Handbuch Soziale Arbeit und Alter [2. Aufl.] 9783658266233, 9783658266240

Das Handbuch betrachtet – in einer umfassend überarbeiteten und ergänzten Auflage – die Lebensphase Alter aus der Perspe

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Handbuch Soziale Arbeit und Alter [2. Aufl.]
 9783658266233, 9783658266240

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-XXI
Einführung in die zweite Auflage (Kirsten Aner, Ute Karl)....Pages 1-6
Front Matter ....Pages 7-7
Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik (Peter Hammerschmidt, Eva Maria Löffler)....Pages 9-26
Soziale Altenhilfe als Aufgabe Sozialer (Alten-)Arbeit (Kirsten Aner)....Pages 29-54
Kommunale Alten(hilfe-)planung (Yvonne Rubin)....Pages 55-71
Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften Sozialer (Alten-)Arbeit (Cornelia Kricheldorff)....Pages 73-84
Soziale Arbeit für ältere Menschen in Österreich (Johannes Pflegerl, Angelika Neuer)....Pages 85-93
Soziale Arbeit für ältere Menschen in der Schweiz (Klaus R. Schroeter, Carlo Knöpfel)....Pages 95-105
Freizeitorientierte Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen (Ute Karl, Franz Kolland)....Pages 107-117
Kulturelle Bildung und Kulturarbeit mit älteren Menschen (Ute Karl)....Pages 119-132
Soziale Arbeit im Kontext von Bildung und Lernen im Alter (Cornelia Kricheldorff)....Pages 133-146
Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter (Peter Franzkowiak)....Pages 147-156
Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation (Annette Franke)....Pages 159-168
Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus (Harald Ansen)....Pages 169-177
Soziale Arbeit in der Geriatrie (Werner Vogel)....Pages 179-186
Soziale (Alten-)Arbeit in der Gerontopsychiatrie (Margret Dörr)....Pages 187-196
Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung (Verena Begemann, Mareike Fuchs)....Pages 197-206
Soziale Arbeit in der pflegerischen Versorgung (Roland Schmidt)....Pages 207-214
Generationenbeziehungen in der Sozialen Beratung älterer Menschen (Kirsten Aner)....Pages 215-225
Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive (Ines M. Breinbauer)....Pages 227-237
Freiwilliges Engagement älterer Menschen und freiwilliges Engagement für ältere Menschen (Monika Alisch)....Pages 239-249
Diversität im stationären Pflegealltag (Eva Soom Ammann)....Pages 251-261
Advokatorische Ethik in der Sozialen Arbeit mit alten Menschen (Micha Brumlik)....Pages 263-270
Care und Case Management im Kontext Sozialer Altenarbeit (Wolf Rainer Wendt)....Pages 271-281
Front Matter ....Pages 283-283
Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter – Entwicklungen bis Anfang der 1960er Jahre (Peter Hammerschmidt, Florian Tennstedt)....Pages 285-298
Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts (Felix Welti)....Pages 301-312
Alter, Kranken- und Pflegeversicherung (Stephan Rixen)....Pages 313-323
Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht (Kathrin Becker-Schwarze)....Pages 325-336
Alter und Verbraucherschutz (Peter Rott)....Pages 337-347
Einkommen und Vermögen im Alter (Dietrich Engels)....Pages 349-367
Wohnen im Alter (Dörte Naumann, Frank Oswald)....Pages 369-377
Soziale Netzwerke im Alter (Harald Künemund, Martin Kohli)....Pages 379-385
Gesundheit und Krankheit im Alter (Hans Günther Homfeldt)....Pages 387-395
Alter und Bildung (Karin Stiehr, Philipp Garrison)....Pages 397-404
Alter und Geschlecht (Martina Brandt, Alina Schmitz)....Pages 405-411
Alter und Homosexualität (Lea Schütze)....Pages 413-420
Alter und Behinderung (Katrin Falk, Michael Zander)....Pages 421-430
Armut im Alter (Antonio Brettschneider, Ute Klammer)....Pages 431-440
Alter(n) im ländlichen Raum (Kerstin Hämel, Birgit Wolter)....Pages 443-453
Alte Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen (Vincent Horn, Wolfgang Schröer, Cornelia Schweppe)....Pages 455-463
Alter und Technik (Lucia Tonello)....Pages 465-473
Freizeit im Alter (Franz Kolland, Vera Gallistl)....Pages 475-482
Partnerschaft und Sexualität im Alter (Stephan Baas, Marina Schmitt)....Pages 483-490
Gewalt gegen ältere Menschen (Katharina Gröning, Yvette Yardley)....Pages 491-499
Delinquenz älterer Menschen (Thomas Görgen, Werner Greve, Arnd Hüneke)....Pages 501-508
Demenz als soziales Phänomen (Peter Wißmann)....Pages 509-516
Nachkriegskindheiten und Altern (Insa Fooken)....Pages 517-525
Sterben und Tod (Stefan Dreßke)....Pages 527-532
Suizid im Alter (Hannah Müller-Pein, Reinhard Lindner)....Pages 533-541
Front Matter ....Pages 543-543
‚Alter‘ als Soziale Konstruktion – eine soziologische Einführung (Klaus R. Schroeter, Harald Künemund)....Pages 545-555
Altersbilder in der Geschichte (Gerd Göckenjan)....Pages 557-569
Aktuelle Altersbilder – ‚junge Alte‘ und ‚alte Alte‘ (Barbara Pichler)....Pages 571-582
Psychogerontologische Konzepte des Alter(n)s (Hans-Werner Wahl, Marina Schmitt)....Pages 583-593
Kulturwissenschaftliche Alternsstudien (Miriam Haller, Thomas Küpper)....Pages 595-602
Alter und Recht (Gerhard Igl)....Pages 603-613
Front Matter ....Pages 615-615
Altersforschung als interdisziplinäres Projekt (Hermann Brandenburg, Katharina Steinhauer)....Pages 617-625
Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie in Deutschland (Clemens Tesch-Römer, Andreas Motel-Klingebiel)....Pages 627-637
Die Altenberichte der Bundesregierung (Frank Schulz-Nieswandt)....Pages 639-651
Vergleichende Alternsforschung – nationale Bedingungen, internationale Ergebnisse und Strategien (Hans-Joachim von Kondratowitz)....Pages 653-664
Partizipative Altersforschung (Carolin Kollewe)....Pages 665-673
Back Matter ....Pages 675-820

Citation preview

Kirsten Aner Ute Karl Hrsg.

Handbuch Soziale Arbeit und Alter 2. Auflage

Handbuch Soziale Arbeit und Alter

Kirsten Aner · Ute Karl (Hrsg.)

Handbuch Soziale Arbeit und Alter 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage Unter Mitarbeit von Eva Maria Löffler

Hrsg. Kirsten Aner FB Humanwissenschaften Universität Kassel Kassel, Deutschland

Ute Karl Evangelische Hochschule Ludwigsburg Ludwigsburg, Deutschland

ISBN 978-3-658-26624-0  (eBook) ISBN 978-3-658-26623-3 https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detail­ lierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2010, 2020 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Springer VS ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany

Inhalt

Autorinnen und Autoren 

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



XI



1

Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik  . . . . . . . . .



11

Kirsten Aner Soziale Altenhilfe als Aufgabe Sozialer (Alten-)Arbeit 

. . . . . . . . . . .



29

Yvonne Rubin Kommunale Alten(hilfe-)planung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



55

Cornelia Kricheldorff Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften Sozialer (Alten-)Arbeit  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



73

Johannes Pflegerl und Angelika Neuer Soziale Arbeit für ältere Menschen in Österreich  . . . . . . . . . . . . . .



85

Kirsten Aner und Ute Karl Einführung in die zweite Auflage 

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Teil I: Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen Kapitel 1: Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen

V

VI

Inhalt

Klaus R. Schroeter und Carlo Knöpfel Soziale Arbeit für ältere Menschen in der Schweiz  . . . . . . . . . . . . .



95

Ute Karl und Franz Kolland Freizeitorientierte Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen  . . . . .



109

Ute Karl Kulturelle Bildung und Kulturarbeit mit älteren Menschen  . . . . . . . . .



119

Cornelia Kricheldorff Soziale Arbeit im Kontext von Bildung und Lernen im Alter  . . . . . . . .



133

Peter Franzkowiak Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter  . . . . . . .



149

Annette Franke Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation 

. . . . . . . . . . . . . . . .



159

Harald Ansen Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



169

Werner Vogel Soziale Arbeit in der Geriatrie  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



179

Margret Dörr Soziale (Alten-)Arbeit in der Gerontopsychiatrie  . . . . . . . . . . . . . .



187

Verena Begemann und Mareike Fuchs Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung  . . . . . . . . . . . . . . 

197

Roland Schmidt Soziale Arbeit in der pflegerischen Versorgung 

207

Kapitel 2: Felder der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen

Arbeitsfelder im Bereich Gesundheit und Pflege

. . . . . . . . . . . . . .



Inhalt

VII

Kapitel 3: Besonderheiten der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen Kirsten Aner Generationenbeziehungen in der Sozialen Beratung älterer Menschen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



217

Ines M. Breinbauer Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive  . . . . . . . .



227

Monika Alisch Freiwilliges Engagement älterer Menschen und freiwilliges Engagement für ältere Menschen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



239

Eva Soom Ammann Diversität im stationären Pflegealltag  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



251

Micha Brumlik Advokatorische Ethik in der Sozialen Arbeit mit alten Menschen  . . . . . .



263

Wolf Rainer Wendt Care und Case Management im Kontext Sozialer Altenarbeit 



271

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter – Entwicklungen bis Anfang der 1960er Jahre  . . . . . . . . . . . . . . . .



287

Felix Welti Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



301

Stephan Rixen Alter, Kranken- und Pflegeversicherung  . . . . . . . . . . . . . . . . . .



313

Kathrin Becker-Schwarze Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht 



325

. . . . . . .

Teil II: Sozialrecht, Sozialpolitik und Lebenslagen im Alter Kapitel 1: Sozialrecht und Sozialpolitik für alte Menschen

. . . . . . . . . . . . . .

VIII

Peter Rott Alter und Verbraucherschutz 

Inhalt

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



337

Dietrich Engels Einkommen und Vermögen im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



351

Dörte Naumann und Frank Oswald Wohnen im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



369

Harald Künemund und Martin Kohli Soziale Netzwerke im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



379

Hans Günther Homfeldt Gesundheit und Krankheit im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



387

Karin Stiehr und Philipp Garrison Alter und Bildung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



397

Martina Brandt und Alina Schmitz Alter und Geschlecht  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



405

Lea Schütze Alter und Homosexualität  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



413

Katrin Falk und Michael Zander Alter und Behinderung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



421

Antonio Brettschneider und Ute Klammer Armut im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



433

Kerstin Hämel und Birgit Wolter Alter(n) im ländlichen Raum  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



443

Vincent Horn, Wolfgang Schröer und Cornelia Schweppe Alte Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen  . . . .



455

Kapitel 2: Lebenslagen im Alter

Kapitel 3: Spezifische Themen im Kontext von Alter

Inhalt

IX

Lucia Tonello Alter und Technik  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



465

Franz Kolland und Vera Gallistl Freizeit im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



475

Stephan Baas und Marina Schmitt Partnerschaft und Sexualität im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



483

Katharina Gröning und Yvette Yardley Gewalt gegen ältere Menschen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



491

Thomas Görgen, Werner Greve und Arnd Hüneke Delinquenz älterer Menschen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



501

Peter Wißmann Demenz als soziales Phänomen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



509

Insa Fooken Nachkriegskindheiten und Altern  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



517

Stefan Dreßke Sterben und Tod  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



527

Hannah Müller-Pein und Reinhard Lindner Suizid im Alter  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



533

Klaus R. Schroeter und Harald Künemund ‚Alter‘ als soziale Konstruktion – eine soziologische Einführung  . . . . . .



545

Gerd Göckenjan Altersbilder in der Geschichte  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



557

Barbara Pichler Aktuelle Altersbilder – ‚junge Alte‘ und ‚alte Alte‘  . . . . . . . . . . . . . .



571

Hans-Werner Wahl und Marina Schmitt Psychogerontologische Konzepte des Alter(n)s  . . . . . . . . . . . . . .



583

Teil III: Soziale Konstruktionen des Alters

X

Inhalt

Miriam Haller und Thomas Küpper Kulturwissenschaftliche Alternsstudien  . . . . . . . . . . . . . . . . . .



595

Gerhard Igl Alter und Recht  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



603

Hermann Brandenburg und Katharina Steinhauer Altersforschung als interdisziplinäres Projekt  . . . . . . . . . . . . . . .



617

Clemens Tesch-Römer und Andreas Motel-Klingebiel Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie in Deutschland  . . .



627

Frank Schulz-Nieswandt Die Altenberichte der Bundesregierung. Themen, Paradigmen, Wirkungen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



639

Hans-Joachim von Kondratowitz Vergleichende Alternsforschung – nationale Bedingungen, internationale Ergebnisse und Strategien  . . . . . . . . . . . . . . . . .



653

Carolin Kollewe Partizipative Altersforschung  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



665

Literatur  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .



675

Teil IV: Altersforschung

Autorinnen und Autoren

Monika Alisch: Dr. phil. habil., Dipl. Soziologin, Professorin für sozialraumbezogene Soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit und Sozialplanung, Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Fulda. Sprecherin des wissenschaftlichen Zentrums „CeSSt – Centre of Research for Society and Sustainability“ der Hochschule Fulda. Mitglied der Leitung des Hessischen Promotionszentrums Soziale Arbeit. Arbeitsschwerpunkte: Sozialraum, Soziale Nachhaltigkeit, alternde Gesellschaft, partizipative Forschung, Engagement und Migration. Kontakt: [email protected] Kirsten Aner: Dr. rer. pol. habil., Dipl. Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin, Diplom Agraringenieurin, Professorin für Lebenslagen und Altern am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Gerontologie, Sozialarbeit/Sozialpädagogik der Lebensalter, Soziale (Alten-)Arbeit, Interdisziplinarität. Kontakt: [email protected] Harald Ansen: Dr. phil., Dipl. Sozialpädagoge, Professur für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales. Arbeitsschwerpunkte: Armut und soziale Ausgrenzung, Beratung in der Sozialen Arbeit. Kontakt: [email protected] Stephan Baas: Dipl. Soziologe und Gerontologe (FH), stellvertretender Studiengangsleiter des Studiengangs Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Soziale Gerontologie an der Berufsakademie für Gesundheits- und Sozialwesen Saarland. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Beziehungen, Lebensformen, Singles, subjektives Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit. Kontakt: [email protected] Kathrin Becker-Schwarze: Dr. iur., Professorin für Familien- und Jugendrecht, Recht der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Fulda. ArXI

XII

Autorinnen und Autoren

beitsschwerpunkte: Familienrecht, Betreuungsrecht, Kinder- und Jugendhilferecht, Medizinrecht. Kontakt: [email protected] Verena Begemann: Prof. Dr. phil., Dipl. Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin, Professorin für Ethik und Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Ethosbildung und Berufsethik, Hospiz und Palliative Care, Zeitethik, Spiritualität für die Soziale Arbeit und Religionspädagogik. Kontakt: [email protected] Hermann Brandenburg: Univ. Prof., Dr. phil., Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar (PTHV). Arbeitsschwerpunkte: Demenz, Innovationen in der stationären Langzeitpflege. Kontakt: [email protected] Martina Brandt: Dr. phil., M. A. Soziologie, Philosophie, Ethnologie. Professorin für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften an der TU Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Altern, Arbeit, Gesundheit und Familie im Lebenslauf, Pflege, soziale Netzwerke, Generationen, soziale Ungleichheit und Sozialpolitik, quantitative Methoden. Kontakt: [email protected] Ines Maria Breinbauer: Mag. rer. nat., Dr. phil., Professorin i. R. für Allgemeine (Systematische) Pädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Grundlegungsfragen der Bildungswissenschaft, Bildungstheorie und -philosophie, Ethik, Wissenschaftstheorie. Kontakt: [email protected] univie.ac.at Antonio Brettschneider: Dr. phil, M. A. Soziologie, Professor für Kommunale Sozialpolitik an der Technischen Hochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Sozialpolitik und Sozialstaat, Alterssicherung und Altersarmut, Vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung. Kontakt: [email protected] Micha Brumlik: emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main, von 2000 bis 2005 Leiter des Fritz-Bauer-Institut Frankfurt am Main (Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust und seiner Wirkung), seit 2013 Senior Ad­visor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Pädagogik, Ethik, Theorie und Empirie moralischer Sozialisation, Religionsphilosophie. Margret Dörr: Prof. Dr. phil., Dipl. Soziologin und Dipl. (FH) Sozialpädagogin, Professorin an der Katholischen Hochschule Mainz, Fachbereich Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Theorien Sozialer Arbeit,  Gesundheits­

Autorinnen und Autoren

XIII

förderung, recovery-förderliche Arbeitsbündnisse in der Sozialpsychiatrie, psychoanalytische Sozialpädagogik. Kontakt: [email protected] Stefan Dreßke: Dr. rer. pol., Diplom-Soziologe, Institut für Gerontologie der Universität Vechta. Arbeitsschwerpunkte: medizinsoziologische Untersuchungen zum Sterben, zur Schmerzversorgung, zur Krankenpflege sowie zur Rehabilitation behinderter Menschen. Kontakt: [email protected] Dietrich Engels: Dr. theol., M. A. Soziologie. Geschäftsführer des ISG Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik GmbH. Arbeitsschwerpunkte: Armuts- und Lebenslagenforschung, Soziale Gerontologie und Pflege, Teilhabeforschung. Kontakt: [email protected] Katrin Falk: M. A. Politikwissenschaft/Soziologie, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gerontologische Forschung e. V. (IGF). Arbeitsschwerpunkte: soziale Ungleichheit im Alter, qualitative Forschungsmethoden, Pflege- und Versorgungsforschung, kommunale Altenhilfe- und Pflegepolitik. Kontakt: [email protected] Insa Fooken: Prof. Dr. phil., Entwicklungspsychologin der Lebensspanne, Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt/Main, Arbeitsgruppe „Interdisziplinäre Alternswissenschaft“ (IAW). Arbeitsschwerpunkte: Gender und Altern, Kriegskinder im Alter, Resilienz, Ambivalenz, kulturwissenschaftliche Bedeutung von Puppen. Kontakt: [email protected] Annette Franke: Prof. Dr. phil., Dipl.-Sozialwissenschaftlerin, Professorin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg für Gesundheitswissenschaften, Soziale Geron­tologie und Methoden und Konzepte der Sozialen Arbeit. Arbeitsschwerpunkte: Arbeit, Alter(n) und Gesundheit, Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bei räumlicher Distanz, Übergänge im Lebenslauf, Gesundheitskompetenz und Gesundheitsbildung, Wohnen im Alter, Suchtarbeit, soziale Netzwerke und intergenerationelle Unterstützung. Kontakt: [email protected] Peter Franzkowiak: Dr. disc. pol., Diplom-Psychologe, Medizinsoziologe, Gesundheitswissenschaftler, 1993 – ​2017 Professor für Gesundheitswissenschaften und Sozial­ medizin in der Sozialen Arbeit am FB Sozialwissenschaften der HS Koblenz. Arbeits­ schwerpunkte: Geschichte, Theorien, Methoden und Kritik von Prävention und Gesundheitsförderung, Gesundheitswissenschaften in der Sozialen Arbeit, Risikoverhalten, Risikokompetenz und Suchtprävention, gesundheitsbezogene Sozialar­beit, Gerontologie und Soziale Altenarbeit. Kontakt: [email protected] Mareike Fuchs: M. Sc. Palliative Care, Dipl. Sozialarbeiterin/-pädagogin, Leiterin des Hamburg Leuchtfeuer Hospiz, Hamburg. Kontakt: [email protected]

XIV

Autorinnen und Autoren

Vera Gallistl: MA, Assistentin und Doktorandin am Institut für Soziologie der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Kulturgerontologie, Digitalisierung, Kreativität im Alter, Bildung im Alter. Kontakt: [email protected] Philipp Garrison: M. A. Soziologie, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Johannes-Gutenberg-Universität im Institut für Politikwissenschaften sowie der Hochschule Fulda im Institut für Soziale Arbeit. Arbeitsschwerpunkte: Gerontologie, qua­litative Methoden der Sozialforschung, Wissenssoziologie, politischer Extremismus und Fremdenfeindlichkeit. Kontakt: [email protected] Gerd Göckenjan: em. Professor für Gesundheitspolitik an der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: Soziologie und Politik des Gesundheitswesens, Medizinsoziologie, Geschichte der Medizin und des Gesundheitswesens, Diskursgeschichte des Alters. Thomas Görgen: Dr. phil., Diplom-Psychologe, Univ.-Professor für Kriminologie und interdisziplinäre Kriminalprävention an der Deutschen Hochschule der Polizei, Münster, Department Kriminal- und Rechtswissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Viktimisierungsrisiken vulnerabler Bevölkerungsgruppen, Radikalisierung und Extremismus, Strategien und Ansätze der Kriminal- und Gewaltprävention. Kontakt: [email protected] Werner Greve: Dr. rer. nat., M. A., Diplom-Psychologe, Univ.-Professor für Psychologie an der Universität Hildesheim, Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Viktimisierungs- und Inklusionsforschung, Entwicklungspsychologie und Entwicklung über die Lebensspanne sowie Bewältigungsprozesse von belastenden Lebensereignissen. Kontakt: [email protected] Katharina Gröning: Dr. phil., Professorin an der Universität Bielefeld, Fakultät Erziehungswissenschaft, Arbeitsgruppe Pädagogische Beratung, Supervisorin. Arbeitsschwerpunkte: Beratung und Supervision, Späte Familie im Kontext von gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen, Supervisionsforschung, Beratungswissenschaft, Emotionssoziologie der Pflege. Kontakt: [email protected] Kerstin Hämel: Dr. rer. soc., Professorin für Gesundheitswissenschaften mit Schwerpunkt Pflegerische Versorgungsforschung, Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Arbeitsschwerpunkte: Gesundheit und Pflege alter Menschen, Primärversorgungskonzepte im internationalen Vergleich, Partizipation und Kooperation im Gesundheitswesen und in der Pflege, wohnortnahe/regional differenzierte Versorgung. Kontakt: [email protected] Miriam Haller: Dr. phil., Kultur- und Bildungswissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei kubia – Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und

Autorinnen und Autoren

XV

Inklusion. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Alter(n)sdiskursforschung, Partizipative Aging Studies, Ambivalenzen des Alter(n)s, Bildungstheorie und Geschichte der Ger­ agogik. Kontakt: [email protected] Peter Hammerschmidt: Dr. phil. habil., Diplom-Pädagoge, Diplom-Sozialpädagoge (FH), Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften München, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit und Sozialpolitik, Einrichtungen und Träger Sozialer Arbeit sowie Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit. Kontakt: [email protected] Hans Günther Homfeldt: Prof. em., bis 2007 Prof. für Sozialpädagogik/Sozialarbeit an der Universität Trier. Arbeitsschwerpunkte: Internationale Soziale Arbeit; Gesundheit und Soziale Arbeit; Soziale Arbeit und Lebensalter. Kontakt: [email protected] uni-trier.de Vincent Horn: Dr. phil., M. A. Postdoktorand an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Erziehungswissenschaft, AG Sozialpädagogik. Arbeitsschwerpunkte: Alter, Flucht und Migration, Soziale Arbeit und Sozialpolitik, transnationale familiäre Unterstützung, Pflegeregime im internationalen Vergleich, qualitative und quantitative Forschungsmethoden. Kontakt: [email protected] Arnd Hüneke: Ass. jur., Regierungsdirektor, stellvertretender Präsident des Nds. Landesamtes für Denkmalpflege. Arbeitsschwerpunkte: Personalangelegenheiten, Kulturgutkriminalität, Verwaltungsökonomie. Kontakt: [email protected] Gerhard Igl: Dr. iur., Universitätsprofessor a. D., Universität Kiel, bis Oktober 2014 geschäftsführender Direktor des Instituts für Sozialrecht und Gesundheitsrecht. Arbeitsschwerpunkte: Gesundheitsrecht, insbesondere Kranken- und Pflegeversicherung, Recht der Gesundheitsberufe, Recht des bürgerschaftlichen Engagements und Recht der älteren Menschen. Kontakt: [email protected] Ute Karl: Dr. phil., Diplom-Pädagogin, Professorin für das Fachgebiet ,Kul­turelle, politische und internationale Dimensionen Sozialer Arbeit‘ an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit und Alter(n), Übergänge ins Erwachsenenalter, Migrations- und Geschlechterforschung, Beratung, qualitative Forschungsmethoden. Kontakt: [email protected] Ute Klammer: Dr. rer. pol., geschäftsführende Direktorin des Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) und Professorin für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen, Fakultät Gesellschaftswissenschaften. Arbeitsschwerpunkte: Grundsatzfragen

XVI

Autorinnen und Autoren

der sozialen Sicherung, Alterssicherung, Familienpolitik, europäische und international vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung, Armut und Einkommensverteilung, Erwerbstätigkeit und soziale Sicherung von Frauen, Gleichstellung, Migration und Sozialpolitik. Kontakt: [email protected] Franz Kolland: Ao. Univ. Prof. Dr., Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Sozialgerontologie, Bildungssoziologie, Soziologie der Entwicklungsländer. Kontakt: [email protected] Carolin Kollewe: Dr. phil., Ethnologin, Professorin für sozialwissenschaftliche Technikforschung an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Arbeitsschwerpunkte: Alter/ Technik/Pflege, Alter/Migration/Care, Kritische Gerontologie, Cultural Gerontology, Science and Technology Studies. Kontakt: [email protected] Carlo Knöpfel: Dr. rer. pol., Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Arbeitsschwerpunkte: gesellschaftlicher Wandel und soziale Sicherheit, Armut und soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktfähigkeit, Betreuung im Alter. Kontakt: [email protected] Martin Kohli: Dr. rer. pol., Dr. h. c., Distinguished Bremen Professor, Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) und Emeritus Professor of Sociology, European University Institute (EUI). Arbeitsschwerpunkte: Lebenslaufforschung, Familie und Bevölkerung, Generationen, vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung. Kontakt: [email protected] Cornelia Kricheldorff: Prof. Dr. phil., Dipl. Sozialgerontologin, Dipl. Sozialpädago­ gin, Professorin an der Katholischen Hochschule Freiburg, Prorektorin für Forschung und Institutsleitung des Instituts für Angewandte Forschung, Entwicklung und Weiterbildung (IAF). Sprecherin des Forschungsschwerpunkts Versorgungsforschung an der KH Freiburg und des Fachausschusses Alter und Technik der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG). Arbeitsschwerpunkte: Soziale Geron­tologie und Geragogik. Kontakt: [email protected] Harald Künemund: Dr. phil. habil., Professor für Empirische Alternsforschung und Forschungsmethoden, Institut für Gerontologie, Universität Vechta. Arbeitsschwerpunkte: Gesellschaftliche Partizipation älterer Menschen, Generationenbeziehungen, Lebenslauf und Biographie, Methoden der empirischen Sozialforschung. Kontakt: [email protected] Thomas Küpper: Dr. phil., Literatur- und Medienwissenschaftler, Akademischer Rat auf Zeit am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen. Arbeits-

Autorinnen und Autoren

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schwerpunkte: Altersbilder in Literatur, Film und Fernsehen, Aging und Postcolonial Studies. Kontakt: [email protected] Reinhard Lindner: Prof. Dr. med., Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psycho­soma­ tische Medizin, Professor für Theorie, Empirie und Methoden der Sozialen Therapie am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: Suizidprävention, Psychodynamik der Suizidalität, geschlechts- und altersspezifische As­pekte der Suizidalität, Gerontopsychosomatik. Kontakt: [email protected] Eva Maria Löffler: M. A. Soziale Arbeit, Sozialarbeiterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Kassel, Institut für Sozialwesen, Fachgebiet Lebenslagen und Altern. Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit und Alter, Versorgung und Pflege im Kontext kommunaler Daseinsvorsorge, Professionalisierung, Wandel und Globalisierung der Gesundheits- und Sozialberufe. Kontakt: loeff‌‌[email protected] Andreas Motel-Klingebiel: Prof. Dr. phil., Dipl.-Soz., Professor für Alternsforschung und Leiter der Division Ageing and Social Change an der Universität Linköping, Arbeitsschwerpunkte: soziale Sicherung und Lebensqualität, sozialer Wandel, Ungleichheit und Exklusion, Generationenverhältnisse und Generationenbeziehungen, Erwerbstätigkeit und Alterssicherung, materielle Lagen älterer Menschen. Kontakt: [email protected] Hannah Müller-Pein: M. A. Soziale Arbeit, wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Kassel, Institut für Sozialwesen, Fachgebiet Theorie, Empirie und Methoden der Sozialen Therapie. Arbeitsschwerpunkte: Sozialpsychiatrie, Suizidalität, Suizidprävention in den Medien, Kinder- und Jugendhilfe. Kontakt: [email protected] uni-kassel.de Dörte Naumann: Dr. phil. Professorin für Soziale Gerontologie am Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe und selbständigen Lebensführung im Alter. Kontakt: [email protected] Angelika Neuer: Dipl. Sozialarbeiterin, Fachexpertin für die Sozialarbeit im Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, Bereich Pflege und interdisziplinäre Betreuung. Fachexpertin für Soziale Arbeit mit alten Menschen im Österr. Berufsverband der Sozialen Arbeit (OBDS), Leiterin der Arbeitsgemeinschaft Altern und Soziale Arbeit der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (ogsa). Arbeitsschwerpunkte: fachspezifische Qualitätssicherung der Sozialarbeit im Unternehmen. Kontakt: [email protected]

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Autorinnen und Autoren

Frank Oswald: Professor für Interdisziplinäre Alternswissenschaft (IAW) am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorstandssprecher des Frankfurter Forums für interdisziplinäre Alternsforschung (FFIA) sowie Direktor des Center Aging der Goethe Research Academy for Early Career Researchers (GRADE). Kontakt: [email protected] Johannes Pflegerl: Mag. Dr., Soziologe, Professor an der Fachhochschule St. Pölten, Department für Soziales. Leiter des Ilse-Arlt-Instituts für Soziale Inklusionsforschung, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Altern und Soziale Arbeit der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (ogsa). Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit mit älteren Menschen und ihren Angehörigen, Alternsforschung, Ambient Assisted Living. Kontakt: [email protected] Barbara Pichler: Mag.a Dr.in, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflege­ wissenschaft der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Dementia und Palliative Care, Kritische Gerontologie, Alter und Geschlecht, Care aus feministischer Sicht, Alter in der Sozialen Arbeit. Kontakt: [email protected] Stephan Rixen: Prof. Dr. iur., Professor für Öffentliches Recht an der Rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth. Arbeitsschwerpunkte: Arbeitsschwerpunkte: Verfassungs-, Sozial-, Gesundheitsrecht, öffentliches Wirtschaftsrecht, Recht der Sozialwirtschaft. Peter Rott: Prof. Dr. iur., Vertreter des Lehrstuhls Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht sowie Rechtsinformatik an der Universität Oldenburg und Gastprofessor an der Universität Gent. Arbeitsschwerpunkt: Deutsches und Europäisches Verbraucherrecht. Kontakt: [email protected] Yvonne Rubin: Dr. phil., M. A. Soziale Arbeit im Schwerpunkt Sozialraumentwicklung und -organisation, B. Sc. Pflege und Gesundheit. Arbeitsschwerpunkte: Geschlechterforschung, Altern, soziale/gesundheitliche Ungleichheiten, qualitative und partizipative Forschung. Kontakt: [email protected] Roland Schmidt: Dr., bis 2017 Professor für Gerontologie und Versorgungsstrukturen an der FH Erfurt, Aufsichtsrat der KWA gAG. Arbeitsschwerpunkte: Unternehmensentwicklung, Qualitätsberichterstattung, pflegerische Versorgungsstruktur, Management in der Pflege. Kontakt: [email protected] Marina Schmitt: Dr., Diplom-Psychologin und Gerontologin, seit 2014 Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen e. V. Wiesbaden. Arbeitsschwerpunkte: soziale Beziehungen und Lebensformen im Alter. Kontakt: [email protected] skf-wiesbaden.de

Autorinnen und Autoren

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Alina Schmitz: M. A. Rehabilitationswissenschaften, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialstruktur und Soziologie alternder Gesellschaften der TU Dortmund und im ISG Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik Köln. Arbeitsschwerpunkte: Gesundheitssoziologie, soziale Ungleichheiten in der Gesundheit, Sozial- und Gesundheitspolitik in alternden Gesellschaften. Kontakt: alina. [email protected] Wolfgang Schröer: Dr. phil, Diplom-Pädagoge, Professor für Sozialpädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe, transnationale soziale Unterstützung. Kontakt: [email protected] Klaus R. Schroeter: Dr. phil. habil., Professor für Soziale Arbeit und Alter an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Arbeitsschwerpunkte: Alternssoziologie, Kritische Gerontologie, Doing Age, soziologische Theorien, Körpersoziologie. Kontakt: [email protected] Lea Schütze: Dr. rer. soc., Leitung „BNE-Kompetenzzentrum für Prozessbegleitung und Prozessevaluation (BiNaKom)“, DJI e. V. München. Arbeitsschwerpunkte: LGBT und Alter(n), Altern und Geschlecht, qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung, kommunale Bildungsforschung. Kontakt: [email protected] Frank Schulz-Nieswandt: Univ.-Prof. (Universität zu Köln), Hon.-Prof. (Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar); Vorstandsvorsitzender des KDA, Berlin und Köln. Arbeitsschwerpunkte: interdisziplinäre Forschung und Lehre zur Sozialpolitik und ihrer anthropologischen Fundierung, insbesondere zu Altern, Gesundheit und Pflege, zur Öffentlichen Wirtschaft, Sozialwirtschaft und Genossenschaftsökonomik. Kontakt: [email protected] Cornelia Schweppe: Dr. phil. habil., Diplom-Pädagogin, Professorin für Sozialpäd­ agogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Erziehungswissenschaft. Arbeitsschwerpunkte: Alter(n)s- und Altenhilfeforschung, Transnationales Alter(n), (Trans)Migration, Soziale Arbeit und Internationalität, Transnationale Soziale Unterstützung, Armut, qualitative Forschungsmethoden, Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Kontakt: [email protected] Eva Soom Ammann: Dr. phil. hist., Sozialanthropologin, Professorin und Forschungsleiterin des Innovationsfeldes Psychosoziale Gesundheit an der Berner Fachhochschule BFH, Departement Gesundheit, Fachbereich Pflege. Ar­beitsschwerpunkte: Diversität und Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung, Langzeitpflege im Alter, Migration und Alter, Sterben und Tod, Autonomie und Selbstbestimmung. Kontakt: [email protected]

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Autorinnen und Autoren

Katharina Steinhauer: B. Sc. Pflege (FH), Gesundheits- und Krankenpflegerin (überwiegend in der Langzeitversorgung chronisch kranker alter Menschen und der Kardiologie), M. Sc. Pflegewissenschaft. Arbeitsschwerpunkte: Demenz, herausforderndes Verhalten, Leitlinienentwicklung. Kontakt: [email protected] Karin Stiehr: Dr. phil., Diplom-Soziologin, Diplom-Sozialarbeiterin (FH), Geschäftsführerin von ISIS – Sozialforschung/Sozialplanung/Politikberatung, Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: Zivilgesellschaft und Sozialgerontologie, Beteiligung älterer Menschen am öffentlichen Leben, besondere Lebenslagen älterer Frauen, Verbesserung der Lebensqualität in der stationären Pflege. Kontakt: [email protected] Florian Tennstedt: Dr. disc. pol., em. Prof. für Sozialpolitik an der Universität Kassel, Fachbereich Sozialwesen. Arbeitsschwerpunkt: Historische Sozialpolitik Clemens Tesch-Römer: Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen und außerplanmäßiger Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Lebensqualität und Wohlbefinden im Alter, Gesundheit und Pflege im Alter, soziale Beziehungen und soziale Integration älterer Menschen, freiwilliges Engagement. Kontakt: [email protected] Lucia Tonello: Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (BA), Dienst­leistungsentwicklung im Sozial- und Gesundheitswesen (MA). Leiterin des Sozialreferates und stellvertre­ tende Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde Edith Stein in Freiburg. Promovendin am Arbeitsbereich Caritaswissenschaft der Theologischen Fakultät an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Koordination und Organisation sozialer und finanzieller Hilfeleistungen für Studierende. Strategie- und Innovationsprozess der Hochschulgemeinde, Begleitung junger MitarbeiterInnen beim Theorie-Praxis-Transfer. Kontakt: [email protected] Werner Vogel: Prof. Dr. med., Internist, Kardiologe, Geriater, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin. Ärztlicher Direktor a. D., Ev. Krankenhaus Gesundbrunnen Hofgeismar, Zentrum für Geriatrie und Neurologische Frührehabilitation. Ehem. Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Arbeitsschwerpunkte: interdisziplinäre Behandlung in der Geriatrie, rechtliche und ethische Fragen der Altersmedizin, Soziale Gerontologie. Kontakt: [email protected] Hans-Joachim von Kondratowitz: Dr. phil. habil., Diplom-Politologe, Senior Advisor am Deutschen Zentrum für Altersfragen Berlin (bis 2010), dann wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Gerontologie der Universität Vechta (bis 2020). Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte der Sozialpolitik und der Entwicklung der

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Alternsforschung, Kulturtheorien und Geschichte des Alterns, Pflegepolitik. Kontakt: [email protected] Hans-Werner Wahl: Prof. Dr., Diplom-Psychologe, Seniorprofessor und Direktor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg. Arbeitsschwerpunkte: Wechselwirkungen zwischen Altern und Umwelt, Adaptationsprozesse im späten Leben, Rolle subjektiven Alternserlebens, Umgang mit chronischen körperlichen Verlusten. Kontakt: [email protected] Felix Welti: Dr. jur. habil., Professor für Sozial- und Gesundheitsrecht, Recht der Rehabilitation und Behinderung an der Universität Kassel. Arbeitsschwerpunkte: So­ zial­recht, Behindertenrecht, Antidiskriminierungsrecht, Empirische Rechtsforschung. Kontakt: [email protected] Wolf Rainer Wendt: Prof. Dr. phil., Lehrender an der Dualen Hochschule BW Stuttgart und an anderen Hochschulen. Arbeitsschwerpunkte: Case Management, Geschichte und Theorie der Sozialen Arbeit, Sozialwirtschaftslehre. Kontakt: prof. [email protected] Peter Wißmann: Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Demenz Support Stuttgart gGmbH, geschäftsführender Herausgeber des Magazins demenz, stellvertretender Vorsitzender der Aktion Demenz e. V. Birgit Wolter: Dr. ing., Vorstandsmitglied und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Gerontologische Forschung e. V. in Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Architektur-/Stadtsoziologie, Sozialraumforschung, raumbezogene soziale Ungleichheit, Sozialraum und Gesundheit, Universal Design. Kontakt: [email protected] Yvette Yardley: Dipl.-Päd., Pädagogische Mitarbeiterin im Ev. Bildungszentrum Bad Bederkesa, Promovendin der Universität Bielefeld zu „Gewalt in der häuslichen Pflege“. Kontakt: [email protected] Michael Zander: Dr. phil., Dipl.-Psych., Vertretung einer Professur für das System der Rehabilita­tion am Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften der Hochschule Magdeburg-Stendal, Arbeitsschwerpunkte: Kritische Psychologie, Disability Studies, Praxisforschung. Kontakt: [email protected]

Einführung in die zweite Auflage Kirsten Aner und Ute Karl

Das Handbuch ‚Soziale Arbeit und Alter‘ liegt hier nach einer ersten Auflage im Jahr 2010 in einer zweiten, umfassend überarbeiteten und um einige Beiträge ergänzten Auflage vor. Der Titel wirft zunächst die Frage auf, ob ‚Alter‘ ein Thema für die Soziale Arbeit ist. Historisch betrachtet sind alte Menschen für die Sozialarbeit, eine der beiden Wurzeln der modernen Sozialen Arbeit, traditionell bedeutsam als Klient/-innen der Fürsorge. Hingegen orientierte sich die Sozialpädagogik, der zweite Traditionsstrang Sozialer Arbeit, vor allem an Kindheit und Jugend und war gegenüber dem Alter lange Zeit abstinent. Diese anfängliche Zurückhaltung kann zum einen als Vernachlässigung des Alter(n)s, zum anderen als vorsichtiger Umgang mit den Gefahren einer pädagogischen Kolonialisierung des Alters interpretiert werden. Spätestens seit den 1980er Jahren sind Sozialarbeit und Sozialpädagogik auf der Suche nach einem modernen Profil ihrer Arbeit mit älteren Adressat/-innen. Angestoßen wurde die Profilsuche durch den demografisch bedingten Bedeutungszuwachs von Altenpolitik, der wiederum einen Ausbau der sozialen Altenhilfe und eine Ausdifferenzierung der altenspezifischen Dienste und Einrichtungen mit sich brachte, allerdings ohne dass dabei die Soziale Arbeit systematisch berücksichtigt worden wäre. Ihre randständige Position resultiert daraus, dass die Lebensphase Alter nicht in gleicher Weise rechtlich gerahmt ist wie die Lebensphasen Kindheit und Jugend durch das SGB  VIII. Für ältere Menschen existiert kein eigenständiges Leistungsrecht, nach dem sie einen Anspruch auf die Förderung ihrer Entwicklung und ein damit verbundenes Wunsch- und Wahlrecht hätten. Die Rechtsgrundlage für die Unterstützung älterer Menschen ist „Altenhilfe“ nach § 71 SGB XII als Teil der kommunalen Daseinsvorsorge. Soziale Arbeit für die Adressatengruppe älterer Menschen ist nur ein Teil dieses Regelungsbereichs. Es liegt in der Hand der Kommunen, in welchem © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_1

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Kirsten Aner und Ute Karl

Umfang sie Unterstützungsmöglichkeiten einrichten und dabei Soziale Arbeit einbe­ ziehen. Die Infrastruktur und Ausgestaltung der hier geleisteten Einzelfallhilfe, sozialen Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit ist wegen dieser wenig spezifischen rechtlichen Regelung der Altenhilfe als Aufgabe der kommunalen Selbstverwaltung stärker durch regionale Bundes- oder Landesförderschwerpunkte als durch ein einheitliches fachliches Profil geprägt. Angesichts des Strukturwandels des Alters, der einige Jahr­zehnte lang mit Entberuflichung und Verjüngung sowie Feminisierung einherging und heute noch durch Singularisierung, Hochaltrigkeit und zudem eine weiter steigende Zahl älterer Menschen mit Migrationshintergrund gekennzeichnet ist, aber auch im Zuge einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung älterer Menschen entstanden zahlreiche einschlägige Modellprojekte auf Bundes- und Landesebene. Sie zielten vielfach auf ein sozialpädagogisch begleitetes ehrenamtliches Engagement Älterer sowie auf Beratungs- und Bildungsangebote und veränderten zunächst insbesondere die sog. offene Altenarbeit. Nach der Modellphase wurden und werden sie jedoch nicht immer in die kommunale Finanzierung übernommen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind nicht nur in diesen Handlungsfeldern tätig, sondern – mit anderen Professionen zusammen – auch im Bereich Gesundheit und Pflege. In zugehenden Sozialdiensten, ambulanten Pflegediensten und vollstationären Pflegeheimen sind einige Tausend Sozialarbeiter/-innen bzw. Sozialpädagog/-innen beschäftigt. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Einsatz Sozialer Arbeit in der Pflege noch marginal und davon abhängig ist, ob die Träger Soziale Arbeit als Bestandteil ihres professionellen Konzeptes ansehen und sich diese auch leisten können und wollen. Grundsätzlich könnte Soziale Arbeit in besonderer Weise aus­differenzierte Unterstützungsmöglichkeiten im Rahmen der kommunalen Daseinvorsorge für ältere Menschen anbieten. Anders als andere Berufsgruppen im Feld der Al­tenhilfe bezieht sie individuelle, soziale und sozialpolitische Faktoren aufeinander – z. B. wenn sie sich als Hilfe zur Lebensbewältigung versteht. Sie verfügt zudem über ausgefeilte Konzepte z. B. von Beratung, Case Management und ressourcenorientierter Netzwerkarbeit, die für hilfe- und pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen handlungsrelevant und zum Teil sogar rechtlich verankert sind. Dabei kann Soziale Arbeit auf Erfahrungen aus anderen Handlungsfeldern zurückgreifen. Denn äl­tere Menschen sind nicht nur Adressat/-innen spezieller, altersspezifischer Angebote, sondern auch Klient/-innen von allgemeinen Sozialdiensten, in Feldern wie der Arbeit mit Wohnungslosen, der Suchtkrankenhilfe, der Arbeit mit Migrant/-innen etc. Nicht zuletzt die Arbeit mit Ehrenamtlichen in Sozialen Diensten und Einrichtungen oder in Freiwilligenagenturen ist häufig Arbeit mit Menschen im höheren Lebensalter. Deshalb sind gerontologische Kenntnisse in vielen Feldern der Sozialen Arbeit notwendig und steigt der Bedarf an reflektiertem Wissen über ‚Alter‘ mit der demografisch und in vielen Handlungsfeldern strukturell bedingten Alterung der Klient/-innen. Nicht zuletzt dieser Bedarf motivierte die Herausgabe dieses Handbuchs.

Einführung in die zweite Auflage

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Eine zweite Frage, die sich aus dem Titel und den eben angestellten Überlegungen ergibt, ist die Frage nach der Definition von Alter: Ab wann ist man alt und durch wen oder was wird das festgelegt ? Weder das kalendarische Alter noch gesellschaftliche Altersdiskurse bieten hierfür gesicherte Anhaltspunkte. Auch der Ruhestand als sozialstaatlich abgesicherte Institution ist kein mögliches Abgrenzungskriterium. Ohnehin bedurfte seine Thematisierung als eigenständige Lebensphase jenseits des Erwerbslebens stets des Verweises auf die besonderen Lebensverläufe von Frauen. Aktuelle Entwicklungen am Arbeitsmarkt und im Rentenrecht verstärken die Diversifizierung. Nur bedingt hilft auch die Unterscheidung zwischen einem Dritten und einem Vierten Lebensalter, die zum Ausdruck bringen soll, dass Menschen im Alter von 60 bis 80 Jahren meist noch weitgehend gesund sind, während die über 80-Jährigen weit häufiger beeinträchtigt oder pflegebedürftig sind. Gleichwohl können körperliche und geistige Einschränkungen zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten im Lebensverlauf einsetzen. Zudem beeinflussen nicht nur der Gesundheitszustand, sondern auch Bildung, finanzielle Ab­sicherung und damit verbundene Wohnmöglichkeiten, die Qualität der sozialen Netzwerke sowie nicht zuletzt geschlechtspezifische Ungleichheiten und Zuschreibungen die Lebenslagen im Alter. Das Zusammenspiel verschiedener Dimensionen der Lebenslage entscheidet darüber, ob ältere Menschen über Handlungsspielräume und Einflussmöglichkeiten verfügen und sich selbst als handlungsmächtig und zufrieden erleben. Wenn aber jeder Definitionsversuch darauf verweist, dass Alter(n) individuell differenziert verläuft, die Lebenslagen im Alter höchst unterschiedlich sind und das Alter keine eindeutig abgrenzbare Lebensphase darstellt, so kann daraus entweder gefolgert werden, dass das ‚Alter‘ aufgrund seiner Heterogenität für die Soziale Arbeit kein spezifisches Thema sein kann oder aber, dass sich diesbezüglich ein breit gefächertes Aufgabengebiet ergibt. Grundlage dieses Handbuchs ist die Annahme eines potenziellen Bedarfs an Begleitung und Unterstützung, der daraus resultiert, dass der Übergang in die Lebensphase Alter und das Altern mit besonderen Aufgaben einhergehen, die sich von denen anderer Lebensphasen unterscheiden. Zum einen kumulieren gerade im höheren Alter soziale Benachteiligungen wie auch Privilegien und haben sich biografisch aufgeschichtet. Zum anderen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auf die Statuspassage in das Alter früher oder später eine im Vergleich zum mittleren Alter turbulente Phase des Lebenslaufs folgt, die von Abschieden ebenso geprägt ist wie von notwendigen aber eben auch möglichen Neuorientierungen. Kritische Lebensereignisse im höheren Erwachsenenalter können durchaus Lern- und Bildungsanlässe darstellen. Sie sind jedoch oft mit besonders hohen Anforderungen an die Bewältigungskompetenzen der Betroffenen verbunden. Schließlich müssen sie in einer Lebensphase bewältigt werden, die durch zahlreiche Weichenstellungen der Vergangenheit ebenso gekennzeichnet ist wie durch die Tatsache, dass die verbleibende Lebenszeit in ihrer Begrenztheit anerkannt werden muss. Besondere Herausforderungen resultieren außerdem daraus, dass diese Lebens­phase

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Kirsten Aner und Ute Karl

von Altersnormen gerahmt wird, die vielfach uneindeutig markierte, formulierte und sanktionierte ‚Aberkennungsnormen‘ sind. Diese stehen unübersehbar in einem Spannungsverhältnis zu normativen Vorstellungen vom lebenslangen Lernen, vom aktiven oder produktiven Altern. Die Balance zu finden zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Normen fällt umso schwerer, als für die historisch vergleichsweise junge Lebensphase Rollenvorbilder weitgehend fehlen. Vor diesem Hintergrund wird das Alter zu einer Lebensphase, deren Gestaltung notwendig und möglich ist. Die darin liegende Herausforderung ist mit unterschiedlichen sozialen Konstruktionen des Alter(n)s je spezifisch verwoben. Eine dritte Frage lässt sich ebenfalls aus dem Titel herleiten: Wie kann ein Handbuch das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Alter knapp und klar fassen, den rechtlich bedingt diffusen Handlungsrahmen der Arbeit mit älteren Adressat/-innen übersichtlich abstecken und die Bewältigungskonstellationen des höheren Lebensalters angemessen beschreiben ? Diese Frage führt zum Konzept des Handbuchs: Es ist multiperspektivisch angelegt. Die Perspektiven Sozialer Arbeit auf das Thema Alter werden vor dem Hintergrund der sozialpolitisch-sozialrechtlichen Rahmenbedingungen betrachtet, die für das professionelle Handeln ebenso relevant sind wie für die Lebensgestaltung der älteren Menschen. Sie werden ergänzt um gerontologische Wissensbestände über das Alter, die zeigen, dass das Alter ebenso wenig wie andere Lebensphasen eindimensional einzugrenzen und zu beschreiben ist und es eines multidisziplinären Zugriffs auf das Thema bedarf. Deshalb wurden die Beiträge des Handbuchs von Vertreter/-innen unterschiedlicher Disziplinen verfasst, die aktuell in diversen Wirkungsfeldern – von der sozialarbeiterischen Praxis über die Lehre bis hin zur Grundlagenforschung – tätig sind. Adressiert ist das Handbuch an die Lernenden, Lehrenden, Praktiker/-innen der Sozialen Arbeit im Bereich sozialer Altenhilfe aber auch darüber hinaus sowie an Verantwortliche in Kommunen, Verbänden und Vereinen, an Ehrenamtliche, die mit Älteren arbeiten, und an interessierte ältere Menschen selbst. Der Aufbau des Handbuchs, die Reihenfolge der Darstellung von Perspektiven und Wissensbeständen ergibt sich aus den skizzierten Vorüberlegungen. Der Band besteht neben dieser Einführung aus vier weiteren Teilen: I. Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen, II. Sozialrecht, Sozialpolitik und Lebenslagen im Alter, III. Soziale Konstruktionen des Alters und IV. Altersforschung. Da das Handbuch sowohl als Nachschlagewerk wie auch als Einführung in spezifische Themen dienen soll, sind die Einzelbeiträge umfassender als bei einem Lexikon oder Wörterbuch zugeschnitten. Um den Leser/-innen die Herstellung von Bezügen zwischen den Beiträgen zu erleichtern, finden sich in den Beiträgen Querverweise.

Einführung in die zweite Auflage

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Teil I des Handbuchs ist der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen gewidmet. Hier werden in einem ersten Kapitel deren Rahmenbedingungen vorgestellt. Zwei Beiträge skizzieren die Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik bzw. als Aufgabe der Sozialen Arbeit aus historischer und aktueller Perspektive. Die Kommunale Altenhilfeplanung wird als spezifischer Handlungsrahmen dargestellt. Dem schließt sich eine Skizze der Aus- und Weiterbildung für die Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen an, die mit Blick auf ihr Professionalisierungspotenzial kritisch bewertet wird. Das Kapitel schließt mit einem Blick in die Nachbarländer Österreich und Schweiz. Das zweite Kapitel dieses Teils betrachtet die Felder der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen näher. Die Beiträge berücksichtigen ihren je spezifischen rechtlichen Rahmen, die damit zusammenhängende Finanzierung und Trägerschaft, die Entwicklung der Beschäftigung im Feld sowie den jeweiligen Stand und die Perspektiven der Professionalisierung. Deutlich wird, dass es zahlreiche Felder der Sozialen Arbeit im Bereich Gesundheit und Pflege gibt. Abgeschlossen wird der erste Teil mit einem dritten Kapitel zu ausgewählten Besonderheiten der Sozialen Arbeit mit Älteren, die ‚quer‘ zu diesen Feldern liegen. Teil II des Handbuchs beschäftigt sich mit den Lebenslagen älterer Menschen im Kontext von Sozialrecht und Sozialpolitik. Im ersten Kapitel dieses Teils finden sich im Anschluss an eine historische Betrachtung der Entwicklung des Sozialrechts und der Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre Skizzen der gesetzlichen Regelungen, die wie die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) und die Alterssicherungsleistungen außerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung die Lebenslagen älterer Menschen wesentlich bestimmen bzw. wie das Pflege- und Krankenversicherungsrecht und das Betreuungsrecht für diese Bevölkerungsgruppe besonders häufig relevant sind. Im zweiten Kapitel dieses Teils finden sich Daten zu ausgewählten Dimensionen der Lebenslagen im Alter: Einkommen und Vermögen, Wohnen, Soziale Netzwerke, Gesundheit und Krankheit sowie Bildung. Zusätzlich werden ausgewählte Kategorien sozialer Ungleichheit berücksichtigt, die im Kontext der Debatte über Intersektionalität wichtig sind. Das dritte Kapitel des dritten Teils widmet sich ohne Anspruch auf Vollständigkeit spezifischen Themen und Problemen der Altersphase, wobei die wieder steigende Altersarmut an erster Stelle steht. Teil III des Handbuchs zeigt, wie Alter als soziale Konstruktion gefasst werden kann. Dass diese Sichtweise dem Handbuch zugrunde liegt, wurde bereits mit der Frage nach der Definition von Alter angesprochen. Ausgehend davon kann ‚Alter‘ aus verschiedenen disziplinären Perspektiven unterschiedlich beschrieben werden. Dieser Teil des Handbuchs besteht aus einer soziologischen Einführung in das Thema ‚Alter

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Kirsten Aner und Ute Karl

als soziale Konstruktion‘, einer vertiefenden historischen Betrachtung von Altersdiskursen, Skizzen aktueller Altersbilder und psychogerontologischer Konzepte von Alter sowie der Vorstellung kulturwissenschaftlicher und rechtlicher Perspektiven auf das Alter. Teil IV des Handbuchs gibt einen knappen Überblick über den Stand der Altersforschung. Dieser Teil bietet den Leser/-innen einen Einblick in die Hintergründe und Zusammenhänge gerontologischer Forschung, erleichtert das Auf‌finden wichtiger Daten und ihre Interpretation. Dabei werden die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie in Deutschland mit ihren Themen, Forschungseinrichtungen und ‚großen‘ Studien im Kontext der Forschungsförderung, die Altenberichterstattung der Bundesregierung und die Bedingungen, Ergebnisse und Strategien international vergleichender Alternsforschung gesondert dargestellt. Der letzte Beitrag befasst sich mit den Möglichkeiten und Restriktionen partizipativer Altersforschung. Danksagung Unser Dank gilt allen Beitragsautor/-innen, die sich mit uns gemeinsam der Herausforderung stellten, ein multidisziplinäres Handbuch zum Thema ‚Soziale Arbeit und Alter‘ zu verfassen. Viele waren schon an der ersten Auflage beteiligt und haben ihre Beiträge umfassend aktualisiert, einige Autor/-innen konnten wir neu gewinnen. Ein besonderer Dank gebührt Eva Maria Löffler, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet ‚Lebenslagen und Altern‘ der Universität Kassel, die uns nicht nur bei der formalen Überarbeitung der eingereichten Beiträge eine zuverlässige Hilfe war, sondern auch mit zahlreichen fachlichen Hinweisen zur Qualität und Konsistenz des Handbuchs beitrug. Für ihre engagierte und kompetente Mitarbeit an der Manu­ skripterstellung, die vom selben Fachgebiet finanziell unterstützt wurde, bedanken wir uns nun schon zum zweiten Mal bei Sabine Stange. Stefanie Laux, Cheflektorin Pädagogik, und Daniel Hawig, Projektmanager, beide Springer VS, sowie Steffen Schröter vom Satzbüro text plus form gilt unser Dank für ihre professionelle Unterstützung. Nicht zuletzt bedanken wir uns bei all denen, die uns in der Zeit der Entstehung des Handbuchs informell für fachliche Ratschläge zur Verfügung standen, und bei denen, die uns privat in Höhen und durch Tiefen begleiteten. 2019/2020 Kirsten Aner und Ute Karl

Teil I Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen

Kapitel 1 Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen

Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler

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Einleitung

Die soziale Altenhilfe ist in sozialpolitischer und sozialrechtlicher Perspektive Teil der sozialen Fürsorge, die von den Kommunen als örtlichen Trägern der So­zialhilfe als kommunale Selbstverwaltungsangelegenheit wahrgenommen wird. Die Sozialhilfe ihrerseits ist Teil des Systems der Sozialen Sicherung. Sie ist nachrangig und soll als ‚letztes Auffangnetz‘ (‚Lückenbüßerfunktion‘) Risiken auffangen, die von den vorgelagerten Sicherungssystemen (Sozialversicherung und Sozialversorgung) nicht oder nicht hinreichend abgedeckt werden. Im Kern geht es dabei um eine fi­nanzielle Mindestsicherung, die traditionell mit einer persönlichen Einflussnahme – befürsorgen – verbunden ist, was die Sozialhilfe als Fürsorgeleistung auch von anderen Sicherungssystemen unterscheidet, die ebenfalls Geldleistungen gewähren. Dabei hat die moderne Sozialhilfe den Anspruch und die gesetzlich vorgegebene Aufgabe, dem Hilfebedürftigen (Leistungsberechtigten) ein Leben zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht, wobei die Hilfe so auszugestalten ist, dass der Hilfebedürftige durch die Hilfe zu einer unabhängigen Lebensführung befähigt wird (§ 1 SGB XII) (vgl. Hammerschmidt und Tennstedt i. d. B.). Die soziale Altenhilfe und die hier angesiedelte Soziale Altenarbeit sind profes­ sionsbezogen betrachtet Teil der Sozialen Arbeit, eben Soziale Arbeit mit alten und für alte Menschen. Dabei ist soziale Altenhilfe als Sachbereich der kommunalen Sozialhilfe und Soziale Altenarbeit als Soziale Arbeit für die Adressatengruppe ältere Menschen in diesem Sachbereich zu verstehen und zu unterscheiden. Die Soziale Arbeit in Form von Beratung, Betreuung, Unterstützung oder allgemein formuliert als Hilfe zur Lebensbewältigung mit Alten in der Altenhilfe wird nicht nur von graduierten Sozialarbeiter/-innen und Sozialpädagoge/innen, sondern auch von weiteren (sozialen) Berufsgruppen erbracht (vgl. Hammerschmidt 2008). © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_2

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Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler

Als eigenständiger und kodifizierter Teil kommunaler Sozialhilfe ist die soziale Altenhilfe ein vergleichsweise junger Zweig der deutschen Fürsorgegeschichte. Der Gesetzgeber verankerte sie erst mit dem Bundessozialhilfegesetz von 1961. Dieses Jahr bildet deshalb den zeitlichen Ausgangspunkt der folgenden Darstellung. Dabei wird zunächst das Recht der sozialen Altenhilfe im Kontext des Sozialhilferechts beschrieben (2) und anschließend der Ausbau der Altenhilfe einschließlich ihrer Infrastruktur an sozialen Einrichtungen und Diensten skizziert (3). Dem folgen die Schilderung der rechtlichen Weiterentwicklung (4), der Versuch einer Bestimmung des Stellenwertes der sozialen Altenhilfe (5) und schließlich ein Ausblick (6). Damit wird die soziale Altenhilfe als Sachbereich erfasst. Die Soziale Altenarbeit als Soziale Arbeit in diesem Sachbereich ist Gegenstand eines anderen Beitrages in diesem Handbuch (vgl. Aner in Kap. I.1 i. d. B.).

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Die soziale Altenhilfe im Bundessozialhilfegesetz

Im Fürsorgerecht existierte zunächst und sehr lange keine besondere Regelung für ältere Hilfebedürftige, dennoch waren Alte nicht ausschließlich eine von jeweils mehreren (Alters-)Kohorten bei der Inanspruchnahme sozialer Einrichtungen, Dienste, Maßnahmen und Leistungen der allgemeinen Fürsorge. Altenhilfe praktizierten die öffentlichen und freien Träger der Wohlfahrtspflege auch schon in den 1920er Jahren auf Grundlage des Weimarer Fürsorgerechtes in Form eines spezifischen Angebotes der stationären Wirtschaftsfürsorge. Altenhilfe (Altenfürsorge) bestand hier in der Organisation, Durchführung und Sicherstellung der Finanzierung der Unterbringung von Alten und Gebrechlichen in Alters- oder Siechenheimen. Besondere Angebote der halboffenen (teilstationären) oder offenen (ambulanten) Fürsorge/Hilfen, die sich ausschließlich an Alte richteten, hielten die Fürsorgeträger kaum bereit. Dabei sahen fürsorgerische Fachkreise durchaus die Notwendigkeit einer Ausweitung und Differenzierung entsprechender Angebote für ältere Menschen. So diskutierten Vertreter der behördlichen und freien Wohlfahrtspflege in Fachorganisationen wie insbesondere im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge schon Anfang der 1950er Jahre eingehend über Altentagesstätten, Altenclubs und Altenwerkstätten wie sie – als nachahmenswerte Vorbilder – schon in den skandinavischen Ländern, aber auch in England, den Niederlanden oder auch den USA existierten (Grunow 2005a, S. 832; Föcking 2007, S. 333 et passim). Doch es blieb in den 1950er Jahren zunächst überwiegend bei bloßen Diskussionen über solche neuen Formen sozialer Einrichtungen und Dienste. Das änderte sich erst allmählich seit den 1960er Jahren. Bis dahin hatte der Gesetzgeber die Rechtsgrundlage für die Altenhilfe geändert bzw. geschaffen. Das am 30. 6. ​1961 verabschiedete Bundessozialhilfegesetz (BSHG) löste zum 1. 6. ​1962 die Reichsfürsorgepflichtverordnung von 1923 ab. Im BSHG trat neben die ‚traditionelle‘ Fürsorge, die nunmehr „Hilfe zum Lebensunterhalt“ hieß und im Kern die weiterentwickelten, novellierten Regelungen der Reichsfürsorgepflichtver-

Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik

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ordnung und der Reichsgrundsätze umfasste, eine neue Hilfeart, die „Hilfen in besonderen Lebenslagen“. Auch mit dem neuen BSHG blieb die nunmehr Sozialhilfe genannte Fürsorge Fürsorge, d. h. eine nachrangige finanzielle Mindestsicherung zur Vermeidung oder, richtiger, Milderung von Armut. Doch die zeitgenössischen Akteure waren sich einig, dass diese Kernfunktion rein quantitativ infolge des Ausbaus von Sozialversicherungs- und Sozialversorgungsleistungen für einen immer kleineren Personenkreis zum Tragen kommen würde. Diese Einschätzung galt auch und nicht zuletzt für ältere Menschen, weil die Rentenreform von 1957 die – dann aber nur unvollständig erfüllte – Hoffnung weckte, dass das typische Lohnarbeiterschicksal ‚Altersarmut‘ durch eine Sozialversicherungslösung überwunden werde (vgl. Hockerts 1980; Hammerschmidt und Tennstedt i. d. B.). Alte Menschen sollten aber noch lange Zeit überdurchschnittlich stark von Armut betroffen bleiben, was sich erst allmählich in den 1970er und 1980er Jahren änderte. Inzwischen ist die Armutsquote alter Menschen (ab  65 Jahren) wieder im Steigen begriffen; Ende 2017 lag sie bei 14,6 % (StaBuAmt 2019; vgl. auch Engels sowie Brettschneider und Klammer i. d. B.). Umso mehr sollten mit dem BSHG die persönliche Hilfe, Beratung und Unterstützung und das Ziel sozialer Integration in den Vordergrund der Sozialhilfe treten. Oder in heutiger Terminologie formuliert: der Eingriffscharakter sollte zugunsten eines Leistungscharakters in den Hintergrund rücken. Das galt für die „Hilfe zum Lebensunterhalt“ und ganz besonders für die neuen „Hilfen in besonderen Lebenslagen“. Den „Hilfen in besonderen Lebenslagen“ lag einerseits ein weiterer Begriff von Hilfsbedürftigkeit zugrunde und anderseits auch eine stärkere Ausrichtung hin zur Vorbeugung und zur sozialen Integration, letzteres auch außerhalb einer Eingliederung ins Erwerbsleben (vgl. Tennstedt 2003, Rz. 76). Die Altenhilfe war hier, genauer, im dritten Abschnitt des BSHG in § 75, als Teil der Hilfe in besonderen Lebenslagen verankert. Paragraf 75 lautete: „(1) Alten Menschen soll außer der Hilfe nach den übrigen Bestimmungen dieses Gesetzes Altenhilfe gewährt werden. Sie soll dazu beitragen, Schwierigkeiten, die durch das Alter entstehen, zu überwinden und Vereinsamung im Alter verhüten. (2) Als Maßnahmen der Hilfe kommen in vertretbarem Umfang vor allem in Betracht 1. Hilfe zu einer Tätigkeit des alten Menschen, wenn sie von ihm erstrebt wird und in seinem Interesse liegt, 2. Hilfe bei der Beschaffung von Wohnungen, die den Bedürfnissen alter Menschen entsprechen, 3. Hilfe zum Besuch von Veranstaltungen oder Einrichtungen, die der Geselligkeit, der Unterhaltung oder den kulturellen Bedürfnissen alter Menschen dienen, 4. Hilfe, die alten Menschen die Verbindung mit nahestehenden Personen ermöglicht. (3) Altenhilfe kann ohne Rücksicht auf vorhandenes Einkommen oder Vermögen gewährt werden, soweit im Einzelfall persönliche Hilfe erforderlich ist.“

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Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler

Durch die Platzierung der sozialen Altenhilfe bei den „Hilfen in besonderen Lebenslagen“ galten die weiter gefassten Voraussetzungen und Möglichkeiten dieser neuen Hilfeart. Gleichwohl war die Altenhilfe gemäß BSHG, wie könnte es auch anders sein, eine fürsorgerechtliche Regelung, die sich an Fürsorgebedürftige richtete. Dementsprechend hob der federführende Referent für das Sozialhilferecht im Bundesinnenministerium, Hermann Gottschick (1963, S. 237), in seinem offiziösen BSHGKommentar hervor, die Altenhilfe gemäß § 75 BSHG sei „keine Hilfe für das Alter schlechthin“, „keine Hilfe in einer Lebensphase“, sondern nur eine Hilfe für Bedürf­ tige im Einzelfall (zu den Kontroversen im Vorfeld vgl. Föcking 2007, S. 331 ff.). Die Betonung, dass die mit § 75 BSHG institutionalisierte Altenhilfe mit ihrer Hauptintention, Vereinsamung zu überwinden, nur Hilfe für Bedürftige im Einzelfall sein solle, geschah nicht obwohl, sondern wohl vor allem, weil Alterseinsamkeit seinerzeit als Massenphänomen galt. Es betraf den Großteil der damaligen Generation von Rentner/-innen durch den Verlust naher Angehöriger infolge des Krieges, die räumliche Umschichtung der Bevölkerung nach Flucht und Vertreibung sowie schließlich auch die arbeitsmarktbedingt erforderliche Mobilität (Föcking 2007, S. 331 f.; Münch 2007, S. 597). Neben finanziellen Erwägungen der Ministerialbürokratie wie auch der Kommunalverwaltungen und -politiker spielten bei der sich dann zeigenden Zurückhaltung bei der Nutzung des § 75 BSHG auch fachliche Überlegungen bzw. Probleme eine Rolle. Der damalige Vorsitzende des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Hans Muthesius, bezeichnete es schlicht als „kühn“, mit einem Sozialleistungsgesetz Vereinsamung bekämpfen zu wollen (Muthesius 1961, S. 453, zit. nach Roth 1995, S. 44 f.; anders akzentuierend: Föcking 2007, S. 331). Der Gesetzgeber legte den Kommunen als örtlichen Sozialhilfeträgern eine Verpflichtung zur Altenhilfe auf, die er aber einerseits durch die Formulierung „in vertretbarem Umfang“ (Abs. 2, Satz 1) relativierte und der andererseits kein Rechtsanspruch der Adressat/-innen gegenüberstand. Dennoch: Mit der Einführung von § 75 erhielt die offene Altenhilfe eine Rechtsgrundlage und die kommunalen Träger waren aufgerufen – in vertretbarem Umfang – offene Altenhilfe für Bedürftige zu betreiben. Exklusionsvermeidung und Inklusionsvermittlung, Kernfunktionen der Sozialen Arbeit, waren das Hauptanliegen der Altenhilfe im Sinne von § 75 BSHG. Neben der Altenhilfe gemäß § 75 BSHG, der „eigentlichen Altenhilfe“, wie Gitschmann und Bullmann (1999, S. 739) formulieren, bildete die ebenfalls neue „Hilfe zur Weiterführung des Haushalts“ gemäß §§ 70 ff. BSHG für die kommunalen Sozialämter ein weiteres erwähnenswertes Instrument der Altenhilfe, auch wenn es nicht ausschließlich für Ältere gedacht war und genutzt wurde (Gottschick 1963, S. 224 – ​ 228; vgl. auch Münch 2007, S. 605). Ansonsten spielte die generalklauselhafte Formulierung in § 93 (1) des neuen BSHG, wonach die Sozialhilfeträger darauf hinwirken sollten, dass die zur Gewährung der Sozialhilfe geeigneten Einrichtungen ausreichend zur Verfügung stehen, für die Altenhilfe insofern eine bedeutende Rolle, als damit auch die stationären (Altenheime) und später (halb-)offenen Einrichtungen (z. B. Alten­begegnungsstätten) miterfasst waren. Mit einer im selben Paragrafen for-

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mulierten Subsidiaritätsformel erlaubte dies den freigemeinnützigen Trägern, die Kommunen zur Schaffung und Finanzierung von Einrichtungen der Altenhilfe anzuhalten. Letztlich war weniger die einzelfallbezogene Altenhilfe der öffentlichen Sozialhilfeträger, als vielmehr die Infrastrukturentwicklung für die Ausgestaltung der stationären wie nicht-stationären Altenhilfe bedeutsam.

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Zum Ausbau der sozialen Altenhilfe

Dass nach und infolge des Inkrafttretens des BSHG differenzierte Maßnahmen für alte Menschen wie Pilze aus dem Boden schossen, wie es in der viel zitierten Arbeit von Gerda Holz (1987, S. 176) heißt, ist sicherlich übertrieben. Dennoch lässt sich für die 1960er Jahre ein deutlicher Ausbau der Altenhilfe feststellen. Ein weiterer starker Schub erfolgte in den 1990er Jahren zunächst überwiegend im Bereich der stationären Altenhilfe und setzte insofern lediglich den Trend der Nachkriegszeit fort. Hierfür spielten dann ab 1962 die im Rahmen von Altenhilfeplänen der Länder zur Verfügung gestellten Investitionsmittel eine große Rolle. So stellten die Bundesländer alleine im Jahr 1963 den freien Trägern mehr als 100 Millionen DM in Form von Subventionen für den Aufbau neuer und die Erweiterung und Modernisierung schon bestehender Altenhilfeeinrichtungen – ganz überwiegend Altersheime – zur Verfügung. Einrichtungen und Maßnahmen der offenen Altenhilfe blieben dagegen lange Zeit wenig entwickelt (Münch 2007, S. 608). Erstellten schon 1962 fast die Hälfte der westdeutschen Bundesländer Altenhilfe­ pläne, so folgten die meisten Städte und Gemeinden mit kommunalen Altenhilfeplänen erst mit erheblicher Verzögerung. Bis Ende der 1960er Jahre waren es erst 17. Vorreiter war die Stadt Köln, die schon 1959, also drei Jahre vor dem Inkrafttreten des BSHG, als erster örtlicher Sozialhilfeträger einen Altenhilfeplan erstellte und dies mit einer empirischen Erhebung bei den älteren Bürger/-innen der Stadt verband. Diese erste, später auch veröffentlichte Studie (Blume 1962), lieferte nicht nur Planungsdaten wie etwa über den Bestand und die Ausstattung der Altenhilfeeinrichtungen, sondern auch Informationen über die Gründe für die Nutzung und NichtNutzung der entsprechenden Angebote sowie über die Wünsche der Nutzer/-innen. So wünschten sich die meisten Heimbewohner/-innen der Kölner Altersheime ein eigenes Zimmer, während 81 % der „Insassen“ städtischer Heime in Zimmern mit drei und mehr Betten leben mussten. In den privaten Heimen waren es immerhin noch 23 %. Und auch seitens der Verbände selbst (AWO) wurde eingeräumt, dass die Altenheime vielfach „Verwahranstalten“ glichen. Ein zweites für die kommunale Altenhilfeplanung wichtiges Ergebnis dieser Studie waren die Gründe alter Menschen für den Einzug in ein Altersheim. 60 % wegen Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Invalidität, rd. 20 %, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen konnten und ebenfalls 20 % schlichtweg, weil sie keine andere Wohnung finden konnten (Grunow 2007, S. 746 ff.; Voges 2008, S. 42 et passim).

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Die mit der Erstellung von kommunalen Altenhilfeplänen erfassten Bestandsund Bedarfsdaten führten an sich noch nicht ohne Weiteres dazu, dass die kommunale Sozialhilfepolitik sich anschickte, den notwendigen Bedarf oder, zurückhaltender formuliert, die als sinnvoll betrachteten Einrichtungen und Dienste zu schaffen bzw. Maßnahmen zu ergreifen. Die Städte und Gemeinden verbesserten zunächst nur langsam und allmählich ihre Altenhilfeangebote. Fiskalische Erwägungen wirkten dabei zunächst hemmend, ab den 1970er und 1980er Jahren dagegen aber auch durchaus fördernd. Die oben schon angesprochenen Investitionshilfen der Bundesländer zugunsten der stationären Altenhilfeeinrichtungen führten zu einer deutlichen Erhöhung an Altenheimplätzen bei gleichzeitiger qualitativer Verbesserung. Die Möglichkeiten und die Bereitschaft, einen Platz in einem Heim zu beziehen, stiegen dadurch. Und weil die Kommunen als örtliche Sozialhilfeträger nolens volens auch als Ausfallbürge oder Restfinanzier für die – zwischenzeitlich auch deutlich gestiegenen – Unterbringungskosten in Altersheimen einzustehen hatten, reagierten sie mit alternativen Angeboten der Altenhilfe. Das war vor allem ab den 1970er Jahren der Fall, etwa mit Mahlzeitendiensten oder ‚Essen auf Rädern‘ und dem Ausbau von Sozialstationen, deren Zahl 1980 rd. 1 000 erreichte und bis 1990 auf rd. 4 000 stieg (vgl. Nootbaar 1995, S. 290; Grunow 2006, S. 846 ff.). Eine vollständig nach Trägergruppen differenzierte Statistik der Alten- und Behinderteneinrichtungen existiert nicht für das gesamte Bundesgebiet, weil nicht alle Bundesländer nach Trägergruppen unterscheiden. Im Jahre 2001 bestanden in Deutschland 12 555 Alten- und Behinderteneinrichtungen mit 877 330 Betten/Plätzen. Von 10 874 dieser Einrichtungen, über die Angaben über die Trägerschaft vorliegen, gehörten 65,4 % zu freigemeinnützigen Trägern, 26,7 % zu gewerblichen und 7,9 % zu öffentlichen. Allerdings sind in diesen Angaben auch Behinderteneinrichtungen enthalten. Von den oben schon genannten insgesamt 12 555 Einrichtungen waren 4 107 Behinderteneinrichtungen mit 160 346 Plätzen, die übrigen waren Alteneinrichtungen, wobei die Altenpflegeheimplätze mit fast 560 000 Plätzen den Löwenanteil ausmachten (Angaben nach der Heimstatistik 2001 des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Die aktuellsten Angaben zu den Behindertenheimen finden sich im „Ersten Bericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über die Situation der Heime und die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner“, der seit Ende 2006 vorliegt und der auf Stichtagszahlen vom 15. 12. ​2003 beruht. Demnach existierten 5 100 Behindertenheime mit 179 000 Plätzen. Die aktuellsten Zahlen zu Pflegeheimen finden sich in der Pflegestatistik 2017 (StaBuAmt 2018b) wonach es zum 15. 12. ​2017 14 480 voll- und teilstationäre Pflegeheime mit 952 367 Plätzen gab. In 2 % der Heime werden überwiegend Menschen mit Behinderung versorgt. In den Heimen arbeiteten 764 648 Personen (davon 6 926 mit so­ zial­pädagogischem/sozialarbeiterischem Berufsabschluss). 53 % der Pflegeheime und 55 % der Plätze entfielen auf freigemeinnützige, 42 % bzw. 39 % auf private und die restlichen 5 % bzw. 6 % auf öffentliche Träger. Diese Zahlen sind jedoch nur bedingt mit den vorhergehenden Angaben zu vergleichen, weil sie nur (Pflege-)Heime erfas-

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sen, die über Verträge mit den Pflegekassen verfügen; 18 %, soviel kann noch festgehalten werden, dieser Pflegeheime sind Altenheime oder betreutes Wohnen organisatorisch angeschlossen. Herkömmliche Altenheime sind damit nicht erfasst (vgl. BMFSFJ 2006b, insbes. S. 33 ff., 42 f., 73, 230; zu weiteren, differenzierten Angaben vgl. Schneekloth und Wahl 2007). Als Träger der Einrichtungen der Altenhilfe fungierte in erster Linie die freie Wohlfahrtspflege. Allein die Caritas gründete zwischen 1945 und 1955 322 neue Altersheime mit 15 680 Betten (Hammerschmidt 2005, S. 31). Die Verbände der freien Wohlfahrtspflege konnten auch ab 1948 zinsverbilligte Kredite (u. a.) zur Einrichtung von Altersheimen im Rahmen des Lastenausgleichs verbuchen (ebd., S. 467). Dabei handelte es sich um eine altenhilfe(-politische) Maßnahme, Hauptmotiv war aber nach den enormen Kriegszerstörungen die Schaffung von Wohnraum. Alten Menschen sollte nicht nur nach Ausbombung und Notunterbringung ein neues Heim – im doppelten Wortsinn – verschafft werden, es sollten auch Anreiz und Möglichkeit für die Freigabe großer Wohnungen alleinstehender Alter zugunsten junger Familien mit Kindern geschaffen werden. Ausgewählte Eckwerte zur quantitativen Entwicklung von Altenhilfe-Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege sind in Tabelle 1 zusammengestellt. Im Jahre 1925 verfügten die Träger der freien Wohlfahrtspflege zusammen über 2 140 Altenhilfeeinrichtungen, genauer: Alten- und Siechenheime mit nahezu 59 000 Betten (vgl. Steinweg 1929). Nach der seinerzeit üblichen statistischen Erfassung von Wohlfahrtseinrichtungen wurden Alten- und Siechenheime unter Anstalten der geschlossenen Wirtschaftsfürsorge – neben einer Reihe weiterer Einrichtungstypen –

Tabelle 1  Altenhilfe-Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege 1925 – ​2016 Jahr

Einrichtungen

1925

2 140

1961

2 271*

1970

Betten/Plätze

Beschäftigte

58 745

k. A.

k. A.

k. A.

6 416

335 462

49 970

1981

8 365

358 302

90 182

1990

9 584

418 252

138 734

2000

15 212

481 495

237 577

2004

15 796

517 788

367 303

2012

18 051

520 727

444 977

2016

19 515

579 255

508 785

* nur Altenheime Quellen: Eigene Darstellung nach BAG FW 2001, 2006, 2012, 2018a; Holz 1987, S. 157 f.; Steinweg 1929 ©

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Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler

subsumiert. Nur für wenige Jahre oder nur für einzelne Wohlfahrtsverbände lässt sich jahrgangsweise die zahlenmäßige Entwicklung zuverlässig nachzeichnen. Der Anstieg in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist gleichwohl evident. Er lässt sich noch deutlicher an den Betten/Plätzen und an den in diesem Bereich Beschäftigten als an der bloßen Anzahl der Einrichtungen ablesen. Nach der Umstellung der Einrichtungsstatistik der freien Wohlfahrtspflege (Zahlen ab 1970) wird die Altenhilfe als eigenständige Kategorie ausgewiesen, sie umfasst aber nicht nur Heime, sondern alle Angebote der Altenhilfe. Tabelle 2 zeigt, dass von den mehr als 19 000 Einrichtungen (2016) fast 43 % dem stationären Bereich angehörten (Altenwohnungen, Altenwohnheime mit und ohne ständiges Pflegeangebot, Altenheime und Altenpflegeheime, Hospize, Kurzzeitpflegeheime). Hier waren aber rd. 81 % der Vollzeitbeschäftigten und zwei Drittel der Teilzeitbeschäftigten der Al­ ten­hilfe der Verbände angestellt. Die Tageseinrichtungen (Altentagesstätten, Altenbegegnungsstätten, Tagespflegeheime) machten weniger als 7 % (1 453) der Einrichtungen aus, hier waren aber lediglich etwas mehr als 1 % der Vollzeitkräfte beschäftigt. Die übrigen Einrichtungen und Dienste – Beratungsstellen, Mahlzeitendienste, sonstige Dienste (z. B. Hausnotdienste) – hatten einen Anteil von knapp 50 % an der Gesamtzahl der Altenhilfeeinrichtungen und einen Anteil von etwas mehr als einem Viertel an der gesamten Beschäftigtenzahl, wovon aber fast 80 % Teilzeitstellen waren. Diese Aufschlüsselung verdeutlicht mehrerlei: •• Bei allen drei Angebotsformen (stationär, teilstationär, ambulant) ist eine Differenzierung des Leistungsspektrums feststellbar. •• Die ‚klassische‘ Form der Altenhilfe, nämlich die stationäre, ist nach wie vor dominant. •• Teilweise gehören die Angebote weniger, jedenfalls nicht hauptsächlich, zum So­ zialwesen als vielmehr zum Bereich Gesundheit und Pflege – was auch den abermaligen enormen Ausbau in den 1990er Jahren (Einführung der Pflegeversicherung) erklärt – und sie werden deshalb auch maßgeblich von den Vorgaben des jeweils einschlägigen Sozialversicherungsrechtes (SGB V und SGB XI) geprägt. Soziale Arbeit mit Älteren ist zwar auch im Pflegebereich verankert, aber doch eher randständig (vgl. Schmidt i. d. B.). Immerhin wurde mit dem Inkrafttreten des überarbeiteten SGB XI im Januar 2009 der § 7a Pflegeberatung ergänzt, der den „Anspruch auf individuelle Beratung und Hilfestellung durch einen Pflegeberater oder eine Pflegeberaterin“ für Hilfebedürftige enthält. Die Pflegeberatung soll u. a. durch Sozialarbeiter/-innen (mit entsprechender Zusatzqualifikation) umgesetzt werden (Abs. 3), was professionsbezogen wichtig ist. Was die soziale Altenhilfe als Bereich der kommunalen Sozialpolitik anbelangt, so kann nach den vorstehenden Aus­führungen festgehalten werden, dass sich in den letzten Jahrzehnten eine erwähnenswert (offene) Altenhilfe – Beratungsstellen, Büros und Tagesstätten für Senioren – und damit

Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik

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Tabelle 2  Altenhilfe-Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege 2016 Art der Einrichtungen

Einrichtungen Betten/Plätze

Vollzeit­ beschäft.

Teilzeit­ beschäft.

Stationäre Einrichtungen

8 390

559 353

115 762

242 290

Einrichtungen mit Wohnangeboten für Senior/-innen

2 104

94 936

8 040

11 073

374

35 943

10 608

10 718

5 290

415 304

94 683

217 317

622

13 170

2 431

3 182

Tageseinrichtungen

1 453

19 902

1 788

8 156

Solitäre Tages- und/oder Nachtpflege­ einrichtungen nach § 41 SGB XI

1 453

19 902

1 788

8 156

Beratungsstellen/ambulante Dienste

9 672



28 680

112 082

Ambulante Pflegedienste/Sozialstationen (§ 72 bzw. § 36 SGB XI)

4 246



24 033

97 181

Seniorenbegegnungsstätten/Senioren­ tagesstätten/Seniorenfreizeitstätten

1 671



961

2 157

Wohngemeinschaften u. a. alternative Wohnformen

171



185

563

Beratungsstellen für Senior/-innen/ Seniorenbüros

772



475

893

Stationäre Mahlzeitendienste

457



702

2 579

Ambulante Mahlzeitendienste (‚Essen auf Rädern‘)

827



591

3 476

Hausnotrufdienste

745



654

1 619

Ambulant Betreutes Wohnen für Senior/-innen

582



1 016

3 063

Sonstige Hilfsdienste für ältere Menschen

201



62

550

19 515

579 255

146 230

362 528

Seniorenwohnheime Vollstationäre Altenpflegeeinrichtungen (mit/ohne Versorgungsvertrag nach § 72 SGB XI), inkl. Kurzzeitpflegeplätze Solitäre Kurzzeitpflegeeinrichtungen nach § 42 SGB XI oder mit Versorgungsvertrag nach § 72 SGB XI

Gesamt Quelle: BAG FW 2018a ©

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Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler

Soziale Altenarbeit etablieren konnte (Aner und Karl 2011; Aner und Hammerschmidt 2018, S. 66 – ​69). Neben der Einführung der Pflegeversicherung, das bleibt noch nachzutragen, trug natürlich auch die territoriale Erweiterung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) durch den Beitritt der (ehemaligen) Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zur Erhöhung der Zahl an Einrichtungen und Plätzen der Altenhilfe bei. Die Übertragung der bundesdeutschen Wirtschafts- und Sozialordnung, die Rechtsübertragung und der Institutionentransfer von West auf Ost veränderte die ostdeutschen Verhältnisse grundlegend und zeitigte dann auch bald Rückwirkungen auf den fortan gesamtdeutschen Sozialstaat (zu den Auswirkungen auf den deutschen Sozialstaat im allgemeinen vgl. Ritter 2006; zur Sozialhilfe vgl. Willing 2007; zur sozialen Infrastruktur vgl. Olk 2006; Grunow und Olk 2007; zur freien Wohlfahrtspflege vgl. Angerhausen et al. 1998; speziell zur Altenhilfe vgl. Dallinger und Naegele 1993). Die DDR verfügte zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung über ein ausgebautes System der Altenhilfe, das innerhalb des Gesundheitswesens verortet war. Auf der zentralstaatlichen Ebene zeichnete das Ministerium für Gesundheitswesen, auf der örtlichen Ebene zeichneten die Räte der Kreise, Städte und Gemeinden dafür verantwortlich. Die Abstimmung und Zusammenarbeit mit anderen Ressorts erfolgte auf beiden Ebenen in sog. Koordinierungsgruppen, die seit Mitte der 1970er Jahre in der Altenhilfe das sog. Konzept der komplexen Betreuung –  eine Reaktion auf die zuvor laut gewordene massive Kritik insbesondere an der stationären Altenhilfe (Helwig 2006, S. 554) – verfolgten. Die praktische Umsetzung dieser vergleichsweise modernen Konzeption, bei der gleichwohl immer noch gesundheitliche Einschränkungen alter Menschen im Vordergrund standen, litt aber unter vielfachen Versorgungsengpässen (Angerhausen et al. 1998, S. 51 ff.; Olk 2006,  S. 670 ff.; Grunow und Olk 2007, S. 988 ff.; Hammerschmidt et al. 2017b, S.  126 ff.). Die ambulante pflegerische Versorgung in der DDR gewährleisteten im Jahr 1989 ca. 6 500 staatliche Gemeindeschwestern, 3 154 Gemeindepflegestationen des Diakonischen Werkes und 100 Alten- und Krankenpflegestationen der Caritas. Daneben betreuten rund 38 600 Hauswirtschaftpflegerinnen der Volkssolidarität 87 000 Rentner/-innen (3,2 %) und sicherten zudem für 215 000 (8 %) der alten Menschen die Mahlzeitenversorgung. Betriebe und Massenorganisationen unterstützten und ergänzten die Aktivitäten der Volkssolidarität (Angerhausen et al. 1998, S. 53; Angerhausen 2003, S. 104 ff.; Grunow und Olk 2007, S. 988 ff.). Die Volkssolidarität organisierte mit ihren Alten- bzw. Veteranenclubs sowie mit ihrem flächendeckenden Netz von Ortsgruppen mit mehr als 112 000 ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen, nicht selten ebenfalls älteren Menschen, jährlich viele politisch-kulturelle Veranstaltungen für ältere Mitbürger/-innen (1967: 61 122 mit 6,6 Millionen Besuchern) (Dallinger und Naegele 1993, S. 305 ff.; Helwig 2006, S. 553 f.). Damit existierte ein sehr umfangreiches Angebot der offenen Altenarbeit jenseits pflegerischer und haushaltbezogener Hilfe- und Unterstützungsleistungen (Hammerschmidt et al. 2017b, S. 127 f.)

Soziale Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe-)politik

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Das Angebot an Tageseinrichtungen sollte ab Mitte der 1980er Jahre ausgebaut werden, blieb aber bis zur Wiedervereinigung unentwickelt (800 Tagespflegeplätze). Die stationäre Versorgung war dagegen rein quantitativ betrachtet in Ostdeutschland etwas besser als in Westdeutschland, aber gleichwohl noch unzureichend. 1989 bestanden 1 348 staatliche Feierabend- und Pflegeheime mit ca. 140 000 Plätzen sowie 349 Heime von Diakonie und Caritas mit 17 715 Plätzen. Ein Teil dieser Plätze belegten mangels alternativer Unterbringungsmöglichkeiten aber jüngere Pflege­bedürftige und Behinderte, während umgekehrt Ältere behelfsweise in Akutkrankenhäusern leben mussten (Angerhausen 2003, S. 104 ff.; Grunow und Olk 2007, S. 988 ff.). Die Feier­abend- und Pflegeheime wiesen vielfach erhebliche bauliche und räumliche Mängel auf und die persönliche und pflegerische Betreuung galt als höchst unzureichend. Dennoch bildeten die Feierabendheime für nicht-pflegebedürftige Ältere eine attraktive Wohnform – hier spielte der Vergleich zur sonstigen, kaum altersgerechten Wohnraumversorgung natürlich eine große Rolle –, zumal die Eigenbeiträge für die Heimbewohner/-innen so gering ausfielen (Feierabendheime: 105 Mark pro Monat, Pflegeheime 120 Mark pro Monat), dass ihnen der Großteil ihrer Renten verblieb (Hammerschmidt et al. 2017b, S. 127). Die Umgestaltung der Altenhilfestrukturen, die bauliche Modernisierung und der Institutionentransfer erfolgten mit und durch massive finanzielle Förderung aus Bundesmitteln schon in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung. Zahlreiche Investitionsprogramme spielten hierbei eine Rolle, besonders erwähnenswert ist das „Soforthilfeprogramm für das Gesundheitswesen“, in dessen Rahmen die Bundesregierung zur Förderung der Altenhilfeeinrichtungen in den Jahren 1990 und 1991 insgesamt 190 Millionen DM bereitstellte. An Stelle der staatlichen Gemeindeschwestern und der Gemeindepflegestationen bzw. Alten- und Krankenpflegestationen trat nun ein Netz von Sozialstationen – Ende 1991 waren es 960, Ende 1992 nurmehr ca. 800 –, in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände, die die ambulante Altenpflege gewährleisten sollten. Ein Großteil der Mittel floss in die Modernisierung der Altersheime (vormals: Feierabend- und Pflegeheime), was zu einer Angleichung an westdeutsche Ausstattungsstandards führte und mit einem deutlichen Kapazitätsabbau einherging. Die Zahl der stationären Altenhilfeeinrichtungen verringerte sich von 1 272 mit rd. 125 000 Plätzen (1989) auf 1 186 mit 101 000 Plätzen im Jahr 1995 (Grunow und Olk 2007, S. 993 f.). Die hier geringer ausfallenden Angaben für das Jahr 1989 im Vergleich zu den weiter oben genannten – 125 000 gegenüber 140 000 – resultieren aus einer anderen statistischen Erfassung. An dieser Stelle sind mit den niedrigen Zahlen nur Heime für Ältere (Alters- und Altenpflegeheime) berücksichtigt. Waren vordem drei Viertel der Heime mit 87 % der Plätze in öffentlicher Trägerschaft, so waren fortan die Relationen zuungunsten der öffentlichen Seite verschoben. Sie verfügten 1995 – Tendenz: fallend – nur noch über ein Viertel der Heime mit ca. 30 % der Plätze (ebd.).

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Peter Hammerschmidt und Eva Maria Löffler

Zur Weiterentwicklung des Rechts der sozialen Altenhilfe

Der Gesetzgeber hat die Regelungen zur Altenhilfe im Laufe der Zeit mehrfach geändert. Am weitestgehenden war hierbei die Novelle vom 25. März 1975 (3. ÄndG BSHG; BGBl. I., S. 777), mit der § 75 BSHG neu gefasst wurde. Dabei trat der Präventionsgedanke durch eine Ergänzung in Abs. 1 sowie den neuen dritten Absatz (der vormalige dritte Absatz, wurde in den unbelegten vierten überführt und die dort formulierte Kann-Regelung als Soll-Vorschrift verankert) stärker in den Vordergrund. Altenhilfe im Sinne von § 75 Abs. 1 BSHG sollte demnach auch gewährt werden, wenn sie der Vorbereitung auf das Alter diene. Gleichzeitig fügte der Gesetzgeber in die Aufzählung der Maßnahmen im zweiten Absatz die Hilfe „bei der Beschaffung eines geeigneten Heimplatzes“ (Ziff. 2) sowie „Hilfe in allen Fragen der Inanspruchnahme altersgerechter Dienste“ ein. Die Gewährung persönlicher Hilfe für alte Menschen gemäß § 75 BSHG erfolgte fortan ohne Berücksichtigung von Einkommen und Vermögen. Auf zwei weitere Änderungen des BSHG ist hier noch hinzuweisen, weil sie für die Altenhilfe bedeutsam waren. Das 3. ÄndG BSHG schränkte mit der Neufassung von § 91 den Unterhaltsrückgriff der Sozialhilfeträger ein, was dann u. a. dazu führte, dass Enkel von den Sozialämtern nicht mehr zu den Kosten für den Aufenthalt ihrer Großeltern in einem Altersheim herangezogen werden konnten. Das stellte eine Leistungsverbesserung dar. Die zweite Änderung, eine Leistungsverschlechterung, erfolgte durch das Haushaltsbegleitgesetz vom 22. 12. ​1984 und betraf drei Paragrafen. Das Wunsch- und Wahlrecht der Hilfeempfänger nach § 3 Abs. 2 BSHG wurde eingeschränkt: „Wünschen des Hilfsbedürftigen, die Hilfe in einer Anstalt, einem Heim oder einer gleichartigen Einrichtung zu erhalten, soll nur entsprochen werden, wenn dies nach der Besonderheit des Einzelfalls erforderlich ist, weil andere Hilfen nicht möglich sind oder nicht ausreichen und wenn mit der Anstalt, dem Heim oder der gleichartigen Einrichtung eine Vereinbarung nach § 93 Abs. 2 besteht.“

Im engen Zusammenhang damit kodifizierte der neu eingefügte § 3a BSHG einen generellen „Vorrang der offenen Hilfe“ vor der stationären. Aus fachlichen Erwägungen war ein solcher Vorrang sicherlich vielfach zu begründen und wünschenswert, denn trotz aller inzwischen realisierten Verbesserung bei den bestehenden Altersheimen bedeutete ein Heimaufenthalt immer noch regelmäßig eine nicht unerhebliche Einschränkung persönlicher Freiheiten. Movens für diese Novelle waren fiskalische Erwägungen – auch wenn eine offene Betreuung keineswegs immer billiger war als eine stationäre Unterbringung, was sich dann besonders in der Behindertenhilfe zeigte –, der Anstieg der Sozialhilfeausgaben sollte gedrosselt werden. Erlaubten nunmehr die §§ 3 und 3a BSHG den Kommunen eine bessere Steuerung der Nachfrageseite nach Altenheimplätzen, so verschaff‌te die im selben Zuge vorgenommene Än-

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derung von § 93 BSHG den örtlichen Sozialhilfeträgern ein Instrument zur besseren Steuerung der Angebotsseite. Bei § 93 handelte es sich um eine Subsidiaritätsregelung zugunsten der freien Träger, die ihre Angebote entwickeln und ausweiten und dann bei Nutzung dieser Angebote durch Hilfebedürftige einen Erstattungsanspruch gegenüber dem öffentlichen Träger geltend machen konnten. Die Neufassung schränkte diese Verpflichtung ein, indem sie sie an eine zuvor mit dem Sozialhilfeträger zu schließende Vereinbarung band (vgl. Birk et al. 1990, S. 75 ff., 81 ff., 746 ff.; Schellhorn 1997, S. 636 ff; eingehender zum sozialhilfepolitischen Rahmen in den 1980er Jahren vgl. Willing 2005, S. 483). Nach dem Ausbau des bundesdeutschen Sozialstaates im Allgemeinen wie des Sozialhilfesystems im Besonderen bis in die 1970er Jahre hinein dominierten nunmehr Einschränkungen oder eine „Reduktionsgesetzgebung“ (Tennstedt 2003, S. 78, RZ 103). Für die stationäre Altenhilfe bedeutete diese Reduktionsgesetzgebung keinen Rückgang, sondern lediglich eine Drosselung der Ausweitung. Und für die offene Altenhilfe stiegen die Anforderungen, denn zu ihren Aufgaben gehörten ja seit 1975 Hilfe „bei der Beschaffung eines geeigneten Heimplatzes“ sowie „Hilfe in allen Fragen der Inanspruchnahme altersgerechter Dienste“. Mit dem grundsätzlichen Vorrang offener Hilfen sowie den Einschränkungen für die freien Träger erhöhte sich hier der Beratungsbedarf. Neben die ‚klassische‘ sozialpädagogische/sozialarbeiterische Betreuung im direkten persönlichen Kontakt zwischen Sozialarbeiter/-in und Klient/-in traten Organisations- und Koordinationsaufgaben als zusätzliche Anforderungen und Aufgaben für die Soziale Arbeit. Mit der oben angeführten, seit Mitte der 1970er Jahren bestehenden Grundstruktur fand dann die Altenhilfe bei der Neufassung des Sozialhilfegesetzes als § 71 Eingang in das SGB XII, das seit dem 01. 01. ​2005 gültig ist. Die Bezeichnung „Altenhilfe“ blieb ebenfalls erhalten, aber ansonsten wurde das in dem entsprechenden BSHG-Para­grafen häufiger verwendete Wort „Hilfe“ gänzlich vermieden. Stattdessen ist nun nur noch von „Leistungen“, „Beratung“ und „Unterstützung“ die Rede. Ebenfalls wegen der symbolischen Bedeutung ist noch erwähnenswert, dass die mit der Novelle von 1975 an die letzte Stelle der Aufzählung der Hilfen in Abs. 2 gerückte „Hilfe zu einer Tätigkeit des alten Menschen, wenn sie von ihm erstrebt wird und in seinem Interesse liegt,“ nunmehr wieder ihren ursprünglichen ersten Platz einnahm, und dass dabei nicht mehr bloß von „Tätigkeit“, sondern von „gesellschaftlichem Engagement“ die Rede ist.

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Zum Stellenwert der sozialen Altenhilfe in den Kommunen

Die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung dieser immer noch vergleichsweise offen gehaltenen rechtlichen Vorgaben zur Altenhilfe fällt vor Ort höchst unterschiedlich aus. Sie hängt wesentlich von der Aufmerksamkeit, Bedeutung, Schwerpunktsetzung, dem Engagement usw. ab, die die einzelnen Kommunen (kommunale Politik und

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Verwaltung) dem Bereich Altenhilfe zukommen lassen bzw. zumessen, und nicht zuletzt selbstredend von den jeweiligen finanziellen Spielräumen. Regere Aktivitäten lassen sich vornehmlich dort feststellen, wo sich Bedürfnisse Älterer mit kommunalen Interessen überschneiden. Das gilt etwa bzgl. Hilfe- und Stützangeboten, die es älteren Menschen ermöglichen sollen, (länger) in ihren (z. T. städtischen) Wohnungen zu verbleiben. Fiskalisch sind solche Altenhilfemaßnahmen für die Kommunen insofern interessant, als sie die Inanspruchnahme der Sozialhilfe zur Restfinanzierung für die regelmäßig teure Heimunterbringung vermeiden bzw. hinauszögern können. Ansonsten ist festzustellen, dass Altenhilfe meist keine hohe Priorität auf den kommunalpolitischen Agenden einnimmt. Letzteres zeigt sich besonders bei einem Blick auf die Zahl der älteren Menschen, die in den Genuss der individuellen Leistungen gemäß § 75 BSHG bzw. nunmehr § 71 SGB XII kommen, und dem Finanzvolumen, das die Sozialhilfeträger dafür aufzuwenden bereit sind. Einige wenige Zahlenangaben mögen dazu genügen: Es waren regelmäßig kaum mehr als einige Tausend Ältere, die individuelle Leistungen der Altenhilfe außerhalb von Anstalten beanspruchten. In den 1990er Jahren meist zwischen 8 000 und 9 000 Personen jährlich von zwischen 1,3 und 1,4 Millionen Personen, die insgesamt Hilfe in besonderen Lebenslagen (gemäß BSHG) erhielten. Nur in den Jahren 1998 und 1999 waren fünfstellige Zahlen (12 028 bzw. 11 559) zu verzeichnen, anschließend pendelten sich diese Werte wieder bei ca. 8 000 ein. Daran änderte auch die Einführung des neuen Soziahilfegesetzes kaum etwas, auch – oder vielleicht eignet sich dies als Indiz – wenn in den neueren Ausgaben der Schriftenreihe des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Empfänger der Altenhilfe nicht mehr gesondert ausgewiesen wird. Stattdessen wird nur die Gesamtzahl der Empfänger/-innen der „Hilfe in anderen Lebenslagen“ (§§ 70 – ​74 SGB XII) ausgewiesen. Diese belief sich Ende 2013 auf 24 000, von denen gut 16 000 über 65 Jahre alt waren (StaBuAmt 2015a), womit die absolute Höchstzahl potenzieller Leistungsempfänger der offenen Altenhilfe gemäß § 71 SGB XII markiert wäre. Unterstellt man dagegen, dass die übrigen vier Hilfen dieser Gruppe zusammengenommen die Hälfte der Empfänger/-innen-Zahlen ausmachten, dann ergäbe sich für die Altenhilfe ein Wert, der dem in den 1990er Jahren entspräche (ca. 8 000). Für Ende 2017 weist die Sozialhilfestatistik 34 358 Empfänger von „Hilfe in anderen Lebenslagen“ aus (StaBuAmt 2019e, S. 34). Wie viele davon auf Altenhilfe gemäß § 71 SGB XII entfallen, wird dort nicht ausgewiesen. Die Gesamtausgaben der örtlichen und überörtlichen Soziahilfeträger für Altenhilfe gemäß § 75 BSHG beliefen sich im Jahr 2004 (dem letzten Jahr der Gültigkeit des BSHG) auf rd. 7,16 Millionen €, was nur einen bescheidenen Anteil an den Gesamtausgaben der Sozialhilfe von 26,351 Milliarden € (davon 16,37 Milliarden € für Hilfen in besonderen Lebenslagen) ausmachte (StaBuAmt 2005, Tab. B1.1). Auf der neuen Rechtsgrundlage summierten sich die Ausgaben für Altenhilfe (§ 71 SGB XII) im Rechnungsjahr 2006 auf rd. 6,6 Millionen € ( StaBuAmt 2008, Tab. A 1) und nach den letzten amtlichen Daten – in neueren Sozialhilfestatistiken finden sich die dem-

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entsprechend differenzierten Angaben nicht mehr – auf weniger als 9,7 Millionen € für das Haushaltsjahr 2013 (StaBuAmt 2015b, S. 6).

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Ausblick

Für die Zukunft der sozialen Altenhilfe als Teil kommunaler Sozial(hilfe)politik und Daseinsvorsorge lässt sich ein Bedeutungszuwachs prognostizieren. Dafür spricht nicht nur die inzwischen viel beschworene und befürchtete zunehmende Alterung der Bevölkerung in Deutschland, die das Potenzial der Klient/-innen erhöht, sondern auch die Entwicklung im System der sozialen Sicherung. Altersarmut wird künftig zunehmen, sodass mehr Ältere auf den Bezug von Sozialhilfeleistungen („Grundsicherung im Alter“ SGB XII) angewiesen sein werden und dann wohl auch häufiger Leistungen der Altenhilfe gemäß § 71 SGB XII erhalten werden. In dieselbe Richtung wirken die Reformen im Gesundheitsbereich. Schon heute liegt das Schwergewicht der Praxis sozialer Altenhilfe im Pflegemanagement. Aufgabe der Sozialen Altenarbeit ist es hier, den jeweiligen Finanzierungsmix – Eigenbeträge der Betroffenen, evtl. Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Zuschüsse der sozia­ len Pflege­versicherung (PV) sowie die Restfinanzierung durch die So­zialhilfe  – im Einzelfall sicherzustellen und die Angebote der inzwischen wettbewerblich ausge­ richteten, kommerzialisierten Einrichtungen und Dienste nach Bedarfs- und Kostengesichtspunkten zu kombinieren (Case bzw. Care Management, vgl. die Beiträge von Rubin, Schmidt sowie Wendt i. d. B.). Die Sozialhilfe hat, wie schon angeführt, als letztes Auffangnetz im System der sozialen Sicherung die Unzulänglichkeiten der vorgelagerten Systeme aufzufangen (Lückenbüßerfunktion der Fürsorge). Das gilt auch für die soziale Altenhilfe als Teil der kommunalen Sozialhilfe. Sie steht besonders vor der Herausforderung, die fragmentierten Angebote und Leistungen für alte Menschen der anderen Sicherungssysteme  –  ohne direkte Einflussmöglichkeit auf deren Träger – aufeinander abzustimmen und die vielfachen und vielfältigen Schnittstellenprobleme aufzufangen und zu bearbeiten. Daneben erlebt – zumindest im politischen Diskurs – eine ‚klassische‘ Aufgabe Sozialer Arbeit, die Gewinnung und Einbindung ehrenamtlicher Kräfte, seit geraumer Zeit eine Renaissance. Bürgerschaftliches Engagement und seine Bedeutung für das Soziale und die gesellschaftliche Wohlfahrtsproduktion wird auf allen Ebenen der Politik betont und auch gefördert. Neben jüngeren Menschen sollen insbesondere Ältere, von beruflichen Verpflichtungen befreit, einen sinnvollen, produktiven Lebensabend gestalten (vgl. Pichler i. d. B.). Ihre Mitwirkung vor allem bei den öffentlichen wie freigemeinnützigen Trägern sozialer Hilfen soll dort Leistungsdefizite und personelle Unterausstattung kompensieren. Neben i. d. R. finanziell gesichert lebenden jüngeren Alten sind auch Sozialhilfebedürftige selbst Adressat/-innen solcher Erwartungen. So sieht § 11 des Sozialhilfegesetzes (SGB XII) unter der Überschrift

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„Beratung und Unterstützung, Aktivierung“ vor, Hilfeempfänger/-innen zur aktiven Teilnahme am Leben der Gemeinschaft aufzufordern, worunter auch gesellschaftliches Engagement zu verstehen ist. Für diejenigen, die die Regelaltersgrenze der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) erreicht haben, gilt das nicht als Verpflichtung. Dafür formuliert § 71 Abs. 2 für diese Altersgruppe die Unterstützung zum gesellschaftlichen Engagement als eine Leistung der Altenhilfe. In welchen Bereichen und in welchem Maße es gelingen kann, solcherart die Wohlfahrt zu erhöhen, mag dahingestellt bleiben. Nach den bislang vorliegenden Erfahrungen lässt sich aber festhalten, dass eine solche Einbeziehung Ehrenamtlicher, anders als offenbar von (Kommunal-) Politiker/-innen erhofft, als Sparmaßnahme wenig taugt. Die produktive Einbindung älterer Menschen funktioniert nur dort, wo eine professionelle Infrastruktur dafür bereitsteht (Aner 2006; Bettmer 2007; Aner und Hammerschmidt 2008), sodass diesbezügliche Maßnahmen bestenfalls kostenneutral sind. Außerhalb von Bundes- oder Landesmodellprojekten und jenseits der ‚harten‘ Aufgaben wie Care Management verfügt die Soziale Altenarbeit als potenzielle Begleiterin des Bürgerengagements Älte­rer jedoch meist nur über eine sehr geringe Personalausstattung. Ansonsten bleibt noch nachzutragen, dass seit vielen Jahren in den einschlägigen Fachkreisen, zeitweise forciert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, über die „Altenhilfestrukturen der Zukunft“, so auch der Titel einer Tagung 2004 in Berlin, diskutiert wird. Es geht zum einen um den Ausbau der Altenhilfestrukturen, die eine selbstständige Lebensführung möglichst lange erhalten sollen, wie auch schon im 4. Altenbericht von 2002 gefordert (vgl. BMFSFJ 2002a). Zum anderen sollen „Möglichkeiten und Grenzen selbständiger Lebensführung in stationären Einrichtungen“, so der Titel eines vom selben Bundesministe­rium in Auftrag gegebenen Forschungsprojektes, ausgelotet werden (Schneekloth und Wahl 2007). Ausgangspunkt für dieses Forschungsprojekt waren die Vernetzungs­probleme der Altenhilfe, die auch vom zuständigen Bundesministerium konstatiert worden waren. In einem Praxistest sollte für ein zu schaffendes „Altenhilfestrukturgesetz“ eine Gesetzesfolgenabschätzung vorgenommen werden, so der (ursprüngliche) Auftrag des Ministeriums. Gemessen an der immer wieder aus Fachkreisen erhobenen Forderung nach einem Altenhilfegesetz als Sozialleistungsgesetz für Ältere – analog zum Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) – war das Gesetzesvorhaben „Altenhilfestrukturgesetz“ zwar nur eine ‚kleine Lösung‘ gleichwohl konnte es als Schritt in die richtige Richtung interpretiert werden. Doch dann hieß es seitens des federführenden Bundesseniorenministeriums, das Vorhaben „Altenhilfestrukturgesetz“ sei nicht aufgegeben, aber es benötige mehr Zeit (BMFSFJ 2004a, S. 8). Seitdem war regierungsseitig nicht mehr von einem solchen Gesetz die Rede (vgl. Zenz und Pohlmann 2014). Einen neuen Impuls sollte viel später der im November 2016 vorgelegte 7. Altenbericht (BT-Drs. 18/10210) setzen. Darin empfahl die Expertenkommission die Schaffung eines „Leitgesetzes zur Stärkung einer Politik für ältere und mit älteren Menschen“ (ebd., S. 294). Die Bezeichnung „Altenhilfe(struktur)gesetz“ vermied die Kommission – das Wort selbst findet sich nur

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an zwei Stellen des Berichts (S. 217 u. 279) – aber von der Sache her war dasselbe gemeint (ebd., S. 279 f.). In ihrer Stellungnahme zum 7. Altenbericht ging die Bundesregierung auf diese Empfehlung allerdings nicht ein. Aber die Probleme, auf die das Gesetz reagieren wollte, bestehen fort. Deshalb kann erwartet werden, dass zumindest die Forderung nach einer kohärenten rechtlichen Regelung nunmehr wieder lauter wird. Sollte es in absehbarer Zeit zu einer umfassenden rechtlichen Neuregelung der Altenhilfe kommen, dann wäre dafür wohl weniger die Kinder- und Jugendhilfe (SGB  VIII) als vielmehr die Behindertenhilfe bzw. die Eingliederungshilfe, also das Recht der Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen (SGB IX), das Vorbild. Hier wird durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) 2016 in vier sog. Reformstufen zwischen 2017 und 2023 nach der anfänglich bloßen Vereinheitlichung des formellen Rechts auch das materielle Recht im SGB IX zusammengefasst. Die pluralen Strukturen der Kostenträgerschaft und selbstredend der Leistungserbringung bleiben dabei erhalten. Selbst eine solche ‚kleine‘ Lösung wäre schon ein erheblicher Fortschritt, bei dem der Sachbereich soziale Altenhilfe schärfere Konturen bekäme. Würde der Gesetzgeber im gleichen Zug den Kommunen, wie im 7. Altenbericht ebenfalls empfohlen, Planungs- und Koordinationsaufgaben für diesen Sachbereich übertragen, dann käme das den früheren Forderungen nach einem Altenhilfe(struktur)gesetz schon sehr nahe. Die Kommunen verfügten dann über Steuerungsmöglichkeiten und könnten zum zentralen Akteur der sozialen Altenhilfe werden. Voraussetzung dafür, dass sie diese Funktion dann auch für die Adressat/-innen der Altenhilfe zufriedenstellend erfüllen könnten, wäre jedoch, dass den Kommunen im innerstaatlichen Finanzausgleich auch die zur Aufgabenerfüllung erforderlichen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt würden, wie von der Kommission des 7. Altenberichts gefordert. Wann und mit welchen Ergebnissen all dies geschehen wird, bleibt abzuwarten.

