Hawdoloh und Zapfenstreich: Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916–1918 Band 3 [1 ed.] 3110625512, 9783110625516

Mit scharfer Beobachtungskraft und talentierter Erzählkunst verarbeitet Gronemann in „Hawdoloh und Zapfenstreich" s

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Hawdoloh und Zapfenstreich: Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916–1918 Band 3 [1 ed.]
 3110625512, 9783110625516

Table of contents :
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
Editorische Hinweise
Danksagungen
Text
Sammy Gronemann: Hawdoloh und Zapfenstreich
Anhang
Materialien
Kommentar
Literaturverzeichnis
Personen- und Werkregister
Sach- und Ortsregister

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Sammy Gronemann: Kritische Gesamtausgabe Hawdoloh und Zapfenstreich

Conditio Judaica

Studien und Quellen zur deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte Herausgegeben von Hans Otto Horch In Verbindung mit Alfred Bodenheimer, Mark H. Gelber und Jakob Hessing

Band 92/3

Sammy Gronemann: Kritische Gesamtausgabe Hawdoloh und Zapfenstreich Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916–1918 Herausgegeben von Jan Kühne und Hanni Mittelmann In Zusammenarbeit mit Joachim Schlör und Jakob Hessing

Gedruckt mit Unterstützung des Förderungs- und Beihilfefonds Wissenschaft der VG WORT

ISBN 978-3-11-062551-6 e-ISBN (PDF) 978-3-11-062935-4 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-062581-3 ISSN 0941-5866 Library of Congress Control Number: 2019950556 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Satz: Dörlemann Satz, Lemförde Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck ♾ Printed on acid-free paper Printed in Germany www.degruyter.com

Der Erinnerung Schalom Ben-Chorins.

Inhaltsverzeichnis Vorwort  XI Einleitung  XIV  Judenzählung und Weimarer Republik  XVIII  Jüdische Renaissance und die Vorbildfunktion ostjüdischer Kultur  XIX  Einheit des Judentums auf der Grundlage der religiösen Kulturtradition  XXV Editorische Hinweise  XXIX Danksagungen  XXX

Text Sammy Gronemann: Hawdoloh und Zapfenstreich  5  Warnung!  7  Vorspiel  10  Dienstantritt  14  Quecken  21  Perfekt Jiddisch  25  Staatsgefährliche Andachtsbücher  33  Der Bademeister  36  Der Klub ehemaliger Intellektueller  38  Ein jüdisches Restaurant  47  Die Synagoge des Ostens  52  Besuch in Wilna  62  Sabbat  71  Eruw und andere Kuriositäten  78  Vom Lehrhaus  83  Die zehn Nichtstuer  87  Mein Hauptwerk  91  Innendienst  94  Krankheit  97  Nach Bialystok  101  Besucher aus Deutschland  104  Leben und Sterben in Bialystok  109  Abstecher nach Warschau  117  Schulvisiten  121  Der entfesselte Schulrat  125

VIII 

 Inhaltsverzeichnis

 Modelljagd  128  Bialystoker Dienst  130  Soldatenbühne  132  Blumentage  134  Das Märchen vom sittlichen Tiefstand  136  Ein literarisches Gericht  139  Vereinsleben  142  Theater  144  Die Wilnaer Truppe  147  Bialystoker Kino  151  Zurück nach Kowno  152  Café Steinbach  154  Das Kownoer Gymnasium  155  Nachbarinnen  158  Das jüdische Dezernat  159  Beschlagnahme und Requisitionen  161  Abschied von Kowno  164  Einzug in Brüssel  167  Allerhand jüdische Treffpunkte  169  Ein Feind der Religion  171  Allerhand Begegnungen  172  Der Zusammenbruch  176  Heimkehr  177  Nachwort  178

Anhang Materialien  183  „Kol Mewasser“: Ein Flugblatt der obersten Heeresleitung  183  Aus dem Almanach der Bösen Buben der Presseabteilung  186 Allerlei aus der Registratur  189 Ein Blick hinter die Kulissen  189 Kühl hält Vortrag  191 Die beiden Pole  192 Das Sieben-Sprachen-Wörterbuch  193  Magnus Zeller und seine Illustrationen  197

Inhaltsverzeichnis 

Kommentar  199  Publikationsgeschichte  199 Jüdischer Verlag, 1924  199 Athenäum Verlag, 1984  201  Zeitgenössische Rezension  202  Reminiszenzen  206 Arnold Zweig  206 Viktor Klemperer  209  Kritische Rezeption  211  Zur Wilnaer Truppe  217 Literaturverzeichnis  221 Abkürzungen  221 Primärquellen  221 Sekundärquellen  223 Personen- und Werkregister  229 Sach- und Ortsregister  233

 IX

Abb. 1: Gronemann „mit funkelnagelneuer Uniform“, Kowno Juli 1915

Vorwort Das Foto von Sammy Gronemann in Uniform lässt kaum erahnen, was er auch in seinen Kriegserinnerungen nur am Rande erwähnt: An der Ostfront des Ersten Weltkrieges wurde Gronemann lebensgefährlich verletzt und nun steht er, nach langem Krankenhausaufenthalt und scheinbar unversehrt in seiner „funkelnagelneuen Uniform“1, bereit, den Dienst in der Presseabteilung anzutreten. „Die Presse­abteilung war vielleicht die unmilitärischste Formation der ganzen Armee“2, schreibt er und vermerkt an anderer Stelle: „Die Erziehung zur Feigheit ist die Grundlage jeder militärischen Disziplin.“3 Diese Presseabteilung, in deren Aufgabenbereich neben der Kriegspropaganda auch die Zensur fiel, bot einer Vielzahl außergewöhnlicher Persönlichkeiten Zuflucht vor der Front. Das kreative Milieu sowie kritische Potential dieser Intellektuellen und Künstler wird humorvoll in Hawdoloh und Zapfenstreich beschrieben. Als ironischer Akt der „Verschriftung des Krieges“ kann es daher auch als „Auseinandersetzung mit der Macht der Kritik und des Widerstandes“ gelesen werden.4 Denn in der Presseabteilung befindet sich der Leser zugleich im Zentrum jener deutschen „Verschriftungsmaschine“, die die Kriegsmaschinerie der Ostfront des Ersten Weltkriegs ideologisch in Bewegung hielt. Hawdoloh und Zapfenstreich zeugt für jene Juden und ihren Widerstand, die sich in Folge ihrer Emanzipationsbestrebungen erstmals in der jüngeren Geschichte als Teil einer expansionistischen Besatzungsmacht wiederfanden: Das Deutsche Reich hatte im Ersten Weltkrieg an seiner Ostfront Teile Polens, Litauens und Lettlands überfallen und dort im Gebiet des Oberbefehlshaber Ost einen Militärstaat eingerichtet („Ober Ost“).5 Das ultimative Ziel dieser Okkupation war es, einheimische Kulturen und Menschen mit deutscher Kultur und Sprache – mit

1 Hawdoloh und Zapfenstreich, unten, S. 14, Z. 12. 2 Ebd., S. 19, Z. 6. 3 Ebd., S. 111, Z. 18  f. 4 „Die Kriegsmaschinerie, so könnte man sagen, war von Anfang an eine ‚Verschriftungsmaschine‘“, schreibt Galili Shahar in seinem Vorwort zu Texturen des Krieges, der dem Ersten Weltkrieg gewidmeten Ausgabe des Tel Aviver Jahrbuchs für deutsche Geschichte, 2015, 7, 11. 5 Die beste Einführung in dieses Forschungsgebiet bietet noch immer Vejas Gabriel Liulevicius in seinem Buch War Land on the Eastern Front: Culture, National Identity, and German Occupation in World War I. Cambridge 2000, für unseren Kontext insbesondere das vierte Kapitel The Kultur Program. S.  a. Ders., Die Ostfront: Der vergiftete Sieg. Spiegel Special Online, 30. 3. 2004. Außerdem Gerhard Paul Gross, Die vergessene Front: Der Osten 1914/15, Paderborn 2009; Ulrich Sieg, Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg, Berlin 2001; Eva Edelmann-Ohler, Sprache des Krieges: Deutungen des Ersten Weltkriegs in zionistischer Publizistik und Literatur (1914–1918), Berlin/Boston 2014. https://doi.org/10.1515/9783110629354-001

XII 

 Vorwort

deutschen Menschen – zu ersetzen. Doch selbst in diesem, auch von jüdischen Soldaten euphorisch begrüßten Krieg wurde ihnen die Gleichberechtigung trotz ihrer, den deutschen Soldaten in nichts nachstehenden patriotischen und militärischen Anstrengungen (beschränkt nur durch geringere Aufstiegschancen), versagt. Davon legt unter anderem die berüchtigte ‚Judenzählung‘ Zeugnis ab, deren Statistik, als es nicht gelungen war, Juden als Drückeberger zu „entlarven“, ­schlichtweg der Kriegsöffentlichkeit vorenthalten wurde.6 In dieser Hinsicht ist Gronemanns Bemerkung aufschlussreich, er habe sich genügsam gezeigt, „selbst als das für mich längst beantragte eiserne Kreuz ausblieb, so auffallend es auch war, wenn jemand, der zwei Jahre nicht an der Front war, diese Dekoration nicht trug.“ 7 Auch der Antisemitismus wurde eine Waffe in diesem nicht nur aus sondern auch für den Patriotismus geführten Krieg, der oft nur als Vorspiel des ungleich verheerenderen Zweiten Weltkrieg und der in der Deutschen Endlösung stattgefunden industriellen Vernichtung wahrgenommen wird. Nationalchauvinismus hatte sich schnell in Militarismus und Diskrimination verwandelt, und Gronemann erzählt mit der ihm eigenen Ironie, wie es ihm und den jüdischen sowie deutschen Kollegen von der Presseabteilung gelungen war, in den Absurditäten dieses Krieges und der Besatzungssituation Reste von Menschlichkeit zu bewahren. Beispielsweise indem sie sich kreativ und gewitzt weigerten, die Bewohner der besetzten Gebiete unter der vermeintlichen Kulturüberlegenheit zu degradieren oder diese aufgrund ihres Widerstands gegen die militärische, die Zivilbevölkerung unterdrückende Besatzungsmacht zu dämonisieren. Es überrascht nicht, dass viele der von Gronemann erwähnten Zeitgenossen Pazifisten wurden. Doch nicht alle genannten Personen konnten eruiert werden, wenn auch fast alle wichtigen Persönlichkeiten des deutschen Judentums jener Zeit Erwähnung finden. Dabei spielt das Buch – überwiegend in Kowno und Wilna („dem Jerusalem Litauens”) – zugleich in kulturellen und literarischen Zentren des osteuropäischen Judentums. Dort entstanden unter anderem wichtige jüdische Gelehrtentraditionen (bspw. durch den sog. Gaon von Wilna, 1720–1797) und florierte der jiddische Buchdruck bis zur systematischen Zerstörung des jüdischen Lebens durch die Nazis. Hawdoloh und Zapfenstreich beschreibt jenes Milieu, in der Gronemanns Erfolgsroman Tohuwabohu entstanden war,8 und kann daher auch als Reportage 6 Hierzu Michael Berger, Judenzählung, EJGK, Bd 3, 2012, 242–244; Jacob Rosenthal, Die Ehre des jüdischen Soldaten. Die Judenzählung im Ersten Weltkrieg und ihre Folgen, Frankfurt am Main 2007. 7 Unten, S. 167. 8 Sammy Gronemann, Tohuwabohu. Gronemann Kritische Gesamtausgabe [GKG], Bd 2. Hg. Jan Kühne u. Joachim Schlör, Berlin/Boston 2019 (1920).

Vorwort 

 XIII

über seinen Entstehungshintergrund gelesen werden. Wie in den vorhergehenden zwei Bänden der Kritischen Gesamtausgabe Sammy Gronemanns wird auch diesem, hier erstmals mit Kommentar veröffentlichten, zweitem großen Prosawerk Gronemanns, eine in den Entstehungshintergrund einführende Einleitung vorausgeschickt. Die Anmerkungen versuchen wiederum, den Text und seine heute oft nur noch verborgenen Anspielungen möglichst umfassend in seinem Zeitkontext zu erschließen; mit Ziel, nicht nur das Lesevergnügen zu vertiefen, sondern auch das berufsgelehrte Publikum zu weiterführenden Recherchen anzuregen. Der Anhang dokumentiert daher fragmentarisch das Spektrum zeitgenössischer Reaktionen und seine bis heute andauernde kontrastreiche Rezeption, somit auch Gronemanns Beitrag zur „zivilbürgerlichen Historiografie“ des Ersten Weltkrieges, dessen Erforschung zu keinem Zeitpunkt aufgehört hatte, Forscher zu beschäftigen.9 Bei den umfangreichen Recherchearbeiten konnte noch unveröffentlichtes Material einbezogen werden, beispielsweise Fotomaterial sowie bisher unbekannte Texte Gronemanns und Arnold Zweigs aus dem außergewöhnlichen Almanach der bösen Buben der Presseabteilung. Jan Kühne Jerusalem, am 21. 6. 2019

9 Iris Rachamimov, „Zivilhistoriografie“ des Ersten Weltkrieges: Der Erste Weltkrieg in der jüngeren akademischen Forschung. Texturen des Krieges, Hg. Galili Shahar, 2015, 21–52.

Einleitung „[Sammy Gronemann] ist einer der lachenden Philosophen die die Welt stets vom anderen Ende betrachten und sie daher so überaus drollig finden. Er besitzt Verständnis für alle Dinge, er besaß es auch für den [Ersten Welt-]Krieg. Dieser hatte für ihn nur die Bedeutung, dass er Gelegenheit gab, Anekdoten aus dem Okkupationsgebiet zu sammeln  – oder aber ein jüdisches Theater in Wilna zu protegieren.“1 Das scheinbar leichtherzige Garn von Anekdoten, das Gronemann aus seinen Kriegserinnerungen als Dolmetscher für Jiddisch in Bialystok, Wilna und Kowno in Hawdoloh und Zapfenstreich spinnt, ist nicht gerade das, was man sich von Kriegserinnerungen erwartet. Der humorvoll-ironische Ton, den Gronemannn anschlägt, unterscheidet sich beträchtlich von anderen Kriegserinnerungen, wie zum Beispiel dem Kriegstagebuch von Richard Dehmel,2 der zusammen mit Sammy Gronemann im Pressequartier beim Stab Ober Ost diente. Wo Gronemann mit milden Sarkasmus den dumpfen Bürokratismus und die sinnlosen Schikanen schildert, mit denen die deutsche Militärbesatzung die Zivilbevölkerung unterwirft, da herrscht im Kriegstagebuch von Dehmel, der, im Alter von 51 Jahren als Kriegsfreiwilliger, im festen Glauben an die Superiorität und Sendung der deutschen Kultur, in den Krieg gezogen war, tiefste Desillusionierung und Erbitterung über den „bürokratischen“ Militarismus und dessen rückgratlosen Untertanengeist vor, den er an der Ostfront täglich erleben musste.3 Gronemann dagegen konnte selbst diesem Zusammenstoß von verbohrter deutscher Ordnung, ­Effizienz und Arroganz mit östlichem Chaos, jüdischer Gewitztheit und Improvisations­ talent noch eine humorige Seite abgewinnen. Genau diese mit Ironie gewürzte, humorvolle Weltsicht seiner Erinnerungen an die Ostjüdische Etappe erwartete sein deutsch-jüdisches Lesepublikum von Gronemann, der schon in seinem vier Jahre zuvor erschienenen Erstlingsroman Tohuwabohu aus den ernstesten Themen deutsch-jüdischen Zusammenlebens sowie dem Aufeinandertreffen ostjüdischer und deutscher Kultur eine unterhaltsame Lektüre zu formen wusste. Sein kluger, entlarvender Witz, mit dem Gronemann in Tohuwabohu die vielen existentiellen Ungereimtheiten beschrieb, denen man als Jude in Deutschland ausgesetzt war, hatte ihn bei seinem jüdischen Publikum beliebt und bekannt, aber auch umstritten gemacht. Denn für Gronemann, dem „orthopraxen“ Juden und „Zionisten der ersten Stunde“ war die

1 O.V., Galerie des Schlemiel: Sammy Gronemann. Schlemiel 15, 1920, 203. 2 Richard Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit, Berlin 1919. 3 Ebd., 19  f. S.  a. unten, S. 43f. https://doi.org/10.1515/9783110629354-002

Einleitung 

 XV

zionistische Rückkehr in das jüdische Ursprungsland die Lösung, die versprach, alle Ungereimtheiten des Lebens in der Diaspora aufzulösen und den eigentlichen Sinn der jüdischen Geschichte zu erschließen. Von dieser erhöhten Warte aus löst sich für Gronemann das Tohuwabohu, die innere Verwirrung, in der das deutsche Judentum lebt, auf. An die Stelle des Zweifels und der Bitterkeit des Satirikers, der nur die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit sieht, tritt die messianische Hoffnungsgewissheit des Humoristen, der an die Wiederherstellung der gestörten Weltordnung glaubt.4 Doch mit dieser Weltsicht geriet Gronemann immer wieder zwischen alle Fronten seines deutsch-jüdischen Lesepublikums. Auch seine Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916–18 weisen diese Tendenz auf, zum Unbehagen vor allem seiner liberalen, assimilierten jüdischen Leser in Deutschland, die, als überzeugte Antizionisten, Gronemanns satirischentlarvenden Spitzen gegen die assimilatorische Ideologie des liberalen Judentum nichts Komisches abgewinnen konnten. So schreibt Viktor Klemperer, der kurz vor Gronemann in der Presseabteilung gedient hatte, über Hawdoloh und Zapfenstreich, dass er dessen Buch „nur mit Widerwillen zu Ende gelesen habe“, obwohl er zugegeben musste: „Alles in Gronemanns Buch ist mir interessant, nichts finde ich in ästhetischer Hinsicht zu beanstanden, keiner seiner anekdotischen Berichte scheint mir die Wahrheit, allzu karikaturistisch zu verzerren“.5 In Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich geht es um das Aufeinandertreffen der deutschen Besatzungsmacht mit der ostjüdischen Bevölkerung, symbolisiert durch die Zeremonien des Zapfenstreichs und der Hawdoloh (hebr. Unterscheidung)6. In der Kontrastierung der militärischen Zeremonie des Zapfenstreich, die das Ende des militärischen Arbeitstags signalisiert, mit der religiösen Zeremonie der Hawdoloh, die den Ausgang der jüdischen Sabbathruhe und seine Trennung vom Alltag markiert, eröffnet Gronemann einzigartige Aspekte der jeweiligen Kulturen.

4 Hanni Mittelmann, Sammy Gronemann. Humor im Dienste des Zionismus. Jüdischer Almanach des Leo Baeck Instituts: Humor. Hg. Gisela Dachs. Frankfurt a.M. 2004, 40. 5 Victor Klemperer, Curriculum Vitae. Erinnerungen 1881–1918, Bd 2 (1912–1918). Hg. Walter Nowojski. Berlin 1996, 480. Zu Viktor Klemperers Rezeption, s.  a. unten, S. 209. 6 Bei dieser Zeremonie geht es um die Unterscheidung zwischen dem heiligen Charakter des Schabbaths und dem profanen des Alltags. Die Segenssprüche über Wein und wohlriechende Kräuter sollen an die Freuden des Schabbaths erinnern und Kraft für den beginnenden Werktag spenden. Die brennende Kerze mit zwei oder mehreren Dochten versinnbildlicht die Synthese von physischer und spiritueller Existenz. Zugleich wird in dieser Zeremonie auch an die Unterscheidung des Volkes Israels von den anderen Völkern erinnert und dessen Einheit und spirituelle Identität, die sich in seinen biblischen Gesetzen, deren ethischen Ansprüchen und historischer Narrative ausdrückt, bestärkt, was letztlich das Anliegen Gronemanns in seinen Aufzeichnungen ist.

XVI 

 Einleitung

Umschlagillustration von Magnus Zeller

Einleitung 

 XVII

In Gronemanns Erinnerungen, die sich an ein überwiegend jüdisches Pu­bli­ kum richten, geht es jedoch vor allem um die Begegnung der deutschen Juden mit dem osteuropäischen Judentum, das in seiner in sich stimmigen ethnisch-­ jüdischen Identität Fragen aufwirft nach dem jüdischem Selbstverständnis der Westjuden, die diese ethnische Identität abzulegen versuchten. Wird von Grone­ mann dem osteuropäischen Judentum eine Vorbildfunktion für die Juden in Deutschland zugeschrieben, so wird von ihm zugleich die Vorbildfunktion der deutschen Zapfenstreichkultur, die für Ordnung und ein durchreguliertes Leben steht, ebenso wie für dumpfen Bürokratismus, Militarismus und Untertanengeist, ironisch hinterfragt. So unterhaltsam sich Gronemanns anekdotische Episoden auch lesen über den Zusammenstoß „zwischen der Zivilisation des Westens, wie sie im Gefolge des siegreichen deutschen Heeres einmarschierte, und der Kultur des Ostens […] wie sie von den Völkern dort und vorallem von den Juden vertreten wurde“7, so verweisen sie doch auf einen ernsten Hintergrund. Das Titelbild, das der protestantische Pfarrersohn Markus Zeller, der ebenfalls mit Gronemann beim Pressestab Ober Ost diente, für Hawdoloh und Zapfenstreich gezeichnet hat, lässt bereits ahnen, dass der Zusammenstoß der beiden Kulturen nicht ganz so komisch war wie Gronemann ihn beschreibt: Der militärische Stechschritt der durch das Judenviertel in die Kaserne heimkehrenden Soldaten durchstößt hier die traute häusliche Szene der religiösen Hawdoloh-Zeremonie, die den Vordergrund des Bildes bestimmt.8 Bedeutet der Zapfenstreich nicht nur das Ende des militärischen Alltags, sondern zugleich auch die Ausgangssperre für die Zivilbevölkerung in den besetzten Ostgebieten, so bedeutet die Hawdoloh-Zeremonie das Ende der Schabbat­ hruhe, jener kleinen Insel der Ruhe und geistigen Regenerierung in einem oft brutalen Alltag. Nicht von ungefähr stellt Gronemann seinem Buch die letzten zwei Strophen aus Heinrich Heines Gedicht „Prinzessin Sabbat“ voran. In diesem Gedicht interpretiert Heine die Zeremonie der Hawdoloh als den Moment der „hündischen Metamorphose“, in dem der Jude aus seiner „prinzlichen“ Sabbat– Existenz, in Erinnerungen schwelgend an die Zeit der jüdischen Würde und Selbständigkeit im biblischen Herkunftsland, zurückgeholt wird in sein „hündisches“ Alltagsdasein, wo der Jude jedem „Gassenbuben zum Gespötte“ dient. Gronemann knüpft mit Hawdoloh und Zapfenstreich an diesen Moment der Rückverwandlung einer heimeligen Welt in die unheimliche des Galut-Alltags an.9 7 Unten, S. 43f. 8 Zu Magnus Zeller und seinen Illustrationen, s. unten, S. 197. 9 Hanni Mittelmann, Sammy Gronemann (1875–1952): Zionist, Schriftsteller und Satiriker in Deutschland und Palästina, Frankfurt a.M. 2004, 68.

XVIII 

 Einleitung

Judenzählung und Weimarer Republik Gronemanns retrospektive literarische Dokumentation seiner Erinnerungen an die ostjüdische Etappe ist, wie es in seinem „Nachwort“ heißt, „im Trubel dieser wilden Zeit“ niedergeschrieben worden,10 d.  h. im Umfeld der ideologischen Radikalisierung in der Weimarer Republik. Das besiegte Deutschland reagierte auf seine Niederlage mit einem wachsenden, exkludierenden Nationalismus und einem immer virulenter werdenden Antisemitismus, der sich im Juden den Sündenbock für die Niederlage erfand. Der Antisemitismus erhielt in Weimar eine ­politische Plattform, die bei den breiten Massen Zustimmung fand. Im Februar 1920 wurde die NSDAP gegründet, die den rassischen und völkischen Antisemitismus zum Kern ihres ideologischen Programms erhob, das jedem das Staatsbürger­ tum aberkennen wollte, der nicht „deutschen Blutes“ ist.11 Die Ausschreitungen gegen osteuropäische Juden („Ostjuden“)12 – ihre Massendeportationen, vor allem in Preussen und Bayern, ihre Internierung in Lagern in den Jahren 1919, 1920 und 1921,13 sowie das Pogrom des Jahres 1923 im Berliner Scheunenviertel, wo sich die gegen Ende des Krieges zwangsverschleppten Ostjuden sowie die vor den ost­ europäischen Pogromen Geflüchteten niedergelassen hatten – all dies gehört zu jenem Kontext, in dem Gronemann sich zur Niederschrift seiner Erinnerungen überreden ließ, um die Bedeutung der Kriegsereignisse und Nachkriegsentwicklungen für sein jüdisches Leserpublikum zu deuten und zu perspektivieren.14 Mehr denn je wurde in der Weimarer Zeit die nationale Zugehörigkeit der deutschen Juden hinterfragt und ließ sie brüchig und doppeldeutig erscheinen. Jedoch bereits während des Krieges wurde das Selbstverständnis der deutschen Juden als „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ grundlegend erschüttert. Die „Burgfriedensrede“, die Wilhelm II. zu Anfang des Krieges hielt, führte durch ihren inkludierenden Gestus zu begeisterten Aufrufen des Centralvereins an den Patriotismus des „deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens“. Die anfänglich euphorischen Hoffnungen der Juden, als aktive Kriegsteilnehmer endlich als

10 Unten, S. 178. 11 Andreas Kilcher, Jüdische Renaissance und Kulturzionismus. Handbuch der deutsch-jüdi­ schen Literatur. Hg. Hans Otto Horch. Berlin/Boston 2016, 116. 12 Anne-Christin Saß, Ostjuden. Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur, Bd 4. Hg. Dan Diner. Stuttgart/Weimar 2013, 459–64. 13 Steven E. Aschheim, Brothers and Strangers. The East European Jew in German Jewish Consciousness 1800–1923. Madison 1982, 242  f. 14 Vgl. das erste Kapitel in Hawdoloh und Zapfenstreich unten, S. 8, sowie das Nachwort auf S. 178.

Einleitung 

 XIX

Teil der deutschen Gesellschaft anerkannt zu werden, wurden jedoch spätestens durch die berüchtigte „Judenzählung“ im Oktober 1916 zutiefst erschüttert.15 Die „Judenzählung“ sollte „den Anteil der Juden im deutschen Heer bestimmen […] weil man ihnen unterstellte, sie seien ‚Drückeberger‘“16. Die Zählung ergab, dass über 100.000 jüdische Soldaten im deutschen Heer dienten, darunter 10.000 Freiwillige. Das waren ca. 18 % der deutsch-jüdischen Gesamtbevölkerung (von 550.000). Im Vergleich dazu dienten aus einer deutschen Gesamtbevölkerung von 68 Millionen ungefähr 13 Millionen, also ca. 19 %. Die Ergebnisse der Zählaktion wurden während des Krieges geheim gehalten, da sie den antisemitischen Intentionen nicht hilfreich waren. (Die Zahl der jüdischen Gefallenen — 12000 — wurde im Übrigen erst 1961 von der Bundesrepublik offiziell bestätigt.)17 Die berüchtigte Judenzählung zeigte deutschen Juden, wie Ernst Simon in seiner Aufzeichnung Unser Kriegserlebnis im Jahre 1919 schreibt, „dass wir fremd waren, dass wir daneben standen, besonders rubriziert und gezählt, aufgeschrieben und behandelt werden müssten.18 Dieser eklatante Ausdruck antisemitischer Ausgrenzung aus der deutschen Gemeinschaft und die Infragestellung des jüdischen Patriotismus signalisierte den deutschen Juden das Scheitern ihrer Assimilation und Akkulturierung, die sie für erfolgreich beendet gesehen hatten.

Jüdische Renaissance und die Vorbildfunktion ostjüdischer Kultur Durch die ernüchternden Ausgrenzungserfahrungen im Krieg erfuhr die „Jüdische Renaissance“-Bewegung, die um die Jahrhundertwende von Martin Buber ins Leben gerufenen worden war, um das reiche kulturelle Erbe und die jüdischen

15 Ebd., 154. 16 Ernst Akibah Simon, Entscheidung zum Judentum. Essays und Vorträge. Frankfurt a. M. 1980, 29–32. 17 Für eine Gesamtübersicht der im 1. WK gefallenen Soldaten, s. Robert Weldon Whalen, War Losses (Germany). 1914–1918-online: International Encyclopedia of the First World War, Hg. Ute Daniel, Peter Gatrell, Oliver Janz, Heather Jones, Jennifer Keene, Alan Kramer, und Bill Nasson. Freie Universität Berlin. DOI: 10.15463/ie1418.10460. https://encyclopedia.1914-1918-online.net/ article/war_losses_germany. S.  a. Jacob Segall, Die deutschen Juden als Soldaten im Krieg 1914– 1918. Eine statistische Studie mit einem Vorwort von Heinrich Silbergleit. Hg. vom Ausschuss für Kriegsstatistik, Berlin 1921, 35. Kirsten Serup-Bilfeldt, Die „Judenzählung“ 1916. Dolchstoß und Eisernes Kreuz. Aus der jüdischen Welt, 4. 11. 2016. S.  a. oben, S. XII, Fn. 6. 18 Ders., Unser Kriegserlebnis. Brücken. Gesammelte Aufsätze. Heidelberg 1965, 21. Hierzu Kilcher, Jüdische Renaissance und Kulturzionismus, 115  f.

XX 

 Einleitung

kulturellen Traditionen wiederzubeleben, eine neue Blüte.19 Je illusorischer sich die deutsch-jüdische Identität erwies, desto attraktiver erschien das durch den Ostjuden verkörperte, durch die Moderne noch ungebrochene Judentum, wie die deutschen Juden es in der traditionellen ostjüdischen Volksgemeinschaft, mit der sie an der Ostfront in Berührung kamen, kennenlernten. Das Bild des östlichen Juden, der unbelehrbar an seiner Religion, ethnischen Identität und religiösen Kultur festhält, hatte seit der Emanzipation unter den sich akkulturierenden westlichen Juden eine negative Konnotation angenommen. Mit der allmählichen Erlangung staatsbürgerlicher Rechte in Deutschland und im westlichen Europa und dem damit einhergehenden Zusammenbruch der traditionellen jüdischen Gemeinschaft, begann jedoch auch eine Umwertung und idealisierte Aufwertung des Ostjuden, dem zwar die staatsbürgerliche Gleichstellung bisher verwehrt geblieben war, der aber im romantisierten „Schtetl“ seine jüdische Eigenständigkeit weiter bewahrt habe. So sah bereits Heinrich Heine im Ostjudentum das Vorbild für eine authentische, selbstbewusste jüdische Identität, die sich scharf von der ambivalenten Identität der sich assimilierenden Juden des Westens abhob. In seinem Reisebericht Über Polen schrieb er 1822: „Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze […], ist mir noch immer lieber als mancher [westliche Jude] in all seiner staatspapiernen Herrlichkeit.“20 Diese Umkehrung der Sicht auf den Ostjuden und seine Aufwertung setzte sich am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Jüdischen Renaissancebewegung und ihren Zeitschriften fort, wie sie z.  B. in der 1901 von Davis Trietsch und Leo Winz gegründeten Zeitschrift Ost und West dokumentiert wird, die dem assimilierten Westjudentum die Kulturleistungen des Ostjudentums vermitteln und damit ein neues jüdisches Gemeinschaftsgefühl auf der Grundlage der allen gemeinsamen traditionellen jüdischen Werte schaffen wollte.21 Mit dem Kampf gegen Russland und der Besetzung von Polen im Ersten Weltkrieg wurde die „Ostjudenfrage“ in Deutschland wieder akut. Die deutsche Auffassung vom jiddisch sprechenden Juden in Polen, Galizien und Russland als schmutzig, laut und kulturell rückständig wurde von nicht wenigen assimilierten 19 Vgl. Martin Buber, Jüdische Renaissance. Ost und West 1, 1901, 7–10. Hierzu Asher D. Biemann, Renaissance. EJGK, Bd 5, 174–178. S.  a. Mark Gelber, Melancholy Pride: Nation, Race, and Gender in the German Literature of Cultural Zionism. Tübingen 2000. 20 Heinrich Heine, Über Polen. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Bd 6. Hg. Manfred Windfuhr, Hamburg 1975–97, 62, Z. 13. Hierzu Wilhelm Terlau u. Beate Wunsch, „Ein Gespenst geht um in Deutschland […]. Die „Ostjudenfrage“ im Spiegel der deutschsprachigen jüdischen Presse während des Ersten Weltkrieges. Positionierung und Selbstbehauptung: Debatten über den Ersten Zionistenkongreß, die „Ostjudenfrage“ und den Ersten Weltkrieg in der deutsch-jüdischen Presse, Tübingen 2003, 67–109. 21 David Brenner, Ost und West. EJGK, Bd 4, 455–59.

Einleitung 

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deutschen Juden geteilt.22 An der Ostfront begegnete man jedoch der Wirklichkeit dieser Juden und in sprunghaft ansteigenden Veröffentlichungen versuchte man sie erfahrbar zu machen und ein differenzierteres Bild jenseits der üblichen Klischees zu vermitteln.23 Im Jahr 1916 – dem Jahr der „Judenzählung“ – wurde, wohl nicht von ungefähr, Bubers Zeitschrift Der Jude gegründet, und im selben Jahr die Neuen Jüdischen Monatsschriften. In unzähligen Artikeln wurden die kulturellen, historischen und politischen Fragen des Ostjudentums erörtert mit dem Ziel, die negative Stereotypisierung des Ostjudentums zu korrigieren und ein Gemeinschaftsgefühl zwischen dem Ostjudentum und dem westlichen Judentum zu fördern. Ein „Kult der Ostjuden“, wie Gershom Scholem es nannte, entstand.24 Er setzte sich auch nach dem Krieg in Veröffentlichungen wie Arnold Zweigs Das ostjüdische Antlitz (1920), Alfred Döblins Reise in Polen (1925) und Joseph Roths Juden auf Wanderschaft (1927) fort. Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich gehört ebenfalls zu diesen Büchern, die einen historischen Wendepunkt in der Neubewertung des Ostjudentums markierten und zugleich das Thema Zugehörigkeit und Authentizität, das die innerjüdische Debatte der 1920er Jahre bestimmte, auf einer neuen Ebene diskutierten. Trotz vieler Vorbehalte, welche die deutschen Juden gegen die Ostjuden hegten, verband sich der Kampf gegen das zaristische Russland für die deutschen Juden fast aller ideologischen Richtungen auch mit der Hoffnung, die vom zaristischen Regime brutal unterdrückten Juden zu befreien und ihnen unter der deutschen und österreichischen Besatzung die selben Rechte, die man selbst besaß, verschaffen zu können.25 Während unter den orthodoxen Juden in Deutschland das höchste Maß an Identifikation mit den Leiden der Ostjuden vorherrschte, bekundeten auch viele liberale Juden Gefühle der Verbundenheit und Sympathie für ihre bedrängten Glaubensbrüder im Osten. Vor allem für die zionistischen Juden erhielt jedoch dieser Krieg eine jüdische Dimension. Der Krieg erschien ihnen als eine Synthese von vaterländischen und jüdischen Zielen und wurde

22 Ders., Promoting East European Jewry: ‚Ost und West‘, Ethic Identity, and the German Jewish Audience. Prooftexts 15.1, 1995, 84, Fn. 5. 23 Terlau u. Wunsch, Ein Gespenst geht um in Deutschland, 67. Zitiert werden u.  a. das Sonderheft „Ostjuden“ der Süddeutschen Monatsschrift (1916) u. Aufsätze wie Nathan Birnbaums „Den Ostjuden ihr Recht!“ (1915), sowie Berthold Viertels: „Ostjuden“ (1916/17). 24 Brenner, Promoting East European Jewry, 72, Fn. 27. 25 Hierzu Achim Jaeger, Wilhelm Terlau u. Beate Wunsch, Positionierung und Selbstbehauptung: Debatten über den Ersten Zionistenkongreß, die› Ostjudenfrage‹ und den Ersten Weltkrieg in der deutsch-jüdischen Presse, Bd 45, 2013, IX. Edelmann-Ohler, Deutsch-jüdische Literatur und Erster Weltkrieg, 155.

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zum jüdischen Befreiungskampf stilisiert. Die zionistische Faktion um Buber und Max Bodenheimer gründete ein „Deutsches Comitee für die Befreiung der russischen Juden“, um den vor dem Kriegsgeschehen fliehenden Juden im Osten, die zwischen die Fronten geraten waren, zu helfen.26 Zugleich versuchte man die deutsche Heeresführung von der Konfluenz von deutschen und jüdischen Interessen zu überzeugen. Wegen der linguistischen Affinität zwischen dem Deutschen und dem Jiddischen, das so viele Ostjuden sprachen, glaubte man die Juden in Polen als mögliche Verbündete gegen das russische Regime gewinnen zu können.27 In der Tat versuchte das deutsche Kaiserreich die vielen Ethnien, die in den westlichen Provinzen des zaristischen Reiches lebten, in ihren revolutionären und nationalistischen Bewegungen zu ermutigen.28 Anfänglich zeigte sich die deutsche Heeresleitung dem Argument gegenüber offen, dass es im deutschen Interesse sei, den Juden zu helfen. Das „Comitee“ verfasste eine jiddische Propagandazeitschrift „Kol Mewasser“ (Die Stimme des Boten), die als „Flugblatt der Obersten Heeresleitung“ veröffentlicht29 und unter den Ostjuden verteilt wurde. Die erste Folge im Oktober 1914 enthielt einen Apell an die Juden Polens, von Nachum Sokolow auf Jiddisch und Hebräisch verfasst, der zur Unterstützung der deutschen Militärbesatzung aufrief. Im November 1914 wurde die Veröffentlichung von „Kol Mewasser“ jedoch wieder eingestellt, weil die zionistische Organisation mit Recht befürchtete, dass die pro-deutsche Haltung der Zeitschrift die Juden im Osten nur gefährden würde. Das ­„Deutsche Comitee für die Befreiung der russischen Juden“, wurde zum „Comitee des Ostens“ umbenannt, das sich philanthropischen Aufgaben widmete. Gronemann wurde im November 1914 zum Mitglied ernannt.30 In seinen Erinnerungen an die ostjüdische Etappe distanziert sich Gronemann ironisch von den Versuchen des zionistischen Aktionskommittees, den „Jargon” sprechenden Ostjuden zum „Wahrer deutscher Art und Sprache“ zu stilisieren.31 Wusste doch der talmudisch geschulte Gronemann, dass die Matrix des Jiddischen, trotz der deutschen Sprachkomponenten, das talmudische Sprach- und Gedankengut war, und es als Sprache des jüdischen Lebens im Exil weit entfernt

26 Jay Ticker, Max I. Bodenheimer: Advocate of Pro-German Zionism at the Beginning of World War I. Jewish Social Studies 43.1, 1981, 17. 27 Ebd., 14  f. 28 Ebd., 15. S.  a. Roland Gruschka, Der Blick auf das ‚Ostjudentum‘: Deutsche Übersetzungen jiddischer Literatur 1897–1933. Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur, Hg. Hans Otto Horch, Berlin/Boston 2015, 375. 29 Zum Faksimile unten, S. 30; zur Übersetzung unten, S. 183. 30 Ticker, Max I. Bodenheimer, 22. 31 Unten, S. 27.

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war von den kulturellen Annahmen der christlichen Welt Europas.32 Ebenso ironisierte Gronemann auch die sich anbiedernde Interessenpolitik der angeblich so „freiheits- und judenfreundlichen deutschen Heere“, welche die Ostjuden in Wirklichkeit nur für ihr Kriegsziele auszubeuten versuchten, auch wenn es „fast so aussah, […] als ob Kaiser Wilhelm seinen Heerbann eigens zur Rettung seiner vielgeliebten Ostjuden aufgerufen hätte.“33 Gronemanns Satire gilt in Hawdoloh und Zapfenstreich jedoch nicht nur den Vertretern der deutsche Besatzungsmacht, die ihre technokratische Kultur in die besetzten Gebiete einführen wollte, sondern vor allem den etwas steifen Repräsentanten des westlichen assimilierten Judentums, die sich dieser Kultur so eifrig anzugleichen versuchten und als Mittelmänner zwischen den Ostjuden und den deutschen Autoritäten an die Ostfront geschickt wurden: „In einem fort kamen ‚Retter der Ostjuden‘ aus Deutschland an, Zionisten, Orthodoxe und Liberale.“34 Gronemann stellt der paternalistischen Philanthropie der jüdischen Hilfsvereine, die ihren bedürftigen Glaubensbrüdern materielle Hilfe und die Segnungen der deutschen Kultur bringen wollten, eine neue Sicht auf die Ostjuden entgegen. Selbst wenn diese in unglaublichem Elend lebenden Juden durchaus die soziale Unterstützung der deutschen Juden brauchten, seien sie aber nicht nur als Objekte westlicher Wohlfahrt zu betrachten, sondern hatten auch ihrerseits dem westlichen Judentum etwas zu bieten, nämlich die Möglichkeit einer geistigen Regenerierung durch die Teilnahme an der großen historischen, religiösen und nationalen Tradition, die man im Westjudentum so bereitwillig aufgegeben hatte um der „staatspapierenen Herrlichkeit“35 willen: „von Tag zu Tag lernte ich mehr einsehen, dass ich sehr wenig geben und sehr viel empfangen konnte […] Ich fühlte mich […] überhaupt nicht berufen ‚zu retten‘“.36 Gronemann stellt den oberflächlichen, vorurteilsbeladenen Beurteilungen der Ostjuden, die sich „Sachverständige in allen jüdischen Angelegenheiten“ in ihren „gründlichen Studien“ während ihres „stundenlangen Aufenthalts“ in den besetzten Ostgebieten angeeignet hatten, die Wirklichkeit dieser Juden entgegen, unter denen er zwei Jahre lang geweilt hatte: „Wenn man eine Sache zwei Jahre lang studiert hat, fühlt man sich nicht mehr so sicher als im Anfang, ebenso, wie

32 Vgl. Jakob Hessing, Der jiddische Witz – Essay über ein Vergnügen (in Erscheinung). S.  a. Michael Wex, Born to kvetch: Yiddish Language and Culture in all of its Moods, New York 2006. 33 Unten, S. 28 34 Unten, S. 104. 35 Heine, Über Polen, 62, Z. 13. S.  a. Terlau u. Wunsch, Ein Gespenst geht um in Deutschland, 75. 36 Unten, S. 104.

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man mit zwanzig Jahren eine feste Weltanschauung zu haben pflegt, während man später doch allerhand Bedenken bekommt.“37 In unterhaltsamen, klugen und einfühlsamen anekdotischen Episoden vermittelt Gronemann in Hawdoloh und Zapfenstreich eine Innensicht des Ostjudentums, die das Prisma der Mythen, Vorurteile und Selbstinteressen durchbricht. Er beschreibt seine Pathologie wie auch seine positiven Seiten. Er gewährt einen Blick unter die abstoßende Oberfläche von Schmutz und Elend und macht die wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge klar, die zu den sozialen Misständen und der Verwahrlosung der Ostjuden geführt hatten und beschreibt deren Versuche unter den menschenunwürdigen Verhältnissen, in denen sie zu leben gezwungen waren, ihre Dignität zu bewahren. Zugleich entwirft Gronemann auch das Bild eines diversen, vitalen Judentums, reich an intellektueller Begabung, rabbinischer Gelehrsamkeit, Gemeinschaftsgefühl und Herzensbildung. Gronemann brachte als Sohn eines neoortho­doxen Rabbiners Kenntnisse der jüdischen Tradition mit sich, die ihm eine komplexere Perspektive auf die ostjüdischen Kultur erlaubte als es den deutschen Juden möglich war, die dieser Kultur weitgehend Verständnislosigkeit entgegenbrachten, da sie bereits viel an jüdischen Wissen verloren hatten. Wo andere nur Rückständigkeit sahen, da entdeckt Gronemann seinen Lesern den Geist und die Kultur des reichen jüdischen Erbes. Gronemann stellt ein Erziehungs- und Bildungswesen vor, das von westlichen Juden und Deutschen für reformbedürftig gehalten wird, das jedoch, wie Gronemann es schildert, es durchaus mit westlicher Bildung aufnehmen kann. Im engen, überfüllten Cheder, der traditionellen jüdischen Volksschule, und den jüdischen Gymnasien des Ostens, die den hygienischen und physischen Ansprüchen des Westens in keinster Weise genügten, beobachtet er eine Freude am Lernen und eine intellektuelle Neugier, die man im reglementierten Schulsystem des Westens kaum kannte. In der jüdischen Institution des „Beth ha Midrash“, des Lehrhauses, in dem sich nach einem langen Arbeitstag Juden der verschiedensten Bildungsgrade zusammenfinden, um die alte Tradition der Vermittlung der jüdischen Lehre aufrechtzuerhalten, sieht er die Herausbildung einer Liebe zum Lernen und einer Spiritualität, die sich dem utilitaristischen Kultur- und Bildungsbegriff im Westen überlegen zeigt. Gronemann beschreibt, wie dieses tägliche „Lernen“ der jüdischen Lehre, die von den westlichen Juden als überholt und irrelevant angesehen wird, das eigentliche Lebenselement dieser Menschen ist, das sie über das Elend ihrer alltäglichen Existenz und die Schrecken des Krieges erhebt.

37 Unten, S. 7

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Doch jenseits der Partikularität jüdisch-orthodoxer Kultur entwirft Gronemann auch das Bild einer pluralistischen jüdischen Mittelschichtsgesellschaft und deren universalistische Aufgeschlossenheit für die westeuropäische Kultur: In den jüdischen Lesezirkeln, literarischen Diskussionsgruppen und kulturellen Klubs der ostjüdischen Städtchen diskutiert man Lessings Laokoon, kennt dafür aber die in Deutschland so beliebte Unterhaltungsschriftstellerin Hedwig Courts-Mahler nicht. Die jiddischen Theater, wie das jiddische Avantgarde Ensemble Wilnaer Truppe, das Gronemann entdeckt und nach dem Krieg nach Berlin bringt,38 messen sich leicht mit den von der deutschen Besatzungsmacht gegründeten Fronttheatern, in denen man aber lieber statt Minna von Barnhelm, antisemitische Possen wie Gustav Raeders Robert und Bertram aufführt; und am allerliebsten die Farce Charleys Tante – das Lieblingsstück von Kaiser Wilhelm II.39

Einheit des Judentums auf der Grundlage der religiösen Kulturtradition Die Entdeckung einer öffentlich gelebten jüdisch-religiösen Volkskultur, zu einer Zeit, in der man in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern die jüdische Identität zu unterdrückten suchte und möglichst öffentlich nicht zur Schau stellte, war für Gronemann das aufwühlendste Erlebnis seiner Dienstzeit an der Ostfront.40 Er widmet einen großen Teil von Hawdoloh und Zapfenstreich der Beschreibung ostjüdischer Religiosität und der hingebungsvollen Einhaltung religiöser Rituale, die, nicht wie im Westen als Bürde empfunden, sondern als sinngebende Grundlage des täglichen Lebens verstanden wurden: „Fasten und Trauern an Bußtagen versteht man eben halb und halb auch im Westen, aber die richtige Freude, die Freude an der Lehre, am Gesetz, die kennt man nur dort.“41 Die öffentlich gelebten religiösen Rituale, wie Gronemann sie am Fest der Gesetzesfreude, der „Simchat Thora“ erlebte, wo man in Umzügen durch die Städtchen mit den Thorarollen tanzend die Beendigung des Jahreszyklus der Thoralesung feierte, vereinten dabei nicht nur die jüdischen Frommen und Traditionalisten sondern auch die säkularen Intellektuellen und selbst die jüdischen Atheisten. Hier sah Gronemann den Ausdruck der Einheit von Nation und Religion verwirklicht wie sie im voremanzipatorischen Judentum vorhanden gewesen war. Die sich „ihres Volkstums bewussten und ihre nationale Eigenart frei betä38 Zur Wilnaer Truppe, unten S. 217. 39 Unten, S. 99. 40 Brenner, Promoting East European Jewry, 64  f. 41 Unten, S. 56.

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tigenden (jüdischen) Menschen“ des Ostens, erschienen Gronemann als die Präfiguration dessen, was der Zionismus für das gesamte Judentum, jenseits seiner staatsbürgerlichen Zugehörigkeiten, anstrebte, nämlich, „eine Nation“ zu sein, „die ihr Recht auf Leben wie jede andere betätigt.“42 Zugleich stellt Gronemann das auf den religiösen Kulturtraditionen basierende ostjüdische Solidaritäts- und Identitätsverständnis als vorbildhaft für das westliche Judentum dar. In Kapiteln wie „Krankheit“ schildert er die warme Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, mit der die Ostjuden, die Kluft von Sprache und Kultur überwindend, die deutschen jüdischen Soldaten, sogar in der Uniform ihrer Unterdrücker willkommen hießen. Im Gegensatz dazu war das jüdische Solidaritätsgefühl unter den westlichen Juden viel weniger ausgeprägt, wie Gronemann in Brüssel erfahren musste, wohin er im letzten Kriegsjahr versetzt wurde und wo er von den Brüssler Juden äußerst kühl aufgenommen wurde. Dieser Gegensatz  – zwischen einer national organisierten Ordnung des Krieges und einer transnationalen jüdischen Identität43 – bildet die Grundlage von Gronemanns Erinnerungen an die ostjüdische Etappe, in denen er Fragen nach der Identität der akkulturierten und assimilierten Westjuden stellt und damit auch die Frage nach der Solidarität mit den Juden des Ostens aufwirft. Eine Solidarität, die die Grundlagen des Selbstverständnisses des assimilierten deutschen Judentums zu erschüttern drohte, denn der Preis, den man für die Solidarität mit dem Ostjudentum zu zahlen gehabt hätte und vor dem so viele assimilierte westliche Juden zurückschreckten, war die Anerkennung eines von der jeweiligen Staatsangehörigkeit unabhängigen, separaten jüdischen Volkstums. Doch Gronemann bedient sich in Hawdoloh und Zapfenstreich nicht der Rhetorik der Trennung von der deutschen Kultur, wie sie der radikale Flügel der deutschen Zionisten verwendete, obwohl natürlich bereits im Titel seines Buches auf diese ‚Trennung und Unterscheidung‘ angespielt wird. Selbst für Gronemann war jedoch das jüdische Identitätsstreben durchaus vereinbar mit der Zugehörigkeit zur deutschen Kultur.44 In seiner mit „WARNUNG!“ überschriebenen Einleitung zu seinem Buch weist er mit gutmütiger Ironie darauf hin, dass es ihm keineswegs darum gehe sein jüdisches Lesepublikums zu belehren oder gar darum, ihm eine bestimmte Sehweise aufzuzwingen. Gronemanns Werk als zionistischer Schriftsteller, Versammlungsredner und Journalist wurzelt in seiner Überzeugung vom Menschen 42 Unten, S. 135. S.  a. Mittelmann, Sammy Gronemann, 71. 43 Edelmann-Ohler, Deutsch-jüdische Literatur und Erster Weltkrieg, 151. 44 Hanni Mittelmann, Die Assimilationskontroverse im Spiegel der jüdischen Literaturdebatte am Anfang des 20.  Jahrhunderts. Auseinandersetzungen um jiddische Sprache und Literatur. Jüdische Komponenten in der deutschen Literatur – die Assimilationskontroverse“. Hg. Albrecht Schöne, Walter Röll u. Hans-Peter Bayerdörfer, Göttingen 1986,151.

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als einem vernunftbegabten Wesen und seiner grundsätzlichen Freiheit, zwischen Gutem und Bösem zu wählen, oder, wie es in der Hawdoloh- Zeremonie heißt, zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen. Und daher moralisiert er auch nicht in seinem Buch, sondern setzt vielmehr auf die Logik des Witzes, um schlagartig die Doppelbödigkeit der Situation der Juden in Deutschland zu erhellen. „Wenn jemand also doch etwas lernen sollte, so tut er’s auf seine eigene Gefahr und Verantwortung!“45 meint Gronemann. Dennoch macht Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich unmissverständlich klar, dass „im Trubel dieser wilden Zeit“46 der Weimarer Republik die Abgrenzung des deutschen Judentums vom Ostjudentum immer illusorischer geworden war und dass die Ostjudenfrage schon längst zur Westjudenfrage geworden war, das heißt zur „Judenfrage“ schlechthin. In seinem „Nachwort“ kontrastiert Gronemann diese „wilde Zeit“, in der er seine Erinnerungen an die ostjüdische Etappe verfasst hatte, mit der heiteren Vision eines zukünftigen Lebens im Land Israel, wo sich alles Verunsichernde, Erschreckende und Ungereimte der jüdischen Diasporaexistenz harmonisch auflöst. Dort, „in Haifa auf der Veranda eines Häuschens am Berghang des Karmel sitzend, – mit dem Blick über die Stadt hin — auf das blaue Meer“ würde sich selbst das „konfuse“ Material, das er seinen Lesern vorgelegt hat, zu dem Buch, das er „einmal schreiben“ würde, zusammenfügen.47 In dieser zionistischen Zukunftsvision, die er in der Lieblingsstadt Herzls verortet,48 werden Gronemanns mäandernde Erinnerungen zur Metapher für den in der Welt herumwandernden Juden, der erst durch die Ankunft in seinem ursprünglichen Heimatland seine innere Harmonie und Ruhe finde. Zugleich verbindet Gronemann in seinem Nachwort seine Vision der zionistischen Heimkehr mit der religiösen Rückkehr zu den jüdischen Werten und Traditionen wie er sie im Ostjudentum verkörpert sieht. Die Werte dieses Judentums haben nichts mit der Verherrlichung von Macht und Gewalt zu tun,49 sondern mit dem ethischen Auftrag zwischen „Heiligen“ und „Unheiligen“, zwischen „Licht und Finsternis“50 zu unterscheiden, wie es in der Hawdoloh-Zeremonie zelebriert 45 Unten, S. 7. 46 Unten, S. 178. 47 Ebd. 48 Hierzu Jan Kühne, Theodor Herzls „Heimkehr“. Rückkehrerzählungen: Über die (Un-) Möglichkeit nach 1945 als Jude in Deutschland zu leben, Hg. Bettina Bannasch u. Michael Rupp, Göttingen 2017, 16  f. 49 Vgl. Aschheim, Brothers and Strangers, 199. 50 Nach einem Midrasch bewahrte das in der Hawdoloh Zeremonie benutzte göttliche Licht am ersten Schabbat der Menschheit Adam vor der Finsternis des Bösen. Die in der Zeremonie beschworene Unterscheidung zwischen Heiligen und Unheiligen wird von Interpreten bezogen auf den Levitikusvers 20:26, worin es heißt: „Darum sollt ihr mir heilig sein; denn ich, der HERR, bin

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wird. Diese Zeremonie wird hier zum Gegenbild der militärischen „Fanfare“ bei deren Ton „alle unsere Moralbegriffe, unsere Anschauungen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht […] über den Haufen [fallen].“ Der aus den Fugen geratenen Welt des Ersten Weltkrieges, die ihren moralischen Kompass verloren hat, und in welcher Kultur, Religion und Moral nur auf „Widerruf und auf Zeit“ gelten, stellt Gronemann die Welt der ostjüdischen Religiosität gegenüber, die aus der Thora die innere Stärke bezieht,“ das Ewige vom Vergänglichen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden“51 Indem er dieses in der Thoralehre verankerte Ostjudentum als Vorbild für das deutsche Judentum hinstellt, hinterfragt er zugleich den unbedingten Glauben dieses Judentums an die zivilisierende Kraft der deutschen Kultur, der während des Ersten Weltkrieges ins Wanken geraten ist. Hanni Mittelmann

heilig, der euch abgesondert hat von den Völkern, dass ihr mein wäret“. Heiligkeit definiert sich hier als moralische Aufgabe, als ethischer Uranspruch, der dem jüdischen Volk auferlegt wird, als „Licht“ unter den Völkern zu wirken. Siehe Adiel Kadari, Narrative und Normative: Havdalah in Pirkei de-Rabbi Eliezer. Jewish Studies Quarterly 21, 2014, 146  ff. 51 Unten, S. 180.

Editorische Hinweise Als Textvorlage diente die Ausgabe von 1924. Gronemanns Text liefert wiederholt Hinweise darauf, dass er im Laufe der Vorabveröffentlichung von Kapitel zu Kapitel entstand, die später in Buchform vereint und gedruckt wurden (zur Publikationsgeschichte, s. unten, S. 199). Am Text wurden keine Veränderungen vorgenommen, nur die Illustrationen von Magnus Zeller wurden an die Stellen verschoben, auf die sie sich beziehen. Aus technischen Gründen war dies 1924, als die Illustrationen ganzseitig eingebunden wurden, schlecht möglich. Die Bildunterschriften wurden unverändert wiedergegeben. Das Fotomaterial wurde aus den Gronemann-Akten der Central Zionist Archives hinzugefügt.1 Der Abdruck des bisher unveröffentlichten Gedichts von Arnold Zweig aus dem Almanach der Bösen Buben der Presseabteilung Ober Ost geschieht mit freund­licher Genehmigung © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 1993, 2008. Sperrgedruckte Wörter wurden in Kursiv gesetzt. Für eine Liste der Abkürzungen, siehe das Literaturverzeichnis.

1 CZA, Signaturen: Abb.  1 (S. X): A135\43-8p, Abb.  2 (S. 3): A135\43-7p, Abb.  3 (S. 206): A135\43-5p. https://doi.org/10.1515/9783110629354-003

Danksagungen Für Unterstützung sowie kritische Zusammenarbeit und Hilfe bei der Herausgabe seien gedankt: Prof. Dr.  Hans Otto Horch, sowie (stellvertretend auch für den Verlag Walter de Gruyter) Dr. Julia Brauch, Bettina Neuhoff und Monika Pfleghar. Mit Gespräch und Informationsaustausch halfen zuvorkommend: Prof. Dr. Jakob Hessing, Prof. Dr. Joachim Schlör, Prof. Dr. Mark Gelber, Prof. Dr. Daniel Schwartz, Prof. Dr. Shaul Stampfer, Prof. Dr. Motti Zalkin, Prof. Dr. Karl Müller, Dr. Manja Herrmann, Stefan Hofmann, Dr. Frank Schlöffel, Dr. Kerstin Armborst-Weihs und Prof. Dr. Galili Shachar. Natascha Schwesinger half bei der Transkription. Dank für den Druckkostenzuschuss geht an den Förderungsfonds Wissenschaft der VG WORT. Auch dieser Band entstand maßgeblich in den Räumen und dank eines Stipendiums der Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences der Hebräischen Universität. Dort halfen mit Rat und Erfahrungsaustausch Prof. Dr. Yigal Bronner, Dr. Ynon Wygoda, Dr. Chiara Caradonna. Den Abdruck einiger Abbildungen und Texte wurde durch die freundliche Hilfe und Genehmigungen einer Reihe von Personen und Institutionen ermöglicht, denen hier gedankt sei: Helga Helm und Kathrin Ziems, Dr. Barbara Roosen von der VG Bild-Kunst, Anat Banin von den CZA, Irina Renz von der Württembergischen Landesbibliothek, Kirstin Ritter vom Aufbau-Verlag, Maren Horn von der Akademie der Künste, Monika Jungbauer vom Antiquariat Fuchseck (für Auskünfte und die Abdruckgenehmigung der gut erhaltenen Titelillustration), Adam Sender (für die Reproduktionserlaubnis des Kowno-Bilds von Hermann Struck), Nathan A. Bernstein (für die Genehmigungen der Struck-Abbildungen), Jürgen Adolph und Frank Anton vom Militärarchiv des Bundesarchivs, Anja Belza von der Staatsbibliothek Berlin, Ingo Hugger vom Cassiodor Antiquariat, Kirstin Ritter vom Aufbau-Verlag und Dr. Nikola Herweg vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. Allen nochmals herzlichen Dank für die freundliche und hilfreiche Unterstützung bei der Arbeit an diesem Band.

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Text

Abb. 2: Hermann Struck und Sammy Gronemann in Kowno im Herbst 1916, mit einer Ausgabe der Letzte Najis.

Sammy Gronemann: Hawdoloh und Zapfenstreich Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916–1918 Mit Zeichnungen von Magnus Zeller

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    Es kredenzet die Prinzessin     Auch den Abschiedstrunk dem Prinzen –     Hastig trinkt er, und im Becher     Bleiben wen’ge Tropfen nur. 5     Er besprengt damit den Tisch,

    Nimmt alsdann ein kleines Wachslicht,     Und er tunkt es in die Nässe,     Daß es knistert und erlischt.        Heinrich Heine1

1 Diese zwei Strophen aus Heines Prinzessin Sabbath, die einen Teil der Hawdalah-Zeremonie beschreiben, wurden hier in Kontrast zur Signalmelodie des die militärische Nachtruhe einleitenden Zapfenstreiches gesetzt. Vgl. Heine, Romanzero. Hebräische Melodien. DHA, Bd 3/1, 129, Z. 145–155.

Warnung! 

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Warnung! In diesen Blattern wird viel von Juden und jüdischen Dingen die Rede sein. Ich mache aber ausdrücklich darauf aufmerksam, daß niemand irgend etwas daraus lernen oder etwas Neues erfahren wird und wüßte er von Juden und Judentum so wenig, wie ein australisches Kaninchen oder ein Ordinarius für Völkerkunde oder ein Synagogenvorsteher des Westens. Ich habe keinerlei Neigung, jemanden zu belehren und verspüre kein pädagogisches Talent in mir. Wenn jemand also doch etwas lernen sollte, so tut er’s auf seine eigene Gefahr und Verantwortung! – Ich erinnere mich, daß ein hervorragender jüdischer Philanthrop aus Berlin, der vor zirka zwanzig Jahren Rußland bereiste, in seinem Buch einen Satz hat, der etwa folgendermaßen lautet: „In Wilna hatte ich einige Stunden Aufenthalt. Ich benutzte diese Zeit, um mich mit der Lage der Juden dort vertraut zu machen.“1 Der Verfasser hat dann einige Druckbogen mit dem Ergebnis seiner gründlichen Studien während des stundenlangen Aufenthalts in Wilna angefüllt. – Nun gibt es wieder Leute, die dieses Buch durchgeblättert haben und ihrerseits infolgedessen sich für Sachverständige in allen jüdischen Angelegenheiten halten. Mit diesen Sachverständigen kann ich nicht konkurrieren. Ich war, abgesehen von früheren kurzen Besuchen in Jüdisch-Rußland, von Pfingsten 1916 bis Pfingsten 1918 als Dolmetsch für Jiddisch beim Stab Ober-Ost,2 wo ich zwei Drittel der Zeit in Kowno, acht Monate in Bialystok zubrachte, und habe bisweilen Spritztouren nach Wilna und Warschau unternommen. Ich war ständig in Fühlung mit den Juden dort und nach zwei Jahren bin ich zu dem Resultat gekommen, daß alle die Anschauungen und Meinungen, die ich mir im Laufe der Zeit speziell über die Ostjuden gebildet hatte, doch eigentlich von recht zweifelhaftem Werte waren. Wenn man eine Sache zwei Jahre lang studiert hat, fühlt man sich nicht mehr so sicher als im Anfang, ebenso, wie man mit zwanzig Jahren eine feste Weltanschauung zu haben pflegt, während man später doch allerhand Bedenken bekommt. Also ich betrachte mich nach keiner Richtung als Autorität und ich will keinen Menschen belehren. Danach scheint nun überhaupt kein vernünftiger Grund vorzuliegen, warum ich Erinnerungen schreibe. Ich bin ganz dieser Auffassung, aber es liegen einige unvernünftige Gründe vor, nämlich bei andern, die mich hierzu veranlaßt haben. Ich pflege gern und ausgiebig von dem, was ich erlebt habe, zu plaudern und bisweilen tue ich das auch am Vortragspodium. Mehrfach hat man mich nun 1 Konnte nicht eruiert werden, möglicherweise ironischer Bezug auf Isaak Rülf, Drei Tage in Jüdisch-Russland. Ein Cultur- u. Sittenbild. Frankfurt a.M. 1882. Vgl. unten, S. 143, Fn. 3. 2 Abk. für Oberbefehlshaber Ost, Militärverwaltung des deutschen Besatzungsgebiets an der Ostfront des Ersten Weltkrieges (November 1915 bis Juli 1918). S.  a. oben, S. XI, Fn. 5.

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durch die Drohung in Schrecken versetzt – so tat es letzthin Otto Abeles von der Wiener Morgenzeitung – mir einen Stenographen in die Versammlung zu setzen und meine Berichte stenographieren zu lassen, um sie dann zu veröffentlichen.3 Dagegen muß ich mich schützen; denn bisweilen rutschen mir doch allerhand Wendungen heraus, wenn ich so plaudere, für die ich die strafrechtliche Verantwortung nicht auf mich nehmen möchte. Ich vermute übrigens, daß meine Freunde mich zur Niederschrift deshalb drängen, um mir endlich diese Erinnerungsvorträge abzugewöhnen, und darin steckt schon ein Kern Berechtigung! Dann gibt es wieder eine ganze Reihe Leute, welche mir sagen, ich solle doch noch etwas schreiben, nachdem es mir mit meinem „Tohuwabohu“4 gelungen wäre, so viele ihrer guten Freunde zu ärgern. Sie meinen, daß sei ein verheißungsvoller Anfang gewesen und der Erfolg verpflichte mich fortzufahren. Diesen erwidere ich, nichts wäre mir lieber, aber mein Metier wäre doch nun einmal – Dieu me pardonnera5 – nicht eine unbestimmte Allgemeinheit, sondern nur immer von Fall zu Fall einzelne Personen und Prozeßparteien zu ärgern, da ich doch nun mal Advokat bin und da das Privatärgern immer noch besser bezahlt wird, als das Ärgern des großen Publikums. Wenn ich der Firma Müller und Levy Nachfolger wegen der zu spät gelieferten Lokomotive oder Herrn Ottokar Silberschweif wegen eines ehelichen Seitensprunges in einem Schriftsatze gründlich meinen Abscheu ausspreche, wird das wirtschaftlich höher bewertet, als wenn ich meine Schreibmaschine gegen die Gewaltigen der Erde oder der Synagoge knattern lasse. Und da ich nun mal von dem Ertrage der Erregung von Ärgernis leben muß – von der Erregung öffentlichen Ärgernisses aber nicht leben kann –, finde ich nicht die Zeit, um – – Darauf sagen mir meine Freunde, ich sollte doch einfach meine Erzählungen, wie ich sie öffentlich oder privat unaufhörlich von mir gebe, täglich eine Stunde meiner blonden Sekretärin diktieren, die robust genug wäre, das auszuhalten, und dann den ganzen Sums drucken lassen. Ich habe mich dagegen 3 O.V., Die Kultur des jüdischen Ostens. Der Vortrag Gronemanns. Wiener Morgenzeitung 26. 1. 1924, S. 7. „‚Alles Traurige, was wir sehen mußten,‘ schloß er [Gronemann], ‚trat zurück gegen das Fröhliche. Wir alle gingen aus diesem Milieu sicherer, hoffnungsvoller hervor, wir alle haben zum ersten Male naive, unbefangene, ursprüngliche Juden kennen gelernt und wir sahen zum ersten Male Kulturmenschen in Masse, die mit der Philosophie des Steinklopfer-Hans auf die Welt kommen. Die Nichtjuden unseres Kreises sind mit anderen Anschauungen über das Judentum nach Hause zurückgekehrt. Wir Juden aber schieden aus dem Osten mit dem Entschlusse, es zu unserer Lebensaufgabe zu machen, die Brücke zu schlagen zwischen Ost und West – zum Heile des Westjudentums.‘ – Stürmischer Beifall folgte dem fesselnden Vortrag.“ 4 Sammy Gronemann, Tohuwabohu. Berlin 1920. S.  a. GKG, Bd 2. 5 Vgl. Heinrich Heine: „Dieu me pardonnera, c’est son métier.“ Alfred Meißner, Heinrich Heine. Erinnerungen. Hamburg 1856, S. 259. S.  a. GKG, Bd 1, 336, Z. 22.

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zunächst gewehrt, indem ich behauptete, da fehlte die künstlerische Abrundung, jede systematische Anordnung, ein ordentlicher Plan usw. Aber meine Freunde erklären, daß sie davon in meinem Buch „Tohuwabohu“ auch nicht viel gemerkt hätten. Ich sagte weiter, daß ich gewohnt wäre, kunterbunt alles mögliche durcheinander zu erzählen, mitten in Schilderungen aus Wilna plötzlich Erinnerungen 5 aus der Gymnasialzeit einzuflechten, und es würde ein hübsch konfuses Zeug werden. Gerade das, sagten sie, erwartet man von mir! Nun, da kann ich nichts machen – aber ich will wenigstens den Leser gewarnt haben!

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Jedesmal, wenn ich nach Strasburg i. Westpreußen komme, fühle ich mich wie neu geboren. Im ganzen ist das zweimal geschehen. Das erstemal im Jahre 1875, als ich am Tage des Frühlingsanfangs zu einem Aufenthalt von unbestimmter Dauer auf diese Welt eintraf. Auf jenen Sonntag fiel gleichzeitig auch die jüdische Fastnacht, das Purimfest. Ich traf gerade rechtzeitig zum Festmahl ein, wurde aber nicht zur Tafel gezogen. Umsomehr mundete mir das Mahl, das mir im Jahre 1915 in Strasburg vorgesetzt wurde, als ich zum zweiten Male in meinem Leben dort eintraf. Ich kam damals von der Front zurück, wo ich im Schützengraben in der Gegend von Smorgon1 mir allerhand unangenehme Dinge zugezogen hatte, und als ich nun nach einer mühseligen Fahrt in Schlitten und Krankenzug und nach langem Wandern von Sanitätskompagnien zu Feldlazaretten und vom Feldlazarett zur Entlausungsstation und was es sonst noch für angenehme Einrichtungen dieser Art gibt, endlich ausgeladen wurde und in ein wohleingerichtetes Krankenhaus kam, fand ich mich zu meinem nicht geringen Erstaunen in meinem Geburtsort Strasburg wieder.2 Als ich da zum ersten Male seit langer Zeit wieder richtig satt zu essen bekam, noch dazu aus einem leibhaftigen Teller, als ich in einem anständigen Bett lag und in menschlicher Umgebung, fühlte ich mich wieder wie neu geboren. Ich hatte den Ort im Alter von zwei Jahren verlassen und nie gedacht, daß ich ihn wiedersehen würde; nun war ich nach genau vierzig Jahren wieder da eingetroffen, und wenn ich irgendein Talent zur Ordnung und harmonischen Lebensführung besäße, hätte ich den Kreislauf meines Lebens eigentlich dort, wo ich ihn begonnen habe, beenden müssen. Aber damit wurde es nichts und ich vertauschte bald das Krankenhaus dort mit einem solchen in Berlin und einige Monate später konnte ich, wenn auch „dauernd frontunfähig“, so doch immerhin „dienstfähig“ in Fürstenwalde an der Spree bei meinem ErsatzBataillon mich melden, um dort durch ständiges „Das Gewehr über!“, „Gewehr ab!“ dem Vaterlande aufs neue meine unschätzbaren Dienste zu weihen. Aller menschlichen Voraussicht nach hätte ich diese sinnvolle Tätigkeit bis zum 1 Smorgon (weißruss. Smarhon; jidd. ‫רגאן‬ ָ ‫סמא‬ ָ ), Stadt in Weißrussland, vom 17. Jhdt. bis zur Schoa überwiegend von Juden bewohnt, bis Mitte des 19. Jhdt. Eigentum der polnischen Fürsten Radziwiłł. 2 Hierzu konnte nichts ermittelt werden, da Gronemanns Personalunterlagen im Heeresarchiv, wie fast alle Unterlagen der Preußischen Armee, im Jahre 1945 bei einem Luftangriff auf Potsdam verbrannten. „Daher lassen sich nur sehr selten Unterlagen zu Teilnehmern des Ersten Weltkriegs bzw. Angehörigen der Preußischen Armee aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ermitteln.“ Mail an Jan Kühne von Juergen Adolph, Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv (17. 4. 2019). Hierzu: Vejas Gabriel Liulevicius, War Land on the Eastern Front: Culture, National Identity, and German Occupation in World War I. Cambridge 2000, 5.

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Kriegsende fortsetzen können, wenn ich nicht eines Tages in Berlin meinen alten Freund Hermann Struck3 getroffen hätte, der wieder mal auf Urlaub in Berlin weilte. Hermann Struck brauche ich wohl nicht zu schildern. Von den Angehörigen einiger wilder Stämme von Zentralafrika abgesehen, gibt es wohl wenige Menschen, die nicht einmal seine Gefälligkeit in Anspruch genommen haben. Er hatte gut sich in eine Wolke von Reserviertheit und Kälte zu hüllen. Er brachte an der Tür seines Ateliers in der Brücken-Allee ein Schild an, auf dem eindringlichst den Besuchern klargemacht wurde, daß seine Zeit kostbar sei, und er keine Muße hätte, sich über „Kunst und anderes dummes Zeug“ zu unterhalten. – Er ist bis heute Freiwild für alle möglichen Bittsteller geblieben, bei ihm werden Kummer und Sorge abgeladen, und man begreift nicht, wie er noch Zeit findet, seine prächtigen Radierungen und Gemälde zu schaffen und in hundert Vereinen, vor allem auch in unserem „Klub ehemaliger Intellektueller“ zu wirken. Heute gehört er dem genannten Verband freilich nur noch als korrespondierendes Mitglied an. Er hat sich, um endlich in Ruhe seiner Kunst leben zu können, nach Palästina geflüchtet und auf dem Bergabhang in Haifa sein Heim aufgeschlagen, nachdem er zu seiner Freunde und seiner eigenen Überraschung geheiratet hat. Wie er dazu die Zeit gefunden hat, ist unbegreiflich. Die Folgen seiner Flucht nach Palästina waren, daß der Fremdenzustrom nach dort sich unendlich vermehrt hat, da nun alle die Leute, die seine Hilfsbereitschaft in Anspruch nehmen, Wallfahrten ins Heilige Land antreten. Das Tuskulum4 von Hermann Struck ist ständig von Gästen überfüllt, man schläft auf der Diele, auf den Treppen und auf dem Dache, und es ist die besuchteste Einsiedelei der Welt geworden. Hermann Struck mußte mir also auch in meiner Not helfen. Ich bemerke, daß ich zu denjenigen gehöre, welche seine Hilfsbereitschaft nicht so skrupellos ausnutzen wie die anderen, sondern ich halte ihm im Gegenteil stets erst eine große Rede darüber, daß er die Pflicht hätte, sich der Ausbeutung seiner Gutmütigkeit zu 3 Herman Struck (1876 Berlin – 1944 Haifa). Maler u. Zionist, bekannt vor allem für seine Radierungen, u.  a. in dem mit Arnold Zweig herausgegebenen Das ostjüdische Antlitz (1920), sowie von berühmten Persönlichkeiten, wie bspw. Theodor Herzl, Albert Einstein, Henrik Ibsen, u.  a. Meldete sich freiwillig an die Front, leitete ab 1917 das Dezernat für jüd. Angelegenheiten in Ober-Ost, eisernes Kreuz für Tapferkeit. Überzeugter Zionist und neben Isaak Jakob Reines einer der Mitbegründer der Misrachi-Bewegung. Emigirierte 1922 nach Palästina, wo er an der Bezalel Akademie in Jerusalem unterrichtete u. das Tel Aviver Kunst Museum mitbegründete. S.  a. Jane Rusel, Hermann Struck (1876–1944). Das Leben und das graphische Werk eines jüdischen Künstlers, Frankfurt a.M. 1997 (mit Werkverzeichnis). In der Presseabteilung wurde Struck auch „Panjehäuptling“ genannt, vom polnischen „pan“, d.  h. „Herr“. Im Juliblatt des Almanach der Bösen Buben, s.  a. GKG, Bd 1, 28, 45. 4 Ruhiger, behaglicher Landsitz.

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entziehen und rundweg alle Bittsteller hinauszuwerfen. Dann erst pflege ich ihm meine persönlichen Bitten vorzutragen. Damals also traf ich den Kriegsfreiwilligen und Gefreiten Struck in der Synagoge der Lessingstraße. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn sah. Sein stattlicher schwarzer Herzl-Bart war noch vorhanden. 5 Es war das Gerücht umgegangen, der Bart sei im Kriege gefallen, und es war gar nicht auszudenken, welcher Jammer unter den Töchtern Judas entstanden wäre, wenn das Gerücht die Wahrheit gesprochen hätte, – übrigens nicht nur unter den Töchtern Judas! Es sei an dieser Stelle bemerkt, daß Hermann Struck sich von den Heiligen der Kirche im wesentlichen dadurch unterscheidet, daß diese in ihrer 10 Jugend ausgiebig lebten und erst später sich frommen Werken zuwandten, um die Kanonisierungskarriere einzuschlagen. („Hat man den Schwung nicht mehr, so wird man weise“, sagt Arnold Zweig5), während Struck von jeher die Funktionen des Lebemannes mit denen des Heiligen zu vereinen wußte. Er ist die seltsamste Mischung von Fakir und Bonvivant, die man sich denken kann. Wir sind 15 seit unserer Studentenzeit miteinander befreundet und haben damals manche literarisch-künstlerischen Sünden gemeinsam verbrochen. Das schöne Buch „Die Tulpenthaliade“, zu dem ich die Verse, er die Zeichnungen machte, dürfte kaum noch irgendwo aufzutreiben sein,6 und so sei der schöne Titelblattvers hiermit vor der ewigen Vergessenheit gerettet. Er lautet: 20

„Es quälten sich mit Kwone dran, H. Struck und Sammy Gronemann,“

wobei für die minder fortgeschrittenen Hebraisten bemerkt sei, daß „Kwone“ gleichbedeutend mit Inbrunst ist.7 Ich habe schon meine Leser gewarnt, wenn mir etwas Nettes einfällt, bringe 25 ich es an, ob es in den Zusammenhang paßt oder nicht, und wie ich eben von Hermann Strucks Herzl-Bart sprach, fiel mir eine hübsche Anekdote ein, die ich in Sicherheit bringen muß. Im Jahre 1900 gab Sir Francis Montefiore zu Ehren von 5 Arnold Zweig (1887 Glogau/Schlesien – 1968 Ostberlin), jüdischer, sozialistischer und antifaschistischer Schriftsteller sowie Dramatiker, u.  a. bekannt für seine literarische Aufarbeitungen des 1. WK, für den er sich freiwillig gemeldet hatte. Mit der Kurzgeschichte Judenzählung vor Verdun reagierte er auf den zunehmenden Antisemitismus und beginnt seine Wendung zum Pazifisten, die in späteren Werken sichtbarer wird, darunter sein bekanntester Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa, in dem er u.  a. Gronemann ein literarisches Denkmal setzt. Hierzu unten, S. 206. 6 Sammy Gronemann und Hermann Struck, Die Tulpenthaliade. NLI, Sign. R 4= 66 B 709 (1896). Hierzu: Mittelmann, Sammy Gronemann (1875–1952). Zionist, Schriftsteller und Satiriker in Deutschland und Palästina. Frankfurt a.M. 2004, 27–29. 7 Hier in jidd. Aussprache, hebr.: Kawwanah (‫) ַּכּוָ נָ ה‬: Absicht, Hingabe, als mystische Intention oder meditative Versenkung auch Schlüsselkonzept und -praxis in Kabbalah und Chassidismus.

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Theodor Herzl in London ein Bankett.8 Ein hoher englischer Diplomat, der sich durch die alles verdunkelnde Persönlichkeit des großen Begründers des modernen Zionismus etwas befangen fühlen mochte, machte zu David Wolffsohn9, der neben ihm saß, die spöttische Bemerkung: „Ich glaube, der Erfolg des Zionismus beruht nur auf der wunderbaren Schönheit des Dr.  Herzl. Wenn Dr.  Herzl sich seinen Bart abnehmen läßt, ist der Zionismus tot.“ Darauf erwiderte Wolffsohn lächelnd: „Möglich, aber ich versichere Sie, der Zionismus wird gleich wieder wachsen.“10 Ja – ich war also in der Synagoge in der Lessingstraße und habe nur eben, wie es in der Synagoge ja üblich ist, von allen möglichen, nicht zur Sache gehörigen Dingen geplaudert. Nach beendigtem Gottesdienst nahm mich Struck mit und wir unterhielten uns auf einem Balkon der Brücken-Allee, zu dem dauernd einige Wäsche legende Jungfrauen hinaufhimmelten. Er erzählte mir, daß er in Kowno am Sitze des Oberbefehlshabers Ost als jiddischer Dolmetscher tätig sei und daß dort ein zweiter Dolmetscher dringend gesucht würde. Er selbst wolle möglichst bald sich an die Front melden und außerdem sei er mit künstlerischen Aufträgen und mit der Erledigung von tausenderlei Gefälligkeiten für Offiziere und Kameraden und die eingeborene Bevölkerung überlastet. Der Hauptmann Berskau hätte ihn deshalb beauftragt, einen zweiten des Jiddischen kundigen Mann zu besorgen, und das sei gerade ein Posten für mich. Meinen Einwand, daß ich nur gerade notdürftig jiddisch lesen könne, ließ er nicht gelten, er versicherte mir, daß meine ganze Tätigkeit darin bestände, daß ich die in Wilna erscheinende Zeitung „Letzte Naijs“ (Neueste Nachrichten),11 das Blatt des Herrn Margolin12, zu zensieren hätte, und zwar handle es sich um eine sogenannte Nachzensur, das 8 Sir Francis Montefiore (1860–1935), Vorsitzender der English Zionist Federation, war ein Großneffe des britischen zionistischen Philanthropen Sir Moses Montefiore (1784–1885). Zu dem von Israel Zangwill (1864–1926) organisierten Bankett in London, s. Herzls Tagebucheintrag vom 13. Juni 1900: „I am awfully dinnered. / On commence à me s’arracher. / Vorgestern verlief das Maccabaean Club Dinner, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich sagte so wenig, daß man viel vermuten kann.“ Theodor Herzl, Tagebücher 1895–1904, Bd 3. Berlin 1925, 66. 9 David Wolffsohn (1856 Dorbiany/Kowno – 1914 Bad Homburg v.d.H.). Nachfolger Herzls als Präsident der Zionistischen Organisation. Für Gronemann war Wolfssohn „wirklich eine Inkarnation der dichterischen Gestalt“ von G.E. Lessings Nathan der Weise. Sammy Gronemann, Erinnerungen. Hg. Joachim Schlör. Berlin 2002, Kap. XXVII, 278. 10 S.  a. Sammy Gronemann, Wolfssohn-Anekdoten. Schlemiel 2, 1919, 20. 11 Von Zalmen Reyzen (1887 Koidanowo – 1941 verschollen) während des Krieges herausgegebene jiddische Wochenzeitung, „die eine neue jiddische Orthographie u. einen modernen Stil förderte.“ Samuel Kassow, YIVO, EJGK, Bd 6, 481. 12 Feiwel Shraga Margolin (1870 Glusk/Lublin – 1942 Tel Aviv), zu jener Zeit Geschäftsführer der Letzte Najis (‫נײעס‬ ַ ‫לעצטע‬, Letste Nayes). Hierzu: NLI, Sign. ARC. 4* 1195; Ben-Tsiyon Kats, ‫על עתונים‬ ‫[ ואנשים‬Über Zeitungen und Menschen]. Tel Aviv 1983, 53  f.

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heißt, dieses Blatt, das nach Vorzensur durch die Pressestelle in Wilna herauskäme und versandt würde, gelange an unsere Presseabteilung erst drei bis vier Tage, nachdem alle Abonnenten es empfangen hätten, und dann hätte ich gewissenhaft nachzuprüfen, ob der Zensur in Wilna irgendwelche militärisch oder poli5 tisch gefährliche Stellen entgangen seien. Nun – dazu hielt ich mich allenfalls für fähig, und so versprach mir Struck, daß ich umgehend vom Hauptquartier angefordert werden würde. Wir riefen uns ein fröhliches „Auf Wiedersehn in Kowno“ zu und trennten uns; ich wandelte langsam durch den Tiergarten nach Hause, während er fortstürzte, um für einen jungen mittellosen Maler eine Freiwohnung 10 zu suchen, einer Exzellenz im Botschafterviertel Rat für die künstlerische Ausgestaltung irgendeines patriotischen Festes zu geben und dann noch dem Talmudvortrag eines polnischen fremden Rabbiners durch seine Anwesenheit Glanz zu verleihen. Da diese drei Tätigkeiten an drei verschiedenen Punkten Berlins zu erledigen waren und am Sabbat ja alles zu Fuß erledigt werden mußte,13 war solch 15 Sabbat während der Urlaubszeit für Struck einigermaßen anstrengend. Danach mußte freilich der Dienst in Kowno, so wie er mir geschildert war, eine ruhige Angelegenheit sein, und so fuhr ich denn am nächsten Tage froher Dinge nach Fürstenwalde zurück.

Dienstantritt 20 Einige Wochen später kam dann die ersehnte Anforderung. Ich wurde „in Marsch

gesetzt“, nachdem man mich mit funkelnagelneuer Uniform und Ausrüstung versehen hatte, damit ich beim Hauptquartier den nötigen Eindruck zu machen in der Lage wäre. Da ich keinerlei kriegerische Absichten hatte, verdroß es mich einigermaßen, daß ich mit einem Gewehr neuesten Kalibers versehen und mit 25 hundertachtzig Patronen beschwert wurde. Mein Hinweis darauf, daß es sich bei der Presseabteilung doch nicht um eine Revolverpresse handeln könne, blieb erfolglos, ich mußte meine Waffen bis nach Kowno schleifen, wo ich sie dann endgültig los wurde. Ich traf am zweiten Pfingstfeiertag 1916 in Kowno ein und fuhr mit der Pferde30 bahn, einem vorsintflutlichen Beförderungsmittel, in die Stadt hinein. Sie liegt – so wie es Baedeker in solchen Fällen vorschreibt – malerisch am Flusse, in diesem Falle am Niemen, und man ist einigermaßen überrascht, in diesem Erdenwinkel, 13 „In ganz Kowno kann am Sabbat kein Mensch Droschke fahren, da sämtliche Kutscher Juden sind. Genau so ist es auch in Bialystok und zum großen Teil in Wilna“, erklärt Gronemann weiter unten, auf S. 75, mit Bezug auf das Arbeits- und Fahrverbot an Schabbat.

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Strasse in Kowno

der, von der Perspektive der Friedrichstraße gesehen, als eine Art Rendezvousplatz für Polarfüchse erscheint, an die Riviera gemahnende Farben zu erblicken. In der Tat aber zeigt der Himmel ein tiefes Blau wie an der Cote d’Azur, und die reizend geschwungenen Hügel, die kleinen, bunten Häuschen mit den vielen netten Schnitzereien sehen anheimelnd genug aus. Auch fehlt es keineswegs an 5 jener Patina von Schmutz, welcher Land und Volk von Italien einen Teil ihrer malerischen Wirkung verdanken. Der plumpe, protzige griechische Dom freilich, der zwischen die ärmlichen Häuschen gestellt ist, stört das idyllische Bild. Ich habe auch späterhin nie begreifen können, wieso dieser Dom Struck zu so vielen Bildern reizen konnte.1 Vielleicht spielte da das Heimweh nach manchen Produk- 10 ten neukaiserlicher Architektur in Berlin eine Rolle. Ich suchte natürlich zunächst Strucks Wohnung auf, der sich im Gebäude des Feldrabbiners Dr. Rosenack2 einquartiert hatte. Struck war auf „Dienstreise“.

1 Die um 1410 im gotischen Stil begonnen St. Peter u. Paul Kathedrale, die hier auf der ursprünglich farbigen Zeichnung von Hermann Struck zu sehen ist. Sie befindet sich nicht in der Originalausgabe und wird hier dank der freundlichen Genehmigung von Nathan Bernstein und der Reproduktion von Adam Sender hinzugefügt. 2 Leopold Rosenak (1868 Nadas/Ungarn – 1923 auf See), Rabbinerstudium in Bratislava u. Berlin, Promotion in Bern, Leiter der jüd. Gemeinde Bremen. Verdienste um Förderung des Schulwesens in Litauen u. um die Integration ostjüdischer Flüchtlinge in Deutschland. Freiwilliger Feldrabbiner, Träger des Eisernen Kreuzes u. Hanseatenkreuzes. Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945. Biographisches Handbuch der Rabbiner, Bd 2, Hg. Michael Brocke u. Julius Carlebach, München 2009, 506  f.

