Future. 16-jährige Jugendliche müssen nicht den perfekten Vorschlag machen, wie man unseren Planeten rettet. Vielmehr sollen sie Entscheider sowie die Gesellschaft aufwecken und sensibilisieren – und diese Aufgabe erfüllen sie mit Bravour. Ich sehe mit großer Freude zu, wie unser demokratischer Grundsatz sowie die Versammlungsfreiheit genutzt werden, um endlich mal dringliche Themen nach vorne zu stellen, die die Zukunft der Menschheit betreffen, anstatt Hass mit eigennützigen, nationalistischen Parolen in Montagskundgebungen in der Gesellschaft zu säen. Jahrelang wurde der Jugend Politikverdrossenheit vorgeworfen und hier ist sie die Armada von jungen, energiegeladenen Menschen, die sich um die Zukunft der nächsten Generationen auf unserer Erde Gedanken machen. Die Bewegung bietet eine solch fruchtbare Plattform, dass sich sogar verbündete Gruppen hervorgetan haben, wie zum Beispiel die Scientists for Future. Besonders Wissenschaftler, deren Erkenntnisse entscheidend für eine nachhaltigere Lebensweise sowie für die Prävention einer Klimakatastrophe sind, hatten es in der Vergangenheit schwer, eine starke Stimme zu finden. Doch auch hier hat Fridays for Future einen wertvollen Beitrag geleistet und zum Teil angestaubt anmutenden Wissenschaftlern eine populäre Plattform gegeben, wichtige Erkenntnisse vor einem großen Publikum kundzutun. Die Dynamik innerhalb der Gesellschaft hat sich verändert und sich jahrelang auf ihren Lorbeeren ausruhen, wie es so manche etablierte Parteien machen, geht heute nicht mehr in Zeiten, wo ein neuer Trend durch soziale Medien innerhalb von Sekunden entstehen kann und Youtube-Videos Einfluss auf Wahlergebnisse haben können. Auch in der Politik darf Nachhaltigkeit keine Ehrendisziplin mehr sein, sondern muss eine Pflichtdisziplin werden, die bei allen politischen Entscheidungen mitgedacht werden muss. Ein Klimaabkommen ist da ein erster Schritt, aber wenn jedes Land seine CO2-Ziele verfehlt, weil Wirtschaftswachstum und Aufrüstung im Alltagsgeschäft stärker zum Tragen kommen, darf man sich über weitreichende Protestbewegungen nicht wundern. Heute sind Menschen deutlich vernetzter, was Bewegungen wie Fridays for Future zu rasanter Bekanntheit, rapidem Wachstum und größerer Tragweite verhilft. Eine Herausforderung, die heute schnelle Reaktionen seitens der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger fordert.

Generation „You can do this“

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Doch was kann Fridays for Future für meine Generation, die Generation Y, bedeuten? Die Bewegung ist meines Erachtens längst nicht mehr nur auf Schüler begrenzt, auch beschränkt sie sich für mich nicht mehr nur auf eine freitägliche Demonstration. Unweigerlich hat sie uns alle erfasst und hat für uns alle Konsequenzen. Das schlechte Gewissen drückt mehr und mehr, wenn man mal wieder im Flugzeug sitzt oder Take-away-Essen in Plastik nach Hause trägt. Fridays for Future ist nur der Anfang, das Sichtbarmachen von eigentlich offensichtlichen Problemen. Diese Bewegung spiegelt den Unmut von so vielen wider, das Verlangen nach Veränderung, weswegen sie auch so viele Anhänger gefunden hat. In der Generation Y sehe ich die Brücke, die sich die impulsiven Forderungen und Parolen der jungen Menschen anhört, differenziert beleuchtet und sie gegenüber den älteren Generationen realistisch kommuniziert. Denn wir, die Generation Y, haben ein großes Asset: Wir sind multikulturell aufgewachsen in einer Welt, in der der Zugang zu Bildung noch nie so einfach war, und stehen nun am Anfang unserer Karriere. Hier können wir im Laufe unseres Lebens mit unseren Handlungen einen Unterschied bewirken, denn auch wir werden irgendwann am Entscheidungshebel sitzen. Wir sind diejenigen, die in den nächsten Jahren mit unserer Arbeit und unserem Tun die Welt vor einer Umweltkatastrophe bewahren können. Verstreut in der ganzen Welt, mit ganz unterschiedlichen Ausbildungen, Berufen, Expertisen kann jeder seinen ganz eigenen Beitrag leisten. Denn in jeder Branche kann Nachhaltigkeit eine Rolle spielen und es liegt an uns, diese zum Tragen zu bringen. Mit Geduld, Standhaftigkeit und Durchsetzungsvermögen können wir den älteren Generationen aufzeigen, welche tief greifenden Veränderungen notwendig sind, um unsere Erde auch für zukünftige Generationen lebenswert zu machen. Die Fridays-for-­ Future-­Demonstrationen selbst liegen sicher im Schwerpunkt bei den Schülern, doch die Bewegung an sich kann jeder für sich adaptieren: Fridays for my Future eben.

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Generation „You can do this“

In Prinzip stellt sich nicht die Frage, „was kann ich tun“, sondern, „was können wir tun“. Und wir, die Generation Y, können allerhand tun – davon bin ich überzeugt. Während ich das Gefühl habe, dass wir uns aus Bequemlichkeit in Diskussionen, Argumentationen und in die Suche nach unserer wahren Bestimmung flüchten, anstatt aktiv selbst nach Lösungen zu suchen, sehe ich in der nachfolgenden Generation eine Willensstärke, von der wir uns eine Scheibe abschneiden können. Wenn ich meinen Bruder betrachte, wie er aus Überzeugung mit 14 Jahren aufgehört hat Nutella zu essen, weil es Palmöl enthält oder den Müll am Strand von Hongkong aufsammelt, weil ihn der Anblick so traurig macht, dann stellt er für mich trotz der 10 Jahre Altersunterschied ein Vorbild dar, dessen ­Konsequenz und Disziplin mich motiviert mein Leben nachhaltiger zu gestalten. Auch wenn die Komplexität des Themas Nachhaltigkeit, bedingt durch kontroverse wissenschaftliche und politische Aussagen über den Klimawandel und durch die bestehenden Wachstumsparadigmen, einen wirklich nachhaltigen Lebensstil erschweren, so liegt es an uns, nicht tatenlos auf die Erlösung zu warten, sondern mit Optimismus und der nötigen Portion Idealismus essenzielle Veränderungen anzugehen.

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Dass wir eigentlich genau wissen, wie wir mithilfe von Kommunikation Veränderungen bewirken können, beweisen wir als Digital Natives im täglichen Umgang mit sozialen Netzwerken und den unendlichen Weiten des Internets. Noch nie war es uns so schnell möglich wie heute, eine Expertise zu bestimmten Themen aufzubauen sowie Reichweiten und Netzwerkeffekte sowohl online als auch offline zu nutzen, um bestehende umweltschädliche Strukturen offenzulegen und aufzubrechen. Zudem sollten uns, durch unser Aufwachsen im Überfluss im Vergleich zu der Nachkriegsgeneration, Besitztümer weniger wichtig sein, was die Akzeptanz von ressourcenschonenderen Konzepten, wie Carsharing oder Lebensmittel-Sharing, auf alltäglicher, weitreichender Ebene in Zukunft drastisch steigern könnte. Das solche Konzepte bereits heute zunehmend Anklang finden, untermalen Entwicklungen, wie die wachsende Popularität von Secondhandgeschäften oder von Anbietern wiederverwendbarer Trinkflaschen und Essensbehältnisse. All dies steht für eine anfängliche Abkehr von bestehenden Paradigmen, zu der wir als Generation Y beitragen. Zwar scheuen sich Menschen erst mal vor tief greifenden Veränderungen, da diese meist mit einer unberechenbaren und unsicheren Zukunft einhergehen. Doch der Casus knacksus ist Folgender: Wenn wir so weiter wirtschaften wie bisher, werden die Folgen einer drohenden Klimakatastrophe noch viel unberechenbarer. Unsere Generation Y ist bedeutend und wir sollten uns weder von den jungen Generationen und ihrem Tatendrang überholen lassen noch uns von den älteren Generationen vorschreiben lassen, was wir zu tun haben. Es ist unsere Chance, unsere eigene Zukunft zu schreiben, eigene Ideen zu verwirklichen sowie eigene nachhaltige Geschäftsmodelle und Konzepte zu entwickeln, die ein umweltschonendes Leben und Arbeiten erlauben. Denn die Interessen der Industrie werden immer über denen des Wohlergehens unseres Planeten stehen, wenn wir nicht selbst versuchen als Gemeinschaft mit konstruktiven Vorschlägen für ein soziales, ökonomisches und ökologisches Wirtschaften einzustehen. Um es in Jane Goodalls Worten zu sagen: „There is a whole army of youth that can do it“ und damit meint sie auch uns: die Generation „You can do this“.

Literatur Ajzen I (1988) Attitudes, personality and behaviour. Open University Press, Stony Stradford Cody EM, Reagan AJ, Mitchell L, Dodds PS, Danforth CM (2015) Climate change sentiment on Twitter: an unsolicited public opinion poll. PLoS One 20(15):1–18 Festinger L (1957) A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press, Stanford Juvan E, Dolnicar S (2014) The attitude-behaviour gap in sustainable tourism. Ann Tour Res 48(14):76–95 Kilbourne WE (1995) Green advertising: salvation or oxymoron? J Advert 24(2):7–19 Nielsen (2014) Doing well by doing good: increasingly consumers care about corporate social responsibility, but does concern convert to consumption? https://www.nielsen.com/content/dam/ nielsenglobal/jp/docs/report/2014/Nielsen%20Global%20Corporate%20Social%20Responsibility%20Report%20-%20June%202014.pdf. Zugegriffen am 14.11.2019

Generation „You can do this“

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Patagonia (2011) Don’t buy this jacket, Black Friday, and The New York Times. https://www.patagonia.com/blog/2011/11/dont-buy-this-jacket-black-friday-and-the-new-york-times/. Zugegriffen am 14.11.2019 Peattie K, Peattie S, Ponting C (2009) Climate change: a social and commercial marketing communications challenge. EuroMed J Bus 4(3):270–286 Stieglitz S, Dang-Xuan L (2012) Political communication and influence through microblogging – an empirical analysis of sentiment in Twitter messages and retweet behavior. IEEE Comput Soc 1(12):3500–3509 Terlau W, Hirsch D (2015) Sustainable consumption and the attitude-behaviour-5gap phenomenon – causes and measurements towards a sustainable development. Int Food Syst Dyn 6(3):199–214 Uzunoǧlu E, Misci Kip S (2014) Brand communication through digital influencers: leveraging blogger engagement. Int J Inf Manag 34(5):592–602

Ann-Sophie Czech,  Jahrgang 1993  in Tettnang am Bodensee, wuchs in Ravensburg auf und besuchte ab 2009 das Internat Schule Schloss Salem. Angetrieben durch ihr halbjähriges Praktikum bei der Otto Group in Hongkong, begann sie ihr Studium an der Macromedia München im Fach PR & Kommunikationsmanagement. Nach einem knappen Jahr als Social-Media-Managerin in einem Münchner Start-up ergänzte sie ihr Studium mit einem Master im Fach Marketing an der University of St Andrews in Schottland. Seit ihrer Jugend zeigt sie neben ihrer Leidenschaft für Kommunikation auch ein ausgeprägtes Interesse für Nachhaltigkeit. Bedingt durch das Handelsgeschäft ihres Vaters und ihre Reisen wurde sie schon früh mit der Thematik „Sustainability“ sowohl von der ökonomischen als auch von der ökologischen Seite konfrontiert. Bereits in der Schule fungierte sie als Nachhaltigkeitsbeauftragte im Schulparlament. Während ihres Studiums beschäftigte sie sich vordergründig mit dem Thema Marketing und Nachhaltigkeit und untersuchte die potenzielle Rolle von Unternehmen als Brücke zwischen Wissenschaft und Konsumenten. Nach ihrem erfolgreich abgeschlossenen Masterstudium arbeitet sie seit Frühling 2019 als Junior Consultant für verschiedene Kunden in der PR-Agentur MSL Group, die Teil der Publicis-Gruppe ist, in Frankfurt und setzt auch hier mit ihrem Beratungsschwerpunkt CSR ihr Nachhaltigkeitsexpertise ein.

Baumeister für eine bessere Welt Gordon Weuste, Arne Friedrich und Alexandra Hildebrandt

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Interview mit Gordon Weuste und Arne Friedrich

Herr Weuste, was steckt hinter der Initiative Hope Sports? Wer sind die Initiatoren und Teilnehmer? Gordon Weuste: Hope Sports ist eine Non-Profit-Organisation aus den USA, die das Ziel verfolgt, (teils renommierte) Leistungssportler aus aller Welt in Teams zusammenzubringen, die dann innerhalb von nur zwei Tagen Häuser für arme Familien in Entwicklungsländern bauen. Die Durchführung gestaltet sich zusammen mit der Non-Profit-­ Organisation „Homes Of Hope“. Was hat Sie veranlasst, inzwischen schon zum zweiten Mal an dem Home Build teilzunehmen? Gordon Weuste: Das Home Build hat mich persönlich und inhaltlich so begeistert, dass ich gar nicht erwarten kann, auf weitere Home Builds zu gehen. Die Übergabe des fertigen Hauses an die Familie, die vorher wirklich nichts hatte, ist wirklich überwältigend für alle Beteiligten.

G. Weuste Gummersbach, Deutschland E-Mail: [email protected] A. Friedrich Arne Friedrich Stiftung, Herford, Deutschland E-Mail: [email protected] A. Hildebrandt (*) Freie Publizistin, Autorin und Nachhaltigkeitsexpertin, Burgthann bei Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_10

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Was bedeutet Ihnen das praktische, buchstäblich „anpackende“ Engagement vor Ort? Gordon Weuste: Ich kann mich nicht daran erinnern, sonst jemals innerhalb von nur drei Tagen mit meinem praktischen Einsatz einen derart lebensverändernden und ­sichtbaren Einfluss für Not leidende Menschen erreicht zu haben. Man fährt anschließend nach Hause zurück und ist vom Hausbauerlebnis nachhaltig geprägt. Im Herzen erfüllt mich das Glück zu wissen, dass die Familie mit ihren Kindern nun in einem Haus und nicht mehr unter den prekären Verhältnissen lebt. Was macht dieses Projekt nachhaltig? Welche Rolle spielt dabei der Glaube? Gordon Weuste: Unser Leben ist geprägt von Ungewissheit und fehlender Beständigkeit. Dass das Leben hier auf Erden für jeden Menschen einmal zu Ende sein wird, lässt viele Dinge des irdischen Lebens auf einmal ganz irrelevant und sinnlos erscheinen. Eine Sache erscheint jedoch kraftvoll und in ganz neuem Licht: der Glaube. Ein Blick in die Historie zeigt, dass man den Glauben an Hoffnung nicht lediglich nur auf ein menschliches Wunschdenken beschränken kann. Die Familien in unserem Projekt werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern der Organisation und aus Kirchengemeinden vor dem Home Build und im Nachging noch jahrelang betreut. Sie erhalten neben materieller auch seelische Unterstützung. Das Konzept dieser gelebten Nächstenliebe basiert auf christlichen Werten, womit ich mich aufgrund meines christlichen Glaubens auch voll identifizieren kann. Sie hatten einen spannenden Plan für Osteuropa mit diesem Konzept, was ist daraus geworden? Gordon Weuste: Ich habe mittlerweile Build & Grow e. V. gegründet: eine NGO, die das soziale Home-Build-Konzept als Teamevent für Geschäftsleute aus dem Westen anbietet. Innerhalb von nur drei Tagen wird in Ländern wie Rumänien oder Moldawien ein Haus gebaut, das anschließend einer armen Familie übergeben wird. Mein Herzenswunsch ist, dass noch mehr Menschen diese lebensverändernde Erfahrung machen können und damit armen Familien wirklich geholfen werden kann. Man muss aus Deutschland nicht weit fliegen, um verzweifelte Menschen in Armut anzutreffen – Osteuropa liegt am nächsten. Im September 2016 reisten Sie mit einer kirchlichen Jugendgruppe von etwa 20 Teilnehmern, darunter Schüler, Studenten und junge Berufstätige, von Deutschland über Österreich und Ungarn nach Rumänien. Was war das Ziel und was haben Sie konkret getan? Gordon Weuste: Ziel war es, speziell in Rumänien im Rahmen von sozialen Einsätzen bedürftigen Menschen vor Ort zu helfen und dabei Nächstenliebe zu leben. Beim Aufbau eines Heims für Straßenjungen halfen wir ganz praktisch mit, bei Einsätzen in einem Zigeunerdorf kümmerten wir uns besonders um die Kinder. Wir erzählten ihnen, wie sehr sie geliebt sind, und veranstalteten einige gemeinsame Spiele wie Fußball oder Seilspringen. Vom Elend vieler Menschen in den Medien zu hören und zu lesen, ist für mich eine Seite – das Elend vor Ort zu sehen, dabei die teils üblen Gerüche von Müll und Exkrementen aufgrund fehlender sanitärer Anlagen wahrzunehmen und in die verschmutzten und mit Fliegen besetzten Gesichter von Kindern zu schauen, ist eine ganz andere Dimension. Die

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Vorstellung, dass die Kinder dort täglich im Dreck leben und schlafen und keinen richtigen Zugang zu Bildung haben, während wir in unserem Reichtum versinken und krampfhaft versuchen, ihn weiter zu vermehren, ist für mich beschämend. Die Gefühle können Sie wohl kaum beschreiben? Gordon Weuste: Innerlich war es für mich kaum auszuhalten, diese Ungerechtigkeit zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass sie sich nicht von heute auf morgen beseitigen lässt. Es hat mich jedoch nochmals motiviert, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten für Bedürftige und Schwache einzusetzen. Zudem wird einem immer wieder bewusst, in welchem Wohlstand man selber lebt, wie dankbar man täglich dafür sein sollte und mit wie vielen völlig belanglosen Dingen man sich täglich beschäftigt. Herr Friedrich, warum unterstützen Sie neben vielen anderen auch dieses Projekt? Was bedeutet Ihnen diese Form des direkten sozialen Engagements? Arne Friedrich: Hope Sports ist eine Herzensangelegenheit geworden. Mein Freund Guy East, der Hope Sports leitet, hat mich vor einigen Jahren zu einem Hausbau eingeladen. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben mich geprägt und dazu angespornt, regelmäßig dabei zu sein. Eine Gruppe aus zumeist fremden Menschen kommt zusammen, um einer armen mexikanischen Familie ein neues Leben zu ermöglichen. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich: zum einen die glückliche Familie zu sehen, die ein eigenes Haus bekommen hat, und zum anderen die Freundschaften, die in so kurzer Zeit innerhalb der Gruppe entstehen. Waren weitere Ex-Profifußballer beteiligt? Arne Friedrich: Nein, ich war der einzige „Ex-Fußballer“. Aus anderen Sportarten waren einige dabei. Werden Sie sich auch künftig in diesem Projekt engagieren? Arne Friedrich: Ich werde versuchen, mindestens einmal im Jahr dabei zu sein. Was wurde in der Zeit Ihres Aufenthalts geschaffen? Arne Friedrich: Ein tolles Haus für die Familie, Hoffnung, ein neues Leben, andererseits ein unbeschreiblicher Zusammenhalt des Teams. Wir kommen aus unterschiedlichen Bereichen, mögen erfolgreich sein. Doch am Ende haben die wenigsten Erfahrungen mit dem Handwerk. Es macht Spaß, gemeinsam anzupacken und zu lernen. Was bedeutet Ihnen Nachhaltigkeit? Arne Friedrich: Nachhaltigkeit finde ich in allen Bereichen wichtig. Sei es im Marketing, im persönlichen Wachstum etc., auch im Sport ist es wichtig. Was bringt es mir beispielsweise, wenn ich vier Wochen täglich ins Fitnessstudio gehe, danach aber aufhöre? Da habe ich es lieber, nur drei- bis viermal die Woche zu gehen, dafür aber über Jahrzehnte. Nur mit Nachhaltigkeit kann man Dinge verändern. Das gilt ebenso fürs Marketing. Außerdem ist Authentizität besonders wichtig. Weshalb ist es wichtig, dass Profisportler während und nach ihrer Karriere gesellschaftliche Verantwortung übernehmen? Arne Friedrich: Ich denke, wir hatten ein sehr privilegiertes Leben und sollten etwas zurückgeben. Außerdem können wir aufgrund unseres Status Dinge verändern, werden gehört und wahrgenommen. Die Reichweite sollten wir nutzen.