Ausgewählte Literatur Aner, Kirsten, und Ute Karl. Hrsg. 2008. Lebensalter und Soziale Arbeit. Ältere und alte Menschen. Baltmannsweiler: Schneider. Hammerschmidt, Peter, Stefan Pohlmann und Juliane Sagebiel. Hrsg. 2014. Gelingendes Alter(n) und Soziale Arbeit. Neu-Ulm: AG Spak. Schroeter, Klaus R., Claudia Vogel und Harald Künemund. Hrsg. 2018. Handbuch Soziologie des Alter(n)s. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-09630-4.

Soziale Altenhilfe als Aufgabe Sozialer (Alten-)Arbeit Kirsten Aner

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Einführung

Soziale Altenhilfe hat ihre Wurzeln in der Armenfürsorge. Sie war und ist rechtlich Teil der selbstverwalteten kommunalen Daseinsvorsorge, die sowohl im Einzelfall als auch für Gruppen von Bedürftigen subsidiär notwendige Ressourcen zur Exklusionsvermeidung und Inklusionsvermittlung bereitstellt. Der Sachbereich soziale Alten­ hilfe war und ist durch eine vergleichsweise schwache rechtliche Regulierung gekennzeichnet – seit 1962 in § 75 BSHG, seit 2005 in § 71 SGB XII. Die Anwendungspraxis orientierte sich seit 1975 insbesondere auf präventive und offene Angebote (ausführlich vgl. Hammerschmidt und Löffler i. d. B.), ohne dabei vorzugeben, von welchen Berufsgruppen diese zu erbringen sind. Der gesetzliche Rahmen bietet aber grundsätzlich ein breites Betätigungsfeld für Fachkräfte der Sozialen Arbeit, insbesondere bei den freigemeinnützigen Trägern, die die Einrichtungen und Dienste weit überwiegend betreiben (vgl. ebd.). Die rechtlich sehr weit gefasste Vorgabe und die damit einhergehende große landes- und kommunalspezifische Diversität in der Ausgestaltung erschweren es, eindeutige Bezeichnungen für das Handlungsfeld und seine Teilbereiche sowie für die spezifischen Angebote Sozialer Arbeit für ältere Menschen zu finden. Vor dem Hintergrund der fürsorgerischen Tradition wurden diese lange Zeit als Angebote der „Altenhilfe“ tituliert. In dem Maße, in dem ältere und alte Menschen durch den demografischen Wandel und die Verbesserung ihrer Lebenslagen (vgl. dazu die Beiträge zum Kapitel „Lebenslagen im Alter“ i. d. B.) nicht mehr nur als hilfsbedürftige Randgruppe wahrgenommen werden konnten, veränderten sich die verwendeten Begriffe. Diese Verschiebung wurde jedoch selbst in der theoretisch orientierten Fachdiskussion selten expliziert. Gleichwohl lässt sich eine Tendenz in der Begriffsverwendung erkennen: Das Handlungsfeld wird unterteilt in die sog. offene Altenarbeit für die Zielgruppe der Jüngeren, gesundheitlich weniger Belasteten unter den älteren Men© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_3

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schen. Hinzu kommt die sog. Altenhilfe für die oft stark eingeschränkten Hochaltri­ gen, wobei diese noch einmal entlang der Organisationsformen der Dienste und Einrichtungen (ambulant, teilstationär, stationär) gegliedert wird. In den 1990er Jahren wurde vorgeschlagen, zwischen Sozialer Altenarbeit und Sozialer Arbeit in der Pflege zu unterscheiden (vgl. Schmidt 1997; Otto 2005a). Diesem Vorschlag zu folgen, hat zwei Vorteile: Wenn jeweils von Sozialer Arbeit die Rede ist, sind damit sowohl fürsorgerische Aspekte der Sozialarbeit als auch sozialpädagogische Perspektiven ange­ sprochen. Das erleichtert zugleich die Einbindung in den internationalen Fachdiskurs über social work, der diese spezifisch deutsche Differenzierung nicht kennt. Sinnvoller noch ist, von Sozialer (Alten-)Arbeit zu sprechen und damit zum einen die beiden Traditionslinien (Sozialarbeit und Sozialpädagogik) unter einem gemeinsamen Begriff zu vereinen. Damit lässt sich zum anderen verdeutlichen, dass es zwar Spezifika der Zielgruppe, zugleich aber zahlreiche, u. a. paradigmatische und methodische Gemeinsamkeiten mit der Sozialen Arbeit für Zielgruppen in anderen Lebensphasen gibt. Das gilt umso mehr, als sich die heute ‚Alten‘ keineswegs nur nach altersspezifischen Unterstützungsangeboten oder gar nur kompensatorischen Betätigungsfeldern sehnen – zumindest solange sie gesundheitlich nicht oder kaum eingeschränkt sind. Ohnehin verlaufen sowohl das körperliche als auch das soziale Altern äußerst individuell. Deshalb sind die Bewältigungsmöglichkeiten für die damit verbundenen Herausforderungen und somit der Bedarf an sozialstaatlich organisierter Unterstützung weniger vom kalendarischen Alter abhängig als von den divergierenden Lebenslagen. Selbst beim Eintritt von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit handelt es sich zum einen um einen (u. U. sogar reversiblen) Prozess, von dem zum anderen selten nur die Pflegebedürftigen allein betroffen sind. Vielmehr haben häufig auch und gerade Angehörige der Betroffenen einen Beratungs- und Unterstützungsbedarf. Der Unterscheidung zwischen Sozialer (Alten-)Arbeit mit nicht pflegebedürftigen Älteren und Sozialer (Alten-)Arbeit in der Pflege kann man aber insoweit folgen, als sich diese Bereiche historisch unterschiedlich entwickelten und aktuell rechtlich verschieden gerahmt sind. Im vorliegenden Handbuch wird außerdem vorgeschlagen, die Bezeichnung Soziale (Alten-)Arbeit im Bereich Gesundheit und Pflege zu verwenden, um dem Prozesscharakter von Alter(n) wie auch von Hilfs- und Pflege­ bedürftigkeit zu entsprechen (vgl. Abbildung 1). Auch wenn diese begriff‌lichen Unterscheidungen von Teilbereichen des Arbeitsfeldes manchmal nötig sind (und auch das entsprechende Kapitel des vorliegenden Handbuchs gliedern), ist aus fachlicher Sicht eine Versäulung von offenen Angeboten, ambulanten Diensten und voll- bzw. teilstationären Einrichtungen inhaltlich nicht gerechtfertigt und nicht wünschenswert – und ebenso wenig ihre strikte Trennung von der Sozialen (Alten-)Arbeit in den Bereichen von Freizeit, Kultur, Bildung und zivilgesellschaftlichem Engagement. Will man anhand der Beschäftigtenzahlen nachzeichnen, wie sich die sozialarbeiterisch-sozialpädagogische Fachlichkeit im Kontext der sozialen Altenhilfe entwickelt hat, stößt man schnell auf Probleme. Es gab lange Zeit kaum Daten zur Anzahl

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Abbildung 1  Bereiche und Bezeichnungen Sozialer Arbeit mit älteren Menschen Soziale (Alten-)Arbeit (Altenhilfe)

(Altenarbeit)

Bereich Gesundheit/Pflege

andere Bereiche

Beratungsstellen (zu Gesundheit/Pflege) Gesundheitsarbeit/Rehabilitation Allg.krankenhaus/Geriatrie Gerontopsychiatrie Palliativversorgung Pflegerische Versorgung (ambulant, teilstationär, stationär)

Freizeitorientierte Arbeit Kulturarbeit Bildungsarbeit Beratung/Vermittlung von Angeboten zur sozialen Teilhabe

Quelle: Eigene Darstellung ©

der Beschäftigten mit einem entsprechenden Hochschulabschluss und die dezentrale und diversifizierte Landschaft erschwert Vergleichbarkeit und Hochrechnungen. Eine Ausnahme bildet die Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e. V., die auf die gesamte Bundesrepublik bezogen und als Panel angelegt ist (vgl. BAG FW 2018b). Zum anderen erfassen die Erhebungen, auch die der BAG FW, in der Regel nur Fachkräfte in Einrichtungen, nicht aber diejenigen, deren Tätigkeiten rechtlich der sozialen Altenhilfe zuzuordnen sind, die aber in leitenden oder planenden Funktionen nicht direkt mit der Zielgruppe arbeiten. Ein Großteil der Professionalität Sozialer Arbeit kommt in solchen Handlungsfeldern zum Tragen, die gar nicht explizit dem Bereich sozialer Altenhilfe zugerechnet werden wie im Allgemeinen Sozialdienst (ASD bzw. KSD), der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit, der Erwachsenenbildung etc. Zudem wird Soziale Arbeit oft in Modellprojekten geleistet, die durch die Raster von Momentaufnahmen fallen. Umso bedauerlicher ist, dass bis heute zahlreiche Dokumentationen abgeschlossener Modellprojekte zwar die durchführenden Institutionen und ihre jeweiligen Konzepte ausweisen, auf die explizite Nennung der Qualifikation der Mitarbeiter/-innen jedoch verzichten. Nicht zu vergessen sind die erheblichen Schwierigkeiten in der Abgrenzung des Berufsfeldes (Stooß 1982; Schmidt 1997). Immerhin lassen sich die Aushandlungsprozesse und Grundzüge der inhaltlichen Profilierung chronologisch darstellen – zumindest ab den 1970er Jahren, denn zuvor kann davon keine Rede sein. Um auch dies verständlich zu machen, beginnt der folgende Überblick mit der Nachkriegszeit. Dabei wird nicht professionsbezogen argumentiert, ob das Alter ein (sozial-)pädagogisches Problem ist und/oder ältere Menschen eine spezifische Zielgruppe sind (vgl. dazu Winkler 2005; Aner 2018a).

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Vielmehr wird die tatsächliche Entwicklung der Fachlichkeit Sozialer (Alten-)Arbeit entlang von Zeitabschnitten skizziert. Dabei werden jeweils drei miteinander verwobene Aspekte berücksichtigt: •• die Altenpolitik, insbesondere auf Bundesebene, •• die Entwicklung von sozialen Diensten und sozialer Infrastruktur und •• die Entwicklung sozialpädagogischer Handlungsoptionen und Fachdiskurse unter diesen Rahmenbedingungen. Analytisch unterschieden wird dabei zwischen zwei großen Teilbereichen des Arbeitsfeldes (s. o.), in denen die Kompetenzen Sozialer (Alten-)Arbeit in je besonderer Weise zum Tragen kommen (können): dem Regelungsbereich des SGB XII einschließlich der Freizeit-, Kultur-, Bildungs- und Freiwilligenarbeit mit den gesundheitlich weitgehend unbelasteten, meist jüngeren Alten sowie dem Bereich Gesundheit und Pflege, für den das SGB XI von besonderer Bedeutung ist. Die Darstellung muss im gegebenen Rahmen kursorisch bleiben. Die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen Sozialer (Alten-)Arbeit in Deutschland und ihre historische Entwicklung seit Einführung des BSHG 1961 werden hier nicht näher behandelt (vgl. dazu Hammerschmidt und Löffler i. d. B.), ebenso wenig spezifische Entwicklungen in Ostdeutschland (vgl. dazu Gerlach 2007; Grunow und Olk 2007).

2

Entwicklung der Fachlichkeit Sozialer Arbeit im Kontext von Sozial- und Altenpolitik

2.1

1945 bis Mitte der 1960er Jahre

Die Sozialpolitik im Nachkriegsdeutschland zwischen 1945 und der Gründung zweier deutscher Staaten 1949 war wesentlich bestimmt von der Überwindung der Kriegsfolgen. In dieser Zeit kann von einer eigenständigen Altenpolitik außerhalb der finanziellen Alterssicherung und der allgemeinen Maßnahmen zur (Wieder-)Herstellung einer sozialen Infrastruktur nicht die Rede sein. Altenpolitische Themen wie die „Not der Alten“ oder die „Überalterung“ der Bevölkerung wurden allenfalls auf Expertentagungen diskutiert (Münch 2001, S. 696). Ähnlich ist die „Phase der Rückkehr zur sozialpolitischen Normalität“ zwischen 1949 und 1957 einzuschätzen (vgl. Münch 2005a, S. 650 f.), obwohl viele ältere Menschen nicht wie andere Bevölkerungsgruppen von der wirtschaftlichen Entwicklung profitierten und von der Fürsorge abhängig blieben. Insbesondere die Höhe ihrer Renten war bis 1957 in der Regel unzureichend, vielfach ließen ihre Wohnverhältnisse zu wünschen übrig und war ihr Gesundheitszustand schlecht. Die soziale Isolation älterer Menschen war ein weit verbreitetes Problem. Die meisten Frauen waren von einer Kumulation dieser Pro-

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bleme betroffen. Immerhin begannen die Kommunen, sich mit der Wohnsituation der Alten auseinanderzusetzen. Der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge (DV) forderte 1957, das materielle Auskommen und die gesundheitliche Betreuung zu verbessern, aber auch die „Zugehörigkeit zu und Funktion in einer Gemeinschaft“ (DV 1957, S. 322) als Notwendigkeit anzuerkennen. In den Folgejahren ist eine Differenzierung altengerechter Dienste zu verzeichnen, wenngleich noch in unzureichendem Maße (vgl. Grunow 2005a, S. 832 f.). In die Zeit nach 1957 bis Mitte der 1960er Jahre fällt nicht nur die Einführung des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) und seiner Altenhilferegelung in § 75 BSHG (vgl. Hammerschmidt und Löffler i. d. B.); sie kann insgesamt als der Zeitabschnitt betrachtet werden, in dem sich Altenpolitik beschleunigt als Teilbereich der Daseinsvorsorge herausbildete. Neu dabei war, dass nach der Rentenreform von 1957 Politik und Wissenschaft begannen, ihr Augenmerk auch auf andere als materielle Aspekte des Lebens älterer Menschen zu richten – auf strukturelle und soziale Problematiken, die mit dem Alter verbunden sein können. Dies ist nicht nur in den Bestimmungen des § 75 BSHG ersichtlich, vielmehr wurde diese Neuausrichtung auch institutionell gefestigt: mit der Einrichtung zahlreicher Begegnungsstätten für ältere Menschen, der Gründung des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA), der Einrichtung des Fachausschusses Altenhilfe der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAG FW) und durch zahlreiche Fachtagungen zum Thema Alter (vgl. Münch 2007). Angestoßen wurde dieser Prozess vom weiter steigenden Anteil älterer Menschen und damit älterer Wähler/-innen, von der gestiegenen, nicht allein durch junge Erwachsene zu deckenden Nachfrage nach Arbeitskräften sowie von der Wahrnehmung, dass in den Alten- und Pflegeheimen miserable Lebensbedingungen weit verbreitet waren. Möglich wurde er nicht zuletzt durch die Tatsache, dass der wirtschaftliche Produktivitätsfortschritt zusätzliche Ausgaben für soziale Belange finanzierbar machte. Neben die Bemühungen um die persönlichen Hilfen traten erste Versuche einer konsistenten Altenpolitik auf kommunaler, Landes- und Bundesebene, die jedoch vorerst an der mangelnden Kooperation der staatlichen Stellen und einer unzureichenden Datenlage scheiterten, sodass dieser Zeitabschnitt trotz der genannten Fortschritte auch als „Inkubationsphase der Altenpolitik“ (ebd., S. 598) bezeichnet werden kann. 2.2

Ende der 1960er bis 1970er Jahre

Als 1965 in Köln der 64. Deutsche Fürsorgetag eine grundsätzlich und insbesondere hinsichtlich des Grundsatzes einer partnerschaftlichen Beziehung zwischen dem Sozialhilfeträger und dem Hilfesuchenden positive Bilanz von vier Jahren BSHG zog, wurde zugleich auf die Schwierigkeiten des damit verbundenen Umdenkens weg von der traditionellen Fürsorge verwiesen. Bedenken demgegenüber könnten nicht zuletzt auf eine sich abzeichnende Überforderung der Sozialsysteme zurückgeführt

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werden (vgl. DV 1966). Die Alterung der Bevölkerung und damit evtl. verbundene Kosten standen dabei allerdings noch nicht im Vordergrund. Erklären lässt sich das durch eine „klare Randständigkeit der Alterspopulation in der politischen Bedeutungszuweisung“ (Dieck 1987a, S. 217) in den 1960er Jahren. Bis zum Beginn der 1970er Jahre beschränkten sich die politischen Parteien auf eher allgemeine Aussagen zu dem auf der Bundesebene immer noch schwach ausgeprägten Politikfeld. Gleichwohl lassen sich mit Blick auf einen längeren Zeitraum „Indizien für die gesellschaftspolitische Aufbruchstimmung, die bis Anfang der 1970er Jahre herrschte, beobachten“ (Münch 2006, S. 696). So wurde 1968 unter dem Titel „Bundesprogramm zur Förderung gesellschaftspolitischer Maßnahmen für die ältere Generation“ ein Maßnahmepaket verabschiedet, das darauf zielte, Einzelfallhilfen durch eine bessere gesellschaftliche Integration von alten Menschen und die Stärkung ihres Selbstbewusst­seins zu ergänzen. Initiativen der Zusammenarbeit wirt­schaftlicher und gesellschaftlicher Kräfte auf Bund-, Länder- und Gemeindebene wurden mit sechs Millionen DM gefördert. Wegen seiner ebenen- und ressortübergreifenden sowie emanzipatorischen Grundgedanken gilt dieses Programm als erster Baustein einer umfassenderen, weniger fürsorgerisch ausgerichteten Altenpolitik in Deutschland. Mitunter wurde das Programm sogar als „Bundesaltenplan“ bezeichnet (vgl. Holtz 1987, S. 177). 1968 forderte das Berliner Abgeordnetenhaus die Einrichtung eines wissenschaftlichen Instituts, das Forschungen im Bereich Altenhilfe sammelt und koordiniert, die Öffentlichkeit über Probleme des Alterns aufklärt, Bundes- und Landesbehörden bei überregionalen Vorhaben berät und nicht zuletzt wissenschaftliche und praktische Bemühungen um eine moderne Altenhilfe koordiniert. Das Ergebnis war 1973 die Gründung des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) in Berlin. Schon ab Mitte der 1960er Jahre war die Zahl der altenpolitischen und gerontologischen Publikationen zum demografischen Wandel und zur Benachteiligung älterer Menschen gewachsen. Auch erste Bedarfsanalysen wurden erstellt. Auf der Agenda von Bund, Ländern und Kommunen hatte die Versorgung der älteren Bevölkerung mit Alten- und Pflegeheimen weiterhin höchste Priorität. Gleichzeitig stärkten das Heimgesetz (Gesetz über Altenheime, Altenwohnheime und Pflegeheime für Volljährige vom 7. 8. ​1974) und mehr noch die Heim-Mitwirkungsverordnung von 1976 die Rechte von Heimbewohner/-innen. Schon im Vorfeld trug der konfliktreiche und langwierige Prozess der Heimgesetzgebung (vgl. Münch 2006, S. 702 ff.) dazu bei, dass fürsorgerisch entmündigende Praktiken des Umgangs mit alten Menschen wie auch der Mangel an ambulanten Angeboten zur Unterstützung der selbstständigen Lebensführung alter Menschen verstärkt in das politische und öffentliche Bewusstsein gerieten. Alte Menschen mit ihren Bedürfnissen und sozialen Problemen wurden zu einer Gruppe, die im Kontext der Diskussion über die Weiterentwicklung von sozialen Diensten und sozialer Infrastruktur kontinuierlich mehr Aufmerksamkeit erhielt. Eine weitere Entwicklung, die in den 1970er Jahren einsetzte, ist bis heute gerade für die rechtlich schwach regulierte und kommunal verankerte Soziale (Alten-)Arbeit außerordentlich bedeutsam: die breite Förderung von Modellprogrammen als Steue-

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rungsinstrument von Bund und Ländern. Ein Beispiel dafür sind die Sozialstationen. Sie entstanden als Antwort auf zwei Phänomene der gesellschaftlichen Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg: Zum einen sank die Zahl der Diakonissen und Ordensfrauen, die traditionell Gemeindekrankenpflege leisteten. Zum andere schwanden die Potenziale von Familien und ehrenamtlichen Kräften, den Bedarf behinderter und kranker Menschen an nichtmedizinischer Unterstützung zu befriedigen. Sozialstationen wurden in vielen Bundesländern über Förderrichtlinien zu einem flächendeckenden Angebot, das sich insbesondere an ältere sozial Benachteiligte richtet. Personalbedarf und Reformbereitschaft führten nicht nur im Bereich sozialer Altenhilfe zu einer Aufwertung entsprechender Ausbildungen und einer stark steigenden Anzahl an Ausbildungsplätzen an Fach(hoch-)schulen. Diese Entwicklung legte den personellen Grundstein für die Professionalisierung Sozialer (Alten-)Arbeit, wenngleich (bis heute) gegen Widerstände insbesondere von den Kostenträgern sozialer Dienste und Einrichtungen. Zu Professionalisierungshürden wurden auch die lokalen Sozialplanungen, darunter die Altenhilfeplanungen, denn sie bezogen sich in erster Linie auf quantitative Parameter. Qualitativ kam allenfalls das Angebotsspektrum in den Blick. Vor diesem Träger- und Planungshintergrund wurde die Arbeit von Ehrenamtlichen als unverzichtbarer Bestandteil der freien Wohlfahrtspflege angesehen; ohne sie galten und gelten auch zahlreiche Angebote der nichtstationären Altenhilfe als nicht zu sichern (vgl. Grunow 2006, S. 813 ff.). In den späten 1970er Jahren setzte eine intensive Auseinandersetzung mit der Gestaltung einer modernen sozialen Altenhilfe ein, die sich zunächst an dem orientierte, was in der Praxis vorzufinden war (vgl. Koch-Straube 1979; AG Interpretative Sozial­ forschung 1983). Ihr Theoriebezug intensivierte sich rasch und griff zunächst eine gerontologische Diskussion über die Frage nach einem gelingenden Altern auf, die sich zwischen den Polen der „Disengagement-These“ (Cumming und Henry 1961) und der „Aktivitätsthese“ (Havighurst 1961) abspielte. Letztere geht davon aus, dass der Rückzug aus sozialen Rollen im Alter eher unfreiwillig erfolgt. Durch die (ggf. begleitete) Fortführung solcher Rollen sei er zu vermeiden oder zumindest zu kompensieren. Diese Vorstellung war offensichtlich attraktiv für die Soziale Arbeit und sie war geeignet, um sich einzuklinken in die Altenhilfe-Innovationen, die von der mittlerweile etablierten Altenpolitik ausgingen. Mit der Intention, der verbreiteten Selbstgenügsamkeit der Älteren und Tendenzen zur Vereinsamung entgegenzuwirken, richteten sich die Fachkräfte und Ehrenamtlichen in der sog. offenen Al­tenhilfe in der Folgezeit nicht mehr nach dem Leitbild des betreuten Alters, sondern nach dem des „aktiven Seniors“ (vgl. Schmidt und Zeman 1988). 2.3

Die 1980er Jahre

In den 1980er Jahren war der demografische Wandel nicht mehr zu übersehen und Sozialpolitik für alte Menschen wurde vor diesem Hintergrund zu einem Politikfeld mit

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großer Relevanz. Es bekam klarere Konturen und zugleich wurde sein Querschnittscharakter berücksichtigt. Erkennbar wird dies u. a. am Titel des Vierten Familienberichts „Die Situation älterer Menschen in der Familie“ (Deutscher Bundestag 1986), der allerdings aufgrund seiner Orientierung an Durchschnittswerten vielfach als beschönigend kritisiert wurde (vgl. u. a. Dieck 1987b) und schließlich nicht zu einem altenpolitischen Entwicklungsschub führte. Immerhin kamen nun die veränderten Lebenslagen und Lebensstile nachrückender Altengenerationen systematisch in den Blick und wurde die veränderte Selbstwahrnehmung der älteren Generation Ende der 1980er Jahre auch als altenpolitische Herausforderung begriffen. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass erstmals ältere Menschen selbst zu Akteur/-innen der Altenpolitik wurden – durch Selbstorganisation in Senior/-innenvertretungen außerhalb der Senior/-innenvereinigungen der etablierten Parteien und Verbände, so ab 1986 im Deutschen Seniorenring e. V., der seit 1987 regelmäßig zum Deutschen Seniorentag einlädt, oder ab 1989 in der Lobbyorganisation Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). Ein Teil dieser Bewegung zielte in erster Linie auf die Selbsthilfepotenziale zur Unterstützung der etablierten Altenhilfe, ein anderer Teil verfolgte stärker politische Ziele und gründete 1989 eine eigene Partei: Die Grauen – graue Panther. Neben den sozial und politisch engagierten Alten und den Medien war es insbesondere die psychologisch fundierte Gerontologie, die mit ihrem Konzept des „erfolgreichen Alterns“ (vgl. auch Wahl und Schmitt i. d. B.) Einfluss auf ein neues Altersbild nahm. Bei aller Normativität des Konzepts trug es doch dazu bei, frühere Vorstellungen vom ‚betreuten Alter‘ in Altenpolitik und Altenhilfe abzulösen und eine Hinwendung zu ganzheitlichen und tendenziell emanzipatorischen Arbeitsansätzen zu erreichen. Die neuen Angebote förderten Gemeinwesenarbeit, Selbsthilfe und Vernetzung. Das hatte Folgen für Fragen nach der Professionalisierung des Personals in der sog. offenen Altenarbeit und im gesundheitlich-pflegerischen Bereich. Einen Einschnitt in der Altenpolitik auf Bundesebene verursachte 1988 die Ernennung der Gerontologin Ursula Lehr zur Bundesfamilienministerin. Sie beauftragte 1989 eine Kommission mit der Erstellung eines ersten Altenberichts (zu den Alten­ berichten vgl. Schulz-Nieswandt i. d. B.). Weitere wichtige Impulse für eine moderne Altenpolitik waren die Novellierung des Heimgesetzes, die 1990 zum Abschluss kam, die Vorbereitung eines Altenpflegegesetzes zur Vereinheitlichung der Ausbildung von Altenpfleger/-innen in der gesamten Bundesrepublik und Gesetzesvorlagen zu einer Heimmindestpersonalverordnung. Nicht alle Vorhaben waren zum Abschluss gebracht, als 1991 zum ersten Mal die „Senioren“ in der Bezeichnung eines Bundesministeriums auftauchten. Gleichwohl waren die 1980er Jahre die Zeit, in der sich Altenpolitik als eigenständiges Aufgabengebiet endgültig etablieren konnte (vgl. Münch 2005b, S. 554 ff.). Die Entwicklung von sozialen Diensten und sozialer Infrastruktur stand in den 1980er Jahren insbesondere auf kommunaler Ebene allerdings im Zeichen finanziellen Mangels, sodass generell eher Selbsthilfe und Ehrenamt als die Ausweitung und Ausdifferenzierung von Angeboten die Diskussion bestimmten. Die generelle För-

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derung von Selbsthilfeaktivitäten erfolgte nicht zuletzt mit dem Ziel, sie für soziale Dienste und Infrastruktur als Ergänzung oder Ersatz der etablierten ehrenamtlichen Hilfen zu nutzen und die zuvor intensivierte Verberuflichung sozialer Dienstleistungen zu stoppen (vgl. ebd., S. 671 ff.). Selbsthilfebewegung und -förderung mündeten u. a. 1984 in die Gründung einer Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), die noch heute für die ehrenamtliche Arbeit älterer Engagierter von großer Bedeutung ist. Pflege und Betreuung alter Menschen sowie das für sie besonders relevante Thema Gesundheit waren nicht aus der Diskussion zu verdrängen. Angesichts des sichtbar großen Bedarfs an sozialstaatlich organisierter Unterstützung ging in diesem Bereich im Gegensatz zu anderen die Zahl der Dienste und Einrichtungen nicht zurück – im Gegenteil: Während zwischen 1970 und 1987 z. B. die Zahl der Tagesfreizeitstätten für Jugendliche um 30 % sank, stieg die Zahl der mobilen sozialen Hilfsdienste, die von alten Menschen besonders häufig genutzt werden, um 37 % (Grunow 2005b, S. 665). Auch von der fortgesetzten Förderung von Modellprojekten des Bundes und der Länder konnte die soziale Altenhilfe profitieren, wenngleich nicht im selben Maße wie die deutlich gesundheitsbezogenen Dienste. In der sog. offenen Altenarbeit geriet die Ende der 1970er Jahre durch­gesetzte Leitvorstellung vom aktiven Alter(n) schon zu Beginn der 1980er zunehmend in die Kritik: Mit den altershomogenen Gruppen würde ein Schonraum für gesellschaftlich irrelevante Freizeittätigkeiten geschaffen. Diese Inszenierungen böten kei­nerlei Unterstützung bei der Bewältigung von Ambivalenzen der Lebensphase Alter. Sie trügen den Charakter eines Animations- und Erziehungsprogramms, das ein sozial­ politisch definiertes Defizit zu kurieren und gleichzeitig ein ebenso extern entworfenes Altersbild als Norm zu installieren versucht. In den Senior/-innenfreizeitstätten und ähnlichen Einrichtungen, die professionell geleitet wurden, führte dies dazu, dass die fachlichen Zielsetzungen mit den Wünschen der an Geselligkeit orientierten Besucher/-innen konfligierten (vgl. Langehennig 1986; Schmidt und Zeman 1988). Ende der 1980er Jahre ließ sich darüber hinaus beobachten, wie professionelle Planer/-innen und Helfer/-innen dazu ansetzten, eine wiederum neue Alterskultur der Altenhilfe zu kreieren, die das Aktivitätsparadigma noch zuspitzte. Deren Vorbild war die zahlenmäßig kleine und privilegierte Gruppe der sog. neuen Alten, die als Seniorexpert/-innen, Seniorstudent/-innen, Seniorenbeiräte und in Altenselbsthilfe­ gruppen den angenommenen Kompetenzzuwachs der Alten insgesamt und ein anzustrebendes neues Altersbewusstsein repräsentierten (vgl. Schmidt und Zeman 1988, S. 290 ff.). Um diese neue Ausrichtung durchzusetzen, griff man auf ein Bündel von Maßnahmen professioneller Begleitung zurück – auf Infrastrukturmaßnahmen, kompetenzfördernde sowie generationen- bzw. gemeinwesenorientierte Arbeitsformen, die aber „trotz aktuellem sozialpädagogischen Styling dem altenhilfeüblichen Gestus verhaftet“ (ebd., S. 293) blieben und auseinanderstrebende Intentionen programmatisch miteinander verknüpften: „Selbstbestimmung und Fremdsteuerung, Autonomieentwicklung und professionelle Flankierung“ (ebd., S. 294).

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Impulse aus der Praxis der Altenselbsthilfe (vgl. Schmidt und Zeman 1982), der Altenbildung (vgl. Arbeitsgruppe 1982) und der soziokulturellen Arbeit mit Älteren (vgl. Knopf 1989) führten in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zur Auseinandersetzung mit dieser Realität. Kritiker/-innen entwickelten das Konzept des ‚produktiven Alterns‘, das die aus der Aktivitätstheorie abzuleitenden Normen kritisierte. Stattdessen sollten „Handlungsräume“ (ebd., S. 229) für die Entfaltung bisher unausgeschöpfter Potenziale älterer Menschen betrachtet und an das Lebenslagekonzept angeknüpft werden. Damit konnten nun soziale Ungleichheiten und Wechselwirkungen zwischen Altern und Umwelt ebenso berücksichtigt werden wie die lebensgeschichtliche Entstehung von Kompetenzen. Der kritische Fachdiskurs der späten 1980er Jahre thematisierte außerdem die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen am Gebrauch der Kompetenzen älterer Menschen. Vor dem Hintergrund der oben skizzierten sozial- und altenhilfepolitischen Zielsetzungen bestand z. B. Knopf (1989) auf einem „selbstverantworteten Ausbalancieren […] zwischen Polen wie Kompetenz und akzeptierter Inkompetenz“ (ebd., S. 230). Darüber hinaus gestand man ‚dem älteren Menschen‘ die Entscheidung zu, „ob er sich seiner sozialen Umwelt als kompetent […] präsentieren möchte oder nicht“ (ebd., S. 231; vgl. auch Schäffter 1989; Karl 1993). An diese Position waren auch sozialpädagogische Konzepte wie ‚Lebensbewältigung‘ und ‚Lebensweltorientierung‘ anschlussfähig, sodass in die Entwicklung von Modellprogrammen zur Förderung produktiven Alterns neben gerontologischen auch so­ zialpädagogische Konzepte einfließen konnten. Zu den Modellprogrammen, anhand derer sich die Entwicklung des Altenhilfediskurses in den 1980er Jahren exemplarisch nachvollziehen lässt, gehört das Programm „Zwischen Arbeit und Ruhestand“ (ZWAR) des Landes Nordrhein-Westfalen, das angesichts massenhafter politisch motivierter Frühverrentungen 1979 an der Universität Dortmund konzipiert wurde. Es sollte denjenigen, die vergleichsweise jung an Jahren aus dem Erwerbsleben ausgegliedert wurden, sinnvolle Betätigungsfelder in Gemeinschaften jenseits von Betrieb und Familie nahelegen. Bemerkenswert ist, dass eine Verwertung der Tätigkeiten für Dritte nicht Bestandteil des Konzepts war (vgl. MSWV NRW 1987). Vielmehr sollte ZWAR „selbstorganisierte Initiativen unterstützen, die nach eigenen Interessen und in eigener Regie die Probleme bewältigen“ (ebd., S. 5). In Dortmund wurde eine noch heute existente ZWAR-Zentralstelle angesiedelt. Deren Mitarbeiter/-innen waren überwiegend Sozialarbeiter/-innen. Sie begleiteten interessierte Personen und sich konstituierende Gruppen auch schon im Vorfeld der Gründung von Initiativen. Die Publikationen der wissenschaftlichen Begleitung zeigen eindrucksvoll die Suche nach einer angemessenen und von Selbstbestimmung getragenen Definition von Produktivität im Alter. Es war eine gemeinsame Suche der in diversen Projekten engagierten älteren Menschen und der Fachkräfte Sozialer Altenarbeit. Im Modellprogramm „Erfahrungswissen Älterer gewinnen und nutzen“, dessen Finanzierung durch das Land Berlin 1986 getragen wurde, war die Nutzbarmachung von Erfahrungswissen programmatisch gewollt. Die Projekte sollten einen Beitrag

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leisten zu einem ‚gestalteten Alter‘, das sich am Gemeinwohl orientiert. Die umfangreichen Dokumentationen der wissenschaftlichen Begleitung offenbaren, dass zwar alle Projekte durch eine explizite Abkehr vom Bild des passiven, betreuungsbedürftigen Alters charakterisiert waren und sich die meisten Akteure am Leitbild der ‚aktiven Senioren‘ orientierten. Jedoch ließen sie sich die Definitionsmacht über das, was produktiv ist, nicht nehmen (vgl. Perbandt-Brun 1989, 1999; Knopf 1989, 1998). Bezüglich der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen, bei denen der Hilfs- und Pflegebedarf im Vordergrund steht, stellte Dieck (1986) fest, dass die Anzahl von sozialarbeiterisch/sozialpädagogisch ausgebildeten Beschäftigten in den Heimen in der Realität weit hinter der potenziellen Präsenz zurückbleibt, die sich aus der „theoretischen Bedeutung der Berufsgruppe Sozialarbeiter/Sozialpädagogen [ergibt; K. A.]“ (ebd., S. 273) und Korte (1986) konstatiert diese Marginalität auch für die Sozialstationen, in denen der Nutzen dieser Fachlichkeit selbst für Leitungsfunktionen besonders umstritten sei. Gleichwohl finden sich in den 1980er Jahren Hinweise darauf, dass sich auch dieser Bereich der Altenhilfe im Umbruch befand. Die Suchbewegungen waren angesichts der differenzierten Problemlagen vielfältig und die Vorschläge und Projekte reichten von organisierten Nachbarschaftshilfen zur häuslichen Versorgung über Tagespflegeheime als Alternative zur bisher üblichen Heimversorgung bis hin zu Überlegungen, die vorhandenen Heime zu lebenswerten Wohnorten umzugestalten und sie in die Gemeinwesen hinein zu öffnen (vgl. die Beiträge in Articus und Karolus 1986). Insbesondere die Forderung nach Umgestaltung und Öffnung der Heime war konzeptionell verbunden mit sozialarbeiterisch-sozialpädagogischer Fachlichkeit, die dazu beitragen sollte, die Interessen verschiedener Berufsgruppen zu moderieren, Mitwirkung und Kultur im Heim zu organisieren, die Grenze zwischen Heim und Sozialraum für Bewohner/-innen, Angehörige und Nachbarschaft durchlässiger zu machen (vgl. Hummel 1982, 1984). 2.4

Die 1990er Jahre

In den 1990er Jahren bekam die Seniorenpolitik Rückenwind durch den demografischen Wandel, der in den Richtlinien für den Bundesaltenplan von 1992 (vgl. BMFuS 1992) aufgegriffen wurde. Im selben Jahr richtete das Bundesministerium (BMFuS) erstmals eine eigene Abteilung für Seniorenpolitik ein. Seither wird die Entwicklung der sozialen Altenhilfe durch zahlreiche ministeriell geförderte Forschungsprojekte zu den Lebenslagen der älteren Generation und den sich daraus ergebenden (alten-) politischen Anforderungen flankiert. Als Schwerpunkte lassen sich neben der Umstrukturierung der Altenhilfe in den neuen Bundesländern vor allem die sozialen Sicherungssysteme (hier insbesondere die sozialstaatlich organisierte Absicherung des Pflegerisikos), die Entwicklung neuer Wohnkonzepte sowie die Verbesserung von sog. Gelegenheitsstrukturen für ein aktives Leben im Alter ausmachen (vgl. Gerlach 2007). Dem Schwerpunkt Pflegerisiko wurde gesetzgeberisch zunächst 1990 durch

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das Betreuungsgesetz (BetrG, vgl. Becker-Schwarze i. d. B.), ebenfalls 1990 durch das Erste Gesetz zur Änderung des Heimgesetzes, das die Rechte der Heimbewohner/-innen gegenüber den Heimträgern stärkte, und insbesondere durch die Einführung des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI; vgl. Rixen i. d. B.) zum 1. Januar 1995 Rechnung getragen. Die qualitative Entwicklung der sozialen Dienste und der sozialen Infrastruktur insgesamt stagnierte in der ersten Hälfte der 1990er Jahre in Westdeutschland wegen der Konzentration auf den Umbau im Beitrittsgebiet. Von dieser allgemeinen Stagnation abweichend war die Situation der altersspezifischen sozialen Dienste und der (Pflege-)Infrastruktur von Kontinuität – auch der dezentralen Ausrichtung – bei gleichzeitiger Ausdifferenzierung gekennzeichnet. Ende der 1990er Jahre setzten bedeutsame Änderungsimpulse ein: Sinkende öffentliche Einnahmen und mit den sozialen Problemen wachsender Finanzbedarf trafen auf neoliberale Bewältigungsstrategien. Beides zusammen führte zur Ökono­ misierung der Durchführung öffentlicher Daseinsvorsorge. Die gleichzeitige forcierte Verwaltungsmodernisierung zielte darauf, die Verwaltung zu einem Dienstleistungsunternehmen umzugestalten. Die marktwirtschaftlich inspirierten Instrumente wie leistungsbezogene Vergütung, Wettbewerb, Produkt- und Kundenorientierung (unter dem Oberbegriff ‚Neue Steuerung‘ bzw. Neues Steuerungsmodell in Anlehnung an die New-Public-Management-Adaption der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement/KGSt) wurden zunehmend auch für den Sektor der sozialen Dienstleistung relevant und setzten die Anbieter unter Veränderungsdruck. Doch vor allem der Kostendruck auf die Träger machte für diese das Konzept des ‚aktivierenden Staates‘ mit seinen Vorstellungen vom ‚Fördern und Fordern‘ und einer ‚Bürgergesellschaft‘ interessant (vgl. u. a. Fretschner et al. 2003). Modellprogramme zur Förderung von Bürgerengagement wurden vor diesem Hintergrund positiv bewertet und gern genutzt, auch und gerade, wenn sie in Teilbereichen des Angebotsspektrums zu De-Professionalisierungsprozessen führen (können). Trotz der auf diese Weise angestoßenen umfassenden Veränderungen ergibt der Blick auf den Sektor sozialer Dienstleistungen (bis heute) ein uneinheitliches Bild. Vor allem für Problemlagen mit besonderem Interpretationsspielraum wurden professionelle Leistungsangebote reduziert. Unabweisbare Bedarfe konnten eher auf Kontinuität oder gar Ausbau hoffen (vgl. Bogumil et al. 2007). Zu Letzteren gehörte grundsätzlich der Bereich soziale Altenhilfe. Dabei war allerdings zu beobachten, was Grunow und Olk (2007, S. 1026) für den Sektor der sozialen Dienstleistungen insgesamt formu­lieren: dass medizinische und pflegerische Dienste in einer unter Effektivitätsgesichtspunkten geführten Diskussion die bessere Performanz aufweisen als die Soziale Arbeit. Ein besonderes Beispiel dafür ist die Situation der Sozialen Arbeit im Bereich der (Alten-)Pflege nach Einführung des SGB XI. Das SGB XI ist charakterisiert durch Rationalisierung und Rationierung der Leistungserbringung, den Zuschusscharakter der Versicherung als Ausdruck einer einnahmeorientierten Ausgabenpolitik und die

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Gleichstellung privat-gewerblicher mit freigemeinnützigen Anbietern, die auf einem organisierten (Quasi-)Markt miteinander konkurrieren sollen (Igl 1995). Vor dem Hintergrund des Wirtschaftlichkeitsgebots haben die zahlreichen Modellprogramme, die von Bund und Ländern weiterhin intensiv genutzt wurden und werden, um auf die Gestaltung sozialer Dienste und sozialer Infrastruktur Einfluss zu nehmen, bei allen Unterschieden im Detail eine Gemeinsamkeit im Ziel der relativen Kostenersparnis. Wirtschaftlichkeit wird nunmehr jenseits des tradierten Selbstkostendeckungsprinzips angestrebt, wobei prospektive Entgelte zugrunde gelegt werden, die einen nachträglichen Gewinn- oder Verlustausgleich ausschließen und regelmäßig als Trias von Leistungsvereinbarung, Entgeltvereinbarung und Qualitätsentwicklungsvereinbarung umgesetzt werden (Hammerschmidt 2002). Zudem gibt es im Bereich Altenpolitik auch eine Verbindung zwischen Förderprogrammen, die auf die Gesundheitsund Pflegeinfrastruktur zielen und solchen, die die Gestaltung eines aktiven Alter(n)s fördern sollen. Als exemplarisch dafür kann das Bundesmodellprogramm „Seniorenbüros“ angesehen werden, das zwei Intentionen miteinander verband: Den sog. jungen Alten, die schon früh aus dem Erwerbsleben ausgeschieden waren, sollte ein Betätigungsfeld angeboten werden und ihre Kompetenzen sollten für die Stärkung von Selbsthilfepotenzialen genutzt werden (vgl. Braun und Claussen 1997; Klages 1999; Braun und Bischoff 1999). Allerdings gilt für die Pflegegesetzgebung wie auch für das Betreuungsrecht, dass die finanzielle und personelle Ausstattung der gesetzlich verankerten sozialen Dienstleistungen unzureichend ist, während Selbsthilfe- und Ehrenamtspotenziale vor dem Hintergrund knapper Kassen zu hoch veranschlagt wurden (Grunow und Olk 2007, S. 1020). Insgesamt kann der Bereich Pflege rückblickend als Experimentierfeld für den Umbau der bundesdeutschen Sozialstaatsarchitektur in Richtung einer stärkeren Privatisierung betrachtet werden (Pabst 2003, S. 91 ff.) – und dies im europäischen Kontext (vgl. Grunow und Olk 2007, S. 1016 ff.). Spätestens seit dem Beginn der 1990er Jahre muss man auch von einer Altenpolitik der Europäischen Gemeinschaft sprechen: Die 1989 in Straßburg verabschiedete  –  rechtlich unverbindliche aber politisch verpflichtende – „Gemeinschafts­charta der sozialen Grundrechte der Arbeitnehmer“ (vgl. EG 1989), in der bereits zwei Ziffern auf ältere Menschen Bezug nehmen, wurde 1992 um umsetzende Empfehlungen ergänzt, die mit Blick auf die zunehmende Zahl älterer Bürger/-innen eine dynamische Entwicklung der Alterssicherungssysteme einschließlich nichtmonetärer Maßnahmen nahelegen (vgl. ABl. EG 1992). Diese Empfehlungen, an denen sich die Staaten ungeachtet ihrer fortbestehenden Zuständigkeit für die je eigenen Sicherungssysteme und -bereiche freiwillig orientieren, folgen einer Idee: Angestrebt wird eine Mischung aus privaten, beruflich-betrieblichen und staatlichen Zuständigkeiten. Die Basisverantwortung für Mindest- und Regelsicherung sowie die Rahmenverantwortung für den Verbund der Akteure und Ebenen verbleibt beim Staat, dem außerdem eine gesteigerte Rahmenverantwortung im Bereich von Pflege, sozialen Dienstleistungen sowie für sonstige Voraussetzungen altersgerechten Lebens obliegt (vgl. Schulte 1996, S. 34 ff.). Zum Abschluss des „Europäischen Jahres der älteren Men-

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schen und der Solidargemeinschaft der Generationen“ 1993 verabschiedeten die Sozialminister/-innen der Gemeinschaft zusätzlich eine Grundsatzerklärung. Die Mitgliedsstaaten wurden darin konkret aufgefordert, in fünf Bereichen entsprechend tätig zu werden: Einkommensniveau und Lebensstandard, Wohnung und Mobilität, Pflege- und Hilfsdienste, Berufstätigkeit älterer Arbeitnehmer und Vorbereitung auf den Ruhestand, Miteinbeziehung älterer Menschen (vgl. ABl. EG 1993). Mit den Empfehlungen und Grundsätzen wurde zwar keine eigenständige Alten(hilfe-)politik der Europäischen Gemeinschaft/Union formuliert, jedoch sind die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Fachlichkeit Sozialer Altenarbeit seither nicht mehr länger nur von der kommunalen, der Landes- und Bundesebene abhängig, sondern auch von europäischen Zielvorgaben, die über die Methode der offenen Koordinierung (Informations- und Erfahrungsaustausch, Kooperationen, Konzeptentwicklung und Modellförderung, freiwillige Abstimmung; vgl. Schulte 2002) sukzessive an Einfluss gewinnen. Eine bundesdeutsche Diskussion der 1990er Jahre folgte den europäischen Anstrengungen, den Politikbereich ‚Alter‘ zu harmonisieren. Diskutiert worden war in Analogie zum Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) die Bündelung der zersplitterten und unter den Hilfen in besonderen Lebenslagen nicht eben angemessen platzierten Rechtsgrundlagen der Altenhilfe in einem Altenhilfegesetz, das a) für diesen Gegenstandsbereich einen einheitlichen politisch-administrativen und rechtlichen Problemzugang eröffnen, b) Altenhilfe als Inbegriff aller Hilfen, Dienste und Einrichtungen für ältere Menschen mit allen Implikationen verdeutlichen, c) eine so umfassende Altenhilfe im öffentlichen Bewusstsein und gegenüber einer einseitigen Ausrichtung auf Pflegeleistungen stärken und nicht zuletzt d) Altenhilfe unter das vorrangige Ziel der persönlichen Entfaltung (statt wie bisher unter das der materiellen Sicherung) stellen könnte (vgl. Schulte 1996, S. 87 ff.). Das Vorhaben kam jedoch (bis heute) nicht zum erhoff‌ten Ergebnis. Die Ausgangssituation Sozialer Altenarbeit zu Beginn der 1990er Jahre war durch die Fördermaßnahmen der 1980er Jahre charakterisiert, die sich gewissermaßen auf die ‚Ränder‘ der sozialen Altenhilfe konzentrierten: In der direkten Arbeit mit älteren Adressat/-innen standen die sozialpädagogische Begleitung der oft frühen Entberuflichung und am anderen Ende der Altersphase die sozialarbeiterische Unterstützung von häuslicher, mancherorts auch stationärer Pflege im Vordergrund. Andere Fördermaßnahmen zielten über die Weiterentwicklung des Hilfesystems indirekt auf die Zielgruppe alter Menschen. Hierunter fallen Modelle einer Altenhilfefachberatung sowie Versuche, die Auswirkungen der fragmentierten Infrastruktur zu mildern – entweder durch einzelfallbezogene Vermittlung zwischen den Betroffenen und dem Hilfesystem oder durch bessere Koordinierung innerhalb des Hilfesystems (Schmidt 1997, S. 10 ff.). Die weniger stark als andere Sozial- und Gesundheitsberufe spezialisierte Soziale Arbeit konnte auf die dynamischen Problemlagen der Zielgruppe offenbar ebenso gut reagieren wie auf Schnittstellenproblematiken: Nicht selten wurden beide Kompetenzen von ein und derselben Fachkraft verlangt, in der Tendenz

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veränderten sich jedoch die Arbeitsinhalte hin zur indirekten Arbeit für die Zielgruppe, während die Arbeit mit den Älteren selbst überwiegend von berufsfremden Angestellten oder Honorarkräften und ehrenamtlichen Helfer/-innen geleistet wurde und Sozialarbeiter/-innen hierfür bestenfalls planende, beratende, anleitende und koordinierende Aufgaben übernahmen. Finanziert wurde diese ‚indirekte Altenarbeit‘ außerhalb von Modellprogrammen durch interne Quersubventionierungen – was mit dem Übergang vom Selbstkostendeckungsprinzip zu prospektiven Pflegesätzen erheblich schwieriger wurde. Hinzu kam, dass die institutionalisierte Begleitung der ‚jungen Alten‘ (vgl. Pichler i. d. B.) zu dieser Zeit auch kritisiert wurde. Sie galten manchen als eine Gruppe, die wegen ihrer eher befriedigenden Lebenslage gezielter altenpolitischer Maßnahmen nicht bedürfe. Die Arbeit mit ihnen verdränge diejenigen, die dem Bild vom ‚neuen Alter‘ nicht entsprechen, zu Unrecht aus dem Aufmerksamkeitsfokus (vgl. Dieck und Naegele 1989; ISS 1995). Anderen galten die „innovativen Minderheiten“ (Tews 1993b, S. 41) und ihre Unterstützung als Chance zu zeigen, welche Möglichkeiten der Lebensgestaltung im Alter bestehen (vgl. Karl und Tokarski 1989a). Diese Vorstellung eines ungenutzten Möglichkeitsraumes passte zum sozialpolitischen Interesse, die wachsenden Potenziale dieser älteren, gut situierten und gebildeten Menschen zu nutzen. Sie wurde zur Grundlage einer Reihe von Modellprogrammen auf Bundes- und Länderebene, die auf gerontologische Erkenntnisse, aber auch auf die Fachlichkeit der Sozialen (Alten-)Arbeit zurückgriffen. Spätestens in den 1990er Jahren konnte sich in der offenen (Alten-)Arbeit zunehmend das Leitbild eines „gestalteten Lebens im Alter“ (Schmidt und Schweppe 1995, S. 140) durchsetzen. Dessen Konkretisierungen zielten auf eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit einer offenen Alterssituation, der es noch an (Vor-)Bildern fehlte. Diese inhaltliche Profilierung verlief allerdings vor dem Hintergrund kommunaler Sparimperative, sodass Fördergelder von Bund und Ländern zu ihrer Umsetzung den Akteur/-innen verständlicherweise stets gelegen kamen. Doch mit dem fachlichen Anspruch, im Rahmen altenpolitisch geförderter Programme eine Lebensphase zu begleiten, deren selbstbestimmt produktive Gestaltung möglich, wenn nicht gar geboten ist, geriet der Altersdiskurs der Sozialen Arbeit zugleich in das Spannungsfeld zwischen einer disziplinären Orientierung an den mündigen Bürger/-innen und sozialpolitisch intendierten Bemühungen, ihre Produktivität für die Herstellung des Sozialen (vgl. die Beiträge in Aner et al. 2007b) zu nutzen. Gleichwohl boten die Fördermaßnahmen der Fachdiskussion zur Rolle der Sozialen Arbeit für das Dritte Lebensalter einen Rahmen und stießen manche Auseinandersetzung mit den sozialstaatlichen Rahmenbedingungen an: Diskutiert wurde, dass soziale Altenhilfe häufig zu spät und dann unter großem Handlungsdruck einsetze und zu zersplittert sei, um erfolgreich zu sein. Dazu komme das „interventionsgerontologische Dilemma“, dass präventive Angebote der Altenbildung in der Regel gerade diejenigen nicht erreichen, die dieser Unterstützung angesichts schwieriger Lebenslagen besonders bedürfen, weil zugehende Angebote für diese Gruppe alter Menschen weitgehend fehlen (vgl. Karl 1990). Diskutiert wurden aber auch erfolgreiche Projekte innovativer und

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emanzipatorischer Sozialer Altenarbeit (vgl. u. a. die Beiträge in Langen und Schlichting 1992 und Schweppe 1996a) und die Nützlichkeit ganzheitlicher, gemeinwesen­ orientierter Arbeitsansätze unter den Bedingungen einer zunehmend individualisierten Altersphase (Otto und Schweppe 1996) sowie ‚Biografie‘ als eine fruchtbare Grundkategorie für Theorie und Praxis Sozialer Altenarbeit (Schweppe 1996b; Böhnisch 1999). Die 1990er Jahre waren auch eine Zeit der praxisorientierten Bilanzierung und erneuten Theoretisierung von Selbsthilfe und zivilgesellschaftlichem Engagement älterer Menschen aus alten- und verbandspolitischer Perspektive aber auch aus der Praxis Sozialer (Alten-)Arbeit heraus (vgl. die Beiträge in Zeman 2000). Im Bereich der Pflege änderten sich Mitte der 1990er Jahre mit der Einführung des SGB XI die Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit gravierend. Es war schon zuvor festzustellen, dass „Sozialarbeit“ mit alten Menschen nur an den wenigen Orten existiert, an denen sie „mit kräftigen Subventionen ‚von oben‘ durchgesetzt“ wurde (Schmidt 1995, S. 25; vgl. auch Grunow 2006, S. 847), und die landesspezifischen Diskrepanzen in der Subventionierungspraxis dazu führten, dass sich kein bundeseinheitliches Profil von Sozialer Arbeit in Pflegediensten herausbilden konnte. Nun war selbst das bisher erreichte niedrige Niveau in Gefahr. Neue Refinanzierungslücken erwuchsen daraus, dass mit dem SGB XI das Arbeitsfeld Pflege deutlich dem Gesundheits- und nicht dem Sozialwesen zugeordnet wurde, sowie aus der fachlich unzureichenden, nicht an Berufsgruppen gebundenen Definition von „sozialer Betreuung“ im Gesetz. Dass zugleich die Anbieter von Pflegeleistungen zunehmend unter Wettbewerbs- und Kostendruck gerieten, hatte erheblichen Einfluss auf die Zusammensetzung des Personals (Wohlfahrtswerk 1997). Die Gefährdung der Sozialen Arbeit in der Pflege wurde zeitnah diskutiert und mit neuen Konzepten beantwortet, die jeweils bereichs-, aber auch landesspezifisch umzusetzen waren (vgl. die Beiträge in Hedtke-Becker und Schmidt 1995; Schmidt 1998). Die Konzepte knüpften an die in den 1980er Jahren entwickelte Expertise an, schärften aber ihr Profil. In der direkten Arbeit mit den Pflegebedürftigen und Pflegehaushalten sah man die Stärken Sozialer Arbeit in der sozialrechtlichen Beratung sowie in der Unterstützung von Pflegearrange­ments. Als indirekte Beiträge zur Qualifizierung von Pflege wurden Maßnahmen der Organisations- und Personalentwicklung sowie die Koordination der an den ambulanten (und stationären) Pflegearrangements beteiligten Akteure diskutiert. In der Fachdiskussion wurde nun außerdem stärker auf die Träger als Dienstleistungsunternehmen Bezug genommen. Herausgestellt wurde der Beitrag der Sozialen Arbeit zur „Sicherung des Unternehmenserfolgs“ für Anbieter ambulanter und stationärer Pflege (vgl. Schmidt 1997, S. 35 ff.). 2.5

Die Jahre nach 2000

Nach dem Jahr 2000 fanden die Befunde der Enquete-Kommission „Demografischer Wandel – Herausforderungen an den Einzelnen und an die Politik“ (Deutscher Bun-

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destag 2002a) einige Aufmerksamkeit und motivierten auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene zu einer Auseinandersetzung mit der demografischen Herausforderung. Dieser Bericht erneuerte die Hoffnung, dass die Ressourcen und Interessen von zeitlich flexiblen und eher privilegierten ‚neuen Alten‘ (vgl. Pichler i. d. B.) mit dem Bedarf an freiwilliger Unterstützung sozialer Dienste und sozialer Infrastruktur zusammengeführt werden könnten; ähnlich wenige Jahre später der Fünfte Altenbericht der Bundesregierung mit dem Schwerpunkt „Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft. Der Beitrag älterer Menschen zum Zusammenhalt der Generationen“ (BMFSFJ 2005a; vgl. auch Schulz-Nieswandt i. d. B.). Für die Kommunen war das von großem Interesse, denn sie konnten von den finanziellen Einsparungen bei der Hilfe zur Pflege nach Einführung der Pflegeversicherung nicht im erhoff‌ten Maße profitieren (vgl. Roth und Rothgang 2001). Diese Situation verschärfte sich in den letzten Jahren: Zum einen führt die wieder steigende (Alters-)Armut (vgl. dazu Engels sowie Brettschneider und Klammer i. d. B.) zu neuen finanziellen Verpflichtungen, vor allem im Rahmen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (vgl. Welti i. d. B.). Zum anderen entstehen Mehrkosten durch Bundesgesetze, etwa zum Ausbau der Leistungen im Bereich der Kindertagesstätten zu neuen Aufgaben im Rahmen der sozialen Betreuung (§ 36 SGB XI) und der Eingliederungshilfen nach SGB IX. In der Folge blieb es bei der ungesicherten kommunalen Finanzierung der Sozialen Altenarbeit im Bereich des SGB XII. Sie findet nach wie vor häufig im Kontext befristeter Bundes- oder Landesmodellprogramme statt. Eine kommunale Regelfinanzierung von Infrastruktur und Personal in gleicher Höhe nach Ablauf der Modellphase ist keineswegs selbstverständlich. Für die Praxis kommunaler Altenhilfe und Sozialer (Alten-)Arbeit war das Bundesmodellprogramm „Erfahrungswissen für Initiativen“ (EFI, Laufzeit 2002 bis 2006, 33 Standorte/Kommunen in zehn Bundesländern; vgl. Braun et al. 2004) von besonderer Bedeutung. Es war finanziell wie auch zeitlich üppig ausgestattet und unterschied sich in zwei zentralen inhaltlichen Merkmalen von allen vorangegangenen Förderprogrammen: Erstens sollten die freiwillig engagierten Älteren ehrenamtliche Initiativgruppen und Netzwerkbildungen initiieren und/oder begleiten, nicht aber selbst dauerhaft darin tätig sein. Sie sollten mithin Aufgaben der Strukturbildung bürgerschaftlichen Engagements übernehmen (z. B. als eine Art selbstorganisierte Freiwilligenagentur). Zweitens wurde dem eigentlichen Engagement ein Bildungsangebot vorgeschaltet, das den persönlichen Nutzen der Weitergabe von Erfahrungswissen betonte, eine Art natürlicher Übereinstimmung von individuellen Interessen mit denen des Gemeinwesens propagierte und ganz im Sinne des aktivierenden Staates auf ein role making im Sinne von Selbstorganisation zielte. Damit einher ging eine neuartige ‚Sozialpädagogisierung‘ des Programms. Die Bilanz zeigt, dass das Programm überwiegend solche älteren Menschen ansprach, die mit besonders großen Handlungsspielräumen ausgestattet und frei sind, sich auftretenden Schwierigkeiten zu stellen oder gänzlich andere Rollen im Ruhestand zu suchen (vgl. Engels und Macha­lowski 2004).

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Die sozialpolitisch attraktive Vorstellung, mehr Effizienz der Wohlfahrtsproduktion durch zivilgesellschaftliches Engagement älterer Menschen wäre ohne nennenswerte zusätzliche Ressourcen für ihre professionelle Begleitung möglich, floss insbesondere in das im Jahr 2007 gestartete Bundesmodellprogramm „Aktiv im Alter“ ein (vgl. zze 2011). Es startete mit einem Memorandum „Mitgestalten und Mitentscheiden – Ältere Menschen in Kommunen“ (BAGSO o. J.) und wurde weit weniger gut ausgestattet als sein Vorgängerprogramm EFI. Insgesamt wurden 172 Kommunen, davon 150 vom BMFSFJ, jeweils über einen Zeitraum von 18 Monaten gefördert (zze 2011, S. 9 f.). Die Fördersumme betrug jeweils 10 000 € und die Kommunen stockten diese im Durchschnitt um 2 769 € auf (ebd., S. 55). Seit dem 01. April 2009 rahmen die Richtlinien für den Bundesaltenplan (BMFSFJ 2009) die Förderung von Verbänden und Organisationen, die seniorenpolitisch tätig sind. Gefördert werden auch Modellprojekte – und zwar solche, mit denen a) Methoden und Konzepte entwickelt, erprobt und überprüft und b) gesetzgeberische Regelungen ausgestaltet werden können (ebd., S. 2 f.). Ein Modellprogramm, das Umfang und Reichweite des sog. EFIProgramms erreicht hätte, wurde auch aus diesen Mitteln bisher nicht finanziert. Die Bundesförderung für sog. Mehrgenerationenhäuser (Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser I von 2006 bis 2011, Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäu­ ser II von 2012 bis 2016, Bundesprogramm Mehrgenerationenhaus von 2017 bis 2020) nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als sie zwar mit dem demografischen Wandel argumentiert, Angebote für die ältere Generation jedoch nur einen geringen Teil ihrer Aktivitäten ausmachen und hierbei überwiegend bereits bestehende Einrichtungen gefördert werden (vgl. Deutscher Bundestag 2013). Neue Wohnformen im Alter zu fördern, wie es der Titel suggerieren könnte, war nie Ziel des Programms und gehört nicht zu den aktuellen inhaltlichen Schwerpunkten der Altenpolitik des Bundes. Deren Ausrichtung lässt sich anhand des Siebenten Altenberichts identifizieren (Deutscher Bundestag 2016a; vgl. Schulz-Nieswandt i. d. B.). Die altenpolitischen Ziele erweisen sich im Vergleich zum Beginn des Jahrtausends als stärker diversifiziert. Zum einen standen die Kommunen als „sorgende Gemeinschaften“ im Fokus des Gesamtberichts und zweier Expertisen – zu regionalen Disparitäten in Deutschland auf der Ebene von Gemeinden und Kreisen (BBSR 2016) sowie zu den finanziellen Handlungsspielräumen der Kommunen (Wagschal 2016). Zum anderen wurden Expertisen zu speziellen, für die Bundespolitik offensichtlich relevanten Themen in Auftrag gegeben. Zwei befassten sich mit spezifischen Lebenslagen im Alter, nämlich denen von älteren Behinderten (Zander 2016a; vgl. auch Falk und Zander i. d. B.) und denen älterer Lesben und Schwuler in Deutschland (Gerlach und Schupp 2016; vgl. auch Schütze i. d. B.), zwei weitere mit Sorgearbeit und Pflege, konkret aus der Genderperspektive (Beckmann 2016) und im internationalen Vergleich (Bode 2016). Immerhin fünf der insgesamt elf Expertisen wurden mit je unterschiedlichem Fokus zu Fragen rund um technische Assistenzsysteme in Auftrag gegeben (Haux 2016; Künemund 2016; Meyer 2016; Remmers 2016; Wilkes 2016). Ohne diese Zahl überbewerten zu wollen, kann sie doch als Indiz einer Altenpolitik gelesen werden, die

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den technischen Assistenzsystemen große Bedeutung bei der Bewältigung der mit dem Altern der Bevölkerung einhergehenden Herausforderungen beimisst – sei es aus sachlichen oder ökonomischen Gründen (vgl. dazu auch Tonello i. d. B.). Im gesellschaftlichen Problemfeld Pflege ist in den letzten Jahren jedoch eine immense gesetzliche Dynamik zu verzeichnen (vgl. Rixen i. d. B.). Es wurden Änderungen fixiert, die grundsätzlich zusätzliche Handlungsfelder für die Soziale Altenarbeit im Regelungsbereich und an Schnittstellen des SGB XI eröffnen: Mit dem am 01. Juli 2008 in Kraft getretenen Gesetz zur strukturellen Weiterentwicklung der Pflegeversicherung (Pflegeweiterentwicklungsgesetz, PfWG) wurden zum einen Pflegeleistungen und qualitätssichernde Maßnahmen ausgeweitet. Interessanter für die Soziale Arbeit sind andere Änderungen: Um die Leistungsberechtigten bei der Inanspruchnahme pflegerischer Leistungen besser zu beraten und zu unterstützen, sieht das Gesetz sog. Pflegestützpunkte vor, die von den Kranken- und Pflegekassen einzurichten sind. Eine gemeinsame Trägerschaft mit den Kommunen als ebenfalls beteiligte Kosten- und Leistungsträger ist möglich (§ 7c SGB XI). Seit dem 1. Januar 2009 haben außerdem alle Leistungsberechtigten (nach § 7a SGB XI) einen Rechtsanspruch auf individuelle Pflegeberatung und Hilfestellung durch sog. Pflegeberater/-innen oder eine sonstige Beratungsstelle. Diese Beratung ist von den Pflegekassen anzubieten und bezieht sich auch auf andere im Einzelfall in Betracht kommende Sozialleistungen (insbes. SGB V, SGB XII). Ausdrücklich vorgesehen ist (nach § 7a SGB XI), einen sog. Versorgungsplan zu erstellen. Das im Gesetz beschriebene Verfahren entspricht einem Case Management (vgl. dazu Wendt i. d. B.). Um pflegende Angehörige stundenweise zu entlasten, sieht das PfWG die – auch modellförmige – Förderung niedrigschwelliger Betreuungsangebote vor, etwa von Angehörigengruppen, Helferkreisen, Tagesbetreuung in Kleingruppen und familienentlastenden Diensten (§ 45c SGB XI). Das Erste Gesetz zur Stärkung der pflegerischen Versorgung und zur Änderung weiterer Vorschriften (PSG I), in Kraft ab 1. Januar 2015, brachte insbesondere Verbesserungen für demenziell Erkrankte und pflegende Angehörige mit sich, die eher nur für diese selbst relevant sind. Im Zweiten Pflegestärkungsgesetz (PSG II), das am 1. Januar 2016 in Kraft trat, ist – neben der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs (§ 14 SGB XI; vgl. auch Rixen i. d. B.) – für die Soziale Altenarbeit grundsätzlich interessant, dass die Leistungsempfänger/-innen nun einen Rechtsanspruch nicht nur auf einen individuellen Versorgungsplan, sondern auch – nach Wunsch – auf Beratungsbesuche durch Pflegefachkräfte oder anerkannte Pflegeberater/-innen „in der häuslichen Umgebung oder in der Einrichtung, in der diese Person lebt“, haben (§ 7a Abs. 2 SGB XI). Pflegekassen müssen außerdem ab 2017 regelmäßige Schulungen und Kurse für pflegende Angehörige anbieten, auf Wunsch auch dies in der häuslichen Umgebung (§ 45 SGB XI). Von noch größerer Bedeutung für die soziale Altenhilfe in den Kommunen, und somit potenziell auch für die Soziale Altenarbeit, im Bereich Pflege ist das Dritte Pflegestärkungsgesetz (PSG III), in Kraft getreten am 1. Januar 2017, mit dem die Beratung von Pflegebedürftigen, Menschen

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mit Behinderungen und deren pflegenden Angehörigen wieder ‚federführend‘ den Kommunen übertragen wurde. Sie haben nun ein Initiativrecht zur Einrichtung neuer Pflegestützpunkte als eigene Beratungsstellen (§ 7c SGB XI) und können in diesen eigenen Beratungsstellen eigenes, einschlägig qualifiziertes Personal beschäftigen sowie selbst die Pflegeberatung und Pflegeberatungsbesuche anbieten (vgl. § 37 Abs. 8 SGB XI). Der Bund fördert die Einrichtung in den Kommunen durch Bundesmodellprojekte (§ 123 SGB XI). Ziel ist vor allem die sozialräumliche Ausrichtung und bessere Vor-Ort-Koordination aller Beratungsangebote, also zur Pflege, zur Altenhilfe und zur Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung (vgl. GKV-Spitzenverband 2017; vgl. auch Rubin i. d. B.). Zu berücksichtigen ist jedoch, dass – wie schon in der Ursprungsfassung des SGB XI – in keinem der Gesetze explizit Soziale Arbeit als Profession mit Zuständigkeit für bestimmte Aufgaben genannt wird. Als „entsprechend qualifiziertes Personal“ in der persönlichen Beratung und Betreuung gelten „insbesondere Pflegefachkräfte, Sozialversicherungsfachangestellte oder Sozialarbeiter mit der jeweils erforderlichen Zusatzqualifikation“ (§ 7a Abs. 3 SGB XI). Eine qualifizierte soziale Betreuung und Beratung, insbesondere durch Beschäftigte mit (Fach-)Hochschulabschluss, stellt allerdings einen zusätzlichen Kostenfaktor dar. Es bedarf guter Argumente, sie durchzusetzen, weil das Budget insgesamt begrenzt ist. Die Ausgaben für die Pflege sind nach dem Prinzip der einnahmeorientierten Ausgabenpolitik ‚gedeckelt‘ und politische Mehrheiten, die substanziell neue Einnahmenquellen erschließen würden, sind derzeit nicht in Sicht. Dennoch scheint die Soziale Arbeit im Regelungsbereich des SGB XI eine Rolle zu spielen: In der ambulanten Pflege waren 2001 lt. „Zweitem Bericht zur Entwicklung der Pflegeversicherung“ 1,3 % und in der stationären Pflege 2,9 % der Beschäftigten Therapeut/-innen oder Sozialarbeiter/-innen (vgl. Deutscher Bundestag 2001, S. 162). Der vierte Bericht aus dem Jahr 2008 weist neben Altenpfleger/-innen sogar nur noch „Sonstige“, Zivildienstleistende und Verwaltungspersonal aus (vgl. Deutscher Bundestag 2008b, Anlage 7). Der Sechste Bericht aus dem Jahr 2016 stellt fest, dass die Zahl der in diesem „Wirtschaftsbereich“ Beschäftigten von 665 000 im Jahr 2001 auf eine Million im Jahr 2013 gestiegen ist (Deutscher Bundestag 2016b, S. 183), ohne Soziale Arbeit in diesem Bereich explizit auszuweisen. Die Pflegestatistik (StaBuAmt 2018c) weist für Ende 2017 in der ambulanten Pflege 390 322 Beschäftigte aus. Davon haben 1 427 einen sozialpädagogischen/sozialarbeiterischen Berufsabschluss. Das entspricht weniger als 0,4 % aller Beschäftigten (in Vollzeitäquivalenten 266 041 bzw. 941; vgl. StaBuAmt 2018c, S. 25 f.). In der stationären Pflege wurden 764 648 Beschäftigte und darunter 6 926 Sozialpädagog/-innen und Sozialarbeiter/-innen gezählt, was knapp einem Prozent aller Beschäftigten entspricht (in Vollzeitäquivalenten 552 470 bzw. 5 270; vgl. ebd., S. 37 f.). Während sich gegenüber 2013 die Anzahl der Beschäftigten insgesamt in beiden Segmenten erhöhte, sank die Zahl derer mit einem sozialpädagogischen/sozialarbeiterischen Berufsabschluss (vgl. ebd., S. 25; vgl. auch StaBuAmt 2015d). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass eine Fachkraft der

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Sozialen Arbeit mit ihrer Tätigkeit etwa im Rahmen der sozialen Beratung und Betreuung mehr Pflegebedürftige, ggf. auch Angehörige und Ehrenamtliche, erreicht als eine Pflegefachkraft. Der Fachdiskurs Sozialer Altenarbeit in der Zeit nach dem Jahr 2000 setzt sich mit diesen Rahmenbedingungen auseinander. Er weist Überschneidungen zu gerontologischen Fragestellungen und Konzepten auf und wird durchaus interdisziplinär geführt. Theoretische und methodische Vergewisserungen betrafen zunächst die Kategorie ‚Generation‘ (vgl. die Beiträge in Winterhager-Schmidt 2000; Schweppe 2002a; Karl 2010, S. 31 ff., vgl. auch Karl und Kolland i. d. B.). Aus einer eher auf die Strukturen sozialer Altenhilfe bezogenen Perspektive plädierte Karl (2009) für den Begriff der Generationen- und Altenarbeit. Aner (2010) belegte die Bedeutung von Generationenbeziehungen für professionelle Interaktionen zwischen Adressat/-innen und Fachkräften Sozialer Altenarbeit (vgl. auch Aner in Kap. I.3 i. d. B.). Aus einer sozial­ pädagogisch inspirierten Perspektive auf Professionalität lässt sich auch die Arbeit von Pflegekräften in den (zunehmend internationalen) Teams der ambulanten Pflege betrachten (Löffler 2020; Löffler i. E.). Die Kategorie ‚Alter‘, die ja in einigen Theorien der Sozialen Arbeit verhandelt wird (vgl. etwa Böhnisch 1997; ders. 1999), wurde hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Soziale (Alten-)Arbeit geprüft. Während ihre Relevanz für Interaktionen und Fragen nach der Lebensbewältigung im Lebenslauf bejaht werden kann, ist sie für den Gegenstand, also für die Theorien der Sozialen Arbeit nicht konstitutiv (vgl. Aner 2018a). Ausbaufähig scheint hingegen die fortgesetzte Integration von gerontologischen Theorien und Befunden in die Soziale Altenarbeit (ebd.). Umgekehrt erweisen sich Theorien Sozialer Arbeit als taugliche Argumente für eine sozialpädagogische Begleitung geriatrischer Patient/-innen (vgl. Aner 2018b). Zudem können bewährte Methoden der Sozialen Arbeit wie die sog. Praxisforschung die Alter(n)sforschung bereichern, indem sie den Feldzugang erleichtern und insbesondere dort, wo die Untersuchungsteilnehmer/-innen zu den hard to reach groups gehören und/oder partizipative Forschungsansätze gefragt sind, Wege der Partizipation aufzeigen und eine diskursive Reflexion des Forschungshandelns überhaupt erst ermöglichen (vgl. Aner und Kricheldorff 2016). Diskutiert wurde auch das Selbstverständnis der Sozialen (Alten)Arbeit im ‚aktivierenden Staat‘ und dies aus der Perspektive einer Kritischen Gerontologie (Aner 2013). Eine spezifische kritische Auseinandersetzung in diesem Kontext betraf die sozialpädagogisch begleitete Nutzung von Potenzialen des Alters (vgl. Karl 2006; Aner 2007; Bettmer 2007; Aner und Hammerschmidt 2008). Ein ähnlich kritischer Diskurs bezog sich auf das Postulat des lebenslangen Lernens (u. a. Schäffter 2000; Buboltz-Lutz 2000a, 2007; Breinbauer 2007, 2008a; Kolland 2007, 2008b; Aner 2015). Seit der Blick auf die Ressourcen der älteren Generation nach und nach dazu führte, auch im Rahmen kommunaler Altenplanung auf partizipationsorientierte Methoden Sozialer Arbeit zurückzugreifen (vgl. Heite et al. 2015b; Rubin i. d. B.), mehren sich die Versuche, die Partizipation älterer Menschen kritisch zu reflektieren (vgl. Aner

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und Köster 2016; Arbeitskreis Kritische Gerontologie 2016). Der Bereich Gesundheit und Pflege spielte in der arbeitsfeldbezogenen Diskussion ebenfalls eine Rolle. Dabei wurde die Netzwerkperspektive eingenommen (u. a. Zeman 2005; Hedtke-Becker und Hoevels 2005; Otto 2008b; Roth 2009) oder die Rolle Sozialer Arbeit als Soziale Gesundheitsarbeit mit älteren Menschen beschrieben (u. a. Homfeldt 2005). Derzeit wird in pflegerischen Kontexten des Alterns vor allem die sozialräumliche Perspektive aufgegriffen, die der Sozialen Altenarbeit insbesondere Aufgaben der Fachberatung und moderierende Funktionen im Quartier zuweist (Kricheldorff 2018b, S. 121). Sie kann an öko-gerontologische Annahmen zur Person-Umwelt-Passung anknüpfen (ebd., S. 115). Die zielgruppenbezogene Diskussion blieb von den diversitäts- und identitäts­ orientierten Debatten in den Sozialwissenschaften nicht unbeeinflusst. Zunächst rückten vor allem die älteren Migrant/-innen in den Blick (vgl. Schröer 2005; Olbermann 2008; Horn et al. sowie Soom Amann i. d. B.). Es konnte gezeigt werden, dass es nicht nur – wie das vielfach verwendete und positiv besetzte Etikett ‚kultursensible Altenhilfe‘ vermuten lässt – und nicht einmal in erster Linie (wie immer konstruierte) ‚kulturelle‘ Differenzen, sondern auf sozialer Ungleichheit basierende Barrieren sind, die dazu führen, dass Migrant/-innen Angebote der sozialen Altenhilfe seltener als Menschen ohne Migrationshintergrund in Anspruch nehmen (zusammenfassend vgl. Askin 2018). Neuere Forschungsbefunde zu Aspekten von Diversität im Alter und ihrer Bedeutung für verschiedene Settings der sozialen Altenhilfe und Pflege (u. a. zur „Realität der Versorgung älterer Migrant/-innen“ vgl. etwa Khan-Zvorničanin 2016; zum Thema „Gender in der Pflege“ vgl. etwa die Beiträge in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 49: 677 ff. und Dosch 2018; zur „Homosexualität in der Langzeitpflege“ vgl. etwa Gerlach und Schupp 2018) sind mit Blick auf die Ausgestaltung der Sozialen Altenhilfe noch auszuwerten. Die Technisierung der Hilfen für ältere Menschen (vgl. dazu Tonello i. d. B. sowie die oben erwähnten einschlägigen Expertisen zum 7. Altenbericht) steht noch am Anfang einer denkbaren Entwicklung. Welche Implikationen für die Soziale Altenhilfe damit einhergehen werden, ist noch nicht zu überblicken. Auch hierzu steht ein Fachdiskurs in der Sozialen Arbeit noch aus. Die hier umrissenen aktuellen Entwicklungen, Erkenntnisse und Fachdiskurse spiegeln sich in den Nachschlagewerken der Sozialen Arbeit nicht durchgehend wider. Während sich in der achten Auflage des „Fachlexikons der Sozialen Arbeit“ (DV 2017) wie auch in der achten Auflage des „Wörterbuchs Soziale Arbeit“ (Kreft und Milenz 2017) mehrere Stichworte mit Sozialer Altenarbeit und angrenzenden (Alters-)Themen befassen, kommt dieser Themenkomplex in anderen führenden Nachschlagewerken nur stark verkürzt vor. Insbesondere fehlen die Stichworte ‚Altenhilfe‘ und ‚Alter‘ in der sechsten Auflage des Handbuchs Soziale Arbeit (Otto et al. 2018) im Gegensatz zu vorhergehenden Auflagen (zuletzt Otto und Thiersch 2015). Als Stichworte im Verzeichnis finden sich die Lebensphasen Kindheit und Jugend, auch ‚Tod‘, nicht aber das Alter, zudem ‚Eltern‘ und ‚Elternschaft‘, nicht aber ‚Groß-

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elternschaft‘. ‚Erwachsenenbildung‘ wurde als Stichwort aufgenommen, nicht aber ‚Geragogik‘. Auch ‚Hospizarbeit‘ ist als Stichwort zu finden, nicht aber ‚Altenhilfe‘. Diese Quellenlage verweist auf den eher geringen Stellenwert, den die sozialpädagogisch tradierte Disziplin Soziale Arbeit dem Thema zumisst. Es bleibt zu hoffen, dass die Dynamik des Arbeitsfeldes und der einschlägigen Forschung bald auch hier angemessen zur Kenntnis genommen wird.

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Rück- und Ausblick

Eine Einschätzung der bisherigen wie auch der weiteren Entwicklung der Sozialen Altenarbeit im Kontext der sozialen Altenhilfe kommt nicht umhin, auf die gesamtund suprastaatliche Rahmung zu verweisen. Spätestens seit dem Beginn des neuen Jahrtausends ist in Deutschland davon auszugehen, dass der Übergang vom produzierenden und finanzierenden Wohlfahrtsstaat zum eher regulierenden und aktivierenden Sozialstaat vollzogen ist. Auch die Herausforderungen, die aus der Alterung der Bevölkerung und dem Strukturwandel des Alters resultieren, sollen nun durch einen neuen welfare-mix gelöst werden, in dem die Zuständigkeiten und Belastungen zwischen Markt, Staat und Familien ebenso neu justiert werden wie die Verteilung der Verantwortlichkeit für die Erbringung sozialer Dienstleistungen im Viereck „Markt – Staat – Dritter Sektor – Familie“ (vgl. Evers und Olk 1996; Schröder und Blair 1999; Dahme und Wohlfahrt 2003). Die Europäisierung der Sozialpolitik wirkt dabei ambivalent. Einerseits verpflichtet sie die Staaten auf die Leitziele ‚Autonomie‘ und ‚Selbstbestimmung‘ im Alter. Andererseits ist sie auf Wirtschaftlichkeit der sozialen Dienstleistungen angelegt und stärkt hierüber die Ausrichtung auf die messbaren und monetär zu beziffernden gesundheitlich-pflegerischen Leistungen (Schulte 1996, 2002). Diese sozialstaatlichen Dynamiken und Ambivalenzen treffen in Deutschland auf eine soziale Altenhilfe, die gesetzlich nur rudimentär als Teil der Hilfe in besonderen Lebenslagen in § 71 SGB XI geregelt ist. Derzeit ist anzunehmen, dass diese schwache Verrechtlichung auch in Zukunft bestehen bleibt. Zwar scheint ein Altenhilfe­ gesetz (analog zum Kinder- und Jugendhilfegesetz) aus Sicht der Adressat/-innen, die jenseits akuter materieller und gesundheitlicher Notlagen bislang keine einklagbaren Rechte vorfinden, wie auch aus Sicht der Profession auf den ersten Blick wünschenswert. Doch lässt sich ein „Sonderrecht“ für alte Menschen daraufhin befragen, ob es positiv oder negativ diskriminierend wirkt (vgl. Klie 2017, S. 279 f.; ausführlich Igl i. d. B.). Immerhin wurde im 7. Altenbericht (Deutscher Bundestag 2016a) das vor langer Zeit geplante „Altenhilfestrukturgesetz“ (vgl. BMFSFJ 2001, S. 38; vgl. auch Hammerschmidt und Löffler i. d. B.) wieder erwähnt. Es gilt als kleinere Lösung und als eine Möglichkeit, die Kommunen darin zu stärken, ihre Aufgaben in der Pflege besser wahrnehmen zu können (vgl. Deutscher Bundestag 2016a, S. 217). Ein solches Gesetz müsse einem Konzept folgen, das – ähnlich wie im SGB IX – versorgungs-

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systematische Segmentierungen zu überwinden geeignet ist. Es müsse nicht nur die Handlungsmöglichkeiten der Kommunen, sondern auch ihre finanziellen Spielräume erweitern. Die Vorbereitung eines solchen Gesetzentwurfs könne an die Vorarbeiten für eine – ihrerseits an der Konzeption des SGB VIII orientierten – „Strukturreform Pflege und Teilhabe“ anknüpfen (ebd., S. 279). Der Bericht geht noch weiter und regt einen sog. Prüfauftrag der Bundesregierung an (ebd., S. 283). Im Ergebnis könne evtl. dargelegt werden, dass die Sicherung gleichwertiger Lebensbedingungen gerade für die ältere Generation gefährdet sei und es deshalb bundespolitischer Maßnahmen bedürfe, um „das Politikfeld Alters- und Generationenpolitik in der notwendigen querschnittlichen Konzeption zu fördern“ (ebd.) und dies auch in einem „gesetzgeberischen Rahmen“ (ebd.). Von einer weit größeren (fach-)öffentlichen Aufmerksamkeit und gesetzgeberischen Dynamik ist seit einigen Jahren der Bereich des SGB XI gekennzeichnet. Vor dem Hintergrund des neuen Begriffs von Pflegebedürftigkeit im PSG II (vgl. auch BMG 2013) und der besseren Verzahnung von Sozialversicherungsleistungen der Pflegekassen und der kommunalen Strukturen durch das PSG III (vgl. auch Rothgang 2016) könnte die kommunale soziale Altenhilfe in Zukunft eine größere Rolle bei der Bearbeitung der sozialen Risiko- und Kontextfaktoren des Alters spielen, zumal nach § 45c SGB XI die Gebietskörperschaften nun „Adressaten von Zuschüssen der Pflegekassen sein [können; K. A.], mit denen der Aufund Ausbau von niedrigschwelligen Betreuungsangeboten sowie Modellvorhaben zur Erprobung neuer Versorgungskonzepte und Versorgungsstrukturen gefördert werden können“ (Welti 2016, S. 56; vgl. auch Schölkopf 2016, S. 17).

Im internationalen Vergleich stehen dieser Hoffnung allerdings eine in Deutschland „tief verwurzelte kulturelle Norm der Orientierung an privater Pflegeverantwortung“ und „fehlende Steuerungselemente“ (Bode 2013, S. 56) wie auch fehlende Traditionen eines wirksamen Case Managements (ebd.; vgl. auch Engel und Engels 2000a) entgegen. Die Frage ist, welche Rolle die Soziale (Alten-)Arbeit bei der kritischen (!) Umset­ zung der (europäischen) Leitziele ‚Autonomie‘ und ‚Selbstbestimmung‘ und/oder bei einer wirksamen Hilfe zur Selbsthilfe für vulnerable Gruppen älterer Menschen spielen kann. Winkler (2013, S. 149) bescheinigte der bundesdeutschen Sozialen Arbeit einen „Zustand der Unreife“ aufgrund ihrer späten Geburt. Für die Soziale Altenarbeit gilt das noch viel mehr als für andere Arbeitsfelder und Schwerpunkte der disziplinären Debatte. Bis weit in die 1970er Jahre hinein wurde diskutiert, ob überhaupt, ggf. in welchem Maße und wie soziale Hilfen für ältere Menschen professionalisiert werden sollten und welche Rolle dabei Sozialarbeiter/-innen spielen können (vgl. Ballusseck und Bernstein 1980). Die Soziale Arbeit mit alten Menschen hat „streng genommen erst in der zweiten Hälfte der [19]80er Jahre klare Konturen erhalten“ (Schmidt 1999, S. 659). Ihre dann einsetzende Profilierung resultierte weni-

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ger aus den Professionalisierungsbestrebungen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik selbst als aus Personalkostenzuschüssen der Landesregierungen (vgl. ebd., S. 659 f.). Der Fachdiskurs über die Aufgaben Sozialer Arbeit im Kontext der sozialen Altenhilfe wurde also häufig von der Sozialpolitik angestoßen, wenn im Rahmen von Bundes- oder Landesmodellprogrammen ungedeckte Bedarfe aufgespürt oder konkretisiert und nach Möglichkeiten ihrer Befriedigung gesucht werden sollte. Fachkräfte fanden sich dabei häufig eingebunden in eine Strategie der Effizienzsteigerung von Wohlfahrtsproduktion durch zivilgesellschaftliches Engagement. Ohne zusätzliche Ressourcen für ihre professionelle Begleitung birgt diese Einbindung die Gefahr, dass Soziale (Alten-)Arbeit von der Gewinnung, Betreuung und Vernetzung von Freiwilligen aus der Mittelschicht absorbiert wird, während die emanzipatorische Unterstützung problembeladener und ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen auf der Strecke bleibt (vgl. Aner 2006; Aner und Hammerschmidt 2008). Wie im historischen Abriss angedeutet, hat sich seit den 1980er Jahren auch und gerade in der Auseinandersetzung mit dieser wohlfahrtsstaatlichen Strategie die Fachlichkeit Sozialer (Alten-) Arbeit im kommunalen Sachbereich sozialer Altenhilfe wesentlich weiterentwickelt. Das lässt sich anhand der oben skizzierten anwendungsbezogenen Konzeptentwicklungen beobachten, die von einer Art nachholender Entwicklung des Theoriediskurses begleitet war und ist. Einerseits wird die begonnene Profilierung unter schwierigen Bedingungen fortgesetzt werden müssen, nämlich in Konkurrenz zu anderen Berufsgruppen wie der Pflegewissenschaft (mit unter Effizienzgesichtspunkten besserer Performanz) und dies in Kommunen, die keine ‚Demografie-Rendite‘ aus dem vielerorts sinkenden Anteil junger Menschen zu erwarten haben, sondern mit neuen Aufgaben und komplexen Wirkungen von demografischen Veränderungen auf die Kommunalfinanzen konfrontiert sind (Zimmer-Hegemann 2011, S. 132). Hinzu kommt die „Re-Seniorisierung der Armut“ (Butterwegge 2012). Sie generiert nicht nur höhere Ausgaben für die Grundsicherung, sondern auch einen steigenden Bedarf an Beratung, Begleitung und Unterstützung alter Menschen. Alte Menschen in schlechten Lebenslagen nehmen häufiger und früher als privilegierte die Angebote der Sozialversorgung und Fürsorge in Form von Einzelfallhilfen in Anspruch. Sie sind stärker als die gut situ­ ierten Alten auf sozialräumlich verankerte Hilfe- und Unterstützungsstrukturen in Form von Gruppen- und Gemeinwesenarbeit angewiesen. Zudem sind sie stärker von den ausgeprägten sozialrechtlich bedingten Schnittstellenproblematiken betroffen und schließlich schwieriger mit partizipativen Verfahren der Altenhilfeplanung zu erreichen (vgl. Aner und Löffler 2019). Andererseits bietet eine gute, interdisziplinäre und generalistische Ausbildung der Sozialarbeiter/-innen grundsätzlich beste Voraussetzungen für eine Beteiligung an der Bearbeitung dieser individuellen und kommunalen Problemlagen. Dies setzt voraus, dass die Fachkräfte a) über die sozial ungleichen Lebenslagen und potenzielle Unterstützungsbedarfe zur Lebensbewältigung von Menschen im höheren Le­ bensalter umfassend informiert sind, dass sie b) über ein angemessenes sozialrecht-

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liches Wissen und fundierte Kenntnisse der Trägerstrukturen und Angebote Sozialer (Alten-)Arbeit verfügen und c) in der Lage sind, ihre eigenen Paradigmen und Handlungsmethoden mit Blick auf die Lebensphase Alter theoriegeleitet und auf der Basis empirischer Erkenntnisse zu prüfen und gekonnt umzusetzen.

Ausgewählte Literatur Aner, Kirsten. 2018. Soziale Arbeit mit alten Menschen. In Handbuch Soziologie des Alter(n)s. Hrsg. Schroeter, Klaus R., Claudia Vogel und Harald Künemund. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-09630-4. BMAS. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung und Bundesarchiv. Hrsg. Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945. 11 Bände. Baden-Baden: Nomos Hammerschmidt, Peter, Juliane Sagebiel und Stefan Pohlmann. Hrsg. 2014. Gelingendes Alter(n) und Soziale Arbeit. Neu-Ulm: AG Spak.

Kommunale Alten(hilfe-)planung Yvonne Rubin

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Einleitung

Die Kommunen sind „die Orte des sozialen Zusammenlebens und [können] auf eine lange Tradition in der Daseinsvorsorge für das Alter verweisen“ (Rohden und Villard 2010, S. 52). Städte und Gemeinden verfolgen das Ziel, „gute Lebensbedingungen vor Ort zu erreichen“ und das auch „für eine alternde Gesellschaft, die eine öffentliche Infrastruktur benötigt, die für alle ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglicht“ (Deutscher Städtetag 2015, S. 5). Im Wesentlichen lassen sich für die kommunale Alten(hilfe-)planung drei Aufgabenschwerpunkte ausmachen: (1)  die kommunale Entwicklungsplanung, (2) die örtliche Bedarfsplanung pflegerischer Einrichtungen und Dienste sowie deren Vernetzung nach SGB XI und (3) Maßnahmen und Dienste, wie sie im § 71 SGB XII aufgeführt sind (vgl. Rohden und Villard 2010, S. 51). Als Leistungen kommen insbesondere solche in Betracht, die dem gesellschaftlichen Engagement älterer Menschen dienen, die bedürfnisgerechte Wohnungen schaffen oder erhalten, die im Vor- und Umfeld von Pflege und allen Fragen der Inanspruchnahme altersgerechter Dienste Beratung und Unterstützung bieten, die geeignet sind, soziale Teilhabe zu ermöglichen und die alten Menschen eine Verbindung mit ihnen nahestehenden Personen ermöglichen (vgl. § 71 Abs. 2 SGB XII; vgl. dazu auch Aner in Kap. I.1 i. d. B. sowie Igl i. d. B.). Der § 71 SGB XII richtet sich primär an die Sozialhilfeträger. Hierdurch wird diesen eine „Befugnis zur Tätigkeit“ (Bieritz-Harder 2018, S. 819) eingeräumt. Gleichzeitig verbindet sich damit eine gesetzgeberische Aufforderung, im Bereich der Altenhilfe tätig zu werden (vgl. ebd.). Weitere Regelungen finden sich im § 61 SGB XII, in dem die Kommunen als zuständige Kostenträger für die Hilfe zur Pflege genannt werden. Darüber hinaus geht eine weitere – wenn auch wenig spezifische Anforde­ rung – aus dem § 8 SGB XI hervor. Hier heißt es: © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_4

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„[D]ie Länder, die Kommunen, die Pflegeeinrichtungen und die Pflegekassen wirken unter Beteiligung des Medizinischen Dienstes eng zusammen, um eine leistungsfähige, regional gegliederte, ortsnahe und aufeinander abgestimmte ambulante und stationäre Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.“ (§ 8 Abs. 2 SGB XI)

Sie sollen zum Ausbau und zur Weiterentwicklung der notwendigen pflegerischen Infrastruktur beitragen und sowohl hauptamtliches als auch freiwilliges Engagement unterstützen und fördern (vgl. § 8 Abs. 2 SGB XI). Die Kommune ist mit ihrer „ortsbezogene[n] Planung, Gestaltung und Organisation der Hilfen“ (Klie 2018b, S. 38) also nicht die einzige Akteurin in dem Feld der Alten(hilfe-)planung. Neben der Kommune sind Leistungsanbieter, zivilgesellschaftliche Organisationen, Beratungsstellen, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Landes- und überörtliche Akteure an der Versorgung und der Bereitstellung von Infrastruktur für ältere Menschen beteiligt (vgl. Plazek und Schnitger 2016, S. 20 ff.). Mit welchen Anforderungen die kommunale Alten(hilfe-)planung in diesem Feld unterschiedlicher Akteure konfrontiert ist und welche Aufgaben und Handlungsoptionen ihr zur Verfügung stehen, ist Gegenstand dieses Beitrages.

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Soziale Pflegeversicherung und Kommunale Altenhilfe: Historische Entwicklungen und Stand der Dinge

Im folgenden Abschnitt wird zunächst auf die Entwicklung der kommunalen Altenhilfe seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 eingegangen. Daran lässt sich verdeutlichen, welche Spielräume es für kommunale Steuerungsprozesse gibt und inwiefern gleichzeitig eine sog. Entkommunalisierung der Altenhilfe stattgefunden hat, indem die Kommunen von Steuerungsprozessen anderer Organisationen (insbesondere den Pflegekassen) und Akteuren (insbesondere pflegerischen Leistungsanbietern) abhängig sind. Vor der Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 war die Kommune alleinige verantwortliche Akteurin der Altenhilfe. Die damit einhergehenden Aufgaben umfassten alle „monetären, persönlichen und sachlichen Leistungen, Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen für ältere Menschen auf der kommunalen Ebene“ (Gitschmann 1989, S. 85). Die kommunale Altenhilfeplanung beschäftigte sich mit der Frage, „wie vor Ort die konkrete Versorgungslage der Senioren durch (soziale) Infrastruktur abgesichert oder verbessert werden konnte“ (Deutscher Städtetag 2015, S. 2). In diesem Zusammenhang waren auch die Aufgaben der damit verbundenen – zumeist als Altenhilfeplanung bezeichneten – Sozialplanung zu sehen. Diese umfassten die Bearbeitung von Prozessen, die mit der pflegerischen Versorgung einhergingen, beschränkten sich aber nicht auf das enge mit der Einführung der Sozialen Pflegeversicherung (SGB XI) etablierte Pflegeverständnis. Die Hilfe bei Pflegebedürftigkeit wurde also nicht auf – nahezu ausschließlich – somatische Ein-

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schränkungen begrenzt, sondern diese Form der Sozialplanung umfasste das gesamte Spektrum der Seniorenarbeit, bzw. der Altenhilfe und des freiwilligen Engagements (vgl. ebd.). Kommunale Altenhilfe wurde „im Rahmen von Auftragsverwaltung, lokaler Selbstverwaltung und freiwilligen sozialen Leistungen von den Gemeinden erbracht, initiiert und unterstützt“ (Gitschmann 1989, S. 85). Diese Art der Organisation der Altenhilfe erwies sich seit Mitte der 1970er Jahre allerdings als nicht (mehr) ausreichend: Mit dem Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen begannen in diesem Zeitraum erste Überlegungen zur Absicherung des Risikos ‚Pflegebedürftigkeit‘. Die Finanzierung der Versorgung der Pflegebedürftigen wurde bis zur Einführung der Pflegeversicherung – bei vorliegendem Sozialhilfeanspruch – von den Kommunen und Landkreisen als zuständigen Sozialhilfeträgern übernommen. Hierbei handelte es sich um einen beachtlichen Kostenfaktor: So lag im Jahr 1980 bei 65 bis 70 % der in stationären Einrichtungen lebenden Personen ein Anspruch auf Leistungen nach dem BSHG – also ein Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“ oder „Hilfe zum Lebensunterhalt“ – vor. Die Aufwendungen für „Hilfe zur Pflege“ umfassten im Jahr 1981 mit 5,6  Mrd. DM deutlich mehr als ein Drittel des gesamten Sozialhilfebruttoaufwands (vgl. ebd., S. 241 f.). Im Jahr 1994 – ein Jahr vor Einführung der Pflegeversicherung  – beliefen sich die Aufwendungen für die Sozialhilfeleistung „Hilfe zur Pflege“ auf 17,7 Mrd. DM (vgl. Gerlinger und Röber 2009, S. 18). Mit der Einführung der Pflege­versicherung wurde die Entlastung der Kommunen von diesen Sozialhilfeausgaben als ein zentrales Ziel verfolgt (vgl. Butterwegge 2018, S. 149). Der „kommunale Ruf nach Entlastung bei den Sozialhilfeausgaben wurde gehört“ (Dietz 2002, S. 264), die Umsetzung war nach Einschätzung von Dietz jedoch fatal: Mit der Einführung der Pflegeversicherung wurde die pflegerische Versorgung entkommunalisiert. Die Steuerung lag jetzt bei den Pflegekassen und erfolgte zentralisiert auf der Ebene der Spitzenverbände der Kostenträger und Leistungserbringer und über gemeinsame Empfehlungen und Rahmenvereinbarungen. Die Pflegekassen übernahmen mit der Verantwortung in den Bereichen Leistungspolitik und Marktzugang nicht nur die strategische Planungshoheit, sie übernahmen auch Beratungen zu ergänzenden Leistungen des Sozialhilfeträgers. Mit der vorrangigen Kostenträger­ zuständigkeit der Pflegekassen wurde ebenfalls der gesamte Bereich der Pflegepolitik an diese abgegeben. Den Kommunen kam mit der Einführung der Pflegeversicherung eine versorgungskoordinierende Aufgabe zu: Durch örtliche und regionale Arbeitsgemeinschaften sollten sie das Handeln der beteiligten Akteure koordinieren und Sorge dafür tragen, dass die Zusammenarbeit vor Ort dazu führt, „dass ärztliche Behandlungsleistungen, Behandlungspflege, Leistungen zur medizinischen Rehabilitation, Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung nahtlos und störungsfrei ineinandergreifen“ (Gerlinger und Röber 2009, S. 24).

Diese neu initiierten Planungs- und Koordinierungsarbeiten fanden mit einem höheren Personalaufwand statt als vor der Einführung der Pflegeversicherung. Bemühte

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Kommunen versuchten zu rekommunalisieren, was ihnen auf Bundesebene genommen wurde, und so „hechelten [sie] bald mit diversen Kommunikationsbemühungen hinter Dienstleistenden, Pflegekassen und Medizinischem Dienst hinterher, um mit ihnen Angebotsentwicklung, Struktur-, Preis- und Qualitätsfragen zu klären“ (Dietz 2002, S. 266).

Die Kommunen konnten also auch nach der Einführung der Pflegeversicherung ihre Verantwortung für die pflegerische Versorgung ihrer Bürger/-innen nicht ganz abgeben. Sie treten weiterhin als Gewährleistungsträger auf, sie bleiben verantwortlich bei Versorgungsengpässen, sie müssen fehlende Angebote kompensieren und sie sind weiterhin als Sozialhilfeträger subsidiär zuständige Kostenträger (ebd.). Zudem sind sie verantwortlich für ein Spektrum pflegerischer Aufgaben, die nicht durch die Pflegeversicherung abgedeckt werden und somit konkurrenzlos „dem Aufgabenspektrum der örtlichen Daseinsvorsorge zugeordnet werden können“ (Geiser 1995, S. 74). Hierunter fallen Angebote, mit denen die Teilhabe pflegebedürftiger Menschen gefördert werden könnte, wie bspw. Unterstützungsleistungen zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen oder Begleitungen beim Verlassen der Wohnung. Diese Leistungen werden von der Pflegeversicherung nicht finanziert und somit von den ambulanten Pflegediensten auch nicht erbracht (bzw. wenn sie erbracht werden, dann als privat zu finanzierende Leistung), da diese sich in ihrem Angebot an den von der Pflegeversicherung finanzierten Leistungen orientieren (vgl. Heusinger et al. 2017, S. 440). Die Kommunen tragen zudem die Folgen unkoordinierter Systemverläufe und sie tragen die entstehenden Kosten für die Koordinierung des gesundheitlichen, des pflegerischen und des sozialen Dienstleistungssystems (vgl. Dietz 2002, S. 266). Damit liegt die Verantwortung doch weiterhin bei denen, „die sie nicht mehr ‚habe[n]‘ wollten“ (ebd.). Und spätestens mit dem Berichtsauftrag zum Siebten Altenbericht der Bundesregierung wird die Rolle der Kommunen deutlich. Hier werden sie als verantwortlich adressiert „die Rahmenbedingungen für die älteren Menschen bedarfsgerecht auszugestalten“ (BMFSFJ 2016b, IV). Zudem sollen die Kommunen sowohl stärker als auch verantwortlicher in die Strukturen der Pflege vor Ort eingebunden werden (vgl. Deutscher Städtetag 2015, S. 2). Da zusätzlich zu der Verantwortungsübernahme durch die Kommunen auch die Absicherung des Lebensrisikos ‚Pflegebedürftigkeit‘ als sozialversicherungsrechtliche Errungenschaft erhalten werden soll, sollen die beiden Akteure – die Kommunen und die Pflegekassen – ihre Kompetenzen ergänzen und gleichzeitig die Schwächen des anderen ausgleichen: Den Pflegekassen fehlt aufgrund ihrer Entwicklung zu zunehmend überregionalen Einheiten der Ortsbezug, die Kommunen sind mit dem Problem konfrontiert, dass sie finanziell unterschiedlich ausgestattet und deshalb mitunter in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind (vgl. Klie 2018b, S. 37 f.). Was diese parallele Struktur für die kommunale Alten(hilfe-)planung und hier insbeson-

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dere für die Planungs- und Steuerungskompetenzen der Kommunen bedeutet, wird im folgenden Abschnitt anhand der Planung und Sicherstellung der pflegerischen Versorgung dargestellt.

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Kommunale Altenhilfe: Planungs- und Steuerungsmöglichkeiten in der wohnortnahen pflegerischen Versorgungsinfrastruktur

Das Spannungsfeld zwischen kommunalen Steuerungsmöglichkeiten und Steuerungs­ verlusten wird im folgenden Abschnitt am Beispiel der Bereit- und Sicherstellung pflegerischer Versorgungseinrichtungen aufgezeigt. Neben der finanziellen Entlastung der Kommunen war die Verbesserung der Pflegequalität durch den Ausbau einer bedarfsgerechten Pflegeinfrastruktur ein weiteres Ziel, das mit der Pflegeversicherung erreicht werden sollte. Diese bedarfsgerechte Pflegeinfrastruktur sollte allerdings nicht durch kommunale Bedarfsplanungen erfolgen. Stattdessen wurde  –  flankiert vom europäischen Wettbewerbsrecht – mit der Einführung der Pflegeversicherung der Aufbau neuer Pflegeeinrichtungen dem Markt übertragen (vgl. Klie 2010, S. 9). Als Anbietende pflegerischer Infrastruktur kommen freigemeinnützige, private und kommunale Organisationen in Betracht. Um einen geschlossenen Markt von zugelassenen Pflegeeinrichtungen zu verhindern, erhielten alle Pflegeeinrichtungen „einen gesetzlich verankerten Rechtsanspruch auf Abschluss von Versorgungsverträgen unabhängig vom konkret vorliegenden Bedarf “ (Gerlinger und Röber 2009, S. 23). Das bedeutet, dass bspw. stationäre Altenhilfeeinrichtungen betrieben werden können, auch wenn dies nicht der pflegepolitischen Ausrichtung der Kommune entspricht. Und während es in Regionen mit einer ausreichend großen Nachfrage an Pflegeleistungen auch genügend Anbietende pflegerischer Leistungen gibt, ist es in dünn besiedelten ländlichen Regionen mit wenig Nachfragenden solchen kaum möglich, diese Leistungen wirtschaftlich anzubieten (vgl. Deutscher Caritasverband 2015, S. 20). Mit der marktwirtschaftlichen Organisation der pflegerischen Angebote veränderten sich sowohl kommunale Planungs- als auch Steuerungsmöglichkeiten. Wie sich die marktwirtschaftliche Organisation der pflegerischen Langzeitversorgung konkret darstellt, wo es hier Ansätze für kommunale Steuerungsprozesse gibt und wo auch nicht, lässt sich sowohl anhand der stationären als auch der ambulanten Pflegeinfrastruktur verdeutlichen. 3.1

Kommunale Planungs- und Steuerungsmöglichkeiten stationärer pflegerischer Versorgungsangebote

Um eine stationäre Altenhilfeeinrichtung betreiben und Leistungen mit den Pflege­ kassen und Sozialhilfeträgern abrechnen zu können, müssen die Träger der Einrichtungen einen Versorgungsvertrag mit den Landesverbänden der Pflegekassen

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und – je nach landesrechtlich geregelter Zuständigkeit – mit den örtlichen bzw. überörtlichen Trägern der Sozialhilfe abschließen (§ 72 SGB XI). Von Seiten der Landesverbände der Pflegekassen und der Träger der Sozialhilfe ist Einvernehmen über den Abschluss eines solchen Vertrages herzustellen (vgl. Plantholz 2018, S. 964). Dieses Einvernehmen scheint derart zu sein, dass „kommunale Stellen vor Abschluss eines Versorgungsvertrages gefragt [werden], ob gegen diesen Einwände vorlägen (so genannte ‚Bedarfsbestätigungen‘). Da mögliche Antworten aber selten mehr als die bei den Kassen bekannten Einwände sein könnten, ist diese Prozedur mehr höfliche Rücksichtnahme auf lokale Empfindlichkeiten denn wirkliche Planungsbeteiligung“ (Dietz 2002, S. 265).

