Humanistische Kabbala im Barock: Leben und Werk des Abraham Cohen de Herrera 3110252201, 9783110252200

Auf der Grundlage neu entdeckter Dokumente wird die Biographie des aus einer Converso-Familie stammenden Kabbalisten Abr

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Humanistische Kabbala im Barock: Leben und Werk des Abraham Cohen de Herrera
 3110252201, 9783110252200

Table of contents :
Vorwort
1. Einleitung
1.1 Forschungsstand, Methode und Ziele
1.2 Die Kabbala im Zeitalter des Humanismus
2. Der spanische Hintergrund
2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England
2.2 Das metaphysische Konzept in Puerta del cielo
3. Das Erbe der Renaissance
3.1 Casa de la divinidad und die platonische Akademie von Florenz
3.2 Die Rhetorik der Epitome y Compendio de la Logica o Dialectica
4. Die Frage nach der religiösen Identität
4.1 Die lurianische Antwort in Ragusa
4.2 Herreras humanistische Kabbala in Amsterdam
5. Bio-bibliographisches Resümee und Wirkungsgeschichte
5.1 Von der Prisca sapientia zur Philosophiegeschichte
5.2 Diffusion der Kabbala
6. Anhang: Ein Zeugnis jüdischen Lebens
7. Literaturverzeichnis
8. Hinweise zu Abkürzungen, Transkription und Abbildungen
9. Namenregister

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Gerold Necker Humanistische Kabbala im Barock

Studia Judaica Forschungen zur Wissenschaft des Judentums Begründet von Ernst Ludwig Ehrlich Herausgegeben von Günter Stemberger Band 58

De Gruyter

Gerold Necker

Humanistische Kabbala im Barock Leben und Werk des Abraham Cohen de Herrera

De Gruyter

ISBN 978-3-11-025220-0 e-ISBN 978-3-11-025221-7 ISSN 0585-5306 Library of Congress Cataloging-in-Publication Data A CIP catalogue record for this book is available from the Library of Congress. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. ” 2011 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/Boston Satz: OLD-Media OHG, Neckarsteinach Druck und Bindung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen ⬁ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

¡Qué descansada vida la del que huye del mundanal ruïdo y sigue la escondida senda por donde han ido los pocos sabios que en el mundo han sido! Fray Luis de León, Vida retirada

Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.1 Forschungsstand, Methode und Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2 Die Kabbala im Zeitalter des Humanismus . . . . . . . . . . . . .

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2. Der spanische Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England . 2.2 Das metaphysische Konzept in Puerta del cielo . . . . . . . . .

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3. Das Erbe der Renaissance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1 Casa de la divinidad und die platonische Akademie von Florenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Die Rhetorik der Epitome y Compendio de la Logica o Dialectica . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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4. Die Frage nach der religiösen Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1 Die lurianische Antwort in Ragusa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.2 Herreras humanistische Kabbala in Amsterdam . . . . . . . . .

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5. Bio-bibliographisches Resümee und Wirkungsgeschichte . 5.1 Von der Prisca sapientia zur Philosophiegeschichte . . . . . . 5.2 Diffusion der Kabbala . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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6.

Anhang: Ein Zeugnis jüdischen Lebens . . . . . . . . . . . . . . . .

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7.

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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8.

Hinweise zu Abkürzungen, Transkription und Abbildungen

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9.

Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Vorwort Es concorde sentencia de los mas eminentes y famosos Theologos y Philosophos que la felicidad y bienaventurança de las almas intelectuales e inteligencias apartadas (que entre todas las creaturas solamente son capazes de alcançalla) consiste en las operaciones del entendimiento [Nach einhelliger Meinung der bedeutendsten und berühmtesten Theologen und Philosophen besteht die Glückseligkeit der vernunftbegabten Seelen und Engel (die unter allen Geschöpfen allein dazu befähigt sind) in der Verstandestätigkeit] Alonso Nuñez de Herrera, Epitome y Compendio de la Logica o Dialectica, Prologo

Alonso Nuñez de Herrera alias Abraham Cohen de Herrera (1564– 1635) gehörte zu einer einflussreichen, spanisch-jüdischen Familie ehemaliger Conversos, deren neuer Lebensmittelpunkt Norditalien wurde; sein Leben auf dem Schauplatz der rivalisierenden europäischen Mächte der Frühen Neuzeit war eine Grenzwanderung in katholischer, islamischer und protestantischer Umgebung, bis er 4. 2. 1635 als ehrenwertes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Amsterdam verstarb. Von ihm stammen die beiden einzigen auf Spanisch verfassten kabbalistischen Werke, die in der jüdischen Literaturgeschichte bekannt sind. Einzigartig ist auch Herreras Versuch, christlich geprägte Philosophie mit der damals noch jungen lurianischen Kabbala, die er als Höhepunkt der jüdischen Tradition verstand, zusammenzuführen. Ähnlich wie sein eigener Lebensweg in alle Himmelsrichtungen vom Osmanischen Reich bis Marokko und von Italien bis Amsterdam und England verlief, beschreiben seine Bücher die mystische Geographie der Welt und die darin herrschenden Mächte vom Reich der Dämonen bis zu den Manifestationen der innergöttlichen Kräfte. Mit den beiden berühmten biblischen Wendungen „Himmelspforte“ und „Gotteshaus“, die den Ort bezeichnen, an dem der Patriarch Jakob im Traum die Himmelsleiter der Engel erblickte (Gen 28,10–22), betitelt Herrera seine beiden kabbalistischen Werke, die in auf- und ab-

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Vorwort

steigender Weise und mit philosophischer und kabbalistischer Terminologie den Aufbau der Schöpfung und die himmlische Topographie erklären. Die Einteilung der sieben Kapitel im „Gotteshaus“ folgt der Beschreibung der sieben „Paläste“ aus der antiken Kosmologie, wie sie im klassischen Hauptwerk der mittelalterlichen Kabbala, dem „Buch des Glanzes“ (Sefer ha-Zohar I,41a–45b) aufgezählt werden. Sie fungieren als eine Art Brücke zwischen der göttlichen und der materiellen Welt und beherbergen im oberen Bereich unzählige Engel und andere himmlische Wesen. Ausgangspunkt des ersten Kapitels im „Gotteshaus“ ist jedoch das untere Reich der unreinen, bösen Kräfte, deren Versuchungen die menschliche Seele bei ihrem Aufstieg zur Vollkommenheit standhalten muss. Die höchste Stufe in der kabbalistischen Hierarchie der vier Welten, die Emanationen, die aus der unendlichen Gottheit als Sefirot des Adam Qadmon in der komplexen Anordnung der lurianischen Konfigurationen (Parẓufim) hervorgehen, ist dann das große Thema der „Himmelspforte“. In beiden Büchern wird ebensoviel Vertrautheit mit philosophischer Bildung wie Kenntnis kabbalistischer Lehren vorausgesetzt und letztlich könnte Herreras Anspruch, seinen Adressaten die lurianische Kabbala mit Hilfe der Philosophie vorzustellen, aus seiner eigenen Perspektive mit gleicher Berechtigung auch umgedreht werden: Erst mit Hilfe der lurianischen Symbolik gelingt es, eine philosophische Weltanschauung für die jüdische Tradition fruchtbar zu machen. Im vorliegenden Buch wird weder das philosophische noch das kabbalistische Erklärungsmodell bevorzugt, sondern ein dritter Weg eingeschlagen: Herreras Werk soll anhand seiner Biographie und geistesgeschichtlichen Einordnung verständlich gemacht werden. Nach dem Einleitungskapitel mit der Diskussion der Forschungslage im Kontext biographischen Arbeitens folgen vor der christlichen und jüdischen Rezeptionsgeschichte seiner Werke drei Kapitel, die sich mit der Bedeutung der Renaissance-Philosophie, der Stellung der Rhetorik – nach Herreras Handbuch zur Logik – sowie seinem Zugang zur lurianischen Kabbala beschäftigen, jeweils eingebettet in seine Lebensstationen, soweit sie aus den Quellen bekannt sind. Die Entscheidung, die Arbeit durchgängig mit biographischer Herangehensweise zu formen, wurde durch einen Aufenthalt in Dubrovnik erleichtert, wo ich im kroatischen Staatsarchiv auf einen wichtigen Fund stieß, der einiges zur Klärung von Herreras Herkunft und Persönlichkeit beitrug. Gleichzeitig begann in dem zusammen mit Stephen Schwartz und Ivana Burdelez organisierten First Dubrovnik Interfaith Encounter on Renaissance Philosophy: Honoring Abraham

Vorwort

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Kohen Herrera ein wissenschaftlicher Austausch mit Giuseppa Saccaro del Buffa, die mir noch während der Drucklegung meiner Arbeit freundlicherweise Einblick in die Einleitung (die ich leider nicht mehr in vollem Umfang berücksichtigen konnte) ihrer druckfrischen italienischen Übersetzung der Puerta del cielo gewährte, und vor allem mit Nissim Yosha, der durch die erste gründliche inhaltliche Analyse von Herreras kabbalistischen Werken in seiner Dissertation seinerzeit den wichtigsten Akzent in der Herrera-Forschung gesetzt hatte; Odette Vlessing war mir bereits bei meiner Recherche im Stadtarchiv Amsterdam behilflich gewesen und Gérard Nahon überraschte in seinem Vortrag durch die Präsentation des neben Herreras Grabstein einzig erhaltenen historischen Objekts, eine silberne Wasserschale der Amsterdamer jüdischen Gemeinde, deren Inschrift auf das Spender-Ehepaar Abraham und Sarah Cohen de Herrera hinweist. Die in ihrer jetzigen Fassung leicht erweiterte Untersuchung wurde unter dem Titel „‚El verdadero hombre – der wahre Mensch‘. Die humanistische Kabbala des Abraham Cohen de Herrera und seine barocke Lebensgeschichte“ vom Fachbereich Philosophie I, Sozialwissenschaften und historische Kulturwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Wintersemester 2009 als Habilitationsschrift für das Fach Judaistik/Jüdische Studien angenommen. Ich danke Professor Giuseppe Veltri, der mein Habilitationsvorhaben von Anfang an mit wachsamem, stets hilfreichem Interesse begleitete und Professor Peter Schäfer, dem ich nicht nur das zweite Gutachten verdanke, sondern auch Inspiration und Förderung meiner wissenschaftlichen Arbeit seit meiner Studienzeit. Als dritter Gutachter stand mir schließlich PD Dr. Gianfranco Miletto dankenswerterweise bei der Erschließung eines im italienischen Kanzlei-Stil des 17. Jahrhunderts abgefassten Archivfundes als ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet hilfsbereit zur Seite. Vor einigen Fallen in den spanischen Texten bewahrte mich Frau Lochow-Drücke (selbstverständlich bin ich für alle verbliebenen Fehler – que no dudo sean muchos – allein verantwortlich), und einen portugiesischen Text der Amsterdamer jüdischen Gemeinde hätte ich ohne die Hilfe von Dr. Antonio Maria Adorisio nicht bewältigen können; beiden danke ich auch an dieser Stelle noch einmal herzlich. Mit Korrekturen und wichtigen Hinweisen halfen mir Dr. Klaus Herrmann, Dr. Elke Morlok und Evelyn Burkhardt – in manchen Phasen trägt freundschaftlicher Rat mehr als alles andere zum Gelingen einer Arbeit bei. Folgenden Bibliotheken und Archiven danke ich für die Unterstützung vor Ort und die Erlaubnis zur Veröffentlichung einzel-

XII

Vorwort

ner Abbildungen: Staatsarchiv Dubrovnik, Stadtarchiv Amsterdam, Bibliotheca Rosenthaliana in Amsterdam und Universitätsbibliothek Halle-Wittenberg. Professor Günter Stemberger und dem Verlag Walter de Gruyter sei herzlich für die Aufnahme in die Reihe Studia Judaica: Forschungen zur Wissenschaft des Judentums gedankt. Meiner Familie, die kurz nach Einreichung der Habilitationsschrift durch unseren kleinen Sohn Joel Zuwachs bekommen hat und die Freuden und Leiden im Verlauf meiner wissenschaftlichen Arbeit erlebte, soll diese auch in Liebe gewidmet sein.

