Immunisierte Gesellschaft: Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert [1 ed.] 9783666370533, 9783525370537

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Immunisierte Gesellschaft: Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert [1 ed.]
 9783666370533, 9783525370537

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Malte Thießen

Immunisierte Gesellschaft Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert

Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft

Herausgegeben von Gunilla Budde, Dieter Gosewinkel, Paul Nolte, Alexander Nützenadel, Hans-Peter Ullmann

Frühere Herausgeber Helmut Berding, Hans-Ulrich Wehler (1972–2011) und Jürgen Kocka (1972–2013)

Band 225

Vandenhoeck & Ruprecht

Malte Thießen

Immunisierte Gesellschaft Impfen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert

Vandenhoeck & Ruprecht

Mit 10 Abbildungen Umschlagabbildung: Bildausschnitt aus der Broschüre »Was ist Kinderlähmung – was kann man tun?« der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung aus den späten 1950er Jahren. Staatsarchiv Oldenburg, Rep 630, Best. 242-5, 5 II Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ISSN 2197-0130 ISBN 978-3-666-37053-3 Weitere Ausgaben und Online-Angebote sind erhältlich unter: www.v-r.de Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Geschwister Boehringer Ingelheim Stiftung für Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rhein. © 2017, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U. S. A. www.v-r.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages. Satz: textformart, Göttingen | www.text-form-art.de

Inhalt 1. Einführung: Im Zeitalter der Immunität . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2. Immunität als »State Building«: 1870–1930 . . . . . . . . . . . . . . . 21 2.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder . . . . . . . . . . . . 22 2.1.1 Immunität regieren: Entdeckung eines Politikfelds . . . . . 22 2.1.2 Beruf und Berufung: Ärztliche Professionalisierung und Selbstbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.1.3 Wissen schaffen: Forschungseinrichtungen und Wissenschaftler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.1.4 Impfkritik: Vom Werden und Wirken einer sozialen Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.1.5 Impflinge: Nutznießer und Betroffene des Impfens . . . . 38 2.1.6 Impfen vermitteln: Zeitungen als Medium der Medikalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.2 Weltanschauungen: Streit um die Impfpflicht . . . . . . . . . . . . 42 2.2.1 Allgemeinwohl vs. Individualwohl: Das Reichsimpfgesetz 42 2.2.2 Schutzgebiete: Impfprogramme in den Kolonien . . . . . . 59 2.2.3 Schlachtfelder und Experimentierfelder: Der Erste Weltkrieg 66 2.2.4 »Das große Ganze« und die Gewissensklausel: Debatten in ­ Weimar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 2.3 Prekäres Wissen: Konstruktionen von Immunität . . . . . . . . . 84 2.3.1 Deutschland als Experiment und »Großversuch«: ­ Wissensgenerierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 2.3.2 Dirne oder Dame? Statistiken als Evidenzmaschinen . . . 88 2.3.3 Wissensgewinn durch Geschichtspolitik . . . . . . . . . . . 92 2.4 Staatliche Sicherheitsversprechen: Impfstoffproduktion . . . . . . 95 2.4.1 Verstaatlichte Produktion: Etablierung der Impfanstalten . 95 2.4.2 Reine Lehren: Normierungen und Standardisierungen . . 99 2.4.3 Steingewordene Sicherheitsversprechen und repräsentative Räume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 2.5 Gesundheitsverhalten und Gesundheitsverhältnisse: Soziale Praxis 103 2.5.1 Schneiden und stechen: Zugriffe auf den Körper (I) . . . . 103 2.5.2 Verkörperungen des »Volkskörpers«: Massenimpfungen . 105 5

2.5.3 Vertrauensverhältnisse: Präventive Praxis in der Privatpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 2.5.4 Behördliche Gewalt und goldene Brücken: Impfzwang . . 118 2.5.5 Erklären, verklären, entlasten: Umgang mit Impfschäden . 123 2.6 Zwischenfazit: Pragmatischer Paternalismus . . . . . . . . . . . . 130 3. Popularisierung und Privatisierung: 1930–1950 . . . . . . . . . . . . . 133 3.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder . . . . . . . . . . . . 133 3.1.1 Impfen verkaufen: Pharmaunternehmen . . . . . . . . . . . 134 3.1.2 Impfungen hören und sehen: Medialisierung von Immunität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 3.1.3 Zentralisierung und Popularisierung des Gesundheitswesens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 3.1.4 Immunität als Parteiauftrag: Praxis statt Programmatik . 140 3.1.5 Ganz normale Ärzte? Impfen für die »Volksgemeinschaft« 141 3.1.6 Immunität vs. »Rassenhygiene«: Konjunktur und Krise der Impfkritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 3.2 Expansionen und latente Liberalisierungen: Impfpolitik . . . . . 147 3.2.1 Getarnte Gewissensklauseln: Die Impfpflicht auf dem Prüfstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 3.2.2 Skandalisierung und Symbolpolitik: Der Lübecker Impfskandal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 3.2.3 Sicherheit für den »Volksgenossen«: Pragmatismus seit 1933 154 3.2.4 Flankierte Freiwilligkeit (I): Einführung der Diphtherieschutzimpfung . . . . . . . . . 159 3.2.5 Ökonomisierung des Sozialen: Impfungen als Kriegs-Kompensation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 3.2.6 Immunität als Waffe und Raumordnung . . . . . . . . . . 170 3.2.7 Vorsorgen im Nachkrieg: Kontinuitäten nach 1945 . . . . . 174 3.3 »Vorbeugen ist besser als heilen«: Vermarktung von Immunität . 178 3.3.1 Griff nach dem Weltmarkt: Behringwerke und I. G. Farben 178 3.3.2 Pionierarbeit und Popularisierung: Werbestrategien . . . . 179 3.3.3 Ausbau Ost und Menschenversuche: Impfstoffproduktion 183 3.4 »Volksvorsorge« und »präventives Selbst«: Soziale Praxis . . . . . 186 3.4.1 Von »Schnittchen« und Spritzen: Zugriffe auf den Körper (II) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 3.4.2 Von der Pflicht zur Privatisierung der Praxis . . . . . . . . 188 3.4.3 Werk (an) der »Volksgemeinschaft«: Massenimpfungen . . 194 3.4.4 Eigeninitiativen und Hierarchien: Fleckfieberimpfungen . 196 3.5 Zwischenfazit: Normierung und Normalisierung . . . . . . . . . . 200 6

4. Sicherheitsprobleme: Bundesrepublik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 4.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder . . . . . . . . . . . . 205 4.1.1 Gesundheitspolitiker zwischen Föderalismus und Globalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 4.1.2 Impfen als Gesellschaftsaufgabe: Zivilgesellschaftliche Vereine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 4.1.3 Lernziel Immunität: »Impferziehung« in Ausstellungen und Schulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210 4.1.4 Impfen (fern-)sehen: neue Medien . . . . . . . . . . . . . . 212 4.1.5 Wurzeln und Wandel der Impfkritik . . . . . . . . . . . . . 215 4.2 Seuchen und Sicherheit im Sozialstaat: Konzepte und Konflikte . 218 4.2.1 Flankierte Freiwilligkeit (II): Einführung der Polioimpfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 4.2.2 »Volksgesamtheit« vs. Individuum: Impfpflicht und Grundrechte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 4.2.3 Flugzeuge, Migranten und die Flexibilisierung des Impfens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 4.2.4 Die Welt als Interventionsfeld: Globale Kooperationen und Konflikte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 4.2.5 Privatisierung von Vorsorge von den 1970er Jahren bis heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 4.3 Wissenschaftler im Käfig und auf Reisen . . . . . . . . . . . . . . 258 4.3.1 Alleingänge und Autonomiestreben: Impfforschung der 1950er Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258 4.3.2 Internationale Wissenstransfers seit den 1960er Jahren . . . 261 4.4 Globale Ware Immunität: Pharmaunternehmen . . . . . . . . . . 266 4.4.1 Immunität und Innovationsdruck . . . . . . . . . . . . . . 266 4.4.2 Markt vs. Politik: Vom Polio- zum Schweinegrippen-Skandal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268 4.4.3 Globalisierung und Ende deutscher Unternehmen . . . . . 275 4.5 Partizipation und Privatisierung: Praktiken des Impfens . . . . . 279 4.5.1 Schlucken, schießen, mehrfachspritzen: Zugriffe auf den Körper (III) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 4.5.2 Impfkalender und Idealbiografien . . . . . . . . . . . . . . 283 4.5.3 Vom Gesundheitsamt in die Arztpraxis: Räume . . . . . . 284 4.5.4 Vom Verschwinden der Impfpflicht in der Praxis . . . . . 286 4.5.5 Impfkritik als Selbstbildung mündiger Staatsbürger . . . . 289 4.6 Zwischenfazit: Ambivalente Veralltäglichung . . . . . . . . . . . . 291 7

5. Immunität als sozialistisches Selbstverständnis: DDR . . . . . . . . . 297 5.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder . . . . . . . . . . . . 297 5.1.1 Immunität regieren: Gesundheitspolitiker . . . . . . . . . . 297 5.1.2 Immunität nach Plan: Wirtschaft und Wissenschaft . . . . 300 5.1.3 Immunität vermitteln: Das Deutsche Hygiene-Museum . . 302 5.2 »Prophylaxe ist der beste Sozialismus«: Staatstragende Immunität 303 5.2.1 Impfprogramme als Gründungsakt und Gesinnungstest . 303 5.2.2 Expansion und Erfolgsdruck seit den 1950er Jahren . . . . 307 5.2.3 Außenpolitische Stiche und innenpolitische Trümpfe . . . 312 5.2.4 Pragmatismus und Scheitern seit Mitte der 1970er Jahre . 318 5.3 Prophylaxe nach Plan: Wirtschaften und Wissen schaffen . . . . 5.3.1 Unter Brüdern: Grenzen osteuropäischen Wissenstransfers 5.3.2 Konkurrenz, Kooperationen und Kopien westlicher Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.3.3 Vom Wissenstransfer zum Westimport . . . . . . . . . . .

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5.4 Soziale Praxis als Praxistest des Sozialismus . . . . . . . . . . . . . 335 5.4.1 Spritzen, schlucken, schießen: Zugriffe auf den Körper (IV) 335 5.4.2 Kopplungen an den Kinderalltag: Schulen und Ferienlager 337 5.4.3 Das Private im Sozialismus: Dauerimpfstellen und Impfkalender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340 5.4.4 Pragmatismus und Phlegma vs. Pläne und Pflichten . . . . 342 5.4.5 Frühe Entschädigung: Impfschäden . . . . . . . . . . . . . 347 5.5 Zwischenfazit: Staatssicherheit und Sicherheit für die Staatsbürger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349 6. Fazit: Von Löwen und Elefanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359

Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 Personen- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390

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1. Einführung: Im Zeitalter der Immunität Was unterscheidet unser Leben von dem früherer Zeiten? Die Antwort ist ebenso einfach wie erstaunlich: Immunität. Denn Immunität ist jünger, als wir gemeinhin vermuten. Erst seit den 1970er Jahren können wir uns gegen eine Vielzahl von Infektionskrankheiten impfen, so dass Immunität heute alltäglich, ja eine Art Lebensgefühl geworden ist. Dieser Normalisierung spürt dieses Buch nach. Es nimmt die Entstehung und Wandlung des Lebensgefühls vom 19. Jahrhundert bis heute in den Blick, es erkundet politische Programme und alltägliches Verhalten, das Verkaufen und das Erforschen des Impfens. Bei dieser Erkundung geht es weniger um medizinische als um gesellschaftliche Fragen. Immunität bietet ja nicht nur Schutz vor Krankheiten. Darüber hinaus lässt sie zuvor allgegenwärtige Ängste verschwinden: Ängste vor früheren »Volkskrankheiten« und frühem Kindertod, vor »Seuchenherden« in schmutzigen Städten oder in der weiten Welt. Immunität gibt somit ein Versprechen auf Sicherheit und Sorglosigkeit. Sie suggeriert die Planbarkeit sowohl persönlichen Gesundheitsverhaltens als auch allgemeiner Gesundheitsverhältnisse. Aus diesem Grund ist dieses Buch auch eine Geschichte des Sozialstaats. Mit der Einführung staatlicher Impfprogramme erhoben sich Politiker, Beamte und Ärzte zu Ingenieuren des »Volkskörpers«. Seither kündet Immunität von ihren Siegen im Kampf für das Allgemeinwohl. Mit dem Staat und dem Allgemeinwohl begannen allerdings die Probleme. Einerseits befriedigen Impfungen Sicherheitsbedürfnisse. Andererseits bergen Impfungen Risiken für jeden Einzelnen. Nebenwirkungen und »Impfschäden« werfen Fragen nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft auf: Was ist wichtiger, der Schutz der Gesellschaft vor Seuchen oder die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen? Und darf der Staat die Immunisierung des Einzelnen im Dienste der Allgemeinheit erzwingen? Angesichts solcher Fragen machten sich Wissenschaftler und Pharmaunternehmen fieberhaft an die Verbesserung von Impfstoffen. In ­Laboren, beim Ausbruch von Epidemien oder auf Expeditionen forschten sie nach Erklärungen für Immunität und nach Methoden ihrer Verbesserung. Wissenschaftler und Unternehmer suchten zudem den Kontakt zur Bevölkerung. Sie prägten Bilder und Botschaften, mit denen Immunität ins Allgemeinwissen und Alltagsgespräch einsickerte. In Vorträgen und Broschüren, Plakaten und Filmen machten sie sich an die Überzeugungsarbeit, mit der die Bürger für das Impfen gewonnen werden sollten. Als Gewinn verstanden Unternehmer und Wissenschaftler Immunität in zweifacher Hinsicht: als Schutz moderner Gesellschaften sowie als Demonstration, dass sie für diesen Schutz sorgten. Schließlich avancierten Wissenschaftler und Unternehmer im Zeitalter der Immunität zu Wächtern der »Volksgesundheit«. Insofern schreibt dieses Buch auch eine G ­ eschichte 9

der Wissensgesellschaft, eröffnen Impfprogramme Einblicke in die Vermittlung medizinischen Wissens. In dieser Geschichte geht es somit nicht nur um Gesundheit und Krankheit, um Leben und Tod. Es geht um Medizin und Menschenbilder, um Gesundheitskonzepte und Gesellschaftsmodelle, um das Verhältnis zwischen Staat und Staatsbürger sowie um das zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Diese Verhältnisse erforschen Historiker bereits seit langem. Studien zur Sozialversicherung oder Invalidität, zur Psychiatrie oder zum Sport, zur »Biologisierung« und »Verwissenschaftlichung« des Sozialen zeichnen nach, wie sich Menschenbilder und Gesellschaftskonzepte in der Moderne änderten.1 Braucht es da noch eine Geschichte des Impfens? Warum lohnt es sich, das Zeitalter der Immunität zu erkunden? Das Besondere einer Geschichte des Impfens ist erstens ihre Kontinuität. Impfungen sind ein Dauerbrenner. Seit dem 19. Jahrhundert setzten sich Europäer und US-Amerikaner mit Impfprogrammen auseinander – und sie tun es noch heute. Aktuelle Diskussionen um Masernimpfungen oder alle Jahre wieder der Streit um den Nutzen der Grippeschutzimpfung zeigen das kontinuierliche Konfliktpotenzial. Die »Impffrage« wurde somit über Jahrhunderte hinweg immer wieder aufs Neue aufgeworfen und beantwortet. Gerade deshalb lassen sich am Impfen Kontinuitäten und Konjunkturen von Risikovorstellungen und Sicherheitskonzepten in der longue durée verfolgen. Mit diesem Anspruch läge es nahe, den Blick schon auf frühere Zeiten zu werfen. So hat Cornelia Zumbusch das 18. Jahrhundert untersucht, in dem das Impfen zur »epistemischen Metapher« für die Moderne avancierte. Auch für Michel Foucault leiteten Impfungen den Übergang Europas in die Moderne ein. Sie machten den Schritt von der frühneuzeitlichen Regierungstechnik der Eindämmung zur modernen Vorsorge. Seither ist das »Gebot der Immunisierung […] zum symbolischen und materiellen Angelpunkt unserer sozialen Systeme« geworden.2 Obwohl sich das Zeitalter der Immunität also weit zurückverfolgen ließe, sprechen gute Gründe für den Fokus dieses Buches auf das 19. und 20. Jahrhundert. Erst jetzt erhoben Staaten Impfprogramme zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Waren Impfungen zuvor Privatsache zahlungskräftiger Bürger gewesen, mutierten nun ganze Bevölkerungen zu Interventionsfeldern. Insofern ist auch die Impfpflicht ein Kind des 19.  Jahrhunderts, in dem der Dienst des Einzelnen für die Allgemeinheit notfalls erzwungen werden sollte. Jetzt erst brachten sich zudem Wissenschaftler und Unternehmer systematisch ein. Während im 18. Jahrhundert einzelne Ärzte durch Europa zogen, um Impfungen »frei Haus« anzubieten, etablierten sich am Ende des 19. Jahrhunderts Pharmaunternehmen und Institute, wie wir sie heute kennen.3

1 Vgl. u. a. Berg u. Cocks; Sachße u. Tennstedt; Bynum; Hennock, Origin; Dinges, Neue Wege; Raphael, Verwissenschaftlichung; Radkau; Möhring, Marmorleiber. 2 Zumbusch, S. 11 u. 19; Foucault, Sicherheit, S. 25; Esposito, S. 8. 3 Vgl. Leven, Geschichte der Medizin, S. 48.

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Ein zweites Potenzial einer Geschichte des Impfens liegt im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft. Impfprogramme schützen nicht nur den Einzelnen. Darüber hinaus zielen sie auf den »Herdenschutz«, der seit dem 19. Jahrhundert zum Leitkonzept avancierte. Erst eine systematische Immunisierung verhindert demnach den Ausbruch von Infektionskrankheiten, da einzelne Ungeimpfte auf den Schutz der »Herde« vertrauen können. Schon deshalb gelten Impfungen seit jeher als Dienst an der Gemeinschaft. Teile der Bevölkerung entzogen sich diesem Dienst jedoch immer wieder. Ob aus Angst vor Nebenwirkungen, aus Desinteresse oder Nachlässigkeit: »Impfmüdigkeit« gilt bis heute als Problem, an dem soziales Gewissen, Solidarität und Pflichtgefühle gegenüber dem Staat verhandelt werden.4 Dieses Problem zieht sich von den Debatten über die Pockenimpfpflicht im Frühjahr 1874 bis zu gegenwärtigen Diskussionen um Masernimpfpflichten. Insofern liegt der Fokus des Buches auf »sozialen Impfungen«. Impfungen gegen Diphtherie, Fleckfieber, Grippe, Keuchhusten, Masern, Mumps, Pocken, Polio, Scharlach und Tuberkulose öffnen unseren Blick für das Verhältnis zwischen Individuum und Allgemeinheit, an dem sich Menschenbilder und Gesellschaftsmodelle abzeichnen. Kontinuitäten und Spannungsfelder verweisen auf ein drittes Potenzial. Die Geschichte der Immunität eröffnet zwei Perspektiven auf historische Gesellschaften. Zum einen sind Impfungen ein Thema auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Von der staatlichen über die regional- und kommunalpolitische Ebene bis hin zum Familienkreis werden Impfungen verhandelt. Wichtiger noch: Eine Geschichte des Impfens macht Wechselwirkungen zwischen diesen Ebenen sichtbar. Mit Reaktionen von Eltern und Ärzten setzten sich nicht nur Kommunalbeamte, sondern ebenso Gesundheitspolitiker auf ministerieller Ebene auseinander. Programmatik und Praxis des Impfens waren so eng verwoben, dass Ministerialbeamte mitunter vorsorglich auf Alltagsprobleme reagierten und allzu ambitionierte Zielsetzungen aufgaben. Im Übrigen waren Politiker, Medizinalbeamte und Ärzte selbst von Impfungen betroffen. Im Gegensatz zu Gesundheitsmaßnahmen wie denen gegen Geschlechtskrankheiten, »Asoziale«, »Behinderte« oder »Risikogruppen« betrafen Impfprogramme die Experten selbst, die schon aus Eigeninteresse sorgfältig zwischen Risiken abwägten. Zum anderen sind Impfungen nicht nur ein Thema auf unterschiedlichen Ebenen, sondern ebenso auf unterschiedlichen Feldern. Auf politischer Ebene mischten sich zahlreiche Ressorts in die Impffrage ein, von den Innen-, Sozial-, Jugend- und Familienministerien bis zu den Außen-, Arbeits-, Propa­ ganda-, Wehr- bzw. Verteidigungsministerien. Beim Impfen waren aber nicht nur unterschiedliche Ressorts gefragt. Ebenso engagiert machten Wirtschaft und Wissenschaft, Zeitungen und Schulen, Gerichte und Vereine Immunität zu ihrer Sache. Unternehmer und Richter, Journalisten und Lehrer, Polizisten und Pfarrer und eben nicht zuletzt Eltern spielen in diesem Buch daher eine tra4 Zum Spannungsverhältnis zwischen »Staat und Gesellschaft« vgl. Nolte, P., S. 377–390.

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gende Rolle. Dass Interessen unterschiedlicher Akteure Hand in Hand gingen, dass beispielsweise Pharmaunternehmer und Publizisten bei der Vermarktung von Impfstoffen oder Lehrer und Medizinalbeamte bei der Disziplinierung von Eltern an einem Strang zogen, gibt Hinweise auf Wechselbeziehungen zwischen unterschiedlichen Feldern. Kurz gesagt lässt sich das Zeitalter der Immunität durch unterschiedliche Brillen betrachten, mit denen verschiedene Akteure, ihre Kooperationen und Konflikte greifbar werden. Wegen dieses multiperspektivischen Zugriffs ist eine­ Geschichte des Impfens immer beides zugleich: Sozial- und Kulturgeschichte. Das Zeitalter der Immunität lässt sich einerseits mit sozialen Strukturen und Prozessen erkunden, an denen die Programmatik von Impfprogrammen und ihre sozialen Konsequenzen sichtbar werden. Andererseits sind Konzepte und Konsequenzen erst vor dem Hintergrund zeitgenössischer Erfahrungen und Vorstellungen nachvollziehbar. Wenn Krankheiten stets soziale Konstruktio­ nen sind, sind es Vorsorgemaßnahmen erst recht. Das gilt umso mehr, weil Immunität im Gegensatz zu vielen Krankheiten nicht sichtbar ist. Eine Geschichte des Impfens ist also darüber hinaus eine Geschichte der Zukunft, des Unsichtbaren und Imaginären. Trotz dieser Potenziale klaffen in der Forschung große Lücken. Das gilt insbesondere für die deutsche Geschichtswissenschaft, die eine Geschichte des Impfens kaum beachtet hat. Die wichtigsten Impulse gehen nach wie vor von Eberhard Wolffs ethnologischer Studie zum frühen 19.  Jahrhundert aus. Am Beispiel Württembergs erkundet Wolff soziale Kontexte und Konflikte, in denen Impfungen als moderne Kulturtechnik kommuniziert und kritisiert wurden.5 Neben Wolff haben sich u. a. Ute Frevert, Claudia Huerkamp, Ulrike Lindner und Winfried Süß mit Impfungen beschäftigt. Frevert und Huerkamp konzentrieren sich auf Preußen im 19. Jahrhundert, um dem Wechselspiel zwischen Medikalisierung, Staatsbildung und sozialen Ungleichheiten nachzuspüren. In Anlehnung an George Sussmann hat Huerkamp dabei die Bedeutung von Impfungen als »ersten Schritt zur Medikalisierung Europas« hervorgehoben.6 Ins 20. Jahrhundert haben Winfried Süß und Ulrike Lindner erste Schlaglichter geworfen. Während Süß Impfungen als Beruhigungsmittel und Ressourcenschonung im Zweiten Weltkrieg analysiert, konzentriert sich Lindner auf die Einführung der Polioimpfung in den 1950er Jahren. Lindners Befunde zu den Problemen dieser Einführung werfen zum einen Fragen nach Konflikten zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesundheitspolitik auf.7 Zum anderen stellt Lindner mit Stuart Blume Impfprogramme in den Kontext des Kalten Krieges und damit in ihren transnationalen Zusammenhang.8 Transnationale Dimensionen erkunden auch Ernest Hennocks Studien zum deutsch5 Vgl. Wolff, Einschneidende Maßnahmen; Wolff, Die Schlacht. 6 Frevert; Huerkamp, The History; vgl. Sussmann, S. 575; Thießen, Vom immunisierten. 7 Süß, »Volkskörper«, S. 213–141; Lindner, Gesundheitspolitik, S. 221–282. 8 Lindner u. Blume.

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englischen Vergleich oder Jürgen Osterhammels Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts.9 Die Bedeutung letztgenannter Ansätze sind für die vorliegende Arbeit kaum zu überschätzen, eröffneten Impfprogramme den Deutschen doch die weite Welt, ob während der Kolonialisierung Afrikas und Asiens, in beiden Weltkriegen oder im Kalten Krieg. In der Medizingeschichte wiederum sind sozial- und kulturgeschichtliche Fragen zum Impfen bislang zwar selten verfolgt worden. Gleichwohl legen Beiträge zur Einführung von Impfprogrammen und zu Impfgegnern Grundlagen, auf denen dieses Buch aufbaut.10 Eine deutsche Geschichte des Impfens ist noch nicht geschrieben. Angesichts der genannten Potenziale finde ich diese Leerstelle erstaunlich. Wenn Impfungen Aushandlungen von Sicherheit und Gesellschaftsmodellen sichtbar machen  – ist die deutsche Gesellschaft des 19.  und 20.  Jahrhunderts dann nicht ein prädestiniertes Forschungsfeld? Wo sonst bieten sich derartige Möglichkeiten, Gesundheits- und Gesellschaftskonzepten in unterschiedlichen politischen Systemen nachzuspüren? Genau diese Frage begründet meine zeitliche und geographische Schwerpunktsetzung. Das Buch konzentriert sich auf Deutschland von den 1870er Jahren bis heute, um dem Wandel von Immunität in fünf gesellschaftlichen Systemen nachzuspüren. Der Untersuchungszeitraum vom Kaiser­ reich über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus bis zur Bundesrepublik und DDR bietet zwei Vorzüge. Er regt erstens Längsschnitte an, mit denen sich Entwicklungslinien der deutschen Gesellschaft verfolgen lassen. Zweitens erlaubt er Vergleiche zwischen den Systemen, die neben Unterschieden auch erstaunliche Gemeinsamkeiten zu Tage fördern werden. Wegweisende Studien zur Geschichte des Impfens sind vor allem für die USA und Großbritannien entstanden.11 Drei Schwerpunkte lassen sich aus der anglo­ amerikanischen Forschung herausgreifen, die einer deutschen Geschichte Impulse geben. Erstens steht die Geschichte des Impfens im Kontext der Etablierung moderner Sozialstaaten. Entsprechende Zusammenhänge formulierte Erwin H. Ackerknecht bereits 1948, noch ganz unter dem Eindruck des eben beendeten Weltkriegs. Demnach setzten autoritäre Systeme im Umgang mit Seuchen auf restriktivere Maßnahmen als liberale Systeme.12 Peter Baldwin verwies Ende der 1990er Jahre auf den Einfluss geographischer, wirtschaftlicher und struktureller Faktoren auf Präventionsmaßnahmen, die wiederum die Leitlinien von Sozialstaaten prägten.13 In dieser Interpretation beeinflussten nicht soziale Ordnungen spezifische Gesundheitsmaßnahmen, sondern umgekehrt: Seuchen­bekämp­f ung und Vorsorge prägten soziale Ordnungen.14 Selbst wenn man dieser Interpretation nicht folgt, bleibt das Zusammenspiel von Impfprogrammen und sozialen 9 Hennock, Vaccination; Osterhammel, S. 268–277. 10 Vgl. u. a. Maehle; Humm; Hartung; Dworak sowie Klein. 11 Vgl. den Überblick bei Artenstein. 12 Ackerknecht. 13 Baldwin. 14 Vgl. dazu Solomon, S. 5 sowie allgemein MacNalty; Williams.

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Ordnungen bemerkenswert: Impfungen sind nicht nur ein Spiegel sozialer Ordnungen, sondern ebenso der Versuch, das Soziale zu ordnen. Anregend ist zweitens die global- und kolonialgeschichtliche Perspektive. Während Sheldon Watts britische Maßnahmen der Seuchenbekämpfung als Mittel kolonialer Machtsicherung kritisiert, arbeiten andere Studien Wechselwirkungen und Wandlungen europäischer Impfkonzepte in den Kolonien heraus, die für transnationale Verflechtungen sensibilisieren. Insbesondere seit den 1950er Jahren gewannen Verflechtungen sowohl zwischen Europäern und ihren (ehemaligen) Kolonien als auch zwischen Europäern und den USA an Bedeu­ tung.15 Das »Smallpox Eradication Programme« (SEP) der Weltgesundheitsorga­ nisation (WHO) gibt für die transnationale Dimension ein bekanntes Beispiel. Im SEP fanden selbst in frostigen Phasen des Kalten Krieges die »Systemgegner« USA und UdSSR zusammen.16 Für die vorliegende Studie sind solche Befunde von großer Bedeutung. So frage ich ebenso nach den Wechselwirkungen zwischen Deutschem Reich und seinen Kolonien wie nach internationalen Kooperationen und Konflikten seit 1945. Außerdem erweitern deutsch-deutsche Wettbewerbe um die gesündere Gesellschaft und Kooperationen in der WHO die deutsche Impfgeschichte zu einer Globalgeschichte. Drittens betrachten angloamerikanische Forschungen das Impfen als Protestgeschichte. Tatsächlich ist Impfgegnerschaft so alt wie das Impfen selbst. In England und in den USA organisierten sich Impfgegner bereits Mitte des 19.  Jahrhunderts als pressure group, die Einfluss auf politische Entscheidungen nahm. In England und Wales führten entsprechende Proteste schon 1907 zur Abschaffung der Impfpflicht.17 Impfgegnerschaft speiste sich aus mehreren Motiven. Neben religiösen Kritikern machten liberale Politiker oder reformorientierte Mediziner gegen Impfungen und Zwangsmaßnahmen mobil.18 Impfkritiker erklärten Immunität zum Politikum, das nicht nur Mediziner, sondern die Bevölkerung anging. Kurz gesagt unterstreicht die Bandbreite angloamerikanischer Forschungen noch einmal die Ergiebigkeit eines sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriffs. Sie zeigt allerdings auch, dass der Fokus bislang vorwiegend auf dem 18. und 19. Jahrhundert lag, während das 20. Jahrhundert erst in Ansätzen erschlossen worden ist.19 Diese Beobachtung spricht ebenfalls für den Untersuchungszeitraum dieses Bandes: Was liegt näher, als das »Zeitalter der Extreme« und dessen Wurzeln im 19. Jahrhundert in den Blick zu nehmen? Mit dieser Ziel- und Schwerpunktsetzung operiert das Buch auf drei Forschungsfeldern: Impulse geben die Geschichte der Gesundheit, die Geschichte der Vorsorge sowie Forschungen zur Sicherheit bzw. »Versicherheitlichung«. 15 Watts; Bhattacharya u. a.; Fairhead u. Leach; Naono. Zur WHO vgl. Zimmer. 16 Manela. 17 Walloch; Williamson. 18 Vgl. u. a. Porter u. Porter; Durbach. 19 Vgl. u. a. Colgrove.

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Auf den ersten Blick erscheint eine »Geschichte der Gesundheit« als alter Hut. Ist die Medizingeschichte nicht ein fest etabliertes Forschungsfeld? Liegen nicht unzählige Forschungen zu Ärzten, Forschern, Institutionen und zum Gesundheitswesen im 19. und 20. Jahrhundert vor? Obwohl sich beide Fragen nur bejahen lassen, diskutieren Medizinhistoriker nach wie vor, welchen Beitrag sie für eine Sozial- und Kulturgeschichte leisten. Am pointiertesten haben zuletzt Hans-Georg Hofer und Lutz Sauerteig für neue Ansätze einer »Kulturgeschichte der Medizin« plädiert: Sie fordern ein stärkeres Aufgreifen der Körpergeschichte, der Anthropologie und Wissensgeschichte, um »Kontaktzonen« zwischen Medizin und Gesellschaft zu erkunden.20 Labischs und Jüttes frühe Appelle für eine »Sozialgeschichte der Medizin« haben somit wenig von ihrer Aktualität eingebüßt.21 Eine solche Gesellschaftsgeschichte der Medizin nenne ich »Geschichte der Gesundheit«.22 Ihr Fokus liegt weniger auf medizinischen Akteuren und Institutionen im engeren Sinne als auf der gesellschaftlichen Dimension von Gesundheit und Krankheit. Eine Geschichte der Gesundheit greift somit die Körper-, Geschlechter- und Wissensgeschichte ebenso auf wie konsum-, unternehmens- und alltagsgeschichtliche Ansätze. Damit stellt sie sich zugleich in eine internationale Forschungstradition. Denn in Frankreich, Großbritannien und den USA werden Gesundheit und Krankheit schon lange als sozial- und kulturgeschichtliche Domäne verstanden. Verorten lässt sich eine Geschichte der Immunität außerdem auf dem Forschungsfeld der Vorsorge, das unter Soziologen, Historikern und Medizinern seit einigen Jahren großes Interesse erregt.23 Vorsorge ist schließlich nichts weniger als eine Kulturtechnik, die den Blick des Menschen auf sich selbst und die Welt veränderte. Sie avancierte zur »dominanten Ratio, unter der zeitgenös­ si­sche Gesellschaften ihr Verhältnis zur Zukunft verhandeln und organisieren.«24 Philipp Sarasin verfolgt diese Denkfigur bis zu den bürgerlichen Autonomiebestrebungen des 18. Jahrhunderts zurück, die Vorsorge zum politischen Projekt werden ließen. Nicolai Hannig hat Vorsorge zudem als »Zugpferd einer Verstaatlichung« interpretiert, das im 19. Jahrhundert an Kraft gewann.25 Von nun an nahm sich der »Vorsorgestaat« den Bedrohungen der Gesellschaft an, erschien es doch effektiver, soziale Spannungen »durch präventive Verhaltens­ regeln zu vermeiden, als […] ex post durch Bestrafungen zu sanktionieren«.26 Neuere Forschungen haben das Untersuchungsfeld vorsorglichen Denkens erweitert. So weisen Martin Lengwiler und Jeanette Madarász vielfältige Optimierungstechniken des »präventiven Selbst« nach, während Sylvelyn Hähner-­ 20 Hofer u. Sauerteig, S. 106 u. 116; vgl. Lenhard-Schramm, S. 13–69. 21 Labisch, Zur Sozialgeschichte; Jütte, Sozialgeschichte. 22 Vgl. die ausführlicheren konzeptuellen Überlegungen bei Thießen, Gesunde Zeiten. 23 Vgl. die Pionierstudien in Elkeles u. a. 24 Bröckling, Dispositive. 25 Vgl. Sarasin, Geschichte; Hanning, S. 64; Ewald, Vorsorgestaat; Bröckling, Vorbeugen; Thießen, Vorsorge. 26 Lengwiler u. Madarász, S. 13.

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Rombach der Gesundheitsvorsorge in Unternehmen nachspürt. Darüber hinaus haben Nicolai Hannig und ich vor kurzem angeregt, Vorsorge und Prävention aus ihrem medizinischen Zusammenhang zu lösen, um weitere gesellschaftliche Felder zu erkunden.27 Blickt man auf alle diese Handlungsfelder, ist es wenig überraschend, dass Vorsorge und Impfungen als Signum der Moderne schlechthin interpretiert­ werden. Die Rationalisierung von Risiken und Optimierung der Gesundheit stehen geradezu mustergültig für die Machbarkeitsfantasien »moderner« Gesellschaftsentwürfe. Eine Geschichte der Immunität setzt hinter diese Interpretation indes ein Fragezeichen. Zum einen sind »Vorsorge« und »Moderne« zeitgenössische Begriffe. So regen die vielen Konzepte von »Vorsorge« und »mo­ dernem« Ver­halten in Debatten des 19. und 20. Jahrhunderts dazu an, beide Begriffe als Selbstbeschreibungskategorie zu untersuchen.28 Zum anderen lässt sich vorsorgliches Denken bereits vor der Moderne nachweisen. Insofern möchte­ dieses Buch auch den Wurzeln »moderner« Maßnahmen nachgehen. Mit diesen Zielsetzungen bewegt sich eine Geschichte des Impfens zugleich auf dem Forschungsfeld zur »Sicherheitsgeschichte«.29 Eckart Conze bündelt bisherige Erträge dieser Forschungen im Konzept der »Versicherheitlichung«. Kurz gesagt meint Versicherheitlichung, »dass bestimmte Problemlagen […] als existenzielle Gefährdung wahrgenommen beziehungsweise dargestellt werden«,30 um Interventionen zu legitimieren. Dieser dynamische und akteurzentrierte Ansatz ist für eine Geschichte des Impfens von großer Bedeutung. Er weist darauf hin, dass Sicherheitsvorstellungen wandelbar sind, dass ihre Konzeption spezifischen Interessen gehorcht und in spezifischen Kontexten verhandelt wird. Eine Geschichte der Immunität muss daher Konstruktionen von Krankheit und Sinnstiftungen durch Schutzmaßnahmen tief in zeitgenössische Kontexte einbetten. Die Weite des Feldes macht eine Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands umso notwendiger. Aus den bisherigen Überlegungen zu Potenzialen und Forschungsfeldern leiten sich vier Untersuchungsperspektiven ab, mit denen die vorliegende Geschichte des Impfens Schwerpunkte setzt und ihren Anspruch als Sozial- und Kulturgeschichte einlöst. (1) Erstens spüre ich dem Impfen als Kulturgeschichte des Politischen nach. Wenn Immunität die Aushandlung von Gesundheits- und Gesellschaftskonzepten befördert, kann sich eine Geschichte des Impfens nicht auf die Eta­ blierung gesundheitspolitischer Maßnahmen beschränken. Ebenso geht es im Folgenden darum, wie im Reden über Immunität das gesundheitspolitische Feld etabliert, erkundet und abgegrenzt wurde, wie Akteure benannt und Par-

27 Vgl. Lengwiler u. Madarász; Hähner-Rombach, Einführung; Hannig u. Thießen. 28 Vgl. Raphael, Ordnungsmuster. 29 Vgl. Zwierlein; Daase; Conze, Sicherheit als Kultur; Rödder. 30 Conze, Securitization, S. 459.

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tizipationsmöglichkeiten geklärt wurden.31 In Debatten der Parlamente ging es ja nicht bloß um Impfpflicht und Impfquoten, um Risiken und Sicherheit. Es ging ebenso um die Frage, wer bei diesen Themen überhaupt mitreden durfte. War Vorsorge eine Domäne von Medizinern oder Politikern? Lag die Verantwortung für den »Volkskörper« beim Reich oder in den Ländern, in den Kommunen oder gar »ganz unten«, beim Bürger? Verhandelt wurden in der politischen Kommunikation also nicht nur Impfprogramme, sondern das Politische selbst. An den Regeln und Ritualen des Verhandelns, an der Zusammensetzung der Ausschüsse, Kooperationen zwischen Abgeordneten, Verwaltungsbeamten, Journalisten und Vereinen wurden politische Kompetenzen vermessen. Mit dieser Perspektive erklären sich der erste Schwerpunkt und Aufbau des Buches. In jedem der vier Hauptkapitel erkundet ein Unterkapitel Immunität als Kulturgeschichte des Politischen. Im Fokus dieser Abschnitte steht die Konzeption von Impfprogrammen auf nationaler und kommunaler Ebene. Es geht um Gesetzgebungen und Erlasse ebenso wie um Richtungsentscheidungen und ihre Entscheider, die sich an die Verhandlung des Vorsorgestaats machten. (2) Eine zweite Perspektive eröffnet die Wissensgeschichte. Immunität musste ja nicht nur in Programmen verhandelt werden. Zuvor brauchte es anerkanntes Wissen über Impfstoffe und ihre Wirksamkeit. Der Weg zur virologischen und genetischen Forschung unserer Tage war ein langer, so dass Forscher bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf andere Methoden zurückgriffen. Einige dieser Methoden erscheinen heutzutage erstaunlich, andere sogar gefährlich oder barbarisch. Gleichwohl eröffnen sie uns tiefe Einblicke in zeitgenössische Erfahrungs- und Vorstellungswelten. Eine Wissensgeschichte der Immunität schreibt daher nicht jene typischen Fortschrittsgeschichten der modernen Medizin nach. Vielmehr geht es in dieser Perspektive auch um Irrwege und um das Scheitern der Wissensgenerierung oder kurz: um Wissen als sozialen Konstruktionsprozess. Wissenschaftler produzierten Wahrheiten, indem sie Botschaften und Bilder prägten, die zeitgenössisch Sinn machten und plausibel erschienen.32 Wissenschaftliche Plausibilisierung und Popularisierung hängen eng mitein­ an­der zusammen. Schließlich war Wissensproduktion nicht die einzige Aufgabe von Wissenschaftlern. Zugleich musste Wissen in der Bevölkerung vermittelt werden.33 Eine Popularisierung des Impf-Wissens war schon deshalb notwendig, weil die gesamte Gesellschaft in das Projekt Immunität eingebunden werden sollte. Diese »Durchwissenschaftlichung«34 der Gesellschaft war Segen und Fluch zugleich. Einerseits erforderte die Vermittlung eine Reduktion komplexer Forschungsergebnisse auf einfache Erzählungen und Symbole. Dieses Herunterbrechen erschien Medizinern umso riskanter, weil populäres Wissen ihre Deutungsmacht gefährdete. Das Risiko erhöhte sich sogar noch, wenn ­populäres 31 Vgl. Mergel, Überlegungen; Landwehr. 32 Vgl. Vogel, J., S. 647; Goschler, »Wahrheit«. 33 Vgl. Ash; Schirrmacher u. Thoms; Stehr, S. 171 f., 350. 34 Szöllösi-Janze, Wissensgesellschaft, S. 281.

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Wissen von Impfkritikern aufgegriffen wurde. Andererseits erschien die Popularisierung Wissenschaftlern als Segen, weil sie die gesellschaftliche Relevanz ihrer Forschung erhöhte. Die mediale Präsenz erhöhte das Prestige von Medizinern und machte sie zu Ingenieuren des »Volkskörpers«. (3) Erforschung und Produktion von Impfstoffen sind heutzutage untrennbar miteinander verbunden. In der Regel entstehen Impfstoffe heute nicht in staatlichen Instituten, sondern in Pharmaunternehmen. Das war nicht immer so. Auch diese Entwicklung ist Thema des Buches, das den Verflechtungen von Wirtschaft und Wissenschaft nachspürt. Da diese Verflechtungen im »Dritten Reich« und in der DDR besonders eng waren, ist in beiden Kapiteln kein eigener Abschnitt zur Wissensgeschichte vorgesehen. Stattdessen nehme ich hier die Wissens- und Unternehmensgeschichte gemeinsam in einem Unterkapitel in den Blick, um den Verbindungen von Wirtschaft und Wissenschaft auf die Spur zu kommen. Im 19. Jahrhundert war der Siegeszug von Pharmaunternehmen noch nicht abzusehen. Stattdessen machten sich staatliche Impfanstalten an die Produktion. Sie besorgten das »Impfgeschäft«, wie die Herstellung und Verteilung von Impfstoffen genannt wurde, bevor Pharmaunternehmen ab den 1930er Jahren die Federführung übernahmen. Diesem Prozess der Vermarktlichung spüren die Unterkapitel in wirtschafts- und unternehmensgeschichtlicher Perspektive über einen Zeitraum von 150 Jahren nach. Eine »Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte« betrachtet Weltbilder von Produzenten und die Produkte selbst, um »nach ihrer semantischen Aufladung und Bewertung« zu fragen.35 Für eine Geschichte der Immunität sind solche Ansätze sehr fruchtbar. Schließlich sind Impfstoffe ein Produkt, das potenziell alle Deutschen betraf. Neben der Produktion nehme ich daher vor allem die Vermarktung in den Blick. Für eine Normalisierung von Immunität ist die Bedeutung der Werbung kaum zu überschätzen. Während Wissenschaftler lange Zeit in Vorträgen oder Aufklärungsschriften an »Volkes Vernunft« appellierten, gingen Pharmaunternehmen subtiler vor. Sie schürten Ängste, prägten Bilder und Bedrohungsszenarien und weckten bzw. erhöhten Bedürfnisse nach Impfungen. Dass Pharmaunternehmen seit den 1930er Jahren mit Politik und Presse sowie seit den 1950er Jahren mit zivilgesellschaftlichen Vereinigungen kooperierten, unterstreicht die Bandbreite eines wirtschafts- und unternehmensgeschichtlichen Ansatzes, der das Verkaufen von Immunität in der Gesellschaft verortet. Impulse bietet die wirtschaftsgeschichtliche Perspektive zudem in transnationaler Hinsicht. Pharmaunternehmen spielten von Beginn an auf der internationalen Bühne. Sie sorgten für den Import »ausländischer« Produkte und für internationale Austauschbeziehungen. In dieser Perspektive machen die Unterkapitel nachvollziehbar, wie Forschung und Verkauf von Immunität zur Globalisierung von Sicherheitsvorstellungen beitrugen. (4) Was aber kam von den Konzepten, Produkten und Vermittlungsangebo­ ten in der Gesellschaft an? Wie vermittelte sich Immunität im Alltag, wie und 35 Berghoff u. Vogel, S. 17.

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wo wurden Impfprogramme umgesetzt? Wie wurde überhaupt geimpft, mit welchen Instrumenten und Techniken? In einer vierten Perspektive spürt das Buch diesen Fragen als Erfahrungsgeschichte nach und fragt nach alltäglichen Handlungsmustern.36 Für eine solche Praxeologie der Immunität sind nach wie vor die Studien von Alf Lüdtke zur »Herrschaft als soziale Praxis« anregend.37 Ansonsten liefe man Gefahr, auf biopolitische »top-down-Modelle« hereinzufallen. Der Blick auf die soziale Praxis sensibilisiert hingegen für Konflikte, in denen Impfungen verhandelt, verwandelt und verworfen wurden. Gerade wegen ihrer gesamtgesellschaftlichen Tragweite konnten Impfprogramme nicht einfach »von oben« durchgesetzt werden. Sie wurden »vor Ort« erprobt und variiert, sie gehorchten lokalen Pfadabhängigkeiten und praktischen Umsetzungsproblemen. Die Gliederung der Kapitel anhand dieser vier Perspektiven soll nicht über Überschneidungen hinwegtäuschen, im Gegenteil: Im Folgenden werden Überschneidungen anhand der Kooperationen von Akteuren und Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Feldern in den Blick genommen. Wenn ich den Anspruch erhebe, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkunden, verbieten sich künstliche Grenzziehungen zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Alltag.38 Ein derart grenzenloses Thema stößt zwischen zwei Buchdeckeln schnell an seine Grenzen. Damit ist nicht nur der Untersuchungszeitraum von 1870 bis heute oder der Fokus auf Deutschland im transnationalen Zusammenhang gemeint. Darüber hinaus liegt eine Grenze beim Autor selbst. Ich bin Historiker und trotz jahrelanger Forschungen zur Geschichte der Gesundheit in medizinischen Fragen ein Laie geblieben. Diese Unkenntnis ist einerseits ein Problem. So werden Mediziner an mehreren Stellen des Buches medizinisches Fachwissen ergänzen können. Andererseits ist diese Grenze eben auch ein Gewinn des sozial- und kulturgeschichtlichen Zugriffs: Dieses Buch ist keine Geschichte der Medizin, sondern der Menschen in der Moderne. Es ist die Geschichte eines Zeitalters, in dem die deutsche Gesellschaft ihre Gesundheits- und Sicherheitsvorstellungen veränderte wie nie zuvor – und damit auch sich selbst.

36 Vgl. Reichardt, Praxeologische Geschichtswissenschaft. 37 Lüdtke, S. 13. 38 Vgl. dazu u. a. die Studien in Nikolow.

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2. Immunität als »State Building«: 1870–1930 Am Anfang waren Impfprogramme. Seine festen Formen gewann der deutsche Sozialstaat nicht erst dank Unfall- und Sozialversicherungen. Bereits kurz nach Reichsgründung erprobten die Deutschen mit der Einführung einer reichsweiten Impfpflicht eine universale sozialpolitische Maßnahme. Den Anstoß gab eine ebenso universale Bedrohung. Im deutsch-französischen Krieg brachten französische Kriegsgefangene die Pocken ins Reich. Während unter den geimpften preußischen Soldaten allenfalls 300 Menschen den Pocken erlagen, traf es die Zivilbevölkerung sehr viel schlimmer. Bis 1872 zählte man im Reichsgebiet um die 150.000 Pockentote.1 An sich waren Impfprogramme in Deutschland nichts Neues. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten Länder wie Bayern, Baden oder Württemberg die Pockenschutzimpfung zur Pflicht erklärt. Und doch brachte das »Reichsimpfgesetz« (RIG) etwas Neues. Mit seiner Ausrufung erhoben die Deutschen Immunität erstmals zu einem nationalen Projekt  – der »Vorsorgestaat« war geboren. Diese Geburt veränderte nicht nur Konzepte von der »Volksgesundheit«, sondern ebenso jene vom Staat selbst. Noch im 19.  Jahrhundert hatten in Preußen gegen die Einführung einer Impfpflicht »grundsätzliche Bedenken gegen die Zulässigkeit direkter Eingriffe in die individuelle Freiheit des Staatsbürgers«2 bestanden. Mit solchen Bedenken war es in den 1870er Jahren vorbei. An der Impfpflicht wurden zum ersten Mal der »interventionistische Staat« und seine Aufgabe der »Daseinsvorsorge«3 konzipiert. Die Impfpflicht eröffnete Politikern und Beamten eine Gelegenheit zum state building. Erstmals wurden an einem gesundheitspolitischen Projekt Spielräume, Strukturen und Hierarchien des Nationalstaats erprobt. In diesem Sinne war die Ausrufung des Impfprogramms ein erster Akt »der inneren Reichsgründung«.4 Staatliche Akteure erklärten das Impfen zu einem Projekt, das die Handlungsfähigkeit des »modernen Sicherheitsstaates«5 unter Beweis stellen sollte.

1 Matzel, S. 8. 2 Frevert, S. 74. 3 Ritter, Der Sozialstaat, S. 63, 67–83; vgl. Metzler, S. 16; Kott, S. 165–191. 4 Vgl. Ritter, Die Ursprünge, S. 294. 5 Conze, Securitization, S. 463.

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2.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder Die Pockenschutzimpfung war das Projekt von Politikern und Polizisten, Ärzten, Medizinalbeamten und Lehrern, Wissenschaftlern und Journalisten. Hinzu kamen Vereine, die sich des Impfens annahmen. Während in der Bundesrepublik vor allem Vereine für Impfprogramme aktiv werden sollten, gaben bis in die Weimarer Republik impfkritische Gruppen den Ton an. Pharmaunternehmer betraten hingegen erst später die Bühne.6 Diese Zurückhaltung von Unternehmern hatte auch mit dem Engagement des Staates zu tun. Zwar erregten Impfstoffe gegen Typhus und Ruhr oder Seren wie jene gegen Diphtherie und Tetanus bereits großes Interesse unter Experten, insbesondere im Ersten Weltkrieg. Zu einem nationalen Impfprogramm brachte es bis in die 1930er Jahre jedoch nur die Pockenschutzimpfung. Insofern ist es kein Zufall, dass sie im zeitgenössischen Verständnis als »die« Impfung bezeichnet wurde. Da »die« Impfung seit 1874 als staatliche Aufgabe definiert wurde, überzog ein Netz staatlicher Impfanstalten das Reich, in denen Impfstoffe produziert wurden. Hier also sind die ersten Unternehmer des Impfens zu finden: unter den »Oberimpfärzten«, die sich in den Impfanstalten an die Herstellung der »Pockenlymphe« machten. 2.1.1 Immunität regieren: Entdeckung eines Politikfelds Wenn das Impfen die gesamte Gesellschaft betraf, war dann nicht jeder Politiker zur Klärung der »Impffrage« berufen? Tatsächlich bestachen die zahlreichen Beiträge in Reichstagsdebatten nicht immer durch medizinische Kenntnisse, sondern durch sozial- und innenpolitische Emphase. Dass sich meist Laien zu Wort meldeten, tat ihrer öffentlichen Resonanz keinen Abbruch. So adelte der Impfkritiker Oidtmann den Zentrumsabgeordneten Reichensperger zum »Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht in der Impffrage«.7 Mediziner kamen im Reichstag seltener zu Wort. Ihr bekanntester Vertreter war Robert Koch, der in den 1880er Jahren in die Debatte einstieg. Darüber hinaus brachten sich Mitte der 1870er Jahre die Ärzte Wilhelm Löwe (Nationalliberale) und August Zinn (Fortschrittspartei) als »Väter« des Impfgesetzes ein. Sozialdemokratische oder linksliberale Ärzte prägten erst später, nach dem Ersten Weltkrieg, die Debatten. Tendenziell votierte die Mehrheit medizinisch ausgebildeter Abgeordneter für eine Impfpflicht. Sie sahen in ihr einen Katalysator für die Etablierung einer »Gesundheitspolitik«. Unter den Kritikern bildeten Ärzte hingegen eine Ausnahme, waren Befürchtungen vor einer »Medikalisierung« des Staates eher von 6 Vgl. aber Hüntelmann, Pharmaceutical Markets. 7 BAB, R 86/4671, Oidtmann, November-Flugblatt der Impfgegner, 1879.

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Juristen, Unternehmern oder Lehrern zu hören. Diese berufliche Frontstellung durchzog alle Fraktionen. So waren die wenigen Befürworter der Impfpflicht im Zentrum wie der Abgeordnete Heinrich Gerlach durchweg Ärzte.8 Das parteipolitische Profil der Kritiker lässt sich daher nur grob umreißen. Zwar fanden sich die engagiertesten Gegner bis in die 1930er Jahre im Zentrum und unter Sozialdemokraten. Allerdings spaltete die Impffrage auch diese Fraktio­ nen. So entbrannte auf dem Frankfurter Parteitag der SPD im Oktober 1894 über einen Antrag auf Abschaffung der Impfpflicht eine Diskussion. Ein Erfurter Abgeordneter brandmarkte die Impffrage gar als »Spaltpilz« der Partei. Im Wahlkreis Altona sei es »so weit gekommen, dass ein ›Genosse‹ nur in seiner Eigenschaft als Impfgegner gewählt worden sei.«9 Noch zwanzig Jahre später bezeichnete der »Vorwärts« das Impfen als Thema, »bei dem sich das Für und Wider nicht nach Parteien gliedert, denn auf der rechten wie auf der linken Seite des Hauses wie in seiner Mitte sitzen Gegner als auch Anhänger des staatlichen Impfzwanges.«10 Nachvollziehbar wird die Spaltung an zwei gegensätzlichen Motiven. Einerseits bot die Kritik am Impfgesetz der SPD Gelegenheit, der Reichsregierung eine Vernachlässigung der »eigentlichen« sozialen Probleme vorzuhalten. Andererseits sahen viele Sozialdemokraten Impfungen als Verbesserung an, sanken die Erkrankungszahlen an Pocken doch in allen Schichten. Aber nicht nur die SPD, auch andere Parteien überwarfen sich an der Impffrage. Während in der Fortschrittspartei und unter den Nationalliberalen ein Großteil der Abgeordneten die Impfpflicht stützte, stellte sich eine Minderheit in liberale Traditionen, die staatliche Zwangsmaßnahmen kategorisch ablehnten. Eine Übersicht über die Akteure der Impfpolitik mündet somit in einer ernüchternden Feststellung: Den Impf- bzw. Gesundheitspolitiker gab es nicht. Zwar waren Gesundheit, Hygiene und Medizin allgegenwärtige Themen. Die Kartierung des gesundheitspolitischen Feldes stand indes noch ganz am Anfang. Erst in den 1920er Jahren war in Deutschland von »Gesundheitspolitikern« vermehrt die Rede. Ihre bekanntesten Vertreter wie Alfred Grotjahn und Julius Moses von der SPD sind daher nicht als »Schrittmacher« nur »der sozialdemokratischen Gesundheitspolitik« zu verstehen.11 Ihr Engagement in der Impffrage markiert darüber hinaus eine generelle Entwicklung von 1870 bis 1930: Die langsame Geburt des Gesundheitspolitikers. War Gesundheit zunächst ein Feld, auf dem sämtliche Politiker die Klingen kreuzten, engte sich der Sprecherkreis sukzessive ein.12 Klarer eingrenzen lässt sich ein gesundheitspolitisches Handlungsfeld über die Foren, in denen ums Impfen gerungen wurde. Die Reichs- und Landtage boten dafür die größten Arenen. Exklusivere Kreise formierten sich in den 8 BAB, R 1501/11512, Vossische Zeitung, Der Impfzwang im Reichstage, 30.04.1914. 9 Zit. n. BAB, R 86/4673, Korrespondenzbl. ärztl. Kreis- u. Bezirks-Vereine Sachsen, 01.11.1894. 10 Vorwärts, Impfzwang, 29.04.1914; Hamburger Echo, Zwei Tage Impffrage, 01.05.1914. 11 Schneider. 12 Vgl. als Überblick Woelk u. Vögele.

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Ausschüssen des Reichstags. Schon im Kaiserreich zogen Ausschüsse wie die »Impf­kom­mis­sionen«13 die Arbeit an sich und verlegten die Gesundheitspolitik ins Hinterzimmer. Hier bildeten Mediziner die Mehrheit, was die Konstituierungsphase des Handlungsfeldes noch unterstreicht. Kommissionsmitglieder wie Robert Koch oder Martin Kirchner begriffen sich selbst zwar explizit als Mediziner. Allerdings betrieben sie handfeste Politik. Dass Kirchner sich in den Debatten den Titel als »bestgehaßter Mann«14 der Impfgegner verdiente, ist nur ein Beispiel für die politische Aufladung medizinischer Expertise. Wichtige Foren eröffneten sich auch im Reichsgesundheitsrat und Preußischen Landesgesundheitsrat, weil hier Vertreter verschiedener Ressorts und Länder aufeinandertrafen.15 Ihre institutionelle Heimat fand Gesundheitspolitik im Reichsministerium bzw. Reichsamt des Innern und seit den 1880er Jahren im Kaiserlichen bzw. Reichsgesundheitsamt (KGA/RGA).16 Die Bedeutung des Amts für die Etablierung einer Impfpolitik lässt sich kaum überschätzen, zumal seine Einrichtung vom Impfgesetz befördert wurde. Bei Verabschiedung des Impfgesetzes 1874 war die Forderung nach einer Reichsbehörde laut geworden, die eine Überprüfung der Impferfolge und Bekämpfung von Epidemien übernehmen sollte. Einzelne Abgeordnete erhoben gegen ein solches Amt zwar Bedenken. Nicht ohne Ironie warnte der Staatswissenschaftler Franz Joseph von Buß (Zentrum) während einer Reichstagsdebatte um das Impfgesetz vor den Folgen eines Gesundheitsamtes: »Ein solch junges Reichs-Gesundheitsamt mit allen seinen Dienern wird sich in seiner Reputation zu begründen suchen und würde eine Vielgeschäftigkeit hervorrufen, die unser Aller Gesundheit höchst nachtheilig sein wird.«17 Sein Parteifreund Ludwig Windthorst untermauerte solche Bedenken mit Bildern einer Beamtenflut, die ein Gesundheitsamt auslösen würde: »[S]o befürchte ich, daß bald in Deutschland Niemand übrig bleibt, der nicht ein Staatsamt bekleidet.«18 Die Bedenken entsprachen nicht der Mehrheit im Reichstag. So schloss das Reichsimpfgesetz 1874 mit einer Resolution, dass »die Errichtung eines ReichsGesundheitsamtes thunlichst zu beschleunigen«19 sei. »Die Beratung des Impfgesetzes«, hielt Martin Kirchner Jahrzehnte später fest, »hat eine segensreiche Folge gehabt, nämlich die Begründung des Kaiserlichen Gesundheitsamtes«.20 Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass einflussreiche Akteure im Gesundheitsamt saßen. Franz Bumm, Carl Hamel oder Karl Köhler 13 Vgl. neben den Reichstagsprotokollen die Berichte in AHL, ASA/24075. 14 Rapmund, S. 377. 15 Vgl. Kerscher, S. 85; HStAS, E 130b/2764, Geschäftsordnung Reichs-Gesundheitsrat, o. Dt. 16 Das KGA wurde 1918/19 in RGA umbenannt. Vgl. Hüntelmann, Hygiene, S. 60–75. 17 RTP, 09.03.1874, S. 269. 18 RTP, 14.03.1874, S. 358. 19 RTP, 03.1874, S. 272. 20 Kirchner, Schutzpockenimpfung, S. 39 f.; vgl. RTP, 06.03.1874, S. 244–247.

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wirkten als Präsidenten des KGA und zugleich als Politikberater zur Impffrage. Hinzu kam ein Stab an Mitarbeitern, deren Handschriften sich in vielen Erlassen und Verordnungen des Reichsamts bzw. Reichsministeriums des Innern (RMI) wiederfinden. Auch in diesem Sinne beförderte das Reichsimpfgesetz ein state building. Seine Einführung sorgte für eine Verstaatlichung des Gesundheitswesens, die der Großteil der Abgeordneten als Beginn des modernen Sozialstaats begrüßte.21 Im Gesamtüberblick sticht also die Vielfalt an Akteuren und Institutionen ins Auge, die die Impffrage diskutierten. Bevor in den 1930er Jahren eine Konzentration des politischen Felds einsetzen sollte, stand Impfpolitik auf der Agenda ganz unterschiedlicher Institutionen. Erklären lässt sich diese Vielfalt mit der »Medikalisierung« Europas seit dem 18. Jahrhundert. Gesundheit avancierte zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage, die medizinische, politische, juristische und administrative Antworten erforderte. Der Weite dieses Politikfeldes entsprach seine Größe als Projektionsfläche für politische Fragen. Schließlich rangen nicht nur Parteien um die Impffrage, sondern ebenso mehrere Institutionen, Behörden und Ministerien, die ihre gesundheitspolitische Kompetenz beweisen wollten.22 2.1.2 Beruf und Berufung: Ärztliche Professionalisierung und Selbstbildung Dank Impfungen operierten Ärzte an der Schnittstelle zur »Volksgesundheit«. Das gilt nicht nur im wörtlichen Sinne, weil der Pockenimpfstoff durch Schnitte in den Körper eingebracht wurde. Darüber hinaus eröffnete das Impfen eine Schnittstelle zur Gesellschaft. Während in der ersten Hälfte des 19.  Jahrhunderts noch unterschiedliche Akteure impften, nahmen approbierte Ärzte seit Ausrufung staatlicher Impfprogramme eine Schlüsselstellung ein. Das Impfgesetz schrieb dieses Monopol fest, waren doch »ausschließlich Ärzte befugt, Impfungen vorzunehmen«23. Erstmals avancierten Ärzte dank staatlicher Maßnahmen zu Experten für die gesamte Gesellschaft.24 Es wäre dennoch zu einfach, die Impfbegeisterung von Ärzten auf finanzielle oder standesrechtliche Interessen zu reduzieren. Ein Großteil empfand die Impfpflicht tatsächlich als »Segen«25, wie zeitgenössische Stimmen betonten. Pockenschutzimpfungen senkten die Kindersterblichkeit und verhinderten zuvor allgegenwärtige Folgen der Pocken. Geschwüre, Taubheit oder Blindheit nach Pockenerkrankungen verschwanden mit der Einführung des Impfgesetzes schnell von der 21 Vgl. RTP, 09.03.1874, S. 268–272; Frey, Reichsgesundheitsgesetze, S. 13. 22 Vgl. bereits die zeitgenössische Beschreibung bei Taute, S. 1–3. 23 So die Auslegung des § 7 und 8 des RIG bei Kirchner, Schutzimpfungen, S. 44. 24 Vgl. Huerkamp, The History, S. 630. 25 AHL, ASA/1884, Schreiben des Lübecker Gesundheitsamts an den Senat, 24.02.1921.

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Bildfläche.26 Für Ärzte waren Impfungen also beides, ein Schritt zur Professionalisierung27 und die Erfüllung professioneller Bedürfnisse. Da dieses Bedürfnis Ende des 19. Jahrhunderts immer seltener auf persönlichen Erfahrungen mit den Pocken beruhte, finden sich unter den Ärzten generationelle Gegensätze. So waren ab den 1890er Jahren Klagen zu hören, dass den »jüngeren Aerzten die Schrecken der Pockenseuche aus eigener Anschauung«28 nicht mehr bekannt sei. 1895 machte in Anhalt eine Verordnung auf dieses generationelle Phänomen als generelles Problem aufmerksam und empfahl, »die jüngeren Ärzte mit den Verheerungen, welche frühere Pockenepidemien in Deutschland angerichtet haben, eingehend bekannt zu machen, um ein regeres Interesse für die Schutzpockenimpfung zu bewirken.«29 1917 warnte Heinrich Gins vom Robert Koch-Institut (RKI) in einem Vortrag vor der »geringe[n] Pockenkenntnis der Ärzte«, die eine Pockenepidemie in SchleswigHolstein befördert habe.30 Konsequenzen hatten die unterschiedlichen Erfahrungen auch in der Praxis. Die persönliche Erfahrung der Pocken dürfte das Engagement für Impfungen erhöht haben, während die zunehmenden Zurückstellungen von Impfungen seit den 1920er Jahren den Erfahrungen jüngerer Ärzte entsprachen, welche die Pocken allenfalls aus Lehrbüchern kannten. Unterschiedliche Erfahrungsräume lassen sich auch im eigentlichen Wortsinne feststellen. Neben dem Alter der Ärzte sorgte ihr Wirkungsort für Differenzen. Insbesondere die Migration osteuropäischer Landarbeiter und die Nähe zum »Seuchenherd«, wie Osteuropa nicht nur von Medizinern bezeichnet wurde, erhöhten unter Ärzten den Zuspruch zu Impfungen. Ein Arzt aus Thorn beschrieb diesen Zusammenhang auf dem 39. Ärztetag 1913 so: »Es ist gewiss kein Zufall, dass es bei uns an der russischen Grenze, jenseits der ständig Pocken herrschen, so gut wie keine Impfgegner gibt und dass diejenigen, die als solche nach Thorn kommen, sehr bald bekehrt werden, wenn sie die durch Pockennarben zerstörten Gesichter der russischen Gäste auf der Strasse zu sehen Gelegenheit haben. […] Wenigstens kann ich, der ich hin und wieder […] Gelegenheit habe, Pockenkranke zu sehen und zu behandeln, es mir in der Tat nicht vorstellen, dass ein Mensch, der einmal diese fürchterlichste aller Krankheiten selbst gesehen hat, auch nur ein Wort des Widerspruchs gegen ihre Bekämpfung durch den Impfzwang zu finden mag.«31 Kurz gesagt bildeten Impfärzte angesichts verschiedener Erfahrungen eine heterogenere Gruppe, als man zunächst glauben könnte. Idealtypisch lassen sich vier Gruppen von Impf­ärzten unterscheiden. 26 Vgl. Winkle. 27 Vgl. Huerkamp, Ärzte. 28 BAB, R 86/4703, Rundschreiben des MGUMA, 22.05.1895. 29 BAB, R 86/1235, Ausschnitt aus dem Großherzoglich-Strelitzschen Offiziellen Anzeiger für Gesetzgebung und Staatsverwaltung, Nr. 17, 27.05.1895, S. 3. 30 Gins, Pocken, S. 346. 31 BAB, R 1501/11126, Verhandlungen des 39. Deutschen Aerztetages, 04.07.1913, S. 32.

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Eine erste Gruppe bildeten beamtete Impfärzte, also Amts-, Kreis- oder Landesärzte, die in Medizinalbehörden und staatlichen Impfanstalten arbeiteten.32 Amtsärzte waren für alle Belange des öffentlichen Gesundheitswesens verantwortlich. Zu »Impfärzten« wurden sie vorwiegend während der Pockenimpftermine zwischen Mai und September. Eine Sonderrolle spielten Ärzte staatlicher Impfanstalten. Sie führten nicht nur öffentliche Massenimpfungen durch. Darüber hinaus machten sie sich an die Erforschung neuer Impftechniken. Diese Tätigkeit brachte ihnen eine herausragende Stellung ein, ihr Wort wog in Debatten um das Impfen besonders schwer. Zweitens wurden als Impfärzte auch »Privatärzte« bezeichnet, die während öffentlicher Impftermine als Unterstützung staatlicher Ärzte Massenimpfungen durchführten. Die zeitlich begrenzte Tätigkeit hatte erhebliche Folgen, blieben Privatärzte doch abhängig vom Vertrauen der Bevölkerung, die nach den Impfterminen als Patienten ihre Einnahmequelle bildete.33 Konsequenzen hatte das in Debatten um die Impfpflicht. Ärzte mit eigener Praxis begegneten Zwangsmaßnahmen meist mit größerer Skepsis als ihre beamteten Kollegen. Drittens spielten Privatärzte beim Impfen eine Rolle, weil nicht nur bei öffentlichen Massenimpfungen, sondern ebenso individuell in der Praxis geimpft wurde. Zwar waren Privatimpfungen kostenpflichtig und daher seltener als die meist kostenlosen Massenimpftermine. Allerdings konnten Eltern so den Impfarzt selbst auswählen. Beamtete Impfärzte und Medizinalbeamte kritisierten Privatimpfungen als Einfallstor der Impfverweigerung, was nicht ganz falsch war. Bei ihrem Hausarzt konnten Patienten mit größerer Rücksichtnahme auf individuelle Sorgen rechnen als bei öffentlichen Impfungen mit hunderten Impflingen. Die vierte und kleinste Gruppe unter den impfenden Ärzten machten die Impfkritiker bzw. Impfzwangkritiker aus. Damit waren Verfechter naturheilkundlicher Verfahren ebenso gemeint wie jene Ärzte, denen nur die Impfpflicht als Zwangszugriff zu weit ging. Da Ärzten bei Nichterfüllung der Impfpflicht eine Strafe drohte, standen nur wenige von ihnen als Impf- oder Impfzwanggegner in der Öffentlichkeit. Die Dunkelziffer dürfte indes höher gewesen sein, wenn man die zahlreichen Impfbefreiungen von Privatärzten berücksichtigt. Die hier vorgeschlagene Differenzierung in vier Gruppen macht deutlich, dass wir nicht von »den« Ärzten oder »der« Ärzte­ schaft sprechen können.34 Vielmehr gilt es genau hinzusehen, wer überhaupt impfte und davon profitierte. Insofern waren Impfungen nicht nur ein Motor der Professionalisierung für die Ärzteschaft. Sie beförderten zugleich Differenzierungsprozesse innerhalb der Ärzteschaft, die am Impfen unterschiedliche Konzepte von Gesundheit, Patienten und seiner Behandlung verhandelten. Aus all diesen Gründen erhielt man auf die Frage: »Wer darf impfen?« von Ärzten unterschiedliche Antworten. Insbesondere das Verhältnis zwischen beamteten Impfärzten auf der einen Seite und den »Privatärzten« mit eigener Pra32 Vgl. Moser, »Im Interesse«, S. 30–32. 33 Vgl. BAB, R 86/4638, Schreiben der Königsberger Impfanstalt an KGA, 22.02.1926. 34 Vgl. auch Nolte, K., S. 84.

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xis auf der anderen sorgte für Streit. Hatten nach Ausrufung des Impfgesetzes zunächst Privatärzte den Großteil der öffentlichen Impfungen übernommen, rückten mit dem Ausbau der Impfanstalten staatliche Ärzte in die erste Reihe. Sie plädierten mit Nachdruck dafür, Impfungen ganz in ihre Hände zu legen. Im Juli 1898 machte sich auch Robert Koch während einer Beratung im KGA dafür stark: »Die Impfung ist eine der bedeutendsten sanitären Maßnahmen. Es ist deshalb wünschenswerth, dass der beamtete Arzt die Impfung selbst übernimmt, umso mehr als er dadurch in seinem Bezirke die Verhältnisse genauer kennen lernt.«35 Offenkundig ging es beim Impfen um die grundsätzliche Frage, wer den Zugriff auf die Bevölkerung erhalten sollte. In diesem Sinne war die Verstaatlichung des Impfens sowohl ein Versuch, das Verhältnis von Gesundheitswesen und Gesellschaft zu bestimmen, als auch das zwischen staatlichen und Privatärzten. Das letztgenannte Verhältnis blieb schon deshalb gespannt, weil Impfungen Privatärzten ein Zusatzeinkommen garantierten. So warnte Martin Kirchner im Reichsgesundheitsrat im Februar 1914, dass »eine Ausschaltung der Privatärzte von den öffentlichen Impfungen geeignet [ist], die Beziehungen zwischen dem Kreisarzt und den praktischen Ärzten zu schädigen«.36 In dieselbe Kerbe schlugen auf dieser Sitzung weitere Experten. Wegen ihres engen Verhältnisses zur Bevölkerung hielt der Berliner Arzt Böing »praktische Ärzte«37 sogar für geeigneter als beamtete. Böings Feststellung war wohl nicht ganz uneigennützig, betrieb er zu diesem Zeitpunkt doch eine eigene Praxis. Gleichwohl stieß sein Argument im Reichsgesundheitsrat auf Resonanz, wie das Schlusswort des Medizinalrats Kraus belegt: »Es sei auch im Interesse der Volkstümlichkeit der Impfung erwünscht, dass die praktischen Aerzte, die doch in vielen der in Betracht kommenden Familien die Hausärzte seien, die öffentliche Impfungen ausführen.«38 An der Antwort auf die Frage: »Wer darf impfen?« entschied sich also nicht zuletzt das Verhältnis zwischen Medizinern und Gesellschaft. Allen Differenzierungen zum Trotz war das »Impfgeschäft« für die Ärzteschaft ein Glücksfall. Im Gegensatz zu anderen medizinischen Maßnahmen machten Impfungen den Segen ärztlichen Handelns sichtbar. Außerdem erweiterte sich dank Impfungen das Handlungsfeld. Ärzte waren fortan nicht mehr nur für Therapien verantwortlich. Dank Impfungen konnten sie gleichsam die Zukunft gestalten. Die Pockenschutzimpfung schrieb also eine Erfolgsgeschichte medizinischen Fortschritts, in die sich eine ganze Profession einschreiben konnte.39 Entsprechende Belege bieten die Ärztetage, wo das Impfgesetz seit seiner Einführung jahrelang auf der Tagesordnung stand.40 Im Kern 35 BAB, R 86/2697, Protokoll zur Sitzung im KGA, 06./07.07.1898, S. 38. 36 AHL, NSA/1884 und BAB, R 86/2697, Protokoll RGR, 26.–28.02.1914, S. 11. 37 BAB, R 86/2697, Protokoll RGR, 26.–28.02.1914, S. 11–12. 38 Ebd., S. 13. 39 Vgl. Dinges, Aufstieg. 40 Vgl. die Protokolle in BAB, R 1501/11124.

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ging es dabei um den Umgang mit Impfgegnern und um das Selbstverständnis des Arztes. Dass beide Punkte untrennbar miteinander zusammenhingen, wurde bereits 1876 deutlich, als auf dem Ärztetag von Impfkritikern als »Gegnern« der Ärzteschaft die Rede war. Dem »blinden Eifer« der Impfgegner stand hier das objektive Wissen »ehrbarer Ärzte« gegenüber, wie Funktionär Börner erklärte: »wenn ich eine Reihe von Körperschaften habe, zusammengesetzt aus Männern, die wir auch sonst in der Medizin hochstellen, die wir achten wegen ihrer streng logischen Denkart, ihres feinen Beobachtungsvermögens, und die sagen sich: Es ist ein Unsinn, eine solche Agitation gegen eine Institution wie das Impfen, zu machen; und wenn wir dann die Gegner ansehen, […] dann dürfen wir von vornherein sehr zweifelhaft sein, ob die Beispiele, die sie uns bieten, einer eingehenden und weiteren Analyse irgendwie genügen«.41 In solchen Reden avancierten Impfungen zu einem Medium ärztlicher Selbstverständigung. An der Gegenüberstellung von impfgegnerischer »Agitation« und »nüchterner Wissenschaft« schälte sich das Leitbild des modernen Arztes heraus, der sich allein »an einer Kette wohlfundirter Thatsachen«42 festhalte. Die Ärztetage erhöhten das Impfen damit zur Glaubensfrage, an der die Zugehörigkeit zur­ Ärzteschaft entschieden wurde. Insofern war es nur folgerichtig, dass impfkritische Ärzte wie Heinrich Oidtmann nach solchen Debatten nicht mehr an Ärztetagen teilnahmen.43 Es ist wohl kein Zufall, dass derart standesbewusste Selbstverständigungen auf den frühen Ärztetagen seit den 1870er Jahren beliebt waren. Schließlich war die gesellschaftliche Stellung der Zunft zu diesem Zeitpunkt keineswegs unangefochten.44 Umso engagierter griffen Ärztetage die Impffrage als Test für die Macht des Ärzteverbandes auf. Gelegenheit bot dafür etwa die Erklärung des Ärztetages von 1876 »für die Aufrechterhaltung des Reichsimpfgesetzes«. Angesichts der »Agitation« der Impfgegner sah Referent Brauser diese Erklärung vor allem als eine Demonstration der ständischen Schlagkraft an: »Der deutsche Aerztevereinsbund hat sich in den wenigen Jahren seines Bestehens bereits soweit über ganz Deutschland ausgedehnt und so gekräftigt, dass sein Ausspruch wohl als das Urtheil der grossen Mehrheit der deutschen Aerzte angesehen werden kann«.45 Ließ sich das politische Gewicht der Ärztevereinigung in den 1870er Jahren noch schwer messen, gab man sich 40 Jahre später selbstbewusster. Als auf dem 39. Ärztetag 1913 die Impffrage erneut aufkam, fühlte sich die Profession zu einer Resolution herausgefordert, mit der sowohl der gesellschaftliche Gestaltungsanspruch der Ärzteschaft als auch ihr Standesbewusstsein bewiesen werden sollten: »Der 39. Deutsche Aerztetag, die Vertreterversammlung 41 BAB, R 1501/11124, Aerztl. Vereinsblatt f. Deutschl., Nr. 51, 7/1876, S. 88, 90–92, 118. 42 So der Königsberger Prof. Bohn auf dem Eisenacher Ärztetag 1879. BAB, R 1501/11124, Verhandlungen des VII. Deutschen Aerztevereinstages, 12./13.09.1879, S. 2 und 6. 43 Vgl. Oidtmann; Marcus, Die Verhandlungen des achten Deutschen Aerztetages, S. 778 f. 44 Vgl. Huerkamp, Der Aufstieg, S. 194–239; Schweickardt, S. 158–160. 45 BAB, R 1501/11124, Aerztliches Vereinsblatt für Deutschland, Nr. 51, Juli 1876, S. 93.

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von 26.500 im Deutschen Aerztevereinsbunde vereinigten deutschen Aerzten, verlangt einmütig die Aufrechterhaltung des Reichsimpfgesetzes […] und weist auf Grund der glänzenden Erfahrungen von fast 40 Jahren und angesichts der andauernden grossen Pockengefahr alle Angriffe gegen dieses so segensreiche Gesetz als unberechtigt zurück.«46 Die Einführung der Impfpflicht beförderte also eine Professionalisierung und Subjektivierung. Beim Impfen definierten sich Ärzte als rationale Wissenschaftler und »Volksbelehrer«.47 Mit diesem Belehrungsanspruch verband sich zudem ein berufsspezifisches Politikverständnis. In politischen Debatten über das Impfen stellten Ärzte ihr Wissen »der« Politik gegenüber und immunisierten sich so gegenüber Kritik »von außen«. Der im Reichstag häufig zu hörende Hinweis, dass Ärzte bei der Klärung der Impffrage allein wissenschaftlicher Objektivität verpflichtet seien, gibt ein Beispiel dieser ärztlichen »Gegenpolitik«.48 Immunität war nicht nur eine Lehre, die medizinische Wahrheiten enthielt und gesellschaftliche Gestaltungsansprüche unterstrich, sondern ebenso eine Lehre im Wortsinne, mit der sich Ärzte von »Ungläubigen«49 ebenso abgrenzten wie vom »parteipolitischen Gezänk«. Ärzte ergriffen mit dem Impfen ein Werkzeug des social engineering, das ihrem Selbstbild vom »kühlen Kopf«50 Ausdruck verlieh. Der Subjektform des Immunisierers entsprach ein Arzttypus, der nicht mehr nur Therapeut, sondern Sozialplaner sein wollte, der Gefahren der Zukunft vorbeugen und damit die Gesellschaft als Ganzes gestalten konnte. 2.1.3 Wissen schaffen: Forschungseinrichtungen und Wissenschaftler Ein Überblick über die Wissenschaftslandschaft lässt sich schnell gewinnen. Selbst wenn die Pockenschutzimpfung tendenziell jeden Deutschen betraf und enorme Ressourcen verschlang, konzentrierte sich ihre Erforschung auf einzelne Einrichtungen. An erster Stelle standen die Impfanstalten, die sowohl den Impfstoff als auch Wissen über seine Herstellung und Anwendung produzierten. Demgegenüber spielten Forschungseinrichtungen wie das RKI oder das Paul-Ehrlich-Institut für die Impfforschung zunächst eine Nebenrolle. Erst mit der Errichtung einer eigenständigen »Pockenabteilung« gingen vom RKI Impulse für die Impffrage aus.51 In der Weimarer Republik avancierte ihr Leiter, Heinrich A. Gins, dann zum Wortführer staatlicher Impfprogramme. Vor diesem Hintergrund lassen sich Akteure und Handlungsfelder einer Wissensgeschichte charakterisieren. Zum einen wurden Erkenntnisse über Immu­ 46 BAB, R 1501/11126, Verhandlungen d. 39. Deutschen Aerztetages, 04.07.1913, S. 31. Verlesen wurde die Resolution im Reichstag, vgl. RTP, 29.04.1914, S. 8334. 47 Michl, S. 87. 48 Vgl. Weidner. 49 So die Bezeichnung im Bericht über Reichstagsdebatten bei Marcus, Die Petitionen, S. 473. 50 Etzemüller. 51 Vgl. Hinz-Wessels, Das Robert Koch-Institut, S. 12 f.

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nität seltener in Laboren als im Alltag gewonnen. Obgleich die Entdeckungen der Erreger der Tuberkulose, Cholera oder des Typhus vom Anbruch des bakteriologischen Zeitalters kündeten, blieb der experimentelle Ertrag für Impfprogramme gering. Wichtigere Erkenntnisse erbrachten Beschreibungen von Pockenausbrüchen oder Beobachtungen aus Impfterminen. Insofern trugen nicht nur Wissenschaftler an Forschungseinrichtungen zum Erkenntnisgewinn bei. Ebenso oft meldeten sich Praktiker zu Wort, so dass in Fachzeitschriften bis in die 1930er Jahre immer wieder von Erfahrungen einzelner Ärzte zu lesen war, deren Repräsentativität mitunter von den Verfassern selbst bezweifelt wurde. Dass solche Beweisführungen gegen zeitgenössische Standards wie die Kochschen Postulate verstießen,52 tat ihrer Verbreitung keinen Abbruch. Angesichts der geringen Zahl an Forschungseinrichtungen waren Erfahrungen »von unten« gefragt. In diesem Sinne war jeder Impftermin ein Forschungsvorhaben, legten Einzelberichte das Fundament für generalisierende Aussagen. Das bedeutet keineswegs, dass jeder Interessierte in Publikationen und Vorträgen sein Publikum fand, im Gegenteil. Selbstverständlich steckten auch im Kaiserreich Wissenschaftler in Netzwerken, die ihnen Mitspracherechte eröffneten oder verweigerten. Plausibilität, Produktivität und Popularität der Akteure waren immer auch eine Frage der Vernetzung, wobei insbesondere die »Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte« hervorstachen. Die Studien fanden Verbreitung in Ministerien und Behörden und wurden von diesen gefördert. Schließlich legitimierten wissenschaftliche Erkenntnisse zur Impffrage im Speziellen den »Vorsorgestaat« im Allgemeinen, was Wissenschaftlern sehr bewusst war. Sie unterstrichen die staatstragende Bedeutung des Impfens aus Eigeninteresse, so dass Wissenschaft und Politik im Folgenden stets »als Ressourcen füreinander«53 zu verstehen sind. Wissen schaffen war beim Impfen damit Ausdruck jenes »disziplinären Differenzierungsprozesses«,54 in dem Universitäten gegenüber Staatsanstalten in die zweite Reihe traten. 2.1.4 Impfkritik: Vom Werden und Wirken einer sozialen Bewegung Formierte sich mit den Impfgegnern tatsächlich so etwas wie eine »soziale Bewegung«? Auf den ersten Blick ist die Bandbreite impfkritischer Positionen zu groß, um sie auf einen Begriff zu bringen. Am einen Ende dieses Spektrums standen Radikale, die das Impfen als Vergiftung des Körpers brandmarkten. Selbst der zeitgenössische »Bestseller der Selbstsorge«,55 das beliebte Handbuch »Die Frau als Hausärztin« griff diese Furcht auf und empfahl gar die Flucht vor dem Impfgesetz: »Wer es vermag, verlasse Deutschland, bis die Kinder er­ 52 Vgl. Gradmann, Alles eine Frage, S. 121–148. 53 Ash. 54 Szöllösi-Janze, Die institutionelle Umgestaltung, S. 65 u. 63. 55 Oels.

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wachsen sind«.56 Am anderen Ende standen Kritiker der Impfpflicht, die zwar nicht den Nutzen des Impfens, aber den staatlichen Zwangs in Frage stellten. Der Vielfalt an Positionen entsprach die Vielfalt gesellschaftlicher Kontexte, in denen Impfkritik laut wurde, so dass in diesem Überblick drei Wurzeln der Impfkritik skizziert werden: die Lebensreform, die Sozialhygiene und der politische Liberalismus. Dass die Lebensreform eine Wurzel der Impfkritik bildete, ist wenig überraschend. Schließlich liefen mehrere ihrer Leitlinien in der Impfkritik zusammen. Gesundheit war dieser Ansicht nach das Ergebnis konsequenter Hygiene und körperlicher »Ertüchtigung«.57 Einer der engagiertesten Impfgegner dieser Zeit, der Generalsekretär des »Internationalen Impfgegnerbundes« Heinrich Molenaar, brachte diese Auffassung 1912 auf den Punkt: »Die modernen Arzneien heißen: Luft, Sonne, Wasser und giftfreie Diät.«58 Als Gift erschien Lebensreformern sowohl alles Künstliche als auch die Folgen der Moderne: Das waren der Schmutz und der Lärm der Städte, Rausch- und Genussmittel oder die »Medikamentensucht« der »Schulmedizin«. Im Impfen verdichteten sich für Lebensreformer alle diese Probleme: Der Impfstoff vergiftete den gesunden Körper, er verhinderte zudem eine natürliche »Feiung« und machte hygienische Maßnahmen überflüssig.59 Politische Sprengkraft gewann lebensreformerische Impfkritik, weil sie nicht nur auf die Lebensführung des Individuums zielte, sondern auf die Verbesserung der Gesellschaft als Ganzes. In diesem Sinne war die Lebensreformbewegung »eine gesundheitliche Präventionsbewegung«,60 die sich gegen das Interventionsmonopol des Staates richtete. Verbreitung fand unter Lebensreformern etwa Hugo Wegeners Buch »ImpfFriedhof«, das selbst im Reichstag auf Resonanz stoßen sollte. Das Buch wandte sich nicht nur gegen eine »Impf-Inquisition«, wie das Reichsimpfgesetz tituliert wurde. Wegener schoss ebenso scharf gegen die Ärzteschaft, die »hilflosen Wesen gegen den Willen der Eltern, gegen Gesetz und Verfassung zwangsweise Gift in die Blutbahn« brächten.61 Vor allem aber belegte Wegener die Folgen des Impfens an 771 »Impfschäden«, die er Fall für Fall in seinem Buch dokumentierte. Neben 180 Abbildungen kamen Berichte betroffener Eltern, Meldungen aus Zeitungen oder amtlichen Quellen zum Einsatz. Wegener konnte zwar keine experimentellen Beweise für den Nachteil der Impfung erbringen. Impfbefürworter wie Martin Kirchner hatten daher wenig Mühe, die Wissenschaftlichkeit solcher Positionen zu hinterfragen. Gleichwohl machte der »Impf-Friedhof« mit seiner Inszenierung des Impftodes Eindruck selbst im Reichstag.

56 Fischer-Dückelmann, S. 383. 57 Vgl. Möhring, Marmorleiber, S. 261–283. 58 Molenaar, S. 1. 59 Ebd., S. 44 f. 60 Briesen, S. 92. 61 Wegener, S. 283.

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Abb. 1: »Wahrhafter Schauder«: Darstellung eines »Impfschadens« mit Impfnarben am rechten Arm

»Mit wahrhaftem Schauder« verwies etwa der Zentrumsabgeordnete Maximilian Pfeiffer in einer Reichstagsdebatte 1911 auf »die entsetzlichen Bilder, die auf dem Tische des Hauses wieder niedergelegt sind«.62 Tatsächlich gaben sich Wegener und andere Impfgegner alle Mühe, um den Eindruck der Bilder zu verstärken. In dem hier abgebildeten Fall eines knapp zweijährigen, nach einer Massenimpfung verstorbenen Jungen, kontrastierte der »Impf-Friedhof« das Bild des toten mit einer Aufnahme des lebenden Jungen und mündete in der bitteren Anklage, dass sich wegen der Impfung »eine blühende, glückliche Kinderseele […] gewaltsam von ihrem Körper trennen«63 musste. Es wäre zu einfach, solche Inszenierungen als Polemik abzutun. Viele der Impfgegner glaubten 62 RTP, 30.01.1911, S. 4274. 63 Wegener, S. 21, hier auch die nebenstehende Abbildung.

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wohl an die Kolonnen von Impftoten, die sie in Büchern, Zeitschriften und Petitionen zusammentrugen. Schließlich passte der Impftod zu lebensreformerischen Konzepten, verdichteten sich Ängste vor der Vergiftung des Körpers im Impftod. Solche Ängste waren im Übrigen nicht nur in Zirkeln eingeschworener Impfgegner verbreitet, sondern wirkten bis in die Ärzteschaft, wie ein Kölner Medizinalrat 1905 besorgt feststellte. »Der Kampf gegen die […] Zwangsimpfung« werde auch von »approbirten Ärzten in besonderen Zeitschriften und kompilirten populären sog. Lehrbüchern«64 geführt. Eine zweite Wurzel der Impfkritik war die Sozialhygiene bzw. Sozialmedizin. Obgleich Sozialhygieniker der Schulmedizin gegenüber aufgeschlossen waren, stießen Impfungen auch hier auf Kritik. Ihrer Ansicht nach sollte es bei der Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse in erster Linie um soziale Maßnahmen gehen. Die »ungesunden Städte« und Folgen der Industrialisierung bildeten den Hintergrund für solche Konzepte, die von Sanitärmaßnahmen bis zur hygienischen Bildung des Arbeitermilieus reichten.65 In diesem Kontext erschien die Pockenschutzimpfung als Problem, da sie die Folgen, nicht aber die sozialen Ursachen der Krankheit verhinderte. Impfprogramme galten Sozial­ hygienikern als politisches Feigenblatt, das die eigentlichen Probleme verdeckte. So unterstrich Alfred Gottsteins populäre »Lehre von den Epidemien« zwar die Wirksamkeit der Pockenschutzimpfung. Als Ursache für das »Verschwinden der Pocken« führte Gottstein indes soziale Verbesserungen an und mahnte jeden Einzelnen »an seine Pflichten«: »Es genügt nicht, daß er sich auf den Staat verläßt, nein, er selbst muß mitwirken, mithelfen, unablässig mitarbeiten.«66 In dieser Perspektive fanden Impfskeptiker bzw. Impfzwang-Kritiker zusammen, die Vorteile hygienischer Maßnahmen gegenüber Impfungen betonten. Insofern wird nachvollziehbar, warum sich unter Kritikern oft Vertreter der Sozialdemokratie wiederfanden. Ihnen galt »die Impferei« als Bankrotterklärung vor sozialen Problemen, ja, als Fortsetzung des Klassenkampfes mit medizinischen Mitteln. Ihren Höhepunkt fand diese Kritik in der Weimarer Republik, als zwei wortgewaltige Akteure der Sozialdemokratie gegen die Impfpflicht wetterten.­ Alfred Grotjahn und Julius Moses waren in Gesundheitsfragen die profiliertesten Vertreter der SPD, deren Stimmen in Presse und Parlamenten gehört wurden. Auch in liberaler Perspektive war gegen eine Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse eigentlich nichts einzuwenden. Politiker wie Ludwig Windthorst, August Reichensperger oder Maximilian Pfeiffer wehrten sich dennoch gegen eine Impfpflicht, da diese die Mündigkeit des Einzelnen einschränke. Für sie war Gesundheitspolitik ein Projekt der Aufklärung, mit dem sie die Bevölkerung zur Mitwirkung gewinnen wollten. Befeuert wurde ihre Ablehnung des Impfzwangs vom Risiko der »Impfschäden«. Da staatliche Impfprogramme das 64 Schwartz, S. 338. Schwartz bezog sich hier u. a. auf Veröffentlichungen im »Impfgegner« von W. Ressel, Max von Niessen, Adolf Vogt und auf das »Lehrbuch der Naturheilmethode«. 65 Vgl. Heinzelmann; Moser, »Im Interesse«. 66 Gottstein, S. 200 f.

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individuelle Risiko eines Impfschadens den Risiken für das Allgemeinwohl unterordneten, hebelten sie nach Ansicht der Kritiker bürgerliche Grundrechte auf Selbstbestimmung, auf Unverletzlichkeit der Familie und des Körpers aus. Obgleich an diesen drei Strömungen die Bandbreite der Impfkritik deutlich wird, fand sie seit den 1870er Jahren doch in der gemeinsamen Forderung nach einer »Gewissensklausel« zusammen. Das Unbehagen über »Impfschäden« und die Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts einte unterschiedliche Milieus. »Wenn es überhaupt ein unantastbares Eigentum gibt«, brachte Heinrich Molenaar dieses Unbehagen auf den Punkt, »so ist es der gesunde Leib. Diesen unverdorben erhalten zu dürfen, ist das elementarste Menschenrecht, das es­ geben kann.«67 Solche Positionen entsprachen nicht nur lebensreformerischen Vorstellungen. Sie gaben zugleich den Grundrechten Ausdruck, die Liberale verteidigten. Und mochten die meisten Sozialhygieniker Impfungen nicht als Vergiftung brandmarken, sahen sie doch in sozialen Maßnahmen sinn­vollere Ansätze zur Verbesserung der »Volksgesundheit«. An dieser Schnittmenge wird das Mobilisierungspotenzial des Impfens nachvollziehbar. Die Impfkritik sprach gesellschaftliche Kreise von proletarischen Milieus bis tief ins Bürgertum an. Dieser parteiübergreifenden Bindekraft trugen übrigens auch die Statuten impfgegnerischer Vereine Rechnung. So hielt der »Verein der Impfgegner« bei seiner Gründung fest, dass er »der Erörterung aller politischen Fragen« gegenüber aufgeschlossen sei.68 Obwohl sich Impfkritik aus unterschiedlichen Milieus speiste, wurde sie in Debatten und in der Presse erstaunlich oft als einheitliche »Bewegung« bezeichnet.69 Salopp gesagt waren Impfgegner, Impfskeptiker und Impfzwang-Kritiker zwar ein ungemein heterogener Haufen. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner, die Ablehnung einer Impfpflicht, beförderte indes eine soziale Mobilisierung, die in Parlamenten, Presse und in der Praxis spürbar wurde. Zu einer »sozialen Bewegung« wurde die Impfkritik also erst durch die Außenwahrnehmung. Insbesondere die Befürworter einer Impfpflicht betonten immer wieder die Bedrohung durch »die« Impfgegner, die dem Sozialstaat den Kampf angesagt hätten. Der Institutionalisierung des Impfens am Ende des 19.  Jahrhunderts entsprach eine Institutionalisierung der Impfgegnerschaft. Hatten sich vor Ausrufung des Impfgesetzes Einzelpersonen wie Oidtmann oder Molenaar hervorgetan, setzte bald eine Gründungswelle von Vereinen ein. Den Auftakt machte der Hamburger »Anti-Impfverein« im Jahr 1874, der bereits ein Jahr später in einer Petition an den Reichstag knapp 16.000 Unterschriften gegen das Impfgesetz zusammenbekam.70 Einen großen Schritt für die öffentliche Wahrnehmung machte 1911 die Gründung des »Reichsverbandes zur Bekämpfung der Impfung«, der als Dachorganisation die Tätigkeit von mittlerweile mehr als 67 Molenaar, S. 86. 68 BAB, R 86/4672, Abschrift des Berliner Polizeipräsidenten, 09.02.1885. 69 Vgl. Ungar, S. 17. 70 BAB, R 1501/11124, Aerztliches Vereinsblatt für Deutschland, Juli 1876, S. 90–91.

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40 impfkritischen Vereinen bündelte.71 Im Reichsverband erschien zudem die Zeitschrift »Der Impfgegner«, die bis zum Ende der Weimarer Republik den impfkritischen Grundton angeben sollte.72 Trotz bzw. wegen der sukzessiven Institutionalisierung traten in den Vereinen immer wieder Differenzen zu Tage. In der gemeinsamen Forderung nach einer Gewissensklausel flossen zwar unterschiedliche Strömungen zusammen. Der Teufel steckte indes im Detail, wie der Frankfurter Impfgegner-Kongress 1911 offenbarte. Hier wurden Initiativen für eine neue »Kampfesweise des Verbandes«, der sich fortan auf die Einführung der Gewissensklausel konzentrieren sollte, nach »langer Debatte abgelehnt«. Lebensreformern erschien die Forderung zu pragmatisch, beharrten sie doch auf einem Beschluss für »wahren gesundheitlichen Fortschritt« und eine generelle Ablehnung von Impfungen. Auch regionale Unterschiede scheinen immer wieder für Streit gesorgt zu haben, wie »Zwischenfälle« auf dem Frankfurter Kongress und dort zu hörende Vorwürfe der »Eigenbrödelei« an den Berliner »Bund der Impfgegner« offenbarten.73 Einigkeit bestand auf dieser Tagung hingegen über eine stärkere Einbindung von Frauen in die Vereinsarbeit. Seit der Jahrhundertwende waren erste Frauenverbände gegen das Impfen gegründet worden, die aus der »Frauenbewegung« Impulse erhalten hatten.74 Der Frankfurter Kongress bot nun der »1. Tagung impf­zwanggegnerischer Frauen Deutschlands« ein Forum.75 Gleichwohl trat hier die »Mehrzahl der Rednerinnen dafür ein, dass keine besonderen Frauenvereine gebildet werden sollten, um eine Zersplitterung der Kräfte zu vermeiden«.76 Dieser Entschluss lässt sich in zwei Richtungen interpretieren. Einerseits erforderte der politische Kampf männliche Akteure, die im Reichstag aktiv werden konnten. Andererseits war eine Einbindung von Frauen in die Vereinsarbeit ein wichtiger Faktor für die Verankerung der Vereine, da Impfungen in der Praxis vor allem Frauen beschäftigten. Impfkritische Zeitschriften, Flugblätter und Broschüren sprachen daher Bedürfnisse von Müttern gezielt an. Lange vor Einführung des Frauenwahlrechts fungierten Frauen somit als Hebel zur sozialen Mobilisierung. Ob impfgegnerische Frauen deshalb sogar Grund zum Fürchten gaben, wie ein Gedicht zum Frankfurter Kongress 1911 nahelegte, muss mangels aussagekräftiger Quellen leider offen bleiben: »Was gilt’s – der Sieg wird baldigst unser werden, / Vor unserem Hilfskorps muß dem Feinde

71 Laut »Reichsverband« waren 1911 42 Vereine dem Verband angeschlossen, wobei keine Angaben über Mitgliederzahlen überliefert sind. Leven geht für 1914 von 300.000 Mitgliedern aus. Angesichts der jährlich bis zu 100.000 Unterschriften in den Reichstags-Petitionen erscheint Levens Zahl plausibel. Vgl. Frankfurter Nachrichten, Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung, 14.09.1911; Leven, Geschichte der Medizin, S. 83. 72 Vgl. BAB, R 86/4638 und Maehle, S. 128. 73 Frankfurter Zeitung, Fünfter deutscher Impfgegner-Kongress, 10.09.1911. 74 Ebd. 75 StAF, MA/2477, Programm Tagungen Impfgegner in Frankfurt, 08.–10.09.1911. 76 Frankfurter Zeitung, Fünfter deutscher Impfgegner-Kongress, 10.09.1911.

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grau’n, / Mag er sich unbesiegbar auch geberden [sic] – / Auf uns’rer Seite kämp­ fen uns’re Frau’n!«77 Bis in die 1920er Jahre war Impfkritik ein internationales Phänomen. Forciert wurden internationale Netzwerke durch die Gründung des »Internationalen Verbandes der Impfgegner« in Paris 1880, die auf deutscher Seite gar als »Mobilmachung«78 verstanden wurde. Den engsten Austausch betrieben deutsche Impfgegner mit England. Einerseits galt es als »Mutterland« des Impfens, da hier die Impfpflicht relativ früh eingeführt worden war. Andererseits wandelte sich England am Anfang des 20.  Jahrhunderts zu einem Musterbeispiel für eine Liberalisierung. Seit den »Vaccination Acts« von 1898 und 1907 galt hier die Gewissensklausel (conscience clause), mit der Eltern ihre Kinder von der Impfpflicht entbinden konnten. Die Gewissensklausel brachte England unter Impfbefürwortern fortan den Beinamen »Eldorado der Impfgegner« ein.79 Internationalität diente Impfgegnern als Schwert, mit dem sich in zwei Richtungen schlagen ließ. Zum einen sollten internationale Beziehungen den Druck auf deutsche Politiker erhöhen. Die Veranstaltungen des »Internationalen Congresses der Impfgegner« in Köln 188280 oder des »Weltkongresses der Impfgegner« in Berlin Ende September 189981 wurden von Impfgegnern folglich als »Ansturm«82 gegen das deutsche Impfgesetz gefeiert. Selbst wenn die Tagung »eigentlich nur ein deutscher Kongress«83 war, wie ein Mitarbeiter des Kaiserlichen Gesundheitsamts auf dem Berliner Weltkongress beobachtete, stieß sie in der Presse dank ihres internationalen Anstrichs auf Resonanz.84 Zweitens stärkte der internationale Austausch Argumente für nationale Debatten, wie der Internationale Kongress der Impfgegner in Frankfurt 1911 betonte:85 »Die Internationalität ist gerade für die Frage nach dem Werte der Impfung bedeutend, als sie Vergleich und Austausch von Erfahrung in den verschiedenen Ländern ermöglicht.«86 Seit der Abschaffung der englischen Impfpflicht zogen Impfgegner vor allem Vergleiche zwischen Deutschland und England, um den Nutzen von Zwangsimpfungen zu hinterfragen.87 77 StAF, MA/2477, Einladungskarte zu Tagungen der Impfgegner. 78 BAB, R 86/4671, H. Oidtmann, Bericht über den Stand der Impffrage 1881. 79 So u. a. Gins, Über die Einfügung, S. 32. 80 BAB, R 86/4677, H. Oidtmann, Bericht über den nationalen und internationalen Stand der Impffrage, Aachen 1882; Prof. Dr. A. Vogt, Eine Reise mit der Impflanzette in ferne Länder. Vortrag gehalten am 11. October 1881 auf dem internationalen Congress zu Cöln, Köln 1882. 81 Vgl. dazu die Programme und Einladungskarten in BAB, R 86/4674. 82 BAB, R 86/4674, Abschrift aus Der Impfgegner, Nr. 1, Jahrgang 1899. 83 BAB, R 86/4674, Bericht Georg Heinemann über Kongress der Impfgegner in Berlin. 84 Vgl. u. a. die Pressesammlung in BAB, R 86/4674. 85 Vgl. StAF, MA/2477, Programm Tagungen der Impfgegner in Frankfurt, 08.–10.09.1911. 86 Frankfurter Nachrichten, Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung, 14.09.1911. 87 Vgl. BAB, R 86/4675, Broschüre von Max von Niessen, Das Rätselraten in der Impffrage. Zwischenstaatliche Rundschau der amtlichen Stellungnahmen, Berlin 1929.

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2.1.5 Impflinge: Nutznießer und Betroffene des Impfens Wer aber waren die »Impflinge«, wie die zu Impfenden bezeichnet wurden? Wer war überhaupt von Zwangsmaßnahmen des Impfgesetzes oder von potenziellen Nebenwirkungen der Impfung betroffen? Den Ausgangspunkt für eine Bestimmung der »Impflinge« bildet die juristische Definition, die seit Ausrufung des Impfgesetzes Allgemeingut war. Als Impfling galten seit 1874 alle Ein- und Zwölfjährigen, die gegen die Pocken zu impfen waren. Auffrischungsimpfungen für Erwachsene, die ein Entwurf des Impfgesetzes vorgesehen hatte, wurden vom Reichstag verworfen. Der Nationalliberale Georg von Unruh sprach wohl vielen Abgeordneten aus dem Herzen, als er die Ablehnung persönlich begründete: »Denken Sie sich, meine Herren […], der ganz Reichstag sollte geimpft werden – vom Aeltesten bis zum Jüngsten! Das würde ich nicht passend finden; da muß man doch eine gewisse Grenze ziehen.«88 Neben persönlichen Abneigungen gegen eine Impfplicht für Erwachsene, die die Abgeordneten selbst betroffen hätte, sprachen zwei weitere Gründe für den Fokus auf Kinder. Erstens galten die Pocken als »Kinderkrankheit«. Zweitens war eine »Durchimpfung« der Kinder leichter zu organisieren. Der Austausch zwischen Gesundheitspolizei, Standesämtern und Mütterberatungsstellen erleichterte eine Erfassung der Einjährigen. Noch günstiger war die Situation bei den Zwölfjährigen. Hier kümmerten sich die Schulen um die Erfassung der Impfpflichtigen und um den organisatorischen Rahmen. So wurde die Aufnahme an Schulen von der Vorlage eines Impfscheins abhängig gemacht.89 Darüber hinaus fanden Auffrischungsimpfungen meist im Klassenverband in der Aula oder Turnhalle der Schulen statt. Und nicht zuletzt machte die Impfung an der Schule aus pädagogischen Gründen Sinn, sollte die Impfung doch »zur physischen Erziehung des Kulturmenschen«90 gehören, wie ein zeitgenössisches Lehrbuch festhielt. Als Impflinge standen also Kinder im Mittelpunkt, was die emotionale Aufladung der Debatten erklärt. »Impflinge« eröffnen ein Diskursfeld, auf dem mit Gefühl und um Gefühle gekämpft wurde. In den Debatten ging es um »Reinheit«, »Unschuld«, »Jugend« oder »Zukunft«; da sollten »rosige« und »frische Leiber« geschützt oder »zarte Seelen« behütet werden. Angesichts dieser emotionalen Aufladung ist der Befund umso erklärungsbedürftiger, dass Kinder an sich keine Rolle spielten. In den Debatten ging es nicht um Kinderrechte,91 sondern um den Schutz der Familie, um Elternrechte und Erziehungsgewalten. An Impflingen wurde somit die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verhandelt. Weniger das Kind an sich, sondern die »Familienfreiheit« 88 RTP, 14.03.1874, S. 341. 89 Vgl. die Sammlung an Vorschriften seit 1872: StAHH, 361-2 V/909a Bd. 1 a; 909a Bd. 1 b. 90 StAOL, 227/79, Jakob Laurenz-Sonderegger, Gesundheit ist Lebensglück. Gedanken des Volksgesundheitslehrers für Schule und Haus, Berlin 1930. 91 Vgl. Kerchner.

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und das Verfügungsrecht der Eltern über ihre Kinder standen zur Debatte. Es ging also um die grundsätzliche Entscheidung, wem Kinder eigentlich gehörten: den Eltern oder dem Staat. Impflinge boten folglich eine Projektionsfläche, auf der sich Menschenbilder und Gesellschaftsmodelle entwerfen ließen. Aus diesem Grund waren erwachsene Impflinge seltener ein Thema, obgleich es an Anlässen nicht gemangelt hätte. Da die Einberufung zum Militärdienst mit einer Auffrischungsimpfung gegen die Pocken, mitunter auch gegen Typhus und Cholera, verbunden wurde, war jeder wehrfähige Deutsche von der Impfpflicht betroffen. Diese Pflichtimpfungen erregten indes wenig Aufmerksamkeit, was mit dem Setting zu tun haben dürfte. Da beim Militär Pflichterfüllung einen hohen Stellenwert einnahm, galt das Impfen als einer jener Befehle, denen man im Dienste des Vaterlandes zu gehorchen hatte. Womöglich avancierte die Impfung beim Militär auch zu einer Art Initiationsritus. Zumindest legen Schilderungen aus der Praxis des Impfens beim Militär nahe, dass einige Soldaten entsprechend »tapfer« reagierten.92 Kurz gesagt impliziert der Begriff »Impfling« also ein Machtverhältnis, worauf schon die diminutive Endung des Wortes hinweist. Impflinge waren Schutzbefohlene, die zu ihrer eigenen Sicherheit oder zum Schutz des Allgemeinwohls geimpft werden mussten. Dafür spricht auch der Befund, dass der Begriff bei freiwilligen Impfungen seltener fiel. Hier sprachen Ärzte gemeinhin von Patienten. Offenbar verbat sich der Diminutiv für Erwachsene, die das Impfen aus eigenem Antrieb in die Hand nahmen. Für sie waren freiwillige Impfungen vielmehr Ausdruck einer Lebenseinstellung: Die eigenverantwortliche Vorsorge stand für einen modernen Lebensstil, der den Schutz des Individuums mit der Verbesserung der allgemeinen Gesundheitsverhältnisse verband.93 2.1.6 Impfen vermitteln: Zeitungen als Medium der Medikalisierung Printmedien blieben bis in die 1930er Jahre das Leitmedium. Dieser Befund gilt insbesondere für die Rezeption von Gesundheit und Krankheit. Zeitungsartikel und Zeitschriftenbeiträge bildeten in Debatten um das Impfen einen Fixpunkt, sie wurden zitiert, abgeschrieben und vervielfältigt, als Argument für »Volkes Stimme« oder zur Plausibilisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse genutzt. Da das mediale Handlungsfeld des Impfens von Zeitungen dominiert wurde, ergibt sich für eine Charakterisierung konkreter Akteure ein Problem. Schließlich blieben deutsche Journalisten in dieser Zeit oft anonym. Die wenigen namentlich gekennzeichneten Zeitungsartikel über Impfungen nennen meist Mediziner als Gastautoren. Zwar hilft dieser Befund bei der Benennung konkreter Journalisten nicht weiter. Allerdings gibt er Hinweise, wie sich die Printmedien als Handlungsfeld für Immunität verstehen lassen. Bis in die 1920er Jahre sind 92 Vgl. u. a. die Berichte über Typhus- und Choleraimpfungen in: BAMA, RM 120/129. 93 Vgl. Wolff, Medikalkultur, S. 194.

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Zeitungen meist als Medium im Wortsinne zu verstehen. Sie boten Politikern, Wissenschaftlern und Ärzten ein Forum. Deutlich wird diese Vermittlungsfunktion etwa an dem unkommentierten Abdruck von Pressemeldungen des KGA bzw. RGA oder der Medizinalbehörden. Diese Vermittlungsfunktion ist einerseits typisch, fungierten Zeitungen doch häufig als Sprachrohr für behördliche Mitteilungen.94 Andererseits deutet die Übernahme medizinischer Beiträge auf eine Besonderheit hin. Während Journalisten für andere politische Themen ein Mitspracherecht behaupteten, überließen sie beim Impfen den Experten das Feld. Es wäre zu einfach, diese Zurückhaltung auf Desinteresse zurückzuführen. Die intensive Berichterstattung belegt im Gegenteil ein starkes Interesse am Impfen. Eine plausiblere Erklärung für diese Zurückhaltung ist die Deutungsmacht von Medizinern. Seit den Karrieren Robert Kochs, Rudolf Virchows, Paul Ehrlichs oder Emil von Behrings verstanden sich Mediziner als Experten, die den Deutschen die »gesunde Gesellschaft« erklärten.95 Waren Impfungen schon für Wissenschaftler ein komplexes Forschungsfeld, stellte es an Journalisten noch größere Anforderungen. Schon deshalb dürfte in den Redaktionen die Bereitschaft groß gewesen sein, den Experten das Schreiben zu überlassen. Interessanterweise ging die Vermittlungsarbeit von Zeitungen noch einen Schritt weiter. Sie ließen nicht nur Experten aus Ämtern und Behörden zu Wort kommen. Darüber hinaus stößt man in vielen Zeitungen auf Beiträge von Impfkritikern. Kurz gesagt eröffnete die Presse im Kaiserreich und in Weimar einen Diskursrahmen, der Debatten anfachte. Ein wichtiger Faktor war dafür auch die Visualisierung des Impfens. Bilder von geschützten und erkrankten Körpern, Fotos von »Impfschäden«, Diagramme über Erfolge von Impfprogrammen  – alles das wurde öffentlich sichtbar mit dem Siegeszug neuer Druckverfahren.96 Insofern ist es wenig erstaunlich, dass der politische Einfluss von Impfkritikern um die Jahrhundertwende und damit zu einem Zeitpunkt anstieg, als Impfgegner mit eigenen Printmedien auf den Markt drängten. Damit verweist das Handlungsfeld der Zeitungen und Zeitschriften auf ein grundsätzliches Phänomen der Moderne: auf den engen Zusammenhang zwischen »Medikalisierung« und »Medialisierung«. Die Popularisierung der Medizin ist schwer denkbar ohne den Aufstieg der Massenpresse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Verbesserungen von Drucktechniken am Beginn des 20.  Jahrhunderts. Dass bereits Zeitgenossen diesen Zusammenhang erkannten, unterstreichen staatliche Zensurmaßnahmen. 1895 warnte das preußische Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten (MGUMA) vor Berichten »über sogenannte Impfschäden und deren Veröffentlichung in der Tagespresse«. So sollte bei einer verzerrten Bericht94 Stöber, S. 131–140. 95 Goschler, Rudolf Virchow, S. 211–259; Gradmann, Krankheit, S. 179–196; Hüntelmann, Paul Ehrlich, 260–312. Zu Emil von Behring vgl. ebd., S. 271–279. 96 Vgl. Stöber.

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erstattung über das Impfen »ein strafrechtliches Vorgehen gegen die Verbreiter falscher Nachrichten zu veranlassen sein«.97 In der Presse erntete diese Forderung Kritik. So wehrte sich die »Staatsbürger-Zeitung« gegen Zensurversuche mit dem Hinweis auf die gesellschaftliche Funktion von Zeitungen: »Dagegen kann die eingehende Besprechung vorkommender Impfschädigungen in der Presse für die Wissenschaft und für das Volkswohl nur förderlich sein. Dieselbe zwingt die Wissenschaft zu immer neuen Beobachtungen behufs Erforschung und Feststellung der Wahrheit in einer für Leben und Gesundheit der Staatsbürger so hochwichtigen Angelegenheit.«98 Dass diese Auffassung von Medizinalbeamten nicht geteilt wurde, belegen Zensurmaßnahmen, mit denen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs immer wieder auf strafrechtliche Konsequenzen verfälschender Berichterstattung hingewiesen wurde.99 Strafen waren nicht die einzige Antwort auf die Bedeutung der Presse. Da­ rüber hinaus erkannten Politiker und Mediziner, wie man Zeitungen für die eigene Sache nutzen konnte. In einem Schreiben an das Kaiserliche Gesundheitsamt regte ein Arzt aus Lüdenscheid 1910 größere Presseaktivitäten an. Viel zu lange habe man den Impfgegnern die Presse überlassen, so dass man zu einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit übergehen müsse.100 Ob diese Initiative das KGA überzeugte oder ob man aus eigenen Motiven an die Presse heran­ trat, ist schwer zu belegen. Zumindest wandte sich Johannes Breger einige Monate nach Eingang des Schreibens tatsächlich mit einer Art Medienoffensive an die Öffentlichkeit. Eine Maßnahme wie das Impfen sei »nur durchführbar, wenn sie getragen wird von dem aufgeklärten Urteil des gesamten Volkes. Zu diesem Zweck müssen die Impffreunde aus ihrer Zurückhaltung heraustreten und mit allen Mitteln die Belehrung in die weitesten Kreise hineintragen.«101 Dass Gesundheitspolitik einer Öffentlichkeitsarbeit bedurfte, war offenbar eine relativ neue Entdeckung. Zumindest erwecken detailversessene Artikel von Medizinern den Eindruck, dass sie mitunter an der Zielgruppe vorbeischrieben. In dieser Hinsicht waren ihnen viele Impfgegner einen Schritt voraus. Sie erregten in den Medien mit reißerischen Berichten über die »Impfopfer« Aufmerksamkeit.

97 BAB, R 86/4674, Abschrift des Rundschreibens des MGUMA, 22.05.1895. 98 Staatsbürger-Zeitung, Maßnahmen gegen die Impfgegner, 20.09.1895. 99 Vgl. etwa die Erlasse in BAB, R 86/4704; R 86/4674. 100 BAB, R 86/4674, Schreiben Gerhardi an Julius Springer, Berlin, 09.04.1910. 101 Frankfurter Zeitung, Hat die Schutzpockenimpfung eine Gesundheitsschädigung im­ Gefolge?, 13.09.1911. Vgl. auch HStAS, E 151/51, 62, Rundschreiben Reichsamt d. Innern, 07.01.1911.

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2.2 Weltanschauungen: Streit um die Impfpflicht 2.2.1 Allgemeinwohl vs. Individualwohl: Das Reichsimpfgesetz Die Diskussionen waren lang und von erstaunlicher Schärfe. In Reichs- und Landtagen finden sich seit den 1870er Jahren unzählige Sitzungen, die sich ausführlich, mitunter sogar exklusiv der »Impffrage« widmeten. Der Zentrumsabgeordnete Ludwig Windthorst brachte die Intensität 1874 auf den Punkt: »Ich habe in der parlamentarischen Erfahrung kaum ein einziges Mal gesehen, dass das größere Publikum ein solches Interesse an der Verhandlungen des deutschen Parlamentes nahm, wie bei dieser Gelegenheit.«102 Windthorst übertrieb keineswegs. Immer wieder kreisten Reichstag und Länderparlamente um die »Impffrage«, die schnell zu einem stehenden Begriff avancierte, wie ein Abgeordneter der bayerischen Kammer festhielt: »Die Impffrage ist unzweifelhaft das populärste und einschneidendste Thema der öffentlichen Gesundheitspflege.«103 Woher rührte die Aufmerksamkeit für die Impffrage? Und wie lässt sich das dauerhafte Interesse erklären? Schließlich verschwand das Impfen nach Verabschiedung des Impfgesetzes keineswegs von der politischen Tagesordnung. Den Auftakt der Debatten gaben die Verhandlungen über das »Reichsimpfgesetz«. Im Frühjahr 1874 berieten die Reichstagsabgeordneten in fünf Sitzungen einen »Gesetzentwurf über den Impfzwang« bzw. über ein »Impfgesetz«, wie es später neutraler genannt wurde.104 Eigentlich sollte es in diesen Sitzungen nur noch um organisatorische Dinge wie um die Fragen gehen, in welchem Alter die Deutschen gegen die Pocken zu impfen seien, wie der Impfstoff vertrieben werde und in welchen Fällen die Impfung zwangsweise vorzunehmen sei. Schon die erste Sitzung machte indes klar, dass diese Fragen mehrere Probleme aufwarfen, die an den Grundlagen der Gesellschaft rührten. Im Fokus der Debatten standen zunächst das Verhältnis zwischen Allgemeinwohl und Individualwohl und damit persönliche Freiheitsrechte (1). Dieses Spannungsverhältnis erforderte außerdem eine Verständigung über die Rechte und Pflichten des Interventionsstaates (2). Und nicht zuletzt ging es um eine »Verwissenschaftlichung des Sozialen« und deren Schattenseiten, genau genommen um die Frage, welche gesellschaftliche Rolle Mediziner in der jungen Nation spielen sollten (3). (1) Das Spannungsverhältnis zwischen Allgemeinwohl und Individualwohl ist bei Infektionskrankheiten ein uraltes Problem.105 Im Reichstag wurde über dieses Spannungsverhältnis in zweifacher Hinsicht gestritten: zum einen anhand möglicher Nebenwirkungen von Impfungen, zum anderen anhand der 102 RTP, 14.03.1874, S. 353. 103 BAB, R 86/1239, Stenographischer Bericht der bayerischen Kammer der Abgeordneten, 83. öffentliche Sitzung, 12.04.1888, S. 198. 104 Vgl. RTP, 09.03.1874, S. 268; RTP, 14.03.1874, S. 336. 105 Vgl. Winkle.

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Einschränkung von Freiheits- und Familienrechten durch Zwangsimpfungen. Nebenwirkungen von Impfungen waren schon deshalb ein Problem, weil ihr Ausmaß schwer zu bestimmen war, worauf der Zentrumsabgeordnete August Reichensperger zu Beginn der Debatte hinwies. Den Abgeordneten fehle jeglicher Nachweis, »welche schädlichen Wirkungen die Impfung hervorgebracht hat«.106 Das Fehlen dieses Nachweises erhöhte den Streitwert des Impfens, ließen sich potenzielle Gefahren der Impfung doch unterschiedlich auslegen: Während impfgegnerische Vereine den Abgeordneten in zahlreichen Petitionen Todes- und Schadensfälle nach Impfungen auflisteten, bemühten sich die Befürworter des Impfgesetzes, einzelne Fälle bestätigter Impfschäden als seltene Ausnahmen zu relativieren. So beruhigte der Arzt und Abgeordnete der Fortschrittspartei Wilhelm Löwe das Plenum damit, dass eine Übertragung der Syphilis durch Impfungen meist kranke Kinder träfe, deren Überlebenschancen ohnehin gering seien: »Die Syphilis, um die es sich dabei handelt, ist in den meisten Fällen die angeborene Syphilis; die Kinder sind meist so elende Würmer, daß die wenigsten auch nur bis zum impfpflichtigen Alter leben, die meisten sterben früh.«107 Die Seltenheit solcher Nebenwirkungen war auch für den Abgeordneten der Konservativen, Robert von Puttkamer, ein Argument. In Münster seien Impfungen derart erfolgreich gewesen, dass potenzielle Nebenwirkungen nicht ins Gewicht fielen.108 Eine exaktere Beweisführung war im Reichstag von keiner Seite zu hören. Vielmehr blieb die Bewertung von »Impfschäden« eine Frage der Weltanschauung. Aus Sicht der Befürworter der Impfpflicht hatte der Staat die »Pflicht, die Freiheit des Einzelnen soweit einzuschränken, als es das wohlerkannte Interesse der Gesammtheit [sic] erfordere«.109 In solchen Beiträgen brach sich ein Fortschrittsglaube Bahn, der das Impfen zum Werkzeug modernen social engineerings und state buildings erhob. Insofern gab ein Großteil der Nationalliberalen nationalen Erwägungen den Vorrang vor liberalen, was ihnen unter Impfgegnern den Vorwurf einer »politischen Abdankung«110 eintrug. Nationalliberalen und Fortschrittlern erschienen Nebenwirkungen für den Einzelnen ein bezahlbarer Preis, wenn es um die Steigerung der nationalen »Volkskraft« ging. Dieser Preis wirkte umso geringer, weil eine Ablehnung der Impfpflicht nicht nur eine Verbesserung des Allgemeinwohls verhindere, sondern zugleich die Allgemeinheit bedrohe. Da Impfungen keinen absoluten Schutz garantierten, bilde »das Nichtgeimpftsein einer größeren Anzahl von Individuen eine Gemeingefährlichkeit für die Gesellschaft«.111 106 RTP, 06.03.1874, S. 232. 107 RTP, 18.02.1874, S. 105. 108 Vgl. RTP, 14.03.1874, S. 344. 109 Reichensperger zitierte in dieser Wortmeldung Äußerungen Löwes; RTP, 06.03.1874, S. 232. 110 BAB, R 86/1204, Broschüre W. Brunn, Der Nationalliberalen politische Abdankung. Die Impffrage, Berlin o. J. 111 So der Abgeordnete Zinn, RTP, 06.03.1874, S. 237.

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(2) Ebenso grundsätzlich ging es im Reichstag beim zweiten Streitpunkt zur Sache: in der Debatte um die Impfpflicht als körperlicher Eingriff. Schließlich betraf dieser Eingriff sowohl die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen als auch dessen Elternrecht, da die Vormundschaft durch die zwangsweise Vorführung von Kindern zur Impfung eingeschränkt werden konnte. Mit dem staatlichen In­ terventionsrecht begründeten Befürworter des Impfgesetzes die Notwendigkeit einer Auffrischungsimpfung im Alter von zwölf Jahren. Obgleich Mediziner widerstreitende Vorstellungen über das beste Alter für eine zweite Impfung äußerten, sprachen organisatorische Gründe für die Schulzeit, wie Löwe erklärte: »Aber wir haben das Interesse, die Kinder in dem Alter zu impfen, wo sie noch vollkommen schulpflichtig sind, wo nicht irgend ein renitenter Vater oder Vormund sagen kann: ›Ich will mein Kind lieber ganz aus der Schule nehmen, es ist ohnehin bald fertig, es wird konfirmiert werden; dann ist die Sache vorbei.‹«112 Dieses Konzept war eine geschickte Kombination zweier Zwangsmaßnahmen, wurde die Pflicht zur Wiederimpfung doch durch die Schulpflicht flankiert. Der staatliche Erziehungsanspruch provozierte Reaktionen im Zentrum und unter Sozialdemokraten, die sich im Kampf gegen des Impfgesetz »brüderlich die Hände«113 reichten, wie ein Frankfurter Arzt spottete. Tatsächlich nutzten beide Parteien ihre Kritik für grundsätzliche Auseinandersetzungen um die Aufgaben des Staates. Mit Nachdruck brachte etwa Matthias Merkle vom Zentrum ein konstitutionelles Problem auf den Punkt: »Meine Herren, eine wahrhaft liberale Gesinnung urtheilt hier für die Freiheit, die persönliche Freiheit und die Familienfreiheit! Meine Herren, ich bin ein abgesagter Gegner der Staatsallmächtigkeit, und diese tritt in dem vorliegenden Gesetze unverkennbar hervor«.114 Konkreter wurde August Reichensperger. Er zeichnete die Folgen des Impfgesetzes an einem alltäglichen Beispiel nach: »Wenn Sie sich nun aber erst die Scene denken, die dann aufgeführt wird, wenn ein paar Gendarmen einen unglücklichen Nichtimpflustigen herbeiführen und derselbe unter Assistenz der bewaffneten Macht von einem Chirurgen operirt [sic] werden soll!«115 Zwar war die polizeiliche Zwangsvorführung erwachsener Impflinge selbst vielen Befürwortern einer Impfpflicht zu viel. Gleichwohl behauptete sich die »Staatsallmächtigkeit« im Impfgesetz insofern, als das Nichterfüllen der Impfpflicht zur zwangsweisen Vorführung von Kindern und zur Bestrafung ihrer Eltern führen konnte. Auch für diesen Fall hatte Reichensperger ein anschauliches Beispiel parat: »Es werden Gefängnisstrafen angedroht! Meine Herren, ich meine, wir hätten im deutschen Reiche schon mehr als hinreichende Gelegenheit, eingesperrt zu werden; (Heiterkeit) eine Mutter aber, welche von der Ueberzeugung ausgeht, […] daß das Impfen schädlich ist, […], deshalb ins Gefängnis zu schicken – eine solche Maßregel in einem Kulturstaate, worin wir 112 RTP, 18.02.1874, S. 104. 113 Marcus, Verhandlungen des Deutschen Reichstages, S. 355. 114 RTP, 14.03.1874, S. 337. 115 RTP, 09.03.1874, S. 256–257.

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uns doch vorzugsweise zu befinden glauben, – (Unruhe) […], das meine Herren, entspricht in der That nicht demjenigen, was ich meinestheils mit dem Begriffe eines Kulturstaates verbinde.«116 Die im Protokoll vermerkte »Unruhe« des Reichstags dürfte Reichenspergers Kommentar zum »Kulturstaate« geschuldet gewesen sein, für den der Zentrumsabgeordnete angesichts des schwelenden »Kulturkampfes« wohl gute Gründe hatte. Insofern war die Beobachtung eines Zuschauers nicht ganz falsch, dass die Impfdebatte weniger von medizinischen als von »politischen und staatsrechtlichen«117 Motiven befeuert wurde. Reichensperger erhöhte die Impffrage schließlich zu einer Art Lackmustest für die parlamentarische Legitimität. Entsprechend deutlich formulierte er seine Befürchtung, dass die Einführung des Reichsimpfgesetzes »wenig dazu beitragen wird, das Vertrauen, welches das Publikum in den Freiheitssinn dieses hohen Hauses setzen sollte, zu befestigen«.118 Unterschiedliche Antworten auf die Impffrage entsprachen also unterschiedlichen Gesellschaftskonzepten. Auf der einen Seite standen Befürworter des Impfgesetzes, die in der Impfpflicht das legitime Mittel des modernen Interventionsstaats erkannten. Für Kritiker einer Impfplicht wiederum war die Ablehnung von Zwangsmaßnahmen sowohl eine Frage der Verhältnismäßigkeit als auch eine der Mündigkeit. Ihrer Ansicht nach sei die Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse nicht allein Sache der Experten und durch Polizeigewalt kaum zu fördern. Vielmehr bedürfe es der Aufklärung des Einzelnen, dem ein eigenes Urteil zustehe, wie Reichensperger forderte: »[L]assen Sie die Wissenschaft nicht blos [sic], sondern auch das Volk darüber sich aussprechen […], klären Sie das Volk auf!«119 Dieses Staatsverständnis stieß im Reichstag auf g­ emischtes Echo. Während große Teile des Zentrums und der SPD Reichenspergers Forderung beipflichteten, lehnten andere Abgeordnete derartige Einwände schlichtweg ab. Eine Provokation für das katholische Zentrum dürfte die Entgegnung auf Reichensperger durch den Fortschrittler Zinn gewesen sein. Dieser verband sein Einstehen für die Impfpflicht nämlich mit der Forderung nach konfessionslosen Schulen: »[W]ir müssen die Schule zu einer konfessionslosen machen, – (Unruhe im Zentrum) […] Belehren können Sie in diesen Fragen nur eine Bevölkerung, die in der Schule zum Beobachten und Beurtheilen vorbereitet worden ist, und das geschieht zur Zeit bei uns nur in ganz ungenügender Weise. Das Resultat können wir nicht abwarten aus purer Hochachtung für die persönliche Freiheit«.120 Für Zinn war der Impfzwang eine zeitgemäße Antwort auf ein zeitgenössisches Problem: das medizinische Unwissen in der Bevölkerung. Wenn die Akzeptanz von Vorsorgemaßnahmen zu einem Gradmesser für den »Kulturzustand« der Bevölkerung avancierte, legte die Impffrage demnach die kul116 RTP, 09.03.1874, S. 234. 117 Marcus, Verhandlungen des Deutschen Reichstages, S. 355. 118 RTP, 14.03.1874, S. 343. 119 RTP, 06.03.1874, S. 234. 120 RTP, 18.02.1874, S. 110.

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turelle Rückständigkeit der Deutschen offen. Impfkritische Petitionen an den Reichstag121 gaben Zinn und anderen Fortschrittlern daher Anlass für kritische Zeitdiagnosen. Während Zentrum und Sozialdemokraten die Petitionen gegen den Impfzwang als »Ausdruck des Volkswillens«122 sahen, markierten sie für die Fortschrittspartei eine Rückständigkeit der »Volksentwicklung« und damit staatlichen Handlungsbedarf, den der Impfzwang befriedige. Obgleich viele Sozialdemokraten den Impfzwang ebenso ablehnten wie das Zentrum, brachten sie andere Gesellschaftskonzepte in die Debatten ein. Ihnen ging es weniger um Aufklärung, Mündigkeit oder die Einschränkung persönlicher Freiheitsrechte. Vielmehr gestand der Abgeordnete Otto Reimers sogar eine Vorliebe der SPD für Zwangsmaßnahmen ein, »wenn eine derartige Freiheitsbeschränkung des Einzelnen darauf hinausläuft, die Volkswohlfahrt im großen Ganzen zu fördern.«123 Problematisch erschien Reimers hingegen die soziale Ungleichheit, die sich in der Impfpflicht manifestiere. Während die »besitzenden Klassen« der Pflicht in Privatimpfungen nachkommen könnten, müssten die »arbeitenden Klassen«124 mit kostenlosen aber unhygienischen Mas­senimpfungen vorlieb nehmen. Die Impfpflicht schüre daher den Klassenkampf, der in den Impfsälen mit besonderer Härte ausgefochten werde: »Meine Herren, in unserer Gesetzesvorlage ist, was mich besonders befremdet, die Bevorzugung der sogenannten besseren Gesellschaft, der besitzenden Klasse; sie haben es nicht nöthig, die nach Eiter und Materie duftenden Impfsäle zu besuchen […], sie können ruhig von ihrem Arzt geimpft werden, […] es thut nichts, dafür sind sie dann auch nicht der Gefahr ausgesetzt, dort sich zu befinden unter dem skrophulösen Gesindel […]. Meine Herren, aber wie wird man es in jenen großen Impfsälen machen? […] dort werden die Impfungen fabrikmäßig vorgenommen werden und […] man wird das Kind des Arbeiters, das Kind des Volkes vielleicht zu Experimenten gebrauchen«.125 Offensichtlich ließ sich die Impffrage aufs Beste mit der »sozialen Frage« verknüpfen. Ein erschreckendes Beispiel sah Reimers in der Pockensituation in Schlesien, wo es trotz Einführung der Impfpflicht zu Pockenausbrüchen gekommen war. Insofern lenke der Impfzwang von den eigentlichen Problemen ab: »Geben Sie dem schlesischen Weber noch mehr Pockenlymphe, und es wird ihm nichts nützen, geben Sie ihm aber Butter und Brod und nicht blos Kartoffeln zu essen, dann werden die Pockenepidemien in Schlesien nicht mehr solche Macht haben, geben Sie ihm eine ordentliche Wohnung und ordentliche Nahrung. Darin, meine Herren, ist das Mittel zur Beseitigung dieser Epidemie gewiß gefunden.«126 Reimers Genosse Wilhelm Hasenclever forderte sogar, »öffentliche Badeanstalten 121 Vgl. u. a. die Sammlung impfgegnerischer Petitionen in: BAB, R 86/1205; R 86/4677. 122 RTP, 06.03.1874, S. 228. 123 RTP, 18.02.1874, S. 107. 124 Ebd., S. 108. 125 Ebd., S. 108 f. 126 RTP, 06.03.1874, S. 229.

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neben den Zwangsimpfstellen einzurichten.« Hasenclever beruhigte seine Zuhörer im selben Atemzug, dass es sich dabei »um keine sozialistischen Forderungen« handele. Vielmehr nutze die Verbesserung der Hygiene unter den Arbeitern der Allgemeinheit, da die eigentlichen Ursachen der Pocken bekämpft würden: »Sie müssen eine Ausgleichung der heutigen gesellschaftlichen Zustände in Ihrem eigenen Interesse herbeiführen«.127 Kurz gesagt nutzte die SPD die Impffrage zur sozialpolitischen Profilierung. In entwaffnender Offenheit spiegelt sich dieses Motiv in dem Redebeitrag des Redakteurs der »Süddeutschen Volksstimme«, Johannes Most, wider. Most in­ terpretierte Forderungen nach Badeanstalten als ersten Schritt auf dem Weg zu besseren Arbeitsbedingungen im Allgemeinen: »Es wäre nun allerdings vom Staate auch zu verlangen, daß er nicht allein Badeanstalten errichte, sondern den Arbeitern auch Zeit gebe, sich zu baden, (Heiterkeit) vorläufig verlangen wir die Badeanstalten, und wenn wir die haben, so werden wir schon mit dem Normal-Arbeitstag auch kommen.« Reimers, Hasenclever und Most schöpften das sozialpolitische Potenzial der Impfdebatte also gründlich aus. Sie kritisierten Impfungen als Feigenblatt, mit dem der Staat sein soziales Versagen kaschiere. Ihrem Gesundheitskonzept entsprach ihr Gesellschaftskonzept und umgekehrt: Es waren die unterdrückten arbeitenden Klassen, die in Impfsälen zu Versuchstieren mutierten und in Massenimpfungen die soziale Ungleichheit erleiden mussten. (3) Den meisten Abgeordneten gingen solche Argumente zu weit. Hasenclever, Most und Reimers mussten wiederholt Zwischenrufe vernehmen und gelegentliche Unruhe im Reichstag mit lauter Stimme übertönen. Solche Reaktionen waren Folge eines dritten Spannungsverhältnisses, das an der Impffrage deutlich wird: das Verhältnis zwischen Medizin und Gesellschaft. Einerseits betrafen die Debatten Mediziner, deren »prekäres Wissen« (2.3) Kritik provozierte. Andererseits fühlten sich Politiker ohne medizinische Ausbildung herausgefordert, ihr Mitspracherecht einzuklagen. Schon in der zweiten Reichstagssitzung zum Impfgesetz Anfang März 1874 hatten sich Abgeordnete über politische Instrumentalisierungen beschwert: Der Nationalliberale Otto Elben bat nach den Beiträgen der Sozialdemokraten inständig darum, »von dem Felde der Agitation zurück[zu]kehren zu einer rein objektiven nüchternen Beurtheilung«. Schließlich sei das Impfen eine »Materie […], bei welcher lediglich die Resultate der Wissenschaft entscheidend sein können«.128 In dieselbe Kerbe schlug der Abgeordnete Zinn mit seiner Beschwerde, dass »man die Impffrage, eine rein medicinische Frage, mit religiösen und später mit socialistischen Elementen vermischt hat. Man hat natürlich dadurch ganz entschieden der Erkenntnis der Wahrheit geschadet.« Diese Kritik an einer politischen Instrumentalisierung kam nicht von ungefähr. Zinn war als Arzt tätig und vom ärztlichen Deutungsmonopol überzeugt: »Meine Herren, 127 Ebd., S. 243; Herv. im Orig., hier auch die obigen Zitate. 128 Ebd., S. 230.

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die Frage über den Werth oder den Unwerth der Impfung […] kann allein vor dem Gerichtshofe der ärztlichen Wissenschaft entschieden werden.«129 Solche Einwände bezweckten wohl nicht allein eine Versachlichung, mehr noch zielten Mediziner auf den Erhalt ihrer Deutungsmacht.130 Es wäre zu einfach, den Konflikt um das Impfgesetz auf einen Gegensatz zwischen Medizinern und Laien zu reduzieren. Schließlich entsprach die Verwissenschaftlichung des Sozialen auch parteipolitischen Interessen. So befriedigte das Impfgesetz beispielsweise Bedürfnisse nach einer Optimierung der Arbeitsund Wirtschaftskraft. Dass sich Abgeordnete der Fortschritts- und National­ liberalen Partei mit solchen Forderungen vom Zentrum und von der Sozial­ demokratie abgrenzen konnten, dürfte die Attraktivität des Impfgesetzes noch erhöht haben. Aus diesen Gründen zielte das Einstehen für Mediziner nicht nur gegen Sozialdemokraten, wie Zinns Vorwurf »socialistischer« Agitation nahelegt. Auch dem Zentrum warf Eduard Lasker Unsachlichkeit und »Sentimentalität« vor: »Lassen wir doch diese sentimentale Ausdrucksweise gänzlich bei Seite. […] Der Herr Abgeordnete möge mir zu bemerken erlauben: seine Worte waren mehr adressirt an das Gemüth, als an den Verstand«. Schon die Befürwortung des Impfgesetzes durch Mediziner war demnach Grund genug für dessen Annahme: »Der Umstand, daß drei Mediciner hier sitzen, die alle dies Gesetz befürworten […] hat auch wohl einige Berechtigung«.131 In solchen Huldigungen der ärztlichen Expertise avancierte »Medizin« zu einem Fixstern der Moderne, der die Koordinaten des politischen Kurses vorgab. Gegenüberstellungen von medizinischer Rationalität auf der einen Seite und Emotionen auf der anderen lassen sich daher als Versuch verstehen, die Deutungshoheit über »Volksgesundheit« und Gesellschaft zu gewinnen. Tatsächlich verbanden Mediziner wie Zinn und Löwe mit ihrer ärztlichen Expertise einen gesellschaftlichen Deutungsanspruch. Löwe untermauerte seine Forderung nach der Impfpflicht daher zuerst mit wirtschaftlichen und sozialen Vorteilen der Impfung, nicht aber mit medizinischen: »Es handelt sich also um die Erhaltung einer unabsehbaren Reihe von Arbeitskräften und Arbeitstagen, welche den Einzelnen zum erhöhten Lebensgenuss helfen und der Gesellschaft wie dem Staate zu ihrer weiteren Entwicklung von höchstem Werth sind. […] denn der Staat hat die Pflicht, die Freiheit des Einzelnen soweit einzuschränken, als es das wohlerkannte Interesse der Gesammtheit verlangt.«132 Gegen solche Deutungsansprüche machten Abgeordnete wie Reimers mobil, der die wissenschaftliche Autorität grundsätzlich in Frage stellte  – und sich mit einer ironischen Bemerkung der Heiterkeit des Reichstags erfreute: »Denn, meine Herren, daß der Doktortitel vor Dummheit nicht schützt, ich glaube, davon werden Sie alle überzeugt sein.« Reimers’ Misstrauen war so groß, weil Ärzte für ihn 129 Ebd., S. 235. Hier auch alle obigen unbelegten Zitate. 130 Vgl. Weidner, S. 267. 131 RTP, 09.03.1874, S. 261. 132 RTP, 18.02.1874, S. 104.

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als Projektionsfläche für die soziale Frage dienten. So trug Reimers als Beispiel für die Unmenschlichkeit der Mediziner einen »Fall« vor, »der schon oft dagewesen ist. Wenn ein Arzt zu einer armen Familie kommt und die Mutter klagt ihm, daß ihr Kind, welches er behandelt hat, gestorben ist, dann hört man oft die Antwort: Freuen Sie sich doch, das Kind konnten Sie ja doch nicht ordentlich ernähren, daß Sie die Last los sind.«133 Trotz ihres polemischen Tonfalls waren solche Wortgefechte nicht nur »unsachliche Angriffe auf die Impfung und Impfärzte«.134 Es waren Auseinandersetzungen um die gesellschaftliche Rolle der Medizin und um das Mitspracherecht von Nichtmedizinern in gesundheitspolitischen Fragen. Aus diesem Grund meldeten sich nicht nur SPD und Zentrum als Kritiker zu Wort. Aus der Fortschrittspartei warnte etwa Carl Heine vor den Auswüchsen einer Wissenschaft, die »ihre Wahrheit durch Strafgesetze verteidigen muss«.135 Demgegenüber sprach sich Bernhard Abeken von den Nationalliberalen zwar für das Impfgesetz aus. Das politische Engagement von Medizinern verfolgte er jedoch mit Sorge, da »die Wissenschaft […] vor Allem das Beispiel der Toleranz geben« solle. Besorgniserregend erschien Abeken die Debatte um die Impfpflicht, weil sie einen Deutungsanspruch von Medizinern spiegele, der mit kirchlichen Allmachtsansprüchen vergleichbar sei: »Die Wissenschaft hat früher immer gegen Zwangsmittel auf allen Gebieten protestiert; sie hat an die Ueberzeugung appellirt [sic], während die Kirche zu solchen Zwangsmitteln ihre Zuflucht genommen hat. Soll nun die Wissenschaft der Kirche ein derartiges Beispiel geben?«136 Im Kern zeigen sich in der Debatte um das Impfgesetz also zwei Seiten einer Medikalisierung des Politischen bzw. einer Verwissenschaftlichung des Sozialen seit den 1870er Jahren:137 zum einen die Etablierungsversuche medizinischer Experten als »Volksbelehrer«, die die Gesellschaft als Ganzes als Behandlungsfeld absteckten; zum anderen die Kritik an dieser Vormachtstellung von Politikern, die allen Abgeordneten ein Mitspracherecht für Fragen zur »Volksgesundheit« einräumten. Dass solche Kritik in erster Linie in der SPD und im Zentrum geäußert wurde, erklärt im Übrigen auch das Abstimmungsergebnis, fand das Gesetz am Ende doch die Mehrheit des Reichstags. Am 8.  April 1874 wurde das Reichsimpfgesetz ausgerufen, in dem sich die Befürworter des Vorsorgestaats wiederfinden konnten. Fortan war die Pockenschutzimpfung für alle Einjährigen und die Auffrischungsimpfung für alle Zwölfjährigen verpflichtend. Sorgen mehrerer Abgeordneter um die persönliche Freiheit flossen zumindest insofern in das Gesetz ein, als der Vorschlag für allgemeine Zwangsimpfungen bei Epidemien gestrichen wurde. 133 Ebd., S. 108. 134 Hess, B.-J., S. 264. 135 RTP, 14.03.1874, S. 337. 136 RTP, 09.03.1874, S. 257. 137 Vgl. Weingart; Raphael, Verwissenschaftlichung.