Den Kommunen ist es nicht möglich, stationäre Bauvorhaben zu untersagen. Sobald die Träger die Zulassungsbedingungen der Pflegekassen erfüllt haben, können sie Leistungen im Sinne der Pflegeversicherung erbringen und abrechnen (vgl. Plazek und Schnitger 2016, S. 49). Das bedeutet, dass – selbst wenn es nicht den Präferenzen derjenigen entspricht, die pflegerische Leistungen in Anspruch nehmen, und auch wenn es nicht den politischen Zielsetzungen einer Kommune entspricht – stationäre Einrichtungen errichtet und betrieben werden können. In dieser Lesart verfügen die Kommunen im Bereich der stationären Altenhilfe weder über Planungs- noch über Steuerungskompetenzen. Allerdings können landespolitische Regelungen sowohl kommunale Planungsals auch Steuerungsprozesse ermöglichen. Dies lässt sich anhand des in NordrheinWestfalen umgesetzten Gesetzes zur Entwicklung und Stärkung einer demografiefesten, teilhabeorientierten Infrastruktur und zur Weiterentwicklung und Sicherung der Qualität von Wohn- und Betreuungsangeboten für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen (GEPA NRW) verdeutlichen: Hier ist geregelt, dass die Investitionskosten für stationäre Einrichtungen nur dann (re-)finanziert werden, wenn in der Kommune zuvor ein Bedarf für solche Einrichtungen festgestellt wurde.1 Die Finanzierung stationärer Altenhilfeeinrichtungen setzt sich aus vier Kategorien zusammen: dem Pflegesatz, den Kosten für Unterkunft und Verpflegung, den sog. Zusatzkosten und den Investitionskosten. Der Pflegesatz, die Kosten für Unterkunft und Verpflegung und die Zusatzkosten werden entweder (anteilig) von der Pflegeversicherung finanziert, müssen privat getragen werden, oder werden – bei vorliegendem Leistungsanspruch – von den Sozialhilfeträgern übernommen. Die Investitionskosten sind vergleichbar mit der Kaltmiete, sie beinhalten die Kosten, die mit dem Bau und dem Erhalt der Gebäude verbunden sind (vgl. Heiber 2018, S. 212 f.). 1

Artikel 1 im Gesetz zur Weiterentwicklung des Landespflegerechtes und Sicherung einer unterstützenden Infrastruktur für ältere Menschen, pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige (Altenund Pflegegesetz Nordrhein-Westfalen – APG NRW).

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In Nordrhein-Westfalen werden diese Investitionskosten als sog. Pflegewohngeld anspruchsberechtigten Bewohner/-innen erstattet. Anspruchsberechtigt sind Bewohner/-innen stationärer Einrichtungen, wenn bei ihnen eine Pflegebedürftigkeit im Sinne des § 14 SGB XI vorliegt und ihr Einkommen und Vermögen (und das Einkommen und Vermögen ihrer unterhaltspflichtigen Angehörigen) zur Finanzierung „der von ihnen ansonsten zu tragenden förderungsfähigen Aufwendungen im Sinne des § 10 Absatz 1 ganz oder teilweise nicht ausreicht“ (§ 14 Abs. 1 APG NRW). Ein Anspruch auf Pflegewohngeld besteht allerdings nur in solchen Einrichtungen „die nicht nach den Regelungen dieses Gesetzes oder der auf Grundlage dieses Gesetzes erlassenen Verordnung von der Förderung nach diesem Gesetz ausgeschlossen sind“ (§ 14 APG NRW). Ausgeschlossen sind Einrichtungen dann, wenn sie ohne eine kommunale Bedarfsbestätigung errichtet und betrieben werden. Die kommunale Bedarfsplanung ist als dreistufiges Verfahren angelegt: Zunächst muss die Kommune die Bedarfsabhängigkeit der Förderung beschließen (§ 11 Abs. 7 APG NRW). Daran anschließend muss die Kommune eine verbindliche Bedarfsplanung erstellen (§ 7 Abs. 6 APG NRW). Diese Bedarfsplanung muss zukunftsorientiert einen Zeitraum von drei Jahren abbilden und nachvollziehbar darstellen können, ob der kommunale Bedarf an Pflegeeinrichtungen abgedeckt ist bzw. wird oder ob zusätzliche Kapazitäten zur Bedarfsdeckung benötigt werden. Wenn zusätzliche Kapazitäten benötigt werden, muss aus der Bedarfsplanung hervorgehen, in welchem Umfang dies der Fall ist (§ 7 Abs. 6 APG NRW). Als dritte Stufe der Bedarfsplanung muss von Seiten der Kommune sichergestellt werden, dass bei der Auswahl der Träger, die zur Bedarfsdeckung in Frage kommen, „ein diskriminierungsfreies Auswahlverfahren und objektive Entscheidungskriterien“ (§ 11 Abs. 8 APG NRW) zur Anwendung kommen. Ein solches Vorgehen ist dann von Bedeutung, wenn sich auf eine Ausschreibung mehr Träger beworben haben als zur Bedarfsdeckung nötig wären. Durch die Regelungen des APG NRW wurden den Kommunen in NRW nicht nur Planungskompetenzen, sondern auch Steuerungskompetenzen übertragen. Auf der Grundlage einer prospektiven Bedarfsplanung haben sie die Möglichkeit, solche Versorgungsangebote zu initiieren, die dem festgestellten Bedarf angepasst sind und den sozialpolitischen Zielsetzungen der Kommune entsprechen. Dieses Vorgehen scheint auch den Forderungen des Deutschen Städtetages zu entsprechen. Dieser forderte für die Zulassung ambulanter und stationärer Einrichtungen, dass hierfür die „in einer kommunalen Planung festgelegten Anforderungen“ (Deutscher Städtetag 2015, S. 7) erfüllt werden müssen. Diese Anforderung sollen aus den regionalen Gegebenheiten abgeleitet werden und insbesondere dem Ziel dienen, den Pflegebedürftigen den Verbleib in ihrem vertrauten sozialen Umfeld zu ermöglichen (vgl. ebd.).

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3.2

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Kommunale Planungs- und Steuerungsmöglichkeiten ambulanter pflegerischer Versorgungsangebote

Ein weiteres Problem fehlender Planungs- und Steuerungskompetenzen lässt sich am Beispiel der Einrichtung ambulanter Versorgungsangebote darstellen. Die Gewährleistung ausreichender ambulanter pflegerischer Strukturen stellt insbesondere in ländlichen Regionen als „Brennpunkte[n] des demographischen Wandels“ (Kutzner und Gerlinger 2018, S. 211; vgl. auch Hämel und Wolter i. d. B.) eine große Herausforderung dar. Die ambulante pflegerische Versorgung wird – insbesondere in ostdeutschen Flächenländern – von wenigen Diensten übernommen, die große Einzugsgebiete abdecken (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2014, S. 467). Das geht mit vergleichsweise hohen Anfahrtskosten einher. Die ambulanten Pflegedienste finanzieren ihre Fahrtkosten über die sog. Fahrtkostenpauschale. Diese Fahrtkostenpauschale stellt einen Geldbetrag dar, der unabhängig von der tatsächlich zurückgelegten Wegstrecke erstattet wird. Diese Wegpauschale ist in den Versorgungsverträgen geregelt, die die Leistungserbringer mit den Pflegekassen abschließen, die Kommunen nehmen hierauf keinen Einfluss. Insbesondere in dünn besiedelten Regionen ist diese Fahrtkostenpauschale zu niedrig, um die anfallenden Fahrtkosten abdecken zu können (vgl. Deutscher Caritasverband 2015, S. 21). Und auch hier stößt die marktwirtschaftliche Regulation an ihre Grenzen: Marktwirtschaftlichen Prinzipien folgend müsste Anbietenden in ländlichen Regionen eine entsprechend höhere Fahrtkostenpauschale bezahlt werden, solche Vergütungsvereinbarungen gibt es aber kaum. Eine solche Anpassung und die damit einhergehende Erhöhung der Vergütung würde zudem bedeuten, dass die pflegerische Versorgung in ländlichen Regionen teurer werden würde als bspw. in Regionen, in denen Pflegedienste aufgrund der kürzeren Entfernung mit der regulären Fahrtkostenpauschale auskommen (vgl. Heiber 2017, S. 21). Neben den zu geringen Fahrtkostenpauschalen stellt sich als weiteres Problem dar, dass während der längeren Fahrtzeiten keine abrechenbaren Leistungen erbracht werden können. Betriebswirtschaftlich gesprochen bedeutet das, dass ambulante Pflegedienste in Regionen mit längeren Anfahrtswegen weniger Umsatz generieren können als ambulante Pflege­dienste in dicht besiedelten Gebieten. So ist es finanziell betrachtet nicht besonders interessant, einen ambulanten Pflegedienst in ländlichen Regionen mit weiten Anfahrtswegen zu eröffnen. Das ist für die Kommunen insofern problematisch, als sie für die Gewährleistung der pflegerischen Versorgung verantwortlich sind. Zudem sind sie auf ein solches Angebot angewiesen, wenn es Ziel ihrer Altenhilfeplanung ist, dass mehr Menschen – auch bei zunehmender Pflegebedürftigkeit – ein Verbleib in ihrer eigenen Häuslichkeit ermöglicht werden soll. Das ist nämlich nur dann möglich, wenn es passgenaue Angebote zur Versorgung gibt (vgl. Arbeitsgruppe „Lokale Pflege­infrastruktur“ 2011, S. 12). Handlungsoptionen scheinen Kommunen insofern zur Verfügung zu stehen, als sie sog. lokale Verantwortungsgemeinschaften (Klingholz et al. 2015, S. 35) fördern

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können. Dazu gehören „generationsübergreifende, kleinräumige Unterstützungsnetz­ werke, die einen Hilfe-Mix aus Familien, Nachbarschaft, bürgerschaftlichem Engagement und professionellen Dienstleistern ermöglichen“ (ebd.) und die Sorge dafür tragen können, dass ältere und pflegebedürftige Menschen in ihrem vertrauten Wohnumfeld bleiben können. Hier gibt es immer wieder Best-Practice Beispiele, in denen dargestellt wird, wie bspw. Bürger/-innen-Organisationen mit mehr oder weniger kommunaler Unterstützung Verantwortung für Mitbürger/-innen übernehmen.

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(Kommunale) Pflegeberatung: Rahmenbedingungen, Anforderungen und Konfliktpotenziale

Pflegeberatung wird derzeit hauptsächlich von den Pflegekassen durchgeführt. Da es allerdings die Kommunen sind, die „über die Strukturen vor Ort am besten informiert sind“ (Deutscher Städtetag 2015, S. 8), erscheint es sinnvoll, dass sie „in diesem wichtigen Feld eine stärkere Rolle übernehmen können“ (ebd.). Diesem Anspruch sollte mit Einführung des PSG III Rechnung getragen werden, den Kommunen wurden erweiterte Beratungskompetenzen zugesprochen. Wie die Beratung für pflege­ bedürftige Personen strukturiert ist und welche Herausforderungen damit verbunden sind, wird im Folgenden aufgezeigt. 4.1

Case- und Care-Management

Die Kommunen werden mit dem § 71 SGB XII als verantwortlich adressiert, Beratung zu unterschiedlichen pflegerischen Themen durchzuführen. Sie scheinen hierfür auch prädestiniert, da sie aufgrund ihrer Nähe zu den Bürger/-innen, „ihres Aufgabenspektrums in der Daseinsvorsorge sowie ihrer Netzstrukturen […] die zentrale Rolle bei der Planung, Moderation und Steuerung präventiver und pflegerischer Versorgungsstrukturen spielen“ (Deutscher Städtetag 2015, S. 5).

Gleichzeitig ergeht ein Beratungsauftrag aber auch an die Pflegekassen. Diese sind beauftragt, eine „umfassende sowie unabhängige Auskunft und Beratung“ (Tebest et al. 2015, S. 734) anzubieten. Mit Einführung des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes (PfWG) 2008 wurde den Pflegekassen dieser Beratungsauftrag verpflichtend auferlegt, verortet wurde die Pflegeberatung in den – ebenfalls mit dem PfWG neu eingeführten – Pflegestützpunkten. Diese sollten die Aufgabe erfüllen, „möglichst wohnortnah ein umfangreiches Beratungs- und Unterstützungsangebot für ältere und hilfebedürftige Menschen zur Verfügung zu stellen und dazu alle relevanten Beratungsangebote für diese Zielgruppe unter einem Dach zu vereinen“ (ebd., S. 734).

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Die Verortung von Pflegeberatung bei den Pflegekassen erschien auch deshalb sinnvoll, da die Pflegekassen diejenigen Organisationen sind, die einen Großteil der Kosten tragen, die durch die pflegerische Versorgung entstehen. Zudem war eine verpflichtende Verortung der Pflegeberatung bei den Pflegekassen möglich, da die Bundesgesetzgebung hier über rechtliche Kompetenzen verfügte (vgl. Heiber 2017, S. 17). Der Rechtanspruch auf Pflegeberatung durch die Pflegekassen ist allerdings nicht voraussetzungslos. Er besteht nur für Personen, „die Leistungen des SGB XI beziehen, oder diese beantragt haben und einen erkennbaren Hilfe- und Beratungsbedarf vorweisen“ (Klie et al. 2016, S. 282). Das Ziel, dass mit dieser Vorschrift verfolgt wird, ist die Einführung eines individuellen Fallmanagements, dass auch über die Pflege hinaus geht: Ein zentrales Element der Pflegeberatung im Sinne des SGB XI ist die Erstellung eines Versorgungsplans, in dem „die im Einzelfall erforderlichen Sozialleistungen und gesundheitsfördernden, präventiven, kurativen, rehabilitativen sowie sonstigen medizinischen, pflegerischen und sozialen Hilfen“ (ebd., S. 283; § 7a Abs. 1, Satz 2 SGB XI) festgehalten werden. Da die Pflegeberatung allerdings nicht selbst Leistungsentscheidungen treffen kann, soll sie „auf die erforderlichen Maßnahmen einschließlich deren Bewilligung durch den jeweiligen Leistungsträger ‚hinwirken‘“ (ebd., S. 284). Insgesamt wurde das Angebot der Pflegeberatung von ca. 4 % der Pflege­bedürftigen genutzt. Und auch wenn die Pflegekassen mit Einführung des Pflegeneuausrichtungsgesetzes (PNG) 2013 zusätzlich verpflichtet wurden, den Antragstellenden innerhalb einer Frist von zwei Wochen eine Beratung anzubieten, nahm die Anzahl der in Anspruch genommenen Beratungen weiter ab (vgl. Heiber 2017, S. 17 ff.). Neben dieser Ebene des Case-Management soll die im SGB XI verortete Pflegeberatung auch auf der Ebene des Care-Managements tätig werden. Die Pflegekassen sollen die „Koordinierung aller für die wohnortnahe Versorgung und Betreuung in Betracht kommenden […] Hilfe- und Unterstützungsangebote“ (Tebest et al. 2015, S. 734) übernehmen und aufeinander abgestimmte pflegerische und soziale Versorgungsangebote miteinander vernetzen (vgl. ebd.). Sie sollen zudem auf die örtlichen Leistungsangebote „in allen Bereichen möglicher Hilfeleistungen von Sozialleistungen über gesundheitsfördernde, präventive, kurative, rehabilitative oder sonstige, medizinische sowie pflegerische und soziale Hilfen“ (Klie et al. 2016, S. 285) hinweisen und sind somit – als Care-Management – auch mit der regionalen und lokalen Ebene verbunden. Über die fallbezogene Beratung hinaus sollen innerhalb der Pflegestützpunkte vorhandene pflegerische Versorgungs- und Betreuungsangebote miteinander vernetzt werden. Es wird angenommen, dass sich – durch die wohnortnahe Koordination der im Einzelfall benötigten Leistungen – „die Qualität und Kontinuität der Versorgung verbessern [lässt] und gleichzeitig durch Abbau von Fehl-, Unter- und Überversorgung wirtschaftlicher werden“ (Tebest und Kempchen 2018, S. 212) wird. Die Entscheidung darüber, ob Pflegestützpunkte eingerichtet werden, oder auch nicht, liegt bei den Ländern. Dementsprechend heterogen ist das Ergebnis: Bis Ende 2015 waren in 14 Bundesländern insgesamt 416 Pflegestützpunkte eingerichtet. Für

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diese Einrichtungen wurde in dem Zeitraum von 2009 bis 2011 eine Anschubfinanzierung von 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Da diese Anschubfinanzierung allerdings nur zur Hälfte abgerufen wurde, wurde sie 2013 durch das PNG als Gründungsfinanzierung für ambulant betreute Wohngruppen umgewidmet (vgl. Heiber 2017, S. 19 f.). Als ursächlich für die schleppende Entwicklung beim Ausbau der Pflegestützpunkte macht der Deutsche Städtetag die Verortung der Pflegestützpunkte bei den Pflegekassen fest. Er favorisiert eine Verortung der Pflegestützpunkte bei den Kommunen (vgl. Deutscher Städtetag 2015, S. 3 f.). Zudem wird problematisiert, dass die Pflegestützpunkte in ihrer derzeitigen Funktion nicht ausreichend mit der kommunalen Sozialen Arbeit verzahnt und zu sehr auf den Leistungsbereich der Pflegeversicherung verengt sind (vgl. Hoberg und Klie 2015, S. 29). Um die Rolle der Kommunen sowohl im Bereich der pflegerischen Einzelfallberatung als auch auf der strukturellen Ebene der Vernetzung und Koordination zu stärken, wurde ihnen mit Einführung des PSG III 2017 ein sog. Initiativrecht zur Errichtung von Pflegestützpunkten eingeräumt (vgl. § 7c SGB XI). Zudem sollte die Rolle der Kommunen dadurch gestärkt werden, dass ihnen weitere Kompetenzen in der Beratung zugesprochen wurden. Dies sollte dadurch erfolgen, dass die Kommunen als Beratungsstellen im Sinne des § 7b SGB XI anerkannt werden: Falls Kommunen Pflegeberatung im Sinne des § 7a SGB XI erbringen, sind sie automatisch auch als solche Beratungsstellen anzuerkennen, die die Beratungsscheine der Pflegekassen nach § 7b SGB XI einlösen können (vgl. Krahmer und Kempchen 2018, S. 200). Beratungsgutscheine müssen von den Pflegekassen dann vergeben werden, wenn diese eine Beratung nicht selbst anbieten bzw. anbieten können. Eine kommunale Beratungsmöglichkeit besteht also nur für diejenigen Versicherten, deren Pflegekassen Beratungsgutscheine ausstellen, weil sie bspw. keine eigenen Beratenden beschäftigen (vgl. Heiber 2017, S. 27). Ob diese kommunale Beratungstätigkeit tatsächlich mit einer Stärkung der Kommunen in der Pflege einhergeht oder ob die beratenden Kommunen eher als „Erfüllungsgehilfen der Pflegekassen“ (Krahmer und Kempchen 2018, S. 197) fungieren, ist allerdings fraglich. Neben den Beratungsangeboten des § 7a und 7b SGB XI können mit Einführung des PSG III auch Beratungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI durch die Kommunen durchgeführt werden. Zusätzlich zu den erweiterten Beratungskompetenzen können die Kommunen mit Einführung des PSG III auch Einfluss auf die Einrichtung von Pflegestützpunkten nehmen. Wenn im jeweiligen Landesrecht eine entsprechende Regelung vorhanden ist, haben Kommunen ein Initiativrecht zur Einrichtung von Pflegestützpunkten. D. h. sie können „aufgrund landesrechtlicher Vorschriften von den Pflegekassen und Krankenkassen den Abschluss einer Vereinbarung zur Einrichtung von Pflegestützpunkten verlangen“ (§ 7c Abs. 1a SGB XI). Die Kosten für die Pflegestützpunkte werden „von den Trägern des Pflegestützpunktes zu gleichen Teilen unter Berücksichtigung der anrechnungsfähigen Aufwendungen für das eingesetzte Personal getragen“ (§ 7c Abs. 1a SGB XI). Sind im Landesrecht keine entsprechenden Regelungen getroffen, können die Kommunen ihr Initiativrecht allerdings nicht ausüben. Diese Regelung ist

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in den Bundesländern hilfreich, in denen die Zusammenarbeit von Pflegekassen und Landkreisen bzw. kreisfreien Städten in der Vergangenheit nicht erfolgreich war. Eine neue Anschubfinanzierung wird es allerdings nicht geben (vgl. Vorholz 2017, S. 393). Eine weitere Stärkung der Kommunen soll mit der Einrichtung sog. Modellkommunen (vgl. §§ 123 und 124 SGB XI) erfolgen. In diesen Modellkommunen sollen sowohl die Pflegeberatung als auch die Pflegestützpunkte federführend den Kommunen zugeordnet werden. Auch hierdurch würde der Notwendigkeit entsprochen, dass die Kommunen ihrer Steuerungsfunktion in der Altenhilfe stärker nachkommen könnten (vgl. Hoberg et al. 2016, S. 1). In den Modellkommunen sollen im Interesse der Inanspruchnehmenden die Beratungsaufgaben der Pflegekassen „mit dem vielfältigen kommunalen Spektrum […] zusammengebracht werden“ (Vorholz 2017, S. 394). Die Modellkommunen sollen neben den Beratungsaufgaben nach § 7a – c SGB XI und § 37 Abs. 3 SGB XI auch Pflegekurse nach § 45 SGB XI anbieten. Während die Beratungen nach §  7a – c SGB XI weiterhin auch von den Pflegekassen durchgeführt werden können, ist die Übernahme der Beratungen nach § 37 Abs. 3 SGB XI und die Durchführung von Pflegekursen (§ 45 SGB XI) zwingend von den Kommunen zu übernehmen. Bereits bestehende Angebote der Pflegekassen müssen beendet und von den Kommunen neu aufgebaut werden. In den Modellkommunen muss zudem eine Zusammenarbeit mit der Beratung in Bezug auf die Altenhilfe und die Hilfe zur Pflege nach dem SGB XII und die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen (SGB IX) stattfinden. Darüber hinaus muss eine Zusammenarbeit mit weiteren kommunalen Akteuren, bspw. des öffentlichen Gesundheitsdienstes und der Wohnberatung, erfolgen (vgl. Vorholz 2017, S. 394). Die strukturellen Rahmenbedingungen, die der Pflegeberatung zugrunde liegen, sind – wenn auch nicht ausschließlich – aus kommunaler Perspektive nicht unproblematisch. Um zu verdeutlichen, an welchen Stellen den Kommunen Handlungsoptionen zur Verfügung stehen, wird im folgenden Abschnitt konkreter auf unterschiedlich gelagerte Organisations- und Interessenkonflikte eingegangen. 4.2

Im Spannungsfeld von Organisations- und Interessenskonflikten: Pflegeberatung in den Kommunen

(1) Versorgungsplanung ohne Leistungsentscheidung

Im Rahmen einer Pflegeberatung – und hier macht es keinen Unterschied, ob eine Beratung durch die Pflegekasse, die Kommune, oder subsidiär durch sog. Dritte, also durch weitere Beratungsstellen, stattfindet – kann zwar der Hilfebedarf einer anfragenden Person systematisch erfasst und analysiert werden, es kann ein individueller und über den pflegerischen Hilfebedarf hinausgehender Versorgungsplan erstellt werden und es kann auf eine Leistungsgenehmigung der zuständigen Versorgungsträger hingewirkt werden (vgl. § 7a Abs. 1 SGB XI). Die beratenden Institutionen können allerdings nicht sicherstellen, dass die „im Versorgungsplan vorgesehene[n]

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Leistungen anderer Träger auch tatsächlich erbracht werden“ (Eisfeld und Krahmer 2018, S. 161). Leistungsentscheidungen zu treffen ist nicht die Aufgabe der Pflegebera­ tung (vgl. ebd., S. 163). Für diejenigen, die Beratung in Anspruch nehmen, bedeutet das, dass sie am Ende eines Beratungsprozesses zwar einen ausgearbeiteten Versorgungsplan erhalten haben, die Finanzierung der darin als notwendig erachteten Leistungen aber keinesfalls garantiert ist. (2) Zuständiger Kostenträger als unabhängige Pflegeberatung ? Gefordert wird eine unabhängige Pflegeberatung und das sowohl durch die Kommune als auch durch die Pflegekassen. Hier scheint es konfligierende Interessen zu geben, da für die Kommunen „die Suche nach vorrangigen Leistungsträgern (neben der gesetzlichen Pflicht) eine lohnende Angelegenheit“ (Hoberg und Klie 2015, S. 30) darstellt. Und so wird – sicherlich nicht zu Unrecht – darauf hingewiesen, dass, wenn die Pflegeberatung durch die Kommune übernommen wird, eine unabhängige Pflege­ beratung gefährdet sein könne, da „bei den kommunalen Stellen der Gewährung der sozialrechtlichen Hilfe zur Pflege ein entsprechender Maßstab angelegt werden“ (Krahmer und Kempchen 2018, S. 200) könnte. Gleiches gilt für die Pflegekassen. Hier ist seit Jahren bekannt, dass die Einstufung in einen Pflegegrad nicht ausschließlich auf der Grundlage des vorliegenden Hilfebedarfes erfolgt. So konnte Behrens (2008, S. 184) nachweisen, dass es für eine Einstufung in eine Pflegestufe (wie es zu dieser Zeit noch hieß) zusätzlich zu einem pflegerischen Hilfebedarf auch eines erheblichen kulturellen Kapitals der Angehörigen, zumeist der Töchter und Schwiegertöchter, bedurfte. Zudem wurden Männer häufiger in höhere Pflegestufen eingestuft als Frauen und generell gilt: Eine höhere soziale Schicht der Antragstellenden ist vorteilhaft, um bestehende Leistungsansprüche durchzusetzen (vgl. Simon 2004, S. 223). Bislang bleibt also offen, wie ein – sinnvollerweise bei den Kommunen angesiedeltes – Fallmanagement erfolgen kann, wenn es – zum einen – den unterschiedlichen Kostenträgern vorbehalten ist, darüber zu entscheiden, welche Leistungen sie in welchem Umfang zu tragen bereit sind, und wenn – zum anderen – die benötigten Leistungen wie bspw. barrierefreier Wohnraum oder ambulante pflegerische Leistungen von den zuständigen Leistungserbringern entweder aus Kapazitätsgründen nicht erbracht werden können oder aus wirtschaftlichen Gründen nicht erbracht werden wollen.

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Beteiligungsverfahren in der kommunalen Alten(hilfe-)planung

Alten(hilfe-)planung stellt nur einen Teil des ‚altenpolitischen‘ Handelns dar. Altenpolitik muss sich darüber hinaus auf weitere Lebenslagen des Alters ausrichten und diese verantworten. So muss sie bspw. Rahmenbedingungen schaffen, „die es der älteren Generation ermöglichen, sich aktiv in [die] Gesellschaft einzubringen“ (Bothe

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und Grobe 2016, S. 346). Als Handlungsfelder in dem Bereich der Sozialen Arbeit für und mit Älteren können die Soziale (Alten-)arbeit im Bereich von Gesundheit und Pflege (auch Altenhilfe genannt) und die Soziale (Alten-)arbeit in anderen Feldern (‚offene‘ Altenarbeit), bspw. der „Beratung und Vermittlung von Angeboten zur sozialen Teilhabe“ (Aner und Hammerschmidt 2018, S. 68), unterschieden werden. Da sich soziale Teilhabe aber auch immer auf den Bereich Gesundheit und Pflege auswirkt – selbstbestimmte Teilhabe wirkt gesundheitsförderlich, fehlende soziale Teilhabe hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit (vgl. Kümpers und Alisch 2018b, S. 59) – wird im folgenden Abschnitt auf die Beteiligungsprozesse in der Altenplanung eingegangen. Durch partizipative Planungsprozesse soll zum einen Teilhabe Älterer sichergestellt werden und zum anderen sollen Angebote möglichst bedürfnisorientiert entwickelt werden. Obwohl eine Beteiligung älterer Menschen an kommunalpolitischen Themen sowohl in den verschiedenen Bundesländern als auch auf kommunaler Ebene „unterschiedlich akzentuiert“ (Klie und McGovern 2010, S. 38) wird, lässt sich über die Altenhilfeplanung sagen, dass hier ein Wechsel von einer rein empirischen Berichterstattung hin zu einem qualitativen und partizipativen Planungsverständnis stattfand (vgl. Strube 2008, S. 84). Altenplanung soll als partizipativer Prozess angelegt sein, sie soll praxistauglich „über die klassische Infrastrukturplanung hinausgehen [und] die sozialen Strukturen in den Orten des Zusammenlebens […] erhalten“ (Rohden und Villard 2010, S. 54). Anforderungen an Altenhilfeplanungen umfassen sowohl prozedurale als auch inhaltliche Aspekte. Durch eine Berücksichtigung beider Aspekte soll zum einen ein ausgewogenes Verhältnis von Fachlichkeit, Partizipation der Zielgruppe und Orientierung an den örtlichen Bedingungen erfolgen. Zum anderen sollen durch eine solche Art der Planung soziale Benachteiligungen wenn auch nicht ausgeglichen, dann zumindest gemildert werden (vgl. ebd., S. 55). Partizipationsformen können unterschieden werden in repräsentative und di­rekte Verfahren: Eine repräsentative Partizipationsform stellen z. B. Seniorenvertretungen dar. Seniorenvertretungen fungieren auf kommunalpolitischer Ebene als „Forum für das Engagement älterer Menschen und deren Willen zur Mitverantwortung und Mitgestaltung der eigenen Lebenswelt“ (Blankenburg 2013, S. 21), sie bieten älteren Personen die Möglichkeit sich politisch zu engagieren (vgl. Bothe und Grobe 2016, S. 352). Seit 2006 gibt es Landesseniorenmitwirkungsgesetze, in denen – auch wenn sie sich je nach Bundesland voneinander unterscheiden – als Zielbestimmung eine „aktive Beteiligung am sozialen, kulturellen und politischen Leben“ (Blankenburg 2013, S. 22) verankert ist. Zudem soll durch diese Gesetze der „Prozess des Älterwerdens in Würde und ohne Diskriminierung unter aktiver Beteiligung“ (ebd.) geleistet werden können. Auf kommunaler Ebene wird es als Aufgabe von Senior/-innenvertretungen verstanden, die Wünsche älterer Personen zusammenzufassen und ihnen dadurch Gewicht in Politik und Verwaltung zu verleihen. Weiterhin ist es Bestandteil ihre Aufgabe, auf die Einhaltung der Rechte von Pflege- und Hilfebedürftigen zu achten und sowohl diese als auch Politik und Verwaltung zu beraten (vgl. ebd., S. 23).

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Neben dieser repräsentativen Beteiligungsform kann Beteiligung auch als nicht verfasste, direkte Form der Partizipation erfolgen. Hier kann unterschieden werden zwischen versammelnden Verfahren, wie bspw. Bürger/-innenforen, und initiierenden Verfahren aus der Gemeinwesen- oder Stadtteilarbeit (vgl. May 2008, S. 48). Ein versammelndes Verfahren stellen bspw. Stadtteilkonferenzen dar. Hier können ältere Menschen ihre unterschiedlichen Vorstellungen über eine Verbesserung des Quartiers gemeinsam und gleichberechtigt entwickeln (vgl. Aner und Köster 2016, S. 469). Partizipative Projektentwicklungen im Sozialraum – als initiierende Verfahren – bieten die Möglichkeit durch „Hervorbringungsarbeit“ (May 2008, S. 51) aus „einem ‚bloßen Mangel‘ einen ‚Anspruch‘ werden zu lassen“ (ebd.). Im Rahmen solcher Projekte können sich die Teilnehmenden über gemeinsame Bedürfnisse vergewissern und diese als Anspruch formulieren (vgl. May 2017, S. 146 ff.). In einer in diesem Sinne verstandenen sozialraumorientierten Sozialen Arbeit mit Älteren wird die „Räumlichkeit als konstitutive Dimension pädagogischen Tuns“ (Kessl und Reutlinger 2018, S. 1075) verstanden, in der „eine (Neu)Konzeptionierung des professionellen Erbringungssettings und der damit verbundenen fachlichen Handlungsvollzüge unter (sozial)räumlichen Gesichtspunkten“ (ebd.) fokussiert werden kann. So konzipierte kommunale Planungsprozesse könnten bspw. an der (Aus)Gestaltung von Bildungsräumen ansetzen und würden auch „alternative Institutionalisierung[en] auf der Basis einer kritischen Auseinandersetzung mit den bestehenden institutionell/organisationalen Grenzen“ (ebd., S. 1075 f.) zulassen. Aus planerischer Sicht ist in Bezug auf Partizipationsprozesse zu berücksichtigen, dass für ältere Teilnehmende mitunter eher der Prozess als das Ergebnis im Fokus steht. Durch den Prozess können als weitere positive Effekte bspw. Wertschätzung erlebt und soziale Netzwerke erweitert oder vertieft werden. Zudem können hierdurch Lernprozesse und individuelle und kollektive Ermöglichungsprozesse initiiert werden. Wird der Prozess nicht als solcher anerkannt, besteht die Gefahr der Funktionalisierung der partizipativen Maßnahme (vgl. Heite et al. 2015b, S. 421). Weiterhin muss – relativ pragmatisch – berücksichtigt werden, dass Veranstaltungsräume barrierefrei zugänglich sind und auch jene älteren Personen sich beteiligen können, die häufiger von sozialer Isolation betroffen sind: sozioökonomisch benachteiligte Ältere und Personen mit zunehmender Pflegebedürftigkeit und höherem Alter (vgl. Kümpers und Alisch 2018b, S. 59). Dies scheint insofern eine Herausforderung, da „Teilhabeangebote der Altenhilfe […] häufig mit beginnenden Einschränkungen nicht mehr genutzt werden können, u. a. deshalb, weil sich die Altenhilfe nicht für Pflege­ bedürftige zuständig hält und weil wiederum Pflegedienste Mobilitätshilfedienste […] gar nicht kennen bzw. die Unterstützung von sozialer Teilhabe auch nicht als ihre Aufgabe sehen [können]“ (ebd., S. 64).

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass sich eher diejenigen Älteren an Partizipa­ tionsprozessen beteiligen, die dies auch bereits in ihrem bisherigen Leben getan ha-

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ben (vgl. Aner und Köster 2016, S. 476). Beteiligungsprozesse sollen sich dennoch „nicht an den Verhaltensgewohnheiten bildungsgewohnter älterer Menschen ausrichte[n]“ (ebd., S. 478).

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Fazit

Die kommunale Alten(hilfe-)planung beschränkt sich mit Einführung der Pflegeversicherung nicht mehr nur auf die Kommune als alleinige planende und steuernde Akteurin; mit Einführung der Pflegeversicherung wurden Planungs- und Steuerungskompetenzen bei den Pflegekassen zentralisiert. Daraus resultierte, dass „[v]iele Kommunen […] die Altenhilfeplanung aufgegeben“ (Wagenknecht et al. 2016, S. 2) haben. Und auch wenn es Kommunen gibt, die sich – insbesondere in den letzten Jahren – verstärkt im Bereich der Altenhilfe engagieren, sind „Angebotsstrukturen für alte und pflegebedürftige Menschen eher in den Zentren, kaum jedoch in den kleineren Städten und Gemeinden entwickelt“ (Hämel et al. 2013, S. 324). Durch eine marktwirtschaftliche Organisation pflegerischer Versorgungangebote sollten diese bedarfsgerechter ausgestaltet werden. Nahezu unabhängig von kommunalen Bedarfs­planungen (eine Ausnahme stellen die Regelungen des APG NRW dar) können Träger stationäre Altenhilfeeinrichtungen eröffnen und betreiben. Dies geschieht insbesondere in Regionen, in denen dies wirtschaftlich interessant erscheint. Die Eröffnung stationärer Altenhilfeeinrichtungen kann ungeachtet dessen erfolgen, ob es den kommunalen Altenhilfeplanungen entspricht oder ob diese bspw. eher die Etablierung alternativer Wohnformen favorisieren würden. Ähnlich wenig Einfluss können Kommunen auf ein defizitäres Angebot ambulanter Versorgungsangebote nehmen. Wenn es aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht lukrativ erscheint, einen ambulanten Pflegedienst zu betreiben, können die Kommunen nicht steuernd auf die (potenziellen) Leistungsanbieter Einfluss nehmen. Im Laufe der letzten Jahre wurde die zentrale Rolle der Kommunen allerdings (wieder) deutlicher und es wurden und werden vermehrt erweiterte Kompetenzen für die Kommunen gefordert. Diese erweiterten Kompetenzen sollten mit der Umsetzung des PSG III erfolgen, sie werden allerdings eher kritisch betrachtet: Die Änderungen, die mit Einführung des PSG III einhergehen, beschränken sich auf „kleine Änderungen“ (Vorholz 2017, S. 396), erweiterte Planungs- oder Steuerungskompetenzen sind nicht vorgesehen. Es scheint sich zu bestätigen, dass „[d]ie viel diskutierte Stärkung der Kommunen […] bislang kaum umgesetzt“ (Nikelski und Nauerth 2018, S. 191) wurde. Alleinige Akteurin im Bereich der sozialen Altenhilfe ist die Kommune, wenn es darum geht Beteiligungsprozesse zu initiieren. Hier kann sie bspw. durch partizipativ angelegte Quartiersentwicklungsprozesse Teilhabe fördern und gleichzeitig Daten für die kommunale Planung generieren. Wenn die Soziale Altenarbeit in solche Prozesse involviert wird, steht sie vor der Herausforderung, insbesondere die (scheinbare) Zuständigkeitsgrenze für pflegebedürftige und nicht pflegebedürftige Personen bzw.

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die Trennung zwischen sog. Altenarbeit im Bereich Gesundheit und Pflege und sog. offener Altenarbeit zu überwinden. Nur dann können sich auch die Älteren und ihre Angehörigen beteiligen, die bereits hilfe- und pflegebedürftig sind.

Ausgewählte Literatur Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2016. Siebter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften und Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Sachverständigenkommission. https://www.siebter-altenbericht.de/fileadmin/altenbericht/pdf/Der_Siebte_Altenbericht.pdf; Zugegriffen: 23. März 2019. Deutscher Städtetag. 2015. Für eine echte Stärkung der Kommunen in der Pflege. Positionspapier des Deutschen Städtetages. http://www.staedtetag.de/imperia/md/content/dst/siteuebergrei­ fend/2015/positionspapier_pflege_staerkung_kommunen_juni_2015.pdf; Zugegriffen: 23. März 2019. Kessl, Fabian, und Christian Reutlinger. 2018. Sozialraumorientierung. In Kompendium Kinder- und Jugendhilfe. Hrsg. Karin Böllert, 1067 – ​1093. Wiesbaden: Springer VS.

Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften Sozialer (Alten-)Arbeit Cornelia Kricheldorff

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Die Professionalisierungsdebatte in der Sozialen Arbeit

Der Fachdiskurs zur Professionalisierung Sozialer Arbeit im Kontext ihrer Entwicklung als eigene Wissenschaftsdisziplin bekam vor dem Hintergrund diverser Einflussfaktoren erheblichen Auftrieb. „Die Thesen des Wissenschaftsrates zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland aus dem Jahre 2000, die Anerkennung der Sozialen Arbeit als eigenständige Fachwissenschaft durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und die Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahre 2001 sowie zur gleichen Zeit die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen wiesen den Weg für Studienreformen in der hochschulischen Ausbildung für Soziale Arbeit […].“ (DGSA 2016 [2005], S. 1)

Damit stellt sich noch dringender als bisher die Frage nach der eigenen Wissens- und Wissenschaftsbasis Sozialer Arbeit, nicht zuletzt auch als Emanzipationsakt gegenüber den bis dato im Studium sehr dominanten Bezugswissenschaften. Zusätzlich veränderten sich die Rahmenbedingungen für die Soziale Arbeit in Lehre (Stichwort: Bologna-Prozess) und Praxis (Stichwort: Ökonomisierung) in massiver Art und Weise. Diese gleichzeitig wirkenden und sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren hatten in den letzten Jahren erhebliche Auswirkungen auf Lehrinhalte und schwer­ punkte im Studium der Sozialen Arbeit. Auch die Rolle der Fachpraxis ist in diesem Kontext als nicht gering einzuschätzen. Die großen Anstellungsträger, wie zum Beispiel die Wohlfahrtsverbände, formulieren ganz klar ihre Erwartungen an potenzielle künftige Mitarbeiter/-innen und die Hochschulen reagieren darauf, weil sie ihren Absolvent/-innen gute Chancen auf dem Stellenmarkt sichern wollen. Ob dies immer einem Mehr an Professionalität entspricht, muss bezweifelt werden. Oft werden die Erwartungen der Träger von ganz © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_5

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anderen Faktoren, wie etwa einer starken Nachfrage nach Fachkräften in bestimmten Arbeitsfeldern, bestimmt. Waren vor zwei Jahrzehnten knapp 1,2 Millionen Personen in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit beschäftigt, sind es gegenwärtig ungefähr 1,9 Millionen (BAG FW 2018b, S. 10). Zuletzt führte insbesondere der Bedarf an Begleitung geflüchteter Menschen zu einer (vorübergehenden) Steigerung der Beschäftigtenzahlen (ebd., S. 32). Hinzu kommt, dass eine verstärkte Verberuflichung und Akademisierung sozialer Arbeit in den späten 1970er Jahren ihren Anfang nahm (vgl. Hammerschmidt et al. 2017a, S. 25 ff.), sodass seit einigen Jahren zahlreiche langjährige Stelleninhaber/-innen, darunter viele in leitenden Positionen, berentet werden. Derzeit befindet sich die Soziale Arbeit auch inhaltlich in einem Wandlungsprozess auf vielen Ebenen: Es lassen sich eindeutige gesellschaftliche Tendenzen einer verstärkten sozialen Differenzierung ausmachen, die zu zunehmender sozialer Ungleichheit und Armut und somit grundsätzlich zu einem steigenden Bedarf an Unterstützung bei der Lebensbewältigung führen. Zugleich erfahren einige Aufgaben im sozialen Bereich deutliche Einschnitte. Insbesondere freiwillige soziale Aufgaben werden von vielen Kommunen erheblich zurückgefahren, während bei den (zum Teil neuen) Pflichtaufgaben personelle Engpässe entstehen. Die institutionellen Rahmenbedingungen sozialarbeiterischen Handelns sind davon in besonderer Weise betroffen. Soziale Arbeit bekommt auf dem Weg über sog. neue Steuerungsmodelle und Budgetierung (vgl. grundlegend Dahme und Wohlfahrt 2013, S. 152 – ​166), aber auch im Kontext der Verschiebung von gesellschaftlichen Diskursen zunehmend wieder mehr Aufgaben der Kontrolle (vgl. u. a. Kessl 2011). Diese Entwicklung treibt die Professionalisierungsdebatte in eine neue Richtung, in der das Sozialmanagement eine zentrale Rolle einnimmt. Vorrang hat eine Handlungslogik, die von Effizienz im Sinne von Kosteneinsparung geprägt ist (vgl. Kricheldorff 2007). Folgende bisherige Zielsetzungen geraten in der Fachpraxis unter Druck: •• die Schaffung ermöglichender Strukturen und ressourcenorientierter Handlungsmethoden für sozial benachteiligte Menschen im Sinne von Empowerment (Herriger 2014), •• verstehende und an der Lebenswelt orientierte Ansätze der Sozialen Arbeit (Thiersch 2014) und •• empirisch abgesicherte Interventionen, verbunden mit Forschung und Evalua­ tionsansätzen. Für die Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen haben diese Entwicklungen fatale Auswirkungen, denn die Nachfrage nach Fachkräften betrifft vielerorts nicht die Strukturen der Sozialen Altenarbeit, weil jenseits der Sicherung der Pflegeinfra­ struktur nur wenige öffentliche Pflichtaufgaben definiert sind und noch immer eine einheitliche gesetzliche Grundlage für eine Altenhilfe fehlt, die über die Soll-Vorschriften des § 71 SGB XII hinausgeht und die Arbeit der einschlägigen Dienste und

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Einrichtungen dauerhaft absichern könnte. In der Folge wächst insbesondere in finanzschwachen Kommunen die Gefahr, dass die reine Orientierung an Effizienz die Bedarfslagen hilfe- und unterstützungsbedürftiger Menschen eher marginalisiert und diese in der Konsequenz nur als Kostenfaktor betrachtet werden, im Sinne einer „Alterslast“ (ausführlich vgl. die Beitäge von Aner in Kap. I.1 i. d. B., Hammerschmidt und Löffler sowie Rubin i. d. B.). Zu fragen ist also, was diese aktuelle Situation, die hier kurz skizziert wurde, für das Studium der Sozialen Arbeit bedeutet, welche zusätzliche Rolle dabei aktuelle Veränderungen im Zuge des sog. Bologna-Prozesses spielen und welche Bedarfe sich in diesem Kontext für den Bereich der Weiterbildung abzeichnen.

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Entwicklungen im Bereich der Sozialen Altenarbeit

Die Soziale Altenarbeit ist ein innovatives Handlungsfeld innerhalb der Sozialen Arbeit, das sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verändert hat, vielfältiger wurde und ein deutlich breiteres Profil entwickeln konnte (vgl. auch Aner in Teil 2 i. d. B.). Dominierte noch in den 1960er Jahren das Leitbild des betreuten Alters, wandelte sich das ab Mitte der 1970er Jahre bis etwa Mitte der 1990er Jahre zu dem der aktiven Senioren. Diesem Leitbild folgend entstanden neue Angebote, wie beispielsweise Seniorenbüros und Seniorengenossenschaften, die zwar die traditionellen Einrichtungen der sog. offenen Altenarbeit nicht vollständig ablösten, aber die Angebotsstruktur doch erheblich erweiterten. Das war die notwendige Antwort auf Bedarfe ganz neuer Alterskohorten, die mit veränderten Werthaltungen und Erwartungen die zu gestaltende Phase nach Beruf und Familie als neue Herausforderung sahen, die möglichst konstruktiv zu bewältigen ist und die eng mit Lernprozessen und Bildungsanliegen verknüpft ist (Kolland 2005, 2011; vgl. auch Infratest et al. 1991). Das aktuell dominierende Verständnis von Sozialer (Alten-)arbeit entspricht dem der Sozialen Arbeit insgesamt, mit einer starken Ausrichtung auf Lebenswelten (Thiersch 2014) und Ressourcenorientierung im Sinne von Empowerment (vgl. Herriger 2014). Zwei Schlüsselbegriffe spielen dabei eine zentrale Rolle: eine neue Qualität einer ‚Produktivität im Alter‘ und der Ruf nach einer neuen ‚Kultur des Helfens‘, bei der Engagement und Beteiligung, auch von älteren Menschen, deutlich eingefordert werden. Den Hintergrund dafür liefert die deutliche Ausweitung der Altersphase, mit der Konstituierung eines Dritten Alters, geprägt von Aktivität und Partizipation, und eines Vierten Alters, das gekennzeichnet ist von Hilfebedürftigkeit und einem zunehmenden Verlust an Autonomie (vgl. Pichler i. d. B.). Hinzu kommt in neueren Fachdiskursen die Debatte um das sehr hohe Alter, manchmal auch als das sog. fünfte Alter bezeichnet, das geprägt ist von Abhängigkeit und dem zunehmenden Verlust von Autonomie. Wenn immer mehr Menschen älter werden und eine wachsende Zahl von ihnen alleine lebt, wenn familiäre Netzwerke brüchig werden oder gar nicht

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vorhanden sind, braucht die Gesellschaft dafür Formen der Substitution und Kompensationsmöglichkeiten. Unterstützungssysteme, die sich aus den Gedanken der Selbsthilfe, der gegenseitigen Unterstützung und einem beteiligenden Engagement speisen, erhalten dadurch eine wachsende Bedeutung. Zwei Aspekte sind in diesem Kontext wichtig: •• Ältere Menschen können Nutznießer/-innen neuer Engagement- und Beteili­ gungsformen sein, •• ihre Bereitschaft zum Engagement ist aber – vor allem wenn sie gesund und leistungsfähig sind – inzwischen auch eine normative gesellschaftliche Erwartung und dies wird politisch auch so formuliert. Dabei werden ältere Menschen nicht nur als aktive Gestalter/-innen ihrer Lebensbedingungen wahrgenommen, sondern auch als „Motor für Innovationen“. Der 5. Altenbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2006a; vgl. auch Schulz-Nieswandt i. d. B.), in dem diese Formulierung für eines der fünf grundlegenden Leitbilder charakterisierend gebraucht wird, weist eindrücklich darauf hin, dass der demografische und gesellschaftliche Wandel auf Dauer ohne die Mitverantwortung der Älteren nicht gestaltbar sei. Gefordert werden deshalb eine gezielte Nutzung der Potenziale des Alters sowie die Förderung generationsübergreifender Solidarität. Sowohl der 6. Alten­ bericht (BMFSFJ 2010) als auch der 7. Altenbericht (Deutscher Bundestag 2016a) knüpfen daran unmittelbar an und verstärken und erweitern diese Perspektive noch in der Logik sich ändernder Altersbilder bzw. sorgender Gemeinschaften und Kommunen, in denen vor allem dem aktiven dritten Alter eine zentrale Rolle zugewiesen wird (kritisch dazu u. a. Aner 2017).

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Neue Aufgaben und Handlungsfelder der Sozialen (Alten-)Arbeit

Vor dem Hintergrund des klaren Paradigmenwechsels entstanden und entstehen für die Soziale (Alten-)Arbeit neue Aufgaben und Handlungsfelder: in der sog. offe­nen Altenarbeit beispielsweise im Bereich der Engagementförderung und Bürgerbeteiligung, bei der Entwicklung neuer Wohnformen und der Gestaltung förderlicher Lebenswelten, die die Begegnung und Kommunikation zwischen den Generationen möglich machen. Praktische Beispiele dafür sind Stellen im Quartiersmanagement, Moderation und Mediation in der Prozessbegleitung für gemeinschaftliche und gene­rationsübergreifende Wohnformen, Koordinations- und Vernetzungsaufgaben in Senio­renbüros, Freiwilligenzentralen, Tauschbörsen und in Mehr-GenerationenHäusern. Gleichzeitig erfasst ein konzeptioneller Wandel aber auch die sog. Altenhilfe, also die gesundheitsbezogenen Bereiche der Sozialen Altenarbeit im Kontext von Betreu-

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ung, Pflege (vgl. die Beiträge von Franzkowiak, Franke, Ansen, Vogel, Dörr, Bege­ mann und Fuchs sowie Schmidt i. d. B.). und Altenhilfefachberatung (vgl. Rubin i. d. B.). Methoden der Sozialen Arbeit, wie beispielsweise Case Management, werden hier auch von anderen Berufsgruppen adaptiert. Es entstehen neue Beratungsformen und -bereiche, wie beispielsweise in der Pflegeberatung und in den Pflegestützpunkten. Zu fragen ist dabei, wie sich die Soziale Arbeit künftig in diesem Feld positionieren kann und wie sie ein eindeutigeres Profil als bisher gewinnt. Dabei geht es um Vermittlung, Beratung, Koordination und Vernetzung, um Betreuungsaufgaben sowie um die Initiierung und Begleitung von Engagement- und Beteiligungsprozessen (vgl. Kricheldorff 2008). Über das Feld der Sozialen Altenarbeit im engeren Sinne hinaus entwickeln sich aber auch vielfältige Beratungsanliegen für die Fragen und Probleme, die das sog. neue Altern mit sich bringt. Modernisierung, Pluralisierung und Individualisierung verändern Lebenslagen im Alter; traditionelle Familienmuster und -bezüge werden auch im Alter brüchiger (vgl. Beck-Gernsheim 2010; vgl. auch Baas und Schmitt i. d. B.). In der Folge sind ältere Paare vermehrt eine Zielgruppe für die Ehe- und Familienberatung. Sie sind eine zunehmende Größe in der Suchtberatung (vgl. Bojack et al. 2014) und in anderen ‚klassischen‘ Feldern Sozialer Arbeit, die so zunehmend mit Fragen des Alterns befasst sind. In der Konsequenz kann von einer starken Zunahme des Anteils älterer Adressat/-innen in der Sozialen Arbeit insgesamt ausgegangen werden. Das bedeutet, dass Fragen des Alters und Alterns notwendige Querschnittsthemen in Aus- und Weiterbildung darstellen und dass demzufolge die Auseinandersetzung mit den alterstheoretischen Begründungen von Interventionen und Handlungen zu obligatorischen Inhalten in den Modulen der neuen Bachelorund Masterstudiengänge der Sozialen Arbeit werden müssten. Wenn also die möglichen Perspektiven der Professionalisierung Sozialer Altenarbeit in den Blick genommen werden, muss dies geschehen vor dem Hintergrund der notwendigen Kompetenzprofile in einer veränderten Fachpraxis, die in der Gesamtbetrachtung doch eher einer traditionellen Logik folgt. Zu fragen ist in diesem Kontext, ob die curricularen Entwicklungen in der Aus- und Weiterbildung der Sozialen Arbeit diesen veränderten Anforderungen entsprechen bzw. welche Lehr­ inhalte und Kompetenzen in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen künftig stärker vermittelt werden müssten.

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Das Studium der Sozialen (Alten-)Arbeit und der Bologna-Prozess

Gemeinsam mit den europäischen Nachbarn hatte sich Deutschland 1999 in Bologna das Ziel gesetzt, bis zum Jahre 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Bei dem damit verbundenen Umbau der Hochschulen und der umfassenden Reform für (fast) alle Studiengänge – auch für die Soziale Arbeit – hat

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Deutschland verglichen mit den europäischen Nachbarstaaten ein besonderes Tempo vorgelegt. Der sog. Bologna-Prozess gilt als die am tiefsten greifende Hochschulreform der letzten Jahre. In diesem Kontext gab es eine breite Fachdebatte um die Profilbildung der Sozialen Arbeit unter den Rahmenbedingungen von Bachelor und Master (vgl. Mühlum 2004). Der Umwandlungsprozess ist inzwischen abgeschlossen, die früheren Diplomstudiengänge der Sozialen Arbeit sind umgestellt auf das zweistufige Bachelor-Master-Studiensystem. Dies gilt als das augenfälligste Ergebnis der Bologna-Reform (vgl. BMBF 2018). Mit dem freiwilligen Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) und dem Inkrafttreten des nunmehr verbindlichen Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) im Jahre 2013 wurde zusätzlich ein gemeinsamer Rahmen für die hochschulische und für die berufliche Bildung gesetzt. In diesem Kontext waren auf berufspolitischer Ebene Abstimmungsprozesse darüber notwendig, welche curricularen Setzungen, im Sinne von Kompetenzerwerb, der jeweiligen Qualifikationsstufe zugeordnet werden sollten. Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) sowie die Mehrheit im Fachbereichstag Soziale Arbeit plädierten explizit dafür, dass weiterhin im grundständigen Bereich ein generalistisches Studium angeboten wird. Dies kommt in allen einschlägigen Vorlagen und Positionspapieren klar zum Ausdruck. So hat die DGSA mit der Erarbeitung des Kerncurriculums Soziale Arbeit, erstmals vorgelegt im Januar 2005 und am 29. April 2016 von der Mitgliederversammlung verbindlich verabschiedet, klare Eckpfeiler der fachlichen Standards für das Studium der Sozialen Arbeit in Deutschland beschrieben (DGSA 2016 [2005]). Das Kerncurriculum ist auf der Basis von Empfehlungen so formuliert, dass die einzelnen Hochschulen bei der konkreten Ausgestaltung ihrer Curricula viel Gestaltungsfreiheit haben, liefert aber dafür einen verbindlichen professionellen Referenzrahmen – und der sieht keine Spezialisierungen, sondern nur mögliche exemplarische Vertiefungen vor. Derselben Logik folgt der Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit, Version 6.0, verabschiedet vom Fachbereichstag Soziale Arbeit am 8. Juni 2016 in Würzburg. Dieser novellierte Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit konkretisiert die Leitlinien des ebenfalls überarbeiteten Qualifikationsrahmens für Deutsche Hochschulabschlüsse (HQR) für die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit. Der QR SozArb stellt dabei auf die spezifischen Anforderungen kritischer Reflexionen (historisch, systematisch, politisch und intersektional) in personenbezogenen Dienstleistungen ab. Kompetenzen in der Sozialen Arbeit zeichnen sich durch einen konstruktiven gestalterischen Umgang mit der Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis bis hin zur konkreten Differenzerfahrung zwischen theoretischem Wissen und dessen praktischer Anwendung aus, um Handlungssinn, Urteilsvermögen und kritische Reflexion zu erlangen. (Schäfer und Bartosch 2016, S. 14). In sieben Kompetenzsträngen werden eher allgemein Kenntnisse und Voraussetzungen formuliert, die Absolvent/-innen der Sozialen Arbeit in die Fachpraxis mitbringen sollten. Für die Soziale Altenarbeit bedeutet das, dass es im Ergebnis eine spezialisierte gerontologische Profilierung in den neuen Bachelorstudiengängen nur

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in sehr geringer Zahl gibt (z. B. an der Universität Vechta). Eine häufige Form der Umsetzung dieser Empfehlungen in die jeweiligen Curricula der Hochschulen sind die Orientierung des Studienangebots an einer Lebenslaufperspektive, was der gerontologischen Profilbildung nicht immer zuträglich ist, am Beispiel der Universität Kassel typisch zu beobachten. Das dort lange Zeit etablierte Studium der Sozialen Gerontologie fiel dieser Entwicklung zum Opfer. Eine andere Form, an mehreren Hochschulen für Angewandte Wissenschaften inzwischen verankert, ist die exemplarische Vertiefungsmöglichkeit für die Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen in speziellen Handlungsfeld- oder Zielgruppenangeboten. Dies ist aber jeweils verbunden mit der bewussten Entscheidung der Studierenden für altersspezifische Themen in den Wahlbereichen und für die damit verknüpften Konzepte und Methoden. Die Wahl dieser speziellen, altersrelevanten Studieninhalte erfolgt bei den oft sehr jungen Bachelorstudierenden erfahrungsgemäß in erster Linie bei denen, die schon Erfahrungen in gerontologisch konnotierten Arbeitsfeldern gemacht haben, zum Beispiel in einem Praktikum oder im Freiwilligen Sozialen Jahr. Diese Form exemplarischen Vertiefungslernens in einem Arbeitsfeld eigener Wahl verhindert also tendenziell die Auseinandersetzung mit altersrelevanten Themen für die Studierenden, die von sich aus zum Feld der Altenarbeit noch keinen Zugang gefunden haben. Dies ist in der Regel die weitaus größere Zahl. Ein breites Querschnittangebot mit obligatorischen Studieninhalten, die den künftigen Bedarfen einer skizzierten Zunahme altersrelevanter Themen sowie älterer Adressat/-innen in vielen Arbeitsfeldern entsprechen, ist damit im Bereich der Bachelorstudiengänge insgesamt eher unzureichend gegeben. Die Spezialisierung soll, wie oben angedeutet, aus berufspolitischer Sicht in den Masterprogrammen erfolgen. Entsprechend entstanden im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses diverse Masterprofile und -abschlüsse in der Sozialen Arbeit in erheblicher Geschwindigkeit und in breiter Ausdifferenzierung – zum größeren Teil als konsekutive Master, aber auch als Weiterbildungsmaster in berufsbegleitender Form (vgl. Kessler et al. 2017). Auch im Bereich gerontologischer Stu­diengänge waren hier Aktivitäten und Veränderungen deutlich spürbar, die zuweilen auch zu Konkurrenzsituationen geführt haben. Nachdem aber bis heute weitgehend unklar ist, wo die Masterabsolvent/-innen ihren Platz in der Fachpraxis finden und die Anstellungs­träger mit der Frage der Besoldung bzw. Höhergruppierung auf Grund des formal höher qualifizierenden Abschlusses, generell eher zurückhaltend umgehen, erschließt sich die Sinnhaftigkeit des weiteren Studiums für eine große Gruppe der Bachelorabsolvent/-innen nicht wirklich. Diese Unsicherheit trägt unter anderem dazu bei, dass Masterangebote, als weiterbildende und qualifizierende Studiengänge konzipiert, nur zögerlich angenommen werden. Hinzu kommt, dass die meisten dieser Masterprogramme von den Teilnehmenden bezahlt werden müsssen und damit für viele Berufspraktiker/-innen nicht einfach zu finanzieren sind, auch weil Zuschüsse der Arbeitgeber eher selten in Anspruch genommen werden können. Im Bereich der Sozialen Gerontologie führte dies in den letzten zehn Jahren zu der Entwicklung, dass – trotz des erkennbar fortschreitenden demografischen Wandels – so-

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Cornelia Kricheldorff

wohl die etablierten Angebote (z. B. an den Universitäten Heidelberg und Kassel) als auch die neu akkreditierten Masterstudiengänge (z. B. Cottbus und Freiburg) mit rückläufigen Bewerbungs und Studierendenzahlen konfrontiert waren oder schnell wieder eingestellt wurden. Eine im Jahr 2007 durchgeführte Studie zum Stand der Entwicklung der gerontologischen Studienangebote im deutschsprachigen Raum, also auch in der Schweiz und in Österreich, im Auftrag der Deutschen Gesellschaft und Gerontologie und Geriatrie, stellte denn auch in der Zusammenfassung entsprechend fest: „Es zeigt sich, dass die Bemühungen sowohl von Universitäten, als auch von Fachhochschulen, wissenschaftlich fundiert praxisrelevant auszubilden, zu vielfältigen Konzepten in der Erwachsenenbildung geführt haben. Welche Ausbildungsformen sich sowohl auf der Seite der Studierenden, als auch auf der Nachfrageseite am Arbeitsmarkt behaupten können, ist derzeit noch nicht absehbar.“ (Backes et al. 2007, S. 403)

Diese Diversität weckte auch klare Befürchtungen, dass durch das Nebeneinander sehr unterschiedlicher Studiengänge die akademische Qualifikation im Bereich der Gerontologie zu beliebig werden könnte (Klie und Kricheldorff 2007, S. 426). Im Rahmen einer Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geria­ trie (DGGG) wurde deshalb konzeptionell an der Frage der Basisqualifikationen für gerontologische Studiengänge gearbeitet und über mögliche Synergieeffekte durch Kooperationen und die Vernetzung von Qualifizierungsangeboten nachgedacht. Der Versuch der Formulierung von verbindlichen Grundlagen für gerontologische Qualifikationen scheiterte aber an konkurrierenden Interessen. Rund zehn Jahre später erfolgt in einem Beitrag der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, aus Anlass ihres 50-jährigen Bestehens, erneut eine kritische Bestandsaufnahme zu gerontologisch orientierten Studiengängen in Deutschland (Kessler et al. 2017). Die Situation stellt sich in der Zusammenfassung nicht viel anders dar, als im Jahr 2007. Gefordert wird unter anderem, „[…] Maßstäbe für hochwertige gerontologische Qualifikation an deutschen Hochschulen zu entwickeln und mit Institutionen, die gerontologisch qualifiziertes Personal beschäftigen bzw. in Zukunft beschäftigen könnten, in einen engen Austausch zu treten“ (ebd., S. 409).

Im Bereich der Masterstudiengänge ist nach wie vor eine große Diskrepanz feststellbar zwischen sich deutlich abzeichnenden und prognostizierten Bedarfen in der Fachpraxis einerseits und dem Nachfrageverhalten potenzieller Studierender andererseits. Dies lässt aber weniger darauf schließen, dass gerontologische Inhalte in der Praxis der Sozialen Arbeit nicht relevant sind, als vielmehr auf die nach wie vor unklare berufliche Perspektive, die ein Masterabschluss ermöglicht. Berufspolitisch muss zusätzlich die Frage gestellt werden, ob spezialisierende Masterstudiengänge wirklich zu einer deutlicheren wissenschaftlichen Profilierung der Sozialen Arbeit

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beitragen oder ob sie nicht die Tendenz verstärken, dass ihre Absolvent/-innen sich nach dem Abschluss von ihrer Herkunftsprofession abgrenzen und entfernen, weil sie sich dann eher als Gerontolog/-innen definieren.

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Weiterbildungen für die Arbeit mit älteren und alten Menschen

Berufsbegleitende Weiterbildungen haben in der Sozialen Arbeit schon immer eine bedeutende Rolle gespielt, vor allem wenn sie für spezialisierte Arbeitsfelder, die auch unabhängiger von den großen Anstellungsträgern machen, die notwendigen Qualifikationen vermitteln (z. B. Familientherapie, Mediation, rechtliche Betreuung). Dies trifft auch für den Bereich der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen zu. Nachgefragt werden Weiterbildungsinhalte, die potenziell eigenständige Arbeitsfelder eröffnen oder für Leitungsaufgaben qualifizieren. Ein Beispiel ist der wachsende Bereich des Case- und Care-Managements (vgl. Wendt i. d. B.), der unter anderem im Zusammenhang mit Pflegeberatung und Quartiersarbeit eine besondere Relevanz bekommt. Gefragt sind auch Weiterbildungsinhalte, die Leitungskompetenzen vermitteln, beispielsweise im Sozialmanagement. Eher weniger nachgefragt werden solche, die alterstheoretische Inhalte vermitteln, zum Beispiel für den Bereich der offenen Altenarbeit. Spürbar wird insgesamt, dass die Weiterbildungseuphorie der 1990er Jahre, die vor allem das aktive Alter im Blick hatte, deutlich abebbt – auch weil die Entwicklung der qualifizierten Arbeitsfelder in der Sozialen Altenarbeit, mit dem sich vollziehenden strukturellen Wandel nicht Schritt hält. Hier schließt sich der Bogen zu den am Anfang gemachten Ausführungen (vgl. Abschnitt 1). Die finanzielle Ausstattung der Altenarbeit ist – wie schon ausgeführt – vorrangig eine kommunale Aufgabe, dort überwiegend im Bereich der freiwilligen sozialen Leistungen verortet und damit ein Spiegel der jeweiligen Haushaltslage. Dies schafft keine verlässlichen und nachhaltig wirksamen Strukturen, obwohl die Bedarfe offenkundig sind. Vielmehr bewirkt dieser Umstand, dass das Feld der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen eher ein Tummelplatz für Modellprojekte geworden ist, die jeweils wichtige Entwicklungen anstoßen, deren Nachhaltigkeit aber an der fehlenden nachfolgenden Regelfinanzierung scheitert. Das beeinflusst ganz maßgeblich auch das Verhalten der Nutzer/-innen im Weiterbildungsbereich. Nachgefragt wird dort, heute viel stärker als noch vor zehn Jahren, was unmittelbar beschäftigungsrelevant ist, auch weil die Unterstützung und finanzielle Förderung berufsbegleitender Qualifizierungen durch die Arbeitgeber deutlich zurückgegangen ist. Weiterbildungsträger bekommen das insgesamt deutlich zu spüren. Ein anderer Aspekt ist im Bereich der Weiterbildung in der Sozialen Altenarbeit die inzwischen sehr kritisch hinterfragte Wirkung fachlicher Weiterqualifizierungen einzelner Mitarbeiter/-innen auf die Gesamtqualität der Arbeit in Einrichtungen und

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Cornelia Kricheldorff

Verbänden. Eher schwierig bewertet wird das Angebot bestehender Weiterbildungen erfahrungsgemäß, •• wenn die Teilnehmenden nach einer Weiterbildungseinheit in die Realität ihrer jeweiligen Fachpraxis zurückkehren und dort frustriert feststellen, dass ihre mitgebrachte hohe Motivation in Bezug auf Veränderung oder Verbesserung angesichts deutlich wahrnehmbarer Grenzen bei Kolleg/-innen und Institution verblasst, •• wenn klar wird, dass die vermittelten Weiterbildungsinhalte nur bedingt auf die Realität in der eigenen Berufspraxis übertragbar sind, •• wenn Aufwand und Nutzen der Weiterqualifizierungen offenkundig in keinem Verhältnis stehen. Dann werden andere und effizientere Wege gesucht. Eine Alternative sind sog. Inhouse-Schulungen – eine Form, die ganz dicht an den Erfordernissen der jeweiligen Stelle oder Einrichtungen deren spezifische Fragestellungen in den Blick nimmt. Ihre besondere Chance liegt darin, dass alle an einem Arbeitsprozess Beteiligten gleichzeitig angesprochen werden und dass damit strukturelle Veränderungen wahrscheinlicher werden. Kritisch zu bewerten ist, dass die Effizienzorientierung auch zur Falle werden kann, weil wichtige Impulse von außen verloren gehen. Weiterbildung ist dann auch mit der Gefahr verbunden, dass sie nur noch nach einem Aufwand-Nutzen-Kalkül erfolgt und damit kreative Potenziale einzelner Mitarbeiter/-innen verkümmern könnten. Denn: Zur Entwicklung neuer Ideen und Konzepte braucht es oft auch Freiräume und einen gewissen Abstand zu täglichen Arbeitsroutinen. Eine andere Option, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, sind akkreditierte wissenschaftliche Weiterbildungen, die aktuelle Impulse und Bedarfe aus der Fachpraxis aufgreifen und in Verbundsystemen zu formal weiterqualifizierenden Abschlüssen zusammenführen. Ein Beispiel dafür ist der Weiterbildungsverbund Zukunft Alter, der perspektivisch die Option für einen Master Angewandte Gerontologie eröffnet (Müller et al. 2018). Er wird im Rahmen der Förderlinie Auf- und Ausbau von Strukturen der wissenschaftlichen Weiterbildung an Hochschulen in Baden-Württemberg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) sowie aus Mitteln des Landes BadenWürttemberg finanziert. Im ersten Schritt zunächst ausgehend von der Katholischen Hochschule Freiburg, der Hochschule Mannheim und der Katholischen Stiftungshochschule in München weitet sich das Konstrukt mittlerweile auch auf das Saarland und Berlin aus. Dahinter steht die Idee, über ein Baukastensystem verschiedene CAS – Certificates of Advanced Studies – zu erwerben und durch die Verzahnung von beruflicher und akademischer Weiterbildung die wissenschaftliche Qualifika­ tion in der Gerontologie weiterzuentwickeln. Dabei geht es darum, passgenau und an der jeweiligen Lebenssituation orientiert, neue Wege aufzuzeigen, wie berufliche und hochschulische Bildung in Anrechnung und Anerkennung durchlässiger aufeinander abgestimmt werden könnten. Flexible Modelle im lebenslangen Lernen bilden die

Ausbildung und Weiterbildung von Fachkräften Sozialer (Alten-)Arbeit

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Kernelemente des Projekts. So können die Teilnehmenden eine individuell passende wissenschaftliche Weiterbildung wählen und erst später entscheiden, ob sie das mit einem Masterabschluss verbinden möchten. Auf diese Weise soll eine Weiterqualifizierung von Fachkräften bzw. eines wissenschaftlichen Nachwuchses in der Sozialen Altenarbeit und in angrenzenden Feldern der Altenhilfe und Pflege, vor allem aus der Praxis kommend, gezielt gefördert werden (Müller et al. 2018). Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass am Thema des Älterwerdens vor allem erfahrenere Kräfte aus der Praxis interessiert sind. Sie suchen konkret nach berufsbegleitenden Weiterbildungen. Grundständige Studiengänge der Gerontologie haben es hingegen noch immer schwer, weil in ihnen bisher kaum vorhandene Kompetenzen und andere erbrachte Leistungen anerkannt werden und eine Kumulation von Weiterbildungen im Bereich der Gerontologie nicht möglich ist. Insgesamt kann festgestellt werden, dass der Weiterbildungsbereich als Markt an Hochschulen an Rele­ vanz gewinnt und diese sich zunehmend diesen neuen Modellen öffnen müssen. Dabei sind Hochschulen für Angewandte Wissenschaften im Vorteil, weil sie schon immer vielfältig mit der Praxis kooperieren und verzahnt sind.

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Ausblick

Der Bereich der Aus- und Weiterbildung für die Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen befindet sich mehr denn je im Umbruch, Hochschulen und Weiterbildungsträger müssen sich neu positionieren. Langjährige Aufbaustudiengänge, die ein entsprechendes Profil der Sozialen Gerontologie entwickelt und vermittelt hatten, wurden im Zuge des Bologna-Prozesses aufgelöst oder sind in die neuen Bachelorstudiengänge integriert worden, wo sie aber kaum noch sichtbar sind. Gleichzeitig vollzieht sich eine starke Ausweitung auf neue Handlungsfelder und die Zunahme des Anteils älterer Adressat/-innen in der Sozialen Arbeit insgesamt, die auch solche Arbeitsbereiche erfasst, die auf den ersten Blick mit dem Thema Alter wenig zu tun haben. So entsteht die paradoxe Situation, dass die Absolvent/-innen der grundständigen Studiengänge zunehmend mit einer Berufsrealität konfrontiert werden, für die sie in Bezug auf alterstheoretische Fundierungen und einschlägige methodische Grundlagen wenig vorbereitet wurden. Im Bereich der spezialisierten Masterstudiengänge machen sich Unsicherheiten deutlich bemerkbar, die aus noch nicht erfolgten Festlegungen der Anstellungsträger resultieren. Status und Besoldung von Masterabsolvent/-innen sind nach wie vor unklar, entsprechende Stellen fehlen noch weitgehend in der Fachpraxis. Das zeigt Wirkungen auf die Motivation für ein weiterqualifizierendes und spezialisierendes Studium. Die Bewerbungszahlen in den einschlägigen gerontologischen Masterangeboten sind noch immer sehr überschaubar. Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit insgesamt und die Orientierung an Effizienz verändern das Nachfrageverhalten im Bereich der Weiterbildung. Gefragt ist

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und geschult wird, was unmittelbar gebraucht wird. Innovationen kommen aus Modellprogrammen und Förderprojekten, deren Nachhaltigkeit nur selten gesichert ist. Grund zur Resignation ? Die kurze Analyse der Bedingungen und Anforderungen in der Praxis der Sozialen Arbeit insgesamt und speziell in der Arbeit mit älteren und alten Menschen zeigt deutlich, dass zunehmend gerontologische Expertise gebraucht wird. Es muss also künftig verstärkt darum gehen, schon in den grundständigen Bache­lorstudiengängen entsprechende gerontologische Inhalte und Fragestellungen in obligatorischen Bereichen stärker zu verankern. Es wird weiter darum gehen, die Optionen zu schärfen, die mit einem spezialisierten Masterabschluss verbunden sind, und im weiterqualifizierenden Bereich über neue Bildungsformen und -settings verstärkt nachzudenken. Eine wirklich neue und zukunftsweisende Perspektive, vor allem auch für berufserfahrene Personen aus der Fachpraxis, bieten die wissenschaftlichen Weiterbildungen, die im Verbund den Weg auch in formal weiterqualifizierende Abschlüsse leichter ermöglichen.

Ausgewählte Literatur DGSA. Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit. 2016 [2005]. Kerncurriculum Soziale Arbeit. Eine Positionierung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit. https://www.dgsa.de/fileadmin/Dokumente/Aktuelles/DGSA_Kerncurriculum_final.pdf. Zugegriffen: 05. August 2019. Müller, Marion, Ines Himmelsbach und Cornelia Kricheldorff. 2018. Altern in Sozialraum und Quartier – Facetten der Quartiersarbeit und Entwicklung einer wissenschaftlichen Weiterbildung als Antwort auf aktuelle Herausforderungen im Sozialraum. In Sozialraum.de 10 (1). https://www.sozialraum.de/altern-in-sozialraum-und-quartier.php. Zugegriffen: 5. August 2019. Schäfer, Peter, und Ulrich Bartosch. 2016. Qualifikationsrahmen Soziale Arbeit (QR SArb). Version 6.0. Verabschiedet vom Fachbereichstag Soziale Arbeit am 08. Juni 2016 in Würzburg. http:// www.fbts.de/fileadmin/fbts/QR_SozArb_Version_6.0.pdf. Zugegriffen: 29. Juli 2019.

Soziale Arbeit für ältere Menschen in Österreich Johannes Pflegerl und Angelika Neuer

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Demografische und sozialstrukturelle Entwicklungstrends

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der älteren Menschen in Österreich kontinuierlich angestiegen und wird – Bevölkerungsprognosen von Statistik Austria zufolge (Statistik Austria 2018a) – auch in den nächsten Jahrzehnten weiter ansteigen. Folgt man etwa der von Kytir (2008, S. 45) im Bericht zur Hochaltrigkeit in Österreich vorgenommenen Einteilung zwischen alten Menschen (65 – ​79 Jahre) und betagten Menschen (über 80 Jahre) so zeigt sich für 2018 das in Abbildung 1 dargestellte Bild.

Abbildung 1  Anteil der Altersgruppen an der Bevölkerung 1961 – 2018 – 2080 100,0 90,0

1,8 % 10,5 %

4,9 %

13 %

13,7 %

80,0

16 %

70,0 60,0

57,9 % 61,8 %

50,0

52,2 %

40,0 30,0 20,0 10,0 0,0

29,8 %

1961 0–19 Jahre

20–64 Jahre

19,5 %

18,8 %

2018

2080

65–79 Jahre

80+ Jahre

Quelle: Eigene Darstellung nach Statistik Austria 2018a, 2018b ©

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_6

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Johannes Pflegerl und Angelika Neuer

Während der Anteil der über 65-Jährigen im Jahr 1961 bei 12,3 % lag, sind es 2018 bereits 18,6 %. Bis 2080 wird diese Altersgruppe über 29 % der Bevölkerung ausmachen. Mehr als verdoppelt hat sich der Anteil der über 80-Jährigen. Von 1,8 % 1961 ist dieser bis 2018 auf 4,9 % angestiegen und wird laut Prognose von Statistik Austria bis zum Jahr 2080 auf 13 % der Gesamtbevölkerung (Statistik Austria 2018a) weiter zunehmen. Die Darstellung dieser demografischen Entwicklungstrends hinterlässt in der breiten Öffentlichkeit oftmals den Eindruck, dass aufgrund der sich ändernden Altersstruktur unweigerlich ein kaum zu bewältigendes Krisenszenario entstehen wird. Übersehen wird dabei, dass in Österreich, so wie in anderen Ländern, mehr ältere Menschen als jemals zuvor bis ins hohe Alter ein autonomes Leben in Gesundheit führen. So konnte für Österreich der Nachweis erbracht werden, dass zwischen 1978 und 2014 nicht nur die Lebenserwartung der über 65-Jährigen, sondern auch die Lebenserwartung in Gesundheit bei dieser Altersgruppe gestiegen ist, wie Abbildung 2 verdeutlicht (Famira-Mühlberger 2017, S. 18; vgl. auch die Beiträge von Franzkowiak und Homfeldt i. d. B.). Aufgrund dieser Entwicklungen wird zunehmend über eine Gesellschaft des langen Lebens oder der Langlebigkeit gesprochen (Stosberg 2003; Lehr 2011). Insgesamt ist die Gruppe der älteren und alten Menschen durch große Diversität bezüglich Gesundheit wie auch Lebensführung charakterisiert. In den letzten Lebensjahren allerdings sind viele Hochaltrige mit stärkeren gesundheitlichen Beeinträchtigungen kon-

Abbildung 2  Entwicklung Lebenserwartung und Alter in guter Gesundheit bei Frauen und Männern 65+ 90 86,5

85 80,9

83,2

77,5

76,4 76,3

Alter

80

75 69,1

70

68,6 65 1978

2014

Lebenserwartung Frauen 65+

Lebenserwartung Männer 65+

Alter in guter Gesundheit Frauen 65+

Alter in guter Gesundheit Männer 65+

Quelle: Eigene Darstellung nach Famira-Mühlberger 2017, S. 18 ©

Soziale Arbeit für ältere Menschen in Österreich

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frontiert und haben einen erhöhten Pflegebedarf (Famira-Mühlberger 2017, S. 22). Über 80 % der Bezieher/-innen von Pflegegeld (zu den rechtlichen Bestimmungen siehe Abschnitt 2 des vorliegenden Beitrags) werden nach wie vor zu Hause betreut. 53 % der Pflegegeldbezieher/-innen erhalten nur informelle Unterstützung und keine professionellen Hilfen, 29 % werden auch durch mobile Pflegedienste und 2 % durch 24-Stunden-Betreuer/-innen unterstützt. Nur 16 % der pflegebedürftigen Menschen leben in stationären Einrichtungen. Die Hauptbetreuungspersonen der informellen Pflege zu Hause sind nach wie vor mehrheitlich weiblich (73 % Frauen, 27 % Männer) (ebd., S. 15 f.). Als sichtbare Tendenz zeigt sich jedoch mittlerweile ein starker Rückgang der Anzahl von Frauen, die Pflegeleistungen übernehmen können. Durch eine weiter steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und das gesetzlich für sie nun geltende höhere Pensionsantrittsalter wird sich dieser Trend zukünftig noch verstärken (ebd.). Dazu kommt, dass die Zahl der alleinlebenden Menschen, insbesondere der alleinlebenden Frauen mit höherem Alter stark ansteigt. Von besonderer Relevanz ist dabei die steigende Gefahr, in soziale Isolation zu geraten (Statistik Austria 2018c). Ältere alleinstehende Frauen sind tendenziell auch stärker von Armut betroffen (Statistik Austria 2017). Eine zusätzliche Gruppe von älteren, zunehmend betreuungsbedürftigen Menschen sind Migrant/-innen. Kehrten in den vergangenen Jahrzehnten viele im Alter in ihr Herkunftsland zurück, so lässt sich gegenwärtig ein Anstieg älterer Migrant/-innen beobachten, die in Österreich bleiben. Daraus ergibt sich die Herausforderung, ihren Bedürfnissen entsprechende Betreuungsangebote zu schaffen. Hier steht Österreich erst am Anfang (Reinprecht und Rossbacher 2016).

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Gesetzliche Grundlagen für die Betreuung und Pflege von alten Menschen

Das österreichische Sozialsystem stellt gesetzlich festgelegte finanzielle Mittel sowie, je nach Bundesland, verschiedenartige Beratungs- und Dienstleistungsangebote zur Verfügung, um die Risiken des Alters abzufedern. Ziel der Sozialpolitik und des Gesetzgebers ist es, dass durch finanzielle Mindestsicherung, Beratung und Dienstleistungen der Bedarf an Pflege und Betreuung für alle gedeckt ist und Teilhabechancen gewährleistet bzw. verbessert werden. Dafür sollen die jeweils bedarfsgerechten Hilfen angeboten werden. Vergleichbare Gesetze wie etwa der sog. Altenhilfeparagraf (§ 71 SBG XII) in Deutschland oder das Gesetz zur gesellschaftlichen Unterstützung in den Niederlanden, das einen Rahmen für die gesellschaftliche Entwicklung älterer Bürger/-innen vorgibt, existieren in Österreich nicht. Primäre Grundlage der existentiellen Absicherung für ältere (bzw. arbeitsunfähige) Menschen ist das Pensionssystem. Die Mindestpension beträgt 966,65 € für eine einzelne Person und 1 472,00 € für Ehepaare/Lebenspartnerschaften (14× jähr-

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Johannes Pflegerl und Angelika Neuer

lich, Stand 2020). Ist der erworbene Pensionsanspruch geringer, erhält man eine sog. Ausgleichszulage. Mit 01. 01. ​2017 wurde die Ausgleichszulage für Alleinstehende, die mehr als 30 Jahre gearbeitet und dafür Sozialversicherungsbeiträge bezahlt haben, auf 1 000 € angehoben (1 080 € im Jahr 2020; vgl. Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort 2020). Eine staatliche Pflegeversicherung existiert in Österreich bislang noch nicht, wird aber seit über zehn Jahren immer wieder diskutiert. Allerdings wird bei einem Pflege- und Betreuungsbedarf ab einer voraussichtlichen Dauer von sechs Monaten auf Grundlage des Bundespflegegeldgesetzes finanzielle Unterstützung (ggf. auch in Form von Sachleistungen) gewährleistet. Das Pflegegeld ist als finanzieller Zuschuss konzipiert, um sich adäquate Unterstützung von individuell gewählten Anbietern oder auch privat leisten zu können. In den ersten 25 Jahren nach Einführung 1995 wurde es allerdings nur fünfmal erhöht. Das ergab, inflationsbereinigt, einen Wertverlust von 35 %. Ab 2020 wird das Pflegegeld nun jährlich im Wert angepasst und valorisiert. Zuständig für die Beantragung und Auszahlung des Pflegegeldes ist die jeweilige Pensionsversicherungsanstalt. Das Pflegegeld ist je nach Schweregrad des Pflege- und Betreuungsbedarfes in sieben Stufen gegliedert. Unter „Betreuung“ werden hier hauswirtschaftliche Leistungen und Mobilitätshilfen im engeren und weiteren Sinn verstanden, die primär von Heimhilfen oder in stationären Einrichtungen als Teil der Pflege erbracht werden. Für besonders belastete pflegende Angehörige ist in Form eines gesetzlichen Anspruches das sog. Angehörigengespräch im Pflegegeldgesetz vorgesehen. Es kann von Sozialarbeiter/-innen oder Psycholog/-innen durchgeführt werden (Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege). Es soll Information und Entlastung bieten und dadurch weiterführende Entscheidungen erleichtern, wie Pflege und Betreuung besser gestaltet werden können. Laut Sozialministerium wird dieses Angebot zunehmend genutzt (Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz 2017, S. 19 ff.). Darüber hinaus haben pflegende Angehörige unter bestimmten Voraussetzungen einen gesetzlich geregelten Anspruch auf finanzielle Unterstützung bzw. finanzierte Zeit für Pflege und Betreuung (Pflegekarenz). Aus den Budgets der Sozialhilfe werden für alte Menschen sowie für Menschen mit Behinderungen, die in stationären oder teilstationären Einrichtungen leben bzw. ambulante Dienste in Anspruch nehmen, Zuschüsse bereitgestellt, wenn das eigene Einkommen inkl. Pflegegeld nicht ausreicht, um für alle Bürger/-innen, unabhängig vom Einkommen bedarfsgerechte Pflege und Betreuung sicherzustellen. In stationären Einrichtungen beispielsweise werden grundsätzlich maximal 80 % des Nettoeinkommens und ein Großteil des Pflegegeldes herangezogen. Der jeweilige Bedarf, ob eine stationäre, teilstationäre oder ambulante Leistung erforderlich ist, wird individuell durch ein standardisiertes Begutachtungsverfahren festgestellt. Die Sozialhilfegesetze, die dabei angewandt werden, fallen in die Kompetenz der Bundesländer und beinhalten, abgesehen von einigen Grundlagen, durchaus unterschiedliche Regelungen und Richtsätze. Somit sind die Förderleistungen und An-

Soziale Arbeit für ältere Menschen in Österreich

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gebote von Pflege und Betreuung unterschiedlich und nicht bundesweit qualitativ standardisiert. In den meisten Bundesländern ist eine stationäre Pflege und Betreuung erst ab einer Pflegegeldstufe 3 oder 4 möglich, in Wien schon bei niedrigerer Pflege­geldstufe. 2017 wurde der sog. Pflegeregress abgeschafft, d. h. dass für Pflege- und Betreuungsleistungen in stationären Einrichtungen nicht mehr eigenes Vermögen (Ersparnisse, Liegenschaften) oder das der Kinder herangezogen wird. Seitdem ist die Nachfrage nach stationären Pflegeplätzen, laut Medienberichten, sprunghaft angestiegen (etwa ORF.at 2018). Die budgetären Zusatzbelastungen, die dadurch in den Bundesländern entstanden sind, wurden bislang vom Bund nicht ausreichend ausgeglichen und es steht zu befürchten, dass sich damit die Qualität der Pflege und Betreuung unter dem zusätzlichen wirtschaftlichen Druck noch verschlechtert (vgl. etwa Trend 2018). Schon bisher besteht, ähnlich wie in Deutschland, ein großes Manko an Pflege­ kräften, nicht nur im stationären, sondern auch im ambulanten Bereich (FamiraMühlberger 2017). Im Jahr 2008 wurde vor diesem Hintergrund die 24-Stunden-Betreuung in Österreich als Personenbetreuungsgewerbe legalisiert. Es sind seitdem zahlreiche Agenturen entstanden, die Betreuer/-innen großteils aus osteuropäischen Ländern vermitteln und die Qualität der geleisteten Arbeit wie auch die Arbeitsbedingungen überprüfen sollen. Jedoch ist die Qualitätssicherung häufig unzureichend und die Arbeitsbedingungen der Betreuer/-innen sind trotz der Legalisierung mitunter prekär. Zudem fehlt das Sorgepotenzial zunehmend in den Herkunftsländern der Betreuer/-innen (Care Drain). Bedeutsam für die Betreuung und Pflege alter Menschen ist auch das neue Erwachsenenschutzgesetz (seit 01. 07. ​2018), mit dem Österreich eine von der EU geforderte Neugestaltung des Sachwalterrechts umgesetzt hat, um die gesetzlichen Grundlagen entsprechend den Zielen der Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderungen zu gestalten. Im Vordergrund steht ein Paradigmenwechsel: „Unterstützung vor Vertretung“. Somit wird bei Entscheidungen im Bereich finanzieller, behördlicher, medizinischer und persönlicher Angelegenheiten sowie bei Fragen zur Wahl des Wohnortes und der Betreuungsart mehr Entscheidungsspielraum der Betroffenen eröffnet. Mit einer Erwachsenenvertretung geht nun auch nicht mehr automatisch die Geschäftsfähigkeit verloren, wie das bisher bei einer Sachwalterschaft der Fall war. Darüber hinaus wurde 2015 speziell für Menschen mit demenziellen Erkrankungen die „Demenzstrategie Österreich“ erarbeitet. Diese sieht sieben Wirkungsziele und dazu 21 Handlungsempfehlungen für die Begleitung und Betreuung dieser Gruppe von Menschen vor. In einigen Bundesländern wurde diese Strategie bereits für den jeweiligen lokalen Kontext konkretisiert und es wurden eigene spezifische Angebote zur Verbesserung der Betreuung von an Demenz erkrankten Personen und deren Angehörigen geschaffen (Juraszovich et al. 2015). Zusammenfassend betrachtet besteht in Österreich eine Palette von gesetzlichen Grundlagen, die monetäre Problemlagen abfedern und alte Menschen und deren Angehörige in ihrer Lebenssituation unterstützen. Der Schwerpunkt liegt dabei aller-

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Johannes Pflegerl und Angelika Neuer

dings stark auf der Pflegebedürftigkeit und sieht wenig (präventive) Maßnahmen vor, wie etwa Beratungsangebote, die das gesamte Lebensumfeld einbinden.

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Angebote Sozialer Altenarbeit in Österreich

An dem von Kittl-Satran und Simon bereits 2010 formulierten Befund, dass Soziale Arbeit mit älteren Menschen einen komplexen Gegenstandsbereich bezeichnet, für den es in Österreich kein einheitliches und breit akzeptiertes Verständnis gibt, hat sich noch wenig geändert (Kittl-Satran und Simon 2010, S. 225). Soziale Altenarbeit umfasst grundsätzlich ein Spektrum von offener Altenarbeit mit Menschen, die weitgehend keinen Betreuungs- und Unterstützungsbedarf haben, bis hin zur Arbeit mit Betreuungs- und Pflegebedürftigen. Für Österreich gibt es bislang allerdings keinen Gesamtüberblick, wie viele professionelle Sozialarbeiter/-innen in den genannten Feldern der offenen Altenarbeit tätig sind. Es fehlen auch Standards zu den Aufgaben, die sie hierbei übernehmen. Gleichwohl lassen sich Arbeitsbereiche skizzieren: Verwirklicht wird offene Altenarbeit in Österreich auch durch die Förderung des freiwilligen und bürgerschaftlichen Engagements von älteren Menschen im Bildungs-, Kultur- und Sozialbereich (Spitzer 2010, S. 108). Dazu zählen auch die breiten Felder der Freizeitgestaltung sowie Bildungs- und Begegnungsangebote für Senior/-innen (Wolf 2011, S. 43), wie etwa Pensionisten-Klubs und Volkshochschulen, die von der öffentlichen Hand, von Seniorenverbänden oder kirchlichen Einrichtungen angeboten werden. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind in diesem Bereich allerdings kaum tätig, sondern meist andere, wesentlich geringer ausgebildete Berufsgruppen. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Arbeit mit Senior/-innen in Altentagesstätten, in denen es u. a. um den Erhalt und die Förderung sozialer Kontakte von älteren Menschen geht, die bereits tagesstrukturierende Angebote benötigen. Hier sind auch Sozialarbeiter/-innen beschäftigt. Im Bereich der stationären Altenhilfe ist zunächst die Krankenhaussozialarbeit im Bereich des Entlassungsmanagements zu nennen, die ihr Angebot auch an ältere Patient/-innen richtet, die soziale und persönliche Unterstützung bei der Bewältigung von Krankheitsfolgen benötigen. Sozialarbeiter/-innen sind in Österreich, wenn auch nicht flächendeckend, in Krankenhäusern als Teil eines interdisziplinären Teams eingesetzt (Schobermaier 2018). Primär findet stationäre Altenhilfe jedoch in Alten- und Pflegeheimen statt. Nur wenige solcher Einrichtungen haben bisher Sozialarbeiter/-innen als fixe Berufsgruppe im interdisziplinären Team eingestellt. Zu den wenigen Ausnahmen zählt etwa das Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser mit rd. 9000 Wohn- und Pflegeplätzen in 30 Häusern. Pro Pensionisten-Wohnhaus wird je nach Größe ein bestimmtes Stundenkontingent an professioneller Sozialer Arbeit zur Verfügung gestellt: Bei Wohnhäusern bis 280 Plätzen 20 Stunden pro Woche, bei Wohnhäusern mit mehr als 280 Plätzen 25 Stunden pro Woche (zu den Aufgaben vgl. Abschnitt 4 des vorliegenden Beitrags).

Soziale Arbeit für ältere Menschen in Österreich

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Nur sporadisch vertreten sind Sozialarbeiter/-innen in Österreich auch in der teilstationären Altenhilfe, etwa in Tageseinrichtungen und in der Kurzzeitpflege oder in der mobilen Altenhilfe. Hier sind weit überwiegend Fachkräfte aus dem Berufsfeld der Pflege tätig. Eine Ausnahme bildet der Bereich der Palliativversorgung. In diesem existiert eine spezifische Stellenbeschreibung für Sozialarbeiter/-innen, die – wenn auch nicht flächendeckend – als Teil eines interdisziplinären Betreuungsteams, bestehend aus Mediziner/-innen und diplomierten Pflegekräften, tätig sind (Hospiz Österreich 2002). Dass Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen in Österreich nach wie vor eine marginale Stellung einnimmt, begründet Spitzer (2010, S. 94 f.) mit der historisch bedingten Ausrichtung Sozialer Arbeit auf Problemlagen in der Sozialisation, den Lebenslagen und den biografischen Konflikten in Kindheit und Jugend. Erst später kam es zu einer Ausweitung Sozialer Arbeit für Erwachsene im Erwerbsalter. Eine Auseinandersetzung mit Fragen des Alterns blieb hingegen lange Zeit völlig aus dem Handlungs- und Forschungsinteresse der Sozialen Arbeit ausgeblendet. Auch sozialpädagogische Konzepte in der Altenhilfe und Altenarbeit in Österreich spielen nach wie vor nur eine geringfügige Rolle (vgl. insgesamt auch Knapp und Spitzer 2010 bzw. Kolland und Fibich 2014).

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Aufgaben Sozialer Arbeit mit älteren Menschen

In einer Gesellschaft der Langlebigkeit sind alte Menschen in jedem Arbeitsbereich der Sozialen Arbeit als Klient/-innen und/oder Angehörige anzutreffen. In den Ausbildungscurricula der Sozialen Arbeit an den Fachhochschulen in Österreich bildet sich diese Tatsache bisher noch nicht überall ab. An manchen Fachhochschulen ist Soziale Altenarbeit verpflichtend vorgesehen, an anderen wird es nur als Wahlpflichtfach oder Querschnittsthema angeboten. Derzeit ist professionelle Soziale Arbeit für alte Menschen in Österreich, dort wo es sie gibt, in interprofessionellen Teams als Beratungs- und Unterstützungsangebot zur Gestaltung von Lebensübergängen und Abfederung von Exklusionsrisiken eingesetzt. Überblicksartig betrachtet umfasst sie folgende Aufgaben: •• Beratung und Unterstützung zur Existenz- und Zugangssicherung zu sozialen Zuschüssen und altersspezifischen Hilfsangeboten •• Information und Beratung zu rechtlicher Vertretung (Erwachsenenschutz) sowie Maßnahmen zu deren Verhinderung •• Beratung und Begleitung bei der Lebensplanung/-gestaltung, speziell an Lebensübergängen, z. B.: Heimaufnahme, Information zu Angeboten der Region und Entscheidungsfindung für passgenaue Betreuungsformen •• Aufsuchende Soziale Arbeit mit älteren Menschen in prekären Wohn- und Betreuungssituationen oder wenn erforderliche Hilfen abgelehnt werden

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Johannes Pflegerl und Angelika Neuer

•• Psychosoziale Unterstützung und Krisenintervention •• Angehörigenarbeit bzw. Arbeit mit dem sozialen Umfeld •• Schutz vor Gewalt und Diskriminierung – insbesondere für Menschen mit demenziellen Erkrankungen •• Netzwerkarbeit/Case Management •• Leitung bzw. Mitarbeit bei Projekten für alternative Alterswohnformen und Betreuungsangebote im Gemeinwesen •• Mitarbeit in Palliativteams (ambulant und stationär)

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Zusammenfassung und Ausblick

Soziale Arbeit als personenbezogene soziale Dienstleistung mit einem besonderen, generalistischen und präventiven Blick auf soziale Problemlagen hat grundsätzlich ein hohes fachliches Potenzial, um im Kontext der sich durch den Altersstrukturwandel ergebenden gesellschaftlichen, sozialen und individuellen Auswirkungen verstärkt tätig zu sein. Besonders im ländlichen Raum ist diese in Österreich noch kaum vorhanden. Aufgrund der beschriebenen Entwicklungen zu einer Gesellschaft der Langlebigkeit sowie der Entstehung neuer gesetzlicher Grundlagen, wie etwa dem Erwachsenenschutzgesetz, welche Selbstbestimmung und Unterstützung von älteren Menschen in den Vordergrund stellen, ergeben sich auch in Österreich neue Chancen für eine vermehrte Nachfrage nach den Kompetenzen von Sozialer Arbeit in diesem Bereich. Sowohl bei präventiven Beratungsangeboten sowie in der Entwicklung alternativer Wohn- und Betreuungsformen könnte Soziale Arbeit in Österreich in den nächsten Jahren verstärkt in interdisziplinäre Teams einbezogen werden. Ein zukünftiger Schwerpunkt wird in der Angehörigenbetreuung liegen, um Pflegende zu entlasten und eine passgenaue Mischung aus professioneller, informeller, gegebenenfalls ehrenamtlicher Hilfestellung zu finden. Das gilt in besondere Weise auch für das Thema der Demenz, das in den letzten Jahren aufgrund seiner zunehmenden Verbreitung auch in der Öffentlichkeit breites Interesse gefunden hat. Informationsbroschüren, Initiativen für demenzfreundliche Bezirke, Beratungseinrichtungen, Gruppenbetreuungsangebote, spezielle stationäre Abteilungen und alternative Wohnformen sind entstanden und werden vermehrt benötigt. Ein weiteres Tätigkeitsfeld eröffnet sich für Soziale Arbeit in den österreichweit geplanten multidisziplinär ausgerichteten Primärversorgungszentren zur Verbesserung der medizinischen und sozialen Grundversorgung. Sozialarbeiter/-innen werden hier in einigen der bereits bestehenden Primärversorgungszentren in Oberösterreich und zukünftig auch in Niederösterreich eingesetzt. Diese neuen Schwerpunktfelder professioneller Sozialer Altenarbeit gilt es nun zu besetzen und auch von Seiten der Ausbildung mehr in den Fokus zu rücken. Von den Forschungs- und Ausbildungsstätten für Soziale Arbeit an den Fachhochschulen ge-

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hen in diesem Zusammenhang bereits wichtige Impulse zur Weiterentwicklung der Praxis und Positionierung Sozialer Arbeit in diesem Bereich aus (Pflegerl 2014). Um diese Impulse zu verstärken, hat innerhalb der im Jahre 2013 gegründeten Öster­reichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (ogsa) eine Arbeitsgemeinschaft „Altern und Soziale Arbeit“ ihre Tätigkeit aufgenommen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, das Profil der Profession im Bereich der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen zu schärfen und Forschungsergebnisse verstärkt nach außen zu vermitteln. 2017 wurde von dieser AG das Positionspapier „Zur Zukunft der Sozialen Altenarbeit in Österreich“ erarbeitet (Arbeitsgemeinschaft Altern und Soziale Arbeit der ogsa 2017). In diesem werden das fachspezifische Kompetenzprofil, das professionelle Handlungsrepertoire sowie gegenwärtige wie auch potenziell zukünftige Praxisfelder Sozialer Arbeit mit älteren und alten Menschen kompakt dargestellt. Während allerdings Pflege- und Betreuungsberufe eigene Berufsgesetze haben (Gesundheits- und Krankenpflegegesetz seit 1996; Sozialbetreuungsberufegesetz 2008) und auch in den Pflegeheimgesetzen der Länder verankert sind, fehlt für die professionelle Soziale Arbeit sowohl immer noch ein eigenes Berufsgesetz als auch eine gesetzliche Verankerung der Berufsgruppe in den Leistungsbereichen von Pflege und Betreuung. Soziale Arbeit hat u. a. dadurch gegenüber Pflegeberufen Nachteile, zu einem integrierten Teil in der interdisziplinären Arbeit mit alten Menschen und ihren Angehörigen zu werden. Zwar wurden in den letzten Jahren in den Ausbildungen der Pflegeberufe vermehrt ganzheitliche Konzepte verankert, die auch die soziale Dimension des Lebens mehr mitberücksichtigen und zur Vermittlung von Methoden wie Biografiearbeit, Angehörigenarbeit und Familienkonfliktbearbeitung geführt haben. Allerdings können die sozialen Aspekte der Altenbetreuung bei weitem nicht befriedigend von den Pflegeberufen alleine abgedeckt werden, da einerseits ein chronischer Pflegekräftemangel besteht und andererseits pflegerische Aufgaben – auch in der Ausbildung – im Vordergrund stehen.

Ausgewählte Literatur Arbeitsgemeinschaft Altern und Soziale Arbeit der ogsa. 2017. Zur Zukunft der Sozialen Altenarbeit in Österreich. Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft Altern und Soziale Arbeit. https:// www.ogsa.at/wp-content/uploads/2018/06/Positionspapier-Broschuere-Altern-und-SozialeArbeit.pdf. Zugegriffen: 03. November 2018. Knapp, Gerald, und Helmut Spitzer. 2010. Altern, Gesellschaft und soziale Arbeit. Lebenslagen und soziale Ungleichheit von alten Menschen in Österreich. Klagenfurt u. a.: Mohorjeva Hermagoras. Spitzer, Helmut. 2010. Soziale Arbeit mit alten Menschen. Theorieperspektiven, Handlungsmodelle und Praxisfelder. In Altern, Gesellschaft und soziale Arbeit. Hrsg. Knapp, Gerald, und Helmut Spitzer, 91 – ​122. Klagenfurt u. a.: Mohorjeva Hermagoras.

Soziale Arbeit für ältere Menschen in der Schweiz Klaus R. Schroeter und Carlo Knöpfel

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Einleitung

Die Schweiz gilt in mehrfacher Hinsicht als „Sonderfall“ (Eberle und Imhof 2007), was sich auch im Bereich Sozialer Arbeit mit älteren Menschen – die hier gemeinhin als ‚Altersarbeit‘ bezeichnet wird – und in der Entwicklung der Sozialen Geron­to­ logie niederschlägt. Dieser Sonderfall zeigt sich u. a. darin, dass die Alternsforschung und die Professionalisierung der Altersarbeit im Vergleich mit anderen europäischen Ländern mit einer deutlichen zeitlichen Verzögerung einsetzten. Folgt man der Argumentation Höpflingers (2018, S. 1), dann ist das zum einen auf die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern langsamer verlaufende Entwicklung zum Sozial- und Wohlfahrtsstaat, zum anderen aber vor allem auf den dezentralen und föderalistischen Aufbau der Schweiz zurückzuführen. Aufgrund dieser politischen Grundkonstellation liege die Zuständigkeit für Fragen der Alters-, Gesundheits- und Sozialpolitik zumeist bei den Kantonen oder auch direkt bei den Gemeinden, deren „ausgeprägte(s) Autonomiebedürfnis“ (Höpflinger 1999, S. 66) dazu führe, „dass jede Region für analoge Probleme eigene Lösungen entwickelt (ebd.).“ Hinzu komme, dass in der Schweiz viele alters- und sozialpolitische Aufgaben, ‚nebenamtlich‘ bzw. ‚zivilgesellschaftlich‘ ausgeübt werden. Fernerhin hat die Familie nicht nur eine zentrale Bedeutung bei der Hilfe, Betreuung und Pflege älterer Menschen (Perrig-Chiello et al. 2010; Gasser et al. 2015; Pardini 2018a, S. 76 ff.), sondern spielt zugleich auch eine entscheidende Rolle für das Verständnis der Sozialen Altersarbeit. Somit führen das Subsidiaritätsprinzip, der Milizgedanke und der föderalistische Staatsaufbau nach Einschätzung Höpflingers (2018, S. 1) „zu einer politischen Kultur, in der ‚Überschaubarkeit‘ betont wird“, in der „Expertentum und Spezialwissen oft als unnötig, wenn nicht sogar als illegitim und undemokratisch“ erscheinen und „fachliche Professionalisierung und (akademische) © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_7

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Spezialisierung selbst dort verzögert (werden), wo sie sich aufgrund steigender Aufgabenkomplexität aufdrängen.“

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Frühe Formen der Altersversorgung und Alterssicherung in der Schweiz

Wie auch in anderen europäischen Ländern reichen die Anfänge der Sozialen Arbeit in der Schweiz bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, des sog. Anstaltsjahrhunderts zurück, als die ersten Armenerziehungsanstalten und Rettungshäuser als Vorformen späterer spezialisierter Anstalten, entstanden, wie sie sich u. a. in den sukzessive entwickelnden ersten Alters- und Siechenheimen zeigen (Tuggener 1991; Seiler 2004). Mit Übergang von der agrarischen zur industriellen Produktionsweise entstand auch in der Schweiz eine neue Form von Massenarmut (Pauperismus), in deren Folge verschiedene Vereine, Unterstützungskassen und karitative Einrichtungen tätig wurden, um die soziale Not zu mildern. In der Schweiz hatten sich 1810 verschiedene Wohltätigkeitsvereine unter dem Dach der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) vereinigt (Schumacher 2010). Diese machte sich zunächst vor allem für eine bürgerliche und wirtschaftsliberale Form der Fürsorge stark und nahm eine eher kritische Einstellung gegenüber dem Sozialstaat ein, bis die Folgen der Weltwirtschaftskrise auch die private Wohltätigkeit in der Schweiz erschütterten und die SGG eine allgemeine Alters- und Hinterlassenenversicherung befürwortete. Ende des 19. Jahrhunderts wurden unter den Bedingungen der Massenarmut zudem Forderungen nach Einführung von weiteren Sozialversicherungen erhoben. So wurde denn auch im Zusammenhang mit dem großen ‚Landesstreik‘ von 1918 (Rossfeld et al. 2018) vonseiten der Arbeiterschaft die Einführung einer Alters- und Invalidenversicherung eingefordert. Wenige Jahre später (1925) wurde dem Bund die Befugnis erteilt, eine Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) einzuführen. Die daraufhin ausgearbeitete und vor allem aus konservativen und kirchlichen Kreisen als ‚sozialistisch‘ und ‚marxistisch‘ eingestufte Gesetzesvorlage wurde 1931 in einer Volksabstimmung vom Volk abgelehnt, ehe dann 1948 das Bundesgesetz zur AHV eingeführt und mit zwischenzeitlich 10 Revisionen immer wieder modifiziert wurde (zur Geschichte der AHV vgl. die Synopse des BSV 2018). 1972 entschied sich die Schweiz gegen eine umfassende Volkspension, die von der Partei der Arbeit (PdA) mit einer Initiative gefordert wurde, und für das Drei-Säulen-Prinzip in der Altersvorsorge, das vom Parlament auf Treiben bürgerlicher Kreise als Gegenvorschlag eingebracht worden war. Heute kennt die Schweiz ein komplexes dreisäuliges System der materiellen Altersvorsorge. Zur für alle Bürger/-innen obligatorischen AHV, die nach dem Umlage­ verfahren organisiert ist (erste Säule), kommt die für die meisten Erwerbstätigen obligatorische berufliche Vorsorge mit ihrem Kapitaldeckungsverfahren (zweite Säule) und die freiwillige und steuerlich privilegierte private Vorsorge (dritte Säule). Wo diese Renteneinkommen zur Existenzsicherung nicht ausreichen, werden zusätzlich

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bundesstaatlich finanzierte Ergänzungsleistungen gewährt (Knöpfel 2018). Der demografische Wandel und die wirtschaftliche Entwicklung setzen das System der Altersvorsorge unter Druck. Der Reformbedarf ist anerkannt, aber dem Bundesrat und dem nationalen Parlament gelingt es kaum noch, mehrheitsfähige Reformvorschläge an die Urne zu bringen. Zu dieser materiellen Existenzsicherung im Alter kommt die Absicherung der anfallenden Gesundheitskosten im Alter, die in der Schweiz nur begrenzt gewährleistet ist. Das Land verfügt über kein umfassendes und eigenständiges Pflegeversicherungsgesetz, welches die Betreuung und Pflege im Alter gesamtschweizerisch regeln würde (für eine detaillierte Übersicht siehe Pardini 2018b, S. 30 ff.; Wächter und Kessler 2019). Vielmehr finden sich an verschiedenen Orten des Sozialversicherungssystems Instrumente, die für die Finanzierung von Betreuung und Pflege im Alter eine Rolle spielen. So kennt die AHV eine sog. Hilflosenentschädigung, die Menschen, die in ihren Aktivitäten des täglichen Lebens eingeschränkt sind, nach einer Karenzfrist von einem Jahr beanspruchen können. Im Krankenversicherungsgesetz wird geregelt, was im Pflegefall von der Krankenkasse übernommen wird. Die konkrete Organisation der Hilfe, Betreuung und Pflege liegt in der Obhut der Kantone. So finden sich in der Schweiz 26 unterschiedliche Gesetzgebungen zum Vollzug und zur Ausführung von Unterstützungsleistungen für ältere hilfs- und pflege­bedürftige Menschen. Je nach kantonaler Struktur und Regelung werden der gesamte ambulante und stationäre Pflegebereich oder Teile davon an die Gemeinden delegiert. Sie sind für die Bedarfsplanung und die Versorgung zuständig. Um diesem Auftrag nachzukommen, vergeben sie Leistungsverträge an sog. Spitexorganisationen (spitalexterne ambulante und mobile Pflegeorganisationen) und Alters- und Pflegeheime. Diese Angebote werden durch privatwirtschaftliche Unternehmen der Seniorenwirtschaft ergänzt. Diese decken insbesondere den Bereich der Betreuung im ambulanten Setting ab, weil auf diese Unterstützungsleistungen, wenn sie nicht direkt mit einem Pflegebedarf verknüpft sind, kein Versicherungsschutz besteht und diese Leistungen darum von den Betroffenen selber bezahlt werden müssen (Pardini 2018b, S. 56 f.; Knöpfel 2019).