1. Einleitung Als Gershom Scholem im Januar 1965 von Jürgen Habermas und Karl Markus Michel eingeladen wurde, in der geplanten Reihe „Theorie“ im Suhrkamp Verlag einen Text aus der lurianischen Kabbala in deutscher Übersetzung herauszugeben, sah er sich gezwungen, mit Bedauern abzulehnen: Leider sehe ich nicht, wie sich das machen lässt. Kabbalistische Texte sind von der grössten Schwierigkeit und bedürfen in der Übersetzung ausführlichster Kommentierung. Ich wüsste nicht, welchen Luria’nischen Text, der nicht nur relativ in sich abgeschlossen, sondern auch einigermassen verständlich wäre man in solchem Zusammenhang anbieten könnte. Übersetzungen dieser Literatur liegen überhaupt nicht vor, ausser in der lateinischen Sammlung der Kabbala denudata des Knorr von Rosenroth 1677–1684.1

Neun Jahre später erschien Friedrich Häußermanns deutsche Übersetzung einer lurianischen Schrift aus der Kabbala denudata: „Das Buch -''/, sowie Carlos Mata Induráin, „El soneto de Cervantes ‚A la entrada del Duque de Medina en Cádiz‘: Análasis y Anotación Filológica“, in: Pedro Ruiz Pérez (Hg.), Cervantes y Andalusía: biografía, escritura y recepción: actas del Coloquio Internacional, Estapa, diciembre de 1998, Estapa 1999, S. 143–163. Corbett, The Successors of Drake, S. 126.

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2. Der spanische Hintergrund

Bereits Mitte September 1596 kam von gewichtiger Seite Hilfe für den verschleppten Herrera. Der marokkanische Sultan Ahmad alMansur13 schrieb an Königin Elisabeth einen Brief, der nach seinem Eintreffen im Dezember ins Englische übersetzt wurde:14 The Emperor of Morocco to Queen Elizabeth. In the name of God powerfull and pitteful, (…) And the cause of writing this unto your high state is that the servaunts of our high housen, the merchant John de Marchona, humbled himself before our high presence about the matter of his nephew Alonso Nuñez de Herrara, whom your royal fleet carried with it amongst others from Caliz, as pledges for the quantity of money they agreed uppon with them, and hath helped himselfe of his service done in our royal gates and greatned state. And by this our royal letter we write unto you for his release, so that you let us know what belongs unto him of the quantity of monie, which we will command to be given out of our royal treasure – God increase it! – for herein you shall respect our face, whereof he hath helped himself, and our honor shall shine over him. And besides this, I require you would write him letters of security for his ships in their going and coming; for they goe in our service; and for this let there be written him letters for the protection of his shippes being met of them of yours. December 1596.15

Herreras Fürsprecher am Hof des Sultans war sein Onkel Juan de Marchena, eine ebenso schillernde wie einflussreiche Persönlichkeit.16 Noch vor dem Aufstieg des berühmten Samuel Pallache17 war Juan de Marchena für den marokkanischen Sultan in Marokko als Handelsagent tätig. Fez war im 16. Jahrhundert für Conversos und Moriscos eine prosperierende Zufluchtsstätte geworden. Auch eine jüdische Ge13

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Über den in der Schlacht der „Drei Könige“ und nach der folgenreichen Niederlage der Portugiesen an die Macht gekommenen Sultan schreibt Mercedes García-Arenal, Messianism and Puritanical Reform: Mahdīs of the Muslim West [The Medieval and Early Modern Iberian World], Leiden 2006: „The 25-year reign of the Moroccan sultan Mawlāy Abū l-‘Abbās Ahmad ibn Muhammad al-Mansūr bi-Ilāal-Dhahabī (1578–1603), the ‚Victorious‘ and ‚Golden‘ ruler whose years of government marked the high-point of the Sadid dynasty, achieved a quasi-sacred status in the work of contemporary historians“ (S. 269). Die Kommunikation zwischen dem Sultan und der Königin wurde über Dolmetscher in Spanisch, Englisch und Arabisch geführt; die Schreibweise der Namen und Orte wie überhaupt die Rechtschreibung fluktuiert in dieser Zeit noch. De Castries, Les sources inédites, Dok. XXX, S. 99 f. Der Name Marchena kann sich als Herkunftsbezeichnung auf die alte Stadt Marchena beziehen, 60 km südlich von Sevilla, nicht weit von Cádiz. Zu dem abenteuerlichen Lebensweg des Samuel Pallache vgl. Mercedes Garciá-Arenal, Gerard Wiegers, A Man of Three Worlds: Samuel Pallache, a Moroccan Jew in Catholic and Protestant Europe, Baltimore 2003.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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meinde konnte sich im Rahmen des althergebrachten Rechtsstatus vor allem während der Herrschaft von Ahmad al-Mansur günstig entwickeln und wurde zu einem regelrechten Brückenkopf der europäischen Mächte.18 Die Nähe zur iberischen Halbinsel, ganz zu schweigen von den spanischen Besitzungen in Nordafrika, hatte für die sprichwörtlich gewordene Durchlässigkeit der Grenzen eine ganz besondere Bedeutung. Den ehemals zum Christentum konvertierten Juden kam aufgrund ihrer spanischen Bildung und Sprachkenntnisse bald eine Schlüsselstellung in Handel, Diplomatie und Geheimdienst zu.19 Juan de Marchena war einer der wichtigsten Handelsvertreter des Sultans, in dessen Diensten er in Spanien auch nach dem Edikt von 1492, das den Aufenthalt von Juden unter Todesstrafe ausschloss, entweder als Converso oder mit dem Status der sog. „judíos de permiso“20 operieren konnte. Tatsächlich nutzte Juan de Marchena seine Vertrauensstellung am Hof des Sultans nicht nur für exklusive Handelsgeschäfte und die Überbringung strategisch wichtiger Informationen, sondern war in Spanien auch als Doppelagent unterwegs.21 Die in spanischen Archiven erhaltenen und nun edierten Dokumente lassen nach Ansicht der Herausgeber interessante Rückschlüsse auf Herreras Onkel in Marokko zu: „Lo cierto es que, desde 1595 existe un Juan de Marchena que desempeña una considerable influencia sobre Aḥmad al-Manṣūr. Aunque en algún lugar se le considera mercader florentino, parece que por haber sido agente del Gran de Duque de Florencia, lo cierto es que era español … Juan de Marchena era, pues, miembro de una familia de origen español dividida entre Italia y Marruecos, actuando de agentes para el Gran Duque de Florencia y, ocasionalmente, para el rey de España.“22 Die Rolle als Doppelagent konnte selbst noch bei einem entsprechenden Verdacht weitergespielt werden, wenngleich sie dann natürlich mit gewissen Risiken verbunden war, wie das Beispiel von Samuel Pallache zeigt, der ab Anfang des 17. Jahrhunderts in Amsterdam als 18

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Vgl. ebd., S. 25: „The Jewish quarter was also home to all non-Muslim visitors to the city, who were legally required to lodge within its bounds. Such visitors included Christian travelers, ambassadors, commercial agents, and, above all, captives awaiting the fulfillment of their ransom payments.“ Vgl. ebd., S. 32. Zu diesem Status und dem Phänomen, dass viele Juden „multiple identities“ annahmen; vgl. ebd., S. 13 und 39. De Castries, Les sources inédites, S. 100, Anm. 1. Cartas Marruecas. Documentos de Marruecos en Archivos Españoles (Siglos XVIXVII), hg. von Mercedes García-Arenal, Fernando Rodríguez Mediano, Rachid el Hour, [Estudios Árabes e Islámicos: Monografías 3] Madrid 2002, S. 70.

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2. Der spanische Hintergrund

marokkanischer Gesandter und Handelsagent auftrat und nach geheimen Verhandlungen mit den Spaniern fatalerweise das Vertrauen von Muley Zaydan verlor, dem Thronanwärter nach dem Tod des Sultans Ahmad al-Mansur im Jahre 1603. 23 Während der ganzen Saditen-Dynastie arbeiteten jüdische Finanzberater, Kaufleute und Diplomaten für die marokkanischen Herrscher. Und ebenso wie es einen fließenden Übergang vom Botschafter zum Spion gab, konnte ein Händler auch gleichzeitig Schmuggel und Piraterie, meist mit offiziellen Kaperbriefen, betreiben. Von Juan de Marchena ist jedenfalls nicht nur seine Rolle als Doppelagent bekannt, sondern, wie der Brief des Sultans an Königin Elisabeth nahe legt, 24 auch das Kommando über zahlreiche Schiffe in marokkanischen Diensten, für die anlässlich der erbetenen Freilassung Herreras ein Schutz- und Geleitbrief erwirkt werden sollte. Interessant ist auch der Hinweis, dass der Sultan in seine eigene Schatzkiste greifen wollte, um Herreras Anteil an dem Lösegeld zu bezahlen, dessen Gesamtsumme sich entsprechend den Kapitulationsvereinbarungen zwischen den englischen Generälen und der Besatzung der Festung St. Philipp auf 120.000 Dukaten belief. Aufschlussreich für die exponierte Position der Conversos in Marokko im Allgemeinen und Juan de Marchenas im Besonderen sind die „instrucciones“ des spanischen Königs Philipp II. an Pedro Venegas de Córdoba, der seit 1579 Botschafter beim Sultan war: In Marokko (Berberia), Fez uns Salé gibt es viele kastilische und portugiesische Kaufleute, die in diesen Königreichen Geschäfte machen. Bei einigen vermutet man, dass sie nicht so christlich sind, wie sie sein sollten. Hier haben Sie einige Briefwechsel, aus denen Sie alles entnehmen können, was in diesem Reich vorgeht. Man muss mit erhöhter Aufmerksamkeit unablässig auskundschaften, was man über diese Personen und ihren Schriftverkehr hört, besonders über einen Juan de Marchena, denn dieser korrespondiert regelmäßig mit dem Herzog von Florenz und den Venezianern. 25 23