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Im Sport wird häufig vom Willen und von Leistung gesprochen, aber weniger vom Glauben. Was bedeutet er für Sie? Arne Friedrich: Glaube ist fundamental für mich und hat mir in vielen Bereichen geholfen. Zu vertrauen, dass da jemand ist. Von Religionen halte ich dagegen nichts, da unterscheide ich. Sie führen oftmals zu Kriegen. Ich finde, wir alle sollten in Frieden zusammenleben – ganz gleich woran der Einzelne auch glauben mag. Worten müssen Taten folgen. Welche gesellschaftliche Rolle hat der talentierte Sport? Gordon Weuste: „Wir sollten, wir könnten, wir müssten“: Strategische und konzeptionelle Überlegungen und eine theoretische Fundierung für eine strukturierte Herangehensweise bei Projekten zur Lösung gesellschaftlicher Probleme sind sicherlich wichtige Bestandteile und klingen sinnvoll. Dazu gehört vor allem auch die Auswahl eines geschickten Mediums zur effektiven Kommunikation und gezielten Beeinflussung der gesellschaftlichen Problembereiche. Mit dem Sport ist das wohl ideale Medium schnell identifiziert. Der immense gesellschaftliche Stellenwert des Sports, gerade im Fußball, fand in Deutschland beim verdienten Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 wohl seinen beeindruckenden Höhepunkt. Der Sport ist aber viel mehr als ein mediales Massenphänomen oder ein schlichter Überbegriff für körperliche Betätigungen, sei es im Rahmen eines Wettbewerbs oder aus gesundheitlichen Gründen betrieben. Der Sport macht keine Herkunftsunterschiede, überbrückt soziale Schichten, verbindet Alt und Jung, verdeutlicht den Teamgedanken sowie die Wichtigkeit von Disziplin und Hingabe, ist emotional bewegend und lehrt uns sogar wesentliche Dinge des Lebens wie Respekt, Fairness und Vergebung – bei Sieg oder Niederlage. Der Sport ist also einzigartig und muss gefördert werden, mutige Schritte wagen und versuchen Fehler zu vermeiden. Talente haben zudem eine große Verantwortung, aus ihrem Potenzial auch etwas zu machen, sich zu einem Profi zu entwickeln und schließlich auch die Rolle eines Vorbilds einzunehmen. Ich bin bereit, meine Energie, Zeit, Begabungen, Kompetenzen, Integrität und Faszination für den Sport einzubringen, um dieses enorme Potenzial weiterzubringen, um vielschichtige gesellschaftliche Probleme zu lösen. Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass wir die Probleme mithilfe des Sports auch wirklich angehen und dabei den praktischen Teil in den Vordergrund stellen, denn ohne diesen würde sich nichts ändern. Ein Kind, verunsichert durch familiäre Probleme, ohne Selbstvertrauen und ohne gesellschaftlichen Anschluss, wird lange darauf warten müssen, bis es auf die tolle Möglichkeit des lokalen Sportvereins zum attraktiven Kindersportprogramm aufmerksam gemacht wird, wenn es keine Menschen gibt, die mit offenen Augen durch den Alltag gehen und das Kind dazu einladen und ermutigen mitzumachen. Jeder kann also Teil davon sein, den talentierten Sportler in Sachen gesellschaftlicher Verantwortung zu einem Vollprofi zu machen. Dafür muss man weder Akademiker, mehrfach ausgezeichneter CSR-Sportexperte oder Sportprofi sein. Wobei gerade Letzterer aufgrund seiner öffentlichen Präsenz einer besonderen Verantwortung unterliegt. Letztendlich hängt es davon ab, ob wir wirklich praktisch aktiv werden, Chancen sehen und wahrnehmen und ob auch unser persönliches Leben eine positive Inspiration und Hilfe für unsere Mitmenschen ist.

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Über ihre gegründete Hilfsorganisation „Build & Grow e.  V.“ organisieren Sie bzw. das inzwischen gewachsene Team soziale Teambuilding-Events für Geschäftsleute in Osteuropa. Was bedeutet das konkret? Gordon Weuste: Ein Team baut dort ein Haus für eine arme Familie innerhalb von nur drei Tagen und verändert damit Leben. Mich motivierte dabei mein christlich geprägtes Wertebild. Dieser einfache Ansatz, welcher eine Win-win-win-Situation bietet für die bedürftige Familie, das Unternehmen und auch für die Mitarbeiter, begeisterte mich sofort. Build & Grow wurde aus dem Bewusstsein für die Not von Menschen (insbesondere in Osteuropa) gegründet, die nicht über lebenswerten Wohnraum verfügen. Der Verein führt humanitäre Hausbauprojekte durch. Die unterstützten hilfsbedürftigen Menschen erhalten durch die Schaffung von lebenswertem Wohnraum eine Lebensgrundlage, die ihnen einen Weg aus der Armut und zu sozialem Aufstieg ebnet. Sie werden in die Lage versetzt, ihr neues familiäres Wohnumfeld als eine Kultur der Gastfreundschaft, des Austauschs und der Gemeinschaft mit anderen Menschen in ihrer Umgebung zu nutzen, und werden ermutigt, die Gesellschaft in positiver Weise zu verändern, indem auch sie sich anderen Menschen zuwenden, die sich in Not befinden und benachteiligt sind, sodass auch diese indirekt von dem Projekt profitieren können. Gleichzeitig sollen die durchgeführten humanitären Projekte im Nebeneffekt auch dazu beitragen, dass die an den Projekten beteiligten Mitarbeiter einen Blick über ihren eigenen Horizont hinaus für die Situation Not leidender Menschen erhalten – durch die besondere Art von Teamarbeit. Was macht diesen Ansatz nachhaltig? Statt in „Personalentwicklungsmaßnahmen“ zu investieren, die oft nur Beratern und Coaches zugutekommen und kaum eine nachhaltige Wirkung haben, ist dies wirklich nachhaltig, weil die Mitarbeiter eines Unternehmens vor Ort etwas Bleibendes mit ihren Händen schaffen. Es geht nicht um die „großen Ereignisse“, sondern um die Mikroper­ spektive: Jeder ist Teil des Projekts und leistet einen Beitrag. Unternehmen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen, fördern nicht nur Werte, sondern auch ihre Wertschöpfung. Es werden Kurzzeiteinsätze durchgeführt, in denen die Mitarbeiter – insbesondere aus wirtschaftlich weiter entwickelten Ländern oder Gesellschaftsstrukturen  – vor Ort die Kultur und das Lebensumfeld sozial schwacher und Not leidender Menschen kennenlernen, an humanitären Hausbauprojekten mitwirken und dadurch Verständnis für die Förderung der Lebensumstände hilfsbedürftiger Menschen erhalten und dies als ein persönliches Anliegen empfinden. Wer dies erlebt hat, lernt zugleich Demut und wird dies ein Leben lang nicht vergessen. Wie ist der aktuelle Stand und inwiefern wird auch das Thema Klimawandel berücksichtigt? Bislang wurden drei Häuser gebaut: eins in Rumänien und zwei in Moldawien. Zwei weitere werden dieses Jahr noch in Moldawien gebaut. Die Häuser, die mit Build & Grow gebaut werden, gehören zu den energieeffizientesten auf dem Markt. Das ist gerade in Osteuropa von Vorteil, wo es im Sommer sehr heiß und im Winter sehr kalt werden kann.

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Infolge spart dies eine Menge Heiz- und Kühlkosten für die Familie selbst und schont dabei gleichzeitig die Umwelt nachhaltig. Unsere kooperierende Baufirma ist in Moldawien angesiedelt. Für die Hausbauprojekte verwenden wir nur lokal hergestellte Baumaterialien. Somit entfallen unnötige Transportkosten aus Westeuropa und die damit verbundene Umweltvergiftung. Das Interview führte Dr. Alexandra Hildebrandt. Es entstand zwischen 2017 und 2019. Ein besonderer Dank geht an Ilinca Serbanescu und Ulrike Severin von Build & Grow für die Koordinierung des Beitrags.

Gordon Weuste  studierte BWL an der Universität Mannheim und schrieb seine Abschlussarbeit zum Thema „Rechtsformen im (semi-) professionellen Sport“. Als ehemaliger Leistungssportler erreichte er die K.-o.-Runde der Deutschen Jugendhandballmeisterschaft 2007 mit dem VFL Gummersbach. Nach dem Abitur unterstützte er ein internationales Projekt bei der Rugby-WM 2011 in Neuseeland. Ziel des Projekts war es, das drittgrößte Sportevent der Welt zu nutzen, um auch einen sozialen Mehrwert zu schaffen. Auf Basis seines konzeptionellen Know-hows aus diversen Praktika (z.  B.  Lufthansa, Kienbaum oder TSG 1899 Hoffenheim) und seiner Erfahrungen aus seinem ausgeprägten sozialen Engagement (Projekt „Firmenkeks“ mit der Lebenshilfe Mannheim, Mentor eines irakischen Kindes im sozialen Brennpunkt, Organisation von Kindersommercamps) erarbeitete er schon früh erfolgreiche CSR-Konzepte, wie für die Lufthansa oder die IHK Rhein-Neckar. Seit drei Jahren arbeitet er als Unternehmensberater bei Deloitte Consulting im Bereich Strategy & Operations, um sich persönlich und fachlich weiterzuentwickeln. Zudem möchte er auch dort bei den vielseitigen Themen unterschiedlichster Kunden nachhaltige Lösungsansätze einbringen und umsetzen. Über seine gegründete Hilfsorganisation Build & Grow e.  V. (www.build-grow.org) organisiert er soziale Teambuilding-­Events für Geschäftsleute in Osteuropa. Arne Friedrich,  ehemaliger Bundesligaspieler von Hertha BSC und dem VfL Wolfsburg, lief zwischen 2002 und 2011 82-mal für die deutsche Fußballnationalmannschaft auf und engagiert sich heute u. a. in der Arne-Friedrich-­Stiftung (AFS). Seit 13. Spieltag Saison 2019/2020 ist er Performance Manager bei Hertha BSC. Schon zu seiner aktiven Zeit als Profifußballer beschäftigte ihn der Gedanke, sich aktiv für das Allgemeinwohl einzusetzen. Die AFS widmet sich vorrangig den Themen Gesundheit, Bildung und Integration. Der Schwerpunkt liegt bei Kindern und Jugendlichen. Arne Friedrich möchte seine Zeit sinnvoll nutzen und möglichst vielen Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Bevor er seine eigene Stiftung gründete, sammelte er zunächst praktische Erfahrungen bei karitativen Einrichtungen (u. a. im Frühling 2015 einige Monate im Rahmen eines Projektes der Bürgerstiftung

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Berlin). Im Rahmen dieser Zusammenarbeit ist in Kooperation mit der Bürgerstiftung Berlin das Projekt „Verantwortung-Integration-Freundschaft“ (VIF) konzipiert worden. Die Zusammenarbeit mit soliden Partnern ist ihm sehr wichtig, weil sie über langjährige Erfahrung und bereits bestehende Netzwerke verfügen. Neben dem Integrationsprogramm VIF liegt ihm das Wohl kranker Kinder am Herzen. Noch während seiner aktiven Zeit als Fußballer entstand der Kontakt zum Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB). Die Arne-Friedrich-Stiftung unterstützt die Kinder des Herzzen­ trums. Aber auch der Verein Build & Grow e. V. liegt Arne Friedrich persönlich am Herzen – und er unterstützt ihn, wann immer es möglich ist.

„Fridays for Future“ als Tropfen auf dem heißen Stein Klimaschutz fängt bei jedem Einzelnen an Stefan Hofer

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Nur das Problem ist offensichtlich

Für die reine Erkenntnis, dass das Klima sich radikal verändert, benötigt man keine Wissenschaftler. Es reicht, im Winter aus dem Fenster zu sehen und sich um zwei Jahrzehnte zurückzubesinnen. Wer Ende der 1990er-Jahre im Dezember oder Januar Schlittenfahren oder Schlittschuhlaufen gehen wollte, tat sich nicht schwer, einen geeigneten Ort dafür zu finden. Auf irgendeinem nahe gelegenen Hügel lag zu dieser Jahreszeit meist genug Schnee, irgendein Weiher um die Ecke war bestimmt fest genug gefroren, dass das Eis einen trug. Was früher, vor rund 20 Jahren, die Regel war, ist heute die Ausnahme. Rar sind die Tage geworden, an denen man abseits der Alpen in Deutschland Wintersport betreiben kann. Wenn einmal Schnee fällt, bleibt er selten lange genug liegen. Wenn es einmal richtig gefriert, bleibt es meist nur ein paar Tage richtig eisig. Dass sich die Erde erwärmt und das Klima verändert, ist also für jedermann offensichtlich. Deutlich weniger naheliegend ist die Lösung des Problems. Die Fridays-for-Future-Bewegung, die derzeit vor allem in deutschen Medien allgegenwärtig zu sein scheint, bricht die Komplexität auf eine Forderung herunter: „die Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens und des 1,5 °C-Ziels“. Sie beruft sich dabei auf Klimaforscher, die davor warnen, dass die durch die Klimaerwärmung hervorgerufenen Schäden in rund zehn Jahren irreversibel sein werden, wenn die globale Erwärmung nicht auf 1,5  °C begrenzt wird. Auch wenn es Wissenschaftler gibt, die dem widersprechen, sollte doch jedem klar sein, dass die Veränderungen, die er beim Blick aus dem Fenster wahrnimmt, nicht seiner Fantasie entspringen, sondern Realität sind. S. Hofer (*) Teamleiter Marketing, Neumüller Ingenieurbüro GmbH, Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_11

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S. Hofer

Die Aktivisten, die nach dem Vorbild der Schwedin Greta Thunberg mit wöchentlichen Schulstreiks auf sich aufmerksam machen, kritisieren vor allem die Politik, zu wenig gegen die Erderwärmung zu unternehmen. Sie nehmen die Regierungen in die Pflicht, die gesetzlichen Rahmenbedingung für eine Einhaltung der im Pariser Abkommen definierten Klimaziele zu erreichen. Unterstützt werden sie von zahlreichen Wissenschaftlern und Prominenten. Konkret fordert der deutsche Ableger der Bewegung: • Nettonull 2035 erreichen, • Kohleausstieg bis 2030, • 100 % erneuerbare Energieversorgung bis 2035. Kurzfristig soll zudem erreicht werden: • das Ende der Subventionen für fossile Energieträger, • 1/4 der Kohlekraft abschalten, • eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen. Der Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen muss schnell so hoch werden wie die Kosten, die dadurch uns und zukünftigen Generationen entstehen. Laut UBA sind das 180 € pro Tonne CO2.

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Keine globale Lösung

Ansätze für eine globale Lösung der Klimafrage sucht man in den Argumenten der Bewegung allerdings vergeblich. Wenn man bedenkt, dass Deutschland laut Statista weltweit nur für 2,23 % der CO2-Emissionen verantwortlich ist, stellt sich die Frage, inwieweit die Politik hierzulande im Vergleich zu anderen Staaten nicht schon längst genug macht und nicht langsam auch jeder Einzelne gefragt ist, etwas an seinem Verhalten zu ändern. Solange nicht die USA (15,99 %) oder China (28,21 %) ihren CO2-Ausstoß signifikant senken, sind alle Anstrengungen in Europa lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Paradoxerweise argumentiert die Bewegung einerseits damit, dass die Schüler freitags deshalb streikten, weil sie sich von der älteren Generation um ihre Zukunft betrogen sehen würden. Andererseits verbessern die Schüler aber auch ihre Zukunftsaussichten nicht unbedingt dadurch, indem sie jede Woche ein Fünftel des Unterrichtsstoffes verpassen, weil sie auf der Straße sind. Es scheint fast so, als hätte sich Fridays for Future verselbstständigt, denn ihr ursprüngliches Ziel – die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und Politik auf das Thema Klimaschutz zu lenken – hat die Bewegung längst erreicht. Dass Klimaschutz weitaus komplexer ist, als ein paar plakative Forderungen zu stellen, zeigt ein Blick in die USA. Dort hat die Politik unter Barack Obama gehandelt: Das Ergebnis ist Donald Trump. Eine seiner ersten Amtshandlungen auf internationaler Bühne war der Austritt der USA vom Pariser Abkommen. Dafür wurde er gewählt, und zwar von Arbeitern aus der Kohle- und Autoindustrie, die unter den Klimaschutzmaßnahmen der Obama-Regierung innerhalb weniger Jahre zerbrochen ist. In den USA werden radikale

„Fridays for Future“ als Tropfen auf dem heißen Stein

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Klimaschützer als links oder gar sozialistisch gebrandmarkt. Eine gewisse Nähe zu den Ideen der Grünen kann man auch der Fridays-for-Future-Bewegung nicht absprechen.

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Fridays for Future als Spielball

Auch bedingt durch die hohe Aufmerksamkeit der Medien, wird die Bewegung in Deutschland zunehmend zum Spielball politischer Kräfte. Rechte Blogs und Redner verunglimpfen Greta Thunberg und machen sich lustig über die demonstrierenden Schüler. Linke und Grüne hingegen stellen sich hinter Greta und ihre Bewegung und feuern gegen die Rechten. Es stellt sich die Frage: Alle scheinen mit sich selbst und ihresgleichen beschäftigt zu sein, aber was macht eigentlich jeder Einzelne für das Klima? „Wir streiken, bis ihr handelt“, steht auf einem Schild, das eine junge Schülerin bei einer Fridays-for-Future-Demo in die Höhe hält. Ein Foto davon ist auf der Homepage der Bewegung zu sehen. Was die Schülerin und ihre Mitstreiter selbst für das Klima tun, bleibt unklar. Klimaschutz heißt bewusster konsumieren. Wer bewusster konsumiert, muss sich das leisten können. Bio- und Fair-Trade-Produkte sind teuer, Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft kann nicht jeder bezahlen. Klimaschutz heißt aber auch Verzicht üben. Dazu gehört auch, keine klimaschädlichen Flugreisen in den Urlaub zu unternehmen, keine Produkte über Amazon zu bestellen oder Kleidung von Zara oder H&M zu tragen. Es darf bezweifelt werden, dass die streikenden Schüler das auch so vorleben, was sie anderen mit erhobenem Zeigefinger vorwerfen. Daran gibt es immer wieder Kritik.

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Energiehunger in Schwellenländern

Ein weiteres Problem, das die Demonstrierenden immer wieder außen vorlassen, ist das rasante Bevölkerungswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern. Jeder Mensch verbraucht Ressourcen. Wenn sich ein Mensch hier entscheiden sollte, ab sofort nur noch die Hälfte zu verbrauchen, und gleichzeitig zwei Menschen irgendwo auf der Welt geboren werden, wo Klimaschutz keine Rolle spielt, helfen die besten Vorsätze nichts. Hinzu kommt der wachsende Energiehunger in Schwellenländern wie Indien. Dort steigt der Bedarf an Elektrizität und Mobilität so stark an, dass die Politik gar nicht mehr hinterherkommt, die Energieversorgung zu decken. Selbst wenn 40 % dieser Energie in Zukunft aus erneuerbaren Energien stammen sollte, kann sich jeder ausrechnen, wie viele Menschen bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden weiter von Kohleenergie abhängig sein werden. Natürlich ist angesichts der Dringlichkeit der Klimakrise alles besser als Nichtstun. Deshalb haben die Fridays-for-Future-Demonstrationen definitiv zu einer besseren Welt beigetragen. Nach fast einem Jahr hat sich das ursprüngliche Ziel der Bewegung allerdings geändert. Aus einer nichtpolitischen Schülerdemo ist ein polarisierendes Politikum geworden, das die Spaltung der Gesellschaft eher fördert als aufhält. Die Kluft reicht mittlerweile nicht mehr nur zwischen Alt und Jung, Rechts und Links oder Arm und Reich,

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S. Hofer

sondern nunmehr auch noch zwischen Umweltverschmutzer und Klimafreund. Als Konsequenz übt die Politik sich in blindem Aktionismus und verpasst, wichtige gesamtgesellschaftliche Maßnahmen einzuleiten.

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Realistische Maßnahmen statt Klimapopulismus

Wie könnten diese Maßnahmen aussehen? Statt eine „Strafe“ in Form einer Steuer für CO2-Emissionen einzuführen und damit den Geldbeutel der ohnehin schon stark belasteten Steuerzahler noch stärker zu belasten, könnten massive Investitionen in Forschung, Aufklärung und Bildung dazu führen, das so wichtige Klimabewusstsein eines jeden Einzelnen zu schärfen. Denn bestraft würden ansonsten im Zweifelsfall immer diejenigen, die es sich nicht leisten können, klimafreundlicher zu leben, oder deren Einkommen von Jobs in Branchen abhängt, die höher besteuert werden. Was nichts bringt, ist der erhobene Zeigefinger, der heutzutage gerne immer wieder bemüht wird. Nicht jeder, der sich nicht für Klimaschutz einsetzt und Fleisch vom Discounter konsumiert, ist gleich ein schlechterer Mensch. Denn wer in einem Sozialbau lebt und auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, hat meist gar keine andere Alternative, um über die Runden zu kommen. Wer tagtäglich darüber nachdenken muss, wie er seine Familie ernährt, hat andere Probleme, als jeden Freitag auf die Straße zu gehen und für ein besseres Klima zu streiken. Das sollten all diejenigen, die für höhere Steuern auf CO2-Emissionen werben, bedenken und dabei ihrerseits dankbar sein, dass sie es sich leisten können, freiwillig auf Unterrichtsstunden zu verzichten, während anderswo auf der Welt Bildung immer noch ein Luxusgut ist.

Stefan Hofer  ist Marketing-Experte und ehemaliger Redakteur. Er studierte Amerikanistik und Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Anschließend war er mehrere Jahre als Onlineredakteur bei nordbayern.de, dem Onlineportal der Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung, tätig. Bis 2017 war er in seiner Position am Newsdesk mitverantwortlich für die Inhalte auf dem Portal nordbayern.de. Von 2017 an war er als Online Marketing Manager bei der Küchen Quelle GmbH für ­Social Media und SEO verantwortlich. Seit 2019 ist er Teamleiter Marketing bei der Neumüller Unternehmensgruppe in Nürnberg.