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Kowno, Gemälde von Hermann Struck

Ich requirierte bei ihm allerhand gute Dinge  – es herrschte auch späterhin in jenem Gebäude eine Art Kommunismus, der sich bis nahe an die Zahnbürsten erstreckte – und belegte einen riesigen kahlen Raum neben Strucks Zimmer als Quartier. Dann stöberte ich Hans Goslar3 auf, den Begründer des Herzl-Klubs in 5 Berlin, von dem ich wußte, daß er die litauische Zeitung „Dabartis“4 redigierte. Ich fand ihn in seiner Redaktionsstube, einem kleinen Loch, inmitten einer erschütternden Unordnung, die mich sympathisch berührte. Er hielt anscheinend mit großer Befriedigung die eben von der Presse gekommene neueste Nummer der „Dabartis“ in der Hand, und ich glaube, daß kaum ein Redakteur jemals eine so 10 ungetrübte Befriedigung an seinem Blatt haben konnte, wie Hans Goslar. Keine ärgerlichen Druckfehler konnten den Frieden seiner Seele stören  – er konnte nämlich kein Wort litauisch. Das ist wörtlich zu verstehen. Er war nicht etwa mit anderen deutschen Redakteuren zu vergleichen, unter denen es viele gibt, von denen mit mehr oder weniger Recht behauptet werden kann, daß sie kein 15 Deutsch verstehen, sondern er war wirklich vollkommen unbefangen, er kannte nicht einmal das Alphabet der Sprache des Blattes, dessen Chefredakteur er war. 3 Hans Goslar (1889 Hannover – 1945 KZ Bergen-Belsen), dt. Journalist (u.  a. Deutsche Allgemeine Zeitung u. Vossische Zeitung), einer der führenden Vertreter der Jüdischen Volkspartei, Pressechef des preußischen Staatsministeriums während der Weimarer Republik. 4 Dabartis (litau.: Gegenwart), Bialystok, zweiwöchentlich. Hierzu Liulevicius, War Land on the Eastern Front, 123. S.  a. Sieben Sprachen Wörterbuch. Hg. von Presseabteilung des Oberbefehlshaber-Ost. Leipzig 1918, 6.

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Nur ein in militärischen Dingen absolut unerfahrener Mensch wird das auffallend finden. Der Landsturmmann Goslar war kommandiert, eine litauische Zeitung zu redigieren, Befehl ist Befehl – und also tat er es; man sagt sogar, er hätte seine Aufgabe sehr gut erfüllt. Um aber auch militärischen Laien die Situation klar zu machen, will ich hier gleich einen Dialog einflechten, der sich, freilich ein Jahr später, zwischen dem Leutnant D., dem Leiter des Buch-Prüfungsamtes, und Leo Deutschländer5, dem später dorthin kommandierten hebräischen Dolmetscher, abspielte. – Leo Deutschländer erhielt eines Tages einen großen Haufen Bücher auf den Tisch gelegt. Er nahm die Bücher unter den Arm und ging zu Leutnant D., den er darauf aufmerksam machte, daß die Bücher litauisch wären, während er nur hebräischer Dolmetscher sei. „Ja, da hilft nichts“, sagte der Leutnant, „der litauische Dolmetscher ist verreist, Sie müssen diesmal ihn vertreten.“ „Aber ich kann kein Wort litauisch“, sagte Deutschländer. „Sie können doch hebräisch?“ „Jawohl, Herr Leutnant.“ „Na also, litauisch ist viel leichter als hebräisch! Wegtreten!“ – Goslar also fuhr mit großem Jubelgeschrei in die Höhe, als er mich erblickte, wobei unzählige Notizzettel durch die Luft gewirbelt wurden, suchte mir eine Sitzgelegenheit zu verschaffen und entwickelte eine rege wirtschaftliche Tätigkeit. Er wollte mich absolut bewirten. Er rührte mit dem Füllfederhalter den Kakao an und versuchte mir mit der Redaktionsschere ein Marmeladenbrötchen zu schmieren. Zwischendurch gab er mir die notwendigen Informationen über die lokalen Verhältnisse. Von ihm erhielt ich die ersten Berichte über die Situation der Juden dort, die er natürlich von seinen beiden Spezialgesichtspunkten aus erfaßte, vom volkswirtschaftlichen und vom sexualethischen. Es stellte sich, um den letzten Gesichtspunkt voranzustellen, heraus, daß er in sämtliche jüdische Mädchen Kownos verliebt war, aber noch nicht die persönliche Bekanntschaft einer einzigen gemacht hatte. Er konnte aber nicht genug von ihren schönen Augen und ihrer Grazie und ihrem sittsamen, bescheidenen Wesen erzählen. Volkswirtschaftlich aber hatte er viel Kummer zu erdulden. Er hatte gewissenhafte Erhebungen angestellt und Statistiken angelegt, um die Kalkulationsmethoden der Kaufleute und Krämer zu ergründen und hatte damit elend Schiffbruch gelitten. Alle seine Erfahrungen ließen ihn hier im Stich. Er hatte in der Hauptstraße, der Kaiser-Wilhelm-Straße (alle Straßen waren von der Okkupationsbehörde umgetauft und hatten deutsch-patriotische Namen erhalten) Geschäft für Geschäft abgeklappert und feststellen müssen, daß die Preise für dieselben Gegenstände 5 Leo Deutschländer (1889 Berlin – 1935 Wien), Rabbiner, Pädagoge, Promotion in Geschichte u. Literatur. Mitbegründer des ersten orthod. Gymnasiums in Kowno u. des poln. Bais-Yaakov Schulnetzwerks für Mädchen von Sara Shenirer. Veröffentlichte u.  a. Goethe und das Alte Testament (1923).

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Struck    Goslar   Gronemann Besuch in der „Dabartis“

unendlich ­variierten. Er hatte weiter aber auch feststellen müssen, daß in demselben Geschäft den verschiedenen Kunden je nach dem Eindruck, den sie machten, die verschiedensten Preise gemacht wurden. Irgend etwas von moderner Buchführung, selbst primitivster Art, hatte er nirgends, von ganz großen Geschäften 5 abgesehen, entdeckt, und sein Herz war von Bitterkeit und Trübnis erfüllt. Noch jetzt, wenn er als prominentes Mitglied des „Klubs ehemaliger Intellektueller“ auf diese Dinge zu sprechen kommt, verfinstern Schatten seine sanften Züge. Als ich damals Miene machte, aufzubrechen, um mich bei dem Chef, dem Hauptmann B.6, vorzustellen, brach wieder seine hausfrauliche Natur durch. Er 10 musterte mich in meiner Ausrüstung mit äußerster Strenge und zupfte noch an meiner Halsbinde, als er sich von mir vor der Tür der Presseabteilung trennte. Er schilderte mir – und solche Schilderungen hatte ich auch schon von anderer

6 Friedrich Bertkau war seit 1912 Journalist im Ullstein-Verlag und leitete die Presseabteilung Ober Ost von November 1915-Februar 1918. Promovierte über Das amtliche Zeitungswesen im Verwaltungsgebiet Ober-Ost. Beitrag zur Geschichte der Presse im Weltkrieg. Berlin, 1928. Liulevicius, War Land on the Eastern Front, 115.

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Seite gehört – den Hauptmann als grimmigen Vertreter des Gamaschendienstes und äußerst schweren Pedanten, alles zittere vor ihm. Nun, ich fand Wohlgefallen in seinen Augen und hatte mich über ihn nie zu beklagen. Er hat mir eine Reihe von Liebenswürdigkeiten und schließlich einen sehr großen Dienst erwiesen. Richtig ist nun freilich, daß er mit seinen Leuten im allgemeinen nicht eben immer glimpflich verfuhr. Für einen zur alleinseligmachenden Infanteriefelddienstordnung schwörenden Fanatiker militärischer Nüchternheit war es aber auch eine schwere Aufgabe, mit dieser Horde von Dichtern, Journalisten, Malern, Bildhauern auszukommen. Die Presseabteilung war vielleicht die unmilitärischste Formation der ganzen Armee. Der Ehrgeiz jedes einzelnen fast ging dahin, sein Haar möglichst ungehemmt wachsen zu lassen. Und wenn man nun bedenkt, daß für unseren Hauptmann der Anblick eines nicht glatt am Kopf geschorenen Mitteleuropäers ein Nagel zu seinem Sarge war, kann man sich vorstellen, wie besagter Sarg am Ende ausgesehen haben muß. Vielleicht habe ich das Wohlwollen meines Chefs durch meine Glatze errungen, deren Ausdehnung und Wertbeständigkeit alle Besorgnisse nach dieser Richtung ein für allemal restlos beseitigte. – Übrigens entwirft Dehmel7 in seinem Kriegstagebuch ein interessantes Porträt dieses Hauptmanns.8 Wenn er sich auch bemühte, trotz oder gerade wegen der Differenz, die er mit ihm hatte, sehr objektiv zu sein, schildert er ihn doch allzu lieblos. Eins muß ich jedenfalls feststellen: Der Chef unserer Presseabteilung war ein Mann, der Bücher las und sogar gute Bücher. Man konnte ihn in seinem Büro z.  B. bei der Lektüre von Dostojewsky finden. Literarisches Interesse und Verständnis ist nicht gerade die Voraussetzung für den Inhaber eines militärischen, selbst eines halb literarischen Postens. Zum Beleg dafür will ich etwas von dem Nachfolger

7 Richard Dehmel (1863 Hermsdorf – 1920 Blankenese), bedeutender Vorkriegslyriker und Vorbild für den Expressionismus. Er hatte sich für die ungeheure „Opferfreudigkeit“ der Kriegsgesellschaft begeistert, meldete sich 1914 freiwillig zur Infanterie und starb 1920 an einer im Krieg zugezogen Krankheit. Über seine Zeit als Buchprüfer für die Zensurbehörde Ober Ost (Sept.-Nov. 1916) schreibt er in Richard Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit. Berlin 1919, 448–457. S.  a. Sabina Becker, „Kreuzzug des Geists zur Rettung des Menschen“: Die Expressionisten und der Erste Weltkrieg. KulturPoetik 16.2 (2016), 224. 8 „Er ist der geborene Polizei-Inspektor, hat die Allüren der Tüchtigkeit, versteht seine Unter­ gebenen ‚heranzukriegen‘, kühl bis zum glatten Scheitel hinan, nett aus Schlauheit, aber ein ehrlicher Egoist, daher trotz seiner Gewandtheit kein Schleicher, u. wenn man sich auf den Dienstfuß zu ihm stellt, lässt sich ganz gut mit ihm auskommen. Wer das freilich nicht versteht, wie zum Beispiel Herbert Eulenberg oder gar der köstliche Magnus Zeller, den zwiebelt er mit bestem Gewissen. Denn er ist politisch liberal, hat also einen natürlichen Abscheu gegen jegliche Freigeisterei, außerdem noch als Journalist ein berufliches Misstrauen gegen die Kunst; wir nennen ihn unter uns ‚den Argus‘. Zum Glück wird sein Einfluss nach oben hin etwas abgedämmt durch seinen Vertreter, den aktiven Oberleutnant Fr.“ Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit, 456.

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des Hauptmann B. erzählen, dem Oberleutnant G., dessen kurze Wirksamkeit an der Presseabteilung auf einmal eine lebhafte Sehnsucht nach dem von vielen so oft weggewünschten Vorgänger hervorrief: Eines Tages traf ich vor dem Bücherstand den Burschen des genannten Ober5 leutnants, wie er eifrig zu suchen schien. Ich fragte ihn, ob er gerne lese, und der treuherzige und schwatzhafte Mann erzählte mir: „Oh, ick lese for mein Leben jerne, ick jebe all mein Geld for Bicher aus – der Oberleutnant liest ooch jerne – ick muß ihm imma sajen, wat mir jefallen hat und det pump’ ick ihm denn.“ „Na“, fragte ich, „habt ihr denn immer den gleichen Geschmack?“„Nee – det nu jrade 10 nich – da hab’ ick jetzt son Buch jelesen, det is ein Schauspiel – also det is beinah’ wie son Liebesroman, ,Maria Stuart‘9 heßt et – det hab’ ick ihm ooch jejeben, aber det hat er mir wiederjebracht – er wäre bloß bis zum dritten Akt jekommen – det langweilte ihn.“

Zeitungsbote mit Kownoer Zeitung

Dem Burschen lag sicher jede Ironie fern, und die naive Erzählung erscheint für

15 jeden, der einmal mit dem Herrn Oberleutnant zu tun hatte, nicht unglaubwürdig;

aber für den Leiter der Presseabteilung, welcher die geistige Kultur Deutschlands im besetzten Gebiet zu vertreten hatte, ist das immerhin allerhand. An jenem Nachmittag klappte ich meine Hacken noch an verschiedenen Dienststellen hörbar zusammen  – wobei ich mir immer ungeheuer kriegerisch 20 vorkomme  – und spazierte abends mit Hans Goslar durch die Straßen meines neuen Wirkungskreises, um ihm einmal die Stadt zu zeigen, in der er seit Monaten hauste. So konnte ich ihn denn auch in die von mir sofort entdeckte Konditorei der 9 Vgl. Friedrich Schillers Drama Maria Stuart.

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Madame Steinbach einführen, deren herrliche Käsekuchen und Omeletts für die nächsten Jahre der Trost unserer Abende wurden, und ihn mit der hübschen Sonia K. bekannt machen, die nebenan in der Teestube ihrer Mutter, wenn ihr die Bedienung der Gäste Zeit ließ, ihre unterbrochenen Gymnasialstudien fortsetzte. Durch die Gassen aber liefen barfüßige schwarzäugige Jungen, mit gewaltigem Geschrei 5 die neueste Nummer der „Kownoer Zeitung“10 und die „Letzte Naijs“11 ausrufend. Ich nickte ihnen stolz zu; in einigen Tagen würde mir dieselbe Nummer zugehen, und ich würde mit dicken Rotstiftstrichen all das Gemeingefährliche anzeichnen, das vier Tage vorher hätte verboten werden müssen. – Ich freute mich ordentlich auf diese harmlose Art einer Schreckensherrschaft. 10 Aber es kam ganz anders. O Hermann Struck – hast du mir jemals etwas von Quecken erzählt?!

Quecken Der Leutnant von Wilpert1, der Leiter der Übersetzungsstelle, welchem ich zugeteilt war, war ein ganz reizender Mensch. Das stellte sich aber erst später heraus. 15 An jenem Morgen aber, an dem ich meine Tätigkeit begann – beginnen wollte ist richtiger – erfüllte er mein Gemüt mit Schrecken und Furcht. Ich hatte eben meinen neuen Kameraden, den polnischen, litauischen, lettischen, weißruthenischen, russischen Dolmetschern, mich vorstellend die Hand geschüttelt und mich an meinem Tisch niedergelassen, auf den die Ordonnanz schon ein halbes 20 Dutzend Nummern der „Letzten Naijs“ gelegt hatte, die durch Strucks Dienstreise unerledigt geblieben waren – ich suchte meinen Rotstift, als sporenklirrend der Leutnant aus seinem Zimmer kam, einen eng bedruckten Foliobogen auf meinen Platz warf und mich anwies, diese Bekanntmachung schleunigst ins Jiddische zu übersetzen. 25 Entgeistert starrte ich auf das Unglückspapier, auf dem gewaltige rote Vermerke „Eilt – sehr!!!“ und „Sofort zu übersetzen und zu plakatieren!!!“ angebracht 10 Deutsche Zeitung des Soldatenrats Kowno (Jan. 1916  – Nov. 1918), Herausgeber war Hans Osman. 11 Jiddische Zeitung, Wilna, erschien ab Januar 1916. S.  a. oben, S. 13, Fn. 12. 1 Friedrich von Wilpert (1893 Dzukste/Lettland – 1990 Bonn), im Litauischen Telegraphenbüro, ab 1920 Redakteur der Danziger Neuesten Nachrichten (DNN), studierte nach dem Krieg Nationalökonomie in Berlin, später NSDAP-Mitglied. Hermann Schäfer, Chronist rotarischer Geschichte. Rotary Magazin 1. 7. 2018, https://rotary.de/gesellschaft/chronist-rotarischer-geschichte-a-12724. html (6. 6. 2019)

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waren, die meine Verlegenheit nicht eben verminderten.  – Wie sollte ich eine Übersetzung ins Jiddische zustande bringen, wenn ich dieser Sprache nicht im mindesten mächtig, sondern nur eben gedruckte Texte zu lesen imstande war. – Aber wie wurde mir erst, als ich mechanisch den deutschen Text zu lesen begann. Die Überschrift lautete: „Verordnung über zweckmäßige Maßnahmen gegen die Quecke.“ – Quecke? Was ist – wer ist Quecke? – Ein schädliches Reptil? – Eine Infektionskrankheit? – Eine religiöse oder politische Sekte? –Das Studium der Verordnung ergab soviel, daß die Quecke auch unter dem Namen „Mutterkorn“ bekannt war – sollte mir mein Freund, der Sexualethiker,2 helfen können? – Aber soviel bekam ich allmählich doch heraus, daß es sich um eine landwirtschaftlichbotanische Angelegenheit handelte, um irgendein dem Getreidewuchs abträgliches Unkraut, das ausgerottet werden mußte.3 Wenn es nun irgendein Gebiet auf der Welt gibt, auf dem ich noch unwissender bin, als auf allen anderen, so ist es das der Agrikultur. (Trotzdem habe ich bisher noch kein Werk über die Landwirtschaft in Palästina geschrieben.) – Und nun saß ich vor einem umfangreichen, drei Foliodruckseiten umfassenden Elaborat voll von naturwissenschaftlichen, botanischen und agrarischen Fachausdrücken, die reizvoll in die schönsten Schachtelsätze von Verwaltungs- und Juristendeutsch verwoben waren. Unmöglich, einen Sinn hineinzubringen. Und das sollte ich in eine mir fremde Sprache übersetzen. Ich verstand nicht einmal den sogenannten deutschen Text. – Und dann „Sehr – eilig!!!“ – Struck verreist und ich allein mit der Quecke. Mir schwante ein schnelles Ende meiner Dolmetscherherrlichkeit – Entlarvung und Entlassung mit Schimpf und Schande – es war gar nicht abzusehen, was kommen konnte. Die Blicke der Kameraden im Zimmer waren, wie ich fühlte, auf mich gerichtet. Niemand tat etwas, außer einem jungen Mann in Jägeruniform, der irgend etwas in seiner Schublade kramte, aus der es seltsam tickte;  – alle saßen, die Hände in den Taschen, auf ihren Stühlen zurückgelehnt und starrten mich an. Sie hatten wohl ihre Queckenarbeit schon hinter sich und warteten ungeduldig auf den fehlenden jiddischen Text. Ich fühlte, daß meine Verlegenheit offenbar werden mußte und begann in meiner Not langsam in jiddischen Buchstaben den deutschen Text auf einem Bogen nachzumalen, also eine einfache Transkription anzufertigen. Diese blöde mechanische Tätigkeit absorbierte mich mehr und mehr und mit wachsendem Eifer bedeckte ich das Blatt mit den krausen hebräi­ schen Lettern; vielleicht bildete ich mir zuletzt selbst schon ein, daß ich auf diese 2 Hans Goslar, vgl. oben, S. 17 3 Toxischer, getreidebefallender Pilz, dessen Erforschung durch den Schweizer Chemiker Albert Hofmann (1906–2008) im Jahre 1938 zur Synthetisierung des halluzinogenen Lysergsäurediethylamid (LSD) führte.

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Weise etwas leistete. – Plötzlich aber bemerkte ich, daß meine Tätigkeit die Kameraden beunruhigte. Sie steckten die Köpfe zusammen und hielten anscheinend Schauri4. Bisweilen schritt jemand langsam hinter meinem Stuhl vorüber und bemühte sich offenbar, mir über die Schulter zu blicken. Sollte es möglich sein, daß jemand von ihnen soviel davon verstand, daß er merkte, daß ich nur deutsch mit hebräischen Schriftzeichen schrieb? Im höchsten Grade unwahrscheinlich. Aber doch – die Unruhe wuchs merkbar, und jetzt kam gewichtig einer der Herren auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und sprach: „Entschuldigen Sie, daß ich Sie in Ihrer eifrigen Arbeit störe!“ Ich ließ die Feder sinken und starrte ihm ins Gesicht. Nun wars vorbei! „Pflegen Sie immer so zu arbeiten?“ Mir wurde sehr, sehr schwül. „Wie – meinen Sie das?“ „Na. – Es wirkt ja direkt aufreizend, wenn man sieht, wie Sie so blitzschnell diese Hieroglyphen kritzeln. – Immer sachte mit die jungen Pferde. – Wenn Sie so fortmachen, sind Sie ja noch heute fertig. Sehen Sie, wir haben alle die Queckensache schon seit drei Wochen liegen, und außer dem einen Polen hat noch keiner auch nur angefangen. – Sie bringen uns ja alle ins Schlamassel! – Und wenns einmal so schnell geht, bekommen wir am Ende noch mehr Arbeit. – Wir müssen doch auch zeigen, daß wir schwere Arbeit leisten. – Mensch, leben Sie sich doch erst mal bei uns ein!“ Also das war’s!  – Hier auch galt der alte vielbewährte Grundsatz, den ich schon aus meiner Referendarzeit kannte und den ich stets gern befolgt hatte: Keine Akte ist so eilig, daß sie nicht durch Liegenbleiben noch eiliger werden könnte! Ich atmete erleichtert auf! – Mit diesem Grundsatz ließ es sich arbeiten, und jedenfalls hatte ich Zeit gewonnen. – Daß nach solcher Methode im Bereich des Militärs verfahren wird, hatte ich schon in meiner Ausbildungszeit als Rekrut erfahren. Zum ersten Male war es mir aufgegangen, als eines Tages in Rathenow ein Unteroffizier und sechs Mann, zu denen ich gehörte, zum Sortieren von Patronenhülsen kommandiert waren. Der Herr Unteroffizier setzte sich auf eine Kiste, zündete sein Pfeifchen an und ließ die Beine herabbaumeln. Wir aber machten uns mit Eifer an die Arbeit, so daß ich nach einer Stunde ihm stolz die Beendigung des Werkes melden konnte. Selten habe ich einen Menschen so entgeistert gesehen, wie damals den Herrn Korpo-

4 Schauri: bezeichnet bei den Suaheli Ostafrikas eine Verhandlung oder Beratung der Häuptlinge untereinander oder mit Fremden, desgleichen auch Streit und Krieg; entspricht dem Palaver (Westafrika).

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ral. – Erst nach Minuten konnte er sprechen. Dann aber ergoß sich eine Flut von Beschimpfungen über uns; er rief die ganze Welt zu Zeugen dafür an, daß es solch dämliche Rekruten noch nie gegeben habe. Schließlich sprang er von seiner Kiste herab, schüttete all unsere sorglich auseinandersortierten Hülsen wieder in eine Kiste und befahl: „Noch einmal anfangen! Und mindestens drei Tage hat es zu dauern! Sollen wir denn morgen wieder zu dem dämlichen Dienst!“ – Die selige Frau Penelope hat ja nach einem ähnlichen System gearbeitet,5 und so wurde es mir durch meine humanistische Ausbildung nicht schwer, mich bald und gründlich an diese Methode zu gewöhnen, die im übrigen in den meisten öffentlichen Betrieben sich eingebürgert hat und deren Ergründung allein vielleicht den Schlüssel zu der Frage geben kann, wieso Privatbetriebe im allgemeinen rentabler geführt werden als öffentliche. – Jedenfalls kam mir in jener kritischen Situation es sehr zustatten, daß die gekennzeichnete Arbeitsmethode auch im Bereich der Presseabteilung in Geltung war. Ich konnte mir für die Bekämpfung der Quecke, auch Mutterkorn genannt, Zeit nehmen und zuvörderst die Heimkehr von Struck erwarten, um festzustellen, wie er denn eigentlich der Sprachenschwierigkeiten Herr wurde. – Ich entdeckte inzwischen in den Akten eine straßenpolizeiliche Verfügung nebst der Übersetzung von Strucks Hand. Meine Bewunderung seiner Fertigkeit aber verwandelte sich in Verwunderung, als ich am selben Tage in einer Nummer der „Letzten Naijs“, welcher dieser Text zur Veröffentlichung übersendet war, einen ganz und gar anderen Wortlaut vorfand. Offenbar hatte der Redakteur auf eigene Faust wieder Strucks Text übersetzt. So schwand auch mein Glaube an meines Freundes unbedingte Autorität, und bekümmert schielte ich nach den anderen Dolmetschern, die doch sicher in ihrer Sprache geruhig ihre Posten versehen konnten. Aber da kam mir, der ich nervös in den Vorgängen blätterte, eine geharnischte Beschwerde eines Ortskommandeurs in die Hände, wonach unverzüglich eine Neubesetzung des Postens des weißruthenischen Dolmetschers gefordert wurde, und zwar aus folgendem Anlaß. In jenem Straßenreglement war unter anderem für einen bestimmten Bezirk angeordnet, daß jeder Zivilist, wenn er einem deutschen Offizier begegnen würde, gehalten sein solle, den Hut zu ziehen und höflich zu grüßen. In der weißruthenischen Übersetzung aber hatte es wörtlich geheißen: „Jeder Bürger, wenn er einen Offizier trifft, hat er ihm die Kopfbedeckung herabzunehmen, ihm die Hand zu geben und lächelnd »gutes Gedeihen« zu wünschen.“ – Diese mangelhafte und dem Sinn der Verordnung keineswegs

5 Frau des Odysseus, die in dessen zwanzigjähriger Abwesenheit ihre Freier vertröste, in dem sie vortäuschte, ein Leichentuch für ihren Schwiegervater Laërtes fertig zu weben, das sie aber nachts wieder auftrennte. Homer, Odyssee 2:93–110; 19, 134–156.

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gerechtwerdende Fassung habe, so besagte die Beschwerde, die ärgerlichsten Zwischenfälle zur Folge gehabt. – Ich schloß aus diesem Schriftstück, daß es der Presseabteilung gelungen sein mußte, auch für andere Sprachen so hervorragende Kräfte zu gewinnen wie mich, und daß der weißruthenische Schriftleiter bösartiger sein mußte, als der wohlwollende Verbesserer Struckscher Stilbeson- 5 derheiten in der „Letzten Naijs“. Immerhin nahm ich mir vor, nur tadellose jiddische Übersetzungen zu liefern. Und damit stand jedenfalls das eine fest, daß ich persönlich mich an keine einzige wagen durfte.

Perfekt Jiddisch Jiddisch lernen ist keine so einfache Angelegenheit, wie es sich etwa der Anwoh- 10 ner des Hausvogteiplatzes vorstellen mag, der sich einbildet, es sei mit dem Einmengen möglichst vieler hebräischer Ausdrücke in ein durch allerhand Inversionen gräßlich verunstaltetes Zeitungsdeutsch getan. Mit „Chuzpe“ und „Schtuß“ ist es nicht zu machen, und auch wenn man des Frankfurter Lokaldichters Friedrich Stolze1 amüsante Verse geläufig lesen kann, ist man dem Problem 15 nicht nähergekommen. Da hat es ein anderer Frankfurter Poet schon gründlicher angepackt, nämlich Wolfgang Goethe. Ich bin nicht der Meinung des Hamburger Goetheforschers Louvier, der in dickbändigen Werken den Nachweis zu erbringen sucht, daß der Faust eigentlich in Jiddisch geschrieben ist.2 – Jakob H. Wagner3 in Berlin, mein alter Freund, scheint als Gewährsmann für jüdische Sprach- und 20 Volkskunde den Hamburger Gelehrten oft und nicht unabsichtlich aufs Glatteis geführt zu haben. – Tatsache ist, wie sich aus Dichtung und Wahrheit ergibt, daß der junge Goethe eifrig sich um die Erlernung des „Judendeutsch“ bemüht hat.4 1 Friedrich Stoltze (1816–1891), bekannt als Mundartendichter Frankfurt am Mains, aber auch als Verfasser politischer Schriften sowie als Herausgeber der Satirezeitschrift Frankfurter Latern. 2 Ferdinand August Louvier (1830–1900), Hamburger Pädagoge und Schriftsteller. Zu Faust, u.  a. Goethe als Kabbalist in der „Faust“-Tragödie. Berlin 1892. 3 Jacob H. Wagner (gestorben ca. 1923), bibliophiler Zionist. Unklar ist, was mit seiner 18000 Nummern umfassenden Bibliothek geschah, die nach Palästina überführt werden sollte. Hierzu Bibliothek Jacob H. Wagner, Eine Übersicht. Bliographische Notizen. Hg. Aaron Z. Aescoly. Berlin 1921. 4 Als Kind arbeitete Goethe an einem mehrsprachigen Briefroman, in dem sieben in der Welt zerstreute Geschwister miteinander in verschiedenen Sprachen kommunizierten, darunter „der jüngste, eine Art von naseweisem Nestquackelchen, [der,] da ihm die übrigen Sprachen abgeschnitten waren, sich aufs Judendeutsch gelegt“ hatte. Dazu weiter in Dichtung und Wahrheit: „…  indem ich mir das barocke Judendeutsch zuzueignen und es ebenso gut zu schreiben suchte, als ich es lesen konnte, fand ich bald, daß mir die Kenntnis des Hebräischen fehlte, wovon sich

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Hat er doch eigentlich zu diesem Zweck Hebräisch erlernt, um sich so vor allem mit den Schriftzeichen vertraut zu machen. Denn Jiddisch wird mit hebräischen Lettern geschrieben. – Übrigens muß ich an dieser Stelle eine literar-historische Entdeckung einschalten, auf die ich nicht wenig stolz bin und auf Grund deren ich noch einmal zum Ehrendoktor einer Fakultät promoviert zu werden hoffe. Ich behaupte und glaube es belegen zu können, daß das populärste Wort aus dem gesamten Lebenswerk Goethes, das einzige, das so recht ins Volk gedrungen ist und allerorten zitiert wird – es steht im Götz5 – von dem Dichter der jiddischen Literatur entlehnt ist, jedenfalls aber nicht erst durch ihn bühnenfähig gemacht wurde. Dieses berühmte und oft gebrauchte Wort – nach dem Ausspruch eines bayrischen Richters dient es in Süddeutschland dazu, „ein Gespräch zu beginnen, es zu beenden oder ihm eine andere Wendung zu geben“ – findet sich nämlich nicht einmal, sondern häufig und in allerhand Varianten wiederkehrend in dem alten Purimspiel von der Königin Esther, das 1708 zuerst und dann in ständiger Wiederkehr in Frankfurt aufgeführt wurde.6 Dort ist es sogar sozusagen aus der Situation geboren: Haman fordert immer wieder, daß Mordechai sich vor ihm bücke; dieser ist dazu prinzipiell geneigt, aber – wie drücke ich das zart aus? –, aber in topographisch veränderter Haltung, und erläutert diese Absicht in unmißverständlichen Ausdrücken. Dieses Purimspiel hat Goethe als Knabe und Jüngling oft gesehen – in seinem Jahrmarktfest von Plundersweiler findet sich die Reminiszenz7 – und so hat er dieses Zitat von der jiddischen Bühne benutzt, um den derben deutschen Ritter in all seiner germanischen Ursprünglichkeit zu charakterisieren. – Es wäre ein Thema für das Goethe-Jahrbuch!

das moderne verdorbene und verzerrte allein ableiten und mit einiger Sicherheit behandeln ließ. Ich eröffnete daher meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung: denn ich hatte noch einen höhern Zweck.“ (Buch 1, Kap. 4. Münchener Ausgabe, Bd 16, 134) Aus dem Studium des Hebräischen zum Zwecke des Jiddischen entstanden verschiedene Texte, beispielsweise eine jiddische „Judenpredigt“. Hierzu Gerhard Sauder, Goethe und die Juden. Goethe und  …, Hg. Manfred Leber u. Sikander Singh, Saarbrücken 2016, 61  f. 5 Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, 3. Akt. 6 Das älteste, mittlerweile bekannte Purimspielmanuskript ist auf 1697 datiert. Das 1708 in Frankfurt a. M. gedruckte, sog. Akhashverosh-shpil unterlag später rabbinischer Kritik und Zensur. Unter Einfluss des bürgerlichen Theaters entwickelten Maskilim, d.  h. aufgeklärte Juden, auf der Basis des Purimspiels das moderne jidd. Theater. Vgl. Chone Shmeruk, Purim-shpil, EJ, Bd 16, 2007, 745; und Evi Michels, Purimspiel, EJGK, Bd 4, 56. 7 Rudimente des Frankfurter Purimspiels überliefert Goethes in seiner Farce Das Jahrmarktsfest von Plundersweilern. Hierzu Bernhard Greiner, Purim in Plundersweilern: Der karnevalistische Goethe. Der junge Goethe, Hg. Waltraud Wiethölter. Basel 2001, 64.

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Ja, also Goethe kannte die Schwierigkeiten dieser Sprache und bildete sich trotz seiner ziemlich weit vorgeschrittenen Versuche – es existiert ja bekanntlich von ihm eine jiddische Predigt8 – nicht ein, sie zu beherrschen. Ihn interessierte aber vornehmlich die offensichtliche Verwandtschaft mit der deutschen Sprache. Jiddisch ein korrumpiertes Deutsch zu nennen, ist genau so unsinnig, wie wenn man Deutsch als ein korrumpiertes Jiddisch bezeichnen würde. Das letzte hätte sogar noch eher einen Schimmer von Berechtigung für sich; denn Jiddisch ist in der Tat eine Art organischer Fortentwicklung des Mittelhochdeutschen, während unser heutiges Hochdeutsch doch durch den sprachgewaltigen Luther in seine Urform gepreßt worden ist. Die seinerzeit durch Kasimir den Großen aufgenommenen, aus Deutschland vertriebenen Juden hüteten und entwickelten ihre alte Umgangssprache, nur eine Menge polnischer, russischer und hebräischer Worte allmählich einfügend. Der Umstand nun, daß die Juden des Ostens bis heute eine Art Deutsch sprechen, bildete natürlich für die einrückenden Heeresangehörigen eine sehr freudige Überraschung. Sie konnten sich, wo es nur Juden gab, ziemlich mühelos verständigen, andererseits gab es gerade infolge der Ähnlichkeit der Sprachen oft Mißverständnisse mit für die Beteiligten oft bedenklichen Folgen. Es gibt alte deutsche Worte, die im sogenannten Hochdeutsch in ganz anderer Bedeutung angewendet werden, als sie einst besaßen, während im Jiddischen sie noch in demselben Sinne gebraucht werden, wie es zur Zeit der Meistersinger geschah. So entstanden etwa Kriminalakten, wurde monatelange Untersuchungshaft verhängt und eine Unmenge Kraft und Geist absorbiert, bis endlich das Mißverständnis gelöst wurde, durch das ein alter Mann in den Verdacht des Meineides gekommen war. Und seine ganze Schuld bestand darin, daß er noch in der Sprache Hans Sachsens9 redete, die seinem deutschen Richter nicht geläufig war. In den ersten Kriegsjahren aber herrschte eitel Jubel und Begeisterung ob der Entdeckung der Ostjuden als der Wahrer deutscher Art und Sprache. Es entstanden begeisterte Lobgesänge auf ihre Treue, und eine Reihe deutscher Literaten, beileibe nicht nur Juden, bewiesen in tiefgründigen Abhandlungen, daß die Ostjuden eigentlich echte und rechte Deutsche seien, Träger deutscher Kultur, die in unerhörter Zähigkeit und Anhänglichkeit ihr germanisches Volkstum durch die Jahrhunderte slawischer Unterdrückung gewahrt hätten. Im kaiserlichen Hauptquartier wurde eine in Prachtband gefaßte, wundervoll ausgestattete Denkschrift über diese Materie huldvoll entgegengenommen. – Kaiser Wilhelm wollte 8 Dieser Text kam erst 1856 ans Licht der Öffentlichkeit. Zum Text, s. Sauder, Goethe und die Juden, 62  f. 9 Hans Sachs (1494–1576), Nürnberger Dichter u. Dramatiker. Jiddisch ging aus dem Mittelhochdeutschen hervor, doch Sachs schrieb bereits Frühneuhochdeutsch. Vgl. Max Weinreich, History of the Yiddish Language. New Haven 2008, 337–40.

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im ersten Impuls die sofortige Entlassung aller ostjüdischen Kriegsgefangenen verfügen, ein Entschluß, der noch glücklich verhindert wurde10 – er hätte Tausenden russisch-jüdischer Soldaten das Leben gekostet –, die Namen Silberfarb und Mandelstamm, einst das Objekt ironischer Bemerkungen des Reichskanzlers Bülow,11 galten jetzt als Symbole jüdisch-deutscher Mannentreue, und das Wort „Ostjude“ war wohlgefällig in den Augen deutschnationaler Patrioten. Es wurde eine richtiggehende politische Aktion veranstaltet; der Feldmarschall Hindenburg und Exzellenz Ludendorff ließen Proklamationen, sogar durch Flugzeuge, in jiddischer Sprache an die Juden in Litauen und Polen verbreiten, in denen die Befreiung der armen russischen Juden vom zaristischen Joch durch die freiheitsund judenfreundlichen deutschen Heere angekündigt und die enge Zusammengehörigkeit und geistige Verwandtschaft von Deutschen und Juden dargelegt wurde. Kurz – es sah fast so aus, als ob Kaiser Wilhelm seinen Heerbann eigens zur Rettung seiner vielgeliebten Ostjuden aufgerufen hätte.12 Unter solchen Umständen, nachdem die jiddische Sprache eine hoch­ politische Angelegenheit geworden war, lastete auf uns jiddischen Dolmetschern eine bedeutende Verantwortung. Meine Brust hob sich stolz, wenn ich aus den Publikationen der obersten Heeresleitung ersah, welche gewaltige kulturelle, deutsch-patriotische Mission durch die Pflege der jiddischen Sprache erfüllt wurde. Hermann Struck und ich waren die Träger dieser Mission. Struck pflegte sich seiner Aufgabe nun in folgender Weise zu entledigen: Er führte stets den Text, der ihm gerade zur Übersetzung gegeben war, in seiner Zeichenmappe bei sich. Er war ständig unterwegs; denn wenn er sich auch in Kowno in einem Nebenraum unserer Arbeitsstätte ein komplettes Atelier eingerichtet hatte, zu dem sich die Modelle drängten  – er bezahlte recht gut, und der alte Gepäck10 Hierzu Ulrich Sieg, Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg. Berlin 2001, 198, 279. 11 In der Reichstagsdebatte vom 27.  2. 1904 evozierte von Bülow das Feindbild des russischjüdischen revolutionären Studenten, indem er die Klischeevorstellung des armen zugewanderten Ostjuden (Schnorrer) mit dem Vorwurf der politischen Revolutionsagitation (Verschwörer) verband: „und wenn die fremden Herren sich bei uns so mausig machen […] wie sie in der Tat die hiesigen slavischen Studenten unter Führung des Herrn Mandelstamm u. Silberfarb (stürmische Heiterkeit) vor einiger Zeit vom Stapel gelassen haben, so werde ich dafür sorgen, daß solche Leute ausgewiesen werden. […] Aber wir sind in Deutschland noch nicht so weit gekommen, daß wir uns von solchen Schnorrern und Verschwörern auf der Nase herumtanzen lassen (Lebhafte Zustimmung. Zuruf von den Sozialdemokraten). Für ein Laboratorium mit nihilistischen Sprengstoffen sind wir uns zu gut. (Bravo!).“ Tina Heidborn, Russländische Studierende an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität und der Technischen Hochschule Berlin 1880–1914. Dissertation, Friedrich-Wilhelms Universität Bonn 2009, 235. 12 Hierzu Karol Sauerland, Die „Ostjudenfrage“ nach der Sommeroffensive 1915 (unter besonderer Berücksichtigung von Ober Ost). Deutscher, Jude, Europäer im 20. Jahrhundert: Arnold Zweig und das Judentum. Hg. Julia Bernhard und Joachim Schlör. Bern 2004, 109  f.

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träger, dessen köstliches Bild ja die Runde um die Welt gemacht hat, kam alle paar Tage, um zu fragen, ob er nicht wieder gemalt werden solle  – so war er doch meistens unterwegs, um zu landschaftern oder Porträts aufzunehmen.13 Es sei in Paranthese bemerkt, daß er schon damals bei seinen Streifzügen und gelegentlich seiner „Nebenbeschäftigung“ in Wirklichkeit eine bedeutsame und auch in deutschem Interesse segensreiche Tätigkeit entwickelte. Das wurde übrigens auch allgemein anerkannt und kam in Dedikationen des Stabes von Ober Ost und des Generalquartiermeisters zum Ausdruck. Später wurde ja, als er erst an der Front zum Offizier avanciert war und dann das Amt als Referent für jüdische Angelegenheiten in Ober Ost erhielt, seine Tätigkeit ganz offiziell. Und ich glaube, daß auch ich oder Hans Goslar  – später Heinrich Eisemann14 und andere  – in jüdischem und deutschem Interesse nicht wenig Gutes gewirkt haben. – Seine „Nebenbeschäftigung“ aber hatte jeder, und sie füllte neun Zehntel der Zeit aus. So hatte der obenerwähnte junge polnische Jäger, der von Haus aus Uhrmacher war, in seiner Schublade eine komplette Uhrenreparaturwerkstätte eingerichtet, die nur beim Erscheinen eines Vorgesetzten verschwand – der andere Pole, ein älterer Herr mit durchgeistigtem Gesicht, trieb katholische Religionsphilosophie – Herr von Wilpert war ebenfalls Philosoph und unterbrach diese Studien nur durch fleißige Zimmergymnastik. Nur der kolossale Litauer, ein Volksschullehrer, hockte stillvergnügt und absolut untätig, die Pfeife im Mund, tagsüber in seiner Ecke, bis er abends nach mächtigem Gähnen und Gliederdehnen sich seinen Feldwebelspieß umschnallte und mit den unveränderlich feierlichen Worten Feierabend machte: Haben wir viel oder wenig gemacht – So haben wir doch den Tag vollbracht! – Amen!

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Struck also auf seinen Fahrten zog, wenn er einen einheimischen Juden gepackt hatte, plötzlich seinen Amtstext heraus, um sich nach einem Wort oder einer bestimmten Wendung zu erkundigen. Das Resultat notierte er sofort gewissenhaft. Da nun Struck mit Leuten jeglicher Provenienz zusammenkam, Leuten 30 aus allen möglichen Bildungsstufen und Anschauungskreisen, da ferner die jiddische Sprache nach Stil und Orthographie, nach Grammatik und innerer Färbung

13 Vgl. das ikonische Titelbild von Arnold Zweig, Das ostjüdische Antlitz, Wiesbaden 1920. 14 Heinrich Eisemann (1890 Frankfurt a.M. – 1972 London), Antiquar und Verleger. Gründete 1921 ein renommiertes Antiquariat für mittelalterliche Bilderhandschriften in Frankfurt a. M. und half beim Aufbau der Schocken-Bibliothek. 1923–27 gemeinsam mit Isidor Mendel Direktor des Hermon Verlags, der danach in den Verlag des Israelit und Hermon aufging Im März 1937 Ausbürgerung, Wiederaufnahme des Antiquariatshandels in London. https://www.ilab.org/articles/ heinrich-eisemann (21. 6. 2019).

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„Kol Mewasser“ – Ein Flugblatt der Obersten Heeresleitung Links, erste Seite: Karikatur des Zaren-Aufrufs „An meine lieben Juden“ (Der Zar auf dem Kischinewer Friedhof). Rechts, zweite Seite: Der Aufruf der Obersten Leitung der verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen an die Juden. (Hebräisch und Jiddisch)15

15 Für Übersetzung und Kommentar, s. unten S. 183.

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unendlich variantenreich ist, es bis vor kurzem kaum etwas wie eine theoretische und philosophische Grundlage dieser Sprache gab – gerade damals setzte eine Reformbewegung ein, die auf eine Vereinheitlichung abzielte und natürlich die Verwirrung noch größer machte –, kann man sich ungefähr vorstellen, wie eine solche mühevolle Mosaikübersetzung am Ende aussah. Nun waren ja die Redakteure der „Letzten Naijs“ einsichtig genug, eine Umredigierung auf eigene Gefahr vorzunehmen. In gewissem Sinne war das schade. Denn da der Inhalt jener Verordnungen meistenteils für die Betroffenen recht betrüblich war, wäre ihnen schon zu gönnen gewesen, daß durch die Form ein Schuß versöhnlicher Heiterkeit in die bittere Dosis hineinkam. Selbst die drückendsten Steuerverordnungen würden leichter genommen werden, wenn sie humorvoll gefaßt würden. Aber freilich hätte unsere im Entdecken neuer Steuerquellen sehr findige Okkupationsbehörde dann vielleicht wieder auf die Lektüre eine Lustbarkeitssteuer gelegt. Mir leuchtete das System Struck nicht ein – offen gestanden war es mir auch immer noch zu mühevoll und persönliche Arbeit erheischend –, und ich suchte nach einer anderen Methode, die mich von jeder Arbeit entlasten sollte. Diese Methode fand ich dann auch, und sie hat sich während meiner ganzen Dienstzeit bei der Presseabteilung glänzend bewährt. Ich will mein System gleich verraten: Ich engagierte mir gegen ein monatliches Fixum eine sprach- und schriftgewandte Persönlichkeit, die die ganze Arbeit zu besorgen hatte. Bekam ich einen Text, trabte damit sofort die Ordonnanz zu meinem Gewährsmann, und nach wenigen Tagen erhielt ich den jiddischen Text in der nötigen Anzahl von Exemplaren. Die lagerten dann bei mir, bis auch die anderen Übersetzer zur Ablieferung fertig waren. Bald klappte das so gut, daß ich weder den deutschen noch den jiddischen Text zu lesen brauchte, und wenn ich gerade anderwärts zu tun hatte, erledigte sich meine Übersetzungstätigkeit automatisch so, daß ich erst aus der „Letzten Naijs“ nach Wochen ersah, welch erstaunliches Arbeitsquantum ich wieder geleistet hatte. Dabei fuhren das Deutsche Reich, meine Vertrauensleute und ich gleicherweise ausgezeichnet. Ich hatte aber noch einen besonderen Vorteil. Denn auf der Suche nach geeigneten Persönlichkeiten kam ich zum ersten Male in nähere Beziehung mit der Bevölkerung dort und lernte manch interessantes Milieu kennen. Hier will ich vorweg nur einige Dinge erzählen, an die mich meine Freunde aus Kowno gemahnen. – Ich hatte also beschlossen, nicht selbst über den zu übersetzenden Verordnungen, welche die unermüdlich produzierende Gesetzgebungsmaschine von Ober Ost hervorbrachte, zu schwitzen, sondern andere für mich schwitzen zu lassen. Den rechten Mann fand ich dann auch an der rechten Stelle, nämlich im Schwitzbad. Bis zu dieser Entdeckung dauerte es aber einige Zeit, und inzwischen

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half mir der junge J. aus purer Liebenswürdigkeit in meinen Sorgen. Das war ein reizender und wohlgebildeter Bursche; leider ist er inzwischen gestorben. Er gehörte zu den jungen Leuten, denen der Krieg alle Zukunftspläne zerstört hatte, noch in ganz anderem Umfange, als das etwa in Deutschland der Fall war. Die brutal von der russischen Regierung durchgeführte Evakuierung der Stadt riß ihn 5 aus seinem Studium. Er flüchtete mit den Seinen nach Wilna und kehrte nach der Besetzung dieser Stadt durch die deutschen Truppen nach Kowno zurück. Dort mußte er, um nicht als Arbeitsloser von der Okkupationsbehörde in ein Zwangsarbeiterbataillon eingereiht zu werden, eine praktische Beschäftigung suchen und kam bei dem deutschen Auswanderungsamt unter. Von der Auswandererfürsorge 10 aber oder doch wenigstens von einer kuriosen Auswirkung derselben möchte ich etwas erzählen, da die Sache illustrativ ist für die weitsichtige und selbst auf die entlegensten Gebiete sich erstreckende Methode unserer Verwaltung. Welcher harmlose Laie ist je auf den Gedanken gekommen, eine Auswanderungserlaubnis mit der gottesdienstlichen Liturgie in Verbindung zu bringen? Man höre! 15

Staatsgefährliche Andachtsbücher Wer die heutigen Paßschikanen kennt und am eigenen Leibe erfahren hat, wel­ chen Passionsweg man durchmachen muß, um eine Grenze zu überschreiten – all die Plackereien sich vergegenwärtigt, die Polizeireviere, Polizeipräsidium, Finanzamt, Konsulate und andere Stellen dem Reisenden aufbürden,1 kann sich 20 vorstellen, was es für einen Landeseinwohner des während des Krieges okkupierten Gebietes für eine Arbeit war, sich die Ausreise- und Einreiseerlaubnis nach Amerika zu schaffen. Es glückte denn auch in der ganzen Zeit nur einigen Tausend. Wenn aber nun schon einmal einer alle Hemmnisse überwunden hatte, dann war für ihn noch eine besondere Finesse der Behörde aufgespart, die nicht 25 allzu tragisch zu nehmen war, aber dafür höchst kurios anmutet, nämlich die Revision der Gebetbücher und Taschenkalender. Unsere Zensur, von der ich noch manches zu erzählen haben werde, war auf zwei Dinge scharf. Mit der Übernahme der Verwaltung durch die deutsche Macht war der alte russische Kalender abgeschafft, und wenn nicht anders, konnte der 30 eingetretene Fortschritt an der plötzlichen Verschiebung des Datums um dreizehn Tage nach vorwärts konstatiert werden. Nun gab es aber immer noch alte Kalender mit dem russischen Datum, und es wurde mit einem gewaltigen Aufgebot von 1 Solche Schikanen beschreibt Gronemann bspw. im sechsten Kapitel von Tohuwabohu (Posaunentöne).

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Energie und Spürsinn nach der verbotenen Datenbezeichnung geforscht. Wehe etwa dem Lesebuch, in dem irgendein historisches Datum nach alter Art bezeichnet war; es wurde unweigerlich verboten; denn vor allem mußte natürlich die junge Generation vor diesem vergiftenden Einfluß des altrussischen Kalenders bewahrt werden. Sonst war man bisweilen bei Lesebüchern gerade tolerant. – So erlebte ich einmal folgendes: Der Fürst J. in Wilna beanstandete ein zur Zensur eingereichtes Schullesebuch als bedenklich, weil der Verfasser auf Seite 132 erwähnt, daß die das baltische Meer begrenzenden Länder großen Bernsteinreichtum besitzen, ohne hervorzuheben, daß die deutschen Provinzen besonders viel Bernstein aufweisen. Dieser Mangel an Gesinnungstüchtigkeit schien ein Verbot des Buches zu rechtfertigen. Aber – man würdige die freiheitliche und sinnvolle Entscheidung – es wurde dennoch das Buch freigegeben, nachdem der Gegenzensor, Leutnant D., darauf hinwies, daß der Verfasser auf Seite 86 höchst patriotisch bemerkt hatte, daß der Hering sich nirgends so gut vermehrt als in deutschen Gewässern. – Damals also rettete diese deutschfreundliche Handlungsweise des Herings jenes Buch. Hätte aber irgendein Datum alten Stils sich gefunden, wäre angesichts solcher Verworfenheit nichts zu machen gewesen. – So mußten denn alle Auswanderer vor der endgültigen Erlaubnis ihre Bücher auf die allein seligmachende Datenangabe prüfen lassen. – Noch bedeutsamer aber war die Sache mit dem Kaisergebet. Bekanntlich wird auch in deutschen Synagogen an jedem Sabbat und Festtag ein Gebet für die Regierung gesprochen. Selbst in konservativen Gemeinden, in denen der ganze Gottesdienst in Hebräisch abgehalten wird, pflegt dieses Gebet in deutscher Sprache vorgetragen zu werden. Ob der Wunsch mitspricht, zufällig anwesenden Nichtjuden einen Beweis der Loyalität zu geben, möchte ich nicht nachprüfen. Es ist damit wohl wie mit vielen anderen Dingen; man tut sie um ihrer selbst willen – natürlich, aber es ist doch hübsch, wenn es auch nach außen eine gute Wirkung ausübt. Ein wohlhabender und wohltätiger Herr in Westdeutschland sagte mir einmal, als er gerade eine größere Spende für einen guten Zweck mir übergeben und den Wunsch ausgedrückt hatte, daß er nicht als Spender genannt sein wolle: „Wissen Sie, lieber Freund – es gibt doch nichts Schöneres, als wenn man eine wirklich gute Tat tut – und kein Mensch weiß davon – – und dann kommt’s raus!“ Ich glaube – beiläufig –, daß dieser Satz den psychologischen Schlüssel zu sehr viel Erscheinungen des Lebens enthält. Nun, also auch im Osten wurde früher das Kaisergebet gesprochen – hier aber hebräisch –, der Zar, die Zaritza, der Großfürst-Thronfolger und die alte KaiserinMutter wurden mit Namen genannt, so war es wohl auch ausdrücklich Vorschrift, und als ich in einem Tempel in Kowno auf einer großen Tafel die kaiserlichen Namen las, erinnerte ich mich mit Vergnügen einer Episode, die ich als kleiner Junge im Jahre 1883 in dem kleinen Städtchen Jurburg erlebte, wo ich zu Besuch

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weilte.2 Damals wurden Alexander III. und Maria Feodorowna in Moskau gekrönt. Das wurde überall mit vorgeschriebener und behördlich genau geregelter patriotischer Begeisterung gefeiert – war doch polizeilich die Zahl der Lichter eines jeden Fensters für die abendliche Illumination festgesetzt  – und am Sabbat fand im Beisein der Behörden eine gottesdienstliche Feier in der Synagoge statt. Der alte Kantor schlug seine schönsten Triller, als er, die Gesetzesrolle im Arm, zwischen dem Stadtkommandanten und dem Polizeichef stehend das Gebet für das Kaiserpaar sprach. Aber die Triller wollten gar kein Ende nehmen, als er am Namen der Kaiserin angelangt war – minutenlang ging sein immer jammervoller werdendes Tremolieren, sein Ai–ai––ai––ai––ai, seine Augen rollten hin und her, und mit den Armen schlug er wie hilfeflehend um sich; man wurde ängstlich, als er gar nicht zum Schluß kam, aber es dauerte recht lange, bis man bemerkte, daß er den Namen der Kaiserin vergessen hatte, und ihm ihn soufflierte. Mit unendlicher Verzückung und diesmal sicher echter Freude schmetterte er dann sein „Maria Feodorowna“ heraus. Gegen die großen Tafeln in den Synagogen, deren vergoldete Namensinschriften solche Vorkommnisse für gewöhnlich unmöglich machten, hatte nun merkwürdigerweise die Zensur nichts. Aber mit äußerster Schärfe tilgte sie in allen Gebetbüchern das Zarengebet aus. Nun befindet sich in jedem jüdischen Hause eine Unmenge solcher Gebetbücher – jedes Fest hat ja seine eigene Liturgie –, die Lager der Buchhändler und Verleger sind voll von ihnen. Alle mußten der Zensur vorgelegt werden, und aus allen wurde das ominöse Blatt entfernt, wenn nicht der Text geschwärzt werden konnte. – Ständig aber fanden Revisionen statt, um geheimen Beständen von unverstümmelten Gebetbüchern auf die Spur zu kommen.  – Offenbar hielt man von der Zarentreue der Juden sehr viel und fürchtete doch irgendeine Wirkung in höheren Regionen, wenn die Juden etwa heimlich die Zarenfürbitte sprechen sollten. Da war es denn ganz folgerichtig, daß vor der Abreise nach Amerika sorglich die mitgenommenen Gebetbücher kontrolliert und überall aus ihnen die gefährlichen Texte entfernt wurden. Wer weiß, ob nicht Chaim Schloime aus Bialystok oder Sore Riwka aus Mariampol drüben in New York eines Tages dieses Gebet aufschlagen und verrichten würden. Die Folgen waren gar nicht abzusehen. – Ich war Zeuge, wie eines Tages der kleine Doktor Baneth3 in Wilna ungeheure Stöße von solchen Büchern von dem gefährlichen Text reinigte, während vor der Tür seines Amtszimmers sich die Besitzer

2 Das litauische Jurbarkas (Georgenburg, bis 1917 Юрбург, russ. Jurburg). 3 Eduard (Ezekiel) Baneth (1855 Liptovský Mikuláš/Slowakei – 1930 Berlin), Talmudforscher, Absolvent des Hildesheimer Rabbinerseminars u. Vorgänger Chanoch Albecks an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin.

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drängten und angstvoll auf die Erteilung des „Entzarungsscheines“ warteten, der ebenso wichtig war, wie der berühmte Entlassungsschein. Übrigens war diese Zarengebetssache später der Gegenstand äußerst scharfsinniger Kontroversen. Als nämlich die Revolution ausbrach und der Zar abgesetzt war,4 wagten die 5 Verleger und Buchhändler eine Eingabe, doch jetzt von der Verschandelung ihrer Bücher abzusehen, denn nun sei doch wohl jede aktuelle Gefahr beseitigt. Die Meinungen der maßgebenden Persönlichkeiten waren geteilt. Die Frage wurde in allen Instanzen mit sehr großem Aufwand von Dialektik geprüft, aber schließlich 10 kam der Bescheid, daß es bei dem Verbot sein Bewenden haben müsse. Denn, so lautete die Begründung, gerade jetzt nach der Absetzung des Zaren könnte die Aufhebung des Verbotes als ein politischer Akt angesehen werden und dadurch die deutsche Regierung in den Verdacht kommen, daß sie die Wiederaufrichtung des zaristischen Thrones betreibe. – Man fürchtete wohl so eine Art Gesundbeten. 15 Ob nun der Sturz von Nikolaus ganz oder zum Teil auf die Unterbindung jenes Gebetes zurückzuführen ist, bleibe dahingestellt. Man sieht jedenfalls, mit welch ernsten Problemen die Okkupationsbehörde zu tun hatte.

Der Bademeister Meinen ständigen Übersetzer fand ich, wie schon mitgeteilt, im Schwitzbad. Er

20 war nämlich Bademeister in einem recht primitiven echt russischen Schwitzbad.

Solch ein Bad spielt ja im russischen Leben eine große Rolle, wie überhaupt nirgends so viel gebadet wird wie in Rußland, ohne daß übrigens ein bemerkenswerter Einfluß dieser Tatsache auf die äußere Erscheinung sich dokumentiert. In einer solchen Anstalt, zwischen dampfenden Pritschen und Körpern, schoß 25 mein Freund A. umher, mit Laken und Tüchern bepackt, Eimer schleppend und in ständiger lebhafter Auseinandersetzung mit seinen Gästen. Zwischendurch beschäftigte er sich mit Queckenausrottung oder anderen Problemen, die ihm durch mich Ober Ost stellte. Man wird, wenn man von seiner Berufstätigkeit hört, vielleicht verwundert sein, zu hören, daß er ein überaus gebildeter, geistig 30 interessierter und ungewöhnlich belesener Mensch war. Im Osten aber fällt das nicht auf. Man findet unter den Ostjuden hochgebildete Handwerker und philosophisch gebildete Kutscher, wovon noch einiges zu erzählen sein wird. Mein A. war vor allem Politiker, und wie ich gehört habe, spielte er später eine gewisse Rolle bei den Bolschewisten; er soll merkwürdige Abenteuer durchgemacht haben. Man 4 Die Februarrevolution von 1917, in Folge der Nikolai II. am 15. März abdankte.

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erzählt mir auch, er sei standrechtlich erschossen. Eine Nachprüfung ist schwer, da er, wie so viele andere im Osten, inzwischen seinen Namen gewechselt haben dürfte. Über diese Namensänderungen muß ich etwas sagen. Der Familienname wird im Osten noch nicht als derartig wertbeständig geschätzt wie im Westen. Es gibt einige bekannte jüdische Familien, wie Pines, Luries, Brotzkis, Rappaports, die auf den erworbenen Namen stolz sind, der allerorten einen guten Klang hat  – gewöhnlich wird nicht das Vermögen gewertet, sondern die Familie hat etwa eine Reihe von Gelehrten aufzuweisen, die den Namen berühmt gemacht haben. Sonst aber werden die Familiennamen, die ja überhaupt erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit angenommen oder von Obrigkeitswegen verliehen sind, nicht besonders geschätzt. In Rußland kommt hinzu, daß ja zur allgemeinen Anrede nur der Vorname und der Vatersname verwendet werden – Iwan Iwanowitsch oder Olga Feodorowna –, und in Galizien etwa haben die greulichen Namen, die von einer boshaften Bürokratie verliehen sind – Kanalgeruch – Geschwür – Veilchenduft –, nicht eben zur Popularität beigetragen. Und nun gab es tausend Veranlassungen, sich des Namens zu entäußern – man brauchte einen Paß ins Ausland und konnte absolut keinen erhalten, während der einer verstorbenen gleichaltrigen Person zur Verfügung stand – man wollte sich der wenig beliebten Heerespflicht entziehen, die in vergangenen Zeiten in der Tat im Osten die Vernichtung der Existenz bedeutete und vor allem als sicherer Weg zum Abfall vom Judentum erschien – ferner war es zumal in Galizien bis auf die neueste Zeit so, daß die nur vom Rabbiner vollzogenen Eheschließungen nicht anerkannt wurden, die Neuerungen abgeneigten Brautpaare aber die standesamtliche Registrierung als überflüssige Formalität betrachteten. Dann führten offiziell die Kinder aus solchen Ehen den Namen der Mutter, während sie sich mit aller Überzeugung als ehelich betrachteten und mit Vatersnamen bezeichneten. Kurz – bis heute ist es für den Richter oder Notar, der mit solchen Leuten zu tun hat, oft sehr schwer, den wahren „gesetzlichen“ Namen festzustellen, und manch unglücklicher Ostjude, der sich fünfzig Jahre etwa Finkenstein genannt hat, erfährt dann auf einmal, wenn er zu irgendeinem Zweck sich legitimieren muß, daß er diesen Namen usurpiert hat und eigentlich Butterkuchen heißt, ohne daß es ihm nun noch möglich ist, sich aus dem verlorenen, längst niedergebrannten galizischen Nest, in dem er einst das Licht der Welt erblickt hat, die Unterlagen zum Nachweise seiner Existenz zu verschaffen. Solch ein unseliger Mensch kam vor langen Jahren einmal zu mir – er nannte sich Apfelbaum, die Behörde aber wies ihm nach, daß er kein Recht auf diesen schönen Namen habe, nahm ihm seinen Paß ab und verlangte von ihm die Beschaffung richtiger Ausweispapiere. Das erschien ganz und gar unmöglich. Er war als kleines Kind mit seinen Eltern aus der Heimat irgendwo in der Bukowina

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ausgewandert, hatte sich in der ganzen Welt herumgetrieben und wußte nicht einmal den Namen seines Geburtsortes. Ich konnte ihm auch nicht helfen, und er beschloß, wieder einmal seinen Wohnsitz zu wechseln. Dazu bot sich ihm eine glückliche Gelegenheit. Eines Tages erschien er mit einem alten Klienten von mir, einem Herrn Förster, um mit ihm einen Vertrag zu schließen, nach dem er für Förster irgendwo auswärts geschäftlich tätig sein sollte. – Ich hielt es für angezeigt, Förster auf einen Augenblick ins Nebenzimmer zu schicken und Apfelbaum zu erklären, daß ich vor Abschluß des Vertrages Förster doch davon unterrichten müsse, daß er offiziell gar nicht Apfelbaum hieße. Das war ihm sichtlich unangenehm, aber angesichts meiner Weigerung, sonst den Vertrag zu formulieren, blieb ihm schließlich nicht gut etwas anderes übrig, als mir die Einwilligung zu geben. Förster kam wieder herein, schon etwas aufgeregt über meine geheime Konferenz mit seinem Partner. Ich suchte ihm die Sache schonend beizubringen. Ich müsse, sagte ich, ihm über die Persönlichkeit seines neuen Vertreters eine Aufklärung geben, die ihn vielleicht zunächst stutzig machen würde. Aber er kenne ja die Verhältnisse im Osten aus eigener Anschauung, werde begreifen, daß der Betroffene ohne eigene Schuld sei – kurz, ich müsse ihm eröffnen – Apfelbaum hieße eigentlich gar nicht Apfelbaum. Förster starrte mich verdutzt an und rief dann erleichtert: „Das ist alles? – Meinen Sie, ich heiße Förster?!“ Mein trefflicher A. also, um wieder ins Schwitzbad zurückzukehren, hat seine Sache oder eigentlich meine Sache ausgezeichnet gemacht. Ich hoffe, daß die Fama1 lügt und er nicht den politischen Unruhen mit seinem Fanatiker-Temperament zum Opfer gefallen ist. Hoffentlich beunruhigt es ihn in seinem politischen Gewissen nicht nachträglich, daß er der Okkupationsmacht so wertvolle Dienste geleistet hat. – Die politische Entwicklung so vieler Personen, mit denen wir damals zu tun hatten, gibt noch heute uns im Klub ehemaliger Intellektueller Gelegenheit zu interessanten Erörterungen. Aber ich muß wohl endlich erklären, was das für ein Klub ist!

Der Klub ehemaliger Intellektueller 30 Nein  – es handelt sich nicht um eine Vereinigung, zu deren Aufnahmebedin-

gungen der Nachweis fortgeschrittener Arterienverkalkung gehört, wie das nach der Vermutung mancher Forscher bei der Bewerbung um gewisse hervorragende Posten großer gemeinnütziger Organisationen der Fall sein soll. Es handelt sich auch nicht etwa, wie, durch den Namen verleitet, man annehmen könnte, um 1 Gerücht.

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eine jener legendenumwobenen Geheimorganisationen, auf deren Wirksamkeit und Einfluß eine Reihe jener verblüffenden Maßnahmen wirtschaftlicher und politischer Art zurückzuführen waren, durch welche in den Jahren nach dem Kriege die öffentliche Meinung so oft in Erstaunen versetzt worden ist. Nein – der Klub, welcher sich in unregelmäßiger Wiederkehr bald in dem prächtigen Sitzungssaal am Pariser Platz, bald in den intimen Räumen der „Gesellschaft von 1914“ in der Wilhelmstraße zusammenfindet, ist nichts anderes als eine Fortsetzung jenes „Intellektuellenklubs“, der sich während der Okkupationszeit im Jahre 1916 in Kowno, dem damaligen Sitze des Oberbefehlshabers Ost bildete und dort, zwischendurch nur auf einige Monate dem Oberquartiermeister folgend seine Wirksamkeit nach Bialystok verlegend, bis zum Kriegsende in den Räumen der „Offizierunterkunft II“, sonst auch „Hotel Levisohn“ genannt, an jedem Montagabend tagte. Richard Dehmel, eines der prominentesten Mitglieder des Klubs, tut seiner in seinem Kriegstagebuch „Zwischen Volk und Menschheit“ Erwähnung und bemerkt dabei, daß der Klub hauptsächlich von zionistischen Landsturmleuten gegründet sei.2 Das trifft insofern zu, als zu den Gründern Hermann Struck, Hans Goslar und ich gehörten, aber unzweifelhafte Arier wie Herbert Eulenberg3 oder der Theaterdirektor Werth4 rechnen sich auch zu den Vätern jenes Klubs, und da schließlich sich an seinen Abenden unter anderen auch der Pastor des Soldatenheims und ein getaufter Oberstabsarzt einfanden, steht die Neutralität in konfessioneller, nationaler und parteimäßiger Hinsicht wohl fest. Den schönen Namen hatten sich die Klubmitglieder nicht etwa selbst gewählt, sondern, ähnlich wie die Geusen, trugen sie den von Übelwollenden gegebenen Spitznamen schließlich stolz als Ehrennamen.5 „Die Intellektuellen“ – das war in jenem soldatischen Milieu nicht eben eine vertrauenerweckende Bezeichnung. Als von jenen Montagstagungen und den geheimnisvoll lustigen Bräuchen jener Tafelrunde – durch die Legende natürlich phantastisch ausgestaltet – Kunde nach außen drang, entstand eine Atmosphäre des Mißtrauens, und das ging so weit,

2 „Neuerdings hat man sich sogar zu einem wöchentlichen Vortragsabend aufgeschwungen, nachdem ein Kreis von „intellektuellen“ Landsturmleuten (meist Zionisten) mit gutem Beispiel vorangegangen war.“ Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit, 454. 3 Herbert Eulenberg (1876 Mülheim a. Rhein – 1949 Düsseldorf), einer der meistaufgeführten Theaterdichter Deutschlands zu Beginn des 20. Jhdts, dessen Werk im Dritten Reich verboten wurde. Träger des Heinrich-Heine Preis (1948), posthum Nationalpreis der DDR (1949). 4 Konnte nicht eruiert werden. 5 Geusen, niederl. Freiheitskämpfer während des Achtzigjährigen Krieges (1568–1648), die den vom span. Adel verliehenen Schimpfnamen (von franz. gueux: Bettler) übernahmen und so ihr Stigma in eine Auszeichung verwandelten (das sog. Geusen- oder Trotzwort).

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daß der mächtige Oberst Hoffmann – der nachher durch seine Brennusgeste6 in Brest-Litowsk so berühmt gewordene General Hoffmann7 – sich eigens Vortrag halten ließ und man in den Kreisen um Exzellenz Ludendorff ein Einschreiten ernsthaft erwog. Man denke nur – da kamen Militärpersonen aller Chargen, vom 5 gemeinen Landsturmmann an aufwärts bis zum Stabsoffizier, zusammen und schalteten für die Dauer ihrer Sitzungen jeden militärischen Komment aus, verkehrten nur gesellschaftlich und auf gleichem Fuße miteinander, besprachen aktuelle politische und militärische Vorkommnisse mit allem Freimut, ohne jeden Rückhalt und ohne jeden Respekt, und alle diese Leute gehörten den sogenann10 ten intellektuellen Kreisen an. Das mußte in der Tat Mißtrauen erwecken, zumal bei der Auswahl der in diesem Kreise Zugelassenen äußerste Vorsicht obwaltete. Als Sozialisten und Revolutionäre höchst verdächtige Künstler und Schriftsteller wurden ohne weiteres aufgenommen – hohe militärische Würdenträger aber von unbezweifelbar „wertbeständiger“ staatserhaltender Gesinnung konnten um 15 keinen Preis eine Einführung, auch nur als Gast, erhalten. So geschah es eines

6 Brennus, keltischer Heerführer, der im 4. Jhdt. v.d.Z. Rom plünderte. Bei der Aushandelung des Rückzugs forderte er ein Lösegeld von 1000 Pfund Gold, doch bei der Auswägung wurde ihm vorgeworfen falsche Gewichte zu benutzen. Daraufhin habe Brennus mit dem sprichwörtlichen „vae victis.“ (dt. „Wehe den Besiegten.“) zusätzlich sein Schwert in die Waagschale geworfen, so dass die Römer noch mehr Gold zahlen mussten. Titus Livius, Römische Geschichte (Ab urbe condita), Buch 5, Kap. 48. 7 General Max Hoffmann (1869 Homberg  – 1927 Bad Reichenhall) war Initiator u. Gastgeber der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, in denen er nicht nur die Annexion von Polen, Litauen und Kurland, sondern auch eine territoriale Neugliederung von Teilen Westrusslands erzwang. Mit dieser auch als „Raubfrieden“ bekannten Überdehnung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch Deutschland, die am 3. März 1918 unterzeichnet wurde, schied Sowjetrussland als Kriegsteilnehmer aus und endete der Krieg in Osteuropa.

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 Herold   Friedrichsen   Zeller  Smigielski  Bergsträsser  Eulenberg Struck Intellektuellen-Auslese 1916

Tages, daß Professor Klemperer8 aus Berlin, der damals in Kowno die höchste militärärztliche Charge bekleidete, mich eines Tages kommen ließ, um mich und meine Freunde besorgt vor den Folgen unseres Tuns zu warnen. „Mein Gott – intellektuell“, sagte er, „wie gefährlich das klingt – das Wort macht unsere hohen Herren gleich nervös. Man plant ein disziplinarisches Vorgehen; die Mitglieder Ihrer Tafelrunde riskieren, alle sofort abgelöst und verschickt zu werden. Wenn es sich nicht um Intellektuelle handelte! Sie bilden einen Verein  – noch dazu einen geheimen  –, Sie sind Soldat  – das ist ja verboten!“ Ich hatte gut ihm klarzumachen, daß von irgendeiner Vereinsspielerei bei uns keine Rede sei, daß es sich nur um einen harmlosen Stammtisch handele. „Aber Sie müssen doch einen Vorsitzenden haben, eine Art Statut, eine Organisation!“ „Alles das gibt’s bei uns nicht“, sagte ich, „wir sind alle ganz und gar unorganisiert – glatte Anarchisten.“ Das schien ihn zu beruhigen, und ich bat ihn, am nächsten Montag als unser Gast an unserer Tagung teilzunehmen, um sich von der Ungefährlichkeit der Sache zu überzeugen. Er versprach kopfschüttelnd, zu kommen und zu sehen, ob wir wirklich harmlose Anarchisten wären, alles, was von uns erzählt würde, nur Flunkerei sei und die Herren da oben, die sich beim Abendschoppen furchtbare Dinge von uns erzählten, wirklich, wie er sich ausdrückte, „Mäuse sähen“. Ich sorgte dafür, daß er am kommenden Montag wirklich Mäuse sah.“ An diesem Tage demonstrierte nämlich das Mitglied unserer Tafelrunde, der Arzt Dr. Rosen­ 8 Felix Klemperer (1866 Landsberg/Warthe – 1932 Berlin), arbeitete als Gouvernementsarzt in Kowno und aufgrund seines Renommees behandelte er 1922 u.  a. Lenin, dem eine der Kugeln von Fani Kaplans Attentat (1918) im Hals verblieben war. Felix war einer der Brüder des Philologen Viktor Klemperer, der kurz vor Gronemann in der Pressestelle Kowno diente. Hierzu das Kapitel Viktor Klemperer, unten S. 209.

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Kühl   Gronemann         Schmidt-Rottluff Zeller

thal9 aus Breslau, jetzt dort an der Universität Ordinarius, an einigen unglückseligen weißen Mäuschen uns allerhand interessante Dinge. Wie an jenem Abend Dr. Rosenthal, so pflegte an jedem Abend einer aus der Tafelrunde aus seinem Spezialgebiet etwas zu berichten. Oskar Kühl10 erzählte 5 aus der Journalistenpraxis, ich gab Geschichten aus der Anwaltskanzlei zum besten, Arnold Zweig, Richard Dehmel, Herbert Eulenberg lasen ihre neuesten Dichtungen vor, Smigelski, früherer Jesuitenpater, jetzt Musikschriftsteller,11 gab 9 Theodor Rosenthal (1839 Beuthen/Schlesien – 1921 Tel Aviv), Gynäkolog. CBJ: https://cbj.jhi. pl/documents/436554/18/ (11. 4. 2019). 10 Oskar Kühl, Mitglied im Vorstand des Vereins der deutschen Korrespondenzverleger. Hierzu Arnulf Kutsch, Korrespondenzen im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Rekonstruktion und sekundärstatistische Analyse eines medialen Sektors, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 13 (2011), S. 174, Fn. 47. S.  a. SMA, Sign. 107, 108. 11 Ernst Richard Smigelski (1881 Oppeln/Schlesien  – 1950 Leipzig), Komponist und Schriftsteller. Theologiestudium in Rom, zehn Jahre Salvatorianer, dann Musikstudium am Leipziger Konservatorium; arbeitete in Wilna u.  a. als Dirigent. Unter seinen Publikationen finden sich die Operette Die Königin vom Naschmarkt (1924), der Roman Einer von den Vielen (1912) und Aus dem Tagebuch eines römischen Priesters (1909).

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Reminiszenzen aus der Jesuitenschule in Rom zum besten, Baron von Wilpert gab philosophische Essays, Rößler12 rezitierte Faust oder Dante, Goslar predigte Sexualethik und Wirtschaftslehre, Struck, Magnus Zeller13, Gurlitt14, Schmidt-Rottluff15 debattierten über die Frage, ob ein moderner Maler verpflichtet sei, auf einem ihm in Auftrag gegebenen Porträt auch ein Gesicht anzubringen. Wenn dieser sozusagen offizielle Teil aber vorbei war, begann man über die Dinge zu debattieren, die uns doch am allermeisten interessierten. Jeder gab seine Beobachtungen, die er an Ort und Stelle gemacht hatte, zum besten und wir debattierten über das merkwürdige Schauspiel, das wir dort in Litauen beobachteten. – Krieg im Krieg! – nämlich den Krieg zwischen Zivilisation und Kultur – zwischen der Zivilisation des Westens, wie sie im Gefolge des siegreichen deutschen Heeres einmarschierte, und der Kultur des Ostens, wie sie von den Völkern dort, den Litauern, Weißrussen, später Weißruthenen genannt, den Letten, den Polen und vor allen Dingen den Juden vertreten wurde. Von diesem Kriege ist seltsamerweise in all den zahllosen Kriegserinnerungen, von denen Europa zur Zeit sündflutartig überschwemmt ist, kaum je die Rede. Erinnerungen aus diesem ganz besonders gearteten Krieg aber sind es, welche in dem „Klub ehemaliger Intellektueller“ gepflegt werden, wenn er sich in Ruhe zusammenfindet. – Um aber klarzumachen, was eigentlich mit diesem Krieg zwischen Kultur und Zivilisation gemeint ist, will ich vorweg ein hübsches Wort von Richard Dehmel erzählen, das die Situation blitzartig erleuchtet. Dieses Wort aber schrieb er bei Gelegenheit einer Episode, die ich etwas ausführlicher erzähle, um die gemütliche Art Krieg zu schildern, wie er am Sitz des Oberbefehlshabers Ost geführt wurde. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei bemerkt, daß fast alle die Leute, die sich an der Tafelrunde dort zusammengefunden hatten, schon an der Front gewesen waren und erst, nachdem sie dort ihr Teil abbekommen hatten, in jenem ruhigen Hafen landeten. Natürlich gab es auch dort Drückeberger, aber andererseits ging eine Reihe

12 Oskar Rößler-Groteck, Ein Anti-Faust in Dantes Inferno. Jahrbuch der deutschen Dante-Gesellschaft 5, 1920, 79—90. 13 Zu Magnus Zeller und seinen Illustrationen, s. unten S. 197. 14 Hildebrand Gurlitt (1895 Dresden – 1956 Oberhausen), Kunsthistoriker u. -händler. Während seiner Zeit als Leiter des König-Albert-Museums in Zwickau organisierte er Ausstellungen zu moderner, avantgardistischer Kunst, darunter Max Pechstein, Käthe Kollwitz u. Karl SchmidtRottluff. Unter Hitler Händler für „entartete Kunst“ u. Komplize beim Kunstraub der Nazis. Meike Hoffmann u. Nicola Kuhn, Hitlers Kunsthändler: Hildebrand Gurlitt 1895–1956. München 2016. 15 Karl Schmidt-Rottluff (1884 Rottluff/Chemnitz – 1976 Berlin), Maler, Grafiker und Plastiker; Klassiker der Moderne, u.  a. Mitbegründer der Dresdner Brücke. Sein Holzschnitt Kristus ist einer der eindrucksvollsten künstlerischen Stellungnahmen, die der dt. Expressionismus in Kritik des 1. WK hervorgebracht hat. Jost Hermand, Karl Schmidt-Rottluff: Ist euch nicht Kristus erschienen (1919), Politische Denkbilder. Von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch. Köln/Weimar 2011, 118–32.

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Teilnehmer unserer Tafelrunde auch wieder freiwillig an die Front, so wie sie nur notdürftig dazu imstande waren, und einige von ihnen sind späterhin gefallen, so der Verlagsbuchhändler Altmann vom Drei-Masken-Verlag,16 der wenige Tage, nachdem er bei uns hübsche Erinnerungen zum besten gegeben hatte, auf eine ganz unsinnige Art einer russischen Kugel zum Opfer fiel. Nun also zu dem grotesken Fest, zu dem Dehmel jenes hübsche Wort beisteuerte. Es handelte sich um eine Art Gedenkfeier für Hermann Struck, der im übrigen ja, wie schon erwähnt, zur Zeit in Palästina ein herrliches neues Leben begonnen hat. Struck hatte seinen Urlaub um einen Tag überschritten, bei seiner Ankunft erwartete ihn auf dem Bahnhof eine Ordonnanz, die ihm den dienstlichen Befehl überbrachte, sich um 3 Uhr in vorschriftsmäßiger Adjustierung im Quartier des Oberleutnants zu melden. Als Struck beklommenen Herzens die seltsamerweise mit Oleanderkübeln flankierte Treppe hinaufschritt, trat ihm mit umflorter Miene Herbert Eulenberg entgegen, der ihm warm die Hand schüttelte und ihn als einen Angehörigen des verschollenen Malers begrüßte. Er geleitete den Sprachlosen in die „Hermann-Struck-Gedächtnisausstellung“ – alle Männer waren mit grotesken Gemälden bekannter „Struck“tur bedeckt – Dehmel schluchzte herzzerreißend in einer Sofaecke, Magnus Zeller als Nigger tanzte zu den Klängen des Chopinschen Trauermarsches einen Cake-Walk,  – am Klavier saß Frentz17  – und dann hielt Eulenberg, oft von Rührung übermannt, einen Trauersermon, in dem er die Verdienste des Heimgegangenen würdigte. Es soll eine sehr erhebende Angelegenheit gewesen sein – ich war leider damals nicht anwesend, und zum Schluß übermittelte jeder der Teilnehmer Struck eine besondere Gabe. Dehmel widmete ihm ein reizendes kleines Gedicht; dies hatte er auf ein mit einer Blumenrandleiste geschmücktes Blatt geschrieben. Auf der Rückseite aber stand jene Bemerkung Dehmels, um derentwillen ich diese Episode einflechte: „Die Randleiste hat ein litauischer Bauer gemalt, der weder lesen noch schreiben kann. Es ist anzunehmen, daß die deutsche Kultur dieser Barbarei bald ein Ende bereiten wird.“ –18 Es ging vielen von uns, die sich mit dem Ostjudenproblem auch schon vor dem Krieg beschäftigt, über die Ostjuden vielleicht nicht nur gelesen, sondern auch geschrieben hatten, als sie in Kowno nun mit ihnen in intensive Berührung kamen, so ähnlich wie jenem Lyriker, der zum ersten Male an das Meer kommt und nun tief ergriffen von dem Anblick in die Worte ausbricht: „Das ist also das Meer, das ich so oft besungen habe!“ – Der Eindruck, den wir alle, soweit wir uns näher mit den Dingen und Menschen dort befaßten, bekommen haben, ist wohl 16 Konnte nicht eruiert werden, evtl. Max Altmann. 17 Hans Frentz, Über den Zeiten: Künstler im Kriege, mit 20 Tafeln und Textbildern. Freiburg i.B. 1931. 18 S.  a. Sammy Gronemann, Eine Dehmel-Erinnerung. Neue Jüdische Monatshefte 4.11, 1920, 263.

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am stärksten von jenem jungen protestantischen Gelehrten aus unserer Tafelrunde formuliert worden, der erklärte: Nach dem Kriege ziehe ich nach Litauen; denn ich will endlich unter Kulturmenschen leben! – Kulturmenschen in Massen, das war für uns eine unerwartete und überwältigende Entdeckung. Freilich mußte man sich über den Begriff Kultur klar werden, und das Beispiel jenes litauischen Malers, von dem Dehmel spricht, zeigt wohl am besten, daß Kultur letzten Endes unabhängig von dem ist, was der einzelne erlernt hat. Nun gaben sich freilich nicht alle die Mühe, auch wirklich tiefer in die Art der Bevölkerung dort einzudringen. Nicht einmal von allen unseren Prominenten möchte ich das behaupten. Herbert Eulenberg etwa, der ja manches dort gesehen und manch gutes Wort über die Ostjuden geschrieben hat, hat, glaube ich, doch viel Unterlassungssünden begangen. Eine Persönlichkeit seines Formats hätte bei ernsthaftem Interesse doch noch mehr für sich und die Freunde seiner Muse gewinnen können, als tatsächlich geschehen. Er hat mehr intuitiv viel Interessantes und Schönes geahnt – hat auch später oft mutig seine Persönlichkeit für die Ostjuden eingesetzt, als die Hetze gegen diese begann, hat seine künstlerische Bürgschaft für das Wilnaer jüdische Theater19 gegeben, aber er hat sich nun einmal in seiner Uniform so unglücklich gefühlt, daß er während seines ganzen Aufenthaltes selten die rechte innere Freiheit besaß. – Kaum je sah ich bei den „Preußen“ jemanden, der sich so über die Grußpflicht geärgert hat, wie ihn. Es gab in Kowno eine Anzahl von Offizieren, die mit ungeheurem Eifer darauf achteten, daß ihnen die vorschriftsmäßige Ehrenbezeugung erwiesen würde. Und natürlich war es nicht eben angenehm, auf offener Straße von einem solchen Jüngling heruntergeputzt zu werden. Mancher der Herren wäre wohl etwas betroffen gewesen, wenn er geahnt hätte, wen er vor sich hatte, aber die Disziplin verbot jede Aufklärung. Einmal stellte mich ein junger Herr, als ich die Abzeichen seiner Würde übersehen hatte, auf der Kaiser-Wilhelm-Straße: „Warum haben Sie mich nicht gegrüßt?“ Ich antwortete in strammer Haltung: „Ich bin myopisch-astigmatisch, Herr Leutnant.“ Darauf griff er an die Mütze und zog offenbar ganz vertattert ab. Hätte ich gesagt, ich sei kurzsichtig, wäre es wohl anders abgelaufen, aber so wußte er 19 Jidd. Amateurtheater, in dem jüd. Themen und modernistische Ästhetik dominierten. Berühmt durch die Erstaufführung von An-Skis Dybbuk, wurde die Truppe maßgeblich durch die dt.-jüd. Intellektuellen der Presseabteilung gefördert, denen sie als Beleg für eine veritable Nationalkultur galt. Gronemann brachte einen Ableger der Truppe um 1921/22 nach Berlin und hat „selbst viel dazu beigetragen, um dem jüdischen Theater den ihm gebührenden Platz zu erobern. Man darf ihn den Vater der „Wilnaer“ nennen.“ Otto Abeles, Die Kultur des jüdischen Ostens. Der Vortrag Gronemanns, Wiener Morgenzeitung 26. 1. 1924, S. 7. Hierzu ausführlich und zur Wilnaer Truppe, unten S. 217.

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offenbar nicht, mit welchem Würdenträger er es zu tun hatte und ob er nicht am Ende hätte grüßen müssen.20 Am meisten lastete auf Eulenberg übrigens die Furcht vor einer anderen wenig sympathischen militärischen Einrichtung, der alle vierzehn Tage stattfindenden sogenannten „Gesundheitsbesichtigung“. Das Wesen dieser an sich nützlichen Institution zu erklären, sträubt sich mein Reinlichkeitsgefühl – trotz des Kostümes kamen wir uns dabei nicht eben paradiesisch vor. – Vielleicht genügt es, wenn ich eine Briefkastennotiz aus einer der humoristischen Zeitungen hierhersetze, die von unserem Kreis von Zeit zu Zeit herausgegeben wurden. Jene Nummer kam gerade damals heraus, als die berüchtigte Judenstatistik vorgenommen wurde, durch die der Prozentsatz jüdischer Soldaten in Front und Etappe festgestellt werden sollte.21 Die Notiz lautete: „Röschen. – Nein – Sie irren sich! Die Gesundheitsbesichtigung hat mit der Judenstatistik nichts zu tun.“ Also Eulenbergs Hauptsorge bestand darin, rechtzeitig vor solchen Veranstaltungen eine Dienstreise anzutreten oder sonst dienstlich zu verschwinden. Unter solchen Sorgen kam er nicht viel zum Beobachten. Immerhin haben wir ihn im Restaurant Schloßberg wenigstens mit den Erzeugnissen jüdischnationaler Kochkunst vertraut gemacht, und es muß gesagt werden, daß er sowohl dem gefüllten Fisch wie der Gänseleber, dem Gänsehals wie der Schaletkuggel22 Verständnis und Sympathie entgegenbrachte. – Eines Sabbat Mittag geleiteten Struck und ich auch Richard Dehmel in jenes Lokal, in dem wir ständig aßen – in das Restaurant Schloßberg, an dessen Herd Frau Michelsohn die besten Traditionen der jüdischen Küche pflegte –, jener Küche, die nach meiner Auffassung einst das auserwählte Volk errettet hat, wie uns das Buch Esther berichtet: König Ahasveros war bei Königin Esther zum Abendmahl geladen; nicht an die

20 Vgl. die Chronik des Almanach der Bösen Buben der Presseabteilung, am 24. Oktober 1917: „Ein Blindgänger bekommt drei Tage, weil er angeblich aus Gründen seines Augenfehlers nicht vorschriftsmässig gegrüsst hat.“ Hierzu unten, S. 186. 21 Die Ergebnisse dieser Statistik, die eine gleichwertige Beteiligung zeigten, wurden zur Kriegszeiten nicht veröffentlicht, wodurch antisemitischen Deutungen nicht entgegengewirkt wurde. Deutsche Juden empfanden diesen Vorgang als zutiefst verletzend und als Versuch ihres Ausschlusses aus der deutschen Nation. S.  a. Einleitung, oben S. 15. 22 Wegen des Arbeitsverbots ein an Schabbat und Festtagen warmgehaltenes Eintopfgericht; je nach Region und Epoche gebackener Pudding, Auflauf oder Eintopf. Für Gronemann ist der Schalet „das eigentliche jüdische Nationalgericht […] — das zum Sabbat Gewärmte“ sowie literar. Sinnbild für das Potpourri seiner anekdotischen Prosa. Sammy Gronemann, Schalet. Beiträge zur Philosophie des „Wenn Schon“. Hg. Joachim Schlör. Leipzig 1998 (1927), Kap. 1, 12. S.  a. GKG, Bd 4. Hanni Mittelmann, Sammy Gronemann. Humor im Dienste des Zionismus. In: Jüdischer Almanach des Leo Baeck Instituts, Humor. Frankfurt a.M. 2004, 40–48.

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fette und reichliche Kost gewöhnt, konnte er nachts nicht schlafen.23 So ließ er sich aus dem Buch der Chronik vorlesen – höfische Geschichtsschreibung galt schon damals als gutes Schlafmittel –, dabei kamen die Verdienste des braven Mordechai ans Licht, und des bösen Haman Schicksal wurde besiegelt. – Und bemerkenswert ist, daß trotz der gestörten Nachtruhe der König am anderen Abend doch wieder 5 freudig zu der gefährlichen, aber wohlschmeckenden Kost bei Esther sich einfand.