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Trotz bzw. wegen der gesetzlichen Regelung kam die Impffrage im Reichstag nicht zur Ruhe. Seit den 1880er Jahren gelangten erneut zahllose Petitionen gegen das Impfgesetz in das Parlament. Solche Forderungen resultierten auch aus der zögerlichen Umsetzung des Gesetzes. Nicht nur dauerte es bis in die 1890er Jahre, bis eine flächendeckende Versorgung mit staatlich geprüften Impfstoffen der Impfanstalten bereit bestand (2.4). Auch das Kaiserliche Gesundheitsamt, das zur Überprüfung des Impfgesetzes eingerichtet worden war, tat sich mit dieser Aufgabe schwer. Während Forschungen zum Tuberkulose-, Cholera-, Diphterie- und Typhuserreger und entsprechende »Abwehrmaßnahmen« voran­ka­ men,138 blieb der experimentelle Ertrag zur Pockenschutzimpfung mager (2.3). Stattdessen legte das Gesundheitsamt regelmäßig Statistiken vor.139 Noch 1891, und damit 15 Jahre nach Gründung des KGA, blieben für eine Impfkommission des Reichstags in Ermangelung experimenteller Beweise Statistiken der einzige Beweis, um den Erfolg des Impfgesetzes zu belegen.140 Allerdings boten Statistiken eben auch Gelegenheit zur Kritik. Befürworter der Impfpflicht interpretierten Statistiken über »Impflücken« als Beweis einer »Trägheit und Sorglosigkeit«141 in der Bevölkerung, die Zwangsmaßnahmen umso notwendiger machten. Kritik an der Impfpflicht sei demnach als Kritik am Staatswesen, ja sogar als unzuverlässige politische Gesinnung zu verstehen, wie der Fortschrittler und Arzt Julius Möller 1883 behauptete: »Wer nicht gerade zu der Sekte der Anarchisten sich bekennt, wird zugeben müssen, dass in einem geordneten Staatswesen gewisse Beschränkungen der persönlichen Freiheit unvermeidlich sind«.142 Unter den Kritikern der Impfpflicht waren nicht minder deutliche Einwände zu hören. Selbst aus der regierungstreuen Deutschen Reichspartei meldete sich Gustav Reiniger mit Montesquieus Diktum zu Wort, es gebe »keine grausamere Tyrannei, als diejenige, die unter dem Schutze der Gesetze und unter der Fahne der Justiz ausgeübt wird«, und warnte vor Impfungen, die »Siechthum und Tod in viele Familien hineintragen«.143 Insofern stellte Reiniger die Impfstatistik mit einer drastischen Forderung zur Diskussion: »Sollen wir denn die zu Krüppeln geimpften oder die Leichen der geopferten Kinder in natura vorführen? Bemühen Sie sich doch gefälligst an den Tisch des Hauses und sehen Sie sich die Photographien an«.144 Obgleich sich am emotionalen Tonfall also wenig geändert hatte, lässt sich seit den 1880er Jahren eine neue Entwicklung nachzeichnen. Zehn Jahre nach Ausrufung des Impfgesetzes machte sich eine zweifache Rahmung des Impfdiskurses bemerkbar, eine parlamentarische und eine bürokratische. Letztere 138 Hüntelmann, Hygiene, S. 193. 139 Vgl. BAB, R 86/1206, Denkschrift KGA von 1888, S. 1. 140 Vgl. RTP, Aktenstück Nr. 541 (1891), S. 2869–2879. 141 RTP, 06.06.1883, S. 2863. Vgl. BAB, R 86/1203, Sonderdruck aus Dr. Wiener, Impfsyphilis, in: Deutsche Medicinische Wochenschrift 52 (1881), o. S. 142 RTP, 06.06.1883, S. 2863. 143 Ebd., S. 2869. 144 Ebd., S. 2867.

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schlug sich in einer Vernetzung zwischen Kaiserlichem Gesundheitsamt und Impfanstalten nieder, so dass sich vermehrt Medizinalbeamte in die Debatte einbrachten. Eng damit verbunden waren eine parlamentarische Institutionalisierung und damit eine Einhegung, ja Entpolitisierung der Impffrage. Im Reichstag wurde das Impfgesetz fortan in Kommissionen verhandelt, was der Kassierung von Kritik gleichkam. Schließlich fassten die Kommissionsvorsitzenden dem Reichstag nur knapp die Petitionsforderungen zusammen, um anschließend zum Tagesgeschäft überzugehen. »Die Impffrage«, stellte »Der Impfgegner« Mitte der 1880er Jahre folglich frustriert fest, »kommt nicht vor das Plenum.«145 Eine tragende Rolle für die parlamentarische Institutionalisierung spielte eine »Impfkommission« des Reichstags, die im November 1884 zum Abschluss kam.146 Diese Impfkommission war seit Verabschiedung des Impfgesetzes von Impfkritikern wiederholt gefordert worden, um eine Auseinandersetzung mit neuen medizinischen Erkenntnissen zu ermöglichen. Unter den 18 Mitgliedern der Kommission fanden sich neben dem Präsidenten des KGA, Karl Köhler, und Robert Koch sowie Vertretern verschiedener Ministerien zwar nur drei »Gegner des Impfzwanges«147 ein. Gleichwohl lässt sich ihre Einbindung als Eingeständnis der Regierung sehen, dass Kritik zumindest gehört werden musste. Der Impfzwangkritiker und Arzt Heinrich W. Böing148 bedankte sich für die »große Geduld«149 der Kommissionsmitglieder. Böing kam nämlich in der Kommission nicht nur besonders oft zu Wort. Er kreuzte auch besonders gern seine Klingen mit dem prominentesten Mitglied Robert Koch. Im Kern ging es in diesem Duell um zwei Dinge: um die Zuverlässigkeit der Statistik und um den Nutzen persönlicher Erfahrungen für gesundheitspolitische Entscheidungen. Immer wieder tauschten sich die Kommissionsmitglieder nämlich über persönliche Erfahrungen aus, die schwer überprüft werden konnten. Ein Beispiel bot der Medizinalbeamte Hermann Eulenberg mit einer Geschichte aus Indien: »Als nun die Engländer sich bemühten, die Impfung dort einzuführen, da stießen sie auf den größten Widerstand bei den Einwohnern, weil dieselben glaubten, die Europäer wollten durch die Impfung nur ihren Untergang be­wirken. Schließlich machten sie sich doch dahin schlüssig, daß sie wenigstens ihre Töchter der Impfung preisgeben wollten. (Heiterkeit.) Als nun ein paar Monate später eine Epidemie auftrat, da starben alle Söhne, und die Töchter blieben am Leben. Angesichts dieses Ereignisses mussten sich selbst die beschränkten Indier [sic] von der Macht der Thatsache überzeugen. Sie entschlossen sich, künftig nur die Söhne, nicht aber die Töchter impfen zu lassen. (Heiter­ 145 BAB, R 86/1203, Ausschnitt aus Der Impfgegner, Die neuesten Nachrichten über den Stand der Impffrage im Reichstage, 01.06.1883, S. 75. 146 Vgl. die Sammlung zur »Kommission zur Berathung der Impffrage« in BAB, R 86/1208. 147 So Böing in der Impfkomission, RTP, Aktenstück Nr. 287 (1884), S. 1296. Gemeint waren neben ihm selbst noch die Ärzte Weber aus Köln und Betz aus Heilbronn. 148 Heinrich W. Böing ist nicht zu verwechseln mit W. Böing, einem Mitarbeiter im KGA. 149 RTP, Aktenstück Nr. 287 (1884), S. 1431.

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keit.)«150 Selbst wenn nicht alle Redebeiträge für derartige Heiterkeit sorgten, bietet Eulenberg ein typisches Beispiel für die Kommissionsarbeit. Die Abgeschlossenheit des Versuchsraumes (das indische Dorf)  und die zwei Vergleichsgrößen (die Gruppe der Töchter und die der Söhne)  waren Teil  einer Plausibili­sierungs-Strategie, mit der eine Anekdote zum gesundheitspolitischen Argument avancierte. Es waren Geschichten wie diese, die Böing zu einer grundsätzlichen Kritik verleitete: »[D]enn auf die einfache Behauptung ›ich habe das erfahren‹, kann jeder Andere sagen: ich habe das Gegenteil erfahren«. Robert Koch ließ diesen Einwand nicht gelten: »Wenn, wie hier, eine Anzahl von Aerzten, die in der Praxis stehen und selbst eine Menge von Pockenkranken behandelt haben, sich auf ihre Erfahrungen berufen, dann hat das doch eine gewisse Bedeutung.« Dass Kochs Beitrag Beifall erntete, war nicht nur dem großen Anteil an Ärzten in der Kommission geschuldet. Darüber hinaus prägte Kochs Autorität die Verhandlung. Wiederholte Würdigungen des »in hervorragender Weise betheiligten Herrn Geheimrath Koch« spiegeln die Ausstrahlung seiner Aura wider: Obgleich Kochs Argumente für Pockenimpfungen durchaus auf Widerstand stießen, gab sein Diktum in vielen Abstimmungen den Ausschlag.151 Neben dem Urteilswert persönlicher Erfahrungen stand der Nutzen von Statistiken zur Debatte. Wegen fehlender experimenteller Beweise wurden von Befürwortern und Gegnern der Impfpflicht zahlreiche Statistiken präsentiert,152 so dass Robert Koch am Ende der Sitzungen versuchte, die Zahlenflut einzudämmen: »[E]s liegt in unserem beiderseitigen Interesse, daß wir uns da nicht mit einer Statistik befassen, welche sich nach der einen oder anderen Seite hin auslegen läßt, sondern nur eine solche zulassen, die wie die Mortalitätsstatistik eine einzige Deutung zuläßt. Denn wenn in Deutschland die Pockenmortalität so gering bleibt […], dann […] haben wir gar keine Veranlassung, am Impfgesetze zu rütteln und zu rühren.«153 Das war auch schon das Ergebnis der Kommission, das dem Reichstag Ende 1884 präsentiert wurde: Während am Impfgesetz nicht »gerüttelt« wurde, setzten sich alle Kommissionsmitglieder für eine verlässliche Statistik über Pockenerkrankungen ein.154 Mit diesen Ergebnissen lässt sich die Entwicklung der Impfdebatte ab den 1880er Jahren zusammenfassen. Einerseits erhielt die politische Auseinandersetzung durch Kommissionen einen Professionalisierungsschub. Hier ging es seltener um Persönlichkeitsrechte und Politik, sondern um Statistiken oder medizinische Verfahren. Diesem Fokus blieben im Übrigen sämtliche NachfolgeKommissionen bis in die 1920er Jahre treu.155 Andererseits brachte die Professionalisierung eine Entpolitisierung mit sich. Juristische und soziale Fragen 150 Ebd., S. 1305. 151 Alle Zitate ebd., S. 1296. 152 Vgl. u. a. RTP, Aktenstück Nr. 287 (1884), S. 1299–1301. 153 Ebd., S. 1426. 154 Ebd., S. 1429. 155 Eine größere Impfkommission wurde im Reichstag beispielsweise 1898 ins Leben gerufen.

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waren in den Kommissionen selten Thema. Obwohl die Debatte also in Foren des Reichstags fortgeführt wurde, war sie in den 1880er und 1890er Jahren quasi aus dem Parlament ausgelagert. Für eine Entpolitisierung sprechen ebenso spätere Diskussionen im Reichstag, in denen die politischen Wellen erneut hochschlugen. So stand die Impfpflicht 1896 auf Antrag der SPD und der Deutschen Reformpartei mehrfach zur Debatte. Bemerkenswerterweise unterschieden die Antragsteller mittlerweile genau zwischen einer wissenschaftlichen und einer gesellschaftlichen Impffrage. Aus der Reformpartei hob der Berliner Impfgegner Paul Förster hervor, »daß heute nicht eine wissenschaftliche Frage zu erörtern ist […] über das Wesen der Schutzimpfung selbst«. Förster und seinen Mitstreitern ging es vielmehr um die gesellschaftliche Dimension. Nicht das Impfen an sich, sondern die Pflicht zum Impfen sei »ein bedrückender Gewissenszwang geworden […] und eine Quelle berechtigter Unzufriedenheit« von »Hunderttausenden deutscher Staatsbürger, Vätern und Müttern«. Försters Trennung zwischen Wissenschaft und Politik folgte der Strategie, seinen Antrag gegen Einwände von Experten zu immunisieren. Vor allem aber ging es ihm um politische Grundsatzfragen: »Wir verlangen neben der religiösen und politischen Freiheit auch die Freiheit der Verfügung über den eigenen Leib«.156 Auch der Sozialdemokrat Hermann Reißhaus machte in seiner Rede deutlich, dass er »[a]uf die medizinische Seite der Impffrage […] als Laie nicht eingehen« wolle. Er ergreife »das Wort ausschließlich, um der Stimmung jenes Theils der Bevölkerung Ausdruck zu geben, welche dem Gesetz feindlich gegenübersteht«. Auch er reklamierte damit eine Sprecherposition, die ihn sowohl gegen Einwände von Ärzten schützen als auch politische Themen wie den »Widerstand gegen das Impfgesetz […] im Volksleben«157 zur Sprache bringen sollte. Unterscheidungen zwischen einer politischen und einer medizinischen Debatte lassen sich als Versuch der Abgeordneten verstehen, ein Mitspracherecht zurückzugewinnen. Zugleich waren sie Ausdruck einer »Polarisierung der Politiksemantiken«,158 die im Reichstag mittlerweile mit den Händen zu greifen war. Verteidiger der Impfpflicht wie der Nationalliberale Ernst Kruse, der Fortschrittler Paul Langerhans oder Karl Heinrich von Boetticher von der Deutschen Reichspartei entkräfteten Mitte der 1890er Jahre sämtliche Vorwürfe gegen das Impfgesetz mit wissenschaftlicher Verve. Vielleicht hatten sie eine Medikalisierung des Politischen bereits so verinnerlicht, dass politische Fragen für sie keine Relevanz besaßen. Zumindest konnten sie sich der Legitimationsmacht der Medizin gewiss sein: Keiner der Anträge gegen das Impfgesetz fand im Reichstag eine Mehrheit, stets wogen »wissenschaftliche« Einwände schwerer als politische.159 156 Alle Zitate Försters in RTP, 12.03.1896, S. 1395, 1405. 157 Beide Zitate von Reißhaus in RTP, 12.03.1896, S. 1405, 1407. 158 Weidner, S. 259. 159 Vgl. dazu die Beiträge und Abstimmung in RTP, 08.05.1896, S. 2203–2218.

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Das änderte sich erst wieder vor dem Ersten Weltkrieg, als die gesellschaftliche Dimension des Impfens in mehreren Reichstagssitzungen diskutiert wurde, so dass man von einer Repolitisierung sprechen könnte. Eine neue Welle an Petitionen gegen das Impfgesetz unterstreicht den Eindruck:160 Zeitungen beobachteten eine »Hochflut an Bittschriften an den Reichstag« sowie Diskussionen, die »immer heftigere Formen angenommen« und »immer größere Kreise unseres Volkes in Unruhe versetzt« hätten.161 »Die Impffrage«, schloss die »Deutsche Tageszeitung« ihren Bericht über die Reichstagsdebatten von 1914, gehöre »zu den heikelsten Fragen ihrer Art.«162 Eine Repolitisierung zeigte sich auch im Reichstag selbst. Lautstark plädierten Abgeordnete für politische Lösungen medizinischer Probleme. Die jahrzehntelange Auslagerung der Impffrage in Kommissionen erschien nun gar als Entmündigung der Parteien. ­Martin Kirchner als Mitarbeiter mehrerer Kommissionen musste sich besonders scharfe Zwischenrufe gefallen lassen, so von Wilhelm Bock (SPD): »Kirchner sagt […] der Impfzwang sei eine Frage der Wissenschaft. Darnach [sic] hätten wir im Reichstag, die wir doch zu 99 Hundertstel gewiß Laien sind, über diese Frage gar nichts zu sagen; […] [w]ohl ermangeln wir der wissenschaftlichen Kenntnis; aber wir haben die Nachteile, die aus diesem Gesetz und aus diesem Verfahren erwachsen, in Erfahrung gebracht«.163 Bock forderte also politische Lösungen für medizinische Maßnahmen, die weitreichende gesellschaftliche Folgen hatten. Dass solche Bedenken einen Nerv trafen, signalisierten sowohl die »andauernde Unruhe« während Bocks Beitrag als auch Entgegnungen wie jene des Deutsch-Konservativen Wilhelm Krahmer, der die ärztliche Deutungsmacht aufrechterhalten wollte: Das Impfen sei eben »keine politische, sondern in erster Linie eine medi­ zinische Frage.«164 Auch auf dem Ärztetag von 1913 waren klare Worte gegen den Reichstag zu hören: »Ja, es tut mir wirklich leid«, erklärte hier der Berliner Arzt Davidson, »daß […] die Herren Reichstagsabgeordneten, sich Urteile erlauben über Dinge, die sie gar nicht kennen. (Zurufe: Sehr richtig!)«.165 In solchen Debatten geriet die Impffrage zu einer Sonde, mit der Politiker und Publizisten den Status quo der politischen Kultur erkundeten. Die einen feierten eine Repolitisierung der Impffrage als Trend zur Parlamentarisierung und Partizipation. Die anderen kritisierten sie als Beispiel für eine »Vermassung«, die vom Werteverfall kündete. So konnten die Leser der »Frankfurter Zeitung« 1914 zur Impfdebatte erfahren: »Gerade die Impffrage ist ein typisches Beispiel dafür, wie in einer Zeit, wo […] alles in Parteipolitik sich auflöst, eine skrupellose Agitation, die auf den Unverstand und die Urteilslosigkeit der Massen rechnet, auch die Überzeugung einer auf ihren Respekt vor der Wissenschaft sonst so stolzen 160 Vgl. ca. 40 Artikel zur »Impffrage im Reichstag« im Frühjahr 1914 in BAB, R 1501/11512. 161 BAB, R 86/4638, Allgemeiner Beobachter, 01.01.1914; Frankfurter Zeitung, 29.04.1914; Die Welt am Montag, 04.05.1914. 162 BAB, R 1501/11512, Deutsche Tageszeitung, Die Impffrage im Reichstag, 29.04.1914. 163 RTP, 28.04.1914, S. 8290. 164 Ebd., S. 8302. 165 BAB, R 1501/11126, 39. Deutscher Aerztetag in Elberfeld, 04./05.07.1913, S. 31.

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Volksvertretung wie den Deutschen Reichstag ins Wanken bringen kann.«166 Wegen solcher Befürchtungen wehrten sich auch Parlamentarier gegen eine Repolitisierung. Otto Fischbeck, Fraktionsvorsitzender der Fortschrittlichen Volkspartei und später preußischer Handelsminister, warnte eindringlich davor, »daß diese ganze Frage […] vom Parteienstandpunkt aus behandelt«167 werde. Woher rührte die Repolitisierung? Wie erklärt sich die Aufregung um eine Gesundheitsmaßnahme, die seit 40 Jahren etabliert war? Und worum ging es in den neuen Debatten genau? Im Kern kreisten die Auseinandersetzungen um zwei Forderungen: um die Einführung einer »Gewissensklausel«, die den Eltern die Impf-Entscheidung überlassen sollte, und um die Einführung einer Entschädigungspflicht bei »Impfschäden«.168 Beide Forderungen waren schon früher zu hören gewesen. Seit den 1910er Jahren stießen sie indes wegen dreier Entwicklungen auf größere Resonanz. Eine erste Entwicklung war das wachsende Mobilisierungspotenzial angesichts neuer Machtverhältnisse. Die Beiträge von Bock und Fischbeck stehen beispielhaft für eine Popularisierung der Impfdebatte. Medizinalrat Otto Rapmund brandmarkte sie gar als Populismus und Spiegelbild politischer Fehlentwicklungen: »Dazu kommt, daß wir seit den Neuwahlen im Jahre 1912 einen neuen und anders zusammengesetzten Reichstag haben, daß […] von den Wahlkandidaten vorher bindende Zusagen in bezug auf ihren Standpunkt zur Impffrage [gefordert wurden] […], obwohl es sich hier um eine rein wissenschaftliche Frage handelt, die weder mit dem politischen Standpunkt, noch mit den politischen Wahlen etwas zu tun haben.«169 Ähnliche Fälle präsentierte Otto Fischbeck: »Ich kann es eigentlich nur bedauern, […] daß die Wahlen, unter Hintansetzung aller großen politischen Gesichtspunkte, von diesen Leuten schließlich davon­ abhängig gemacht werden, wie jemand sich zur Impffrage stellt.«170 War die Impffrage also zu einem Wahlkampf-Schlager verkommen, mit dem sich Stimmung machen und Stimmen gewinnen ließen? Mit Sorge hatte zumindest der Deutsche Ärztetag von 1913 von der »Schande« gesprochen, »dass sich Reichstagsabgeordnete ihren Wählern gegenüber verpflichtet haben, gegen das Impfgesetz zu stimmen, bloss um Stimmen zu fangen«.171 Dass sich der Wahlkampf des Impfens bemächtigte, war tatsächlich ein Novum. Zwar hatten Sozialdemokraten und Zentrum bereits 1874 mit politischen Motiven um die Impffrage gestritten. Die Popularisierung der Impffrage seit den 1910er Jahren ging allerdings einen großen Schritt weiter. Befördert wurde diese Mobilisierung durch das Engagement impfkritischer Vereine, die wie Pilze aus dem Boden schossen. Bücher prominenter Impfgegner wie Wegeners »Impffriedhof« 166 BAB, R 1501/11512, Frankfurter Zeitung, 29.04.1914. 167 RTP, 28.04.1914, S. 8303. 168 Vgl. die Presseartikel in BAB, R 1501/11512. 169 Rapmund, S. 373. 170 RTP, 28.04.1914, S. 8303. 171 BAB, R 1501/11126, 39. Deutscher Aerztetag in Elberfeld, 04./05.07.1913, S. 32.

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oder Molenaars »Impfschutz und Impfgefahren« gaben ebenso Anlass zur Diskussion wie die Zeitschrift »Der Impfgegner«,172 zumal diese die Abgeordneten explizit attackierten: »Ein wahrlich trostloser Gedanke wahrlich ist’s, […] wie die derzeitigen Volksvertreter dem verwerflichen, schandbefleckten Spiele in Gemütsruhe zusehen, sich und dem Volke alles bieten lassen«.173 Gerade weil solche Beiträge an Polemik nicht sparten, machte die Publikationsflut unter Abgeordneten Eindruck. Sie stand für eine Bewegung »im Volke«, die sich in Wählerstimmen umsetzen ließ. Dass Kritiker des Impfgesetzes wie der Sozialdemokrat Friedrich Bock auf »300.000 organisierte Impfgegner« und »Millionen« Bekenner hinwiesen, passt in dieses Bild.174 Doch selbst weniger skeptische Sozialdemokraten und Befürworter des Impfens wie Eduard Bernstein gaben zu bedenken, dass der »unerträgliche Druck« des Impfzwangs »in großen Volkskreisen« empfunden werde.175 Insofern traf Otto Rapmund mit seiner Beobachtung der Reichstagsdebatte den Kern des Problems. Seiner Meinung nach überwog »selbst bei den Impffreunden zu sehr die Stimmung, daß […] mit Rücksicht auf die […] Beunruhigung der Bevölkerung etwas geschehen müsse, um diese tunlichst zu beseitigen.«176 Verfechter des Impfzwanges wie Hinrich Hormann von den Freisinnigen mahnten den Reichstag, »der Bewegung, die heute durch das deutsche Volk hindurchgeht, gerecht [zu] werden«,177 zumal das Wählerpotenzial allen Abgeordneten mit mehr als hunderttausend Unterschriften in den Petitionen buchstäblich vor Augen stand. Dass die SPD seit der Reichstagswahl 1912 die stärkste Fraktion stellte, schien ein weiterer Beleg zu sein, dass sich Bedürfnisse des »allgemeinen Volkes« in Wählerstimmen übersetzten, wie die Zeitung »Der Tag« beobachtete: »Skrupel und Zweifel der Masse, auch wohltätigen Staatseinrichtungen gegenüber, dürfen in den Tagen des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, der Preßmacht und der Volksversammlung nicht mit einer rauhen Handbewegung abgetan werden.«178 Die Berliner Ärzte-Zeitung sah diesen Zusammenhang ähnlich. »Noch bei keiner Legislaturperiode haben sie [die Impfgegner] den Reichstag so bestürmt, […] wahrscheinlich, weil sie gerade von diesem Reichstag hoffen, dass er ihren Wünschen besonders geneigt ist.«179 Die zweite Entwicklung war eine internationale Perspektivenerweiterung. Während in früheren Reichstagssitzungen Bezüge auf andere Staaten allenfalls als statistische Vergleichsfolie gedient hatten, wurden nun Stimmen laut, die auf gesundheitspolitische Initiativen anderer Staaten Bezug nahmen. Insbesondere 172 Vgl. RTP, 28.04.1914, S. 8298, 8304–8306, 8308 u. 8310. 173 Wegener, S. III. 174 RTP, 28.04.1914, S. 8297. 175 RTP, 29.04.1914, S. 8340. 176 Rapmund, S. 377 f. 177 RTP, 01.02.1911, S. 4344. 178 BAB, R 1501/11512, Ausschnitt aus Der Tag [Richard Nordhausen], Kein Zeitverderb, 02.05.1914. 179 BAB, R 86/4674, Ausschnitt aus Berliner Ärzte-Zeitung, 20.04.1912, Herv. v. Vf.

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England stand im Reichstag im Fokus.180 Schließlich war dort die Impfpflicht um die Jahrhundertwende sukzessive eingeschränkt worden. Die Vaccination Acts von 1898 und 1907 beinhalteten eben jene Gewissensklausel, die Kritiker auch für Deutschland forderten.181 Nicht zufällig entwickelte sich seit der Jahrhundertwende zwischen Auswärtigem Amt und Reichsgesundheitsamt ein intensiver Austausch über englische Impfgesetze und Pockenepidemien.182 Insbesondere einzelne Pockenausbrüche in England dienten als Steilvorlage für die Legitimation des deutschen Impfgesetzes.183 Das gilt übrigens auch umgekehrt, nutzten englische Behörden die deutsche Gesetzgebung und englische Seuchenzüge als Argument gegen Liberalisierungsbestrebungen in Großbritannien.184 Ein internationaler Austausch bestand seit der Jahrhundertwende zudem zwischen englischen und deutschen Impfgegnern, die sich in der »Anti-Vaccination League« und auf Kongressen austauschten.185 Angesichts solcher Austausch­ beziehungen sprach einer der engagiertesten Verfechter der Impfpflicht, Martin Kirchner, von England säuerlich als »Eldorado der Impfgegner«.186 Tatsächlich stilisierten Gegner der Impfpflicht wie der Zentrums-Abgeordnete Pfeiffer England zum Vorbild für die hohen »Anschauungen über die persönliche Freiheit«. Die englische Gewissensklausel sei demnach keine medizinische Frage, sondern ein Grundsatz moderner Gesellschaften. Man solle daher »auch im […] Reiche so modern sein«187 und den Zwang aufgeben. Drittens war das Impfen seit der Jahrhundertwende eine Dauerbeschäftigung für deutsche Gerichte geworden. Schuld daran war das Impfgesetz selbst. Da seine Ausführung von den Ländern geregelt wurde, kam es hier zu einer Klagewelle gegen Zwangsmaßnahmen oder Bestrafungen von Impfgegnern. War die Verhältnismäßigkeit des Impfzwangs von Anfang an ein Thema gewesen, trat nun noch die Frage der Rechtmäßigkeit hinzu. Zwar bejahten die meisten Gerichte die Frage und erklärten den Einsatz von körperlicher Gewalt für legi180 Vgl. dazu die Auseinandersetzungen in der Petitionskommission des Reichstags 1910 in BAB, R 86/4674, »Bericht der Kommission für die Petitionen« im Reichstag, 1909/10. 181 Schon frühere Novellen des englischen Impfzwangs waren unter deutschen Medizinern genau beobachtet worden. 1880 brandmarkten deutsche Ärzte englische Ausnahmeregelungen als »Verstümmelung des Gesetzes«, die »der praktischen Abschaffung der Zwangsimpfung« gleichkomme. Herxheimer, S.  766. Vgl. im selben Band zwei weitere Berichte über die Abschaffung des Impfzwangs in England sowie WC, PP/JRH/A/268, 269 und 270; SA/BMA/F.58, F.60; SA/SMO/R/27/1–10; NA, HO 45/10358/152844; HO 45/10368/157384; MH 48/502. 182 Vgl. u. a. BAB R 1501/11568, Schreiben des AA, 21.09.1893; Schreiben Deutsche Botschaft London, 20.09.1907; Schreiben des Local Government Board an den deutschen Konsul, 12.06.1896. 183 Vgl. BAB R 1501/11568, Abschrift des Schreibens des brit. Generalkonsuls an Reichskanzler, 15.08.1898; Abel, Ueber den Stand. 184 Vgl. u. a. Berichte in WC, SA/SMO/J.3/7. 185 Vgl. NA, HO 256/240; MH 55/409. 186 RTP, 28.04.1914, S. 8307. 187 RTP, 30.01.1911, S. 4276.

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tim. Einzelne abweichende Gerichtsentscheidungen gaben indes ein Zeichen, dass die Rechtmäßigkeit von Zwangsimpfungen zur Diskussion stand und dass diese Diskussion von Einzelnen angestoßen werden konnte.188 Kurz gesagt war die Repolitisierung der Impffrage auch eine Folge ihrer Verrechtlichung. Schon 1903 hatte der Jurist Melchior Stenglein in der Auflockerung des Impfzwangs einen Versuch gesehen, »den Staat in die unwürdige Lage zu bringen, […] den Ungehorsam zu dulden«.189 Die meisten Juristen traten diesem Standpunkt bei und erhöhten die Impfpflicht zur Grundlage staatlicher Ordnung. Nach Walter sei die Impfpflicht daher keine »Bevormundung des Volkes, sondern vielmehr […] Voraussetzung, ohne deren Vorhandensein die Existenz des Staates jeder festen Grundlage entbehrt.«190 Im Kontext der Reichstagsdebatte von 1914 formulierte Hans Dütschke diesen Zusammenhang sogar noch schärfer: »Das Zusammenleben der Staatsgenossen muß […] durch ein gewisses Maß von ›Zwang‹ gesichert werden.«191 Liberaler legte nur Hermann Kastner das Impfgesetz aus. Er hielt den Zwang für nicht zeitgemäß, so dass die Impfpflicht allenfalls mit Geldstrafen flankiert werden solle.192 Vor diesem Hintergrund einer Verrechtlichung, Internationalisierung und Mobilisierung im Wahlkampf galten Gewissensklausel und Entschädigungspflicht seit der Jahrhundertwende als zeitgemäße Antwort auf die Impffrage – und zwar nicht nur unter Abgeordneten der SPD und des Zentrums, sondern ebenso in der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Fortschrittspartei und unter Nationalliberalen.193 Die Befürworter der Impfpflicht wiederum stilisierten die Gewissensklausel zum Einfallstor, mit dem die Festung des Interventionsstaates geschliffen werden sollte. So machte der nationalliberale Justizrat Julius Götting im Reichstag 1914 deutlich, dass seine Ablehnung der Gewissensklausel bedeute, »nicht der aufgeregten Meinung im Volke zu weichen, sondern […] bei dem bewährten Schutz unseres Reiches« zu bleiben.194 Aus diesem Motiv speiste sich die Beharrungskraft vieler Impfpflicht-Befürworter. Sie sahen in jeder Nachgiebigkeit eine Kapitulation der staatlichen Ordnungsmacht. Entsprechend deutlich wandte sich Heinrich A. Gins gegen jegliche Liberalisierung, da ohne staatliche »Eingriffe ein geordnetes Staatsleben ja gar nicht möglich wäre.«195 Dass mit der Impfpflicht die »Existenz des Staates« auf dem Spiel stand, war für Abgeordnete wie Götting klar: »Das ist eben die erste Durchlöcherung, die erste Rüttelung an dem festen Bollwerk«.196 Den Vorrang des 188 Vgl. z. B. die Sammlung zahlreicher Urteile in StAHH, 331-1 I/1362. 189 Stenglein, S. 339. 190 Heun, S. 74. 191 Dütschke, S. 10. 192 Kastner, S. 49–50. 193 Vgl. RTP, 29.04.1914, S.  8340; RTP, 03.05.1911, S.  6317; RTP, 28.04.1914, S.  8315; RTP, 29.04.1914, S. 8340. 194 Alle Zitate aus RTP, 28.04.1914, S. 8315. 195 BAB, R 86/4674, Frankfurter Nachrichten und Intelligenz-Blatt, 09.09.1911. 196 RTP, 28.04.1914, S. 8315, Herv. im Original.

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Staates vor Einzelinteressen leiteten einige Mediziner wie Kirchner zudem aus ganz alltäglichen Erfahrungen ab: »Als Arzt habe ich keine Freude daran, Eltern zu zwingen, daß sie ihre Kinder impfen lassen; […] wenn aber die Durchführung des Gesetzes ausnahmsweise nicht anders möglich ist, so muss ich mein ärztliches Empfinden zurückstellen zum Wohle des Vaterlandes und der Allgemeinheit.«197 In solchen Forderungen mutierte die Durchsetzung der Impfpflicht also zu einem Beweis, dass der Staat seinen Machtanspruch über den »Volkskörper« verteidige. Kurz gesagt warf die Impfpflicht seit den 1910er Jahren also erneut grundsätzliche Fragen auf. Und nach wie vor ging es Befürwortern und Gegnern der Impfpflicht bei Persönlichkeitsrechten oder beim Schutz des Allgemeinwohls um eine Standortbestimmung des Sozialstaats. Im Gegensatz zu früheren Debatten gewann die Verrechtlichung des Selbstbestimmungsrechts indes an Gewicht, waren Mündigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Deutschen ein wichtigeres Thema als zuvor. Das zeigen die Abstimmungsergebnisse wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ende April 1914 wurde zwar ein Antrag des Zentrums nach namentlicher Abstimmung abgelehnt, mit dem die Einberufung einer Kommission zur Entscheidung über die Impfpflicht gefordert worden war, »welcher Impffreunde und Impfgegner in gleicher Stärke angehören«.198 Allerdings kam die Ablehnung mit dem denkbar knappsten Ergebnis zustande: Den 119 Befürwortern des Antrags standen exakt 119 Gegner gegenüber. Letztlich blieben die Reichstagsabgeordneten also in zwei Lager geteilt, wie das erneute Aufflackern der Debatten in den 1920er Jahren zeigen sollte. Gleichwohl waren Forderungen nach Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrechten fortan keine Minderheitenpositionen mehr. 2.2.2 Schutzgebiete: Impfprogramme in den Kolonien Kolonien gelten als Laboratorien moderner Gesundheitspolitik, ermöglichten sie den Europäern in Afrika und Asien doch die Erprobung von Medikamenten und medizinischen Maßnahmen.199 Eröffneten sich den Deutschen in ihren Kolonien also Experimentierfelder, auf denen sich Impfungen erproben ließen? Gegen diese Vorstellung hat David Blackbourn Einspruch erhoben.­ Gerade bei Pockenimpfungen, die oft als »imposantes« Beispiel kolonialer Biomacht interpretiert werden, sei der Befund fraglich: »Das Experiment scheint weniger imposant[,] wenn man sich erinnert, dass die Zwangsimmunisierung gegen Pocken im Kaiserreich selbst schon 1874 eingeführt worden war.«200 In diesem Sinne müsste man also umgekehrt Deutschland als Experimentier197 RTP, 29.04.1914, S. 8344. 198 Ebd., S. 8346. 199 Vgl. Headrick, S. 226–256; Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus, S. 57–72. 200 Blackbourn, S. 322.

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feld verstehen, fungierten Maßnahmen in der Heimat als Referenz für koloniale Impfkonzepte.201 Und doch ist die These von kolonialen Experimenten nicht falsch, waren koloniale Erfahrungen in Deutschland gefragt. Dass die Pockenschutzimpfung dabei eine große Rolle spielte, liegt auf der Hand. Schließlich erleichterte sie die Kolonisierung aus fünf Gründen. Erstens verbesserten Impfungen die Gesundheitsverhältnisse vor Ort, was eine effektivere Verwaltung und Ausbeutung des Arbeitspotenzials erlaubte. Damit waren Impfungen zweitens eine Vorsorgemaßnahme für die »Schutztruppen«, die sich in einer »immunisierten« Umgebung bewegten.202 Drittens stellten Impfungen den deutschen Bemühungen um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse ein gutes Zeugnis aus. Damit waren Impfungen viertens ein Katalysator kolonialer Selbstbildung, wie das Fallbeispiel des Mediziners Ludwig Külz deutlich machen wird. Und nicht zuletzt ließen sich aus Impfungen in den Kolonien Rückschlüsse über die Wirksamkeit des Impfgesetzes gewinnen, so dass im Folgenden auch dem wechselseitigen Erfahrungsaustausch zwischen Heimat und Kolonie nachgespürt wird. Unter den »Schutztruppen« blieben die Pocken dank konsequenter Auffrischungsimpfungen eine Ausnahmeerscheinung.203 Und doch stand die Immunisierung der Kolonien gegen die Pocken ganz oben auf der Agenda. In Kamerun bezeichnete Regierungsarzt Hans Ziemann die Durchimpfung der Umgebung von Handelsstationen und Militärbasen gar als Aufrichtung eines »Schutzwalls«, durch den »sämtliche von Europäern bewohnten Stationen allmählich gewissermaßen von einem Wall geimpfter Bevölkerung umgeben werden«204 sollten. Zur militärstrategischen Bedeutung immunisierter Räume trat das Interesse an einer systematischen Immunisierung der Kolonien. Die ­Pocken galten als »verheerendste Krankheit Centralfrikas«205 und wurden »fast alle Jahre« an »der Küste […] von Karawanenträgern eingeschleppt«.206 Impfprogramme optimierten somit die einheimischen Gesundheitsverhältnisse, was wiederum den Erhalt einheimischer Arbeitskräfte sicherte und den Ertrag der Kolonien erhöhte. In Togo beobachtete Ludwig Külz diesen Zusammenhang sehr genau. Külz wirkte hier seit 1902 als kaiserlicher Regierungsarzt und sah es von Beginn an als »eine meiner hauptsächlichsten Berufspflichten […], die Schutzpockenimpfung in möglichst großem Maßstabe unter den Eingeborenen einzubürgern«.207 Diese Pflicht erschien Külz insbesondere unter »ökonomischen Gesichtspunkte[n]« sinnvoll, schützten Impfungen doch die »Menschen 201 Vgl. die Sammlung des Reichskolonialamts zu »Pockenkrankheiten und Einführung des Impfzwanges in den Kolonien« in BAB, R 1001/5822 bis 5833. 202 Vgl. BAB, R 86/2709, Vermerk KGA »Schutzpocken-Impfungen«, 12.07.1893. 203 Vgl. u. a. BAB, R 86/2820; R 86/2834; R 1501/9323; Becker; Ziemann. 204 Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amts, S. 143. 205 Plehn, F., S. 47. 206 Gaertner, S. 7. 207 Külz, Die Hygienische Beeinflussung, S. 685.

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der Kolonie, die ihre Rentabilität garantiren [sic]«.208 Im »Deutschen Kolonial­ blatt« ging Külz sogar so weit, die »Rentabilität« der Pockenimpfung auf die Mark genau zu beziffern: »Man kapitalisiere für Togo und Kamerun 10.000 Eingeborene, Männer, Frauen, Kinder, die wir jährlich im Durchschnitt durch Pockenepidemien verlieren. Man setze den Kapitalswert eines einzelnen Eingeborenen hinsichtlich Steuerkraft, Produktionsfähigkeit, Kaufkraft oder als Arbeiter auf Plantagen, als Träger oder schließlich auch nur als Familienvater oder Mutter auf den Betrag von 10 Mark jährlich fest und nehme an, daß der Dahingeraffte im Mittel noch zehn Jahre gelebt hätte. Das würde einen jährlichen Verlust an Wirtschaftskapital von einer Million bedeuten. […] Und wieviel wird jährlich für die Durchimpfung Togos und Kameruns ausgegeben?«209 Unter Kolonialmedizinern waren solche Rechnungen beliebt. Ende des 19.  Jahrhunderts hatte Ernst Schoen darauf hingewiesen, dass die Kosten für Schutzimpfungen »reichlich aufgewogen« würden, da sie »eine Vermehrung des Nationalvermögens« förderten.210 Auch der Arzt Claus Schilling begründete auf einer »Tagung der deutschen tropenmedizinischen Gesellschaft« den Ausbau des Medizinalwesens mit dem wirtschaftlichen Nutzen »volkshygienischer Maßnahmen«.211 Enrique Paschen wiederum konnte sich mit seinem Wunsch nach Pockenimpfungen sogar auf »die Forderung der Kolonialgesellschaft« berufen, »daß mehr Ärzte in die Kolonien geschickt werden müssen«. Ihm gegenüber sei während seiner Expedition durch Togo vor allem »[v]on Kaufleuten […] immer wieder geklagt worden, welche schweren Verluste das Land durch die Pocken erleidet.«212 Mit solchen Rechnungen ging es Ärzten wohl nicht nur um die Aufwertung der Kolonialmedizin. Darüber hinaus konterten sie kritische Stimmen in der Heimat, die eine »Selbstunterhaltung der Schutzgebiete« forderten und einem Ausbau des Medizinalwesens skeptisch gegenüberstanden.213 Impfprogramme immunisierten demnach gleichermaßen gegen Krankheiten und Kritik. Eine Renditeorientierung entsprach darüber hinaus dem Prinzip der »Rassenhygiene«, wie Ludwig Külz nachwies. Voller Sorge machte er am Beispiel Togos darauf aufmerksam, dass die Pocken »nicht nur das schwächliche Kind dahinraffen, sondern unterschiedslos auch den muskulösen Erwachsenen in der Vollkraft seines Lebens«.214 In dieser Wahrnehmung verhinderten die Pocken eine natürliche Auslese, da sie nicht zwischen »schwächlichen« und »hochwertigen«215 Einwohnern unterschieden.216 Impfprogramme stellten dagegen wie208 Ebd., S. 674. 209 Külz, Die Volkshygiene, S. 19. 210 Zitate aus Dietrich. 211 Vgl. dazu den Bericht über Schillings Vortrag in Der ärztliche Dienst. 212 Paschen, Bericht, S. 35. 213 Vgl. den Bericht über Streudels Vortrag in Der ärztliche Dienst. 214 Külz, Hygienische Beeinflussung, S. 685. 215 Ebd. 216 Külz, Zur Biologie, S. 138.

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der »natürliche« Ausgangsbedingungen im »Kampf ums Dasein« her, so dass sie »die Entwicklung des Togonegers in aufsteigendem Sinne«217 beeinflussten. Selbstverständlich befriedigte diese »rassische Veredelung« letztlich ökonomische Motive, wie Külz betonte. Eine »numerisch und qualitativ hochstehende Negerbevölkerung« liege im deutschen Interesse, »um sie für uns teils als Abnehmer unserer heimischen Erzeugnisse, teils als Arbeitskräfte ausnutzen zu können.«218 Aus diesen Gründen galten Impfungen als Musterbeispiel jener »Segnungen«, die die Deutschen nach Afrika brachten. Vom »Segen« der Impfung sprach Ludwig Külz wörtlich, als er nach seiner Ankunft in Togo ein »hygienisches Programm« für die Kolonie entwarf. Seiner Ansicht nach waren Impfungen nicht nur eine Waffe gegen die Pocken. Darüber hinaus demonstrierten sie europäische Erfolge, was eine soziale Befriedung der Kolonien erleichtere: »Daß dieser Erfolg nicht ohne günstige Rückwirkung auf den Einfluß des Europäers überhaupt bleiben wird, bedarf wohl keines Zweifels.«219 In seiner Bilanz der Kolonialmedizin nannte Ludwig Külz die Bekämpfung der Pocken nicht zufällig an erster Stelle: »Eine große koloniale Kulturarbeit ging hier in planmäßiger Durchführung dem vollen Erfolge entgegen. Sie [die Impfung] allein hätte einen wahrheitsliebenden Feind von der verleumderischen gegen uns vorgebrachten Beschuldigung mangelhafter Kulturleistungen in den Schutzgebieten abhalten müssen.«220 Impfungen waren also immer beides: Eine Maßnahme zur Optimierung der Kolonien als auch ein Symbol der »Kulturleistungen«, die sich gegenüber Einheimischen und in Deutschland vorzeigen ließen. Schließlich waren hier nicht nur aus der SPD immer wieder kritische Stimmen gegen koloniale Erwerbungen zu hören.221 Impfungen sollten in Afrika ebenso wie in Deutschland ein Zeichen setzen, dass der Staat funktionierte. Die Einteilung der Kolonien in Impfbezirke, wie sie etwa in Deutsch-Ostafrika seit der Jahrhundertwende durchgeführt wurde,222 war daher auch ein Versuch räumlichen Ordnens zur Stabilisierung deutscher Herrschaft.223 Dass solche Konzepte schwer umzusetzen waren, unterstreichen schon die häufig wiederkehrenden Pockenepidemien. Den Kolonisten waren die Grenzen ihrer Biomacht also durchaus bewusst. Enge Grenzen zogen die afrikanischen Verhältnisse beispielsweise der Umsetzung eines Impfzwangs nach deutschem Vorbild, die aus zwei Gründen verworfen wurde. Erstens reichte das 217 Külz, Hygienische Beeinflussung, S. 685. 218 Ebd., S. 687. 219 Külz, Blätter und Briefe, S. 34. 220 Külz, Zur Biologie, S. 137 f. 221 Zur zeitgenössischen Kolonialkritik vgl. Speitkamp, S.  138–146; vgl. auch die Kritik an »Kolonialgegnern« der Sozialdemokratie bei Külz, Blätter und Briefe, S. 186. 222 Kolonial-Abteilung des AA, S. 17. 223 Ebd.

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Personal für die Umsetzung einer Impfpflicht in den Kolonien nicht aus.224 Zweitens sprachen pragmatische Gründe gegen einen Impfzwang, erlange man »beim Neger durch gütliches Zureden mehr als durch direkten Zwang.«225 Dieser Ansatz ist bemerkenswert, wenn man sich die zeitgleichen Diskussionen um den Impfzwang in Deutschland vor Augen hält. Schließlich war hier von einem »gütlichen Zureden« bei den Deutschen selten die Rede. Im Übrigen reichten freiwillige Impfprogramme als Beweise kolonialer »Kulturarbeit« vollkommen aus. Denn gerade die freiwillige Beteiligung an Impfungen ließ sich als umso eindrucksvollerer Beweis für die Leistungen deutscher »Kulturarbeiter« interpretieren. An diese Befunde schließt eine weitere Erklärung für die Bedeutung von Impfprogrammen in den Kolonien an. Wenn Impfungen den Nutzen der Medizin für die Kolonien unterstrichen, erhöhten sie ebenso den Stellenwert des einzelnen Mediziners. Das gilt umso mehr, wenn man die Verbreitung deutscher Ärzte in den »Schutzgebieten« berücksichtigt. Im Jahr 1901 waren in deutschen Kolonien Afrikas, Asiens und des Pazifiks insgesamt 52 Ärzte tätig. Acht Jahre später stieg die Zahl auf 134. Selbst in Deutsch-Ostafrika arbeiteten 1909 gerade mal 38 Ärzte, im größeren Kamerun sogar nur 22.226 Etwas besser stand es um die relativ kleine »Musterkolonie« Togo, wo zwischen 1888 und 1914 immerhin 24 Regierungsärzte dienten.227 War das Standesbewusstsein von Ärzten schon in der Heimat ausgeprägt, steigerte es sich noch unter den seltenen Kolonialärzten. Sie verstanden sich als Speerspitze der Kolonisatoren, wie ein Vortrag Schillings in der »tropenmedizinischen Gesellschaft« 1909 unterstreicht: »Der Arzt ist der wichtigste Träger moderner Kultur in den Kolonien; der Arzt ist einem niedriger stehenden Volke gegenüber der Repräsentant des Edelsten und Höchsten, was unsere europäische Kultur hervorgebracht hat, denn er vertritt die Wissenschaft im Dienste der Menschlichkeit. Neben dieser idealen Seite seines Berufes als Kolonisator darf auch der mittelbare Nutzen nicht unterschätzt werden, den der Arzt dem Verwaltungsbeamten wie dem Kaufmann bringt. Vorschriften, Gesetze, die Durchführung von Recht und Ordnung sind dem Eingeborenen mehr peinlich als angenehm, ihren Nutzen erkennt er erst spät; dem Kaufmann begegnet er mit Mißtrauen, da er sich von ihm übervorteilt glaubt. Die Tätigkeit des Arztes dagegen, der ihm seine Gesundheit wiederzugeben sich bemüht, oft ohne dafür ein Entgelt zu fordern, zeigt auch dem mißtrauischsten Farbigen bald, daß dieser ›Weiße‹ ihm unmittelbar nützt. So erwirbt sich der geschickte Arzt ohne große Schwierigkeit das Vertrauen der Eingeborenen«.228 Etwas knapper brachte Ludwig Külz die Bedeutung des impfenden Arztes auf den Punkt, der 224 Vgl. Gaertner, S. 19; Impfgeschäft und Lymphgewinnung, S. 419. 225 Gesundheitsverhältnisse in Deutsch-Ostafrika, S. 363. 226 Vgl. Der ärztliche Dienst, S. 923 f. 227 Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus, S. 128. 228 Der ärztliche Dienst, S. 921.

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die »Eingeborenen […] fester an uns ketten« werde. Impfungen seien daher »unter den Farbigen ein ausgezeichnetes ›arteficium regni‹.«229 Solche Selbstdarstellungen waren beides: Legitimationsversuche der Kolonialmedizin und Ausdruck eines Selbstbildes, das durch Impfungen klare Konturen erhielt. Ein Fallbeispiel für diese Selbstbildung bietet das Wirken von Ludwig Külz. Seit seiner Ankunft in Togo sah er in Massenimpfungen gegen die Pocken seine Hauptaufgabe. Nach systematischen Pockenimpfungen an der Küste machte sich Külz bald auf den Weg ins Landesinnere: »Stets mit frischer Lymphe ausgerüstet, ziehe ich […] nach den verschiedenen Himmelsrichtungen ins Land, um Impftage abzuhalten.«230 Der herrschaftliche Habitus, der sich in dem »Abhalten« von »Impftagen« niederschlägt, war bei Külz Programm. Seine einheimischen Assistenten bezeichnete er folglich als »meine 8 Impfprinzen«. Zu Beginn der Impfung hielt er meist »eine kurze Ansprache ans Volk«, das zu seinen »Impftagen« selbstverständlich »strömte«. Dass die herrschaftliche Semantik seinem alltäglichen Auftreten entsprach, belegte Külz mit Aufzeichnungen über die Impftermine, die jedes Mal »rauschende Ovationen« ernteten: »Im ganzen ist der Empfang in den einzelnen Ortschaften immer derselbe: eine Strecke weit kommen mir die Häuptlinge und ihr Gefolge mit ›klingendem Spiel‹ entgegen und holen mich ein. Im Dorfe allgemeine Begrüßung, darauf wieder Musik […], wechselnd mit dem Gesang aus hunderten kräftiger Negerkehlen und dem Tanz der festlich geschmückten Dorfschönen. Nach eingetretener Beruhigung folgt meinerseits eine kurze Ansprache ans Volk, in der ich den Zweck meines Kommens noch einmal klar mache […]. Nachdem ich mir die wichtigsten Notizen gemacht habe, und Leute mit ansteckenden Krankheiten ausgeschieden sind, folgt die Massenimpfung. Beim Abschied wieder Geleit mit Musik und Tanz zum Dorfe hinaus.« Deutlich wird Külz’ herrschaftlicher Habitus auch in seiner Beschreibung einer typischen »Befehlskette« eines Impftermins: »Der Häuptling mit seinem Gefolge kommt jeden Morgen zur Begrüßung bei mir an und erkundigt sich nach meinen Wünschen. Wenn ich ihm dann sage, daß er seine Untertanen zum Impfen antreten lassen soll, so ertönen alsbald die Trommelsignale durchs Dorf, das Volk strömt zur Station zusammen«.231 Es wäre naiv, aus der Selbstbeschreibung eines Arztes auf reale Verhältnisse zu schließen. Für dieses Fallbeispiel ist der Einwand umso berechtigter, weil es sich bei Külz’ Aufzeichnungen um »Blätter und Briefe« an Familie und Freunde handelte. Doch gerade diese Einschränkung unterstreicht die Bedeutung des Impfens als Medium ärztlicher Selbstbildung. In den Kolonien ließ sich das Impfen zur königlichen Tat stilisieren, die der Herrschaftsvorstellung moderner Mediziner entsprach. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Impfungen und Impfärzte oft in der Kritik standen, schien das ärztliche Arbeitsumfeld in Afrika­ 229 Külz, Volkshygiene, S. 13. 230 Külz, Blätter und Briefe, S. 119. 231 Alle Zitate ebd., S. 130, 123, 131.

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offener. Hier dienten Impfungen der Selbstbeschreibung als »Volkshygieniker« und »Volksbelehrer«, aus denen sich die soziale Spitzenstellung des Kolonialarztes ableitete. Koloniale Erfahrungen waren in Deutschland gefragt. Hier ließ sich ja häufig der Vorwurf hören, dass das Verschwinden der Pocken eher den verbesserten hygienischen Verhältnissen als Impfprogrammen zu verdanken sei. Gegen solche Vorwürfe wurden afrikanische Erfolge in Stellung gebracht.232 Schließlich unterstrich das Erreichen von Immunität trotz widriger Gesundheitsverhältnisse einmal mehr die Wirkung des deutschen Impfgesetzes, wie K. E. Koehncke 1913 festhielt.233 Afrika diente somit in Deutschland immer wieder als Argument, so in einer Reichstagsdebatte 1911, in der der Nationalliberale und Arzt Wilhelm Arning aus »eigener Erfahrung« in Kamerun und Ost-Afrika berichtete, um für die Beibehaltung der Impfpflicht in Deutschland zu plädieren.234 Und noch in einer anderen Hinsicht fungierten Kolonien als Testfall. Neben den Erfolgen ließen sich in Afrika auch Bedrohungen studieren. Insbesondere aus Kolonien Frankreichs, Englands und Portugals trugen Tropenmediziner wie Reinhold Ruge besorgniserregende Zahlen zusammen: »Da, wo die Pocken in den Tropen auftreten, pflegen sie fast überall den Charakter einer Volkskrankheit anzunehmen. […] Da, wo die Bevölkerung durchgeimpft ist, sind die Pocken zum Teil verschwunden.«235 Solche Zahlen sollten Kritiker eines Besseren belehren: »Das wäre eine Gegend geeignet, von den Impfgegnern bereist zu werden, damit sie die durch die Pocken unter einer nicht geimpften Bevölkerung angerichteten Verheerungen kennen lernen könnten.«236 Kolonien waren also immer beides: Kontrastfolie und Möglichkeitsraum. Einerseits ließ sich an ihnen die Wirkung von Impfungen demonstrieren. Andererseits waren hier Bedrohungen wahrnehmbar, die in Europa allmählich in Vergessenheit gerieten. Insofern ist es kein Zufall, dass Fotografien von Pockenkranken seit der Jahrhundertwende aus Afrika nach Deutschland wanderten: Hier sollten sie den Pockentod im Bewusstsein halten.237 Trotz chronischer Personal- und Ressourcenknappheit ließen sich Pockenimpfprogramme in Afrika vergleichsweise problemlos etablieren.238 Diese Etablierung fußte auf drei Gründen. Erstens waren Impfungen eine medizinische Maßnahme, über die man in der Heimat seit Jahrzehnten Erfahrungen gesammelt hatte, was ihre Einführung erleichterte.239 Noch hilfreicher dürfte ein zweiter Grund gewesen sein, der aus europäischer Perspektive meist übersehen 232 Külz, Zur Biologie, S. 137. 233 Vgl. Boehncke, S. 182; Paschen, Bericht. 234 RTP, 30.01.1911, S. 4281 f. 235 Ruge, S. 645. 236 Ebd. 237 Vgl. u. a. BAB, R 86/4704, Runderlass Minister für Volkswohlfahrt, 11.02.1926; R 86/4639, Flugblatt, »Über Pocken und Impfung«, o. D. 238 Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus, S. 152. 239 Vgl. dazu die Einschätzung bei Külz, Zur Biologie, S. 137.

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wird: Unter den Einwohnern der Kolonien waren Impfungen durchaus verbreitet. So berichtete der Chefarzt der Schutztruppen für Deutsch-Ostafrika 1896 über entsprechende »Heilverfahren bei afrikanischen Völkerschaften«.240 Külz sah in der Vertrautheit der Afrikaner mit Impfungen sogar eine Voraussetzung für die Erfolge seines Impfprogramms: »Die Eingeborenen selbst sind durchaus empfänglich für die Impfung, deren Wert ihnen vollständig klar ist. Haben sie doch selbst eine eigene, primitive Art derselben«.241 Der »Kulturexport« war insofern gar nicht so beeindruckend, knüpften Kolonialärzte mit ihren Impfprogrammen doch an gängige Praktiken an. Und drittens konnte man in Afrika Erfolge des Impfens präsentieren, weil diese sich nicht überprüfen ließen. Da in den Kolonien keine Impfpflicht herrschte, widersprachen selbst gelegentliche Pockeneinbrüche nicht der Wirksamkeit des Impfens. Vielmehr bestätigten sie noch die Vorstellung, dass eine systematischere Immunisierung diese Epidemien verhindert hätte.242 Obwohl mehr als die Hälfte aller dokumentierten Impfungen »ohne Erfolg« blieb243 und eine langfristige Wirksamkeit der Lymphe unter tropischen Bedingungen von vielen Ärzten bezweifelt wurde,244 fanden kaum Fälle in die Öffentlichkeit, die den Erfolg von Impfungen relativiert hätten. So präsentierten Kolonialärzte zwar beeindruckende Zahlen von zigtausenden Impfungen, die für einen stetigen Fortschritt der Immunisierung zu sprechen schienen.245 Einen Nachweis über die Wirksamkeit dieser Maßnahme blieben sie wegen fehlender Nachschautermine indes schuldig, so dass durchaus zu fragen wäre, ob bei Pockenimpfungen tatsächlich »Bewundernswertes geleistet«246 wurde. 2.2.3 Schlachtfelder und Experimentierfelder: Der Erste Weltkrieg Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Zumindest beim Impfen hat dieses geflügelte Wort seine Berechtigung. Kriege führen zu einer Verdichtung von Menschen in unhygienischen Lebensverhältnissen und erweitern die Kontaktzonen zwischen Gesunden und Kranken.247 Im gesundheitlichen Sinne war der Erste Weltkrieg »zweifellos total«.248 Impfungen galten daher als Maßnahme von kriegsentscheidender Bedeutung. So berieten bereits im April 1913 Mediziner 240 Becker, S. 647–667. 241 Külz, Blätter und Briefe, S. 34. 242 Vgl. Haberer, S. 162; Meixner, S. 298; Deutsch-Ostafrika. Der Kampf gegen die Pocken. 243 Eine systematische Nachschau des Impferfolgs fand nur bei den »Schutztruppen« statt, hier waren durchschnittlich zwischen 10 und 30 Prozent aller Impfungen erfolgreich. 244 Plehn, A.; vgl. Doering, S. 64; Paschen, Bericht. 245 Vgl. Impfgeschäft und Lymphgewinnung. 246 Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus, S. 306. 247 Vgl. die Überlegungen zum Zusammenhang von Krieg, Moderne und Medizin bei Cooter u. Sturdy; Bleker u. Schmiedebach. 248 Eckart, Medizin und Krieg, S. 11.

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und Militärs im Reichsgesundheitsamt über eine Immunisierung zukünftiger Schlachtfelder gegen Typhus. Insbesondere das Elsaß wurde vom Kriegsministerium als Bedrohung verstanden, so dass dessen »vollständige Einbeziehung in das Gebiet der organisierten Typhusbekämpfung […] vom militärischen Standpunkt aus ein dringendes Bedürfnis« sei.249 Entsprechende Seuchenherde entfachte der Krieg auch im Reich. Das gilt vor allem für Kriegsgefangenenlager und Lazarette, die als Gesundheitsbedrohungen identifiziert wurden. In München stellte das Kriegsministerium im März 1915 klar, dass nur geimpfte Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz oder in weitere Lager transportiert werden dürften.250 Seit dem Ausbruch von Pockenepidemien in Rüstungsfabriken Ende 1916 schlug das Kaiserliche Gesundheitsamt gar »eine Durchimpfung der gesamten Arbeiterschaft der Sprengstoff- und Munitionsfabriken«251 vor. Darüber hinaus war der Austausch zwischen Front und »Heimatfront« eine Infektionsquelle, drohten Soldaten und Migranten die »Kriegsseuchen« doch in die Heimat zu schleppen. Als Folge des Krieges wanderten fortan Infektionskrankheiten durch ganz Europa. Entsprechende Erfahrungen hatten die Deutschen bereits im deutsch-französischen Krieg machen müssen. Dieser hielt für zukünftige Konflikte zwei Lehren bereit. Zunächst einmal war das mehrfach geimpfte preußische Militär weniger von den Pocken betroffen gewesen als die unsystematisch immunisierte französische Armee. Als Zeitzeuge berichtete beispielsweise ein Berliner Arzt auf dem 39. Deutschen Ärztetag: »Wir sind als Soldaten in Frankreich durch pocken­verseuchte Gebiete gezogen. Ich selbst habe am 30. März 1871 in einem Bett gelegen, in dem die Nacht zuvor eine Frau an Pocken gestorben war. […] Kein einziger unserer Soldaten ist damals erkrankt. Aber im übrigen gingen die Totenglocken unaufhörlich. Der dortige französische Arzt, mit dem ich oft gesprochen habe, schlug immer die Hände über dem Kopfe zusammen vor Verwunderung, wie wir verschont blieben. Er hatte soviel zu tun, dass er gar nicht zu Atem kommen konnte. Er sagte, das ist nur durch die musterhafte Durchführung der Impfung beim preussischen Militär erklärlich.«252 Eine zweite Lehre des deutsch-französischen Krieges war die Übertragung der Pocken von Militärs und Kriegsgefangenen auf die Zivilbevölkerung. Selbst Geimpfte konnten demnach die Pocken auf Ungeimpfte übertragen, so dass eine Immunisierung der Gesamtbevölkerung in Kriegszeiten umso dringlicher schien. Hatten diese beiden Lehren einen Ausschlag für die Einführung des Impfgesetzes gegeben, waren Mediziner 1914 umso gespannter auf Lehren des Weltkrieges, der so zum Testfall für die Wirksamkeit der Immunität geriet. Erkenntnisgewinne hatten bereits die Balkan-Kriege 1912/13 erbracht. Sie boten eine perfekte Versuchsanordnung, weil in unterschiedlichen Armeen mit ähnlichen 249 HStAS, E 151/54/140, Protokoll der Beratung im RGA, 24.04.1913. 250 Vgl. StAM, Gesundheitsämter/194, Rundschreiben Kriegsministerium, 09.03.1915. 251 HStAS, E 40/16/146, Rundschreiben Reichskanzler, Reichsamt des Innern, 12.01.1917. 252 BAB, R 1501/11126, Verhandlungen 39. Deutscher Aerztetag, 04.–05.07.1913, S. 31.

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Impfstoffen aber unterschiedlichen Verfahren gegen Cholera geimpft wurde, wie der Dresdner Hygieniker Walter Plange beobachtete.253 In seinem Vergleich der Techniken in der türkischen, rumänischen, griechischen und serbischen Armee mutierten Soldaten zu Testgruppen, an denen sich Potenziale und Probleme bestimmter Impfmethoden studieren ließen.254 »[V]on einem Massenversuch am Menschen« sprach wörtlich der Mediziner Hugo Stursberg im Fall der Typhusschutzimpfung, deren »Wirksamkeit an Hand eines grossen Materials«255 – gemeint waren deutsche und französische Soldaten – getestet wurde. Im Kern ging es auf den Experimentierfeldern also um drei Dinge, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen. Erstens fungierte der Weltkrieg als Testfall für die Wirksamkeit bestehender und neuer Impfprogramme. Zweitens eröffnete der Krieg Gelegenheiten zur Legitimation von Impfprogrammen in der Bevölkerung. Und drittens ließen sich Impfprogramme in besetzten Gebieten zum Beweis für deutsche »Kulturleistungen« stilisieren. (1) Das »Völkerringen« war auch ein Kampf um verschiedene Impfkonzepte. Genau betrachteten Mediziner und Militärs daher die Entwicklung der Pocken in verbündeten und verfeindeten Nationen. Bereits einige Monate nach Kriegsausbruch regte das Reichsamt des Innern daher an, »statistisches Material für einen erneuten Beweis der segensreichen Wirkung der Schutzpockenimpfung […] zu sichern«.256 Entsprechende Beweise trug Johannes Breger vom Reichsgesundheitsamt auch in seinem Rückblick aus dem internationalen Vergleich zusammen. Während in anderen Ländern der Impfzwang gelockert oder inkonsequent durchgeführt wurde, sei in Deutschland sogar »[w]ährend des Jahres 1918 […] die Zahl der Erkrankungen unter den Durchschnitt der Friedenszeit gefallen«. Besonders eindrucksvoll erschienen fallende Erkrankungszahlen angesichts »mancherlei Gefahren der Seuchenverschleppung« im Krieg. In dieser Lesart unterstrichen die schlechten Gesundheitsverhältnisse im Krieg die Potenziale der Impfpflicht, wie Breger mit Pathos betonte: »Wenn diese finstere Wolke [der Pocken] für Deutschland trotz der Not der Zeiten ohne ernsten Schaden vorübergegangen ist, so haben wir dies dem unbeirrten Festhalten an der gesetzlichen Schutzpockenimpfung zu verdanken.«257 Bregers Beobachtungen schienen offenbar so überzeugend, dass sie selbst beim Gegner Großbritannien als Argument für schärfere Impfprogramme verfingen.258 Ein klares »weiter so« war bereits während des Krieges aus dem Robert KochInstitut zu hören. Zur Eröffnung eines Vortrag stellte Heinrich A. Gins seinen Zuhörern in Berlin im April 1917 eine besorgte Frage: »In den beneidenswert 253 Plange, S. 229. 254 Ebd., S. 232. 255 BAMA, PH7/6, Sonderdruck Münchener Medizinischen Wochenschrift, Stursberg/ Klose, Zur Frage der Bewertung der französischen Typhus-Schutzimpfung, 1915, Nr. 21, S. 380–382. 256 HStAS, E 40/16, 146, Rundschreiben Reichskanzler, 16.01.1915. 257 Alle Zitate Breger, Die Pocken, S. 547, 553 f. 258 Vgl. WC, PP/JRH/A.273.

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günstigen Zustand von Pockenfreiheit unserer Bevölkerung brach der Weltkrieg, brachte uns die militärische und die Seuchenabwehr nach West und Ost und damit die Frage: Wie wird der Pockenschutz unseres Volkes bestehen […]?« Gins verlieh dieser Frage noch an Dramatik, da »unsere Heere weit in das pockenverseuchte Polen und Rußland eingedrungen waren.« Der Pockenschutz des deutschen Volkes stehe daher auf einer »starke[n] Probe«, die indes Anlass zur Beruhigung gebe: »Dass diese starke Probe ausgeblieben ist, verdanken wir nicht lediglich dem Zufall, sondern der Wirkung des Reichs-Impfgesetzes.«259 Insofern bot das Fazit von Gins beides: einerseits eine beruhigende Bilanz des Impfgesetzes, andererseits eine Aufforderung an die Deutschen, in den Anstrengungen für die kollektive Immunisierung keinesfalls nachzulassen: »Diese ruhige Zuversicht verdankt unser Volk der allgemeinen, gut überwachten, mit kräftigem Impfstoff durchgeführten Pockenschutzimpfung. Und so soll es bleiben!«260 Kurz gesagt erfüllten Kriegserfahrungen stets zwei Funktionen, die ein Arzt aus Ragnitz auf den Punkt brachte: »den Segen der Schutzpockenimpfung zu erweisen und zur Bekehrung von Zweiflern zu dienen.«261 Der Weltkrieg eröffnete aber auch ein ganz reales Laboratorium. Angesichts des Verschwindens der Pocken in Friedenszeiten machten sich Mediziner im Krieg umso eifriger an die Erforschung von Pockenausbrüchen. »Eine Reihe wichtiger Erkenntnisse«262 gewann beispielsweise Böing vom KGA aus der Untersuchung einiger Pockenerkrankungen, die 1917 in Deutschland aufgetreten waren. Von einem »Experiment« sprach Medizinalrat Franz Spaet sogar wörtlich anlässlich eines Pockenausbruchs in Fürth: »Mit der […] Beweiskraft gleichsam eines Experimentes hat der Gang dieser Epidemie dargetan, daß weder das Pockengift etwas von seiner Ansteckungsfähigkeit, noch die Menschen […] etwas an ihrer Empfänglichkeit für das Pockengift eingebüßt haben.«263 Ähnliche Erfahrungen sammelte Bezirksarzt Schelle. 1916 konnte er nach Ausbruch einer Pockenepidemie im fränkischen Neustadt Ansteckungsrisiken studieren. Schelle war sicher, dass »[d]er Krieg uns einige fremde unangenehme Gäste ins Land gebracht hat«, die zuvor »fast unbekannt« gewesen seien.264 Deshalb habe die Epidemie aber umso eindrucksvoller bewiesen, dass die Deutschen »im hohen Maße pockenfest« seien.265 Kriegszeiten waren in dieser Hinsicht also ausgesprochen gute Zeiten, stellten sie doch die Erfolge staatlicher Maßnahmen umso überzeugender unter Beweis. Ein Laboratorium eröffnete der Krieg nicht nur für Pockenimpfungen in der Heimat, sondern ebenso im Feindgebiet. So stieß Heinrich Gins während des Feldzugs im Osten auf mehrere pockenkranke polnische Kinder. Gins bat das 259 Gins, Pocken, S. 337. 260 Ebd., S. 349. 261 Kirchbach, S. 421. 262 Böing, W., S. 615. 263 Spaet, S. 580. 264 Schelle, S. 725. 265 Ebd., S. 731.

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Reichsamt des Innern umgehend um finanzielle Mittel, um »dieses kostbare Material« zu retten: »Eine bessere Gelegenheit zum Studium und zur wissenschaftlichen Verwertung von Pockenfällen, als sie hier in Südpolen jetzt geboten ist[,] wird sobald nicht geboten sein.«266 Der Krieg gab demnach den Blick frei für Krankheiten, die in Deutschland kaum noch zu beobachten waren. Das überzeugte auch das Reichsamt, wie das Antwortschreiben an Gins bestätigte. Die »Gelegenheit zur wissenschaftlichen Verwertung von Fällen echter Pocken« müsse umgehend durch das Sammeln von Proben »von an echten Pocken Leidenden« ergriffen werden.267 Besonders wertvoll waren Fronterfahrungen für die Erprobung neuer Impfungen im Reich. Vor allem die gefürchteten »Kriegsseuchen« Typhus und Ruhr schürten im Laufe des Krieges Ängste und erhöhten die Bereitschaft von Experten, entsprechende Impfungen in Deutschland zu testen.268 Ein erstes Testfeld war Jena, das im Herbst 1915 von einer Typhusepidemie mit mehr als 60 Todesopfern heimgesucht wurde. Da die Zivilverwaltung keine Erfahrungen mit Typhusimpfungen, aber umso größere Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen hatte, bat der Leiter des Jenaer Hygienischen Instituts, Rudolf Abel, das Heer um Mithilfe. Dieses wischte sämtliche Bedenken vom Tisch und gab den Startschuss für einen Aufruf zu freiwilligen Massenimpfungen, dem zwischen 2.500 und 3.000 Einwohner Jenas folgten. Zwar gestand Abel ein, dass die Zahl im Verhältnis zur Einwohnerzahl von 46.000 zu gering sei, um verlässliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dieses Eingeständnis hielt ihn jedoch nicht davon ab, eine eindeutige Empfehlung zu geben. Da die Impfung gegenüber Isolationsund Sanitätsmaßnahmen »den einzigen positiven Schutz darstellt, den man den Bedrohten gewähren kann, wird man ihrer namentlich bei Massenausbrüchen […] sich bedienen für angezeigt halten müssen.«269 Zu ähnlichen Ergebnissen kam der thüringische Stabsarzt Evers. In Mihal, einer Gemeinde bei Eisenach, brach 1917 ebenfalls eine Typhusepidemie aus, die Evers während seines Heimaturlaubs mit Schutzimpfungen bekämpfte. Seine Erfahrungen von der Ostfront bestärkten ihn bei der Einführung militärischer Impftechniken in Mihal. Evers war sich zwar bewusst, dass »Maßnahmen, die in besetztem Gebiete unter Militärdiktatur möglich sind, […] nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in der Heimat übertragen« werden könnten. Insofern setzte er in Eisenach auf eine Popularisierung freiwilliger Impfung durch Flugblätter und Vorträge, die angesichts mehrerer Typhus-Todesfälle auf Resonanz stießen. Innerhalb eines Monats impfte Evers 892 von 1.500 Einwohnern und brachte die Epidemie zum Erliegen. So lautete zumindest seine »feste Überzeu266 BAB, R 86/2709, Schreiben Gins, 30.04.1915. 267 BAB, R 86/2709, Antwort an Gins, 20.05.1915. 268 Vgl. Eckart, Medizin und Kolonialimperialismus, S. 276 f.; Heine, S. 5. Als Experimentierfeld für die Ruhrschutzimpfung fungierte im Ersten Weltkrieg v. a. die Zivilbevölkerung »im Osten«. Vgl. Steiner; Boehncke u. Elkeles. Zur Typhus- und Choleraschutzimpfung der Armee vgl. BAMA, PH2/671; RM 120/129. 269 Alle Zitate Abel, Massenschutzimpfungen, S. 469 f., 478.

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gung, dass die Impfung nicht zuletzt zu dem guten Erfolge […] beigetragen hat«. Zwar gestand Evers ein, dass er diese Überzeugung nicht beweisen könne.270 Dennoch riet er, »die Vornahme von Schutzimpfungen in möglichst großem Umfange bei jeder Typhusepidemie [zu] empfehlen«.271 Es waren Erfahrungen des Krieges, die Abel, Evers und andere für TyphusImpfungen sprechen ließen – und Nachahmer auf den Plan riefen.272 Eindrücke von der Front legitimierten die Anwendung in der Heimat und dienten hier als Argument. So berief sich das Flugblatt in Jena auf die »im Heere gemachten Erfahrungen«,273 welche die Unbedenklichkeit der Impfung garantierten. In Mihal wiederum ist ein Austausch zwischen Front und Heimat sogar unter den Impflingen dokumentiert. So berichtete Evers von dem großen Zuspruch einiger Frauen, die sich mit ihren eingezogenen Ehemännern ausgetauscht hatten. Daher »kam eine große Anzahl von Kriegerfrauen schon in den allerersten Tagen mit sämtlichen Kindern zur Impfung, mit der Angabe, ihr Mann habe ihr aus dem Felde geschrieben, falls Impfungen ausgeführt würden, solle sie sich sofort mit ihren Kindern impfen lassen, damit er draußen um die Seinen unbesorgt sein könne.«274 Auch in diesem Sinne fungierte der Krieg als Lehrmeister: Erfahrungen von der Front erhöhten die Akzeptanz von Impfungen in der Heimat, zumal die Armee statistisch valide Fallzahlen bot. So fehlten bei Abel und Evers nicht entsprechende Hinweise, dass »[e]rst durch Riesenstatistiken, wie sie vom Heereswesen im Weltkriege zu erwarten sind«,275 Erkenntnisse über die Wirksamkeit von Impfungen möglich seien. Auch Richard Heine bezog sich in seiner Studie zur Typhusschutzimpfung auf militärische Massenimpfungen, die die Wirksamkeit »bei einem größeren Material«  – gemeint waren Soldaten  – erwiesen hätten. Für Heine hatte der Krieg daher sowohl einen militärischen als auch zivilen Mehrwert: Zum einen sei »die Schlagfertigkeit der Armee […] nie durch eine Typhusepidemie in Frage gestellt gewesen.« Seither stand die kriegsentscheidende Bedeutung des Impfschutzes außer Frage, was sich im Zweiten Weltkrieg zeigen sollte. Darüber hinaus zogen Mediziner aus den Kriegserfahrungen einen Nutzen für die Zivilgesellschaft und »für die Friedenszeit«.276 Dass der Krieg als Testfall für Impfprogramme sogar in populären Darstel­ lungen Verbreitung fand, zeigen Veröffentlichungen in Illustrierten, in der Tagespresse oder die Verbreitung von Postkarten mit entsprechenden Motiven – in diesem Fall zur Typhusschutzimpfung (Abb. 2). Die Zeitschrift »Die Woche« präsentierte 1915 gleich eine ganz Fotoserie zur Herstellung und Anwendung des Typhus-Impfstoffs, um das »allgemeine Interesse« zu befriedigen. Wahr270 Evers, S. 315. 271 Ebd., S. 316. 272 Weichardt u. Schrader, S. 282. 273 Zit. n. Abel, Massenschutzimpfungen, S. 471. 274 Evers, Schutzimpfungen, S. 312. 275 Abel, Massenschutzimpfungen, S. 477. 276 Beide Zitate in Heine, S. 8, 27.

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Abb. 2: Versendbares Sicherheitsversprechen: Postkarte »Impfen der Soldaten«

scheinlich speiste sich dieses Interesse aus der Sorge vieler Leserinnen um ihre Ehemänner. Schon deshalb wurde die Impfung als sichere Maßnahme beschrieben, um die Soldaten »vor den mannigfachen Gefahren zu schützen.« Zugleich erhöhten solche Berichte das Interesse an Impfungen in der Heimat. Waren »schlechte Lebensbedingungen, Mangel an gutem Trinkwasser, Nässe usw.« überzeugende Gründe für den Schutz der Ehemänner, so wuchs auch im Reich das Bedürfnis nach einer Vorsorge vor gesundheitlichen Kriegsfolgen.277 Dass die Überzeugungskraft der Schlacht- als Experimentierfelder selbst nach dem Krieg nicht verblasste, zeigen Ausstellungen wie die »Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen« (GeSoLei) von 1926. Hier stellte der Ausstellungsteil »Heeres-Sanitätsdienst« die Vorzüge des Impfens unter Beweis. Der Rückgang von Typhuserkrankungen auf 1,5 Promille im Heer sollte alle Spötter zum Schweigen bringen, wie eine Bildüberschrift »Wozu die ›lächerliche‹ Impferei gut war« hervorhob. Eindrucksvoll war auch die Bilanz der Pockenschutz-Impfungen, die auf einer zweiten Tafel zu sehen war. Während im deutsch-französischen Krieg von ca. 373.000 Kriegsgefangenen fast 14.800 an den Pocken starben, fanden unter den zweieinhalb Millionen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs gerade mal neun Personen den Pockentod, was »den hohen Wert der Pockenschutzimpfung für Heer und Heimat«278 erweise. In diese Sinne ging der Erfahrungsaustausch zwischen Front und Hei-

277 Schlecht, S. 246. 278 Beide Zitate Schlossmann, S. 603, 606.

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mat nach Kriegsende weiter. Als Lehrmeister sollte der Krieg daher auch in der Weimarer Republik eine tragende Rolle spielen.279 Konkrete militärische Bedeutung gewannen Impfungen für Feldzüge »im Osten«. Die Pockenausbrüche von 1870/71 standen zwar deutschen Medizinern und Militärs 1914 klar vor Augen. Allerdings gab Heinrich A. Gins für den Westen bald Entwarnung, da »unsere Feinde ihre Truppen gegen Pocken geimpft hatten.« Als Problem galten demgegenüber »das pockenverseuchte Polen und Rußland«,280 die als »dauernder Seuchenherd«281 galten. Solche Bedrohungsszenarien hatten mehrere Ursachen. Zunächst einmal standen Stereotype vom kranken Osten in einer Tradition deutscher Ängste.282 Außerdem war die Seuchenlage in Osteuropa tatsächlich bedrohlicher als im Westen, sowohl wegen der Malaria und des Fleckfiebers als auch wegen wiederholter Pockenausbrüche in der polnischen und russischen Bevölkerung. Pockengefahren aus dem Osten und der »Schutz der Grenzbevölkerung«283 waren deshalb schon in Reichstagsdebatten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein gängiges Argument für die Impfpflicht gewesen. Darüber hinaus erhöhte sich das Ansteckungsrisiko durch die deutsche Besatzung. Während der Stellungskrieg in epidemiologischer Hinsicht den großen Vorzug hatte, Kontakte zu feindlichen Seuchenherden zu vermindern, öffnete die Besetzung des Ostens Einfallstore in die Heimat. Insofern schien eine Immunisierung der osteuropäischen Bevölkerung sowohl notwendig zum Schutz der Besatzungs- und Kampftruppen als auch zur Vorsorge vor einer »Pockeneinschleppung ins Reichsgebiet«.284 Besonders groß war diese Gefahr im »Deutschen Verwaltungsgebiet von Polen«. In dieses Gebiet machten sich im August 1914 zwei Medizinalbeamte auf den Weg, »um die gesundheitlichen Verhältnisse des Landes kennen zu lernen«. Diese Ermittlungen von Rudolf Abel und Gotthard Frey brachten Bestürzendes zu Tage. Seit »der Russenherrschaft« herrschten in Polen »grauenhafte Zustände im Gesundheitswesen«. Insbesondere bei der Bekämpfung der »Volksseuchen« war daher viel zu tun, wie es Frey metaphorisch auf den Punkt brachte: »Das Land war, hygienisch gesehen, eine Wüstenei.« Große Aufmerksamkeit lag auf der Pockenschutzimpfung. Zum einen war diese Maßnahme in Deutschland lange erprobt. Zum anderen herrschte in Polen ein großer Bedarf, war der »Pockenschutz der Bevölkerung […] außerordentlich gering«. Innerhalb von zwei Jahren wurde daher das gesamte Verwaltungsgebiet dank einer allgemeinen Impfpflicht immunisiert, mit vollem Erfolg, wie Frey konstatierte: »Den Pocken war […] der Todesstoß versetzt.«285 Der martialische Tonfall war 279 Vgl. Bürgers. 280 Beide Zitate Gins, Pocken, S. 337. 281 Evers, Schutzimpfungen, S. 309. 282 Vgl. Weindling, Health; Weindling, Die weltanschaulichen; Eckart, Vision, S. 37 f. 283 So der Zentrumsabgeordnete Heinrich Gerlach, in RTP, 29.04.1914, S. 8329. 284 Gins, Pocken, S. 337. 285 Alle Zitate Frey, Das Gesundheitswesen, S. 583 f., 589, 627, 661, 665.

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offenbar berechtigt. Wenn man den Zahlen Freys glauben darf, fiel die Zahl der Pockenerkrankungen bereits Mitte 1917 praktisch auf Null. Ebenso bemerkenswert wie diese Erfolgsgeschichte ist ihre symbolische Aufladung. Schließlich macht Freys Bericht deutlich, dass er die »Durchimpfung« Polens nicht allein als medizinische Mission ansah. Sie galt ihm und seinen Kollegen zugleich als Kulturleistung, mit der die Deutschen ihren Herrschaftsanspruch im Osten demonstrierten.286 In dieser Lesart verpflichtete eine Besetzung die Deutschen sogar dazu, der polnischen Bevölkerung »Schutz zu gewähren, auf den sie schon aus allgemeinen Gründen der Menschlichkeit bei der Verwaltung durch ein Kulturvolk Anspruch erheben durfte.«287 Dank der Besatzungspolitik mutierte das Impfen zur Waffe der deutschen Kulturmission, deren Einsatz ebenso an Traditionen der Ostkolonisation wie an Erfahrungen der afrikanischen Kolonisation anknüpfte und insofern die »Transformation des kolonialen Gedankens nach Europa«288 beförderte. Für Frey unterstrich die »Sanierung« Polens die nachhaltigen Leistungen des deutschen »Kulturvolks«. »Ich hoffe«, schloss Frey seinen Bericht voller Optimismus, »dass sich dann die Arbeit der ehemaligen deutschen Medizinalverwaltung in Polen nicht als ein verdorrtes Reis, wenn auch auf artfremden Stamm gepropft, erweisen wird, sondern dass sie in der Rolle eines Kulturträgers auch nach ihrer Beendigung wirksam geblieben ist.« Die Doppeldeutigkeit das »Kulturträgers« war in diesem Fall kein Zufall. Denn Freys Bericht verband medizinische und normative Deutungen zu einem roten Faden, an dem sich die Erzählung von den deutschen »Segnungen« orientierte. Sichtbar wird dieses Motiv in Freys Beschreibung »typischer« Impfszenen: »Begreiflicherweise gelang es nicht sofort, die Bevölkerung zum pünktlichen Erscheinen an den Impf- und Nachschauterminen zu bewegen. Man lässt sich in Polen bekanntlich sehr viel Zeit, und so saß denn der Impfer während der russischen Herrschaft den ganzen Tag im Impflokal und wartete auf die, die kommen sollten. Seine Mahlzeiten und einen kräftigen Trunk pflegte er am Impftisch einzunehmen. Damit wurde es nun allerdings anders. Die vom Berichterstatter in den Jahren 1917 und 1918 besichtigten Impftermine verliefen schon in voller Ordnung, die Kinder waren sauber gewaschen und gekleidet; die Eltern wußten, aus welchem Grunde die Impfung stattfand, die Zurückweisung kranker Kinder erfolgte sachgemäß, Reinlichkeit und Ruhe herrschte im Impflokal.« Selbstverständlich sind solche Schilderungen durchzogen von antipolnischen Klischees. Allerdings zielte Frey in geografischer Hinsicht weiter, nahm er in erster Linie Russland ins Visier. Die »grauenhaften Zustände im Gesundheitswesen« waren für ihn eine Hypothek der »russischen Herrschaft«, ja ein Ausdruck der russischen »Volksseele«.289

286 Vgl. auch die Planung zur »Sanierung« »ganze[r] Landstriche« bei Evers, S. 309. 287 Frey, Das Gesundheitswesen, S. 583. 288 Jureit, S. 162. 289 Alle Zitate Frey, Das Gesundheitswesen, S. 732 f., S. 628.

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In solchen Gegenüberstellungen markierte Immunität die Grenze zwischen Kultur und Barbarei. Die Verwandlung des polnischen »Seuchenherdes« in eine immunisierte Gesellschaft unterstrich daher die Leistung des deutschen »Kulturvolkes« und legitimierte ein koloniales Sendungsbewusstsein. Ob in Polen oder Rumänien, wo »Deutsche Hygiene«290 mit Impfungen verbreitet wurde: Immunität verwandelte Osteuropa vom Sanierungsfall zum Interventionsfeld. Sie kündete damit schon im Ersten Weltkrieg vom deutschen Ordnungswillen, der sich gute 20 Jahre später ungleich radikaler verwirklichen sollte. 2.2.4 »Das große Ganze« und die Gewissensklausel: Debatten in Weimar Gesundheitspolitisch gesehen verlief der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik fließend. Nicht nur blieben medizinische Institutionen bestehen und Akteure im Amt.291 Auch in der Praxis blieb alles beim Alten. Zwar hatte das Reichsamt des Inneren seit dem Weltkrieg eine Zurückhaltung bei der Anwendung körperlicher Gewalt zur Durchsetzung des Impfzwangs empfohlen. Da diese einen »Eingriff in die persönliche Freiheit des Einzelnen darstellt«, der »Unzufriedenheit und Verstimmungen hervorrufen und die Zahl der Impfgegner erheblich zu vermehren geneigt ist«, sollten Zwangsmaßnahmen nur im »äußersten Notbehelf« zum Einsatz kommen.292 Allerdings bewerteten Ärzte diese »Notsituation« individuell, so dass Zwangsimpfungen nach 1918 zeitweilig sogar zunahmen. An der Impfpflicht wurde also auch in der Republik nicht gerüttelt, war sie Ausdruck jener »autoritären Tendenz«, die Andreas Wirsching für staatliche Interventionen der Weimarer Zeit im Allgemeinen konstatiert hat.293 Auf den ersten Blick ist die Kontinuität wenig überraschend. Zum einen hatte die Impfpflicht ihre Wirksamkeit unter Beweis gestellt. Der Rückgang der Pocken selbst in der Ausnahmesituation des Weltkriegs sprach einmal mehr für Kontinuität. Zum anderen hat die Forschung für viele Politikfelder einen wenig ausgeprägten Gestaltungswillen der neuen Regierungen herausgearbeitet, wie er sich auch in der Gesundheitspolitik bemerkbar machte. Auf den zweiten Blick wirft die Kontinuität dennoch Fragen auf. Erklärte die Republik die Grundrechte nicht zu einem hohen Gut?294 Dass sich auch die Deutschen seit 1918 solche Fragen stellten, belegen Zuschriften an das RMI und RGA. Bestürzt zeigte sich beispielsweise ein Vater aus Vechta, dass mit der Zwangsimpfung nach wie vor der »Widerstand einzelner gegen das […] Gemeinswohl [sic]« gebrochen werden dürfe. Mit Hinweis auf die Verfassung for290 Originalbildunterschrift aus BAB, Bild 183-S30314. 291 Vgl. Hüntelmann, Hygiene, S. 289; Moser, »Im Interesse«, S. 75. 292 StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 1, Rundschreiben an Bundesregierungen, 24.07.1917; BAB, R 86/4696, Schreiben Staatssekretär an KGA, 24.07.1917. 293 Wirsching, Die Weimarer Republik, S. 24. 294 Vgl. Poscher; Köster.

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derte er die Abschaffung der Impfpflicht: »Ich berufe mich dabei auf die neue Reichsverfassung, deren § 135 folgendermaßen lautet: ›Alle Bewohner des Reiches geniessen volle Glaubens- und Gewissensfreiheit‹ und auf die §§ 114, 115, und 118, in denen die persönliche, körperliche Freiheit garantiert wird.«295 Flankiert wurden solche Privatinitiativen von Petitionen, Veröffentlichungen und Vorträgen organisierter Impfgegner. »13 Monate sind verflossen«, beklagte etwa der »Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung« Ende 1919 in einer Petition an den Reichstag, »seit Aufrichtung einer deutschen Republik, die in jeder Beziehung dem deutschen Volke Gewissensfreiheit versprach.« Da dieses Versprechen nach wie vor der Einlösung harre, forderten die »300.000 Mitglieder« des Reichsverbandes ein Ende der Impfpflicht und drohten, »dass eine tiefe Missstimmung durch unsere Anhänger geht, die sich bei einer Neuwahl zum Reichstag in die für die jetzige Regierung verhängnisvoller Weise bemerkbar machen kann.«296 Von einem Verfassungskonflikt sprach die Zeitschrift »Der Impfgegner«. Die Impfpflicht sei »eine Verletzung der Grundrechte […], insbesondere des Selbstbestimmungsrechtes über den eigenen Leib.« In einem dem Reichstag gewidmeten Beitrag brachte »Der Impfgegner« das Problem sogar in Gedichtform: »Wir impfen, weil es Staatsgebot; / Wir impfen Dutzende zu Tod; / Die Eltern weinen, toben, schimpfen – / Tut aber nichts – wir impfen!«.297 Hier, im Reichstag, brachte auch die SPD das Problem zur Sprache. Alfred Grotjahn stilisierte die »Impffrage« zu einem Testfall für den gesellschaftlichen Neuanfang: »Denn es ist kein Zweifel, daß Hunderttausende von unseren Mitbürgern in schwere Gewissensnöte durch diese Zwangsimpfung geraten, Gewissensnöte, mit denen sich der Obrigkeitsstaat vielleicht leicht abfinden konnte, die aber im Volksstaate berücksichtig werden müssten. […] Endlich wollen wir bei einer Reform des Impfgesetzes auch die Haftpflicht nachgewiesener Impfschäden einführen. Es war ja ohnehin etwas, das sich nur der Obrigkeitsstaat erlauben konnte, daß er nämlich die Zwangsimpfung einführte, aber für die angeblich wenigen Impfschäden die Haftpflicht des Staates ablehnte.«298 Gewissensklausel und Entschädigung standen also nach wie vor zur Diskussion, ja mehr noch: Für Grotjahn und Genossen standen sie für ein neues Selbstverständnis der Republik. Ob das Wählerpotenzial der Impfgegner auf Ministerien Eindruck machte,299 ist heute schwer zu entscheiden. Auf jeden Fall intensivierte sich der Austausch zwischen Impfgegnern auf der einen Seite und Ministerien, Behörden und Wissenschaftlern auf der anderen. Beide Seiten trafen sich in den Jahren 1922 und 1923 mehrfach zu Gesprächen. Angesichts der verhärteten Fronten waren schon diese Treffen eine kleine Sensation. Weniger sensationell erscheinen die Gesprä295 BAB, R 86/4697, Schreiben eines Vaters aus Visbek (Vechta) an RMI, 30.06.1923. 296 BAB, R 86/4679, Petition Dt. Reichsverband z. Bekämpfung d. Impfung, 23.11.1919. 297 AHL, NSA/1884, Der Impfgegner, An alle Leser des Impfgegners, Januar 1921. 298 RTP, 06.04.1922, S. 6959. 299 Vgl. BAB, R 86/4696, Protokoll RGA über Impfgegner, 18.07.1922.

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che, wenn man die Motive einiger Teilnehmer erkundet. So machte J­ohannes Breger vom RGA von Beginn an klar, dass man sich nur »aus taktischen Gründen«300 mit Impfgegnern treffe, um Offenheit für die Sorgen in der Bevölkerung zu demonstrieren. Dieses Ziel wurde bereits beim ersten Treffen im Mai 1922 erreicht, wie das RGA befriedigt feststellte. Nun könnten »die Impfgegner nicht mehr behaupten, dass man ihre Ansicht nicht gehört habe.«301 Tatsächlich zeigte die Gesprächsbereitschaft unter Impfgegnern in Form einer semantischen Abrüstung Wirkung. So beschloss der Reichsverband auf seiner anschließenden Jahrestagung, dass »Vorwürfe verbrecherischer und eigennütziger Handlungsweisen gegen die Vertreter der Impfung«302 fortan unterbleiben sollten. Dass dieser Beschluss mehr als ein Lippenbekenntnis war, bestätigte der Leiter der Hannoveraner Impfanstalt, Fritz Kirstein. Er hörte auf der Tagung einen erstaunlich »sachlichen« Tonfall, der ganz im »Gegensatz zu dem […] Verhandlungston« früherer Versammlungen gestanden habe.303 Mit dem sachlichen Tonfall war es wenig später vorbei. Zwar fanden Befür­ worter und Kritiker der Impfpflicht im Februar 1923 noch einmal zu Verhandlungen zusammen. Bei dieser Gelegenheit wurde jedoch der »Abgrund in der Sache«304 überdeutlich, wie der Gießener Rechtsanwalt Spohr vom Reichsver­ band resümierte. RGA-Präsident Bumm kam zum selben Ergebnis: Während die Gegner des Impfzwangs in der »Gewissensbeklemmung« nach wie vor das eigentliche Problem sahen, bestanden die Befürworter des Impfgesetzes auf einer Unterordnung des Individuums unter das Allgemeinwohl, die im Übrigen ganz den Erfordernissen der Inflationsjahre entspräche: »[B]esonders in heutigen Zeiten, wo wir Alle Tag für Tag dem allgemeinen Wohl die größten Opfer bringen müssten«,305 schien die Impfpflicht schon aus Kostengründen zeitgemäß. Gleichwohl zeigte der Austausch im Einzelnen durchaus Gemeinsamkeiten auf. In der Ablehnung körperlichen Zwangs herrschte zwischen Befürwortern und Gegnern der Impfpflicht ebenso Übereinstimmung wie bei der Einführung einer Entschädigungspflicht für Impfschäden. Die Motive für Entschädigungen unterschieden sich freilich sehr. Während Impfzwanggegner sie zu einem sozialstaatlichen Grundsatz erhöhten, war die Zustimmung des RGA dem Kalkül geschuldet, dass Entschädigungsleistungen die Debatte beruhigten, wie Gins erklärte: »Man könnte den Impfgegnern eine ihrer beliebtesten Waffen – den Hinweis auf die Impfschäden – aus der Hand nehmen, wenn man bei den wirklich nachgewiesenen Schäden Entschädigungen gewährleiste.«306 Diese Übereinstimmungen legten den Grundstein für einen späteren Austausch, der zu 300 Ebd. 301 BAB, R 86/4696, Protokoll Besprechung im Preuß. Minist. f. Volkswohlfahrt, 08.05.1922. 302 BAB, R 86/4696, Schreiben Beiratsmitglied des »Reichsverbandes« an RGA, 30.09.1922. 303 BAB, R 86/4696, Schreiben Regierungspräsident Hannover an RGA, 11.10.1922. 304 BAB, R 86/4696, Schreiben Spohr an RGA, 26.07.1923. 305 BAB, R 86/4696, Protokoll Beratung der Gewissensklausel, 03.02.1923, S. 5, 6 u. 11. 306 Ebd., S. 10 f.

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konkreteren Ergebnissen führen sollte: 1925 wurde mit einer Verhandlung im preußischen Landesgesundheitsrat (LGR) eingelöst, was seit den 1870er Jahren im Reichstag immer wieder gefordert worden war. Erstmals fand im LGR eine Kommission zur Gewissensklausel zusammen, in der prominente Impfgegner und Impfzwangkritiker zu Wort kamen. Neben dem Präsidenten und mehreren Mitarbeitern des RGA brachten sich zudem Vertreter des Reichsinnen- und Reichswehrministeriums sowie der SPD wie Alfred Grotjahn und Naturheilkundler wie Hermann Weyl ein. Obwohl diese Debatte in einem preußischen Gremium stattfand, wurde sie weit über Preußen hinaus als Grundsatzdiskussion über das Impfgesetz wahrgenommen  – und in den Folgejahren entsprechend rezipiert. Noch im »Dritten Reich« sollten diese Verhandlungen im LGR Befürwortern und Gegnern der Impfpflicht Munition für die politische Auseinandersetzung liefern. Wie in früheren Debatten waren die Fronten im Landesgesundheitsrat klar. Auf der einen Seite standen Impfgegner, welche die Impfpflicht aus zwei Gründen zugunsten einer »Gewissensklausel nach englischem Vorbild« abschaffen wollten: erstens wegen der Unverhältnismäßigkeit staatlicher Zwangsmaßnahmen in Zeiten geringer Pockenbedrohungen; zweitens wegen der Unwürdigkeit einer Zwangsbehandlung des Staatsbürgers, die der Arzt Böing an einem Fallbeispiel als »Brutalität sondergleichen« illustrierte: »Denken Sie sich doch: ein Mann, der durch die Impfung ein Kind verloren hat, hat ein zweites Kind, läßt es nicht impfen, […] bekommt Strafen über Strafen, und dann schickt ihm der Landrat oder die Polizeibehörde einen Gendarmen ins Haus, das Kind wird den Eltern entrissen und zum Impfarzt gebracht.«307 Diesem Eindruck konnte sich Grotjahn nur anschließen. Obgleich er gegenüber medizinischen Zwangsmaßnahmen ansonsten durchaus offen war,308 verwarf er den Impfzwang mit Nachdruck: »Ich halte es nicht für richtig, hygienische Maßnahmen […] mit einer solchen Rigorosität durchzuführen, und ich glaube, daß die Bevölkerung sich das auf die Dauer nicht gefallen lassen kann.«309 Für Grotjahn war diese »Rigorosität« umso bedenklicher, weil sie einen Rückschritt gegenüber dem Kaiserreich markiere, das oft pragmatischer agiert habe: »Es ist nicht immer so gewesen, daß man mit der Polizei das Impfgeschäft unterstützt.«310 Auf der anderen Seite standen Verteidiger der Impfpflicht, die sich mit ebenso deutlichen Worten wehrten. RGA-Präsident Franz Bumm bezeichnete die Gewissensklausel wörtlich als »Attentat auf die Kinderwelt«,311 während Heinrich A. Gins von ihr gar als »Verbrechen gegen die Volksgesundheit«312 sprach. Für Gins stand die Verhältnismäßigkeit von Zwangsmaßnahmen auch in den 1920er Jahren nicht 307 Über die Einfügung, S. 85. 308 Zu Grotjahn und Zwangssterilisationen vgl. u. a. Ritter, Sozialstaat, S. 134. 309 Über die Einfügung, S. 95. 310 Ebd., S. 94 f. 311 Vgl. BAB, R 86/4697, Protokoll über die Beratung im LGR, 10.10.1925, S. 7; Über die Einfügung, S. 62. 312 Über die Einfügung, S. 39 und 43.

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zur Debatte: »Wir sind seuchenbedroht, und dem müssen wir Rechnung tragen.« Belege für die Verhältnismäßigkeit lieferte Wilhelm Kolle, Leiter des Paul Ehrlich-Instituts, mit einer simplen Rechenaufgabe. Er ging von 61 tödlichen »Impfschäden« aus, die seit Einführung des Impfgesetzes offiziell dokumentiert wurden, und stellte diese Zahl den Millionen an Impfungen gegenüber, um zu einer eindeutigen Lösung zu kommen: »Es gibt Sachen, die man mit in den Kauf nehmen muß; sie sind leider ein Nebenprodukt der Entwicklung unserer Verhältnisse, nicht nur der Natur, sondern des Lebens.« Mit so einem Fatalismus konnten Kritiker der Impfpflicht wie Böing, Weyl, Grotjahn oder Wilhelm Winsch wenig anfangen. Ihnen erschien die Zahl der Impfgeschädigten um ein Vielfaches höher, da Kolle nur die Toten, nicht aber die unzähligen »Dauergeschädigten« angeführt habe, wie Grotjahn einwandte. Für diesen Einwand hatte Grotjahn persönliche Gründe, wie er bekannte. Sein jüngstes Kind war Opfer eines Impfschadens und seither teilweise gelähmt, so dass er die Bedrängnisse des Impfzwangs selbst erlitten habe: »Ich meine, daß solche Fälle zu denken geben; wir müssen alles tun, um einem Elternpaar die Möglichkeit zu geben, Kinder in einzelnen Fällen von der Impfung zu befreien.« Kurz gesagt bildete das Spannungsfeld zwischen Allgemeinwohl und Individualwohl nach wie vor den Dreh- und Angelpunkt der »Impffrage«, an der grundsätzliche Diskussionen über Schutzpflichten des Staates und Schutzbedürfnisse des Staatsbürgers aufbrachen. Auf den Punkt brachte diesen Dissens ein Befürworter der Impfpflicht, der Göttinger Hygieniker Hans Reichenbach: »Wir unterscheiden uns aber darin, daß wir auf dem Standpunkt stehen, daß im Interesse der Allgemeinheit dem Einzelnen eine Unannehmlichkeit, ja sogar eine gewisse Gefahr auferlegt werden darf. […] wir wollen in jedem Falle das Individuum zurückstellen hinter die Allgemeinheit. Wir wollen nicht, um die wenigen Menschen, die durch die Impfung geschädigt werden, davor zu bewahren, das große Ganze in Gefahr bringen.« Obwohl solche Argumente seit den 1870er Jahren im Reichstag zu hören gewesen waren, hatte sich 1925 doch einiges verändert. Neu waren beispielsweise ökonomische Gesichtspunkte, die im Landesgesundheitsrat angeführt wurden. Es ist wenig überraschend, dass ein Verwaltungsfachmann, Loos, diesen Einwurf ins Spiel brachte. Schließlich hatte Loos die Finanznot der Kommunen zwei Jahre nach der Hyperinflation noch vor Augen. Wegen der »finanziellen Folgen« von Pockenepidemien sei es daher »das kleinere Uebel […], den einen oder anderen Schaden zugunsten des größeren Nutzens in den Kauf zu nehmen.«313 Eine Ökonomisierung des Sozialen gewann in Krisenzeiten offensichtlich an Überzeugungskraft. Auffällig war in der Debatte auch der ständige Ländervergleich. Zwar war England seit der Jahrhundertwende immer wieder gern als Referenz herangezogen worden. Mitte der 1920er Jahre machte sich allerdings eine neue Qualität transnationaler Austauschprozesse bemerkbar. Das hatte zunächst einmal damit zu tun, dass der LGR explizit über die Gewissensklausel »nach englischem 313 Alle Zitate Ebd., S. 43, 75, 93 f., 99, 107.

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Vorbild« debattierte, wie der Vorsitzende zur Eröffnung betonte. Darüber hinaus profitierten die Teilnehmer von persönlichen Kontakten mit englischen Kollegen.314 Entsprechend oft verwiesen Mitarbeiter des RGA auf Epidemien in London oder Gloucester in den Jahren 1922 und 1923 und malten die Pockenbedrohung in düsteren Farben aus.315 Gins zitierte sogar britische Regierungsvertreter, die »mit großer Sorge« auf ihre Gewissensklausel blickten.316 Dank persönlicher Kontakte fügte Breger hinzu, dass die deutsche Impfpflicht auf der Insel geradezu herbeigesehnt werde: »Die verantwortlichen Persönlichkeiten bedauern es außerordentlich, daß sie nicht dieselbe Gesetzgebung haben wie wir in Deutschland.«317 Auch auf Seiten der Kritiker geriet die Insel zum Referenzpunkt, freilich für andere Argumente. Nach Böing sei in England deutlich zu sehen, dass die Pockengefahr trotz Gewissensklausel zurückgehe und eine Impfpflicht daher unnötig sei.318 Grotjahn sah zudem in der hohen Zahl freiwilliger Impfungen in England Anlass zur Entwarnung: »Was hindert uns, es ebenso zu machen wie die Engländer?«319 Mitte der 1920er Jahre stand die Debatte also mehr denn je in einem transnationalen Zusammenhang, mit dem sich eine zusätzliche politische Aufla­ dung der »Impffrage« erklärt. Schließlich ging es beim deutsch-englischen bzw. britischen Vergleich stets um eine Gegenüberstellung zweier Gesellschafts­ modelle,  so dass die Debatte im Landesgesundheitsrat mitunter zur Nach­ hilfestunde in politischer Kultur mutierte, wie sie Weyl den Befürwortern des Impfzwangs Gins, Breger, Kirchner und Kolle erteilte.320 Mit dieser Dimension wird zudem nachvollziehbar, warum sich die Debatte immer wieder mit der englischen Verfassung und der »Psychologie des englischen Volkes«321 befasste, um die Impffrage in Deutschland zu beantworten. Im Ländervergleich standen Staatsauffassungen zur Diskussion, die den Subtext für Gesundheitskonzepte bildeten. Für den weiteren Verlauf der Debatte war neben ökonomischen Motiven und Englandvergleich noch ein drittes Thema ausschlaggebend: die »sozialen Veränderungen« im »Volksstaate«. Solche Veränderungen beschrieb der Arzt­ 314 BAB, R 1501/11568, Abschrift des Schreibens der Deutschen Botschaft an das Auswärtige Amt, 02.11.1922. 315 Vgl. WC, SA/SMO/R.10/1–38; R.27/1–10. 316 Über die Einfügung, S. 30 f. Vgl. BAB, R 1501/11568, Schreiben der Deutschen Botschaft an AA, 07.02.1923 u. 12.07.1923. 317 Über die Einfügung, S. 63. Breger hatte sich 1924 in Manchester aufgehalten, wo der Bürgermeister in einem Festakt die deutsche Impfpflicht gelobt habe. Vgl. WC, SA/BMA/F.59, Broschüre der BMA, »Facts about Smallpox and Vaccination«, 1905/1924. 318 Über die Einfügung, S. 86. Böing betonte, dass er sich selbst »Material« aus England besorgt habe, das u. a. Bregers Darstellungen zur Pockenepidemie in Gloucester hinterfrage. Vgl. Über die Einfügung, S. 113; Breger, Impfwesen. 319 Über die Einfügung, S. 94. 320 Ebd., S. 102 f. 321 Ebd., S. 59.

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Wilhelm Winsch mit einem »Wandel, der in dem Empfindungsleben und im Selbstbewußtsein des Volkes« eingesetzt habe. Während im Kaiserreich der Arzt über dem Volk gestanden habe, seien die Verhältnisse nun umgekehrt: »Heute sind wir in unserem Volksstaat auch nur Diener des Volkes«322. Dass Winsch hier ein allzu harmonisches Arzt-Patienten-Verhältnis zeichnete, dürfte ihm bewusst gewesen sein. Winsch und seinen Mitstreitern ging es mit solchen Bemerkungen weniger um Gegenwartsdiagnosen als um Zukunftsvisionen, die sie an ihrer Kritik der Impfpflicht entwarfen. »Sie wissen aber vielleicht nicht«, warnte daher der Sozialdemokrat Weyl die Verteidiger des Impfzwangs, dass »in der Bevölkerung gegen den Impfzwang […] eine Bewegung entstanden ist, die ihnen sehr unbequem werden dürfte.« Auch der Unternehmer und Naturheilkundler Gerhard Madaus beobachtete voller Sorge, dass die Ärzte »starr an dem Impfdogma festhielten«,323 so dass sich eine »große Kluft zwischen dem heutigen praktischen Arzt und dem Patienten« öffne.324 Tatsächlich geriet das »Vertrauen« der Bevölkerung zu einer Kategorie, die auch Befürworter der Impfpflicht überzeugte. Während Gins, Breger, Kirchner und Kolle ansonsten an ihrer Unterordnung des Einzelnen unter das Allgemeinwohl festhielten, zeigten sie sich gegenüber einer staatlichen Entschädigungspflicht daher offener. Das unterstreicht das Ergebnis der Sitzung, die mit der Abstimmung über zwei Anträge zum Ende kam. Zum einen hatten Grotjahn und Weyl beantragt, dass der Landesgesundheitsrat die Einführung einer Entschädigungspflicht empfehlen solle. Dieser Antrag fand eine klare Mehrheit. Ohne Gegenstimme und bei drei Enthaltungen wurde der Antrag mit 20 Stimmen angenommen. Auch für den zweiten Antrag zeigte sich eine klare Mehrheit. Neben der Entschädigungspflicht hatten Grotjahn und Weyl die Einführung einer Gewissensklausel beantragt. Nur sechs der Teilnehmer stimmten dafür, 15 dagegen, zwei enthielten sich. Obwohl der sozialdemokratische »Vorwärts« angesichts des Ergebnisses von einem »gewisse[n] Erfolg«325 sprach, blieb die staatliche Interventionskompetenz damit unangetastet. Im Übrigen sollte selbst die Einführung einer Entschädigungspflicht noch lange auf sich warten lassen: Während in der DDR seit den 1950er Jahren eine Regelung gefunden wurde, dauerte es in der Bundesrepublik bis in die 1960er Jahre. Dass die Entschädigung von Impfschäden nicht in Gesetzesform fand, rächte sich bereits kurze Zeit später. Seit Mitte der 1920er Jahre wurden in den Niederlanden und England, kurze Zeit später auch in Deutschland mehrere tödliche Fälle von Nervenerkrankungen in Folge der Pockenschutzimpfung beobachtet. Diese »encephalitis postvaccinalis« wurde nicht nur in der Presse sowie von Impfgegnern begierig aufgegriffen.326 Die Pockenkommission des Völkerbun322 Ebd., S. 19. 323 BAB, R 86/4697, Protokoll Beratung im LGR, 10.10.1925, S. 10 f. 324 Über die Einfügung, S. 89 f. 325 BAB, R 86/4704, Ausschnitt Der Vorwärts, Revision des Impfzwanggesetzes, 04.11.1925. 326 Vgl. beispielsweise die Pressesammlung zu Berichten 1928 in StAHH, 135-1 I–IV/3080.

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des sprach von ihr gar als Krankheit »sui generis« und zog damit einen kausalen Zusammenhang zwischen Impfung und Nervenerkrankung.327 Darüber hinaus sorgte sie für Aufsehen in der Ärzteschaft.328 Zwar schienen die vermuteten sechs bis sieben Todesfälle auf eine Million Erstimpfungen den Nutzen der Impfung nach wie vor zu überwiegen.329 Allerdings betrachteten Mediziner nun ältere Impfschäden im neuen Licht, konnten bislang nicht anerkannte Fälle ja Folgen der »Impf-Encephalitis« sein.330 Im Reichstag nahm die SPD diese Erkenntnisse 1928 zum Anlass, erneut eine Revision des Impfgesetzes zu beantragen.331 Nicht nur unter Sozialdemokraten warfen Nebenwirkungen der Impfung ethische Probleme auf. Auch den Befürwortern der Impfpflicht stellte sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit nun noch einmal neu. Wegen dieser Neubewertung fand sich 1928 erstmals eine Mehrheit im Reichstag zusammen, die einem Antrag der SPD auf Überprüfung der »wissenschaftlichen Grundlagen« des Impfgesetzes zustimmte.332 Mit dem Zusammenhang zwischen Impfungen und Nervenerkrankungen beschäftigte sich neben dem Reichstag auch der Reichsgesundheitsrat Ende März 1928. Auf die Ausgangsfrage dieser Sitzung: »Gibt das in Holland beobachtete Auftreten von Encephalitis-Erkrankungen bei Impflingen Anlass, besondere Massnahmen in Deutschland zu treffen?«, fanden die Teilnehmer unterschiedliche Antworten. Alfred Grotjahn griff erneut seinen Antrag aus dem Landesgesundheitsrat von 1925 auf und sah »Veranlassung genug, in Deutschland die Gewissensklausel einzuführen.« Demgegenüber behauptete Heinrich Gins, dass die Zahl der Nervenerkrankungen in Deutschland geringer sei als in den Niederlanden, so dass der Nutzen der Impfpflicht potenzielle Nachteile bei weitem übertreffe. Mit geostrategischen Argumenten wiederum verwarf Otto Lentz vom preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt die Gewissensklausel. Da sich Deutschland wegen seiner »Mittellage« in einer großen Bedrohungssituation befände, bleibe die Impfpflicht zwingend erforderlich.333 Wie drei Jahre zuvor im Landesgesundheitsrat entkräftete dieses Bedrohungsszenario alle Einwände gegen die Impfpflicht, so dass Grotjahns Antrag auf Einführung einer Gewissensklausel auch dieses Mal abgelehnt wurde. Allerdings fand sich – ebenfalls wie drei Jahre zuvor – eine klare Mehrheit für den zweiten Antrag Grotjahns auf Einführung einer Entschädigungspflicht. Aber auch dieses Mal blieb das Abstimmungsergebnis folgenlos. Angesichts ständig wechselnder 327 BAB, R 1501/11547, Rundschreiben RMI an Landesregierungen, 16.04.1927. 328 BAB, R 1501/11547, Schreiben RGA-Präsident Bumm an RMI, 08.04.1926. 329 Vgl. StAHH 331-1 I/1334, Bd. 3, Auszug aus RGesBl, 16.09.1931, S. 573. 330 StAOL, 227/107, Protokoll der »sechsten Tagung der nordwestdeutschen Vereinigung für praktische Hygiene« im Gesundheitsamt Hamburg, 12.05.1928; BLHA, Rep 45 D Luckau/154, Rundschreiben Preuß. Ministers f. Volkswohlf., Berlin 05.03.1928. 331 RTP, 24.03.1928, S. 13699. 332 Der zweite Teil des Antrags, die Forderung nach einer »Einführung einer Gewissensklausel«, fand hingegen keine Mehrheit. RTP, 26.03.1928, S. 13774. Vgl. BAB, R 86/1208. 333 Alle Zitate HStAS, E 130 b/2790, Sondersitzung des RGR, 28.03.1928, S. 15, 48, 53.

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Regierungen kam es Ende der 1920er Jahre zu keiner Revision des Impfgesetzes mehr. Erst der Lübecker Impfskandal von 1930 und Debatten in der NS-Zeit sollten für substanzielle Veränderungen sorgen. Insofern unterstreichen die Entwicklungen der späten 1920er Jahre den Gesamteindruck zur Weimarer Republik. Selbst wenn die Entschädigungspflicht auf breitere Resonanz stieß, hatten Forderungen nach einem Ende der Impfpflicht gegen Einwände medizinischer Experten und traditionelle Bedrohungsszenarien keine Chance. In Weimar nichts Neues – auf diese Formel lassen sich die Entwicklungen der 1920er Jahre bringen, was übrigens auch der Blick in die Praxis des Impfens belegt. Wie aber lässt sich die Kontinuität des Vorsorgestaats nicht nur nach 1918, sondern bis Ende der 1920er Jahre erklären? Hatte die Weimarer Koalition nicht Möglichkeiten genug für gesetzliche Veränderungen, die ihre Vertreter Grotjahn, Moses, Weyl und andere immer wieder lautstark forderten? Waren die Krisenjahre nicht eine gute Gelegenheit, sich kostspieliger Pockenschutzimpfungen zu entledigen – zumal die Pocken-Bedrohung nun ungleich geringer erschien als die der Tuberkulose, Syphilis und Diphtherie, für deren Bekämpfung Ressourcen dringend benötigt wurden?334 Eine Antwort auf diese Fragen gibt die Einordnung der Debatten in den Gesamtzusammenhang. Reformen des Impfgesetzes und Neuordnungen des Gesundheitswesens hatten in den Gründerjahren Weimars angesichts größerer Probleme keine Priorität. Blickt man auf den generellen Reformstau auch in anderen Politikfeldern, sind Kontinuitäten zwischen Weimar und dem Kaiserreich wenig überraschend. Noch weniger überraschend ist das Festhalten am Impfzwang seit Mitte der 1920er Jahre. In den Kabinetten Marx und Luther fanden Forderungen für Persönlichkeits- und Freiheitsrechte eher geringeren Zuspruch als zuvor. Vor allem aber war die Pockenschutzimpfung seit den 1870er Jahren zu dem Werkzeug des modernen Interventionsstaates avanciert. Wenn sich Weimar einer »präventionsbezogenen Gesundheitspolitik«335 verschrieb, war die Pockenschutzimpfung die schlagkräftigste Waffe im präventiven Arsenal, die von den Leistungen des Vorsorgestaats kündete. Die systematische Durchsetzung der Impfpflicht lieferte täglich Beweise, dass der Staat funktionierte. Dieses Argument gewann in Krisenzeiten noch an Gewicht,336 selbst wenn sich mehrere Landesregierungen angesichts knapper Kassen der Pockenschutzimpfung gern entledigt hätten. Die Pockenschutzimpfung demonstrierte also die Interventionskompetenz der jungen Republik auch und gerade während der Inflations- und Finanzkrisen. Die Selbstwahrnehmung als »Krisengesellschaft« beförderte diese Aufladung des Impfens ebenso wie die Zunahme impfkritischer Bewegungen. Schließlich stellten Kritiker mit der Impfpflicht die staatliche Legitimität als Ganzes in Frage. Die scharfen Auseinandersetzun-

334 Vgl. König. 335 Moser, Notverordnung, S. 97. 336 Zur Selbstdeutung der »Krisengesellschaft« vgl. die Beiträge in Föllmer u. Graf.

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gen im Landesgesundheitsrat 1925 geben nur ein Beispiel für diesen Befund: Die Beibehaltung der Impfpflicht stellte dem »starken Staat« ein gutes Zeugnis aus und dessen Autorität unter Beweis.

2.3 Prekäres Wissen: Konstruktionen von Immunität 2.3.1 Deutschland als Experiment und »Großversuch«: Wissensgenerierung Angesichts der Einführung einer Impfpflicht ist die Beobachtung erstaunlich, dass das Wissen über die Pockenschutzimpfung lange Zeit ausgesprochen vage blieb. Zwar war sich die Mehrheit der Mediziner Ende des 19.  Jahrhunderts einig, dass die Schutzimpfung gegen Pocken immunisierte. Unbeantwortet blieb allerdings die Frage, wie sie es tat.337 Mitte der 1880er Jahre brachte der Hy­gie­ niker Siegfried Wolffberg dieses Problem mit entwaffnender Offenheit auf den Punkt: »Denn so leicht die Thatsache selbst zu beweisen ist, daß die Impfung gegen die Menschenpocken Schutz gewährt, so sind wir doch von dem vollen Verständnis derselben weit entfernt.«338 In einer der ersten »Immunitätslehren« von 1903 erklärte der bayerische Stabsarzt Adolf Dieudonné den Vorgang der Immunisierung vergleichsweise unbeholfen als »Reaktion«, die sich in einer »Umstimmung gewisser Zellkomplexe« bemerkbar mache.339 Noch 1923 – und damit gute 50 Jahre nach Einführung der Impfpflicht – kam Friedrich Kraus von der Berliner Charité zu dem ernüchternden Befund, »daß wir von der Immunität und ihrem Zustandekommen nichts wüßten«.340 Es ist von gewisser Ironie, dass eine Ursache für das prekäre Wissen ausgerechnet in den Erkenntnisgewinnen des »bakteriologischen Zeitalters« zu finden ist. Für die Erforschung der Pockenviren erwiesen sich Erfolge der deutschen Bakteriologie als Hypothek, begriff man Immunität nämlich als Vorsorge vor Bakterien, wie Wolffberg erklärte: »Der Kampf gegen die Seuchen ist nunmehr präzisiert als ein Kampf gegen diese mikroskopischen Organismen, die zur Klasse der Pilze gehören, gegen die Bakterien«. Als Krankheitsursache erkannten Wissenschaftler den »Pilz der Schwindsucht« oder den »Pilz des Typhus« und »mit der größten Wahrscheinlichkeit ist für die Masern, das Scharlach und für die Pocken nicht minder ein je spezifischer Pilz als Krankheitserreger anzunehmen.«341 Umso größer war die Ernüchterung, nachdem jahrelange bakteriologische Forschungen das Wissen um die Pockenimpfung keinen Schritt vorangebracht hatten. 1912 beklagte das Württembergische Me337 Vgl. Schulz, S. 36. 338 Wolffberg, S. 10. 339 Dieudonné, S. 65. 340 BAB, R 86/4696, Protokoll Verhandlung der Gewissensklausel, 03.02.1923, S. 9. 341 Wolffberg, S. 6–7. Vgl. Hess, V., Vom Miasma.

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dizinalkollegium »unsere andauernde Unkenntnis des Erregers der Pocken«, die angesichts der Erfolge der Bakteriologie besonders schmerze: »Von all den­ grossen Entdeckungen und Fortschritten auf dem Gebiet der Mikrobiologie hat die Erforschung der Pocken und der Vaccine keinen Vorteil gehabt«.342 Insofern eilten Politik und Praxis des Impfens der wissenschaftlichen Erkenntnis seit den 1870er Jahren mit großen Schritten voraus. Den Beweis für die Wirkung der Impfung gab der Rückgang der Pocken, der sich in Statistiken (er-)zählen ließ. Nun läge aus heutiger Perspektive die Vermutung nahe, dass die Einführung einer Pflichtmaßnahme möglichst fundiertes Wissen voraussetzte. Bei der Pockenschutzimpfung war das nicht der Fall. Auch wenn die Mehrheit der Mediziner das Impfgesetz guten Gewissens unterstützte, basierte ihre Zuspruch allein auf Beobachtungen über den Rückgang von Erkrankungsund Sterblichkeitszahlen. Paul Kübler vom preußischen Kriegsministerium fasste das in seinem Handbuch 1901 freimütig zusammen: »Wohl ist uns der Erreger der Pocken bisher noch unbekannt geblieben; wir können seine Vermehrung und seine Vernichtung nur am Verlauf der Krankheit und an der Wirkung der Impfung feststellen.«343 Während also jedes Jahr hunderttausende Kinder gegen Pocken geimpft wurden, suchten Wissenschaftler fieberhaft nach Erklärungen. Gelegentlich deuteten Mediziner die Unkenntnis zwar zu einem Argument für das Impfen um. So erhöhte Martin Kirchner die Bedeutsamkeit der Pocken­schutz­impfung noch, weil Heilverfahren mangels experimentellen Wissens nicht in Sicht waren. Letztlich bezeugten solche Äußerungen allerdings die Ratlosigkeit, die sich auch sonst in Kirchners Standardwerk niederschlug. Von entwaffnender Ehrlichkeit war etwa der Pleonasmus, mit dem Kirchner die Ausbreitung der Pocken erklärte: »Die Krankheit ist enorm ansteckend und kommt nur durch Ansteckung zustande.«344 Es passt ins Bild, dass der Sächsische Ärzteverein von der Impfpflicht sogar wörtlich als »Experiment« sprach. In einem Gutachten forderte der Verein 1878 daher ein Festhalten am Impfgesetz. Erst die Impfpflicht stelle nämlich die notwendige Masse an Zahlenmaterial bereit, an der sich exakte Aussagen gewinnen ließen, so dass das »Experiment« über »mehrere Generationen« fortzusetzen sei: »[I]n der Erwägung, dass ohne Impf- und Revaccinationszwang genaue statistische Erhebungen gar nicht möglich sind, dass es der deutschen Nation zum Ruhme gereicht, durch ein grossartiges, Opfer erforderndes, aber durch die bisherigen Erfahrungen berechtigtes Experiment eine der wichtigsten Fragen der öffentlichen Gesundheitspflege zur Entscheidung zu bringen, […] gelangt der Verein zu der […] Ansicht, der Impfzwang sei beizubehalten, vorläufig bis durch eine sorgfältige, mehrere Generationen umfassende Statistik die Frage des Impfschutzes endgiltig [sic] entschieden ist«.345 Knappe dreißig Jahre später 342 HStAS, E 151/51, 63, Schreiben Württemb. Medizinalkollegium, 06.02.1912. 343 Kübler, S. 392. 344 Kirchner, Schutzpockenimpfung, S. 7. 345 Rothe, S. 748.

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konnte Paul Kübler das Gelingen dieses »Experiments« ausrufen. Habe bei Einführung der Impfpflicht noch Ungewissheit über den Impfschutz geherrscht, zeige sich rückblickend, dass der »Großversuch« erfolgreich gewesen sei: »In welchem Umfange dieser Schutz erreicht werden würde, hing von der Ausführung des Gesetzes ab. Ob er wirklich eintrat und ob er dann genügte, um […] die Entstehung neuer Epidemien zu verhindern, musste sich noch zeigen. Die Reichsgesetzgebung hatte im Vertrauen auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung einen Versuch im Grossen unternommen. Die Sachverständigen, welche dazu riethen, waren von der Festigkeit der von Ihnen gegebenen Grundlagen überzeugt. Den Beweis dafür, dass sie darin nicht irrten, hat die Erfahrung in den folgenden Jahrzehnten geliefert.«346 Wissen über Impfungen war also nicht nur prekär, sondern ebenso von spezifischen Prämissen geleitet. Die Kochschen Postulate medizinischer Wissenschaftlichkeit ließen sich für die Pockenschutzimpfung im Grunde erst seit den 1950er Jahren einlösen. Zuvor waren stattdessen die von Kübler genannte »Erfahrung«, »Überzeugung« oder das »Vertrauen« in die Experten Leitkategorien, die das Experiment der Impfpflicht legitimierten. Zu einem Problem geriet prekäres Wissen, wenn es das Spannungsverhältnis zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit verschärfte. Während Mediziner Wissensgenerierung als Lernprozess verstanden, provozierte die Vorläufigkeit medizinischen Wissens in Presse und Parlamenten wiederholt Nachfragen. Hier wurden unterschiedliche Erklärungsansätze nicht als Grundlage wissenschaftlichen Austausches interpretiert, sondern als Unentschiedenheit, ja Unbrauchbarkeit. Ein Beispiel für diese Haltung lieferte Hermann von Mallinckrodt vom Zentrum. Angesichts der Vielfalt an Impftheorien fragte er den Reichstag 1874 mit polemischen Unterton: »Was ist denn eigentlich die medicinische Wissenschaft? (Ruf: ah!) Ja, meine Herren, Sie sagen ›ah!‹ Es würde vielleicht sonst Jemand geneigt sein, zu antworten, das sei eine Summe von sehr verschiedenen, durcheinanderspielenden und sich bekriegenden Ansichten; ich möchte sagen, es sei ein Topf voll Mäuse.«347 Einschlägige Erfahrungen machten Mediziner vor allem im Seuchenfall. Schließlich waren Pockenepidemien ideale Testfälle für Immunität, deren Wirksamkeit am lebenden bzw. sterbenden Objekt beobachtet werden konnte. Dieses zynisch klingende Wortspiel trifft tatsächlich den Kern zeitgenössischer Wissensgenerierung. Interessant war nicht das Schicksal einzelner Menschen, sondern deren Impfstatus. Als in Berlin Ende 1895 die Pocken von einem polni­schen Arbeiter in eine Gastwirtschaft »eingeschleppt« wurden, schienen dem KGA weniger die Erkrankungen oder Todesfälle, sondern »[z]wei Umstände […] bemerkenswerth«: »Von den Kindern der Wirthsleute […] ist nur eines von der Krankheit verschont geblieben, und zwar das einzige, welches geimpft war. Der Arzt, welcher den Polen auf der Poliklinik untersuchte, ist, als geimpft, verschont ge346 Kübler, S. 329. 347 RTP, 14.03.1874, S. 344.

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blieben, sein Famulus, nicht geimpft, ist gleichfalls an Pocken erkrankt, obwohl er mit dem Polen gar nicht in Berührung gekommen war.«348 Auch eine Pockenepidemie in Frankfurt am Main bot wenige Jahre später reichhaltiges Anschauungsmaterial. Obwohl hier im Sommer 1900 zahlreiche Personen an Pocken erkrankten, ging die Epidemie mit vier Toten recht glimpflich aus. Vor allem aber lieferten die Toten Beweise für die Wirksamkeit der Immunisierung, welche die Frankfurter Behörden in ihrem Abschlussbericht zusammenstellten. Demnach lag »bei den 4 Personen, die an Blattern gestorben sind, die letzte Impfung zwischen 30 und 60 Jahre« zurück. Bei den Erkrankten wiederum sei »die Krankheit im Allgemeinen umsoweniger schwer aufgetreten […], je weniger weit die letzte Impfung zurück lag.«349 Epidemien waren für Wissenschaftler also willkommene Fallstudien. Vor diesem Hintergrund wird ihr unstillbares Interesse an jedem noch so kleinen Pockenausbruch nachvollziehbar. Von »einige[n] interessante[n] Beobachtungen aus einer kleineren Pocken-Epidemie« sprach beispielsweise der Düsseldorfer Stadtassistenzarzt Wildenrath 1918.350 Zwei Jahre zuvor hatte ein Bezirksarzt ähnlich begeistert von einer Pockenepidemie in Pirna berichtet: »Die Wirk­ samkeit des Impfschutzes zeigt nun auch diese Epidemie in vortrefflicher Weise. Von den Kindern, die am ehesten durch Ansteckung gefährdet sind, wurden nur 3 im ersten Lebensalter stehende, befallen, die überhaupt noch nicht geimpft waren. 2 davon starben. […] Auch daß nur 6 Männer unter den 22 erkrankten Erwachsenen sich befanden, spricht für die Wirksamkeit des Impfschutzes, weil eine große Anzahl Männer während ihrer Militärdienstzeit eine zweite Wiederimpfung erfahren«.351 Während in der Bevölkerung wenig Begeisterung über Epidemien geherrscht haben dürfte, erschienen sie Medizinern als Glücksfall. Für die Generierung gesicherten Wissens brauchte es ja eben jenes Anschauungsmaterial, das von der Impfpflicht systematisch vernichtet wurde. Zusammengefasst fallen an der Wissensgenerierung zwischen 1870 und 1930 drei Dinge ins Auge. Erstens war der Pragmatismus eine Folge prekären Wissens. Angesichts fehlender Erkenntnisse aus experimentellen Studien boten Erfahrungen aus Epidemien genauere Anhaltspunkte. Zweitens stieß die Praxis praktischer Wissensgenerierung kaum auf Kritik. Weder im Reichstag, wo die SPD die Experimentierfreudigkeit einzelner Ärzte gern geißelte, noch in der Presse waren grundsätzliche Einwände zu hören. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Stilisierung der Impfpflicht zum »Großversuch« im Grunde alle deutschen Kinder zu Versuchskaninchen erklärte. Dass diese Praxis so selten auf Kritik stieß, hing drittens mit spezifischen Vermittlungspraktiken zusammen, mit denen das Wissen an Plausibilität gewann: der Statistik und der Retrospektive. 348 Berliner Lokal-Anzeiger, Über die Entstehungsgeschichte der letzten Pockenkrankheit in Berlin, 15.11.1895. Der Zeitungsbericht basierte auf einem Bericht des KGA. 349 StAF, MA/1489, Bd. 2, Bericht der Frankfurter Anstalts-Deputation, 06.04.1901. 350 Wildenrath. 351 Petzholdt, S. 347 f.

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2.3.2 Dirne oder Dame? Statistiken als Evidenzmaschinen Der Streit um Statistiken ist so alt wie diese selbst. Einerseits legten sie die Grundlage für eine »Bewertung der Effizienz administrativer Maßnahmen«,352 mit der sich moderne Staaten legitimierten. Andererseits war ihr Ertrag fraglich.353 Während einer Sitzung des preußischen Landesgesundheitsrats 1925 brachte Heinrich W. Böing dieses Problem auf den Punkt: »Meine Herren, das allgemeine Urteil über die Statistik ist wohl sehr ungünstig: man sagt, sie wäre eine Dirne die jedem zugänglich sei. Wenn man sich aber etwas näher mit der wissenschaftlichen Statistik beschäftigt, so findet man, daß sie eine sehr anständige Dame ist, der man sich sehr ernsthaft widmen muß, wenn man etwas von ihr erreichen will«.354 Der Streit um Damen oder Dirnen eskalierte beim Impfen besonders häufig, weil Statistiken die Grundlage der Wissensgenerierung bildeten. In seiner Immunitätslehre von 1903 führte Dieudonné daher als Hauptargument für die Wirksamkeit von Impfungen den Ländervergleich an. So zeige »sich ausnahmslos, daß in den Ländern und Städten ohne Impfzwang die frühere Pockenmortalität sich bis in die neueste Zeit erhalten hat, während sie in angrenzenden Ländern und Städten mit Impfzwang enorm reduziert oder vollkommen verschwunden ist«.355 Ob in Publikationen, Parlamenten oder in der Presse, unter Impfbefürwortern ebenso wie unter Impfkritikern: Statistiken über Impfprogramme standen im Zentrum aller Debatten. Seit Einführung des Reichsseuchengesetzes und Etablierung einer reichsweiten Krankenstatistik drehten sich diese Debatten um jährliche Impf- und Erkrankungszahlen. Für die Generierung von Wissen erfüllten Statistiken insofern zwei Funktionen: Erstens gaben sie Experten Gelegenheit, im zeitgenössischen Sinne »wissenschaftlich« zu arbeiten, galten Statistiken doch als Königsweg zur Erfassung sozialer Entwicklungen. Zweitens wiesen Statistiken dem Wissen den Weg in die Öffentlichkeit, boten sie Möglichkeiten, komplexe Zusammenhänge zu verdichten.356 Diese Anschaulichkeit gilt auch im Wortsinne, gewannen Statistiken ihre Überzeugungskraft doch dank ihrer visuellen Übersetzung: als Diagramm. Schließlich prägte sich die Wirksamkeit des Impfens so schneller ein als im Aggregatzustand der Zahl. Damit war Wissen über Immunität einfacher an Ärzte und Eltern zu vermitteln. Ein passendes Beispiel für dieses Vermittlungspotenzial bietet eine Grafik (Abb. 3), die in zahlreichen Veröffentlichungen bis Ende der 1920er Jahre zu finden ist. Statistiken wie diese machten zwei Dinge sichtbar. Zunächst einmal unterstri­ chen sie die Wirksamkeit der Impfung. Da Österreich und Preußen in hygieni­ scher Hinsicht vergleichbare Größen darstellten und zwischen beiden Staaten 352 Brian, S. 144. 353 Zur Auseinandersetzung um Impfstatistiken vgl. Maehle, S. 130–135. 354 Ueber die Einfügung einer Gewissensklausel, S. 75. 355 Dieudonné, S. 73. 356 Nikolow. Vgl. Moser u. a., Evidenzbasierte Medizin.

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Abb. 3: Gefährliche Wellen und nationale Gegensätze: Argumente für die Impfpflicht

ein enger Waren- und Personenaustausch bestand, ließen sich Unterschiede der Erkrankungszahlen auf die Einführung des Reichsimpfgesetzes von 1874 zurückführen, die in dieser Abbildung entsprechend markiert wurde. Erst die »Förderung der Impfung durch Verhaltensmaßregeln« 1891 markiert demnach in Österreich den Beginn einer allmählich fallenden Kurve. Wichtig war an solchen Statistiken zudem der diachrone Vergleich, konstruiert die Retrospektive doch ein Muster der Welle: So unterstreicht die Abbildung, dass Pockenepidemien vor der Impfpflicht im Muster einer ständigen Wellenbewegung auf­ traten. Erst die Impfung durchbrach diese Gesetzmäßigkeit wiederkehrender Epidemien. Damit hob diese Statistik nicht nur jene latente Bedrohung hervor, die die Deutschen an die Erfüllung der Impfpflicht ermahnte. Darüber hinaus suggerierte sie eine »Disziplinierung der Zukunft« – dank der staatlichen Impfpflicht war die Zukunft gesundheitspolitisch planbar und veränderbar. Mit dieser Anschaulichkeit reagierten Statistiken auf ein Dilemma von Vorsorge. Da Impfungen Krankheiten vorbeugen, sind ihre Wirkungen nur ex negativo, mit dem Ausbleiben von Epidemien, festzustellen. Statistiken machten somit das Unsichtbare sichtbar. Als Evidenzmaschinen waren Statistiken auch in Ausstellungen gefragt.357 Für ihre Entschlüsselung bedurfte es wenig Fachwissen oder Erklärungen komplizierter Experimente. Insofern durften Statistiken zum Impfen nicht auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden von 1911 fehlen. Hier bekamen die Besucher neben »Fläschchen mit Impfstoff« und Broschüren immer wieder Statistiken zur Pockenschutzimpfung zu sehen,358 was nicht nur dem Interesse der Ausstellungsmacher entgegenkam.359 Darüber hinaus boten Statistiken Stoff für Erfolgsgeschichten. Statistiken zur Pockensterblichkeit »vor und nach Erlasse des Deutschen Impfgesetzes«, zum »Anteil der Ausländer an der Zahl der Pockenerkrankungen im Deutschen Reich« oder zur »Häufigkeit der Pockentodesfälle« im Ländervergleich waren besonders beliebt.360 Zwar stießen solche Inszenierungen mitunter auf Kritik, so bei Heinrich W. Böing, der die Impfstatistiken der Dresdener Ausstellung als reine Suggestion abtat: »Dann kommen die großen Statistiken des Kaiserlichen Gesundheitsamts, die auf der Hygieneausstellung in Dresden so ungeheures Aufsehen erregt und die eine große Menge von Besuchern wieder für die Impfung gewonnen haben. Ich muß aber sagen: etwas oberflächlicheres und falscheres an Impfstatistik ist mir, der ich mich jetzt 50 Jahre lang mit diesen Fragen beschäftige, überhaupt noch nicht vorgekommen. Derartige Vergleiche von gutgeimpften Ländern mit schlechtgeimpften Ländern, von gutgeimpften Städten mit schlechtgeimpften Städ357 Vgl. Münch u. Lazardzig. 358 Vgl. u. a. die Listen über Ausstellungsstücke zur Dresdner Ausstellung, in: BAB, R 86/2871. 359 Für den Ausstellungsteil »Seuchenbekämpfung« zeichneten v. a. Kirchner und Dieudonné verantwortlich. Vgl. BAM, 134, Sonderkatalog für die Gruppe Allgemeine Seuchenbekämpfung der Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden, Dresden 1911, S. 3, 5, 8–15; Ficker. 360 Vgl. BAB, R 86/3727, Tabellarische Übersicht über Themen, die 1911 präsentiert werden.

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ten aus aller Herren Länder, das ist ein so einseitiger Gesichtspunkt, daß man ihn nicht nur als statistisch denkender, sondern einfach als logisch denkender Mensch zurückweisen muss.«361 Bei aller Kritik macht Böings Einwand deutlich, dass Statistiken im Publikum auf große Resonanz stießen. Sie blieben folglich auch in den Ausstellungen der Weimarer Republik das Maß aller Dinge, wenn Impfwissen vermittelt werden sollte. Gleich mehrere Beispiele bietet eine der größten Veranstaltungen dieser Zeit, die GeSoLei in Düsseldorf 1926. Neben Ausstellungstafeln und Dioramen zur Geschichte des Impfens stieß der Besucher auch hier auf zahlreiche Statistiken. So präsentierte die Stadt Duisburg ein Balkendiagramm zur Pockenausbreitung im Jahr 1871 und im Jahr 1920, die den finanziellen Nutzen der Impfung untermauern sollte. Noch vor dem Rückgang der Todes- und Erkrankungszahlen stand hier die Kostenersparnis im Fokus. Waren 1871 noch mehr als 17 Prozent des Gesamthaushaltes für die Isolierung und Pflege der Pockenkranken verwendet worden, waren es 1920 gerade mal 0,05 Prozent. In diesem Fall gab die Statistik sogar eine Antwort auf ökonomische Fragen der krisengeschüttelten 1920er Jahre. Vorsorge gegen die Pocken war demnach nicht nur sicherer, sondern auch billiger – und damit zeitgemäß, was den »volkswirtschaftlichen« Nutzen medizinischer Forschungen unterstrich. Obwohl eine Rezeptionsanalyse angesichts fehlender Quellen schwer fällt, legt die Verbreitung von Statistiken nahe, dass diese in der Öffentlichkeit ebenso verfingen wie unter Experten. Das »Hamburger Echo« gab sich beispielsweise anlässlich der Veröffentlichung entsprechender Statistiken in einer Broschüre des KGA 1914 geradezu überwältigt von der visuellen Beweisführung: »Die […] graphischen Tabellen über die Verbreitung der Seuche vor Einführung des Impfzwanges und nachher konstatieren einen so unbestreitbaren Gegensatz, einen so unverkennbaren Wendepunkt […] 1874 […], daß jeder unbefangene Urteiler, auch wenn er Laie in der Frage ist, wenigstens zugeben muß, daß sehr viel Wahrscheinlichkeit für die pockenfeindliche Wirkung des Impfens spricht.«362 Wegen dieser Überzeugungskraft kamen in Bayern Statistiken sogar zum Einsatz, wenn Erwachsene trotz einer Epidemie nicht von Impfungen zu überzeugen waren: »Über den Wert der Impfungen sind die Beteiligten an der Hand der vom k. Preuss. Ministerium des Innern […] herausgegebenen Statistik […] entsprechend aufzuklären.«363 Nicht zuletzt erklärt sich die Beliebtheit von Statistiken als Reaktion auf ein weiteres zeitgemäßes Bedürfnis: den Nationalismus. Statistiken visualisierten schließlich einen internationalen Wettbewerb um das bessere Gesundheitssystem. Zwar sollte dieser Wettbewerb im Kalten Krieg seinen Höhepunkt errei361 Ueber die Einfügung einer Gewissensklausel, S. 76. 362 Hamburger Echo, Zwei Tage Impffrage, 01.05.1914. Vgl. auch Der Tag, Die preußische Medizinal-Abteilung über das Impfgesetz, 17.06.1914; Leipziger Neuste Nachrichten, Die Impffrage, 18.06.1914; Berliner Morgenpost, Die Irrtümer der Impfgegner, 20.06.1914. 363 StAM, LRA/196453, Schreiben Bezirksamt Erding, 01.12.1914.

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chen. Seine Wurzeln liegen indes im Kaiserreich. So bewies Martin Kirchners Vergleich der deutschen Pockensterblichkeit mit der in Frankreich, Italien und Russland nicht nur den Nutzen der Impfpflicht. Darüber hinaus unterstreiche der Spitzenplatz Deutschlands dessen wissenschaftliche Spitzenstellung in der Welt, wie Kirchner verkündete. Die Statistik zeige demnach, »daß Deutschland sich eines hervorragenden Schutzes gegen die Pocken erfreut, um den ihn andere Länder beneiden.«364 2.3.3 Wissensgewinn durch Geschichtspolitik Wissensgenerierung mit Statistiken operierte also auf zwei Ebenen. Auf der synchronen Ebene erlaubten Statistiken Städte- und Ländervergleiche, auf der diachronen Ebene machten sie Entwicklungen sichtbar. Insofern blickte ein Großteil der Wissenschaftler weniger in die Mikroskope als zurück in die Vergangenheit, um verlässliches Wissen über Impfungen zu generieren. Salopp gesagt arbeiteten sie nicht als Mediziner, sondern als Historiker bzw. als Geschichtspolitiker, die ihre Argumente für gegenwärtige Maßnahmen aus Konstruktionen der Vergangenheit ableiteten. Bereits 1867 hatte Heinrich Bohn Rückblicke zur Bewertung der Wirksamkeit von Impfungen empfohlen: »Die Kenntnis der Rolle, welche die Pocken in der Welt gespielt, bildet die nothwendige Voraussetzung eines sicheren Urtheils über den Werth des dagegen empfohlenen und gebräuchlichen Schutzmittels.«365 Als »indirekte[s] Beweisverfahren« verklärte Wolffberg Mitte der 1880er Jahre das Vorgehen, so dass »der Beweis als historischer bezeichnet werden«366 müsse. Der Rückblick in frühere Zeiten ohne Impfpflicht, die Schilderungen von Seuchenzügen und alltäglichen Ängsten – alles das diente als Argument für Impfprogramme. In seinem Handbuch fasste der Leiter der Berliner Impfanstalt, Matthias Schulz, einige Vorlesungen Robert Kochs zusammen, die mit Hilfe von Rückblicken »mehrfache Beweise« für die immunisierende Wirkung der Impfung erbracht hätten: ­»Voran steht 1. die Summe der Erfahrungen der einzelnen Ärzte. Durch die Geschichte der Medicin sind denselben die Opfer bekannt, welche die Pocken ehemals forderten. Die Mehrzahl der Ärzte hat in früheren Jahren grö[ß]ere Zahlen von Pockenkranken in Behandlung gehabt, nach Einführung des Impfgesetzes ist die Krankheit in Deutschland sehr selten geworden.«367 Besonders viele Beispiele für das Zusammenspiel zwischen Wissenschaftsund Geschichtspolitik bot der hundertste Jahrestag der ersten Kuhpockenimpfung am 14.  Mai 1796. Hundert Jahre nach der erfolgreichen Immunisierung des Jungen James Phibbs durch Edward Jenner wurde die ganze Welt Zeuge 364 Kirchner, Schutzpockenimpfung, S. 70. 365 Bohn, S. 366. 366 Wolffberg, S. 40. 367 Schulz, S. 10.