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Alterspolitik, Altersarbeit und Soziale Gerontologie in der Schweiz

Die Zuständigkeit für Altersfragen und Alterspolitiken ist in der Schweiz weitgehend in den Verantwortungsbereich der Kantone und Gemeinden gelegt. Diese föderalistische Regelung führte nach Höpflinger (1999, S. 66 f.) dazu, „dass zwar schon sehr früh spezielle Altersinstitutionen, Beratungsdienste und Betreuungseinrichtungen für ältere Menschen entstanden, diese lange Zeit jedoch weitgehend losgelöst von fachlich-wissenschaftlichen Perspektiven arbeiteten“ und sich eine „hoch entwickelte Altersarbeit ohne wissenschaftliche Begleitung bzw. eine Praxis ohne Theorie“ ergab.

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3.1

Alterspolitik

Als leitender Eckpfeiler der Altersarbeit fungiert die Schweizer Alterspolitik, die „zum Ziel [hat], den Beitrag älterer Menschen an die Gesellschaft vermehrt anzuerkennen, für ihr Wohlbefinden zu sorgen und materielle Sicherheit zu gewährleisten. Sie soll Autonomie und Partizipation der älteren Menschen fördern und die Solidarität zwischen den Generationen stärken“ (BSV 2019).

Alterspolitik wird verstanden als „Maßnahmenpaket, das auf den Abbau von Defiziten und die Berücksichtigung der Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet ist“ (Bundesrat 2007, S. 44). Die zentralen Rahmenbedingungen der schweizerischen (Alters-)Politik sind Föderalismus, Subsidiarität und parastaatliche Politikgestaltung: Das hat zur Folge, dass der Bund zwar in sog. Nationalen Strategien – wie z. B. zur Alterspolitik (Bundesrat 2007), zur Demenz (BAG 2016) oder zu Palliative Care (BAG und GDK 2012) – die entsprechenden Richtlinien vorgibt, die weitere Handhabung jedoch in die Hände von Kantonen, Städten und Gemeinden legt (Martin et al. 2010; Rielle et al. 2010; Stremlow et al. 2018), die – gegebenenfalls mit Unterstützung von und mittels Leistungsverträgen mit NGOs (u. a. Alzheimer Schweiz, Caritas, CURAVIVA, HEKS, Pro Senectute, Spitex, Forum Alter und Migration, SRK) – für die operative Umsetzung zuständig sind. Der Schweizer Bundesrat hat in seiner „Strategie für die Alterspolitik“ (Bundesrat 2007) darauf hingewiesen, dass sich die Alterspolitik „nicht auf die materielle Sicherheit im Alter und die Sozialversicherungen (AHV, BVG, EL und KVG) beschränken sollte, sondern der Aspekt Alter auch in Bereichen wie Verkehr, Raumplanung, Wohnen, Gesundheit, Sicherheit, Kommunikation, Sport und Freizeit einzubeziehen ist“ (ebd., S. 1).

Als potenzielle Handlungsfelder werden die fünf Bereiche 1) Gesundheit und medizinische Versorgung, 2) Wohnsituation und Mobilität, 3) Arbeit und Übergang in den Ruhestand, 4) wirtschaftliche Situation der Altersrentnerinnen und -rentner und 5)  Engagement und gesellschaftliche Partizipation genannt (ebd.). Dabei orientiert sich die alterspolitische Strategie der Schweiz a) zum einem an einer ressourcen- und potenzialorientierten Ausrichtung, die auf Partizipation, Engagement, Beitrag sowie auf Autonomie, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zielt und entsprechende Rahmen, Chancengleichheit und Anreize bzw. Prävention voraussetzt, b) zum anderen an einer bedürfnis- und risikoorientierten Ausrichtung, die auf einen Zugang zum Pflegeangebot und zum Sozialschutz zielt und eine Koordination der Angebote und individualisierte Leistungen voraussetzt.

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Frühe Impulse zur schweizerischen Alterspolitik wurden bereits durch die ersten Eidgenössischen Kommissionen für Altersfragen (1966, 1979, 1995) gesetzt, später dann auch durch die Wohnerhebungen der Age-Stiftung (Höpflinger 2004, 2009; Höpflinger und van Wezemael 2014; Höpflinger et al. 2019) oder durch die Schweizerischen Sozialberichte (Suter et al. 2004, 2008; Bühlmann et al. 2012; Ehrler et al. 2016). Doch anders als in anderen europäischen Ländern, in denen bereits seit längerer Zeit nicht nur regelmäßige Altenberichterstattungen des Bundes vorgelegt, sondern auch kontinuierlich repräsentative Alterssurveys durchgeführt werden (Motel-Klinge­ biel et al. 2003), fehlt ein solches Instrumentarium in der Schweiz. Ein 2008 unternommener parlamentarischer Vorstoß (Motion) zu Prüfung der Erstellung eines periodischen Alterssurveys in der Schweiz nach dem Vorbild des deutschen Alterssurveys wurde vom Schweizer Bundesrat mit der Begründung zurückgewiesen, dass die bestehenden Personen- und Haushaltsstatistiken bereits wichtige Angaben zu den Lebensbereichen der älteren Bevölkerung liefern und dass „[d]er geforderte AltersSurvey, der sämtliche Aspekte des Alters ab 40 Jahren umfassend und integrativ abdeckt, wie das z. B. in Deutschland der Fall ist, […] mit erheblichen zusätzlichen finanziellen und personellen Ressourcen verbunden [wäre]“ und der Bundesrat „eine zusätzliche Erhebung für nicht angebracht [hält]“ (Bundesversammlung 2019). 3.2

Altersarbeit und Soziale Gerontologie

Auch ohne eine regelmäßige Altenberichterstattung des Bundes verfügen die meisten Schweizer Gemeinden heute über ‚Altersleitbilder‘ und ‚Alterskonzepte‘, die sich an den Erkenntnissen der modernen Alternsforschung orientieren. Die Soziale Arbeit mit älteren und für ältere Menschen wird, wie oben bereits erwähnt, im Schweizer Sprachduktus gemeinhin mit ‚Altersarbeit‘ gefasst. Eine präzise Definition dessen, was im Einzelnen genau darunter zu verstehen ist, existiert nicht. Aber es dürfte ein weitgehend geteiltes Grundverständnis darüber bestehen, dass es sich hierbei um ein spezifisches (Handlungs-)Feld der Sozialen Arbeit handelt (vgl. u. a. Aner und Karl 2008; Aner 2018a; Kühnert und Ignatzi 2019; Meyer 2019), in dem verschiedene Akteure das Wissen und die Methoden der Sozialen Arbeit auf das spezifische Sujet Alter und auf die Lebensverhältnisse älterer Menschen anwenden (speziell zur Pflege und Betreuung vgl. Pardini 2018a). Dabei sind nach schweizerischer Konsenskultur Vernetzung, kooperative Wissensbildung sowie die Zusammenarbeit von Vertreter/-innen aus Forschung, Politik, Praxis und Wirtschaft wesentliche Bestandteile des sich abzeichnenden ‚gerontologischen Feldes‘ in der Schweiz. Dazu zählen auch verschiedene Stiftungen, die im schweizerischen Altersbereich eine wichtige Position einnehmen. Die 1917 gegründete und sich als „Fürsprecherin des Alters“ (Ruoss 2015) verstehende Stiftung für das Alter firmiert seit 1978 unter dem Namen Pro Senectute/Für das Alter. Sah sie sich in ihrer Gründungszeit vor allem der Aufgabe verpflichtet, sich für eine gesetzliche Altersversicherung einzuset-

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zen, verlagerte sich ihr Schwerpunkt mit Einführung der AHV. Sie wurde zu einer allgemeinen Anlaufstelle für verschiedene praxisorientierte Fragen zur Beratung und Dienstleistung rund ums Alter(n) und ist heute die wohl größte Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen in der ganzen Schweiz. Stiftungen finanzieren nicht nur konkrete Projekte, sondern geben auch Reporte heraus und unterstützen (vor allem anwendungsbezogene und praxisorientierte) Forschungsprojekte. Eine zentrale Rolle spielt die 2002 gegründete Age-Stiftung, die sich auf das Thema Wohnen und Betreuung konzentriert. Hier werden in der deutschsprachigen Schweiz innovative und zukunftsfähige Projekte gefördert und mit Erfahrungsberichten dokumentiert. Zudem wird seit 2003 alle fünf Jahre ein „Age-Report“ publiziert, der sich mit spezifischen Fragen des Wohnens im Alter wissenschaftlich auseinandersetzt. In den letzten Jahren hat sich auch die Paul-Schiller-Stiftung im Altersbereich vermehrt engagiert. Schwerpunkt hier ist die Betreuung im Alter. Die Stiftung finanziert nicht nur Grundlagenarbeit in dieser Thematik, sondern fördert mit einer entsprechenden Website und Forumsveranstaltungen auch den politischen Dialog. Unter dem Dach von SwissFoundations haben sich an einem „Round Table Alter“ zahlreiche weitere Stiftungen zusammengefunden, um alleine oder gemeinsam Projekte im Altersbereich zu unterstützen. So konnte zum Beispiel ein Konsortium von neun Stiftungen gebildet werden, die eine groß angelegte Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) über Einkommenssituationen bei spezifischen Betreuungs- und Pflegesitua­tionen im Alter finanziert haben (Knöpfel et al. 2019). Fernerhin ist die 2007 gegründete terzStiftung zu nennen, die sich als „Interessenvertreterin für eine moderne Altersvision“ versteht und Projekte und Kampagnen für ein aktives, selbstbestimmtes Leben im Alter lanciert. Die Gerontologie ist eine vergleichsweise junge Disziplin (zur Entstehung der Gerontologie als eigenes Wissenschaftsfeld vgl. Achenbaum 1995, Katz 1996, Ferraro 2018). Seit langem wird heftig über den Status und das Profil der Gerontologie debattiert, was Gerontologie bedeutet, ob sie eine Wissenschaft oder eine Profession sei, ob ihr der Status einer Disziplin zustehe, wie es mit ihrer Professionalisierung stehe, ob sie inter-, multi- oder vielleicht transdisziplinär sei und was ihr eigentlicher Kern sei (vgl. zusammenfassend Künemund und Schroeter 2015; Schroeter 2020). Auch in der Schweiz hat sie aber bereits einige beachtliche Erfolge vorzuweisen (Höpflinger 1999, 2007). Bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts (1953) wurde die Schweizerische Gesellschaft für Gerontologie (SGG) gegründet, die sich jüngst (2019) im Rahmen ihrer Umstrukturierungspläne in Gerontologie CH – Das Netzwerk für Lebensqualität im Alter umbenannt hat und seit 2016 mit der Zeitschrift „Angewandte Gerontologie Appliquée“ auch über ein eigenes Periodicum verfügt. Die ersten Lehrstühle für Geria­trie wurden bereits 1955 in Basel und 1966 in Genf geschaffen. Bis zur Einrichtung eines Lehrstuhls für Gerontopsychologie an der Universität Zürich (2002) sollte jedoch noch fast ein halbes Jahrhundert vergehen. Wesentlich früher entstand mit Kaufmanns Studie „Die Überalterung“ (1960) auch eine erste systematische sozialwissenschaftliche Analyse über Ursachen, Ver-

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lauf, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen des demografischen Alterungsprozesses am ‚Schulbeispiel‘ der Schweiz. Weitere Impulse zur Formierung der Sozialen Gerontologie in der Schweiz entstanden im Rahmen verschiedener Nationaler Forschungsprogramme (NFP) und Nationaler Forschungsschwerpunkte (NFS) zum Thema Alter(n): so z. B. das NFP 3 „Probleme der sozialen Integration in der Schweiz“ (Tuggener und Morf-Rohr 1984), das NFP 32 „Alter“ (Höpflinger und Stuckelberger 1999a,b) das NFP 67 „Lebensende“ (Zimmermann et al. 2019) und der NFS LIVES: „Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens“. Weitere Meilensteine waren das 1992 in Genf gegründete interdisziplinäre Centre interfacultaire de Gérontolgie (CIG), das 1995 in Lausanne entstandene und vor allem auf die praxisorientierte Gerontologie fokussierende Studienzentrum Unité de recherche et d’interventionen gérontologie (UNIGER), das 1998 gegründete (und 2008 wieder aufgelöste) Universitäre Institut Alter und Generationen/Institut universitaire Ages et Générations (INAG) in Sion/Sitten und das 1998 an der Universität Zürich aufgebaute Zentrum für Gerontologie (ZfG). In Genf wurde mit dem Geneva International Network on Aging (GINA) ein internationales Netzwerk zu Altersfragen aufgebaut (Stuckelberger 1999) und an der Universität St. Gallen werden seit 2002 im Rahmen des World Demographic & Ageing Forum (WDA) die internationalen Zusammenhänge des Alterungsprozesses debattiert. Auf Fachhochschulebene existieren verschiedene Institutionen, die – oftmals in Kooperation mit Organisationen aus der ‚Praxis‘ – verschiedene Forschungsprogramme und Forschungsprojekte zur angewandten Gerontologie durchführen. Aufgrund des unterschiedlichen organisatorischen Aufbaus der Hochschulen firmieren diese Organisationseinheiten unter verschiedenen Bezeichnungen (u. a. Institut, Kompetenzzentrum, Schwerpunkt). Zu nennen sind hier z. B. das 2012 an der Berner Fachhochschule (BFH) gegründete Institut Alter, das Interdisziplinäre Kompe­ tenzzentrum Alter (IKOA) der Fachhochschule St. Gallen oder der 2013 formierte Schwerpunkt „Menschen im Kontext von Alter“ an der Fachhochschule der Nordwestschweiz (FHNW). Diese drei Organisationen bilden zugleich in Kooperation mit den Universitäten Bern, Genf und Zürich das aus gleichen Teilen vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und den beteiligten Hochschulen finanzierte schweizweite Innovationsnetzwerk „AGE-NT: Alter(n) in der Gesellschaft“. Unter diesem Dach operieren vier Kompetenzcluster bzw. Schwerpunkte zu den Themenbereichen „Active Assisted Living“ (AAL) (FH St. Gallen), „Leben mit Demenz“ (FH St. Gallen), „Modelle für den Arbeitsmarkt 45+“ (BFH) und „Ageing & Living in Place“ (ALiP) (FHNW). Das von der FHNW verantwortete Cluster „Ageing & Living in Place“ (ALiP) ist eine Weiterführung der Strategischen Initiative Alternde Gesellschaft (2015 – ​2017) der FHNW (Schroeter 2014b; Schroeter und Pfeuffer 2018), in deren Rahmen u. a. ein (auf die Nordwestschweiz begrenzter) „Alters-Survey“ (Schicka et al. 2019) durchgeführt, und ein digitalisierter „Alters-Atlas“ (Bleisch et al. 2016, 2018) entwickelt wurde. Beide Instrumente werden derzeit im AGE-NT weitergeführt und auf die gesamte Schweiz ausgedehnt.

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Fernerhin sind noch andere Schweizer Hochschulen in der – im weitesten Sinne – sozialgerontologischen Forschung involviert. So beschäftigt sich z. B. die Hochschule Luzern (HSLU) mit der Beteiligung und Partizipation in der kommunalen Alterspolitik und hat einen entsprechenden „Kompass“ publiziert (Stremlow et al. 2018). Die zu sozialen und gesellschaftlichen Altersfragen in der Schweiz forschenden Hochschulen sind nicht nur über das o. g. „AGE-NT: Alter(n) in der Gesellschaft“, sondern auch über die unter dem Dach der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) operierende a+ Swiss Plattform Ageing Society sowohl untereinander als auch mit anderen Plattformen, Seniorenorganisationen, Stiftungen, Verbänden und Vereinen vernetzt.

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Sozialgerontologische Aus- und Weiterbildung in der Schweiz

Anders als in vielen anderen europäischen und außereuropäischen Ländern (Meyer 1999, 2003a,b; Backes et al. 2007; Aartsen 2011; Kessler et al. 2017) werden in der Schweiz heute keine grundständigen Studiengänge zur Sozialen Gerontologie auf Bachelor- oder Masterebene angeboten. Zeitweilig wurde an dem Universitären Institut Alter und Generationen/Institut universitaire Ages et Générations (INAG) in Sion/Sitten ein Studiengang in Gerontologie angeboten, der vier Module umfasste: a) Altern – demografisch, sozial und kulturell, b) Altern und Lebensverläufe – differenzielle Aspekte des Alterns, c) Wohlbefinden, Gesundheit und Krankheit in späteren Lebensphasen, d) Individuelle Bewältigungsstrategien älterer Menschen – sozialund gesundheitspolitische Interventionen (Höpflinger 2007, S. 440 f.). Zuvor wurde 1989 in Zürich die Schule für Angewandte Gerontologie (SAG) ins Leben gerufen, die 1993 in die Pro Senectute integriert wurde und einen dreijährigen Lehrgang Gerontologie für Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen der Altersarbeit anbot, bevor sie dann im Herbst 2010 aufgrund mangelnder Nachfrage wieder geschlossen wurde, weil inzwischen die Fachhochschulen vermehrt in das finanziell lukrative Geschäft der gerontologischen Weiterbildungen eingestiegen sind. Auch wenn sich in der Schweiz keine hochschulischen Studiengänge zur Sozialen Gerontologie finden, so gibt es doch ein, wenngleich mit zeitlicher Verzögerung entstandenes, buntes Spektrum an Weiterbildungsprogrammen, die aber eher selten unter dem Label der Sozialen Gerontologie firmieren. Hintergrund dieser Entwicklung ist u. a., dass sich die Schweizerischen Hochschulen für Soziale Arbeit darauf verständigt haben, sowohl auf Bachelor- als auch auf Master-Ebene generalistische Studien­ gänge anzubieten, sodass vertiefende Erkenntnisse zu Aufgaben, Funktionen und Bedarfen spezifischer Zielgruppen – wie z. B. der alten Menschen sowie der in der Sozialen Altersarbeit Tätigen – fast ausschließlich in den wissenschaftsbasierten und praxisorientierten Weiterbildungsangeboten zu erwerben sind (Gredig und Schnurr 2011). Eine Ausnahme bildet die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, an der eine drei Module umfassende Vertiefungsrichtung ‚Alter‘ angeboten wird. In Anlehnung

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an das Lebenslagenkonzept werden dort die Module „Altern als individuelle und soziale Herausforderung – direkte Soziale Arbeit mit Älteren und Betagten“ (BA 211), „Soziale Arbeit und Alter/n im Kontext von organisationalen und gesellschaftlichen Herausforderungen“ (BA 212) und „Lebenslagen im Alter: Antworten der Profession“ (BA 213) durchgeführt. Ansonsten findet sich das Thema Alter und Altern in unterschiedlichen Weiterbildungsformaten verschiedener Bildungsinstitutionen in der Schweiz. Diese Formate reichen von ein- oder mehrtägigen Fachseminaren bis hin zu modularisierten Weiterbildungen auf CAS-, DAS- und MAS-Ebene. In der Schweiz werden im Wesentlichen drei Arten von Weiterbildungszertifikaten verliehen: a) Certificate of Advanced Studies (CAS), b) Diploma of Advanced Studies (DAS) und c) Master of Advanced Studies (MAS). In einer „Übersicht zu Weiterbildungsangeboten im Themenfeld Alter/Soziale Gerontologie in der deutschsprachigen Schweiz“ haben Schroeter und Matter (2019) einen ersten Überblick über die von Schweizer Hochschulen des deutschsprachigen Raums angebotenen Weiterbildungen auf CAS-, DAS- und MAS-Ebene gegeben. Das umfangreiche weiterbildende Kursangebot großer außerhochschulischer Organisationen (z. B. von CURAVIVA, Pro Senectute, Spitex) wird hier allerdings nicht systematisch erfasst. Demnach konkurrieren zwar Universitäten, Fachhochschulen und außerhochschulische Organisationen auf dem finanziell ertragreichen Weiterbildungsmarkt, doch unter dem Fokus einer anwendungsorientierten Sozialen Gerontologie bzw. Sozialen Altersarbeit überwiegen auf CAS-, DAS- und MAS-Ebene die Angebote der Fachhochschulen sowie die Vielzahl der von außerhochschulischen Organisationen angebotenen Einzelkurse. Die Universitäten treten dabei eher marginal in Erscheinung. Hier ist es vor allem die Universität Zürich, die an ihrem Zentrum für Gerontologie (ZfG) ein 13-tägiges, multidisziplinär angelegtes CAS-Programm „Gerontologie heute – besser verstehen, erfolgreich vermitteln, innovativ gestalten“ anbietet, in dem gerontologisches Grundlagenwissen sowie Methoden- und Vermittlungswissen gelehrt werden und mit dem der Anspruch einhergeht, den Transfer ins gerontologische Praxisfeld durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxis sowie durch den Einbezug der Teilnehmenden zu erleichtern. Andere von den Universitäten in der deutschsprachigen Schweiz angebotene Weiterbildungen zum Themenfeld Altern zielen nicht auf die Soziale Gerontologie oder Soziale Altersarbeit im Allgemeinen, sondern auf spezielle Einzelthemen (vgl. Schroeter und Matter 2019, S. 4 – ​8). An den Fachhochschulen der deutschsprachigen Schweiz findet sich ein breites und vielfältiges Weiterbildungsangebot zum Thema Alter und Altern. Unter einer allgemein sozialgerontologischen Perspektive sind hier vor allem der MAS Gerontologie der Fachhochschule Bern (BFH) und der MAS Soziale Gerontologie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) sowie der von der Careum Hochschule Gesundheit (Kalaidos) angebotene Lehrgang Altersarbeit/Praktische Gerontologie zu nennen. Die modular aufgebauten MAS von BFH und ZHAW zielen

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mit den in ihnen integrierten CAS (Lebensweltorientierte Altersarbeit, Gerontologie als praxisorientierte Wissenschaft, Alterspolitik, Lebensphase Alter [MAS BFH] und Soziale Gerontologie und Psychosoziale Interventionen im Alter [MAS ZHAW]) unmittelbar auf die Vermittlung anwendungsorientierten Wissens der Sozialen Gerontologie. In den weiteren Weiterbildungsangeboten auf MAS-, DAS- und CAS-Ebene dominieren vor allem die Angebote zu pflege-, gesundheits- und versorgungswissenschaftlichen Fragen oder andere partikuläre bzw. singuläre Foci (vgl. im Einzelnen Schroeter und Matter 2019, S. 8 – ​47).

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Zusammenfassung

Wirft man einen Gesamtblick auf diese Weiterbildungskurse, so spiegeln diese Ange­ bote in etwa das wider, was Höpflinger (2007, S. 441) als einen „wenig koordinierte[n] ‚Wildwuchs‘ an (berufsbegleitenden) gerontologischen Weiterbildungsangeboten“ in der Schweiz bezeichnet hat. Zum einen werden – analog zu dem in Deutschland zu beobachtenden Trend einer thematischen „Engführung“ in der gerontologischen Ausbildung (vgl. Kessler et al. 2017) – die Inhalte der (Sozialen) Gerontologie auch in den Schweizer Weiterbildungslehrgängen nicht in ihrer gesamten fachlichen Breite vermittelt. Zum anderen ist es der Sozialen Arbeit bislang noch nicht hinreichend gelungen, ihr Handlungsfeld im Bereich der Arbeit mit alten Menschen genauer zu konturieren und die entsprechenden Lehrinhalte curricular umzusetzen. Das verweist auf das tieferliegende Problem, das die Soziale Arbeit mit anderen Professionen oder Disziplinen (wie z. B. denen der Sozialen Gerontologie, der Gesundheits- und Pflegewissenschaften) teilt, die sich ebenso gleichermaßen über einen Wissenschafts- wie auch über einen Klient/-innen- bzw. Fallbezug legitimiert und charakterisiert sehen und in ihrem Selbstverständnis ebenso die Hoheit beanspruchen, in Teilen ihrer Handlungsfelder für die (Soziale) Arbeit mit älteren Menschen zuständig zu sein (Schroeter 2019). Die Altersarbeit muss nicht nur ihren Gegenstandsbereich klar(er) konturieren, sondern dabei zugleich auch das ihr Eigene und ihr Wesentliche deutlich(er) kennzeichnen und ihre selbst definierten Zuständigkeiten für bestimmte Aufgabenbereiche (jurisdiction, vgl. Abbott 1988, 1995a) von denen anderer Disziplinen abgrenzen. Die dabei auftretenden „Revierkämpfe“ (turf battles, Abbott 1995b, S. 867) wurden spätestens im Gefolge der Debatten um die Neue Steuerung/New Public Management und der Neuausrichtung der Sozialen Arbeit im Rahmen der gemischten Wohlfahrtsökonomie (mixed welfare) auf die Agenda gesetzt und manifestieren sich in den verschiedenen Strategien und Praktiken von Case- und Care-Management (vgl. Powell und Biggs 2000, 2004). Dass es der Sozialen Arbeit in der Schweiz bislang nur unzureichend gelungen ist, eine eigenständige Expertise zur Lösung oder Linderung alternsspezifischer Problematiken herauszuarbeiten, mag zum einen auf eine fehlende sozialrechtliche Regelung nicht-pflegerischer Betagtenunterstützung (Pardini 2018c, S. 51 ff.) und zum an-

Soziale Arbeit für ältere Menschen in der Schweiz

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deren auf die deutliche Dominanz medizinisch-pflegerischer Professionen in diesem Bereich zurückzuführen sein. Im Groben lässt sich festhalten, dass sich die Soziale Arbeit mit alten Menschen in der Schweiz zwischen den beiden Polen der offenen sozialen Altersarbeit auf der einen und der zumeist an das Vierte Alter gerichteten Altershilfe auf der anderen Seite orientiert. Die Altersarbeit richtet sich dabei vorrangig auf die Gewährleistung der sozialen Partizipation älterer Menschen am gesellschaftlichen Leben, wohingegen die Altershilfe vor allem auf die Sicherstellung von Hilfe in abhängigen bzw. prekären Lebenslagen (z. B. bei Pflegebedürftigkeit, Armut, Isolation; vgl. auch Aner in Kap. I.1 i. d. B.) zielt. Beide Bereiche sind jedoch nicht eindeutig voneinander zu trennen, sodass die Grenzen der Angebotsformen oftmals fließend sind.

Ausgewählte Literatur Becker, Stefanie, und Hermann Brandenburg. Hrsg. 2014. Lehrbuch Gerontologie. Gerontologisches Fachwissen für Pflege- und Sozialberufe – Eine interdisziplinäre Aufgabe. Bern: Huber, Hogrefe. Fluder, Robert, Sabine Hahn, Jonathan Bennett, Matthias Riedel und Thomas Schwarze. 2012. Ambulante Alterspflege und -betreuung. Zur Situation von pflege- und unterstützungsbedürftigen älteren Menschen zu Hause. Zürich: Seismo. Knöpfel, Carlo, Riccardo Pardini und Claudia Heinzmann. 2018. Gute Betreuung im Alter in der Schweiz. Eine Bestandsaufnahme. Zürich: Seismo.

Kapitel 2 Felder der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen

Freizeitorientierte Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen Ute Karl und Franz Kolland

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Einleitung

Der Wohlfahrtsstaat hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spezifische Bedingungen für mehr Freizeit und Konsum im Alter geschaffen. Dies geschah über die Festlegung einer in vielen Industrieländern geltenden Altersgrenze für den Eintritt in den sog. Ruhestand. Zudem hat der Strukturwandel des Alters und der Gesellschaft das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Freizeit verändert. So wurde der erhebliche Anstieg der Arbeitslosigkeit teilweise durch großzügige Pensionierungsregelungen aufgefangen (Künemund und Kolland 2007), ein Trend der inzwischen gestoppt ist. In dem Maße, in dem sich die nachberufliche bzw. von Erziehungsarbeit entlastete Phase verlängert, wird sie auch zu einer Gestaltungsaufgabe. Vor diesem Hintergrund wurde Freizeit verstärkt zum Thema gerontologischer Forschung und gewannen Fragen professioneller Arrangements der Freizeitgestaltung zunehmend an Bedeutung (vgl. bspw. Goldammer 2014; Brinkmann 2015; Froböse und Tabari 2018). Hinsichtlich der Einschätzung des Effekts der Verrentung bzw. der Entberuflichung des Alters auf das Freizeiterleben lassen sich unterschiedliche Positionen in der Fachliteratur finden. Seit den 1950er Jahren wird in der Gerontologie immer wieder die „Rollen- bzw. Funktionslosigkeit des Alters“ (Burgess 1960a; Riley 1978) als entscheidendes Alternsproblem bezeichnet. Der Verlust der Erwerbsarbeit führt demnach zu einer beträchtlichen Einbuße an sozialem Ansehen (Riley und Riley 1986) und zu ernsten Persönlichkeitskrisen. Townsend (1957) sah in der Ausgliederung älterer Menschen aus dem Erwerbsleben eine Gefahr für ihre personale Identität und vor allem starke Einschränkungen im Konsumverhalten und damit geringe Möglichkeiten für eine entsprechende Freizeitgestaltung. Demgegenüber wird die Ausweitung der Altersphase auch als sozialer Fortschritt bewertet und als subjektives Bedürfnis der Älteren mit wachsenden Wahlmöglichkeiten gesehen (Kalish 1979). Die Freizeit wurde seit Beginn der 1970er Jahre als der © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_8

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eigentlich relevante Lebensraum eines postindustriellen Zeitalters gesehen. Der berufsfreie „Lebenszeitraum Alter“ könne so eine neue Qualität erlangen (Havighurst und Feigenbaum 1968). In diesem Zusammenhang prägte Dumazedier (1967) den Begriff von einer leisure society. In dieser Freizeitgesellschaft sind ältere Menschen von sozialen Verantwortlichkeiten befreit, wozu die Kindererziehung und die Erwerbs­ arbeit gehören.

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Theoretische Zugänge zu Freizeit im Alter und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit

Der Begriff Freizeit war nie sehr klar bestimmt und wurde daher in sehr unterschiedlicher Weise verwendet. Die Freizeit wird zunehmend – neben der Arbeit – zum zweiten Raum für die Lukrierung von Statusprofilen, ein Aspekt, der bereits in frühen Studien zum Freizeitverhalten herausgearbeitet wurde (vgl. Harring 2011). Der Erwerb von Kulturgütern und die Produktion von Kultur im weiteren Sinne sind Bestandteile der ‚Arbeit‘ in der Freizeit. Die hier sichtbar werdende begriff‌liche Unschärfe wird dadurch noch verstärkt, dass sich die beiden Lebensbereiche Arbeit und Freizeit seit Ende des 20. Jahrhunderts deutlich entgrenzen. Drei soziologische Konzepte von Freizeit sind für die Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen gegenwärtig von besonderer Bedeutung (vgl. dazu auch Kolland und Gallistl i. d. B.): Die häufigste Konzeptualisierung von Freizeit besteht einfach darin, diese als freie Zeit zu bestimmen, die verbleibt, wenn die verpflichtenden Aktivitäten – insbesondere Arbeit, aber auch die Verrichtung alltäglicher Vorgänge wie sie letztlich auch im institutionellen Setting der Pflege stattfinden – erledigt sind. Freizeit wird als residuale Zeit betrachtet. Bezogen auf das Alter liegt dieses Verständnis – zumindest implizit – vielen Ansätzen in der offenen Altenarbeit zugrunde, weil dort davon ausgegangen wird, dass mit dem Wegfall der Erwerbsarbeit und einem Teil der Erziehungs- und Hausarbeit der Anteil der freien Zeit zunimmt. Je nach Perspektive wird diese Zeit dann als Problem (Gefahr der Vereinsamung, Sinnverlust etc.) oder Potenzial (z. B. für Selbstverwirklichung, freiwilliges Engagement) verstanden. In den Diskussionen über die Potenziale des Alters für produktive, gemeinwohlorientierte Tätigkeiten erscheint Freizeit dann als verfügbare ‚Masse‘, um die unterschiedliche Organisationen der Sozialen Arbeit konkurrieren und die es möglichst zu nutzen gilt. Gerade aber unbezahlte, produktive Tätigkeiten im Alter machen deutlich, dass Freizeit zur Arbeit werden kann bzw. nachberufliche Tätigkeiten wie formelle und informelle Freiwilligenarbeit sowie Haus- und Sorgearbeit in nahezu gleichem Umfang wie vorher bezahlte Arbeit – insbesondere von Frauen – erbracht werden (vgl. Karl und Ramos 2016). Freizeit als Aktivität zu definieren, ist ebenfalls plausibel, denn das Studium der Freizeit über die Form ihrer Gestaltung zu betreiben, ist sicher gerechtfertigt. Freizeit bedeutet in dieser zweiten Begriffsbestimmung Spiel, Sport, Kultur, soziale Inter­

Freizeitorientierte Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen

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aktion und bezieht sich auch auf Aktivitäten, die arbeitsähnlich in ihrer Handlung aber dennoch nicht Arbeit sind. In der gerontologischen Forschung wurde vor allem auf die Bedeutung der täglichen Freizeitaktivitäten für Gesundheit und Wohlbefinden fokussiert, eine Perspektive, die durchaus übereinstimmt mit sozialpolitischen Diskursen, in denen es auch um die Entlastung wohlfahrtsstaatlicher Systeme geht (ausführlicher hierzu vgl. Breheny und Stephens 2017, S. 40) und die das gemeinwohlorientiert-produktive – ‚nützliche‘ – und aktive Alter(n) propagiert, dadurch aber die belastenden Seiten des Alter(n)s weitgehend ausblendet (kritisch hierzu: Karl 2006). Wird Freizeit über Aktivität(en) definiert, dann findet sich die paradoxe Situation, dass es dafür praktisch keinen theoretischen Ansatz gibt. Es gibt keine Liste von Aktivitäten, die als Freizeittätigkeiten bestimmt sind. Zum Teil liegt es daran, dass eine solche Liste zu lang wäre, und zum Teil liegt es daran, dass solche aufgelisteten Akti­ vitäten, wenn sie denn ausgeführt werden, nicht immer eindeutig als Freizeitaktivitäten bezeichnet werden können. So stellt sich etwa die Frage, ob die Herstellung von Weihnachtsschmuck in einer Altentagesstätte als Arbeit oder als Freizeit verstanden wird. Fast jede Aktivität kann unter bestimmten Bedingungen als Verpflichtung verstanden werden. Es ist jene Aktivität Freizeit, so wollen wir demgemäß einschränken, die selbstgewählt erfolgt. Wesentlich an Freizeitaktivitäten ist also die Dimension der Freiheit. Zu Freizeitaktivitäten gehört auch, dass sie subjektiv als Bereicherung erlebt werden. Gemeint ist damit die Qualität der Aktivität und nicht nur die Aktivität als solche, die sie als Freizeitaktivität bestimmt. Ansonsten ist eher der Begriff der Alltagsaktivität angemessen, der in der Altenbetreuung bzw. Geriatrie eine eigene Bedeutung hat. Damit ist ein drittes Freizeitkonzept, der Akteursansatz, angesprochen. Dieser bestimmt Freizeit als „subjektives Erleben“ (Dorfman 2013). Studien (z. B. Havighurst 1959) verweisen auf die Bedeutung von Freizeit für ältere Menschen in ihrer identitätsstiftenden Funktion bzw. in ihrer Bedeutung für die Selbstwahrnehmung. Freizeit hat demgemäß nicht etwas mit Zeit zu tun oder der ausgeübten Aktivität, sondern mit dem Akteur. Freizeitakteur/-innen verstehen das, was sie tun, als etwas, was sie gewählt haben. Die getroffene Wahl ist mit einer intrinsischen und weniger mit einer von außen vorgegebenen Motivation verknüpft. In der Definition von McGuire et al. (1999) wird die subjektive Bedeutung der Freizeit hervorgehoben: „Leisure is a freely chosen activity done primarily for its own sake, with an element of enjoyment, pursued during unobligated time“ (ebd., S. 105). Kelly und Freysinger (2000) heben den Erlebnischarakter der Freizeit heraus, d. h. „leisure is activity that is done primarily for the experience itself “ (ebd., S. 3). Die Erlebnisorientierung richtet sich auf die unmittelbare Befriedigung von Bedürfnissen. In der Praxis der Altenarbeit wird dieses Bedürfnis sehr oft mit Ausflügen (ins Grüne) oder mit Besuchen von Kulturveranstaltungen abgedeckt. Eine akteursbezogene Bestimmung von Freizeit anhand der Konstrukte der erwarteten Freiheit, der intrinsischen Motivation und der Erfahrungssuche befindet sich zum Teil in einem starken Widerspruch zu in der Praxis stattfindenden Akti-

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Ute Karl und Franz Kolland

vierungsangeboten für alte Menschen sowohl im Bereich der stationären Pflege als auch im Bereich der sog. offenen Altenarbeit. Oftmals sind es dort die institutionellen Bedingungen bzw. (nicht) vorhandenen Ressourcen, die das Angebot steuern. Legt man die Bestimmung des Akteursansatzes zugrunde, erscheint es unmöglich, Freizeitaktivitäten von der Angebotsseite aus zu bestimmen. Denn erst auf Grundlage der Perspektive der Subjekte kann entschieden werden, ob es sich um Freizeit- oder Alltagsaktivitäten handelt. Allerdings machen Breheny und Stephens (2017) in ihrer qualitativen Studie deutlich, dass die subjektive Bestimmung von Freizeit stark durch gesellschaftliche und politische Diskurse präfiguriert ist, die Bilder und Wege des ‚guten Alter(n)s‘, dessen, was getan werden soll, nahelegen. Sie rekonstruieren zwei Hauptstränge in den subjektiven Freizeitkonstruktionen im Alter, namentlich Freizeit als produktive Zeit (nützliche Freizeitaktivitäten bspw. zur Erhaltung der Gesundheit oder zur Erlangung eines sozial anerkannten Status über Freiwilligenarbeit oder Engagement im Gemeinwesen) und – dazu entgegengesetzt – Freizeit als persönliche Zeit, bei der das Vergnügen und die Freiheiten im Vordergrund stehen, nicht zuletzt auch angesichts der begrenzten verbleibenden Lebenszeit. Die hier genannten Ansätze machen nicht nur deutlich, dass eine eindeutige Definition von Freizeit schwierig ist, sondern auch, dass eine Betrachtung von Freizeit aus der Perspektive institutioneller Akteure und ihrer Aktivitäten nicht ausreicht.

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Sozialpädagogische und sozialpolitische Rahmungen von Freizeit im Alter: vom Alten- über den Senioren- zum Generationencode ?

Der Bereich der sog. offenen Altenarbeit ist durch unterschiedliche Diskurse, Finanzierungsformen, Trägerschaften und regionale Kontexte geprägt. Auf der kommunalen Ebene ist er in Deutschland nur sehr vage durch den § 71 SGB XII geregelt. Dort wird zwar allgemein festgestellt, dass (die kommunale) Altenhilfe dazu beitragen soll, „Schwierigkeiten, die durch das Alter entstehen, zu verhüten, zu überwinden oder zu mildern und alten Menschen die Möglichkeit zu erhalten, am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen“ (Abs. 1). Allerdings liegt es im kommunalen Ermessen, wie diese Anforderungen umgesetzt werden und ob z. B. eher das gesellschaftliche Engagement älterer Menschen (Satz 2, Abs. 1) oder der „Besuch von Veranstaltungen und Einrichtungen, die der Geselligkeit, der Unterhaltung, der Bildung oder den kulturellen Bedürfnissen alter Menschen dienen“ (Satz 2, Abs. 5), gefördert werden. Bereits die Frage, ob es überhaupt spezielle offene Einrichtungen für ältere und alte Menschen geben soll und ob diese von professionellen Sozialarbeiter/-innen oder Sozial­ pädagog/-innen oder ehrenamtlich geführt werden sollen, fällt in dieses Ermessen und wird in kommunalen Altenhilfeplänen, wenn es solche überhaupt gibt, je spezi­ fisch beantwortet (vgl. Aner in Kap. I.1 i. d. B., Hammerschmidt und Löffler sowie Rubin i. d. B.). Vor diesem Hintergrund gibt es nicht nur unterschiedliche Grade

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der Institutionalisierung solcher Angebote (z. B. Alten-/Seniorentreffs, -clubs, Altentagesstätten, Seniorenbegegnungsstätten, Seniorenfreizeitstätten), sondern auch eine große Bandbreite der Trägerschaften und Finanzierungsweisen. Dem Subsidiaritätsprinzip des deutschen Wohlfahrtsstaats entsprechend haben die Kommunen nur die Gewährleistungsverantwortung. Sie leisten meist nur einen (geringen) finanziellen Beitrag und vielfach sind die Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Vereine Träger der Angebote. Alten-/Seniorentreffs sind meist Angebote beispielsweise eines Mehrgenerationenhauses, Nachbarschaftszentrums oder einer Kirche, die an bestimmten Tagen stattfinden. Seniorenfreizeitstätten und Seniorenbegegnungsstätten, aber auch die generationenübergreifenden Begegnungsstätten der Volkssolidarität in den ostdeutschen Bundesländern verfügen dagegen meist über eigene Räume und umfangreichere Öffnungszeiten. Auch viele Stadtteil- und Nachbarschaftszentren wie soziokulturelle Zentren haben inzwischen eigene Programmschwerpunkte für Menschen ab 50 bzw. 55 Jahren im Freizeitbereich entwickelt. Aufgrund der gesetzlich bedingten Unübersichtlichkeit und permanenten Veränderung des Feldes, die in zeitlich befristeten und häufig ehrenamtlich unterstützten Angeboten in besonderer Weise einen Ausdruck finden, gibt es meist nicht einmal auf kommunaler Ebene quantitative Daten über Angebotsstruktur und Anzahl der Beschäftigten. Vor diesem Hintergrund können die Zahlen der Statistik der freien Wohlfahrtspflege (BAG FW 2018a) auch nur eine sehr grobe Orientierung bieten: 1 671 Einrichtungen im Bereich der Seniorentages-, -begegnungs- und -freizeitstätten werden dort aufgeführt, mit 961 Beschäftigten in Vollzeit und 2 157 in Teilzeit. Im Vergleich zu 2006 zeigt sich hier ein deutlicher Rückgang der verzeichneten Einrichtungen (vgl. Karl und Kolland 2010). Betrachtet man die Veränderungen in diesem Feld qualitativ, so lassen sich mindestens drei Trends beschreiben: 1) Zunächst lässt sich eine Veränderung nachzeichnen, die auf der diskursiven Ebene mit einer Veränderung vom Alten- zum Senior/-innencode einhergeht. So geht es seit Ende der 1970er Jahre immer weniger um das betreute Alter(n) als vielmehr um das gestaltete aktive und produktive Alter(n). Dadurch soll einem negativen Altersbild etwas entgegengesetzt werden, die Potenziale des Alters sollen für die Gemeinschaft genutzt und das gebrechliche Alter soll nach hinten verschoben werden. Freizeitorientierte Soziale Arbeit ist dann vor allem durch Aktivitäten im Bereich von Gesundheit, Bewegung und Fitness oder im Bereich der Freiwilligenarbeit angesiedelt. Damit einher geht eine stärkere Orientierung an Selbstorganisation und Aufbau von Netzwerken im Gemeinwesen bei gleichzeitigem Rückzug der Kommunen aus diesem Bereich und stärkerer regionaler bzw. bundesweiter Finanzierung (bspw. ZWAR in Nordrheinwestfalen oder das Bundesmodell­projekt von 2002 bis 2006 „Erfahrungswissen für Initiativen“ und die Folgeprojekte). 2) Daran anknüpfend wird gleichzeitig der Bereich der freizeitorientierten Sozialen Arbeit mit älteren Menschen, der traditionell ohnehin stark durch freiwilliges

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Engagement und Selbsthilfe getragen wurde und wird und in vielen Kommunen dann eine Professionalisierung erfahren hatte, trotz oder gerade wegen seiner zunehmenden Bedeutung aus finanziellen Gründen in die Hände der Adressat/-innen gelegt. Ob damit allerdings ein attraktives, dauerhaftes und hochwertiges Programmangebot geschaffen werden kann, hängt von den Engagierten selbst ab. Zwar leisten Ehrenamtliche in vielen Bereichen gute Arbeit. Ihre Arbeit orientiert sich aber an anderen Kriterien als professionelle Soziale Arbeit. Zudem ist freiwilliges Engagement in hohem Maße abhängig von öffentlicher wie zwischenmenschlicher Anerkennung und dadurch wie auch durch das fortgeschrittene Alter der meisten Ehrenamtlichen in diesem Bereich potenziell in der Kontinuität gefährdet. In Bezug auf die Niedrigschwelligkeit der Angebote könnte einerseits ein starkes ehrenamtliches Engagement Möglichkeiten für die Umsetzung unterschiedlicher Interessen bieten und damit eine Vielzahl von Personen ansprechen. Andererseits könnten die in den 1980er Jahren festgestellten Abschottungstendenzen mancher Einrichtungen reaktiviert werden (vgl. Fluck und Möller 1980), weil sich feste Gruppen bilden, die es Außenstehenden schwer machen, hinzuzukommen. 3) Gleichzeitig rückt die Gestaltung des demografischen Wandels und das Zusammenleben der Generationen in den letzten 15 Jahren stärker in den Blick, um so den Aspekt der Gegenseitigkeit und den Zusammenhalt der Gesellschaft zu fördern. So unterstützt die deutsche Bundesregierung von 2006 bis 2020 den Aufbau und die Ko-Finanzierung von Mehrgenerationenhäusern (rund 540, Stand 2018; vgl. zum Programm: BMFSFJ 2016a), in denen unterschiedliche Aktivitäten unter einem Dach vereinigt werden und Angebote von, für und mit Senior/-innen einen Platz finden. Auch hier steht das aktive und produktive wie auch das selbstorganisierte Alter im Vordergrund. Ob die darin angelegte intergenerationelle Ausrichtung tatsächlich von den Adressat/-innen genutzt wird und sich deren Selbstverständnis ändert oder ob es eher ein Nebeneinander verschiedener Gruppen und Aktivitäten ist, hängt sicherlich auch davon ab, inwiefern attraktive, intergenerationelle Angebote geschaffen werden. Zu hinterfragen gilt es auch, welche älteren Menschen eher von solchen Angeboten angesprochen werden und welche eher unberücksichtigt bleiben. Ein bloßes Nebeneinander der Generationen stellt intergenerationelle Konzepte in Frage und ist möglicherweise weniger attraktiv.

Freizeitorientierte Soziale Arbeit mit älteren und alten Menschen

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Exklusionsmechanismen im Kontext freizeitorientierter Sozialer Arbeit

4.1

Soziale Ungleichheit und freizeitorientierte Soziale Arbeit – spezifische Herausforderungen im Alter

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Betrachtet man Analysen zum freiwilligen Engagement im Alter – also jenen Bereich, der älteren Menschen gesellschaftlich und sozialpolitisch in hohem Maße als Freizeitgestaltung nahegelegt wird –, so wird deutlich, dass vor allem das Bildungsniveau neben der Gesundheit maßgeblich beeinflussen, ob sich jemand engagiert (vgl. Karl 2006; Vogel et al. 2017b; Alisch sowie Kolland und Gallistl i. d. B.). Munsch (2011) hat darauf hingewiesen, dass im Bereich des freiwilligen Engagements hohe Anforderungen an Argumentations- und Sprechfähigkeit gestellt werden, die Menschen mit niedriger Schulbildung häufig nicht erfüllen können und dass dadurch letztlich ein bildungsbürgerlicher Habitus vorherrscht. Dies ist möglicherweise ein Grund dafür, dass sich ältere Menschen mit eigener Migrationserfahrung auch seltener engagieren (vgl. Vogel et al. 2017b). Zudem beeinflusst materielle Armut die soziale Teilhabe. Ältere Studien belegen, dass sich von Armut betroffene Menschen aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen, weil sie einerseits weniger soziale Kontakte haben und andererseits die finanziellen Mittel für ein höheres Aktivitätsniveau fehlen (Townsend 1974). Hinzu kommt, dass Armut im Alter und über die Lebensspanne auch mit Gesundheit im Alter korreliert. Gerade Gesundheit ist aber bedeutsam, um an zahlreichen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Beeinflusst wird die Teilnahme an Freizeitaktivitäten zusätzlich von Mobilitätsmöglichkeiten. Insbesondere armutsgefährdete ältere Frauen unternehmen signifikant weniger Wege und legen eine geringere Tagesstrecke zurück als höhere Einkommensgruppen (vgl. Giesel und Köhler 2015). Vor diesem Hintergrund muss sich eine freizeitorientierte Soziale Arbeit der mindestens dreifachen Möglichkeit der sozialen Ausgrenzung von Freizeitaktivitäten stellen: der möglichen Ausgrenzung aufgrund fehlender finanzieller Mittel, aufgrund fehlender Bildung und aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen, die nicht nur, aber auch mit Armut verknüpft sein können. 4.2

Freizeitgestaltung im Heim – Partizipationsmöglichkeiten oder Separation und soziale Distinktion ?

In der Vorstellung vieler Menschen sind Alten- und Pflegeheime mit einem ungünstigen Image – und damit mit problematischen Effekten auf die Lebensqualität – verbunden. Sie werden mit kranken, hilfsbedürftigen alten Menschen, die passiv, abhängig und sozial isoliert sind, assoziiert (Wahl und Reichert 1994). Mit dem Leben in einem Pflegeheim werden der Verlust der Selbstständigkeit und Privatheit sowie

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die Unterordnung des kompletten Tagesablaufs unter unveränderbare Regeln ver­ bunden (Seifert und Schelling 2013). In diesem Zusammenhang werden Pflegeheime als abgeschwächte Form einer totalen Institution (Goffman 1961) beschrieben und ver­standen. Als besonders schwierig gestaltet sich unter diesen Bedingungen die soziale Vernetzung der Bewohner/-innen. Trotz des Zusammenlebens auf engem Raum, werden nur sehr eingeschränkt emotionale Kernbeziehungen aufgebaut. Das Klima der ‚Bevormundung‘ und die heterogene Zusammensetzung der Bewohner/-innen erzeugen Rückzug und soziale Distinktion. Soziale Abgrenzung und Distanzierung zeigen sich etwa dort, wo Personen ohne kognitive Einschränkungen gemeinsame Freizeit- und Alltagsaktivitäten mit Personen mit Demenz ablehnen (vgl. Stadler 2018). Aber auch Sprache kann zu einem Mittel der Ausgrenzung und der sozialen Distinktion werden, um so die gesellschaftliche Positionierung zwischen einheimischen und eingewanderten Bewohner/-innen trotz der Nivellierungen des sozialen Status im Heimkontext – alle müssen sich den gleichen Abläufen unterwerfen – aufrechtzuerhalten. Zudem kann gerade auch in Heimen institutionelle Diskriminierung stattfinden, wenn bspw. bei Versammlungen im Heim, bei denen eigentlich eine Partizipation der Bewohner/-innen stattfinden könnte, Migrant/-innen ausgeschlossen werden, weil ihre Sprachkompetenz nicht berücksichtigt wird (Karl und Ramos 2017, S. 75 f.). In Pflegeheimen ist die Selbstbestimmung der Bewohner/-innen durch die institutionelle Rahmung wie auch die kognitiven Einschränkungen und psychischen Leiden der Bewohner/-innen (Betz 2011) stark eingeschränkt (vgl. Kolland et al. 2018b). Um aber die Potenziale der Selbstbestimmung anzusprechen und wirkmächtig werden zu lassen, braucht es Partizipation aller, was bedeutet, dass Partizipationsmöglichkeiten im Heim, wie die Mitbestimmung bei der Planung, Entwicklung und Durchführung von Freizeitaktivitäten, auf ihre potenziell exkludierenden und diskriminierenden Mechanismen zu befragen sind. Die Bedingungen der Beteiligung sollten dabei von und mit den alten Menschen definiert werden.

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Habitus und Lebensstilkonzept als Grundlagen für eine freizeitorientierte soziale Altenarbeit

Das Konzept des sozialen Habitus von Bourdieu (1982) verweist auf milieuspezifische Strategien der Auseinandersetzung im Feld von Bildung, Freizeit und Kultur. Unterprivilegierte bildungsferne Milieus produzieren einen Habitus, der sich in Distanz zu Institutionen bewegt, die Zugangsschwellen in finanzieller, bildungsmäßiger und kultureller Hinsicht aufweisen. Einen wesentlichen Beitrag zur Lebensstildiskussion leistete Schulze mit seinem 1992 herausgegebenen Buch zur „Erlebnisgesellschaft“. Ausgangspunkte der Erlebnisgesellschaft sind höheres Einkommen, ein größeres Konsumgüterangebot mit hohem Erlebnis- und geringem Gebrauchswert (z. B. Kinofilme, Illustrierte, Musik) und das

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Problem der Wahl. Soziale Ungleichheit stellt sich als Stilungleichheit dar und erfolgt durch erhöhte Binnenkommunikation, wodurch Stiltypen bzw. soziale Milieus entstehen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus nicht nur die Frage, was sie an ‚schönen Erlebnissen‘ bzw. Freizeitstilen für ältere Menschen bieten kann und ob sie das überhaupt möchte, sondern auch die Anforderung an Fachkräfte (und auch an Ehrenamtliche) die eigene Milieuzugehörigkeit und Mobilitätsbereitschaft sowie jene der Adressat/-innen systematisch zu reflektieren. Letztere nehmen Sozialarbeiter/-innen auch unter dem Blickwinkel der Milieuzugehörigkeit wahr. Existieren hier sehr große Unterschiede, kann das damit verbundene Konfliktpotenzial das Gelingen einer professionellen Beziehung behindern. Die Anforderung an Fachkräfte, unterschiedliche Milieuzugehörigkeiten zu berücksichtigen, wird in intergenerationellen Konzepten noch komplexer. Praxisbedeutung hat das Lebensstilkonzept auch für das Wohnen im Alter. Eine Wohnform, die sich explizit am Lebensstilkonzept orientiert, sind Demenzdörfer (vgl. etwa Hogeweyk in den Niederlanden, Tönebön in Deutschland). Argumente gegen Wohnformen dieser Art fasst Brandenburg (2013) zusammen: Es fehlten erstens kontrollierte Studien, die Vor- und Nachteile dokumentieren. Zweitens sei unklar, welchen Einfluss solche Wohnformen auf herausforderndes Verhalten und freiheitsentziehende Maßnahmen haben. Drittens bleibe offen, ob es legitim ist, Menschen mit Demenz dauerhaft mit illusionären Welten zu konfrontieren. Und viertens stünden Demenzdörfer in der Tradition der Ausgrenzung von armen, kranken und behinderten Menschen.

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Herausforderungen für die Soziale Arbeit

Freizeitgestaltung ist ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität im Alter. Soziale Arbeit sieht sich angesichts vielfältiger Freizeitstile, gesundheitskorrelierter Effekte, unterschiedlicher Bildungsniveaus (bei durchschnittlich steigendem Bildungsniveau der älteren Generationen) und Geschlechterdifferenzen der Herausforderung gegenüber, den damit verbundenen Ansprüchen gerecht zu werden. Freizeitangebote, die als gut gemeinte Aktivierungsprogramme verstanden werden und die bei individueller Kompetenzerhaltung und Kompetenzförderung ansetzen, greifen hier zu kurz. Zudem ist heute die Wirksamkeit solcher Interventionsansätze zumindest umstritten (Baltes 1987). Aktivierung in Altenwohn- und Pflegeheimen zielt oftmals auf die Befriedigung punktueller Bedürfnisse und weniger auf die strukturelle Veränderung von Umweltbedingungen. Gerade an diesem Punkt setzt professionelle Soziale Arbeit an. Sie berücksichtigt die gesellschaftlichen Lebensbedingungen und Handlungszusammenhänge älterer Menschen. Zu reflektieren gilt es dann die oben skizzierten Paradoxien, nämlich die Forderung nach mehr partizipativer Selbstorganisation (insbesondere im Heim) bei gleichzeitiger professioneller Unterstützung und institutioneller Ein-

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bindung. Zudem besteht für die Soziale Arbeit die Gefahr, mit ungenügender Lebensstilsensibilität selbst zur institutionellen Diskriminierung beizutragen. Es braucht also professionelle Soziale Arbeit, die sowohl die Lebenswelt der älteren Menschen als auch sozialstrukturelle Ungleichheiten reflektiert und individuelle und kollektive Ressourcen fördert. Dann ist eher gewährleistet, dass die Freizeitgestaltung nicht in einem Rückzugsraum belangloser, sozial und gesellschaftlich irrelevanter Tätigkeiten und Rollen stattfindet.

Ausgewählte Literatur Breheny, Mary, und Christine Stephens. 2017. Spending time: the discursive construction of leisure in later life. In Annals of Leisure Research 20: 39 – ​54. Brinkmann, Dieter 2015. Freizeit im Kontext des demografischen Wandels. In Handbuch Freizeitsoziologie. Hrsg. Freericks, Renate, und Dieter Brinkmann, 189 – ​210. Wiesbaden: Springer. Harring, Marius. 2011. Das Potential der Freizeit. Wiesbaden: Springer.

Kulturelle Bildung und Kulturarbeit mit älteren Menschen Ute Karl

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Kulturverständnisse und kulturelle Bildung

Angesichts kulturpädagogischer bzw. -politischer Praxis wird die Polyphonie von Kulturbegriffen deutlich (vgl. Fuchs 2018a, S. 887). Ganz allgemein gesprochen spannt sich das begriff‌liche Feld auf zwischen einem weiten Kulturverständnis, wie es die UNESCO (1982) vorgeschlagen und das Lebensweisen im Blick hat, und einem engen, das auf ‚Kunst und Kultur‘ fokussiert ist und letztlich als Teil des weiten Verständnisses betrachtet wird (Deutscher Bundestag 2007, S. 47; UNESCO 1982; Fuchs 2008a, S. 91 ff.). In Bezug auf das Alter(n) zeigt sich dieses Spannungsfeld, wenn für eine ‚neue Kultur des Alterns‘ geworben wird oder von Altenkultur die Rede ist (vgl. Haller und Küpper i. d. B.) und gleichzeitig Kulturgeragogik als Oberbegriff für unterschiedliche kunstbezogene Geragogiken etabliert wurde. Ein enger, kunstbezogener Kulturbegriff sieht Kunst sowohl als zweckfreies Handeln als auch künstlerisch-kulturelle Medien als Mittel der Verwirklichung sozialer und individueller Ziele wie Teilhabe und Selbstverwirklichung (vgl. hierzu auch Karl 2018). Kultur kann dabei sowohl als Prozess als auch als Ergebnis menschlichen Tätig-Seins verstanden werden. Weite Verständnisse von Kultur (im Sinne von Lebensweise, aber auch symbolischen Ordnungen) wie sie sich beispielsweise in der Kultursoziologie Pierre Bourdieus (vgl. Bourdieu 2008 [1979]) oder in den Cultural Studies finden (vgl. Haller und Küpper i. d. B.), machen deutlich, wie eng Lebensstil und Geschmack in Bezug auf ästhetisch-künstlerische Produkte (also Kultur i. e. S.) zusammenhängen. Obwohl häufig von Kultur i. w. S. als etwas Verbindendem ausgegangen wird, wird am Beispiel künstlerischer Produkte gerade deutlich, dass Kultur als „Entzweiungsmechanismus“ (Wimmer 2002), als Mechanismus der sozialen Distinktion und der Entfaltung von Machtverhältnissen betrachtet werden muss. Im Vergleich von Jugend und Alter wird augenfällig, dass sich diese soziale Distinktion weniger in benennbaren Altenkulturen bzw. altenkulturellen Szenen zeigt als vielmehr in den © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_9

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biografisch herausgebildeten Lebensstilen und den unterschiedlichen Zugängen zu künstlerisch-kulturellen Angeboten. Der kulturpolitische Anspruch einer kulturellen Teilhabe an der Herstellung von und dem Zugang zu künstlerisch-kulturellen Produkten gilt deshalb im Besonderen für die soziale und pädagogische Kulturarbeit (als zusammenfassender Begriff für Kulturpädagogik, Praktiken kultureller und ästhetischer Bildung sowie soziokulturelle Praktiken). Kulturelle Teilhabe steht aber auch in engem Zusammenhang mit ökonomischer, sozialer und politischer Teilhabe (vgl. Fuchs 2008b, S. 94 ff.). Kulturarbeit zielt, so könnte man vereinfachend zusammenfassen, auf der subjektiven Seite auf Selbstverwirklichung, Lebensgestaltung sowie Bildungsprozesse, auf der sozialen und gesellschaftlichen Seite auf Teilhabe und Gestaltung von Gesellschaft. Der Begriff der kulturellen Bildung betont spezifizierend insbesondere drei Aspekte: die Aneignung und Sicherung von künstlerischen Kompetenzen (in eigener künstlerischer Praxis) sowie die Entwicklung einer differenzierenden Wahrnehmungsfähigkeit, die Nutzung künstlerisch-kultureller Methoden und Verfahren mit allgemeinbildenden Zielen (z. B. Persönlichkeitsbildung im Sinne eines Selbstbildungsprozesses) sowie die aktive Rezeption von Kunst und Kultur in einem Bildungszusammenhang (vgl. Deutscher Kulturrat 2000; Groote und Nebauer 2008; ausführlich auch: Stang 2005). Letzteres grenzt kulturelle Bildung dann von rein rezeptiven kulturellen Aktivitäten ab, eine Abgrenzung, die zwar für Erhebungen von Bildungsorten, -angeboten und Formen kultureller Bildung sinnvoll ist, aber die in der Kunst prinzipiell angelegten Bildungsmomente im Sinne von ästhetischer Erfahrung nicht erschöpfend erfasst. Denn künstlerisch-ästhetische Medien können als potenziell bildend betrachtet werden, weil sie einen Raum des zweckfreien Gestaltens und Erlebens eröffnen, gleichzeitig aber gerade dadurch Differenzerfahrungen zu sich, zu anderen Menschen, zu Gegenständen und Sichtweisen ermöglichen, die mit einer reflexiven Bildungsbewegung verbunden sein können. Diese Möglichkeiten werden auch in künstlerischen Therapien mit älteren Menschen genutzt (vgl. Karl 2018). Wenn nun entsprechend gängiger Verständnisse der Praxis im Weiteren auf künstlerisch-kulturelle Aktivitäten Bezug genommen wird, so werden diese gleichwohl im Zusammenhang mit den genannten Machtmechanismen gesehen und so im Rahmen eines weiteren Verständnisses von Kultur verortet. Bezogen auf ältere Menschen als Zielgruppe von Kulturarbeit bedeutet dies, dass es weder um eine besondere Ästhetik noch um die Vorstellung einer homogenen Gruppe geht (auch wenn dies in der Praxis gelegentlich übersehen wird; vgl. Röbke 1995, S. 25 f.), sondern um die Frage von kultureller Teilhabe. Kulturgeragogik greift in diesem Sinne zum einen das geragogische Postulat einer ‚Bildung für alle‘ und die damit verknüpften besonderen Erfordernisse des Lernens im Alter auf und fokussiert zum anderen auf das Feld der künstlerisch-kulturellen Bildung (vgl. Karl 2018), also Kultur im engeren Sinne (vgl. Groote und Hartogh 2016). Kulturgeragogik umfasst dabei unterschiedliche künstlerische Medien, deren

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Spezifika dann wiederum z. B. in der Musikgeragogik (Hartogh und Wickel 2018) oder der Kunstgeragogik (Baumann und Groote 2018) reflektiert werden. Allerdings muss sich Kulturarbeit mit älteren Menschen dabei der Frage stellen, woran kulturell partizipiert wird und inwiefern gleichzeitig auch soziale und politische Teilhabe verwirklicht wird oder eben auch nicht (vgl. Groote und Hartogh 2016, S. 31). Ältere Menschen werden dabei als Publikum, Kulturschaffende, Kulturvermittelnde und Unterstützer/-innen adressiert (vgl. Hippe und Sievers 2006, S. 94).

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Ältere Menschen als (potenziell) Rezipierende und Produzierende von Kultur

In den letzten Jahren wird auf der Seite der Kulturschaffenden angesichts des demografischen Wandels deutlich, dass die Interessen und Bedürfnisse älterer Menschen als Rezipient/-innen und Produzent/-innen von Kultur sehr viel stärker als bisher ins Blickfeld gerückt werden müssen (vgl. bspw. die Beiträge in Deutscher Kulturrat 2006a, b, 2007; Hippe und Sievers 2006; Hausmann 2007; Sieben 2007; Ermert und Fricke 2009; Groote 2013; sowie die Beiträge in Knopp und Nell 2014). Insgesamt ist angesichts des demografischen Wandels von einer veränderten Nutzer/-innenstruktur auszugehen (vgl. Dreyer 2009). Vor diesem Hintergrund wurden einige Studien zu Angeboten kultureller Bildung und zu kulturellen Aktivitäten älterer Menschen durchgeführt (vgl. bspw. Karl, U. 2005; Hippe und Sievers 2006; Groote und Ne­bauer 2008; Keuchel und Wiesand 2008; Sieben 2008; Groote 2013; sowie die Beiträge in Fricke und Hartogh 2016). Diese Studien spiegeln die Vielfalt der Orte und Möglichkeiten kultureller Bildung ebenso wie die Abhängigkeit kultureller Aktivitäten von den soziodemografischen Variablen, mithin von Lebensstil und sozialem Milieu, wider (vgl. Cirkel 2007; Keuchel und Wiesand 2008). Das KulturBarometer 50+ (vgl. Keuchel und Wiesand 2008) – eine empirische Studie (N = 2 000) zu Kulturinteresse, Kulturverständnis und künstlerisch-kreativen Aktivitäten von Menschen über 50 Jahren – zeigt, dass das Interesse am Kulturgeschehen mit dem aktuellen Gesundheitszustand, der Schulbildung, dem derzeitigen Einkommen bzw. der Rente, dem Alter und dem Geschlecht aber auch mit dem beruflichen Status und der Wohnlage korreliert. Der Gesundheitszustand ist für kulturelle Teilhabe besonders bedeutsam, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass diese im hohen Alter abnimmt. Auch die Erkenntnis, dass Schulbildung mehr noch als das verfügbare Einkommen Relevanz für die kulturelle Teilhabe besitzt, ist bekannt. Während das verfügbare Einkommen im Rentenalter gegenwärtig noch in engem Zusammenhang mit der Schulbildung steht, ist zu erwarten, dass sich dieser Zusammenhang aufgrund von brüchigen Erwerbsbiografien gerade auch von Akademiker/-innen zunehmend entkoppeln wird. So können gegenwärtig noch mit gutem Einkommen ausgestattete Berufstätige dennoch im Alter nur über ein geringes Einkommen verfügen. Deutlich wird in der Stu-

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die auch, dass Phasen der Arbeitslosigkeit mit einem geringeren Interesse am Kultur­ geschehen korrelieren, also soziale und kulturelle Teilhabe eng gekoppelt sind. Frauen sind etwas mehr als Männer kulturell interessiert, ein Aspekt der sich sehr viel deutlicher bezogen auf die gesamte Lebensspanne in der Statistik der Volkshochschulen zeigt: 80 % Frauen und 20 % Männer im Bereich Kultur und Gestalten (vgl. Reichart et al. 2018, S. 52). Das KulturBarometer 50+ zeigt zudem, dass nur in Orten mit weniger als 5 000 Einwohner/-innen das kulturelle Interesse sehr gering ist. In Dörfern und kleineren Städten sind Ältere sehr viel mehr in Brauchtumsvereine eingebunden. Für die sog. neuen Bundesländer weist das KulturBarometer 50+ nach, dass das kulturelle Interesse tendenziell größer als in den alten Bundesländern ist, was auf die DDR-Tradition der stärkeren Einbindung von Kultur in das gesellschaftliche Leben zurückgeführt werden kann (vgl. Keuchel und Wiesand 2008, S. 23). Bezogen auf die Wohnformen zeigt sich, dass Menschen im betreuten Wohnen stärker als jene im Seniorenheim am Kulturgeschehen interessiert sind. Deutlich wird dadurch, dass es nicht nur der Gesundheitszustand ist, sondern auch die soziale Teilhabe, die mit kulturellem Interesse korreliert. Motivierend wirken auch soziale Beziehungen. In Bezug auf den Aspekt des Migrationshintergrundes können im KulturBarometer 50+ aufgrund einer zu kleinen Stichprobe nur bedingt Aussagen getroffen werden. Es zeigt sich aber, dass es in Bezug auf die Herkunftsländer Variationen gibt, z. B. ob es sich um Mitgliedschaften in Vereinen mit allgemeinem Kulturbezug handelt oder mit Bezug zum Herkunftsland (ebd., S. 34). Auch Menschen mit einer positiven Einstellung zum lebenslangen Lernen sind stärker an Kultur interessiert. Vergleichbar mit der Typologie der Studie „Die Best Ager“ (TNS Emnid 2004) teilen auch Keuchel und Wiesand (2008) die Gruppe der Älteren in „erlebnisorientierte Aktive“ (meist 50- bis 59-Jährige), „kulturell Aktive“ (oft 60- bis 69-Jährige) und passive Ältere (oft 70 Jahre und älter) ein. Interessant ist, dass die vor allem erlebnisorientierten Aktiven und meist jüngeren Alten sowohl in ihrem Kulturverständnis als auch in ihren Erwartungen an Kulturbesuche eine stärkere Nähe zu jungen Menschen zeigen als die Hochaltrigen (vgl. hierzu auch Hippe und Sievers 2006, S. 91). Das KulturBarometer 50+ macht auch deutlich, dass es schwierig ist, „Menschen, die früher keine Berührungspunkte mit Kunst und Kultur hatten, im Alter für Kultur zu interessieren“ (Keuchel und Wiesand 2008, S. 74). Kulturelle Bildung im Alter beginnt so gesehen schon sehr viel früher im Leben. Gründe, warum Angebote nicht besucht werden, liegen in persönlichem Desinteresse und dem im Bekanntenkreis, in zu hohen Eintrittspreisen, mangelnden Möglichkeiten der Heranführung sowie in gesundheitlichen Einschränkungen und ungünstigen Verkehrsanbindungen. Bezogen auf die künstlerischen Eigenaktivitäten zeigt sich ein ähnliches Bild. Zum einen gibt es eine Korrelation zwischen dem Interesse an Kultur und dem eigenen künstlerischen Schaffen. Zum anderen behalten 76 % der künstlerisch-kreativ Aktiven der Generation 50+ diese Aktivitäten im Alter bei (vgl. ebd., S. 100). Dabei zeigt sich, dass die unterschiedlichen Medien nicht nur hinsichtlich ihrer Nutzung variieren, sondern dass das Nutzungsverhalten alterskorreliert ist. So werden visuelle

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künstlerische Tätigkeiten (Fotografieren, Malen, Zeichnen, Filmen etc.) eher von den jüngeren Älteren ausgeübt. Gerade diese erlebnisorientierten aktiven Älteren haben auch ein hohes Zutrauen, künstlerische Fertigkeiten noch im Alter zu erlernen. Zwar zeigen 31 % der über 50-Jährigen, die keinen künstlerisch, gestaltenden Tätigkeiten nachgehen, Interesse für Angebote zu künstlerisch-kreativen Eigenaktivi­täten, aber auch 52 % nicht. Hier wird deutlich, dass es zumindest eine schwierige Aufgabe ist, diese Gruppe anzusprechen. Auch der Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“, der in 2012 einen Schwerpunkt im Bereich der kulturellen/musisch-ästhetischen Bildung im Lebenslauf hatte, legt nahe, dass es wenig realistisch sei, „dass es nach der Erwerbsphase zu einem neuen Schub kultureller Aktivität komme“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2012, S. 173). Deutlich wird im KulturBarometer 50+ auch, dass künstlerisch-kreative Prozesse vor allem allein und im Bekannten-, Familien- und Freundeskreis ausgeübt werden und nicht in organisierten Angeboten (vgl. Keuchel und Wiesand 2008, S. 97), ein weiterer Aspekt, den die professionell organisierte Kulturarbeit zu berücksichtigen hat. Als Motive, künstlerisch-kulturell selbst tätig zu werden, können zum einen die „soziale Resonanz“, zum anderen die „Möglichkeiten der Selbsterfahrung und das persönlichkeitsentwickelnde Potenzial künstlerischen Handelns“ (Sieben 2008, S. 39) genannt werden. Die „soziale Resonanz“ erfährt angesichts der Möglichkeiten der neuen Medien nochmals eine andere Bedeutung: So finden sich auf Youtube inzwi­ schen zahlreiche Filme von Senior/-innen, die rappen, tanzen und vorlesen etc. (vgl. die Youtube-Kanäle: Propa; MarmeladenOma), Fortnite-Tänze erproben oder sich als ‚Zocker‘ präsentieren (vgl. den Youtube-Kanal: Senioren Zocken). Praktiken im Umgang mit Medien wie auch künstlerisch-kulturelle Darbietungen erhalten so nochmals ganz andere Sichtbarkeit und Rezeption und adressieren ein breites Publikum, was für ältere Menschen attraktiv sein kann und möglicherweise zu Veränderungen der Bilder des Alter(n)s führt. Diese Formen der medialen Präsentationen sind allerdings noch wenig erforscht, stehen doch nach wie vor Studien zur Medienaneignung im Vordergrund (vgl. Thalhammer 2018).

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Orte kultureller Bildung im Alter

Kulturelle Bildung und Kulturarbeit mit, von und für ältere(n) Menschen wird von sehr unterschiedlichen Einrichtungen angeboten bzw. dort organisiert, welche sich grob drei Bereichen zuordnen lassen, auch wenn es Überschneidungen gibt (vgl. Groote und Nebauer 2008; Groote und Nebauer 2009): Kunst und Kultur Hierunter zählen erstens öffentliche und private Kulturinstitutionen wie Museen (vgl. bspw. Adams et al. 2018), Theater, Opern, Bibliotheken, Literaturhäuser, Tanz-

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einrichtungen etc. Dabei kann es sich sowohl um Angebote handeln, in denen äl­tere Menschen selbst künstlerisch tätig werden (vgl. hierzu die Beiträge in Fricke und Hartogh 2016) als auch um solche, in denen sie Kunst rezipieren, bzw. um Projekte, in denen Rezeption und Produktion miteinander verschränkt sind (vgl. Herrmann 2016; Adams et al. 2018). Angesichts der Tatsache, dass noch nicht einmal alle Einrichtungen kulturpädagogische Angebote in ihrem Programm haben, ist davon auszugehen, dass dies in noch größerem Ausmaß für methodisch abgestimmte Angebote für ältere, vor allem hochaltrige Menschen gilt (vgl. Groote und Nebauer 2008, S. 89). Zweitens sind es kulturpädagogische Einrichtungen wie öffentliche und private Musik- und Kunstschulen, theaterpädagogische Zentren, (kirchliche) Akademien etc., die zunehmend ältere Menschen durch senioren- oder generationenbezogene Ange­ bote ansprechen wollen. Angebote finden zum Teil auch in Kooperation, beispielsweise mit Pflegeheimen, statt. Soziales und Gemeinwesenarbeit Dieser Bereich umfasst kunstnahe Orte und Einrichtungen wie soziokulturelle Zentren und kirchliche Kulturarbeit ebenso wie Einrichtungen der offenen Altenarbeit, des Gesundheitsbereichs, der Senioren-, Alten- und Pflegeheime, aber auch der Migrationssozialarbeit und Migrantenselbstorganisationen. Es ist dies der Bereich, der im engeren Sinne mit sozialer Kulturarbeit in Verbindung gebracht wird. Soziokulturelle Zentren, die meist in den 1970er und 1980er Jahren entstanden sind, waren von ihrer Ausrichtung von jeher generationenübergreifend und auf einen Stadtteil oder ein Gemeinwesen ausgerichtet. Durch Fördergelder, häufig kommunale Unterstützung, die Erwirtschaftung eigener Gelder und die Einbindung von Ehren­amtlichen wird versucht, die Angebote trotz zahlreicher Mittelkürzungen für alle Menschen zugänglich zu halten. Indem sowohl Räume für künstlerisches Arbeiten als auch für einen offenen Austausch im Gastronomiebereich zur Verfügung stehen, findet hier in besonderer Weise eine Verbindung von Begegnung und Kunst statt (vgl. Groote und Nebauer 2008, S. 121). Auch die momentan durch das BMFSFJ geförderten „Mehrgenerationenhäuser“ weisen in eine ähnliche Richtung. Kirchliche Alten(bildungs-)arbeit ist insofern von besonderer Bedeutung, weil gerade ältere Menschen dort stärker eingebunden sind als jüngere und Kunst in besonderer Weise in Kirchen vermittelt wird (Kirchenmusik, Chöre, Singkreise, visuelle Kunst). Angebote kultureller Bildung können dort einen Beitrag dazu leisten, mehr Menschen (junge Alte, aber auch Hochaltrige in der zugehenden Altenarbeit) anzu­ sprechen. Im Bereich der offenen Altenarbeit (z. B. Seniorenfreizeitstätten, Altenclubs, Altentagesstätten, Seniorentreffs) und im Bereich der stationären Altenarbeit gibt es erstens Angebote, selbst künstlerisch-kreativ tätig zu werden. Zweitens werden zum Teil gemeinschaftliche Besuche von Kulturveranstaltungen durchgeführt bzw. werden diese in die Heime eingeladen. In Heimen wie auch in Einrichtungen und Institutionen des Gesundheitsbereichs sind die Übergänge zwischen therapeutischer und sozialer Arbeit mit künstlerischen Medien und kultureller Bildung fließend.

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Für die Integration von Migrant/-innen wird Kunst und Kultur als bedeutsamer Faktor betrachtet. Gleichwohl gibt es nach wie vor in der Migrationssozialarbeit und in der Kulturarbeit noch wenig künstlerisch-kulturelle Angebote, die explizit diese Gruppe adressieren. Dies gilt in besonderem Maße für ältere Migrant/-innen, die in der Sozialen Arbeit insgesamt erst in den letzten Jahren zunehmend ins Blickfeld rücken (vgl. Horn et al. i. d. B.). Einrichtungen der Erwachsenenbildung Wie auch für andere hier bereits genannte Bereiche gilt für viele Angebote der Erwachsenenbildung (z. B. Volkshochschulen, kirchliche Erwachsenenbildung), dass sie nicht ausschließlich für ältere Menschen vorgehalten werden (insbesondere nicht im künstlerisch-kulturellen Bereich) und dass die kulturelle Erwachsenenbildung (vgl. Robak und Fleige 2017) nur einen, angesichts der Betonung beruflicher Weiterbildung, zum Teil kleiner werdenden Teil des Angebots umfasst (vgl. Gieseke et al. 2005; Stang 2005; Groote und Nebauer 2008, S. 22; Reichart et al. 2018). Letzteres gilt auch für das universitäre Seniorenstudium und die Seniorenakademien. Dass sich die Angebote zunehmend auch im Bereich der kulturellen Erwachsenenbildung an den Interessen und Bedürfnissen der älteren Menschen orientieren müssen, wird anhand der Volkshochschulstatistik deutlich: Bei insgesamt stark steigender Tendenz waren 2017 im Bereich ‚Kultur – Gestalten‘ der Volkshochschulen 32,1 % der Teilnehmenden 50 bis 64 Jahre alt und 21,1 % 65 Jahre und älter, wobei hier vor allem Kurse mit künstlerisch-kulturellen Eigenaktivitäten im Vordergrund stehen (Reichart et al. 2018, S. 53). In der kirchlichen Erwachsenenbildung ist der Bereich ‚Kultur – Gestalten‘ prozentual vergleichbar mit dem der Volkshochschulen, tendenziell sogar umfangreicher (vgl. die Übersicht in Groote und Nebauer 2008, S. 219). Zu diesen institutionalisierten Orten kommen vielfältige selbstorganisierte Initiativen, in denen ältere Menschen zusammen mit anderen künstlerisch-kulturell tätig sind. Die genannten Einrichtungen und Orte werden sehr unterschiedlich genutzt: So steht beispielsweise an erster Stelle der organisierten Formen der Verein (z. B. Musikverein) und die Jüngeren der Generation 50+ frequentieren häufiger als die Älteren die Volkshochschule. Frauen nutzen tendenziell eher Angebote von Bildungsstätten und Männer eher Vereinsstrukturen (vgl. Keuchel und Wiesand 2008, S. 97 ff.). Die Heterogenität des Feldes bringt es mit sich, dass es zu den in diesem Feld tätigen Fachkräften und Ehrenamtlichen keine genauen Daten gibt. Diese Schwierigkeit wird dadurch noch verstärkt, dass häufig freiberufliche Künstler/-innen und (Kultur-) Pädagog/-innen engagiert werden, zudem vielfach projektförmig gearbeitet wird und die Vorgehensweisen länder- und kommunenspezifisch variieren (vgl. hierzu auch Stang 2005). Für den Bereich der kulturellen Bildung im Alter kann aber angenommen werden, dass Fachkräften der Sozialen Arbeit nicht selten die Aufgabe zukommt, Projekte und Angebote zu organisieren und nur zum Teil, sie selbst durchzuführen. Die Breite der Träger und Bildungsorte macht zudem deutlich, dass kulturelle Bildungsarbeit mit älteren Menschen nicht mehr vor allem als Soziokultur oder soziale

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Kulturarbeit verstanden werden kann (vgl. Hippe und Sievers 2006, S. 10), sondern als eine kulturpolitisch in ihrer Breite zu verankernde Aufgabe, die an unterschiedlichen Orten stattfindet.

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Perspektiven der Seniorenkulturarbeit

Trotz der Heterogenität des Feldes lassen sich aus der gegenwärtigen Arbeit einige konzeptionell relevante Perspektiven skizzieren, die sich an den (potenziellen) Nutzer/-innen orientieren (vgl. zu zahlreichen Praxisbeispielen: Ermert und Lang 2006: Ermert et al. 2008; Groote und Nebauer 2008; Ermert und Fricke 2009; Fricke und Hartogh 2016). Altershomogene, -heterogene oder intergenerationelle Arbeit ?

Geht man von den Präferenzen der Nutzer/-innen aus, so gibt es kein eindeutiges Bild, ob bevorzugt in altersgemischten oder altershomogenen Gruppen gelernt bzw. künstlerisch-kreativ gearbeitet wird (vgl. Groote und Nebauer 2008, S. 41; Keuchel und Wiesand 2008, S. 93 ff.; Groote 2016, S. 51). Tendenziell bevorzugen Hochaltrige, die eher körperliche Einschränkungen haben, altershomogene Gruppen. Die Entscheidung, ob Angebote kultureller Bildung ausschließlich Ältere adressieren sollen, muss insofern vom Thema, den Medien und den angesprochenen Personen abhängig gemacht werden. Ob Generationendifferenzen zum Thema des künstlerischen Gestaltens gemacht werden bzw. ein Austausch zwischen den Generationen (und nicht nur ein Nebeneinander mit wohltätig-integrativer Absicht) stattfindet (vgl. Fricke 2013/2012), ist dann Inhalt einer intergenerationellen Arbeit (vgl. zu intergenerationeller pädagogischer Praxis: Karl 2012). Gerade künstlerische Medien, die Differenzerfahrungen bei den Einzelnen auslösen können, ermöglichen auch, die Differenz zwischen Gruppenmitgliedern zu bearbeiten. Allerdings ist hierfür eine sensible päd­ agogische Begleitung hilfreich, die sowohl den Gruppenzusammenhalt stärkt als auch potenzielle Konflikte moderiert und ggf. in die künstlerische Arbeit einbin­det. Bezieht man sich auf Angebote 50+ oder 55+ so muss zudem betont werden, dass in solchen Gruppen meist auch mehrere Generationen vertreten sind, die vollkommen andere Erfahrungshintergründe z. B. in Bezug auf die Kriegs- und Nachkriegszeit (vgl. Fooken i. d. B.) haben. ‚Intergenerationell‘ bezieht sich aber nicht nur auf die Zusammensetzung der Gruppen, sondern kann sich auch auf das Verhältnis zwischen Produzent/-innen und Publikum beziehen (Jugendliche spielen im Pflegeheim Theater, Senior/-innen in einer Schule). Der Austausch zwischen den Generationen wird zum Teil auch dann zum Thema, wenn ältere Ehrenamtliche mit Jüngeren künstlerisch arbeiten und umgekehrt.

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Interkulturelle Arbeit Angesichts einer zunehmenden Internationalisierung der Gesellschaft als eine Fa­ cette des demografischen Wandels wird insgesamt postuliert, dass sich Kultureinrichtungen diesen Veränderungen stellen müssen (vgl. Hausmann 2007, S. 55). Daraus folgt jedoch nicht eine weitere Zielgruppenspezifikation (mit der Gefahr der Ghettobildung), sondern vielmehr die stärkere Berücksichtigung in kultureller Bildung angelegter interkultureller Facetten, um so auch ältere Menschen mit Migrationshintergrund anzusprechen (Herrmann 2016). Im Zentrum steht dann das interkulturelle Lernen, also das Entwickeln von Sensibilität und Toleranz gegenüber der Andersartigkeit, Vielfalt und Widersprüchlichkeit sozialkultureller Ausdrucksformen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und die Wahrnehmung von Diskriminierung (vgl. Witte 2007, S. 8). Pädagogisch wie künstlerisch muss im Produktionsprozess dazu angeleitet werden, dass das Uneindeutige, Ungewisse und Fremde ausgehalten und gestaltet wird (vgl. Treptow 2001, S. 142), denn eine rasche Aneignung findet nicht selten ihren Ausdruck in einer plakativen Festschreibung kultureller Klischees. Insofern stellt die Verknüpfung, manchmal sicherlich auch Verstärkung, der Differenzerfahrung durch Kunst und durch die Heterogenität der Gruppen eine besondere Bildungsherausforderung dar. Biografiearbeit und Lebensweltbezug im künstlerischen Produktionsprozess Nimmt man die in den beiden ersten Punkten beschriebenen Herausforderungen durch Diversity (weitere Dimensionen wie Körperlichkeit u. a. müssten berücksichtigt werden) als Quelle künstlerischen Gestaltens ernst, so wird deutlich, dass es sinnvoll sein kann, die Perspektiven der Beteiligten, ihre biografischen und lebensweltlichen Erfahrungen als Teil des künstlerischen Produktionsprozesses medienspezifisch einzubeziehen (vgl. Groote und Nebauer 2009, S. 181). Dabei geht es nicht nur um Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit, sondern um eine forschende, künstlerische Bearbeitung von lebensgeschichtlichen, persönlichen Erinnerungen und gegenwärtigem Lebensgefühl sowie um eine Positionierung zu relevanten Themen (vgl. für das Alten­theater: Bittner und Kaiser 2004). Biografiearbeit wird so gesehen auch als das Herstellen von Sinn in Bezug auf die Gegenwart und zwischen einzelnen Erlebnissen in der Vergangenheit verstanden, ein Aspekt, der gerade für ältere Menschen besondere Bedeutung hat. Kulturangebote und Adressat/-innen zusammenbringen Der kulturpolitische Anspruch, dass Kultur für alle Menschen zugänglich sein muss, stellt sich im Alter angesichts von Mobilitätseinschränkungen, aber bspw. auch von demenziellen Erkrankungen in besonderer Weise. Eine zunehmend positiv konno­ tierte Alterswahrnehmung muss hier gleichzeitig mit einer Berücksichtigung und Anerkennung vulnerabler Gruppen im Alter bzw. von Vulnerabilität im Alter einher­ gehen (vgl. Adams et al. 2018). Auch der – durchaus heterogene – ländliche Raum erfährt zunehmend Berücksichtigung, und die Verankerung von künstlerisch-kultu­

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rellen Praxen und Teilhabe fordert mitunter zu ungewöhnlichen Orten auf, um die jeweiligen Zielgruppen zu erreichen und ihnen so die Aneignung ihrer Räume zu ermöglichen (vgl. Lauterbach-Dannenberg 2019). Inzwischen werden zudem Kulturangebote speziell für ältere Menschen in Heimen entworfen. Auch in der künstlerischen Arbeit mit Demenzerkrankten wird ein breiter Bedarf gesehen (vgl. Franklin Gould 2016; Ganß et al. 2016; Adams et al. 2018). Allerdings können sich oftmals nur exklusive Einrichtungen professionelle Angebote von Künstler/-innen oder Kulturpädagog/-innen leisten (vgl. Sieben 2007, S. 62). Der Einsatz von Ehrenamtlichen ist zwar eine sinnvolle Ergänzung, kann aber in der Breite, Tiefe und Kontinuität den Bedarf nicht decken. Zudem wurde oben gezeigt, dass es nicht nur gesundheitliche Einschränkungen sind, die kulturelle Teilhabe verhindern, sondern auch fehlende niedrigschwellige Einstiegsangebote für eher kunstferne Personen (vgl. Groote 2013, S. 76). Die Kulturarbeit ist hier konzeptionell gefordert, um möglichst viele Menschen zu interessieren und den Aspekt der sozialen Begegnung zu stärken. Als ein Konzept kann „Keywork“ bzw. „Keywork4“ (Knopp und Nell 2014; Nell und Knopp 2014) beschrieben werden: Vertreter/-innen einer bestimmten Zielgruppe werden zunächst an eine Institution (z. B. ein Museum), deren Inhalte und Kommunika­tionsformen herangeführt, sie eignen sich diesen Ort an. Das dort positiv Erlebte wird dann an andere Menschen im eigenen Umfeld weitergegeben und diese werden im besten Fall dafür begeistert. Ziel ist dabei die Partizipation, im Sinne von kultureller Teilhabe und Beteiligung und Mitbestimmung an Entscheidungen (vgl. Knopp 2014), sowie die Selbstorganisation der Beteiligten, die sich partizipativ in den Kultureinrichtungen einbringen, wodurch dem „Profi-Laien-Mix“ besondere Aufmerksamkeit gilt (Nell und Knopp 2014). Über Kulturarbeit können so auch neue soziale Netzwerke entstehen. Kontraproduktiv wirkt hingegen eine hohe finanzielle Selbstbeteiligung, wenn öffentliche Gelder gekürzt werden, eine Situation, die eher zu einer Verstärkung der im Lebenslauf wirksamen Benachteiligungen führt und zukünftig auch das Nachfragepotenzial bildungsnaher Gruppen einschränken könnte. Ehrenamtliche in der Kulturarbeit

Kultur und insbesondere Soziokultur gehören von jeher zu den Bereichen, in denen ehrenamtliches Engagement bedeutsam ist (vgl. Wagner 2000; Wagner und Witt 2003; Notz 2005). Im allgemeinen politischen Trend, die Potenziale des Alters für ehrenamtliches Engagement und ihre Nutzung für die Gemeinschaft zu fördern, werden ältere Menschen nun besonders im Kulturbereich, der starken Kürzungen unterliegt, als Kulturvermittler/-innen und Kulturschaffende adressiert. Einerseits wird betont, dass ehrenamtliches Engagement keinen Ersatz darstellen kann für professionelle Mitarbeiter/-innen einer Einrichtung, ja sogar zusätzlichen Personals zur Begleitung und Weiterbildung bedürfen würde. Andererseits wird seine Bedeutung in „ergänzende[n] Angebote[n]“ (Keuchel und Wiesand 2008, S. 102) gesehen, „die über öffentliche Haushalte in der Regel nicht mehr zu finanzieren sind“ (ebd.). Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass in diesem Bereich, in dem zudem viele frei-

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beruflich tätig sind, sich die Zone der fließenden Übergänge und damit potenziell auch die Konkurrenz zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen verbreitern wird, und auch Ehrenamtliche Tätigkeiten ehemals fest Angestellter ausüben (z. B. in der Kulturvermittlung in Bibliotheken, Kunstvereinen etc). Unabhängig davon ist die Chance freiwillig Engagierter aber, neben dem Nutzen für sie selbst, vor allem darin zu sehen, dass sie auf andere Weise andere Zielgruppen erreichen und konzeptionell bei der Entwicklung von Angeboten mitwirken können (z. B. als Keyworker). Fachkräfte übernehmen dann die Begleitung und Weiterbildung. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang auch die Netzwerkbildung zwischen selbstorganisierten Angeboten, Gruppen und Initiativen und etablierten Einrichtungen der Kulturarbeit (vgl. Groote 2013; Nell 2014). Allerdings gilt es bei diesem Profi-Laien-Mix die Konfliktlinien und unterschiedlichen Interessenslagen im Blick zu behalten und mit ihnen einen Umgang zu finden (vgl. Nell und Knopp 2014, S. 25 ff.).

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Rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen der Förderung

Kulturelle Bildung und (soziale) Kulturarbeit mit älteren Menschen unterliegt in den meisten Fällen einer Mischfinanzierung: Eigenbeiträge der Teilnehmenden, private Förderung durch Vereine, Stiftungen, Sponsoring und unterschiedliche staatliche Fördermöglichkeiten. Entsprechend der Heterogenität der Einrichtungen finden unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten Anwen­ dung. Auf der kommunalen Ebene kommt insbesondere neben den momentan vielerorts gekürzten Mitteln für (Sozio-)Kultur insbesondere der § 71 (Abs. 2, Satz 1 und 5) SGB XII (Altenhilfe) in Betracht, nach dem alten Menschen bzw. in Vorbereitung auf das Alter „1. Leistungen zu einer Betätigung und zum gesellschaftlichen Engagement, wenn sie vom alten Menschen gewünscht wird, […] 5. Leistungen zum Besuch von Veranstaltungen oder Einrichtungen, die der Geselligkeit, der Unterhaltung, der Bildung oder den kultu­ rellen Bedürfnissen alter Menschen dienen“

gewährt werden sollen (vgl. hierzu Hammerschmidt und Löffler i. d. B.). Im Prinzip entsteht hier ein weites Feld von Möglichkeiten, die aber nicht im gleichen Maße wie andere Leistungen der Sozialhilfe genutzt werden und deren Nutzung in hohem Maße von den kommunalen Umsetzungspraxen abhängt. Zudem kann es trotz oder gerade wegen Überschneidungen und Ähnlichkeiten zu Konkurrenzen bei der kommunalen Mittelverteilung zwischen den Bereichen Soziales und Kultur kommen (vgl. Trilling 2009). Auf der Ebene der Bundesländer sind zum einen die Weiterbildungsgesetze zu nennen, die zum Teil kulturelle Bildung explizit nennen, zum Teil vergleichbare Aspekte der allgemeinen Weiterbildung zuordnen (vgl. Stang 2005, S. 38 ff.; Deutscher

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Bundestag 2007, S. 401). Dabei zeigt sich jedoch eine „deutliche Tendenz, die kultu­ relle Bildung insgesamt bzw. Teilbereiche, aber auch kulturelle Institutionen, die keine Weiterbildungseinrichtungen sind, von der Förderung auszuschließen“ (Deutscher Bundestag 2007, S. 401). Zum anderen fördern unterschiedliche Ministerien einzelne Projekte der Senioren-/Generationenkulturarbeit, z. B. der Förderfonds „Kultur und Alter“ des Kultusministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen (vgl. Groote und Nebauer 2008, S. 62 ff.). Auf der Bundesebene kommt insbesondere der „Bundesaltenplan“ in Betracht, vor allem wenn es um die Entwicklung von Strukturen, um Modellprojekte und internationale Vernetzung geht (vgl. BMFSFJ 2009). Hinzu kommen zahlreiche Programmausschreibungen, die Initiativen und Modellprojekte zeitlich begrenzt fördern und gegenwärtig häufig im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements verortet sind (zu sog. Modellprogrammen vgl. auch Hammerschmidt und Löffler sowie Aner in Kap. I.1 i. d. B.).

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Entwicklungs- und Forschungsbedarf

Ältere Menschen sind anspruchsvoller geworden und wollen mehr als Zer­streuung durch die Beschäftigung mit Kunst und Kultur. Zu einem gestiegenen künstlerischen Anspruch in Bezug auf künstlerische Produktionen hat auch die nunmehr rund 40-jährige Praxis in der gezielten Kulturarbeit mit älteren Menschen geführt, die durch Ausweitung der Angebote, Erprobung neuer pädagogischer und künstlerischer Handlungsformen, Vernetzung, Diskussionen und künstlerischen Austausch z. B. bei (internationalen) Festivals, sowie die Etablierung der Kulturgeragogik gekennzeichnet ist. Bei diesem Anspruch geht es aber nicht um Leistungsmaßstäbe der Hochkultur, sondern um die Anstrengung, Erlebnisse durchzuarbeiten und Differenzen zu erfahren, Formen zu finden und diese Formen differenziert zu beurteilen. Der Suche nach der Form im künstlerischen Gestalten kommt so gesehen besondere Bedeutung zu. Diese ist aber nicht losgelöst vom pädagogischen Anspruch. Vielmehr liegt in der freiwillig gewählten, anstrengenden Auseinandersetzung die Chance von Bildungsprozessen. Diese gehen über nur technisches Können hinaus (vgl. Treptow 2001, S. 129, 142 f.; Karl, U. 2005, S. 321 ff.). Um diesen Anforderungen von Seiten der Fachkräfte gerecht zu werden, besteht momentan Qualifizierungsbedarf in zwei Richtungen: Erstens müssen (Kultur-)Pädagogen/-innen, Sozialarbeiter/-innen mit künstlerischen Qualifikationen (ebenso wie Künstler/-innen) sich geragogische und gerontologische Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen. Zweitens brauchen Fachkräfte der Alten(bildungs-)arbeit häufig zusätzliche künstlerische oder kulturpädagogische Qualifikationen, um den künstlerischen Auseinandersetzungsprozessen gewachsen zu sein (vgl. Groote 2013, S. 231 f.). Inzwischen sind in diesem Sinne Weiterbildungen im Bereich der Kulturgeragogik entstanden, z. B. die berufsbegleitenden Weiterbildungen „Spielleiter für Menschen mit Demenz“ und „KuBA – Kunstbegleiter/Kunstbegleiterin für Menschen im Alter und mit Demenz“ des International Institute for

Kulturelle Bildung und Kulturarbeit mit älteren Menschen

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Subjective Experience and Research (ISER), der Zertifikatskurs KUNSTgeragogik der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel sowie der berufsbegleitende Zertifikatskurs Kulturgeragogik in Kooperation zwischen dem Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und Inklusion (kubia) in Remscheid und der Fachhochschule Münster (vgl. Groote 2013; Baumann und Groote 2018). Allerdings reicht eine ausschließliche Orientierung auf das Alter nicht aus. Vielmehr bedarf es sowohl auf der Ebene der Qualifizierung als auch auf der der Forschung einer Orientierung an Diversity, um so die Vielfältigkeit des Alter(n)s, des interkulturellen und intergenerativen Zusammenlebens ebenso wie soziale Ungleichheit kulturpädagogisch aufzugreifen (vgl. auch Fuchs 2007, S. 6). Modellprojekte können dabei zwar innovativ hilfreich sein. Sie können aber auch einer nachhaltigen Professionalisierung des Feldes entgegenstehen (vgl. Groote und Nebauer 2008, S. 23). Um die „kulturelle Breitenarbeit“ (Hippe und Sievers 2006, S. 93) und Kulturteilhabe zu fördern, ergibt sich für die Soziale Arbeit die Notwendigkeit zum einen mit Kulturinstitutionen zu kooperieren und sich zu vernetzen, zum anderen selbstorganisierte Initiativen und Gruppen im Kulturbereich zu unterstützen und auf Wunsch in die Entwicklung, Gestaltung und Verbreitung von Möglichkeiten kultureller Bildung einzubinden (vgl. Groote und Nebauer 2009, S. 192). Damit verbunden müssten die Fachkräfte stärker für die Begleitung und Weiterbildung Ehrenamtlicher geschult werden. Zudem gilt es, die lebensstilspezifischen künstlerisch-kulturellen Interessen älterer Menschen zu berücksichtigen, denn ältere Menschen altern zusammen mit ‚ihren‘ Bands, Stars und Idolen, deren Kunst früher Teil ihrer jugendkulturellen Lebensweisen war. Sie blieben häufig im Lebensverlauf weiterhin bedeutsam und stehen bis heute vielfach auf der Bühne und prägen und verändern die Bilder des Alter(n)s mit. Dass ältere Menschen maßgeblich zu ihrem Publikum zählen, zeigt sich beispielsweise auch darin, dass zunehmend eine Bestuhlung bei Rockkonzerten angeboten wird, sog. Mehrgenerationenkonzerte (Keuchel 2009, S. 163). Desweiteren gilt es auch, die neuen Medien in der Kulturarbeit mit älteren Menschen stärker zu berücksichtigen, um so in der Verknüpfung unterschiedlicher Räume und Kommunika­ tionsformen für ältere Menschen attraktive Angebote zu schaffen. Forschungsbedarf besteht aus der Sicht Sozialer Arbeit zudem mindestens in mehrfacher Hinsicht: Erstens fehlen bis auf wenige Ausnahmen (vgl. Karl, U. 2005) systematische Studien zu Bildungsprozessen im Rahmen ästhetischer Praxis. Zweitens müsste die Einbindung von Ehrenamtlichen auch hinsichtlich ihres Konfliktpotenzials genauer untersucht werden. Drittens fehlt eine nach unterschiedlichen Berufsgruppen differenzierte Statistik von Fachkräften, die mit älteren Menschen Kulturarbeit leisten. Viertens schließlich fehlen Studien zur kulturellen Bildung im Alter hinsichtlich der Nutzung internetbasierter Technologien, des Sich-Bewegens in virtuellen Räumen und des Sich-Zeigens in der Öffentlichkeit des Internets, vor allem über Plattformen wie Youtube oder Facebook.

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Ute Karl

Ausgewählte Literatur Fricke, Almut, und Theo Hartogh. Hrsg. 2016. Forschungsfeld Kulturgeragogik – Research in Cultural Geragogy. München: kopaed. Karl, Ute. 2005. Zwischen/Räume. Eine empirisch-bildungstheoretische Studie zur ästhetischen und psychosozialen Praxis des Altentheaters. Münster: LIT. Keuchel, Susanne, und Andreas Johannes Wiesand. 2008. Das KulturBarometer 50+ „Zwischen Bach und Blues…“. Bonn: ARCult Media.

Soziale Arbeit im Kontext von Bildung und Lernen im Alter Cornelia Kricheldorff

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Zum Verhältnis von Bildung und Lernen

Bildung als konstitutives Element institutioneller Angebote, die insgesamt als geschichtlich gewachsenes Gefüge das Bildungswesen strukturell bestimmen (vgl. Gukenbiehl 1998, S. 86), ist jeweils eng verknüpft mit Bildungsidealen, -erwartungen und -zielen. Damit umfasst das Bildungssystem sowohl curricular definierte Qualifizierungsmöglichkeiten in der Aus-, Fort- und Weiterbildung, vor allem im Hinblick auf schulische und berufliche Qualifikation, als auch offenere und partizipativ ange­ legte Angebote der allgemeinen, politischen und kulturellen Bildung (vgl. zur kultu­ rellen Bildung Karl i. d. B.). In funktionalistischer Perspektive wird Bildung vor allem als ein relevantes Instrument der Sozialisation gesehen, das gesellschaftliche Inklusion oder Exklusion sowie soziale Differenzierung und Distinktion erzeugt (vgl. Gukenbiehl 1998, S. 86; Hillmert 2009; Bubolz-Lutz et al. 2010, S. 22). Als postulativer Wertbegriff wird Bildung durch wechselnde Leitbilder inhaltlich bestimmt, die wiederum von historischen und politischen Einflüssen geprägt werden (Gukenbiehl 1998, S. 85; Kolland 2005, S. 13; Bubolz-Lutz et al. 2010, S. 22). In diesem Kontext ist es wichtig, eine deutliche Unterscheidung zwischen Lernund Bildungsprozessen vorzunehmen. Lernen wird dabei als grundlegende Fähigkeit des Menschen verstanden, Anpassungsleistungen an sich im Lebenslauf verändernde Lebensbedingungen und -umstände weitgehend selbst gesteuert zu vollziehen. Die dafür notwendigen Lernprozesse sind in der Mehrzahl informeller Art. Sie geschehen oft nebenbei und unbemerkt, sind auch mit physischen und sozialen Veränderungsvorgängen verbunden und vor allem in den Bezügen des Alltags verankert (SchmidtHertha 2018). Soziale Arbeit begleitet und unterstützt diese individuellen Lernprozesse in vielfältiger Weise, ohne sie in der Regel explizit als solche zu definieren und zu beschreiben (Kricheldorff 2014a, 2018a). © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_10

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Die grundlegende Fähigkeit zu lernen stellt gleichzeitig die allgemeine Grundlage und Voraussetzung für Bildung dar, die eher einer reflexiven Ausrichtung folgt. Bildungsprozesse sind in dieser Logik geprägt von bewussten eigenen Entscheidungen, verbunden mit einem Abwägen durch „Vernunftgebrauch“ im Sinne des humboldtschen Bildungsideals (vgl. Benner 2003) und getragen von der Idee der Mündigkeit des Menschen sowie dem Gedanken der immer wieder notwendigen eigenen Positionierung und (Neu-)Verortung. In dieser Ausrichtung und Logik tragen Bildungsprozesse auch der Tatsache Rechnung, dass sich menschliches Leben nicht isoliert, sondern immer im sozialen Raum und Austausch vollzieht. Damit hat Bildung einen engen Bezug zu Konzepten in der Sozialen Arbeit, die auf Lebensweltbezug (Thiersch 2014), Ressourcenorientierung und Empowerment (Herriger 2014) setzen. Diese differenzierte Betrachtung von Lernen und Bildung erscheint vor allem in Bezug auf den konstruktiven Umgang mit Veränderungen im Prozess des Alterns hoch relevant, weil dabei sowohl individuell notwendige Anpassungs- und Lernprozesse als auch reflexive Bildungsprozesse im Sinne von Neuorientierung erforderlich sind (Schramek et al. 2018). Eine Trennschärfe in der Begriffsbildung und inhaltlichen Ausrichtung ist dabei hilfreich – auch für die Umsetzung von fachlich fundierten Bildungs-, Begleitungs- und Beratungsangeboten in der einschlägigen Fachpraxis, nicht zuletzt in der Form von Bildungsberatung (Kolland et al. 2018a) als eine Art Verbindungsglied zwischen dem Bildungsbereich und der Sozialen Arbeit. Der internationale Fachdiskurs zum Thema Bildung und Lernen im Prozess des Alterns wird derzeit noch erschwert und bestimmt durch den Einfluss unterschiedlicher Wissenschaftskulturen, was sich vor allem darin zeigt, dass Bildung als klar deutschsprachiges Konzept kein identisches Synonym in anderen Sprachen findet. Deshalb werden in der einschlägigen englischsprachigen Fachliteratur vor allem die Termini „learning in later life“ und „lifelong learning“ gebraucht, was jeweils eindeu­ tig auf den Lernbegriff fokussiert. Im Wissenschaftskontext wird zunehmend auch von „educational gerontology“ gesprochen, was in der französischen Sprache der „éducation à la vieillesse“ oder auch „formation“ entspricht. Die inhaltliche Orientierung dieser Termini steht allerdings im deutlichen Widerspruch zum aktuellen Fachdiskurs zur Altersbildung im deutschsprachigen Raum, weil sie die Vorstellung impliziert, dass Menschen im höheren Lebensalter der Erziehung bedürften. Diese fehlende begriff‌liche Passung erklärt auch eine gewisse Sprachlosigkeit im internationalen Kontext, worauf auch Kern (2018) verweist. Vor diesem Hintergrund und vor allem im Hinblick auf eine international ausgerichtete Diskussion zum Thema erhebt er deshalb die Forderung, den Bildungs- bzw. Lernbegriff möglichst einfach und soweit wie möglich sprach- und übersetzungsneutral zu definieren und dabei vor allem auf die mehr oder weniger strukturierte Unterstützung einer lernenden Person abzuheben (vgl. ebd., S. 15 f.). Dafür wird der in vielen Sprachen verständliche Begriff der Edukation (education, éducation) vorgeschlagen, der allerdings die reflexive Orien­tierung als maßgebliches Merkmal von Bildung eher vernachlässigt. Eine überzeugende Lösung für dieses Dilemma zeichnet sich also gegenwärtig nicht ab.

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Rahmenbedingungen und Strukturen

Für Lernen und Bildung im Alter ergeben sich aus diesem differenzierten und komplexen Verständnis sehr unterschiedliche Ansätze und Zugangsweisen. Bildung umfasst demzufolge also weitaus mehr als Angebote der expliziten Bildungsanbieter für ältere und alte Menschen, wie Volkshochschulen, Seniorenakademien, kirchliche Einrichtungen und ähnliche Institutionen (vgl. Sommer et al. 2004). Spannend sind darüber hinaus vor allem die Bildungsorte und -settings, die außerhalb von Bildungsinstitutionen liegen und inhaltlich auf der Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und dem Lernen in lebensweltlichen Bezügen verortet sind (Kricheldorff 2015). So können Ansätze und Methoden der Sozialen Arbeit auch unmittelbar ein förderliches Lernklima schaffen, Lernanreize bieten oder lernbegleitend und -unterstützend wirken. Bildung im Alter rückt damit ganz nahe an die Lebenswelt älterer und alter Menschen heran und erfasst ein weit größeres Spektrum von möglichen Bildungsanliegen als dies traditionelle Bildungseinrichtungen vermögen. Das bedeutet aber auch, dass die im Bereich der Bildungsarbeit tätigen Mitarbeiter/-innen sehr unterschiedliche professionelle Hintergründe haben (Erwachsenenbildung, Soziale Arbeit, Heilpädago­gik, Pflege u. a.) und damit auch sehr verschiedene Zielsetzungen verfolgen können. Die Bildung älterer und alter Menschen wird gesellschaftlich zwar als wichtig anerkannt (vgl. BMFSFJ 2004b, 2006a, 2010; Deutscher Bundestag 2016a), ein rechtlicher Rahmen, der die Finanzierung von entsprechenden Angeboten absichert, fehlt allerdings bislang noch immer, abgesehen von der grundsätzlichen Möglichkeit der Kommunen, im Rahmen des § 71 SGB XII auch Bildungsangebote zu unterstützen, was aber nur sehr marginal geschieht.