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Vgl. García-Arenal, Wiegers, Samuel Pallache, S.  86. Nachdem er unter anderem ein englisches Schiff gekapert hatte und zufällig nach Plymouth verschlagen wurde, machte man ihm in England den Prozess, aus dem er nur mühsam frei kam. Als Botschafter konnte er sich bereits 1607 nach Holland absetzen, nachdem sein Informations- und Konversionsangebot nicht das Interesse des spanischen Königs, sondern vielmehr das der Inquisition geweckt hatte. Ganz deutlich geht allerdings erst aus dem Antwortschreiben der Königin hervor, dass es um die Schiffe von Juan de Marchena geht, in dessen Auftrag Herrera unterwegs war, siehe unten S. 55. „En Marruecos, Fez y Zalé ay cantidad de mercaderes castellanos y portugueses que tienen trato en estos reynos, y de algunos se a tenido sospecha que no son tan christianos como debrían, y tiene acá algunas correspondençias por las quales entienden todo lo que en este reyno se hace, y assy a de yr muy adbertido desto y de no dejar

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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Das Dokument fährt damit fort, dass es deshalb sehr unratsam wäre, diesen schon lange in der „Berbería“ ansässigen Kaufleuten, deren christliche Rechtgläubigkeit inzwischen unter Verdacht stand, undifferenziert zu vertrauen. Ähnliche Instruktionen gab es noch 1599 an den Botschafter Martín Arriage, wieder mit der Hervorhebung von Juan de Marchena. 26 Spätestens seit 1579 sollten die Botschafter also insbesondere auf die Aktivitäten von Juan de Marchena ein Auge haben, dem Korrespondenzpartner der Venezianer und des Großherzogs in Florenz, in dessen Diensten er offenbar auch stand.27 Der Händler Baltasar Polo, der im Auftrag der Herzogin Ana da Silva zum Edelsteinverkauf bei dem Juwelenliebhaber Sultan Ahmad al-Mansur weilte, berichtete am 19. Mai 1597 an den Herzog von Medina-Sidonia: Was die Frage Eurer Exzellenz angeht, Ihr zu sagen, auf welchem Weg die Nachrichten aus Venedig hierher kommen und ob die Signoria in irgendeiner Weise Umgang mit diesem Reich pflegt bzw. geheime Korrespondenz unterhält, teile ich Ihnen mit, mein Herr, dass sich in dieser Stadt Juan de Marchena befindet, der ein spanischer, sehr redlicher (muy honrado) Kaufmann ist, wie ich es Eurer Exzellenz schon bei Gelegenheit geschrieben habe. Dieser hat einen Bruder in Venedig, der ein großes Geschäft besitzt. Die [Nachrichten], die er schreibt, sind, wie Eure Exzellenz vermutlich schon gesehen haben, sehenswert, zweckmäßig und immer wahrhaftig. Obwohl wir hier [Nachrichten] von überall her bekommen, sind keine (anderen) so pünktlich und wahr wie diese und sie bezeugen den wohlmeinenden Eifer echter Vasallen ihrer Majestät. 28

Aus diesem Schreiben geht hervor, dass die Familie Marchena spanischer Herkunft war und über ein Netzwerk geschäftlicher Verbindungen zwischen Spanien, Marokko und Norditalien verfügte; außerdem hatte sich einige Zeit vor Polos Bericht ein Bruder von Juan de Marchena „con gran negocios“ in Venedig niedergelassen. Diese Infor-

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de havisar de lo que entendiere de las tales personas y de su correspondençia, y en particular de un Juan de Marchena, porque éste la tiene con el Duque de Florençia y beneçianos a muchos días“; Archivo General de Simancas, Estado, Leg. 184, doc. 50, zitiert nach: Cartas Marruecas, S. 52 f. Ebd., S. 53 (Archivo General de Simancas, Estado, Leg. 184, doc. 36). Vgl. De Castries, Les sources inédites, S. 675, sowie Cartas Marruecas, S. 70. „En lo que Vuestra Excelencia me manda le dida por qué vía bienen aquí los avisos de Veneçia y si la Señoría tiene alguna comunicaçión con este reyno o correspondencia secreta, digo, señor, que en esta ciudad está Juan de Marchena, que es un mercader español muy honrrado, como tengo scrito a Vuestra Excelencia algunas vezes. Éste tiene un hermano en Veneçia con grandes negocios y tan curioso que las que escrive son tan a punto como Vuestra Excelencia las abrá visto, y siempre salen verdaderas, que aunque aquí las tenemos de muchas partes, ningunas con tanta puntualidad ni verdad como ellas ni con tan buen zelo de verdaderos vasallos de Su Magestad“; Cartas Marruecas, S. 70.

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2. Der spanische Hintergrund

mationen werden auch durch das wichtigste Zeugnis aus dieser Zeit bestätigt, den Brief von Alonso Nuñez de Herrera an den Earl von Essex, den er am 26. Dezember 159629 zusammen mit einer Kopie der englischen Übersetzung des kurz zuvor aus Marokko eingetroffenen Schreibens mit der Bitte um seine Freilassung abschickte. Right honorable and moste excellent Lord, The Kinge of Berberye writte a letter in my behalf unto the Queenes Matie, wherin he intreated her yt might please her to grante me liberty, as by the coppie thereof here inclosed your Honor may see. Which being given her Matie, answer was made that I, being one of the pleadges for the hundreth and twenty thousand ducketts, yt behooved that this matter should be conferred of with the right honorable Generalls. Wherfor, fynding myselfe amonge those that are att your Honors disposicon and command, it behooveth me moste humbly to beseech you yt may please your good Honor to understand that I was not borne in Spayne, nor am subjecte thereof, and that my father hath dwelled in the state of the Great Duke of Toscana (whereof he, my uncles and myselfe are subjectes) and at this present is at Venice. My uncle is the Kinge of Barberyes merchant resident in that kingdome, whether I went from Florence in the same Kinges service, and from thence to Cales, in noe other sorte but as merchant stranger factor for my uncle. So that the state of pleadge supposing a man to be subjecte to some enemy prince, your Honor may voutsafe, of your speciall favor and greate clemency, to judge that I canot be pleadge for any Spanish or other mater, my soverayngnes being in league of amitye with her Matie; the which I doe the rather declare, bycause assuredly I knowe it canot any waye be prejudiciall to your Honors right, specially for that the Spanish pleadges have given me certificate, according to truth, in writing, that I was not borne in Spayne, nor am subjecte of that King, and that my father and parentes dwell in the state of Florence, from whence I went to Maroccos in the service of the King of Barbery, whoe sent me to Cales, wher I bought him sundrey thinges, resyding ther but as a merchant stranger. Which notwithstanding, I do moste humbly submitt myselfe unto your Honors favor to paye for ransome what (my state and habilety considered) your Honor shall judge and comand; moste humbly beseeching your Honor that yt would please you, of your courteous bounty, seeinge I am not subjecte of Spayne and so canne be no pleadge for Spanish affayres, you would comand me to be separated from that company, and that I maye be in London with some frend, givinge sufficient surety not to absent myselfe untill I have other order from your good Honor. And so, moste humbly submitting myselfe unto your Honors good favor, I rest beseeching the Almighty alwayes to increase yt in all honor and felicity for many and happie yeares. 29

Nach dem gregorianischen Kalender, der in England damals nicht übernommen wurde: 4. Januar 1597.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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From Ware, this 26th of December 1596. Your Honors moste humble servant, that kisseth your honorable handes, Alonso Nuñez de Herrera30

Der Brief ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Die Frage des Lösegelds war, wie es scheint, Sache des Earl of Essex, der das Abkommen mit den Gefangenen in Cádiz getroffen hatte. Das erste Argument, das Herrera für seine gesonderte Freilassung anführt, ist die Tatsache, dass er weder in Spanien geboren noch Untertan der spanischen Krone sei und der Status als Geisel einer feindlichen Macht daher auf ihn nicht zutreffen könne. Sein Landesherr, der Großherzog der Toskana – zu dieser Zeit Ferdinando I. (nach dem Tod von Francesco I. im Jahre 1587) – sei vielmehr mit der Königin freundschaftlich verbunden. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist unterschiedlich bewertet worden. Kenneth Krabbenhoft hat bereits darauf hingewiesen, dass die Situation englischer Kriegsgefangenschaft nicht dazu angetan war, auf spanische Herkunft stolz zu sein.31 Aber Herrera lässt sich seine ausdrückliche Versicherung, nicht in Spanien geboren worden zu sein, von seinen spanischen Mitgefangenen mit Brief und Siegel bestätigen. Da nun alle Geiseln zusammen für die Lösegeldsumme zu bürgen hatten und diese Bestätigung nur dazu führen konnte, dass sich einer der kollektiven Haftung entzog, wird Herrera die Zustimmung seiner Mitgefangenen sicher nicht leichtfertig oder gar im Bewusstsein einer Falschaussage bekommen haben. Allerdings spricht deshalb noch nichts dafür, dass er in Italien geboren wurde, wie Nissim Yosha annimmt.32 Was hätte Herrera daran hindern sollen, genau diese Angabe statt der wiederholten aber umständlichen und vagen Formulierung „I was not borne in Spayne“ zu schreiben? Schließlich gab es noch andere Gebiete unter spanischer Herrschaft, weshalb Herrera dann auch hinzufügt „nor am subjecte thereof“, was ja nur heißt, jetzt, in der Gegenwart, sei er kein spanischer Untertan. Aus dem Brief von Baltasar Polo im Mai 1597 ergab sich, dass die Familie de Marchena spanischer Herkunft war und dass ein Bruder von Juan in Venedig lebte, ganz offensichtlich der Vater von Alonso Nuñez de Herrera, der „at this present is at Venice“, d. h. also bereits 30 31 32

De Castries, Les sources inédites, S. 107 f., Dok. XXXIV. Krabbenhoft, The Mystic in Tradition, S. 8. In seiner Rezension zu Nissim Yoshas Myth and Metaphor betont Joseph Kaplan, dass Herreras Geschäfte in Spanien durchaus dafür sprechen, dass er glaubwürdig als spanischer Converso auftreten konnte; eine nicht-christliche Erziehung in Italien, für die Yosha plädiert, hält Kaplan daher für unwahrscheinlich; vgl. Joseph Kaplan, „A Lurianic Philosopher in the Age of the Baroque Period“ (hebr.), Pe‘amim 70 (1997), S. 131.