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von »Jenner-Feiern«. Ob in Europa, Amerika oder Asien – überall feierte man den »höchsten Triumph der Prophylaxe«368 und den Beginn moderner Gesundheitsvorsorge.369 Schon fünf Jahre zuvor, im Herbst 1891, hatten Mediziner auf einer Tagung in Halle die Bedeutung dieses Jahrestags via »National-Zeitung« unters Volk gebracht: »Der Tag verdiente wohl, überall in der Welt als ein Festund Freudentag begangen zu werden, denn von den Millionen der Lebenden, denen die Wohlthat der Impfung zu Theil geworden, weiß Niemand, ob er es nicht Jenner verdankt, dass er noch athmet im rosigen Licht.«370 In Berlin gab die Gedenkfeier 1896 Anlass für ein buntes Programm. Zu sehen waren Aus­ stellungen und ein geschmücktes Rathaus, das sich zum Jubiläum für die Festgesellschaft öffnete. Neben dem Berliner Oberbürgermeister Robert Zelle fanden sich zur Hundertjahrfeier unter anderen Rudolf Virchow sowie Vertreter der preußischen Ministerien ein. Sie alle begingen »den Festtag in dem frohen Bewusstsein […], dass das in der Schutzpockenimpfung gegebene und erprobte Prinzip des Kampfes gegen die Infektion sich auch anderen Seuchen gegenüber zu bewähren begann.«371 Auch anderswo war die Begeisterung groß. Frankfurter Ärzte nutzten die Jenner-Feier, um auf die »eminente hygienischsoziale Bedeutung« der Impfung hinzuweisen.372 Dass solche »Jubelfeiern« unter Impfgegnern nicht auf Gegenliebe stießen, verwundert kaum. Vereine wie die »Deutsche Impfgegner Centrale« nutzten den Jahrestag daher ebenfalls für ihre Öffentlichkeitsarbeit. Sie stellten in Berlin eine »Trauerfeier« als Gegenveranstaltung auf die Beine.373 Rückblicke in die Geschichte des Impfens erfüllten mehrere Funktionen. Erstens dienten sie wie Statistiken als Verfahren der Wissensproduktion, kompensierten sie fehlende experimentelle Beweise. Zweitens konstruierten historische Rückblicke eine Erfolgsgeschichte der Medizin, in der Impfungen den »Beginn einer neuen, segensreichen Aera«374 markierten. »In die trostlosen Zustände damaliger Zeit«, so war es auf der Darmstädter Hundertjahrfeier zu hören, »die den Ärzten das niederdrückende Gefühl gab, einer schweren Krankheit machtlos gegenüberzustehen, fiel der erste Strahl einer besseren Zukunft«.375 Im Rückblick auf die Impfgeschichte schälte sich so ein Fortschrittsparadigma der 368 Frankfurter Zeitung [Prof. Dr. Hermann Cohn], Goethe über den Impfzwang, 05.09.1901. 369 Vgl. zeitgenössische Rezensionen entsprechender »Jubelschriften« in: DVÖG 29 (1897), S. 336–338; Voigt, Das erste Jahrhundert. 370 BAB, R 86/1197, Ausschnitt National-Zeitung, Von der 64. Naturforscher-Versammlung in Halle, 27.10.1891. 371 Kübler, S. 391. 372 BAB, R 86/1197, Ausschnitt Frankfurter Zeitung, Verein für öffentliche Gesundheitspflege, 21.05.1896. 373 BAB, R 86/4673, Flugblatt der Deutschen Impfgegner-Centrale, Berlin, 1896. 374 BAB, R 86/1142, [Karl] Neidhardt, Zur Jahrhundertfeier der Einführung der Schutzpockenimpfung im Großherzogtum Hessen, Darmstadt 1907, S. 7. Vgl. Sahmland. 375 BAB, R 86/1142, [Karl] Neidhardt, Zur Jahrhundertfeier der Einführung der Schutzpockenimpfung im Großherzogtum Hessen, Darmstadt 1907, S. 5.

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modernen Medizin heraus, wie es Eduard Zache in der »Preußischen Zeitung« 1891 beschrieb. Die Pockenimpfung sei demnach »das erste Glied einer Kette von Beobachtungen, deren Reihe […] der medizinischen Wissenschaft einen Impuls gegeben hat, welcher in der Zukunft sicher fruchtbar werden wird.«376 Passagen wie diese machen deutlich, dass sich aus der Retrospektive drittens zukünftige Aufgaben ableiten ließen. Auf der Frankfurter Jenner-Feier warf der Festredner zugleich »einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft, Befreiung des Menschengeschlechts von allen Infektionskrankheiten und die ›generalisierte Impfung‹ erhoffend.«377 Die Geschichte des Impfens fungierte für Mediziner somit als Ressource, mit der sie ihre gesellschaftliche Stellung betonten und ein Agendasetting betrieben. Der Bonner Mediziner Emil Ungar brachte dieses Motiv 1893 auf den Punkt, dürfe man aufgrund der Geschichte des Impfens doch »hoffen, für den Kampf mit jenen kleinen, aber durch ihre ungeheure Zahl so sehr gefährlichen Feinden neue, zum Siege führende Schutzwaffen zu erhalten.«378 Und viertens wirkten Retrospektiven in der Öffentlichkeit. So boten Fortschrittsgeschichten Stoff für Zeitungsartikel, mit denen sich der Nutzen der Immunität anschaulich vermitteln ließ. In diesem Sinne hob die »Schlesische Zeitung« 1914 den »ungeheuren Kulturfortschritt«379 einer Impfgeschichte hervor, der jeden Impfgegner zum Verstummen bringen müsse. Rückblicke in frühere Seuchenzeiten mündeten entsprechend oft in Appelle, dass die Gefahr der Pocken durch Impfungen zwar aufgeschoben, nicht aber aufgehoben war. Die Impfgeschichte illustrierte so das ständige Risiko, das die Deutschen nur durch konsequente Fortführung der Impfpflicht senken könnten. Einen solchen Appell formulierte beispielsweise Mitte der 1880er Jahre der Landesimpfarzt Anton Kranz in seinem Vortrag über frühere Zeiten, als »diese Seuche wüthete« und jedes Jahr »eine für uns geradezu unverständlich große Zahl« an Pockentoten gezählt werden musste.380 In Darmstadt zog Obermedizinalrat Karl Neidhardt in einer Ansprache ebenfalls unter seinen Rückblick ein stolzes Fazit über die Impfung als »größte Leistung […], welche die Therapie aller Länder aufzuweisen habe.« Allerdings fügte Neidhardt mit drohendem Unterton hinzu, dass die Leistung immer wieder aufs Neue erbracht werden müsse. Schließlich erinnere die »Zahl von Ungeimpften« hundert Jahre nach Einführung der Impfungen daran, »dass der Drache der Blatterngefahr nur schläft, aber nicht getötet ist. Ein Funken in das hochentzündliche Material – die Ungeschützten – hineingeworfen, kann jederzeit einen neuen Brand entfachen […]. Zündstoff ist stets vorhanden, und, dass es auch an Funken nicht fehlt, dafür sorgen unsere Nachbarländer, die sich eines gleichen Impfgesetzes wie Deutsch376 BAB, R 86/1197, Preußische Zeitung, Dr. Eduard Zache: Die Schutzblattern, eine Studie über den Wandel der ärztlichen Meinung, 02.08.1891. 377 Frankfurter Zeitung, Verein für öffentliche Gesundheitspflege, 21.05.1896. 378 Ungar, S. 36–37. 379 BAB, R 1501/11512, Schlesische Zeitung, Die Impfdebatte, 01.05.1914. 380 BAB, R 86/1239, Broschüre Zur Geschichte der Einführung der Schutzpockenimpfung in Bayern, 14.01.1884.

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land nicht erfreuen und für die das geflügelte Wort gilt: ›Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, / wenn’s dem bösen Nachbarn nicht gefällt.‹«381 Die Appellfunktion blieb in der Weimarer Republik gefragt, vielleicht sogar mehr denn je: Schließlich ließ mit den Pockenepidemien »auch der Impfeifer nach«, wie der Direktor der Kölner Impfanstalt Eduard Meder 1926 besorgt bemerkte. Aus diesem Grund blickte er in einem Vortrag im Kölner Ärzteverein auf die »Zeit der Einführung der Schutzpockenimpfung in Preußen« zurück. Schließlich mahnte die Vergangenheit, dass Immunität nur als temporärer Schutz zu verstehen sei, so dass jegliche Lockerung der Impfpflicht eine Gefahr darstelle: »Videant consules!«382 Wegen all dieser Funktionen lässt sich die Retrospektion als besonders beliebtes Verfahren der Wissensgenerierung und -vermittlung verstehen. Mediziner arbeiteten nicht nur in Laboren oder mit Fallzahlen, sondern ebenso mit literarischen und historischen Mitteln, um die Wirksamkeit von Impfungen zu erkunden und zu legitimieren. Erst Ende der 1920er Jahre verloren historische Erfolgs- und Schreckensgeschichten an Wirkung. Wie zeitgenössische Merkblätter, Vorträge und Lichtbildreihen zeigen, orientierten sich Mediziner seither immer stärker an der Gegenwart. Die latente Bedrohung durch die Pocken illustrierten nun Fotografien oder Schilderungen gegenwärtiger Pockenepidemien, so aus Afrika oder Asien, mit denen das »Aufklärungsmaterial« öffentliche Wirkung erzielen sollte.383

2.4 Staatliche Sicherheitsversprechen: Impfstoffproduktion 2.4.1 Verstaatlichte Produktion: Etablierung der Impfanstalten Obgleich Immunität durch die Impfpflicht zur Norm erhoben wurde, fehlten entsprechende Normen für das Impfen. Das gilt schon für den Impfstoff, die »Lymphe«. Zum einen ließ sich die Wirksamkeit der Lymphe schwer bestimmen, da sie aus Pockenbläschen von Kindern oder Kälbern entnommen wurde. Zum anderen bestand ein großer Unterschied zwischen »humanisierter« und »animaler Lymphe«, also zwischen dem Impfstoff, der Menschen entnommen, und dem, der aus Tieren gewonnen wurde. Die Verwendung menschlicher Lymphe war zwar praktisch, da sie einfach und überall angewendet werden konnte. Insbesondere in ländlichen Regionen impften Ärzte noch nach der Jahrhun381 BAB, R 86/1142, [Karl] Neidhardt, Zur Jahrhundertfeier der Einführung der Schutzpockenimpfung im Großherzogtum Hessen, Darmstadt 1907, S. 22. 382 Meder, Aus der Zeit, S. 258. 383 BAB, R 86/4704, Runderlass des preußischen Ministers für Volkswohlfahrt, 11.02.1926. Vgl. auch entsprechende Abbildungen in BAB, R 86/4639, Flugblatt des Kreisarztes Dr. Hillenberg, [ca. 1926]; Schreiben Dresdener Staatliche Lymphanstalt an RGA, 23.08.1926.

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dertwende »direkt«, also von Arm zu Arm der Impflinge, war das Halten von Wirtstieren doch eine viel zu kostspielige Sache. Diesen praktischen Vorteilen standen jedoch erhebliche Nachteile gegenüber: Das »Abimpfen« war eine unangenehme Sache, so dass die Rekrutierung von »Abimpflingen« Schwierigkeiten bereitete. Während einige Länder bis in die 1880er Jahre mit Geldprämien für Eltern arbeiteten, führten andere einen »Abimpfzwang« ein, um notfalls mit Gewalt an die Kinder zu kommen.384 1876 war ein solcher Abimpfzwang sogar Thema des Ärztetages.385 Dass die Auseinandersetzung ergebnislos endete,386 unterstreicht noch einmal die Probleme, die das Gewinnen humanisierter Lymphe bereitete: Während der Ärztetag für Zwangsmaßnahmen ansonsten ein offenes Ohr hatte, schien ein »Abimpfzwang« nicht umsetzbar. Ein zweiter Nachteil humanisierter Lymphe war das Risiko der Übertragung von Krankheiten, insbesondere der Syphilis, was das Misstrauen in der Bevölkerung erhöhte und im Reichstag Debatten um Nebenwirkungen provozierte. Animale Lymphe bot demgegenüber eigentlich nur Vorteile: Sie übertrug seltener Krankheiten und stand in größeren Mengen bereit, boten Kühe doch mehr Hautfläche, was mehr Pusteln bzw. »Lymphbläschen« und damit mehr Impfstoff versprach. Vor allem aber ließ sich die Gewinnung tierischer L ­ ymphe rationaler planen als die von Menschen. In Städten mit Impfanstalten avancierte die Verwendung animalischer Lymphe daher bald zu einer Art Werbe­träger, so in Frankfurt am Main, wo öffentliche Plakate den Eltern seit den 1890er Jahren versicherten, dass öffentliche Impfungen »sämmtlich mit ­thierischer Lymphe«387 erfolgen würden. Als einziger Nachteil schlugen bei der animalen Lymphe hohe Kosten zu Buche. Eine Bereitstellung gesunder Wirtstiere in einer hygienischen Umgebung erforderte Räume, Ressourcen und medizinische Expertise. Da deutsche Pharmaunternehmen am Ende des 19.  Jahrhunderts für die Pockenimpfung keine Rolle spielten und eine reichsweite Versorgung nicht hätten garantieren können, sorgten staatliche Impfanstalten für den Impfstoff. Schließlich hatte das Impfgesetz 1874 festgelegt, dass die Landesregierungen für »eine angemessene Anzahl von Impfinstituten zur Beschaffung und Erzeugung von Schutzpockenlymphe« (RIG § 9) zu sorgen hätten. Im Reichstag begründete der Abgeordnete Löwe diesen Paragraphen damit, »dass der Staat, wenn die Impfung eine öffentliche Angelegenheit wird, auch dafür zu sorgen hat, daß gute, für den Schutz wohlberechnete Lymphe immer an bestimmten Stellen vorhanden ist und von diesen ausgegeben wird.«388 Abgeordnete wie Johannes von Miquel machten ihre Zustimmung zur Einführung der Impfpflicht explizit von 384 Vgl. u. a. HStAS, E 40/78, 124; StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 1–2; StAM, RA/57207. 385 BAB, R 1501/11124, Verhandlungen vierter Aerztevereinstag, 28.06.1876. 386 Der Antrag zur Einführung eines Abimpfzwangs fand 1877 keine Mehrheit. Vgl. BAB, R 1501/11124, Verhandlungen V. Deutscher Aerztevereinstag, 23.–24.09.1877. 387 StAF, MA/1489, Bd. 2, Bekanntmachung Polizeipräsident Frankfurt/Main, 02.08.1889. 388 RTP, 06.03.1874, S. 249.

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der Einrichtung staatlicher Impfanstalten abhängig, sei »das Vorhandensein vollständig guter und sicherer, unter öffentlicher Ansicht erzeugter Lymphe ein unbedingtes Korrelat des Impfzwanges.«389 Nach Vorläufern wie dem »Berliner Impfinstitut«390 nahm im Juni 1875 die erste »Kälberimpfanstalt« in Hamburg den Betrieb auf.391 Hier standen zunächst jederzeit fünf geimpfte Kälber bereit, was einen »Jahresverbrauch« von bis zu 200 Kälbern ausmachte.392 In den folgenden Jahren schossen in ganz Deutschland Impfanstalten aus dem Boden, zunächst in Leipzig und Weimar (1877), dann in Stuttgart (1878), München und Würzburg (1879).393 War die Ausbeute an Impfstoff zunächst gering, steigerten sich sowohl die Gesamtproduktion als auch der Ertrag in den Folgejahren zusehends. So berichtete die Münchener Staatsimpfanstalt, bald eine der größten Anstalten im Reich, 1898, dass für die Jahresproduktion von 570.000 Portionen Impfstoff nur noch 78 Kälber notwendig seien.394 Seit den 1890er Jahren war in ganz Deutschland ein dichtes Netz an Impfanstalten geknüpft, das eine reichsweite Versorgung mit Pockenimpfstoff garantierte.395 1911 zählte man im gesamten Reich bereits 20 Impfanstalten, was Kirchner als Garantie höchster Sicherheitsstandards interpretierte: »Die Lymphe aus den staatlichen Impfanstalten ist so gut, wie sie nur sein kann, und des Vertrauens der Bevölkerung durchaus würdig!«396 Aus dem staatlichen Zwang zur Impfung erwuchs also ein Zwang für den Staat zur Herstellung sicherer Impfstoffe, zumal eine staatliche Qualitätssicherung sowohl den Impfgegnern eine »schwerwiegende Waffe« entziehe als auch Medizinern eine »reiche Quelle von Impfmaterial«397 schaffe. Für den durchschnittlichen Jahresbedarf von bis zu drei Millionen Erst- und Auffrischungsimpfungen gab die staatliche Produktion somit ein kontinuierliches Sicherheitsversprechen. Voraussetzung für das Halten dieses Versprechens war die Durchsetzung einheitlicher nationaler Standards für Impfstoffe, was wiederum einen Austausch unter den Impfanstalten voraussetzte. Eine Grundlage erhielt dieser Austausch mit einem Medium, dessen Bedeutung für eine Standardisierung von Impfstoffen kaum zu überschätzen ist, den »Moulagen«. Diese Wachsobjekte hatten in der Medizin Tradition. Lange Zeit waren sie die einzige Möglichkeit, Krankheitsbilder und Heilungsverfahren 389 RTP, 06.03.1874, S. 250. 390 Münch. 391 Vgl. Brahm u. Timoschenko. 392 Vgl. die Angaben bei Bollinger, S. 133; Voigt, Erfolg. 393 In Berlin war bereits 1865 ein Impfinstitut gegründet worden, das allerdings zunächst nur Versuche zur animalen Vaccine durchführte. Vgl. Bollinger, S. 131–148. Zur Münchener Impfanstalt ab 1887 vgl. StAM, Universitätsbauamt München/289 sowie 290. 394 StAM, RA/57209, Sonderdruck Ergebnisse der Schutzpockenimpfung 1898, S. 4. Vgl. auch die Berichte, u. a. in BAB, R86/1210, 1214 und 1220; StAM, RA/57209. 395 Vgl. die Berichte über animale Lymphe seit den 1880er Jahren in BAB, R86/1214. 396 Kirchner, Schutzpockenimpfung, S. 44. 397 Bollinger, S. 168.

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plastisch darzustellen.398 Vorangetrieben wurde eine Standardisierung zudem durch grafische Darstellungen und Fotografien, die unter den Leitern und Mitarbeitern der Impfanstalten kursierten.399 Damit waren Impfanstalten Produktionsstätten in zweifacher Hinsicht: einerseits als Stätten der Impfstoffgewinnung, andererseits als Produzenten neuen Wissens. Leiter großer Impfanstalten wie Leonhard Voigt und Enrique Paschen in Hamburg, Eduard Meder in Köln oder Ludwig Stumpf in München präsentierten die Ergebnisse ihrer Impfanstalten in Vorträgen und Aufsätzen und standen den Ministerien als Berater zur Verfügung. Eine Vernetzung deutscher Impfanstalten war zudem ein wichtiger Schritt zur Autarkie. Schließlich konnten Impfstoffe aus nichtdeutscher Produktion schwer überwacht werden, wie das KGA warnte. 1916 waren im Amt Bedenken laut geworden, daß »vielfach ausländische Lymphe verwendet wird […], weil bei ausländischem Impfstoff eine inländische staatliche Beaufsichtigung der einwandfreien Herstellung ausgeschlossen ist«.400 In diesem Sinne betrieben auch die Impfanstalten eine Art state building. Erst die staatliche Produktion schuf nationale Standards, deren Güte sich im internationalen Vergleich nachweisen ließ. Außerdem richtete sich die staatliche Produktion gegen ökonomische Interessen. Im April 1914 setzte sich der Reichsgesundheitsrat mit Nachdruck für ein Ende privater Impfproduktionen ein. Da für die Pockenschutzimpfung eine Impfpflicht bestehe, »sollte es nicht zulässig sein, daß die Herstellung des Imstoffes [sic] Erwerbszwecken dient.«401 Dieses Ziel bietet eine weitere Erklärung für das verzögerte Vordringen der Pharmaindustrie auf den Impfmarkt. Zwar wurden einzelne Seren gegen Diphtherie und Tollwut durchaus privatwirtschaftlich vertrieben. Den Löwenanteil am Impfmarkt, die Produktion des Pockenimpfstoffs, befand sich seit den 1890er Jahren indes fest in staatlicher Hand. Staatliche Impfanstalten sicherten die Monopolstellung des »Vorsorgestaates«, der den Schutz des »Volkskörpers« nicht dem freien Markt überlassen wollte. Langfristig gesehen führte die Standardisierung zur Konzentration der Impfstoffproduktion. Auf einer Konferenz des Reichsgesundheitsrats 1910 fasste Martin Kirchner als Ziel gegenwärtiger Entwicklungen zusammen, lieber »wenige, aber sachgemäß eingerichtete und leistungsfähige[,] als viele kleine Anstalten zu bauen oder zu unterhalten. Im allgemeinen sei wohl auf 4 Millionen Einwohner eine Anstalt als ausreichend anzusehen«. Eine solche Konzentration war nicht zuletzt militärstrategischen Überlegungen geschuldet, da kleine Anstalten »beim Ausbruch einer Pockenepidemie oder im Mobilmachungsfall nicht entsprechend leistungsfähig sein könnten.«402 Tatsächlich sank die Zahl 398 Lang u. a. 399 Vgl. dazu Fotografien aus der Hamburger Impfanstalt u. a. für die Jahre 1906, 1916, 1921 und 1926 sowie Kupferstiche zur Impfstoffgewinnung in Bollinger, S. 68. 400 StAOL, 227/107, Schreiben Präsident KGA, Bumm, 06.06.1916. 401 StAOL, 227/107, Bericht des KGA über die Beratungen des RGR, 24.04.1914. 402 BAB, R 86/1219, Aufzeichnung über die Sitzung des RGR 17./18.06.1910, S. 3.

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der Impfanstalten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges von weit über 20 auf 17. Ein zweiter Konzentrationsschub setzte aus wirtschaftlichen Gründen Anfang der 1920er Jahre ein. »[I]nfolge der Geldentwertung« wurden in dieser Zeit in sämtlichen Anstalten »nur die notwendigsten Instandsetzungsarbeiten ausgeführt«. Von 17 Impfanstalten stellten drei ihren Betrieb vollständig ein, so dass fortan 14 Impfanstalten den Bedarf des Reiches deckten.403 2.4.2 Reine Lehren: Normierungen und Standardisierungen Dass eine Verstaatlichung der Impfstoffproduktion keine Qualitätsgarantie bot, belegen technische Probleme einzelner Impfanstalten. Insbesondere kleinere Länder taten sich schwer, nationale Standards der Immunisierung zu erfüllen. Noch 1925 schrieb das Reichsinnenministerium von Schwierigkeiten, nationale Standards durchzusetzen, »um zu erreichen, dass innerhalb des Deutschen Reiches mit einer Lymphe von möglichst gleicher – nicht zu hoher, auch nicht zu geringer Virulenz geimpft wird.«404 Anlass für diese Beschäftigung hatte die Dresdener Impfanstalt gegeben, deren hoch dosierter Impfstoff erhöhte Impfreaktionen zur Folge und damit »Beunruhigung unter der Bevölkerung«405 und Ärzten hervorgerufen hatte. Eine Standardisierung der Produktion zielte daher auf zweierlei: Erstens galt sie als Garantie, dass der »Volkskörper« keine regionalen Schwachstellen ausbildete. Zweitens förderten Impfanstalten eine Standardisierung der Praxis. Von den Leitern der Impfanstalten erhielten Ärzte Merkblätter zur richtigen Impftechnik.406 Darüber hinaus übernahmen Impfanstalten einen Teil der universitären Ausbildung.407 Sie verstanden sich somit nicht nur als Verteiler reinen Impfstoffes, sondern ebenso als Verteidiger der reinen Lehre. Die korrekte Impftechnik vermittelten die Impfanstalten auch am lebenden Objekt. Da öffentliche Impftermine häufig in Staatsimpfanstalten durchgeführt wurden, konnte man hier Anschauungsmaterial gewinnen. Neben Moulagen fanden seit den 1920er Jahren auch Fotografien aus Impfanstalten unter die Ärzte, die ein korrektes Impfverfahren dokumentierten.408 Da den Impfanstalten außerdem die Aufsicht über öffentliche Impftermine ihres Impfbezirks zustand, erhielten sie Gelegenheit, Ärzten die korrekte Impftechnik in der Praxis zu demonstrieren. Aus Königsberg berichtete beispielsweise 1930 der Leiter der Impfanstalt von seinem tatkräftigen Einsatz. Wäh403 Geschlossen wurden die Impfanstalten Weimar (im Jahr 1922), Karlsruhe (1923) und Lübeck (1924). Vgl. Die Tätigkeit der staatlichen Impfanstalten, S. 355 sowie HStAS, E 40/78, 124, Schreiben Bayerisches Ministerium des Äußeren, 23.12.1921. 404 BAB, R 86/4638, Schreiben RMI, 19.06.1925. 405 BAB, R 86/4638, Rundschreiben RMI, 19.06.1925. 406 Vgl. Schulz. 407 Vgl. Paschen, Die Staatsimpfanstalt Hamburg, S. 503; Jahresbericht, S. 3. 408 Jahresbericht.

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rend seiner Kontrolle eines Impftermins sei die Impfung »von dem Augenblicke an besser« geworden, als er »in den schon im Gange befindlichen Impftermin hineinkommend, einige Impflinge selber impfend dem impfenden Kreisarzt demonstriert hatte, dass er zu zaghaft impfe.«409 Dass dieser Normierungsanspruch nicht immer so rigide durchgesetzt werden konnte, unterstreichen Klagen aus den Impfanstalten über die Eigenmächtigkeit von Impfärzten, die eigene Standards setzten. In Württemberg kritisierte das Medizinalkollegium 1912, dass viele Privatärzte die Impfung »zur Erlangung einer grösseren Praxis« nutzten und daher bereit seien, »den Kindern ängstlicher Eltern Befreiungszeugnisse auszustellen oder die Impfung ›mild‹ vorzunehmen.«410 Noch 1926 nahm ein Bericht des RGA über die Tätigkeit der Impfanstalten solche Missstände zum Anlass einer Generalkritik über das Impfwesen: »Den Privatärzten sind Impfreaktionen, wie Rötung der Umgebung der Pusteln, auch geringste Drüsenschwellungen und Fieber, sehr unerwünscht, sie bringen dies auch unverhohlen der Impfanstalt zur Kenntnis und verlangen sogar weniger wirksame Lymphe. Unter Umständen suchen sie sich auch selbst zu helfen, indem sie die Lymphe erst einige Tage bei Zimmertemperatur liegen lassen oder aber anstatt 4 nur 3 oder 2 Schnitte setzen. […] Nur wenige Privatimpfärzte vertreten mit der Impfanstalt den Standpunkt, dass zur Erlangung eines guten Immunitätszustandes ein gewisses Maß von Reaktionserscheinungen gehört.«411 Aus dem Blickwinkel der Impfanstalten grenzte solche Eigenmächtigkeit an Sabotage. Ein Abmildern der Impfreaktion bedrohte demnach nicht nur den Impfschutz des Einzelnen, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Diese Bedrohung untermauerte der Bericht des RGA anhand unterschiedlicher Praktiken in Impfanstalten und Arztpraxen: »Auch im Jahre 1924 ließ der große Unterschied zwischen den Impferfolgen der [staatlichen Impf-]Anstaltsärzte und der öffentlichen Impfärzte darauf schließen, dass die Impfärzte mit der Impftechnik teilweise nicht genügend vertraut sind.«412 Solche Differenzierungen sprechen für zwei Dinge: zum einen für einen Führungsanspruch der Impfanstalten, die sich als Referenz für Sicherheitsstandards verstanden; zum anderen für den »Eigensinn« zahlreicher Ärzte, die ihrer eigenen Agenda folgten. 2.4.3 Steingewordene Sicherheitsversprechen und repräsentative Räume Eine Referenz für Sicherheit waren Impfanstalten auch in repräsentativer Hinsicht. Sie sollten in der Bevölkerung das Gefühl vermitteln, dass Impfstoffe sauber und sicher waren. Schließlich weckte das Herstellungsverfahren nicht nur 409 BAB R86/1210, Jahresbericht über die Impfanstalt 1930, Königsberg, 20.02.1931, S. 8. 410 HStAS, E 151/51, 63, Schreiben Württemb. Medizinalkollegium, 06.02.1912. 411 BAB R86/1210, Reichsgesundheitsamt (Hrsg.), Die Tätigkeit der staatlichen Impfanstalten im Deutschen Reich während der Jahre 1921 bis 1925, Berlin 1926, hier S. 375. 412 Ebd.

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unter Impfgegnern Zweifel, ob das Einbringen tierischer Lymphe in den Kinderkörper gesund sein könne.413 Darüber hinaus wurden auch die öffentlichen Massenimpfungen meist in den Impfanstalten durchgeführt. Ihre Eingangstüren waren gewissermaßen Eingangspforten zum Gesundheitswesen, von dem sich die Eltern ein eigenes Bild machten. Die strengen hygienischen Vorschriften in den Hausordnungen von Impfanstalten sprechen dafür, dass sich die Verantwortlichen der repräsentativen Funktion bewusst waren. In der Hamburger Impfanstalt waren beispielsweise von der »gründlichste[n] Reinigung« der Impfräume und Ställe, der »peinlichste[n] Sauberkeit« der Toiletten bis zum Wegwerfen des »Frühstückpapiers« alle Arbeitsabläufe haarklein geregelt.414 Ebenso wichtig für die Repräsentation von Sicherheit war die Topographie der Anstalten. Seit einem Bundesratsbeschluss von 1899 musste jede Impfanstalt mindestens drei Räume, einen Stall für die Kälber, einen Raum für die Impfstoffherstellung sowie einen für das Impfen bereitstellen.415 Die räumliche Trennung von Zucht, Produktion und Anwendung der Lymphe erfüllte nicht nur organisatorische Bedürfnisse. Vielmehr kam der Reichsgesundheitsrat 1910 zu dem Ergebnis, dass eine klare Raumgestaltung das beste Mittel gegen Impfgegner sei, die enge, dunkle und unhygienische Räume zur »Agitation gegen das Impfgesetz« nutzten. Wegen der »zunehmenden impfgegnerischen Agitation« sollten die Impfanstalten daher »keine Kosten […] scheuen, um das Impfwesen auf die höchste Stufe der Vollkommenheit zu bringen.«416 Zu diesem Zeitpunkt übertrafen bereits mehrere Impfanstalten diese Anforderungen bei Weitem. In Berlin, Halle, Hamburg, Hannover, Dresden, Kassel, Königsberg, München, Stettin oder Weimar fanden sich seit der Jahrhundertwende zum Teil  mehrgeschossige Einrichtungen mit einem großzügigen Raumangebot.417 Für Experten wie Martin Kirchner boten sie »die denkbar sicherste Gewähr […], dass irgendwelche Krankheitsübertragung durch sie nicht stattfinden kann.«418 Geradezu vorbildlich war der Neubau der Hamburger Impfanstalt von 1902. Für die Unterbringung der Tiere, ihre Beobachtung, das Abimpfen von animaler Lymphe ebenso wie für den Empfang der Impflinge, für die Voruntersuchung und Aufnahme persönlicher Angaben, über das Impfen bis hin zur Nachschau standen jeweils einzelne Räume zur Verfügung. Solche komplexen Topographien galten als steingewordener Beweis für hygienische Standards bzw. für die »höchste Stufe der Vollkommenheit«, die der Staat bei der Pockenschutzimpfung dank seiner Impfanstalten erklommen hatte.419 Diese Beweisführung begann bereits in den Ställen. So betonten Impfanstalten in ihren Berichten, 413 Zur verbreiteten Skepsis gegenüber der »animalen Vaccination« vgl. Bohn. 414 StAHH, 331-1 I/1351 Bd. 1, Hausordnung Impfanstalt vom 14. Oktober 1902. 415 HStAS, E 151/51, 61, Entwurf Bundesrath Vorschriften staatlicher Anstalten, 05.10.1899; StAHH, 331-1 I/1351 Bd. 1, Amts-Blatt Hamburg, 31.12., S. 1123–1140. 416 BAB, R 86/1219, Aufzeichnung Reichs-Gesundheitsrat, 17.–18.06.1910. 417 Vgl. die Grundrisse bei Kirchner, Die preußischen Impfanstalten, S. 217–230. 418 Kirchner, Schutzpockenimpfung, S. 42. 419 XIV. Internationaler Kongress, S. 33.

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dass zur Gewinnung des Impfstoffs »durchwegs […] schöne und gut genährte Thiere zur Einstellung«420 kamen.421 Fotografien sonnendurchfluteter, sauberer Räume unterstrichen diesen Eindruck »höchster Vollkommenheit«.422 Selbstverständlich waren Impfanstalten nicht nur Institutionen des schönen Scheins. So sehr Räume Repräsentationszwecken dienten, so selbstverständlich erschien Medizinern der Zusammenhang zwischen Raumgestaltung und Qualität des Impfstoffs. Die bereits genannten Verhandlungen im Reichsgesundheitsrat von 1910 geben von dieser Wahrnehmung beredten Ausdruck. Mehrere Medizinalbeamte warnten hier vor einer Verschlechterung des Impfstoffes, die architektonische Verbesserungen der Impfanstalten erfordere.423 Angesichts solcher Warnungen wird nachvollziehbar, warum Umbaumaßnahmen in der Berichterstattung eine tragende Rolle spielten. Darstellungen über »Die Räume der Anstalt und ihre Ausrüstung« wie jener aus der bayerischen »Centralimpfanstalt« von 1914 und 1920 wiesen penibel jede bauliche Veränderung und Verbesserung nach, sah man im Einbau von Elektroheizungen, Wickeltischen und Sitzbänken doch neue Möglichkeiten für die sichere Behandlung des »Volkskörpers«.424 Zusammengefasst lassen sich Impfanstalten als Lösung mehrerer zeitgenössischer Probleme verstehen. Sie brachten erstens eine Standardisierung der Produktion voran. Die Standardisierung sorgte zweitens für einen Konzentrationsprozess, der sich sowohl gegen kleinere Impfanstalten als auch gegen Pharmaunternehmen richtete. Drittens dienten Impfanstalten der Wissensproduktion. Durch den Austausch zwischen den Anstalten wurden Arbeitsabläufe und Techniken optimiert. Und viertens gaben Impfanstalten ein Sicherheitsversprechen, das dem Staatsbürger die Ungefährlichkeit des Impfens vor Augen führen sollte. Diese repräsentative Funktion war umso wichtiger, weil Impfanstalten zwar die Produktion von Impfstoffen monopolisierten, nicht aber die Praxis des Impfens selbst. Während in Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln oder München ein Großteil der Massenimpfungen in Impfanstalten stattfand, mussten die Deutschen in anderen Städten mit Schulen, Rathäusern, Restaurants oder Kneipen als »Impflokale« vorlieb nehmen. Dass hygienische Standards in solchen Räumen zu wünschen übrig ließen, zeigt der folgende Blick in den Alltag. Doch gerade wegen dieser hygienischen Risiken war der Repräsentationsbedarf der Impfanstalten umso größer. Ihre Strahlkraft als Stätten der Sicherheit sollte nicht zuletzt alltägliche Mängel in den Schatten stellen. 420 StAM, RA/57209, Ergebnisse der Schutzpockenimpfung im Königreiche Bayern im Jahre 1898, S. 4, veröffentlicht in Münchener Medicinische Wochenschrift No. 50/51 (1899). 421 StAHH, 361-2 V, 909a Bd. 1a, Bekanntmachung zu Einrichtung und Betrieb der staatlichen Impfanstalt, in: Amts-Blatt Hamburg, 31.12.1899, S. 1123–1140. 422 Vgl. dazu u. a. die Selbstdarstellungen in Roepcke; Meder, Zur Geschichte; entsprechende Fotografien lichtdurchfluteter Impfräume finden sich auch in: Bericht des Oberimpfarztes, S. 19. 423 BAB, R86/1219, Sitzung des RGR, 17.–18.06.1910, S. 3. 424 Vgl. BAB, R86/1240, Bericht der königlich bayerischen Centralimpfanstalt 1914 sowie ebd. Bericht über die Tätigkeit der bayer. Landesimpfanstalt München 1920.

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2.5 Gesundheitsverhalten und Gesundheitsverhältnisse: Soziale Praxis 2.5.1 Schneiden und stechen: Zugriffe auf den Körper (I) Beim Impfen geht es um das Einbringen eines Impfstoffs in den Körper. Und doch bedeutet dieser Vorgang mehr, symbolisiert »der Akt einer öffentlichen Impfung […] wahrhaft eindringlich und sinnlich erfahrbar das Recht des Staates über den Körper des einzelnen, zumal über die empfindliche Haut von Säuglingen.«425 Bemerkenswerterweise war lange Zeit selbst unter Ärzten nicht klar, wie dieser Eingriff eigentlich zu verstehen war. Auch das Impfgesetz blieb in diesem Punkt schwammig. Erst 1897 erklärte das Kaiserliche Gesundheitsamt den Impfvorgang zu einer »chirurgischen Operation«, für die entsprechende Regeln zu gelten hätten: »Insbesondere hat der Impfarzt sorgfältig auf die Reinheit seiner Hände, der Impfinstrumente und der Impfstelle Bedacht zu nehmen«426. Dass diese Vorschrift noch Jahrzehnte später nicht selbstverständlich war, belegen wiederholte Mahnungen an Ärzte, das Händewaschen, die Desinfektion der Impfmesser und der Impfräume stärker zu beachten. Langfristig gesehen förderte die Bezeichnung des Impfens als »chirurgische Operation« indes eine entsprechende Ausbildung. Das korrekte Impfen befestigte somit eine ärztliche Monopolstellung im Gesundheitswesen. Ebenso entscheidend ist die Impftechnik für eine Alltags- und Erfahrungsgeschichte. Es bedarf wenig Phantasie, dass die gängige Impftechnik der Pocken­ schutzimpfung  – das mehrfache Beschneiden des Oberarmes von ein- und zwölfjährigen Kindern – Ängste schürte. Nicht nur die Impflinge selbst, auch viele Eltern und Angehörige sahen den Impfterminen nicht nur wegen möglicher Nebenwirkungen besorgt entgegen, sondern ebenso wegen des schmerzhaften Eingriffs. Das Impfen gegen Pocken war eine »einschneidende Maßnahme« auch im wörtlichen Sinne, wie Eberhard Wolffs doppeldeutiger Titel betont. Die Praxis des Schneidens wirkte sich zudem auf die Organisation der Impftermine aus. Die Anzahl der Impflinge ebenso wie die der Impfärzte, des Hilfspersonals und die Häufigkeit von Impfterminen hingen von der Impftechnik ab. Im Falle der Pockenschutzimpfung blieb das Schneiden im Übrigen bis zu ihrem Ende in den 1970er Jahren eine gängige Prozedur. Obgleich immer wieder Versuche mit Punktationen oder Spritzen angestellt wurden, schien das Schneiden den größten Impferfolg zu garantieren, was auch mit der zunächst schwankenden Qualität der Lymphe aus den Impfanstalten zusammenhing. Mit der allmählichen Standardisierung des Impfstoffs sank daher seit der Jahrhundertwende die Zahl der Impfschnitte. Hatte das Impfgesetz zunächst bis zu

425 Wolff, Medikalkultur, S. 193. 426 BAB, R 86/2697, Ergebnisse der komm. Berathungen im KGA, 06./07.07.1898.

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acht Schnitte vorgeschrieben,427 verringerte sich die Zahl nach einer Revision des Gesetzes von 1896 auf durchschnittlich vier Schnitte, da sich zu diesem Zeitpunkt die flächendeckende Produktion animaler Lymphe durchgesetzt hatte. Im Zuge einer weiteren Standardisierung des Impfstoffs erschienen ab den späten 1920er Jahren sogar zwei Schnitte ausreichend.428 Für das Schneiden sprach ein weiteres Argument. Als Ergebnis blieb meist eine gut sichtbare Narbe zurück. Noch als Erwachsener kündete die Narbe auf dem Oberarm von dessen Immunität.429 Genau das war ein Argument gegen die Einführung »intrakutaner Impfungen« mit Hilfe von Spritzen, die seit den 1920er Jahren erprobt wurden. Obwohl das Spritzen einigen Medizinern sogar wirksamer erschien als das Schneiden, kam es nie zum Masseneinsatz: Die Ministerien sahen einen Nachteil in dem »Umstand, dass […] keine Impfnarben zurückbleiben, so dass es bei einer späteren Nachkontrolle des Impfergebnisses unmöglich ist, festzustellen, dass eine erfolgreiche Impfung bei der betreffenden Person stattgefunden hat«.430 Das Preußische Ministerium für Volkswohlfahrt und das Reichsgesundheitsamt machten daher in mehreren Rundschreiben deutlich, dass man »alles vermeiden möchte, um die Anwendung der Intracutan-Impfung zu fördern«.431 Auch die Impfanstalten blieben skeptisch. Der Leiter der Hamburger Impfanstalt, Enrique Paschen, lehnte Spritzen Ende der 1920er Jahre entschieden ab, da sie einer »Täuschung Tür und Tor« öffneten. Ganz im Einvernehmen mit der Gesundheitsbehörde warnte er in einem Vortrag »offiziell die Aerzte«, dass neue Impftechniken »nicht von der Polizeibehörde als gültig anerkannt würden.«432 Solche Vorbehalte sind umso bemerkenswerter, weil ja jede Impfung durch Impfscheine bestätigt wurde. Dennoch sprach die systematische Skarifikation der Nation für das Schneiden. In Behörden und unter Ärzten wog das Misstrauen gegenüber der Bevölkerung schwerer als potenzielle Erleichterungen für die Impflinge. Für den Impfling dürfte das Schneiden ein zumindest unangenehmer Vorgang gewesen sein, wie Szenen in den Impflokalen belegen. Obgleich »stärkere Blutungen beim Impfen zu vermeiden« waren, mussten die vier Schnitte für das »Einstreichen« des Impfstoffs »durch Anspannen der klaffend gehaltenen Wunden« offen bleiben.433 Ein Verbinden der Wunden erschien dem Kaiserlichen Gesundheitsamt noch 1898 als wenig zweckmäßig. Schon angesichts des Zeitdrucks sei bei öffentlichen Impfungen ein »Schutzverband nicht anzurathen«. Ebenfalls aus Zeitgründen war eine Untersuchung des Impflings nicht 427 Vgl. Schulz, M., S. 45. 428 Vgl. länderspezifische Regelungen mit bis zu 20 Schnitten z. B. in BAB, R 86/1239, Ergebnisse der Schutzpockenimpfung im Königreiche Bayern im Jahre 1893. 429 Vgl. etwa Spaet, S. 581 f. 430 BAB, R 86/4704, Runderlass Preußisches Ministerium für Volkswohlfahrt, 11.05.1928. 431 StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 3, Rundschreiben der Polizeibehörde Hamburg, 15.05.1929; BAB, R 86/4704, Runderlass Preußisches Ministerium für Volkswohlfahrt, 11.05.1928. 432 BAB, R 86/1244, Schreiben Leiter Hamburger Landesimpfanstalt an RGA, 21.03.1929. 433 BAB, R 86/2697, Ergebnisse kommissarische Berathungen KGA, 06./07.07.1898.

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vorgesehen. Obgleich von ärztlicher Seite und selbst vom Direktor des KGA, Karl Köhler, eingewandt wurde, dass eine Untersuchung »Nachtheile der Impfung […] mildern« könne, blieb die Empfehlung pragmatisch: »Der Arzt solle das Kind ansehen, aber jedesmal vorher die Mutter fragen, ob das Kind ganz gesund ist.«434 Schon wegen der Massen an Impflingen, die von einem Arzt während eines Impftermins zu bewältigen waren, ist dieser Pragmatismus nachvollziehbar. Erste Vorschläge für eine Begrenzung der Zahl der Impflinge wurden auf einer Sitzung des Reichsgesundheitsrats im Februar 1914 laut. Um »Ruhe und Ordnung« sicherstellen zu können, schlug ein saarländischer Medizinalbeamter vor, dass sich »der Arzt nicht über 200 Kinder« bei der Erstimpfung vornehmen solle, während »die Zahl der Wiederimpflinge […] größer sein« könne.435 Es liegt auf der Hand, dass selbst diese Zahl den Vorgang des Impfens zu einer hektischen Prozedur machte. Selbst bei einer Begrenzung auf 200 Impfungen pro Impftermin dürften jede Stunde mindestens 50 bis 60 Impfungen vorgenommen worden sein, waren bis Mitte des 20.  Jahrhunderts je Impftermin doch meist zwei bis drei Stunden angesetzt.436 Gemeinhin hatte ein Arzt also jede Minute ein Kind zu impfen. Da das mehrfache Schneiden und Auftragen des Impfstoffs im Akkord erledigt werden musste, wurden die Kinder von Eltern und Schwestern fixiert, während der Arzt mit dem Impfmesser durch die Reihen schritt bzw. schnitt. 2.5.2 Verkörperungen des »Volkskörpers«: Massenimpfungen Öffentliche Impftermine waren also genau das, als das sie in Behörden und in der Bevölkerung bezeichnet wurden: »Massenimpfungen«.437 Das gilt sowohl für die Erst- als auch für die Auffrischungs- bzw. »Wiederimpfungen«, an denen sich ebenfalls hunderte Impflinge einfanden. Die Akkordarbeit bot immerhin finanzielle Anreize. Schließlich wurden Impfärzte pro Impfling bezahlt.438 Gefragt war Wirtschaftlichkeit zudem auf Seiten des Staates, insbesondere in wirt434 Alle Zitate BAB, R 86/2697, Protokoll zur Sitzung im KGA, 06./07.07.1898, S. 42 f. 435 AHL, NSA/1884 und BAB, R 86/2697, Aufzeichnung über die Beratung des Reichsgesundheitsrats, 26.–28.02.1914, S. 74. Vgl. Kirchner, Schutzpockenimpfung, S. 46. 436 Vgl. Berichte in BAB, R 1501/11547, Schreiben RMI, 13.06.1913; BLHA, Rep. 45 D Cottbus/40, »Impfberichte« 1901–1911; Rep 45 D Cottbus/41: »Revision Impftermine« 1909–1914. 437 Zur Kritik an der Praxis der »Massenimpfungen« vgl. BAB, R 1501/3648, Niederschrift über die kommissarische Beratung im RMI, 14.03.1934, S. 23 f. 438 Vgl. u. a. BLHA, Rep. 3 B I Med/1247, Bericht Kreismedizinalrat Rutschmann an Regierungspräs. Frankfurt/Oder über »die Verhandlung wegen der Impfungen im Kreise Arnswalde«, 09.05.1923; BLHA, Rep. 45 D Cottbus/39, Schreiben Magistrat der Stadt Cottbus an Kreisarzt Dr. Wiedner, 24.01.1905. Im Durchschnitt erhielten Impfärzte als Vergütung bei Massenimpfungen im Kaiserreich 0,50 RM (ab Mitte der 1920er Jahre Goldmark) pro Impfling. Vgl. Übersicht über Gebühren 1917–1924 in BAB, R 1501/3650, Vermerk RMI, 05.06.1941.

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schaftlich angespannten Zeiten. So mahnte das bayerische Innenministerium im Februar 1923, »durch Verbindung mehrerer Impftermine […] auf möglichste Verringerung der Unkosten hinzuwirken«, um »die Belastung der Gemeinden tunlichst zu beschränken«.439 Während die zwölfjährigen Kinder meist in Schulen geimpft wurden, fanden die öffentlichen Erstimpfungen im jeweiligen »Impfbezirk« statt, dessen Einwohner zu festgesetzten Terminen in die Impfanstalt oder ein vorgegebenes »Impflokal« gerufen wurden. Schon dieser Aufruf bestimmte das setting der Impfpraxis. Verschickt wurde die Aufforderung von Polizeibehörden, da eine Durchsetzung der Impfpflicht polizeiliche Aufgabe war. Darüber hinaus hatte die polizeiliche Einladung pragmatische Gründe, war man auf Melderegister und polizeiliche Infrastrukturen bei der Erfassung der Impflinge angewiesen.440 Konsequenzen hatte die polizeiliche Aufforderung zudem für die Atmosphäre. Obgleich gesundheitliche Gründe für die Impfung sprachen, machte das setting das Impfen zu einem Akt des Gehorsams gegenüber staatlichen Autoritäten. Entsprechend deutlich verwiesen die Aufforderungen auf Konsequenzen einer Pflichtverletzung. Strafandrohungen von »Geldstrafe[n] bis zu fünfzig Mark oder […] Haft bis zu 3 Tagen«441 ließen keinen Zweifel, dass die Impfung als staatsbürgerliche Pflichterfüllung zu verstehen war. Geimpft wurde also in Impflokalen, wobei diese Bezeichnung mitunter durchaus wörtlich zu verstehen ist. Da Impfanstalten allenfalls in Großstädten zur Verfügung standen, fanden sich die meisten Impflinge in Schulen, Rathäusern oder in Gaststätten und Kneipen ein. Öffentliche Impfungen waren also nicht nur öffentlich in dem Sinne, dass sie unentgeltlich waren und an festgesetzten Terminen stattfanden. Sie waren ebenso öffentlich im Sinne einer fehlenden Privatsphäre. Im Gegensatz zu den Impfanstalten fehlte in den meisten Impflokalen ein Wartezimmer, auch an Umkleideräume war nicht zu denken. Konkret bedeutete das, dass gelegentlich mehr als hundert Eltern gleichzeitig mit ihren einjährigen Kindern im Impflokal warteten. Zum Ablauf des Impfens finden sich mehrere Berichte, die von der angespannten Atmosphäre, von den Sorgen der Eltern, den Ängsten der Impflinge und den Ordnungsversuchen der Ärzte und Schwestern Auskunft geben. Selbstverständlich sind derartige Berichte mit Vorsicht zu genießen, wie die folgenden Schilderungen einer Mutter über eine Impfung in Berlin zeigen. Ihr wütendes Schreiben an das KGA vom Mai 1906 demonstriert sowohl die Potenziale als auch die Probleme dieser Quellen beispielhaft. 439 StAM, LRA/199818, Rundschreiben Bayerisches Staatsministeriums des Innern, 21.02.1923. Die Württembergische Landesregierung ging 1923/24 so weit, aus finanziellen Gründen die Kontrolltermine nach den Impfungen abschaffen zu wollen. HStAS, E 151/54, 189, Schreiben des KGA an RMI, 22.02.1924. 440 Vgl. StAHH, 331-1 I/1337 Bd. 1, Erlass der Polizeibehörde Hamburg, 18.10.1922. 441 StAHH, 331-1 I/1337 Bd.  1, Aufforderung Polizeibehörde Hamburg zur Impfung, Mai 1893; vgl. StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 3; StAOL, 227/143 und 146.

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In einer Benachrichtigung war die Mutter von der Berliner Polizei aufgefordert worden, sich am 11. Mai 1906 um 11 Uhr vormittags mit ihrem einjährigen Sohn in ein Restaurant zur öffentlichen Impfung zu begeben. Obgleich sie bereits »kurz vor 11 Uhr« dort eintraf, fand sie sich dort in Gesellschaft mit 50 weiteren Müttern und deren »Zubehör« wieder. Mit dem »Zubehör« wies die Frau darauf hin, dass Mütter häufig nicht nur den Impfling, sondern oft noch sehr viel mehr Kinder mitbrachten. Wegen der Ansetzung der Termine an Vor- und Nachmittagen war es vielen Eltern nicht möglich, weitere, nicht schulpflichtige Kinder zu Hause zu lassen, da Väter wochentags zu arbeiten pflegten, wie die Verfasserin spitz hinzufügte. An diesem 11. Mai sei das Gedränge durch den verspäteten Beginn der Impfung noch schlimmer geworden. Da sich erst um Viertel vor zwölf die Türen des Impflokals öffneten, war »die Zahl der Mütter mit Kindern meiner Schätzung nach auf ca. 200 angelaufen; diese alle drängten sich in den […] Operationssaal«, wie das Restaurant mit feiner Ironie tituliert wurde, sei der Impfraum doch »dumpf, schmutzig, dunkel« gewesen. Sorgten Raum und Zeitpunkt der Impfung schon für Ärger, verschlechterte der Ablauf des Impfens die Atmosphäre noch mehr. Weder der Impfarzt oder sein Assistent noch der anwesende Polizist geschweige denn die Krankenschwestern hätten Ordnung in die Ansammlung bringen können. Dass die Kinder »sich ganz jammervoll« fühlten, schien der Berichterstatterin noch nicht einmal das größte Problem gewesen zu sein. Schwerer wog der Abfertigungscharakter, der Impflinge und Eltern zu einer bloßen »Masse« degradierte, die sich den Anordnungen zu fügen habe: »Und nun kommt das Größte! Nach jeder Operation sagte der Herr […]: ›fünf Minuten warten‹. Das sollte wohl heißen: ich soll 5 Minuten warten, bis ich dem Kinde die Kleider wieder anziehen [dürfe]. Also – in einem stinkigen Saal, in dem 200 und mehr Menschen herumlaufen, die aber von der Straße und aus dem Restaurationsgarten […] kommen und […] Schmutz und Bakterien mit sich führen, soll die frische Wunde meines kleinen, zarten Menschen fünf Minuten lang dieser ganzen [unleserlich] ausgesetzt werden!« In diesem Vorwurf dürfte das eigentliche Anliegen der Mutter zu finden sein. Es war ihre Empörung über den Widerspruch zwischen staatlichem Sicherheitsversprechen auf der einen Seite und den Mängeln der Impfpraxis auf der anderen, den sie am Ende ihres Briefes auf den Punkt brachte. »Das Impfen, das doch eine gesundheitliche Einrichtung sein soll, und noch dazu eine Zwangseinrichtung ist, müsste doch wohl m. E. mit […] allen dafür zu Gebot stehenden Mitteln ausgeführt werden«. Angesichts dieser Entrüstung ist der Bericht mit Vorsicht zu genießen. Wie groß der »Jammer« unter den Kindern tatsächlich war, lässt sich den Schilderungen ebenso wenig entnehmen wie das Verhalten des Impfarztes. Gleichwohl legen weitere Berichte nahe, dass die hier beschriebenen Abläufe durchaus typisch waren. Bemerkenswert sind etwa die Beobachtungen des Kreisarztes Braun aus Leuna, der 1897 aus der Impfpraxis berichtete und den o.g. Bericht der Mutter im Grunde vorwegnahm: »Wird nun die Impfung […] in unzulänglichen, unbequemen und dumpfen Lokalen, ohne Warteraum vorgenommen, 107

so ist es erklärlich, dass manche zartfühlende Mutter mit Unbehagen an den öffentlichen Impftermin zurückdenkt. […] Unser Publikum ist selbst schon etwas antiseptisch gebildet, auch ungebildete Leute beobachten scharf«.442 Braun wies also nicht nur auf Probleme der Impflokale und Impftechnik hin. Darüber hinaus benannte er Erwartungen des »Publikums«, das Hygienevorstellungen hoch hielt. Auch dafür bietet der obige Brief ein Beispiel, gab sich die Mutter doch besorgt vor »Bakterien«, denen ihr Kind beim Impfen ausgesetzt werde. An dieser Praxis änderte sich in der Weimarer Republik offenbar wenig. Im Juni 1923 musste ein Kreismedizinalrat im brandenburgischen Arnswalde bei einem Impftermin feststellen, dass »von 8 Uhr morgens ab ununterbrochen geimpft wird[,] bis ca. 400 Wiederimpflinge erledigt sind, ohne dass dazwischen eine Pause gemacht wurde.« Auch die hygienischen Verhältnisse gaben Anlass zur Sorge: »Der Tisch ist wieder zur Hälfte bedeckt mit einem ›weissen‹ Mundtuch und an der anderen Ecke, auf der die ›sterilen‹ Messer abgelegt werden, mit einem Battisttaschentuch, auf dem die Spuren der Impfschlacht vom Vormittag noch weithin leuchtbar, als Lymphflecke, glänzten. Zur Seite in dem Gewühle die heilige Hermandat, krampfhaft versuchend Ordnung zu halten, und auf der Gegenseite ein Mann in Kahki [sic], den Müttern die Sprösslinge in den Arm so legend, dass die rechte Seite dem Impfarzt zugekehrt war. Das Bild eines reinen Flüchtlingslagers.«443 Auch anderswo wurde Hygiene selten groß geschrieben. Aus Königsberg berichtete der Leiter der Impfanstalt für die späten 1920er Jahre, dass Ärzten »die immer wieder heikle Frage des Händewaschens vor dem Beginn des Impfens« gestellt werden müsse. Insofern entstehe unter Eltern der Eindruck, dass das Impfen »nebenher und so eilig wie möglich abgefertigt wird.«444 Dass manche Impfärzte seit den 1920er Jahren einen Pauschalbetrag erhielten, mit denen die »Nachschau, Wegegebühren, Desinfektionsmittel und sonstige Nebenleistungen«445 abgegolten waren, dürfte hygienische Ausgaben kaum befördert haben.446 Selbst wenn solche Quellen Einblicke in die Praxis eröffnen, wäre es naiv, sie als Rekonstruktion eines Impfalltags zu verstehen. Ganz gleich, ob Eltern, Ärzte oder Polizisten berichteten, verbanden sie mit ihrem Bericht spezifische Interessen. Ertragreicher ist es hingegen, die Subjektivität zum Untersuchungsgegenstand zu machen, um individuellen Erwartungen, Erfahrungen und Sinnstiftungsbedürfnissen auf die Spur zu kommen. So wird am o.g. Brief der Mutter von 1906 deutlich, dass das Impfen als Maßnahme verstanden wurde, das den Lebenswelten von Frauen widersprach. Für die Mutter übertrat die Impfung eine Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und markierte demnach 442 Braun, S. 857. 443 Beide Zitate BLHA, Rep. 3 B I Med/1247, Bericht Kreismedizinalrat an Regierungspräsident Frankfurt/Oder, 21.06.1923. 444 BAB, R 86/1210, Jahresbericht Impfanstalt Königsberg, 20.02.1931, S. 8 f. 445 BLHA, Rep. 45 D Luckau/156, Schreiben Kreisausschuss Luckau, 23.04.1924. 446 Vgl. BAB, R 86/1197, Die Gartenlaube, Für Mütter. Nach der Impfung, Nr. 8/1877, o. S.

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die Ignoranz des Staates, der weder die Bedürfnisse von Eltern noch die Schutzbedürftigkeit von Kindern respektiere. In dieselbe Kerbe schlug »Der Tag« in seinem Bericht über einen Impftermin 1907. Hier war es ebenfalls eine Mutter, die das Impfen zu einem Symbol staatlicher Willkür erhöhte: »Vor allen Dingen halte ich es nicht gerade für sehr rücksichtvoll von seiten der Behörde[,] daß der Termin zur Impfung abends um 6 Uhr […] anberaumt worden ist. Erstens ist doch auch der Behörde zu Kenntnis gekommen, daß unsere lieben Kleinen um 6 Uhr abends lieber ins Bett gehen und nicht mehr bei Wind und Wetter auf die Straße; zweitens ist es die Zeit, wo die Väter von der Arbeit ermüdet nach Hause kommen und somit nicht zur Zeit herankommen, um die Ehefrau, wo zwei, auch drei kleine Kinder sind, zu begleiten, oder die nicht in Frage kommenden Kinder zu beaufsichtigen.«447 Auch in diesem Bericht ging es weniger um das Impfen an sich. Vielmehr entwarf die Verfasserin an dieser Szene einen Gegensatz zwischen Behörden und Bevölkerung, insbesondere der arbeitenden und der weiblichen Bevölkerung. Die Praxis des Impfens diente ihr als Projektionsfläche für eine Grundsatzkritik. Unterstrichen wurde diese Kritik noch von der Schilderung unhaltbarer Zustände im Impfraum: »Hier angelangt, tönte mir wüstes Kindergeschrei und Gejammere aus 200–300 kleinen Kinderkehlen entgegen, zu welchem sich noch die Ordnungs- und Weisungsrufe der Schutzleute gesellten. Sämtliche Frauen mussten mit den Kindern auf dem Arm auf dem Schulhof warten, um von dort wieder in einzelnen Trupps von zirka 20 an der Zahl zum Arzt vorzudringen. Es war auch leider nur ein Arzt zugegen. Dieser war nun nicht so leicht zu finden, denn es war […] kein anderer Raum zur Verfügung als die Aula, welche im vierten Stock gelegen ist. Die armen Frauen taten mir wirklich sehr leid, denn es ist für eine schwache Frau keine Kleinigkeit, nachdem sie ihr Kind erst eine halbe Stunde oder auch länger im Gedränge auf dem Arm gehalten hat (1 oder zwei Kinder vielleicht auch noch nebenher), da noch 4 Treppen hoch hinaufzuklettern. Ich wünschte einem der Herren vom sogenannten grünen Tisch, bei derartiger Gelegenheit sich mal solch einen Liebling auf den Arm zu nehmen und mit demselben den ganzen Vorgang mitzumachen; vielleicht wird es dann möglich sein, auf unsere Frauen und Kinder mehr Rücksicht zu üben.« In dieser Passage wird der Geschlechtergegensatz besonders ausgearbeitet, stehen sich beide Seiten doch geradezu feindselig gegenüber: die »Herren vom grünen Tisch« auf der einen Seite und die »armen, schwachen Frauen« auf der anderen. In den Impfräumen stießen demnach ein männlicher Zugriff auf den Kinderkörper und weibliches Erdulden aufeinander. Berichte von Eltern waren also immer beides: einerseits eine Auseinandersetzung mit einer Gesundheitsmaßnahme, deren Folgen für das eigene Kind genau beobachtet wurden; andererseits eine Auseinandersetzung mit sozialen Normen und Ordnungen. Behördliche Anweisungen und die Tätigkeit der Impfärzte fungierten als Repräsentation des Staates, dessen Leistungsfähigkeit am Um447 Der Tag, Unser öffentliches Impfverfahren, 20.10.1907.

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gang mit Impflingen erkundet wurde. An der Behandlung des Impflings vermaßen die Eltern somit ihre Behandlung als Staatsbürger. Insofern macht der Blick in die Praxis noch etwas anderes deutlich: Im Gegensatz zu vielen Darstellungen von Impfkritikern finden sich in den Berichten von Eltern selten Sorgen vor dem Impfen an sich, vor Blutvergiftungen, Menschen- oder Tierversuchen. Größere Sorgen bereiteten vielmehr die Praxis und ihre Folgen. Selbst wenn die Impfpraxis formal geregelt war, blieben die Impflinge danach weitgehend sich selbst überlassen. Von einer kurzen Nachschau der Impfnarben abgesehen, war die Pflege der Impfwunden Sache der Eltern. Für diese Pflege gaben Ärzte und Merkblätter zwar klare Vorschriften, die allerdings der Lebenswirklichkeit vieler Eltern widersprachen. In dieser Hinsicht legten Impfgegner wie Heinrich Molenaar auch im wörtlichen Sinne den Finger in die Wunde, wenn sie den Gegensatz zwischen Vorschriften und Praxis monierten: »Übrigens verrät die Forderung, daß alle Impflinge unmittelbar und wochenlang nach der Impfung tadellos sauber gehalten werden sollen, eine derart weltfremde Ideologie, daß man wieder nur staunen kann. Wie soll z. B. eine arme Arbeiterin, die stundenlang ihr Kind allein lassen muß, unter allen Umständen dafür sorgen, daß die Impfwunden intakt bleiben? Sie kann es oft bei dem besten Willen und der größten Reinlichkeit nicht.«448 Derartige Einwände äußerten sogar Befürworter des Impfens. Bemerkenswert ist etwa eine Beobachtung aus Königsberg, wo der Leiter der Impfanstalt eine Massenimpfung kontrollierte und dabei »eine Impfungstechnik« entdeckte, die sich mit seinen hygienischen Vorstellungen »nicht recht decken« wollte. »Sachlich handelte es sich darum, dass der Impfarzt seinerseits die Impflinge nicht etwa ›untersuchte‹, oder nur genauer ansah, sondern die Abwischung des Impffeldes […] einer Fürsorgeschwester überließ und die militärisch aufgereihten Impflinge nun rasch nacheinander, man muss sagen ›herunter‹-impfte.«449 Dieser Widerspruch zwischen staatlichen Sicherheitsversprechen und alltäglichen Risiken dürfte die Impfkritik befördert haben. Selbst wer Bedenken gegen das Impfen nicht teilte, der konnte sich gleichwohl in einer Kritik an der Impfpraxis widerfinden und über die Gleichgültigkeit staatlicher Behörden empören. Ein Großteil der Impfkritik dürfte sich demnach aus alltäglichen Erfahrungen gespeist haben, die sich weniger um medizinische Fragen im engeren Sinne, sondern um Fragen von Pflicht und Gehorsam, von Rücksichtnahme und Wertschätzung drehten. Die symbolische Aufladung der Impfpraxis findet sich ebenso auf der »anderen Seite«, unter Beamten, Ärzten und Polizisten. Auch sie sahen im Impfen mehr als eine Gesundheitsmaßnahme. Für sie ging es ebenso um Einblicke in den »Volkskörper«, um eine »Belehrung« der Bevölkerung und nicht zuletzt um die Demonstration sozialer Hierarchien und Machtverhältnisse. Die Massenimpfungen, so hob ein Württembergischer Gesetzentwurf von 1912 hervor, böten dem Arzt schließlich »Gelegenheit, jedes Jahr in die meisten Orte seines 448 Molenaar, S. 70. 449 BAB, R 86/1210, Schreiben der Königsberger Impfanstalt, 19.03.1931.

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Bezirks zu kommen und Kinder aus allen Orten […] zu sehen und sich über ihren Gesundheitszustand wenigstens oberflächlich zu unterrichten.«450 Dass auch Ärzte diese Gelegenheit schätzten, erklärte beispielsweise Anfang der 1920er Jahre der Oldenburger Landesarzt dem Ministerium des Innern, habe man doch bei den »Impfterminen die beste Handhabe[,] den Gesundheitszustand der Erstimpflinge an einer größten Zahl der Kinder zu übersehen.«451 Ein Machtbewusstsein und Kontrollbedürfnis wird ebenso in dem Tätigkeitsprofil der Ärzte deutlich, die während des Impfens nicht nur impften. Darüber hinaus gaben die Impftermine Gelegenheit für »Belehrungen« über die Pflege und Ernährung von Kindern. Diese waren schon insofern angebracht, weil sie Nebenwirkungen der Impfung verhindern sollten. Schließlich war nach § 2 des Impfgesetzes »[e]in Impfpflichtiger, welcher nach ärztlichem Zeugnis nicht ohne Gefahr für sein Leben oder für seine Gesundheit geimpft werden kann«,452 von der Impfung zurückzustellen. Auch die Bestrafung fahrlässiger ärztlicher Handlungen (§ 17) dürfte für Ärzte ein Argument gewesen sein, die Eltern über den Gesundheitszustand des Kindes zu befragen. Entsprechende Angaben waren vom Impfarzt im »Impfbericht« zu machen, der den Behörden vorzulegen war, die wiederum einen Gesamtbericht an das Kaiserliche bzw. Reichsgesundheitsamt weiterleiteten.453 Trotz strafrechtlicher Konsequenzen darf man sich die Kontrolle des Impflings angesichts des knappen Zeitbudgets nicht als Untersuchung im heutigen Sinne vorstellen. Bis zur Jahrhundertwende schritt der Impfarzt während der Impftermine meist umgehend zur Tat. Erst seit den 1910er Jahren hatten die Impfärzte zumindest am Beginn der Massenimpfung alle Eltern in einem Vortrag kurz zu belehren, »nichts Unreines an die Impfstellen«454 kommen zu lassen. Vor allem aber nutzten Ärzte die Gelegenheit, eine gesunde Lebensführung zu vermitteln. So war es seit der Jahrhundertwende üblich, dass Eltern während der Impfung mit Vorträgen und Broschüren über die Gefahren des Alkohols, die Vorzüge des Stillens oder die Zahnpflege bedacht wurden.455 Man kann in dieser Praxis einen Vorläufer heutiger Vorsorgeuntersuchungen sehen. Dass gesundheitliche Belehrung seit der Jahrhundertwende zu einem festen Bestandteil der Impfpraxis avancierte, der selbst trotz chronischer Ressourcen- und Ärzteknappheit im Ersten Weltkrieg aufrecht erhalten wurde, legt der reichsweite Impfbericht 1916 nahe.456 450 HStAS, E 130b/1148, Württembergische Zweite Kammer, Gesetzentwurf zu den Dienstverhältnissen der Oberamtsärzte, 13.04.1912. 451 StAOL, 227/107, Schreiben Landesarzt, 23.05.1922. 452 Seit 1916 wurden Belehrungen vom KGA empfohlen, schon vorher waren sie nach Beobachtungen des KGA bei »vielen Impfärzten« gängige Praxis. Vgl. StAOL, 227/107, Rundschreiben des Reichskanzlers/Reichsamt des Innern, 27.04.1917; Schreiben KGA, 06.06.1916. 453 Vgl. dazu die Bestimmungen des KGA in BAB, R 86/4695. 454 AHL, NSA/1884, Aufzeichnung über die Beratung des RGR, 26.–28.02.1914. 455 BLHA, Rep 3 B Med I/1247, Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1914, S. 60. 456 StAOL 227/143, Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1916, S. 262.

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Belehrungen wurden in Weimar noch intensiviert. So betonte das RGA Mitte der 1920er Jahre, dass eine »sozialhygienische Betätigung der Impfärzte […] nunmehr zu einem untrennbaren Bestandteil der öffentlichen Impftermine geworden ist.« Mittlerweile erstrecke sich die Belehrung »auf Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, auf Verhütung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten, namentlich der Tuberkulose, auf Eindämmung des Missbrauchs geistiger Getränke und des Tabaks. Es werden Belehrungen erteilt über die menschlichen Körperfunktionen, […] über Haut- und Zahnpflege«.457 Auch sonst knüpfte man in den 1920er Jahren an Bewährtes an. Nach wie vor verlief das Impfen im Muster von Gehorsam und Pflichterfüllung, entsprach die Praxis klaren Hierarchien zwischen Volksbelehrern und Impflingen und damit ganz dem Zeitgeist. Gerade in den Anfangsjahren der Republik geriet Gesundheit zu einer Metapher für den Status der Nation als Ganzes. In Debatten um Geschlechtsund Tuberkuloseerkrankungen, um Mangelernährung und »Degenerationen« des »Volkskörpers« brach sich eine Zeit- und Zivilisationskritik Bahn, die in der »Volksgesundheit« ihre größte Projektionsfläche fand. Insbesondere »die Jugend« wurde hier als Problemfall pathologisiert. Umso sinnvoller war demnach die Immunisierung der schwächsten Glieder des »Volkskörpers«, für die Pockenschutzimpfungen sorgten. Es wäre dennoch zu einfach, Belehrungen durch Ärzte allein als autoritäre Disziplinierungstechnik abzutun. Sicherlich waren öffentliche Impfungen insofern ein Akt der Disziplinierung, als Ärzte, Polizisten und Krankenschwestern für Ordnung sorgten. Zugleich erkannten viele Ärzte in Impfungen eine Chance, einen Überblick über »ihren« Impfbezirk zu erhalten und dort die Gesundheitsverhältnisse zu verbessern. Insofern waren die Belehrungen als zeitgemäße Form eines »ärztlichen Paternalismus«458 eben auch dem Wunsch geschuldet, die Eltern von der Impfung zu überzeugen. Für einen Teil der Ärzte dürfte diese Überzeugungsarbeit vor allem der Befriedung gedient haben, sollten beruhigende Worte ein reibungsloses Impfen garantieren. Einem anderen Teil  dürften vertrauensbildende Maßnahmen aber ein persönliches Anliegen gewesen sein. Das galt mit Sicherheit für viele Privatärzte, die in ihren Praxen oder in öffentlichen Impfungen die Amts- und Impfärzte unterstützten. Sie hatten beim Impfen ihren Ruf und damit ihr Einkommen zu verlieren, sah man die Impflinge und deren Eltern im Idealfall ja ein Leben lang als Patienten wieder.459 Wenn man vom Impfen als Disziplinierungstechnik sprechen möchte, ist die Beobachtung von Bedeutung, dass nicht nur Ärzte »ihre« Impflinge, sondern ebenso die Ministerien und Behörden »ihre« Ärzte im Griff hatten. Da Probleme in der Impfpraxis eine staatliche Maßnahme in Frage stellten, finden sich seit den 1870er Jahren zahlreiche Vorschriften, mit denen das Verhalten der Ärzte 457 BLHA, Rep 45 D Luckau/154, Schutzpockenimpfungen im Deutschen Reiche 1921–1923, S. 16. 458 Nolte, P. 459 BAB, R 86/4638, Schreiben der Königsberger Impfanstalt an RGA, 22.02.1926.

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normiert werden sollte. Bereits unmittelbar nach Einführung des Impfgesetzes beklagte etwa das hessische Innenministerium gravierende Mängel. Gerade weil die Impfung eine »einschneidende und kostspielige Maßregel«460 sei, sollten sich Impfärzte in größerer Sorgfalt üben. Die Impfenden standen seither unter Beobachtung, sowohl »von oben«, von Vorgesetzten und Behörden, als auch »von unten«. Schließlich gaben Eltern ihre Kritik an Presse, Parlamente und Behörden weiter. Die Zunahme verpflichtender Lehrgänge für Impfärzte seit den 1920er Jahren ist für diese gegenseitige Disziplinierung ein Beleg.461 Gegenüber den Erstimpfungen der Einjährigen bot die praktische Umsetzung der Auffrischungs- bzw. Wiederimpfung mehrere Vorzüge. Zunächst einmal wurde die Impfpflicht für die Zwölfjährigen von der Schulpflicht flankiert. Impfungen öffneten die Tür ins Bildungswesen und umgekehrt: So war bei Aufnahme an den Schulen der Impfschein für die Erstimpfung ebenso vorzulegen wie der zur Wiederimpfung beim Besuch höherer Schulen. Außerdem sollte die Autorität von Direktoren und Lehrern den Druck auf die Eltern erhöhen. Insofern wurde eine konsequente Umsetzung der Auffrischungsimpfung als besonders dringlich angesehen, um gegenüber Impfkritikern keinerlei Nachgiebigkeit zu zeigen, wie die preußische Deputation für das Medizinalwesen 1904 erklärte: »Der Verzicht auf das Recht, ungeimpfte Kinder von der Aufnahme in eine höhere Lehranstalt zurückzuweisen, würde auf dem Gebiete der Schutzpockenimpfung die Verwaltung eines der wirksamsten Zwangsmittel berauben und […] seitens der Impfgegner als ein behördliches Entgegenkommen aufgefasst und nur geeignet sein […], die zur Zeit schon ohnehin sehr lebhaften Agitationen gegen die Schutzpockenimpfung in unerfreulicher Weise noch mehr zu steigern«.462 Ein weiterer Vorzug war die einfache Erfassung von Schulkindern. So legten Schulakten die Basis für die Erstellung von Impflisten. Schließlich waren auf Anmeldeformularen für Schulen neben dem Geburtsdatum, dem Namen des Schülers und denen seiner Eltern, der Konfession und dem bisherigen Schulbesuch die »Impfverhältnisse« anzugeben.463 Vor allem aber waren Auffrischungsimpfungen im Klassenverband einfacher zu organisieren. Die Lehrkraft übernahm dabei nicht nur die »Überführung« der Kinder zum Termin. Darüber hinaus war sie häufig verantwortlich für Eintragungen in den Impflisten. In Städten wie Frankfurt am Main griff man zudem auf Schulärzte für eine Voruntersuchung der Impflinge zurück.464 Offenbar war man nicht nur in Frankfurt nach Erfahrungen mit Massenimpfungen der Ansicht, dass eine genaue Untersuchung während des Impfens ansonsten nicht zu leisten gewesen wäre. Sogar im Reichstag war immer wieder die Klage über die Auffrischungsimpfung als »Massenabfertigung« zu hören, wie sie beispielsweise der Lehrer und Abgeordnete der Deut460 BAB, R 86/1246, Amtsblatt des Großherzoglichen Ministeriums des Innern, 06.06.1877. 461 Vgl. u. a. StAF, MA/1489, Bd. 3, Rundschreiben Preuß. Minist. für Volkswohlfahrt, 01.06.1929. 462 BAB, R 86/4704, Gutachten preuß. Deputation für das Medizinalwesen, 23.11.1904. 463 StAHH, 361-2 V/909a Bd. 2, Anmeldeformular Hamburger Wilhelm-Gymnasium, 1922. 464 StAF, Schulamt/7089, Schreiben Kreisarzt Emil Kranz an den Stadtarzt, 09.04.1913.

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schen Reichspartei Moritz Pauli beschrieb: »Ich bin als Lehrer Aufseher gewesen, da wird ein Lehrer mitgeschickt – da wurden 60 Jungens von unserem Gymnasium – und es waren noch einige Kinder dazu gekommen – in einem Impftermin geimpft; dieser Termin hat wenig über eine Stunde gedauert. Nun, meine Herren, welcher Arzt ist überhaupt im Stande, in einer Minute den Gesundheitszustand eines Kindes zu beurtheilen und dann noch zu impfen? (Sehr gut!)«.465 Und nicht zuletzt dürfte sich bei den Wiederimpfungen in Schulen der soziale Druck auf den einzelnen Impfling erhöht haben. Im Klassenverband konnte der Lehrer schnell erkennen, wer seiner Pflicht für den eigenen Schutz und den des »Volkskörpers« nachkam. Belege für diese disziplinierende Praxis finden sich in einigen Lehrerbriefen an Eltern, in denen deren mangelhaftes Pflichtgefühl kritisiert wurde.466 Dass die Schüler selbst zu einer gegenseitigen Disziplinierung beigetragen haben, lässt sich aufgrund fehlender Quellen nur vermuten. Nicht nur unter zwölfjährigen Jungen könnte das Impfen als eine Art Mutprobe verstanden worden sein. Auch in den Mädchenschulen galt das Ertragen der Impfung womöglich als Beweis eines weiblichen Pflicht- und Verantwortungsbewusstseins, mit denen heranwachsende Schülerinnen ihre Reife demonstrierten.467 In anderen Fällen wiederum dürfte die Sorge vor den sichtbaren Narben, die man auf den Armen der Eltern entdeckt hatte, das Pausengespräch bestimmt haben, vielleicht auch die Angst vor den Schmerzen.468 Dass solche Ängste mitunter auf den Kreislauf der Schüler schlugen, legen Berichte über die Auffrischungsimpfungen nahe. So ist aus Hamburg zu lesen, dass Kinder in den Impfräumen »sehr häufig ohnmächtig«469 wurden und Lehrer Probleme hatten, für »Ruhe und Ordnung« zu sorgen. Letzteres hatte nach Ansicht der Hamburger Polizeibehörde übrigens damit zu tun, dass einige Lehrer das Impfen nicht ernst nahmen. Voller Entrüstung beklagte sich beispielsweise die Hamburger Polizei- bei der Schulbehörde wegen zunehmender Disziplinprobleme seit Mitte der 1920er Jahre. Demnach mehrten sich Fälle, in denen Schülergruppen und sogar ganze Schulklassen der Auffrischungsimpfung ferngeblieben seien. Besonders empörend erschien einem Hamburger Polizisten die Erklärung eines Lehrers zum Fernbleiben seiner Schüler, »weil sie im Augenblick einer Kasperlevorstellung beizuwohnen hätten.«470 465 RTP, 08.05.1896, S. 2218. 466 Vgl. u. a. StAHH, 361-2 V/909a Bd. 1a; 909a Bd. 1b; 909a Bd. 2. 467 Dass Pockenimpfungen noch in der Bundesrepublik als eine Art »Mutprobe« gesehen wurden, berichtete mir der Historiker Thomas Schlemmer: In seiner Schulzeit habe das Nichtumkippen bei der Impfung unter Klassenkameraden als Beweis von Männlichkeit gegolten. 468 Annelie Ramsbrock weist nach, dass die Pockenschutzimpfung im 19. Jahrhundert mitunter als »Schönheitsmittel« galt, da sie bleibende Pockennarben verhindere. Die wachsende Kritik von Müttern und Mädchen an der Schnitttechnik seit dem späten 19. Jahrhundert legt somit nahe, dass mit der abnehmenden Pockenangst neue Schönheitsideale entstanden. Ramsbrock, S. 91 f. 469 StAHH, 361-2 V/909a Bd. 2, Bericht der Gesundheitspolizei, 22.04.1925. 470 StAHH, 361-2 V/909a Bd. 2, Schreiben Polizeibehörde an Schulbehörde, 09.05.1928.

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2.5.3 Vertrauensverhältnisse: Präventive Praxis in der Privatpraxis Die Bedeutung öffentlicher Massenimpfungen für die Immunisierung der Deutschen wird noch unterstrichen vom niedrigen Anteil an Privatimpfungen. Da Massenimpfungen meist kostenlos, für private Impfungen hingegen Arzthonorare und Impfstoff zu bezahlen waren, machte sich nur eine Minderheit auf den Weg in die Arztpraxis. Entsprechende Belege bietet die Impfstatistik. So vermerkte der Jahresbericht 1910 für Bayern eine Gesamtzahl von 152.859 öffentlichen gegenüber 9.515 privaten Erstimpfungen. Demnach machten private Impfungen der Einjährigen gerade mal sechs Prozent aller Impfungen aus.471 Zehn Jahre später standen den 119.986 öffentlichen Impfungen 8.653 Privatimpfungen und damit sieben Prozent aller Impfungen gegenüber. Einen höheren Anteil hatten Privatimpfungen in größeren Städten. In Hamburg ließen sich im Jahr 1912 von den Erst- und Wiederimpfpflichtigen immerhin 19 Prozent privat impfen,472 in München impften Privatärzte bereits seit den 1880er Jahren ca. ein Drittel der Erstimpflinge.473 Trotz ihres verhältnismäßig niedrigen Anteils lohnt ein Blick auf Privatimpfungen aus zwei Gründen. Zum einen stehen sie für einen langfristigen Trend der Privatisierung von Vorsorge. Zum anderen spielen hier die Bedürfnisse des Impflings bzw. seiner Eltern eine andere Rolle als bei öffentlichen Impfterminen. Ein Problem ist allerdings die Quellenlage: Berichte von Privatärzten über einzelne Impfungen sind ebensowenig überliefert wie Aufzeichnungen von Patienten. Aufschlüsse über die soziale Praxis in der Arztpraxis lassen sich daher nur indirekt und »von außen«, über behördliche und mediale Darstellungen gewinnen. Aufschlussreich ist etwa die Beobachtung, dass Privatärzte bei ihren Impfterminen häufig nicht impften. Preußische Behörden machten 1895 in einem Rundschreiben an alle Privatärzte darauf aufmerksam, »dass ein auffallend grosser Prozentsatz impfpflichtiger Kinder auf Grund privatärztlicher Zeugnisse von der Impfung befreit sei, und dass ferner die privatärztlichen Impfungen verhältnismäßig häufig erfolglos geblieben sind«.474 Begründet wurden Zurückstellungen gemeinhin mit »gesundheitlichen Gründen«. Das entsprach zwar gesetzlichen Vorgaben. Unüblich war indes die Häufung solcher Rückstellungen bei Privatimpfungen, wie sie 1913 der Leiter der Hamburger Impfanstalt, Leonhard Voigt, in einem Vortrag vor dem Hamburger Ärzteverein beklagte: »In den Jahren 1900, 1911 und 1912 sind […] gute 29 %, 35 % und 37 % der den Privatärzten gestellten pflichtigen Kindern mangelnder Gesundheit halber ungeimpft geblieben.«475 Im Vergleich mit dem sonst üblichen Anteil von bis zu zehn Prozent an 471 BAB, R 86/1239, Broschüre Schutzpockenimpfung im Königreiche Bayern 1910. 472 BAB, R 86/1244, Ausschnitt Hamburger Aerzte-Correspondenz, 22.06.1913. 473 StAM, RA/57207, Bericht der Regierung Oberbayern über die Schutzpockenimpfung 1878, 25.04.1879. Vgl. auch Berichte über Privatimpfungen in StAM, RA/57208 und 57209. 474 BAB, R 86/1244, Schreiben Hamburger Senat an Reichsamt des Innern, 29.05.1895, S. 1; BAB R 86/4703, Rundschreiben des Preußischen MGUMA, 22.05.1895. 475 BAB, R 86/1244, Ausschnitt Hamburger Aerzte-Correspondenz, 22.06.1913.

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Rückstellungen476 war der hohe Prozentsatz auffällig. Zusammengefasst präsentierte Voigt also einen eindeutigen Befund: Von den privat geimpften Kindern wurde mehr als ein Drittel aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt, weitere zehn bis 15 Prozent darüber hinaus noch als »Fehlimpfung« verzeichnet, so dass fast die Hälfte der privat Geimpften nicht immunisiert wurde. Hamburg war kein Einzelfall. So beobachtete in Bayern der Zentralimpfarzt Stumpf bereits Mitte der 1880er Jahre einen »auffallende[n] Unterschied der Fehlimpfungen bei der Privat- und öffentlichen Impfung zu Ungunsten der ersteren.«477 Für solche Unterschiede gibt es mehrere Erklärungen. Erstens untersuchten Privatärzte ihre Impflinge genauer. Während bei Massenimpfungen Impfarzt, Polizei und Krankenschwestern die Kinder »durchreichten«, liefen in der Praxis mehrere Arbeitsschritte bei einem Arzt zusammen, der einen besseren Überblick über den Impfling gewann. Insofern bestand tatsächlich ein Unterschied zwischen der »ärmere[n] Bevölkerung in den Vorstädten und auf dem Lande, wo das Impfen oft weniger glatt und bequem abgeht, als wenn im Tiergartenviertel der Herr Sanitätsrat sich in einen Salon bemüht, um den Liebling zu impfen«,478 wie der Zentrumsabgeordnete von Oppersdorff im Reichstag 1911 spöttelte. Auch in anderen Parteien gab der Gegensatz zwischen Massenund Privatimpfungen Anlass zu Kritik, wie sie Hermann Freiherr von Hodenberg (Deutsch-Hannoverscher Partei), 1896 im Reichstag äußerte: »Es erregt Unzufriedenheit, wenn die Aermeren darauf angewiesen sind, in die großen öffentlichen Impftermine hineinzugehen, während es dem Reicheren vorbehalten bleibt, die Impfung durch seinen Hausarzt vornehmen zu lassen. […] Ich möchte daher vorschlagen, dass entweder das Zwangsgesetz so weit ausgeführt wird, daß überhaupt jeder gezwungen wird, seine Kinder in die öffentlichen Impftermine zu bringen – in diesem Fall, glaube ich, würden die Impfgegner unter uns hier in großem Maße sich mehren – (sehr wahr!) oder aber […] gestatten Sie allen Aerzten, mit freier Lymphe die Impfung vorzunehmen.« Die letzte Forderung von Hodenbergs verweist auf eine zweite Erklärung für Unterschiede: das Vertrauensverhältnis. Weil Privatärzte ihre Impflinge bzw. deren Eltern gemeinhin kannten, lag ihnen mehr an einer sorgfältigen Impfung als den Impfärzten während eines Massenimpftermins, wie von Hodenberg im Reichstag konstatierte. Im Gegensatz zu öffentlichen Impfärzten hätten Privatund Kassenärzte »das größte Interesse daran […], daß die Impfung ordentlich und sachgemäß vorgenommen wird; denn es handelt sich um ihre Existenz, um ihre Praxis.«479 In dieser Hinsicht war die Klassenkampfrhetorik der SPD ge476 Im Reich wurden zwischen 1900 und 1923 jährlich ca. zehn bis elf Prozent der Impflinge aus ärztlichen Gründen von der Impfung zurückgestellt, während des Ersten Weltkriegs wurden 25–30 Prozent der Erstimpflinge nicht geimpft. Vgl. StAOL, 227/107, Ergebnisse der Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1921–1923, Berlin 1926; StAOL, 227/143, Ergebnisse der Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1916. 477 StAM, RA/57208, Ergebnisse Schutzpockenimpfung in Bayern 1885, S. 5 f. 478 RTP, 03.05.1911, S. 6318. 479 Beide Zitate RTP, 12.03.1896, S. 1414.

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gen die Impfpflicht also gar nicht so falsch. Beide Praktiken des Impfens, die Massenimpfung und die Privatimpfung, trennten die Deutschen in zwei Gesellschaften: Auf der einen Seite stand ein Großteil der Kinder, die in öffentlichen Impfterminen als »Masse« behandelt wurden. Auf der anderen Seite stand eine Minderheit finanziell gut gestellter Impflinge, deren Schutz- und Schambedürfnisse in Privatimpfungen befriedigt wurden. Offenbar stellten Privatärzte ihre Impflinge nicht nur wegen ihres schärfe­ ren Blicks für gesundheitliche Gegenanzeigen häufiger zurück. Ebenso ausschlaggebend waren wohl finanzielle Motive. So erhöhte das ärztliche Eingehen auf Bedürfnisse der Eltern die Wahrscheinlichkeit, dass diese mit ihrem Kind auch in Zukunft in die Praxis fanden. Außerdem dürfte die direkte Bezahlung des Arztes dessen Bereitschaft erhöht haben, Gegenindikationen so auszulegen, dass eine Impfung unverantwortlich erschien. Einen Beleg für diese Vermutung bietet die Beobachtung, dass unter naturheilkundlichen Ärzten eine hohe Zahl an Rückstellungen festzustellen war. In Hamburg unterstrich Voigt diesen Zusammenhang an einigen »der sogenannten Naturheilkunde zugewendeten Ärzte[n]«: »Einer der Herren hat 52 Impfdispense ausgestellt und nur ein Kind geimpft. Ein anderer Herr impfte 16 Pflichtige, davon 2 ohne Erfolg und stellte 69 Pflichtige mangelnder Gesundheit halber zurück. Ein Homöopath hat 17 Pflichtige dispensiert, einen geimpft.« Angesichts solcher Diskrepanzen war der Vorwurf geläufig, dass sich wohlhabende Eltern mit dem privaten Arztbesuch von der Impfpflicht freikauften, wie auch Voigt klagte: »Mir scheint, es entspreche nicht der Wirklichkeit, dass jedes dritte Kind in den besser situierten Familien so schwach oder so ungesund sei, dass es die Impfung nicht vertragen könne.«480 In den 1920er Jahren nahm der Druck auf Privatärzte noch durch impfgegnerische Initiativen zu. Seither legten impfskeptische Eltern bei Impfterminen mitunter einen Vordruck des Reichsverbands der Impfgegner vor, auf dem der Arzt die Unschädlichkeit der Impfung garantieren sollte. Da eine solche Garantie nicht zu leisten war, dürfte die Bereitschaft von Ärzten für Impfbefreiungen gestiegen sein. Medizinalbehörden führten daher eine wachsende Zahl von Impfbefreiungen bei Privatimpfungen »auf die systematische Einschüchterung der Ärzteschaft zurück«.481 Alle diese Befunde unterstreichen das Plädoyer, dass »die« Ärzteschaft als Akteur differenziert werden sollte. In Großstädten und in wohlhabenden Schichten standen Eltern mehrere Handlungsoptionen offen. Auch der Blick in die Praxen differenziert daher die Vorstellung vom Impfen als Disziplinierungstechnik und Ausdruck moderner Biomacht. Vielmehr zeigen Trends zur Privatisierung, dass auch in einer staatlichen Institution wie dem Impfen Raum für eigen­ sinniges Verhalten blieb. Dass dieser Eigensinn eine Frage des Geldes war, zeigt darüber hinaus, dass Unterschiede beim Impfen eine Folge sozialer Ungleichheit blieben. 480 Alle Zitate BAB, R 86/1244, Hamburger Aerzte-Correspondenz, 22.06.1913. 481 StAOL, 227/107, Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1924–1926.

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2.5.4 Behördliche Gewalt und goldene Brücken: Impfzwang Zwangsimpfungen bereiteten zahlreiche Probleme. Zwar bejahte das preußische Verwaltungsgericht die Rechtmäßigkeit des Zwangs seit der Jahrhundertwende und bekam dafür Schützenhilfe vom Kaiserlichen Gesundheitsamt.482 Gleichwohl blieb die Anwendung körperlichen Zwangs »reichsrechtlich nicht geregelt«,483 so dass der Einsatz je nach »Landesrecht« ganz unterschiedlich entschieden wurde.484 Während im Südwesten Deutschlands, in Hessen, Sachsen oder in Städten wie Hamburg, Hannover und Lübeck während der 1920er Jahre bis zu einem Viertel aller Impflinge »auf Grund ärztlicher Zeugnisse vorläufig zurückgestellt«485 wurden, gaben sich andere Regionen unnachgiebiger.486 Immer wieder konnten Kritiker des Impfgesetzes daher brutale Beispiele für Zwangsimpfungen in die Diskussion einbringen, um die Impfpflicht zu diskreditieren. Genüsslich zitierte etwa der Zentrumsabgeordnete Pfeiffer im Reichstag 1911 einen Frankfurter Polizeidezernenten. Dieser hatte gedroht, man werde »nicht davor zurückschrecken, gegebenenfalls die Eltern in Ketten legen zu lassen (Zuruf: hört! hört!) um die Kinder zum Impfen unter den Betten und aus den Schränken hervorzuziehen.«487 Selbst wenn sich die Polizei auf solche Versteckspiele einließ, dürften die hier geschilderten Zwangsvorführungen selten gewesen sein. Dafür sprechen neben der Statistik488 ständige Klagen der Polizei, die schon die jährlichen Zustellungen der Impfaufforderungen und Kontrolle der Impflisten als Zumutung ansah und ihre personellen Ressourcen sinnvolleren Tätigkeiten widmen wollte.489 Vor allem aber entsprach der Einsatz von 482 Vgl. StAF, MA/1489 Bd. 2, Entscheidung Königl. Oberverwaltungsgericht, 01.03.1895 sowie RTP, 01.02.1911, S. 4342; RTP, 28.04.1914, S. 8313, 8325. 483 So der Abg. Zimmerle im RTP, 28.04.1914, S. 8313. 484 Eine reichsweise Auflistung zum Zwangseinsatz liegt nicht vor. Selbst innerhalb Preußens wurden Bezirke und Kreise erst 1911 gebeten, entsprechende Berichte aufzunehmen. Bis Ende der 1920er Jahre blieb die Berichterstattung sporadisch. Vgl. BAB, R 86/4704, Erlass MGUMA betr. die Anwendung physischen Zwanges bei der Impfung, 23.01.1911. 485 Vgl. BAB, R 86/4647, Übersichtskarte zur reichsweiten Impfung Mitte der 1920er Jahre. Lokale Fallbeispiele über nachsichtige Urteile impfkritischer Richter bei Hartung, T., S. 68. 486 Im gesamten Deutschen Reich blieben während der 1920er Jahre ca. 17 bis 20 Prozent aller Erstimpflinge ungeimpft. Vgl. StAOL, 227/103, Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1924–1926; Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1927–1929. 487 RTP, 30.01.1911, S. 4275. Pfeiffer zitierte hier aus einer impfgegnerischen Petition. In der folgenden Debatte bestätigte der Abgeordnete Müller allerdings das Zitat. 488 Für die Jahre 1921 bis 1923 wurden für Preußen nur zwei Fälle berichtet, wobei die Berichterstattung lückenhaft lieb. Der folgende Fall aus Hildesheim beispielsweise war in dem Bericht nicht aufgenommen. Einen Anstieg an Zwangsimpfungen verzeichnet die Statistik Mitte der 1920er Jahre. 1924 wurden in Preußen ca. 26 Zwangsimpfungen berichtet, im Jahr 1925 ca. 120. Vgl. StAOL, 227/103, Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1924–1926, S.  49; 227/107, Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche für die Jahre 1921–1923, S. 15; vgl. außerdem die Berichte über Zwangsimpfungen in StAOL, 136/5008. 489 Vgl. Berichte Polizeibehörde Hamburg 1890 bis 1928 in StAHH, 331-1 I/1337 Bd. 1.

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Gewalt kaum dem Bedürfnis vieler Ärzte, die sich den öffentlichen Folgen von Zwangsimpfungen bewusst waren. Und nicht zuletzt belegen die wenigen Beispiele der Durchsetzung des Impfzwangs, dass der Einsatz körperlicher Gewalt selbst unter Befürwortern des Impfgesetzes sehr genau abgewogen wurde,490 wie die folgende Fallstudie illustriert. Am Morgen des 8.  November 1922 wurde in Hildesheim die zwölfjährige Ruth »durch einen Polizeibeamten aus der Schule geholt«, dem Polizeiarzt vorgeführt und auf dem Polizeirevier gegen die Pocken geimpft. Ruth wurde dabei von ihrer Klassenlehrerin begleitet. Diese half beim »Aus- und Ankleiden des Kindes« und versuchte während der Impfung »durch gütigen Zuspruch beruhigend auf das Kind einzuwirken«. Die Abführung aus der Schule »ohne Vorwissen der Mutter« war geplant worden, um Unruhe zu vermeiden.491 Wie gesagt blieben solche Fälle selten. Doch gerade wegen ihrer Seltenheit ist Ruths Zwangsimpfung so interessant: Warum wurde in Hildesheim in diesem Fall konsequent durchgegriffen, während zeitgleich Zehntausende Rückstellungen von Impfungen hingenommen und vorschriftswidrige Entziehungen mit klei­ nen Geldstrafen abgetan wurden?492 Antworten auf diese Fragen bietet ein zweiter Blick auf das Prozedere. Nachdem Ruths Mutter seit der ersten Aufforderung zur Impfung im Jahr 1919 keinen Nachweis über die Immunisierung ihrer Tochter oder ein ärztliches Zeugnis für eine Rückstellung erbracht hatte, war sie wie üblich mit einer geringen Geldstrafe belegt worden. Als im Jahr 1920 und 1921 erneute Aufforderungen zum Impfen ebenfalls nicht gefruchtet hatten, wurde eine Bestrafung in Höhe von 30 RM festgesetzt. Als letzten Versuch zur »Wahrung der Ordnung« bezeichnete der Hildesheimer Regierungspräsident zwei weitere Aufforderungen im März und April 1922.493 Trotzdem wurde die Zwangsimpfung zu diesem Zeitpunkt auf Antrag der Mutter noch einmal auf den November 1922 verschoben, wo sie dann wie beschrieben ohne Wissen der Mutter durchgeführt wurde. Ruths Impfung war also alles andere als eine konsequente Intervention staatlicher Biomacht. Das jahrelange Ringen um die Zustimmung der Mutter spricht vielmehr für den Wunsch der Verantwortlichen, Zwangsmaßnahmen zu vermeiden, um mit finanziellen Sanktionen und Aufforderungen zum Ziel zu kommen. Dass Ruth letztlich mit Polizeigewalt geimpft wurde, während andere 490 Obwohl in den jährlichen Impfberichten Zwangsimpfungen explizit erfasst werden sollten, fehlt eine statistische Gesamtübersicht. Meist wurden sie im »Berichtsteil« der Berichte­ aufgenommen. 491 BAB, R 86/4638, Abschrift Aussage Polizeiarzt T. Direktion Hildesheim, 11.12.1922. 492 Zum Zeitpunkt der Zwangsimpfung von Ruth konstatierte das RGA, dass sich von allen Wiederimpflingen des Jahres 1922 10.372 vorschriftswidrig der Impfung entzogen hätten, weitere 10.610 Wiederimpflinge seien vor der Impfung »nicht aufzufinden« gewesen. Dennoch verzeichnet die Statistik für die drei Jahre 1921 bis 1923 nur zwei Zwangsimpfungen. StAOL, 227/107, Sonderdruck Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1921–1923, S. 3. 493 BAB, R 86/4638, Schreiben Hildesheimer Regierungspräsident, 10.01.1923.

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Impflinge mit Geldstrafen davon kamen oder von Privatärzten zurückgestellt wurden, begründete die Polizei mit dem besonderen Verhalten der Mutter. Bei dieser sei nämlich eine »Absicht der Entziehung von der Impfpflicht klar genug« zu erkennen gewesen. Schließlich habe sich die Mutter sogar explizit als »Impfgegnerin« bezeichnet.494 Aus diesem langwierigen Prozess lassen sich zwei Erkenntnisse ableiten, die allgemeine Erkenntnisse über die Praxis von Zwangsimpfungen bieten. Zum einen macht Ruths langer Weg zur Impfung deutlich, dass es bei der Umsetzung der Impfpflicht um Überzeugungsarbeit ging, mit der Eltern für das Projekt Immunität gewonnen werden sollten. Polizei- und Medizinalbehörden ­hatten daher einen langen Atem und kein Interesse an Zwangsimpfungen, die sich in der Presse ausschlachten ließen. »Beschämende Schauspiele […], bei denen ein Polizist den Säugling von der Mutterbrust reißt, um das hilflose Wesen an die Lanzette des Impfarztes zu liefern«,495 beklagte nicht nur der »Vorwärts«. 1911 warnte sogar ein preußischer Runderlass, dass die Presse Berichte über Zwangsimpfungen übertreibe: »In der Tagespresse sind mehrfach Fälle, in denen Impfpflichtige durch Polizeiorgane zum Impfarzt geführt und unter Anwendung physischen Zwanges geimpft worden sind, nicht zutreffend wiedergegeben und zu Angriffen gegen das Impfgesetz ausgenützt worden.«496 Wie bei Ruth waren mehrfache Geldstrafen, wiederholte Hinweise auf Möglichkeiten der Nachimpfung oder auf Rückstellung Versuche, den Eltern Alternativen zur Zwangsimpfung aufzuzeigen. Allerdings mussten diese Alternativen staatlich autorisiert sein, während eigenmächtige Entziehungen als Straftat markiert wurden. Der Einsatz von Gewalt war also erklärungsbedürftig und nur für den Einzelfall vorgesehen, um einerseits Immunität als Norm festzuschreiben und andererseits die öffentliche Meinung nicht gegen das Impfgesetz aufzubringen. Ruths Fall verweist außerdem auf den Zusammenhang von Zwangsimpfung und Habitus. Wie im Hildesheimer Fall begründeten Polizisten Zwangsmaßnahmen meist mit dem Auftreten der Eltern. Ruths Mutter habe sich als »ausgewiesene Impfgegnerin« trotz wiederholter Aufforderungen öffentlich gegen das Impfen ausgesprochen.497 So sah es die Polizeibehörde als erwiesen an, »dass die Frau […] absichtlich Konflikte mit der Behörde herbeizuführen bestrebt ist, worauf auch ihr persönliches Auftreten dem Impfarzt gegenüber schließen lässt«.498 In Visbek bei Vechta griff man in einem ähnlichen Fall Anfang der 1920er Jahre ebenfalls zu Zwangsmitteln. Ein Vater hatte anlässlich der Impfung seines Kindes »offen zum Widerstand gegen das Impfgesetz« aufgerufen und dafür ein starkes Echo in seiner Gemeinde erhalten, wie der Amtsarzt besorgt feststellte: »Da die Schwierigkeiten bei der Durchführung der Imp494 Ebd. 495 Vorwärts, Revision des Impfzwanggesetzes, 04.11.1925. 496 BAB, R 86/4704, Erlass MGUMA, 23.01.1911. 497 BAB, R 86/4639, Abschrift Aussage Hildesheimer Polizeiarzt Dr. Traumann, 11.12.1922. 498 BAB, R 86/4638, Schreiben Hildesheimer Regierungspräsident, 10.01.1923.

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fung […] von Jahr zu Jahr wachsen werden […], ist nach Ansicht des Amtes ein scharfes Vorgehen […] erforderlich.«499 Zu einem Problem wurde die Verweigerung der Impfpflicht also dann, wenn sie öffentlich demonstriert wurde. Zwang und Gewalt erschienen legitim, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Noch schwerer als Presseberichte über Zwangsmaßnahmen wogen demnach Artikel über Impfgegner, die sich der Impfpflicht öffentlich entzogen. Kurz gesagt ging es bei Zwangsimpfungen weniger um medizinische Bedenken, als um die Einforderung staatsbürgerlichen Gehorsams. Aus diesen Gründen wurde in vielen anderen Fällen über Verstöße hinweggesehen, wie das folgende Beispiele aus Königsberg, ebenfalls aus den 1920er Jahren, zeigt. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich hier die Fälle von Impfentziehungen derart gehäuft, dass der Regierungspräsident den Landrat um Aufklärung bat. Dieser antwortete mit der beruhigenden Nachricht, »dass in keinem Falle Veranlassung gegeben war, gegen die Eltern [mit Zwang] vorzugehen, da durchweg weder absichtliche noch böswillige Zurückhaltung von der Impfung vorlagen.«500 Auch hier waren nicht medizinische Gründe, sondern die Beurteilung persönlicher Motive ausschlaggebend. Damit entsprach der Königsberger Landrat im Übrigen ganz der offiziellen Leitlinie. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik machte das Reichsinnenministerium immer wieder deutlich, dass gegenüber Zwangsmaßnahmen »Zurückhaltung geübt und von diesem Zwang als dem äußersten Notbehelf nur dann Gebrauch« gemacht werden solle, »wenn es sich um einen böswilligen Widerstand gegen die Impfung handelt«.501 Es war der öffentliche Ungehorsam gegen eine staatliche Maßnahme, der sanktioniert wurde, während »Versäumnisse« beim Impfen bei prinzipieller Anerkennung staatlicher Autoritäten folgenlos bleiben konnten. Einen untrennbaren Zusammenhang zwischen Zwangsimpfung und Habitus demonstriert auch ein letztes Fallbeispiel aus dem Jahr 1903. Im September wies der Berliner Arzt Kossmann Reichskanzler Fürst Bernhard von Bülow und das KGA auf ein Problem der Zwangsimpfung hin. Demnach seien »triftige Gründe zur Impfbefreiung nur bei einem kleinen Prozentsatz der Impfpflichtigen vorhanden«. Die kleine Zahl der Ungeimpften stellte demnach keine Gefahr für die Allgemeinheit dar, so dass sich Zwangsimpfungen erübrigten. Das gelte umso mehr, weil »ein einziger unglücklich verlaufener Fall dieser Art ein Aufsehen erregen müsste, welcher der Einrichtung der Zwangsimpfung höchst gefährlich werden könnte.«502 Kossmanns Einwand war nicht ganz uneigennützig. Schließlich nannte er sich Vater zweier ungeimpfter Kinder, die er von der 499 StAOL, 136/5008, Schreiben Amt Vechta, 14.05.1924. 500 BLHA, Rep. 3 B Med I/1247, Antwort Königsberger Landrat, 25.03.1920. 501 Der hier zitierte Erlass des Reichsinnenministers von 1917 wurde bis in die 1930er Jahre wiederholt den Ländern in Erinnerung gerufen. Vgl. u. a. die Verordnungen in StAM, LRA/199818, Rundschreiben Bayerisches Staatsministeriums des Innern, 22.08.1917; StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 3, Rundschreiben des RMI an die Landesregierungen, 10.09.1929. 502 BAB, R 86/4678, Schriftwechsel zwischen Kossmann und Reichskanzler, 12.09.1903.

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Impfpflicht befreien wollte. Sein Hinweis auf das öffentliche »Aufsehen« einer Zwangsimpfung war somit eine unverhohlene Drohung, die im KGA genau so verstanden wurde. In einem Schreiben an Reichskanzler von Bülow empfahl es daher, von Zwangsmaßnahmen abzusehen. Schließlich stehe »der durch eine zwangsweise Impfung erreichte Nutzen in gar keinem Verhältnis zu dem großen Schaden […], wenn K. das Vorgehen der Behörde zu seinen Zwecken in der Presse ausbeuten würde«. Obwohl der Vater nach Ansicht des Amts eine »unbegründete Ängstlichkeit« gegenüber der Impfung pflege und »die Impfung der beiden Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit ohne Schaden vorgenommen werden könnte«, ließ man von Maßnahmen ab.503 Der Blick auf die alljährlichen Rückstellungen bzw. Impfbefreiungen von zehn bis 20 Prozent aller Impflinge504 legt nahe, dass der Fall Kossmann kein Einzelfall blieb.505 Bei der Umsetzung von Zwangsimpfungen maßen die Verantwortlichen offensichtlich mit zweierlei Maß. Nicht nur hingen Sanktionen vom Arzt ab, der die »Impffähigkeit« des Kindes untersuchte und Impfbefreiungen ausstellte. Auch bei der Bewertung einer »Impfentziehung« war der Ermessenspielraum groß. So gaben die Impfberichte den Ärzten sowohl die Möglichkeit, »böswillige Impfentziehungen« ausführlich zu begründen, als auch eine Eintragung der Ungeimpften als »verzogen«, »nicht aufzufinden« oder »zufällig ortsabwesend« vorzunehmen. Da letzteres für den Impfarzt keinerlei Konsequenzen hatte, war ein »Übersehen« von Impfgegnerschaft das einfachste Mittel, um sich Auseinandersetzungen zu ersparen.506 Außerdem war das Verhalten der Eltern ausschlaggebend. Im letztgenannten Fall war der Vater ebenso willens wie fähig, in der Presse Gehör zu finden. Darüber hinaus bestätigte Kossmann den grundsätzlichen Nutzen des Impfens und interpretierte die Impfbefreiung seiner Kinder als Abwehr einer Gefahr für die »Einrichtung der Schutzimpfung«. Kossmann baute den Behörden also goldene Brücken, dank denen diese den Impfzwang aussetzen und ihren Machtanspruch dennoch behaupten konnten.

503 BAB, R 86/4678, Vermerk Medizinalrat Kobylecki (KGA), 07.10.1903. 504 Vgl. Sammlung der Statistik des KGA bzw. RGA bis 1929 in StAOL 227/79, 103 und 107. 505 Vgl. dazu die Bemerkung des Preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt von 1927, dass »insbesondere […] die Zahlen der vorschriftswidrigen Entziehungen in vielen Bezirken noch recht hoch« seien. BAB, R 86/4704, Runderlass des Ministers für Volkswohlfahrt, 14.05.1927. Im Durchschnitt wurden seit der Jahrhundertwende jedes Jahr zwischen drei und fünf Prozent aller Erstimpflinge »vorschriftswidrig« der Impfung entzogen, weitere acht bis 19 Prozent wurden von der Erstimpfung zurückgestellt. Vgl. Statistik des KGA/ RGA in StAOL, 227/79, 103 und 107. 506 Neben den bereits angeführten Impfberichten lässt sich als Beispiel der Bericht des Oldenburger Landesarztes Dr. Schläger von 1923 anführen. Von den insgesamt 1.893 erstimpfpflichtigen Kindern der Stadt Oldenburg seien im Jahr 1923 18 ungeimpft verstorben, 622 Kinder verzogen, 198 Kinder aufgrund ärztlichen Zeugnisses zurückgestellt sowie 105 Kinder »nicht aufzufinden oder zufällig ortsabwesend« gewesen, so dass von 1.893 Kindern 870 impfpflichtig geblieben seien. StAOL, 227/174, Übersicht der Erstimpfungen für 1923 Stadt Oldenburg.

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Pragmatismus und goldene Brücken stießen dort an Grenzen, wo die Seuchengefahr allen Beteiligten deutlich vor Augen stand. So griffen Behörden beim Ausbruch von Pockenepidemien konsequent durch, wurden Zwangsimpfungen ganzer Gemeinden und Kreise durchgeführt. Zwei Faktoren förderten diese Konsequenz. Seit 1900 wurde die Impfpflicht vom Reichs­seuchen­gesetz flankiert, das bei Epidemien allgemeine Zwangsimpfungen vorschrieb.507 Wichtiger noch dürfte die Beobachtung von Medizinalbeamten gewesen sein, dass sich die Bevölkerung im Seuchenfall ausgesprochen aufgeschlossen gegenüber Zwangsimpfungen zeigte.508 2.5.5 Erklären, verklären, entlasten: Umgang mit Impfschäden Impfschäden waren für Impfbefürworter zunächst kein großes Problem. Regie­ rungspolitiker und Medizinalbeamte taten Nebenwirkungen von Impfungen nach Einführung des Impfgesetzes meist als »Agitation« von Impfgegnern ab. Das war insofern nicht ganz unberechtigt, weil Impfgegner mit Impfschäden tatsächlich Stimmung machten. Dass dabei absurde Fälle zu hören waren, gab Impfbefürwortern gute Argumente an die Hand, um Impfgegnerschaft als reine Propaganda abzutun. Diese Haltung stieß wiederum auf Kritik – nicht nur unter Impfgegnern. Entrüstet reagierte etwa die »Hamburger Zeitung« 1876 auf Bagatellisierungen von Impfschäden: »Wir theilten vor einigen Tagen mit, dass in Geesthacht circa 40 Kinder in Folge von Kuhpocken-Impfung und darunter einige schwer erkrankt seien. […] Rathlos sind die armen Mütter zu dem Arzt geeilt – und erhielten als Trost die wunderliche Antwort: ›daß diese Kinder jetzt viel Pockenstoff besäßen!‹«509 In Beiträgen wie diesen kritisierte die Presse nicht nur die Nebenwirkungen an sich. Besonders kritikwürdig waren die Reaktionen von Experten. Am Umgang mit Sorgen der Bevölkerung vermaßen Kritiker das Verhältnis zwischen Medizinern und Gesellschaft. Bagatellisierungen von Nebenwirkungen erschienen so schnell als Beweis für das ärztliche Selbstbild von »Halbgöttern in Weiß«. Dass diese Halbgötter sich ihre Heilsgewissheit nicht von Zwischenfällen in Frage stellen lassen wollten, zeigen Reaktionen von Medizinern auf Impfschäden seit den 1870er Jahren. Selbst die Übertragung der Syphilis, die von Impfgegnern ebenso wie von Befürwortern als Folge der Impfung anerkannt wurde, bereitete Verteidigern der Impfpflicht wie Martin Kirchner, Wilhelm Löwe und August Zinn keinerlei Kopfzerbrechen. Sie schrieben die Verantwortung für Nebenwirkungen vielmehr den Eltern der Impflinge zu. Ihrer Meinung nach ließ sich das Auftreten der Syphilis auf »erbliche Veranlagung« des Impflings oder auf das Verhalten der Eltern zurückführen. Als im Juli 1876 nach einer 507 Vgl. Eckart, Vision, S. 35. 508 Vgl. die entsprechenden Berichte aus Bayern in StAM, LRA/196453. 509 Hamburger Zeitung, Opfer des Impfzwangs, 06.07.1876.

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Impfung bei Frankfurt an der Oder von 26 geimpften Schulkindern 18 Mädchen Ausschläge und Geschwüre zeigten, sprach das angerufene Gericht umgehend von »syphilitischen« Beschwerden, die allein den Lebensverhältnissen der Familien zuzuschreiben seien.510 Die »Gartenlaube« nahm die Häufung solcher Probleme 1877 zum Anlass, vor angeblichen »Impfschäden« als Ausrede für mangelhafte Hygiene zu warnen: »Eine unparteiische Beobachtung zeigt genügend andere, freilich für die Eltern nicht so schmeichelhafte Entstehungsursachen wie die Impfung. Der Arzt möchte verzweifeln, wenn eine vollständig scrophulöse Mutter ihm ihr augenkrankes Kind mit den Worten bringt: ›Sehen Sie, Herr Doctor, das kommt nur vom Impfen.‹«511 Auch die »Deutsche Medicinische Wochenschrift« sah die Verantwortung bei den Eltern, die auf den Gesundheitszustand ihrer Kinder achten sollten: »Dass aus Familien und Häusern, in denen Diphtherie […], Scarlatina, Erysipel bestehen, impfpflichtige Kinder in keinem Falle in’s Impflocal gebracht werden […] versteht sich von selbst.«512 Bemerkenswert sind solche Forderungen, weil Eltern in medizinischen Fragen ansonsten keinerlei Fachkenntnis zugestanden wurde. Sie sind umso bemerkenswerter, da Kontraindikationen per Impfgesetz vom Arzt erkannt werden und zur Rückstellung des Impflings führen sollten. Das Problembewusstsein für Impfschäden wuchs langsam. Seit den 1880er Jahren wurden sie in einzelnen Ländern erstmals systematisch dokumentiert und an die Impfanstalten weitergeleitet.513 Dass nun in einigen Städten wie Hamburg offizielle Vordrucke zur »Amtlichen Ermittlung bei Impfschäden« kursierten,514 belegt, wie »Impfschäden« vom Schlagwort der Impfgegner zu einem anerkannten Begriff avancierte, wie auch Debatten im Reichstag nahelegen. Da trotz dieser wachsenden Sensibilität viele Meldungen von Impfschäden ungenau blieben, regte das KGA 1916 eine genauere Prüfung an – freilich auch, um »brauchbares Material zur Abwehr der impfgegnerischen Angriffe« zu gewinnen.515 Seither machten Berichte über Impfschäden und Nebenwirkungen den größten Teil der Impfstatistik aus.516 Lag der Fokus solcher Darstellungen zunächst auf den »Schmutzkrankheiten« und auf der Syphilis, standen seit den 510 BAB, R 86/1203, Flugblatt »Schützt Eure Kinder!«, 1878. Obgleich diese impfgegnerische Schrift gegen das Impfgesetz polemisierte, gab sie die juristische Praxis treffend wieder: Schließlich könne ein Richter »in juristischem Sinne hinreichendes Material zur Ver­urthei­lung« von Ärzten nicht finden, da eine medizinische Beweisführung zum Zusammenhang von Impfungen und Schäden unmöglich war. Vgl. Neckar-Zeitung, Zur Impffrage, 09.01.1878. 511 BAB, R 86/1197, Die Gartenlaube, Für Mütter. Nach der Impfung, Nr. 8, 1877. 512 BAB, R 86/1203, Deutsche Medicinische Wochenschrift, No. 52, 1881. 513 Vgl. die Sammlung des RMI von Berichten 1878 bis 1927 in BAB, R 1501/11539, 11540, 11543, 11544, 11545, 11546 und 11547. 514 BAB, R 86/4666, Vordrucke Medizinalamt Hamburg »Ermittelungen bei Impfschäden«. 515 StAOL, 227/107, Schreiben KGA Präsident Bumm, 06.06.1916. 516 Vgl. etwa den Bericht für die Jahre 1921 bis 1923, von dessen 16 Seiten sieben Seiten auf die Schilderung von Zwischenfällen entfallen. BLHA, Rep 45 D Luckau/154; StAOL, 227/107, Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Deutschen Reiche 1921–1923, S. 9–15.

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1920er Jahren Nervenerkrankungen zur Debatte.517 Seither wanderte die »postvakzinale Encephalitis« von den Fachkreisen in die Presse und Parlamente. Welche Folgen hatten Impfschäden für Ärzte und Medizinalbeamte? Immerhin wurde ihre Expertise durch derartige Zwischenfälle gleich zweifach herausgefordert. Zum einen mussten sie Nebenwirkungen des Impfens erklären, obwohl das Wissen über Impfungen ausgesprochen prekär blieb. Zum anderen forderten Impfschäden Mediziner heraus, weil sie die Sicherheit und Wirksamkeit einer gesundheitspolitischen Maßnahme in Frage stellten. Wie also gingen Impfärzte, Medizinalbeamte und Politiker mit Impfschäden konkret um? Impfschäden waren nicht nur eine Sache zwischen Arzt und Impfling. Da die Pockenschutzimpfung eine staatliche Maßnahme war, standen Ärzte, Medizinalbeamte und Politiker im Umgang mit Impfschäden in einer engen Beziehung, wie ein Fallbeispiel aus Sachsen belegt. Hier war am 15. Mai 1914 in einer Kleinstadt bei Zwickau der einjährige Sohn eines Bergarbeiters zwei Wochen nach der Pockenschutzimpfung an Krämpfen und Erschöpfung gestorben, wie der Bezirksarzt konstatierte. Der Arzt war nicht nur wegen des zeitlichen Zusammenhangs zwischen Todesfall und Impfung mit der Untersuchung betraut worden. Darüber hinaus konnte er aus eigener Anschauung über den Fall berichten, hatte er den verstorbenen Jungen doch während eines öffentlichen Impftermins selbst geimpft. Nach Aussage des Arztes sei diese Impfung höchst bedenklich gewesen, hatte das Kind zuvor an Krämpfen gelitten, was die Mutter beim Impftermin indes »verschwiegen« habe. Verschwiegen wurde mit diesem Vorwurf allerdings auch die Aufgabe des Arztes, von Eltern Gegenanzeigen zu erfragen. Dass die ärztliche Verantwortung bei der Verhandlung des Impfschadens keine Rolle spielte, ist dennoch wenig überraschend. Angesichts der Praxis von Massenimpfungen bestand ja selbst unter Experten Konsens, dass eine Untersuchung einzelner Impflinge nicht möglich sei. Im Zwickauer Fall hatten die Eltern demnach erst bei der Nachschau auf Krämpfe hingewiesen, der Arzt zudem Ausschläge am ganzen Körper des Kindes festgestellt, was am Gesamtbefund indes nichts änderte: »Ein aitiologischer [sic] Zusammenhang des Todes mit der Impfung ist nach des Unterzeichneten Erachtens nicht als vorliegend zu erachten.«518 Ebenso erstaunlich wie dieser eindeutige Befund ist die Beobachtung, dass der verantwortliche Impfarzt die Klärung des Impfschadens selbst vornahm. Diese Klärung war notwendig geworden, weil der Vater des Kindes im sächsischen Innenministerium den Impfschaden gemeldet und finanzielle Unterstützung erbeten hatte. Das Innenministerium leitete den Fall an die verantwortliche Stelle am Ort zurück, in diesem Falle an die Kreishauptmannschaft in Zwickau, die dem Innenminister über den Impfschaden berichten sollte. In Ermangelung eigener ärztlicher Expertise griff die Kreishaupt517 Einen impfkritischen Überblick über den Zusammenhang zwischen Impfungen und »geistigen Behinderungen« mit Literaturbelegen zur »postvakzinalen Encephalitis« bietet Buchwald. 518 BAB, R 86/4666, Bericht des Bezirksarztes Zwickau, 16.05.1914.

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mannschaft wiederum auf die Aussage des impfenden Bezirksarztes zurück und trat dessen Ansicht bei, »nach welcher ein Zusammenhang zwischen der Impfung und dem 15 Tage darauf erfolgten Todes des Kindes […] nicht vorliegt«.519 Für das Innenministerium war der Fall damit erledigt: Ein Impfschaden liege nicht vor.520 Aus heutiger Perspektive lassen sich vier Schlüsse aus diesen Beispielen ziehen, die den Umgang mit Impfschäden auf den Punkt bringen. Erstens wurden potenzielle Impfschäden meist von denen untersucht, die sie möglicherweise zu verantworten hatten, den Impfärzten. Das könnte eine naheliegende Erklärung dafür sein, dass Impfschäden so selten anerkannt wurden. Ärzte dürften wenig Interesse gehabt haben, belastbaren Zusammenhängen zwischen Impfung und Impfschaden nachzugehen. Damit erklärt sich auch die Beobachtung, dass meist die Rolle der Eltern problematisiert wurde. Während die medizinische Unkenntnis der Bevölkerung ansonsten in öffentlichen Debatten gern als Argument für die Impfpflicht bemüht wurde, sprach man den Eltern im Falle von Impfschäden plötzlich große medizinische Kompetenzen zu. Ein typisches Beispiel gab hierfür ein Impfarzt in Bayern, als er den Tod von vier Impflingen nach der Impfung mit der Lebensführung der Eltern begründete und den Impftod zu einer Art Mahnung erklärte, mit der die Bevölkerung aufgerüttelt werden solle: »Endlich«, schloss der Bericht zu den Impfungen des Jahres 1910, »erlagen noch 2 Kinder in den Amtsbezirken Garmisch und Ludwigshafen einem in akutester Form aufgetrenen [sic] Brechdurchfall, und zwar beide am Tag nach der Impfung. Es dürfte anzunehmen sein, dass die herkömmliche Schmauserei bei Gelegenheit der Impfung den beiden Menschenleben ein vorzeitiges Ende bereitet hat. Aber auch von den an unbekannten Ursachen verstorbenen Kindern dürften noch 2 Todesfälle auf die gleiche Rechnung gesetzt werden müssen; denn die beiden in Schesslitz im Geburtsjahre geimpften Kinder sind am Tage nach der Nachschau nach kürzester Krankheit gestorben. Von einem derselben wurde durch ärztliche Erhebungen festgestellt, dass es bei Gelegenheit des Nachschautermins mit Limonade und Bier traktiert worden war. Seit 2 Jahren werden in den altbayerischen Regierungsbezirken bei Gelegenheit der Impftermine Alkoholmerkblätter verteilt, aber wie viel Jahre werden noch vergehen müssen, bis die Ermahnungen dieses knappen, einfachen Textes zu allgemeine­ rem Verständnisse der Bevölkerung gekommen sein werden?«521 Ähnliche Vorwürfe waren auch in der Weimarer Republik zu hören. Noch 1925 stellte der Reichsinnenminister klar, dass Impfschäden »meist durch häusliche Verhältnisse bedingt sind (unzweckmäßige Pflege und Wartung der Impflinge […])«.522 Ein zweiter Faktor für den Umgang mit Impfschäden war das prekäre Wissen über Immunität (2.3), das sich im Alltag zu einem Entlastungsargument für 519 BAB, R 86/4666, Schreiben der Kreishauptmannschaft Zwickau, 29.05.1914. 520 BAB, R 86/4666, Beschluss Königlich Sächsisches Ministerium des Innern, 08.06.1914. 521 BAB, R 86/1239, Ergebnisse Schutzpockenimpfung im Königreiche Bayern 1910. 522 AHL, NSA/1884, Rundschreiben RMI an Landesregierungen, 17.07.1925, S. 2.

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Ärzte mauserte. Da sich medizinische Nachweise zum Zusammenhang zwischen Impfung und Impfschaden schwer erbringen ließen, blieben die Eltern in der Beweispflicht und die Ärzte auf sicherem Boden. Die Reaktion eines Arztes aus Württemberg spricht für diese Verhaltensmuster Bände. Als dieser im Januar 1912 ein Kind untersuchte, dessen Arm seit der Impfung gelähmt war, konnte er sich wegen eines fehlenden Befundes »dieser auch mich verblüffenden Erscheinung gegenüber nicht anders verhalten, als daß ich einen Zusammenhang der Lähmung mit der Impfung entschieden in Abrede stellte.« In einem anschließenden Gespräch mit einem Kollegen einigten sich beide Ärzte »dahin, daß es sich zweifellos um einen Fall spinaler Kinderlähmung handle«.523 Dass diese womöglich ein Fall eben jener »encephalitis postvaccinalis« war, die wenige Jahre später für Aufmerksamkeit sorgen sollten (2.2.4), lässt sich dem Arzt nicht vorwerfen. Bemerkenswert bleibt aber doch die Zielstrebigkeit, mit der jeglicher Zusammenhang zwischen Impfung und einer »verblüffenden« Erscheinung geleugnet wurde. Aus Sachsen findet sich dazu ein weiteres Beispiel. Im Jahr 1914 beantragte ein Chemnitzer eine monatliche Rente für seinen Sohn, dessen Arm seit der Impfung gelähmt sei. Der Stadtbezirksarzt kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Fall von Kinderlähmung handeln könne, die »zufällig in die Tage der Impfung gefallen und den Eltern entgangen sei«. Als weitere Erklärung sprach der Arzt von einer vererbten Lähmung, die von den »mäßig gebildeten Eltern« bislang nicht erkannt worden sei. Aber selbst wenn man die Verantwortung der Eltern außer Acht lasse, fehle angesichts der Kinderlähmungs-Diagnose »jeder Anhalt dafür, dass die Impfung die Schuld an der Erkrankung trägt«.524 Hervorzuheben ist an diesem typischen Fall nicht nur das Phänomen, dass medizinisches Wissen kollektive Risiko- und Schutzvorstellungen veränderte.525 Schließlich sollte »Kinderlähmung« seit den 1920er Jahren zum schlagenden Beleg für die Anerkennung von Impfschäden geraten. Bemerkenswert ist zudem die Beweisführung, die unter Ärzten, Beamten und Politikern gleichermaßen verfing: Für sie bewies die Unmöglichkeit einer exakten Diagnose letztlich die Unmöglichkeit eines Impfschadens. Dass solche Beweisführungen in Behörden und Ministerien nicht hinterfragt wurden, hat mit einem dritten Aspekt zu tun: Impfschäden delegitimierten das staatliche Sicherheitsversprechen. Wenn an der Impftechnik des Arztes nichts auszusetzen war, konnte ja immer noch der Impfstoff eine Ursache darstellen. Entsprechende Probleme bei der Impfstoff-Herstellung hatten seit den 1890er Jahren einen Standardisierungsschub gefördert (2.4.1). Für Impfschäden war diese Standardisierung insofern von Bedeutung, weil die Impfanstalten fortan Nachweise für die Unschädlichkeit ihres Impfstoffs zu erbringen suchten. Da die Impfstoff-Chargen seit der Jahrhundertwende in den Impflisten verzeichnet wurden, hatten Ärzte und Medizinalbeamte ein weiteres Argu523 HStAS, E 151-54/192, Bericht Württemb. Medizinalkollegium, 1913. 524 BAB, R 86/4666, Bericht Stadtbezirksarzt Chemnitz, 08.06.1914. 525 Vgl. Berichte der Jahre 1878–1918 u. a. in BAB R 86/1203, 1209, 4666.

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ment gegen Impfschäden zur Hand. So vermerkte der Stadtbezirksarzt im o.g. Falle von Kinderlähmung: »Mit der gleichen Lymphe (Dresden Nr. 23/76) wurden außer dem Knaben […] noch 160 andere Kinder geimpft; Impfschädigungen sind dabei nicht bekannt geworden. Die Lymphe ist daher unverdächtig.«526 Aus heutiger Sicht erscheint diese Beweisführung gewagt. Sie entsprach jedoch dem zeitgenössischen Glauben an Standardisierungen und Statistiken. In dieser Perspektive bewiesen die 160 »Normalfälle«, dass der Impfschaden andere Ursachen haben musste. Da diese Beweisführung zugleich die Produzenten des Impfstoffs, die Impfanstalten, aus der Schusslinie nahm, stießen solche Begründungen wohl bei allen Verantwortlichen auf positive Resonanz. Ein vierter und letzter Aspekt macht auf ganz andere Probleme in der Praxis aufmerksam. Von vielen Entlastungs- und Verklärungsversuchen abgesehen finden sich noch weitere Zeugnisse. Sie geben Hinweise, dass Impfschäden nicht nur eine Belastung für Eltern und Impflinge darstellten, sondern auch für einzelne Ärzte. Dafür spricht etwa der Bericht des sächsischen Innenministeriums über einen Fall, in dem von intensiven Therapieversuchen eines Impfschadens durch den verantwortlichen Impfarzt die Rede ist. Dieser habe die Lähmung des Kindes mehrere Monate »unentgeltlich in der Sprechstunde behandelt«527 und so offenbar versucht, die Folgen der Impfungen zu lindern. Denkt man solche Berichte weiter, ließen sich Entlastungsstrategien auch auf Schuldgefühle, zumindest aber auf ein Problembewusstsein einiger Ärzte zurückführen. In diesem Sinne waren ärztliche Erklärungen für Impfschäden ein Motiv persönlicher Sinnbildung. Sie dienten der professionellen und persönlichen Selbstdarstellung, insbesondere nach Debatten um den »Fall Neisser« seit der Jahrhundertwende.528 Der entlastende Umgang mit Impfschäden hatte Auswirkungen auf ihre öffentliche Wahrnehmung. Fehlten in den 1870er und 1880er Jahren reichsweite systematische Dokumentationen von Impfschäden,529 was Impfgegnern ihre Agitation erleichterte, wurden sie seit den 1890er Jahren genauer erfasst. Dass die Zahlen niedrig ausfielen – für das Jahr 1894 konstatierte das KGA beispielsweise elf beglaubigte Todesfälle auf 2,6 Millionen Impfungen530 – war sowohl Folge als auch Voraussetzung für den oben beschriebenen Umgang mit Impfschäden: Entlastungsnarrative begründeten niedrige Zahlen an Nebenwirkun526 BAB, R 86/4666, Beschluss Königlich Sächsisches Ministeriums des Innern, 08.06.1914. 527 Ebd. 528 Mitte 1899 hatten Albert Neissers Experimente an Prostituierten mit Syphilis-Serum für Proteste gesorgt, so dass das MGUMA am 29.12.1900 verfügte, dass medizinische Eingriffe nur »diagnostischen, Heil- und Immunisierungszwecken« dienen dürften. Elkes, S. 146. 529 Vor den 1890er Jahren stellten Jahresberichte ausgewählte »Erkrankungen und Todesfälle« zusammen. Für das Jahr 1884 kam das KGA z. B. auf ca. 40 Todesfälle während und nach der Impfung. Vgl. BAB R 1501/11539, Ergebnis des Impfgeschäfts im Deutschen Reich, 1884. 530 Schmidt, T., S. 407.

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gen, diese niedrige Zahlen wiederum hielten unter Ärzten die Vorstellung aufrecht, dass Impfschäden seltene Ausnahmen seien, was ihre Aufmerksamkeit für Nebenwirkungen verringerte. Hält man sich diese Praxis vor Augen, sind die seltenen Anerkennungen von Impfschäden umso interessanter. Zunächst einmal fällt auf, dass die Eltern betroffener Kinder oft Mediziner waren. Für öffentliche Resonanz sorgte um die Jahrhundertwende z. B. der Fall Blochmann. Der Tübinger Zoologe hatte seine Erfahrungen mit einem Impfschaden 1904 als Buch veröffentlicht, das über Fachkreise hinaus auf Aufmerksamkeit stieß. Nach der Impfung eines seiner Kinder waren bei einem weiteren, bislang ungeimpften Kind Pocken-Entzündungen, u. a. im Gesicht des Kindes aufgetreten, die zur Erblindung eines Auges geführt hatten. Während die Ärzteschaft auf solche Schilderungen ansonsten meist skeptisch reagierte, war ihre Reaktion in diesem Fall einfühlsamer, wie die Rezension in einer Fachzeitschrift belegt. Das Buch sei demnach der »Notschrei eines Vaters, der an seinem Kinde den Verlust eines Auges durch Übertragung einer Impfpustel zu beklagen hat. Jeder wird […] die Sorgen, Schmerzen und Opfer mitfühlen, die er zu überwunden hatte, ehe wenigstens die Lebensgefahr gehoben war.«531 Wie lässt sich diese Empathiefähigkeit erklären, wenn man sie den zahllosen Zurückweisungen anderer Impfschäden gegenüber­stellt, bei denen es oft sogar um Todesfälle ging? Warum war in diesem Fall eine Anerkennung des Impfschadens keine Frage, obgleich die medizinische Beweisführung keineswegs stichhaltiger war als anderswo? Betrachtet man die Reaktionen auf den Fall Blochmann genauer, gab weniger der Impfschaden als sein Leumund den Ausschlag für die Rezeption. So fügte die o.g. Fachzeitschrift ihrer Würdigung des »Opfers« einige Erläuterungen hinzu: »Der Fall wird, wie es bei dem Berufe des Verfassers selbstverständlich ist, exakt geschildert und lediglich in der sehr unterstützungswürdigen Absicht mitgeteilt[,] damit die Verwaltungspraxis aus ihm lernt und Maßnahmen trifft, um solche sehr betrübenden Unglücksfälle zu verhüten. Verfasser ist durchaus von der Notwendigkeit der Zwangsimpfung überzeugt«.532 Der Impfschaden stieß demnach auf Resonanz, weil Blochmann als Experte auftrat. Die Selbstbezeichnung des Verfassers als Verfechter der »Zwangsimpfung« entsprach dem Selbstbild vieler Medizinalbeamter und Ärzte, die über eine Anerkennung von Nebenwirkungen entschieden. Impfschäden wurden von Experten also wahrgenommen, wenn Eltern medizinischen Sprachregeln gehorchten bzw. eine Sprecherposition einnahmen, mit der man auf Augenhöhe stand. Nebenwirkungen von Impfungen waren unter Impfbefürwortern insofern ein Thema, wenn man bei ihrer Erörterung unter sich blieb. Diese Beobachtung macht deutlich, warum der Fall Blochmann noch in der Weimarer Republik ein Bezugspunkt in Debatten um die »Gewissensklausel« blieb.533 531 Landsberger, S. 593. 532 Ebd. 533 Vgl. entsprechende Verweise im LGR 1925: Über die Einfügung, S. 19.

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Ähnlich lag die Sache im »Fall Grotjahn«534 zwanzig Jahre später. Alfred Grotjahn hatte sein erstes Kind selbst geimpft, dieses war anschließend an Kinderlähmung erkrankt und seither teilweise gelähmt. Obgleich sich Grotjahn in der Debatte um die »Gewissensklausel« Mitte der 1920er Jahre mit Verve einmischte, stellte er den grundsätzlichen Nutzen des Impfens nicht in Frage und distanzierte sich von der »Propaganda« orthodoxer Impfgegner. Da der Impfschaden nicht als Kritik gegen die Schulmedizin als Ganzes instrumentalisiert wurde und Grotjahn der Zunft entstammte, konnte sich sein Impfschaden der Anerkennung von Fachkollegen sicher sein. Im Laufe der 1920er Jahre veränderte sich der Umgang mit Impfschäden allmählich. So war die Aufmerksamkeit für den Fall Grotjahn und andere Impfschäden einem erhöhten Problembewusstsein für die »encephalitis postvaccinalis« geschuldet. Vor allem aber hing eine Wahrnehmung von Impfschäden mit dem Bedrohungsgefühl durch die Pocken zusammen. Das Risiko von Pockenepidemien schien mittlerweile so gering, dass Impfschäden erhöhten Erklärungsbedarf provozierten. Vor diesem Hintergrund stieg ja auch die Akzeptanz für Entschädigungszahlungen von Impfschäden, für die nun vermehrt gesetzliche Regelungen gefordert wurden (2.2.4). Im Gesamtüberblick zeichnet sich am Umgang mit Impfschäden daher ein Wandel ab, von ärztlichen Entlastungsnarrativen und einer Externalisierung der Verantwortung hin zur Entschädigung. Galten Nebenwirkungen lange Zeit als seltene Kollateralschäden im Kampf für das Allgemeinwohl, stieg die Aufmerksamkeit für Impfschäden seit den 1920er Jahren und damit in einer Zeit an, in der die Pocken ihren­ Schrecken verloren.

2.6 Zwischenfazit: Pragmatischer Paternalismus Die Einführung der reichsweiten Pockenimpfpflicht markiert nicht nur den Anfang einer nationalen Gesundheitspolitik. Darüber hinaus beförderte sie ein state building. Schließlich erprobten staatliche Akteure an der Impfpflicht ihre Interventionskompetenz, was sowohl eine Verständigung über den Staat und seine Staatsbürger erforderte als auch neue Institutionen auf den Plan rief. Insofern gingen Gesundheits- und Bevölkerungspolitik beim Impfen seit den 1870er Jahren ein enges Verhältnis ein. Bei der Frage: »Wie hältst Du es mit dem Impfen?« ging es nie nur um individuelle Befindlichkeiten, sondern ebenso um Normen und Ordnungsvorstellungen, um Zukunftsentwürfe und Weltanschauungen. Das gilt nicht nur im parteipolitischen Sinne. Darüber hinaus ging es Politikern, Wissenschaftlern, Ärzten und Eltern mit ihren Antworten auf die Impffrage um die Grundsätze der Gesellschaft. Dass in staatlichen Impfanstalten ebenso wie in Impflokalen Gehorsam und Pflichterfüllung, staatliche Si534 Wörtlich findet sich diese Bezeichnung u. a. in Über die Einfügung, S. 21, 66.

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cherheitsgarantien und behördliche Rücksichtnahme verhandelt wurden, spricht für diese Aufladung der Impffrage auf allen Ebenen der Gesellschaft. Entsprechend weit reicht das Feld der Akteure, das in diesem ersten Kapitel erkundet worden ist. Es ging um Politiker und Polizisten, um Journalisten und Juristen, um Wissenschaftler, Ärzte und Beamte, um Lehrer und um Eltern, und immer auch um die Frage, wer beim Thema Immunität überhaupt mitreden durfte. Bringt man die bisherigen Ergebnisse in eine chronologische Ordnung, zeichnen sich drei Trends ab, an denen sich die Periode vom Kaiserreich bis zur Weimarer Republik charakterisieren lässt. Erstens war die Impfpflicht das Zugpferd für eine Verrechtlichung von Gesundheit. Mit ihr wurden alte Sehnsüchte nach einer »medicinischen Polizey« wahr, die in Europa seit der Aufklärung geträumt worden waren. Nun schienen Einzelinteressen dem Allgemeinwohl untergeordnet und staatliche Inter­ ventionen im Dienste des »Volkskörpers« konsequent durchsetzbar. Ein zweiter Blick macht indes deutlich, dass diese Verrechtlichung ein zweischneidiges Schwert war. Mit den Bedürfnissen des Allgemeinwohls rückten auch die Ängste des Einzelnen in den Blick. Je länger Vorsorge im Dienste des »Volkskörpers« propagiert wurde, desto lauter wurden Sorgen um den Körper des Einzelnen. Die Debatten, Verordnungen und Richtlinien zu Impfprogrammen spiegeln daher ebenso eine sukzessive Verrechtlichung individueller Gesundheitsbedürfnisse. Die Genese der »Gewissensklausel« zu einem schlagkräftigen Sammelbegriff seit der Jahrhundertwende, die Zunahme von Rückstellungen von der Impfpflicht oder der Weimarer Konsens über eine staatliche Entschädigungspflicht bei Impfschäden sprechen für diese zweiseitige Verrechtlichung von Gesundheit. Gerade wegen der Impfpflicht zeigte der »Vorsorgestaat« nicht die Fratze einer totalitären Biomacht. Vielmehr changierte eine Verrechtlichung der öffentlichen Gesundheit zwischen Planungsutopien und Pragmatismus, die auf Bedürfnisse der Bevölkerung reagierte. Zweitens war der Prozess der Versicherheitlichung ambivalent. Zunächst einmal wirkt das Impfen wie ein Paradefall für jene Versicherheitlichungen, die Europas Gesellschaften in die Moderne geleiteten. Wo, wenn nicht hier war Sicherheit »als legitimatorische Grundlage von entscheidender Bedeutung für die Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols«?535 Stand die »›medizinalpolizeiliche‹ Bekämpfung der Seuchen« nicht ganz oben auf der staatlichen Agenda, wenn es um die Gewährung von »Sicherheit« ging?536 Ein zweiter Blick zeigt, dass sich von einer linearen Versicherheitlichung des Allgemeinwohls kaum sprechen lässt. Selbst in der Extremsituation des Ersten Weltkrieges war von einer Radikalisierung von Impfprogrammen wenig zu spüren. Vielmehr beförderte eine zweiseitige Verrechtlichung eine ambivalente Versicherheitlichung:537 Einerseits wurden Seuchenängste und der »Ausnahmezustand« beschworen, 535 Conze, Securitization, S. 455. 536 Lüdtke u. Wildt, S. 17 u. 20. 537 Vgl. dazu Conze, Securitization, S. 464.

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um den »Volkskörper« zu versicherheitlichen und staatliche Interventionen zu legitimieren. Andererseits wuchs das Bedürfnis nach einer Versicherheitlichung individueller Körper und persönlicher Freiheitsrechte. Die Geschichte des Impfens macht auf unterschiedlichen Ebenen nachvollziehbar, wie Verstaatlichung und Versicherheitlichung als wechselseitige Aneignungsprozesse verstanden werden müssen: Der »Staat erweist sich als Moment von Herrschaftspraxis, das nicht per Verfassung dekretiert, sondern von vielfältigen Akteuren immer wieder hergestellt wird, weder ›von oben‹ noch ›von unten‹.«538 Ambivalenzen machen sich drittens in einer »Verwissenschaftlichung des Sozialen« bemerkbar. Zweischneidig war eine Verwissenschaftlichung der Vorsorge schon deshalb, weil der gesellschaftliche Gestaltungsanspruch von Medizinern durch eklatante Wissenslücken konterkariert wurde. Solange das Wissen auf Erfahrungen, Experimenten »im Großen« oder auf Geschichtspolitik basierte, blieb es umstritten. Mochten Mediziner in der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts ansonsten ihre »Benennungsmacht«539 über soziale Prozesse gewinnen, stand ihre Monopolstellung beim Impfen stets zur Diskussion. In Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Medizin und Politik bzw. Ärzten und Gesellschaft stand nicht nur die Deutungsmacht der Medizin, sondern ebenso der Fortschrittsoptimismus moderner Zeiten zur Debatte. Die »Verwissenschaftlichung des Sozialen« war keine Einbahnstraße, sondern voller Umwege und Sackgassen. Kurz gesagt wurden Kaiserreich und Weimarer Republik Zeugen einer ambivalenten Verrechtlichung, Versicherheitlichung und Verwissenschaftlichung. Die Einführung des Impfgesetzes und Etablierung der Impfpflicht, die Vorsorge für den »Volkskörper« und Medikalisierung der Gesellschaft beförderten Gegenmodelle, ergänzende Maßnahmen und kritische Kräfte, die dem Vorsorgestaat ein vielschichtiges Antlitz verliehen. Impfgesetz, Impfpflicht und Zwangsmaßnahmen waren insofern keine Auswüchse moderner »Biopolitik« im Sinne einer »Machtergreifung über den Menschen als Lebewesen«.540 Vielmehr waren sie Folge eines pragmatischen Paternalismus auf unterschiedlichen Feldern und Ebenen der Gesellschaft. Sie gaben Ausdruck von jener Ambivalenz der Moderne, mit denen die Deutschen in das 20. Jahrhundert zogen.