Gutes Klima: Warum Unternehmen einen Kompetenzmix aller Generationen brauchen Werner Neumüller

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Was Nachhaltigkeit mit Resilienz verbindet

Das Thema Resilienz erscheint im gesellschaftlichen Kontext bereits im Deutschen Wörterbuch von 1809: „Nachhaltigkeit ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält“ (Joachim Heinrich Campe). In abgewandelter Form erscheint diese Grundaussage (was tragfähig ist) im Bericht an den Club of Rome (1972). Es wurde nach einem Modell für ein Weltsystem gesucht, das „sustainable“ (nachhaltig) ist, was bedeutet, gegen den Kollaps von Gesellschaften gefeit zu sein, der auf die Übernutzung verfügbarer Ressourcen zurückgeht. Zu allen Zeiten standen das Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit im Fokus sowie die Beendigung des Raubbaus und die Ökonomie wieder in die Haushaltung der Natur (Linné) zu integrieren (Hildebrandt 2017a). Trotz unterschiedlicher Ansätze überschneiden sich Resilienzkonzepte mit anderen Konzepten wie Hardiness (Widerstandsfähigkeit), Coherence (Stimmigkeit und Zusammenhang), Salutogenese oder Mindfulness (Achtsamkeit), die für die Zukunft bedeuten, die langfristigen Folgen des eigenen Handelns für die nachfolgenden Generationen zu berücksichtigen. Allen Konzepten gemeinsam ist die individuelle Mitgestaltung des Lebens sowie die bewusste Nutzung eigener Stärken und Ressourcen. Nachhaltigkeit ist aber auch ein Begriff der Krise – auch das verbindet ihn mit Resilienz, denn in gesellschaftlichen Krisen wächst das öffentliche Interesse an der Widerstandskraft der Einzelnen. Resilienz steht für die intelligente Nutzung begrenzter (eigener psychischer) Ressourcen. „Widerstandsfähige Menschen gehen den Ursachen für emotional negative Zustände (Belastungen und Krisen) auf den Grund, fühlen sich nicht als Opfer und verschwenden Ressourcen nicht an Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen. So wie sich ein Schwamm bei Druck verformt, so ist es auch bei W. Neumüller (*) Gesschäftsführer, Neumüller Ingenieurbüro GmbH, Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_12

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W. Neumüller

resilienten Menschen: Sie lassen negativ empfundene Gefühle wie Angst oder Trauer zwar zu, suchen aber wieder sehr schnell nach Wegen, um positive Gefühle zu erleben“ (Hildebrandt 2017a).

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Arbeitswelt der Vielfalt

Eine humane Arbeitswelt kann gegenüber gesellschaftlichen Herausforderungen und Veränderungen nur resilient sein, wenn es Führungskräfte und Mitarbeiter ebenfalls sind. Sind die unzufrieden, zeigt sich dies auch wirtschaftlich. Unzufriedenheit wird meistens durch die direkte Führungskraft verursacht: Bis zu vier Generationen bewegen sich aktuell im Arbeitsmarkt. Jede ist durch ihre historisch eigenen Lebensumstände geprägt. Daraus ergeben sich starke Impulse für gesellschaftliche Entwicklungen und nachhaltige Veränderungen und die Erkenntnis, dass alle aufeinander angewiesen sind. Konflikte entstehen meistens dadurch, dass sich Unternehmen zu wenig auf die Besonderheiten der Generationen einstellen. Die jüngere Generation tritt zu einer Zeit in den Arbeitsmarkt ein, in der die Heterogenität in Teams unweigerlich ansteigt. Alternde Belegschaften und globale Arbeitsmärkte bedingen eine neue Vielfalt in der Arbeitswelt. Daran müssen sich Jugendliche und junge Erwachsene nicht gleichermaßen gewöhnen wie die Älteren, weil sie in einer deutlich heterogeneren Gesellschaft sozialisiert wurden. Eine der Chancen einer heterogenen Belegschaft liegt in dem Potenzial einer höheren Teamorientierung und Flexibilität. Dabei ist es wichtig, dass Unternehmen auch Brückenbauer aller Generationen werden. Junge Menschen haben noch ein langes Leben vor sich, sind offen für Neues, trauen sich mehr ins Risiko und sind Triebkraft für neue Ideen. Ältere haben schon Krisen erlebt und haben einen enormen Erfahrungsschatz. Im Gegensatz zu den jungen sind ältere Menschen in der Lage, noch „in der Strecke“ (Hildebrandt 2018) zu denken, eine Fähigkeit, die viele junge Menschen zugunsten „kurzer Etappen und digitalen Denkens“ weitgehend verlernt haben. Auch sind ältere Mitarbeiter grundsätzlich weniger geneigt, den Arbeitsplatz zu wechseln, als jüngere Mitarbeiter. Wenn Alt und Jung ihre unterschiedlichen Fähigkeiten in ein Unternehmen einbringen, steigt die Produktivität (Rexer 2018). „Ehrlich, fleißig, nachhaltig“ gehört heute zum Markenkern unserer Unternehmensgruppe: Neumüller ist Partner der Industrie im Umfeld der Personal- und Ingenieurdienstleistung und spezialisiert auf das Research und die Rekrutierung von anspruchsvollen Qualifikationen über den Weg der Personaldienstleistung und/oder Arbeitnehmerüberlassung. Beschäftigt sind aktuell ca. 300 Mitarbeiter, davon ca. 200 Ingenieure/Naturwissenschaftler (je m/w; Abb. 1). Es ist meine Aufgabe, als Unternehmer, die Zukunft der Arbeit so zu gestalten, dass sie gegenüber Störungen stabil ist und im Gleichgewicht bleibt. Zum demografieorientierten Personalmanagement gehören für uns ganzheitliches flexibles Denken, individuelle Strategieentwicklung, -implementierung, -umsetzung mit stetiger Anpassung, Berücksichtigung von jeglicher Individualität und Leistungseffektivität in jedem Alter, weg von der Einzel-

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Abb. 1  Regina und Werner Neumüller. (Mit freundlicher Genehmigung der Neumüller Unternehmensgruppe)

zur Teamorientierung, z.  B.  Jung/Alt (physische Leistung/Erfahrung), konstante Anpassung und Kombination, mehr Mitarbeiterbindung und Work Life Efficiency, aber auch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsthemen, die gerade von jungen Menschen in Bewerbungsgesprächen verstärkt nachgefragt werden. Als Unternehmer plädiere ich für eine Chance zur Verwirklichung von möglichst vielen Wünschen, Ansprüchen und Notwendigkeiten im Leben. Ich bin dafür, dass der Arbeitgeber, die sozialen Systeme und auch der Staat dabei helfen sollten, die Menschen bei der Kombination und der Verwirklichung ihrer persönlichen Ziele und Lebensweisen zu unterstützen. Berufliche Ziele sollten verstärkt mit den persönlichen und privaten wie denen der Familie möglichst effektiv in Einklang gebracht werden. Ich glaube nicht, dass die Menschen zukünftig noch genauso monetär orientiert Karriere machen wollen wie meine Generation der in den 1960er-­Jahren Geborenen. Deshalb biete ich meinen Mitarbeitern eine nachhaltige Kombination an. In unseren Unternehmen setzen wir auf einen Kompetenzmix jüngerer und älterer Mitarbeiter. Gerade in einem konstant variablen Team entfalten sich unterschiedliche Stärken, die sich auch ergänzen und bereichern (z. B. Junior/Senior Consultant, Meister und Lehrling). Dabei sollten auch reflektierende Fragen im Fokus stehen: Was führt dazu, seinen Job ehrenvoll zu erledigen? Wie kann bei anderen Menschen eine Saite berührt werden, die an jedem Tag nachklingt? All dies führt zu einem gestärkten Miteinander, zu mehr gegenseitigem Respekt, Hilfsbereitschaft und Verbundenheit. Folglich entsteht so das Image eines Arbeitgebers für Neueinstellungen, der sich aber auch der Unterstützung seiner „Rentner“ dauerhaft (z. B. in Teilzeit) sicher sein kann. Diversity ist allerdings nicht nur eine Frage des Geschlechts. Erwiesenermaßen sind Teams nur dann erfolgreich, wenn sie auf unterschiedliche Erfahrungen und Stärken zurückgreifen können und auf die Weisheit der vielen. Vor diesem Hintergrund unterzeichneten die Neumüller-Unternehmungen im Oktober 2014 die „Charta der Vielfalt“ der Bundesregierung, die 2006 auf Initiative der Deutschen BP in Zusammenarbeit mit der Daimler AG, der Deutschen Bank und der Deutschen Telekom ins Leben gerufen wurde (Hildebrandt 2016).

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Das Management der personell-kulturellen Vielfalt ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Auch muss der Wissenstransfer zwischen den Generationen sichergestellt werden, was nicht immer problemlos verläuft. So müssen Unternehmen eine effektive Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Erfahreneren und Jüngeren schaffen, damit die Generationen voneinander und miteinander lernen können. Viele Unternehmen betonen, dass sie die Eigenschaften, Talente und Fähigkeiten der Mitarbeiter schätzen und die Geschäftspolitik darauf ausrichten, diese Vielfalt erfolgreich einzusetzen. Dafür gibt es beispielsweise Diversity-Programme. Zudem wird in einschlägigen Unternehmenspublikationen darauf verwiesen, dass die Förderung und Nutzung der Vielfalt in der Unternehmenskultur verankert sind. Diversity-Workshops, Mitarbeiternetzwerke oder Mentoringprogramme sind bewährte Maßnahmen, die eingesetzt werden. Um Diversity-Management lokal und global zu leben, braucht es als Basis ein wertschätzendes und tolerantes Arbeitsumfeld. Deshalb ist für die Neumüller-Unternehmen ein ungezwungener Austausch auf Augenhöhe essenziell für ein freundliches und respektvolles Miteinander. Probleme und Fragestellungen, die im Arbeitsalltag entstehen, werden schnell und unkompliziert geklärt. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Unternehmen mit gemischten Teams ökonomisch überdurchschnittlich erfolgreich sind. Die größten Wachstumschancen in den kommenden Jahren liegen in der Diversität der Märkte sowie der Kunden. Diversity ist also kein Selbstzweck, sondern bringt unternehmerischen Mehrwert. Erfahrene Mitarbeiter sind häufig gute Mentoren, die in Unternehmen auf verschiedenen Ebenen zum Einsatz kommen und aufgrund ihrer Erfahrungen auf einem festen Grund stehen, der es ihnen ermöglicht, auch andere mit nach oben zu heben und sie zu fördern. Um für die Zukunft richtig aufgestellt zu sein, ist es wichtig, das Können und die Leistung eines Menschen – unabhängig von Ausbildung, Alter, Unternehmenszugehörigkeit oder Herkunft – zum zentralen Kriterium zu machen: Der Jüngere versucht beispielsweise kreativ mit modernen Arbeitsmitteln und Fleiß sein Ziel zu erreichen, der Ältere eher über bewährte Strategien und langjährige Erfahrung. Beide versuchen wir im Team gleichzustellen und mit ähnlichen Positionen zu versehen, sodass das Unternehmen von den jeweiligen Arbeitsweisen in der Leistung profitieren kann (Hildebrandt 2019a, b). Derzeit ist zu beobachten, dass viele Unternehmen ältere Mitarbeiter wieder oder weiter einsetzen, von denen sie sich noch vor wenigen Jahren überhastet und mit „goldenem Handschlag“ getrennt haben oder dies überlegten. Ihnen ist bewusst geworden, was dann fehlen würde: Die Älteren reagieren, arbeiten und entscheiden oft intuitiver, mit mehr Weitblick und Lebenserfahrung, mit mehr Erfahrung, Ruhe und Weisheit, kurz, mit einem größeren Repertoire an Erkenntnissen. Die große Bedeutung der „Senioritäten“ haben wir bei Neumüller erkannt – der Generationenmix war und ist für uns schon immer selbstverständlich. Wir beschäftigen z.  B. ganz bewusst und mit viel Freude und Überzeugung den „Un-­ Ruheständler“ und Rentner Franz Bogner als Senior Consultant, der uns mit seinem langjährigen Erfahrungswissen unterstützt. Menschen wie er mit interdisziplinärer Erfahrung werden in Unternehmen gebraucht, weil sie auf Augenhöhe mit Kunden und anderen ­Stakeholdern verhandeln können. Auch ist ihr Einsatz viel planbarer, weil Berufseinsteiger in den ersten Jahren oft die Stelle wechseln (Abb. 2).

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Abb. 2  Franz Bogner. (Mit freundlicher Genehmigung der Neumüller Unternehmensgruppe)

Er lebt uns beispielhaft mit seiner honorigen, liebenswürdigen und zuvorkommenden Art unverzichtbare Werte vor, die mit unseren nahezu deckungsgleich sind (tun, ehrlich, fleißig und nachhaltig). Zudem sorgt er in Gesprächen durch seine langjährigen Erfahrungen für mehr Entscheidungssicherheit. Seine Führungspersönlichkeit entwickelte er vor allem durch positives Selbstwertgefühl, verbunden mit Achtung vor und von anderen. Seine Erfahrung zeigt: „Je mehr sich eine Person (z. B. mit deutlicher persönlicher Positionierung) greifbar (und damit angreifbar) macht, desto mehr Vertrauen und Glaubwürdigkeit vermittelt sie.“ Nach einer Ausbildung bei Gericht in der Großstadt ist er der Liebe wegen in seine Heimat im Bayerischen Wald zurückgezogen und war dort mehr als 30 Jahre in der Versicherungsbranche als Bezirksdirektor tätig. In den letzten 20 Jahren arbeitete er als Regionalleiter mit Verantwortung für mehr als 80 Agenturen. Er gehört zu jenen Menschen, die nicht mehr von ihren Mitarbeitern fordern, als sie selbst bereit sind zu leisten, und wenn es sein muss, auch um 11 Uhr in der Nacht angerufen werden können. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters ist er eine absolut gute Ergänzung zu unseren jungen Mitarbeitern. Er vertritt mich bei Gesprächen und ist eine hervorragende Begleitung bei den Kundengesprächen. Was ihn besonders auszeichnet, sind das Zuhören und die Analyse. Wenn er Empfehlungen gibt, schöpft er aus dem sehr reichen Fundus seiner Erfahrungen. Er coacht die Mitarbeiter ohne erhobenen Zeigefinger, berät Manager, ohne aufdringlich zu sein, und zeigt, wie sich Stil und Niveau mit Ruhe und Geduld vorleben lassen, zum zukünftigen Erfolg der Systeme. All das macht ihn zu einem wichtigen Mitarbeiter und Sparringspartner für strategische und richtungweisende Entscheidungen  – auch im Bereich Nachhaltigkeit. Durch die Übernahme unternehmerischer und sozialer Verantwortung ergeben sich für Franz Xaver Bogner Wettbewerbsvorteile auf mindestens zwei Weisen: Zum einen führt eine hohe Mitarbeiteridentifikation zu besserer Leistung im Alltag. Zum anderen zahlt

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nachhaltige Personalpolitik auf die Arbeitgeberattraktivität ein. „Der Wandel bei neuen Technologien und Geschäftsmodellen muss mit einem Wandel bei der Managerausbildung einhergehen“ (Hildebrandt 2019b). Dazu braucht es jedoch eine Brücke zum Thema Nachhaltigkeit sowie entsprechende Gestaltungskompetenzen, Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Die DIHK-Bildungs-GmbH entwickelt ein modulares, bundeseinheitliches IHK-Management-Training, das Führungskräfte dafür qualifiziert, die Prinzipien von Nachhaltigkeit in ihrem beruflichen Handeln konkret anzuwenden. Das Projekt „Nachhaltig Erfolgreich Führen“ wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von der IHK-Organisation gemeinsam mit der DIHK-Bildungs-­ GmbH realisiert. Es werden damit folgende Ziele verfolgt: • Nachhaltigkeit als Leitmotiv und Strategie einer zukunftsorientierten Unternehmensführung im Management (insbesondere der mittelständischen Wirtschaft) weiter zu implementieren, • erweiterte bereichsspezifische Kompetenzen zu trainieren, um die operative Arbeit des mittleren Managements im jeweiligen Verantwortungsbereich (z. B. Einkauf, Logistik, digitale Transformation, Forschung & Entwicklung, Produktion, Controlling, Marketing oder Personal) unter Aspekten der Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. Das IHK-Management-Training (https://www.dihk-bildungs-gmbh.de/news/2019/neues-ihk-management-training/) hat das Ziel, die Nachhaltigkeitsgrenzen in Unternehmen zu überwinden. Es braucht dafür vor allem die Unterstützung der obersten Führungsebene beziehungsweise des Inhabers sowie der Bereichsleiter sowie der Nachhaltigkeitsmanager. Nachhaltige Führung wird von vielen jungen Bewerbern heute vorausgesetzt. Sie umfasst alle strategischen und operativen Entscheidungen sowie Maßnahmen, die unter Berücksichtigung sozialer und ökologischer Aspekte den langfristigen ökonomischen Erfolg des Unternehmens sicherstellen sollen (Hildebrandt 2019b). Am 24.10.2019 fand die 2. Sitzung des Fachlichen Beirats des Projekts „Nachhaltig Erfolgreich Führen. IHK-Management-Training“ bei Häcker Küchen am Standort in Rödinghausen, Ostwestfalen, statt. Marketingleiterin Gisela Rehm lud die Teilnehmenden des Projektbeirats, zu dem auch Franz Xaver Bogner gehörte, der im DIHK-Fachmodul „Personalmanagement und -entwicklung“ (Modulverantwortlicher: Samuil Simeonov) arbeitet, zu einer Firmenführung ein, stellte die Nachhaltigkeitsvorhaben bzw. CSR-­ Ausrichtung des Unternehmens vor sowie die hoch automatisierte Produktion des Unternehmens. Das Familienunternehmen möchte Bewegung in die Köpfe der Menschen bringen und ein allgemeines Bewusstsein dafür schaffen, dass Nachhaltigkeit eine große Bedeutung für unsere Gesellschaft einnehmen muss und nicht losgelöst von Digitalisierungsprozessen betrachtet werden darf. Auch Franz Xaver Bogner betonte vor Ort, wie wichtig es ist, dass das Topmanagement für die Bedeutung von Nachhaltigkeit im ­Unternehmenskontext sensibilisiert wird. Sie sollen die Potenziale, die sich aus einer zukunftsfähigen Unternehmensausrichtung ergeben, erkennen, reflektieren und idealerweise in ihre eigenen Entscheidungsprozesse einbeziehen. Führungskräfte des mittleren Ma-

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nagements sollten wiederum dafür qualifiziert werden, die Prinzipien von Nachhaltigkeit in ihrem Denken und Handeln als Führungskräfte in der digitalen Transformation von Unternehmen zu berücksichtigen und somit unternehmerische Nachhaltigkeitsziele fördern. Dabei kommt den regionalen IHKs die Aufgabe zu, das Managementtraining im IHK-­Umfeld zu positionieren und vor Ort Unterstützer und Multiplikatoren („Agenten des Wandels“ und „Mentoren der Nachhaltigkeit“) zu finden. Dabei sollten aktuelle Tendenzen aus Wissenschaft und Praxis adäquat und kompetent berücksichtigt werden. „Ein solches Training für Führungskräfte bietet Hilfestellungen für viele Situationen im Geschäftsleben eines Vorgesetzten, wobei die Wissenschaft primär Hintergrundinformation und Einblick in Zusammenhänge ermöglicht, während Praktiker Erfahrungen und neue Entwicklungstendenzen konkret einbringen können“, so Bogner. Im Wesen dieses Managementtrainings liegt es, dass hier keine „Rezepte“ angeboten, sondern Anregungen gegeben werden sowie neue Sichtweisen oder innovative Perspektiven erarbeitet werden können. Die „Agenten des Wandels“ sensibilisieren und fördern das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit. Dazu müssen Hebel – individuelle Veranstaltungsformate in Organisationen wie IHKs, Gremien von IHKs, Arbeitskreise, Wirtschaftsjunioren, Wirtschafts- bzw. Forschungsnetzwerke, Cluster – gefunden, gestaltet und nutzbar gemacht werden. „Mentoren der Nachhaltigkeit“ qualifizieren und stärken Kompetenzen zur Begleitung der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dazu müssen im Thema erfahrene Menschen (z. B. CSR- bzw. Nachhaltigkeitsexperten, Professoren, Coaches, Changemanager und Berater) befähigt werden, ihr praktisches Wissen an andere Menschen weiter zu geben. Diese Themen fließen bei den Neumüller-Unternehmen auch in Projektaufträge ein, an denen auch High Potentials beteiligt sind, die bei uns gefordert und gefördert werden. In einem anspruchsvollen Projekt entwickelt sich der Mitarbeiter anhand der intrinsischen Motivation weiter, soweit die Anforderungen seinen Fähigkeiten entsprechen. Wenn das Projektergebnis im Anschluss auch noch vorgestellt, besprochen und eventuell sogar realisiert wird, komplettiert sich der Lernerfolg. Eine gute Methode zur Nachwuchsführungskräfteentwicklung ist die Involvierung eines Mentors, welcher meistens ein erfahrener Mitarbeiter oder eine kompetente Führungskraft ist (Hildebrandt 2018, S. 27). Der High Potenzial kann hier nahezu alle offenen Fragen klären und Projekte in Absprache mit seinem Mentor professionalisieren. Durch eine transparente Karriereplanung und Perspektivenaussicht können die High Potenzials an das eigene Unternehmen gebunden werden. Wer bei den Neumüller-Unternehmungen Karriere machen will, wird unterstützt. Je nachdem, ob Kinder in der Familie sind, deren Pflege oder Betreuung nötig ist, wird Teilzeitbeschäftigung angeboten. Eine Teil- oder zu jederzeit wieder mögliche Vollzeitbeschäftigung ist jederzeit möglich. Jeder kann bei uns so viel und so engagiert arbeiten, wie er dies möchte und kann. Wir achten dabei immer auf die individuelle Belastungssituation. In Phasen der Überlastung versuchen wir zu entlasten oder animieren zur ­Belastungsreduktion oder fordern zur Arbeitszeitreduzierung auf. Wir bieten ein möglichst effizientes Arbeiten oder unterstützen beim Kombinieren der Anforderung des Lebens. Dem Menschen soll es langfristig gut gehen. Das ist auch für die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens essenziell, vor allem in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels.