Ein jüdisches Restaurant Das altrenommierte Restaurant Schloßberg, so benannt nach den Schwieger­ eltern des jetzigen Besitzers Michelsohn, der auch schon ein alter Herr ist, ist nicht eigentlich ein Prunkgebäude. Man geht durchaus fehl, wenn man den Maßstab von Adlon oder Ritz anlegen will. Und was die äußere Aufmachung anlangt, werden wohl selbst die bescheidensten rituellen Speisehäuser des Westens jeden Vergleich mit Entschiedenheit ablehnen. Die „koscheren“ Gastwirte Berlins oder Frankfurts werden außerdem mit erheblichem Stolze darauf hinweisen, daß dieses Kownoer Lokal jenes Wahrzeichens entbehre, das im Westen allein die religiöse Zuverlässigkeit garantiert  – es steht nicht „unter Aufsicht“ einer rabbinischen Autorität oder des „Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser“ in Hamburg. Der auf rituelle Kost reflektierende Reisende setzt sich bekanntlich mit vollkommen beruhigtem Gewissen nur an den Tisch jener Wirte, die die Schutzmarke dieses Vereins führen, bestehend aus einem riesenhaften, höchst rätselvoll und durchaus unrituell aussehenden Vogel, der aus unbekannten Gründen eine Münze geklaut hat und mit ihr zur Sonne emporfliegt. Wieso dieses diebische Vieh geeignet ist, als Symbol ritueller Zuverlässigkeit zu erscheinen, ist unaufgeklärt. Ich vertrete die Hypothese, daß dieser zoologisch nicht zu rubrizierende Vogel jener merkwürdige Janschuf ist, der in der Bibel unter den Vögeln aufgezählt wird, den in irgendeine Kategorie der bekannten Geflügelarten einzuordnen aber bisher nicht gelang.1 Mir persönlich würde eine pommersche Nudelgans sinniger Vorkommen; jedenfalls gibt das an der Tür solcher Speisehäuser angebrachte Zeichen die Gewißheit, daß jener Verein jegliche Garantie für die Ritualität des Tisches übernimmt.

23 Esther 6:1. 1 Nach Mishneh Torah 1:14 ein rituell unreiner Vögel, zoolog. Zuordnung unklar; im Neuhebräi­ schen die Eule.

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Außer diesem Wahrzeichen gibt es aber noch ein anderes in den westlichen Restaurants. Zwischen den Tischen pflegt sich ein Individuum herumzutreiben, dessen schmalwangiges Äußere an sich kaum geeignet ist, für die Güte und Reichhaltigkeit des Mahles zu garantieren, dessen turmhohes Käppchen aber einen beruhigenden Einfluß auf skeptische Gemüter ausübt. Das ist der sogenannte Maschgiach, der zur Aufsicht bestellte Vertrauensmann des Vereins. – Solche Einrichtungen existieren nun im Osten nicht. Jeder etwas auf sich haltende Speisewirt würde es mit Entrüstung ablehnen, sich unter Aufsicht stellen zu lassen, und vielleicht nicht ganz ohne Grund steht man im Osten auf dem Standpunkt, daß eine solche Aufsicht ohne jeden Wert ist und daß jemand, der sich irgendeiner Aufsicht unterwirft, von vornherein mit Mißtrauen zu betrachten ist. Ich könnte in der Tat aus meiner Erinnerung allerhand tragikomische Geschichten erzählen, in denen jene Einrichtung der Aufseher ad absurdum geführt wird. – Vielleicht erinnert sich der eine oder der andere meiner Leser an den famosen Aufseher, der vor nahezu dreißig Jahren in einem bekannten koscheren Restaurant des Harzes so kuriose Dinge anstellte. Ihm war z.  B. kontraktlich zugesichert, daß er bei der Verrichtung gewisser gottesdienstlicher Gebräuche, wie bei dem Vortrag der Hawdoloh zum Ausgang des Sabbat eine halbe Flasche Wein zum Segenspruch geliefert bekam.2 Er improvisierte nun jede Woche ein paarmal mit ernstester Miene solche fromme Verrichtung, indem er irgendeinen gleichgültigen hebräischen Text mit andächtiger Miene aufsagte, und zwar im Beisein der ganzen Tischgesellschaft, die sich höchlichst darüber freute, den wenig beliebten Wirt jedesmal um eine Flasche gekränkt zu sehen. Dieser aber, in jüdischen Dingen ein absolut unerfahrener Mensch, stand, den Hut vorschriftsmäßig auf dem Kopfe, mit ergebener Miene dabei und hörte ahnungslos den unverständlichen Singsang an, nicht ahnend, daß die ganze Gesellschaft sich auf seine Kosten lustig machte. Diese Wahrzeichen des jüdischen Restaurants fehlen also im Osten, dagegen nicht jenes dritte Kennzeichen jüdischer Gaststätten  – die Bettler. Man ist es gewohnt, wenn man ein jüdisches Restaurant betritt, daß an der Schwelle sich abgezehrte Hände hilfeflehend entgegenstrecken; in vielen Lokalen dringen die Armen auch bis an den Speisetisch vor und suchen mit jammernden Worten und indem sie ihre Gebrechen und Hilflosigkeit ins beste Licht rücken, die Mildtätigkeit der Speisenden in Anspruch zu nehmen. Die Wirte sind dagegen macht-

2 Hawdoloh, oder Hawdalah (‫ ַה ְב ָּד ָלה‬: hebr. für Unterscheidung): Zeremonie zur Beendigung des Schabbat-Ruhetags, bei der vermittels mehrdochtiger Kerze, Wein und Gewürzen der Übergang in den Arbeitsalltag zelebriert wird, und um die Gronemanns Buch strukturiert ist. Gronemann zitiert aus diesem Segensspruch zum Abschluss des letzten Kapitels.  s.  a. oben, S. 6, Fn. 1; S. XV, Fn. 6.

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los, die Kellner führen einen verzweifelten Kampf gegen die Leute, und bisweilen gelingt es, sie bis an die Schwelle zurückzudrängen. Im Osten – und speziell bei Michelsohn – fehlten die Armen nicht, aber doch war es dort anders. In dem kleinen Vorraum, wo die Mäntel abgelegt wurden, hielten sich immer einige alte Leute auf. Der Besitzer führte aber keinen Kampf gegen sie – ich sah mehr als einmal, wie der alte Michelsohn eifrig Stühle aus dem Gastzimmer herausholte und den Leuten hinsetzte – diese Armen wurden eigentlich sogar mit ganz besonderer Höflichkeit behandelt. Sie betteln auch nicht eigentlich – sie sitzen ruhig da und nehmen die ihnen von jedem gereichte Gabe als selbstverständichen Tribut entgegen. Die Bettler im jüdischen Osten spielen eben eine ganz andere Rolle. Sie wissen, daß sie für den Reichen genau so unentbehrlich sind, wie der Reiche für sie. Das Almosengeben ist eine strenge, unabweisbare Pflicht, und der Wohlhabende käme in die größte Verlegenheit, wenn er niemand hätte, dem er geben könnte. So ist ein Streik der Schnorrer nicht nur theoretisch denkbar, sondern er ist bisweilen Tatsache geworden und hat die davon Betroffenen in die allergrößte Verlegenheit gebracht; sie mußten in solchen Fällen durch besondere Opfer die Armen bewegen, den Boykott aufzuheben. – Als Gegenstück aus dem Westen sei erwähnt, daß sich noch in den fünfziger Jahren in Hannover etwas Derartiges abspielte.3 Die Gemeinde Hannover besaß nur einen einzigen Gemeindearmen, auf den sich nun die Gaben aller derer entluden, die Mildtätigkeit üben oder, wie man sagt, „Zdokoh geben“4 wollten. Eines Tages veruneinigte der Mann sich mit dem ersten Vorsteher und rief in seiner Wut: „Wenn Sie nicht wollen wie ich, dann ziehe ich einfach weg von Hannover; dann soll die Gemeinde sehen, wo sie ihre Zdokoh los wird.“ Eines Tages brachten wir, Hermann Struck und ich, also auch Richard Dehmel in das Schloßbergsche Lokal. Es war an einem Tage, an dem er gerade in der Verwaltung einen großen Krach gehabt hatte. Er hatte versucht, durch ein ausführliches Memorandum gegen die engherzige und unsinnige Art der Zensurausübung Front zu machen, und seine Schrift hatte sich in eine vernichtende Kritik der Verwaltungsgrundsätze, wie sie damals üblich waren, ausgewachsen; er forderte verständnisvolle Behandlung der nationalen Besonderheiten und trat für eine freiheitlichere Behandlung der Bevölkerung ein. Damit stieß er auf wenig Gegenliebe. Randbemerkungen, wie „Unsinn“, „mit der eisernen Faust muß man dreinfahren“ hatten ihn ungemein verärgert – er hat dann auch um seine Versetzung gebeten –, denn freilich konnten sich die Behörden seiner Anschauung, daß der 3 In Hannover lebte Gronemann von 1885–1907, mit kurzer Unterbrechung zwischen 1899–1900 als Referendar in Bassum. 4 Gleichbedeutend mit „Almosen geben“, verstanden als rel. Pflichthandlung. Wörtl. ẓedaka (‫) ְצ ָד ָקה‬, hebr.: Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit.

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gesamte Zensurbetrieb zu drei Viertel überflüssig, zur Hälfte gemeingefährlich ist, wie er in einem Briefe vom November 1916 an Robert De Campagnol5 schreibt, nicht anschließen. Im September 1916 schreibt er aus Kowno an F. C. Rang6, daß die bitteren 5 Enttäuschungen, die er im Schützengraben erlebt habe, nicht so schauderhaft wie seine Erfahrungen dort in der Verwaltung gewesen seien.7 Er sei gezwungen, schreibt er in einem anderen Briefe, ständig gegen den deutschen Geist zu sündigen (Näheres ist in seinen im Verlage S. Fischer erschienenen Briefen nachzulesen).8 – Ich sehe ihn noch vor mir, wie er auf der Straße stehenblieb, 10 wütend mit dem Stock aufs Pflaster stieß und in ungebärdiger Weise seinem Herzen Luft machte, und erst als wir ihn in dem engen Stübchen bei Michelsohn hatten, wo er zwischen dem Feldrabbiner Dr. Rosenack aus Bremen und Hermann Struck saß, beruhigte er sich allmählich, und der Sabbatfrieden zog auch bei ihm ein. Mit großem Interesse machte er die Bekanntschaft des von seinem Kolle15 gen Heinrich Heine so besungenen Göttermahles, des Schalet; er ließ sich von Dr. Rosenack hübsche talmudische Legenden und von mir jüdische Schnurren

5 Dehmel an Roger de Campagnolle (Blankenese 24. 11. 1916): „Das halbe Dutzend Offiziere, die mit mir zusammen in Kowno amteten, die waren durch die Bank überzeugt, daß unser Zensurbetrieb zu Dreivierteln überflüssig, zur Hälfte gemeingefährlich ist; aber keiner riskierte aufzumucken u. sein Pöstchen dabei zu verlieren. Solche gesinnungstüchtigen Zeitgenossen haben natürlich den Staat, der ihrer würdig ist, und in dem wir vorschriftswidrigen Zukunftsnarren nur als Kanonenfutter verwendbar sind.“ Richard Dehmel, Ausgewählte Briefe aus den Jahren 1902 bis 1920, Bd 2. Berlin 1923, 404. 6 Florens Christian Rang (1864 Kassel – 1924 Hohemark), dt. protest. Theologe, Politiker und Schriftsteller. Für Walter Benjamin war Rang der „tiefste Kritiker des Deutschtums seit Nietzsche“ und ein „häretisch gestimmter Denker“, der, wie Franz Rosenzweig, erschien, „um den Kampf gegen die Idolatrie des Geistes aufzunehmen: der Jude Franz Rosenzweig von der Sprache, der Protestant Florens Christian Rang von der Politik her.“ Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd III. Hg. Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt a.M. 1991, 320, 254. 7 Dehmel an F. C. Rang (Kowno 18. 9. 1916): „…  versetzt ins Buchprüfungsamt der Presse-Abteilung beim Oberbefehlshaber Ost. Daß ich im Krieg noch Censor werden würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Aber die Tätigkeit ist durchaus nicht traumhaft, sondern öffnet mir die Augen über alle Gebrechen des inneren Deutschlands. Selbst die mancherlei bittern Enttäuschungen, die ich im Schützengraben erlebt habe, waren nicht so schauderhaft.“ Dehmel, Ausgewählte Briefe, 401. 8 Dehmel an Hauptmann Lorenz (Kowno 30. 10. 1916): „Meine Frau hat Ihnen meine Abneigung gegen den Kanzleimilitarismus wohl zu sehr als Dichtersgattin geschildert. Ich suche keinen Ruheposten, sonst könnte ich ruhig hierbleiben; ich hatte blos mal die bescheidene Hoffnung, in der deutschen Kriegsmaschinerie einen geistigen Handlangerposten zu finden, wo ich nicht (wie in meinem hiesigen Amt) gegen den deutschen Geist sündigen muß. Nun, es wird wohl das Beste sein, sich jeglichen idealen Anspruch an die Staatsregierung abzugewöhnen; dann erlebt man keine Enttäuschungen mehr.“ Ebd.

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erzählen, und als endlich vor Verrichtung des Tischgebetes die alten hebräischen Sabbatgesänge angestimmt wurden, war er in herrlichster Stimmung; sogar Hermann Struck war befriedigt, auf dem alle Hausfrauenpflichten gelastet hatten. Mit großer Mühe hatte er Frau Michelsohn zu reiner Tischwäsche und sogar zu einer sauberen Schürze und gutgeputzten Bestecken veranlaßt und so konnte er, nachdem man sich durch das unendliche Sabbatmenü durchgegessen hatte und kaum noch bewegungsfähig dasaß, sich zu seinem ständigen Witz aufschwingen, der schon zum Sabbatritual gehörte: „Nun, Frau Michelsohn, was gibts denn heute eigentlich zu essen? Das war doch alles nur Vorspeise!“ Dann aber trat, wie immer nach dem Sabbatmahl, unser Wirt, Herr Michelsohn, an unseren Tisch, um sich zu verabschieden, bevor er in seine Schule, wo er am Sabbatnachmittag „lernte“, ging. Er gehörte der Sekte der Chabad Chassidim an.9 An sich schon einer der schönsten Menschen, die ich je gesehen habe, wirkte er in dem langen, schwarzen, sauberen Rock überwältigend  – eine hohe Patriarchengestalt, mit großem, weißem Barte, wundervollen dunklen Augen, dessen Gesicht von einem fast überirdischen Schein von Güte, Milde und Klugheit erstrahlte. Auf Dehmel hatte diese erste Berührung mit dem ostjüdischen Milieu einen tiefen Eindruck gemacht, und er äußerte den lebhaften Wunsch, näher mit diesen Dingen und Menschen bekannt zu werden. Rein theoretisch war er ja durch unseren „Intellektuellenklub“ schon damit befaßt; an den häufigen und lebhaften Debatten über das nationale Judentum und den Zionismus hatte er sich mit Feuereifer beteiligt, und speziell nach einem Vortrage von Hans Goslar über die zionistische Bewegung war er so radikal geworden, daß wir allesamt als kleinmütig und leisetretend erschienen. Auf meinen Rat hin fuhr er kurz danach zu einem Feiertag nach Wilna, um sich dort das Treiben in der Judengasse anzusehen. Er wohnte dort auch in der alten Synagoge einem Gottesdienst mit dem prächtigen Kantor Herschmann10 bei, und als er zurückkam, erklärte er mir, Wilna hätte auf ihn einen größeren Eindruck gemacht als Rom; – der Gottesdienst hätte ihm mehr 9 Der Chassidismus ist eine spirit. Bewegung im neuzeitl. Judentum, die auf einer populären Form jüdischer Mystik und auf die Lehren des ukrainischen Ba’al Schem Tov (ca. 1700–1760) zurückgeht. Die Chabad-Schule folgte innerhalb dieser Bewegung einer rationalistischeren und systematischeren Theologie, die Schne’ur Salman von Liadi (Liozna, 1745–1813) begründete. Er propagierte die kabbalistischen Begriffe Chochma, Bina, Da’at (Weisheit, Einsicht, Erkenntnis), deren Akronym Chabad zur Losung des späteren Lubawitscher Chassidismus werden sollte. Glenn Dynner, Chassidismus, EJGK, Bd 1, 491  f. 10 Mordechai Herschmann (1888 Tschernihiw – 1940 New York), ukrainischer Kantor (chasan), 1920 Emigration in die USA. Zählt zu den großen Kantoren aus der Blütezeit jüd. Sakralmusik zu Beginn des 20. Jhdt. Neben liturg. Melodien zählten auch jidd. Volkslieder u. Opernauszüge zu seinem Repertoir. Evtl. Inspiration für Gronemanns Einakter Jomkippur vor Gericht (GKG I, 104), vgl. Herschmanns Lied Get a goy in shenkel arein.

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gegeben, als die Celebrierung der Ostermesse durch den Papst, und ihm wäre der Begriff der betenden Gemeinde erst jetzt klar geworden. – Manchem Westeuropäer, der einmal gelegentlich in einem Gottesdienst im Osten hineingeschaut und peinlich berührt jeden zweiten Besuch verschwo5 ren hat, mag dieser Eindruck, den der Gottesdienst auf den deutschen Dichter gemacht hat, seltsam erscheinen; vielleicht gehört auch der feinfühlige Instinkt eines Dichters dazu, bis auf den Kern zu schauen und so tiefe und starke Eindrücke zu erhalten. Aber will man das ostjüdische Leben von einem Zentralpunkt aus erfassen, muß man den Tempel besuchen und sich darüber klar werden, was 10 die Synagoge im Osten für das jüdische Leben bedeutet.

Die Synagoge des Ostens Ich stehe im Begriffe, mich der wenigen mir gebliebenen Sympathien unter den sogenannten Gesetzestreuen meiner Umgebung zu berauben; vielleicht liefere ich sogar denen Stoff, welche von dem entsittlichenden und verderblichen Einfluß 15 der Ostjuden sprechen, vielleicht wird auch das Geständnis, das ich zu machen habe, Leo Danziger1 und andere synagogale Würdenträger der „Heidereuter Synagoge“2 veranlassen, mich künftig mit keinen gottesdienstlichen Funktionen mehr zu beehren – aber es muß heraus: Seit ich die Synagoge des Ostens kennen gelernt habe, ist mir der Tempel des Westens mit seinem Gottesdienst einiger20 maßen verleidet. Das bezieht sich auf viele konservative Synagogen fast genau so, wie auf die reformierten – von der Perspektive eines litauischen Bethauses aus gesehen, verschwindet der Unterschied bis auf ein Minimum. Ich fühle mich unbehaglich in der geordneten, geruhigen, ich möchte sagen, „militärisch geregelten“ Art des gottesdienstlichen Betriebes, wie er sich hier abwickelt. Wenn 25 ich sehe, wie die würdevollen und von dem Gefühl der Wichtigkeit ihrer Person und ihrer Stellung bis zum Platzen gefüllten Herren Synagogenvorsteher zum Ausheben der Gesetzesrollen antreten, wie zu einer Quadrille3 – wie im steifen Prozessionsschritt der Umzug der Gesetzesrollen absolviert wird – wie vorn vor der heiligen Lade von einigen Hauptakteuren die Feier celebriert wird, während 1 Leo Danziger (1887–1944), Leiter der 1921 gegründeten Vereinigung für die Interessen der Alten Synagoge Berlin. Jüdisches Jahrbuch für Gross-Berlin 1930, 117. 2 Nachdem die 1714 in der Heidereuter Gasse eingeweihte Synagoge im 1900 Jhdt. stark anwuchs (auf ca. 28.000 Mitglieder), bot die damals einzige Synagoge Berlins nicht mehr genug Platz, so dass die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße gebaut u. die Heidereuter Synagoge hernach auch Alte Synagoge genannt wurde. 3 Quadratischer Paartanz.

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das Volk im Hintergründe respektvoll „Rhabarber“ murmelt – wie Seine Ehrwürden salbungsvoll die Hände zum Segen der Gemeinde ausspreizt, nachdem er die Falten des gewöhnlich als Schal getragenen Gebetmantels sorglich an der im Judentempel ganz unangebrachten und stillosen schwarzen Robe geordnet hat – das alles ist mir unerträglich. Und diese albernen Synagogendiener, die wie die Unteroffiziere in den Gängen umherwandern, um auf Richtung und Haltung zu achten – sie allein können schon jede Stimmung verderben. Dazu kommen die oft protzigen und sinnlos verschnörkelten Bauten, mit oder ohne Cadiner Kacheln4, die doch häufig nur für die „Andern“ bestimmt sind, wenn das auch nicht immer in so schamlos unwürdiger Art in die Erscheinung tritt wie bei der Synagoge in Brüssel, die auf der Außenfront die lnschrift trägt: „Sind wir nicht alle Söhne eines Vaters?“, um sich Liebkind bei den Passanten zu machen. Dazu kommt das peinliche Gefühl, daß die ungeheure Mehrzahl der Besucher dieser Gotteshäuser hier ihre kleine Portion jüdischen Interesses restlos absorbiert, daß es für sie sich immer nur um einen Anstandsbesuch beim lieben Gott handelt; ob derselbe nun täglich abgestattet wird oder etwa nur einmal im Jahr am Versöhnungstag, zwischen Frühstück und Mittag, ist gleichgültig. Man hat versucht, den lieben Gott und das Judentum in die Synagoge zu sperren, und wacht sorglich darüber, daß beide die Schwelle nicht nach außen hin überschreiten. Mir ist das unerträglich, seit ich im Osten etwas anderes gesehen – etwas ganz und gar anderes. – Schon das äußere architektonische Bild ist grundverschieden. Dort findet man überall in der Mitte des Raumes die Bimah, das große Podium, von dem der Vorbeter seine Stimme erschallen läßt. Wie hat man im Westen nur so stillos und gedankenlos sein können, dieses Charakteristikum des jüdischen Gotteshauses aufzugeben! Nicht der Priester, der Träger göttlicher Sendung, erscheint vor der Masse der Gläubigen, durch ehrfurchtgebietenden Zwischenraum getrennt, ihnen von weitem die Heiligtümer zeigend, sondern der Sendbote der Gemeinde, der Sprecher und Dolmetsch ihrer Herzenswünsche und Bitten steht inmitten der Menge, aus ihr aufragend, um mit ihnen allen, nur ihnen vorangehend, den Weg nach oben zu suchen und zu bahnen. So kommt schon im äußerlichen Bilde die Eigen-

4 Die Bemerkung zielt auf die Synagoge in der Berliner Fasanenstraße, deren Kuppel mit Cadiner, d.  h. zinnglasierten Kacheln aus der Fabrik Wilhelms II. geschmückt ist, die Kurt Tucholsky abwertend Die patriotische Synagoge nannte: „Denn wie konservativ der Jude ist, zeigt sich in der Fasanenstraße. Hier kommen die sonst Geprügelten, Verachteten zusammen (die nur liberal sind, weil man sie nicht für voll nimmt …), hier kacheln sie mit kaiserlichen Ziegeln, […] Fühlen sie nicht, wie sie sich verspotten? – […] Das Auge ihrer neugetauften Nachkommen aber sieht glänzend, gleißend, hoch oben an der Kuppel: – Cadiner Kacheln.“ Kurt Tucholsky, Die patriotische Synagoge (tu.), Vorwärts 198 (25. 08. 1912), 1.

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art jüdischer Auffassung zum Ausdruck. Es ist nicht so, daß die Gnade, die Liebe sich von oben auf die unwürdigen Menschen herabsenkt, daß ein Mittler vom Himmel herabsteigt, um die Sünder zu erlösen, sondern wie Moses den Berg Sinai erstieg, um die Lehre herabzuholen vom Himmel, so ringt der Jude, ringt und kämpft die Gemeinde um die Lehre, um den Segen – so kommt es in jüdischer Sage in den vielen Erzählungen der Chassidim zum Ausdruck. Es ist ein ewiges Kämpfen, ein Stürmen zum Himmel, in wachsender Ekstase wird das Gebet emporgesandt, um die Wolken und das Himmelsgewölbe zu durchbrechen. Man muß wie Dehmel einmal an einem hohen Feiertag in der alten ehrwürdigen „Schul“ gestanden haben, um sein großes Erlebnis zu begreifen. Kopf an Kopf drängt es sich. Die breiten Treppen, die zu dem unter dem Straßenniveau liegenden Betraum führen, sind dich besetzt. Rings ist der Raum dicht gefüllt von den in weiße Mäntel gehüllten Betern; die verhüllten Gestalten sind in heftiger Bewegung, es wogt auf und ab und wogt die Stufen hinauf, die zu der breiten, von einem auf mächtigen Säulen ruhenden Baldachin bedeckten Bimah führen. Auch dort oben drängt sich eine Schar, und aus ihrer Mitte ragt die Gestalt des noch jugendlichen Sängers hervor. Schluchzend bald, bald hellaufjauchzend dringt seine Stimme unter dem Gebettuch hervor, das er so weit über den Kopf gezogen hat, daß man kaum etwas von seinem Gesicht sieht, und in ungeheurem Brausen fällt von Zeit zu Zeit der Chor der Beter in chaotischem Gesange ein. Selbst wer kein Wort der Gebettexte versteht, wird mitgerissen. Aber freilich, wer nicht gerade in einem solchen Moment das Gotteshaus betritt, in dem sich in höchster Ekstase alle Beter zum gemeinsamen Gebetsturm vereinigen, der sieht nur das Chaos und nimmt, an deutsche Ordnung gewohnt, mit Mißfallen wahr, wie jeder einzelne beinahe sich ohne Rücksicht auf die anderen seiner eigenen Beschäftigung hingibt. Die einen sitzen und brüten über ihren Büchern, andere debattieren laut und ungeniert über irgendwelche Fragen der Lehre, andere wieder unterhalten sich, auch ebenso laut, über durchaus profane Dinge, einer wandert, den Mantel lang hinter sich herschleppen lassend, hin und her, scheinbar im Selbstgespräch, Kinder balgen sich oder spielen um die Bimah herum Verstecken, ein alter Jude fährt dazwischen und teilt rechts und links Ohrfeigen aus, von der Frauengalerie, aus der man nur durch Gucklöcher in den Betraum hinuntersehen kann, ertönt eine kreischende Weiberstimme, die gegen die Mißhandlung ihres Jungen protestiert – kurz, es bietet sich etwas ganz anderes dar, als sich der auf Feierlichkeit gestimmte Besucher erwarten ließ. Es ist überhaupt kein ästhetisch rein befriedigender Anblick. In einem Gotteshaus in Kowno fand ich in der sehr ausführlichen Tempelordnung, die an der Wand hing, unter anderem den Paragraphen: „Spucken ist erlaubt“ – eine Erlaubnis, von der reichlich Gebrauch gemacht wird. Und nun stelle man sich einen solchen Tempel an einem der großen Freudenfeste, etwa am Simchas-Thora, am Feste der

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Gesetzesfreude,5 vor. Alles tanzt und singt. Mit den Gesetzesrollen im Arm springen alte Juden verzückt mit geschlossenen Augen in tollen Sprüngen herum, sich wie Kreisel um sich selbst drehend. Die Kinder jauchzen und scheinen sich verzehnfacht zu haben. Überall und unter allen Stühlen und Bänken, auf der Bimah und vorn vor der Lade, überall springen sie kreischend und jubelnd herum, 5 die Schnapsflaschen kreisen, man bietet sich Kuchen an, und die jungen Leute rauchen Zigaretten.

5 Simchas Thora (‫ּתֹורה‬ ָ ‫ ִׂש ְמ ַחת‬, hebr. Simchat Thora: Freude an der Lehre), letzter Tag des Laubhüttenfestes, an dem der einjährige Zyklus der Thoralesung endet und neu begonnen wird.

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Fasten und Trauern an Bußtagen versteht man eben halb und halb auch im Westen, aber die richtige Freude, die Freude an der Lehre, am Gesetz, die kennt man nur dort. Ich sehe noch den kleinen Scherenschleifer von der Ecke der Lietzmannstraße in Kowno vor mir, wie er im Tempel herumlief, um immer wieder und wieder jede einzelne Gesetzesrolle zu küssen; eine unglaubliche Seligkeit war über sein lachendes, zahnloses Gesicht ausgegossen. Worüber freut sich der Mensch? Worüber jubeln alle diese Leute? Was ist schließlich diese Thora, deren Fest man so feiert? Ein Gesetz, das unzählige Gebote und Verbote enthält, alle Lebensgenüsse einschränkt und große Steuern auferlegt! Kann man sich vorstellen, daß sich irgendein europäisches Volk über sein Bürgerliches Gesetzbuch oder Strafgesetzbuch derart freut? Oder gar über die Steuergesetze? Das ist nicht einmal in Deutschland der Fall, obwohl die Deutschen seit der neuen Steuergesetzgebung wirklich verdienen, das Volk der Dichter und Denker genannt zu werden. Ich habe öfter an solchen Tagen Herren aus Deutschland, auch Nichtjuden, durch Gotteshäuser geführt und habe regelmäßig dieselbe Beobachtung machen können. Zunächst standen die Herren, erstaunt und im höchsten Grade befremdet, mit aufgerissenen Augen da, dann aber wurden sie in den Strudel mit hineingerissen und kamen selbst in eine Art von Ekstase. In einer kleinen Gebetstube in Warschau hätte nicht viel gefehlt, daß der Graf B.6 selbst mitgetanzt hätte. Ganz begeistert war jener berühmte Kunstmaler aus Königsberg,7 der für einige Tage nach dem Osten gekommen war, um Studien für eine Skizzenmappe zu machen, die er in höherem Auftrage herausgeben sollte. Er dankte mir immer wieder aufs lebhafteste für die Gelegenheit, die ich ihm verschafft hätte und behauptete, daß die künstlerische Ausbeute sehr groß gewesen sei und er nun sofort ans Werk gehen werde. Leider habe ich die Skizzenmappe nicht zu sehen bekommen; ich hätte mich gern davon überzeugt, wie er die Motive, die ich ihm zeigte, verwertet hat. Das Werk sollte heißen: „Weihnachten im Schützengraben“, und es mag kurios genug geworden sein. Die Synagoge im Osten dient eben ganz anderen Zwecken als der Tempel des Westens. Sie ist das, was der Name bedeutet – griechisch: „Synagoge“, hebräisch: „Beth ha-knesseth“ – das Versammlungshaus! – Es ist das eigentliche jüdische Klublokal, eine Stätte, an die man nicht kommt, um den lieben Gott zu besuchen, sondern vor allem, um alle öffentlichen Angelegenheiten und seine eigenen 6 Bogdan Graf von Hutten-Czapski (1851–1937), aus pommerscher Adelsfamilie. Ab 1914 Referent für Ostfragen in der politischen Abteilung des Großen Generalstabs. Marta Polsakiewicz, Spezifika deutscher Besatzungspolitik in Warschau 1914–1916. Zeitschrift für OstmitteleuropaForschung/Journal of East Central European Studies 58.4, 2009, 515  f. 7 Werner Riemann (1893 Königsberg – 1936 Pillau), dt. Maler, Studium an Kunstakademie Königsberg.

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Sorgen zu erörtern. Man muß dabei bedenken, daß im zaristischen Rußland alles Vereinsleben und alles politische Leben so gut wie unterbunden war, und daran mag es zum Teil liegen, daß sich solche Freistätten oder Heimstätten für alle Erörterungen öffentlicher Dinge gebildet haben. Ganz ungeniert also und durchaus nicht mit dem Gefühl, eigentlich etwas Ungehöriges zu tun, erörtern die Besucher der Synagogen dort ihre Angelegenheiten. Unsere deutschen Damen im Westen haben ja, wenn man so will, etwas von dieser Tradition gerettet, indem sie während des Gottesdienstes auf der Galerie mit großem Eifer ihre Kochrezepte austauschen und ihre Dienstbotennöte erörtern. Aber etwas anderes sieht es doch drüben aus. Da stürzt z.  B. eine Frau in den Betsaal, als man eben die Thorarolle aufs Pult gelegt hat, um die Vorlesung zu beginnen, eilt auf die Bimah zu, legt ihre Hand auf die Rolle und erklärt laut, daß sie nicht gestatten werde, daß man liest, bevor ihr Recht geschehen sei. Es wird festgestellt, daß die Frau sich in ihrem Erbrecht durch Verwandte gekränkt fühlt; sie verlangt, daß ihr und ihren Kindern von der Gemeinde Schutz gewährt wird, und erst nachdem ihr von den Rabbinern und Ältesten feierliche Sicherheiten gegeben sind, daß sofort ein Gericht zusammentreten und den Fall entscheiden wird, zieht sie ab und kann die Vorlesung beginnen. Oder irgend jemand klopft plötzlich auf sein Pult und gebietet Stille. Er teilt mit, daß die jüdischen Soldaten in der und der Kaserne für das bevorstehende Osterfest nicht mit ritueller Kost versorgt seien. Von allen Seiten kommen nun die Angebote, und erst wenn die Versorgung sichergestellt ist, geht der Gottesdienst weiter. – Im Jahre 1905 habe ich in Schitomir während des Passahfestes es erlebt, daß während der Vorlesung aus der Thora ein Trupp junger Leute unter Führung eines Mädchens mit gezogenem Revolver eindrang, Türen und Fenster besetzte und erklärte, daß niemand das Haus verlassen dürfe. Darauf bestieg einer aus dem Trupp die Bimah und hielt eine Ansprache, in der er auf den drohenden Pogrom hinwies und zum Eintritt in die Selbstwehr und zur Gabe von Spenden aufforderte. Den meisten Anwesenden schien der Vorfall nichts besonderes zu sein. Die Geschichte mit den Revolvern aber erklärte sich einfach daraus, daß eben mit Rücksicht auf das strenge Strafen androhende Verbot politischer Versammlungen den Teilnehmern die Möglichkeit verschafft werden mußte, im Falle die Polizei dazu kam, auf den Zwang hinzuweisen, unter dem sie gehandelt hätten.8 Im Anfang kam mir natürlich das Treiben in den Synagogen recht seltsam vor, aber bald fühlte ich mich sehr heimisch dort, und ich suchte, so oft ich nur konnte, bald diese, bald jene Synagoge auf. Es gibt unzählige Tempel in jedem jüdischen Städtchen, so haben insbesondere alle Zünfte ihren Tempel, die Schnei8 Gronemann verarbeitet dieses Erlebnis in seinem Roman Tohuwabohu (Kap. Ostergeläute und Pogrom).

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der, die Schuster, die Bäcker usw., außerdem pflegen reiche Leute eine eigene „Schul“ zu stiften. Alle diese Tempel sind aber eigentlich den ganzen Tag und die ganze Nacht geöffnet, wie es sich für ein rechtes Klublokal gehört. Feste Gebetszeiten gibt es nicht, wenn sich auch am Sabbat oder an Feiertagen ein großer Hauptgottesdienst heraushebt; im übrigen wird in einem solchen Tempel und in seinen zahlreichen Nebenräumen, vor allen Dingen in dem anschließenden Lehrhaus  – über das noch zu reden sein wird  – ständig Gottesdienst abgehalten. Es ist unmöglich, zu spät zu kommen, denn während an der einen Wand die Beter beisammen sind, gruppieren sich schon in einem anderen Winkel mit ihren Gebetmänteln unter dem Arm andere, die auf die erforderliche Zehnzahl9 warten, um dann, wenn diese Zahl vollständig ist, sofort neu zu beginnen. Um einen Vorbeter braucht man keine Sorge zu haben; das nächstliegende Buch wird aufgeschlagen, der erste Buchstabe der aufgeschlagenen Seite entscheidet, daß der, dessen Name mit demselben oder dem nächsten Buchstaben beginnt, den Gottesdienst leitet. Und selbst im Hauptgottesdienst tritt, wenn die Thoravorlesung beginnt, eine gewisse Zersplitterung ein. Einzelne Gruppen holen sich aus der Lade ihre Rolle und beginnen in irgendeinem Winkel für sich die Vorlesung, so daß bisweilen an vier, fünf Stellen gleichzeitig gelesen wird, und jemand, der Wert darauf legt, kann an einem Vormittag unzählige Male an den verschiedenen Stellen zur Thora aufgerufen werden. Der an einem westlichen Gottesdienst Gewöhnte wird nun vielleicht fragen, wie es eigentlich mit der Predigt steht, die doch im Westen den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu bilden pflegt. So etwas wie unsere feierlichen Kanzelreden gibt es nun im Osten überhaupt nicht oder höchstens etwa in der großen Synagoge in Warschau, deren Gottesdienst aber eben ganz und gar nach europäischem Muster gestaltet, überhaupt nicht als Repräsentanz ostjüdischer Art in Betracht kommt. Ich habe das Fehlen der Predigt mit männlicher Fassung ertragen, wie ich wahrheitsgemäß versichern kann, so sehr ich ein Halbstündchen gottgefälligen Schlummers im Tempel schätze. Damit soll nicht etwa gesagt sein, daß ich nicht bisweilen – in früheren Zeiten sogar sehr häufig  – ausgezeichnete Kanzelreden gehört habe, die mir wertvolles gegeben haben.10 Aber es gibt in der homiletischen Lotterie

9 Das für die pflichtgemäße Absolvierung des Gebets erforderliche Quorum von zehn Betenden. S.  a. das Kapitel Der Minjanmann in Tohuwabohu sowie den Einakter Jomkippur vor Gericht. GKG, Bd 1, 104–115. Vgl. BT, Megillah 23b, wo die in der Mischnah festgelegte Zehnzahl rückwirkend mit Lev. 22:32 und Ex. 16:21 interpretiert wird. Eine häufige Symbolzahl auch in der Torah, bspw. in Gen. 18:32, Ex. 20:2-14, Lev. 27:30. 10 Gronemann spielt auf die Predigten seines Vaters, den Rabbiner Selig Gronemann (1843– 1918), an, deren Lektüre für Gronemann einen bleibenden Genuß darstellten, da sie „von natür-

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allzu viele Nieten; bisweilen auch gibt es Reden, die ich geradezu als Störung des Gottesdienstes empfinde. Und die köstlichen Stilblüten, die ich ab und zu pflücken konnte, bieten nur eine geringe Entschädigung. Selbst wenn aber einmal ein gutes Gericht serviert wird, ist oft genug die Tunke salbungsvollen Öles, von dem es überströmt, unerträglich und unbekömmlich. Warum um Gottes willen eigentlich eine eigene Kanzelsprache geschaffen ist und woher der einschläfernd nasalwehmütige Tonfall stammt, habe ich nie ergründen können. Jedenfalls also: die Ostjuden sind bislang ohne sichtbaren Schaden ohne Predigten ausgekommen. Erst durch die auch ihnen zugänglichen Predigten unserer Feldrabbiner haben sie auch diese Seite westlicher Kultur kennen und richtig schätzen gelernt. In der Synagoge des Ostens gibt es freilich auch Reden, aber ganz anderer Art. Die sogenannte Drosche – der Lehrvortrag –11 hat nichts von Salbung, nichts von Pathos, Rührung, Sentimentalität und von anderen Zutaten westlicher Homiletik an sich – sie sucht auch nicht zu „erbauen“ (das gräßlichste Wort, das ich kenne), sondern zu belehren. Es gibt keine Apostrophe der „andächtig in Gott Versammelten“ zu Beginn und keine pathetische Anrufung des „Herrn der Heerscharen“ zum Schluß, mit der bei uns das Signal zum Aufstehen und damit zur Erweckung der andächtig im Herrn Eingeschlafenen erteilt wird. Der Redner beginnt einfach mit „Meine Herren!“ und benimmt sich auch sonst wie ein normaler Mensch, er spricht wie im gewöhnlichen Leben, während unsere Geistlichen oft von dem gespreizten Wesen, das sie auf der Kanzel anzunehmen belieben, sich in ihrem gewöhnlichen Leben beeinflussen lassen und auch da gern in Ewigkeitsworten ihre Meinung über das Wetter oder die Güte des Mittagstisches von sich geben. – Es gibt zweierlei Reden – einmal den halachischen Vortrag, der gewöhnlich am Sabbatnachmittag stattfindet und bei dem irgendwelche schweren Stellen des Talmud erörtert werden; ungeniert wird der Redner aus der Mitte der Anwesenden heraus unterbrochen, und es setzt oft eine lebhafte Diskussion ein. Diese Vorträge aber setzen ein sehr kundiges und gelehrtes Publikum voraus. Beliebter ist die andere Art der Rede, die des Maggid, die in gewissem Sinne unserer Predigt ähnelt, weil auch da ethische Grundsätze gelehrt werden. Zu solchen Vorträgen, die bisweilen nach der Thoravorlesung im Gottesdienst, zuweilen auch außerhalb des Gottesdienstes stattfinden, ist der Andrang in den Synagogen oft gewaltig groß, zumal, wenn einer der berühmten Wanderredner, der Maggidim, spricht. Die Grundstimmung einer solchen Veranstaltung aber ist nicht Feierlichkeit und Andacht, sondern – fortgesetzte Heiterkeit. Ich gestehe, daß ich ja auch bei ­Predigten im Westen oft mich in erheblichem Maße amüsiert habe, aber leider licher Philosophie erfüllt u. oft von feinem satirischem Humor durchzogen.“ Sammy Gronemann, Erinnerungen, Kap. VII, 75. 11 Von hebr. drasha (‫) ְּד ָר ָׁשה‬: die homiletische Auslegung.

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konnte ich meinen Gefühlen nicht so frei Ausdruck geben wie im Osten, wo laute Lachsalven oft nach jedem Satz die Rede unterbrechen, denn im Westen handelt es sich gewöhnlich um ungewollte komische Effekte. Es ist das übrigens wohl kein übles Rezept, um sich das Leben mit allen Menschen erträglich zu machen, daß man sich entweder mit ihnen oder über sie amüsiert! Ich möchte, um wenigstens eine Probe des Stiles solcher Reden zu geben, etwa ein Wort des berühmten Warschauer Maggid Nissenbaum12 zitieren, den ich oft und gern gehört habe. Das Wort fällt mir im Moment ein, ohne daß ich es als besonders glänzend wiedergeben will; es illustriert aber, glaube ich, die Art jener Reden. Er sagte in einer Rede, die er gegen die Politik der fanatischen Orthodoxie hielt, wie sie damals durch die „Chassidim“ unter Führung eines jener Westeuropäer betrieben wurde, die die Orthodoxie als Sport betreiben: „Ein Chossid stand einst am Ufer des Meeres. Da geschah ihm ein Wunder. Die Wolken teilten sich und er sah – –“ „Meine Herren“, so unterbrach er sich, „wozu soll ich Ihnen weiter erzählen; wenn ein Chossid überhaupt sieht, ist das schon ein Wunder!“ Man sieht, es geht in den Synagogen des Ostens durchweg lustig und fröhlich zu, und von Feierlichkeit ist nichts zu spüren. Man ist, auch an westlichen Begriffen gemessen, viel laxer in der Beobachtung religionsgesetzlicher Vorschriften, und ich glaube, daß gerade manchem orthodoxen Juden aus dem Frankfurter Kreise13 sich bei vielem, was er sah, unter dem Helm die Haare gesträubt haben werden. So erlebte ich beispielsweise gleich zu Beginn meines Aufenthaltes in Kowno in der hübschen „Hausmann-Schul“ folgendes: Das Schlußgebet war gesprochen, da drängten sich zwei Backfische von 14 und 16 Jahren etwa nach vorn an die Lade und sprachen das Kaddischgebet. Kaddisch ist das bekannte – mindestens aus Heinrich Heine bekannte14 – Gebet, welches im Trauerjahr, zum Andenken an den Verstorbenen, dessen Söhne sprechen. Es ist ein großer Schmerz für einen Juden, ohne einen Sohn zu hinterlassen, ohne einen „Kaddisch“, wie man ihn geradezu nennt, dahinzugehen. Von weiblichen Personen wird dies Gebet nicht gesprochen. Hier war nun ein Handwerker gestorben und hatte keinen Sohn hin12 Yizhak Nissenbaum (1868 Bobruisk — 1942 Warschauer Ghetto), Rabbiner, hebr. Schriftsteller und rel. Zionist (Misrachi, Jüd. Nationalfonds), der homiletische Elemente in seinen zion. Predigten benutzte. 13 Die Frankfurter Orthodoxie wurde im 19. Jhdt. v.  a. durch Samson Rafael Hirsch (1808–1888) begründet, dessen neo-orthodoxe Bewegung eine bürgerliche Synthese aus traditonell jüdischer und säkularer Bildung anstrebte. Entstanden aus der Abgrenzung zur Reformbewegung, wurde sie wiederum Anlass zur Konstitutierung einer noch konservativeren Orthodoxie, die sich von der Hirschs versuchte abzugrenzen. 14 „Keine Messe wird man singen, / Keinen Kadosch wird man sagen, / Nichts gesagt u. nichts gesungen / Wird an meinen Sterbetagen.“ Heinrich Heine, Gedächtnisfeyer. Romanzero: Lamentazionen. DHA, Bd 3/1, 114, Z. 1–4.

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terlassen. Seine beiden Töchter, ohne sich viel um die Vorschriften zu kümmern, lernten das Kaddischgebet und sprachen es im Gotteshaus. Natürlich wußte jeder einzelne im Tempel, daß das gegen unzweideutige Gesetzesvorschriften verstieß, aber keiner nahm daran Anstoß, sondern alle fielen in die üblichen Responsen ein. Solcher Vorfall wäre im Westen ganz und gar unmöglich. Ein Kenner der Verhältnisse wird sich unschwer vorstellen, was alles geschehen wäre, wenn etwa in Berlin etwas Ähnliches vorgekommen wäre. Zunächst wären die Pedelle und die Synagogenvorsteher eingeschritten, dann hätte es Interpellationen in der Repräsentantenversammlung gegeben, rabbinatliche Gutachten wären eingefordert worden, die Konservativen hätten über eine Verletzung vitalster Interessen des gesetzestreuen Judentums Zeter geschrien, die Liberalen hätten gegen die Rückständigkeit der Orthodoxen geeifert, es wären Spezialkommissionen eingesetzt worden, und es wären Bände von Akten entstanden. Dort in Kowno machte kein Mensch aus der harmlosen Sache etwas her und kein Mensch machte daraus eine Prinzipienfrage. Dort im Osten fühlt man sich eben seiner Sache und seines Besitzstandes sicher, während man im Westen an der dünnen Front immerfort einen Durchbruch fürchtet. – Nun ist diese Synagoge, in der es so lustig zugeht, in der so gar keine Ordnung herrscht, bei alledem mit einer ungeheuren Autorität ausgestattet. Sie ist das Zentrum jüdischen Willens und jüdischer Kraft geblieben. Auch dafür möchte ich aus meinen Erlebnissen ein Beispiel anführen: Wie überall in Heimat und Etappe, hatte die deutsche Verwaltung auch in Kowno Höchstpreise für Mehl und Brot festgesetzt, und wie überall wurden diese Verordnungen ständig umgangen, die Preise stiegen von Tag zu Tag und die Not wuchs. Alle drakonischen Maßregeln der Verwaltung vermochten keine Abhilfe zu schaffen; mit all ihren Gendarmen, ihren Militär- und Zivilgerichten, ihren Staatsanwälten, ihren Gefängnissen und gewaltigen Geldstrafen vermochte sie nichts zu erreichen. Aber eines Tages bestiegen die Rabbiner von Kowno im alten Beth Hamidrasch, die Gesetzesrollen im Arm, die Bimah und sprachen feierlich den Cherem, das heißt wörtlich den Bann, das strenge Verbot aus gegen alle diejenigen, die über den gesetzlichen Höchstpreis zahlen oder nehmen würden, und das wirkte augenblicklich! Noch am selben Tage fielen die Preise, und es gab keinen in der Stadt, der sich über dieses Verbot hinwegsetzte, keinen einzigen, auch unter denen, welche die Synagoge nie betraten und welche sich sonst von jüdischen oder religiösen Dingen fernhielten; auch Atheisten etwa, deren es im Osten genügend gibt, beugten sich absolut der rabbinischen Autorität, und da liegt vielleicht das Seltsamste und Gewaltigste, was wir im Osten kennenlernten. Hier dokumentiert sich der ungeheuer entwickelte politische Instinkt der jüdischen Masse. Alle sind durchdrungen von dem Gefühl, daß ihre Existenz als Volksganzes davon abhängig ist, daß die moralische Autorität aufrechterhalten wird, die durch die Synagoge verkörpert wird. Andere Völker bedürfen staatlicher

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Machtmittel, bedürfen der Organe eines Staatswesens, der Gerichte, der Polizei, des Militärs  – bei den Juden wird das alles ersetzt und übertroffen durch das nationale Verantwortungsgefühl, durch die moralische Selbstzucht. Jeder einzelne ist sich der Bedürfnisse des Ganzen bewußt und jeder einzelne ordnet sich 5 unter Hintansetzung seiner persönlichen Interessen den Interessen des Ganzen unter. Wie in einer jüdischen Stadt kaum ein Jude, mag er persönlich denken wie er will, es wagen wird, am Sabbat sein Geschäft zu öffnen, wagte es in diesem Falle niemand, dem Verbot der Höchstpreisüberschreitung zuwiderzuhandeln. Und so wurde damals zum höchsten Erstaunen der Behörden dokumentiert, daß 10 die kleinen, schwächlichen Rabbiner im Judentempel auch in wirtschaftlichen Dingen mehr Macht besaßen als die militärische Behörde in all ihrer Pracht. Das war also die Synagoge, die damals Richard Dehmel kennenlernte und die auf ihn gleich beim ersten Anblick einen ganz gewaltigen Eindruck machte. Aber auch die Stadt Wilna imponierte ihm und interessierte ihn ungemein, 15 mit ihrem merkwürdigen Gewimmel rings um die zahllosen, hübschen Kirchen, von denen die Stadt durchsetzt ist.

Besuch in Wilna Ich hatte Wilna zuerst im Herbst 1915 gesehen, als ich auf dem Durchmarsch an die Front mit meiner Kompagnie dort einige Tage mich aufhielt, bis die Bahn nach 20 Soly1, die uns weiterbefördern sollte, wiederhergestellt war. Damals war die Stadt eben erst von den Deutschen besetzt, und es sah noch übel genug darin aus. Als ich in den ersten Januartagen 1917 auf einer „Dienstreise“ die Stadt wieder auf einige Tage von Kowno aus besuchte, war das eine Art Sensation für mich. Die Dienstreise hatte ich mir durch einige boshafte Couplets ersungen, die ich bei der 25 Sylvesterfeier zum besten gegeben hatte, und unser Oberleutnant Frentz2 hatte sich besonders auch darüber gefreut, als in vorgerückter Stunde, wie er das Fest verlassen sollte und wie mir von dem Kommersleiter aufgetragen wurde, ihn durch ein schlagendes Argument zurückzuhalten, ich ihm zurief: „Sie dürfen jetzt nicht hinausgehen, sonst könnte jemand behaupten, es wäre bei der Presseabteilung einmal 30 was Gescheites herausgekommen, was ganz undenkbar ist.“ Darauf erklärte er andern Tages, es solle doch einmal etwas Gescheites bei uns herauskommen und ich sollte auf acht Tage heraus. So wurde mir irgendein Auftrag für Wilna erteilt. 1 Das belarussische Soly der Provinz Wilna; um 1900 noch mit einer jüdische Gemeinde von ca. 530 Seelen. 2 Vgl. oben, S. 44, Fn. 16.

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Stadtpark in Wilna

Da sah ich also diese Stadt wieder – und konnte die Veränderungen innerhalb von fünf Vierteljahren feststellen und mich an böse Tage erinnern. Hier auf dem Bahnhofsplatz hatten wir damals vor dem Ausmarsch stundenlang bei dem Gepäck herumgestanden, weitere Stunden hatten wir zwischen den Gelehrten herumgelungert – im ganzen von 6 Uhr früh bis zum späten Abend – bis dann 5 jene gräßliche Fahrt begann, in ehemaligen Viehwagen, die laut Aufschrift nicht mehr für Viehtransporte zu gebrauchen waren – eine Fahrt, die der Vorgeschmack demnächstiger Strapazen war. Wir hatten bei der Ankunft uns im Dunkel des Abends durch die engen Treppengänge geschoben, schwer bepackt und ohne Richtung und Ziel zu begreifen. Durch die stillen Gassen waren wir, ächzend 10 unter der Last, stöhnend gewandert – bisweilen vor einer Kirchensilhouette, die plötzlich sich gegen den Nachthimmel hob, erschauernd  – in ein Kaffeehaus, in dem freie Menschen sich bei Musik vergnügten, neidvoll starrend  – bis wir endlich in jene dunklen Kasernenbaracken eingefallen waren – weit hinter der hübschen grünen Brücke mit den gesprengten Pfeilern. Todmüde waren wir auf 15

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unsere Pritschen gesunken, trotz der Kälte und des Ungeziefers bald einschlafend – um dann, mitten in der Nacht, im tiefsten Dunkel von einem Höllenlärm zu erwachen. Rings um uns polterte und krachte es; ungewohnte russische Rufe tönten aus dem Dunkel, alles sprang auf und griff nach den Gewehren, bis dann aus der Finsternis eine singende Stimme durch den Lärm vernehmlich wurde, die immer wiederholte: „Ruhik liggen bleiben, Rußki gutt! Nix tun deitsche Kameraden. Olle gefangen. – Gibbt guttes Fressen!“ Unter Schimpfen, Fluchen und Lachen wurde uns allmählich klar, daß einige Kameraden aus einer Nachbarbaracke sich russische Gefangene geholt hatten und mit ihrer Hilfe Pritschen und Tische zerschlugen, um die gewaltigen Öfen zu heizen. Bald war wieder alles in Schlaf versunken. – Und dann waren wir tagelang durch die Gassen gelaufen – in die Kaffees und Teestuben eingefallen, begierig den Großstadtgeruch in uns aufnehmend, den Hauch lebendigen Seins, den wir nun auf lange Zeit zum letzten Male spüren sollten. Erst viel später, in Osterode in Ostpreußen, durch das unser Krankenzug ein halbes Jahr später langsam durchfuhr, sah ich zum ersten Male wieder harmlose Menschen, wenn auch nur von weitem, die uns lustig und teilnahmsvoll zuwinkten. Damals, in Wilna, lebte ich unter besonderen Bedingungen. Der Puls schlug lebhafter, das Auge sah vieles durch eine besondere Brille. Es hielt schwer, nun Vergleiche zwischen damals und jetzt zu ziehen, aber doch gab es gewisse objektive Merkmale. Es hatte sich manches und nicht nur beim Beschauer geändert. Es fehlten z.  B. die 1915 so massenweise auftretenden, erschreckenden Plakate, welche die betreffenden Häuser als verseucht bezeichneten. Die Stadt war jetzt saniert. Viele Etablissements waren geschlossen, die Beleuchtung eingeschränkt und die Fliegerschutzschirme über den Laternen, die das Licht nur nach unten fallen lassen und weite, helle Kreise auf den Schnee zeichnen, gaben dem Abendbild ein charakteristisches Gepräge. Es ist der 8-Uhr-Ladenschluß eingeführt. Das Leben auf den Straßen ist stiller geworden; damals schien die Stadt noch im Fieber, lag noch die Sensation der kürzlichen Eroberung in der Luft. Man suchte sich dann gegenseitig kennenzulernen  – jetzt hatte man sich kennengelernt, und während damals die Bevölkerung mit freudiger Erwartung und Sympathie den deutschen „Befreiern“ entgegenkam, ist es inzwischen den Militärbehörden gelungen, alle Mißverständnisse restlos zu beseitigen und sogar hier und da eine Sehnsucht nach der Knute des Kosaken zu erwecken. Der Geschäftsbetrieb ist eingeschränkt; zu viele Zweige des Handels sind monopolisiert, zu viele Waren fehlen. Die Brotprozessionen haben sich vervielfacht, es sind eine Unmenge Volksküchen entstanden, die leider nicht entfernt den Bedürfnissen genügen. Unendlich viele neue Behörden sind eingezogen, und überall kleben kleine Schildchen amtlicher Stellen. Es ist merkwürdig, was alles in amtliche Regie übernommen ist; ein Schild, wie „Haus-Katharina, nur für Offiziere, nicht für Offizier-

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Stellvertreter“ gibt zu denken. Das wesentliche, was einem überall entgegentritt, ist das Elend, die bittere Not! Ein deutsches Theater hat sich auch etabliert. Im Theaterkeller gibt es ein anständiges Glas Bier, und deshalb lohnt sich der Besuch. Im Bau des Stadttheaters spielt das Jiddische Theater. Dort sah ich zum ersten Male die Wilnaer Truppe3, mit der ich später enge Beziehungen angeknüpft habe. Das Theater spielte damals nur Freitag und Sonnabend, in dem großen ungeheizten Raum, vor einem kleinen, höchst unerzogenen Publikum, aber es war eine erstaunliche und freudige Überraschung, die dort geboten wurde – darüber werde ich noch zu berichten haben. Aber dort, vielleicht zum ersten Male, ist mir das Schöne und Innige der jiddischen Sprache aufgegangen. Sie ist wirklich adäquat den Gefühlen, wer sie spricht, braucht nicht erst die künstliche Operation durchzumachen wie wir in unseren westeuropäischen Kunstprodukten! Ganz in der Nähe des Theaters die Ostra Brama, das Tor mit dem berühmten wundertätigen Muttergottesbild. In dem engen Durchgang zwischen den Säulen und Lauben der Straße liegen beständig fromme Beter auf den Knien  – wer aber die Straße passiert, nimmt schon in weiter Entfernung, auf 150–200 Meter, den Hut ab und legt den ganzen Weg in der Kälte barhäuptig zurück. Es ist Ehrfurcht in diesen Menschen, und man sieht diese schlichten Menschen mit Ehrfurcht. Dann eine griechische Kirche! Und voll Andacht sieht man dort neben der auf den Knien liegenden Dame im eleganten Pelz den alten, würdigen Pilger mit dem langen weißen Stab, der direkt aus einem alten heiligen Bild gestiegen zu sein scheint, während vorn in prunkvollen Gewändern die langhaarigen und langbärtigen Popen ihre geheimnisvollen Dienste verrichten. Dicht dahinter beginnt das eigentliche Judenviertel, die deutsche Straße, mit den unzähligen kleinen Nebengäßchen. Welche Fülle von Gesichtern! Welcher Reichtum des Ausdrucks – wohin man blickt. Der Fremde wird scharf und ungeniert gemustert – es ist schwer, Leute in Uniform zu klassifizieren, und der Blick, aus dem spricht: „Was kann der mir bringen?“ bleibt zweifelhaft  – und aus demselben Munde kommen allerhand Angebote „Pelzjacken“ – „Lebende Gänse“ – „alte Leuchter“ – „schöne Mädchen“ – alles ist auf Lager. – Es gibt da natürlich viel übles Gesindel, aber doch, es sind nur gesunkene, nicht rettungslos verkommene Menschen. Wenn man diese Straßenmädchen oder diese halbwüchsigen Kuppler nimmt und ihnen anständige Arbeit gibt – ich werde darüber berichten können – sieht man, es sind nicht Dirnen und Zuhälter nach unseren Begriffen – es sind keine verlorenen Menschen. – Die Not macht die einen zu Professoren und großen Kaufleuten, die anderen zu Verbrechern und Herumtreibern. Es ist ein Ausreißen nach oben oder nach unten, alles ist Zufall, und die Not des Krieges hat alles ins Extreme verzerrt. 3 S. unten, Zur Wilnaer Truppe, S. 217. S.  a. oben, S. 45, Fn. 18.

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Entsetzlich sind diese Höfe, die mit allem unbrauchbaren Material angefüllt sind und in denen Menschen eng zusammengepreßt hocken. Auf schmutzigen, ausgetretenen Stufen steigt man weit unter das Straßenniveau und findet dort luft- und lichtlose Löcher, ohne jede Spur von Mobiliar, in denen mehrere Familien zusammen wohnen, darunter Frauen, die nicht so viele Lumpen haben, um ihre Blößen so weit zu bedecken, daß sie sich auf die Straße wagen können – Menschen, die im Schmutz und Elend verkommen und erblindet sind. Ich weiß von einer Familie, die nur durch das eine sechsjährige Mädchen ernährt wurde, das den Lebensunterhalt im Laufe des Tages zusammenbettelte. Draußen vor der Tür sitzt eine alte Frau mit brennenden Augen und wärmt die Hände an einem Kohlenbecken. Hinter ihr, in einer Mauerhöhle brennt ein kleines, armseliges Lichtstümpfchen, und in diesem flackernden Schein nimmt sich der seltsame Hausrat ganz gespenstisch aus. Aber überall Gesichter! Gesichter, die Geschichten erzählen – die Geschichte des Volkes erzählen. Aller dieser Leute Schicksal ist eins – ist uniform! Wie viele Arten von Bettlern gibt es! Es ist gewiß nicht die schlimmste Not, die sich auf der Straße spreizt, aber doch – da hört man von weitem ein gleichtönendes, entsetzliches Geheul; es steht ein kleines Mädchen von vielleicht acht Jahren da, hat den Kopf auf die Seite gelegt und heult zum Himmel mit schrillen Tönen, wie ein verwundetes Tier. – Da liegt eine Frau mit zwei kleinen Kindern lang gestreckt auf der Erde und jammert: „Hot rachmones mit mir, sät, wie ich walgere mich nebbich mit die Kinder auf dem Schnee“ (Habt Mitleid mit mir und seht, wie ich mit den Kindern mich auf dem Schnee wälze – das Wort „nebbich“ spottet jeder Übersetzung)4. Da steht ein vierzehnjähriges, bildschönes Mädchen im Kopftuch und flüstert ihre Einladung. Man gibt überall und weiß doch, es hat gar keinen Zweck, als höchstens den, die Qual zu verlängern. – Vor mir geht ein junger Bursche; – plötzlich wankt er, fällt hin und bleibt regungslos liegen. Man springt hinzu und bringt ihn in den nächsten Hausflur; denn neuerdings hat die Verwaltung das Sterben auf der Straße verboten. Umfallende sind sofort in das nächste Haus zu tragen. Den Einwohnern ist es kein ungewohnter Anblick. Eine Dame bleibt stehen, dreht sich um, sucht in ihrem Handtäschchen und nimmt ein Stück Zucker heraus, mit dem sie dem Transport in den Flur nachgeht. Ich habe mir sagen lassen, daß für solche Fälle die Damen immer Zucker bei sich tragen, als das beste und billigste Hilfsmittel für Verhungernde.

4 Nebbish, auch Nebbech (‫ נעבעך‬,‫)נעביש‬, jidd. für „traurigerweise“, vom slavischen nebohý, d.  h. unglücklich, arm; idiomatisch verwandt mit Shlemihl und Shlemassel.

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Der Tod in Wilna

Auf den Straßen ein immerwährender Lärm. Es ist mehr Leben als auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Es wird gehandelt, gehandelt, gehandelt. Dazwischen fahren rücksichtslos schnell feldgraue Autos. Und da kommt eine Beerdigung – etwas rasend Schauerliches  – in unerhört schnellem Tempo.  – Ein Haufe von Greisen geht, nein läuft dem Sarge voran – Greise in seltsamer Tracht. – Ich war 5 so betroffen, daß ich nicht sagen kann, wie die Leute eigentlich gekleidet waren. Aber ich hatte den Eindruck, es handle sich um Tote, um Leute, die seit langem tot sind und die sich einen neuen Gefährten ihres geheimnisvollen Lebens hinun-

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terholen. – Alle mit seltsamen, unwirklichen Gesichtern – uralten. Ich erschrecke ganz richtig, wie mich ihre Blicke treffen. Es scheint mir noch jetzt wie eine Phantasie; ich habe nie etwas Ähnliches gesehen – irgendeine geheimnisvolle, fromme Brüderschaft! Dann wieder strahlend schöne Kirchen und Plätze, durch den Schnee erscheint alles in unglaubliche Pracht getaucht. Bei der Stanislaus-Kathedrale, im Schneetreiben, ist Militärkonzert. Man promeniert und flirtet – der militärische Grußzwang ist, wie Plakate verkünden, aufgehoben – eine Schule geht mit im Korso – lustige jüdische Kinder, ganz gut gekleidet, geführt von zwei mageren Lehrerinnen mit brennenden Augen und verbissenem Ausdruck. – Dann kommt der Korso auf dem Georgewski-Prospekt – einer glänzend schönen Straße. Hier ist kaum etwas von dem Elend zu spüren. Hauptsächlich deutsches Publikum, Offiziere, Soldaten, Helferinnen und Schwestern. Prächtige Konditoreien, in denen es damals noch alle guten Dinge gab, die man um jene Zeit in Deutschland schon entbehrte. Die Auslagen der Geschäfte sind verlockend genug, und es geht dort und in den Teestuben zwanglos und lustig zu. Ich freue mich mächtig mit dem Jiddischen und dem Selbstgefühl der Verkäuferinnen, die, wie es scheint, die fremden Käufer mit etwas überlegenem Spott behandeln. Wo ich den Versuch mache, jiddisch zu reden, werde ich freudig begrüßt und bin ich zu Hause! Ich besuche die „Hilfe durch Arbeit“, eine Institution, die Hunderten von jungen Juden und Jüdinnen Arbeitsmöglichkeit verschafft. Es gibt dort für alle möglichen Handwerke und Arbeitsstände Einrichtungen, auch eine kunstgewerbliche Abteilung ist dort und erfreut sich der Kundschaft und des Besuches auch der Deutschen. Das Ganze ist im wesentlichen der Initiative des Feldrabbiners Dr. Sally Levy5 zu verdanken. Dr. Levy und der Ingenieur Klibanow hatten die Freundlichkeit, mich, Hans Goslar und Heinrich Auerbach6, die sich auch auf einer Dienstreise in Wilna befanden, in den Werkstätten herumzuführen. Die „Hilfe durch Arbeit“ beschäftigte damals etwa 400 Kinder, das heißt, sie hatte 400 Menschenleben gerettet. Es ist ein herrliches Material! Man greift beliebige Judenkinder aus dem Schmutz, wäscht sie, gibt ihnen Brot, und es sind Königskinder von angeborener Grazie und ungeheurer Begabung. Die deutschen Lehrer und Werkmeister sind außer sich

5 Hierzu, s. Sali (Salomon) Levi (1883 Walldorf – 1941 Berlin), Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. Monatsschrift für Geschichte u. Wissenschaft des Judentums, 60.1 (1916), 1–18. S.  a. Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945. Biographisches Handbuch der Rabbiner, Bd 2. Hg. Michael Brocke u. Julius Carlebach. München 2009, 379  f. 6 Heinrich Auerbach (Breslau 1890), nach dem Krieg in der Filmindustrie. http://digifindingaids. cjh.org/?pID=481999#a1 (14. 4. 2019).

Besuch in Wilna 

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vor Staunen, wozu andere Kinder Jahre brauchten, das lernen diese in Wochen. – Jedes einzelne Kind scheint ein Wunderkind! In der großen gewerblichen Ausstellung, die die deutsche Verwaltung damals veranstaltete und in der, nach Nationalitäten geordnet, die Leistungen der verschiedenen Schulen und die Erzeugnisse der Volksindustrie vorgeführt wurden, hielten wir uns gerne auf. Die durch unsere Werkstättenbesuche uns nun schon bekanntgewordenen Lehrer und Lehrerinnen nahmen uns mit großer Auszeichnung auf, was auch seine Schattenseiten hatte. Da saßen wir drei in dem hübschen Erfrischungsraum und genossen beim Klange der Militärmusik allerhand gute Dinge und amüsierten uns, den harmlosen Flirt zwischen den deutschen Offizieren und den jüdischen Mädchen zusehend. Der Flirt war dort wirklich harmlos; diese Jüdinnen schienen alle so selbstsicher und unbefangen, daß sie sich wohl zu schützen wußten. Da ließen sich am Nebentisch zwei Mädchen mit wundervoll glänzenden Augen nieder, und die Blicke, die bisweilen zu uns herüberwanderten, ließen ahnen, daß eine prinzipielle Abneigung gegen eine Anbandelung drüben nicht bestand. Es läßt sich nicht verschweigen, daß die Sachlichkeit unserer Gespräche unter dieser Nachbarschaft zu leiden begann. Einer von uns bemerkte zögernd, daß eine rechte Kenntnis der Intimität der Volkssprache sich nicht im Büro, sondern nur im angeregten Gespräch nichtamtlicher Natur erringen lasse. Das leuchtete den anderen ein, und wir stellten eine wohltuende Übereinstimmung fest, dahingehend, daß es eigentlich nicht mehr als unsere Pflicht sei, durch möglichst nahe Fühlungnahme mit Repräsentanten oder -tantinnen der Bevölkerung ihr eigentliches Wesen kennenzulernen und einen tieferen Einblick zu gewinnen. Selbst Goslar schien sich der Wucht unserer Argumente nicht entziehen zu können; er protestierte jedenfalls nur mit ungewohnter Sanftheit, als die ersten Plänkeleien von Tisch zu Tisch erfolgten. In diesem Moment aber spürten einige mit Abzeichen geschmückte Herren des Ausschusses uns auf, um uns, die prominenten Gäste, mit einigen ehrwürdigen und langbärtigen Persönlichkeiten bekanntzumachen, die uns über gewisse soziale und humanitäre Einrichtungen zu orientieren wünschten und sich bei uns niederließen. Wir waren pflichtschuldigst hocherfreut  – aber mit der Fühlungnahme mit der Volksseele war es für diesmal nichts – immerhin – doch das gehört nicht hierher! Von seltsamem Reize waren die nächtlichen Wanderungen durch das stille, menschenleere, verschneite Wilna. Eine verzauberte Stadt, in der tausend Geheimnisse wohnen. – Ich hatte da ein nächtliches Erlebnis, so kitschig, daß ich mich fast schäme, es zu erzählen, aber ich will es genau wiedergeben: Ich höre in einer engen Gasse Musik und ich wundere mich und gehe dem Schall nach. Er kommt aus dem ersten Stock eines Hauses, die Fenster sind erleuchtet. Ich höre den hübschen Klängen zu und trete dicht an die Fensterlä-

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den des dunklen Erdgeschosses. Auf einmal höre ich da drinnen auch Töne – und plötzlich bricht deutlich der jammernde, laute Ruf einer Mädchenstimme durch, die immer wiederholt: „Oi, mein Mamele, mein Mamele!“ – Oben spielt es immer weiter und unten bricht der Jammer nicht ab: „Oi, mein Mamele!“ Aber kein Mamele antwortet; das Mädchen ist ganz allein, vielleicht mit der toten oder sterbenden Mutter! – Was konnte ich tun – ich riß mich los und ging weiter – aber die Töne von oben und unten verfolgten mich noch lange. In Wilna erlebte ich noch eine Episode, die an sich bedeutungslos ist, die aber zeigt, welche tragikomischen Blüten die „Sieger-Psychologie“ hervorbringen kann: Am Nebentisch im jüdischen Restaurant hörte ich zwei Landsturmleute sich unterhalten. In dem einen von ihnen erkannte ich meinen Nachbar aus der Oranienburger Straße, Weichselbaum7, dessen kriegerische Tracht so gar nicht zu seiner behaglichen Figur paßte. Es war Sabbat und er suchte sein Gegenüber, von dem ich nachher erfuhr, daß er Schreiber in Diensten des Feldrabbiners Dr. Levy war, zu veranlassen, doch seine Zigarre wegzulegen, um nicht durch diese Übertretung des Rauchverbotes am Sabbat die Gefühle der gesetzestreuen einheimischen Gäste zu verletzen. „Ach was“, erwiderte der andere, „was brauche ich auf die Gefühle von den Leuten Rücksicht zu nehmen; hier sind wir die Sieger.“ Unter sehr sachkundiger Führung unternahm ich nachts noch einen Streifzug durch allerhand Lokale zweifelhaften oder auch unzweifelhaften Rufes. Mein Führer, der Träger eines Namens, der in der süddeutschen Industrie einen guten Klang hat, war ein Sanitätsoffizier, mit bewundernswerter Ausdauer und Sachkenntnis für derartige Unternehmungen ausgestattet. Er pflegte in meinen Gesichtskreis immer zur rechten Zeit zu treten, wenn es sich um derartige Ausflüge handelte. Wir haben einmal in Kowno das Unmögliche fertiggebracht, eine ganze Nacht dort um die Ohren zu schlagen, und späterhin, in Brüssel, im Jahre 1918, stand er plötzlich auf der Gasse vor mir, als ich eben brav heim wollte, und auch da war es um meine Nachtruhe geschehen. In Wilna aber führte er mich wirklich durch Lokalitäten, die ich nie entdeckt hätte. Mit germanischer Unbekümmertheit spektakelte er seelenvergnügt durch jene Stätten, in denen ich alles eher als Freude oder Vergnügen fand. Es mag ausreichen, wenn ich sage, ich hatte oft den Eindruck, in Trauerhäuser zu treten! Stumm und unbeweglich sah man beim Eintreten an den Wänden entlang, auf niedrigen Schemeln, eine Reihe von Frauen sitzen, alle in Schals gehüllt und mit unsäglich traurigen, verbitterten Augen die Fremden anstarrend. Nur widerstrebend erzählte die eine oder

7 Simon Weichselbaum (1883 Geldersheim – Auschwitz, vmtl. kurz nach Deportation am 15. 10. 1943).

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andere ihre Geschichte, die so ganz anders klang, als die Lorettengeschichten des Westens zu sein pflegen. Ich habe durch vieles, was ich selbst erfuhr und was ich mir von Gewährsleuten erzählen ließ, den Eindruck gewonnen, daß mir kaum je etwas vorgeschwindelt wurde. Es war nichts als die gräßlichste Not, was die meisten dieser Frauen in diese Häuser getrieben hatte! Ich beendete den Nachtbummel regelmäßig in einer Bar ganz besonderer Art, die sich während des Krieges etabliert hatte. Das war die Redaktion der Wilnaer Zeitung. Der Leutnant Wallenberg8 hatte seine Sprechstunde zwischen drei und vier Uhr nachts. Leutnant Wallenberg war der Chefredakteur, und da sich um diese Zeit bei ihm, von der Redaktionsarbeit kommend, allerhand geistvolle Menschen einzufinden pflegten – ich erinnere mich an Franz Leppmann9 – und eine stattliche Batterie ausgezeichneten Alkohols gastfrei aufgefahren ward, erfreute sich die Sprechstunde lebhaften Besuches. Ich war dorthin durch Struck rekommandiert, der nach einer bedauerlichen mehrjährigen Verirrung zu den Abstinenzlern dort wieder zu dem nicht allein, aber in Gesellschaft seligmachenden Alkohol bekehrt worden war. Er hatte eines Nachts mit dem Fanatismus eines Renegaten die Schnäpse durchprobiert und dabei solche Standhaftigkeit bewiesen, daß er baß Staunen erregte. Zur Erklärung sagte er, daß er drei Jahre keinen Tropfen Alkohols getrunken habe. „Das brauchen Sie aber doch nicht alles in einer Nacht bei mir nachzuholen“, meinte Wallenberg. –

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Sabbat Wenn man die Judenstadt zur Geschäftszeit durchwandert, wenn man die Juden in ihrer hastigen Jagd nach dem Lebensunterhalt beobachtet, wenn man Hunderte der Geschäftslokale und Verkaufsstände durchgegangen, alle nur denkbaren Variationen des Erwerbslebens sich eingeprägt hat – bekommt man wohl ein 25 ungefähres Bild der sozialen Schichtung, der besonderen Art des Kampfes ums Dasein, wie er sich dort abspielt  – aber man kennt weder die Stadt noch ihre Bewohner. Denn das alles ist nur Schein und Trug. – Es gibt so wenig ein Bild der Wirklichkeit, als wenn man die Londoner City an einem Sonntag besichtigt. 8 Ernst Wallenberg (1878 Berlin – 1948 New York), Zahnarzt, Journalist und Redakteur (Wilnaer Zeitung, Berliner Morgenpost, BZ am Mittag), 1938 Flucht über Italien in die USA. 9 Franz Leppmann (1877 Berlin – 1948 London), Feuilletonist beim Ullstein-Verlag und Theaterkritiker der Vossischen Zeitung, veröffentlichte 1916 die erste Biographie Thomas Manns. In der Weimarer Republik Übersetzer und Redakteur für den Ullstein-Verlag sowie verantwortlicher Herausgeber für den Propyläen-Verlag. Musste 1933 aufgrund seiner jüd. Herkunft und trotz evangel. Übertritts seine Stellung aufgeben.

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London, Berlin und Wien, Leipzig oder Magdeburg muß man an einem Werktag beschauen  – dann, wenn die Geschäftshochflut brandet  – die Judenstadt und ihre Bewohner aber offenbaren sich in ihrer ganzen Eigenart nur am Sabbat, in der Zeit, da alles Werktagstreiben spurlos verschwunden – da alles werktägliche Interesse restlos ausgeschaltet ist. – Denn am Sabbat, nur am Sabbat lebt der Jude recht eigentlich so, wie es seinem Wesen entspricht. Und was der Sabbat ist, das ist mir erst im Osten in der Judenstadt klar geworden – mir, der ich von Jugend auf an strenge Sabbathaltung gewohnt bin. Wir im Westen kennen den Sabbat nicht und seine Weihe – uns ist die Sabbatruhe, die wir halten, nur eine Erinnerung an den Sabbat, den unsere Vorfahren einst gekannt haben – wir feiern einen Ruhetag nach dem Muster der anderen  – wir haben den Sonntag auf den Sabbat verlegt. Vom jüdischen Sabbat muß ich berichten, wie ich ihn kennengelernt habe. Der Sabbat ist kein Ruhetag im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Im Gegenteil, möchte ich beinahe sagen. So mancher Handwerker, mancher Lastträger oder Schmiedegeselle, Frachtfuhrmann oder Dachdecker, der die Woche hindurch seinen schweren Beruf getreulich ausübt, hat am Sabbat in ungewohnter Arbeit schwerer sich zu mühen. Da greift die schwielige Hand zu den heiligen Büchern, da gilt es unter Anspannung aller geistigen Kräfte dem Vortrag der Gelehrten zu folgen, da heißt es, scharf und mit konzentriertester Aufmerksamkeit schweren geistigen Problemen nachzugehen. Wer einmal gesehen hat, mit welcher Scheu unsere deutschen Bauern oder Schwerarbeiter auf unsereins gesehen haben, wenn wir etwa im Unterstand für einen Kameraden die Erledigung einer geistigen Tätigkeit übernahmen – weiß, wie schwer dem Handarbeiter solches Beginnen vorkommt. – Aber die Juden sind glücklich, der Fron der Wochenarbeit zu entrinnen und in ihr eigenes Gebiet, wo der Geist regiert und nur der Geist, eintreten zu können. Der Kaufmann wie der Handarbeiter, sie alle, die sonst ruhelos dem Groschen für den Unterhalt nachjagen, versenken sich leidenschaftlich an diesem Tage in die Lektüre schwerer philosophischer oder rechtswissenschaftlicher Werke, ihren armen müden Kopf mit der ungewohnten Arbeit anstrengend, und aus dieser Mühe allein gewinnen sie die Erfrischung und Spannkraft, die Unbill und Unwürdigkeit des täglichen Daseins zu ertragen. Das Wesen des Sabbat ist eben, daß man an diesem Tage sich nur mit geistigen Dingen beschäftigen soll – man lebt in diesen geweihten Stunden nur im Transzendentalen. Im Westen hat man den Ruhetag, um sich an diesem Tage für die Arbeit zu stärken, für das Werk der Woche. Bei den Juden ist es anders. Man arbeitet die ganze Woche, „um zu hoben auf Schabbes“. Der Jude lebt in Wirklichkeit nur am Sabbat und nur für den Sabbat! Gewiß – er arbeitet tüchtig und schwer in seinem Berufe, aber das ist nicht die Hauptsache! Nicht die Beschäftigung mit der Erde, nicht das Erwerben von Geld ist das Wesentliche für ihn, im Grunde

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bleibt er davon unberührt! – Wenn der Sabbat kommt, der Tag, an dem man das schmutzige Geld nicht berühren darf, an dem es keine Käufe und Verkäufe gibt, an dem die Werkzeuge nicht angefaßt werden dürfen, dann wird er eigentlich Jude, wird er Mensch! – Es ist unglaublich, wie Heinrich Heine, der so weit entfernt vom jüdischen Volksleben war, das intuitiv in seiner Prinzessin Sabbat erfaßt 5 hat:   „Hund mit hündischen Gedanken,   Kötert er die ganze Woche   Durch des Lebens Kot und Kehricht,   Gassenbuben zum Gespötte. 10   Aber jeden Freitag Abend,   In der Dämmerungsstunde, plötzlich   Weicht der Zauber und der Hund   Wird aufs neu’ ein menschlich Wesen.“1 Wie in der griechischen Sage der Riese Antäus2 seine Kraft immer wieder durch 15 Berührung mit der Erde verstärkt, so gewinnt der Jude seine Kraft durch die Berührung mit dem Himmel! – Es gibt eine wundervolle chassidische Legende, die Perez im ersten Akt der „Goldenen Kette“3 verwertet hat. Das ist die Erzählung von den verdammten Seelen, die im Gehinnom4 schmachten und aus den Höllenflammen mit Eintritt 20 des Sabbat entlassen werden, mit Ausgang des Sabbat, zur Zeit der Hawdoloh müssen sie zurück in die Hölle. Das ist das rechte Symbol für die Aufgabe des Sabbat! Die ganze Woche kötern die Menschen in der Gasse, werden beschmutzt an Leib und Seele, brennen von den Begierden und Gelüsten des Alltags und der Erde – am Sabbat wird der Zauber dann gelöst – gereinigt steigen sie zu anderen 25 Sphären – fühlen sie sich als königliche Gottesgeschöpfe. Es sind in der Tat andere Menschen, die man am Sabbat sieht, reine, ruhige, friedliche, glücklich-verklärte Wesen, ohne Haß und ohne Angst – der Jude ist der Sabbatmensch im Gegensatz zum Werktagsmensch. Es ruht ein Zauber über der Stadt und ihren Bewohnern! 1 H. Heine, Prinzessin Sabbath. Romanzero, Hebräische Melodien. DHA, Bd 3/1, 125, Z. 17–24. 2 Antaios oder Antäus, in der gr. Mythologie Sohn des Poseidon u. der Gaia. Herakles erkannte seine Schwäche u. bezwang ihn, indem er ihn beim Zweikampf in die Luft hob. 3 Jizchak Leib Perez (1852 Zamość/Lublin – 1915 Warschau), populärer jidd. und hebr. Autor, dessen bekanntestes Stück Di goldene kejt (Die Goldene Kette) das Drama einer aus Protest aufgeschobenen Hawdalah am Schabbat einer chassid. Familie erzählt. 4 Urspr. Tal des Hinnom (‫ן־הּנֹם‬ ִ ‫ּגֵ י ֶב‬, Gey (ben-)Hinnom), in dem, nach 2. Könige 7:31, Jeremiah 7:31, 32:35 Kinderopfer von einem Kult praktiziert wurden, in dem einige judäische Könige teilnahmen. Später als „Gehenna“ Inbegriff für Ort des Bösen, durch hellenistischen Einfluss Eschatologisierung und Verschmelzung mit dem Begriff des Totentreiches, bzw. der Hölle. Hierzu EJ, Bd 7, 412.

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Aus dem Sabbat, aus dem Lehrhaus, über das ich gleich sprechen werde, hat der Jude die Kraft gezogen, um sich durch alle die Jahrhunderte des Schreckens zu halten. Die Welt da draußen mit all ihren Sorgen und Kümmernissen, ihrer Hetze ist für ihn nebensächlich. Er hat seine Zuflucht im Sabbat und im Lehrhaus – er lebt in einem unentrinnbaren und unabwendlichen Rhythmus – mag passieren, was da will, nach sechs Tagen kommt der Sabbat, und dann sitzt er in einer sicheren Stellung mit unübersteigbaren Mauern. Diese Mauern sind wirklich unübersteigbar, und es gibt keine Macht, die sie mit Erfolg brechen kann. – Da waren in Kowno die Tabakgeschäfte, denen der Vertrieb der Regiezigarren übergeben war. Die Behörden verlangten, daß diese Geschäfte am Sabbat geöffnet blieben und drohten im Weigerungsfälle mit der Schließung der Läden und damit mit der Vernichtung der Existenz der Inhaber. In keinem einzigen Falle hat die Drohung Wirkung gehabt, und die Behörden mußten nachgeben. Freitagmittag um ein Uhr etwa beginnt sich die Physiognomie der Stadt zu ändern, also längst bevor der eigentliche Sabbat beginnt. Ich möchte beinahe sagen, daß die Vorbereitung auf den Sabbat noch allgemeiner und durchgreifender sich eingeführt hat, als die Heiligung des Sabbat selbst. Es gibt gewisse Berufe, in denen am Sabbat nicht nur gearbeitet wird, sondern für die der Sabbat der Hauptarbeitstag ist, nämlich Zahnärzte und Photographen! Aber Freitagnachmittag sind auch diese zahnärztlichen und photographischen Ateliers geschlossen. Dieser Nachmittag gehört einzig und allein der Vorbereitung des heiligen Tages. Daß die Photographen ihre besten Geschäfte am Sabbat machen, ist begreiflich; man will sich in Feiertagskleidung photographieren lassen. Verwunderlicher ist es, daß man sich auch den Sabbat zu der peinlichen Prozedur des Besuches beim Zahnarzt reserviert. Übrigens habe ich noch nirgends so massenhaft zahnärztliche Ateliers gesehen, wie etwa in Bialystok; besonders unter den jungen Damen ist dieser Beruf verbreitet, und wenn ich in eine Gesellschaft von jungen Mädchen kam, konnte ich annehmen, daß unter zehn von diesen Damen mindestens acht Zahnärztinnen waren. Ich vermute, daß sie davon leben, daß sie sich gegenseitig die Zähne ausreißen. Daß Städte wie Bialystok oder Kowno bei der großen jüdischen Bevölkerung in ihrem äußeren Bilde schon sich zum Sabbat verändern, ist begreiflich, aber doch kann man sich bei uns im Westen schwer eine Vorstellung davon machen, was der Sabbat im Osten bedeutet. Alle Handwerker und gewerblichen Arbeiter, Schneider, Tischler, Maurer, Glaser, Dachdecker, Schmiede, Schuster, Schornsteinfeger sind ja Juden. In der Kownoer Zeitung, welche damals Hans D. von der Deutschen Tageszeitung redigierte, sagte einmal der kleine Moritz in einer Schilderung Kownos zu dem Kapitel „Droschken“: „Wenn man keine Droschke braucht, stehen sie an der Ecke der Wilnaer Straße, braucht man eine Droschke,

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ist es Schabbes.“ In ganz Kowno kann am Sabbat kein Mensch Droschke fahren, da sämtliche Kutscher Juden sind. Genau so ist es auch in Bialystok und zum großen Teil in Wilna. An unserem Dienstgebäude der Presseabteilung wurde umgebaut. Von Freitagnachmittag ab aber ruhte die Arbeit, da die Maurer nach Hause gingen, um Sabbat zu machen; die Arbeit begann erst wieder am Sonntag früh. – Ich erinnere mich, daß ich eines Mittags von einem Offizier angesprochen wurde, der von der Front kam, Einkäufe zu machen. Er fragte mich entgeistert, was denn das bedeuten soile, daß alle Geschäfte sich schlössen. Nun handelte es sich damals um den Rüsttag für irgendein zweitägiges Fest, auf das ein Sabbat folgte, so daß ich ihm erzählen mußte, daß drei Tage in der Stadt alles geschlossen sei und er erst am Sonntag wieder einkaufen könnte. Man muß sich nicht etwa vorstellen, daß religiöse Motive bei dieser strikten Sabbatruhe allein ausschlaggebend sind. Der soziale Instinkt, das Gefühl gemeinsamer Verantwortlichkeit, von dem ich schon gesprochen habe, veranlaßt alle, ohne Ausnahme, zum Innehalten der Überlieferung. Es gibt Leute, welche ihr Geschäft schließen, sich ihre Sabbatkleider anziehen und dann ruhig sich über das strenge Rauchverbot hinwegsetzen und sich ihre Zigaretten anzünden! Übrigens erstreckte sich die Sabbatruhe in gewisser Weise auch auf die militärischen Büros und die deutschen Okkupanten. Daß man sich wirtschaftlich auf den Sabbat einstellen, sich rechtzeitig mit Einkäufen versorgen mußte, ist selbstverständlich – aber am Sabbatnachmittag ging es in den Verwaltungsbüros selbst sehr still zu, nicht nur in der Abteilung der jiddischen und hebräischen Übersetzer. Wer nur irgend konnte, nahm sich eine Mappe unter den Arm und machte einen Dienstweg. Nur höchst ungern versäumte man etwa in Bialystok im Stadtpark den Sabbatnachmittagskorso, auf dem sich alle die schönen jüdischen jungen Mädchen, die die Woche über hinter dem Ladentisch gestanden oder bei der Mutter im Haushalt in stiller Verborgenheit gearbeitet hatten, in ihrem schönsten Staat zu zeigen. Da war es dann ein vergnügliches Promenieren und Flirten, und die zahllosen deutschen Helferinnen, die sich doch nicht ohne weiteres den Rang ablaufen lassen wollten, strömten, wenn irgend es der Dienst erlaubte, auch zum Stadtpark und hatten sich der Konkurrenz wegen herausgeputzt. Sie schnitten übrigens am Sabbat gegenüber den Jüdinnen sehr schlecht ab, und die recht selbstsicheren Judenmädchen, die stets zu zweien ruhig und scheinbar unbekümmert um die ihnen folgenden Blicke die große Allee auf und ab wanderten, blickten spöttisch auf die kichernden, blonden deutschen Mädchen, die zu sechs oder sieben in einer Reihe Arm in Arm daherkamen. Diese wieder waren sehr stolz darauf, daß das Verbot, zu mehr als zweien in einer Reihe zu gehen – ein Verbot, auf dessen Nichtachtung Gefängnisstrafe gesetzt war –, auf sie keine Anwendung fand, und so kam jeder Teil zu seinem Recht.