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2. Der spanische Hintergrund

1596, während und vor der Abfassung von Herreras Brief an Essex. Interessant ist nicht nur der Hinweis, dass seine Eltern zuvor „in the state of Florence“ lebten und Alonso von dort nach Marokko aufgebrochen war, sondern dass sie alle Untertanen des Großherzogs waren: „whereof he, my uncles and myselfe are subjectes“. Herrera hatte demnach außer Juan de Marchena noch mindestens einen anderen Onkel. Tatsächlich taucht bei dem in Marokko lebenden Familienzweig noch ein mögliches Familienmitglied auf, Vicencio de Marchena. Laut einem Brief des Herzogs von Medina-Sidonia an König Philipp III. vom 16. September 1606 war er als Dolmetscher des Sultans Muley Xeque tätig.33 Auch Vicencio führte nicht nur mit König Philipp III., sondern auch mit dem Großherzog der Toskana Korrespondenz, mit letzterem natürlich auf italienisch.34 Das bei weitem einflussreichste Familienmitglied am Hof des Sultans scheint jedoch Vicencios mutmaßlicher Bruder Juan gewesen zu sein. Aufschlussreich ist beispielsweise dessen Vermittlerrolle bei städtischen Regierungsbeamten („alcaides y ulemas“), die sich bei dem Sultan beschwerten, dass so viele ortsansässige Kaufleute und spanische Gefangene ins Haus Baltasar Polos gingen, um dort die Messe zu hören.35 Tatsächlich ersuchte er den Herzog von Medina-Sidonia auch vergeblich, ihm Polos Stellung zu übergeben und seinen Schiffen sicheren Zugang zu den spanischen Häfen zu gewährleisten, ähnlich der Bitte um Geleitschutz in dem Schreiben an Königin Elisabeth. Auf seine diplomatische Funktion wird immer wieder in der Korrespondenz zwischen England und Marokko hingewiesen.36 Vor diesem Hintergrund ist es zunächst nicht ganz einsichtig, warum sich die Freilassung seines Neffen, der in Juan de Marchenas Auftrag unterwegs war, noch einige Jahre verzögern sollte. Herreras Auf33

34 35 36

Cartas Marruecas, S. 72–75 (Archivo General de Simancas, estado, Leg. 203); vgl. Juan Luis de Rojas, Relación de algunos successos prostreros de Berberia, salida de los moriscos de España y entrega de Alarache, Lissabon 1613, fol. 11a: „el Duque de Medina Cidonia como tan cuidadosso del seruicio de Magestad abraço la platica, y dio comission a Marchena mercader, que estaua en Fez para que con Muleixeque cõcertase la forma del siguro, y otras cosas mayores.“ Zum Kontext vgl. Cartas Marruecas, S. 75 f. Ebd., S. 73: „Vicencio de Marchena … redacta también cartas en italiano dirigidas al Gran Duque de Toscana.“ Ebd., S. 71 (AGS, Estado, Leg. 179). De Castries, Les sources inédites, Angleterre II, S. 152 und 162 (John Waring bezeichnet ihn in seinem Brief vom 10. Juni 1600 an Robert Cecil in bezug auf die Freilassung von acht Holländern, die in Marokko versklavt waren, als „Spaniarde“, der das königliche Schreiben über einen „portingall resydent in Amswerdam“ übermittelt) sowie S. 166.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

63

enthalt in Ware, ca. 30 km nördlich von London, wahrscheinlich in einer umgebauten alten Klosteranlage,37 sowie seine persönlichen Kontakte in London,38 auf die er in seinem Brief im Zusammenhang mit seiner Bitte um Trennung von den spanischen Geiseln Bezug nimmt, inspirierten Richard Popkin zu der Vermutung, dass Herrera als venezianischer Kaufmann jüdischer Herkunft bekannt geworden sei.39 Der Hintergedanke dabei ist natürlich die mögliche Assoziation mit der Figur des Shylock aus Shakespeares spätestens 1596 verfasstem Schauspiel „The Merchant of Venice“. Anders als Christopher Marlowes „The Jew of Malta”, dessen historischer Hintergrund die Affäre um Elisabeths Leibarzt Roderigo Lopez gewesen sei, habe Shakespeare in Herrera eine bekannte Persönlichkeit gefunden, in der jüdische Herkunft und kaufmännischer Reichtum vereint gewesen wären. So faszinierend der Gedanke auch sein mag, dass Herrera in der Weltliteratur zu – wenngleich zweifelhaftem – Ruhm gekommen ist, so wenig wird man dieser These zustimmen können. Herrera hatte in England wohl zu keinem Zeitpunkt seine jüdische Herkunft zu erkennen gegeben. Mit Sicherheit wäre das für ihn auch nicht vorteilhaft gewesen. Der Prozess von 1594 gegen Roderigo Lopez, der bekanntlich trotz nachdrücklicher Unschuldsbezeugungen zum Tod verurteilt wurde, hatte auch im englischen Königreich zu neu entfachter Judenfeindlichkeit geführt. Seit der Vertreibung von 1290 gab es zwar offiziell in England keine Juden mehr, aber einige Conversos der iberischen Halbinsel hatten sich im 16. Jahrhundert unter dem Deckmantel der christlichen Religion in England niedergelassen und gelegentlich prominente Stellungen erreicht. Eine judenfeindliche Stimmung war jedoch auch im elisabethanischen England leicht zu entfachen, und die jüdische Herkunft der spanisch-portugiesischen Conversos war durchaus bekannt. Als Lopez auf dem Schafott beteuerte, die Königin ebenso zu lieben wie Jesus, rief ihm die Menge entgegen: „Er ist ein Jude!“40 37

38

39 40

Nach der Auflösung der Klöster wurde die 1338 gegründete franziskanische Abtei 1544 von Thomas Byrche gekauft und in ein Privathaus umgewandelt; vgl. „Henry VIII: May 1544, 26–31“, in: Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII: January–July 1544, Volume 19, Part 1 (1903), S. 358–388, . Offensichtlich zum diplomatischen Vertreter des Großherzogs der Toskana, Amerigo Salvetti, der 1609 aus London schreibt, dass er 13 Jahre lang (also seit 1596) in den Diensten von Ferdinando de’ Medici stand; vgl. The Medici Archive Project, vol. 4189, . Popkin, A Jewish Merchant, S. 329–331. Friedmar Apel, „Juden, Puritaner und Theaterfeinde“, in: Erich Fried, ShakespeareÜbersetzungen. Der Kaufmann von Venedig, Berlin 2002, S. 107; vgl. auch: James

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2. Der spanische Hintergrund

Roderigo Lopez war ein Arzt, der wegen Hochverrat hingerichtet wurde; man warf ihm vor, der Königin nach dem Leben getrachtet zu haben. Shakespeare war diese aufsehenerregende Anklage natürlich bekannt, und die Assoziation nicht nur mit Marlowes „Jew of Malta“, sondern auch mit dem „blutrünstigen“ Shylock ist ausführlich diskutiert worden. Im Gegensatz dazu war Herrera Kaufmann, und die Figur des „Kaufmanns von Venedig“ wurde mit der Rolle des Antonio von Shakespeare ganz im Stil der Zeit sehr positiv charakterisiert: Der „merchant adventurer“, der abenteuerlustige und risikofreudige Kaufmann, galt als mutiger Seefahrer, der zum Selbstverständnis der englischen Nation gehörte.41 Außerdem hätte Herrera als Gefangener und Geisel unter Hausarrest wohl kaum als geiziger Wucherer in Erscheinung treten können. Er war auch keine „gefährliche“ Person wie der verurteilte Doktor Lopez,42 seine Dienste bzw. die seines Onkels wurden schließlich von Elisabeth anerkannt. Und die Zahlung des Lösegeldanteils in beliebiger Höhe war für Herrera kein Problem, er weist ja stolz darauf hin, dass es „my state and habilety considered“ festgesetzt werden soll. Essex war zu dieser Zeit zwar wie andere adlige Theaterfreunde notorisch hoch verschuldet, aber die Geldgeber, die damit auch im Fokus der Wucherkritik standen, waren die Puritaner – und ihnen wurde wegen ihrer besonderen Wertschätzung des Alten Testaments Judenfreundlichkeit vorgeworfen.43 Spätestens nach dem Zerwürfnis zwischen Elisabeth und Essex im Jahre 1598, in dem übrigens auch Shakespeares Theater abbrannte, war die Zahlung des Lösegelds nicht mehr Sache der Generäle, sondern der Krone; Elisabeth hatte sich von dem Seeabenteuer, das sie immerhin

41

42

43

S. Shapiro, „Shakespeare and the Jews“, Cultures of Ambivalence and Contempt (1998), S. 129–152. Ebd., S. 111. Apel verweist auch auf Richard Hakluyts Principal Navigations, das in den 1590er Jahren Englands seefahrerische Größe verherrlicht und den „Mythos des Kaufmanns als dem Erben des Abenteurers“ mitbegründet; Apel, „Shakespeare und die elisabethanische Ordnung“, in: Fried, Shakespeare-Übersetzungen, S. 13. Die einzige Verbindung, die es zwischen Herrera und der angeblichen Verschwörung um Doktor Lopez gab, ist Pedro Ferreira, der Überbringer des Bittschreibens für Herreras Freilassung von Sultan Ahmad al Mansur an Königin Elisabeth. Seinem Vater Estevão wurde ebenfalls der Prozess gemacht, und es stellte sich heraus, dass „Pedro Ferreira avait été l’un des dénonciateurs de cette conjuration“; de Castries, Les sources inédites, S. 109, Anm. 1 zu Dok. XXXV (Mémoire de pedro ferreira pour Essex). Vgl. dazu auch Thomas Birch, Memoirs of the Reign of Queen Elizabeth, Bd., 2, London 1754, S. 269. Apel verweist auf Thomas Wilson, Discourse upon Usury, aus dem Jahre 1572. Dort heißt es „daß die jüdischen Wucherer längst aus England verschwunden sind, daß aber nun die eigenen Landsleute eben ihre Methoden verwenden“; Apel, Shakespeare und die elisabethanische Ordnung, S. 111 f.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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finanziert hatte, sowieso einen lukrativeren Ausgang versprochen und aus Enttäuschung die Summe, die Essex zugestanden hätte, für sich beansprucht.44 In einem Antwortschreiben der Königin an den Sultan vom 14. [nach dem gregorianischen Kalender der 24.] Juni 1599 werden endlich die Gründe für Herreras lange Festsetzung erklärt: Hochgeehrter und großmächtiger Herr, Zwei Jahre ist es her, seit wir Euer königliches Schreiben erhalten haben, das auf Gesuch von Juan de Marchena für die Freilassung von Alonso Nuñez de Herrera verfasst wurde, der kurz zuvor als Gefangener unserer Flotte aus Cádiz mitgeführt worden war. Damals konnten wir nicht so antworten, wie wir es wünschten, weil die Gefangenen, die als Geiseln mitgebracht wurden (diejenigen, zu denen Alonso Nuñez gehörte), um bestimmte Bedingungen zu erfüllen, die mit unseren Generälen abgesprochen waren, völlig uneinig waren über die Zusammensetzung und Aufteilung der Geldsumme, zu der sie sich verpflichtet hatten. Und in dieser Unordnung (während sie nach Spanien schickten und auf Antwort warteten) sind viele Monate vergangen, sie stimmten in der Zwischenzeit auch nicht zu, dass jemand freigelassen würde, bevor eine Übereinkunft getroffen und ein Geldanteil bestimmt würde, den jeder einzelne zu zahlen hätte. Da wir dies der Gerechtigkeit halber nicht verweigern konnten, blieben sie alle zusammen in der Schuld. Davon haben wir in Unseren Briefen vom 2. April 1598 Nachricht gegeben, die wir mit einem Diener unseres königlichen Hofes geschickt haben, damit er sie vor Eurer erhabenen Gegenwart mitteilt. Und als er die Küste der Berberei erreichte und sah, wie entvölkert die Siedlungen waren und dass es ein großes Sterben gab, das alle Eure Herrschaftsgebiete ereilte, dazu die Gefahr, die zu jeder Zeit auf den Wegen herrschte, und er wahrhaftig hörte, dass Eure königliche Person wegen der Krankheit nach Verlassen Eurer erhabenen marokkanischen Paläste mit Eurem Heer auf dem offenen Feld war, sich jeden Augenblick von hier nach dort wendend, um Euer sehr wünschenswertes Wohlergehen zu bewahren, hielt er es für das Beste, mit den genannten Briefen zurückzukehren. Wenn diese in Eure Hände gelangt wären, zweifeln wir nicht, dass sie Euch sehr zufriedengestellt hätten, sowohl in bezug auf das, was ihr von uns in der Angelegenheit des Alonso Nuñez de Herrera erbeten habt als auch in bezug auf das sichere Geleit für die Schiffe von Juan de Marchena, von denen man weiß, dass sie in Euren königlichen Diensten segeln.45 44 45