538 Lüdtke u. Wildt, S. 23. 539 Raphael, Verwissenschaftlichung, S. 168. 540 Foucault, In Verteidigung, S. 276.

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3. Popularisierung und Privatisierung: 1930–1950

3.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder Mehrere Entwicklungen veränderten das Impfen seit den 1930er Jahren nachhaltig. Zunächst einmal erschlossen sich Pharmaunternehmer mit Impfstoffen einen neuen Markt. Außerdem etablierten neue Medien neue Vermittlungsformen, mit der Impfprogramme an den Mann bzw. an die Mutter gebracht werden sollten. Darüber hinaus erfuhr das deutsche Gesundheitswesen eine sukzessive Zentralisierung und Expansion. Neu war auch das Ausmaß einer Politisierung von Immunität durch die NSDAP, in der sich Parteiorganisationen wie die »Nationalsozialistische Volkswohlfahrt« (NSV) zu Vorkämpfern des »gesunden Volkskörpers« machten.1 Wenig Neues bot hingegen die Wissenschaft. Selbst neue Impfprogramme wie das gegen Diphtherie setzten letztlich nur Erkenntnisse um, die bereits im Kaiserreich gewonnen worden waren. Auch im Falle der Scharlach-, Fleckfieber- und Tuberkuloseschutzimpfung betraten deutsche Forscher wenig wissenschaftliches Neuland. Vielmehr profitierten sie von Erfahrungen europäischer Kollegen, die diese Impfungen bereits seit der Zwischenkriegszeit erprobt hatten. Die Forschung hat diese »verspätete« Einführung von Impfprogrammen als Innovationsmüdigkeit der NS-Gesundheitspolitik charakterisiert.2 Im europäischen Vergleich geht dieser Befund zwar zu weit. So versuchte sich selbst das »Mutterland des Impfens« Großbritannien erst im Zweiten Weltkrieg an systematischen Reihenimpfungen gegen Diphtherie.3 Allerdings konzentrierten sich deutsche Wissenschaftler zwischen Wiederaufrüstung und Weltkrieg tatsächlich mehr auf eine anwendungsorientierte »Zweckforschung«4 als auf Grundlagenarbeit. Da diese Zweckforschung bereits hervorragend aufgearbeitet ist, wird in diesem Kapitel kein eigenes Unterkapitel zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte geboten. Neu war im »Dritten Reich« hingegen die Verknüpfung der Wissenschaft mit Pharmaindustrie, Parteigliederungen und Wehrmacht, die im Folgenden eine umso größere Rolle spielen wird. 1 Als Forschungsüberblick vgl. Jütte u. a.; Frei, Medizin. 2 Vgl. u. a. Hubenstorf. 3 Vgl. WC, SA/BMA/F.77, Wartime Social Survey, Diphtheria Immunisation Enquiry [1942]; BMA/F.74, Minutes of BMA, Vaccination and Immunisation Subcommittee, 1934–1935; BMA/F.75, Ministry of Health »Artificial Immunisation against Diphtheria«, 27.01.1940; BMA/F.76, British Medical Journal, Diphtheria Immunization, 16.06.1934, S. 1081 f. 4 Hubenstorf, S. 356.

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3.1.1 Impfen verkaufen: Pharmaunternehmen Die Verstaatlichung des Pockenimpfwesens seit den 1870er Jahren setzte Pharmaunternehmen enge Grenzen. Aber auch bei anderen Impfstoffen taten sich deutsche Unternehmen zunächst schwer, wofür der späte Siegeszug der Marburger Behringwerke ein Paradebeispiel bietet. Zwar hatte Nobelpreisträger Emil von Behring bereits vor dem Ersten Weltkrieg von den Farbwerken Meister, Lucius & Brüning – den Vorläufern der Hoechst AG – finanzielle Unterstützung erhalten und 1913 die Entdeckung einer aktiven Schutzimpfung gegen die Diphtherie bekannt gegeben.5 Zum Masseneinsatz kam der Behringimpfstoff allerdings erst Mitte der 1930er Jahre. Für diese verzögerte Vermarktung gibt es mehrere Erklärungen. Erstens war Emil von Behring zweifellos ein innovativer Wissenschaftler. Weniger Innovationskraft bewiesen seine Behringwerke indes in wirtschaftlicher Hinsicht. Während die US-amerikanische Rockefeller-­ Foundation oder das französische Pasteur-Institut den Diphtherie-Impfstoff seit dem Ersten Weltkrieg für den globalen Markt entwickelten, spielten Diphtherieschutzimpfungen in der Weimarer Republik keine große Rolle. Außerdem standen die Behringwerke in den 1920er Jahre in einem ständigen Konkurrenzkampf, insbesondere mit dem Sächsischen Serumwerk in Dresden, der das Marburger Unternehmen während der Inflationsjahre an den Rand des Ruins brachte.6 Fortwährend war aus den Behringwerken die Klage zu hören, dass die Sächsischen Serumwerke »[i]n brutalster Weise ein Dumpingsystem«7 um Diphtherieimpfstoffe einführten. Während das Ende des Ersten Weltkriegs dem Pasteur-Institut und der Rockefeller-Foundation also eine Take-off-Phase bescherte, schlugen sich deutsche Unternehmen lange Zeit mit Finanzproblemen herum.8 Für die Behringwerke verbesserte sich die Situation Anfang der 1930er Jahre erheblich. Seit der Übernahme durch die IG Farben 1929 konzentrierten diese ihre Impfstoffproduktion in Marburg, das so zum wichtigsten Produktionsstandort in ganz Deutschland avancierte.9 Obwohl das Unternehmen nach wie vor relativ eigenständig unter dem prestigeträchtigen Namen »Behringwerke« operierte, profitierte es nun von den Vertriebsstrukturen und Marketingstrategien der IG Farben. Auch deshalb avancierten die Behringwerke zum wichtigsten Ansprechpartner für staatliche Stellen. Das gilt sowohl im Falle der Einführung neuer Impfprogramme in den 1930er Jahren als auch bei der epidemiologischen 5 Vgl. Schadewaldt. 6 BAM/1499, Protokoll RGA über Sondersitzung des RGR, 01.03.1924 sowie Aktennotiz der Behringwerke zur Besprechung im RGA, 04.07.1929. 7 BAM/1530, Tagesbericht der Behringwerke Nr. 303, 14.01.1922. 8 Für entsprechende Hinweise danke ich Julia Langenberg. 9 Frankfurter Zeitung, Angliederung der Behringwerke A. G., Marburg, an den Farbenkonzern, 09.07.1929. Vgl. BAM/464, Schreiben A. Struss für die Werksleitungen Hoechst und Leverkusen an W. R. Mann, Behringwerke, 03.01.1949.

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Absicherung der Feldzüge im Osten. Belegt wird diese Bedeutung der Behringwerke von der 50-Jahrfeier im Dezember 1940 anlässlich Emil von Behrings wegweisender Veröffentlichung zur Serumtherapie. In Marburg »huldigten« selbst Adolf Hitler und Reichserziehungsminister Bernhard Rust dem »Genius an der Stätte seines langjährigen Wirkens«.10 »Reichsgesundheitsführer« Leonardo Conti würdigte bei dieser Gelegenheit die Leistungen Emil von Behrings und forderte den Einsatz seiner schlagkräftigsten »Waffe«,11 der DiphtherieSchutzimpfung. Der Vermarktlichung von Immunität entsprach ein Rückzug staatlicher Akteure bei der Produktion neuer Impfstoffe. Obgleich die Behringwerke staatliche Stellen im Preiskampf mit Konkurrenten gern in Anspruch nahmen, machte das Unternehmen gleichzeitig gegen eine »Überorganisation staatlicher Bevormundung«12 mobil. Diese Mobilisierung zeigte Anfang der 1930er Jahre Erfolge. Pharmaunternehmen und Reichsgesundheitsamt einigten sich für die Einführung neuer Impfstoffe auf ein Kontrollsystem, das staatlichen Behörden zwar die Prüfung, den Unternehmen allerdings eine eigenständige Impfstoffproduktion zusicherte.13 Eine verstaatlichte Produktion neuer Diphtherie-Impfstoffe, die in der Weimarer Republik als Schreckgespenst durch einige Beratungen gegeistert war, fiel damit vom Tisch.14 Pharmaunternehmen spielten im »Dritten Reich« also eine ungleich größere Rolle als je zuvor. Unternehmen wie die Behringwerke waren kein Spielball des NS-Regimes. Vielmehr schrieben sich Pharmaunternehmen mit ihren Vermarktungsstrategien in zeitgenössische Diskurse ein und brachten neue Initiativen ins Spiel. Ob als Beschützer der »Volksgemeinschaft« oder als Pioniere der Ostkolonisation – Pharmaunternehmen waren beim Impfen Initiatoren und Nutznießer zugleich. Die Vermarktlichung von Immunität seit den 1930er Jahren betont also einmal mehr das Amalgam aus »ökonomischen Erwägungen« und »politischen Überzeugungen«.15 Und nicht zuletzt erklärt dieses Amalgam einen Boom neuer Medien im NS-Staat, mit denen die Deutschen vom Impfen überzeugt werden sollten. 3.1.2 Impfungen hören und sehen: Medialisierung von Immunität Seit den 1930er Jahren wurden Impfungen multimedial präsent. Hatten zuvor Zeitungen und Illustrierte die Impffrage aufgegriffen, Wissen von Experten vermittelt und Debatten kommentiert, traten nun Radiobeiträge und Filme auf den Plan. Vereinzelt waren solche Beiträge zwar schon in den 1920er Jahre zu 10 BAM/2253, Broschüre »Behring zum Gedächtnis«, 4. bis 6. Dezember 1940, S. 10. 11 Ebd., S. 14. 12 BAM/1530, Tagesbericht Behringwerke Nr. 338, 06.03.1924. 13 HStAS, E 130b/2767, Rundschreiben RMI an alle Landesregierungen, 11.06.1927. 14 Vgl. Hüntelmann, Pharmaceutical Markets; BAM/1499, Protokoll RGA, 01.03.1924. 15 Frei, Die Wirtschaft, S. 16 f.

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hören bzw. zu sehen gewesen.16 Doch erst in den 1930er Jahren nutzten Befürworter des Impfens das Radio als öffentliches Sprachrohr. Das hatte zum einen mit Entwicklungen des Mediums selbst zu tun, ging das Radio im Laufe der späten 1920er Jahre in seine Take-off-Phase.17 Zum anderen galt der »Lübecker Impfskandal« 1930 als gewaltiges Medienereignis und damit als Anlass für wochenlange Radioberichterstattungen aus Gerichten, Parlamenten und Gremien. Neue Medien erweiterten nicht nur den Adressatenkreis, sondern auch das alltägliche Wissen selbst. Film- und Radiobeiträge erforderten eine Verdichtung von Informationen. Neben klassische Vorträge traten nun neue Darstellungsformen wie jenes »Zwiegespräch eines Arztes mit einer besorgten Mutter über die Impfung ihres Kindes«, das die Deutsche Welle am 12. März 1930 sendete.18 Im »Dritten Reich« nahmen solche Radioproduktionen an Verbreitung zu. Dank staatlicher Förderung des »Volksempfängers« wurden Impfungen omnipräsent. So sendete der Deutsche Kurzwellensender im Vorfeld öffentlicher Diphtherieschutzimpfungen Beiträge wie ein 45minütiges Feature von 1937 über »Emil von Behring – Ein Helfer der Menschheit«, das einen lebendigen Einblick in die »Mikrobenjägerei« bot, wie sie der Sprecher der Figur von Behring vortrug: »statt der Musen umstehen mich die Gestalten klagender Mütter, die mich anflehen: Rette unsere Kinder. (nach einer Pause) Und ich werde sie retten.«19 Dass das Manuskript der Sendung vorab zur Überprüfung an die Behringwerken geschickt wurde, unterstreicht einmal mehr die engen Bündnisse zwischen Pharmaunternehmen, Medien und staatlichen Behörden seit den 1930er Jahren. Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit für neue Impfungen leisteten mitunter sogar Theaterstücke. Auf die Bühne brachte den »Kampf gegen Krebs, Tuberkulose, Diphtherie und Geschlechtskrankheiten« beispielsweise die »Deutsche Bühne für Volkshygiene« in Form von Wandertheatern, die selbst während des Krieges monatliche Besucherzahlen zwischen 30.000 und 36.000 Personen erreichten.20 Auf Resonanz stieß offenbar auch das Theaterstück »Der Arzt 16 Anfang der 1920er Jahre kam die UFA mit zwei Impf-Filmen, »Die kleinsten Feinde des Menschen und des Tieres« und »Die Pocken, ihre Gefahren und deren Bekämpfung« auf den Markt. 1926 bot der Reichsausschuss für hygienische Volksbelehrung den Film »Die Pocken, ihre Gefahren und deren Bekämpfung« an. Vgl. BAB, R 1501/10658, Broschüre »Film-Verzeichnis für Unterricht und Volksbildung« der UFA, 01.10.1920 sowie den Hinweis auf Rundfunk-Beiträge in BAB, R 86/4675, Zeitschrift die Impffrage, 1.  Jg. Nr.  4 (01.04.1930), Artikel »Rundfunk und Impfung«; HStAS, E 130b/2766, Katalog des Reichsausschusses für hygienische Volksbelehrung über »sozialhygienische Filme und ihre Bezugsquellen«, o.Dt. [ca. 1925/26]. 17 Vgl. Marszolek u. von Saldern, Mediale Durchdringung, S. 84–120; Büttner, S. 318 f. sowie die Studien in Marszolek u. von Saldern, Radiozeiten. 18 BAB, R 86/4675, Zeitschrift die Impffrage, 1. Jg., Nr. 4 (01.04.1930), Artikel »Rundfunk und Impfung«. 19 BAM/2331, Manuskript der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft, »Emil von Behring – Ein Helfer der Menschheit«, Sendetermin: 23.09.1937, Zitate S. 4 und 9. 20 BAB, R 55/1221, Schreiben der Deutschen Bühne für Volkshygiene an RMVP, 16.08.1944.

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Dyrander. Ein Schauspiel aus dem Leben  – Eine Mahnung an die Eltern der Reichshauptstadt« von Heinrich Seyfarth.21 Mit diesem Stück rief die »Reichsarbeitsgemeinschaft Schadensverhütung« 1942 zur Teilnahme an der Diphtherie-Schutzimpfung auf, offenbar mit Erfolg: »Die anfänglichen Bedenken, die der Theaterbesucher derartigen Zwecktheaterstücken entgegenzubringen geneigt ist, sind in diesem Fall unangebracht. Selbst voreingenommene Besucher mussten nachher die Wucht des auf sie wirkenden Stoffes anerkennen. Der beste Beweis für das wirkliche Erleben des Theaterstückes war die minutenlange Ruhe nach dem Fallen des Vorhanges, ehe der Beifall einsetzte.«22 Insbesondere die Medialisierung der Diphtherieschutzimpfung machte in den 1930er Jahren Schule,23 nicht zuletzt wegen ihres multi- bzw. crossmedialen Marketings. Im Vorfeld von Impfterminen wurden Eltern und Kinder durch mehrere Medien zugleich angesprochen, kamen dieselben Bildmotive auf Plakaten, in Filmen und Broschüren zum Einsatz. Ein Beispiel für diesen crossmedialen Ansatz bietet der Film »Kampf gegen Diphtherie« von 1938. Hier nutzte die Szenenausstattung nicht nur die »üblichen Plakate«, die in Ämtern, Schulen, Milchläden und Bäckereien aushingen. Das Ende des Films präsentierte zudem eine Mutter mit ihrem geimpften Sohn, die einander in einer »Stellung wie im Diphtherie-Plakat« glücklich anlächeln und sich durch Überblendung »in das Plakat verwandeln«.24 Ähnliche Strategien verfolgten weitere Produktionen der Behringwerke, so Anfang der 1940er Jahre die Filme »Vorbeugen ist besser als heilen« und »Gewonnenes Leben«.25 Beide Produktionen wurden den Gesundheitsämtern vom Pharmaunternehmen »dankenswerter Weise […] kostenlos« zur Verfügung gestellt, wie der Münchener Oberbürgermeister 1942 schwärmte. Filme wie diese brachten Sorgen »in anschaulicher Form« unter das Volk, zeigten sie doch »einen praktischen Diphtherie-Erkrankungsfall, [sic] sowie den Vorgang einer praktischen Diphtherieschutzimpfung«.26 Während im Kaiserreich und in Weimar meist belehrende Vorträge zur Pockenschutzimpfung gehalten oder Merkblätter mit den Impf-Aufforderungen per Post verschickt wurden, arbeiteten diese Medien subtiler. Aufklärungsfilme liefen im »eigentlichen Film-Programm«27 der Kinos, Plakate und Broschüren wurden beim Milchmann oder Bäcker verteilt, Vorträge wiederum wurden in populärere Hörspiele übersetzt. Diese Medien setzten nicht mehr auf eine direkte Ansprache der Eltern, geschweige denn auf Statistiken oder medi21 Zur Vermarktung des Theaterstücks BAM/463, Bayer-Chronik Juni-Sept. 1941. 22 BAB, NS 18/663, Nationalsozialistischer Gaudienst, Folge 180, 04.08.1942, S.  2. Für den Hinweis danke ich Thomas Schaarschmidt. 23 BAB, R 55/1221, Schreiben der Behringwerke/IG Farbenindustrie an RMVP, 10.07.1944. 24 Zitate in BAM/1963, Manuskript »Kampf gegen Diphtherie«, 17.03.1938, S. 22, 20, 35. 25 »Gewonnenes Leben« wurde 1941 als Nachfolger von »Vorbeugen ist besser als heilen« gezeigt und erhielt das Prädikat »volksbildend«. BAM/463, Bayer-Chronik Januar/Februar 1941. 26 BAB, R 36/1322, Bericht Münchener Oberbürgermeister über Diphtherieschutzimpfung, 14.08.1942; vgl. BAB, NS 18/663, Nationalsozialistischer Gaudienst, Folge 188, 13.08.1942, S. 1. 27 BAB, R 55/1221, Schreiben Behringwerke/IG Farbenindustrie an RMVP, 10.07.1944.

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zinische Weisheiten, die noch in den Ausstellungen der 1920er Jahre dominiert hatten. Stattdessen präsentierten sie kleine Alltagsszenen wie das Familiengespräch über »frühere Kindertage«,28 in dem en passant frühere DiphtherieÄngste und heutige Schutzmaßnahmen zur Sprache kamen. Dank dieses Medienensembles wurden Verwaltung, Partei und Ärzteschaft reichhaltig mit Material der Unternehmen versorgt. In einer Stadt wie Hamburg konnten demnach mit den Filmen der Behringwerke mindestens »50–60 Kinos bespielt werden«,29 in München wurden Diphtheriefilme im Jahr 1942 in 30,30 in Hagen immerhin noch in »6 Kino’s [sic] der Stadt je 8 Tage aufgeführt.«31 Hinzu kam eine Flut an Presseartikeln, die nicht nur auf die Impfung selbst, sondern ebenso auf Informationsveranstaltungen und Aufklärungsmaterial hinwiesen.32 Die Medialisierung von Immunität markiert also beides: eine quantitative und ein qualitative Entwicklung. Zum einen erweiterten neue Medien den Adressatenkreis. Zum anderen schufen sie neue Vermittlungsformen, so dass sich frühere »Aufrufe« und »Propaganda« allmählich in »Werbung« verwandelten. Diese Werbung arbeitete mit Verdichtungen, mit Personalisierung und mit Gefühl – und brachte den Deutschen das Impfen somit näher als je zuvor. 3.1.3 Zentralisierung und Popularisierung des Gesundheitswesens Mit dem »Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens« (GVG) schossen seit 1934 staatliche Gesundheitsämter aus dem Boden. Bereits bestehende Ämter wurden ausgebaut sowie zahlreiche neue eingerichtet, so dass bereits ein Jahr später 740 Gesundheitsämter ein dichtes Netz knüpften.33 Gesundheitsämter gelten gemeinhin als Zeichen für die »biopolitische Entwicklungsdiktatur«34 und Zentralisierung eines Gesundheitswesens, das ganz dem »Führerprinzip« entsprach. Auf den ersten Blick trifft diese Vorstellung auch für Impfprogramme zu. Schließlich sollte sich Vorsorge im »nationalsozialistischen Staat nach neuen Grundsätzen auszurichten«, wie sie Oberregierungsrat Krahn aus dem RMI Mitte der 1930er Jahre skizzierte. Sie sei nicht nur »im Interesse des Fürsorgebedürftigen selbst, sondern […] auch im Interesse der Volksgemeinschaft«35 zu verstehen. Im Gesamtüberblick treten indes die Kontinuitäten hervor. Vorsorge für den »Volkskörper« war bereits in Weimar zur Leitlinie avanciert, unter die sich individuelle Bedürfnisse unterzuordnen hatten. Bemerkenswerter ist daher eine 28 Vgl. BAM/124, Broschüre »Organisation und Technik der Diphtherieschutzimpfung«. 29 StAHH, 135-1 I–IV/3080, Diphtherieschutzimpfung Haupt-GA Hamburg, 11.12.1941. 30 BAB, R 36/1322, Bericht Oberbürgermeister München, 14.08.1942. 31 BAB, R 36/1322, Bericht GA Hagen über Diphtherieschutzimpfung, 09.01.1942. 32 Vgl. Pressesammlung in StAHH, 135-1 I–IV/3080. 33 Vgl. Labisch u. Tennstedt; Vossen, S. 218–220; Christians. 34 Schmuhl. 35 Krahn, S. 459 u. 460.

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andere Folge der Zentralisierung. Gesundheitsämter standen nicht nur für eine Institutionalisierung »rassenhygienischer« Zwangsmaßnahmen. Zugleich eröffneten sie vielen »Volksgenossen« neue Angebote. Für Impfungen gilt das im besonderen Maße, wurde doch »die Durchführung der öffentlichen Impfungen vorzugsweise den in den Gesundheitsämtern tätigen Ärzten übertragen«. Im Gegensatz zur bisherigen Konzentration der Massenimpftermine auf wenige Impfanstalten erhielten Eltern mit den zahlreichen Gesundheitsämtern nun »Gelegenheit […], ihre impfpflichtigen Kinder auch außerhalb der öffentlichen Impftermine kostenlos impfen zu lassen«.36 Als Alternative zu Massenimpfungen in Kneipen, Schulen oder Ratshäusern boten Gesundheitsämter zudem hygienischere Orte und eine gewisse Privatsphäre. Mochte der Schutz des Einzelnen nach wie vor dem »Volksganzen« bzw. der »Volksgemeinschaft« dienen, gewann der Einzelne in den Gesundheitsämtern dennoch größere Aufmerksamkeit. Letztlich senkte das GVG damit das Konfliktpotenzial von Massenimpfungen, das noch in den 1920er Jahren mit Händen zu greifen war. Zugleich verloren die staatlichen Impfanstalten an Bedeutung. Hatten diese in Weimar noch als Schnittstellen öffentlicher Pockenimpfungen gedient, übernahmen nun die Gesundheitsämter die meisten Impftermine, während den Impfanstalten die Produktion des Pockenimpfstoffes blieb. Auf Ebene der Institutionen änderte sich beim Impfen zunächst wenig. Die beiden wichtigsten Einrichtungen, das RGA und das Robert Koch-Institut (RKI), blieben dem Reichsinnenministerium unterstellt. Auch personell blieb 1933 vieles beim Alten. Zwar wurden einzelne Ministerialräte das Reichs­ innenministeriums wie der sozialdemokratische Gewerbehygieniker Alfred Bayer oder Arthur Ostermann pensioniert.37 Auch nahm mit Arthur Gütt ein »alter Kämpfer« eine gesundheitspolitische Schlüsselstellung am RMI ein.38 Experten wie Gottfried Frey, Heinrich A. Gins oder Otto Lentz behielten indes ihre Arbeitsbereiche und damit die Diskurshoheit über die Impffrage. Folglich zeigt sich beim Impfen, was wir über Kontinuitäten in der Verwaltung im Allgemeinen wissen: Auch beim Thema Immunität waren weniger »alte Kämpfer«, sondern »alte Hasen« gefragt, die ihre Expertise in den Dienst des Nationalsozialismus stellten.39 Veränderungen wurden hingegen im Machtgefüge zwischen den Institutio­ nen spürbar. Hatte das RGA bis Ende der 1920er Jahre den Impfdiskurs geprägt, gewannen ab den 1930er Jahren neue Stimmen Gehör. Erstaunlicherweise waren das weniger die Parteidienststellen oder der »Reichsgesundheitsführer«. Vielmehr gewann das Robert Koch-Institut an Einfluss, das sich im »Dritten Reich« zur Schaltstelle für Impfprogramme mauserte und Aufgaben des RGA

36 Beide Zitate BAB, 1501/3697, Schreiben des RMI an alle Landesregierungen, 08.04.1935. 37 Labisch u. Tennstedt, S. 224. 38 Ebd., S. 236–242. 39 Ebd., S. 223.

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übernahm,40 das sukzessive in die zweite Reihe rückte und an Bedeutung verlor, wie eine Bilanz im letzten Kriegsjahr nahelegt: Nach Ansicht des Reichspropagandaministeriums machte das RGA »noch immer den alten, verkalkten und müden Eindruck, über den schon seinerzeit Robert Koch Gift und Galle gespuckt hat.«41 3.1.4 Immunität als Parteiauftrag: Praxis statt Programmatik Obgleich »Nationalsozialistische Volkswohlfahrt« (NSV), »Reichsärzteführer« Wagner und »Reichsgesundheitsführer« Leonardo Conti, das »Hauptamt für Volksgesundheit« und die »Deutsche Arbeitsfront« (DAF) die »Volksgesundheit« zum zentralen Handlungsfeld der Partei erkoren, blieben programmatische Initiativen zum Impfen selten. So versuchte Conti zwar immer wieder, die Relevanz seiner »Reichsgesundheitsführung« mit der Vorsorge vor Infektionskrankheiten zu untermauern.42 Dass die relativ ruhige »Seuchenlage [sein] eigenes Verdienst«43 sei, erklärte Conti Adolf Hitler daher gleich bei mehreren seiner seltenen Besuche. Stärkere Impulse als Parteifunktionäre gaben jedoch Pharmaunternehmen und staatliche Stellen. Insofern überließen Parteifunktionäre bei allen Grundsatzentscheidungen zum Impfen den Experten vom RKI das letzte Wort. Das sollte selbst bei der Diskussion der Pockenimpfpflicht gelten, deren Abschaffung von zahlreichen Parteigenossen gefordert wurde.44 Selbst für einen Großteil der Propagandaplakate, Broschüren und Filme, die das Impfen zur Pflicht für die »Volksgemeinschaft« stilisierten, zeichneten seltener Parteiorganisationen als Pharmaunternehmen verantwortlich. Es wäre zu einfach, die Zurückhaltung der Partei mit Desinteresse abzutun. Schließlich belegen parteiinterne Auseinandersetzungen um den Impfzwang oder die Mitarbeit der NSV bei der Einführung neuer Impfprogramme das Gegenteil. Plausibler ist die Deutung, dass die Partei Beamten, Wissenschaftlern und Unternehmern das Feld überließ, weil sich diese ohnehin in das Projekt der immunisierten »Volksgemeinschaft« einschrieben. Konflikte zwischen staatlichen Vertretern und Parteifunktionären, wie sie im übrigen Gesundheitswesen aufbrachen,45 werden im Folgenden daher keine große Rolle spielen.

40 1935 wurde das RKI dem RGA unterstellt und im RKI die Impfstoffforschung konzentriert. Das RKI gewann im Laufe der 1930er Jahre an Bedeutung, so dass es im Krieg zur selbstständigen Reichsanstalt erhöht wurde. Vgl. Hinz-Wessels, Das Robert Koch-Institut;­ Hubenstorf, S. 392–410. 41 BAB, R 55/1221, Bericht RMVP Überprüfung des RGA, 17.08.1944. 42 Vgl. BAB, NS 18/567, Denkschrift Contis, »Das deutsche Gesundheitswesen vor und nach 1933«, o. J. [1943]. 43 BAB, R 1501/3809, »Vortrag beim Führer« Contis, 15.09.1943. 44 Vgl. Zuschriften zahlreicher PGs ans Innenministerium, u. a. in HStAS, E 151-54/188. 45 Zu den Konflikten vgl. bereits Labisch u. Tennstedt; Vossen; Süß, W., Volkskörper.

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Größeres Engagement zeigte die Partei im Alltag. Insbesondere die NSV leistete bei der Umsetzung von Impfprogrammen handfeste Arbeit. Schließlich entsprach der Ablauf des Impfens jenen Praktiken, mit denen sich die NSV auch sonst hervortat. In diesem Sinne reihten sich Impfungen ein in die Rituale des Eintopfsonntages, des Winterhilfswerks oder der Luftschutzmaßnahmen. Während des Krieges gewann die praktische Arbeit der Partei noch an Gewicht. So trieb die NSV eine Immunisierung gegen Diphtherie und Scharlach in den NSVHeimen als Pflichtimpfung voran,46 obgleich diese Impfung staatlicherseits als freiwillige Maßnahme propagiert wurde. Auch in der HJ und in der DAF wurden Diphtherie- und Scharlachschutzimpfungen im Zuge von Kinderlandverschickungen (KLV), Ferien- und Ausbildungslagern zu Pflichtmaßnahmen erklärt. Da ungeimpfte Kinder und Jugendliche nicht mehr in die KLV oder in Lager aufgenommen wurden, erhöhte sich der Druck auf Eltern, die ihre Sprösslinge aus der Bombengefahr oder aus Einmarschgebieten holen wollten. 3.1.5 Ganz normale Ärzte? Impfen für die »Volksgemeinschaft« Ärzte gelten gemeinhin als Paradefall jener Eliten, die sich kompromisslos in den Dienst für das »Dritte Reich« stellten.47 Für Impfungen scheint dieser Befund im Besonderen zuzutreffen. Schließlich gaben Mediziner wie Joachim Mrugowsky ein berüchtigtes Beispiel als Forscher, die für Impfstoff-Experimente auch nicht vor Menschenversuchen zurückschreckten.48 Komplizierter wird eine Charakterisierung von Ärzten als Akteursgruppe, wenn man jenseits dieser bekannten Einzelfälle ins Alltagsleben blickt.49 Zweifellos profitierte die Ärzteschaft von der Entrechtung und Ausgrenzung jüdischer Kollegen. Deren Praxen und Patienten waren begehrt unter zahllosen Absolventen und »Jungärzten«, die Anfang der 1930er Jahre ohne Arbeit dastanden.50 Auch der Institutionalisierungsschub dürfte den Zuspruch für den Nationalsozialismus erhöht haben. Im immer dichteren Netz an Gesundheitsämtern fanden Ärzte beamtete Anstellungen, die nach den Krisenjahren der Republik umso verlockender erschienen.51 Während sich die Rahmenbedingungen für beamtete Impfärzte also schnell skizzieren lassen, fallen Charakterisierungen des »medizinischen Alltagshandelns«52 von Ärzten schwerer. Selbstverständlich ergaben sich im »normalen« Impf-Alltag Gelegenheiten zur Exklusion und Bereicherung, wenn man etwa auf Kosten der »jüdischen« Konkurrenz »Impflinge« übernahm. In Frankfurt 46 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Gau Weser-Ems an NSV-Ortswalter, 28.10.1941; StAOL, Rep 630, 242-4/89, Schreiben Amt für Volksgesundheit Weser-Ems, 17.01.1944. 47 Vgl. den Überblick bei Freimüller. 48 Zu den Menschenexperimenten vgl. u. a. die Beiträge in Kopke. 49 Vgl. Fahrenbach u. Thom. 50 Vgl. Moser, »Im Interesse«, S. 127 f. 51 Vgl. dazu u. a. die Fallstudie für München 1933–1942 in Christians, S. 37–51. 52 Vgl. Kudlien; Süß, W., Volkskörper, S. 370.

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am Main drängten Medizinal- und Polizeibehörden schon vor der Herbstimpfung 1933 auf die Neubesetzung mehrerer Impfarztstellen, was vor allem »jüdische« Beamte und politische »Problemfälle« betraf.53 Und selbstverständlich sorgte man sich auch vor Ort um »rassengerechte« Impfungen und Impfärzte. Protest erhob beispielsweise ein Lehrer der Frankfurter Adolf-Hitler-Schule im Mai 1935, als »ein jüdischer Medizinalpraktikant zu den Impf­ terminen« erschien.54 Der Schuldirektor bat das Gesundheitsamt daraufhin um »Aufklärung«55 dieses Falles, machte aber schon vorsorglich darauf aufmerksam, dass dem Studenten keine Teilnahme-Bescheinigung ausgestellt worden sei. Im Gesundheitsamt wiederum wies man jegliche Verantwortung für diesen »zumindest geschmacklosen« Vorfall von sich und darauf hin, dass »jüdische Impfärzte« allenfalls für »jüdische Schulen«56 zugelassen seien. »Um die Wiederholung von unliebsamen Vorgängen dieser und ähnlicher Art«57 in Zukunft zu verhindern, ordnete das Gesundheitsamt für kommende Impfungen eine Überwachung aller Medizinalpraktikanten an, was ganz der Leitlinie regionaler Exklusionsprozesse, nicht nur in Frankfurt, entsprochen haben dürfte.58 Von solchen Ausnahmefällen abgesehen war die Tätigkeit von Impfärzten jedoch weniger auf Exklusion als auf Integration und Homogenisierung gerichtet. Schließlich galt der Erhalt des Herdenschutzes von jeher als wissenschaftlicher Glaubenssatz und Grundlage individueller Sicherheit, was gegen den Ausschluss sozialer Gruppen von Impfprogrammen sprach. Wollte man sich keine neuen »Seuchenherde« im Reich schaffen, war möglichst die gesamte Bevölkerung zu immunisieren. Insofern finden wir zwar Belege dafür, dass öffentliche Impfungen zum Sinnbild der vorsorgenden »Volksgemeinschaft« stilisiert wurden, die sich in den Impflokalen zusammenfand. Auch wurden »jüdische« Kinder in »jüdischen« Schulen geimpft und »jüdische« Ärzte nur noch zur ­Impfung »jüdischer« Kinder zugelassen.59 Im Dienste der Immunität igno­rierte der Seuchenschutz allerdings wenigstens bis Ende der 1930er Jahre »volksgemeinschaftliche« Grenzen.60 Erst der Krieg und die Ressourcenknappheit beförderten Ausgrenzungen von »Artfremden«, etwa bei der Impfung gegen Fleckfieber. Dass sich für Ärzte beim Impfen insgesamt wenig änderte, zeigt auch ein Rückblick. Schließlich war das Impfen lange vor 1933 ein Feld, auf dem Ärzte 53 StAF, MA/5914, Schreiben Stadtgesundheitsamt, 09.10.1933. 54 Für Ärzte war die Teilnahme an Impfterminen Voraussetzung zum Erhalt der Approbation. 55 StAF, MA/5914, Schreiben der Adolf-Hitler-Schule, 23.05.1935. 56 StAF, MA/5914, Antwort Stadtgesundheitsamt an stellvertretenden Amtsarzt, 31.05.1935. 57 StAF, MA/5914, Schreiben Stadtgesundheitsamt an Frankfurter Oberbürgermeister, 11.06.1935. 58 Vgl. die Fallstudien u. a. von Drexler-Gormann; von Villiez. 59 StAF, MA/5914, Schreiben Frankfurter Stadtgesundheitsamt an das Schulamt, 31.05.1935. 60 Im Gegensatz zu regionalen Quellen wie jenen aus Frankfurt finden sich auf nationaler Ebene keine Erlasse zum Impfwesen nach Erlass des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« oder der Nürnberger Gesetze. Es spricht viel dafür, dass o.g. Regelungen zur Impfung »jüdischer« Schüler und von »jüdischen« Ärzten nach 1938/39 und spätestens mit Durchführung der Deportationen an Bedeutung verloren.

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ihren Dienst für das »Volksganze« leisteten. Initiativen der Ärzteschaft für die konsequente Durchführung des Impfgesetzes im Kaiserreich legen nahe, dass entsprechende Selbstbilder schon vor dem »Dritten Reich« en vogue waren. Selbst der Ausnahmezustand in osteuropäischen Besatzungsgebieten passte durchaus zu früheren Erfahrungen. Wie im Ersten Weltkrieg und in den Kolonien eröffneten sich seit den 1940er Jahren »im Osten« gewaltige Projektionsflächen, auf denen sich ärztliche Selbstbilder mit Traumbildern von der Ostkolonisation vermischten. »Große Aufgaben« stellten sich demnach dem Arzt »im neuerschlossenen östlichen Kolonialgebiet«, wie Staatssekretär Josef Bühler 1941 über den »Kampf den Seuchen« erklärte. »Da nur gesunde Menschen […] Träger einer großen Kulturmission im Osten sein können«, sei diese Aufgabe sowohl ein Beweis für den »deutschen Kulturstand« als auch für die Bedeutung ärztlichen Engagements.61 Im Seuchenkampf behaupte sich demnach ein »Arzttum im Osten«, dessen Leistungen denen der Wehrmacht entsprächen. »Die Geschichte«, prophezeite Oberstabsarzt Wägner im »Reichskommissariat Ostland« im August 1943, »wird einmal neben den Waffentaten der deutschen Soldaten von den Leistungen deutscher Wissenschaftler und Ärzte als den Kulturpionieren des Ostens berichten.«62 Von dieser kämpferischen Attitude geben ebenso Rundschreiben und Berichte Ausdruck, in denen von einer »Front der Ärzte« die Rede war, »welche den zweiten Feind aus dem Osten – die Seuchengefahr – täglich bekämpft.«63 Ob sich jeder Arzt in den Sanitätskolonnen und Besatzungsverwaltungen als Ostkolonisator betrachtete, bleibt gleichwohl eine offene Frage. Relativ typisch verlief die Entwicklung von Impfärzten übrigens auch mit Blick auf ihre Laufbahnen nach 1945. Die Integration NS-belasteter Ärzte in beide deutschen Nachkriegsgesellschaften ist in der Forschung schon lange aufgearbeitet worden. Im Falle von Impfärzten funktionierte diese Reintegration schon unmittelbar nach Kriegsende besonders reibungslos, was das Ende dieses Kapitels Anfang der 1950er Jahre erklärt. Obwohl viele beamtete Ärzte der Gesundheitsämter »rassenhygienische« Maßnahmen durchgeführt hatten, förderten Nachkriegsnot und Seuchenangst eine pragmatische Gesundheits- und Vergangenheitspolitik.64 So machte ein Rundschreiben des Hessischen Innenministers bereits ein Jahr nach Kriegsende klar, »dass dort, wo es unumgänglich notwendig ist, politisch belastete Aerzte zur Impfung herangezogen werden«.65 Ähnlich sah man das in der Sowjetischen Besatzungszone. Dem Bedarf nach Immunität ordneten sich politische Gründe unter, so dass in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen nach Ende der Entnazifizierungen immerhin 36 bzw. 48 Prozent aller Ärzte ehemalige NSDAP-Mitglieder waren.66 61 Alle Zitate Bühler, S. 3. 62 BAB, R 90/351, Kauener Zeitung, Kampf gegen die östlichen Seuchen, 16.08.1943. 63 BAB, R 90/351, Rundschreiben Gesundheitsabt. Reichskommissar f.d. Ostland, 02.07.1943. 64 Vgl. Frei, Vergangenheitspolitik. 65 StAF, MA/5914, Rundschreiben Großhessischer Minister des Innern, 25.07.1946. 66 Vgl. Moser, »Im Interesse«, S. 154, 157, 170 f.

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3.1.6 Immunität vs. »Rassenhygiene«: Konjunktur und Krise der Impfkritik Angesichts der naturheilkundlichen Strömungen in der NSDAP witterten Impfgegner 1933 Morgenluft. Immerhin bildeten sie in der »Neuen Deutschen Heilkunde« um »Reichsärzteführer« Gerhard Wagner eine wichtige pressure group und konnten auf Zuspruch von Rudolf Heß, Heinrich Himmler und Julius Streicher bauen.67 Die Zeitschrift »Gesundheitspost« sah sich im Juni 1933 gar »gleichgeschaltet mit Hitler!« und in Hitler selbst »unseren größten Bundesgenossen«.68 Seit der »Machtergreifung« beriefen sich zahlreiche Impfgegner auf eine Aufwertung der Naturheilkunde, die für ein Ende der Impfpflicht spreche.69 Selbst die »Rassenhygiene« ließ sich gegen den Impfzwang in Stellung bringen, wie der Stuttgarter Geodäsie-Professor Leo Fritz erklärte: »Aus meiner völkischen Auffassung heraus betrachte ich die Vermengung von Kuhpockeneitergift mit dem Blut […] für eine schwere rassische Schädigung der Betroffenen.«70 Dass prominente Parteigenossen als Kronzeugen der Impfkritik angeführt werden konnten, beförderte die »rassenhygienische« Einschreibung der Impfgegnerschaft. Sogar der »Führer« selbst wurde zum Gewährsmann erklärt. So stellte die »Gesundheitspost« im Mai 1933 eine Sammlung einschlägiger Zitate aus »Mein Kampf« als Beweis zusammen, dass man Hitler nicht nur als »größtes Genie der deutschen Gegenwart«, sondern »auch als Impfgegner bezeichnen muss.«71 Als die Reichskanzlei eine Anfrage nach Hitlers Einstellung zum Impfzwang ausweichend beantwortete, zitierten impfkritische Blätter selbst diese Antwort als offizielles Statement Hitlers: »Es ist deshalb weitaus wichtiger, gesunde soziale Bedingungen zu schaffen, als Toxine (Gifte)  anzu­ wenden, die zudem oft nur zweifelhaften Wert haben. Soweit mir bekannt ist, hat die deutsche medizinische Schule kein Vertrauen in die Praxis, Krankheitskeime und Sera in den Körper der deutschen Volksgenossen zu spritzen.«72 In diesem Zusammenhang wiesen impfkritische Zeitschriften darauf hin, dass man in der Reichskanzlei dazu rate, mehr »auf die natürlich Abwehrkraft der Organismus zu bauen, als [auf] den Inhalt von irgendwelchen Ampullen«.73 Die Zeitschrift »Gesundheitspost« titelte im Juni 1933 gar mit der Schlagzeile: »Onkel Hitler ist Impfgegner?« Und obgleich die Reichskanzlei die »Gesundheitspost« darauf hinwies, »dass die Annahme des Artikels, der Herr Reichskanz67 Vgl. Jütte, Geschichte der alternativen Medizin, S. 42–54. 68 DHMD, 2005/129, Paul Ziegenbalg, Gleichgeschaltet mit Hitler!, in: Gesundheitspost, 01.06.1933, S. 3. 69 HStAS, E 151-54/188, Schreiben eines Mengeners an die Reichskanzlei, 31.05.1934. 70 HStAS, E 151-54/188, Schreiben Fritz an Bürgermeisteramt Stuttgart, 06.08.1933. 71 DHMD, 2003/128, Paul Ziegenbalg, Adolf Hitler Impfgegner, in: Gesundheitspost, 01.05.1933, S. 3. 72 BAB, R 43-II/724, Biologische Heilkunst, Nr. 35/1933, S. 559. 73 StAOL, 136/5002, Blätter für Impfforschung, Neuregelung des Impfwesens, 1933.

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ler sei Impfgegner, nicht zutrifft«,74 sollte die unbestimmte Haltung Hitlers bis Kriegsende immer wieder Anlass zu Spekulationen geben. Julius Streicher sprach sich hingegen mit klaren Worten gegen das Impfen aus: »Die Impfung ist eine Rassenschande!«, war in der ersten Ausgabe der Zeitschrift »Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden« zu lesen, die von Impfgegnern mit Unterstützung Streichers 1933 ins Leben gerufen wurde.75 Noch Ende der 1930er Jahre beriefen sich Impfgegner immer wieder auf Heß, Streicher und Hitler als »erklärte Impfgegner«, wenn beispielsweise ein Impfgegner aus Hamburg seinen Protestbrief mit »Heil dem großen Impfgegner Adolf Hitler!«76 schloss. Zur Langlebigkeit dieses Deutungsmusters trugen ausweichende Stellungnahmen der Reichskanzlei bei, wie sie 1934 an Julius Streicher ging: »Der Herr Reichskanzler hat schon vor geraumer Zeit angeordnet, dass Anfragen nach seiner Stellungnahme zum Impfproblem dahin zu beantworten seien, dass er nicht Impfgegner sei. Die Gründe, die den Herrn Reichskanzler zu dieser Anordnung bewogen haben, liegen, wie ich streng vertraulich und zu Ihrer persönlichen Kenntnis bemerke, vorwiegend auf wehrpolitischem Gebiet.«77 Der Höhenflug der Impfgegner endete jäh. Im Dezember 1933 erklärte Innenminister Wilhelm Frick sämtliche »Impfgegner- und ImpfzwanggegnerVereinigungen« für aufgelöst und verbot »jede öffentliche impfgegnerische Betätigung.« Grundlage des Verbots war die »Reichstagsbrandverordnung«, was den oppositionellen Charakter der Impfgegnerschaft offiziell festschrieb.78 Das Verbot wurde nach einer Revision des Impfgesetzes 1934 noch einmal kurz­ zeitig aufgehoben, bevor sich die Organisationen Mitte der 1930er Jahre endgültig auflösten.79 In der Zwischenzeit machten Vereinigungen wie der »Deutsche Impfgegner-Ärztebund« in etlichen Eingaben an RGA und RMI deutlich, dass man doch »am gesundheitlichen Wiederaufbau«80 mitwirke, zumal das Reichsimpfgesetz 1874 »nachweislich durch die jüdischen Abgeordneten Löwe, Lasker und Eulenberg, die sich als ›Väter‹ dieses Gesetzes«81 bezeichnet hätten, angeregt worden sei. Ein Verband der Impfgegner aus Wilhelmshaven bemühte gar die Protokolle der Weisen von Zion, nach denen die »Menschheit […] durch Einimpfen von Krankheiten« dazu gebracht werden solle, sich der »jüdischen« 74 BAB, R 43-II/724, Schreiben Reichskanzlei an die »Gesundheitspost«, 11.06.1933. 75 HStAS, E 151-54/188, Erklärung des Führers der Deutschen Ärzteschaft Wagner, in: Stuttgarter Neues Tageblatt, Ärzteschaft und Rassefragen, 12.02.1935; BAB, R 43-II/724, Schreiben Streicher an Reichskanzlei, 21.06.1934 sowie als Anlage der Ausschnitt aus »Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden«. 76 StAHH, 361-2 VI/2764, Schreiben eines Hamburgers an Mädchenschule Rhiemsweg, 18.01.1937. 77 BAB, R 43-II/724, Schreiben Reichskanzlei an Streicher, 25.06.1934. 78 BAB, R 1501/3121, Runderlass RMI, 20.12.1933. Vgl. BLHA, Rep 45 D Luckau/154, Rundschreiben des Geheimen Staatspolizeiamts Berlin, 09.01.1934. 79 Vgl. den zeitgenössischen Überblick über Impfkritik im »Dritten Reich« bei Blome, S. 7–9. 80 BAB, R 1501/3647, Schreiben Deutscher Impfgegner-Ärztebund an RMI, 25.10.1935. 81 Ebd.

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»Geldherrschaft zu unterwerfen«.82 Gleichwohl stießen Impfgegner bereits in der Konsolidierungsphase der NS-Herrschaft auf wenig Gehör. Dass selbst die antisemitische Karte nicht stach, zeigen Bemerkungen wie die von Otto Lentz vom RKI, der entsprechende Argumente als bloße Anbiederei und die Impfgegner als »Konjunkturritter«83 abtat. Obwohl eine »starke Abneigung weiter Bevölkerungskreise gegen das Impfgesetz« auch »im nationalsozialistischen Staat […] kaum an Schärfe«84 verlor, lässt sich seit der »Machtergreifung« eine Marginalisierung impfgegnerischer Organisationen beobachten. Seit Mitte der 1930er Jahre sind keine größeren Aktivitäten impfgegnerischer Vereine mehr dokumentiert, im Laufe des Jahres 1934 stellten sämtliche Zeitschriften ihr Erscheinen ein.85 Spätere Initiativen einzelner Impfgegner wie Richard Ungewitter, der in Denkschriften die »rein merkantilen Interessen« der »Chemischen Groß-Industrie« und des »jüdischen Geists« brandmarkte, blieben unbeantwortet. Und das, obwohl sich Ungewitter tief in den »Rassediskurs« einschrieb und Impfungen »als fressendes Geschwür an der Erbgesundheit des Deutschen Volkes« brandmarkte, das »dem ›Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‹ Hohn« spräche.86 Wie lässt sich diese Marginalisierung ausgerechnet im »Dritten Reich« erklären, wenn doch zahlreiche Berührungspunkte zwischen NSDAP und Impfgegnern bestanden und seit 1933 die Abschaffung der Impfpflicht verhandelt werden sollte? Zum einen ist zwischen Partei und staatlichen Akteuren zu differenzieren. Mochte mit Gütt auch ein »alter Kämpfer« beim Impfen im RMI mitreden, gaben Experten wie Gins und Lentz 1933 das Ruder nicht aus der Hand. Zum anderen hätte das Fortbestehen impfgegnerischer Vereine dem »Gleichschaltungskonzept« der Partei und dem staatlichen Machtanspruch widersprochen. 1934 begründete Frick sein Verbot einer impfgegnerischen Zeitschrift folglich mit »verhetzende[n] und irreführende[n] Redewendungen«, die geeignet seien, »die Staatsautorität zu untergraben« und die »Bevölkerung in unberechtigter und unverantwortlicher Weise zu beunruhigen«.87 Eine Marginalisierung der impfkritischen Bewegung war demnach weniger medizinischen Gründen als dem Wunsch geschuldet, im Gesundheitswesen den Ton anzugeben. Im »Dritten Reich« war dieser Wunsch besonders groß, da Impfprogramme zur Mobilisierung der »Volksgemeinschaft« dienten, was die soziale Sprengkraft der Impfkritik erhöhte. Vor diesem Hintergrund wird im Übrigen auch die scharfe Ausgrenzung einzelner Impfgegner deutlich, die am Ende dieses Kapitels in den 82 StAOL, 136/5002, Denkschrift der Impfgegner, Wilhelmshaven, 21.03.1933. 83 Zit. n. BAB, R 1501/3647, Schreiben Deutscher Impfgegner-Ärztebund an RMI, 25.10.1935. 84 So die Einschätzung bei Blome, S. 7, 49. 85 Die »Deutsche Gesundheitspost« wurde vom »Reichsbund Deutscher Impfgegner-Vereine« als Nachfolgerin der Zeitschrift »Die Impffrage« 1933 und 1934 herausgegeben; die »Blätter für Impfforschung« erschienen als Organ des Impfgegner-Ärztebundes 1932 bis 1934; die Zeitschrift »Der Impfgegner« wurde 1930 als »Der Impfzwanggegner« bis 1932 fortgeführt. 86 BAB, R 43-II/725a, Richard Ungewitter, Denkschrift, Stuttgart 1938. 87 HStAS, E 130b/2790, RMI an Deutschen Impfgegner-Ärztebund, 23.08.1934.

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Blick genommen wird (3.4.2). Bei der Auseinandersetzung mit Impfgegnern ging es also auch im NS-Staat um eine Aushandlung sozialer Ordnungen und staatlicher Machtansprüche. Weniger die Kritik an Impfungen, sondern die Einmischung in Fragen über die »Volksgesundheit« war im »Dritten Reich« ein Problem, dem staatliche Akteure und Parteifunktionäre entgegentraten.

3.2 Expansionen und latente Liberalisierungen: Impfpolitik 3.2.1 Getarnte Gewissensklauseln: Die Impfpflicht auf dem Prüfstand Im Ergebnis brachten die Debatten der Weimarer Republik wenig Neues. Allerdings blieb das Impfen dank dieser Debatten in der politischen Arena, in der Ende der 1920er Jahre neue Akteure auftraten. Nun stieß die Impffrage auch unter Nationalsozialisten auf Resonanz, deren Reichstagsfraktion88 sich mit Anträgen für die Impfgegner profilierte. So forderte Wilhelm Kube eine Summe von 10.000 RM für impfgegnerische Vereine. Kube, ein Förderer Contis und Gütts,89 erkannte in den Impfgegnern eine unterdrückte Bewegung: »Es geht nicht an, wenn man die Leiter in diesem Kampfe, die als ehrlich überzeugte Fanatiker für eine vielleicht von der Wissenschaft zu verneinende, aber noch nicht ganz geklärte Sache eintreten, wenn man diese Leute auch in ihren Aemtern bekämpft und verfolgt«90. Dass diese Charakterisierung der Impfgegner offenkundige Parallelen zur verbotenen NSDAP zog, minderte wohl den Zuspruch anderer Fraktionen. Zumindest fand der Antrag keine Mehrheit, obwohl andere Parteien ebenfalls für eine Revision des Impfgesetzes standen. Auch im Reichsgesundheitsrat setzte sich die Debatte fort. Hier trafen sich Ende Januar bis Anfang Februar 1930 knapp hundert Medizinalbeamte, Ärzte und Reichstagsabgeordnete, um in mehrtägigen Sitzungen über den Umgang mit wachsenden Sorgen in der Bevölkerung zu beraten. Erstaunlicherweise kam man am Ende der Beratungen trotz dieser Sorgen zum einstimmigen Ergebnis, dass Änderungen am Impfgesetz nicht zur Diskussion stünden. Selbst Kritiker des Impfgesetzes wie Alfred Grotjahn und Julius Moses stimmten diesem Beschluss zu.91 Ein zweiter Blick macht indes deutlich, dass sich gleichwohl einiges änderte, allerdings weniger an der Programmatik als in der Praxis. Das einstimmige Ergebnis im RGR war einem Kompromiss geschuldet, der weitreichende Änderungen in der Ausführung des Pockenimpfprogramms vorsah. 88 Wegen des Verbots der NSDAP firmierte die gemeinsame Fraktion der »Deutschvölkischen Freiheitspartei« und der Nationalsozialisten unter »Nationalsozialistische Freiheitspartei«. 89 Labisch u. Tennstedt, S. 247. 90 RTP, 24.03.1928, S. 13688. 91 BAB, R 86/1244, Protokoll Sonderberatung RGR, 21./22.01.1930, S. 67, 76; Protokoll Fortsetzung Sonderberatung RGR, 11.02.1930, S. 14.

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Einstimmig verabschiedet wurde beispielsweise die Bestimmung, dass »alle Gegenanzeigen gegen die Impfung sorgfältig« zu prüfen und Impflinge zurückzustellen seien, wenn Eltern auf eine problematische »physische oder psychische Veranlagung in der Familie« verwiesen. Der Vorsitzende des Ärztevereinsbundes, Alfons Stauder, warnte eindringlich, dass diese Bestimmung eine extrem »dehnbare Auslegung« für Impfbefreiungen schaffe, was RGA-Präsident Carl Hamel sogar freimütig bestätigte: Falls Eltern überzeugt seien, »dass ihrem Kinde durch die Impfung eine schwere Schädigung zugefügt werde«, könne eine »solche psychische Veranlagung vorliegen, die es […] geboten erscheinen lasse, die Impfung nicht zu vollziehen.« Einstimmigkeit fanden außerdem die Ablehnung »polizeilichen Zwanges« sowie die Einführung einer Entschädigungspflicht. Das Ergebnis bedeutete im Grunde die Einführung einer Gewissensklausel, wie auch einige Teilnehmer einwandten.92 Warum stießen diese weitreichenden Änderungen dennoch auf einhellige Zustimmung? Woher rührte die Einstimmigkeit für eine »verkappte Gewissensklausel«93  – und das nach all den »schweren Kämpfen«94 zwischen Befürwortern und Kritikern auch in diesen Sitzungen? Offenbar kam der Kompromiss allen Bedürfnissen entgegen. Einerseits schrieben die Beratungen das Impfgesetz und damit die Interventionskompetenz des Staates de iure fest. Andererseits schufen die Änderungen den Einsatz von Zwangsmaßnahmen de  facto ab sowie neue Möglichkeiten zur Rückstellung von Impfungen, was nach Ansicht von Reichsinnenminister Wirth unter Umständen gar »einer völligen Befreiung«95 gleichkam. Insofern galt der Kompromiss selbst Kritikern der Impfpflicht wie Grotjahn als »brauchbare Zwischenlösung«.96 Das Verhandlungsergebnis verweist auf eine grundsätzliche Entwicklung der 1930er Jahre: eine latente Liberalisierung der Impfpflicht. Selbst abgeklärte­ Gemüter wie RGA-Präsident Hamel und Ministerialdirigent Dammann vom RMI wiesen immer wieder auf die »Beunruhigung der Bevölkerung« und auf »den Ernst der Lage hin«. Kompromisse schienen ihrer Ansicht nach notwendig, »um radikalere Entschließungen zu vermeiden«. »Bei der derzeitigen Einstellung der Bevölkerung und auch der Abgeordneten zu Impffragen«97 bestehe nach Dammann »die große Gefahr, dass der Reichstag eine viel größere Lockerung des Impfzwanges beschließen werde.«98 Einfacher gesagt sahen Verteidiger der Impfpflicht in Eingeständnissen gegenüber dem Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen einen Preis, den man für den Erhalt des »Vorsorge­staats« zu 92 BAB, R 86/1244, Protokoll Fortsetzung Sonderberatung RGR, 11.02.1930, S. 8, 14 f. 93 So ein Mitarbeiter des RGA, BAB, R 86/4699, Protokoll Beratung RGA, 18.06.1930, S. 6. 94 So die Einschätzung von Lentz über die Sitzungen des RGR, STAOL, 136/5002, Schreiben Oldenburgische Gesandtschaft Berlin an Staatsministerium Oldenburg, 26.05.1930. 95 StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 3, Drucksache Reichsrat Nr. 61, 09.04.1930. 96 BAB, R 86/1244, Protokoll Fortsetzung Sonderberatung RGR, 11.02.1930, S. 6. 97 BAB, R 86/4699, Protokoll Beratung im RMI, 26.05.1930, S. 1, 3. 98 So Dammann in: BAB, R 86/4699, Protokoll Besprechung im RMI, 18.06.1930.

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zahlen hatte. Volkes Stimme wog daher schwerer denn je in politischen Debatten. Fortan war die Versicherheitlichung des »Volkskörpers« mit der Versicherheitlichung des individuellen Körpers in Einklang zu bringen. 3.2.2 Skandalisierung und Symbolpolitik: Der Lübecker Impfskandal Befeuert wurde dieser Wandel von einem Skandal, dem »Lübecker Impfunglück«, das 1930 weit über Deutschland hinaus für Aufregung sorgte.99 Kurz gesagt war das Unglück die Folge eines verpfuschten Versuchs zweier Lübecker Ärzte mit einem Impfstoff gegen Tuberkulose. Von 256 versuchsweise geimpften Kindern starben 77 Kinder, weitere 131 erkrankten, z. T. mit lebenslangen Folgen.100 Dass die beiden Ärzte Ernst Altstaedt und Georg Deycke mit diesem Versuch voranpreschten, obwohl es in Deutschland wenig Erfahrungen mit dem BCGImpfstoff gab, wird im zeitgenössischen Kontext nachvollziehbar.101 In wirtschaftlichen Krisenzeiten galt die Tuberkulose als »Skandalkrankheit«,102 die Menschenleben und Ressourcen verschlang.103 Es gab in Weimar daher wenige medizinische Maßnahmen, die derartigen Prestigegewinn garantierten wie eine erfolgreiche Immunisierung gegen den »weißen Tod«. Für Altstaedt und Deycke versprach die erfolgreiche Einführung der BCG-Impfung also sowohl eine Lösung gesellschaftlicher Probleme als auch persönliche Anerkennung.104 Als »Kindertod von Lübeck«, »Lübecker Kindersterben« oder »Säuglingsmord« fand der Skandal umgehend in die Schlagzeilen der nationalen und internationalen Presse. Journalisten aus ganz Europa reisten in die Hansestadt, um die »Schreckensherrschaft« des »Herodes von Lübeck« zu dokumentieren.105 Dass Impfgegner im Skandal ein gefundenes Fressen fanden, versteht sich von selbst. Sie erklärten die gestorbenen Kinder in einem Flugblatt umgehend zu Vorreitern für ihre Sache: »Das Massensterben der kleinen Märtyrer in Lübeck zeigt, dass der Wahnsinn zur Methode geworden ist.«106 Die »Deutsche Ge99 Zur internationalen Debatte vgl. The Luebeck Disaster; Report; zur Exkursion britischer Experten vgl. NA, FD 1/1806. 100 Vgl. Hahn, S. 63–64; Kießling; Reuland. 101 Vgl. Bonah. 102 Vgl. Labisch, »Skandalisierte Krankheiten«, S. 283–286. 103 Vgl. zur TBC-Bekämpfung 1921 bis 1931 BAB, R 36/1332; HStAS, E 130b/2814, Denkschrift des RMI über Gesamtaufwendungen für Tuberkulosebekämpfung, 30.11.1923. 104 Vgl. Berichte in AHL, NSA/1897, 1898, 1900, 1901, 1902, 1903 und 1904. 105 Vgl. aus der Flut an Berichten nur die hier zitierten Überschriften aus AHL, NA/1905, Berliner Herold, Der Herodes von Lübeck, 20.07.1930; Wiener Mittags-Zeitung, Das grauenhafte Kindersterben zu Lübeck, Serie vom 12.–23.07.1930; Vorwärts, Das Lübecker Kindersterben, 9.07.1930; Münchener Neueste Nachrichten, Das Lübecker Kindersterben, 22.06.1930; Kölner Tageblatt, Lübecks Schuld, 17.06.1930; Sozialistische Republik, Die Lübecker Säuglingsmorde sollen vertuscht werden, 02.07.1930. 106 BAB, R 86/4675, Flugblatt »55 Jahre Impf-Diktatur«, o.Dt. [1930/31].

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sundheitspost« titelte gar mit einem Trauerflor zum »Gedächtnis der 76 Todesopfer«, aus dem sich eine Verpflichtung für die Gegenwart ergebe: »Noch immer wird weiter geimpft, noch immer fordert die Pockenimpfung Opfer um Opfer. Sollen die Lübecker Kinder vergeblich gelitten haben? Ihre Leiden sind eine ewige Mahnung an alle Eltern!!«107 Letztlich geriet der Impfskandal für Impfgegner indes zu einem Danaer-Geschenk. Zwar lenkte er das öffentliche Interesse zweifellos »auf die Impffrage«, wie eine impfkritische Zeitschrift befriedigt festhielt.108 Umso engagierter bemächtigten sich nun indes andere Akteure des Themas. Risiken von Impfungen wurden nicht nur in allen Medien, sondern auch im gesamten Parteienspektrum, von der KPD und SPD bis zur NSDAP, interessiert aufgegriffen. Schon deshalb ging es in der Debatte um den Skandal nicht »nur« um 77 tote Kinder, sondern um Grundsätzliches. Zunächst einmal standen der Nutzen von Impfungen im Allgemeinen und die Legitimität der Impfpflicht im Speziellen zur Diskussion. Dass im Eifer des Gefechts zwischen Tuberkulose- und Pockenschutzimpfung nicht differenziert wurde, verwundert nicht. Vom »Vorwärts« bis zum »Völkischen Beobachter« standen auf einmal sämtliche Schutzimpfungen in der Kritik.109 Obwohl in Deutschland weder die Einführung der BCGImpfung geschweige denn eine BCG-Impfpflicht in Aussicht stand und die Impfung gegen Tuberkulose nichts mit der gegen Pocken zu tun hatte, stand die Pockenimpfpflicht erneut am Pranger. Mitunter wurden solche Verallgemeinerungen gezielt für gesundheitspolitische Ziele genutzt, wie das Engagement von Julius Moses (SPD) zeigt. Im »Vorwärts« warnte Moses Ende 1930 eindringlich vor einem »zweiten Fall Lübeck«, nachdem im Reichsgesundheitsamt die Einführung einer Diphtherieschutzimpfung ventiliert worden waren. Moses nutzte den Impfskandal somit als Warnung, »wie vorsichtig man der heute üblichen maßlosen Propaganda für Schutzimpfungen gegenüberstehen muß«.110 Auch im Reichstag standen nun sämtliche Impfungen zur Debatte. Für die Wirtschaftspartei sprach der Abgeordnete Artur Petzold vom Lübecker Fall als »deutsches Unglück« und begrüßte es, dass auch für die Pockenschutzimpfung »eine Lockerung des Impfgesetzes in Vorbereitung« sei.111 Im Reichsgesundheitsrat ging es nicht weniger emotional zur Sache. Der Bakteriologe Paul Uhlenhuth nahm die Gefahr von Impfungen zum Anlass für eine Generalabrechnung mit dem Gesundheitswesen, das mehr auf Fürsorge als auf Vorsorge setzen solle: »ich würde es für unverantwortlich halten, wenn man diese hygienischen Fürsorgemaßnahmen, die die Tuberkulose immer weiter herunterdrücken, vernachlässigen wollte, und diese Maßnahmen auch nur einem Kinde lediglich mit Rücksicht auf die noch nicht erwiesene Schutzwirkung und Unschädlichkeit 107 DHMD, 2005/124, Deutsche Gesundheitspost, 01.07.1932, S. 1. 108 BAB, R 86/4675, Die Impffrage, 2. Jg., Nr. 1, 01.01.1931. 109 Eine Pressesammlung bietet AHL, NSA/1905; einen Pressespiegel Kießling, S. 118–136. 110 HStAS, 151-54/132, Der Vorwärts, Diphtherieschutzimpfungen?!, 28.10.1930. 111 Beide Zitate RTP, 17.06.1930, S. 5536, 5539.

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der Schutzimpfung vorenthalten würde.«112 Solche Positionen waren Wasser auf den Mühlen der Sozialdemokraten, die ja schon bei der Pockenschutzimpfung für sozialhygienische Maßnahmen und gegen die Impfpflicht votiert hatten. Insofern griffen Moses und Grotjahn den Impfskandal für ihre Kritik gerne auf. Vorsorge statt Fürsorge, Impfungen statt soziale Verbesserungen – das erschien Moses als Kernproblem eines Gesundheitswesens, das die Deutschen letztlich auf die Barrikaden treibe: »Das Volk«, so erklärte Moses im Reichstag, »rebelliert und will die Bekämpfung der Tuberkulose, dieser Proletarierkrankheit, als einer sozialen Erkrankung, nicht allein mit Calmette-Verfütterung […], sondern es will sie mit sozialen Mitteln erzwingen.«113 Sozialdemokraten nutzten den Skandal also als Argument, um soziale Maßnahmen auf die Tagesordnung zu setzen. Doch selbst aus dem Robert Koch-Institut waren ähnliche Töne zu hören. So wies Direktor Fred Neufeld auf die »größere Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit ohne Impfung« in Deutschland im Vergleich zu Frankreich hin, wo die BCG-Impfung bereits eingeführt worden war. Für Neufeld stand daher fest, dass hygienischen Maßnahmen, »viel, viel wichtiger sind, als alle Schutzimpfungen«.114 Dank solcher Grundsatzkritik standen im Lübecker Impfskandal nicht nur Impfprogramme im Allgemeinen zur Diskussion, sondern ebenso das Verhältnis zwischen Medizinern und Gesellschaft. Das verantwortungslose Verhalten der verantwortlichen Ärzte Altstaedt und Deycke bot dafür die Vorlage. Tatsächlich hatten sich beide Ärzte einiges vorzuwerfen, wie der Prozess an den Tag brachte.115 Für die Breitenwirkung des Skandals war indes der Umstand bedeutsamer, dass Deycke und Altstaedt zu Chiffren für »die« Ärzteschaft mutierten. Sie standen stellvertretend für eine Elite, die auf Kosten der Bevölkerung medizinische Versuche durchführe. In einer Karikatur des Simplicissimus bedauerten die Ärzte Deycke und Altstaedt den Skandal entsprechend zynisch: »Der schlimmste Kunstfehler bei der ganzen Sache ist, daß so etwas publik werden konnte«.116 Der Impfskandal warf somit Grundsatzfragen nach dem Preis medizinischen Fortschritts auf. Während medizinische Fachzeitschriften die Tragweite des »Versehens« relativierten, stand in zahlreichen Tageszeitungen die Schulmedizin als Ganzes in der Kritik. Entsprechende Vorwürfe waren im Juni 1930 auch im Reichstag zu hören. Den Auftakt machte die Erklärung von Reichsinnenminister Joseph Wirth. Da die »Lübecker Vorfälle […] weit über die Bedeutung eines örtlichen Unglücks«117 hinausragten, forderte er eine politische Auseinandersetzung. Abgeordnete wie Wilhelm Sollmann (SPD) kamen dieser Forderung umgehend nach: »die Schulmedizin muß sich 112 StAOL, 136/4549, Sondersitzung RGR, 1. Tag, 12.12.1930, S. 66. 113 RTP, 18.06.1930, S. 5547. Mit »Calmette-Verfütterung« war die BCG-Impfung gemeint. 114 StAOL, 136/4549, Sondersitzung RGR, 1. Tag, 12.12.1930, S. 88. 115 Vgl. Hahn sowie AHL, NL Altstaedt/5, 25, 26; NSA/1898, 1902, 1903 und AHL, Gesundheitsamt Erwerb 1969 »Calmette«. 116 Arnold, S. 132. 117 RTP, 16.06.1930, S. 5457.

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darüber klar sein, daß sie durch die Vorgänge von Lübeck in ihrer Autorität im Volke einen schweren Stoß erlitten hat.«118 Etwas drastischer brachte das Julius Moses auf den Punkt. Für ihn war der Impfskandal ein Symbol für das Selbstbild einer Ärzteschaft, die jegliche Bindung zur Bevölkerung verloren habe. »Aber wie Götter über den Wolken auf dem wissenschaftlichen Olymp thronen, jede Kritik als Blasphemie, als Gotteslästerung betrachten, Opfer auf dem Altar der wissenschaftlichen Medizin immer nur von dem unwissenden Volk als etwas Selbstverständliches verlangen, das geht eben nicht mehr.«119 Noch weiter ging die KPD. Sie sah im Skandal ein Symptom für die Unterdrückung des »Proletariats« durch das »System« und frohlockte schon über die Folgen: »Nun, die Arbeiterklasse wird auch daraus die Lehre ziehen, daß eben dieses verrottete System mit den brutalsten, erbärmlichsten Mitteln gegen das Proletariat vorgeht, und sie wird daraus die Erkenntnis ziehen, daß sie mit um so stärkerer Energie und um so geschlossener den Kampf gegen dieses System führen muss.«120 Auch im Reichsgesundheitsrat ging man mit der Schulmedizin hart ins Gericht. Am lautesten kam die Kritik naturgemäß aus der naturheilkundlichen Ecke. Der Direktor der Jenaer »Universitätspoliklinik für Naturheilverfahren« Klein prangerte den »Autoritätsglauben« einer Wissenschaft an, die die »Zeichen der Zeit« ignoriere: »Die Wissenschaft, die Klinik ist materialistisch geworden. […] Unsere klinische Wissenschaft ist mechanistisch entgleist«.121 In dieselbe Kerbe schlug der Sozialhygieniker Benno Chajes mit seiner Gegenüberstellung von Gesellschaft und Schulmedizin. Die Aufklärung des Impfskandals erfordere demnach keine medizinische, sondern eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, »eine Aufklärung, die wir auch der Öffentlichkeit schuldig sind«. Als wortgewaltigster Kritiker meldete sich Julius Moses zu Wort. Er brandmarkte die »Autoritätsgläubigkeit« der Mediziner, die das Gespür für »das Volk draußen« verloren hätten. »Meine Herren, glauben Sie doch nicht, dass die Massen so dumm sind! Meinen Sie denn wirklich, daß Sie immer nur allein die Weisheit mit Löffeln gegessen haben […]? Die Massen lassen sich von oben herab nicht vorschreiben. […] [A]uch in wissenschaftlichen Fragen muß man sich auf den Standpunkt stellen, daß […] das Volk heute mitzureden hat.« Gegen solche Forderungen verwahrten sich Mediziner wie Max Gnant aus dem Württembergischen Innenministerium. Grant ging Moses und andere Kritiker im RGR scharf an und sprach von einer »künstlichen Erregung, die von bestimmter Seite in unser Volk hineingetragen wird.« Aus Sicht der Lübecker Behörden erschien diese »Erregung« natürlich besonders schwierig. Insofern waren aus der Hansestadt die schärfsten Repliken gegen eine Instrumentalisierung des Skandals für politische Zwecke zu hören. Nicht nur der Lübecker Medizinalbeamte 118 Ebd., S. 5458. 119 RTP, 18.06.1930, S. 5547. 120 So die KPD-Abgeordnete Martha Arendsee in ebd., S. 5564. 121 StAOL, 136/4549, Sondersitzung RGR, 2. Tag, 13.12.1930, S. 138.

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Diederichs beklagte, »daß gewisse Kreise diese Tragödie ausgenutzt haben, um Sonderinteressen zu verfolgen.«122 Im Kern drehte sich die Debatte also ebenso um die Grundregeln der politischen Kultur.123 Die Auslegung dieser Regeln konnte unterschiedlicher nicht sein. Während Carl Hamel vom RGA betonte, »daß die Verhandlungen […] streng vertraulicher Natur sind« und sich mehrere Teilnehmer im RGR über die Medienresonanz von Julius Moses ereiferten, forderte dieser eine Öffentlichkeitsarbeit: »Aber irgend etwas erwartet man da draußen, und ich bitte […] sich davon frei zu machen, daß es lediglich rein wissenschaftlicher Natur sein müsse: Sie müssen auch auf die Psychologie draußen Rücksicht nehmen.«124 Angesichts solcher Gegensätze mutet es wie ein Wunder an, dass der Reichsgesundheitsrat Ende 1930 zu einer gemeinsamen Erklärung fand, selbst wenn diese an Allgemeingültigkeit kaum zu überbieten war. Einigkeit bestand zumindest in der Frage, dass eine Verschärfung der Vorschriften »über Herstellung, Abgabe und Anwendung von Impfstoffen aller Art […] erforderlich« und die »Frage der Tuberkuloseschutzbehandlung beim Menschen […] noch so wenig geklärt« sei, dass »von einer allgemeinen Anwendung einer solchen Schutzimpfung« abgeraten werde.125 Schon wegen dieser Schlussformel bietet der Impfskandal ein Lehrstück über zeitgenössische Aushandlungen des gesundheitspolitischen Feldes. Gesundheitspolitik war zwar mittlerweile ein etabliertes Ressort. Allerdings wurde nach wie vor um die Leitlinien gestritten, an denen sich Gesundheitspolitik orientieren sollte. Während die eine Seite »Aufklärung« und »Beteiligung« der »Massen« forderte, pochte die andere auf wissenschaftlichen Standards und auf ihrem Expertenstatus. Lübeck war weniger Auslöser als Katalysator für Veränderungen von Impfkonzepten. Bereits die Debatten der 1920er Jahre hatten ein Umdenken beim Thema Impfzwang befördert. Der Skandal forcierte dieses Umdenken noch und rückte Bedürfnisse der Bevölkerung in die erste Reihe. So war nach dem Lübecker Impfskandal nicht nur die BCG-Impfung als Vorsorgemaßnahme für Jahrzehnte vom Tisch. Der Skandal strahlte zudem auf andere Impfprogramme aus. Zwangsvorführungen zur Pockenschutzimpfung ließen sich fortan nicht mehr durchsetzen. Wie sehr sich mit Bedürfnissen der Bevölkerung fortan Gesundheitspolitik machen ließ, belegen die Folgen des Skandals in Parlamenten, Behörden und in der Praxis. Aus Sachsen berichtete beispielsweise der Leiter der Dresdner Impfanstalt, dass er seit dem Impfskandal »mit den Impfgegnern außerordentliche Schwierigkeiten habe« und Beschwerden gegen die Pockenschutzimpfung »zu politischem Kuhhandel verwertet werden, da einzelnen Par122 Alle Zitate StAOL, 136/4549, Sondersitzung RGR, 1. Tag, 12.12.1930, S. 32, 38, 112 f., 116 f. Vgl. BAB, R 36/1280, Gutachten Deutscher Städtetag über Lübecker Gesundheitswesen, 1931. 123 Vgl. Mergel, Parlamentarische Kultur, bes. Kapitel IV. 124 Beide Zitate StAOL, 136/4549, Sondersitzung RGR, 1. Tag, 12.12.1930, S. 37, 118. 125 StAOL, 136/4549, Rundschreiben des RMI an alle Landesregierungen, 16.12.1930.

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teien an der nicht geringen Stimmenzahl der sächsischen Kurpfuscher mit Anhang gelegen ist.«126 Seit dem Impfskandal bleibe in Sachsen mittlerweile die Hälfte aller Kinder gegen die Pocken ungeimpft. Der Direktor des Hygienischen Instituts der Universität Jena begegnete solchen Entwicklungen mit blankem Zynismus: »Das deutsche Volk muss erst einmal wieder schwer von den Pocken heimgesucht werden, bevor es auf diesem Gebiete vernünftigen Überlegungen zugänglich wird.«127 3.2.3 Sicherheit für den »Volksgenossen«: Pragmatismus seit 1933 Wie nach 1918 blieb auch seit der »Machtergreifung« beim Impfen vieles beim Alten: die meisten Akteure verweilten im Amt, Gesetze blieben bestehen, Programmatik und Praxis des Impfens umstritten, Gewissensklausel und Gewissensnöte nach wie vor ein Thema. Gerade Letzteres macht die Kontinuität allerdings äußerst bemerkenswert. Musste die Immunisierung des »Volkskörpers« in der »biopolitischen Entwicklungsdiktatur« (Hans-Walter Schmuhl) nicht höchste Priorität haben? War jetzt nicht die Zeit gekommen, der latenten Liberalisierung des Impfgesetzes ein Ende zu bereiten? Konnte die »Biokratie« (Lifton) das gesundheitspolitische Heft nicht einfach ergreifen und Bedenken gegen das Impfen qua »Führerprinzip« zum Schweigen bringen? Das Gegenteil war der Fall. Bei Impfprogrammen hörten Experten seit 1933 mehr denn je auf »Volkes Stimme«. Diese Entwicklung knüpfte nicht nur an Auseinandersetzungen der frühen 1930er Jahre um Enzephalitis-Erkrankungen und Lübecker Impfskandal an. Sie entsprach zugleich dem Inklusionsgedanken der »Volksgemeinschafts«-Ideologie. Schließlich fußte der Erfolg von Impfungen – im Gegensatz etwa zu Sterilisationsmaßnahmen – nicht auf der Ausgrenzung und Isolierung »Gemeinschaftsfremder«, sondern auf dem Zuspruch der »Volksgenossen«, die das Projekt Immunität zu ihrer Sache machen sollten.128 Die immunisierte »Volksgemeinschaft« war daher mehr als eine nationalsozialistische Übersetzung des »Herdenschutz«-Prinzips. Sie war ein Modell, das auf die Einbindung des »Volksgenossen« ins Projekt »Volkskörper« und daher auf Überzeugung und Mobilisierung setzte. Im Nationalsozialismus mussten Sicherheitsbedürfnisse der »Volksgemeinschaft« und jene des einzelnen »Volksgenossen« daher genau austariert werden. Aus diesem Grund erhielten im Februar 1934 sämtliche Landesregierungen ein Rundschreiben von Reichsinnenminister Wilhelm Frick, dass eine baldige »Revision des Impfgesetzes […] voraussichtlich die Gewissensklausel«129 brin126 BAB, R 1501/3648, Schreiben Staatsimpfanstalt Dresden, 31.03.1931. 127 BAB, R 1501/3648, Schreiben Zentralkomitee ärztliches Fortbildungswesen Preußen an preußisches Ministerium für Volkswohlfahrt, 20.07.1931. 128 Zum Zusammenhang von Exklusions- und Inklusionsprozessen Süß, D. u. Süß, W.; Wildt. 129 StAOL, 136/5002, Rundschreiben RMI, 01.02.1934.

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gen werde.130 Fortan sollten besorgte Eltern ihre Kinder von der Pockenschutzimpfung zurückstellen können.131 Diese Botschaft wanderte via Tagespresse schnell durch ganz Deutschland.132 Begründet wurde dieser Schritt mit der »Berechtigung« elterlicher Gewissensnöte: »Diese Erwägungen drängen dazu, einem weitgehenden Volksempfingen Rechnung zu tragen […], um in Deutschland die sogenannte Gewissensklausel«133 einzuführen. Das Schreiben entsprang einem mehrmonatigen Denkprozesses. Schließlich ging es bei der Entscheidung für die Gewissensklausel um Grundsätzliches, wie Johannes Breger vom RGA in einer Beratung im Reichsinnenministerium im März 1934 erläuterte. Auf der einen Seite stehe der »Pockenschutz des deutschen Volkes«, auf der anderen seien »schwere Schädigungen« einzelner Impflinge zu beklagen. Für eine neue Gesetzesfassung sei daher »zu prüfen, ob es einer staatlichen Ethik entspreche, ein solches Opfer zu verlangen«. Breger plädierte für eine »Lockerung des Impfzwanges«, da mittlerweile eine »volkstümliche gesundheitliche Aufklärung« möglich und die Bevölkerung »so gut diszipliniert sei«, dass die Gefahr der Impfmüdigkeit sinke. Noch einen Schritt weiter ging von Kapff vom RMI. Seiner Meinung nach müsse man gerade im »Dritten Reich« genauer »in das Volk hineinhören«: »Sollte die Zwangsimpfung bestehen bleiben, so werde die Mehrheit des Volkes daran zweifeln, dass in der Medizinalpolitik Deutschlands nationalsozialistische Grundsätze maßgebend seien.« Ähnlich argumentierte der Präsident des Sächsischen Landesgesundheitsamts Weber. Zwar sollte seiner Meinung nach bei einer Änderung des Impfgesetzes nicht das Wort »Gewissensklausel« verwendet werden, da es »englischen Ursprungs« sei. Die semantische Distanzierung hielt Weber gleichwohl nicht davon ab, im nächsten Atemzug explizit eine »Gewissensklausel« als »Konzession […] an die schwächeren Volksgenossen« zu fordern. In der Lesart Bregers, von Kapffs und Webers avancierte die Gewissensklausel also zu einem Medium »volksgemeinschaftlicher« Homogenisierung – und zwar im doppelten Sinne. Erstens sollte die Einbindung der »Volksgenossen« in das Vorsorge-Projekt auf Eigeninitiative beruhen. Zweitens diente der Zuspruch zu Impfprogrammen als Gradmesser für die Akzeptanz des NS-Staates, so dass »schwächere Volksgenossen« von Impfungen überzeugt und nicht gezwungen werden sollten.134 Gegen diesen Ansatz sprachen vor allem militärische Überlegungen, die den weiteren Verlauf der Beratung bestimmen sollten. Für das Reichswehrministerium meldete sich während der Beratung Heeresinspekteur Anton Waldmann zu Wort. Seiner Meinung nach sprachen zwei Gründe gegen eine Gewissensklausel. Sie widerspreche erstens dem Führerprinzip und damit dem Grundsatz militärischer Ordnung. Entscheidender noch sei aber der zweite Grund, 130 StAOL, 136/5002, Rundschreiben RMI an Landesregierungen, 04.04.1934. 131 BAB R 1501/3648, Rundschreiben RMI an RKI und Reichsministerien, 02.03.1934. 132 Vgl. die Pressesammlung in StAHH 331-1 I/1334 Bd. 3. 133 BAB R 1501/3648, Rundschreiben RMI an RKI und alle Reichsministerien, 02.03.1934. 134 Alle Zitate BAB, R 1501/3648, Protokoll Beratung RMI, 14.03.1934.

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»könne man es nicht verantworten, im Falle eines uns aufgezwungenen Zukunftskrieges […] im Volke Seuchenherde entstehen zu lassen, die das Heer in der Bewegungsfreiheit hinderten.« Es war diese »Gefährdung […] der Landesverteidigung«, die letztlich den Ausschlag bei der Abstimmung gab. Als Ergebnis der Beratung fasste Arthur Gütt zusammen, dass eine Mehrheit der Anwesenden wegen wehrpolitischer Gründe »gegen eine Lockerung des Impfgesetzes eingestellt sei«. Gottfried Frey unterstrich diesen Eindruck noch mit den Ergebnissen einer Sitzung des preußischen Landesgesundheitsrats einige Tage zuvor. Hier hatten Vertreter der »Reichswehr, Reichsmarine, der SA. und SS., des Deutschen Roten Kreuzes, der Hitler-Jugend« ebenfalls mit »wehrpolitischen« Gründen gegen eine Gewissensklausel votiert.135 Zwar waren militärische Überlegungen und die deutsche »Mittellage« schon im Kaiserreich und in Weimar schwer­wiegende Argumente gewesen. Mitte der 1930er Jahre gewannen militärmedizinische Argumente indes an Gewicht, dass sie selbst Bedenken der NSDAP überwogen. So hob »Reichsärzteführer« Gerhard Wagner am Ende der Beratungen hervor, dass man »in Parteikreisen« zwar für ein Ende der Impfpflicht eingetreten sei. Die »Bedenken der Reichswehr« hätten ihn jedoch davon überzeugt, dass man »sich die Gewissensklausel aus wehrpolitischen Gründen nicht leisten könne«, so dass er die NSDAP-Reichsleitung entsprechend unterrichten wolle. Damit steht die Beratung im März 1934 sinnbildlich für eine Zweiteilung des Impfkonzepts im »Dritten Reich«: Auf der einen Seite gaben militärische Erwägungen bereits kurz nach der »Machtergreifung« die Leitlinie für die Pockenschutzimpfung vor. Bei Massenimpfungen der Reichswehr bzw. Wehrmacht sowie beim Reichsarbeitsdienst wurde der Pockenschutz daher konsequent aufgefrischt. Auf der anderen Seite ging diese Konsequenz mit erheblichen Erleichterungen gegenüber Kleinkindern und Zwölfjährigen einher. Schließlich herrschte auf der Beratung im Innenministerium unter allen Teilnehmern »Einstimmigkeit darüber, dass die Durchführung des Impfgesetzes, auch wenn der Impfzwang bestehen bleibe, unter allen Umständen geändert werden müsse; von den gegenwärtigen Massenimpfungen müsse man abrücken.«136 Darüber hinaus seien fortan »höchstens 50 Erst- und 80 Wiederimpflinge« zu den öffentlichen Impfterminen zu laden137  – gegenüber den bislang üblichen Hundertschaften war das eine spürbare Erleichterung. Dass Experten in der Beratung im Innenministerium sogar einen Widerspruch zwischen Impfpflicht und NS-Ideologie formulierten, unterstreicht den generellen Trend seit 1933. Im »Dritten Reich« sollte daher sehr viel häufiger von »Aufklärung«, »Überzeugung« oder »volkstümlicher Propaganda« als vom Zwang die Rede die sein, wie weitere Entwicklungen seit Mitte der 1930er Jahre zeigen werden.

135 Beratung, S. 26 f., 48 f. 136 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Rundschreiben RMI an Landesregierungen, 04.04.1934. 137 StAOL, Rep 640, 242-4/45, Rundschreiben RMI an alle GA, 12.08.1935.

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Wo Aufklärung und Überzeugungsarbeit nicht fruchteten, behalf man sich daher nicht mit Zwang, sondern mit Pragmatismus, der Ende 1935 sogar zum Programm erhoben wurde. In einem Schreiben an das Reichsinnenministerium fasste das RGA Erfahrungen mit Lockerungen der Impfpflicht zusammen, um daraus Leitsätze für eine »elastische Handhabung« des Impfgesetzes abzuleiten. Insbesondere bei den Rückstellungen von der Pockenschutzimpfung sei eine gewisse Flexibilität zu empfehlen, weil »jeder Hetze gegen das Impfgesetz durch eine derartige elastischere Behandlung der Bevölkerung der Boden entzogen« werde: »wenn der Impfarzt aus psychologischen Gründen auch hier und da einmal ein Kind nicht impft, welchem die streng medizinische Indikation vielleicht eine Impfung hätte erzwingen können, so schädigt das Verfahren in keiner Weise den Pockenschutz des deutschen Volkes; es nützt aber in hohem Grade der allgemeinen Durchführung des Impfgesetzes, da eine solche Maßnahme dazu angetan ist, unnötige Hetze und Feindschaft gegen die Durchführung des Impfgesetzes zu verhüten. […] Der Volkstümlichkeit der Gesundheitsgesetze, die gerade im nationalsozialistischen Staate als unbedingt erwünscht erscheinen muss, ist aber mehr gedient, wenn unnötige Unruhe bei der Durchführung der Gesetze in der Bevölkerung vermieden wird.«138 Diese »Elastizität« war wenig mehr als ein Feigenblatt. Zwar bestand das RGA auf seinem staatlichen Machtanspruch über den individuellen Körper zum Schutze des »Volkskörpers«. Praktisch wurde dieser Machtanspruch jedoch nicht mehr durchgesetzt, um eine Verunsicherung der »Volksgenossen« zu vermeiden. Wenn die immunisierte »Volksgemeinschaft« die Zustimmung der Bevölkerung zur Gesundheitspolitik spiegelte, war es demnach umso zielführender, potenziellen Konflikten vorsorglich aus dem Weg zu gehen. Die »elastische Behandlung« schlug sich seither in gesetzlichen Bestimmungen nieder. War die Pockenschutzimpfung noch in den 1920er Jahren das Eingangstor zur höheren Bildung gewesen, galt der Impf-Nachweis seit Frühjahr 1936 nicht mehr als »Voraussetzung für die Aufnahme in die höhere Schulen«.139 Hinzu kamen 1938 Anordnungen zur Erleichterung von Entschädigungszahlungen für Impfschäden als »Billigkeitszuwendungen«.140 Das war zwar noch keine gesetzliche Regelung einer Entschädigungspflicht, aber doch die Umsetzung einer Forderung, die seit 1925 immer wieder beschlossen worden war. Mit einer Verordnung des Reichsinnenministeriums von 1940 fand die »neue Elastizität« schließlich sogar in Gesetzesform. Aufgrund der »geringen Gefahr einer Pockenepidemie« setzte die Verordnung auf eine Förderung des »Verständnisses für die Impfung« in »allen Volkskreisen«, was seither eine »Verschiebung« von Impfungen zuließ.141 In diesem Sinne lässt sich eine Behauptung des »Vorsorgestaats« seit Mitte der 1930er Jahre doppeldeutig verstehen: 138 BAB, R 1501/3647, Schreiben des RGA an RMI, 12.11.1935. 139 StAF, Schulamt/7098, Ausschnitt aus Amtsblatt RMI, 20.03.1936. 140 BAK, B 142/62, Urteil Hanseatisches Oberlandesgericht, 3U344/1950, 07.05.1951. 141 ÖGD 6 (1940/41), S. 218 f., hier S. 218.

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Einerseits behauptete sich der Vorsorgestaat durch das offizielle Festhalten an der Impfpflicht. Andererseits blieb er eine bloße Behauptung, da die Impfpflicht in der Praxis mit staatlicher Billigung regelmäßig unterlaufen wurde. Was genau waren die Gründe für diesen präventiven Pragmatismus ausgerechnet im »Dritten Reich«? Woher rührte das wachsende Verständnis für die Sorgen der »Volksgenossen«? Zunächst einmal fußte der Pragmatismus auf einem Wandel von Risikovorstellungen. Zwar stellten die Pocken schon seit der Jahrhundertwende für die meisten Deutschen keine große Bedrohung mehr dar. In den 1930er Jahren erschien die Pockengefahr indes selbst den meisten Experten gering. Das galt übrigens selbst mit Blick auf die epidemiologische »Mittellage«, worauf Medizinalrat Ernst Mewius 1934 hinwies. Während das Reich früher direkt am »Seuchenherd« Russland gelegen habe, erfülle Polen mit seinem »strengen Impfgesetz« seit den 1920er Jahren eine Art Pufferfunktion.142 Darüber hinaus veränderten sich die Risikowahrnehmungen. Während die Angst vor den Pocken schwand, rückten neue Bedrohungen in den Fokus. Vor allem die Zunahme von Diphtherietodesfällen weckte Mitte der 1930er Jahre das Interesse der Experten. Insofern stand der Pragmatismus bei der Pockenimpfung auch im Zusammenhang mit der Einführung neuer Impfprogramme. Wollte man die »Volksgenossen« für Diphtherieimpfungen gewinnen, waren Ängste vor Zwangsmaßnahmen kontraproduktiv. Im Übrigen widersprach nicht einmal das Ziel der »Erhaltung der Wehrfähigkeit«143 dem neuen Pragmatismus, weil sich das Impfen von Soldaten ohnehin befehlen ließ. Die Geschichte des Impfens macht also darauf aufmerksam, dass gesundheitspolitische Maßnahmen im »Dritten Reich« differenzierter betrachtet werden müssen, als es das Bild von der »biopolitischen Diktatur« suggeriert. Medizinische Zwangsmaßnahmen kamen vor allem dort zum Einsatz, wo »Gemeinschaftsfremde« betroffen waren. Medizinische Exklusion und Selektion betrafen psychisch Kranke, Behinderte, »Asoziale«, Homosexuelle oder jüdische Bürgerinnen und Bürger. Da Impfungen die »Mehrheitsgesellschaft« betrafen, wurden Impfprogramme hingegen als inkludierendes Konzept gedacht. Insofern sprachen politische Gründe für eine Impfpolitik, die auf Popularisierung, Partizipation und Aufklärung setzte und mit Verweigerungen pragmatisch umging. Wenn der Zuspruch der »Volksgenossen« zu Impfprogrammen einer »staatlichen Ethik« entsprach und als Seismograph für die Akzeptanz der NSGesundheitspolitik fungierte, waren Konflikte ein Problem, dem man »elastisch« begegnete. Das schloss einzelne Sanktionen gegen öffentlich auftretende Impfgegner ebenso ein wie das stillschweigende Gewährenlassen von Impfverweigerung zehntausender »Volksgenossen«, wie noch zu zeigen sein wird.

142 Mewius, S. 358 u. 362. 143 Vgl. BAB, 1501/3647, Besprechung Beauftragter Reichsärzteführer mit RMI, 15.10.1935.

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3.2.4 Flankierte Freiwilligkeit (I): Einführung der Diphtherieschutzimpfung Lange Zeit hatte die Pockenschutzimpfung ein Alleinstellungsmerkmal. Selbst nachdem in Deutschland Impfprogramme gegen Typhus, Ruhr und Tetanus erprobt worden waren, stand die Impfung gegen Pocken als gängiges Synonym für »die« Impfung. Erst Ende der 1920er Jahren fanden weitere Impfprogramme in das präventive Arsenal des öffentlichen Gesundheitswesens. Neben der BCGImpfung, die wegen des Lübecker Impfskandals schnell wieder von der Bildfläche verschwand, machte die Diphtherie-Schutzimpfung von sich reden. Eigentlich hatte sie ein Nobelpreisträger schon vor längerem ins Gespräch gebracht. Stand lange Zeit nur ein Serum für die Behandlung der Diphtherie zur Verfügung, verkündete Emil von Behring kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine »Prophylaxe« mit mehrjähriger »aktiver Immunisierung«,144 die auf gewaltige mediale Resonanz stieß.145 Obgleich die Diphtherieschutzimpfung zudem 1913 in Magdeburg erfolgreich am Menschen erprobt wurde,146 hielten sich die Deutschen mit Impfprogrammen zurück: Der Weltkrieg öffnete das Aufmerksamkeitsfenster erst einmal für Impfungen gegen die gefürchteten »Kriegsseuchen«.147 Das änderte sich Mitte der 1920er Jahre. Mit erschreckenden Zahlen meldete sich 1924 Rudolf Degkwitz von der Münchener Universitätsklinik in einem Vortrag und via »Bayern Kurier« zu Wort: »über 100.000 deutsche Kinder erkranken und über 15.000 sterben jährlich an Diphtherie«.148 Andere Zeitungen griffen Degkwitz’ Diagnose auf und warnten vor der neuen Bedrohung: »Unter den übertragbaren Krankheiten […] steht die Diphtherie an erster Stelle.«149 Obgleich das RGA solche Bedrohungsszenarien für übertrieben hielt – demnach erkrankten Anfang der 1920er Jahre jährlich um die 60.000 Personen an Diphtherie, von denen ca. 6.000 starben –, war Degkwitz’ Vortrag ein Weckruf. Vielleicht fruchtete der Vorwurf der Presse, dass die Impfung bereits im Ausland »mit gutem Erfolge angewendet« werde, während »das Geburtsland dieser wissenschaftlichen Großtat, Deutschland, [….] keinen Nutzen«150 aus der Maßnahme gezogen hatte. Möglicherweise gab auch die Kostenersparnis der Impfung angesichts hoher Krankenhauskosten den Ausschlag. Zumindest machte man sich im RGA an die Planung umfassender Diphtherie-Schutzimpfungen, die 1934 in einem ersten »Großversuch« im Raum Aachen mündeten. Es spricht für den Wandel nationalsozialistischer Impfkonzepte, dass bei Einführung der Diphtherieschutzimpfung Mitte der 1930er Jahre keine Impfpflicht erwogen wurde. Nicht nur starteten Impfprogramme in Aachen, Rasten­ 144 BAB, R 1501/9329, Schreiben KGA an Staatssekretär des Innern, 10.01.1914. 145 Vgl. Presseberichterstattung 1914 bis 1922 in BAB, R 1501/9330. 146 Vgl. BAB, R 1501/9329, Schreiben Magdeburger Regierungspräsident, 10.02.1914. 147 Vgl. König. 148 BAB, R 1501/9329, Bayern Kurier, Die Diphtherieschutzimpfung, 17.06.1924. 149 Berliner Lokalanzeiger, Öffentlicher Schutz vor Diphtherie, 20.06.1925. 150 BAB, R 1501/9329, Schreiben des Präsidenten des RGA an RMI, 19.07.1924.

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burg, Breslau und Halberstadt als freiwillige Maßnahme. Darüber hinaus blieb man dem Prinzip Freiwilligkeit auch später bei der reichsweiten Einführung treu.151 Winfried Süß hat sich über diese Entwicklung mit guten Gründen sehr erstaunt gezeigt: »In einem Land, […] das seit der […] Machtergreifung die individuellen Rechte auf körperliche Selbstbestimmung zugunsten der Gesundheit eines imaginären ›Volkskörpers‹ zunehmend eingeschränkt und damit die Durchsetzungschancen einer solchen Impfung vergrößert hatte, einem Land, das mit einem dichtgewirkten Netz öffentlicher Gesundheitsämter über ein leistungsfähiges Durchführungsinstrument staatlich angeordneter Reihenimpfungen verfügte […] kann diese Entwicklung überraschen.«152 Süß führt die Abkehr vom Zwang und die zögerliche Einführung der Diphtherieschutzimpfung auf finanzielle Gründe zurück, da Kommunen und Krankenkassen über Kostenfragen uneins waren. Annette Hinz-Wessels erklärt die Freiwilligkeit hingegen mit knappen Impfstoffvorräten sowie später mit der Kriegssituation, in der eine systematische Erfassung aller Kinder erschwert worden sei.153 Schon die bisherigen Befunde sprechen für eine andere Erklärung. Die freiwillige Diphtherieschutzimpfung passt zwar nicht in unser Bild von der »Biodiktatur«. Doch sie passt zum präventiven Pragmatismus der 1930er Jahre. Die freiwillige Diphtherieschutzimpfung war Kind einer Zeit, in der Popularisierung und die Mobilisierung des »Volksgenossen« zum Leitprinzip avancierten. Flankiert wurde das Prinzip Freiwilligkeit zudem von sozialem Druck und einer Angstpolitik, die die Beteiligung an der Diphtherieschutzimpfung erhöhte. Davon abgesehen sprachen Kostengründe ja gerade für Impfungen. So begründeten Kommunen und Städte die massive Ausweitung der Diphtherieschutzimpfung ab den 1940er Jahren explizit mit dem Kostenargument, da Behandlungskosten, Arztstunden und Krankenhausbetten durch die Impfung eingespart würden. Eine »Ökonomisierung des Sozialen« durch Impfungen war im Krieg gefragter denn je, zumal eine Erfassung der Kinder in KLV, HJ- und Aufnahmelagern einer systematischen Immunisierung sogar noch in die Hände spielte. Bemerkenswert ist die Entdeckung der Freiwilligkeit noch in anderer Hinsicht: wegen der hohen Erkrankungs- und Todeszahlen an Diphtherie. Immerhin kam es im Deutschen Reich im Laufe der 1930er Jahre zu einem »beträchtlichen Anstieg der Diphtherie«154 mit mehr als 100.000 Erkrankungen und 6.400 Toten im Jahr 1934 sowie über 180.000 Erkrankungen und bis zu 7.800 Todesfällen im Jahr 1935. Die Diphtherie, so bilanzierte Erich Rominger, Leiter der Kieler Kinderklinik, habe sich im Nationalsozialismus »zu einer höchst gefährlichen Volksseuche entwickelt.«155 War diese Situation nicht eine Bedro151 HStAS, E 130b/2790, RMI-Runderlass zur Diphtherieschutzimpfung, 15.06.1935. 152 Süß, W., Volkskörper, S. 217 f. 153 Hinz-Wessels, Das Robert Koch-Institut, S. 98 f. 154 Gundel, S. 3. 155 Rominger, S. 81.

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hungslage, die eine Pflichtimpfung mehr als rechtfertigte? War diese Rechtfertigung nicht umso überzeugender, wenn man sich die geringe Bedrohung durch die Pocken vor Augen hielt, gegen die eine Impfpflicht de iure nach wie vor Bestand hatte? Das Gegenteil war der Fall: Freiwilligkeit und Bedrohungsgefühle gingen bei Einführung der Diphtherieschutzimpfung Hand in Hand. Gerade weil die Erkrankungszahlen anstiegen und die Presse mit diesen Zahlen nicht hinterm Berg hielt, wuchs der Zuspruch zur Impfung in der Bevölkerung. Schon die erste Kampagne im Landkreis Aachen in den Jahren 1934 und 1935 glänzte durch hohe Beteiligungen. Unter Leitung Max Gundels führten Gesundheitsämter, Amtsärzte, NSV und Rotes Kreuz ein Impfprogramm durch, in dem von 354.000 Kindern 89,2 Prozent freiwillig gegen Diphtherie immunisiert wurden.156 Es ist nicht ohne Ironie, dass man im Falle der Pflichtimpfung gegen Pocken von solchen Prozentzahlen allenfalls träumen konnte. Für die Einführung der Diphtherieschutzimpfung als freiwillige Maßnahme sprachen also mehrere Gründe: zum einen die Erfahrungen aus Debatten um Impfschäden und Impfpflichten seit dem Lübecker Impfskandal; zum anderen erste Erfahrungen mit neuen Vermittlungsformen. Die Popularisierung des Impfens legte seit Mitte der 1930er Jahre nämlich zwei neue Schwerpunkte, mit denen der Wandel von Impfkonzepten im »Dritten Reich« klarere Konturen gewinnt, so dass sie im Folgenden eingehender betrachtet werden. Zum einen fußten Appelle auf sozialem Druck und sozialer Disziplinierung, die eine Propagierung des Impfens als ein Projekt der »Volksgemeinschaft« entfaltete. Zum anderen setzten Impfprogramme auf eine Gefühlspolitik und Instrumentalisierung von Ängsten. Obgleich in sämtlichen Aufrufen die Freiwilligkeit der Diphtherieschutzimpfung betont wurde, machten sie deutlich, dass bei der Immunisierung für alle viel auf dem Spiel stand. Die Erhöhung des Impfens zu einem Projekt der »Volksgemeinschaft« sollte allen Eltern deutlich machen, dass eine Immunisierung nicht nur dem Eigeninteresse, sondern ebenso dem Gemeinnutz geschuldet war. Bereits die ersten Diphtherie-Schutzimpfungen schrieben das Projekt der Immunisierung daher in das Projekt der »Volksgemeinschaft« ein. So wurde Ende 1936 eine Impfaktion in Halberstadt in der Presse als »Werk bester Volksgemeinschaft«157 verklärt und dank der Presseverteiler von Pharmaunternehmen als »volksgemeinschaftliches« Vorbild im ganzen Reich unters Volk gebracht. Da war von einer »Gemeinschaftsfront gegen die Diphtherie!« zu lesen, in die sich »Jeder […] einreihen« müsse.158 Die Mobilisierung der »Volksgemeinschaft« erschöpfte sich nicht in Pressemeldungen. Gleichzeitig erhöhten die Verantwortlichen den sozialen Druck auch im direkten Kontakt. Von einer »speziellen Werbung, bei der die einzelnen Blockleiter die Eltern«159 auf156 Gundel, S. 198. 157 Anhalter Anzeiger, 10.000 Kinder werden in Halberstadt geimpft, 24.11.1936. 158 Halberstädter Zeitung, Gemeinschaftsfront gegen die Diphtherie!, 20.11.1936. 159 BAB, R 36/1322, Bericht Hannoveraner Oberbürgermeister, 18.12.1942.

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suchten, ist in mehreren Städten die Rede. Sie zeugt vom Engagement der Partei und unterstreicht den Befund, dass Impfungen nicht nur als medizinische Maßnahme, sondern ebenso als Medium der sozialen Disziplinierung verstanden wurden. Erhöht wurde der soziale Druck noch durch Vernetzungen verschiedener Akteursgruppen. Für die Werbung stellten sich Ärzte und Medizinalbeamte, Lehrer und Rot-Kreuz-Schwestern, NSV-Zellenwarte und -Fürsorgerinnen, Polizisten, Journalisten ebenso wie Bürgermeister in den Dienst. Ein Zusammenspiel zwischen Medizinern, Polizisten und Lehrern hatte zwar zuvor schon die Pockenschutzimpfung gefördert. Im »Dritten Reich« erweiterten sich jedoch sowohl der Kreis der Beteiligten als auch die politische Aufladung ihrer Zusammenarbeit. In den Kooperationen formierte sich demnach eine »geschlossene Abwehrfront aller maßgeblichen Stellen«,160 wie ein Beobachter aus Westfalen behauptete. Gerade weil solche Behauptungen reale Spannungsverhältnisse zwischen den Akteuren vertuschten, waren sie als Ideal »volksgemeinschaftlichen« Zusammenhalts gefragt, was den Druck unter den Akteuren erhöht haben dürfte. Wo sozialer Druck nicht ausreichte, sollten Ängste die Impfbeteiligung erhöhen. Bei Einführung der Diphtherieschutzimpfung las man in Fachzeitschrif­ ten ebenso wie in Tageszeitungen von bedrohlichen Entwicklungen. Das Deutsche Ärzteblatt sprach beim Ausbruch einer Diphtherieepidemie in Brandenburg Mitte der 1930er Jahre sogar vom Scheitern aller Schutzmaßnahmen und warnte vor einem unkontrollierten Wüten der Seuche: »Alle […] in der Seuchenbekämpfung bewährten Maßnahmen konnten der Diphtherie nicht Einhalt gebieten. Sie wütete weiter und forderte ihre Opfer besonders unter der Jugend. Von den bisher zu verzeichnenden 42 Todesfällen der Jahre 1934/35 sind 41 bei Kindern bis zum 14. Lebensjahre eingetreten; 17 von diesen Kindern waren im zarten Alter bis zu sechs Jahren!«161 Auch während der Impfkampagnen in Westfalen konnten die Deutschen Erschreckendes lesen. Ein Aufruf der NSV malte die »Zunahme der Diphtherie« in düsteren Farben aus und beklagte »viele junge Menschenleben«, die »der Seuche, die gerade Kinder mit Vorliebe heimsucht, […] zum Opfer gefallen«162 seien. Waren solche Meldungen nicht das Eingeständnis eines doppelten Scheiterns – sowohl der staatlichen Interventionskompetenz als auch der ärztlichen Heilkunst? Stellten Schilderungen bedrohlicher Entwicklungen nicht die Effektivität des Gesundheitswesens in Frage? Selbstverständlich waren Bedrohungs-Szenarien höchst funktional, erhöhten sie doch den Zuspruch zu Vorsorgemaßnahmen. Insofern endete die genannte Schreckensmeldung des Ärzteblatts mit einem Hoffnungsschimmer: »Besprechungen mit den Ärzten des Reichsgesundheitsamtes haben ergeben, daß nur noch die aktive Schutzimpfung gegen Diphtherie der Ausdehnung der Seuche Einhalt gebieten kann.«163 Die 160 Gundel, S. 44. 161 Deutsches Ärzteblatt, Aufruf zur Diphtherie-Impfung, 28.09.1935. 162 Ein Abdruck des Merkblatts findet sich bei Gundel, S. 38 f. 163 Deutsches Ärzteblatt, Aufruf zur Diphtherie-Impfung, 28.09.1935.

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»Gefühlspolitik«164 beförderte also elterliche Ängste. Detaillierte Beschreibungen des Erstickungstodes machten die Folgen fehlender Verantwortungsbereitschaft beinahe körperlich spürbar. »Eltern!«, warnte ein Merkblatt in München 1941, »Die Verantwortung, die ihr tragt, ist groß! Ihr dürft Eure Kinder nicht der Gefahr einer Diphtherieerkrankung aussetzen!« Entsprechend deutlich beschrieb das Merkblatt die Allgegenwart der Bedrohung: »Diphtherie-Todesfälle sind immer besonders schmerzlich und traurig, weil sie in der Regel Kinder treffen, die bis dahin vollständig gesund waren und nun plötzlich aus vollster Gesundheit in wenigen Tagen hinweggerafft werden. Der Diphtherietod ist ein Herztod oder Erstickungstod.«165 Geschürt wurden Ängste auch von Filmen der Pharmaunternehmen. »Eltern«, so endete beispielsweise der Film »Kampf gegen Diphtherie«, »die Kinder sind Euer kostbarstes Gut.«166 Das kostbare Gut setzte der Film gut in Szene: Nichtsahnende Kinder spielen auf dem Spielplatz, auf dem sie sich bei anderen Kindern mit Diphtherie anstecken. Erwachsene wiederum spielen in dem Film die Rolle geläuterter Eltern, die aus der Erkrankung eines Kindes »die Lehre aus diesem Schreck gezogen haben«.167 Dank solcher Werbemedien machte die Gefühlspolitik sogar Schule, und zwar im eigentlich Wortsinn: Seit den 1940er Jahren verteilten die Marburger Behringwerke Vordrucke mit »Elternbriefen«, die an Schulen zum Diktat gegeben und anschließend zu Hause vorgelegt werden sollten. Lesen konnten die Eltern hier eine flehende Bitte des Kindes: »Millionen von Kindern in Deutschland und auch in anderen Ländern sind schon geimpft. Wollte Ihr mich nicht auch schützen, liebe Eltern? Ich bitte Euch darum!«168 Mit der Einführung der Diphtherieschutzimpfung zeigte der Vorsorgestaat ein neues Gesicht. Statt auf Zwang setzte man auf Freiwilligkeit, Angst und Aufklärung. Dass Aufklärung tatsächlich ernst genommen wurde, unterstreicht eine neue Maßnahme der Gesundheitsämter seit 1935: die Aussprache mit der Bevölkerung über Vor- und Nachteile der Impfung.169 Selbst wenn man an der Offenheit dieser Aussprache Zweifel hegt, war das Angebot doch ein Zeichen, dass man die Bevölkerung in das Projekt Immunisierung einbinden wollte. Aus all diesen Gründen spreche ich von »flankierter Freiwilligkeit«. Wo das Bedürfnis der Eltern nach Impfungen schwach ausgeprägt war, half man zwar mit Disziplinierung, Druck und Bedrohungsszenarien nach. Und doch markiert die flankierte Freiwilligkeit einen Wandel deutscher Impfprogramme seit den 1930er Jahren. Eine Bilanz aus dem letzten Kriegsjahr schrieb den Erfolg dieses Wandels im Rückblick übrigens offiziell fest: Obwohl »die Frage« nach einer Impfpflicht gegen Diphtherie seit den 1930er Jahren »mehrfach gestellt wurde«, 164 Zum Konzept vgl. Budde. 165 Zitate BAB, R 36/1322, Merkblatt »Diphtherie-Schutz!«, [1942]. 166 BAM/1963, Manuskript »Kampf gegen Diphtherie«, S. 34. 167 Ebd., S. 33. 168 BAM/463, Vordruck Elternbrief, ca. 1941. 169 Vgl. Gundel, S. 39; Gundel u. Müller-Voigt.

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wie Bieber vom RMI betonte, sei Freiwilligkeit ein Erfolgsrezept. Da es der Propaganda gelinge, dass »bis zu 99 % der Kinder […] zu den Impfterminen erschienen«, erübrigten sich Pflichtmaßnahmen, wie Bieber beruhigt endete: »Weshalb also Zwang anwenden, wenn es freiwillig geht.«170 3.2.5 Ökonomisierung des Sozialen: Impfungen als Kriegs-Kompensation »Vorbeugen ist besser, nicht zuletzt, weil es billiger ist«171 – das Kostenargument hatte bereits in Weimars Krisenzeiten bei der Pockenimpfpflicht eine Rolle gespielt. Noch häufiger war dieses Argument Ende der 1930er Jahre zu hören. 1938 rechnete ein Münchener Medizinalbeamter für die Diphtherieschutzimpfung die Kostenersparnis auf die Reichsmark genau aus. Den Kosten für die Behand­ lung eines Diphtheriekranken standen demnach weniger als ein Drittel der Kosten für eine aktive Immunisierung gegenüber, so dass die »finanzielle Impfungsbilanz […] positiv« sei.172 Die Diphtherieschutzimpfung sparte aber nicht nur Kosten. Ihre Einführung erlaubte zudem eine Ökonomisierung des Sozia­ len, wie sie Arthur Gütt Ende der 1930er Jahre vorschwebte. Da man sich »eine Vergeudung des wertvollsten Kapitals, über das wir verfügen, nämlich der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit des deutschen Menschen, nicht leisten«173 könne, seien Impfungen gegen Diphtherie auch von bevölkerungspolitischem Wert. Dieses Argument avancierte seit Kriegsbeginn zur Leitlinie des Gesundheitswesens.174 Angesichts knapper Ressourcen und fehlender Ärzte wuchs nun der Druck auf einzelne »Volksgenossen« ebenso wie auf Behörden und Ämter. Impfungen avancierten zu einem sozialpolitischen Steuerungsinstrument, sparten sie doch Kosten und Krankenhausbetten. Insofern lässt sich auch der Krieg als Motor der Immunisierung verstehen: Je schwerer die Kriegslage auf Kommunen und Kreise drückte, desto willkommener waren Impfungen. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum im Westen des Reiches das Interesse an Diphtherieschutzimpfungen mit Kriegsausbruch wuchs. Im Bezirk Düsseldorf machte man sich beispielsweise seit 1939 an die Impfung von über 730.000 Kinder nicht obwohl, sondern weil man »zum Operationsgebiet erklärt« worden war: »[G]erade um der […] Schwierigkeiten willen mußte die Impfung sobald wie möglich überall durchgeführt werden. Die Krankenbetten waren knapp, manches Krankenhaus diente als Reservelazarett, und zu Hause konnten diphtheriekranke Kinder noch weniger bleiben, da die Absonderung im Luftschutzraum meist nicht durchführbar war. Auch die Verschickung von 170 Bieber, S. 69 f. Vgl. BAB, R 1501/3686, RMI, Luftterror und Seuchenverhütung, [1944/1945], S. 5. 171 Bröckling, Vorbeugen, S. 46. 172 Pfaundler, S. 139. 173 Gütt, S. 210, 213, 214 f. 174 Vgl. Süß, W., Volkskörper.

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Kindern aus einem so durchseuchten Gebiet konnte für minderdurchseuchte Empfangsgebiete eine Gefahr sein«.175 Im Krieg gewann der Kampf gegen Diphtherie folglich noch an Bedeutung. Hatten Erkrankungszahlen bereits während der 1930er Jahre zugenommen, gab »Reichsgesundheitsführer« Leonardo Conti die »weitere Zunahme der Todesfälle in den Jahren 1939 und 40 […] zu ernsteren Bedenken Anlass«.176 Das galt umso mehr im »totalen Krieg«. Schließlich bereiteten Kinderlandverschickungen und Evakuierungen aus bombardierten Städten in Verbindung mit dem chronischen Ärztemangel einen idealen Nährboden für Seuchen. Während im »Altreich« 1939 und 1940 jeweils noch um die 143.000 Diphtherieerkrankungen gemeldet wurden, schnellten die Zahlen bis 1943 auf mehr als Doppelte, auf 293.000 Kranke, hoch.177 Umso wichtiger erschien Conti die Diphtherieschutzimpfung als Kompensationsleistung, werde die sich verschlechternde medizinische Versorgung durch Schutzimpfungen doch »mindestens ausgeglichen«.178 In Württemberg stellte der Innenminister Anfang 1943 daher klar, dass ab sofort »weniger kriegswichtige Dienstgeschäfte […] hinter der Durchführung der Diphtherieschutzimpfung in gefährdeten Gebieten«179 zurückzustehen hätten. In Hamburg setzte man bereits Ende 1941 auf Impfungen als Sparmaßnahme, da diese zu einer »in dieser Zeit besonders wertvollen Rationierung im Ärzteeinsatz führten«.180 »Gerade im Kriege« seien Schutzimpfungen von Bedeutung, mache sich doch »der Mangel an praktischen Ärzten […] auf die Dauer bemerkbar«.181 Noch etwas anderes veränderte sich im Krieg: die Semantik der Immunität. Während in Friedenszeiten Aufrufe an elterliche Ängste und an das Gewissen der »Volksgemeinschaft« appellierten, wurde die Pflicht für das »Volksganze« nun von einer Kriegsrhetorik begleitet. Da war von »Abwehrkräften« zu lesen, die den »eigenen Körper stählen« und die Seuche »zurücktreiben« sollten, oder vom Impfen als gemeinsamen »Einsatz«: »Soll diese Waffe gegen den alten tückischen Feind unserer Kinder, den wir alle kennen und fürchten, voll zum Einsatz kommen, so müssen alle Kinder eines Gebietes möglichst vollzählig schutzgeimpft werden«.182 Kämpferisch klangen auch die Vorträge, die der Kinderarzt Meyer-Delius in Hamburg vor Amtsärzten, Lehrern und NSV-Vertretern Ende 1941 hielt: »Wir gehen zu einem Großangriff gegen die Diphtherie vor, und genau wie draußen im Felde sich kein Drückeberger findet, wenn es darauf ankommt, zum Sturm vorzugehen, so müssen wir auch die Bevölkerung dazu be175 Sturm, S. 169. 176 BAB, R 55/1222, Bericht Conti, Propaganda und Stand der Volksgesundheit, 1941, S. 9. 177 BAK, B 142/1893, Statistisches Bundesamt an BMI, Erkrankungen meldepflichtige Krankheiten, 06.09.1951. In der Reichsstatistik wurden nur Erkrankungszahlen bis 1943 geführt. 178 BAB, R 55/1222, Bericht von Conti, Stand der Volksgesundheit, 1944, S. 4. 179 HStAS, E 151-54/132, Rundschreiben Württemb. Innenmin. an alle GA, 28.01.1943. 180 StAHH, 361-2 VI/1312, Ablaufplan Hamburger Haupt-GA, 15.11.1941. 181 Sebastian, S. 166. 182 Alle Zitate in StAHH, 361-2 VI/1312, Flugblatt Gemeindeverwaltung Hamburg, 1942.

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kommen, daß sie einsieht, daß man hier zusammenstehen muß […]. Einer für alle und alle für einen. […] Es muß erreicht werden, daß wir den Kampf siegreich zu Ende führen mit derselben Sicherheit, mit der wir wissen, daß der Kampf draußen zum siegreichen Ende kommt.«183 Die Kriegssemantik leistete dreierlei. Erstens machte sie Impfungen für zeitgenössische Erfahrungen kompatibel. Zweitens erhöhte sie den sozialen Druck, wurde Impfverweigerung doch mit »Drückebergerei« gleichgesetzt. Fahnenflucht vor der Vorsorge galt nun als mutwillige Gefährdung des Sieges, ja als Befehlsverweigerung, wie Meyer-Delius am Ende seiner Vorträge klar stellte: »Auch hier gilt das Wort: ›Führer befiel, wir folgen Dir!‹« Insofern unterstreicht die Kriegssemantik ein weiteres Mal den Befund, dass das Konzept der Freiwilligkeit im Nationalsozialismus eine zweischneidige Sache war. Obgleich von Behörden immer wieder betont wurde, dass »den Volksgenossen die Beteiligung freigestellt bleiben soll«,184 erhöhte sich der Druck auf den Einzelnen in Kriegszeiten noch einmal. Drittens untermauerte die Kriegssemantik die »Kriegswichtigkeit« ziviler Impfprogramme, wohl nicht zuletzt, um ihre Finanzierung zu sichern. Da in den ersten Kriegsjahren Garnisonen der Wehrmacht im Reichsgebiet zu finden waren, avancierte der Seuchenschutz in der Heimat gar zum Garant für die »Kampfkraft der Truppe«, wie es Walter Bieber vom RMI 1940 propagierte: »Wir stehen den Seuchen nicht mehr machtlos gegenüber. Deutscher Forschergeist hat die Waffen gegen sie geschmiedet, und unsere Gesundheitsämter haben bewiesen, daß sie sie zu gebrauchen verstehen und sie werden verhüten, daß Deutschlands Kampfkraft in diesem Kriege durch Seuchen geschwächt wird.«185 An einem Feldversuch in Bottrop bestätigte Medizinalrat Sebastian die Notwendigkeit von Impfungen im Krieg mit ähnlich markigen Worten: »Jetzt gerade Diphtherieschutzimpfung! […], zumal auch die Wehrhaftigkeit des deutschen Volkes, […] allein schon durch die Diphtherieerkrankungen bedroht erscheint.«186 Angesichts dieser Melange aus Ressourcendruck, Risikoempfinden und neuen Vorsorgemöglichkeiten rückte in den letzten Kriegsjahren auch die ScharlachSchutzimpfung in den Fokus von Experten. Im Bielefelder Raum nahmen seit Kriegsausbruch Scharlach-Erkrankungen stark zu, da Behandlungsmöglichkeiten »kriegsbeschränkt«187 rar geworden waren. Angesichts der Verknappung wuchs hier die Bereitschaft zu einem Feldversuch im Sommer 1942. Die wachsende Aufmerksamkeit für Scharlachschutzimpfungen lässt sich in dieser Zeit auch in den offiziellen Merkblättern des Reichsgesundheitsamts nachlesen. Während bis 1940 von keiner Bedrohung durch Scharlach zu lesen war, stand zwei Jahre später die Gefahr dem Leser klar vor Augen. »[R]und 161.000 Per183 StAHH, 361-2 VI/1312, Meyer-Delius, Vortrag, o.Dt. [Ende 1941]. 184 StAHH, 361-2 VI/1312, Ablaufplan Hamburger Haupt-GA, 15.11.1941. 185 Bieber, S. 65 u. 70. 186 Sebastian, S. 166. Vgl. BAB, R 36/1321, Bericht Oberbürgermeister Bottrop, 21.12.1938. 187 Rainer, S. 304.

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sonen« seien allein im Jahr 1940 an Scharlach erkrankt, schon 1939 wären über 1.800 Personen an dieser Krankheit gestorben, die im Durchschnitt jeden zehnten Deutschen beträfe. Gleichzeitig war in diesem Merkblatt nun erstmals von der Schutzimpfung zu lesen, die »für die Eltern« geradezu eine »moralische Pflicht« sei.188 Es passt ins Bild, dass in dieser Zeit die Behringwerke und das »Anhaltische Serum-Institut« in Dresden (Asid)  Scharlach-Impfstoffe für den Masseneinsatz bewarben. Befördert wurde eine Ökonomisierung des Sozialen im Krieg also ebenso durch das Marketing von Pharmaunternehmen, die ihre Impfstoffe als kostengünstige Alternative präsentierten. Vorausgegangen waren dem Masseneinsatz der Scharlachschutzimpfung mehrere Testreihen, in denen die Grenze zum Menschenversuch offenbar fließend war. So lassen sich zumindest Berichte über Impfungen in Kinder- und Fürsorgeheimen verstehen, in denen die Zustimmung von Erziehungsberechtigten keine Rolle spielte. Aus Württemberg berichtete ein Arzt über die Impfung von »10 Kleinkindern und 100 Mädchen«, die indes wenig erfolgreich verlaufen sei. Neben »erheblichen Reaktionen« stellte der Mediziner anhaltende »Störungen des Allgemeinbefindens« fest.189 Erfolgreicher liefen Versuche in Umsiedlungslagern für »Volksdeutsche«, in denen Gerhard Rose vom RKI zwischen 1939 bis 1943 »erstmalig aktive Schutzimpfungen bei Jugendlichen in grossem Ausmaße« durchführte. Obgleich das Verhalten der Impfstoffe »uneinheitlich war«, wurden nur einzelne »schwere Zwischenfälle« bekannt, so dass die Impfung zu empfehlen sei.190 Ab 1942 schließlich führten die Gesundheitsämter im gesamten Reich Impfungen durch, deren positive Ergebnisse für den Masseneinsatz sprachen. Mehr noch sprach für den Masseneinsatz indes eine Innovation, die das Impfen geradezu revolutionierte: die Kombinationsimpfung gegen Diphtherie und Scharlach. Diese Kombination brachte nicht nur eine spürbare Erleichterung für Eltern und Kinder mit sich, da sich die Zahl der Impftermine halbierte. Zugleich reduzierten Mehrfachimpfungen den organisatorischen Aufwand von Massenimpfungen, da keine Regenerationszeiten zwischen einzelnen Impfungen berücksichtigt werden mussten. Als die Erprobungen des Mehrfachimpfstoffs in den Gesundheitsämtern, im Rahmen der KLV und an einigen Schulen seit 1943 »durchaus erfolgreich« verliefen, stand einer reichsweiten Einführung nichts mehr im Wege.191 188 Sämtliche Merkblätter finden sich in HStAS, E 151-54/137. Im Merkblatt von 1941 wurde die Schutzimpfung erwähnt, wegen laufender Versuche aber nicht offensiv propagiert. 189 HStAS, E 151/54, 137, Bericht Chefarzt Reserve-Lazarett Baden-Baden, 13.09.1941. 190 HStAS, E 151-54/137, Joachim Pumptow, Scharlach und aktive Scharlach-Schutzimpfung in den volksdeutschen Umsiedlungslagern, (Dissertation) Berlin 1944. 191 Vgl. u. a. HStAS, 151-54/137, Schreiben Gesundheitsabteilung HJ Württemberg, 14.07.1943; Bericht GA Ehingen, 28.12.1943; Bericht GA Tuttlingen, 30.12.1943; Bericht GA Mühlacker, 30.12.1944. Zu Feldversuchen an Frankfurter Schulen vgl. StAF, Schulamt/7089. Getestet wurde der Impfstoff auch in einzelnen Truppenteilen, so in der 12. SS-Panzer-Division »Hitler-Jugend«, da junge Soldaten eine geeignete Testgruppe bildeten. Vgl. BAMA, RS 4/1438, Schreiben des Truppenarztes, Pz.Pi.Batl.12 d. 12. SS-Pz-Div. »Hitler-Jugend«, 07.04.1944.

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Mehrfachimpfungen bewirkten dreierlei: Erstens löste die einfachere Orga­ nisation von Impfprogrammen Ressourcen- und Personalprobleme. Zweitens erhöhten sie die Akzeptanz für Impfungen in der Bevölkerung, da sich die Anzahl der Impftermine verringerte. Das galt umso mehr, weil Einzelimpfungen wie die gegen Diphtherie und gegen Scharlach dreimal durchgeführt werden mussten, was die Eltern in der Praxis jedoch schnell überforderte. »Erfahrungsgemäß«, so erklärte das Reichsinnenministerium Ende 1942, könne »die Bevölkerung für eine dritte Impfung überwiegend nicht gewonnen werden«.192 In diesem Sinne fügten sich Mehrfachimpfungen in neue Impfkonzepte seit den 1930er Jahren ein. Die Deutschen sollten zur Immunisierung nicht gezwungen, sondern »gewonnen« werden und dafür so wenig Unannehmlichkeiten wie möglich erleiden. Am stärksten machte sich im Laufe des Krieges allerdings die Tuberkulose als Kostenfaktor bemerkbar. Die aufwendige Behandlung von Tuberkulosekranken fiel seit der »Kriegswende« immer selektiver aus, so dass sie sich zunehmend an einer sozialen »Wert- bzw. Unwerthierarchie«193 orientierte. Außerdem wuchs die Bedrohungswahrnehmung in der Öffentlichkeit, passten Tuberku­ lose­ängste doch zum Erfahrungshorizont im »totalen Krieg«. Die Wohnungsnot in ausgebombten Städten, die überfüllten Luftschutzräume und wachsenden Flüchtlingsströme der »Ausgebombten« bereiteten der Tuberkulose in dieser Wahrnehmung einen idealen Nährboden. Leonardo Conti konnte dieser Bedrohungssituation einerseits durchaus etwas Gutes abgewinnen. Denn so bedauerlich die »Einzelschicksale« an Tuberkulosetoten seien, »so günstig kann die Ausmerze der ansteckungsfähigen schweren Tuberkulosefälle während des derzeitigen Krieges als volksbiologische Erscheinung betrachtet werden«. In dieser sozialdarwinistischen Perspektive fungierte der Krieg als Selektionsfaktor. Andererseits lagen Conti »leider […] auch einige Hinweise dafür vor, dass die frischen Tuberkuloseinfektionen junger Menschen zugenommen haben.« So oder so stand der Zusammenhang zwischen Krieg und Tuberkulosehäufigkeit für Conti und andere fest: »Jeder längere dauernde Krieg bringt eine Zunahme der Tuberkulose mit sich.«194 Während Conti der Krankheit mit Röntgenreihenuntersuchungen beikommen wollte, besann man sich im Reichsinnen­ ministerium auf eine frühere Vorsorgemaßnahme, die nach 1930 in Vergessenheit geraten war: die BCG-Schutzimpfung.195 Mit früheren Vorbehalten war es im »totalen Krieg« vorbei. Vorsorge statt Fürsorge lautete nun auch hier das zeitgemäße Motto, da Kosten für Impfungen »im Rahmen der Gesamtkosten der Tuberkulosehilfe nur eine ganz unerhebliche Rolle spielen«196 würden, wie das Reichsinnenministerium frohlockte. 192 StAF, Schulamt/7089, Schreiben RMI, 27.11.1942. 193 Süß, W., Volkskörper, S. 230. 194 Alle Zitate BAB, R 55/1222, Bericht Conti, Propaganda und Volksgesundheit, 1944. 195 BAB, R 1501/1503, Schreiben des RMI, A g 7591/44, o.Dt. [Ende 1944]. 196 BAB, R 1501/1503, Schreiben des RMI an Abt. IV, 12.12.1944.

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Dass all diese Argumente für Tuberkulose-Schutzimpfungen erst in den letzten Kriegsjahren an Gewicht gewannen, ist bemerkenswert. Immerhin war die BCG-Impfung in anderen Ländern bereits seit den 1930er Jahren erfolgreich eingeführt worden, wie das Robert Koch-Institut 1942 betonte.197 Warum war die Impfung dennoch lange Zeit weder im RMI noch bei Reichsgesundheitsführer Conti, geschweige denn im »Reichs-Tuberkuloseausschuss« Thema?198 Noch 1938 konstatierte ein Vertreter des Reichsausschusses, dass eine TBC-Impfung in den Sternen stehe. »Vielleicht gelingt es der Wissenschaft, noch einen Schutzstoff zu finden; es wäre aber töricht, sich darauf zu verlassen.«199 Wie Thomas Beddies gezeigt hat, begannen zähe Verhandlungen zwischen Reichsinnen­ ministerium, RKI und Behringwerken über die Einführung einer BCG-Impfung erst im Herbst 1942. Noch 1944 lehnte Reichsgesundheitsführer Conti ein Impfprogramm ab, so dass erst Anfang 1945 ein Runderlass die Einführung der Impfung verkünden konnte.200 Offenbar war der Lübecker Impfskandal selbst im sechsten Kriegsjahr noch präsent, zumindest in den Medizinalbehörden. Insofern ging sogar der ausgesprochen knappe Runderlass zur Einführung der BCG-Impfung 1945 ausführlich auf den Lübecker Impfskandal ein, um jegliche Sorgen zu zerstreuen. Schließlich stehe nach »Ermittlungen längst fest […], dass das Lübecker Unglück nicht dem Calmette-Verfahren zur Last zu legen ist«.201 Es passt ins Bild eines Wandels von Impfkonzepten, dass das RMI dieses Impfprogramm eben nicht als »obligatorische Impfung«,202 sondern als freiwillige Maßnahme einführte. Obgleich die Kriegswichtigkeit der BCG-Impfung auf der Hand lag und die Tuberkulose gravierendere gesundheitliche und finanzielle Auswirkungen zeigte als Diphtherie, Pocken, Scharlach und Fleckfieber zusammen, wogen selbst hier Befürchtungen der Bevölkerung schwerer. Auch vor diesem Hintergrund wäre es zu einfach, eine Ökonomisierung des Sozialen durch Impfungen als interventionistische Biopolitik zu verstehen, die planmäßig eine Optimierung des »Volkskörpers« vorantrieb. Selbst in der Ausnahmesituation des »totalen Krieges« spielten Bedenken der »Volksgenossen« eine Rolle bei der Konzeption von Immunität. Dafür sprechen nicht nur die Beschwichtigungsversuche bei Einführung der BCG-Impfung. Dafür spricht auch, dass selbst Anfang 1945 Zwangsmaßnahmen kein Thema waren. Und noch in anderer Hinsicht wäre es zu einfach, eine Ökonomisierung des Sozialen als Optimierungsmaßnahme »von oben« zu betrachten. In der Ausnahmesituation des Krieges wuchs das Interesse an Impfungen nicht nur unter Experten, sondern ebenso in der Bevölkerung. Angesichts schwindender Ressourcen und fehlender 197 BAB, R 55/1221, Schreiben Lauer an RMVP, 20.04.1944. 198 Vgl. BAB, R 55/1223, Bericht Reichs-Tuberkulose-Ausschusses 1943/44, S. 9. 199 BAB, R 36/1333, Sonderdruck Franz Heisig, Neue Wege zu einem Generalangriff gegen die Tuberkulose, in Ziel und Weg 2 (1938), S. 1. 200 Beddies, S. 89–105. 201 BAB, R 1501/3760, Runderlass RMI zur Tuberkulose-Schutzimpfung, 15.01.1945. 202 Beddies spricht von »einer obligatorischen Tuberkuloseschutzimpfung«.

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Ärzte war der Seuchenschutz schon aus Eigeninteresse gefragt, erhöhte Immunität doch die persönlichen Überlebenschancen. 3.2.6 Immunität als Waffe und Raumordnung Immunisierte Armeen waren seit dem Ersten Weltkrieg europäischer Standard. Impfungen gegen die »Kriegsseuchen« hatten ihre Wirksamkeit im »Massenfeldversuch« derart eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass die Wehrmacht nahtlos an frühere Konzepte anknüpfte.203 Allerdings waren Industrie und Institute für diese Aufgabe zunächst nur bedingt einsatzbereit. Während die Behringwerke seit den 1930er Jahren einen Schwerpunkt auf Typhus- und Diphtherieschutzimpfungen legten,204 stellte das Robert Koch-Institut zwar eine breite Produktpalette, für militärische Zwecke allerdings viel zu geringe Mengen an Impfstoffen zur Verfügung. So haperte es noch Ende der 1930er Jahre bei Bestellungen der Wehrmacht an Flaschen und Kühlschränken, in denen Impfstoffe gelagert werden sollten.205 Begründet wurden Produktionssteigerungen zur Sicherung militärischer Operationen und der Besatzungspolitik, insbesondere im Osten. Impfungen erfüllten hier zwei Aufgaben: den Schutz der kämpfenden und Besatzungstruppen sowie den Schutz der Heimat. Genau das war eine Lehre, die Experten aus dem Ersten Weltkrieg und aus den Kolonien gezogen hatten: Bei der »Seuchensteuerung«, so erklärte ein Bericht aus dem Reichskommissariat Ostland, »gehen die Interessen der Besatzungstruppen mit den Interessen der Zivilverwaltung und der Heimat ineinander über.«206 Der Schutz der besetzten Bevölkerung ordnete sich dieser Zielstellung unter. Priorität hatte daher weniger eine systematische Immunisierung der besetzten Länder. Wichtiger war eine »Sanierung« sowohl »der vielfach in gesundheitsgefährdeten Gebieten kämpfenden Wehrmacht«207 als auch jener Gebiete, die für »die deutsche Heimat eine ungeheure Gefahr«208 bargen. Das galt für das Fleckfieber209 ebenso wie für Typhus, Ruhr und Cholera. Die Pocken spielten in solchen Raumplanungen im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg hingegen keine zentrale Rolle mehr  – ein weiterer Beleg, dass der »präventive Pragmatismus« auf einem Wandel von Risikovorstellungen beruhte. In ihrer Prioritätensetzung konzentrierten sich Impfkonzepte zuerst auf Besatzungssoldaten 203 Vgl. BAB, R 86/2715, Schreiben Heeressanitätsinspekteur, 20.07.1933. Vgl. BAM/656, Gutachten von Sartorius für das Heeressanitätswesen, o. Dt. [ca. 1939/1940]. 204 Vgl. BAM/656, Merkblatt Behringwerke »Die kriegswichtigsten Impfstoffe«, 15.04.1940. Vgl. Tabelle »Jahresproduktion ausgewählter Impfstoffe« bei Süß, W., Volkskörper, S. 440. 205 Vgl. BAB, R 86/4256, Schriftwechsel Corpsarzt II. Armeekorps und RKI, 19.08. bis 21.08.1937; Schriftwechsel zwischen RKI und OKH, 07.09.–14.09.1938. 206 BAB, R 90/351, Bericht über Organisation Gesundheitswesen Ostland, Mai 1943. 207 Deutsche Zeitung im Osten, Wirtschaftliche Arzneiverordnung, 03.07.1943. 208 Kauener Zeitung, Kampf gegen die östlichen Seuchen, 16.08.1943. 209 Zum Konzept eines »Seuchenschutzwalls« gegen Fleckfieber vgl. Werther, S. 65–74.

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und auf potenzielle »Einfallstore« zur Heimat. Wachmannschaften in Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern wurde bei der Verteilung des knappen Fleckfieberimpfstoffs ebenso bevorzugt wie »Einsatzgruppen«, die für »Auflockerungsaktionen«, also für Transporte in die Konzentrationslager oder für Massenerschießungen verantwortlich waren.210 Wenn man zynisch sein will, ließe sich an der Verteilung von Fleckfieberimpfstoffen eine Prioritätenliste des »Vernichtungskrieges« und »Holocaust« erstellen. So warnte Conti die Parteikanzlei 1942, dass die Fleckfieberverbreitung mit der »unfreiwilligen Wanderung der Juden«211 einhergehe, was entsprechende Maßnahmen erfordere. Weiterhin stand eine Immunisierung der Verbindungslinien zwischen Front und Heimat im Fokus. Während das Fleckfieber in den ersten beiden Kriegsjahren wenig Beachtung gefunden hatte,212 warnte das RKI Ende 1941, »daß mit dem weiteren Vordringen der deutschen Wehrmacht nach Osten und mit der Zunahme der Gefangenen auch die Fleckfiebererkrankungen und damit die Bedrohung des Heimatgebietes«213 zunehme. Erhöht wurde dieses Risiko zudem durch »Fremd-« bzw. »Ostarbeiter«. Schließlich sorgte deren Zwangsmigration für einen Austausch zwischen Front und Heimat, der bald als Ansteckungsherd gefürchtet wurden.214 So wurden für die »Durchführung des Russeneinsatzes«, wie die Menschenjagd auf sowjetische Arbeitskräfte genannt wurde,215 seit Anfang 1942 Impfungen der »Werbefachkräfte« vorgenommen und DAFMitarbeiter in »Ostarbeiterlagern« konsequent geimpft,216 um Einfallstore ins Reich zu schließen.217 Gefahren entstanden auch durch die Expansion der Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager im Reich, deren Wachmannschaften schon aus Eigeninteresse durch Fleckfieberimpfungen geschützt wurden.218 Verschärft wurde die gesundheitliche Lage noch durch den Luftkrieg. Nicht nur die Vernichtung von Transportwegen und Produktionsstätten für Impfstoffe erschwerte Vorsorgemaßnahmen.219 Hinzu kamen neue Lebenssituatio­ nen wie das Ausharren in Luftschutzbunkern und Kellern auf engstem Raum. Da an Isolierungen von Erkrankten in den Luftschutzräumen schon aus Platzmangel nicht zu denken war, wies man ansteckende Tuberkulosekranke ab 1944 vor die Tür. »Heute«, begründete das RMI diese rigide Maßnahme, könnten 210 BAB, R 90/362, Fernschreiben Generalkommissar Riga, 20.10.1943; Schreiben Kommandeur Sicherheitspolizei und SD, 13.01.1944. 211 BAB, R 1501/3794, Bericht Reichsgesundheitsführer für Partei-Kanzlei, 26.01.1942. 212 Noch 1941 wurden im »Altreich« 573 Fleckfieber-Erkrankungen sowie 176.000 Diphtherie- und 250.000 Scharlacherkrankungen gezählt. Vgl. BAK, B 142/1893, Statistisches Bundesamt an BMI, Erkrankungen meldepflichtiger Krankheiten, 06.09.1951. 213 BAB, R 1501/3644, Schreiben RKI an RMI, 27.11.1941. 214 BLHA, Rep 3 B/I Med 1105, Rundschreiben RMI an Regierungspräsidenten, 15.06.1944. 215 Vgl. Herbert, Fremdarbeiter. 216 BAB, R 1501/3645, Schreiben DAF an RMI, 03.05.1943. 217 BAB, R 1501/3644, Schreiben Reichsarbeitsministerium an RMI, 26.02.1942. 218 Vgl. BAB R 86/3674, Schreiben Hamburger Gemeindeverwaltung, 14.01.1942. 219 So wurde das RKI u. a. am 23./24.11.1943 von Bombenangriffen getroffen und war zeitweilig »betriebsunfähig«, vgl. BAB, R 1501/3645, Schreiben RKI an RMI, 04.12.1943.

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»für ansteckungsgefährliche Offentuberkulöse nicht die gleichen Gesichtspunkte hinsichtlich der Luftsicherheit gelten […] wie für die laut Führerbefehl in erster Linie zu schützenden hochschwangeren Frauen und Säuglinge.«220 Im Kampf gegen die Diphtherie, Pocken, Ruhr oder Typhus sah die Lage eigentlich besser aus. Das war zumindest der Eindruck, den eine Bestandsaufnahme des RMI über »Luftterror und Seuchenverhütung« im letzten Kriegsjahr gab. So seien dank der Diphtherie-Schutzimpfung allein im Jahre 1942 »200.000 Diphtherie-Erkrankungen […] verhindert worden.«221 Dennoch bereitete der Luftkrieg auch den etablierten Impfprogrammen Probleme. So konnten frisch Geimpfte den Virus im Impfstoff auf ungeimpfte Säuglinge oder ältere Menschen übertragen. Da es dem Innenministerium »nicht zweckmäßig« erschien, »frisch geimpfte Kinder während des Fliegerangriffs in der Wohnung zu belassen«, sollten Impfungen »in den durch feindliche Flieger bedrohten Gebieten […] vorläufig ausgesetzt und später nachgeholt werden.«222 Eine Waffe waren Impfungen noch in anderer Hinsicht: als Waffe der Propaganda. Gesundheitspolitische Erfolge waren seit der Kriegswende 1942/43 wichtiger denn je. Schließlich stellten »Kriegsseuchen«, unhygienische Lebensverhältnisse in »luftgefährdeten Gebieten« und gesundheitliche Folgen der Migrationsbewegungen die Schutzkompetenz des Regimes grundsätzlich in Frage. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum sich die UFA noch Ende 1943 an die Konzeption eines aufwändigen »Querschnittsfilms durch das grossdeutsche Gesundheitswesen« machte.223 Der Film »Deutsche Ärzte am Werk« zielte einerseits auf das europäische Ausland, dem die Kampffähigkeit des Deutschen Reichs demonstriert werden sollte. Andererseits sollten die Deutschen von den Anstrengungen für den Schutz der »Volksgemeinschaft« überzeugt werden. Im Fokus des Films standen folglich »gesundheitspolitische Fragen« des »Einsatzes der ausländischen Arbeiter« und »der Seuchenbekämpfung«,224 wie sie im Film an »Behrings Großtat« und am Wirken der Behringwerke präsentiert wurden. Dass der Film das deutsche Gesundheitswesen zudem als »Beitrag zur europäischen Kultur«225 herausstellte, wird auch durch die Finanzierung unterstrichen. Während »Reichsgesundheitsführer« Conti 20.000 RM der Produktionskosten übernahm, steuerte das Auswärtige Amt 30.000 RM bei, das Reichspropagandaministerium sogar 45.000 RM.226 Zum Einsatz kam der Film indes nur noch in Spanien. Weitere Aufführungen wurden »im Zuge der Verschärfung des totalen Kriegseinsatzes eingestellt«.227 220 BAB, R 1501/3669, Rundschreiben RMI, 05.06.1944. 221 BAB, R 1501/3686, Bericht RMI, Luftterror und Seuchenverhütung, [1944/1945], S. 5. 222 BAB, R 1501/3697, Begründung 2. Verordnung z. Ausf. d. Impfgesetzes, 10.10.1942. 223 BAB, R 55/904, Vermerk RMVP für Minister Goebbels, 21.01.1944. 224 BAB, R 55/904, Internes Schreiben des RMVP an Goebbels, 21.12.1943. 225 Beide Zitate BAB, R 55/21343, Drehbuch »Medicina Germaniae«, 10.12.1943, S. 1, 11. Der ursprüngliche Titel wurde auf Wunsch Goebbels in »Deutsche Ärzte am Werk« geändert. 226 BAB, R 55/904, Internes Schreiben RMVP an Goebbels, 21.12.1943. 227 BAB, R 55/21343, UFA an RMVP, 22.05.1944; UFA an RMVP, 14.11.1944.