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Wie es aber in unserer Presseabteilung, und zwar in der jüdischen Abteilung aussah, mag ein Auszug aus dem Bericht der Obersten Heeresleitung bekanntgeben, wie er in einer unserer Bierzeitungen erschien: „Im Ghettoabschnitt herrschte wegen des Sabbats nur Scheintätigkeit, die aber mit vollem Erfolge gekrönt wurde, so daß es gelang, den Gegner über die wahre Kräfteverteilung völlig im ungewissen zu halten. Selbst eine gewaltsame Erkundung, die zu unerwarteter Zeit vorgenommen wurde und ihn vorübergehend in den Besitz einer unserer vorgeschobenen Stellungen brachte, verschaffte ihm keine Klarheit über das was im Gange ist. Trotz schwieriger Begleitumstände wurde die Verpflegung der Mannschaften den ganzen Tag über fortgesetzt.“ Im „Ghettoabschnitt“ der Presseabteilung herrschte wirklich Scheintätigkeit. Struck malte nicht, ich ließ das berühmte Sieben-Sprachen-Wörterbuch ruhen, von dem noch die Rede sein wird. Heinrich Auerbach pausierte in dem Packen der beliebten Freßpakete für die Heimat, welche er verständnisvoll für die ganze Abteilung zusammenstellte, und nur Leo Deutschländer, der im Wesentlichen zu Unterrichtszwecken abkommandiert war, konnte auch am Sabbat dieser Tätigkeit obliegen. Wir alle suchten Sabbatluft zu atmen, nicht nur beim Korso im Stadtpark, sondern wir setzten uns bald in diesem, bald in jenem Lehrhaus fest, die allesamt am Sabbat von lernbegierigen Männern erfüllt waren. Gegen Abend aber traf man sich wohl bei der heiligen dritten Mahlzeit5 in einem Chassidim-Stübel, um den geheimnisvollen textlosen Liedern zu lauschen, die durch die Dämmerung klangen und das Ende des Sabbat kündeten, bis dann bei Anbruch der Nacht, wenn volle Finsternis eingetreten war, die Melodien verstummten, der Abendgottesdienst begann und schließlich mit der Hawdoloh die Lichter aufflammten, plötzlich aus dem Dunkel die Bücher und die bärtigen Gesichter auftauchten und der Werktag in seine Rechte eingesetzt wurde. – Am Abend aber traf man sich wohl noch, um durch profanere Gesänge und Volkslieder in heiterer Art der Prinzessin Sabbat Abschiedsworte nachzurufen. Davon wird noch zu berichten sein. Die eigenartigen und strengen Sabbatgesetze machten den Behörden manches Kopfzerbrechen. So war für sie die merkwürdige Vorschrift des jüdischen Gesetzes unverständlich, nach der am Sabbat außer der Kleidung außerhalb des Hauses nichts getragen werden darf. Nun war eine Vorschrift erlassen, wonach jeder Landeseinwohner stets eine Legitimation bei sich zu führen hatte, und trotzdem viele Rabbiner erklärten, daß die Mitführung eines Passes nicht gegen das Gesetz verstoße, konnten sich die meisten alten Juden nicht dazu entschließen, die „Last“ eines Passes mit sich zu führen. So gab es regelmäßig am Sabbat, zumal in der 5 Gemeint ist die halachisch geforderte dritte Schabbatmahlzeit (vgl. BT, Schabbat 117a), die nach dem Nachmittagsgebet sowie vor Einbruch der Nacht begonnen werden muss. Ihr schließt sich das Abendgebet und die Hawdoloh-Zeremonie an.

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ersten Zeit der Besetzung, viele Verhaftungen, und es regnete Geld- und Freiheitsstrafen. Allmählich aber setzte sich jene Auffassung, daß es erlaubt sei, den Paß bei sich zu führen, durch, und die erfreulichen Einnahmen aus jenen Strafverfügungen blieben aus. Die zahllosen Beamten, die nur damit beschäftigt waren, ähnlich wie unsere Hundefänger, auf legitimationslose Passanten zu fahnden, hatten keine Erfolge mehr. – Da nahte ein hoher jüdischer Feiertag, das Neujahrsfest.6 Man folgerte mit begreiflicher Logik, daß, wenn die Juden schon am gewöhnlichen Sabbat nicht gern eine Legitimation bei sich führten, sie doch an einem so hohen Feiertag gewiß ohne Paß betroffen werden würden. An diesem Tage war ein gewaltiges Aufgebot von militärischer Polizei in der Nähe der Synagoge aufgestellt. Man wußte eben nicht, daß der Sabbat seine eigenen strengen Gesetze hat, die selbst für hohe Feiertage nicht ohne weiteres gelten. An diesen Tagen darf man ruhig tragen, was man will, und die Enttäuschung und das Erstaunen der Beamten war maßlos, als Mann für Mann ihnen seelenruhig den Paß präsentierte. Ich habe mir damals ein besonderes Vergnügen daraus gemacht, an einer Ecke stehend, eine halbe Stunde die Physiognomie unserer Menschenfänger zu beobachten. Trotzdem wurde die Festtagsruhe des Städtchens an jenem Feiertag arg gestört; denn ausgerechnet an diesem Tage wurde plötzlich eine große Anzahl von Familienvätern gewaltsam zur Chausseearbeit requiriert, und bevor sie zum Gottesdienst gehen konnten, aufgegriffen und weggeschleppt. In diesem Falle blieb die Intervention des Dr. Rosenack erfolglos. Viel Kopfzerbrechen machte unseren Behörden die seltsame Institution des Eruw. Eruw bedeutet die Sabbatgrenze. Es kann das Tragen innerhalb einer Stadt dann gestattet werden, wenn in symbolischer Weise zum Ausdruck kommt, daß das Ganze gewissermaßen ein einziges, geschlossenes Gemeinwesen bildet. In einer geschlossenen Festung z.  B. ist das Tragen erlaubt. Wenn nun um eine Stadt ein Draht gezogen wird, ist es ebenfalls gestattet, innerhalb des geschlossenen Bezirks zu tragen, und in sehr vielen Städten Rußlands hat man davon Gebrauch gemacht. Natürlich gibt es ja da noch eine Menge komplizierter Vorschriften, und die ganze Einrichtung mutet einen Fernstehenden seltsam an. Bisweilen wurde, mehr aus Unverstand als aus Bosheit, an irgendeiner Stelle der Draht verletzt, bisweilen vermutete man wohl auch von Spionen angelegte Signalstationen oder etwas Derartiges; die Rabbiner bemühten sich vergeblich, den Ortskommandanten das Wesen des Eruw klar zu machen, und es hätte eigentlich für die Bearbeitung der Eruw-Frage ein besonderes Amt eingerichtet werden müssen. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages in meinem Büro von Hauptmann Bertkau angerufen wurde: „Sind Sie da, Gronemann? Erklären Sie mir mal schnell, was ist 6 Rosh-Hashanah (bei Gronemann Roschhaschonoh), dem 10 Tage später der Fasten- und Versöhnungstag (Jom Kippur) folgt.

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das Eruw? Ich bin zu Oberst Hoffmann nach Brest-Litowsk befohlen, um darüber Vortrag zu halten und muß in drei Minuten mit dem Auto fort.“ Nun mache mal jemand dem Hauptmann in drei Minuten klar, was ein Eruw ist! Den Vortrag in Brest-Litowsk hätte ich gern gehört!

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Eruw und andere Kuriositäten Nicht nur beim „Eruw“ hielt es schwer, die eigenartigen Gebräuche und Anschauungen der Juden den fremden Machthabern klar zu machen. Es gibt eine Anekdote, wonach vor Jahren eine kleine jüdische Gemeinde Süddeutschlands bei der Behörde vorstellig wurde, um die Erlaubnis zur Einrichtung eines Eruw zu erhalten. Der Sprecher der Deputation setzte auseinander, wie durch die Ziehung eines Drahtes am Ortseingang die Fiktion einer geschlossenen Stätte erzielt würde. Der Draht, sagte er, ersetzt eine Mauer. Unsere Phantasie ergänzt ihn soweit, daß wir uns einbilden, innerhalb einer Mauer zu leben. – Wenn dem so ist, sagte der Präsident, und Ihre Phantasie aus einem Draht eine Mauer macht, dann muß dieselbe Phantasie sich auch, wo gar nichts ist, einen Draht vorstellen können. Dagegen ist vom Standpunkt reiner Logik auch wenig zu sagen, aber es handelt sich eben nicht um reine Logik, und wenn es auch die Menschheit glücklich zur drahtlosen Telegraphie und zu drahtlosem Fernspruch gebracht hat, zum drahtlosen Eruw wird sie nicht gelangen. Also selbst bei gutem Willen, den Wünschen der Bevölkerung entgegenzukommen, gab es oft genug gar nicht zu lösende Mißverständnisse. Und mangelte es oft genug auch an dem guten Willen, so muß man doch sagen, daß gerade den religiösen Bedürfnissen gegenüber man gern weit entgegenkam. In den Gefangenenlagern beispielsweise legte man der Abhaltung von Gottesdiensten nichts in den Weg und gewährte man auch Arbeitsruhe für Sabbat und hohe Feiertage. Daß in einem Gefangenenlager am Neujahrstage das hergebrachte Blasen auf Widderhörnern verboten wurde, da den Gefangenen die „Abgabe von Signalen“ nicht gestattet werden könnte, sei nur der Kuriosität wegen erwähnt. An unserem Mittagstisch bei Michelsohn hatten wir öfter russische Gefangene als Teilnehmer. Findige Begleitmannschaften kamen mit ihren Schutzbefohlenen am Sabbat Mittag in die Nähe des Hauses und ließen sich gernz zu einer Mahlzeit einladen – der gute Schnaps und die gefüllten Fische verfehlten auch hier nicht ihre völkerversöhnende Mission. Die Kriegsgefangenen hatten es unstreitig besser als die Zivilgefangenen. Die Gefängnisse, in die Landeseinwohner um ein Nichts gelangen konnten – in Bialystok etwa, weil sie auf der Straße links statt rechts gegangen waren oder zu

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Dreien nebeneinander –, waren übelberüchtigt. Und schlimm waren vor allem die Geiseln daran, die wohlhabenden Juden etwa, die in Wilna aufgegriffen und eingesperrt gehalten wurden, bis eine Kontribution bezahlt war. Sie hatten auch nicht die Möglichkeit, ihre sehr schmale Gefängniskost aufzubessern, wie unsere Gäste bei Michelsohn. Jedenfalls erreichte man es, daß der Begriff „Gefängnis“ nur noch ein physischer, nicht mehr ein moralischer Schrecken wurde. Bei der Gelegenheit eine nette Episode aus der Praxis: Vor einiger Zeit erschien bei uns in der Kanzlei ein älterer Mann und bat, seine Verteidigung in einer Strafsache zu übernehmen. Er klagt bitter über das Schicksal, das ihn andauernd verfolge. „Acht Jahre“, sagt er, „war ich in Gefangenschaft und nun kommt dieses Unglück!“ „Acht Jahre?“ fragte Alfred Klee1 verwundert. „Der Krieg hat 1914 begonnen und –“ „Krieg“ unterbricht ihn jener mit verächtlicher Handbewegung. „Krieg! – Wer spricht vom Krieg?“ Im Zuchthaus hatte der gute Mann gesessen! Bisweilen waren auch die Juden selbst schuld daran, wenn der gute Wille der anderen Seite nachließ. Was soll man dazu sagen, wenn die Militärbehörden, nachdem ihnen klar gemacht war, welchen Gewissenszwang es für gesetzestreue Juden bedeute, nichtrituelle Kost zu genießen, nun rituelle Speisungen für die Gefangenen oder Soldaten zuließen und dann sehen mußten, wie einzelne Feldrabbiner selbst seelenruhig an der Kasinomahlzeit teilnahmen. Solche Würdelosigkeit und Taktlosigkeit richtete mehr Schaden an, als je gutgemacht werden konnte. Kurios ist folgender Fall: Ein jüdisch-deutscher Soldat war in Kowno gestorben. Mit großer Mühe erreichte der Feldrabbiner Dr. Rosenack, daß er auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde. Der General hatte sich gegen die Erlaubnis sehr gesträubt. Nach seiner durchaus verständlichen und wohlwollenden Ansicht gehörte der Mann zu seinen Kameraden auf den Soldatenfriedhof. – Der Rabbiner überzeugte ihn aber, so peinlich die Aufgabe war, daß es der religiösen Überlieferung entspräche, ihn im jüdischen Friedhof beizusetzen, auch der Familie wegen, die das wünschen würde, um am Todestage und bei anderen Gelegenheiten nach jüdischen Gebräuchen sein Andenken am Grabe feiern zu können. Der Soldat wurde also nach jüdischem Brauch auf dem Judenfriedhof unter Erweisung der militärischen Ehren beigesetzt. – Und dann ließ die Familie den Toten exhumieren und auf den Soldatenfriedhof überführen! Rosenack war sehr ärgerlich, was man ihm nicht verdenken kann, und sagte zu mir zornig: „Von jetzt ab frage ich jeden Kranken, wo er beerdigt sein will!“ – Na, das wird er ja wohl

1 Alfred Klee (1875 Berlin – 1943 KZ Westerbork), Rechtsanwalt, Vertrauter Herzls, Nordaus sowie David Wolffsohns, ab 1914 Vorsitzender der Zion. Vereinigung Deutschlands, mit Gronemann in gemeinsamer Berliner Kanzlei.

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nicht getan haben, aber Tatsache ist folgende schnurrige Geschichte aus dem Westen, deren Held ein Feldrabbiner ist, mit dessen Streichen sich ein besonders umfangreiches Kapitel anfüllen ließe: Der katholische Feldgeistliche teilte ihm mit, daß im Lazarett zu St. Q.2 ein junger Militärarzt Dr.  T. schwerkrank läge, der dringend den Feldrabbiner sprechen wolle. Pflichtschuldigst eilte der Herr Rabbiner ins Lazarett und redete den Kranken folgendermaßen an: „Sind Sie der Unterarzt Dr. T.? – Wen von Ihren Angehörigen wünschen Sie im Falle Ihres Todes benachrichtigt?“ – Dr. T. ist am Leben geblieben, um dieses Beispiel praktischer Seelsorge zu erzählen. – Unsere Behörden konnten sich lange nicht daran gewöhnen, daß es Juden gibt, die auf ihr Judentum allergrößten Wert legen, ohne irgendwie religiös zu sein und ohne sich an die Vorschriften des jüdischen Rituals zu halten. Daß es in Massen Juden gibt zumal, die streng die Sabbatruhe beobachten, aber doch dabei vergnügt ihre Zigaretten rauchen, war eine Entdeckung, die den Kommandanten der Gefangenenlager viel Kopfzerbrechen machte. Nun muß man wissen, daß es unter den jungen Juden im Osten viele gibt, die ihr freiheitliches Unabhängigkeitsgefühl gar nicht anders zu dokumentieren wissen, als daß sie in möglichst provozierender Art gerade am Sabbat öffentlich rauchen – sehr zum Ärger der Alten. Eine Unterlassung aus Rücksicht auf anderer Gefühle erschiene ihnen als Verleugnung aller ihrer Prinzipien. Nicht jeder versteht es, mit diesen Unentwegten so geschickt umzugehen, wie der selige David Wolfsohn. Im Jahre 1909 fand in Hamburg der neunte Zionistenkongreß statt. Viele Vorkonferenzen wurden im Hause der jüdischen Loge abgehalten. Wenn nun am Sabbat, dem Tag vor der Eröffnung des Kongresses, in den Räumen der Loge geraucht worden wäre, hätte das bei den Frommen Hamburgs unliebsames Befremden erregt. Unseren russisch-jüdischen Heißspornen das klar zu machen und sie zu bewegen, auf ihre Grundsätze und die Betätigung ihrer freiheitlichen Anschauungen aus puren Opportunitätsgründen zu verzichten, war ein aussichtsloses Beginnen. Wolfsohn versuchte auch nichts dergleichen. Aber schon bei Beginn der Konferenz am vorhergehenden Montag prangte überall im Logenhause, auf allen Treppenabsätzen, in jedem Flur und jedem Zimmer ein Plakat des Inhalts, daß in diesem Hause das Rauchen nicht gestattet sei. – Dagegen war auch vom Standpunkt eines Freiheitskämpfers nichts zu sagen, und es wurde die ganze Woche strenge Rauchabstinenz gehalten. Wie erstaunt aber war man, als nach Sabbat-Ausgang plötzlich alle die Plakate verschwunden waren. – Ich möchte hier noch ein Beispiel dafür einfügen, mit welcher Zähigkeit die Juden ihre Überlieferung verteidigten. Dieser Zwischenfall gehörte nach dem

2 St. Quentin war im Ersten Weltkrieg ein wichtiges Nachschubs- und Lazarettzentrum.

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Zeugnis der beteiligten Ärzte zu ihren eindruckvollsten Kriegserlebnissen: Eines Tages wurde ins Hospital ein alter Jude eingeliefert, der an einer höchst seltenen und seltsamen Krankheit litt. Er wurde untersucht und darauf die Sektion auf den anderen Vormittag um 10 Uhr angesetzt. Der Patient starb auch in der Nacht programmäßig. Am anderen Morgen früh um 7 Uhr wurde der Assistenzarzt Dr. Rosenthal herausgetrommelt. Er fand im Vorzimmer einige Älteste der Judenschaft, darunter den alten Rabbiner Reb Nissen Karg. Die Deputation erklärte ihm höchst aufgeregt, sie hätte gehört, der Tote solle heute seziert werden, das widerspräche jüdischer Übung und sie würde das nicht zulassen. Der Arzt erwiderte befremdet, er wisse nicht, was die Sektion sie anginge; wenn Einspruch erhoben werden sollte, könnte das doch höchstens von den Angehörigen des Verstorbenen geschehen. „Nein“, wurde ihm entgegengerufen, es handle sich um eine allgemein jüdische Angelegenheit und sie würden das unter keinen Umständen zulassen. Mit dieser Versicherung entfernte sich die Deputation. Als Rosenthal sich dann zum Lazarett begab, fand er vor der Tür einen großen Haufen von Juden, Männer und Frauen, die eine höchst bedrohliche Haltung einnahmen und ihn zunächst daran hindern wollten, das Haus zu betreten. Er versuchte auf die Leute beruhigend einzuwirken, aber obwohl er persönlich weit bekannt und wegen seines humanen Wirkens als Arzt beliebt war, erreichte er nichts, als daß ihm schließlich der Zutritt gestattet wurde. Im Sektionssaal erwartete ihn eine weitere Überraschung. Die Leiche war von einem großen Haufen entschlossen aussehender Juden umgeben, die in tumultuarischer Weise ihn verhinderten, sich dem Sektionstisch zu nähern. Er versuchte den Leuten klar zu machen, daß sie sich den größten Unannehmlichkeiten aussetzten, wenn sie ihn zwängen, Gewalt anzuwenden, suchte ihnen auch begreiflich zu machen, von welcher Bedeutung für die Wissenschaft und die Heilkunde sein Vorhaben sei – alles war vergeblich. „Ihr seid ein Mörder“, schrie man ihm entgegen, und von verschiedenen Seiten wurde der Ruf laut: „Wir gehen zu Hindenburg!“ – Es sei an dieser Stelle bemerkt, daß Generalfeldmarschall Hindenburg interessanterweise bei den Juden sich überaus großer Beliebtheit erfreute. Es kursierten über ihn eine Reihe von Anekdoten, die allesamt ihn als jovialen Menschenfreund charakterisierten; – man erzählte davon, daß er einen jüdischen Gärtner, einem Kriegsgefangenen, persönlich die Möglichkeit verschafft hätte, sich mit seiner Familie in Rußland in Verbindung zu setzen – und ein Appell an Hindenburg erschien vielen als die letzte Hoffnung. Dr.  Rosenthal entschloß sich, an den Generalstabsarzt Professor Klemperer zu telephonieren. Klemperer war außer sich, als er von dem Vorfall hörte. „Da muß einmal energisch durchgegriffen werden“, erklärte er, „mit dieser Rückständigkeit muß aufgeräumt und den Leuten muß eine Lektion erteilt werden; ich komme sofort persönlich und werde die Sache in die Hand nehmen!“ – Er kam dann auch ins Lazarett – jeder Zoll ein Oberstabsarzt –, aber mit seiner Entschlossenheit war

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es zu Ende, als er den Saal betrat. Es wäre natürlich für ihn nicht schwer gewesen, mit Gewalt sein Vorhaben durchzuführen, aber das, was er zu sehen und zu hören bekam, machte auf ihn einen solchen Eindruck, daß er die Freigabe der Leiche verfügte. Die Juden zogen mit ihrem Toten ab. – Es war nicht von irgendwelchen Bedingungen die Rede, es handelte sich nicht um einen Kompromiß, sondern es war, wie Rosenthal sich ausdrückte, eine bedingungslose Unterwerfung der Ärzte. Die ungeheure Entschlossenheit dieser Menschen  – dieser selben Menschen, die sonst, wenn es sich nur um materielle Dinge handelte, so überaus eingeschüchtert und ergeben waren –, die hier zu Tage trat, da es sich um die Verteidigung ihnen heiliger Grundsätze handelte, war so imponierend, daß man sich ihr beugen mußte. – Solche Geschichten, ernste und heitere, an unserem Intellektuellentisch erzählt, fachten das Interesse, die Wesensart dieser Ostjuden zu ergründen, immer wieder an. Es kann aber nicht verschwiegen werden, daß auch umgekehrt den Ostjuden vieles, was sie bei den Deutschen sahen, verblüffend und rätselhaft erschien. Auch bei ihnen mag das Thema: „Die Deutschen, ihre Sitten und Gebräuche“ viel erörtert worden sein. Sie mögen auch die willkürlichen Verfügungen oder Liebhabereien mancher örtlicher Machthaber dort, wo sie davon betroffen wurden, nicht als eine individuelle Emanation, sondern als eine Offenbarung deutscher Sitte und Anschauung betrachtet haben. In dem kleinen, nur von Chassidim bewohnten Städtchen P. etwa mögen die Einwohner noch heute des festen Glaubens sein, daß bei den Deutschen der runde, schwarze Hut, die sogenannte Melone, eine staatlich oder religiös sanktionierte Einrichtung sei. Der dortige Ortskommandant nämlich hatte eine heftige, an Idiosynkrasie grenzende Abneigung gegen die chassidische Kopfbedeckung, die steife schwarze Kappe. Er erließ durch Anschlag ein strenges Verbot, mit solcher Kappe das Amtsgebäude zu betreten. Das schien eine Katastrophe zu bedeuten, da natürlich täglich unendlich viele Angelegenheiten dort erledigt werden mußten und andererseits kein Chassid es über sich bringen würde, sich ohne Kopfbedeckung zu bewegen. Zum Glück gab es aber doch wenigstens einen runden Hut im Städtchen, freilich ein recht abgegriffenes altes und zerbeultes Exemplar, das ein unternehmender Mann, den einmal der Weg vor Zeiten ins Ausland geführt hatte, von dort mitgebracht hatte. Der findige Besitzer dieses kostbaren Hutes etablierte sich nunmehr mit dem Hut vor der Tür des Verwaltungsgebäudes und vermietete jedem Eintretenden gegen eine Gebühr von fünf Kopeken die kostbare Reliquie zum Gebrauch. Er soll sich durch dieses ständige und konkurrenzlose Geschäft eine sorglose Existenz begründet haben. Bei dem großen Publikum dort aber nistete sich natürlich der Gedanke ein, daß solch ein seltsamer Hut ein für die Vornahme von Amtshandlungen bei deutschen Behörden unerläßliches Requisit sei.

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Vom Lehrhaus Es gibt ein Haus in der Judenstadt, das als noch höher und heiliger gilt, als selbst die Synagoge. Das ist das Beth-hamidrasch, das Lehrhaus, oder besser vielleicht „die Lernstube“. Die Synagoge ist, wie gezeigt, das allgemeine Versammlungslokal, das Klubhaus, und in ihr werden auch öffentliche Angelegenheiten rein „weltlichen“ Charakters erörtert und erledigt. Der jeder Synagoge angegliederte Raum aber, der für das „Lernen“ bestimmt ist, dient einzig geistigen Zwecken, und nach jüdischer Anschauung darf eher eine Synagoge profanen Zwecken zugeführt werden, als solch eine nur der Lehre geweihte Stätte. Die Wesensart dieser bedeutsamen Einrichtung des jüdischen Ostens erschließt sich dem Fremden nur sehr schwer, und ich glaube, daß nur die wenigsten der Besucher, die dorthin den Weg gefunden haben, ein rechtes Bild mitnehmen konnten. Vielleicht ist mir das Verständnis leichter geworden, da ich von Jugend auf wenigstens einigermaßen den Begriff des „Lernens“ kennengelernt habe. Lernen ist ja der jüdische Ausdruck für jene besondere Form des Talmudstudiums. Ich habe ein volles Jahr nach Absolvierung meines Abiturientenexamens in Halberstadt bei den Rabbinern dort „gelernt“1, und das hat mir soviel Freude gemacht, daß ich, obwohl ich im Entlassungszeugnis des Lyzeums II in Hannover bereits als „Jurist“ bezeichnet war, Lust bekam, Rabbiner zu werden und eine Zeitlang auch am Hildesheimerschen Rabbinerseminar zu Berlin2 meine Talmudstudien fortsetzte. Das blieb nun freilich nur eine vorübergehende „geistliche Störung“, und so sind die deutschen Juden wenigstens vor meinen Predigten bewahrt geblieben, während ich aus voller Überzeugung sagen muß, daß ich mir gar keine bessere Einführung in juristisches Denken vorstellen kann, als die Beschäftigung mit der Talmuddisziplin; jedenfalls war aber durch diese Erinnerungen mir die Brücke zum Verständnis des Beth-hamidrasch geschlagen. Die Lernstube wird nie leer. Tag und Nacht sieht man dort zwischen den mit Büchern bis zur Decke vollgesteckten Wänden auf den Holzbänken vor den eigenartigen Lesepulten, den Ständern, oder um die breiten Tische herum alte Juden sitzen, die in ihren Folianten unter heftigem, schnellem, fortwährendem Schoc-

1 Unter anderem bei Josef und Nechemia Nobel, die in diesem Zentrum der dt.-jüd. Orthodoxie lehrten, das durch die Deportationen von 1983 ausgelöscht wurde. Gronemann schreibt: „Im ganzen war in Halberstadt ein verträumtes Judentum, das nur ab und zu geweckt wurde, wenn antisemitische Redner die Stadt aufsuchten.“ Gronemann, Erinnerungen, Kap. IX, 95. 2 Esriel Hildesheimer (1820 Halberstadt  – 1899 Berlin), gründete 1873 das orthodoxe, in der Tradition von Samson Rafael Hirsch stehende, über Deutschland hinaus einflussreiche Rabbinerseminar in Berlin, sowie als Gegenbewegung zur Reformgemeinde die Israelitische Synagogengemeinde Adass-Jisroel.

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Im Bethamidrasch

keln des Oberkörpers in einem eigentümlichen Tonfall halblaut lesen und lernen. Es ist eine Art musikalisch-gymnastischen Studiums, mir sind die Quellen sowohl der eigenartigen Tonfolge wie der seltsamen Körperbewegungen unbekannt. Für gewöhnlich lernt jeder für sich, nur kurz vor und nach den Gebetstunden und am 5 Abend, wenn sich auch Leute einfinden, die tagsüber sonst etwas anderes zu tun haben, rückt man an den Tischen zusammen und lernt gemeinsam, indem einer den Vortrag übernimmt. Diese Vorträge sind ganz verschiedener Art. Da scharen sich etwa Leute, deren Bildungsgrad nicht ausreicht, um selbst in schwierige Materien einzudringen, um 10 einen Kundigen, der nun in populärer Weise ihnen den Sinn irgendeines Satzes klarzumachen sucht. Andere aber, die weiter im Studium vorgedrungen sind, vereinigen sich zu einem kleinen Zirkel, um nun in ihren regelmäßigen Zusammenkünften langsam und methodisch einen Talmudabschnitt durchzustudieren. Es geht nicht eben schnell mit solchem Studium; denn es handelt sich ja nicht darum, 15 irgendeinen praktischen Zweck zu erreichen, irgendein bestimmtes Pensum in einer bestimmten Zeit zu absolvieren, sondern es handelt sich darum, möglichst tief in die Materie einzudringen. So habe ich beim Lernen etwa folgendes erlebt: Einem der Lernenden fällt auf, daß Raschi, die Krone aller Kommentatoren,3 3 Akronym für Rabbi Shlomo ben Isaak (1040 Troyes – 1105 Troyes), einer der bedeutendsten jüdischen Exegeten des Mittelalters, der sich v.  a. um den wörtlichen Bedeutungssinn von Torah und Talmud bemühte.

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an einer Stelle eine Fußnote macht, die ganz überflüssig erscheint. Nun weiß man aber, daß Raschi eher wortkarg als ausführlich ist. Er muß also mit dieser Anmerkung doch irgendeinen verborgenen Sinn verbunden haben. „Wozu?“, so lautet die Frage, „wozu sagt er es? Das hätte man sich doch auch ohnehin denken können!“ – Niemand findet eine zufriedenstellende Antwort, und nun beginnt man alle möglichen Kommentatoren nachzuschlagen, die seit den Kreuzzügen erschienen sind – zu jener Zeit lebte Raschi in Worms. Nach tagelangem Suchen wird endlich entdeckt, daß im vierzehnten Jahrhundert dieselbe Frage von einem Kommentator auch schon aufgeworfen worden ist, aber auch, ohne daß er eine Antwort zu finden wußte; immerhin führt er drei oder vier Parallelfälle an, in denen nach seiner Auffassung Raschi auch ein überflüssiges Wort gesagt habe. Und wieder erst ein Jahrhundert später gelingt es dann einem Gelehrten, der sich die Klärung dieser Frage scheinbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, durch Vergleiche aller dieser Stellen herauszufinden, daß ein und dasselbe gemeinsame Motiv jenen scheinbar überflüssigen Bemerkungen zugrunde liegt, und er baut darauf ein überraschend neues System auf. Daraus nun hat sich eine Fülle von Kontroversen entwickelt, und es dauert Wochen und Wochen, bis jener Studierzirkel den ganzen Komplex erschöpfend durchstudiert hat und nun im Urtext um ein Wort weiter gehen kann. Es ist für einen Fernstehenden schwer, sich vorzustellen, mit welch ungeheurer Intensität in diesen Wochen alle Teilnehmer ständig dem Problem nachgegrübelt haben – diesem Problem, das so ganz und gar keine praktische Bedeutung hat; und bei dieser Gelegenheit sind diese Forscher auf ganz entlegene Gebiete geführt worden, haben sich ihnen eine solche Fülle neuer Gesichtspunkte eröffnet, sind soviel neue Fragen aufgetaucht, daß mehr als ein Menschenalter dazu gehörte, um auch hier nur einigermaßen zu einem Abschluß zu gelangen. Aber das beunruhigt niemanden: mag der einzelne dahingehen, die Lernstube bleibt, und das Studium, daß vor zweitausend Jahren eingesetzt hat, wird in der alten Weise weitergeführt werden – auch wenn andere Männer sich dort über den Folianten schaukeln! – Hier im Lehrhaus kommt das Ewigkeitsgefühl, das Gefühl absoluter Freiheit und Unabhängigkeit von äußeren Umständen zum monumentalen Ausdruck! – Ob die Kreuzfahrer in die Judenhäuser fielen – ob die Landsknechte plünderten – ob Tillys Scharen raubend und plündernd durch die Lande fuhren – oder ob der Weltkrieg alles, was sonst festgefügt schien, über den Haufen wirft – die Bücher, die Lehre, das Lernen bleiben unberührt – unabhängig von Ort und Zeit. – Und hier im Lehrhaus sieht man die Juden eigentlich wie sie sind. Ich bin so oft abends von Lernstube zu Lernstube gegangen und habe mir immer wieder staunend die Leute betrachtet, die ich dort fand. Das waren dieselben Menschen, die ich tagsüber hinter dem Ladentisch, an der Drehbank, auf dem Kutschbock,

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in der Wechselstube oder wo immer gesehen habe. Hier ist die Maske und das Kostüm ihres Berufes von ihnen gefallen – hier leben sie ihrer echten, wirklichen Neigung! – Jude im eigentlichen Sinne sein, ist ein vollausfüllender Beruf, nicht nur deshalb, weil eine strenge Erfüllung aller Vorschriften beinahe kaum Zeit läßt, noch etwas anderes zu tun, sondern weil diese Leute mit ihrer Erwerbstätigkeit längst nicht so innerlich verknüpft sind wie mit dieser freiwilligen, angestrengten geistigen Tätigkeit. Wenn diese Leute in ihrem Geschäft tüchtig und fleißig sind, so nehmen sie die Kraft dazu nur vom Sabbat und vom Lehrhaus mit. – Max Brod hat in seinem wundervollen Buch „Heidentum, Christentum, Judentum“4 Ausgezeichnetes darüber gesagt. Ich schrieb oben, daß Tag und Nacht im Lehrhaus gelernt wird. Das muß ich insofern einschränken, als während des Krieges es ja Zivilpersonen verboten war, nach 10 Uhr ihre Häuser zu verlassen; aber in einem Fall ist es in Bialystok Hermann Struck gelungen, für einen solchen Zirkel fleißiger alter Talmudisten die Erlaubnis zu erlangen, auch die ganze Nacht im Lehrhaus zubringen zu dürfen. Man kann sich leicht vorstellen, daß bei vielen dieses Lernen zu einer Leidenschaft wird, die nicht nur alle anderen Interessen zurücktreten läßt, sondern den Betreffenden bis zur Vernachlässigung aller Pflichten treibt. Schon im Zeitalter des Talmud existierte die Vorschrift, daß jeder Jude einen Beruf, und zwar möglichst einen Handwerkerberuf, ausüben sollte. So ist es denn auch überliefert, welche Berufe die einzelnen großen Rabbiner ausgeübt haben. Aber ich habe doch Fälle erlebt, in denen der Talmudrausch die davon Befallenen so vollkommen alles andere vergessen ließ, wie nur die Spielwut oder der Alkohol das im Westen vermögen. Ich muß sagen, daß ich diese Leidenschaft des Lernens wohl verstehe, aber doch ist die Intensität, mit der sich diese unendlich vielen Menschen der schwersten geistigen Arbeit hingeben, in ihrem vollen Ausmaße für einen Europäer nahezu unverständlich. Wir kennen im Westen wohl Fälle von einzelnen Gelehrten und Forschern, die vollkommen in ihren Büchern aufgehen, aber man muß sich doch vorstellen, daß hier Tausende und wieder Tausende in nichts und für nichts leben, als für dieses unaufhörliche, rastlose Forschen. Ganz anders betrachtet man, wenn man das kennengelernt hat, die so fremd durchs Leben gehenden Gestalten, und man fragt sich scheu, mit welchen schweren geistigen Problemen der seltsame Wanderer augenblicklich sich beschäftigt, während er seiner Tagesarbeit nachgeht.

4 Max Brod (1884 Prag – 1968 Tel Aviv) bildete mit Felix Weltsch und Franz Kafka den sog. Prager Kreis und war nach seiner Immigration nach Palästina 1939 und bis zu seinem Tod Dramaturg des Habimah-Theaters. Vgl. Max Brod, Heidentum, Christentum, Judentum. Ein Bekenntnisbuch, Bd 1. München 1921, 123.

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Das Tempo des Lernens, habe ich gesagt, ist nicht eben rasch. Wenn nun aber doch ein Talmudabschnitt beendet ist, findet ein bescheidenes Fest statt, und Speise und Trank, je nach den Verhältnissen der Beteiligten oder bei armen Leuten als Spende wohltätiger Freunde der Lernstube, stehen auf dem Tisch, wenn die letzten Worte des Abschnitts gesagt werden. Wenn aber gar in einem solchen Lernzirkel der ganze Talmud, dieses gigantische Werk, durchgelernt ist, feiert die ganze Stadt mit. Ich habe während meines Aufenthaltes in Kowno ein solches Fest einmal mitgemacht. Alle bedeutenden Rabbiner aus Kowno und von der Hochschule aus Globotka bei Kowno waren anwesend, und am Abend gab es ein großes Gastmahl. Die Militärbehörde hatte für diese Gelegenheit sogar das Gebot der Polizeistunde aufgehoben, und an dem seltenen Kownoer Nachtleben beteiligten sich verständlicherweise nicht nur die alten Talmudisten, sondern auch die Jugend beiderlei Geschlechts. – Die jungen Leute suchen nicht mehr in solchen Mengen wie früher das Lehrhaus auf, aber daß ihre Sehnsucht genau wie die der alten Generation auf geistige Dinge gerichtet ist, zeigt die Art der Unterhaltung, die sie suchen – und darauf komme ich noch zurück. – Nun könnte man sich wundern, wie es möglich ist, daß solche Lernstube Tag und Nacht nie leer wird. In den Stunden der Arbeit, müßte man meinen, müßte doch zeitweise jeder anders absorbiert sein. Das ist aber nicht der Fall. Es ist dafür gesorgt, daß ständig die Lernstube besetzt ist, und dazu dient die höchst seltsame und charakteristische Einrichtung der Assoroh Batlonim, der „Zehn Nichtstuer“. – Was das für Leute sind, diese Nichtstuer, die wohl die meistbeschäftigten Menschen der Welt sind, geistige Schwerarbeiter, muß besonders erörtert werden.

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Müßiggang ist jeden Fortschritts Anfang. Das gilt nicht nur in dem Sinne, daß eigentlich jede große Erfindung ihr Dasein in der Hauptsache dem Wunsche der Menschheit ihr Entstehen verdankt, sich das Leben möglichst bequem zu gestalten und sich Arbeit zu ersparen. Das ließe sich unschwer für eine Reihe großer Erfindungen nachweisen, von der Schubkarre angefangen bis zum Radio und der 30 Kinderbrutmaschine. Wenn man arbeitet, kommt man zu nichts – das soll heißen, wenn man ständig angestrengt und unausgesetzt in der Berufsarbeit steckt, vermag man nichts Neues zu schaffen. Nur die Muße ist produktiv in höherem Sinne – Pythagoras war kein Stubenhocker, Sokrates war der typische Flaneur – das Heureka ist in der Muße des Badezimmers ausgerufen worden – bei Goethe 35 und Heine, bei Bismarck so gut wie bei Beethoven läßt es sich erweisen, daß ihre

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scheinbaren Mußestunden ihre fruchtbarsten Zeiten waren, und ich bin überzeugt, daß Albert Einstein weniger am Schreibtisch sitzt, als irgendein korrekt seine Arbeitszeit einhaltender Oberlehrer der Physik. Es hat schon seine Richtigkeit mit dem Fluch der Arbeit, den wir mit der Austreibung aus dem Paradies auf uns nehmen mußten. Nur in jener paradiesischen Muße kann man Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken, und wen es nach diesen Früchten gelüstet, der muß sich in den Garten Eden zurückstehlen, um dort in paradiesischer Unbekümmertheit sich ergehen und träum en zu können. Mit diesem philosophischen Exkurs will ich nun nicht etwa die Grundsätze rechtfertigen, nach denen sich die Tätigkeit der Angehörigen der Presseabteilung regelte und nach denen vielfach in öffentlichen Büros gearbeitet wird  – dort schläft man nämlich meistens traumlos – ich will auch nicht nachträglich jene weise Beschränkung auf ein Minimum von Tätigkeit rechtfertigen, die mich während meiner Schulzeit in einen ausgesprochenen Gegensatz zu dem Lehrerkollegium des Lyzeums II brachte – sondern ich will eine Überleitung zu jener Institution der „Zehn Nichtstuer“ finden, für welche im Lehrhaus des Ostens ein Paradies geschaffen ist, wenn auch recht primitiver Art und, da Frauen der Eintritt versagt ist, ganz ohne Schlangen. – Die orientalischen und südlicheren Völker wissen den Segen des Müßigganges noch zu schätzen – bei den Indern beispielsweise ist der heilige Müßiggang der Fakire das höchste Ideal. Wie der jüdische Batlon, lebt auch der indische Heilige von den Gaben frommer Volksgenossen, ist von jeder irdischen Sorge frei und kann sich ganz der Beschaulichkeit und Betrachtung ergeben. Damit endet freilich die Ähnlichkeit. Die Leute im Lehrhaus würden keinerlei Befriedigung darin finden, ihren Nabel zu betrachten, selbst wenn die Tracht des Talmudbeflissenen nicht für derartige Vergnügungen besonders ungeeignet wäre. Der indische Heilige lebt isoliert nur sich selbst; er sucht seine Befreiung aus dem Rad der Zeit, sucht sich von dem Fluch des ewigen Kreislaufs aller Dinge und Wesen zu lösen. Der BatIon dagegen lebt inmitten seines Volkes, hält sich dort auf, wohin es die Menge zieht, im Mittelpunkt des geistigen Lebens, im Lehrhaus, und seine Aufgabe ist, das, was das Volk durch alle Zeiten erhalten hat, zu sichern, für künftige Geschlechter zu bewahren – die Lehre – und das Lernen! Es gilt als Pflicht jeder jüdischen Gemeinschaft und als eine besonders gute Tat, eine Anzahl des Lernens kundiger Männer von jeder Sorge um den Lebensunterhalt zu befreien und sie in den Stand zu setzen, ungestört ohne jede Ablenkung von außen sich ausschließlich dem Studium der Heiligen Schrift zu widmen. Nichtstuer – Batlonim – sind diese Leute also nur in dem Sinne, daß sie von jeder profanen Arbeit befreit sind. Sie haben nur im Lehrhaus zu sitzen und zu lernen, sie haben nicht, wie etwa unsere Universitätsprofessoren, die Pflicht, gelehrte Schriften herauszugeben – sie haben auch nicht etwa die Pflicht zu unterrichten

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oder Lehrvorträge zu halten – rituelle Anfragen zu beantworten oder Streitfälle zu entscheiden. Sie haben keinerlei Pflicht, als nur im Lehrhaus zu sitzen und zu lernen, was und wie es ihnen beliebt. Ob sie viel oder wenig im Studium hinter sich bringen, ob sie ein Jahr lang über einem Blatt brüten oder ob sie in raschem Tempo kursorisch den Talmud durchfliegen, ist ihre Sache; kein Mensch wird es sich einfallen lassen, sie zu kontrollieren. Ich konnte mich anfangs mit dieser Institution wenig befreunden, und meine Sympathien gingen mit jenen jungen Nationaljuden, die, an der Rückführung des Volkes zu produktiver Arbeit schaffend, mit bitterem Spott die Assoroh Batlonim verfolgten. Nationaljude und Zionist, der ich bin, kann ich rein vernunftgemäß auch heute noch meinen jungen Freunden nur Recht geben. In Palästina brauchen wir tüchtige Arbeiter – nicht Batlonim, sondern Chaluzim, Pioniere! – nur sie werden das Land aufbauen, nur auf ihnen ruht unsere Zukunft – aber doch – aber doch – ganz allmählich, wie ich Tag für Tag zu jeder Stunde diese alten Männer im Lehrhaus betrachtete, wie unaufhörlich sie sich hin und her schaukeln und wie unablässig der Singsang des Talmudisten dort ertönt, hat mir etwas von dem tiefen Sinn dieser Einrichtung gedämmert. Unaufhörlich seit Jahrtausenden ertönt diese Melodie in unzähligen Lernstuben des Orients und des Okzidents. Diese alten Bettler haben jene geistige Atmosphäre des jüdischen Lehrhauses erhalten, aus der alle die Juden hervorgegangen sind, deren Gedanken oder Taten auf den Entwicklungsgang der Menschheit Einfluß geübt haben. Jene zehn Nichtstuer – die meistbeschäftigten und fleißigsten Nichtstuer der Welt – sind die geistigen Väter eines Spinoza, eines Mendelssohn und eines Heine nicht nur, sondern letzten Endes auch unserer jüdischen Politiker und Industriellen, unserer Warenhausbesitzer und Weltblattredakteure. Sie alle wären nicht denkbar, wenn es nicht jenes Lehrhaus gäbe, jene Pflanzstätte geistiger Kultur, jenen paradiesischen Garten, dessen Wunder man erlebt haben muß, „um etwas Nützliches zu leisten“. Übrigens, um ganz korrekt zu sein, bisweilen üben die Batlonim doch eine praktische Tätigkeit aus, sie sind so eine Art Feuerwehr oder Rettungswache, die Tag und Nacht alarmbereit ist. Was ist das Notwendigste, was im Falle eines plötzlichen Unglücks, einer jähen Erkrankung, einer ungerechtfertigten Verhaftung zu geschehen hat? Meine Leser werden es nicht alle wissen. Aber im Osten kennt man das Allheilmittel: Man sagt Psalmen. Wieso gerade die Thillim1, die Lieder des königlichen Sängers in den Ruf einer Panacee gekommen sind, weiß ich nicht; wenn aber in einem jüdischen Hause des Ostens etwa ein Kind erkrankt, springt der Bote, der zum Arzt läuft, unterwegs in einigen Bethäusern heran und alarmiert unter Verteilung von Spenden zum Thillimsagen.

1 Tehilim (‫) ְּת ִה ִּלים‬, hebr. Psalmen, auch Preisungen.

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Pietätvolle Familien setzen ferner besondere Spenden aus, die am Todestage eines Verstorbenen im Lehrhaus verteilt werden, damit die Batlonim in einem besonderen vor oder nach dem Lernen eines Abschnittes zu sprechenden Gebete den Namen des Verstorbenen erwähnen und so ständig rühmend und segnend im Lehrhaus seiner gedacht wird. Aus meiner Jugend erinnere ich mich eines kuriosen Falles, dem ich entnehme, daß früher ein Brauch existiert haben muß, nach dem bei solcher Gelegenheit auch ein Gebet gesprochen wird, daß der Name irgendeines Missetäters in Israel ausgelöscht werden soll. Ich brachte als Schüler und als Student bisweilen einige Ferienwochen in dem kleinen Städtchen Garz a. Oder bei meinem Stiefgroßvater Rafael Karger zu, von dessen schnurriger Art mein Freund Berl Weinstein in „Tohuwabohu“ einiges erzählt.2 Der alte Karger hatte in seiner Jugend bei dem berühmten Rabbi Elijahu Guttmacher3 in Grätz gelernt und hatte eine Menge seltsamer Gebräuche übernommen. Er pflegte auch täglich vor dem Lernen für eine große Reihe von ihm verehrter Männer und Frauen jenen Segensspruch zu beten. In den neunziger Jahren kam nun das sogenannte westfälische Gebetbuch heraus, das auf Veranlassung einiger Reformgemeinden Westfalens der Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin verfaßt hatte.4 In diesem Buch war mit der ganzen Rücksichtslosigkeit und Stillosigkeit der älteren Reform der Text der alten jüdischen Liturgie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und zusammengestrichen. Dieses Buch kam dem alten Karger in die Hände, und er entbrannte vor Wut besonders gegen Dr. Vogelstein, von dem er durch seinen Sohn, meinen Vater  – die beiden Herren waren Studienfreunde  – viel Gutes gehört hatte. Er beschloß, nunmehr täglich auch ein Gebet um Auslöschung des Namens jenes Frevlers zu sprechen. Dieses Vorhaben stieß aber auf eine große Schwierigkeit. Damit nicht etwa im Himmel irgendwelche peinlichen Verwechslungen vorkämen, mußte der genaue Name, nämlich der hebräische Name, mit dem der Betreffende im Gotteshaus zur Thoraverlesung gerufen wird, in das Gebet eingefügt werden, und diesen 2 S. das Kapitel Ein literarisches Unternehmen, III (GKG, Bd 2, S. 43, Z. 31). S.  a. Schalet, Kap. 39– 40; Erinnerungen 1, Kap. II, III. 3 Elijahu ben Salomon Guttmacher (1796 Borek/Polen – 1874 Grätz/Posen), der sog. „Grätzer Raw“; Kabbalist, Wunderheiler u. Protozionist. 4 Heinemann Vogelstein (1841 Lage/Lippe  – 1911 St. Moritz), Gründer u. bis zu seinem Tode Vorsitzender der Vereinigung der liberalen Rabbiner sowie stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung für das Liberale Judentum in Deutschland. Er sah den Zionismus als Gefahr für die Entwicklung des Judentums u. so wurden in den von ihm herausgegebenen Gebetbüchern alle Hinweise auf eine Rückkehr nach Zion eliminiert. Zu Gronemanns Polemik gegen Vogelstein, s. Sammy Gronemann, Protestrabbiner Redivivius, Die Welt 40 (03. 10. 1906); ders., Sturmgeselle Vogelstein, Die Welt 41 (12. 10. 1906). Hierzu Yehuda Eloni, Zionismus in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914. Tel Aviv 1987, 194–204.

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Namen kannte der alte Karger nicht. Er schrieb also an seinen Freund Lehmann in Stettin und bat ihn, die erforderliche Erkundigung einzuziehen. Lehmann lief spornstreichs zu Dr. Vogelstein und fragte ihn nach seinem Namen. Der Rabbiner war einigermaßen erstaunt und wurde neugierig – ihm schwante wohl etwas von einer hebräischen Adresse oder einer ähnlichen Ehrenbezeugung  – und 5 drang in den Besucher, ihm den Zweck zu verraten. Lehmann wurde sehr verlegen, Dr. Vogelstein dringender, und schließlich platzte Lehmann damit heraus: „Der alte Karger in Garz wolle ihn verfluchen und ließe zu diesem Zwecke um den Namen bitten.“ Das Kurioseste für mich an der Geschichte war immer, daß Dr. Vogelstein richtig wütend wurde und Herrn Lehmann abfahren ließ. Ob er nur 10 keinen Sinn für Humor hatte oder doch vielleicht den Wirkungen eines solchen negativen Gebetes nicht recht traute, ist mir nicht klar geworden.

Mein Hauptwerk Nur die Muße zeitigt schöpferische Gedanken – so hätte die angestrengte Untätigkeit, der wir alle in der Presseabteilung uns mit Ausdauer und innerer Neigung hingaben, gewaltige Kulturtaten zeitigen müssen. Ich will bescheiden von der Aufzählung aller unserer Neuerfindungen und Entdeckungen auf dem Gebiet des höheren Unfugs absehen, aber eines Werkes muß ich doch Erwähnung tun, an dem ich in hohem Grade beteiligt bin. Vielleicht werde ich durch die Aufklärung, die ich zu geben vermag, manch würdiges Philologenhaupt vor der Gefahr des Verfalls in Tiefsinn bewahren. Es handelt sich um jenes erstaunliche Lexikon, das unter dem Namen „Sieben-Sprachen-Wörterbuch“ sich in gewissen Gelehrtenkreisen eine Art Berühmtheit als philologische Kuriosität erworben hat. Dieses Buch ist von mir redigiert, wenn auch auf dem Titelblatt als Herausgeber der Oberbefehlshaber Ost erscheint. Das war in diesem Falle mein Pseudonym, ich bemerke aber ausdrücklich, daß ich sonst nicht unter diesem Pseudonym gewirkt habe, also weder die Schlacht bei Tannenberg noch die kriegerischen Taten des Prinzen Leopold von Bayern, der im Osten Hindenburgs Nachfolger wurde, auf mein Konto kommen. Man wird vielleicht diese Verwahrung für überflüssig halten, aber daß sie nicht ganz so überflüssig ist, wie man denkt, will ich mit einer kleinen Geschichte belegen, über die wir seinerzeit in Kowno viel gelacht haben. Unsere Briefadresse lautete: „Presseabteilung beim Stabe des Oberbefehlshabers Ost“. Nachdem der Stab zum Teil nach Brest-Litowsk verlegt wurde, mußte das Wort „Oberquartiermeister“ hinzugefügt werden. Wir gaben unseren Frauen und Freunden entsprechende Weisung. Nun befand sich ein Berliner Kaufmann

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bei uns, der einen alttestamentarischen Namen, sagen wir „Levy“ führte. Als Frau Levy in Berlin die Nachricht ihres Mannes von der neuen Adresse erhielt, schrieb sie ihm glückstrahlend einen Brief, in dem sie ihn zu seinem neuen Posten beglückwünschte, und ließ gleich zweitausend Briefumschläge mit der Anschrift „Oberquartiermeister Levy“ drucken, die sie an alle Bekannten verteilte. Man kann sich denken, wie unser guter Freund gehänselt wurde, als noch Monate hindurch die Briefe mit der ehrenvollen Adresse eintrafen. Die Idee des Lexikons war ursprünglich dem Kopf von Hermann Struck entsprungen, der aber, wie die Sache ernst wurde und man mit der Arbeit begann, von seinem Gewissen getrieben, sich zur Front meldete. So habe ich allein die Arbeit durchgeführt; ich habe erst nach der Fertigstellung, bevor das Buch herauskam, durch meine Abreise nach Brüssel mich allen Ovationen entzogen. Der Lexikonarbeit widmete ich mich mit großem Eifer, während ich gleichzeitig auch an meinem „Tohuwabohu“ schrieb. Wieso dieses letztgenannte Buch vielfach als ein humoristisches Werk angesehen wird, ist mir schleierhaft – mir schien es beim Schreiben und erscheint es heute noch eher eine tragische Geschichte – aber daß dieses Lexikon im wesentlichen humoristisch zu bewerten ist, läßt sich nicht gut leugnen. Es verhielt sich aber damit folgendermaßen: Der Umstand, daß die amtlichen Übersetzer die ihnen anvertrauten Sprachen nur sehr mangelhaft beherrschten, zeitigte, wie schon erwähnt, bisweilen peinliche Folgen. Nicht jeder hatte sich so bequem aus der Verlegenheit gezogen, wie ich mit meinem Bademeister. Immer mehr häuften sich die Beschwerden und Beanstandungen im Interesse der mißhandelten Landessprache. Da mußte durchgegriffen werden. Und für alle solche Fälle gibt es beim Militär nur ein Mittel, aber ein unfehlbares: Es wird befohlen! Wenn Ober Ost befahl, von jetzt an heißt auf polnisch „Quecke“ so und so und im Litauischen ist für „Strafbefehl“ nur das und das Wort zu gebrauchen – so gab es keinen Widerspruch und kein Räsonnieren – von da an hießen eben Quecke und Strafbefehl so und nicht anders. So wurde denn beschlossen, daß unsere Übersetzungsstelle ein Lexikon anzufertigen hatte, das die wichtigsten Ausdrücke der Amtssprache in allen Landessprachen wiedergeben sollte, und danach hatte sich männiglich zu richten – basta! Und nun begann jenes hübsche Gesellschaftsspiel, mit dem wir uns fast zwei Jahre hindurch amüsierten. Jeden Vormittag versammelten wir uns um Herrn von Wilpert, und ich verlas die neuen Worte, die ich zur Aufnahme in das Wörterbuch mir seit der letzten Zusammenkunft ausgedacht hatte. Ich suchte das Spiel dadurch reizvoller zu gestalten, daß ich zum Teil recht ausgefallene Vokabeln wählte und damit meinen Mitspielern oft harte Nüsse zu knakken gab. Begriffe wie „Schlüsselgewalt“ oder „Nebenintervention“ waren unserem braven Koslowsky in seiner Uhrmachertätigkeit so wenig begegnet, wie unsere Weißruthenin, die

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Duscha, mit „Gemeindeumlageordnung“, mit „Mängelrüge“ oder der „Zulässigkeit von Polizeiaufsicht“ etwas anzufangen wußte. Daß aber so unentwickelte Sprachen, wie etwa die litauische Sprache, für solche Begriffe keine Worte hatten, ist klar. Da setzte denn nun unsere sprachschöpferische Tätigkeit ein. Wenn ich erst einmal in populärer Weise einiges Licht über die Bedeutung des betreffenden Wortes verbreitet hatte – zunächst mußte jeder sagen, was er unter dem Worte verstände, und bei Schlüsselgewalt etwa kamen kuriose Dinge heraus – begann man neue Vokabeln zu bilden und mit all jener Unbefangenheit, welche der Mangel an wissenschaftlichen Kenntnissen verleiht, frech und lustig völlig neue Worte zu schaffen. Das war doch einmal schöpferische Tätigkeit! Mitunter gab es ja schwere Entbindungen, und manch scheusäliges Wortungetüm trat zu Tage, aber Herr von Wilpert, der im Ernst ein merkwürdig feines Sprachempfinden und von allen Sprachen wenigstens einen Schimmer besaß, war ein ausgezeichneter Geburtshelfer. So wuchs denn die Kartothek, die ich angelegt hatte, allmählich bis zur Höhe von 7000 Zetteln an, und nachdem ich eine Anzahl von Dienstreisen in dieser Angelegen gemacht hatte, schloß ich mit Spamer5 ab. Da erschien denn das Buch in einer Auflage von 5000 Exemplaren, technisch ausgezeichnet ausgeführt, im Frühjahr 1918, dieses siebensprachige Lexikon, an dem nicht nur kein Fachmann mitgearbeitet hatte, sondern das fast ganz von Leuten geschaffen war, die keine höhere Bildung als die einer Volksschule hatten und welche die Sprache, in der sie schrieben, nur sehr oberflächlich kannten. Aber wenn nicht gerade damals der deutsch-russische Frieden ausgebrochen wäre, der eine Auflösung der östlichen Formationen zur Folge hatte, wäre das Lexikon in allen Amtsstellen eingeführt worden, und es wäre interessant gewesen, zu beobachten, was für einen Einfluß auf die Sprachentwicklung diese summarische Sprachreform ausgeübt hätte. Nachdem aber der Friede von Brest-Litowsk die Durchführung dieses Experiments vereitelt hatte, befürchtete ich, daß Spamer mit seinen 5000 stattlichen Bänden Sitzenbleiben würde. Zu meinem höchsten Erstaunen habe ich aber inzwischen festgestellt, daß die Auflage restlos ausverkauft ist. Das Buch stellt eben eine Kuriosität dar, die sich keine Bibliothek und kein Sammler entgehen lassen wollte. Gern hätte ich dem Buch das Motto vordrucken lassen, das ich diesem seltsamen Code frei nach Heine gewidmet hatte und das nur in dem „Almanach der bösen Buben der Presseabteilung“ veröffentlicht worden ist; so mag es hier stehen:

5 Im Verlag Otto Spamer erschien das Lexikon unter Presseabteilung des Oberbefehlshaber-Ost, Sieben Sprachen Wörterbuch. Leipzig 1918. Hierzu unten, S. 193.

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    An die Fremdvölker!   Selten habt Ihr mich verstanden,   Selten auch verstand ich Euch.   Nur wenn wir im Code uns fanden,   Dann verstanden wir uns gleich!1

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Durch das Lexikon waren wir in der Übersetzungsstelle ja nun einigermaßen mit einer Tätigkeit versorgt, die nicht gerade in Arbeit ausartete. Nebenan, im Buchprüfungsamt, beschäftigte man sich damit, Bücher zu verbieten. Das war nicht immer ganz leicht. Wie sollten etwa die hebräischen Buchprüfer Heinrich Auerbach und Leo Deutschländer militärisch oder politisch bedenkliche Stellen in den ihnen zur Prüfung eingereichten Büchern anstreichen, wenn ihnen absolut nichts anderes zur Zensur vorgelegt wurde, als Gebetbücher, Bibelausgaben, talmudische Schriften oder dergleichen. Natürlich nahm es sich sehr stattlich aus, wenn auf ihrem Tisch unendliche Stöße dicker hebräischer Bücher lagerten. Mit einer gewissen Scheu blätterten die Herren Offiziere darin herum und sprachen ihre Verwunderung darüber aus, wie man das alles nur lesen könne. Die beiden Herren, die nun seit ihrer Kindheit den Inhalt aller dieser Bücher genau kannten, ließen sich die Anerkennung, wie mühevoll ihre Arbeit sei, wohl behagen, und es dauerte stets geraume Zeit, bis sie die Bescheinigung ausstellten, daß der Band Psalmen oder das Buch Esther militärisch und politisch einwandfrei seien. Aber das Amt war ja nicht zum Genehmigen da, sondern zum Verbieten, und als Leutnant D. energisch verlangte, es müßte endlich auch einmal ein jüdisches Buch verboten werden – bei den Polen kämen täglich ein paar Verbote heraus – mußte unter allen Umständen etwas zum Verbieten gefunden werden. So schrieb man denn nach Wilna, um dort zu veranlassen, daß von einem Verleger irgendein gefährliches Buch schleunigst eingereicht würde. In dem alten und großen Verlagshaus Romm in Wilna war man natürlich zu einer solchen Gefälligkeit gern bereit, aber man konnte beim besten Willen in der ganzen jüdischen Literatur nichts entdecken, was irgendwie zu Beanstandungen Anlaß geben konnte. Man wühlte das ganze Lager durch, aber erst nach langem Suchen fand man schließlich ein halb zerrissenes, vergilbtes Exemplar einer historischen Abhandlung aus 1 Vgl. Heinrich Heine: „Selten habt Ihr mich verstanden, / Selten auch verstand ich Euch, / Nur wenn wir im Koth uns fanden, / So verstanden wir uns gleich.“ Die Heimkehr XXXI, DHA, Bd 1/1, S. 292. S.  a. Das Sieben-Sprachen-Wörterbuch, unten S. 193

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dem Jahre 1846, die natürlich nicht eben den Reiz der Aktualität für sich hatte und die auch an sich überaus harmlos war, durch deren Verbot aber bestimmt niemand geschädigt werden konnte. Dies Heft wurde notdürftig zusammengebunden, geplättet, eingereicht, beanstandet und verboten! – So war für dieses Mal der Staat gerettet, ohne daß es nötig war, eigens ein hochverräterisches Werk zu verfassen und drucken zu lassen. Irgendwie mußte man eben von seiner Machtbefugnis doch Gebrauch machen; unsere Offiziere langweilten sich ohnehin sterblich. Vermutlich war es auch die Langeweile, die sie auf den Gedanken brachte, in unsere literarische und künstlerische Gesellschaft etwas mehr militärische Zucht zu bringen. Hauptmann Bertkau ordnete wöchentliche Appelle an, bei denen unsere unmilitärische Haltung und unser unmilitärischer Aufzug korrigiert werden sollten, und bisweilen zogen wir sogar nach den Wiesen in der Umgebung, um dort Ehrenbezeugungen zu üben. Ich erinnere mich, daß ich einmal als Unteroffizier vom Dienst die gesamte intellektuelle Mannschaft zu solcher Übung vor die Stadt zu führen hatte. Ich schlug die erstaunlichsten Nebenwege ein, um nur nicht durch meine wenig kriegerisch aussehende Truppe bei der Bevölkerung oder bei Vorgesetzten Anstoß zu erregen. Uns hatte damals der Leutnant G., in seinem Zivilberuf Referendar, hinausgesprengt, der für kurze Zeit bei uns ein Gastspiel absolvierte und diese Zeit offenbar benutzen wollte, um dem alten Schlendrian energisch zu Leibe zu gehen. Nachdem ich ihm die Presseabteilung gemeldet hatte, hielt er uns eine Standpauke über die sittliche und erzieherische Bedeutung des militärischen Grußes. Nachdem er uns insbesondere klar zu machen versucht hatte, daß jeder deutsche Monarch innerhalb seines Landes durch Frontmachen zu ehren sei, außerhalb seines Landes aber darauf keinen Anspruch habe, wollte er feststellen, ob diese Weisheit in unsere Köpfe eingedrungen sei, und fragte den Flügelmann: „Wenn Sie dem Großherzog von Hessen in Kassel begegnen, was haben Sie da zu tun?“ Er erhielt die Antwort: „Ich mache nicht Front, Herr Leutnant.“ Leutnant G. sah ihn entrüstet an. „Der Nebenmann!“ „Ich mache nicht Front, Herr Leutnant.“ G. schlug verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen, aber die ganze Reihe hindurch erhielt er dieselbe Antwort. Nun wurde er wütend. „Das wollen nun Intellektuelle sein; jeder dämliche Rekrut würde doch bemerkt haben, daß, wenn die erste Antwort falsch war, „Frontmachen“ richtig ist! Wollen Sie mir mal sagen“, wandte er sich wieder an den Flügelmann, „warum Sie in Kassel vor dem Großherzog von Hessen nicht Front machen wollen?“ „Weil Kassel in Preußen liegt, Herr Leutnant!“ war die Antwort, die ihn so verblüffte, daß er die Übung abbrechen ließ und fortan auf jegliche Art militärischer Belehrung verzichtete. Herr von Wilpert und einige Herren amüsierten sich wohl innerlich über diese militärischen Belustigungen, und wenn sie gezwungen waren, nächtlicherweise Inspektionen in den Quartieren vorzunehmen, trafen sie so umständliche Vor-

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bereitungen, daß die Besuche wenigstens nicht überraschend kamen; und auch der Versuch von Leutnant St., wenigstens im Dienstgebäude bei uns straffe militärische Umgangsformen einzuführen, endete mit einem für ihn selbst sehr peinlichen Erfolg: Sein Herz hing an zwei Gänsen – wirklichen Gänsen übrigens, wie 5 aus der Geschichte, die ich erzählen will, gleich hervorgehen wird. Im übrigen ist in dem berühmten Giftmordprozeß V., der in diesem Frühjahr Wien monatelang in Atem hielt, festgestellt worden, daß er ein musterhafter Ehemann war. –2

Das Gänsemännchen

2 Ernst Stülpnagel (1872 Königsberg – 1937 Wien), der eine Affäre mit Milica von Vukobrankovics (1894–1973) hatte, jener später unter dem Namen Elisabeth Thury berühmt gewordenen Wiener Journalistin, die in zwei Giftmordprozesse verwickelt und unschuldig verhaftet wurde. Milica Vukobrankovics, Weiberzelle 321. Tagebuch aus der Haft. Wien 1924. Hierzu Ernst Weiß, Der Fall Vukobrankovics. Reinbek 1973 (1924).

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Er fütterte auf dem Hof zwei Gänse auf und überzeugte sich täglich mit Wohlgefallen von ihrer zunehmenden Fülle. Diese Gänse hatten nun auch bei anderen Wohlgefallen erregt, und eines Tages unternahmen es ein paar Marodeure, sie zu entführen. Irgendeiner aus der Presseabteilung schöpfte Verdacht und stürmte aufgeregt zum Leutnant, um ihn zu warnen. Leutnant St., sonst ein recht gemüt- 5 licher Herr, hatte wohl gerade wegen der laschen Haltung seiner Leute einen Anschnauzer bekommen und nahm die Gelegenheit wahr, ein Exempel zu statuieren. Er schrie den Eindringling an, bevor dieser zu Worte kommen konnte, hielt ihm eine große Rede über sein unmilitärisches Hereinstürmen, und nachdem er ihn gehörig abgekanzelt hatte, befahl er ihm, wieder abzutreten, gehörig zu 10 klopfen, das Hereinrufen abzuwarten und so lange stramm an der Tür zu stehen, bis er gefragt werde. Na, das geschah denn auch alles nach Wunsch, aber als nach langer Pause der Leutnant dann wohlwollend sagte: „So – und nun sagen Sie, was Sie zu melden haben!“ – waren die Gänse weg – ein Opfer auf dem Altäre militärischer Disziplin  – die militärische Zucht hatte die Gänsezucht siegreich 15 geschlagen! An Neckereien hat es natürlich nicht gefehlt, und Meister Zellers Zeichnung „Das Gänsemännchen“ erregte im Kasino viel Freude.

Krankheit Die ersten Monate meines Kownoer Aufenthaltes kam ich aus dem Kreis der Presseabteilung und der Intellektuellen eigentlich wenig heraus. Das jüdische Leben beobachtete ich mehr als Zuschauer; recht heimisch geworden bin ich erst, als ich in einer bösen Zeit die Hilfsbereitschaft und Güte, die dort zu Hause sind, so recht kennengelernt hatte. Ich zog mir in Kowno eine ernste Krankheit zu – übrigens seltsamerweise auch diese durch nichts als die übergroße Liebenswürdigkeit eines guten Freundes. Das war ein junger Arzt, der eines Tages, als ich mit ihm durch die Stadt schlenderte, mich auf ein kleines Bläschen im Ohr aufmerksam machte. Ich versicherte ihm, daß ich das noch gar nicht bemerkt hatte und keinerlei Belästigung empfand, aber in einer Aufwallung von Hilfsbereitschaft und medizinischem Tatendrang schleppte er mich in seine Klinik und begann an meinem Ohr herumzuschneiden. Seine Freundlichkeit war um so anerkennenswerter, als er eigentlich an mir, der ich nicht bei ihm zuständig war, gar nicht herumdoktern durfte, sich also allerhand Unannehmlichkeiten aussetzte, wenn die Sache herauskam. Es schien ja aber eine ganz harmlose Sache, und es wäre auch alles ganz gut gegangen, wenn er nicht im Eifer des Gefechts bei seinen sonst erfolgreich verlaufenen Bajonettangriff ein winziges Stückchen Watte in der

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Wunde hätte liegen lassen. Ich bekam unerträgliche Schmerzen und lag glücklich nach ein paar üblen Tagen in meinem ungemütlichen Quartier, mit einer respektablen Gesichtsrose nebst Blutvergiftung. Diese Diagnose wurde freilich erst später gestellt. Vorläufig lag ich in meinem Quartier mit 41 Grad Fieber, und jede Meldung konnte meinem ärztlichen Berater unangenehm werden. Er sah sich ziemlich verblüfft die Folgen seiner Wirksamkeit an, erklärte jede Meldung und eine Lazarettbehandlung für überflüssig, murmelte etwas von „von allein gut werden“ und verschwand für immer aus meinem Gesichtskreis. Es war ein sehr netter Kerl, und er hatte es bestimmt anfangs sehr gut gemeint; sein späteres Verhalten, als er sah, was er angerichtet hatte, kann ich ihm auch nicht einmal so sehr verdenken. Wäre ich begraben worden, wäre es sein unbedeutendes Versehen eben auch gewesen, und es liegt nur in der Linie der Einstellung, die man, in Uniform und im militärischen Gedankenkreis steckend, annimmt, eher ein Menschenleben zu Grunde gehen zu lassen, als sich einem dienstlichen Verweise auszusetzen. Dahin kam es nun aber nicht. Hermann Struck und Dr. Rosenack alarmierten telephonisch den Professor Klemperer, die höchste medizinische Gewalt des Ortes. Der kam eilends an und schlug keinen kleinen Spektakel, als er mich, wie er sich ausdrückte, inmitten von „Zion und Liebe, aber ohne medizinischen Beistand“ fand; – er und sein Assistent, Dr. Felix Rosenthal1, ließen mich schleunigst ins Festungslazarett schaffen, von wo ich nach einigen schweren Wochen noch recht schwach, aber doch glücklich in einen herrlichen Erholungsurlaub gehen konnte. Mit „Zion und der Liebe“, von denen Klemperer sprach, verhielt es sich folgendermaßen: Ich lag also in meinem öden Zimmer und raste in Fieberphantasien. In meinen wilden und quälenden Träumen aber schien es mir immer wieder, als ob schöne dunkle Frauen um mich wären und weiche Arme sich um mich legten. Diese Phantasien beschäftigten mich auch noch, als ich im Krankenhaus der Genesung entgegendämmerte, und ich suchte vergeblich, mir die Gestalten wieder herbeizuzaubern, aber als ich wieder Besuche empfangen durfte, kamen meine beiden Feen leibhaftig zur Tür herein und stellten sich als Lise Wilenschuk und Sonia Warschafsky vor. Die beiden Mädchen hatten irgendwie davon gehört, daß ein kranker Soldat einsam im Fieber läge und waren, ohne mich zu kennen, einfach zu mir gekommen, um mich zu pflegen – ohne Rücksicht auf die Ansteckungsgefahr. Leicht muß ich es ihnen nicht gemacht haben. Nach ihren Erzählungen wollte ich absolut aus dem Bett und fortstürmen. Sie mußten mich mit Gewalt festhalten und haben böse Stunden verbracht. Ich muß schon sehr gefiebert haben, wenn ich den lieben Mädeln weglaufen wollte, und später haben

1 Felix Rosenthal (1883, Hohebach/Stuttgart – 1931, Bad Mergentheim).

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wir uns dann sehr gut angefreundet. Ich trieb mit ihnen und Fanny Ritewski – alle diese waren Lehrerinnen am Gymnasium – deutsche Literatur, und durch sie recht eigentlich kam ich in die jüdischen Häuser und Familien Kownos. Als Dr. Rosenthal mich glücklich über den Berg gebracht hatte, empfing ich noch manchen Besuch. Schwarz und gespenstisch huschte  – damals war ich noch halb im Dämmern  – Isak Boschwitz2 aus Berlin ins Zimmer, und dann kam sogar Alfred Klee, der irgendwo in der Nähe verteidigte, herein und erzählte mir von unserem Büro. Der hatte es so getroffen, daß er die Kownoer Premiere von Robert und Bertram, der alten Räderschen Posse,3 in unserem deutschen Militärtheater ansah, der ich gar zu gern beigewohnt hätte. Als nämlich unser Theaterdirektor, der Gefreite Werth, an unserem Stammtisch einige Zeit vorher erzählt hatte, daß er die alte Posse einstudieren wollte, hatte ich wegen des dritten Aktes protestiert, des Ipelmeyer-Aktes, in dem nach alter, halb gutmütiger Weise jüdische Typen verspottet werden. Ich bin im allgemeinen da nicht sehr empfindlich und habe sogar für den seligen Donath Herrnfeld viel übrig gehabt,4 mich auch bei Reinhards Inszenierung von Robert und Bertram5 mit Arnold6, Großmann7, Hedwig Wangel8 seinerzeit köstlich amüsiert – aber hier in Kowno wäre eine solche Anulkung nicht mehr harmlos gewesen. Nie hätte man etwa die Polen oder Litauer von der Bühne zu verulken gewagt – und was einer Nation recht ist, muß der anderen billig sein. – Werth wurde stutzig, sah als vernünftiger Mensch das ein, aber das Stück war angekündigt, und er wußte sich nicht zu

2 Isaak Boschwitz (1874–1955), Kaufmann, dt. Zionist, 1934 nach Palästina, 1947 in die USA. 3 Hierzu Anette Spieldiener, Der Weg des „erstbesten Narren“ ins „Planschbecken des Volksgemüts“. Gustav Raeders Posse „Robert und Bertram“ und die Entwicklung der Judenrollen im Possentheater des 19. Jahrhunderts. Judenrollen. Darstellungsformen im europäischen Theater von der Restauration bis zur Zwischenkriegszeit. Hg. Hans-Peter Bayerdörfer und Jens Malte Fischer. Tübingen 2008, 101–112. Die Posse diente 1939 als Vorlage für den gleichnamigen antisemitischen Propagandafilm von Hans H. Zerlett. 4 Donath u. sein Bruder Anton Herrnfeld begründeten 1896 in Berlin das nach ihnen benannte, populäre jüd. Dialekt-, bzw. Jargontheater, dem u.  a. vorgeworfen wurde, antisemitische Vorurteile zu bedienen, S.  a. GKG, Bd 2, 156, Fn. 16. 5 Der einflussreiche österr.-jüd. Regisseur Max Reinhardt (1873, Baden/Niederösterreich – 1943, New York) inszenierte Raeders Posse am 25. April 1907 im Deutschen Theater Berlin; erst unter den Nazis wurde sie für die antijüdische Propaganda radikalisiert. 6 Victor Arnold (1873 Wien – 1914 bei Dresden), öster.-jüd. komischer Schauspieler, seit 1902 am Ensemble Max Reinhardt. 7 Lebensdaten waren nicht zu eruieren, ein Foto findet sich unter https://www.gettyimages. com/detail/news-photo/wangel-hedwig-actress-germany-23-09-1875-portrati-in-the-newsphoto/548157309 (18. 4. 2019). 8 Hedwig Wangel (1875 Berlin – 1961 Lohe-Förden/Rendsburg), dt. Schauspielerin und ab den zwanziger Jahren Hörspielsprecherin.

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helfen. Er ging also zum Platzmajor, und der entschied einfach: Dann soll der Gronemann einen anderen dritten Akt schreiben. So kam ich zu einer Assoziation mit dem seligen Räder, und Robert und Bertram wurde in Kowno mit meinem dritten Akt gespielt. Man kann sich denken, wie es mich ärgerte, die Premiere versäumen zu müssen, aber da die Aufführung einschlug, konnte ich später eine Wiederholung ansehen. – Übrigens bot das deutsche Theater in Kowno relativ gute Leistungen; Werth hielt auf ein anständiges Repertoire und suchte trotz aller obrigkeitlichen Schikanen das Niveau zu wahren. Die Schauspieler galten auch als „Mannschaften“, hatten nicht nur Appelle und derartige Scherze zu erledigen, sondern wurden gelegentlich zu allerhand Arbeiten, wie Holzhacken usw., kommandiert – die Damen konnten ja nun nicht eingezogen werden, aber ganz „militärfrei“ waren auch nicht alle. – Es wurde auch bei dem Theater auf militärische Zucht gehalten. Zwei nette Episoden mögen hier eingeschaltet sein. Der Herr Platzmajor, der den Rang eines Hauptmanns hatte, erschien unvermutet bei einer Probe. „Ich bin der neue Platzmajor“, stellte er sich vor. „Was spielen Sie da?“ „Schmetterlingsschlacht,9 Herr Major“, meldete Werth in strammer Haltung. „Hauptmann“, verbesserte der gestrenge Herr. „Verzeihung, Sudermann, Herr Major.“ – Ein anderes Mal kam der Platzmajor zu einer Probe eines Stückes von Herbert Eulenberg. Mißfällig bemerkte er einen scheinbar unbeschäftigten Landsturmmann im Parkett und winkte ihn heraus „Was machen Sie denn hier?“ „Ich bin der Verfasser des Stückes, Herr Hauptmann.“ „Wie heißen Sie?“ „Herbert Eulenberg.“ „Was sind Sie in Ihrem Zivilberuf?“ – Ich zwinge mich zu meinem Thema zurück; denn die Theateranekdoten sind unerschöpflich. Durch meine liebenswürdigen jungen Freundinnen kam ich also richtig in den Kreis der Kownoer jüdischen Gesellschaft, und sehr bald fühlte ich mich dort geradezu heimisch. Wie mir, ging es vielen anderen der jüdischen und nichtjüdischen Kameraden, die gleichzeitig oder durch mich Anschluß fanden. Ich kam in zionistische und assimilatorische, orthodoxe und neologe10 Häuser – überall 9 Hermann Sudermanns (nicht Gerhart Hauptmanns) Komödie in vier Akten: Schmetterlingsschlacht. Stuttgart 1894. 10 Die Neologie ist eine aus der jüd. Reformbewegung hervorgegangene ungarische Strömung, die ähnlich wie Hirschs Neo-Orthodoxie eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne anstrebte.

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herrschte jene geistige Atmosphäre und jene ungezwungene herzliche Geselligkeit, wie man sie nur im Osten kennt. Glücklicherweise hatte auch jene Leidenschaft für das verblödende Kartenspiel, durch die jedes geistige Element verdrängt wird und die in vielen jüdischen Kreisen, etwa Petersburgs, herrscht, hier nirgends Eingang gefunden. Auch die törichte Sitte westlicher Geselligkeit, nach der man den Gästen „etwas bieten“ muß, so daß man vor lauter künstlerischen Darbietungen nicht zu einer vernünftigen Unterhaltung kommt, hatte sich erfreulicherweise dort nicht eingebürgert. Kunst wurde uns eigentlich nur im Hause der schönen Frau Karno geboten  – jener gemütlichen Bohemienwirtschaft, in der sich auch die deutsche Orthodoxie heimisch fühlte – aber erfreulicherweise geräuschlose Kunst. Die Dame des Hauses zeichnete mit viel Talent, und das ist entschieden weniger angreifend für die Besucher, als die Hervorbringung musikalischer Geräusche. Wenn man in den Kownoer Privathäusern überhaupt ziemlich musiksicher war, so ist das vielleicht zum Teil auch das Verdienst unserer militärischen Behörden gewesen. Diese hatten nämlich die meisten brauchbaren Klaviere für Offiziers- und Unteroffizierskasinos, für Krankenhäuser, Soldatenheime und andere Anstalten requiriert. Die oft gehörte Behauptung, daß die Klaviere zum großen Teil später nach Deutschland mitgenommen wurden, glaube ich nicht. Es ist begreiflich, daß die Eigentümer, soweit sie ihre Instrumente nicht wiederbekamen, auf eine solche Vermutung gerieten, aber wenn ein Flügel Jahre hindurch der Bearbeitung in einem Kasino ausgesetzt gewesen war, lohnte sich sein Transport wirklich nicht mehr. Auch der Flügel, den wir nach Bialystok mitführten, als unser Stab im Januar 1917 dorthin versetzt wurde, ist wohl mehr aus Pietät und des Prinzipes wegen mitgenommen worden. Übrigens brachten wir, als wir im Herbst 1917 wieder nach Kowno dirigiert wurden, die „Drahtkommode“ mit allen übrigen im Januar mitgeführten, in Kowno requirierten Möbeln wieder in unsere Quartiere zurück und dazu noch eine Menge anderer Möbel, die wir in Bialystok uns zusammengesucht hatten. Die Kownoer aber sagten: „Die Deutschen sind doch ehrliche Leute, sie bringen mehr zurück, als sie mitgenommen haben.“

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Nach Bialystok Als im Januar 1917 der Befehl zur Verlegung der Presseabteilung nach Bialystok kam, herrschte bei uns Heulen und Zähneklappern. Wir hatten uns alle so wundervoll in Kowno eingelebt, daß wir richtig ein Stück Heimatgefühl empfanden. Manch braven Ehemann mögen auch zarte Bande gefesselt haben. Andere fürch- 35 teten ein Stocken des so hübsch organisierten Paketdienstes nach Deutschland,

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durch den die Lieben daheim in ihrer Ernährung sichergestellt wurden; und bei nicht wenigen hatte sich die Beziehung zu einzelnen Familien so innig gestaltet, daß die Abreise einer Katastrophe nahekam. Ich kenne vereinzelte Fälle, in denen deutsche Landsturmleute sich in Vertretung des in Rußland zurückgehaltenen Familienvaters der Geschäfte ihrer Quartierleute angenommen hatten, und so hatten sich oft idyllisch-freundliche Verhältnisse herausgebildet. Am schwersten trug in unserem Kreise den Abschied Hans Goslar. Die Versetzung seiner Abteilung erfolgte erst einige Wochen später, und als er mit seiner Formation in Bialystok einmarschierte, stand ich auf dem Balkon meiner Wohnung in der Lindenstraße mit einem halben Dutzend recht angenehm anzuschauender junger Damen, und wir bereiteten ihm mit Tücherschwenken und Blumenwerfen eine nette kleine Ovation. Ich muß mich hier endlich einmal für die Enttäuschung rächen, die er mir damals bereitet hat. Ich hatte die jungen Damen, samt und sonders Zahnärztinnen, darauf vorbereitet, daß sie einen sehr scharmanten und liebenswürdigen Verehrer der ostjüdischen Frau kennenlernen würden, der sogar in einer bemerkenswerten kleinen Schrift den Gedanken propagiert hatte, die nach dem Osten verschlagenen, unverheirateten jüdischen Soldaten sollten sich ihre Frauen von dort ohne Rücksicht auf die törichten Vorurteile ihrer Familie holen. Man kann sich denken, mit welchen Erwartungen meine Freundinnen nun dem Eintreffen dieses Herolds ihrer Tugenden entgegensahen. Eine Viertelstunde nach dem Vorbeimarsch landete er denn auch bei mir, und ich konnte ihn präsentieren. Aber melancholisch ließ er sich am Tisch nieder und begann unvermittelt ein Loblied auf Kowno und die Kownoer Mädchen, dabei höchst peinliche Parallelen mit Bialystok ziehend. Nie wieder, erklärte er, würde er so schöne, sanfte Augen, solch sittsam züchtige Mädchen, solch gütige geistige Frauen treffen, am wenigsten in diesem unsympathischen düsteren Ort mit den abstoßenden Physiognomien und ungraziösen Frauen. In meinem Leben habe ich mich als Impresario nicht so blamiert gefühlt, als bei diesem Monolog meines Helden. Mit Mühe rettete ich ihn vor der Wut der empörten zahnärztlichen Mänaden und aus dem Bereich ihrer Zangen in mein Zimmer. Zu seinem Glück hat er sich in Bialystok nie in zahnärztliche Behandlung begeben müssen. Goslar hat sich später mit der Damenwelt von Bialystok in weitgehendem Maße ausgesöhnt; aber es war wohl ein Vorgefühl, das ihm die Stadt zunächst unsympathisch machte. Mit seiner Dabartisherrlichkeit war es jetzt vorbei, und er wurde Redakteur an der Bialystoker Zeitung unter einem sehr wenig angenehmen Hauptredakteur, der seine journalistische Begabung bislang nur als Herausgeber eines Annoncenblättchens in der Schweiz bewiesen hatte und seine Mängel an Fachkenntnissen durch militärischen Schneid zu ersetzen strebte. So verlangte er von seinen Redakteuren, daß sie vor ihm im Redaktionslokal stramm standen, so daß sie in kurzem alle gründlich verärgert waren.

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Ich dagegen fühlte mich auch in Bialystok sehr wohl, nachdem ich dort überraschend liebevoll empfangen worden war. Ich hatte mich sehr beeilt, die mir von Kownoer Familien mitgegebenen Grüße auszurichten; denn da es innerhalb des besetzten Gebietes für die Einwohner kaum eine Postverbindung gab, freuten die Leute sich unendlich über jede Gelegenheit, persönliche Grüße zu empfangen. So kam es, daß ich schon eine halbe Stunde nach unserem Einzug in die Stadt, der früh um 7 Uhr erfolgte, in einer netten jüdischen Familie bei einem opulenten Frühstück saß und allerlei nützliche Fingerzeige für meinen künftigen Aufenthalt erhielt. Als ich dann unser Dienstgebäude aufsuchte, erwartete mich auch da eine sehr angenehme Überraschung. Der Berliner Kollege Bötzow, der dort als Hauptmann bei der Kommandantur einen höheren Posten bekleidete, hatte sich schon nach mir umgetan. Das hatte eine gewisse Bedeutung; denn so fiel etwas von dem Glanze seines militärischen Nimbus auch in mein armseliges Muschkotendasein.1 Bötzows Liebenswürdigkeit, die sich noch öfter dokumentierte, unterschied sich erfreulich von dem Verhalten manch anderer Kollegen, vor deren Gottähnlichkeit einem bange werden konnte. In meiner Rekrutenzeit in Brandenburg geriet ich so an einen Berliner Kollegen als Vorgesetzten, der aus purem Übermut mich eines Tages einen Haufen Dünger auf der Chaussee einige Meter weit wegschaffen ließ und ausdrücklich anordnete, daß ich die Arbeit mit den bloßen Händen, ohne Zuhilfenahme eines Werkzeuges, besorge. Der Mann hat mir damals aufrichtig leid getan. – Die Zionisten der Stadt begrüßten mich freudig auf einem sehr nett arrangierten Bankett, und ich fühlte mich von Anfang an wie zu Hause. – Meine erste Sorge war nun, eine anständige Wohnung, meine zweite, einen ebenso fixen jiddischen Dolmetscher wie meinen Kownoer Bademeister zu finden. Beides gelang mir überraschend schnell. Ich fand in der Lindenstraße bei einer reizenden jungen Zahnärztin ein hübsches Zimmer oder eigentlich, da die Dame dort nur ihr Atelier hatte, das sie am frühen Nachmittag schloß, eine ganze Etagenwohnung zur freien Benutzung. Meine Wirtin, Fräulein Bialystotzky, war eine außergewöhnlich begabte, liebenswürdige Person, deren Rat nicht nur als Zahnärztin von vielen gesucht war. Nach Schluß der Praxis trafen sich bei ihr oft eine Reihe anregender und sympathischer junger Leute, in deren Mitte ich viele schöne Stunden verbrachte. Einen Dolmetsch aber fand ich in der Person des Lehrers K. Das war ein merkwürdig interessanter Mensch. Neben seinem Lehrerberuf trieb er noch eine Menge Nebenbeschäftigungen, unter anderem war er der Redakteur der hebräischen Beilage jener schon erwähnten Bialystoker Zeitung. Den größten Teil seiner Zeit aber widmete er recht brotlosen Künsten. Als jüdischer Dichter hatte er sich einen

1 Ein nur durch Gehorsam charakterisierter Soldat (abwertend).

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Namen erworben, als Übersetzer vieler westeuropäischer Dramen und Romane hatte er ganz besondere Verdienste zu verzeichnen, und daneben komponierte er auch noch. Seine Kinder aber deklamierten und sangen mit großer Begeisterung die Texte des Vaters. Er leitete eine Menge idealer Vereine, besonders den 5 Kulturverein, von dem noch zu reden sein wird, inszenierte mit Vorliebe Liebhabervorstellungen in den verschiedenen Vereinen und hielt überall Vorträge über literarische Themata. Er erblickte seine Lebensaufgabe darin, der Jugend der Stadt die westeuropäische und speziell die deutsche Kultur, deren glühender Verehrer er war, zugänglich zu machen. Als mein Helfer bewährte er sich hervor10 ragend, und auch die Lexikonarbeit nahm er überraschend ernst, so daß sogar mich bisweilen sein Eifer mitriß und ich mit ihm lange Debatten über die lexikographische Genauigkeit seiner Übersetzungen hatte. In seiner ganzen Art, seiner Kultursehnsucht, seinem rastlosen Mühen, die naturgemäß breiten Lücken seiner Bildung auszufüllen, lag etwas zugleich Rührendes und Erhabenes. Der kleine, 15 unansehnliche Mann, dem die Sorgen des Alltags – er hatte eine große Familie und trieb, wie gesagt, lauter brotlose Künste – so ganz und gar nebensächlich erschienen, dem nur geistige Dinge von Bedeutung waren, war ein echter und rechter Vertreter ostjüdischen Wesens überhaupt.