Harrison, The Life and Death of Robert Devereaux, S. 129. De Castries, Les sources inédites, Dok. XLVIII, S.  139–141, hier S.  139 f. (Public Record Office, State Papers, Foreign, Royal Letter, vol. II, no. 26): „Muy alto y muy poderoso Sennor, Dos annos ha que recevimos vuestra real carta escritta a la instancia de Juan de Marchena, sobre la libertad de Alonso Nuñez de Herrera, que fue traydo poco antes prisionero en nuestra armada de Cadix. A la qual en el mesmo instante no podiamos responder como desseavamos, a causa que los prisioneros que trayan de alla como rehenes (de los quales el dicho Alonso Nuñez era uno de ellos),

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2. Der spanische Hintergrund

Nach einer Überleitung mit erneuter Zusicherung, dass dem Anliegen auf der Basis der gegenseitigen freundschaftlichen Bande entsprochen werde, wird dann ein anderes Thema angeschnitten, bei dem die Königin die Gunst des Sultans für die Geschäfte bzw. Erbschaftsregelungen des englischen Kaufmanns Richard Tomson am marokkanischen Hof erbittet. Das Dokument ist zwar als Original ausgewiesen, das im königlichen Palast in Greenwich abgefasst wurde, aber es existiert auch das Original eines Briefes auf Englisch, das auf den 10. [20.] Mai 1599, also einen Monat früher datiert ist und mit dem Inhalt des spanischen Briefes teilweise übereinstimmt, jedoch sehr viel kürzer gehalten ist.46 Die Verzögerung der Freilassung von Alonso Nuñez wird darin nur so begründet, dass er nicht einfach ein Kriegsgefangener sei, sondern „eine Geisel unter anderen, die von der Stadt Cádiz übergeben wurden als Garantie für die Erfüllung bestimmter damaliger Vereinbarungen, die zwischen den englischen Generälen und den Einwohnern getroffen wurden und die schon lange auf ihre Umsetzung warten“.47 Es gibt darin ebenfalls eine Anspielung auf einen älteren Brief Elisabeths, dessen Datum im spanischen Brief mit 2. April 1598 angegeben wird. Die englische Variante enthält allerdings die Erklärung, dass das Schiff untergegangen sei, das den Brief transportierte, und nicht wie in der spanischen Fassung Schrecknisse und Ängste, die die Pest in Marokko

46 47

para cumplir ciertas conditiones que avian assentado con nuestros Generales, desconciertaronse en gran manera sobre el aiuntamiento y repartimiento de la cantidad de moneda en que se avian obligado; y en este desconcierto (mientras embiavan a España y aguardavan rispuesta) se passaron muchos meses, ni consentieron y aguardavan rispuesta) se passaron muchos meses, ni consentieron ellos en el interim que alguno fuesse libertado, hasta que se hiziesse acuerdo y tassa desta moneda, quanto cupiesse a cada uno. Lo qual con justucua no hemos podido negarla, estando ellos obligados todos de mancomun. Desto dimos aviso por nuestras cartas del segundo del mes de Avril de mil quinientos noventa y ocho años, la qual mandavamos con uncriado de nuestra real corte, para que las diesse a vuestra alta presencia. Y llegandose a la costa de Barberia, viendo de que manera los puertos estavan despoblados, y la muy gran mortandad que avia por todos vuestros reynos, juntamente con peligro que en aquel tiempo corrian por los caminos, y oyendo por verdad que vuestra real persona, aviendo salido de vuestros altos palacios de Marruecos, a causa de la enfermidad, estava con vuestro exercito en los campos, mudandose cada rato de una parte a otra para la conservacion de vuestra muy desseada salud, tuvo por bien buelverse con las dichas cartas. Las quales si uvieran venido a vuestras manos, no dubdamos que no fuerades muy satisfecho, ansi en lo que nos fue pedido sobre el negotio de Alonso Nuñez de Herrera, como del salvo condutto para los navios de Juan de Marchena, a saberlos que yvan empleados en vuestros reales servicios.“ Ebd., S. 141 mit Anm. 2 (Public Record Office, State Papers, Foreign, Royal Letter, vol. II, no. 25). Ebd.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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beim Boten auslöste und die dazu führten, dass dieser Brief seinen Bestimmungsort nicht erreichte. Die erste Reaktion der Königin auf das Schreiben des Sultans vom Dezember 1596 ließ demnach zwei Jahre auf sich warten. Die Schuld für die Verzögerung der Freilassung Herreras wird den Mitgefangenen gegeben, die sich über das Lösegeld zerstritten hätten. Die Uneinigkeit bei der Anteilsberechnung geht wohl teilweise darauf zurück, dass die Summe von 120.000 Dukaten zwischen allen Festungsinsassen und den englischen Generälen vereinbart wurde; die vierzig Geiseln sollten schließlich nur die Bezahlung garantieren. Mittlerweile waren diese allerdings in eine fatale Lage gekommen. In einem verzweifelten Brief vom 7. Februar 1598, der spätestens Anfang April 1598 in Cádiz eintraf, baten die Geiseln den Rat der spanischen Stadt um Hilfe und schilderten ihre Situation auf dramatische Weise: Nachdem der hoch verschuldete Earl von Essex keine Geduld mehr hatte, länger auf die Bezahlung des Lösegelds zu warten, ließ er die spanischen Edelleute „brutal“ („con tanto rigor y aspereza“) ergreifen und in „unterirdische Verliese“ („unos sótanos debajo de tierra“) werfen, deren Feuchtigkeit den Gefangenen vor allem im Winter („die Monate Dezember und Januar sind in diesen Ländern unerträglich kalt“) zusetzte. Auf kargem Stroh waren sie gezwungen, dort selbst ihre Notdurft in immer größer werdendem Schmutz und beißendem Gestank zu verrichten, so dass sie „oft dachten, den Geist aufgeben“ zu müssen („pensábamos muchas veces exhalar los espíritus“). Schließlich sollten fünf Geiseln als öffentliches „Spektakel“ vor den Augen der herbeigeströmten Massen aufgehängt werden („… a los cuales sacaron para ahorcar, habiendo convocado para el espectáculo infinidad de gentes“). Im letzten Moment sei es gelungen, „auf Knien und mit Tränen in den Augen“ („suplicándole de rodillas y con lágrimas en los ojos“) dem Earl von Essex, der unerbittlich an der gesamten Lösegeldforderung festhielt, die Bezahlung der 120.000 Dukaten glaubhaft zu machen. Gleichwohl sei die Summe bzw. der Anteil, den jeder zu tragen hätte, für die Geiseln – die für ihr Leben auch „eine Million geben würden“ („un millón diéramos“) – zu hoch und ohne die Hilfe der Stadt, für die sie ihre Freiheit geopfert hätten, unmöglich aufzubringen. Tatsächlich waren nur noch zwanzig Geiseln übrig geblieben, die den Brief unterzeichneten – unter ihnen Alonso Nuñes de Herrera.48 48

Der spanische Text mit der Reaktion des Rats (Das Lösegeld blieb aus; der Rat hatte sich an König Philipp II. gewandt, doch der Staat war bankrott und der Monarch starb am 13. September 1598) befindet sich im Stadtarchiv von Cádiz (Archivio Histórico Municipal de Cádiz, Actas Capitulares, L. 10.001, ff. 93v–94r); vgl. Fernando de la

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2. Der spanische Hintergrund

Interessant ist der Hinweis auf den nicht erhaltenen Brief der englischen Krone vom 2. April 1598 und die unterschiedliche Begründung, die in der spanischen und in der englischen Fassung dafür gegeben werden, dass der Sultan die Nachricht nicht erhielt. Der Wahrheitsgehalt der Aussage, dass der Grund ein Schiffbruch war, lässt sich nicht überprüfen. Die Angabe in der spanischen Fassung scheint jedenfalls rhetorisch geschickter, denn in Marokko brach 1598 eine schwere Pest aus, die ganze Landstriche entvölkerte. Bereits im Mai dieses Jahres berichtete Joseph Maye in seinem Brief an Robert Cecil: „There hath beane such a mortallity in many plasies in Barbary, that the have dyed in Morocus day by day 34.000.“49 Es gab „Rebellions in many places“ und der Sultan ließ zu seinem Schutz sogar Gefangene in seine Wache aufnehmen;50 der Schiffshandel kam zum Erliegen, und es musste befürchtet werden, dass sich die Pest nach Europa ausweitete.51 Noch im Oktober 1598 hieß es, dass über 250.000 in kurzer Zeit an der Pest starben.52 Die Schilderung in Elisabeths spanischem Brief ist daher durchaus glaubwürdig, auch die Details, dass der marokkanische Herrscher die Stadt verlassen hatte und die Verkehrsstraßen gefährlich wurden, finden ihre Bestätigung in einer Nachricht aus Marokko: „The plage dispersed through the country so extremely that the King is forced, for his better securitye, to live in tents in the fields, and there is such an uproare in the countrie, by meanes of the infection, that none can passe unrobed and spieled.“53 Ob es den Brief vom 2. April 1598 tatsächlich gegeben hat, ob er auf dem Weg seiner Beförderung verloren ging oder ob er von dem Boten angesichts der katastrophalen Situation in Marokko wieder zurückgebracht wurde, ist letztlich unerheblich. Die Königin wollte jedenfalls in dem Schreiben vom 14. Juni 1599, in dem sie selbst ein Anliegen formulierte, nur deutlich machen, dass sie an der Verspätung keine Schuld trage. England war grundsätzlich an einer strategischen Partnerschaft mit Marokko gegen Spanien interessiert, und der Austausch von Gefangenen, die vor allem bei den zahlreichen und oft will-