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Offensichtlich waren im letzten Kriegsjahr andere Projekte wichtiger, zumal eine Unterscheidung zwischen Front und Heimatfront immer schwerer fiel. Das galt sowohl angesichts der ins Reich strömenden Wehrmachtsverbände als auch mit Blick auf den »Volkssturm« und die Aushebung immer jüngerer Jahrgänge als »Flakhelfer«. Außerdem lösten sich in den Verwaltungen Trennungen zwischen Militär und Zivil auf, übernahmen »Verteidigungskommissare« regionale Aufgaben, während Stäbe großer Kampfverbände in ihrem Kampfgebiet administrative Aufgaben angingen. Beim Impfen waren Kooperationen zwischen Militär und Zivil naheliegend, erfüllte die Immunisierung des Kampfgebiets doch militärische und zivile Bedürfnisse zugleich. Insofern forderte das Oberkommando der Heeresgruppe Mitte von den »Reichsverteidigungskommissaren« in Posen, Danzig und Königsberg im November 1944 eine enge Zusammenarbeit des »militärischen und zivilen Sektors […], damit ein größerer Schaden verhütet wird, den die Kampf- und Widerstandskraft von Front und Heimat […] erleiden könnte.« Insbesondere die »gegenseitige Hilfe […] bei der Impfstoffversorgung«228 habe höchste Priorität. Angesichts der Notlage in den Verteidigungsgebieten stellte die Wehrmacht beispielsweise im Verteidigungsbezirk Wartheland für zivile Massenimpfungen Sanitätsoffiziere als Impfärzte sowie Impfstoffe zur Verfügung.229 In solchen Kooperationen kurz vor Kriegsende zeigt sich die Schlagkraft von Impfungen als Waffe noch einmal besonders deutlich. Eine Immunisierung des Kampfgebiets hatte selbst im Endkampf noch derartige Bedeutung, dass militärische Ressourcen und Personal für die Durchimpfung der Zivilbevölkerung genutzt wurden. Und noch etwas anderes verstärkte sich im Kriegsverlauf: der Zusammenhang von Impfkonzepten und Raumplanung. Einen ersten Frontabschnitt für geostrategische Immunitätskonzepte hatte bereits der »Anschluss« Österreichs 1938 eröffnet. Für die Pocken galt Österreich wegen seiner liberaleren Gesetzgebung als ständiger Seuchenherd. Hier sollte nach Ansicht des Reichsinnenministeriums auch »mit Rücksicht auf die Grenznähe des Balkans […] ein baldiger größerer Durchimpfungsgrad […] erreicht werden.«230 Aber auch im »Altreich« zielten Impfungen seit Kriegsausbruch auf die Immunisierung spezifischer Räume, die in »der Zusammenballung im Luftschutzkeller«,231 in HJ-­Lagern, in der KLV oder in der Evakuierung von Ausgebombten erkannt wurden. Ende 1941 nahm die NSV nur noch Kinder in ihre Heime auf, die gegen Diphtherie schutzgeimpft waren.232 Ab 1943 wurde diese Maßnahme auf die gesamte Kinderlandverschickung ausgeweitet, so dass nur noch immunisierte Kinder »zur Entsendung«233 kamen. Den Erfolg dieser Maßnahmen belegte Conti noch im 228 Beide Zitate BAB, R 1501/3728, Rundschreiben Oberkomm. Heeresgr. Mitte, 07.11.1944. 229 BAB, R 1501/3728, Schreiben RVK Wartheland an RMI, 06.12.1944. 230 BAB, R 1501/3649, Bericht des RMI, 19.11.1941. 231 StAHH, 361-2 VI/1312, Ablaufplan Hamburger Haupt-GA, 15.11.1941. 232 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Rundschreiben Gau Weser-Ems an NSV, 28.10.1941. 233 StAOL, Rep 630, 242-4/32, Rundschreiben Reichsleiter Jugenderziehung, 01.02.1943; HStAS, E 151-54/132, Rundschreiben HA f. Volkswohlfahrt, 26.02.1943.

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letzten Kriegsjahr mit eindrucksvollen Zahlen, sei doch »als Wirkung der Schutzimpfung […] eine Herabsetzung der Diphtherietodesfälle auf ein Fünftel oder noch weniger anzusehen«.234 Besonders dringlich erschienen Raumkonzepte seit dem Überfall auf die Sowjetunion. Eine »Geomedizin«, die mit Impfungen auf Bedrohungen des »Ostraums« reagiere, entwarf beispielsweise Oberstarzt Zeiss auf einer Tagung im Jahr 1942: »Wird der durch den Krieg aufgerissene Fleckfieberbrandherd Sowjet-Rußlands […] so stark überfliessen, daß er in Europa fortschwält? […] Fragen auf Fragen, die aus dem Ostraum zu uns drängen, […] die einen dauernden und harten Kampf mit der Seuche verlangen«.235 In solchen Überlegungen verwandelte sich Immunität zu einem Werkzeug für Raumordnungen. Die Konzeption »sanierter« Räume und »Riegelungsimpfungen«, mit denen »Seuchenherde« eingedämmt, »Seuchenträger« isoliert und »Einfallstore« geschlossen wurden, eröffnete dem Impfen die dritte Dimension. 3.2.7 Vorsorgen im Nachkrieg: Kontinuitäten nach 1945 1945 war keine »Stunde Null«, insbesondere nicht in gesundheitspolitischer Hinsicht. Trotzdem ist das Aufspüren von Kontinuitäten beim Impfen keine einfache Angelegenheit, da Impfprogramme bereits in den letzten Kriegsjahren alles andere als kontinuierlich betrieben wurden. Während Diphtherie- und Scharlachimpfungen weiterhin umgesetzt wurden, stieß die Ausrufung der freiwilligen Tuberkuloseimpfung im letzten Kriegsjahr auf ebenso wenig Resonanz wie die Pockenschutzimpfung, die in »luftgefährdeten Gebieten« ohnehin ausgesetzt wurde. Da seit 1944 beinahe das gesamte Reich als »luftgefährdet« galt, war an eine Umsetzung der Impfpflicht nicht mehr zu denken. Typhus- und Tetanus-Impfungen hingegen erlebten in diesen Jahren einen Boom, mutierten »Kriegsseuchen« doch zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. In Gebieten wie dem »Warthegau« wurden nun sogar Impfpflichten gegen Typhus eingeführt, die aufgrund der »äußerst schlechten Beteiligung« auch mit Polizeigewalt durchgesetzt wurde.236 Eine derartige Regionalisierung unterschiedlicher Impfpflichten findet man vor allem im letzten Kriegsjahr. Schließlich machten sich Militärärzte auch beim Rückzug der Wehrmacht an die Aufgabe, ihr Kampfgebiet – und damit die Deutschen selbst – »seuchenfrei« zu halten. Für die Besatzungsmächte galt im Prinzip dasselbe. Bei ihrem Einmarsch sahen alliierte Militärstäbe in Seuchen eine große Bedrohung, der sie mit rigi­ den Quarantänemaßnahmen und Pflichtimpfungen – sowohl für alliierte Einheiten als auch für die deutsche Bevölkerung  – begegneten.237 Das Bedro234 BAB, R 55/1222, Bericht Conti, Stand der Volksgesundheit, 1944. 235 BAM/888, Manuskript H. Zeiss, Die Geomedizin des Ostraums, o.Dt. [1942]. 236 HStAS, E 151-54/140, Verordnungsblatt Reichsstatthalter Warthegau, 08.04.1943; Rundschreiben Reichsstatthalter Warthegau, 17.01.1944. 237 Ellerbrock.

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hungsgefühl blieb nach Kriegsende ebenso virulent wie die Bedeutung von Pflichtimpfungen, zumal diese als ordnungspolitisches Werkzeug zur Kontrolle der Deutschen verstanden wurden.238 Derartige Ordnungsversuche waren durchaus willkommen. Da »Kriegsseuchen« mittlerweile zu »Volksseuchen« mutierten, stießen Impfungen gegen Ruhr, Fleckfieber und Typhus unter den Deutschen auf Resonanz.239 Nach Wahrnehmung des Rostocker »Oberseuchenkommissars« Werner Kollath wuchs der Zuspruch zu Impfungen in der Nachkriegszeit noch, weil sie den Gang ins Krankenhaus ersparten. Schließlich wurde »der Transport ins Krankenhaus« von vielen Deutschen »als eine Art ›Todesurteil‹ empfunden«.240 Insofern machten sich viele Gesundheitsämter auch ohne alliierte Anordnung an die Immunisierung.241 Dass dabei sowohl Restbestände der Wehrmacht als auch deren Personal zum Einsatz kamen,242 unterstreicht das gemeinsame Interesse der Deutschen und der Besatzungsmächte an der »Sanierung« des Besatzungsgebiets. Dass die Behringwerke für diese »Sanierung« 1947 den Einsatz von Zwangsmaßnahmen befürworteten,243 mochte dem Eigeninteresse des Unternehmens geschuldet sein. Angesichts drohender Epidemien griffen aber auch Kommu­ nalbehörden zu Mitteln, die der Einführung einer Impfpflicht nahe kamen. Während in Hamburg im Oktober 1945 mit »Zwangsmaßnahmen« zunächst nur gedroht wurde,244 knüpften viele Regionalverwaltungen die Ausgabe der Lebensmittelkarten an die Vorlage einer aktuellen Impfbescheinigung.245 Als Druckmittel funktionierte die Lebensmittelkarte in Städten offenbar besser als auf dem Land, wo die Versorgung in die eigene Hand genommen werden konnte. Ein brandenburgisches Gesundheitsamt klagte daher im Sommer 1947, dass »keine Möglichkeiten von Zwangsmaßnahmen gegenüber den Selbstversorgern«246 bestünden. Der Einsatz von Zwangsimpfungen sollte nicht darüber wegtäuschen, dass Impfungen nach Kriegsende meist sehr gefragt waren. Dieses Bedürfnis war auch einem Problem geschuldet, mit dem die Deutschen seit dem letzten Kriegsjahr konfrontiert wurden: Flüchtlinge und Vertriebene. Schon 1944 waren Flüchtlinge aus dem Osten als »Seuchenträger« behandelt worden. Seit Kriegsende wuchs sich dieses Phänomen jedoch zu einem allgemeinen Problem aus, 238 Reinisch, S. 2. 239 Vgl. entsprechende Maßnahmen zwischen 1945 und 1949 in BAB, R 86/4145. 240 BAB, DQ1/252, Bericht Kollath, o. D. [ca. 1946]. 241 Vgl. u. a. BLHA, Rep 211/1194, Schreiben Magistrat Potsdam, 07.09.1945; Schreiben Landrat Cottbus, 12.09.1945. 242 Vgl. BLHA, Rep 211/1194, Bericht Kreis Westprignitz, 31.12.1945. 243 BAM/656, Behringwerke, Informationsbericht Nr. 11, 20.08.1947. 244 StAHH, 361-2 VI/1312, Schreiben Hamburger Gesundheitsverwaltung, 24.10.1945. 245 StAOL, Rep. 630, 242-4/240, Aufruf GA Wesermarsch, 28.02.1946; StAOL, Rep 630, 242-4/ 840, Schreiben Gesundheitssenator Bremen, 16.10.1945; BLHA, Rep 211/1194, Schreiben Magistrat Potsdam, 08.01.1946; Schreiben Landrat Calau, 08.07.1947. Vgl. Reinisch, S. 291. 246 BLHA, Rep 211/1194, Schreiben GA Lübben, 13.07.1947.

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das von tradierten Ängsten vor »dem Osten« noch verschärft wurde. »Es kam so«, resümierte ein Jahr nach Kriegsende Paul Konitzer in Berlin, »dass sich mit diesen Flüchtlingsströmen, die sich von Osten her über die Zone ergossen, unaufhaltsam der Typhus ausbreitete. […] Es war wirklich so wie eine Welle, die von Osten nach Westen fortschritt […]. Wir haben diese weiten, offenen Ostgrenzen jetzt gehabt, die waren völlig ungeschützt.«247 Tatsächlich überflutete die »Welle« selbst Regionen, in denen »Kriegsseuchen« bislang keine Rolle gespielt hatten. Aufnahmegebiete wie Niedersachsen sorgten sich plötzlich vor T ­ yphus, Diphtherie und Scharlach und ordneten Impfungen »sämtlicher Flüchtlinge« an.248 1947 war die Typhusschutzimpfung sogar für alle Niedersachsen verpflichtend und auf dem amtlichen Personalausweis zu dokumentieren.249 In Großstädten wie Frankfurt am Main war die Angst vor den »Kriegsseuchen« so groß, dass für Fleckfieber-, Typhus- und Ruhrimpfungen kurzerhand eine allgemeine Impfpflicht ausgerufen wurde.250 In den ersten beiden Nachkriegsjahren waren also Ängste vor Seuchen und der Druck der Besatzungsmächte groß genug, dass Impfungen konsequent durchgeführt wurden. Als beispielsweise das Gesundheitsamt im brandenburgischen Beeskow-Storkow im August 1945 Bedenken wegen Zwangsmaßnahmen anmeldete, wischte der Verwaltungspräsident Brandenburgs jegliche Bedenken mit dem Hinweis auf die neuen Machtverhältnisse vom Tisch: »Da durch die russische Besatzungsbehörde Typhusschutzimpfungen angeordnet worden sind, erübrigt sich eine besondere Stellungnahme dazu.«251 Erst Ende der 1940er Jahre stießen alliierte Anordnungen vermehrt auf Kritik unter den Deutschen. Die »Durchimpfung« ganz Berlins im Jahr 1948252 weckte beispielsweise bei Otto Lentz vom RKI Bedenken, sei »im Hinblick auf den starken Rückgang des Typhus möglicherweise der […] zu erwartende Schaden größer […] als ihr Nutzen.«253 So sinnvoll systematische Impfungen im Einzelfall erschienen, bevorzugten deutsche Experten Ende der 1940er Jahre einen flexibleren Ansatz, der auf regionale Besonderheiten Rücksicht nahm. In solchen Gegensätzen zwischen Alliierten und Deutschen spiegelt sich ein grundsätzlicher Konflikt zwischen zivilen und militärischen Vorsorgekonzepten, der sich mit Ausbruch des Krieges bereits angedeutet und in den späten 1940er Jahren verschärft hatte. Militärs und Besatzungsbehörden bewerteten den Nutzen von Impfprogrammen mit anderen Maßstäben als zivile Gesundheitsexperten. Während Letztere sich für den Schutz der Bevölkerung verantwortlich fühlten und den Nutzen von Impfungen mit potenziellen Ne247 BAB, DQ 1/251, Paul Konitzer, Protokoll der Sitzung über Typhus/Ruhr, 16.04.1946. 248 Vgl. StAOL, Rep 630, 242-4/5 I. 249 StAOL, Rep 630, 242-4/5 I, Niedersächs. Minister f. Arbeit, Aufbau u. Gesundh., 15.08.1947. 250 StAF, MA/5914, Schreiben Stadtgesundheitsamt Frankfurt am Main, 22.05.1946; Schreiben Regierungspräsident Wiesbaden, 20.07.1946. 251 BLHA, Rep 211/1194, Schreiben Präsident Provinzialverw. Brandenburg, 9/1945. 252 BAB, R 86/4150, Rundschreiben Magistrat Groß-Berlin, 24.06.1948. 253 BAB, R 86/4150, Schreiben RKI an Magistrat Groß-Berlin, 30.06.1948.

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benwirkungen abwogen, zielten Militär- und Besatzungsbehörden auf einen systematischen Schutz ihrer Truppen und damit auf eine »seuchenfreie« Umgebung. In diesem Sinne wurden die Deutschen seit 1945 zu einem Ziel von »Sanierungsprogrammen«, die sie selbst in den Jahren zuvor in Osteuropa propagiert hatten. Eine allmähliche Normalisierung der Impfpolitik lässt sich Ende der 1940er Jahre feststellen. Zum einen verschwanden Zwangsmaßnahmen. Zum anderen stellten die Gesundheitsämter ihr Impfprogramm von »Kriegs-« auf »Volksseuchen« um.254 Impfungen gegen Diphtherie und Scharlach lösten die Typhusschutzimpfung als bislang wichtigste Maßnahme ab, was ein Brandenburger Gesundheitsamt auch »auf eine ausgesprochene Impfmüdigkeit der Bevölkerung«255 zurückführte. Gesundheitspolitiker und -experten schenkten nun wieder altbekannten Programmen ihre Aufmerksamkeit. Die Wiederaufnahme der Pockenschutzimpfung war damit ein Indikator für eine Normalisierung. Die Aufrufe zur Pockenimpfung bezogen sich nach wie vor auf das Reichsimpfgesetz von 1874, allein das Strafmaß hatte sich der Nachkriegszeit angepasst und war von 20 bzw. 50 RM auf »bis zu 150,-- RM« gestiegen.256 Was sich ebenfalls normalisierte, war die hohe Zahl an Impfentziehungen, wie Stichproben nahelegen. Im Kreis Wesermarsch beispielsweise blieben 1948 in vielen Bezirken zwischen 30 und 40 Prozent der Erstimpflinge ungeimpft.257 Auch hier ist somit eine Kontinuität zu finden: in dem Fortbestand eines präventiven Pragmatismus. Wie schon im »Dritten Reich« waren zu Pockenschutzimpfungen keine Polizisten mehr anwesend und Zwangsimpfungen verboten.258 Fortan liefen in beiden Teilen Deutschlands Konzepte der NS-Zeit wie gewohnt weiter: Für die Pockenschutzimpfung galt nach wie vor eine Impfpflicht mit allen Ausnahmen, die Mitte der 1930er Jahren eingeführt worden waren. Impfungen gegen Diphtherie, Scharlach und Tetanus blieben hingegen freiwillig. Das galt selbst für die Tuberkuloseschutzimpfung. Obwohl die Nachkriegszeit Ängste vor dem »weißen Tod« schürte,259 versuchten »Werbewochen« die Deutschen für BCG-Impfungen zu überzeugen. Auch in diesem Sinne warf die NS-Zeit lange Schatten. Nach 1945 blieb man zunächst dem Prinzip Freiwilligkeit treu, mit dem die Deutschen für ihre Immunität und für den Vorsorgestaat gewonnen werden sollten.

254 Vgl. die Fallstudie zu Mecklenburg bei Moser, »Im Interesse«, S. 163. 255 BLHA, Rep 211/1194, Schreiben GA Lübben, 03.10.1949. 256 StAOL, Rep 630, 242-4/242, Anzeige der Impftermine im Amtlichen Anzeiger, 03.06.1947. 257 StAOL, Rep 630, Best. 242-4/740, Tabellarische Übersicht der Impfungen im Jahr 1948. 258 Vgl. die Impfberichte einzelner Bezirke, u. a. in StAOL Rep 630, 242-4/240. 259 Zum Tuberkuloseproblem nach 1945 vgl. Sons, S. 134–148.

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3.3 »Vorbeugen ist besser als heilen«: Vermarktung von Immunität 3.3.1 Griff nach dem Weltmarkt: Behringwerke und I. G. Farben Nach der Übernahme durch die I. G. Farben standen den Behringwerken neue Möglichkeiten offen. So erhöhten sich seit der Konzentration des I. G.-Serumund Impfgeschäfts in den Behringwerken sowohl die Produktionszahlen als auch die Marketingkompetenzen. Mit den Verkaufszahlen wuchs zudem der Werbeetat bis Kriegsausbruch stetig: Waren 1933 schon 686.000 RM für Werbemaßnahmen vorgesehen, stieg der Etat bereits 1935 auf über eine Million, 1938 sogar auf jährlich 2,3 Millionen Reichsmark.260 Fortan professionalisierten die Behringwerke auch ihren Markenaufbau, besann man sich auf den Firmengründer und Nobelpreisträger als Werbeikone, die beispielsweise in der verbreiteten Broschüre »Idee und Tat« zu bestaunen war.261 Gleichzeitig brachten die Behringwerke erstmals große Kataloge auf den Markt, in denen die Produktpalette an Impfstoffen beworben wurde.262 Seit Mitte der 1930er Jahre dehnten sich die Behringwerke über den ganzen Globus aus. Die Einrichtung neuer »Behring-Institute« in Europa, Südamerika, Afrika und im pazifischen Raum sollte neue Märkte erschließen.263 Noch größere Märkte eröffnete die deutsche Expansionspolitik. Weckte bereits der »Anschluss« Österreichs bei den Behringwerken Begehrlichkeiten an Produktionsstätten in der »Ostmark«,264 vervielfachte sich das Angebot im Krieg noch. So machte die »Bayer-Verkaufsorganisation« deutschen Besatzungsbehörden nach der Besetzung der Tschechoslowakei und Polens den nicht ganz uneigennützigen Vorschlag, den Vertrieb polnischer und tschechoslowakischer Sera- und Impfstoff-Produkte den Behringwerken zu übertragen, »um eine Konkurrenz zwischen den im Protektorat und Generalgouvernement bestehenden staatl. Serumproduktionsstätten und der deutschen Privatwirtschaft zu vermeiden«. Als Gegenleistung versprachen die Behringwerke eine »Abnahmeverpflichtung« für ausländische Produkte.265 Zwar brachte der Krieg dem Unternehmen nicht nur Vorteile, ging beispielsweise der Kontakt mit nord- und südamerikanischen Zweigstellen seit 1939 zwangsläufig zurück.266 »Unternehmen Barbarossa« erschloss den Behringwerken allerdings neue Arbeitsfelder, die diesen Verlust überseeischer Märkte mehr als kompensierten. 260 BAM/1534, Bericht über Entwicklung der Behringwerke, [Ende] 1943. 261 Vgl. beide Auflagen der 60seitigen Werbebroschüre 1938 und 1941: Behringwerke, Idee. 262 Vgl. die knapp 150seitige Broschüre der Behringwerke, Vaccinen. 263 BAM/1534, Bericht Entwicklung der Behringwerke, 1938. 264 Vgl. u. a. den Schriftwechsel zwischen Behringwerken, Österreichischer Kontrollbank für Industrie und Handel und Österreicher Serum-Gesellschaft m.b.H. ab 1939 in BAM/832. 265 BAM/463, Bayer-Chronik September bis November 1940. 266 BAM/2392, Bericht über die Tätigkeit der Behring-Institute im Jahre 1942.

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Beide Entwicklungen, die Professionalisierung des Marketings ebenso wie die Eroberung neuer Märkte, sollten Impfkonzepte und -praxis in Deutschland in dreifacher Hinsicht beeinflussen. Erstens brachte das Marketing neue Medien zum Einsatz. Die Vermarktung des Impfens etablierte somit Werbestrategien, die den Abschied von Zwangsmaßnahmen erleichterten. Zweitens forcierte die Expansion von Pharmaunternehmen in Osteuropa transnationale Vernetzungen und Raumkonzepte. Dass Besatzungspolitik auf einer Vorbeugung vor Infektionskrankheiten fußte, war bereits eine Lehre des Ersten Weltkriegs gewesen. Im Zweiten Weltkrieg wuchs unter den Deutschen auch dank des transnationalen Engagements von Pharmaunternehmen die Einsicht, dass neben den »Seuchenherden« auch die »Einfallstore« und »Infektionsketten« zwischen Besatzungsgebiet und Heimat immunisiert werden mussten. Und drittens gab der Aufstieg von Pharmaunternehmen seit den 1930er Jahren ein Beispiel nicht nur für die Vermarktung, sondern ebenso für eine »Vermarktlichung« von Immunität. So lässt sich im Folgenden an der Einführung neuer Impfprogramme und ihrer Vermittlung nachzeichnen, wie sich staatliche Akteure zunehmend an Angeboten von Pharmaunterunternehmen orientierten. Die Vermarktlichung des Sozialstaats ist daher nicht erst das Produkt der 1970er Jahre.267 Vielmehr lässt sich den Wurzeln der Vermarktlichung des Gesundheitswesens bereits im »Dritten Reich« nachspüren. 3.3.2 Pionierarbeit und Popularisierung: Werbestrategien Nicht nur ein Werbeboom brachte das Impfen unters Volk. Neue Vermittlungsformen etablierten die Marburger Behringwerke und das Asid zudem mit ihrer Pressearbeit. Während Pharmaunternehmen ihre Filme, Broschüren und Lichtbildreihen den Gesundheitsämtern und Schulen zu Werbezwecken lieferten, leistete die Presse eine subtilere Werbung. Zum einen fungierten Zeitungen für die Behringwerke als Werbemedien im klassischen Sinne, da sie die »Behring-Propaganda«268 unters Volk brachten. Presseartikel wie »Die Behringwerke einst und jetzt« oder »Sieger im Rennen um Leben und Tod«, die Mitte der 1930er Jahre in Lokal- und überregionalen Zeitungen erschienen, waren reine Werbetexte des Unternehmens. Sie brachten Botschaften über Marburgs »Weltruf« und Bilder der Impfstoffproduktion, die direkt aus dem »IG. Bildarchiv« stammten.269 Zum anderen erfüllte die Presse eine Beglaubigungsfunktion gegenüber Ärzten, Medizinalbeamten und Politikern. Ihnen spielten Pharmaunternehmen seit den 1930er Jahre Zeitungsartikel über Impfungen in Pressemappen oder als Beilage zu Impfstoff-Lieferungen zu. Besonders aufwändig waren solche Dossiers der 267 Vgl. Giaimo. 268 So die betriebsinterne Bezeichnung u. a. in BAM/463, Bayer-Chronik Januar 1940. 269 Vgl. Frankfurter Volksblatt, Sieger im Rennen um Leben und Tod, 28.11.1937; Oberhessische Zeitung, Die Behringwerke einst und jetzt, 16.06.1937.

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Behringwerke. So bot eine mehr als 130 Seiten umfassende Werbemappe »Organisation und Technik der Diphtherieschutzimpfung« dem Leser einen umfangreichen Pressespiegel. Auch Mitbewerber wie das Asid nutzten Presseberichte zur Vermarktung ihres Impfstoffes. Im Frühjahr 1937 erhielten zahlreiche Gesundheitsämter eine zwanzigseitige Broschüre »Diphtherie-Bekämpfung im Spiegel der Presse« überreicht, um »bei neuen Impfvorhaben die erforderliche organisatorische Arbeit zu erleichtern«, wie das Asid erklärte.270 Die Broschüre bot nicht nur Zeitungsmeldungen über die »erfreulich gute Beteiligung« an der Impfung mit dem »neuen Impfstoff des Anhaltischen Serum-Instituts«.271 Praktischerweise informierten beigelegte Bestellscheine zudem über die Bezugsbedingungen. Dass Impfstoffe des Asid als »bedeutsame wissenschaftliche Entdeckung« im Berliner »Angriff« ebenso beworben wurde wie in den »Breslauer Neuesten Nachrichten«, spricht für die Breitenwirkung dieser Pressearbeit.272 Das Marketing von Pharmaunternehmen bot noch mehr, erhielten Medizi­ nal­behörden, Gesundheitsämter und Parteidienststellen von Unternehmen sogar detaillierte Ablaufpläne für die Durchführung von Impfungen, Karteikarten zur Erfassung der Impflinge und Zusammenstellungen staatlicher Vorschriften.273 Solche »Rundum-Sorglos-Pakete« ergänzten die Behringwerke mitunter mit individualisierten Angeboten. So erhielt das Frankfurter Stadtgesundheitsamt 1940 nicht nur den Diphtherie-Impfstoff zum »äussersten Preis« inklusive kostenlosem Desinfektionsmittel angeboten. Darüber hinaus präsentierte das Unternehmen Werbematerial, dass »den Frankfurter Verhältnissen entsprechend besonders angefertigt« sei.274 Selbst Impfbescheinigungen stammten seit den 1930er Jahren von Pharmaunternehmen.275 Eigentlich waren solche Bescheinigungen nichts Neues. Schon im 19. Jahrhundert hatten Ärzte die Durchführung der Pockenimpfung durch »Impfscheine« bestätigt. Auch die gängigste Bescheinigung für Diphtherie- und Scharlachimpfungen, die von Gesundheitsämtern seit den späten 1930er Jahren ausgestellt wurde, verzeichnete wie üblich Name, Geburtsdatum und Wohnort des Impflings sowie den Zeitpunkt der Impfungen. Bemerkenswert ist hingegen die Rückseite dieser Bescheinigung, die von den Großtaten Emil von Behrings kündet, der »Millionen von diphtheriekranken Kindern in der ganzen Welt das Leben gerettet« und so die Grundlage für heutige »hochwirksame Impfstoffe« gelegt habe (Abb. 4). Der Impfstoff der Behringwerke, so war auf der Innenseite der Bescheinigung zu lesen, erweise »der eigenen Gesundheit und der des deutschen Volkes einen Dienst«.276 270 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Broschüre, »Diphtherie-Bekämpfung im Spiegel der Presse«, 1937. Vgl. HStAS, E 151-54/132, Broschüre, »Neuere Ergebnisse bei der Schutzimpfung«, 1938. 271 Anhalter Anzeiger, 10.000 Kinder werden in Halberstadt geimpft, 24.11.1936. 272 Der Angriff, Eine einzige Spritze wird künftig genügen, 03.09.1936. 273 Vgl. HStAS, E 151-54/132, Broschüre »25 Jahre Diphtherieschutzimpfung«, 1938. 274 StAF, MA/5914, Schreiben I. G. Farbenindustrie, 12.12.1940. 275 Vgl. HStAS, E 151-54/132, Broschüre, »25 Jahre Schutzimpfung gegen Diphtherie«; StAOL, Rep 630, 242-4/892, Rundschreiben Behringwerke, 19.12.1939. 276 Privatarchiv, Impfbescheinigung Diphtherieschutzimpfung, 1940.

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Abb. 4: Pharmawerbung im Gesundheitsamt: Impfbescheinigung mit Werbeblock (li.)

Die Vermarktlichung des Impfens war also Ergebnis einer win-win-Situation zwischen Staat und Unternehmen. Einerseits förderte das Marketing der Unternehmen die Popularität des Impfens, so dass sich der Zuspruch zu staatlichen Impfprogrammen erhöhte. Andererseits stellte der staatliche Einsatz des Werbematerials den Unternehmen eine Art Gütesiegel aus. Wegen solcher Angebote verließen sich Behörden wie das Hamburger Hauptgesundheitsamt bald ganz auf Formulare und Werbehefte der Behringwerke, die es allen Amtsärzten ans Herz legte.277 Im Laufe des Krieges griffen Pharmaunternehmen den Amtsärzten sogar persönlich unter die Arme. In einem Werbeschreiben machte das »Sächsische Serumwerk« das kostenlose Angebot, »einen Herren unserer wissenschaftlichen Abteilung zur Unterstützung und Vorbereitung der Propaganda-Aktionen zu den einzelnen Gesundheitsämtern zu entsenden.«278 Dass die Vermarktlichung auch in Arztpraxen Wirkung zeigte, legen entsprechende Anfragen nahe. Im friesischen Brake bat ein Arzt Ende 1941 nicht einmal mehr das Gesundheitsamt, sondern gleich die Behringwerke, »mir Ihre Prospekte über die Technik der Impfung zugehen zu lassen«, da »fortan sämtliche zur [Kinderland-]Verschickung kommenden Kinder gegen Diphtherie schutzgeimpft werden müssen.«279 Das Interesse von Ärzten dürfte auch damit 277 StAHH, 361-2 VI/1312, Ablaufplan Hamburger Haupt-GA, 15.11.1941. 278 HStAS, E 151-54/132, Schreiben der SSW AG, 21.01.1943. 279 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Schreiben Medizinalrat Brake, 06.11.1941.

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zusammen hängen, dass Unternehmen auf deren Bedürfnisse gezielt eingingen. So stellten die Behringwerke 1942 Erlasse, Forschungen und Anleitungen zum Impfen in einer Broschüre zusammen, die als Arbeitserleichterung beworben wurde: »Die Überlastung des Arztes, besonders während der Kriegszeit, verbietet ihm […] oft, umfangreichere Abhandlungen über die Impfungen durchzuarbeiten; daher ist nachstehend das Wichtigste in übersichtlicher Weise zusammengefasst.«280 Dass Ärzte sich direkt an Pharmaunternehmen und nicht mehr an staatliche Stellen wandten, war im Grunde nur konsequent. Schließlich bezogen die Gesundheitsämter ihre Informationen ohnehin von den Unternehmen. Spätestens seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs richteten sich Gesundheitsämter in ihrer Konzeption von Impfprogrammen ganz auf Angebote der Unternehmen aus. Während in den 1930er Jahren begrenzte Produktionszahlen eine rationale Verteilung des Diphtherie-Impfstoffs erfordert hatten,281 gaben die Produktionssteigerungen der frühen 1940er Jahre Anreize zur Erweiterung staatlicher Impfkampagnen, wie das Hamburger Hauptgesundheitsamt 1942 erklärte: »Rückfragen bei den Behringwerken haben ergeben, dass die Impfstoffproduktion […] zurzeit derart sind, daß ein Anlaß für besonders sparsame Verwendung der Impfstoffe nicht mehr vorliegt.«282 Dank erhöhter Produktionsleistungen, so fuhr das Hauptgesundheitsamt fort, könne man fortan alle Kinder in das staatliche Impfprogramm einbeziehen. Genau das ist mit dem Begriff der »Vermarktlichung« gemeint: die Verflechtung von Pharmaunternehmen und Gesundheitswesen, das seine Konzepte zunehmend am Angebot der Wirtschaft ausrichtete. Dass dabei mitunter staatliche Prüfbestimmungen in den Hintergrund traten, belegen die ersten Massen­ impfungen gegen Scharlach in Bielefeld. Hier war es seit Kriegsanfang zu einem starken Anstieg der Krankheitszahlen gekommen, was Kreismedizinalrat Rainer auf Ressourcenprobleme im Gesundheitswesen zurückführte. Umso willkommener war das Angebot des Asid, das Anfang 1942 seinen neuen Impfstoff »Scarlatox Asid« bewarb. Bedenken gegen den neuen Impfstoff, der bislang »staatlich nicht kontrolliert« worden sei, wischten Medizinalbeamte umgehend beiseite: »Wir glaubten jedoch, einem bewährten Institut wie dem Asid-SerumInstitut mit seinen großen Erfahrungen das nötige Vertrauen bezüglich der Qualität des Impfstoffes schenken zu dürfen.« Eine Entscheidungshilfe dürfte das finanzielle Entgegenkommen des Unternehmens gewesen sein, da »der Preis für den Impfstoff« für den Feldversuch »wesentlich gesenkt wurde.«283 Noch in einer weiteren Hinsicht lässt sich von einer Vermarktlichung sprechen. Pharmaunternehmen sorgten nicht zuletzt für eine Popularisierung staatlicher Erlasse. So erhielten Gesundheitsämter Anfang 1942 ein Schreiben, in dem die Behringwerke sowohl eine Preissenkung ihrer Diphtherieimpfstoffe als 280 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Broschüre, Das Wichtigste zur Diphtherie-Schutzimpfung. 281 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Schreiben I. G. Farben, Zweigstelle Hannover, 10.11.1941. 282 StAHH, 361-2 VI/1312, Schreiben Hamburger Haupt-GA, 05.01.1942. 283 Rainer, S. 305.

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auch einen Runderlass des Reichsinnenministers ankündigten. Im Erlass fand sich der Hinweis, dass eine »Zustimmung zur Durchführung dieser Impfungen« nicht mehr eingeholt zu werden brauche, dass allerdings »nur staatlich geprüfte Impfstoffe« – wie die aus den Behringwerken – verwendet werden dürften. Dass der ministerielle Runderlass unter dem Briefkopf der Behringwerke verschickt wurde, ist für eine Vermarktlichung besonders bezeichnend.284 Im Zweifelsfall halfen Pharmaunternehmen außerdem nach, wenn staatliche Stellen zu wenig Engagement zeigten. Darauf deutet die Flut von Broschüren und Rundschreiben an Ministerien hin. So klärte das Asid den Württembergischen Innenminister im Juli 1942 über die Zunahme von Scharlacherkrankungen in seiner Region auf. Es spricht für die »Serviceorientierung« des Pharmaunternehmens, dass dieses dem Minister im selben Schreiben einen Preisnachlass für den Impfstoff »Scarlatox Asid« anbot und erforderliche Schritte vorschrieb: »Hieraus geht hervor, dass der Scharlach nicht nur häufiger, sondern auch schwerer auftritt, welche Umstände auch Sie sicherlich veranlassen werden, wirksame Gegenmassnahmen zu treffen, die durch Anwendung von Scarlatox Asid möglich geworden sind. […] Die Durchführung von Scharlachschutzimpfungen wird durch diese Massnahme so verbilligt, dass sie an der Kostenfrage nicht mehr scheitern kann, wenn vor allem berücksichtigt wird, dass die Impfkosten durch den Wegfall der Krankenhaus- und Behandlungskosten in kürzester Zeit mehrfach eingespart werden.«285 Zusammengefasst sprechen zwei Indikatoren für eine Vermarktlichung von Immunität im »Dritten Reich«. Erstens traten Pharmaunternehmen nun als Initiatoren staatlicher Impfprogramme auf. Sie gaben Gesundheitsämtern nicht nur Impfstoffe, sondern ebenso Argumente und Konzepte an die Hand, mit denen der Schutz der »Volksgemeinschaft« erhöht werden sollte. Zweitens stießen unternehmerische Initiativen im Kontext des Krieges auf besonders fruchtbaren Boden. Mit Blick auf die chronische Personalknappheit in Gesundheitsämtern und Arztpraxen wuchs das Interesse an privatwirtschaftlicher Unterstützung bei der Vorsorge für die »Volksgesundheit«. 3.3.3 Ausbau Ost und Menschenversuche: Impfstoffproduktion Der Osten war nicht nur ein »Sanierungsfall« und »Seuchenherd«, wie er von deutschen Medizinern gesehen wurde. Zugleich eröffnete er Pharmaunternehmen Expansionsmöglichkeiten. Schützenhilfe erhielten sie aus der Wehrmacht  und aus den Ministerien. Anfang 1942 forderte das Reichsinnenministerium eine Verzehnfachung der Fleckfieberimpfstoff-Produktion und bat daher »alle in Betracht kommenden Stellen«286 um Unterstützung der Behring­ 284 HStAS, E 151-54/132, Rundschreiben Behringwerke, 30.01.1942. 285 HStAS, E 151-54/137, Schreiben Asid an Württembergischen Innenminister, 02.07.1942. 286 BAB, R 1501/3644, Bescheinigung des RMI, 06.01.1942.

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werke.287 Enge Kooperationen ergaben sich bereits mit dem Einmarsch in Polen. Hier kamen RMI, OKH und Generalgouverneur Hans Frank 1941 zu dem Ergebnis, die Impfstoffproduktion vor Ort ganz »in die Hand der pharmazeutischen Großindustrie zu legen.«288 Für diese Expansion sprachen mehrere Gründe: Erstens stünden im Osten »fleckfieberimmune Personen […] zur Verfügung«, die als günstige Arbeitskräfte requiriert werden könnten. Zweitens stelle eine »Herstellungsstätte im Heimatgebiet eine ständige Gefahrenquelle«289 dar. Drittens bestehe im Osten ein stetiger Bedarf, der eine regelmäßige Abnahme des Impfstoffes garantiere. Viertens sichere eine Übernahme polnischer Produktionsstätten eine Impfstoffversorgung »für die eingesetzten deutschen Beamten«290 und Besatzungsbehörden. Und nicht zuletzt hatte die Einverleibung neuer Produktionsstätten eine außenpolitische Dimension, bestand »aus Prestige-Gründen der Wunsch, anderen Ländern gegenüber bis zum gewissen Grade lieferfähig zu sein, um damit die Überlegenheit der deutschen Wissenschaft und Organisation beweisen zu können.«291 Zwischen Unternehmen, Wehrmacht und Besatzungsbehörden entfaltete sich eine produktive Arbeitsteilung, von der alle Beteiligten profitierten. Nachdem das Generalgouvernement im Herbst 1941 die Behringwerke gebeten hatte »eine Großproduktion von Fleckfieber-Impfstoff zu errichten«,292 einigten sich Behringwerke, Wehrmacht, SS und das Generalgouvernement Ende 1941 auf Details. Die Besatzungsbehörden stellten Arbeitsstätten und Einrichtungen in Lemberg zur Verfügung, die Wehrmacht bot »Professor Weigl zum Anlernen des Personals, Einrichtung der Räume usw.« an. Der polnische Wissenschaftler Rudolf Weigl war nach dem deutschen Einmarsch vom OKH zur Mitarbeit gezwungen worden und als Experte der Fleckfieberforschung von unschätzbarem Wert. Wertvoll war auch die Kooperation zwischen Behringwerken und SS.293 Um die Wirksamkeit neuer Impfstoffe zu überprüfen, nahm Albert Demnitz von den Behringwerken Kontakt mit dem Leiter des SS-Hygieneinstituts, Joachim Mrugowsky, auf.294 Wenige Monate später konnte Mrugowsky den »Erfolg« von Menschenversuchen im KZ Buchenwald bestätigen und feststellen, dass das neue Produktionsverfahren der Behringwerke eine Verträglichkeit des Fleckfieberimpfstoffs sichere.295 Den Nutzen von Menschenversuchen für die Impfforschung hatte Mrugowsky übrigens bereits 1940 mit der Tradition 287 BAB, R 1501/3731, Schreiben der Reichsstelle »Chemie« an RMI, 17.01.1942. 288 BAB, R 1501/3644, Schreiben RMI an OKH, 09.12.1941; Fernschreiben Regierung des Generalgouvernements, Abt. Gesundheitswesen, an RMI, 20.12.1941. 289 BAB, R 1501/3644, Schreiben RMI an OKH, 09.12.1941. 290 BAB, R 1501/3731, Bericht Leutnant Heinrich Neumann, 05.10.1941. 291 Ebd. 292 BAM/2392, Bericht über die Tätigkeit der Behring-Institute im Jahre 1942. 293 Vgl. Jütte u. a., S. 124–149. 294 BAB, R 1501/3644, Vermerk RMI zur Besprechung über Fleckfieberimpfstoff-Produktion, 05.01.1942. Vgl. Kogon, S. 191–196. 295 BAB, R 1501/3644, Bericht Mrugowsky, 05.05.1942. Vgl. BAB, R 86/4150.

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der Behringwerke begründet. In einem Aufsatz im »Öffentlichen Gesundheitsdienst« stilisierte er Emil von Behring zum Vorbild des »Praktikers« und dessen medizinische Versuche an Erkrankten zu einer Verpflichtung für die Gegenwart. Zukunftsweisend werde demnach »keine theoretische Medizin sein, sondern eine praktische, deren Ergebnisse vorzüglich am Menschen gewonnen sind und, wenn sie am Tier gewonnen wurden, dem Menschen zugute kommen werden. Das ist eine Medizin, wie sie Behring vorgeschwebt hat. Ehren wir sein Andenken, indem wir in seinem Sinne weiter arbeiten.«296 Es klingt perfide, aus Behrings Wirken ein Vermächtnis für Menschenversuche abzuleiten. Mrugowskys Beitrag in der führenden Zeitschrift für Medizinalbeamte legt indes nahe, dass dieses Denken keine Spezialität der SS war, sondern dem Zeitgeist entsprach, dem der »Vernichtungskrieg« neue Horizonte eröffnete. Während die Produktion der Behringwerke im heimischen Marburg erhöht wurde, um den Bedarf von Wehrmacht und SS zu decken, nahm das Werk in Lemberg seine Produktion im Juli 1942 auf.297 Mitte Dezember 1942 eröffnete Generalgouverneur Hans Frank das Institut mit einer großen Feier,298 von der selbst die Wochenschau mit einer eigenen Sendung berichtete.299 Bereits wenige Monate nach Eröffnung konnte Lemberg als eine Art Sicherheitsversprechen für die Ostfront vermarktet werden, da »heute jeder in den Osten kommende Soldat, Beamte und Volksgenosse vorher schutzgeimpft werden kann.«300 Auch in dieser Hinsicht eröffnete die Ostexpansion Wirtschaft und Staat eine win-winSituation. Die Behringwerke erschlossen sich ideale Produktionsbedingungen und stiegen zum Marktführer für Fleckfieberimpfstoffe auf.301 Generalgouvernement, Wehrmacht und SS wiederum sicherten sich eine Impfstoffversorgung und den Erhalt der Kampfkraft. Umso bedauerlicher war es aus Sicht der Deutschen, dass diese Versorgung bald verloren ging. Der Traum vom »Ausbau Ost« war mit dem Rückzug der Wehrmacht ausgeträumt, wie die Behringwerke Ende 1943 ernüchtert festhielten.302 Daher wurde nicht nur die Gründung der »Behring­werke Ukraine G.m.b.H.« »zunächst zurückgestellt«. Noch fataler war die Aufgabe der Produktionsstätte Lemberg, die im Laufe des Jahres 1943 eine Monatsproduktion von »100.000 Portionen Fleckfieberimpfstoff erreicht« hatte.303 Eine Immunisierung der Ostfront gegen diese Seuche war damit ebenso vom Tisch wie die Erschließung neuer Märkte. Trotz ihrer Kurzlebigkeit unterstreicht auch die Expansion im Osten den Befund der Vermarktlichung. Seit den 1930er Jahren wurden neue Felder zwischen 296 Mrugowsky, S. 526. 297 BAB, R 1501/3644, Schreiben Behringwerke an RMI, 30.09.1942. Vgl. BAM/2393, Bericht über Behringwerke 1943, S. 71 f.; BAM/2392, Bericht über Behring-Institute 1942, S. 59. 298 Vgl. BAM/2305, Broschüre »Eröffnung der Fleckfieberforschungsstätte«. 299 Deutsche Wochenschau 10/1942, Beitrag »Eröffnung des ›Behring-Instituts‹«. 300 BAM/1546, Flugblatt »Kampf der Laus, Kampf dem Fleckfieber«, 12.02.1943. 301 Vgl. BAB, R 1501/3644, Protokoll der Besprechung im RMI, 28.11.1942. 302 BAM/2393, Bericht über die Behringwerke im Jahre 1943, S. 1. 303 Ebd., S. 2.

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Staat und Wirtschaft bestellt, die im Krieg reiche Ernte einbrachten. Das gilt für Feldzüge im Osten ebenso wie für Impfkampagnen an der »Heimatfront«. Einerseits wäre eine derartige Popularisierung der Diphtherieschutzimpfung innerhalb weniger Jahre ohne das Marketing von Pharmaunternehmen kaum möglich gewesen. Andererseits gewannen Unternehmen in Kooperationen mit Gesundheitsämtern und Ministerien, später auch mit der Wehrmacht und SS, eine Planungssicherheit und Absatzmärkte, die eine Erweiterung der Produktion erlaubten. Es war dieses Zusammenspiel, das eine Vermarktung von Impfstoffen ebenso beförderte wie eine Vermarktlichung des Gesundheitswesens. Es war diese Vermarktlichung, die in der Bundesrepublik in voller Blüte stehen sollte.

3.4 »Volksvorsorge« und »präventives Selbst«: Soziale Praxis 3.4.1 Von »Schnittchen« und Spritzen: Zugriffe auf den Körper (II) Es mutet wie Millimeter-Fechterei an, was Gesundheitspolitiker und Medizi­ nalbeamte um 1930 über die Ausführung der Pockenschutzimpfung diskutierten. Dennoch schieden sich an der Anzahl und Länge der Impfschnitte die Geister, die entweder für den Primat der »Volksgesundheit« oder für den des Impflings stritten. Ein Blick in die Debatten im Reichsgesundheitsrat der frühen 1930er Jahre zeigt diesen Zusammenhang deutlich. Mochten auch unterschiedliche Auffassungen über potenzielle Nebenwirkungen von Impfungen kursieren, waren sich alle Teilnehmer über eine Änderung im Alltag einig: Ab sofort sollten alle Impfärzte ein »schonendes Impfverfahren (kleine Impfschnitte von höchstens 0,5 cm, nicht zu hohe Virulenz der Lymphe)«304 vornehmen. Uneinigkeit bestand allein in der Anzahl der Impfschnitte. Während ein Teil der Experten zwei für ausreichend hielt, bestand der andere auf vier Schnitten, um den Erfolg der Impfung sicherzustellen. So oder so war dieser Beschluss bemerkenswert. Hält man sich die übliche Praxis in Weimar vor Augen, in der mehrere Schnitte bis zu zwei Zentimetern üblich waren oder das Verfahren im Kaiserreich, in der acht, zwölf und mehr Schnitte vorgenommen worden waren, brachte dieser Beschluss den Impflingen erhebliche Erleichterungen. Bemerkenswert war auch der ebenso einstimmige Beschluss, Impfstoffe mit »nicht zu hoher Virulenz« vorzuschreiben. Hatte das Abmildern von Impfstoffen wenige Jahre zuvor noch als »Sabotage« an der Volksgesundheit gegolten, stand nun der Schutz des Impflings vor starken Impfreaktionen hoch im Kurs. Es passt zum Befund eines präventiven Pragmatismus, dass man im »Dritten Reich« weitere Erleichterungen einführte. Während der ehemalige Leiter der Landesimpfanstalt Oppeln Mewius in seiner Zusammenstellung der neuesten 304 BAB, R 86/1244, Sondersitzung des Reichsgesundheitsrats, 11.02.1930.

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»Impftechnik« von 1934 mit Rücksicht auf die Kinder nur »zwei seichte Schnitte von höchstens 5 mm« empfahl,305 ging das Reichsinnenministerium sogar noch darunter und ordnete die Durchführung von »2 seichten Schnitten von 3 mm Länge«306 an. Zwei Schnitte von wenigen Millimetern kamen fast schon jener Punktion gleich, die noch in den 1920er Jahren auf Widerstand gestoßen war. Waren die Impfnarbe als »natürlicher Ausweis« von Immunität und eine hohe Virulenz des Impfstoffs bislang als Sicherheitsgarantie erwünscht gewesen, hatten sich die Bedürfnisse offensichtlich gewandelt. Heinrich A. Gins sprach 1937 in einem Handbuch sogar von »Schnittchen«, die »so oberflächlich geführt werden, daß keine Blutung eintritt«.307 Solche Maßnahmen erleichterten zwar den Zugriff auf den Körper. Dafür erhöhten sie das Risiko für den »Volkskörper«, nahmen mit schonenderen Impfverfahren doch »Fehlimpfungen« zu. Beim Impfen gegen die Diphtherie lagen die Dinge ohnehin anders. Hier schrieben die Richtlinien fest, dass der »Impfstoff […] dem Impfling unter die Haut entweder an der Brust unterhalb dem Schlüsselbein oder am Oberarm […] eingespritzt«308 werden solle. Zeitgenössischen Zeitungsmeldungen ist zu entnehmen, dass es auch hierfür Überzeugungsarbeit brauchte. Die Schilderung einer solchen Impfszene aus dem Gesundheitsamt Breslau brachte der »Breslauer Beobachter«: »der Arzt nahm dann so einen kleinen Impfling am Arm und fragte ihn, wie er denn eigentlich heiße. ›Willi‹, kam selbstbewußt die Antwort. ›Wieviel Bleisoldaten hast du denn?‹ forschte der freundliche Onkel Doktor weiter, und stach so ganz, ganz nebenbei, ohne dem Willi einen Ton zu verraten, mitten in den braunen Fleck hinein. Willi fiel auch prompt darauf hinein, verkündete stolz die Zahl seiner Bleisoldaten – und hatte nichts gemerkt! Dann zog es ein wenig im Arm, aber da sagte der Arzt schon: [›]Willi, jetzt bist du fertig‹. […] So ging es bei fast allen: nur einmal machte ein kleines Schulmädel etwas Krach […] vielleicht war als treibende Kraft ein bißchen Nervosität und Angst dahinter. Jedenfalls sprach die kluge Lehrerin die ernsten Worte: ›Aber Ursula, du willst doch einmal eine tapfere deutsche Frau werden!‹ Da hörte dann das Schluchzen auf, nur die Tränen glänzten noch in großen Kinderaugen. Als dann der so gefürchtete Akt vorüber war, meinte sie ganz erstaunt: ›Ich dachte, es tut weh, aber es zieht ja nur ein wenig!‹« Es finden sich keine Belege, ob sich diese Szene tatsächlich so abgespielt hat. Gleichwohl belegen solche Schilderungen spezifische Zuschreibungen des Spritzens in der Praxis. Als kurzes »Ziehen« gehörte das Impfen nun quasi zur Erziehung dazu. Für die Ängstlichen mutierte es zu einer Mutprobe, für die Aufgeschlosseneren zu einer Art Reifezeugnis. 305 Mewius, S. 362. 306 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Rundschreiben RMI an Landesregierungen, 04.04.1934. Vgl. auch das Merkblatt: StAOL, Rep 630, 242-5/5 III, Vorschriften bei der Ausführung der Impfung. 307 Gins, Lehrgang, S. 95. 308 HStAS, E 130b/2790, Richtlinien RMI zur Diphtherieschutzimpfung, 02.10.1937.

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Kurz gesagt geriet das Spritzen zu einem Ausweis vernünftiger Selbstsorge und eben auch zu einem Gemeinschaftserlebnis, in dem sich die vorsorgende »Volksgemeinschaft« präsentierte. Entwicklungen der Impftechnik sind daher alles andere als rein technische Fragen. Vielmehr macht der Wandel von Zugriffen eine erhöhte Sensibilität für den Körper des Kindes und Veränderungen der Vermittlungsarbeit deutlich. Gerade die Ausweitung des Impfschutzes über die Pocken hinaus machte die Akzeptanz der Eltern umso wichtiger, was ein Eingehen auf Ängste der Impflinge förderte. Der Wandel der Impftechnik vom Schneiden zum Stechen zur Spritze steht insofern für einen Wandel von Impfprogrammen, die den körperlichen Eingriff ernster nahmen. Einfacher gesagt: je mehr die Deutschen geimpft werden sollten, desto schonender musste das Impfverfahren ablaufen. 3.4.2 Von der Pflicht zur Privatisierung der Praxis Was kam von den erbitterten Debatten um die Impfpflicht tatsächlich im Alltag an? Welche Auswirkungen hatten der Lübecker Impfskandal, die gestiegene Aufmerksamkeit für Impfschäden und eine pragmatischere Haltung gegenüber Zwangsmaßnahmen? Eine »elastischere Behandlung« der Pockenimpfpflicht machte sich bereits kurz nach der »Machtergreifung« bemerkbar. In Württemberg wurden 1934 knapp 20 Prozent der impfpflichtigen Kinder  – die ja bereits eine Auswahl aller impffähigen Kinder des Jahrgangs bildeten – von der Impfung zurückgestellt. Im Jahr 1937 verzeichneten württembergische Bezirke Rückstellungen zwischen fünf und 43 Prozent.309 In Hamburg wiederum sah man Ende der 1930er Jahre wegen der »gegen die Pockenschutzimpfung bestehenden Gegnerschaft« und der mehr als 20 Prozent zurückgestellten bzw. der Impfung entzogenen Erstimpflinge gleich ganz von einer öffentlichen Werbung für die Impfung ab.310 Wurden während der 1930er Jahre Zahlen von 20 Prozent »erfolglos Geimpften und dem Impfen Entzogene[n]« Jahre im gesamten Reich dokumentiert,311 stiegen die Zahlen im Krieg noch einmal an. In einigen Regionen wurden bis zu 50 Prozent aller Impflinge zurückgestellt und Massenimpfungen ganz ausgesetzt, die Auffrischungsimpfung seit 1942 sogar im gesamten Reich sukzessive abgeschafft.312 Solche Zahlen sprechen für eine großzügige Zulassung von Impfbefreiungen und werfen die Frage auf, ob überhaupt noch von einer Impfpflicht die Rede sein konnte. Ein Trend zur Privatisierung war bereits in den 1920er Jahren erkennbar gewesen. Mit den neuen Angeboten in den Gesundheitsämtern wurde Privatsphäre seit Mitte der 1930er Jahre immer mehr zum Programm. Fortan konnten 309 HStAS, E 151-54/192, Berichte über Schutzpockenimpfung Württemberg 1934 u. 1937. 310 StAHH, 331-1 I/1334, Bd. 3, Schreiben Impfbüro an Wohlfahrtspolizei, 08.02.1939. 311 Vgl. Noeggerath, S. 12. 312 BAB, R 1501/3650, Protokoll der Besprechung im RMI, 06.06.1942.

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die Eltern in offenen Sprechstunden ganzjährig Impftermine auswählen, was gegenüber früheren Pflichtterminen »eine größere Freizügigkeit für die Eltern«313 mit sich brachte.314 In Berlin gingen Gesundheitsämter 1937 gar dazu über, »ambulatorische Impfungen« und Beratungsstunden auszubauen: Diese Beratungen sollten auch die Ängste besorgter Eltern zerstreuen, »daß der Gesetzgeber ihr Kind mit Gewalt zur Impfung zwingen wolle.« Zu diesem Termin wurde nicht mehr mit der sonst üblichen »Vorladung« der Polizei aufgefordert. Vielmehr fanden Eltern in ihren Briefkästen eine Einladung zur »Impfberatung« vor, die die Freiwilligkeit herausstellte und »jeden Hinweis auf die Impfpflicht« vermied.315 Einer Privatisierung der Praxis entspricht auch der personelle Rückzug des Interventionsstaates. Schon Anfang der 1930er Jahre waren Polizeibeamte in mehreren Impfbezirken aus den Impfräumen verbannt worden. Medizinalbeamte hatten darin einen wichtigen Schritt gesehen, um »die öffentliche Impfung der Privatimpfung anzunähern«, das Impfen »populärer zu gestalten und so den Impfgegnern weiteren Wind aus den Segeln zu nehmen.«316 Im »Dritten Reich« setzte sich dieser Trend fort. Zwar war die Polizei nach wie vor für die Einhaltung der Impfpflicht verantwortlich. »Besser ist es aber«, so erklärte Gins’ Lehrgang für Impfärzte, »wenn der Impfarzt so viel Autorität hat, daß das Eingreifen von Polizeibeamten unnötig wird.«317 In den 1940er Jahren verschwand die Polizei endgültig aus den Impflokalen. 1943 machte das RMI klar, dass die polizeiliche Aufforderung zur Impfung entfalle und zukünftig Tageszeitungen sowie Plakate die Impftermine ankündigen sollten.318 Diese Entwicklung war sicherlich den personellen Engpässen im Krieg geschuldet. Sie war aber auch die Folge sinkender Aufmerksamkeit für die Pocken gegenüber Tuberkulose, Diphtherie und Fleckfieber. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum im Krieg sogar die Dokumentation für Pockenschutzimpfungen entfiel. Angesichts drängenderer Aufgaben riet das RMI Anfang 1942, die Reichsstatistik zur Impfung erst nach dem »Endsieg« weiterzuführen.319 Waren Pflichtimpfungen und Polizeigewalt damit endgültig vom Tisch? Die steigenden Zahlen an Impfbefreiungen und erfolglosen Impfungen legen diesen Befund nahe, sie verdecken jedoch Einzelfälle. Während sich ein Großteil der Eltern mit Rückstellungen und Impf-Befreiungen behalf, bekamen einzelne Impfkritiker die Härte des Gesetzes zu spüren. Das Gesetz griff in der Praxis indes unterschiedlich konsequent durch. Meist ließen die Gerichte Impfverweigerer mit geringen Geldstrafen davon kommen, wie ein Landrat aus Zittau 1940 empört an das sächsische Innenministerium schrieb. Da »die Gerichte 313 Gins, Lehrgang, S. 101. 314 StAOL, Rep 630, 242-4/45, Rundschreiben RMI an Landesregierungen, 04.04.1934. 315 Alle Zitate Braemer u. Thimm, S. 420, 422. 316 BAB, R 1501/3648, Schreiben Oberbürgermeister Berlin, 07.10.1931. 317 Gins, Lehrgang, S. 104. 318 BAB, R 1501/3760, Runderlass RMI zur Vereinfachung der Verwaltung, 27.03.1943. 319 Vgl. Runderlass RMI, 02.02.1942, in: RMBliV, S. 322; BAB, R 1501/3649, Schreiben RGAPräsident Reiter an RMI, 20.04.1942.

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in Impfsachen eine erstaunliche Milde walten lassen«, könnten sich Impfgegner »mit einem Betrag von 50.- RM im Jahr von der Verpflichtung loskaufen«, was einem »Freibrief für fortgesetzte Rechtsbrüche« gleich käme.320 Dass weder das sächsische noch das Reichsinnenministerium auf diesen Vorwurf reagierte,321 bestätigt im Grunde noch die Beobachtung des Landrats: Die »Elastizität« im Umgang mit der Impfpflicht hatte mittlerweile alle Ebenen erreicht. Dieser Eindruck erhärtet sich noch, da die meisten Impfentziehungen gar nicht erst vor Gericht fanden,322 sondern als »Dauerrückstellung« von Ärzten legalisiert wurden. Ein Beispiel bot der Arzt des Gesundheitsamts im württembergischen Mühlacker 1936. Ein Vater hatte die Impfung seiner beiden Kinder sowohl mit »vielerlei Erkrankungen« als auch mit seiner naturheilkundlichen Lebensführung begründet. Nach Ansicht des Amtsarztes gehe das Interesse des Vaters zur Naturheilkunde so weit, »daß man ihn schon ins psychopathische Gebiet rechnen darf.« Dass sich der Amtsarzt dennoch für eine dauerhafte Befreiung der Kinder von der Impfpflicht aussprach, hatte andere Gründe: »Bei der etwas kränklichen und schwächlichen Veranlagung der Kinder würde die Gefahr einer abnormen Reaktion auf die Impfung vielleicht doch vorliegen.«323 Ähnliche Konsequenzen zog Ende 1934 die Hamburger Polizeibehörde aus den Erlassen des RMI, mit denen sich aufwändige Strafverfahren wegen der Impfpflicht vermeiden ließen. Wenn die Eltern »sich als völlig unbelehrbar erwiesen haben, oder wenn Kinder in Frage kommen, für die die Impfung Lebensgefahr bedeuten würde«, solle fortan »von der Impfung Abstand« genommen worden.324 Solche großzügigen Auslegungen der Impfbefreiung waren zwar medizinisch wenig stichhaltig. Sie hielten indes den Schein aufrecht, dass Impfbefreiungen nur aus medizinischen Gründen zulässig seien. Damit wahrten Ärzte sowohl ihre Stellung als Experten für die Volksgesundheit als auch die Autorität des Vorsorgestaates. Obgleich exakte Zahlen über Rückstellungen und Impfverweigerung – wahrscheinlich aus gutem Grund  – nicht systematisch in der Impfstatistik aufgeschlüsselt wurden,325 waren sie mit Sicherheit um ein Vielfaches häufiger als polizeiliche Verfolgung. Einzelne Probeerhebungen in den Berichten der 320 BAB, R 1501/3649, Schreiben Landrat Zittau, 07.09.1940. 321 Vgl. BAB, R 1501/3649, Antwort RMI an Sächsisches Ministerium des Innern, 23.11.1940. 322 In den Impfberichten der Kreise und Länder finden sich jährlich meist ein bis zwei Gerichtsverhandlungen. So sind für ganz Hamburg von 1933 bis 1944 ganze drei Verfahren zur Durchsetzung der Impfpflicht dokumentiert. Vgl. StAHH, 213-11/5212; 5318; 331-1 I/1375 Bd. 2. 323 HStAS, E 151-54/188, Schreiben GA Mühlacker, 08.02.1936. 324 StAHH, 331-1 I/1334 Bd. 3, Bericht Impfbüro der Wohlfahrtspolizei Hamburg, 29.10.1934. 325 In den Fragebögen für die Jahresberichte finden sich zwei entsprechende Fragen: »48. Sind Fälle von Widersetzlichkeit gegen die Impfung vorgekommen? […] 50. Hat sich eine impfgegnerische Tätigkeit bemerkbar gemacht? In welcher Weise und mit welchem Erfolg?« Die Antworten der Gesundheitsämter blieben meist schwammig; häufig wurden beide Fragen mit einem einfachen »Ja« oder gar nicht, nur in den seltensten Fällen mit exakten Zahlen beantwortet.

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Gesundheitsämter Württembergs, Niedersachsens, Brandenburgs, Frankfurts, Hamburgs, Lübecks und Münchens zeigen, dass zwischen zehn und 30 Prozent aller Impflinge zeitweilig oder dauerhaft von der Impfung zurückgestellt wurden und mitunter ganze Gemeinden der Impfung fern blieben. So berichtete das Württembergische Innenministerium aus dem Jahre 1934 von einer Demonstration in der Stadt Geislingen, in der »sich die Wiederimpflinge geschlossen im Sprechchor« der Impfung verweigert hätten. Selbst dieser Fall hatte keinerlei strafrechtliche Konsequenzen.326 Angesichts des verbreiteten Pragmatismus sind die wenigen Ausnahmen umso interessanter, in denen die Erfüllung der Impfpflicht verfolgt wurde. Auf den ersten Blick könnte die Seltenheit dieser Fälle ein Grund sein, sie zu vernachlässigen. Die Recherche in Staats- und Stadtarchiven erbrachte für den Untersuchungszeitraum 1930 bis 1950 gerade mal ein Dutzend Fälle, in denen Ärzte, Polizeibeamte und Gerichte tatsächlich bis zum Äußersten gingen und Gewalt anwendeten, um die Impfpflicht zu erfüllen. Auf einen zweiten Blick lassen sich jedoch gerade an diesen Ausnahmefällen Zusammenhänge zwischen Impfprogrammen, sozialen Normen und sozialen Ordnungen nachvollziehen, so dass im Folgenden ein fast schon absurdes Beispiel, der Fall Behrend, in den Blick genommen wird. Dieser Fall beschäftigte Hamburger Behörden fast 18 Jahre lang, von 1928 bis 1944. Werner Behrend war zunächst Fuhrmann, seit Mitte der 1930er Jahre Monteur sowie Vater von vier, später fünf Kindern und entschiedener Impfgegner, wie er bereits zu Beginn des jahrelangen Schriftwechsels mit den Behörden klar stellte. Seit 1928 widersetzte sich Behrend sämtlichen Aufforderungen zur Impfung seiner Kinder, so dass er bis Anfang der 1930er Jahre wiederholt kleinere Geldstrafen zahlen musste. Von 1933 bis 1936 gingen Behrends andauernde Impfentziehungen straffrei aus, da seine »Übertretungen meistens unter die Amnestiegesetze«327 fielen. Nachdem der Vater 1936 auf eine Impfaufforderung erneut nicht reagiert hatte, erhielt er ein Jahr später eine Geldstrafe in Höhe von 50 Reichsmark oder drei Tagen Haft, gegen die Behrend Beschwerde einlegte, da er »noch heute Impfgegner«328 sei, wie er schrieb. Gegen diese Beschwerde wandte sich nun die Ortspolizeibehörde in einem Schreiben an den Hamburger Senat mit der Bitte, Behrends Einspruch abzuweisen, da dieser »als hartnäckiger Impfgegner hier seit Jahren bekannt ist«.329 Auf den ablehnenden Bescheid legte Behrend wiederum mehrere Einsprüche ein, die von der Ortspolizei mehrfach zurückgewiesen wurden: »Behrend ist hier als hartnäckiger Impfgegner seit Jahren bekannt. Er ist unbelehrbar und weigert sich beharrlich, seine Kinder impfen zu lassen«, so dass »eine fühlbare Strafe am Platze ist«.330 326 HStAS, E 151-54/192, Bericht Württembergischer Innenminister, 1934. 327 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Ortspolizeibehörde Altona, 18.01.1937. 328 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Willy B. an Ortspolizeibehörde Altona, 30.03.1937. 329 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Ortspolizeibehörde Altona, 07.05.1937. 330 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Ortspolizeibehörde Altona, 19.11.1937.

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Nach mehreren Schriftwechseln nahm sich im April 1939 das Amtsgericht Hamburg-Blankenese der Sache an. Es entschied zunächst auf eine Strafe von 35 RM und blieb damit noch unter der ursprünglich geforderten Summe von 50 RM, »weil strafmildernd berücksichtigt wurde, dass die impfgegnerische Einstellung des B. ganz offenbar der Liebe zu seinen Kindern und nicht theoretischen impfgegnerischen Erwägungen«331 entspringe. Nachdem Behrends Einzug zur Wehrmacht das Verfahren ab September 1939 zunächst ruhen ließ, erhielt der Vater im Juli 1940 eine weitere Aufforderung zum Impfen seiner Kinder. Auf die erneute Verweigerung leitete das Amtsgericht ein zweites Verfahren ein, das nun in einer Strafe in Höhe von 75 RM mündete. Mehrere weitere Einsprüche und ein ganzes Jahr später widmete sich das Hamburger Landgericht der Sache und verurteilte Behrend nicht mehr zu einer Geldstrafe, sondern zu »drei Tagen Haft, weil eine Haftstrafe ihm eine bessere Lehre sein wird als Geldstrafe«,332 wie das Hamburger Tageblatt vom Prozess berichtete. In einem Schreiben an Gauleiter Karl Kaufmann erklärte der Hamburger Polizeipräsident die Haftstrafe mit der Notwendigkeit, »der bagatellisierenden Einschätzung Behrends von im allgemeinen Interesse liegenden behördlichen Verfügungen auf dem Gebiete des Gesundheitswesens und von Behördenautorität entgegenzutreten.«333 Dass Behördenautorität beim Angeklagten wenig ausgeprägt war, unterstreicht der weitere Verlauf des Verfahrens. Als Behrend im März 1942 seine Haft nicht antrat, wurde er in das Polizeigefängnis Hütten für eine dreitägige Haftstraße eingeliefert. Damit war die Sache indes nicht zu Ende. Schließlich kam das Impfbüro mittlerweile zu der Erkenntnis, dass »der überaus hartnäckigen Renitenz […] durch fortgesetzte Bestrafung«334 nicht b ­ eizukommen sei. Für eine Erfüllung der Impfpflicht suchte man nun mit dem Jugendamt nach Lösungen. Dieses übernahm Ende 1943 die Vormundschaft über drei impfpflichtige Kinder – zwei weitere Kinder waren im Laufe des mehrjährigen Verfahrens bereits zu alt für die Impfung geworden – und ließ diese drei Kinder gegen die Pocken impfen.335 Anfang 1944 erhielt die Hamburger Impfanstalt vom Gemeindeamt Blankenese endlich die erlösende Nachricht, dass die drei Kinder »mit Erfolg geimpft«336 worden seien und der Fall somit erledigt sei. Dieses langwierige Verfahren wirft Fragen auf. Warum beschäftigten sich Hamburger Behörden jahrelang mit der Impfpflicht dieser Kinder, wenn doch gleichzeitig jedes Jahr zehntausende Kinder ungeimpft blieben und deren Eltern keine Verfahren zu fürchten hatten? Wie lässt sich das Verfolgen der Impfpflicht noch im Krieg erklären, in dem die Berichtspflicht für die Impfung doch ohnehin abgeschafft und die Wiederimpfung sukzessive ausgesetzt wurde? Und 331 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Bericht Impfbüro der Polizeibehörde Hamburg, 07.06.1939. 332 Hamburger Tageblatt, Unbelehrbarer Impfgegner bestraft, 04.02.1941. 333 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Polizeipräsident, 12.03.1942. 334 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Impfbüro, 20.05.1942. 335 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Impfbüro, 28.04.1943; Beschluss Amtsgericht Blankenese, 08.11.1943. 336 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Gemeindeamt Blankenese, 19.01.1944.

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woher rührte das Engagement für die Impfpflicht noch Ende 1943 und damit ausgerechnet in einer Stadt, die im Sommer 1943 von alliierten Luftangriffen schwer verwüstet wurde? Die wiederholten Warnungen vor der Gefährdung der staatlichen Autorität machen deutlich, dass es im Fall Behrend weniger um medizinische Fragen als um die Grundsätze des Interventionsstaats ging. Das Verhalten des Impfgegners mutierte im Laufe der Jahre zu einer geradezu staatstragenden Angelegenheit. Schließlich bedrohte Behrends Impfverweigerung weniger die »Volksgesundheit« als die staatliche Autorität, wie das Hamburger Impfbüro die Entziehung der Vormundschaft begründete: »Das Verhalten des B. ist schließlich gehalten, die behördliche Autorität zu schmälern, denn B. wird darüber, dass es ihm bisher gelungen ist, die Impfpflichterfüllung […] zu hintertreiben, Genugtuung empfinden und er wird, was nicht zweifelhaft ist, in Impfgegnerkreisen mit seinem Verhalten gegenüber der Obrigkeit und seinem – unbestreitbaren  – Erfolg sich brüsten […]. Das darf nicht sein«.337 Zu einem Problem wurde Behrends Verhalten also erst, weil es als Kritik staatlicher Behörden verstanden wurde und diese Kritik unter Impfgegnern auf Resonanz stoßen konnte. An Behrend musste folglich ein Exempel statuiert werden. Mit diesem Motiv wird übrigens nachvollziehbar, warum selbst das Hamburger Tageblatt vom Fall berichtete. Schließlich hielt der Artikel über den »unbelehrbaren Impfgegner« allen Gesinnungsgenossen eine Warnung vor Augen, wer beim Impfen das Sagen hatte. Und noch etwas Zweites zeigt das Fallbeispiel. Selbst unter den Bedingungen des totalen Krieges machte die Behörde Dienst nach Vorschrift und dem Impfgegner mehrfach Türen auf, um seiner Pflicht für die »Volksgesundheit« Folge zu leisten. Dass Behrend mehrere Gerichtsverfahren erstritt und selbst nach Jahren der Verweigerung ordentliche Verfahren sowie Verständnis für die »Liebe zu seinen Kindern« erntete, mag überraschen. Es spricht aber einmal mehr dafür, dass Impfungen im Nationalsozialismus als Projekt der Vergemeinschaftung verstanden wurden, in dem die »Volksgemeinschaft« im Kampf gegen die »Volksseuchen« zusammenfinden sollte. Zusammengefasst lassen sich solche seltenen Sanktionen als Kehrseite des präventiven Pragmatismus verstehen. Gerade weil Impfärzte bei Rückstellungen und Befreiungen großzügig agierten, bedurfte es bei öffentlicher Impfgegnerschaft einer Demonstration, dass das Heft des Handelns in den Händen der Behörden lag. Diesen Zusammenhang zwischen Pragmatismus und Sanktionen erhob der Reichsinnenminister 1940 sogar zu einer Leitlinie. Demnach rechtfertigten die neuen Möglichkeiten der Impfbefreiung und eine »gegenüber dem früheren Zustand erheblich verbesserte ärztliche Betreuung der impfpflichtigen Kinder […] ein schärferes Einschreiten gegen die widerrechtlichen Entziehungen.«338 Etwas ganz Anderes war eine Durchsetzung der Impfpflicht im Übrigen unter »Gemeinschaftsfremden«. Hier wogen Bedenken gegenüber Zwangsmaßnahmen weniger schwer, im Gegenteil: als potenzielle »Seuchenträger« waren 337 StAHH, 331-1 I/1375 Bd. 2, Schreiben Impfbüro, 28.04.1943. 338 HStAS, E 130b/2790, Runderlass RMI betr. Impfgesetz, 19.04.1940.

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»Fremd-« bzw. Zwangsarbeiter, Flüchtlinge und Kriegsgefangene immer wieder das Ziel körperlicher Gewalt. Zwar verbot sich im Falle des Fleckfiebers eine Ausdehnung der Impfpflicht auf »Ostarbeiter«, Kriegsgefangene oder Häftlinge schon aus Sparzwängen. Im Falle von Diphtherie-, Typhus- oder Pockenschutzimpfungen war man hingegen großzügiger, wie ein Beispiel aus Bayern zeigt. Im Regierungsbezirk Regensburg stellte die Geburt von »ungefähr 370 Kinder von Polinnen und Osterarbeiterinnen« den Regierungspräsidenten Anfang 1944 vor die Frage, ob »volksfremde« Säuglinge und Kleinkinder der deutschen Impfpflicht unterlägen. Fraglich war die Impfpflicht freilich nicht aus ethischen, sondern aus Kostengründen. Da »die Impfung ja nicht zum Schutze der Ausländerkinder, sondern zu dem der eigenen Bevölkerung dient«, übernahm letztlich das Innenministerium die Kosten. Der Nutzen für die »Volksgemeinschaft« legitimierte also eine Finanzierung der Immunisierung und ihre zwangsweise Durchführung. Dass im Übrigen auch die konkrete Umsetzung dieser Impfung ganz der »Volksgemeinschafts«-Ideologie entsprach, legt der Bericht des Regierungspräsidenten nahe: »Selbstverständlich« fand »die Impfung getrennt von den Impfterminen für deutsche Kinder« statt.339 3.4.3 Werk (an) der »Volksgemeinschaft«: Massenimpfungen Während die Zunahme individueller Pockenschutzimpfungen eine allmähliche Abkehr von Massenimpfungen markiert, entwickelte sich die Diphtherieschutzimpfung umgekehrt: Sie wurde explizit als öffentliche Massenimpftermine organisiert. Wie lässt sich dieser Gegensatz erklären? Schon die Vermittlung der Diphtherieschutzimpfung macht deutlich, dass sie mehr war als eine Impfung. Die Propaganda verklärte sie zu einem Testfall für die Mobilisierungsfähigkeit der »Volksgemeinschaft«. Diphtherieschutzimpfungen waren daher auch gefragt wegen ihres »schönen Scheins«. In Zeitungen, Vorträgen, Film- und Radiobeiträgen dienten sie als Beleg, dass alle »Volksgenossen« im Dienste der »Volksgemeinschaft« in den Impflokalen zusammenfanden. Da eine exklusive Behandlung Einzelner dieser Inszenierung widersprochen hätte, wurden Privat­ impfungen mitunter sogar verboten. »Auch die Kinder ›prominenter Persönlichkeiten‹«, so berichtete Max Gundel von einem der ersten Impfprogramme, »wurden in den öffentlichen Terminen wie alle anderen Kinder geimpft.«340 In diesem Sinne bot die Diphtherieschutzimpfung beides: Einerseits eine Instrumentalisierung der »Volksgemeinschafts«-Ideologie für das Impfen, da der Druck auf den Einzelnen erhöht wurde, vor den Impflokalen Schlange zu stehen; andererseits eine Inszenierung der »Volksgemeinschaft«, die sich in den Schlangen der Freiwilligen verkörperte, wie eine Lokalzeitung Ende 1936 behauptete: »Es ist ein Akt schöner, echter, wahrer Volksgemeinschaft […]. Das 339 BAB, R 1501/3649, Schreiben Regensburger Regierungspräsident, 22.02.1944. 340 Gundel, S. 40.

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kommt klar in der Organisation zum Ausdruck. Grundsätzlich führen die Halberstädter Ärzte aus Anlaß dieser Aktion keine Privatimpfungen aus, sondern jeder, der sein Kind schutzimpfen lassen will, muß dieses im Rahmen der Gesamtaktion tun. […] Dieses Werk der Volksgemeinschaft […] spricht für sich selbst.«341 Nun lässt sich aus medialen Darstellungen nicht auf die soziale Wirksamkeit der Inszenierungen schließen. Wahrscheinlich gingen Eltern aus unterschiedlichen Gründen zum Impfen, in erster Linie wohl aus Angst vor der Diphtherie. Gleichwohl trugen sie mit ihrer breiten Beteiligung zu jener »Volksgemeinschafts«-Inszenierung bei und verkörperten die Botschaft, dass nicht nur das Eigeninteresse, sondern ebenso das »der anderen Volksgenossen« befriedigt werde, wie ein Münchener Obermedizinalrat hervorhob.342 In den Impflokalen formierte sich demnach eine »Volksgemeinschaft« aus Pflichtgefühl, die ihren Beitrag für die Zukunft aller »Volksgenossen« leistete. Nicht nur die Beteiligung der Eltern und Kinder diente zur Inszenierung der »Volksgemeinschaft«. Auch die Verantwortlichen inszenierten sich als Sinnbild einer »geschlossene[n] Abwehrfront«.343 Dass diese »Front« mehr war als Propaganda, legt ein Blick in die Praxis eines typischen Impftermins nahe, der tatsächlich zahlreiche Akteure einband. Den Auftakt gab die Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit, die von Lehrern in den Schulen, von Ärzten, von NSVund DRK-Mitgliedern, in den NS-Frauenschaften und HJ-Heimen ebenso wie in Wirtschafts- und Ernährungsämtern, in Sozialverwaltungen, Kinos, Bäcke­ reien und Milchgeschäften geleistet wurde.344 Neben dem breiten Medienangebot von Pharmaunternehmen fußte die Überzeugungsarbeit auf direkten Kontakten »von Mensch zu Mensch«.345 Blockwarte gingen Tage vor den Impfterminen von Haus zu Haus, um die Impfbereitschaft der »Volksgenossen« zu erfragen. Für eines der ersten Impfprogramme im März 1935 etablierte der Leiter des Gesundheitsamts Rastenburg, Hans Franke, ein Verfahren, das im doppelten Wortsinn Schule machen sollte. Nach der Werbung für die Diphtherieschutzimpfung in der lokalen Presse erhielten alle Eltern über die Schulen eine vorgedruckte Erklärung zur Einwilligung in die freiwillige Schutzimpfung. Diese Erklärungen wurden nicht nur durch die NSV hergestellt, sondern von dieser auch überprüft, um unwillige Eltern in Einzelgesprächen »aufzuklären«, wie Franke schrieb: »Die Bogen, auf denen die elterliche Einwilligung fehlte, wurden an die Zellenwarte der NSV. ausgehändigt, welche dann zu den betreffenden Eltern persönlich hingingen und durch mündliche Aufklärung deren Einwilligung noch in vielen Fällen erreichen konnten.«346 In Westfalen ergänzte das Gesundheitsamt die persönliche Aufklärungsarbeit noch einmal 341 Anhalter Anzeiger, 10.000 Kinder werden in Halberstadt geimpft, 24.11.1936. 342 BAB R 36/1322, Bericht GA München, 7.8.1942. 343 Gundel, S. 428. 344 Vgl. Gundel; StAHH, 361-2 VI/1312, Ablaufplan Hamburger Haupt-GA, 15.11.1941. 345 StAHH, 135-1 I–IV/3080, Durchführungsplan Diphtherieimpfung, 11.12.1941. 346 Franke, S. 592.

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durch eine schriftliche Aufklärung, fanden die Eltern nichtgeimpfter Kinder in ihren Briefkästen eine »Letztmalige Aufforderung zur Diphtherie-Schutzimpfung!« vor, in der Impfskepsis als unsoziales Verhalten gebrandmarkt wurde: »Es ist festgestellt worden, daß Sie mit Ihrem Kind […] gar nicht oder nicht zu allen Impfterminen erschienen sind. In Ihrem eigenen und im Interesse aller Volksgenossen fordere ich Sie daher auf, Ihr Kind […] der von den behördlichen Stellen für notwendig erachteten gefahrlosen Diphtherie-Schutzimpfung unterziehen zu lassen.«347 Dass der persönliche Kontakt den Druck auf Eltern erhöhte, liegt auf der Hand. Schließlich widersprach eine Impfverweigerung dem Ehrgefühl jedes »Volksgenossen«, wie ein Aufruf in Siegen hervorhob: »Es ist wohl Ehrensache, dass demnächst dem NSV-Blockwalter mit ›Ja‹ geantwortet wird, wenn er bei sei­nem Rundgang anfragt, ob Hans und Fritz jetzt schutzgeimpft sind.«348 Selbst wenn letztlich nicht jeder Hans und Fritz geimpft wurde, avancierten Diphtherieschutzimpfungen zum Praxistest für die Mobilisierungsfähigkeit von Partei und Staat und für den Zuspruch zu gesundheitspolitischen Maßnahmen. Die Inszenierung gemeinschaftlicher Praktiken und Ablehnung privater Impfungen, die alltäglichen Routinen und semantischen Gleichsetzungen von Vorsorge, Volksgesundheit und Gemeinnutz geben damit ein Beispiel für eine »Volksgemeinschaft als soziale Praxis«: Es war eine Inszenierung, die soziale Wirkung entfaltete, weil unterschiedliche Motive als kollektiver Zuspruch zu dieser Inszenierung interpretiert werden konnten.349 Bemerkenswert ist diese Praxis nicht zuletzt, weil sie in Form der Beteiligungszahlen Wirkung zeigte. Dass ein Großteil der Gesundheitsämter Beteiligungsquoten von mehr als 90 Prozent an dieser freiwilligen Maßnahme dokumentierte, unterstreicht die Erfolge der Inszenierung des Impfens als Werk (an) der »Volksgemeinschaft«. 3.4.4 Eigeninitiativen und Hierarchien: Fleckfieberimpfungen An der Front entlud sich die chronische Knappheit an Fleckfieberimpfstoffen seit dem Einmarsch in die Sowjetunion in Verteilungskämpfen zwischen SS, Wehrmachtsoldaten, Besatzungsbehörden und Zivilpersonen. Nicht nur wurden vor dem Hintergrund der wachsenden Fleckfieberangst bestimmte Gattungen wie die »Einsatzgruppen«, Lagerpersonal und Waffen-SS als besonders impfbedürftig eingestuft. Darüber hinaus bildeten sich Hierarchien der Immunisierung innerhalb einzelner Einheiten. Ein bezeichnendes Beispiel bot der Chef des Wehrmachtssanitätswesens Handloser im November 1942 mit seiner Verfügung, dass Impfungen gegen Fleckfieber nur noch für Lazarettinsassen in Frage kämen, die »wieder kriegsverwendungsfähig [werden] wür347 Ein Abdruck der entsprechenden Postkarte findet sich bei Gundel, S. 28. 348 BAB, R 36/1322, Schreiben Oberbürgermeister Siegen, 13.05.1942. 349 Vgl. von Reeken u. Thießen, S. 20–23.

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den«.350 Immunität geriet so zu einem Privileg, an dem sich die Nützlichkeit des Betroffenen ablesen ließ. Wegen der grassierenden Angst vor dem Fleckfieber häuften sich Initiativen Einzelner unterschiedlicher Truppenteile, Besatzungs- und Medizinalbehörden. Aus Riga schrieb beispielsweise ein Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Ende 1943 von seiner gefährlichen Praxistätigkeit, da er »häufig stark verlauste Personen […] vorwiegend Polen und Russen« anträfe, so dass er und seine Frau »einer Infektion besonders ausgesetzt« seien und dringend Impfstoff benötigten.351 Auch an das Robert Koch-Institut in Berlin richteten sich seit dem Einmarsch in die Sowjetunion zahllose Anfragen, mit denen einzelne Soldaten, deren Angehörige oder ganze Unternehmen die Immunisierung in die eigene Hand nahmen. Diese Eigeninitiative zeigt sich in Briefen wie dem eines Hamburger Baudirektors, der dringend um Impfstoff für seinen Sohn an der »Leningrader Front«352 bat, wo keine ausreichende Immunisierung durch die Wehrmacht erfolgt sei; oder in Anfragen von Firmen wie den Junkers-Werken, die sich Fleckfieberimpfstoff für ihre ukrainischen Mitarbeiter wünschten.353 Da sich derartige Eigeninitiativen seit 1943 häuften, machten Besatzungsbehörden wie der Generalkommissar in Riga eine Auslieferung von Fleckfieberimpfstoff von ihrer persönlichen Zustimmung abhängig, um »eine richtige Verteilung auf die gefährdeten Gebiete« zu gewährleisten.354 Von der Front wanderten Ängste in die Heimat. Heimkehrende Soldaten, Kriegsgefangene und osteuropäische »Fremdarbeiter« schienen den »Volkskörper« zu bedrohen.355 Da Impfprogramme gegen Fleckfieber ebenso fehlten wie ausreichende Mengen Impfstoff,356 griffen die Deutschen zur Selbsthilfe. Bereits die Ankunft der ersten polnischen Kriegsgefangenen erhöhte in betroffenen Regionen den Bedarf spürbar. Noch größer wurde dieses Bedürfnis seit der Zwangseinschleppung von »Ostarbeitern« und dem Masseneinsatz sowjetischer Kriegsgefangener in Landwirtschaft und Rüstungsindustrie. Zum einen bereiteten deren Arbeits- und Lebensbedingungen einen idealen Nährboden für Krankheiten. Zum anderen wurden sie mit dem Ausbau der Kriegswirtschaft im gesamten Reich verteilt. Dass man sich nun die »Seuchen des Ostens« »heim ins Reich« holte, war fortan die Sorge zahlreicher Kommunalverwaltungen, Betriebe und Parteidienststellen.357 In Hamburg sahen Gesundheitsbehör-

350 Leven, Fleckfieber, S. 141. 351 BAB, R 90/362, Schreiben eines Facharztes aus Riga, 12.11.1943. 352 BAB, R 86/3674, Schreiben von Lamprecht, Hamburg, an RKI, 12.01.1942. 353 BAB, R 86/3674, Schreiben der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke, 11.03.1942. 354 BAB, R 90/362, Schreiben des Generalkommissars Riga, 12.04.1944. 355 Süß, W., Volkskörper, S. 226; vgl. Weindling, Die weltanschaulichen, S. 132. 356 Zwar erging vom RMI 1942 eine Empfehlung an alle »Volksgenossen«, sich »in den besetzten Ostgebieten« gegen Fleckfieber impfen zu lassen. Entsprechende Mengen des Impfstoffs standen jedoch nicht bereit. BAB, R 1501/3121, Runderlass RMI, 20.04.1942. 357 Vgl. BAB, R 1501/3644 und 3645.

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den beispielsweise besorgt auf das nahe gelegene Konzentrationslager Neuengamme und auf »Wehrmachtsangehörige, die auf Urlaub hier waren«, bei denen »sich nachträglich Fleckfieber herausgestellt« habe.358 In Betrieben und Arbeitsämtern, in DAF- und Konzentrationslagern im gesamten Reich wurden aufgrund solcher Erfahrungen Fleckfieberimpfungen angeordnet. Freilich nur für das »reichsdeutsche Lagerpersonal«,359 wie die DAF in einem Schreiben betonte, da der Impfstoff Mangelware blieb. Entsprechend irritiert zeigte sich das Robert Koch-Institut, als ein Nürnberger Motorenwerk 1942 Impfstoff für »3.000 Russen« anforderte. In seiner Antwort machte das RKI deutlich, dass Impfungen nur »für Deutsche bestimmt« und eine »Behandlung von Russen« nicht vorge­ sehen sei. Zerknirscht räumte das Werk daraufhin ein, dass man »unrichtig« bestellt habe und eine Impfung für »ausländische Arbeitskräfte […] in keinem einzigen Fall in Frage«360 käme. Im Gesamtüberblick stechen an solchen Initiativen drei Argumentationsmuster hervor. Verbreitet war erstens das Argument der »Kriegswichtigkeit«. Ob Betrieb oder Behörde, stets wurde der bedeutsame Eigenanteil an der Kriegsrüstung bzw. -führung herausgestellt, um den Erhalt von Impfstoffen zu begründen. So erklärte die Reichsbahn gegenüber dem RKI im September 1942 ihre »vordringliche« Forderung nach 60.000 Impfungen, »da von der Gesundheit unserer Bediensteten die kriegsentscheidenden Transporte abhängen.«361 Es spricht für das Ausmaß der Impfstoff-Engpässe, dass selbst solche Forderungen nicht von Erfolg gekrönt waren. Im Falle der Reichsbahn verlangte das RKI eine Senkung der Forderung auf 6.000 Portionen für Mitarbeiter, die »in wiederholten nahen Kontakt mit einer verlausten Bevölkerung kommen«.362 Diese Antwort des RKI verweist auf ein zweites Argumentationsmuster. Ebenso häufig wie auf die Kriegswichtigkeit verwies man nämlich auf eine besondere Bedrohungssituation, mit der sich der Bedarf legitimierte. Plausibilisiert wurde die Bedrohung meist durch Stereotypen vom »bärtigen Juden« oder »verlausten Russen«. Im Falle von Bauarbeiten zum Konzentrationslager Auschwitz stießen solche Plausibilisierungsstrategien auf besonders offene Ohren.363 Doch auch im Reich war das Argumentationsmuster beliebt – und zwar nicht nur in Umgebung der Konzentrationslager. So schrieb etwa das Nürnberger Arbeitsamt in seiner Bitte um Fleckfieberimpfstoff von »verlausten Russen«, mit denen Ärzte der Arbeitseinsatzbehörden in »engere Berührung« kämen.364 Im Reichsfinanzministerium wiederum betonte man die ständigen »Durchsuchungen 358 BAB, R 86/3674, Schreiben Gemeindeverwaltung Hamburg, 14.01.1942. 359 BAB, R 1501/3645, Schreiben DAF an RMI, 3.5.1943. 360 BAB, R 86/3674, Schreiben Hugo Schneider AG an RKI, 6.3.1942; Antwort RKI, 12.03.1942 sowie Antwort der Schneider AG an RKI, 12.3.1942. 361 BAB, R 86/3674, Schreiben Reichsbahn-Zentralamt an RKI, 30.09.1942. 362 BAB, R 86/3647, Antwort RKI an Reichsbahn-Zentralamt, 03.10.1942. 363 BAB, R 86/4145, Schreiben Schlesische Industriebau Lenz & Co A. G. an RKI, 16.12.1942. 364 BAB, R 86/3674, Schreiben Landesarbeitsamt-Zweigstelle Nürnberg an RKI, 11.03.1942.

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von Polen, Sowjet-Russen und Juden« durch Mitarbeiter des Zollgrenzschutzes, die »deshalb als besonders gefährdet anzusehen« seien.365 Einfacher machte es sich die Wiener Lokomotivfabrik AG, die als Begründung für Fleckfieberimpfungen knapp die Beschäftigung von »Ostarbeitern« anführte.366 Drittens konstruierten Antragsteller Hierarchien der Schutzbedürftigkeit. Wegen der Knappheit des Impfstoffs konkurrierten nicht nur Betriebe und Behörden miteinander. Auch innerhalb einzelner Organisationen entbrannten Verteilungskämpfe, zumal das Robert Koch-Institut explizit eine Priorisierung der Impflinge einforderte. In seiner Antwort auf eine Anfrage nach Fleckfieberimpfstoff des Gesundheitsamts Kalisch wandte das Institut daher gegen die Forderung nach 500 Impfdosen ein, dass eine Immunisierung »für besonders gefährdete Personen reserviert bleiben« müsse. Das Gesundheitsamt Bremervörde nahm diese Hierarchisierung in einer Anfrage vom Juni 1942 bereits vorsorglich vorweg. Wegen des »Großeinsatz[es] russischer Arbeitskräfte« forderte man zwar Impfungen für »die Ärzte, die Gemeindeschwestern und evtl. auch das Pflegepersonal« an. Wegen der begrenzten Mengen des Impfstoffs könne man notfalls aber auch mit der Hälfte der geforderten Impfungen auskommen, wenn das »Krankenhauspflegepersonal nicht geimpft« werde.367 Obwohl das Pflegepersonal wahrscheinlich häufigeren Kontakt zu Fleckfieberkranken als die Ärzte gehabt haben dürfte, standen Letztere in der Immunitätshierarchie offenbar höher. Entsprechende Wertordnungen galten selbstverständlich auch in ethnischer Hinsicht. Schon während des Aufbaus der polnischen Besatzung hatte das RKI dem Generalgouverneur vorsorglich Fleckfieberimpfstoff angeboten, bei der Gelegenheit allerdings darauf hingewiesen, dass »derselbe nach Möglichkeit nur bei Reichs- oder Volksdeutschen zu[r] Anwendung gelangt«.368 In solchen Vorgängen schlug sich die von Süß beschriebene »rassistisch strukturierte […] Wert- bzw. Unwerthierarchie«369 nieder, und noch mehr: Knappe Ressourcen sorgten ebenso für Ungleichheiten unter den »Volksgenossen«, deren Impfschutz vom Erfolg von Eigeninitiativen abhängig war. In diesem Sinne bieten Eigeninitiativen für Fleckfieberimpfungen ein Lehrstück über das alltägliche Zusammenspiel von Seuchenängsten und Schutz­ vorstellungen, das in einer Spirale wechselseitiger Versicherheitlichung und Verunsicherung mündete. Versuche einer Versicherheitlichung des »Volkskörpers« waren angesichts der Ressourcenknappheit von Anfang an zum Scheitern verurteilt, vielleicht sogar nicht einmal notwendig. So hebt Süß hervor, dass angesichts der relativ geringen realen Bedrohung im Reich eine »geradezu irrationale Furcht«370 vor dem Fleckfieber bestanden habe. Dass Verunsiche365 BAB, R 86/3647, Schreiben Reichsminister der Finanzen an RKI, 27.02.1942. 366 BAB, R 86/3647, Schreiben Wiener Lokomotivfabrik AG an RKI, 17.07.1942. 367 BAB, R 86/3647, Schreiben GA Bremervörde an RKI, 01.06.1942. 368 BAB, R 86/4256, Schreiben RKI, 02.08.1940. 369 Süß, W., Volkskörper, S. 230. 370 Ebd., S. 223.

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rung und Irrationalität indes sehr rationale Handlungen beförderten, zeigen die Eigen­initiativen, die eine allgemeine Verunsicherung wiederum verstärkten. Schließlich erhöhte sich die Erfolgsaussicht von Eigeninitiativen durch das Einschreiben in zeitgenössische Bedrohungsvorstellungen, die so reproduziert und verbreitet wurden. An den Schwierigkeiten einer Immunisierung gegen Fleckfieber zeichnet sich daher ein strukturelles Problem der NS-Gesellschaft ab: Migration und Mobilität im Dienste der Kriegsrüstung waren gesundheitlich gesehen eine Katastrophe, da sie klaffende Lücken des »Herdenschutzes« demonstrierten. In Verbindung mit dem Ärzte-, Krankenhaus- und Medikamentenmangel erhöhten diese Bedrohungsgefühle die Attraktivität von Impfungen. Diese avancierten zu einem ebenso existenziellen wie exklusiven Bedürfnis – lange bevor Runderlasse eine Schutzimpfung empfahlen.371 Auch hier liegt also eine Wurzel des »präventiven Selbst«: in Initiativen Einzelner in Zeiten des »totalen Krieges«, die Immunität zu ihrer eigenen Sache machten.

3.5 Zwischenfazit: Normierung und Normalisierung Die 1930er Jahre stecken voller Überraschungen. Zunächst einmal ist der Befund bemerkenswert, dass eine langsame Liberalisierung der Impfpflicht erst am Ende der Weimarer Republik einsetzte. Sorgen der Eltern und Persönlichkeitsrechte gewannen in Deutschlands erster Demokratie erst spät an argumentativem Gewicht. Überraschender noch ist der Befund, dass die Liberalisierung im »Dritten Reich« nicht nur fortgesetzt, sondern forciert wurde. Die Expansion des Gesundheitswesens und die Privatisierung des Gesundheitsverhaltens gingen seit 1933 Hand in Hand. Mit dem Boom an Gesundheitsämtern erhielt ein Großteil der Deutschen erstmals Gelegenheit für kostenlose Beratungen und individuelle Impftermine. Selbst wenn »rassenhygienische« Maßnahmen auf geringere Resonanz stießen, versprach die Institutionalisierung eben auch neue Angebote, wie Hans-Walter Schmuhl gezeigt hat.372 In den 1970er Jahren erklärte eine medizinische Dissertation das nationalsozialistische Impfprogramm gegen Diphtherie gar zu einem Vorbild »moderner« Werbung.373 Tatsächlich kennzeichnen der präventive Pragmatismus bei der Impfpflicht und die Entdeckung der Freiwilligkeit einen Trend, der Fragen aufwirft: Wie erklärt sich ausgerechnet im »Dritten Reich« der Wandel vom Zwang zum Marketing, vom Polizeieinsatz zu Werbemaßnahmen, zu Appellen an die Selbst- und »Volksvorsorge«?

371 StAF, MA/5914, Runderlass RMI, 20.4.1942. 372 Schmuhl, S. 103. 373 Aumiller, S. 21.

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Die Antwort ist vielschichtig, lassen sich Programmatik und Praxis des Impfens nicht auf die einfache Formel von der »Modernisierung« bringen.374 Freiwilligkeit und Appelle gingen mit sozialem Druck und Disziplinierung einher, ja mehr noch: Freiwilligkeit erhöhte noch den sozialen Druck, der meist wirksamer war als jede Impfpflicht. Je mehr Impfprogramme an die soziale Verantwortung des Einzelnen appellierten, der mit seiner Immunität am »Werk echter Volksgemeinschaft« mitarbeite, desto mehr fühlten sich die Deutschen zu einem freiwilligen Beitrag gezwungen. Kurz gesagt zielten Impfprogramme auf eine Normierung von Immunität, die zum Signum des vernünftigen »Volk­genossen« überhöht wurde. Insofern ist die Entdeckung der Freiwilligkeit in diesem Kapitel zwar mit mehreren Fragezeichen versehen worden. Gleichwohl geht Hubentorfs Behauptung zu weit, dass Impfprogramme seit 1933 »durch die autoritäre Prägung des neuen Regimes und seine Propagandamaschine auch gegen dessen eigene Anhänger« schlichtweg »durchgedrückt«375 worden seien. In den 1930er Jahren setzte mit der Vermarktlichung des Impfens eine weitere Entwicklung ein, die unser Bild von der »Biodiktatur« differenziert. Die Vermarktlichung fußte sowohl auf dem Engagement von Pharmaunternehmen als auch auf dem Kooperationsinteresse staatlicher und parteiamtlicher Akteure. Schon deshalb wäre es zu einfach, die Vermarktlichung des Impfens nur auf die Agenda der Unternehmen zurückzuführen. Vielmehr stieß ihr Marketing in Ministerien, Behörden und Ämtern auf große Resonanz und eröffnete neue Wege für die Vermittlung staatlicher Impfprogramme. Die Werbeflut an Filmen, Radio- und Zeitungsbeiträgen, Broschüren, Plakaten, Merkblättern oder Theaterstücken gibt dafür ein Beispiel. Sie macht aber auch deutlich, wie sich Pharmaunternehmen in das Konzept der vorsorgenden »Volksgemeinschaft« einschrieben. Auch die Privatisierung des Impfens ist eine vielschichtige Entwicklung. Im Fall der Pockenschutzimpfung waren individuelle Beratungsangebote und Impftermine eine bewusste Strategie, um das Konfliktpotenzial der Impfpflicht zu entschärfen. Interessanter noch war eine ungewollte Privatisierung als Folge des »totalen Krieges«. Nicht nur der Bombenkrieg, das Bunker- und Lager­ leben oder der Kriegseinsatz selbst erhöhten das Bedrohungsgefühl. Auch der chronische Mangel an Ärzten, Medikamenten und Krankenhausbetten sensibilisierte für Infektionsrisiken. Impfungen versprachen eine Lösung beider Probleme und avancierten so zu einer persönlichen Überlebenstechnik. Das »präventive Selbst«, so könnte man sagen, wurde im Zweiten Weltkrieg geboren. 374 Eckart hat zur Differenzierung einer »modernen« NS-Medizin den treffenden Begriff der »instrumentellen Modernität« eingeführt. Vgl. Eckart, Instrumentelle Modernität, v. a. S. 239 f. 375 Hubenstorf, S. 412. Überzeugender ist Hubenstorfs Feststellung, dass Vorsorge »das ›positive‹ Gesundheitsprogramm« für ›gemeinschaftsfähige Volksgenossen‹« bildete. Ebd., S. 369 f.

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Dieses Ergebnis unterstreicht einmal mehr die enge Beziehung zwischen Impfungen und sozialen Ordnungen. Wie sich die Gesellschaft mit Immunität ordnen ließ, zeigen die Hierarchien der Immunisierung im besonderen Maße. Nicht nur zwischen »Volksgenossen« und »Gemeinschaftsfremden«, auch innerhalb der »Volksgemeinschaft« hing die »Impfwürdigkeit« von Nützlichkeitserwägungen ab. Darüber hinaus diente Immunität zur Mobilisierung der »Volksgemeinschaft« und Demonstration staatlicher Leistungsfähigkeit. Deshalb wurde die Bedrohung der Diphtherie erst dann zu einem öffentlichen Thema, als staatliche Impfprogramme zur Verfügung standen: Denn jetzt erhöhten Seuchenängste sowohl den Zuspruch zur Impfung im Speziellen als auch zum NS-Regime im Allgemeinen. Im Falle des Fleckfiebers lässt sich diese Legitimationsstrategie ebenfalls beobachten. So regte »Gesundheitsführer« Conti 1942 eine intensive Berichterstattung über die Fleckfieberimpfung erst zu dem Zeitpunkt an, wenn »die erfolgreiche Abwendung der Gefahr eindeutig bekanntgegeben werden kann.«376 Nun ist die Legitimationsfunktion von Immunität bereits für das Kaiserreich und Weimar gezeigt worden. Im Nationalsozialismus jedoch spielte sie eine ganz besondere Rolle. Sie entsprach einem sozialdarwinistischen Gesundheitskonzept, das eine »Ausrottung« von »Volkskrankheiten« zur Grundlage der »Volksgemeinschaft« erhöhte. Der Mediziner G. Gassert brachte dieses Konzept 1943 auf den Begriff der »vorbeugenden Gesundheitsfürsorge«: »Der Nationalsozialismus […] brachte dem deutschen Volk zum Bewußtsein, daß sein Fortbestand, […] und daß die Erfüllung der ihm gewordenen Aufgaben auf der Voraussetzung beruhen, daß es an Größe und Leistungskraft immer weiter wächst. […] Seit dem Sieg dieser Auffassung steht die vorbeugende Gesundheitsfürsorge nicht mehr im Widerspruch zu politischen und sozialpolitischen Erfordernissen. Seitdem ist sie im Gegenteil zu einem wichtigsten Instrument der Politik geworden«.377 Grundiert wurde das sozialdarwinistische Vorsorgekonzept von ökonomischen Motiven. Impfungen stellten nach Gasserts Ansicht eben auch »die wichtigste Leistung« im Vorsorgekatalog dar, weil sie Kosten sparen und Kriege zu gewinnen halfen.378 Schutzimpfungen verbanden den Gleichklang aus »Leistungsprinzip und Selbstverantwortung«, der in der Reichsgesundheitsführung besonders gern angestimmt wurde. »Der Nationalsozialismus«, so war es von Conti zu hören, »lehnt einen Fürsorge- und Rentnerstaat ab.«379 Als soziales Ordnungsprinzip hatte Hermann Althaus, Amtsleiter im »Hauptamt für Volkswohlfahrt«, bereits 1939 ein entsprechendes Vorsorgemodell entwickelt: »Vorsorge tut not […]; nicht erst eingetretene Schäden, die man mit einem liberalistischen ›laisser faire, laisser aller‹ entstehen ließ, sollen geheilt, sondern die 376 BAB, R 1501/3794, Bericht Reichsgesundheitsführer, 26.01.1942. 377 BAB, R 1501/3805, Manuskript G. Gassert, Vorbeugende Gesundheitsfürsorge, [1943]. 378 BAB, R 1501/3805, Schreiben Kauffmanns an Gassert, 25.09.1943. 379 Beide Zitate BAB, R 1501/3809, Bericht der Reichsgesundheitsführung, o.Dt. [1944].

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Ursachen der Hilfsbedürftigkeit durch einschneidende Maßnahmen beseitigt werden.«380 Ob Althaus dabei an Impfungen, Gesundheitsaufklärung oder »eugenische« Maßnahmen dachte, ist schwer zu sagen. So oder so wird an diesen Zeilen deutlich, dass Vorsorge im Allgemeinen und Impfungen im Speziellen als Werkzeuge eines social engineerings dienten. Das beste Mittel für den »Volkskörper« war demnach eine Vorsorge, die sowohl die »Volksgemeinschaft« optimierte als auch Ressourcen für den Krieg sparte. Dass Impfungen als Optimierung der Gesundheit auch dem Einzelnen handfeste Vorteile boten, spricht dafür, dass im »Dritten Reich« nicht nur eine Normierung, sondern ebenso eine Normalisierung von Immunität einsetzte. Zwar stießen Impfungen nach wie vor auf Skepsis und Kritik. Die Abneigung gegen die BCG-Impfung oder sinkende Impfquoten bei der Pockenimpfung geben dafür nur zwei Beispiele von vielen. Alles in allem jedoch wurden Impfungen im »Dritten Reich« alltäglicher denn je, wofür nicht allein der breite Zuspruch zu Diphtherie-, Scharlach- und Mehrfachimpfungen, sondern auch das private Engagement für einzelne Impfungen sprechen. Es war also eine Normalisierung von Immunität, die durch die Ausnahmesituation des Krieges befördert wurde.

380 Althaus, S. 13.

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4. Sicherheitsprobleme: Bundesrepublik

4.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder Die junge Bundesrepublik stand ganz im Schatten der NS-Zeit. Norbert Frei hat die Elitenkontinuität und pragmatische Integration der Beamtenschaft als systemstabilisierende »Vergangenheitspolitik« beschrieben.1 Beim Impfen schlugen sich Kontinuitäten besonders deutlich nieder. Mit Ausnahme einzelner Anklagen gegen Verantwortliche für Menschenversuche stellte die NS-Zeit keine Hypothek für bundesdeutsche Impfprogramme dar. Im planungseuphorischen Zeitalter der 1950er und 1960er Jahre2 galt der Ausbau des Gesundheitswesens in den 1930er Jahren vielmehr als Startvorteil. Neu war hingegen das politische setting der Gesundheitspolitik. Von der früheren »Verreichlichung« des Gesundheitswesens war in der föderalen Bundesrepublik wenig zu spüren. Nachdem die Bildung eines nationalen Gesundheitsministeriums bereits in der Kaiserzeit auf dem Wunschzettel vieler Mediziner gestanden hatte, ging dieser Wunsch in den 1960er Jahren in Erfüllung. Zwischenzeitliche RessortVerlagerungen in das Bundesfamilien- bzw. Bundesjugendministerium belegen indes, dass das gesundheitspolitische Handlungsfeld noch immer vermessen wurde. Erstaunlicher als die Elitenkontinuität sind Kontinuitäten in der Wirtschaft. Standen Pharmaunternehmen nicht unter Generalverdacht der Alliierten? Tatsächlich schwebte die Liquidation kurzzeitig als Damoklesschwert über den Konzernen Hoechst, Bayer und den Behringwerken.3 Schon Anfang der 1950er Jahre konnten die Unternehmer ihre Arbeit indes wieder voll aufnehmen. Die Behringwerke blieben damit der Hauptproduzent für Impfstoffe im Hoechst-Konzern, was ihnen eine hohe Markt- und Medienpräsenz sicherte. So wäre das Film- und Fernsehangebot ohne das joint venture zwischen den Behringwerken und Hoechst mit Sicherheit weniger umfangreich ausgefallen. Während zu den Unternehmen angesichts dieser Kontinuitäten keine erneute Einführung notwendig ist, nehme ich im Folgenden auch ihre neuen Vermittlungsformen in den Blick.4

1 Vgl. Frei, Vergangenheitspolitik. 2 Vgl. Ruck. 3 Boll. 4 Vgl. dazu Kapitel 4.1.4.

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4.1.1 Gesundheitspolitiker zwischen Föderalismus und Globalisierung Neben den Autobahnen war die Institutionalisierung staatlicher Gesundheitsämter einer der wenigen Aktivposten, mit denen der Nationalsozialismus in der Bundesrepublik aufwarten konnte. Die gesundheitspolitische Neuordnung der 1930er Jahre wurde durchweg »als positiv wahrgenommen«.5 Schließlich avancierte Gesundheit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Grundlage des sozialstaatlichen »Gesellschaftsvertrags«.6 Institutionell schlug sich die politische Aufladung von Gesundheit in der Einrichtung des »Bundes­ministeriums für Gesundheitswesen« (BMGes) 1961 nieder.7 In dieser Hinsicht hinkte die Bundesrepublik der DDR indes zehn Jahre hinterher. Die kontinuierliche Erhöhung des Budgets des Bundesgesundheitsministeriums in den Folgejahren war daher wohl nicht allein die Frucht der Boomjahre, sondern ebenso der Furcht vor dem »Systemgegner« geschuldet.8 Jährliche Haushaltserhöhungen von bis zu 30 Prozent verwiesen auf die »großen auf diesem Gebiet bestehenden Aufgaben«.9 Zu einer der größten Aufgaben avancierten Vorsorgeprogramme. So waren »eine umfassende Gesundheitssicherung« und »wirksame Methoden der Gesundheitsvorsorge« Kernforderungen im Godesberger Programm der SPD, mit denen die »gesunde Gesellschaft« Wirklichkeit werden sollte.10 Impfprogramme schienen das sozialstaatliche Versprechen besonders zuverlässig einzulösen. Schließlich demonstrierten Statistiken über den Rückgang früherer »Volksseuchen« wie Diphtherie, Pocken, Kinderlähmung (Polio) und Tuberkulose die Leistungen des Sozialstaats im Allgemeinen und die des neuen Gesundheitsministeriums im Speziellen.11 Obwohl das Gesundheitsministerium in den 1970er und 1980er Jahren im Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit bzw. im Familienministerium aufging, blieb Vorsorge gerade »nach dem Boom«12 ein gesundheitspolitischer Aktivposten. In Zeiten knapper Kassen erschienen präventive Maßnahmen ein effektives Instrument für das Stopfen von Haushaltslöchern.13 Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum im Föderalismus nationale Behörden wie das Bundesgesundheitsamt (BGA) – seit 1952 Nachfolger des Reichsgesundheitsamts –, das Robert Koch- und das Paul-Ehrlich-Institut ihren Einfluss auf Impfkonzepte behielten. Immunität war ein viel zu nationales Projekt, um es den Ländern ganz zu überlassen. Die Einrichtung einer »Ständigen Impfkom-

5 Lindner, Gesundheitspolitik, S. 47. 6 Porter; vgl. Hockerts, Der deutsche Sozialstaat, S. 139–202; Süß, W., Gesundheitspolitik. 7 Wasem u. a. Gesundheitswesen und Sicherung (2007). 8 Vgl. die Beiträge in Wengst u. Wentker. 9 Beide Zitate BAK, B 189/14113, Protokoll Bundesrat, Ausschuß Gesundheitsw., 03.02.1966. 10 Grundsatzprogramm, S. 18. 11 Vgl. HStAS, EA 1-106/431, Broschüre, Tatsachenmaterial zur Gesundheitspolitik, [1965]. 12 Doering-Manteuffel u. Raphael. 13 Vgl. Hockerts, Vom Wohlfahrtsstaat; Hannig u. Thießen.

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mission« (STIKO) am BGA 1971 etablierte daher einen nationalen Rahmen,14 der bis heute die Impfplanung der Länder prägt.15 Ein Spannungsfeld zwischen Vorsorge und Föderalismus tat sich nicht nur für Gesundheitspolitiker auf. Auch in den Medien war das schwierige Verhältnis oft Thema, wie es die FAZ auf den Punkt brachte: »Aus epidemiologischer Sicht sind die Verhältnisse in der Bundesrepublik jedoch bei weitem nicht ideal. Die föderale Struktur des Gesundheitswesens mit ihrer unterschiedlichen Impf­praxis erschwert den Überblick über die Seuchensituation.«16 Auch auf »Mißstände bei der Pockenimpfung« wies die FAZ im August 1970 wegen unterschiedlicher Länderbestimmungen hin. So seien »der Schwerfälligkeit unseres föderalistischen Gesundheitswesens […] nicht wenige Kinder geopfert«17 worden. Gegen eine Föderalisierung stellten sich seit den 1970er Jahren auch die Krankenkassen. Für eine Aufnahme aller Impfungen in den Leistungskatalog der Krankenkassen sprachen nun nicht zuletzt Kostengründe, die der Vorsitzende der »Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung« (DVK), Richard Haas, 1975 anführte: »Wir hören seit längerer Zeit immer wieder, daß die Kosten auf dem Gesundheits- bzw. Krankheitssektor zu hoch sind und daß die Krankenversicherung in eine finanzielle Krise gerät. […] Soweit Kosten-Nutzen-Analysen vorliegen […], haben sie ausnahmslos ergeben, daß die Impfungen wesentlich billiger sind als die Behandlungskosten. Vorbeugen ist also nicht nur besser als Heilen, Vorbeugen ist auch billiger als Heilen.«18 Auf Bundesebene stießen solche Forderungen auf offene Ohren. Schließlich spielten Krankenkassen den Ministerinnen – lange Zeit wurde das Gesundheitsministerium ausschließlich von Frauen geleitet – nicht nur einen Trumpf im Spiel gegen Ärzteverbände in die Hand. Darüber hinaus erleichterten die Kassen eine »Kostendämpfungspolitik«,19 die seit Heiner Geißlers Warnung vor der »Kostenexplosion«20 im Gesundheitswesen 1974 die Leitlinie bis Ende der 1980er Jahre vorgab. Ein weiterer Mitspieler auf dem gesundheitspolitischen Feld gewann seit den 1950er Jahren an Einfluss: die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Offiziell international wurde die westdeutsche Gesundheitspolitik am 25. Mai 1951. Als internationales Forum prägte die WHO Bedrohungsgefühle und Sicherheitsvorstellungen der Bundesdeutschen nachhaltig. Darüber hinaus bildete sie ein weiteres Gegengewicht zum Föderalismus. Woran sämtliche Bundesministe­ rinnen scheiterten, das gelang der WHO im Laufe der 1960er Jahre: eine Durchsetzung gemeinsamer Standards für Impfprogramme. Dass der Weg zu dieser Standardisierung ein steiniger war, sagt freilich einiges über nationale und föderale Beharrungskräfte aus. 14 BGesBl 18, Nr. 1 (10.01.1975), S. 12. 15 Vgl. Weise, Über die Tätigkeit. 16 FAZ [Rainer Flöhl], Gefährliche Kinderlähmung, 09.10.1968. 17 FAZ [Rainer Flöhl], Mißstände bei der Pockenimpfung, 26.08.1970. 18 Haas, Impfungen, S. 268. 19 Vgl. Jürgen Wasem u. a., Gesundheitswesen und Sicherung (2005). 20 Vincenti u. Igl, S. 521.

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4.1.2 Impfen als Gesellschaftsaufgabe: Zivilgesellschaftliche Vereine Vereine zu Gesundheitsfragen gab es schon lange. Bereits im Kaiserreich war die Impfkritik in zahlreichen Vereinen aktiv gewesen. In der Bundesrepublik verwandelte sich diese Akteursgruppe indes grundlegend. Nicht nur verloren impfkritische Organisationen gegenüber neuen Akteuren an Einfluss (4.1.5). Vor allem schossen in der ganzen Bundesrepublik Vereinigungen aus dem Boden, die sich für Impfprogramme einsetzten. Organisationen wie die »Vereinigung zur Förderung der Erforschung und Bekämpfung der spinalen Kinderlähmung«, die »Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung« (DVK), das »Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose« (DZK) oder das »Deutsche Grüne Kreuz« (DGK), ein Ableger des »International Green Cross«, machten die Werbung für Impfprogramme zu ihrer Sache. Hinzu kamen Vereine wie »Aktion Sorgenkind« oder der ADAC, die ebenfalls für Impfungen aktiv wurden.21 Werbematerial bezogen Ärzte und Eltern seit den späten 1950er Jahren daher immer häufiger von Vereinigungen. Populäre Kampagnen wie die für die Polioschutzimpfung (»Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam«) waren die Frucht ihres Engagements. Vereine übernahmen aber noch weitere Aufgaben. In Absprache und mit finanzieller Förderung der Gesundheitsbehörden kümmerten sie sich zudem um die Organisation und Durchführung von Impfprogrammen.22 Diese Unterstützung ging so weit, dass einzelne Vereine staatlichen Gesundheitsämtern mitunter vorschrieben, wie diese ihre Arbeit zu machen hatten. Präzise Vorgaben bot etwa das Grüne Kreuz im November 1968 allen niedersächsischen Gesundheitsämtern zur Erhöhung der Beteiligung an der Polioimpfung. Das DGK gab den Gesundheitsämtern für diese Aufgaben sowohl Manuskripte und Druckvorlagen an die Hand als auch verbindliche Termine vor.23 Auch die DVK, 1954 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, übernahm weitreichende Kompetenzen und kümmerte sich sogar um Diagnosen von Impfschäden und um Entschä­digungszahlungen.24 Das Engagement der Vereinigungen war sicherlich eine willkommene Arbeitserleichterung für Medizinalbeamte. Vor allem aber leiste­ten sie eine Defragmentierung der Gesundheitspolitik. Als bundesweit operierende Organisationen setzten sie gemeinsame nationale Standards in den Bundesländern durch. Mit dieser Standardisierung wird erstens die finanzielle Unterstützung des Bundes nachvollziehbar.25 Vereinigungen entschärften föderale Konflikte um Impfkonzepte, wie sie in der »Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamten« (AGLMB) oder im Bundesrat aufbrachen. Zwei21 BAM, 1572, Pressemitteilung des ADAC Gau Württemberg, 11.01.1967. 22 Vgl. StAOL, Rep 630, 242-4/5 II, Schreiben Niedersächs. Sozialminister, 21.11.1959. 23 StAOL, Rep 630, 242-4/25, Rundschreiben DGK, 08.11.1968. 24 StAOL, Rep 630, 242-4/205, Schreiben Niedersächs. Sozialminister, 28.11.1967. 25 In der DVK und DZK wirkten Bundesbeamte auch personell mit. Vgl. u. a. BAK, B 189/14063, Schreiben BMGes an Staatssekretär, 17.11.1966.

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tens etablierten Vereinigungen eine nationale Semantik. Nicht nur wurden Slogans wie »Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam« bundesweit bekannt. Selbst die Bildsprache der Länder glich sich dank einheitlicher Anzeigen an.26 Kurz gesagt machten bundesweit agierende Vereinigungen Impfprogramme erst als nationale Kampagnen sichtbar. Bemerkenswert sind Vereinigungen zudem wegen der engen Beziehungen, die sie zwischen Staat und Wirtschaft knüpften. Ein Beispiel bietet das Deutsche Grüne Kreuz. Einerseits finanzierten staatliche Stellen dessen Werbematerial, da Gesundheitsämter auf Plakate und Broschüren der Vereinigung zurückgriffen. Andererseits beteiligten sich die Behringwerke sowohl an der Gestaltung des Werbematerials als auch an der finanziellen Ausstattung des Grünen Kreuzes. Kooperationen zwischen Pharmaindustrie und DGK lagen schon im Wortsinne nahe, hatten beide doch ihren Sitz in Marburg. Vor allem aber verfolgten Pharmaindustrie und DGK gemeinsame Interessen. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum Broschüren des Grünen Kreuzes mitunter die Produktpalette der Behringwerke präsentierten.27 Auch das zeitliche Zusammenfallen der Gründung der DVK und der Beginn der Werbung für den PolioImpfstoff der Behringwerke Anfang 1955 war wohl nicht jener »glückliche« Zufall, von dem der Süddeutsche Rundfunk ganz ohne Ironie sprach: »Und wenn jetzt eine deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Kinderlähmung konstituiert wird, dann ist das ja ein sehr glücklicher Zeitpunkt, daß die Behringwerke und damit die deutsche Forschung zu einem gleichen gemeinsamen Zeitpunkt da sind, daß Aktionen stattfinden können.«28 Der »Schutzverband für Impfgeschädigte e. V.« diffamierte DVK und DGK angesichts solcher Verflechtungen gar als eine »von den Behring-Werken finanzierte Werbeorganisation«.29 Dass diese Kritik nicht ganz aus der Luft gegriffen war, legt der Blick in das Unternehmen nahe. 1963 feierte man hier die »Aufklärungsarbeit, um die wir uns mit öffentlichen und privaten Organisationen bemühen«30 als Grundlage für gestiegene Umsatzzahlen. Vereinigungen legten sowohl neue Brücken zwischen Staat und Wirtschaft als auch zwischen Medizin und Öffentlichkeit. Obgleich als Vorsitzende meist Mediziner den Ton angaben, lag das Interesse der Vereine weniger auf fachwissenschaftlicher Expertise als auf populärer Vermittlung. Zur Verbreitung der Polio-Schluckimpfung forderte das DGK von Medizinern daher enge Kooperationen mit der Presse als »Ihr bester Helfer«, was ein größeres Entgegenkommen der Mediziner erfordere. Lange und »trockene Texte lassen sich in den Redaktionen schwer auswerten«, zudem interessiere sich »die Öffentlich26 StAOL, Rep 630, 242-4/205, Schreiben Niedersächs. Sozialminister, 22.09.1970. 27 Vgl. u. a. HStAS, J 152 B/X 40, Broschüre DGK, Schutzimpfung von Anfang an, Marburg o. J. [ca. 1982/83]. In dieser Schrift findet sich der Hinweis auf die »Behringwerke AG, Med. Information und Vertrieb«, in den meisten Broschüren fehlen entsprechende Belege. 28 BAM, 09–15/1619, Manuskript Interview SDR mit Prof. Keller, 12.01.1955. 29 BAK, B 189/14275, Schreiben Schutzverband für Impfgeschädigte e. V., 25.03.1974. 30 BAM, 17, Aufsichtsratsprotokoll der Behringwerke AG, 04.09.1963.

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keit w ­ eniger für den virologischen als weitaus mehr für den medizinisch-statistischen und soziologischen Teil des Themas«. Wichtiger als Fachkenntnisse seien der »freundliche Tenor und der werbende Charakter des Berichts«, was große Nachsicht von Medizinern fordere: »Impfstoff«, so endete das Merkblatt, »wird in achtzig von hundert Fällen immer zu ›Serum‹, warum wollen Sie wegen dieses Lapsus einem gehetzten Reporter gram sein?«.31 Auch wegen solcher Popularisierungen erschlossen Vereine neue Vermittlungsebenen und erhöhten die Medienresonanz, was Pharmaunternehmer ebenso schätzten wie Gesundheitspolitiker. In den 1970er Jahren warteten das Grüne Kreuz und die DVK sogar mit Lätzchen für Säuglinge, Kopfschmuck für Kinder, Stundenplänen mit Behring-Biografien oder Bleistiften für Schüler auf.32 Solche Werbeträger waren Ausdruck einer Veralltäglichung und ein Zeichen, dass Impfungen weiter in die Lebenswelt der Westdeutschen einwanderten. Die Scharnierfunktion von Vereinigungen sorgte seit Ende der 1960er Jahre gelegentlich für Reibereien. 1968 kritisierte das BGA die »Konkurrenz« zur DVK. Dass die Vereinigung »auf Gebieten tätig [wurde], die zum Aufgabenbereich des Bundesgesundheitsamtes gehören« und dass selbst die Landes- und Bundesminister lieber mit der DVK als mit dem BGA zusammenarbeiteten, »in der Hoffnung, von dort aus schnellere und praktikablere Vorschläge zu erhalten«, erschien dem Amt als Skandal.33 Offenbar warfen Erfolge von Vereinigungen eben auch Fragen nach der Effektivität staatlicher Akteure auf. 4.1.3 Lernziel Immunität: »Impferziehung« in Ausstellungen und Schulen Ärzte, Ausstellungsmacher und Medizinalbeamte hatten ihr Engagement für Impfungen schon immer als »Erziehung« verstanden. Als Konzept der 1960er und 1970er Jahre sah »Impferziehung« indes spezifische Methoden, Inhalte und Adressaten vor. Grundlagen einer »Impferziehung« legt der Hessische Obermedizinalbeamte Kurt Hartung Anfang der 1960er Jahre mit seinen Überlegungen zu »Schutzimpfungen und Gesundheitserziehung«,34 die der wissenschaftliche Leiter der »Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung« (HAGE) in Marburg, Wolf-Dietrich Freytag-Loringhoven, begeistert aufgriff. Die HAGE war seit Anfang der 1960er Jahre für die Impfwerbung in Hessen verantwortlich sowie Ansprechpartner für Behörden, Gesundheitsämter und Ärzte.35 In ihrem Portfolio steckten Ausstellungen,36 Lehrgänge für Ärzte und Krankenschwestern, Vorträge für Eltern und Schüler, das Versenden von Wer31 Zit. n. Aumiller, S. 119–121. 32 Vgl. BAM, 12-002/1018, Jahresbericht zur ständigen Emil-von-Behring-Ausstellung, 1977. 33 Alle Zitate BAK, B 208/973, Internes Schreiben des BGA, 11.12.1968. 34 Hartung, K. 35 Vgl. Planungen der Polioimpfungen des Hessischen Arbeitsministeriums in StAF, MA/1091. 36 Vgl. BAM, 12-001/1017, Berichte Freytag-Loringhoven, 1963–1968.

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bematerial für den Schulunterricht und die Pressearbeit.37 Freytag-Loring­hoven leitete die HAGE von den frühen 1960er bis in die späten 1980er Jahre. Sein Konzept der Impferziehung legte großen Wert auf »psychologische Voraussetzungen«38 und mündete 1965 in einer »Methodik der Impferziehung«, die den »Abbau von Angstgefühlen« fördern sollte.39 Die Integration einer Impferziehung in den Lehrplan von Schulen wurde von Hartung und Freytag-Loringhoven als zentrales Anliegen verstanden. Zur Einführung der Polioschluckimpfung wurden hessische Schulen im Frühjahr 1962 beinahe überschüttet mit Werbung. So wanderte die Zeitung »Hessische Gesundheitspost« nebst »›Gesundheits-Quiz‹ mit Fragen über Polio« in einer Auflage von 300.000 Exemplaren in hessische Schulklassen.40 Impferziehung fand aber auch bei den ganz Kleinen statt. Ob Luftballons, Bastelfiguren oder Bleistifte – in Grundschulklassen fand die Botschaft »Impfschutz heute – Sicherheit morgen« dank des Engagements der HAGE auf ganz neuen Wegen.41 Ein weiteres Medium der Gesundheitserziehung war der Schulfunk. Hier kamen Hörspiele wie »Emil von Behring, der Sieger über die Diphtherie« zum Einsatz, das die Entdeckung der Diphtherieschutzimpfung als schülertaugliches Kriminalstück inszenierte: »Ja, Behring hasste sie, diese Seuche, wie man einen Mörder haßt und er wollte sie verfolgen und unschädlich machen«.42 Lernen ließ sich Immunität sogar im Museum. Von den 1960er bis in die späten 1980er Jahre lud eine »Ständige Emil-von-Behring-Ausstellung« jedes Jahr bis zu 20.000 Schüler, Studierende und Touristen nach Marburg ein.43 Es klingt wenig überraschend, dass Pharmaunternehmen auf die Impferziehung Einfluss nahmen. Vorsitzender der HAGE und Herausgeber der »Gesundheitspost« war zwar Ludwig von Manger-Koenig vom Hessischen Sozialministerium. Substanzielle finanzielle und konzeptuelle Unterstützung erhielt die Arbeitsgemeinschaft indes von den Behringwerken. So sprach sich von Freytag-­ Loringhoven bei der Erstellung des Werbematerials stets mit den Behringwerken ab und bedankte sich dort für die »Beratungshilfe«.44 Studien der HAGE zur »Impferziehung« wurden zudem direkt aus dem »Forschungsmittel-Beitrag« der Behringwerke finanziert.45 Während das Wirken der HAGE vorwiegend auf Hessen und NordrheinWestfalen beschränkt blieb, machte Gesundheitserziehung ab den 1980er Jahren dank der »Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung« (BZgA) einen 37 Vgl. BAM, 12-001/1016, Bericht der HAGE, Gesundheitserziehung in Zahlen, 1961. 38 Freytag-Loringhoven, Psychologische Voraussetzungen. 39 Freytag-Loringhoven, Zur Methodik [o. Seitenangaben]. 40 FAZ, Plakate propagieren den Impfcocktail, 19.04.1962. Vgl. BAM, 12–001/1016, Preisrätsel zur Polio-Schutzimpfung, 1961. 41 Vgl. das Werbematerial in BAM, 12-001/1017. 42 BAM, 09-15/1608, Manuskript WDR, 26.01.1957. 43 Vgl. Jahresberichte in BAM, 12-002/1018, 1019; BAM/1274. 44 Zitat in BAM, 12-002/1019, Schreiben HAGE an Behringwerke, 18.03.1964. 45 BAM, 12-001/1019, HAGE, Arbeitsplan Untersuchungen, [ca. 1965–1970].

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Sprung auf die nationale Ebene.46 1979 beschloss die 43. Konferenz der Gesundheitsminister der Länder (GMK) ein »Programm zur Verbesserung der Gesundheitserziehung«, das von der BZgA umgesetzt wurde.47 Das bis heute bekannteste Beispiel für diese Erziehung ist die Kampagne »Gib AIDS keine Chance«.48 Auch beim Impfen war seit den 1980er Jahren ein ausgesprochen populärer Sound, gelegentlich gar im eigentlichen Wortsinne, zu hören: Das aktuellste Beispiel ist die Kampagne »Deutschland sucht den Impfpass« der BZgA, die an Medienformate wie »Deutschland sucht den Superstar« anknüpft und im Kino und Internet mit entsprechenden Schnitttechniken und Musikeinspielungen arbeitet. 4.1.4 Impfen (fern-)sehen: neue Medien In bewegte Bilder fanden Impfungen nicht erst mit der Kampagne »Deutschland sucht den Impfpass«, wie erste Filmproduktionen der 1930er Jahre belegen. Auch in der Bundesrepublik waren seit den 1950er Jahren Filme wie »Kampf der Kinderlähmung« in der gleichnamigen Ausstellung der DVK in mehreren Städten zu sehen.49 Während Vereinigungen in dieser Zeit noch selbst zur Kamera griffen, lag die Umsetzung der Spots seit den 1960er Jahren meist bei Werbeunternehmen. Firmen wie der Frankfurter »Werbering« oder »Dr. Gruppe & Co.« aus Hamburg zeichneten in den 1960er und 1970er Jahren für mehrere Fernsehproduktionen verantwortlich.50 Das größte Angebot boten indes Pharmaunternehmen. Zunächst kamen nur Produktionen aus der NS-Zeit zum Einsatz. So lief der Film »Vorbeugen ist besser als Heilen« der Bayer- bzw. Behringwerke dank des Prädikats »volksbildend« Mitte der 1950er Jahre in den Kinos.51 Seit den 1960er Jahren deckten neue Filme der Hoechst AG und Behringwerke indes eine breite Palette ab, von wissenschaftlichen, informativen bis unterhaltenden Filmen, die unterschiedliche Zielgruppen ansprachen. Wissenschaftler, Ärzte, Lehrer, Eltern oder Schüler – für jeden Bedarf standen Filme bereit, die alle Sehgewohnheiten befriedigen sollten.52 So betitelte die Hoechst AG ihren

46 Zur Gründung der BZgA vgl. Sammer. 47 BAM/1263, Bericht über Programm der 43. GMK zur Gesundheitserziehung. 48 Tümmers, »GIB AIDS KEINE CHANCE«. 49 StAOL, Rep 630, 242-4/790, Sonderdruck aus Rupprecht, Ausstellung »Kampf der Kinderlähmung«, in: Gesundheitsfürsorge – Gesundheitspolitik 6 (1957), Heft 12, S. 261. Vgl. zu Poliofilmen BAK, B 142/53, Protokoll DVK Arbeitsausschuss VIII, 22.03.1960 sowie Schwarz. 50 Vgl. u. a. StAOL, Rep 630, 242-4/914, Rundschreiben niedersächs. Sozialminister, 06.01.1964; StAOL, Rep 630, 242-4/205, Rundschreiben niedersächs. Sozialminister, 22.09.1970; Rundschreiben niedersächs. Sozialminister, 17.09.1975. 51 StAOL, Rep 630, 242-4/892, Schreiben GA Wesermarsch, 30.09.1954. 52 Vgl. BAM, 09-14/2224, Verzeichnis der Behring-Videos, o.Dt. [1988/89].

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Film für Impfstoffe in den 1980er Jahren in Anlehnung an einen James BondKlassiker auch schon mal mit »Lizenz zum Überleben«.53 Ein größeres Publikum sprach das Fernsehen an. Seit den späten 1950er Jahren wurden Impfungen zu einem Sujet für medizinische Fernsehsendungen, Dokumentationen und Berichte. Mitunter schafften es sogar Hausproduktionen von Pharmaunternehmen ins öffentlich-rechtliche Programm. So notierte ein Mitarbeiter der Behringwerke 1967 zur Einführung eines neuen Fünffachimpfstoffs befriedigt, dass die Tagesschau einen einminütigen Film »aus dem Material, das wir der Tagesschau zur Verfügung gestellt hatten«, gesendet habe. Offenbar war die Grenze zwischen Berichterstattung und Werbung fließend. So berichtete die Tagesschau nach einer Einblendung hauseigener Produkte »mit dem Firmenzeichen der Behringwerke« u. a. von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des Behring-Impfstoffes.54 Am selben Tag zog das ZDF in seinem »Gesundheitsmagazin ›Die Praxis‹« nach und bot gar ein fünfminütiges Interview mit einer Mitarbeiterin der Behringwerke, die im Fernsehen sowohl den »großen Fortschritt« der Forschung als auch den günstigen Preis der Impfung (»unter DM 10,--«) verkünden konnte.55 Abgesehen von solchen Berichten liefen seit den 1960er Jahren Werbespots für Impfprogramme, insbesondere für die Polioimpfung.56 Dass auch diese Spots ein öffentliches Interesse befriedigten, demonstriert ihr Einsatz zur besten Sendezeit in »der ARD im Anschluß an die Tagesschau«.57 Die Sichtbarkeit von Impfungen erhöhte sich also seit den 1960er Jahren, als das Fernsehen die Kinos als Vermittlungsmedium ablöste und die Deutschen kontinuierlicher erreichte. Anfang der 1970er Jahre ging eine Erhebung der HAGE davon aus, dass man durch Gesundheitsthemen im Fernsehen die Hälfte aller Westdeutschen erreiche, wobei »die starke Suggestionskomponente der Television« eine »hohe und positive Beachtung von Gesundheitssendungen«58 fördere. Mit dem Fernsehen veränderten sich Narrative und Motive des Impfens. Vereinzelt gab es zwar noch klassische Vortragsformate. So stellten sich in Werbe­ spots des ZDF für die Grippeschutzimpfung 1973 Gesundheitsminister der Länder mit Bundesministerin Katharina Focke vor die Kamera, um während einer »fingierten Impfung« ihr Statement abzugeben.59 Verbreiteter waren allerdings Formate, die Alltagsszenen oder Spielfilmgenres aufgriffen. In einem Beitrag des NWDR über die Polio-Impfung von 1958 waren beispielsweise die Spurensuche

53 BAM, 09-14/1958, Broschüre Hoechst AG »Die unsichtbaren Verbündeten«. 54 BAM/1573, Notiz der Behringwerke zur Sendung der Tagesschau, 03.04.1967, 20 Uhr. 55 BAM/1573, Notiz der Behringwerke zur Sendung des ZDF, 03.04.1967. 56 Vgl. BAK, B 208/980, Bericht Dr. Heger über Schluckimpfung in Bayern, 21.03.1962. 57 StAOL, Rep 630, 242-4/205, Rundschreiben niedersächs. Sozialminister, 17.09.1975. Vgl. B 208/975, Rundschreiben der AGLMB, 14.08.1968. 58 BAM, 12-002/1018, Freytag-Loringhoven, Der Fernsehtip ›Bleib gesund‹ im Urteil der Bevölkerung, in: Pharmazeutische Zeitung 116 (1971). 59 BAK, B 189/14122, Notiz Referat Pressearbeit des BMJFG, 25.06.1973.

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Dr. Salks nach dem Impfstoff und Verfolgungsjagden zu sehen: »Die Männer in den schnellen Krankenautos, die Besatzungen der Polizeistreifenwagen rasen mit Blaulicht und Martinshorn zum Krankenhaus. Sie jagen den Tod.«60 Auch Werbespots legten mehr Gewicht auf Emotionen als auf Informationen, wie Mitarbeiter einer Werbeagentur 1960 erklärten. Werbespots hätten den Vorzug, »die Bevölkerung aufzurütteln bzw. eine Schockwirkung zu erzielen«.61 Vor allem Darstellungen kranker Kinder waren nach Ansicht der DVK »ein gutes Werbemittel für die Schutzimpfung, weil er allen Verantwortlichen vor Augen führt, zu welchen bedauerlichen Endzuständen eine Poliomyelitis führen kann.«62 Wie sehr das Fernsehen eine Emotionalisierung beförderte, belegen Reaktionen von impfkritischer Seite, die solche Spots als Instrumentalisierung von »Angstgefühlen« kritisierten: »Was ist das für eine Gesundheitspolitik, die sich einer solchen grausamen Werbung bedient […]?«63 Vor allem in den 1970er Jahren produzierten Werbefirmen eine Fülle an Spots zur Polioschutzimpfung, die in der ARD zur besten Sendezeit liefen und das Schicksal erkrankter Kinder in Szene setzten.64 Neben realen Erkrankungsfällen, mit denen die Folgen mangelnder Immunität »sehr eindrucksvoll dargestellt werden«65 konnte, kamen fiktive Fälle zum Einsatz, die an die Alltagswelt der Bundesdeutschen anknüpften. 1973 inszenierte beispielsweise der Regisseur Jürgen Becker mehrere Spots zur Kampagne »Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam«. Auf besonders große Resonanz stieß ein Spot dieser Reihe, »wo ein poliokrankes Kind über einen Krankenhausflur gehen will. Der Kommentator erscheint daraufhin […] im Bild und zeigt die Eintragungen im gelben und weißen Impfpass, wie sie richtig sein müssen, wenn jemand an der Polio-Schluckimpfung teilgenommen hat. Dann folgt nochmals die Aufforderung, an der Impfung teilzunehmen und als Ausleitung wird wiederum die Krankenhausflurszene benutzt, in der das Kind mit Gehhilfen zu laufen versucht.«66 Diese Inszenierung der Polio war stilprägend. Das Krankenhausmotiv fand sich auf Plakaten, Broschüren und Flugblättern wieder (Abb. 5). Insofern beförderte das Fernsehen zum einen eine Veralltäglichung des Impfens, weil Impfungen im normalen Abendprogramm omnipräsent wurden. Zum anderen verknüpfte das Fernsehen Immunität mit Alltagsszenen wie Flughäfen, Krankenhäusern und Spielplätzen. Dank dieser zweifachen Veralltäglichung verstärkte das Fernsehen eine Gefühlspolitik, mit der die Deutschen von Impfungen im Eigeninteresse überzeugt werden sollten. 60 BAM, 09-15/1642, Manuskript Sendereihe »Feinde des Lebens«, 05.02.1958. 61 BAK, B 189/14117, Protokoll AGLMB, 01.09.1969. 62 BAK, B 208/980, Mitgliederversammlung DVK, 21.03.1962; vgl. BAK, B 142/23, Drehbuch der DOMO-Film zum Film »Impfung gegen Kinderlähmung«, 22.04.1959. 63 BAK, B 189/14116, Ausschnitt aus Zeitschrift Gesundes Leben, Schluckimpfung ist süß, Werbung für Schluckimpfung ist grausam!, November 1973, S. 14. 64 Vgl. die Nachweise zu Fernsehsendungen in BAK, B 208/973; B 189/14116. 65 BAK, 208/973, Schreiben Sozialministerium Schleswig-Holstein, 13.07.1977. 66 BAK, B 208/973, Rundschreiben Hamburger Gesundheitsbehörde, 03.10.1973.

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Abb. 5: Plakat mit Ausschnitt aus einem Fernsehspot Anfang der 1970er Jahre

4.1.5 Wurzeln und Wandel der Impfkritik Urgesteine der Impfkritik wie Heinrich Molenaar oder Richard Ungewitter, die schon im Kaiserreich und in Weimar gegen das Impfen gestritten hatten, meldeten sich in der jungen Bundesrepublik erneut zu Wort. Ihre Kritik zielte indes am Zeitgeist vorbei. Ungewitters Entlarvung der Bakteriologie als »Falschlehre«, seine Sorgen vor einer »Blutverseuchung« der »Völker und Rassen« und vor Impfungen als »rassenhygienische« »Entfremdung« verfingen wohl kaum noch.67 Auch Heinrich Molenaars sozialhygienischer Ansatz und seine Zitate aus dem »Impffriedhof« von 1912 stießen in den 1950er Jahren auf wenig Resonanz.68 67 Zitate aus Broschüren Richard Ungewitters an das BMI 1949–1953 in BAK, B 142/63. 68 BAK, B 142/63, Flugblatt Heinrich Molenaar, Der »Segen« der Impfung, 16.06.1952.

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Die bundesdeutsche »Volksgesundheitsbewegung«69 bezog sich zwar auch auf »Klassiker« der Impfkritik wie Alexander von Niessen. Der bekannteste Vertreter der »Volksgesundheitsbewegung«, Hermann Forschepiepe, übersetzte die Lebensreform indes in zeitgemäßere Begriffe, so in einem Leserbrief von 1960: »Wir empfehlen die Stärkung der menschlichen Widerstandskräfte durch eine natürlich Immunisierung, herbeigeführt durch eine vernünftige natur­ gemäße Lebensweise, durch Bewegung, Abhärtung, Verzicht auf schädigende Genußmittel […]. Wir sagen deshalb: statt impfen, gesund leben!«70 Für die »anthroposophische Ärzteschaft« wiederum veröffentlichte der Stuttgarter »Verein zur Förderung eines erweiterten Heilwesens« zahlreiche »Merkblätter zur Gesundheitspflege«, die den »Sinn der Kinderkrankheiten«71 lobten und Impfungen als »Verzicht auf eine Beseitigung der eigentlichen Ursachen«72 kritisierten. Gleichwohl formulierten die Impfkritiker kaum noch Kampfansagen gegen die »Schulmedizin«, sondern Sehnsüchte nach alternativen Lebensentwürfen. Diese Sehnsucht war eine Wurzel impfkritischen Engagements in der Bundesrepublik. Als Gesundheits- und Lebensentwurf fanden Impfkritik und Impf­ skepsis seit den 1960er Jahren in Teilen des »alternativen Milieus«,73 vor allem in der Öko- und Umweltbewegung eine Heimat. Dass Mediziner wie J­ochen Aumil­ler die Impfkritiker der 1960er und 1970er Jahre als »Kaste von Natur­ apos­teln« abtat, »die sich gegen die Gewässerverschmutzung und Luftverpestung ebenso resolut wendet wie gegen Impfungen«,74 unterstreicht den Befund. In den neuen sozialen Bewegungen erwuchs Impfgegnern Mobilisierungspoten­ zial. Natürlichkeit und Umweltverträglichkeit waren die Stichworte, mit denen lebensreformerische Ideen in die Bundesrepublik übersetzt und Impfungen als »unnatürlicher« Eingriff gebrandmarkt wurden. Dass dieses Deutungsmuster seit den 1980er Jahren über den Kreis der Umweltbewegung hinaus auf Resonanz stieß, zeigt sich in Broschüren wie jener der »Aktion Sorgenkind« zum »Weltgesundheitsjahr ’87 Impfen«. Hier konnten die Bundesbürger lesen, dass Impfungen ein ganz natürlicher Vorgang seien: »Den Impfschutz hat sich die Medizin von der Natur abgeschaut. Er hilft dem Körper dabei, seine natürlichen Abwehrkräfte zu stärken. Weil Impfschutz besser als heilen ist.«75 Ein weiteres Forum für Impfkritik eröffneten die Medien. Frühere Zeitschrif­ ten wie »Der Impfgegner« wurden in der Bundesrepublik nicht mehr aufgelegt. Stattdessen interessierten sich seit den 1950er Jahren überregionale und Lokalzeitungen, Illustrierte, Magazine, Rundfunk und selbst das Fernsehen für Impfkritik. Woher aber rührte dieses Interesse? In erster Linie diente der Umgang mit Impfpflichten und Impfkritikern den Medien als Testfall für die Mündig69 Aumiller, S. 38–39. Zur Volksgesundheits-Bewegung vgl. BAK, B 142/44. 70 Neue Ruhr Zeitung, Leserzuschrift Forschepiepe, 30.07.1960. 71 DHMD, 1999/549, Merkblatt Soziale Hygiene, Nr. 7 [o.Dt]. 72 DHMD, 1999/551, Merkblatt Soziale Hygiene, Nr. 9 [o.Dt.], S. 9. 73 Vgl. Reichardt, Authentizität, Kap. III. 74 Aumiller, S. 38. 75 Privatarchiv, Aktion Sorgenkind (Hg.), Broschüre »Weltgesundheitsjahr ’87 Impfen«.