Besucher aus Deutschland 20 Meine zionistischen Freunde waren von mir sehr bald recht enttäuscht, und Hans

Goslar, der ihr volles Vertrauen genoß, hat mir als Dolmetsch ihrer Gefühle oft nachdrücklich die Leviten gelesen. Die Zionisten dort hatten, ich weiß nicht aus welchem Grunde, von mir irgendwelche besonderen Leistungen erwartet und waren sehr empört, als sie feststellen mußten, daß ich mich in ihren Versamm25 lungen und Sitzungen sehr wenig betätigte, sondern es vorzog, dauernd durch die Stadt zu streifen, neue Bekanntschaften zu machen und mit allen möglichen Kreisen Fühlung zu nehmen, mich also durchaus nicht auf ihren engeren Kreis beschränkte. Bialystok war die erste überwiegend jüdische Stadt, die ich kennenlernte, und ich sperrte Augen und Ohren auf. Ich wollte lernen und lernte von 30 Tag zu Tag mehr einsehen, daß ich sehr wenig geben und sehr viel empfangen konnte. Im Einzelfall konnte ich mich wohl gelegentlich nützlich machen, aber ich mischte mich höchst ungern in die inneren Verhältnisse ein, ganz abgesehen davon, daß meine militärische Eigenschaft jede durchgreifende Tätigkeit für mich unmöglich machte. Ich fühlte mich aber überhaupt nicht berufen, „zu retten“. In 35 einem fort kamen „Retter der Ostjuden“ aus Deutschland an, Zionisten, Orthodoxe und Liberale. Und ihr Beispiel lockte mich nicht sehr. Es waren ja für die

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Herren immer sehr interessante Tage, und sie wurden nicht nur von den Juden, sondern auch von den Behörden mit Auszeichnung empfangen. Die hervorragendsten Persönlichkeiten wurden sogar ins Hauptquartier geladen und speisten mit Hindenburg und Ludendorff. In Anbetracht der nachgerade in Deutschland mißlich gewordenen Ernährungsverhältnisse waren auch die Dinereinladungen, mit denen sie überhäuft wurden, nicht zu verachten. In jener Zeit mehrten sich die Studienreisen auch der Parlamentarier und der Journalisten von Monat zu Monat. Da es in Bialystok eine Zeitlang zu meinen Dienstpflichten gehörte, solche Studienreisen zu dirigieren, d.  h. am Schreibtisch den genauen Reiseplan zu entwerfen, hatte ich ungefähr die Technik kennengelernt, mit der solche Herren im Lande herumgeführt wurden. Mit Hilfe der Kursbücher stellte ich Dispositionen auf, die den Absichten unserer Verwaltung durchaus gerecht wurden. Von dem Moment an, da eine solche Gesellschaft die Grenze überschritt, bis zum Wiederaustritt aus dem besetzten Gebiet, kamen die Teilnehmer nicht zur Besinnung, und erst auf der Heimfahrt nach Berlin mag es dem einen oder anderen gedämmert haben, daß er eigentlich nur das gesehen hatte, was ihm gezeigt werden sollte. Das ging etwa folgendermaßen zu: 3. 20 nachm. Ankunft in Kowno, Autos an der Bahn, Fahrt zur Offizierunterkunft I. 3. 35 nachm. Autofahrt zur Kommandantur – Begrüßung, Kaffeetafel, Vortrag des Hauptmanns X. 4. 30 nachm. Autofahrt zur Dampferhaltestelle. 4. 45 nachm. Dampferabfahrt nach P. 6. 15 abds. Ankunft in P., Führung u. Vortrag des Lts.  V. 7. 10 abends Rückfahrt mit Autos. 7. 50 abends Empfang bei Exzellenz. 8. 15 abends Souper. 8. 45 abends Vortrag des Majors R. 9. 00 abends Tee im Soldatenheim, Vortrag des Pfarrers A. 9. 45 abends Schlittenfahrt durch die Umgebung. 10. 30 abends Bierabend in der Offizierunterkunft I. 11. 45 abends Feierabend. 5. 15 morgens wecken. 5. 45 Autofahrt zur Bahn. 6. 05 morgens Abfahrt nach Bialystok. So ging es Tag für Tag, bis endlich aufatmend der mit der Führung betraute Offizier seine Herde an der Grenze zum Generalgouvernement Warschau mit einem Augurenlächeln dem Kameraden übergeben konnte, der die Herren durch die polnischen Gebiete zu führen hatte. Abends im Kasino aber konnte der erlöste

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liebenswürdige Fremdenführer durch die Schilderung seiner Rundreiseerlebnisse im Kreise der Kameraden gebührende Heiterkeit erwecken. So ähnlich wurden auch die jüdischen Studienreisenden und „Retter“ behandelt. Ich erinnere mich mit Vergnügen, wie ich einmal spät in der Nacht in Kowno Professor Sobernheim1 und Adolf Friedemann2 erwartete. Ich mußte lächeln, wie ich die beiden Herren, am Arm das rote Kreuz auf der blendend weißen Armbinde, über die Gleise heranstolpern sah, so voller Eifer, als ob es noch in derselben Nacht etwas zu retten gäbe. Meine Anwesenheit war nicht vorgesehen, und der Begleitoffizier kam in einige Verlegenheit – eigentlich sollten die Herren doch mit keinem Unbefugten sprechen; immerhin gab meine Uniform ja einige Garantie. Von Zivilisten aber bekamen die Herren nur ausgesuchte Exemplare zu sprechen und immer nur in Anwesenheit des überaus höflichen Offiziers, der in seiner Liebenswürdigkeit unermüdlich war und es sich nicht nehmen ließ, den Herren von früh bis spät Gesellschaft zu leisten. Nicht jeder hatte das Glück wie der Rabbiner Dr. Magnes3 aus New York, der nach Beendigung einer derart sorglich geleiteten Studienreise auf dem Wege zum Bahnhof in Wilna einen Wagenunfall hatte und mit gebrochenem Arm in das nächste Haus geschafft werden mußte. Der Begleitoffizier hatte nicht Geistesgegenwart genug, um das zu verhindern, und erst am nächsten Tage erschien ein Adjutant des Fürsten V, um im Namen Seiner Durchlaucht das tiefste Bedauern über den Unfall und die primitive Unterbringung auszudrücken, zugleich auch eine dringende Einladung zu überbringen, in eine von Seiner Durchlaucht zur Verfügung gestellte Villa zu übersiedeln, eine Einladung, auf deren Annahme mit allem Nachdruck bestanden wurde. An dem einen Nachmittag aber, an dem Dr. Magnes in dem Privathaus lag, hat er vermutlich mehr von der wirklichen Lage der Bevölkerung erfahren, als auf seiner ganzen offiziellen Reise. Was übrigens jene Armbinde mit dem roten Kreuz anlangt, so trugen die Herren sie nicht etwa aus irgendeiner Gefallsucht, sondern das Tragen dieser Binde war seit einem ärgerlichen Zwischenfall in Grodno allen fremden Reisenden zur Pflicht gemacht worden. In Grodno nämlich bestand die Grußpflicht der

1 Moritz Sebastian Sobernheim (1872–1933), Berliner Politiker, Diplomat und Orientalist. Während des Krieges in dem von jüd. Organisationen geschaffenen Komitee des Ostens führend tätig. Von 1918 bis 1932 leitete er im Auswärtigen Amt das Referat Deutsch-Jüdische Beziehungen. 2 Adolf Friedemann (1871 Berlin – 1932 Amsterdam), Zionist und Gründer der Jüd. Humanitätsgesellschaft Berlin (1893), der späteren Studentenorganisation der zion. Bewegung. Verfasser der ersten Herzl Biografie: Das Leben Theodor Herzls, Berlin 1914. 3 Judah Leon/Leib Magnes (1877 San Franzisko – 1948 New York), bedeutender Reformrabbiner, Pazifist, Publizist und Politiker, einer der Gründer der Hebräischen Universität, als deren Präsident er von 1935 bis 1948 diente.

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Landeseinwohner gegenüber den Offizieren, und da war es vorgekommen, daß ein Leutnant einmal auf der Straße mit seiner Reitpeitsche einem deutschen Großkaufmann den Hut vom Kopfe geschlagen hatte. Trotzdem der Offizier, als der Irrtum herauskam, sich sehr höflich entschuldigte – er hatte jene Bewegung beim Anblick eines nichtgrüßenden Zivilisten eben rein gewohnheitsgemäß gemacht –, schlug der Kaufmann Lärm. Darauf erschien dann jene Verordnung, daß künftighin jeder fremde Zivilist sich durch die Binde kenntlich zu machen hatte, um weiteren bedauerlichen Verwechslungen vorzubeugen. Solche Grußpflicht bestand übrigens weder in Kowno noch in Bialystok, so daß die Reitpeitsche bei dieser Gelegenheit keine Rolle spielen konnte. Die Einführung der Grußpflicht wie die Verhängung vieler anderer Maßnahmen hing eben ganz von dem Ermessen der Kreisgewaltigen ab, und es wäre ein Unrecht, die Oberste Heeresleitung für alle die drakonischen Anordnungen untergeordneter Stellen verantwortlich zu machen. Ich entsinne mich eines Falles, in dem der inzwischen verstorbene Generalmajor F. einen alten Juden festnehmen ließ, der ihn von der anderen Straßenseite aus nicht gegrüßt hatte. Der Mann wurde sofort freigelassen, als sich nach etwa vierzehntägiger Untersuchungshaft herausstellte, daß er nahezu blind war. Damals hat Exzellenz Ludendorff persönlich durchs Telephon dem Herrn Generalmajor in mehr als energischer Form seine Mißbilligung ausgesprochen. Aber die hohen Herren konnten nicht überall sein, und ein größenwahnsinniger Kreishauptmann konnte mehr Unheil anrichten und dadurch den deutschen Namen in Mißkredit bringen, als, selbst Verständnis und Wohlwollen bei den oberen Instanzen vorausgesetzt, je gutgemacht werden konnte. Ich muß hier der Wahrheit gemäß feststellen, daß der oben erwähnte Fall nicht der einzige war, in dem von oben her zum Schutz mißhandelter Juden eingegriffen worden ist. Die kleinliche Schikanierung einzelner Personen lag wohl nicht im Sinne der Heeresleitung. Insbesondere hat der selige Ludendorff – bitte, das ist kein Druckfehler –, der selige, nicht der unselige; ich spreche von dem Ludendorff, wie er sich damals zeigte, als er in jeder Beziehung auf der Höhe war, sich durchaus nicht etwa als Judenfeind gezeigt. Er hat im Gegenteil oft bewiesen, daß er jüdische Hilfe und Mitarbeit zu schätzen wußte und sich häufig und gern jüdischer Hilfe bedient. Er hat jüdische Künstler herangezogen, sich mit ihnen stundenlang angeregt unterhalten und sich von ihnen Werke widmen lassen. Er ist auch gegen antisemitische Ausschreitungen mehr als einmal eingeschritten, und er hatte damals volles Verständnis dafür, daß durch den Eindruck im neutralen Auslande nicht nur, sondern auch von anderen Gesichtspunkten betrachtet, ein antisemitisches Gebaren das deutsche Interesse auf das empfindlichste schädigen würde. In Kowno war sogar durch Dr. Rosenack die Ludendorff-Küche eröffnet worden, in der die ganze Okkupationszeit hindurch täglich viele hundert Portionen an arme Juden ausgeteilt wurden. Der General hatte das Protektorat

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bereitwillig übernommen, und bei der Eröffnungsfeier war von allen deutschen Rednern betont worden, daß der Name dieser Küche ein Wahrzeichen des dauernden und tiefgehenden Interesses und Wohlwollens sein solle, das der Protektor für die jüdische Bevölkerung besäße. Von hoher Bewunderung jüdischer Art erfüllt und voll Dankbarkeit für das, was die jüdische Kultur der Welt gegeben habe – so etwa ließ sich Exzellenz Ludendorff durch seinen Vertreter vernehmen –, sei er freudig bewegt, daß so ein Symbol seiner und des deutschen Volkes dauernder Sympathie für die Juden errichtet worden sei. – Ich wollte ja aber davon sprechen, wie ich enttäuschte. Ich betätigte mich weder sozial noch politisch und ich maßte mir nicht an, dort zu lehren und zu leiten, wo ich mir ganz klein und der Belehrung bedürftig vorkam. Mehr und mehr sah ich ein, daß wir aus Westeuropa Kommenden uns gar nicht aus unseren Gedankenkreisen losmachen können, daß wir mit unseren Maßstäben messend und mit unseren Mitteln arbeitend, selbst beim besten Willen Verwirrung und Unheil gar zu leicht anrichten können. Ich werde darauf vielleicht später zurückkommen, wenn ich vom Schulwesen rede. – Ich hatte also die schönsten grundsätzlichen und ethischen Bedenken, die mich an der Entfaltung größerer Tätigkeit hinderten. Ich will aber im übrigen gerne zugeben, daß mir das Spazierengehen und Flanieren große Freude macht und ich unter Umständen eine Unterhaltung mit einer schönen und klugen Frau der Teilnahme an der ernsthaftesten Ausschuß-Sitzung vorziehe – insoweit also hatte Hans Goslar schon recht. Ich will auch nicht verkennen, daß die anderen, die unbekümmert und unbeschwert von Hemmungen sich dort in den Dienst sozialer Arbeit stellten, viel Gutes geleistet haben, bisweilen auch wohl jene Herren aus Deutschland auf ihren Rettungsreisen. Mir brachten diese Aktionen die Freude, von Zeit zu Zeit angenehme Gäste von daheim zu begrüßen, und ich bewunderte oft genug aufrichtig die Einfachheit und unproblematische Betrachtungsweise dieser Herren. Ich entsinne mich an einen genußreichen Nachmittag mit Franz Oppenheimer4, der mit all der wundervollen Klarheit und Wucht, die seinen Stil und seine Persönlichkeit auszeichnen, prägnant und abschließend da Formulierungen fand, wo ich aus einem Zweifel in den anderen geriet. Auch andere Besucher hatte ich bisweilen. So tauchte vor allem von Zeit zu Zeit Aron Barth auf, der mich damals in meiner Berliner Praxis vertrat. Da war es nun eine ganz besondere Freude, ihn herumzuführen und ihm jüdisches Wesen zu zeigen, wie es sich hier natürlich und harmonisch darstellte. Er empfand die-

4 Franz Oppenheimer (1864 Berlin – 1943 Los Angeles), aus rabbin. Familie stammender dt. Soziolog, Arzt und Ökonom, formulierte 1903 ein Programm zur Kolonisierung Palästinas. Inhaber der ersten Soziologie-Professur Deutschlands (1919–1929). CZA, Sign. A 161.

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selbe Freude und Überraschung wie ich, als er wirklich unbefangene Juden kennenlernte, die genau so ungezwungen ihr jüdisches Eigenleben leben, wie sonst nur Deutsche oder Engländer etwa ihrer Wesensart nach leben. Gerade ihm, der aus dem orthodoxesten Kreise Berlins stammt, mag es wohl damals aufgegangen sein, daß es im Westen schließlich nur ein in Formen erstarrtes Ersatzjudentum gibt, das in jedem Momente als ein in fremden Boden verpflanztes Gewächs offenbar werden kann. Ich kann es mir nicht versagen, an dieser Stelle eine kleine Geschichte aus der Kinderzeit meines Freundes einzufügen, die in gewissem Sinne hierher gehört: Aron war damals etwa zehn Jahre alt, als ihn an einem Sabbatvormittag sein Vater, der bekannte Berliner Orientalist,1 in die Universität schickte, um eine Bestellung an den Dekan der Fakultät auszurichten. Das war damals Erich Schmidt.2 Dieser wollte die Gelegenheit benutzen, um Herrn Professor Barth das neue Vorlesungsverzeichnis zu übersenden und wollte dem Jungen das Heft mitgeben. Ihm war freilich unbekannt, wie wohl den meisten Deutschen, daß fromme Juden am Sabbat nicht die kleinste „Last“ tragen dürfen – während im Osten natürlich jeder das weiß und als natürlich empfindet, Oberst Hoffmann aber sich vom Hauptmann Bertkau über den Eruw einen Vortrag halten lassen mußte. So kam der kleine Aron in nicht geringe Verlegenheit. Aber er faßte sich rasch und sprach wohlerzogen und gesetzt: „Herr Professor! Religiöse Bedenken hindern mich, das Buch entgegenzunehmen“ – sprachs und stolzierte von dannen. Der Entdecker des Urfaust aber verwunderte sich baß.

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Leben und Sterben in Bialystok In Bialystok herrschte Ordnung und Elend. Beides waren wir von Kowno her nicht in dem Ausmaße gewöhnt. Die deutsche Verwaltung der Stadt hatte es sich offen- 25 bar zur Aufgabe gemacht, aus Bialystok eine Musterstadt in militärisch-bürokratischem Sinne zu machen, so eine Art Bürgerkaserne, in der die Militärpersonen verhältnismäßig noch am meisten Bewegungsfreiheit hatten. Die Polizeistunde gab es ja überall im besetzten Gebiet; nach dem Zapfenstreich um 10 Uhr bis früh um 6 Uhr durfte sich kein Zivilist auf der Straße sehen 30

1 Jakob Barth (1851 Flehingen – 1914 Berlin), orthod. Jude, bedeutender Orientalist und Arabist, Berliner Universität. 2 Erich Schmidt (1853 Jena – 1913 Berlin), von 1887 bis zu seinem Tode Professur für dt. Sprache und Literatur an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin; Koryphäe des damaligen Akademiebetrieb. S.  a. das Kapitel Der Minjan-Mann in Gronemanns Tohuwabohu.

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lassen. In dem heißen Sommer 1917 wurde das nicht eben angenehm empfunden, zumal die Sommerzeit eingeführt war und so jedermann noch vor Eintritt voller Kühle und Dunkelheit ins Haus flüchten mußte. Für Liebespärchen war das natürlich ein besonderes Elend, aber die hatten es auch sonst schwer. Es war nämlich eine Verordnung erlassen worden, nach der den Militärpersonen jeder private Umgang mit der Bevölkerung als eines deutschen Soldaten unwürdig untersagt war. Wenn auf der Straße ein Soldat und ein Mädchen im Gespräch getroffen wurden, machten sich beide strafbar. Hier freilich scheiterte die Macht der Obrigkeit. Bisweilen sah man etwa einen Soldaten des Weges gehen, der mit lauter Stimme, gerade vor sich hinblickend, Monologe zu halten schien. Dann erst bemerkte man das dazugehörige Mädchen, das zehn Schritte vor ihm spazierte und auch ihrerseits in die Luft hineinredete. Dieser Erscheinung begegnete man besonders häufig auf dem Wege zum Stadtwäldchen. Ebenso saßen solche Pärchen etwa in den Kaffeehäusern an zwei Nachbartischen, Rücken gegen Rücken. Wir von Ober Ost haben von vornherein das Verbot ständig mißachtet, und es scheint, daß zwischen den leitenden Persönlichkeiten lebhafte Auseinandersetzungen stattgefunden haben; jedenfalls wurde einige Zeit nach unserem Einzuge das Verbot aufgehoben. Daß es verboten war, zu dreien nebeneinander zu gehen und daß Zuwiderhandlungen streng bestraft wurden, habe ich schon erzählt. Aber vor allem eine Anordnung lag den hohen Herren am Herzen, und das war das Gebot: „Rechts gehen“. Es war beinahe rührend zu sehen, welche unendliche Mühe auf die Durchführung dieser Anordnung verwandt wurde. Die Bialystoker Zeitung brachte regelmäßig Nachrichten über die Zahl der Bestrafungen wegen Übertretung dieser Vorschrift; durchschnittlich gab es täglich 25 bis 30 Fälle. Man muß sich nun nicht einbilden, daß es sich da um eine Verkehrsregelung im Sinne der sonst in Großstädten für die Hauptverkehrsstraßen üblichen Vorschriften handelte. Einmal galt die Vorschrift auch für die entlegensten Gäßchen, dann aber war nicht etwa nur vorgeschrieben, daß man auf der rechten Seite des Bürgersteiges zu gehen hatte, sondern man mußte auf der rechten Straßenseite gehen. Wenn also jemand vor seine Tür trat, um seinen Nachbar, der drei Häuser weiter nach links wohnte, zu besuchen, mußte er die Straße überqueren, dort die paar Schritte an der Häuserwand entlanggehen und dann wieder den Weg über den Damm zurückmachen, wollte er sich nicht hohen Geldstrafen, unter Umständen sogar einer Freiheitsstrafe aussetzen. Das Bemerkenswerteste aber war, daß diese Vorschrift überhaupt nur auf die Einheimischen angewandt wurde, so daß also klar zu Tage trat, daß nicht sowohl die Regelung des Straßenverkehrs der Zweck der Übung war, als vielmehr darin ein Mittel gesehen wurde, die Bürgerschaft stramm zu disziplinieren. Die Hauptverkehrsstraße der Stadt läuft am Markt entlang von Osten nach Westen; so lag um die Zeit der Mittagshitze die eine Seite

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im Schatten, die andere im prallen Sonnenschein. Wer vom Westen zum Osten wollte, konnte an der Schattenseite gehen, wer aber in umgekehrter Richtung ging, mußte die Sonnenseite benutzen. Mittags gab es dort Platzmusik von der Militärkapelle, und auf der Schattenseite wogten im Korso die Spaziergänger hin und her. Die Einheimischen drängten sich mit in dem Schwarm, aber nur auf der Tour von West nach Ost  – am Ostrande des Korso angekommen, schieden sich die Nationalitäten: Alles, was Uniform trug oder die bekannte Armbinde, wie die Helferinnen und Schwestern, wandelte gemächlich im Schatten zurück, während die Einheimischen über den Damm hasteten und möglichst schnell an der anderen Seite wieder das westliche Ende des Korso zu erreichen suchten, um nach neuerlicher Dammüberquerung im Korso unterzutauchen. Es war ein lustiges Gewühle, und es gab stets mit großem Hallo begrüßte Zwischenfälle. Plötzlich wurde etwa in der dichten Menschenfolge ein schwarzhaariges Judenmädchen entdeckt, das nach Westen strebte, oder ein polnisches Bauernweib im Kopftuch, das mit ausgestreckter Hand Almosen sammelte, war ein paar Schritte jemandem nach Westen gefolgt, der in seiner Tasche nach Kleingeld suchte – sofort stürzten sich Militärpolizisten und Beamte der städtischen Miliz auf die Verbrecherin, sie wurde aus dem Schwarm geholt und über den Damm getrieben und konnte von Glück sagen, wenn sie nicht gleich zur Wache abgeführt wurde. Mir steht ein Fall lebhaft vor Augen, da dieses Mißgeschick eine sehr sympathisch aussehende, mit bescheidener Eleganz gekleidete junge Dame traf. Das war nun ein seltenes Bild, da der vornehmere Teil der Bevölkerung sich begreiflicherweise sehr zurückhielt. Mit um so größerem Lärm wurde deshalb der Fang gefeiert, mindestens fünf Polizeibeamte entwickelten eine erhebliche Tätigkeit, und während die junge Dame hochrot vor Verlegenheit flüchtete, feuerten einige Offiziere die Leute lachend zur Verfolgung an. Es darf bei alledem nicht außer acht gelassen werden, daß solche Maßnahmen nicht nur für die Disziplinierung der Zivilbevölkerung von Bedeutung waren, sondern auch auf uns Mannschaften einen sehr wesentlichen erzieherischen Einfluß ausüben mußten. Die innerliche Zucht und Selbstbeherrschung wurde entschieden gekräftigt, wenn sie auf so harte Proben gestellt wurde. Es gehörte schon ein hohes Maß von Selbstüberwindung dazu, wenn ein kultivierter Durchschnittseuropäer derartige Dinge ansah, ohne sich von seinen Gefühlen überwältigen und zu einer impulsiven Aktion hinreißen zu lassen, die ihn notwendig vors Kriegsgericht hätte bringen müssen. Die Erziehung zur Feigheit ist die Grundlage jeder militärischen Disziplin. Ich kann wohl zur Ehre des alten deutschen Heeres sagen, daß bei weitem die meisten Militärpersonen, Offiziere und Mannschaften, keinerlei Freude an solchen Maßnahmen hatten, wie ich sie geschildert habe. Die Bevölkerung, – zum mindesten die jüdische, welche nicht gegen die Deutschen verhetzt war und sie

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beim Einzug als Befreier vom russischen Joch freudig begrüßt hatte –, fühlte das auch, und trotz aller Verbitterung kam sie jedem Deutschen, der sich einigermaßen verträglich zeigte, liebenswürdig entgegen. Immerhin erschien es ihnen als ein Ausnahmefall, wenn man sich zu ihnen gut stellte, und mit um so größerer Überraschung und Dankbarkeit wurden Fälle von erwiesenen Freundlichkeiten, an denen es nicht fehlte, bemerkt und weitererzählt. Ich weiß, wie beispielsweise das Lob eines humanen Stadthauptmanns in Bialystok gesungen wurde. Und als Herr von Wilpert seinen Wirtsleuten und dann auch einem erkrankten alten Rabbiner einige Liebesdienste erwies, ging die Erzählung davon von Mund zu Munde. Es war ja so leicht, diese Menschen zu gewinnen – statt dessen zog man es vor, sie zu „erziehen“. – Von den Appellen für die im wehrpflichtigen Alter stehende männliche Bevölkerung und der Art, wie diese gehandhabt wurden, will ich lieber nicht erzählen, auch nicht, wie einzelne Herren mit ihren Quartierwirten umsprangen. Andere waren dafür um so rücksichtsvoller, und oft bildete sich auch hier ein enges freundschaftliches Verhältnis heraus. – Aber schlimmer als alles war das bittere Elend, das von Tag zu Tag wuchs. Es war nicht ganz so schlimm wie in Wilna, aber viel schlimmer als in Kowno. – Unaufhörlich klang das Sterbeglöckchen von dem Turm der katholischen Kirche, die unserem Dienstgebäude benachbart war, und unaufhörlich ertönte das Jammergeschrei der Klageweiber, die dem jüdischen Leichenwagen folgten. – Hier hatte wenigstens noch nicht, wie in Wilna, die fromme Bestattungsgesellschaft, die Chewra kadischah, ihre Tätigkeit wegen der Unmöglichkeit, die Fülle der Arbeit zu bewältigen, einstellen müssen. Aber auch hier nahmen die Todesfälle in Folge von Unterernährung so zu, daß auch die Laien eine höchst erstaunliche Sicherheit in der Prognose bekamen. Auf den Türschwellen sitzend, starrten sie ergeben vor sich hin, und alte Leute erklärten ganz ruhig, an welchem Tage sie sterben würden – am fünften Tage oder in acht Tagen. Die Symptome der zunehmenden Entkräftung waren ihnen durch Beobachtung allmählich geläufig ge­worden. Es gab eine Menge von Hilfsinstitutionen, aber sie waren diesem Elend gegenüber machtlos. Sie hätten ihre Tätigkeit ganz einstellen müssen, wenn nicht die deutschen Behörden aus ihren Lagern umsonst oder zu billigen Preisen Vorräte für die öffentlichen Küchen oder Waisenhäuser zur Verfügung gestellt hätten. Wie die besser gestellten Bürger, gaben auch die Soldaten, jeder einzelne, nach Kräften, und ich sah mehr als einmal, wie sonst recht robuste Kameraden alles, was sie von ihrer Ration nur erübrigen konnten, an Kinder austeilten. „Wenn ich wieder nach Deutschland komme“, sagte ein älterer Landsturmmann, sonst Schiffsknecht, „will ich nie wieder klagen. Da haben es bei uns doch die ärmsten Leute fürstlich gegen die Menschen hier.“ Am besten hatten es noch die Familien, deren Ernährer ihre Kinder waren. Schließlich bettelten diese trotz der Riesenkonkurrenz den Tag

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über immer noch etwas zusammen. Ich hatte schon meine besonderen freundschaftlichen Beziehungen zu einer Schar von zerlumpten Jungen, die mir um die Mittagszeit auflauerte. Der Schwarm wuchs bedenklich, und ich bestimmte kategorisch, daß jeder von ihnen nur an jedem zweiten Tage von mir eine Gabe haben dürfte. Dies Abkommen wurde, soweit ich übersehen konnte, auch gewissenhaft 5 eingehalten. Aber ein prächtiger Bursche – Struck hat ihn im Bilde festgehalten – kam an jedem Tage, da er nicht an der Reihe war, herangesprungen, um mir die Hand zu reichen, und rief gleich vorbeugend: „Hait bekumm ich nicht!“ – Der Schlaukopf! – Heinrich Auerbach fragte einmal am Sabbat ein kleines, vielleicht sechsjähriges Mädchen, das ihn anbettelte, wieso es am Sabbat Geld haben wolle. 10 Am Schabbes fasse man doch kein Geld an: „Wenn ich nichts zu essen habe, ist für mich kein Schabbes!“ antwortete die kleine Ernährerin ihrer Familie. – Schlimm

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war es, wenn die letzten Lumpen der Kleidungsstücke so zerfallen waren, daß die armen Leute sich nicht mehr auf die Straße wagen konnten. Einen solchen Fall, in dem eine fünfköpfige Familie absolut nackt in einem unterirdischen Loch kauerte, entdeckte Dr. Rosenack, indem er einem ganz kleinen, bettelnden Wurm 5 nachging. In diesem Fall wurde natürlich eingegriffen, für drei Mitglieder der Familie noch rechtzeitig. Man muß sich nun aber nicht etwa vorstellen, daß die bettelnden und zerlumpten Kinder mit erbärmlichen Mienen jammerten und um Almosen flehten – höchstens stand wohl einmal solch kleines blasses Mädchen mit den unnatürlich 10 großen ernsten Augen still an der Ecke und hielt die Hand auf – die Bialystoker Betteljungen waren eine lärmende, lustige Gesellschaft. Sie balgten sich auf dem Marktplatz um zugeworfene Gaben wie die Spatzen und veranstalteten Wettläufe über den ganzen Platz, wenn irgendeine als gebefreudig bekannte Persönlichkeit auftauchte. Was man ihnen gab, nahmen sie als eben so selbstverständlich an, 15 wie die alten Bettler im Tempel, die von jedem Beter ihren Beitrag als ihr gutes Recht streng und würdig einzukassieren gewohnt waren.

Aus dem Sonderheft der Kownoer Zeitung: „Kinderfürsorge in Oberost“

Leben und Sterben in Bialystok 

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Es gab in Bialystok eine Menge Kindergärten und Waisenhäuser. Manche dieser Anstalten waren recht gut dotiert. Dort bekamen die Kinder anständige Kleidung und eine halbwegs genügende Ernährung, aber es waren nur wenige Kinder, die das Glück hatten, in eine solche Anstalt aufgenommen zu werden. Bei weitem die meisten Kinder hungerten erbärmlich auf der Straße. Es gab aber auch Anstalten, in denen die Kinder, die Aufnahme gefunden hatten, noch weit entfernt von menschenwürdigen Lebensbedingungen blieben. Goslar und ich interessierten uns besonders für einen in der ärmsten Gegend der Stadt gelegenen Kindergarten. Dort gab es etwa 300 Kinder, eine reizende, zutrauliche, im ganzen gutgezogene und trotz allen Elends lustige Gesellschaft. Die Kindergärtnerinnen selbst – sehr feine und liebe Mädchen – sahen auch verhungert genug aus. Aber die Kinder hingen mit großer Liebe an ihnen. Es war rührend, zu sehen, wie die Kinder das ihnen Vorgesetzte Essen mit den Augen verschlangen, aber keine Hand hob sich, ehe im Chor der traditionelle Segensspruch gesagt war. Dann aber! Ehe man sich umsehen konnte, war der ganze Vorrat verschwunden – war die letzte Krume sorgsam aufgepickt. Es gab dann buchstäblich keinen noch so winzigen Krümel im Saale. Das Menü war auch leicht zu bewältigen. Es gab – und man beachte, daß die Kinder sonst nichts bekamen, nichts im Kindergarten und nichts zu Hause – früh um 9 1/2 Uhr eine viertel Scheibe Schwarzbrot, manchmal mit Marmelade bestrichen, und eine Tasse schwarzen, ungesüßten, sogenannten Kaffee. Dann um 3 Uhr eine dünne Grütze und noch eine viertel Scheibe trockenen Schwarzbrotes. Sonst nichts den ganzen Tag. Die Kinder starben denn auch massenweise. Eine Episode machte auf mich starken Eindruck: Ein kleiner Junge erzählte eines Tages ganz aufgeregt seinen Spielgefährten, daß sie zu Hause am Tage vorher eine große Schüssel Rüben gegessen hätten. Das rief eine ungeheure Aufregung hervor. Die Kinder waren nicht mehr zu bändigen und sprachen von nichts mehr als von der großen Schüssel Rüben. Die Lehrer waren in Verzweiflung, da die Kinder einfach außer sich und nicht zu beruhigen waren. Dann stellte es sich heraus, daß der Junge unter Einwirkung des Fiebers phantasiert hatte. Er starb wenige Tage darauf, aber noch wochenlang nachher flüsterten die Kinder unter sich von der Schüssel Rüben. – Durch eine schnell im Bekanntenkreis in Berlin veranstaltete Sammlung, um die sich besonders Hans Goslar verdient machte, gelang es, diesem Kindergarten relativ bedeutende Mittel zuzuführen, und später übernahm dann ein zionistischer Verein die Regie, so daß dem Elend hier einigermaßen gesteuert wurde. Dabei wäre all diese Not so leicht zu vermeiden gewesen, ohne daß es nötig gewesen wäre, die Ausfuhr von Lebensmitteln nach Deutschland zu beschränken. Es gingen täglich ungeheure Quantitäten von Eßwaren aller Art nach Deutschland, ganz abgesehen von den Vorräten, die für den Verbrauch durch die Truppen und ihr Gefolge an Ort und Stelle benötigt wurden. Aber das Land ist ja so frucht-

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bar, und rings um die Stadt, bei den Bauern, lagen Vorräte in Hülle und Fülle. Durch eine streng durchgeführte Einfuhrsperre für Lebensmittel war die Stadt aber von diesem Segen abgeschnitten. So stieg die Verzweiflung in der Stadt immer mehr und mehr an, und es kam so weit, daß man Verzweiflungsausbrüche fürchtete. Man ließ Truppen mit klingendem Spiel durch die Straßen ziehen, um die Leute vor unbesonnenen Schritten abzuhalten. Aber schließlich hatten diese Menschen wirklich nichts mehr zu verlieren, wenn sie auch nichts anderes gewinnen konnten, als eine schnelle Erlösung. Man entschloß sich dann, wenn auch ziemlich spät, zu einer Lockerung des Einfuhrverbotes, aber immer nur in sehr unzureichendem Maße. Die Verwaltung wird ja ihre wohlerwogenen Gründe für ihr Verhalten gehabt haben, aber diese verschlossen sich der Erkenntnis des beschränkten Untertanenverstandes. Jeder Kreishauptmann verwaltete seinen Bezirk wie ein autonomes Königreich, und um Bialystok war ein Grenzschutz gezogen, wie früher um das Zarenreich. Prinz August Wilhelm, der damals in Bialystok an irgendeiner Verwaltungsstelle wirkte, soll einmal eine alte jüdische Frau, die sich ein paar Eier vom Lande geholt hatte, auf der Landstraße bei diesem Vergehen erwischt und höchstselbst die Verbrecherin in seinem Automobil ins Gefängnis gebracht haben. Die Frau soll in Ohnmacht gefallen sein, als sie nachträglich hörte, von wem sie verhaftet worden war, und ich bin überzeugt, daß in der Familie noch nach Generationen von dieser Berührung mit einem Sproß des Kaiserhauses erzählt werden und sich um diese Begegnung eines leutseligen Fürsten mit einer Frau aus dem Volke eine Legende spinnen wird. Eines Tages begab sich eine Deputation angesehener Bürger zur deutschen Behörde und machte ihr folgenden Vorschlag, um einmal der schauerlichen Not abzuhelfen, andererseits aber auch der Verwaltung einen Weg zu weisen, wie sie billig und ohne Schwierigkeiten die Versorgung der Truppen und des Hinterlandes sicherstellen könne. Man möge, so wurde vorgeschlagen, einer Reihe von zuverlässigen Händlern gestatten, auf dem Lande Lebensmittel einzukaufen, und zwar unter Aufhebung der Höchstpreisbestimmungen, nur möge man diesen Händlern auch gestatten, für die Einkäufe bei den Bauern Schnaps mitzunehmen. Die Einfuhr sollte unter Kontrolle der Behörde gestellt werden, und es wurde Bürgschaft dafür angeboten, daß die Hälfte aller eingekauften Waren, mindestens aber das von der Behörde bestimmte Kontingent, zu den gesetzlichen Preisen, also unter dem Einkaufspreis, an die Verwaltung abgeliefert werden würde. Dieses Angebot schien nun in der Tat für alle Interessierten ein trefflicher Ausweg, aber freilich ließ sich diese Methode in das bürokratische Schema nicht wohl einfügen, und der Gedanke, die Bauern durch Schnapsangebot verkaufsbereit zu stimmen, rief eine gewaltige moralische Entrüstung hervor. So mußte die Deputation unverrichteter Dinge abziehen, und die Unerschütterlichkeit der Grundsätze unserer Verwaltungspraxis war wieder einmal glänzend dokumentiert.

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So bimmelte das Sterbeglöckchen weiter und so ließ das Gejammer der Klageweiber nicht nach. Diese Institution der Klageweiber scheint von den Juden direkt aus Ägypten mitgenommen und konserviert zu sein. Uns Deutschen kamen diese Frauen, die gegen Entgelt an jedem Grabe entsetzlich klagend und jammernd das Lob des Toten singen, höchst absonderlich vor, bis wir uns erinnerten, daß 5 schließlich mit gewissen Modifizierungen es diese Einrichtung auch im Westen gibt, nur daß da andere Funktionäre in Tätigkeit treten als gerade alte Weiber.

Abstecher nach Warschau Man ruft mich zur Ordnung, oder wenn man will – zur Unordnung! Ich hätte, sagt man, in der Einleitung zu diesen unlehrhaften Blättern versprochen, nach meiner Gewohnheit zwanglos zu plaudern, für gewöhnlich sei man bei solcher Gelegenheit von mir an ein Durcheinander von lustigen Geschichten gewöhnt, und in den letzten Seiten hier hätte ich eigentlich hintereinander lauter traurige Dinge berichtet. Wenn ich nun auch nach keiner Richtung Verpflichtungen eingegangen bin – ich habe den Leser gewarnt –, will ich den Wünschen doch Rechnung tragen und habe ich schon bislang alles Tragische in der Darstellung sehr, sehr abgeschwächt, will ich doch mich künftig möglichst von allem Traurigen fernhalten und so gleich jetzt, wenn ich von meinen Abstechern nach Warschau berichte, von dem Allertraurigsten schweigen, was ich dort erlebt habe. Ich will also nicht von der Art reden, wie die deutsche Aguda, die Organisation eines Teiles der orthodoxen Juden Deutschlands,1 ihre Interessen in Warschau wahrnehmen ließ. Um objektiv zu sein, will ich immerhin hervorheben, daß der eine der beiden Vertreter jener Organisation durchaus jene Anerkennung verdiente, die ihm von allen Seiten gespendet wurde: ihm stand die Feldrabbineruniform wirklich ausgezeichnet, wie jeder zugeben mußte, der ihn sporenklirrend durch die Straßen schreiten sah2 – und daß der andere der Herren, der eigentliche Leiter der agudistischen Aktion, in gewisser Weise einen erzieherischen Einfluß auf mich aus-

1 Die 1912 in Katowice gegründete Agudat Yisrael Weltorganisation (Agudas Jisroel), mit dem Ziel, orthod. jüd. Organisationen unabhängig von der zion. Weltorganisation zu unterstützen. 2 Emanuel Carlebach (1874 Lübeck – 1927 Köln), Rabbiner, Pädagoge und Mitbegründer der Agudas Jisroel. Ab 1916 Berater der dt. Militärverwaltung zur Verwaltung jüd. Schulen, 1918 Feldrabbiner. Sohn Salomon Carlebachs, hierzu Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und großpolnischen Ländern 1781–1871. Biographisches Handbuch der Rabbiner, Bd 1. Hg. Michael Brocke, Julius Carlebach, Carsten Wilke u. Katrin Nele Jansen. München 2004, 220.

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geübt hat:3 seit ich seine Taktik kennengelernt habe, urteile ich milder und mit weniger moralischem Hochmut über die Taktik, mit der von antisemitischer Seite oft gearbeitet wird. Nach Warschau führten mich von Bialystok öfter Dienstreisen, die sich von dem Augenblick ab häuften, da das Wilnaer Theater dort sein Gastspiel eröffnet hatte. Zunächst lockte mich in Warschau das mir befreundete Haus Zabludowski4, und dann saß in der Abteilung der Verwaltung für jüdische Angelegenheiten mein alter Freund Laze Barth5 aus Berlin. Als ich ihn das erste Mal im Büro aufsuchte und er mit Freudengeschrei, die Hände schwenkend, auf mich losstürzte, überschüttete er mich mit einem Sprühregen. Er war gerade damit beschäftigt, sich intensiv die Hände zu waschen. Ich war überrascht, und viele seiner Berliner Bekannten würden meine Überraschung geteilt haben – aber in der Tat hatte er in Berlin nie so viel Anlaß, sich die Hände zu waschen, wie dort. Zu seinem Ressort gehörten auch die Verhandlungen mit der Aguda-Vertretung; abgesehen davon aber hatte er eine ganz angenehme Beschäftigung; er war der Assistent des Leiters des Dezernats für jüdische Angelegenheiten im Generalgouvernement Warschau, eines bekannten deutschen Politikers, einer jener seltenen Persönlichkeiten, denen man absolut nicht böse sein kann, sie mögen anstellen, wa sie wollen. 6 In der Tat habe ich später festgestellt, daß dort unter den erbittersten politischen Gegnern dieses Mannes fast kein einziger war, der nicht mit Hochachtung und mit einer gewissen Wärme von ihm als Menschen sprach. Die Unbekümmertheit und der Enthusiasmus, mit denen er alle Dinge anfaßte, die unbefangene Art, in der er alle Realitäten dem Schema seiner realistischen Anschauung anpaßte, entwaffnete jeden. Man glaubte, in ihm innere Güte und Liebe zu den seiner Obhut zunächst anvertrauten Menschen, der jüdischen Bevölkerung, zu finden, und es wurde allgemein bedauert, daß er in seiner mehrjährigen Tätigkeit nun nicht auch noch Zeit und Gelegenheit gefunden hat, diese Juden wirklich kennenzulernen. Vielleicht ist es besser so. Seine Vorträge, die er jetzt bisweilen hält, würden dann 3 Pinchas Kohn (1867 Kleinerdlingen/Bayern – 1941 Jerusalem), Rabbiner und Direktor der Agu­ das Jisroel. Vermittelte im 1. WK mit Emanuel Carlebach zwischen dt. Militär und poln. Rabbinern, um die hygenischen Bedingungen zu verbessern. Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871– 1945, 341. 4 Shimon Zabludowski (1882), Sohn von Hirsch und Bracha Zabludowski. Verheiratet mit Eli­ sheva Z.; 3 Kinder: Gina, Mira, Arnon. Shimon Z. trat in Gronemanns Paragraph 59 auf. GKG, Bd 1, 470. 5 Elieser (Lazar) Barth (1880–1949), Sohn Jakob Barths; führender Zionist in der orthod. Misrachi-Bewegung. 6 Gemeint ist der Karlsruher Reichstagsabgeordnete (Fortschrittliche Volkspartei) und Rechtsanwalt Ludwig Haas (1875–1930), der die liberal-jüd. Strömung vertrat u. als jüd. Referent in die Zivilverwaltung Warschaus berufen wurde.

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viel an Reiz verloren haben. Nach meiner Auffassung liegt ein Hauptvorzug seiner lebhaften Schilderungen darin, daß sie ein ausgezeichnetes Bild der Einstellung des liberalen Westjuden zu diesen Menschen und Dingen geben, die im wesentlich auf einer sorglich gewahrten Distanzierung und einer grundsätzlich durchgeführten Meidung aller jener Kenntnisse von Einzelheiten beruhen, die das harmonische, am Schreibtisch entstandene Bild verwirren könnten. Laze Barth mußte mich in Warschau herumführen, was für ihn die Möglichkeit bedeutete, mir in den Straßen sowohl wie in den chassidischen Lernstuben, auf dem jüdischen Tanzboden und in den verschiedenen Synagogen, in der Judengasse Nalewki und auf dem Korso der Marschallkowska seine Anekdoten zu erzählen, die zum Teil der Theaterwelt entstammten, zum Teil an Bibelexegese anknüpften – er ist nämlich die wandernde Miszelle und betrachtet die Dinge der Wirklichkeit nur als Haken, an die man Geschichten anhängen kann. – Für seine Theatergeschichten habe ich mich gerächt, wie ich noch erzählen werde, und es dauerte nicht lange, bis ich ihn in echte Theater- und Kulissennöte gebracht hatte. Aber die Krone aller Erzähler lebt in Warschau in der Person von Hirsch Zabludowski7. Wenn der am Sabbat an der Spitze der langen Familientafel thronend seine Erzählungen zum besten gab, war das das Köstlichste, was man sich denken kann. Ich möchte wohl ein Buch schreiben: „Hirsch Zabludowski erzählt“, aber es wird unmöglich sei, seine Sprache, den Tonfall und die trockene, ironische Art dieses ausgezeichneten Repräsentanten jüdischen Humors wiederzugeben, und mir sind tausend Nuancen entfallen. – Wie köstlich war in seiner Darstellung die Geschichte von jenem Lederfabrikanten in Warschau, der sich von der deutschen Behörde einen Reiseschein verschaffen wollte. Der betreffende Dezernent, ein älterer General, war bekannt dafür, daß er gegen Kaufleute sehr ungnädig war, für Handwerker aber viel übrig hatte. Mit viel Mühe erlangte der Bittsteller an irgendeiner anderen Stelle eine Legitimation als Schuster. Darauf nahm ihn der General in sein Privatzimmer und verlangte von ihm, daß er ihm den Preis zweier eben erworbener Reitstiefel abschätze. In großer Verlegenheit nannte der Mann irgendeinen lächerlichen Preis. Sofort zog der General seinen Stiefel aus und befahl ihm, auf der Stelle ihm zu einem neuen Paar Maß zu nehmen, die er ihm zu dem Preise liefern sollte. Der Kaufmann schwitzte Angst und Blut, als er den Fuß des Generals in Händen hatte und nichts damit anzufangen wußte. Dann lief er schleunigst zu einem Schuster und besorgte zum sechsfachen Preise die Stiefel. Die Folge war, daß er zwar keinen Reiseschein erhielt, aber dafür eine Unmenge Aufträge auf Stiefel und Schuhe aller Art zu solch billigem Preise, die er wohl oder übel für sein teures Geld erledigen lassen mußte. – Entzückend war

7 Hirsch Zabludowski (1857), Vater Shimon Zabludowskis. Vgl. oben, S. 118, Fn. 4,

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auch die unendliche Geschichte von der Militärgestellung, die freilich noch in der russischen Zeit spielte. Es handelt sich da um einen mir auch bekannten Herrn, der nach Fühlungnahme mit der Kommission sicher zu sein glaubte, daß er nicht genommen werden würde, da er damals im Auslande studierte, nicht eigens zu dem Termin kommen wollte. Deshalb schickte er einen Ersatzmann, der unter seinem Namen sich der Kornmission stellte. Durch irgendeinen unglücklichen Zufall wurde dieser Ersatzmann aber für tauglich befunden und sofort in die Kaserne gebracht. Jetzt mußte natürlich dieser arme Mensch befreit werden. Das ging in der Weise, daß sich ein freiwilliger Ersatzmann für ihn stellte. Da nun aber für jeden Freiwilligen nur der jeweils zuletzt ausgeloste frei wird, jener Mann aber elf Hintermänner hatte, mußten zwölf Freiwillige gefunden werden. Diese zwölf Freiwilligen fand man auch, aber sie waren nur bereit, sich zu stellen, durchaus nicht, wirklich zu dienen und nach Sibirien abzugehen. Sie mußten also am folgenden Tage alle zwölf desertieren. Das ging auch ohne Folgen zu bewerkstelligen, indem alle zwölf sich auf Pässe von Verstorbenen meldeten, die begreiflicherweise unauffindbar waren. Sehr interessant war für mich eine Wanderung durch Warschauer jüdische Schulen, die ich eines Tages unternahm, indem ich mich einer Gesellschaft von deutschen Journalisten und Abgeordneten anschloß, die unter Führung jenes Referenten und von Barth eine Schulinspektion vornahm.

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Schulvisiten Wenn ich mir den Strom von Touristen vorstelle, der sich zur Zeit über Palästina ergießt, und mir weiter vergegenwärtige, daß alle diese Leute bestimmte Erziehungsinstitute dort zu besichtigen für ihre Pflicht halten, frage ich mich, wann eigentlich die Kinder dort dazu kommen, einen richtigen Unterricht zu genießen. Wenn ich mich in meine Seele als Schüler zurückversetze, beneide ich die palästinensischen Kinder ungeheuer; ich wenigstens freute mich über jede wie immer geartete Störung des Unterrichts. – So ähnlich wie jetzt den Kindern im Lande Israel ging es damals den Zöglingen in einigen Warschauer Schulen, die den fremden Besuchern vorgeritten wurden. Nun unterscheiden sich aber die jüdischen Kinder des Ostens dadurch von allen mir bekannten schulbesuchenden Kindern sonst, daß sie den Unterricht nicht als eine höchst unerquickliche Einrichtung betrachten, die nach Möglichkeit sabotiert werden muß, sondern daß sie samt und sonders eigentlich mit ungeheurem Vergnügen und Eifer lernen. Im Osten wird man es auch nie finden, daß den kleinen Kindern von den Eltern gedroht wird: „Na warte nur, wenn du erst in die Schule kommst, dann wird es dir schlecht gehen“, sondern umgekehrt werden die kleinen Kinder schon so begierig auf die Schule gemacht, daß sie mit Ungeduld den Tag erwarten, an dem sie endlich jene schicksalsschwere Pforte durchschreiten können. Natürlich sind Kinder Kinder, und sie freuen sich auf freie Tage genauso wie die europäi­ schen Kinder. Wenn etwa beim großen Frühlingsfest, dem Lag b’omer,1 das traditionelle Kinderfest stattfindet, tollen die Kinder genauso übermütig wie ihre Altersgefährten in Berlin oder London. Dieses Fest des Frühlings, der Zukunft und der Kinder ist ein Fest der ganzen Stadt. In Warschau ziehen dann den Nalewki2 hinunter Züge von vielen tausend Kindem mit blauweißen, mit dem Davidstern geschmückten Fahnen, zu allen Fenstern sind Guirlanden und Teppiche hinausgehängt; während der Okkupationszeit stellte an diesem Tage die deutsche Eisenbahnverwaltung einen Extrazug, und bis in die Abendstunden vergnügte man sich auf den großen Wiesen vor der Stadt. Aber die Kinder gehen auch gern zur Schule, und es gibt für sie keinen größeren Kummer, als wenn sie die Schule versäumen müssen. Ich möchte hier zum Belege eine kleine Geschichte einfügen,

1 Lag-ba-Omer, der 33. der zwischen Pessach und Shavuot gezählten 49 „Omer-”Tage, in denen traditionell dem Tod der Schüler Rabbi Akivas gedacht wird. An diesem Tag wird die als Trauerzeit geltende Periode außer Kraft gesetzt. Später auch als mutmaßlicher Todestag Rabbi Schimon Bar Jochais gefeiert, dem legendären Autor des Sohar. Vgl. EJ, Bd 12, 436  f. 2 Straße in Warschau, in der bis zum Zweiten Weltkrieg v.  a. Juden lebten.

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die mir unser Dr. Baeck erzählte, der als Feldrabbiner im Osten tätig war,3 eine Geschichte, die nach mehr als einer Richtung typisch ist: Er mußte die Dienste eines Töpfers in Anspruch nehmen, und als er in einem kleinen Orte das Häuschen des Handwerkers betrat, sah er auf der Diele zwei Bänke stehen, auf jeder der Bänke saßen sieben Kinder. Erstaunt fragte er den Mann, ob das alles seine Kinder wären, und erhielt die Antwort: Nein, nur die Kinder auf der einen Bank gehörten ihm, dem Hausherrn, die anderen wären die Kinder seiner Schwester, deren Mann eingezogen sei und die er bei sich aufgenommen habe. Während nun der Mann seine Arbeit verrichtete, ließ der Rabbiner sich in ein Gespräch mit den Kindern ein und fragte auch, ob sie in die Schule gingen. Darauf erhob sich auf der einen Bank lautes Jammern und Weinen. Der Töpfer klärte ihn dann auf. Er sagte ihm, daß er zu arm sei, um alle Kinder in die Schule schicken zu können, und da er natürlich für die ihm anvertrauten Kinder zuerst sorgen müsse, hätte er seine eigenen Kinder alle aus der Schule nehmen müssen. – Das gütige Geschick, das Dr. Baeck in das Haus geführt hatte, befreite natürlich jetzt die Kinder des Töpfers von ihrer Not, und alle konnten bald die Schule besuchen. – Bei jenem Schulbesuche gingen wir zuerst in ein Mustercheder4, eine jener schon mit modernem Anstrich versehenen Schulen, wie sie vor allem durch das Verdienst des Misrachisten Farbstein5 in Warschau in großer Zahl eingerichtet waren. In dem ersten Klassenzimmer, das wir betraten, lernten die neun- bis zehnjährigen Jungen gerade einen Abschnitt der Mischnah, der sich mit der Ehe befaßt,6 und es wurden höchst subtile Fragen behandelt, deren Erörterung selbst vor einem erwachsenen Publikum vermutlich bei manchen westlichen Sittlichkeitsaposteln die größten Bedenken erregt haben würde. Ahnungslos forderte unser Führer einen der Schüler auf, uns die Stelle, die er gerade las, ins Deutsche zu übertragen. Das tat der Schüler auch, und es war bemerkenswert, wie die Herren der Gesellschaft sich gegenseitig betroffen und etwas verlegen ansahen. Den Kindern entging das nicht, und man merkte es dem aufgerufenen Jungen 3 Leo Baeck (1873 Lissa/Posen – 1956 London), seinerzeit bedeutendster Vertreter des dt. liberal. Judentums. Im 1. WK Feldrabbiner, dann Präsident der 1933 mit dem Ziel der Milderung anti­ jüdischer Politik gegründeten Reichsvertretung der Deutschen Juden. Obwohl dieses Ziel nie erreicht wurde, vermochte sie unter Baeck wichtige Hilfestellungen für die betroffenen deutschen Juden zu bieten. Er überlebte Theresienstadt, immigrierte nach London, wo 1955 das nach ihm benannte Institut gegründet wurde. EJGK, Bd 3, 500–505. 4 Eine hier als vorbildliche dargestellte jüd. Elementarschule, in der vor allem Hebräisch und Bibelwissen vermittelt wurde (Cheder, ‫ ֶח ֶדר‬: Zimmer). 5 Joshua Heshel Farbstein (1870 Warschau  – 1948 Jerusalem), Leiter der jüd. Gemeinde Warschaus und Leitfigur in der die religiösen Juden in der zion. Bewegung repräsentierenden Misrachibewegung (seit 1902). 6 Das Traktat Kiddushin, mit dem trad. das Talmudstudium beginnt.

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an, wie er mit einem gewissen Verständnis für die Rückständigkeit der Besucher ihnen über die Verlegenheit hinwegzuhelfen suchte. Als wir das Zimmer verlassen hatten, fand ein Meinungsaustausch statt; die Herren erklärten schließlich übereinstimmend, daß sie einfach die Tatsache registrieren müßten, daß die Kinder in voller Sachlichkeit, mit vollem Verständnis und in unberührter Reinheit das Thema behandelten, daß es aber einfach undenkbar sei, daß irgendwo, und sei es an einer den fortgeschrittensten Prinzipien folgenden Schule Deutschlands, etwas Ähnliches möglich wäre. Man betrat ein anderes Zimmer, in dem gerade Knaben etwa des gleichen Alters sich mit einem Talmudtraktat beschäftigten, in dem äußerst schwierige zivilprozessuale und erbrechtliche Materien behandelt wurden. Hier hielt man sich länger auf. Die anwesenden Juristen reizte es, mit den Knaben in einem Disput über die Beweislast und über die Erbfolge einzutreten. Einer der Herren begann, da es ihm unfaßbar erschien, daß die Jungen diese Materie wirklich beherrschten, sie erst deutsch und dann polnisch in ein Kreuzverhör zu nehmen. Er drehte sich dann um und sagte: „Da steht mein Verstand still; ich wette, daß in einem Juristenseminar des dritten oder vierten Semesters im Westen kaum einer das Examen bestanden haben würde.“ Nun wollte der Leiter unserer Exkursion doch aber auch, daß den Herren demonstriert würde, wie weit die Knaben im Deutschen wären, und er ließ den Lehrer angeben, welches Pensum augenblicklich durchgenommen würde. Da erlebten wir eigentlich die größte Überraschung, als die Kinder, die sich eben mit so schwierigen Worten beschäftigt hatten, nun auf einmal bei der Prüfung im Deutschen sich auf einer ziemlich weit zurückgebliebenen Stufe zeigten. Doch war das das natürlichste Ding von der Welt. Hier hatte die Schulbehörde das Pensum vorgeschrieben, und natürlich dasjenige Pensum, welches für Knaben derselben Altersstufe auf deutschen Schulen üblich war. Diese Kinder waren bei den Kindergedichten von Robert Reinick7 und Kopisch8, während sie nach ihren Leistungen in anderen Fächern eigentlich den Tasso oder gar den Faust hätten lesen müssen. Ich bin übrigens überzeugt, daß sie das insgeheim taten. Dabei aber wurde uns allen so recht klar, was für ein vollkommen anderer Maßstab an die Kinder dort angelegt werden muß, als an die Kinder dieses Alters im Westen. Im ganzen, glaube ich, haben die Kinder sich bei unserem Besuche nicht schlecht amüsiert. Ich weiß nicht, ob die anderen Herren auch etwas von der Verlegenheit spürten, mit der ich mich aus dem Zimmer hinausschob. Dann gingen wir in ein richtiges Cheder, eine jüdische Volksschule alten Stils. Als wir dort das einzige Klassenzimmer betraten, sträubte sich uns allen

7 Robert Reinick (1805 Danzig – 1852 Dresden), dt. Maler u. Dichter. 8 August Kopisch (1799 Breslau – 1853 Berlin), dt. Maler, Dichter u. Erfinder.

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das wenige von Haaren, das wir besaßen. In einem mittelgroßen, untapezierten, halbdunklen Raum drängten sich vielleicht hundert Kinder im Alter von sechs bis vierzehn Jahren, allesamt barfuß, in armseliger und zerrissener Kleidung, um den alten Lehrer. Sie machten einen Höllenlärm, der sich kaum minderte, als wir eintraten. Es herrschte eine furchtbare, stickige Luft in dem Raum, und das erste, was wir taten, war, an das Fenster zu stürzen, um es zu öffnen. Da stellte es sich heraus, daß das Fenster gar nicht geöffnet werden konnte; vielleicht war es seit der Erbauung des Hauses nicht geöffnet worden. Westeuropäische Kinder wären ganz bestimmt zu Grunde gegangen, wenn sie in diesem Schmutz, in dieser Luft tagtäglich von morgens 8 bis nachmittags 4 Uhr ihre Zeit hätten zubringen müssen. Diese Kinder aber waren trotz aller Unterernährung lustig und übermütig. Sie drängten sich vollkommen ungeniert um uns, befühlten unsere Röcke, faßten uns an die Hände und stellten – sie an uns – hunderterlei Fragen. Wir konnten es nicht lange in der Hölle aushalten, und als wir draußen in frischer Luft standen, begann einer von den Herren mächtig zu schimpfen. Diese Kinder müssen gerettet werden, mit solchen Schulen müßte aufgeräumt werden; mit Licht und Luft, mit Hygiene und Seife müßte man da Ordnung schaffen. Ich konnte nicht einstimmen, wußte aber nicht, was ich zur Widerlegung sagen sollte. Grundsätzlich ist gegen Hygiene und Seife nichts einzuwenden, und es wird sehr erfreulich sein, wenn allmählich das Verständnis für diese guten Dinge auch dort einzieht. Andererseits glaube ich nicht, daß wir aus Europa mit dem alleinseligmachenden Dogma von der Hygiene wirklich nur Gutes schaffen. Die Bazillen werden wir vielleicht austreiben, aber ob wir nicht mit jenem gewaltsamen Einbruch, mit jeder europäisierenden Reform neben den Bazillen auch eine Unmenge guter und wertvoller Dinge vernichten, steht noch dahin. Es ist das ein Zwiespalt, der kaum zu lösen ist. Wenn jemandem von uns die Fürsorge für solche Schulen anvertraut werden würde, könnte er nach seiner ganzen Mentalität natürlich gar nicht umhin, Besen und Scheuerlappen regieren zu lassen, die Fenster aufzureißen und die Kinder zur Sauberkeit anzuhalten; aber es muß sich erst erweisen, ob die Errungenschaften einer solchen Revolution nicht allzu teuer bezahlt werden. Ich glaube, daß da nur eine langsame Volkserziehung und eine Evolution helfen kann. Man kommt mit europäischen Begriffen eben da nicht durch. In jeder Beziehung muß man sich hüten, seine Anschauungen einfach nach dort zu übertragen. Ich erinnere mich eines Falles, in dem ein deutscher Lehrer mit seinen vorgeschrittenen Schülern Goethes Egmont las. Wie erstaunt war er, als ihm von seinen Schülern und Schülerinnen eines Tages ein Protest überreicht und er gebeten wurde, eine andere Lektüre zu wählen. Es waren die Szenen mit Klärchen, welche den Kindern Unbehagen bereiteten, gerade jene Szenen, die das Entzücken unserer Schüler bilden. Sie empfanden diese Szenen als zu unmoralisch und das Bild Egmonts zerstörend.

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Oder ist folgender Fall mit der Psychologie deutscher Schüler vereinbar? Ich traf am Tage der Zeugnisverteilung auf dem Korridor des Gymnasiums in Kowno ein junges, mir bekanntes Mädchen, das totunglücklich in einer Ecke lehnte und Tränen in den Augen hatte. An einem solchen Tage ist das nicht auffallend. Teilnahmsvoll erkundigte ich mich, ob sie sich nicht nach Hause traue und ob denn 5 ihr Zeugnis so schlecht ausgefallen sei. Da stellte es sich heraus, daß ihr Zeugnis glänzend und sie als Erste in die obere Klasse versetzt war. Auf meine erstaunte Frage, warum sie denn so unglücklich sei, sagte sie mir unter Schluchzen, das sei eine Ungerechtigkeit von dem Klassenlehrer, sie habe das nicht verdient, eine andere wäre viel besser als sie. 10

Der entfesselte Schulrat Der deutschen Verwaltung lag nicht nur die Sorge für das leibliche Wohl der eingeborenen Bevölkerung am Herzen, die sie durch straffe Reglementierung der Lebensmittelversorgung, durch Ein- und Ausfuhrverbote, durch Rationierungen usw. dokumentierte, sondern zugleich und vor allem auch die Sorge für das geistige Wohl, und da richtete sich naturgemäß ihre Aufmerksamkeit vor allem auf das Erziehungswesen. Es gab in der Verwaltung Schulmänner von mehr als gewöhnlichem Tatendrang, und es mußte das Herz eines preußischen Schulrates mit Kummer erfüllen, wenn er etwa sah, wie die jüdischen Kinder samt und sonders ohne Religionsunterricht aufwuchsen. So etwas wie systematischen Religionsunterricht, in dem säuberlich die Religionspflichten in Pflichten a) gegen Gott, b) gegen den Nebenmenschen, c) gegen sich selbst eingeteilt werden, kennt man nämlich im Osten nicht. Religion ist dort bei den Juden kein Unterrichtsfach; man glaubt überhaupt nicht, daß es etwas Erlernbares sei, und auch sonst werden alle pädagogischen Grundsätze und Gewohnheiten des Westens gröblich außer acht gelassen. Da sitzen die alten Melamdim, die Schulmeister, mit einer ungezogenen Horde von Kindern von früh bis in den Nachmittag hinein; von irgendwelcher Systematik, von einem vorgezeichneten Pensum, von einem Stundenplan ist nicht die Rede, und der Umstand, daß die Kinder geistig unendlich viel weiter gefördert werden und unendlich viel mehr lernen als ihre Altersgenossen im Westen, spielt natürlich gar keine Rolle gegenüber der Undiszipliniertheit und scheinbaren Regellosigkeit des ganzen Verfahrens. Da mußte mit Energie und Schneid durchgegriffen werden. Man wollte, um das Übel an der Wurzel zu packen, gleich bei der Hochschule beginnen, nämlich bei der Talmudhochschule, von der die Rabbinen, die geistigen Führer, ausgehen. In Slobotka bei Kowno existiert seit Jahrhunderten

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eine berühmte Talmudhochschule, eine Jeschiwah. Dort sitzen seit alters her die berühmtesten Talmudisten, die die Judenheit überhaupt kennt, und um sie scharen sich auserwählte Schüler; man kann dreist sagen, daß jeder junge Mann, der dort als Schüler überhaupt aufgenommen wird, schon über ein ungewöhnliches Maß von Wissen und Scharfsinn verfügen muß. Jeder einzelne dieser Schüler ist bereits, an westeuropäischem Maßstabe gemessen, als ein Talmudgelehrter anzusehen. In diese Talmudhochschule nun entsandte der Schulrat von Ober Ost eines Tages den Pastor des Soldatenheimes in Kowno, um die Lehrer dieser Anstalt auf ihre Kenntnisse im Hebräischen zu prüfen. Unserem guten Pastor, der von der Universität her immerhin soviel Kenntnis des Hebräischen hatte, daß er einen leichten Text langsam entziffern konnte, kam der Auftrag wohl kurios vor, aber Befehl ist Befehl, und er machte sich auf den Weg. – Er wurde auch, wie jeder Gast, freundlich aufgenommen, aber als er dann ziemlich kleinlaut von seinem Auftrag erzählte, ereignete sich das, was sich in den Jahrhunderten des Bestehens der Anstalt nicht ereignet hatte: Die Bücher schlossen sich, und die Rabbinen erklärten, daß sie die Zumutung, sich prüfen zu lassen, als eine Beleidigung empfänden und sie es ablehnten, solange der Herr Pastor da wäre, auch nur ein Wort zu lesen. Der Pastor bat, selbst in großer Verlegenheit, ihm doch nur die Möglichkeit zu verschaffen, einen Bericht zu geben, er wisse ja, daß jeder von ihnen im kleinen Finger mehr vom Hebräischen wisse als er in seinem ganzen Leben lernen könne; es handle sich doch bloß um eine Formalität, sie möchten ihm eine einzige Zeile vorlesen. Die alten Rabbinen aber blieben bei ihrer Weigerung, und der Herr Pastor mußte unverrichteter Sache abziehen. Nun beschloß man, da man sich doch vor Zwangsmaßnahmen gegen die Rabbinen scheute, die Sache am anderen Ende anzufangen und die kleinen Lehrer, die Melamdim, selbst in die Grundsätze moderner Pädagogik einzuweihen. Es wurden Lehrerkurse eingerichtet, jeder Kurs sollte vier Wochen dauern. Zum Leiter des ersten Kurses wurde Leo Deutschländer bestellt. An die jüdischen Lehrer des Gouvernements Kowno erging die Aufforderung, sich zu diesem Kursus zu melden und am Eröffnungstage sich in Kowno einzufinden. Leo Deutschländer erhielt von dem Schulrat nähere Instruktionen. „Sie dürfen“, sagte der Schulrat, „bei diesen Leuten vor allen Dingen nicht zu viel voraussetzen; wenn Sie sie in der biblischen Geschichte unterrichten, dürfen Sie nicht etwa die ganze Geschichte Abrahams in einer Stunde mit ihnen durchnehmen; ich wünsche, daß Sie eine Stunde vielleicht darauf verwenden, ihnen die Begegnung Abrahams mit den Engeln auseinanderzusetzen.“ Deutschländer wurde es recht schwül. Die Meldungen liefen zahlreich genug ein. Der Schulrat kontrollierte die Liste und vermißte in ihr den Namen eines sehr bekannten alten Lehrers aus der Stadt Kowno selbst. Dieser Mann, der im neuen Bethamidrasch tätig war, hätte sich

Der entfesselte Schulrat 

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leicht gemeldet, schon um Deutschländer einen Gefallen zu tun, aber Deutschländer, der ebenso wie ich gewissermaßen zu seinen Schülern gehörte – wir lauschten in den Abendstunden mit besonderer Freude seinen Vorträgen –, hatte ihn himmelhoch gebeten, das nicht zu tun, um ihn nicht ganz und gar seine Haltung verlieren zu lassen. „Warum fehlt Herr X?“ fragte der Schulrat; Deutschländer richtete sich auf und erklärte: „Ich habe mich davon überzeugt, daß dieser Mann die biblische Geschichte bereits beherrscht.“ Der Tag der Eröffnung kam heran. Der Saal war gedrängt voll, und Deutschländer begann zaghaft seinen Vortrag über Abraham und die Engel. Die alten ehrwürdigen Leute hörten ruhig und geduldig zu. Als die Stunde beendet war, gab sich Deutschländer einen Ruck und sagte: „Meine Herren, jetzt ist noch die kleine Formalität, die Einzahlung des Teilnehmergeldes von 30 Mark zu erledigen. Ich bitte Sie, das gleich zu besorgen.“ Eine Weile blieb es stumm. Dann näherte sich endlich einer der Alten Leo Deutschländer, der sich schon freute. Aber wie erstaunt war er, als der Mann ihm sagte: „Lieber Herr Doktor, es war sehr scheen, aber morgen komme ich nicht.“ „Wieso?“ fragte Deutschländer verdutzt. „Hat es Ihnen so wenig gefallen?“ „Gott bewahre, im Gegenteil, es war sehr scheen, nur – ich will Ihnen die Wahrheit sagen – eigentlich bin ich gar kein Lehrer. Ich wohne in Mariampol und handle mit Stoffen. Nun mußte ich in Kowno neue Ware kaufen und habe nie einen Reiseschein bekommen. Jetzt habe ich mich zum Lehrerkurs gemeldet, bin so nach Kowno gekommen, eingekauft habe ich und morgen fahre ich zurück.“ – Da es sich herausstellte, daß so ziemlich sämtliche Teilnehmer des Kurses aus ähnlichen Motiven sich gemeldet hatten, fand der Kursus ein vorzeitiges schnelles Ende, und das Experiment wurde nicht mehr wiederholt. So ist es gekommen, daß bis zum heutigen Tage die jüdischen Kinder Litauens ohne systematischen Religionsunterricht geblieben sind und die Geschichte von Abraham und den Engeln immer noch nicht nach der verfeinerten Methode des Westens dort vorgetragen wird.

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Struck kam mit den Leutnantsachselstücken von der Front zurück und wurde zum Referenten für jüdische Angelegenheiten im Bezirk Ober Ost bestellt. Das war ein großer Fortschritt und, wie sich bald herausstellte, ein wahres Glück für die jüdische Bevölkerung wie für die deutsche Verwaltung. Nun war doch wenigstens ein Mann da, der die Bevölkerung, ihre Bedürfnisse und auch die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit kannte und dessen Wort bei der Behörde wie bei den Juden ins Gewicht fiel. Für mich war Strucks Rückkehr natürlich eine besondere Freude. Es wurde nun auch der seinerzeit noch in Kowno begonnene Zeichenunterricht wieder aufgenommen, und ich kompromittiere ihn hiermit öffentlich, indem ich mich als seinen Schüler in der Zeichenkunst bekenne. – Mein künstlerischer Betätigungsdrang entlud sich hauptsächlich aber nach einer anderen Richtung. Ich wurde sein Treiber auf der Modelljagd. Wenn er auf der Straße etwa einen interessanten Kopf sah, den er gerne in seiner Skizzenmappe gehabt hätte, mußte ich mich an die betreffende Person heranpürschen und versuchen, sie in mein Zimmer oder sein Atelier zu locken. – Die Verhandlungen waren nicht immer ganz einfach, und Struck in seiner Leutnantsuniform – sie sah ziemlich phantastisch aus – konnte sich dem Risiko solcher Verhandlungen auf offener Straße nicht gut aussetzen. Ich ging dann mit meinem Opfer plaudernd voraus, und er folgte in sechs Schritten Abstand. Da fing ich zum Beispiel etwa den Mann mit der Sammelbüchse ein. Der ging emsig mit seiner sehr respektabel aussehenden Büchse von Lokal zu Lokal und sammelte. Eines Tages fiel es mir ein, ihn zu fragen, für welche Zwecke er eigentlich sammle. Er war ganz erstaunt! Für welchen Zweck? Nun natürlich doch für sich und seine Kinder! – Also dieser Mann schien ein geeignetes Modell – man findet ihn in Strucks schönem Album „Das ostjüdische Antlitz“, zu dem Arnold Zweig den ausgezeichneten Text beigesteuert hat1 – und ich bugsierte ihn nach meiner Wohnung. Unterwegs wollte er ein paarmal ausreißen. Die Sache kam ihm nicht geheuer vor – erst meine merkwürdige Frage – und dann der Offizier, der uns dicht auf den Fersen folgte! Aber schließlich hatte ich ihn in meinem Zimmer, und er harrte nun ängstlich der Exekution, die man mit ihm vornehmen wollte. – Die Vorbereitungen waren nicht ermutigend: Er sollte sich an den Ofen stellen, die Büchse in der Hand, und sich nicht rühren. Der Offizier aber setzte sich ihm gegenüber hin, nahm Block und Stift zur Hand und sah ihn stumm und durchbohrend an. – Das hielt er nicht lange aus und begann zu parlamentieren. Ich suchte ihm die Sache begreiflich zu machen und winkte mit dem

1 Arnold Zweig, Das ostjüdische Antlitz. Wiesbaden 1920, 32.

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Lohne. – Sein Mißtrauen ließ sich nicht beseitigen! Ausgerechnet von ihm wollte „der Daitsch“2 ein Bild haben und noch dafür Geld zahlen. – Allmählich sah er ja, daß aus der Sache Ernst wurde, aber immer wieder suchte er näher zu kommen, um sich zu überzeugen, ob wirklich nur sein Bild auf das Papier kam. Und noch beim Weggehen, das reichliche Entgelt in der Büchse, fragte er mich ängstlich und mißtrauisch, ob auch ganz bestimmt ihm nichts Schlimmes daraus erwachsen werde. Bei solch verrücktem Daitsch soll man wissen! Ein weit verständigeres Modell war mein kleiner Freund, der Straßenjunge, den ich schon erwähnte. Struck hat ihn wundervoll gefaßt, wie er auf dem Boden meines Zimmers hockte und seine Ansichten über die verschiedenen Feldrabbiner, die nacheinander in Bialystok geweilt hatten, gab. Erstaunt tauschten wir unsere Blicke, wenn der Bengel absolut treffsicher das Bild dieser Herren zeichnete, wie er nach seinen doch nur ganz gelegentlichen Beobachtungen auf der Straße es aufgefaßt hatte. Vielleicht macht es Dr.  Winter in Lübeck3 und Dr. Arthur Levy4 in Berlin Spaß, zu hören, daß sie voll und ganz Gnade in den Augen des kleinen Kritikers gefunden hatten, während er andere Herren mit weniger Liebe abkonterfeite. Galt es aber ein weibliches Wesen mit dem Stift festzuhalten, war meine Aufgabe eine andere. Dann hatte ich der betreffenden Dame während der ganzen Sitzung, die gewöhnlich im Struckschen Atelier stattfand, ununterbrochen auf Tod und Leben den Hof zu machen. Obwohl es sich nun für gewöhnlich um sehr liebreizende und angenehme Objekte handelte – man betrachte nur etwa in dem genannten Werk das Mädchen mit dem klassischen Profil –, die Sache also nicht ungefährlich erschien, folgte ich mit echt preußischem Pflichteifer dem dienstlichen Befehl des Herrn Leutnants und erschöpfte mich in Liebenswürdigkeit und Galanterie. Darauf dürfte es zurückzuführen sein, daß die Frauen in Strucks Sammelwerken einen solch abweisenden und mißvergnügten Gesichtsausdruck zeigen. Einige allerdings sehen sehr angeregt, heiter und befriedigt aus, die hat Struck aber ohne meine Assistenz gezeichnet, und ich lehne für solche Fälle jede künstlerische oder irgendeine sonstige Mitverantwortung ausdrücklich ab.

2 „der Daitsch“: jidd. Bezeichnung für dt. Juden. Vgl: „also ein fremder Jude, vermutlich ein „Taitsch“ ein Deutscher, vielleicht kein gelehrter und frommer Jude, aber doch ein Jude.“ Gronemann, Tohuwabohu, GKG Bd 2, 200, Z. 15  f. 3 David Alexander Winter (1878 Mönchengladbach  – 1953 London), neo-orthod. Rabbiner, Feldrabbiner zw. 1916–18. 4 Arthur Levy (1878–1946), ab 1905 Arthur Liebert. Berliner Philosoph, Geschäftsführer der KantGesellschaft, lehrte an der Friedrich-Wilhelms Universität Berlin; 1933 zwangsemeritiert.

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Der Dienst hatte sich auch in Bialystok bald sehr angenehm gestaltet. Mein Zimmer war eine Art Antichambre5 geworden für – ja, wie soll ich das ausdrücken: Einige Schritte weiter im Gange gelangte man an die Tür zu einem Zimmer, das jeder im Laufe des Tages wenigstens einmal aufzusuchen gewohnt war. Und da wir in einem sehr winklig und ungeschickt angelegten Hause einquartiert waren, scheute man sich, wenn man etwa, am Ziel der Wanderung angelangt, entdecken mußte, daß ein anderer das Rennen gemacht und zuerst am Ziel angelangt war, vor dem Rückweg. Wenn nicht Sieg, wollte man Platz gewinnen, und es wurde Übung, indessen sich bei mir anzusiedeln. So hatte ich fortwährend Besuch, und bei mir wurden die neuesten Parolen ausgetauscht, auf den hohen Chef geschimpft oder neue Streiche ausgeheckt. – Unsere weißruthenische Dolmetscherin, die kleine liebe Duscha, die originellste aller russischen Studentinnen, hatte eine Teemaschine aufgestellt, und wir hatten bei mir einen richtigen Fünfuhrtee, zu dem sich auch die anderen Damen der Presseabteilung bisweilen einfanden. Sehr gemütlich war es auch im Zimmer von Arnold Zweig, der sich seine Arbeitsstätte freilich nicht ganz in dem soignierten Stil der „Novellen um Claudia“6 herausstaffiert hatte. – Er teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den Dutzenden von Büchern, die er in Erfüllung seiner Dienstpflicht zu lesen hatte und gleichzeitig las, und einer sehr sorgsamen Verwaltung seiner Lebensmittelvorräte. Romane und Käsekugeln, Manuskripte und Eierkisten, Kommißbrote und Korrekturfahnen bildeten ein nicht ohne architektonisches Talent geordnetes, im Endeffekt harmonisch anmutendes Ganzes. Nahm man ein Buch auf, um hineinzublicken, fiel einem wohl verschiedenes Unvermutetes auf den Boden, das er dann zornig aufklaubte, um unter grimmiger Verwahrung gegen den Unordnungsstifter die betreffenden Seiten aufzusuchen, in die er die als Lesezeichen dienenden erstaunlichen Kuriositäten wieder sorglich einfügte. Jedenfalls habe ich in Zweigs Büchern, so sehr ich sie sonst schätze, noch nie so viele überraschende Dinge gefunden, wie bei solcher Gelegenheit. Wir hatten auch ein neues Tätigkeitsgebiet erhalten: die gesamten Fronttheater waren unserer Abteilung unterstellt. In der Person des Leutnants Rosier befand sich bei uns ein Mann vom Fach – Literaturhistoriker und Schauspieler zugleich. So wurde die Leitung der Abteilung einem Theologen übertragen – immer dem rechten Mann am falschen Platz –, der nun die Komödianten lehren sollte. Herr v. Wilpert hatte nun aber zufälligerweise auch reiches Verständnis und Interesse für diese Aufgabe, und mit ihm zusammen widmete auch ich mich mit Feuereifer der 5 Vorzimmer. 6 Arnold Zweigs literarisches Debut aus dem Jahre 1912.

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Arnold Zweig: Ein Bild von Freundeshand

neuen Arbeit. Da lagen vorn und in der Etappe ungeheure Massen von Menschen, die sich in dem öden Stellungskriege unendlich langweilten. – Zum allergrößten Teil waren das Leute, die daheim nie ein ernsthaftes Theater besuchten, – wollten sie sich etwas leisten, gingen sie in den Zirkus oder ins Varieté, wenn es hoch kam, noch zu einer blöden Gesangsposse. Hier war eine kaum wiederkehrende 5 Gelegenheit gegeben, an diesen Menschen eine Kulturaufgabe zu vollziehen, ihnen gute geistige Kost zu reichen und sie recht zum Interesse für Dichtung und Kunst zu erziehen. Hier hatten die Leute ja keine Wahl – sie mußten nehmen, was ihnen gegeben wurde, und es kam nur darauf an, was man ihnen geben wollte. – Ich arbeitete ein großes Memorandum aus, in dem ich meine Pläne ent- 10 wickelte; ohne besondere Unkosten konnten wir bei dem verhältnismäßig guten Schauspielermaterial, das uns zu Gebote stand, eine Reihe anständiger Vorstellungen guter deutscher Stücke veranstalten. Mit „Minna von Barnhelm“7 sollte es beginnen. Das Memorandum wurde von Wilpert gezeichnet und dem Hauptmann übergeben – der fügte seine Änderungen ein und gab es im Instanzenweg weiter. 15 Das Resultat war niederschmetternd: der „Mann“ will nichts als lachen. Und das Hauptzugstück unseres deutschen Fronttheaters im Osten, das ein Wahrzeichen deutscher Kultur sein und bleiben sollte, blieb nach wie vor: „Charleys Tante“ – freilich ein Lieblingsstück auch Seiner Majestät.8 7 Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück (1767) von Gotthold Ephraim Lessing ist das bekannteste Lustspiel der dt. Aufklärung und eine der wichtigsten Komödien der deutschsprachigen Literatur. 8 Populärer Schwank von Brandon Thomas (1892), über das der dt.-jüd. Philosoph Theodor Lessing schrieb: „Bei einer Kritik über ‚Charleys Tante‘ kann sich immer nur Einer blamieren, nämlich der Kritiker. Solche Stücke sind grade so wacker und ergötzlich wie der dumme August

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Soldatenbühne

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Mir ist’s während des Krieges öfter beschieden gewesen, selbst auf den Brettern zu agieren. Zum ersten Male geschah das 1915 in Rathenow kurz vor dem Ausmarsch. Dort saß ein musik- und theaterbegeisterter Major, der zum „Besten der Hinterbliebenen des Regiments“ von Zeit zu Zeit große künstlerische Veranstaltungen arrangierte. So ging eines Tages, nach einem rasselnden, von dem Hofschauspieler Schröder1 aus Hannover geschmetterten Prolog, in dem viel von deutscher Kunst und deutschem Lied die Rede war, Verdis „Rigoletto“ in Szene. Schröder hatte gut schmettern! Eigens, um den ad hoc gedichteten Prolog von sachverständiger Seite auf seine Brauchbarkeit und – Haltbarkeit prüfen zu lassen, hatte er acht Tage Urlaub nach Berlin erhalten. Ich wirkte als Statist in der dank einigen Gästen nicht üblen Vorstellung mit, hatte aber außerdem die besondere Aufgabe zuerteilt erhalten, die Damen der Komparserie und des Balletts während ihres dreitägigen Aufenthaltes mit den Sehenswürdigkeiten und der Umgebung der Stadt bekanntzumachen, eine Aufgabe, der ich mich mit meiner bereits von mir gewürdigten Pflichttreue (siehe oben) gewissenhaft unterzog. – Nach der Probe beauftragte mich der Major, den Künstlern seine kritischen Ausstellungen zu übermitteln. Die Kritik war kurz und bündig: „Alles sehr gut – nur der Page im dritten Akt soll mehr vorkommen – hat Beine, die sich sehen lassen können!“ – Am Aufführungstage früh erschien beim Kompagnieappell überraschenderweise der Herr Bataillonsadjutant und rief zu meinem Erstaunen meinen Namen: „Landsturmmann Gronemann!“ Ich stürzte vor und pflanzte mich vor ihm auf  – schnell in meinem Hirn überlegend, was für eine Schreckenstat ich begangen haben könnte, die den hohen Herrn in aller Frühe schon mobil machte. Aber es kam anders: „Heute abend geben die Offiziere den Künstlern im ,Deutschen Hause‘ nach der Vorstellung ein Souper. Die Damen haben die Bedingung gestellt, daß Sie teilnehmen. Sie wollen sich also einfinden!“ – „Zu Befehl, Herr Oberleutnant!“ – Na, – es war eine seltsame Situation für mich als den einzigen „Gemeinen“. Mit den Offizieren allein – das wäre noch gegangen, – auch mit den Damen allein hätte ich mich vertragen – aber so – ich war neben dem Pagen mit den sehenswerten Beinen so eine Art Platzhalter. Aber in vorgerückter Stunde, nach erheblichem Alkoholgenuß, erhob sich ein älterer Mime und redete den Herrn Bataillonsadjutanten bei Renz, wie das boxende Kängeruh auf der Vogelwiese oder die dressierten Flöhe auf dem Oktoberfest.“ Theodor Lessing, Nachtkritiken: Kleine Schriften 1906–1907. Hg. Rainer Marwedel. Göttingen 2013, 121. 1 Arnulf Schröder (1903 München – 1960 ebd.), dt. Schauspieler und Regisseur in Hannover und am Deutschen Theater Berlin, später Filmschauspieler und Professor für Schauspielausbildung in München.

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Gestörte Bühnenprobe

folgendermaßen an: „Eins verstehe ich nicht! Sie – hup – Sie sind nu so’n hohes Tier – und – und so’n Mann wie der Gronemann – hup – der ist nur einfacher Soldate! Wie kann so was möglich sein?!“ Na – es wurde dafür gesorgt, daß ich nicht zu übermütig wurde! Zwei Tage darauf betrat ich die Stätte unseres Festes, das „Deutsche Haus“, im Drillichan- 5 zug, auf dem Rücken einen Sack Hafer, und fragte bescheidentlich, wo ich abladen könnte. – Sic transit. – Jetzt in Bialystok spielte ich wieder Theater. Wie veranstalteten in jenem Sommer 1917 eine Reihe von Festivitäten. Einmal feierten wir ein Jubiläum unseres Hauptmanns und dann gab es die Abschiedsfeier für den Oberleutnant 10 Frentz, den allbeliebten, der uns verließ, wie man sagte, nach einer Auseinandersetzung mit dem Chef à la Posa – König Philipp. So spielten wir denn Schillers „Don Carlos“ – freilich in meiner etwas freien Bearbeitung; Proben des Stückes kann ich aus Zensurbedenken nicht geben  – es war schon etwas derb  –, aber wenn ich jetzt in dem Textbuch blättere, fällt mir auf, wie hoch der Dichter, der ja 15 von Adel und ursprünglich Militärarzt war, militärisch eingestellt war. Wer z.  B. weiß, daß im Militärjargon „Vater Philipp“ soviel heißt wie Arrest, wird erst ganz das Grauen vor „Vater Philipp“ in der Tragödie verstehen. Die Aufführung war

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sehr lustig, und Arnold Zweig als Königin wirkte direkt verführerisch. Als Conférenciers fungierten die Unteroffiziere Eulenberg und Gronemann, und es wurde lustig improvisiert. Eulenberg hielt, da ich noch nicht fertig geschminkt war, vor dem Vorhang einen literarischen Vortrag über Schiller, von Zeit zu Zeit sich sehn5 süchtig nach mir umschauend. Er behauptete, ich tobte hinten, da er mir alle meine Witze wegnähme. Und als ich endlich fertig war und neben ihm erschien, erklärte er: Jetzt schmeißt Gronemann gleich mit Bomben! – Worauf ich ihm erwiderte, daß das sein erster Bombenerfolg auf der Bühne sein würde. Es gab auch Serenissimus-Zwischenspiele2, da Se. Hoheit der Kriegsbericht10 erstatter sich angesagt hatte. – Die Herren Kriegsberichterstatter, welche in Bialystok ihr Hauptquartier hatten, waren der Gegenstand täglicher Verulkung. Wir sahen die Herren in sehr kriegerischem Aufzuge in der Stadt recht friedlichen Eroberungen nachgehen und sich offenbar bei guter Ernährung sehr wohl fühlen, um dann ihre blutdürstigen und schaudererweckenden Berichte von der Front zu 15 lesen. So gingen sie denn an diesem Abend auch nicht leer aus. Selbstverständlich kam der Pressemann  – wie gewohnt  – zu spät, als die Hauptsache vorbei war – und ebenso selbstverständlich lehnte er den reservierten Sitz vorn an der Rampe ab. Er sei gewohnt, sich alles lieber aus der Entfernung – von recht weit hinten – anzusehen.