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Lebenslanges Lernen

Im Zuge der internationalen Diskussion um lebenslanges Lernen, wie auch des Wandels der geisteswissenschaftlichen Pädagogik zur Erziehungswissenschaft, hat sich der Begriff des Lernens gegenüber dem der Bildung durchgesetzt (vgl. Gösken et al. 2007). In diesem Kontext des anwendungsorientierten Wissenserwerbs wurden Lernen und die damit verbundenen Bildungsziele allerdings lange nur auf Kindheit und Jugendalter bezogen, in erster Linie auf die formale Bildung. Erst im Zusammenhang mit der internationalen, von der OECD vorangetriebenen Diskussion über lebenslanges Lernen wurde auch das Lernen erwachsener, älterer und alter Menschen verstärkt in den Blick genommen (kritisch dazu Aner 2015) und die Frage nach deren Lernfähigkeit positiv beantwortet (vgl. Staudinger 2003). Lebenslanges Lernen ist auch eines der Leitbilder, mit denen im 5. Altenbericht der Bundesregierung, unter Bezugnahme auf die Potenziale des Alters, ein inhaltlicher Schwerpunkt gesetzt wurde (BMFSFJ 2006a; Tippelt et al. 2009).

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Die Notwendigkeit lebenslangen Lernens wird allgemein und im Hinblick auf die Bildung Älterer im Besonderen begründet •• mit den Erfordernissen der Informations- und Wissensgesellschaft: In den Konzepten lebenslangen Lernens geht es vor allem darum, welches Wissen bzw. welche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen für die Orientierung in und Teilhabe an der Informations- und Wissensgesellschaft notwendig sind (Staudinger 2003, S. 39), •• mit dem Zwang zur permanenten Anpassung beruflicher Qualifikationen an die Erfordernisse des technischen Fortschritts, was in Zukunft aufgrund der vorgesehenen längeren Lebensarbeitszeit eine weit stärkere Partizipation älterer Arbeitnehmer/-innen an beruflicher Fort- und Weiterbildung notwendig machen wird (Schröder und Gilberg 2005), •• mit der Erkenntnis, dass in einer alternden Gesellschaft die Potenziale des Alters verstärkt für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft genutzt werden müssen und dass für deren Erhalt, Förderung und sinnvollen Einsatz die Unterstützung durch Bildung unverzichtbar ist (BMFSFJ 2006a; Deutscher Bundestag 2016a), •• mit der Bildungsaufgabe, die soziale Partizipation und Teilhabe der Älteren zu unterstützen (Kolland 2005, 2011), •• mit der Notwendigkeit, dass – vor dem Hintergrund des demografischen Wandels – ein Austausch zwischen den Generationen stattfinden muss, im Sinne des intergenerationellen Lernens (Keil und Brunner 1998; BMFSFJ 2006a; Deutscher Bundestag 2016a). •• mit der Bildungsaufgabe, biografische Orientierungs-, Entwicklungs- und Entfaltungsprozesse unter Individualisierungsbedingungen zu unterstützen (vgl. Gösken et al. 2007, S. 39 ff.; Kricheldorff und Trilling 2010; Kricheldorff 2005, 2014b). Insgesamt ist vom Zeitpunkt der Veröffentlichung des 5. Altenberichts an eine deutliche begriff‌liche Erweiterung vollzogen worden. Bis dahin war mit dem Konzept des lebenslangen Lernens fast ausschließlich die Konzentration auf berufsbezogenes Lernen und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit verbunden. Die dann erfolgte deutliche Erweiterung der konzeptionellen Rahmung für lebenslanges Lernen, die in den folgenden Altenberichten konsequent weiterverfolgt wurde (BMFSFJ 2010; Deutscher Bundestag 2016a), auch zugunsten von Zielen und Angeboten für die nachberufliche Lebensphase, hat sich seitdem im Fachdiskurs fest etabliert. Auf die öffentliche Verantwortung für Bildung im Alter wird in diesem Kontext zu Recht deutlich hingewiesen, wenngleich das Recht auf Bildung für Ältere explizit nirgendwo verbindlich geregelt und verankert ist. Es lässt sich allenfalls ableiten aus der Pflichtaufgabe der Kommunen, im Rahmen der sozialen Altenhilfe nach § 71 SGB XII, soziale Teilhabe zu ermöglichen. Aber es ist auch unübersehbar, dass Lernen und Bildung in dieser neuen Logik des lebenslangen Lernens in erster Linie der Aufrechterhaltung, Förderung und Nutzung von Potenzialen der Älteren für ein gesundes, aktives Altern und die Übernah-

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me zivilgesellschaftlich relevanter Aufgaben dienen. Und genau das ist die kritische Seite der Positionierungen in den letzten drei Altenberichten (BMFSFJ 2006a, 2010; Deutscher Bundestag 2016a). Die normativen Forderungen, die mit der Stärkung und Erweiterung des Konzepts des lebenslangen Lernens einhergehen, bergen in sich die Gefahr, dass Ältere in Zukunft auch über Bildung immer stärker für gesellschaftliche und wirtschaftliche Erfordernisse instrumentalisiert werden könnten.

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Geragogik

Die Geragogik als junge Wissenschaftsdisziplin stellt die Fragen nach den spezifi­ schen Anliegen und Zielen von Bildung im Alter in anderer Form und erfährt damit eine steigende Aufmerksamkeit und Resonanz. „Entsprechend der gesamten Aufwertung von Bildung im Alter erfährt die Geragogik als Wissenschaft vom Lernen im Alter, für und über das Alter und das Altern zunehmend Anerkennung – sowohl innerhalb der sich weiter ausdifferenzierenden Gerontologie als auch seitens politischer Entscheidungsträger.“ (Köster und Schramek 2005, S. 232)

In der geragogischen Diskussion über ein angemessenes Verständnis von Altersbildung sind die Bestimmungsmerkmale von Bildung vielfältig thematisiert. Veelken (2003) etwa nennt als Aufgabe von Altersbildung die Entfaltung von Identität und die Auseinandersetzung mit altersspezifischen Entwicklungsaufgaben in einer konkret-historischen Kultur und Gesellschaft. Es wird ein ganzheitlicher Bildungsbegriff eingeführt, der nicht funktionalistisch ist und deshalb für die gesamte Altersphase, also auch für das hohe Alter, anwendbar ist (Bubolz-Lutz 2000a). Kade (2009) benennt als notwendige Orientierungen: Kompetenzen zur Alltagsbewältigung, Handlungs- und Sozialkompetenzen, aber auch kreative und biografische Kompetenzen. Es geht dabei um Selbstreflexivität, (Selbst-)Erleben und um (Selbst-)Ausdruck. Im Kontext des modernitätstheoretischen Diskurses ist die reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und Lebensgestaltung vielfach als Bildungsaufgabe identifiziert worden. Die Reflexion lebensgeschichtlicher Erfahrungen, als wichtige Orientierungshilfe für die bewusste Gestaltung des weiteren Lebens, schließt auch die Entscheidung mit ein, welche Lern- und Lebensziele im Alter verwirklicht werden sollen (vgl. Kricheldorff 2005, 2014b). Zentrale geragogische Anliegen sind auch die Entwicklung neuer Lernsettings und Lernformen. Dies erklärt sich unter anderem aus der Tatsache, dass bei der Mehrzahl der Älteren noch immer deutliche Hemmschwellen in Bezug auf die klassischen Formen und Institutionen der Erwachsenen- und Altersbildung bestehen. Tews (1993a, S. 235 ff.) wies in einer repräsentativen Untersuchung bei 60- bis 65-Jährigen und 70bis 75-Jährigen bereits Anfang der 1990er Jahre in Schleswig-Holstein nach, dass nur eine deutliche Minderheit von ihnen Bildungsveranstaltungen nutzte und das dies

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vor allem die sog. Bildungsgewohnten waren, im Sinne einer Kontinuität im Lebenslauf. Er folgerte zum damaligen Zeitpunkt daraus, dass es sich bei älteren Bildungsteilnehmenden noch um Minderheiten handele, prognostizierte aber für die Zukunft für einzelne Zielgruppen einen wachsenden Bedarf. Mehr als zehn Jahre später bestätigte das Forschungsprojekt „Bildung im Alter“ im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ 2004b) die Ergebnisse in ähnlicher Weise, denn von knapp 2 000 Befragten hatte nur ein Viertel im Laufe von drei Jahren an mindestens einer Bildungsveranstaltung teilgenommen (ebd., S. 8). Wieder erfolgte in diesem Kontext der Verweis auf die sich wandelnden Bildungsbiografien der künftigen Alten und erneut zeigte sich, dass die in der Studie erhobene Bildungsbeteiligung im Rahmen der Studie vor allem mit Alter und schulischem Bildungsabschluss korrelierte (vgl. Stiehr und Garrison i. d. B.). Der vielfach prognostizierte Wandel bezüglich der Beteiligung Älterer an ‚klassischen‘ Bildungsangeboten ist also zwischen den beiden Erhebungszeiträumen, die mehr als zehn Jahre auseinanderlagen, nicht eingetreten und dies hat sich auch bis heute nicht maßgeblich verändert. Vielmehr zeigt sich, dass ganz offensichtlich traditionelle Bildungssettings, wie Kurse in Volkshochschulen, Vortragsveranstaltungen und themenbezogene Weiterbildungen nur eine begrenzte Zahl älterer Menschen überhaupt ansprechen können. Zu fragen ist also, ob bei der Mehrzahl der Älteren möglicherweise ganz andere Bildungsbedürfnisse bestehen und wie diesen gegebenenfalls entsprochen werden kann. Der ganzheitliche Bildungsbegriff der Geragogik ist in seiner Offenheit dafür gut geeignet. Er sieht ältere und alte Menschen nicht festgelegt auf eine traditionelle Rolle als Bildungsnutzende, sondern ermöglicht auch bewusst Beteiligung und orientiert sich an den individuell relevanten Lebensfragen. Ein Hauptziel dabei ist die Ermöglichung von Autonomie und Selbstbestimmung in Verbundenheit mit anderen Menschen (vgl. Köster und Schramek 2005; kritisch zum Autonomiekonzept vgl. Pichler i. d. B.). Es lässt sich also festhalten, dass die traditionellen Träger der Altersbildung, wie Volkshochschulen, kirchliche Bildungshäuser und Gemeindezentren, aber auch die Hochschulen mit den Angeboten des Seniorenstudiums, eine zwar sehr eindeutige und nicht unbedeutende, aber zahlenmäßig kleine Rolle spielen. Wichtiger werden vor dem Hintergrund einer breiteren Zielgruppenansprache neue Lernorte und Formen niederschwelliger oder zugehender Bildungsarbeit, die eher in der alltäglichen Lebenswelt verankert sind und Bildungsinteressen bedienen, die an aktuellen Lebensthemen und -fragen anknüpfen (Kricheldorff 2018b).

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Neue Settings für Lernen und Bildung im Prozess des Alterns

Kalbermatten kritisierte schon 2004, dass die gesellschaftlich relevanten Vorstellungen über das Alter hinter der veränderten und möglichen Realität zurückblieben und deshalb der Bereich der Altersbildung einen deutlichen strukturellen Rückstand aufweise. Er sah Ältere als potenzielle Lebensunternehmer/-innen, die die neuen Chan-

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cen des nachberuflichen Lebens sinnvoll für sich und ihre bewusst ausgewählten Vorhaben nutzen sollen. Dazu sollen sie angeregt und angeleitet werden, auch im Sinne einer Selbstbildung. Er betonte die Chancen und bisher nicht genutzten Möglichkeiten, die nun im Sinne einer persönlichen Weiterentwicklung zu Bildungsanliegen werden sollten (Kalbermatten 2004, S. 112). Für eine Nutzung dieser brachliegenden Ressourcen braucht es aber Entwicklungs­ möglichkeiten und Unterstützung, im Sinne ermöglichender Strukturen. Es geht dabei auch um kommunale Bildungskonzepte, die darauf gerichtet sind, Partizipation zu lernen (Kricheldorff und Köster 2007). Vor diesem Hintergrund werden Bildungssettings jenseits der traditionellen Bildungsanbieter und Lernorte wichtiger. Sie sind verortet in informellen Lernzusammenhängen (Schmidt-Hertha 2018) und eher ‚privaten Lernzirkeln‘, basierend auf selbstbestimmten, selbstgesteuerten oder selbst­ organisierten Formen von Bildung (vgl. Mallwitz-Schütte 2000; Bubolz-Lutz 2000b, 2002; Bubolz-Lutz und Rüffin 2001; Schäffter 2003; Witthaus et al. 2003). Im Mittelpunkt stehen dabei die eigenen relevanten Fragen und Themen. Diese werden im gemeinsamen Diskurs mit signifikanten Anderen (Steinfort 2006) bearbeitet, um daraus mögliche Einsichten in gesellschaftliche Zusammenhänge und Handlungsoptionen entwickeln zu können. (Köster und Schramek 2005; Bubolz-Lutz 2007; GKV Spitzenverband 2009). Dies bedeutet, dass in diesen neuen Formen und Settings dem Gruppenprozess verstärkt Raum, Zeit und Aufmerksamkeit gegeben werden muss. Dieses Bildungsverständnis bildet die theoretische Basis für einschlägige Projekte in der Fachpraxis, bei denen Lernen und Handeln miteinander verknüpft werden und neben der Erweiterung eigener Wissensbestände auch Alltagsthemen und existenzielle Fragen im Mittelpunkt stehen (vgl. BMFSFJ 2002b; Burmeister et al. 2007). In diesem Kontext stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Bildung im Alter neu (vgl. auch Breinbauer i. d. B.). Es geht einerseits um den Gewinn, den der einzelne ältere Mensch daraus für sich ziehen kann, aber auch um den Nutzen, der dadurch für das Gemeinwesen erwächst. Diese beiden Aspekte gilt es, in eine neue Balance zu bringen – ohne Verpflichtungsethik und Vereinnahmungstendenzen der Gesellschaft. Vielmehr kann in neuen Lernsettings eine Gesellschaftsorientierung entstehen und wachsen, die sich, ausgehend von relevanten Fragen des einzelnen äl­teren Menschen, über den Diskurs mit signifikanten Anderen, in gemeinsamen Handlungsoptionen ausdrückt. Dieser Prozess vollzieht sich in der Regel in selbst organisierten und selbst ge­ steuer­ten Lernformen. Diese brauchen keine festen Curricula und vordefinierte Lernziele, vielmehr erfolgt eine professionelle Unterstützung im Sinne einer Ermöglichungsdidaktik (Arnold 1999), als unterstützende Beratung im Lernprozess (Klein und Reutter 2004), an Stelle von Lehrpersonen, die das Programm bestimmen. Selbst organisiertes Lernen braucht Lernbegleitung auf Augenhöhe, keine hierarchisch geprägte Beziehung zwischen den lehrenden Expert/-innen und den auf Wissenserwerb ausgerichteten Lernenden. Vielmehr dominiert eine Austauschbeziehung, in der die Rollen auch wechseln können.

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Altersbildung, die bewusst diese anderen Rahmenbedingungen schafft, birgt in sich eher die Chance einer lebensweltorientierten Öffnung für bildungsferne ältere und alte Menschen. Sie knüpft im Sinne von Empowerment (Herriger 2014) an ihre Ressourcen und Potenziale an und schafft Rahmenbedingungen für eigenes Handeln, in der Logik der Selbsthilfe. Ein solch weiter und offener Bildungsbegriff ermöglicht also Inklusion statt Exklusion und entspricht dem professionellen Selbstverständnis Sozialer Arbeit. Damit wird Bildung zu einem wichtigen Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen.

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Exemplarische Bildungsanliegen in der Sozialen Altenarbeit

Im Folgenden werden mögliche Bereiche der Sozialen Altenarbeit skizziert, in denen jeweils eigene Bildungsanliegen verortet sind, die unter Rückgriff auf Methoden der Sozialen Arbeit beantwortet werden können. 6.1

Bildung in der Statuspassage zum Leben nach der Erwerbs- und/ oder Familienphase

Mit dem Austritt aus dem Berufsleben und in der nachfamiliären Phase entsteht ein neuer Lebensabschnitt, der für den einzelnen älteren Menschen geprägt sein kann von Unsicherheit und Umbruch, der aber durchaus auch neue Freiräume und Chancen eröffnet. Im Kern geht es um die Entwicklungsherausforderung ‚Neuorientierung‘, also darum, ein neues stabiles Gleichgewicht zu erlangen, auf dem das weitere Leben aufgebaut werden kann. Im unstrukturierten Prozess des Übergangs, der nicht zwingend und linear zu einer neuen stabilen Situation und Statuszugehörigkeit führt, müssen bisherige Gewohnheiten, Handlungsmuster und Deutungen reflektiert und gegebenenfalls modifiziert werden. Zentrales Anliegen dieser Statuspassage, die der einzelne ältere Mensch für sich individuell bewältigen muss und die einen universalen und weichenstellenden Prozess auf dem Weg ins höhere Alter darstellt, ist das Erreichen von Lebenszufriedenheit (Kricheldorff 1999, 2011). An die Stelle alter und vertrauter Rollen in Beruf und Familie sollen nach Möglichkeit neue Interessen und Aufgaben treten, die als Sinn stiftend erlebt werden und soziale Teilhabe ermöglichen, im Sinne eines gelingenden Alterns oder erfolgreichen Alterns (Baltes und Baltes 1989a; Baltes et al. 1989; Lehr 2007). Dabei können vorhandene und im biografischen Kontext erworbene Potentiale und Ressourcen hilfreich sein. Andererseits wird dieser Prozess aber auch durch defizitäre Bedingungen und Voraussetzungen im Sinne kumulativer Disparitäten im Lebenslauf beeinflusst. Deshalb ist im Sinne pädagogischer Beratung auch die noch relativ neue Form der Übergangsberatung hoch relevant (Kricheldorff 2016). Die Debatte um die Bewältigung dieser Statuspassage wird bestimmt von alterstheoretischen Orientierungen, die Aktivität (Tartler 1961; Lemon et al. 1972) und

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Kontinuität (Atchley 1989) in den Mittelpunkt stellen. In diesem Sinne bestimmen Leistung und die Notwendigkeit gebraucht zu werden darüber, wie individuelles Altern gelingt, und es wird davon ausgegangen, dass Menschen dann zufriedener altern, wenn sie ihren grundsätzlichen Lebensstil durch die verschiedenen Lebensphasen kontinuierlich beibehalten können. Ob und wie das gelingt, ist von vielen Einflussfaktoren abhängig: dem körperlichen Zustand, dem Ausmaß sozialer Einbindung, finanziellen Ressourcen, aber auch von Lernbereitschaft und bildungsbiografischen Voraussetzungen. In einschlägigen gerontologischen Debatten seit Beginn der 1990er Jahre wird immer wieder auf den individuellen Wert und Gewinn von Tätig-Sein und freiwilligem Engagement im Alter verwiesen (Karl 1990, 1993; Knopf et al. 1995; Knopf 1997, 2000). Die Ergebnisse des zweiten Freiwilligensurvey weisen aber ganz klar auf eine Ex­ klusion bestimmter Gruppen hin, denn das Ausmaß an gesellschaftlichem Enga­ge­ ment älterer Menschen korreliert deutlich mit Einkommen, beruflichem Status und Bildung (Gensicke et al. 2006). Für die Soziale Arbeit bedeutet das, dass sie Strategien entwickeln muss, auch Menschen zu erreichen, die bislang wenig soziale Teilhabemöglichkeiten haben. Darin besteht die eigentliche professionelle Herausforderung. Geragogische Projekte in der Statuspassage dürfen deshalb nicht in erster Linie diejenigen Älteren im Blick haben, die klassische Bildungsmilieus repräsentieren. Diese Gefahr besteht sehr leicht und es entstehen damit eher elitäre Zirkel. Ein Beispiel dafür sind viele Angebote an Seniorenuniversitäten oder -akademien, die vorrangig die Interessen von bildungsgewohnten Älteren bedienen. Bildung als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit muss andere Ziele verfolgen. Primär geht es um die Implementierung niederschwelliger Ansätze sowie um die Schaffung ermöglichender Strukturen, in denen der einzelne ältere Mensch mit seiner Biografie und seinem lebenslang erworbenen Wissen Anknüpfung und eine offene Lernatmosphäre vorfindet (Kricheldorff 2014b). Im Austausch mit anderen kann dann ein Klärungsprozess stattfinden, der den Blick öffnet für eigene Wünsche und Bedürfnisse, aber auch für Ressourcen. Lernsettings, die sich dafür anbieten, sind verbunden mit Arbeitsformen und Methoden der Sozialen Arbeit, zum Beispiel mit sozialer Gruppenarbeit oder rekonstruktiver Sozialarbeit. Sie orientieren sich am Leitgedanken des Empowerment (Herriger 2014) und setzen damit auf Ressourcenorientierung. Im Kern geht es dabei um die Unterstützung eines Selbstfindungsprozesses, in dem Wahlmöglichkeiten und Chancen aufgezeigt und in dessen Rahmen neue individuelle Wege entwickelt werden können, unterstützt durch individuelle Beratung und selbstbestimmtes Lernen in der Gruppe. Dieser Prozess kann in ein freiwilliges Engagement führen, es sind aber auch ganz andere, neue Facetten des Lebens im Alter als Resultat dieser Neuorientierung denkbar. Ein wichtiger methodischer Ansatz, der in der Praxis noch wenig verankert ist, kann in diesem Kontext die Bildungsberatung für Menschen im Alter sein (vgl. Kolland et al. 2018a). Bildungsansätze, die sich auf biografische Prägungen beziehen und im Kern dem Anliegen folgen, Altern zu lernen (Himmelsbach 2018), zielen vor allem auf die Lebenssituation und Lebenswelt des alternden Menschen. Sie verfolgen dabei das Ziel,

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individuelle Ressourcen und Potenziale aufzugreifen bzw. ältere Menschen darin zu unterstützen, diese selbst zu erkennen und sie für sich sinnstiftend und ihre Lebenssituation stärkend einzusetzen (Kricheldorff 2014b). Kade (1994) formuliert vier Lernfelder als Ansatz- und Bezugspunkte für Angebote, die auf die Bewältigung von Übergängen oder Statuspassagen im Prozess des Alterns zielen: •• Biografie, mit dem Blickwinkel auf lebensgeschichtliches Lernen, Erinnerungsarbeit, dem Herstellen von Bezügen zwischen Geschichte und Lebensgeschichte sowie der Reflexion prägender Einflüsse auf die persönliche Entwicklung; •• Alltag, mit dem Anliegen Alltagszeit zu strukturieren, Alltagsräume zu gestalten, den Alltag durch Selbsthilfe zu bewältigen und Krisen zu meistern; •• Kreativität, als häufig vernachlässigtes Anliegen im Lebenslauf, in Form von kreativer Rezeption und Produktion, als gestaltbarer Freiraum, für den im Alter bessere Bedingungen als jemals vorher bestehen (vgl. auch Karl i. d. B.); •• Produktivität, in neuen Bezügen und verbunden mit einem erweiterten Produktivitätsbegriff, der Eigentätigkeit und soziale Nützlichkeit einschließt und vertraute, wie auch neue Rollen – sowohl im Sinne männlicher Berufs- als auch weiblicher Sorgekompetenz – eröffnet. Für geragogische Konzepte in der Statuspassage nach Beruf und Familie sind alle vier Lernfelder deshalb von Bedeutung, weil sie für den einzelnen älteren Menschen neue Perspektiven auf unterschiedlichen Ebenen eröffnen können und sich ergänzende Facetten der Identitätsentwicklung darstellen. 6.2

Berufliche Weiterbildung Älterer

Die berufliche Weiterbildung Älterer war lange in der Bildungslandschaft ein unbedeutendes Thema, weil Programme zur Frühverrentung den Arbeitsmarkt dominierten. Das hat sich mittlerweile nachhaltig verändert und die Tendenz des längeren Verbleibs im Berufsleben, auch über das Renteneintrittsalter hinaus, ist deutlich ansteigend. Die schlechte finanzielle Prognose für die gesetzliche Rentenversicherung wird einerseits mit einer Anhebung der Lebensarbeitszeit beantwortet. Andererseits führt der Eintritt von bedeutend kleineren Jahrgängen auf den Arbeitsmarkt zu einer Personalknappheit in bestimmten Branchen. Dies führt in der beruflichen Weiterbildung verstärkt zu Überlegungen, wie ältere Menschen wieder vermehrt in den Arbeitsprozess einbezogen werden bzw. über attraktive Qualifizierungsmaßnahmen länger in den Betrieben gehalten werden können (Hentze und Hinkelmann 2005). Es geht dabei um die Entwicklung von Konzepten für den Umgang mit alternden Belegschaften und um die Frage, wie das Erfahrungswissen älterer Arbeitnehmer/-innen gesichert werden kann (vgl. auch Frerichs und Sporket 2016).

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Die Gerontologie bestätigt für die Weiterbildung optimale Voraussetzungen im Alter: Bei steigender Lebenserwartung sind ältere Menschen deutlich länger geistig und körperlich fit als noch vor einigen Jahrzehnten. Gefragt sind vor diesem Hintergrund Konzepte der betrieblichen Bildungsarbeit, die Älteren eine Art Seniorexpertenrolle zuweisen könnte, ohne dadurch Gräben zwischen den Generationen zu schaffen. Hier könnte sich ein neues Feld betrieblicher Sozialarbeit auftun, das intergenerationelle Lernbezüge herstellt und begleitet (Baumgartner und Sommerfeld 2015). Damit verbunden sind auch Konzepte der betrieblichen Gesundheits­förderung denkbar, die als Prävention und Gesundheitsbildung ebenfalls zum Profil Sozialer Arbeit passen und neue Handlungsfelder eröffnen könnten (INQA 2005; Stoll 2012). 6.3

Bildung im Feld der Pflege

Die Entwicklungsherausforderung ‚Pflege‘ im mittleren und späten Erwachsenenalter berührt in vielfacher Hinsicht eine existentielle Dimension. Es ist nicht nur ein großer Personenkreis betroffen, nämlich sowohl die Pflegenden als auch die Gepflegten, es geht vielmehr auch um die Neuordnung der Lebensgestaltung, die das Privatleben im Kern betrifft und das Lebensgefühl entscheidend mitbestimmt. Angesichts der in der Fachliteratur herausgestellten Überlastungs- und Überforderungsproblematik im Feld der Pflege liegt es nahe, ein Bildungsverständnis zu entfalten, das sich an den erkennbaren Unterstützungsbedarfen der Adressat/-innen (sowohl der hilfsbedürftigen alten Menschen als auch der Pflegenden) ausrichtet. Dies verkürzt aber die Sichtweise auf das Feld der Pflege als ausschließlich problembehafteten Bereich, was nicht der Realität entspricht. „Vielmehr erscheint ein Bildungsverständnis angemessen, das sich an den Begriffen der geistigen Orientierung, Reflexion und der Kompetenzentwicklung bzw. -erweiterung ausrichtet und das die ressourcenorientierte Entwicklungsförderung zum zentralen geragogischen Anliegen macht. Nach diesem Verständnis von Bildungsarbeit […] kann sie in dem vom Individuum selbst gesteuerten Entwicklungsprozess zur Auseinandersetzung mit Lebensfragen motivieren, sie kann Informationen bereitstellen, zur Reflexion anregen und zum ‚überlegten‘ und verantwortlichen Handeln befähigen. Sie kann die kritische Auseinandersetzung der Individuen mit der ‚Außenwelt‘ anregen und begleiten und über eine solche Auseinandersetzung neue Verständniszugänge erschließen.“ (Bubolz-Lutz und Kricheldorff 2006, S. 41)

Bildung wird damit in einem Feld verankert, das auf den ersten Blick mit ganz anderen Aufgaben befasst ist. Dies eröffnet aber beispielsweise Chancen, neue Zugänge zu pflegenden Angehörigen zu schaffen, die durch einen auf Kompetenzstärkung basierten Bildungsansatz als kompetente Akteur/-innen wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Es geht dabei um ein Ansetzen an eigenen Fragen, aber auch um

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Cornelia Kricheldorff

Wissensvermittlung und Reflexion. In erfolgreichen Modellprojekten wie „Pflegebegleiter“ (Bubolz-Lutz und Kricheldorff 2006) und „Familienbegleitung bei Demenz“ (Kricheldorff und Brijoux 2015, 2016) konnte die Dimension des bürgerschaftlichen Engagements mit Bildung verknüpft werden. Das Thema ‚Pflege in der Familie‘ als Bildungsthema wurde dabei in den Mittelpunkt von Praxisprojekten gestellt, in deren Rahmen Freiwillige qualifiziert wurden, die anschließend in pflegenden Familien zugehende Formen der Kompetenzstärkung realisierten. Die Aufgaben der Sozialen Arbeit sind hier vielfältig. Neben der Qualifizierung geht es auch um Praxisbegleitung und -reflexion, um Vernetzung mit dem professionellen Umfeld und wiederum um die Förderung von Empowerment, auf den Ebenen der Freiwilligenarbeit und der pflegenden Angehörigen. Insgesamt ist das Arbeitsfeld ‚Pflege‘ für Bildungsanliegen noch immer ein weites Feld, denn es bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, die bisher erst im Ansatz erschlossen sind. Insofern ist es ein spannendes und zukunftsträchtiges Feld für die Soziale Arbeit. 6.4

Bildung im Vierten Lebensalter

Das Vierte Lebensalter, das sich weniger über das kalendarische Alter, als vielmehr über den Grad der Hilfebedürftigkeit und durch nachlassende Autonomie definiert, wurde bislang in der Altenhilfe und weniger in der Altersbildung gesehen. Kade stellte 2009 erstmals ein Stufenmodell vor, das Entwicklungsmöglichkeiten bei eingeschränkter Autonomie aufzeigt und damit einen Entwurf darstellt, einen eigenständigen Bildungsbedarf für Menschen im Vierten Lebensalter zu definieren. Damit knüpft sie an die Ausführungen von Bubolz-Lutz (2000a, S. 331) an, die mit dem Thema Bildung und Hochaltrigkeit Neuland betreten hat. Als mögliche Zugänge bieten sich aus ihrer Sicht in diesem Kontext an: Lernen im hohen Alter, Lernen für das hohe Alter und Lernen für den Umgang mit Hochaltrigen. Bubolz-Lutz (2000a) weist darauf hin, dass diese drei spezifischen Bereiche in der Praxis häufig Überschneidungen haben bzw. auch zusammengehen können. Besondere Aufmerksamkeit müsste aber in jedem Fall dem Prozess des zugehenden Erschließens nicht bildungsgewohnter Älterer zukommen. Bedeutsam werden in diesem Zusammenhang Kenntnisse über Bildungsbedürfnisse und -barrieren älterer und hochbetagter Menschen und die daraus abzuleitenden differenziellen geragogischen Angebote und Strukturen. Als Modell in der Fachpraxis griff das innovative Projekt „L4 – Lernpartnerschaft mit Menschen im Vierten Lebensalter“ diese Logik auf. In dieser Konzeption übernehmen mobile Lernpartner/-innen die Aufgabe, nicht mobile Lernpartner/-innen regelmäßig zu besuchen, mit denen sie ein gemeinsames Lerninteresse oder Hobby verbindet. Dabei spielt der Altersunterschied keine Rolle und es ist auch unerheblich, ob der/die nichtmobile Lernpartner/-in zu Hause oder in einer stationären Einrichtung lebt (Vanderheiden 2005).

Soziale Arbeit im Kontext von Bildung und Lernen im Alter

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Die Soziale Arbeit könnte dabei für die Qualifizierung von Freiwilligen zuständig sein, die auf die Übernahme von Lernpartnerschaften vorbereitet werden, sowie Koordination und Praxisbegleitung anbieten. Insgesamt gilt auch für diesen Bildungsbereich, dass die Erfordernisse und das Aufgabenspektrum vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wachsen und vielfältiger werden – ein neues Praxisfeld in der Bildungsarbeit im Vierten Lebensalter. 6.5

Intergenerationelles Lernen

Begegnungen zwischen den Generationen ermöglichen den Aufbau von Beziehungen. Diese fördern den Abbau von Vorurteilen sowie das Entstehen sozialer Vernetzungen. Dazu braucht es Begegnungen der Generationen, auch im außerfamiliären Bereich – im Alltag, in ‚inszenierten‘ Formen und in neuen Bildungssettings. Neue Bildungsangebote und Bildungsräume schaffen einen ermöglichenden Rahmen für diese Begegnung der Generationen. Deren jeweilige Stärken und Ressourcen werden auf diesem Weg sichtbar und können genutzt werden – zum Lernen voneinander, miteinander und übereinander. Jung und Alt sollen so in bewusst gestalteten Dialogund Lernprozessen voneinander profitieren. Dies geschieht durch: •• den Prozess der Kulturüberlieferung, die Weitergabe von Erfahrung und Wissen von den Älteren an die Jüngeren (Ältere als Mentor/-innen) und •• den Prozess der Vermittlung neuer und veränderter Kulturtechniken von den Jüngeren an die Älteren. Ältere erhalten auf diesem Weg Hilfen in der digitalisierten Welt, Jüngere profitieren von den Erfahrungen der Älteren und bekommen Orientierungshilfe in einer schnelllebigen Zeit. Neue Bildungssettings können in ‚traditionellen‘ Lernumgebungen verortet werden (z. B. Tagungshäuser, Akademien, Bürgerhäuser, Einrichtungen der außerschulischen Jugendbildung oder Altenbildung). Bildungsangebote können aber auch bewusst andere, erlebnisorientierte Räume wählen. Eine bislang wenig genutzte Form sind beispielsweise Reisen oder Exkursionen, verbunden mit ‚reflexiven Lernrunden‘ im Austausch zwischen Jung und Alt. Die sich verändernden Generationenbeziehungen werden auch im Kontext von lebenslangem Lernen gemeinsam thematisiert (Identitätslernen der Generationen). Aus einer kritischen Perspektive wird allerdings die grundsätzliche Unterscheidung nach Generationen und damit auch die Differenz zwischen intergenerationellem und altersübergreifendem Lernen in Frage gestellt (Karl 2011, S. 11). In jedem Fall geht es in diesem Kontext darum, dass alte und junge Menschen gemeinsam neue Wege beschreiten, die sich angesichts einer sich verändernden Welt als notwendig erweisen. Ein Beispiel dafür war das Modellprojekt „Generationen lernen gemeinsam“ (Franz

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Cornelia Kricheldorff

et  al. 2009). Dafür braucht es aber Begegnungs- und Lernräume und in der Konsequenz auch eine Veränderung der Programmentwicklung und Angebotsstrukturen in der Bildungslandschaft unter den Aspekten einer Bildung für alle. Explizit intergenerationelles Lernen wird bereits auf vielfältige Art und Weise umgesetzt (Antz et al. 2009). Der „Dialog der Generationen“ (Schüler 2005) funktioniert aber nur dort nachhaltig, wo alle Beteiligten davon profitieren. Generationensolidarität mit ‚Verpflichtungscharakter‘ bewirkt eher Abwehr. Langfristig haben also nur die Projekte und Ansätze Bestand, in denen echte (Lern-)Beziehungen ‚auf Augenhöhe‘ ohne Belehrungscharakter zwischen den Generationen entstehen können.

7

Ausblick

Bildung im Alter ist also facettenreich und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Soziale Arbeit, der damit auch neue Handlungsfelder zuwachsen. In der Praxis sind die skizzierten Beispiele geragogischer Arbeit häufig Pilotprojekte, die – aus Modellmitteln gefördert – nach einer gewissen Laufzeit oft nicht weitergeführt werden können, weil die notwendigen Finanzierungsgrundlagen für ihre Bestandssicherung in kommunalen Haushalten fehlen. Aufgebaute Strukturen brechen dann wieder weg und es kommt zu keiner Kontinuität in der praktischen Umsetzung. Das ist ein großes Manko. Trotzdem bieten diese Modelle Anknüpfungspunkte dafür, wie und wohin sich das Feld der Altersbildung entwickeln kann und müsste. Sie sind damit auch Wegweiser für eine Professionalisierung Sozialer Altenarbeit und eröffnen neue Bereiche für die Soziale Arbeit insgesamt. Eine so ausgerichtete Bildungsarbeit mit älteren und alten Menschen kann auch als eine Investition in die Zukunft angesehen werden, die zu mehr sozialer Teilhabe und größerer Lebenszufriedenheit führen und damit langfristig Kosteneinsparungen im Pflege- und Gesundheitsbereich bewirken könnte. Dass sich Investitionen in die Bildung ‚lohnen‘ – auch im Alter – muss sich bei Trägern und Verbänden sowie in der Altenpolitik aber erst durchsetzen.

Ausgewählte Literatur Bubolz-Lutz, Elisabeth, Eva Gösken, Cornelia Kricheldorff und Renate Schramek. 2010. Gerago­gik. Bildung und Lernen im Prozess des Alterns. Das Lehrbuch. Stuttgart: Kohlhammer. Kade, Sylvia. 2009. Altern und Bildung. Eine Einführung. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Bielefeld: wbv. Schramek, Renate, Cornelia Kricheldorff, Bernhard Schmidt-Hertha und Julia Steinfort-Diedenhofen. Hrsg. 2018. Alter(n) – Lernen – Bildung. Ein Handbuch. Stuttgart: Kohlhammer.

Arbeitsfelder im Bereich Gesundheit und Pflege

Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter Peter Franzkowiak

1

Demografische und epidemiologische Ausgangslage

In den entwickelten Gesellschaften ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine Verlängerung, Ausdehnung und damit verbunden eine starke Ausdifferenzierung der Altersphase zu beobachten. Diese hat vielfältige neue soziale, kulturelle sowie politisch-zivil­ gesellschaftliche Potenziale eröffnet. Vor allem im Dritten Lebensalter verzeichnen die ‚Gesellschaften des längeren Lebens‘ erhebliche Gesundheitsgewinne gegenüber früheren Generationen. Kontrovers ist aber, ob der Gewinn an Lebensjahren mehr Jahre in Gesundheit oder in Krankheit zur Folge hat (zur Diskussion um ‚Kompression vs. Expansion‘ der Altersmorbidität vgl. Wurm und Saß 2015; Trachte et al. 2015; Kruse 2017b; Tesch-Römer 2017). Verschiedene Altersstudien (vgl. Kruse et al. 2005; Böhm et al. 2009; Saß et al. 2010; Nowodassek und Nowodassek 2011; Wurm und Saß 2015; WHO 2015; RKI 2015, 2016; Flor 2018) zeigen für Deutschland einen mit fortschreitendem Alter deutlichen Anstieg der Gesundheitsprobleme: hinsichtlich der Anzahl der Erkrankungen und bezüglich ihrer Komplexität und Wechselwirkungen. Wichtige Kennzeichen von Erkrankungen im höheren und hohen Alter sind ein häufig längerer Krankheitsverlauf, eine verzögerte Genesung und eine oft unspezifische Symptomatik. Strategien der lebenslaufbegleitenden Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung gewinnen somit verstärkt an Bedeutung, um möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Das Krankheitsspektrum hat sich global verschoben hin zu einer Übermacht und multiplen Morbidität chronisch-degenerativer Erkrankungen und Einschränkungen somatischer und psychosomatischer Art bei gleichzeitiger Verlängerung der Lebensdauer mit diesen Krankheiten. Chronische Erkrankungen sind der kurativen bzw. wiederherstellenden Intervention aber nur eingeschränkt zugänglich. Sie führen zu einem dauerhaften medizinisch-geriatrischen Versorgungsbedarf und zur durchgän© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_11

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Peter Franzkowiak

gigen Inanspruchnahme sozialer Sicherungs- und Unterstützungsleistungen im höheren und hohen Lebensalter. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens von mehrfachen chronischen Erkrankungen und Einschränkungen (Multimorbidität). Nach Angaben des RKI (2016) sind in Deutschland 76 % der Frauen und 68 % der Männer in der Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen von Multimorbidität betroffen; bei 75bis 79-Jährigen steigt der Anteil auf 82 % bei Frauen und 74 % bei Männern. Weitere Probleme ergeben sich durch Wechselwirkungen von chronischen Erkrankungen; zudem können sich Krankheitsketten bilden. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen und -interaktionen sind immer noch zu wenig untersucht, dieses Faktum fließt erst seit wenigen Jahren in therapeutische Leitlinien der Medizin und Geriatrie ein (s. Leitliniengruppe Hessen 2014). Ein hochrangiges Problem ist die bei der Hälfte aller über 65-Jährigen anzutreffende „kumulative Polypharmazie“ (Glaeske und Schicktanz 2013; Pohlmann und Fraunhofer 2016; Grandt et al. 2018). Tesch-Römer (2017, S. 41) fasst als gesundheitliche Ambivalenz des Alterns zusammen: „Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu einer absoluten Kompression der Morbidität, sondern zu einer relativen Kompression der Morbidität kommen. Wir werden wahrscheinlich länger in guter Gesundheit leben, und wir werden länger in schlechter Gesundheit leben, also mit funktionalen Einbußen, mit Hilfebedarf und in Pflegebedürftigkeit.“

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Potenziale der Prävention und Rehabilitation im Alter und für das Altern

Schon Mitte der 2000er Jahre verwies Kruse (2006a,b) auf die „extrem großen“ Effekte gesundheitsbewussten Verhaltens zur Verhinderung von Gesundheitsstörungen, chronischen Krankheitsverläufen und Fähigkeitseinbußen im Prozess des Alterns (vgl. auch Dapp et al. 2007; Spuling et al. 2017; zur Korrelation sozialer Benachteiligung mit gesundheitlichen Problemen vgl. Homfeldt i. d. B.). Kruse differenzierte zwei Ansätze: Prävention für das Alter zielt auf gesunde Lebensführung im Jugend- und Erwachsenenalter, um den Ausbruch und die Folgen von ‚mitalternden‘ Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen oder Diabetes mellitus Typ II zu vermeiden (primäre Prävention; zur aktuellen global-epidemiologischen Evidenz: Li et al. 2018). Bei vorzeitigem Auftreten können diese durch frühzeitige Diagnostik und Therapie hinausgezögert und in ihrem Verlauf positiv beeinflusst werden (sekundäre Prävention). Zur Prävention für das Alter gehört die le­benslange Förderung körperlicher und geistiger Aktivität zur Sicherung einer möglichst hohen und bis an das Lebensende verfügbaren Leistungskapazität, gleichermaßen die nicht gesundheitsschädliche Gestaltung von Arbeitsweisen und Arbeitsbedingungen wäh-

Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter

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rend des Erwerbslebens. Primäre Prävention in der gesamten Lebensspanne ist unverzichtbar, um Risikofaktoren für Gesundheit und Selbstständigkeit besser zu erkennen und frühe Hilfen und Interventionen anzubieten. Prävention im Alter umfasst primäre Prävention gegen Risikofaktoren für Gesundheit und Selbstständigkeit – so ‚primär‘ wie bei zunehmender Multimorbidität möglich. Vor allem aber fördert sie die Angebote der Krankheits-Früherkennung und -Frühbehandlung (sekundäre Prävention der wichtigsten Alterskrankheiten) sowie alle Interventionen zur Linderung chronischer Krankheiten und zum Hinausschieben von funktionellen Einschränkungen und von irreversiblen Leistungs- und Immuneinbußen (tertiäre Prävention in Überschneidung mit Rehabilitation). Bei alternden Menschen müssen Interventionen zur Erhaltung und Verbesserung der gesundheitlichen Situation gleichermaßen auf Präventions- und Rehabilitationspotenziale abzielen und Aktivierungen zur Gesunderhaltung und Robustheit be­ inhalten. Sie müssen v. a. Wirkungen auf die zunehmende Frailty und die Mobilitätseinschränkungen zeigen (Kruse et al. 2005; Kruse und Wahl 2010; Saß et al. 2010; Dapp und Renteln-Kruse 2015; Weber et al. 2016; Kruse 2017a; Flor 2018). Querschnittsziel ist die Verminderung der sozial bedingten gesundheitlichen Ungleichheiten im Alter: vorrangig bei den primären Diversity- und Disparitäts-Dimensionen Migration/Ethnizität, Gender, Bildung/Literacy, Status/Einkommen und Milieu/Region (zur sozialepidemiologischen Evidenz vgl. Lampert et al. 2016, 2017).

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Krankheitsprävention aus Public Health-Perspektive

Bereits im vorletzten Jahrzehnt wurden Ziele, Inhalte und Methoden einer gesundheitswissenschaftlich begründeten Krankheitsprävention im Alter in dreifacher Hinsicht klassifiziert (MAGS NRW 2007; Walter und Schneider 2008): •• bevölkerungsbezogene Ansätze, •• krankheits-, beeinträchtigungs- und versorgungsbezogene Interventionen, •• lebensraum- und lebensweltbezogene Maßnahmen. (1) Bevölkerungsbezogene Ansätze zielen im engeren Sinne auf Verbesserung des Gesundheitswissens und der Gesundheitskompetenz aller (alternden) Menschen, in erweitertem Verständnis auf gesellschaftliche Veränderung von Altersbildern und den Abbau von Defizitmodellen und Stigmatisierungen in öffentlichen und professionellen Diskursen zur Altersgesundheit. Die wichtigsten Interventionsstrategien sind: Vermittlung von Gesundheitsinformationen zur Verbesserung des Gesundheitswissens und -verstehens (Health Literacy, Gesundheitskompetenz) durch staatliche oder private Großagenturen und Informationsportale; gezielte Informationsschaltungen und Kommunikationsangebote in Tageszeitungen, Printmedien, Broschüren, Fern­ sehen und Internetportalen (E-Health); Kursangebote von Krankenkassen an Altern-

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Peter Franzkowiak

de und/oder ihre Angehörigen; Kurs- und Trainingsangebote von Sportvereinen zur Bewegungsförderung und zum Erhalt von Kraft und Ausdauer. (2) Krankheits- und beeinträchtigungsbezogene Interventionen sowie versorgungsbezogene Ansätze zielen auf Optimierung der gesundheitsbezogenen Versorgung, Rehabilitation und Vorsorge bei alternden Menschen. Typische Interventionsstrategien sind: Universelle Gesundheitsinformation und Wissensverbesserung der Bevölkerung zu den bekannten verhaltensgebundenen Risikofaktoren sowie zu Krisenzeichen akuter Gesundheitsstörungen (z. B. in der Schlaganfallprävention); kommunale Aktionen wie ‚Gesundheitstage/-wochen‘ zur Risikofaktorenaufklärung und -reduktion (z. B. Hypertonie-Screening, Bewegungsförderung, Gewichtsreduktion); (haus-)ärztliche Prävention durch primär- und sekundärpräventive Beratung, Früherkennungs­ diagnostik, präventive Medikation und Behandlung; aufsuchende Gesundheitsberatung und präventive Hausbesuche bei noch nicht-pflegebedürftigen, selbstständig lebenden alten Menschen mit präventiv-geriatrischen Assessments und wiederholter Gesundheitsberatung; Patient/-innenschulungen bzw. Psychoedukation und strukturierte Nachsorge im Rahmen medizinischer und geriatrischer Rehabilitationsmaß­ nahmen; Sport- und Bewegungsförderung in Sportvereinen; Ausbildung von Übungsleiter/-innen und Multiplikator/-innen; verbesserte Qualifizierung und Vernetzung von medizinischen, pflegerischen, ergo- und sporttherapeutischen sowie psycho­sozia­­ len Leistungserbringer/-innen, Fachkräften und Fachdisziplinen. (3) Lebensraum- und lebensweltbezogene Ansätze zielen auf Beeinflussung und gesundheitsförderliche Gestaltung von gesundheitsrelevanten Kontextfaktoren. Wichtigste Interventionsfelder (Settings) sind: a) die betriebliche Gesundheitsförderung für erwachsene und alternde Beschäftigte – darin v. a. lebensphasenbezogene Altersarbeitskonzepte mit flexiblen Wochenund Lebensarbeitszeiten und Zeitkonten, b) die kommunale Gesundheitsförderung mit und für Ältere in Quartier, Gemeinde und Nachbarschaft – insbesondere quartiersbasierte Prävention für sozial benachteiligte Ältere (v. a. bildungsferne Personen, alternde Menschen mit Migra­ tionshintergrund, nicht mobile Ältere, auch: ältere Männer). Inhalte und Angebote umfassen hier: betriebliche Primärprävention und Risikofakto­ renreduktion am Arbeitsplatz nach § 20b SBG V (sog. Präventionsgesetz), zumeist über personale, wünschenswerterweise auch durch strukturelle Interventionen; Vorbereitung eines Renteneintritts ‚bei guter Gesundheit‘; Risikofaktoren-Screenings und betriebsmedizinische Frühbehandlungen am Arbeitsplatz; kommunale Begegnungsund Kommunikationsräume; Seniorennetzwerke, Begegnungs- und Beratungsstellen in kommunaler, kirchlicher oder freier Trägerschaft; migrations- und kultursensible Gesundheits- und Alternsberatung, interkulturelle Öffnung von örtlichen Beratungs-

Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter

153

und anderen Diensten; diversity-sensible Beratungs- und Unterstützungsangebote; Aufbau altersgerechter Wohnformen (selbstständiges Wohnen, Mehrgenerationenwohnen) und Beratung zur Wohnraumanpassung; begleitetes Wohnen; lokale (Alterns-)Gesundheits- und Pflegeberichterstattung; regelmäßige lokale und quartiersbezogene Gesundheits- und Pflegekonferenzen.

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Gerontologische Perspektiven auf Altersgesundheit

Im Gegensatz zur prioritär von Krankheiten und deren Verlauf ausgehenden Medizin verfügt die moderne Gerontologie über einen mehrdimensionalen, relationalen und subjektzentrierten Gesundheitsbegriff. Kruse und Wahl (2010) schlagen übergreifend den Terminus „aktive Lebenserwartung“ vor. In Anlehnung an und in Erweiterung von Kruse (2006b) (neuer: Kruse und Wahl 2010; Wahl et al. 2012; Wahl und Heyl 2015; Tesch-Römer 2017) lässt sich ein Geflecht aus mehreren, ineinander verflochtenen Dimensionen skizzieren. Ohne die Bedeutung der spezifischen Krankheitsprävention zu schmälern, aber auch ohne diese zu verdinglichen, gelten als gerontologische Kerne von Altersgesundheit: eine autonome Lebensgestaltung und Lebensqualität, eine gute funktionale Gesundheit, Selbstständigkeit im Wohnen und weiteren wichtigen Daseinsfunktionen, angemessene Krisenund Krankheitsbewältigung, gute soziale Partizipation und Unterstützung. Diese gerontologische Konzeption von Altersgesundheit kann weiter ausdifferenziert und konkrete Zielsetzungen können formuliert werden: •• Erhalten einer aktiven, selbstständigen, selbstverantwortlichen, persönlich zufriedenstellenden Lebensführung (v. a. beim Wohnen und in der sozialen Alltagsintegration) so lange wie möglich •• Erhalten und Fördern alter(n)sgerechter Mobilität und körperlicher Aktivität •• (alternsangemessene) geistige Leistungsfähigkeit und Aktivität, Förderung von Kohärenz- und Lebens-Sinn •• Erreichen eines altersangepasst optimalen funktionalen Status mit Alltagsanpassung an Multimorbidität, Beherrschung von Krankheitssymptomen (v. a. Schmerzen und Funktionseinbußen), sowie angemessener Medikation •• Selbstmanagement chronischer Erkrankungen, subjektiv gelingende Bewältigung und/oder das Herausschieben von (chronischen) Krankheiten, von Krankheitsfolgen und Funktionseinbußen mit dem Wiedergewinn von Selbstständigkeit nach Erkrankungen und funktionellen Einbußen •• Vermeiden von psychischer Dekompensation in Folge von Krankheitslast •• Vermeiden von Behinderung und Pflege, Verlängerung der aktiven behinderungsfreien Lebenserwartung •• Herstellung eines individuell passenden Systems medizinisch-pflegerischer und sozialer Unterstützung

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Peter Franzkowiak

•• Schaffung von Möglichkeiten und Anreizen zu sozialer und kultureller Partizipation und Kommunikation, Zugänglichkeit zur (Zivil-)Gesellschaft, leichter Zugang zu Bildungs- und Informationsmöglichkeiten •• Abbau von Barrieren und gesundheitsrelevanten sozio-kulturellen Ungleichheiten in der (wohn-)räumlichen, sozialen, institutionellen und rechtlichen Umwelt. Diese Konzeptionen und Zielsetzungen stehen u. a. in der langjährigen Tra­dition der (keinesfalls unumstrittenen, s. grundlegend kritisch: van Dyck und Graefe 2011) WHO-Programmatiken eines „Healthy and Active Ageing“ (WHO-EURO 2012; WHO 2015; Liotta et al. 2018). Diese und das deutsche Nationale Gesundheitsziel „Gesund älter werden“ (BMG 2012; Ziegelmann 2012) verbinden sich mit Kruses Forderung aus den 2000er Jahren: Prävention ist nicht allein am (körperlich und geistig) alternden Individuum einzufordern und dort professionell/sozialpolitisch zu inszenieren. Risiken und Veränderungspotenziale der individuellen Morbidität und Bewältigung sollten immer auch vor dem Hintergrund der räumlichen, sozialen, rechtlichen und institutionellen Lebenswelt betrachtet werden. Analog fordert Tesch-Römer (2017) die konsequente Verschränkung von individueller Risikovermeidung, der Verbesserung/des Erhalts des funktionalen Status und einer aktiven sozialen Teilhabe über vier gesellschaftlichen Strategien: •• Gesellschaftliche Institutionen neu ausrichten (Bildung, Arbeit, Ruhestand, Wohnen und Wohnquartier an Bedarfe alternder Gesellschaften anpassen) •• Lebenslauf-Politiken entwickeln (Neuverteilung von Bildung, Arbeit, Freizeit in allen Lebensphasen – nicht sequenziell aufeinander folgend) •• Vorhandenes Humankapitel nutzen (über ‚aktives Altern‘ die Kompetenzen älterer Menschen berücksichtigen) •• Soziale Ungleichheit berücksichtigen (Migration/Ethnizität, Gender, Bildung/Literacy, Status/Einkommen, Milieu/Region als Treiber gesundheitlicher Ungleichheit erkennen und beeinflussen).

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Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit mit alternden Menschen – ein prekäres Verhältnis

In den vielfältigen, keinesfalls einheitlichen Handlungsfeldern der Sozialen Altenarbeit, an den Schnittstellen von Rehabilitation, Geriatrie, sozialrechtlicher und psychosozialer Beratung und Koordination haben Fachkräfte der Sozialen Arbeit praktischen Anteil an dem, was die Elemente von alternsbezogener Prävention ausmacht. Ausgenommen davon sind die – erheblich umfangreicheren Anteile von – i. e. S. verhaltensmedizinischen, pflegerischen, sporttherapeutischen, rehabilitativen und anderen eher im medizinnahen Relevanzfeld angesiedelten Tätigkeiten.

Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter

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Die Fachkräfte agieren nicht in der Praxis einer Fachsozialarbeit, etwa unter dem Dach einer ‚Präventiven Sozialen Altenarbeit‘ – davon zu sprechen, wäre immer noch verfrüht und fehlleitend. Beobachtbar ist vielmehr die uneinheitliche Praxis einer präventiven Sozialarbeit im Gesundheitswesen, gekoppelt mit verstreuten Aspekten von vorsorgebezogener Gesundheitsarbeit im Sozialwesen (vgl. Homfeldt und Steigleder 2008; Franzkowiak et al. 2011; Franzkowiak 2014; Witteriede 2014; Homfeldt 2018). Sozialarbeiterische Anteile in krankheitspräventiven Teilfeldern von Alten­ hilfe realisieren sich vorwiegend in ambulanten und teilstationären Handlungsfeldern. Dabei sind sie sowohl lebenswelt-unterstützend und -ergänzend, seltener lebenswelt-ersetzend. Das Dilemma für genuin sozialarbeiterische Beiträge zur Krankheitsprävention bleibt grundlegend: Krankheitspräventive (Teil-)Leistungen unterliegen auch in der Altenhilfe den Zwängen des hegemonial organisierten und hierarchisch durchstrukturierten Systems der Gesundheitsversorgung, denn „der (potenzielle) Arbeitsbereich Gesundheit und Pflege ist rechtlich und finanziell dem Gesundheits- und nicht dem Sozialwesen zugeordnet“ (Aner und Hammerschmidt 2018, S. 69; vgl. auch Aner in Kap. I.1 i. d. B.). Dort dominieren Definitionsmacht und Handlungslogiken der noso­ logisch-kurativen Biomedizin fast alle Perspektiven auf Risiko, Krankheit und Altern – auch wenn sich das Fachgebiet Geriatrie längst psychosozial geöffnet hat (vgl. Vogel i. d. B.). Die in der Prävention (für das Alter wie auch im Alter) gebräuchlichen Methoden und Strategien folgen einer klassischen Logik: Defizite, Entwicklungsverluste und primär körperliche Anzeichen für Störungen bzw. deren (Noch-)Abwesenheit stehen im Mittelpunkt. Basis ist ein reduktionistischer, „weitgehend instrumentell bestimmter Blick auf den Körper im Alter“ (Backes und Wolfinger 2008, S. 153; weiterführend kritisch: van Dyck und Graefe 2011; Homfeldt 2018), der obendrein gravierende soziokulturelle ‚blinde Flecken‘ und Unsensibilitäten aufweist. Krankheitspräventive Interventionen auf dieser Basis sind in Zielen und Effektivitätserwartung fremdbestimmend. Sie fragmentieren die Lebensweisen und Lebenswelten ihrer Adressaten. Vorherrschend sind Strategien der Psychoedukation und Sozioedukation (Leppin 2014). Lebensraum- und lebensweltbezogene Aktivierungen spielen wie in den anderen Feldern und Zielgruppen der Krankheitsprävention nur eine Außenseiter- oder Assistenzrolle. Demgegenüber konturierte Otto (2005a, 2008a) bereits im vorletzten Jahrzehnt einen Handlungsrahmen Sozialer Arbeit im Kontext Sozialer Gerontologie. Die Soziale (Alten-)Arbeit könne fachlich wie methodisch zu großen Teilen den noch verwaisten Raum einer Interventionsgerontologie ausfüllen. Diese ‚Feldbesetzung‘ auf der Folie einer unterstellten inhaltlichen wie praktischen Konvergenz von Sozialer Arbeit und Interventionsgerontologie ist ein kluger Kunstgriff. Der offensiv formulierte Anspruch der Sozialen Altenarbeit macht – gerade unter Gesichtspunkten der eigenen Professionalisierung und einer Distinktion gegenüber Medizin wie Pflege – Sinn. Er ist nicht zuletzt begründet durch die realen Konvergenzen zwischen zen-

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Peter Franzkowiak

tralen Konzepten der Gerontologie (Selbstbestimmung/Autonomie, Kompetenz, Produktivität/Plastizität, Biografie, Ressourcen, soziale Unterstützung, Alltags- und Orientierungswissen) und dem kritisch-reflexiven Lebensweltbezug mit Capabilityund Gerechtigkeitsorientierung in der Sozialen Arbeit (Franzkowiak et al. 2011; Sting 2011; Hammerschmidt et al. 2014; Grunwald und Thiersch 2016a). Für die zugehende (Alten-)Arbeit, für spezifische sozialpädagogisch kon­turierte Präventionseingriffe, aber auch für Ausschnitte der pflegenahen (Sozialen) Arbeit vertreten Otto und Bauer (2005), in jüngerer Zeit v. a. Karl (2016), die Orientierung an Lebenswelt als Arbeitshaltung. Die Grundhaltung wird fortgeschrieben in Rademakers (2018) Positionspapier für die Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen mit dem programmatischen Aufruf: „Lebensweltorientierte Gesundheitsförderung als Praxis Sozialer Arbeit stärken !“ Präventiv wirksame Soziale Gesundheitsarbeit in der Altenhilfe sollte sich, wo und wann immer möglich, nicht den eng geführten, vielfach sozial-, kultur- und genderblinden medizinischen Präventionsansätzen unterwerfen. Ihre Kerne und Stärken sind im Folgenden zusammengefasst. •• Methodisch-professionelle Verschränkung von interventionsgerontologischem Assessment mit Case Management, insbesondere für alternde Menschen ohne ausreichende (versorgungs-)systemische Unterstützung •• Strategieformulierung, Umsetzung und Bewertung einer Praxis der lebensweltbezogenen Autonomieerhaltung und -förderung •• Ermutigung zur und Förderung von sozialer und individuell kohärenter Alltags­ aktivität und Krankheitsbewältigung, Empowerment zu Selbststärkung und Selbstbildung •• Netzwerkstabilisierung und -erweiterung, Selbsthilfeförderung – dabei immer auch: „Caring for the Carers“ (Robinson 2015), d. h. Gesundheitsförderung und soziale Unterstützung von sorgenden und pflegenden Angehörigen und Nachbarn •• Zugang zu unterversorgten Menschen mit gleichzeitigem hohen Präventions- und Beratungsbedarf, insbesondere in Bevölkerungsgruppen mit niedrigem und/oder prekärem sozialen Status •• Transsektorale Vernetzung und das Schnittstellenmanagement von Vorsorge- und Förderungsangeboten •• Professionelle Sensibilität für und ursachenorientiertes Angehen von sozial, kulturell, genderbezogen und alltagsökologisch bedingten Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in den Gesundheits-, Versorgungs- und Rehabilitationsoptionen alt werdender Menschen Dass die genuin sozialprofessionellen Kompetenzen in der medizinischen Krankheits­ prävention für das Alter und im Alter nicht ausreichend sind, oft auch gering geschätzt werden, spricht keinesfalls gegen die (präventive) Soziale Gesundheitsarbeit.

Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit im Alter

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Ihr Fokus ist ein eigenständiger: paradigmatisch und methodisch weniger der nosologischen Vorsorge- und Rehabilitationsmedizin, vielmehr der Ressourcen sichernden Gesundheitsförderung verpflichtet. Präventive Altersmedizin und Altenhilfe benö­ tigen die soziale, multidimensionale, lebenswelt- und bewältigungsorientierte, dif­ fe­renz­sensible und Gerechtigkeit einfordernde Gesundheits(förderungs)kompetenz von Sozialer Arbeit und sozialer Gerontologie dringender, als ihnen vielfach überhaupt bewusst ist.

Ausgewählte Literatur Karl, Ute. 2016. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit mit älteren Menschen. In Praxishandbuch Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Hrsg. Grunwald, Klaus, und Hans Thiersch, S. 188 – ​ 199. Weinheim und Basel: Beltz Juventa Tesch-Römer, Clemens. 2017. Erfolgreich altern. Vortrag auf der Jahresveranstaltung des Centrums für Demografie und Diversität am 12. Juni 2017, Technische Universität Dresden. pdfManuskript (53 S.). https://tu-dresden.de/cdd/ressourcen/dateien/2017_06_12_jahresveran­ staltung/Tesch-Roemer.pdf?lang=de. Zugegriffen: 24. Mai 2020. Wurm, Susanne, und Anke-Christine Saß. 2015. Gesundes Leben im Alter – geht mit dem Alter alles nur bergab ? In Der Bürger im Staat 65, 2/3: 130 – ​137.

Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation Annette Franke

1

Einführung

Aktuell leben laut Statistischem Bundesamt etwa zehn Millionen Menschen in Deutschland mit einer dauerhaften Beeinträchtigung in Form einer amtlich anerkannten Behinderung (Destatis 2017a). Dabei sind etwa drei Viertel dieser Menschen 55 Jahre oder älter (vgl. auch Falk und Zander i. d. B.). Die demografische Entwicklung und die damit unmittelbar einhergehende Zunahme chronischer Erkrankungen (insbe­ sondere im Bereich psychischer Beeinträchtigungen) führen zu einer steigenden Bedeutung der Rehabilitation und Nachsorge – auch für ältere Menschen. Insbesondere Ältere weisen oftmals mannigfache Einschränkungen (Multimorbidität) auf, was eine selbstständige Lebensführung gefährdet (BAR 2018a). Damit muss sich die Rehabilitation auf alter(n)sspezifische Bedarfe, heterogene Bewältigungsressourcen und Vulnerabilitäten einstellen und neben der Konzentration auf somatische Aspekte (wie chronische Schmerzen) auch weitere Therapieziele wie Teilhabe im Alter und Vermeidung von Pflegebedürftigkeit definieren (Scheidt-Nave et al. 2010). Nicht zu unterschätzen sind die Wirkungen rentenpolitscher Entscheidungen. Steigt bspw. das gesetzliche Rentenalter an, so lässt sich potenziell auch von einer ‚Gerontologisierung der beruflichen Rehabilitation‘ ausgehen. Vorgezogene Ruhestandsoptionen führen wiederum zu einer sinkenden Nachfrage von sog. Reha-Maßnahmen (vgl. Aurich-Beerheide et al. 2018). Dieser Beitrag fokussiert jedoch die geriatrische Rehabilitation für Menschen im höchsten, dem sog. vierten Lebensalter. Bedeutsam für die Soziale Arbeit ist dabei die verbindliche Anwendung der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) in der Bundesrepublik Deutschland (BMAS 2017b; DIMDI 2005). Darin spiegelt sich die biopsychosoziale ‚Wende‘ in diesem Bereich wider. Im Vergleich zur klassischen bio-medizinischen Sichtweise sollen neben der Funktionsfähigkeit persönliche Faktoren, psychosoziale Lebensumstände sowie Aktivität und Par­tizipation © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_12

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berücksichtigt werden (vgl. auch Homfeldt i. d. B.). Zudem sollen im Bereich der Rehabilitation nun unterschiedliche Disziplinen zusammenwirken, um den komplexen Anforderungen einer ‚Wiederherstellung‘ von Personen mit mannigfachen Einschränkungen und heterogenen Ressourcen zur Bewältigung im Sinne einer Erhaltung der Lebensqualität Rechnung zu tragen.

2

Rechtliche Rahmung und Trägerschaft

Die sozialrechtlichen Regelungen für die Rehabilitation werden seit 2001 primär mit dem Sozialgesetzbuch IX „Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen“ erfasst (BMAS 2017b). Das SGB IX richtet seinen Fokus auf Menschen mit (drohender) Behinderung mit dem Ziel, behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen und die Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen zu unterstützen (vgl. § 1 SGB IX). Dabei wird von Behinderung gesprochen, wenn körperliche Funktionen, kognitive Fähigkeiten und psychische Gesundheit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand negativ abweichen und dadurch die gesellschaftliche Teilhabe gefährdet ist. Die Leistungen im SGB IX liegen auf vier unterschiedlichen Ebenen (BMAS 2017b, S. 40): •• •• •• ••

Leistungen zur medizinischen Rehabilitation (§§ 26 – ​32) Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (§§ 33 – ​43) Unterhaltssichernde und andere ergänzende Leistungen (§§ 44 – ​54) Leistungen zur sozialen Rehabilitation und Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft (§§  55 – ​59).

Zusätzlich zum SGB IX trat 2017 das Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz/BTHG) in Kraft, welches in einem vierstufigen Reformprozess der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention den Weg ebnen soll. Mit dem BTHG wird auch die bislang im SGB XII enthaltene Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung sukzes­ sive aus der Sozialhilfe herausgelöst. Eine Rehabilitation muss in der Regel bei einem sog. Reha-Träger beantragt werden, der die „Rehabilitationsbedürftigkeit“ prüft. Zudem muss eine Person als „reha­ bilitationsfähig“ gelten, d. h. die Akutbehandlung muss abgeschlossen und die Person physisch und psychisch für eine Maßnahme geeignet sein. Darüber hinaus muss eine positive sozialmedizinische „Rehabilitationsprognose“ vorliegen, d. h. eine Vermeidung oder Verringerung von Funktionsverlusten in Aussicht gestellt werden. Auch Ältere müssen in diesem Sinne als rehabilitationsfähig gelten. Das bedeutet, dass Maßnahmen bei nicht verheilten Frakturen oder fortgeschrittener Demenz in der Regel nicht möglich sind, obwohl hier durchaus positive Modellerfahrungen vorliegen, wenn Interventionen ganzheitlich, individuell und längerfristig angelegt sind

Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation

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(vgl. Cations et al. 2018). Für eine positive geriatrische Rehabilitationsprognose sind laut Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation Kriterien für nachhaltige Adaptionsmöglichkeiten im Alltag relevant (BAR 2008). Im Gegensatz zur indikationsspezifischen Rehabilitation zur Behandlung einer bestimmten Erkrankung nimmt die geriatrische Rehabilitation umfassend alle funktionellen Einschränkungen und Bedingungen im Umfeld der Betroffenen (Wohnsituation, Angehörige, Unterstützung nach der Entlassung) in den Blick, um eine möglichst selbstständige Lebensführung zu erzielen. Sie wird jedoch nur gewährt, wenn ein höheres Lebensalter (i. d. R. ab dem 70. Lebensjahr) sowie mindestens zwei altersbedingte Einschränkungen im Sinne eines geriatrischen Syndroms wie wiederholte Stürze, Inkontinenz oder der Abbau kognitiver Leistungen (BAR 2018a; GKV 2018a) vorliegen. Für ältere Menschen lassen sich die beiden Grundprinzipien „Rehabilitation vor Rente“ (§ 9 SGB VI) bzw. „Rehabilitation vor Pflege“ (§ 31 SGB XI) anwenden. Während im ersten Fall i. d. R. die Renten- und Unfallversicherungen Maßnahmen finanzieren, liegt bei „Rehabilitation vor Pflege“ die Trägerschaft bei den Krankenkassen, die prüfen, wie Pflegebedürftigkeit überwunden, gemindert oder eine Verschlimmerung verhindert werden kann (§ 31 Abs. 1 SGB XI). Abbildung 1 zeigt das Ausgabenverhältnis der Rehabilitationsträger im Jahr 2016.

Abbildung 1  Ausgaben-Verhältnis der Rehabilitationsträger 2016 (in %) 9%

18 %

51 %

0%

13 %

1%

7%

1%

Krankenversicherung

Rentenversicherung

Alterssicherung der Landwirte

Unfallversicherung

Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft

Bundesagentur für Arbeit

Integrationsämter

Eingliederungshilfe

Quelle: Eigene Darstellung nach BAR 2018b ©

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Annette Franke

Obwohl seit 2007 ein Rechtsanspruch auf eine geriatrische Rehabilitation besteht, besitzt diese im SGB IX keine eigenständige Grundlage, sondern wird im Kontext der medizinischen Rehabilitation und „Rehabilitation vor Pflege“ einbezogen. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) ist verpflichtet, bei der Begutachtung zur Pflegebedürftigkeit das vorhandene Potenzial für rehabilitative Maßnahmen zu überprüfen und Antragstellenden eine gesonderte Rehabilitationsempfehlung zu übermitteln. Trotzdem wurden in 2015 bei fast 1,5 Millionen MDK-Begutachtungen nur etwa 31 000 sog. Reha-Empfehlungen gegeben (DGG 2016). Kranken- und Pflege­ versicherung zeigen dabei unterschiedliche finanzielle Interessen bezogen auf das Ergebnis des Assessments. Da die Pflegeversicherung faktisch nicht zu den Trägern der Rehabilitation gehört, riskieren die Krankenkassen einen wirtschaftlichen Verlust, wenn sie in rehabilitative Maßnahmen zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit investieren. In der Folge scheinen rehabilitative Angebote zur Vermeidung oder Verminderung der Pflegebedürftigkeit nicht optimal ausgeschöpft und gleichzeitig mangelt es an einer lückenlosen Versorgung, an nachhaltiger Mobilisierung und Aktivierung im Alltag der Betroffenen (von Renteln-Kruse et al. 2011). Die Ausgaben für Rehabilitation und Teilhabe in den Jahren 2006 bis 2016 zeigt Abbildung 2. Die BAR (2018a) stellt gleichwohl für die letzten Jahre eine kontinuierliche Zunahme der Ausgaben im Bereich der Rehabilitation fest (vgl. GKV Spitzenverband 2018b). In 2016 wurden etwa 35,2 Milliarden Euro investiert, ein Plus von etwa 40 % im Vergleich zu 2006 (vgl. Abbildung 2). Während die Eingliederungshilfe und die Krankenkassen deutlich steigende Ausgaben verbuchen, zeigen sich die Werte bspw. für die Rentenversicherung und die Bundesagentur für Arbeit relativ stabil. Eine detaillierte Beschreibung zu Umfang und Art der Leistungen, Anträge und Bewilligungen ist schwierig, da keine übergreifende systematische Zusammenstellung der verschiedenen Leistungsträger existiert (GKV Spitzenverband 2018a; Kompetenz-Centrum Geriatrie 2018). Klar ist: Geriatrische Fälle machen im Gesamtspektrum der Rehabilitation derzeit etwa 5 % aus (BAR 2018a). Die häufigsten Ursachen sind laut einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes (2011/12; zitiert in BAR 2018a, S. 14) Erkrankungen, Beschwerden und Verletzungen des Haltungs- und Bewegungsapparats (49 %), internistische Erkrankungen (25 %) sowie neurologische Erkrankungen (19 %). Damit basiert der Zugang zur Rehabilitation bei Älteren vorwiegend auf akuten Bedarfen, die sich bspw. durch einen Sturz ergeben. Faktisch erfolgt die Überleitung in eine sog. Reha-Maßnahme oftmals vom Akutkrankenhaus aus. Die sog. geriatrische, frührehabilitative Komplexbehandlung (GFKB) soll hier eine Brückenfunktion zwischen Krankenhausaufenthalt und Rehabilitation darstellen und die Rehabilitationsfähigkeit unterstützen (vgl. DGG 2017). Im BARMER-Krankenhausreport 2017 werden hier jedoch explizit die starren Zeitkorridore von sieben, 14 oder 21 Tagen für die Behandlung kritisiert (Augurzky et al. 2017). Weitere Kritikpunkte im gesamten Rehabilitationsbereich beziehen sich auf lange Wartezeiten für die Bewilligung durch die Krankenkasse oder die unzureichende Anzahl von sog. Reha-Plätzen. Zudem variieren die Versorgungsquoten klinisch-geriatrischer Behandlungen in den Ländern

Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation

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Abbildung 2  Ausgaben für Rehabilitation und Teilhabe von 2006 bis 2016 (in Mio. €) 40 000 35 000 30 000 25 000 25 073

25 251

26 363

27 816

28 855

29 659

30 650

31 280

2012

2013

32 636

33 763

35 201

20 000 15 000 10 000 5 000 0 2006

2007

2008

2009

2010

2011

2014

2015

2016

Quelle: Eigene Darstellung nach BAR 2018a ©

je 10 000 Einwohner (älter als 65 Jahre) von bspw. 7,9 in Sachsen bis 39,4 in Hamburg (Bundesdurchschnitt: 16,7) (Kompetenz-Centrum Geriatrie 2018). Das zentrale Element der geriatrischen Versorgung stellt de facto die sta­tionäre Ebene dar. Während in der stationären Rehabilitation die Patient/-innen oftmals mehrere Wochen in einer Klinik behandelt werden, können bei der ambulanten die Personen im häuslichen Umfeld verbleiben und zu vereinbarten Therapiezeiten eine sog. Reha-Klinik oder ein sog. Reha-Zentrum aufsuchen. Dabei besteht ein Rechtsanspruch auf Wahlfreiheit für die Betroffenen (§ 9 SGB IX). Die Zahl der Behandlungstage beläuft sich in der Regel auf 14 bis 20 Tage an fünf bis sechs Tagen pro Woche (GKV Spitzenverband 2018a). Die Vergütung erfolgt für die stationären Angebote auf der Basis von Fallpauschalen, während die ambulanten Einrichtungen der Rehabilitation über tagesgleiche Pflegesätze vergütet werden (Augurzky et al. 2017). Laut GKV-Bericht wurden in 2015 über 61 957 stationäre und 2 453 ambulante Fälle in der geriatrischen Rehabilitation versorgt (BMG 2017). Dies entspricht einem Anteil ambulanter Maßnahmen von 3 %. So wird für Baden-Württemberg die Anzahl ambulanter geriatrischer Plätze zur Rehabilitation aktuell mit 157 beziffert. Die Anzahl stationärer sog. Reha-Betten ist mehr als zehnmal so hoch (Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg 2014). Hier lässt sich einerseits begründen, dass bspw. visuelle Einschränkungen oder kognitive Erkrankungen die Rehabilitationsziele im heimischen Setting gefährden. Vor dem

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Hintergrund der besonderen gesundheitlichen und sozialen Lage multimorbider Patient/-innen können lange Fahrtzeiten zu den Angeboten die Betroffenen zudem gesundheitlich strapazieren und damit die Ziele der Rehabilitation gefährden. Die BAR (2008) empfiehlt hier eine max. Reisezeit von 45 Minuten für den einfachen Weg. Die mobile geriatrische Rehabilitation im häuslichen Umfeld ist eine Sonderform der ambulanten geriatrischen Rehabilitation und hat derzeit in Deutschland – trotz des gesetzlichen Anspruchs seit 2007 – noch Modellcharakter. Durch die vertraute Umgebung können sich Schwierigkeiten beim Übergang reduzieren und kann eine Anwendung von Strategien ‚vor Ort‘ erprobt werden. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation e. V. verweist auf allerdings lediglich 16 Standorte für mobile geriatrische Rehabilitation in ganz Deutschland (BAG MoRe 2019). Der verzögerte Ausbau dieser Angebote liegt u. a. in den Befürchtungen größerer finanzieller Belastungen seitens der Kostenträger, wohingegen die Leistungserbringer neu entstehende Konkurrenzangebote befürchten. Zudem erfordert eine mobile Form der Rehabilitation eine enge Koordination und Vernetzung im Sinne eines Case-Managements verschiedener Angebote von sog. Reha-Kliniken, Pflegediensten und Beratungsstellen (Siegert 2019; zum Case Management vgl. Wendt i. d. B.). Die Ausbaustrukturen sind demzufolge nicht immer transparent. Nichtsdestotrotz entstehen zunehmend Kooperationsmodelle zwischen Tageskliniken und sog. Reha-Einrichtungen (ebd.). Ökonomisch argumentiert lassen sich deutliche Hinweise auf eine positive Kosten-Nutzen-Relation von geriatrisch-rehabilitativen Maßnahmen finden, u. a. in Bezug auf Mortalität, Pflegeabhängigkeit und Aktivitäten des täglichen Lebens. Besonders schwere Fälle mit erhöhtem Bedarf scheinen von den Maßnahmen zu profitieren (Lübke 2015; Janßen 2018). Positive Effekte lassen sich sogar bei leichter und mittlerer Demenz erzielen (Cations et al. 2018). Dabei sind sowohl stationäre als auch ambulante Settings für sich genommen erfolgversprechend – ausschlaggebend sind hierbei die individuellen Voraussetzungen und Problemlagen der Rehabilitand/-innen für eine nachhaltige Umsetzung im Alltag (Augurzky et al. 2015). So können stationäre Maßnahmen hilfreich sein in Regionen mit unzureichender Infrastruktur für ambulante Reha-Einrichtungen, schwierigen Transportwegen (bspw. im ländlichen Raum) oder wenn eine Entlastung vom sozialen Umfeld notwendig erscheint (GKV Spitzenverband 2018a). Andererseits können ambulante oder mobile geriatrische Rehabilitation im vertrauten Umfeld dem ‚episodenhaften‘ Charakter von spezifischen Beeinträchtigungen entgegenkommen und die Lebensqualität und Zufriedenheit der Betroffenen verbessern (Cameron und Kurrle 2002; Lübke 2015).

3

Beschäftigtenstruktur in der geriatrischen Rehabilitation

Für die Rehabilitation werden im SGB V (§ 107 Abs. 2) konkrete Tätigkeitsfelder festgelegt wie bspw. Krankengymnastik, Bewegungstherapie oder Sprachtherapie. Abgesehen von der expliziten Formulierung einer „ärztlichen Verantwortung“ werden

Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation

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jedoch keine Berufsgruppen verbindlich vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Die BAG der Klinisch-Geriatrischen Einrichtungen e. V. geht hier einen Schritt weiter und empfiehlt, dass die fachliche Leitung oder mindestens ein/-e Mitarbeitende/-r über einen staatlichen Abschluss/staatliche Anerkennung als Sozialarbeiter/-in oder So­ zial­pädagog/-in (Diplom, Master oder Bachelor) verfügt (alternativ Abschluss als Geron­tolog/-in mit mindestens zweijähriger Berufserfahrung im Krankenhaussozial­ dienst oder in einer Einrichtung der Rehabilitation) (GKV Spitzenverband 2018a). Für den Bereich der Sozialen Arbeit wird ein Personalschlüssel von 1 : 50 bis 1 : 80 vorgeschlagen (ebd., S. 26). Laut Statistischem Bundesamt machen Sozialarbeiter/-innen beim nicht-medizinischen Personal in der stationären Rehabilitation insgesamt bundesweit etwa 2,4 % aus (Destatis 2017b, S. 26). Entsprechende Kennzahlen in der geria­trischen Rehabilitation liegen allerdings nicht vor. Die Aufgabe der Sozialen (Alten-)Arbeit besteht darin, die geriatrischen Rehabilitand/-innen bei der Krankheitsbewältigung psychosozial durch beratende, koordinierende und vernetzende Tätigkeiten zu unterstützen, bspw. Hilfestellung zu Leistungen der sog. Reha-Träger, Informationen zu Ehrenamt, Mobilität und Pflegediensten, Beratung zu gesetzlicher Betreuung oder Wohnraumanpassung anzubieten (BAR 2008, 2016, 2018a; DVSG 2008; GKV Spitzenverband 2018a). Aufgrund der oftmals progredient verlaufenden Einschränkungen hat die Kooperation mit Angehörigen eine besondere Bedeutung. Die oben skizzierten Potenziale sog. mobiler RehaTeams bedeuten auch einen erhöhten Bedarf an Koordination und Vernetzung, auch mit den Leistungsträgern (BAR 2016; Körner und Becker 2017). Die Befragung von Streibelt et al. (2018) unter 240 Sozialarbeiter/-innen in medizinischen Einrichtungen zur Rehabilitation in Deutschland kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als 80 % den Stellenwert der Sozialdienste als gut oder sehr gut einschätzen. Allerdings fehlten oftmals der innerfachliche Austausch und eine kontinuierliche Einbindung in alle Prozesse (ebd.).

4

Paradigmen, Konzepte und Handlungsformen in der geriatrischen Rehabilitation

Gemäß SGB V (§ 295 Absatz 1 und 2) sind in Deutschland die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzt/-innen sowie die ärztlich geleiteten Einrichtungen verpflichtet, Diagnosen nach der International Classification of Diseases Version 10 German Notification (kurz: ICD-10) zu verschlüsseln. Um allerdings auch die Ressourcen, Funktionen und Fähigkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe zu ermitteln und daraus einheitlich bspw. Maßnahmen der Rehabilitation abzuleiten, wurde in 2001 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) veröffentlicht. ICF versteht sich dabei als ressourcenorientiertes ganzheitliches Nachfolgemodell der primär defizitorientierten International Classification of Impairments, Disabilities and Handycaps (ICIDH) der

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WHO von 1980. Allerdings findet ICF nur Anwendung, wenn eine Krankheit oder gesundheitliche Störung gemäß ICD vorliegt (DIMDI 2005). Heute ist ICF verankert über die Rehabilitations-Richtlinie und das BTHG (BMAS 2017b). Auch die Gestaltung des SGB IX von 2001 wurde wesentlich beeinflusst durch die ICF-Vorläuferfassung. Im ICF-Modell werden die folgenden vier Komponenten exploriert:

1) Körperfunktionen (physiologische Funktionen): Komponente b (bodyfunctions) 2) Körperstrukturen (anatomische Dimensionen): Komponente s (bodystructures) 3) Aktivitäten und Partizipation: Komponente d (daily activities) 4) Umweltfaktoren (äußerer Kontext, intrapersonelle Dimensionen wie Eigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale): Komponente e (environmental factors) In der Regel werden zur Klassifizierung von Gesundheitszustand, Funktionsfähigkeit und Behinderung mehrere Kodes aus allen vier Komponenten angewendet (DIMDI 2005, S. 16). Inhaltsgemäß gilt eine Person als funktional gesund, wenn Körperstrukturen, -funktionen und Raum für Aktivitäten und Teilhabe in allen Lebensbereichen denen eines gesunden Menschen gleichkommen (DIMDI 2005, S. 4). Das hier zugrundeliegende Verständnis von Behinderung ist ein Beispiel dafür, dass das ICF-Instrument über den Begriff von Behinderung im SGB IX hinausgeht. Bei geriatrischen Patient/-innen steht im Vordergrund, wie angesichts einer progredienten gesundheitlichen Vulnerabilität eine selbstständige Lebensführung möglich ist, welche Hilfsmittel und Unterstützung nötig sind und welche Selbsthilfepotenziale aktiviert werden können (Cameron und Kurrle 2002; BAR 2008, 2016). Die umwelt- und personenbezogenen Dimensionen können sich dabei auf psychosoziale und haushaltsnahe Ressourcen beziehen wie Angehörige, Nachbarschaft, Ehrenamt, Selbsthilfegruppen, Infrastruktur, aber auch auf persönliche Faktoren wie Optimismus, Selbstwirksamkeitserwartung, Offenheit gegenüber neuen Handlungstechniken oder gesunder Lebensstil. Partizipation und Aktivität werden primär beeinflusst durch die Wohnbedingungen, finanzielle Ressourcen und Einbindung in das familiäre und soziale Umfeld (DIMDI 2005).

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Entwicklungs- und Forschungsbedarf aus Sicht Sozialer Arbeit mit alten Menschen

Die demografische Entwicklung weist deutlich auf eine zunehmende Bedeutung der geriatrischen Rehabilitation hin – auch, um eine finale Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Allerdings zeigen sich im derzeitigen System Verbesserungsmöglichkeiten bspw. mit Blick auf die Gewährung geriatrischer Rehabilitationsmaßnahmen und eine gute Versorgungslandschaft. Neben den klassischen stationären und ambulanten Rehabilitationseinrichtungen können mobile Angebote einen wichtigen Beitrag für mehrfach eingeschränkte Ältere zur Erlangung der Ziele der Rehabilitation und zum Transfer

Soziale (Alten-)Arbeit in der Rehabilitation

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der Interventionen in den häuslichen Alltag leisten. Hier gilt es, weitere Angebote auszubauen, um den komplexen Bedarfen und der begrenzten Belastbarkeit multimorbider Menschen im hohen Alter gerecht zu werden. Hierfür liegen durchaus Modelle vor, die wertvolle Impulse für nachhaltige Angebote sogar für Personen mit eingeschränkter Rehabilitationsfähigkeit (bspw. bei leichter Demenz) liefern können. Durch die stärkere Fokussierung auf Aktivität und Partizipation im ICF ergeben sich eindeutige Anknüpfungspunkte für die Soziale (Alten-)Arbeit (DVSG 2008). Ein Bezug zu theoretischen und konzeptionellen Paradigmen in der Sozialen Arbeit wie Ermächtigung und Lebensweltorientierung liegt hier nahe (vgl. Herriger 2014; Thiersch 2014). Dabei scheint die Soziale Arbeit ihr Potenzial an spezifischen Kompetenzen im Bereich der (geriatrischen) Rehabilitation angesichts der Herausforderungen durch multimorbide Patient/-innen noch nicht ausgeschöpft zu haben; „Profil, Rolle, berufliche Identität und Perspektiven bedürfen einer definitorischen Klarheit“ (Aner 2018b, S. 425). Angesichts der oben genannten Elemente sind die Aufgaben der Sozialen Arbeit in der geriatrischen Rehabilitation durchaus vielfältig und einschlägig. Dazu gehören die Koordination in einer komplexen Trägerlandschaft, ein vorausschauendes Entlassungsmanagement, die Beratung von Angehörigen – bspw. auch, wenn diese weiter entfernt wohnen (vgl. Franke et al. 2019) –, die Vernetzung mit anderen Professionen und die Klärung von Fragen zu weiterführenden Unterstützungsangeboten im Alltag. Möglichkeiten für Forschungs- und Entwicklungsbedarf ergeben sich bspw. zu den Fragen, wie Präventionspotenziale frühzeitig erkannt werden können, wie eine bessere Vernetzung der am Prozess Beteiligten auch bei schwieriger Infrastruktur (bspw. im ländlichen Raum, Wohnentfernung zwischen Angehörigen) möglich ist oder wie interdisziplinäre Teams gemeinsame Ziele der Rehabilitation und ein inte­ gratives Therapiekonzept erarbeiten können. Weitere Themen könnten sich in Bezug auf innovative Rehabilitationsmodelle, adäquate Wohnformen oder technische Lösungen im häuslichen Umfeld ergeben. Hier eine kompetente und unabhängige Beratung, Einführung und Begleitung – und nicht zuletzt wissenschaftliche Evalua­ tion – zu geben, könnte ein zunehmend wichtiger Beitrag der Sozialen Arbeit in Praxis und Forschung sein.

Ausgewählte Literatur BAR. Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation. 2008. Arbeitshilfen zur geriatrischen Rehabilitation, Schriftenreihe der BAR, Heft 6. https://www.bar-frankfurt.de/publikationen/arbeitshilfen/. Zugegriffen: 22. November 2018. DVSG. Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e. V. 2008. Soziale Arbeit in der Rehabilitation, Grundsatzpapier. https://dvsg.org/fileadmin/dateien/02Fachgruppen/02Rehabilitation_und_Teilhabe/GrundsatzpapierSARehaKurzfassung2008.pdf. Zugegriffen: 21. Juli 2018.

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Streibelt, Marco, Norbert Gödecker-Geenen, Holger Adolph und Christina Keßler. 2018. Zugang zum Sozialdienst in Reha-Einrichtungen. Ergebnisse der DVSG Mitgliederbefragung 2017 (Teil II). In Forum sozialarbeit + gesundheit. Heft 1: 33 – ​37.

Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus Harald Ansen

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Das Krankenhaus als Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit

Eine stationäre Krankenhausbehandlung ist nach § 39 SGB V indiziert, wenn bei einer vorliegenden Erkrankung eine ambulante oder teilstationäre Versorgung und häusliche Krankenpflege nicht ausreichen, um das medizinisch gebotene Behandlungsziel zu erreichen. Je nach dem Bedarf im Einzelfall umfassen die Leistungen ärztliche Behandlung, Krankenpflege, Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln sowie Unterkunft und Verpflegung. Gegenwärtig werden jährlich rund 19,5 Millionen Menschen stationär in den etwa 1 950 Krankenhäusern behandelt. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 7,3 Tagen, sie ist seit Jahren konstant rückläufig. In der steigenden Zahl der Patient/-innen im höheren Lebensalter kommt die älter werdende Gesellschaft auch im Krankenhaus zum Ausdruck (vgl. StaBuAmt und WZB 2018, S. 292 f.). Generell konfrontiert das Gesundheitssystem die in ihr tätige Soziale Arbeit mit diversen Versorgungsproblemen, die nur teilweise kompensiert werden können. Dies gilt nicht zuletzt auch, weil die Soziale Arbeit aufgrund ihres eher geringen Status im deutschen Gesundheitswesen über keine Instrumente der Systemsteuerung verfügt, wie sie in anderen Ländern teilweise durch das Care Management bestehen. Insbesondere die Abschottung der ambulanten, der haus- und fachärztlichen, der rehabilitativen und der pflegerischen Sektoren erschwert eine koordinierte Behandlung und führt vermehrt zu einer mangelhaften Versorgung chronisch erkrankter Menschen. Hinzu kommen die Folgen der pauschalen Vergütungssysteme, die bei den Krankenhäusern Anreize dafür liefern, die Behandlungskosten durch eine früh-, zuweilen auch vorzeitige Entlassung zu senken, was wiederum vor allem chronisch Kranke, multimorbide und alte Menschen trifft (vgl. Gerlinger 2018, S. 27 f.). Zudem dominieren bei den Patient/-innen in Krankenhäusern chronische Erkrankungen. Etwa drei Viertel aller Erkrankungen, darunter vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschwerden des Muskel- und Skelettsystems, Stoffwechselstörungen, bös­ © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_13

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artige Neubildungen und psychische Störungen verlaufen chronisch. Man geht von einer weiteren Zunahme aus, sodass sie in den kommenden Jahren einen Anteil von ca. 80 % aller Erkrankungen ausmachen werden (vgl. Schaeffer und Halsbeck 2016, S. 244). Chronische Erkrankungen mit ihren unberechenbaren Verläufen, den sektorenübergreifenden Versorgungsfragen, und den Auswirkungen auf die psychischen, sozialen, körperlichen und wirtschaftlichen Lebensumstände erfordern von den Betroffenen umfängliche Bewältigungsleistungen im Alltag. Die Soziale Arbeit ergänzt die medizinisch-pflegerische Behandlung bei komplexen und vor allem chronischen Erkrankungen durch ihre Ausrichtung auf die Lebenswelt der Patient/-innen und damit u. a. auf ihre subjektiven Formen des Erlebens und der Verarbeitung (vgl. Ansen 2018a, S. 844 f.). Für die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus ist ein medizinsoziologisches Krankheitsverständnis weiterführend, nach dem Krankheit für ein Ungleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren steht. In dieser Lesart gelingt es Betroffenen, im Fall von Krankheit nicht, innere körperliche und psychische sowie äußere soziale und materielle Anforderungen, die mit Risikofaktoren einhergehen, hinreichend zu bewältigen, sodass sie in ihrem Wohlbefinden und ihrer Lebensfreude beeinträchtigt sind (vgl. Hurrelmann und Richter 2013, S. 147). Dieses Krankheitsverständnis verweist auf die Relevanz einer mehrdimensionalen Analyse und Gestaltung von Unterstützungsprozessen, welche die Soziale Arbeit mit betroffenen Menschen auszeichnet.

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Alter und Soziale Arbeit im Krankenhaus

Die Behandlungsbeiträge der Sozialen Arbeit im Krankenhaus adressieren alle Patient/-innen, unabhängig von ihrem Alter. Gleichwohl spielen alte Menschen aufgrund ihrer erhöhten Anfälligkeit für chronische und multiple Erkrankungen im Rahmen der sozialarbeiterischen Unterstützung im Krankenhaus eine wesentliche Rolle. Hierbei ist zu beachten, dass das Alter von Verlusten und Gewinnen geprägt ist. Verluste betreffen die körperlich-organische Leistungsfähigkeit, psychisch-kognitive Funktionen und das soziale Leben, während Gewinne insbesondere im seelischgeistigen Bereich zu verzeichnen sind. Das Alter ist mithin ein sehr heterogenes Phänomen. Von ‚dem‘ alten Menschen mit übergreifend gültigen Besonderheiten oder Auffälligkeiten kann aufgrund der Plastizität und Kompensationsmöglichkeiten des Alters, die auch den sozialen Bereich tangieren, keine Rede sein. Ab dem sog. vierten Alter, das mit ca. 80 bis 85 Jahren beginnt, steigt jedoch altersgruppenübergreifend das Risiko von Erkrankungen, chronischen Schmerzen und voranschreitenden Beeinträchtigungen in Verbindung mit zunehmender Pflegebedürftigkeit bei nun deutlich verringerten Ausgleichsmöglichkeiten (vgl. Kruse 2017a, S. 21 f.; vgl. auch Homfeldt i. d. B.). Neben den unmittelbaren Krankheitsbelastungen ist es die Situation im Krankenhaus, die Patient/-innen zusätzliche Schwierigkeiten bereitet und die in den sozial-

Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus

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arbeiterischen Unterstützungsangeboten zu berücksichtigen sind. Patient/-innen erleben häufig Ängste hinsichtlich des offenen Krankheits- und Behandlungsverlaufes: Betroffene verfügen überwiegend nicht über ausreichende Informationen in Verbindung mit Kommunikationsproblemen im Krankenhaus, sie erleben teilweise eine Ent-Persönlichung im stationären Alltag durch die Reduktion auf die Erkrankung bzw. Diagnose und sie sind regelmäßig mit Einschränkungen ihrer Privatsphäre konfrontiert sowie mit Sorgen darüber, wie es nach der Krankenhausbehandlung weitergeht (vgl. Waller und Trabert 2013, S. 128 f.). Die sozialarbeiterische Perspektive auf älter werdende Menschen erschöpft sich gleichwohl nicht darin, nur krankheitsbedingte Probleme aufzugreifen. Vielmehr geht es darum, Alter und Altern zu ermöglichen und Menschen darin zu unterstützen, die ihnen zuträgliche Balance zwischen Aktivität und Rückzug zu finden. Instruktiv dafür ist erstens die Ermöglichung des Ausdrucks eigener Bedürfnisse, Befindlichkeiten, Sorgen und Perspektiven. Damit erhalten alte Menschen die Gelegenheit, ihre Anliegen zu thematisieren und sich zu entlasten. Hinsichtlich der Abhängigkeiten, die mit dem Alter einhergehen können, geht es zweitens um die sozialpädagogische Frage, wie ein Höchstmaß an Selbständigkeit durch angemessene Formen der Flankierung im Alltag verwirklicht werden kann. Drittens sind für die Soziale Arbeit mit alten Menschen Aspekte der Aneignung des eigenen Lebens in den vorfindlichen und zu erschließenden Räumen mit angemessenen Stimulationen und Herausforderungen bedeutsam. Schließlich gewinnt das Thema Wohnen und das unmittelbare Umfeld im Alter eine besondere Relevanz. Des Weiteren stellen sich viertens Fragen der Anerkennung, sodass alte Menschen ihren Platz in der Gesellschaft auch finden, einnehmen und ihre Aktivitäten entfalten können (vgl. Böhnisch und Schröer 2013, S. 127 f.). Diese Grundhaltung ist in der Sozialen Altenarbeit auch dann gefordert, wenn Altersrisiken wie Abhängigkeiten von unterstützenden An­ geboten, Einsamkeit, Armut und Abbauprozesse den Alltag der Betroffenen prägen (vgl. Schweppe 2012, S. 505). Instruktiv für Sozialarbeiter/-innen und andere Professionen in den multidisziplinären Teams, die in Krankenhäusern ältere Menschen behandeln, pflegen und begleiten, kann außerdem die Befassung mit Theorien der Sozialen Arbeit sein (vgl. dazu Aner 2018b).

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Systematische Grundlagen der Sozialen (Alten-)Arbeit im Krankenhaus

Die Verbindung von Sozialer Arbeit und Krankheit hat eine lange Tradition. Schon in den ersten Ausbildungsgängen im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden gesundheitsund krankheitsbezogene Aspekte der Sozialen Arbeit auch curricular aufgegriffen, denn Armut und soziale Ausgrenzung waren vielfach mit Krankheit verbunden. Die Bearbeitung der wirtschaftlichen, sozialen und persönlichen Implikationen von Krankheit durch die Soziale Arbeit erfolgt heute einerseits in spezialisierten Arbeits-

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feldern wie dem Krankenhaus, andererseits begleitend in vielen weiteren Bereichen wie dem Allgemeinen Sozialen Dienst, der Altenhilfe oder der Wohnungslosenhilfe, um nur wenige Beispiele zu nennen (vgl. Aner und Hammerschmidt 2018, S. 49 f.). Mit ihrer Beachtung der persönlichen und sozialökonomischen Zusammenhänge und Wechselwirkungen, die mit Krankheiten häufig einhergehen, nimmt die Soziale Arbeit eine das medizinische Modell ergänzende Sichtweise ein, die für eine zeit­ gemäße Behandlung allemal gebraucht wird (vgl. Homfeldt und Sting 2018, S. 567 f.). Heute sind etwa 54 000 Sozialarbeiter/-innen in Einrichtungen des Gesundheitswesens mit dem Anspruch tätig, die mit Krankheiten einhergehenden sozialen Probleme zu bearbeiten und die sozialen Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen zu fördern (vgl. Dettmers 2018, S. 256 f.). Die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus steht in dieser Tradition, sie sucht unter den bestehenden Arbeitsfeldbedingungen nach Wegen, ihr Selbstverständnis in Bezug auf Krankheit und Unterstützung zu realisieren. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen bieten der Sozialen (Alten-)Arbeit im Krankenhaus eine breite thematische Grundlage, wie die folgenden Hinweise zeigen: •• Patient/-innen haben nach § 112 Abs. 1 Nr. 4 SGB V Anspruch auf soziale Betreuung und Behandlung im Krankenhaus. •• Ein Anspruch auf Unterstützung zum nahtlosen Übergang von der Krankenhausbehandlung zur Rehabilitation oder zur Pflege resultiert aus § 112 Abs. 1 Nr. 5 SGB V. •• Ergänzend zum Anspruch auf den nahtlosen Übergang zur Rehabilitation oder zur Pflege umfasst die Krankenhausbehandlung nach § 39 Abs. 1a SGB V ein Entlassmanagement, dessen Ziel darin besteht, eine sektorenübergreifende Versorgung nach einer Krankenhausbehandlung sicherzustellen. Das Krankenhaus kann das Entlassmanagement auch durch externe Leistungsanbieter durchführen lassen. •• Darüber hinaus ist ein Anspruch auf Versorgungsmanagement nach § 11 Abs. 4 SGB V für die Soziale Arbeit im Krankenhaus bedeutsam. Das Versorgungsmanagement soll dazu beitragen, Probleme im Übergang in verschiedene Versorgungsbereiche einschließlich der fachärztlichen Anschlussbehandlung zu lösen. Angesichts der immer kürzer werdenden Verweildauer im Krankenhaus bei gleichzeitig zunehmenden Versorgungsproblemen nach einer stationären Behandlung aufgrund des steigenden Anteils älterer Patient/-innen werden organisierende Hilfen, wie sie im SGB V benannt werden, immer wichtiger. Allerdings ist nach dem Posi­ tionspapier der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e. V. (DVSG) aus dem Jahr 2013 zu monieren, dass die Soziale Arbeit immer weiter auf das Entlassmanagement im Sinne einer pflegerischen Überleitung reduziert wird und vielerorts Fachkräfte der Sozialen Arbeit durch Pflegekräfte bei der Erledigung dieser Aufgabe ersetzt worden sind (vgl. DVSG 2013, S. 4 f.). Der gesetzliche Anspruch auf soziale Betreuung und Beratung im Krankenhaus und eine breite Überleitung,

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die auch soziale Aspekte sowie Fragen der Krankheitsbewältigung würdigt, droht vor diesem Hintergrund zunehmend vernachlässigt zu werden. Die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus ist häufig mit chronisch erkrankten Patient/-innen befasst, insoweit bietet es sich an, im inhaltlichen Profil an die Leistungen zur medizinischen Rehabilitation nach § 26 Abs. 3 SGB IX anzuknüpfen (vgl. dazu auch Rixen i. d. B.), die u. a. auf chronische Erkrankungen ausgerichtet sind. Die allgemeinen Ziele der medizinischen Rehabilitationsleistungen umfassen die Abwendung, Beseitigung, Minderung und Verhütung einer Verschlimmerung sowie den Ausgleich von Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Die Leistungen umfassen u. a. psychologische und pädagogische Hilfen – hier könnte man treffender von sozialarbeiterischen Hilfen sprechen – zur Krankheitsbewältigung und persönlichen Stabilisierung sowie zur Krisenbewältigung, zur Aktivierung von Selbsthilfepotenzialen einschließlich der Förderung von Kontakten zu Selbsthilfegruppen, zur Beratung von Angehörigen und Personen im Umfeld, zur Förderung alltagspraktischer Kompetenzen und zur Motivation einer Inanspruchnahme von Leistungen der medizinischen Rehabilitation. Die passende fallbezogene Auswahl von Interventionen aus dieser Bandbreite an Angeboten setzt umfassende Kompetenzen voraus, für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit wesentliche Grundlagen mitbringen (methodische Implikationen für die Umsetzung dieses anspruchsvollen Profils werden im vierten Abschnitt dieses Beitrags portraitiert). Die soziale Betreuung und Beratung im Krankenhaus sowie die Überleitung in die nachstationäre Phase erfordern ein breites Wissen über Dienste und Einrichtungen einschließlich der Zugangswege sowie der Finanzierung, auf die Patient/-innen in ganz unterschiedlichen Kombinationen angewiesen sind. Zu den wichtigsten Leistungen zählen: •• •• •• •• •• •• •• •• •• •• ••

Kurzzeitpflege Anschlussrehabilitation Rehabilitation Leistungen zur Wohnungsanpassung bei bleibenden Beeinträchtigungen Alternative Wohnformen im Alter Altenhilfe und ambulante Dienste für ältere Menschen Häusliche Pflege Pflegeeinrichtungen Hospizdienste und Palliativangebote Selbsthilfegruppen sowie Angehörigengruppen Gesetzliche Betreuung

Wie für Sozialleistungen insgesamt kommt es bei der Erschließung dieser und weiterer Leistungen darauf an, Zugangsbarrieren gemeinsam mit den berechtigten Menschen zu überwinden. Zentrale Hindernisse liegen in subjektiven Gründen, verbun­den mit einer Unsicherheit und teilweise fehlenden Motivation, der Angst vor Stigmatisie-

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rung, der Überforderung mit unübersichtlichen institutionellen und bürokratischen Abläufen und Wissenslücken über in Frage kommende Varianten der Unterstützung (vgl. Papenheim et al. 2018, S. 194).

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Methodische Grundlagen der Sozialen (Alten-)Arbeit im Krankenhaus

Die Anforderungen des Arbeitsfeldes an die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus sind vielgestaltig. Neben dem breiten Arbeitsfeldwissen, das in den bisherigen Ausführungen zum Ausdruck kommt, sind methodische Kompetenzen erforderlich. Grundsätzlich gilt, dass Methoden der Sozialen Arbeit nur in ihrem Anwendungskontext sinnvoll eingesetzt werden können. Maßgebliche Auswahlkriterien umfassen die Sach- und Zielorientierung, die dafür plädiert, dass die herangezogenen Methoden den zu erledigenden inhaltlichen Aufgaben entsprechen, daneben die Personenorientierung, verbunden mit der Frage, inwieweit die ausgewählten Methoden den Personen gerecht werden, mit denen gearbeitet wird, und die Situationsorientierung, die Spielräume für eine flexible Anwendung begründen (vgl. Galuske 2013, S. 35). Diese Kriterien verdeutlichen, dass die Methodenanwendung in der Sozialen (Alten-) Arbeit im Krankenhaus regelmäßige Anpassungsleistungen der Fachkräfte erfordert. Eine mechanische Übertragung ist vor dem Hintergrund der vielfach unwägbaren Situationen kaum möglich. In den folgenden Ausführungen wird ein programmatischer Grundriss des fallbezogenen methodischen Handelns in der Sozialen (Alten-)Arbeit im Krankenhaus gezeichnet. Zu dessen zentralen Komponenten zählen Beziehungsgestaltung, Fallanalyse, Hilfeplanung, sozialadministratives Handeln, Informationsvermittlung, Ressourcenorientierung und Krisenintervention. Beziehungsgestaltung: Das übergreifende Fundament des methodischen Handelns und damit auch ein ganz wesentlicher Wirkfaktor liegen in der Qualität der Arbeitsbeziehung, die trotz des großen Zeitdrucks nicht vernachlässigt werden sollte. Insbesondere kommt es in der Sozialen Arbeit darauf an, Interesse an den Belangen der Gesprächspartner/-innen zu signalisieren, ihnen authentisch oder aufrichtig zu begegnen, einen akzeptierenden Umgang zu kultivieren, Empathie und damit die Bemühung einzubringen, den Menschen aus seiner Sicht nachzuvollziehen, und auf die Ermutigung, sich Herausforderungen zu stellen (vgl. Lishman 2009, S. 75 f.). Die Verunsicherung vieler Patient/-innen durch die Erkrankung und durch die Krankenhausaufnahme unterstreicht den Stellenwert einer guten Arbeitsbeziehung, die schon für sich stehend eine Intervention darstellt. Die Umsetzung in der Gesprächsführung durch aktives Zuhören, Paraphrasen und Verbalisierungen ist eine durchgängige Aufgabe im Unterstützungsprozess.

Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus

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Fallanalyse: Die sozialpädagogische Perspektive in der Sozialen (Alten-)Arbeit im Krankenhaus würdigt die psychosozialen Implikationen des Krankheitsgeschehens mit Blick auf die Förderung von sozialer Teilhabe. Im Mittelpunkt stehen Fragen der sozialen Existenzsicherung unter besonderer Beachtung von Einkommen und Wohnen, die Auslotung der vorhandenen und der auszubauenden sozialen Unterstützung durch formelle und informelle Netze, und die Befassung mit den persönlichen und sozialen Handlungskompetenzen, die gebraucht werden, um möglichst eigenständig zu leben (vgl. Ansen 2018b, S. 154 f.). In der explorativen Gesprächsführung werden diese Themen aufgegriffen, um den sozialarbeiterischen Handlungsbedarf im Krankenhaus zu entdecken. Hilfeplanung: Für eine strukturierte Hilfeplanung ist es sinnvoll, ausgehend von der Fallanalyse, in der gewissermaßen die Frage beantwortet wird, worum es sich im Fall handelt (‚Fall von‘), nun zu klären, wer für einzelne Aspekte der Fallthematik zuständig ist (‚Fall für‘) und worin die unmittelbare Aufgabe der Fachkraft in der Situation besteht (‚Fall mit‘) (vgl. Müller 2017, S. 43 f.). Die Dimension ‚Fall für‘ verweist auf die diversen Dienste und Einrichtungen sowie Kooperationspartner der Sozialen (Alten-) Arbeit im Krankenhaus. Beim ‚Fall mit‘ kann es um die Förderung der Motivation zur Inanspruchnahme von Leistungen oder zur Bewältigung einer unmittelbaren Krise gehen, die mit der Krankheit einhergeht. Die Hilfeplanung liefert die Grundlage für die Auswahl notwendiger Interventionen. Entscheidend ist, dass die Hilfeplanung auf die Zukunft bezogen ist, besonders auf die Zeit nach der Krankenhausbehandlung, die vielen Patient/-innen gerade im höheren Lebensalter besondere Sorgen bereitet. Sozialadministratives Handeln: Einen breiten Raum nehmen sozialadministrative Tätigkeiten ein. Hierbei geht es darum, gesetzliche Leistungsansprüche bezogen auf die Lebenslage Krankheit zu identifizieren, behördliche Zuständigkeiten zu ermitteln, Antragswege zu rekonstruieren und Patient/-innen im Antragsverfahren zu begleiten, ggf. auch durch sozialpädagogische Stellungnahmen (vgl. Stimmer und Ansen 2016, S. 329 f.). Die Überleitung in Dienste und Einrichtungen der Nachsorge durch die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus ist ohne diese Arbeitsweise nicht zu bewältigen. Informationsvermittlung: Patient/-innen sind auf vielfältige Informationen angewie­

sen, sowohl über Sozialleistungen als auch über ein unübersichtliches Gefüge von Diensten und Einrichtungen sowie Selbsthilfegruppen mit diversen Zugangsbarrieren. Auch Angehörige sind mit diesen Themen in der Regel überfordert und auf eine angemessene Beratung angewiesen. Damit wird Stress reduziert und die Koopera­ tionsbereitschaft verbessert. In einer didaktisch fundierten informierenden Gesprächsführung ist darauf zu achten, das unmittelbar erforderliche Wissen auszuwählen und einen Vortragsstil zu vermeiden. Um das Verstehen zu verbessern, sollte personenzentriert formuliert werden, sodass die Inhalte unmittelbar verstanden und im Alltag umgesetzt werden können (vgl. Giesecke 2015, S. 82 f.).