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keit und Grundrechte des Bundesbürgers, wie sich an einigen Beispielen illustrieren lässt. Anfang 1953 setzte sich beispielsweise die »Sürag«, eine populäre Radio-Zeitschrift, mit der bestehenden Pockenimpfpflicht auseinander: »Mag der schlechte Ausgang [des Impfens] nach Statistik und Erfahrung ein seltenes Ereignis sein – für das betroffene Kinde und die Eltern ist es so entscheidend, daß keine Statistik der Welt es mindern kann. […] Daher muß das Gesetz so reformiert werden, daß die Eltern an der Verantwortung teilnehmen können.«76 Noch 1969 war in der Illustrierten »Quick« unter der Schlagzeile »Nach der Impfung war ihr Leben zerstört« vom Schicksal eines solchen Impfschadens zu lesen: »Sie war quietschvergnügt, kräftig und gesund. Dann wurde sie gegen Pocken geimpft. Jetzt ist sie schwachsinnig: Martina Schwaiger, heute sieben Jahre alt. Ein Leben lang wird sie auf das Mitleid fremder Menschen angewiesen sein. Und auf Almosen. Denn der Freistaat Bayern […] will die Geisteskrankheit des Kindes nicht als Impfschaden anerkennen.«77 Den meisten dieser Berichte ist eines gemein: Es ging ihnen weniger um eine Kritik am Impfen an sich, sondern um die Mündigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Westdeutschen. Damit stellten Journalisten allerdings die Legitimität des Vorsorgestaats, der den Schutz des Allgemeinwohls über die Bedürfnisse des Individuums stellte, auf den Kopf. Ihrer Meinung nach wog das individuelle Leid schwerer als Gefahren für die »Volksgesundheit«. Diese Argumentation entsprach wohl nicht nur einer allmählichen Individualisierung von Lebensstilen, sondern ebenso den Mediengesetzen, nach denen sich persönliche Schicksale bestens verkaufen.78 Das war zumindest der Eindruck eines Arztes, der dem Bundesgesundheitsministerium 1962 wütend berichtete: »Die traurige Sensationslust gewisser Illustrierter ist befangen in dem Irrtum, lieber über 1 Fall eines tragischen ›Impf-Unglücks‹ […] sensationslüstern zu berichten als sinnvoller umgekehrt einmal die tatsächliche Tragödie zu charakterisieren, daß durch das Unterlassen […] von Schutzimpfungen eine unvergleichlich viel größere Zahl von Erkrankungen und Todesfällen durch die verschiedenen Infektionskrankheiten im Kindesalter verschuldet wird.«79 Ob man die Medienberichte nun als »Sensationslust« oder als kritische Berichterstattung interpretiert – so oder so signalisieren sie einen Wandel der Impfkritik in den 1960er Jahren. Nicht organisierte Impfgegner, sondern die öffentlichen Medien machten Impfschäden zu einem gesellschaftlichen Problem.80 Dass ein hoher Medizinalbeamter in einer Diskussion des BGA über den Umgang mit Impfschäden nicht vor »Angriffen« der Impfgegner, sondern vor der Kritik von »Fernsehzuschauern und Rundfunkhöhrern [sic]«81 warnte, ist für diesen Trend bezeichnend. 76 Sürag – die große Radiozeitschrift, Müssen Kleinkinder geimpft werden?, 06.01.1953. 77 Zit. n. Aumiller, S. 111–113. 78 Zur Resonanz auf einen Film des ZDF »über Impfschäden« 1967 vgl. BAK, B 189/14107, Rundschreiben BMGes an die Landesgesundheitsbehörden, 18.05.1967. 79 BAK, B 142/1897, Schreiben eines Kinderarztes an BMGes, 20.01.1962. 80 Vgl. dazu die Pressesammlung zu Impfschäden von 1968 bis 1972 in BAK, B 189/14137. 81 BAK, B 189/14107, Protokoll Pockenkommission, 30.10.1967.

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Die Medialisierung von Impfschäden hing nicht zuletzt mit einer erhöhten Sensibilität für geistige Behinderungen seit den 1970er Jahren zusammen.82 Einen »Meilenstein für Impffragen« nannte der Impfkritiker und Medizinalrat Gerhard Buchwald beispielsweise mehrere Fernsehsendungen, die Anfang Februar 1970 ausgestrahlt wurden. Hier habe »ein Millionenpublikum« erfahren, »daß die gesetzliche Pockenimpfung häufig die Ursache von geistigen Behinderungen sein kann.«83 In den 1970er Jahren erschienen zudem mehrere Erfahrungsberichte von Eltern, die ihr Schicksal mit impfgeschädigten, geistig behinderten Kindern in Buchform brachten.84 Impfkritik war in der Bundesrepublik also nach wie vor ein öffentliches Thema. Sie wurde aber immer seltener von speziellen Vereinen, sondern zunehmend in neuen sozialen Bewegungen oder von Journalisten auf die öffentliche Agenda gesetzt. Impfkritik und Impfskepsis waren nicht mehr nur eine Frage gesellschaftlicher Weltbilder, sondern immer mehr eine Frage des Lebensstils.

4.2 Seuchen und Sicherheit im Sozialstaat: Konzepte und Konflikte 4.2.1 Flankierte Freiwilligkeit (II): Einführung der Polioimpfung »Flankierte Freiwilligkeit« war ein Erfolgsrezept im Nationalsozialismus gewesen (3.2.4). Diesem Prinzip blieb man in den 1950er Jahren treu. Unbekümmert nutzte die Werbung Filme, Merkblätter und Plakate aus der NS-Zeit. Gelegentlich wurden die Erfolge des »Dritten Reichs« gar als Ansporn für die Gegenwart verstanden, wie eine Werbebroschüre der 1950er Jahre erklärte. Demnach mussten sich »die damaligen Verhältnisse« zwar auf die Zielsetzung der ImpfWerbung auswirken. »Da aber dieses Ziel heute wie damals das gleiche ist, wird man den Inhalt ohne weiteres auf die jetzige Zeit und die durch sie gegebenen Verhältnisse umdeuten können.«85 Wer die Erfolge der NS-Zeit als Garant für neue Programme sah, wurde jedoch enttäuscht. Die Einführung einer freiwilligen Salk-Impfung gegen Kinderlähmung stieß in den späten 1950er Jahren auf geringe Resonanz. Geringe Erkrankungszahlen, das »Cutter-Unglück« von 1955 und Konflikte zwischen Bund und Pharmaunternehmen um den Polio-Impfstoff dürften dazu beige­ tragen haben, dass das Interesse gering blieb.86 Vor allem aber war die Notwendigkeit einer dreifachen Einspritzung wenig förderlich.87 Vorwurfsvoll zog 82 Vgl. Schenk, Behinderung verhindern. 83 Buchwald, S. 242. 84 Vgl. u. a. Müller-Garnn. 85 DHMD, 2006/522, Werbebuch »DSPT«, o. Dt. [1950er Jahre]. 86 Zum Cutter-Unglück und zu Konflikten zwischen Bund und Pharmaunternehmen vgl. die folgenden Kapitel 4.3.1 und 4.4.2. 87 Stuttgarter Zeitung, Schlucken, wie die Termine fallen, 02.05.1962.

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Gerhard Joppich, Präsident der DVK, im »Spiegel« Ende Februar 1962 eine Bilanz, dass »die spritzenscheue Bevölkerung« »selbst dafür gesorgt« habe, »dass die Poliomyelitis nach ihrer Vertreibung aus anderen Ländern bei ihr eine Zuflucht besitzt, in der sie wenig behelligt wird.«88 Für Joppich war der Schuldige ausgemacht: Fahrlässig setzten die Bundesbürger den Schutz der Allgemeinheit aufs Spiel. Infolgedessen kam es zu einem Anstieg von Polioerkrankungen, die im europäischen Vergleich bald eine Spitzenposition einnahmen. Henri Nannen beklagte im »Stern« 1961 gar einen »makabren Weltrekord«,89 den die Bundesrepublik wegen ihrer schlechten Immunität gegen Polio halte. Der Bedarf nach einer Steigerung der Impfquote war Ende der 1950er Jahre also aus mehreren Gründen groß. Nicht nur stiegen die Erkrankungszahlen. Darüber hinaus befeuerten diese Zahlen den deutsch-deutschen Systemgegensatz, so dass Konrad Adenauer spöttische Bemerkungen aus der DDR zu hören bekommen sollte. Und nicht zuletzt maß man im Bundesinnenministerium der Polio »ein besonderes volkswirtschaftliches und sozialpolitisches Gewicht«90 zu. Warum wurde trotzdem keine Impfpflicht gegen Kinderlähmung eingeführt, wie sie zeitgleich für die Pockenimpfung bestand? Gab es nicht gute Gründe für Interventionen im Dienste von »Volksgesundheit« und »Volkswirtschaft«? Auf den ersten Blick entspricht das Konzept »Freiwilligkeit« dem Zeitgeist und sich anbahnenden Liberalisierungsprozessen. In dieses Bild passt auch eine Erklärung der Bundesregierung von 1963, die eine Förderung von Eigenverantwortung und freiwilligen Impfungen zu »Grundzüge[n] der Gesundheitspolitik«91 machte. Nicht Zwang und Strafe, sondern Aufklärung und Überzeugung sollten die Werkzeuge des »Vorsorgestaats« sein. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass für das Prinzip Freiwilligkeit zwei Innovationen ausschlaggebender waren: die massive Ausweitung von Werbemaßnahmen und die Einführung des neuen Sabin-Impfstoffes, der nicht gespritzt, sondern geschluckt wurde und Ende 1961 zum Einsatz kam.92 Dass das Schlucken den Zuspruch unter den »spritzenscheuen« Deutschen erhöhte, verwundert kaum. Erhöht wurde der Zuspruch zudem durch eine gewaltige Werbewelle für die Schluckimpfung. Diese Werbung steht im Folgenden im Fokus, da sie Einblicke in das Spannungsverhältnis zwischen Gesundheits- und Gesellschaftskonzepten in der Bundesrepublik bietet. Besonders werbewirksam waren strahlende Kinder und »geschützte Mütter«, die bereits Robert G. Moeller als Leitmotiv der jungen Bundesrepublik untersucht hat.93 Moeller hat in diesem Zusammenhang auf Kontinuitäten zur NS-Zeit hingewiesen, die sich beim Impfen selbst auf der semantischen und symboli­ 88 Der Spiegel, Aktion Brunhilde, 21.02.1962. 89 Stern 52/1961, S. 6. 90 BAK, B 189/14025, Vermerk für Minister, 15.06.1954. 91 BAK, B 136/5251, Entwurf BMGes, Grundzüge der Gesundheitspolitik, 10.07.1963. 92 Vgl. Poliomyelitis-Schluckimpfung. 93 Moeller.

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schen Ebene nachweisen lassen. Dieselben Plakate, die in den 1950er und 1960er Jahren in Westdeutschland zu sehen waren, hatten hier bereits in der NS-Zeit ausgehangen. Während im »Dritten Reich« meistens Pharmaunternehmen oder die NSV als Urheber genannt waren, zeichneten nun Grünes Kreuz und DVK verantwortlich.94 Mochten gesunde Kinder und geschützte Mütter besonders überzeugende Argumente für Impfungen sein, ging die Werbung doch nicht in solchen Motiven auf. Ergänzt wurde sie von Überzeugungsstrategien, die den oben beschriebenen Trend zur Freiwilligkeit relativieren. Erstens setzte die Werbung auf Angstpolitik, Abschreckung und Verunsicherung sowie zweitens auf eine Mobilisierung sozialen Drucks. Darüber hinaus erklärten bundesdeutsche Impfprogramme Immunität zum individuellen Risiko-Management, das auf Ängste vor Nebenwirkungen und Impfschäden reagierte. Allen Appellen an Eigenverantwortlichkeit zum Trotz trauten Gesundheitsexperten den Deutschen beim Impfschutz nicht über den Weg. So forderte das bayerische Ministerium des Innern in seiner Auswertung der Polio-Impfung von 1962 für zukünftige Kampagnen eine regelrechte Abschreckung, zumal diese den Bedürfnissen der Presse entgegen kämen: »Gerade dem Journalisten aber wären Anhaltspunkte über den manchmal dramatischen Krankheitsverlauf sehr willkommen gewesen, versucht er doch möglichst farbige, verständliche Schilderungen zu geben, um mit seinem Artikel eine Art Signaleffekt zu erzielen. So hätte die Wiedergabe von einigen Krankengeschichten […] vielleicht noch mehr effektvollen, emotionalen Zündstoff in die Berichterstattung geschleust.«95 Eine neue Dimension für solche Abschreckungen eröffnete sich mit der Verbreitung des Fernsehens. So wies das nordrhein-westfälische Innenministerium im Vorfeld der Impfkampagnen Ende der 1960er Jahre darauf hin, dass »auf Schockwirkung aufgebaute Einblendungen in die großen Fernsehprogramme geplant«96 seien, um die Deutschen in die Impflokale zu führen. Musste diese Angstpolitik nicht für Unruhe sorgen? Stellte eine Verunsicherung der Bevölkerung nicht die Schutzkompetenz des Staates in Frage? Selbstverständlich waren Angstpolitik und Abschreckung sehr funktional, weil sie staatliche Sicherheitsversprechen noch plausibilisierten: Die Bedrohungen waren schließlich keine, wenn man sich impfen ließ. In der Angstpolitik um die Polio-­Impfung schlägt sich somit ein Muster moderner Gesundheitspolitik nieder, das bereits im »Dritten Reich« zu sehen war: Gesellschaftliche Bedrohungen und individuelle Ängste münden immer erst dann in öffentliche Appelle, wenn staatliche Schutzmaßnahmen zur Verfügung stehen. Ein Paradebeispiel für dieses Muster bietet die Einführung der Polioimpfung in Hamburg. Im September 1960 brachte die »Hamburger Morgenpost« die erschreckende Meldung, dass die Erkrankungszahlungen an Polio in der Hanse­ stadt stark angestiegen seien. Die Bedrohung sei sogar so groß, dass »Maßnah­men 94 Vgl. dazu die Plakatsammlung im DHMD. 95 Zit. n. Aumiller, S. 83. 96 BAK, B 208/975, Rundschreiben Innenminister Nordrhein-Westfalens, 28.08.1969.

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wie […] Klassenschließungen« diskutiert würden. »Hamburg«, so überschrieb die Zeitung ihre Warnung, liege »im Gefahrenbereich«.97 In der Hamburger Schulbehörde stieß die Schlagzeile auf helle Empörung des Landesschulrats Mat­t hewes: »Diese Berichterstattung ist wirklich unverantwortlich und nur dazu angetan, Unruhe in die Eltern und in die Schulen zu tragen.«98 Matthewes Sorge vor einer »Unruhe« war sehr begründet. Schließlich stand zu diesem Zeitpunkt kein flächendeckendes Impfprogramm bereit. Wenige Tage vor der Morgenpost-Meldung hatte die Gesundheitsbehörde als »vorbeugende Maßnahme«99 gegen die Kinderlähmung daher sportliche Anstrengungen untersagt, über Impfungen indes kein Wort verloren. Die Gefahr, von der die Zeitung schrieb, war also sehr real, sowohl für Eltern als auch für die staatliche Vorsorgekompetenz. Erstaunlicherweise zeigten sich Hamburger Behörden schon kurze Zeit später sehr viel aufgeschlossener für Gefahren. Sie warnten in einer Pressemeldung im Frühjahr 1961, dass »Erkrankungsfälle an Kinderlähmung in erhöhtem Umfang auftreten« könnten. Diese düstere Prognose endete mit der Warnung: »Es ist nur zu hoffen, daß die zum Teil noch bestehende Unbekümmertheit der Eltern sich dann nicht an den Kindern bitter rächen wird.«100 Noch weiter ging ein Jahr später ein »Elternbrief« der Gesundheitsbehörde, der an allen Hamburger Schulen verteilt wurde und die Bedrohung in grellen Farben ausmalte: »Von den ansteckenden Krankheiten […] ist die gefährlichste die übertragbare Kinderlähmung (Poliomyelitis), die besonders wegen ihres unberechenbaren Verlaufs gefürchtet ist. Niemand kann bei Ausbruch der Krankheit voraussagen, ob der Erkrankte genesen wird oder ob er bleibende Lähmungen der Gliedmaßen oder der Atmung zurückbehält. Leider geht ein nicht ganz geringer Teil der Erkrankungen sogar tödlich aus. Deshalb ist jeder an Kinderlähmung Erkrankte bedroht von dauerndem Siechtum mit Muskelschwund der gelähmten Glieder, unter Umständen auch von Atemlähmung mit Aufenthalt in der Eisernen Lunge, mithin von einer Hilflosigkeit, die ständige aufwendige Pflege und Betreuung erfordert. Diese Bedrohung lastet auf allen Kindern und Jugendlichen und in zunehmendem Maße auch auf Erwachsenen.«101 Um die Gefahr jedem Leser vor Augen zu halten, war das »bedroht« im Elternbrief zentriert gestellt, fett gedruckt und unterstrichen. Aber wie lässt sich dieser plötzliche Wandel erklären? Warum erschienen Bedrohungsszenarien den Behörden im September 1960 als unverantwortlich, während sie diese wenige Monate später mit großem Aufwand selbst unters Volk brachten? Im Gegensatz zu 1960 stand ein Jahr später für die gesamte Hamburger Bevölkerung der Sabin-Schluckimpfstoff bereit, mit dem sich der Polio effektiv und einfach vorbeugen ließ. Die geschilderte Bedrohung war also keine, wenn man 97 Hamburger Morgenpost, Kinderlähmung: Hamburg noch im Gefahrenbereich, 13.09.1960. 98 StAHH, 361-2 VI/2765, Schreiben Hamburger Schulbehörde, 13.09.1960. 99 StAHH, 361-2 VI/2765, Rundschreiben der Gesundheitsbehörde, 06.09.1960. 100 StAHH, 361-2 VI/1312, Pressedienst Staatliche Pressestelle, 1961. 101 StAHH, 361-2 VI/1312, Elternbrief Hamburger Gesundheitsbehörde, April 1962.

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sich dem staatlichen Impfprogramm anschloss, wie auch der o. g. Elternbrief hinzufügte: »Dennoch ist die Poliomyelitis kein unabwendbares Schicksal, da es eine Verhütungsmaßnahme gibt: die Schutzimpfung.« Angst und Abschreckung avancierten also zu dem Zeitpunkt zu einem Argument, an dem staatliche Akteure mit der Bedrohung leicht fertig wurden. Insofern erfüllte die Angstpolitik zwei Funktionen: Einerseits mobilisierte sie besorgte Eltern, die eine Immunisierung ihrer Kinder aus Eigeninteresse in die Hand nahmen. Andererseits demonstrierte sie die Leistungen des Sozialstaats. Solche Strategien waren keine Hamburger Spezialität, wie ein Schwenk nach Süden offenbart. Ganz ähnliche Wandlungsprozesse lassen sich etwa in Bayern beobachten. Hier hatten steigende Erkrankungszahlen an Polio im Mai 1953 für Unruhe im Schul- und Kultusministerium gesorgt. Doch gerade weil die Erkrankungsziffern »das bisher höchste Vorkommen seit 1925« aufwiesen, eine Immunisierung indes »noch nicht verfügbar« sei, griff das Ministerium zu Beschwichtigungen, um »jede leicht aufkommende Panik« zu vermeiden.102 In einem Merkblatt tat es die Polio gar mit der Bemerkung ab, dass die Erkrankung »häufig ohne ernste Erscheinungen und nicht immer mit Lähmungen verbunden« sei.103 Anfang der 1960er Jahre war es mit solchen Beschwichtigungen auch in Bayern vorbei. Mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen kam hier dieselbe Angstpolitik zum Einsatz wie im Norden der Republik. Eine zweite Vermittlungsstrategie setzte weniger auf Abschreckung als auf sozialen Druck. Auch dieses Verfahren war bereits in der NS-Zeit erfolgreich erprobt worden, so dass man seit den 1950er Jahren auf bekannte Appelle stößt. So erhielten im Jahr 1952 Lehrer in einer Broschüre der Behringwerke zur Diphtherie- und Scharlachschutzimpfung den Hinweis, dass ein Erlass von 1938 die Impfung »ausdrücklich als Gemeinschaftsaufgabe angeordnet« habe: »es wird auch von jedem verantwortungsbewussten Erziehungsberechtigten, besonders jedoch vom Erzieher unserer Jugend, erwartet, daß er sich voll für den Erfolg einsetzt. […] Die Gesundheitsführung steht […] auf dem Standpunkte, daß es Aufklärung und Erziehung gelingen muß, das Verantwortungsgefühl jedes Deutschen gegenüber der Gesundheit seines Kindes und der des Volkes so zu führen, daß kein Kind mehr der Schutzimpfung fernbleibt.«104 Es läge nahe, solche Plädoyers für das »Volkganze« als Traditionsrest der NS-Zeit abzutun. Ein Blick durch die Nachkriegsgeschichte legt freilich nahe, dass diese Strategie bis in die 1980er Jahre beliebt blieb. Auch hierfür bietet die Schluckimpfung gegen Polio Beispiele. Der niedersächsische Sozialminister Kurt Partzsch (SPD) appellierte beispielsweise 1971 via Tagespresse an alle Eltern, dass Impfungen nicht nur als individueller Beitrag, sondern mehr noch als Dienst an der Allgemeinheit notwendig seien. »Man spricht in unserer Zeit von Verantwortung für die Mitmenschen. Durch 102 StAM, LRA/220938, Rundschreiben Staatsminist. für Unterricht und Kultur, 28.05.1953. 103 StAM, LRA/220938, Merkblatt im o. g. Rundschreiben, 28.05.1953. 104 STAOL, Rep 630, 242-4/892, Broschüre der Farbenwerke Bayer/Behringwerke, 1952.

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die Teilnahme an der oralen Impfung gegen Kinderlähmung kann diese Forderung in die Tat umgesetzt werden: Wer sich impfen läßt, schützt nicht nur sich selbst gegen die Krankheit, sondern er baut gleichzeitig mit an dem Wall, der aufgerichtet werden muß gegen ihre Wiedereinschleppung«.105 Dank solcher Aufrufe war die Grenze zwischen Appellen an das soziale Verantwortungsgefühl und einer Mobilisierung sozialen Drucks fließend, wie ein zweites Beispiel aus Hessen zeigt. Hier erhob die HAGE schwere Vorwürfe gegen »impfmüde« Eltern: »In diesem Jahr wütete die Kinderlähmung […] wieder in der Bundesrepublik, nur weil viele Eltern über die Notwendigkeit der Schutzimpfung hinwegsehen, damit ihre Kinder gefährdeten und der Geißel ›Kinderlähmung‹ auslieferten.« Anschließend warb die HAGE für den »selbstlosen Einsatz im Dienste der Volksgesundheit« im Muster einer Denunziationskampagne. Als freiwillige »Nachbarschaftshilfe« sollten die Deutschen Freunde, Verwandte und Nachbarn von der Impfung überzeugen und die Adressen nichtgeimpfter Familien an die HAGE melden. Den »20 fleißigsten Einsendern« winkten »je 50,- DM Bargeld«.106 »Impfmüde« Eltern wurden also nicht nur für das Schicksal ihrer eigenen Kinder, sondern ebenso für das ihrer Nachbarn verantwortlich gemacht. Wer sich nicht impfen lasse, so drohte auch ein Aufruf der DVK zur Einführung der Schluckimpfung, »wird mitschuldig daran, daß uns fortlaufend eine Seuche heimsucht, die verhütet werden könnte.«107 Es waren Appelle wie diese, die unter Medizinalbeamten und Ärzten das Missverständnis aufkommen ließ, dass auch für die Polio-Impfung eine Impfpflicht bestehe. Darauf weisen mehrfache Erinnerungen aus den Ministerien an Gesundheitsämter und Ärzte hin, dass Diphtherie-, Scharlach- und Polioimpfungen freiwillig seien. Schon 1953 kritisierte das niedersächsische Sozialministerium, dass die Aufforderungen der Gesundheitsämter zur Diphtherie-Scharlach-Schutzimpfung »nicht in eindeutiger Weise erkennen lassen, daß diese Impfungen auf freiwilliger Grundlage stattfinden.«108 Vereinigungen wie die DVK spielten sogar ganz bewusst mit dem Pflichtbegriff. Ihr Merkblatt zur Polioimpfung von 1965 konnte leicht als Mahnung an eine Impfpflicht missverstanden werden: »Jeder, der noch nicht geimpfte Kinder zu betreuen hat, sei sich der Pflicht bewußt, die ihm obliegt: er muß diese Kinder zur Schluckimpfung bringen!«109 Dass solche Suggestionen bis in die 1980er Jahre üblich waren, unterstreicht den Befund, dass Freiwilligkeit und sozialer Druck lange Zeit – und zwar nicht nur im »Dritten Reich« – Hand in Hand gingen.110 Befördert wurde der soziale Druck durch Vergemeinschaftungs-Appelle. Impfprogramme entwarfen eine immunisierte Gemeinschaft, die sich aus gegensei105 Der Weserbote, Minister schrieb an Eltern, 01.11.1971. 106 BAM, 12-001/1016, Rundschreiben der HAGE, o.Dt. [ca. 1965–1969]. 107 StAOL, Rep 630, 242-4/5 I, Aufruf zur Schluckimpfung der DVK, 1962. 108 StAOL, Rep 630, 242-4/876, Schreiben niedersächs. Sozialminister, 10.02.1953. 109 BAK, B 189/14117, Merkblatt der DVK, Herbst 1965. 110 Vgl. die entsprechenden Schriftwechsel in Rep 630, 242-4/790; Rep 630, 242-4/892.

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tiger Verantwortung und aus dem Zuspruch zu staatlichen Maßnahmen in die Impfschlangen einreihte. Ein schönes Beispiel bot der Regierungspräsident Oldenburgs. In seiner Bilanz zur Polioschluckimpfung von 1962 leitete er aus der »immunisierten Gemeinschaft« ein gesundheitspolitisches Plebiszit ab: »Mit Aufgeschlossenheit kommt Jung und Alt zur Impfung, um sich selbst gegenüber der eigenen und gegenüber der Gesundheit anderer verantwortlich zu fühlen. […] Die Oldenburger Bevölkerung hat sich entschieden und damit gezeigt, daß sie die gesundheitspflegerischen Maßnahmen des Staates versteht und anerkennt. […] Die Beteiligung der Bevölkerung ist ein gesundheitspolitischer Volksentscheid […]. Die Gesundheitsämter werden bis zum letzten Tropfen Impfstoff die Aktion weiterführen.«111 Solche Erklärungen waren zum einen der Versuch, das individuelle Gesundheitsverhalten auf die Gemeinschaft hin zu orientieren. Entsprechende Appelle zum »Weltgesundheitstag 1965« waren folglich auch vom DGK zu hören: »Impfschutz ist heute nur möglich, wenn das gemeinschaftliche Bemühen aller Verantwortlichen ein fruchtbares Echo in der Verantwortung­ aller findet.«112 Zum anderen dienten Vergemeinschaftungen der politischen Legitimation, die auf einer einfachen Formel beruhte: Je länger die Schlangen vor den Impflokalen, desto größer der Zuspruch zu staatlichen Maßnahmen. Schon deshalb brachten Gesundheitsbehörden den Andrang vor Impflokalen gern in die Presse – obwohl man die Warteschlangen ja auch als Beleg für Organisationsprobleme hätte sehen können. Gesundheitspolitiker und Medizinalbeamte interpretierten solche Bilder hingegen als Beleg für die Attraktivität des Gesundheitswesens, wie es das Oldenburger Gesundheitsamt via »Weserbote« zur Einführung der Schluckimpfung Ende 1962 erklärte: »Solche langen Menschenschlangen, wie man sie in diesen Tagen vor den Impflokalen sah, hatte es seit den Zeiten vor der Währungsreform niemals mehr gegeben.«113 Flankiert wurden freiwillige Impfungen von einem dritten Motiv, das im Laufe der 1960er Jahre an Popularität gewann: das persönliche Abwägen von Nutzen und Risiken. Potenzielle Nebenwirkungen von Impfungen wurden nicht mehr wie bisher verschwiegen, sondern explizit benannt, um diese dem vielfach größeren Risiko der Krankheit gegenüberzustellen. Zur Einführung der Polioimpfung in Hessen gab die FAZ beispielsweise eine Meldung des Frankfurter Gesundheitsamts bekannt, »daß nach der Impfung ein geringes Ansteigen der Körpertemperatur, leichter Rückenschmerz und unerhebliche Verdauungsstörungen auftreten könnten. […] Diese geringfügigen Einschränkungen, erklärt das Gesundheitsamt, seien ein sehr geringer Preis für Schutzmöglichkeiten gegen die Kinderlähmung.«114 Noch knapper brachte die Frankfurter 111 StAOL, Rep 630, 242-4/28, Rundschreiben Präsident Verwaltungsbezirk, 15.03.1962. 112 BAK, B 189/14089, Ärztemerkblatt DGK, Seuchenschutz durch Impfprophylaxe, [1965]. 113 Der Weserbote, 32.000 tranken den »Cocktail«, 11.10.1962. Die Pressemeldung war dem Weserboten vom Gesundheitsamt Wesermarsch überreicht worden. Vgl. auch die ähnlichen Pressemeldungen aus Frankfurt in StAF, Materialsammlungen, S6b-38/66. 114 FAZ, Lieber Impfbonbons als Eiserne Lungen, 11.05.1962.

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Neue Presse die Risikoabwägung kurze Zeit später auf den Punkt: »Das Risiko ist gleich Null«, lautete die Überschrift, dem der entsprechende Untertitel folgte: »Die schreckliche Krankheit kann ausgerottet werden«.115 Eine fundiertere Grundlage für persönliche Risikoabwägungen bot das Merkblatt zur Polioimpfung »20 Fragen – 20 Antworten« der DVK, das in mehreren Auflagen bis in die 1980er Jahre verbreitet wurde. Immerhin fünf der 20 Fragen widmeten sich Nebenwirkungen und gingen auf Bedenken der Eltern ein, um eines zu unterstreichen: »Das Impfrisiko ist aber ganz wesentlich geringer als das Erkrankungsund Lähmungsrisiko bei nicht geimpften Personen.«116 Untermauert wurden solche Erklärungen durch Fotografien staatlicher Kontrollen der Impfstoffherstellung, bei der »Sicherheit […] oberstes Gebot«117 sei, wie die Frankfurter Rundschau während der Erprobungsphase des Polioimpfstoffes betonte. Dass das Motiv des Risiko-Managements seit Mitte der 1960er Jahren an Bedeutung gewann, spiegelt zum einen die wachsende Sensibilität gegenüber Impfschäden. Zum anderen reagierte es auf eine Individualisierung von Lebensstilen. Eine Risiko-Abwägung betonte ja eine persönliche Entscheidungsfreiheit, selbst wenn das Risiko von Nebenwirkungen für den Einzelnen de facto schwer nachprüfbar blieb, da sich Broschüren und Merkblätter mit konkreten Zahlen zurückhielten. Stattdessen konstruierte die Impfwerbung einen Prozess nüchterner Abwägung, der im Ergebnis sowohl für Impfungen als auch für den eigenverantwortlichen Bürger sprach. Die Überzeugungsarbeit für Polio-Impfungen stieß auf Resonanz, wie nicht nur steigende Impfquoten belegen. Mit Einführung bundesweiter Werbekampagnen zur Schluckimpfung häuften sich zudem Zuschriften an Ministerien, in denen Bundesbürger ihre Immunisierung selbst in die Hand nahmen. So wiesen zahlreiche Eltern Gesundheitsministerin Schwarzhaupt im Frühjahr 1962 mit Bezug auf die Polio-Kampagne in Briefen darauf hin, dass viele Impftermine erst für den Herbst angesetzt oder vor Ort zu wenig Impfstoff vorhanden seien. Ein verängstigter Vater klagte im Mai 1962, dass sich seine »Tochter (1 Jahr alt)« wegen des späten Impftermins im Herbst in »einer sehr prekären Lage« befände. Er wisse daher »keinen anderen Rat, als Sie zu bitten mir einiges von diesem [Polio-Impfstoff] zu besorgen.«118 Ein Jugendlicher aus Hessen wandte sich entrüstet gegen die Immunisierung kleiner Kinder, wie sie auf Plakaten gezeigt werde: »Schließend muß ich feststellen, daß eine große Anzahl Jugendlicher, die in Seuche[n]zeiten den größten Kontakt mit der Außenwelt haben, nicht geimpft wurde. Ich bitte, zusammen mit vielen anderen Bürgern, um baldigen Nachholtermin«.119 Mancher Absender forderte gar einen »Impfzwang«, da freiwillige 115 FNP, Das Risiko ist gleich Null, 29.05.1962. 116 Vgl. die Sammlung der Broschüren in StAOL, Rep 630, 242-5/5 I; BAK, B 189/14117. 117 FR, Sicherheit ist oberstes Gebot, 10.07.1957; FR, Sicherheit durch verschärfte Prüfungen, 01.04.1957. 118 BAK, B 142/1897, Schreiben eines Aacheners an Gesundheitsministerin, [ca. 19.05.1962]. 119 BAK, B 142/1897, Schreiben eines »benachteiligten Jugendlichen« an BMGes, 26.03.1962.

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Impfungen »eher Nachteile als Vorteile«120 mit sich brächten, wie eine Mutter aus Tegernsee kritisierte: »Menschen, die noch nicht mit dieser Krankheit in Berührung gekommen sind, haben vielleicht auch nicht die Hellhörigkeit der sogenannten ›gebrannten Kinder‹ und es kann meiner Meinung nach nicht ausdrücklich genug auf die Impfungen hingewiesen und warum nicht auch sie zur gesetzlichen Pflicht gemacht werden.«121 Ministerien und Landesbehörden wurden vom Erfolg der Vermittlungsarbeit zunächst selbst überrascht, was sich in Engpässen bei der Impfstoffverteilung bemerkbar machte. »Mit einer so großen Teilnahme an der freiwilligen Impfung« sei »nicht zu rechnen« gewesen, entschuldigte man sich beispielsweise in Niedersachsen kleinlaut.122 Tatsächlich versiegte in vielen Impflokalen der Impfstoff, wie die FAZ im Februar 1962 aus Bayern berichtete: »Der Ansturm auf die Impfstellen habe ein von den Behörden nicht erwartetes Ausmaß angenommen. Die bereitgestellten drei Millionen Portionen des Impfstoffes sind jetzt nach der ersten Hälfte der auf drei Wochen befristeten Aktion schon fast aufgebraucht.«123 Selbst die Pharmaunternehmen hatten mit diesem Ansturm nicht gerechnet, so dass sie mit Lieferproblemen zu kämpfen hatten.124 Unter Ärzten sorgte dieses Missverhältnis zwischen Angstpolitik und Impfstoffreserven für Missstimmung, gerieten sie wegen der Beunruhigung der Bevölkerung doch in Erklärungsnot, wie ein Kinderarzt dem Bundesgesundheitsministerium schrieb: »Durch die intensive Propaganda für die Impfung gegen Kinderlähmung ist in der Bevölkerung eine große Unruhe entstanden, weil […] in großen Gebieten die Schluckimpfung nicht stattgefunden hat. Um meine Patienten richtig unterrichten zu können, bitte ich, mir möglichst bald mitzuteilen, wann eine Schutzimpfungsmöglichkeit besteht«.125 Wichtiger noch als solche Probleme war indes die grundsätzliche Erkenntnis, die Gesundheitspolitiker aus dem starken Zuspruch zur Schluckimpfung ableiteten. Auf einer Vollversammlung des Bundesgesundheitsamts zog Werner Anders 1963 eine begeisterte Bilanz unter die Vermittlungsstrategien. Sie seien »ein schlagender Beweis dafür«, dass mit »zweckmäßiger Aufklärung die oft zitierte Impfmüdigkeit der Bevölkerung mit geeigneten Mitteln überwunden werden kann.«126 Eben diese Beweisführung bekräftigte die Experten in ihrer Ansicht, dass eine Impfpflicht nicht nur gegen Polio, sondern ebenso gegen Diphtherie, Scharlach und zukünftige Impfungen überflüssig sei, da die Bevölkerung mit Werbung überzeugt werden konnte.127 Flankierte Freiwilligkeit war also zeitgemäß, da sie an die Mündigkeit und Eigenverantwortlichkeit des »präventiven 120 BAK, B 142/1897, Schreiben einer Bonnerin an BMGes, 22.05.1962. 121 BAK, B 142/1897, Schreiben einer Mutter aus Gmund a/Tegernsee, 19.09.1963. 122 StAOL, Rep 630, 242-4/28, Rundschreiben Präsident Verwaltungsbezirk, 15.03.1962. 123 FAZ, Zur Immunisierung ausreichend, 15.02.1962. 124 BAK, B 142/1897, Schreiben Bayer AG an BMI, 11.10.1962. 125 BAK, B 142/1897, Schreiben eines Kinderarztes aus Bonn an BMGes, 16.05.1962. 126 Veröffentlicht in Anders, Poliomyelitis-Schluckimpfung. 127 Vgl. dazu die Schriftwechsel der 1950er Jahre in BAK, B 189/14113.

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Selbst« appellierte. Sie war zudem ungemein effektiv, da persönliche Ängste und sozialer Druck die Bundesbürger schneller in die Impfstellen führten als staatliche Zwangsmaßnahmen. Vielleicht warf bei der Absage an die Impfpflicht auch die DDR ihren Schatten gen Westen: In den 1950er und 1960er Jahren, in denen man sich vom »totalitären« System der »Ostzone« demonstrativ distanzierte, wäre eine Übernahme von Maßnahmen und Methoden des »Klassenfeinds« schlecht zu begründen gewesen. Mit diesen Ergebnissen zur Polioimpfung stellt sich die einleitend aufgeworfene Kontinuitätsfrage noch einmal neu. Bemerkenswert sind weniger semantische Gleichklänge zwischen der flankierten Freiwilligkeit im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik. Interessanter ist die Beobachtung, dass Appelle, Angst und sozialer Druck in der Demokratie noch an Bedeutung gewannen. Je stärker der Sozialstaat seine Legitimität aus dem Zuspruch der Bevölkerung zog, desto mehr waren Überzeugungsstrategien gefragt. Angstpolitik und Abschreckung waren demnach die Kehrseite gesellschaftlicher Liberalisierungsprozesse. Gerade weil Mündigkeit zur Leitlinie avancierte, bedurfte es neuer Konzepte, die eine freiwillige Beteiligung beförderten, ja erzwangen. 4.2.2 »Volksgesamtheit« vs. Individuum: Impfpflicht und Grundrechte Während Zwangsmaßnahmen für Cholera- und Typhusschutzimpfungen mit dem Abklingen der »Kriegsseuchen« Ende der 1940er Jahre verschwanden, galt die Notwendigkeit der Pockenimpfpflicht nach wie vor als ausgemacht. Für Experten wie Heinrich Gins zeichneten sich bereits 1947 Gesundheitsgefahren der Globalisierung ab. Zwar schien eine »Epidemie-Gefahr vom Osten her« dank des Pockenimpfprogramms der Sowjetunion gering zu sein. Dafür drohten die Pocken nun aus dem Westen, insbesondere von alliierten Kolonialtruppen.128 Insofern stand das Reichsimpfgesetz von 1874 in der jungen Bundesrepublik nicht zur Diskussion. Schon der Parlamentarische Rat war sich bei der Diskussion des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit einig gewesen, »daß der Impfzwang ihm nicht widerspricht«.129 Das Bundesinnenministerium führte daher die im Zweiten Weltkrieg beendete Dokumentation von Pockenimpfungen 1951 wieder ein und erklärte die Verordnungen der NS-Zeit zur aktuellen Rechtsgrundlage.130 Nach wie vor stand damit die Frage im Raum, ob Risiken für das Individuum oder für das Allgemeinwohl schwerer zu gewichten seien. Der Leiter des Oberhausener Gesundheitsamts Ferber brachte dieses Spannungsfeld 1956 via »Neue Rhein-Zeitung« auf den Punkt. Demnach müsse »der Gesetzgeber sich entscheiden, ob er es auf sein Gewissen laden will, eine Minderheit zu opfern oder die 128 BAB, R 86/4150, Schreiben Gins, 23.04.1947. 129 Zit. n. Urteil Bundesverwaltungsgericht, I C 170.56, 14.07.1959, S. 7. Vgl. BAK, B 142/43. 130 Vgl. BAK, B 189/14111, Rundschreiben BMI, 29.08.1951.

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Gesamtheit zu gefährden.«131 Dem Bundesgesundheitsamt fiel diese Entscheidung leicht. Es erklärte allen Vorschlägen zur Lockerung des Impfzwangs eine klare Absage: »Selbst wenn man der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung des Staatsbürgers weitgehende Zugeständnisse machen will, muß entgegnet werden, daß die persönliche Freiheit dort eine Grenze hat, wo lebenswichtige Interessen der Allgemeinheit überwiegen. Bei der Bekämpfung der Pocken kommt es aber nicht auf die Gesunderhaltung nur der Einzelperson an, sondern auf den Schutz der Gesamtbevölkerung. Ein Urteil über die Bekämpfung einer gemeingefährlichen Seuche, wie die Pocken, kann nicht in das Belieben des Einzelnen gestellt werden.« Das Misstrauen im BGA gegenüber den Bundesdeutschen war Ende der 1950er Jahre größer denn je. Schließlich sei die »fehlende Einsicht« in der Bevölkerung und eine »gewisse Scheu der Ärzte« vor der Impfpflicht mittlerweile umso verbreiteter, weil diese »das Krankheitsbild der Pocken nicht mehr aus eigener Anschauung kennen und trotz der hohen Letalität […] nicht mehr fürchten.«132 Das Verschwinden der Seuchenangst schürte somit neue Ängste unter Experten. Während Diphtherie, Scharlach und Polio durch gelegentliche Ausbrüche präsent blieben, schienen die Pocken aus dem Alltag verschwunden. Angesicht der verbreiteten Sorglosigkeit war bei der Pockenschutzimpfung sehr viel seltener die Rede von Überzeugungsarbeit und Freiwilligkeit als bei der Polio- oder Diphtherieschutzimpfung. Vielmehr hielten BGA und BMI an ihrer Interventionskompetenz fest, blieb dem Staat nach Ansicht von BGA-Präsident Wilhelm Hagen doch gar »nichts anderes übrig  […], als eisern durchzugreifen.«133 In der Impfpflicht spiegelte sich somit ein Menschenbild, das Hagen in einem Schreiben an Bundesinnenminister­ Gerhard Schröder 1956 wie folgt beschrieb: »Eine Gewissensklausel würde den Eltern die Entscheidung zuschieben […]. Wir haben nicht das Recht, ihr Gewissen damit zu belasten, ob die Pockengefahr oder die Encephalitisgefahr [= die Gefahr von Impfschäden] größer für ihr Kind ist. Es ist Aufgabe des Gesetzgebers und seiner Ratgeber, die Verantwortung zu tragen.«134 Diese patriarchale Auslegung des Vorsorgestaats weckt Erklärungsbedarf. Waren die Grundrechte der Bundesdeutschen nicht ein hohes Gut? Erklärungsbedürftig ist das Festhalten am Impfzwang auch im internationalen Vergleich. Nach England, dem »Mutterland« der Gewissensklausel von 1907, hatten im Laufe der 1930er und 1940er Jahre wegen zahlreicher Impfschäden weitere europäische Staaten wie Irland, Norwegen, Frankreich oder die Niederlande Gewissensklauseln oder zahlreiche Ausnahmeregelungen eingeführt.135 Warum also hielt die Bundesrepublik so konsequent am Impfzwang fest, wenn das Risiko von Nebenwirkungen nicht gesunken war? Immerhin ging das BGA 131 Neue Rhein-Zeitung, Mediziner beharren auf Impfzwang, 05.12.1956. 132 Beide Zitate BAK, B 189/14107, BGA-Gutachten über Impfgesetz [1957], S. 34, 156. 133 BAK, B 189/14107, Protokoll AGLMB, 26./27.06.1958, S. 33. 134 BAK, B 142/45, Schreiben des BGA-Präsidenten an BMI, 22.04.1956. 135 Vgl. die Übersicht in BAK, B 142/46, Vortrag Oberregierungsrat Dr. Domabyl, 12.03.1955.

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Anfang der 1950er Jahre von durchschnittlich einem Fall an »postvaccinaler Encephalitis« auf 10.000 Erstimpfungen aus, von dem jeder zweite bis dritte tödlich verlief. Hinzu kamen weitere Impfschäden sowie Nebenwirkungen, die von Ärzten nicht anerkannt wurden.136 Trotz solcher Zahlen kamen die Sozialund Gesundheitsminister der Länder 1950 zum Ergebnis, dass »Impfschäden […] in Kauf zu nehmen«137 seien. Ebenso einig waren sich die Experten allerdings, dass man eine Regelung der Entschädigung von Impfschäden brauche. Diese beiden Punkte, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Impfpflicht und die Entschädigungspflicht des Staates, beschäftigten sämtliche Debatten der 1960er und 1970er Jahre, so dass sie im Folgenden genauer in den Blick genom­ men werden. Dass die Impfpflicht in der jungen Republik zu einem staatstragenden Problem mutierte, demonstriert eine Flut an Prozessen, die Richter von den Amtsgerichten bis zum Bundesgerichtshof und Bundesverfassungsgericht beschäftigte.138 Eine Grundsatzentscheidung traf der Bundesgerichtshof Anfang 1952. Nach mehreren Presseberichten über Grundrechtsverletzungen durch Zwangsimpfungen139 und Klagen zahlreicher Eltern legte der BGH die Grundrechte zugunsten der Impfpflicht aus: »Der Impfzwang ordnet einen in der Regel unbedeutenden vorbeugenden ärztlichen Eingriff in die körperliche Unver­ sehrtheit des Einzelnen an, um von diesem und der Volksgesamtheit die Gefahr schwerer, zu epidemischem Auftreten neigender Pockenerkrankungen abzu­ wehren. Die planmäßige Durchimpfung ganzer Volksgemeinschaften hat die noch im vorigen Jahrhundert aufgetretenen Pockenepidemien in vielen europäischen Ländern zum Erlöschen gebracht.«140 Das Bundesverfassungsgericht folgte dieser Auffassung und bejahte ein Jahr später ebenfalls die Verfassungsgemäßheit und Verhältnismäßigkeit des Impfzwanges.141 Die potenzielle Gefährdung des Einzelnen wogen also nach wie vor leichter als die Sicherheit der »Volksgemeinschaft«, wie der BGH erklärte. Ebenso bemerkenswert wie solche semantischen Kontinuitäten zur NS-Zeit ist die Beharrungskraft paternalistischer Bevölkerungskonzepte. In den Augen der Richter war die Bevölkerung nur unter gesetzlichem Druck zur Vorsorge bereit, so dass sie ein Ende der Impfpflicht mit dem Ende der Immunität gleichsetzten. Die sorglosen, geradezu fahrlässigen Bundesdeutschen mussten zu ihrer Sicherheit folglich gezwungen werden. Diesem Gesellschaftskonzept folgten alle Entscheidungen bis in die 1960er Jahre.142 Stets wog das Allgemeinwohl schwerer als Grundrechte und individuelle Risiken, wie das Oberverwaltungsgericht Lüneburg 1955 erklärte: »Gegenüber diesem Erfolg der Zwangsimpfung für die Erhaltung der Volksgesundheit 136 Vgl. BAK, B 189/14111, Medizinalstatistik des BGA, 05.02.1953. 137 BAK, B 189/14111, Hess. Minist. d. Innern, Situationsstand Pockenimpfung, 03.03.1950. 138 Vgl. Sammlung von Gerichtsentscheidungen in BAK, B 142/44. 139 Vgl. u. a. FR, Verstößt Impfzwang gegen Grundgesetz?, 09.02.1952; Welt, Keine Impfung mehr nach dem 2. Lebensjahr, 09.02.1952. 140 Gutachten des BGH (VRG 5/51), 25.01.1952, S. 5–6. 141 Gutachten BVerfG über Pockenschutzimpfung, 21.01.1953, zit. n. Petzelt, S. 320–321. 142 Vgl. dazu auch die Sammlung entsprechender Urteile in BAK, B 189/14113.

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müssen vereinzelt auftretende nachteilige Folgen, so bedauerlich sie für die Betroffenen sind, in Kauf genommen werden.«143 Mochten sich Verteidiger betroffener Eltern in Prozessen auch lautstark gegen das »grauenvolle Glücksspiel«144 wehren, zu der ein Dortmunder Anwalt die Pockenimpfung 1958 erklärte, stießen sie auf taube Ohren. »Zugunsten höherrangiger Gemeinschaftsgüter – in diesem Fall beispielsweise der Volksgesundheit«,145 so stellte das Bundesverwaltungsgericht im Juli 1959 klar, dürfe die körperliche Unversehrtheit des Einzelnen selbstverständlich eingeschränkt werden. Angesichts dieser eindeutigen Gewichtung lohnt ein Vergleich mit der Diphtherie-, Scharlach- und Polioschutzimpfung, für die ganz ähnliche Diskussionen ganz anders verliefen.146 Einzelne Impfpflichten wie die gegen Diphtherie und Scharlach in Baden-Württemberg wurden im Laufe der 1950er Jahre sogar explizit als verfassungswidrig kassiert.147 Erstaunlicherweise begründete das Bundesinnenministerium auch die Freiwilligkeit der Polio-Impfung mit eben jenen Argumenten, die es bei der Pockenimpfpflicht nicht gelten ließ: Die PolioImpfung stelle »einen erheblichen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit« dar, zudem sei ihre »Gefahrlosigkeit nicht 100 %ig gegeben«.148 Nach Ansicht von Medizinalbeamten fielen Überzeugungsarbeit und Aufklärung im Falle der Polio-, Diphtherie- und Scharlachimpfung allerdings auf fruchtbareren Boden als im Falle der Pocken. Eine weitere Erklärung für das Festhalten an der Impfpflicht sind persönliche Erfahrungen einiger Experten. Zumindest den älteren Medizinern standen einzelne Ausbrüche der 1920er und 1930er Jahre noch vor Augen.149 Vor allem aber war es etwas vollkommen anderes, an einer bestehenden Impfpflicht festzuhalten als Zwangsmaßnahmen für neue Impfungen einzuführen. Insofern führten Experten an der Impfpflicht gegen Pocken einen Behauptungskampf für den Vorsorgestaat. Einen Ausweg aus der Debatte wies die Entschädigungspflicht. Nachdem der BGH 1951 den Impfzwang legitimiert hatte, regte er zwei Jahre später die Einführung einer Entschädigungspflicht an. Während die Gerichte bisherige Entschädigungsforderungen für Impfschäden mit Verweis auf die Rechtsprechung im Nationalsozialismus abgewiesen hatten,150 schuf der BGH damit eine neue Grundlage. Ebenso wie Enteignungen und Eingriffe in das Eigentum seien 143 StAOL, Rep 630, 242-4/893, Urteil OVG Lüneburg, IV OVG-A 183/54, o. Dt. [1955]. 144 BAK, B 142/45, Schreiben eines Dortmunder Anwalts, 19.04.1958. 145 Der Tagesspiegel, Der Anspruch auf körperliche Unversehrtheit, 15.07.1959. 146 Zur Diskussion um die Verhältnismäßigkeit einer Impfpflicht gegen Diphtherie, Scharlach, Keuchhusten, Tuberkulose etc. vgl. Petzelt, S. 321–322 sowie die Beschlüsse des Bundesgesundheitsrats von 1956, der eine »Erweiterung der gesetzlichen Impfpflicht« auf andere Impfungen ablehnte. BAK, B 142/43, Beschluss Bundesgesundheitsrat, 22.06.1956. 147 Vgl. FAZ, Verfassungswidriges Impfgesetz, 23.06.1953; BAK, B 189/14113, Gesetzblatt für Baden-Württemberg, Nr. 2/1954 (11.02.1954), S. 5. 148 BAK, B 142/54, Begründung BMI zum Gesetz über Polio-Impfung, 1. Fassung, [Juli 1956]. 149 Vgl. die Berichte der Jahrestagungen der Leiter deutscher Impfanstalten in BAK, B 142/43. 150 Vgl. Urteil des BGH, III ZR/208/51, 19.02.1953, S. 3.

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»auch die Gesundheitsschäden, die durch eine gesetzlich angeordnete Impfung schuldlos hervorgerufen seien, in den Kreis der entschädigungspflichtigen ›Opfer‹ miteinzubeziehen.«151 In dieser Lesart war die Gesundheit des Staatsbürgers als persönliches Eigentum zu verstehen, so dass der Staat genauso zur Entschädigung verpflichtet sei wie bei materiellen Schäden. »Leben und Gesundheit«, so brachte Ministerialdirigent Petzelt diese Neuinterpretation auf den Punkt, seien »mindestens so schutzwürdig wie Vermögensrechte«.152 Diese Regelung zog eine Fülle neuer Verfahren nach sich, in denen Eltern, Ärzte und Richter um Entschädigungszahlungen stritten. Nicht nur für Politiker und Richter, auch für Mediziner waren Entschädigungen ein Problem. Schließlich stellten sie Nebenwirkungen des Impfens offiziell fest sowie öffentlich zur Diskussion. Vor diesem Hintergrund sprachen sich Experten auf einer Tagung im Bundesgesundheitsamt 1954 für scharfe Kontrollen von Entschädigungszahlungen aus. Nach Ansicht von BGA-Präsident Redeker ließe sich so »verhüten, dass die Gesetzgeber das Opfer einer Suggestion werden«, die nicht nur die Pockenschutzimpfung bedrohe. Vielmehr war die Eingrenzung von Entschädigungsfällen auch ein Versuch, Angriffe gegen Impfungen im Allgemeinen zu mindern, wie Redeker endete: »Wir müssen alles tun, um die Schutzimpfung zu retten.«153 Angesichts anhaltender Diskussionen schlug das BGA zur »Rettung« des Impfens Ende der 1950er Jahre neue Töne an. Zwar schmetterte ein Gutachten der BGA-Pockenkommission jegliche Forderungen nach einer Liberalisierung der Impfpflicht ab. Allerdings erschien ihm eine Ausweitung der Entschädigungspflicht zweckmäßig, um »eine weitgehende Beunruhigung der Bevölkerung«154 zu vermeiden. Erschwert wurde eine Entschädigungsregelung von dem Umstand, dass die »Frage, was unter einem Impfschaden zu verstehen ist«, nicht einmal von Experten »klar beantwortet« wurde.155 Noch Anfang der 1960er Jahre konstatierte der Leiter der Hamburger Impfanstalt Wolfgang Ehrengut frustriert, »daß es eine sichere Prophylaxe der postvakzinalen Enzephalitis nicht geben kann, da wir die Ursachen der Erkrankung nicht kennen«.156 Angesichts solcher Eingeständnisse ist die Durchsetzung von Entschädigungen umso bemerkenswerter. Denn im Gegensatz zu früheren Zeiten widersprach das Diagnoseproblem jetzt nicht mehr dem Entschädigungsanspruch. Während bis Ende der 1920er Jahre die Nichtbeweisbarkeit von Impfschäden gegen Entschädigungen gesprochen hatte und in den 1930er und 1940er Jahren Entschädigungen zwar bewilligt, allerdings ohne Rechtsanspruch geleistet wurden, signalisierten die späten 1950er Jahre einen Einstellungswandel. In NordrheinWestfalen setzte dieser Wandel als erstes ein. Bereits die »Wahrscheinlichkeit 151 Ebd., S. 7. 152 Petzelt, S. 337. 153 BAK, B 142/46, Tagung der Kommission für Pockenschutzimpfung, 05.–06.02.1954. 154 BAK, B 189/14107, BGA-Gutachten über Impfgesetz [1957], S. 42. 155 Cords, S. 2. 156 Ehrengut, Zur Frage, S. 49. Vgl. Cords, S. 44.

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eines Impfschadens« (§ 2 des Nordrhein-Westfälischen Impfschädengesetzes) sprach hier seit 1953 dem Betroffenen Entschädigungen zu. In Nordrhein-Westfalen wurden bis 1958 von 105 Anträgen auf Entschädigung immerhin 64 Anträge bewilligt.157 In anderen Ländern und auf Bundesebene wurden Entschädigungszahlungen hingegen erst seit den späten 1950er Jahren mit dem Prinzip des »Aufopferungsanspruchs« geregelt. Dieser Aufopferungsanspruch ordnete im Grunde das Verhältnis zwischen Staat und Staatsbürger. Demnach stand dem Staat gegenüber seinen Bürgern zwar ein Anspruch auf das Erbringen eines »Opfers« im Dienste des Allgemeinwohls zu. Im Dienste des Allgemeinwohls durfte der Staat also in die körperliche Unversehrtheit des Einzelnen eingreifen. Dieser Anspruch auf einen staatlichen Eingriff verpflichtete den Staat aber zugleich zur Entschädigung. Diese gegenseitige Verpflichtung des Aufopferungsanspruchs hatten Juristen im Übrigen bereits im »Dritten Reich« formuliert. Heinrich Blome kam wegen der »starken Abneigung weiter Bevölkerungskreise« 1940 zu dem Ergebnis, dass der Einzelne im Falle eines Impfschadens wegen des »allgemeinen Aufopferungsanspruches«158 Entschädigungen verlangen dürfe. Dieser Anspruch sei umso sinnvoller, weil er »manchen Impfgegner verstummen«159 ließe. Der BGH machte dieses Prinzip zum Grundsatz: Seit der Entscheidung von 1951 war »der Staat gehalten, denjenigen zu entschädigen, der seine besonderen Rechte und Vorteile dem Wohle des Gemeinwesens aufzu­opfern genötigt wird.«160 Am Aufopferungsanspruch wurden also Rechte und Pflichten des Staates ebenso verhandelt wie die des Staatsbürgers. Gerade weil das Allgemeinwohl und die »Volksgesamtheit« bis in die 1960er Jahre höher standen als die körperliche Unversehrtheit des Einzelnen, gewannen Entschädigungszahlungen an Gewicht. Sie waren das Eingeständnis, dass Vorsorge zwar auf Kosten des Individuums gehen durfte, dass diese Kosten aber zu ersetzen seien. Staatliche Interventionen im Dienste der »Volksgesamtheit« legitimierten sich fortan also mit finanziellen Entschädigungen. Angesichts unterschiedlicher Auslegungen der Länder legte das Bundesseuchengesetz (BSeuchG) von 1962 eine einheitliche Regelung für Entschädigungen fest. Diese Regelung zog eine neue Flut an Protesten und Verfahren nach sich, da § 51 BSeuchG die Beweislast dem Geschädigten zuschrieb. Dass diese Regelung Probleme aufwarf, konstatierte 1967 sogar die Bundesregierung: Für Geschädigte sei die »Führung dieses Beweises […] vielfach schwierig, wenn nicht unmöglich«, so dass fortan der »Beweis der Wahrscheinlichkeit« als Entschädigungsgrund ausreichen sollten.161 Diese Regelung fand mit der Neuord157 Cords, S. 31–35. 158 Blome, S. 49. 159 Blome, S. 8. 160 Urteil des BGH, III ZR 208/51, 19.02.1953, S. 9. 161 BAK, B 189/14136, Deutscher Bundestag, 5. WP 1965, 11. Ausschuss, Kurzprotokoll 30. Sitzung des Ausschusses für Gesundheitswesen, 09.03.1967.

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nung des BSeuchG 1971 in Gesetzesform und brachte zwei Erleichterungen mit sich: Erstens galt fortan die Wahrscheinlichkeit eines Impfschadens als Entschädigungsgrund. Zweitens waren nicht mehr Impfärzte für eine Diagnose des Impfschadens zuständig, die als potenzielle Verursacher des Schadens vom Ausgang des Verfahrens betroffen waren, sondern die Versorgungsämter.162 Zu dieser Zeit stand die Impfpflicht indes ohnehin nur noch auf dem Papier. 1964 kursierte im Bundesjustizministerium ein Neuentwurf des Impfgesetzes, der die Verletzung der Impfpflicht nicht mehr als Straftatbestand, sondern als Ordnungswidrigkeit ansah.163 Das Entziehen von der Impfpflicht zog seither keine Gefängnisstrafe mehr, sondern nur noch ein Bußgeld nach sich. Mitte der 1960er Jahre war die Aufhebung der Impfpflicht selbst in Institutionen denkbar, die zuvor verbissen am Impfzwang festgehalten hatten. So gab Werner Anders vom BGA 1966 in einem ZDF-Interview auf die Frage zur Impfpflicht eine bemerkenswerte Antwort: »Was würde geschehen, wenn in Deutschland der Impfzwang aufgehoben würde? Nach meinem Dafürhalten ist es eine Frage der Mündigkeit der Bevölkerung. […] Vielleicht ist die Entwicklung im allgemeinen bis dahin schon zu erkennen, daß wir weniger durch Zwang als vielmehr durch eine sinnvolle Aufklärung und Informierung der Bevölkerung diese zur Überwindung der Impfmüdigkeit veranlassen können.«164 Nicht mehr Zwang und Sanktionen, sondern Aufklärung und Eigenverantwortlichkeit schienen Mitte der 1960er Jahre auch bei der Pockenschutzimpfung Worte der Wahl zu sein. Und doch wäre es zu einfach, die Abkehr von der Impfpflicht als programmatische Liberalisierung der Gesundheitspolitik zu verstehen. Der Abschied vom Zwang hatte weitere, gewichtigere Gründe. Zunächst einmal glich sich die Vermittlung der Pockenschutzimpfung seit den späten 1960er Jahren der Werbung für Polio- und Diphtherie-Schutzimpfungen an. Ein Gutachten des BGA von 1970 präsentierte dazu das Ergebnis wochenlanger Debatten zwischen 31 Experten aus BGA, Bundes- und Länderministerien und war schon insofern bemerkenswert, weil die Impfpflicht kaum noch eine Rolle spielte. Stattdessen machte eine vom BGA empfohlene Neufassung der Impfbroschüren deutlich, dass die Pockenschutzimpfung »stärker dem Gedanken der Impfwerbung als des Impfzwanges« folgen solle.165 Zu diesem Zeitpunkt war in den »Einladungen« zur Impfung an die Eltern von einer Impfpflicht nicht einmal mehr die Rede.166 Ausführlicher wurden nun aktuelle Bedrohungen geschildert: »Infolge der Ausweitung des interkontinentalen Flugverkehrs kann die Erkrankung leicht bei uns eingeschleppt werden. Jeder muss damit rechnen, daß er mit einer an Pocken erkrankten Person in Berührung kommt oder auf einer Reise infiziert wird. Schützen Sie daher Ihr Kind 162 Vgl. die kritische Auseinandersetzung bei Buchwald, S. 242. 163 BAK, B 141/32881, Entwurf eines Einführungsgesetzes zum Strafgesetzbuch, 23.11.1964. 164 BAK, B 189/14107, Schreiben Anders, BGA, an BMGes, 05.08.1966. 165 Anders, Zur Durchführung, S. 5. 166 Ebd., S. 17–24.

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vor den Pocken! Lassen Sie Ihr Kind impfen!«167 In Aufrufen wie diesen ordnete sich also auch die Pockenschutzimpfung dem Prinzip der flankierten Freiwilligkeit unter, dessen Erfolge bei der Polio- und Diphtherieschutzimpfung schon seit Jahren sichtbar waren. Außerdem prägten internationale Entwicklungen nationale Impfkonzepte. Anfang der 1970er Jahre häuften sich in den Ministerien Nachfragen von Bundestagsabgeordneten über Pressemeldungen, nach denen die WHO allen Industriestaaten ein Ende der Impfpflicht empfohlen habe.168 Auch das Bundesgesundheitsblatt konstatierte 1971 einen Wandel. Demnach sahen britische Experten das Risiko einer Pockenerkrankung als geringer an »als das Impfrisiko«, so dass die Pockenschutzimpfung nicht einmal mehr »als Routinemaßnahme in der Kindheit« empfohlen werde. Auch das US-amerikanische Center for Disease Control (CDC) erwäge eine endgültige »Beendigung der Zwangsmaßnahmen«.169 Internationale Trends stießen Anfang der 1970er Jahre auch unter Bundesbürgern auf Resonanz. Sie überhäuften die Ministerien mit Briefen, in denen der »in zivilisierten Ländern einsam dastehende deutsche Pocken-Impfzwang«170 kritisiert sowie auf britische und amerikanische Presseberichte zur Abkehr von der Pockenimpfung hingewiesen wurde.171 Im Bundestag nahm der sozialdemokratische Abgeordnete Philipp Seibert solche Zuschriften zum Anlass für eine Anfrage, ob die Bundesregierung »auf die obligatorische Pockenimpfung künftig […] verzichten« werde. Die Antwort des Staatssekretärs L ­ udwig von Manger-Koenig signalisierte, dass im Ministerium bereits entsprechende Überlegungen angestellt wurden.172 Dass man mit solchen Überlegungen dem internationalen Trend hinterherhinkte, betonte Bundesfamilienministerin Anke Fuchs (SPD) in ihrem Rückblick zur endgültigen Aufhebung der Impfpflicht 1982: Von 159 WHO-Mitgliedstaaten führten zu diesem Zeitpunkt »153 keine gesetzliche Pockenimpfung mehr durch«.173 Die Abkehr von der Impfpflicht wurde also gefördert durch transnationale Austauschprozesse, die auch der Vorsitzende der STIKO, Hans-Joachim Weise, intensivierte. Weise hatte während einer Reise in die USA 1970 den »Meinungsumschwung«174 zur Impfpflicht im CDC persönlich miterleben können. Großbritannien und die USA boten für eine Revision deutscher Konzepte besonders gute Vergleichsgrößen, weil beide Staaten Verkehrsknotenpunkte bildeten und über effektive Gesundheitssysteme verfüg167 So die »Einladungen« zur Erst- und Auffrischungsimpfung in Anders, Zur Durchführung. Vgl. StAF, Ordnungsamt/286, BGA-Merkblatt über Pocken, März 1965. 168 Vgl. die Schriftwechsel in BAK, B 189/14106. 169 Alle Zitate BGesBl 14, Nr. 24 (03.12.1971), S. 359. 170 BAK, B 189/14106, Schreiben eines Müncheners an BMGes, 10.12.1973. 171 BAK, B 189/14106, Schreiben eines Hartenroders an BMJFG, 23.01.1972; vgl. auch weitere Zuschriften seit den 1960er Jahren in BAK, B 189/14137. 172 Bundestagsprotokoll, 6. Wahlperiode/142. Sitzung, 15.10.1971, S. 3205. 173 BAK, B 189/14276, Rede Anke Fuchs zur Sitzung des Bundestages zur Aufhebung des Gesetzes über die Pockenschutzimpfung, o.Dt. [September 1982]. 174 Weise, Über die Tätigkeit, S. 123.

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ten. Dieser internationale Vergleich gab daher den entscheidenden Anstoß zum endgültigen Abschied von Zwangsmaßnahmen, den die STIKO Ende 1973 einleitete. Sie begründete das Ende der deutschen Impfpflicht explizit mit Entwicklungen in den USA und Großbritannien. Schließlich könne die Bundesrepublik »zu jenen Staaten gerechnet werden, in denen das Gesundheitswesen hoch entwickelt ist und die Voraussetzungen« für eine Bekämpfung von Pockeneinschleppungen gegeben seien.175 Im internationalen Vergleich erschien die Impfpflicht offenbar nicht mehr der höchste Sicherheits-Standard zu sein. Vielmehr maßen Experten die staatliche Interventionskompetenz seit den 1970er Jahren an der Reaktionsfähigkeit des Gesundheitswesens. Eine schnelle Diagnose und Eindämmung eingeschleppter Epidemien galt nun als zielführender als eine Impfpflicht. Vor diesem Hintergrund erlaubte sich die STIKO eine neue Abwägung zwischen dem Risiko einer Pockeneinschleppung und dem von Impfschäden.176 Auch hier schlug das Pendel nun eindeutig gegen Zwangsmaßnahmen aus, da »die gesetzliche Impfpflicht […] unter Umständen mehr Todesfälle, jedenfalls aber wesentlich mehr Enzephalitiden [= Impfschäden] (mit mindestens der Hälfte Dauerschäden) hervorrufen kann als deren Aufhebung.« Demnach verliere Vorsorge »ihren Sinn […], wenn sie ebenso viele Schäden verursacht wie die Krankheit, die sie verhüten soll.«177 Das Ende der Impfpflicht erklärt sich also weniger mit veränderten Bedrohungswahrnehmungen als mit einer Internationalisierung. Schließlich hatte sich an der Einschätzung des Pockenrisikos und dem von Nebenwirkungen wenig geändert. Wie in den 1950er Jahren ging man von durchschnittlich einem »Impfschaden« auf 20.000 Impfungen und einem Impftodesfall auf ca. 40.000 Impfungen aus.178 Zwischen 1962 und 1969 starben in Westdeutschland demnach jedes Jahr ca. 15 Kinder an der Impfung, weitere 45 trugen »lebenslängliche Schäden davon«.179 Selbst das Seuchenszenario sah Anfang der 1970er Jahre keineswegs rosiger aus als in den 1950er oder 1960er Jahren. Vielmehr kalkulierte die STIKO in ihrem Gutachten sogar zukünftige Pockeneinschleppungen »alle 2 bzw. 5 Jahre«180 mit ein, zeigten Pockeneinschleppungen in Hannover (1972) oder London (1973) doch eine zunehmende Bedrohung. Geändert hatte sich der internationale Bezugsrahmen. Zum einen guckten sich die Deutschen einen pragmatischeren Kurs von westlichen Staaten ab. Zum anderen legte die Globa175 Weise, Voraussetzungen, S. 20. 176 Ebd., S. 13. 177 Ebd., S. 20. 178 Ebd., S. 4. Vgl. die Zahlen in StAOL, Rep 630, 242-4/893, Merkblatt BGA zur Beurteilung der postvakzinalen Enzephalomyelitis, 1958; Protokoll der »Tagung Impfschutz« in Kiel, 11.–12.03.1955; Ausschnitt Brigitte, Wogegen soll man das Baby impfen lassen?, 10/1967 (08.05.1967); Das BMGes ging Ende 1969 von »einem Schadensfall auf etwa 20.000 Impfungen« aus: BAK, B 189/14275, Schreiben Staatssekretär Schumacher an Frau Minister, 15.12.1969. 179 BAK, B 189/14277, Anlage 1 zu TOP 6 der 90. Sitzung der AGLMB, 30./31.01.1975. 180 BGesBl 18, Nr. 1 (10.01.1975), S. 12.

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lisierung Grenzen traditioneller Impfkonzepte offen. Im Zeitalter des Flugzeugs waren neue Konzepte gefragt, wie im nächsten Kapitel gezeigt wird. Während in der Praxis seit den späten 1960er Jahren von einem Impfzwang wenig zu spüren war, zog sich das offizielle Ende der Impfpflicht länger hin. Im Mai 1976 beschloss der Bundestag ein »Gesetz über die Pockenschutzimpfung«. Seither waren neben den Wiederimpflingen nur noch Risikogruppen wie Krankenhauspersonal und Verantwortliche für den »Pockenalarmfall« gegen Pocken zu immunisieren. Da die Bundesländer selbst diesem Gesetz kaum noch Folge leisteten,181 ließ der Bundestag auch dieses Konzept fallen. Fast 110 Jahre nach den ersten Reichstagsdebatten kam es somit Ende September 1982 zu einem letzten parlamentarischen Schlagabtausch um das Reichsimpfgesetz. Dass nun selbst Sorgen vor dem Einsatz der Pocken als biologische Waffe nicht mehr verfingen und Vorbehalte einzelner CDU-Abgeordneten gegenüber lockeren internationalen Sicherheitsstandards selbst in der eigenen Fraktion ins Leere liefen,182 unterstreicht den allgemeinen Trend: Die Impfpflicht war Anfang der 1980er Jahre Geschichte. Dass diese sich manchmal eben doch wiederholt, sollten erst Debatten nach der Jahrtausendwende zeigen. 4.2.3 Flugzeuge, Migranten und die Flexibilisierung des Impfens Trotz der globalen Dimension von Epidemien blickten die Deutschen erstaunlich spät über den nationalen Tellerrand. Selbst die Expansion gen Osteuropa während der Weltkriege widerspricht diesem Befund nicht. Schließlich ging es bei der Immunisierung »des Ostens« um die Sanierung deutschen »Lebensraums«. Im Übrigen wurde der nationale Blick durch internationale Verflechtungen mitunter noch geschärft. Insbesondere der Austausch mit Großbritannien in den 1920er Jahren, wo die Impfpflicht gegen Pocken im Grunde aufgegeben worden war, diente in Deutschland vor allem als Beleg, dass man umso konsequenter an nationalen Standards festhalten müsse. Auch in den 1950er Jahren blieben deutsche Impfkonzepte der Standard, an dem sich internationale Programme und Produkte zu messen hatten  – nicht umgekehrt. Schon deshalb zielten Impfprogramme lange Zeit auf eine systematische Immunisierung des Staatsgebiets und seiner Einwohner. Dieses Ziel war ab den 1960er Jahren kaum noch zu erreichen. Das Aufkommen des Massentourismus, die Ausweitung der Arbeitsmigration und Zunahme globaler Handelsströme veränderten westdeutsche Sicherheitskonzepte. Insbesondere das Flugzeug war in gesundheitlicher Hinsicht ein Albtraum. Bislang hatten die langen Reisezeiten von Schiffen Medizinern noch in die Hände gespielt. Im Falle der Cholera ging man von einer Inkubationszeit von bis zu fünf Tagen, im Falle der Pocken von höchstens zwei Wochen aus. Insofern bo181 Vgl. Deutscher Bundestag, Drucksache 9/524, Gesetzentwurf des Bundesrats (01.06.1981). 182 Protokoll Deutscher Bundestag, 9/117. Sitzung (30.09.1982), S. 7145–7147.

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ten Schiffsverbindungen eine gewisse Garantie, dass Krankheiten vor ihrer Ein­ schleppung diagnostiziert und isoliert werden konnten.183 Flugzeuge eröffneten Infektionskrankheiten hingegen neue Verbreitungswege, so dass Flughäfen bald als »Einfallstore« für Seuchen gefürchtet wurden. Bereits 1933 hatte sich Deutschland dem »Internationalen Sanitätsabkommen für die Luftfahrt« angeschlossen und erste Vorsorgemaßnahmen beschlossen.184 Fortan stand an Flughäfen mit internationalem Reiseverkehr ein Flughafenarzt für Quarantänemaßnahmen und Notimpfungen bereit. Zum Einsatz kamen Flughafenärzte angesichts des exklusiven Reiseverkehrs indes eher selten. Einen Vorgeschmack auf die Gefahren von Flugzeugen erhielten die Deutschen Mitte der 1950er Jahre. In zwei Pyjamas aus Indochina hatte der geimpfte Soldat Roger Debuigny während seines Heimaturlaubs die Pocken in die Bretagne eingeschleppt und dort eine Epidemie ausgelöst. Die Süddeutsche Zeitung zog aus den »gefährlichen Geschenken aus Saigon« eine besorgniserregende »Lehre«: »seitdem der Orient, wo die Pocken endemisch sind, uns verkehrstechnisch immer näher gerückt ist«, steige die Gefahr auch in der Bundesrepublik.185 Der Fall Debuigny machte jene globale Gefahr auf einmal sehr konkret, vor der die WHO zuvor noch recht allgemein gewarnt hatte: »The spread of certain diseases from one country, and even from one continent to another is facilitated by air travel.«186 Seit Mitte der 1950er Jahre fanden entsprechende Warnungen in der Bundesrepublik Verbreitung. Dass die Pocken wegen französischer und britischer Kolonien »vom Luftverkehr« drohen, unterstrich z. B. der Leiter der Hannoverschen Impfanstalt Rudolf Wohlrab Ende der 1950er Jahre mit einer Karte über afrikanische und asiatische »Pockenherde«.187 Genau das war eine Folge des Flugverkehrs: Die Verschiebung der Bedrohungswahrnehmung von Ost nach West. Während in Deutschland jahrhundertelang »der Osten« als »Seuchenherd« gefürchtet wurde, wandelte sich das Gefahrenszenario im Laufe weniger Jahre grundlegend. Zum einen beruhigten der immer dichtere »Eiserne Vorhang« und die Erfolge sozialistischer Impfprogramme westdeutsche Experten. Zum anderen rückten mit der Westbindung der Bundesrepublik französische und britische Kolonien sowie afrikanische und asiatische »Seuchenherde« an die Bundesrepublik heran. In einem Rundschreiben an Impfärzte machte Rudolf Wohlrab daher deutlich, dass die Lage im Kalten Krieg ein Umdenken erzwinge: »Die Ost und Südostgrenze Deutschland ist im Gegensatz zu früher völlig saniert und durch einen stabilen Impfschutz der Nachbarn gesichert. Aber die westl. Grenzländer, wie Holland, England und Frankreich haben einen geringeren Impfschutz und immer wieder kleine Pockenausbrüche, die fast in jedem Einzelfall auf Einschleppung aus 183 Vgl. HStAS, E 130 b/2812, Schreiben RMI an Badischen Minister d. Innern, 22.05.1929. 184 BAB, R 1501/3121, Verordnung RMI, 08.07.1937. 185 SZ, Gefährliche Geschenke aus Saigon, 25.02.1955. 186 BAK, B 189/14075, WHO Special Feature No. 1, February 1954. 187 Wohlrab, S. 171, 197.

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Übersee und auf dem Luftweg zurückgeführt werden.«188 Auch der Leiter der Bayerischen Landesimpfanstalt Albert Herrlich hielt nach dem Fall Debuigny mehrere Vorträge über Gefahren aus dem Westen,189 denen er allerdings etwas Gutes abgewinnen konnte. Immerhin sei die Pockengefahr nun wieder sehr präsent in der Bevölkerung, wie Herrlich auf einer Tagung 1955 frohlockte: »nun können alle, auch die Impfgegner[,] wieder an die Pocken glauben!«190 Die Folgerungen auf diese neue Bedrohungslage klangen zunächst erstaunlich altbacken. Eine Erhöhung des heimischen »Herdenschutzes« und die konsequente Anwendung des deutschen Impfgesetzes galten wegen des weltweiten Reiseverkehrs als vordringlichste Aufgabe. Der Süddeutsche Rundfunk erinnerte seine Zuhörer an die Bedeutung des Impfschutzes im Zeitalter der Globalisierung: »In Afrika und Indien tritt sie [die Pockenerkrankung] alljährlich in starkem Maße auf. Durch Menschen, die von dort her nach Europa kommen, kann sie jederzeit übertragen werden. Und wären nicht praktisch alle Menschen geimpft, würde sich die Krankheit auch jetzt bei uns stürmisch ausbreiten.«191 Das Hessische Innenministerium brachte diese neue Gefahrenlage in einer Broschüre besonders anschaulich auf den Punkt: Als »Gefahr!« prangte in der Bildmitte ein farbiger Pockenkranker, während aus den Bildrändern mehrere Zug-, Schiffs- und Flugzeugverbindungen aus Afrika, Amerika und Asien auf das Gefahrengebiet zielten: die Bundesrepublik (Abb. 6). »Unsere modernen Verkehrsmittel, die weltweite Entfernungen zu einem Nichts zusammenschrumpfen lassen, können uns in wenigen Tagen, ja Stunden, die Seuche jederzeit wieder bringen. Die wirksamste Waffe hiergegen ist die Pockenschutzimpfung.«192 Es bedurfte erst einiger Pockeneinschleppungen, um die Schwächen solcher Konzepte aufzuzeigen. Anfang der 1960er Jahre machten sich deutsche Behörden daher an die Immunisierung der Einfallstore. Nun sollten Flughäfen zu »Infektionsschleusen« ausgebaut werden. Von der Eröffnung einer solchen »Infektionsschleuse […] mit zwei Impfräumen und zwei Isolierstationen« berichtete 1964 beispielsweise die WAZ aus Düsseldorf: »Den Anstoß zu der ›Infektionsschleuse‹ gab die Pockenwelle vor zwei Jahren im Düsseldorfer und Aachener Raum. Damals starben drei Menschen und über hundert mussten lange Quarantäne erdulden.«193 Das Schließen von »Einfallstoren« markierte ein Umdenken unter Politikern und Medizinern, deren Vertrauen in den »Herdenschutz« sukzessive sank.194 Die Praxis zeigte allerdings schnell die Grenzen auch dieser Konzepte auf. Neben wiederholten Pockeneinschleppungen zeugten mehrere 188 StAOL, Rep 630, 242-4/893, Rundschreiben Staatliche Impfanstalt Hannover, 15.04.1955. 189 Vgl. StAOL, Rep 630, 242-4/893, A. Herrlich, Bericht über Pockenepidemie in Frankreich, o. Dt. [1955]. 190 StAOL, Rep 630, 242-4/893, Protokoll der »Tagung Impfschutz« in Kiel, 11.–12.03.1955. 191 BAM, 09-15/1612, Manuskript einer Sendung des Süddeutschen Rundfunks, 11.05.1958. 192 BAK, B 142/44, Faltblatt Hess. Min. d. Innern, »Den Kopf in den Sand stecken« [1956]. 193 WAZ, Pocken sollen am Flughafen abgefangen werden, 12.03.1964. 194 HA, Im Zeitalter des Düsenverkehrs: Reisenden aus den Tropen droht Quarantäne, 27.05.1961; FAZ, Passagiere aus dem Ausland müssen Anschrift abgeben, 25.11.1967.

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Abb. 6: Die Bundesrepublik im Fadenkreuz globaler Gefahren

Zwischenfälle von Löchern in »Infektionsschleusen«. Am Frankfurter Flughafen hatte die Passkontrolle beispielsweise im Januar 1961 wie üblich von einer deutschen Reisegruppe aus Kairo den Impfnachweis gegen Pocken gefordert. Diese Forderung war unter den Reisenden auf wenig Gegenliebe gestoßen, wie ein Zollbeamter berichtete: »Innerhalb der Gruppe […] entstand alsbald große Unruhe und Erregung […]. Worte wie ›Schikane‹, ›Blödsinn‹, ›ausgesprochener Quatsch‹ und selbst Ausrufe, wie sie Götz von Berlichingen zugeschrieben werden, wurden laut.« Es blieb nicht bei verbalen Ausfällen. Als der Beamte die Reisegruppe zur Nachimpfung aufforderte, suchte diese das Weite. Ein Teil der Gruppe setzte »über die Absperrung hinweg, der andere verließ fluchtartigst die Eingangshalle auf dem Weg über den Transitschalter«.195 Dass diese Impf-Flucht für die Reisegruppe keine Konsequenzen hatte, belegt, dass sich epidemiologische Grenzverletzungen kaum sanktionieren ließen. Bereits im August 1962 kam das Bundesgesundheitsministerium aufgrund solcher Erfahrungen zu dem Schluss, »daß die Gesundheitskontrolle an den Grenzen einen Kompromiß darstellen müsse zwischen dem, was gesundheitlich erwünscht und was administrativ durchführbar ist.«196 1970 zog Bundesministerin Käte Strobel die ernüchternde Bilanz, dass eine »Überprüfung in Zeiten des Spitzenverkehrs nicht lückenlos, oft sogar nur stichprobenweise durchgeführt werden kann«.197 195 Alle Zitate BAK, B 106/107320, Bericht eines BGS-Beamten, 11.01.1961. 196 BAK, B 189/14076, Rundschreiben BMGes an Landesgesundheitsbehörden und BGA, 14.08.1962. 197 Deutscher Bundestag, 6.  WP., DS VI/805, Antwort BMJFG auf Kleine Anfrage der SPD und FDP, S. 3.

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Praktikabler als lückenlose Kontrollen und Isoliermaßnahmen erschienen Appelle an potenzielle »Seuchenträger«. Seit Mitte der 1960er Jahre stellten sich Plakate, Merkblätter und Broschüren zunehmend auf die Globalisierung der Gefahr ein. Ein Infoplakat der HAGE warb etwa mit der »Sehnsucht nach der weiten Welt« für freiwillige Pockenschutzimpfungen.198 Die Broschüre »Reisen ohne Risiko – zu Lande, zu Wasser und in der Luft« stellte sich ebenfalls auf den Massentourismus ein und empfahl Impfungen als Reisegepäck.199 Die Bayerische Landesimpfanstalt wiederum verteilte unter Touristen »fünf goldene Regeln für Reisen in außereuropäische Gebiete« und warb für ihre tägliche »Impfsprechstunde und Beratung«.200 In diesem Sinne lässt sich das Flugzeug als Katalysator für eine Flexibilisierung und Individualisierung des Impfens verstehen. Die Zunahme des Reiseverkehrs zeigte die Grenzen systematischer Immunisierungen auf. Das galt umso mehr bei der umstrittenen Impfpflicht. Wenn schon die Impfpflicht für Kinder Kritik provozierte, war sie für Erwachsene erst Recht undurchführbar. Sinnvoller als Zwangsmaßnahmen schienen daher Appelle, damit Reisende den Impfschutz aus Eigeninteresse in die Hand nahmen. Das »präventive Selbst« wurde also auch in den Menschenschlangen geboren, die sich in den Schalterhallen deutscher Flughäfen bildeten. Seit den 1960er Jahren wandelten sich Impfkonzepte noch aus einem anderen Grund. Migration war in der deutschen Öffentlichkeit schon lange ein – oft angstbesetztes – Thema gewesen. Entsprechende Ausfälle gegen osteuropäische Juden, Polen oder Russen als »Pest-« bzw. »Pockenbringer« waren schon im Kaiserreich üblich gewesen. Seit den späten 1960er Jahren schürten hingegen Migranten aus Italien, Jugoslawien, Griechenland und der Türkei Seuchenängste und erhöhten so das Problembewusstsein für die Grenzen des »Herdenschutzes«, der ja vorwiegend die Deutschen im engeren Sinne gemeint hatte. »Angesichts der großen Zahl von Gastarbeiterkindern«201 gerieten nun auch Menschen mit Migrationshintergrund in den Fokus von Impfprogrammen. So wurde auf einer Sitzung bayerischer Gesundheitsämter 1973 beschlossen, dass »besonders ausländische Arbeiter«202 für Impfprogramme zu gewinnen seien. 1975 wurden in Niedersachsen erstmals besondere Werbesendungen »für Gastarbeiter« in der ARD geschaltet.203 Die Ansprache von Migranten blieb dennoch ein Dauerproblem. Schließlich standen erst Ende der 1970er Jahre Merkblätter für alle Migrantengruppen in Übersetzung zur Verfügung.204 Das war 198 BAM, 12-001/1016, Plakat der HAGE, ca. Mitte der 1960er Jahre. 199 BAK, B 189/14075, Schreiben Kessler-Verlag an BMJFG mit Broschüre: Fluggastinformation II/1970, Reisen ohne Risiko. 200 StAM, Gesundheitsämter/5694, Merkblatt »Fünf goldene Regeln für Reisen in außereuropäische Gebiete«, [1977]. 201 BAK, B 189/14108, Vermerk BMJFG, 29.09.1970. 202 StAM, Gesundheitsämter/5690, Protokoll der Besprechung, 23.11.1973. 203 StAOL, Rep 630, 242-4/205, Rundschreiben niedersächs. Sozialmin., 17.09.1975. 204 Vgl. Schriftwechsel zur Übersetzung von Impf-Merkblättern in BAK, B 189/14108.

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schon insofern bemerkenswert, weil ja eigentlich »auch die Kinder unserer ausl. Arbeitnehmer« der Impfpflicht unterlagen, wie das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit (BMJFG) 1971 verwundert feststellte.205 Die Verwunderung des Ministeriums markiert einen langfristigen Umdenkprozess. Zwar war es in den 1970er Jahren noch ein weiter Weg zu der Feststellung, dass sich die Bundesrepublik in ein Einwanderungsland verwandelte. Gleichwohl war Medizinern und Politikern klar, dass das öffentliche Gesundheitswesen nicht nur die »Herde«, also die »deutsche« Bevölkerung zu schützen hatte. Das »Wiederaufflackern der Diphtherie«206 Mitte der 1970er Jahre oder die Erkenntnis, dass Krankheiten wie die »Diphtherie eine Importkrankheit« darstellen, die auch von »Asylbewerbern« eingeschleppt wurden,207 signalisierten Handlungsbedarf. Im Übrigen geriet die Immunisierung von Migranten seit den 1970er Jahren zu einem beiderseitigen Anliegen. Nicht nur die Deutschen, auch die Herkunftsländer waren an einer Immunisierung interessiert. Aus der griechischen Botschaft erhielt das BMJFG 1971 ein Schreiben, »daß den griechischen Behörden an einer Durchimpfung aller in Deutschland befindlichen oder hier geborenen griechischen Kinder besonders gelegen sei«, so dass man sogar tatkräftige »Hilfe der griechischen Ärzte in Deutschland« anbot.208 Das Hauptaugenmerk deutscher Experten lag indes auf der Türkei. Im Dienste einheitlicher Impfstandards gingen westdeutsche Behörden in den 1960er Jahren sogar weiter als heutige Planungen zur europäischen Integration. So erklärte das Bundesgesundheitsministerium 1963 auf Anregung Bayerns die »Türkei als ganz zu Europa gehörend«,209 da gemeinsame Impfprogramme so besser koordiniert werden könnten. Dass Flugverkehr und Migration Gesundheitsgefahren darstellten, erfuhren die Deutschen in den 1960er Jahren hautnah. Pockenausbrüche in Heidelberg, Ansbach, Düsseldorf und Monschau hielten den Betroffenen eine erschreckende Erkenntnis vor Augen: die Pocken waren wieder da.210 Angesichts mehrerer Einschleppungen sprach der Berliner Gesundheitssenator 1965 von den Pocken als »Seuche, die […] durch den modernen Reiseverkehr wieder zu eine ständigen Bedrohung geworden ist.«211 Dass solche Bedrohungsszenarien nicht übertrieben schienen, zeigte sich erstmals 1958 in Heidelberg.212 Kurz vor Weihnachten 1958 brachen hier bei einem Arzt nach seinem Indien-Urlaub die Pocken aus. Zwei Todesopfer waren zu beklagen, innerhalb weniger Tage erkrankten an der 205 BAK, B 189/14108, Schreiben BMJFG, 07.10.1971. 206 Naumann u. a., S. 1090. 207 Krech u. a. 208 BAK, B 189/14108, Schreiben BMJFG, 04.10.1971. 209 BAK, B 189/14076, Schreiben Bayer. Staatsminist. d. Innern, 22.07.1963; BMGes an AA, 05.08.1963. 210 Vgl. Siebertz. 211 BAK, B 189/14016, Broschüre Berliner Senator für Gesundheitswesen, Berlin 1965, S. 3. 212 Im Frühsommer 1957 war in Hamburg ein Pockenfall isoliert worden, so dass es nicht zur Verbreitung der Krankheit kam. Vgl. Spiegel, Pocken. Jagd nach den Tätern, 07.01.1959.

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Heidelberger Universitätsklinik mehrere Personen an Pocken, die sich »infolge des Weihnachtsverkehrs über ganz Westdeutschland«213 verteilten. Das badenwürttembergische Innenministerium rief umgehend zu freiwilligen Schutzimpfungen auf,214 die auch wegen der aufgeregten Presseberichterstattung auf Resonanz stießen. Die Illustrierte »Quick« berichtete beispielsweise in einem Exklusivbericht über die »Pocken-Schlacht von Heidelberg«, die »eine alarmierende Gefahr enthüllt: im Düsen-Zeitalter können längst totgeglaubte Krankheiten über Nacht wieder zu uns kommen.«215 Der Pockenausbruch in Heidelberg erregte nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auf der ganzen Welt »erhebliche Beunruhigung«, wie das Bundesinnenministerium besorgt feststellte.216 Aus Belgien, England, Italien, Polen, Schweden und von der WHO gingen nach den ersten Pressemeldungen eilige Nachfragen zur Epidemie ein.217 Insbesondere Nachbarstaaten wie die Niederlande zeigten sich »highly concerned to be kept informed […] without the shortest possible delay […]. You will be aware that the modern means of international traffic […] make a speedy exchange of information on these matters indispensable.«218 Solche Nachfragen hielten den Deutschen eine zweite erschreckende Erkenntnis vor Augen. Die Bundesrepublik verfügte Ende der 1950er Jahre kaum über internationale Kommunikationsforen. Entsprechend verschnupft merkte das niederländische Sozial- und Gesundheitsministerium in seinem o.g. Schreiben an das BMI an, dass als Quelle für den Heidelberger Seuchenverlauf sogar Tageszeitungen herhalten mussten. Osteuropäische Staaten griffen wegen fehlender Kooperationen zu drastischen Maßnahmen. In der DDR, in Polen und in der Tschechoslowakei wurden Anfang 1959 sämtliche Reisende in bzw. aus der Bundesrepublik zwangsweise gegen Pocken geimpft.219 Dass die Kritik an der mangelhaften internationalen Koordinationsfähigkeit berechtigt war, räumte sogar das Bundesinnenministerium ein. In einem Gespräch mit einer SPD-Abgeordneten bat das BMI diese flehentlich, von einer Bundestags-Anfrage zum Heidelberger Pockenfall abzusehen, da »bei einer Diskussion dieser Frage […] zweifellos auch die Unterlassungen zur Sprache kommen würden, was wir im Interesse des Ansehens der Medizinalverwaltung im In- und Ausland gern vermieden sehen möchten«.220 213 BAK, B 142/1893, Schreiben K. Matthewes an Gesundheitsabteilung des BMI, 26.12.1958. 214 BAK, B 142/1893, Fernschreiben Innenminist. Baden-Württemberg, 26.12.1958. 215 BAK, B 142/1893, Ausschnitte Quick, Seuchen-Alarm für Europa, o.Dt. [Anfang 1959]. 216 BAK, B 142/1893, Interner Vermerk für Bundesinneninister, 08.01.1959. 217 BAK, B 142/1893, Telegramm poln. Gesundheitsministerium, 30.12.1958; Telegramm engl. Gesundheitsministerium, 31.12.1958; Präsident BGA, Schriftwechsel mit WHO, 02.01.1959; Schreiben d. belgischen Minist. f. öffentliche Gesundheit und Familie, 05.01.1959. 218 BAK, B 142/1893, Schreiben niederländ. Minist. für Soziales und Gesundheitswesen, 06.01.1959. 219 BAK, B 142/1893, Schreiben des Präsidiums der Bayerischen Grenzpolizei, 13.01.1959; Bericht »Betr. Pockenerkrankungen in Heidelberg«, 18.03.1959. 220 BAK, B 142/1893, Vermerk BMI über Pockenepidemie in Heidelberg, 15.01.1959.

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Nach Heidelberg traf es im Frühjahr 1961 Ansbach,221 im Herbst 1961 Düsseldorf sowie Anfang 1962 den Kreis Monschau bei Aachen. Bei diesen Pockeneinschleppungen lief der internationale Austausch bereits besser als in Heidelberg.222 Aus der WHO lobte Chief Medical Officer Robert I. Hood das BGA nun sogar explizit wegen seiner internationalen Kooperationen »with the rapidity and precision of a finely tooled and high speed machine«.223 Hinter vorgehaltener Hand konstatierte Hood indes Verbesserungsbedarf. In mehreren Schreiben machte die WHO deutschen Behörde konkrete »Vorschläge« zur Überprüfung von Impfmaßnahmen. Darüber hinaus griff die Weltgesundheitsorganisation nun auch direkt ein. Beim Ausbruch in Monschau erklärte sie Anfang Februar 1962 den gesamten Kreis zum »Pockensperrgebiet«.224 Fortan hatten alle Bewohner bei Auslandsreisen eine Pockenschutzimpfung im internationalen Impfpass vorzuweisen. 11.000 Einwohner wurden daraufhin innerhalb weniger Tage gegen Pocken geimpft, so dass die FAZ bereits am 6. Februar meldete, dass die »Pocken in Monschau unter Kontrolle« seien.225 Nach den Ausbrüchen von Heidelberg, Düsseldorf, Ansbach und Monschau intensivierten bundesdeutsche Experten den internationalen Austausch. Insbesondere gegenüber europäischen Nachbarn war man neugierig auf Erfahrungen mit Vorsorgemaßnahmen. Von einer Reise nach Großbritannien und Schweden brachte Werner Anders 1963 zwei Konzepte mit. Während Schweden in erster Linie auf Isolierungen in Krankenhäusern setze, lege England seinen Schwerpunkt auf Impfungen in »Pockenbehandlungsstationen.« Da das BGA Krankenhäuser im Seuchenfall »als Pockenverteilungsstelle«226 verdächtigte und Gesundheitsämter mit koordinierten Bekämpfungsmaßnahmen »überfor­ dert« seien,227 schien der englische Weg der bessere zu sein: Seit Mitte der 1960er Jahre schossen in allen Bundesländern »Pockenalarmstationen« aus dem Boden. Sie standen als Koordinationsstellen für Massenimpfungen sowie als Isolierstationen zur Verfügung.228 Abgesteckt wurde der organisatorische Rahmen durch »Pockenalarmpläne«.229 Isolierungen und Impfungen waren in diesen Alarmplänen die schlagkräftigsten Waffen, so dass die Einrichtung mobiler »Impfteams« und der Ablauf von »Massenimpfungen« der gesamten Bevölkerung detailliert ausgearbeitet wurden.230 221 SZ, Verschlossene Gittertüren am Krankenhaus, 04.04.1961; SZ, Kritische Woche in Ansbach, 05.04.1961. 222 WAZ, Vorsichtige reisen mit dem Impfpass, 12.02.1962. 223 BAK, B 142/1893, Schreiben WHO-Chief Medical Officer Robert I. Hood, 04.04.1961. 224 BAK, B 142/1893, Meldung AP, 03.02.1962. 225 FAZ, Die Pocken in Monschau unter Kontrolle, 06.02.1962; vgl. BAK, B 142/1893, Meldung dpa, 04.02.1962. 226 BAK, B 142/1893, Fernschreiben BGA, »Betr. Pockenlage«, 12.03.1962. 227 BAK, B 142/1893, Protokoll AGLMB zum Pockenausbruch in Ansbach, 09.–10.05.1961. 228 BAK, B 189/14106, Sitzung im BGA, 28./29.11.1963. Vgl. Sattelmacher u. Schulz. 229 Vgl. Pockenalarmpläne der Länder in BAK, B 189/14106. 230 Vgl. die Pockenalarmpläne in BAK, B 189/14106; StAM, Polizeidirektion München/17456.

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Seine erste Bewährungsprobe erhielt das Konzept während einer Pockeneinschleppung in Hannover 1967. Hier war es erneut ein Arzt, der die Pocken aus Indien mitbrachte – ironischerweise ausgerechnet nach einer Studienreise zur Erforschung der Lepra und Pocken. Dank der koordinierten Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsämtern, BGA und Presse wurden innerhalb weniger Tage sämtliche Kontaktpersonen des Arztes erfasst und in Quarantänemaßnahmen isoliert. Der Erfolg war beeindruckend: in ganz Niedersachsen kam es zu keiner einzigen Pockenerkrankung, so dass die Bevölkerung nicht einmal mehr einen »besonderen Aufruf«231 zur Impfung erhielt. Das nächste Mal traf es die Stadt Meschede im Sauerland. »Ein Gespenst geht um«, titelte »Die Welt« nach dem Pockenausbruch Anfang Februar 1970 und schob wenige Tage später einen Beitrag unter dem Titel »Pocken – die Strafe Gottes in der Geschichte« nach, der die Situation nicht unbedingt entspannt haben dürfte.232 Alle großen Tages- und Wochenzeitungen, Magazine wie der »Spiegel« und »Stern« bis hin zu Frauenzeitschriftenwie wie »Für Sie« und »Brigitte« machten mit großen Beiträgen über die Pocken-Panik von Meschede auf.233 In einer Besprechung waren sich die Landesgesundheitsminister schnell einig, dass »diese Reaktion der Publizistik […] einmalig in der Bundesrepublik gewesen«234 sei. Das Berliner Ärzteblatt ging sogar so weit, die Medienberichterstattung als eigentliche »Seuche« zu bezeichnen. Das Blatt beschrieb die Publizistik in einer etwas ungelenken Metaphorik als »Infektiösität einer Hysterie, die, auf dem Nährboden von Unwissenheit und psychologischer Ungeschicklichkeit angegangen, von den Massenmedien mit der Geschwindigkeit eines Waldbrandes verbreitet wurde.«235 Dass die Hysterie fatale Folgen zeigte, belegen Beobachtungen von Gesundheitsexperten: »Da wurde[n] Autos mit dem Mescheder Kennzeichen die Benzinabgabe verweigert. […] Reisende aus Meschede wurden auf Bahnhöfen […] gleich wieder zurückgeschickt. Waren aus Meschede wurden retourniert oder ihr Abruf wurde rückgängig gemacht. Briefe aus Meschede wanderten ungeöffnet ins Feuer.«236 Erschrocken waren die Behörden auch von der Beobachtung, wie schnell die Deutschen im Pockenfall mit Sündenböcken zur Hand waren. Sie beobachteten unter Einwohnern Meschedes einen »lautstark geäußerten Zorn darüber, daß ein junger Mann, der keiner geordneten Beschäftigung nachging, von einer Gammlertour die Pocken eingeschleppt hatte.« Obgleich nach Ansicht eines Gesundheitsexperten ein »berechtigter Unmut […] über Mitmenschen« bestehe, die »der Allgemeinheit zur Last fallen«, habe die »Pocken231 Sattelmacher u. Schulz, S. 669. 232 Welt, Die unbekannte Kontaktperson  – ein Gespenst geht um, 04.02.1970; Welt am Sonntag, Pocken – die Strafe Gottes in der Geschichte, 08.02.1970. 233 Eine umfangreiche Pressesammlung findet sich in BAK, B 208/1009. 234 BAK, B 189/14108, Protokoll Arbeitsausschuss Seuchenhygiene, 25.–27.06.1970, S. 2. 235 BAK, B 208/1009, Ausschnitt aus Berliner Ärzteblatt, Die Pocken und die Massenmedien, 02.03.1970. Vgl. u. a. Spiegel, Pocken: Viren schwirren, 06.04.1970; Stern, Eine Stadt hat Angst vor den Pocken, 01.02.1970. 236 BAK, B 189/14108, Protokoll der AGLMB, 25.–27.06.1970.

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psychose« doch erschreckende Dimensionen angenommen. Das Ärztemagazin »Selecta« sprach gar von einer »Sippenhaftung« gegen Bernd Klein, der die Pocken eingeschleppt hatte: »Mit der mittelalterlichen Plage brach mittelalterliches Denken wieder durch: Daß Klein die Pocken eingeschleppt hatte, hätte man ihm in der sauerländischen Kleinstadt noch verziehen. […] Da der junge Mann aber als Gammler galt, Haschis rauchte und lange Haare trug, brach der Volkszorn über ihn herein.«237 Auch gegen solche Hysterien galten Pockenalarmpläne als geeignetes Mittel. Sie demonstrierten staatliche Handlungsfähigkeit und reagierten auf die »Welle angstvoller Erregung«. Isoliermaßnahmen und Impfungen schienen nämlich geeignet, »um die Bevölkerung durch Aktion zu beruhigen«.238 Ein zweites Mittel gegen Hysterien war die WHO. Auf dem Höhepunkt der Panik trafen drei Experten der Weltgesundheitsorganisation in Meschede ein und sorgten auf einer Konferenz für »erhebliche Beruhigung«,239 da sie die Effektivität deutscher Maßnahmen unterstrichen. Meschede sollte nicht der letzte Alarmfall bleiben. Zwei Jahre später brachen die Pocken ein letztes Mal in Hannover aus. Eingeschleppt wurden sie im März 1972 von einem Gastarbeiter aus Jugoslawien in eine Baufirma, deren Mitarbeiter dank des Pockenalarmplans sofort unter Quarantäne gestellt und geimpft wurden. Auch dieses Mal standen umgehend Massenimpfungen und Quarantänemaßnahmen bereit. Hinzu kam eine Immunisierung aller einreisenden »Personen aus den jugoslawischen Pockeninfektionsgebieten« ohne Impfbescheinigung, so dass die Epidemie rasch zum Erliegen kam.240 Hannover war damit nicht nur der letzte Fall einer Pockeneinschleppung in die Bundesrepublik, sondern auch der beste Beweis, dass flexible Konzepte eine Lösung globaler Gefahren versprachen. Aus den Pockeneinschleppungen zogen Gesundheitsexperten drei Lehren: Erstens bestätigten sie Befürchtungen, dass der Impfschutz in der Bundesrepublik löchrig war. Daher erforderten globale Gefahren zweitens einen intensiveren internationalen Austausch. Waren bundesdeutsche Experten noch in den späten 1950er Jahren vorwiegend auf sich gestellt, wurde Schützenhilfe der WHO seit den 1960er gern angenommen. Eine Wurzel der Internationalisierung des Impf-Wissens und Standardisierung von Impfkonzepten lag also vor Ort: in Heidelberg, Düsseldorf, Meschede und Hannover. Internationale Ko­ ope­ra­tionen erschienen umso bedeutsamer, weil die Pocken mittlerweile vielen Ärzten unbekannt waren. Um dieses Problem ging es auch in Prozessen gegen den Arzt Josef Krump, der die Pocken nach Heidelberg eingeschleppt hatte. Nach Ansicht der »Zeit« standen im Prozesssaal »die Ärzte […] geschlossen hinter ihrem Kollegen«241 und beschworen die Tücken der Pockendiagnose. Das 237 Selecta, Das Auftreten der Pocken im Sauerland und eine Diskussion um den Wert der Impfung, 23.02.1970. 238 Alle Zitate in BAK, B 189/14108, Protokoll der AGLMB, 25.–27.06.1970. 239 Alle Zitate in ebd. 240 Vgl. BAK, B 208/1010, Fernschreiben Bayer. Staatsmin. d. Innern an BGA, 28.03.1972. 241 Zeit, Die Ärzte standen geschlossen hinter ihrem Kollegen, 02.03.1962.

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Gericht sah demgegenüber ein Fehlverhalten des Arztes und entschied gar auf fahrlässige Tötung.242 Drittens bewiesen Pockenalarmpläne die Wirksamkeit einer »nachgeholten« Vorsorge und flexibler Impfkonzepte. Obgleich alle Impfungen während der Pockeneinschleppungen freiwillig blieben, waren Impfstellen stets »stark besucht«.243 Zwangsimpfungen, die das Bundesseuchengesetz für den »Seuchenfall« durchaus vorsah (BSeuchG § 15), kamen daher bei keiner einzigen Pockeneinschleppung zur Anwendung. Es waren also nicht nur die »Zweifel am Zwang«,244 die der »Spiegel« wegen der Pockeneinschleppungen hegte, da die Impfpflicht nicht vor der Seuche schützte. Ebenso lehrreich war die Feststellung, dass die Deutschen im Ausnahmezustand ohnehin freiwillig zum Impfen strömten. Auch hier hatte der Abschied von der Impfpflicht also eine Wurzel: in den Pockeneinschleppungen. Effektiver als eine Sicherung des Herdenschutzes schien eine Flexibilisierung von Vorsorge, die auf globale Bedrohungen reagierte. Eine weitere Folge globaler Gefahren liegt heute in den persönlichen Unterlagen jedes Bundesbürgers: das internationale Impfbuch. Seit den 1970er Jahren gilt es in der Bundesrepublik als Standard-Dokument zur Bescheinigung aller Impfungen. Zu diesem Zeitpunkt griffen andere europäische Staaten allerdings bereits seit Jahrzehnten auf das Impfbuch zurück. An der zögerlichen Einführung des Impfbuches lässt sich der Wandel bundesdeutscher Impfkonzepte daher wie unter einem Brennglas studieren. Seit Ausrufung des Reichsimpfgesetzes 1874 hatten die Deutschen ihr Leben lang Impfbescheinigungen mit sich zu tragen. In den 1930er Jahren kamen weitere Bescheinigungen der Diphtherieund Scharlachimpfungen, seit den 1950er Jahren noch Nachweise für die Polio-, Tuberkulose-, Tetanus- und Keuchhustenimpfung hinzu. Über diese Zettelwirtschaft beschwerten sich seit den 1960er Jahren nicht nur zivilgesellschaftliche Vereinigungen wie das Deutsche Grüne Kreuz und die Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung. Auch Bundesbürger und Zeitungen machten Stimmung gegen Einzelbescheinigungen, die eine Klärung des Immunitätsstatus erschwerten, wie die FAZ 1961 erklärte: »Wenn man heute einen erwach­ senen Menschen nach seinem Impfschutz fragt, wird man in 95 von 100 Fällen die Antwort erhalten, dass er wohl wisse, gegen Pocken geimpft zu sein, aber über weitere Impfungen könne er keine Auskunft mehr geben.«245 Gegen dieses Problem versprach das Bundesseuchengesetz 1962 Abhilfe. Eine Bestimmung des Gesetzes war nämlich die Einführung eines einzigen 242 Zahlreiche Pressemeldungen und Gerichtsurteile finden sich in BAK, B 142/1893. 243 Vgl. BAK, B 142/1893, BGA, Bericht über Dienstreise d. Leiters d. Berliner Impfanstalt H. Kunert nach Heidelberg, o.Dt. [Januar 1959]; FAZ, Hunderte bitten um Pockenimpfung, 17.01.1962; BAK, B 208/1009, »Pockeninformationen« des BGA vom Februar bis März 1970; zum Ansturm auf die Impfstellen während der Einschleppung in Hannover 1972 vgl. die Berichte in BAK, B 208/1010. 244 Der Spiegel, Pockenimpfung. Zweifel am Zwang, 7/1970. 245 FAZ, Impfbücher statt loser Scheine, 30.05.1961.

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Impfbuches, in dem fortan sämtliche Impfungen einzutragen seien.246 Das ZDF sprach in einer Fernsehsendung vom »Pass, ein Buch für’s Leben«.247 In anderen europäischen Ländern waren solche Impfbücher zu diesem Zeitpunkt längst Standard, wie das Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose dem Bundesinnenministerium mit vorwurfsvollem Unterton mitteilte. Und selbst die Freude über die Vereinfachung währte nur kurz. Mitte der 1960er Jahre wurde deutlich, dass Versuche der Vereinheitlichung am Föderalismus scheiterten, da sämtliche Bundesländer mit eigenen Impfbüchern auf den Markt kamen, was selbst im Bundestag für Debatten sorgte.248 In einem Brief an die Bundesgesundheitsministerin schilderte ein empörter Niedersachse Ende 1967 die föderalen Folgen im Alltag: »Die Glieder meiner Familie haben in RheinlandPfalz […] ihre Impfbücher ausgestellt bekommen. Nach Umzug ins Land Niedersachsen, […] haben die Angestellten des staatlichen Gesundheitsamtes es abgelehnt, die hier erfolgten Impfungen in das in Rheinland-Pfalz ausgestellte Impfbuch einzutragen und jedem meiner Kinder ein neues Impfbuch ausgestellt. Ich bin nun wenig begeistert davon, daß meine Kinder in Zukunft […] nun schon zwei Bücher mit sich führen müssen. Und es wird mir bange, wenn ich daran denke, dass wir u. U. eines Tages noch einmal in ein drittes oder gar viertes Bundesland verziehen müssen.«249 Noch komplizierter wurde die Situation, wenn die Deutschen verreisen wollten. Im internationalen Reiseverkehr war nämlich das gelbe Impfbuch der WHO bei Einreise vorzulegen. Aus diesem Grund warb die Weltgesundheitsorganisation bei den Bundesländern Anfang der 1960er Jahre für die Einführung ihres Impfbuches, erntete allerdings nur aus Berlin ein positives Echo.250 Erst das Drängen zivilgesellschaftlicher Vereinigungen verhalf dem WHODokument zum Durchbruch. Ende der 1960er Jahren warb das Grüne Kreuz beim Bundesgesundheitsministerium für die bundesweite Einführung des internationalen Impfbuches. Nicht nur die niedrigeren Kosten, auch der Austausch mit anderen Staaten sprachen aus Sicht des DGK für eine einheitliche Bescheinigung.251 Nach intensivem Austausch mit den Bundesländern schwand auch hier der Widerstand, so dass 1972 endgültig ein Dokument Standard wurde,252 das heute jedem Bundesbürger seinen Impfstatus bescheinigt und das zugleich Ausdruck gibt von der zögerlichen Internationalisierung deutscher Impfkonzepte: das gelbe Impfbuch der WHO.

246 Vgl. die Gesetzesentwürfe und Stellungnahmen in BAK, B 189/14089. 247 BAM, 09–15/1616, Fernsehsendung »Aktueller Gesundheitsdienst«, 06.03.1964. 248 Deutscher Bundestag, 5. WP, 206. Sitzung, 13.12.1968, S. 11187. 249 BAK, B 189/14089, Schreiben eines Bundesbürgers aus dem Harz an BMGes, 06.11.1967. 250 BAK, B 189/14089, Schreiben der WHO, Robert Hood, an Berliner Senat, 15.10.1962. 251 BAK, B 189/14089, Schreiben DGK an BMGes, 08.01.1968. 252 BAK, B 189/14090, Vermerk BMJFG zu Fragestunde im Bundestag am 04./06.04.1973.

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4.2.4 Die Welt als Interventionsfeld: Globale Kooperationen und Konflikte Mit den Pockenausbrüchen in der Bundesrepublik gerieten Seuchenherde auf der ganzen Welt in den Blick der Deutschen. Im August 1962 teilte das BGA anlässlich der Epidemien in Monschau und Düsseldorf mit, dass man bei der WHO angeregt habe, »die Maßnahmen zur Ausrottung der Pocken in den Pockenepidemie-Gebieten auf internationaler Ebene zu intensivieren«.253 Globale Interventionen erschienen in dieser Lesart als Vorsorge gegen nationale Bedrohungen, versprach eine Immunisierung Asiens und Afrikas doch Sicherheit in Westdeutschland. Mehr Sicherheit erhofften sich Experten von internationalen Interventionen nicht nur in Form eines niedrigeren Einschleppungs-Risikos. Auch in Bezug auf die Impfpflicht verbesserten internationale Programme die Situation in Deutschland. Aus diesem Grund drängte Niedersachsens Sozialminister Georg Diederichs (SPD) Bundesinnenminister Gerhard Schröder (CDU) im Juni 1961, von Deutschland aus eine »Sanierung der endemischen Pockenherde in Asien, Afrika und Südamerika durchzuführen, um dann die Frage der Beibehaltung oder Auflockerung der Impfpflicht zu prüfen.« Diederichs’ Grund für globale Interventionen lag weniger in der »Dritten Welt«, sondern in der Bundesrepublik. Angesichts der »großen der Impfung gebrachten Opfer an Gesundheit« seien Impfungen als Entwicklungshilfe »segensreich für beide Partner. Die der Entwicklungshilfe bedürftigen Länder würden pockenfrei, die helfenden Länder könnten mit dem danach möglichen Abbau der Massenimpfungen […] eine große Zahl von Kindern vor Tod oder Siechtum bewahren.«254 Mit »Tod oder Siechtum« warnte Diederichs nicht vor den Folgen der Pocken, sondern vor denen von Impfschäden. Internationales Engagement eröffnete demnach winwin-Situationen, wie auch das Bundesgesundheitsamt bemerkte. Das BGA unterstützte Diederichs Initiative nachdrücklich, da sie darauf ziele »eine Seuche an ihren Hauptursprungsorten zu bekämpfen, statt Abwehrmaßnahmen vorwiegend in den durch Einschleppung bedrohten Ländern zu treffen.«255 1966 erhob der tschechische Epidemiologe Josef Pecenka auf einer WHO-Konferenz in Moskau internationale Programme gar zu einer Aufgabe aller europäischen Länder. Sie seien die »einzige Entscheidung, die Europa sicher von der ›ständigen Alarmbereitschaft‹ wegen Pocken […] befreien würde«.256 Die Wurzeln internationalen Engagements lagen also in der Heimat, schien Vorsorge vor Epidemien an ihren »Ursprüngen« effektiver als die in Europa. Das Hessische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr ging Mitte der 1960er Jahre noch einen Schritt weiter. Via »Gesundheitspost« propagierte es angesichts jüngster Erfolge von Impfaktionen im Niger und in Burkina Faso das Prinzip 253 BAK, B 189/14016, Rundschreiben BMGes, 06.08.1962. 254 BAK, B 208/1015, Schreiben Niedersächs. Sozialminister, 19.06.1961. 255 BAK, B 208/1015, Schreiben BGA-Präsident an Gerhard Schröder, 05.07.1961. 256 BAB, DQ 1/23661, Bericht Ministerium für Gesundheitswesen der DDR, 20.08.1966.

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»Entwicklungshilfe ist Sozialpolitik«, das sich für die Deutschen in barer Münze auszahle. Schließlich hätten gesundheitliche und soziale Krisen in Afrika »Aufstände und Revolutionen« im Gefolge, die »katastrophale Ausmaße annehmen können.« Und noch weitere ökonomische Gründe sprachen für eine internationale Impfpolitik, wie das Ministerium hinzufügte. Dass höhere Gesundheitsstandards in Afrika für Exportnationen wie die Bundesrepublik »einen wirtschaftlichen Hintergrund hat, soll dabei keineswegs verschwiegen werden.«257 Die größten Ressourcen flossen seit 1967 in das »Smallpox Eradication Programme« (SEP) der WHO,258 zweifellos eine der »most significant ›Third World interventions‹« und ein ebenso beeindruckendes Beispiel für »superpower collaboration«.259 Immerhin arbeiteten beide Blöcke im SEP trotz aller Frostperioden des Kalten Krieges zusammen. Während die USA einen Löwenanteil der Finanzen bereitstellte, sicherte die UdSSR den Großteil der Impfstoffproduktion. Die Immunisierung Afrikas und Asiens bot indes nicht nur den »Entwicklungsländern« und den Initiatoren in den USA, UdSSR und Europa Vorteile, sondern auch der WHO. Für sie avancierten Impfprogramme in Afrika und Asien auch zu einem Legitimationsmedium. So präsentierte WHO-Generaldirektor Halfdan T. Mahler zum Weltgesundheitstag 1975 eine Bilanz der nahenden »Pockenausrottung« nicht nur als »Meilenstein in der Geschichte der Medizin«, sondern ebenso als »hervorragendes Beispiel für die konstruktiven Ergebnisse, welche die Länder dieser Welt immer dann erreichen können, wenn sie zum höheren Wohl aller zusammenarbeiten.«260 Solche Begeisterungsstürme waren im Angesicht des Kalten Krieges durchaus nachvollziehbar. Dem WHO-Generaldirektor ging es aber um mehr, deutete er die »Pockenausrottung« doch als Training und Vermächtnis für zukünftige Herausforderungen: »Danach können die frei gewordenen Kräfte zur Lösung anderer wichtiger Gesundheitsprobleme, die uns bedrängen, eingesetzt werden. Die Gesundheitsdienste werden dann für den Einsatz in anderen Bereichen stärker sein als je zuvor, weil sie ihre Waffen im Kampf gegen die Pocken gehärtet haben. […] es ist auch der Anfang einer neuen Ära für die WHO, die gezeigt hat, was hinsichtlich der Ausrottung einer Krankheit getan werden kann, wenn sich alle Nationen zu einer großen Kraftanstrengung vereinen.«261 Tatsächlich bot das Smallpox Eradication Programme als bislang einziges globales Gesundheitsprogramm ein definitives »happy end«. Während andere Kampagnen wie die gegen Malaria auf Dauer gestellt sind262 und die weltweite »Ausrottung« der Kinderlähmung oder Masern bis heute ebenso oft ausgerufen wie verschoben werden musste, war das Verschwinden der Pocken 1977 endgül257 BAM, 12–002/1019, Hessische Gesundheitspost, Hessen hilft in Afrika, 9/1965. 258 1966 wurde das SEP ausgerufen, allerdings erst 1967 gestartet. Vgl. Manela, S. 300. 259 Ebd., S. 301 f. 260 Mahler, S. 93. 261 Mahler, S. 93. 262 Vgl. Zimmer.

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tig. Eine WHO-Publikation hielt diesen Erfolg 1988 auf immerhin 1.500 Seiten fest und schrieb das »happy end« sogar im Wortsinne ins globale Gedächtnis ein,263 wie ein zeitgenössischer Beobachter des US-amerikanischen CDC betonte: »It is quite an adventure story, and there were some pretty dramatic moments. […] And in best classic tradition it has a happy ending.«264 Noch heute schmückt sich die WHO mit dem Verschwinden der Pocken, »the first disease to have been fought on a global scale«, als ihren größten Sieg über eine Seuche.265 Dank des SEP mutierte die Welt zu einem Interventionsfeld, das kartiert und geordnet werden konnte. Und nicht zuletzt war die Kampagne der größte Erfolg der internationalen Staatengemeinschaft, weil die Mittel zu diesem Sieg verhältnismäßig überschaubar blieben und mit ihm alle Seiten gewannen. Im Gegensatz zu Programmen wie dem gegen die Malaria profitierte schließlich auch die »Erste Welt« unmittelbar von der Immunisierung der »Dritten«. Trotz der Zusammenarbeit zwischen Ost und West wäre es naiv, die Internationalisierung von Impfprogrammen als harmonischen Annäherungsprozess zu charakterisieren. Vielmehr entwickelten sich aus den Kooperationen immer wieder handfeste Konflikte. Das gilt zum einen für Programme der WHO, die von der Bundesrepublik ebenso wie von der DDR als Arena des Systemgegensatzes verstanden wurde. Und es gilt für das bilaterale Spannungsverhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR. Zahlreiche Beispiele für deutsch-deutsche Spannungen bieten Konferenzen wie das VIII. Symposium der »Europäischen Gesellschaft gegen die Poliomyelitis« in Prag 1962. Werner Anders vom BGA war als westdeutscher Vertreter eingeladen worden und erstattete ausführlich Bericht, allerdings weniger über medizinische Themen. Größeres Augenmerk legte er auf das deutsch-deutsche Verhältnis, dessen Probleme in der Debatte um Impfprogramme sichtbar geworden seien. Zunächst einmal konstatierte Anders eine Überlegenheit westdeutscher Forschungen, die er an der Anzahl der Teilnehmer und Vorträge westdeutscher Experten festmachte. Sinnbildlich habe sich der westdeutsche Vorsprung zudem in einer Szene niedergeschlagen, die Anders detailliert zu Papier brachte: »Als nach der Eröffnung [der Konferenz] die Vertreter der einzelnen Länder, entsprechend dem französischen Alphabet mit ›Allemagne‹ beginnend, zum Referat aufgerufen wurden, stand der Referent der SBZ [sic] sofort auf, wurde aber vom Generalsekretär nicht zum Vortrag zugelassen, stattdessen wurde ich als Vertreter der Bundesrepublik namentlich zum Referat gebeten. Unter den Teilnehmern aus der SBZ hat diese Tatsache, dass sie […] von der Repräsentation ›Deutschlands‹ ausgeschlossen wurden, große Bestürzung hervorgerufen.«266 An der Partizipation am internationalen Impfdiskurs entschied sich offenbar der deutsche Alleinvertretungs263 Vgl. Fenner u. a. 264 So die Werbung für die WHO-Publikation bei Wickett, S. 4. 265 So die WHO-Selbstdarstellung http://www.who.int/features/2010/smallpox/en/ (Abruf am 01.04.2015). 266 BAK, B 142/1897, Bericht Anders über 8. Symposium, 12.12.1962.

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anspruch, wie auch Berichte weiterer Tagungen der 1960er Jahre belegen.267 Auf globaler Ebene eröffnete Gesundheit also eine Arena der Systemkonfrontation, in der die Deutschen Prestige gewinnen oder verlieren konnten. Allen westdeutschen Punktsiegen zum Trotz heimste meist die DDR im »Kalten Impfkrieg« die Siege ein. Dank systematischer Impfprogramme waren ostdeutsche Brüder und Schwestern seit den 1950er Jahren gegen Pocken, Scharlach, Keuchhusten, seit Ende der 1950er Jahre auch gegen Polio konsequenter geimpft als die Westdeutschen. Die WHO machte solche Siege sichtbar, stellte sie in Rundschreiben und Berichten doch immer wieder Vergleiche über Impfquoten bereit. Mit diesen Siegen hielt die DDR selbstverständlich nicht hinter dem Berg, im Gegenteil: der Kampf um die höhere Impfquote entwickelte sich seit den späten 1950er Jahren zu einem ständigen Wettlauf zwischen Ost und West. Knapp zwei Wochen vor dem Mauerbau nahm die DDR die hohe Zahl an Polio-Erkrankungen in der Bundesrepublik zum Anlass, den Reiseverkehr von West nach Ost zu drosseln. Darüber hinaus verbreitete die ostdeutsche Presse Meldungen,268 dass unter NATO-Bündnispartnern aufgrund westdeutscher Polio­ausbrüche Reise-Beschränkungen vorgenommen würden.269 Das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen reagierte verschnupft und bat das Bundesministerium für Gesundheitswesen umgehend um Aufklärung. Noch verschnupfter reagierte die Bundesregierung Anfang Juli 1961 auf einen weiteren Coup der DDR. Per Telegramm macht Willi Stoph Bundeskanzler Adenauer wegen des Ausbruchs der Polio im Ruhrgebiet ein »großzügige[s] Angebot« über drei Millionen Portionen Polio-Impfstoff. Das Bundesgesundheitsministerium tat Stophs Initiative als Propagandatrick ab, der »einen politischen und psychologischen Effekt erreichen will.« Für das Ministerium stand somit »außer Zweifel«, dass die Bundesregierung von dem Angebot keinen Gebrauch machen werde.270 Konrad Adenauers Absage stieß unter Westdeutschen indes auf Kritik. »Völlig unverständlich« fand es ein enttäuschter Bundesbürger, wenn Bundesministerien das »Hilfsangebot der DDR […] verweigern, ja glatt ignorieren. Wurde hier nicht die Gesundheit unzähliger Menschen politischen Ressentiments geopfert? Dabei steht die DDR beispielgebend im Gesundheitswesen dar.«271 Noch schärfer formulierte das ein Leserbrief im Bonner Generalanzeiger: »Die Zone hat uns das Mittel angeboten, wirksam ist es. […]. Menschen erkranken und sterben, weil unsere Behörden augenscheinlich nicht auf diesen Fall vorbereitet sind, weil sie aus ganz augenscheinlich politischen Gründen ein wirksames Mittel ablehnen und lieber Menschen sterben lassen. Wer treibt denn nun aus politischen Gründen Spiel mit Menschenleben?«272 Knapper be267 Vgl. die Berichte über deutsch-deutsche Begegnungen in B 142/48; B 142/1897; B 269/26. 268 Volksstimme Karl-Marx-Stadt, Westdeutsche kamen mit Polio in die DDR, 23.07.1961. 269 BAK, B 142/55, Schreiben Bundesmin. f. gesamtdt. Fragen, 01.08.1961. 270 BAK, B 142/55, Vermerk für Herrn Minister, 01.07.1961. 271 BAK, B 142/55, Schreiben eines Bundesbürgers an BMGes., 17.11.1961. 272 Bonner General-Anzeiger, Zone gegen Kinderlähmung immun?, 03.08.1961.

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zeichnete ein Kinderarzt aus Karlsruhe das Hinterherhinken bei der Polioimpfung als »unentschuldbare Blamage des westdeutschen Gesundheitswesens«.273 De facto hatten westdeutsche Gesundheitspolitiker solchen Vorwürfen wenig entgegenzusetzen. Zwar wehrte man sich mit scharfen Worten gegen das »große Getöse« der »Ulbricht-Propagandisten«,274 wie die »Zeit« ostdeutsche Vergleiche von Impfquoten kommentierte. So warf man dem Osten eine totalitäre Impfpolitik vor, die selbst vor versteckten Impfstoffen in Kinderbonbons nicht zurückschrecke. Auch die unkontrollierte Einführung sowjetischer Impfungen seien ein Beweis, dass Gesundheit in der DDR nur um den Preis persönlicher Freiheit zu haben sei,275 während im Westen Eigenverantwortung groß geschrieben würde. Der »groteske Impfkalender« der DDR entspräche gar einer »totalitären Gesundheitspolitik«, wie Experten des Hessischen Innenministeriums festhielten.276 Zwar gestand der RIAS Ende 1967 in seiner »Rundschau am Abend« zwar ein, »dass die DDR auf gesundheitspolitischem Gebiet beachtliche Erfolge aufzuweisen hat«. Der Preis dieses Erfolgs sei allerdings der Verlust der Freiheit, wie der Rundfunksender ergänzte: »so gehört auch die Bekämpfung der Krankheiten, insbesondere der Volks- und Infektionskrankheiten zu denjenigen Bereichen, wo ein autoritäres bzw. totalitär straff zentralisiertes System einer föderativen und pluralistischen Ordnung in mancher Beziehung überlegen ist […]. Nur darum geht es zu erkennen, daß wir für unsere freiheitliche Lebens- und Gesellschaftsform auch einen Preis, und manchmal sogar einen sehr hohen zu zahlen haben.«277 Als die Stuttgarter Zeitung 1971 konstatierte, dass »die ärmere DDR […] die reichere Bundesrepublik im Gesundheitswesen auf manchen Gebieten überholt« habe, relativierte sie diese Erfolge im nächsten Atemzug als Folge einer »fast lückenlosen ärztlichen Kontrolle«, die sich im Impfkalender der DDR niederschlage.278 In dieser Logik ließen sich die Sterbefälle in der Bundesrepublik fast schon als Beweis für die Vorzüge des freiheitlichen Westens deuten. Tatsächlich beobachteten Gesundheitsexperten die DDR genau. Sie nahmen die Ausweitung ostdeutscher Impfprogramme und Impfpflichten gelegentlich als Referenz, an dem westdeutsche Maßnahmen gemessen wurden.279 Einige westdeutsche Experten sprachen vom Systemgegensatz gar als Experiment mit idealen Testbedingungen. Im Oktober 1973 berichtete der Vorsitzende des Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose auf einer Tagung über Impfprogramme in Ost und West. Die Gegenüberstellung mache deutlich, »daß die Kindertuberkulose in der DDR unter Auswirkung einer konsequenten allgemeinen 273 BAK, B 142/1897, Schreiben eines Karlsruher Kinderarztes an BMGes, 20.01.1962. 274 Zeit, Es beginnt: Impfen mit Zucker, 19.01.1962. 275 Spiegel, Polio-Impfung. Aus dem Schnapsglas, 19.07.1961. 276 BAK, B 189/14102, Sitzung Arbeitsausschuss IV ›Immunisierung‹, 06.11.1959. 277 BAB, DQ1/3337, Mitschrift »Rundschau am Abend« des RIAS, 12.12.1967, 17 Uhr. 278 Stuttgarter Zeitung, Von der Wiege bis zum Grabe unter ärztlicher Kontrolle, 23.07.1971. 279 Vgl. BAK, B 189/14012, BMI, Referat Radek über kombinierte Schutzimpfungen, 09.12.1955. BAK, B 189/14117, BGBl, 18.03.1966; Gesetzblatt der DDR, Teil II, 30.12.1962.

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BCG-Impfung stärker zurückgegangen sei als in der BRD«. Das Ergebnis dieses »Großversuchs« sei umso valider, da »1945 […] für das Gebiet der DDR und der BRD die gleichen Voraussetzungen bestanden« hätten.280 Noch schärfer formulierte auf dieser Tagung ein Vertreter des Saarlands den Systemgegensatz, der im Ländervergleich klar hervortrete: Demnach liege »das Erkrankungsrisiko bei Kindern in Bayern 30 Mal höher […] als in der DDR«.281 Nicht nur in deutsch-deutscher Perspektive waren internationale Vergleiche seit den 1960er Jahren gefragt. So machte die späte Einführung der Schluckimp­ fung 1962 das Hinterherhinken der Deutschen im internationalen Vergleich deutlich. Der Spiegel präsentierte dazu besorgniserregende Zahlen. Demnach »erkrankten in der Bundesrepublik 50- bis 60mal soviel Menschen an Poliomyelitis wie in Holland, Schweden oder Dänemark, mehr als zehnmal soviel wie in England.«282 Westdeutschland liege damit gar auf einem Niveau mit Italien, wie das Magazin warnte. Seit den 1970er Jahren fungierte nicht mehr nur Europa, sondern die ganze Welt als Vergleichsmaßstab und Argument auf den Oppositionsbänken. So warf die CDU/CSU-Fraktion der sozialliberalen Regierung im Juni 1982 Nachlässigkeiten bei der Bekämpfung der Tuberkulose vor, die sie mit Ländervergleichen unterstrich. Demnach lag »die Bundesrepublik Deutschland 1977 mit der Rate der tuberkulösen Erkrankungen der Atmungsorgane […] genauso hoch […], wie beispielsweise Bangladesh [sic], Ghana, Kenia, die Türkei oder Brasilien«.283 Die Bundesregierung konterte diesen Vorwurf ebenfalls mit internationalen Bezügen. Sie zitierte einen Bericht der WHO, dass wegen unterschiedlicher Meldepflichten »ein sicherer internationaler Vergleich nicht möglich« sei.284 Transnationale Verflechtungen im Rahmen der WHO und deutsch-deutsche Auseinandersetzungen um die höhere Impfquote verweisen auf zwei grundlegende Erkenntnisse. Erstens ist der Vergleich nicht nur eine Methode für Historiker. Ebenso beliebt waren und sind Vergleiche für Gesellschaften als Medium der Selbst- und Fremdbeschreibung. Insbesondere der Vergleich von Gesundheitsverhältnissen diente zur Diskussion gegenwärtiger gesellschaftlicher Probleme und zukünftiger Entwicklungen. In diesem Sinne war die Bundesrepublik eine »vergleichende Gesellschaft«, die sich dank internationaler Kooperationen ihrer selbst vergewisserte.285 Im internationalen Vergleich ging es damit ebenso um ein Aushandeln bundesdeutscher Sicherheitsvorstellungen wie Selbstbilder. Zweitens macht eine Impfgeschichte als Verflechtungsgeschichte deutlich, dass Kooperationen keineswegs den Austausch verbesserten, sondern mitunter Konflikte schürten. Die WHO erweiterte somit die Arena, in der beide deutsche Staaten um die bessere Gesellschaft stritten. 280 BAK, B 189/14071, Protokoll des DZK, 17.10.1973. 281 Ebd. 282 Spiegel, Aktion Brunhilde, 21.02.1962. 283 Deutscher Bundestag, Drucksache 9/1714 (02.06.1982). 284 Deutscher Bundestag, Drucksache 9/1748 (16.06.1982), Antwort der Bundesregierung, S. 4. 285 Vgl. Thießen, Vergleichende. Grundlegend Epple/Erhart.

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Der »Kalte Impfkrieg« wurde vor allem in den 1960er Jahren, nach dem Mauer­bau geführt, wo das Abgrenzungsbedürfnis beider Seiten groß war. Später waren hingegen blockübergreifende Beziehungen gefragt. Das gilt insbesondere für die Zeit ab Mitte der 1970er Jahre, als das deutsch-deutsche Gesundheitsabkommen als erstes Folgeabkommen des Grundlagenvertrags neue Kooperationen etablierte.286 Seither warnten sich beide Staaten bei der Ausreise potenzieller »Seuchenträger« – so im Falle einer DDR-Bürgerin, die nach »Kontakt mit einem tollwütigen Fuchs« in den Westen gereist war: »Bitte veranlassen, daß umgehend Impfstelle aufgesucht wird.«287 Intensive Kooperationen kennzeichnen auch die 1980er Jahre. Aus dem Gesundheitsministerium der DDR wurde vor dem Hintergrund einer zunehmenden Ressourcenknappheit immer häufiger der Ruf laut, notfalls mit dem »Klassenfeind« zusammenzuarbeiten. Dank dieser Zusammenarbeit wurden nicht nur Erfahrungen, sondern auch Impfstoffe ausgetauscht. Seit 1983 importierte die DDR Rötelnimpfstoffe eines britischen Pharmaunternehmens,288 wenig später knüpfte sie sogar Kontakte zu den bundesdeutschen Behringwerken. Vom »Klassenfeind« erhielt man Mitte der 1980er-Jahre Röteln- sowie Mehrfach-Impfstoffe.289 Angesichts der »Rückkehr zur Konfrontation«,290 die dem Kalten Krieg seit den späten 1970erJahren eine neue Eiszeit bescherte, sind derartige Verflechtungen überraschend. Sie überraschen umso mehr, wenn man deutsch-deutsche Differenzen früherer Jahrzehnte bedenkt: Von politischer Abgrenzung und Propaganda-Aktio­ nen war in den 1980er Jahren nichts mehr zu bemerken. Die DDR hatte dafür gute Gründe. Zunächst einmal ging ihr früherer Vorsprung der Immunität im Laufe der 1970er Jahre verloren. Schließlich erreichten im Westen nicht nur neue Impfungen gegen Röteln, Mumps und Masern,291 sondern ebenso neue »Mehrfach-­Impfstoffe«292 Marktreife, die den Impfalltag der Westdeutschen spürbar erleichterten. Eine Geschichte der Immunität macht insofern für Verflechtungsprozesse durch den »Eisernen Vorhang« aufmerksam. Einerseits beförderten Impfungen Kooperationen innerhalb der zwei Blöcke. Dass deutsche, amerikanische und britische Mediziner auf der einen Seite sowie ostdeutsche und sowjetische Mediziner auf der anderen Seite der Mauer enger zusammenrücken sollten, ist wenig überraschend. Andererseits erleichterten Impfprogramme auch einen Austausch zwischen den Blöcken. Beim Impfen wuchs seit den 1970er Jahren zusammen, was im Angesicht globaler Gesundheitsbedrohungen zusammen gehörte: Da Seuchen nicht nur Grenzen, sondern selbst die Mauer überwanden, waren Kooperationen mit dem Systemgegner schon aus Eigeninteresse sinnvoll. 286 Vgl. Protokolle zum Abkommen in BAB, DQ 1/13174. 287 BAB, DQ 1/12219, Telex Rat d. Bezirks Cottbus an MfGe, 09.07.1976. 288 Vgl. BAB, DQ 1/12291, Protokoll MfGe zur Rötelnimpfstrategie der DDR, 27.8.1986. 289 BAB, DQ 1/12291, Aktennotiz des MfGe, 11.8.1987. 290 Stöver, S. 410. 291 BAK, B 269/45, Protokoll Ausschuss für Seuchen- und Umwelthygiene, 12./13.6.1975. 292 Vgl. BAK, B 189/14102, Aktennotiz BMI, 09.12.1955.

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4.2.5 Privatisierung von Vorsorge von den 1970er Jahren bis heute Seit den 1970er Jahren bewegen sich Impfprogramme im Grunde in Bahnen, die wir heute kennen. Obwohl nach einzelnen Ausbrüchen der Tuberkulose in den 1990er Jahren oder der Polio und Masern nach der Jahrtausendwende eine Einführung von Impfpflichten immer wieder ins Spiel gebracht wurde, scheinen Zwangsmaßnahmen nicht mehr durchsetzbar. Wenn der »Vorsorgestaat« heute auch nicht verschwunden ist, so hat er sich doch stark verändert: er ist internationaler, individueller und pragmatischer geworden. Befördert wurde diese Veränderung durch zwei Entwicklungen der 1970er Jahre, durch die Krise und die Krankenkassen. Zwar waren aus einzelnen Bundesländern schon in den 1960er Jahren Forderungen laut geworden, staatlich empfohlene Impfungen als Krankenkassenleistung anzuerkennen. Seit dieser Zeit mehrten sich entsprechende Anfragen von Bürgern und Unternehmen, da in einigen Bundesländern einzelne Impfungen von den Eltern zu zahlen waren. Ein Bundesbürger rechnete Bundesgesundheitsministerin Strobel 1967 das Sparpotenzial von Impfungen am Beispiel seiner eigenen Familie vor. Während er als Vater für eine freiwillige Dreifachimpfung seiner Tochter gegen Polio DM 14,10 zu zahlen habe, müsse im Falle einer Polioerkrankung die Krankenkasse für sehr viel höhere Behandlungskosten aufkommen. Diese Aufgaben- und Ausgabenteilung verleitete ihn zu der Frage, warum die Kosten für Impfungen Privatsache blieben, wenn Staat und Krankenkassen aus ökonomischen Gründen »das größte Interesse an der Gesunderhaltung haben müßte?«293 Mit einer ganz ähnlichen Rechnung wandte sich 1971 ein Unternehmen an die Bundesregierung: »Alljährlich lassen wir als freiwillige Leistung unsere Mitarbeiter gegen Grippe impfen. […] Wir sind der Meinung, daß Vorsorgen billiger ist als Heilen. Aus diesem Grunde können wir nicht verstehen, weshalb die Krankenkassen nicht nur kein Verständnis [für eine Übernahme der Kosten] aufbringen, sondern eher bereit sind, die wesentlich höheren Kosten für die Heilung zu übernehmen.«294 Im Laufe der 1970er Jahre fanden solche Rechnungen in Behörden zunehmend Gehör. Da eine Einbeziehung der Krankenkassen jedoch strukturelle Entscheidungen erforderte, war der Beratungsbedarf zwischen Bund und Ländern groß. So teilte das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit 1971 zwar die »Auffassung, daß die Kosten für die Schutzimpfungen eine der höchsten Pflichtleistungen sein sollte, die […] von Krankenkassen zu übernehmen ist.« Allerdings brächte diese Übernahme staatlichen Akteuren eine deutliche »Minderung ihrer Aufgaben im Bereich der Gesundheitsvorsorge.«295 Schließlich machten Krankenkassen Impfstellen, Impfanstalten oder Impfberatungsstellen an Gesundheitsämtern überflüssig.

293 BAK, B 189/14102, Schreiben eines Bundesbürgers, 30.05.1967. 294 BAK, B 189/14102, Schreiben Geschäftsleitung der Schröter + Bake, 01.10.1971. 295 BAK, B 189/14102, Vermerk BMJFG, 08.11.1971.

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In den 1970er Jahren war ein solcher Rückzug des Gesundheitswesens durchaus erwünscht. In Zeiten »nach dem Boom« standen Ausgaben für das Gesundheitswesen im Allgemeinen und für Impfprogramme im Speziellen auf dem Prüfstand der Wirtschaftlichkeit. Diese Prüfung war etwas Neues. Bislang hatten finanzielle Gründe stets für staatliche Impfprogramme gesprochen, da sie allemal günstiger erschienen als Therapien, geschweige denn als die volkswirtschaftlichen Folgen von Epidemien. Insofern galt der Grundsatz »Vorsorgen ist billiger als heilen« seit dem 19. Jahrhundert als gesundheitspolitische Heilsgewissheit im doppelten Wortsinn.296 Diese Heilsgewissheit geriet in den 1970er Jahren ins Wanken. Nicht nur für Pockenschutzimpfungen schien die Verhältnismäßigkeit der Kosten fraglich. Auch Impfungen wie die gegen Tuberkulose mussten sich nun der ökonomischen Frage stellen. Eindeutige Antworten gaben Forschungen aus Frankreich und Norwegen,297 die dem »finanziellen und technischen Aufwand«298 der BCG-Impfung gesunkene Therapie-Kosten gegenüberstellten, wie der Generalsekretär der DZK, Wilhelm Lock, 1973 verkündete. Angesichts günstiger Heilungschancen könne man eine Aufgabe allgemeiner BCG-Impfungen erwägen. Aus dem BMJFG unterstützte Ministerialrat Schumacher diesen Vorschlag nachdrücklich, da heutzutage »auf dem Gesundheitssektor um die Beachtung von Kosten-Nutzen-Analysen nicht herumzukommen« sei.299 Tatsächlich wurden seit 1975 Tuberkuloseschutzimpfungen nur noch für besonders gefährdete Kinder empfohlen. Kosten-Nutzen-Analysen passten offenbar zum Zeitgeist, der das Gesundheitswesen unter Beobachtung stellte. Dass nun sogar Impfprogramme dem Kostendruck wichen, spricht für grundsätzliche Neuorientierungen unter dem Eindruck der Krise. Zwar erhielten Krankenkassen ebenfalls staatliche Zuschüsse. Die Finanzierung präventiver Arztleistungen erschien indes allemal günstiger als der Erhalt staatlicher Einrichtungen. 1975 beschlossen die Länder daher die Aufnahme der Schutzimpfungen gegen Tuberkulose, Kinderlähmung, Wundstarrkrampf, Keuchhusten, Diphtherie, Röteln und Masern in den Pflichtleistungskatalog der Krankenkassen. Diese Aufgabenverlagerung entspreche im Übrigen einem Trend zur Verlagerung von Vorsorgeuntersuchungen auf freipraktizierende Ärzte.300 Am Siegeszug der Krankenkassen lässt sich somit der Rückzug des öffentlichen Gesundheitsdienstes ablesen. Angesichts kassenfinanzierter Individualimpfungen warfen bayerische Medizinalbeamte schon 1973 die Grundsatzfrage auf, ob sich eine Durchführung öffentlicher Impftermine überhaupt noch lohne.301 296 Vgl. Hockerts, Vom Wohlfahrtsstaat; Niehoff, Leitbilder; Rosenbrock; Kapitel 2.2.4. 297 Die Ergebnisse der Studie gingen der DZK und dem BMJFG Ende 1973 zu, vgl. die Unterlagen in BAK, B 189/14071. Die Verhältnismäßigkeit der BCG-Impfung wurde in der Bundesrepublik seit den späten 1960er Jahren immer wieder diskutiert. Vgl. u. a. BAK, B 189/14063, Protokoll d. DZK, 28.11.1967. 298 BAK, B 189/14071, Protokoll d. DZK, 17.10.1973. 299 Ebd. 300 BAK, B 269/45, Ausschuss Seuchen- und Umwelthygiene, 12./13.06.1975. 301 Vgl. StAM, Gesundheitsämter/5690, Dienstbesprechung d. oberbayer. GA, 24.01.1973.