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Blumentage

Wir beteiligten uns aber auch lebhaft an anderen Festen. Von Zeit zu Zeit wurden zum Besten der großen jüdischen Wohlfahrtsvereine Blumentage veranstaltet, die in einem Fest in dem schönen Stadtpark ausklangen. An solchen Tagen war die Straße von jüdischen jungen Mädchen besetzt, alle mit Schärpen versehen, 25 die eine Aufschrift in hebräischen Lettern trugen. Die Mädchen gingen an ihnen unbekannte Militärpersonen nicht heran, um unangenehme Zwischenfälle zu vermeiden, aber die meisten Offiziere ergriffen selbst die Initiative und kauften sich die Sträußchen und die blauweißen Abzeichen mit dem Davidstern. Nachmittags dann im Park ging es hoch her, alles war in blauweiße Farben gekleidet, 30 alle Besucher trugen die jüdischen Farben, und sehr wenige Offiziere blieben da fern. Aller etwa vorhandene Antisemitismus zerrann vor dem Blick der jüdischen Schönen, und der Luftpostverkehr war gewaltig; jeder Besucher hatte eine Nummer als Adresse auf der Brust, und kleine Postillons d’amour trugen 2 Serenissimus, literarische Witzfigur von Otto Erich Hartleben (1864–1905), die als Herrscher eines fiktiven Kleinstaats auftritt.

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behend die mit Wohltätigkeitstaxe beschwerten Kärtchen hin und her. In der Mitte aber stand die Landsturmkapelle und spielte. Von Zeit zu Zeit intonierte sie die jüdisch-nationale Hymne  – die Hatikwah.1 Die Hatikwah als Nationalhymne war allgemein anerkannt. Den meisten Deutschen hatte im Osten die Entdeckung eines lebendigen jüdischen Volkswillens eine Überraschung bereitet. Nur an ihre 5 Abstammung und ihre Wesensart versteckende „Israeliten“ oder „Staatsbürger jüdischen Glaubens“2 gewöhnt, sahen sie hier sich ihres Volkstumes bewußte und ihre nationale Eigenart frei betätigende Menschen  – eine Nation, die ihr Recht auf Leben wie jede andere betätigt. Man stand den Juden sympathisch oder antipathisch gegenüber – aber man konnte ihre nationale Existenz nicht leugnen, 10 man mußte mit der jüdischen Nation rechnen wie mit jeder anderen, und niemand konnte und mochte diesem unvergleichlich starken Volkswillen einer seit Jahrtausenden des eignen Staatswesens beraubten Volksgemeinschaft seinen Respekt versagen. So kam es, daß, wenn etwa im Deutschen Theater in Kowno die Kapelle zum Schluß eines Festkonzertes die jüdische Hymne anstimmte und das jüdische 15 Publikum singend einfiel, die Offiziere in den Logen sich erhoben und stehend, den Helm in der Hand, bis zum Schluß verharrten.

Blumentag in Bialystok

1 „Hatikwa“ (‫ ַה ִּת ְקוָ ה‬, hebr. Die Hoffnung) auf dem Gedicht Tikwatenu (Unsere Hoffnung) von Naphtali Herz Imber (1856–1909) beruhender Text der späteren israel. Nationalhymne, dem Samuel Cohen (1870–1940) die Melodie des moldawisch-rumänischen Volkslieds Carul cu boi (Karren und Ochse) anpasste. 2 Vgl. den 1893 in Berlin gegründeten Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der die Mehrheit der liberalen deutschen Juden vertrat und sich für deren Rechte einsetzte.

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Bei einem der Gartenfeste gab es auch eine richtiggehende Schönheitskonkurrenz, und es war eine harte Schlacht. Als gewissenhafter Chronist muß ich leider vermelden, daß es nicht ohne eine sehr bedenkliche und teilweise fast fanatische Agitation abging. Von einer Partei war eine auswärtige Dame, eine Wilnaerin, zur 5 Favoritin erhoben; das empörte die eingeborenen Schönen – ein mir unbekannter Backfisch trat empört auf mich zu und erklärte blitzenden Auges: Wir werden nicht dulden, daß eine Fremde siegt. – Unsere Offiziere von der Presse schlugen sich auf die Seite des Bialystoker Schönheitspartikularismus, und es siegte eine wirklich bildhübsche Eingeborene. Aber Hans Goslar war tiefbetrübt und brachte 10 in der Bialystoker Zeitung einen von Bitterkeit erfüllten Artikel, in dem er zu verstehen gab, daß bei der Wahlpropaganda von gewisser Seite mit jeder wahrhaften Demokratie unwürdigen, nahezu an Korruption streifenden Mitteln und durchaus nicht ohne Ansehen der Person gearbeitet worden sei, das Resultat demnach von ihm nicht als maßgebend und bindend betrachtet werden könne. Der Artikel war 15 offenbar mit seinem Herzblut geschrieben.

Das Märchen vom sittlichen Tiefstand

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Ich habe mehrfach von dem Flirt gesprochen, der zwischen der Besatzung und dem weiblichen Teil der Bevölkerung eine ganz gern betretene Brücke der Verständigung wurde. So harmlos und liebenswürdig sich diese Beziehungen im allgemeinen gestalteten, fürchte ich doch, daß der eine oder andere hier eine neue Bestätigung der oft gehörten Behauptung von dem sittlichen Tiefstand der jüdischen Frau im Osten finden könnte. Ich weiß, daß von ernsthaften und durchaus nicht böswilligen Besuchern des ostjüdischen Landes solche Anschauungen im besten Glauben vertreten werden – von den Verleumdern ganz abgesehen – und ich halte es für meine Pflicht, dem entgegenzutreten. Es ist nicht wahr! Wahr ist, daß die furchtbare Not der Kriegszeit manche Frau und Mutter in den Sumpf getrieben hat, daß Mädchen, um sich und ihrer Familie Brot zu verschaffen, in Verzweiflung üble Wege einschlugen. Und selbstverständlich war Verführung und Lockung zu leichtem Lebensgenuß nirgends und nie so groß wie damals. Aber jeder wahre Kenner der Verhältnisse wird es mir bestätigen, daß solche Fälle trotz alledem verschwindende Ausnahmen blieben, und weiter, daß diese Frauen, sobald sich ihnen nur eine Möglichkeit bot, sich auf anständige Weise eine noch so dürftige Existenz zu schaffen, sofort jenem Leben den Rücken kehrten. Da wurden in Bialystok für diese Mädchen Arbeitsstuben eingerichtet, massenweise strömten sie herbei, man hat mit ihnen die besten Erfahrungen gemacht, und sie bewiesen durch emsige Arbeit, daß sie im Kern anständige Menschen geblie-

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ben waren. Unsere Feldrabbiner können das bezeugen, und jeder von ihnen wird von entsetzlichen seelischen Tragödien erzählen können, die sich in jenen von der Verwaltung besonders sorgfältig reglementierten und protegierten Häusern abspielten. Ich begreife aber sehr wohl, wie jene Berichterstatter zu ihren irreführenden Berichten kamen. Einmal beobachteten sie, daß die deutschen Soldaten fast nur mit jüdischen Mädchen spazierten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß hier die Sprachschwierigkeiten wegfielen und daß diese Mädchen kulturell natürlich den Deutschen am nächsten standen – daß ferner bei einem großen Teil der nichtjüdischen Einwohnerschaft ein starker Haß gegen die deutschen Okkupanten herrschte. Es stimmt, wenn erzählt wird, daß in Wilna 1915 halbwüchsige Jungen die Soldaten am Rock zupften: „Kommen Sie mit – Herr! Scheener Gänsebraten! Ich hob eine scheene Schwester!“  – Ob der Junge eine Schwester hatte und ob sie schön war, ließ sich in keinem Falle feststellen. Sie kam jedenfalls nicht zum Vorschein. Und der auf den Köder gegangene Gast ließ sich lachend den wirklich köstlichen Braten schmecken und zahlte still seine Rechnung; reklamiert hat bei den stillen alten Wirtsleuten in den ärmlichen Zimmerchen wohl keiner. Aber die berüchtigten Tee-Animierstuben! Es gab wohl eine Anzahl solcher Stuben, in denen es, bei sehr bescheidenen Preisen übrigens, nicht viel anders zuging, als in einer Berliner Tanzbar. Geneppt wurde selten  – Alkohol gab es kaum –, aber es wurde getanzt, und die bedienenden Mädchen waren nicht eben spröde. In diesen recht bescheidenen Vergnügungsstätten aber gab es kaum einmal Jüdinnen. Wohl aber sah man etwa in Wilna und in anderen Orten viele Teestuben, deren Fenster mit grellfarbigen Vorhängen geschmückt waren, und vor der Tür standen üppige und gewöhnlich schöne Jüdinnen mit bunten Umschlagtüchern, die herausfordernd die Vorübergehenden anlächelten und sie hereinwinkten. Dann stießen sich die biederen Landsturmleute mit dem Ellenbogen an und verschwanden mit verlegenem Schmunzeln in der Tür. Die Frauen aber blieben draußen, und innen brachte ein kleiner blasser Junge den Tee mit Zucker an den einfachen, ungedeckten Holztisch. Kein weibliches Wesen zeigte sich, als höchstens die alte Hausfrau. Da saßen die Gäste und guckten sich dumm an – löffelten langsam den Tee aus und zogen nach längerem Umherstarren ab – auf die plötzlich unnahbar gewordenen Frauen vor der Tür nur scheue Blicke werfend. Es sah eben vieles, was nicht gerade erfreulich und schön war, für den oberflächlichen Beobachter nach etwas viel Schlimmerem aus. Man darf nichts nur von außen betrachten, man muß schon ins Innere dringen. Ich bin hineinge­gangen. Daneben gab es eine Reihe durchaus solider Teestuben, die nett eingerichtet waren, in denen eine anständige Heiterkeit herrschte, wo Musik getrieben wurde und man mit der Wirtin und ihren Töchtern, die oft bessere Zeiten gesehen hatten,

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Polnische Teestube 5 angenehm plaudern konnte – wie etwa in der Teestube der Sonia R., in der sich

oft Herren vom Intellektuellentisch trafen. – Ich will aber eine Episode erzählen, die ich in Wilna erlebte und die eigentlich am besten die Sachlage illustriert: Auf dem großen Korso des Georgewski-Prospekt sah man gegen Abend viele 10 auffallend schöne junge Mädchen promenieren, deren feurige und verheißungsvolle Blicke selbst älteren Semestern gefährlich werden konnten. Im Laufe meiner Studienfahrten traf es sich wohl bisweilen, daß ich mit einem oder dem andern dieser Mädchen in der schönen Konditorei von Strall beim Kaffee saß. Man kennt das Schema der Lorettenerzählungen1 im Westen. Der Vater war Stabsoffizier, ist 15 früh verstorben, die Mutter von altem Adel usw. Es ist ganz bezeichnend, welches Kolorit solche Erzählungen im Osten annehmen. Dort ist der Vater regelmäßig ein Rabbiner und Talmudgelehrter gewesen. Auch hier, in dieser verzerrten Form, dokumentiert sich, welchem Stande das Volk die größte Ehrerbietung entgegenbringt.  1 Vgl. Hermann Falkenhagen: Loretta. Eine Erzählung aus der Geschichte des Mosellandes im 14. Jahrhundert. Düsseldorf: Adolf Schneider 1900.

Ein literarisches Gericht 

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Also, eines Tages saß ich wieder mit einem sehr nett plaudernden Mädchen, das einen beinahe an die Wahrheit von Nathanael Sichels Bildern2 glauben machen konnte, bei Strall und bewunderte mit einigem Vergnügen die Fertigkeit, mit der diese Ruth oder Esther unendliche Mengen von Gebäck bewältigte, als mich ein fremder Unteroffizier ansprach und mich bat, mit ihm einen Augenblick 5 beiseite zu treten. Ich folgte dem Ersuchen und hörte nun folgende merkwürdige Ansprache: „Herr Kamerad, gestatten Sie, daß ich Sie freundschaftlich warne. Ich nehme an, daß Sie fremd in Wilna sind. Wir hier in Wilna fallen auf diese Frauenzimmer nicht mehr herein. Ich warne Sie auf das dringendste vor diesen niederträchtigen 10 Judenweibern, sie sind die gemeinsten Schwindlerinnen, die es gibt.“ Ich starrte ihn nicht wenig betroffen an und bat um nähere Erklärung. „Also“, fuhr er da fort, „es ist ein für allemal todsicher dieselbe Geschichte. Diese Mädels lassen sich zum Kaffee einladen, stopfen möglichst viel in sich hinein – zu Hause haben sie ja nichts zu fressen – und wenn sie satt sind – – – 15 dann verschwinden sie.“ Ich habe mich durch wiederholte Experimente davon überzeugt, daß die „Warnung“ berechtigt war. Nie in meinem Leben aber habe ich einen Menschen so voll sittlicher Empörung gesehen wie diesen Korporal. –

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Wer Gelegenheit hat, die ostjüdische Jugend in ihren freien Stunden zu beobachten, weiß, daß diese jungen Leute auf einem hohen sittlichen Niveau stehen. Sie benutzen jede Gelegenheit, um intensiv an ihrer geistigen Erziehung zu arbeiten. Der Atmosphäre des Lehrhauses sind sie entfremdet, und es ist interessant zu sehen, in welcher Weise sie sich einen Ersatz dafür schaffen. Ich will ein Beispiel 25 geben: Eines Tages fand ich im Büro einen Zettel des Lehrers K. vor, in dem er mich bat, abends in den jüdischen Kulturverein zu kommen, in dem ich etwas Interessantes sehen würde. Ich konnte erst mit einiger Verspätung dort eintreffen, und die Sitzung war bereits im Gange. Der ziemlich große Saal war dicht gefüllt; das Auditorium bestand fast ausschließlich aus jungen Leuten beiderlei 30 Geschlechts. Sehr viele hielten ein aufgeschlagenes Buch vor sich. Ich drängte mich bis vorn durch. Auf der Bühne stand eine kleine Hufeisentafel, an der neun Leute saßen, an jeder Tafel drei, darunter auch eine Dame. Im Saale, unmittelbar 2 Nathaniel Sichel (1843 Mainz – 1907 Berlin), dt. Maler und Buchillustrator; bekannt v.  a. für seine Darstellung orientalistischer Frauengestalten und monumentaler Historienbilder.

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vor der Rampe, stand ein Tisch, an dem eine Anzahl Damen und Herren saßen, die sich eifrig Notizen machten. Sie alle, ebenso wie die Leute auf der Bühne, hatten auch Exemplare jenes Buches, das ich im Saale bemerkt hatte, vor sich. Die Verhandlung dauerte einige Zeit, bis ich begriff, was eigentlich vorging. Es fand eine Gerichtsverhandlung statt  – ein sogenanntes literarisches Gericht. Den Mitgliedern des Vereins war vor einigen Wochen aufgegeben worden, einen bestimmten Roman zu lesen, und nun fand die Aussprache über dieses Werk in Gestalt einer gerichtlichen Verhandlung statt. Die Heldin des Buches war eine Art Norafigur, die von Mann und Kindern, anderen vermeintlichen Pflichten folgend, weggeht.1 Sie war nun wegen böslicher Verlassung der Familie und wegen anderer Delikte unter Anklage gestellt. Die drei Herren am Mitteltisch bildeten den Gerichtshof, an dem einen Seitentisch saßen die Vertreter der Anklage, an dem anderen Seitentisch die der Verteidigung, während die Leute vor dem Podium die Geschworenenbank bildeten. Die Verhandlung ging in folgender Weise vor sich: Ein Vertreter der Anklage berief sich etwa auf den Zeugen R., indem er sagte, der Zeuge R. sage auf Seite 83 – überall wurde die Seite aufgeschlagen – folgendes: … und nun verlas er die betreffende Stelle. Flugs erhob sich einer der Verteidiger und sagte: „Der Zeuge widerspricht sich, auf Seite 122 sagt er“  – wieder blätterte alles  –  – und nun erfolgte die Verlesung der anscheinend widersprechenden Äußerungen des R. So erfolgte Hin- und Widerrede und bisweilen wurde als Sachverständiger der Autor – Seite 68 und Seite 154 – vernommen. Aber auch andere Sachverständige erschienen. Dostojewski, Ibsen, der Prophet Jesaias, Knut Hamsun und Nietzsche mußten vor Gericht ihre Aussage machen. Die Geschworenen beteiligten sich eifrig, und das Publikum folgte mit großer Spannung den Vorgängen. Man muß sich nun nicht vorstellen, daß die Verhandlung irgendwie humoristischen oder parodistischen Anstrich hatte; es war allen Beteiligten ungeheuer ernst, und der Vorsitzende leitete die Verhandlungen in ganz charmanter Weise. Einmal, nach einer schlagfertigen Bemerkung eines der Prozeßbeteiligten, brach das Publikum in Beifallsklatschen aus. Der Vorsitzende wies, nachdem er die Ruhe wiederhergestellt hatte, in sehr eleganter Weise das Publikum zurecht, indem er sagte: „Ich bin nicht in der Lage, den Saal räumen zu lassen, ich bitte Sie, diese meine Schwäche mir nicht wieder vor Augen zu führen.“ Die Verhandlung dauerte acht Tage, von 7 Uhr bis kurz vor 10 Uhr, zu welcher Zeit ja alle Zivilisten in ihren Wohnungen sein mußten, am Sonnabend und Sonntag begann die Verhandlung aber schon um 4 Uhr. Der Andrang des Publikums wurde 1 Nora, die Protagonistin in Henrik Ibsens Drama Ein Puppenheim, das, mit Noras Weigerung sich ihrem Mann zu unterwerfen, zur Revolutionierung der konventionellen Stellung der Frau jener Zeit beitrug.

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von Tag zu Tag größer, und buchstäblich mußten täglich Hunderte unverrichteter Sache umkehren. In der Stadt wurde über den vermutlichen Ausgang des Prozesses gestritten, wie es etwa bei einem Sensationsprozesse in Berlin oder in Wien der Fall sein würde. Als am Sonnabend die Plädoyers begannen, wurde der Andrang beinahe lebensgefährlich. Ich habe selten so gute Anklage- und Verteidigungsreden gehört wie bei jener Gelegenheit. Von der einen Seite wurde die alte jüdische Tradition und Sitte gegen die Angeklagte ins Feld geführt, von der anderen Seite rückte man mit dem Geschütz der Modernen an. Die Redner zeigten eine große Belesenheit und äußerste Sprachgewandtheit. Nie während meiner langen Anwaltstätigkeit ist mir ein Staatsanwalt so sympathisch gewesen wie jene bildschöne Vertreterin der Anklage. Welches Resultat schließlich herauskam, ist mir nicht mehr genau erinnerlich; soviel ich weiß, kamen die Geschworenen zu einem juristischen Freispruch, aber einer moralischen Verurteilung. Nun muß man sich vorstellen, daß diese ganze Prozedur mitten im Sommer vor sich ging, und in einem sehr schönen und heißen Sommer. Da haben diese jungen Menschen, die tagsüber hinter dem Ladentisch, im Büro oder auch in der Werkstätte hockten, ihre Abende in einem stickigen, heißen, überfüllten Zimmer zugebracht, ganz und gar nur jenem geistigen Problem hingegeben. Es mag sein, daß sie einen Teil der Zeit hätten besser anwenden können, aber eins steht wohl fest: diese Jugend ist sittlich nicht verdorben! Wie man schon gesehen hat, beschränkte sich das Interesse dieser Leute nicht etwa nur auf jüdische Dinge. Man kann sich kaum vorstellen, mit welchem Eifer dort die gute Literatur des Westens verschlungen wird. Ich möchte behaupten, daß selbst unsere humanistisch gebildeten jungen Leute im Westen im Durchschnitt längst nicht so beschlagen in der deutschen Literatur und zumal in den Klassikern sind wie die meisten ihrer Altersgenossen dort im Osten, die doch größtenteils wenigstens nach dieser Richtung hin Autodidakten sind. Unsereins kam dort oft in Verlegenheit. Ich erinnere mich, daß ich mit einigen jungen Leuten eines Tages spazierenging. Es entspann sich unter ihnen ein Gespräch über Kunst, das mit großem Eifer geführt wurde. Ich hörte im allgemeinen ruhig zu und warf nur einmal, vermutlich um zu zeigen, daß ich doch auch etwas über Kunst gelesen hätte, hin: „Etwas Ähnliches sagt Lessing im Kapitel 5 seines Laokoon.“ Darauf sahen sich die Leutchen verdutzt an, und ein junges Mädchen sagte bescheiden: Verzeihen Sie, aber das steht in Kapitel 6.“ – Ich war künftig vorsichtiger. Zuzugeben ist, daß Lieblinge des deutschen Volkes, wie die Courths-Mahler2, im Osten wenig bekannt sind. Die von unserer Verwaltung eingerichtete Presse

2 Hedwig Courths-Mahler (1867 Nebra – 1950 Tegernsee), Verfasserin von über 200 Liebesromanen, somit den Verkaufszahlen nach die erfolgreichste dt. Schriftstellerin.

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jedoch, welche sich um die Verbreitung deutscher Kultur verdient zu machen hatte, suchte diesem Mangel abzuhelfen. Aber ich fürchte, daß selbst die Kownoer Zeitung mit der Veröffentlichung eines langen Romans von Anny Wothe3 dieser Dichterin keinen neuen Verehrerkreis hat schaffen können.

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Außer dem Kulturverein gab es in Bialystok noch eine große Anzahl von Vereinen aller Art, die alle eins gemeinsam hatten: unendlich ausgedehnte Debatten. Der russische Jude ist der geborene Redner, aber ihm fehlt jede Fähigkeit, sich zu beschränken, und so werden die besten Reden durch ihre Länge oft um ihre 10 Wirkung gebracht. Da es im zaristischen Rußland ja kaum ein rechtes Vereinsleben geben konnte, ist es begreiflich, daß man sich im Osten nur schwer und allmählich an die im Westen längst bekannten parlamentarischen Notwendigkeiten zu gewöhnen vermag; fehlte doch bis zur Revolution von 1905 den Massen Rußlands jede Kenntnis der Parlamentsformen. Als 1897, der erste Zionistenkongreß 15 stattfand, geschah es, daß mitten in einem Referat ein Herr S. aus Südrußland1 sich von seinem Stuhl erhob und aus allen Kräften mit einer aus der Tasche gezogenen Tischglocke zu läuten begann. Als Dr. Herzl empört und erstaunt auffuhr, meinte Herr S. ganz unschuldig: „Sie haben doch auch ’ne Glocke, Herr Präsident!“ Als darauf Alexander Marmorek2, der vor Lachen fast bersten wollte, sich 20 der Glocke bemächtigen wollte, rief Herr S.: „Die Glocke gehört meinem Hotel!“ Wenn man sich solcher Episoden erinnert, muß man sich wundern, wie schnell man in Rußland sich an parlamentarische Formen gewöhnt hat.3 3 Anny Wothe (1858 Berlin – 1919 Leipzig), dt. Schriftstellerin und Journalistin, erfolgreiche Verfasserin von Unterhaltungs- und trivialer Durchhalteliteratur. 1 Menachem Sheinkin (1871 Witebsk – 1924 Chicago), russ. Zionistenführer aus chassid. Rabbinerfamilie. Gab den Rabbinerberuf zugunsten seiner zion. Aktivitäten auf und wurde einer der Begründer Tel Avivs. 2 Alexander Marmorek (1865 Mielnice/Galizien – 1923 Paris), Bakteriolog und Zionistenführer, Vertrauter Herzls; diente als k.u.k. Militärarzt an der Ostfront, trug zur Entwicklung des Streptokokkenserums bei. 3 Heinrich Loewe (1869 Wanzleben/Magdeburg – 1951 Haifa) schreibt über diese Anekdote, die Gronemann auch in seinen Erinnerungen (1946) erzählt: „Gronemann ist ein Dichter, kein Historiker. Mit Vergnügen erzählt er, wie auf dem ersten Kongress Scheinkin die Glocke des Präsidenten genommen habe, um sich Gehört zu schaffen. Nur war Scheinkin gar nicht auf dem ersten Kongress. Außerdem war da keine Glocke, sondern ein Hammer, mit dem selbst Gronemann nicht hätte klingeln können. Es ist dies ein der von Hantke, der der erste Erzähler dieser Anekdote

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Fast alle Vereine haben irgendeinen parteimäßigen Einschlag. Das Parteiwesen ist im Osten sehr entwickelt; Zionisten und ihre Gegner bekämpfen sich heftig, ebenso Orthodoxe und Fortgeschrittene. Nur etwas der westlichen Assimilation Ähnliches gibt es dort kaum. Kein Jude bildet sich etwa ein, daß er zu einer anderen Nation gehöre als zur jüdischen. Der Gedanke der nationalen Einheit steht über allen Differenzen und wird nicht dadurch gefährdet, daß bei Verfolg eines jeden Parteiprogramms ein Radikalismus in die Erscheinung tritt, dem im Westen kaum etwas an die Seite gestellt werden kann. Zu Kompromissen irgendwelcher Art herrscht dort wenig Neigung. Eine große Rolle im Vereinsleben spielt das Liebhabertheater. Es gibt eine Reihe ausgesprochener Theatervereine, aber auch sehr viele andere Vereine pflegen von Zeit zu Zeit zur Füllung der Vereinskasse Aufführungen zu veranstalten. Solche Aufführungen werden dort viel ernster genommen als bei uns im Westen. Man spielt nicht etwa jene entsetzlich harmlosen Einakter, die die Freude unserer Backfische4 bilden, sondern man wagt sich an sehr ernsthafte und schwere Aufgaben. Die Juden sind überhaupt ein theaterwütiges Volk.5 Für die jungen Menschen dort, denen ein fester, unabänderlicher Rhythmus das Leben gliedert, ist das Theaterspielen ein Ventil für ihre Lebensbedürfnisse. Hier können die jungen Mädchen, die ihren ganzen künftigen Lebensweg, den Pflichtenkreis, der sich nach der Verheiratung ihnen auftun wird, klar vor Augen sehen, ihre Sehnsucht nach dem Leben da draußen in der Ferne, nach einer ihnen nur aus der Literatur bekannten Welt, in künstlerischen Träumen befriedigen, hier ihre Sensation finden und sich recht eigentlich ausleben. Für diese jungen Leute gilt noch das Wort von den „Brettern, die die Welt bedeuten“, und so wird mit gewaltiger Hingabe gespielt – diese Menschen erleben wahrhaft, was sie darstellen. Auf diesen Liebhaberbühnen hat sich manches Talent entwickelt, und viele haben den Weg zur großen Bühne gefunden; denn es gibt ein jiddisches Theater, und natürlich gab es auch in Bialystok eine ständige jiddische Bühne.

war, erzählten Geschichten. Hantke machte es großen Spass, über Scheinkin zu spötteln. […] Gronemann liegt an witziger Rede und besonders an komischer Wirkung von wirklichen oder erfundenen Tatsachen mehr als an der Wahrheit dieser Tatsachen.“ Heinrich Loewe, Baderech LeZion. Tosefet: Zionistische Überlieferung”. CZA, Sign. A146/72 (1947?), S. 2  f. Hierzu Frank Schlöffel Heinrich Eljaqim Loewe (1869–1951). Netzwerke und Räume. Dissertation, Universität Potsdam (2014), 36. 4 Mädchen im Jugendalter. Ursprünglich scherzhaft für junge/r Student/in (von lat. „Baccalaureus“: der unterste akademische Grad). 5 Vgl. Arnold Zweig, Juden auf der deutschen Bühne. Berlin 1928.

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Bei diesem lebhaften Theaterinteresse war man natürlich in der Bevölkerung auf die Darbietungen des deutschen Theaters sehr gespannt. Leider konnten wir mit dem, was wir in Bialystok an deutscher Kunst boten, nicht eben viel Staat machen. Einige Operetten kamen ziemlich anständig heraus, aber was darüber war, war von Übel. In Kowno unter Werth sah es ja besser aus. Hans Goslar mußte die Theaterkritiken schreiben  – und er übte sein Amt mit solch weitgehender Milde und Liebenswürdigkeit aus, daß ich dadurch bei den Mimen sehr beliebt wurde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber die Leutchen waren auf keine Weise davon abzubringen, daß ich der Kritiker G. sei, und so kam es, daß ich auch das Opfer der patriarchalischen Sitte wurde, wonach neuengagierte weibliche Mitglieder und vor allem gastierende Soubretten den Kritiker persönlich aufsuchten, um sich sein Wohlwollen zu sichern. Na, als aber schließlich einmal, als Goslar verhindert war, ich aus besonderen Gründen wirklich selbst eine Kritik schrieb, die nicht ganz so wohlwollend ausfiel, erfuhren die Künstler, wer eigentlich das kritische Richtschwert in der Bialystoker Zeitung schwang, und seitdem herrschte einiger Zorn gegen – Goslar. Dabei fällt mir eine drollige Episode von einem Zionistenkongreß ein, bei der ich auch verwechselt wurde. Der bekannte Publizist Dr. Pasmanik1 hielt mich in einem halbdunklen Korridor auf, um mir einen Antrag, den er einbringen wollte, mitzuteilen. Dabei sprach er mich mit „Dr. Hantke“2 an. Ich hielt es nicht für notwendig, ihn aufzuklären, sagte ihm aber meine Meinung über seine Vorschläge so unverblümt, daß er monatelang mit – Hantke kein Wort sprach. – Nun konnte uns aber auch das jiddische Theater nicht sehr imponieren. Zwar gab es wie auf jeder jüdischen Bühne eine Reihe hervorragend begabter Schauspieler. Aber es gab keinerlei Theaterkultur, keine halbwegs anständige Regie und kein Zusammenspiel. Auch das Publikum benahm sich höchst unerzogen. Man kam zu spät, nahm falsche Plätze ein, unterhielt sich laut, machte Zwischenrufe, und vor allem brachten die Frauen ihre kleinen und kleinsten Kinder mit, die oft 1 Daniel Pasmanik (1869 Gadyach/Ukraine – 1930 Paris), russ. Mediziner; einer der einfluss­ reichsten Publizisten und Theoretiker der zion. Bewegung seiner Generation ab 1900; setzte sich für „synth. Zionismus“, d.  h. für parallele polit. u. praktische Arbeit, ein. 2 Arthur Menachem Hantke (1874 Berlin – 1955 Jerusalem), Rechtsanwalt, Mitbegründer der Jüd. Humanitätsgesellschaft, ab 1897 Zionist. Im 1. WK verantwortlich für die Koordination zwischen dem dt. Außenministerium und der zion. Organisation, immigrierte 1926 nach Palästina, dort Direktor des Keren Hajesod (hebr. Gründungsfond). Im Berliner Hause der Gronemanns war er ein „besonders gern gesehener Gast“ (Erinnerungen Bd 1, Kap. XXV, S. 257). Gronemann führte die Entwicklung der zionistischen Bewegung maßgeblich auf Hantkes „organisatorische Tüchtigkeit“ zurück. Erinnerungen Bd 2, Kap. III, 33.

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allerhand Improvisationen zum besten gaben. Interessant genug war es schon, wie das Publikum die Vorgänge auf der Bühne mit äußerster und eben oft allzu lebendig zum Ausdruck kommender Anteilnahme verfolgte.  – Es gab auch in den überlangen Pausen ein lebhaftes Foyerleben, und das mit allerhand nationalen Leckerbissen besetzte Büfett lockte stark. Hier gab es übrigens streng nach ritueller Vorschrift eine fleischige und eine milchige Seite, und unsere Offiziere lernten bald, daß eine „Käselatke“ und ein Wurstbrot nicht mit demselben Messer geschnitten werden durften. Einmal erlebte ich folgende Episode, die bezeugt, daß an der jiddischen Bühne Probleme auftauchen können, vor welche der deutsche Regisseur kaum gestellt wird. Man gab ein recht blödes Stück, in dessen erstem Akt zwei junge Leute von einer übermütigen Gesellschaft zum Schein unter einen Trauhimmel gestellt und spaßeshalber getraut werden. Der Bräutigam steckt der Braut den Ring an und spricht die rituelle Formel. – Alles lacht und amüsiert sich; auf einmal kommt der Vater der „Braut“ herein, erfährt, was vorgefallen ist, und erhebt ein großes Geschrei. Mit dem Aussprechen der Formel ist nach jüdischem Gesetz die Trauung zu Recht vollzogen, auch wenn die Beteiligten es nicht ernstgenommen haben! Das ist die Basis der Handlung. – Das Problem ist übrigens in Zangwills „Kinder des Ghetto“ behandelt.3 – Im Zwischenakt höre ich im Foyer eine lebhafte Auseinandersetzung, in der ein junges Mädchen aufgeregt erklärt, das könne unmöglich stimmen. Denn wenn wirklich jene Gesetzesregel existiere, so seien ja jetzt der Schauspieler und die Schauspielerin auch regelrecht verheiratet! – Ich wurde stutzig und ging hinter die Kulissen, um den Schauspielern die Frage vorzulegen. Die lächelten nur. Natürlich hätten sie diese mögliche Folge wohl bedacht, und deshalb lasse der Darsteller des Bräutigams auch in der Formel ein Wort aus! – Das Repertoire des Bialystoker Theaters wies hauptsächlich Stücke von Goldfaden4 und Gordin5 auf. Die Goldfadenschen „historischen Operetten“ sind in

3 S. das IV. Kapitel in Israel Zangwills The Children of the Ghetto (The Redemption of the Son and the Daughter, 1892), welches auch Gronemanns Tohuwabohu inspirierte. Zangwill (1864 London – 1926 Midhurst/ Sussex) war ein britisch-jüdischer Schriftsteller, Journalist, politischer Aktivist, u.  a. in der zionistischen und pazifistischen Bewegung, der sich auch für feministische Belange einsetzte. 4 Abraham Goldfaden (1840 Starokostjantyniw/Wolhynien – 1908 New York), populärer jidd. Schriftsteller, Dramatiker, Regisseur und Komponist (bspw. Rozhinkes mit Mandlen für seine Operette Shulamit); Begründer der ersten modernen jidd. Theatergruppe, unter dessen Einfluss das jidd. Volkstheater eine Blütezeit als Kulturform der Mittelschicht erlebte. Nina Warnke, Sibirya, EJGK, Bd 5, 595. 5 Jakob Gordin (1853 Myrhorod/Ukraine – 1909 New York), Dramatiker und Schriftsteller, dessen Realismus die Konventionen des jidd. Theaters herausforderte. In seinen Dramen adaptierte und übertrug er Werke kanonischer und zeitgenössischer Autoren auf ein jüd. Milieu, darunter

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ihrem Pathos unerträglich, aber wegen der hübschen, ungeheuer populären Lieder unausrottbar. Gordin aber, ein amerikanischer Dramatiker, ein glänzender Kenner der Bühnenwirkungen, hat mit einer erstaunlichen Unbefangenheit die dramatischen Meisterwerke der Weltliteratur für sein Publikum umgemodelt. Noch skrupelloser verfuhren seine Schüler und Nachfolger. – Es wird in der jiddischen Literatur übrigens mit unglaublicher Schamlosigkeit plagiiert; ich habe das am eigenen Leibe erfahren. Die orthodoxe sehr verbreitete New-Yorker Tageszeitung „Jiddisches Tagblatt“ hat mein Buch „Tohuwabohu“ vollkommen abgedruckt – unter anderem Titel, und der Herr Redakteur Moskowitz6 hat keck und frisch als Autor gezeichnet. – Als Beispiel solch seltsamer Verballhornisierung will ich die Bearbeitung des Hamlet anführen. Hamlet ist nicht Prinz von Dänemark, sondern Talmudschüler – aus dem König ist ein Zaddik, ein chassidischer Rabbi, geworden – aus Polonius ein Badchen, ein gewerbsmäßiger Spaßmacher, der im Osten bei allen Hochzeiten die Gäste zu unterhalten hat. Die Hochzeit des Zaddik mit der Witwe seines Vorgängers spielt denn auch eine große Rolle im Stück und wird durch die humoristischen Improvisationen des Badchen-Polonius gewürzt. Begierig war ich, wie die Schwierigkeit der Schauspielerszene umgangen werden würde. Unmöglich konnte der Zaddik bei sich Theater spielen lassen. Es ging aber sehr gut: es kam ein wandernder Maggid und hielt eine mit Anzüglichkeiten versehene Drosche. Im ganzen sind diese jiddischen Theater nichts als Schmieren mit zum Teil ausgezeichnet begabten Mitgliedern. Erst während der Okkupationszeit wurde ein ernsthafter Versuch unternommen, ein wirklich künstlerisches jiddisches Theater zu schaffen. Das geschah durch die Gründung der sogenannten Wilnaer Truppe, über die ich einiges berichten muß – in dem Rahmen dieser Blätter nur weniges.

Shakespeare, Goethe, Hugo, Ibsen, Turgenew und Tolstoi; einerseits um das Publikum mit europ. Literatur vertraut zu machen, andererseits um das jidd. Theater als Bestandteil europ. Kultur zu etablieren. Ebd., 491. 6 Hierzu mehr im Anhang von GKG, Bd 2, 288.

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Die Wilnaer Truppe Eine Reihe bühnenbegabter junger Dilettanten schloß sich 1916 in Wilna zusammen, um eine gute jüdische Truppe zu bilden. Sie begannen keck genug im Wilnaer Stadttheater und erzielten einen starken künstlerischen, aber sehr geringen materiellen Erfolg. Sie hungerten sich buchstäblich durch, waren aber stark genug, durch keinerlei Konzessionen an den Geschmack des Publikums in bezug auf das Repertoire sich billige Erfolge zu erkaufen. – Der intellektuellere Teil der Juden blieb fern, da bei dem Tiefstand der jiddischen Bühne diese bei ihm in Verruf gekommen war und er sie grundsätzlich nicht mehr unterstützte – der Geschmack des großen Publikums aber blieb den reißerischen Darbietungen des alten Schmierentheaters treu. – Da entdeckten einige von uns Deutschen – so Struck, Eulenberg, Wallenberg, Goslar und ich – die verborgene Kunst. Wir munterten sie zu Gastspielreisen auf, und diese brachten nach vielen Mühen die verdiente Anerkennung. Bei ihrem ersten Gastspiel  – im deutschen Theater in Kowno  –, ereignete sich eine bezeichnende Episode. Smigielski1, dem die Theaterkritik unterstand, schrieb in der „Kownoer Zeitung“ nach der ersten Aufführung eine begeisterte Besprechung. Der lange Leutnant D., der alldeutsche Chefredakteur, ärgerte sich darüber, und als die zweite Besprechung ebenso glänzend ausfiel, fügte er eine Reihe hämischer und antisemitischer Bemerkungen ein. Smigielski weigerte sich, seinen Namen unter den so geänderten Artikel zu setzen und blieb trotz aller Drohungen seines Vorgesetzten bei seiner Weigerung. Dieses mannhafte Auftreten ließ bei Leutnant D. die Vermutung aufsteigen, daß der so kampflustige Landsturmmann Smigielski denn doch am Ende frontdienstfähig sei – er ordnete seine sofortige Untersuchung an  – seine Vermutung bestätigte sich, und der tapfere Kritiker wurde schleunigst abgelöst. In Bialystok errang die Truppe ihre ersten großen Erfolge. Sie leitete damals bei glänzendem Zusammenspiel und im Besitze einer Reihe allererster Kräfte, vor allem aber bei der schrankenlosen Hingabe jedes einzelnen, wirklich Hervorragendes. So begannen auch die deutschen Offiziere, in ihr Theater zu strömen, und ihr Ruf verbreitete sich immer weiter. Darauf wurde Hans Goslar von oben bedeutet, er solle in dem deutschen Teil der Zeitung überhaupt keine Besprechungen der Truppe mehr bringen, und das war der Grund, warum ich einmal, wie oben erwähnt, für den behinderten Goslar als Kritiker der deutschen Truppe einsprang. Ich schmuggelte nämlich, indem ich Vergleiche zog, denn doch einige energische Hinweise auf die Wilnaer in die Besprechung ein und freute mich nicht wenig, als der Streich gelang.

1 Ernst Richard Smigelski, vgl. S. 42, Fn. 10.

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Es ist hier nicht der Platz, um die Leistungen der Wilnaer kritisch zu würdigen. Ich will nur einiges über die persönlichen Beziehungen unseres Kreises zu der Gesellschaft erzählen. Nach Schluß der Vorstellung pflegten wir uns bei wegen der Polizeistunde sorgfältig verrammelten Fenstern in einem Stübchen unseres Restaurants zu lustigen Feiern zusammenzufinden. Besonders nach Sabbatausgang begingen wir das traditionelle Fonfeiern der Prinzessin Sabbat stets gemeinsam, und oft bis zum Morgengrauen wurden da jiddische Lieder gesungen und chassidische Tänze aufgeführt. „Wissen Sie“, sagte Struck oft, wenn die ekstatischen Tänze vor uns wirbelten, „wenn ich das sehe, gibt mir das mehr von jüdischer Kultur als tausend Schriften.“ Nun darf ich aber nicht verschweigen, daß die Freude nicht ganz ungemischt war. Zuerst zu meinem Ergötzen, dann zu meiner wachsenden Unruhe begannen fast alle unsere jüngeren und auch einige ältere Semester sich auf Tod und Leben in die erste Liebhaberin der Truppe zu verlieben.2 Struck und ich waren vollauf beschäftigt, Beichten entgegenzunehmen und allzu große Dummheiten zu verhüten. Es blieb die Epidemie nicht auf unseren Kreis beschränkt. Auch einige Offiziere spürten in sich einen gewaltigen Eroberungsdrang und schienen nicht übel Lust zu haben, auf alte Landsknechtssitten zurückzugreifen. Man mußte einen regelrechten Überwachungsdienst organisieren, um die Künstlerin vor ihren allzu stürmischen Verehrern zu schützen. Auch innerhalb der Truppe selbst wurde es unruhig, und es wurde höchste Zeit, daß das längst geplante Gastspiel in Warschau begann. Ich erinnere mich, daß unsere Freundin die letzte Nacht in besonderer Obhut wohlbewacht an einem streng geheim gehaltenen Ort untergebracht werden mußte und daß Struck persönlich den Sicherheitsschutz für ihre Abfahrt stellte. Ich hatte das Warschauer Gastspiel vorbereitet, indem ich dort mit Hilfe von Barth und Zabludowsky einen Garantiefonds aufgebracht und allerhand andere Vorbereitungen getroffen hatte. Der gute Ruf war ihnen vorangegangen, und hier muß ich mit besonderer Bewunderung und Anerkennung eine Frau erwähnen, die, selbst eine gefeierte jüdische Schauspielerin, ein Beispiel von Neidlosigkeit und Selbstverleugnung gegeben hat, das selten hinter den Kulissen anzutreffen ist. Esther Rahel Kaminski3 hatte in Bialystok gelegentlich eines Gastspiels mit ihrer Truppe die Wilnaer gesehen. Sie selbst ist eine der glänzendsten Bühnen2 Sonia (Lubotski) Alomis (1896 Wilna – 1976 New York), jidd. Schauspielerin und Mitbegründerin der aus dem Fareyn fun Yidishe Dramatishe Artisten in Vilne hervorgegangenen Wilnaer Truppe. S.  a. unten, S. 217. 3 Esther-Rachel Kamińska (1870 Porosowo/Weißrussland – 1925 Warschau), poln.-jüd. Schauspielerin und aufgrund ihrer Frauendarstellungen legendäre „Mutter der jidd. Bühne“. 1955 wurde das Jiddische Staatstheater Polens nach ihr benannt.

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künstlerinnen, die mir je begegnet sind – ihre Truppe übersteigt in keiner Weise das beim alten jiddischen Theater übliche Niveau. Sie leitet ein eigenes Theater in Warschau, und das Gastspiel der Wilnaer in einem andern Gebäude mußte ihr schweren materiellen Schaden tun. Aber sie war die erste, die in Warschau den Ruhm der Wilnaer verbreitete und so die größte Spannung auf ihr Erscheinen hervorrief. „Da kommt eine neue Zeit und eine neue Kunst“, verkündigte sie und bewies so, daß auch im alten jiddischen Theater selbstlose Liebe zur Kunst anzutreffen ist. Ich möchte zur Charakteristik des Geistes, der damals in der Wilnaer Truppe herrschte, noch eine kennzeichnende Szene berichten. Der Erfolg des Warschauer Gastspiels war für die Leute eine Lebensfrage. Hier sollten sie sich zum erstenmal der ernsthaften Kritik in einer alten Theaterstadt aussetzen, zum erstenmal den Wettbewerb mit den altbewährten Truppen der Frau Kaminski und des Herrn Adler4 aufnehmen. Es war das große Examen, und von dem Bestehen hing auch ihre materielle Existenz ab. Ich war mit hinübergereist und saß mit Herzklopfen bei den ersten Vorstellungen. Der Beifall war riesig, die Kritik überbot sich in Enthusiasmus, die Vorstellungen waren mehr als ausverkauft. So saß ich beglückt im Parkett, als nach dem zweiten Akt eines Hirschbeinschen Stückes5 das Publikum vor Beifall raste – aber zu meinem Erstaunen hob sich der Vorhang nicht, um den Künstlern Gelegenheit zu geben, sich vor dem Parkett zu neigen. Der Beifallssturm nahm zu – der Vorhang rührte sich nicht. Ich stürzte hinter die Bühne, in die Garderobe und traf lauter verdrossene Gesichter. Nun wurde ich ärgerlich, und ich begann mit den Leuten zu schelten. „Nun habt ihr euer Ziel erreicht – habt den großen Warschauer Erfolg – den künstlerischen und materiellen – und wieder seid ihr unzufrieden!“ Da drehte sich der Regisseur um und sagte: „Es wäre besser, das Theater wäre leer und wir hätten besser gespielt! Der Beifall zeigt, daß man in Warschau auch nichts versteht!“ Ich dachte an mein kleines betrübtes Mädchen vom Kownoer Gymnasium, das weinte, weil es Erste geworden war! Der Erfolg blieb den Leuten treu – sogar die Herren vom deutschen Generalgouvernement führten ihre Ehrengäste aus Deutschland zu den Wilnaern, und nach dem Kriege konnte ich der Truppe den Weg zum Westen bahnen. Sie hat sich

4 Jacob Adler (1855 Odessa – 1926 New York), berühmter jidd. Schauspieler, erst in Odessa, dann London; trug mit dem Dramatiker Jakob Gordin zur Modernisierung des jidd. und amerikanischen Theaters bei und gründete am Broadway ein eigenes Theater. Jacob Adler, A Life on the Stage: A Memoir. New York 1999. Jon C. Hopwood, Jacob Pavlovitch Adler. https://www.imdb. com/name/nm0012169/bio?ref_=nm_ov_bio_sm (15. 5. 2019). 5 Die puste Kretschme war das erfolgreichste jidd. Drama von Perez Hirschbein (1880–1948) und ein wichtiges Repertoirestück der Wilnaer Truppe.

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inzwischen einen europäischen Namen erworben. Aber damals gab es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Leicht auszukommen war mit der Gesellschaft nicht, und so sehr sie auf der Bühne künstlerische Disziplin hielten, so undiszipliniert waren sie sonst. Ihr Temperament offenbarte sich nicht nur im Rampenlicht. So war es für mich eine wahre Erleichterung, als ich meine Schutzbefohlenen der Sorge von Laze Barth übergeben konnte. Aber noch bevor ich Warschau verließ, kam er händeringend zu mir und bat mich, ihn zu befreien. So sehr er sich auf die neue Aufgabe gefreut hatte, die ihn in das bis dahin von fern so geliebte Kulissenleben führte, so wenig hatte er es sich vorgestellt, daß es zu den Pflichten eines jüdischen Theaterintendanten gehörte, mitten in der Nacht aus der Apotheke Brausepulver für mit Ohnmacht drohende Künstlerinnen zu holen – in aller Herrgottsfrühe schluchzende Beichten oder Anklagen entgegenzunehmen – rollenverweigernde Heldenmütter liebreich zu besänftigen und in ihrer Manneswürde tiefgekränkten Regisseuren sich als Abladestelle für Zorn und Schimpf ständig zur Verfügung zu halten. Ich entschwand und tauchte nur von Zeit zu Zeit auf, um Tränen trocknen zu helfen und für allen ausgestandenen Jammer mich durch die künstlerischen Leistungen entschädigen zu lassen. Jene männermordende erste Liebhaberin aber hat den ersten Helden6 geheiratet und dadurch sich in einen sicheren Hafen gerettet. Sie und er behaupten, ich sei der Ehestifter gewesen. Ich habe ihnen, die sich ständig herumstritten, nämlich einmal gesagt: „Kinder, ihr zankt euch doch sowieso Tag und Nacht. Da ist es doch einfacher, ihr heiratet gleich!“ – Die Eheschließung aber vollzog sich in der Weise, daß auf einer Eisenbahnfahrt von Lodz, wo sie gastiert hatten, nach Warschau der junge Mann ohne lange Vorbereitung ihr einen Ring ansteckte und jene schon erwähnte Formel aussprach – aber ohne ein Wort auszulassen. Es gab nachher ein großes Hallo! Sie behauptete, es sei nur ein Scherz gewesen, und man fuhr von der Bahn zum Rabbiner. Der erklärte, daß die Ehe vollzogen sei und stellte Scheidung anheim. Das wollte man nun auch nicht, und es ist eine sehr gute und friedliche Ehe geworden!

6 Der aus Wilna stammende Alexander Asro (1888 Wilna – 1963 Flushing/Ohio), später Filmschauspieler in den USA, u.  a. als Sasha Smirnoff in Room Service (Marx Brothers, 1938).

Bialystoker Kino 

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Bialystoker Kino Das Kino spielte in Bialystok eine große Rolle. Es gab zwei Lichtspieltheater, das Kino Modern und das große Apollo-Kino, und beide machten gute Geschäfte. Die großen Wohltätigkeitsvereine verstanden es nun, diesen Umstand auch für sich nutzbar zu machen. Sie pachteten etwa für drei Tage in der Woche das eine oder das andere Etablissement. Dann setzten sich einige Damen vom Vorstand an die Kasse, machten wohl auch im Vorraum ein Büfett auf, ließen besonders ausgestattete Programme drucken und erzielten für ihre Zwecke sehr beträchtliche Einnahmen. Bisweilen, und zwar hauptsächlich im Apollo-Kino, suchte man noch für solche Abende durch besondere Attraktionen den Besuch zu steigern. Im Modern war das unnötig. In der Person der reizenden Tochter des Besitzers besaß dieses Haus ein ganz unerreichbares Anziehungsmittel, und Fräulein Bertel verstand es meisterlich, die große Schar ihrer Verehrer zu regelmäßigen Kontributionen für die guten Zwecke anzuhalten. Als sie sich verlobte, wanderte ein Teil der Intellektuellen ins Apollo ab. – Dort fand einmal, auch zum Besten irgendeines guten Zweckes, ein netter Wettbewerb statt: ein großes Filmdrama wurde drei Tage hindurch ohne den Titel aufgeführt, und die Besucher hatten einen passenden Namen zu finden. Ich gehörte der Jury an und freute mich an den vielen geistvollen und zum Teil sehr witzigen Lösungen. – Das Allerseltsamste aber war folgendes Erlebnis, das mich seinerzeit nicht wenig empörte. Eines Tages, und zwar auch gelegentlich einer solchen Veranstaltung zum Besten eines jüdischen Vereines, wurde – ein richtiggehendes Missionsstück vorgeführt. Ein von der fanatischen Chassidimgemeinde wegen seiner Hinneigung zur europäischen Kultur verfolgter und ausgestoßener junger Jude findet seinen Frieden bei der allein seligmachenden Kirche und stirbt schließlich in den Armen des gütigen Priors im Kloster. – Das war schon kurios genug, aber allenfalls damit zu erklären, daß diese Theater keinen Einfluß auf die Wahl der Programme haben, mit denen sie die Filmverleihgesellschaften versehen. Aber nun kommt erst das Seltsamste: während des Todes im Kloster ertönte plötzlich ein hebräischer Gesang! Der treffliche Chor der neuen Synagoge brachte einen Trauerpsalm zum Vortrag! – Ich machte in meiner Empörung dem Dirigenten, dem prächtigen alten Herrn Bermann, heftige Vorwürfe wegen dieser groben Takt- und Geschmacklosigkeit. Er begriff meinen Zorn überhaupt nicht. „Wegen der Narrischkeit“, sagte er, „wird sich bestimmt kein Jude taufen lassen. Und so verdienen wir so viel, daß wir am Schabbos in Schul ruhig singen können.“

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Im Oktober 1917 wurde unsere Presseabteilung wieder im Gefolge des Ober­ quar­tier­meisters nach Kowno verlegt. Trotzdem wir alle uns darauf freuten, das liebe Kowno wiederzuerleben, war es doch auch ein schwerer Abschied von Bialystok. Als das große Lastauto in der Abenddämmerung uns Presseleute wegführte, stand am Marktplatz eine Schar von jungen Mädchen, die tränenschwere Tücher schwenkten. Das waren die Schülerinnen des Gutmannschen Gymna­ siums, und ihre Schmerz galt im ganzen Leo Deutschländer, der in kurzer Zeit ihr „Schwarm“ geworden war. Mir gefiel an diesem Verhältnis eines besonders: alle diese Mädchen waren Zionistinnen – Deutschländer, der Agudist, war ein eifriger Gegner des Zionismus. Wenn nun diese jungen Mädchen im Backfischalter trotz aller Schwärmerei für ihren Lehrer sich in ihren Anschauungen nicht irre machen ließen, spricht das für eine bedeutende innere Selbständigkeit und Standhaftigkeit des Charakters. Freilich hielten sie es allesamt wohl nur für eine Kaprice des guten Leo, wenn er sich dagegen verwahrte, Zionist zu sein – sie glaubten ihm das einfach nicht. (Und vielleicht hatten sie nicht einmal so Unrecht!) Wir zogen in Kowno ein und wurden von unseren alten Freunden herzlich begrüßt. Der Intellektuellenstammtisch, der in Bialystok kein rechtes Heim gefunden hatte und etwas zusammengeschrumpft war, regenerierte sich. Auch der Verkehr in den Kownoer Häusern lebte wieder auf. – Bei Frau Eliaschewitz wurden allerhand literarische und soziale Probleme erörtert – Arnold Zweig wetterte dort, in dem kleinen gemütlichen Salon hin und her rennend, gegen die Verbourgeoisierung des Geschmackes, die von Westen nach Osten vorschreite. Dabei exemplifizierte er zu unserer Bestürzung ungeniert auf die an der Wand hängenden Bilder1 und die Zimmereinrichtung, die er als schlimmsten Kitsch in Grund und Boden kritisierte; – bei Frau Karno wieder suchten unsere Künstler der Hausfrau zu beweisen, daß die von ihr während unserer Abwesenheit entworfenen Zeichnungen einen höchst bedauerlichen künstlerischen Rückschritt bedeuteten – kurz, wir bewiesen, daß wir uns ganz zu Hause fühlten. – Mir winkte noch ein neues Tätigkeitsfeld. Leutnant D. von der Kownoer Zeitung, sonst der Redaktion der Deutschen Tageszeitung angehörend, machte Magnus Zeller und mir den Vorschlag, eine humoristische Beilage zu schaffen, „Die Gulaschkanone‘‘. – An sich hatten wir beide nicht allzuviel Lust, da die Satire gerade dort hätte unterdrückt werden müssen, wo sie ihr bestes Betätigungsfeld finden konnte. Andererseits bot die Redaktion der Kownoer Zeitung, so wie sie nach Smigielskis Abgang zusammengesetzt war, an sich einen köstlichen Vorwurf

1 Vgl. die Zeichnung Hermann Strucks im Dezemberblatt des Almanach der Bösen Buben, 33.

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Redaktion der „Kownoer Zeitung“

für Humoristen. Der lange, dünne O. und der kurze, dicke Bronck sahen schon aus wie die Stettiner Sänger2 und konnten als stehende Figuren, ihre Bemerkungen zur Zeitpolitik machend, recht wohl populär werden. Zeller entwarf bald ihr Bild, und ich freute mich darauf, den halb brutal-zynischen, halb alkoholisch-gemüt­ lichen Humor des langen O. zu fixieren. Den Ausschlag aber gab etwas anderes! 5 Ich machte meine Mitarbeit von der Vorausgewährung eines Honorars abhängig. O. fiel fast auf den Stuhl: „Honorar? Von mir? – Mensch, wo kommen Sie her?“ – Ich blieb aber kühl und machte meine Forderung geltend. Mein kostbar gehüteter, in einer günstigen Stunde vom Hauptmann Bertkau erlangter Schein, der mich 2 Markenzeichen dieses 1879 in Stettin gegr. Männer-Gesangsquartetts waren ein langer dürrer und ein kleiner dicker biedermeierlicher Landgendarm. S.  a. Gronemann, Die beiden Pole, unten S. 192.

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vom Zapfenstreich befreite und mir Dauernachturlaub gewährte, wurde von der Kownoer Kommandantur nicht anerkannt. Ich verlangte nun eine Bescheinigung, daß ich als Redaktionsmitglied auch nachts zum Zwecke der freien Berichterstattung jederzeit mich frei bewegen durfte. – O. atmete erleichtert auf. „Wenn kein 5 Geld, sonst alles!“ sagte er. „Ich habe nicht das mindeste Recht, einen solchen Schein auszustellen, aber ich werde Ihnen einen solchen Text schreiben und mit so viel Stempeln versehen, daß jede Patrouille und jeder Offizier sich auf den Rücken legt, wenn Sie den Wisch zeigen.“ Ich bekam meinen herrlichen Schein und dann – wurde nach der ersten Nummer das Blatt verboten; nie habe ich mir 10 ein wertvolles Honorar so leicht und schmerzlos verdient! –

Café Steinbach

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Eine noch größere Rolle als bei unserem ersten Aufenthalt spielte bei uns jetzt das Kaffeehaus der Madame Steinbach. An jedem Nachmittag versammelte sich dort eine Schar der Intellektuellen und erwartete mit Ungeduld die frischen Käsekuchen. Abends aber verzehrten Oscar Kühl und ich regelmäßig unsere Eierkuchen dort und gewöhnten uns allmählich an das schrille Organ der Wirtin, die im Ladenraum mit den Kunden so verhandelte, daß man immer annahm, es sei ein böser Zank ausgebrochen. Doch ging alles sehr friedlich zu. Sie war eine sehr gescheite Frau, die Frau Steinbach, und wir hörten ihr gern zu, wenn sie sich zu uns setzte und uns von all dem Ärger erzählte, den sie inzwischen ausgestanden hatte. Da hatte der Stadtkommandant ein strenges Kuchenbackverbot erlassen. Nun – war es möglich, das zu befolgen? Was hätten alle die Offiziere gemacht, was die jungen Herren von der Kriegsschule – wenn es keine Käsekuchen mehr bei Mutter Steinbach geben würde, keine Streußelkuchen, keine Bobes1 und keine Plinzes2 – von den köstlichen Latkes3 gar nicht zu reden! Da kannte sie die Bedürfnisse der Armee besser als der Herr Kommandant. Eines Tages aber hatte die Frau Conrad gegenüber – ihre Konkurrentin, eine Deutsche –, sie beim Kommandanten denunziert. Der hatte nun beschlossen, in dieser höchst wichtigen Angelegenheit sich nicht auf Berichte zu verlassen  – den Milizbeamten den Mund in

1 Bobbes (auch Berliner Bobbes): feine Backware aus ausgerolltem, süß gefülltem Teig. 2 Jidd. Form des russ. Bliný (блины): fladenähnliche, gefüllte, osteuropäische Eierkuchen. 3 Kartoffelpuffer oder Pfannkuchen; jidd. Variante des Oladji (оладья), d.  h. „kleiner Eierkuchen.“ Wie Plinzes sind Latkes traditioneller Bestandteil auch der aschkenasischen Küche und werden unter anderem mit Chanukka assoziiert.

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höchst angenehmer Weise zu stopfen, wäre doch in diesem Falle der Beschuldigten nicht schwergefallen –, sondern höchstselbst die Untersuchung in die Hand zu nehmen. So erschien er eines Abends mit hochgeklapptem Rockkragen – um nicht erkannt zu werden! – in dem Kaffeehaus. Frau Steinbach hatte aber doch ihre Freunde – bis ganz oben herauf; sogar die Gräfin Bassewitz5, die Leiterin des 5 Soldatenheimes, hatte ihre Freude an der resoluten Frau – und so kam es, daß an diesem Tage keine Spur von Kuchen auf irgendeinem Tisch zu erblicken war. Der gestrenge Herr saß mißmutig vor seinem Kaffee und ließ sich die Wirtin selbst kommen. Geheimnisvoll bat er sie, ihm doch etwas von ihrem vielgerühmten Kuchen zukommen zu lassen. Ebenso geheimnisvoll beugte sich Frau Steinbach 10 zu ihm: Kuchen wollen Sie? Können Sie haben – Kuchen von allen Sorten. Aber nicht hier! Kommen Sie mit! – Und mit viel Augenblinzeln und Winken forderte sie ihn auf, ihr nachzugehen. Triumphierend, seiner Beute sicher, folgte der hohe Herr ihr durch die Hintertür auf den Hof, über altes Gerümpel weg in eine andere Tür, durch einen langen Gang mit vielen boshaften Ecken bis zu einem Tor, das 15 Frau Steinbach langsam öffnete und das wieder auf die Straße führte. „Gehen Sie, Herr Offizier“, sagte Frau Steinbach seelenruhig und wies über die Straße. „Da drüben das Licht – da ist das Kaffeehaus von der Frau Conrad! Da können Sie soviel Kuchen haben als Sie wollen!“

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Mit besonderer Freude nahm ich meine Kurse in deutscher Literatur wieder auf, die ich einigen Lehrerinnen des Realgymnasiums erteilte, andere folgten meinem Beispiel, und es entstanden allgemach enge Beziehungen zwischen den Intellektuellen und jener Anstalt. Struck, Zweig, Deutschländer, Kühl hielten gutbesuchte Vorträge in der Aula der Schule und hatten gleich mir viel Freude an dem prächti- 25 gen Auditorium. Diese Schule wurde überhaupt ein Mittelpunkt geistigen Lebens, und ich muß von ihr einiges erzählen. Von dem Feldrabbiner Dr. Rosenack gegründet, von Dr. Josef Carlebach1 als Direktor geleitet, war sie eine durch und durch hebraistisch-nationaljüdische

5 Die mit Prinz Oskar von Preußen, dem Sohn Wilhelm II. im Jahre 1914 verheiratete Ina Marie von Bassewitz (1888–1973). 1 Josef Carlebach (1883 Lübeck – 1942 KZ Jungfernhof/Riga), orthod. Rabbiner und Naturwissenschaftler, der das Kownoer Jüdische Realgymnasium (‫ )גימנזיום עברי‬bis 1919 leitete und das jüd. Bildungswerk im Baltikum aufbaute.

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Institution und die eigentliche Pflegestätte der zionistischen Idee geworden. Das lag nicht in der Absicht des Gründers oder des Leiters, wie ich gleich hervorheben will, um die Herren nicht in falschen Verdacht zu bringen. Im Gegenteil hat speziell Dr. Carlebach mit aller Offenheit und großer Energie sich bei jeder Gelegenheit als überzeugter Gegner des Zionismus bekannt – aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen entwickelte sich die Anstalt in jenem Sinne. Ich habe eine Anzahl von Schulen kennengelernt, die bewußt auf zionistischer Anschauung basiert waren, aber nirgends herrschte eine solche klare Einstellung wie an der Carlebachschen Schule, in der alle Schüler und Schülerinnen ständig auf sich die Pflicht ruhen fühlten, ihre Ideale zu verteidigen. Und es war erfreulich zu sehen – hier gilt das, was ich von Deutschländer und seinen Beziehungen zu seinen Schülerinnen in Bialystok sagte, in erhöhtem Maße  – wie darunter die Anhänglichkeit und Verehrung nicht litt, die dem Direktor Carlebach entgegengebracht wurde. Er war ein glänzender Schulmann – stand unter seinen Schülern nicht wie ein strenger Präzeptor, sondern wie ein älterer Freund und Kamerad, liebte seine Aufgabe und seine jungen Freunde. Er hatte aber auch innere Beziehungen zu diesen jungen Ostjuden – hielt sich von jenem Hochmut fern, den viele auch gerade orthodoxe Juden aus dem Westen dort leicht annehmen, und verstand es in seiner Art glänzend, seine Schüler unter Berücksichtigung ihrer Eigenart in die Kultur des Westens einzuführen. So wurde mit Luft und Liebe gearbeitet und so mußten die Schulräte von Oberost gestehen, daß die Leistungen der Schule höher standen als die gleichartiger Schulen in Deutschland. Es wurde sehr viel Hebräisch getrieben, mehr vielleicht, als dem agudistischen Direktor recht war, aber die Schüler setzten ihren Willen mit Leidenschaftlichkeit durch. Und als eines Tages der Schulrat verlangte, daß die hebräischen Stunden eingeschränkt werden sollten, meldeten sich am selben Tage fast alle über 500 Schüler ab, so daß der Schulrat nachgeben mußte. Die Carlebachschen Schüler sprachen auch daheim und auf der Straße fast nur hebräisch; man merkte es ihnen an, daß sie das nicht der Demonstration wegen taten; denn gerade in Momenten höchster Erregung, bei Debatten etwa über eine Ibsenaufführung im Foyer des Theaters, sprudelte es nur hebräisch aus ihnen heraus. Mit besonderer Liebe denke ich der ersten Mädchenklasse, in der sich eine Menge ganz prächtiger Kinder zusammengefunden hatte, und besonders des netten Abschiedsfestes, das sie mir vor meinem Weggange bereiteten. Ich war so eine Art Hausfreund der Schule geworden, und als eine spezielle Aufgabe hatte ich die Vorbereitung gelegentlich veranstalteter Schulfeiern und Aufführungen übernommen. Und hier will ich eine Geschichte erzählen, die besser als jede Auseinandersetzung illustrieren wird, welche ausgezeichneten Erziehungsarbeit an dieser Schule – in diesem Falle von den Schülern an dem Lehrer – geleistet wurde. Gelegentlich des

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großen Schulfestes Chanukah2 1916 ereignete sich folgendes: Die Kinder hatten durch allerhand Darbietungen in Hebräisch, Jiddisch und Deutsch ihre Fähigkeiten gezeigt, und das offizielle Programm war erledigt. Das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz füllte – auch die Behörden, der Stadthauptmann, der Schulrat, der Feldrabbiner waren anwesend –, klatschte freudig Beifall, und die Mitwirkenden verbeugten sich auf dem Podium. Da wurde auf der Bühne plötzlich die Hatikwah angestimmt. Alle erhoben sich – zuletzt auch der Rabbiner – fielen in den Gesang ein oder hörten ihn doch respektvoll an. Nachher gabs einen Mordskrach: Carlebach hielt den Schülern, nachdem das Publikum sich entfernt hatte, eine Standpauke, dahingehend, daß seine Schule nicht zionistisch und nicht national-jüdisch sei. Er verbiete das Singen der Hatikwah in den Räumen der Schule. Da nicht alle Interessenten in der Aula Platz gefunden hatten, wurde das Fest nach einigen Tagen wiederholt, und trotz des strengen Verbotes wurde die Hatikwah ebenso feierlich gesungen. Carlebach war außer sich, aber das Unglück war geschehen. Ein Jahr später, Chanukah 1917, war ich wieder bei dem Feste anwesend, und ich war diesmal recht gespannt, ob die Schüler es wagen würden, jenes Stück zu wiederholen. Ich hatte absichtlich mich nicht vorher orientiert. Es gab eine Überraschung. Als letzte Nummer des Programms war eine Ansprache des Direktors vorgesehen. Der Vorhang hob sich, und Josef Carlebach stand oben inmitten seiner obersten Knaben- und Mädchenklasse und redete, frisch und jugendlich, wirklich wie der älteste der Kameraden, und er schloß etwa mit folgenden Worten: „Und nun bitte ich Sie alle, sich von Ihren Plätzen zu erheben und unsere Hymne, die nationale Hymne des jüdischen Volkes, die Hatikwah, anzuhören!“ Das war ein Umschwung und ein Erfolg, in gleicher Weise ehrenvoll für Schüler und Lehrer. Carlebach hat mir oft gesagt, wieviel er in jener Zeit in Kowno gelernt und wie er sich davon überzeugt hat, daß die nationale Begeisterung und der nationale Wille der jüdischen Jugend anzuerkennen sind und daß daran vorüberzugehen blöd und verbrecherisch sei. Und wegen dieses ehrlichen Zugeständnisses soll er für diesmal ungeneckt bleiben trotz aller Versuchung, getreu einem Wort Zweigs aus dem unserem prächtigen Feldwebel Bottke gewidmeten Sonett:   Die Arme mit den giftigen Rapieren   Sie senken sich – man muß ihm salutieren!

2 Achttägiges jüd. Lichterfest (Nov./Dez.), in Gedenken an die durch den Makkabäeraufstand bewirkte Wiedereinweihung des 2., durch den Zeuskult der Seleukiden entweihten jüd. Tempels (165 v.d.Z.).

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Nachbarinnen

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Ich hatte eine passable Wohnung dicht neben dem Gymnasium gefunden, und in der großen Pause füllte sich, wenn ich daheim war, oft mein Zimmer. Gleich am Abend meines Einzuges hatte ich ein nettes Erlebnis. Es war ein Freitagabend, und ich setzte mich im Dunkeln aufs Sofa, um vor dem Schlafen etwas zu träumen. Mädchenstimmen aus dem Nebenraum ließen mich aufhorchen, und was ich hörte, fesselte mich so, daß ich zwei Stunden interessiert zuhörte. Zwei jüdische Mädchen lasen zusammen Heines „Atta Troll“. Es war unendlich reizvoll, zu verfolgen, wie sie sich durch dies an versteckten politischen und literarischen Anspielungen so reiches Werk durcharbeiteten, welche Hypothesen sie aufstellten, um ohne Wissenschaft von der Entstehungszeit jener Dichtung und den längst vergessenen Tagesgrößen jener Periode gar nicht verständliche Wendungen sich zu erklären – sie kamen der Wahrheit oft sehr nahe – und wie sie ahnungsvoll das Schöne und Künstlerische der Dichtung gefühlsmäßig in sich aufnahmen. – Mir war’s eine erfreuliche Bestätigung der Wahrheit meines Faustkapitels in „Tohuwabohu“. – Späterhin habe ich mit meinen Nachbarinnen, zwei jungen Verkäuferinnen, mich angefreundet, und wir haben zusammen „Atta Troll“ und noch manche anderen guten Bücher gelesen. Weniger erfreulich gestaltete sich das Verhältnis Arnold Zweigs zu einer Mitbewohnerin. – Da seine keusche Muse sich beharrlich weigerte, ihn in dem Soldatenquartier zu besuchen – sie war von Claudia her ein behaglicheres Milieu gewohnt –, hatte Struck ihm ein Zimmer seiner Offizierswohnung eingeräumt, leider aber, ohne vorher die Genehmigung seiner Haustyrannin einzuholen. Diese, eine treffliche Priesterin am Herde der national-jüdischen Küche, um derentwillen Struck der Frau Michelsohn untreu geworden war, thronte majestätisch am Herdaltar, von den mystischen und wohlriechenden Dämpfen des Schalet und der Kuggel umhüllt. Den „Herrn Laitnant“ bemutterte und protegierte sie, Heinrich Eisemann duldete sie – aber gegen gemeine Landstürmer wie Zweig war sie von einer durchaus nicht verborgen gehaltenen Verachtung erfüllt. So erfüllte Streit und Lärm das Zimmer, welches unserem Arnold zu stiller Sammlung bereitet war – die Muse entwich indigniert, und das schöne gelbliche Papier, das die kleine blonde Sella, in Strucks Vorzimmer bescheidentlich in der Ecke hockend, zuschnitt, blieb gänzlich unbedichtet auf dem Tisch liegen. – Der negative Einfluß der kochkundigen Lena auf die deutsche Literatur ist nicht zu unterschätzen. Welchen Einfluß ihre kulinarische Tätigkeit auf die Gestaltung des Dezernates für jüdische Angelegenheiten ausübte und ob sie durch ihre auf Wirkung auf das Innerste des Menschen berechneten Leistungen nicht erst recht eigentlich dem Dezernenten, unserem Hermann Struck, das rechte und volle Verständnis für die

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Psychologie des ihm anvertrauten Bevölkerungsteiles erschloß, bleibe dahingestellt.

Das jüdische Dezernat Tatsache ist, daß Strucks Wirken ein gar nicht hoch genug zu wertendes Glück für die Juden und für die Verwaltung war. Mehr noch als das viele, was er geschaffen hat, war vielleicht, was er an Unheil verhüten konnte. Leicht hatte man es ihm anfangs nicht gemacht, und von Warschau aus tat man das Möglichste, um ihm sein Amt zu erschweren. Glücklicherweise war bei uns die deutsche Agudah, deren Mißtrauen gegen ihn groß war, durch ausgezeichnete und ehrliche Menschen vertreten, und bald bewies Struck, unterstützt zumal durch Heinrich Eisemann, wie bei gutem Willen eine gedeihliche Zusammenarbeit auch der heterogensten Elemente möglich ist. Seine absolute Objektivität gewann ihm das uneingeschränkte Vertrauen der Zionisten wie der Orthodoxen und ebenso der radikalen Sozialisten. Alle wandten sich vertrauensvoll an ihn, und alle waren mit ihm zufrieden – bis auf einen Punkt, in dem eine Verständigung nicht möglich war. Und hier wieder waren alle gegen ihn geeint. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Leute, die ihn aufsuchten, zur Pünktlichkeit zu erziehen und dazu, seine Sprechstunden zu respektieren. Wer je mit Ostjuden oder überhaupt mit Leuten aus dem Osten zu tun gehabt hat, wird begreifen, daß diese Zumutung als ein unerhörter Angriff auf alte Überlieferung und Gewohnheit betrachtet und abgelehnt wurde. Man überfiel ihn im Restaurant und auf der Straße, man störte ihn in seiner Privatwohnung aus dem Mittagsschlaf – nur in der zum Empfang festgesetzten Zeit erschien niemand – außer mir, der ich wußte, daß ich ihn dann ungestört sprechen konnte. Und auch die Herren von der Verwaltung hatten Vertrauen zu ihm. Man sah, daß er die entgegenstehenden Interessen auszugleichen sich redlich und unparteiisch bemühte. Es gelang ihm, durch seine Vorstellungen die Aufhebung einer Reihe von Verordnungen durchzusetzen, die nur böses Blut gemacht hatten, und mit den schlimmsten Mißständen aufzuräumen. Er fand auch beim Oberquartiermeister einiges Verständnis und guten Willen, wenn auch nicht immer die Macht, die guten Absichten gegenüber den nachgeordneten Stellen durchzusetzen. – Bis zu einem gewissen Grade gelang es damals auch, die heftige Abneigung und das Mißtrauen der jüdischen Bevölkerung gegenüber den Werbungen für Arbeit in Deutschland zu überwinden. Was damals niemand voraussehen konnte, war natürlich, daß die unter großen Versprechungen einerseits und unter starkem Druck andererseits nach Deutschland überführten, zum Teil direkt gepreßten jüdischen Arbeiter später an der Rückkehr verhindert werden würden und daß

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Kriegsberichterstatter

dann nach dem Kriege eine Hetze gegen die ostjüdische Einwanderung beginnen würde. Das dringende Verlangen der Heeresverwaltung hat die meisten dieser Leute nach Deutschland geführt – freiwillig sind verhältnismäßig wenig gekommen, und noch weniger sind freiwillig in Deutschland geblieben. Die Berufung von Hermann Struck bedeutete eine große Entlastung für 5 unsere Feldrabbiner, denen er den wichtigsten und beschwerlichsten Teil ihrer Arbeit abnahm. Das erkannten die Herren zum größten Teil auch mit Freude an. Eigentlich waren die Rabbiner ja nur für die jüdischen Mannschaften da, aber die Verhältnisse brachten es mit sich, daß sie auch die Vertrauensleute der jüdischen 10 Bevölkerung wurden, die ja sonst niemand hatte, an den sie sich wenden konnte. So war es ein wahres Glück, daß im Osten dieser Ausweg gefunden wurde. Ich

Beschlagnahme und Requisitionen 

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kann feststellen, daß die Herren sich alle der oft recht schweren Aufgabe gern unterzogen, obwohl sie dadurch oft in peinliche Lagen geraten und ihre Stellung gefährden konnten. Setzten sie sich doch der Möglichkeit aus, daß ihnen von oben bedeutet wurde, sie sollten sich nicht um Dinge kümmern, die sie gar nichts angingen. Im allgemeinen aber begrüßte man auch auf deutscher Seite 5 ihre Mitwirkung oder duldete immerhin ihre Tätigkeit stillschweigend. Viele von ihnen haben neben dem guten Willen auch die Fähigkeit bewiesen, hier etwas zu leisten, und einigen bewahrt die Bevölkerung ein dankbares Andenken. Ich kam mit vielen der Herren oft in Berührung und habe ihren Erzählungen von dieser Art Tätigkeit viel Interessantes entnommen. Nur wenige von ihnen 10 dürften ohne innere Bereicherung nach Deutschland heimgekehrt sein. Eine harmlose Schwäche war es, wenn einige der Herren immer von ihren Reisen zur „Front“ sprachen, ganz im Stil der Herren Kriegsberichterstatter. Ich sagte den betreffenden Herren einmal, daß es doch im Interesse der Statistik läge, wenn wenigstens einer von ihnen auf dem Felde der Ehre fallen würde. Die Anregung 15 blieb ohne Erfolg.

Beschlagnahme und Requisitionen Wenn die deutschen Behörden nur schwer der Eigenart der Bevölkerung gerecht werden konnten und sie oft vor den Kopf stießen, war das am Ende noch verzeihlicher, als wenn deutsche Juden selbst durch ungeschicktes Auftreten Verstimmungen hervorriefen. Ich fand es nicht hübsch, wenn beispielsweise an dem hohen Feiertage Roschhaschonoh offizielle Vertreter des deutschen Judentums in einem Auto vor der großen Warschauer Synagoge vorfuhren. Nicht alle nahmen diese Mißachtung jüdischer Gesetzesvorschriften und der Gefühle der Juden so von der humoristischen Seite wie Gutta Zabludowsky, die entschuldigend sagte: „Sie haben nicht gewußt, daß acht Tage später Jomkippur ist (das höchste Fest), sonst hätten sie so lange gewartet!“ Daß mancherlei harte Maßnahmen durch die Kriegslage notwendig wurden, begriffen die Juden und ertrugen das mit Ergebung. Aber die an sich schon strengen Vorschriften über Requisitionen und Beschlagnahmen erhielten durch die rigorose Art der Durchführung seitens der ausführenden unteren Organe oft eine unnötige Verschärfung. Leider haben auch viele gewissenlose Menschen durch auf eigene Faust vorgenommene Requisitionen viel Unheil angerichtet und die Stimmung der Bevölkerung noch mehr verschärft. Man konnte in Wilna arme Droschkenkutscher finden, die als wertvolles Besitztum Pakete solcher Re­qui­si­ tions­scheine aufbewahrten, die etwa so aussahen:

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Anweisung auf 100 (Einhundert) Stockprügel 5

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 Max und Moritz Latrinen-Kompagnie.

Man hatte dann nicht das Herz, solch armen Teufel aufzuklären. Übrigens stellte es sich späterhin heraus, daß im Grunde die Leute mit diesen Zetteln gar nicht so beschwindelt waren, wie es den Anschein hatte. Sie waren eigentlich ebensoviel wert wie die meisten anderen, echten Requisitionsscheine.  – Geld haben die wenigsten Leute auf ihre Scheine bekommen, und wenn, nur nach langen Mühen und zu einem geringen Bruchteil des ihnen nach genauester Berechnung zuerkannten Betrages. Das war nämlich wieder ein Vorteil der wilden Requisitionen. Da wurde mit einer gewissen Großzügigkeit verfahren und so wenigstens das Glück einer kurzen Illusion gewährt – bei den echten aber gab es ein umständliches Verfahren, bei dem alle Ansprüche auf das genaueste berechnet und in denkbar knappstem Maße anerkannt wurden. An sich mußte das ja Vertrauen erwecken, und dann lag die feierliche Zusicherung der Obersten Heeresleitung vor, daß alles Entnommene schnell und gut bezahlt werden würde. Es kam aber anders, und die wenigsten haben noch heute Aussicht auf Erlaß des ihnen entstandenen Schadens. Vielleicht ist es manchem der Betroffenen ein gewisser Trost, daß man nicht nur im Lehrhaus zu „lernen“ versteht; man muß anerkennen, daß bei Prüfung der Rechtsfragen sehr viel Scharfsinn und Logik angewendet wird. So ist folgender Gedankengang logisch unanfechtbar: in vielen Fällen haben unsere Okkupationsbehörden ja dem Haager Abkommen1 entsprechend nur die Tätigkeit der abwesenden russischen Verwaltungsbehörden übernommen. Insoweit waren also unsere Offiziere Stellvertreter der russischen Beamten. Wenn in dieser Eigenschaft von ihnen etwa zum Schadenersatz verpflichtende Handlungen vorgenommen worden sind, so haftet für sie der Staat – und zwar der russische. Durchaus konsequent ging die Verwaltung auch in folgendem Falle vor: Da war in Kowno der Fabrikant G., ein älterer Herr. Seine Fabrik wurde zu einem kriegswichtigen Zweck beschlagnahmt. Es wurde zwar nur ein Flügel benutzt, aber aus Gründen der Staatssicherheit wurde das Betreten des ganzen Gebäudes ihm untersagt. Dagegen wurde von ihm die Steuer für das Grundstück ver1 Die Haager Abkommen (1899–1907) bezeichnen eine Anzahl kriegsvölkerrechtlicher Regelungen, die 1949 von den Genfer Konventionen abgelöst wurden.

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langt. G. machte eine Eingabe und wies darauf hin, daß er aus dem Gebäude zur Zeit nicht nur keinen Nutzen zöge, sondern daß durch die Beschlagnahme ihm jede Einnahme überhaupt abgeschnitten und er selbst erwerbslos und in Not sei!  – Die Antwort war korrekt und nicht zu beanstanden: die Beschlagnahme habe mit der Steuerpflicht nichts zu tun, so daß es bei der Festsetzung bleibe. Da aber die Steuer nicht beizutreiben und er nach seiner eigenen Angabe erwerbslos sei, sei er nunmehr als Erwerbsloser zur Zwangsarbeit heranzuziehen. So war die überraschende Folge, daß Herr G. sich bei der Chausseearbeit zu betätigen hatte. Auf diese Weise wird es verständlich, daß die Bevölkerung mehr und mehr sich den Beschlagnahmen zu entziehen suchte. Allmählich entwickelte sich ein regelrechter Kampf, der auf der einen Seite mit Gewalt, auf der anderen mit List geführt wurde. Von einem solchen Fall, dem der Konfektionsbeschlagnahme in Warschau, will ich erzählen. Eines Tages kam ein Erlaß heraus, nach dem alle Lagerbestände der Konfektionsgeschäfte für beschlagnahmt erklärt wurden. Ausgenommen waren nur Reste bis zu 30 Meter. Flugs setzten sich alle Kaufleute hin und begannen Reste zu schneiden. Das ging also nicht an, und es wurde bestimmt, daß jeder einzelne Kaufmann eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und mit dem Dokument zwecks mündlicher Verhandlung sich auf dem Amt einzufinden habe. Wegen des zu erwartenden Andrangs sollten Nummern ausgegeben werden, und innerhalb einer bestimmten Frist hatte jeder sich seine Nummer abzuholen, ln der zur Nummernausgabe bestimmten Zeit drängten sich denn auch pflichtgemäß die Konfektionäre vor dem Amt. Die zwei Treppen vom Schalter hinunter bis auf die Straße und dort noch weithin stand die lange Reihe der Leute. Der erste, der an den Schalter trat, erhielt eine Karte, auf der etwa folgender Text stand:     Nr. 1 – 1. November 1917 – 10 Uhr. Schon wurde er fortgedrängt, der nächste erhielt die Nummer 2 – 11 Uhr herausgereicht und so fort. Nun war es ergötzlich, wie schnell gleich der erste die Situation erfaßte: er ging gemächlich die Treppe hinab und stellte sich am Ende der langen Reihe Wartender aufs neue an. Nach zwei Stunden stand er wieder vor dem Schalter und erhielt etwa die Nummer 362 – 20. November – 11 Uhr, zerriß die erste Karte, ging hinunter und stellte sich neu an. So wie er, machte es der zweite und machten es alle – und so ad infinitum. Tausende von Nummernzetteln wurden ausgeschrieben und verteilt. So kam es, daß am 1. November niemand erschien, auch nicht am 2. und nicht am 3. Unsere Beamten saßen geruhig da und sammelten Dienstjahre. Als dann freilich der Monats- oder Quartalsbericht ein absolut negatives Ergebnis aufwies, wurde die Polizei mobil gemacht, und man forderte in den einzelnen Geschäften

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streng die Vorlage der Nummernzettel. Da wurde denn mit unschuldigster Miene die Nummer vorgelegt, lautend etwa     Nr. 35 000 – 10. Mai 1927 – 1 Uhr. Und die Behörde mußte andere Maßnahmen ersinnen.

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Abschied von Kowno Eines Tages war, obwohl es kein Sabbat war, in ganz Kowno keine Droschke zu haben. Der Oberrabbiner Schapiro1, der seinerzeit evakuiert worden war,2 war nach Öffnung der russischen Grenze infolge des Friedens von Brest-Litowsk heimgekehrt. Auf dem Bahnhof angelangt, ließ er in die Stadt mitteilen, daß er draußen auf der Station sei, und nun setzten sich sofort alle Wagen in Bewegung, alles strömte zur Bahn hinaus, um ihn unter den dem Rabbiner gebührenden Ehrenbezeugungen einzuholen. Es kamen nun allmählich alle die evakuierten Familien, die so lange jenseits der Kriegsgrenze festgehalten worden waren, zurück und überzeugten sich, was von ihrem Vermögen noch vorhanden war. Zurück kam auch der Führer der Zionisten, der prächtige Dr.  Schwarz, und die Stadt füllte sich mit neuen Gestalten. So erschloß sich für die Okkupanten die Möglichkeit, neue Eindrücke zu gewinnen, und ich freute mich recht mit dieser Tatsache. Aber meine Freude währte nicht lange; meine Tage in Kowno waren gezählt. Im Dienst war es nämlich recht ungemütlich geworden. Ludendorff war mit Hindenburg ins Große Hauptquartier nach dem Westen übersiedelt und hatte den Hauptmann Bertkau, auf den er große Stücke hielt, nachkommen lassen, um ihm die Leitung der Pressezentrale für den Westen in Brüssel zu übertragen. Das geschah im Dezember 1917. Sein Nachfolger, der Oberleutnant S., verstand es, in kürzester Zeit alle, die mit ihm in Berührung kamen, gründlich zu verärgern. Schon im Annoncenteil des „Almanachs der bösen Buben der Presseabteilung“, der zu Sylvester 1917 erschien, gab ein Ruf an Bertkau „Friedrich – kehre zurück, alles ist vergeben“, Zeugnis für die allgemeine Stimmung. Dieser Almanach, der prächtige 1 Avraham Dov-Ber Kahana Shapiro (1870 Kobryn – 1943 Kowno), der letzte Oberrabbiner Litauens. 2 Beim Rückzug der russ. Armee (Apr.-Okt. 1915) wurden Litauer, Letten, Juden, Polen und andere Minderheiten nach Russland zwangsevakuiert. Anfang Mai 1915 wurden innerhalb von zwei Wochen 150.000 Juden aus dem Distrikt Kowno vertrieben und insgesamt verloren zwischen 500.000 und 1 Million Juden ihre Heimstätte. Richard Bessel, Migration und Vertreibung. Von der Massenmigration zur Zwangsabschiebung. Zeitalter der Gewalt. Zur Geopolitik und Psychopolitik des Ersten Weltkrieges. Hg. Michel Geyer, Helmut Lethen, Lutz Musner. Campusverlag, Frankfurt-New York, 2015, 135–148.