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Konkret bedeutet das für Unternehmen: • Arbeitgeber können nicht nur fordern, sondern sollten auch unterstützen, helfen und fördern, denn die Zeit der Kontrolle und des autoritären Führungsstils ist mit der Generation Y und der neuzeitlichen Denkweise zunehmend vorbei. • Die Leistung und das Können eines jeden Einzelnen sollten – unabhängig von Ausbildung, Alter, Unternehmenszugehörigkeit oder Herkunft – zum zentralen Kriterium gemacht werden. • Niemand sollte Stereotypen verfallen und andere Menschen in Schemata pressen. • Wer Diversity im Unternehmen heute ausklammert, kann heute und in Zukunft keine nachhaltig erfolgreichen Geschäfte machen. • Nicht nur augenblickliches Wohlergehen ist entscheidend, sondern ein Sicherheitsgefühl für die Zukunft – etwa durch Jobsicherheit.

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Anforderungen an ein modernes Recruiting

Dass sich mit der Generation Y, verglichen mit den vorigen Generationen, die Anforderungen der Mitarbeiter an ihre Arbeitgeber ändern, ist durch Studien zahlreich belegt und mittlerweile in der Arbeitswelt direkt spürbar. Digital Natives legen viel Wert auf soziale Komponenten, Sinnstiftung und Selbstbestimmung. Der große Unterschied zu früheren Generationen ist, dass die Generation in einer Zeit aufwächst, in der Unternehmen der Nachwuchs ausgeht. Sie kann es sich leisten, anspruchsvoll zu sein. Die früher oft gestellte Frage des Personalchefs an den Bewerber, warum das Unternehmen gerade ihn einstellen sollte, wird künftig wohl lauten: Warum sollte ich in Ihrem Unternehmen beginnen? Dieser Problematik sollten sich Unternehmen bewusst sein, denn sonst wird es Schwierigkeiten bei der weiteren Entwicklung geben. Die Generation Y möchte sich frei entfalten können und wird deshalb hinterfragen, ob der angebotene Job wirklich der richtige ist. Wer sich erst einmal für das Unternehmen entschieden hat, ist aber auch bereit, bei auftauchenden Problemen schnell zu reflektieren, ob er weitermachen möchte oder sich doch wieder nach einer Alternative umsieht. Die Mehrzahl der Unternehmen spricht potenzielle Mitarbeiter falsch an. Zu diesem Ergebnis kommt der Report „Inside the mind of today’s candidate“ (2017) des weltweit größten Karrierenetzwerks LinkedIn, dessen Vision der Economic Graph ist, ein globales Netzwerk von qualifizierten Fachkräften, das jedem Mitglied neue Karrierechancen eröffnen kann. Die Umfrage fand im April 2017 unter 14.000 Arbeitnehmern in mehr als 20 Ländern weltweit statt. Die Studie zeigt, worauf Kandidaten bei der Ansprache durch Recruiter Wert legen: • Neun von zehn (91 Prozent) der deutschen Fach- und Führungskräfte sind offen für neue Jobangebote. • 57 Prozent fühlen sich geschmeichelt, wenn sie angesprochen werden.

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• Kandidaten wollen nicht nur eine bloße Stellenbeschreibung erhalten, sondern auch Informationen über das Unternehmen. • Hauptgründe, die Arbeitnehmer motivieren, sich nach einer neuen Beschäftigung umzusehen: Spitzenreiter sind schlechte Unternehmensführung bzw. -management mit 62  Prozent, gefolgt vom Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit mit den eigenen Interessen und Werten (53 Prozent). Erst auf Platz drei folgt mit 48 Prozent die Aussicht auf besseres Gehalt. • Etwa ein Fünftel (18  Prozent) der Personen auf Jobsuche haben vor der Bewerbung kein klares Bild davon, wie es wäre, in den betreffenden Unternehmen tätig zu sein. Sie wünschen sich darüber hinaus detailliertere Informationen über mögliche künftige Arbeitgeber. • 38 Prozent der in der Studie Befragten bezeichnen Einblicke in die Unternehmenskultur als „Muss“ bei der Ansprache durch Recruiter. • 68 Prozent der Arbeitnehmer, die vor Kurzem ihre Position gewechselt haben, gaben an, dass sie vor Antritt der Stelle sehr wenig oder gar nichts über ihren aktuellen Arbeitgeber gewusst hätten. • 74 Prozent der deutschen Befragten und damit mehr als der weltweite Durchschnitt (69 Prozent) legen hierauf besonderen Wert. Grund dafür ist die gesellschaftliche Verantwortung, die heute verstärkt eine wesentliche Rolle für das Employer Branding spielt.

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Impulse für erfolgreiches Employer Branding

Die Anforderungen an ein modernes Recruiting und zeitgemäßes Personalmanagement sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Angesichts des zunehmenden Fach- und Führungskräftemangels müssen Arbeitgeber stärker als je zuvor um qualifizierte Arbeitnehmer werben – und dies auch kommunizieren. Zukünftig werden auch alte Begriffe aus Ethik und Moral zunehmend an Bedeutung gewinnen – beispielsweise Vertrauen (werden Werte glaubhaft gelebt, sind sie nicht zuletzt eine wesentliche Grundlage dafür) und die Einhaltung von „Inaussichtstellungen“. Nur auf diese Weise entsteht das glaubwürdige „Image eines guten Arbeitgebers für Neueinstellungen“ (zitiert in: Hildebrandt 2017b). Handeln nach ethischen Werten und Normen ist hier von besonderer Bedeutung, um die erhöhte Zufriedenheit der Bewerber, Mitarbeiter (Neumüller und Hildebrandt 2017) und Kunden zu erreichen. Um dies zusätzlich zu manifestieren, traten die Neumüller-­ Unternehmen 2012 „Ethics in Business“, der Werteallianz des Mittelstandes, bei. Die Mitgliedschaft in der Gilde wurde seit 2013 jährlich bestätigt. Die Arbeitgebermarke lässt sich bereits durch einfache Maßnahmen und Prozesse im Unternehmensalltag stärken. Dazu bedarf es im Wesentlichen einer authentischen Arbeitgeberpositionierung, die aktuellen wie zukünftigen Mitarbeitern zeigt, für welche internen Grundsätze und Werte ein Unternehmen als Arbeitgeber steht. Je klarer das Wertesystem dargestellt wird, desto stärker werden die richtigen Menschen angezogen.

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W. Neumüller

Unternehmen stehen heute vor großen Herausforderungen: internationaler Wettbewerbsdruck, schnelle Marktbewegungen, demografischer Wandel, Produktweiterentwicklungen, Informationsflut und Komplexitätszunahme, Diversifizierung und Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg, Verknappung guter Mitarbeiter (War of Talents), aber auch zunehmender Krankenstand durch Stress und Burn-out. Keine Organisation wird in einer solchen Arbeits- und Lebenswelt überlebensfähig sein, wenn sie nicht ein stabiles Wertegerüst hat. Eine authentische Unternehmenskultur verbindet die Mitarbeiter und fokussiert alle auf die gemeinsamen Ziele. Gleichzeitig ist die Darstellung einer Alleinstellung und/oder eine klare Abgrenzung zum Wettbewerb möglich. Eine Unternehmenskultur, die auf Wertschätzung basiert und Werte vermittelt, steigert die Leistung und legt das Fundament für nachhaltigen Erfolg, da sie die Loyalität hoch qualifizierter Arbeitskräfte, namhafter Investoren und langjähriger Kunden gegenüber dem Unternehmen festigt und diese somit an das Unternehmen bindet. All dies ist den Bewerbern von heute sehr wichtig, weil eine möglichst hohe Identifikation mit dem künftigen Unternehmen und dessen Tätigkeiten gewünscht ist. Mitarbeiter mit klaren gelebten positiven Werten fühlen sich wohler und identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen – nachweislich bleiben sie hier länger und sind zufriedener. Bewerber betrachten ein solches Unternehmen sicher als attraktiver als Unternehmen ohne Authentizität, gemeinsame Werte oder gemeinsame Mission.

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Resilienz und Eigenverantwortung stärken

Bedingt durch den demografischen Wandel und durch die zunehmende Industrie 4.0 werden Eigenverantwortlichkeit, Zielorientierung, Flexibilität, Lern- und Teamfähigkeit neben Loyalität der Belegschaft immer wichtiger. Um die zukünftigen Herausforderungen noch besser zu bewältigen, muss noch dynamischer über optimierte Aus- und Fortbildungsinhalte diskutiert werden. Zukünftig müssen zusätzlich zu fachlichen Qualifikationen auch persönliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten vermittelt werden – sei es in Form von Fächern und Kursen zur „psychologischen Selbsthygiene“, in Diskussionsforen oder in Veranstaltungen zur Gruppenbildung und deren Dynamik. Beispiele für derartige Ausbildungsinhalte finden wir in anglizistischen Ländern. Die Diskussion über unser Schulsystem und die Ausbildung von Charakter und Sozialverhalten bis hin zur Resilienz können eine große Dynamik entwickeln. Ein sehr enges Verhältnis zu den Eltern und der Familie ist typisch für die um die Jahrtausendwende Geborenen. Sie lassen sich gern umsorgen und suchen in einer Welt, in der sich alles sehr schnell verändert, nach Sicherheit. Kinder werden heute behütet wie nie zuvor. „Helikoptereltern“ wissen jederzeit, wo sich ihre Kinder gerade aufhalten, und sind ständig in Sorge, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Die Generation Z und die meisten Kinder sind die Fürsorge der Eltern gewohnt, die Vertraute in allen wichtigen Entscheidungen der Vergangenheit waren – nun sind sie es auch bei Zukunftsentscheidungen. Eltern fühlen sich heute als enger Begleiter ihrer Kinder und übernehmen oft sogar federführend die Berufs- und Studienwahl. Unternehmen und Hochschulen reagieren darauf und bezie-

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hen sie sogar in ihre Informations- und Kontaktprogramme mit ein. Inzwischen gehen häufig sogar mehr Anfragen von Eltern als von Jugendlichen bei ihnen ein. Das führt dazu, dass junge Menschen zwar selbstbewusst, aber unselbstständig werden („Hotel Mama“). Meine Kinder sehnen sich beispielsweise nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit und Lob. Sie versuchen alles zu tun, um es ihren Eltern recht zu machen. Und was machen die Eltern? Sie loben ihre Kinder, teils mit nicht ausreichender Differenzierung: „Du kannst aber schon toll essen.“ „Super, wie du in die Schule gehst.“ Kinder müssen lernen, mit Veränderungen und Niederlagen umzugehen und sich den Herausforderungen zu stellen: in der Schule, im Sportverein, auf Turnieren und im Leben. Wenn im Sportverein ein Spiel verloren ist, gilt die Devise: Weiter geht es! Nächstes Spiel, neue Chance! Da wird nicht resigniert, verzweifelt oder endgültig aufgegeben, sondern trainiert, gekämpft und ausprobiert. Kinder sollten nicht unter übertriebenen Schutzschirmen der Eltern aufwachsen. Wir sollten ihnen mehr zutrauen, sie fordern, fördern und belohnen. Lehrjahre des inneren Wachstums kommen in vielen Lebensentwürfen heute gar nicht mehr vor: Aufgrund der daraus mangelnden Lebenserfahrung scheitern immer mehr junge Menschen in Personal- und Einstellungsgesprächen an der persönlichen Eignung. Deshalb ist es wichtig, Eigenverantwortung und eine gewisse Grundhärte zu entwickeln, um auch in der Lage zu sein, Konflikte durchzustehen und Herausforderungen zu meistern  – durch Resilienz. Der Begriff kann bildhaft auch als „Elastizität“ übersetzt werden. „Resilient“ leitet sich vom lateinischen „resilire“ ab, was so viel bedeutet wie „zurückprallen, zurückschrumpfen“. Das englische Wort „resilience“ beinhaltet zusätzlich die Veränderungskompetenz. Unter psychologischer Resilienz wird die Fähigkeit eines Individuums verstanden, krisenhafte Ereignisse richtig zu meistern. Resiliente Menschen zeichnen sich durch hohe Erwartungen, Selbstdisziplin, eine optimistische Sicht auf die Zukunft und das Leben aus, aber auch durch soziale Kompetenz, Improvisationsfähigkeit und kritisches Denken (Garmezy et al. 1984; Werner und Smith 2001; Coutu 2002; Masten 2009). Das ist zugleich mein Wunsch an die junge Generation. Die Shell Jugendstudie 2019 (https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie. html#vanity-aHR0cHM6Ly93d3cuc2hlbGwuZGUvanVnZW5kc3R1ZGll) gibt ebenfalls Anlass zur Hoffnung: Sie belegt, dass sich Jugendliche heute vermehrt zu Wort melden und ihre Interessen und Ansprüche nicht nur untereinander artikulieren, sondern verstärkt auch gegenüber Politik, Gesellschaft und Arbeitgebern. Die meisten von ihnen blicken eher positiv in eine lebenswerte Zukunft. Die meisten haben allerdings Angst vor der Umweltzerstörung. Klimaschutz gehört deshalb als Bildungsinhalt auf den Stundenplan und in den Unternehmenskontext. Es ist wichtig, vielfältige Impulse zu geben, zukunftsweisende Programme zu erarbeiten und zu erproben und sie mit außerschulischen Partnern zu vernetzen. Erst dies ermöglicht eine wirksame Praxis und schafft Begeisterung für eine neue und nachhaltige Lehr- und Lernkultur, die niemals aufhört. Wissen ist die Basis für nachhaltige Veränderungen. Es richtig umzusetzen bedeutet, neue und nachhaltige Entscheidungen zu treffen und das eigene Verhalten daran zu orientieren. Das gilt für alle Generationen. Stefan Hofer, Teamleiter Marketing bei Neumüller, danken wir für die Unterstützung des Beitrags.

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Literatur Coutu DL (2002) How resilience works. Harv Bus Rev 2002:46–55 Hildebrandt A (2016) Können statt Quote: Das finden Menschen in der Arbeitswelt der Vielfalt (12.07.2016). Huffington Post Hildebrandt A (2017a) Wie Resilienz zur Rettung der Welt beiträgt. In: tbd∗ (23.04.2017). https://www.tbd.community/de/a/wie-resilienz-zur-rettung-der-welt-beitraegt. Zugegriffen am 04.06.2017 Hildebrandt A (2017b) Interview mit Werner Neumüller: Warum Employer Branding heute neu bewertet werden muss (29.04.2017). Huffington Post Hildebrandt A (2018) Was im Alter bleibt: Über die Liebe, das Leben und das Loslassen. Blogspot (29.11.2018). https://dralexandrahildebrandt.blogspot.com/2018/11/was-im-alter-bleibt-uberdie-liebe-das.html. Zugegriffen am 03.12.2018 Hildebrandt A (2019a) Warum der Erfahrungsschatz älterer Mitarbeiter so wertvoll ist (22.05.2019). https://www.xing.com/news/insiders/articles/warum-der-erfahrungsschatz-alterer-mitarbeiter-so-wertvoll-ist-2272190?xng_share_origin=web. Zugegriffen am 04.06.2019 Hildebrandt A (2019b) Nachhaltig erfolgreich führen: Warum Manager neu ausgebildet werden müssen. XING (04.11.2019). https://www.xing.com/news/insiders/articles/nachhaltig-erfolgreich-fuhren-warum-manager-neu-ausgebildet-werden-mussen-2754645?xng_share_origin=web. Zugegriffen am 20.11.2019 Hildebrandt A, Neumüller W (2018) Visionäre von heute – Gestalter von morgen. Springer Gabler, Heidelberg/Berlin Inside the Mind of Today’s Candidate (2017). https://business.linkedin.com/talent-solutions/recruiting-tips/inside-the-mind-of-the-candidate?trk=bl-ba_candidates-are-flattered-to-hear-from-you_kate-reilly_072417. Zugegriffen am 03.12.2018 Masten AS (2009) Ordinary magic: lessons from research on resilience in human development. Educ Can 49:28–32 Neumüller W, Hildebrandt A (2017) Tun statt reden. Personalverantwortung 21.0 von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017. https://www.amazon.de/dp/B06W55S2V3/ref=cm_ sw_em_r_mt_dp_MIcPyb70YDR0Y. Zugegriffen am 10.11.2019 Rexer A (2018) Ey, Alter. In: Süddeutsche Zeitung (11.7.2018). https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/unternehmenskultur-jung-alt-zusammenarbeit-1.4049663?reduced=true. Zugegriffen am 03.12.2018 Werner EE, Smith RS (2001) Journeys from childhood to midlife: risk, resiliency, and recovery. Cornell University Press, Ithaca

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Werner Neumüller,  Jahrgang 1965, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Nach der Schule, Berufsausbildung und Fachabitur studierte er Maschinenbau an der Fachhochschule Regensburg. Studienbegleitend war Neumüller Werkstudent bei der Siemens AG, im Auslandspraktikum in Hongkong bei der Mannesmann AG; seine Diplomarbeit schrieb der gebürtige Franke bei der BMW AG. Nach einer ersten Anstellung bei der Jungheinrich AG Hamburg wechselte er nach fünf Jahren zur Herberg Ingenieurbüro GmbH in die Personaldienstleistung. Nach weiteren fünf Jahren erfolgte die Gründung der ersten Unternehmungen der heutigen Neumüller-Gruppe in Nürnberg. Aktuell beschäftigt Neumüller mehr als 300 Mitarbeiter an fünf Standorten. Kerngeschäft ist die Rekrutierungsunterstützung über die Personaldienstleistung v. a. im akademischen Umfeld. Für die außergewöhnliche Arbeitsweise wurde Neumüller vielfach in Form von Staats-, Kunden-, Mittelstandspreisen und Ehrungen ausgezeichnet. Das Unternehmen gehört zu den Gründungsmitgliedern von Ethics in Business  – der Werte-­Allianz des Mittelstands (seit 2012). Fachbeiträge bei Springer Gabler: Rekrutierungsunterstützung über Personaldienstleistung und Arbeitnehmerüberlassung. Am Beispiel der Neumüller Unternehmensgruppe. In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. Herausgeberschaft: Springer Gabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017, S. 755–776. Bei Springer Gabler: Visionäre von heute – Gestalter von morgen Inspirationen und Impulse für Unternehmer. Hg. von Alexandra ­Hildebrandt und Werner Neumüller, Springer Gabler Verlag, Heidelberg Berlin 2018.

Teil III Unternehmerische Nachhaltigkeit – aus der Praxis für die Praxis

Auszubildende engagieren sich für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung Fachkräfte von morgen handeln heute bereits nachhaltig Helga Berg

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Auf dem Weg von einer Vision zur Realität

Wir können unsere Zukunft auf diesem Planeten langfristig nur sichern, wenn unsere Gesellschaft es schafft, sich umweltgerecht und sozialverträglich auszurichten und mit Blick darauf wirtschaftliche Entwicklung nicht ausschließlich durch kurzfristigen monetären Gewinn zu definieren. Nachhaltige Entwicklung, die diese Ziele gleichermaßen optimiert, ist daher keine zusätzliche gesellschaftliche Aufgabe, sie ist eine Notwendigkeit. Dies als gesellschaftliche Richtschnur allen Handelns umzusetzen, ist jedoch keineswegs trivial. Die Abwägung der Handlungsalternativen verlangt einen größtmöglichen gemeinsamen Nenner teils widersprüchlicher Interessen und dies mit globaler Perspektive. Es bedeutet ebenso, innovativ zu sein und neue Möglichkeiten zu finden für sozial gerechtes, ökologisch verträgliches und ökonomisch tragfähiges Handeln. Der Weg zur nachhaltigen Gesellschaft ist daher ein weitreichender Transformationsprozess, der alle Lebensbereiche erfasst, globale Reichweite hat und eine Neuorientierung auch und vor allem in der Wirtschaft erfordern wird. Auf eine Vision zur Gestaltung dieser nachhaltigen Gesellschaft haben sich die Vereinten Nationen im Jahr 2015 in der Agenda 2030 anlässlich der Generalversammlung am 25.09.2015 in New York verständigt und diese mit 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung, den sog. Sustainable Development Goals (SDG), zu beschreiben versucht (Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen 2015). Eine Überzeugung, die alle Menschen teilen, besitzt Realität (Aristoteles, griechischer Philosoph, 384–322 v. Chr.). H. Berg (*) Referat 312 - Ordnung der beruflichen Bildung; BIBB, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_13

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Die einander bedingenden, wechselseitig abhängigen und teilweise widersprüchlich scheinenden SDG reichen von Klimaschutzmaßnahmen über menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum, Geschlechtergerechtigkeit, Innovationen und Infrastruktur bis hin zu „Hochwertiger Bildung“. Sie vermitteln einen Eindruck von der Komplexität der geforderten Transformation und der Reichweite der damit zum Ausdruck gebrachten Vision. Die in 17 Zielen komprimierten Anforderungen zeigen aber auch, wie wichtig es ist, dass alle gesellschaftlichen Akteure und jeder Einzelne gebraucht wird, um sie zu erreichen. Die Agenda 2030 bietet eine Vision, die nur erreichbar sein wird, wenn alle Bürger davon überzeugt sind (Abb. 1). Doch wie das Kaninchen, das beim Anblick der Schlange erstarrt, verharren wir scheinbar weiterhin in Gewohnheiten und Bequemlichkeiten, bis dies keine Handlungsalternative mehr sein wird. Wir spüren erstmalig die Folgen unseres Handelns und wie bereits der damalige US-Präsident Barack Obama anlässlich des UN-Klimagipfels im Jahr 2014 in New York mahnte: „Wir sind die erste Generation, die die Folgen des Klimawandels spürt und wir sind die letzte, die etwas dagegen tun kann“ (Süddeutsche Zeitung 2014). Was fehlt, ist ein Umsetzungskonzept, welches allumfassend ist, sich nicht in einzelnen Maßnahmen erschöpft und globale Konsequenzen berücksichtigt. Ankerpunkt des öffentlichen Interesses ist aktuell die Erreichung des SDG 13 „Maßnahmen zum Klimaschutz“. Nach den Warnungen der Wissenschaftler seit vielen Jahren, der Veröffentlichung valider Forschungsergebnisse zu den Veränderungen unseres Weltklimas, ihren Ursachen und Folgen, erleben wir in Deutschland erstmals seit den 1970er-Jahren wieder eine große und anhaltende öffentliche Debatte zum Klimaschutz und diese mit globaler Reichweite.