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Ressourcenorientierung: Krankheit kann den Blick auf vorhandene Ressourcen ver-

stellen und vor allem zu einem Ressourcenverlust im persönlichen und sozialen Bereich führen. In einer auf Ressourcen bezogenen Gesprächsführung dominieren u. a. Fragen nach bisherigen Bewältigungsformen bei durchgemachten Problemen und Erkrankungen, nach erfahrener oder erreichbarer sozialer Unterstützung durch Kontakte im privaten und formellen Umfeld, nach Perspektiven, für die sich der Einsatz lohnt, und nach Wünschen und Bedürfnissen, die Kraft und Motivation spenden (vgl. Saleebey 2009, S. 93 f.). Mit diesen Fragen werden Patient/-innen darin unterstützt, sich vorhandener Stärken bewusst zu werden, die ihnen die Krankheitsbewältigung und den Umgang mit Beeinträchtigungen erleichtern. Krisenintervention: Die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus ist immer wieder

auch mit Krisen konfrontiert, die in ihren Arbeitsbereich ausstrahlen. Hierbei geht es beispielsweise um die Überforderung mit krankheitsbedingten häuslichen oder sozialen Belastungen. Treten krisenhafte Belastungen auf, die u. a. dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr vollständig über ihr ansonsten vorhandenes Handlungsrepertoire verfügen, ist eine stützende Intervention geboten, die möglichst unmittelbar einsetzt und Betroffene aktiv unterstützt, wobei es wichtig ist, sich auf die ak­tuelle Situation zu konzentrieren und solche Schritte auszuwählen, die eine unmittelbare emotionale Entlastung ermöglichen. Überdies ist es ratsam, das professionelle und informelle soziale Umfeld, soweit es hilfreich wirken kann, einzubeziehen (vgl. Sonneck et al. 2012, S. 67). In der Krisenintervention werden die zuvor dargestellten methodischen Ansätze fokussiert eingesetzt.

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Ausblick

Die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus wird immer weiter auf das sog. Entlassmanagement und die möglichst frühzeitige und reibungslose Überleitung in die Nachsorge oder die eigene Häuslichkeit reduziert. Sie steht vor der Herausforderung, ihr breites Profil angemessen zu kommunizieren und ihre Ansätze auch durch Forschungen zu unterfüttern, sodass im Interesse der Patient/-innen im Krankenhaus kein Weg an ihr vorbeiführt. Noch kann die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus ihre Potenziale nicht entfalten. Erst wenn sie ihre gesundheitsbezogenen Inhalte und Methoden weiter ausbuchstabiert, wenn sie frühzeitig in die Behandlung einbezogen wird und wenn die Fallzahlbelastung entsprechend den Aufgaben gestaltet wird, kommt die Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus voll zur Geltung.

Soziale (Alten-)Arbeit im Krankenhaus

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Ausgewählte Literatur DVSG. Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen. 2013. DVSG-Posi­ tionspapier. Entlassmanagement durch Soziale Arbeit in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken. Berlin Schaeffer, Doris, und Jürgen Halsbeck. 2016. Bewältigung chronischer Erkrankungen. In Soziologie von Gesundheit und Krankheit. Hrsg. Richter, Matthias, und Klaus Hurrelmann, 243 – ​ 256. Wiesbaden: Springer. Schweppe, Cornelia. 2012. Soziale Altenarbeit. In Grundriss Soziale Arbeit. Hrsg. Werner Thole, 505 – ​521. Wiesbaden: Springer.

Soziale Arbeit in der Geriatrie Werner Vogel

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Alter, Gesundheit und Krankheit in der Gesellschaft

Gesundheit gilt als hohes, manchen als höchstes Gut. Die Sorge um ihre Erhaltung bzw. Wiederherstellung im Fall einer Krankheit hat daher im gesellschaftlichen Bewusstsein und Handeln einen hohen Stellenwert. Eine Altersgrenze, jenseits derer Krankheit, Leid und Tod generell als etwas selbstverständlich Hinzunehmendes anerkannt würden, gibt es nicht (vgl. Labisch 1990; vgl. auch Göckenjan i. d. B.). Natürlich gehen auch alte Menschen zum Arzt, wenn sie krank werden. Bisweilen tauchen dabei neue Fragen auf. Zu welchem sollen sie gehen ? Zum Hausarzt ? Zum Facharzt ? Zu welchem für welche Krankheit ? Leiden sie überhaupt an einer Krankheit oder nur an Altersschwäche ? Gibt es Spezialisten für Krankheiten im Alter ? Sind die geeigneter als andere Fachleute ? Kann man im Alter wieder ganz gesund werden – oder bis ins höchste Alter gesund bleiben ? Was muss man dafür tun ?

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Aufgaben der Geriatrie

‚Geriatrie‘ wurde als Begriff erst 1909 geprägt und – fast zeitgleich mit der ‚Pädiatrie‘ – als neues Fachgebiet gefordert. Ihre wachsende Bedeutung im Zuge des demografischen Wandels steht außer Zweifel. Dennoch ist ihre Repräsentanz in der klinischen, erst recht der ambulanten Medizin noch immer gering. Für kranke und hilfsbedürftige Menschen im höheren Lebensalter sind Gesundheits- und Sozial­wesen gleichermaßen zuständig, was eine intensive fachübergreifende Zusammenarbeit in Forschung, Lehre und Krankenversorgung erfordert. Nach der von den altersmedizinischen Gesellschaften der Europäischen Union (UEMS 2008) vorgelegten Definition befasst sich die Geriatrie „mit der Prävention, Diagnostik, Behandlung und Rehabilitation akuter und chronischer Erkrankungen © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_14

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bei älteren Menschen, einschließlich deren körperlicher, geistiger, funktioneller und sozialer Auswirkungen sowie der Grenzerfahrungen am Lebensende“. Entsprechend sind geriatrische Patient/-innen „gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Gebrechlichkeit und mehrfache Erkrankungen (Multimorbidität), die einen ganzheitlichen Ansatz erfordern. Methodisch geht Geriatrie über die Organmedizin hinaus, indem sie Behandlung in einem multidisziplinären Team bietet, deren Hauptziel die Optimierung des funktionellen Status der älteren Person ist sowie die Verbesserung der Lebensqualität und der Selbstständigkeit“ (ebd.).

Der Bedarf an sozialer Unterstützung tritt bei Krankheiten im Alter oft unvermittelt auf, zumal „Krankheit sich anders als bei Jüngeren darstellt, schwer zu erkennen ist und verzögert auf die Behandlung reagieren kann“ (ebd.). Vielfach werden Krankheitssymptome von alten Menschen nicht als solche wahrgenommen, sondern als Alterserscheinungen fehlinterpretiert, sodass Krankheiten verschleppt werden und es zu Komplikationen und funktionellen Ausfällen mit erhöhtem Hilfebedarf kommt, der nur mit Mühe gedeckt werden kann, da das häufig ohnehin schwache soziale Netz, insbesondere bei hochaltrigen und/oder armen Alten, zusätzlichen Belastungen kaum gewachsen ist (vgl. Künemund und Kohli i. d. B.).

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Das geriatrische Team und seine Arbeitsweise

Geriatrie vollzieht sich grundsätzlich als multiprofessionelle Teamarbeit, wobei die Ärzt/-innen zwingend auf Mitarbeiter/-innen der Pflege, Physio-, Ergo- und Sprachtherapie, Sozialarbeit, Psychologie und Seelsorge angewiesen ist (Vogel 2017). Zusammen mit diesem Team ermitteln die Ärzt/-innen in standardisierter Form die krankheits-, aber auch funktionell und psychosozial relevanten Daten zur Situation der geriatrischen Patient/-innen, um diese durch geeignete, wiederum multidiszipli­ näre Interventionen gezielt zu verbessern. Dies geschieht nach Maßgabe des sog. geriatrischen Assessments, welches nicht nur Diagnostik ist, sondern ein therapiebegleitender, die Behandlungsziele leitender Prozess, der zahlreiche bio-psychosoziale Faktoren einschließt. Diese können im Krankheitsverlauf ausgesprochen variabel sein, mit entsprechend unterschiedlichen Auswirkungen auf Alltagsbewältigung und soziale Teilhabe. Aus diesem Grund ist zielgerichtetes Handeln nur individuell möglich. Es erfordert die Nutzung der berufsspezifischen Stärken aller Teammitglieder, jeweils in enger Absprache mit Patient/-innen und deren Familien bzw. den Personen, die für sie im Sinne des Betreuungsrechts (vgl. dazu Becker-Schwarze i. d. B.) Verantwortung tragen. Bei leichteren, heilbaren Einzelerkrankungen besteht das Ziel in der vollständigen Wiederherstellung der Gesundheit und Selbstständigkeit (restitutio ad integrum), bei Mehrfacherkrankungen und vielfältigen, eventuell vorbestehenden Behinderungen

Soziale Arbeit in der Geriatrie

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geht es um die Stabilisierung der Gesundheit und die bestmögliche Selbstständigkeit (restitutio ad optimum). Das geriatrische Team definiert hierzu ein individuelles Behandlungs- und Rehabilitationsziel und modifiziert es gegebenenfalls unter genauer Verlaufsbeobachtung. Die Lernfähigkeit (basierend auf der Plastizität des Gehirns und der Bildung neuronaler Netzwerke durch Motivation und Übung) sowie die physische Trainierbarkeit bis ins höchste Alter erlauben auch nach schwersten Schädigungen (Schlaganfall, sturzbedingten Knochenbrüchen, Amputationen etc.) oft erstaunliche Besserungen, sodass Pflegebedürftigkeit vermieden oder vermindert werden kann. Hierfür sind allerdings oft mehrwöchige, personalintensive stationäre Aufenthalte erforderlich, die das systematische Training einschließlich ggf. individuell verordneter Hilfsmittel notwendig machen (vgl. auch Freund 2017). Die Entscheidung zum Einsatz geeigneter Therapiemaßnahmen, die Bestimmung der notwendigen Behandlungsdauer und die Vorbereitung der Entlassung nach Hause erfordern vom geriatrischen Team eine hohe kommunikative Kompetenz. Diese ist für eine effiziente geriatrische Behandlung unverzichtbar, erst recht bei begrenzten personellen und zeitlichen Ressourcen. Ein Teil dieser Kompetenz beruht auf der gemeinsamen Fachsprache und dem medizinischen Basiswissen aller Teammitglieder. Dieses Basiswissen soll im Folgenden kurz skizziert werden (vgl. dazu auch Homfeldt i. d. B.).

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Häufige Krankheiten im Alter und geriatrische Syndrome

Seh- und Hörstörungen, Minderung der Muskelkraft, der Ausdauer, der Knochendichte und der kognitiven Leistungen sind im Alter häufig, entwickeln sich langsam und haben meist weder subjektiv noch objektiv einen nennenswerten Krankheitswert. Kommen sie jedoch kombiniert vor (z. B. Sehschwäche, Schwerhörigkeit und Gedächtnisstörung) oder tritt eine akute Krankheit dazu, dann können sie den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen und rasch in andauernde Pflegebedürftigkeit führen. Der Bedarf an geriatrischer Behandlung sowie deren Dringlichkeit ist umso höher, je älter und schwerer krank der/die Betroffene ist. Relevante degenerative Veränderungen des Bewegungsapparats (Osteoporose, Arthrosen), des Stoffwechsels (Ernährungsstörungen, Diabetes), des Kreis­laufsystems (Arteriosklerose, Schlaganfall, Herzinfarkt), des Nervensystems (Bewegungs-, Empfindungs- und Koordinationsstörungen, Parkinson, Demenz), des Immunsystems (Infektneigung, Tumoren) sind im hohen Alter häufig Grund für eine geriatrische Behandlung, insbesondere weil sie mit Einschränkungen der Mobilität, der Kogni­ tion, der Orientierung und der emotionalen Stabilität verbunden sind und mit erhöhtem Sturzrisiko einhergehen. Degenerative Erkrankungen können also Auswirkungen auf alltagsrelevante Funktionen (Alltagsbewältigung, Mobilität, Orientierung, Selbsthilfe) und den Erhalt der Selbständigkeit haben.

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Besondere Bedeutung hat das gleichzeitige Auftreten mehrerer – akuter und chronischer – Krankheiten. Die Kombination von Multimorbidität und (alters- oder krankheitsbedingten) funktionellen Störungen führt dann zu komplexen Beeinträchtigungen, für die sich der Begriff ‚geriatrische Syndrome‘ eingebürgert hat. Dazu zählen die ‚vier I‘ (Immobilität, Instabilität, Inkontinenz, intellektueller Abbau), die sog. Sturzkrankheit, die Gebrechlichkeit (frailty), die sämtlich einer speziellen Abklärung und Behandlung bedürfen. Schließlich stellen alte Menschen mit einer Depression oder einer Demenz (60 % vom Alzheimer-Typ) angesichts neuer Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie für Psychiater/-innen und Geriater/-innen gleichermaßen eine besondere Herausforderung dar, insbesondere dann, wenn behandlungsbedürftige andere (organische) Erkrankungen zusätzlich eine Rolle spielen.

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Biografische und psychosoziale Aspekte

Für die vor dem Zweiten Weltkrieg Geborenen (‚Kriegskinder‘) haben Gesundheit und Krankheit eine andere Bedeutung gehabt als bei nachfolgenden Generationen. In Zeiten von Krieg und Flucht konnte es lebenserhaltend sein, Symptome wie Angst oder Schmerz zu unterdrücken. Wer jahrelang damit Erfahrungen gesammelt hat, wird diese Strategie beibehalten, auch wenn er oder sie sich damit gefährdet. Härte gegen sich selbst kann in einer Lebensphase retten, in einer anderen zerstören. Die Bereitschaft und Fähigkeit, Schmerz auszuhalten, fördert die Entwicklung chronischer Depressivität und steht modernen Konzepten der Schmerztherapie entgegen. Die hohe Prävalenz psychotraumatischer Erlebnisse bei der Kriegsgeneration ist zu beachten (Radebold et al. 2008; vgl. Fooken i. d. B.). Es ist auch wichtig, die Notwendigkeit psychotherapeutischer Behandlung bei der psychosozialen Beratung zu erkennen, weil Betroffene häufig von posttraumatischen Störungen oder Depressionen bis hin zur Suizidalität geplagt sind, die im höheren Alter durchaus erfolgreich behandelt werden können (Lindner 2019; vgl. auch Lindner und Hummel 2014). Dass religiöse und soziale Bindungen sich als protektive Faktoren bei der Krankheitsbewältigung auswirken, ist gesichert. Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen den Generationen, wobei die Spiritualität als menschliches Grundbedürfnis vor allem in Krisensituationen nicht missachtet werden darf (Vogel 2016). Bei alledem ist zu berücksichtigen, dass fast alle Mitglieder des geriatrischen Teams der Generation der Kinder oder Enkel ihrer Patient/-innen angehören, was besondere Sensibilität im Umgang verlangt, vor allem bei kognitiv eingeschränkten oder demenzkranken Patient/-innen.

Soziale Arbeit in der Geriatrie

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Soziale Arbeit in der (Alters-)Medizin

In der ambulanten gesundheitlichen Versorgung liegt der Hauptschwerpunkt der Sozialen Arbeit sicher im Bereich Beratung, in der klinischen Sozialarbeit mehr in der Organisation der Weiterversorgung sowie der Unterstützung, etwa bei der Inan­ spruchnahme staatlicher Hilfen. In der Geriatrie kommt als weitere Aufgaben hinzu, die besondere Situation geriatrischer Patient/-innen und deren gesundheitliche, pflegerische und soziale Versorgung in den Blick zu nehmen. In der geriatrischen Klinik ist die Soziale Arbeit vornehmlich durch fachübergeifende, koordinierende Aufgaben im geriatrischen Team charakterisiert. Auf diese unterschiedlichen und insbesondere die geriatriespezifischen Aspekte soll im Folgenden näher eingegangen werden. Beratung von Patient/-innen und Angehörigen: Krankheit im Alter wird häufig als kritisches Ereignis im Lebenslauf wahrgenommen, das Ängste verursacht. In diesem Zusammenhang tauchen bei Patient/-innen und Angehörigen unter anderem rechtliche Fragen auf, die individuelle Antworten erfordern. Sie betreffen oft Ansprüche auf sozialrechtliche Leistungen, insbesondere aus der Kranken- und Pflegeversicherung (SGB V und SGB XI), dem Bundessozialhilferecht (SGB XII), dem Schwer­ behindertenrecht (SGB IX) oder dem jeweiligen Landesblindengesetz (vgl. dazu Rixen sowie Welti i. d. B.). Nicht selten ist eine amtliche Betreuung nach dem BGB einzurichten und ein entsprechender Antrag an das zuständige Amtsgericht zu stellen. Die Betreuung kann sich auf finanzielle Angelegenheiten, die Gesundheitsfürsorge oder den Aufenthalt beziehen. Manche Patient/-innen brauchen Rat und Beistand bei der Formulierung einer rechtsverbindlichen Verfügung oder Vollmacht (ausführlich Becker-Schwarze i. d. B.). Ein weiteres Beratungsfeld betrifft den psychosozialen Bereich. Hier geht es in erster Linie um Fragen der Krankheitsbewältigung. Bisweilen ist eine Krisenintervention erforderlich, etwa bei familiären Konflikten, die je nach Ursache der Mitwirkung von Ärzt/-innen, Psycholog/-innen oder Seelsorger/-innen bedarf. Viel häufiger sind jedoch Probleme der weiteren Versorgung nach Entlassung aus der stationären Behandlung zu lösen. Auf das in der Geriatrie seit Jahren etablierte „Entlassmanagement“ haben Krankenhauspatient/-innen heute einen Rechtsanspruch (§ 39 Abs. 1a SGB V). Aufbau und Sicherung eines sozialen Netzes: Wichtig ist der Aufbau eines tragfähigen

sozialen Netzwerks, das familiäre Hilfen ergänzt und die Patient/-innen in die Lage versetzt, trotz der erlittenen Krankheit in dem von ihnen gewünschten Umfeld zu leben. Relativ einfach ist es, wenn Kinder, Schwiegerkinder, Enkel/-innen oder an­dere Verwandte, die nicht berufstätig sind, im selben Haus oder in unmittelbarer Nähe wohnen und – allein oder mit Hilfe von Pflegediensten – die alltägliche pflegerische bzw. hauswirtschaftliche Unterstützung leisten können. Der Sozialdienst muss dennoch genau über funktionelle Defizite, die durch die aktuelle Erkrankung hinzuge-

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kommen sind, Bescheid wissen und die Ressourcen (etwa der in häuslicher Gemeinschaft lebenden Partner/-innen) kennen, wenn die häusliche Versorgung auf längere Sicht gelingen soll. Hierzu hat es sich bewährt, dass die Mitarbeitenden des Sozialdienstes persönlich an allen Teamkonferenzen und -visiten teilnehmen und aus den Berichten der Pflege und Therapien die erreichte bzw. noch mögliche Verbesserung kennen bzw. abschätzen lernen. Wo immer professionelle oder Laienhilfe notwendig ist, muss sie nach Art und Intensität organisiert werden. Idealerweise werden die künftigen Helfer/-innen vor der Entlassung in die Klinik eingeladen und, sofern es sich um Laien handelt, speziell geschult. Die Schulung kann sich auf die sichere Begleitung beim Gehen oder Treppensteigen beziehen, auf die Versorgung bei Inkontinenz, die korrekte Lagerung bei Druckgeschwüren (Decubitus), auf die ausreichende Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr oder die Medikation. Das – von Patient/-innen oft vorgeschlagene – Einbeziehen von Nachbar/-innen und anderen ehrenamtlichen Helfer/-innen ist sorgfältig auf die jeweils notwendige Verfügbarkeit zu überprüfen. Bisweilen wird hier Erstaunliches geleistet, andererseits ist gerade bei älteren Hilfswilligen vor deren Überforderung zu warnen. Für Alleinstehende, die sich nicht für die Übersiedelung in Betreutes Wohnen entscheiden wollen, insbesondere für sturzgefährdete Personen, ist ein Hausnotruf sinnvoll. Pflegende Angehörige sind oft für die Vermittlung einer Tagespflege oder einer regionalen Selbsthilfegruppe dankbar. In vielen Fällen, vor allem bei schwer Betroffenen, erweist sich die Suche nach einem wohnortnahen Pflegeheim als die objektiv beste Lösung. Sie ist indessen oft schwer zu vermitteln, zumal wenn Hoffnung auf weitere Besserung besteht. Einfühlsames Aufklären über die Möglichkeiten einer rehabilitativ ausgerichteten Kurzzeitpflege kann die Einsicht der Betroffenen fördern und die Angst vor dem ‚Abgeschobensein‘ mildern. Gerade in dieser Phase der Beratung sind Zeit und Empathie wichtig. Genauso bedeutsam ist die regionale Kenntnis aller Anbieter, deren Vermittlung als absolute Vertrauenssache erlebt wird. Da sich der Markt der Anbieter stets quantitativ und qualitativ weiterentwickelt, sind persönliche Kontakte und Kenntnisse von besonderem Wert. Koordination im geriatrischen Team: Die Mitglieder des geriatrischen Teams sind jeweils für spezielle Aufgaben im Therapieprozess verantwortlich: Physiotherapeut/-innen für die Mobilität, Ergotherapeut/-innen für das Wiedererlernen von Alltagsverrichtungen und das Training höherer Hirnleistungen, Logopäd/-innen für die Behandlung von Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen usw. Drei Berufsgruppen arbeiten grundsätzlich fach- und funktionsübergreifend: Die Ärzt/-innen, die Pflege und der Sozialdienst. Die Ärzt/-innen urteilen diagnostisch, medizinisch-therapeutisch oder prognostisch, die Pflege versorgt Patient/-innen kontinuierlich in der Grund- und Behandlungspflege, aber auch rehabilitativ, indem sie die Kranken motiviert, das in den funktionellen Therapien Gelernte stetig anzuwenden und zu üben, die Sozialarbeiter/-innen schließlich beobachten den Behandlungsfortschritt aus dem

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Blickwinkel der angestrebten Selbstständigkeit und der Umsetzung des Gelernten in den häuslichen Alltag, über den sie sich mit Hilfe des geriatrischen und des speziellen sozialen Assessments ein möglichst detailliertes Bild machen müssen. Dieser Beitrag des Sozialdienstes zur Arbeit des geriatrischen Teams ist besonders wichtig, da er die im Therapiefortschritt möglichen Ziele mit der späteren Versorgungsrealität verbindet und das Maß der notwendigen technischen und personellen Hilfen realistisch abschätzt. Der Begriff ‚Fallmanagement‘ trifft an dieser Stelle zu. Dieses kann aber nur gelingen, wenn alle Mitarbeitenden sich kontinuierlich über Verlauf, erreichte und erwartete Verbesserungen und den dafür ermittelten Bedarf austauschen. Moderne Klinik-EDV mit Einsicht in die standardisierte Dokumenta­ tion der jeweils beteiligten Berufsgruppen hat sich hierbei bewährt. Gute Entlassungsplanung setzt sichere Kenntnisse über Mobilität, Alltagskompetenz, Versorgung und Training mit Hilfsmitteln voraus und schließt rechtzeitige Information der Familie bzw. Pflegedienste sowie der weiterbehandelnden Ärzt/-innen ein. Fehlt eine dieser Komponenten, droht die rasche Dekompensation des Systems und damit die Gefahr der Pflegebedürftigkeit oder der Rehospitalisierung. Die Verantwortung des Sozialdienstes als koordinierende Schaltstelle (‚Außenministerium‘ der Geriatrie) mag aus dem Gesagten deutlich werden. Begleitung: Sozialarbeiter/-innen sind Partner/-innen in mehrfacher Hinsicht. Sie

sind es für die Patient/-innen und deren Angehörige, aber auch für Ärzt/-innen, Pflegende und Therapeut/-innen. Da sie aber aus Zeitgründen nicht in jedem Einzelfall ein komplettes soziales Assessment nebst daraus abgeleiteter Beratung und Intervention durchführen können, sind Absprachen im Team und eine systematische Arbeitsteilung unerlässlich. So können einfache Fragen von allen Teammitgliedern (insbesondere der Pflege) beantwortet werden. In schwierigen Fällen steht der Sozialdienst persönlich den Patient/-innen und ihren Helfer/-innen beratend zur Seite. Es ist aber auch sinnvoll, dem Team allgemeine oder spezielle Erläuterungen zur rechtlichen Situation oder zum individuellen Problem zur Verfügung zu stellen, da sich im interdisziplinären Austausch neue Ideen oder Sichtweisen ergeben können. Fachliche Perspektiven der Sozialarbeit in der Geriatrie: Während für den Sozialdienst im Akutkrankenhaus oft die rasche Organisation der Entlassung und Weiterversorgung von Patient/-innen im Vordergrund steht, sind die Anforderungen an die Arbeit der Sozialarbeiter/-innen in der Geriatrie nicht nur fachlich anspruchsvoll, sondern deutlich vielseitiger. Entscheidungen können in angemessener Zeit vorbereitet und im Einvernehmen mit Angehörigen und weiterbehandelnden Helfer/-innen gefällt werden. Dies vermittelt das befriedigende Gefühl, die oft schwer Betroffenen ein gutes Stück weit begleitet zu haben, was ihnen Mut und Vertrauen gibt und nennenswert zur Krankheitsbewältigung beiträgt. Die Verantwortung im Team und die Mitwirkung bei der interdisziplinären Behandlung schafft eine hohe berufliche Identität und Befriedigung.

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Werner Vogel

Die demografische Entwicklung fordert künftige Generationen zur planmäßigen Kooperation in den Gesundheitsberufen heraus, nicht nur im stationären, sondern zunehmend auch im ambulanten Bereich. Ein solches Versorgungsnetz wird kranken Menschen im höheren Lebensalter besonders zugutekommen, wobei die von Gesetzgeber und Kostenträgern geforderte Wirtschaftlichkeit nicht nur gewahrt, sondern eher noch gesteigert wird. Ziel muss es sein, die Versorgungsqualität in allen Sektoren systematisch zu verbessern und damit das vorhandene Wissen und den stetigen Fortschritt für diese Kranken nutzbar zu machen. Gute fachliche Qualifikation, bewusster Einsatz der eigenen Professionalität in Verbindung mit einem breiten medizinischen und rechtlichen Basiswissen sowie einer hohen kommunikativen Kompetenz im multidisziplinären Team sind dafür eine wichtige Voraussetzung (vgl. dazu Aner 2018b).

Ausgewählte Literatur Lindner, Reinhard. 2019. Die Last des Lebens meistern: Umgang mit Depression und Suizidalität. In Praxiswissen Geriatrie. Hrsg. Rehm, Marion, und Wolfgang Schwibbe, 206 – ​215. Stuttgart: Kohlhammer Pantel, Johannes, Cornelius Bollheimer, Cornel Sieber und Andreas Kruse. Hrsg. 2014. Praxishandbuch Altersmedizin. Geriatrie – Gerontopsychiatrie – Gerontologie. Stuttgart: Kohlhammer. Vogel, Werner. 2017. Das Geriatrische Team. Wie interprofessionelles Arbeiten gelingt. Stuttgart: Kohlhammer.

Soziale (Alten-)Arbeit in der Gerontopsychiatrie Margret Dörr

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Einleitung

Dieser Beitrag basiert auf einem Verständnis von Gerontopsychiatrie, das über eine medizinische Begriffsdefinition hinausweist. So befasst sich die Gerontopsychiatrie zwar als medizinische Wissenschaft und als ärztliche Profession mit der Erforschung, Diagnose, Behandlung und Prävention von mentalen Krankheiten alter Menschen. Doch wird dabei – ungeachtet vehementer Kritik – z. B. seitens der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie – der Gegenstand ‚psychische Krankheit‘ noch allzu selbstverständlich entsprechend einer medizinisch-naturwissenschaftlichen Grundlage physiologisch erklärt und behandelt, womit der betroffene Mensch auf eine Träger/-in von gestörten physiologischen Körperprozessen reduziert wird. Das Subjekt und sein Erleben findet als Untersuchungsgegenüber kaum Interesse. Nach wie vor wird ihm lediglich der Status eines Objekts medizinischer Maßnahmen zugebilligt. Dieser (inhumanen) Verkürzung wird hier widersprochen. Ferner wird ‚Gerontopsychiatrie‘ auch nicht auf einen konkreten Ort (beispielsweise eine Klinik) reduziert, also auf einen klinischen Ort, an dem sich das Zusammenwirken von Erfahrung der Medizin (Forschung) und Behandlung der Patient/-innen ereignet. Gerontopsychiatrie wird vielmehr als ein sozial-kulturelles Ordnungsmuster begriffen, das als Antwort auf soziale Fragen entstanden ist (z. B. Was tun mit den alten, traurigen, verwirrten, multimorbiden, störenden und/oder leidenden Menschen ?) und folglich ein Resultat des Zusammenspiels von gesellschaftlichem Bedarf und Ressourcen darstellt (vgl. Dörr 2005). Damit ist in knapper Weise darauf verwiesen, dass im Weiteren Gerontopsychiatrie als ein in gesellschaftliche Strukturen geronnenes soziales Denk-, Handlungsund Beziehungsmuster gefasst wird, in das diverse Disziplinen und Professionen involviert sind: Gerontopsychiatrie ist eine interdisziplinäre und in­terprofessionelle Aufgabe und keine lose Aneinanderreihung verschiedener Einzeldisziplinen und © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_15

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-professionen (vgl. Hirsch et al. 2017). Erst diese Mehrperspektivität erweitert die soziokulturellen Optionen, einen sachhaltig qualifizierten, humanen, d. h. würdigen Umgang mit psychisch erkrankten alten Menschen zu (er)finden und zu institutionalisieren. In dieser Betrachtungsweise wird ernst genommen, dass das Verständnis einer ‚Krankheit der Seele‘ nicht geschieden werden kann von der Art und Weise des gesellschaftlichen Umgangs mit dieser Krankheit (vgl. Dörr 2015). Die Inhalte sozialer Fragen wie auch die darauf gegebenen spezifischen Antworten sind unhintergehbar mit soziokulturellen Prozessen verwoben, womit Prozesse gemeint sind, in denen Kultur im weiten Sinn des Wortes entsteht: Neben Architektur, Musik und Malerei gehören Technik und wirtschaftliche Produkte ebenso dazu wie die verschiedenen Wissenschaften. Gerontopsychiatrische Kompetenz erstreckt sich nicht nur auf Diagnoseerstellung und medizinische Behandlung, sondern ebenso gehört dazu ein gerontopsychiatrisches Assessment, eine mehrdimensionale Arbeitsweise mit einem gerontopsychiatrischen Team und die Zusammenarbeit mit den regionalen Einrichtungen der Altenhilfe. Als Teil eines regionalen Versorgungsnetzes sind ambulante, teil-stationäre und stationäre (offene und geschlossene) Einrichtungen sowie das jeweilige soziale Netzwerk der Patient/-innen einzubeziehen (vgl. Debus 2016). Aber noch immer ist hinsichtlich der gerontopsychiatrischen Versorgungsstrukturen im ambulanten, teilstationären wie stationären Bereich von einer eklatanten Unter- und Fehlversorgung auszugehen (vgl. Melchinger 2011).

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Adressat/-innen der Gerontopsychiatrie

Epidemiologische Forschungen weisen darauf hin, dass in der gerontopsychiatrischen Zielgruppe ‚alte Menschen‘ ca. ein Fünftel bis ein Viertel der über 65-Jährigen als psychisch krank gelten (vgl. Jakobi et al. 2014) und bei gleichzeitigem Vorliegen somatischer Erkrankungen die Prävalenz für solche Erkrankungen steigt. Hinzu kommen Verluste wichtiger Bezugspersonen und Lebenskrisen im Alter, die nicht selten traumatische Erfahrungen aus früheren Lebensphasen reaktivieren (vgl. Söllner et al. 2018). Insgesamt, so Peters (2018), sind psychische Störungen bei älteren Menschen in einem erheblichen Ausmaß unterdiagnostiziert. Er kritisiert diesbezüglich die unpassenden ICD 10 Diagnosen für diese Personengruppe, da sowohl altersspezifische Kriterien fehlen als auch traumabezogene Zusammenhänge ignoriert werden (ebd., S. 76 ff.). Die geschätzte Zahl Demenzkranker in Deutschland Ende des Jahres 2016 wird mit 1 627 840 angegeben (Bickel 2018; vgl. auch Wißmann i. d. B.), davon sind 545 110 Männer und 1 082 730 Frauen. Als häufigste Ursache gilt die Alzheimer-Krankheit, deren Anteil auf mindestens zwei Drittel der Krankheitsfälle geschätzt wird. Mischformen aus verschiedenartigen neurodegenerativen und vaskulären Krankheitsprozessen kommen besonders auf den höheren Altersstufen vor.

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Des Weiteren zeigt sich, dass bei älteren Menschen vor allem Neurosen (insbesondere Depressionen) und Persönlichkeitsstörungen zu den nächst häufigen psychiatrischen Erkrankungen zählen (Pantel et al. 2014). Hervorzuheben ist hierbei zum einen, dass Prävalenz und Inzidenz von krankheitswertigen Depressionen bei älteren Menschen nicht höher sind als bei jüngeren. Zum anderen zeigt sich – ähnlich wie in den jüngeren Altersgruppen – eine geschlechtsspezifische Verteilung. Die Zwölf-Monatsprävalenz einer affektiven Störung liegt laut Jacobi et al. (2014) in der Altersgruppe zwischen 65 und 79 Jahren bei 9,3 %. Depressive Syndrome treten bei Frauen etwa doppelt so häufig auf wie bei Männern (vgl. Müters et al. 2013). Für beide Geschlechter ist festzuhalten, dass ein höheres Erkrankungsrisiko besteht bei Geschiedenen und Verwitweten sowie bei Älteren, die sich im Anfangsstadium eines Demenzprozesses befinden oder an akuten und chronischen körperlichen Erkrankungen leiden. Ebenso sind Verlusterlebnisse, ökonomische Benachteiligung und unbefriedigende soziale Beziehungen (Einsamkeit) mit dem Auftreten depressiver Erkrankungen assoziiert (vgl. Busch et al. 2013; Gühne et al. 2014). Zudem weist die Expertise von Gerlach und Schupp (2016) darauf hin, dass sich direkte und indirekte Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen (Minderheitenstress) auf die psychische und physische Gesundheit von Lesben und Schwulen in Form von Depressionen, Ängsten, Suiziden sowie Substanzmittelgebrauch auswirken (zur Homosexualität im Alter vgl. Schütze i. d. B.). Im Vergleich zu den jüngeren Altersgruppen ist die größere Häufigkeit von Suiziden eindeutig. Laut dem Statistischen Bundesamt kamen in der Altersgruppe 80 bis 85 Jahre im Jahr 2016 durchschnittlich 33,8 Suizide auf 100 000 Einwohner/-innen, während die Gesamtsuizidrate bei 11,9 Suizide auf 100 000 Einwohner/-innen lag (statista 2019). Die Gruppe der Menschen, die mit als chronisch geltenden psychiatrischen Beein­ trächtigungen gealtert sind, konnte – aufgrund des Euthanasie-Programms des Nationalsozialismus – erst in den letzten Jahren verstärkt ins Bewusstsein der gesellschaftlichen Öffentlichkeit geraten. So sind Recovery-Konzepte, mit denen unter der Maßgabe ‚Genesung ist nicht gleich Heilung‘, die bestmögliche Lebensweise mit einer Erkrankung angestrebt wird, selbst wenn sich die Betroffenen im Bereich schwerer psychischer, chronifizierter Störungen bewegen, in Deutschland insbesondere für diese Zielgruppe wenig entwickelt (vgl. Amering und Schmolke 2012). Aktuell ist davon auszugehen, dass alte psychisch kranke Menschen als Kinder und Jugendliche während des Zweiten Weltkrieges und danach Erfahrungen von Krieg, Flucht, Vertreibung und/oder von (sexualisierter) Gewalt gemacht haben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit tiefgreifende biografische Auswirkungen hatten (vgl. Fooken i. d. B.). Nunmehr hilfe- und pflegebedürftig geraten sie erneut in eine entmachtete Situation, in der sie viel Kontrolle bezüglich ihrer Selbstbestimmung abgeben müssen und auf andere angewiesen sind. Oft können sie ihre individuellen adaptiven Überlebensstrategien, die ihnen geholfen haben, ihr Leben nach schmerzvollen, wenn nicht gar traumatischen Erfahrungen zu bewältigen, nicht mehr aufrechterhalten. Diese ehe-

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maligen Widerfahrnisse können – noch immer häufig unerkannt – Ursache bei allen Formen von psychischen Störungen sein, beispielsweise bei Wahrnehmungsstörungen, Apathie, Depression, Angst und Panikzuständen, regressivem Verhalten, Aggressivität, Zwangshandlungen, Substanzstörungen sowie bei Halluzinationen (vgl. Böhmer 2001, 2012; Peters 2018). Diskutiert wird in diesem Zusammenhang die Relevanz transgenerationaler Weitergabe von Traumata für die nachfolgende Generation (Rosenthal 2011), wobei als unbestritten gilt, dass das Phänomen für diese Kohorte klinisch bedeutsam bleiben wird (Rosenthal 1997; vgl. Reddemann 2015), auch wenn die entsprechende (nach wie vor mangelhafte) Befundlage wenig eindeutig sei (Kellermann 2011). Während eine Neuerkrankung an Schizophrenie im Alter von über 65 Jahren sehr selten ist, treten paranoide Syndrome gehäuft auf. Dies wird begünstigt durch sensorische Defizite, depressive Störungen und kognitive Beeinträchtigungen älterer Menschen. Im Alter von 65 bis 79 Jahren leiden laut DEGS-MH zwischen 6,2 % (Frauen) und 6,0 % (Männer) an irgendeiner Substanzstörung (Alkohol, Medikamente, Nikotin, ohne illegale Drogen) (vgl. Jacobi et al. 2014). Benzodiazepine, Z-Substanzen und Opiatanalgetika stehen im Zusammenhang mit dem Medikamenten-Missbrauch und der Abhängigkeit. Die Verschreibung dieser Medikamente und dessen Langzeitanwendung steigt mit dem Alter deutlich an. Hinweise für eine nicht sachgerechte Verordnung z. B. gibt der Arzneiverordnungsreport (Schwabe 2013). Geschätzt wird, dass 40 – ​50 % der Dauerkonsument/-innen von Benzodiazepinen abhängig werden, und dass mindestens 5 – ​10 % der über 60-Jährigen einen problematischen Gebrauch psychoaktiver Medikamente oder Schmerzmittel betreiben (Muhlig et al. 2015, S. 50). Polypharmazie ist ein weiterer Risikofaktor für die Entstehung eines Delirs, also einer akuten, aber rückbildungsfähigen Bewusstseinsstörung. Die Differenzierung eines Delirs bei Demenz oder Depression ist klinisch noch immer mangelhaft.

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Zur Funktion der Sozialen Arbeit in der Gerontopsychiatrie

In einem interdisziplinären gerontopsychiatrischen Zusammenwirken kommt auch der Sozialen Arbeit eine eigenständige Bedeutung zu: Als Kerndisziplin für soziale Integration (Böhnisch 2016) bezieht sie sich ganz allgemein auf psychosoziale Prozesse der Lebensbewältigung und die damit verbundenen Schwierigkeiten der Menschen. Gegenstand einer professionellen Sozialen Arbeit im Kontext des soziokulturellen Ordnungsmusters ‚Gerontopsychiatrie‘ ist daher – abstrakt gesprochen – der alte Mensch in seinen gescheiterten und/oder von Scheitern bedrohten vergemeinschafteten und vergesellschafteten Formen des Zusammenlebens. Ihre ethisch-normative Grundlage bilden Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenwürde. Hilfeansätze sind dann Erfolg versprechend und nachhaltig, wenn sie sich nicht nur an den festgestellten Defiziten in der Abwehr von Krankheiten und Krankheitsrisiken orien-

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tieren, sondern auch und insbesondere an den konkreten Ressourcen der involvierten Menschen, die es biografisch zu rekonstruieren und durch flexibles Hilfehandeln zu beantworten gilt. Ein besonderes Gewicht wird in der Gerontopsychiatrie dem möglichst langen Erhalt der Hilfepotenziale der Angehörigen beigemessen. Auch aufgrund der Ausdünnung ihres sozialen Netzes sind als psychisch krank geltende alte Menschen vermehrt auf die Unterstützung und Gestaltung ihrer Lebensumstände durch Fachkräfte angewiesen. Dies bezieht sich keineswegs nur auf Unterstützungsleistungen wie medizinische Therapie, Pflege, Rehabilitation oder hauswirtschaftliche Versorgung, sondern insbesondere auf die Organisation und Abstimmung der einzelnen Hilfen, also auf die Erfordernisse zur Koordination der Fremd- und Eigenleistungen im Alltag, eine Aufgabe, die dem gesellschaftlichen Mandat ‚soziale Integration‘ und damit der Sozialen Arbeit zufällt (zum Case Management vgl. Wendt i. d. B.). Verbunden damit ist die Notwendigkeit zur Überschreitung medizinischer Paradigmengrenzen hin zu einem transdisziplinären Blick in ‚multiprofessionellen Teams‘. Erforderlich ist ein frühzeitiges Einbeziehen ambulanter Betreuungsdienste – auch weil ein stationärer Aufenthalt so kurz wie möglich gestaltet sein soll. Gleichwohl ist die Implementierung von gerontopsychiatrischen Kompetenzzentren, deren Auftrag es ist, die Versorgungsstrukturen in den Versorgungsregionen auszuweiten, die Vernetzung der Akteur/-innen zu verbessern und durch neue Impulse qualitätsgesichert voranzubringen noch immer nicht flächendeckend erfolgt (vgl. DGGPP 2007, 2008; BMFSFJ 2016b). Nicht nur aus berufspolitischen, sondern auch aufgrund ihres gesellschaftlichen Mandats einschließlich der ihr eigenen fachspezifischen Kompetenzen sollte sich die Soziale Arbeit in diesem Reformprozess der Gerontopsychiatrie stärker als bisher einbringen, etwa im Rahmen von Versorgungsmanagement (z. B. bei Sozialstationen, Pflegestützpunkten) sowie in der Gemeinwesenarbeit, bei der Entwicklung von Mehrgenerationenprojekten und/oder der Koordinierung und Begleitung von Ehrenamtlichen. Mit ihrer Perspektive kann sie aktiv gegen Gefahren und Einseitigkeiten einer Somatisierung und/oder einer Psychologisierung psychiatrischer Erkrankungen im Alter schützen, den Blick für die soziale Umgebung psychisch kranker alter Menschen offen halten und diese ggf. hinsichtlich eines Klimas von Akzeptanz und Geborgenheit sozialpädagogisch verbessern. Denn auch ein irreversibler Demenzverlauf, der das sozialpädagogische „Vertrauen in Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten“ (Thiersch et al. 2012, S. 179) konterkariert, erfordert das (Er-)Finden von Zugängen zur Wahrnehmungswelt ‚dementierender‘ alter Menschen (vgl. Karl, F. 2005; Baer 2007). Im Unterschied zum Verlust kognitiver Fähigkeiten bleibt die emotionale Wahrnehmung weitgehend erhalten. Daher ist für jegliche Hilfestellung und Unterstützungsangebote der emotionale Kanal wesentlicher Zugang zu demenzerkrankten Menschen (vgl. Baer 2007; Leuthe 2009).

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Rechtliche Basis der gerontopsychiatrischen Praxis

Die für einen Reformprozess erforderliche rechtlich-normative Basis ist in Deutschland in den letzten Jahrzehnten neu institutionalisiert worden. Zu den für die Soziale Arbeit relevanten Gesetzen zählen: zentrale Regelungen des Betreuungsrechts (BGB §§ 1896 ff.) als staatlich organisierter Beistand in Form von rechtlicher Fürsorge, deren Aufgabenbereiche durch das Vormundschaftsgericht bestimmt werden (vgl. Becker-Schwarze i. d. B.); das Heimgesetz (HeimG) als Recht der Ordnung der Heimverhältnisse sowie die Soziale Pflegeversicherung (SGB XI), die 1994 in Kraft getreten ist und durch zwischenzeitlich erfolgte Reformen (1. und 2. PflegeleistungsErgänzungsgesetz 2018) erweitert und differenziert wurde (vgl. Schmidt sowie Rixen i. d. B.). Diese letzte Pflegereform führte eine neue Definition der Pflegebedürftigkeit ein, bei der geistige Erkrankungen mehr in den Vordergrund gestellt wurden. Psychische und physische Faktoren der Pflegebedürftigkeit wurden dabei gleichgesetzt. Dadurch kann den Belangen von Personen mit besonderem Betreuungsbedarf – und hierzu gehören insbesondere psychisch kranke alte Menschen – eher Rechnung getragen werden. Konkret ist damit ein Weg geebnet worden, niedrigschwellige Angebote und vernetzte Versorgungsstrukturen für psychisch kranke alte Menschen auch mit Mitteln der Pflegeversicherung auf- und auszubauen sowie ehrenamtliches Engagement im Bereich der Pflege und Betreuung zur Entlastung der familiären Hauptpflegepersonen zu fördern. Des Weiteren enthält die gesetzliche Krankenversicherung (SGB V, vgl. Rixen i. d. B.) Regelungen, auf deren Basis die Soziale Arbeit im Kontext gerontopsychiatrischer Versorgung intervenieren kann. Eine besondere Leistung wurde mit dem GKVGesundheitsreformgesetz 2000 eingeführt: Nach § 37a SGB V haben Versicherte, die wegen schwerer psychischer Erkrankung nicht in der Lage sind, ärztliche oder ärztlich verordnete Leistungen selbstständig zu nutzen, den Anspruch auf Sozialtherapie, wenn dadurch Krankenhausbehandlung vermieden oder verkürzt wird oder wenn diese geboten, aber nicht ausführbar ist. Ebenso begründet das Neunte Buch des Sozialgesetzbuchs (SGB IX „Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen“) besondere, auch gerontopsychiatrische Handlungsansätze der Sozialen Arbeit, da hier der Vorrang von Rehabilitationsleistungen zur Vermeidung des Eintritts einer Behinderung oder Pflegebedürftigkeit explizit hervorgehoben ist (vgl. § 5 SGB IX). Mit der Psychiatrischen Personalverordnung (PsychPV) wurden Fachkräfte der Sozialen Arbeit neben den anderen Berufsgruppen (Ärzt/-innen, Pflegepersonal, Psycholog/-innen und Ergotherapeut/-innen) zum Stammpersonal der psychiatrischen Krankenhäuser. Zudem ergeben sich aus dem Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke (Psychiatrisches Krankengesetz PsychKG) weitere Aufgabenfelder in der (Geronto-)Psychiatrie. In der Aufstellung ihrer Regelaufgaben, zu denen u. a. Biografiearbeit, sozialtherapeutisches Kompetenztraining, Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit zählen, sind ausdrücklich auch Zeitanteile für Familiengespräche wie für die Mitwirkung an An-

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gehörigengruppen auf den Stationen und außerhalb der stationären Einrichtung vorgesehen (Knoll 2000, S. 62). Mit der PsychPV ist die Information und Einbeziehung der Angehörigen auch im Bereich der Kliniken zu einer Pflichtaufgabe geworden, womit der hohe Stellenwert der erforderlichen Zusammenarbeit mit den (pflegenden) Angehörigen festgeschrieben ist.

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Aufgaben der und Anforderungen an die Profession Soziale (Alten-)Arbeit

Sozialarbeiter/-innen werden allgemein dem Sozialen Dienst im (psychiatrischen) Krankenhaus zugeordnet, womit ihnen direkte und indirekte Vernetzungsaufgaben zugeschrieben werden (zur Sozialen Arbeit im Allgemeinkrankenhaus vgl. Ansen i. d. B.). Diese sollen sowohl klinikintern als auch berufs-, einrichtungs- und sektorenübergreifend erfolgen. Zu nennen sind die heterogenen Anforderungen in der Altenberatung (in unterschiedlicher Trägerschaft: Kommunen, Wohlfahrtsverbände, Verbraucherorganisationen, Betroffenenverbände, Architektenkammern und andere freigemeinnützige Träger), die im Wesentlichen durch Sozialarbeiter/-innen geleistet werden, ebenso wie die vielfältigen sozialpädagogischen Interventionen für die Nutzer/-innen der gerontopsychiatrischen Ambulanzen (vgl. Spengler 2004), der Tageskliniken wie der stationären Einrichtungen für psychisch kranke alte Menschen einschließlich der Alten- und Pflegeheime, in denen eine Vielzahl psychisch kranker Menschen leben. Fachkräfte der Sozialen Arbeit verfügen über reichhaltige Handlungsmethoden, die sie – auf der Basis spezifischer Fach- und Feldkenntnisse – für die Arbeit mit psychisch kranken alten Menschen verwenden können. Dabei gilt für sie auch in diesem Kontext der Ausgangspunkt, dass soziales Handeln, also auch das auf die eigene Lebenspraxis bezogene geschlechtsspezifische Gesundheits- wie Krankheitshandeln der alten Menschen, in sozialkulturelle Sinnstrukturen eingebettet und mit diesen verflochten ist. Ferner ist soziales Handeln immer auch als ein Produkt der persönlichen (intim-biografischen) Verarbeitung widersprüchlicher gesellschaftlicher Anforderungen ernst zu nehmen. Daraus ergeben sich zwei Ansatzpunkte sozialpädagogischen Handelns: Der erste bezieht sich auf Maßnahmen, die vornehmlich auf die Beeinflussung und/oder Veränderung der ökonomischen, sozialen und institutionellen Strukturen abzielen, um damit der gesetzlichen Forderung – nach einer barrierefreien Gestaltung angemessen abgestufter, integrierter Versorgungsketten, die ihre Leistung komplementär und nicht konkurrierend auf die Hilfs- und Unterstützungsbedürfnisse der Betroffenen ausrichten – nachzukommen. Durch geplante, systematische Formen von Kooperation und Koordination sowie durch Vernetzung von Dienstleistungen können Sozialarbeiter/-innen z. B. durch ihre Mitarbeit in gerontopsychiatrischen Qualitätszirkeln, die es vermehrt zu institutionalisieren gilt, für die Steigerung der Wirkkraft des Hilfeplanes sorgen (Dörr 2005, S. 109).

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Der zweite Ansatzpunkt bezieht sich auf die Bereitstellung von Begleitung, Beratung und Unterstützung der betroffenen Menschen bei ihren Bewältigungsanstrengungen, die sich auf verschiedene Lebensbereiche beziehen. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen der alltagsbezogenen Bewältigungspraxis (äußere Wohnsituation/ technische Unterstützung, personelle Hilfen), mit der sie ihre Alltagsroutinen sicherstellen, einer krankheitsbezogenen Bewältigungspraxis zur Gewährleistung ihrer gesundheitlichen Versorgung sowie den biografieorientierten Unterstützungen zur Einpassung ihrer veränderten Lebenslage in ihren Lebensrhythmus. Die jeweilige professionelle und/oder laienhafte Assistenz bei diesen Bewältigungsleistungen muss sowohl zur (Rück-)Gewinnung autonomer Handlungsfähigkeit der Betroffenen als auch in Prozessen der Begleitung progredienter Krankheitsverlaufskurven ineinandergreifen. Hierzu gehören die Gestaltung des Wohnumfeldes und des persönlichen sozialen Netzes, die Einbindung in öffentliche soziale Netze sowie Interventionen zur Adaption der Strukturen auf die persönlichen Bedürfnisse von psychisch kranken alten Menschen. Dabei unterstützt die Methode des Case Management die systematische, aber zugleich einzelfallbezogene Organisation eines Hilfepakets für die Betroffenen. Zum Case Management gehören Einschätzung (Assessment), Hilfeplanung, Intervention, Kontrolle der eingeleiteten verschiedenen Hilfestellungen und (Selbst-) Evaluation (vgl. ebd., S. 107 ff., vgl. auch Wendt i. d. B.). Da Gefühle von Verlassenheit oder des nicht ausreichend Eingebundenseins gerade für psychisch kranke alte Menschen eine existenzielle Bedrohung darstellen, besteht eine wesentliche Aufgabe der Sozialen Arbeit darin, alternative Möglichkeiten zur Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung zu schaffen, um Optionen der Verortung in der Welt und der Verhältnissetzung zur Welt zu erweitern oder wieder herzustellen. Hierzu gehört ausdrücklich auch die würdevolle Gestaltung eines Abschieds alter Menschen vom Leben, das an ihren individuellen Bedürfnissen orientiert ist. Prädestiniert hierfür ist eine sensible Biografiearbeit als (dialogische) Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte eines Menschen. Sie ist, zunächst unabhängig von der Zielgruppe und dem Handlungsfeld, eine zentrale Methode der Sozialen Arbeit. Insbesondere bei alten Menschen hat Biografiearbeit einen hohen Rang, denn sie blicken auf ein großes Stück ‚gelebtes Leben‘ (Rosenthal 1995; Rosenthal et al. 2011) zurück. Die aufrichtige Auseinandersetzung mit dem Leben öffnet Möglichkeiten zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft gemeinsam mit den Adressat/-innen. Damit wird Thierschs Konzept der Lebensweltorientierung ernst genommen, welches die Menschen als „eingebunden in vielfältige Widersprüche zwischen verfügbaren Ressourcen und problematisch belastenden Lebensarrangements, zwischen gekonnten und ungekonnten Bewältigungsleistungen, Resignation und Hoffnung, Borniertheit des Alltags und Aufbegehren gegen diese Borniertheiten“ (Grunwald und Thiersch 2018, S. 906)

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betrachtet. Für Fachkräfte der Sozialen Arbeit ist es (hoffentlich) selbstverständlich, sich mit der Lebensgeschichte der ihnen anvertrauten psychisch kranken, alten Menschen zu beschäftigen. Denn der Einsatz von (traumasensibler) Biografiearbeit bildet ein zentrales Element in der Sozialen Arbeit mit psychisch kranken alten Menschen (vgl. Osborn et al. 2012; Lindmeier et al. 2018). Verbunden ist damit die Notwendigkeit, über das historische Wissen zu verfügen und sich zudem auch regional kundig zu machen, um die jeweiligen biografischen Besonderheiten der Menschen besser zu begreifen (Peters 2018). Auch die Sozio-/Sozialtherapie, wie sie in den Gesetzestexten (SGB V und IX) vorgesehen ist, ist eine Methode der Sozialen Arbeit, die die Dynamiken, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen personalen, interpersonalen und institutionellen Dimensionen im sozialpsychiatrischen Feld ergeben, methodisch kontrolliert aufgreift und darüber den Hilfeprozess gestaltet. Soziotherapie ist eine absichtsvolle, sozialwissenschaftlich begründungsfähige Handlungsweise in und mit sozialen Strukturen mit der Intention, die sozialen Systeme zielgerichtet so zu beeinflussen bzw. zu verändern, dass sie sowohl autonomiefördernde Wirkungen entfalten als auch zum Wohlbefinden der betroffenen Menschen beitragen können. Dies erfordert ein methodisches Handeln, das auf ein konstruktives Passungsverhältnis der formalen äußeren Strukturen von Administration und Verwaltung mit den inneren ‚Zuständen‘ der Adressat/-innen (biografische Sinndimension) zielt. Notwendig dazu ist ein hermeneutisches Verstehen für institutionalisierte Sinnhorizonte, in denen sich die Adres­sat/-innen bewegen. Wie bereits erwähnt, gehören auch im gerontopsychiatrischen Bereich die Angehörigen der Erkrankten als wichtige (pflegende) Bezugspersonen zu den Adressat/-innen Sozialer Arbeit. Sie benötigen während des Krankheitsprozesses ihres Familienmitglieds eine intensive Unterstützung durch Aufklärung über den Krankheitsverlauf, rechtliche Aspekte, reale Entlastungsmöglichkeiten sowie psychische Unterstützung im Umgang mit dem sozialen (bei der Demenz) und realen Tod ihres Familienmitglieds. Die notwendigen Maßnahmen zu erkennen, erfordert seitens der Fachkräfte Sozialer Arbeit ein beträchtliches Maß an Problembewusstsein, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfähigkeit sowie interkultureller Kompetenz. Die Auflistung dieser Leistungen, Methoden und Anforderungen lässt deutlich werden, dass sich das fachliche Handeln von Sozialarbeiter/-innen in der sozialen Gerontopsychiatrie zwischen einer therapeutischen, einer juristischen und einer bürokratischen Perspektive bewegt. Dies zwingt sie zu einer gleichzeitigen Beachtung aporetischer Strukturlogiken, ein immanenter und konstitutiver Widerspruch des sozialpädagogischen Handelns, den es zu erkennen, auszuhalten und immer wieder neu auszubalancieren gilt (vgl. Knoll 2000, S. 311). Sowohl aus berufspolitischen wie aus fachspezifischen Gründen wäre eine konsequentere quantitative und qualitative Forschungspraxis der Sozialen (Alten-)Arbeit im sozialen Handlungs- und Deutungsfeld der Gerontopsychiatrie anzustreben. Jene Erkenntnisse können wesentlich zu einer theoretischen Fundierung professionellen

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Handelns in der Sozialen (Alten-)Arbeit mit psychisch kranken alten Menschen und ihren Angehörigen beitragen.

Ausgewählte Literatur Pantel, Johannes, Johannes Schröder, Cornelius Bollheimer, Cornel Sieber und Andreas Kruse. Hrsg. 2014. Praxishandbuch Altersmedizin. Geriatrie – Gerontopsychiatrie – Gerontologie. Stuttgart: Kohlhammer. Debus, Heiko. 2016. Gerontopsychiatrie und Palliativversorgung. Fulda: Deutsche PalliativStiftung. Maercker, Andreas. Hrsg. 2015. Alterspsychotherapie und klinische Gerontopsychologie. Berlin und Heidelberg: Springer.

Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung Verena Begemann und Mareike Fuchs

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Grundverständnis der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit hat – folgt man der Internationalen Gesellschaft für Soziale Arbeit (IFSW) – einen gesellschaftlichen Auftrag am Lebensende, bei dem Würde, Achtung, Teilhabe und Selbstbestimmung der Sterbenden im Mittelpunkt stehen. Diese Gesellschaft definiert: „Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit.“ (IFSW 2004, zit. n. DBSH 2014, S. 29)

Für Disziplin und Profession besteht somit eine hohe Anschlussfähigkeit zu den Konzepten der Hospizarbeit und Palliativversorgung, in deren Mittelpunkt die Förderung und Erhaltung bestmöglicher Lebensqualität von schwerstkranken und sterbenden Menschen mit einer sehr begrenzten Lebenszeit steht. Bedürfnisse, Wünsche und Ängste von Sterbenden und Zugehörigen (unit of care) sind die maßgeblichen Orien­ tierungspunkte, um eine umfassende Begleitung und professionelle Unterstützung zu gewährleisten. Dies geschieht sowohl im ärztlich-pflegerischen Tun als auch in der spirituellen und psychosozialen Begleitung. In der psychosozialen Begleitung spiegelt sich zudem die hospizliche Grundhaltung wider: „Die hospizliche Grundhaltung drückt sich z. B. im Respekt vor der Würde und Selbstbestimmung des schwerkranken und sterbenden Menschen aus, nimmt seine Anliegen in dieser wichtigen Lebensphase ernst, behält eine ganzheitliche Sicht des Menschen auch im Sterbeprozess bei, lässt den Sterbenden nicht allein, unterstützt Angehörige und Freunde, von denen der Sterbende Nähe und Geborgenheit erwartet, und versucht, nicht Hilfe

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_16

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zum Sterben, sondern Hilfe zum Leben auch während des Sterbens zu geben.“ (Student et al. 2016, S. 15)

Die multiprofessionelle und transdisziplinäre Zusammenarbeit in Teams ist das Markenzeichen gelingender Sorgekultur am Lebensende. Ergänzt werden die Fach­kräfte in allen Versorgungskontexten von ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen, die für diese Aufgabe umfassend qualifiziert und vorbereitet werden. Wegweisend für moderne Konzepte war die Arbeit der Hospiz- und Palliativpionierin Cicely Saunders (1918 – ​ 2015). Saunders verkörperte als Pflegeexpertin, Sozialarbeiterin und Medizinerin die Inter- und Transdisziplinarität. Sie entwickelte ein umfassendes Schmerzkonzept, förderte die palliative Forschung und verstand das Hospiz als Ort der verantwortungsvollen Gemeinschaft von unterschiedlichen Professionen, Ehrenamtlichen, Sterbenden und Angehörigen (community of the unlikes). Die moderne Hospizbewegung setzt sich „[…] für ein menschenwürdiges, behütetes, sozial eingebettetes Sterben ein, das als wichtiger Teil des Lebens verstanden wird und so beschwerdearm und bewusst wie möglich gelingen soll“ (ebd., S. 31) ein. Das Sterben eines Menschen wird nicht ausschließlich als individueller Prozess wahrgenommen, sondern als systemisches Geschehen. Soziale Arbeit leistet einen wesentlichen Teil zur Begleitung und Unterstützung, denn „[k]ennzeichnend für die Soziale Arbeit ist die Fähigkeit, sich in Krisenfeldern zu bewegen. Sozialarbeit ist im Kern Krisenarbeit, d. h. ihre Qualität erweist sich in der Befähigung zu einem angemessenen Umgang mit kritischen Lebensereignissen […] oder Lebenskrisen. Bei den meisten Krisen handelt es sich um Verlustkrisen“ (ebd., S. 97).

Vor diesem Hintergrund sind ‚Kernaufgaben und Handlungsmethoden‘ Sozialer Arbeit zu benennen, wie sie von der Sektion Soziale Arbeit in der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin als Profil 2012 formuliert wurden: a) „Beratung von schwerkranken Menschen und ihren Zugehörigen b) Psychosoziale Begleitung von schwerkranken Menschen und ihren Zugehörigen c) Ethisch-rechtliche Entscheidungsprozesse d) Interne und externe Netzwerkarbeit und Koordination e) Professioneller Austausch und Unterstützung des fachlichen Bezugssystems f) Koordination und Leitung ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter g) Wissensvermittlung, Dokumentation, Evaluation, Forschung und Lehre“ (DGP 2012).

Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung

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Wichtige Entwicklungen in der Hospizarbeit und Palliativversorgung seit 2007

2007 hat der Gesetzgeber als individuellen Leistungsanspruch die „spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ in das SGB V aufgenommen. Seitdem hat jeder Versi­ cherte in Deutschland das Recht auf diese neue Versorgungsform, die zum Ziel hat, auch solchen Patient/-innen eine Versorgung und Betreuung zu Hause zu ermöglichen, die einen besonders aufwändigen Betreuungsbedarf haben. 2010 wurde durch Vertreter/-innen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes (DHPV) die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ veröffentlicht. Die fünf Leitsätze der Charta formulieren Aufgaben, Ziele und Handlungsbedarfe, um die Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland zu verbessern (vgl. DGP et al. 2015, S. 8 ff.). Seit 2013 wird daran gearbeitet, die Leitsätze mittels einer Nationalen Strategie bundesweit so umzusetzen, dass jeder Betroffene eine qualitativ hochwertige hospizliche und palliative Begleitung und Unterstützung erhält. Seit 2014 müssen Medizinstudent/-innen, die ihr zweites Staatsexamen ablegen, verbindliche Leistungsnachweise im Fach Schmerz- und Palliativmedizin erbringen. Die Zahl der Ärzt/-innen mit Zusatzausbildung Palliativmedizin ist von ca. 100 im Jahr 2005 auf ca. 10 000 im Jahr 2016 gestiegen. 2015 wurde das Gesetz zur Verbesserung der Hospizund Palliativversorgung in Deutschland (kurz: Hospiz- und Palliativgesetz/HPG) verabschiedet, welches die Ansprüche schwerkranker und sterbender Menschen an Dienstleister und Kostenträger in rechtlichem Sinne weiter definiert und verankert und somit die Basis der Finanzierung medizinischer und sozialer Dienstleistungen stabilisiert und erweitert. Mit dem Gesetz wurde die Palliativversorgung ausdrücklich Bestandteil der Regelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung. 2016 wurde der DAK-Pflegereport „Palliativversorgung: Wunsch, Wirklichkeit und Perspektiven“ veröffentlicht. Laut durchgeführter Befragung sehen 60 % der Bevölkerung das eigene Zuhause als angenehmsten Ort zum Sterben (vgl. Klie und Rebscher 2016, S. 6). Laut Borasio (2017, S. 30) haben ca. 90 % der Menschen den Wunsch, zu Hause zu sterben. Tatsächlich ist es aktuell so, dass dieser Wunsch nur bei ca. 25 % aller Menschen realisiert werden kann. Ca. 70 % der Bevölkerung sterben in Institutionen, darunter in Krankenhäusern 43 % und in Alten- und Pflegeheimen 25 – ​30 %. Das Lebensende vollzieht sich demnach überwiegend nicht an den vertrauten Lebensorten.

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Einsatzorte und sozialrechtlicher Rahmen von Hospiz- und Palliativversorgung

Ambulante Hospizdienste und -vereine: In Deutschland gibt es aktuell ca. 1 500 am-

bulante Hospizdienste, die nach § 39a SGB V und den dazugehörigen Rahmenverein-

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barungen tätig sind. Seit 1996 hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht. Sie sind die am stärksten vertretenen Institutionen und tragende Säulen für Begleitungs- und Unterstützungsangebote, die das Ziel haben, Menschen in ihrer gewohnten Umgebung so zu stärken, dass das Sterben zu Hause oder im Pflegeheim ohne Verlegung in eine andere Institution möglich wird. Ebenso unterstützen sie Schwerkranke, die stationär im Krankenhaus behandelt werden. Die Begleitung erfolgt durch ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen, die psychosoziale Alltagsbegleitung und teilweise auch nächtliche Sitzwachen anbieten. Ambulante Hospizdienste haben i. d. R. eine hauptamtliche Koordinationsstelle (Pflegefachkraft oder Sozialarbeiter/-in) und arbeiten mit palliativen Pflegediensten, Palliativmediziner/-innen und Seelsorge zusammen. Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgung (SAPV): Es gibt aktuell ca. 300 SAPVTeams, die auf Grundlage von § 37b SGB V in Ergänzung mit § 132d SGB V tätig sind. Die Aufgaben des SAPV-Teams sind es, bestehende ärztliche und pflegerische Versorgungsstrukturen bei besonders aufwendigen schwerkranken und sterbenden Menschen im ambulanten oder stationären Bereich durch ihre spezielle Expertise und eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft so zu unterstützen, dass Krankenhauseinweisungen bzw. -aufenthalte vermieden werden können. SAPV-Teams müssen mit einem ambulanten Hospiz- und/oder Palliativdienst kooperieren (vgl. ebd., S. 43 ff.). Palliativstationen: Es gibt derzeit ca. 300 Palliativstationen, die als besondere Krankenhausstationen Schwerstkranke und Sterbende in Krisensituationen betreuen. Sie haben nicht das Ziel, Sterbende bis zum Lebensende stationär zu versorgen, sondern die zur Krankenhausaufnahme führenden Krisenfaktoren so zu reduzieren, dass eine Rückkehr in das gewohnte Lebensumfeld erfolgen kann. Auch auf Palliativstationen ist ein multiprofessionelles Team tätig. „Im Vordergrund stehen die bestmögliche Behandlung belastender Symptome (wie Schmerzen, Übelkeit, Fatigue), die Linderung seelischer Not (insbesondere Angst, Depressionen und Verzweiflung) sowie die Koordination und Verbesserung der Betreuungssituation im privaten Umfeld.“ (Student et al. 2016, S. 90) Stationäre Hospize: Stationäre Hospize sind kleine, spezialisierte stationäre Pflege­

einrichtungen, die Menschen in ihrer letzten Lebenszeit begleiten. Aktuell gibt es 236  stationäre Hospize, einschließlich der stationären Hospize für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. In diesen Einrichtungen finden gemäß § 39a SGB V und den dazugehörigen Rahmenvereinbarungen Menschen Aufnahme, deren Le­benszeit deutlich begrenzt ist, bei denen eine kurative Behandlung nicht mehr möglich oder nicht mehr gewünscht ist und deren Symptomlast so hoch ist, dass eine andere Versorgungsform ambulant oder stationär nicht ausreichend ist. Auch hier arbeitet ein multiprofessionelles Hospizteam aus Pflegefachkräften, Sozialarbeiter/-innen, Betreu­ungsund Hauswirtschaftspersonal, Verwaltungskräften, Therapeut/-innen zusammen und

Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung

201

wird durch Ehrenamtliche ergänzt. Stationäre Hospize arbeiten nach dem Hausarztprinzip und kooperieren mit niedergelassenen Palliativmediziner/-innen. Die Begleitung und Unterstützung der Zugehörigen hat ebenfalls einen hohen Stellenwert in der stationären Hospizarbeit und ist ein Aufgabenfeld der Sozialen Arbeit. Alten- und Pflegeheime: 25 bis 30 % der Bevölkerung sterben in einem Alten- oder

Pflegeheim. Diese Institutionen begleiten Menschen oft über einen längeren Zeitraum bis zu ihrem Lebensende. Für viele Bewohner/-innen ist das Pflegeheim eine vertraute Umgebung geworden. Die Sterbebegleitung ist in vielen Institutionen der Altenhilfe jedoch ein herausforderndes Thema. Oft mangelt es an ausreichend qualifiziertem Pflege- und Betreuungspersonal, welches die teilweise multimorbiden und zeitaufwendigen Pflegebedürftigen adäquat begleiten kann. Der gravierende Mangel an Pflegefachkräften und Pflegehelfer/-innen geht zu Lasten der schwerstkranken Menschen – trotz unterschiedlicher Unterstützungsangebote und rechtlicher Verbesserungen. Ambulante Hospizdienste können die Begleitung sterbender Menschen in einem Pflegeheim bei den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Darüber hinaus haben auch die Bewohner/-innen einer stationären Pflegeeinrichtung unter bestimmten Bedingungen Anspruch auf eine spezialisierte ambulante palliative Versorgung nach § 37b SGB V. Zugelassene Pflegeeinrichtungen nach § 43 SGB V können zudem eine gesundheitliche Vorausplanung für die letzte Lebensphase anbieten. Durch die gesetzlichen Neuerungen können nach § 132g SGB V die entstehenden Kosten abgerechnet werden. Sterbebegleitung in der Eingliederungshilfe: In den vergangenen Jahren beschäftigen

sich die Versorgungsangebote aus Hospizarbeit und Palliativversorgung zunehmend mit der Frage nach adäquaten Unterstützungsangeboten für Menschen mit einer seelisch-geistigen und/oder schweren körperlichen Behinderung, die mit Unterstützung durch ambulante, teil- oder vollstationäre Hilfen gemäß SGB IX (häufig in Ergänzung durch Leistungen nach § 43a SGB XI, Pflege in vollstationären Einrichtungen der Hilfe für behinderte Menschen) leben. Art. 25 der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen fordert ein Recht auf Teilhabe an allen gesundheitlichen Versorgungsstrukturen. Seit 2015 gibt es in der DGP eine „AG für Menschen mit geistiger Behinderung“. 2017 wurde das Curriculum „Palliative Care für Fachkräfte in der Assistenz und Pflege von Menschen mit einer intellektuellen, komplexen und/oder psychischen Beeinträchtigung“ veröffentlicht. Kinder- und Jugendhospize: Anders als in Erwachsenenhospizen erhalten Kinder und ihre Zugehörigen ab der Diagnosestellung einer zum Tode führenden Erkrankung hier Beistand und Unterstützung. So kann die Begleitung der lebensverkürzend erkrankten Kinder und/oder Jugendlichen über Jahre dauern und stellt an die Familien, zu denen neben den Mitgliedern der Kernfamilie ggf. auch die Großeltern, also alte Menschen gehören, besondere Herausforderungen und Belastungen. Orientiert

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Verena Begemann und Mareike Fuchs

an dem Konzept der Entlastungspflege kann die Kernfamilie mit Kind bis zu vier Wochen im Jahr aufgenommen werden. „Ziel ist es nicht nur, die allerletzte Lebensstrecke für das kranke Kind und seine Familie würdevoll und sinnerfüllt zu gestalten, sie nehmen ihre Arbeit so früh auf, damit die Familie möglichst lange Zeit hat, sich auf das Lebensende vorzubereiten.“ (Student et al. 2016, S. 95)

Dabei arbeiten Kinder- und Jugendhospize mit ambulanten Netzwerken zusammen. Die rechtliche Grundlage ist im § 39a SGB V geregelt. Seit 2017 haben Kinder- und Jugendhospize eigenständige Rahmenvereinbarungen verhandelt.

4

Ausgewählte Aufgaben der Sozialen Arbeit in der Palliativversorgung

4.1

Psychosoziale Begleitung

Psychosoziale Begleitung in krisenhaften Lebensabschnitten ist unumstrittene Aufgabe der Sozialen Arbeit. Die Profession bewegt sich überwiegend „[…] im Kontext von Armut, Benachteiligung, Gefährdung, Ausgrenzung, Marginalisierung, Abweichung, Überforderung […]“ und unterstützt somit „[…] Menschen bei der Problembewältigung im Alltag“ (Student et al. 2016, S. 18). Viele Menschen erleben in ihrem Umfeld die Zeit ab der Diagnosestellung einer lebensverkürzenden Erkrankung bis hin zum Sterben (und für die Zugehörigen darüber hinaus) als eine Ausnahmesituation. Die Marginalisierung findet hier „[…] in psychosozialer, familiärer und soziokultureller Hinsicht […]“ (ebd., S. 21) statt. Eine wertschätzende, empathische, verbindliche Beziehungsgestaltung, die individuelle Belastungs- und Schutzfaktoren berücksichtigt und sich an Selbstbestimmung und Teilhabe ausrichtet, bietet Hilfen zur Problembewältigung. Dieser hospizlich-palliativen Grundhaltung fühlen sich alle Tätigen im Hospiz- und Palliativbereich verpflichtet. Soziale Arbeit hat im interdisziplinären Team hier einen wichtigen, besonderen Auftrag, aber kein Alleinstellungsmerkmal. Damit sind Chancen, Grenzen und Herausforderungen der kommunikativen Beziehungsgestaltung im Team verbunden. Darüber hinaus bedarf es, aufgrund der komplexen Herausforderungen sowohl im ambulanten als auch stationären Setting, jedoch einer Spezialisierung der psychosozialen Begleitungsangebote und Kompetenzen. Die folgende Grafik (Abbildung 1) verdeutlicht die zunehmende Spezialisierung der psychosozialen Begleitungskompetenz und das Zusammenspiel unterschiedlicher Professionen als Modell mit mehreren Ebenen. Sie orientiert sich am Stufenmodell psychosozialer Begleitung des National Council for Hospicean Specialist Palliative Care Services von 1997, das 2010 von Maria Wasner übersetzt und transformiert wurde.

Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung

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Abbildung 1  Ebenenmodell psychosozialer Begleitung

Ebene 3 – spezifische Expertise:  Kompetenz: Psychotherapie, Beratung – z. B. systemische Beratung, Seelsorge durch qualifizierte Fachkräfte  Auftrag: spezialisierte psychosoziale oder/und spirituelle Begleitung durchführen

Ebene 2 – Professionen des psychosozialen Bereichs:

zunehmende Spezialisierung zunehmende fachliche Kompetenz

 Kompetenz: Erheben einer psychosozialen Anamnese; fundiertes Wissen um psychosoziale und spirituelle Begleitungs- und Unterstützungsangebote inkl. Angehörigenarbeit; Wissen um Sterbe- und Trauerprozesse  Auftrag: Informationen und Beratung geben; qualifizierte Hilfestellung bei praktischen und emotionalen Problemen geben

Ebene 1 – alle Teammitglieder:  Kompetenz: kulturelle und soziale Unterschiede erkennen und respektieren  Auftrag: emotionale Entlastung und praktische Hilfestellung anbieten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Wasner 2010, S. 7 ©

Die psychosozialen Angebote inkludieren immer auch das soziale Umfeld der schwer erkrankten Menschen. Forschungsdaten zeigen, dass „[…] eine Verbesserung des psychischen Wohlbefindens der Angehörigen eine ähnliche Verbesserung beim Patienten auslösen kann“ (Borasio 2017, S. 82). 4.2

Ethische Entscheidungsfindung als Aufgabe der Berufsethik

In Sterbeprozessen stehen die Fragen im Raum: ‚Was ist zu tun und was ist zu lassen ? Was ist gut für wen ? Wie kann der Wille der Betroffenen bestmöglich umgesetzt werden ?‘ Sozialarbeiter/-innen sind im interdisziplinären Team an diesen Entscheidungen beteiligt. Dazu ist die Einübung einer ethischen Reflexionskultur notwendig, die ethisches Wissen, professionelle Haltung und Entscheidungskompetenz beinhaltet. Angesichts der stetig wachsenden Möglichkeiten in der Medizintechnik, ist die Frage nach Sinnhaftigkeit, Würde und Verantwortung sowie Lebensqualität zu stellen und zu beantworten. Hierzu stehen verschiedene Modelle für den Arbeitsalltag zur Verfügung (vgl. Baumann-Hölzle 1999; Heller und Krobath 2011; Bormann 2013; Heckmann 2016), mit denen sich Fachkräfte auseinandersetzen müssen und die sie sich im Rahmen von Fortbildungen im Bereich der Ethikberatung aneignen müssen, um lebensdienlich, subjekt- und konsensorientiert arbeiten zu können. Folgende Schritte lassen sich übereinstimmend für alle Modelle generalisieren:

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Verena Begemann und Mareike Fuchs

1) Wahrnehmung und Feststellung des Problems (Formulierung des ethischen Dilemmas) 2) Situations- und Kontextanalyse (Zeit, Biografie, Beteiligte, sozioökonomische und soziokulturelle Faktoren) 3) Entwurf von mindestens drei Handlungsmöglichkeiten 4) Beurteilung der Handlungsmöglichkeiten (Bewertung von Autonomie und Fürsorge, Nutzen und Schaden, Wohl und Wille, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit) 5) Ethische Entscheidung (Zusammenführung aller Schritte und Klärung der Handlung) 6) Rückblickende Adäquanzkontrolle und Dokumentation (Prozessbewertung und Wiedervorlage) 4.3

Koordination und Leitung ehrenamtlicher Mitarbeiter/-innen

Ca. 100 000 Ehrenamtliche übernehmen im sozialen Nahbereich die zivilgesellschaft­ liche Rolle der Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung (vgl. Begemann und Seidel 2015). Sie sind wichtige Stimmen und Akteur/-innen im zivilgesellschaftlichen Diskurs für ein würdiges Sterben. Soziale Arbeit hat in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen in interdisziplinären Kontexten eine herausgehobene Bedeutung. Der Fachkraft, häufig aus der Sozialen Arbeit oder Pflege, obliegen nach Rahmenvereinbarung § 39a SGB V folgende Aufgaben: •• „Koordination der Aktivitäten des ambulanten Hospizdienstes (Patientenerstbesuch, Einsatzplanung/Einsatzsteuerung der Ehrenamtlichen) •• Gewinnung Ehrenamtlicher •• Herstellung des Kontaktes zwischen den sterbenden Menschen und den Ehrenamtlichen •• Begleitung der Ehrenamtlichen (Praxisbegleitung zur Unterstützung ehrenamtlich tätiger Personen) •• Gewährleistung von Supervision für die Ehrenamtlichen •• Gewährleistung der Schulung/Qualifizierung der Ehrenamtlichen •• Sicherstellung der ständigen Erreichbarkeit des ambulanten Hospizdienstes, auch unter Einbindung der Ehrenamtlichen.“

5

Perspektiven von Forschung und Lehre

Eine gute Übersicht zu aktuellen Forschungsprojekten, Studien und Umfragen bieten der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Verband und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin auf ihren Internetportalen. Für die Zukunft besteht dringender Finanzierungs- und Handlungsbedarf, um die wertvolle Hospiz- und Palliativkultur stär-

Soziale Arbeit in Hospiz und Palliativversorgung

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ker als bislang in Alten- und Pflegeheimen und in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zu etablieren. Viele Einrichtungen engagieren sich bereits nach besten Möglichkeiten, haben Arbeitsansätze und Konzepte entwickelt. Eine auskömmliche und angemessene Finanzierung durch die Sozialgesetzgebung fehlt bislang und ist dringend notwendig. Auch für die praxisorientierte Begleitforschung müssen finanzielle Ressourcen vom Gesetzgeber bereitgestellt werden. Zunehmende Aufmerksamkeit benötigen Menschen am Rande der Gesellschaft, die auf der Straße sterben. 2017 wurde in Graz/Österreich das erste stationäre Hospiz für obdachlose Menschen eröffnet. Auch Hospize und Hospizvereine in Deutschland sehen hier einen zunehmend hohen Versorgungsbedarf. Ebenso ist der Angehörigenforschung mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Seit 2017 gibt es in Hamburg die erste Stiftungsprofessur für Palliativmedizin mit Schwerpunkt Angehörigenforschung. Die Stiftungsprofessur Soziale Arbeit in Palliative Care in München setzt seit 2008 ein Zeichen für die Bedeutung Sozialer Arbeit. Es bleibt weiterhin eine vordringliche Aufgabe von Fachgremien und in der Hospizarbeit tätigen Sozialarbeiter/-innen die Soziale Arbeit als integralen Bestandteil hospizlich-palliativer Versorgungsangebote rechtlich und inhaltlich zu verankern. Einen wichtigen Beitrag zur Profilierung und übergreifenden Implementierung der Sozialen Arbeit leistet die Sektion Soziale Arbeit innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin e. V. Für die sozialarbeiterische Tätigkeit auf Palliativstationen, in ambulanten oder stationären Hospizen ist ein BA- oder Diplomstudium notwendig, das durch eine fachspezifische Weiterbildung (120 Stunden Palliative Care) ergänzt werden muss. Für hauptamtliche Koordinator/-innen sind nach § 39a SGB V zwei weitere Fortbildungen für Leitungskompetenz (80 Stunden) und Koordinationskompetenz (40  Stunden) erforderlich. Diese Fortbildungen werden häufig von Hospizakademien angeboten. Darüber hinaus bieten Masterstudiengänge in Deutschland, Österreich und der Schweiz für BA-Absolvent/-innen mit einschlägiger Berufserfahrung vielfältige Möglichkeiten sich für Leitungs-, Lehr- und Forschungstätigkeiten in diesem Berufsfeld zu qualifizieren. Es braucht Fachwissen, Haltungen und Methodenkompetenz, um in der Sorge­ kultur in einem Team von Haupt- und Ehrenamtlichen das Lebensende würdig zu gestalten: „Würde drückt sich darin aus, dass wir Selbständigkeit, Wahrhaftigkeit und echte Begegnungen zum Maßstab unseres Handelns machen“ (Bieri 2013). Professionalität Sozialer Arbeit zeigt sich darin, ihren eigenen ethischen Prinzipien gerecht zu werden und das Gespräch mit anderen Professionen, Ehrenamtlichen und Angehörigen zu suchen, um Leiden zu lindern und Lebensqualität bzw. Wohlergehen in den letzten Monaten, Wochen und Tagen zu fördern. „Sozialarbeiter_innen sollten die Menschen, die die Dienste nutzen, mit Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit behandeln.“ (IFSW 2004, zit. n. DBSH 2014, S. 31)

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Verena Begemann und Mareike Fuchs

Ausgewählte Literatur Heller, Andreas, Sabine Pleschberger, Michaela Fink und Reimer Gronemeyer. Hrsg. 2013. Die Geschichte der Hospizbewegung. Ludwigsburg: der hospiz verlag. Student, Johann-Christoph, Albert Mühlum und Ute Student. 2016. Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care. 3. Auflage. München: Reinhardt. Wasner, Maria, und Sabine Pankofer. Hrsg. 2014. Soziale Arbeit in Palliative Care. Ein Handbuch für Studium und Praxis. Stuttgart: Kohlhammer.

Soziale Arbeit in der pflegerischen Versorgung Roland Schmidt

1

Vulnerabilität des hohen Alters

Pflegebedürftigkeit resultiert aus chronischer Krankheit und/oder Behinderung und stellt das zentrale Risiko des Vierten Lebensalters dar (vgl. Homfeldt sowie Falk und Zander i. d. B.). Die Vulnerabilität (Verletzlichkeit) steigt in dieser Le­bensphase, die Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) nimmt jedoch ab (Mayer et al. 1996, S. 613 f.; Kruse 2017a). Die Balance zwischen Bewältigungsmöglichkeit und Belastungserleben gerät dann häufig in eine Schieflage. Die Belastungen der von Pflegebedürftigkeit bedrohten oder betroffenen Menschen tangieren zudem nahe Bezugspersonen (v. a. Ehe- bzw. Lebenspartner/-innen, Töchter und Schwiegertöchter). Primäre (d. h. aus der Pflegebedürftigkeit resultierende) und sekundäre (d. h. aus der Sorgeverantwortung sich entwickelnde) Stressoren wirken im Pflegehaushalt destabilisierend. Vor allem dann, wenn sich häusliche Pflege über einen längeren Zeitraum hinweg erstreckt und psychiatrische (Ko-)Morbidität oder eine demenzielle Erkrankung vorliegt. Fachlich ist daher sowohl der Blick auf die Situation der jeweiligen Pflege­ bedürftigen als auch auf ihre soziale und räumliche Umwelt zu lenken. Bei hochaltrigen Menschen kommt es zu einer allmählichen Verminderung der funktionellen Organreserven. Im Laufe der Zeit stellen sich oft mehrere chroni­ sche Krankheiten und Behinderungen ein (Multimorbidität). Es ist u. U. ein fein ausbalanciertes gesundheitliches Gleichgewicht entstanden, das aber bereits durch kleine, scheinbar triviale Störungen in einer kaskadenförmigen Reaktion zum Zusammenbruch gelangen kann. Runge und Rehfeld (1995) definieren ‚geriatrische/n Patient/-innen‘ als behinderte oder pflegebedürftige oder von Behinderung und Pflege­bedürftigkeit bedrohten Patient/-innen (zur Geriatrie vgl. Vogel i. d. B.). Alternsprozesse führen zu einer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten. Es handelt sich entweder um ‚altersassoziierte Erkrankungen‘ in Folge von Anfälligkeit oder Gefährdung für pathologische Prozesse oder um ‚altersassoziierte Veränderungen‘ als © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_17

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Roland Schmidt

Begleiterscheinungen des Alterns. Im Vordergrund des Diagnosespektrums stehen Krankheiten, die vor allem Mobilität und Selbstständigkeit beeinträchtigen. Zentrale Diagnosen sind Schlaganfälle, Erkrankungen des Bewegungsapparats, Gefäßerkrankungen, Diabetes mellitus und andere Stoffwechselerkrankungen. Veränderungen der funktionellen Gesundheit ziehen eine verminderte Fähigkeit zur Bewältigung der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) nach sich. Von besonderer Bedeutung sind die Demenz, deren Prävalenz mit dem Alter steil ansteigt (65 bis 69 Jahre: 1,2 %, 85 bis 89 Jahre: 23,9 %, 90 Jahre und älter 34,6 % Erkrankte) und die Depression. Letztere bildet ein Kontinuum, das von „leichter Verstimmung“ bis hin zur „schweren depressiven Störung“ reicht (Wolfersdorf und Schüler 2007). Die Gesamtheit der Altersveränderungen lässt sich unter dem Begriff Fraility (Gebrechlichkeit) subsumieren. Vulnerabilität des hohen Alters stellt ein allgemeines Lebensrisiko dar, das mit fortschreitendem Alter exponentiell steigt. Soziale Unterschiede machen sich in diesem Kontext vornehmlich fest am materiellen Ressourcenspielraum und am Ausmaß sozialer Unterstützung durch primäre (private) Bezugspersonen. Allgemeines und berufsgruppenübergreifendes Ziel von Interventionen in der Pflege ist es, Menschen dahingehend zu unterstützen, dass sie trotz ggf. bleibender Beeinträchtigungen ein möglichst selbstwirksames, ihren subjektiven Präferenzen entsprechendes Leben führen können. Voraussetzungen hierfür stellen Wohlbefinden und Teilhabe in den Bereichen dar, die einem Menschen wichtig sind. Im hohen Alter ist soziale Differenzierung als Motor von Ungleichheit nicht vorrangig – sie markiert eher die Ausgangslage –, vielmehr beeinflusst der Gesundheitszustand maßgeblich die wahrgenommene Lebensqualität und gegebenen Teilhabemöglichkeiten (Mayer et al. 1996). Aber: Auftreten und Verläufe von Krankheiten im hohen Alter sind durch dia­ gnostische und therapeutische Verfahren sowie durch individuelle, gesellschaftliche und professionelle Kontextbedingungen beeinflussbar. Das heißt, das Krankheitspanorama kann modifiziert werden. Man geht bei physiologischen Alterungsprozessen von einer hohen Plastizität (Trainierbarkeit, Beeinflussbarkeit) aus (Wahl und Heyl 2015). Diese eröffnet die Chance, Degenerationserscheinungen durch entsprechende Verhaltens- und Lebensweisen hinauszuschieben. Zudem ist die Möglichkeit gegeben, die von den lebenslang kumulierten Expositionen ausgehenden Krankheitsrisiken im Alter zu vermindern. Solche Erkenntnisse legen es nahe, zukünftig gesundheitsfördernden Maßnahmen sowie Interventionen der medizinischen und nichtmedizinischen Prävention einen höheren Stellenwert gegenüber Kuration, Rehabilitation und Pflege einzuräumen. Geht man von der grundsätzlichen Plastizität der bedarfsgenerierenden Beeinträchtigungen aus, so wird auch deutlich, dass Erfolge im Gesundheitswesen zur Senkung des Pflegebedarfs führen können. Die entscheidenden Faktoren, die die Prävalenz pflegerelevanter Schädigungen bedingen, sind ‚Morbidität‘ und ‚Lebensalter‘ sowie das Ausmaß des Zusammenhan­ ges zwischen diesen. Das Risiko der Pflegebedürftigkeit tritt vorwiegend im hohen Alter auf. Gleichwohl ist hohes Alter nicht zwingend mit Pflegebedürftigkeit verbun-

Soziale Arbeit in der pflegerischen Versorgung

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den. Zudem gibt es Grund zu der Annahme, dass das Auftreten von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit für Teile der Altenbevölkerung zeitlich nach hinten verschoben werden kann (Kompression der Morbidität). Pflegebedürftigkeit hängt daher eher zusammen mit der verbleibenden Restlebenserwartung als mit dem kalendarischen Lebensalter. Dies könnte bei weiter steigender Lebenserwartung bedeuten, dass sich die altersspezifischen Pflegequoten in (noch) höhere Altersgruppen verschieben könnten. Die derzeitige Prävalenz von Pflegebedürftigkeit wird, davon ist auszugehen, nicht konstant bleiben (StaBuAmt 2015c, S. 35 f., vgl. auch Franzkowiak i. d. B.).

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Ambulante und stationäre pflegerische Versorgung

Seit Einführung der Pflegestatistik des Bundes im Jahre 1999 lässt sich bis Ende 2015 ein kontinuierlich fortschreitender Trend erkennen. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt allmählich: von 2,04 Millionen im Jahr 2001 (StaBuAmt 2001, S. 3) auf über 2,9 Millionen im Jahr 2015 und mehr als 3,4 Millionen Personen im Jahr 2017 (vgl. StaBuAmt 2018c, S. 8). Die Neufassung des Begriffs der Pflegebedürftigkeit im Pflege­ stärkungsgesetz II (PSG II) beeinflusst diese Zahl: Im Jahr 2017 stieg die Zahl der Leistungsempfänger/-innen gegenüber dem Vorjahr um deutlich mehr als 350 000 Personen an; davon sind 220 000 Personen mit Pflegebedarf auf die neue sozialrechtliche Definition zurückzuführen (vgl. ebd.). Mit dem PSG II wurde zum 01. 01. ​2017 § 14 SGB XI neu gefasst. Pflegebedürftigkeit hat jetzt zur Voraussetzung, dass gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten vorliegen, die der Hilfe von anderen bedürfen. Bei Pflegebedürftigkeit muss es sich künftig um Personen handeln, die •• körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen oder •• gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbstständig kompensieren oder bewältigen können. Der Hilfebedarf muss zudem – wie bereits zuvor – mindestens sechs Monate bestehen. Pflegebedürftigkeit ist zudem alterskorreliert. In der Gruppe der 70- bis unter 75-Jährigen sind 5 % pflegebedürftig, in der Gruppe der Menschen ab 90 Jahren hingegen 66 %. Personen, die im Pflegeheim leben, sind älter und weisen höhere Pflegegrade auf als diejenigen, die zu Hause versorgt werden. Mit Blick auf die Entwicklung ambulanter Dienste lassen sich folgende Trends konstatieren (Pflegestatistik 2017): Die Zahl der zu Hause versorgten Pflegebedürftigen steigt weiter an (2015 rund 2,08 Millionen Personen oder 73 % aller Pflegebedürf­ tigen); gegenüber der Vorgängererhebung aus 2013 ist das ein Plus von 12,4 %. Die Zahl der ausschließlich durch Angehörige Versorgten (1,38 Millionen Personen) konzentriert sich vornehmlich auf geringere Grade der Pflegebedürftigkeit. Die Zahl der ambulanten Dienste (rund 13 300), die zusammen mit Angehörigen 692 000 Pflege-

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Roland Schmidt

bedürftige versorgen, ist seit Ende 2005 kontinuierlich gestiegen. Der Anteil privat gewerblicher Anbieter betrug 2015 65 %, der der frei-gemeinnützigen Anbieter 33 %. Öffentliche Anbieter sind zu vernachlässigen. Die Zahl der in ambulanten Diensten Beschäftigten nimmt vor allem in der Gruppe der Teilzeitbeschäftigten (rund 70 % aller Beschäftigten) zu. Als Leistungsart dominiert Grundpflege. Soziale Arbeit ist in ambulanten Diensten mit bundesweit rund 1 500 Beschäftigten nur marginal präsent (gegenüber 2013 ein Rückgang von knapp 6 %). Die Randständigkeit Sozialer Arbeit resultiert aus dem Umstand, dass ein Betreuungsbedarf – im Unterschied zur Tages-, Kurzzeit- und vollstationären Pflege – in der privaten Häuslichkeit bis 2017 nicht als Sachleistung zu Lasten der Pflegeversicherung abgerechnet werden konnte (vgl. auch Rixen i. d. B.). Für Ende 2015 wies die Pflegestatistik (StaBuAmt 2017f) rund 13 600 Heime aus; in ihnen lebten 929 000 Personen. Davon waren 857 000 Personen pflegebedürftig (gegenüber 2013 ein Plus von 2,5 %); von ihnen erhielten 759 000 Personen Dauerpflege, 24 000 Personen Kurzzeitpflege und 74 000 Personen Tagespflege. 55 % der Einrichtungen waren in Trägerschaft der Wohlfahrtsverbände, 39 % in privat-gewerblicher. Öffentliche Heime stellten mit 6 % ein kleines Segment dar. Knapp jedes fünfte Pflege­heim bot gleichzeitig Altenheimplätze oder Betreutes Wohnen an. Soziale Arbeit war mit rund 7 100 Personen in Pflegeheimen präsent (das sind geringfügig mehr Beschäftigte als 2009). Ein Heim mit Dauerpflege zählte im Mittel 63 Bewohner. Im Bundesdurchschnitt betrugt der durchschnittliche Pflegesatz in der (alten) Pflegestufe 3,82 € pro Tag. Hinzu kam für Unterkunft und Verpflegung ein Betrag in Höhe von 22 € pro Tag. Nimmt man die investiven Kosten hinzu, die ggf. von den Pflegebedürftigen oder ihren Angehörigen zusätzlich zu tragen sind, betrug in Pflegestufe 3 das monatlich zu entrichtende Entgelt hierzulande zwischen 2 479 € (in Sachsen-Anhalt) und 3 745 € (im Saarland). 94 % der Pflegeheime versorgten überwiegend ältere Menschen, nur 2 % hatten einen speziellen gerontopsychiatrischen Schwerpunkt, 2 % sind Heime für Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf, ebenfalls 2 % versorgten Schwerkranke und Sterbende. Die Mehrzahl der Pflegeheime nimmt also Menschen mit unterschiedlichem Bedarf auf. Einrichtungen vollstationärer Pflege sind vorwiegend Wohnorte von betagten Frauen. Ihr Anteil betrug 2015 immer noch 71 %.

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Versorgungsoptimierung in der häuslichen Pflege

Soziale Arbeit in der ambulanten Pflege hat, greift man auf sie zurück, die Aufgabe, im Zusammenwirken mit anderen Professionen die Versorgung von Privathaushalten im Falle komplexer Bedarfslagen zu optimieren: durch Flankierung des Pflege­ arrangements und durch Erschließung privater und öffentlicher Ressourcen mit dem Ziel, den Übergang in vollstationäre Pflege zu vermeiden bzw. hinauszuzögern.

Soziale Arbeit in der pflegerischen Versorgung

3.1

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Case Management

Zentral ist somit ein Case Management zur Herstellung von Versorgungskontinuität. Case Management in der ambulanten Pflege umfasst sechs Phasen in einem geregelten Ablaufprozess: Erkennen von Risikogruppen mit komplexem Bedarf, Durchführung eines Assessments, Planung der Versorgung, Beschaffung und Koordination von Dienstleistungen, Überwachung der Gesamtorganisation zur Sicherstellung opti­ maler Ergebnisse und Evaluation. Case Management kann – eine Folge der Komplexität des Zusammenspiels von Fallund Systemsteuerung – nicht monodisziplinär verortet werden. Debatten darüber, welche Profession (Pflegefachkräfte, Ärzt/-innen, Fachkräfte der Sozialen Arbeit) zur Übernahme dieser Funktion prädestiniert ist, greifen zu kurz. Case Management erfordert transdisziplinäres (vernetztes) Denken, d. h. die Integration unterschiedlicher fachlicher Perspektiven. Case Manager/-innen „erfüllen Aufgaben und Funktionen des Case Managements und nicht der „Herkunftsprofession“ (Wissert 2006, S. 36). Der Blick richtet sich auf die Klient/-innen in ihren jeweiligen Umweltbezügen, auf ihren Bedarf und ihre Versorgungspräferenzen. Er weitet sich gegenüber disziplinärer Selektivität. Kernkompetenz von Case Manager/-innen ist die individuelle Fallsteuerung auf der Grundlage gelingender Koproduktion mit dem Pflegebedürftigen/Pflegehaushalt. Case Manager/-innen benötigen nicht das spezifische Durchführungswissen, das die beauftragten und koordiniert tätigen Leistungserbringer repräsentieren. Sie stellen den Bedarf fest, identifizieren potenziell (evidenz- oder erfahrungsbasierte) wirksame Interventionen und stimmen diese mit den Klient/-innen und ihren Versorgungspräferenzen – oder im Falle kognitiver Einschränkungen: mit Betreuer/-innen oder Bevollmächtigten – ab. Weiterhin übernehmen sie die Koordination aller sozialen und pflegerischen Leistungen im Gesamtbereich des Versorgungskontinuums (detailliert Wendt i. d. B.). 3.2

Versorgungsintegration

Beschaffung und Koordination von sozialen Dienstleistungen haben eine angemessene lokale Versorgungsstruktur zur Voraussetzung. Örtliche Versorgungsdefizite können mittels Case Management zwar transparent gemacht, nicht jedoch kompensiert werden. Care Management zielt demgegenüber ab auf eine problem- bzw. bedarfsbezogene Optimierung von ‚Versorgungsstrukturen‘, die Risiken der Unter-, Überoder Fehlversorgung bergen. Case Management und Care Management – also die Steuerung des Falls und die Steuerung des Versorgungssystems – sind eng verwoben. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Case Management war von Beginn an darauf angelegt, einen Versorgungszusammenhang mittels Integration von Diensten herzustellen und zu sichern (Wendt 2005; ausführlich Monzer 2013). Maßnahmen

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Roland Schmidt

zur Optimierung der Versorgung zielen auf zwei Problembereiche: Zum einen bestehen situative Anforderungen an ein angemessenes Zusammenwirken ärztlicher, therapeutischer, pflegerischer und sozialarbeiterischer Instanzen, die bei der Bewältigung von Schädigungen und ihren Folgen im Einzelfall involviert sind. Ziel ist es, die in einem Haushalt bedarfsnotwendigen, oftmals unverbundenen Hilfen mittels systematisierter Kommunikation zu organisieren. Zum anderen wirken Abstimmungsprobleme negativ bei institutionellen Übergängen im Laufe einer ‚Patientenkarriere‘. Kommunikationserfordernisse umfassen hier sowohl die Vermeidung von Brüchen beim Wechsel von Sektoren (z. B. Krankenhaus – Rehabilitationseinrichtung) und Systemen (Gesundheitswesen – Pflege) als auch die Motivierung der Mitwirkungsbereitschaft der Patient/-innen über die Zeit hinweg. Ziel ist hier die Verbesserung der Kommunikation zwischen nacheinander tätig werdenden Instanzen in der Versorgungskette und gegenüber den Patient/-innen (z. B. im Rahmen von Entlassmanagement). 3.3

Beratung in der Pflege

Die leistungsrechtlichen Bestimmungen des SGB XI wurden durch die Pflegestärkungsgesetze I – III von Grund auf neu gefasst. Dies betrifft in erster Linie die häusliche Pflege. Es ist explizit das Ziel des Gesetzgebers, die „Individualisierung der Pflege“ zu forcieren. Drei Elemente sind – ohne Details hier auszubreiten – insbesondere von Gewicht: die weitere Stärkung des Grundsatzes „ambulant vor stationär“, die Erweiterung des Leistungskatalogs der ambulanten Pflege um „pflegerische Betreuung“ und die Schaffung von Budgets für bestimmte Kombinationen von Leistungsarten, die die Pflege zu Hause erleichtern sollen. Zentral dabei ist: Der pflegebedürftige Mensch bzw. der Pflegehaushalt entscheidet über die Gestaltung des präferierten Pflege­arrangements. Er entscheidet, welche Leistungsarten in ggf. welcher Mischung bezogen werden sollen: „Grundpflege“, „hauswirtschaftliche Versorgung“ und „pflegerische Betreuung“ (zu Details vgl. Arend und Schmidt 2016). Voraussetzung, damit die intendierte Individualisierung der Pflege realisierbar wird, ist, dass die Beratung von Pflegebedürftigen bzw. ihrer privaten Caregiver qualifiziert geleistet wird. Dies betrifft neben der Beratungskompetenz, die u. a. eine gendersensible Haltung voraussetzt (vgl. dazu Teubner et al. 2016), auch pflegefachliche und leistungsrechtliche Expertise. Und zwar auf der Grundlage einer Beratungshaltung, wie sie hierzulande unter dem Begriff ‚partizipative Entscheidungsfindung‘ (Shared Decision Making) in der ‚Chronikermedizin‘ beschrieben wird: Der Nutzwert einer pflegerischen Dienstleistung stellt eine Funktion aus erfahrungs- und wissensbasierter Intervention sowie gegebener Akzeptanz/Mitwirkung durch die Betroffenen dar. Beratung im Prozess der Entscheidungsfindung über einen Pflege-Mix ist darauf ausgerichtet, Pflegehaushalten die fallbezogen gegebenen Versorgungsoptionen mit Blick auf den Bedarf darzulegen, damit die Betroffenen bzw. Haushalte in

Soziale Arbeit in der pflegerischen Versorgung

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der Lage sind, abwägend und kundig zu entscheiden, welche Variante sie angesichts ihrer Lebenssituation und ihrer Präferenzen bevorzugen (vgl. auch Rubin sowie Rixen i. d. B.).

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Bedarfsgruppen in der Betreuung im Pflegeheim

Zentrale Bedarfsgruppen sind in der Langzeitpflege ‚Menschen mit Demenz‘ (ca. 60 % der Bewohner), ‚Menschen mit krankheitswertiger depressiver Verstimmung‘ (ca. 25 bis 40 % der Bewohner, z. T. als Komorbidität der Demenz) und ‚sterbende Menschen‘ (das sind irgendwann nahezu alle Heimbewohner). Demenz ist ein irreversibel fortschreitender hirnorganischer Abbauprozess (Alzheimer Demenz) oder ein Prozess, der durch Hirnschläge ausgelöst wird (vaskuläre Demenz). Diese Schädigungen bewirken Fähigkeitsstörungen wie Gedächtnis-/ Orien­tierungsstörung (Amnesie), Sprachstörung (Aphasie), die Unfähigkeit, gelernte Handfertigkeiten auszuführen (Apraxie) oder die Unfähigkeit, Dinge zu erkennen (Agnosie). Menschen im hohen Alter und bei chronischer Krankheit bilden häufig eine depressive Verstimmung aus. Diese ‚maskiert‘ sich im Gegensatz zur Depression im jüngeren und mittleren Alter hinter einer gesundheitlichen ‚Klagefassade‘. Es handelt sich bei betagten Menschen seltener um die ‚harte‘ Major Depression, sondern öfter um eine depressive Verstimmung. Wird diese nicht erkannt und behandelt, droht ein sich chronifizierender Verlauf. Für sterbende Menschen ist Schmerzfreiheit fundamental. Auf dieser Basis setzt die Sterbebegleitung durch primäre Bezugspersonen quasi auf. Bezugspersonen können Angehörige oder Freunde sein, mitunter aber gibt es sie nicht bzw. sie stehen vor Ort nicht zur Verfügung. Eine Begleitung Sterbender impliziert in solchen Fällen, dass entweder ein ehrenamtlicher Besuchsdienst dem Heim zur Verfügung steht oder eine Kooperation mit einem ambulanten Hospizdienst geschlossen wurde. Voraussetzung ist, dass die Institution Pflegeheim das Thema Sterben nicht tabuisiert, sondern es angemessen im Rahmen einer Abschiedskultur intern und extern kommuniziert. Weitere Bedarfsgruppen sind u. a. immobile, bettlägerige Bewohner/-innen, in manchen Heimen Wachkoma-Patienten und (jüngere) Menschen mit Multipler Sklerose oder alt gewordene Alkoholkranke. Das Aufgabenprofil von Pflegeheimen ist dementsprechend komplex. Man kann das an der Ausrichtung von Interventionen ablesen: (1) Menschen mit Demenz benötigen eine räumliche und soziale Umwelt, die so organisiert ist, dass erkrankte Bewohner/-innen möglichst stressfrei ihre Krankheit leben können. Man versucht, durch ‚demenzspezifische Normalität‘ und ‚Stetigkeit‘ ein entsprechendes Setting herzustellen (kontextbezogene Intervention). (2) Bei Menschen mit krankheitswertiger depressiver Verstimmung ist deren Erkennen durch Fachkräfte zentral (bei Nutzung eingeführter Screening- und Assessment-Instrumente). Nur so kann der Verdacht mit behandelnden Ärzt/-innen kommuniziert werden, um eine pharmakologische und soziale Intervention (inkl. Angehörigenedukation) einzuleiten (personenbezo-

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Roland Schmidt

gene Intervention). (3) Für sterbende Menschen ist die Beobachtung, ob Schmerzen vorliegen, essenziell (bei Demenzkranken aber erschwert). Es besteht das Erfordernis, disziplinübergreifend (inkl. behandelnder Ärzt/-innen) zu intervenieren. Sterbebegleitungen des Individuums schließt das Vorhandensein einer Abschiedskultur auf der Organisationsebene ein (personenbezogene und kontextbezogene Intervention).

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Soziale Arbeit als Option

Pflege kann als Profession oder als Feld gefasst werden. Letzteres Verständnis impliziert ein systematisches, auf individuellem Bedarf und persönlichen Versorgungspräferenzen basierendes Handeln mehrerer Disziplinen. Soziale Pflegeversicherung und Landesheimgesetze geben nicht vor, welche Professionen oder Berufe in einem Dienst oder in einer Einrichtung tätig sein müssen. Ob Träger von Diensten und Einrichtungen auf Soziale Arbeit zurückgreifen, liegt somit weitgehend in deren Ermessen. Soziale Arbeit stellt daher eine Option dar. Dies bedeutet zugleich auch, dass sich nach Einführung des SGB XI bundesweit kein übergreifendes Aufgabenprofil von Sozialer Arbeit in der ambulanten oder stationären Pflege herauskristallisiert hat (detailliert vgl. Aner in Kap. I.1 i. d. B.). Welche Karriere Soziale Arbeit im Feld Pflege morgen durchlaufen kann, hängt entscheidend davon ab, wie angesichts des bereits akuten Fachkräftemangels in Pflege­berufen künftig der Personal-Mix in ambulanten Diensten und Pflegeheimen aussehen kann. Man wird angesichts steigenden Bedarfs nach pflegerischen Hilfen genau festlegen müssen, welche Berufsgruppen und Disziplinen welche Hilfe leisten können und welche Kompetenzen für welche Funktionen unabdingbar sind. Die Dynamik der Entwicklung zeigt sich u. a. anhand der zahlreichen aktuellen Fachpublikationen zu zielgruppenspezifischen Bedarfslagen und Angeboten (vgl. z. B. Kricheldorff und Brijoux 2016; Englert et al. 2018).

Ausgewählte Literatur Kruse, Andreas. 2017. Lebensphase hohes Alter. Verletzlichkeit und Reife. Berlin: Springer. Monzer, Michael. 2013. Case Management Grundlagen. Heidelberg: medhochzwei. Ross, Frisco, Mario Rund und Jan Steinhaußen. Hrsg. 2018. Alternde Gesellschaften gerecht gestalten – Stichwörter für die partizipative Praxis. Opladen u. a.: Barbara Budrich.