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52 53

Sierpe, „Los nobles españoles rehenes del conde de Essex“, . De Castries, Les sources inédites, Dok. XLVIII, Dok. XLII, 20. [30.] Mai 1598, S. 124 f., hier S. 125. Ebd., Dok. XLIII, 10. [20.] Juni 1598, S. 126 f. Ebd., S.  127: „There are in those partes diverse English shippes which will come home unladen, by reason of this trouble; there is reporte the sickness to be in some of them.“ Ebd., S. 125, Anm. 2. Ebd., S. 126.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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kürlichen Kaperfahrten gemacht wurden, gehörte zum Tagesgeschäft. In dem nächsten diesbezüglichen Briefwechsel im Frühjahr 1600 ist die Freilassung Herreras kein Thema mehr, ganz offensichtlich war „el negotio de Alonso Nuñez de Herrera“ bereits abgeschlossen,54 was eine Abreise noch im Herbst 1599 wegen der Erschwerung des Schiffsverkehrs in den Wintermonaten plausibel macht. Es ist nicht bekannt, ob Herrera zunächst zu seinem Onkel Juan de Marchena zurückkehrte, oder ob er nach seinem Abenteuer als seefahrender Kaufmann in Venedig seinen Vater aufsuchte. Festzuhalten bleibt, dass Herrera als Mitglied einer einflussreichen Familie spanischer Provenienz, die bereits lange in den Diensten des Großherzogs der Toskana stand, von dessen Herrschaftsgebiet nach Marokko reiste, um im Auftrag seines Onkels Geschäfte in Cádiz zu erledigen, dort in englische Gefangenschaft geriet und bis 1599 auf seine Freilassung wartete. Ein panegyrisches Gedicht von Daniel Levi alias Miguel de Barrios55 bestätigt diese Informationen. De Barrios wurde 1635, neun Monate nach Herreras Tod, in Montilla in Spanien geboren. Er führte lange Zeit ein Doppelleben als Offizier der spanischen Reiterei in Brüssel und Mitglied der jüdischen Gemeinde in Amsterdam, wo er 1711 als langjähriger Anhänger des gescheiterten Messias Shabbtai Zvi starb. Er hat sich einen Namen als Dichter und erster Geschichtsschreiber der spanisch-portugiesischen Gemeinde in Amsterdam gemacht. 1683 erschien seine Geschichte der sefardischen Juden unter dem Titel „Triumpho del Govierno popular y de la antiguëdad holandesa“, die in mehreren Manuskripten, allerdings mit nicht immer identischer Zusammenstellung des Inhalts, erhalten ist.56 Im Wesentlichen handelt es sich um eine Sammlung von rund 65 Texten aus der Feder von de Barrios. Das Gedicht über Herrera findet sich in der den Manuskripten des „Triumpho del Govierno popular“ inkorporierten Schrift „Historia universal judayca“. Es steht im Kontext der Aufzählung berühmter Juden, die in den Diensten großer Monarchen zu Titeln und Würden kamen.57 In der Einleitung zu dem Sonett wird Herrera gleich nach 54 55

56 57

Ebd., Dok. XLVIII, S. 140. Das Gedicht kann allerdings auch schon älter und kurz nach Herreras Tod entstanden sein, eine Grabinschrift, wie Graetz, Geschichte der Juden, Bd.  9, S.  461, behauptet, ist es allerdings nicht. Pieterse, Daniel Levi de Barrios, S. 36–42. Genannt werden unter anderem Samuel Levi als Schatzmeister von König Pedro dem Grausamen und Salomon Rophe als Botschafter des Sultans Selim in Venedig sowie Elia Montalto als Arzt und Ratgeber der französischen Königin Maria de’ Medici. Vgl. Daniel Levi de Barrios, Triumpho del govierno popular y de la antigue-

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2. Der spanische Hintergrund

Samuel Pallache, dem Botschafter aus Marokko in Amsterdam, genannt:58 Muley Sidan, König von Marokko, der aufgebracht war, dass König Philipp III. von Spanien ihm seine arabischen Bücher nicht zurückgab, die ihm die Spanier mit einem Schiff zwischen den Häfen Zafi und Santa Cruz wegnahmen, schickte Samuel Pallache als seinen Botschafter in die Länder der Vereinigten Provinzen, um Piratenschiffe zusammenzustellen, bei denen Josef Pallache, der Bruder des Botschafters, als Befehlshaber gegen die spanischen Küsten und Schiffe eingesetzt wurde. Der genannte Botschafter von Marokko hatte eine handgreifliche Auseinandersetzung mit dem Botschafter von Spanien, als ihre Kutschen in einer Straße von Den Haag, dem Regierungssitz von Holland, aufeinander trafen. Später starb der Botschafter Pallache im Jahre 1616 und Moritz von Nassau, Prinz von Oranien, geleitete mit dem Adel von Den Haag den Leichnam, der auf dem Friedhof der Amsterdamer Juden begraben wurde, genauso wie 1531 [sic] der [Leichnam] des erlauchten Ḥakham Abraham Herrera, dessen Leben dieses Sonett besingt.59

Die Zusammenstellung mit dem berühmten Botschafter aus Marokko ist durchaus aufschlussreich. Man darf von de Barrios natürlich keine historische Exaktheit erwarten, sein Interesse galt vielmehr den legendären Höhepunkten der verschiedenen Lebensgeschichten wie Pallaches vergeblichem Versuch, die unbezahlbare, gestohlene arabische Bibliothek (die heute noch in El Escorial liegt) wieder zu beschaffen, oder die Piratenabenteuer der Brüder Pallache vor der spanischen Küste. Ein wichtiges Detail ist das ehrende Geleit des Statthalters Moritz von Nassau und der Aristokratie zu seinem Begräbnis. Das Todesjahr von Herrera, der laut Inschrift seines auch heute noch auf dem alten jüdischen Friedhof in Ouderkerk zu besichtigenden Grabsteins am 16. Shevat 5395 (4. Februar 1635) verstarb,60 ist im „Triumpho del Govierno popular“ möglicherweise durch einen Druckfehler falsch angege-

58 59

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dad holandesa, [Sephardic Editions] Amsterdam 5443 [1683], Mikrofiche-Ausgabe Leiden 1976, S. 473–475 (= Historia Universal Judayca, S. 19–21), hier S. 473 (= S. 19). Daniel Levi de Barrios, Triumpho del govierno popular, S. 473–475 (= Historia Universal Judayca, S. 19–21). „Muley Sidan Rey de Marruecos sintiendo que el Rey Phelipe Tercero de España no le bolviesse sus libros Arabigos que le tomaron los Españoles en una embarcacion del Puerto Zafi al de Santa Cruz, embio a Samuel Palache por su Embaxador a los Estados de los provincias Unidas para formar los piraticos navios, de que hizo General a Joseph Palache hermano del Embaxador contra las Costas y embarcaciones Españolas. Salio bien de un Marcial empeño que con el Embaxador Hispano tuvo el referido Embaxador de Marruecos en contrandose sus coches en una calle de Haya Corte de Holanda. Despues murio el Embaxador Palache en el año de 1616. Y Mauricio Principe de Orange con la Nobleza del Haya acompaño su cadaver que fue sepultado en el entierro de los Judios Amsteldamos, como en el de 1531 [sic] el del insigne Jaxam Abraham Herrera cuya vida canta este soneto.“ Vgl. oben S. 24 f.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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ben. Die Lebensbeschreibungen sind chronologisch angeordnet, und nach Pallaches Tod im Jahre 1616 ergibt das Datum zu Herrera keinen Sinn. Das anschließende Sonett lautet folgendermaßen: Don Alonso de Herrera con Nobleza fue del gran Capitan gran descendiente, y del Rey de Marruecos Residente donde en el Cabo Herculeo el Mar empieza. Prendido la Anglicana Fortaleza quando a Cadiz rindio su naval gente y en la Tierra de Holanda al fin sapiente guardó la ley Mosayca con firmeza Llamose Abraham Herrera y al loado libro de Cabala con docto anhelo hizo, Puerta del Cielo intitulado. Passando a la immortal con mortal velo En la Casa de Dios glorificado Por la segura Puerta entro en el Cielo.

In der Chronik des David Franco Mendes aus dem Jahre 1772, in der auch de Barrios als Quelle benutzt wird, findet sich neben diesem Sonett auch eine Zusammenfassung der Informationen über Herrera.61 Mendes korrigierte das Todesjahr fälschlich auf 1631 und verstand de Barrios offenbar so, dass Herreras Leichenzug ebenfalls von Moritz von Nassau und dem Hofadel in aufsehenerregender Weise begleitet wurde, obwohl auch nur gemeint sein kann, dass Herrera wie Pallache auf diesem jüdischen Friedhof begraben liegt. Dass Herrera der berühmte Nachfahre des „Gran Capitan“ gewesen sei, diente der Forschung seit Heinrich Graetz als Hinweis auf Gonzalo Fernández de Córdoba y Aguilar (1453–1515), Sohn von Don Pedro Fernández de Aguilar und Doña Elvira de Herrera y Enríquez, den spanischen Eroberer von Neapel im Jahre 1504, dessen offenbar verständnisvollem Umgang mit Conversos Graetz gerne Sympathie entgegenbrachte.62 Inzwischen wurde diese angebliche Verwandtschaft ins Reich der Legende verwiesen und de Barrios „general unreliability“ bescheinigt.63 61

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David Franco Mendes, Memorias do estabelecimiento e progresso dos Judeos Portuguezes e Espanhoes nesta famosa citade de Amsterdam, hg. von Lajb Fuks, Rena G. Fuks-Mansfeld, Amsterdam 1975, S. 39 f. Das Sonett weist bei Mendes einige geringfügige Änderungen auf, „Prendiolo“ statt „Prendido“, „quando de Cadiz“ statt „quando a Cadiz“ sowie zusätzliche Kommata. Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 9, S. 6 und S. 461. Der Gran Capitan hatte sich hartnäckig den Anweisungen der spanischen Krone zur Vertreibung der Conversos aus Neapel entzogen. Vgl. Yosha, Myth and Metaphor, S.  27; García-Arenal, Wiegers, A Man of Three Worlds, S. 1.