Abb. 1  Fridays for Future Global Strike Berlin 15.03.2019, Scientists for Future geben die Zahl der Unterschriften von Wissenschaftlern bekannt. (Mit freundlicher Genehmigung Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V.)

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Ein kurzer Rückblick auf die Umweltbewegung der 1970er-Jahre in Deutschland macht deutlich, wo sich grundlegende Unterschiede zeigen. Damals formierte sich diese zunächst regional und richtete sich konkret gegen die Atompolitik der damaligen Bundesregierung („Atomkraft Nein Danke!“). Davon ausgehend schaffte sie es, unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppierungen unter diesem Dach zu vereinen und dieses um Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, ökologische Landwirtschaft, Nutzung regenerativer Energien etc. zu erweitern. Die sich entwickelnde Bürgerbewegung fand einen Höhepunkt in der Gründung der Partei „Die Grünen“ im Jahr 1980. Am 30.06.2011 schließlich beschloss der Deutsche Bundestag mit breiter Mehrheit den Atomausstieg (Offizielle Website der Partei Die Grünen 2019). Spätestens seit Einzug der Grünen in den Deutschen Bundestag im Jahr 1983 ist Umweltschutz ein demokratisches Anliegen mit parlamentarischer Stimme. Seitdem beobachten wir die immer wieder punktuelle Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen, oftmals infolge des Bekanntwerdens größerer Umweltkatastrophen oder der Bekanntmachung mahnender Umweltberichte. Bislang scheinen diese jedoch nicht ausreichend zielführend zu sein. Sie folgen nicht systematisch einer globalen Zielsetzung und Vision des Zusammenlebens unter Berücksichtigung der Bedürfnisse nachfolgender Generationen, wie nachhaltige Entwicklung sie meint. Wie bereits erwähnt, hat sich die Weltgemeinschaft 2015 mit der Agenda 2030 auf eine Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft für das Jahr 2030, beschrieben durch 17 SDG, verständigt. Politisch wird diese in Deutschland auf Bundesebene durch die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie umgesetzt und Nachhaltigkeit ist nach dem Koalitionsvertrag Richtlinie deutscher Politik. Verschiedene Gremien und Dialoggruppen arbeiten hieran mit, wie z. B. der Rat für Nachhaltige Entwicklung, die Wissenschaftsplattform 2030, das Forum Nachhaltigkeit, der Parlamentarische Beirat Nachhaltigkeit etc. Doch systemische Veränderungen bedürfen des Umdenkens, denn „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“ (Albert Einstein). Wie anders ließe sich ein Umdenken und eine Haltungsänderung erreichen, wenn nicht durch Bildung. Daher kommt dem SDG  4 „Hochwertige Bildung“ in zweifacher Hinsicht besondere Bedeutung zu. Einerseits ist Bildung selbst qualitativ hochwertig, nachhaltig zu gestalten, andererseits ist sie ein Schlüsselinstrument zur Erreichung aller anderen Ziele, auch des Klimaschutzes (SDG 13). In Anerkennung dieser besonderen Bedeutung hat sich die Weltgemeinschaft auf das UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ bis 2019 und nunmehr bis 2030 („ESD for 2030“) verständigt. Dies wird in Deutschland in einem Agendaprozess auf breiter gesellschaftlicher Basis durch eine Gremienstruktur umgesetzt, die sich an den einzelnen Bildungsbereichen orientiert. Das Jugendforum „youpaN“ bringt noch einmal in besonderer Weise die Sichtweise der Jugendlichen mit ein und ermöglicht zudem die Umsetzung eigener Projekte (Abb. 2; (https://youpan.de/youpan/)). Der Handlungsbedarf liegt auf der Hand und insbesondere junge Menschen fordern weltweit dazu auf, Maßnahmen für den Klimaschutz umzusetzen, und schließen sich zu einer globalen Umweltbewegung der „Fridays for Future“ zusammen. Alle Mahnungen und Forderungen der Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitsforscher konnten nicht die

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Abb. 2  Fridays for Future Global Strike Berlin 15.03.2019. (Mit freundlicher Genehmigung Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V.)

Aufmerksamkeit erzielen, die Jugendliche durch ihre ungewöhnliche Protestaktion der freitäglichen Schulverweigerung erreicht haben. Greta Thunberg hat sich mit Unterstützung insbesondere der sozialen Medien zu Gesicht und Stimme einer globalen Protestbewegung entwickelt. Ihr Protest beruft sich auf Forschungsergebnisse und sie weiß mittlerweile nicht nur Schüler, Studierende und Wissenschaftler hinter sich. Anders als die Umweltbewegung der 1970er-Jahre in Deutschland richten sich die freitäglichen Demonstrationen jedoch nicht gegen konkrete Vorhaben oder politische Entscheidungen. Sie fordern im Gegenteil ein Handeln für Klimaschutz ein. Auch wenn ihre Adressaten auf den ersten Blick politische Vertreter sein mögen, so richten sich die Forderungen letztlich an Gesellschaft und Wirtschaft, an jeden einzelnen Bürger. Es ist ein Appell, die Gegenwart so zu gestalten, dass eine lebenswerte Zukunft möglich ist, ein Appell für nachhaltige Entwicklung! Sie fordern für ihre Generation eine lebenswerte Zukunft ein und dies ist nicht weniger als das erklärte Ziel globaler, nachhaltiger gesellschaftlicher Entwicklung, auf die sich die Vereinten Nationen in der Agenda 2030 anlässlich der Generalversammlung am 25.09.2015 in New York verständigt haben. Ihre Altersgruppe gehört zu den Betroffenen, die die Folgen des Klimawandels bewältigen müssen und deren Möglichkeiten, diesen abzuwenden, nur noch sehr eingeschränkt sein werden. Greta Thunberg argumentiert mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihr Vorbild mobilisiert Jugendliche auf der ganzen Welt für den Klimaschutz unter dem Motto „Fridays for Future“. Wissenschaftler tun es ihr gleich mit „Scientists for Future“, Eltern und Großeltern schließen sich zusammen zu „Parents for Future“. Unternehmer haben den Zusammenschluss „Entrepreneurs for Future“ gegründet. Eigenen Angaben zufolge haben sich im Juli 2019 bereits mehr als 2000

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Unternehmen der Bewegung angeschlossen. Die Beteiligten vertreten ein breites Branchenspektrum, unter ihnen viele mittelständische Unternehmen (Abb. 3; (Offizielle Website der Initiative Entrepreneurs For Future 2019)) Was diese Bewegung deutlich macht, ist das vorhandene breite gesellschaftliche Bewusstsein in Deutschland für Klimaschutz und notwendige Veränderung. Es zeigt vielleicht aber auch, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung über die zurückliegenden rund zwanzig Jahre Wirksamkeit entfaltet. Junge Menschen entwickeln ein Bewusstsein für Umweltthemen, Generationengerechtigkeit und globale soziale Verantwortung. Education is the most powerful weapon which you can use to change the world (Nelson Mandela speech, Madison Park High School, Boston, 23 June 1990; reported in various forms; (Oxford Essential Quotations 2017)).

Bildung ist ein starkes Instrument, doch wird sie allein eine Veränderung der Welt nicht leisten können, wenn ihr nicht die Umsetzung in das Handeln folgt. Sie kann die Basis schaffen und das Samenkorn säen. Fridays for Future als Jugendbewegung fordert nun das Handeln ein. Schüler und Studierende demonstrieren freitags dafür. Sie organisieren öffentlichkeitswirksame Demonstrationen, veranstalten Kongresse, organisieren sich in Arbeitsgruppen etc. Sie tun dies während der Schul-/Studienzeit, aber auch in ihrer Freizeit, in den Ferien. Es verdient Anerkennung, wenn Jugendliche sich für ein gesellschaftliches Ziel, für ihre Zukunft in friedlicher Weise engagieren. Und sie werden gehört, ihr Anliegen zum Klimaschutz findet Eingang in die Medien, aber auch in politische Diskurse.

Abb. 3  Fridays for Future Global Strike Berlin 15.03.2019. (Mit freundlicher Genehmigung Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V.)

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Ihre Überzeugungsarbeit ist eine Pionierleistung. Verbote und Gebote können allenfalls nachhaltige Entwicklung flankieren, denn sie haben selten die Betroffenen überzeugt. Der zweite Schritt hin zum Handeln wird jedoch alle brauchen, um Realität zu werden. Überzeugung in der Sache ist nahezu unerlässlich, denn die Umsetzung eines Konzeptes nachhaltiger Entwicklung wird mit Änderung von Anspruchshaltung, Erwartungen, mit Verzicht und möglicherweise auch Entschleunigung in einigen Bereichen verbunden sein.

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Nachhaltigkeit beginnt mit „N“ wie Nachwuchskräfte

Eine Gruppe Jugendlicher, die bislang im Zusammenhang mit Klimaschutz sowie der Bewegung Fridays for Future unbeachtet bleibt und ebenso kaum in Jugendgremien wie dem youpaN beteiligt werden kann, ist die Gruppe der Auszubildenden. Dabei sind sie die Fachkräfte von morgen, die nachhaltiges berufliches Handeln in ihren Unternehmen Realität werden lassen. Sie haben daher als Adressaten beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung besondere Hebelwirkung für Veränderungen in der Wirtschaft. Ihre Grundhaltung unterscheidet sich dabei nicht von den Schülern und Studierenden der Fridays-­for-­ Future-Bewegung. Einige Aussagen wurden hierzu aus den Branchen Spedition/Logistik und Lebensmittel/Bäckerei zusammengetragen. Sie zeigen beispielhaft das Bewusstsein Auszubildender für Klimaschutz bzw. Nachhaltigkeit und wie sie bereits im Rahmen ihrer Möglichkeiten handeln. Dabei sind sie mit unterschiedlichsten Hemmnissen konfrontiert. Wie sie sich mit dem Thema auseinandersetzen, zeigen folgende Aussagen beispielhaft: Meiner Meinung nach beginnt Klimaschutz bereits in den kleinsten Dingen. Jeder einzelne kann seinen Teil dazu beitragen. Zum Beispiel mit dem bewussten Verzicht auf Fleisch oder mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen. Den Menschen muss klar werden, dass wir nur etwas erreichen können, solange jeder Einzelne etwas in seinem Handeln verändert (Sonja Z., Auszubildende zur Kauffrau für Speditions- u. Logistikdienstleistungen, DB Schenker). Ich finde es gut, dass die Backwaren, die wir hier herstellen, nicht weggeschmissen, sondern gespendet werden an Obdachlose, und sie damit noch einen Sinn und Zweck erfüllen und nicht in der Mülltonne landen! (Isaak R., Auszubildender zum Bäcker, Akademie des Deutschen Bäckerhandwerks).

Als Auszubildende haben sie jedoch nicht die Möglichkeit, uneingeschränkt an Präsenzveranstaltungen, Tagungen und Demonstrationen teilzunehmen. Ein großes Hemmnis scheint die erforderliche Freistellung durch ihre Ausbildungsbetriebe zu sein. Auszubildende sind vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen bereits aus zeitlichen Gründen nur sehr schwer abkömmlich, sodass die Möglichkeiten nur begrenzt angeboten werden können. Dennoch zeigen viele Beispiele, dass sie sich in zahlreichen Projekten im ­Rahmen ihrer Ausbildung in ihren Betrieben bereits dafür engagieren und eigene Ideen nicht nur entwickeln, sondern auch umsetzen können, wie einige Auszubildende hierzu aus der Akademie des Bäckerhandwerks und aus der Spedition INTERTRANS GmbH aufzeigen.

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Jeden Freitag gehen Freundinnen von mir auf die Straße, um für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Ich trage meinen Teil dazu bei, indem ich meine Kollegen davon überzeuge nachhaltiger zu arbeiten. Im Verkauf versuchen wir so viel Müll wie möglich zu vermeiden. Das kommt bei den Kunden aber auch bei den Kollegen im Team gut an. Wir haben immer neue Ideen, wie man den Abfall reduzieren kann. Doch das ist noch nicht alles. Im nächsten Schritt haben wir das Ziel, Energie sinnvoller zu nutzen und wollen auch darauf achten, weniger Wasser zu verbrauchen (Burcu Z., Auszubildende zur Fachverkäuferin im Bäckerhandwerk). Wir haben bei uns in der Firma jetzt eine Projektgruppe für Nachhaltigkeit gegründet. Dabei sind wir 10 verschiedene Mitarbeiter aus verschiedenen Positionen, die die Aufgabe von der Geschäftsführung bekommen haben, unsere Bäckerei im Verkauf und Produktion nachhaltiger zu gestalten. Es macht unheimlich viel Spaß so unseren Beitrag leisten zu können. Zumal es oft Kleinigkeiten sind, wie z. B. der Verzicht von Strohhalmen, Brotbeuteln aus Plastik und Kondensmilch in einzelnen Verpackungen, die schon eine große Wirkung haben. Man merkt, wie sich langsam eine Dynamik entwickelt und auch Kollegen bzw. Kolleginnen sich mit Ideen beteiligen, die nicht zu der Projektgruppe gehören. Viele Kollegen und Kolleginnen versuchen dadurch jetzt auch zu Hause nachhaltiger zu leben (Jessie W., Auszubildende zur Fachverkäuferin Bäckerei). Unser Betrieb hat Filialen, in denen Backwaren vom Vortag günstiger verkauft werden. Ich finde gut, dass diese nicht weggeworfen werden und so noch Menschen mit wenig Geld die Möglichkeit bekommen gutes Brot zu essen (Jessica K., Auszubildende zur Fachpraktikerin im Bäckerhandwerk). Ökonomie und Ökologie schließen sich für mich nicht aus. Im Gegenteil: Nicht nur Unternehmen können hierbei enorme Einsparpotenziale ausschöpfen (Strom, Wasser, Papier, Müll etc.), es sichert nachfolgenden/zukünftigen Generationen einen lebenswerten Planeten. Alleine in meiner Firma fallen mir auf Anhieb drei Beispiele ein, deren Realisierung anfänglich einer Investition bedürfte, sich aber nach einer absehbaren Zeit amortisierte und gleichzeitig der Umwelt zugutekäme! Beispiele: Austausch von Leuchtstoffröhren durch energieeffizientere LED-Beleuchtung; Einsatz von Scannern, würde nicht nur Papier sparen, sondern auch die unzähligen Räume, die heute für Archive benutzt werden, anderweitig nutzbar machen; teilweise kann das Licht nur in ganzen Hallenbereichen ein- oder ausgeschaltet werden  – viele Bereiche werden aber gar nicht zur gleichen Zeit genutzt und dementsprechend könnte das Licht, wären entsprechende Stromkreise vorhanden, aus bleiben. Für mich steht es dem wissenschaftlichen Konsens nach (und persönlichem Empfinden) außer Frage, dass sich auf kurze Zeit etwas ändern muss. Vorausgesetzt natürlich, wir wollen unseren Planeten unseren Kindern und deren Kindern nicht in einem unwirtlichen und unbewohnbaren Zustand hinterlassen (Tim W., Auszubildender zum Kaufmann für Speditions- und Logistikdienstleistungen).

Mit ihrem betrieblichen Hintergrund und dem erworbenen Wissen um die Zusammenhänge reflektieren sie zudem ihre Nachhaltigkeitsprojekte vor dem Hintergrund ökologischer, ökonomischer und sozialer Aspekte. In einem kurzen Video zeigen einige Auszubildende aus dem Speditionsbereich weitere Beispiele dazu, was Nachhaltigkeit für sie bedeutet und welche eigenen Projekte sie im Unternehmen bereits umsetzen konnten (https://www.bmbf.de/de/media-video-19863.php?q=bildung%20f%C3%BCr%20nachhaltige%20Entwicklung&p=1&ipp=12&sort=Aktualit%C3%A4t&&). Sie gehörten zu den Beteiligten eines Modellversuchs, den das Bundesinstitut für Berufsbildung für das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Förderschwerpunktes

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„Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) 2015 – 2019“ zur nachhaltigkeitsrelevanten Kompetenzentwicklung in der kaufmännischen Ausbildung im Bereich Spedition und Logistik (s. auch www.bbne.de) gefördert hat. In den Projekten haben 219 Praxispartner (Stand 24.07.2019) mitgewirkt, die Mehrzahl von ihnen kleine und mittlere Unternehmen. Sie entwickelten und erprobten Konzepte, Module und Materialien gemeinsam mit ihren Auszubildenden. So konnten ihre Bedarfe und Anforderungen unmittelbar in die nachhaltig gestalteten Konzepte einfließen. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass sich kleine und mittlere Unternehmen ihrer Verantwortung für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung stärker bewusst werden. Nicht nur als Teil größerer Wertschöpfungsketten erkennen sie zunehmend in nachhaltiger Unternehmensausrichtung ihre Stärken. Sie müssen zudem auf veränderte Kundennachfrage oder aber als Zulieferer und Auftragnehmer großer Unternehmen, die der nichtfinanziellen Berichtspflicht, der sog. CSR- bzw. Nachhaltigkeitsberichterstattung, unterliegen, reagieren. Für die Branche Transport und Logistik schildert Herr Jens-Jochen R., Leiter der Steinbeis-Innovationszentrum Logistik und Nachhaltigkeit (SLN), Sinsheim, seine Sicht folgendermaßen: Die Transport- und Logistikbranche bildet in ihrer Eigenschaft als Bindeglied zwischen Industrie, Handel und Verbraucher das Rückgrat der Wirtschaft und zählt selbst zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Deutschlands. In den vergangenen Jahren hat sich die Transportund Logistikwirtschaft insbesondere durch die veränderten Anforderungen der Kunden stark gewandelt. Auftraggeber und Kunden erwarten bei Transportvergaben  – nicht zuletzt aufgrund der CSR-Berichtspflicht – verstärkt Antworten der Logistiker in Bezug auf Fragen des nachhaltigen Wirtschaftens.

Gestützt wird seine Aussage beispielsweise durch Herrn Andreas N., Leiter Sicherheit und Umwelt, Spedition Fritz GmbH: Uns ist bewusst, dass wir als Speditions- und Logistikunternehmen beachtliche Ressourcen und Energiequellen benötigen bzw. mit unserem Fuhrpark zur Emissionsausschüttung beitragen. Umso wichtiger ist es, dass wir besonders sensibel sind und die negativen Auswirkungen unseres Tuns so gering wie möglich halten. Und das geht, man muss es nur wollen und mit aller Ernsthaftigkeit vorantreiben. Als wir uns 2010 entschieden hatten, unseren ersten Umweltbericht zu erstellen, haben wir vorab viele interne Gespräche mit Mitarbeitern, Subunternehmern, Lieferanten, Kunden usw. geführt. Unser zentrales Ansinnen war und ist es, alle (oder zumindest so viele wie möglich) „mit ins Boot zu nehmen“. Ehrliche Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn alle den Gedanken mittragen und vor allem leben. Wir sind ein mittelständisches, inhabergeführtes Familienunternehmen durch und durch. Und nur deshalb, weil unsere Vorfahren immer nachhaltig, fair und partnerschaftlich gehandelt haben, können wir auf fast 80 Jahre Firmengeschichte zurückblicken. Das ist unsere Antriebsfeder. Das leben wir mit jeder Faser. Nur durch Nachhaltigkeit in allen Bereichen kann man langfristig ein Unternehmen in die Zukunft führen. Nur so kann ein Unternehmen, können wir alle über Generationen hinweg bestehen. Ein langer, aber richtiger Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Und so werden wir weiterhin Schritt für Schritt, stetig und in allen Bereichen daran arbeiten, noch nachhaltiger und besser zu werden. Für uns alle und für die, die nach uns kommen. Die Fritz Gruppe bekennt sich zu verantwortungsvollem Handeln sowie der effizienten und nachhaltigen Nutzung von Ressourcen. In diesem Zusammenhang bietet sie ihren Kunden

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Lösungen in den Bereichen Transport und Logistik an, die es ihnen ermöglichen, Umweltauflagen zu erfüllen, welche den gesetzlichen Anforderungen entsprechen. Darüber hinaus arbeitet das Unternehmen kontinuierlich daran, seinen Energieverbrauch, seine Abfallvolumina sowie seine CO2-Emissionen (Carbon Footprint) zu reduzieren. Dies geschieht u. a. durch die Installation von LED-Beleuchtungssystemen für die Lagerhallen, Abfallvermeidung und Recycling und die Ausstattung seines Fuhrparks mit alternativen Antriebstechniken. Des Weiteren stellt das Unternehmen durch regelmäßige Schulungen sicher, dass die Kenntnisse seiner Lkw-Fahrer in den Bereichen Umweltschutz und Nachhaltigkeit immer auf dem neusten Stand sind. Darüber hinaus wird das Wissen aller Mitarbeiter in den Bereichen Energieeffizienz, Ressourcenverbrauch, Abfallreduzierung und Abfallvermeidung durch kontinuierliche Fort- und Weiterbildungen gefördert und gefestigt. Zu guter Letzt sorgt die Fritz Gruppe auch dafür, dass ihre Auszubildenden im Rahmen spezieller Projekte, in erster Linie im Bereich des Umweltschutzes, sehr früh Verantwortung übernehmen und mit dem Konzept der Nachhaltigkeit vertraut gemacht werden.