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Zwei Jahre später beobachteten die Bundesländer bereits die Folgen der Übernahme von Vorsorgeleistungen durch die Krankenkassen, sei doch »der Kontakt zwischen den Gesundheitsämtern einerseits und den Säuglingen, Kleinkindern und deren Eltern andererseits weitgehend abgerissen.«302 Krankenkassen verwandelten den Vorsorgestaat also in mehrfacher Weise. Erstens erleichterten bzw. erzwangen sie den Rückzug staatlicher Akteure aus dem Impfgeschäft. Zweitens beförderten sie eine Individualisierung des Impfalltags. Mit der Übernahme von Impfungen als Krankenkassenleistungen verlagerte sich das Impfen von den Gesundheitsämtern und Massenimpfungen in die Arztpraxen, vor allem aus Anlass der Früh- und Vorsorgeuntersuchungen von Kindern, die seit den 1970er Jahren immer häufiger als Anlass für Impfungen genutzt wurden. Die Verknüpfung des Impfens mit Vorsorgeuntersuchungen hatte wohl nicht allein praktische Gründe. Da letztere den Eltern durch die Einwohnermeldeämter angekündigt wurden, behielten Impfungen einen verbindlichen Charakter. Noch heute herrscht unter Eltern daher im Übrigen Unsicherheit, ob die Impftermine an Vorsorgeuntersuchungen eine Pflichtmaßnahme darstellen. Drittens erleichterte der Rückzug des öffentlichen Gesundheitswesens eine Vereinheitlichung von Immunität. Da Krankenkassen national tätig wurden, wirkten sie an einer Entföderalisierung des Impfens mit, selbst wenn die Länder Ansprechpartner für Krankenkassen blieben. Zur Krise und zu den Krankenkassen passt noch ein weiterer Trend seit den 1970er Jahren: der Rückzug zivilgesellschaftlicher Vereinigungen. Je stärker das Impfen zur Kassenleistung wurde, desto weniger waren Grünes Kreuz, DVK oder DZK gefragt. Mit Unterstützung der BZgA übernahmen nun Ärzte und Krankenkassen die größte Vermittlungsarbeit. Krisen und Krankenkassen brachten den Vorsorgestaat also nicht zum Verschwinden. Allerdings beförderten sie seine Verwandlung, die wir heute beobachten können. War das Gesundheitswesen bis Anfang der 1970er Jahre in Form von Vorsorgeprogrammen, Impfanstalten, Impfberatungsstellen und Gesundheitsämtern in deutschen Städten und Kommunen präsent, zog es sich seither aus dem Impfwesen und damit aus seinem Kerngeschäft zurück. Zwar sprach das Kostenargument für die Fortführung staatlicher Impfprogramme. Die Liberalen brachten beispielsweise Mitte der 1980er Jahre im baden-württembergischen Landtag einen Antrag ein, nach dem gerade »unter dem Aspekt der Kostendämpfung im Gesundheitswesen […] Impfungen eine wesentlich preiswertere Möglichkeit«303 seien. Und auch in der aktuellsten Auflage des Standardwerks von Heinz Spiess, im »Impfkompendium«, wird das Verhältnis zwischen »Staat und Impfungen« mit ökonomischen Motiven erklärt, da Immunität »zu einer erheblichen Kostensenkung im Gesundheitswesen«304 führe. 302 BAK, B 269/45, Ausschuss Seuchen- und Umwelthygiene, 12./13.06.1975. Vgl. auch die Bilanz bei Weise, Über die Tätigkeit, S. 124. 303 Landtag Baden-Württemberg, 9. WP, DS 9/3513 (16.09.1986), Antrag FDP/DVP. 304 Reiter, S. 104. In der Ausgabe von 1976 fehlen solche Passagen bezeichnenderweise noch, vgl. Spiess, Impfkompendium.

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Obwohl Impfungen also nach wie vor  – vielleicht sogar mehr denn je  – im »volkswirtschaftlichen« Interesse liegen, ist ihre indirekte staatliche Förderung zeitgemäßer als der Erhalt eines Impfwesens, mit dem der Vorsorgestaat mehr als hundert Jahre lang seine Interventionskompetenz unter Beweis stellte.

4.3 Wissenschaftler im Käfig und auf Reisen 4.3.1 Alleingänge und Autonomiestreben: Impfforschung der 1950er Jahre Medizinische Forschung gilt als Paradebeispiel für transnationales Wissen. Schon Edward Jenners Pockenschutzimpfung wanderte ebenso zügig durch die Welt wie Emil von Behrings Diphtherieserum und dessen aktive Schutzimpfung. Selbst die deutsch-französische Konkurrenz zwischen Koch und Pasteur unterstreicht noch den Befund eines globalen Austausches. Der Erste Weltkrieg setzte diesem Austausch zumindest in Deutschland ein Ende.305 Obgleich deutsche Experten in Weimar und im Nationalsozialismus selbstverständlich internationale Studien lasen und sich in den 1930er Jahren in Gremien wie der »Pockenkommission« des Völkerbundes austauschten, gelang ihnen die Flucht aus dem nationalen »Käfig« erst ab den 1960er Jahren.306 Wie schwer diese ReInternationalisierung mitunter fiel, belegen Lernprozesse der 1950er Jahre. Sehr langsam reifte unter Experten die bittere Erkenntnis, dass die Spitzenstellung deutscher Forschung verloren gegangen war. Es bleibt eine offene Frage, ob deutsche Wissenschaftler in der Nachkriegszeit trotz oder wegen der Berührungspunkte zu alliierten Besatzungsbehörden und zur WHO lieber unter sich blieben. Insbesondere ältere Mediziner dürften dank ihres »Kulturdünkels«307 mit westlichen Einflüssen zunächst ihre Schwierigkeiten gehabt haben, so dass »eine überzogene Skepsis gegenüber ausländischen Neuerungen«308 verbreitet blieb. Von dieser Skepsis abgesehen schielten deutsche Wissenschaftler auf nationalen Prestigegewinn, der die Entwicklung »eigener« Impfstoffe versprach. Insofern waren sich deutsche Wissenschaftler auf einer Tagung zur Polioimpfstoff-Forschung im Juli 1954 einig, »daß wir uns zwar die Erfahrungen der Amerikaner und der anderen durchaus zunutze machen wollen, dass wir im übrigen jedoch auf eigenen Füßen stehen sollten.«309 Presseberichte über die »Erfolge deutscher Forscher« bei der Entwicklung eines neuen Grippeimpfstoffs im Robert Koch-Institut Ende der 1950er Jahre oder zur Marktreife von Vierfach- und Fünffachimpfstoffen der 305 Ash, S. 35. 306 Wengenroth. 307 Schildt, Moderne Zeiten, S. 449. 308 Lindner, Gesundheitspolitik, S. 280. 309 BAM/1870, Arbeitsbesprechung d. Sachverständigen für Poliomyelitis, 23.07.1954.

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Behringwerke machen deutlich, dass solche Autonomie-Vorstellungen in der Öffentlichkeit auf Resonanz stießen.310 Dass die deutsche Forschung auf die Herstellung »nationaler« Impfstoffe zielen müsse, war in dieser Zeit auch der Wunsch einiger Parteien. 1955 drängte die CSU im Bundestag nicht nur auf eine stärkere finanzielle Unterstützung deutscher Forschungen, sondern ebenso auf eine deutsche Herstellung von Impfstoffen.311 Ulrike Lindner hat nachgewiesen, dass solche »deutschen Geltungsansprüche«312 fatale Fehleinschätzungen zur Folge hatten. So bestand RKI-Präsident Georg Henneberg auf einer Tagung 1956 zur amerikanischen Salk-Impfung gegen Polio auf nationalen Besonderheiten. Wegen der sozialen und geographischen Differenzen zwischen der USA und der Bundesrepublik bestehe hier ein geringerer Handlungsbedarf. Nach Hennebergs Ansicht waren Polio-Impfungen in Deutschland zudem »gefährlich«, weil man »den Vorgang der stillen Feiung […] unterbrechen oder […] stören« könne. Zielführender erschien Henneberg eine »natürliche Durchseuchung«, die von amerikanischen Impfungen verhindert werde.313 Eine bemerkenswerte nationale Perspektive schlug sich auch in einer Diagnose von Werner Anders vom BGA 1956 nieder. Anders konstatierte zwar eine »Zunahme der Poliomyelitis auf der ganzen Welt«. Da vor allem »die Großstadt« den »Boden für die Großepidemien« bereite, könnten die Deutschen jedoch beruhigt aufatmen: »Vorerst scheint deshalb eine so bedrohliche Entwicklung wie in [den] USA bei uns nicht in Aussicht zu stehen.«314 Im Falle der Kinderlähmung wurde das Denken in deutschen Sonderwegen schon kurze Zeit später mit tödlicher Konsequenz widerlegt. Der Ausbruch zahlreicher Poliofälle in Westdeutschland regte 1957 zu einer Konferenz in Genf an, auf der Vertreter des BGA zumindest mit Österreich und der Schweiz einen Austausch über Impfungen vereinbarten.315 Ein Jahr später diskutierten deutsche Wissenschaftler bereits mit Experten aus ganz Europa auf einer WHOKonferenz in Kopenhagen sowie im Oktober 1958 in Rom über gemeinsame Erfahrungen mit der Polioimpfung.316 Nationale Interessen spiegeln sich auch in Sorgen um Deutschlands Weltruf, die bei der Einführung der Polioimpfung geäußert wurden. Als das BGA 1956 Bedenken gegen die schnelle Einführung eines neuen Polio-Impfstoff der Behringwerke erhob, warnte ein Vertreter des Innenministeriums vor Prestigeverlusten und vor den Folgen für den Wissenschaftsstandort Deutschland: 310 Zitate in Welt am Sonntag, Exklusivinterview, 26.01.1958; Neue Rhein-Zeitung, Ein großer Triumph der Wissenschaft, 26.01.1958. Vgl. weitere Presseberichte in BAK, B 189/14122. 311 Vgl. Deutscher Bundestag, 2. WP, DS 2/1381, Kleine Anfrage 175, 06.05.1955; Deutscher Bundestag, 2. WP, DS 2/1422, Antwort BMI auf Kleine Anfrage 175, 20.05.1955. 312 Vgl. Lindner, Gesundheitspolitik, 245. 313 BAK, B 142/22, Protokoll Wiesbadener Symposium Ventnor-Foundation, 02.06.1956. 314 BAK, B 142/22, Manuskript Anders, Zur Epidemiologie der Poliomyelitis, 31.10.1956. 315 BAK, B 142/22, Schreiben BGA-Präsident an BMI, 19.09.1957. 316 BAK, B 142/22, Bericht WHO-Regional Office für Europe, 21.05.1958; BAK, B 142/23, Bericht Botschaft der Bundesrepublik Madrid, 04.10.1958.

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»In dieser Weise schließen wir Deutschland aus der Forschung aus«. Stattdessen müsse man mit der Einführung eines deutschen Impfstoffes der »Wissenschaft gerecht werden« und »als Deutsche ein kleines Stück« am medizinischen Fortschritt beitragen.317 Bezeichnend für das Ringen um Deutschlands Position in der Wissenschaftswelt war auch die Forderung des BGA-Präsidenten Redeker auf einer Tagung von 1954. Redeker gab als Leitlinie für zukünftige Impfforschungen vor, »daß Deutschland auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung nicht antiquieren darf, sondern mit der Entwicklung Schritt halten muß, ohne dabei jedoch zu sehr den modernen Strömungen zu unterliegen.«318 Auftrieb erhielt nationales Autonomiestreben zudem vom »Cutter-Unglück«. 1955 erkrankten in den USA mehr als 200 Kinder nach einer Polio-Impfung an Kinderlähmung. Wie Untersuchungen feststellten, war zwar »nur« eine verabreichte Charge des Impfstoffs des Unternehmens Cutter fehlerhaft gewesen. Erst einmal wurde aber das gesamte US-amerikanische Polio-Impfprogramm abgebrochen.319 Der Skandal war Wasser auf den Mühlen jener Experten, die ohnehin skeptisch über den Atlantik blickten. Sie verstanden nationale Standards gleichsam als Immunisierung vor ausländischen Fehlern. In dieser Perspektive diente der Blick ins »Ausland« vor allem der nationalen Bedrohungsabwehr. So forderten Wissenschaftler auf den ersten Sitzungen der BGAPockenkommission zwar eine intensivere Lektüre internationaler Forschungen. In erster Linie diente »ausländisches Wissen« jedoch zum Schutz nationaler Grenzen. Daher beschloss die Pockenkommission im Februar 1954, ihre Sichtung internationaler Schriften »auf die Anliegerstaaten Deutschlands zu begrenzen, da die Auswirkungen deren gesetzlicher Regelung auch epidemiologisch für Deutschland von Bedeutung sind.«320 Konturen gewinnt der nationale Käfig zudem durch einen Blick auf zeitgenössische Forschungseinrichtungen. Neben den Behringwerken, dem RKI und dem Paul-Ehrlich-Institut erfüllten bis in die 1970er Jahre die im Kaiserreich gegründeten Landesimpfanstalten ihren Dienst an der Forschung, vor allem für die Entwicklung des Pockenimpfstoffs.321 In Institutionen wie der Münchener Impfanstalt wurden in den 1960er Jahren zwar Großprojekte zur Impfstoffforschung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert, was als »Anerkennung der […] Forschungsarbeit betrachtet«322 wurde. Qua Dienstauftrag ging es den Impfanstalten indes weniger um internationale Kooperationen oder Grundlagenforschungen als um die Optimierung nationaler Standards und Impftechniken im Dienste des »Reichsimpfgesetzes«. Schließlich garantier317 BAK, B 142/22, Stichwort-Auszug aus der Besprechung am 10.02.1956. 318 BAK, B 142/46, Protokoll Kommission Pockenschutzimpfung, 05.–06.02.1954. 319 Vgl. Lindner, Gesundheitspolitik, S. 228–229. 320 BAK, B 142/46, Protokoll Kommission Pockenschutzimpfung, 05.–06.02.1954. 321 Bis Ende der 1950er Jahre waren noch sechs Impfanstalten im Einsatz, 1966 zählte das BGA nur noch vier Anstalten in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München. Vgl. BAK, B 189/14107, Protokoll Pockenkommission, 16.12.1966. 322 StAM, Landbauämter/5312, Schreiben Bayer. Staatsmin. d. Innern, 01.08.1960.

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ten Erfolge des Impfgesetzes ja auch die Existenz der Landesimpfanstalten. Insofern orientierten sich die Mitglieder der ersten Pockenkommission von 1957 für ihre Bestandsaufnahme neuer Forschungen ganz am deutschen Impfgesetz und an historischen Rückblicken in die Seuchengeschichte, die als Beweis für die Wirksamkeit der Impfpflicht herhielten.323 Internationale Bezüge spielten dabei nach wie vor jene Rolle, die ihnen bereits im Kaiserreich zugewiesen worden war. Der Vergleich mit der »Pocken- und Impflage in anderen Ländern« konnte »nur als Beweis«324 deutscher Erfolge gewertet werden. Internationale Bezüge dienten zudem der Abschreckung. So präsentierte der hessische Medizinalrat Krey im Paul Ehrlich-Institut »höchst lehrreiche Einzelheiten« aus der französischen Pockenepidemie von 1954, die vom Scheitern der französischen Impfpolitik kündeten. Auch die »häufigen Seuchenausbrüche […] in England, dem Land der ›Gewissensklausel‹«325 unterstrichen Kreys Ansicht nach eine Vorreiterrolle deutscher Impfforschung, von der in dieser Zeit sogar in Jugendmagazinen zu lesen war.326 4.3.2 Internationale Wissenstransfers seit den 1960er Jahren Bei etablierten Impfungen gegen Pocken und Diphtherie waren die Folgen nationaler Alleingänge harmlos. Bei neuen Impfungen hingegen führten deutsche Sonderwege schnell ins Abseits, wie einzelne Kritiker Mitte der 1950er Jahre bemerkten. Während in Großbritannien und den USA bei der Einführung neuer Impfungen aufwändige Feldversuche mit bis zu hunderttausend Probanden durchgeführt wurden, dominierten in der Bundesrepublik Studien mit wenigen Patientengruppen oder gar einzelnen Patienten.327 Angesichts dieser Situation schlug Richard Haas aus den Behringwerken Mitte der 1950er Jahre Alarm. Seiner Meinung nach brächten die »bei uns vielfach in zahlreichen kleinen Einzeluntersuchungen« erbrachten Befunde »statistische Scheinbeweise«,328 während große Feldversuche in den USA und Großbritannien das Hinterherhinken Deutschlands schonungslos offen legten. Anfang der 1960er Jahre konstatierte BGA-Vizepräsident Georg Henneberg nach seinen Eindrücken zum VII. Europäischen Poliomyelitis-Symposium in Oxford gar eine Isolierung, sei beim Impfen die Rückständigkeit deutscher Forschung erschreckend deutlich geworden: »Wir Deutsche haben uns also aus der Gruppe der anderen Völker isoliert«.329 323 Es ist bezeichnend, dass sich die ersten zehn Seiten des Gutachtens auf die Geschichte des RIG konzentrieren. Vgl. BAK, B 189/14107, BGA-Gutachten über Impfgesetz [1957], S. 2–10. 324 BAK, B 189/14107, BGA-Gutachten über Impfgesetz [1957], S. 12. 325 Alle Zitate BAK, B 189/14111, Vortrag Krey, Pockenimpfung 1954 in Hessen, 19.04.1955. 326 Vgl. u. a. die Gegenüberstellung zwischen deutscher Impfpflicht und englischer Gewissensklausel in Unsichtbare Feinde, S. 11. 327 Vgl. u. a. Kosenow u. Haussmann; Linneweh u. Oehme. 328 Haas, Über den Entwicklungsstand, S. 431. 329 BAK, B 142/55, Bericht Henneberg VII. Poliomyelitis-Symposium, 06.12.1961.

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Anfängliche Alleingänge beförderten nun eine umso schnellere Internationalisierung, zunächst bei der Polioimpfung. Angesicht bundesweit steigender Fälle an Kinderlähmung und ostdeutscher Propagandakampagnen war man dringend auf Importe  – sowohl von Impfstoffen als auch von Impfwissen  – angewiesen.330 Während jahrelang deutsche Sicherheitsstandards hochgehalten wurden, warf der Bundesgesundheitsrat 1961 gar die Frage auf, »ob es bei der gegenwärtigen epidemiologischen Lage […] vertretbar sei, im Ausland hergestellte und dort staatlich geprüfte Poliomyelitis-Lebend-Vakzine zuzulassen«.331 Sorgen vor der Polio wogen mittlerweile schwerer als Misstrauen vor »ausländischen« Impfstoffen.332 Um Bedenken gegenüber ausländischen Sicherheitsstandards auszuräumen, gingen einzelne Wissenschaftler seit Mitte der 1950er Jahre auf Reisen. Als einer der ersten Reisenden zog der Hamburger Virologe Heinrich Pette nach seiner Rückkehr aus den USA eine niederschmetternde Bilanz. Nach Gesprächen mit US-amerikanischen Forschern hielt er fest, dass deutsche Wissenschaftler nicht einmal eine sichere Überprüfung von Polioimpfstoffen leisten könnten.333 Umso eifriger knüpften Pette und Kollegen fortan Kontakte zu Einrichtungen wie dem US Public Health Service, dem späteren Communicable Disease Center (CDC), zum National Institute for Health oder britischen Medical Research Council.334 So hatte der Freiburger Hygieniker Richard Haas335 nach seiner USA-Reise 1961 nicht nur neueste Forschungsergebnisse im Gepäck. Darüber hinaus brachte er konkrete Vorschläge von Albert Sabin und Jonas Salk zur Umsetzung von Impfprogrammen in der Bundesrepublik mit.336 Dank solcher Kontakte avancierten US-amerikanische Forschungen für westdeutsche Wissenschaftler im Laufe der 1960er Jahren zur Referenz. Der kontinuierliche Austausch minderte Berührungsängste ebenso wie Autonomiebedürfnisse.337 Dass dieser Prozess das Ergebnis langfristiger Auseinandersetzungen war, belegen einige Sitzungen der Pockenkommission im BGA. Noch im Februar 1965 musste hier ein Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums betonen, dass sich Wissenschaftler »bei ihrer Arbeit nicht vom Reichsimpfgesetz und den [deutschen] Verordnungen beeinflussen lassen« sollten. Wichtiger als nationale Traditionen sei der »internationale[,] von der Weltgesundheitsorganisa330 BAK, B 142/23, Notiz VI. Europäisches Symposium Poliomyelitis, 06.–09.09.1959. 331 Poliomyelitis-Schluckimpfung, S. 1938. 332 Vgl. u. a. Zellweger. 333 BAK, B 142/49, Heinrich und Edith Pette, Bericht Studienreise in die USA [Ende 1955]. 334 Vgl. die Schriftwechsel in BAK, B 142/55, v. a. ebd. Henneberg, Reisebericht Medical Research Council, Pfizer und Wellcome, 14.–16.09.1961. Das PEI arbeitete schon 1955 an Vorgaben der USA deutsche Prüfvorschriften heraus. Vgl. Lindner, Gesundheitspolitik, S. 241. 335 Haas war vor seiner Berufung zum Professor für Hygiene in Freiburg Leiter der humanmedizinischen Abteilung der Behringwerke. 336 BAK, B 142/55, Bericht Haas USA-Reise, 02.11.1961; Schnellbrief BMI, 07.10.1961. 337 Vgl. u. a. BAK, B 142/55, Bericht Manger-Koenig über 2.  Intern. Konferenz über Polio-­ Lebendvakzine in Washington, 1960; Bericht Otto Bonin über USA-Studienreise, [1961].

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tion erarbeitete Standard der Pocken-Impfstoffe«.338 Dass solchen Forderungen nach einer Internationalisierung Taten folgten, belegt die Übernahme von WHO-Richtlinien für Pockenimpfstoffe in den späten 1960er Jahren.339 Befördert wurde die Internationalisierung der Forschung vom Ländervergleich. So kam das BGA 1966 mit seiner Gegenüberstellung deutscher, amerikanischer und britischer Vorschriften zu der erschreckenden Schlussfolgerung, dass deutsche Programme meist »die schwächeren Anforderungen stellen und deshalb reformbedürftig sind.«340 Wie lässt sich die Langsamkeit der Internationalisierung erklären? Zunächst einmal mussten für Forschungskooperationen sprachliche Grundlagen gelegt werden. Mehrfach forderte Werner Anders seit den 1960er Jahren eine Übernahme internationaler Termini, um »bei internationalen Begegnungen das begriffliche Durcheinander«341 zu entwirren. Aus der DVK war zum selben Zeitpunkt die Forderung zu hören, »für die Bewertung der Impfzwischenfälle einheitliche Richtlinien zu schaffen«,342 um auf internationalen Konferenzen über Nebenwirkungen von Impfungen endlich mitreden zu können. Diese Forderung war mitunter ganz wörtlich gemeint. So wies der Virologe Heinz Baron nach seinem Besuch einer Tagung in Stockholm »ausdrücklich« auf die »Bedeutung der Fremdsprachen für den internationalen Kontakt« hin, werde hier doch »ausschliesslich Englisch«343 gesprochen. Diese Erkenntnis war nicht so trivial, wie sie heute klingt. Noch Anfang der 1960er Jahre forderten deutsche Mediziner auf dem VI. Europäischen Poliomyelitis-Symposium die (Wieder-) Einführung von Deutsch als Verhandlungssprache.344 Dass der Wissenstransfer seit den 1960er Jahren sogar zwischen Ost und West an Fahrt aufnahm, ist ebenso bemerkenswert. Die »Europäische Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung« lud 1962 selbst in der tiefsten Eiszeit des Kalten Krieges zum 8. Internationalen Symposium nach Prag oder ein Jahr nach dem »Prager Frühling« zum Europäischen Symposium nach Bukarest ein.345 Dass westdeutsche Forscher den Einladungen gern folgten, unterstreicht einen weiteren Lernprozess: die Erkenntnis von der Durchlässigkeit der Mauer.346 Dass man in der Bundesrepublik mit der Einführung der Schluckimpfung explizit »Erfahrungen über Massenimpfungen aus den Ländern des Ostblocks«347 338 BAK, B 189/14108, Protokoll Pockenkommission, 23.02.1965, S. 3. 339 Vgl. die Bestimmungen in BAK, B 189/14107, Rundschreiben BMGes an Landesgesundheitsbehörden, 18.05.1967; Protokoll Pockenkommission, 30.10.1967. 340 BAK, B 189/14107, Protokoll Pockenkommission, 16.12.1966. 341 BAK, B 142/1897, Bericht Anders 8. Symposium Poliomyelitis, 12.12.1962. 342 BAK, B 142/1897, Protokoll des Ausschusses IV der DVK, 13.10.1962. 343 BAK, B 189/14111, Bericht Barons I. Intern. Kongress f. Pharmakologie, 28.08.1961. 344 Lindner, Gesundheitspolitik, S. 245. 345 Vgl. BAK, B 189/14117, Bericht Anders 12. Symposium Poliomyelitis, 04.–07.05.1969. 346 BAK, B 142/1897, Bericht Kuhn/Grafe 8. Symposium Poliomyelitis, 03.10.1962. Vgl. zum westdeutschen Austausch mit tschechoslowakischen Impfforschern Günther. 347 Anders, Poliomyelitis-Schluckimpfung, S. 1074.

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aufgriff, betonte selbst Werner Anders vom BGA, der sich ansonsten auch schon mal als Kalter Krieger gab (4.2.4). Begeistert war Anders auch Ende der 1960er Jahre nach einem Symposium zur Polio in Bukarest. Hier waren Erfahrungen der CSSR über Impfschäden gefragt, die in der westdeutschen Presse für Aufre­ gung sorgten. Anders regte daher enge Kooperationen mit Ostblockstaaten an, um Erkenntnisse über Nebenwirkungen von Polioimpfungen zu gewinnen.348 Begünstigt wurde eine Internationalisierung nicht zuletzt durch eine Institutionalisierung des Austausches. Im neu gegründeten Bundesgesundheitsministerium standen ab Mitte der 1960er Jahre Stipendien für »Fortbildungen im Ausland« bereit. Seither boten Exkursionen nach Asien Gelegenheit, »das klinische Bild der Pocken in den verschiedenen Stadien [zu] sehen und sich über Verhütungs- und Bekämpfungsmaßnahmen in Epidemiegebieten, z. B. Pakistan, Indien, an Ort und Stelle«349 auszutauschen. Wegen der Pockeneinschleppungen der 1960er Jahre gewann dieser Austausch enorm an Dringlichkeit. Da deutsche Ärzte die Pocken selten erkannten, entsandte der Berliner Gesundheitssenator Ende 1965 zwei Experten ins indische Madras, wo »reichlich Pockenkranke und andere seuchenhafte Erkrankungen behandelt«350 würden. Ironischerweise beförderte also das Verschwinden von Epidemien in Deutschland den globalen Wissenstransfer. In Afrika und Asien ließen sich aussterbende Seuchen noch persönlich in den Blick nehmen, wie Helmut Stickl, Leiter der Bayerischen Landesimpfanstalt, berichtete. Stickl war mit einem WHO-Fellowship für zwei Monate in Indien unterwegs. Aus solchen Reisen erwuchsen nicht nur deutsch-indische Kooperationsbeziehungen in Form gemeinsamer Publikationen. Darüber hinaus nahmen deutsche Experten »ausländisches« Wissen zum Vorbild für die Bundesrepublik, die beim Impfen einiges zu lernen habe. Dass in Indien »der Arzt an der ›Pockenfront‹« unerschrocken seinen Posten halte und »Komplikationen nach der Pockenschutzimpfung […] eine gänzlich andere Bewertung als bei uns« fänden, machte für Stickl den internationalen Austausch zu einem »in jeder Hinsicht wertvolle[n] Erlebnis«.351 Einen weiteren Institutionalisierungsschub für internationale Kooperationen gab die Gründung der STIKO im Herbst 1971. Zum einen gab der Austausch mit USamerikanischen und britischen Experten den Ausschlag zu ihrer Gründung, war die STIKO doch ganz dem amerikanischen Vorbild des »Public Health­ Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP)« nachempfunden.352 Zum anderen schuf die STIKO selbst Grundlagen für eine Internationalisierung und bot dem internationalen Wissenstransfer ein kontinuierliches Forum und finanzielle Unterstützung an.353 348 BAK, B 189/14117, Bericht Anders 12. Symposium Poliomyelitis, 04.–07.05.1969. 349 BAK, B 189/14113, Protokoll Bundesrat, Ausschuss Gesundheitswesen, 03.02.1966. 350 BAK, B 189/14106, Schreiben Berliner Gesundheitssenator, 22.10.1965. 351 Alle Zitate BAK, B 189/14108, Bericht Stickl über Studienaufenthalt Indien, 29.03.1962, S. 3 f., 8 f. Vgl. zu deutsch-indischen Publikationen u. a. Ehrengut, Impfreaktionen. 352 Weise, Über die Tätigkeit, S. 123. 353 Zur Gründung der STIKO BGesBl, 18, Nr. 1 (10.01.1975), S. 12.

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Bei der Pockenschutzimpfung lässt sich eine Internationalisierung also besonders gut nachvollziehen. Hatten deutsche Experten nationale Konzepte lange Zeit zum höchsten Sicherheitsstandard erhoben, setzte im Laufe der 1960er Jahre die WHO die Standards. Ihre Veröffentlichungen bildeten fortan die Diskussionsgrundlage, wenn es um Übertragungswege von Infektionskrankheiten oder um das beste Impfalter ging. Die Qualität deutscher Impfstoffe wurde seit den späten 1960er Jahren folglich daran gemessen, dass sie dem »internationalen Standard entsprechen«,354 nicht mehr umgekehrt. Seit den 1970er Jahren rief man die WHO in einzelnen Bundesländern gar zur Supervision heran. So reiste der belgische WHO-Berater Mercenier 1970 durch Schleswig-Holstein, um das dortige Tuberkuloseprogramm zu erkunden.355 In seinem Reisebericht entwarf Mercenier neue Forschungsprojekte zur Erfassung von Tuberkulosekranken und Impfungen, die unter deutschen Experten auf großes Interesse stießen.356 Seit den 1970er Jahren war Impfwissen also mehr denn je Weltwissen.357 Erst vor diesem Hintergrund waren neue Risikoeinschätzungen  – so im Falle der Pockenimpfpflicht – konsensfähig, was den Abschied von der Impfpflicht erleichterte.358 Auch bei der Tuberkuloseschutzimpfung veränderte der internationale Austausch nationale Konzepte. In der Bundesrepublik war die BCG-Impfung seit Mitte der 1950er Jahre für sämtliche Neugeborene empfohlen worden. Anfang der 1970er Jahre weckten Tagungen der WHO in Kopenhagen, Zagreb und Paris erhebliche Zweifel am deutschen Impfprogramm.359 Zum einen zeige der internationale Austausch nach wie vor die Rückständigkeit deutscher Forschungen. Zum anderen berücksichtige die internationale Forschung »Nebenwirkungen der Impfung zunehmend«360, was in Deutschland ein Umdenken beförderte. In wissensgeschichtlicher Perspektive sind die 1960er Jahre damit ein Transformationsjahrzehnt, in dem die deutsche Impfforschung in den internationalen Austausch trat. Spätestens seit den 1970er Jahren setzten internationale Forschungen jene Standards, die nationale Konzepte letztlich auflösten. Bei der Neueinführung von Impfstoffen gegen Mumps (1975), Röteln (1976), Pneumokokken (1977) oder Hepatitis B (1982) fungierten deutsche Wissenschaftler daher weniger als Erfinder, sondern als »Übersetzer« internationaler Forschungen.361 Der letztgenannte Trend ist nicht zuletzt im Zusammenhang mit einer Entwicklung zu sehen, die im Folgenden in den Blick genommen wird: die Globalisierung des Impfmarktes. 354 BAK, B 189/14108, Protokoll Arbeitsausschuss Seuchenhygiene, 25.–27.06.1970, S. 3. 355 BAK, B 189/14064, Schreiben Ministerialrat Schumacher BMJFG an BGA, 24.05.1971. 356 BAK, B 189/14064, WHO – Regional Office for Europe, P. Mercenier, Report on a Visit to the Federal Republic of Germany, 18 October–2 November 1970. 357 Vgl. Weise, Zur derzeitigen Verbreitung. 358 Vgl. BGBl. 18/6 (21.03.1975), S. 93–101. 359 Vgl. Weise, Weltgesundheitsorganisation. 360 Neumann, S. 17. Zur internationalen Forschung und Kritik der BCG-Impfung vgl. Stellmer. 361 Vgl. u. a. Hausen; Wildgrube u. a.

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4.4 Globale Ware Immunität: Pharmaunternehmen Der Siegeszug von Pharmaunternehmen seit den 1930er Jahren setzte sich in der Bundesrepublik fort. Während die Produktion des Pockenimpfstoffs den Impfanstalten überlassen blieb, widmeten sich Pharmaunternehmen neuen Impfstoffen. Da diese ohnehin größere Gewinne versprachen, wurde die staatliche Monopolisierung des Pockenmarktes durch Verkäufe von Diphtherie-, P ­ olio-, Keuchhusten-, Tuberkulose- und Grippeimpfstoffen sowie später durch Mumps-, Masern-, Röteln- und Hepatitis-Impfstoffe mehr als kompensiert. Schon diese Auflistung macht auf drei generelle Trends aufmerksam: Erstens stammten Forschungsinnovationen mehr denn je aus privaten Unternehmen. Mitarbeiter des Bundesgesundheitsamts, Robert Koch- oder Paul-Ehrlich-Instituts setzten sich hingegen vor allem für die Kontrolle von Impfstoffen ein. Zweitens sorgte die Vermarktlichung für erhebliche Erweiterungen der Produktpalette seit den 1960er Jahren, nicht zuletzt wegen der Lizenzierung »ausländischer« Produkte. Damit gaben Pharmaunternehmen drittens Impulse für eine Internationalisierung gesundheitspolitischer Konzepte und gesellschaftlicher Sicherheitsvorstellungen. 4.4.1 Immunität und Innovationsdruck Unter deutschen Unternehmen behielten die Behringwerke in den 1950er Jahren ihre Vormachtstellung. Die Zerschlagung der IG Farben änderte nichts an ihrer Einbindung in das Vertriebssystem der Hoechst AG, die wiederum Forschungsinvestitionen in Marburg und eine professionelle Pressearbeit garantierte.362 Gestärkt wurde eine Vormachtstellung durch die besondere Marktkonstellation der 1950er Jahre. Nicht nur übernahmen die Behringwerke im Juli 1953 einen Hauptkonkurrenten, den westlichen Vertriebsbereich des Asid. Darüber hinaus verschwand ein zweiter Konkurrent, die Sächsischen Serumwerke in Dresden (SSW), hinter dem »Eisernen Vorhang«, der somit vor Wettbewerb aus dem Osten schützte.363 Einen Schwerpunkt legten die Behringwerke in den 1950er Jahren auf die Einführung eines eigenen Polioimpfstoffs. 1958 stellten die Behringwerke das Produkt »unter einem eigenen Warenzeichen ›VIRELON‹« vor, um ihn gegenüber »Impfstoffen anderer Herkunft herauszustellen.«364 Die Markenbildung ist aus heutiger Perspektive selbstverständlich. Für damalige Verhältnisse war das ein Novum,365 das den Trend zur Vermarktlichung unterstreicht: Impfstoffe verwandelten sich immer mehr zu Marketingprodukten, die für eine be362 Vgl. u. a. Pressemeldungen Hoechst AG für Impfstoffe der Behringwerke in BAM/2325. 363 Vgl. BAM/17 und BAM/465, Aufsichtsratsprotokolle. 364 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 14.08.1958. 365 Zuvor nutzten Pharmaunternehmen ihren Firmennamen für Impfstoff-Bezeichnungen.

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sondere Qualität bürgen sollten. Auch das Werbepotenzial des Firmennamens wurde weiter ausgeschöpft, so zum hundertsten Geburtstag Emil von Behrings und Paul Ehrlichs im März 1954. Zu diesem Anlass gaben sich selbst Bundespräsident Theodor Heuß und Bundesinnenminister Gerhard Schröder die Ehre. In der Frankfurter Paulskirche würdigten sie beide Männer mit Ansprachen über den »ewigen Wert des Menschlichen« und die »Pflicht des Staates zur Förderung der Forschung«,366 die im Unternehmen auf offene Ohren gestoßen sein dürften. Flankiert wurde die Festlichkeit von einer Briefmarke nebst Sonderstempel der Bundespost mit dem Firmenlogo der Behringwerke, das so gewissermaßen frei Haus in der ganzen Republik verbreitet wurde. In den 1960er Jahren entwickelten die Behringwerke ihre Marken weiter.367 Produkte wie »Virelon« und der Vierfachimpfstoff »Quatro-Virelon« beflügelten die Umsätze in einem Ausmaße, dass bald von »Engpässen« bei der Produktion die Rede war.368 Auch die Berichterstattung über die Einführung von »Quinto-Virelon« als »Erster Fünffach-Impfstoff der Welt«, wie ihn die »Bunte« 1967 bewarb, belegt die Pressearbeit des Unternehmens.369 Im Oktober 1967 teilte die Hoechst AG mit, dass die Virelon-Vorräte der Behringwerke »durch die starke Nachfrage bald geräumt« seien.370 Selbstverständlich war die Nachfrage nicht nur dem Marketing geschuldet. Mehrfachimpfstoffe stießen vor allem als spürbare Erleichterung auf Resonanz, da sie Impfungen erleichterten, wie Vorstandsmitglied Ludwig 1961 erklärte.371 In diesem Sinne war die Einführung von Mehrfachimpfstoffen im Interesse der Produzenten und Verbraucher. Einerseits reagierten sie auf Bedürfnisse von Medizinalbeamten, Ärzten und Eltern, da sie Immunität gegen mehrere Krankheiten mit wenigen Impfungen versprachen und weniger Impftermine das Risiko von Nebenwirkungen verringerten. Zum anderen steigerte der Zuspruch zu Mehrfachimpfungen auch den Umsatz etablierter Impfstoffe. Schon 1963 beschrieb der Aufsichtsrat der Behringwerke einen Zusammenhang zwischen der Innovation neuer Mehrfachimpfstoffe und der »Progression unserer alten Produkte«.372 Innovationen und Marketing waren Segen und Fluch zugleich. So hielten die Produktionskapazitäten nicht immer mit dem geweckten Bedarf Schritt. Zahlreiche Bundesbürger kritisierten diese Produktionsprobleme beispielsweise Ende der 1950er Jahre, als sie vor den Impfstellen vergebens auf ihre Polioimpfung 366 BAM/1548, Broschüre Jahrhundertfeier der Geburtstage von Paul Ehrlich und Emil v. Behring; BAM/2241, Behringwerke-Mitteilungen, Heft 29 (1954), S. 14–19, 25–28. 367 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 29.03.1974. 368 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 08.03.1961. 369 Vgl. Bunte, Erster Fünffach-Impfstoff der Welt, 10.05.1967; FR, Fünffach-Impfstoff entwickelt, 01.04.1967; HA, In den Laboratorien läuft der Großangriff gegen Viruskrankheiten voll an, 29.08.1966. 370 BAK, B 189/14117, Rundschreiben der Farbwerke Hoechst AG, im Oktober 1967. 371 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 18.08.1961. 372 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 04.09.1963.

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warteten.373 Auch Lieferschwierigkeiten für neue Mehrfachimpfstoffe sorgten im Aufsichtsrat für Aufregung.374 Vor allem aber bot der bundesdeutsche Markt nach dem Ende des »Babybooms« wenig Steigerungspotenzial, was den Innovationsdruck erhöhte. »Angesichts der seit einigen Jahren zu beobachtenden Stagnation« stellte sich den Behringwerken daher immer wieder »die Frage nach neuen Entwicklungen«.375 Mit dem Innovationsdruck des Pharmaunternehmens und der Vermarktlichung von Immunität erklären sich zwei Entwicklungen seit den 1950er Jahren, die in den beiden folgenden Unterkapiteln betrachtet werden. Zum einen schürte der Innovationsdruck Konflikte zwischen Pharmaunternehmern und staatlichen Akteuren. Während die Behringwerke auf eine schnelle Einführung neuer Produkte drängten, bremsten staatliche Stellen den unternehmerischen Eifer mit gründlichen Prüfverfahren. Je weniger staatliche Institutionen selbst an der Impfstoffproduktion mitwirkten, desto genauer blickten sie auf die Produktions- und Distributionsbedingungen. Zweitens beförderte die Vermarktlichung eine Globalisierung des Impfens: Deutsche Pharmaunternehmen knüpften seit den 1950er Jahren enge Beziehungen zu amerikanischen und britischen Firmen, um deren Impfstoffe als Lizenzprodukt auf den Markt zu bringen. Und nicht zuletzt blickten deutsche Unternehmen in die weite Welt, um neue Märkte zu erschließen. 4.4.2 Markt vs. Politik: Vom Polio- zum Schweinegrippen-Skandal Seit Einführung ihres Polioimpfstoffes Ende der 1950er Jahre waren die Behringwerke in aller Munde, war die Angst vor der Kinderlähmung doch weitverbreitet. In Hessen war das Echo auf das Engagement der Marburger naturgemäß besonders groß. Hier berichtete die Presse euphorisch von den Erfolgen hessischer Forschung, was auch dem Marketing-Talent des Marburger Unternehmens geschuldet war. So gaben Zeitungen wie die Frankfurter Neue Presse in großen Bildberichten ungekürzt das Pressematerial der Behringwerke wieder.376 Auch die Süddeutsche Zeitung berichtete begeistert über den »erfolgversprechenden Impfstoff«,377 der dem Blatt von Richard Haas exklusiv präsentiert werde. Dass Georg Henneberg vom BGA die Berichterstattung mitunter als »Nervenkrieg gegen die Mütter«378 bezeichnete, unterstreicht noch die effektive Pressearbeit. Der zweite Vorsitzende der »Deutschen Vereinigung für die Gesundheitsfürsorge des Kindesalters« Graser kritisierte solche joint ventures zwischen Zeitungen und Unternehmen gar als Instrumentalisierung der Presse 373 Vgl. Lindner, Gesundheitspolitik, S. 246 f. 374 Vgl. entsprechende Sitzungen BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 23.03.1962/19.09.1962. 375 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 08.09.1972. Vgl. BAM/363, Umsatzzahlen 1963–1976. 376 Vgl. regionale und überregionale Presseausschnitte der 1950er Jahre in BAK, B 142/47. 377 SZ [Dieter Schröder], Im Kampf gegen die Kinderlähmung, o.Dt. [ca. 2/1955]. 378 BAK, B 142/54, Bericht Henneberg über Tagungen zur Polio-Impfung, [1956].

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für die Impfstoffwerbung: »Vor keiner Infektionskrankheit herrscht innerhalb der Bevölkerung so viel Angst, wie vor der Kinderlähmung. […] Seit Monaten wird die verängstigte Bevölkerung durch gesteuerte Presseverlautbarungen über die Impfung in Atem gehalten.«379 Neben der Presse leisteten auch Politiker ihren Anteil an der Vermarktung. So bat der hessische Innenminister­ Heinrich Schneider (SPD) das Landesparlament im März 1955 – und damit vor der Marktreife des Impfstoffes – um Zustimmung, »ausreichende Mengen von den Behring-Werken in Marburg hergestellten Impfstoffes für kostenlose Impfungen zu erwerben«.380 Während Produkte des Pharmaunternehmens von Presse und Landespolitik also wohlwollend gefördert wurde, stießen sie anderswo auf weniger Gegenliebe. Als das hessische Innenministerium im November 1954 den Behringwerken die Produktionserlaubnis des Polioimpfstoffs erteilte, blieb das BGA skeptisch. Diese Skepsis hing eng damit zusammen, dass der Leitende Medizinalbeamte im hessischen Innenministerium, Hans von Behring, zugleich als Vorstand der Behringwerke fungierte. Darüber hinaus sorgte die eigenwillige Behandlung von Medizinalbeamten durch das Unternehmen für Unmut: Als Vertreter des BGA und des RKI im Frühjahr 1955 zur Kontrolle auf eine Besichtigung der Impfstoff-Produktion drängten, wiesen die Behringwerke den Beamten die Tür. Eine Erklärung für dieses Verhalten bot der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Albert Demnitz. Da »im Robert Koch-Institut ein Konkurrenzunternehmen der Behringwerke erblickt werden muß,«381 sei dessen Kontrolle nicht hinzunehmen. Dass Bundesbeamten der Zutritt zu den Werken wenig später gar »mit der Begründung ›Werkspionageverdacht‹ verboten«382 wurde, ließ die Situation eskalieren. Zu einer »Staatsaktion« weitete sich der Streit im Mai 1955 aus, als die hessische Landesregierung auf eigene Faust eine Befreiung der Impfstoffproduktion von staatlichen Prüfungsbestimmungen durchsetzte. BGA und RKI brandmarkte diesen Vorstoß als »Novum, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen zivilisierten Welt.«383 Die zwei Lager standen sich zunächst unversöhnlich gegenüber: Auf der einen Seite standen Wissenschaftler des BGA und RKI wie Henneberg, Redeker und Habernoll sowie Direktoren von Forschungsinstituten wie Pette oder Klose. Letztgenannter hatte bereits zuvor schlechte Erfahrungen mit den Behringwerken gemacht, so dass er das Bundesinnenministerium schon im März 1955 vor Zulassung des Behring-Impfstoffes bat, »erst weitere Erfahrungen zu sammeln und sich nicht einem industriellen Drange zu beugen!«384 Auf der anderen Seite standen Vertreter der Behringwerke wie Richard Haas oder DVK-Funk379 BAK, B 142/47, Schreiben E. Graser an BMI, 15.03.1955. 380 FNP, Kostenlose Impfungen?, 31.03.1955. 381 BAK, B 142/47, Schreiben Albert Demnitz an BGA-Präsident Redeker, 06.05.1955. 382 BAK, B 142/22, Protokoll AGLMB, 10.02.1956. 383 BAK, B 142/47, Schreiben BGA-Präsident an BMI, 06.05.1955. 384 BAK, B 142/47, Schreiben Klose an Buurmann, BMI, 25.03.1955. Vgl. Klose.

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tionäre wie Hans Kleinschmidt und Josef Hünerbein, die eine schnelle Einführung des Polioimpfstoffs vorantrieben. Angesichts ihrer großen Investitionen nutzten die Behringwerke zudem die hessische Landesregierung als Sprachrohr, was den Handlungsdruck in den Bundesrat und Bundestag verlängerte, wo die Polioimpfung mehrfach debattiert wurde.385 Dass die Behringwerke staatlichen Stellen sogar vor einer Veröffentlichung eines kritischen Gutachtens über den Polioimpfstoff drohten, zeigt, wie sich die Fronten zwischen Pharmaunternehmen und Medizinalbehörden verhärtet hatten. Dass außerdem das BGA diese Drohung kampflustig »mit den Worten: ›Die Klingen müssen gekreuzt werden‹«386 beantwortete, unterstreicht die Frontverhärtung ebenso eindrucksvoll. Im Konflikt ging es um grundsätzliche Dinge. Zunächst einmal warf der Streit die Machtfrage zwischen Wirtschaft und Staat auf. Wem gebührte die Initiative bei der Einführung neuer Impfprogramme? Wer also war verantwortlich für den Schutz der Bevölkerung? Während die Behringwerke ihre Investitionen in die Impfforschung in öffentlichen Programmen vergütet sehen wollten, forderten BGA und RKI eine Kontrolle von Impfstoffen und Koordination von Impfprogrammen ein. Für BGA-Präsident Redeker war der Vorstoß der Behringwerke daher nichts weniger als ein Versuch, die Wissenschaft den Interessen der Industrie unterzuordnen, wie er im September 1955 erklärte. Aufgebracht sprach Redeker von einer »Bekenner«-Wissenschaft im Dienste der Pharmaindustrie: »Die wissenschaftliche Forschung darf nicht zu einer ›Auftragswissenschaft‹ werden in dem Sinn, daß eine Industrie an einen Professor herantritt […]. Der den Auftrag übernehmende Herr Professor bzw. der Herr ›Bekenner‹ unterschreibt dann einen Vertrag, daß er für die Veröffentlichung und Verwertung seiner Forschungsergebnisse die Genehmigung der betreffenden Industrie einholen muß. Hier scheint mir dieser Herr Professor, Verzeihung[,] der Herr ›Bekenner‹, zu vergessen, daß er noch Beamtenpflichten und ärztliche Pflichten wahrzunehmen hat im Gegensatz zur Industrie.«387 Dass diese Polemik nicht ganz uneigennützig war, legt ein Gutachten des BGA vom Frühjahr 1956 nahe. Hier erhöhte Redeker die Kontrolle des Pharmaunternehmens durch das Amt gar zur Voraussetzung wissenschaftlichen Fortschritts. »Diese Forschung […] allein dem industriellen Erwerbsunternehmen zu überlassen« fördere »zwangsläufig ein Zurückbleiben gegenüber der ausländischen Forschung«.388 Dass Wirtschaft und Wissenschaft von Redeker in den 1950er Jahren noch als Gegensatzpaar interpretiert werden konnten, ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Erstens unterstreicht die Dichotomie den späten Siegeszug von Pharmaunternehmen. Zweitens diente das Schreckbild eines privat385 Vgl. Deutscher Bundestag, 2. WP, DS 1381 (06.05.1953) und DS 1422 (20.05.1955); Stenographische Berichte des Deutschen Bundestags, 2. WP., 123. Sitzung, 13.01.1956, S. 6514 f. und 2. WP., 140. Sitzung, 18.04.1956, S. 7206 f. 386 BAK, B 142/22, Rundschreiben Generalsekretär DVK, 03.04.1956. 387 BAK, B 142/48, Bericht über Referat Redekers, 03.09.1955. 388 BAK, B 208/2, Hauptgutachten BGA Schutzimpfung Kinderlähmung, 28.01.1956.

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wirtschaftlichen Gesundheitsmarktes Wissenschaftlern als Argument, um ihre Stellung im Gesundheitswesen zu sichern. Die Presse tat derartige Vorbehalte gegen die Pharmaindustrie hingegen oft als Bedenkenträgerei ab. »Koblenz tritt die Rücktrittbremse«389 oder »Bonn bremst Impfungen«390 waren nur einige der Schlagzeilen, mit denen Vorwürfe gegen scheinbar übervorsichtige Medizinalbeamte in die Öffentlichkeit fanden. Kritisch wurde der Kontrollwunsch staatlicher Akteure zudem von Ärzten gesehen. In einem halbstündigen Beitrag im Süddeutschen Rundfunk erhöhte ein Arzt den Streit zu einer Grundsatzfrage. Die Kontrollwünsche des BGA seien dem Wunsch nach einer Zentralisierung des Gesundheitswesens auf Kosten der Ärzteschaft geschuldet und damit ein Generalangriff auch auf den Föderalismus: »Es geht Koblenz längst nicht mehr um den Impfstoff, es geht um die Ausdehnung des Einflusses der Medizinalverwaltung auf die freie ärztliche Entscheidung, und es geht schließlich auch um die Zentralisierung der gesundheitlichen Machtfülle in Kompetenzfragen, die bisher in der freien Entscheidung der Länder lagen.«391 Wegen dieser Grundsatzfragen berichteten neben Rundfunk, Tages- und Fachzeitungen selbst Illustrierte wie die »Quick« über Zulassungsprobleme des Impfstoffs.392 Auch ihnen ging es beim »heftigen Streit über die Schutzimpfung«393 weniger um medizinische Details als um die Frage, wer bei der »Volksgesundheit« das Sagen haben sollte. Grundsatzfragen warf der Streit zwischen Behringwerken und BGA im Übrigen wegen der Beweisführung der Unschädlichkeit des Impfstoffes auf. Zwei Verfahren standen dafür zur Verfügung, erstens das »klassische« Konzept des Selbstversuchs, zweitens der experimentelle Nachweis. Schon zu Beginn der Debatte wiesen die Behringwerke medienwirksam darauf hin, dass der Impfstoff gegen Kinderlähmung bereits im Selbstversuch getestet worden sei. Via »Süddeutsche Zeitung« erklärte Abteilungsleiter Richard Haas, dass er vom Hausarzt der Behringwerke seine drei Kinder habe impfen lassen.394 Zwar war die Beweisführung durch den Selbstversuch sogar von staatlichen Stellen explizit eingefordert worden. BGA-Präsident Redeker hatte schon im Sommer 1954 betont, dass nur jene »eine Schutzimpfung an Kindern […] einführen können, die […] keinen Augenblick scheuen, diese Impfung an den eigenen Kindern oder Enkelkindern auszuführen.«395 Offenbar hatte der Selbstversuch im Laufe der 389 SZ, Koblenz tritt die Rücktrittbremse, 04.10.1955. Koblenz war Sitz des BGA. 390 Zit. n. BAK, B 142/47, Schreiben Ministerialrat Habernoll an BMI, 18.04.1955. 391 BAK, B 142/48, Vortrag Friedrich Deich, Aus Wissenschaft und Technik – Stand der Imp­f ung gegen spinale Kinderlähmung im Süddeutschen Rundfunk, 26.10.1955; 19.15–19.45h. Vgl. BAM, 09–15/1628, Manuskript des HR, »Zur Frage der Polio-Schutzimpfung«, 19.04.1956. 392 Vgl. den Pressespiegel und entsprechende Hinweise in BAK, B 142/22. 393 Neue Rhein-Zeitung, Heftiger Streit über die Schutzimpfung entbrannt, 28.02.1957. 394 BAK, B 142/47, Ausschnitt SZ [Dieter Schröder], Im Kampf gegen die Kinderlähmung, o.Dt. [ca. Februar 1955]. Vgl. BAM/1870, Arbeitsbesprechung Prüfungskomitee Poliomyelitis in den Behringwerken, 07.11.1954. 395 BAK, B 142/47, Schreiben BGA-Präsident an BMI, 10.09.1954.

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1950er Jahre indes an Überzeugungskraft verloren. Zumindest forderten Mediziner wie Pette repräsentativere Nachweise über die Wirksamkeit von Impfstoffen im Laborversuch.396 Diese Forderung formulierte Pette als Leiter eines entsprechenden Labors wohl auch aus Eigeninteresse. Tatsächlich erhielt er in der Folgezeit mehrere Prüfaufträge. Doch auch der Direktor des Düsseldorfer Hygiene-Instituts Walter Kikuth bestand auf experimentellen Nachweisen, um das Risiko eines Impfskandals wie das in Lübeck von 1930 zu senken.397 Die Veröffentlichung des von den Behringwerken kritisierten BGA-Gutachtens zum Polioimpfstoff im Frühjahr 1956 hielt den Konflikt zwischen Unternehmen und BGA am Kochen. Das BGA hatte in seinem Gutachten von Massenimpfungen »dringend abgeraten«, wie u. a. die Hannoversche Presse berichtete.398 Aus Hessen forderte Innenminister Heinrich Schneider daraufhin sogar ein Gegengutachten, um die Überprüfung der Behringwerke durch das BGA selbst zu überprüfen. Dass Schlagzeilen über den andauernden »Streit um Polio-Impfung«399 angesichts steigender Krankheitszahlen sowohl den Behringwerken als auch den Gesundheitsbehörden nicht willkommen waren, erhöhte letztlich auf beiden Seiten die Kompromissfähigkeit. Weder erschien das von Schneider angedrohte Gegen­gutachten, noch »kreuzte« das BGA seine »Klingen« mit den Behringwerken, wie es verkündet hatte. Vielmehr kam man im Mai 1956 zu einem Treffen zusammen, um den Konflikt beizulegen. Im Paul-Ehrlich-Institut wurde zwischen Vertretern des BGA, der Behringwerke, des hessischen und des Bundesinnenministeriums sowie mehrerer Forschungsinstitute eine Lösung gefunden.400 Den Behringwerken stand fortan die Initiative zur Einführung neuer Impfprogramme zu, während das Paul-Ehrlich-Institut zur Kontrollinstanz erklärt wurde.401 Damit war das Verhältnis zwischen Industrie und Staat in jene Bahnen gelenkt, in denen Programm und Praxis von Impfprogrammen noch heute verlaufen. Zwar wurden in den Folgejahren im RKI, PEI oder im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut (BNI) neue Impfungen, z. B. gegen Grippe, entwickelt und eingeführt.402 Alles in allem liegt die Initiative für die Einführung neuer Impfungen jedoch seit den 1960er Jahren bei Pharmaunternehmen, während sich staatliche Einrichtungen auf eine Kontrollfunktion zurückgezogen haben. Trotz des Kompromisses wäre es zu einfach, die Zeit ab den 1960er Jahren als Phase friedlicher Marktentfaltung zu interpretieren. Noch in den 1970er und 396 BAK, B 142/47, Protokoll Sitzung Sachverständige in den Behringwerken, 27.11.1954. 397 BAK B 142/47, Protokoll Arbeitsbesprechung in Marburg, 23.07.1954. 398 Hannoversche Presse, Bedenken gegen Kinderlähmungsserum, 11.04.1956. 399 BAK, B 142/49, Ausschnitt FNP, Streit um Polio-Impfung, 14.04.1956. 400 BAK, B 142/49, Protokoll der Besprechung im PEI, 14.05.1956. 401 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 25.04.1955; Aufsichtsratsprotokoll, 15.12.1958; BAK, B 142/50, Bericht Deutsche Zentrale für Volksgesundheitspflege, Stand der PoliomyelitisSchutzimpfung in Deutschland, 31.10.1956. 402 Vgl. u. a. die entsprechenden Berichte in BAK, B 189/14122.

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1980er Jahren betrachteten Medizinalbeamte Initiativen von Hoechst, Bayer und Behringwerken mit Skepsis, wofür die Einführung von Grippeschutzimpfungen Beispiele bietet. Pharmaunternehmen drängten das Bundesgesundheitsministerium immer wieder auf die Einrichtung einer ständigen Grippeimpfstoffreserve.403 Aus Sicht der Pharmaindustrie sprachen mehrere Gründe dafür. Selbstverständlich hatten die Behringwerke Interesse am Verkauf neuer Grippeimpfstoffe, die den allgemeinen Preisverfall und die »unbefriedigende Entwicklung« anderer Impfstoffe seit Mitte der 1960er Jahre kompensierten.404 Für Pharmaunternehmen zeichnet sich die Influenza durch eine hohe Mutationsgeschwindigkeit aus, so dass Grippeimpfstoffe jährlich neu geimpft werden müssen. Sie waren und sind daher eine willkommene Lösung für das Problem des ständigen Innovationsdrucks. Zum anderen weckte die Grippe seit dieser Zeit das Interesse der Medien. Schon Ende der 1950er Jahre konnten die Deutschen im »Stern« und »Spiegel« von der Grippe als »unsichtbaren Gegner« oder von »Milliardenheeren, unaufhaltsam wie eine Wetterfront«405 lesen. Für erhöhtes Aufsehen sorgten Grippe-Pandemien indes erst Ende der 1960er Jahre. Die Hongkong-Grippe von 1968/69 beförderte dieses Aufsehen nicht nur, weil sie weltweit bis zu zwei Millionen Tote hinterließ. Darüber hinaus entsprach sie zeitgenössischen Ängsten im Kalten Krieg, so dass sie in den Medien »auch schon mal als ›Mao-Grippe‹ verunglimpft werden konnte«.406 Trotz solcher Bedrohungsszenarien äußerten mehrere Gesundheitsminister der Länder gegen eine Impfstoffreserve »starke Bedenken«, wie sie Petzelt aus dem niedersächsischen Sozialministerium 1968 darlegte.407 Obgleich Impfungen von Risikogruppen und des »Schlüsselpersonals« im Gesundheitswesen sinnvoll erschienen, hielten die Länder Vorkehrungen für eine Impfstoffreserve für übertrieben. Auch für diese Zurückhaltung gab es gute Gründe. Zunächst einmal wäre den Ländern mit der Einrichtung und alljährlichen Auffrischung der Reserve ein kontinuierlicher Kostenpunkt im Landeshaushalt erwachsen. Außerdem war der Wert der Grippeschutzimpfung selbst unter Experten umstritten.408 Vor allem aber interpretierten einige Medizinalbeamte Initiativen der Behringwerke als einen Vorstoß der Pharmaindustrie ins öffentliche Gesundheitswesen. Ministerialrat Hein vom bayerischen Innenministerium warnte auf einer Sitzung der Gesundheitspolitiker der Länder im Oktober 1968 eindringlich, dass man sich den »Pressionen der industriellen Hersteller […] auf keinen Fall aussetzen« solle.409 Mit seiner Warnung sprach Hein offenbar vielen Kollegen aus der Seele. Zumindest konnte man sich weder auf dieser noch auf späteren Sitzungen auf eine bundeseinheitliche Regelung einigen. 403 BAK, B 189/14122, Vermerk Staatssekretär, 18.11.1968. 404 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 11.09.1970. 405 Zit. n. Hitzer, S. 143–144. 406 Witte, S. 197. 407 BAK, B 189/14122, Protokoll AGLMB, 26.10.1968. 408 Vgl. BAK, B 189/14122, Besprechungen Kommission Impfstoffreserve BGA 1968–1969. 409 BAK, B 189/14122, Protokoll AGLMB, 26.10.1968.

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Der bislang letzte und zugleich spektakulärste Fall ist das Anlegen einer Impfstoffreserve gegen die Schweinegrippe. Dank intensiver Berichterstattung war der Grippetod in Deutschland im Jahr 2009 erneut omnipräsent. Allein die »Bild«-Zeitung machte auf dem Höhepunkt der Grippeangst innerhalb eines Monats zwölfmal mit der Schweinegrippe und dem Impfstoff-Problem als Ti­ telstory auf. Zu einem Problem wurde der Impfstoff, weil Gerüchte kursierten, dass »Extra-Impfstoff für Politiker und Beamte«410 angefertigt worden sei, was laut »Bild« in einen »Aufstand gegen Spezial-Impfstoff«411 mündete. Nicht zuletzt wegen dieser Debatte um einen »Zweiklassen-Impfstoff« besorgten die Länder mehrere Millionen Impfstoffdosen für den potenziellen Ausbruch einer Schweinegrippe-Epidemie. Es ist nicht ohne Ironie, dass Unternehmen wie Novartis Vaccines, der Nachfolger der Behringwerke, während der Debatte laufende Preiserhöhungen für den Impfstoff mit der »verstärkten Nachfrage«412 in der Bevölkerung begründeten. Schließlich hatten Pharmaunternehmen den Skandal mit entsprechenden Pressemeldungen begleitet, was einmal mehr für das enge Zusammenspiel zwischen Medialisierung und Vermarktlichung spricht. Nach dem erstaunlich milden Verlauf der Schweinegrippe blieben die Länder auf ihrer Impfstoffreserve und damit auf Kosten in Millionenhöhe sitzen. Dass der »Spiegel« in seiner Bilanz von einer »teuren Panikmache«413 sprach und die »Chronik einer Hysterie«414 aufdeckte, spricht nicht für ein hohes Reflexionsbewusstsein. Schließlich dürfte der Spiegel mit Titelstories über »Das Weltvirus« und den »Angriff aus dem Schattenreich«415 selbst seinen Teil zur Hysterie beigetragen haben. Nach dem Flopp mit der Impfstoffreserve forderten die Länder Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) auf, die Millionenkosten zu übernehmen und dem Bund die Verantwortung für die Seuchenbekämpfung zu übertragen. Machte die Grippeimpfung damit einen weiteren Schritt zur Entföderalisierung des Gesundheitswesens? Forderungen des sozialdemokratischen Gesundheitsexperten Karl Lauterbach (SPD) 2014, auf Grippeimpfstoff-Reserven zukünftig ganz zu verzichten, weil medizinische Studien die Wirkungslosigkeit der Impfstoffe belegten,416 geben zumindest Hinweise, dass Konflikte zwischen Staat und Wirtschaft andauern. Die Geschichte dieser Konflikte seit den 1950er Jahren wiederum spricht dafür, zur Versachlichung gegenwärtiger Debatten gelegentlich in die Vergangenheit zu blicken.

410 Bild, Extra-Impfstoff für Politiker und Beamte, 18.10.2009; Welt, Regierung bekommt Extra-Impfstoff gegen Schweinegrippe, 19.10.2009. 411 Bild, Aufstand gegen Spezial-Impfstoff für Politiker, 19.10.2009. 412 Spiegel, Höchstpreise für Grippeschutz, 22.02.2010. 413 Spiegel, Seuchen: Teure Panikmache, 16.08.2010. 414 Spiegel, Chronik einer Hysterie, 08.03.2010. 415 Spiegel, Angriff aus dem Schattenreich, 04.05.2009. Der Artikel war die Titelstory zum Heft, das mit dem Titel »Das Weltvirus« aufmachte. 416 Spiegel, Unnötige Grippemittel, 14.04.2014.

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4.4.3 Globalisierung und Ende deutscher Unternehmen Mit internationalen Kontakten hatten die Behringwerke seit den 1930er Jahren ebenso gute Erfahrungen wie Erträge gemacht – und zwar nicht nur im Weltkrieg. Schon vor der Expansion gen Osten sorgten Zweigstellen in Südamerika für Exportabsätze. An diese Tradition knüpften die Marburger seit Mitte der 1950er Jahre wieder an, da der »südamerikanische Markt […] gute Zukunftsaussichten« biete, wie Vorstandsmitglied Ludwig 1957 erklärte.417 Für Export-Hemmnisse sorgte indes die »Verschiedenheit der gesundheitspolizeilichen Vorschriften der einzelnen Staaten«, die in den Behringwerken Hoffnungen auf Standardisierungs-Versuche der WHO weckten. Darüber hinaus brachten die Behringwerke eine »Bindung von Entwicklungshilfe an die Ausfuhr von Sera und Impfstoffen« ins Spiel, um sich an Impfprogrammen in Afrika und Asien zu beteiligen. Aus diesen Gründen nahmen die Behringwerke in den 1960er Jahren Gesprä­ che mit Bundesverteidigungsminister von Hassel (CDU), Gesundheitsministerin Schwarzhaupt (CDU) und der WHO auf. Der Gesprächsbedarf war im Unternehmen umso größer, weil Absätze in den Entwicklungsländern mittlerweile Umsatzverluste im Inland kompensierten. Von »erheblich größeren Export­ möglichkeiten im Rahmen der WHO-Programme«418 sprach der Aufsichtsrat Ende der 1960er Jahre etwa im Falle der Tuberkuloseimpfung. Schließlich sorgte die Impfung in der Bundesrepublik für Streit unter Experten und Eltern, was neue Märkte attraktiver machte. Nachdem das BGA seine Impfempfehlung gegen Tuberkulose Mitte der 1970er Jahre auf einzelne Risikofälle begrenzt hatte, verlor der Bund für die Behringwerke immens an Bedeutung. Bevorzugter Ansprechpartner wurde die WHO, deren Engagement in den Entwicklungsländern neue Absatzmärkte versprach.419 Globale Dimensionen gewannen die Behringwerke auch dank deutsch-amerikanischer Kooperationen. In den ersten Jahren dienten deutsche Unternehmen in erster Linie als Vertriebskanal für die US-amerikanische, britische und kanadische Pharmaindustrie. So lief die Verteilung des neuen Polio-Impfstoffes der Firmen Parke-Davis oder Pitman-Moore an deutsche Gesundheitsämter Mitte der 1950er Jahre über die Behringwerke, Hoechst, Bayer oder Fresenius.420 Westliche Wirtschaftsbeziehungen waren allerdings nicht immer unproblematisch, wie das »Cutter-Unglück« deutlich machte.421 Da die »erschreckende Meldung«422 von dem Impfunglück mitten in die Vorbereitungen der Behringwerke zur Einführung der Polioimpfung platzte, schlug das »Cutter-Unglück« nicht 417 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 14.08.1957. 418 Alle Zitate BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 03.04.1959. 419 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 05.09.1975. 420 Vgl. die entsprechenden Schriftwechsel 1954 bis 1965 in StAOL, Rep 630, 242-4/790. 421 Offit. 422 Spiegel, Kinderlähmung – die große Prüfung, 18.05.1955.

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nur im Unternehmen, sondern in der ganzen Bundesrepublik »wie eine Bombe ein«,423 wie der hessische Regierungsdirektor Ludwig von Manger-Koenig im »Spiegel« bekannte. Dass BGA-Präsident Franz Redeker sich wegen des CutterUnglücks gar dazu hinreißen ließ, US-amerikanischen Unternehmen wegen ihrer nachlässigen Prüfung »eine KZ-Philosophie«424 vorzuwerfen, gibt für die aufgeregte Stimmung ein weiteres Beispiel. Der NDR brachte die verbreiteten Sorgen in einem Hörspiel auf den Punkt: »seit Wochen, seit Monaten«, so berichtete der Radiosender nach dem Cutter-Unglück, kreisen die Tischgespräche um potenzielle Nebenwirkungen von Impfungen. »Sätze, die sich besorgte Eltern über dem Tisch zuschieben und die mit einem ›Ja, aber…‹ anfangen und aufhören.«425 Internationale joint ventures von Pharmaunternehmen brachten also nicht nur internationale Produkte, sondern ebenso internationale Probleme in die Heimat. Fungierten deutsche Pharmaunternehmen während der 1950er Jahre vorwiegend als Distributoren, kooperierten deutsche und amerikanische Unternehmen seit den 1960er Jahren beinahe auf Augenhöhe. Transnationale Kooperatio­ nen der Behringwerke zielten nun sowohl auf »eine gegenseitige Unterstützung bei Produktionsengpässen« als auch auf »einen laufenden Gedankenaustausch« für die Weiter- und Neuentwicklung von Impfstoffen.426 1961 bereisten Vertreter der Behringwerke wochenlang die USA, um mit dem National Institute of Health (NIH) und mehreren Firmen Verbindung aufzunehmen.427 Solche deutsch-amerikanischen Verflechtungen machten sich seit Anfang der 1960er Jahre in Forschungskooperationen mit den Firmen Merck, Sharp & Dohme, Connaught und Pitman Moore bemerkbar.428 Darüber hinaus drangen die Behringwerke seit den 1970er Jahren selbst in die USA vor. So folgte die Übernahme des amerikanischen Unternehmens »Calbiochem« dem Ziel, ausländische Produktionstechniken zu übernehmen um sich »eigene Entwicklungen« von Impfstoffen zu sparen.429 In eine ähnliche Richtung gingen seit den späten 1970er Jahren »know-how-Vergaben für Impfstoffproduktionen in Länder der 3. Welt«. Kooperationen mit dem algerischen Pasteur-Institut erleichterten seither die Lieferung von Impfstoffen und »Vorprodukten« der Behringwerke ins Ausland, wo sie für eigene Produkte weiterentwickelt wurden.430 Auf den ersten Blick spricht dieses Engagement für eine Aufstiegsgeschichte der Behringwerke zum global player. Ein zweiter Blick macht indes deutlich, dass globale Verflechtungen den Verlust von Marktanteilen vor allem an amerikanische Firmen in Deutschland und Europa nicht kompensierten. In den 1980er 423 Spiegel, Kinderlähmung – impfen oder nicht?, 24.04.1957. 424 SZ, Koblenz tritt die Rücktrittbremse, 04.10.1955. 425 BAM, 09–15/1633, Manuskript NDR/Frank Leberecht, Impfen gegen Polio?, 1957. 426 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 08.03.1961. 427 BAM/471, Aktennotiz Hoechst AG Besprechung oraler Polio-Impfstoff, 17.07.1961. 428 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 19.09.1962. 429 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 08.09.1977. 430 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 30.03.1979.

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Jahren brachten zwar Grippeimpfstoffe und der Kommissionsverkauf von Impfstoffen wie dem gegen Hepatitis B aus dem Hause Merck, Sharp & Dohme (MSD bzw. Merck & Co) noch einmal Gewinnschübe.431 Die Kommissionierung amerikanischer Produkte war indes ein indirekter Offenbarungseid, dass Innovationen nicht mehr aus Deutschland kamen. Insofern standen die Behringwerke auch auf dem globalen Impfmarkt unter massivem »Konkurrenzdruck«,432 wie der Aufsichtsrat 1986 besorgt bilanzierte. Der Preisverfall für ältere Impfstoffe, fehlende Neueinführungen und daraus resultierende Exporteinbrüche mündeten in den 1980er Jahren im Verlust von Marktanteilen auch außerhalb Europas. Selbst die Kooperation mit WHO- und UNICEF-Programmen bot keine Abnahmegarantie mehr. Noch in den 1960er und 1970er Jahren hatte man mehrere Ausschreibungen der WHO und damit Absatzmärkte in Afrika und Asien gewinnen können. In den 1980er Jahren hingegen kamen die Behringwerke wegen des Preisdrucks mehrfach nicht mehr zum Zuge, was »Auswirkungen in der Auslastung der Betriebe«433 zeigte. Hoffnungen weckte Ende der 1980er Jahre eine Impfung gegen AIDS/HIV.434 Angesichts der starken »Ausbreitung von AIDS«, des Fehlens effektiver Therapien und nicht zuletzt mit Blick auf das »publizistisch wirksame Engagement der Hoechst AG auf dem AIDS-Gebiet« versprachen sich die Behringwerke von einem Impfstoff große Gewinne.435 Tatsächlich war AIDS seit den späten 1980er Jahren in der deutschen Öffentlichkeit omnipräsent: Schließlich löste sich die Krankheit bald von ihrer anfänglichen Zuschreibung als »Homosexuellen-Seuche«436 und avancierte zu einer allgemeinen Bedrohung.437 AIDS ging auf einmal alle an, was einen Impfstoff zur Goldgrube machte. Ständige Pressemeldungen über die baldige Erfindung einer Impfung schürten solche Hoffnung, selbst wenn die Erkrankungszahlen Ende der 1980er Jahre weit hinter den ursprünglichen Schreckensmeldungen zurück blieben. Da Forschungen an einem AIDSImpfstoff gewaltige finanzielle Ressourcen banden, riefen die Behringwerke im März 1989 ein Kooperationsprojekt mit dem französischen Unternehmen Pasteur Vaccins ins Leben. Die kurze Zeit später einsetzende Umstrukturierung des französischen Partners zum Unternehmen Pasteur-Mérieux legte die deutschfranzösische Zusammenarbeit indes weitgehend lahm, was den Behringwerken die Ablehnung eines Forschungsantrags zum AIDS-Impfstoff beim Bundesfor­ schungsministerium eintrug.438 Als weitere Verhandlungen mit Pasteur-Mérieux Ende der 1980er Jahre scheiterten, war das Projekt AIDS-Impfstoff gestorben. 431 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 21.04.1983 vgl. auch BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 18.10.1991; Aufsichtsratsprotokoll, 24.04.1992. 432 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 10.10.1986. 433 BAM/17, Aufsichtsratsprotokoll, 22.09.1982. 434 Gießener Anzeiger, AIDS-Impfstoff aus Marburg, 16.11.1987. 435 BAM/1414, Entwicklung AIDS-Impfstoff, [ca. 1987]. Vgl. Unterlagen in BAM/1429. 436 Spiegel, Aids – eine Epidemie, die erst beginnt, 06.06.1983. 437 Vgl. Tümmers, AIDS und die Mauer; Bänziger. 438 Vgl. BAM/1414, Bericht Behringwerke, 23.11.1989; Bericht Behringwerke, 30.10.1989.

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Nach dem AIDS-Desaster lag ein letzter Hoffnungsschimmer auf einer erneu­ ten Expansion gen Osten. Kontakte nach Ostdeutschland hatten die Behringwerke schon in den 1970er Jahren geknüpft.439 Nach dem Fall der Mauer standen den Behringwerken nicht nur Märkte in Osteuropa offen, sondern zudem ein früherer Konkurrent zum Verkauf. Die Sächsischen Serumwerke in Dresden waren bis 1989 die Hauptproduktionsstätte ostdeutscher Impfstoffe gewesen und nun im Portfolio der Trauhandanstalt zu finden. Da die SSW nach Beobachtungen der Behringwerke »schwarze Zahlen«440 schrieben, insbesondere auf dem Gebiet der Grippeimpfstoffe, lag eine Übernahme des Unternehmens also nahe. Es ist von gewisser Ironie, dass Bundeskartellamt und Treuhand diesen Übernahmeversuch ablehnten. Über die Gründe dieser Ablehnung kann hier nur spekuliert werden. Möglicherweise widersprach eine Übernahme des größten ostdeutschen Herstellers dem Kartellrecht, da die Behringwerke der größte deutsche Impfstoffproduzent waren. Vielleicht waren aber auch die Angebote der Mitbewerber attraktiver. Dass die SSW 1992 an das britische Unternehmen Smith­K lineBeecham (SKB, heute GlaxoSmithKline  – GSK) ging, obwohl die Behringwerke die Treuhandanstalt vor »ernsthaften Nachteilen«441 für ihr Unternehmen warnten, spricht zumindest einmal mehr für die negativen Folgen der Globalisierung für deutsche Unternehmen. Wegen dieser Folgen waren die Behringwerke Mitte der 1990er Jahre plötzlich selbst ein Übernahmekandidat. 1997 wurden sie zerschlagen und ein Großteil der Marburger Impfstoffproduktion vom schweizerischen Unternehmen Novartis übernommen. Seit März 2015 ist diese Produktion wiederum im Unternehmen Glaxo­SmithKline integriert. Im Gesamtüberblick beschreibt die Entwicklung der Behringwerke seit den 1970er Jahren einen grundsätzlichen Trend: den Rückzug der Deutschen vom Impfmarkt, der heute von amerikanischen, britischen, französischen und schweizerischen Unternehmen dominiert wird. Die Wirtschaftswoche ging 2009 sogar so weit, den Niedergang der Behringwerke zum Kainsmal der deutschen Pharmawirtschaft zu erklären: »Wer mischt aus Deutschland im Impfstoffgeschäft mit? Fehlanzeige. Der Zukunftsmarkt läuft derzeit ohne heimische Beteiligung. Dabei galten die Deutschen einst als führende Impfstoffforscher: 1901 erhielt der deutsche Hygiene-Professor Emil von Behring den MedizinNobelpreis für die Entwicklung des Diphtherie-Impfstoffes. Doch der Vorsprung ist […] längst verspielt. Inzwischen ist Deutschland bestenfalls noch als Produktionsstandort für ausländische Impfkonzerne interessant. Die traditionsreichen Behringwerke in Marburg gehören etwa inzwischen zum Schweizer Novartis-Konzern.«442 Die Globalisierung des Impfmarktes erklärt zudem eine Globalisierung im Alltag: Immunisiert werden die Deutschen heute von Unternehmen wie Merck bzw. MSD Sharp & Dohme, GlaxoSmithKline, Sanofi439 Vgl. neben den Belegen zur DDR (5.3) u. a. Klein, Vom Zwang, S. 1518. 440 BAM/695, Protokoll Behringwerke zum Treffen mit Treuhandanstalt Berlin, 28.10.1991. 441 BAM/695, Schreiben Vorstand Behringwerke an Treuhandanstalt Berlin, 26.03.1992. 442 Wirtschaftswoche, Wyeth-Übernahme katapultiert Pfizer an die Spitze, 05.02.2009.

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Pasteur oder eben Novartis. Während »ausländische« Impfstoffe noch in den 1960er Jahren für Skepsis unter den Westdeutschen sorgten, ist die Globalisierung von Immunität mittlerweile bei allen Deutschen angekommen.

4.5 Partizipation und Privatisierung: Praktiken des Impfens 4.5.1 Schlucken, schießen, mehrfachspritzen: Zugriffe auf den Körper (III) Sorgen vor der »Spritzenangst« sind so alt wie Spritzen selbst. Schon im Kaiserreich setzten sich Mediziner mit Ängsten auseinander, da diese nicht nur den individuellen Impferfolg gefährdeten, sondern ebenso den Zuspruch der Bevölkerung und damit den »Herdenschutz«. Schon aus diesem Grund war die Schluckimpfung gegen Polio eine Innovation. Sie vermied Spritzenängste und entsprach zudem ganz dem »Zeitgeist« und dem stetigen Anstieg des Medikamenten-Konsums.443 Eine Umfrage von 1960 ging sogar so weit, den großen Zuspruch zur Schluckimpfung in »archaischen« Wurzeln des Menschen zu suchen. Demnach entsprach das Schlucken einer »mythologisch tief verwurzelte[n] […] Vorstellung von der lebensentscheidenden Funktion der Körpersäfte und schließlich überhaupt: von den Säften des Lebens.«444 Dass diese Wurzeln mitunter tief verschüttet lagen, legt ein Bericht der FAZ nahe. 1962 begleitete die Zeitung eine Familie zu einer der ersten Polio-Schluckimpfungen in Frankfurt: »Das Dienstmädchen geht, sozusagen als Vorhut der Familie, in diesen Raum und läßt die Prozedur über sich ergehen. Als sie am Tisch mit den Zuckerstückchen steht, zögert sie, greift zu, fährt mit der Hand hastig nach oben, zaudert schließlich noch einmal, ehe sie plötzlich entschlossen das weiße Stückchen in den Mund schiebt. Sie kämpft offensichtlich mit jenen Zweifeln, wie sie bei fast allen Erwachsenen im Gesicht zu lesen sind. Sie schwanken zwischen Hoffnung und Sorge.«445 Trotz aller Sorgen räumte diese schmerzlose Praxis offenbar die meisten Zweifel aus. Ihr Erfolg war derart durchschlagend, dass sie auch für andere Impfungen erprobt wurden. Anfang der 1970er Jahre berichtete Helmut Stickl beispielsweise von Experimenten mit einer Schluckimpfung gegen Pocken.446 Die Reaktionen aus der Bevölkerung auf diese Meldung legen nahe, dass das Schlucken einen Nerv traf. So bat eine junge Mutter Bundesgesundheitsministerin Strobel mit Nachdruck, die üblichen Schnittimpfungen durch Schluckimpfungen gegen Pocken zu ersetzen, um »allen Kindern die Angst und den Schmerz«447 zu ersparen. 443 Vgl. Aumiller. 444 Zit. n. ebd., S. 88. 445 FAZ, Es schmeckt wie Zucker, 16.05.1962. 446 StAM, Gesundheitsämter/5690, Stickl, Vortrag vor Medizinalbeamten Oberbayerns, 1972. 447 BAK, B 189/14106, Schreiben einer Husumerin an Käte Strobel, 07.12.1971.

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Bei den Pocken waren Schmerzen und Narben ein heikles Thema. Kosmetische Gesichtspunkte, die bereits in der Weimarer Republik diskutiert worden waren, spielten seit den 1950er Jahren eine große Rolle. Nach wie vor teilten sich die Deutschen im Streit um die Impfnarbe in zwei Lager. Auf der einen Seite standen viele Eltern mit ihren Sorgen um ein »verunzieren«448 des Kinderkörpers, wie die »Welt« 1954 beobachtete. »Die Mütter«, so konkretisierte die »Illustrierte Woche« diese Klage, »graulen sich vor den Impfnarben, die an den Armen der Töchter zurückbleiben, obwohl man heute ebensogut impfen könnte, wie es die inzwischen veränderte Frauenmode erfordert.«449 Auf der anderen Seite standen viele Medizinalbeamte, denen die Narbe nach wie vor als sicherster Impfnachweis galt. Während sich dieses Kontrollbedürfnis lange Zeit aus Sorgen um den »Volkskörper« gespeist hatte, entsprach es in den 1960er und 1970er Jahren vielmehr Sorgen vor Impfschäden. Schließlich hatten Studien gezeigt, dass ungeimpfte Kinder bei einer vermeintlichen Auffrischungsimpfung relativ häufig mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatten. Für die Erstimpfung war nach Ansicht des BGA daher »nur ein narbenerzeugendes Impfverfahren geeignet. Anläßlich einer späteren Wiederimpfung erbringt die Impfnarbe den Nachweis, daß der Impfling immunologisch ein Wiederimpfling ist.«450 Es spricht für den wachsenden Einfluss von Elternbedürfnissen auf die Impfpraxis, dass seit den 1950er Jahren »kosmetische Gründe […], besonders bei Mädchen« an Gewicht gewannen, wie Rudolf Wohlrab in seiner Praxisanleitung des Impfens betonte. Seit den späten 1950er Jahren kamen vereinzelt Mehrfachpunktimpfungen zum Einsatz, die zwei Vorteile boten: Erstens bemerkten Kinder »den Eingriff kaum, sie schreien seltener und machen kaum Abwehrbewegungen.« Zweitens hinterließ dieses Verfahren nur eine kleine Narbe. Das war nicht nur »kosmetisch vorteilhaft«, sondern erhöhte zugleich den Zuspruch der Eltern, wie Wohlrab beobachtete.451 Wie sehr Elternängste und Kindeswohl an Bedeutung gewannen, unterstreichen weitere Versuche mit Punktierungsverfahren in den 1970er Jahren. Mit dieser Technik traten nicht einmal mehr Impfreaktionen auf, so dass Eltern »der Impfung ihrer Kinder nicht mehr mit Angst entgegen sehen müssen«.452 Im internationalen Vergleich hinkte die Bundes­ republik mit solchen Erleichterungen indes um Jahre hinterher, war in den USA und in Großbritannien diese »painless« Methode bereits seit den 1930er und 1940er Jahren üblich, wie britische Besatzungsbehörden wissen ließen.453 Als spürbare Erleichterung im eigentlichen Wortsinne wurde Mitte der 1960er Jahre die »Impfpistole« bzw. »Jet-Impfung« gefeiert. Sie kam in Gesundheitsäm­ tern bei der Pockenschutzimpfung und in Großbetrieben bei der Grippeschutz448 BAK, B 142/45, Ausschnitt aus Welt, Wo soll man Kinder impfen?, 26.01.1954. 449 BAK, B 142/63, Ausschnitt aus Illustrierte Woche [Heribert v. Koerber], Soll mein Kind geimpft werden? Neuer Streit um die Pockenschutzimpfung, o. D. [1952]. 450 Anders, Zur Durchführung, S. 2 f. 451 Alle Zitate Wohlrab, S. 181 f. 452 StAM, Gesundheitsämter/5690, Stickl, Vortrag vor Medizinalbeamten Oberbayerns, 1972. 453 BAK, B 142/44, Schreiben Public Health Adviser’s Office Salzuflen, 28.04.1951.

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impfung zum Einsatz. »Keine Tränen mehr, sondern ein Lächeln«, versprachen Zeitungen ihren Lesern bei Einführung der Impfpistole.454 Im »Stern« war dieses Lächeln sogar zu sehen. Hier kamen Werbefotos der Behringwerke zum Einsatz, mit denen die schmerzlose Praxis der Impfpistole ein freundliches Gesicht erhielt: Zu sehen war Walter Hennessen, Mitarbeiter der Behringwerke, der seine strahlenden Kinder per Impfpistole immunisierte.455 In der Bild-Zeitung schaffte es die Impftechnik mit der Überschrift »Die Grippe wird weggeschossen. Schnell und schmerzlos« sogar auf die Titelseite.456 Die FAZ wiederum sprach davon, »sich ›im Vorübergehen‹ impfen zu lassen« und beruhigte ihre Leser nach einem Selbstversuch, dass man »kaum etwas« spüre.457 Wegen des großen Zuspruchs kam die Impfpistole wenig später gegen Tetanus zum Einsatz und löste bei Impfaktionen des ADAC einen »unerwarteten Ansturm« aus.458 Warum wurde trotzdem sehr viel mehr gespritzt als geschossen oder geschluckt? Wieso kommen beide Techniken heute nicht mehr zum Einsatz, wenn Zuckerwürfel und Pistole den Deutschen doch Ängste vor dem Impfen nahmen? Tatsächlich warf die Polio-Schluckimpfung bereits bei ihrer Einführung Bedenken auf. Schließlich konnte die Verwendung oraler Lebendimpfstoffe häufiger zu Nebenwirkungen und zur passiven Infektion Nichtgeimpfter führen als TotImpfstoffe, die gemeinhin gespritzt werden.459 Die Impfpistole wiederum verlor aus hygienischen Gründen seit den späten 1970er Jahren an Zuspruch. Seit 1985 wurde sie im Angesicht der AIDS-Angst vom BGA nicht mehr empfohlen.460 Vor allem aber hatten Impfpistole und Schluckimpfung den Nachteil, dass sie nur für einzelne Impfungen angewendet werden konnte. Schluckimpfungen ließen sich schwer mit anderen Impfungen kombinieren, so dass andere Impf­ programme teilweise um Wochen und Monate verschoben werden mussten. Das entscheidende Argument für ein Beibehalten des Spritzens war daher eine andere Innovation: die Weiterentwicklung von Mehrfachimpfstoffen. Sie reduzierten die Zahl der Impftermine erheblich und stellten zugleich sicher, dass sich die Deutschen nicht nur gegen einzelne »Skandalkrankheiten« impften, sondern systematisch immunisiert wurden.461 Schon im Nationalsozialismus hatten Experten Kombinationsimpfstoffe gepriesen, weil Eltern für mehrere Impfungen gegen unterschiedliche Krankheiten schwer zu gewinnen waren. Auch die lei454 Vgl. u. a. Lübecker Nachrichten, »Pistolenschüsse« gegen Grippeviren, 27.01.1966; Fuldaer Volkszeitung, 30.10.1965; FR, Mit der ›Impf-Pistole‹ gegen die Grippe, 27.10.1965 sowie weitere Zeitungsartikel in BAM/2325. 455 BAM/2325, Ausschnitt aus Stern, Ein Schuß – und keine Grippe mehr, 28.11.1965. 456 Bild-Zeitung, Die Grippe wird weggeschossen, 27.10.1965. 457 FAZ, Der Schuß gegen die Grippe, 27.10.1965. Vgl. weitere Pressemeldung in BAM/2325, Hoechst AG, Pressekonferenz »Die Impfpistole und ihre Anwendung«, 26.10.1965. 458 Beide Zitate in BAM/1572, Zeitungsausschnitt [ohne Angabe], Mit der Pistole gegen Bazillen, o. Dt. [1967]. 459 Lindner, Gesundheitspolitik, S. 236–252. 460 Spiegel, Schmaler Grat, 09.09.1985. 461 Vgl. Spiess, Schutzimpfungen, bes. S. 116–118.

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dige Frage der Wechselwirkung zwischen unterschiedlichen Impfstoffen machte es mitunter unmöglich, »die Impftermine im Jahresablauf unterzubringen«.462 Der hessische Obermedizinalrat Krey sprach gar von einem »Dilemma«, dass ausgerechnet die Ausweitung des Angebots eine Immunisierung in der Praxis erschwerte. Demnach stiegen mit neuen »Immunisierungsmöglichkeiten die organisatorisch-technischen Schwierigkeiten, diese verschiedenen Impfungen dem gleichen Impfling noch zeitgerecht zugute kommen zu lassen – nicht zu reden von der zeitraubenden Arbeitsbelastung der beteiligten Impforgane.«463 Mehrfachimpfungen wiesen einen Weg aus diesem Dilemma. Sie eröffneten, wie das RKI bereits 1952 prognostizierte, »einen Mittelweg zwischen der epidemiologischen Forderung nach einer Vielzahl von Injektionen und Antigenen und der Zumutbarkeit für Kind und Ärzte. So warnte Richard Haas 1954 nur halb im Scherz, dass die Kindheit dank zunehmender Impfungen »›von Nadelstichen‹ überschattet und das Kind zu einem ›Nadelkissen‹« werde.464 Nicht zufällig häuften sich in dieser Zeit Werbebroschüren, die Mehrfachimpfungen zum Bedürfnis von Ärzten erklärten: »Jeder Arzt«, so war es von der Hoechst AG 1960 zu lesen, »wünscht sich […] größtmöglichen Impfschutz, aber nur wenige Impfungen«.465 Den Anfang machte die Dreifachimpfung gegen Diphtherie, Scharlach und Tetanus, die bereits im Nationalsozialismus erprobt worden war, allerdings erst Anfang der 1950er Jahre in einigen Bundesländern systematisch zum Einsatz kam.466 Der Dreifachimpfung folgten Vier- und Fünffachimpfstoffe »Quatro-« und »Quinto-Virelon« der Behringwerke in den 1960er Jahren, die in der Presse als großer Schritt zu einer Individualisierung gefeiert wurden, sei doch der »Impfplan wieder einmal verkleinert worden.«467 Die ARD sprach vom Fünffachimpfstoff der Behringwerke gar als »Geschenk«.468 In der Tat waren Mehrfachimpfungen ein Geschenk für alle Beteiligten. Während Eltern und Ärzte sich zahlreiche Impftermine sparten, gewannen staatliche Akteure neue Gestaltungsspielräume. Schließlich erlaubten Mehrfachimpfungen eine individuelle Impfplanung, die zugleich umso besser den »Herdenschutz« sicherte. Massenimpfungen gehörten dank Mehrfachimpfstoffen der Vergangenheit an, ließen sich Impfungen nun doch in Vorsorgeuntersuchungen quasi en passant erledigen. Die Verbindung von Untersuchungen und Impfungen versprach zudem Impftermine, die sich am Entwicklungsstand des Kindes orientierten. Mehrfachimpfungen waren damit der Schlüssel für eine Individualisierung, die das Fortbestehen des »Vorsorgestaats« garantierte. 462 BAK, B 189/14102, Schreiben Bayer. Staatsmin. d. Innern, 02.09.1954. 463 BAK, B 189/14102, Krey, Moderne Mehrfachimpfung (Di./Pert./Tet.) 1952 in Hessen. 464 Haas, Über den Entwicklungsstand, S. 430. 465 BAK, B 189/14102, Werbe-Brief der Hoechst AG, September 1960. 466 BAK, B 189/14102, Krey, Moderne Mehrfachimpfung (Di./Pert./Tet.) 1952 in Hessen. 467 FR, Fünffach-Impfstoff entwickelt, 01.04.1967; Zeit [Helmut Grünewald], Impfstoff ohne Ballast, 14.04.1967. Vgl. auch Spiegel, Masern-Impfstoff. Stamm 1677, 05.09.1966; BAM/1573, Manuskripte Rundfunksendungen HR, SWR, Deutsche Welle, 03.–04.04.1967. 468 BAM/1573, Mitschrift der Sendung der ARD, 07.04.1967.

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4.5.2 Impfkalender und Idealbiografien Impfkalender waren Voraussetzung und Folge einer individuellen Impfplanung. Seit den späten 1950er Jahren verbreiteten sich in den Bundesländern entsprechende Tabellen, die einzelnen Lebensabschnitten Impfungen zuordneten. Impfkalender zielten auf dreierlei: Sie vereinfachten erstens die Impfpraxis. Schließlich regelten Impfkalender die Reihenfolge unterschiedlicher Impfprogramme und damit Zuständigkeiten von Kinderärzten oder Schulen. Zweitens gaben Impfkalender ein Sicherheitsversprechen. Sie räumten Sorgen von Eltern und Ärzten über die Kombination verschiedener Impfstoffe aus und verliehen dem Impfalltag Regeln und Routine. Und drittens entwarfen Impfkalender eine Idealbiografie des immunisierten Bundesbürgers. Mit ihrer Stufenlogik konstruierten sie ein Entwicklungsschema vom Säugling bis zum Erwachsenen. Blickt man auf die Genese solcher Schemata, könnte man Impfkalender leicht als Instrument der Normierung verstehen. Schließlich vereinfachten sie die Vergleichbarkeit beträchtlich. In Vorsorge-Untersuchungen ebenso wie in Gesprächen zwischen Eltern avancierten Impfkalender zum Orientierungspunkt für den »normalen« Impfstatus. Gleichwohl eröffneten Impfkalender neue Spielräume. Nicht mehr der festgesetzte öffentliche Impftermin, sondern das Alter des Impflings und der passende Zeitpunkt waren entscheidend. Während noch in den 1960er Jahren der richtige Abstand zwischen Pocken-, Diphtherie- und Polioschutzimpfung Medizinalbeamten Kopfzerbrechen bei der Planung von Massenimpfterminen bereitet hatte, erlaubten Impfkalender eine individuelle Zeitplanung. Richard Haas brachte diese Serviceorientierung des ersten Impfkalenders der STIKO auf den Punkt, sollte dieser doch »möglichst einfach sein und sich […] von Perfektionismus frei halten«, um bei den »Terminen genügend Spielraum [zu] lassen«.469 Impfkalender sollten Immunität demnach »im Bewußtsein der Bevölkerung fest verankern«, anstatt diese zum Schauplatz »kleinlichen Gelehrtenstreits« zu machen.470 Nach Ansicht der STIKO entsprachen Impfkalender damit einem »Trend von ungezielten Massenimpfungen weg zu Impfungen von Risikogruppen im weitesten Sinne (Altersklassen, Geschlecht, Expositionsgefährdete, Berufsgruppen) nach dem Motto: so viel impfen wie­ nötig, so wenig impfen wie möglich.«471 Seit den 1980er Jahren kursierten in Fachzeitschriften und Gesundheitsämtern, in Apotheken und Medien wie der Zeitschrift »Eltern« Impfpläne, die auf individuelle Befindlichkeiten eingingen. »Machen Sie aus dem offiziellen Impfplan Ihren ganz persönlichen«,472 empfahl 1987 die »Aktion Sorgenkind« in einer Broschüre zum »Internationalen Jahr des Impfens« allen Eltern – und druckte einen Impfkalender zum Selbstausfüllen gleich mit ab. 469 Haas, Impfungen, S. 265. 470 Ebd., S. 265, 268. 471 Impfkalender, in: BGesBl. 19, Nr. 17 (20.08.1976), S. 270–273, hier S. 271. 472 Aktion Sorgenkind. Für die Überlassung der Broschüre danke ich Markus Evers.

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Aus diesen Gründen interpretierten einige Experten die Einführung von Impfkalendern gar als Abschied vom »Herdenschutz«-Konzept. Nicht mehr die »Durchimpfung« der gesamten Gesellschaft, sondern zielgerichtete Vorsorge vor spezifischen Infektionsrisiken sozialer Gruppen bestimmte die Praxis seit den 1980er Jahren, wie Hans-Joachim Weise vom BGA 1984 konstatierte. Demnach »läuft die Entwicklung immer mehr in Richtung auf Impfungen von Risikogruppen, die sich auf die Alters- und Berufsgruppe, das Geschlecht, soziale Indikation usw. beziehen.«473 Neben einer Individualisierung des Impfens erlaubte dieser Fokus auf Risikogruppen freilich noch etwas anderes: Stigmatisierungen. Als »Risikogruppen« galten ja nicht nur Krankenhauspersonal, Frauen oder Rentner. Bei Impfungen wie der gegen Hepatitis B oder Tuberkulose stand eben auch das Gesundheitsverhalten von Homosexuellen, Prostituierten und Drogenabhängigen im Fokus.474 4.5.3 Vom Gesundheitsamt in die Arztpraxis: Räume Trotz aller Trends zur Individualisierung blieben viele Impfungen bis in die 1970er Jahre öffentliche Massenimpfungen. Das hing vor allem mit der zentralen Stellung der Gesundheitsämter als Agenturen der Vorsorge zusammen. Darüber hinaus boten Massenimpfungen aus Sicht von Experten weitere Vorteile. Sie erlaubten dank großer Verpackungseinheiten eine ökonomische Verwendung des Impfstoffes, außerdem schien eine Kontrolle der »Durchimpfung« der Bevölkerung einfacher als in Einzelimpfungen.475 Und nicht zuletzt wirkten Erfolge freiwilliger Massenimpfungen des »Dritten Reichs« nach. Schon ­deshalb blieb die Durchführung der Impftermine in der Bundesrepublik dieselbe wie in der NS-Zeit. Selbstverständlich mussten Impfärzte nun ohne die NSV auskommen. Ansonsten glichen sich die Akteure und Abläufe bis aufs Haar. Nach wie vor wurden Ankündigungen für Massenimpftermine von Journalisten und Lehrern, in Schulen, Ämtern, Bäckereien und Bibliotheken unters Volk gebracht. Während der Impfung selbst standen dem Impfarzt wie in den 1930er Jahren das Rote Kreuz und Lehrer zur Seite, während die Polizei auch in den 1960er Jahren mit »Lautsprecherwagen« auf Impftermine hinwies.476 Weniger diese Praxis von Massenimpfungen als die Masse der Impflinge sorgte sukzessive für Schwierigkeiten. So verkündete Krey vom hessischen Innenministerium Mitte der 1950er Jahre, dass eine »Auflockerung bisheriger Massenimpfung« und ein Ausbau individueller »Impfsprechstunden« zeit­ gemäß seien. In einem Feldversuch in Gießen seien im Jahr 1954 Zweidrittel aller Pocken-Erstimpflinge in einzelnen Sprechstunden der Gesundheitsämter 473 Weise, Über die Tätigkeit, S. 124. 474 Vgl. Jilg, S. 596. 475 BAK, B 189/14117, Vermerk BMJFG, 15.04.1965. 476 Vgl. StAM, Gesundheitsämter/5825, Bericht des GA Schrobenhausen, 11.04.1963.

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»erfasst« worden.477 Dass diese Praxis lange Zeit eine Ausnahme von der Regel darstellte, legt die Statistik nahe. Noch Mitte der 1960er Jahre wurden bundesweit ca. zehn Prozent aller Pockenschutzimpfungen individuell durchgeführt.478 Dort, wo keine Einzeltermine möglich seien, sollten nach Ansicht des hessischen Innenministeriums zumindest maximal 40 bis 60 Kinder pro Stunde geimpft werden.479 Bei dieser Frequenz lässt sich zwar kaum von einer Individualisierung sprechen. Sie war dennoch ein Fortschritt gegenüber den mehr als hundert Impflingen, die bislang in Massenimpfungen jede Stunde zusammenkamen. Dass Kritik an der Massenimpfung besonders oft von Kinderärzten zu hören war, mag auch deren Eigeninteresse geschuldet gewesen sein. Sie war aber auch eine Reaktion auf die unhygienische »Massenabfertigung«, die Frankfurter Ärzte 1958 kritisierten.480 Aus diesem Grund wurden Massenimpfungen gegen Pocken seit Mitte der 1950er Jahre von mehreren Impfärzten systematisch unterlaufen. Die Häufung von Gerichtsverfahren und die »nach dem Krieg erheblich gewachsene Kritiksucht der Bevölkerung« erhöhten nach Ansicht des Leiters des Gießener Gesundheitsamts das eigenmächtige Verhalten vieler Ärzte.481 Mit einem Großteil der Rückstellungen von der Pockenimpfpflicht reagierten Ärzte demnach auf Probleme der Praxis, da »bei gewissenhafter Durchführung des Impfgesetzes Massenimpfungen nicht mehr möglich«482 seien. Eine Erleichterung sollte seit den 1950er Jahren das Hinzuziehen eines zweiten Arztes bringen. Von nun an standen Kinderärzte den Impfärzten für Befragungen der Eltern und für Entscheidungen zur »Impffähigkeit« zur Seite. Dass Impfärzte von dieser Unterstützung als »spürbare Entlastung, […] auch in Bezug auf die Verantwortung«483 sprachen, deutet darauf hin, dass Massenimpfungen nicht nur unter Eltern, sondern ebenso unter Ärzten als Zumutung galten. Anfang der 1960er Jahren forderte die DVK zur Erleichterung von Massenimpfungen gegen Polio gar einen Rollentausch zwischen Kindern und Ärzten. Fortan sollten nicht mehr die Kinder zur Impfung, sondern der Arzt den Kindern »mit der Impfung ›nachlaufen‹, d. h. dort wo die Menschen in einer Gemeinschaft zusammengefasst sind, muss die Impfaktion stattfinden, also in Schulen, Berufsschulen, Kindergärten, Kinderhorten, Kindertagesstätten, in Fabriken, Behörden, Großbetrieben u. ä.«484 In einigen Großstädten machten sich seither »mobile Impfteams« auf den Weg. In Frankfurt am Main führten im Jahr 1963 14 Impfteams insgesamt 131 Impftermine an 42 verschiedenen Orten durch, wie die FAZ berichtete.485 477 Alle Zitate BAK, B 189/14111, Vortrag Krey Pockenimpfung Hessen, 19.04.1955. 478 Meier, S. 4. 479 StAF, Ordnungsamt/286, Rundschreiben Hess. Min. d. Innern, 08.04.1954. 480 FNP, Die Pockenschutzimpfung und die Ärzte, 20.09.1958. 481 BAK, B 142/43, Bericht über Hessische Impfärztetagung, 21.01.1954. 482 Ebd. 483 BAK, B 142/46, Protokoll Kommission für Pockenschutzimpfung, 05.–06.11.1954. 484 StAOL, Rep 630, 242-4/5 I, Merkblatt der DVK zur Schluckimpfung, 1962. 485 FAZ, Im Kampf gegen die Kinderlähmung, 10.04.1964.

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Richtig privat wurde die Praxis in den 1970er Jahren: Mit der Übernahme von Impfungen durch Krankenkassen verabschiedete sich der öffentliche Gesundheitsdienst zunehmend aus dem Impfgeschäft. Für Impftermine reichte fortan ein Besuch in der Arztpraxis, so dass Gesundheitsämter, Impflokale oder Schulen als Orte der Immunisierung verschwanden.486 Die räumliche Verlagerung der Impfpraxis befriedigte Bedürfnisse von Eltern wohl ebenso wie finanzielle Bedürfnisse von Gesundheitspolitikern »nach dem Boom«, die den Rückzug des öffentlichen Gesundheitsdienstes einläuteten. In den 1970er Jahren verschwand die Bevölkerung als Interventionsfeld also in den Arztpraxen. Damit verblassten die Konturen des »Volkskörpers«, die bislang in Impfschlangen vor den Gesundheitsämtern zu sehen gewesen waren. Zugleich verschwindet damit auch die Praxis aus dem Blick des Historikers. Während die Überlieferung von Behörden zu öffentlichen Massenimpfungen Einblicke in die Immunisierung der Deutschen bis in die 1970er Jahre eröffnet, fehlen entsprechende Quellen aus den Praxen der Ärzte. 4.5.4 Vom Verschwinden der Impfpflicht in der Praxis Strafen und Disziplinierung waren noch Anfang der 1960er Jahre in vielen Bundesländern im Kampf gegen die Pocken gefragt. So wies in Hamburg die Bekanntmachung zur Pockenschutzimpfung 1963 darauf hin, dass impfunwillige Eltern »nach dem Reichsimpfgesetz vom 8. April 1874 bestraft werden«.487 Einzelfälle solcher Bestrafungen wurden in den Medien gern ausgeschlachtet. So begleitete die »Illustrierte Woche« beispielsweise eine Impfgegnerin auf ihrem Weg aus der Strafanstalt: »Jubelnd aus dem Gefängnis kommt hier Frau­ Alpermann: sie erhielt vier Tage Haft, weil sie die Geldstrafe nicht zahlen wollte. Frau Alpermann weigerte sich, […] ihr zweites Kind impfen zu lassen. Mit dem Stolz der Märtyrerin hofft sie, das Fanal für den Kampf der Impfgegner gegeben zu haben.«488 Trotz solch spektakulärer Einzelfälle deutet die Statistik eher auf eine Fortsetzung des Trends aus der NS-Zeit. Während Impfärzte Anfang der 1950er Jahre ca. zehn Prozent aller Erstimpflinge von der Impfpflicht befreiten, wurden weitere 20 Prozent »vorschriftswidrig« bzw. »aus unbekannten Gründen« der Impfung entzogen. Letztlich konnten damit nur zwischen 60 und 74 Prozent aller Erstimpflinge gegen Pocken immunisiert werden.489 Solche Zahlen 486 Haas, Impfungen, S. 268. 487 StAHH, 361-2 VI/2764, Bekanntmachung über Pockenschutzimpfung, 1963. 488 BAK, B 142/63, Ausschnitt Illustrierte Woche [Heribert v. Koerber], Soll mein Kind geimpft werden? Neuer Streit um die Pockenschutzimpfung, o. D. [1952]. 489 BAK, B 189/14111, Medizinalstatistik des BGA, 05.02.1953. Das BGA ging Ende der 1950er Jahre von noch niedrigeren Quoten aus, vgl. BAK, B 189/14107, Gutachten Impfgesetz [1957], S. 37 f.

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interpretierte Franz Klose als Beleg, dass Ärzte den Bedürfnissen der Bevölke­ rung weit entgegen kämen und »eine zunehmend ablehnende Haltung gegenüber der Pockenschutzimpfung«490 einnähmen. Positiver formulierte den Trend ein hessischer Medizinalbeamter. Demnach zeige »der hohe Anteil ›Zurückgestellter‹ […] wie verantwortungsbewusst, ja vielfach ›behutsam‹« Impfärzte »die individuelle Impfentscheidung treffen«.491 Tatsächlich waren hessische Impfärzte Anfang der 1950er Jahre gebeten worden, Möglichkeiten zur Rückstellung »weitherzig auszulegen«.492 Weitherzigkeit machte sich in Hessen auch bei der Bestrafung von Impfentziehungen bemerkbar. Nach einem Erlass des Innenministers begegneten Ärzte der Impfverweigerung »weniger durch Strafanzeige, zeitgemäßer vielmehr durch möglichst intensive Aufklärung«.493 Begünstigt wurden Entziehungen von der Impfpflicht außerdem durch unterschiedliche Interessen von Gesundheitsämtern und Kommunalverwaltungen. In der Wesermarsch beklagte sich beispielsweise das Gesundheitsamt Brake beim Kreisamt 1949, dass dieses den »Impfzwang und die evtl. Bestrafung« nicht umsetze.494 Auch in Hessen gingen in den 1950er Jahren Klagen der Gesundheitsämter ein, dass Impftermine von Kreisen und Kommunen vergessen worden seien. Entrüstet nannte Ministerialdirektor Krey das abschreckende Beispiel eines Bürgermeisters, der das Impfen »– man höre – wegen ›Fußballländerspiels‹«495 vergessen habe. Dass das keine Einzelfälle waren, belegte Manger-Koenig Ende der 1950er Jahre mit der »erschütternd geringen Impfbeteiligung« gegen Pocken in Hessen, die zwischen 40 und 45 Prozent betrage.496 Erschütternde Zahlen präsentierte Rudolf Wohlrab auch für Nordrhein-Westfalen. Während in den 1950er Jahren insgesamt bereits weniger als die Hälfte aller Erstimpflinge gegen Pocken immunisiert worden seien, hätten in mehreren Städten sogar zwischen 70 und 87 Prozent der Einwohner die Impfung verweigert.497 In Köln seien 1957 ganze zwölf, in Bonn sogar nur acht Prozent aller Erstimpflinge gegen Pocken immunisiert worden.498 Dieser Trend setzte sich in den Folgejahren fort. So stellte Käte Strobel im Bundestag 1970 fest, dass »Unterschiede im Durchimpfungsgrad zwischen Stadt und Land« bestünden, wie der Fall Bayern illustriere: Hier seien in Großstädten 63 Prozent der Kinder, in ländlichen Regionen hingegen um die 80 Prozent geimpft worden.499 All diese Impfentziehungen stellten eigentlich einen Gesetzesverstoß dar. Trotzdem blieben strafrechtliche Verfolgungen die Ausnahme. Meldungen wie 490 Klose, S. 11–12. 491 Alle Zitate BAK, B 189/14111, Vortrag Krey, Pockenimpfung in Hessen, 19.04.1955. 492 StAF, Ordnungsamt/286, Rundschreiben Hess. Min. d. Innern, 16.03.1950. 493 StAF, Ordnungsamt/286, Rundschreiben Hess. Min. d. Innern, 20.04.1956. 494 StAOL, Rep 630, 242-4/741, Schreiben GA Wesermarsch an Kreisamt, 04.07.1949. 495 Alle Zitate BAK, B 189/14111, Vortrag Krey, Pockenimpfung in Hessen, 19.04.1955. 496 BAK, B 189/14107, Protokoll der AGLMB, 26./27.06.1958, S. 32. 497 Wohlrab, S. 199. 498 BAK, B 189/14107, Protokoll AGLMB, 26./27.06.1958, S. 33. Vgl. auch BAK, B 142/45. 499 Deutscher Bundestag, 6. WP., DS VI/805, Antwort des BMJFG, S. 1.

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jene des »Bonner Generalanzeigers«, der im Mai 1962 die Bestrafung von 1.200 impfskeptischen Eltern mit Geldbußen verkündeten, dürften Einzelfälle und dem Ansinnen der Gesundheitsämter geschuldet gewesen sein, der »großen Impfmüdigkeit« entgegenzutreten, wie sie ein Dortmunder Medizinaldirektor in diesem Zeitungsartikel zu Papier brachte.500 Ansonsten hielt sich das­ Interesse der Gesundheitsämter an strafrechtlichen Verfolgungen in Grenzen. Schließlich hätten Sanktionen zunehmender Impfentziehungen die Arbeitsbelastung schlagartig in die Höhe getrieben. Selbst Gesundheitsämter wie jenes in der Wesermarsch, das sich bei der Erfüllung der Impftermine gegenüber der Kreisverwaltung so unnachgiebig gab, verzichteten auf eine Verfolgung der Impfpflicht, wie die Zahlen belegen: Im Jahr 1964 blieben in der Wesermarsch von 2.553 impfpflichtigen Kindern 556 – und damit immerhin 22 Prozent – ungeimpft. Bemerkenswerterweise findet sich im Bericht in der Spalte für »der Impfung vorschriftswidrig entzogene Kinder«  – die eine strafrechtliche Verfolgung zu befürchten gehabt hätten  – kein einziger Eintrag, während in der Spalte der »nicht auffindbaren oder aus anderen Gründen nicht geimpften Kinder« immerhin 207 Einträge vermerkt wurden.501 Dieser Pragmatismus war seit den 1960er Jahren offenbar gängig. Auf einer Tagung von 1971 kamen die Gesundheitsminister der Länder einmütig zu der Feststellung, »daß in den Bundesländern seit Jahren keine Strafanzeige gegen Impfverweigerer gestellt worden ist.«502 Deutlich wird ein Abschied von der Impfpflicht auch am veränderten setting seit den späten 1960er Jahren. Während Eltern in ihren Briefkästen bislang »Aufforderungen« zur Pockenimpfung vorgefunden hatten, lasen sie nun immer häufiger von einer »Einladung«. Auf diesen Einladungen waren jene Hinweise auf eine polizeiliche Verfolgung der Impfentziehung verschwunden, die bislang in den »Aufforderungen« fettgedruckt gestanden hatten.503 Vom Zwang zum Appell waren es also nur wenige Worte. Und doch hatte die semantische Abrüstung konkrete soziale Folgen. Pockenimpfungen galten nicht mehr allein als Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten, sondern als Gelegenheit, den individuellen Schutz gegen globale Bedrohungen zu erhöhen. Dass dieser Appell angesichts mehrerer Pockeneinschleppungen seit den 1960er Jahren an Überzeugungskraft gewann, dürfte den alltäglichen Abschied von der Impfpflicht erheblich erleichtert haben.

500 Generalanzeiger, 1.200 Impfgegner bestraft, 01.05.1962. 501 StAOL, Rep 630, 242-4/798, Bericht GA Wesermarsch Pockenschutzimpfung, 15.12.1964. 502 BAK, B 189/14102, Protokoll AGLMB, 19./20.01.1971. 503 Vgl. die Abdrucke von Muster-»Einladungen« bei Anders, Zur Durchführung, S. 17–24.

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4.5.5 Impfkritik als Selbstbildung mündiger Staatsbürger Mündigkeit avancierte in den 1960er Jahren zu einem Schlüsselbegriff für die Aushandlung persönlicher Freiheitsrechte und die Verhältnismäßigkeit staatlicher Interventionen. Selbst Eltern, die das Impfen an sich befürworteten, meldeten sich gegen staatliche Zwangsmaßnahmen zu Wort, um für Persönlichkeitsrechte zu streiten. Deutlich wird diese Haltung etwa in der Entrüstung, mit der eine Hamburgerin Anfang der 1960er Jahre an das Bundesinnenministerium schrieb: »Bevor man sich zu einer Impfung entschließt, muß man sich über das Für und Wider im Klaren sein […]. Man läßt sich doch nicht einfach impfen, nur weil irgendeine Behörde sagt ›Tue das‹.«504 Vereinzelt waren solche Einwände schon in Weimar zu hören gewesen. In der Bundesrepublik ernteten sie indes ein lautes Echo, weil sich die Deutschen nun auf verbriefte Grundrechte berufen konnten. Dass die Diskussion um den Impfzwang selbst das Bundesverfassungsgericht beschäftigte, bietet dafür einen Beleg. Ein Beispiel für diese Aufladung des Impfens gibt der Fall des Lehrers Erich Frohmer aus Hamburg. Ende April 1960 lud der Klassenlehrer der AlbertSchweitzer-Grundschule zu einem Elternabend ein, um »über die möglichen Folgen« der  – wohlgemerkt freiwilligen  – Polio-Impfung zu informieren, die wenige Tage später unter den Erstklässlern durchgeführt werden sollte. Zum Anlass für diesen Informationsabend nahm Frohmer die »hohe Zahl der Einwilligungen« der Eltern.505 Als die Hamburger Gesundheitsbehörde von der Veranstaltung Wind bekam, schlug sie Alarm und schickte die Schulärztin und einen Amtsarzt. Beide boten den impfskeptischen Positionen des Lehrers und denen einiger Eltern offensiv Paroli, so dass die Wogen hochschlugen, wie Landesschulrat Matthewes berichtete: Der Elternabend sei »recht unerquicklich verlaufen«, wozu »leider […] auch das wenig glückliche Auftreten der Schulärztin und des Amtsarztes beigetragen«506 habe. Der »wenig glückliche« Verlauf sorgte für klare Frontstellungen. Auf der einen Seite standen Gesundheits- und Schulbehörde, die dem Lehrer eine Verletzung seiner »Gehorsamspflicht« vorwarfen.507 »In einem Staatsleben, so freiheitlich es auch aufgebaut sein möge«, durfte demnach »nicht der anarchische Zustand eintreten […], daß das, was die eine Behörde empfiehlt […], von Vertretern der anderen Behörde in Zweifel gestellt wird.«508 Auf der anderen Seite standen der Lehrer und mehrere Eltern, die sich gegen eine staatliche Bevormundung wehrten.509 Es spricht für die Aufladung der Impffrage, dass selbst Eltern für den Lehrer Partei ergriffen, die keinerlei Bedenken gegen das Impfen teilten.510 Entrüstet schrieb etwa 504 BAK, B 142/1897, Schreiben einer Hamburgerin an BMI, 19.11.1961. 505 StAHH, 361-2 VI/1312, Rundbrief Lehrer Frohmer zum Elternabend, 23.04.1960. 506 StAHH, 361-2 VI/1312, Schreiben Landesschulrat Matthewes, 12.08.1960. 507 StAHH, 361-2 VI/1312, Schreiben Schulsenator Landahl, Anfang Juni 1960. 508 StAHH, 361-2 VI/1312, Schreiben Landesschulrat Matthewes, 12.08.1960. 509 StAHH, 361-2 VI/1312, Protokoll vom Elternabend der Klasse 1, 25.04.1960. 510 Vgl. StAHH, 361-2 VI/1312, Schreiben Landesschulrat Matthewes, 12.08.1960.

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ein Vater von dem »peinlichen Verlauf« des Elternabends, auf dem der Lehrer »in unannehmbarer Weise« angegriffen und dessen Grundrecht auf freie Meinungsäußerung massiv beschnitten worden sei. Da die Eltern einen »Meinungsaustausch« gesucht hätten, wiege die behördliche Intervention umso schwerer, nicht zuletzt für jene Eltern, die »sich ein Gefühl für Menschenwürde und für freie unabhängige Meinungsbildung bewahrt haben«, wie der Vater sein Schreiben beendete: »Keine Verwaltungsbehörde hat das Recht, einen Bundesbürger mundtot zu machen.«511 Warum eskalierte die Debatte derart, obwohl es hier ja nicht einmal um die Impfpflicht, sondern um eine freiwillige Maßnahme, die Polioimpfung ging? An sich waren ethische Aufladungen in Impfdebatten nichts Neues. In der Bundesrepublik erweiterte der Bezug auf die Grundrechte allerdings die Durchschlagskraft der Impfkritik und damit den Adressatenkreis. Mehr denn je meldeten sich nun Eltern zu Wort, denen es weniger um das Impfen an sich als um die Mündigkeit des Staatsbürgers ging. Dass diese Aufladung noch an Brisanz gewann, zeigt eine ARD-Sendung »Pro und Contra« aus dem Jahr 1970. Anlässlich des Pockenausbruchs im Sauerland ging es in der Sendung vom 5. Februar um Pockenimpfungen. Dass diese den Deutschen unter den Nägeln brannte, unterstrich Moderator Emil Obermann gleich zu Beginn der Sendung. Angesichts des Interesses an der Impffrage sei sogar die Diskussion über die Oder-Neiße-Grenze verschoben worden. Und selbst die zeitgleich stattfindende »Weiberfastnacht« minderte Obermanns Ansicht nach nicht »das große Interesse, das unserem Thema entgegengebracht wird«.512 Dass im Laufe der Sendung zahllose Anrufer mit »Begeisterung« von einer »echten Diskussion« sprachen und die Sendezeit weit überzogen wurde, deutete Obermann ebenso als Beleg, dass die Impffrage den Nerv traf. Die Diskussionsrunde war daher hochrangig besetzt. Als Befürworter der Impfpflicht kamen der Staatssekretär im BMFSFJ, Ludwig von Manger-Koenig, der Direktor des Bonner Hygiene-Instituts, Horst Habs sowie Obermedizinalrat Bernhard Knoche zu Wort. Auf Seiten der Skeptiker meldeten sich die zwei bekanntesten Impfgegner, Medizinalrat Gerhard Buchwald und Herrmann Forschepiepe, sowie der Fernsehredakteur Hans J. Kocks zu Wort. Gerhard Buchwald hegte Zweifel nicht nur an der Impfpflicht, sondern am Nutzen des Impfens überhaupt. Er berichtete, dass er als Medizinalrat »begeisterter Impfanhänger« gewesen sei, bis das Leben seiner einjährigen Tochter durch einen Impfschaden »zerstört« worden sei. Forschepiepe griff dieses Schicksal dankbar auf, um die Impfpflicht im Allgemeinen zu kritisieren. Seiner Meinung nach sei es »für einen demokratischen Rechtstaat einfach untragbar […], den Bürger zu einer Maßnahme zu zwingen, die mit einem solchen Risiko verbunden ist.« Auch Kocks plädierte »für die Toleranz in unserem Staate, die er uns gegenüber, uns Bürgern gegenüber walten lassen muß.« Sein 511 StAHH 361-2 VI/1312, Schreiben eines Vaters an Schulleitung, [o. Dat.]. 512 BAK, B 208/1009, Mitschrift »Pro und Contra«, 05.02.1970, hier alle folgenden Zitate.

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Plädoyer für die Mündigkeit unterfütterte Kocks durch den Vergleich mit den Niederlanden und Großbritannien, um den Befürwortern der Impfpflicht anschließend eine Grundsatzfrage zu stellen: »kann man nur impfen, per Zwang rechtzeitig? Vertrauen Sie der Mehrheit nicht, das[s] sie das erkennt, wenn man gute Aufklärung betreibt?« Genau diese Frage war es, die das Impfen zum öffentlichen Aufreger machte: Die Frage nach der Mündigkeit des Staatsbürgers. Brisant erschien diese Frage 1970 wohl auch, weil die Impfpflicht mitunter als Ausdruck einer »autoritären« Politik gebrandmarkt wurde. In diesem Zusammenhang goss Habs in der Sendung mit seiner verunglückten Verteidigung der Impfpflicht noch Öl ins Feuer: »In allen Staaten, die autoritär regiert sind, ob faschistisch oder kommunistisch, sind die Pocken ausgerottet worden. Wir machen es uns so schwer mit dem libe­ ralen Staat, an dem wir hängen.« Aus dem Bundesministerium versuchte Staatssekretär von Manger-Koenig die Wogen zu glätten, indem er eine »Bürgermitverantwortung […] auf dem Gebiet der Gesundheitspflege« einräumte. Gleichwohl warnte er davor, »verfrüht Schutzwälle, die wir aufgebaut haben, jetzt abzureißen«. Für Kocks bot dieses Festhalten an der Impfpflicht Anlass für eine empörte Zwischenfrage: »Halten Sie den deutschen Bürger noch nicht für mündig genug, in Ihrem Bemühen Sie zu unterstützen?« Aufklärung, Mündigkeit und Mitbestimmung waren offenbar Schlagworte, die seit den 1960er Jahren im alltäglichen Impfdiskurs verfingen.513 Sie steckten den Rahmen ab, in dem sich das Subjekt des mündigen Staatsbürgers bildete. Weniger die Impfskepsis an sich war für diese Selbstbildung das entscheidende Attribut. Schließlich standen Impfungen ja durchaus für das »präventive« Selbst, das seinen Schutz in die eigene Hand nahm. Vielmehr war es die Skepsis vor staatlichen Interventionen, die einer »Neuen Subjektivität«514 des mündigen Staatsbürgers Konturen verlieh.

4.6 Zwischenfazit: Ambivalente Veralltäglichung In der zweiten Hälfte des 20.  Jahrhunderts kam das Impfen ganz im Alltag der Deutschen an. Immunität avancierte zu einer Art Grundausstattung, die zur »normalen« Entwicklung des Bundesbürgers dazu gehört. Diese Veralltäg­ lichung hatte mehrere Wurzeln. Zunächst einmal basierte sie auf einem erweiterten Angebot seit den 1960er Jahren. Neben die Pocken-, Diphtherie- und Tuberkuloseschutzimpfung traten Impfungen wie die gegen Polio, Scharlach, Keuchhusten, Tetanus, Masern und Grippe. Seit den 1970er und 1980er Jahren kamen außerdem Röteln- und Hepatitis- sowie Impfungen gegen Gebärmutterhalskrebs hinzu. Einerseits verwandelte dieses Angebot das Sicherheitsgefühl 513 Vgl. Welt, Der Fall Buchwald und die Folgen, 06.02.1970. 514 Vgl. Biess.

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der Deutschen. Die Normalität von Impfungen verbannte frühere »Volksseuchen« aus dem Erfahrungsraum. Andererseits erhöhte die Normalität des Impfens die Aufmerksamkeit für neue Bedrohungen und erweiterte den Horizont für gesundheitliche Folgen des Flugverkehrs, von Migrations- und Handelsströmen. Mit dieser Horizonterweiterung erhöhte sich der Bedarf an Sicherheitskonzepten, die auf globale Gefahren reagierten. Dass der Impfschutz fortan ins Reisegepäck gehöre, war seit der »Reisewelle« eine Botschaft, die wohl vielen Deutschen aus dem Herzen sprach. Dass nun selbst die unbeliebte Pockenschutzimpfung angesichts mehrerer Pockeneinschleppungen auf wachsende Akzeptanz stieß, in bedrohten Regionen sogar massiv eingefordert wurde, ist für diese Horizonterweiterung nur ein Beispiel. Eine Veralltäglichung von Immunität fußte zudem auf Transfer- und Verflechtungsprozessen seit den 1960er Jahren. Impfstoffe und Impfwissen wurden zum Gegenstand internationaler Beziehungen, insbesondere zwischen Westdeutschland und den USA, Frankreich und Großbritannien sowie im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation und eben nicht zuletzt: dank Beziehungen zur DDR. Diese Transfers gingen über bisherige Kooperationen auf internationaler Ebene hinaus. Mit Blick auf die NS-Zeit ist dieser Befund wenig erstaunlich. Doch selbst im Kaiserreich und in Weimar hatten Impfforscher nicht so intensiv mit internationalen Kollegen kooperiert. Transnationale joint ventures gewannen durch das Engagement der Pharmaindustrie noch an Fahrt. Langfristig gesehen waren die Erfolge transnationaler Verflechtungen für deutsche Pharmaunternehmen indes Pyrrhussiege, setzten globale Transferprozesse deutsche Unternehmen doch zunehmend unter Innovationsdruck. Als selbst die Behringwerke mit Innovationen aus dem Westen nicht mehr Schritt hielten, endeten zunächst deren Umsatzsteigerungen, schließlich sogar das Unternehmen selbst. Schon deshalb ist die Veralltäglichung von Immunität in der Bundes­ republik eine Folge globaler Verflechtungen: Impfungen sind heute nicht mehr das Produkt deutscher, sondern global agierender Unternehmen aus den USA, Großbritannien, Frankreich oder der Schweiz. Der »Vorsorgestaat« verwandelte sich seit den 1960er Jahren also ein weiteres Mal, wovon auch die Auseinandersetzungen über Eigenverantwortung und Mündigkeit künden. Dass heute nicht nur unzählige Beratungsbücher über Impfungen auf den Markt kommen und sogar die »Stiftung Warentest« ein ganzes Sonderheft über Impfungen herausgibt,515 spricht dafür, dass das »präventive Selbst« zu einer allgegenwärtigen Leitidee avanciert ist. Zwar fußten auch die Impfprogramme in der Bundesrepublik auf zwei Regierungstechniken, die bereits Michel Foucault für moderne Staaten beschrieben hat: Disziplin und Sicherheit.516 Und doch macht die historische Perspektive sichtbar, dass sich die bundesdeutsche Gesundheitspolitik nicht auf einfache Muster wie das einer sukzessiven Normierung oder das eines schleichenden 515 Theill. 516 Vgl. Foucault, Überwachen; Foucault, Geschichte der Gouvernementalität.

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Optimierungszwangs reduzieren lässt. Vielmehr machen Entwicklungen von den 1950er Jahren bis heute für jene Ambivalenzen sowohl bei der »Disziplinierung« als auch bei der »Sicherheit« aufmerksam, die Zygmunt Baumann als Signum der Moderne fasst:517 Auf der einen Seite steckten Gesundheitspolitiker, Medizinalbeamte und Ärzte mit Immunität die bundesdeutsche Bevölkerung als Interventionsfeld ab. Sie diagnostizierten Seuchenherde, Immunitätslücken, Impfmüdigkeit und damit riskantes, unsoziales, ja gefährliches Verhalten, um den »Herdenschutz« und die Immunitätsquote zu erhöhen. Solche Traditionen sprechen für Beharrungskräfte eines Bevölkerungskonzepts, die sich sowohl aus einem anhaltenden Misstrauen gegenüber dem Verhalten des Einzelnen als auch aus zeitgenössischer Planungseuphorie speisten.518 In diesem Sinne diente Immunität durchaus einer sozialen Disziplinierung und »Normalisierung«,519 die in der Bundesrepublik ihren Höhepunkt erreichte: Je größer das Angebot an Impfungen und je vielfältiger das Arsenal an Interventionsformen, desto mehr wurde Immunität zur sozialen Norm, die das soziale Verhalten des Einzelnen ebenso prägte wie dessen Wahrnehmung sozialer Verhältnisse. Nutzen und Nebenwirkungen von Impfungen wurden in der Familie und Nachbarschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis verhandelt. Auch deshalb waren Rufe zur Einführung einer Impfpflicht immer häufiger »von unten« zu hören. Daher wäre es zu einfach, Immunität als Disziplinierung im Sinne eines top-down-Prinzips zu verstehen. Vielmehr befriedigte Immunität ein Bedürfnis nach Sicherheit und Gesundheit und zwar nicht nur für sich, sondern ebenso für seine Familie. Der immunisierte Körper war keine output-orientierte Optimierungstechnik wie das fordistische Fließband oder die Frankfurter Küche, sondern ein Sicherheitsversprechen für jeden Einzelnen, der somit von sich aus den sozialen Druck erhöhte. Auf der anderen Seite zielte Sicherheit weniger denn je nur auf den »Volkskörper«, sondern immer mehr auf den individuellen Körper. An Immunität verhandelten die Bundesdeutschen den Schutz des Einzelnen vor staatlichen Interventionen, körperlichen Eingriffen und potenziellen Nebenwirkungen. Blickt man auf die Debatten der 1960er und 1970er Jahre, könnte man Disziplinierung also umgekehrt verstehen, als Disziplinierung des Vorsorgestaates. Seither zeigte Immunität staatlichen Akteuren die Grenzen ihrer Interventionskompetenz auf. Und mehr noch: diese Grenzen wurden zunehmend von staatlichen Akteuren selbst gezogen. Gesundheitspolitiker, Medizinalbeamte und Ärzte waren es, die von Zwangsmaßnahmen und Sanktionen Abstand nahmen. Befördert wurde diese Grenzziehung aus unterschiedlichen Gründen: vom Druck öffentlicher Debatten und von kritischen Nachfragen einzelner Bundesbürger, vom Generationswechsel unter den Akteuren oder von der Einsicht, dass Mündigkeit ein Verbündeter im Ringen um die immunisierte Gesellschaft sein 517 Baumann. 518 Zur Kontinuität des Planungsdenkens vgl. Laak. 519 Vgl. Link, S. 271–273.

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konnte. Für die Bundesrepublik lässt sich daher nicht nur ein Nebeneinander von liberalen und illiberalen Entwicklungen konstatieren, wie Forschungen um Ulrich Herbert nachgewiesen haben. Mehr noch bedingte das eine das andere. Sanktionen und Restriktionen, neue Formen sozialen Drucks und indirekter Zwang waren Voraussetzung und Folge zugleich für eine neue Mündigkeit, wie Marie Schenk gezeigt hat.520 Das Zusammenspiel von Disziplinierung und Liberalisierung war nicht zuletzt Folge eines Vorsorge-Dilemmas, dessen Ausmaße in der Bundesrepublik sichtbarer als je zuvor wurden. Je verbreiteter und erfolgreicher Impfungen waren, desto sicherer fühlten sich die Bundesbürger und desto eher sank das Bedürfnis nach Impfungen, was wiederum das Erkrankungsrisiko erhöhte und damit den staatlichen Rechtfertigungsdruck. Angstpolitik und sozialer Druck waren somit Begleiterscheinungen eines wachsenden Sicherheitsgefühls. Diesen Zusammenhang beobachteten im Übrigen schon Zeitgenossen am »Wandel der Bildmotive« zur Polioimpfung Mitte der 1960er Jahre: »Je größer die Impflücken wurden, desto ›brutaler‹ bedienten sich die Werbefachleute der gelähmten Pm-[Poliomyelitis-]Opfer als Werbeargument.«521 Nicht obwohl, sondern weil die Erkrankungszahlen an Kinderlähmung fielen, behielten sozialer Druck und Angstpolitik ihre Berechtigung. Insofern konnte sich das Bundesgesundheitsministerium über deutliche Erfolge der Polioschutzimpfung Mitte der 1960er Jahre nicht so recht freuen: »Leider zeigt die Beteiligung an kürzlich abgehaltenen Polio-Impfterminen, daß dort, wo eine Seuche durch Verhütungsund Bekämpfungsmaßnahmen auf ein Minimum zurückgeht, rasch die Furcht vor ihr und damit auch die Bereitschaft schwindet, etwas zur Abwehr zu tun.«522 Sicherheitsgefühle und Vergesslichkeit waren seit den späten 1960er Jahren ein Dauerbrenner in der Öffentlichkeit, wie es die FAZ auf den Punkt brachte: »Das rapide Absinken der Kinderlähmung nach der Einführung der Schluckimpfung in den sechziger Jahren hat in der Öffentlichkeit ein trügerisches Gefühl der Sicherheit hervorgerufen und zu einer allgemeinen Impfmüdigkeit geführt.«523 »Zunehmende Sorgen«524 bereiteten jetzt weniger die Seuchen, sondern die Sicherheitsgefühle der Deutschen.525 Seit den 1960er Jahren machte daher das geflügelte Wort von der »Impflücke«526 die Runde, wenn die Notwendigkeit von Impfprogrammen beschworen werden soll. Besonders drastisch formulierte das ein Aufruf der DVK 1970: »Infolge ungenügender Beteiligung an den Impfterminen in den letzten Jahren sind bereits gefährliche Impflücken entstanden«.527 In einigen Broschüren wurde das Verhalten der Deutschen ge520 Herbert, Wandlungsprozesse; Schenk, Behinderung – Genetik – Vorsorge. 521 Aumiller, S. 93. 522 BAK, B 189/14117, Internes Schreiben BMGes an Staatssekretär, 04.05.1965. 523 FAZ [Rainer Flöhl], Gefährliche Kinderlähmung, 09.10.1968. 524 BAK, B 189/14116, Interview der Ministerin mit »Göttinger Tageblatt«, 11.10.1973. 525 Vgl. etwa BAK, B 189/14117, Sitzung Gesundheitsexperten, 20.07.1969. 526 Vgl. u. a. BAK, B 189/14117, Merkblatt DVK Polio-Schluckimpfung, 1967/68. 527 BAK, B 189/14116, Deutsches Ärzteblatt, Schutzimpfung gegen Kinderlähmung, 1970.

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radezu pathologisiert. So machte die Hamburger Schulbehörde 1968 auf die besorgniserregende Entwicklung einer sich ausbreitenden Sorglosigkeit aufmerksam. »Akute Poliofälle traten kaum noch auf und ließen die Bevölkerung gegenüber dieser Krankheit gleichgültig werden; […] Gleichgültigkeit hat also dazu geführt, daß eine bereits als nahezu besiegt anzusehende Krankheit erneut aufflackert und ihre Opfer, vor allem unter Kindern, findet.«528 Je größer das Sicherheitsgefühl und je lauter Appelle an die Eigenverantwortung zu hören waren, desto intensiver mussten also Gefahren beschworen und in den Alltag übersetzt werden. Gerade weil sich der Sozialstaat als Sicherheitsagentur definierte,529 blieben Risiken, Bedrohungen und Ausnahmezustände Aktivposten im Dienste der Vorsorge. Angstpolitik und Sicherheit, Liberalisierung, Mündigkeit und sozialer Druck gingen beim Impfen Hand in Hand. Sie sind Ausdruck einer Ambivalenz auch der Postmoderne: Auf der einen Seite ist Sicherheit ein staatliches Versprechen und damit die Legitimationsgrundlage das Sozialstaats; auf der andere Seite sind Sicherheitsgefühle eine Bedrohung sowohl für die Sicherheit als auch für den Sozialstaat, da sie den Zuspruch für Gesundheitsmaßnahmen und die Beteiligung an Impfprogrammen senken. Insofern hatte die Bundesrepublik ausgerechnet wegen des Erfolgs von Impfungen ein ständiges Sicherheitsproblem.

528 StAHH, 361-2 VI/2764, Informationen der Schulbehörden Nr. 39, 11.11.1968. 529 Vgl. Conze, Securitization; Hannig, Suche nach Prävention.

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5. Immunität als sozialistisches Selbstverständnis: DDR

5.1 Akteure, Institutionen und Handlungsfelder 5.1.1 Immunität regieren: Gesundheitspolitiker In der DDR gingen Gesundheits- und Gesellschaftskonzepte ein besonders enges Verhältnis ein. Der Aufbau der »neuen Gesellschaft« gab ein Versprechen auf die »gesunde Gesellschaft« und umgekehrt: Gesundheit stand für die Früchte sozialistischer Fortschritte und damit für den Erfolg des Sozialismus selbst.1 Im Osten Deutschlands gab daher schon sehr viel früher als im Westen, seit 1950, ein eigenes Ministerium für Gesundheitswesen (MfGe) den Kurs vor.2 Schließlich war Gesundheit bei Gründung der DDR zum höchsten Gut mit Verfassungsrang avanciert, was sich in einer Zentralisierung des Gesundheitswesens vom Ministerium über die Regierungsbezirke bis in die Kreise niederschlug. Impfungen spielten in der Gesundheits- und Sozialpolitik auf allen ­Ebenen eine tragende Rolle. Auf nationaler Ebene gingen die Impulse für Impfprogramme von der Staatlichen Hygiene-Inspektion (HI) aus – einer der vier Hauptabteilungen des Gesundheitsministeriums. Leiter der Inspektion wie Theodor Kima, Wilhelm-Albert Spengler oder Friedrich Brekenfeld bildeten die Schnittstelle zwischen Minister, Ministerrat und ZK auf der einen Seite und den leitenden Medizinalbeamten der Bezirke auf der anderen. Aus der HI gingen Impfplanungen zunächst an die Bezirks-Hygiene-Inspektionen (BHI), mit denen die Umsetzung verhandelt wurde. Umgesetzt wurde die Planung in den Kreis-­ Hygiene-Inspektionen (KHI), die Weisungen der BHI erhielten. Hier bestimmte der Kreisarzt einen Verantwortlichen für die Organisation der Impfungen sowie mehrere Impfärzte.3 Sie waren verantwortlich »für die Erfüllung bzw. Übererfüllung der im Volkswirtschaftsplan ausgewiesenen Impfleistungen.«4 Schon diese Hierarchie weist auf zwei Merkmale ostdeutscher Impfprogramme hin, die sich von der staatlichen Ebene bis in den Alltag bemerkbar machten. Erstens kennzeichnet die DDR eine starke Zentralisierung des Gesundheitswesens. Während im Westen die Bundesländer mit unterschiedlichen Konzepten arbeiteten, folgten Impfungen in ganz Ostdeutschland einheitlichen Vorgaben, wenngleich den Anordnungen der HI in der Praxis nicht immer Ta1 Vgl. Hockerts, Der Sozialstaat, S. 205–265. 2 Vgl. Schagen u. Schleiermacher, S. 398 f. 3 BAB, DQ 1/2438, MfGe, Richtlinien für Impfärzte, o. D. [1962]. 4 BAB, DQ 1/2438, MfGe/Kima, Maßnahmeplan Durchführung Impfprogramm, 06.09.1962.

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ten folgten. Jens-Uwe Niehoff und Torsten Röding haben in der Zentralisierung sogar ein strukturelles Problem und eine Erklärung für den Innovationsstau gesehen, da für »flexible, innovative und kontextnahe […] Regulationsmechanismen«5 wenig Raum bestanden habe. Bemerkenswerter als eine Zentralisierung der Gesundheitspolitik ist die zweite Beobachtung, dass eine Vereinheitlichung den innerstaatlichen Wettbewerb verschärfte. Da für alle Kreise und Bezirke dieselben Vorgaben galten, ließ sich an der Umsetzung von Impfungen erkennen, wo der Staat funktionierte – und wo nicht. Genau diese Funktionsfähigkeit prüfte das Gesundheitsministerium seit Mitte der 1960er Jahre am Impfen systematisch nach. 1967 wurde das Impfen erstmals auf »Grundlage eines Leistungsvergleichs« durchgeführt. Für das Erfüllen von Impfquoten erhielten die Bezirke und Kreise Punkte, die republikweit verglichen wurden. Schon dieser erste Leistungsvergleich brachte Bestürzendes zu Tage. Während auf den drei Spitzenpositionen die Bezirke Suhl (740,6 Punkte), Halle (679,1) und Gera (673,2) mit vorbildlichen Impfquoten glänzten, machten niedrige Punktzahlen der letztplatzierten Bezirke Berlin (468,4 Punkte), Cottbus (395,1) und Rostock (333,9) ein starkes Gefälle und damit die Grenzen der Zentralisierung deutlich.6 Das Ministerium reagierte umgehend mit »Beratungen«7 der schlechtplatzierten Bezirke, die den Beratungsdruck wiederum direkt an die Kreise weitergaben.8 1969 berichtete die Kreishygiene-Inspektion Bernburg dem Bezirk Halle von besonders produktiven Folgen des Leistungsvergleichs. In Bernburg beeindruckte die »unermüdliche Einsatzbereitschaft« eines einzelnen Impfarztes alle Beteiligten in einem Maße, »daß eine regelrechte Wettbewerbsstimmung entstand, die zur Erfüllung des Impfprogramms«9 des Kreises beitrug. Die Impfquote mutierte somit zum Gradmesser für kommunale Interventionskompetenz und politische Zuverlässigkeit. Mit der Einführung von Leistungsvergleichen schien die politische Durchdringung sogar in der Fläche sichtbar zu werden, wurden Impfungen und Erkrankungen doch sowohl vom MfGe als auch vom Ministerium für Staatssicherheit entsprechend visualisiert. Mit dieser Karte (Abb. 7) kritisierte beispielsweise die Stasi anhand der Masern-Erkrankungshäufigkeit »unverständliche« Arbeitsweisen »befallener« Kreise. »Masernfreie« Kreise galten hingegen als Vorbild kommunaler Interventionskompetenz.10 Erhöht wurde der Konkurrenzdruck durch symbolische Aufladungen. Schon der Leistungsvergleich 1967 wurde »zu Ehren des 50. Jahrestags der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution« durchgeführt,11 was sowohl die Beteiligung der Bevölkerung als auch das Engagement der Impfärzte erhöhen sollte. In den Folgejahren verband man Impftermine wahlweise mit Bekenntnissen zur Oktober­ 5 Niehoff u. Röding, S. 163. 6 BAB, DQ 1/2472, MfGe, Halbjahresbericht Volkswirtschaftsplan 1967, 24.07.1967. 7 BAB, DQ 1/2472, MfGe, Bericht über Beratung im Bezirk Rostock, 29.06.1967. 8 BAB, DQ 1/13105, Schreiben Bezirk Schwerin an MfGe, 29.08.1979. 9 BAB, DQ 1/23652, Schreiben KHI Bernburg an BHI Halle, 05.06.1969. 10 BStU, MfS BV Leipzig, Med. Dienst/182, MfS-Informationsblatt Hygiene, 25.03.1986. 11 BAB, DQ 1/5839, Rundschreiben MfGe zum Leistungsvergleich Impfwesen, 05.05.1967.