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2. Der spanische Hintergrund

Immerhin könnte man einwenden, dass Miguel de Barrios in derselben Stadt wie der spanische „Gran Capitan“ geboren wurde, in Montilla bei Córdova, und daher auch über alte, ruhmreiche Familientraditionen Bescheid wissen konnte, auch wenn deren vermeintlich wahrer Kern leider verborgen ist.64 David Franco Mendes interpretiert das Sonett allerdings anders: No A[nn]o 5391, A[nno] 1631 Faleceo o Haham Ab[raha]m acohen de Herrera, Alias Alonso de Herrera, Residente da Sua Mag[estad]e Imperial de Marrocos, (decendente do Grande Cap[ita]m General de d[it]o Emperador) nestas provincias; & acompanharão Seu tumulo aos sepulcros da Nação, Mauricio de Nassao, Principe de Orange, nosso StadHouder & a nobresa de Sua Corte com pompa magestuosa.65

Es wird zwar auch hier kein Name genannt, aber die Verwandtschaftsbeziehung wird nicht auf den Gran Capitan von Spanien, sondern „de dito Emperador“, also „Sua Magestade Imperial de Marrocos“ bezogen. Aufgrund der außergewöhnlichen Stellung, die Juan de Marchena am Hof des marokkanischen Regenten bekleidete und der Vielzahl seiner Schiffe mit ihren internationalen Handelsrouten könnte es sein, dass Mendes hier an den „marokkanischen Zweig“ der spanischen Familie von Herrera dachte. Wenn Herreras Begräbnis ebenfalls unter Anteilnahme des Regenten und der Aristokratie stattfand, dann spricht manches für einen offiziellen Status, den Herrera in Amsterdam wohl innehatte. Von einer Nachfolge Herreras im Amt des Botschafters von Marokko ist allerdings nirgendwo die Rede,66 vielmehr gibt es eine Kontinuität der diplomatischen Dienste der Familie Pallache am marokkanischen Hof auch nach dem Tod von Samuel im Jahre 1616.67 Herrera war 1617 offenbar noch in Hamburg und kam frühestens 1619 nach Amsterdam.68 Immerhin war er auch unmittelbar nach seiner Gefangenschaft in England nachweislich im Dienst des Großherzogs der Toskana, wie Henry de Castries den Quellen entnahm: „Lé grand-duc de Toscane l’accréditait, le 16 février 1602, comme son agent à Rouen.“69 64 65 66

67 68 69

Vgl. Necker, Circle, Point and Line, S. 196. Mendes, Memorias, S. 39. Spätere Angaben wie in Shmuel Wieners Qohelet Moshe, Petersburg 1895, Herrera sei „peqido shel sultan maroko be-holand“ (S.  159) gewesen, dürften auf Mendes’ Interpretation von de Barrios’ Triumpho del govierno popular zurückgehen, auch wenn Scholem Wiener für einen „ungewöhnlich zuverlässigen Gelehrten“ hält, der als Erster das genaue (hebräische) Todesdatum von Herrera angab (vgl. Scholem, Abraham Cohen Herrera, S. 21). García-Arenal, Wiegers, Man of three Worlds, S. 101 ff. Vgl. das Folgende. De Castries, Les sources inédites, Angleterre, Bd. II, S. 100 mit Anm. 2, mit Verweis auf Ire Série, Dépôts divers, Florence zu diesem Datum. Bereits Scholem, Abraham

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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Die nordfranzösische Stadt Rouen gehörte spätestens seit dem 17. Jahrhundert zu den großen Handelshäfen mit einer nennenswerten Zahl ehemaliger Conversos, die Verbindungen nach Hamburg, Holland und zur iberischen Halbinsel hatten.70 Ein international versierter Kaufmann jüdisch-spanischer Herkunft mit Kontakten zu den wichtigen Niederlassungen der aus Spanien emigrierten Conversos war in jedem Fall eine geeignete Besetzung für die Position des Handelsagenten der Toskana in dieser Stadt. Vielleicht gab es sogar familiäre Verbindungen nach Rouen. Abraham Herrera hatte kurz nach seiner Rückkehr aus England eine Cousine namens Sarah geheiratet, wie aus der erst von Nissim Yosha entdeckten Eintragung im Amsterdamer Stadtarchiv aus dem Jahre 1622 hervorgeht.71 Sarah war offensichtlich mit einer Delgado-Familie verwandt, die sich unter anderem in Hamburg niedergelassen hatte.72 Herreras Funktion als Handelsagent in Rouen fällt ungefähr in die Zeit seiner Heirat. Die bedeutendste Rolle

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Cohen Herrera, S. 19, verwies auf dieses Datum, da er jedoch keine Anmerkung mit dem Nachweis bot, wurde in der Forschungsliteratur zu Herrera nur behauptet, dass dieser Beleg nicht zu verifizieren sei und er daher überhaupt ganz unsicher bleiben müsse; vgl. z. B. Yosha, Myth and Metaphor, S. 30. Vgl. Cecil Roth, „Les Marranes à Rouen, un chapitre ignoré de l’histoire des Juifs en France“, REJ 88 (1929), S.  113–155, engl. Übersetzung von David Ferdinando, „The Marranos of Rouen“, The Jewish Study Review 2002, S. 113–137; António José Saraiva Revah, „Le premier établissement des Marranes portugais à Rouen (1603– 1607)“, Annuaire de l’Institut de Philologie et d’Histoire orientale et slave 13 (1953), S. 539–552. Vgl. Nissim Yosha, „Abraham Cohen de Herrera: An Outstanding Exponent of Prisca Theologia in Early Seventeenth-Century Amsterdam“, in: Dutch Jewish History III, hg. von Jozeph Michman, Jerusalem 1993, S. 118, sowie id., Myth and Metaphor, S. 27. Allerdings gibt es eine kleine Ungenauigkeit bei Yoshas Wiedergabe des Dokuments, das folgenden Inhalt hat: „Abraham Cohen de Herrera alias Alonso de Herrera en Sara de Herrera verklaren omtrent 22 jaeren getrouwt te sijn getuijgen ut supra. Hendrick Hudde, Claess Pieterse“ (GAA, DTB, no. 1008, S. 101). Yosha gibt das Kürzel für „ut supra” fälschlich mit „etc.“ wieder und nennt Hudde und Pieterse als Zeugen; man muss aber als Zeugen die beiden im vorangegangenen Eintrag genannten hinzunehmen, nämlich Francisco Casseres und Louis Vaz. Ausschlaggebend für diesen Eintrag war die neue gesetzliche Regelung, wonach ab dem Jahre 1621 auch jüdische Ehen im Gemeentearchief in Amsterdam registriert wurden und das holländische Verbot einer Heirat zwischen Cousin und Cousine künftig auch für die jüdische Gemeinde gelten sollte. 1621 wurde jedenfalls ein neues Register für sefardische Juden angelegt, die bis dahin noch keinen Eintrag im „stadhuis“ hatten; vgl. Dave Verdooner (Hg.), Trouwen in Mokum, Jewish Marriage in Amsterdam 1598–1811, Den Haag, 1992, S. 12 und 29 (in der modernen Aufbereitung der Einträge wird das Heiratsdatum von Abraham und Sarah mit 1600 angegeben – obwohl es im Text eigentlich seit „ungefähr 22 Jahren“ heißt – und Herrera wird darin sowohl mit seinem jüdischen Namen Abraham Cohen als auch mit seinem spanischen Namen Alonso aufgeführt). Das wird deutlich aus der Nachlassverwaltung der am 31. März 1644, neun Jahre nach ihrem Mann gestorbenen Sarah; vgl. Yosha, Myth and Metaphor, S. 46 f.

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2. Der spanische Hintergrund

in der Gemeinde von Rouen spielte Anfang des 17. Jahrhunderts die Familie von Gonçalo Pinto Delgado, die aus Portugal stammte und in den wichtigen Handelszentren Antwerpen, Rouen, Amsterdam und Hamburg Fuß fassen wollte. Auch wenn die Namensgleichheit noch kein Beleg ist, wäre eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen dieser Familie und Abraham Cohen de Herrera gut vorstellbar.73 Abgesehen von der wichtigen Episode von Herreras kabbalistischem Unterricht bei Israel Saruq in Ragusa74 gibt es noch eine weitere mögliche Station vor seiner Niederlassung in Amsterdam: die spanisch-portugiesische Gemeinde in Hamburg. Cecil Roth hat bereits 1930 einen portugiesischen Inquisitionsbericht veröffentlicht, in dem sowohl ein Alonso Nuñes de Herrera als auch dessen (angeblicher) Vetter Rodrigo de Marchena auftauchen.75 Verantwortlich für die Denunziation war „ein junger Mann etwa mittlerer Größe mit einem großen Schnurrbart und schwarzem Vollbart“.76 Sein Name war Hector Mendes Bravo, Sohn des „Neuchristen“ Miguel Nuñes Bravo, Kaufmann aus Lago in Südportugal, der nach dem Tod seines Vaters mit der Mutter nach Florenz reiste, in Venedig zum Judentum zurückkehrte und sich als Daniel Levi Bravo in Amsterdam niederließ, wo er sich zwischen 1613 und 1617 aufhielt und am Ende für zwei Monate geschäftlich nach Hamburg kam.77 In dem umfangreichen Bericht werden jüdische Gemeindemitglieder portugiesischer Herkunft und religiöse Einrichtungen zwar meist zuverlässig, die jüdischen Feste jedoch eher dilettantisch beschrieben. Bei der Aufzählung portugiesischer Juden, die in Hamburg nach dem „Gesetz des Mose“ leben und dort drei Synagogen unterhalten, findet sich auch folgender Eintrag: „Rodrigo de Merchena desta cidade que agora se chama la Habram Coem de Herrera, que serve de sacerdote. Alonso Nunes de Herrera primo de dito Rodrigo de Merchena e sua molher.“78 Es fällt auf, dass hier eine Verwechslung 73 74 75

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Auch Juan de Marchenas Sohn lebte unter dem Familiennamen Delgado in Lissabon, Sarah war also nicht nur Abrahams Cousine, sondern auch seine, vgl. oben S. 75. Vgl. dazu unten S. 144. Vgl. Cecil Roth, „Neue Kunde von der Marranen-Gemeinde in Hamburg”, Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland 2, Heft 3 (1930), S.  228–236; Roth gibt an, den Text in Revista de Estudios Hebraicos, Bd. 2, Lissabon 1930 veröffentlicht zu haben; vgl. auch seine englische Übersetzung in id., „The Strange Case of Hector Mendes Bravo“, HUCA 18 (1944), S. 221–245. Roth, Neue Kunde, S. 228. Die Aussagen wurden im Dezember 1617 protokolliert, Bravo war nach eigenen Angaben 1608 oder 1609 nach Venedig gekommen, wo er sich vier oder fünf Jahre aufhielt. Roth, Neue Kunde, S. 235. Seine englische Übersetzung lautet: „Rodrigo de Merchena from here, who now is called there Abraham Cohen de Herrera and he is mi-

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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der Identität von Alonso Nuñes de Herrera vorliegt, dessen jüdischer Name bekanntlich Abraham Cohen de Herrera lautet. Alle anderen Angaben könnten auf den ersten Blick durchaus richtig sein: Juan de Marchena könnte einen Sohn oder Neffen Rodrigo haben, der dann Herreras Vetter wäre. Außerdem war Herrera zu dieser Zeit schon lange verheiratet, und es spricht nichts dagegen, dass seine Frau mit ihm in Hamburg war, wo sie ja offenbar selbst Verwandtschaft hatte.79 Möglicherweise hatte in dieser Zeit ja noch ein weiteres Mitglied der Familie Marchena geschäftliche Kontakte in Hamburg, nämlich der in Lissabon lebende Gonzalo Delgado, der „echte“ Sohn von Juan de Marchena und damit Vetter von Abraham Cohen de Herrera, was die Verwirrung bei Hector Mendes Bravo etwas verständlicher machen könnte.80 Schwierig ist die Aussage „que serve de sacerdote“. Gershom Scholem, der darin wie Cecil Roth einen Hinweis auf das Rabbinat in der portugiesischen Gemeinde sah, hielt es für unwahrscheinlich, dass Herrera in Hamburg die Funktion eines Rabbiners ausgeübt haben könnte, doch nicht wegen möglicherweise mangelhafter Hebräischkenntnisse oder einer vermuteten Fortsetzung der christlich-jüdischen Doppelexistenz,81 als vielmehr wegen Herreras Zurückhaltung bei religiösen Gemeindeämtern während seiner besser dokumentierten Zeit