Diese Aussagen sind auf andere Branchen durchaus übertragbar und unterstreichen die Bedeutung nachhaltiger betrieblicher Ausrichtung für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Doch Nachhaltigkeit in der Ausbildung erfordert Gestaltungsfreiräume, in denen Auszubildende eigene Ideen entwickeln, die sie in die betriebliche Entwicklung einbringen können. Trotz enger zeitlicher Rahmenbedingungen, denen gerade kleinere Unternehmen unterliegen, werden ihnen diese zunehmend zur Verfügung gestellt und wird ihnen die Möglichkeit der Partizipation an der Gestaltung betrieblicher Bedingungen gegeben. Hierfür bedarf es nicht nur eventueller zusätzlicher Ressourcen ihrer Ausbilder. Sie benötigen vor allem passende Instrumente für die Vermittlung nachhaltiger Ausbildungsinhalte, die Nachhaltigkeit im Arbeitsprozess konkret werden lassen. Solche Konzepte werden u. a. im Rahmen verschiedener Förderprogramme entwickelt und erprobt (s. z. B. www.bbne.de). Die Vermittlung nachhaltiger Inhalte erfordert aber auch Ausbilder, die ein umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis mit beruflicher Zukunftsfähigkeit verbinden. Mit großem Engagement gibt Sandra B., Ausbilderin im Bäckerhandwerk, dies beispielsweise weiter: Für die Auszubildenden an der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk Nord gGmbH ist eines ganz klar: Verschwendung von Ressourcen muss nicht sein! Schon zu Beginn ihrer Ausbildung lernen sie, wie wichtig es ist, mit den Rohstoffen verantwortungsbewusst umzugehen. Für uns ist Nachhaltigkeit nicht on top, für uns gehört es einfach dazu. Es ist wichtig, dass es mit in die Ausbildung integriert wird sowohl im theoretischen und auch im praktischen Teil. Nachhaltigkeit im Bäckerhandwerk hat viele Gesichter. Wir versuchen so viele Facetten wie möglich den Auszubildenden zu vermitteln. In Expertengruppen entwickeln die Auszubildenden ein Gefühl für die von ihnen verwendeten Rohstoffe. Dabei spielt nicht nur die Gewinnung und Verarbeitung von Getreide eine große Rolle, sondern unter anderem auch die unterschiedlichen Haltungsbedingungen von Hühnern und anderen Nutztieren. Im Laufe der Zeit entwickelt sich ein Bewusstsein, welches auf verschiedene Bereiche übertragen wird. In vielen Betrieben findet ein Umdenken statt. Umweltfreundliches Verpackungsmaterial und Transportieren der Backwaren sowie nachhaltige Kunden- und Mitarbeiterbindung sind der Schlüssel zum Erfolg.

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Mitarbeiterbindung ist von vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig, einer davon ist Motivation. Die Chance, neue Ideen einbringen und sich für Klimaschutz bzw. Nachhaltigkeit engagieren zu können, ist für Auszubildende eine Motivation, die sie mit gleichaltrigen Schülern oder Studierenden teilen. Das Gefühl, mit ihrem beruflichen Wirken auch einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, wird z.  B. durch positive Resonanz ihrer Kunden verstärkt. Sie können sich mit ihrer beruflichen Arbeit so identifizieren und empfinden ihr Tun als sinnhaft. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit nur regionale und saisonale Rohstoffe zu verwenden, das ist auch unserem Kunden wichtig (Nick S., Auszubildender zum Bäcker).

Gerade für Auszubildende ist die Wahrnehmung ihres nachhaltigen Handelns z. B. durch ihre Kunden motivierend und befriedigend. Daher sind für sie die Möglichkeit, sich einbringen und wirksam werden zu können, sowie die Sichtbarkeit und Anerkennung ihres Engagements für nachhaltige Entwicklung im betrieblichen Teil wichtige Faktoren für Attraktivität beruflicher Ausbildung. Unternehmen sind daher gut beraten, hierfür Freiräume und Möglichkeiten in der Ausbildung zu schaffen und ihre Nachwuchsfachkräfte in betriebliche Entscheidungsprozesse einzubinden. Für mich ist es großartig beobachten zu können, dass sich allgemein in der Branche etwas tut. Es sind vor allem die Auszubildenden, die einen wichtigen Teil dazu beitragen, ihren Kollegen aber auch Geschäftsführern die Augen zu öffnen und für eine nachhaltige Umsetzung in ihrem Betrieb kämpfen. Das ist genau die Veränderung, die das Bäckerhandwerk meiner Meinung nach gebraucht hat und an die wir anknüpfen müssen (Andrea H., Ausbilderin im Bäckerhandwerk). Ich finde es toll, dass wir auf so vielen Messen und Veranstaltungen zeigen können, was ein Bäcker alles so kann. Aus ein bisschen Mehl und Wasser so eine Vielfalt an Backwaren zu erschaffen ist für mich etwas ganz Besonderes. Jedes Jahr backen wir zum Beispiel für das große Erntedankfest in der Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg. Dies ist für uns zu einer besonderen Tradition geworden unser tolles Handwerk zu präsentieren. Gemeinsam wirken und gestalten wir den Gottesdienst mit und erhalten Dankbarkeit für das, was wir tun: Den Kunden tagtäglich mit hochwertigen Backwaren zu versorgen. Das finde ich besonders gut, zeigen zu können, wie wichtig es ist, dass es Bäcker gibt (Steven S., Auszubildender zum Bäcker).

Die in diesem Beitrag beispielhaft ausgewählten Aussagen Jugendlicher aus den sehr unterschiedlichen Bereichen des Bäckerhandwerks und der Logistik/Spedition sollen stellvertretend für die große Gruppe der Auszubildenden zeigen, wie sich Jugendliche in ihrer Ausbildung jenseits der breiten öffentlichen Wahrnehmung für Klimaschutz interessieren und nachhaltig handeln. Sie alle werden durch berufliche Bildung für nachhaltige Entwicklung erreicht. Nach dem Datenreport des Bundesinstituts für Berufsbildung befanden sich am 31.12.2017 insgesamt 1.323.894 Jugendliche in einer Ausbildung (Tabellen zum BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019) und dies in über 300 (Stand 10.04.2019: 325) anerkannten Ausbildungsberufen nach Berufsbildungsgesetz (BBiG)

Auszubildende engagieren sich für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung

141

und Handwerksordnung (HwO; (BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019)). Sie wirken, unterstützt durch ihre Ausbilder in ihren Betrieben und darüber hinaus als Multiplikatoren. Ihre Hebelwirkung für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ist groß, denn sie sind die Fach- und Führungskräfte von morgen! Vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Globalisierung ist es erforderlich, dem Gedanken der Nachhaltigkeit eine weitaus höhere Priorität einzuräumen, als dies derzeit in der Logistikwirtschaft noch der Fall ist. Nachhaltiges Denken ist in Zukunft durch adäquate Qualifizierung so zu verankern, dass es als selbstverständliches Element gewertet und wahrgenommen wird. Vor allem kommt es darauf an, die Nachhaltigkeit den verschiedenen Zielgruppen so zu vermitteln, dass hierfür nicht nur ein Verständnis entwickelt wird, sondern vielmehr proaktive und konkrete Umsetzungsaktivitäten abgeleitet werden (Jens-Jochen R., Leiter des Steinbeis-Innovationszentrums Logistik und Nachhaltigkeit (SLN), Sinsheim).

Vor diesem Hintergrund ist es für einen Wandel der Wirtschaft bedeutsam, neben den Protesten der Schüler und Studierenden, auch dem bereits vielfältigen Engagement der Auszubildenden in betrieblichen Nachhaltigkeitsprojekten und allgemein im Ausbildungsalltag öffentliche Aufmerksamkeit einzuräumen und ihren Sichtweisen sowie ihrem Handeln Raum zu geben. Dies gelingt nicht allein über Jugendgremien, wie z. B. das youpaN oder Fridays for Future, wo Auszubildende bereits mit Blick auf die erforderliche Freistellung sich eher selten beteiligen. Leider konnten keine Azubis dabei sein, weil sie von ihren Betrieben nicht freigestellt wurden. Das ist in der Tat die größte Hürde für Engagement und, wie ich gestern auch wieder gehört habe, beim youpaN (Martin W., Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V.).

Sie riskieren bei eigenmächtiger Beteiligung an den Klimastreiks sehr viel mehr als Schüler und Studierende, nämlich ihre Ausbildung. Jugendvertretungen, wie z. B. Ver.Di Jugend, erklären sich mit den streikenden Schülern der Fridays-for-Future-Bewegung offiziell in den sozialen Medien solidarisch und wollen zukünftige Proteste unterstützen. Die „Entrepreneurs for Future“ bekennen sich ebenfalls zur Unterstützung der Proteste und der Aktivitäten von Fridays for Future. Unbeschadet dieser Solidaritätsbekundungen bleiben Auszubildende jedoch bislang ungehört und ihr Engagement ungesehen. Insofern ist es bemerkenswert, dass es trotz aller Hürden nun doch erste Bestrebungen zur Gründung einer Gruppe der „Azubis4Future“ in Berlin gibt. Sie werden hierbei finanziell wie auch personell durch die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V. unterstützt. So konnte ihr Vizepräsident Martin W. im Juli 2019 berichten: Wir haben nach den ersten beiden Meetings begonnen, die ersten Schritte für eine Verbreiterung der Basis zu planen: So sind wir zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres in den Berufsschulen aktiv, um weitere Azubis für die Initiative zu gewinnen. Die Druckkosten für Plakate und Flyer, gestaltet von Medien-Azubis, wird die Bundesvereinigung übernehmen. Ein nächstes Meeting ist für Ende Juli/Anfang August geplant.

142

H. Berg

Abb. 4  Arbeitsergebnisse der ersten beiden Arbeitstreffen der Azubis4Future. (Mit freundlicher Genehmigung von Bundesvereinigung Nachhaltigkeit e. V.)

Es ist nur eine von vielen Möglichkeiten, Auszubildende und Ausbilder in ihrem Handeln für eine nachhaltige Entwicklung und für einen Wandel in der Arbeitswelt sichtbar zu machen (Abb. 4). Jeder Schritt hin zur Vision der nachhaltigen Gesellschaft 2030 zählt und sei er noch so klein, allein die Richtung ist wichtig. Jugendliche verfügen hierbei über die Offenheit, jede neue Idee vorbehaltlos zu denken und zu diskutieren. Sie verfügen damit über eine Eigenschaft, die sich Erwachsene oftmals erst wieder erarbeiten müssen. Auszubildende können mit ihren konkreten beruflichen Ideen dazu beitragen. Denn was könnte überzeugender sein, als die erfolgreiche praktische Umsetzung einer Idee? Und nachhaltige Entwicklung wird nur Realität, wenn alle von ihrer Bedeutung überzeugt sind. Die Fotos stammen von Martin Wittau, der den Modellversuch INEBB zu „BBNE 2015 – 2019“ Förderlinie I (s. auch www.bbne.de) durchgeführt hat, die IHK-­Zertifizierung der Weiterbildung bei der IHK Magdeburg erwirkt und nun den Gedanken der Azubibeteiligung aufgegriffen hat. Die Bundesvereinigung Nachhaltigkeit unterstützt aktuell den Aufbau einer Azubis4Future-Bewegung in Berlin.

Auszubildende engagieren sich für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung

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Literatur BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019, Vorabversion v. 10.04.2019, Kap. A 3.1 https://www.bmbf.de/de/media-video-19863.php?q=bildung%20f%C3%BCr%20nachhaltige%20 Entwicklung&p=1&ipp=12&sort=Aktualit%C3%A4t&& https://youpan.de/youpan/. Zugegriffen am 17.07.2019 Offizielle Website der Initiative Entrepreneurs For Future. https://www.entrepreneurs4future.de/. Zugegriffen am 25.07.2019 Offizielle Website der Partei Die Grünen. https://www.gruene.de/unsere-gruene-geschichte. Zugegriffen am 25.07.2019 Ratcliffe S (2017) Oxford Essential Quotations, 5.  Aufl. Oxford University Press. eISBN: 9780191843730 Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen v. 25.09.2015, A/RES/70 Süddeutsche Zeitung v. 23.09.2014 Tabellen zum BIBB-Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2019, Vorabversion v. 10.04.2019, Tab. A 5.2-2

Helga Berg,  geb. in Kleve (Niederrhein), studierte bis September 1988 an der FH Bund Mannheim (Abschluss zur Diplomverwaltungswirtin). Seit Februar 1992 ist sie Mitarbeiterin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und seither in verschiedenen Bereichen innerhalb des Ministeriums tätig, u. a. Chancengerechtigkeit, Organisation, Personal, Benachteiligtenförderung, berufliche Schulen. Seit 2008, seit Oktober 2019 im Referat Ordnung der beruflichen Bildung; BIBB ist sie zuständig für „Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung“.

Die Macht der kleinen Schritte Wie man als mittelständisches Unternehmen zum Klimaretter wird Ulrike Böhm

1

Fukushima verändert alles

Der Reaktorunfall im japanischen Fukushima wirkt bis heute nach. Nicht nur in der betroffenen Region, die auch mehr als acht Jahre später mit den Folgen zu kämpfen hat. Auch im 9000 Kilometer entfernten Deutschland veränderte sich nach dem 12.03.2011 die Haltung zur Kernenergie maßgeblich  – kurz nach dem Vorfall beschloss die damalige Regierung den Atomausstieg. Ähnlich erging es den Eigentümern des süddeutschen Druckluft- und Pneumatikspezialisten Mader. Werner Landhäußer und Peter Maier, geschäftsführende Gesellschafter des Unternehmens, wollten nach dem „Super-GAU“ nicht einfach weitermachen. Zwar war Energieeffizienz und Nachhaltigkeit bereits davor ein Thema im Unternehmen – aber eben eher eine Randerscheinung. Auch weil beim Kunden der Bedarf für Energieeffizienzdienstleistungen eher gering war. Nach dem Vorfall in Japan sollte sich jedoch einiges ändern. Das Unternehmen wurde neu ausgerichtet, Nachhaltigkeit und Energieeffizienz rückten in den Fokus. Gleichzeitig begann der Markt sich zu wandeln – Energieeffizienz stieg vom „nice to have“ zum „Das-­ sollten-­wir-mal-Durchrechnen“ auf.

1.1

Exkurs: Warum Druckluft so viel Einsparpotenzial bietet

Druckluft ist in der Industrie ein unverzichtbarer Energieträger. Mithilfe elektrischer Energie wird atmosphärische Luft auf ein Minimum des ursprünglichen Volumens ­komprimiert. U. Böhm (*) Mader GmbH & Co. KG, Leinfelden-Echterdingen, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_14

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U. Böhm

Druckluft wird beispielsweise zum Antrieb von Pneumatikzylindern und Automationsmodulen oder für Aus-, Abblase- und Trocknungsanwendungen genutzt. Gegenüber Energieträgern wie Strom und Hydraulik hat Druckluft den Vorteil, dass sie sauber, sehr sicher, präzise und flexibel einsetzbar ist.1 Problematisch sind der geringe Wirkungsgrad von Druckluftkompressoren und der Verlust von Druckluft auf dem Weg zum Verbraucher. Ein Gesamtwirkungsgrad für Druckluft von 5 % ist die Regel – das heißt, dass aus 100 % elektrischer Energie gerade einmal 5  % „Druckluftenergie“ erzeugt werden.2 Zudem geht durch Leckagen im System – z. B. an Rohrleitungen, Druckluftwerkzeugen, undichten Verbindungselementen – Druckluft verloren. Durchschnittlich liegt der Druckluftverlust durch Leckagen bei rund 30 %3 (siehe Tab. 1). In Deutschland sind etwa 62.000 Druckluftanlagen installiert, die jährlich rund 16  Mrd.  kWh Strom verbrauchen.4 Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch der zehn größten Städte in Deutschland (siehe Tab.  2). Ausgehend vom durchschnittlichen Einsparpotenzial im Bereich Druckluft, könnte der Energieverbrauch um bis zu 50 % reduziert werden. Mit der eingesparten Energie könnten Berlin und Hamburg ein ganzes Jahr versorgt werden.5 Trotz des enormen Einsparpotenzials im Bereich Druckluft nutzten viele Unternehmen diese lange Zeit nicht. Es mangelte an Transparenz über Druckluftkosten und den Energieverbrauch innerhalb der Druckluftkette. Fehlendes Druckluftfachwissen in den Unternehmen und die Zuordnung von Druckluftkosten zum Gemeinkostenblock in Unternehmen verhinderten die effektive Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen bzw. überhaupt die ernsthafte Auseinandersetzung damit. Solange der Kompressor die benötigte Druckluft produzierte, sahen Unternehmen keinen Handlungsbedarf – das zeigte die jahrelange Erfahrung beim Industriekunden vor Ort. Tab. 1  Energiekosten bei Leckagen (Werte bei 8760 h/a und 0,15 €/kWh) Durchmesser der Leckage mm 1 2 3 4 6 10

Ausströmende Luftmenge bei 7 bar l/min 72 300 670 1200 2670 7440

 Hildebrandt 2019.  Hildebrandt 2019. 3  Energie-Agentur NRW 2019. 4  Energie-Agentur NRW 2019. 5  Deutsche Energie-Agentur (dena) 2015. 1 2

Energiekosten €/Jahr 442 1757 3857 6857 15.334 43.142

Die Macht der kleinen Schritte

147

Tab. 2  Stromverbrauch der zehn größten Städte in Deutschland (Basis: preisvergleich.de, Stand 06.03.2015)1

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 1

Stadt Berlin Hamburg München Köln Frankfurt Stuttgart Düsseldorf Dortmund Essen Leipzig

Einwohnerzahl 3.613.495 1.830.584 1.456.039 1.080.394 746.878 632.743 617.280 586.600 583.393 581.980

Verbrauch (kWh/Jahr) (ca. 1400 kWh/Einwohner) 5.058.893.000 2.562.817.600 2.038.454.600 1.512.551.600 1.045.629.200 885.840.200 864.192.000 821.240.000 816.750.200 814.772.000 16.421.140.400

Preisvergleich.de 2015

1.2

Kursänderung

Der im Jahr 2011 beschlossene Atomausstieg, aber auch das bereits im Jahr 2010 verabschiedete Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energiepolitik legten den Grundstein für weitere Beschlüsse und Maßnahmen, die nicht nur zum Ziel hatten, den Anteil an regenerativen Energien zu erhöhen. Auch die Verbesserung der Energieeffizienz wurde als ein wesentlicher Beitrag zur Erreichung der vereinbarten Klimaschutzziele gesehen und zur zweiten wichtigen Säule für die Energiewende erklärt. Die neue Energieeffizienzstrategie ist im Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) beschrieben. Die im NAPE aufgeführten Maßnahmen folgen dem Grundsatz „Informieren  – Fördern  – Fordern“ und sollen sämtlichen gesellschaftlichen Akteuren „Lust auf Energieeffizienz“ machen.3 Neben zahlreichen Sofortmaßnahmen sind auch weiterführende Arbeitsprozesse definiert, die von Kommunikations- und Beratungsangeboten bis hin zu Fördermöglichkeiten reichen. Konkrete Auswirkungen auf die Nutzung von Energieeffizienzpotenzialen im Bereich Druckluft hatten insbesondere die Einführung der Energieauditpflicht für Unternehmen im Jahr 2015 und die Förderprogramme für Energieeffizienzmaßnahmen z. B. durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Von der Energieauditpflicht sind alle Nicht-KMU im Sinne der KMU-Empfehlung der EU betroffen. Ausgenommen sind nach § 8 EDL-G Unternehmen, die entweder ein Energiemanagementsystem nach der DIN EN ISO 50001 oder ein validiertes Umweltmanagementsystem im Sinne der Verordnung (EG) Nr.  1221/2009 (EMAS) erfolgreich eingeführt haben.6

6

 Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) 2019a.