Abschied von Kowno 

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Jüdische Familie

literarische Beiträge noch von Zweig, Kühl und dem inzwischen leider verstorbenen Guschmann enthielt – köstliche Kalenderverse –, war die letzte humoristische Großtat unserer Gesellschaft. Schon bei der Kaiser-Geburtstagsfeier war die Laune auf ein Minimum gesunken. Alle Intellektuellen hatten nur den einen Wunsch, möglichst rasch sich davonzumachen, und es setzte eine Massenflucht ein. Auch 5 ich sah mich nach etwas anderem um, und als eines Tages der Chef einen Krach mit mir provozierte, schrieb ich kurzer Hand an Bertkau. Dieser forderte mich umgehend dringend an, und so wurde ich nach Brüssel „in Marsch gesetzt“. Das geschah zu Pfingsten 1918, nachdem die Lexikonarbeit endlich erledigt war. Inzwischen hatte man in den Kreisen der Bevölkerung nach Brest-Litowsk 10 mit einem baldigen Abzug der Deutschen überhaupt zu rechnen begonnen. Noch

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einmal, an dem ersten Abend des Passahfestes, dem Sederabend, vereinte eine gewaltige Tafel in der Ludendorffküche etwa 600 jüdische Soldaten – darunter auch einige hundert russische Kriegsgefangene – unter Vorsitz von Dr. Rosenack mit den Damen und Herren der Kownoer Judenheit, welche diese Küche jahrelang ehrenamtlich geführt und den jüdischen Gästen aus Deutschland an jedem Feiertag reiche Bewirtung geboten hatten. Sie hatten regelmäßig ihre häusliche Feier aufgegeben, nur um diese Pflicht der Gastfreundschaft erfüllen zu können. Ich dachte etwas beschämt an die Aufnahme der russischen jüdischen Kriegsgefangenen in Deutschland. Hatte doch eine jüdische Gemeinde die Schamlosigkeit gehabt, einem verstorbenen Kriegsgefangenen das Grab auf dem jüdischen Friedhof zu verweigern. War doch zu Kriegsbeginn mein seliger Vater3, als er in Hannover sich der unschuldigen ausländischen armen Juden annahm, fast insultiert worden, und hatte doch der erste Vorsteher dieser Gemeinde, als ein altes, unbewohntes Gemeindehaus den Ärmsten als Notquartier zugewiesen werden sollte, erklärt: „Da sei Gott vor, daß wir unser Haus den Feinden einräumen!“ Hier im Osten ließ man sich durch vorübergehende Ereignisse nicht in seiner Menschlichkeit und in seinem Geiste beirren. Und die Gastfreundschaft galt nicht etwa nur den Juden, sondern jeder, der nur sich nicht abweisend zeigte, mußte sie empfinden. Ich weiß, wie in Kowno einfache Leute, wenn sie zu Festtagen Kuchen backen, regelmäßig die Kinder mit gefüllten Körben in das nächste Soldatenquartier schickten, um den fremden Soldaten, die fern von der Heimat so einsam waren, eine Freude zu bereiten. Aber bei aller Gastfreundschaft sah man dem Abzug der Okkupationstruppen begreiflicherweise doch mit einiger Freude entgegen. So war es denn etwas anzüglich, als der würdige Rabbiner Reb Nissen Karg in seiner Tischrede zum Thema das Wort wählte: „Gesegnet sei Dein Eingang – gesegnet sei auch Dein Ausgang! Dr. Rosenack aber brachte an jenem Abend unser aller Dankesgefühl zum Ausdruck, und als er in unserem Namen nicht nur, sondern im Namen der deutschen Behörde und der deutschen Allgemeinheit es aussprach, daß die ungeheure Güte und Gastfreundschaft, die die Deutschen hier im Osten erfahren, nie vergessen werden würde, ahnte wohl keiner von uns etwas von jener Ostjudenhetze und -verfolgung, mit der später diese Liebe vergolten werden sollte. Schließlich kam der Tag des endgültigen Abschieds, und als meine Droschke an der Konditorei Steinbach vorüberrollte, rief es: „Halt, Reb Leiser.“ Reb Leiser hielt an. Madame Steinbach und ihre Tochter nahten mit gewaltigen Mengen Proviant und Kuchen, die ich absolut als Abschiedsgabe annehmen musste. Adieu, Kowno! 3 Selig Gronemann war Landrabbiner der Bezirke Hannover und Lüneburg (1883–1918). S.  a. oben, S. 59, Fn. 10.

Einzug in Brüssel 

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Einzug in Brüssel Auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem ich meinen Dienst in Oberost angetreten hatte, meldete ich mich wieder im Ordonannzanzug in der Regentlaan 23 zu Brüssel beim Hauptmann Bertkau. Ich war nicht unangenehm überrascht, im Vorzimmer statt eines grimmigen Feldwebels ein schnippisches junges Mädchen zu treffen – aber noch erstaunter war ich, als ich dann im Zimmer des Chefs meine Meldung heruntergeschnurrt hatte: „Unteroffizier Gronemann von der Presseabteilung Oberost versetzt zur Pressezentrale West“ – wie der Hauptmann mich begrüßte: „Willkommen, Herr Rechtsanwalt! – Nehmen Sie Platz!“ Ich setzte mich verdutzt. „Ja – warum tragen Sie denn Uniform?“ fragte Bertkau amüsiert. Darauf hatte ich keine Antwort. „Sie sind ja jetzt Zivilist“, fuhr jener fort. „Unsere Pressezentrale ist eine Abteilung der Zivilverwaltung!“ Ich starrte mein Gegenüber einige Sekunden sprachlos an – dann hatte ich begriffen und rief: „Dann gestatten Sie, daß ich abrüste!“ – riß den Helm vom Haupt und schnallte die Koppel ab. Es war wirklich wahr! Meine glorreiche militärische Laufbahn, die im Juni 1915 in Rathenow begonnen, mich über den Einjährigenkurs in Brandenburg und noch einmal über Rathenow in den Schützengraben und dann über allerhand Lazarette zum Ersatzregiment in Fürstenwalde, von da nach Kowno geführt hatte, war plötzlich und überraschend zu Ende, ohne daß ich auf Derartiges gefaßt war oder hingearbeitet hatte. Meine soldatische Laufbahn nahm sich wirklich höchst kriegerisch aus. Die Kämpfe bei Smorgon freilich machten nicht viel aus, aber als Mitglied des Stabes gehörte ich einem kämpfenden Truppenteil an, und so hatte ich offiziell an sämtlichen Schlachten und kriegerischen Handlungen teilgenommen, die es 1916–18 im Osten überhaupt gegeben hatte. Das genügte meinem Ehrgeiz, selbst als das für mich längst beantragte eiserne Kreuz ausblieb, so auffallend es auch war, wenn jemand, der zwei Jahre nicht an der Front war, diese Dekoration nicht trug. Und nun erlebte ich andauernd neue Überraschungen. Ich wurde zu dem Geheimrat Duvrier geschickt, um über mein Gehalt zu verhandeln – „Gehalt“ statt der Unteroffizierslöhnung. Ich bekam ein nettes Gartenhaus als Dienstgebäude, das ich mir behaglich einrichten ließ, eine ausgezeichnete Spezialsekretärin, einen Hilfsarbeiter und in dem Drucker-Franzl aus München einen prächtigen Bürodiener. Ich hatte Telephon, und an der Tür meines Vorzimmers prangte mein Anwaltsschild. Dann fand ich eine reizende Etagenwohnung mit der Krone aller Stubenmädchen, Colette, die sich wie eine dem französischen Vaudeville1 entsprungene

1 Ein aus dem Pariser Jahrmarkttheater hervorgegangenes, frivol-satirisches, melodramatisch bis possenhaftes Komödiengenre.

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Soubrette2 ausnahm, bei prächtigen Wirtsleuten. Es war eine märchenhafte Wandlung meiner Verhältnisse, und nur über eins war ich noch im unklaren: was für eine Tätigkeit sollte ich nun eigentlich in meinen schönen Diensträumen, mit der schicken Sekretärin, dem braven Hilfsarbeiter, dem fleißigen Franzl ausüben, mit was für Akten meine funkelnagelneuen Regale, womit meine Dienststunden ausfüllen? Es fand sich Rat; der gescheite Dr. Bockwitz3, der das wundervolle PresseArchiv angelegt hatte und im Vordergebäude in seinem sehenswerten, mit PresseKuriositäten aller Angefüllten Museum saß, erschloß mir ein sehr interessantes Tätigkeitsgebiet, das im einzelnen zu schildern hier zu weit führen würde. Jedenfalls wurde in meinem Büro flott gearbeitet, und ich wurde Referent – mit eigenem Zeichnungsrecht, bitte sehr! – der neu eingerichteten „Nachdrucks-, Rechts- und Vertrags-Abteilung“  – nahm an allerlei Konferenzen und auch an der großen Mittwochs-Konferenz teil, zu der sich unter Vorsitz des Herrn Bertkau allerhand gewaltige Herren versammelten. Noch hatte ich mich nicht vollkommen wieder an die Zivilkleidung gewöhnt – noch steckte mir der preußische Drill in den Gliedern, und ich mußte mich zusammennehmen, um nicht vor irgendeiner der Uniformen plötzlich die berühmte „stramme Haltung“ anzunehmen. Also dieser Zirkel unterschied sich nach mehreren Richtungen merklich von dem Intellektuellenstammtisch in Kowno. Freilich gabs an dem einen Flügel, da wo die Herren von der Presse saßen – unter Führung des grimmen Wertheimer4 – allerhand sehr beachtliche Männer der Feder und Wissenschaft. Mit einer gewissen Genugtuung stellte ich fest, daß auch an diesem Flügel einer der Herren die Ehre der geistigen Arbeiter durch ein ins Auge geklemmtes Monokel zu vertreten wußte. Das war der Dr. Otto Ebstein5, der vor dem Kriege Pressevertreter in Paris gewesen war – und mutig dem funkelnden Einglas Stand hielt, das furchterregend am anderen Ende der Tafel den Erbprinzen von Ratibor6 zierte, den Prince pomme de terre oder Prince Potatibor, wie ihn, den Verpflegungskommissar, die Brüsseler nannten. Wie ich mir aber die feudale und arisch-reine Gesellschaft am oberen Ende der Hufeisentafel näher betrachte, da sitzt auf einmal zwischen all den feierlich-ernsthaften 2 Munter verschmitzte, der Colombina aus der Commedia dell’arte nachgebildete Frauenrolle einer Kammerzofe im Sprechtheater, die im Kontrast zur Primadonna der Oper steht. 3 Hans-Heinrich Bockwitz (1884 Waldheim – 1954 Leipzig), dt. Buchwissenschaftler, Papierhistoriker und Museumsdirektor, ab 1954 Professor für Buchwissenschaft an der Universität Leipzig. 4 Fritz Wertheimer (1884 Bruchsal  – 1968 Freiburg i.B.), dt. Journalist jüd. Abstammung. Im 1. WK Kriegsberichterstatter für die Frankfurter Zeitung und Verfasser zahlreicher Bücher über den Krieg, Generalsekretär des Deutschen Auslandinstituts (1918–1933). 5 Dr. Otto Ebstein, Journalist. Korrespondent der Neuen Freien Presse in Paris, in Brüssel Zensor. Gronemann, Erinnerungen Bd 2, Kap. XXXVII, 305  f. 6 Victor III. August Maria Herzog von Ratibor, Fürst Corvey, Prinz von Hohenlohe (1879–1945), dt. Jurist; von 1923 bis 1945 Sitz über das Herzogtum Ratibor.

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Rittern der Tafelrunde, neben dem Vorsitzenden, ein weibliches Wesen, und zwar ein recht angenehm anzusehendes junges Mädchen, das mir lächelnd zunickt und das überhaupt sich so vergnügt gebärdet, als ob die ganze hochansehnliche Versammlung eigens zum Zwecke ihrer Unterhaltung veranstaltet sei und in ihre Protokollführung so hineinschmunzelt, als ob sie sich nur alle Stilblüten und Dumm- 5 heiten, die etwa gemacht würden, zur späteren Wiedergabe in ihrem Kränzchen notieren wolle. Und wie ich mir unsere Klio7 näher ansehe, ist das doch Hansel Traub, für die ich Grüße aus Berlin habe. Und das war eigentlich das Erfreulichste an der ganzen Veranstaltung, und ich muß wahrheitsgemäß feststellen, daß einige der feudalen und feudalsten Herren ganz derselben Anschauung zu sein schienen. 10 Und – wenn nicht die Hansel Traub gewesen wäre oder vielmehr, wenn ich nicht, wie aus diesem Beispiel ersichtlich, an den unwahrscheinlichsten Orten und Gelegenheiten immer wieder auf jüdische Menschen und Dinge stoßen würde, hätte ich mit dem vorigen Kapitel meine Erinnerungen abschließen können. So aber habe ich noch einiges aus Brüssel zu berichten. 15

Allerhand jüdische Treffpunkte Es handelt sich nämlich nicht nur um Hansel Traub.  – Als ich im Café Metropole nach Tisch mit einem Unbekannten eine Partie Schach spielte, stellte es sich heraus, daß dieser Herr Leiter eines jiddischen Theaterunternehmens war, und als ich bei meinen pflichtschuldigen Antrittsvisiten zu Dr. Ebstein komme, sitzt 20 der verzweifelt vor einem ihm zur Zensur eingereichten jiddischen Manuskript. Also ich kam immer wieder in mein altes Interessenmilieu hinein. – Dem Dr. Ebstein konnte ich helfen, und so war ich bald als jiddischer Theaterzensor im Nebenamt vor und hinter den Kulissen der sehr üblen, aber gutgemeinten Liebhaberschmiere tätig. – Es war für mich eine erstaunliche Feststellung, daß 25 in Brüssel während der Okkupation sich eine große ostjüdische Kolonie gebildet hatte – hauptsächlich bestehend aus galizischen Flüchtlingen aus Antwerpen, die als feindliche Ausländer von den Belgiern ausgewiesen waren. Im Verkehr mit dieser Kolonie fand ich manche interessante Ergänzung meiner Erfahrungen im Osten. – 30 Von den belgischen Juden kann ich wenig berichten; sie hielten sich noch in größerem Maße vielleicht als die nicht-jüdischen Belgier von jeder näheren Beziehung mit den Deutschen fern, und ich schloß gerade aus ihrer pronociert kühlen und ablehnenden Haltung, daß sie sich ihrer Gleichberechtigung denn 7 Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung.

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doch nicht so ganz sicher fühlten und in Betätigung ihres Patriotismus „mehr als ihre Pflicht“ zu tun für angezeigt hielten. – Die große Synagoge machte im Innern keinen sympathischeren Eindruck als von außen. Innen war eigentlich auch alles „Fassade“. – Für die deutschen Juden gab es zwei Arten von Zentren. Im Hotel Boulevard fanden sich jeden Donnerstag abend mit dem Heer nach Brüssel verschlagene Herren und Damen ein. Es war im wesentlichen ein zwangloses geselliges, bisweilen durch Vorträge verschärftes Beisammensein auf der Grundlage gemeinsamer Langeweile. Die Vorträge behandelten das in so vielen jüdischen Vereinen beliebte Thema „…  und die Juden“ – also etwa Goethe und die Juden, Nietzsche und –, Noah und –, Buddha und die Juden – dieses Thema, das eben überall da geschätzt wird, wo jüdische Dinge wesentlich nur nach dem Eindruck nach außen hin gewertet werden.  – Ich machte, unterstützt besonders von einigen energischen weiblichen Mitgliedern der Gesellschaft, den Versuch, auch für positiv jüdische Themen ohne Kopula Interesse zu erwecken, und das gelang überraschend. Einen anderen Kreis aber fand ich, in dem keinerlei Vorstoß mehr nötig war, das war der Zirkel um Hansel Traub. Die hatte es verstanden, in ihrer hübschen Wohnung hinter dem Cinquantenaire für die deutschen Zionisten und Zionistinnen ein richtiges gemütliches Heim zu schaffen und ihr dankt es eine große Zahl von Akademikern zumal, daß sie aus der Öde ihres Kasernendaseins und dem Stumpfsinn des Kommisses sich in eine behagliche und geistige Atmosphäre zeitweise flüchten konnten. Sie bemutterte diese kleine Kolonie regelrecht – schützte die verwahrlosten Ehemänner einigermaßen vor Verwilderung, ließ keinen abgerissenen Knopf durchgehen, und Einkäufe ohne sie waren undenkbar – was aber ledig war, verlobte sich allmählich unter ihrem segensreichen Einfluß. Einer, glaube ich, blieb unverlobt, und den heiratete sie dann nach dem Frieden selbst. – Mit einigen Mitgliedern dieses Zirkels unternahm ich nun eine Expedition in die Bezirke der ostjüdischen Kolonie. Abgeschreckt von den Erfahrungen mit der Brüsseler Zivilbevölkerung hatte man sich noch nicht dorthin getraut. – Wir wurden aber auf das freundlichste empfangen und bald in dem Beth-Zion, dem zionistischen Klubhaus in der Nähe des gare du midi heimisch. – Ich wohnte dort einer Reihe sehr interessanter Diskussionen bei, und wenigstens von einer muß ich erzählen, weil sie mit dem, was sich daran knüpfte, charakteristischer für den ostjüdischen Radikalismus ist als irgend etwas, was ich im Osten selbst gesehen hatte.

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Ein Feind der Religion Auf der Tagesordnung stand das Thema: „Zionismus und Religion“. Der Referent und die meisten Diskussionsredner hatten ihren Standpunkt dahin präzisiert, daß die zionistische Bewegung als solche mit der religiösen Einstellung des einzelnen nichts zu tun hätte und daß bei aller selbstverständlichen Vermeidung von Verletzung der religiösen Gefühle Andersdenkender die Organisation nicht Stellung zu diesen Fragen zu nehmen habe. Diese Fragen seien ehrfurchtsvoll auszuschalten  – Religion sei Privatsache.  – Diese mehr bequeme als erschöpfende Erledigung des Problems wurde allgemein gebilligt, da erbat ein älterer Herr, Herr Grünstein, Mitglied der zionistischen Arbeiterpartei Poale-Zion, das Wort und führte aus: Er sei gegen die bisher vorgetragene Anschauung und gegen eine neutrale Haltung zur Religion. Er sei ein Gegner der Religion und speziell der jüdischen Religion. Wenn man Palästina aufbauen wolle, müsse man vor allem mit allen diesen Rückständigkeiten, diesem – Schmutz aufräumen. – Darob allgemeine Empörung, bis ein anderer Vertreter der Poale-Zion auftrat und erklärte, daß Herr Grünstein nicht im Namen seiner Partei gesprochen, sondern nur seine persönliche Ansicht kundgegeben habe. Grünstein bestätigte das, unterstrich aber seine Ansicht nochmals und erklärte: „Ich werde die Religion bekämpfen, so lange ich lebe.“ Ein solcher Radikalismus, eine derartig fanatische Feindschaft gegen die Religion ist, glaube ich, selbst in den assimiliertesten Kreisen des deutschen Judentums nicht denkbar, die ja auch fast durchweg nur indifferent sind. – Ich muß gestehen, daß auch mir dieser wilde Ausbruch zu denken gab. Einige Wochen später sah ich nun den Herrn Grünstein wieder – da, wo ich ihn am wenigsten vermutet hätte  – in der Synagoge. Am Simchath-Thorafest ging ich natürlich in die ostjüdische Schul, um an der schon geschilderten alten Freude dieses Tages teilzunehmen. Es war fast wie in Kowno – die Leute tanzten ekstatisch mit den Gesetzesrollen im Arm, die Kinder liefen mit Fähnchen herum, und es war lustig genug. Auf einmal erkenne ich Freund Grünstein, wie er, den Gebetmantel über den Kopf gezogen, mit Inbrunst eine mächtige Thorarolle an sich pressend, mit voller Hingabe sich am Umzug beteiligt. „Grünstein“, rufe ich ganz bestürzt, „was machen Sie hier?  – Machen Sie einen Demonstrationszug gegen die Religion?“ Er sieht mich verdutzt an. „Ach“, sagte er vergnügt, „Sie wollen mich verspotten! Was wollen Sie? Es ist doch eine jüdische Sache!“ Es kam noch anders. Die Thoravorlesung war zu Ende, und der Prophetenabschnitt wurde verlesen. Die Thorarollen hielten indessen einige Knaben – sorgfältig; denn wenn etwa

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eine Rolle hinfällt, gilt das als ein Unglück – der Schuldige oder, wenn es ein Kind ist, dessen Vater pflegt zur Strafe einen vollen Tag zu fasten. – Plötzlich schreit Grünstein einen von den Jungen an: „Gib acht – du Bengel! Du wirst noch die Thora fallen lassen!“ Er ist ganz erregt. Ich sehe ihn an: 5 „Und was stört Sie das, Herr Grünstein? – Sie halten doch nichts von solchen Sachen!“ „Ach!“ schreit er, „gewiß halte ich nichts davon! Aber es ist mein Sohn! Wenn er fallen läßt, muß ich fasten!“ Seitdem denke ich über den Radikalismus der Juden wesentlich ruhiger! 10

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Die hohen Festtage brachten allerhand Interessantes.  – Zum Versöhnungstage entdeckten allerhand Leute, von denen man es nicht gedacht hatte, ihr Judentum. Einer kam zu Dr. Ebstein und erkundigte sich angelegentlich, wann das Fest wäre. „Es ist das einzige, das ich halte“, setzte er hinzu. „Ich bin nämlich getauft!“ – Ein Wiener Herr in unserer Pressezentrale erzählte mir todernst, daß er das Fasten dieses Tages streng halte, und zwar in folgender Weise: Er esse am Vorabend sehr reichlich und nehme dann mehrere Schlafpulver, so daß er vierundzwanzig Stunden in einer Tour durchschlafe. Auch einen Soldatengottesdienst gab es, und es kam dazu ein Feldrabbiner. Mit diesen Herren bin ich im Westen wenig zusammengekommen. Sie hielten einmal eine Konferenz ab, die sich im wesentlichen damit befaßte, Vorschläge für eine regelmäßige jüdische Soldatenseelsorge auch für Friedenszeiten vorzubereiten. Nachdem das geschehen, vereinigten sie sich zu einer streng unrituellen Mahlzeit, an der sie fast vollzählig teilnahmen.  – Nun, am ersten Abend des Roschhaschonohfestes wurde im Anschluß an den Gottesdienst ein großes gemeinsames Essen, diesmal rituell, für die jüdischen Heeresangehörigen veranstaltet. Selbstverständlich hielten sich die Brüsseler eingeborenen Juden ausnahmslos fern, und ich dachte mit Wehmut an Kowno zurück und an unsere Gastfreunde dort. Es ging, dem Charakter des Festes entsprechend, ernst und ziemlich still zu. Damals, im Herbst 1918, war auch die allgemeine Stimmung eben nicht allzu freudig. Man empfand es dankbar, daß der Rabbiner außer einem Kaisertoast, dessen Ausbringung dem Betreffenden nicht wohl verweigert werden konnte, keine Tischrede halten ließ. Die Kaiserrede war übrigens in mancher Beziehung bemerkenswert, und sie prägte sich meinem Gedächtnis vielleicht infolge des bald danach geschehenen Zusammenbruchs der Monarchie beson-

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ders lebhaft ein. Es war durchaus nicht nur der sonst bei solchen Gelegenheiten oft übliche, rein konventionelle Trinkspruch, sondern rhetorisch und inhaltlich nahm die Rede ein anderes Niveau ein. Der Redner, Professor Goldstein1 aus Darmstadt, legte eine Art politischen und patriotischen Offenbarungseides ab. Er bekannte sich als enragierten Monarchisten und als glühenden Verehrer der Art und Persönlichkeit Wilhelms II. Es gab wohl wenige im Saale, welche die enthusiastische Verehrung des Kaisers in solchem Umfange teilten, aber wohl niemand verkannte, daß es eine rednerisch glänzende Leistung war, und die Freimütigkeit des Bekenntnisses zur dynastisch ergebenen Anschauung flößte jedenfalls auch den Andersgesinnten Achtung ein. Das halbe Jahr in Brüssel bot Interessantes genug, aber verhältnismäßig wenig, was gerade in den Rahmen dieser Blätter sich einfügen läßt. Von dem Gros der Bevölkerung durch eine von jenen streng gewahrte Demarkationslinie geschieden, wurde es uns Deutschen schwer, einen objektiven Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen und festzustellen, wie sich die Maßnahmen der Besatzungsbehörde auswirkten. Im allgemeinen bemühte man sich in der Zeit, in der ich in Brüssel war, nach Möglichkeit, die Gefühle der Bevölkerung zu schonen und ein erträglicheres Einvernehmen mit ihr herzustellen. Aber die Erbitterung war sehr groß, und die feindselige Haltung verschärfte sich eigentlich fortwährend. So fehlte es nicht an peinlichen Zwischenfällen, und man konnte als Deutscher, auch wenn man sich noch so zurückhaltend und taktvoll zu benehmen suchte, in unangenehme Situationen kommen; jedenfalls aber sah man nicht eine solche Not wie im Osten, und es fehlten auch in Brüssel alle jene Polizeimaßnahmen, durch welche die Bevölkerung dort gekränkt wurde. Es gab keine Polizeistunde, so daß die Bewohner sich auch nachts frei bewegen konnten. Von einem gesellschaftlichen Verkehr mit den sozial höherstehenden Schichten der Bevölkerung war keine Rede. Was aber keine belgische Propaganda verhindern konnte, war die Fühlungnahme eines großen Teiles der weiblichen Bevölkerung mit den Heeresangehörigen. Es gab unendlich viele Tanzstätten und Vergnügungsetablissements, und schließlich konnte man es den jungen Arbeiterinnen und Ladenmädchen nicht versagen, daß ihre Lebenslust größer war als ihre Neigung zu politischen Demonstrationen. Ein Herr vom deutschen Generalstab sagte ganz hübsch einmal: „Es ist möglich, daß wir Deutsche alles, was wir in Brüssel erobert haben, wieder herausgeben müssen, aber ein Erfolg bleibt sicher: alle kleinen Mädchen in Brüssel haben Deutsch gelernt.“

1 Julius Goldstein (1873–1929), dt. Soziologe, Kulturwissenschaftler und Philosoph jüd. Abstammung. Offizier im Ersten Weltkrieg, dann Pazifist.

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Als ich im Jahre 1906 zum erstenmal staunend den gigantischen Justizpalast besichtigte, ahnte ich noch nicht, daß ich einmal darin tätig sein würde. Ich beneidete damals die Brüsseler Advokaten darum, in einem so herrlichen Gebäude wirken zu können, nun aber sehnte ich mich neidvoll nach der Tätigkeit bei Kollegen in Berlin. Immerhin machte es mir doch Freude, als ich endlich einmal wieder beruflich tätig sein konnte und als ich in dem herrlichen Assisensaal des Justizpalastes plädierte. Das kam so: Im Sommer 1918 traten die belgischen Richter in einen Streik, dem sich natürlich die Advokaten anschlossen; so übernahm die deutsche Verwaltung auch diesen Teil der Justizpflege. Ich wurde zum Verteidiger eines belgischen Raubmörders bestellt, der sich vor dem deutschen Gericht zu verantworten hatten. Es war übrigens das einzige Kapitalverbrechen, das vor dem beruflichen Zivilgericht abgeurteilt wurde. Als ich im Gefängnis meinen Klienten aufsuchte, wurde mir ein Mensch von gewalttätigem Aussehen in das Verteidigungszimmer gebracht, der, ehe ich mich fassen konnte, meine beiden Hände mit seinen mörderischen Pranken packte und mit einem ungeheuren Wortschwall mich anflehte, ihn zu befreien; er begriffe nicht, daß man ihn wegen einer solchen Lappalie im Gefängnis behielte. Ich zog meine Hände sanft aus der Umschlingung seiner Pranken und bemerkte, daß ich in seiner Tat nicht eben eine Lappalie finden könnte. Darüber geriet er ganz außer sich, und es dauerte längere Zeit, bis ich seinem stark dialektisch gefärbten Französisch entnehmen konnte, daß er wegen irgendeiner Lebensmittelschiebung verhaftet und gar nicht mein Raubmörder war. Nachdem dann der Irrtum richtiggestellt war, wurde mir mein richtiger Klient gebracht, und das war ein flinker, zierlicher, junger Bursche, dem ich die grausame Tat – er hatte eine alte Frau zwischen seinen Händen erwürgt, – kaum zugetraut hätte. Der Staat wacht ja nun über keins seiner Monopole so eifersüchtig wie über das Monopol, Menschen umzubringen, und so war wenig Hoffnung für den jungen Mann. Aber er hatte noch Glück; denn bevor das Urteil gegen ihn vollstreckt werden konnte, kam der Zusammenbruch, und als alle Gefängnisse geöffnet wurden, wurde auch dieses „Opfer deutscher Justiz“ in Freiheit gesetzt. Die Verhandlung selbst bot manches Interessante, besonders interessierte mich aber der Zuhörerraum. Es stellte sich heraus, daß der Angeklagte ein sehr beliebtes und geschicktes Mitglied der Brüsseler Apachenzunft2 war, die denn den gewaltigen Saal bis zum letzten Platz füllte. Die Mitglieder dieser Gilde verstanden leidlich deutsch, mindestens flämisch und konnten meinem Plädoyer folgen. Die Folge war, daß ich in der Gegend der Rue Haute ziemlich populär

2 Gemeint sind Großstadtganoven. Vgl. Peter Panter (Kurt Tucholsky), Die Apachen, Vossische Zeitung (1. 2. 1925).

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wurde. Die Schwester meines Klienten, ein echtes Marollenmädchen 3, deutete mir an, daß, wenn ich den Wunsch hätte, irgend jemanden eine Tracht Prügel zukommen zu lassen, ich nur durch sie den Wunsch der zuständigen Stelle zu übermitteln hätte. Ich konnte von diesem Anerbieten, zumal die meisten etwa in Betracht kommenden Persönlichkeiten sich außerhalb des Vollstreckungsbezirks befanden, keinen Gebrauch machen und lehnte dankend ab. So schickte mir die Schwester ein sinniges Andenken in Gestalt – eines Dolches, als Brieföffner. Der Intellektuellenstammtisch fehlte mir, aber ich kam immerhin mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten zusammen, und was man an Ort und Stelle sah, gab Anregung genug zu interessanten Betrachtungen. Während ich im Bannkreise dessen stand, was ich bei den Ostjuden gesehen hatte, und auch hier so etwas wie den Zusammenstoß verschiedenartiger Kulturen beobachtete, wurden doch oft dieselben Themen behandelt wie in Kowno oder Bialystok. Besonders genußreich wurden Gespräche mit Carl Sternheim4. Sternheim hatte schon vor dem Kriege sich in La Hulpe bei Brüssel niedergelassen und dabei, wenn er heimischer Bürokratie und dem Militarismus entfliehen wollte, wenig prophetischen Blick bewiesen; denn beides war ihm nachgekommen und machte sich ihm jetzt erst recht fühlbar. Seltsamerweise wurde mir hier in Brüssel ein merkwürdiger Vorfall aus meiner Studentenzeit erst geklärt. Etwa 20 Jahre früher hatte eines Tages mein Vater mir einen kuriosen Brief gezeigt. Ein ihm wie mir unbekannter junger Mann schrieb ihm, daß er in sich eine innere Verwandtschaft mit Heinrich Heine verspüre und  – ohne weitere Anhaltspunkte zu haben  – überzeugt sei, daß er mit dem Dichter auch blutsverwandt sei; er bat meinen Vater, durch Nachforschungen auf den jüdischen Friedhöfen der zu seinem Bezirk gehörigen Gemeinden Hameln und Lüneburg und durch Einsichtnahme in die Bücher der Gemeinden der Sache nachzugehen. Mein Vater, der für genealogische Studien eine Vorliebe hatte,5 interessierte sich für die Angelegenheit und teilte mir erstaunt nach einigen Wochen mit, daß sich die Vermutung des jungen Mannes wirklich bestätigt hatte. Die Verwandtschaft des jungen Mannes mit der Familie von Geldern und damit also mit Heinrich Heines Mutter ließ sich leicht nachwei3 Name eines historischen Brüsseler Stadtviertels, in dem der Justizpalast steht und das im Mittelalter als Viertel für Leprakranke diente. Dieser nahmen sich die sog. Apostolinen-Schwestern an, auf die das Toponym Marolles zurückgeht (von Mariam Colentes, lat.: „die die Jungfrau Maria ehren“, später verkürzt zu Maricolles/Marikollen). 4 Carl Sternheim (1878 Leipzig – 1942 Brüssel), Dramatiker, der v.  a. für seine satirische Kritik der wilhelminischen Bürgertums bekannt ist. Für Gronemann war er der „bedeutendste Satiriker und Komödienschreiber seiner Zeit.“ GKG, Bd 1, XXf. 5 Selig Gronemann, Genealogische Studien über die alten jüdischen Familien Hannovers im Auftrage der Direktion des Wohltätigkeitsvereins (Chewra kadischa) der Synagogengemeinde Hannover an der Hand der Inschriften des alten Friedhofes, Berlin 1913.

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sen. Jetzt brachte mir Carl Sternheim eines Tages den betreffenden Brief meines Vaters, und es stellte sich heraus, daß er mit jenem Briefschreiber identisch war.

Der Zusammenbruch 5 Als die erste Nachricht vom Zusammenbruch an uns gelangte, war ich denn doch,

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trotz aller bösen Aussichten der letzten Monate, wie vor den Kopf geschlagen. Wir saßen zu vieren im Zimmer von Bockwitz und lasen die verhängnisvolle Geheimdepesche, die den schleunigen Abbau unserer Ämter verfügte. Ganz bestürzt ging ich durch das Museum und den Lesesaal hinaus, um erst einmal meine Gedanken zu sammeln. Im Lesesaal hielt mich ein Kriegsgerichtsrat, Kollege M. aus Berlin, fest. Er saß über der Karte von Flandern und wollte mir zeigen, welche absolut lebenswichtigen Gebiete wir unter allen Umständen behalten müßten. Ich mag ihn kurios genug angesehen haben, sagte aber natürlich nichts. Sehr viele Annexionisten gab es wohl damals in Brüssel nicht mehr. Nun begann eine neue Art von Tätigkeit für mich. In unserer Abteilung wie in allen anderen wurde gepackt, und wichtige mit Akten gefüllte Kisten türmten sich und lagen auf den Abtransport harrend, in den Gängen. Ich erhielt einen Spezialauftrag, nämlich all das zum Mitnehmen nicht geeignete Material, das aber auch nicht den Feinden in die Hände kommen sollte, zu vernichten. Von zwei Ordonnanzen gefolgt, die einen mächtigen Korb trugen, wanderte ich von Raum zu Raum, um das aussortierte Material einzusammeln. Das meiste wanderte zum Einstampfen – aber vieles ließ ich unter meiner persönlichen Aufsicht in dem Ofen der Zentralheizung im Feuer aufgehen, und da dieser nicht ausreichte, errichtete ich im Hofe große Scheiterhaufen. So wurde aus der von dem Gouvernement so geförderten flämischen Einheitsbewegung eine Einheizbewegung. Ich stieß auf kuriose Dinge. Da waren zum Beispiel die lyrisch-schwärmerischen Ergüsse einer belgischen Jungfrau an Kaiser Wilhelm, die, säuberlich mit Eingangsnummern versehen und registriert, Bestandteil der Akten geworden waren. Es wäre dem verliebten Dämchen wohl übel bekommen, wenn eines Tages ein belgischer Aktenschnüffler diese Lyrik entdeckt hätte.  – Noch kurioser war es mir, als ich auf einen großen Stapel von Exemplaren der „Alraune“ von H. H. Ewers1 stieß, die auch konfisziert waren. Ich fragte den Chef, ob die

1 Phantastischer Roman von Hanns Heinz Ewers (1871 Düsseldorf – 1943 Berlin), der 1897 für Unzucht, sprich Homosexualität, verurteilte Schriftsteller, später auch Filmemacher und Kabarettist, der in diesem Roman seine Hafterinnerungen verarbeitet.

Der Zusammenbruch 

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Bücher nicht liegenbleiben könnten, und als das kategorisch verneint wurde, ob ich dann die Exemplare des Romanes nicht an unsere Damen verteilen könnte. „Der Vorschlag ist zynisch“, meinte Hauptmann Bertkau, und so erlebte auch die „Alraune“ ihr Autodafé. – Ewers hat sich mit einer Photographie dieses Vorganges später sehr gefreut und noch mehr über meine Erzählung von dem Grunde der 5 Beschlagnahme. Den zu entdecken, hat mir viel Mühe gemacht. Die Zensur durfte nämlich Bücher nur aus politischen oder militärischen Gründen verbieten. Lange konnte ich nicht ergründen, was für militärisch oder politisch gefährliche Stellen in dem Roman enthalten wären. Endlich erfuhr ich es: das Buch war politisch im höchsten Grade bedenklich! 10 Die Alraune verdankt ihre Entstehung bekanntlich nicht der allgemein üblichen beliebten Methode, sondern ist ein Produkt künstlicher Zeugung. Wenn das Buch der Entente in die Hände fallen würde, also ging die Deduktion, könnte man drüben annehmen, daß die Bevölkerung in Deutschland so zurückginge, daß man schon zu solchen Mitteln zu greifen sich veranlaßt sehe. 15

Heimkehr Es kam der 9. November. Die Revolution1 fand um 12 ½ Uhr pünktlich wie angesagt statt. Um 12 Uhr noch war der feierliche Aufzug der Wache vor dem Gouvernementsgebäude, nach dem, wie stets, die Militärkapelle vier Stücke aufspielte – man promenierte während des Konzertes in dem für die Zivilbevölkerung streng 20 gesperrten Teil der Rue de la loi – um 12 ¼ Uhr versammelten sich die Herren Offiziere im großen Saal zur Empfangnahme einer Botschaft des Generalfeldmarschalls – um 12 ½ Uhr wurde die Sperre der Straße für die Brüsseler aufgehoben – dann wurde die rote Fahne gehißt, und der Soldatenrat unter Vorsitz des Dr. Freund2 übernahm das Regiment. 25 Den Sonntag nachmittag herrschte ausgelassenes, beinahe karnevalistisches Treiben in der Stadt. Erst am Abend kam es zu kleinen Unruhen – die Zeitungskioske an der Börse gingen in Flammen auf, und es fielen einige Schüsse. Am nächsten Tage wurde es ungemütlicher; der ausgezeichnet arbeitende Soldatenrat aber 1 Die Novemberrevolution von 1918, die zum Sturz der Monarchie und zum Beginn der Weimarer Republik führte. 2 Die Gründung des „Zentral-Soldaten-Rates“ Brüssel erfolgte am 10. November unter der Leitung von Hugo Freund, einem Mitglied der SPD und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USDP). Hierzu Der deutsche Soldatenrat von Brüssel im November 1918: Dossier auf der Grundlage von Tim Joosens flämisch-sprachigen Buch „1918–1923: Revolutie in Duitsland“ (2018).

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 Hawdoloh und Zapfenstreich

im Verein mit einigen besonnenen Bürgern sorgte für Ordnung, und so ging der Abzug der Truppen in den nächsten Tagen verhältnismäßig ruhig vor sich, wenn es auch hier und da Schießereien gab und ein paar Versuche, sich des Bahnhofs zu bemächtigen, abgeschlagen werden mußten. Bis Montag gegen Abend wußte kein Mensch in Brüssel, was eigentlich in Berlin vor sich ging und ob der Waffenstillstand geschlossen sei. Erst um diese Zeit gelang es mir, mit Aachen eine Verbindung zu bekommen und zu erfahren, daß Deutschland eine Republik und der Waffenstillstand perfekt sei. Die Mitteilung wurde gleich dem Soldatenrat weitergegeben und dann publiziert. Jeder von uns versuchte nun auf eigene Faust den Heimweg. Mir gelang es am Mittwoch, in einen überfüllten Zug zu schlüpfen, nachdem ich von meinen Wirtsleuten mich freundlich verabschiedet hatte. Selbst Colette winkte mir freundlich nach, wenn sie auch mich schon Tage vorher durch Aufhängen der Tricolore im Badezimmer, wie sie meinte, furchtbar geärgert hatte. Zusammen mit Ebstein – und nach einer an Zwischenfällen reichen Fahrt – kam ich dann am Sonntag, den 17. November, auf deutschem Boden in Düsseldorf an. Das letzte Bild, das ich in Brüssel sah, war der Einzug eines Infanteriebataillons in Gruppenkolonnen im Schritt und Tritt  – der Hauptmann zu Roß vorne weg – die Musik spielte die Wacht am Rhein, und die Leute zogen so ruhig und sicher daher, als gäbe es keine Revolution und als hätte sich seit 1914 nichts geändert. Alle, Belgier und Deutsche, ließen den Zug in Ruhe passieren; in all dem Tumult und der Kopflosigkeit des Treibens am Bahnhof wirkte die bloße Erscheinung der Kolonne erfreulich und beruhigend. Ich bin überzeugt, der Hauptmann hat seine Leute in Frieden und Ordnung nach Hause gebracht.

Nachwort

Habe ich nun nicht recht gehabt mit meiner Warnung – Ihr, die Ihr mich zu dieser Niederschrift gedrängt habt? Ich habe nachgegeben, weil ich doch glaubte und glaube, daß es schade wäre, wenn all die kleinen Geschichten, die ich erlebt oder gesehen habe, mir im Trubel dieser wilden Zeit aus dem Gedächtnis entschwän30 den. Von dem, was ich bei den Brüdern im Osten gesehen habe, wollte ich sprechen, es sind aber viele andere Dinge dazwischengeraten – es ist eine ziemlich konfuse Angelegenheit geworden. Nichtdazugehöriges hat sich eingeschlichen, und viel Bedeutsames fehlt. – Es ist vielleicht kein rechtes Buch, sondern eher Material zu einem Buch. – Wie gern möchte ich dieses Buch einmal schreiben – in gehöriger Muße – drüben in Haifa auf der Veranda eines Häuschens am Berghang 35 des Karmel sitzend – mit dem Blick über die Stadt hinauf das blaue Meer. – – Ein

Nachwort 

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großer weißer Dampfer wendet langsam im Hafen, und auf der Straße zieht eine Schar von Gästen aus Europa heran, gerade auf mein Haus zu – um rechtzeitig abzubiegen – zur Einsiedelei von Hermann Struck! Vielleicht wird mir dann der Sinn alles dessen aufgehen, was ich in der Fremde gesehen habe  – vielleicht geht uns allen, geht dem deutschen Volke, geht der Menschheit dort in Palästina die Lösung des großen Rätsels Jude auf, an dem nun seit Tausenden von Jahren herumgeraten wird, von Nichtjuden und von Israeliten, von den Bekennern mosaischer Konfession und von den respektive Staatsbürgern jüdischen Glaubens – nur nicht von den Juden, den echten Juden – denen im Beth-Hamidrasch. – Die grübeln über allen möglichen Problemen und Rätseln, nur nicht über dem größten. Das scheint ihnen keines zu sein – nicht etwa in der bequemen Weise unserer „Gläubigen“ aller Konfessionen – denen ein freundliches Dogma gegen kein beschwerlicheres Opfer als das des Intellekts alle Unbehaglichkeiten erspart. Sie scheinen keine Gläubigen zu sein, sondern Wissende. Aber es ist ein Wissen, das nicht durch das Hamstern von Kenntnissen erlangt werden kann. Wissende sind sie! Sie wissen vielleicht nicht, welchen Weg sie gehen und zu welchem Ziele – aber sie wissen, daß sie auf dem Wege sind und in sicherer Führung wandern. Und was rechts und links vom Wege geschieht, kümmert sie nicht, kaum, daß sie einen Blick hinwerfen – kaum, daß sie ausweichen, wenn ein grober Flegel, der den Weg nicht kennt, querfeldein stolpernd sie bedrängt. – Sie gehen geruhig ihren Weg. Ich habe gewarnt! Man wird aus diesen Blättern nichts gelernt haben über den Weg und über die Wandernden, aber vielleicht geht es manchem wie mir, der ich etwas von dem Ungeheuren ahne, das dort im Osten steckt – von den Schätzen, die da ungehoben liegen  – von jenem uns so unerreichbar und unfaßbar scheinenden Glück, das jene besitzen, das wir vielleicht einmal besessen haben und dessen einst alle Welt teilhaftig werden soll. Dieses Glück heißt: Unabhängig sein von den Geschehnissen des Tages, zu wissen: es kann mir nichts geschehen! Wir alle haben es an unserer Umwelt und an uns selbst in den letzten Jahren erlebt: Eine Fanfare ertönt, und alle unsere Moralbegriffe, unsere Anschauung von Gut und Böse, von Recht und Unrecht – fallen über den Haufen. Friedliche Bürger brennen von Mordlust, Priester segnen die zum Töten Ausziehenden, landfremde Flüchtlinge als Feinde zu behandeln, gilt als Tugend. – – Wir sind Kulturmenschen nur auf Widerruf und auf Zeit. Alle unsere Moral, unsere Religion, unser ganzer Sittenkodex behält nur unter gewissen Bedingungen Geltung. – Es gibt nichts Bleibendes, nichts Unabänderliches in uns und für uns. – Wir schwanken in jedem Wind – werden von jeder Strömung mitgerissen – nichts Ewiges ist da – nichts Heiliges – nichts, das stärker ist als alles Zeitliche!

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 Hawdoloh und Zapfenstreich

Wenn wir erkannt haben werden, was die Stärke jener Menschen im Osten ist – wenn wir erkannt haben werden, was im alten Judentum ruht: der ewige Geist, verkörpert in jener heiligen Rolle, in der Thora, dann werden wir wissen gleich jenen, das Ewige vom Vergänglichen, das Wesentliche vom Unwesentli5 chen zu scheiden. – Mit den Worten der Hawdoloh1:

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zu unterscheiden z wischen Heiligem und Unheiligem zwischen Licht und Finsternis … lehawdil bejn kaudesch lechaul bejn aur lechauschech …

1 Das Zitat aus dem Hawdalah-Gebet (hier in aschkenasischer Aussprache) setzt vor der zu Eingang des Buches im Gedicht Heines zitierten Szene an. Der vollständige Text wird über einem Becher Wein, einer mehrdochtigen Kerze sowie Kräutern gesprochen und lautet: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du unterschieden zwischen Heiligem und Unheiligem, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und den Völkern, zwischen dem siebenten Tag und den sechs Tagen der Arbeit. Gelobt seist du, Ewiger, der unterschieden zwischen Heiligem und Unheiligem. (Man setzt sich, trinkt den größten Teil vom Inhalt des Bechers und schüttet den Rest aus, um damit das Licht auszulöschen.)“ Selig Bamberger, Siddur Sephat Emeth. Frankfurt a.M. 1922, 198.

Anhang

Materialien „Kol Mewasser“ Ein Flugblatt der obersten Heeresleitung1 Karikatur des Zaren-Aufrufs „An meine lieben Juden“2   Der Zar auf dem Kischinewer Friedhof3   Von schwerem Unglück stark getroffen,   ganz zerbrochen, unzufrieden,   kommt der Zar im Talit Kittel4   zu seinen lieben, guten Juden.   Eingeschüchtert und gebeugt   auf dem grossen Friedhof   steht der Zar in tiefem Kummer   und erzählt von seinen Sorgen.   In grosser Not bin ich, Juden!   Helft mir! – Betet um Erbarmen für mich! 1 Übersetzung des auf S. 30 abgebildeten jiddisch-hebräischen Flugblattes. 2 Der Name des Flugblattes (Kol Mewasser, hebr. Stimme des Boten) verweist auf die gleichnamige jiddische Beilage der hebräischen Wochenschrift Hamelitz (Odessa, 1862  – 1873). Die Karikatur ist eine Satire auf den Aufruf des Zaren Nikolai II. an die jüdische Bevölkerung Russlands im Jahre 1914: „Der Zar hat ‚an seine lieben Juden‘ in russischer und jiddischer Sprache eine Proklamation erlassen, in der er sie an all die Wohltaten erinnert, die sie in Rußland und ganz besonders vom Hause Romanow empfangen haben. Im Hinblick auf diese Wohltaten fordert er sie auf, sich freiwillig zum Militärdienst zu stellen. Zum Lohne wird den Juden eine Erweiterung des Ansiedlungsrayon versprochen. […] Die Proklamation des Zaren hat überall nur die eine Wirkung gehabt: sie ist den Juden als ein neuer Schimpf erschienen, den der Zar ihnen antut.“ Jüdische Rundschau, 14. 8. 1914, 1  f. 3 Vgl. oben, S. 30. Zar Nikolai  II. steht auf dem jüdischen Friedhof von Kischinew, inmitten der Gräber der Opfer des berüchtigtsten, unter seiner Regierung geförderten Pogrom. Gronemann literarisierte ihn in Tohuwabohu (GKG, Bd 2, Kap. Pogrom). Übersetzung des Gedichts: Hanni Mittelmann und Jan Kühne. 4 Der jiddische kitl ist ein dünner weißer Mantel, in dem nach aschkenasischen Brauch Tote begraben werden. Er wird bereits an Feiertagen wie Jom Kippur oder Rosh Hashanah von verheirateten orthodoxen Männern getragen. Der Gebetsüberhang Tallit wird Toten über den kitl angelegt, danach werden dessen Quasten (Zizit) abgeschnitten. https://doi.org/10.1515/9783110629354-006

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  Gedenkt der Wohltaten, gedenkt der Güte!   Sagt mir, an was fehlt’s euch hier!   Still und ruhig liegt ein Jeder,   Schön und ehrenvoll sieht’s aus! 5   Ich hab für euch gesorgt im Leben  …   Nun betet bitte Ihr für mich, helft mir heraus!  …

Der Aufruf der Obersten Leitung der verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen an die Juden (Hebräisch und Jiddisch) An die Juden in Polen5 10 Die glorreichen Siegermächte der verbündeten Königreiche Mitteleuropas,

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Deutschlands und Österreich-Ungarns sind in Polen angekommen. Die russische Tyrannei floh behend, sie rannte um ihr Leben, um sich vor den Angriffen unserer Soldaten in Sicherheit zu bringen, denen kein Mensch vermag zu widerstehen. Unsere Fahnen bringen Euch Recht und Freiheit: absolute bürgerliche Gleichberechtigung, Religions- und Sittenfreiheit, Unabhängigkeit und Schaffensfreiheit, sowie Verdienst in allen Berufen der Wirtschaft und Kultur, nur zu Eurem Wohl. Zu lange stöhntet ihr unter den Bedrängnissen des eisernen Jochs von Moskau, und nun sehet, wir kommen zu Euch als Freund. Die grausame Fremdherrschaft wurde zerschlagen, nun beginnt eine neue Epoche in Polen. Mit all unserer Macht schaffen wir eine Schutzzone und werden Feste der Erlösung allen Landesbewohnern. Jüdische Gleichberechtigung wird in den Grundgesetzen verankert werden. Lasst Euch nicht durch falsche Versprechen irreführen, wie es Euch schon so oft geschehen! Schon im Jahre 1905 hatte Euch der Zar Gleichberechtigung versprochen. Wie aber hat er gehalten, was er mit der ganzen Macht des Herrschers verkündete? Erinnert Euch der furchtbaren Vertreibungen und des Massenexils Eurer Brüder!

5 Übersetzung aus dem Hebräischen, unter Berücksichtigung der jidd. Version: Jan Kühne.

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Erinnert Euch an Kischinew, an Homel, an Bialystok, an Siedlce, und noch hundert andere Blut-Pogrome!6 Erinnert Euch an die Beilis-Affäre7 und die immer wiederkehrenden Anstrengungen der Regierung, im Volk die verachtenden Ritualmordlegenden am Leben zu erhalten! 5 Auf diese Art hat der Zar in der Stunde der Not mit all seiner Macht sein Versprechen gehalten. Auch diesmal kommt seine Stunde der Not! Das ist der Grund für dieses Versprechen. Eure heilige Pflicht ist es nun, Euch anzustrengen, um mit all Eurer Kraft die 10 Befreiung zu unterstützen. Alle Kräfte des Volkes! Eure Jungen, Eure Gemeinden, Eure Verbündeten müssen sich gemeinsam als ein Mann zur Unterstützung der heiligen Sache erheben! Wendet Euch mit ganzem Herzen an unsere Heeressoldaten in Eurer nächsten 15 Umgebung! Für jede gelieferte Ware wird gutes Geld gezahlt. Bereitet den Weg für die Niederlage des Feindes, zum absoluten Sieg von Freiheit und Gerechtigkeit! Die oberste Leitung der Armeen Deutschlands und Österreich-Ungarns.

6 Hierzu der Bericht der zur Erforschung dieser Pogrome unter der Kommission von Leo Motzkin: Die Judenpogrome in Russland, Köln u. Leipzig 1909. S.  a. Jeffrey Kopstein u. Jason Wittenberg, Pogrom, EJGK, Bd 4, 572–575. 7 Russischer Ritualmordprozess gegen den Kiewer Juden Menachem Mendel Beilis, der aufgrund seiner offensichtlich pol. Instrumentalisierung europaweit für Empörung sorgte. S.  a.: Sammy Gronemann, Rußland ein Kulturstaat!! Der Beilis-Prozeß ein schwebendes Verfahren! Jüdische Rundschau 45, 7. 11. 1913.

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Aus dem Almanach der Bösen Buben der Presseabteilung „Die Presseabteilung beim Oberbefehlshaber Ost war für frontungeeignete aber schöpferische Geister, die sich hier immer mehr zusammenfanden, in dieser eigenartig bunten Umwelt zwischen den östlichen Fremdvölkern ohne Zweifel eins der bedeutsamsten Kriegsunterschlupfe“, schreibt Hans Frentz in seinem Buch Künstler im Kriege.1 Die Literaten der Presseabteilung produzierten reichlich autobiografisch inspirierte Kriegsliteratur,2 doch Hawdoloh und Zapfenstreich ist das einzige Werk, das dieses Milieu nicht nur umfassend beschreibt, sondern auch auf den Almanach der bösen Buben der Presseabteilung eingehend verweist und aus ihm zitiert. Dieser Almanach erschien zu Sylvester 1917 und „war die letzte humoristische Großtat unserer Gesellschaft“, so Gronemann.3 Er enthält „prächtige literarische Beiträge noch von Zweig, Kühl und dem inzwischen leider verstorbenen Guschmann“4, doch weder die Autoren der jeweiligen Texte noch die Namen der von Magnus Zeller, Karl Schmidt-Rottluff und Hermann Struck abgebildeten Personen sind gekennzeichnet.5 Aufgrund der idiosynkratischen Merkmale von Gronemanns Stil, beispielsweise der häufige Spiegelstrich und die Tendenz zur dialogischen Dramatisierung, sowie aufgrund der Hinweise, die in Hawdoloh und Zapfenstreich zu finden sind, war es möglich, vier Texte Gronemanns im Almanach zu identifizieren und diesem Band hinzuzufügen: Allerlei aus der Registratur, Ein Blick hinter die Kulissen, Kühl hält Vortrag und Die beiden Pole. Sie werden im Anschluss kommentiert wiedergegeben.6 1 Hans Frentz, Über den Zeiten: Künstler im Kriege, Freiburg 1931, 7. Alle folgenden Kommentartexte sind von Jan Kühne. 2 Bspw. Arnold Zweig, Herbert Eulenberg und Richard Dehmel. Hierzu: Eva Edelmann-Ohler, Deutsch-jüdische Literatur und Erster Weltkrieg. Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur. Hg. Hans Otto Horch. Boston/Berlin 2016, 151–63. 3 Von der vorausgegangenen Weihnachtsfeier der Presseabteilung und des Buchprüfungsamtes beim Oberbefehlshaber Ost am 29. 12. 17 existiert ein Programmblatt, in dem die Festfolge aufgeführt ist. Die „Feier begann um ‚8 Uhr Abends‘, es wurde gespeist und gesungen. Dazu kommt „Vaterländischer Unterricht“ des Unteroffiziers Gronemann.“ Ingo Hugger, Art. Nr. 8785 in Antiquariat Cassiodor Gauting. http://cassiodor.com/Artikel/8785.aspx (6. 6. 2019). 4 Oben, S. 164. 5 Aus diesem Grunde konnten bisher nicht alle Urheberrechte eruiert werden. Der Herausgeber kommt entsprechenden Ansprüchen gern nachträglich entgegen. Eine Version, in der die Portraits gekennzeichnet sind, liegt derzeit vor bei Hugger, wie Fn. 3. 6 Ich zitiere, dank der freundlichen und zuvorkommenden Hilfe von Irina Renz, aus dem Exemplar der Württembergischen Landesbibliothek (BfZ-Archiv, Sign. 67b/90001). Der Almanach ist nicht paginiert. Meine Seitenangaben zählen das Deckblatt des Einbandes als erstes Blatt. Weitere Exemplare befinden sich im Literaturarchiv Marbach Stuttgart und in der Deutschen Nationalbibliothek. Die Reihenfolge wurde geändert.

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Gronemann tritt auch in Texten anderer Autoren des Almanachs auf. Beispielsweise verzeichnet die Chronik des Almanach, die das Jahr 1917 rekapituliert, Gronemann als „Rechtsanwalt Kalauer“ oder als „bekannter Rechtsanwalt“, dessen wiederholte Reisen nach Warschau mit Datum verzeichnet sind. So am 8. Februar: „Reise eines bekannten Rechtsanwalts nach Warschau“, oder wiederum am 28. März: „Reise eines bekannten Rechtsanwalts nach Warschau.“ Zwei Tage später, am 30. März heißt es lakonisch: „Der Rechtsanwalt kehrt zerbrochen zurück. Er hatte Warschau mit Kalau verwechselt.“ Am 1.  April wird vermerkt: „Das Lexikon ist fertig. Der Rechtsanwalt ist krank. Er weiss keinen neuen Kalauer.“ Gemeint ist das von Gronemann erwähnte Sieben-Sprachen Wörterbuch, von dem am Ende dieses Kapitels noch einmal die Rede sein wird. Am 2. Juni vermerkt die Chronik wiederum trocken: „Reise eines bekannten Rechtsanwalts nach Warschau.“ Im parodischen Annoncenteil des Almanachs findet sich zudem folgende, letzte Anzeige:

Jeden Prozess umsonst

führe ich demjenigen, der mir zu einer Warschauer Reise verhilft. Kalauer, Rechtsanwalt Wir liegen richtig in der Annahme, dass diese häufigen Reisen der Wilnaer Truppe galten7 – eine Beziehung, auf die im Kommentarteil Zur Wilnaer Truppe näher eingegangen wird. Ein Großteil von Magnus Zellers Zeichnungen, mit denen Hawdoloh und Zapfenstreich im Jahre 1924 veröffentlicht wurde, sind aus dem Almanach. Gronemanns Erinnerungen liefern einen Schlüssel zu dieser für jenen Kontext einzigartigen künstlerischen Kollaboration. Gleichermaßen kann der Almanach zur Illustration von Gronemanns Erinnerungen an die Presseabteilung herangezogen werden. Neben den Zeichnungen Zellers haben auch Struck und vor allem Schmidt-Rottluff den Almanach illustriert. Letzterer liefert ein weiteres Portrait Gronemanns (s. Abbildung 4), der im Profil, oben links, mit Brille und Zigarette zu sehen ist.8 Man beachte die darunter abgebildeten Gänse, die auf eine Anekdote aus Hawdoloh und Zapfenstreich anspielen,9 deren ursprüngliche, dialogische Originalfassung im Folgenden wiedergegeben wird. Der in der Mitte unten 7 Vgl. oben, S. 118. 8 Almanach, S.  11. S.  a. oben, S. 41. Dank der Württembergischen Landesbibliothek für die Abbildung. 9 Oben, Seite 96.

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Abb. 4: Die März-Illustration von Karl Schmidt-Rotluff im Almanach der Bösen Buben der Presseabteilung, mit Gronemann-Profil.

abgebildete Buchtitel „Fremdvölker Russlands“  – ein Hinweis auf die Liga der Fremdvölker Russlands10 – wird von Gronemann in Bezug auf das Sieben-Sprachen-Wörterbuch aufgegriffen, wie im Folgenden zu sehen sein wird.

10 Die Liga der Fremdvölker Rußlands wurde 1916 als neutrale Organisation gegründet, vorgeblich gegen die deutschen Annexionen russischer Gebiete, jedoch mit verdeckter deutscher Hilfe für die Befreiung nicht-russischer Völker des Zarenreichs wirkend.

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Allerlei aus der Registratur.1 „Herr Leutnant,“ stürmte aufgeregt ohne anzuklopfen die Ordonnanz ins Zimmer, „eben geht —“ „Machen Sie, dass Sie raus kommen, Mensch!“ rief hochrot der Offizier. „Klopfen Sie an, wie sichs gehört, und benehmen Sie sich militärisch.“ Die Ordonnanz wollte noch etwas sagen, verschwand aber schleunigst unter dem zornigen Blick des Vorgesetzten. — „Herein!“ rief der Offizier befriedigt, eine längere Pause zwischen Klopfen und Antwort lassend, „warten Sie jetzt, bis Sie gefragt werden! Stehen Sie stramm! – „Herr Leutnant – ich – Sie“ „Halt! Ist das eine Meldung? Wann werdet Ihr hier endlich Soldaten werden! Uebrigens: Ist es eine Sache des Dezernats oder eine Personalangelegenheit? Um was handelt es sich?“ „Es handelt sich um die — die —“ „Aha! Wieder eine Helferinnensache! — Ruhig Mensch! — Diese Meldungen sind, wie ich zehnmal befohlen habe, schriftlich zu erstatten.“ „Aber, Herr Leutnant!“ „Wollen Sie widersprechen? — Immer hübsch dienstlich und korrekt! Immer ruhig! Also schriftlich, verstanden?“ „Zu Befehl, Herr Leutnant!“ Eine Viertelstunde später empfing der Leutnant folgende Meldung: „Melde gehorsamst, dass eben ein fremder Soldat mit der Gans des Herrn Leutnants aus dem Hof gegangen ist.“

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Ein Blick hinter die Kulissen.1 In dem hallenden Fürstenzimmer sitzt Arnold am Tisch. Auf der weiten weissen Fläche liegen in wütendem Kampf miteinander Marmeladendose und dicke Bücher, plebejisches Kanzleipapier und zart vergilbtes Bütten. Tintenfässer 25 und Broschüren, japanische Netsukes und jüdische Bronzeleuchter, ein riesiges Papierschwert von einem kupfernen Granatring, Aschbecher und Schreibzeug, von Arnolds Meisterhand verzierte Vasen mit frischen Blumen, Schere, Kleistertopf und Butterstullen — kurz, das Chaos, aus dem die tanzenden Sterne geboren werden. 30 1 Vgl. oben, S. 96. Almanach, 6. 1 Vgl. oben, S. 130 und S. 158. Almanach, 24.

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Ein Mäuschen sitzt auf dem Rand der Holzkiste am Ofen, schaut verwundert aus seinen runden Aeuglein auf die Szene und stenographiert nach: Arnold hat beschriebene Papierfetzen — was, Papier? Russisches Bütten! — in der Hand und liest. Er strahlt. Die scharfe Nase sticht immer tiefer in die Blätter. Mit jeder Seite mehren sich die Ausrufe: „Gut! Wunderbar! Glänzend! sitzt! Wie die Strophe klingt!“ Und immer heller strahlt sein Auge in überirdischem Glanze. Man hört dumpf rollende Laute, er breitet die Arme aus. Er klatscht sich mit den flachen Händen auf die Knie, er schlägt auf dem Tische einen seltsamen Takt. „Das ist das beste Gedicht, das Richard Dehmel je gemacht hat!“2 Er nimmt ein neues Blatt. Er lacht. Das ist kein einfaches Lachen. Dieses Lachen bricht aus der Tiefe hervor wie ein Vulkan. Der Körper krümmt sich, von seiner Wucht geschüttelt. Die kurzen Borsten auf dem Schädel stehen in lasciver Starrheit, auf der Tonsur bildet sich ein kleiner See.3 „Das ist ka—ta—stro—phal! Der Mann ist hin! Erledigt!“ Er kreischt, schreit, wiehert, brüllt, quietscht, jauchzt, wimmert, wenn ihm die Luft ausgeht, und bricht wieder los. Er zieht die Kniee hoch, streckt die Arme tief nach unten und reibt die Hände, dass die Funken stieben. Auf der Stirn steht jetzt ein vielzeiliger Strahlenkranz von Schweissperlen…   Da — das letzte Blatt! Man hört nur ein ersticktes „Nein, das … Dann schnappt die Stimme über; Arnold mit — er rast vor Begeisterung. Er rutscht vom Stuhle, bleibt mit den Händen an der Tischkante wie beim Aufzuge hängen, die Beine schieben sich weit nach vorn und trommeln mit den grossen Stiebeln Sturmmarsch, heisere Schreie und wilde Juchzer lassen die Wände erbeben  … Da stürzt Guschmann aus dem Nebenzimmer herein. „Mensch, was haste?“ Und Arnold krabbelt mühsam unter dem Tisch hervor, reicht ihm mit grosser Geste das Bündel Blätter und haucht mit letztem Atem: „Da — meine Beiträge für den Almanach!“ Aber schon rafft er sich zusammen, reisst die Blätter wieder an sich und … Arnold liest vor. Kaum ist er fertig, so stürzt er in Zimmer 1–21 und liest immer wieder alles vor  … Das Mäuschen aber kann nicht mehr mit. Es muss sich erholen, springt von der Holzkiste herab und zieht sich in Arnolds Speiseschrank zurück. 2 Das Gedicht Lied an Meule, im Almanach auf S. 10, das unterschrieben ist mit: „Dehmel-Ersatz“. Weitere Gedichte Arnold Zweigs sind: Vorsalat (S. 3), Portraits (S. 15  f ). Hierzu Maritta Rost: Bibliographie Arnold Zweig, Bd 1: Primärliteratur. Berlin/Weimar: Aufbau-Verlag 1987, 139, 142, 146. 3 Vgl. Magnus Zellers Portraitskizze aus dem Almanach, oben S. 130.

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Kühl hält Vortrag.1 Der Chef will es so: Allein der Vortrag macht sein Glück. Kühl seufzt unter diesem Schulz-zwang.2 Was für ein schönes freies Leben führte er früher, aber jetzt ächzt er unter dem ewigen Schulz-bewusstsein. Was nur die Aufnahmefähigkeit der Telephonleute bewältigen kann, häuft sich auf seinem Tische in unzähligen getippten Blättern und mit einem stattlichen rednerischen Saldo-Vortrag begibt er sich morgens, mittags und abends zum Chef. Kühl schwitzt (man beachte das Paradoxon), was das Ludwigswaldener Kreisblatt bringt, was sich der Redakteur des Schwäbischen Boten für Stadt und Land aus den wenig manikürten Fingern saugt, was die Bialystoker Zeitung meldet, was alle Schmöcke3, Finke- und Fliederbusche der ganzen Welt produzieren,4 — alles wird nur Material für Kühls Vortrag. Und er trägt vor. Und er trägt vor, — gewissenhaft und diensteifrig: er erzählt, dass der wohlverdiente Vizewachtwächter von Kötzschenbroda5 in den Ruhestand versetzt ist, — dass alle Gerüchte von einer beabsichtigten Dementierung der unbestätigten Nachrichten über das Verbot eben dieser Gerüchte nur auf Mutmassungen beruht, — dass der amerikanische Reporter Bellvood eine Erklärung verschickt, wonach er nicht identisch mit dem Kosakenhetmann Knutowski ist, — dass der Fürst von Monaco sich nach zuverlässigen Berichten der besten Gesundheit erfreue, – dass der Bey von Tunis grössenwahnsinnig geworden sei und sich einbilde, die Präposition „Bei“ zu sein und nicht mehr Tunis zu regieren, sondern den Datif, — dass im serbischen Ministerium ein Wechsel nicht bevorstände, sondern mangels Zahlung präsentiert sei, — dass im Armeeabschnitt 334 der Landsturmmann Brösicke, im Zivilleben Professor der Geschichte, von dem Feldw.-Lt. Nulpe huldvollst ins Gespräch gezogen sei, — dass die Erfindung des geruchlosen Käse von grösster hygienischer Bedeutung wäre, — dass der K. K. Vizewachtmeister Wondratschek die Lage günstig beurteile, — dass das Stockholmer Dagblad aus der Züricher Zeitung über Madrid aus wohl unterrichteten Kreisen nichts erfahren habe, — dass für die Keusche Susanne sich neuerdings auch jüngere Männer interessieren. — dass der

1 Almanach, 10 2 Gemeint ist Oskar Kühl, s. oben S. 42. Schulz war einer der deutschen Soldaten. 3 Pluralform von Schmock (‫שמאק‬ ָ ), jidd. für Snob und Name einer Figur aus Gustav Freytags Lustspiel Die Journalisten (1853), die einen opportunistischen, bestechlichen Zeitungsschreiber beschreibt. 4 Fink und Fliederbusch ist der Titel der im selben Jahr (1917) uraufgeführte und veröffentlichte Komödie von Arthur Schnitzler, die einen Journalisten beschreibt, der seinen eigenen Kritiker inszeniert. 5 Sächsisches Dorf, heute Stadtteil von Radebeul, Meißen.

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Zar demnächst das Jubiläum seiner 25. Flucht aus Sibirien zu feiern gedenke, —— alles trägt Kühl vor; nur eins hat er vergessen zum Vortrag zu bringen: die Nachricht vom Waffenstillstand. Die Entgegennahme dieser Nachricht hatte Winterberg (man beachte: Winter-

5 berg, — noch kühler als Kühl) als unerheblich und uninteressant am Fernsprecher

abgewiesen.

Die beiden Pole. Waren einst zwei edle Pole Posi-tiv, teils nega-tiv, – Zogen an sich morgens achte, 10 Gingen hin ins Bucharchiv. Strichen fleissig in der Bupra Mit dem Rotstift froh und frei, — Denn sie hatten wirklich Stifte, Jeder hatt’ der Stifte zwei. 15 Dem Kalender, der julianisch,

Schufen dort sie grimmen Tod, — Und was rot schien an Gesinnung, Wurd im Manuskript auch rot. Und der Eine konfiscierte

20 Buch nach Buch stets frisch drauf los, —

Und jetzt fuhr er gar nach Riga, Weil er gar so rigaros!

Ausgerüstet mit dem Stempel, Mit dem Stifte blutigrot, Trat mit seinem Reisescheine Ins Büro der Vehmebot’. — Wehe, weh’ Dir, stolzes Polen! Was noch nicht zur Grube fuhr, — Litauisches, jüd’sches Buch auch, — Es wird jetzt Makulatur! Aber wo die Not am grössten, Da erblüht der Hoffnung Lenz, — Es entstand als letzte Rettung Jetzt der Streit der Kompetenz. Wer soll jetzo unterschreiben Den beregten Reiseschein? Welcher von den beiden Herren, — Welcher wird der Rechte sein?

Was der Eine noch verschonte, Strich der Andre gar geschwind, 25 Bis die Bücher völlig farblos Und doch „frisch gestrichen“ sind.

Und der Schein blieb ohne Signum; Denn da keiner wollte leiden, Dass der Andre für ihn schriebe, So schrieb keiner von den Beiden!

Doch da hier und dort noch immer Man erblickte Litt’ratur, So beschloss man zu entsenden 30 Einen Boten der Zensur.

Noch ist Polen nicht verloren! Noch erblüht die Litt’ratur! Ja, der Kampf der beiden Pole Er erzeuget Leben nur.

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     Heil darum den beiden Polen!1      Heil dem Streit um das Ressort!      So ertönt der fremden Völker      Sprachlich schön gemischter Chor!

Das Sieben-Sprachen-Wörterbuch Der „fremden Völker / sprachlich schön gemischte Chor“, den Gronemanns Gedicht Die beiden Pole am Ende besingt,1 verweist auf das Sieben-Sprachen-Wörterbuch, das Gronemanns als das „Hauptwerk“ seiner Tätigkeit in der Presseabteilung bezeichnet.2 Dieses Gedicht einleitend, auf derselben Seite des Almanach, steht Gronemanns Heine Adaption An die Fremdvölker, die bereits in Hawdoloh und Zapfenstreich zitiert wird. Dort jedoch ohne die Verweise „Nach H. Heine“ und „(Bei Ueberreichung des Lexikons der Presseabteilung.)“.3 Gronemann war als Redakteur für das Lexikon (mit-)verantwortlich und somit ist anzunehmen, dass auch er an der Verfassung des Vorwortes beteiligt war. In diesem heißt es unter anderem: So ist dieses Lexikon unter recht erschwerenden Umständen entstanden, in der Kriegszeit als Nebenarbeit neben der laufenden Beschäftigung der Übersetzungsstelle, ohne wissenschaftliche Hilfsmittel und unter der Unmöglichkeit, Fachleute zur dauernden Mitarbeit heranzuziehen. Die Worte sind aus dem Volke geholt und sind für das Volk bestimmt. Sie können kaum unter die Lupe des kritischen Forschers genommen werden. […] Die nächste Auflage wird vielleicht schon im Frieden, jedenfalls in der Zeit lebhafter Annäherung des deutschen Volkes und jener Nachbarvölker erscheinen. Vielleicht wird es dann möglich sein, sie auch wissenschaftlich einwandfrei zu gestalten. In jedem Falle soll das Buch ein Weniges zur kommenden Verständigung von Volk zu Volk und von Mensch zu Mensch beitragen.4

Doch diese wohlwollende Intention konnte nicht die Tatsache verdecken, dass die Übersetzungsarbeit des Lexikons nur in einer Richtung verlief, nämlich von der deutschen Sprache in die Sprachen der besetzten Gebiete, wie Vejas Liulevicius treffend bemerkt:

1 Gemeint ist die Redaktion der Kownoer Zeitung, „der lange, dünne O. und der kurze, dicke Bronck“. Vgl. oben, S. 153. Das Gedicht befindet sich im Almanach auf S. 18. 1 Oben, S. 192. 2 S. das Kapitel Mein Hauptwerk, oben, S. 91. 3 Almanach, 18. 4 Sieben Sprachen Wörterbuch. Hg. von Presseabteilung des Oberbefehlshaber-Ost. Leipzig 1918, 7.

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The single most telling fact about the dictionary was that even though it was multilingual, translation ran all in one direction: from official German language into the other languages. One could not, for instance, look up a Yiddish word to find its German equivalent. The process was a one-way street, with German the language of command. It is a paradigmatic image for Ober Ost’s project, where native “content” was ranked and fixed in a German grid. Order flowed in one direction only.5

Im Almanach findet sich der Prosatext Der Turm zu Babel,6 der diese Tatsache satirisch kritisiert und die Arbeit am Lexikon in biblischem Stil parodiert. Darin kommt auch Gronemann vor, jedoch wird dabei ein anderer Eindruck seiner Arbeit erzeugt, als der von ihm vermittelte. Es ist zugleich der längste Text im Almanach. Da die Autorschaft bisher ungeklärt ist, wird er hier nur auszugsweise, mit Fokus auf Gronemann und das Sieben-Sprachen-Wörterbuch zitiert. Der Turm zu Babel, mit Untertitel Eine alte Geschichte in neuer Auflage,7 beginnt mit folgenden Worten: …  Und der Zorn des Herrn fiel auf das Volk von Oberost, und er gedachte des Turmes zu Babel, wie er des Menschen Hoffart gestraft und ihre Sprache verwirret hatte, also dass kein Mensch den andern mehr verstand und sie in alle Winde verstreut wurden. Desselbigen gleichen wollte er wieder tun, und also liess er sie in vielen Zungen reden. Aber das Menschengeschlecht hatte zugenommen an Alter und Weisheit und liess sich so leicht nicht mehr bluffen; ein jeglicher lernte einfach auch des anderen Sprache, und siehe, es ging alles sehr gut. Der Herr ergrimmte noch mehr in seinem Zorn. Aber er wusste keinen Rat. Da trat vor ihn sein Knecht Habe und sprach zu ihm: „Herr, lass deinen Diener die Sache schieben! Ich habe schon so viel ge  … konnt, ich habe das widerhaarige Volk der Presseabteilung gebändigt — ich werde auch das Volk von Oberost noch kleinkriegen.“ Und der Herr liess leuchten die Sonne seiner Gnade über ihm und willfahrte ihm.8

Die Chiffre „Knecht Habe“ wird gegen Ende der Geschichte als „A. B.“ entziffert und meint den Schriftsteller Alfred Brust,9 der mit Zweig, Dehmel und Grone5 Vejas G. Liulevicius, War Land on the Eastern Front : Culture, National Identity, and German Occupation in World War I. Cambridge 2000, 119. 6 Almanach, 12. 7 Vgl. Stefan Zweigs 1916 veröffentlichten Text Der Turm zu Babel. Hierzu Karl Müller, „Überreligiöse Gläubigkeit“ und übernationales Selbstverständnis. Zu Stefan Zweigs jüdischer Identität und Begriff vom Judentum. In: Stefan Zweig – Jüdische Relationen. Studien zu Werk und Biographie. Hg. Mark Gelber, Elisabeth Erdem u. Klemens Renoldner. Würzburg 2017, 78  f. 8 Almanach, 12. Dieser Seite sind alle folgenden Zitate entnommen. 9 Alfred Brust (15. 6. 1891 Insterburg – 18. 9. 1934 Königsberg). Für seinen Roman Die verlorene Erde erhielt er 1929 den Kleist-Preis. 1933 gelobte er Hitler Gefolgschaft, doch seine Arbeiten, die teils dem Expressionismus zugerechnet werden, galten den Nazis als dekadent und wurden unter ihnen geächtet.

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mann in der Zensurabteilung der Presseabteilung gearbeitet hatte. Er wird im Folgenden als Initiator der Übersetzungsstelle dargestellt, der seine Mitarbeiter rekrutiert. Dabei tritt Gronemann als der „Moabiter Elisa“ auf: Und Habe ging hin und sprach: „Ich will eine Uebersetzungsstelle schaffen; die soll mein Werkzeug sein. Ich will den Menschen von Oberost ein Lexikon für alle ihre Sprachen geben, mit dessen Hilfe keiner mehr verstehen wird, was der andere ihm sagen will!“ Und es geschah also. Habe wählte aber zu seinen Gehilfen Männer, die gerade so weit die Sprachen von Oberost kannten, dass sie den Sinn ihrer Worte missverstanden und in das Gegenteil verkehrten. Und er berief aus dem Lande der Litawiter den starken Simsonas, und aus der Gegend von Moabit Elisa, also genannt nach dem grossen Ahn, von dessen Haupt ein Leuchten ausging, dass die Kinder schon von weitem auf der Strasse ihm „Kahlkopf“ nachriefen.10 Und er berief gleich zwei Poloniter,11 auf dass sie dem Volke von Oberost auch ihre Sprache aufzwängen; denn ein Bedürfnis lag eigentlich nicht vor, nachdem der letzte Poloniter im Lande von dem blinkenden Schwerte der Statistik eines jähen Todes verblichen war. Und er berief auch Ergebahu, einen richtiggehenden Lettiter, und Ruth, welche zu all den andern noch eine neue Sprache zu schaffen hatte, die vordem nie ein Mensch gesprochen. Und ihnen allen setzte er zum Aufseher Schalom ben Perets, einen frommen Jüngling vom Stamme der Baltister, der von allen Sprachen der Welt schon gehört hatte, also dass er sie am besten durcheinander werfen konnte. Und das Werk wuchs schnell unter ihren Händen; denn sie schafften mit ungeheurer Emsigkeit. Da sass Simsonas, unverrückbar wie ein Fels am Tisch, rührte sich nicht vom Fleck und ächzte unter der Last der Arbeit wie sein starker Vorfahr in der Mühle der Philister, bis dass er nach jedes Tages Mühen die Hände erhob und also betete:   „Haben wir viel oder wenig gemacht,    So haben wir doch den Tag vollbracht. Amen.“

Auch dieses Zitat wird bereits in Hawdoloh und Zapfenstreich genannt.12 Doch Gronemann wird, gemäß seines humoristischen Leitmotivs im Almanach – die häufigen Dienstreisen nach Warschau  –, nicht als Redakteur und somit einer der Hauptverantwortlichen gezeigt, sondern als jemand, der sich dieser Arbeit entzog: Elisa aber, der Moabiter, betrieb sein Gewerbe im Umherziehen. Er war nie da, sondern immer auf Dienstreisen bei den Töchtern seines Stammes, liess sich köstlichen braunen Trank und ungesäuertes, schon mehr süsses Brot und leckere Speisen von Eiern mit Früchten darin vorsetzen und lauschte begierig ihrem hurtigen Zungenschlag, denn sein Dichten und Trachten war darauf gestellt, dass er ihrem edlen Jiddisch den miessen Jargon seiner moabitischen Heimat unterschieben könnte.

10 Anmerkung i.O.: „Man vergleiche dazu auch sein Bild und man wird den Namen noch besser verstehen. Die Schriftleitung.“ Vgl. das Bild oben, S. 41. 11 Vgl. Gronemanns Gedicht Die zwei Pole, oben, S. 192. 12 Vgl. oben, S. 29.

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 Anhang

Neben den verschiedenen Anspielungen kehrt der Text hier in satirischer Manier die derogative Zuschreibung des Jiddischen als Jargon um und spricht sie Gronemanns Berliner Dialekt zu. Danach fährt er fort mit der Darstellung anderer Mitarbeiter und schließt mit Hinweis auf ihre gemeinsamen Arbeitssitzungen: „Und alle versammelte jeden Tag, den der Herr werden liess, der Hirte der Herde um sich, und es gelang ihnen mit vielen Reden, in allen Fällen das verkehrteste Wort aufzufinden.“ Nach einem Jahr ist die Arbeit abgeschlossen und der Text berichtet von den Verordnungen der sich als Gott gebarenden deutschen Besatzungsmacht, die „den mündlichen und schriftlichen Verkehr der Landeseinwohner von Oberost“ diktatorisch reglementieren sollten: –– –– ––

Es ist den Landeseinwohnern von Oberost verboten, zu sprechen oder zu schreiben, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Es ist ihnen nur gestattet, die im Lexikon von Oberost festgelegten Ausdrücke zu gebrauchen. Das Buch muss bei jeder Unterhaltung zur Hand sein. Jeder Gebrauch eines Wortes, das nicht im Lexikon steht, wird mit 100000 M. Strafe belegt.

Anfangs ist Gott mit dieser Verordnung zufrieden: „Da solches geschehen, sah der Herr das Werk an, das da gemacht war. Und siehe, es war sehr gut: jede Verständigung der Menschen von Oberost war fortan ausgeschlossen.“ Doch nachdem Gott mit der Lektüre des Sieben-Sprachen-Wörterbuches beginnt gereut es ihm. Er fordert die Aufhebung dieser Verordnungen und darin kulminiert die satirische Pointe des Textes; denn dass der Mensch zum Gebrauch des Lexikons „verdammet werden müsste, — so schwer hat doch noch nie ein Mensch gesündigt.“

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Magnus Zeller und seine Illustrationen Der einzige Beleg für die freundschaftliche Beziehung zu Magnus Zeller ist derzeit Gronemanns Widmung in einer Ausgabe seines Tohuwabohu, die auf den 21. Mai 1924 datiert ist: „Dem ‚Kameraden’ Magnus Zeller in Freundschaft, – dem ‚ehemaligen Intellektuellen‘“.1 Sie entstand also kurz nachdem Hawdoloh und Zapfenstreich fertiggestellt war. Für die Illustrationen hatte Gronemann Zeller nicht beauftragt, berichtet Zellers Tochter Helga Helm, „sondern er hat (mit dem Einverständnis Zellers) sein Buch mit verschiedenen heterogenen Zeichnungen, Radierungen und Lithografien geschmückt, die schon existierten, weil sie in verschiedenen Zeitungen/Zeitschriften bereits erschienen waren. (Zum Beispiel im Almanach der bösen Buben).“2 Doch zumindest das Titelblatt wurde speziell für Gronemanns Roman entworfen.3 Die Zusammenarbeit ähnelte also der künstlerischen Kollaboration zwischen Arnold Zweig und Hermann Struck, deren Das ostjüdische Antlitz auch als Vorbild für Hawdoloh und Zapfenstreich diente, das wiederholt auf entsprechende Lithographien Strucks und Gronemanns Hilfe bei deren Entstehung verweist.4 Alfred Döblin verstand Gronemanns Buch als eine Ergänzung zum Antlitz.5 Zeller war im Frühjahr 1915 als Armierungssoldat einberufen worden und wurde dann auf Betreiben Strucks in das Oberkommando Ost versetzt. Er fand schnell Anschluss an den Kreis aus Intellektuellen und Künstlern und wurde als Zeichner bei der Kownoer Zeitung eingesetzt. Er begegnete Gronemann wenig später, im Juli 1915, als dieser, ebenfalls auf Betreiben Strucks, in die Presseabteilung versetzt wurde. In Zellers Gruppen-Portraits der Mitarbeiter der Presseabteilung, die im Almanach der Bösen Buben abgedruckt wurden, bildete er sich im selben Porträt wie Gronemann ab.6 Zeller stammte aus Biesenrode in Sachsen-Anhalt, wo er 1888 als Sohn einer protestantischen Pfarrersfamilie aufwuchs, die 1908 nach Berlin umzog. Dort studierte er Malerei und Plastik bei Lovis Corinth, einem der einflussreichsten Vertreter des deutschen Impressionismus, dessen spätere Werke Impulse für Zellers expressionistische Arbeiten lieferten, und die dann im nationalsoziali-

1 Ich danke Helga Helm, der Tochter von Magnus Zeller, für diese Information aus ihrem Privatarchiv. 2 Mail von Helga Helm an Jan Kühne (23. 4. 2019). 3 Oben, S. XVI. 4 Bspw. oben, S. 128f. 5 Unten, S. 202. 6 Oben, S. 41. Im Dezemberblatt des Almanach ist auch ein Portrait Zellers von Hermann Struck abgebildet.

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stischen Deutschland als „entartet“ diffamiert wurden. 1913 wurde er Mitglied der deutschen Künstlergruppe Freie Secession. Als 1920 Das ostjüdische Antlitz erschien und Zeller Mitglied eines Soldatenrates der obersten Heeresleitung war, veröffentlichte er das Mappenwerk Entrückung und Aufruhr zusammen mit Arnold Zweig, sowie Revolutionszeit. Im Jahre 1921 publizierte er erstmals Buchillustrationen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er SPD-, später SED Mitglied und erhielt verschiedene Auszeichnungen. Er starb 1972 in Ostberlin. Sein Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin. Derzeit entsteht dank Johanna Ziems, der Enkelin Helms und Urenkelin Magnus Zellers, eine Internetseite samt Werkverzeichnis und einer umfassenden Biografie.7

7 http://magnus-zeller.de (5. 6. 2019). Magnus Zeller, Entrückung und Aufruhr. (Ausstellung 29. 11. 2002–9. 2. 2003, Stadtmuseum Berlin, Museum Ephraim-Palais) Hg. Dominik Bartmann. Berlin: G-und-H-Verl., 2002.

Kommentar Publikationsgeschichte Jüdischer Verlag, 1924 Hawdoloh und Zapfenstreich erschien im August 1924, im Jüdischen Verlag Berlin, der zu jener Zeit noch um sein Überleben kämpfte.1 Der Erste Weltkrieg und die Inflation wirkten nach und so konnten in diesem Jahr nur vier gewinnversprechende Bücher veröffentlicht werden. Neben zwei Bänden von Mendele Moicher Sforims Gesammelten Werken und der dritten Auflage von Agnons Und das Krumme wird gerade wagte der Jüdische Verlag mit Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich die einzige Neuveröffentlichung.2 Inserate konnte sich der Verlag kaum leisten und ließ daher Moicher Sforims Schloimale vollständig in der Jüdischen Rundschau vorabdrucken, gefolgt von Gronemanns Kriegserinnerungen, die nach Beendigung des Vorabdrucks in 27 Fortsetzungen als Buch erschienen.3 Anatol Schenker bemerkt hierzu in seiner Studie über den Jüdischen Verlag: Es scheint, diese in Bezug auf den Verkauf nicht unkritische Methode habe dem Absatz der Bücher trotzdem eher genutzt als geschadet. Gronemanns Buch verkaufte sich jedenfalls so gut, daß bereits 1925 eine zweite Auflage von nochmals 5.000 Exemplaren gedruckt werden mußte.4 Überdies wurde der Jüdische Verlag dank der beiden Vorabdrucke der Leserschaft der Zeitung über mehrere Monate im Sinne einer kostenlosen Werbung regelmäßig in Erinnerung gerufen.5

1 Anatol Schenker, Der Jüdische Verlag 1902–1938, Tübingen 2003, 305. 2 Ebd., 583. 3 Nr. 41 (23. 5. 1924) bis Nr. 82/83 (17. 10. 1924). Sammy Gronemann, Hawdoloh und Zapfenstreich. Erinnerungen an die ostjüdische Etappe 1916–1918, Berlin 1924. Zum Mangel an Manu- und Typoskripten sowie zur allg. Archivsituation siehe die Kapitel 1.3.2 und 1.4 in Jan Kühne, Die zionistische Komödie im Drama Sammy Gronemanns: Über Ursprünge und Eigenarten einer latenten Gattung. Berlin/Boston 2019. 4 Vgl. die Ankündigung der Neuauflage in der Jüdischen Rundschau, 24. 2. 1925, S. 148: „Selten hat ein Buch bei Presse u. Publikum eine so einmütig begeisterte Aufnahme gefunden. Von neuen Besprechungen der Tagesblätter ist insbesondere eine solche der ‚Frankfurter Zeitung‘ hervorzuheben. Von früheren glänzenden Besprechungen sind zu erwähnen die Max Brods im ‚Prager Tageblatt‘, Herbert Eulenbergs im ‚Acht-Uhr-Abendblatt‘, Alfred Döblins in der ‚Vossischen Zeitung‘, ferner andere Kritiken ‚Berliner Tageblatt‘, ‚Vossische Zeitung‘, ‚Vorwärts‘, ‚Neue Freie Presse‘, u.v.  a. Naumann bezeichnet in seinen ‚Mitteilungen‘ das Buch wegen seiner ‚verhüllten zionistischen Propaganda als überaus gefährlich, gerade weil es so amüsant u. gut beobachtet sei‘.“ Zur zeitgenössischen Rezeption, s. unten, S. 202. 5 Schenker, Der Jüdische Verlag, 306. https://doi.org/10.1515/9783110629354-007

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Fast zeitgleich zur Vorabveröffentlichung im Jüdischen Verlag wurde Hawdoloh und Zapfenstreich in der Wiener Morgenzeitung von Mai bis Oktober 1924 vollständig in Serie vorabgedruckt.6 Diesem Abdruck ging folgende, wiederholt gedruckte Anzeige voraus, deren Verfasser vermutlich Otto Abeles ist:7 In den nächsten Tagen werden wir mit der Veröffentlichung eines Werkes beginnen, das kein Roman ist, sondern Wirklichkeit, Wirklichkeit aber, welche durch die Fülle von Kontrasten, die das Nebeneinander zweier grundverschiedenen[!] Welten hervorruft, zum Roman wird. Wir bringen eine Art Kriegstagebuch, ein jüdisches Kriegstagebuch, eines, das sich völlig von all dem unterscheidet, was an Kriegsmemoirenliteratur in der Welt umläuft.8

Die Anzeige wirbt implizit mit Bezug auf das erfolgreiche „Kriegstagebuch“ des seinerzeit populären Dichters Richard Dehmel.9 Beworben wird das Buch aber vor allem mit dessem „sprudelnden Humor und seiner ausgezeichneten Beobachtungsgabe“, dank denen der Autor „ein heiteres und dabei im Grunde doch ernstes, den Geschehnissen bis in den Grund nachspürendes Werk geschaffen“ habe. Diese Emphase wird im Laufe der Anzeige wiederholt und verstärkt; sie gipfelt schließlich in der Aussage: „Der Grundakkord dieses Buches“ sei „die jüdische Lebensfreude,“ die sich „in tausend und abertausend köstliche Heiterkeiten auslöst und den Leser in steter froher Spannung und Erwartung hält.“ Der Titel des Buches – Hawdoloh und Zapfenstreich – drücke dabei „das Gegensätzliche der zwei Welten“ aus, „die der Krieg damals zum ersten Male zusammen brachte“. Gleichzeitig sei er Ausdruck einer Quelle von Komik, die in dem Zusammentreffen der beiden Welten liegt und die Gronemann in seinen Erinnerungen vortrefflich eingefangen hat, mit dem Empfinden und dem Kunstverstand des Dichters, der im Komischesten den Ernst des menschlichen Daseins fühlen zu lassen weiß. Das Werk wird hoffentlich bei unseren Lesern jene Heiterkeit erwecken, die ihm innewohnt, und ihnen darum doppelt willkommen sein.