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nister. His cousin, Alonso Nuñez de Herrera, and his wife”; Roth, The Strange Case, S. 239. Nach Roth handelte es sich allerdings um einen anderen Abraham Cohen de Herrera, da er dem Autor der spanischen Werke keine ausreichenden Hebräischkenntnisse zutraute, die für das Rabbineramt unerlässlich gewesen wären: „Dieser Abraham Cohen de Herrera ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen bekannten Amsterdamer Kabbalisten, sein hebräisches Wissen war wahrscheinlich unzureichend für das Rabbinat, er führte vor seinem Übertritt denselben Nachnamen wie später“ (Roth, Neue Kunde, S. 231, Anm. 8a). Unwahrscheinlich ist die Vermutung von Alfonso Cassuto, dass Herrera bereits 1612 in Hamburg war; die Hamburger Bürgerschaft stellte offenbar regelmäßig eine Liste der portugiesischen Kaufleute zusammen, da sie „in gewissem Grade über das Anwachsen der portugiesischen Bevölkerung in Hamburg besorgt war und fürchtete, daß diesen Kaufleuten dieselben Vorrechte eingeräumt würden wie den ansässigen christlichen Hamburgern“; A. Cassuto, „Neue Funde zur ältesten Geschichte der portugiesischen Juden in Hamburg“, Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Heft 1 (1931), S. 58–72, hier S. 63. In der „Rolla der portugiesischen Nation, oder Nomina der sämtlichen alhie residierenden und wohnenden Portugiesers“ findet sich folgender Eintrag: „Abraham de Errera sambt seiner Haussfrau vnd Magdt“ (ebd., S.  68). Interessanterweise ist dieser „Abraham de Errera“ kinderlos (in der Liste werden alle Mitglieder der jeweiligen Haushalte aufgezählt) – auch Abraham Cohen de Herrera und seine Frau Sarah hatten keine Kinder, wie aus Sarahs Testament hervorgeht ; vgl. Yosha, Myth and Metaphor, S. 46 f. Vgl. Federica Ruspio, La Nazione Portoghese: Ebrei Ponentini e Nuovi Cristiani a Venezia, Turin 2007, S. 272. Beides war ihm ja von Graetz unterstellt worden; Geschichte der Juden, Bd.  10, S. 118.

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2. Der spanische Hintergrund

in Amsterdam,82 obwohl er dort mit den Titeln Ḥakham, „Theologe (el divino)“ oder „Doktor“ als herausragender Gelehrter geehrt wurde.83 Die Herkunftsbezeichnung „desta cidade“, die im Kontext natürlich Lissabon meint, müsste bei einer Vertauschung der Namen auf Alonso Nuñez de Herrera bezogen werden, was letztlich nicht ausgeschlossen werden kann. Zu einer Verwirrung bezüglich Herreras angeblicher portugiesischer Herkunft haben schließlich noch die unterschiedlichen Angaben in Christian Knorr von Rosenroths Kabbala denudata und allen davon abhängigen Werken84 geführt – er bezeichnete Herrera wahlweise als „Lusitanus“85 und „Hispanus“86. Von Interesse sind in diesem Zusammenhang auch die biographischen Hinweise in der 1781 erschienen Bibliotheca Española von José Rodriguez de Castro, die bisher als unzuverlässig galten. Rodriguez de Castro vermischt Nachweisbares mit nicht Belegbarem und falsche Angaben mit Informationen, die einiges für sich haben könnten, wie Herreras langer Aufenthalt in Marokko.87 In dem Eintrag zu „!:':'0!)-!:«: R. Abraham Cohen Errera“ heißt es: „Insigna Cabalista, y discipulo de R. 82

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Vgl. Friedrich Niewöhner, „Abraham Cohen de Herrera in Hamburg“, Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 35 (1983), S. 164, Anm. 9; Niewöhner gibt eine Diskussion wieder, die er mit Scholem nach der Veröffentlichung von Roths Aufsatz 1974 führte. Niewöhners Vermutung, dass Herrera als Kabbalist der Orthodoxie genauso suspekt war wie der „Ketzer“ Uriel da Costa, ist nicht nachvollziehbar – seine Begründung bezieht sich auf die polemische Wertung von Jacob Friedrich Reimmann, der in Herreras Kabbala Pantheismus und daher „Atheisterey“ sah (ebd., S. 166). Die Möglichkeit, dass Herrera und da Costa sich in Hamburg kennen gelernt haben, ist mit Scholem natürlich nicht ganz auszuschließen (ebd., S. 167, Anm. 27). Vgl. z. B. de Barrios, Triumpho del govierno popular, S. 544 (= Arbol de las vidas, S. 86): „docto sin yerro“; vgl. auch unten S. 156. Vgl. Diego Barbosa Machado, Bibliotheca Lusitana historica, critica, e cronologica: na qual se comprehende a noticia dos authores Portuguezes, e das obras, que compuseraõ desde o tempo da promulgaçaõ da Ley da Graça até o tempo prezente1, Bd. 1, Lissabon 1741, S. 2, und José Rodriguez de Castro, Bibliotheca Española, Bd. 1, Madrid 1781, S. 577 f. Kabbala denudata, Bd. 2, S. 188. Ebd., S. 18. Rodriguez de Castro stützt sich hier auf Johann Christoph Wolf, Bibliotheca hebraica sive notitia tum auctorum Hebraeorum cuiusque aetatis, tum scriptorum, quae vel Hebraica primum exarrata vel ab aliis conversa sunt, ad nostram aetatem deducta, Hamburg, Leipzig 1715, Bd. 2, S. 43 f., der Daniel Levi (Miguel) de Barrios als Quelle angibt: „R. Abraham Cohen Irira, Lusitanus, insugnis Cabbalista, de quo lege rhythmos aliquod Hispanicos in Mich. Barrios Historia Universali Judaica pag. 20 ubi dicitur fuisse Residens Regis Maroccitani, tandemque in Belgium delatus, & ibi an. 1531 (legendam puto 1631) sepultus.“ In Bd. 4 (Supplementa), S. 764, findet sich bei Wolf noch die Angabe, dass Herrera (bzw. Erera) ein portugiesisch-jüdischer Familienname sei: „R. Abraham Cohen Irira, vel potius Erera, quod spectatae inter Judaeos Lusitanos familiae nomen est.“ Zu Herreras Aufenthalt in Marokko vgl. die Aussage von Ludovico Lopes, unten (Anhang) S. 222.

2.1 Herreras Herkunft und seine Gefangenschaft in England

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Israel Serug, nació en la ciudad de Lisboa á fines del siglo XVI, segun parece; residió por mucho tiempo en Marruecos; y de alli pasó á Viena, en donde falleció en el año de Cristo 1631.“88 Gerade diese letzte Angabe, dass Herrera 1631 in Wien gestorben sein soll, diskreditiert Rodriguez de Castros Glaubwürdigkeit und lässt auch am Geburtsort Lissabon zweifeln. Eindeutig und unzweifelhaft ist zunächst nur Herreras eigene Mitteilung, dass sein Vater, den er am Beginn des zweiten Buches seiner „Himmelspforte“ mit der Eulogie für Verstorbene ehrt,89 eigentlich aus Córdova stammte: „Breve yntroducion y compendio de alguna parte de la divina Sabiduria, … esplicada con viva voz por el Haham R. Ysrael Sarug a mi Abraham Cohen de Herrera hijo del Anciano honrado y prudente R. David Cohen de Herrera de buena memoria procedido de Cordova.“90 Nissim Yosha vermutete deshalb die Stadt Herrera 88

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Rodriguez de Castro, Bibliotheca Española, S. 577; im Text und Index werden auch die Schreibweisen „Irira“ (S. 590) und „Herrera“ (S. 577) verwendet. Mit Rodriguez de Castros Angaben zu Herreras kabbalistischen Schriften (die auf Latein verfasst sein sollen!) verhält es sich ähnlich; auch hier übernimmt er verlässliche Informationen aus Wolf, Bibliotheca hebraica, wo auch Herreras Epitome de la Logica o Dialectica beschrieben wird (Bd. 1, S. 66 f.). Bei der an den Beginn der Bibliotheca Española gestellten Liste der verwendeten Werke findet sich die zusätzliche Angabe: „Irira (R. Abraham Cohen), Puerta del cielo. Solisbaci, Typis Abrahami Lichcenthaleri (sic) 1678. En 4°.“ Dies ist der einzige Hinweis auf einen möglichen Druck des spanischen Originals! Wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Angabe auf die in der Kabbala denudata enthaltene Version bezieht; Knorr von Rosenroths Kompendium wird in der Liste mit „Sulzbaci Typis Abrahami Lichtenthaleri. 1677. Tres Tomos en 4°“ aufgeführt; in Bibliotheca Española S. 577 heißt es zunächst zum „Gotteshaus“: „Algunos pasages de esta obra se insertaron, en Latin, en el Tomo 2° de la Cabbala denudata, impresa en Solisbak en 1678; y en el Tomo 1° de esta Cabala se puso, tambien en Latin, un compendio de otra obra Cabalistica de HERRERA, intitutada :3.

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4. Die Frage nach der religiösen Identität

gen hebräischen Buch, Nishmat Ḥajjim, ausführlicher auf kabbalistische Themen ein, vor allem Beschreibungen der Sitra Aḥra und die im Kontext der zeitgenössischen Diskussion um die Frage der postmortalen Existenz zu neuer Aktualität gelangten Bedeutung der Seelenwanderungslehre. Doch gerade über letztere findet sich nichts in der „Himmelspforte“ oder im „Gotteshaus“.326 Ein wichtiger Hinweis, der Herrera mit der Seelenwanderungslehre in Verbindung bringt, findet sich in Isaak Aboabs gleichnamigen Werk Nishmat Ḥajim, das er 1636 als Streitschrift gegen Saul Mortera zur Begründung seiner Ablehnung der ewigen Höllenstrafe verfasste.327 Aboab beruft sich auf Herrera als Gewährsmann einer langen kabbalistischen Tradition, deren Texte sogar Mortera zitierte, um ihn sozusagen mit den eigenen Waffen zu schlagen. In Herrera habe er, schreibt Aboab, einen qualifizierten Lehrer gehabt – eine notwendige Voraussetzung für das Studium der Kabbala, wie Aboab allen Gegnern vorhält, die ihn offenbar zur esoterischen „Fraktion der Dummköpfe“ (=) -'&#