Kapitel 3 Besonderheiten der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen

Generationenbeziehungen in der Sozialen Beratung älterer Menschen Kirsten Aner

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Soziale Beratung und Beratungsbeziehung

Beratung ist als zentrale Handlungsmethode integraler Bestandteil Sozialer Arbeit. Sie wird in den verschiedensten Handlungsfeldern, in eigenen Arbeitssettings, aber auch in nicht derart formalisierten Arbeitssituationen mit unterschiedlichen Zielen und in vielfältigen Formen praktiziert (vgl. Thiersch 2004). Professionelle Beratung durch Sozialarbeiter/-innen und Sozialpädagog/-innen findet insbesondere in einem rechtlich fixierten „Beratungs-Kernbereich“ (Sickendiek et al. 2002, S. 33) statt. Sie ist zunächst in § 14 SGB I geregelt, nach dem jede/r einen Anspruch darauf hat, bei der Verwirklichung ihrer/seiner Rechte nach diesem Gesetzbuch beraterisch unterstützt zu werden. Zuständig dafür sind die Leistungsträger der jeweiligen Rechte. Konkrete Problemfelder sind zum Teil in weiteren Sozialgesetzbüchern geregelt. Die Themen, zu denen im Kontext von Sozialversorgung und Fürsorge beraten wird, beziehen sich auf Inhalte wie Armut, Wohnungslosigkeit, Beantragung von Sozialleistungen und Erziehung oder auf Gruppen von Menschen, mit deren Lebenslagen häufig kumulative Belastungen einhergehen, wie Frauen, Gewaltopfer, Jugendliche, Migrant/-innen, Suchtkranke – und eben auch alte Menschen, für die Beratung nach § 71 SGB XII von besonderer Bedeutung ist (vgl. Hammerschmidt und Löffler sowie Aner in Kap. I.3 i. d. B.). Wegen der diversifizierten Trägerstrukturen der öffentlichen und freien Wohlfahrtspflege, der Entscheidungsfreiheit der einzelnen Anbieter im Rahmen der vom Träger vorgegebenen grundsätzlichen Ausrichtung und der Existenz eines „sich ausweitenden offenen Beratungsfeldes“ (ebd., S. 34) ist eine große Vielfalt an konzeptionellen Orientierungen und methodischer Umsetzung derselben zu verzeichnen. Der Diskurs über die Professionalisierung von Beratung war lange Zeit nicht zuletzt ein disziplinärer Diskurs über die Abgrenzung zwischen sozialer, sozialpädago­ gischer und psychosozialer Beratung (vgl. Nestmann 1997; Ansen 2006; Gröning © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_18

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2006; Peters 2006; Wendt 2007). Hier wird im Folgenden von ‚Sozialer Beratung‘ die Rede sein, die zweidimensional konturiert ist: Sie weist eine soziale sowie eine päd­ agogische Dimension auf, wobei die soziale Dimension auf die Themen, die pädagogische auf die Vermittlung von Kompetenzen zielt. Dabei ist die psychosoziale Perspektive Teil der sozialen Dimension. Die Intention sozialer Beratung ist gleichwohl nicht die Reorganisation innerpsychischer Prozesse, sondern die Initiierung und Begleitung von Lernprozessen, deren Gelingen die Adressat/-innen (wieder) in die Lage versetzt, individuelle Konkretionen von sozial typischen Problemsituationen selbstständig zu bewältigen (vgl. auch Dewe und Winterling 2016). Ihre spezifische Leistung besteht darin, „zur problembezogenen Erweiterung des Horizonts an Deutungsmöglichkeiten beizutragen, auf dessen Hintergrund der Klient selbst seine Situation interpretiert und Handlungsalternativen entwirft“ (Dewe und Scherr 1990, S. 493).

Sozialarbeiterische und sozialpädagogische Expertise und „stellvertretende Deutungen“ (ebd.) werden also eingesetzt, um die Entscheidungssituationen zu strukturieren, die externen und individuellen Ressourcen zu ihrer Lösung zu klären und alternative Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. In solchen Hilfe- und Beratungsprozessen muss eine sinnvolle Balance zwischen Sach- und Beziehungsarbeit hergestellt werden, wobei die Qualität der Beziehung nicht zuletzt von einer sachlich erfolgreichen Beratung abhängig sein wird (Ansen 2006, S. 16). Veränderungen bei den Adressat/-innen kommen zudem nur dann in Gang, wenn sie sich mit den Sozialpädagog/-innen oder zumindest mit den angebotenen Lösungen „identifizieren“ können (vgl. Hamburger 2003, S. 181 ff.). Die notwen­ dige Identifikation bedingt auch ein „Sich Einlassen“ der Berater/-innen, sodass in der Beratungsinteraktion bei den Fachkräften stets funktionale Rollenaspekte und Aspekte einer menschlichen Begegnung zum Tragen kommen (vgl. Böhnisch 2001, S. 288). Deshalb muss die Person der jeweiligen Berater/-in als eine der wesentlichen Komponenten der Beratung angesehen werden und die Beratungsbeziehung als eine eigene „Hilfequelle“ (Müller 2002a). Wie zeitlich und inhaltlich eingeschränkt das Arbeitsbündnis je nach Feld und Fall auch sein mag, es beinhaltet zwischen den Berater/-innen und Nutzer/-innen des Angebots immer eine Beziehung. Diese stellt im Falle einer entsprechenden Differenz der Lebensalter zugleich eine Generationen­ beziehung dar.

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Beratungsbeziehungen als Generationenbeziehungen

Die Zugehörigkeit zu einer Generation lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Die sozialpolitische Perspektive definiert Generationen als „Wohlfahrtsgenerationen“, fokussiert also das Austauschverhältnis der Altersgruppen über sozial­

Generationenbeziehungen in der Sozialen Beratung älterer Menschen

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staatliche Finanzierungsströme (Kaufmann 1993). Soziologisch betrachtet kommen über die außerfamilialen, institutionell vermittelten Generationenverhältnisse auf der Makroebene hinaus die damit einhergehenden Generationengestalten (Mannheim 1964 [1928]) und Altersdiskurse (Göckenjan 2000) sowie die informellen außer- und innerfamilialen Generationenbeziehungen auf der Mikroebene in den Blick. Psychologisch wird die Generationenzugehörigkeit über Entwicklungsaufgaben bestimmt (Kohli 1991). Sozialpsychologisch ist sie durch moralische Gefühle gekennzeichnet (Brumlik 2000), sozialpädagogisch durch die Differenzierung zwischen erziehender und erzogener Generation (Schleiermacher 2008 [1820/1821]). Generationenverhältnisse und -beziehungen sind in jüngerer Zeit einer beschleunigten Dynamik sich in einem Kaleidoskop von theoretischen und empirischen Befunden widerspiegelt. Einige dieser Befunde interessieren hier besonders: Einerseits führt die Entstandardisierung von Lebensläufen in der sog. Wissensgesellschaft zu einer „Relativierung der Lebensalter“ (Böhnisch und Blanc 1989) und die Herausbildung einer familiären ‚Verhandlungskultur‘ sowie die öffentliche Infragestellung des sog. Generationenvertrags legen eine schwindende „Gratiskraft“ (Ziehe 1991) des tradierten Autoritätsverhältnisses zwischen den Generationen nahe. Andererseits bleiben auf der Ebene überpersonaler Generationenverhältnisse Machtasymmetrien bestehen, die auf personale Generationenbeziehungen wirken. Nach wie vor setzen sich die mittlere und ältere Generation in ein praktisches Verhältnis zur jüngeren, wenn sie über Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik, Stadtplanung etc. Rahmenbedingungen schaffen, auf die die Jüngeren erst sehr viel später Einfluss nehmen können (zur politischen Dimension des Diskurses über die überpersonalen Generationenverhältnisse vgl. auch Aner 2004). Zugleich sind die Generationen uneinheitlicher denn je, weil Lebensalter und Generationenbeziehungen in verschiedenen Kulturen unterschiedlich bestimmt werden (vgl. dazu u. a. Borscheid 1989; Elwert et al. 1990; Alber 2009; Trommsdorff und Albert 2009; Hahn 2011; vgl. auch die Beiträge in Baykara-Krumme et al. 2016). Es ließe sich also formulieren, dass wir nicht nur in einer multikultu­ rellen, sondern auch in einer multigenerationellen Gesellschaft leben. Doch trotz aller Gruppenbildungen innerhalb von Generationen, egal wie sich die individuelle Erfahrungsaufschichtung vollzieht, bildet die sozialhistorische Gene­ rationenzugehörigkeit das Fundament jeder Biografie. Winkler (1998, S. 137) leitet aus diesem „biologisch vermittelte[n] Unterschied in den Weltzugängen“ eine „irreduzible Fremdheit“ zwischen den Generationen ab. Neben der Lebenslage konsti­ tuiert das Vergehen von Lebenszeit den subjektiven Bedeutungshorizont (noch) möglicher Erfahrungen. Der Rahmen für die Soziale Beratung älterer Klient/-innen durch junge Berater/-innen oder auch Berater/-innen, die selbst schon die Lebensmitte überschritten haben, ist also grundsätzlich von Unbestimmtheit, Ambivalenzen und Fremdheit gekennzeichnet. Untrennbar mit der Generationenzugehörigkeit verbunden ist das Lebensalter. Es lässt sich zu den horizontalen Strukturkategorien zählen, die die vertikalen Ungleichheitskategorien überformen. Es kann zugleich – ähnlich wie etwa das Geschlecht –

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Kirsten Aner

als eine der zentralen Dimensionen angesehen werden, an denen Menschen sich im Zusammenleben orientieren. Ähnlich wie ein doing gender lässt sich ein doing age als beständige gesellschaftliche wie auch individuelle Aushandlung von Rollenzuschreibungen und -übernahmen beobachten – mit der Folge, „dass sich die Akteure im Alltag ihr Alter durch signifikante Symbole wechselseitig anzeigen“ (Schroeter 2008, S. 250).

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Age troubles in der Sozialen Beratung

Gemessen an der eben knapp begründeten Bedeutung der gegenseitigen Zuordnung zu einer Generation und einem Lebensalter und dem damit einhergehenden Potenzial an Unsicherheit wird Beratung selten aus dieser Perspektive betrachtet. Einige Monografien zur Beratung älterer Menschen liefern Hinweise auf die Bedeutung des Themas. Oft finden sich eher allgemeine Ausführungen zur Spezifik der älteren Klient/-innen und ihrer Beratungsanlässe, während die Generationenbeziehungen zu den professionellen Berater/-innen ausgeblendet bleiben (vgl. Vogt 2001; vgl. auch die Beiträge zur „Beratung im späten Erwachsenenalter“ in Giesecke und Nittel 2016) oder nur angedeutet werden (vgl. Brückner et al. 2006; Friedrich-Hett 2007). Ergiebiger ist eine ältere empirische Studie von Radebold et al. (1973). Sie basiert auf Modellseminaren mit Sozialarbeiter/-innen und auf Fällen aus ihrer alltäglichen Praxis in Sozialämtern. Die Konstellation jüngere/-r Sozialarbeiter/-in – ältere Klient/-in wird als Ursache „irregulärer Übertragungen“ ausgemacht. Die irreguläre Übertragungssituation wird zum einen aus der Sicht der älteren Klient/-innen betrachtet, die sich unbewusst in die Rolle eines Elternteils versetzt fühlen und vor diesem Hintergrund zu Skepsis gegenüber den Kompetenzen der jüngeren Sozialarbeiter/-innen neigen könnten, die evtl. „geziemend respektvoll“ behandelt werden oder auch die Fachkraft „bemuttern“ und/oder beschenken wollen würden (ebd., S. 79 f.). Die möglichen Reaktionsweisen der jüngeren Sozialarbeiter/-innen werden in Abhängigkeit von der zurückliegenden persönlichen Entwicklung geschildert. Außerdem werden Ergebnisse des Projekts dargestellt, die sich auf die Interaktion älterer Sozialarbeiter/-innen mit alten Klient/-innen beziehen. Ihnen werden die größeren therapeutischen Chancen unterstellt, sofern sie das eigene Älterwerden gut in ihr Leben integrieren konnten und können. Anderenfalls bestünde die Gefahr, dass die Sozialarbeiter/-innen „unbewusst zu gerne eigene gewünschte Problemlösungen anbieten“ (ebd., S. 81). Peters (2006) thematisiert basierend auf Erfahrungen aus eigener Praxis insbe­ sondere die Situation älterer Klient/-innen, die psychosoziale Beratung in Anspruch nehmen. Auffallend seien „die Ungleichzeitigkeiten, Spannungen und Konflikte […], in deren Rahmen sich der ältere Mensch seiner Identität vergewissern muss“ (ebd., S. 10). Darüber hinaus würde die Beziehung zwischen älteren Ratsuchenden

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und Fachkräften in ihrer grundlegenden Bedeutung, chronologisch entlang der Phasen des Beratungsprozesses und als Besonderheit beschrieben. Für einen gelingenden Dialog sei in jeder Konstellation eine „Passung“ notwendig. Begegnen ältere Ratsuchende jedoch einer deutlich jüngeren Fachkraft, entsteht eine „initiale NichtPassung“, die durch Barrieren emotionaler, kommunikativer, entwicklungsbezogener, generationenbezogener und soziologischer Art zu begründen ist (ebd., S. 97 ff.). Doch auch in einer gelingenden Beziehung sei die unbewusste Beziehungsdynamik zu berücksichtigen, deren Elemente ‚Übertragung – Gegenübertragung – Eigenübertragung‘ in der Konstellation ‚jüngere Berater/-innen oder Therapeut/-innen – ältere Klient/innen‘ einer besonderen Ausprägung unterliegen (ebd., S. 111 ff.). Dabei stehe Eigenübertragung für die nicht aus Übertragung/Gegenübertragung resultierenden Gefühle, Phantasien und Verhaltenstendenzen, die mit der Geschichte der Fachkräfte selbst zu tun haben – hierunter fielen z. B. die Auseinandersetzung mit dem eigenen Älterwerden, aber auch inkorporierte gesellschaftliche Bilder vom Alter. Die Übertragung in der Beratung oder Therapie älterer Klient/-innen durch jüngere Fachkräfte entspreche nun nicht der regelhaften Konstellation, in der jüngere Klient/-innen die Möglichkeit haben, Mutter- oder Vaterbilder zu aktivieren und auf ihr älteres Gegenüber zu übertragen. Vielmehr kehre die Situation sich gewissermaßen um, die Fachkräfte fänden sich in der Rolle des Sohnes oder der Tochter wieder. Im Laufe der Beziehung setze sich auch die regelhafte Übertragung wieder durch, nach der die Fachkräfte unabhängig vom Alter in die Elternrolle rücken, jedoch bestünde die umgekehrte Übertragung fort. Aus dieser Gleichzeitigkeit resultiere für beide Seiten eine zumindest komplexere Situation, in der Berater/-innen oder Therapeut/-innen unter anderem dazu neigen, eigene Bilder vom Alter, eigene Wünsche und Befürchtungen auf die ratsuchenden Älteren zu übertragen. Während die Befunde von Radebold (1973) und Peters (2006, vgl. auch Peters 2011) psychoanalytisch grundiert sind, basierte eine eigene Studie (Aner 2010) zum professionellen Handeln in der Sozialen Beratung (anhand von Interviews mit Fachkräften, die über einen Hochschulabschluss in Sozialpädagogik und/oder Sozialarbeit verfügen und in Beratungsstellen beschäftigt sind, deren Klientel altersgemischt ist) auf einem anderen Konzept. Ausgehend von der Alltäglichkeit des doing age konnte gezeigt werden, wie Irritationen entstehen. Sie können – in Anlehnung an Butler (1991) und Haller (2004, 2005) – als Age Troubles bezeichnet werden. Sichtbar wurden auch die (mehr oder weniger professionellen) Lösungen. Jüngere Berater/-innen werden offensichtlich insbesondere mit einer ‚Verkehrung‘ von Generationenbeziehungen konfrontiert, ältere mit dem eigenen Altern. Bei beiden Altersgruppen von Fachkräften schlägt sich eine gesellschaftlich aktualisierte Altersnorm des aktiven Alter(n)s sowohl in den Deutungen des eigenen Älterwerdens als auch in den Deutungen nieder, die für Interventionsziele maßgeblich sind. Unabhängig vom Lebensalter waren bei den Interviewten typische Deutungsmuster von Alter in der Beratung zu identifizieren. Ein Typus ließ sich als „De-Thematisierung des Alters“ bezeichnen, ein zweiter als „Pragmatische Berücksichtigung des Alters“ und bei einem dritten wur-

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den „Generationenbeziehungen als Bestandteil beruflichen Rollenhandelns“ genutzt. Über diese Typologie hinweg waren zwei Phänomene deutlich als „wiederkehrende Figuren“ zu identifizieren: die Konstruktion einer Differenz zwischen dem „eigenen positiven“ und dem „fremden negativen“ Altern sowie das Phänomen, dass ‚Generation‘ als strukturierende Kategorie in den Beratungen benutzt wird (vgl. Aner 2010, S.  65 – ​142).

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Soziale Beratung Älterer aus der Perspektive Sozialer Arbeit

Die Generationenbeziehungen in der Beratungssituation lassen sich zusätzlich vor dem Hintergrund zweier Kennzeichen der sog. sozialpädagogischen Ar­beitsbündnisse (vgl. u. a. Müller 2002b) betrachten: (1) der Asymmetrie der Beziehungen in einigen Phasen der Beratungssituationen, die Bestandteil von Hilfeprozessen sind, sowie (2) der Tatsache, dass in der sozialpädagogischen Interaktion stets funktionale Rollenaspekte und Aspekte einer menschlichen Begegnung eine Rolle spielen. Außerdem sollte (3) die verstärkte Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen berücksichtigt werden, in deren Folge der Legitimationsdruck auf die Soziale Arbeit erheblich stieg und die ‚Produktivität‘ sowohl der Adressat/-innen als auch der Fachkräfte in den Fokus der Aufmerksamkeit geriet. Im Folgenden werden diese nur analytisch zu trennenden Prämissen auf ihre möglichen Folgen für verschiedene Konstellationen des Zusammentreffens von Generationen in der Beratung geprüft, wobei die Situation der Fachkräfte fokussiert und die Adressatenseite vernachlässigt wird. 4.1

Junge Berater/-innen – ältere Klient/-innen und die Asymmetrie der Beratungsbeziehung

Insbesondere bei Fachkräften in der ersten Lebenshälfte, die also bis zu zwei Generationen jünger sind als die älteren Adressat/-innen, sind Verunsicherungen naheliegend, denn in solchen Arbeitsbündnissen sind die asymmetrischen Beziehungen zwischen den Beteiligten (vgl. Dewe und Scherr 1990) im Vergleich mit den Erziehungsprozessen, in denen die ältere Generation die jüngere erzieht, weniger deutlich: Die Asymmetrie der sozialpädagogischen Beziehung zwischen ‚erziehender‘ älterer und ‚erzogener‘ jüngerer Generation wird dadurch gefestigt, dass die beteiligten Fachkräfte ihren Klient/-innen in Lebenserfahrung, häufig auch in ihrer sozialen und materiellen Stellung deutlich voraus sind. Im Gegensatz dazu trifft in der Beratung deutlich älterer Klient/-innen der formale Expertenstatus der jüngeren Berater/-innen auf deren längere Lebenserfahrung und ein zwar vielfach gebrochenes, gleichwohl noch existentes Senioritätsprinzip westlicher Kulturen, nachdem mit dem Vorrücken in der Geburten- und/oder Generationenfolge grundsätzlich ein Zuwachs an Macht einhergeht. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass die

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abnehmende Eindeutigkeit von Generationendifferenzen in den vergangenen Jahrzehnten gleichzeitig zur vollständigen Auflösung der hierarchischen Bilder von jüngerer und älterer Generation führte. Dazu kommt, dass sich die situative Verkehrung von vermittelnder und aneignender Rolle vor dem Hintergrund eigener Erziehungserfahrungen der Fachkräfte vollzieht, die zumindest im frühen Kindesalter durch die binäre Struktur ‚unmündig vs. mündig‘ bzw. ‚unwissend vs. wissend‘, also durch eine deutliche generative Abhängigkeit geprägt war. Angesichts der wachsenden Schwie­ rigkeiten, in postmodernen Gesellschaften mit ihren partiellen, insbesondere ökonomischen Verspätungen der Mündigkeit das „Ende der Erziehung“ zu bestimmen (Liebau 1997, S. 33), wäre im Einzelfall zu prüfen, ob und inwieweit diese Abhängigkeit in der Biografie insbesondere der jungen Fachkräfte gelöst wurde. Die Umkehrung oder zumindest Aufweichung der Machtdifferenz in der Beratungssituation können Sozial­arbeiter/-innen und Sozialpädagog/-innen zwar durch Expertenwissen, nicht jedoch – wie etwa junge Mediziner/-innen oder Jurist/-innen – durch die Zugehörigkeit zu einer statusträchtigen Berufsgruppe kompensieren. Unter diesen Rahmen­bedingungen wollen und müssen die jungen Fachkräfte den Adressat/-innen Lösungen anbieten, mit denen sie sich ‚identifizieren‘ können. Jedoch steht eigenes Erfahrungswissen als Referenzfolie nur begrenzt zur Verfügung. Während Erfahrungen der Ratsuchenden mit anderen Themen wie Kindererziehung, Drogengebrauch, Erwerbsbeteiligung oder Nichtbeteiligung am Arbeitsmarkt auf die eine oder andere Weise mit eigenen Lebenserfahrungen zumindest abgeglichen werden können, steht Vergleichbares für das Altern nicht (und bei den älteren Sozialarbeiter/-innen nicht unbedingt professionell reflektiert; vgl. Aner 2010, S. 16) zur Verfügung. Mithin dürften in dieser Konstellation die Möglichkeiten der Fachkräfte, „durch Präsentation und Repräsentation eigener Lebensentwürfe und -formen Präferenzmodelle und insofern Wertvorstellungen anzubieten“ (Winkler 1998, S. 128), erheblich eingeschränkt sein. Außerdem lässt sich im jungen Erwachsenenalter allenfalls erahnen, wie neben der Lebenslage das Vergehen von Lebenszeit den subjektiven Bedeutungshorizont (noch) möglicher Erfahrungen konstituiert. Insgesamt bleibt die Situation, in der eine „pädagogische Umkehrung des soziologischen Generationenverhältnisses“ (ebd., S. 32) erfolgt, zumindest normativ unbestimmt, wenn nicht ambivalent. 4.2

Ältere Berater/-innen – ältere Klient/-innen und die Konfrontation mit den Verlusten des Alters

In der sozialen Beratung älterer Menschen durch Fachkräfte, die wie ein Teil ihrer ratsuchenden Klient/-innen auch in der zweiten Lebenshälfte sind, also selbst schon deutlich altern, könnten besondere Herausforderungen daraus resultieren, dass die Begegnung mit denjenigen, denen geholfen wird, immer auch eine Selbst­begegnung ist. Je nach Handlungsfeld und -situation unterschiedlich gewichtet, lassen sich in Hilfeprozessen gleichzeitig beruflich fachliche Elemente (Sozialarbeiterrolle) und

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„Betroffenheit, Berührtsein und Aufgefordertsein in einer sinnlich-emotionalen Beziehung“ (Sozialarbeitersein) identifizieren (Böhnisch 2001, S. 288). Erfahren die Fachkräfte die „kränkenden Mühen, alt zu werden“ (Thiersch 2002) bei ihrer Klientel, werden sie zugleich mit den unausweichlichen Verlusten des eigenen Alterns konfrontiert. Eine vermeidende Reaktion liegt immer dann nahe, wenn solche Verluste Beratungsinhalt sind, die auch die Fachkräfte mit einiger Wahrscheinlichkeit treffen werden oder sogar unhintergehbar sind. Verschärft wird diese Situation noch dadurch, dass in einer Gesellschaft, die nicht unwesentlich von einem medial unter­stützten Leistungs-, Jugend- und Schönheitswahn gekennzeichnet ist, auch Sozialarbeiter/-innen und Sozialpädagog/-innen nicht frei von diesen (Selbst-)Bildern sind. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass in der in die Alltagswelt eingelassenen Sozialen Arbeit berufliche und Lebenserfahrung in besonderer Weise miteinander verschränkt sind (vgl. Heiner 1988; Strasser 2006). Werden nun die älteren Berater/-innen, die seit vielen Jahren beruflich die starke Rolle der Begleitenden oder Helfenden inne hatten, durch die Beratung älterer Menschen damit konfrontiert, dass es im (ihnen bevorstehenden) Alter zu einem nicht nur vorübergehenden Rollenwechsel in Richtung Hilfsbedürftigkeit kommen kann, wird ihr Selbstbild evtl. besonders bedroht. Infolge dieser Konstellation stehen den notwendigen empathischen Impulsen möglicherweise Gefühle der Abwehr gegenüber, deren Reflexion unterbleibt, weil sie vorbewusst bleiben. Unreflektiert kann die Abwehr dazu führen, dass ein „fremdes Altern“ der Klient/-innen konstruiert wird und im Beratungsprozess Defizite betont während (auch altersbedingte) Ressourcen übersehen werden (Aner 2010, S. 137 – ​142). 4.3

Berater/-innen aller Altersgruppen und der Produktivitätsdiskurs

Wenn durch die sozialpädagogische Beratung bleibende und/oder zunehmende Verluste thematisiert werden, die eher begleitet als umgekehrt werden können, steht dies einem in der Ausbildung erworbenen und im Beruf in der Regel gefestigten professionellen Selbstverständnis der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ entgegen. Dieser Anspruch, neue Kräfte zu wecken, dürfte bei Berater/-innen aller Altersgruppen gleicher­maßen zu finden und bei der Begleitung alter Menschen, insbesondere Hochaltriger, potenziell konfliktträchtig sein. Heute ist dieser professionelle Anspruch eingebettet in gesellschaftliche Rahmenbedingungen des sog. Sozialinvestitionsstaats. Mit ihm ist eine neue Polarisierung unübersehbar geworden, die mit dem Lebensalter kor­ respondiert und zwischen den zumindest potenziell produktiven und den unproduktiven Mitgliedern der Gesellschaft unterscheidet. Während Kinder und Jugendliche als ‚noch nicht produktiv‘ angesehen werden können, stehen Erwachsene spätestens ab der Lebensmitte unter Druck, ihre Produktivität stets aufs Neue unter Beweis zu stellen oder schnellstmöglich wieder zu erlangen. Wo der Mensch zum Humankapital umdefiniert wird, in den zu investieren es sich lohnt oder nicht, sind ältere Menschen von der Möglichkeit der Abwertung in besonderer Weise bedroht. Die

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Produktivitätsdebatte beherrscht den öffentlichen Diskurs und die Kategorisierung produktiv vs. unproduktiv ist längst zu einer selbstverständlichen Trennlinie auch in der (Selbst-)Wahrnehmung und -darstellung alternder und alter Menschen geworden. Sie betrifft nicht nur die älteren Adressat/-innen (vgl. dazu Karl 2006) und die sozialpolitisch favorisierten Inhalte und Ziele der Arbeit mit ihnen (vgl. dazu Aner 2006). Ihre Deutungs- und Handlungswirksamkeit auch in der Beratungsbeziehung muss unterstellt werden. Wenn Alterskategorie und Produktivitätsdebatte miteinander verwoben in die alltäglichen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster eingehen, sind junge wie ältere Sozialarbeiter/-innen aufgefordert, sich und anderen ihre berufliche Produktivität zu beweisen. Erstere müssen zeigen, dass sie es ‚schon‘, letztere, dass sie es ‚noch‘ können. Dieses Bestreben kann gerade in der Beratung alter Menschen mit den unhintergehbaren Grenzen des höheren Lebensalters konfligieren und notwendige Ergänzungen des Selbstverständnisses der Sozialarbeit und Sozialpädagogik verstellen. Schließlich kann es z. B. im Umgang mit Hochaltrigen, häufig demenziell erkrankten Menschen nicht mehr in erster Linie um Entwicklung und Verbesserung gehen. Vielmehr müssen „Dabeisein“ und „Aushalten“ zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Berufsrolle werden (vgl. Karl, F. 2005).

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Schlussfolgerungen

Nimmt man die bisher vorliegenden Befunde ernst, müssten das Alter der Beteiligten und die damit einhergehende Generationenzugehörigkeit in der Sozialen Beratung generell als Bezugspunkt der Interaktion berücksichtigt und einer offenen Strukturierung (Böhnisch et al. 2005, S. 123) zugänglich gemacht werden. Insbesondere die Befunde der oben skizzierten eigenen Studie (Aner 2010) zeigen außerdem, dass „Generationenverhältnisse und Generationenbeziehungen für die beteiligten Akteure zu sozialen […] Kategorien wurden, die mit gleichsam mittlerer Reichweite Orientierungsund Ordnungsmuster zur Verfügung stellen. Der Blick auf Generationen stabilisiert somit gegenüber den verunsichernden gesellschaftlichen Erfahrungen, […] setzt Orientierungspunkte und lässt eine historische Verortung zu, wirkt aber weniger verpflichtend als an­ dere Orientierungsmuster“ (Winkler 2002, S. 59).

Gerade diese Gleichzeitigkeit von Stabilisierung und Öffnungsoptionen macht das Konzept für „stellvertretende Deutungen“ (Dewe und Scherr 1990) interessant. Wenn Berater/-innen älteren Menschen professionell Deutungsangebote machen wollen, ist an den Ressourcen der Klient/-innen anzusetzen, ohne die lebenszeitbedingten Besonderheiten zu übersehen. Zugleich müssen die Fachkräfte in der Lage sein, auch ihre eigenen subjektiven Deutungen des Alter(n)s, ihre Ressourcen, Grenzen und Befürchtungen im Kontext ihrer eigenen Position im Lebenslauf zu reflektieren. Will man die Kategorie ‚Generation‘ als Bezugspunkt der Reflexion stärken, ist es offen-

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sichtlich möglich, an die aktuellen Deutungsmuster von Fachkräften anzuknüpfen (vgl. Aner 2010, S. 132 – ​136). Zwar handelt es sich bei ‚Generation‘ um eine ausgesprochen komplexe Kategorie, die nicht minder komplex ist als die des ‚Alter(n)s‘, jedoch ist sie für die Berater/-innen scheinbar weniger von stigmatisierenden, bedrohlichen oder idealisierenden Stereotypen belastet (ebd.). Grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Lebensalter der Beteiligten und die wechselnden Generationen-Konstellationen in der Sozialen Beratung systematischer als bisher berücksichtigt werden, ist ein angemessener Platz der Kategorien in der Theorie, Empirie und Aus- und Fortbildung Sozialer Arbeit. Im besten Fall gelingt es dabei, die umfangreichen Wissensbestände anderer Disziplinen diskursiv einzubeziehen.

Ausgewählte Literatur Aner, Kirsten. 2010. Soziale Beratung und Alter. Irritationen, Lösungen, Professionalität. Opladen u. a.: Barbara Budrich. Dewe, Bernd, und Albert Scherr. 1990. Beratung und Beratungskommunikation. In Neue Praxis 20. Heft 6: 488 – ​500. Kohli, Martin. 2007. Von der Gesellschaftsgeschichte zur Familie. Was leistet das Konzept der Generationen ? In Generationen und Familien. Hrsg. Lettke, Frank, und Andreas Lange, 47 – ​68. Frankfurt: Suhrkamp.

Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive Ines M. Breinbauer

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Einleitung

Man schwimmt gegen den Strom, wenn man aus bildungsphilosophischer Sicht gegenüber der Anwendung des Bildungsbegriffes auf alte Menschen Vorbehalte hat. Muss man denn nicht zur Kenntnis nehmen, dass aufgrund des Strukturwandels des Alter(n)s die Rolle der Bildung im Verlauf des Alters aufgewertet wird ? ! Muss man denn nicht anerkennen, dass in den letzten Jahren Fortschritte dabei erzielt wurden, auch Menschen in der nachberuflichen Phase in den grundgesetzlich gesicherten Anspruch auf Bildung einzuschließen ? ! Ist es denn nicht erfreulich, dass „Bildungsarbeit mit älteren und alten Menschen“ (vgl. Kricheldorff i. d. B.) an unterschiedlichen Bildungsorten und in verschiedenen Settings, die auch außerhalb traditioneller Bildungseinrichtungen liegen können, angeboten wird ? ! Darf man denn die empirischen Nachweise, dass (früh einsetzende) Bildung die Chance erhöht, im Alter länger gesund zu bleiben, den Alltag besser zu bewältigen und die Würde zu erhalten (vgl. Müllegger 2015, S. 8) geringschätzen ? ! Ist es denn nicht als Erfolg zu werten, dass –  bei aller Heterogenität dieser Bevölkerungsgruppe – Bildungseinrichtungen mit verstärkter Nachfrage und höheren Qualitätsansprüchen an Bildungsangebote für ältere Menschen rechnen dürfen (vgl. Stiehr und Garrison i. d. B.) ? ! Gegenüber diesen berechtigten Einwänden muss man klar stellen, dass Bildungsphilosoph/-innen weder einem bestimmten Personenkreis die Möglichkeit von Bildung absprechen noch die mittlerweile umfangreichen Forschungsarbeiten ignorieren, die alten Menschen Lern- und Bildungsfähigkeit bis in hohe Alter attestieren (Baltes und Montada 1996; Kolland 2014). Wohl aber insistieren sie auf einem grundsätzlichen Unterschied zwischen dem sozialwissenschaftlichen Blick auf Bildung und dem philosophischen. Während ersterer der Bildung im Alter vom Sozialkontakt über psychosoziales und mentales Training bis zum möglichst langen Erhalt selbstständiger Lebensführung umfassenden Nutzen bestätigen kann und sich dabei nicht lange © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_19

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Ines M. Breinbauer

mit der Reflexion des Bildungsbegriffes selbst aufhält (vgl. u. a. Schober und Spiel 2014), kommen bei genauerem Nachdenken über die Bedeutung von Bildung Bedenken auf, ob die demografische Entwicklung nicht eher ein politisch-soziales Problem darstellt, das nach politischen, rechtlichen oder ökonomischen Steuerungsstrategien verlangt, und nicht ein Bildungsproblem, sofern man nicht einer konturlosen Expansion und Entgrenzung pädagogischen Handelns und pädagogischer Zuständigkeit das Wort reden will (vgl. Breinbauer 2008a). Zudem ist philosophischen Bildungstheorien gemeinsam, dass sie das Verständnis von Bildung gar nicht in Hinblick auf eine bestimmte Altersgruppe artikulieren. Bildung ist, vergleichbar der Würde des Menschen, „lebensphasisch unteilbar“ (Geiger et al. 2015, S. 252). Im Gedanken der Bildung ist – grundsätzlich, altersunabhängig – gefasst, „was alle (Hervorh. I. M. B.) Menschen erreichen sollen, wenn sie ihrer Menschlichkeit teilhaftig werden möchten“ (Ruhloff und Poenitsch 2004, S. 25). Dieses – zugegeben: sehr abstrakte – Grundverständnis geht jeder Ausdifferenzierung der Pädagogik als Berufswissenschaft, jeder subdisziplinären Ausdifferenzierung in Sozialpädagogik, Schulpädagogik, Medienpädagogik, Erwachsenenbildung, Alterspädagogik u. a. m. logisch voraus. Der Begriff Bildung steht in allgemeiner Hinsicht für ein Verhältnis des Menschen zu sich und zur Welt, das die Menschwerdung des Menschen von jeder Entwicklung, die bloß Naturnotwendigkeiten folgt, abgrenzt und als eine ‚Selbstbestimmung in Freiheit‘ vorstellt, durch die nicht ein vorgegebenes Telos erfüllt wird, sondern die dem Menschen eigene Möglichkeit erst gefunden und verwirklicht werden muss (vgl. Ruhloff und Poenitsch 2004, S. 69). Kein Versuch einer Relationierung von Bildung und Alter kommt umhin, sich zu diesem Bildungsdenken, man kann auch von ‚Bildung in einem distinkten Sinne‘ sprechen, in ein Verhältnis zu setzen, sofern er mehr sein will als eine Applikation des alltagssprachlichen oder des einzelwissenschaftlichen (psychologischen, soziologischen, sozialpflegerischen) Verständnisses von Bildung auf die neue demografische Lage. Sofern kein ‚reflektierter‘ Umgang mit dem Bildungsbegriff anzutreffen ist (vgl. Breinbauer 2008a), ist die Konjunktur der Verwendung des Bildungsbegriffes kein Grund zur Freude. Sie könnte vielmehr einen Verfall eines differenzierten Begriffsgebrauchs und ein bloßes „Bildungsgerede“ (vgl. Ruhloff 2006) anzeigen. Für einen Beitrag in einem Handbuch, der einen Überblick über die (Vielfalt der) Rede von Bildung im Alter geben soll, und zwar so, dass Lernenden, Lehrenden und Praktiker/-innen der Sozialen Arbeit damit gedient ist, ist damit eine erste wichtige Differenzierung angesprochen: Jene zwischen dem alltäglichen Reden über Bildung und einem begriff‌lich geklärten Sprechen über Bildung. Während ersteres „eine Beruhigung in das Dasein“ bringt, „für die alles ‚in bester Ordnung‘ ist“ (Heidegger 1984, S. 177; Hervorh. i. O.), sucht letzteres gleichsam in einer antithetischen Bewegung (Ballauff 1986) vom bloßen Gerede los zu kommen, hat aber deshalb nicht den Anspruch, den Begriff festzulegen, sondern eher von (möglichen) Verlegungen freizulegen. Wenn es – allgemein gesagt – zutrifft, dass Bildungstheorien als Deutungen der Idee von Menschlichkeit verstanden werden dürfen, könnte das ‚Freilegen‘ jeweiligen Fehlverständnissen und Verkennungen des Humanum gelten, auch Selbst-Verken-

Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive

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nungen des Menschen selbst. Zwischen diesen beiden Polen können die ge­genwärtig anzutreffenden Vorstellungen von ‚Bildung im Alter‘ angeordnet werden. Diesem Gesichtspunkt folgt auch die Gliederung. Sie differenziert in einem ersten Schritt zwischen den verschiedenen Bedeutungen von Bildung in der Umgangssprache und in der Rede von Altenbildung, Altersbildung und Alternsbildung (2), ehe in Abgrenzung von affirmativen Bildungsverständnissen (vgl. Benner 2015), die im Wesentlichen einem sozialwissenschaftlichen Verständnis folgen und durch instrumentelles Denken gekennzeichnet sind (3.1), die Herausforderung philosophischen Bildungsdenkens entfaltet wird (3.2). Die Gemeinsamkeit der ersteren, der affirmativen Bildungsverständnisse, liegt darin, dass Bildung auf die Befähigung zur Wahrnehmung spezifischer (gesellschaftlicher) Aufgaben und Anforderungen durch Aneignung und Erweiterung von Fähigkeiten, Fertigkeiten, Erfahrungen und Wissenssystemen zielt. In problematisierenden Bildungskonzeptionen dagegen wird die Menschlichkeit des Menschen als eine offene und gefährdete, und sein Verhältnis zur Welt nicht als Bewältigungs- und Aneignungsrelation, sondern in seiner Fraglichkeit verstanden. Es versteht sich von selbst, dass dabei eine gleichsam idealtypische Auswahl unter den zahlreichen neueren Publikationen zum Thema getroffen werden muss. Das ist dann gerechtfertigt, wenn es gelingt Urteilskriterien an die Hand zu geben, um die differenten Verwendungsweisen des Begriffes Bildung und die unterschiedlichen Stilisierungen des Alters in den reichlich anzutreffenden „Formierungsangeboten“ erkennen und unterscheiden zu können. Dabei kann an einschlägige Vorarbeiten angeknüpft werden (Breloer 2000; Karl, U. 2006, 2008; Breinbauer 2008a, 2008b).

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Die vielfältige Bedeutung von Bildung in der Umgangssprache und die Altenbildung, Altersbildung und Alternsbildung

Bildung gilt vielen als ein anzustrebendes wertvolles Gut; je mehr Bildung ein Mensch besitzt, desto mehr Macht hat er über sich selbst und die von ihm durchschaute und dadurch verfügbar gemachte Umwelt. Oder sie gilt als ein Zustand des Bewusstseins, der nach einem langen Weg der Reifung als deren Vollendung erreicht wird. Oder sie gilt als ständiger Prozess des Geistes, der in einem ständigen sich Überschreiten jeden vorgegebenen Zustand hinter sich lässt. In all diesen Umschreibungen tritt vor allem die individuelle Seite der Bildung oder Selbstbildung in den Blick. Ballauff (1986) nennt so eine Bildungskonzeption ‚anthropozentrisch‘: „Sie erwächst aus der Voreingenommenheit der Menschen, sich als bestehende Wesen vor­ auszusetzen und zu suchen. Sie ist nicht nur die verhüllte Selbstermächtigungslehre einer Gruppe von Menschen gegenüber allen anderen, wie es bei allen uns geläufigen Ideologien der Fall ist, sondern gegenüber allem, was ist. Alles ist unter solcher Ideologie immer schon als Material menschlicher Bildung angesetzt.“ (Ballauff 1986, S. 47 f.)

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Ines M. Breinbauer

Andere Denkfiguren setzen fast gegensätzlich dazu den Menschen ständig – intellektuell oder emotional oder sozial oder ethisch – als unzureichend an, als habe er seine ‚wahre Menschlichkeit‘ in irgendeiner Dimension noch nicht erreicht. Ballauff (1986, S. 55) nennt das die „Lehre von der menschlichen Verkehrtheit“, die im Hintergrund der meisten Bildungstheorien steht. Sie ist auch als Hintergrundmodell verschiedener ‚Diskurse des Alterns‘ erkennbar, wenn z. B. hinsichtlich des biologischen Alterns Aktivierung besser scheint als Disengagement, hinsichtlich des kognitiven Alterns Orientierung der Desorientierung vorzuziehen ist, hinsichtlich des psychischen Alterns Desillusionierung der Hoffnung Platz machen sollte und hinsichtlich des sozialen Alterns Integration besser als Desintegration scheint (vgl. Kade 2007, S. 40 – ​50). Das leuchtet dem Alltagsverständnis zwar durchaus ein (vgl. Heidegger 1984), impliziert aber eine Befangenheit des Bildungsdenkens in normativen, präskriptiven Systemen, wo doch der „sinnverleihende Horizont, der Bildung definieren und legitimieren lässt“ (Ballauff 1986, S. 68), erst zu suchen ist (vgl. 3.2). Auch der Terminus ‚Altenbildung‘ verdankt sich plausiblem, aber dem Alltag entlehntem Sprachgebrauch. ‚Altenbildung‘, so beschreibt Breloer (2000, S. 41) nimmt ‚Alte‘ als eine Ziel- oder Problemgruppe auf, „die sich entweder kalendarisch oder vom Grad subjektiver Betroffenheit durch das Erleben des Alternsvorganges bestimmen läßt“. Andere verstehen unter Altenbildung alle direkten und indirekten Maßnahmen und Angebote, die auf Wohlbefinden, Lebensqualität und Sinnerleben von älteren Menschen positiv Einfluss nehmen. Wird Altenbildung bei vielen Autor/-innen als Lernangebot von Institutionen der Erwachsenenbildung für die Zielgruppe älterer Mitbürger/-innen verstanden oder, in einer Art von kustodialem Verständnis (kritisch dazu: Breinbauer 2008b), als Angebot der Sozialpädagogik/Sozialarbeit, so legt ‚Alternsbildung‘ (nach Breloer 2000) den Akzent auf Lerninhalte ‚über‘ das Alter und das Altern und kann im Prinzip prophylaktisch für Lernende jeden Alters gedacht sein. ‚Altersbildung‘ wiederum hat ihre theoretische Fundierung in der Gerago­gik, die sich in den letzten Jahren als wissenschaftliche Disziplin an der Schnittstelle von Gerontologie, Erziehungswissenschaft und Sozialer Arbeit etabliert hat. Sie sieht ‚Bildung‘ als basale Voraussetzung für Integration und Teilhabe in einer sich rasch wandelnden Welt und spricht in partizipativen Verfahren die Beteiligten als Expert/-innen in eigener Sache an (vgl. Kricheldorff 2017a). Keine der Formen ist Bildung im distinkten Sinne. Unvermeidlich sprechen in allen Beiträgen jüngere Autor/-innen über Bildung im Alter und kompensieren dabei in ihren Deutungen von Alter den Mangel an eigenen Erfahrungen mit Rückgriff auf die erwachsenenpädagogischen Referenzdisziplinen Soziologie und Psychologie (vgl. Breithausen 2011, S. 212). Dabei ist ihnen nicht der Mangel an Erfahrungen vorzuwerfen, möglicherweise aber ein Mangel an methodischem Problembewusstsein. Könnte man sich nicht auch durch literarische Zeugnisse (vgl. z. B. Haller 2009, 2010a, 2010b) oder Selbstzeugnisse (vgl. z. B. Mayröcker 2012; Helbich 2017) ein dem Phänomen näheres Bild des Erlebens alter Menschen machen ?

Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive

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Paradigmen und Legitimationsfiguren

3.1

Affirmative Bildungskonzeptionen

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Als affirmativ (vgl. Benner 2001) werden in diesem Zusammenhang normative Bildungskonzeptionen verstanden, die auf unhinterfragt angenommene ‚zentrale Lebensprobleme‘ (einer bestimmten Altersstufe) mit normativen Erwartungen antworten. Solche Bildungskonzeptionen treten in unterschiedlichen Formen auf, die hier nur exemplarisch und idealtypisch charakterisiert werden können. Die Gemeinsamkeit liegt in der Logik der Argumentation: Diese ‚zentralen Lebensprobleme‘ werden vereinzelt existenzontologisch (vgl. z. B. Guardini 2001) ausgelegt, häufiger aber empirisch festgestellt (vgl. z. B. Beiträge in Becker et al. 2000; Aner und Karl 2008), bisweilen an kritischen Lebensereignissen festgemacht. In der Folge werden diese als Bildungsbedürfnisse (z. B. Schweppe 2000; kritisch dazu Heid 2001, 2002) oder Entwicklungsaufgaben interpretiert, die der pädagogischen Unterstützung bedürfen, wofür eine Vielfalt altersgerechter Methoden bereitsteht (vgl. u. a. Kricheldorff 2017a). Solche normativen Erwartungen kommen zum Ausdruck in der Rede von ‚erfolgreichem Altern‘, das durch den Erhalt von bestimmten Kompetenzbereichen definiert wird: Selbstständigkeit, kognitive Leistungsfähigkeit, Bewältigung von Alltagsproblemen. Diese zu erhalten sichere ‚Autonomie‘ (vgl. kritisch dazu: Pichler 2007). Dies rechtfertigt dann auch ganz konkrete Vorschreibungen, wie z. B. gesunden Lebensstil, Kompensation von Verlusten, selektive Optimierung u. a. m. So argumentieren Backes und Clemens (2003, S. 181), dass ein gesunder Lebensstil Grundlage erfolgreichen Alterns sei, denn er reduziere die Wahrscheinlichkeit des Auftretens pathologischer Altersbedingungen; ebenso Aktivitäten im Familien-, Freizeit- und Arbeitsbereich, denn die führten zum Aufbau von Kapazitätsreserven und zu einer Verlangsamung negativer Alternsprozesse. „Zur Erhöhung der biologischen, mentalen und sozialen Kapazitätsreserven bedarf es nach Baltes und Baltes (1989a, S. 8) entwicklungsfördernder Anreize und kompensatorischer Unterstützung, um den Verlust an adaptiven Kapazitäten auszugleichen.“ (Backes und Clemens 2003, S. 181)

Die Unterstützung müsse selektiv, optimierend und kompensatorisch einsetzen: „Selektion bedeutet dabei, dass sich der alte Mensch auf bestimmte Lebensbereiche von hoher Priorität konzentriert, in denen Umweltanforderungen, persönliche Motive, Fertigkeiten und biologische Leistungsfähigkeit zusammenfallen (z. B. Spezialisierung, Reduktion von Komplexität). Optimierung bezieht sich auf die Annahme, dass Menschen ihre vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen auf einem möglichst hohen Niveau halten bzw. noch weiter maximieren wollen. Kompensation bezeichnet eine Anpassungsleistung und setzt als Prozess dann ein, wenn Einschränkungen und Ausfälle bestimmter Funktio-

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Ines M. Breinbauer

nen erfahren werden. Durch selektive Optimierung mit Kompensation sind ältere Menschen in der Lage, sich trotz zurückgehender biologischer Energie und mentaler Reserven weiterhin den für sie wichtigen Lebensaufgaben zu widmen.“ (ebd.; Hervorh. i. O.)

Es steht außer Streit, dass Verluste kompensiert werden und Kompetenzen erhalten bleiben sollen, und es steht auch außer Streit, dass dadurch noch im hohen Alter Sozialisationserfordernisse erfüllt werden. Die Erfüllung derartiger präskriptiver Vorgaben wie auch die dafür gesetzten Maßnahmen haben aber nichts mit Bildung in einem – wie oben skizzierten – distinkten Verständnis zu tun, insofern Bildung und Bewältigung von Lebensnot sich nicht tangieren. Vor dem für sozialwissenschaftliche Bildungskonzeptionen typischen Kurzschluss zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und dem Einsatz empirischen Wissens, um sie zu erfüllen, könnte historisches Wissen über die Entwicklung der (Institutionalisierung der) Altersbildung bewahren. Im historischen Rückblick ist erkennbar, wie der Wandel der pädagogischen Konzeptionen mit dem Wandel der (jeweils durch psychologische Lerntheorien gestützten und/oder für Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle günstigen) Bilder des alten Menschen Hand in Hand geht, vom Betreuungskonzept mit kompensatorischer Funktion für den als defizitär und veränderungsresistent angenommenen alten Menschen über das Aktivierungs- und Autonomiekonzept für den als kompetent wahrgenommenen alten Menschen bis zu dem für die Zukunft prognostizierten Modell der systemisch vernetzten, nachfragebezogenen und selbst organisierten (!) Altersbildung (vgl. dazu Kade 2007, S. 51 – ​114). So entspricht der Wandel der Altersbildung dem Wandel des Selbstverständnisses der Erwachsenenbildung, wie es Pongratz (2003) im „Zeitgeistsurfer“ so treffend gezeichnet hat. Als affirmativ darf man solche Bildungskonzeptionen deshalb bezeichnen, weil sie den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen bzw. Erfordernissen hinterher geschrieben werden. So z. B. schließt Kade (2007) – und das darf für diese Art von Abhandlungen als typisch angesehen werden – trotz betonter normativer Abstinenz sozialwissenschaftliche Charakterisierungen gesellschaftlicher Entwicklungen mit der Formulierung pädagogischer Aufgaben kurz (vgl. Kade 2007, S. 74) und ordnet ihre „dezidiert erziehungswissenschaftliche Perspektive“ (ebd., S. 11) dem vermeintlichen gesellschaftlichen Telos unter. Der Beobachtung, dass die Förderung des Engagements Älterer wohl „als Lückenbüßer des erschöpften Sozialstaates fungieren“ (Kade 2007, S. 60) soll, schenken gouvernementalitätstheoretisch inspirierte Analysen wie z. B. jene von Karl (2006) mehr Aufmerksamkeit. Auch kritische Bildungstheoretiker/-innen nehmen Anstoß daran, dass sich in Leitbildern des Alter(n)s zunehmend neoliberale Rationalitäten abzeichnen, d. h., dass ökonomische Rationalität alle Lebensbereiche erfasst. Der präskriptive Charakter liegt weniger offen zutage, wenn die Interpretation von Bildungsbedürfnissen mit dem Autonomiegedanken verknüpft wird. So vertritt z. B. Böhme (1998, S. 369) – ohne Rücksicht auf empirische Befunde zur Diversität von Lebenslagen im Alter (vgl. u. a. Stiehr und Garrison i. d. B.) – die These, „Menschen im

Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive

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dritten Lebensalter haben spezifische Bildungsbedürfnisse“, die man „ablesen“ könne aus der „Lebenssituation der nachberuflichen, nachfamiliären Phase“ (ebd.). Diese seien zu erfüllen „durch eine allgemeine Bildung, die sich mit geronto­logischen Einsichten verbindet“ (ebd.). Bildungsbedürftig seien die alten Menschen – hier greift Böhme auf klassische Formulierungen zurück –, weil sich das Phänomen der „geistigen Menschwerdung“ in jedem Menschen neu herstelle, und dies erfordere „unabhängig zu denken, selbständig zu entscheiden und verantwortlich, d. h. sittlich zu handeln“ (ebd., S. 371). Diese Argumentation bewegt sich einerseits in aufklärerischhumanistischer Tradition, andererseits interpretiert Böhme Bildung zugleich als „Bedürfnis (Hervorh.: I. M. B.) im dritten Lebensalter“ (ebd.). In geradezu klassischer Argumentation wird die freiwillige Selbstunterwerfung mit der Aussicht auf Autonomieerhalt belohnt: „Wer sich den Herausforderungen gesellschaftlicher Wandlungen stellt und sie in sein Verständnis von Welt und Mensch integriert, bewahrt sich oder gewinnt die Unabhängigkeit des Denkens, die Selbstständigkeit der Entscheidung und die Verantwortung für sein Handeln.“ (ebd.)

Hier setzt sich die Illusion fort, dass sich das Subjekt als autonom wähnen darf, sofern es sich nur gesellschaftlichen Herausforderungen stellt und sich als Subjekt dem ‚Integrationsgebot‘ unterwirft. Die in der passiven Formulierung gleichsam naturalisierten „gesellschaftlichen Wandlungen“ werden, obzwar niemandem verantwortlich zurechenbar und auch vom vorgeblich unabhängig denkenden und selbstständig entscheidenden Subjekt nicht beeinflussbar, zur ‚Herausforderung‘ für das Subjekt, von der auch gleich gesagt wird, wie ihr zu entsprechen ist: Sie sind in das Welt- und Selbstverständnis (sic !) einzufügen (vgl. dazu differenzierend und weiter führend u. a. Meyer-Drawe 1990; Schäfer 1990, 1993). Für die unter 3.1 fokussierten Auffassungen von Bildung trifft Rickens an Foucault angelehnte Formulierung zu: „‚Bildung‘ markiert eine der zentralen gesellschaftlichen Praktiken moderner Subjektivierung.“ (Ricken 2006, S. 337) Damit ist gemeint, dass Bildung einen recht effektiven Mechanismus darstellt, der die Individualität und Selbsttätigkeit durchaus nicht zurückdrängt, sondern sich ihrer bedient, um sie „qua Steigerung zu formieren“ (ebd.). Die spezifische Form der ‚Bildung‘ stellt „eine spezielle Matrix für menschliche Selbstbeschreibungen und Deutungen bereit“ (ebd.), die „immer wieder als quasi-natürliche und definitive Figur menschlicher Selbstauslegung aufgenommen worden ist und insofern auch gegenwärtig noch als die praktische Anthropologie der Moderne gelten kann“ (ebd.; Hervorh. i. O.).

Eine der Hauptaufgaben der bildungsphilosophischen Zuwendung zum Bildungsbegriff ist es, die Verführung zur Selbstüberschätzung und Selbstverkennungen des Menschen, die ihn noch Selbstunterwerfung als Ausdruck von Freiheit verstehen lässt,

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Ines M. Breinbauer

aufzuklären. Zugleich gilt es aber auch, diese Aufklärungsambitionen nicht in Selbstüberschätzung der auf bildungsphilosophischem Weg zu gewinnenden Antwor­ten münden zu lassen (vgl. Kubac 2007). 3.2

Problematisierende Bildungstheorien

Ein Mangel nicht nur der alltagssprachlichen Rede von Bildung (vgl. Abschnitt 2), sondern des gesamten klassischen Bildungsbegriffs kann darin gesehen werden, dass er von einem unbedingten Glauben an die Verbesserungs- und Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen ausgeht, „dem das Versprechen entspringt, eine ‚versöhnte menschliche Existenz‘ herbeiführen zu können“ (Ruhloff 1996, S. 148). Diese Annahme hat ihre Wurzel in der Selbstüberschätzung des Menschen und in dem blinden Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit seiner Vernunft, wie es auch in verschiedenen affirmativen Bildungskonzeptionen seinen Ausdruck findet, die von der Gewissheit weiter nicht bedachter Vorannahmen über den (alten) Menschen ausgehen und diese durch wissenschaftliches und/oder gesellschaftliches ‚Wissen‘ nur noch befestigen. Problematisierenden Bildungstheorien ist dem gegenüber ein selbstkritischer Umgang mit den Ergebnissen der Vernunftanstrengungen gemeinsam, der Verzicht auf die Annahme, dass der Mensch sich selber völlig durchsichtig werden und die Welt völlig unter rationale Kontrolle bringen kann. „Der problematisierende Vernunftgebrauch fragt nach Möglichkeiten anderer als der geschichtlich festgeschriebenen und für gültig unterstellten Interpretationen von ‚Mensch und Welt‘. Möglichkeiten sind dabei nicht zu verstehen als fiktive Eventualitäten in dem Sinne, dass jederzeit alles auch ganz anders sein könnte, sondern als aufzuspürende tatsächliche Lücken im Raum des geschichtlich Gegebenen, Gedachten oder Angestrebten.“ (Ruhloff 1996, S. 150 f.)

Pädagogik im problematisierenden Vernunftgebrauch erweist sich einerseits als unabweisbar für die Bearbeitung von Begründungs- oder Grundlegungsfragen der Päd­ agogik. Als problematisierendes Bildungsdenken begrenzt sie andererseits das Recht eingreifenden Handelns, wenn mit diesem der Anspruch auf Bildung erhoben wird, weil Bildung nicht anders denn als Selbstbildung verstanden werden kann. Sie stellt pädagogisches Handeln unter die Frage der Legitimation von leichthin unterstellten Annahmen über den Menschen und seine gelingende Lebensführung ebenso wie unter die Frage, ob Interventionen geeignet sind, die Frage nach dem rechten Leben als offene Herausforderung erkennen zu lassen (vgl. dazu Breinbauer 2008b). „Bildung kann verstanden werden als die Verwicklung in die Prüfung von Legitimitätsansprüchen und die damit verbundene Eröffnung neuer Blickweisen und Praktiken, die mit dem Recht von Hypothesen und damit in notgedrungener Vorläufigkeit geltend ge-

Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive

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macht werden. Das Bildungspostulat steht für das Ansinnen, die eigenen Lebensvollzüge, die im ersten Anheben nicht bereits vernunftgeleitet sind, in die Grenzen der Frage zurückzunehmen, welche bedingte Berechtigung ihnen zukommt, falls ihnen eine Berechtigung zuzubilligen ist. Es steht zugleich für die Zumutung, den unmittelbaren Verbindlichkeitscharakter dessen, was uns als factum brutum umstellt und als Sozialisation inkorporiert ist, zeitweilig außer Geltung und der Reflexion auf seine Gründe, fragwürdigen Bedingungen und damit möglicher Veränderung oder Tilgung auszusetzen.“ (Ruhloff 1996, S. 151; vgl. weiterführend Ruhloff 2006, S. 297)

Das eben Ausgeführte hat Anregungspotenzial für das Nachdenken über Bildung im Alter, führt es aber auch an seine Grenzen. Beides soll abschließend gezeigt werden. ‚In die Prüfung von Legitimationsansprüchen‘ sollte man die sich überbietenden Vorschläge zur ‚richtigen‘ Bildung im Alter verwickeln, die Forderung zur Dauerqualifikation für die Bewältigung von sich verändernden Anforderungen (‚Bildung im Bewältigungsparadigma‘), die Permanenz der Erwartungshaltung an den (alten) Menschen, den Anspruch der ‚Ordnung‘ seiner Biografie, wenn doch die Gesichtspunkte des Ordnens selber erst der Prüfung unterworfen werden müssten. „Zeitweilig außer Geltung setzen“, wie es im obigen Zitat heißt, müsste man die fragwürdige Gültigkeit medial vermittelter Bilder des Alter(n)s; durch Gewohnheiten und Gepflogenheiten fixierte Verhaltensmuster, Bedürfnisse und Neigungen könnten der Frage nach Veränderung unterworfen werden; die Maßgeblichkeit des Sein-, Haben-, Erreichenmüssens könnte eine Relativierung erfahren. Es muss allerdings auch gesehen werden, dass ‚Bildung im problematisierenden Vernunftgebrauch‘, wie dies Ruhloff (1996) nennt, kompromisslos vernunftgeleitete Lebensführung und Anstrengungen der Vernunft verlangt. Auch diese Annahme kann problematisiert werden. Dann wird man „aufklärungseuphorische […] Selbst- und Weltinterpretationen“ (Reichenbach 2001, S. 469) hinter sich lassen und auf die Unterstellung eines autonomen, souverän handelnden und deutenden Subjekts als leitendes Telos verzichten (vgl. Reichenbach 2001). Für das Verständnis von Bildung folgt daraus, dass Bildung zwar Aufgabe und Eigenarbeit bleibt, aber nicht angenommen wird, diese könne souverän gelöst werden. Denn der produktive Akt der Freiheit findet nicht (das Selbst oder die Norm oder das Richtige), „sondern er-findet sie, nicht beliebig und nicht in beliebigen Situationen, sondern nur in bestimmten Notsituationen und im Hinblick auf das bisher Gekonnte, Gelernte, Gewußte, Geklärte etc., welches nicht mehr ausreicht oder sich als fragwürdig und problematisch erweist“ (Reichenbach 2001, S. 69). „Das spätmoderne Selbst muß seine Freiheit nun größtenteils praktizieren, obwohl ihm das Telos eines gemeinsamen Sinnhorizonts abhandengekommen ist. Es konstituiert sich zum Subjekt nun vielmehr ohne eschatologische Hoffnung, sondern mit dem kontextgebundenen und (immer nur) situativen Motiv, seine Selbstachtung und Integrität gegen dissoziierende Kräfte zu verteidigen.“ (ebd.)

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Bildung in diesem Verständnis ist nicht nur belastend, sondern auch befreiend. Sie ist keine auf Dauer gestellte Selbstkontrolle defizitärer Lebenshaltungen mit dem Ziel endgültigen Gelingens. Vielmehr eröffnet sie einen Möglichkeitsraum, entbindet von Voreingenommenheit, wie z. B. jener, dass die Welt nur zum Nutzen und Verbrauch eingerichtet ist. Bildung ermutigt, sich die Fragwürdigkeit des sich Lenken-Lassens durch verinnerlichte Instanzen bewusst zu machen, den Erwartungshorizont von Familie und Gesellschaft als bloße Regeln eines Spiels des gesellschaftlichen Miteinanders zu erkennen, Freiheitsspielräume auszudehnen, neue Aushandlungen zu versuchen. Eine Konsequenz des Verzichtes auf die Annahme eines souveränen Subjekts ist ein verändertes pädagogisches Selbstverständnis. Ricken (1999) spricht von einer „Kontingenzpädagogik“ und meint damit den kontingenten Umgang mit kontingenter Subjektivität (ebd., S. 400). In der „Kontingenzvergessenheit“, die der Subjekt­ pädagogik anzulasten sei, verschwinde das, „was pädagogisches Handeln allererst konstituiere: Leben als radikaler Wandel von Geburt und Kindheit bis Alter und Tod, an dem andere einen erheblichen, bedingt-bedingenden Anteil haben“ (ebd., S. 402). Mit einem solchen Zugang zu pädagogischem Handeln ändert sich die übliche Aufgabenbestimmung der Pädagogik. Selbst die allgemeinste Umschreibung von der „Menschwerdung des Menschen“ werde obsolet, meint Ricken (ebd., S. 406), weil in ihr eine hierarchische Interpretation der menschliche Entwicklungstatsache angelegt sei: „vom ‚noch nicht‘ zum pädagogisch bewirkten ‚aber dann‘“ (ebd.). Die Fruchtbarkeit des mit dem Kontingenzbegriff markierten pädagogischen Blickwechsels liegt darin, dass nichts anderes als die „Kontinuität des Menschlichen im dauernden Wandel des eigenen befristeten Lebens (Vor­ übergang), der damit eng verbundenen, sich verändernden Selbstgestaltungs- und Selbstdeutungsformen (Existenzialität) und der dafür konstitutiven, pädagogisch bedeutsamen Verwiesenheit und Angewiesenheit auf anderes und Andere (Konditionalität)“ (ebd., S. 405)

in Anspruch genommen werden. Ricken (ebd.) setzt sich damit gegen „pädagogische Menschenmacherei“ ebenso kritisch ab wie gegen „antipädagogische Menschenlasserei“. Will man alte Menschen davor bewahren, Opfer eines präjudiziellen Interpretationshorizonts jüngerer Bildungswissenschaftler/-innen oder -praktiker/-innen zu werden, dann sollte man auch auf den „Aufschluss des Alterns, des Alters und der Alten von ihnen selbst her“ hören. Freilich ist auch dieser Zugang, folgt man Ballauff (1984), insofern nicht unproblematisch, als auch die Selbstinterpretation der Alten „immer noch aus den Maßstäben der quotidianen Sozialisation abgeleitet wird“ (Ballauff 1984, zit. nach Breithausen 2011, S. 213). Ballauffs Betrachtungen zu ‚Bildung im Alter‘ sind durch die 4. aus dem Nachlass herausgegebene, erweiterte Auflage der „Pädagogik als Bildungslehre“ (2004) zugänglich: Der alte Mensch entdeckt vor allem seine Endlichkeit. Das aber kann, positiv gewendet, bedeuten, dass das Alter Aufschluss gibt über die

Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive

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„Grundkategorien des Lebens in ihrer Rätselhaftigkeit und Wunderbarkeit – des Schicksals, der Schuld, der Freiheit, des Entschlusses und der Selbstbestimmung, der Gewährung, der ‚Begabung‘, der Teilhabe, der Verantwortung, der Krankheit und des Leidens“ (Ballauff 2004, S. 202).

„Ohne Bildung sind wir Marionetten jenes Geschehens, das sich des Denkens bemächtigt und in seinen Dienst stellt.“ (ebd., S. 212) Die Frage, wie sich der Mensch im Wissen um seine Endlichkeit und sein Sterblichsein bestimmen soll, bleibt offen. Wird anerkannt, dass diese Frage offen ist, dass diese Frage nicht endgültig zu lösen ist, aber auch nicht abgewiesen oder zur stellvertretenden Beantwortung z. B. an die Wissenschaft abgetreten werden darf, dann bleibt sie bis zum letzten Moment aufgegeben. Die österreichische Schriftstellerin Ilse Helbich drückt das im Alter von 92 Jahren unnachahmlich aus: „Es lebt einer nicht von der Antwort auf seine Frage, er kann vielmehr in der Frage leben.“ (Helbich 2017, S. 133) Ob und wie durch pädago­ gisches Handeln dabei geholfen werden kann, mit einer notwendig offenen Frage umzugehen, ist dann die weitere Frage.

Ausgewählte Literatur Breinbauer, Ines M. 2008a. Bildung als Antwort … ? In Soziokulturelle Konstruktionen des Alters. Transdisziplinäre Perspektiven. Hrsg. Ferring, Dieter, Miriam Haller, Hartmut MeyerWolters und Tom Michels, 273 – ​294. Würzburg: Königshausen & Neumann. Kubac, Richard. 2007. Notwendige Illusionen. Solidarische Anmerkungen zu bildungswissenschaftlicher Kritik in der condition postmoderne. Würzburg: Königshausen & Neumann. Ruhloff, Jörg. 1996. Bildung im problematisierenden Vernunftgebrauch. In Deutsche Gegenwartspädagogik. Band 2. Hrsg. Borelli, Michele, und Jörg Ruhloff, 148 – ​157. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.

Freiwilliges Engagement älterer Menschen und freiwilliges Engagement für ältere Menschen Monika Alisch

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Einleitung

„Freiwilliges Engagement ist vielfältig, es stellt eine zentrale Form der sozialen Teil­ habe dar und es ist wertvoll für die Demokratie“ (Simonson et al. 2016, S. 21). Mit diesem kurzen Satz fassen die Autor/-innen der Publikation der Ergebnisse der 4. Welle des Deutschen Freiwilligensurveys1 die Bedeutung von Engagement zusammen. Sie betonen, dass freiwilliges Engagement in der öffentlichen Debatte als „eine der zentralen Formen gesellschaftlicher Partizipation überwiegend positiv bewertet“ (ebd., S. 32) werde. Dabei sind die Erwartungen an Engagement hoch, denn es könne, so Olk und Hartnuß (2011, S. 5), „zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen, die Demokratie weiterentwickeln und innovative Problemlösungen hervorbringen“. Aber wovon genau ist da eigentlich die Rede ? Im Bericht der Enquete Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ (Deutscher Bundestag 2002b, S. 38 ff.) wurde Engagement mit dem Zusatz „bürgerschaftlich“ durch fünf Kriterien beschrieben: Es ist freiwillig, nicht auf materiellen Gewinn gerichtet, gemeinwohlorientiert, findet im öffentlichen Raum statt und wird in der Regel gemeinschaftlich oder kooperativ ausgeübt. Damit ist (implizit) sowohl die bereichslogische als auch die handlungslogische Dimension von Engagement (vgl. Aner 2011) angesprochen und an sich schon ein breites Spektrum von Formen des Engagements entfaltet. Im Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung wird dann Engagement – ohne Betonung des Freiwilligen und ohne den Zusatz des Bürgerschaftlichen oder Zivilgesellschaften – als ‚Dachbegriff‘ verwendet

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Der Deutsche Freiwilligensurvey (FWS) wurde im Jahr 1999 zum ersten Mal durchgeführt und seitdem im Abstand von fünf Jahren wiederholt (2004, 2009, 2014).

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_20

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„um den verschiedenen Ausdrucksformen der Selbstorganisation von Bürgerinnen und Bürgern und ihrer Verantwortungsübernahme für die Gestaltung der Gesellschaft vor Ort in größeren Zusammenhängen Rechnung zu tragen und einer Verengung in der Wahrnehmung von Engagement entgegenzuwirken“ (Klie 2018a, S. 10).

Diese Vielfalt von Engagement haben Evers, Klie und Roß (2015, S. 4 ff.) versucht als Spannungsfeld zwischen je zu vereinbarenden Polen abzubilden: Engagement zwischen (1) wechselseitiger praktischer Hilfe und Solidarität einerseits (Freiwilligenarbeit) und politischer Partizipation („Dialog und Mitsprache“); (2) Protest und Widerstand (Protest und Wandel) und der Stärkung von Gemeinsinn (Konsens und Wahrung); (3) organisiertem freiwilligen Engagement (institutionengebunden) und aktiver Sorge in informellen Netzwerken (informell selbstorganisiert) sowie (4) auf die eigene soziale Gruppe bezogen (bonding) als Möglichkeiten der Selbstbehauptung und auf eine andere Gruppe bezogen (bridging) bzw. zwischen unterschiedlichen Gruppen und Kulturen (vgl. ebd., S. 5 ff.; BMFSFJ 2017, S. 81). Solche Bemühungen, Engagement umfassend und differenziert zu erfassen, machen vor dem Hintergrund der von Thomas Klie oben schon angedeuteten Veren­ gung der Wahrnehmung von Engagement in der wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung durchaus Sinn. Diskursive Verengungen, die gerade für die Auseinandersetzung mit dem Engagement von und für ältere Menschen relevant sind, werden in zweierlei Hinsicht sichtbar: Erstens hat sich mit der breiten, in erster Linie politischen Verwendung des Begriffs des ‚bürgerschaftlichen‘ Engagements und im Anschluss daran der ‚Bürgergesellschaft‘ eine wie Priller (2011, S. 35) feststellt „einseitig die ‚Teilhabe- und Demokratisierungsfunktion‘ des Engagements betonende Position und Erwartung in Deutschland etabliert“, mit der die „Übernahme verschiedener Aufgaben im Rahmen des Gemeinwesens“ (BMAS 2009) und somit eine Mitverantwortung für die Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben neben Staat und Markt erwartet wird. Im Gegensatz zum bürgerschaftlichen Engagement wird mit zivilgesellschaftlichem Engagement eher das basisnahe politische Engagement, das durchaus eine kritische Haltung gegenüber Staat und dem Markt bedeuten kann, verstanden. Diese Gratwanderung zwischen Engagement als Ausgestaltung von Teilhabe einerseits und als gesellschaftliche Verpflichtung andererseits, wird in der Auseinandersetzung mit dem Engagement von älteren Menschen als Kritik an der „Wiederverpflichtung des Alters“ (Naegele und Rohleder 2001, S. 416) und in der internationalen politischen Diskussion als positiv konnotiertes Active Aging diskutiert. Zweitens zeigt sich eine Verengung in der Wahrnehmung von Engagement in einer, lange Zeit vernachlässigten Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Engagement und sozialer Ungleichheit. Engagement und seine positive Bewertung für die Gesellschaft weist „eine deutliche Mittelschichtsorientierung auf “ (Klie 2018a, S. 10) und „die typische Förderung von bürgerschaftlichem Engagement“ (ebd.) ver­ nachlässigt „sozial benachteiligte Gruppen wie auch Personen mit Migrationsge­

Freiwilliges Engagement älterer Menschen und für ältere Menschen

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schichte“ (ebd.). Für das Engagement von älteren Menschen ist deshalb zu zeigen, inwiefern vertikale (sozioökonomischer Status, d. h. Einkommen, Bildung berufliche Position) und horizontale Merkmale (u. a. Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit) sozialer Ungleichheit im Alter den Zugang zu Engagement beeinflussen. Drittens schließlich bleibt in den aktuellen Bestimmungen von Engagement eine historische Analyse außen vor, obwohl gerade diese zeigen kann, dass zum einen jegliche Engagementförderung – auch und gerade auf kommunaler Ebene – davon ausgehen muss, dass der Staat zwar prinzipiell in der Lage ist, den zivilgesellschaftlichen Bereich einzuengen oder zu erweitern, ihn jedoch nicht ‚mit Leben zu füllen‘ vermag (vgl. Aner und Hammerschmidt 2010). Zum anderen kann eine eine solche historisch-kritische bereichslogische Betrachtung verdeutlichen, dass Engagements, die im zivilgesellschaftlichen Raum stattfinden, gleichwohl das Gegenteil der oft pauschal behaupteten Demokratisierung bedeuten können, etwa wenn sie bestimmte Gruppen ausschließen und/oder die Verbreitung rassistischen Gedankenguts zum Inhalt haben (vgl. Aner und Hammerschmidt 2010; vgl. auch BMFSFJ 2016b, S. 23). Im Folgenden wird versucht, einen möglichst offenen bzw. weiten Engagementbegriff zu benutzen, sofern die Daten, auf die insbesondere die Beschreibung der Engagementverbreitung und -bereitschaft älterer Menschen basieren, dies zulassen. Das bedeutet, Engagement „ist keine einfach bestimmbare Eigenschaft“ (Köcher und Haumann 2018, S. 17) und somit nicht in nur einer einzigen Maßzahl zu erfassen, wenn „sowohl das ‚volunteering‘, also die gemeinnützige Arbeit im Rahmen von Organisationen, als auch die aktive Sorge für andere im Rahmen informeller Netzwerke und Formen der politischen Partizipation“ (ebd.) erhoben werden sollen.

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Engagement im Alter als Aufforderung zur Mitverantwortung

Mit der ‚Aktivitätsthese‘ wurde vor mehr als einem Jahrzehnt die bis dahin in Wissenschaft und Politik vorherrschende ‚Defizit- und Disengagementheorie‘ abgelöst (vgl. Pichler i. d. B.). Angenommen wurde seitdem, dass „alte Menschen dieselben psychischen und sozialen Bedürfnisse haben wie im mittleren Lebensalter“ (Pichler 2010, S. 418). Was nach einem Versuch klingt, das Alter(n) nicht mehr gleichzusetzen mit Defiziten und dem unabwendbaren Abbau sozialer Teilhabechancen, wurde zum Ausdruck sozialer Ausgrenzung derer, die nicht aktiv sein und sich nicht auch noch im Alter zur Mitverantwortung für gesellschaftliche Aufgaben verpflichten können. Block fasst den Aktivierungsdiskurs zusammen und resümiert aus der Perspektive der adressierten Ruheständler/-innen: „Diese sozialpolitische Aktivierungsanrufung formuliert die Erwartung, die eigene Leistungsfähigkeit trotz Austritt aus dem Erwerbsleben weiter unter Beweis stellen zu müssen“ (Block 2014, S. 2) und auch im Alter Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Aner und Hammerschmidt (2007) haben dieses Verständnis des ‚aktiven Alter(n)s‘ deutlich kritisiert als Verschleierung des Abbaus sozialstaatlicher Leistungen

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im Zuge des Umbaus vom versorgenden zum aktivierenden Staat (vgl. auch van Dyk 2007). Mit der „Anrufung“ des Engagements älterer Menschen sieht van Dyk (ebd., S. 93) die „Gefahr einer Indienstnahme der älteren Menschen“ (ebd., S. 416) für die politische Strategie, soziale Dienstleistungen ins Private und in die Zivilgesellschaft zu verlagern (vgl. Alisch et al. 2018). „Unter den Bedingungen des demographischen, sozialen und kulturellen Wandels, dem Fachkräftemangel im Handlungsfeld von Sorgearbeit und Pflege wird in der öffentlichen Diskussion regelmäßig auf die gesellschaftliche sowie sozialpolitische Bedeutung dieses freiwilligen Engagements (insbesondere von älteren Menschen) für ältere, hilfebedürftige Menschen hingewiesen.“ (ebd., S. 27)

Dieser Diskurs spiegelt sich auch deutlich in den letzten drei Berichten zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland – kurz: den ‚Altenberichten‘ (vgl. BMFSFJ 2006a, 2010, 2016) – sowie den beiden Engagementberichten (BMFSFJ 2010, 2017) wider. Eine reformpolitische Orientierung, „die auf Zivilgesellschaft und Engagement setzt, ohne damit nur Ausfallbürgschaften für einen sich zurückziehenden Sozialstaat zu verbinden“, sehen Klein et al. (2010, S. 25) als immer noch randständig in der Diskussion. Eine weitere Kritik am Diskurs zum ‚Aktiven Altern‘ bezieht sich auf die meist unbeachteten ungleichen Zugänge zu Teilhabe und Engagement, wenn eine positiv konnotierte wachsende Engagementbereitschaft älterer Menschen als umfassend und unentbehrlich vorausgesetzt wird, sodass mit ihr im wahrsten Sinne des Wortes zu rechnen ist: „Die wachsende Engagementbereitschaft älterer Menschen sowie die nationalen, regionalen und lokalen Förderprogramme zeigen, dass sowohl auf der individuellen als auch auf der politischen Ebene eine aktive Bürgerrolle älterer Menschen vermehrt angenommen und vorausgesetzt wird.“ (BMFSFJ 2010, S. 65)

Wie zeigt sich tatsächlich diese Engagementbereitschaft und -beteiligung ?

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Engagement von älteren Menschen

In sozialwissenschaftlichen Studien zu Engagement und Alter(n) werden besonders die Engagementbereitschaft, die Engagementbeteiligung und die Motive, sich zu engagieren, thematisiert. Köcher und Haumann (2018, S. 60) analysieren aus den Daten des Deutschen Freiwilligensurveys, dass der Anteil der freiwillig Engagierten in der Altersgruppe der über 64-Jährigen zwischen den Jahren 1999 und 2009 im Gegensatz zu den Personen im mittleren Alter von 23 % auf 28 % gestiegen sei und bis zum Jahr 2014 das Engagement der Älteren – wenn auch deutlich geringer als in den jüngeren

Freiwilliges Engagement älterer Menschen und für ältere Menschen

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Altersgruppen – weiter zugenommen hat. Simonson et al. (2016) zeigen, dass die Engagementquote für die 50- bis 64-Jährigen in den fünf Jahren von 2009 bis 2014 um neun Prozentpunkte gestiegen ist, die der über 64-Jährigen um nur fünf Prozentpunkte. Ob sich daraus ein Trend ergibt, sei nicht absehbar. Die Engagementbereitschaft steht auch im Zusammenhang mit anderen sorgenden Tätigkeiten, die Ältere in der familiären Pflege oder der Kinderbetreuung ausführen. Je intensiver Zeit und Kraft hier gebunden sind, desto weniger kann die grundsätzliche Bereitschaft, sich zu engagieren, auch umgesetzt werden (vgl. Micheel 2015). In einer Sonderauswertung zum Engagement älterer Menschen wurde deutlich: „Menschen im Alter von 55 bis 64 Jahren engagieren sich mit einem Anteil von 45,2 % nicht seltener, sondern häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Auch bei den 65- bis 74-Jährigen ist die Engagementquote mit 41,5 % nur geringfügig kleiner als im Durchschnitt der Bevölkerung. Erst bei Personen ab 75 Jahren, also an der Schwelle zum hohen Alter, geht das freiwillige Engagement zurück.“ (Vogel et al. 2017b, S. 6)

Währenddessen war im Jahr 2000 der Rückzug aus dem öffentlichen Engagement bereits in der Gruppe der 65- bis 74-Jährigen zu beobachten (Kocher und Haumann 2018, S. 60). „Der Ruhestandseffekt, das heißt die (Wieder-)Aufnahme eines Engage­ ments nach dem Ende des Berufslebens, ist also deutlich stärker geworden“ (ebd., S. 60). Die Autoren zeigen, dass sich gerade bei den 70- bis 74-Jährigen der Anteil der Engagierten seit dem Jahr 2000 von 16 % auf 27 % erhöht habe. Im Vergleich zu jüngeren Engagierten ist die Beteiligung von Personen im Alter von 50 bis 64 Jahren im sozialen Bereich sowie im kulturellen und musischen, im Freizeit- und Geselligkeitsbereich, aber auch in der politischen Interessenvertretung überdurchschnittlich hoch (vgl. Vogel et al. 2017b, S. 111). Ein Blick auf die Zielgruppen, auf die ein soziales Engagement gerichtet ist, zeigt, dass gut ein Drittel (36,2 %) der Engagierten im Alter zwischen 50 und 64 Jahren sich für Belange von Kindern und Jugendlichen engagiert und etwa ebenso viele sich bevorzugt für ältere Menschen einsetzen (35,4 %) (vgl. Simonson et al. 2016, S. 319). Etwa jeder sechste in dieser Altersgruppe richtet sein Engagement auf hilfe- und pflegebedürftige Menschen – gleich welchen Alters (16,5 %). Engagierte, die älter als 64 Jahre sind, zeigen andere Präferenzen bezogen auf die sozialen Gruppen, auf die sie ihr Engagement richten: Mehr als die Hälfte dieser älteren Menschen engagiert sich für ältere Menschen (56,9 %). Weniger als ein Drittel (30,2 %) engagiert sich für Familien und knapp ein Viertel für Kinder und Jugendliche (24,5 %). Explizit Hilfe- und Pflegebedürftige werden nur von gut jeder/jedem fünften älteren Engagierten (21,9 %) als Zielgruppe des Engagements benannt (vgl. Vogel et al. 2017b). Für die noch Engagierten im Alter von mindestens 75 Jahren, stellen Vogel et al. fest, dass der soziale Feld den größten Engagementbereich für diese Altersgruppe darstellt (ebd., S. 7). Mehr als zwei Drittel dieser Älteren engagieren sich für ältere Menschen und übernehmen so Aufgaben sozialer Arbeit, die in der kommunalen Selbstverwaltung als freiwillige Aufgaben am

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ehesten im Haushaltsplan entbehrlich erscheinen. In diesen Analysen der Daten zum Freiwilligen Survey fällt auf, dass ungleiche Zugänge zum Engagement entlang der Merkmale sozialer Ungleichheit verdeckt bleiben. Deshalb soll im nächsten Abschnitt der Zusammenhang von Engagement und sozialer Ungleichheit im Alter thematisiert werden.

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Engagement und soziale Ungleichheit im Alter

Eine Beschreibung der Engagementbereitschaft und der Engagementbereiche und -motive lässt vor allem Aussagen zu, wie sich freiwilliges Engagement älterer Menschen im Vergleich zu anderen Altersgruppen gestaltet oder sich im Lebensverlauf entwickelt. Tendenziell wird die soziale Gruppe Älterer somit als weitgehend homogen behandelt. Allerdings sind Partizipation und Engagement sozial ungleich verteilt: Hank und Erlinghagen (2009) zeigen, dass Partizipations- bzw. Engagementchancen älterer Menschen durch ihren Bildungsstatus beeinflusst werden. Mit zunehmendem Alter werden Gesundheitsindikatoren für Partizipation relevanter, die aber gleichzeitig eng verknüpft sind mit dem sozioökonomischen Status (vgl. u. a. Hank et al. 2006; Vogel et al. 2017b, S. 6). Schwierige sozioökonomische und soziokulturelle Bedingungen erweisen sich als Barrieren für ein Engagement benachteiligter Älterer. „Freiwilliges Engagement spiegelt nicht in erster Linie persönliche Präferenzen, sondern wesentlich ungleiche Zugangschancen für gesellschaftlich sichtbare und anerkannte Funktionen in der Zivilgesellschaft“ (Alisch und Kümpers 2015, S. 6; vgl. auch Kümpers und Alisch 2018a, S. 605). Eine Analyse der sozialen Ungleichheit in den Zugängen zu Engagement und damit auch zu sozialer Teilhabe im Alter zeigt zudem, dass sich verschiedene Merkmale sozialer Ungleichheit überlagern. Aner und Köster (2016, S. 479) betonen, dass äl­ tere Menschen mit geringerem Einkommen und eher niedrigen formalen Bildungsabschlüssen durch „unterschwellig destruktive und dissoziale Mechanismen“ von partizipativen Prozessen ausgeschlossen bleiben. An dieser Stelle werden exemplarisch drei Perspektiven auf diesen Zusammenhang dargestellt: Erstens der Zusammenhang von Alter, Geschlecht und Engagement, zweitens das Engagement älterer Migrant/-innen und drittens der Zusammenhang von Engagement und sozialräumlichen Ungleichheiten. Die Lebenslagen von älteren Frauen sind geprägt von einem durchschnittlich geringeren Bildungsstatus, einem niedrigeren sozialen Status, niedrigeren Renten und damit verbunden einem höheren Armutsrisiko sowie einer höheren Morbidität bei längerer Lebenserwartung (ausführlich vgl. Brandt und Schmitz i. d. B.). Aus den Statistiken zum Engagement ist wegen des oben skizzierten Zusammenhangs erwartungsgemäß ersichtlich, dass sich Männer anteilig noch immer stärker engagieren als Frauen. Dies ist über einen langen Zeitraum so gewesen, wobei sich der Abstand zwischen den beiden Geschlechtergruppen deutlich verringert hat (vgl. u. a. Vogel

Freiwilliges Engagement älterer Menschen und für ältere Menschen

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et al. 2017a). Die gleichwohl weiterhin bestehende Differenz zwischen Männern und Frauen hängt allerdings auch damit zusammen, dass viele Untersuchungen Engagement verengt auf formalisiertes Engagement z. B. in Vereinen, Initiativen oder Verbänden definieren, in denen eher Männer mit entsprechender Bildung aktiv Funktionen übernehmen. Ein Engagement für Sorgeaufgaben außerhalb der eigenen Familie wird auch im Alter vor allem von Frauen geleistet – ein Engagement, das erst im zweiten Engagementbericht explizit in die Berichterstattung einbezogen wurde (vgl. Klie 2018a). Als pflegende Angehörige haben diese Frauen in ihrer Biografie häufig Einbußen für die eigene Gesundheit, soziale Teilhabe und für die eigene Alterssicherung in Kauf genommen. Viele Formen des freiwilligen Engagements waren und sind damit verbunden, dass man sie sich sowohl finanziell als auch zeitlich erlauben kann. In der Gruppe der Engagierten im Alter von über 75 Jahren sorgen sich drei von vier der engagierten Frauen dieser Altersklasse um andere ältere Menschen. Von den männlichen Engagierten in diesem Alter unterstützen 58,1 % freiwillig andere ältere Menschen (vgl. Vogel et al. 2017a). Bereswill und Braukmann stellen generell eine Forschungslücke in Bezug auf Geschlechterverhältnisse im Engagement fest (2014, S. 18). Zudem bleibt häufig offen, warum Frauen und Männer welche Formen des frei­willigen Engagements unter welchen Voraussetzungen und in welchen Lebenssituationen ausüben (vgl. Vogel et al. 2017a, S. 638). Engagement ist also voraussetzungsvoll: „Es bedarf im Lebenslauf akkumulierter soziokultureller Kompetenzen, eines entsprechenden Selbstverständnisses oder Habitus, um in den Feldern des formellen (freiwilligen) Engagements Zugang zu Rollen und Funktionen zu erhalten.“ (Kümpers und Alisch 2018a, S. 606)

In dieser Weise soziale Teilhabe zu erleben, ist für die älteren Generationen der in Deutschland lebenden Migrant/-innen meist keine biografische Erfahrung. Es ist auch davon auszugehen, dass Zugewanderte durchaus andere Vorstellungen davon mitbringen, was Engagement bedeutet. Gesellschaftsbilder, die insbesondere die Generation der Gastarbeiter/-innen mitgebracht hat, erwarten „eine hohe (Solidaritäts-) Verpflichtung und sozialisationsbedingte Reziprozitätsnormen gegenüber der Familie, der Nachbar- oder Dorfgemeinschaft“ (BMFSFJ 2017, S. 195). Dies drückt sich im Aufnahmeland z. B. in der Alltagsorganisation älterer Migrant/-innen in städtischen Wohnquartieren aus. Hier lassen sich öffentlich kaum sichtbare, aber dichte Netzwerke informeller Selbsthilfe und gegenseitiger Unterstützung identifizieren (vgl. May und Alisch 2013). Dabei sind solche nachbarschaftlichen Sorgenetzwerke Ausdruck sozialer Teilhabe und Engagement im Sinne eines breit angelegten Engagementverständnisses. Allerdings ist dieses Engagement nachweislich fragil und erfordert Unterstützung, auch und gerade, um den Zugang zu Ressourcen im Hilfesystem und formalem Engagement zu eröffnen. Diese Fragilität ist, wie insgesamt bei älteren Menschen, der mit dem Alter zunehmenden Vulnerabilität geschuldet, weist aller-

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dings auch auf Erfahrungen alltäglicher Diskriminierung im Umgang mit z. B. Ämtern, Behörden oder anderen Bereichen von Öffentlichkeit hin. Ambivalent wird noch immer die Bedeutung des Engagements von älteren Migrant/-innen in Migrantenselbstorganisationen politisch und wissenschaftlich behandelt (vgl. Haug und Pointer 2007; BMFSFJ 2016b, S. 196). Dabei ist auch vor dem Hintergrund der alltäglichen Erfahrungen, die heute ältere Migrant/-innen im Aufnahmeland gemacht haben, im Einzelfall empirisch zu klären, ob ein Engagement, das sich auf Interessen der eigenen ethnischen Community bezieht, integrationsbeför­ dernd oder -hemmend wirkt. Durchaus nachweisbar ist, dass solches Engagement keineswegs im Widerspruch stehen muss zu einem großen Interesse an den Geschehnissen und Aktivitäten im eigenen Stadtteil mit allen dort Lebenden unabhängig von Herkunft oder Alter (vgl. u. a. May und Alisch 2012, 2013). Ob es gelingt, diese Engagementbereitschaft auch in Engagement umzusetzen, hängt signifikant mit den räumlichen Strukturen und Gegebenheiten zusammen, die freiwilliges Engagement und die Bildung von entsprechenden (Interessens-)Gemeinschaften ermöglichen oder erschweren. Dies gilt allerdings für alle Älteren unabhängig von einem Migrationshintergrund. Die internationale Forschung zu Effekten sozialräumlicher Nachbarschaft auf die Lebenssituation der Bewohner/-innen bezieht sich auf strukturelle Aspekte der Wohnverhältnisse (Wohnraumverteilung und -zugang, Wohnraumstruktur, soziale und ökonomische Infrastruktur), sozio-strukturelle Merkmale der Bewohner/-innen und die dadurch vermittelten Möglichkeiten der Gemeinschaftsbildung im Sozialraum, die sich in sozialen Milieus, Kommunikations- und Verhaltensstilen, politischer Kultur und Partizipation ausdrücken (vgl. Dangschat und Alisch 2012, 2014). Entsprechend beeinflussen sozialräumliche Ungleichheiten auch die Zugänge zu Ressourcen, die für Aufbau und Erhalt kompensatorischer sozialer Netzwerke erforderlich wären. Sozialräumliche Ungleichheiten sind bezogen auf die Verwirklichung von Teilhabechancen über freiwilliges Engagement also von großer Bedeutung (vgl. u. a. Kümpers und Alisch 2018a, S. 607 f.). Dabei sind kleinräumige und großräumige Disparitäten zu unterscheiden. Simonson et al. (2016) beziehen sich auf regionale Ungleichheiten, wenn sie konstatieren, „dass die soziale Teilhabe bei Personen in wirtschaftlich schwachen Regionen deutlich geringer ausgeprägt ist als bei Personen in wirtschaftlich starken Regionen“ (ebd., S. 607 f.). Dies lässt sich für unterschiedliche ländliche Räume ebenso wie für städtische Regionen festhalten. Kleinräumig bieten Wohnquartiere für Ältere in unterschiedlichem Maße Gelegenheit und Zugang zu Engagement. Dort, wo die Fluktuation der Wohnbevölkerung hoch ist, z. B. in innerstädtischen Großstadtquartieren aber auch in ländlichen Kleinstädten und Gemeinden mit hohen Abwanderungszahlen, sind die Möglichkeiten für gemeinschaftliches Engagement begrenzt bzw. immer wieder neu herzustellen. Gleichzeitig beeinflussen die soziale Einbindung, das Vorhandensein sozialer Unterstützung und ein gewisser Zusammenhalt in der unmittelbaren Wohnumgebung Engagement: „So erhöht ein großer Bekanntenkreis nicht allein die Wahrscheinlichkeit des freiwilligen Engage-

Freiwilliges Engagement älterer Menschen und für ältere Menschen

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ments im Alter. Zugleich wirkt das Engagement auch der Verkleinerung des Bekanntenkreises im Alter entgegen“ (BMFSFJ 2017, S. 265).

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Engagement für ältere Menschen

Bis hierher wurde ausgeführt, wie freiwilliges Engagement älterer Menschen in einer sozial differenzierten Gesellschaft beschrieben werden kann. Köcher und Haumann (2018, S. 65) stellen in ihrer Übersicht „Engagement in Zahlen“ allerdings ernüchternd fest: „[W]ährend über das Engagement der Älteren vergleichsweise viele Daten zur Verfügung stehen, gibt es noch erhebliche Informationslücken im Hinblick auf das Engagement für Ältere“. Sie verdeutlichen, dass im „Kern der Leistungen für Ältere die Angehörigenpflege von Älteren“ (ebd., S. 64) stehe: Von den 1,8 Millionen Pflegebedürftigen, die im Jahr 2011 Leistungen aus der Pflegeversicherung erhielten und zuhause gepflegt wurden, wurden 1,2 Millionen Personen „ausschließlich durch ihre Angehörigen“ (StaBuAmt 2013) gepflegt. Sich für Ältere zu engagieren scheint unauflösbar mit einem defizitären Blick auf Ältere als früher oder später Pflege­ bedürftige verbunden zu sein. Auch der Freiwilligensurvey 2014 zeigt, dass weniger als ein Drittel (30 %) der Hauptaktivitäten von freiwillig Engagierten „vor allem älteren Menschen gelten. Die Leistungen der Freiwilligen für Ältere werden insbesondere im Sozial- und Gesundheitsbereich erbracht“ (Köcher und Haumann 2018, S. 67). Außerdem zeigen die Ergebnisse des Freiwilligensurvey, dass es vor allem ältere Menschen sind, die sich für andere Ältere einsetzen (vgl. Simonson et al. 2016, S. 301). „Ältere engagieren sich häufiger als Jüngere für Ältere unter 75 Jahren, für Personen ab 75 Jahren und für Ältere gemischten Alters.“ (ebd., S. 327) In der Altersgruppe der 65- bis 74-jährigen Engagierten sind es 50,5 %, die sich für andere ältere Menschen einsetzen (vgl. Vogel et al. 2017b, S. 29). Mehr noch, das sehr herausfordernde Engagement für ältere Menschen mit einer Demenzerkrankung ist bei älteren Engagierten ausgeprägter als bei jüngeren (vgl. ebd., S. 328). Hier sind es vor allem ältere Frauen, die ihr Engagement auf Demenzerkrankte außerhalb der eigenen Familie richten. Eine etwas andere Perspektive auf das Engagement für die Belange älterer Menschen bietet die Diskussion um die Bedeutung von solidarischem Engagement meist von Älteren für Ältere in Seniorengenossen oder Bürgerhilfevereinen (vgl. Alisch et  al. 2018). Die Grundidee, sich für und in solidarischen oder sozialen Organisa­ tio­nen zu engagieren, ist historisch gesehen meist die Reaktion auf Krisen gewesen. Solidarische Organisationen wie Genossenschaften galten als mögliche Lösungen für die „akuten Krisenentwicklungen und Probleme der Existenzsicherung und den Schwund von Erwerbsarbeit“ (vgl. u. a. Klöck 1998; Elsen 2007). Flieger (1998, S. 139) hatte in diesem Kontext „Sozialgenossenschaften Betroffener“ von den „solidarischen Sozialgenossenschaften“ und „professionellen Genossenschaften“ unterschieden. Dabei greifen solidarische Sozialgenossenschaften „verstärkt auf die im Sozial­bereich verbreitete Form des Ehrenamts zurück bzw. ihre Mitglieder bringen

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in größerem Maße unbezahlte Arbeit in die Genossenschaft ein“ (ebd.). Flieger ordnet dieser Form der helfenden Selbstorganisation auch die ersten Seniorengenossenschaften zu, die in den 1990er Jahren zunächst insbesondere in Baden-Württemberg entstanden sind. Bezogen auf die Versorgung der wachsenden älteren Bevölkerung, verbinden Rosenkranz und Beyer (2015, S. 12) „die Frage nach den Wünschen der individuellen Lebensführung mit der Frage, wie die Daseinsvorsorge im überschauba­ ren Nahraum künftig organisiert werden kann“. Ihre in den letzten Jahren breit diskutierten Vorstellungen von Seniorengenossenschaften beschreiben ein Instrument, „das die etablierten Strukturen der Versorgung im Alter durch Elemente bürgerschaftlichen Engagements ergänzt“ (ebd., S. 13; vgl. ausführlich Alisch et al. 2018, S. 34 ff.). Die Einbindung des Engagements der älteren Mitglieder steht im Vordergrund: „Sie entrichten nicht ‚nur‘ einen finanziellen Beitrag, sondern praktizieren genossenschaftliche Selbsthilfe durch den Austausch von selbsterbrachten Leistungen mit dem Ziel, die Mitgliederbedürfnisse kooperativ zu befriedigen“ (Schmid 2011, S. 21) und neben Dienstleistungen der Alltagsunterstützung, soziale Teilhabe und Gemeinschaft zu ermöglichen (vgl. Görtler 2015; Alisch et al. 2018). Köstler (2017, S. 176) betont die gegenseitig praktizierte soziale Selbsthilfe in solchen solidarischen Seniorengenossenschaften und sieht sie als „wichtigen Engagementpartner“ im Gemeinwesen (ebd.). Seniorengenossenschaften werden von Görtler (2015, S. 30 f.) beschrieben „als eine auf Dauer angelegte Organisation von sich bei Hilfebedarf füreinander und gegenseitig bürgerschaftlich engagierenden Menschen, die in einem selbstgeschaffenen verbindlichen Rahmen agieren“. Im Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung werden Seniorengenossenschaften in ihrer Bedeutung für das Engagement herausgestellt (Klie 2018a, S. 12). Schulz-Nieswandt gibt jedoch zu bedenken, „dass die eingetragenen Genossenschaften sich selbst dagegen wehren, als Erfüller öffentlicher Aufgaben gesehen zu werden“ (Schulz-Nieswandt 2017b, S. 346). Gezeigt werden kann in qualitativen Studien auch, dass die in der Weise Engagierten großen Wert darauf legen, ehrenamtlich, freiwillig und selbstbestimmt aktiv zu sein und eben nicht Anrufungen an Professionalisierung in Bereichen des Managements von Seniorengenossenschaften oder der Pflege folgen wollen (vgl. Alisch et al. 2018; Alisch und Ritter 2019). Damit kommt der gesellschaftspolitische Anspruch an das Engagement von Älteren und für Ältere im Verständnis einer notwendigen und vermeintlich unverzichtbaren ‚Mitverantwortung‘ wieder in den Blick, welcher den Diskurs zum freiwilligen Engagement wie ein roter Faden durchzieht.

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Fazit

Die gesellschaftliche, politische und wissenschaftliche Diskussion um freiwilliges Engagement von älteren Menschen und für ältere Menschen bleibt von ambivalenten Einschätzungen geprägt, die im Engagement ebenso einen Ausdruck demokratischer Teilhabe erkennen als auch eine Vereinnahmung der Zivilgesellschaft für sonst nicht

Freiwilliges Engagement älterer Menschen und für ältere Menschen

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mehr lösbare und finanzierbare sozialstaatliche Aufgaben. Im Hinblick auf die Soziale Arbeit ist das freiwillige Engagement von älteren und für ältere Menschen in unterschiedlicher Weise relevant. Zum einen bezieht sich die Betonung, dass dieses Engagement inzwischen unentbehrlich sei, gerade auf Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. Zunehmend kann der laufende Betrieb insbesondere von offenen Angeboten z. B. in der Kinder- und Jugendarbeit, der Altenarbeit, der Gemeinwesenarbeit oder der Kulturarbeit nur noch durch den freiwilligen Einsatz ehrenamtlicher Kräfte abgedeckt werden und erscheint so als notwendige Ergänzung der finanzierten hauptamtlichen Sozialen Arbeit. Gleichzeitig hat sich mit dem Einsatz von freiwillig Engagierten eine neue Aufgabe für Sozialarbeiter/-innen entwickelt. Denn die Engagierten zu koordinieren, durchaus auch in Haltungen und methodischem Handeln zu unterstützen und die Wertschätzung ihrer Arbeit zu organisieren, sind zusätzlich zu leistende und durchaus herausfordernde Aufgaben (vgl. Aner 2007). Nicht ohne Grund wird in der Akkreditierung von Studiengängen der Sozialen Arbeit die Thematisierung des freiwilligen Engagements seit einiger Zeit ausdrücklich eingefordert. Die Zukunft des freiwilligen Engagements von und auch für ältere Menschen wird somit maßgeblich davon abhängen, wie es gelingt, Infrastrukturen bereitzustellen, die Gelegenheiten für Teilhabe und Engagement geben, ohne dass dafür erst individuell Ressourcen bereitstehen müssen (materielle und immaterielle wie Information, Wissen über das Hilfesystem etc.). Das vorhandene Engagement zu unterstützen, bedeutet allerdings auch, es als solches und in seinen Eigenlogiken von Selbstbestimmung zu akzeptieren und zu stärken, indem insbesondere auf lokaler bzw. kommunaler Ebene der Zugang zu den Ressourcen für ein Engagement für alle sozialen Gruppen älterer Menschen ermöglicht und eine Vereinnahmung und Überforderung der Engagierten vermieden wird. Auch darin liegen sicherlich zukünftige Aufgaben Sozialer Arbeit.

Ausgewählte Literatur Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). 2016. Siebter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland: Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften und Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Sachverständigenkommission. https://www.siebter-altenbericht.de. Zugegriffen: 17. September 2018. Klein, Ansgar, Thomas Olk, und Birger Hartnuß. 2010. Engagementpolitik als Politikfeld: Entwicklungserfordernisse und Perspektiven. In Engagementpolitik. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft als politische Aufgabe. Hrsg. Klein, Ansgar, Thomas Olk und Birger Hartnuß, 24 – ​ 59. Wiesbaden: VS. Kümpers, Susanne, und Monika Alisch. 2018a. Altern und Soziale Ungleichheiten – Teilhabechancen und Ausgrenzungsrisiken. In Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung. Hrsg. Huster, Ernst-Ulrich, Jürgen Boeckh und Hildegard Mogge-Grotjahn, 597 – ​618. 3. Auflage. Wiesbaden: VS.

Diversität im stationären Pflegealltag Eva Soom Ammann

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Diversität und Ungleichheit

1.1

Gesellschaftliche Vielfalt nimmt zu, auch im Alter

Der Begriff Diversität wird gegenwärtig breit benutzt, um die Vielfalt individueller Lebensstile und -lagen in modernen Gesellschaften zu bezeichnen. Menschen unterscheiden sich nach Kriterien wie Alter, Geschlecht, sozialer Position, Bildung, sexueller Orientierung, Religion, Herkunft, körperlicher und geistiger Beeinträchtigung. Jeder Mensch ist darin individuell, und dennoch lassen sich anhand aller hier benannten Dimensionen auch Gruppen bilden, die ähnliche Merkmale aufweisen. Relevant ist dies hier insofern, als Fachpersonen bspw. aus der Pflege oder der Sozialen Arbeit gefordert sind, mit dieser Vielfalt angemessen umgehen zu können. Versorgung – hier ganz breit verstanden als das staatlich gelenkte Zur-Verfügung-Stellen von Leistungen für die Gesellschaft – soll in demokratischen Wohlfahrtsstaaten allen in gleichem Maße zugänglich sein. Diese sind aber gleichzeitig herausgefordert durch Effekte, die sich auf den Zugang zu und die Nutzung von Versorgung auswirken. Gesellschaftliche Vielfalt ist nicht einfach nur Verschiedenheit unter Gleichen, sondern sie ist, oft in sehr komplexer Weise, auch mit Ungleichheit und Benachteiligung verbunden – entsprechend muss der Wohlfahrtsstaat steuern, um allen Bürger/-innen Zugang zu seinen Leistungen zu gewähren. Globalisierung und Individualisierung führen dazu, dass Gesellschaften mit einer Vervielfältigung von Wertorientierungen und Zugehörigkeiten konfrontiert sind, einer zunehmenden Entbindung aus gemeinschaftlichen Strukturen wie der Familie, der Gemeinde, religiösen Gemeinschaften und sozialen Schichten. Damit einher geht auch eine gewisse Befreiung aus kollektiven Normvorgaben. Dies schafft Raum, aber auch Verpflichtung für die individuelle Ausgestaltung von Lebensweisen und sozialen Beziehungen (Beck 1986). Zugehörigkeiten zu gesellschaftlichen Subgruppen und © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_21

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Lebenswelten sind damit zu einem gewissen Grad wähl- und gestaltbar. Gleichzeitig grenzen strukturelle Faktoren sowie materielle, soziale und Wissensressourcen die Wahlmöglichkeiten von Menschen ein (Giddens 1997). Die neuen Freiräume sind letztlich ungleich nutzbar, Zugehörigkeiten sind strukturell mitbestimmt, und sie werden auch von außen zugeschrieben. All dies prägt auch das Altern (von Kondratowitz 2007) und wird sich zunehmend in den Altersheimen bemerkbar machen. Das Altersheim als Versorgungssetting wirkt einerseits auf den ersten Blick homogen: Es umfasst Bewohnende, welche sich alle durch fortgeschrittenes Alter und körperliche und/oder kognitive Beeinträchtigungen auszeichnen. Aufgrund höherer Lebenserwartung und längerem Verbleib zu Hause nehmen die Komplexität der Pflege- und Betreuungsbedarfe zu und die Möglichkeiten zur selbstbestimmten Gestaltung ab. Heime übernehmen die Gestaltung der Lebenswelt, und deshalb gerät die auch unter Bewohnenden zunehmende Vielfalt etwas aus dem Blick. Kennzeichnend für das Setting Heim ist andererseits eine hohe Diversität unter den Pflegenden, nicht nur bezüglich beruflicher Qualifikation, sondern insbesondere auch im Hinblick auf Migrationshintergrund, was das Heim zu einem hochdiversen Umfeld macht (Liewald 2012). In den Gesundheitswissenschaften werden verschiedene Begriffe gebraucht, um die Vielfalt individueller Lebenslagen und deren Ungleichheitsdimensionen zu fassen. Ungleichheit interessiert dabei insbesondere dann, wenn sie potenziell negative Konsequenzen auf die Gesundheit hat, also wenn es um Benachteiligungen und Vulnerabilitäten geht. 1.2

Ungleichheiten in der Vielfalt

Die Begriffe Benachteiligung und Vulnerabilität nehmen soziale Positionen mit eingeschränkten Wahlmöglichkeiten in den Blick, jedoch aus unterschiedlichen Positionen. Damit setzen sie auch unterschiedliche Schwerpunkte. Vulnerabilität (Streich 2009; Biller-Andorno et al. 2015) fokussiert auf die Verletzlichkeit einer Person und hat damit implizit eine Tendenz, diese als Opfer darzustellen und deren Handlungsmächtigkeit zu vernachlässigen (Streich 2009). Ressourcen stehen hier zu wenig im Blick – wobei eine Überbetonung individueller Ressourcen ebenso die Gefahr birgt, die Verantwortung für Lebenslage und Gesundheit dem Individuum zuzuschreiben und strukturelle Faktoren zu vernachlässigen. Der Begriff der Benachteiligung fokussiert auf die strukturellen Faktoren und damit auf die Auswirkungen von Ungleichheit bspw. auf die Gesundheit von Einzelnen (Stamm und Lamprecht 2009). Benachteiligung als Begriff verweist somit explizit auf gesellschaftliche Faktoren, die Ungleichheit verursachen, und trägt damit auch die politische Frage nach der kollektiven Verantwortung in sich (Streich 2009; Stamm und Lamprecht 2009). Im Alter wirken strukturelle Ungleichheiten nach, ja sie können sogar kumulieren, denn soziale Determinanten der Gesundheit wie bspw. Armut, Arbeitsverhältnisse,

Diversität im stationären Pflegealltag

253

Umweltbelastungen führen zu früherem körperlichem Altern und schlechterer sozialer und ökonomischer Absicherung (vgl. dazu die Beiträge in Teil II, Kapitel 2 i. d. B.). Darüber hinaus kann Alter an sich als eine Benachteiligung betrachtet werden, die allerdings auch sozialstaatlich abgesichert wird: durch Renten und Kranken-/Pflegeversicherungen, unabhängig von individuell zur Verfügung stehenden Ressourcen (vgl. dazu die Beiträge in Teil II, Kapitel 1 i. d. B.). Als Institutionen mit umfassendem Versorgungsauftrag können Heime auch als geeignete Massnahme betrachtet werden, um eine für alle zugängliche Rundum-Versorgung für komplexe Pflege- und Betreuungsbedarfe im Alter zu sichern. 1.3

Diversität und wohlfahrtsstaatliche Versorgungssysteme

Gegenwärtig wird der Zugang zu sozialen Sicherungssystemen und wohlfahrtsstaatlichen Leistungen über die Zugehörigkeit zum Nationalstaat reguliert. Sein System wohlfahrtsstaatlicher Leistungen ist der relevante Bezugsrahmen, um die Bedeutung von Diversität im Kontext pflegerischer oder sozialarbeiterischer Versorgung zu erfassen. Denn angesichts der Herausforderungen pluraler Gesellschaften ist das wohlfahrtsstaatliche Versorgungssystem gefordert, individualisierte Angebote zur Verfügung zu stellen, für alle Mitglieder einer Gesellschaft, unabhängig von ihrer Lebensgestaltung und Lebenslage. Herausfordernd ist dies für den Wohlfahrtsstaat, weil dieser ursprünglich auf eine uniforme one-size-fits-all-Versorgung gesetzt hat und sich dabei eine gewisse Diversitätsblindheit etabliert hat (Cattacin et al. 2013, S. 250). Gesellschaften beinhalten aber eben auch Ungleichheit, die sich auf die Chancen für ein sicheres und gesundes Leben sowie auf die Nutzung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen auswirken kann. Das Streben nach einer diversitätsgerechten Versorgung hingegen fokussiert oft auf Gruppen, die als besonders benachteiligt gelten, wie bspw. Migrant/-innen, Menschen mit Behinderung oder alleinerziehende Mütter. Diese Bemühungen laufen durch die ‚Besonderung‘ jedoch Gefahr, neue Ungleichheiten zu kreieren und bestimmte Personengruppen zu stereotypisieren (Cattacin et al. 2013). Die wohlfahrtsstaatliche Perspektive hat sich also von einer Blindheit gegenüber Unterschieden hin zu einer Reifizierung von bestimmten Ungleichheiten bewegt. Die wohlfahrtsstaatliche Herausforderung besteht nun darin, a) die Diversität nicht differenziert genug zu erfassen und b) die Leistungen nicht ausreichend auf die Vielfältigkeit ausrichten zu können. Diese Herausforderung spiegelt sich auch in jeder einzelnen Interaktion zwischen Akteur/-innen des Wohlfahrtsstaats und Klient/-innen wider: Wie können die Besonderheiten einzelner Menschen berücksichtigt werden, ohne diese unnötig zu ‚besondern‘ ? Der Begriff Diversität bietet hier einen Ausweg, indem er nicht a priori auf spezifische Ungleichheitsdimensionen oder Vulnerabilitäten fokussiert.