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Abb. 7: Schwarze Flecken und schwarze Schafe: Visualisierung kommunaler Kompetenzen

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revolution, zur Gründung der DDR oder zu den Parteitagen der SED.12 Es ist von gewisser Ironie, dass der »sozialistische Wettbewerb« um die Impfquote wegen dieser symbolischen Aufladung mit geradezu marktwirtschaftlichen Banda­gen ausgekämpft wurde,13 die nicht einmal im föderalen Westen angelegt wurden. Die Effekte des Wettbewerbs verpufften schnell. Zum einen finden sich keine Hinweise auf systematische Sanktionen in schlechtplatzierten Bezirken und Kreisen, wie eine Bilanz im Bezirk Frankfurt nahelegt: »Mit Hilfe des Leistungs­ vergleichs kann man schnell Impflücken erkennen und […] die erforderlichen Maßnahmen einleiten. Jedoch bleibt es in den meisten Fällen bei dem guten Vorsatz.«14 Zum anderen erwecken viele Berichte den Eindruck, dass der Leistungsvergleich das operative Geschäft beeinträchtigte. Ständige Klagen über Arbeitsüberlastungen waren wohl auch dem ständigen Wettbewerb geschuldet. Es spricht für Stagnationen im Gesundheitswesen, dass dieses Problem erst kurz vor Schluss angegangen wurde. Im Oktober 1989 beschlossen einige Bezirke eine »Entlastung der Ärzte und Schwestern« mit dem »Abbau von Formalismus im Wettbewerb und Leistungsvergleich«.15 Dass sich zu diesem Zeitpunkt bereits das gesamte Impfprogramm im Abbau befand, spricht für den Gegensatz zwischen zentralen Planungswünschen und Prophylaxe in der Praxis.16 Es wäre dennoch zu einfach, die ostdeutsche Gesundheitspolitik vom Ende her zu denken. Bis in die 1970er Jahre galten Zentralisierung und systematische Planung nicht nur im Osten als Antwort auf drängende Fragen der Industriegesellschaft. Zwar verschrieb sich die SED besonders gern den »Machbarkeitsutopien«,17 so dass »der Plan« im Staatssozialismus bisweilen »mythische« Züge annahm.18 Lange Zeit befand sie sich damit aber in bester Gesellschaft mit dem Westen, wo Gesundheitsexperten angesichts des Föderalismus sehnsüchtig nach Osten blickten. Davon abgesehen sind Machbarkeitsutopien eben keineswegs von gestern, wie aktuelle Debatten um Impfquoten nahelegen. 5.1.2 Immunität nach Plan: Wirtschaft und Wissenschaft Das Sächsische Serumwerk Dresden (SSW) hatte sich seit den 1930er Jahren als mächtiger Mitbewerber der Marburger Behringwerke etablieren können. Der Übergang vom »Dritten Reich« in die Nachkriegszeit verlief auch im Osten reibungslos. Nach 1945 waren die Werke als Lieferant für Impfstoffe in der sowjetischen Zone so gefragt, dass Besatzungsbehörden den Betrieb umgehend auf 12 Vgl. u. a. BAB, DQ 1/12279, Rundschreiben MfGe Leistungsvergleich, 30.06.1968; DQ 1/12283, Rundschreiben MfGe Tetanus-Sonderimpfprogramm, 12.05.1976. 13 Vgl. Wolle, S. 146 f. 14 BLHA, Rep 631/252, Bericht Impfprogramm 1967 der BHI Frankfurt/Oder, 29.01.1968. 15 BStU, BV Magdeburg/2795, Bericht Bezirk Magdeburg Gesundheitskonferenz, 27.10.1989. 16 Vgl. Niehoff u. Schrader. 17 Jessen u. Gieseke, S. 24. 18 Caldwell, S. 361.

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Hochtouren brachten.19 Ende der 1940er Jahre lief die Eigenversorgung in der SBZ bereits so erfolgreich, dass die Deutsche Zentralverwaltung den Bezug von »Impfstoffen aus der Westzonenproduktion«20 untersagte. Vor diesem Hintergrund lag es in den 1950er Jahren nahe, das SSW als Volkseigenen Betrieb (VEB) und zentrale Produktionsstätte für die gesamte Republik auszubauen. Bereits seit den späten 1950er Jahren lieferten die Werke den Löwenanteil aller Impfstoffe.21 Dass diese Aufgabe das SSW seit den 1970er Jahren zunehmend überforderte, zeigen nicht nur kritische Eingaben von Medizinern und Ärzten.22 Deutlich wird die Überforderung auch an einem zweiten Akt der Verstaatlichung. Im August 1974 wurde das Serumwerk dem Gesundheitsministerium direkt unterstellt. Dieser Wandel vom VEB zu einer Art Behörde hing zum einen mit der wirtschaftlichen Bedeutung des SSW zusammen. Schließlich sorgte das SSW auch für Exporte gen Westen, was dem Gesundheitsministerium eine verlässliche Einnahmequelle an Devisen sicherte.23 Außerdem diente eine politische Kontrolle der Impfstoffproduktion repräsentativen Zwecken, wie das Ministerium 1975 erklärte. So trage der Export von Impfstoffen auch »dazu bei, das Ansehen unseres sozialistischen Staates international zu erhöhen.«24 In die Planwirtschaft fügte sich noch eine zweite Gruppe von Impfstoffproduzenten ein: die staatlichen Impfanstalten. Sie konzentrierten sich wie in der Bundesrepublik auf Pockenimpfstoffe – und zwar mit großem Erfolg, wie Wilfried Rohde, Leiter der Berliner Impfanstalt, Mitte der 1960er Jahre betonte: »[E]s erfüllt uns mit noch größerer Genugtuung, daß sich das Gesundheitsminis­ terium im Gegensatz zu anderen prophylaktischen Präparaten auch niemals ernstliche Sorgen um die Erfüllung unserer Produktion zu machen brauchte.«25 Die Erfolgsmeldung macht zweierlei deutlich: Zum einen waren Produktions­ probleme anderer Betriebe wie die des SSW – von denen Rohde sich demonstra­ tiv abgrenzte  – schon Mitte der 1960er Jahre ein offenes Geheimnis. Die Pockenimpfstoffproduktion lief hingegen ohne Probleme, da sich diese seit der Jahrhundertwende als Herstellungsverfahren etabliert hatte. Auch hier deutet sich also jener Innovationsstau an, der Wissenschaftler und Unternehmer seit den 1960er Jahren beschäftigen sollte. Zum anderen hatte die Produktion des Pockenimpfstoffs Priorität, weil sie der außenpolitischen Profilierung diente. So bot die Berliner Impfanstalt in den 1960er Jahren der WHO für das Smallpox Eradication Programm kostenlose Impfstoffe an. Die Verwendung ostdeutscher Impfstoffe im SEP verstand die Impfanstalt nicht zuletzt als Werbung, »daß die DDR mit diesem Präparat auf dem Weltmarkt auftreten kann.«26 19 Vgl. BLHA, Rep 211/1194. 20 BLHA, Rep 211/1200, Rundschr. Deutsche Zentralverw. Gesundheitswesen, 06.09.1949. 21 Vgl. den Überblick in BAB, DQ 1/23661, Anforderungen Impfwesen, 30.09.1969. 22 Vgl. Eingaben und Schriftwechsel der 1970er Jahre in BAB, DQ 1/12221. 23 BAB, DQ 1/12221, Übersicht SSW, Staatliche Plankennziffern, o.Dt. [1976]. 24 BAB, DQ 1/12221, MfGe, Entwurf der Rede, 03.01.1975. 25 BAB, DQ1/6360, Bericht Berliner Impfanstalt über Jahresplan 1964, o.Dt. 26 BAB, DQ1/6360, Schreiben Rohde an Institut für Seuchenschutz und MfGe, 14.11.1962.

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Wissenschaft und Wirtschaft gingen zwar auch im Westen eine enge Bezie­ hung ein. In der DDR standen beide Handlungsfelder jedoch sowohl unter dem Vorzeichen der Planwirtschaft als auch unter der Ägide des Gesundheitsministeriums. Vor diesem Hintergrund ist eine Trennung von Wirtschaft und Wissenschaft wenig praktikabel, so dass entsprechende Entwicklungen im Folgenden in einem Unterkapitel untersucht werden (5.3). Man wird nicht so weit gehen wollen, im Zusammengehen von Forschung und Wirtschaft eine »Verwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft«27 zu sehen, wie es Zeitgenossen immer wieder forderten. Gleichwohl standen Wissenschaftler und Unternehmer im Staatssozialismus in einem besonders engen Verhältnis.28 5.1.3 Immunität vermitteln: Das Deutsche Hygiene-Museum In Ostdeutschland war die Popularisierung des Wissens wichtiger denn je, wurde Immunität doch zum Grundprinzip der »neuen Gesellschaft« erhoben. Entsprechend vielfältig war das Vermittlungsangebot für Impfprogramme in Ausstellungen, Zeitungen, Broschüren, Plakaten, Kinos, Rundfunk und Fernsehen, wenngleich letztgenanntes Medium zunächst nur wenige DDR-Bürger erreichte. Eine Hauptrolle bei der Vermittlung spielte das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden (DHM). Hier standen Experten für Öffentlichkeitsarbeit bereit, die seit dem frühen 20. Jahrhundert Erfahrungen mit der Popularisierung medizinischen Wissens gesammelt hatten.29 Publikumsmagneten wie die Internationalen Hygiene-Ausstellungen seit den 1910er Jahren, der Kampf gegen Geschlechtskrankheiten nach dem Ersten Weltkrieg oder die Propagierung »rassenhygienischer« Maßnahmen im »Dritten Reich« machten das DHM zu dem Agenten zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.30 In der DDR baute das Museum seine Stellung sogar noch aus und übertraf die Öffentlichkeitswirkung westdeutscher Pendants wie die des Deutschen Gesundheits-Museums (DGM) bei weitem. 1954 erhob das Ministerium für Gesundheitswesen das Museum folglich zum »Zentralinstitut für medizinische Aufklärung«.31 Für die Popularisierung von Impfprogrammen übernahm das DHM nicht nur die­ Herstellung von Broschüren, Merkblättern, Plakaten, Ausstellungen und Filmen.32 Darüber hinaus organisierte es auch die Verteilung der Materialien in allen Bezirken und Kreisen. 27 BAMA, DVW 1/22578, Perspektiven Medizinischer Dienst der NVA, 23.09.1966. 28 Vgl. Schramm. 29 Vgl. Vogel, K.; Schulte. 30 Vgl. Steller. 31 Vgl. Sammer. 32 BAB, DQ 1/23652, Besprechung Materialien zum Impfwesen, 25.05.1966.

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Im deutsch-deutschen Vergleich stechen an der Öffentlichkeitsarbeit des Museums zwei Aspekte hervor. Erstens waren sich Botschaften in der DDR und Bundesrepublik erstaunlich ähnlich. In der Gründungszeit wurden im Osten ebenso wie im Westen vorwiegend Statistiken über Impfungen und den Rückgang von Infektionskrankheiten präsentiert, die von der Wirksamkeit von Impfprogrammen kündeten.33 Seit den späten 1950er Jahren rückten vermehrt Kinderschicksale in den Fokus, stellten Filme, Broschüren und Ausstellungen in Alltagsszenen Bedrohungen und Sicherheitsmaßnahmen nach. Dass sich diese Bilder in Ost und West ähnelten, lässt sich zweitens auf Netzwerke zwischen Mitarbeitern am DGM und DHM zurückführen, die selbst in frostigen Phasen des Kalten Kriegs ihre deutsch-deutschen Beziehungen pflegten.34 In den 1970er und 1980er Jahren wiederum betrieb das DHM eine intensive »Feindbeobachtung« und übernahm am Ende selbst westdeutsche Slogans wie »Gib AIDS keine Chance«.35 Trotz solcher Gemeinsamkeiten war das Ausmaß ostdeutscher Vermittlungs­ arbeit wesentlich größer als im Westen. So wurden in der DDR bereits in den 1960er Jahren Fernsehproduktionen über Impfprogramme geschaltet, als die Bundesrepublik noch auf Kinofilme setzte.36 Darüber hinaus erhob das DHM die Vermittlung von Immunität zu einer Art Staatskundeunterricht. Wann immer das Museum von den Erfolgen der DDR kündete, war von Impfungen die Rede, deren Fortschritte dem »Aufbau des Sozialismus« entsprachen, wie es eine Ausstellung zum VI. Parteitag der SED 1962 in Worte fasste.37 Das DHM schrieb Immunität also in unterschiedliche gesellschaftliche Felder ein, auf denen die soziale Ordnung verhandelt wurde.

5.2 »Prophylaxe ist der beste Sozialismus«: Staatstragende Immunität 5.2.1 Impfprogramme als Gründungsakt und Gesinnungstest In der DDR fand der Vorsorgestaat zu seiner konsequentesten Form. Vorbeu­gen, Vorsorgen und Verhindern gerieten zu Aufgaben nicht nur der Gesundheits-, sondern ebenso der Sozial-, Wirtschafts-, Bildungs- und Verteidigungspolitik. Als »Prophylaxe« fand somit eine Leitidee in die ostdeutsche Gesellschaft, mit der Ressourcen, soziale Beziehungen, ja die Zukunft selbst geordnet werden sollten.38 Der Siegeszug der Prophylaxe ist in der Forschung oft auf eine schnelle 33 BAB, DQ 1/21876, Hinweise DHMD Gestaltung 15. Jahrestag der DDR, August 1964. 34 Sammer. 35 Vgl. Tümmers, »GIB AIDS KEINE CHANCE«. 36 Vgl. BAB, DQ 1/21510, Schreiben HI, 15.02.1960. 37 BAB, DQ 1/21876, Vorschlag Ausstellung zum Gesundheitswesen, 10.11.1962. 38 Vgl. Niehoff, »Sozialismus«.

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Sowjetisierung Ostdeutschlands zurückgeführt worden.39 Entsprechende Belege finden sich bereits in der Nachkriegszeit, machte Iwan Pawlows Vorstellung von der Hygiene als »Studium der Gesetzmäßigkeiten in der Wechselwirkung der Umweltprozesse mit denen des menschlichen Organismus« in der SBZ schnell Schule.40 Das enge Wechselverhältnis zwischen Gesellschaft und Umwelt bildete den Ausgangspunkt der prophylaktischen Leitidee. Die Vorbeugung von Risiken am Arbeitsplatz und zu Hause, die Verhinderung schädlicher Umwelteinflüsse und Vorsorge vor Krankheiten galten als Antworten auf die drängenden Fragen moderner Industriegesellschaften. Ein Rückblick auf Impfprogramme in der Weimarer Republik zeigt allerdings, dass dieses »prophylaktische« Denken nicht ganz neu war. Vielmehr beriefen sich ostdeutsche Gesundheitspolitiker, Mediziner und Ärzte explizit auf Vorgänger wie Alfred Grotjahn, die das Verhältnis von Sozialhygiene und Prävention intensiv diskutiert hatten.41 Entsprechende Traditionsbezüge enthielt auch die Verfassung der DDR mit ihrem Recht auf »Erhaltung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit […], dem Schutze der Mutterschaft und der Vorsorge« (§ 16, 3), das die Weimarer Reichsverfassung (§ 161) stellenweise wörtlich aufgriff. Neu war hingegen die Konsequenz, mit der Prophylaxe zur Grundlage sozialer Ordnung erhoben wurde: Sie zielte auf die Gesellschaft als Ganzes und auf alle Bereiche des Alltags. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, warum ein Pionier des Gesundheitswesen, der spätere Stellvertreter des Ministers für Gesund­heitswesens, Hermann Redetzky, Impfungen schon 1946 zur Hauptaufgabe für den »Aufbau des neuen Deutschlands« erhob. So sei selbstverständlich, dass die »Durchimpfung der Bevölkerung als gesundheitspolitische unerlässliche Maßnahme die größte Förderung aller derjenigen verdient, die aktiv am demokratischen Aufbau des neuen Deutschland mitwirken wollen. Die Weigerung E ­ inzelner bringt eine große Gefahr für viele Gesunde ihrer Umgebung. Das deutsche Volk, das jetzt seine demokratische Einstellung unter Beweis stellen soll, wird einer solchen Maßnahme, wie einer allgemeinen Impfung, zustimmend gegenüberstehen«.42 In solch frühen Forderungen zeichnen sich bereits vier Funktionen ab, dank denen Impfungen in der DDR ihre »staatstragende« Bedeutung erlangten. Erstens zogen Gesundheitsexperten von Anfang an Parallelen zwischen der Zustimmung zur Prophylaxe und zum Sozialismus. Forderungen nach »100 %igen« Impfquoten zielten daher auf entsprechend hohe Zustimmungen zu staatlichen Maßnahmen. Umgekehrt wurde Verweigerung von Impfungen schnell als politisches Statement, ja als Systemkritik verstanden. Seit Gründung der DDR galten Impfungen daher nicht allein als »Ausdruck der Fürsorge unseres Staates«.43 Hohe Impfquoten wurden eben auch als Abbild der gesellschaft39 Vgl. dazu kritisch Wasem u. a., Gesundheitswesen (2001); Schagen, S. 173 f. 40 Marcusson, S. 32; vgl. Winter, S. 23–25. 41 Schleiermacher. 42 BAB, DQ1/1071, Rundschreiben Redetzky, 11.07.1946. 43 BAB, DQ 1/23652, Broschüre DHM, Das erste Lebensjahr, 3. Aufl., [1966/67].

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Abb. 8: Plakat vor einer Poliklinik in Zwickau Anfang der 1980er Jahre

lichen Einstellung der Bevölkerung gelesen. »Das sozialistische Bewußtsein«, so erklärte das Ministerium für Gesundheitswesen Mitte der 1960er Jahre, »festigt die Einsicht der Bürger, daß den […] Impfungen nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch aus der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, im Interesse des Gesundheitsschutzes der gesamten Bevölkerung nachzukommen ist.«44 Dass Prophylaxe und Sozialismus zu diesem Zeitpunkt bereits ein untrennbares Amalgam eingegangen waren, brachte das Gesundheitsministerium 1964 auf den Punkt. Das Ziel, »eine gesunde, glückliche Bevölkerung zu schaffen, drückt sich in der Leitidee: ›Sozialismus ist die beste Prophylaxe‹ aus. […] ›Die beste Prophylaxe ist der Sozialismus!‹ […] Vorsorgen ist besser als heilen!«45 Dass seit den 1950er Jahren »Gesundheitswochen« unter dem Motto »Prophylaxe ist der beste Sozialismus« stattfanden und Stellwände vor Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen vom Leitsatz kündeten (Abb. 8), unterstreicht einmal mehr die gesellschaftliche Relevanz, die man Prophylaxe als Repräsentation des sozialistischen Gesellschaftsmodells zusprach.46 Damit waren Impfungen immer beides zugleich: Gründungsakt und Gesinnungstest des Sozialismus. Weil Impfungen das Konzept einer rationalen, kollektiven und effektiven Prophylaxe in Reinform verkörperten, bildete sie eine Art Markenkern des »real existierenden Sozialismus«. 44 BAB, DQ 1/23661, Bericht OMR Spengler zu den Schutzimpfungen, [1965/66]. 45 BAB, DQ 1/21875, Konzept Gesundheitswesen zur Ausstellung 15 Jahre DDR, [1959]. 46 Vgl. Schagen.

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Zweitens machten Impfungen ein Gleichheitsversprechen. Die Prophylaxe von Infektionskrankheiten war ein Angebot an alle. Sie schloss Kinder, Jugendliche und Erwachsene aller Schichten ein, die im »Arbeiter- und Bauernstaat« gemeinsam vor »Volksseuchen« geschützt wurden. Im Gegensatz zu aufwendigen Therapien waren sie schließlich eine günstige Maßnahme, die der Bevölkerung als Ganzes zu Gute kam. Da mitunter selbst die Krankenhausversorgung am Ressourcenmangel zu scheitern drohte, waren Impfungen ein umso beliebteres sozialpolitisches Mittel und Medium sozialistischer Selbstvergewisserung. Drittens waren Impfprogramme eine Waffe im Kampf gegen »den« Westen. Insofern ist es kein Zufall, dass die Verbindung aus Sozialismus und Prophylaxe in frostigen Phasen des Kalten Krieges gefragt war, wie Henner Giesecke, Leiter der »Arbeitsgruppe Impfwesen« 1970 erklärte. In seinem Bericht wies­ Giesecke auf den Zusammenhang zwischen sozialistischem Bewusstsein und hohen Impfquoten hin, der sich im Ost-West-Vergleich bestätige. Hohe Immunität sei »nur bei einer Bevölkerung zu realisieren, deren Verantwortungsbewusstsein durch die gesellschaftlichen Verhältnisse gegeben ist und die nicht durch eine destruktive Politik der Maßgeblichen [sic] Fachkader verwirrt ist, sondern die durch die Planmäßigkeit der Maßnahmen in der Vergangenheit für die neue Impfung sofort ein bestimmtes Vertrauen faßt.« Während in der DDR das Impfwesen als Dienst am Kollektiv an erster Stelle stehe, werde der »individualistische« Westen durch seine Ausgaben für Heilbehandlungen entlarvt: »Besonders ausgeprägt ist dieses[s] Missverhältnis in den westeuropäischen Ländern durch das vorherrschende individualistische Denken, welches bis zur Verantwortungslosigkeit gegenüber der Allgemeinheit steht.«47 Viertens wiesen Impfprogramme in die Zukunft. Die systematische Vorbeugung drohender Gesundheitsgefahren suggerierte eine »Disziplinierung des Kommenden«, die der Kompetenz des »Vorsorgestaats« ein gutes Zeugnis ausstellte48 und dem Konzept der »neuen Gesellschaft« entsprach, deren Aufbau den Gründungsmythos der DDR bildete. An Impfprogrammen ließ sich besonders schön besingen, dass man der »Zukunft zugewandt« voranschritt. Sie gaben dem Gesundheitswesen das Image einer Einrichtung, die gleichsam die Zeit in Ordnung bringen und die Zukunft kontrollieren konnte. Inwiefern diese vier Funktionen des Impfens in der Bevölkerung verfingen, wird später noch zu erkunden sein. Erste Hinweise geben Stellungnahmen wie jene von 246 Konferenzteilnehmerinnen des »Demokratischen Frauenbundes Deutschlands«, die 1960 ihren Dank an die SED mit der »Immunisierung unserer Kinder und Jugendlichen« begründeten: »Wir sehen darin wiederum die Sorge um den Menschen in unserem Arbeiter- und Bauernstaat und mit welcher Liebe an die Gesunderhaltung uns[e]rer Jugend gedacht wird. Als Frauen und Mütter erkennen wir den Wert dieser Maßnahme und erklären uns mit ganzem

47 BAB, DQ 1/23562, Bericht Arbeitsgruppe Impfwesen/Giesecke, 02.02.1970. 48 Vgl. Ewald, Insurance, S. 207; Leanza.

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Herzen bereit, unsere vollste Unterstützung zu geben.«49 Selbst wenn man aus solchen Äußerungen nicht auf die soziale Wirksamkeit von Gesundheitskonzepten schließen kann, legen sie nahe, dass Impfungen in der DDR ein semantisches Feld eröffneten, in das man sich einschrieb, um politische Standfestigkeit zu demonstrieren. Bekenntnisse zur Vorsorge fungierten als Bekenntnisse zum Sozialismus und umgekehrt. In seinem Rückblick erschien es dem MfGe Mitte der 1960er Jahre folglich »naheliegend, daß unser fortschrittliches, auf die Prophylaxe besonders orientiertes Gesundheitswesen sich zum Ziel setzte, den bereits seit 1874 in Deutschland mit der Pockenschutzimpfung erfolgreich beschrittenen Weg fortzusetzen«.50 Zugleich wird nachvollziehbar, warum sich die DDR bei Impfschäden recht kulant erweisen sollte. Wenn Impfungen den Sozialismus legitimierten, erhöhte sich zugleich der Legitimationsdruck, der von Impfschäden ausging. 5.2.2 Expansion und Erfolgsdruck seit den 1950er Jahren Das Amalgam der Aufbaujahre aus Gesellschafts- und Gesundheitskonzepten entfaltete enormen Erfolgsdruck. Nachvollziehbar wird das an zwei Entwicklungen seit den 1950er Jahren, an der Ausweitung des Angebots an Impfpro­ grammen und an der Zunahme von Zwangsmaßnahmen. Standen in der DDR zunächst Impfungen gegen Diphtherie und Pocken im Fokus, rückten seit Mitte der 1950er Jahre weitere »Volkskrankheiten« in den Blick. Ein Beschluss des V. Parteitags der SED 1958 erhöhte diese Ausweitung sogar zum »unumstößliche[n] Grundsatz der sozialistischen Gesellschaft.« Wegen dieser Bedeutung sei »die Überlegenheit des Gesundheitsschutzes im sozialistischen Gesellschaftssystem gegenüber dem kapitalistischen System in noch stärkerem Maße unter Beweis zu stellen.«51 Besondere Aufmerksamkeit erregten Tuberkulose und Kinderlähmung, was nicht nur mit der Entwicklung neuer Impfstoffe zusammenhing. Darüber hinaus war der Kampf gegen beide Infektionskrankheiten besonders prestigeträchtig: Während die Polioimpfung zur Propagandawaffe im deutsch-deutschen Wettbewerb mutieren sollte, gab die Vorsorge vor der Tuberkulose ein sozialpolitisches Signal.52 Ihre jahrzehntelange Tradierung als »Proletarierkrankheit«53 machte Impfungen zu einem Lieblingsprojekt im Gesundheitsministerium. Frühere Vorbehalte gegen die BCG-Impfung waren in den 1950er Jahren daher schnell vergessen. Obgleich einige Experten an den Lübecker Impfskandal und seine fatalen Folgen erinnerten,54 standen ihren 49 BAB, DQ 1/21510, Grußbotschaft DFD, Kreisvorstand Freiberg, 21.4.1960. 50 BAB, DQ 1/23661, Bericht zu Schutzimpfungen, [1965/66]. 51 BAB, DQ 1/1703, MfGe, Vorschläge zum 3. Fünfjahresplan 1961–65, 20.11.1958. 52 Vgl. Blasius. 53 Vgl. Hähner-Rombach, Sozialgeschichte der Tuberkulose, S. 29–34. 54 Vgl. BAB, DQ1/6360, Protokoll Tuberkulose-Tagung in der SBZ, 15.–17.04.1948; BLHA, Rep 601/2619, Schreiben Kinderabt. d. Kreiskrankenh. Bad Freienwalde/Oder, 18.03.1959.

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Einwänden Erfolge in Skandinavien und in der Sowjetunion gegenüber. Mitte der 1950er Jahre forderte das Gesundheitsministerium daher eine Steigerung der BCG-Impfquote unter den Neugeborenen, von denen 1955 bereits über 55, ein Jahr später sogar über 70 Prozent gegen Tuberkulose immunisiert wurden.55 Bereits 1958 deutete das Ministerium die Ausweitung der BCG-Impfung als Erfolg sozialistischer Prophylaxe: »Von einer Massenerkrankung kann nicht mehr gesprochen werden.«56 Diphtherie, Wundstarrkrampf und Keuchhusten boten zwar keine so große Projektionsfläche. Im Gegensatz zur Polio ließen sich mit Impfungen gegen diese Krankheiten auch keine außenpolitischen Trümpfe gewinnen, da westdeutsche Erkrankungszahlen seit den späten 1950er Jahren relativ niedrig l­ agen. Trotzdem geriet die Impfung gegen Diphterie, Pertussis und Tetanus als Kombinationsimpfung (DPT-Impfung) während der 1950er Jahre ebenfalls zu einem Prestigeprojekt. Schließlich galt sie als besonders »moderne« Maßnahme. Dem Gesundheitsministerium lag die Mehrfachimpfung in den 1960er Jahren umso mehr am Herzen, weil sich im deutsch-deutschen Vergleich erstmals Stagnationen der DDR abzeichneten. Während bundesdeutsche Pharmaunternehmen nun Vierfach- und Fünffachimpfungen anboten und die Zahl der Impftermine entsprechend zurückging, kamen die Ostdeutschen bis 1989 nicht über Dreifachimpfungen hinaus. Umso wichtiger waren diese, um die Zahl der Termine trotz des ambitionierten Impfprogramms so gering wie möglich zu halten. Die Ausweitung von Impfprogrammen lässt sich nicht nur an der Erweiterung des Angebots, sondern ebenso an konkreten Zahlen festmachen. Mitte der 1960er Jahre standen in der DDR um die 5.800 Impfärzte im Einsatz, so dass auf jeweils »rund 3.000 Bürger der DDR ein ausgebildeter Impfarzt« kam. Allein für den Kauf von Impfstoffen veranschlagte das Gesundheitsministerium zu diesem Zeitpunkt jährlich 13 Millionen Mark, hinzu kamen noch höhere Kosten für Forschung, Produktion und Distribution.57 Im Ost-West-Vergleich war das ein Spitzenwert, konnte doch kein Land in Westeuropa ein ähnlich ambitioniertes Impfprogramm vorweisen. Mit der Ausweitung des Angebots erhöhte sich die Verbindlichkeit von Impfprogrammen. In den Gründungsjahren der DDR waren sämtliche Impfungen – mit Ausnahme der Pockenschutzimpfung – zunächst freiwillig gewesen. Noch 1953 hatte das Gesundheitsministerium die Freiwilligkeit ausdrücklich zum Programm erklärt: »Es widerspricht aber den Grundsätzen […], den Zwang dort anzuwenden, wo er vermieden werden kann, selbst wenn die angeordneten Maßnahmen den gesundheitlichen Interessen der Betroffenen dienen.«58 Solche Grundsätze waren schon kurze Zeit später vergessen. 1954 hatte der Bezirk Karl-Marx-Stadt geklagt, dass »Freiwilligkeit der Schutzimpfung niemals zu 55 DQ 1/1703, MfGe, Analyse zum Volkswirtschaftsplan 1957, 20.03.1957. 56 DQ 1/1703, MfGe, Vermerk zur Weiterentwicklung der Kreisstellen, 10.03.1958. 57 BAB, DQ 1/3341, MfGe, Manuskript Immunisierungsmaßnahmen, o.Dt. [ca. 1966–1968]. 58 BAB, DQ 1/3011, Rundschreiben MfGe an alle Bezirksräte, 30.09.1953.

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dem gewünschten Erfolg führen kann«.59 Entsprechende Zahlen über »Impfverweigerer« aus Karl-Marx-Stadt und anderen Bezirken belegten diese Klage eindrucksvoll.60 Nachdem bereits 1955 die Aufnahme von Kindern in Krippen und Kindergärten von Impfbescheinigungen gegen Pocken, Keuchhusten, Diphtherie, Tetanus und Tuberkulose abhängig gemacht worden war,61 weitete das Ministerium zum Januar 1961 die Impfpflicht gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus auf alle Kinder und Jugendlichen aus.62 Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Pflichtimpfungen gegen Tuberkulose (1958)63 und Polio (1960)64 eingeführt worden. Als eine der letzten Pflichtmaßnahmen folgte die Impfung gegen Masern im März 1970.65 Schon in den 1960er Jahren verzeichneten die offiziellen Impfkalender dank obligatorischer Erst- und Auffrischungsimpfungen eine Terminflut von bis zu 20 Pflichtimpfungen, an die sich jeder Bürger bis zu seinem 18. Lebensjahr zu halten hatte.66 Warum kam es in der DDR seit den 1960er Jahren zu einer Verschärfung des Zwangs, während in der Bundesrepublik eine Liberalisierung der Impfpflicht einsetzte? Es läge nahe, unterschiedliche Entwicklungen auf unterschiedliche Gesellschaftsordnungen zurückzuführen. Allerdings weisen restriktive Tendenzen im Westen und widersprüchliche Entwicklungen im Osten darauf hin, dass die Sache komplexer war. In der DDR erhöhte die Eigendynamik der prophylaktischen Leitidee den Erfolgsdruck und damit die Bereitschaft für Zwangsmaßnahmen. So häuften sich bereits Mitte der 1950er-Jahre Berichte über eine zunehmende »Impfmüdigkeit«. Zwar war die Klage über »Impfmüdigkeit« auch in der Bundesrepublik allgegenwärtig. In der DDR allerdings bedrohten Impfmüdigkeit und Impfverweigerung in ungleich größerem Maße gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen. Schließlich fußten Ordnungsentwürfe hier auf dem Menschenbild des »gesellschaftlichen Wesens«, das sein persönliches Handeln über das Eigeninteresse und ganz in den Dienst des Allgemeinwohls stellte.67 Deshalb entfaltete die Politisierung der Prophylaxe eine unheilvolle Eigendynamik. Wenn Impfprogramme vom Erfolg des Sozialismus kündeten, setzten sie den Staat unter ständigen Erfolgsdruck. Die Ausweitung des Angebots und die Zunahme von Zwangsmaßnahmen hingen daher untrennbar miteinander zusammen. Wenn die Beteiligung an Impfungen zum Gradmesser für die Zustimmung zum Sozialismus avancierte,

59 BAB, DQ 1/3011, Bericht Diphtherie-Schutzimpfung Bezirk Karl-Marx-Stadt, 13.07.1954. 60 Vgl. die Berichte zur Diphtherieschutzimpfung Mitte der 1950er Jahre in BAB, DQ 1/3012. 61 BLHA, Rep 601/2619, Rundschreiben Bezirk Frankfurt/Oder an alle Kreise, 26.05.1955. 62 BAB, DQ 1/2438, Schreiben Prof. Mörl, 28.05.1962. 63 BAB, DQ 1/1703, Vermerk MfGe, 10.03.1958. 64 BAB, DQ 1/12278, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 31.12.1960.1960 galt eine Impfpflicht für Kleinkinder, ab 1963 für alle Kinder und Jugendliche. 65 BAB, DQ 1/5838, Rundschreiben MfGe Masernschutzimpfung, 02.06.1970. 66 Vgl. u. a. die Impfkalender der 1960er-Jahre, in: BAB, DQ 1/3341. 67 Mestrup, S. 188.

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waren niedrige Impfquoten eine Bedrohung. Das galt umso mehr, weil »Prophy­ laxe« seit den 1960er Jahren nicht mehr nur auf eine Verminderung, sondern auf die »Ausrottung« von Infektionskrankheiten zielte. Erst das vollständige »Ausmerzen«, so erklärte der Leiter der Staatlichen Hygiene-Inspektion Wilhelm-Albert Spengler 1965, unterstreiche die Erfolge des Sozialismus, aber eben auch umgekehrt: Erst ein sozialistisches Bewusstsein der Bevölkerung ermögliche das »Ausrotten«: »Die Zielsetzung der Seuchenbekämpfung eines sozialistischen Staates ist nicht nur, die die Bevölkerung gefährdenden Infektionskrankheiten zu bekämpfen […], sondern diese im Rahmen des Möglichen auch weitgehend auszumerzen. Die mit der sozialistischen Gesellschaftsordnung in der DDR geschaffenen Verhältnisse bieten hierfür günstige Voraussetzungen […]. Das sozialistische Bewusstsein festigt die Einsicht der Bürger, dass den […] Impfungen nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch aus der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft […] nachzukommen ist.«68 Verwandelten sich Impfprogramme wegen des Erfolgsdrucks zu einem Zwangssystem, das Bedürfnisse des Individuums auf dem Altar des Allgemeinwohls opferte? Beobachtungen zur Umsetzung der Konzepte geben auf diese Frage widersprüchliche Antworten. So deuten die hohe Zahl an Impfbefreiun­ gen und sehr seltenen Bestrafungen von Impfverweigerern darauf hin, dass man im Ministerium, in den Behörden und Impfstellen quasi prophylaktisch auf Sanktionen verzichtete, um den Schein systematischer Immunisierungen zu wahren. Außerdem standen einer konsequenten Umsetzung der Impfpflicht strukturelle Probleme entgegen. Die Grippeschutzimpfung bietet ein gutes Beispiel, wie Forschungs- und Produktionsverhältnisse der Ausweitung der Impfpflicht enge Grenzen setzten. Nicht nur blieben Grippeschutzimpfungen von ihrer Einführung Anfang der 1950er Jahre69 bis zum Ende der DDR durchgehend freiwillig. Darüber hinaus hielt sich die politische Werbung für Grippeschutzimpfungen über viele Jahre auffallend zurück. Wie lässt sich diese Zurückhaltung erklären? Warum verzichtete das Ministerium auf die Einführung einer Impfpflicht gegen Grippe, die doch jedes Jahr für schwere volkswirtschaftliche Verwerfungen und hohe Todeszahlen sorgte? Verantwortlich waren in erster Linie starke Schwan­kungen der Impfstoffproduktion, die selbst im besten Fall höchstens die Immunisierung eines Drittels aller DDR-Bürger sicherte. Insofern machte das Gesundheitsministerium nur bei guten Produktionszahlen Werbung. So bat das MfGe beispielsweise im Oktober 1955 die Bezirke angesichts gestiegener Lieferzahlen des Sächsischen Serumwerks um eine offensivere Werbung: »Da der Impfstoff in diesem Jahr in etwas reichhaltigerer Menge ausgegeben werden kann, wird gebeten, die Propagierung der Schutzimpfung weitgehender als bisher durchzuführen«.70 68 BAB, DQ 1/23661, Bericht Spengler/MfGe, o.Dt. [1965/66]. 69 BAB, DQ 1/12285, Rundschreiben MfGe, 07.12.1953. 70 BAB, DQ 1/23190, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 18.10.1955.

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Die Produktionsschwankungen machen die Grippeimpfung zudem als Spiegel sozialer Hierarchien interessant. So sticht ins Auge, dass bei begrenzten Impfstoff-Ressourcen neben den Ärzten vor allem Angehörige der bewaffneten Organe des Innenministeriums geimpft wurden.71 Höchste Priorität hatte zudem das Ministerium für Staatssicherheit, wo Erich Mielke seit den späten 1950er Jahren alljährlich Grippeschutzimpfungen anordnete.72 Nach den Ministerien wurden in erster Linie »Schlüsselbetriebe« wie Braunkohle- und Stahlwerke mit Grippeimpfstoff bedacht.73 Erst Ende der 1960er Jahre erreichte die Produktion des Grippeimpfstoffes einen Stand, der eine »Verstärkung der Öffentlichkeitsarbeit« im Dienste »der Winterfestmachung der Betriebe und Einrichtungen«74 erlaubte. Für eine vollständige Immunisierung der gesamten Bevölkerung reichten die Produktionszahlen allerdings nie, so dass eine Impfpflicht im Gesundheitsministerium nicht einmal diskutiert wurde. Vielmehr wiesen noch in den 1970er Jahren mehrere Betriebe in Anschreiben an das MfGe auf ihre »angespannte Arbeitskräftesituation«75 hin, um bei der ImpfstoffZuteilung bevorzugt zu werden. Zusammengefasst gewinnt der ostdeutsche »Vorsorgestaat« an der Ausweitung von Impfprogrammen und Impfpflichten weitere Konturen. Erstens war die Zunahme von Zwangsmaßnahmen eine Reaktion auf den steigenden Erfolgsdruck. Wenn Fortschritte bei Impfprogrammen vom Erfolg des Sozialismus kündeten, mussten Impfprogramme unbedingt erfolgreich sein. Die Impfpflicht war daher fast schon ein Zeichen politischer Hilflosigkeit, zumindest aber ein Eingeständnis, dass es um das sozialistische Bewusstsein in der Bevölkerung mitunter schlecht bestellt war. Insofern lässt sich die Einführung von Zwangsmaßnahmen weniger als konsequente Erfüllung ostdeutscher Machbarkeitsphantasien interpretieren, sondern mehr noch als reaktive Notmaßnahme gegen drohende Legitimationsverluste. Zweitens war die Ausweitung von Impfprogrammen und Impfpflichten eine Frage der Produktionsverhältnisse. Selbstverständlich ist dieser Zusammenhang kein ostdeutsches Spezifikum. Schließlich wandelten sich auch im Westen die Bedrohungswahrnehmungen vor dem Hintergrund neuer Angebote. In der DDR jedoch macht der Zusammenhang zwischen dem Angebot von Impfstoffen und der Konzeption von Impfprogrammen enge Grenzen sozialistischer Planungsutopien sichtbar. Das Impfprogramm gegen Grippe markierte diese Grenzen bereits seit den 1950er Jahren. In den 1970er Jahren wiederum machten Impfungen gegen Mumps, Röteln oder Hepatitis deutlich, dass das Gesundheitsangebot bescheidener war, als es die offizielle »Prophylaxe«-Propaganda 71 DO 1/63739, MdI, Dienstanweisung 11/58, 20.10.1958. 72 BStU, MfS-BdL/4202, MfS/Der Minister, Anweisung Nr. 9/75, 15.09.1975; MfS-HA VI/6019, MfS/Der Minister, Anweisung Nr. 3/82, 16.08.1982; MfS-BdL/1175, MfS/Der Minister, Anweisung Nr. 8/89, 21.08.1989. 73 Vgl. die Unterlagen in BAB, DQ 1/5739, DQ 1/5740; BStU, BV Halle, Med. Dienst/988. 74 BAB, DQ 1/6071, Rundschreiben MfGe an alle Bezirksärzte, 06.11.1968. 75 BAB, DQ 1/11720, Schreiben VEB Edelstahlkombinat Brandenburg, 30.08.1976.

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vermuten lässt. Obwohl auch diese Krankheiten im Ministerium als Bedrohung verstanden wurden, blieben Impfungen auf kleine Kreise der Bevölkerung beschränkt. Eine Impfpflicht stand für Mumps, Röteln und Hepatitis ohnehin nie zur Diskussion, während die Masernimpfung noch 1970 zur Pflichtmaßnahme ernannt wurde. Eine Erklärung für diese Gegensätze liegt auf der Hand: Während die Versorgung mit Masernimpfstoffen seit den mittleren 1960er Jahren dank sowjetischer Produktion gesichert war, mussten Röteln- und HepatitisImpfstoffe für Devisen aus dem Westen importiert werden. Drittens machen gesundheitspolitische Entwicklungen seit den 1950er Jahren nachvollziehbar, warum Krankheiten bei der Konzeption und Vermittlung von Impfungen oft eine Nebenrolle spielten. Die symbolpolitische Aufladung des Impfens zu einem Gründungsakt und Gesinnungstest und die Stigmatisierung von »Impfmüdigkeit« als westlichen »Individualismus« prägten Sicherheits- und Bedrohungsvorstellungen der Gesundheitsexperten mitunter nachhaltiger als die Seuchenängste selbst. Diese Verschiebung von Bedrohungswahrnehmungen war nur konsequent: Denn Impfverweigerung gefährdete nicht nur die Gesundheitsverhältnisse, sondern den Staat und die Experten selbst. Eine Ausweitung von Impfprogrammen und die Zunahme von Impfpflichten schützten somit nicht nur vor Infektionskrankheiten. Sie schützten ebenso die Verantwortlichen selbst, deren Legitimation auf dem Erfolg sozialistischer »Prophylaxe« ruhte. 5.2.3 Außenpolitische Stiche und innenpolitische Trümpfe Neben dem Sport war Gesundheit eines der wenigen Felder, auf dem die DDR den Westen nicht nur einholen, sondern überholen konnte. Mit diesen Vorsprüngen hielt man selbstverständlich nicht hinter dem Berg. Seit den späten 1950er Jahren häuften sich Kampagnen, in denen der unsichere Westen dem immunisierten Osten gegenübergestellt und sozialistische Siege im Wettbewerb um die gesündere Gesellschaft gefeiert wurden. Außenpolitische Abgrenzung und innenpolitische Legitimation gingen dabei Hand in Hand, so dass schwer zu entscheiden ist, was für die Propagierung von Impfprogrammen im Ministerium als Hauptmotiv fungierte. Wie unter einem Brennglas bündelt sich diese außen- und innenpolitische Melange in der zeitgenössischen Erläuterung des Fotos (Abb. 9) einer Polioimpfung von 1958: »[D]ie Mutter des kleinen B.«, so ist dort zu lesen, »ist glücklich, daß das Gesundheitswesen in unserer Republik sich in so starkem Maße unserer Kinder annimmt. Derartige Dinge kann man nicht durchführen, wenn man dabei an Krieg denkt, sagt uns Frau E. […]. Zur gleichen Zeit, in der bei uns eine Aktion wie die Schutzimpfung gegen die spinale Kinderlähmung durchgeführt wird, beschäftigt man sich im Bonner Bundestag mit der Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen.«76 Nun lässt sich mit guten Gründen bezweifeln, dass 76 Ebd.

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Abb. 9: Außenpolitische Abgrenzung und innenpolitische Legitimation im Gesundheitsamt Pankow 1958

Frau E. bei der Impfung ihres Sohnes an die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik dachte. Wahrscheinlich waren Ängste vor Polio unter Eltern verbreiteter als Ängste vor dem Systemgegner. Zweifellos zeigt sich an solchen Inszenierungen hingegen der Versuch staatlicher Akteure, sozialpolitische Errungenschaften und alltägliche Sicherheitsbedürfnisse in den deutsch-deutschen Systemgegensatz einzuschreiben. Die Blaupause für solche Einschreibungen lieferte die Sowjetunion während der 1950er Jahre – und zwar nicht nur in Europa. Mit Sorge berichtete beispielsweise das bundesdeutsche Generalkonsulat im japanischen Osaka über den »Propagandaerfolg« einer sowjetischen Schenkung von 20.000 Impfungen für Kinder der Stadt Hachinoe.77 Von solchen Erfolgen ließen sich ostdeutsche Politiker inspirieren. Im Juni 1961 nahm Willi Stoph Polioausbrüche im Ruhrgebiet zum Anlass, Bundeskanzler Adenauer ein großzügiges »Sofortangebot« zu machen. »Mit Erschütterung« habe er gelesen, dass in der Bundesrepublik »bereits 42 Todesopfer der gefährlichen Seuche zu beklagen sind.« Angesichts dieser Bedrohungslage bot Stoph Adenauer an, »sofort 3 Mio. Einheiten des Impfstoffes von SabinTschumakow zu liefern«. Dieses Angebot sei umso vertrauenswürdiger, weil die Wirksamkeit des Impfstoffs in der DDR bereits zu bewundern wären, wie Stoph listig hinzufügte: »Wir sind frei von der gefährlichen Seuche.«78 Das Bedauern über die Westdeutschen war offenbar so groß, dass Gesundheitsminis77 BAK, B 142/52, Schreiben Generalkonsulat Bundesrepublik in Osaka-Kobe, 15.12.1959. 78 BAK, B 142/55, Telegramm nach der Meldung des »Radio Ostberlins«, 29.06.1961.

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ter Max Sefrin einige Tage später via »Radio Ostberlin« das Angebot wiederholte, das sowohl »von der Sorge um die gefährdeten Kinder und Jugendlichen in Westdeutschland, aus echter Menschlichkeit heraus« als auch vom sozialistischen Bewusstsein getragen sei: »[E]in Staat, der so wie wir jährlich große Mittel aufwendet, um Gesundheit und Leben seiner Bürger, vor allem der Kinder, zu schützen, kann gar nicht anders handeln.« Dass die Initiative nicht nur von humanistischen Motiven geleitet wurde, legt eine Nebenbemerkung Sefrins nahe: »Und es wird sich, glaube ich, zeigen, ob es nun der Bonner Regierung mit der Menschlichkeit, von der ihre Vertreter so gerne und so viel sprechen, wirklich ernst ist.«79 Stoph und Sefrin dürften ihr Angebot an die Westdeutschen ebenso wenig ernst genommen haben wie Bundeskanzler Adenauer und Gesundheitsministerin Schwarzhaupt, die dankend ablehnten. Stophs und Sefrins Initiative zielte weniger gen Westen als gen Osten, wo die eigenen Erfolge herausgestellt werden sollten. Das legen auch gefälschte Berichte im ostdeutschen Fernsehen vom August 1961 nahe, nach denen Adenauer ostdeutschen PolioImpfstoff für seine Enkel besorgt habe, was bei Ost- und Westdeutschen für Kritik sorgte.80 Selbst in den Bezirken wurde der Systemgegensatz an der Polio-Impfung ausgefochten. So meldete die »Volksstimme« aus Karl-Marx-Stadt im Juli 1961 die Einreise poliokranker Bundesbürger in die DDR. Die »Seuchenträger« aus dem Westen wanderten dank der Radiomeldung umgehend in die Arena des Systemwettbewerbs. Einerseits schürte die Gefahr einer Einschleppung »westdeutscher« Krankheiten Ängste vor dem »Klassenfeind«. Andererseits ließen sich diese Ängste dank sozialistischer Fortschritte umgehend zerstreuen, wie die »Volksstimme« betonte: In der DDR sei »dank der Massenimpfungen mit dem Sabin-Tschumakow-Impfstoff die Poliomyelitis faktisch ausgerottet. […] Auch die westdeutsche Bevölkerung könnte von der Geißel dieser Krankheit befreit sein. Viele Todesopfer wären nicht zu beklagen, wenn die Bonner Regierung das großzügige Hilfsangebot der Regierung der DDR […] angenommen hätte. Die verantwortungslose Ablehnung durch die Adenauer-Regierung hat dazu geführt, daß jetzt von Westdeutschland aus die Poliomyelitis in die DDR und andere Länder eingeschleppt wird.«81 Großzügig gab man sich im Sommer 1961 auch gegenüber einzelnen Westdeutschen. Sie erhielten vor der »Wiederausreise in die Epidemiegebiete«,82 wie Nordrhein-Westfalen, Bremerhaven und Franken bezeichnet wurden, auf Wunsch eine kostenlose Polioimpfung. Dass der Westen dank dieser Aktion als »Epidemiegebiet« denunziert werden konnte, war wahrscheinlich ebenso willkommen wie das Symbol kostenloser Impfungen für bedrohte Bundesbürger. Und nicht zuletzt legt der Zeitpunkt der Aktion im Sommer 1961 nahe, dass außenpolitische Stiche als innenpolitische 79 BAK, B 142/55, Abschrift Interview Domscheidt mit Sefrin Radio Ostberlin, 02.07.1961. 80 Vgl. BAK, B 142/55, Schreiben eines Bundesbürgers an Konrad Adenauer, 02.08.1961. 81 Volksstimme, Westdeutsche kamen mit Polio in die DDR, 23.07.1961. 82 BAB, DQ 1/12279, Rundschreiben MfGe, 18.07.1961.

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Trümpfe ausgespielt wurden. Schließlich waren ostdeutsche Erfolge im Sommer des Mauerbaus besonders gefragt. In der Impf-Propaganda mutierte die Bundesrepublik zu einer Art Kontrastmittel, an dem sich sozialistische Erfolge abzeichneten. Offizielle Äußerungen über Impfungen beschränkten sich daher selten auf Zahlen aus dem Osten. Öffentlichkeitswirksam wurden die Zahlen erst durch den Vergleich mit dem Westen wie in jenem Bericht des Gesundheitsministeriums von 1967, der in der DDR 128 Erkrankte und sechs Todesfälle an Polio verzeichnete, diese Zahlen jedoch umgehend in größere Zusammenhänge einordnete: »In Westdeutschland stehen de[m] 3.271 Erkrankungen [und] 196 Todesfälle, davon 2.550 Kranke mit schweren oder schwächeren Lähmungen gegenüber.«83 Solche Bilanzen gaben bis in die 1980er Jahre Ausdruck von einem ostdeutschen Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Westen, dessen Vorsorgedefizit genüsslich ausgeschlachtet wurde:84 »Es ist doch beschämend«, bilanzierte etwa Henner Giesecke für die »Arbeitsgruppe Impfwesen« 1970, dass »die Bundesrepublik es nicht fertig bringt, Polioerkrankungen zu verhindern, und dies bei den hohen moralischen Prinzipien, die die Führung dieses Landes immer wieder für sich in Anspruch nimmt«.85 Immunität war somit ein zweifaches Repräsentationsmittel: einerseits repräsentierte die Impfquote soziale Entwicklungen, andererseits repräsentierte sich der »Vorsorgestaat« durch Impfprogramme. Dank internationaler Vergleiche machten Impfungen deutlich, wer im deutsch-deutschen Wettlauf die Nase vorn hatte. Den außenpolitischen Stellenwert von Impfprogrammen belegen nicht zuletzt internationale Großereignisse und Ausstellungen wie »15 Jahre DDR« in Moskau. Mit mehr als 1,2 Millionen Besuchern bot diese Ausstellung eine Repräsentationsfläche ersten Ranges.86 Erstrangig war in dieser Schau auch die Darstellung des Gesundheitswesens als »Ausdruck einer humanistischen Politik des 1.  Arbeiter- und Bauernstaates in Deutschland«,87 für die das DHM die Federführung übernahm. Gezeigt wurden Ärzte beim Tuberkulose- und Pockenimpfen, der Impfkalender der DDR oder Statistiken zu Impfquoten als »Bestrebungen der Arbeiter- und Bauern-Macht […] eine gesunde, glückliche Bevölkerung zu schaffen«.88 Impfprogramme lieferten den Nachweis, »daß die Gründung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates ein Wendepunkt in der Geschichte Europas war.«89 Entsprechend großen Raum nahm das »Gesundheits- und Sozialwesen« auch im Wortsinne ein: Der Bereich umfasste über 150 Quadratmeter. 83 BAB, DQ 1/23652, Vermerk MfGe, Impfprogramm für das Jahr 1961. 84 Vgl. u. a. BAB, DQ 1/2438; DQ 1/5839, Abschlussberichte und Ausstellungskonzepte MfGe. 85 BAB, DQ 1/23652, Bericht AG Impfwesen Halle, 02.02.1970. 86 BAB, DQ 1/21875, Schlussbericht von Kreutel, 09.12.1964. 87 BAB, DQ 1/21875, Konzept zur Ausstellung in Moskau, o.Dt. [1963/64]. 88 BAB, DQ 1/21875, Komplex Gesundheitswesen der Ausstellung, [1964]. 89 BAB, DQ 1/21876, Konzept Ausstellung »15 Jahre DDR« in Moskau, o.Dt. [1963/64].

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Noch in anderer Hinsicht bot das internationale Parkett RepräsentationsGelegenheiten. Veranstaltungen wie Messen und internationale Kongresse standen ganz im Fokus des Gesundheitsministeriums. Die vom Ministerium konzipierte »hygienisch-antiepidemische Absicherung« durch »Riegelungsimpfungen«, Impfstoff-Reserven und Immunisierung des Personals erfüllte zwei Funktionen: Zum einen stellte sie den reibungslosen Ablauf der ­Großereignisse sicher. Insbesondere bei internationaler Beteiligung aus »Entwicklungsländern« war die Angst vor Pocken, Polio, Tuberkulose oder vor Gelbfieber groß. Zum­ anderen demonstrierte die prophylaktische Immunisierung die Erfolge des Sozialismus vor der »Weltöffentlichkeit«. Generalstabsmäßig gingen das MfGe und das Ministerium für Staatssicherheit daher an die Vorbereitung der »X. Weltfestspiele der Jugend« im Sommer 1973. Bereits ein Jahr zuvor waren in den Veranstaltungsorten Berlin, Potsdam und Frankfurt/Oder alle Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen zu Auffrischungsimpfungen aufgefordert und die Produktion von Impfstoffen hochgefahren worden. Sämtliche ­MfS-Mitarbeiter an Grenzübergängen und Angehörige mehrerer Hauptabteilungen wurden erneut gegen Pocken geimpft.90 Pünktlich zu den Weltfestspielen standen als Notfallreserve drei Millionen Portionen Pockenimpfstoff sowie mehrere hunderttausend an Cholera-, Typhus- und Ruhr-Impfstoff zur Verfügung. Zur Veranstaltung wurden »Impfteams« an den Austragungsorten zusammengezogen und Einreisekontrollen durchgeführt.91 Nach den Weltfestspielen war das Gesundheitsministerium zufrieden. In seiner Bilanz verzeichnete es bei 25.600 Teilnehmern aus 140 Ländern und acht Millionen Besuchern lediglich vier Erkrankungen an Scharlach und Malaria, drei an Hepatitis sowie zwei Ruhr- und Salmonellen-Infektionen.92 Auch in dieser Hinsicht ließen sich die Weltfestspiele also als gelungener Leistungstest interpretieren. In die Weltgesundheitsorganisation fand die DDR zwar offiziell erst 1973.93 Doch lange vor der Aufnahme als Vollmitglied engagierte sie sich im Rahmen der WHO in Afrika und Asien. Dass ihr Engagement das der Bundesrepublik mitunter übertraf, obgleich diese schon seit 1951 als WHO-Mitglied wirkte, war kein Zufall. Schließlich zielte ostdeutsche »Entwicklungshilfe« auch darauf, in den Kreis der WHO aufgenommen zu werden, um mit der Bundesrepublik gleich zu ziehen. In diesem Sinne waren Impfstoffe ein Hebel, mit dem sich die Hallstein-Doktrin aufweichen ließ. Gesundheitsminister Sefrin unternahm in den 1960er Jahren mehrfach Reisen in Afrika, Asien und Südamerika, um Unterstützung für die WHO-Mitgliedschaft der DDR zu gewinnen. Nach Ägypten brachte Sefrin 1964 Impfstoffe und medizinische Geräte mit, woraufhin der ägyptische Außenminister Ahmed Riad eine Prüfung der Mitgliedschaftsfrage zusagte. Es spricht für rein taktische Motive ostdeutscher »Entwicklungshelfer«, 90 BStU, MfS-BdL/1795, Rundschreiben MfS/Chef medizinischer Dienst, 30.05.1973. 91 BAB, DQ 1/12246, MfGe, Hygienisch-antiepidemische Absicherung, [1973]. 92 BAB, DQ 1/12246, MfGe, Erste Auswertung X. Weltfestspiele, 15.08.1973. 93 Vgl. Wasem u. a., Gesundheitswesen und Sicherung (2008), S. 381.

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dass diese mitunter an den Bedürfnissen der »Entwicklungsländer« vorbeizielten. So begrüßte Riad die Schenkung von Impfstoffen zwar. Im nächsten Atemzug machte er jedoch deutlich, »dass die Bekämpfung epidemischer Krankheiten eine weitere Steigerung der Zuwachsrate der Bevölkerung nach sich ziehen würde.«94 Offenbar hatte die Senkung der Kindersterblichkeit in Ägypten eine geringere Priorität als in der DDR. Dass die DDR dennoch gern Impfprogramme exportierte, hatte pragmatische Gründe – sie ließen sich gut vermarkten. Impfprogramme versprachen eine nachhaltige Wirkung, die kein nachhaltiges finanzielles Engagement erforderte. Mit bissigem Unterton brachte das westdeutsche Ärzteblatt diese Strategie 1965 auf den Punkt: Demnach ver­ schicke die DDR »Impfstoffe in alle Länder«, weil sich »die Zonen-Präsente auch wirkungsvoll knipsen«95 ließen. Die WHO diente allerdings nicht nur als Bande, über die ostdeutsche Propaganda-Erfolge in den Westen gespielt wurden. Seit den 1970er Jahren machten ostdeutsche Gesundheitspolitiker zudem die unangenehme Erfahrung, dass ein Engagement in der Weltgesundheitsorganisation auch den Druck auf die DDR erhöhte. Schließlich setzte die WHO Standards, die man wegen des »prophylaktischen« Selbstverständnisses nicht nur erfüllen, sondern übererfüllen wollte. Die Forderung der WHO nach einer Ausrottung der Polio stieß daher im Gesundheitsministerium auf offene Ohren – schließlich konnte man auf diesem Feld große Erfolge vorweisen. Andere Programme wie das gegen Masern stellten ostdeutsche Gesundheitspolitiker hingegen vor Probleme. Eine Meldung von 1983, dass die WHO »in Europa die Masern-Eradikation […] für ein in naher Zukunft erreichbares Ziel betrachtet«,96 löste im MfGe daher hektische Betriebsamkeit aus. Gesundheitsminister Ludwig Mecklinger interpretierte die Ausrottung der Masern nicht nur als Beitrag zur Verbesserung ostdeutscher Gesundheitsverhältnisse, sondern als ebenso wichtigen Beitrag zur Verbesserung der »internationale[n] Ausstrahlung […] im Rahmen der WHO.«97 Vor diesem Hintergrund erklärt sich die extreme Aufmerksamkeit für einzelne Masernfälle in Berlin Mitte der 1980er Jahre. Der Leiter eines Berliner Klinikums, Hans Wolfgang Ocklitz, warnte wegen der außenpolitischen Aufladungen gar vor einer Masern-Hysterie: »Vielleicht sollte man […] einmal aufklärend über die Masern diskutieren, die in den Köpfen mancher zu einer neuen Pest zu werden drohen.«98 Gefährlich waren die Masern für das Ministerium offenbar weniger als Gesundheitsbedrohung, sondern als Bedrohung der außenpolitischen Ausstrahlung und innenpolitischen Legitimation.

94 BAB, DQ 1/4303, Bericht über Reise Sefrins in VAR, 14.–22.04.1964. 95 BAB, DQ 1/5944, Ausschnitt DÄ, Die Mauer zu loben lohnt sich, 27.02.1965. 96 BAB, DQ 1/13119, Schreiben Ocklitz, 17.03.1983. 97 BAB, DQ 1/24266, Vorlage MfGe zum Masernimpfprogramm, 14.06.1983. 98 BAB, DQ 1/13119, Schreiben Ocklitz, 23.04.1984.

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5.2.4 Pragmatismus und Scheitern seit Mitte der 1970er Jahre Während die Pockenimpfpflicht im Westen spätestens Anfang der 1970er Jahre bröckelte, hielt die DDR bis zum Mai 1980 an ihr fest. Das hing nicht nur mit der staatstragenden Leitidee der »Prophylaxe« zusammen. Darüber hinaus fühlte man sich bei der Impfpflicht den sozialistischen Länder verbunden, wie das­ Gesundheitsministerium 1979 erklärte. Erst die Abschaffung der Pockenimpfpflicht in der Sowjetunion 1980 gab der DDR den Anstoß. Die Verkündung des Endes der Pockenimpfpflicht fiel dann indes umso leichter, weil es sich als »gesundheitspolitischer Erfolg […] publizieren« ließ, »wobei insbesondere der Anteil der UdSSR und der sozialistischen Länder«99 hervorgehoben wurde. So stellte Gesundheitsminister Mecklinger in einem Schreiben an Erich Mielke heraus, dass das Verschwinden der Impfpflicht allein als »Ergebnis des 1958 von der UdSSR initiierten«100 Pockenimpfprogramms zu verstehen sei. Zum »Weltgesundheitstag« 1975 sprach das Gesundheitsministerium vom Ende der Pocken gar als Beweis sozialistischer Entspannungspolitik. Es sei kein Zufall, »daß diese bevorstehende erste weltweite Ausrottung einer der bedeutsamsten Infektionskrankheiten als die bisher größte Leistung der WHO parallel verläuft mit der durch die konsequente und beharrliche Friedenspolitik der Sowjetunion und der anderen Staaten der sozialistischen Gemeinschaft eingeleitet Wende vom kalten [sic] Krieg zur Entspannung […] und Zusammenarbeit auf der Basis der von Lenin entwickelten Prinzipien der friedlichen Koexistenz zwischen sozialistischen und kapitalistischen Staaten.«101 Die Verknüpfung von Vorsorge und Weltfrieden war freilich kein sozialistisches Spezifikum, wie der Vergleich zeigt: Westliche Erfolgsgeschichten zum »happy end« des WHO-Pockenprogramms lesen sich ja ganz ähnlich. Unter der Hand scheint man sich allerdings auf beiden Seiten der Mauer über die Beständigkeit des Weltfriedens nicht ganz sicher gewesen zu sein. Sowohl in der Bundeswehr als auch in der NVA wurden Pockenschutzimpfungen noch etliche Jahre als Maßnahme des ABC-Schutzes fortgeführt.102 Ein zweiter Blick auf die Pockenimpfpflicht macht deutlich, dass es die Ostdeutschen mit dem Zwang schon lange nicht mehr so eng sahen. Bereits 1962 stellte das Gesundheitsministerium klar, dass in »einer pockenfreien Situation« Rückstellungen großzügig zuzulassen seien, um die Zahl an Impfschäden gering zu halten: »Die Gefahr, an Pocken zu erkranken, ist in diesem Falle geringer zu bemessen, als die mögliche Gefahr des Impflings.«103 Das Risiko schwerer »Impfschäden« bemaßen ostdeutsche Experten Mitte der 1950er Jahre mit 99 BAB, DQ 1/13118, Beratung Pockenexpertengruppe im MfGe, 08.04.1980. 100 BAB, DQ 1/11494, Schreiben Mecklinger an Mielke, 16.03.1980. 101 BAB, DQ 1/11849, MfGe, »Sieg über Pocken in greifbarer Nähe«, o.Dt. 102 Für die NVA vgl. BAMA, DVW 1/4898. 103 BStU, MfS-Wachregiment/3322, MfGe, Anlage zur Instruktion Nr. 4/63: Grundsätze Pockenschutzimpfung, [1963]. Vgl. BAB, DQ 1/23661, Verfügung MfGe, 06.04.1964, S. 25–34.

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1:15.000,104 Anfang der 1970er Jahre mit ca. 1:20.000.105 Während der 1970er Jahre wurden Rückstellungen derart häufig genehmigt, dass gemeinhin 60 bis 70 Prozent der Jahrgänge geimpft wurden.106 So wichtig »Prophylaxe« als Staatsräson auch war, so wichtig war das Eingehen auf Bedenken und Impfmüdigkeit in der Bevölkerung. Aus diesem Grund lässt sich die DDR trotz aller Präventionsplanungen kaum als restriktive Form des »Vorsorgestaats« charakterisieren. Auch im Osten wandelten sich Konzepte seit den 1970er Jahren. So waren im Gesundheitsministerium Mitte der 1970er Jahre neue Töne zu hören, die ganz ähnlich klangen wie im Westen. Statt »Aufforderungen« zur Erfüllung der Impfpflicht erhielten DDR-Bürger nun »Aufklärungsbroschüren«, so vom Deutschen Hygiene-Museum zur Tetanus-Pflichtimpfung: »Machen deshalb auch Sie von dieser großzügigen Möglichkeit unseres sozialistischen Gesundheitswesens Gebrauch. Die Teilnahme an der Schutzimpfung […] ist eine Pflicht gegenüber der eigenen Gesundheit.«107 Gerade der letzte Satz ist für einen Wandel bezeichnend. Während in den 1950er und 1960er Jahren meist an das Pflichtgefühl gegenüber der Gesellschaft appelliert und Impfungen zu einem Beitrag für den Sozialismus erklärt wurden, rückte seit den 1970er Jahren der persönliche Nutzen in den Vordergrund. In diesem Sinne lassen sich also Anzeichen einer Individualisierung feststellen, die einer Impfpflicht keineswegs widersprachen, im Gegenteil: Je schwieriger die Durchsetzung sozialistischer Normen erschien, umso überzeugender waren persönliche Ängste. Aufklärung war in den 1970er Jahren außerdem gefragt, weil die Sensibilität für Nebenwirkungen wuchs, wie der Epidemiologe und spätere Direktor des Zentralinstituts für Hygiene, Sieghart Dittmann, in seiner Dissertation 1979 beobachtete: »Paradoxerweise sind es gerade die Erfolge einer Schutzimpfung, welche die Öffentlichkeit zunehmend die vormalige Häufigkeit und die gesundheitlichen Folgen einer schweren Krankheit vergessen lassen und zu einer zunehmend kritischen Wertung der Impfung unter vorwiegend ethischen Gesichtspunkten führen.«108 In den 1980er Jahren lockerte das Gesundheitsministerium daher vorsichtig auch die Impfpflicht gegen Keuchhusten und Masern, so dass Impfärzte fortan nach Absprache mit den Eltern abwägen sollten, ob Gefahren »durch Schutzimpfung an sich oder durch die Unterlassung derselben im Vordergrund«109 standen. Auch das war ein Schritt hin zu einer Risikoabwägung zwischen den Bedürfnissen des Kollektivs und denen des Individuums. Nicht nur Impfschäden schufen Legitimitätsprobleme. Seit den 1980er Jahren wuchs zudem die Sensibilität für fehlerhafte Impfungen und Impflücken. So 104 BLHA, Rep 601/2619, Protokoll Fortbildungskurs für Impfärzte in Eberswalde, 13.09.1956. 105 BAB, DQ 1/11849, Schreiben W. Rohde, Staatliche Impfanstalt Berlin, [ca. 1971]. 106 BAB, DQ 1/11492, Stellungnahme MfGe, o.Dt. [1979]. 107 BAB, DQ 1/13105, DHM, Merkblatt Wundstarrkrampf, o.Dt. [ca. 1975]. 108 Dittmann, S. IV. 109 BAB, DQ 1/12283, Rundschreiben MfGe an Bezirkshygieniker, 14.05.1981.

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versetzte im Frühjahr 1980 der Anstieg von Masernerkrankungen das Gesundheitsministerium in helle Aufregung. Da unter den Erkrankten viele geimpfte Kinder waren, warnte das Ministerium vor gravierenden Mängeln bei der Umsetzung des Impfprogramms: Von der falschen Lagerung und Verteilung des Impfstoffs bis zu Fehlern in der Impftechnik listete es etliche Schwachstellen auf. Insofern erschien dem Ministerium weniger die Krankheit als Bedrohung. So war nicht einmal von den Todesfällen die Rede. Als Gefahr erschienen allein Fehler bei der Impftechnik, Produktions- und Organisationsprobleme, wie das Gesundheitsministerium 1980 erklärte: »Auf Grund der großen gesundheitspolitischen Bedeutung der Masernschutzimpfung kann nicht zugelassen werden, daß durch fehlerhaftes Arbeiten der Erfolg dieser Impfung durch die Bevölkerung angezweifelt werden muß.«110 Dass diese Bedrohung wie ein Damoklesschwert über Behörden und Impfstellen hing, machen weitere Masernausbrüche deutlich.111 1984 konstatierte das Ministerium in Berlin einen Anstieg der Masernfälle um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr, so dass die Erkrankungshäufigkeit hier sogar »über den Werten der Vorimpfära« lag. Schlimmer noch: Mehr als die Hälfte der Erkrankten waren zuvor gegen Masern geimpft worden, was ein Versagen des Impfprogramms nahelegte.112 In den 1980er Jahren häuften sich Meldungen über sinkende Impfquoten und die Wiederkehr scheinbar »ausgerotteter« Krankheiten. Letzteres deutet auf Produktionsprobleme und Ermüdungserscheinungen von Gesundheitsexperten hin, deren prophylaktische Anstrengungen entweder wegen des zunehmenden Ärztemangels oder angesichts bisheriger Erfolge nachließen.113 So beschrieb das MfGe 1980 einen fatalen Zusammenhang zwischen Impferfolgen, dem Vergessen von »Volksseuchen« und ihrer Rückkehr: »Die Situation unterstreicht, daß die Zurückdrängung einer Infektionskrankheit durch Schutzimpfungen großer Anstrengungen bedarf, daß die Aufrechterhaltung dieser Zurückdrängung, d. h. einer eigentlich gar nicht mehr sichtbaren Krankheit, die gleiche unverminderte Anstrengung bedarf«.114 Mit diesem Dilemma stand die DDR nicht allein. Schon in den 1970er Jahren waren ähnliche Klagen im Westen zu hören, wo auf den Rückgang von Krankheiten ein Rückgang der Impfbereitschaft folgte. Im Sozialismus schlug das Vorsorge-Dilemma jedoch besonders zu Buche. Da Immunität den Markenkern sozialistischer Gesellschaftsentwürfe bildete, warfen sinkende Impfquoten und Seucheneinschleppungen Frage nach der staatlichen Legitimität auf. Seit Mitte der 1980er Jahre bekamen Bezirks- und Kreishygieniker die Legitimitätsfrage von besorgten Ärzten und Eltern immer häufiger direkt gestellt, wie Giesecke 1987 aus Halle meldete: »Vor allem ältere, erfahrene Kinderärzte zweifeln an Wort und Tat un110 BAB, DQ 1/12283, Rundschreiben MfGe an alle Bezirksärzte, 30.04.1980. 111 BAB, DQ 1/12291, Bericht MfGe über Masernsituation in Berlin, 08.05.1984. 112 BAB, DQ 1/13093, MfGe, Jahresbericht 1984. 113 Zur Abwanderung von Ärzten in den 1980er Jahren vgl. Erices u. Gumz. 114 BAB, DQ 1/12290, Vermerk MfGe zur epidemiologischen Lage o.Dt. [1980].

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serer Dienststelle und weisen mit hohem moralischen Anspruch auf Diphtherie- und Tetanuserkrankungsfälle bei Kindern hin«. Immer häufiger erinnerten Eltern an die Pflichten des Vorsorgestaats, der sein Immunitätsversprechen zu halten hatte, wie Giesecke fortfuhr: »Die Situation spitzt sich insofern zu, daß es in der Stadt Halle bereits zu Eingaben durch Eltern kam, weil ihre Kinder die Pflichtschutzimpfung nicht erhalten können.«115 In der ganzen Bevölkerung bestehe mittlerweile »große Unsicherheit bei der Impfprophylaxe«.116 Diese Entwicklung verweist auf die Doppeldeutigkeit der »Impfpflicht«, die ja nicht nur die DDR-Bürger, sondern ebenso den Staat auf konsequente Impfungen verpflichtete. Propaganda und Pflichten von Impfprogrammen hatten seit den 1960er Jahren eine Anspruchshaltung unter Ostdeutschen genährt, die seit den 1980er Jahren ständig enttäuscht wurde. Das »Tauschgeschäft: Sicherheit und Auskömmlichkeit gegen Loyalität und Mitmachen«117 endete auch mit dem Ende kollektiver Immunität. Mitte der 1980er Jahre ging der DDR selbst der Mehrfachimpfstoff gegen Diphtherie und Tetanus mehrfach aus, so dass zahlreiche Säuglinge nur noch gegen Tetanus geimpft wurden.118 Sogar in der Stasi – bislang bevorzugt in der Zuteilung – wurden Impfungen »aufgrund sehr begrenzter Impfstoffbereitstellung«119 knapp. Der Grippeimpfstoff hingegen lag in diesen Jahren teilweise im Überfluss vor, so dass das Gesundheitsministerium eine Erweiterung der Zielgruppe anregte, um eine »optimale Verwendung der vorhandenen Impfstoffkontingente«120 sicher zu stellen. In Halle wies Giesecke daher alle Kreisärzte sogar darauf hin, »daß es darauf ankommt, den hochwertigen Impfstoff restlos zu verimpfen«.121 In solchen Konzepten ging es offenkundig nicht mehr um eine rationale Vorsorge gegen gesundheitliche Bedrohungen, sondern um eine Verwaltung des Mangels bzw. der Fehlplanungen bei der Produktion. Im Falle der Grippeschutzimpfung folgte die Gesundheitspolitik daher dem Motto »alles muss raus.« Die Umsetzung anderer Impfprogramme hingegen blieb in den 1980er Jahren oft hinter den Erwartungen zurück. Die Zahlen der Pflichtimpfungen gegen Masern verfehlte die Norm deutlich. Während die Erstimpfung in mehreren Bezirken immerhin noch um die 90 Prozent (statt gefor­ derter 97 Prozent) erreichte, wurden bei der Zweitimpfung nur noch knapp 63 statt der geforderten 97 Prozent immunisiert.122 In Bezirken wie Cottbus fiel die 115 BAB, DQ 1/13134, Schreiben BHI, Giesecke, an MfGe, 25.11.1987. 116 BAB, DQ 1/13134, Schreiben ZIHME, Waltraud Thilo, an MfGe, 25.11.1987. 117 Jessen u. Gieseke, S. 37. 118 BAB, DQ 1/12284, Verordnung MfGe, 01.12.1987. Die DT-Impfung richtete sich an alle Säuglinge mit einer Kontraindikation gegen Pertussis bzw. DPT-Kombinationsimpfung. 119 BStU, MfS BV Leipzig, Med. Dienst/182, MfS-Informationsblatt Hygiene für April 1988, 12.05.1988. 120 BAB, DQ 1/12284, Rundschreiben MfGe an alle Bezirke, 10.11.1987. 121 BStU, BV Halle, Med. Dienst/988, Telex BHI Halle an alle KHI, 11.11.1987. 122 BAB, DQ 1/12284, Rundschreiben MfGe an Bezirke zum Leistungsvergleich 1986, 29.10.1986.

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Impfquote der Erstimpfung gegen Masern in den frühen 1980er Jahren gar auf 50 Prozent und verharrte bis zum Ende der DDR auf diesem Niveau.123 Fatal war zudem die Erkenntnis, dass die DDR den kalten Impfkrieg verlo­ ren hatte. Während Ärzte in der Bundesrepublik in den 1980er Jahren neue Röteln- und Hepatitis-Impfungen durchführten und dafür sogar auf heimische Produkte zurückgriffen, blieb die DDR auf diesem Feld von West-Importen abhängig.124 Die Forderung des Gesundheitsministeriums nach einer eigenen Rötelnimpfung125 blieb angesichts angespannter Produktions- und Forschungsverhältnisse ein Lippenbekenntnis. Dass der Bedarf an Masern-, Mumps-, Röteln- und Hepatitis-B-Impfstoffen durch Importe der Behringwerke oder der Unternehmen Pasteur, MSD und SmithKline gedeckt wurde, spricht für das Hinterherhinken der DDR auf ihrem ureigenen Leistungsfeld. Das Zurückbleiben kaschierten nicht einmal mehr letzte Großveranstaltungen wie die »Nationale Gesundheitskonferenz der DDR« des ZK im September 1989, das noch einmal eine Leistungsschau aufbot.126 Zu diesem Zeitpunkt war Prophylaxe bereits zum doppeldeutigen Begriff mutiert, einerseits als »Ausdruck der Ver­ wirklichung sozialer Gerechtigkeit«,127 andererseits als Vorsorge gegen die Krisenstimmung, die 1989 die ostdeutsche Gesellschaft durchzog.128 Das Schlusskapitel unter die ostdeutsche Impfgeschichte schrieb ein Rundbrief des Gesundheitsministeriums im Juli 1990. Nachdem man in den Vormo­ naten Verwaltungs- und Kühlräume für Impfstoffe hatte räumen müssen, beruhigte es alle Bezirkshygieniker, dass ab sofort »Geschenksendungen«129 an Impfstoffen und »Soforthilfeprogramme« aus der Bundesrepublik bereitstünden.130 Geschenksendungen und Soforthilfeprogramme waren die sichtbarsten Zeichen einer westlichen Übernahme, gegen die sich vereinzelter Widerstand regte. So warnten Kreisfunktionäre aus Wernigerode im April 1990 vor einem »sozialen Abbau«,131 wenn staatliche Leistungen der »Prophylaxe« im Zuge der Privatisierung wegfielen. Auch die ehemalige BHI in Frankfurt an der Oder hielt es 1991 für »bedauerlich, daß etwas, was gut funktioniert hatte, nun einfach zusammenbricht bzw. ›zerschlagen‹ wird.«132 Der Staatssekretär im Gesundheitsministerium Thomas Schmidt sprach im Juli 1990 als Vorsitzender der »Interessengemeinschaft des Jugendärztlichen Dienstes« gar von einem drohenden »Chaos«, das die Auflösung des ostdeutschen Impfwesens nach sich ziehe: »Bei allem, was nun geschieht, darf vom Gesetzgeber nicht außer acht ge123 BLHA, Rep 211/26648, Rundschreiben BHI Cottbus an Kreisärzte, 21.07.1980. 124 Zu Importen des Hepatitis-B-Impfstoffes Ende der 1980er Jahre vgl. BAB, DQ 1/13102. 125 BAB, DQ 1/12284, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 21.06.1985. 126 Vgl. BAB, DY 30/J IV 2/2/2349, Sitzung des Politbüros am 3. Oktober 1989. 127 Zit. n. Burkart, S. 3265. 128 Vgl. BStU, BV Magdeburg/2795, Bericht Bezirk Magdeburg, 27.10.1989. 129 BAB, DQ 1/14488, Vermerk MfGe, Hepatitis-B-Impfstoff, Bedarf III. Quartal, 02.07.1990. 130 BAB, DQ 1/13129, Rundschreiben MfGe an alle Bezirkshygieniker, 05.09.1990. 131 BAB, DQ 1/13129, Schreiben Kreis Wernigerode, 23.04.1990. 132 BLHA, Rep 631/252, Medizinal-Unters.-amt Frankfurt, Jahresbericht 1990, 18.03.1991.

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lassen werden, daß wir es im Ostteil unseres Vaterlandes mit einer in nahezu 60 Jahren total verwalteten Bevölkerung zu tun haben. Diese bisher total verwaltete Bevölkerung nun in die totale Freiheit zu entlassen, würde die Gefahr des Chaos heraufbeschwören. Wir hielten es deshalb für sinnvoll, in den Verfassungen der Länder einen Passus einzubringen, der etwa lauten könnte: ›Gesundheitsfür- und -vorsorge ist eine unverzichtbare Aufgabe des Staates‹.«133 Ähnliche Sorgen trieben auch Ärzte im Gesundheitsdienst Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsen-Anhalts und Berlin um. Sie forderten die Aufrechterhaltung der »guten prophylaktischen Betreuung der Bevölkerung« wohl nicht zuletzt aus Eigeninteresse. Schließlich sicherten staatliche Vorsorgemaßnahmen ihre (An-)Stellung im Gesundheitswesen. Schützenhilfe erhielten solche Rettungsversuche mitunter aus dem Westen. So versuchte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer eine Debatte über ein »besseres Gesundheitswesen für das gesamte Deutschland«134 zu entfachen. Solchen Initiativen zum Trotz überlebte der ostdeutsche »Vorsorgestaat« den Einigungsprozess nicht. Viel zu lange schon hatte die DDR im Rennen um die immunisierte Gesellschaft hinten gelegen.

5.3 Prophylaxe nach Plan: Wirtschaften und Wissen schaffen 5.3.1 Unter Brüdern: Grenzen osteuropäischen Wissenstransfers Der Zweite Weltkrieg war ein noch größeres Experimentierfeld als der Erste gewesen. Das galt nicht nur wegen der Entgrenzung der Impfforschung, die vor Menschenexperimenten nicht Halt machte. Wichtiger noch waren Entgrenzungen sozialer Art: der »totale Krieg« und dessen gesundheitliche Auswirkungen an der »Heimatfront«. Eine entsprechende Bilanz zog der spätere Präsident des Robert Koch-Instituts, Bruno Harms, zur Wirksamkeit der Typhus-Schutzimpfung 1946: »[M]an hat ein Experiment gemacht in einer Ausdehnung, wie es bisher noch nicht der Fall in Deutschland war; selbst im ersten [sic] Weltkrieg haben wir eine solche allgemeine Typhus-Schutzimpfung der Bevölkerung noch nicht zu verzeichnen gehabt.«135 Nicht minder beeindruckende Erkenntnisse trugen Harms’ Kollegen über Fleckfieber- und Ruhrschutzimpfungen zusammen. Die Forschungsfrüchte des »totalen Krieges« bekehrten selbst ausgewiesene Impfskeptiker: »Ich bin von einem Schutzimpfgegner ein Impf-Freund geworden, auf Grund der Erfahrungen«, bekannte Ignatz Zadek, Klinikdirektor 133 BAB, DQ 1/15344, Schreiben Thomas Schmidt, 05.07.1990. 134 BAB, DQ 1/13129, ADN-Meldung, Ein besseres Gesundheitswesen, 23.08.1990. 135 BAB, DQ 1/252, Paul Konitzer, Protokoll der Sitzung über Typhus/Ruhr der Zentralverwaltung f. d. Gesundheitswesen i.d. SBZ, 16.04.1946. Hier auch alle folgenden unbelegten Zitate.

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und sozialdemokratischer Stadtverordneter in Berlin. Alle Erfahrungen des Weltkriegs sprachen für das Konzept des »Herdenschutzes« und die systematische Immunisierung der Gesellschaft. Trotz einzelner Einwände wegen der Zunahme von Impfschäden sprachen sich alle Experten der SBZ für Impfungen als »soziale Maßnahme« aus, vor der individuelle Befürchtungen zurückzustehen hätten. Von der Berliner Charité brachte Theodor Brugsch diese Auffassung mit seiner Erklärung zu Nebenwirkungen auf den Punkt: »Das sind zwar Zufallserscheinungen, aber die Zufallserscheinungen müssen wir in Kauf nehmen, denn wir retten eine ganze Bevölkerung […]. Hier steht das Allgemeinwohl voran.« Eine weitere Folge des Krieges waren Verflechtungen zwischen ostdeutschen und sowjetischen Experten. Solche Verflechtungen waren nicht selbstverständlich, hofften sowjetische Besatzungsbehörden doch auf Reparationen und damit auf Kompensation für die Verheerungen ihrer Heimat. Beim Impfen standen solche Hoffnungen allerdings schnell hinter Sicherheitsbedürfnissen der Besatzer zurück, die sich aus den Seuchenzügen der Nachkriegsjahre speisten.136 Während Kraftfahrzeuge, Maschinen und ganze Fabriken in die Sowjetunion wanderten,137 blieben Impfanstalten und Unternehmen weitgehend unangetastet. Diese Besatzungspolitik hatte Folgen für die Forschung und Fertigung von Impfstoffen. Einerseits konnte die DDR umgehend auf die gesamte Produkt­ palette der 1940er Jahre zurückgreifen: Pocken-, Ruhr-, Typhus-, Tuberkulose-, Cholera- und Diphtherie-Impfstoffe standen von Anfang an Verfügung. Andererseits verzögerten Kontinuitäten Innovationen. Ostdeutsche Wissenschaftler konzentrierten sich seit den 1950er Jahren auf die Verbesserung etablierter Impfstoffe, um das ambitionierte Impfprogramm am Laufen zu halten. Neue Impfstoffe waren in der DDR daher selten die Frucht eigener Forschungen. Vielmehr stammten Innovationen oft aus sowjetischen Laboren. Schon die Einführung eines neuen Polio-Impfstoffes Ende der 1950er Jahre war ein reines Importgeschäft. Während bundesdeutsche Wissenschaftler in dieser Zeit internationale Austauschbeziehungen aufbauten, beschränkten sich ihre ostdeutschen Kollegen auf die Kontrolle sowjetischer Produkte, die seit 1958 das Polioprogramm der DDR ermöglichten. Im Falle des Polioimpfstoffs bestand der ostdeutsche Forschungsbeitrag in der Lieferung von »geeignete[n] Destillationsapparaturen«138 an das Forschungsteam um W. D. Solowjew in Moskau, wie Theodor Kima vom Gesundheitsministerium erklärte. Dieser Transfer sicherte eine sowjetische Produktion für den Export in die DDR, was ihre Abhängigkeit von Westimporten beendete.139 Auch spätere Arbeitsbeziehungen gestalteten sich eher einseitig. So bezogen ostdeutsche Wissenschaftler für die Entwicklung eines Masernimpfstoffs 1963 den Lebendimpfstoff vom Leiter 136 Reinisch, S. 250. 137 Vgl. Fisch, S. 104–107. 138 BAB, DQ1/6506, Schreiben MfGe/Kima, 26.06.1958. 139 BAB, DQ 1/21510, Bericht Poliomyelitis-Ausschuss, 27.07.1959.

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des Leningrader Instituts für experimentelle Medizin, Anatoli A. Smorodintsew. Der ostdeutsche Forschungsanteil beschränkte sich daher auf zwei Feldversuche, die die Wirksamkeit des sowjetischen Produkts erneut bestätigten, so dass es kurze Zeit später in der gesamten DDR eingesetzt wurde.140 Ihre Ergebnisse ver­öffentlichten ostdeutsche Wissenschaftler »in der sowjetischen Fachzeitschrift für Epidemiologie«,141 wie das Staatliche Institut für Serum- und Impfstoffprüfung (SISI) eine win-win-Situation erklärte: Nicht nur galten sowjetische Fachzeitschriften für ostdeutsche Forscher als Referenz. Darüber hinaus hatten sowjetische Wissenschaftler großes Interesse an den Ergebnissen internationaler Feldversuche mit ihren Impfstoffen. In solchen Transferprozessen etablierte sich der Import sowjetischer Erkenntnisse als eine Forschungspraxis, die das zukünftige Vorgehen für Forschungen zu Grippe-, Mumps- und Rötelnimpfstoffen vorgab.142 Zwar vereinbarten ostdeutsche und sowjetische Experten im Januar 1976 eine »gemeinsame Impfstoffentwicklung und ihre gemeinsame Erprobung«.143 Tatsächlich wurde das gemeinsame Forschungsvorhaben kurze Zeit später in Potsdam ins Leben gerufen, wo im April 1976 das erste deutsch-sowjetische Symposium zur Masernund Mumps-Schutzimpfung tagte. Der Virologe Günter Starke unterstrich die wissenschaftliche Bedeutung dieses Austausches mit der Teilnahme hochrangiger Experten aus der Sowjetunion, »unter ihnen 1 Leninpreisträger, 2 Akademiemitglieder, 2 Professoren«.144 Das Ergebnis der Kooperation war allerdings nicht ganz so beeindruckend. Am Ende der Tagung beschlossen die Teilnehmer, dass »die freundschaftliche Zusammenarbeit von Wissenschaftlern der UdSSR und DDR eine wichtige Rolle« für Impfungen spiele und eine »weitgehende Eliminierung der Masern in bestimmten Gebieten« erreicht werden könne.145 Mehr als zehn Jahre nach Einführung der Masernimpfung war dieser Beschluss kein wegweisendes Ergebnis. Kurz gesagt stammten experimentelle Erkenntnisse ostdeutscher Wissenschaftler lange Zeit von sowjetischen Kollegen, deren Forschungsergebnisse für den Bedarf der DDR marktfähig gemacht wurden.146 In einem Rückblick brachte der Rat für Medizinische Wissenschaft 1987 diesen Forschungstrend auf die allgemeine Formel, dass Kooperationen sich meist auf die »Endkonfektionierung« sowjetischer Impfstoffe, mitunter sogar nur auf den Austausch russischsprachiger durch deutsche Etiketten beschränkten.147 Wei140 BAB, DQ 1/13119, Bericht MfGe über Polio- und Masernimpfstoffe, [1971]. 141 BAB, DQ 1/23652, Schreiben SISI an MfGe, 27.01.1969. 142 Vgl. BAB, DQ 1/13127, Berliner Institut f. Infektions- u. Tropenkrankh., 05.05.1970. 143 BAB, DQ 1/13109, Bericht 7. Tagung der »Ständigen Arbeitsgruppe der Ministerien für Gesundheitswesen der DDR und der UdSSR«, [Februar 1976]. 144 BAB, DQ 1/14960, Bericht Starke, 04.06.1976. 145 BAB, DQ 1/14960, Resolution Gemeinschafts-Symposium, 05.–10. April 1976. 146 Vgl. BAB, DQ 1/14482, MfGe, Bericht Mumpsimpfstoff, 07.12.1982; BAB, DQ 1/12245, Manuskript Mecklinger Weltgesundheitstag, 1977; BAB, DQ 1/12290, Vorlage für Sekretariat des ZK über Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten, [1980]. 147 BAB, DQ 1/14481, Bericht Rat für Medizinische Wissenschaft, 31.03.1987.

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tere Konferenzen bekräftigen diesen Eindruck noch. Bis Mitte der 1980er Jahre einigte man sich zwar auf technische Standards und Organisationsabläufe.148 Gemeinsame Grundlagenforschungen brachten deutsch-sowjetische Koopera­ tionen jedoch nicht zustande. Insofern ist es wenig erstaunlich, dass Kooperationen im Osten im Laufe der 1980er Jahre gegenüber denen mit dem Westen an Bedeutung verloren.149 Dass sowjetische Wissenschaftler seither sogar mehreren WHO-Tagungen über Impfprogramme fernblieben, wurde von ostdeutschen Teilnehmern nun nicht einmal mehr kommentiert.150 Andere Impulse erhielten Wissenschaftler von osteuropäischen Nachbarn. Neben der Sowjetunion führten Mitte der 1950er Jahre die CSSR, Polen und Ungarn Impfprogramme gegen Diphtherie und Tetanus durch. Auch mit Impfpflichten war man in diesen Ländern schneller bei der Hand als in der DDR. Ostdeutsche Wissenschaftler beklagten daher immer wieder ein Hinterherhinken der DDR, das im osteuropäischen Austausch deutlich werde.151 Selbst bei der Pockenschutzimpfung, einer Domäne deutscher Forschungen, waren osteuropäische Brüder der DDR Mitte der 1950er Jahre voraus, wie Theodor Kima 1954 monierte.152 Der Austausch mit Osteuropa war aus zwei Gründen gefragt. Zum einen suchten Experten im Rahmen des Warschauer Pakts gemeinsame Impfschemata.153 So setzte sich im Laufe der 1960er Jahre unter Militärmedizinern der Warschauer-Pakt-Staaten die erschreckende Erkenntnis durch, dass die NATO in epidemiologischer Hinsicht ein bedrohliches Arsenal hortete. Nicht nur rüstete der Westen seine Armen mit biologischen Kampfstoffen auf. Darüber hinaus waren NATO-Soldaten konsequenter gegen biologische Kampfstoffe ge­ impft als ihre osteuropäischen Gegner.154 In der Nationalen Volksarmee wuchs folglich das Interesse an Forschungskooperationen sowohl mit dem MfGe als auch mit anderen sozialistischen Ländern.155 Zum anderen war Vorsorge ein Fixstern aller osteuropäischen Länder, was den wissenschaftlichen Austausch über Impfungen beförderte. So stand eine ungarisch-ostdeutsche Konferenz im Januar 1969 ganz unter dem Eindruck »der hohen humanitären Aufgaben des sozialistischen Gesundheitswesens, zu dessen Arbeitsrichtungen u. a. die Befreiung der Gesellschaft von Infektionskrankheiten gehört.«156 Der osteuropäische 148 Vgl. BAB, DQ 1/14960, Bericht MfGe 2. Nationales Symposium d. UdSSR/DDR zu Masern-Mumps-Impfungen. 149 Vgl. Wasem u. a., Gesundheitswesen und Sicherung (2008), S. 381. 150 BAB, DQ 1/26772, Bericht MfGe über WHO-Meeting Influenza, 26.01.1980. 151 BAB, DQ 1/2438, Schreiben Mörl, Universität Halle-Wittenberg, 28.05.1962. 152 BAB, DQ 1/23190, Bericht Kima, Stand und Probleme der Schutzimpfung, 06.01.1954. 153 BAMA, DVW 1/19059, Protokoll Symposium Prag, 22.08.1966. 154 BAMA, DVW 1/22858, MfNV, »Impfschema für die NVA«, 1967. 155 Vgl. u. a. BAMA, DVW 1/25299, Zentrales Lazarett der NVA, 07.05.1970. BAMA, DVW 1/25238, MfNV, Fragen über die Durchführung von Schutzimpfungen, 20.06.1968; Bericht Konsultation an der Kirow-Akademie Leningrad, 20.04.1972. 156 BAB, DQ 1/23661, Protokoll Beratung der Experten-Epidemiologen in Berlin 03.01.1960.

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Wissenstransfer geriet indes schnell ins Stocken, wenn es um konkrete Maßnahmen ging. So waren sich alle Teilnehmer einer Tagung in Sofia 1966 einig, dass Impfungen für den gesamten Ostblock nach einem einheitlichen Plan erfolgen sollten. Doch selbst an eine »Vereinheitlichung des Impfkalenders« war auf dieser Konferenz nicht zu denken.157 Beratungen zwischen sozialistischen Ländern dienten daher vorwiegend der gegenseitigen Bestandsaufnahme. Im Austausch ließ sich erkunden, welche Programme in anderen Ländern funktionierten oder welche Probleme Impfungen hervorriefen, über die man in der WHO wegen der außenpolitischen Dimension ungern sprechen wollte. 5.3.2 Konkurrenz, Kooperationen und Kopien westlicher Forschung Erstaunlicher als Kooperationen mit dem Osten sind die mit dem Westen. Angesichts ostdeutscher Propagandakampagnen gegen die Bundesrepublik um den Polio-Impfstoff mutet es wie Ironie an, dass westdeutsche Unternehmen der DDR Ende der 1950er Jahre attraktive Angebote über Polio-Impfstoffe machten. Boehringer bot gar Großmengen des Impfstoffs »frei Berlin« an,158 während dieser im Westen knapp wurde. In der DDR stießen diese Angebote zumindest kurzfristig auf Interesse. Um der großspurigen Ankündigung einer konsequenten Immunisierung Taten folgen zu lassen, bezog man vom »Klassenfeind« bis Anfang der 1960er Jahre stillschweigend Polio-Impfstoffe. Allerdings machte das Ministerium deutlich, dass eine Intensivierung der sowjetischen Forschungs- und Handelsbeziehungen und der Aufbau eigener Produktionen Priorität habe, um »auf den Bezug des Impfstoffes in harter Währung«159 verzichten zu können. Neben Devisen begründeten politische Motive den Verzicht. Schließlich war der Westimport den Ostdeutschen schwer zu vermitteln, wenn man gleichzeitig mit öffentlichkeitswirksamen Angeboten an den Westen herantrat. Wie im Westen fanden sich auch im Osten Wissenschaftler bereit, ihre Forschung zum Beitrag zur deutsch-deutschen Systemkonkurrenz umzumünzen. Schon deshalb standen für den Leiter des Instituts für Immunbiologie, Wolfgang Belian, und den Leiter der HI, Theodor Kima, in ihrem Bericht zum VI.  Symposium der Europäischen Vereinigung gegen Poliomyelitis 1959 in München das Versagen westdeutscher Kollegen im Fokus. Genüsslich breiteten sie die Organisationsschwierigkeiten westdeutscher Wissenschaftler aus, bevor sie knapp den inhaltlichen Ertrag der Tagung skizzierten.160 Mitarbeiter des Deutschen Hygiene-Museums wiederum nutzten die Propaganda-Kampagnen 157 BAB, DQ 1/23661, Bericht Kima »Expertentagung der sozialistischen Länder«, 01.06.1966. 158 BAB, DQ1/6506, Schreiben Asid, 24.10.1958; MfGe zum Alleinvertrieb Boehringer, 30.09.1958. 159 BAB, DQ1/6506, Schreiben MfGe, 26.06.1958. 160 BAB, DQ 1/21510, Protokoll 15. Sitzung des Poliomyelitis-Ausschusses, 11.11.1959.

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der 1960er Jahre, um ihre Expertise beim Gesundheitsministerium anzupreisen. Im April 1962 konzipierte das DHM eine Ausstellung, in der die Bundesrepublik eine Projektionsfläche für ostdeutsche Erfolgsgeschichten abgab. So wolle man nicht nur Erkrankungs- und Todesfälle in Ost und West vergleichen. Darüber hinaus präsentierte man Zahlen, »welche finanziellen Kosten in Westdeutschland der Einzelne für die verschiedenen Impfungen zu tragen hat, während doch in der DDR sämtliche Schutzimpfungen gebührenfrei sind.«161 Gleichwohl lernten ostdeutsche Forscher vom Westen. Für sie erlaubte der Blick über die Mauer auch eine Überprüfung, ob die eigenen Programme funktionierten. Von idealen »Testbedingungen« sprach man in diesem Zusammenhang ja auch im Westen. In ihrer Analyse der Polio-Schluckimpfung bezogen sich ostdeutsche Wissenschaftler 1960 daher nicht nur auf Zahlen aus dem Westen, um ostdeutsche Erfolge hervorzuheben. Darüber hinaus untermauerten sie die Triftigkeit ostdeutscher Forschungsergebnisse mit Befunden zur plausiblen »Vergleichsgruppe«, wie die Bundesrepublik bezeichnet wurde.162 Das wichtigste Forum für internationale Forschungen eröffnete indes die WHO. Nicht nur Politiker, auch ostdeutsche Wissenschaftler knüpften seit den 1950er Jahren Kontakte zur Weltgesundheitsorganisation. Zunächst einmal hatten ostdeutsche Experten Bedarf an den Erfahrungen anderer Staaten mit Impfprogrammen. Sie waren daher nicht nur seit den 1960er Jahren auf allen Expertentagungen der WHO über Impfstoffe selbstverständlich dabei, sondern ebenso intensiv mit dem »Studium des umfangreichen WHO-Materials«163 über neueste Forschungen beschäftigt. Dass WHO-Richtlinien in der DDR schon Ende der 1950er Jahre zum Standard erklärt wurden, deutet auf die Ergiebigkeit dieses Wissenstransfers und eben auch darauf hin, dass die DDR sehr viel aufgeschlossener für »ausländische Erfahrungen« war als die Bundesrepublik. Relevant blieb die Weltgesundheitsorganisation natürlich auch für Dienste der Propaganda. 1960 gründete die Staatliche Akademie für So­zial­hygiene eigens ein »Komitee zur wissenschaftlichen und praktischen Auswertung der Tätigkeit der WHO in der DDR«.164 Die Zielsetzung des Komitees war klar umrissen, sollte es WHO-Mitglieder »mit den Erfolgen der DDR auf dem Gebiet des Gesundheitswesens näher vertraut«165 machen. Dass Impfprogramme diese Zielsetzung besonders gut bedienten, überrascht kaum. Nicht nur waren Impfprogramme ein Kerngeschäft der WHO. Darüber hinaus stellten Berichte der WHO die Erfolge der DDR quasi aus neutraler Perspektive unter Beweis. Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Impfwesen wiesen auf diesen positiven Effekt der WHO mehrfach hin. Der Leiter der Arbeitsgruppe, Henner Giesecke, schrieb 1970: »Die DDR ist unserer Meinung nach mit Abstand führend auf dem 161 BAB, DQ 1/2438, Schreiben DHM, 09.04.1962. 162 Vgl. BAB, DQ 1/23652, Vermerk MfGe zum Impfprogramm 1961, [Ende 1960]. 163 BAB, DQ 1/5839, Rundschreiben MfGe, 23.11.1966. 164 BAB, DQ 1/2438, Schreiben Staatliche Akademie für Sozialhygiene, 25.03.1960. 165 BAB, DQ 1/2438, Beschluss WHO-Komitee der DDR, 09.11.1960.

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Gebiet des Impfwesens. Hier wurden erstmals Durchimpfungsgrade für alle generell angewendeten Impfung[en], nach Jahrgängen geordnet, dokumentiert, so daß […] von verantwortlichen Stellen (WHO) der Risikofaktor durch die Krankheiten kurzfristig für unser Land eingeschätzt werden kann. Wenn heute ein gegen Polio Ungeimpfter einen Platz auf der Welt sucht, wo das Risiko, sich zu infizieren, am kleinsten ist, dann müßte er in die DDR kommen.«166 Wilfried Rohde bezeichnete die wissenschaftliche Zusammenarbeit in der WHO 1962 daher treffend als einen »Aktivposten, den niemand ignorieren kann und wird, vor allem weil es ein Geschenk ist, an das keine Bedingungen geknüpft sind.«167 Trotz zahlreicher weiterer Beispiele wäre es auch in diesem Fall verkürzt, die Wissens- und Wirtschaftsgeschichte der DDR auf die Systemkonkurrenz zu reduzieren. Zum einen war man selbstverständlich auch im Osten bereit, vom »Klassenfeind« zu lernen. So spielten Größen westdeutscher Impfforschung wie Richard Haas, Albert Herrlich, Georg Henneberg oder Heinrich Pette in ostdeutschen Diskussionen eine Rolle.168 Darüber hinaus tauschten sich west- und ostdeutsche Wissenschaftler direkt über Impfungen aus. So schürten Pockenausbrüche in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren im Osten Ängste. Schon die Einschleppung der Pocken nach Heidelberg 1959 hatte unter DDRBürgern »größte Besorgnis«169 ausgelöst.170 Angesichts des deutsch-deutschen Reiseverkehrs fühlten ostdeutsche Experten daher bei westdeutschen Kollegen vor, welche Gegenmaßnahmen getroffen würden.171 Pockenausbrüche im Westen bargen ja auch ein Legitimationsproblem für ostdeutsche Wissenschaftler, stellten sie doch die Wirksamkeit der Pockenimpfung in Frage. Das Gesundheitsministerium konstatierte besorgt, westdeutsche Pockenausbrüche hätten in der DDR »beachtliches Aufsehen erregt und auch einige Beunruhigung hervorgerufen. Wie ist es möglich, fragt man sich, daß trotz der Pflichtimpfungen gegen Pocken, die in Deutschland seit 83 Jahren durchgeführt wird, in Heidelberg gehäuft Erkrankungen an Pocken aufgetreten sind? Ermöglicht denn die Schutzimpfung gegen Pocken keinen vollständigen Schutz gegen diese Erkrankung?«172 Ostdeutsche Wissenschaftler nahmen sich westdeutscher Probleme 166 BAB, DQ 1/23562, Bericht AG Impfwesen, 02.02.1970. 167 BAB, DQ 1/6360, Schreiben W. Rohde, 10.03.1962. 168 Vgl. u. a. BAB, DO 1/62245, MdI, Dienstanweisung 25/63, 18.07.1963; BAB, DQ 1/23562, Bericht AG Impfwesen, 02.02.1970. 169 BAB DQ 1/20801, Schreiben eines DDR-Bürgers aus Plauen, 10.01.1959. 170 Vgl. u. a. BStU, MfS-HA VI/1375, Schreiben HA VI (Paßkontrolle), 06.11.1965; MfSBdL/4283, MfGe »Pockenerkrankungen in Westdeutschland«, 03.02.1970; BStU, BV Leipzig/1189, Telex MfS an alle BV, 04.02.1970. 171 Vgl. BAB, DQ 1/2472, Schreiben MfGe, 14.03.1967; BStU, BV Dresden/15952, Rundschreiben MfGe, 18.03.1970; zum Austausch mit Großbritannien und Schweden vgl. BAB, DQ 1/11492; BAB, DQ 1/12280. 1973 veröffentlichte das MfGe einen Pockenalarmplan, nach westdeutschem Vorbild. BStU, BV Leipzig/295, MfGe, Plan beim Pockenverdachtsfall, 17.03.1973. 172 BAB, DQ 1/6360, Entwurf MfGe, o.Dt. [ca. 1959].

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also schon deshalb an, um Sorgen in der DDR zu zerstreuen. Auch für diese Wissenstransfers bot das deutsch-deutsche Gesundheitsabkommen Mitte der 1970er Jahre im Übrigen eine gute Grundlage.173 Von noch größerer Bedeutung erschien aus ostdeutscher Perspektive der Wissenstransfer im Bereich Forschung und Entwicklung. Schließlich machten die 1970er Jahre deutlich, dass die DDR bei der Impfstoffentwicklung zurückfiel. Schwierigkeiten der Impfforschungen konstatierte 1970 selbst die Arbeitsgruppe Impfwesen um Henner Giesecke, die sich ansonsten mit Lob über ostdeutsche Impferfolge wenig zurückhielt.174 Das Ministerium für Gesundheitsweisen kam 1976 in seiner Bilanz zur ostdeutschen Grippeforschung zu einer niederschmetternden Bilanz. Nicht nur sei die »Virologie […] in der DDR nicht ausreichend entwickelt«. Darüber hinaus bleibe die Erforschung und Produktion von Impfstoffen nach WHO-Standards im Sächsischen Serumwerk auf Medizintechnik aus dem Westen angewiesen.175 Wegen solcher Abhängigkeiten forderte das Gesundheitsministerium seit den 1970er Jahren eine Intensivierung der »internationalen Wissenschaftsbeziehungen zur WHO und anderen internationalen Organisationen sowie zu kapitalistischen Ländern […] im Interesse der Stärkung der DDR«.176 Erleichtert wurden solche Kooperationen vom Leitbild der »Produktivkraft Wissenschaft«,177 die in Folge des »Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung« (NÖSPL) vorsichtig von allzu starren Vorgaben befreit wurde.178 Vor allem aber waren Forschungskooperationen mit dem »Systemgegner« einem erhöhten Problembewusstsein geschuldet. Das Interesse an einem Austausch mit dem Westen war nun umso größer, weil sich die geringen »personellen Potentiale« nicht mehr verbergen ließen. In einem Rückblick auf die ostdeutsche Impfforschung brachte der »Rat für Medizinische Wissenschaft« die Probleme der 1970er Jahre auf den Punkt: »Zu wenige Kader haben Gelegenheit, moderne Arbeitsmethoden in international führenden Instituten kennenzulernen.«179 Vor diesem Hintergrund verlief der Austausch zwischen der DDR und dem Westen seit den späten 1970er Jahren allen außenpolitischen Spannungen zum Trotz erstaunlich produktiv. Sorgen vor Einschleppungen von Seuchen ließen unter Wissenschaftlern die Einsicht reifen, dass die DDR »einen internationalen Austausch von Überwachungsdaten«180 mit westeuropäischen Ländern benötigte. Diesen Eindruck hatte Sieghart Dittmann nach seinem Besuch einer WHO-Konferenz in Kopenhagen 1982 gewonnen. Dittmann brachte für 173 BAB, DQ 1/12219, Gesetzblatt der DDR, Teil II, 19.12.1975, S. 269–271. 174 BAB, DQ 1/23562, Bericht AG Impfwesen, 02.02.1970. 175 BStU, MfS-ZMD/1037, MfGe, Vorlage Verhütung Virusgrippe-Epidemien, 04.05.1976. 176 BAB, DQ 1/12219, Orientierung MfGe, 05.02.1976. 177 Meuschel, S. 196. 178 Vgl. Wasem u. a., Gesundheitswesen und Sicherung (2006), S. 390 f. 179 BAB, DQ 1/14481, Bericht Rat für Medizinische Wissenschaft, 31.03.1987. 180 BAB, DQ 1/26772, Bericht über WHO-Regionaltagung, 26.05.1982.

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den Austausch alle Voraussetzungen mit. Seine Dissertation zu Impfkomplikationen von 1979 bewegte sich ganz auf der Höhe des internationalen Forschungsstands und souverän durch sämtliche WHO-Requirements, die als Grundlage ostdeutscher »Surveillance«-Konzepte zur Überwachung von Impfstoffen genutzt wurden.181 Dank dieser Voraussetzungen etablierte Dittmann in der Folgezeit eine »kleine, aber sehr erfolgreiche Zusammenarbeit« mit Kollegen an Londoner Forschungsinstituten. Dass von solchen Kooperation in erster Linie ostdeutsche Wissenschaftler profitierten und »viele Anregungen«182 erhielten, erhöhte im Gesundheitsministerium wohl noch das Interesse. Zumindest gestalteten sich die Wissenschaftsbeziehungen zwischen Ost und West seit den 1980er ausgesprochen asymmetrisch, wie auch die Forschung zu Rötelnimpfstoffen zeigt. Da noch Ende der 1980er Jahre im gesamten Ostblock kein Impfstoff bereitstand, der den Anforderungen der DDR genügte,183 behalf man sich mit Erfahrungen aus den USA und der Bundesrepublik sowie mit Feldversuchen mit importierten Impfstoffen. Nach Abschluss der Versuche machte sich das SSW an die Erforschung eines eigenen Impfstoffs »auf Basis des importierten Bulks«184 aus dem Westen. Anders gesagt wurden westliche Produkte seit den 1980er Jahren in der DDR im Grunde kopiert. Zu diesem Zeitpunkt setzten finanzielle Engpässe dem Austausch indes immer engere Grenzen. Anfang der 1980er Jahre wurden Devisen für den internationalen Austausch knapp. So hatte Dittmann angesichts knapper Kassen des MfGe nach einer WHO-Konferenz in London gar einen »Wochenendaufenthalt ohne Geld auf dem Flughafen«185 verleben müssen. Ende der 1980er Jahre waren die Ressourcen völlig erschöpft. Internationale Konferenzen wurden vom Ministerium gar nicht mehr finanziert.186 Der Kostendruck war so hoch, dass man sich in der Misere selbst vom »Klassenfeind« helfen ließ. So berichtete Dittmann dem MfGe von einer Tagung in Istanbul, wo die »Kosten für Reise und Aufenthalt der Teilnehmer durch die USA-Belgien-Pharma-Firma ›Smith-Kline‹«187 gesponsert worden seien. Auch in diesem Sinne kamen sich Ost und West in den 1980er Jahren näher. Grundlagenforschung war nun kaum noch denkbar ohne Kooperationen mit international agierenden Pharmaunternehmen. Mit gewisser Verzögerung gingen Vermarktlichung und Globalisierung des Impfwissens also auch im Osten Hand in Hand.

181 Vgl. Dittmann, S. V–VII. 182 Beide Zitate BAB, DQ 1/26772, Bericht Dittmann, 20.02.1982. 183 BAB, DQ 1/13134, MfGe, Zum Stand der Rötelnschutzimpfung, 1987. 184 BAB, DQ 1/13134, MfGe, Beratung Rötelnprophylaxe, 09.02.1989. 185 BAB, DQ 1/26772, Bericht Dittmann, 20.02.1982. 186 BAB, DQ 1/13119, Notiz MfGe auf Schreiben WHO-Regionalbüro, 03.01.1989. 187 BAB, DQ 1/13129, Dittmann, Bericht über die Impftagung in Istanbul, 23.–26.05.1989.

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5.3.3 Vom Wissenstransfer zum Westimport Die Dominanz des Sächsischen Serumwerks war für die ostdeutsche Impfstoffproduktion Segen und Fluch zugleich. Einerseits konnte das SSW als Traditionsbetrieb auf etablierte Herstellungsverfahren zurückgreifen, was eine Grundversorgung mit Standardimpfstoffen sicherstellte. Andererseits stieß das Werk bei der Einführung neuer Produkte schnell an seine Grenzen. So gelang dem SSW Ende der 1960er Jahre zwar die Herstellung eines eigenen Masern-Impfstoffes, der sogar für »Exportverhandlungen« mit Ägypten gut war.188 Von Beginn an machten indes Qualitätsschwankungen ganze Chargen des Impfstoffs unbrauchbar, so dass sowjetische und mitunter sogar West-Importe von Masernimpfstoffen notwendig wurden. Auch wegen solcher Produktionsprobleme wurde der VEB dem Gesundheitsministerium direkt unterstellt.189 Unter der Ägide des Ministeriums setzten die SSW in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre einen Schwerpunkt auf Grippeimpfstoffe. Eine Bündelung dieser Forschung in Dresden sollte nach Vorstellungen des MfGe sowohl »leistungsfähige internationale Forschungskooperation[en]« als auch höhere Produktionszahlen ermöglichen.190 Die Fortschritte bei den Grippeimpfstoffen waren dennoch Pyrrhussiege, weil sie die Erforschung neuer Impfstoffe in den Hintergrund drängten. So waren in den 1980er Jahren Mumps-, Masern- und Röteln-Impfungen (MMR) in vielen europäischen Ländern Standard, wie er auch für die DDR erwünscht war. Eine Beratung im MfGe kam im August 1986 allerdings zu einem Ergebnis, das einer Bankrott-Erklärung gleichkam: Da Forschungs- und Produktionskapazitäten im SSW und an anderen Instituten bis 1990 für andere Projekte verplant seien, dauere die Eigenentwicklung eines Impfstoffs bis zu 20 Jahre.191 Insofern setzte man ganz auf Importe. Nachdem man seit Mitte der 1980er Jahre RötelnImpfstoff aus dem britischen Wellcome-Unternehmen oder von Smith-Kline bezogen hatte, nahm das Ministerium 1987 Kontakt mit der Bundesrepublik auf. »Um das Impfprogramm der DDR nicht zu gefährden«192 empfahl das MfGe nun sogar den Einkauf von MMR-Impfstoffen bei den Behringwerken. Vor dem Hintergrund des Innovationsstaus machte das US-amerikanische Unternehmen Merck, Sharp & Dohme den Ostdeutschen 1984 ein verlockendes Angebot. Hans-Alfred Rosenthal, Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité, berichtete dem Gesundheitsministerium, dass MSD die Errichtung 188 BAB, DQ 1/23663, Schreiben SISI, Starke, 27.05.1969. 189 Eine Eingliederung des SSW entsprach wohl auch dem Wunsch des MfGe, regionale Divergenzen durch straffe Lenkung »in den Griff zu bekommen«. Vgl. Wasem u. a., Gesundheitswesen (2008), S. 379. 190 BStU, MfS-ZMD/1037, Entwurf MfGe zur »Vorlage zur Verhütung und Bekämpfung von Virusgrippe-Epidemien«, 04.05.1976. 191 BAB, DQ 1/12291, MfGe, Beratung Rötelnimpfstrategie, 27.08.1986. 192 BAB, DQ 1/12291, MfGe, Aktennotiz zum ZGA-Unterausschuss »Sera/Impfstoffe«, 11.08.1987; BAB, DQ 1/13129, Dittmann, »Impfstrategie der DDR«, 03.05.1989; BAB, DQ 1/13134, MfGe, Zum Stand der Rötelnschutzimpfung in der DDR, o.Dt. [1987].

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einer großen Produktionsstätte für Hepatitis-B-Impfstoffe in Osteuropa plane. Attraktiv erschien nicht nur das Investitionsvolumen in Höhe von 50 Millionen Dollar. Darüber hinaus versprach das Unternehmen den am Projekt beteiligten Ländern eine Abgabe des Impfstoffes zum Vorzugspreis. Ebenso attraktiv war für Rosenthal im Übrigen das Begleitprogramm des Unternehmens zur Beratung des joint ventures. Schließlich luden MSD alle »Teilnehmer des Vortrags am Nachmittag desselben Tages zur Fahrt auf einem Luxusschiff auf den Berliner Gewässern« ein. Die Kooperation, so endete Rosenthal, »sollte sorgfältig geprüft werden«.193 In den Archiven finden sich keine Hinweise, ob das amerikanisch-ostdeutsche Projekt in Angriff genommen wurde. Die seit Mitte der 1980er Jahre steigenden Importzahlen an Hepatitis-B-Impfstoffen legen vielmehr nahe, dass MSD einen anderen Standort fanden. Dennoch ist der Fall bemerkenswert. Dass Wissens- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen West und Ost selbst in Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses oder Reagans SDI-Initiative geknüpft wurden, zeigt zweierlei: zum einen die sich verschärfende Produktionskrise im Osten, zum anderen den Expansionsdrang westlicher Pharmaunternehmen, die nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in Osteuropa neue Märkte erschlossen. Zu den Problemen mit neuen Impfstoffen kamen Mitte der 1980er Jahre Schwierigkeiten selbst mit altbewährten Kombinationsimpfstoffen gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus (DPT) hinzu. Wegen schlechter Wirksamkeit und Unverträglichkeit wurden diese wiederholt aus dem Verkehr gezogen.194 1987 sah sich das Staatliche Institut für Immunpräparate und Nährmedien (SIFIN) wegen anhaltender Lieferschwierigkeiten des SSW sogar »außerstande, die Versorgung«195 mit DPT-Mehrfachimpfstoffen für das laufende Jahr zu gewährleisten. Die Impfexpertin Waltraud Thilo schlug angesichts solcher Mängel im September 1989 Alarm. Mittlerweile bestünden »schon Impfrückstände bis zum Jahr[gang] 1978«, so dass sich Klagen von Eltern und Impfärzten häuften: »Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich bei den zahlreichen Anfragen, die mich fast täglich erreichen, reagieren soll.« Wegen dieser »Misere« forderte Thilo eine Ausweitung des Westimports, um zumindest einen Grundbedarf an Immunität zu sichern.196 Selbst der Westimport konnte nicht alle planwirtschaftlichen Mängel beseitigen. So häuften sich seit Mitte der 1970er Jahre Vorwürfe über eine schlechte Distribution der Impfstoffe. Vom Sächsischen Serumwerk wurden diese – wie für Massenimpfungen üblich – gemeinhin in Großpackungen abgeliefert. Als Großpackung blieb bei den zunehmenden Individualimpfungen indes ein Großteil des verderblichen Impfstoffs ungenutzt, der anderenorts dringend gebraucht worden wäre. So klagte der Bezirk Leipzig 1975, dass mittlerweile 193 BAB, DQ 1/14487, Schreiben Rosenthal, Berliner Charité, an MfGe, 10.07.1984. 194 BAB, DQ 1/13134, Schreiben SISI an MfGe, 06.01.1986. 195 BAB, DQ 1/13134, Schreiben SIFIN an MfGe, 16.06.1986. 196 BAB, DQ 1/13134, Schreiben Waltraut Thilo an MfGe, 07.09.1989.

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»mancher Impfarzt vor der Frage stand[,] nur wegen 2 impffähiger Kinder eine ganze Ampulle zu öffnen«, während zur gleichen Zeit andere Impftermine wegen »mangelnden Impfstoffes abgebrochen werden mussten«.197 Selbst im Falle des importierten – und ungemein teuren – Masernimpfstoffs aus dem ­Westen war die Auslieferung durch das SSW in Zehnerportionen üblich, was in der Praxis »zu hohen Impfstoffverlusten«198 führte, wie die Bezirke meldeten.199 Offensichtlich hielten das SSW im Speziellen und die Planwirtschaft im Allgemeinen weder mit staatlichen Vorgaben noch mit Anforderungen des Alltags Schritt. Während in der Praxis eine sukzessive Individualisierung festzustellen ist, blieb das Sächsische Serumwerk in den 1950er Jahren stehen. Die Lieferung von Großpackungen entsprach zwar jenem »Vorsorgestaat«, der in Massenimpfungen die Immunisierung vorantrieb. Sie widersprach indes neueren Konzepten, dank denen sich Impfungen »immer mehr von einer Massenimpfung zu einer Individualprophylaxe«200 entwickelten. Dass das SSW für dieses Versagen nicht einmal mehr vom Ministerium zur Verantwortung gezogen werden konnte,201 unterstreicht eine wachsende Kluft zwischen gesundheitspolitischen Wünschen und planwirtschaftlicher Realität. Vergrößert wurde diese Kluft zuletzt noch durch Gummiverschlüsse, mit denen Impfstoff-Fläschchen versiegelt wurden. Da die Gummiqualität im Laufe der 1980er Jahre abnahm, häuften sich Verunreinigungen von Impfstoffen, so dass manche Patienten ungenügend oder ungeimpft die Impfstellen verließen.202 So trivial solche praktischen Schwie­ rigkeiten klingen mögen, so deutlich zeigen sie eine doppelte Überforderung des Vorsorgestaats. Erstens häuften sich in den 1980er Jahren Probleme, die auf den Innovationsstau der Impfforschung folgten. Der Wunsch nach westlichen Kooperationen war daher wenig mehr als ein verdeckter Hilferuf. Zweitens entsprachen ostdeutsche Forschung und Fertigung von Impfstoffen nicht einmal mehr den Anforderungen der eigenen Praxis. Im Gesundheitsministerium gab man sich angesichts dieser Krise am Ende sehr marktwirtschaftlich. Mitte 1990 verabschiedeten sich Günter Naumann und Wolfgang Petzold von der Planwirtschaft mit ihrer Forderung, dass »das Ministerium dort kaufen kann, wo mit den besten und preisgünstigsten Impfstoffen bei kontinuierlicher Lieferung zu rechnen ist.«203 Nun waren marktwirtschaftliche Töne auch im Sächsischen Serumwerk zu hören. Im Juni 1990 warb das SSW unter Bezirkshygienikern um neue Aufträge und demonstrierte, dass man vom Westen gelernt hatte. Vergessen waren verstopfte Vertriebswege und planwirtschaftliche Produktionsengpässe. Vielmehr wies das SSW darauf hin, dass man nun die Produktpalette zu erweitern und »durch die Einführung international 197 BAB, DQ 1/13119, Bericht Bezirk Leipzig an MfGe, 26.05.1975. 198 BLHA, Rep 631/252, Jahresbericht 1989 Bezirk Frankfurt (Oder) an MfGe, 11.04.1990. 199 Vgl. auch die Meldungen in BAB, DQ 1/13119. 200 BAB, DQ 1/14482, Schreiben MfGe an SSW, 29.01.1990. 201 Vgl. BAB, DQ 1/13119, Schreiben Bezirk Suhl, 05.02.1990. 202 BAB, DQ 1/13119, Hausmitteilung MfGe, 6.5.1988. 203 BAB, DQ 1/13129, MfGe, Günter Naumann/Wolfgang Petzold, Entgegnung, [1990].

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anerkannter Impfstoffe umfassender Ihren Wünschen zu entsprechen« gedenke. Überzeugen konnten sich die Bezirkshygieniker vom neuen Stil des SSW sogar ganz persönlich bei einer Präsentation in Berlin. Angesichts klammer Kassen in den Gesundheitsbehörden war das Unternehmen gern bereit, »Ihre Aufwendungen zu erstatten.«204 Es ist nicht ohne Ironie, dass die marktwirtschaftliche Orientierung das Ende des SSW wohl noch beschleunigte. Bereits 1990 stand das Unternehmen im Visier der Behringwerke, die in Dresden eine Chance zur Erweiterung ihrer Impfstoff-Palette witterten. Nach den gescheiterten Übernahmeverhandlungen zwischen Behringwerken und Treuhand ging das SSW 1992 an SmithKlineBeecham. Wenigstens in dieser Hinsicht war die ostdeutsche der westdeutschen Pharmaindustrie einen Schritt voraus: In der DDR endete die heimische Impfstoffproduktion einige Jahre früher als im Westen, wo die Behringwerke Ende der 1990er Jahre von Novartis übernommen werden sollten.

5.4 Soziale Praxis als Praxistest des Sozialismus 5.4.1 Spritzen, schlucken, schießen: Zugriffe auf den Körper (IV) Hält man sich die staatstragende Bedeutung von »Prophylaxe« vor Augen, fällt beim Zugriff auf den Körper zuerst die »Normalität« ostdeutscher Praktiken auf.205 Impfungen waren keineswegs Ausdruck einer spezifischen sozialistischen Biopolitik. Vielmehr treten im Ost-West-Vergleich die Gemeinsamkeiten hervor. So blieb das Schneiden bei der Pockenschutzimpfung auf beiden Seiten der Mauer bis in die 1970er Jahre üblich. Auch in der DDR hielten Experten an der Narbenbildung als Beweis für die Immunisierung fest, wie es ein Kreisarzt 1956 auf den Punkt brachte: »Pockennarben sind der schönste Impfschein.« Deshalb bekamen Ärzte auch in der DDR von vorwurfsvollen Eltern zu hören, dass sie die Arme ihrer Kinder verunzierten. Viele Ärzte gingen seit Mitte der 1950er Jahre zumindest bei der Impfung von Mädchen dazu über, »in der hinteren Achselhälfte zu impfen«,206 wo die Narben schwerer zu sehen waren. Auch beim Spritzen werden Parallelen zwischen Ost und West deutlich. Die vielgescholtene »Spritzenangst« der Bundesbürger beschäftigte auch die DDR. Insofern finden sich im Osten ähnliche Unterschiede bei der Beteiligung an Impfungen, die gespritzt wurden, im Gegensatz zu denen, die geschluckt oder inhaliert werden konnten. Dass die Schluckimpfung gegen Polio unter DDRBürgern den stärksten Zuspruch fand, belegt also blockübergreifende Gemeinsamkeiten. Allerdings hatten Spritzenängste in der DDR fatalere Folgen als in der Bundesrepublik. Bis zu 20 Impftermine musste jeder DDR-Bürger seit den 204 BAB, DQ 1/13129, Rundschreiben SSW an BHIs, 22.06.1990. 205 Zum »Normalisierungs«-Konzept für die DDR-Geschichte vgl. Fulbrook. 206 Beide Zitate BLHA, Rep 601/2619, Protokoll Fortbildungskurs Impfärzte, 13.09.1956.

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1960er Jahren bis zum Erwachsenwerden absolvieren, eine Zahl, in der jährliche Grippeimpfungen oder Tetanus- und Typhusimpfungen – z. B. bei der Musterung zur NVA – nicht einmal enthalten sind. Dieses Ausmaß legte nahe, dass die Spritzenangst in der DDR mehr Nahrung fand. Der Arzt Dolf Künzel brachte das in seinem populärwissenschaftlichen Buch »Muß das viele Impfen sein?« Anfang der 1970er Jahre mit einer Skat-Metapher auf den Punkt: »Impftermine sind heute noch in den meisten Fällen Stich-Tage, an denen Piek-­Damen oder Piek-Buben anscheinend ohne Herz den Impflingen das Kreuz aufladen.« Angesichts solcher Ängste vor Piek-Damen und Piek-Buben half wohl auch nicht der beruhigende Nachsatz, dass der Skat-Vergleich hinke, weil man beim Impfen »schon mit dem einen Stich gewonnen«207 habe. Die Spritzenangst macht somit ein ostdeutsches Spezifikum nachvollziehbar: das ständige Experimentieren mit Alternativen zur Injektion. Vor allem orale Impfstoffe waren begehrt.208 Inspiriert wurden solche Nachfragen von der Polio­impfung, die seit den späten 1950er Jahren auf einem Stück Würfelzucker oder »in Drageeform«209 verabreicht wurde. Mit der Popularisierung der PolioSchluckimpfung wuchs das Bedürfnis unter den Ostdeutschen, gegen Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Tuberkulose, Masern und Grippe ebenfalls orale Impfstoffe zu erhalten. Wegen der Häufigkeit subkutaner Typhus-Impfungen bei Musterungen und Manövern fragte selbst die NVA mehrfach nach oralen Impfungen als Alternative zur Spritze, da Injektionen unter Rekruten äußerst unbeliebt seien.210 Ebenso häufig wie die Volksarmee hatten jene VEBs mit Spritzen zu tun, die bei alljährlichen Grippeschutzimpfungen bevorzugt wurden. Dieses Privileg stieß unter Mitarbeitern auf wenig Gegenliebe. So bat der Betriebsarzt eines Brandenburger Stahlwerkes das MfGe 1976 dringend um Zuteilung von Grippeimpfstoff in Drageeform, um Immunisierungen mit Spritzen und so einen »erheblichen Rückgang der Beteiligung«211 zu vermeiden. Große Hoffnungen setzte Kima folglich auf sowjetische Entwicklungen oraler Grippeimpfstoffe, die in die Nase gesprayt werden konnten.212 Zum Einsatz kamen »Nasenimpfungen« ab den 1960er Jahren in einzelnen Betrieben, wo sie entsprechend beworben wurde: Die »Sprühimpfung«, so erklärte die Beschriftung eines Werbefotos, »ist kostenlos und verursacht weder Schmerzen noch Unbehagen«.213 Da die Wirksamkeit von Sprayimpfungen umstritten blieb, kam seit den 1960er Jahren ein alternatives Verfahren zum Einsatz, mit dem auch bundesdeutsche Ärzte zu diesem Zeitpunkt experimentierten: die Jet-Impfung, also das »Schießen« von Impfstoffen mit der Impfpistole unter die Haut mittels Druckluft. Auch beim Einsatz dieser neuen Impftechnik standen die Betriebs207 Künzel, S. 31. 208 Vgl. u. a. die Berichte der 1970er Jahre in BAB, DQ 1/23635. 209 BAB, DO 1/62153, MdI, Dienstanweisung 2/61, 09.01.1961. 210 BAMA, DVW 1/4897, Schreiben Generalleutnant Allenstein/MfNV, 12.05.1972. 211 BAB, DQ 1/11720, Schreiben VEB Qualitäts- und Edelstahlkombinat, 30.08.1976. 212 BAB, DQ 1/23190, Kima, Stand und Probleme der Schutzimpfung, 06.01.1954. 213 BAB-Bildarchiv, Bild 183/D1115–00003–001.

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ärzte in der ersten Reihe. Fatalerweise waren nicht nur Grippeimpfstoffe, sondern mehr noch die Impfpistolen Mangelware – und zwar im doppelten Wortsinne. So beschwerte sich die BHI Potsdam im Mai 1970, dass für den gesamten Bezirk nur ein einziges Gerät zur Verfügung stehe, das zudem noch störanfällig sei.214 Während im Westen die Impfpistole aus hygienischen Gründen während der 1970er Jahre wieder eingemottet wurde, blieb sie im Osten bis zuletzt im Einsatz – wenn sie denn eingesetzt werden konnte. 1979 wies die BHI Cottbus wegen der Grippeschutzimpfung die Kreisärzte darauf hin, dass im gesamten Bezirk keine »Ersatzgeräte zur Verfügung gestellt werden«215 könnten. Im Gesamtüberblick fällt also ins Auge, dass Mediziner in der DDR mit noch größerem Engagement als in der Bundesrepublik nach Erleichterungen für den Impfling suchten. Wenn »Prophylaxe« als Plebiszit fungierte und hohe Impfquoten einem fortschrittlichen sozialistischen Bewusstsein entsprachen, musste in der Praxis schließlich alles dafür getan werden, dass die Zustimmung nicht unnötigerweise strapaziert wurde. 5.4.2 Kopplungen an den Kinderalltag: Schulen und Ferienlager Die Schwierigkeiten bei der Ausweitung von Impfungen seit den 1960er und die Versorgungsprobleme seit Ende der 1970er Jahre legen nahe, dass es mit dem Ideal der immunisierten DDR nicht weit her war. Wie und wo aber machten sich Impfprogramme im Leben der Ostdeutschen konkret bemerkbar? Zunächst einmal blieben Schulen ein beliebter Ort der Immunisierung. Das gilt vor allem für die 1950er Jahre, als Pflichtimpfungen gegen Pocken und Diphtherie bevorzugt vormittags und in Turnhallen durchgeführt wurden. Noch in den 1980er Jahren wurden einzelne Impfungen wie die gegen Masern oft an Schulen »im Rahmen der Vorschuluntersuchung«216 durchgeführt. Die Schulpflicht sicherte also auch im Osten die Erfüllung der Impfpflicht. Darüber hinaus waren Impfungen ein Lerngegenstand. 1960 lobte beispielsweise der Bezirk Dresden die Schulen für die Bewerbung der – damals noch freiwilligen – Polioimpfung. »In allen Schulklassen wurden diesbezügliche Aufsätze oder kurze Diktate geschrieben, die die Erziehungsberechtigten unterschreiben sollten. Auf diese Weise wurde die Zustimmung der Erziehungsberechtigten zur Immunisierung eingeholt.«217 Erfolg oder Scheitern von Impfprogrammen hingen folglich mit dem Engagement von Lehrkräften und ihrer Vernetzung vor Ort zusammen. So stellte die Frankfurter BHI 1971 fest, dass Impfquoten dort hoch seien, »wo enge persönliche Kontakte zwischen den Kreishygieneärzten und den leitenden Pädagogen

214 BLHA, Rep 401/8398, Schreiben BHI Potsdam an Bezirk Potsdam, 19.05.1970. 215 BLHA, Rep 801/26003, Rundschreiben BHI Cottbus, 03.08.1979. 216 BAB, DQ 1/13119, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 28.02.1986. 217 BAB, DQ 1/21510, Bericht Bezirk Dresden, [April 1960].

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bestehen.«218 Im Umkehrschluss lässt sich vermuten, dass die Impfpflicht dort an ihre Grenzen stieß, wo der Kontakt zwischen Lehrern und Ärzten fehlte oder das medizinische Engagement der Schulen zurückstand. So oder so war die Schule als Immunisierungsagentur weder neu noch spezifisch ostdeutsch: Schon im Kaiserreich war die Impfpflicht von der Schulpflicht flankiert worden. Und Diktate über das Impfen wurden zur selben Zeit ja auch in der Bundesrepublik geschrieben. Im Gegensatz zur Bundesrepublik konnte die DDR hingegen auf eine weitere Sozialisationsinstanz zurückgreifen, die »Freie Deutsche Jugend« (FDJ) bzw. »Jungen Pioniere«.219 Mit einem Organisationsgrad von ca. 80 Prozent aller Jugendlichen in den 1980er Jahren eröffnete die FDJ Impfprogrammen einen Zugriff, der von Beginn an genutzt wurde. So war seit Ende der 1950er Jahre die Beteiligung an Ferienlagern der Pioniere vom Nachweis einer DiphtherieImpfung abhängig. Diesem Beispiel folgte man in den 1960er Jahren für die Dreifachimpfung gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten, da ein »Nachlassen der Impffreudigkeit der Bevölkerung« bemängelt wurde.220 Seit Ende der 1960er Jahre listeten »Lagermerkblätter« alle Impfungen auf, die Eltern vor Reisebeginn nachzuweisen hatten.221 Nach Wahrnehmung einiger Mediziner war die Bindung der Impfpflicht an die FDJ und Freizeitgestaltung extrem erfolgreich. So berichtete ein Kreisarzt in den 1950er Jahren begeistert von dem Druck, den die Verzahnung von Freizeit und Impfungen auf Eltern ausgeübt habe: »[A]ls die nichtgeimpften Kinder von der Ferienlageraktion ausgeschlossen wurden, baten auch die ausgesprochenen Impfgegner um Impfung ihrer Kinder«.222 Andere Berichte legen hingegen nahe, dass viele Pionier- bzw. FDJGruppenleiter besseres zu tun hatten, als den Impfstatus ihrer Teilnehmer abzufragen. So kam das Ministerium für Gesundheitswesen Mitte der 1960er Jahre zu dem bestürzenden Befund, dass die Hälfte aller Kinder in Ferienlagern, »keinen Nachweis der durchgeführten Schutzimpfung erbringen konnten.«223 Die Verzahnung des Impfens mit dem Kinderalltag folgte nicht nur organisatorischen Gründen. Wichtig war auch das Motiv, skeptische Eltern über ihre Kinder vom Impfen zu überzeugen. Zum einen funktionierte das über eine Angstpolitik, die bereits für frühere Zeiten und für die Bundesrepublik herausgearbeitet worden ist. Mit den Ängsten von Kindern bzw. um die Kinder spielten Filme, Broschüren und Merkblätter des Deutschen Hygienemuseums. Hier fand der Vorwurf verantwortungslosen Handelns in Reinform auf Papier. »Mutter, warum hast Du mich nicht impfen lassen?« klagt auf diesem Merkblatt (Abb. 10) ein Mädchen auf dem dunklen Weg in die Tuberkulose-Kinderheil218 BLHA, Rep 631/252, Jahresbericht 1970 der BHI Frankfurt/Oder an MfGe, 15.02.1971. 219 Vgl. Mählert u. Stephan. 220 BAB, DQ 1/23652, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 20.11.1964. 221 DHMD, 2000/527, Lagermerkblatt für Junge Pioniere, o.Dt. [1968]. 222 BAB, DQ 1/20790, Bericht Kreisarzt Schönebeck/E. an MfGe, 14.10.1952. 223 BAB, DQ 1/5839, Rundschreiben MfGe, 20.11.1964.

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Abb. 10: Kinderschicksal zwischen Licht und Schatten: Merkblatt von 1957

stätte, während drei – offenbar geimpfte – Kinder fröhlich in der Sonne spielen. Zum anderen sollten Kinderängste direkt instrumentalisiert werden. Da das Informationsmaterial häufig über Schulen an die Eltern ging, bekamen Kinder die Gefahren selbst zu sehen. Selbst wenn nur wenige Kinder die Texte lasen, dürften die Bilder hängen geblieben sein. Im Gesundheitsministerium kursierten daher von Anfang an Überlegungen, wie man Ängste von Kindern schüren könne, damit diese »zu Bundesgenossen bei der Überwindung der Impfmüdigkeit der Eltern für uns werden können.«224 Alles in allem war indes auch diese Angstpolitik allenfalls in quantitativer Hinsicht eine ostdeutsche Spezialität. Ein Vergleich mit der Angstpolitik der Bundesrepublik weist in qualitativer Hinsicht eher auf Gemeinsamkeiten hin. 224 BAB, DQ 1/23190, Schreiben Friedeberger an Kima, MfGe, 09.06.1955.

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5.4.3 Das Private im Sozialismus: Dauerimpfstellen und Impfkalender Einen großen Schritt zur Verankerung des Impfens im Alltag machte die Einrichtung von »Dauerimpfstellen« Mitte der 1950er Jahre.225 Da es üblich war, die Impfstellen in den »Beratungsstellen für Mutter und Kind« anzusiedeln, konnte man hier die Eltern in Einzelgesprächen und »termingerecht« über die »Vorteile der betr. Impfung aufklären«.226 Allen Impfpflichten zum Trotz standen in den Impfstellen also Aufklärung und Überzeugung auf der Agenda. Und mehr noch: Sehr viel früher als in der Bundesrepublik wurde diese Überzeugungsarbeit im persönlichen Kontakt geleistet. Während bundesdeutsche­ Eltern meist ein Standard-Schreiben mit der »Impfaufforderung« erhielten und ihre Kinder in Massenimpfungen immunisiert wurden, gaben sich Impfstellen privater, wenn auch nicht weniger verbindlich. Prophylaxe nach Plan und Privatheit ergänzten sich schließlich gut, stand die individuelle Impfberatung doch im Dienste des Kollektivs. Spätestens eine Woche nach der Geburt erhielten Eltern Besuch aus der Mütterberatungsstelle und damit den Impfausweis, schon im ersten Lebensmonat war zudem ein Besuch in der Beratungsstelle vorgegeben, um die individuelle Impfplanung vorzunehmen.227 Gleichwohl erleichterten Impfstellen eine Zeitplanung, was Bedürfnissen der Eltern entgegenkam. Persönliche Impfberatungen und individuelle Impftermine lösten die Praxis von Massenimpfungen in Gesundheitsämtern, Gasthäusern oder Schulen ab, die wegen ihrer unhygienischen Abläufe ohnehin in der Kritik standen.228 In einem Vortrag erklärte der Bakteriologe Johannes Kathe schon 1955, dass ostdeutsche Impfprogramme »[k]eine Massenimpfungen!« vorsähen, sondern »überall staatliche Impfstellen, die dauernd in kleinen Terminchen impfen«. In Leipzig kämen sogar »fahrbare Impfstationen für Hausgeburten« zum Einsatz.229 Hier kamen also nicht mehr die Bürger zur Impfung, sondern umgekehrt. Ein Frankfurter Bezirkshygieniker interpretierte Impfstellen gar als eine Art Serviceorientierung, die »unseren werktätigen Menschen jede nur erdenkliche Erleichterung«230 brächte. Von nun an sollten Kinder »die Möglichkeiten erhalten, sich im Laufe des ganzen Jahres impfen zu lassen und zwar an dem Tage, der […] als der günstigste angesehen wurde.« Selbstverständlich diente das Eingehen auf persönliche Bedürfnisse stets dem höheren Ziel, der Impfquote. Schließlich erschwerte eine individuelle Terminplanung den­ Eltern eine Freistellung von der Impfung, wie eine Impfstelle schon 1954 betonte: »Zufälliges Kranksein am vorgesehenen Impftermin wird nunmehr nicht mehr eine Verschiebung der Impfung um ein ganzes Jahr bedeuten.«231 Da der 225 Vgl. BAB, DQ 1/23190, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 17.09.1954. 226 BAB, DQ 1/20801, Schreiben Bezirk Gera an MfGe, 20.02.1958. 227 Vgl. Broschüre des DHMD, 2003/47, »mein kind soll gesund sein«, [1970er Jahre]. 228 BAB, DQ 1/12285, Rundschreiben MfGe an Bezirke, 10.05.1954. 229 StAOL, Rep 630, 242-4/893, Protokoll der »Tagung Impfschutz« in Kiel, 11.–12.03.1955. 230 BLHA, Rep 601/2619, Rundschreiben Bezirk Frankfurt/Oder an Kreise, 26.05.1955. 231 Beide Zitate BAB, DQ 1/23190, Bericht Einrichtung Dauerimpfstellen, 22.11.1954.

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Aufbau von Impfstellen bis in die 1960er Jahre andauerte,232 bemühte man sich selbst bei den verbleibenden Massenimpfungen um Privatsphäre. Für Pockenschutzimpfungen mahnte das Gesundheitsministerium 1962 jeden Impfarzt, »Zeit und eine gewisse Ruhe« einzuplanen. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, wo bei einem Impftermin mehrere Hundert Impfungen durchgeführt worden waren, seien dem Impfarzt nun »mehr als 45 Pockenschutzimpfungen in der Stunde […] nicht zuzumuten.«233 Dass Impfstellen mit der Doppelaufgabe aus Individualisierung und Immunisierung mitunter überfordert waren, legen Schwierigkeiten der Dokumentation nahe. Während im Westen persönliche Impfbescheinigungen den Impfstatus dokumentierten, wurden im Osten sämtliche Impfungen in einer »Impfkartei« verzeichnet. Dieses Vorgehen gab seit den 1960er Jahren Anlass zur Dauerklage von Impfärzten, die sich mit der Beratung, Durchführung und Dokumentation des Impfens überfordert fühlten. Im Bezirk Erfurt versuchte man diesem Problem 1974 mit der Computerisierung Herr zu werden. Das »EDV-Impfprojekt« speicherte nicht nur alle »Personenstamm- und Impfdaten für Kinder und­ Jugendliche«. Darüber hinaus konnte es den Ablauf der Impfungen steuern, dokumentieren und statistisch auswerten.234 Obgleich das EDV-Projekt »im Republikmaßstab« eingeführt werden sollte, ist selten vom Computer-Einsatz an anderen Impfstellen zu lesen.235 Wahrscheinlich scheiterte eine Computerisierung der Impfpraxis an den Produktionsmöglichkeiten bzw. an wirtschaftspolitischen Prämissen. EDV war in der DDR ja einer der wenigen Exportschlager. Im Zweifelsfalle wanderten die »Robotron«-Produkte daher eher in die Sowjetunion oder gegen harte Devisen in den Westen als in die Impfstellen.236 Bessere Grundlagen für eine Individualisierung legten auch die »Impfkalender«. Sie gaben die Abfolge und das beste Alter für jede Impfung vor und Eltern damit Gelegenheit, die Impftermine nach dem Entwicklungsstand ihres Kindes zu planen. Außerdem galt es angesichts der Ausweitung des Impfangebots Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Impfungen zu vermeiden. Seit den 1960er Jahren schlüsselten Impfkalender den besten Zeitpunkt für Impfungen von der ersten Woche bis ins 18. bzw. 21. Lebensjahr detailliert auf. Diese Lebensplanung stieß nicht immer auf Begeisterung. 1972 war der