148

U. Böhm

Die Einführung von Energieaudits „zwingt“ viele Unternehmen dazu, sich erstmals bewusst und strukturiert mit dem Energieverbrauch im Unternehmen auseinanderzusetzen und Einsparpotenziale zu ermitteln. Die Energieaudits werden alle vier Jahre wiederholt und von einem externen Energieauditor begleitet. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert gezielt „energieeffiziente Techniken sowie Maßnahmen zur Energieeinsparung und zur stärkeren Nutzung erneuerbarer Energien beim Heizen“7. Über das Förderprogramm für Querschnittstechnologien unterstützt das BAFA „Unternehmen, die in hocheffiziente Technologien investieren und damit nachhaltig für sparsame und rationelle Energieverwendung in ihrem Betrieb sorgen. Ziel ist es, energetische Einsparpotenziale zu erschließen und so einen deutlichen Beitrag zur Erhöhung der Energieeffizienz zu leisten.“8 Bis zu 40  % der Investitionssumme in eine energieeffiziente Druckluftanlage übernimmt das BAFA. Die geänderten Rahmenbedingungen geben den Ambitionen von Mader, den Fokus auf Energieeffizienz und Nachhaltigkeit zu richten, neuen Auftrieb. Der süddeutsche Druckluft- und Pneumatikspezialist ist überzeugt davon, dass allein die „ganzheitliche“ Betrachtung des Druckluftprozesses – von der Erzeugung im Kompressor bis zur Anwendung – die maximale Nutzung von Energieeffizienzpotenzialen ermöglicht. Das Unternehmen nennt diese Herangehensweise den „Mader-Effekt“ und tritt damit ab 2011 auch nach außen auf. Es folgt die Entwicklung von Dienstleistungen, die Kunden dabei unterstützen sollen, die Energieeffizienzpotenziale in ihrer Druckluftkette effektiv zu nutzen. Dazu gehören Leckageortungen und -beseitigungen, Energieeffizienzanalysen, aber auch die Planung und Auslegung von Druckluftanlagen nach energetischen Gesichtspunkten.

2

Energiewende geht nicht alleine – Mut zum Vorbild

Mader geht aber noch weiter: Das Unternehmen richtet über die Jahre nicht nur sein Leistungs- und Produktportfolio Stück für Stück am Energieeffizienzgedanken aus; die Unternehmensführung ist sich sicher, dass ein Umdenken bei jedem Einzelnen notwendig ist, um auch beim Kunden vor Ort überzeugen zu können. Das Unternehmen setzt daher von Anfang an auf Sensibilisierung – intern wie extern –, den Austausch in Netzwerken, kontinuierliches Benchmarking und externe Impulse.

2.1

Sensibilisieren

Die Sensibilisierung für Energieeffizienz und Nachhaltigkeit im Allgemeinen und einen energetisch optimal aufgestellten Druckluftprozess im Besonderen ist ein wesentlicher Baustein der Unternehmensstrategie von Mader. 7 8

 Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) 2019b.  Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) 2019a.

Die Macht der kleinen Schritte

149

So sind Azubis bei Mader nach ihrer Ausbildung nicht nur Groß- und Außenhandelskaufleute oder Fachkräfte für Lagerlogistik. Sie können sich während ihrer Ausbildung auch zum „Energiescout“ qualifizieren. Die von der IHK angebotene Weiterbildung speziell für Auszubildende sensibilisiert für Energieeinsparpotenziale und liefert das notwendige Handwerkszeug, um diese zu erkennen, zu dokumentieren und Verbesserungen an­zuregen.9 2015 qualifizierten sich die ersten beiden Mader-Auszubildenden zum „Energiescout IHK“. Jeder Teilnehmer setzt während dieser Ausbildung ein Energieeinsparprojekt im eigenen Unternehmen um und präsentiert die Ergebnisse zum Abschluss. Thema der Energiescouts 2015 war die Untersuchung des Fuhrparks. 2016 bildeten sich zwei weitere Auszubildende zu Energiescouts weiter. Ihr Energieeinsparprojekt beschäftigte sich mit dem Thema „Energieeinsparung unserer Kunden durch energieeffiziente Dienstleistungen rund um die Druckluft“. Hierbei befassten sie sich mit Möglichkeiten, die bei Kunden im Bereich Druckluft umgesetzt werden, so dass diese Energieeinsparungen erreichen können. Die Auszubildenden spielen auch eine wichtige Rolle bei der Sensibilisierung der gesamten Belegschaft. Ausgestattet mit kleinen Zetteln gehen die „Detektive“ auf die Suche nach „Ausrutschern“ der Kollegen im Umgang mit Energie. Mit den Zetteln identifizieren sie die „Tatorte“. Mit einem Augenzwinkern soll z. B. auf nicht geschlossene Fenster bei voll aufgedrehten Heizungen, einen nicht heruntergefahrenen Rechner oder Licht in leeren Büroräumen hingewiesen werden. Gestartet als Teil des Azubiprojekts „Umwelt schützen und Energie sparen“ waren die erzielten Ergebnisse und Reaktionen der Mitarbeitenden so positiv, dass seitdem alle neuen Auszubildenden zu „Energie-Ermittlern“ ernannt werden und auf die „Jagd“ gehen.10 Die Auszubildenden veröffentlichen darüber hinaus in regelmäßigen Abständen „Nachhaltigkeitstipps“ im Intranet und setzen in Eigenregie Nachhaltigkeitsprojekte um. Mit dem Projekt „Rettet Maja“ sorgten sie für blühende Beete bei den Mitarbeitenden – sie verteilten Blumensamen und veranstalteten einen Fotowettbewerb dazu. Ergänzend zur Arbeit der Auszubildenden und wichtige Grundlage für eine praktische Verhaltensänderung ist die transparente Information über den Energie- und Ressourcenverbrauch des Unternehmens. Monatlich werden diese Informationen im Intranet veröffentlicht. Enthalten sind nicht nur die aktuellen Verbrauchswerte  – es werden auch die dazugehörigen Kosten und CO2-Emissionen im zeitlichen Verlauf dargestellt. Auch über Unternehmensgrenzen hinweg will Mader Überzeugungsarbeit leisten und für Nachhaltigkeitsthemen und Energieeffizienz im Druckluftprozess sensibilisieren. Mitarbeiter des Unternehmens nehmen regelmäßig an Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops teil. Sie informieren über Nachhaltigkeitsaktivitäten, um zum Nachdenken und Mitmachen anzuregen.

9

 Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz 2019.  Mader Nachhaltigkeitsbericht 2016, S. 47.

10

150

2.2

U. Böhm

Den Status quo hinterfragen, Vorbild sein

Energieeffiziente Leistungen anzubieten und zu propagieren, ohne das eigene Tun in dieser Hinsicht untersucht zu haben, wäre möglich, aber unglaubwürdig. Energieeffizienz wäre dann eine reine Hülle – ohne stabilen, überzeugenden Kern. Aus dieser Gewissheit heraus beginnt Mader das Thema Nachhaltigkeit von innen heraus zu entwickeln und damit die neue strategische Ausrichtung auf einer stabilen Basis zu gründen. Die regelmäßigen Audits nach DIN EN ISO 50001:2011 und nach DIN EN ISO 14001:2015 sind eine Möglichkeit, den Status quo ständig zu hinterfragen und sich nicht auf dem einmal Erreichten auszuruhen. Die Umweltmanagementzertifizierung nach DIN EN ISO 14001 durchlief Mader erstmals 2012. 2014 folgte die Energiemanagementzertifizierung nach DIN EN ISO 50001. Die Arbeit in Netzwerken, wie den Klimaschutz-Unternehmen, ist ein weiterer Baustein der Veränderung bei Mader. Der Austausch mit Gleichgesinnten ist Inspiration und Motor zur kontinuierlichen Verbesserung. Die Netzwerkarbeit regt dazu an, ständig in Bewegung zu bleiben, die Perspektive zu verändern, Best Practices anderer Mitglieder für die eigene Arbeit zu nutzen und gleichzeitig den Fokus nicht zu verlieren. Seit März 2014 gehört Mader zu den Mitgliedern der Klimaschutz-Unternehmen. Nach einer intensiven wirtschaftlichen Prüfung durch das Bundesumweltamt, das Bundeswirtschaftsministerium und die Deutsche Industrie- und Handelskammer überzeugte Mader durch sein außergewöhnliches Engagement im Bereich Klimaschutz und Energieeffizienz. Der Verein „Klimaschutz-Unternehmen. Die Klimaschutz- und Energieeffizienzgruppe der Deutschen Wirtschaft e.  V.“ ist ein branchenübergreifender Zusammenschluss von Unternehmen aller Größenklassen aus Deutschland, die sich freiwillig zu messbaren und ambitionierten umwelt- und energieschonenden Zielen verpflichten.11 Im Januar 2015 unterzeichnet das Unternehmen die WIN-Charta und bekennt sich damit ausdrücklich zu den zwölf Leitsätzen und Zielen nachhaltigen Wirtschaftens. Unternehmen, die sich der baden-württembergischen Initiative anschließen, verpflichten sich neben der Einhaltung der zwölf Leitsätze auch zur stetigen Verbesserung im Bereich Nachhaltigkeit. Ins Leben gerufen wurde die WIN-Charta durch die Wirtschaftsinitiative Nachhaltigkeit (WIN), einer Initiative innerhalb der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg. WIN will die Erfahrungen und das Wissen nachhaltig engagierter Unternehmen unterschiedlicher Größe und Branche bündeln und nachhaltiges Wirtschaften fördern.12 Alle zwei Jahre veröffentlicht Mader den WIN-Charta-­Nachhaltigkeitsbericht, in dem das Unternehmen Stellung zu den Nachhaltigkeitszielen nimmt und über die Nachhaltigkeitsaktivitäten des vorangegangenen Jahres im Zusammenhang mit den zwölf Leitsätzen der WIN-Charta berichtet. Eine weitere Möglichkeit, den Status quo zu hinterfragen, sieht Mader in der Teilnahme an Wettbewerben. Das öffentlichkeitswirksame Benchmarking zeigt regelmäßig  Mader 2019a.  Mader 2015.

11 12

Die Macht der kleinen Schritte

151

auf, an welchen Stellen es noch Optimierungspotenzial gibt  – beispielsweise durch die Rückmeldung von Expertenjurys. Gleichzeitig bestärkt positives Feedback darin, den eingeschlagenen Weg weiter fortzuführen. Im Dezember 2014 würdigte die Landesregierung Baden-Württemberg Mader als vorbildliches, ökologisch und klimaschonend agierendes Unternehmen mit dem „Umweltpreis für Unternehmen“. Mader war eines von insgesamt fünf baden-württembergischen Unternehmen, die die Auszeichnung erhielten. Umweltminister Franz Untersteller hob in seiner Laudatio insbesondere das Bestreben des Unternehmens, ganzheitliche und umfassende Lösungen zu schaffen, sowie die Bewusstseinsschaffung für ökologische Themen innerhalb des Unternehmens hervor.13 Im Jahr 2015 zeichnete die Expertenjury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Mader als eines der drei nachhaltigsten Kleinunternehmen in Deutschland aus. Zwei Jahre später gelang Mader erneut der Einzug in die „TOP 3“ der nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands.

3

Eine starke Vision für die Zukunft

Es ist nicht „der eine große Wurf“, mit dem Mader seine Vision eines nachhaltigen Unternehmens realisieren will. Es sind viele kleine Schritte, mit denen man sich der Vision annähert – das Ziel klar im Fokus, aber flexibel bei der Wahl des Weges dorthin. Zuletzt haben die Unternehmenseigentümer einige Weichen neu gestellt – eine mutige Nachfolgeregelung etwa getroffen, den Umzug an einen neuen Firmenstandort realisiert und den Energieeffizienz- und Nachhaltigkeitsgedanken in der Unternehmensvision festgeschrieben. Die Digitalisierung sehen sie als Chance für mehr Nachhaltigkeit und haben eigens für die Überführung des Druckluftprozesses in das digitale Zeitalter das Spin-off „LOOXR“ gegründet.

3.1

Grundstein für eine nachhaltige Zukunft

Bereits Ende 2017 setzten die beiden Inhaber und Geschäftsführer Werner Landhäußer und Peter Maier die personellen Weichen für die Zukunft und beriefen Stefanie Kästle und Marco Jähnig in die Geschäftsleitung des Unternehmens. Beide sind Mitte 30 und haben bereits in unterschiedlichen Bereichen im Unternehmen gearbeitet. Seit Anfang August 2019 führen sie gemeinsam mit Peter Maier die Geschäfte des Unternehmens. Mit der frühzeitigen Suche nach einer sinnvollen Nachfolgeregelung aus den eigenen Reihen ­investierten die Unternehmenseigentümer in den sicheren Fortbestand von Mader und die Fortsetzung der eingeschlagenen Strategie. Der Umzug an einen neuen Firmenstandort erfolgte im Sommer 2018 (Abb. 1). Auch hier spielten Überlegungen zur Nachhaltigkeit und Energieeffizienz eine maßgebliche  Mader Nachhaltigkeitsbericht 2014, S. 15.

13

152

U. Böhm

Abb. 1  Firmengebäude der Mader GmbH & Co. KG. (Copyright: Mader GmbH & Co. KG)

Rolle. Bereits 2016 hatte man sich für den Kauf eines Grundstücks mit Bestandsgebäude im Nachbarort Echterdingen entschieden. Die rund 5000 Quadratmeter große Halle wurde nach energetischen Gesichtspunkten saniert und das Bürogebäude entkernt. Im nächsten Schritt folgte die Erweiterung des Bürogebäudes um einen Neubau und die Revitalisierung des Bestandsgebäudes. Der Energiebedarf des Unternehmens wird größtenteils über die Fotovoltaikfassade gedeckt. Eine Kombination aus Luft-Wärme-Pumpe und Pelletsheizung sorgt für optimale Temperaturen. Der Einsatz von LED-Beleuchtung, in den Büroräumen komplett helligkeitsgesteuert, verspricht zudem einen weiteren energetischen Vorteil. Der Standort gilt auch unter Lokalpolitikern als „vorbildlich revitalisierter Unternehmensstandort“.14

3.2

 eues wagen – Digitalisierung als Chance für N mehr Nachhaltigkeit

Die fortschreitende Digitalisierung bringt mehr Transparenz in den Druckluftprozess. Wo oftmals bis heute unklar ist, wie viel Druckluft der Kompressor tatsächlich produziert und wie viel am Verbrauchsort ankommt und genutzt wird, schafft Sensorik zusammen mit Software Abhilfe. Daten sind nicht nur „das neue Öl“15 – die damit einhergehende Transparenz

 Mader 2019b.  Institut der deutschen Wirtschaft 2018.

14 15

Die Macht der kleinen Schritte

153

beziffert Verschwendung und mangelnde Effizienz. Im unternehmerischen Kontext sind es nun einmal vor allem Zahlen, die überzeugen. Vor diesem Hintergrund scheint die Vision von Werner Landhäußer und Peter Maier nur logisch – sie wollen den gesamten Druckluftprozess „digitalisieren“. Sie versprechen sich davon nicht nur eine höhere Versorgungssicherheit durch eine permanente Zustandsüberwachung und Predictive Maintenance. Sie sind auch überzeugt davon, dass mehr Transparenz die Grundlage für die Nutzung der bislang brachliegenden Energieeinsparpotenziale ist. Aus dieser Idee heraus treiben sie zunächst die Entwicklung der „Leckage-­ App“ voran. Dank der App lassen sich Druckluftleckagen digital erfassen und dokumentieren – inklusive automatisierter Bewertung des Einsparpotenzials. Für den Kunden bedeutet das erstmals einen Liveblick auf die georteten Leckagen und das damit verbundene Einsparpotenzial in Euro und sogar in CO2. Werden die Leckagen beseitigt, sieht er auf den ersten Blick, wie viel dadurch jährlich an Energie eingespart wird. Der nächste Schritt ist die komplette Digitalisierung und damit Transparenz für die gesamte Druckluftkette. Mehr Transparenz bedeutet in diesem Zusammenhang reelle Informationen über den Energieverbrauch, Kosten und Veränderungen im Druckluftsystem, wo bislang mit theoretischen Werten bzw. Hochrechnungen gearbeitet wurde. Die Erfassung und Aufzeichnung tatsächlich gemessener Werte eröffnet gleichzeitig Möglichkeiten zur permanenten Optimierung des Druckluftsystems – sei es, um die die Energieeffizienz zu wahren und zu verbessern oder um die Funktion des Systems sicherzustellen. Um diese Vision der „digitalen Druckluftkette“ konsequent weiterzuführen, gründeten Peter Maier und Werner Landhäußer 2018 die LOOXR GmbH, ein Softwareunternehmen, das die Idee der smarten Druckluftkette konsequent umsetzt, weiterentwickelt und Unternehmen wie Mader zur Verfügung stellt.

3.3

Eine starke Vision – die AirXperten

Mader sieht sich noch lange nicht am Ziel. Nach wie vor liegen Einsparpotenziale im Bereich Druckluft brach. Diese transparent zu machen, Kunden davon zu überzeugen, sie zu nutzen, und so einen ganz eigenen Beitrag zur Reduktion von Energieverschwendungen, CO2-Ausstoß und damit zur Erreichung der Klimaschutzziele zu leisten, ist der Antrieb des Unternehmens. Auch in Zukunft gilt: Stillstand ist keine Option. Bestes Beispiel ist die Strategieanpassung 2019. Der Nachhaltigkeitsgedanke, der bereits seit Jahren bei Mader gelebt wird, ist der wichtigste Aspekt in der neu formulierten Unternehmensvision und dem Mission Statement. „Druckluft-Effizienz ist unsere Leidenschaft“, heißt es darin und: „In Zukunft ist Mader AirXpert das Synonym für Energieeffizienz im Druckluftprozess.“16 Um dieser Vision näherzukommen, schreckt die Geschäftsführung nicht davor zurück, Bestehendes infrage zu stellen, Prozesse, Produkte und Strukturen neu zu bewerten sowie  Mader 2019c.

16

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eingeschliffene Wege und Verhaltensweisen aufzubrechen. Die AirXperten sind es, die zukünftig ganz nah am und mit dem Kunden den „Druckluftprozess revolutionieren“.17

Literatur Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). (2019a) Energieaudit. https://www.bafa.de/ DE/Energie/Energieeffizienz/Energieaudit/energieaudit_node.html. Zugegriffen am 09.08.2019 Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). (2019b) Aufgaben. https://www.bafa.de/ DE/Bundesamt/Organisation/Aufgaben/aufgaben_node.html. Zugegriffen am 09.08.2019 Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). (2019d) Förderkompass, 7. Auflage/Juli 2019, S 32. https://www.bafa.de/SharedDocs/Downloads/DE/Bundesamt/foerderkompass.pdf?__ blob=publicationFile&v=7. Zugegriffen am 14.08.2019 Deutsche Energie-Agentur (dena) (Hrsg) (2015) Energieeffizienz in kleinen und mittleren Unternehmen. Energiekosten senken. Wettbewerbsvorteile sichern (12/15). https://www.dena.de/fileadmin/dena/Dokumente/Pdf/1419_Broschuere_Energieeffizienz-in-KMU_2015.pdf. Zugegriffen am 03.05.2019 Energie-Agentur NRW (2019). https://www.energieagentur.nrw/energieeffizienz/effizienztechnologien/druckluft. Zugegriffen am 03.05.2019 Hildebrandt A, Landhäußer W (2019) CSR und Energiewirtschaft, Energie als Krisenpotenzial. Die Geschichte hinter dem Mader-Effekt, 2. Aufl. Springer Gabler, Heide, S 191 Institut der deutschen Wirtschaft (2018) Digitalisierung: Daten sind das neue Öl. https://www.iwd. de/artikel/digitalisierung-daten-sind-das-neue-oel-386895/. Zugegriffen am 09.08.2019 Mader. (2015) https://www.mader.eu/aktuell/2015/win-charta-unterzeichnet-mader-bekennt-sichzu-nachhaltigem-wirtschaften. Zugegriffen am 09.08.2019a Mader. (2019a) https://www.mader.eu/unternehmen/nachhaltigkeit/meilensteine. Zugegriffen am 09.08.2019 Mader. (2019b) Interne Unterlagen – Brief von Oberbürgermeister Roland Klenk (Stadt Leinfelden-­ Echterdingen) an das Unternehmen vom 30.07.2019 Mader. (2019c) Interne Unterlagen zu „Mader Next Level – Agenda 2025“ Mader: Nachhaltigkeitsbericht 2013/2014 (2014). https://www.mader.eu/files/mader-nachhaltigkeitsbericht-2013-2014.pdf. Zugegriffen am 09.08.2019 Mader: Nachhaltigkeitsbericht 2015/2016 (2016). https://www.mader.eu/files/downloads/mader-nachhaltigkeitsbericht-2015-2016-web-2.pdf. Zugegriffen am 09.08.2019 Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz (2019) Energie-Scouts – Qualifizierung für Azubis. https://www.mittelstand-energiewende.de/unsere-angebote/energie-scouts-qualifizierung-fuer-azubis/. Zugegriffen am 09.08.2019 Preisvergleich.de (2015). https://presse.preisvergleich.de/customs/uploads/2015/05/Presse-preisvergleich.de-Studie_Pro_Kopf_Stromverbrauch-Tabelle_Staedte-01.png. Zugegriffen am 13.05.2019

 Mader 2019c.