Diese Betonung auf dem humoristischem Alleinstellungsmerkmal von Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich innerhalb der zeitgenössischen Ersten Weltkriegsliteratur  – zwei Jahre vor der deutschen Veröffentlichung von Jaroslav Hašeks Der brave Soldat Schwejk – wird auch in der unten zusammengefassten zeitgenössischen Rezeption zu beobachten sein, in der sich der thematische Schwerpunkt aber schließlich auf die problematische Idealisierung der Ostjuden

6 Nr. 1896 (27. 5. 1924) bis Nr. 1969 (8. 8. 1924). 7 Vgl. oben, S.  S. 8, Fn. 3. Zur Besprechung der Rezension von Abeles, s. unten, S. 203. 8 Gilt für alle entspr. Zitate: Wiener Morgenzeitung, 21. 5. 1924, s.  a. 22. 5., 24. 5. 9 Richard Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit, Berlin 1919.

Kommentar 

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und die veränderten Lesekontexte nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah verschiebt.

Athenäum Verlag, 1984 Als der Athenäum Verlag im Jahre 1984 Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich neu herausgab, geschah dies nicht nur ohne Absprache mit den Nachlassverwaltern Gronemanns, sondern auch kommentarlos und bar historischer Kontextualisierung. Dies erklärt die (Nicht-)Rezeption, auf die César Merchán-Hamann hinweist: „It is hard to know what the German reading-public must have made of it; as it is, the book provoked little response and was promptly remaindered.“1 Nur Schalom Ben-Chorin nahm Anstoß daran, dass in dieser Wiederveröffentlichung die Schoah nicht erwähnt werde, die doch jene jüdischen Zentren, die Gronemann in Hawdoloh und Zapfenstreich lebhaft beschreibt, fast spurlos ausgelöscht hatte. „Da vergeht einem der Humor“, schreibt Ben-Chorin, der sich an den Athenäum Verlag gewandt hatte, um auf die „gefährliche Verharmlosung“, die eine Nichterwähnung der Shoah im Kontext der unmittelbaren Nachkriegsrezeption von Gronemanns Werken bedeute, hinzuweisen.2 Auf die Antwort des Verlags, man habe Gronemann lediglich „als ‚Literatur‘ in der Originalform“ präsentieren wollen, „ohne eine Einengung auf das jüdische Problem herbeizuführen“, erwiderte Ben-Chorin: „Das ist natürlich ganz unmöglich. Hier handelt es sich nicht um zeitlose schöne Literatur. Hier handelt es sich um Erinnerung an Menschen, die grossenteils der Vernichtung durch die Deutschen zum Opfer gefallen sind. Hier handelt es sich um eine total zerstörte Welt.“3 Hier findet eine Bewertung statt, die aufschlussreich ist: Gronemanns Buch sei nicht zeitlose Belletristik, denn die Lektüre ist an das Verständnis eines historischen Kontexts gebunden, der verloren gegangen ist.4 Hierdurch scheint BenChorin Hawdoloh und Zapfenstreich auf die dokumentarische Sachliteratur der Holocaust-Aufklärung zu reduzieren. Doch er verweist auch auf den einzigartigen „literarische[n] Wert dieses köstlichen Buches“, der von einem Kommentar nur profitieren könne. Einen solchen Versuch unternimmt die vorliegende Ausgabe

1 César Augusto Merchán-Hamann, Life and Works of Sammy Gronemann. Dissertation, University College London 2002, 148. 2 Schalom Ben-Chorin, Sammy Gronemann neu aufgelegt. Mitteilungsblatt, 7. 9. 1984, 5. 3 Ebd. 4 Vgl. die Einordnung in die Erinnerungsliteratur des 1. WK, bei Eva Edelmann-Ohler, Deutsch-jüdische Literatur und Erster Weltkrieg. Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur. Hg. Hans Otto Horch. Boston/Berlin 2016, 159  f.

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der Gronemann Gesamtausgabe, von der Ben-Chorin annahm, sie „könnte für uns, vor allem aber für die kommende Generation, ein heiteres Wahrzeichen einer tragischen Epoche jüdischer Geschichte werden: das Lachen unter Tränen.“5

Zeitgenössische Rezension Als einer der ersten Rezensenten schreibt Max Brod am 17. August 1924 im Prager Tageblatt, das tags zuvor einen Auszug aus Hawdoloh und Zapfenstreich veröffentlicht hatte:6 Ist es möglich, sehr bissig, treffend und dabei gleichzeitig behaglich zu schreiben? Gronemann versteht diese seltene Kunst. Das hat er schon in seinem Roman „Tohuwabohu“ bewiesen, einem der ganz wenigen echt-humoristischen (nicht bloß grotesken) Romane unserer Zeit. […] Freunde guter Witze finden eine Anzahl solcher, die den Weg von Ost nach West noch nicht zurückgelegt haben. Mit dem Heiteren wechseln grausige Darstellungen ab, wie z.  B. die des Hungers in Wilna, und sehr ernsthafte Betrachtungen über den Gottesdienst im Osten über die Kunst der berühmten Wilnaer Theatertruppe, über die angebliche Unsittlichkeit der ostjüdischen Mädchen zeigen die eigentliche, auf das Wesentliche hinzielende Sinnesart des Autors.7

Knapp einen Monat bevor Alfred Döblin zu seiner Reise in Polen aufbrach, schrieb dieser in der Vossischen Zeitung: Sammy Gronemann hat nach seinem sehr witzigen, und nicht nur witzigen Roman „Tohuwabohu“ jetzt seine Kriegserinnerungen, hauptsächlich im ostjüdischen Gebiet, publiziert […]. Es ist wieder ein sehr amüsantes Buch: amüsant, wenn es den Kampf des Einzelmannes, Muschkoten8, gegen militärische Anordnungen schildert. Es gibt sehr instruktive groteske Dinge da. Das Buch trägt vor allem aber weiter die Dunkelheit ab, die über dieser Landschaft liegt. Von der Skepsis des westlich Gebildeten gegen westlichen Hochmut ist es getragen, von Respekt und Liebe gegen das unverwüstliche alte und immer junge Volkstum hier. Es ergänzt, so anspruchslos es auftritt, Struck-Zweigs „Ostjüdisches Antlitz“, das aus derselben Kriegsperiode stammt. –9

5 Schalom Ben-Chorin, Der Schalom Alejchem der Jeckes: Zu Sammy Gronemanns 25. Todestag. Mitteilungsblatt 9, 4. 3. 1977, 4. 6 Sammy Gronemann, Soldatenbühne. Prager Tagblatt, 16. 8. 1924, 3. 7 Max Brod, Sammy Gronemann: Hawdoloh u. Zapfenstreich. Prager Tagblatt, 17. 8. 1924, 17. 8 Ein nur durch Gehorsam charakterisierter Soldat (abwertend). Vgl. oben, S. 103. 9 Alfred Döblin, Ostjüdische Erzähler  – Sammy Gronemann. Vossische Zeitung, 24.  08. 1924, Nr. 402. S.  a. Ders., Kleine Schriften II. Hg. Anthony W. Riley und Christina Althen. Walter 1990, 424.

Kommentar 

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Einen Monat später schreibt Otto Abeles, auf den Hawdoloh und Zapfenstreich zu Beginn verweist,10 einen offenen Brief an Gronemann, in dem er dessen „Modebuch“ folgendermaßen preist: Sie wissen, wie sehr ich Ihren herzhaften Humor schätze, Ihre gütige, von Sentimentalität nicht angekränkelte Feder. Und Berufenere haben erkannt, daß der Schriftsteller Sammy Gronemann, der beständig vor der Lektüre seiner Schriften warnt, nicht nur mit scharfem, geistigem Auge sieht, sondern auch mit frischen, unverbogenen Worten und jener Schlichtheit abschildert, die den echten Künstler ausmacht. Einer der wenigen Westjuden sind Sie, denen gegeben ist, das Ostjudentum auch wirklich zu sehen, und wenn es eine der wichtigsten Aufgaben dieser jüdischen Gegenwart wurde, die Brücke zwischen Ost und West zu schlagen, dann ist Sammy Gronemann einer der führenden Baumeister an diesem leider noch immer nicht in seiner vollen Bedeutung erkannten Werke.11

Hier wird, neben Gronemanns außergewöhnlichem Humor, das zweite Hauptthema in der zeitgenössischen Rezeption deutlich: Die idealisierte Darstellung osteuropäischer Juden, die spätestens seit der Veröffentlichung von Arnold Zweigs und Hermann Strucks Das ostjüdische Antlitz (1920) den deutsch-jüdischen Diskurs bestimmte.12 In Folge seiner Weltkriegserfahrung, die ihm eine intensive Begegnung mit osteuropäischen Juden ermöglichte, wurde auch für Gronemann das Ostjudentum zu einem Ideal jüdischer Authentizität.13 Anhand seiner Idealisierung habe Gronemann dem deutschen Judentum einen Spiegel vorhalten wollen, so der orthodoxe Rabbiner Josef Wohlgemuth, der 1916 eine Abhandlung über Das Bildungsproblem in der Ostjudenfrage veröffentlicht hatte. Wohlgemuth hatte schon Tohuwabohu wohlwollend rezensiert14 und versuchte mit seiner Rezension wiederum die Eignung seines ehemaligen Zöglings15 zum Prediger hervorzuheben. Der Rabbinersohn Gronemann habe am Beispiel des Ostjudentums zeigen wollen, „was ursprüngliche und echte Religiosität bedeutet, welche elementaren Kräfte es zu entfalten vermag.“16 Dies sei ihm 10 Vgl. S. 203 u. 200, Fn. 7. 11 Otto Abeles, Das Modebuch: Hawdoloh und Zapfenstreich. Wiener Morgenzeitung, 17. 9. 1924, Literaturbeilage, 1. 12 Hierzu auch Moshe Silburgs Kritik, deutsch-jüdische Intellektuelle „seien ausschließlich an sich selbst und der Wiederentdeckung bzw. Neuerfindung des eigenen Judentums interessiert, hätten kein Verständnis für die Nöte und Wünsche der jiddischen Schriftsteller und ihrer Leser und unterstützten die (berechtigten) Anliegen des Jiddischismus nicht“. Gruschka, Der Blick auf das „Ostjudentum“, 384. 13 Hierzu Manja Herrmann, Zionismus und Authentizität. Gegennarrative des Authentischen im frühen zionistischen Diskurs. Berlin/Boston 2018, Kap. 4. 14 GKG, Bd 2, 291  f. 15 Wohlgemuth lehrte zu Gronemanns Studienzeit am Berliner Rabbinerseminar. EJ, Bd 21, 132. 16 Josef Wohlgemuth, Mussarbücher. Jeschurun 11, 1924, 391.

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 Anhang

gelungen, konstatiert Wohlgemuth, doch sein Buch hätte noch moralpredigender („mussarischer“)17 sein können, hätte er ästhetische Einheitlichkeit gewahrt und – „rein künstlerisch betrachtet“ – Mass gehalten; „wenn er der große Satiriker gewesen“ und nicht, so die Implikation, ein ‚kleiner Satiriker‘, der dem „innersten Kern seiner Tendenz“ nicht gerecht werde.18 Wohlgemuth sah in Gronemanns orthodoxer Haltung die wesentliche Triebkraft seiner zionistischen Einstellung und in seiner satirischen Begabung das Potential, an die satten und blasierten Seelen heranzukommen, die nur durch eigenartig Neues, durch Gewürztes zu fesseln sind. Es ist mir keine Frage, dass ein litauischer Mussarnik, der weiss, was ‫ ערום ביראה‬bedeutet,19 seine Freude an einem Buche haben würde, das unter Spotten und Lachen unmerklich sich in die Seele des Lesers einschmeichelte und ihr so nebenbei ein Heilmittel spendete, das in der Form der bitteren Pille der Mahn- und Strafrede nicht gern genommen wird. Und es hätte doch nur eine Kleinigkeit gefehlt, dass das Buch frei geblieben wäre von von jenen Andeutungen und Erlebnissen, die es als Mussarbuch entstellen. Und man hätte doch so leicht eine ungetrübte Freude haben können an der Fülle jener heiteren Szenen, in deren Humor unsere nieder gedrückte und zerbrochene Seele sich förmlich gesund zu baden vermag.20

Wohlgemuth spricht Gronemanns Humor eine die Gottesfurcht stärkende, heilsame Kraft zu, die jedoch empfindlich gegenüber verzerrender Darstellung sei. Diese Kritik konkretisiert Max Naumann vom Verein Nationaldeutscher Juden, der eine selektive Wahrnehmung bemängelt. Er argumentiert, Gronemann sehe im osteuropäischen Juden lediglich den „Schabbatjuden“, nicht aber den „ewig wandelnden Anachronismus“ der sechs Arbeitstage des „Koterns“. Gegen solch „moralisches und geistiges Asiatentum“ aber verwehre sich Naumann.21 Der Kontrast dieser deutsch-jüdischen Rezensionen zu der des osteuropäischen Juden Moshe Shalit ist aufschlussreich: Im osteuropäischen Kulturleben habe Gronemann unter dem Deckmantel der deutschen Besatzung eine „Kultur-

17 Bezugnehmend auf die jüdische Tradition populärer Weisheitsliteratur (hebr.: Ethik, Moral). S.  a. die von Israel Salanter gegründete Musar-Bewegung. Hierzu Geoffrey Claussen, Musar. EJGK, Bd 1, 268–274. 18 Ebd. 19 „Gottesfurcht“, vgl. Babylonischer Talmud, Brachot, 17a: „Der Mensch sei immerzu bewandt in der Gottesfurcht [‫]ערום ביראה‬.“ Hierzu Raschi: „Alle möglichen Schlauheiten zur Furcht seines Schöpfers anhäufend [‫]״להערים בכל מיני ערמה ליראת בוראו״‬. https://www.sefaria.org.il/Berakhot. 17a.9?lang=bi&with=all&lang2=he (7. 4. 2019). 20 Wohlgemuth, Mussarbücher, 392. 21 Max Naumann, Bücherschau „Hawdoloh u. Zapfenstreich“ von Sammy Gronemann. Mitteilungen des Vereins Nationaldeutscher Juden (November 1924), 9.

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rolle“ [‫ ]קּולטּור־ראלע‬gespielt.22 Auch von der anderen Seite aus wirkte er also als „Brückenbauer“ und Vermittler im ‚Kulturkampf des Westens gegen den Osten‘. Beispielsweise die Wilnaer Truppe habe Gronemann „zer a sakh tsu fardankn“, „far an emetn [wahren] fraynd fun unzer yidish teater un yidishn loshn [Sprache].“ Shalits literarischer Anerkennung liegt ebenfalls die Polemik des deutschen Kulturbegriffs zugrunde, denn es sei „geshribn fun a hekst kultureln mentshn, mit a sharfer kraft fun beobakhtung un gutmutikn humor fun a talentirtn derzeyler […] an klug un optimistish-geshtimtn kinstler“.23 Shalit hebt auch Gronemanns Stil hervor, der eine besondere Eindringlichkeit besitze, da er gleichermaßen „halb filizofish un halb sarkastish“ sei; geschrieben „in a fayner humoristisher form“. Dank seine „intelektueler witsikayt fun a klugen ayropeer“ habe er die Ostjuden nicht nur gut verstanden, sondern sogar ihre Kultur gefördert. Insbesondere wird jedoch Gronemanns Einsatz für die Wilnaer Truppe hervorgehoben, der unten noch ausführlicher erörtert wird.24 Shalit legt nahe, dass Gronemanns persönlicher, literarischer wie kultureller Brückenschlag zu den osteuropäischen Juden weder Wunschdenken, noch ideologische Instrumentalisierung war, sondern von ost- und west-europäischen Juden gleichermaßen gewürdigt wurde. Während deutsche Rezensionen vornehmlich die zionistische Ideologie problematisierten, fällt auf, dass Shalit, der Gronemann nur aus seinen Texten sowie aus den Berichten der Mitglieder der Wilnaer Truppe kannte, dessen ideologische Prädisposition ignoriert, dafür aber Erzähltalent und Humor in den Vordergrund rückt und als wesentlichen Kulturwert preist. Wiederholt legt er Wert auf die Betonung menschlicher Qualitäten, so am Schluss des Artikels durch den Hinweis auf Gronemanns beeindruckende Unverstelltheit  – „umetum filt sikh bay Groneman a besondere imponirendike ofrichtikayt“. Hier wird Gronemann zugesprochen, was er selbst im osteuropäischen Juden zu finden geglaubt hatte: Glaubwürdigkeit als authentischer Jude und herzliche Anerkennung als „a mentsh“.

22 Für all entspr. Zitate Moshe Shalit, ‫ זאמי גראנעמאנס‬.‫די ליידן פון יידיש אין די אקופאציע צייטן‬ ‫זכרונות‬. (Hawdoloh und Zapfenstreich) [Di leydn fun yidish in di okupatsye tsaytn — Zamy Gronemans zikhroynes]. Literarishe Bleter 30. 1. 1925, 3–4. Die Transliteration erfolgt nach den in der EJGK vereinfachten Regeln. 23 Hervorhebung J.K. 24 Zur Wilnaer Truppe, s. unten, S. 217.

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Abb. 3: Gronemann in Kontakt mit „Ostjuden“, Kowno Mai 191725

Reminiszenzen Hawdoloh und Zapfenstreich war weniger erfolgreich als Gronemanns Debutroman Tohuwabohu, doch die Resonanz war trotz der niedrigeren Auflagenhöhe groß. Anhand zweier prominenter Beispiele – von Arnold Zweig und Viktor Klemperer – wird dieser Nachhall zunächst in der Weimarer Republik und in Nazideutschland illustriert, bevor er in der kritischen Rezeption geschildert wird.

Arnold Zweig Drei Jahre nach der Veröffentlichung von Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich, erschien Arnold Zweigs Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa. Für die darin vorkommende Figur des ‚Kriegsgerichtsrats Posnanski‘ diente Gro-

25 Die Aufschrift der Schärpe konnte, bis auf das erste Wort „‫( ”פרץ־‬d.  h. Perez), nicht identifiziert werden. Vgl. oben, S. 134: „An solchen Tagen war die Straße von jüdischen jungen Mädchen besetzt, alle mit Schärpen versehen, die eine Aufschrift in hebräischen Lettern trugen.“

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nemann nicht nur als „physiognomisch“ als Vorbild, so Hans Harald Müller.26 Gleich diesem ist Posnanski ein humorvoller und belesener Rechtsanwalt mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn.27 Zweigs Freundschaft zu Gronemann hatte sich während ihrer gemeinsamen Dienstzeit an der Pressestelle Ober Ost entwickelt und wird in Hawdoloh und Zapfenstreich wiederholt dokumentiert. Zweig hat unter den darin hervorgehobenen Intellektuellen und Künstlern eine prominente Stellung; in Palästina würde sich ihre freundschaftliche Beziehung fortsetzen.28 Zum fünfzigsten Geburtstag Gronemanns – ein Jahr nach der Veröffentlichung von Hawdoloh und Zapfenstreich – gratulierte Zweig mit einem offenen Brief in der Jüdischen Rundschau, worin er unter anderem an die gemeinsame Dienstzeit erinnert.29 Er zeichnet ein Bild Gronemanns, das, mit Hinsicht auf Physiognomie, ironische Selbstdarstellung und kosmischen Humor,30 Müllers These erhärtet.31 Zweig schreibt: „Manchen Menschen gratulieren zu dürfen ist eine solche Freude, dass jeder Anlaß dazu willkommen und auch der unbeträchtlichste gerade gut genug dazu ist, – um wie viel mehr Ihr Fünfzigster, lieber Gronemann!“, und fährt fort: Sie werden sich zwar wehren, werden mit herzlichen Augen hinter ihrer dicken Brille raunzerisch dagegen protestieren, daß man einem Menschen Glück wünschen könne, weil zwei Drittel seines Lebens verflossen seien, werden Ihrerseits fortfahren zu beweisen, daß die Menschen bei diesem Anlaß sich selber gratulieren, weil sie so lange Zeit mit Fassung diesen Erdenbürger unter sich ertragen hätten — und dergleichen mehr Scherze, hinter denen, wie stets bei Ihnen, eine melancholische Ernsthaftigkeit sich auf sokratische Weise verbirgt.

26 Hans Harald Müller, Der Krieg und die Schriftsteller. Der Kriegsroman der Weimarer Republik. Stuttgart 1986, 133. 27 Ebd., S. 343. Generell sei jedoch „zu den realen Vorbildern bei Zweigs Romangestalten zu beachten, was Zweig Eberhard Hilscher mitteilte: ‚Für Gestalten wie Winfried oder Kroysing gab es vielleicht Personen unserer Ereignisse als Anstöße für die Menschengestaltung, aber nicht mehr.‘“ Arnold Zweig, Briefe an Hilscher. Neue Deutsche Literatur 15.11, November 1967, S. 33–42. Zit. in Müller, wie Anm. 1, 342. 28 Sammy Gronemann, Brief an Arnold Zweig, 8. 3. 1945. Akademie der Künste, Sign. 12097. 29 Gilt für alle entspr. Zitate: Arnold Zweig, Sammy Gronemann zum Fünfzigsten. Jüdische Rundschau, 10. 3. 1925, 181. 30 Vgl. „Ich bin im Jahre 1875 zu vorübergehenden Aufenthalt auf diesen Planeten entsendet, mit dem Rechte jederzeitigen Widerrufs durch den unbekannten Sender. Ich bin am Purim zur Welt gekommen u. habe, ohne im übrigen Neigung zur Astrologie zu haben, nach Möglichkeit mein Leben im Zeichen dieses Tages gestaltet.“ Sammy Gronemann, Selbstdarstellung für K.K.L. Propaganda, 25. 9. 1935. CZA, Sign. A135/27. 31 Mit Hinblick auf Gronemanns Idealisierung des Ostjudentums ist auch Liulevicius’ Charakterbeschreibung aufschlussreich: „A character in his [Zweig’s] novel, military judge Posnanski, found himself drawn to Hassidic piety, while yet identifying with German culture and the West. His week was spent in German military courts, his Sabbath at Hassidic prayer houses in the Jewish quarter.“ Liulevicius, War Land on the Eastern Front, 40  f.

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Elemente dieser Beschreibung sind auch in der Figur Posnanskis zu erkennen. Unzweifelhaft liegt Gronemann Zweigs Posnanski zugrunde: mit obligatorischer Zigarre und „herausquellenden Augen“ hinter einer „abstoßend dicken Brille“ (Gronemann war stark kurzsichtig32) fällt er durch stets schlagfertig witzige Dialoge auf, die ihm im Almanach der Bösen Buben der Presseabteilung den Namen „Rechtsanwalt Kalauer“ einhandelten. Lediglich an „schwachmütigen Tagen“ äußere er sich „immer in Zitaten“.33 Zweigs lyrisches Portrait Gronemanns aus dem Almanach ergänzt diese Charaktisierung: Wie die Tonsur auf seinem Haupte glänzt, Der Weisheit Kraft hat hier das Haar durchdrungen, Ein müder Blick, vom Brillenglas umkränzt, Wetteifert mit der Fülle seiner Lungen. Sein reiches Wissen, täglich neu ergänzt Aus alten Schwarten, oder aus den jungen, Den Unbekannten, Neuen, die beschwänzt Vom Zensor, dennoch gellend ihm entsprungen. Er orgelt gern in salbungsvollen Tönen, Mit leichter Zunge übt er schnell Kritik, Gings nach dem Munde, wär er längst von Adel.34 Doch weh, wer je erregte seinen Tadel! Die kesse Zunge brach ihm das Genick, Und es beginnt ein Lästern und ein Höhnen, Das selbst die Langmut könnte schwer versöhnen.35

Hier wird, neben der starken Brille und der Belesenheit auch Gronemanns Humor thematisiert, den Zweig kritisch hervorhebt. Dieser Charakterzug spiegelt sich auch in dem rhetorischen Paradestück der Auftritte Posnanskis in Zweigs Weltkriegsroman über den Sergeanten Grischa – ein Monolog, der Gronemanns Leidenschaft für den Juristenberuf und, im kantianischen Moral- sowie hegelianischen Geschichtsverständnis, noch sein abgebrochenes Philosophiestudium erkennen lässt:

32 Vgl. oben, S. 45. 33 Arnold Zweig, Der Streit um den Sergeanten Grischa, Potsdam 1928, 414. 34 Vgl. GKG, Bd 1, 82. 35 Almanach, 5. Hierzu, oben, S. 186. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Aufbau Verlags.

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„Deutschland ist nicht unentbehrlich, und wenn es jetzt eine Zeitlang abträte, hätte es sich mit diesem Johann Sebastian [Bach] allein schon ein ehrendes Gedenken gesichert. Die Menschheit sitzt rund um die ganze Erde, Häufchen bei Häufchen; taucht eins mal in den Schatten und schläft eine Zeitlang, rappelt sich ein anderes hoch. Kein Mensch weiß“, endete [Posnanski] grüblerisch, die Augen geschlossen, „wozu überhaupt der Mensch hier auf Erden herumklebt. Sicher nicht, weil er Urschleim ist wie anderes Plasma, sondern weil er eine Umschaltestelle zu sein scheint, kosmische Kräfte und kosmische Aufgaben in Bewußtsein und irdische Wirklichkeit umzusetzen. Denn er lernt viel leichter fliegen, funken und Unterseeboot fahren als das Rechte um seiner selbst willen tun. Sittlichkeit ist ja kein schönes Wort, aber doch  … Die Völker dazu zu bringen, Gerechtigkeit über sich in den Sternen hängen zu fühlen, so wie der Einzelne, wenn er vom Geldverdienen nicht verrückt oder verblödet ist, sie über sich in den Sternen hängen fühlt, das scheint unsre nächste Aufgabe.36

Zweifel an absoluten Wahrheiten werden in Zweigs Portraits Posnanskis deutlich. „Ein Geschlecht geht, das andere kommt, nur die Erde bleibt immerdar“, so sinniert Posnanski im melancholischen Stil Kohelets.37 Dessem Protagonist – der biblische König Salomon – wird Gronemann später ein ironisches, dramatisches Denkmal in seiner Komödie Der Weise und der Narr setzen. Ähnlich grübelt dort Gronemanns Salomo(n): „Wir kennen nicht den Urgrund alles Seins, / Im Dunkeln tappend, blind wir uns bewegen. / Recht oder Unrecht, es ist alles eins.“38 Nur in seinem Doppelgänger Schemadai wird dieses Trübsal zu Ironie: „Manchmal hat wohl das Unrecht obgesiegt. / Manchmal zu Unrecht jemand unterliegt. / Und so gleicht sich zum Schlusse alles aus / Und so kommt doch Gerechtigkeit heraus. / Es ist ein Wunder und ein jeder sieht’s, / Das ist im Grund das Wesen der Justiz.“39

Viktor Klemperer Noch bevor Viktor Klemperer im Jahre 1942  – unter widrigen Umständen in Dresden  – Gronemanns Tohuwabohu bei einem Besuch bei der befreundeten Familie John Neumanns entdeckt hatte,40 war ihm dort Hawdoloh und Zapfenstreich in die Hände gefallen. Am 15. Mai 1941 schreibt er in sein Tagebuch: „Paßt haargenau in meine momentane Tagebuchlektüre zum Abschnitt Ober-

36 Zweig, Der Streit um den Sergeanten Grischa, 414. 37 Zit. nach Koheleth. Hg. u. Übers. Raphael Breuer. Frankfurt a.M., 1911, 2  f. 38 GKG, Bd 1, 159, Z. 7. 39 Ebd., 178, Z. 36. 40 GKG, Bd 2, 295  f.

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Ost.“41 Dort hatte Klemperer selbst als deutscher Soldat gedient und kam durch Magnus Zeller in Kontakt mit dem Klub ehemaliger Intellektueller. Aufgrund dieser Lektüre unterbricht Klemperer die „Zeitordnung“ seiner Memoiren und lässt sich zu sieben Seiten kritischer Reflektion über die eigene Soldatenzeit und Gronemanns Darstellungen anregen, die hier kurz resümmiert werden sollen.42 Während der Antisemitismus im Laufe des Ersten Weltkriegs in Deutschland angestiegen sei, habe sich, so Klemperer, eine „zionistische Sonderliteratur“ entwickelt, in die Hawdoloh und Zapfenstreich einzureihen sei. Für Klemperer ist Gronemann, „ein Rechtsanwalt ostjüdischer Herkunft“, der „wenige Tage nach meiner Abreise von Kowno ins Presseamt Ober-Ost gekommen und dort ein reichliches Jahr tätig gewesen“ sei: [Gronemann] erzählt in gewollt anspruchslosem Plauder- und Feuilletonstil, oft witzig, bisweilen humorvoll, nie unangenehm witzelnd, von den Menschen und Dingen, mit denen ich selber in Berührung war. Er bestätigt und er gänzt mir manches, was ich mir damals aus geringer unmittelbarer Erfahrung, aus vieler Aktenlektüre und vielen Gesprächen zusammenreimte. („Ich glaube“, schrieb ich aus Kowno an meine Frau, „der Russe war den Leuten hier zuwider und bequem, der Deutsche ist ihnen zuwider und unbequem.“) Gronemann gibt mir auch einige Daten über das spätere Leben etlicher Menschen, die damals vor mir auftauchten und mir dann versanken.43

Klemperer fügt eigene Erinnerungen an die von Gronemann erwähnten Persönlichkeiten hinzu (Zeller, Rosenthal, Struck, Eulenberg), Erinnerungen, die sich mit den Lektürenotizen zu Hawdoloh und Zapfenstreich vermischen, in denen er sich kritisch mit dessen Darstellungen auseinandersetzt: Alles in Gronemanns Buch ist mir interessant, nichts finde ich in ästhetischer Hinsicht zu beanstanden, keiner seiner anekdotischen Berichte scheint mir die Wahrheit allzu karikaturistisch zu verzerren. Warum ist mir das Werkchen dennoch verhaßt, so verhaßt, daß ich es nur mit Widerwillen zu Ende las?44

Im Verlaufe seiner Aufzeichnungen antwortet er sich selbst und nimmt vor allem am zionistischen Nationalismus Anstoß. Für Klemperer, dessen Tagebucheinträge jener Zeit den geistigen Kampf gegen die durch die Nazis ideologisch ver-

41 Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd 1. Hg. Walter Nowojski u. Hedwig Klemperer, Berlin 1999, 592. (Eintrag vom 15. 5. 1944) 42 Ders., Curriculum Vitae. Erinnerungen 1881–1918, Bd 2 (1912–1918). Hg. Walter Nowojski, Berlin 1996, 478–85. 43 Ebd., 479. 44 Ebd., 480.

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giftete Sprache dokumentieren,45 weckt der Zionismus allzu sehr den Eindruck einer jüdischen Variante des Blut-und-Boden Nationalismus. Daher kann er auch die Identifizierung mit den idealisierten Ostjuden nicht nachempfinden, da nicht der „allgemein animalische Teil“ – hierzu zählt er Blutverwandschaft und Hautfarbe – grundlegend für menschliche Gemeinschaft und Natur sei, sondern „der Geist!“. So reflektiert er: Immer ist mir die Gesinnung verhaßt gewesen, die aus Gronemanns Buch spricht, und heute ist sie mir verhaßter als je, denn sie gibt Hitler recht und hat ihm vorgearbeitet, und manchmal ist es mir wahrhaftig zweifelhaft, ob ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen einem Nationalsozialisten und einem Zionisten  …46

Doch als Klemperer einige Monate später, am 4. Oktober 1941 – ein Schabbat – seinem Freund John Neumann das von ihm ausgeliehene Hawdoloh und Zapfenstreich zurückgibt, notiert er: „Von ihnen [Familie Neumann] entlieh ich vor ein paar Monaten den Gronemann. Las jetzt dort den Abschnitt Kowno vor. Gute Wirkung.“47 Die von Klemperer angesprochene ideologische Tendenz und Problematik des völkischen Nationalismus bleibt Thema in der im Folgenden dargestellten geisteswissenschaftlichen Rezeption, die sich von der Aufarbeitung des deutschjüdischen Ostjudendiskurses bis hin zur post-zionistischen Kritik erstreckt.

Kritische Rezeption Vor allem im Rahmen der Jewish Studies dient Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich seit Ende der siebziger Jahre als historische Quelle für das Studium deutsch-jüdischer Darstellungen osteuropäischer Juden. Je nach Bezugspunkt wird Gronemann entweder wohlintendierte Idealisierung und ideologische Instrumentalisierung, oder eine teils unreflektierte ethnografische und dabei außergewöhnlich humorvolle, in jedem Falle aber einzigartige Perspektive auf die osteuropäischen Juden und in der jüdischen Weltkriegsliteratur nachgesagt. Kurz nachdem Monika Richarz in ihren Anthologien Auszüge aus Gronemanns damals noch unveröffentlichten Memoiren veröffentlichte und so erstmals

45 Ders., LTI: Notizbuch eines Philologen. Berlin 1947. 46 Ders., Curriculum Vitae, 481. 47 Ders., Ich will Zeugnis ablegen, 677.

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nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah auf ihn aufmerksam gemacht hatte,48 erschien Sander Gilmans Artikel über Die Wiederentdeckung der Ostjuden: Deutsche Juden im Osten, 1890–1918. Gilman diagnostiziert darin einen interessierten, aber isolierten Blickwinkel.49 Er ignoriert Gronemanns Sympathie für die osteuropäischen Juden weitestgehend, wie Merchán-Hamann treffend bemerkt,50 und übergeht daher auch jene Einfühlung, die er in dessen „ironischer Distanz [zu] den deutschen Juden“ vermisst. Gronemann stehe zwischen ‚Ost und West‘ und habe osteuropäische Juden lediglich für die zionistische Propaganda benutzt. Von ihrer Kultur habe er sich „weder angezogen noch abgestoßen“ gefühlt. Der Grund für diese „neutrale Beziehung“ sei „offensichtlich“, so Gilman: Während Gronemanns Anwesenheit an der Ostfront befand er sich in einer relativen Machtposition. […] Aus dem Gefühl der Sicherheit innerhalb der starren Welt der militärischen Hierarchie und der Überlegenheit über die Einheimischen ist Gronemanns Distanz verständlich. Sie erlaubte auch eine deutlichere Beurteilung der Ostjuden als Objekte der politischen Ausbeutung.51

Doch gerade seine Ironie hatte es Gronemann ermöglicht, in Distanz zur militärischen „Erziehung zur Feigheit“ gehen, wie er es treffend nannte.52 Hieraus erklärt sich auch seine nüchternere und zugleich dauerhaftere Beziehung zu den osteuropäischen Juden; zumindest im Vergleich mit Arnold Zweig, dessen Begeisterung für die Ostjuden zwar enthusiastischer und romantisierender, dafür aber kürzer war, wie Karol Sauerland bemerkt.53 Zweigs Idealisierung der Ostjuden lasse in Das ostjüdische Antlitz weder Distanz noch Reflexion erkennen. Sie sei stärker in jener Dialektik von Projektion und Gegenprojektion osteuropäischer und deutscher Juden gefangen, die Steve Aschheim in seinem Buch über The East

48 Sammy Gronemann, Erinnerungen. Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur So­ zial­geschichte im Kaiserreich. Hg. Monika Richarz, Stuttgart 1979, 406  f. 49 Sander L. Gilman, The Rediscovery of the Eastern Jews. German Jews in the East, 1890–1918. Jews and Germans from 1860 to 1933: The Problematic Symbiosis. Hg. David Bronsen, Heidelberg 1979, 338–65. Zitate aus der deutschen Übersetzung: Sander Gilman, Die Wiederentdeckung der Ostjuden. Deutsche Juden im Osten, 1890–1918. Beter und Rebellen: Aus 1000 Jahren Judentum in Polen. Hg. Michael Brocke, Frankfurt a.M. 1983, 24. 50 César Augusto Merchán-Hamann, Life and Works of Sammy Gronemann. Dissertation, University College London 2002, 417. 51 Gilman, Die Wiederentdeckung der Ostjuden, 354  f. 52 Oben, S. 111. 53 Gilman, Die Wiederentdeckung der Ostjuden, 356. Vgl. Karol Sauerland, Sammy Gronemanns Sicht des Ostjudentums. Ostpreußen-Westpreußen-Danzig: eine historische Literaturlandschaft. Hg. Jens Stüben. Oldenburg 2007, 427. S.  a. Ders., Arnold Zweig und das Ostjudentum. Jüdische Autoren Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert. 2000, 113–26.

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European Jew in German and German Jewish Consciousness 1800–1923 beschreibt. Darin greift Aschheim das Argument Gilmans auf, führt aber die „Glorifizierung“ des osteuropäischen Judentums auf Gronemanns Abneigung gegen das liberale deutsche Judentum zurück.54 Diese ideologische Voreingenommenheit habe mitnichten die distanzierte Sichtweise eines Außenstehenden ermöglicht, sondern blind gemacht, sowohl gegenüber den positiven Aspekten des deutsch-jüdischen, als auch gegenüber den negativen des osteuropäisch jüdischen Lebens.55 Ähnlich konstatiert Ulrich Sieg in seiner umfangreichen Studie über Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg: „Selbst ein so genauer Beobachter und ironischer Kommentator wie Sammy Gronemann konnte sich dem ‚Kult der Authentizität‘ nicht entziehen.“56 Hawdoloh und Zapfenstreich trage zu einer „romantischen Verherrlichung des Ostens“ bei, die Gronemanns „Beschreibung der ‚ostjüdischen Etappe‘ zwar nicht recht paßte, für das kulturzionistische Selbstverständnis aber grundlegend war.“57 Hanni Mittelmann liest Gronemann vor allem emphatisch als orthodoxen Kulturzionisten. Sie geht davon aus, dass er „den typisierenden Blick des Außenseiters“ habe parodieren wollen, um „ein neues jüdisches Ebenbild“ zu schaffen.58 Dieses sollte in einer integralen Version des Juden münden, die den diametralen Gegensatz zwischen Ost- und Westjuden zugunsten einer (schon von Buber propagierten) Synthese auflösen würde.59 Somit sei Hawdoloh und Zapfenstreich, nach Mittelmann, „einer der Meilensteine in der positiven Neubewertung des Ostjudentums“.60 Sahen doch viele Deutsche und deutsche Juden jener Zeit ihre Vorurteile in osteuropäischen Juden bestätigt. Hawdoloh und Zapfenstreich habe versucht, diesen Wahrnehmungen entgegenzutreten um „eine andere Perspektive [zu] eröffnen“. Hierdurch stehe es in jener Tradition deutschsprachig jüdischer Literatur, „die 1823 mit Heinrich Heines Bericht Über Polen begonnen hatte und ihre literarische Ausprägung in den Ghettogeschichten von Leopold

54 Steven E. Aschheim, Brothers and Strangers: The East European Jew in German Jewish Consciousness 1800–1923, Madison 1982, 29. S. 29. Vgl. Gilman, The Rediscovery. S. 338. 55 Aschheim, Brothers and Strangers, 210. 56 Ulrich Sieg, Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg, Berlin 2001, 213. 57 Ebd. 58 Hanni Mittelmann, Das Problem der deutsch-jüdischen ‚Symbiose‘ im zionistischen Roman. Juden in der deutschen Literatur. Ein deutsch-israelisches Symposion. Hg. Stéphane Moses u. Albrecht Schöne. Frankfurt a.M. 1986, 230. S.  a. Einleitung, oben, S. XIV. 59 Hanni Mittelmann, ‚Hoffen wir, daß er recht behält!’: Zionismus und Orthodoxie bei Sammy Gronemann. Das Jüdische Echo 47.10, 1998, 281. 60 Dies., Gronemann, Sammy. Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Hg. Andreas Kilcher. Stuttgart 2000, 188.

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Kompert, Aaron Bernstein, Karl Emil Franzos und anderen fand und bis zu Martin Buber hinführte.“61 Auch Bücher wie Alfred Döblins Reise in Polen (1925) oder Joseph Roths Juden auf Wanderschaft (1927) stünden in dieser Tradition, wobei dort jedoch die Kritik der ostjüdischen Lebensumstände überwiege.62 Dementgegen habe Gronemann dank seiner zionistischen Gesinnung – ähnlich Zweig – ein Bild der osteuropäischen Juden gezeichnet, „das keineswegs reformbedürftig ist, sondern ein Vorbild für das sich selbst entfremdete Westjudentum.“63 Unter dieser Selbstentfremdung versteht Mittelmann ein unter deutschen Juden verloren gegangenes innerjüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie im vormodernen, osteuropäischen Judentum wieder zu erkennen vermeinten und durch die demonstrativ unterscheidende Abgrenzung (symbolisiert in der Hawdalah) vom Deutschen wieder erlangen, beziehungsweise erschaffen wollten. Dieses „Volksgefühl“ habe Gronemann als „Vorstufe einer unentfremdeten jüdischen Volksexistenz gesehen, wie der Zionismus sie erträumte“, so Mittelmann.64 Zu bedenken ist hierbei, dass diese Art des Zusammenhalts und der darauf basierende Volksbegriff das Resultat einer – im Gegensatz zu Deutschland – in Russland damals noch existierenden oppressiven, antijüdischen Politik war: „Der Feind aber ist der eiserne Reifen der Nation“, könnte man Herzl an dieser Stelle zitieren.65 Vor dem Hintergrund der in Gronemanns Weltkriegserinnerungen beschriebenen, von jüdischen und nicht-jüdischen Soldaten geteilten Erfahrungen – insbesondere unter dem Eindruck der beiderseits ‚umjubelten‘ Ostjuden  –, fragt Karol Sauerland, wann und wie sich diese freundschaftlichen Beziehungen in Feindbilder verwandeln konnten: „Wie war es möglich, dass sich 25 Jahre später Tausende von deutschen Soldaten und auch Einheimischen in den besetzten Ländern bereit fanden, die gleichen Juden zu drangsalieren, zu quälen und totzuschlagen?“66 Diese Frage nach der Dialektik zwischen Ein- und Ausgrenzung beschäftigt auch neuere Studien zu Hawdoloh und Zapfenstreich, unter denen die Dissertation von Wesley Todd Jackson hervorzuheben ist, welche Gronemann im

61 Dies., Sammy Gronemann (1875–1952): Zionist, Schriftsteller und Satiriker in Deutschland und Palästina. Frankfurt a.M. 2004, 67. 62 Vgl. Michael Brenner, The Renaissance of Jewish Culture in Weimar Germany, New Haven 1996, 145. 63 Mittelmann, Sammy Gronemann, 68. 64 Ebd., 69. 65 Theodor Herzl, Zionismus (Aus „North American Review“, 1899). Zionistische Schriften, Tel Aviv 1934, 373. Auf dieser Basis könnte sich eine Nation zwar konstituieren, aber schwerlich in Frieden leben. 66 Sauerland, Gronemanns Sicht, 428. Diese Frage stellen sich auch Vejas Gabriel Liulevicius in War Land on the Eastern Front, und Ludger Heid in Im Reich Ober Ost, Zeit-Online 9/2014.

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Vergleich mit Zweigs Das ostjüdische Antlitz und Döblins Reise in Polen liest.67 In seiner ­„American Critique of Gronemann’s European Zionism“ betont Jackson, dass Gronemann vor allem als „subtle and astute apologist for the Zionist cause“ zu lesen sei.68 Die im Titel von Hawdoloh und Zapfenstreich angedeutete, doppelte Trennung interpretiert er daher folgendermaßen: „Gronemann ultimately ­advocates for a separation between the Jews and Germans, and he does so with a cultural pride that acknowledges the mutual aid and benefit that the Jews and Germans can provide each other, but ultimately a clean break was needed.“69 Diese Trennung sollte den Weg zur innerjüdischen Gemeinschaft bahnen, die paradoxerweise durch ­deutsche Juden wie Gronemann verhindert wurde, da sie durch die Idealisierung der Ostjuden begonnen hatten, ihre eigene Kulturtradition zu delegitimierten.70 In seiner explizit amerikanischen und implizit postzionistischen Kritik von ­Gronemanns „Zionist separatism“ argumentiert daher Jackson: Gronemann could not imagine other possibilities of fighting for Jewish equality within the principles of German democracy but instead accepted the accusation that the Jews were a „parasite” people, existing at the expense of their „host” countries and needed to go elsewhere. Gronemann, of course, never articulated his position in these terms.71

Jackson verweist schließlich auf ein Grundmuster der Ausgrenzung im völkisch motivierten Nationalismus, implizierend, dass auch jüdischer Nationalismus das Kernproblem interkulturellen menschlichen Zusammenlebens nicht gelöst, sondern nur verschoben habe: „Did [Gronemann] think that Jewish separatism and nationalism (in Palestine) would not lead to the same kind of chauvinism and inhospitable exclusivism that the Germans exhibited, as it inevitably did […]?“72 Spätere Texte Gronemanns kritisieren in der Tat diese Problematik, die der Zionismus, den er vertrat, ursprünglich zu überwinden bestrebt war.73 67 Wesley Todd Jackson, Where Do We Go from Here?: Tortured Expressions of Solidarity in the German Jewish Travelogues of the Weimar Republic. Dissertation, University of Cincinnati 2015, 234–300. 68 Ebd., 289. 69 Ebd. 70 Zu diesem bisher ignorierten Gesichtspunkt, s. Kap. 4.3. in Herrmann, Zionismus und Authentizität. 71 Jackson, Where Do We Go from Here?, 292. 72 Ebd. Dabei weist Jackson bisher als einziger auf den Gronemanns Buch durchziehenden polemischen Vergleich zwischen Ostjuden und deutschen Soldaten hin: „Both the Eastern Jews and the German soldiers follow strict codes of conduct: the Jews follow their religious traditions and the Germans follow their military orders.“ Ebd., 256. 73 Vgl. Jan Kühne, Die zionistische Komödie im Drama Sammy Gronemanns. Über Ursprünge und Eigenarten einer latenten Gattung [i. Ersch.]. Conditio Judaica; Bd 94. Berlin/Boston 2019.

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 Anhang

Aus heutiger Distanz und von geisteswissenschaftlicher Warte kann man leicht, wie Kerstin Armborst-Weih, eine reflektierte Darstellung der osteuropäi­ schen Juden in Hawdoloh und Zapfenstreich vermissen, die, so ihre These, keineswegs den von Mittelmann bezeichneten Meilenstein der Neuorientierung unter deutschen Juden darstelle.74 Gronemanns Begegnung mit den Ostjuden habe nicht zu einer Differenzierung ihrer Darstellung geführt, sondern zur emphatischen Vertiefung einer bereits durch Buber ideologisch verklärten Wahrnehmung. Gronemanns Weltkriegserinnerungen berichteten lediglich, was seine Weltanschauung unterstützte. Trotz anderweitiger Erfahrungen, so Armborst-Weih, habe er darauf verzichtet, „die sozialpolitischen Ursachen der Armut sowie […] die historisch bedingte Rückständigkeit in den jüdischen Siedlungsgebieten im Osten“ in Betracht zu ziehen. Er habe weitgehend versäumt, „die geschichtliche Entwicklung der ostjüdischen Lebenswelten einzubeziehen und den historischen Zusammenhang zwischen Armut und Rückständigkeit einerseits und der Bewahrung der jüdischen Traditionen andererseits herauszustellen.“75 Aufschlussreich ist auch Armborst-Weihs Beobachtung, dass Gronemanns ironische Distanz zumeist nur in der Darstellung deutsch-jüdischer Kultur zu tragen kommt, während sein satirischer Witz in der emphatischen Perspektive auf das osteuropäische Judentum außen vor bleibt.76 Gronemanns Darstellung des jüdischen Witzes als eines selbstkritischen könnte hier hinterfragt werden, zumindest in der jüdischen Binnensicht. Denn Hawdoloh und Zapfenstreich kann auch als Beleg für Gronemanns Theorie gelesen werden, dass jüdischer Witz die (einzig legitime) Waffe zur Verteidigung jüdischer Weltanschauung und humorvoller Zuversicht sei.77 Dies mag erklären, warum der „tragische Hintergrund“78 seiner Kriegsdarstellungen fast völlig ausgeblendet ist: Seinen Lesern war er noch allzu gegenwärtig und mag daher, in der Fülle der verstörenden und teils apokalyptischen Weltkriegsliteratur umso willkommener gewesen sein.

74 Kerstin Armborst-Weihs, Die ostjüdischen Lebenswelten in Hawdoloh und Zapfenstreich. Die Begegnung mit Fremden und das Geschichtsbewusstsein. Hg. Judith Becker u. Bettina Braun. Göttingen 2012, 178. 75 Ebd. 76 Ebd., 170. 77 Sammy Gronemann, ‫[ הבדיחה וההומור של היהודי‬Jüdischer Witz und Humor]. Bamah 45, 1945, 34  f. Doch Gronemanns Humor stand nicht nur „im Dienste des Zionismus“. Vgl. Hanni Mittelmann, Sammy Gronemann. Humor im Dienste des Zionismus. Humor. Jüdischer Almanach des Leo Baeck Instituts, Hg. von Gisela Dachs, Frankfurt a.M. 2004, 40–48. 78 Gronemann, Jüdischer Witz und Humor, 37.

Kommentar 

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Zur Wilnaer Truppe Hawdoloh und Zapfenstreich ist eine der wichtigsten historischen Quellen zur Erforschung der Wilnaer Truppe.79 Michael Brenner weist, innerhalb der wissenschaftlichen Rezeption, 1998 erstmals daraufhin, dass Sammy Gronemann dieses jiddische Avantgarde-Theater entdeckt hatte und ihr mit der finanziellen Unterstützung von Leo Winz den Weg in den Westen bahnte.80 Dies führte unter anderem zur Gründung des ersten offiziellen jüdischen Theaterverein Deutschlands in Berlin, auf den bisher nur Hannelore Riss eingehender hinweist.81 Durch diesen Verein wurde Gronemann zu einer bislang vergessenen Schlüsselfigur der jüdischen Theaterszene in der Weimarer Republik. Doch die Archivmaterialen, die Einblick in das freundschaftliche Verhältnis der Wilnaer Truppe zu Gronemann erlauben sowie dessen zentrale Förderrolle hervorheben, bleiben in den wichtigsten Forschungen zur Wilnaer Truppe unbeachtet,82 d.  h. in den aufschlussreichen Studien von Hannelore Riss83, Shelly Zer-Zion und Debra Caplan; primär wird dort nur auf Gronemanns Darstellungen in Hawdoloh und Zapfenstreich zurückgegriffen, die als Berichte eines vertrauten Augenzeugen gelesen werden. Zer-Zion legt nahe, dass Gronemanns Beziehung zum osteuropäischen Judentum „realistischer“ gewesen sei als die seiner jüdischen Zeitgenossen, insbesondere im Vergleich mit Arnold Zweig.84 Sie hebt Gronemann unter jenen Intellektuellen der Presseabteilung hervor, die die Wilnaer Truppe unterstützten. Er sei der einzige gewesen, der sich tatsächlich für sie engagiert und nicht nur als Symbol für die jüdische Renaissance vereinnahmt habe. Obwohl Gronemann die romantischen Perspektiven Zweigs wie auch die Hermann Strucks unhinterfragt ange-

79 Miroslawa M. Bulat, Wilnaer Truppe. EJGK, Bd 6, 414–17. 80 Michael Brenner, The Renaissance of Jewish Culture in Weimar Germany, New Haven 1996, 192. 81 Hierzu Kap. 6.2. bei Hannelore Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters in Berlin 1889–1936, Frankfurt a.M. 2000. Vgl. Israel Zangwill, The Future of Jewish Drama. The Jewish Chronicle (10. 4. 1925), 16. 82 Mit Ausnahme David Brenners, der sich bei seiner knappen Auswertung dieser Materialien überwiegend auf Leo Winz’ Mäzentum konzentriert und nicht im Kontext der Historiografie der Wilnaer Truppe. David A Brenner, German-Jewish Popular Culture Before the Holocaust: Kafka’s Kitsch, London 2008, 25, s.  a. 94, Fn. 66. Vgl. CZA, Sign. A 136/63 und A 136/116. 83 Riss, Ansätze zu einer Geschichte des jüdischen Theaters, 93 u. Kap. 6.2. 84 Shelly Zer-Zion,“‫ “הבימה‬1391–6191 :‫ציוני‬/‫גרמנית ועיצובו של תיאטרון יהודי‬-‫האליטה היהודית‬ ‫[ וה“תא“י“ (“התיאטרון הארצישראלי“) בברלין‬Die deutsch-jüdische Elite und die Schaffung jüdisch/ zionistischen Theaters: 1916–1931 Habima und das TEI (Teatron Erez Israel) in Berlin], Dissertation, Hebrew University Jerusalem, 2006, 63. In gekürzter Form veröffentlicht unter Dies., ‚‘‫הבימה‬ ‫ מיסודו של תאטרון ציוני‬.‫[ בברלין‬Habima in Berlin: The Institutionalization of a Zionist Theatre], Jerusalem 2015. Idem., Habima: Eine hebräische Bühne in der Weimarer Republik, Paderborn 2016.

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nommen habe85, habe er eine komplexere Wirklichkeit wahrgenommen, in der die Theatergruppe sich im Zwiespalt zwischen traditionell religiösen Sphären und einer sich säkularisierenden, als chaotisch erfahrenen Welt befand.86 Obwohl er sich als Vermittler der Moderne unterstützend angeboten hatte, habe er es jedoch vermieden, zu schnelle und dadurch nachteilige Veränderungen herbeizuführen. Zer-Zion folgert, dass zwischen ihm und der Wilnaer Truppe eine „wirkliche Begegnung“ stattgefunden habe (‫)מפגש של ממש‬: [Gronemann] bestärkte die kulturellen Tendenzen, die ihm für die Theatergruppe bedeutsam schienen, und ermutigte die Theaterleute in ihrer Entwicklung; ohne ihnen dabei weder Inhalt noch Stil vorzuschreiben, oder sich in ihre künstlerischen Entscheidungen einzumischen. Die Begegnung mit den Leuten der [Wilnaer] Truppe schwächte nicht seine Selbstwahrnehmung als deutscher Jude und als ein Erzeugnis deutsch-jüdischer Kultur, der sich die Grundprinzipien der Aufklärung auf ihre Fahne geschrieben hatte: Universalismus und bürgerlich-jüdische Existenz. Es scheint, als habe gerade diese Haltung einen lebendigen, sprachlichen und kulturellen Dialog mit der Gruppe ermöglicht, der zugleich ein Gespräch über ihre Nähe zu seiner Kultur war. In Gronemanns Buch [Hawdoloh und Zapfenstreich] wurde die Wilnaer Truppe nicht zu einem Symbol, sondern blieb in jenem dynamischen Milieu die wagemutige Theatergruppe, als die sie agierte.87

Hier wird eine Gegenposition zu den Darstellungen von Gilman und Aschheim deutlich, denn beschrieben wird weder politische Vereinnahmung noch Kulturchauvinismus, geschweige denn eine als Neutralität beschriebene Gleichgültigkeit Gronemanns. Im Gegenteil, im Vordergrund seiner kulturzionistischen Interessen habe die bereits in der Rezension von Shalit88 beschriebene persönliche Dimension der interkulturellen Begegnung gestanden, um der Menschlichkeit und um der Kunst willen. Gronemann habe keinesfalls versucht, sich oder seine Kultur aufzudrängen, sondern Möglichkeiten künstlerischer Selbstentfaltung wahrgenommen, deren Autonomie er achtete und förderte. Aufgrund dieser genuinen Beziehung konnte er zu einer Leitfigur der jüdischen Theaterkultur in Berlin werden, der den beiden bedeutendsten jüdischen Theatergruppen jener Zeit – Wilnaer Truppe und Habima – den weiteren Erfolgsweg ebnete.89 85 Dies., Die deutsch-jüdische Elite, 64. 86 Ebd., 65. 87 Ebd. 88 Oben, S. 204. 89 Dies., Die deutsch-jüdische Elite, 72  f. Erste Ansätze zu einer Neubewertung der Rolle Gronemanns in der Geschichte Habimahs, finden sich bei: Shelly Zer-Zion u. Jan Kühne, The German Archive of the Hebrew Habima: Bureaucracy and Identity. Naharaim 7.1–2 (2013), 239–60. Diese Rolle tritt in späteren Publikationen deutlicher hervor. Vgl. Zer-Zion, Habima, 123  f. Dies., Das Habima Sekretariat: Philanthropie als Nationenbau. In: ‫ עיונים חדשים בתאטרון לאומי‬:‫[ הבימה‬Ha-

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In Debra Caplans umfassender Studie zur Geschichte der Wilnaer Truppe findet Gronemanns Beitrag verhältnismäßig wenig Beachtung, obwohl sie aus Brenners erwähnter Studie sowie aus Hawdoloh und Zapfenstreich zitiert. Sie führt die Liste der Unterstützer der Wilnaer Truppe mit Gronemann an und meint aufgrund dieser Quellen sogar, dass diese nicht nur den Weg der Wilnaer Truppe in den Westen gebahnt hätten, sondern an der Gründung des Theaters selbst beteiligt gewesen sein: „Sammy Gronemann, Hermann Struck, Hans Goslar, and Arnold Zweig, who had helped Asro and Kadison found the original Vilna Troupe in German-occupied Vilna, […]“90 Es besteht hier also noch erheblicher Forschungsbedarf und so sei abschließend auf eine Merkwürdigkeit in der Beziehung zwischen Gronemann und Arnold Zweig hingewiesen. Letzterer veröffentlicht vier Jahre nach Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich seine „Erinnerungen an die ‚Wilnaer‘“ in seiner Studie über Juden auf der Deutschen Bühne.91 Wohingegen Gronemann jedoch in seinen Darstellungen wiederholt auch an Zweigs Engagement erinnert, bezieht sich Zweig nirgends auf Gronemann. Dabei hatte Zweig noch 1925 in der Jüdischen Rundschau in einem offenen Brief an Gronemann geschrieben: Und sie, ein Enthusiast des Theaters, […] denken an Ihr großes, so gut geglücktes und dann wieder zerstobenes Experiment, dass die Wilnaer  – unsere Wilnaer von damals  – nach Berlin verpflanzte. Das war ein Sieg, den Sie gewannen, für die jüdische Bühne, für Ihren geliebten jüdischen Osten und für die Theaterstadt Berlin.92

Über den Rahmen von Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich ­hinausgehend könnten weitere Studien diese institutionelle Rolle Gronemanns bei der Gründung und Förderung der Wilnaer Truppe sowie ihrer Ableger eingehender ­recherchieren, und zu einer Differenzierung bestehender Darstellungen b ­ eitragen. Denn diese von Zweig als Gronemanns „Experiment“ bezeichnete Förderung jüdi-

bima: New Studies on National Theatre]. Hg. Gad Kaynar-Kissinger, Dorit Yerushalmi u. Shelly Zer-Zion. Tel Aviv 2017, 57–82. 90 Debra Caplan, Yiddish Empire. The Vilna Troupe, Jewish Theater, and the Art of Itinerancy. Michigan 2018, 111. 91 Arnold Zweig, Juden auf der deutschen Bühne, 268–75. 92 Ders., Sammy Gronemann zum Fünfzigsten. Jüdische Rundschau 10. 3. 1925, 181. Vgl. den relativierenden Zusatz, den Gronemann 1946 bei der Aufnahme seiner Weltkriegserinnerungen aus Hawdoloh u. Zapfenstreich in seine Erinnerungen eines Optimisten macht. Darin schreibt er in diesem Kontext über Zweig: „(der übrigens erst später zu uns stieß)“. Gronemann, Erinnerungen an meine Jahre in Berlin, Kap. XXXIII, 269. Hierzu, in Vorbereitung, GKG, Bd 5.

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schen Theaters war ein Vorspiel bei der Neukonstitutierung der osteuropäischen Habimah als hebräisches Nationaltheater, bei der Gronemann eine wesentliche Rolle gespielt hatte.93 Jan Kühne

93 Vgl. S. 219, Fn. 11.

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Personen- und Werkregister Abeles, Otto 8, 200, 203 Agnon, Samuel Joseph (Shay) 199 Und das Krumme wird gerade 199 Albeck, Chanoch 35 Alexander III. 35–36, 142 Alomis, Sonia 148 Altmann 44 Altmann, Wilhelm 44 Armborst-Weih, Kerstin 216 Arnold, Victor 99 Aschheim, Steve 212–213 Asro, Alexander 150 Auerbach, Heinrich 68 August Wilhelm von Preußen 116 B., Graf 56 B., Hauptmann 20 Baeck, Leo 122 Baneth, Doktor 35 Baneth, Eduard (Ezekiel) 35 Bar Jochai, Schimon 121 Barth, Aron 108–109, 120 Barth, Jakob 109, 118 Barth, Lazarus 118–119, 148, 150 Bassewitz, Gräfin 155 Bayern, Leopold von 91 Beethoven, Ludwig van 87 Beilis, Menachem Mendel 185 Ben-Chorin, Schalom 201 Benjamin, Walter 50 Bermann, Herr 151 Bernstein, Aaron 214 Bertel, Fräulein 151 Bertkau, Hauptmann 18, 77, 109, 153, 164–165, 167–168, 177 Bialystotzky, Fräulein 103 Bismarck 87 Bockwitz, Dr. 168, 176 Bodenheimer, Max XXII Boschwitz, Isaak 99 Bottke 157 Bötzow 103 Brennus 40 Brod, Max 86, 202 Heidentum, Christentum, Judentum 86 https://doi.org/10.1515/9783110629354-009

Brust, Alfred 194 Buber, Martin XIX, XXI, XXII, 214, 216 Bülow, Bernhard Heinrich (Fürst von) 28 Campagnolle, Roger de 50 Carlebach, Josef 155–157 Corinth, Lovis 197 Courths-Mahler, Hedwig 141 Dante 43 Danziger, Leo 52 Dehmel, Richard XIV, 19, 39, 42–46, 49–51, 62, 186, 190, 194, 200 Zwischen Volk und Menschheit 39 Deutschländer, Leo 17, 76, 126–127, 152, 155–156 Döblin, Alfred XXI, 202, 214–215 Reise in Polen 214–215 Drei-Masken-Verlag 44 Duscha 93 Duvrier, Geheimrat 167 Einstein, Albert 88 Eisemann, Heinrich 29 Eliaschewitz, Frau 152 Eulenberg, Herbert 39, 42, 44–46, 100, 134, 147, 186, 210 Ewers, Hanns Heinz 176 F., Generalmajor 107 Farbstein, Joshua Heshel 122 Feodorowna, Maria 35 Förster, Herr 38 Franzos, Karl Emil 214 Frau Leppmann 71 Frentz, Hans 44, 62, 133, 186 Freund, Hugo 177 Friedemann, Adolf 106 G., Oberleutnant 20 Gilman, Sander 212–213 Goethe, Johann Wolfgang von 25–27, 87, 124, 146, 170 Das Jahrmarktsfest von Plundersweilern  26

230 

 Personen- und Werkregister

Egmont 124 Faust 43, 123 Götz von Berlichingen 26 Tasso 123 Goldfaden, Abraham 145 Goldstein, Julius 173 Gordin, Jacob 145 Goslar, Hans 16–17, 20, 29, 39, 43, 51, 68–69, 102, 104, 108, 115, 136, 144, 147 Gronemann, Sammy XI, XIII, XIV, XV, XVII, XVIII, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, 49, 57–58, 90, 100, 132, 142, 186–187, 193–195, 197, 199–201, 203–205, 207– 208, 210–216 Die Tulpenthaliade 12 Jomkippur vor Gericht 58 Reb Leiser 166 Tohuwabohu 8–9, 57–58, 90, 92, 146, 158, 183, 197 Gronemann, Selig 58, 166, 175 Großmann 99 Gurlitt, Hildebrand 43 Guschmann 165, 186, 190 Guttmacher, Elijahu ben Salomon 90 Guttmacher, Rabbi Elijahu 90 Hamsun, Knut 140 Hantke, Arthur Menachem 142, 144 Hartleben, Otto Erich 134 Hašek, Jaroslav 200 Der brave Soldat Schwejk 200 Hauptmann, Gerhart 100 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 208 Heine, Heinrich XVII, XX, 39, 50, 60, 73, 87, 89, 93, 158, 175, 193, 213 An die Fremdvölker 193 Atta Troll 158 Prinzessin Sabbat 73, 148 Über Polen 213 Helms, Helga 197 Herrnfeld, Gebrüder 99 Herschmann, Mordechai 51 Herzl, Theodor XXVII, 12–13, 16, 106 Hildesheimer, Esriel 83 Hindenburg, Paul von 28, 81, 91, 105, 164 Hirsch, Samson Rafael 60, 83 Hitler, Adolf 43, 211

Hoffmann, Oberst 40, 78, 109 Hofmann, Albert 22 Homer 24 Odyssee 24 Hugo, Victor 146 Ibsen, Henrik 140, 146, 156 Ein Puppenheim 140 J., Fürst 34 Jackson, Wesley Todd 214–215 Jesaia 140 K., Sonia 21 Kafka, Franz 86 Kamińska, Esther-Rachel 148 Kant, Immanuel 208 Karg, Reb Nissen 81, 166 Karger, Rafael 90–91 Karno, Frau 101 Kasimir der Große 27 Klemperer, Felix 41, 81, 98 Klemperer, Viktor XV, 206, 209–211 Klibanow, ingenieur 68 Kollwitz, Käthe 43 Kompert, Leopold 213 Kopisch, August 123 Koslowsky 92 Kühl, Oskar 154–155, 165, 186, 191 Lehmann 91 Lessing, Gotthold Ephraim XXV, 141 Laokoon XXV, 141 Minna von Barnhelm XXV Leutnant Wallenberg 71 Levi, Sali (Salomon) 68, 70 Livius, Titus 40 Loewe, Friedrich 142 Lorenz, Hauptmann 50 Louvier, Ferdinand August 25 Ludendorff, Erich 28, 40, 105, 107–108, 164 Luther, Martin 27 Magnes, Judah Leon 106 Magnes, Rabbiner Dr. 106 Margolin, Feiwel Shraga 13

Personen- und Werkregister 

Marmorek, Alexander 142 Mendelssohn, Moses 89 Michelsohn 46, 49–51, 78–79, 158 Moicher Sforim, Mendele 199 Schloimale 199 Moskowitz 146 Naumann, Max 204 Neumann, John 209, 211 Nietzsche, Friedrich 140, 170 Nikolaus II., Zar 36 Nissenbaum, Yizhak 60 Oppenheimer, Franz 108 Pasmanik, Daniel 144 Pechstein, Max 43 Penelope 24 Perez, Jizchak Leib 73 Die Goldene Kette 73, 86 Pythagoras 87 R., Sonia 138 Raeder, Gustav XXV, 99 Robert und Bertram XXV Rang, Florens Christian 50 Raschi (Shlomo ben Isaak) 84 Ratibor, Victor III. August Maria von 168 Reinhardt, Max 99 Reinick, Robert 123 Richarz, Monika 211 Riemann, Werner 56 Ritewski, Fanny 99 Rosenack, Leopold 15, 50, 77, 79, 98, 107, 114, 155, 166 Rosenthal, Dr. Felix 41–42, 81–82, 98–99, 210 Rosenthal, Theodor 42 Rosenzweig, Franz 50 Rosier, Leutnant 130 Rößler 43 Rößler-Groteck, Oskar 43 Roth, Joseph XXI, 214 Sachs, Hans 27 Sauerland, Karol 212, 214 Schapiro, Oberrabiner 164

 231

Schenker, Anatol 199 Schiller, Friedrich 20, 133–134 Don Carlos 133 Maria Stuart 20 Schmidt, Erich 109 Schmidt-Rottluff, Karl 43, 186 Schnitzler, Arthur 191 Fink und Fliederbusch 191 Scholem, Gerschom XXI Schwarz, Dr. 164 Shakespeare, William 146 Shalit, Moshe 204–205 Sheinkin, Menachem 142 Silberschweif, Ottokar 8 Simon, Ernst XIX Smigelski, Ernst Richard 42, 147, 152 Sobernheim, Moritz Sebastian 106 Sokolow, Nachum XXII Sokrates 87 Spamer, Otto 93 Spinoza 89 Steinbach, Madame 21, 154–155, 166 Sternheim, Carl 175–176 Stoltze, Friedrich 25 Struck, Hermann 11–12, 14–16, 21, 24–25, 28–29, 32, 39, 43–44, 49–51, 71, 76, 86, 92, 98, 113, 128–129, 147–148, 155, 158–160, 179, 186, 197, 202–203, 210 Das ostjüdische Antlitz 197 Stülpnagel, Ernst 96 Sudermann, Hermann 100 T., Dr. 80 Thomas, Brandon XXV, 131 Charleys Tante XXV, 131 Tillys 85 Tolstoi, Leo 146 Traub, Hansel 169 Tucholsky, Kurt 53 Turgenew, Iwan Sergejewitsch 146 V., Fürst 106 Verdi, Guiseppe 132 Rigoletto 132 Vogelstein, Heinemann 90–91 von Geldern 175 Vukobrankovic, Milica von 96

232 

 Personen- und Werkregister

Wagner, Jakob H. 25 Wallenberg 147 Wangel, Hedwig 99 Warschafsky, Sonia 98 Weichselbaum, Simon 70 Weinstein, Berl 90 Weltsch, Felix 86 Wertheimer 168 Wilenschuk, Lise 98 Wilhelm II., Kaiser XXIII, XXV, 27–28, 53, 155, 172–173, 176 Wilpert, Friedrich von 21, 29, 43, 93, 112, 130–131 Winter, Alexander 129 Winter, Dr. 129 Winterberg 192

Winz, Leo XX Wohlgemuth, Josef 203–204 Wolffsohn, David 13 Wothe, Anny 142 Zabludowski, Hirsch 118–119, 148 Zabludowski, Shimon 118 Zabludowsky, Gutta 161 Zangwill, Israel 145 Zeller, Magnus XVII, 43–44, 152–153, ­186–187, 197–198, 210 Zweig, Arnold XXI, 12, 42, 128, 134, 152, 155, 157–158, 165, 186, 189–190, 194, 197– 198, 202–203, 206–209, 212, 214–215 Das ostjüdische Antlitz 128, 198, 215 Judenzählung vor Verdun 12

Sach- und Ortsregister Aachen 178 Achtzigjähriger Krieg 39 Adass-Jisroel 83 Afrika 11 Akkulturation XIX, XX, XXIII, XXVI Amerika 33, 35, 215 Anarchisten 41 Antäus 73 Antifaschismus 12 Antisemitismus XVIII, XIX, XXV, 12, 99, 210, 214 Antizionismus XV Antwerpen 169 Armut 48–49, 66, 202, 216 Schnorrer 49 Assimilation XV, XIX, XX, XXIII, XXVI, 143 Astrologie 207 Atheismus XXV Athenäum Verlag 201 Auschwitz 70 Authentizität XXI, XXV, 203, 205, 213 Avantgarde 217 Baltisches Meer 34 Bar-Kochba Aufstand 121 Bassum 49 Bayern XVIII Belgien 178 Belletristik 201 Berlin XVIII, XXV, 7, 10–11, 14–16, 25, 35, 41, 45, 47, 52, 61, 67, 72, 79, 83, 92, 99, 106, 109, 115, 118, 121, 129, 132, 141, 169, 174, 176, 178, 198–199, 217–219 Brücken-Allee 11, 13 Fasanenstraße 53 Friedrichstraße 15 Heidereuter Gasse 52 Lessingstraße 12–13 Oranienburger Straße 52, 70 Potsdamer Platz 67 Scheunenviertel XVIII Berliner Universität 109 Bern 15 Bezalel Akademie 11 https://doi.org/10.1515/9783110629354-011

Bialystok XIV, 7, 16, 35, 39, 74–75, 78, 86, 101–105, 107, 109, 112, 114–116, 118, 129, 133–134, 136, 142–145, 147–148, 151–152, 156, 175, 185 Bibel 119, 122 Abraham 126–127 Ägypten 117 Esther 94 Jesaia 140 König Salomon 209 Noah 170 Bildung XXIV Bolschewismus 36 Brandenburg 103, 167 Bratislava 15 Bremen 15, 50 Breslau 42 Brest-Litowsk 40, 78, 93, 164–165 Brüssel XXVI, 53, 70, 92, 164–165, 167–170, 172–178 Beth-Zion 170 Justizpalast 174 Buddha 170 Bukowina 37 Centralverein deutscher Staatsbürger ­jüdischen Glaubens XVIII, 135 Chabad 51 Chauvinismus 215 Christentum XXIII Kirche 65, 68 Ostern 52, 57 Pastor 126 Sylvester 62 Weihnachten 56 Cote d’Azur 15 Darmstadt 173 DDR 39 Demokratie 215 Deutsches Reich XI, XXII Deutschland XIV, XV, XX, XXI, XXV, XXVII, 15, 20, 39, 56, 68, 83, 90, 101, 104, 109, 112, 115, 117, 123, 159–161, 166, 177–178, 184, 209, 214

234 

 Sach- und Ortsregister

Deutschtum 50 Diaspora XV, XVII Die Brücke (Künstlergruppe) 43 Dolmetscher XIV, 17 Dresden 43 Düsseldorf 178 Eisernes Kreuz XII, 11, 167 Emanzipation XII, XIX, XX, XXV Engel 126–127 Engländer 109 Entente 177 Erde, Planet 207, 209 Erster Weltkrieg XI, XII, XIV, XVIII, XIX, XX, XXI, XXIV, XXVIII, 43, 122, 144, 168, 199–200, 210 Erste Weltkriegsliteratur XVIII, 200, 208, 214, 216 Europa XX, XXIII, 43, 124, 179 Expressionismus 19, 43 Feuilleton 210 Flandern 176 Flüchtlinge 15, 169 Frankfurt a.M. 25–26, 29, 47, 60 Freie Secession 198 Friedhof 79 Fürstenwalde 10, 167 Galizien XX, 37 Galut, siehe Diaspora XVII Garz a. Oder 90 Gebet 51, 60, 90 Gehinnom 73 Genfer Konventionen 162 Georgenburg 35 Geusen 39 Globotka 87 Grätz 90 Grodno 106 Haager Abkommen 162 Habimah 86, 218, 220 Haifa XXVII, 11, 178 Halberstadt 83 Hamburg 80 Hamelitz 183

Hameln 175 Hannover 9, 16, 49, 83, 88, 132, 166 Hebräischen Universität 106 Hessen 95 Hildesheim 83 Hildesheimer Rabbinerseminar 35 Hinduismus 88 Fakir 88 Humor XIV, XV, XXIII, XXVI, XXVII, 119, 200–205, 207, 212, 216 Hygiene 124 Inflation 199 Italien 15 Jerusalem 11 Jewish Studies 211 Journalismus XXVI, 19, 168 Juden, belgische 169 Juden, deutsche XIV, XV, XVII, XXI, XXII, 161, 214–216 Judenfeindlichkeit, s.  a. Antisemitismus XIX, 99, 107, 118, 166, 214 Judenfrage XXVII Judenheit 43, 109, 118–119, 126, 128, 143, 159–161, 166 Israel, Volk 90 Liberale Juden XV, XXI, XXIII, 19, 61, 90, 104, 135, 213 Orthodoxe Juden XXI, XXIV, XXV, 60–61, 104, 117, 159 Ostjuden XV, XVII, XVIII, XX, XXI, XXII, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, 7, 15, 27–29, 36–37, 44–45, 52, 59, 82, 104, 142, 156, 159, 166, 170, 175, 200, 203, 205, 210–217 Westjuden XVII, XX, XXIII, XXVI, 203, 205, 213 Judentum XIV, XX, XXIV, XXV, XXVI, XXVII, XXVIII, 7, 37, 51, 61, 80, 108, 122, 141, 148, 158, 161, 172, 179–180, 213, 216 Agudath Israel Weltorganisation  117–118, 156 Batlon 87–90 Assoroh Batlonim 87 Chassidim 51, 54, 60, 76, 82, 119, 142, 148, 151

Sach- und Ortsregister 

Chewra kadischah 112 Ersatzjudentum 109 Kantor 35, 51 Kashrut 47–48 Schalet 50 Liturgie 33, 35, 51–52, 202 Gebetbücher 33, 35, 51, 90 Kaisergebet 34 Zarengebet 35 Kaddisch 60 Minjan 58 Neo-Orthodoxie 60 Rabbiner 14, 37, 47, 61–62, 83, 91, 122, 125–126, 138, 157, 160, 166, 172 Feldrabbiner 15, 59, 68, 70, 79–80, 122, 129, 137, 157, 172 Synagoge 7–8, 12–13, 34–35, 51–54, 56–59, 61–62, 83, 89–90, 119, 151, 161, 170–171 Bimah 53–55, 57, 61 Talmud XXII, 50, 123, 126, 204 Halacha 76 Mischnah 122 Talmud Torah 14, 59, 72, 80, 83–89, 119, 122, 125, 138 Bet Midrasch XXIV, 61, 74, 83, 85–90, 119, 126, 162, 179 Cheder 123 Jeschiwah 126 Kiddushin 122 Melamdim 125–126 Pilpul 85 Torah XXIV, XXV, 55–58, 61, 84, 171, 180 Judenzählung XIX, XXI, 46 Jüd. Humanitätsgesellschaft 106, 144 Jüdische Feste Chanukah 157 Jom Kippur XXV, 53, 161, 172, 183 Lag ba’Omer 121 Laubhüttenfest 55 Pessach 57, 121, 166 Purim 10, 26, 207 Rosch Haschanah 77–78, 183 Schofar 78 Schabbat XV, 14, 34–35, 46, 48, 50–51, 58, 62, 70, 72–78, 80, 109, 113, 119, 141, 148, 151, 164, 211

 235

Eruw 77–78, 109 Hawdoloh XV, XVII, 48, 73, 76, 180 Shavuot 121 Simchat-Torah XXV, 54–55, 171 Jüdische Renaissance XIX, XX, 217 Jüdischer Theaterverein 217 Jüdischer Verlag 199–200 Jüd. Nationalfonds 60 Jura/Justiz 56, 123, 174 Jurburg 95 Kapitalismus 209 Kino 151 Kischinew 183 Klub der ehemaligen Intellektuellen XXV, 11, 18, 38–39, 41, 43, 45, 51, 82, 97, 138, 151–152, 154–155, 165, 168, 175, 207, 210, 217 Kohelets 209 Kommunismus 16 Königsberg 56 Kosmos 207, 209 Kowno XIV, 7, 13–14, 17, 33–34, 39, 41, 44–45, 47, 50, 54, 56, 60–62, 70, 74–75, 79, 87, 91, 97, 99–103, 107, 109, 112, 125–128, 135, 144, 147, 149, 152, 154–155, 162, 164, 166–168, 171–172, 175, 210–211 Kaiser-Wilhelm Straße 17, 45 Kriegsberichterstatter 161 Kriegsgefangene, russische 166 Kriegsmemoirenliteratur XIV, 200, 202, 208, 210 Kriegstagebuch 200 Kult der Ostjuden XXI, XXV Kulturbegriff XX, XXIII, XXIV, XXV, XXVI, XXVIII, 205 Kulturchauvinismus XII, 218 Kulturkampf 205 Kulturleben XI, XVII, 204–205, 212, 216, 218 Kulturzionismus 213, 218 Kunst 43, 207 Entartete Kunst 43 Land Israel XV, XVII, 121 Leipzig 72, 168

236 

 Sach- und Ortsregister

Leo Baeck Institut 122 Letten XI, 43 Liga der Fremdvölker Russlands 188 Litauen XI, 15, 28–29, 40, 43–45, 127, 164 Literatur XXVI, 27, 50, 130, 141, 143, 146, 158, 176, 201–202, 205, 207, 210, 213 Deutsche Literatur 155, 158, 207, 213 Ghettoliteratur 213 Jiddische Literatur 146, 205 Jüdische Literatur XXVI, 94, 158, 207–208 Lodz 150 London 13, 29, 72, 121–122 LSD 22 Lübeck 129 Ludendorffküche 166 Lüneburg 166, 175 Magdeburg 72 Mariampol 35, 127 Meistersinger 27 Melancholie 207 Menschlichkeit XII, 205 Messianismus XV Militär XI, XV, XVII, 68, 207, 212 Militarismus XII Militärmusik 69 Mittelhochdeutsch 27 Moderne 43, 218 Moldawien 135 Moskau 35, 184 München 132, 167 Musikologie 42, 135 Mussar 59, 204 Mystik 51 Nalewki 121 Namensänderungen 37 Nationalismus XVIII, XX, XXI, XXII, XXV, 50, 202, 210–211, 214–215 Nationalchauvinismus XII Nazideutschland 99, 206, 210–211 New York 106, 146 Niemen 14 NSDAP XVIII

Ober Ost XI, XIV, XVII, 7, 11, 13, 29, 32, 36, 39, 43, 91, 110, 121, 128, 156, 159, 162, 167, 186, 194–195, 197, 207, 209–210 Okkupationsbehörde XI, XII, XV, 17, 32–33, 36, 38, 61–62, 64 Presseabteilung XI, XII, XV, XVII, 14, 16, 18–20, 24–25, 32, 41, 45, 62, 76, 88, 91, 93, 95, 97, 152, 164, 167, 186, 197, 207, 210 Pressezentrale West 167, 172 Sieben-Sprachen-Wörterbuch 76, 91–93, 104, 165, 188, 193–194, 196 Übersetzungsstelle 21, 24, 28, 32 Oberste Heeresleitung XXII, 28, 36, 76, 107, 121, 128, 162 Odessa 183 Oktoberfest 132 Okzident 89 Orient 89 Orthodoxie 60 Osterode 64 Österreich-Ungarn 184 Ostfront XI, XX, XXI, XXIII, XXV, 7, 11, 142, 212 Ostjudentum XX, XXI, XXIV, XXVI, XXVII Ostpreußen 64 Ost und West XX P., Städtchen 82 Palästina XV, XVII, 11, 22, 44, 86, 89, 99, 108, 121, 144, 171, 179, 207, 215 Chaluzim 89 Paradies 88 Paris 167–168 Patriotismus XII, XVIII, XIX, 170 Pazifismus XII, 12, 106, 173 Philanthropie XXIII Philosophie XIV, 208 Polen XI, XX, XXI, XXII, 28, 40, 68, 148, 184, 192, 215 Post-Zionismus 211, 215 Prager Kreis 86 Predigt 58–59, 203 Preussen XVIII, 155 Propaganda 99 Kriegspropaganda XI Zionistische Propaganda 199, 212, 215

Sach- und Ortsregister 

Prostitution 66, 136, 202 Protestantismus XVII, 50 P. Städtchen 82 Purimspiel 26 Akhashverosh-shpil 26 Radebeul, Meißen 191 Rathenow 23, 132, 167 Raubfrieden 40 Rechtsanwalt 207–208 Reformbewegung 60 Revolution Februarrevolution 36 Novemberrevolution (1918) 177 Russische Revolution (1905) 36, 142 Rituale XXV, 73 Riviera 15 Rom 40, 42, 51 Rumänien 135 Rußland XX, XXI, XXII, 7, 28, 33, 36–37, 57, 64, 77, 81, 102, 116, 142, 162, 164, 183, 214 Jurburg 34 Säkularismus 218 Schitomir 57 Schoah 201, 212, 214 Schocken-Bibliothek 29 Schtetl XX, XXV Schweiz 102 Serenissimus 134 Sittlichkeit 17, 69, 139, 141, 209 Slawen 27 Slobotka 125 Smorgon 10, 167 Soldaten XXVI, 28, 41, 46, 57, 64, 68, 110, 137, 166–167, 172, 210, 214–215 Soldatenräte 178 Soly 62 Sozialismus 159 SPD 177 Sprachen XXVI Deutsch XI, 27, 34, 122, 137, 157, 174 Frühneuhochdeutsch 27 Französisch 174 Hebräisch XXII, 17, 23, 25–27, 34, 48, 51, 75, 91, 122, 126, 151, 156–157, 184

 237

Jiddisch XIV, XX, XXII, 7, 13, 21–22, 25–29, 32, 65, 68, 75, 137, 143, 145, 147–149, 157, 184, 195, 205, 217 Judendeutsch 25 Litauisch 16–17, 52, 92–93 Polnisch 27 Russisch 27–28, 33 Weißrussisch 43 Stettin 90–91, 153 Strasburg i. Westpreußen 10 Tagebuch 209 Tel Aviv 11, 142 Theater XIV, 26, 39, 65, 119, 132, 143–145, 147, 218–219 Deutsches Theater 65, 99, 132, 135, 144, 147 Fronttheater XXV Jiddisches Theater XXV, 26, 45, 65, 143–146, 149, 169, 202, 217–218 Jüdisches Theater XIV Theologie 42, 50 Theresienstadt 122 Tradition 218 Tragik 216 Tricolore 178 Ungarn 100 Universalismus 218 USDP 177 Vereinigung für die Interessen der Alten ­Synagoge Berlin 52 Wacht am Rhein 178 Warschau 7, 56, 58, 60, 117–122, 148–150, 159, 161, 163, 187, 195 Weimarer Republik XVIII, XXVII, 177–178, 217 Westeuropa 108 Westfalen 90 Wien 72, 141, 172 Wilhelminisches Bürgertums 175 Wilna XIV, 7, 9, 13–14, 33–35, 42, 51, 62, 64, 68–70, 75, 79, 106, 112, 136–139, 147, 150, 161, 202 Ostra Brama 65

238 

 Sach- und Ortsregister

Wilnaer Truppe XXV, 45, 65, 68, 118, ­146–149, 187, 202, 205, 217–219 Wissenschaft des Judentums 35 Worms 85 Zapfenstreich XV Zeitungen Acht-Uhr-Abendblatt 199 Berliner Tageblatt 199 Bialystoker Zeitung 103, 110, 136, 144, 191 Dabartis 16, 102 Der Jude XXI Deutschen Tageszeitung 74, 152 Die Gulaschkanone (Zeitschrift) 152 Frankfurter Zeitung 168, 199 Jiddisches Tagblatt 146 Jüdische Rundschau 199, 207, 219 Kownoer Zeitung 21, 74, 142, 147, 152, 193, 197 Letzte Naijs 13, 21, 24–25, 32 Neue Freie Presse 199

Neue Jüdische Monatsschriften XXI Prager Tagblatt 199, 202 Vorwärts 199 Vossische Zeitung 199, 202 Wiener Morgenzeitung 8, 200 Zensur XI, 14, 19, 33–35, 49–50, 94, 168, 177 Zionismus XIV, XXI, XXII, XXIII, XXVI, 11, 13, 51, 60, 89–90, 99, 103–104, 106, 115, 118, 121–122, 135, 142–143, 152, ­156–157, 159, 164, 170–171, 205, ­210–211, 214–215 Comitee des Ostens XXII, 106 Hatikwah 135, 157 Misrachi Partei 118, 122 Poale-Zion 171 Zionistenkongreß 80, 142, 144 1. Zionistenkongress 142 9. Zionistenkongreß 80 Zionistische Vereinigung Deutschlands 79 Zweiter Weltkrieg 121, 201, 212 Zwickau 43