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Die Macht der kleinen Schritte

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Ulrike Böhm,  Jahrgang 1981, ist studierte Diplom-Betriebswirtin (Schwerpunkt Marketing) und PR-Referentin. Nach praktischen Erfahrungen im Konzern und im Mittelstand entschied sie sich nach dem Studium bewusst für den Einstieg in einem mittelständischen Unternehmen. Seit 2006 arbeitet sie beim Druckluft- und Pneumatikspezialisten Mader, bis 2017 im Bereich Marketing, danach übernahm sie die neu geschaffene Stabsstelle Change Management. In dieser Funktion unterstützt sie die Geschäftsführung bei der organisatorischen Transformation und Weiterentwicklung des Unternehmens. Darüber hinaus betreut sie weiterhin die Pressearbeit. Die Vielfalt der Aufgabengebiete, kurze Entscheidungswege und eine offene Unternehmenskultur sind für sie die großen Pluspunkte des Unternehmens.

Mobilität gegen den Klimawandel. Das Mobilitätskonzept der METRO Olaf Schulze

Moderne Handelsunternehmen stehen daher vor großen Herausforderungen: Sie benötigen ein Transportmanagement und eine Logistik, die umweltverträglich sind. Sie müssen die Klimawirkungen in der eigenen Verantwortung, aber auch von Mitarbeitern sowie der Kunden und die zunehmende Belieferung zu den Kunden vordenken, verringern und managen. Sie müssen sich auch im Bereich der Mobilität ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hinsichtlich Umweltschutz und Nachhaltigkeit stellen. Die METRO hat in einem Mobilitätskonzept diejenigen Aufgabenfelder definiert, in denen auch die Klimawirkungen und Einflüsse auf unsere Gesellschaft und unser tägliches Leben verbessert, fokussiert und moderiert werden sollen. Die METRO ist seit 2017 Gründungsmitglied der EV∗100 Initiative der Climate Group1 und seit 2019 Mitglied der Mobilitätspartnerschaft der Stadt Düsseldorf.2

 The Climate Group London/New York, https://www.theclimategroup.org/project/ev100. Zugegriffen am 18.08.2019. 2  Mobilitätspartnerschaft Düsseldorf – für effiziente und umweltgerechte Mobilität, https://www.duesseldorf.de/umweltamt/umweltthemen-von-a-z/bildung/mobilitaetspartnerschaft.html. Zugegriffen am 18.08.2019. 1

O. Schulze (*) METRO AG, Düsseldorf, Deutschland E-Mail: [email protected] © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020 A. Hildebrandt (Hrsg.), Klimawandel in der Wirtschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-662-60395-6_15

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1  Mobilität für METRO – eine strategische Dimension Großhandel ohne Mobilität ist nicht denkbar. Die Waren müssen vom Hersteller zum Großmarkt oder Lager geliefert werden, die Kunden fahren zum Großmarkt, um dort einzukaufen, die Kunden werden aus dem Depot oder Großmarkt heraus beliefert und natürlich müssen auch die Mitarbeiter zum Großmarkt oder Büro fahren. Allein für den direkt der METRO zurechenbaren Eigenkraftstoffverbrauch wurden im Geschäftsjahr 2017/2018 in Deutschland ca. 4,1 Mio. Liter Diesel für die Verteillogistik von Lager zum Großmarkt bzw. SB-Warenhaus und 1,7 Mio. Liter Diesel (alle METRO EU-Länder = 8,7 Mio. Liter) für die Kundendirektbelieferung verbraucht. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Zunahme von ca. 20 %, wobei die Logistik, d. h. die Belieferung mit schweren Lkw, in Deutschland ca. 6 % weniger verbraucht und die Kundenbelieferung in den METRO-EU-Ländern einen Mehrverbrauch von ca. 40 % gegenüber dem Vorjahr aufweist, in Deutschland dagegen einen leichten Rückgang von 1,7 % verzeichnet. Die Dienstfahrzeuge, entweder Pkw für die Vertriebsmitarbeiter und Kundenmanager oder Managementfahrzeuge, verbrauchten im Geschäftsjahr 2017/2018 in den METRO-­ EU-­Ländern 10,6 Mio. Liter Diesel (Deutschland davon 4,5 Mio. Liter), 2,05 Mio. Liter Benzin sowie 584.000 Liter LPG3 und völlig nachgeordnet geringe Mengen an CNG.4 Allein hiernach verbraucht die METRO in den EU-Ländern ca. 19,3 Mio. Liter Diesel und gut 2 Mio. Liter Benzin. Das stellt einerseits einen bemerkenswerten Kostenblock dar und ist andererseits wesentlich ursächlich für das Verkehrsaufkommen, für Emissionen und Lärm, denen sich ein international agierendes Unternehmen stellen muss. Unsere Kunden, insbesondere Restaurants, Hoteliers und Caterer, arbeiten dort, wo deren Kunden, also Gäste, wohnen und leben, somit vorrangig in den Städten. Fahrverbote oder andere Beschränkungen würden direkt dazu führen, dass METRO und deren Kunden entweder die Großmärkte nicht mehr erreichen, diese Kunden nicht mehr beliefert werden können oder deren Gäste nicht mehr nach Belieben, etwa mit dem Auto zum Familienausflug, die Restaurants besuchen können. Deshalb hat die METRO bereits 2016/2017 ein Mobilitätskonzept erarbeitet, um die aktuellen und langfristigen Herausforderungen von Mobilität und Klimaschutz anzunehmen und einen Teil zur Lösung beizutragen. Das Mobilitätskonzept ist auf fünf Dimensionen angelegt, in denen METRO die He­ rausforderungen annehmen möchte und auch muss: 1 . Logistik, also die Belieferung der Großmärkte mit den eigenen Schwer-Lkw, 2. Kundenbelieferung, d. h. die Belieferungen von METRO-Kunden mit Food und Frischeprodukten sowie Non-Food-Artikeln mit den eigenen Lieferfahrzeugen, 3. Kundenerreichbarkeit, d. h. Besuche der Kunden im Großmarkt zum Einkauf und Beschaffung von Dienstleistungen, 3 4

 LPG = Liquefied Petroleum Gas, flüssiges Propangas.  CNG = Compressed Natural Gas, komprimiertes Erdgas.

Mobilität gegen den Klimawandel. Das Mobilitätskonzept der METRO

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. Dienstreisen und Dienstfahrzeuge, 4 5. Mitarbeitermobilität zum Großmarkt und vor allem zum Bürostandort. Hierbei erscheint Elektromobilität in allen diesen Dimensionen als ein Megatrend5 und verbunden mit dem Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung als eine maßgebliche Lösung zur Erreichung der Luftreinhaltungsziele in den Städten und dichten Besiedlungen, hier in Deutschland, unserem Europa und auch in vielen Teilen der Welt. So ist es nicht zufällig, dass die METRO ein Gründungsmitglied der 2017 gegründeten EV∗100 Electric Vehicles Initiative der Climate Group6 ist, in der sich international agierende Unternehmen zusammengeschlossen haben, um die Elektromobilität im Alltag bis 2030 einzuführen. Die METRO verpflichtete sich zur Einführung von Elektromobilität in Service- und Dienstleistungsverträgen, zur Errichtung von Elektroladestationen für Mitarbeiter und zur Errichtung und zum Betrieb von Elektroladestationen für Kunden – hier bis 2030 mindestens 1000 Ladepunkte. In der Kategorie „Electric Vehicles in Logistics“ hat die METRO keine Verpflichtung abgegeben, weil derzeit noch nicht absehbar ist, weder nach Zeitpunkt noch nach Qualität, dass insbesondere die Industrie diejenigen Trucks, Transporter und Lieferfahrzeuge liefert, die zur ernsthaften Erfüllung einer solchen Selbstverpflichtung geboten wären.

2  Umweltfreundliche Truckflotte Die Belieferung der Großmärkte von eigenen Lagerstandorten erfolgt mit schweren 40 Tonnen Lkw und ist der zentrale Teil des Logistikprozesses. Er ist wichtig, weil die Großmärkte die benötigte Ware ausreichend und vor allem in der gebotenen Qualität erhalten müssen, die insbesondere bei den Frischeprodukten, Obst und Gemüse und per se bei allen Kühlprodukten extrem sensitiv ist. Sowohl der Betrieb der Lagerstandorte, von denen die METRO in Deutschland acht Großlager, etwa in Marl, Hamm, Altlandsberg und Kirchheim, betreibt, als auch der energieeffiziente Betrieb der 150 eigenen Lkw ist nach ISO 50001 Energy Management zertifiziert.7 Weitere ca. 300 Lkw werden regelmäßig von den Spediteurpartnern für die Belieferung der Großmärkte, aber auch der SB-Warenhäuser eingesetzt.

 Abschlussbericht zum Wirtschafts Forum Düsseldorf 2016, Die rheinische Wirtschaft nutzt ihre „Denktankstelle“: Megatrend „Mobilität“ mobilisiert Meinungen, gesellschaftliche Bedeutung und Wertschätzung von Agilität gestärkt, https://www.wirtschafts-forum-duesseldorf.de/wirtschaftsforum-duesseldorf-2016/. Zugegriffen am 18.08.2019. 6  One year EV100 – METRO promotes electric mobility in everyday life vom 04.02.2019, https:// www.metroag.de/en/media-centre/news/2019/02/04/one-year-ev100-metro-promotes-electric-mobility-in-everyday-life. Zugegriffen am 18.08.2019. 7  ISO 50001: 2011 Energy Management, letzte Rezertifizierung 08/2019. 5

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Der Verbrauch der 4 Mio. Liter Diesel für die Truckflotte erfordert grundsätzlich ein gutes Kosten- und Fuhrparkmanagement. Dazu gehören die Routenplanung und das Fahrertraining. Beides kann wesentlich den Verbrauch der eigenen Flotte beeinflussen. Das ist betrieblich nicht anders als im privaten Bereich. Für die Routenplanung hat die METRO schon sehr frühzeitig in entsprechende Software investiert, die einerseits die Warenbelieferung der Großmärkte und SB-Warenhäuser optimiert, und Leerfahrten oder Umwege vermeidet. Hinzu kommt noch der dynamische Routenplaner, mit dem alle Lkw ausgerüstet wurden, damit Staus und unproduktive Fahrtzeiten für das Fahrerpersonal vermieden werden. Die Schulung und Unterweisung des Fahrerpersonals sind besonders wichtig, denn der Fahrer kann mit seinem Gaspedal auch mitentscheiden, wie viele Liter Diesel spezifisch verbraucht werden. Vorausschauendes Fahren durch Vermeidung von abruptem Gasgeben und Bremsen oder das gebotene Nichtlaufenlassen des Lkw beim Be- und Entladen sind dabei die einfachsten Möglichkeiten. Schon seit Jahren werden die METRO-Lkw mit geräusch- und rollwiderstandsarmen Reifen ausgerüstet, um auch hier zu optimieren. Bei der Anschaffung neuer Lkw werden insbesondere die Lebenszykluskosten bewertet, denn nicht allein die Anschaffungskosten oder Leasingraten sind entscheidend, sondern auch der Dieselverbrauch. Oft entscheidet sich METRO nicht für das günstigste Fahrzeug, sondern für den Lkw mit den geringsten Betriebskosten. Auch wenn angedrohte oder umgesetzte Fahrverbote in manchen Städten8 für die METRO-­Logistik in Deutschland nicht relevant sind, da sämtliche Lkw die Euro-6-Norm erfüllen, arbeitet die METRO schon seit einigen Jahren daran, Erdgas-Lkw in die Flotte zu integrieren. Mit Kooperationspartnern wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt, ob LNG9 eine Antriebsalternative sein kann. Zum einen hindern die hohen Beschaffungskosten für diese Lkw und zum anderen die noch fehlende Tankinfrastruktur für LNG den sinnvollen Betrieb etwaiger LNG-Lkw. Der besondere Reichweitenvorteil von LNG-Lkw, der uneingeschränkt für den emissionsarmen LNG-Antrieb spricht, kann nicht genutzt werden, da letztlich die Lkw nur in der Distribution von einem Großlager zu den Großmärkten und SB-Warenhäusern fahren. Ein typischer Lkw von METRO Logistics fährt jährlich nur zwischen 80.000 km (etwa im Ruhrgebiet) und 120.000 km. Daher wäre ein LNG-Betrieb aktuell deutlich unwirtschaftlich. Dagegen schaffte es die Industrie, am Ende kurzfristig CNG-Lkw anzubieten, die vernünftige Reichweiten von ca. 500 km ermöglichen – ausreichend für den Zustellbetrieb und Verteilerverkehr in die Großmärkte. Zunächst wurde einige Zeit ein CNG-Lkw im Einsatz getestet und für den Alltag tauglich bewertet. Allerdings sind die CNG-Lkw auch deutlich teurer als herkömmliche Dieseltrucks. Doch gerade um die Anschaffung von CNG-Lkw mit wesentlich geringeren Emissionen – kein Feinstaub, weniger CO2, kaum 8  Bußgeldkatalog 2019, https://www.bussgeldkatalog.org/fahrverbot-diesel-euro-5/. Zugegriffen am 14.08.2019. 9  LNG = Liquefied Natural Gas, verflüssigtes Erdgas.

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NOx – zu beschleunigen, hat die Bundesregierung ein Förderprogramm10 aufgesetzt. Der Gesetzgeber hat weiterhin die Energiesteuer auf Lkw-Erdgas reduziert und auch die Maut auf Bundesfernstraßen11 reduziert, sodass es für bestimmte Anwendungen auch betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, auf CNG zu setzen. Die METRO hat sieben CNG-Lkw bestellt, die an den verschiedenen Standorten getestet und dann, nach einem größeren Feldeinsatz, in größeren Stückzahlen eingesetzt werden sollen  – mit deutlich weniger Abgasen und auch deutlich geringerem Motorlärm. Aber bis zur Entscheidung, die sieben CNG-Lkw anzuschaffen, musste der Prozess zu Ende gedacht werden. Denn nicht nur der Antrieb, sondern auch der Trailer, auf dem sich die gekühlte Ware und dafür ein Kühlaggregat befinden, muss umgestellt werden. Es macht wenig Sinn, die Zugmaschine auszutauschen, aber den Trailer weiterhin mit einem Dieselaggregat zu kühlen. Größere Sorgen bereitete die Tanklogistik. Zwar gibt es in Deutschland viele Erdgastankstellen,12 diese sind aber oftmals nur für Pkw geeignet. Es wäre doch der „Fluch der guten Tat“, wenn ein Lkw eine halbe Ewigkeit an der Tankstelle verbringen muss, bis die Pkw-geeigneten Tankkompressoren das gasförmige Erdgas in die Tanks pressen. Deswegen war es wichtig, mit den Partnern der Tankstellenbetreiber dafür zu sorgen, dass im Umfeld der betreffenden Lagerstandorte die CNG-Tankstellen „Lkw ready“ gemacht werden – allerdings ist dies derzeit eben noch nicht an allen Lagerstandorten möglich. Darüber hinaus haben die Planungen begonnen, an einem Großlagerstandort mit einem Partner eine eigene Erdgastankstelle zu errichten und das Erdgas, das physisch bisher nur für die Wärmeproduktion im Lager benötigt wird, für die Betankung der eigenen und der Lkw unserer Speditionspartner und von Zulieferern, die unseren Lagerstandort anfahren, zu nutzen. Damit möchten wir das Dilemma umgehen, durch die im öffentlichen Raum nicht vorhandene Erdgastankinfrastruktur im eigenen Betrieb eingeengt zu werden – und wenn diese Betriebstankstelle noch dafür sorgt, dass andere Spediteure und Kooperationspartner ebenfalls Teile ihrer Flotte auf CNG umstellen, dann sinken einerseits die Tankstellenbetriebskosten und andererseits sorgt dies für bessere Umweltbedingungen. Momentan ist ein Einstieg in die CNG-Flotte auch für den Betrieb günstig, denn Erdgas ist im Großhandel günstig zu beschaffen. Zudem dürfte sich aufgrund der deutlich geringeren Emissionen ein Kostenvorteil als Betriebsstoff gegenüber Diesel bei Einführung eines CO2-Preises im Transportsektor zeigen.

 Richtlinie über die Förderung von energieeffizienten und/oder CO2-armen schweren Nutzfahrzeugen in Unternehmen des Güterkraftverkehrs, https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Anlage/VerkehrUndMobilitaet/Strasse/richtlinie-foerderung-von-energieeffizienten-nutzfahrzeugen.html, letzter Aufruf 14.08.2019. 11  Vgl. Bundesfernstraßenmautgesetz vom 12.07.2011 (BGBl. I S. 1378) i.  d.  F. vom 04.12.2018 (BGBl. I S. 2251). 12  Fahrzeugmodelle mit Erdgas, https://www.erdgas.info/erdgas-mobil/erdgas-fahrzeuge/. Zugegriffen am 14.08.2019. 10

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Abb. 1 METRO-Elektrotruck Großmarkt Vösendorf/ Österreich. (Mit freundlicher Genehmigung METRO)

Wichtig bleibt: Allein mit der Anschaffung von umweltfreundlichen Lkw ist das Klimaproblem noch lange nicht gelöst. Der gesamte Lkw-Logistikprozess ist definitiv länger und wir müssen uns zugestehen, hier noch einen Teil der Lernkurve vor uns zu haben. Wann kommt der E-Truck? Wir sind der Auffassung, dass dies noch viele Jahre dauern wird, jedenfalls für unsere Anwendungen. Denn Reichweite, Ladeinfrastruktur und Transportkapazität, Elektrotrailerkühlung und Gesamteffizienz sind wichtige Kennzahlen und Anforderungen, abgesehen von den außerordentlich hohen Anschaffungskosten. Aber: METRO ist sehr offen für diese Entwicklung und testet etwa im Großmarkt Wien Vösendorf13 einen 26-Tonnen-Elektrotruck, der immerhin bis zu 200 km Reichweite ermöglicht. An der Belieferungsrampe am Großmarkt wurde dafür ein 43  KW-DC-­ Gleichstrom- Ladepunkt errichtet und im Rahmen des Feldtestes, an dem auch andere Händler und Logistikunternehmen in Österreich teilnehmen, findet ein reger Erfahrungsaustausch statt (Abb. 1). Wenn auch nicht direkt, sondern indirekt hängt METROs Investition in Abbiegeassistenten mit dem Klimaschutz zusammen. Während die neueren Lkw mit solchen Assistenten ab Werk ausgestattet sind, so wurden vor drei Jahren bereits die älteren Fahrzeuge nachgerüstet, damit Unfälle, insbesondere mit Radfahrern im sog. Totwinkel, vermieden werden können. Durch den – als spürbar positive Veränderung der Mobilität – zunehmenden Fahrradverkehr steigt seit Jahren entgegen dem Trend die Zahl der Verkehrsunfälle von Radfahrern und Lkw.14 Und jeder Radfahrer mehr auf unseren Straßen wäre ein Auto weniger und damit schon Teil der Lösung!

13  MAN Elektro-Lkw ab sofort in Österreich unterwegs, Auto 360°.de vom 14.09.2018; https:// auto360.de/man-elektro-lkw-ab-sofort-in-oesterreich-unterwegs. Zugegriffen am 18.08.2019. 14  Bike-Flash soll Lkw-Fahrer beim Abbiegen vor Radfahrern warnen, Spiegel vom 23.11.2018; https://www.spiegel.de/auto/aktuell/abbiegeunfaelle-warnsystem-bike-flash-erstmals-an-kreuzung-aufgestellt-a-1240058.html. Zugegriffen am 15.08.2019; Mehr Radfahrer sterben bei Unfällen, Tagesschau vom 22.08.2019, https://www.tagesschau.de/inland/verkehrstote-radfahrer-unfaelle-101.html. Zugegriffen am 22.08.2019.

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Was noch wichtig ist: Jährlich verbraucht allein der Lkw-Fuhrpark mehr als 120.000 Liter Ad Blue®, sodass auch diese Kostenkomponente mit ca. 1 €/100 km nicht mehr unerheblich ist.

3  Kundenbelieferung – Warenzustellung Die Kundenbelieferung ist ein Megatrend: Der Kunde ordert online seine Ware und diese wird – ganz überwiegend per Kfz – geliefert. Das ist bei der Post nicht anders als bei METRO, mit dem kleinen Unterschied, dass die METRO-Kunden, vor allem Restaurants, Hotels und Caterer, vorrangig mit Lebensmitteln beliefert werden, die eine Kühlung auch während der Fahrt und Warenzustellung benötigen. Deshalb sind Lieferlösungen, z. B. von DHL mit dem Streetscooter,15 schon ein sehr großer Fortschritt, der aber auf die METRO nicht übertragbar ist. Unsere Kunden befinden sich i. d. R. dort, wo auch deren Kunden, also Gäste, wohnen, leben und arbeiten, in den Städten und Innenstädten, wo das Mobilitäts- und Verkehrsproblem besonders prekär ist. Das Belieferungsgeschäft der METRO wächst jährlich zweistellig und schon mehr als 20 % des Konzernumsatzes werden mit der Zustellung und Belieferung erzielt. Die He­ rausforderungen an diese Mobilität steigen, zumal aus METRO-Sicht die Zustellung teurer ist, als wenn der Kunde seine Waren und Dienstleistungen im Großmarkt selbst aus dem Regal zusammenstellt und nach Hause fährt. Zwar erfüllen unsere eigenen Lieferfahrzeuge in Deutschland, vom mittelschweren 12-Tonnen- bis 18-Tonnen-Lkw oder leichten Lkw, zu mehr als 90 % die Euro-6-Norm. Außerdem sind unsere Zustellfahrzeuge mobile Depots, die auf der Route die verschiedenen Kunden anfahren, aber zum Be- und Entladen eine Zeit lang halten. So kommen max. 40.000 km jährlich zusammen. Die letzten Zustellfahrzeuge mit einer Schadstoffausstoßklasse