254

1.4

Eva Soom Ammann

Diversität anerkennen

Diversität bezeichnet zunächst einmal (horizontal angeordnete) Verschiedenheit, ohne a priori auch Ungleichheit (also vertikal angeordnete Verschiedenheit) mitzu­ denken. Im Kontext organisationstheoretischer Überlegungen entwickelt, spricht der Begriff Diversität zunächst die Vielfalt von Mitgliedern einer Organisation an, die es im Rahmen eines Diversity Managements anzuerkennen und als kreatives wie auch effizienzsteigerndes Potenzial zu nutzen gilt (Heite 2008). Auch öffentliche und Non-Profit-Organisationen haben den Begriff des Diversity Managements übernommen  –  im Hinblick auf Mitarbeitende wie auch die anvisierte Klientel – und dem Diversitätsbegriff damit eine stärkere Fokussierung auf Chancengleichheit und das Vermeiden von Diskriminierung gegeben (Purtschert 2007; Ehret 2011). Dimensionen wie Geschlecht, Alter oder Behinderung stehen hier besonders im Fokus, aber auch Migrationshintergrund, Bildungsstand, religiöse Zugehörigkeit, sexuelle Orien­ tierung und Armut. Es werden Maßnahmen ergriffen, um Diversität in der Organisation anzuerkennen und zu fördern. In der Kritik steht dieser Ansatz jedoch wegen der Gefahr der Negierung von strukturellen Ungerechtigkeiten (bspw. Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern) sowie der positiven Diskriminierung von Andersartigkeit (bspw. Zuschreibung von Bedürftigkeit aufgrund von fortgeschrittenem Alter oder körperlicher Behinderung) (Purtschert 2007; Heite 2008; Ehret 2011; Mecheril und Plösser 2011). Ungleichheiten sind nicht a priori gegeben, sondern sozial konstruiert und in Machtverhältnisse eingebunden. Massnahmen zur Berücksichtigung von Diversität können somit bestehende Machtverhältnisse verfestigen. Sie können Zuschreibungen aufdrängen, die von den ‚Betroffenen‘ nicht gewollt sind. Kategorisieren ist so gesehen zwar nötig, um Diversität zu erkennen, zu verstehen und zu handhaben, aber es ist gleichzeitig auch notwendig, deren Macht- und Diskriminierungsdimensionen kritisch zu hinterfragen. 1.5

Intersektionalität: komplexe Verschränkungen von Ungleichheiten

Wie Diversitäten Ungleichheiten produzieren, steht beim Intersektionalitätsansatz (Winker und Degele 2009; Walgenbach 2012) im Fokus, der zunehmend auch in den Gesundheitswissenschaften aufgegriffen wird (Lopez und Gadsden 2016; Kapilashrami und Hankivsky 2018). Entstanden in den USA als kritische Reaktion auf feministische und neomarxistische Ansätze, führte der Ansatz race als weitere Ungleichheitsdimension neben class und gender ein (Crenshaw 1991). Zentral ist die Frage, wie verschiedene Dimensionen miteinander interagieren und damit Ungleichheiten verstärken oder abschwächen können. Die kritische Auseinandersetzung mit vermeintlich klaren Ungleichheitsdimensionen und der explizite Fokus auf Machtfragen wurde auch im deutschsprachigen Raum aufgegriffen, und US-geprägte kategoriale

Diversität im stationären Pflegealltag

255

Bezeichnungen wurden auf Konzepte wie Geschlecht, SES (sozioökonomischer Status) und Migration/Ethnizität angepasst (Klinger 2003; Knapp 2005). Der Intersektionalitätsbegriff überzeugt durch seinen klaren Fokus auf Diskriminierung, indem Ungleichheiten zwischen und innerhalb von Diversitätsdimensionen und deren gegenseitige Beeinflussung im Fokus stehen. Ungleichheiten addieren sich nicht einfach, sondern sie überschneiden sich in komplexer Weise. Diversität ist unter einer Intersektionalitätsperspektive also situativ immer wieder anders von Bedeutung, und sie ist auch immer mit Macht, Unterdrückung und Normierung verbunden, was wiederum soziale Strukturen, Praktiken und Identitäten reproduziert (Walgenbach 2012). Für die Gesundheitswissenschaften ist daran bestechend, dass einerseits eine kritische Sichtweise auf soziale Kategorien und deren Wirkungsweise in Form ein- und ausschließender Mechanismen gefördert wird. Andererseits müssen einfache Erklärungsansätze differenziert werden, welche die Schuld für ungünstiges Gesundheitsverhalten und gesundheitliche Einschränkungen den Betroffenen zuschreiben – sei es aufgrund von Verhalten, vermeintlich ‚naturgegebener‘ Gruppenzugehörigkeit oder genetischer Disposition (Lopez und Gadsden 2016). Menschen haben eine gewisse Handlungsmacht, aber immer innerhalb von Strukturen und Machtverhältnissen, die sie nicht selbst geschaffen haben und die sie auch nicht allein verändern können. Dennoch sind Strukturen und Machtverhältnisse nicht naturgegeben, sondern von Menschen gemacht und dadurch auch langfristig wandelbar. Das bedeutet wiederum, dass dieser Wandel steuerbar ist. Als politische Leitlinie für diese Steuerung hat sich, in Anlehnung an das von der WHO (1986) formulierte Ziel der health equity, der Fokus auf Chancengleichheit durchgesetzt (für die Schweiz bspw. Weber und Salis Gross 2018). Die chancengleiche Ausgestaltung von Gesundheitsversorgung (siehe auch Soom Ammann 2017; Soom Ammann und Salis Gross 2011) fokussiert u. a. auf die Kompetenzen der Fachpersonen. Wie sich dies in der stationären Langzeitpflege für Menschen im Alter konstituiert, soll nun in den Blick genommen werden.

2

Diversität und Ungleichheit in der Praxis stationärer Pflege

2.1

Diversität im Heim: komplexe Interaktionsanforderungen

Das Setting Heim kann als chancengleich zugänglich betrachtet werden, es steht meist allen offen, die es brauchen, doch wirkt es auf den ersten Blick recht homogen. Heimbewohnende wählen diese Versorgungsform in der Regel nicht aus freien Stücken, sie brauchen viel Pflege und Betreuung, haben wenig Freiraum zur Selbstbestimmung und erhalten eine Versorgung, die im Rahmen eines stark reglementierten Tagesablaufs und unter Ressourcendruck normiert wird.

256

Eva Soom Ammann

Herausforderungsreich ist es für Heime, innerhalb des reglementierten institutionellen Rahmens und angesichts der erhöhten Abhängigkeit und eingeschränkten Handlungsmacht der Bewohnenden individuelle Diversitäten im Alltag zu berücksichtigen, gerade auch weil die Versorgung im institutionellen Kontext Heim so stark gleichmachend wirkt. Anders als in anderen Settings geht es in der Heimversorgung darum, den Bewohnenden in ihrer abhängigen Situation möglichst viel Lebensquali­ tät und Würde zuzugestehen. Die Berücksichtigung von individuellen Vorlieben und Bedürfnissen ist dabei erklärtes Ziel, und das Heimsetting bietet aufgrund seiner umfassenden Zuständigkeit für die Lebensgestaltung und der meist längerdauernden Versorgungsprozesse auch Raum dafür (Rauber et al. 2019). Wie aktuelle Forschung zum Umgang mit Diversität im Heimalltag (Soom Ammann et al. 2016, 2018, 2019) zeigt, ist es hoch anspruchsvoll, im Rahmen einer auf Vereinheitlichung ausgerichteten Institution individuelle Diversitäten zu berücksichtigen und Ungleichheiten in der Pflege und Betreuung zu erkennen. Der ethnografische Blick von außen auf das alltägliche Interaktionsgeschehen, das in besagtem Forschungsprojekt im Zentrum stand, hatte das Potenzial, Konstruktionen von Diversität und Ungleichheit in Interaktionen zwischen Pflegenden und Heim­ bewohnenden zu beobachten und in Handlungsketten und institutionelle Strukturen einzuordnen. Bewohnende des Heims sind vielfach in ihrer Handlungs- und Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt. Fachpersonen verhalten sich ihnen gegenüber einerseits durchaus diversitätssensibel, d. h. sie berücksichtigen die unterschiedlichen Ressourcen und Bedürfnisse der Bewohnenden in ihren Handlungen. Andererseits entstehen aus dem Bemühen im Umgang mit der Vielfalt doch oftmals auch Differenzen, dies insbesondere dann, wenn die involvierten Personen Werte nicht teilen und Handlungsweisen hinterfragen. In den Interaktionssituationen spielen dabei auch die Angehörigen eine Rolle, die das Handeln der Fachkräfte ebenso stereotyp deuten können wie die Fachkräfte das Handeln der Angehörigen, die ganz andere Vorstellungen haben, wie beispielsweise Situationen am Ende des Lebens zu gestalten sind. Deswegen kann es – trotz grundsätzlicher Diversitätsorientierung – zu missglückten Interaktionen kommen. Was die Norm in Frage stellt, führt zu Irritationen und damit zu Verunsicherungen des professionellen Handelns, die von allen Beteiligten sinnhaft bearbeitet werden müssen. Gelingt es dabei nicht, für alle Involvierten nachvollziehbare Aushandlungen zu führen, prägen diese Erfahrungen zukünftige Interaktionen mit. Und Fachpersonen sind – im Gegensatz zu Angehörigen – wiederholt mit Interaktionssituationen konfrontiert, die interpretiert und gestaltet werden müssen. Darin können sich dann auch stereotype Zuschreibungen verfestigen (siehe bspw. Soom Ammann et al. 2016, S. 127).

Diversität im stationären Pflegealltag

2.2

257

Diversitätskonstruktionen und -irritationen: Einblick in die Praxis einer ‚mediterranen‘ Abteilung

Die beiden Schweizer Heime, in denen wir unsere ethnografische Forschung durchgeführt haben – wir nennen sie Brunnhof und Center Burgallee –, bieten Regelversorgung in mittelgroßen Städten an und befinden sich in Stadtteilen mit heterogener Bevölkerung bezüglich SES und Migrationshintergrund. Die Heime unterscheiden sich dahingehend, dass das Center Burgallee alle Bewohnenden gleich behandelt, während der Brunnhof sich entschieden hat, ein migrationsspezifisches Angebot zu schaffen (Soom Ammann et al. 2018). Auf Initiative von Mi­grant/-innenorganisationen wurde eine von zwölf Wohngruppen in eine sog. mediterrane Abteilung umgewandelt und das Angebot auf mehrheitlich italienische Migrant/-innen ausgerichtet. Die Bezeichnung ‚mediterran‘ soll dabei eine gewisse Offenheit suggerieren und dem Vorwurf entgegenwirken, man schaffe ein exklusives Angebot für eine bestimmte nationale Herkunftsgruppe (ebd.). Anpassungen beziehen sich auf die Einrichtung, die Mahlzeitengestaltung und das soziale Programm. Zudem achtet man darauf, Mitarbeitende einzusetzen, welche Italienisch sprechen und/oder selbst Migrationshintergrund haben. Dahinter steht die Annahme, dass gleiche Sprache und ähnliche biografische Erfahrung es den Fachpersonen ermöglichen, Migrant/-innen adäquater zu pflegen und zu betreuen. Aufgrund von Personalmangel und Organisationslogiken gelingt es jedoch nicht immer, eine entsprechende Personalbesetzung zu garantieren, insbesondere bei Personalausfällen und in Abend- und Nachtschichten. Dies führt dazu, dass die spezifische Qualifikation des ‚Mediterran‘-Seins unter den Mitarbeitenden situativ immer wieder neu verhandelt wird, um zu entscheiden, wer geeignet ist, die Bewohnenden in der ‚mediterranen‘ Abteilung zu versorgen. Die Kategorie ‚mediterran‘ wird so immer wieder adaptiert und bezieht sich auf Sprache, auf Kenntnisse des Sozialisationskontextes der Bewohnenden, aber auch auf zugeschriebene Ähnlichkeiten im Verständnis von Sorgen und dem Umgang mit alten Menschen. Insbesondere letzteres erlaubt es in der Praxis auch, Pflegende mit bspw. südamerikanischem, afrikanischem oder asiatischem Migrationshintergrund ad hoc als besonders geeignet für die ‚mediterrane‘ Versorgung zu deuten. Zugehörigkeitskategorien werden also situativ definiert und adaptiert. Auch im Hinblick auf die Gestaltung eines ‚mediterranen‘ Ambientes in der Abteilung sind permanente Adaptionen und Interpretationen notwendig. Dies zeigt sich beispielsweise bei der Teilnahme als Gruppe bei Heimanlässen (Soom Ammann et al. 2018), beim Essen (van Holten und Soom Ammann 2016), und in der Interaktionsgestaltung zwischen Pflegenden und Bewohnenden, bei denen das Personal sich bemüht, einen informelleren, familiäreren Interaktionsstil als gemeinhin in Schweizer Heimen üblich zu pflegen (Soom Ammann et al. 2018). Dieser kollidiert mitunter mit den professionellen Anforderungen der Distanzwahrung und der Durchsetzung fachlicher Entscheidungen oder institutioneller Regeln. Zudem wird die Art und Weise, wie Pflegende ihr Handeln ‚mediterran‘ gestalten, in der alltäglichen Praxis

258

Eva Soom Ammann

auch in Frage gestellt: Bewohnende und Angehörige, aber auch andere Mitarbeitende, die auf ‚normalen‘ Abteilungen arbeiten, fordern die Adäquatheit ‚mediterraner‘ Pflegepraxis immer mal wieder heraus (van Holten und Soom Ammann 2016; Soom Ammann et al. 2018). Warum kommen die Bewohnenden der mediterranen Abteilung immer demonstrativ zu spät und als Gruppe in den gemeinsamen Veranstaltungssaal ? Ist der Risotto authentisch oder ‚verschweizert‘, darf auch mal die typisch schweizerische Bratwurst serviert werden ? Soll eine ‚mediterrane‘ Bewohnerin mit fortgeschrittener Demenz wirklich vom Personal geduzt und geküsst werden ? Besonders interessant an unseren Forschungsergebnissen war die Beobachtung, dass die Irritationen und Aushandlungen, welche im Brunnhof den ‚mediterranen‘ Alltag prägen, dazu führen, dass Ausnahmesituationen tendenziell diversitätskompe­ tenter gehandhabt werden. In unserer Forschung ließ sich gerade anhand von Ausnahmesituationen am Lebensende zeigen, wie Entscheide über pflegerische und therapeutische Maßsnahmen, aber auch die Gestaltung des Sterbens interaktionsbezogen ausgehandelt werden. Die Praxis des Ausgestaltens von Sterbeprozessen auf der ‚mediterranen‘ Abteilung unterschied sich dabei nicht grundlegend von der übrigen Praxis in den beiden Heimen. Institutionelle Normen des Heimes dominieren hier wie dort (Soom Ammann et al. 2016, 2018). Auffällig war allerdings, dass im Brunnhof bei schwierigen Sterbeverläufen und konflikthaften Situationen, wenn bspw. Angehörige andere Vorstellungen über die Gestaltung des Sterbens hatten als das Personal (für Beispiele siehe Soom Ammann et al. 2016), kaum pauschalisierend Bezug genommen wurde auf Diversitätskategorien wie bspw. den Migrationshintergrund oder den ‚Kulturunterschied‘, sondern vielmehr auf die individuelle Charakteristik der Familie – und dies in einem Kontext, der im Rahmen alltäglicher Lebensgestaltung ‚Mediterranität‘ inszeniert und dabei durchaus auch sehr stark stereotypisiert (Soom Ammann et al. 2016, S. 128; Soom Ammann et al. 2018). Es scheint, als wäre das Personal im Brunnhof – ähnlich wie in anderen Heimen, die eine ‚mediterrane‘ Abteilung führen – geübt im Aushandeln von Diversität, geübt im Umgang mit der Ungenauigkeit und Situationsbezogenheit von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, und damit auch geübt darin, unterschiedliche Positionen einzunehmen und Standpunkte zu relativieren. Die wiederholte Praxis des Aushandelns von Gemeinsamkeiten und Unterschieden führt also offenbar dazu, dass die Mitarbeitenden sowie auch die Organisation als Ganzes diversitätsgeübter ist. Anders-Sein wird nicht einfach nur auf Migrationshintergrund reduziert, Diversitäten werden vielfältig berücksichtigt. Praktische Erfahrung im Umgang mit Irritationen scheint damit ein zentrales Element diversitätssensitiver professioneller Haltung zu sein. Die Ergebnisse der Forschung zeigen mit Blick auf die spezifische Form der ‚mediterranen‘ Pflege auf, wie hochkomplex es grundsätzlich ist, als Fachperson diversitätssensitiv zu handeln. Gerade der ethnografische Blick auf alltägliche Praxis zeigt dabei Schwächen von Konzepten professionellen Handelns wie Personenzentriertheit oder transkulturelle Kompetenz auf, welche gut etabliert und breit in Aus- und Weiterbil-

Diversität im stationären Pflegealltag

259

dung implementiert sind. Gleichzeitig liegt in der kritischen Reflexion solcher Konzepte auch die Chance auf deren Weiterentwicklung und bessere Implementierung in die alltägliche Praxis von Fachpersonen (vgl. Horn et al. i. d. B.). Die Verschränkung der Konzepte Diversität und Intersektionalität ist dabei besonders fruchtbar. 2.3

Diversitätskompetenz in der Interaktion

Das Potenzial der Diversitäts-Brille liegt gerade im Gesundheitsbereich darin, nicht a priori wertend und kategorisierend zu sein. Fachpersonen können in der Interak­ tion mit Betroffenen auf Verschiedenartigkeit hin sensibilisiert werden, ohne gleich eine bestimmte Bedürftigkeit – zum Beispiel als Migrantin, als Behinderter oder als betagte Person – vorauszusetzen. Denn es soll Aufgabe einer professionellen Interaktion sein, zuerst unvoreingenommen zu klären, welche Diversitätsdimensionen in der konkreten Situation überhaupt wirksam sind und damit auch vertikale, d. h. hierarchische Ungleichheit produzieren. Interaktionssoziologisch betrachtet muss jede Situation von den Beteiligten immer wieder neu interpretiert und sinnhaft gestaltet werden, und dazu ist es auch notwendig, das Gegenüber zu deuten. In sozialen Kategorien zu denken, ist dazu unerlässlich. Genau hier aber vollzieht sich das Zuschreiben von Gleichheit oder Andersartigkeit, und darin liegt die potenzielle, wenn auch nicht beabsichtigte Gefahr von Diskriminierung durch implizite Zuschreibung. Dies ist menschlich und Bestandteil jeglicher alltäglichen Interaktion. Aufgabe von Fachpersonen ist es, hier reflektiert zu sein, sich dieser Mechanismen bewusst zu werden und Zuschreibungen wiederholt zu hinterfragen – die eigenen und die des Gegenübers. Mit den Konzepten der transkulturellen Kompetenz (Domenig 2007) und der Personenzentriertheit (McCormack und McCance 2006) verfügen Gesundheitspro­ fessionen bereits über Reflexionsmodelle, die essenziell zur Diversitätssensibilität beitragen können. Personenzentriertheit – im Sinne einer expliziten Fokuslegung auf individuelle Besonderheiten des Gegenübers – ist in der Pflege oft postulierter Teil des professionellen Selbstverständnisses. Aus interaktionssoziologischer Sicht ist dafür Kommunikation nötig, also ein partizipatives Erschließen und ggf. auch Aushandeln der Bedeutung verschiedener Diversitätsdimensionen für die gegenwärtige Interak­ tionssituation. Personenzentriertheit zu berücksichtigen, fällt leichter, wenn man sich in bekannten Gefilden bewegt. Dies zeigt eine Studie bei schwedischen Fachpersonen in der Palliative Care (Torres et al. 2016). Geht es hingegen um Unbekanntes, um Fremdes, so ist die Schlussfolgerung nicht weit, dass der Fachperson die entsprechenden Kompetenzen fehlen, um Klient/-innen adäquat zu verstehen. Transkulturelle Kompetenz wiederum fokussiert speziell den Umgang mit Migrierten (also dem offensichtlich Fremden). Sie hat ihrerseits das Potenzial, Diversi­ tät breiter zu reflektieren und damit spezifische Verschränkungen von Ungleichheits­ dimensionen und deren ein- resp. ausschließende Wirkung zu erkennen. Die drei

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zentralen Elemente der narrativen Empathie, der Selbstreflexion und des Hintergrundwissens (Domenig 2007, S. 175) strukturieren diversitätskompetente ge­nauso wie transkulturelle Interaktion. Geschicktes Fragen und Zuhören (narrative Empa­ thie), Wissen zu strukturellen und sozialen Zusammenhängen (Hintergrundwissen) ebenso wie die Entwicklung eines Bewusstseins für die eigene soziale Positionalität und deren Wirkung auf die Interaktionssituation (Selbstreflexion) ermöglichen es, die Zuordnung des Gegenübers in Diversitätskategorien informiert, differenziert und reflektiert vorzunehmen. Partizipative Einbindung des Gegenübers gelingt, wenn diese Prinzipien auch kommunikativ umgesetzt werden. Eine besondere Herausforderung liegt im Kontext Heim allerdings darin, dass das Gegenüber oft in seiner Handlungsmacht und ggf. auch in seiner Fähigkeit zu kommunizieren und damit Bedeutungen auszuhandeln eingeschränkt ist – insbesondere bei demenziellen Erkrankungen und am Lebensende. Fachpersonen sind im Heim deshalb stärker als in anderen Interaktionen gezwungen zu interpretieren (Soom Ammann et al. 2016). Hilfreich kann es hier sein, die eigene Interpretation gezielt mit den Interpretationen anderer Beteiligter – Fachpersonen oder Angehörige – abzugleichen. Sichtweisen zu erfragen und Bedeutungen auszuhandeln sind somit bewährte Hilfsmittel zur diversitätssensitiven Interaktionsgestaltung – idealerweise direkt mit den Betroffenen, und wenn das nicht uneingeschränkt möglich ist, zumindest mit anderen Involvierten. 2.4

Potenzial der intersektionalen Perspektive auf Diversität

Dieser Beitrag plädiert für eine Perspektive auf Diversität, die eine Abkehr von dichotomen Zuordnungen in Vertrautes und Fremdes und eine Öffnung hin zu den Vielfältigkeiten dazwischen anstrebt. Dabei bleibt aber von entscheidender Bedeutung, dass auch moderne demokratische Gesellschaften immer durch Machtstrukturen, durch Ein- und Ausschluss gekennzeichnet sind. Pluralisierte Gesellschaften zeichnen sich gerade dadurch aus, dass solche Macht- und Herrschaftsdynamiken nicht klar lokalisierbar, sondern in komplexer Weise in gesellschaftliche Strukturen eingewoben sind und dadurch auch individuelles Handeln formen. Der gegenwärtig breit propagierte Fokus auf Diversität muss deshalb immer auch unter der Perspektive intersektionaler Ungleichheits- und Diskriminierungskonstellationen verstanden werden. Das große Potenzial der Verbindung beider Konzepte – Diversität und Intersektionalität – liegt meines Erachtens für die tägliche Arbeit von Fachpersonen darin, dass einerseits ein unvoreingenommener Blick auf horizontale Verschiedenartigkeiten gefördert wird, dieser gleichzeitig aber immer auch mit der Sensibilisierung für vertikale, Ungleichheit produzierende Konstellationen verbunden wird. Wichtig ist dabei, dass Differenzkategorien hinsichtlich ihrer möglichen Wirkung nicht vorab feststehen, sondern je nach Situation aktiviert werden. Daraus folgt: Es gibt keine allgemeingültigen Rezepte. Vielmehr stellen (Selbst-)Reflexion und narrativ-empathische Kommunika-

Diversität im stationären Pflegealltag

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tion unter diesem Gesichtspunkt die zentralen professionellen Fähigkeiten für eine diversitätsgerechte Interaktion dar. Organisationsstrukturen, die Räume für Refle­ xion und Aushandlung schaffen und den Zugang zu Wissen über gesellschaftliche Zusammenhänge fördern, tragen ihrerseits entscheidend zum professionellen Umgang mit Diversität bei. Im Altersheim ist diversitätssensitive Versorgung besonders herausforderungsreich aufgrund der institutionellen Wohnform, welche zu Normierung tendiert, aufgrund zunehmend vielfältig eingeschränkter Bewohnerschaften sowie aufgrund der hohen Heterogenität unter Fachpersonen (Liewald 2012; Soom Ammann et al. 2016, 2018). Besondere Aufmerksamkeit braucht es in diesem Umfeld nicht nur, um den in ihrer Handlungs- und Bestimmungsmacht eingeschränkten Bewohnenden soweit möglich Kommunikations- und Mitgestaltungsmöglichkeiten zuzugestehen. Aufgrund der Interpretationsanforderungen und der hohen Gestaltungsmacht der Fachpersonen im Setting Heim braucht es zudem eine besonders ausgeprägte Reflexivität, und es braucht dazu formale Rahmenbedingungen, um eine konsistente Haltung im Heim zu fördern (Liewald 2012). Empirische Forschung (Soom Ammann et al. 2016, 2018, 2019) deutet darauf hin, dass gerade dieses wiederholte Reflektieren und Aushandeln zu insgesamt diversitätskompetenteren Organisationen führt, in denen herausfordernde Situationen nicht stereotypisiert, sondern differenziert gehandhabt werden.

Ausgewählte Literatur Cattacin, Sandro, Antonio Chiarenza und Dagmar Domenig. 2013. Equity standards for healthcare organisations: a theoretical framework. In Diversity and Equality in Health and Care 10: 249 – ​258. Soom Ammann, Eva, Gabriela Rauber und Corina Salis Gross. 2019. ‚Doing Death‘ the Mediterranean way: end-of-life in a segregated nursing home. In Mortality 24. Heft 3: 271 – ​289. doi: 10.1080/13576275.2018.1483906. Liewald, Katharina. 2012. Diversität in Alters- und Pflegeheimen. Wegleitung für Führungspersonen und Mitarbeitende der stationären Langzeitpflege. Wabern: Schweizerisches Rotes Kreuz. www.redcross.ch/de/shop/praxisreihe-im-fokus-gesundheit-migration-integration/diversitat-in-alters-und-pflegeheimen. Zugegriffen: 10. September 2018.

Advokatorische Ethik in der Sozialen Arbeit mit alten Menschen Micha Brumlik

1

Vorbemerkung

Thema der advokatorischen Ethik (vgl. Brumlik 2017) sind die Prinzipien des bildenden, erziehenden und beschützenden Umgangs mündiger Menschen mit Menschen die entweder ‚noch nicht‘ oder ‚nicht mehr‘ mündig sind. Tatsächlich wird die Frage nach einer ethisch verantworteten Sozialen Arbeit in einer alternden Gesellschaft immer dringlicher. 2014 hat Katharina Gröning diese Thematik zunächst am Zusammenhang von Alter und Scham entfaltet, um darauf aufbauend Grenzsituationen in der Pflege alter Menschen unter dem Titel „Entweihung und Scham“ (Gröning 2014) zu analysieren. Jahre später schreibt Cornelia Schweppe: „Gewalt in der Pflege wurde – auch im internationalen Kontext – in vielen Studien dargelegt […] und gehört zu einem der zentralen Missstände in der Pflege alter Menschen. Viele Studien zeigen, dass Gewalt in der Pflege keineswegs nur Einzelfälle betreffen, sondern ein weitverbreitetes Phänomen ist und zudem von hohen Dunkelziffern auszugehen ist. Dies betrifft sowohl die Pflege in Privathaushalten als auch in stationären Pflegeeinrichtungen.“ (Schweppe 2019, S. 341)

Entsprechend sind in den USA schon seit längerem als Reaktion auf die Vernachlässigung und den Missbrauch alter Menschen (vgl. Ernst 2019) schützende Dienstleistungen (Stein 2019) für Alte entwickelt worden, während das Thema des Gewaltschutzes und der Gewaltpotenziale zumal in Privathaushalten in Deutschland an Prominenz gewinnt (vgl. Schweppe 2019; Horn und Schweppe 2019; vgl. auch Yardley und Gröning i. d. B.). All diese Konzepte sind – ohne das philosophisch zu begründen – Formen einer institutionellen Umsetzung advokatorischer Ethik. Tatsächlich hat sich das Programm einer advokatorischen Pädagogik weniger aus einer bestimmten pädagogischen Problematik denn aus einem Begründungsproblem © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_22

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Micha Brumlik

philosophischer Ethik heraus entwickelt. An diese Begründungsproblematik ist in einem ersten Schritt zu erinnern, um dann zweitens – nach einem Exkurs – in einem dritten Schritt zu entfalten, warum genau diese Argumentationsfigur besonders gut dazu geeignet ist, ethische Probleme pädagogischen – hier pädagogischen Handelns mit alten, in manchen Fällen nicht mehr mündigen Menschen – angemessen darzu­ stellen und auch einer Lösung näher zu bringen. Dabei wird sich schließlich zeigen, dass der zumal juristische, genauer gesagt der forensische Assoziationsspielraum des Begriffs in gewisser Weise in die Irre führt und es womöglich sinnvoller ist, von einer ‚vormundschaftlichen‘ Pädagogik oder eben Ethik zu sprechen bzw. nach einer ganz anderen Metapher zu suchen.

2

Begründungsfragen

Programm und Begriff einer advokatorischen Ethik sind im Rahmen des eben angesprochenen Begründungsdiskurses entstanden, der – anders als die letztlich intuitionistischen Ansätze vor allem der verschiedenen Spielarten des ‚Utilitarismus‘ (Ritter et al. 2001) – das besondere Problem moralischer Prinzipien in ihrer intersubjektiven Begründbarkeit und Legitimierbarkeit sieht. Als gültig dürfen demnach – so haben das bei allen weiteren Unterschieden die Diskursethiker Karl Otto Apel und Jürgen Habermas gesehen – nur solche moralischen Prinzipien, Normen oder auch Handlungen gelten, die von allen möglicherweise Betroffenen gebilligt werden könnten (vgl. Apel 1987; Habermas 1991). Diese nachträgliche, geradezu virtuelle Billigung, die Zustimmung unterstellt, ohne dass sie doch tatsächlich vorliegt, diese Billigung aber verweist auf den grundsätzlich intersubjektiven Charakter aller moralischen Prinzipien und Normen: Für Apel und Habermas sind es die so nur der Gattung Mensch eigenen, je kontrafaktisch erhobenen Ansprüche der menschlichen Sprache innewohnenden Geltungsansprüche auf Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Verständlichkeit, die zugleich den transzendentalen Grund einer minimalen, unbestreitbaren Moral darstellen: Transzendentale Gründe aber sind nach Apel (1987) Gründe, die ohne Zirkel bzw. unendlichen Regress auch argumentativ nicht weiter erläutert werden können. Hauptfigur dieser Begründungsart ist der so genannte performative Widerspruch: Menschen können redend und argumentierend nicht bestreiten, dass es im Argumentieren um begründetes Überzeugen geht. Das Problem, um das es einer advokatorischen Ethik geht, stellt sich nun bei einer für lange Zeit für selbstverständlich gehaltenen Annahme bzw. Frage: wer nämlich die idealen Teilnehmer jenes Diskurses sind, der Normen und Prinzipien legitimiert, kurz, wer die moralisch bedeutsamen, zu beteiligenden Subjekte sind und zwar in zweierlei Hinsicht: als Subjekte des Handelns und – in undramatischer Weise  – als Subjekte des Erleidens, des Erfahrens der Handlungen anderer. Bei Kant –  darauf ist zurückzukommen – war hier noch allgemein von Vernunftwesen die Rede, später sprach man von Subjekten, bis schließlich – über Umwege – spätestens im

Advokatorische Ethik in der Sozialen Arbeit mit alten Menschen

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20. Jahrhundert von Personen die Rede war: ein Begriff, der je nachdem, ob er aus der neuthomistischen, der kantianischen oder der analytischen Tradition kommt, unterschiedlich aufgeladen ist. Als Handlungssubjekte werden vor allem der Sprache, der Empathie und der Reflexion der Zukunft fähige Angehörige der biologischen Gattung homo sapiens angesehen, während die Gruppe von moralischen Prinzipien oder Handlungen möglicherweise betroffener Wesen sehr viel umfangreicher ist: Sie beginnt mit anderen mündigen Menschen, erweitert sich um nicht-mündige Menschen bis zu Menschen, die weder gezeugt noch geboren sind, bis zu Tieren und anderen Lebewesen und reicht – mindestens nach Maßgabe der intelligenten science fictionLiteratur – bis zu intelligenten und empfindsamen Maschinen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie per definitionem weder im realen noch im idealen Fall als die, die sind oder sein werden, bei der Begründung moralischer Handlungen oder Prinzipien beteiligt werden können: Ihre denkbaren oder möglichen Interessen müssen auch und sogar im nichtempirischen Begründungsdiskurs von den mündigen Personen wahrgenommen werden. Das ist zu unterstreichen: Ihre Interessen müssen – wenn denn das intersubjektive, universalistische Begründungsprogramm sich selbst ernst nehmen soll – stellvertretend wahrgenommen werden, andernfalls ist dieses Programm als universalistisches nicht durchzuhalten. Diese Problematik entsteht – und darauf sei besonders verwiesen – systematisch noch vor oder spätestens gleichzeitig mit dem so genannten Paternalismusproblem, sie stellt eine begriff‌lich-analytische Implikation des universalistischen Anspruchs dar – und zwar mindestens mit der Unterstellung, dass alle Angehörigen der Gattung sich an diesem Begründungsmodus, so sie es denn könnten, beteiligen würden. Da dies nun freilich empirisch weder der Fall ist noch jemals wird sein können, müssen deren Interessen und Meinungen entweder mit Gründen vernachlässigt bzw. hypothetisch bzw. – wie es dann genannt wird – ‚advokatorisch‘ mit berücksichtigt werden. Das advokatorische Problem bricht in aller Schärfe erst dann auf, wenn man zu teleologischen Überlegungen zurückkehrt, nämlich zu den Fragen der in einer Gesellschaft jeweils möglichen und denkbaren Erziehungsziele. Lassen sich für Gesellschaften unseres Typs Zustände von Personen benennen, die als Ziele des Erziehungsund Behütungsprozesses – sofern möglich – von den Verantwortlichen auf jeden Fall anzustreben sind ?

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Exkurs: Was heißt Würde ?

Aber was ist genau ‚Würde‘ ? Es scheint, als sei das Prinzip der ‚Menschenwürde‘ zunächst in der italienischen Renaissance entfaltet worden, etwa bei Pico della Mirandola (1463 – ​1494) mit seinem gleichnamigen Traktat „De dignitate hominis“ („Über die Würde des Menschen“) (della Mirandola 2001) oder bei Giannozzo Manetti (1396 – ​ 1459) (Manetti 1990). Es war nach einer längeren Rezeptionsphase dieses Begriffs (vgl.

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Brandhorst 2017) schließlich die kosmopolitische Philosophie der deutschen Aufklärung, zumal Immanuel Kants (vgl. Sensen 2017), die die nach dem Nationalsozialismus geschaffene deutsche Verfassung, das Grundgesetz, wesentlich geprägt hat. Als oberstes Prinzip der Tugendlehre weist Kant in der Metaphysik der Sitten folgendes aus: „Nach diesem Prinzip ist der Mensch sowohl sich selbst als andern Zweck und es ist nicht genug, dass er weder sich selbst noch andere bloß als Mittel zu brauchen befugt ist, sondern den Menschen überhaupt sich zum Zwecke zu machen, ist des Menschen Pflicht.“ (Kant 1968a, S. 526).

Einen Menschen als Zweck seiner selbst zu betrachten, bedeutet, ihn in mindestens drei wesentlichen Dimensionen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, zu tolerieren, sondern auch anzuerkennen, d. h. nicht nur hinzunehmen, sondern zu bejahen in den Dimensionen körperlicher Integrität, personaler Identität und soziokultureller Zugehörigkeit. Dieser Anerkennung korrespondiert ein Demütigungsverbot. Das Demütigungsverbot aber bezieht sich auf die ‚Würde‘ eines Menschen. Diese ‚Würde‘ eines Menschen ist der äußere Ausdruck seiner Selbstachtung, also jener Haltung, „die Menschen ihrem eigenen Menschsein gegenüber einnehmen, und die Würde ist die Summe aller Verhaltensweisen, die bezeugen, dass ein Mensch sich selbst tatsächlich achtet“ (Margalit 1999, S. 72). Diese Selbstachtung wird verletzt, wenn Menschen die Kontrolle über ihren Körper genommen wird, sie als die Person, die sie sprechend und handelnd sind, nicht beachtet oder ernst genommen bzw. wenn die Gruppen oder sozialen Kontexte, denen sie entstammen, herabgesetzt oder verächtlich gemacht werden. Die Verletzung dieser Grenzen drückt sich bei den Opfern von Demütigungshandlungen als Scham aus (vgl. Brumlik 2002). Entsprechend gibt es eine absolute Scham. In Primo Levis kristallklarem und nüchternem Bericht über seine Haft in Auschwitz wird den Erfahrungen absoluter Entwürdigung Rechnung getragen; der Ausdruck von der ‚Würde des Menschen‘ bzw. der ‚Menschenwürde‘ gewinnt vor dieser Kulisse von Auschwitz eine gebieterische und einleuchtende Kraft: „Mensch ist“, so notiert Levi für den 26. Januar 1944, einen Tag vor der Befreiung des Lagers „wer tötet, wer Unrecht zufügt oder erleidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als […] der grausamste Sadist.“

Unter diesen Bedingungen schwindet dann auch die natürliche Neigung zur Nächstenliebe. Levi fährt fort:

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„Ein Teil unseres Seins wohnt in den Seelen der uns Nahestehenden: darum ist das Erleben dessen ein nicht-menschliches, der Tage gekannt hat, da der Mensch in den Augen des Menschen ein Ding gewesen ist.“ (Levi 1986)

Mit dem Begriff der ‚Würde des Menschen‘ wird lediglich ein Minimum angesprochen, der kleinste gemeinsame Nenner nicht von Gesellschaften, sondern von jenen politischen Gemeinwesen, von Staaten, die wir als ‚zivilisiert‘ bezeichnen. Bei alledem ist die Einsicht in die Würde des Menschen nicht auf kognitive, in­tellektuelle Operationen beschränkt, sie ist mehr oder gar anderes: Das Verständnis für die Würde des Menschen wurzelt in einem moralischen Gefühl. Dieses Gefühl ist moralisch, weil es Beurteilungsmaßstäbe für Handlungen und Unterlassungen bereitstellt, es ist indes ein Gefühl, weil es sich bei ihm nicht um einen kalkulatorischen Maßstab, sondern um eine umfassende, spontan wirkende, welterschließende Einstellung handelt. Wer erst lange darüber nachdenken muss, ob einem oder mehreren Menschen die proklamierte Würde auch tatsächlich zukommt, hat noch nicht verstanden, was ‚Menschenwürde‘ ist. Es handelt sich beim Verständnis der Menschenwürde also um ein moralisches Gefühl mit universalistischem Anspruch, das unter höchst voraussetzungsreichen Bedingungen steht: 1) Die Anerkennung der Integrität anderer ist an die Erfahrung eigener Integrität und Anerkennung, die sich in Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung artikuliert, gebunden. 2) Niemand kann Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung entfalten, der nicht seinerseits in allen wesentlichen Bezügen toleriert, akzeptiert und respektiert worden ist. 3) Selbstgefühl, Selbstrespekt und Selbstachtung sind die logischen und entwicklungsbezogenen Voraussetzungen dafür, Einfühlung, Empathie in Anderen entfalten zu können. Daraus folgt, dass das Empfinden für Menschenwürde unter den Voraussetzungen des Akzeptiertseins des Kindes im Sinne des von Erik Erikson (1973) ausgesprochenen Urvertrauens bzw. des von der Psychoanalyse in den Blick genommenen ‚Glanzes im Auge der Mutter‘, also unter Bedingungen einer nicht als fragmentarisch erfahrenen vorsprachlichen Sozialisation ebenso steht wie unter der Bedingung von peer group bezogenen Sozialisationsformen, die Individuierung und Anerkennung ermöglichen: gehaltvolle Freundschaften und individualisierte, romantische Liebe. Aber auch dann ist noch nicht gesichert, dass auch ein Verständnis für Menschenwürde im Allgemeinen gegeben ist – auch unter den genannten Bedingungen ist nicht auszuschließen, dass zwar ein Gefühl für die Würde und Integrität partikularer Gruppen entwickelt wird, die Menschheit als Ganzes, alle Menschen, jedoch noch kein Gegenstand des Respekts geworden sind.

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Nun ist die ‚Würde des Menschen‘ das oberste Prinzip der deutschen Verfassung und hat – wie bereits oben gezeigt – einen langen Vorlauf nicht nur in der deutschen Nationalgeschichte, sondern auch in der Geschichte der (west-)europäischen Moderne seit der Renaissance, spätestens – wie oben gezeigt – seit Pico della Mirandola. „Jeder Mensch“ – so heißt es in Art. 18 der am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – „hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, in der Öffentlichkeit oder privat, durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung von Riten zu bekunden.“ (Vereinte Nationen 1948)

Diese Menschenrechtsgarantie reagiert auf eine Problemlage, die zuerst in den konfessionellen Bürgerkriegen Europas als solche notorisch wurde (tatsächlich bestand sie schon lange vorher) und Ende des 18. Jahrhunderts zum Beispiel bereits von Immanuel Kant prägnant charakterisiert wurde: „Auch sind die sogenannten Religionsstreitigkeiten, welche die Welt so oft erschüttert und mit Blut bespritzt haben, nie etwas anderes, als Zänkereien um den Kirchenglauben gewesen, und der Unterdrückte klagte nicht eigentlich darüber, daß man ihn hinderte, seiner Religion anzuhängen (denn das kann keine äußere Gewalt), sondern daß man ihm seinen Kirchenglauben öffentlich zu befolgen nicht erlaubte.“ (Kant 1968b, S. 768)

Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass das Konzept der ‚Würde des Menschen‘ zumal in seiner Funktion als eines absoluten, weder erläuterungsbedürftigen, noch gar erläuterungsfähigen Grundprinzips der Begründung der Menschenrechte zunehmend in die Kritik geraten ist. So sei das angebliche ‚absolute‘ Prinzip mehrdeutig und unklar, so müsse – so jedenfalls die jüngste Diskussion – auch dieser Begriff wie alle philosophischen Begriffe erläuterbar sein, wenn nicht gar „entsorgt“ (Bittner 2017, S. 91 f.) werden; geschehe aber dies – so vor allem Eva Weber-Guskar – werde der Begriff, werde das Prinzip „kontingent“ und in seinen Voraussetzungen nachvollziehbar (Weber-Guskar 2017, S. 207). Dazu liegen nun eine Reihe von Vorschlägen vor und zwar so, dass zunächst – unter Berücksichtigung der Begriffsgeschichte – zwei Dimensionen, nämlich ‚Status‘ hier und ‚Haltung‘ dort unterschieden werden. Erläutert man den Begriff im Sinne von Status so benennt er eine soziale Position, die im Unterschied zu anderen besondere Achtung, besonderen Respekt gebietet. Betrachtet man den Begriff indes unter dem Gesichtspunkt der Haltung, geht es weniger um die Frage, was von Anderen jeweils an Respekt zu erwarten ist, als darum, was die menschlichen Subjekte selbst tun oder unterlassen, um dem von ihnen gewählten oder zugeschriebenen Status gerecht zu werden. Ein anderer Vorschlag (Steinfath 2017) zielt

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darauf, die jeweilige ‚Würde‘ als Übereinstimmung von Verhalten, Handeln und jeweils gegebenen, persönlichen normativen Erwartungen zu erläutern.

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Würdevolles Alter

In der Sozialen Altenarbeit und in der Pflege hat die advokatorische Ethik einen besonderen Anwendungsbereich, geht es doch hier häufig um Ungeschicklichkeit und körperliche Vergänglichkeit, um Vergesslichkeit bis hin zur Demenz von Klient/-innen, zuweilen auch um die Würde von ‚Nicht-mehr-Mündigen‘ (Gröning und Hei­ merl 2012). Tatsächlich wird der Begriff der ‚Würde‘ seit je mit dem Altern verbunden (vgl. auch Göckenjan i. d. B.). „In Würde altern“ (Stöcker 2017) wurde jedoch vor allem in den vergangenen Jahren zunehmend zum Thema (vgl. u. a. Schulz-Nieswandt 2006; Kohlen 2015). Der ethisch angemessene Umgang mit der zunehmenden Zahl von Menschen mit unterschiedlichen Graden von Demenz hat nicht nur zur Befassung mit Optionen seiner praktischen Umsetzung (vgl. u. a. Kitwood 2008, Feil und de KlerkRubin 2017), sondern auch zu einem neuen Ansatz ethischer Theoriebildung geführt: „Die Persönlichkeitswechsel Demenzbetroffener jedoch können nicht nur besonders drastisch ausfallen, sondern münden irgendwann in einen zumindest graduellen, zuweilen auch gravierenden Verlust von Persönlichkeitsmerkmalen […]. Im Gegensatz zu Embryonen, Feten oder sehr kleinen Kindern verfügen sie aktual durchaus über die Möglichkeit, eine Persönlichkeit auszubilden oder eine zumindest rudimentäre Form von Autonomie auszuüben. Eine andere Frage ist jedoch, ob es sich dabei auch um personale Autonomie handelt, sofern diese an das Vorliegen komplexer kognitiver und planerischer Fähigkeiten gebunden ist Eine angemessene Demenzethik bedarf dementsprechend Graduierungen und Spezifizierungen, differenzierter Erörterungen sowie der Berücksichtigung des individuellen Krankheitsverlaufs.“ (Ringkamp 2018, S. 45)

Dabei hat eine Größe, die seit Neuestem auch in der Erziehungswissenschaft wieder eine neue Rolle spielt, nämlich das ‚Leibgedächtnis‘ (Casale et al. 2020), eine herausragende Rolle. Als eine Form nicht rein kognitiven individuellen Selbstverständnisses stellt es einen wichtigen Ansatzpunkt einer zumal auf Achtung der Würde abhebenden sozialen und medizinischen Arbeit im weitesten Sinne dar. „Wenn wir Selbstsein als primär leibliches verstehen, dann werden wir auch zu einer anderen Wahrnehmung des Demenzkranken gelangen: nicht als eines Menschen, der seine Rationalität und Personalität eingebüßt hat, sondern als eines Menschen, der sein Personsein gerade als leiblich-zwischenleibliches zu realisieren vermag, solange er in der zu ihm passenden räumlichen, atmosphärischen und sozialen Umgebung leben kann. Sein Selbstsein erhält sich in der Affinität seines Leibes zur natürlichen und sozialen Mitwelt.“ (Fuchs 2018b, S. 58)

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Damit zeichnen sich für eine advokatorische Ethik im Umgang mit ihrer Autonomie zunehmend verlustig gehender Menschen zwei Hinsichten eines angemessenen Umgangs ab: die Respektierung ihrer wie auch immer noch vorfindlichen leiblichen Autonomie und – damit verbunden – eine Neufassung des Begriffs der ‚Würde‘ – geht es doch in diesen Fällen um eine heikle Balance zwischen Paternalismus, d. h. Für-Sorge, und Respekt vor noch verbliebener Autonomie. Zu Recht macht Knell (2018) in diesem Zusammenhang zunächst darauf aufmerksam, dass der Begriff der Würde angemessen nur aus einem Intersubjektivitätsbezug heraus erläutert werden kann: Menschen billigen einander Würde zu – eine(r) alleine hat demnach keine Würde. Das hat die klassische Philosophie in gewisser Weise noch anders gesehen: So war etwa Immanuel Kant der Überzeugung, dass Selbstbefriedigung die je eigene Würde verletzt. Indes: Gewiss lässt sich sagen, dass auch ein faktisch gänzlich einsamer Mensch seine Würde wie auch immer verletzen kann – dass er davon jedoch überhaupt ein Bewusstsein haben kann, geht auf die grundsätzlich leiblich-intersubjektive Konstitution einer jeden menschlichen Person zurück. Das aber heißt – auch und gerade im Rahmen einer advokatorischen Ethik in der Sozialen Arbeit mit alten Menschen: „Würdeschutz bedeutet demnach für das betreuende Personal, sich den expressiven Ja/ Nein-Stellungnahmen, die der Patient zum konkreten Umgang mit ihm äußert, bis zum Schluss in größtmöglichem Umfang zu unterwerfen und damit diesen Äußerungen innerhalb der zweitpersonalen Interaktion des Patienten-Pfleger Verhältnisses eine würdekonstitutive normative Autorität zuzuerkennen.“ (Knell 2018, S. 71)

Für entsprechende Rahmenbedingungen der Arbeit wäre zu sorgen.

Ausgewählte Literatur Brandhorst, Mario, und Eva Weber-Guskar. Hrsg. 2017. Menschenwürde. Eine philosophische Debatte über Dimensionen ihrer Kontingenz. Berlin: Suhrkamp. Brumlik, Micha. 2017. Advokatorische Ethik. Zur Legitimation pädagogischer Eingriffe. Neuausgabe mit Vorwort zur 3. Auflage. Hamburg: CEP Europäische Verlagsanstalt. Knell, Sebastian. 2018. Würde am Ende der Autonomie. Überlegungen zum respektvollen Umgang mit Demenzpatienten. In Deutsche Zeitschrift für Philosophie 66. Heft 1: 62 – ​74.

Care und Case Management im Kontext Sozialer Altenarbeit Wolf Rainer Wendt

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Angepasste Versorgung

Die Erfordernisse der Versorgung (care) im Leben alter, vornehmlich hochaltriger Menschen sind bei gesundheitlicher und sozialer Bedürftigkeit in der Regel vielseitig und komplex. Die gewohnte Lebensbahn ist in Frage gestellt, körperliche Beeinträchtigungen erfordern ebenso wie geistige Veränderungen und die Entfernung aus der Arbeitswelt eine Menge Umstellungen. Die Bewältigung des Alltags bereitet vielen zunehmend Schwierigkeiten. Hilfen werden erforderlich, um die Selbstständigkeit zu erhalten, und Vorkehrungen für den Fall völliger Abhängigkeit von Fremdversorgung sind zu treffen. Viele Menschen können sich bis ins hohe Alter selbst versorgen und sind auch in der Lage, benötigte Hilfen heranzuziehen – vorausgesetzt, sie sind in der sozialen Umwelt und in der dienstlichen Infrastruktur vorhanden. Für viele andere Menschen muss eine Unterstützung organisiert und Versorgung häuslich oder ambulant oder stationär durchgeführt werden. Im System des Sozial- und Gesundheitswesens vor Ort ist auszumachen, was gebraucht wird und was in welchen Fällen zu geschehen hat. Für die Erschließung von Dienstleistungen und anderen Hilfen, vor allem für komplexe und dynamische Arrangements, die fallweise in der einen oder anderen Situation angemessen sind, ist auf fachlicher Seite das Case Management zuständig. Es ist in Humandiensten überall angebracht, wo bei einem komplexen Bedarf im Einzelfall passende Hilfestellungen und geeignete Maßnahmen ausfindig gemacht, vereinbart, planmäßig realisiert und fortlaufend angepasst werden müssen. Generell wird mit dem Handlungskonzept Case Management ein in vielen Bereichen des Sozialwesens und des Gesundheitswesens, in der Pflege, bei Versicherungen und in der Beschäftigungsförderung eingesetztes Verfahren zu einer effektiven und effi­zienten Steuerung einer einzelfallbezogenen Leistungserbringung bezeichnet. Das Case © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_23

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Manage­ment hat als Verfahren die Aufgabe, bei einer andauernden und mehrfältigen Problematik im Leben von Menschen die nötige Sorgearbeit (care) unter Heranziehung verschiedener Dienstleistungen durch Fachkräfte und anderer, informeller oder ehrenamtlicher Hilfen zu ‚organisieren‘. Dazu ist fallübergreifend am Ort oder in der Region der Versorgung eine Vernetzungsarbeit zu leisten. Auf den Einzelfall bezogen wird mit dem Case Management die individualisierte Versorgung gestaltet.

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Entwicklung und Verbreitung von Case Management

Entstanden ist das Verfahren als Methodik des Vorgehens in der ambulanten Sozialarbeit in den USA in den 1970er Jahren. Nach Entlassung vieler psychisch kranker, behinderter und pflegebedürftiger Menschen aus stationären Einrichtungen (De­ institutionalisierung) war die Versorgung dieser Menschen in Hinblick auf Wohnen, Arbeit, Gesundheit, soziale Kontakte usw. zu organisieren und unter Heranziehung verschiedener formeller Dienste und freiwilliger Hilfen zu koordinieren. Die gewohnte professionelle soziale Einzelfallhilfe (case work) genügte für diese Aufgabenstellung nicht. Vorhandene Dienste und die Fachkräfte in ihnen arbeiteten unkoordiniert je für sich, spezialisiert und punktuell, und sie zogen nicht an einem Strang. Der Komplexität der Versorgungsaufgabe war mit einzelnen Akutmaßnahmen nicht nachzukommen; gebraucht wurde ein die formellen dienstlichen und die informellen Bewältigungsmöglichkeiten in einem Kontinuum der Versorgung (continuum of care) verknüpfendes Unterstützungsmanagement (Wendt 1991). Nach 1980 wurde auch in Europa politisch gefordert, die soziale Versorgung bevorzugt ambulant zu gestalten. Von professioneller Seite wollte man von defizitorien­ tierter Betreuung abkommen und eine flexible Unterstützung von Bürger/-innen in der Selbstorganisation ihres Lebens erreichen. In der Altenhilfe hieß das für die Dienste und ihre Fachkräfte, sich auf die selbstbestimmte Lebensführung und die häuslichen Verhältnisse von Hilfe- und Pflegebedürftigen einzulassen, sich mit Angehörigen und freiwilligen Helfer/-innen abzustimmen und Unterstützung aus der kommunalen Umgebung beizuziehen. Die Aufgabe ließ sich in der Weise managerial bewältigen, dass vor Inanspruchnahme einzelner Hilfen die Bedarfslage mit den Betroffenen abgeklärt wird, mit ihnen die Möglichkeiten der Versorgung erörtert werden, der zu beschreitende Weg geplant und eine Vereinbarung über das Vorgehen und die Begleitung auf dem Weg getroffen wird. Strukturell mussten dafür Stellen eingerichtet werden, die die Bürger/-innen umfassend informieren und angebotsunabhängig beraten konnten und Hilfen ‚aus einer Hand‘ anzubieten in der Lage waren. In Großbritannien bekamen ab 1990 per Gesetz die lokalen öffentlichen Sozialdienste die Aufgabe zugewiesen, für Bedürftige die Bedarfsklärung durchzuführen und für sie ein Bündel erforderlicher Versorgungsleistungen (package of care) zu schnüren. Als Beschaffer (purchasers) sind die genannten Stellen getrennt von den

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diversen Anbietern (providers) von Leistungen und können darauf sehen, dass diese auch tatsächlich erbracht werden. Case Manager/-innen übernehmen in diesem purchaser-provider-split die Steuerung des Versorgungsprozesses. In seiner Funktion als Disponent und Einkäufer von Leistungen verfügt der lokale Sozialdienst über ein Budget und disponiert in jedem Einzelfall über die Mittelverwendung im Rahmen des insgesamt verfügbaren Budgets. Ein ähnliches care management (s. u.) ist auch in anderen europäischen Ländern eingeführt worden (vgl. Engel und Engels 1999, 2000b). Ausgerüstet mit dem Case Management als Handlungskonzept, entstanden in Deutschland in den 1990er Jahren zuerst Koordinierungsstellen für ambulante Rehabilitation („Rund ums Alter“) in Berlin (Wissert 2000), vernetzt mit den örtlichen Einrichtungen und Diensten der Altenhilfe. Ab 1991 gab es die Informations-, Anlaufund Vermittlungsstellen (IAV-Stellen) für die ambulante Alten- und Krankenhilfe in Baden-Württemberg (Wendt 1993), analoge Beratungs- und Koordinierungsstellen (BeKo-Stellen) ab 1994 in Rheinland-Pfalz und in Hessen. Mit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz 2008 wurden „Pflegestützpunkte“ (seinerzeit nach § 92c SGB XI) vorgesehen, die wohnortnah eine umfassende Beratung und Hilfestellung im Sinne eines Case Managements bieten sollten (Frommelt et al. 2008). Die Versicherten erhielten einen Rechtsanspruch auf „Pflegeberatung“ gemäß § 7a SGB XI. Sie hat die Aufgabe, einen Hilfebedarf zu erfassen, über dafür vorgesehene Sozialleistungen zu informieren, gegebenenfalls einen individuellen Versorgungsplan zu erstellen und seine Umsetzung in die Wege zu leiten und zu begleiten. Mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz haben seit 2016 die Pflegestützpunkte nach § 7c SGB XI die Aufgabe, unabhängige Auskunft und Beratung, die Koordination von Hilfe- und Unterstützungsangeboten und die Vernetzung dafür vorhandener Dienste und Einrichtungen zu leisten. Einschlägig ist auch der Anspruch auf ein „Versorgungsmanagement“ nach § 11 Abs. 4 SGB V zur Lösung von Problemen beim Übergang aus dem Krankenhaus in die verschiedenen Versorgungsbereiche. Es hat die Form eines standardisierten Entlassmanagements angenommen, das individuell, ressourcen- und teilhabeorientiert und in enger Abstimmung mit dem Patient/-innen oder deren gesetzlichen Vertreter/-innen bzw. Betreuer/-innen erfolgen soll und dem individuellen Hilfe- und Unterstützungsbedarf der Patient/-innnen Rechnung tragen soll (Rahmenvertrag zu § 39 Abs. 1a SGB V). Der Einsatz des Case Managements in der ambulanten Versorgung und in der Nachsorge nach einem Krankenhausaufenthalt bewährt sich in der Vermeidung oder Verschiebung von stationären Unterbringungen. Damit rechtfertigten sich bereits die ersten Koordinierungsstellen (Wissert 2005). Dass eine begleitete häusliche Pflege das Risiko der Heimunterbringung reduziert und die Lebensqualität für die Betroffenen und Beteiligten hebt, bestätigen wissenschaftliche Studien (Onder et al. 2007; You et al. 2012) – vorausgesetzt, es handelt sich um eine intensive und gut or­ganisierte Begleitung (Jacobs und Challis 2007) und/oder die Fallsteuerung erfolgt in darauf eingerichteten neuen Versorgungsstrukturen (Şahin et al. 2018). Entsprechende Er-

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fahrungen sind auch bei Pflegearrangements gewonnen worden, die mit einem personenbezogenen Budget versehen und per Case Management unterstützt sind (Klie und Spermann 2004).

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Das Handlungskonzept

Case Management hat sich mit der Zeit von einem methodischen Ansatz der Sozialarbeit zu einem Instrumentarium entwickelt, das fachgebietsübergreifend eingesetzt wird, um ein koordiniertes und kooperatives Vorgehen in der personenbezogenen Bearbeitung von Aufgaben und Behandlung von Problemen zu erreichen und um den Nutzer/-innen bei der Problembearbeitung alltagsnah und pragmatisch zur Seite zu stehen. Inhaltlich steht im Fokus, was handhabbar und machbar (manageable) ist. Das Verfahren konkurriert nicht mit der Expertise in der Pflege oder der Medizin und nicht mit fachspezifischen Methoden der Psychologie oder der Pädagogik; es ersetzt auch nicht anderweitig nötige Sozialarbeit. Das Case Management nimmt sich der Probleme und Sorgen von Menschen und der Aufgaben in ihrer Versorgung in unspezifischer Weise an, um sie gegebenenfalls spezieller, im jeweiligen Fachgebiet zu vertretender Betreuung und/oder Behandlung zuzuführen. Unterschieden werden muss zwischen Case Management als methodischem Konzept auf der personalen Handlungsebene und einem Case Management auf der Strukturebene als Organisations- oder Systemkonzept in administrativer Funktion. Der individuellen Fallführung steht das Management der Fälle im Betrieb der humandienstlichen Versorgung gegenüber. Was Case Manager zu tun bekommen, ist bei hinreichender Implementierung des Verfahrens in Pfaden der Versorgung (care pathways) und somit in der ganzen Prozessgestaltung organisiert. In der Systemsteuerung der Handhabung all der Fälle, mit denen ein Leistungsträger oder ein Leistungserbringer zu tun hat, wird entschieden, nach welchen Kriterien, in welchem Umfang und mit welcher Intensität einzelne Fälle bearbeitet und begleitet werden. Generell geht es personen- wie organisations- und systembezogen um die wirksame Handhabung und Steuerung von Prozessen. Aber wer auf der Organisationsoder Systemebene von Case Management spricht und damit die Strategie eines rationalen Vorgehens in der Versorgung bezeichnet, meint nicht ohne Weiteres das operative Geschehen und den Handlungsablauf im Management eines Einzelfalles, worin bei möglichst weitgehender Abstimmung mit den Nutzer/-innen planmäßig, koordiniert und kontrolliert vorgegangen wird. Hat man andererseits die personenbezogene Methode Case Management im Blick, ist zu bedenken, dass sie in Humandiensten nur dann erfolgreich eingesetzt werden kann, wenn sie mit einer Organisationsentwicklung verbunden ist, welche die ambulanten und stationären Strukturen der humandienstlichen Versorgung auf die prozessualen Anforderungen des Case Managements abstimmt und ihm das Netzwerk zur Koordination und Kooperation der beteiligten Stellen und Fachkräfte schafft.

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Das Case Management fasst als Arbeitsweise, wie sie zunächst in der professionellen Sozialen Arbeit rezipiert worden ist, das nutzer- und ressourcenorientierte Vorgehen bei der Unterstützung im Einzelfall ins Auge und organisiert es systematisch in den einzelnen Dimensionen oder Schritten bzw. Stadien, die zum Verfahren gehören. Case Management beginnt in der direkten personenbezogenen Arbeit mit der Entscheidung über das Engagement in einem Fall und endet nach Vereinbarung mit der abschließenden Feststellung des Erfolgs der gemeinsamen Bemühungen. Case Manager/-innen übernehmen in diesem Prozess •• die selektierende Funktion eines Türöffners und Lotsen (gatekeeper) im Netz der Versorgung, der zwischen Leistungsnehmern, Leistungsträgern und Leistungserbringern eine Versorgung angemessen in die Wege leitet, •• die vermittelnde Funktion des Maklers (broker) von Diensten, der Angebote her­ anzuziehen, zu erschließen und für eine Person und ihre Situation passend zuzuschneiden weiß, •• eine unterstützende Funktion (supporting) in der Begleitung von Nutzer/-innen durch das Versorgungssystem, •• und eine anwaltliche Funktion (advocacy), in der Dienstleistungen für Nutzer/-innen verfügbar gemacht werden und dafür gesorgt wird, dass den Belangen und dem Bedarf der einzelnen Leistungsnehmer/-innen entsprochen und die Qualität ihrer Versorgung gesichert wird. Diese Funktionen sind in einzelnen Gebieten der Anwendung von Case Management unterschiedlich ausgeprägt. Das hängt wesentlich davon ab, wo das Verfahren strukturell angesiedelt ist – in einem Klinikum, bei einem Versicherer oder einem anderen Leistungsträger, in einer Beratungsstelle oder bei einer Sozialstation. Allerdings kann sich nicht ein/-e einzelne/-r Sozialarbeiter/-in oder eine einzelne andere Fachkraft in einem Dienst oder in einer Einrichtung für das Case Management als ‚ihre‘ Methode entscheiden: die Organisationsstruktur muss eine kompetente Fallführung zulassen. Nur wenn ein/-e Sozialprofessionelle/-r selbstständig in freier Berufsausübung tätig und sein Einsatz mithin identisch ist mit dem gewerblichen Dienstbetrieb, kommt das Systemkonzept Case Management unmittelbar überein mit dem methodischen Konzept des personenbezogenen professionellen Arbeitens.

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Fallführung

Zum Verständnis des individualisierten Managements in einem Versorgungsregime ist zu bemerken (und gegen Fehlinterpretationen des Verfahrens zu betonen), dass case hier nicht für den Menschen steht, sondern für seine problematische Situation, die es – im Ganzen und im Detail – zu bewältigen gilt. Diese Situation und Problematik ‚ist der Fall‘ und Gegenstand der managerialen ziel- und lösungsorientierten pro-

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fessionellen Bemühung. Sie ist auch Gegenstand des Bewältigungsverhaltens (coping behaviour) und der Selbsthilfe der zu versorgenden Person, ihrer Angehörigen und der Mitwirkung von anderen Helfer/-innen. Bei Pflegebedürftigkeit oder Demenz sind es häufig die Angehörigen, die Beratung, Begleitung und Unterstützung im Sinne des Case Managements benötigen. Mit ihnen wird die Aufgabenstellung in den Blick gerückt, gemeinsam geklärt und dann im Kontinuum der nötigen Versorgung bearbeitet. Fallbezogen übernehmen Case Manager/-innen die Rolle von Sachwalter/-innen, die rücksichtsvoll alle Seiten einer Situation und Problematik und die Interessen der Mitwirkenden beachtet. Im ganzen Verlauf des personbezogenen Case Managements wird die subjektive Fallauffassung von Betroffenen mit der mehr oder minder objektiven Fallauffassung beteiligter Fachkräfte abgeglichen. Die gemeinsame Reflexion und Verständigung darüber, ‚was der Fall ist‘, führt zur Zusammenarbeit der Beteiligten. Man verstieße gegen die Autonomie einer Person und missachtete ihre Selbstsorge und mündige Mitwirkung, betrachtete man die Person als ‚Fall‘. Im Case Management wird der Prozess der Bewältigung bzw. der Weg zur Lösung einer Problematik gemanagt. Was der Fall ist, lässt sich immer nur ad hoc feststellen und bleibt indi­ viduell. Das Grundgerüst in der Ablauforganisation von Case Management bilden seit den 1980er Jahren folgende Dimensionen oder Phasen: •• Outreach, d. h. der Fallzugang mit Prozeduren der Zielgruppenbestimmung, des Erreichens von Nutzer/-innen und der besseren Erreichbarkeit eines Dienstes, von Sortierung der Fälle (screening) und ihrer Zuordnung zu Fallgruppen, individueller Eingangsprüfung (intake) und einer Vereinbarung über das Vorgehen, ggf. in Verabredung einer Fallführung, •• Assessment als eingehende Klärung der (materiellen, sozialen und gesundheitlichen) Problemlage und Bedarfsfeststellung (bei Pflegebedürftigkeit etwa nach der Klassifikation der ADL oder bei Behinderung nach der ICF), wobei auch das Ausmaß der Einschätzung der Situation und Problematik (die Beratungstiefe) wie der Umfang der Bedarfserhebung im Einzelfall festgelegt wird, •• Planning mit Vereinbarung über Ziele, die anzustreben sind, und in Erarbeitung eines Hilfeplans oder Versorgungsplans die Bestimmung des Weges, auf dem die Ziele erreicht werden können, sowie der Mittel, die dafür zum Einsatz kommen, •• Umsetzung der getroffenen Arrangements bei einem andauernden Monitoring als Kontrolle und Qualitätssicherung der Prozesse, in denen die Problembewältigung und die Erbringung einzelner Leistungen erfolgen, •• Evaluation der Leistungserbringung, bezogen auf ihren (dokumentierten) Vorgang und auf ihre Ergebnisse, verbunden mit einem Reassessment des sich ändern­den Bedarfs und der Aufgabenerledigung, •• Accountability in der Berichterstattung und Rechenschaftslegung, womit die verantwortliche Stelle mit dem Case Management insgesamt ihrer die einzelnen Fälle

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übergreifenden Funktion nachkommt, einen Versorgungsauftrag transparent und nachweisbar zu erfüllen. Diese Elemente sind seit den 1990er Jahren wiederholt als Kern-Charakteristiken (core characteristics) von Case Management beschrieben worden (Gursansky et al. 2003, S. 17 ff.). Die Komponenten beziehen sich aufeinander und ihr prozessual gestalteter Zusammenhang macht das Case Management aus. Das Vorkommen bloß einzelner Momente – wie einer Bedarfsbestimmung, Hilfeplanung oder Evaluation – im professionellen Handeln der Sozialen Arbeit oder der Fachpflege verdient die Bezeichnung Case Management dagegen nicht. Ressourcen erschließen und sie rationell zur Bewältigung einer humandienstlichen Aufgabe heranziehen, so kann man die Funktion von Case Management ökonomisch in einem Satz beschreiben. Wobei die Ressourcen einerseits im System der Versorgung und andererseits bei den Nutzer/-innen der (medizinischen, pflegerischen, sozialen) Versorgung vorliegen. Sie haben ‚Stärken‘, auf die sich ein stärkenorientiertes Case Management stützen kann (Ehlers et al. 2017). Das trägt zur Ökonomie des Verfahrens bei. Über die vorhandenen Mittel und Möglichkeiten ist mit den Beteiligten zu disponieren. Das Verfahren soll rationell gestaltet sein und zielgerichtet ablaufen. Es hebt die Trennung von fachlicher und wirtschaftlicher Verantwortung, von persönlichem Einsatz und dem Betrieb der Leistungserbringung auf. Deswegen ist das Case Management zu einem bevorzugten Instrument in der Neustrukturierung von personenbezogenen Diensten für Menschen (human services) im Sozialwesen, Gesundheitswesen, bei Versicherungen und in der Beschäftigungsförderung geworden. Seitdem es nicht mehr nur als ein Verfahren in der ambulanten Sozialarbeit begriffen wird, sondern auch als Organisationsprinzip auf der Ebene des Betriebs humandienstlicher Versorgung wahrgenommen wird, spricht man im Case Management von ‚Systemsteuerung‘ und stellt sie der ‚Fallsteuerung‘ oder ‚Fallführung‘ gegenüber. Diese bedarf einer entsprechenden Strukturierung der Prozesse insgesamt. Der Erfolg des Einsatzes von Case Management hängt mithin davon ab, wie man es auf der Führungsebene von Leistungsträgern und Dienstleistern zu gebrauchen und zu implementieren weiß. In der Steuerung des ganzen Prozesses bettet das Case Management den Einzelfall in eine angemessene Besorgung all der Fälle ein, für die ein Dienst oder eine Einrichtung zuständig ist. Die Organisation und Verortung von Case Management erfolgt in den einzelnen Handlungsfeldern sehr unterschiedlich. Die Funktion der Fallführung kann von einem Team oder von einem/einer Case Manager/-in oder mit differenzierter Aufgabenstellung von ‚Fallberater/-innen‘, ‚Fallbegleiter/-innen‘ oder ‚Fallassistent/-innen‘ wahrgenommen werden. Fachlich qualifiziert sind für die Tätigkeit als Case Manager/-in sozial-, gesundheits- und pflegeberuflich erfahrene Absolvent/-innen einer (Fach-)Hochschule mit Diplom- oder Bachelor-Abschluss und einer zertifizierten Weiterbildung im Case Management. Es stellt keine eigene Profession dar, sondern wird auf der Basis eines Humanberufes ausgeübt.

278

Wolf Rainer Wendt

Die fachpolitische Interessenvertretung von zertifizierten Case Manager/-innen und ihren Ausbildungsstätten ist die Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC) mit Sitz in Mainz. Sie hat Rahmenempfehlungen und Standards für die Implementierung des Verfahrens und für die Arbeit von Case Manager/-innen erstellt (Wendt und Löcherbach 2009; DGCC 2015).

5

Versorgungssteuerung per Care Management

Auf der betriebswirtschaftlichen und sozialadministrativen Ebene wird das Case Management oft gleichgesetzt mit Managed Care und auch mit Care Management. Hinter der Verbreitung der Managed-Care-Konzepte steht das Interesse insbesondere der Versicherungswirtschaft, das Leistungsgeschehen unter Kostengesichtspunkten zu steuern, und das Erfordernis in der stationären Krankenversorgung, die internen Abläufe bestmöglich zu gestalten. Im amerikanischen System der Gesundheitsversorgung schon länger verbreitet, sollen unter dem Stichwort ‚Managed Care‘ neue strukturelle und ablauforganisatorische Verbindungen von Kostenträgern und Leistungserbringern, von Versicherung und Versorgung gefasst werden. „Managed Care ist die Anwendung von Managementprinzipien, die zumindest par­tielle Integration der Leistungsfinanzierung und -erstellung sowie das selektive Kontrahieren der Leistungsfinanzierer mit ausgewählten Leistungserbringern. Ziel ist die effiziente Steuerung der Kosten und Qualität im Gesundheitswesen.“ (Amelung 2012, S. 20)

Managed Care verschafft den Leistungsfinanzierern und den Konsument/-innen gegenüber den Leistungserbringern mehr Gewicht und Spielraum in der Gestaltung der gesundheitlichen Versorgung. Der Begriff ‚Care Management‘ kann allgemein die Steuerung humandienstli­ cher Versorgung im Sozialwesen (social care) und im Gesundheits- und Pflegewesen (health care, medical care, elder care, long-term care) mit dem Ziel einer Optimierung von Versorgungsprozessen bezeichnen. Der Begriff ist eingeführt worden, um im Bereich von Care – im allgemeinen Sinne der Fürsorge, Pflege, stationären Behandlung und ambulanten Betreuung – die Aufgaben des Managements summarisch zu erfassen. Synonym wird auch der Begriff ‚Versorgungsmanagement‘ verwandt. Sein Gegenstand sind die Strategien, die Aufbauorganisation (Strukturen), die Arrangements (care arrangements) und die Ablauforganisation (Versorgungspfade, vgl. z. B. Johnson 2002) in der humandienstlichen Versorgung. Dabei werden die informellen Weisen sozialer und gesundheitlicher (Selbst-)Versorgung berücksichtigt. Die Verknüpfung professioneller Aufgabenerledigung mit den Eigenleistungen von Menschen und ihrer Unterstützung durch Angehörige, Nachbarn und freiwillige Helfer/-innen wird der Forderung nach Wirtschaftlichkeit und nach Lebensnähe von Diensten gerecht. Insbesondere in der ambulanten pflegerischen Versorgung bauen

Care und Case Management im Kontext Sozialer Altenarbeit

279

fachdienstliche Arrangements auf persönliche und familiäre care arrangements und verbinden sich mit ihnen. Die häusliche Versorgungsarbeit, die in familiären und anderen lebensgemeinschaftlichen Arrangements zumeist von Frauen geleistet wird, war und ist fundamental für das Funktionieren der formalen Versorgungssysteme. In Großbritannien wird der Begriff Care Management im Nationalen Gesundheitsdienst gebraucht, um das Versorgungssystem im lokalen Gemeinwesen unter Einschluss informeller und freiwilliger Mitwirkung (community care) in seiner Organisation und Steuerung zu bezeichnen. Die Aufgabe, bei Versorgungsbedürftigkeit von behinderten oder alten Menschen ein Bündel notwendiger Leistungen (package of care) zu schnüren, ist in den letzten Jahren schrittweise auf die bedürftigen Menschen und ihre pflegenden Angehörigen (carers) übergegangen (Means et al. 2002). Dies geschieht in Großbritannien und in anderen Ländern – so in den Niederlanden seit 2003 (Maliepaard und Meinema 2004) und in Deutschland zunächst projektweise (Klie und Spermann 2004) – in der Annahme, dass die Berechtigten bei Nutzung eines persönlichen Budgets ihre Wahl selbstbestimmt treffen und die nötigen Hilfen zusammenstellen können. Die Leistungsempfänger/-innen werden zu aktiven Teilhaber/-innen und Partner/-innen im Versorgungsgeschehen (Scourfield 2007). Das Case Management übernimmt dabei die Funktion einer Budgetassistenz, wozu im Rahmen des amtlichen Care Managements noch die Kontrolle und Evaluation der Leistungserbringung kommt. Der Sprachgebrauch gewinnt an Bedeutung mit der Einführung und Durchsetzung einer sektorübergreifenden ‚integrierten Versorgung‘ in vielen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens. In der Altenhilfe geht es insbesondere um eine Abstimmung des Versorgungshandelns in Krankenhäusern, Rehabilitations- und Pflege­einrichtungen und um ein Schnittstellenmanagement von und zu häuslicher Versorgung. Im lokalen und regionalen Kontext organisiert ein Care Management das Angebot ambulanter präventiver und rehabilitativer Dienste, hauswirtschaftlicher Hilfen, an Wohnen mit Service im Verbund usw. Die Koordination und Kooperation der dienstleistenden Stellen will fallübergreifend organisiert sein. Der Erfolg des Case Managements im Einzelfall hängt davon ab, dass beteiligte Stellen und her­ anzuziehende Dienste hinreichend vernetzt sind und zur Kooperation in der Lage und bereit sind. Dabei kommt der Vernetzung mit informellen Hilfen, Nachbarschaft und Bürgerengagement eine wachsende Bedeutung zu. Die Bildung und der Unterhalt von Netzwerken stellen zentrale Aufgaben im Care Management dar.

6

Das Leben mit seinen Beschwernissen besorgen

Das lokale Angebot an Hilfen, Diensten und Einrichtungen wird im individuellen Case Management für die einzelne Person erschlossen und auf sie möglichst passend zugeschnitten. Die Case Manager/-innen navigieren für sie in der Versorgungslandschaft. Sie sind Lots/-innen, Einschätzer/-innen, Planer/-innen und Förderer/-in-

280

Wolf Rainer Wendt

nen. Prinzipiell soll die Person in ihrer Selbstständigkeit unterstützt werden. Es gehört deshalb zum personenbezogenen Auftrag von Case Manager/-innen, Anwalt/ Anwältin der subjektiven Belange von Nutzer/-innen gegenüber der Funktionslogik von Leistungsträgern und Leistungserbringern zu sein. In der Fachdiskussion ist mit der Zeit die Position des Case Managements zwischen den Steuerungserfordernissen im formellen Versorgungssystem einerseits und der Selbststeuerung von Menschen in ihrer Lebensführung und eigenen Sorge deutlicher geworden. Nachgerade ältere Menschen suchen in ihrer Lage und in ihrem Lebensfeld in eigener Aktivität nach geeigneten Arrangements, um auch bei zunehmenden körperlichen Beschwernissen und Einschränkungen ihrer Alltagskompetenz selbstständig zurechtzukommen. Ein Case Management wird grundsätzlich gebraucht, insoweit Menschen die Aufgaben, die sich ihnen in der Führung ihres Lebens und in der Bewältigung von Problemen stellen, nicht allein ‚managen‘ können. Abgeleitet vom life management, ergänzt und ersetzt das Case Management seine Funktion. Es tritt nach Lage des Falles in die Besorgung persönlicher Angelegenheiten ein. Folgerichtig haben Berufsbetreuer/-innen die Ausführung der Aufgaben, die ihnen das Vormundschaftsgericht nach der Maßgabe übertragen hat, dass „ein Volljähriger auf Grund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen“ kann (§ 1896 BGB), als ein Betreuungsmanagement interpretiert, das sich nach dem Handlungskonzept des Case Managements gestalten lässt (Förter-Vondey 2008). Die Problemlage ist bei der betreuten Person häufig komplex und der Aufgabenkreis, der den Betreuer/-innen zugewiesen ist, erfordert ein vielseitiges manageriales Handeln. Soweit möglich, erfolgt es in Absprache mit den Betreuten. Generell bestimmt bei Menschen mit Behinderung und mit Pflegebedarf ihr Selbstmanagement das Ausmaß der Unterstützung (Siebert 2008). An der auf den Fall bezogenen Sorgearbeit sind in der Altenhilfe überwiegend Angehörige beteiligt. Deren Unterstützung, Beratung, Schulung und Begleitung ist ein zentrales Anliegen im Case Management. Mit pflegenden Angehörigen wird abgestimmt, wie sie bei der Last, die sie auf sich nehmen, ihren Alltag ‚managen‘, ihre Erwerbstätigkeit mit Pflege vereinbaren (Martin-Matthews und Phillips 2008) und den eigenen Einsatz mit pflegefachlicher und sozialdienstlicher Hilfe leisten können (Cress 2008). Das Case Management betrifft mit seiner Leistungssteuerung die Helfenden mindestens so sehr wie die Menschen, denen sie zur Seite stehen. Sie bedürfen systemseitig einer kommunalen Infrastruktur der Unterstützung, Förderung und Entlastung. Gestaltet wird im Case Management ein Zusammenwirken formeller und informeller Versorgung in Bewältigung des Lebens von Menschen in hohem Alter und des Lebens mit ihnen. Das Konzept und das Verfahren sind dazu da, im Feld der Altenhilfe fallweise mit Rat und Tat das objektiv Mögliche auf die Person bezogen mit allen Beteiligten zu erreichen, die sich idealerweise mit anderen Mitwirkenden in einer ‚sorgenden Gemeinschaft‘ (caring community) zusammenfinden.

Care und Case Management im Kontext Sozialer Altenarbeit

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Ausgewählte Literatur Engel, Heike, und Dietrich Engels. Hrsg. 1999. Case Management in verschiedenen nationalen Altenhilfesystemen. Schriftenreihe des BMFSFJ. Band 189.1. Stuttgart: Kohlhammer. Wendt, Wolf Rainer. 2018. Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Eine Einführung. 7. Auflage. Freiburg i. Br.: Lambertus. Wissert, Michael. 2000. Unterstützungsmanagement als Rehabilitations- und Integrationskonzept bei der ambulanten Versorgung älterer, behinderter Menschen. Herleitung, Entwicklung und Erprobung eines Handlungsansatzes. Aachen: Karin Fischer.

Teil II Sozialrecht, Sozialpolitik und Lebenslagen im Alter

Kapitel 1 Sozialrecht und Sozialpolitik für alte Menschen

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter – Entwicklungen bis Anfang der 1960er Jahre Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

1

Einleitung

Allgemeine sozialpolitische Maßnahmen galten immer auch für ältere Menschen, sofern sie bedürftig waren. Besondere Sicherungsleistungen, die an ‚Alter‘ anknüpften, mit ihm verbunden waren, gibt es in Deutschland seit der gesetzlichen Rentenversicherung von 1889, erst in der Weimarer Republik folgte die Fürsorge. Ihre lange Tradition der stationären Hilfe für Alte wurde in der Bundesrepublik durch das Dienstleistungsangebot der offenen Altenhilfe ergänzt. Die folgende Darstellung beschränkt sich dementsprechend auf die Entwicklung dieser Bereiche.

2

Sozialpolitik – Begriff und Wurzeln

2.1

Was ist Sozialpolitik ?

Sozialpolitik wird hier verstanden als die mit der Arbeiterfrage des 19. Jahrhunderts beginnende staatliche Politik zur Absicherung der spezifischen Risiken und Unsicherheiten, die eine industriekapitalistische Marktwirtschaft insbesondere für Lohnabhängige produziert. In diesem Sinne leistet sie öffentliche Hilfe für Fälle gescheiterter oder nicht zureichender privater Reproduktion durch (Erwerbs-)Arbeit und Familie. Sie mindert die Marktabhängigkeit der Individuen durch Fürsorge und Sozialversicherung, greift durch Arbeiterschutzregelungen aber auch in den Produk­ tionsbereich ein. Historisch haben sich vier Strukturprinzipien bzw. Bereiche herausgebildet: a) soziale Schutzrechte, insbesondere Arbeitsrecht, b) Sozialversicherung, c) soziale Fürsorge und d) soziale Versorgung. Die letztgenannten Bereiche (‚drei Säulen‘) bilden dabei das System der sozialen Sicherung (vgl. Sachße und Tennstedt 2005). Soziale Arbeit ist in erster Linie im Bereich Soziale Fürsorge (Wohlfahrts­pflege, © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_24

287

288

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

Soziale Hilfe) angesiedelt. Sozialpolitik für das Alter findet in allen Bereichen statt, sie reicht von Antidiskriminierung über Rentenleistungen bis hin zu sozialen und pflegerischen Diensten, die nur teilweise privat finanziert werden. Anders als einst ‚die Arbeiter/-innen‘ sind ‚die Alten‘ aber keine soziale Gruppe gewesen, der ein besonderer Schutz des Staates galt, ihre Situation war und ist primär davon geprägt, welche Formen der sozialen Sicherheit allgemein entwickelt wurden. 2.2

Wurzeln der Sozialpolitik

Das durch Sozialpolitik und Sozialrecht gestaltete System der sozialen Sicherung wurzelt in der Armenpflege/Armenfürsorge. Diese hatte im Hinblick auf arme alte Menschen ihren Schwerpunkt in der stationären und halbstationären Altenhilfe. Die als Kulturerbe gepflegten Stiftungen und Altersheime (Spitäler) in einzelnen Gemeinden legen noch heute Zeugnis davon ab, wie seit dem Mittelalter für die Hilfsbedürftigen und Gebrechlichen aller Art, darunter auch die Alten gesorgt wurde. Später kamen besondere Heime für alte Leute auf. Begründer und Träger dieser Heime waren teils Ordensgemeinschaften, aber auch Zünfte und Gilden. Ferner sind seit dem 14. Jahrhundert auch Städte häufig durch milde Stiftungen ihrer Bürger veranlasst worden, Fürsorgeheime – meist für Frauen – zu gründen. Daneben gab es noch die offene Fürsorge, die von den Städten zunehmend getragen und reglementiert wurde. Strittig war späterhin vor allem, welche Gemeinde für welche Armen und Alten zuständig war, wer für wen die Verantwortung tragen sollte. Diese Fragen verschärften sich im 19. Jahrhundert durch die bekannten sozialen und ökonomischen Veränderungen, wie Binnenwanderung, Industrialisierung und Verstädterung und wurden Teil der sozialen Frage. Die Prinzipien der Armenpflege wurden fortan restriktiver gefasst, nicht zuletzt unter dem Einfluss liberaler und säkularisierter Theorien wurde deren strikte Nachrangigkeit (Subsidiarität) betont. Der Staat bestimmte nur die Verpflichtung zur Armenpflege, der aber für den einzelnen kein Rechtsanspruch gegenüberstand. Armenpflege war und ist Ausfallbürge, ihr Prinzip das der Nachrangigkeit, vorgelagerte Sicherungsmöglichkeiten – familiare und ständische Hilfe, private Unterstützung usw. – sollten vorrangig genutzt werden. Zur Nachrangigkeit gehört auch die Arbeitspflicht. Deshalb ist für die Armenpflege immer die Unterscheidung zwischen arbeitsfähigen und arbeitsunfähigen Armen zentral, (höheres) Alter an sich war kein Kriterium (vgl. Göckenjan 1990a; Hammerschmidt 2008, 2012). In den armenpflegerischen Fachdiskussionen im 19. Jahrhundert spielten Alte als Gruppe keine nennenswerte Rolle, obwohl sie – vor allem Frauen (ehelose, geschiedene und verwitwete) – die Mehrzahl der dauernd unterstützten Armen stellten (Göckenjan 1990, S. 109 ff.). Alte Menschen wurden bedürftig, wenn sie nicht mehr arbeiten oder – meist nach einem, mit dem 40. Lebensjahr einsetzenden beruflichen Abstieg – kein ausreichendes Arbeitseinkommen mehr finden konnten, ihre Ersparnisse verbraucht und die familiären Ressourcen oder Rückhalte (‚Ernährer‘) erschöpft oder nicht vorhanden waren.

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre

3

289

Das Deutsche Kaiserreich – die Ausdifferenzierung des Systems der sozialen Sicherheit und Anfänge der Sozialversicherung

Die Sozialpolitik für das Alter erhielt eine neue Dimension durch die Rentenversicherung, mit ihr wurde 1889 ein neuer Pfad betreten. Sie bildete den vorläufigen Abschluss der sog. Bismarck’schen Arbeiterversicherung, die 1883 mit der gesetzlichen Krankenversicherung begonnen hatte. Diese Arbeiterversicherung bot standardisierte öffentlich-rechtliche Ansprüche bei Eintritt bestimmter Risiken auch ohne individuelle Bedürftigkeitsprüfung. Die Rentenversicherung war auf das Risiko der dauernden Erwerbsunfähigkeit gerichtet, sie umschloss dann aber auch das Alter vom 70. Lebensjahr an. Grundsätzlich wurde sie durch Beiträge finanziert, die auf ein Kapitaldeckungsverfahren ausgerichtet waren. Über lange Jahre hatte sie aber, nicht zuletzt durch einen Reichszuschuss, vorrangige Züge einer Staatsbürgerversorgung mit der Finanzierung durch ein Umlageverfahren. Diese öffentlich-rechtliche Alterssicherung bewirkte zunächst – und dann auch über Jahrzehnte hinweg – nicht, dass arme Ältere (Lohnarbeiter/-innen) nicht mehr auf eigene private Ressourcen, ihre Familie, gewerkschaftliche Unterstützung, Hinzuverdienen oder auch noch (wohl 10 v. H.) auf kommunale Fürsorgeleistungen angewiesen waren. Abgesichert war zunächst nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, die Altersrente (anders im Falle von Invalidität) war erst ab dem 70. Lebensjahr vorgesehen, ein Alter, was seinerzeit nur sehr wenige Arbeiter/-innen erreichten. Arbeitsfähige siebzigjährige Lohnarbeiter/-innen konnten 1914 bei langjähriger Versicherungszeit eine jährliche Altersrente in Höhe von (maximal) 230 M. erreichen, was weniger als 20 % seines vorhergehenden, üblichen Einkommens entsprach, an dessen Höhe die Rente anknüpfte. Die Altersrente bot also nur einen Zuschuss zum Lebensunterhalt (zur Entstehungsgeschichte siehe Haerendel 2001, 2004), der, wie aus Tabelle 1 hervorgeht, mit den Jahren anstieg. Gleichwohl war dieser Zuschuss geeignet, die Position der ansonsten einkommenslosen Alten in ihrem Familienverband/ Haushalt zu verbessern. Für Alleinstehende konnten die eingerichteten Invalidenund Versorgungsheime eine Verbesserung bedeuten. Damit war zugleich auch ein erster Schritt auf dem langen Weg hin zu einer arbeitsfreien Altersphase für Lohnarbeiter/-innen getan. Eine Versorgung ihrer Hinterbliebenen (Witwer, Witwen und Waisen) verankerte erst die Reichsversicherungsordnung (RVO) von 1911 in der gesetzlichen Rentenversicherung, allerdings in äußerst geringer Höhe und unter der restriktiven Voraussetzung der eigenen Erwerbsunfähigkeit. Wichtig waren auch die zeitgleichen Bestrebungen für eine Ausweitung des Adressatenkreises der Alters- und Invaliditätsversicherung über die Arbeiter/-innen hinaus. Es ging konkret um die Einbeziehung von Angestellten. Diese verstanden sich als „Privatbeamte“, grenzten sich gegen Arbeiter/-innen ab und forderten eine von den Arbeiter/-innen getrennte Versicherung. Im Ergebnis führten diese Auseinandersetzungen am 28. 12. ​1911 zur Verabschiedung des Versicherungsgesetzes für Angestellte, das Angestellte bis zu einem Jahresgehalt von 5 000 M. in einer eigenen Reichsversicherungs-

290

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

Tabelle 1  Hauptdaten der gesetzlichen Rentenversicherung der Arbeiter 1891 – ​1932 1891

1900

1913

1925

1932

Versicherte (in Mio.)*

9,93

12,16

17,49

17,5

17,5

neu bewilligte Invaliditäts-Renten

31

117 141

126 607

157 985

148 635

neu bewilligte Altersrenten

132 926

19 109

11 472

112 048

80 072

durchschnittl. jährl. Höhe der IR

113

140

192

ca. 275,0**

durchschnittl. jährl. Höhe der Alters-Renten

125,55

144,54

166,09

ca. 258,0**

durchschnittl. Höhe des Wochenbeitrags (M)

0,2

0,22

0,35

0,72

1,23

5,57

24,91

32,86

38,6

Ausgaben für Heilverfahren (in Mio. M)

* Errechnet aus der Zahl der verkauften Wochenbeitragsmarken geteilt durch 43, d. h. durch die Zahl der für einen Versicherten durchschnittlich jährlich verwendeten Beitragsmarken, die tatsächliche Zahl der Versicherten dürfte etwas niedriger gewesen sein. ** Geschätzte Zahl durch ‚Fortschreibung‘ der Werte von 1913, an sich gab es keine Differenzierung mehr, Durchschnittsangaben der Invalidenrente fehlen. Quelle: Amtliche Nachrichten des Reichsversicherungsamtes, 1893 ff. © RVA

anstalt für Angestellte gegen die Risiken von Invalidität und Alter absicherte. Die Altersgrenze für einen regulären Rentenbezug war hier auf das vollendete 65. Lebensjahr festgelegt. In Tabelle 2 wird deutlich, dass nicht nur bei Erwerbsunfähigkeit, sondern auch schon bei Berufsunfähigkeit Leistungen in Anspruch genommen werden konnten und eine Hinterbliebenenrente hier auch erwerbsfähige Witwer/Witwen erhalten konnten. Allerdings gab es keine Reichszuschüsse für diese neue ‚Versorgungsklasse‘ der Angestellten. Für die Arbeiter/-innen reduzierte der Gesetzgeber die Altersgrenze, die zum Rentenbezug berechtigte, erst 1916 auf das 65. Lebensjahr. In dem Maße, in dem die gesetzliche Rentenversicherung ‚griff‘ und sich das Problem der (Alters-)Armut verminderte, erlebte die kommunale Fürsorge eine finanzielle Entlastung bei ihren Pflichtaufgaben. Mittel für die Entfaltung freiwilliger und vielfach auch neuartiger Fürsorgeleistungen und -angebote standen damit zur Verfügung. Vor allem in den größeren Städten der prosperierenden Industriegebiete verbesserten die Kommunen seit etwa 1890 ihre Leistungen hin zu einer Wohlfahrtspflege. Im Mittelpunkt dieser Wohlfahrtspflege standen aber Kinder und Mütter sowie die Bekämpfung der Volkskrankheiten. Praktisch bedeutsam für arme Alte war dabei, dass freiwillige Einrichtungen und Maßnahmen systematisch ausgebaut wurden, die auch, oder vor allem, Alten zugute kamen. Hier ist etwa an Volksküchen, aber auch an die erwähnten Alters- und Siechenheime zu denken, an deren Finanzierung sich die Rentenversicherung beteiligte. Dann müssen aber auch die Dienst- und Sachleistungen der kommunalen Gesundheitsfürsorge erwähnt werden, die erkrankten Alten eben-

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre

291

Tabelle 2  Hauptdaten der Angestelltenversicherung 1913 – ​1932 1913

1919

1925

1929

1932

1,7

2,0

2,4

3,6

3,4

606

7 820

2 005

28 940

neu bewilligte Altersrenten

6 118

11 485

4 915

durchschnittliche jährliche Rentenhöhe

638,52

753,00

729,84

11,84

18,95

21,9

Versicherte (in Mio.)* neu bewilligte Berufsunfähigkeitsrenten

Ausgaben für Heilverfahren (in Mio. M)

4,31

19,71

* Errechnet aus der Zahl der verkauften Wochenbeitragsmarken geteilt durch 43, d. h. durch die Zahl der für einen Versicherten durchschnittlich jährlich verwendeten Beitragsmarken, die tatsächliche Zahl der Versicherten dürfte etwas niedriger gewesen sein. Quelle: Mitteilungen der RfA; 25 Jahre Angestelltenversicherung 1913 – ​1937, Berlin 1937 © RfA

so zugute kamen wie der Ausbau der kommunalen Daseinsfürsorge, also die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse in den Städten (Trinkwasser, Kanalisation etc.).

4

Die Zeit der Weimarer Republik – Ausbau und Modernisierung unter schwierigen Rahmenbedingungen

Mit der Weimarer Republik veränderten sich die (sozial-)politischen Ver­hältnisse weitgehend. Auf Grundlage der Weimarer Reichsverfassung, die nach dem verlorenen Krieg und der gescheiterten Revolution als Verfassungskompromiss eine bürgerlichparlamentarische Demokratie mit einem umfassend gedachten und mit sozialen Rechten versehenen Wohlfahrtsstaat verankerte, erfolgte auch ein Ausbau und eine Modernisierung der Sozialpolitik. Allerdings geschah dies weniger nach einem vorgedachten Plan, als der Not der Stunde gehorchend. Die Kapitalien der Träger der gesetzlichen Rentenversicherung wurden erst durch Kriegsanleihen teilweise, dann durch die Hyperinflation bis 1923 völlig entwertet. Mittel für die Schaffung von neuen Kapitalfonds konnten nicht aufgebracht werden. So erfolgte nunmehr (seit 1924) die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung völlig durch ein Um­lageverfahren. Seit ihrer Einführung 1889 operierte die gesetzliche Rentenversicherung bei der Auszahlung des Altersruhegeldes mit fixen Beträgen, die in gewissem Maße an die Lohnhöhe ‚äquivalent‘ anknüpften. Die Hyperinflation, aber auch die ‚normale‘

292

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

Preisentwicklung nach der Währungsstabilisierung seit 1924 entwerteten diese Zahlbeträge real. Damit war nicht nur das Äquivalenzprinzip unterlaufen, sondern auch das zentrale Motiv der Rentenversicherung infrage gestellt, Altersarmut zumindest zu mildern. Der Gesetzgeber reagierte darauf mehrfach mittels ‚Steigerungsbeträgen‘, also der Aufstockung der ursprünglichen Fixbeträge; allerdings geschah dieses nicht in dem zur Aufhebung existenzieller Bedürftigkeit erforderlichen Ausmaß. Altersarmut blieb im Weimarer Wohlfahrtsstaat ein Massenphänomen. Auch die privaten Renten und Rücklagen – Kriegsanleihen, Pfandbriefe, Hypotheken, Sparguthaben – waren durch die inflationäre Entwicklung vielfach wegge­ schmolzen. So entstand aus diesen Inflationsopfern ein neues zusätzliches Armutsklientel, die ‚enteigneten‘ Mittelschichten. Diese sog. Kleinrentner – das waren nicht nur, aber überwiegend alte Menschen – wehrten sich entschieden gegen die Zumutungen der stigmatisierenden ‚unwürdigen‘ Armenfürsorge. Sie organisierten sich in Selbsthilfeverbänden und forderten eine entschädigende Aufwertungsgesetzgebung, angemessene Rentenleistungen oder eine Ehrenaltersversorgung. Ähnliche Forderungen erhoben die weiteren ‚neuen Armen‘, nämlich die Kriegsbeschädigten und -hinterbliebenen sowie die Sozialrentner/-innen. Sozialrentner/-innen hießen nun die verrenteten Arbeiter/-innen und Angestellten, die eine gesetzliche Alters­rente bezogen, die aber – trotz Steigerungsbeträgen – nicht ausreichend zur Sicherung des Lebensunterhaltes war und für die die Möglichkeiten zum Hinzuverdienen abgenommen hatten. Das Reich schuf daraufhin zunächst jeweils eigene Gesetze über die Sozialund Kleinrentnerfürsorge – das betraf 2,44 Millionen und ca. 3,6 Millionen Personen (Scholz 1983, S. 331) – sowie Kriegsgeschädigten- und Kriegshinterbliebenen­fürsorge. Auch im Kernbereich kommunaler Sozialpolitik, der sozialen Fürsorge, modernisierte der Gesetzgeber in den 1920er Jahren die Rechtsgrundlagen und schuf dabei nach der Währungsstabilisierung eine Differenzierung innerhalb der Fürsorge­ klientel. Kommunen und Länder hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit, wie ausgeführt, häufig auf die neuen akuten Notlagen und Forderungen reagiert; eine zunehmend unübersichtliche Fülle von Einrichtungen, Stellen, Maßnahmen und Leistungen wurde für die genannten Gruppen der ‚neuen Armen‘ mit jeweils besonderen Fürsorgegesetzen geschaffen (Sachße und Tennstedt 1988, S. 88 f.). Die eigenen Mittel der traditionellen Fürsorgeträger wurden aber nicht nur durch die ökonomische Entwicklung knapper, sondern auch dadurch, dass 1922 das Reich die pri­märe Steuerhoheit erhielt. Die Kommunen und Länder gerieten damit in die Position von Kostgängern des Reiches. Um den Fürsorgebereich klar, dauerhaft und rational handhabbar zu strukturieren und sichere Rechtsverhältnisse zu schaffen und um die Kostenlast des Reiches zu reduzieren, erließ das Reich die „Verordnung über die Fürsorgepflicht vom 13. 2. ​1924“ und die „(Reichs-)Grundsätze über Voraussetzung, Art und Maß öffentlicher Fürsorgeleistungen vom 4. 12. ​1924“, die das überkommene Fürsorgerecht zeitgemäß modernisierten. Das aktualisierte Fürsorgerecht umfasste auch die neue, gehobene Fürsorge für die Gruppen, unter denen die Alten jeweils in erheblichem Maße aufgrund ihrer eingeschränkten Erwerbsbefähigung vertreten

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre

293

waren. Das waren die schon erwähnten Klein- und Sozialrentner/-innen wie auch Kriegsgeschädigte und -hinterbliebene. In dieser sog. gehobenen Fürsorge war bei der Leistungsbemessung generell ein höherer „notwendiger Lebensunterhalt“ zu veranschlagen als bei der ‚normalen‘ Fürsorgeklientel; die jeweiligen früheren Lebensverhältnisse sollten berücksichtigt werden (§§ 15 – ​20 RGr; vgl. Baath 1927). Gleichwohl: Altersarmut war und blieb ein erhebliches soziales Problem, die Großstädte richteten teilweise Ausschüsse und Referate für Altersfürsorge ein. In der Sache bestand Altenhilfe (Altenfürsorge) weiterhin in der Organisation, Durchführung und Sicherstellung der Finanzierung der Unterbringung von Alten und Gebrechlichen in Altersheimen, die nicht zuletzt auch gefördert wurde, um den akuten Wohnungsmangel für Familien zu mindern. Hingegen gab es keine besonderen Angebote der halboffenen (teilstationären) oder offenen (ambulanten) Fürsorge/Hilfen, die sich nur an Alte richteten. In der Weltwirtschaftskrise wurden die über 65-Jährigen als erste aus ihrem Erwerbsbiografien gedrängt. Aufgrund ihrer niedrigen Renten mussten sie wieder verstärkt ‚Wohlfahrt‘ beanspruchen.

5

Die Zeit des Nationalsozialismus

Eine spezifische nationalsozialistische sozialpolitische Programmatik für das Alter existierte nicht. Zu den für die ‚Zukunft des Volkes‘ wichtigen Gruppen rechneten die Alten nicht, sie waren dementsprechend auch Ausgrenzungsprozessen ausgesetzt. Die Fürsorge für jüdische Staatsangehörige wurde völlig der privaten jüdischen Wohlfahrtspflege überantwortet. Kennzeichnend im Hinblick auf die Sozialpolitik für das Alter war zunächst die Orientierung an einer finanziellen Konsolidierung der Rentenversicherung wie der Sozialversicherung insgesamt sowie in zunehmendem Maße deren Funktionalisierung für bevölkerungs-, wirtschafts- und rüstungspolitische Zwecke. Dafür konservierte die NS-Regierung zunächst das Rentenniveau wie das Lohnniveau auf dem niedrigen Stand, der während der Welt­wirtschaftskrise festgelegt worden war. Mit dem Erreichen der Vollbeschäftigung stiegen die Löhne, das Rentenniveau aber wurde bis 1938 weiter niedrig gehalten. Die anwachsenden Vermögenswerte der gesetzlichen Rentenversicherungsträger schöpfte das Reich zur Hälfte ab, um sie für Maßnahmen der Kriegsvorbereitung zu nutzten (Tennstedt 2003, Rn 42). Betrug die durchschnittliche Invalidenrente 1932 rd. 400 RM, so waren es 1938 trotz Vollbeschäftigung 372 RM. Nur die Angestelltenrenten erhöhte der Gesetzgeber nennenswert, ansonsten hob die Reichsregierung die per Notverordnung in der Endphase der Weimarer Republik erlassenen Leistungseinschränkungen erst 1941 auf. Rentner/-innen waren damit zur Sicherung ihres Lebensunterhalts weiterhin auf ergänzende kommunale Fürsorgeleistungen wie auch auf Zuwendungen von NSDAP-kontrollierten Organisationen wie der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) oder des Winterhilfswerkes (WHW) angewiesen.

294

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

In der Alterssicherungspolitik der NS-Regierung unter Federführung des Reichsarbeitsministeriums lässt sich gleichwohl ab Ende der 1930er Jahre in Teilbereichen auch eine Leistungsausweitung feststellen. Das Gesetz über den Ausbau der Rentenversicherung vom 21. 12. ​1937 brachte neben weiteren Sanierungsmaßnahmen der Rentenversicherungen auch Kinderzuschüsse und die Erstattung der Hälfte der Beiträge an Arbeiter/-innen bei Heirat – was Frauen auf Dauer allerdings vielfach benachteiligte. Darüber hinaus öffnete das Gesetz die Rentenversicherung für Deutsche unter 40 Jahren, die sich fortan freiwillig versichern lassen konnten. Das Gesetz über die Altersversorgung für das Deutsche Handwerk von 1938 integrierte ab 1939 selbstständige Handwerker in die gesetzliche Rentenversicherung. Und 1941 schließlich führte der Gesetzgeber die Krankenversicherung für Rentner/-innen ein. Erwähnenswert sind hier noch die sehr ambitionierten Pläne der Deutschen Arbeitsfront (DAF) unter Leitung von Robert Ley. In Konkurrenz zur Ministerialbürokratie plante sein Stab eine umfassende Neuordnung der Sozialversicherung einschließlich einer neuen steuerfinanzierten Grundsicherung zur Altersversorgung im Rahmen eines „Versorgungswerkes des Deutschen Volkes“ in der Trägerschaft der DAF. Daneben konzipierten Beauftragte von Robert Ley, diesmal in seiner Funktion als Reichswohnungskommissar, Pläne für die Einrichtung von 4 500 Altersheimen in der Nachkriegszeit, um die knappe Wohnraumversorgung für die erwerbstätige Bevölkerung zu verbessern. Doch all dies blieb, was es war: Pläne und ungedeckte Wechsel auf die Zukunft, die Gegenwart war seit 1939 durch Krieg und Vernichtung (Holocaust, Euthanasie) bestimmt (Tennstedt 1999, S. 194 ff.).

6

Die Nachkriegszeit bis Anfang der 1960er Jahre

Mit dem Grundgesetz (GG) vom 24. 05. ​1949 entstand die Bundesrepublik Deutschland als sozialer und Rechtsstaat, wobei innerhalb der föderalen Struktur sozialpolitische Kompetenzen weitgehend dem Bund zufielen. Generell lässt sich festhalten, dass der Bund unter der Regierung Adenauer die regimetypischen Deformationen der NS-Zeit, die Kriegsfolgen sowie die Veränderungen und die Zersplitterung während der Besatzungszeit, nach und nach beseitigte. Neben der Entfaltung einer neuartigen Lastenausgleichs- und Wiedergutmachungspolitik stand dabei die Restauration der bis 1933 entwickelten Organisations- und Funktionsweisen des Systems der sozialen Sicherung im Zentrum der sozialpolitischen Gestaltung. Das gilt auch hinsichtlich der Sozialpolitik für das Alter und die beiden hierfür wichtigsten Sachbereiche, das Renten- und das Fürsorgerecht. Die am 07. 10. ​1949 gegründete DDR, die das ehemalige Mitteldeutschland umfasste, ging einen anderen Weg. Eine erste sozialrechtliche Innovation auf dem Gebiet der Rentenversicherung erfolgte am 17. 06. ​1949 noch vor Gründung der Bundesrepublik. Dieses Anpassungsgesetz erhöhte einerseits die Beiträge, andererseits aber auch die Leistungen durch Rentenzuschläge sowie einen Sockelbetrag (Mindestrentenbetrag) von 50 M. monat-

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre

295

lich. Vor allem aber erfolgte eine Gleichstellung des Leistungsspektrums der Arbeiterrentenversicherung mit dem der Angestelltenversicherung. Weitere Leistungsverbesserungen erfolgten 1951 mit dem Rentenzulagengesetz und Teuerungszulagengesetz und 1953 mit dem Grundbetragserhöhungsgesetz. Gleichwohl: Von dem steigenden Wohlstand der Wiederaufbauphase der Bundesrepublik profitierten die Altersrentner/-innen weniger als die Erwerbsbevölkerung. Während Arbeitnehmer/-innen im Zeichen des sog. Wirtschaftswunders ihre Realeinkommen verdoppeln konnten, erreichten Rentenbezieher/-innen durchschnittlich nur etwa 30 % der vergleichbaren Lohneinkommen. Altersarmut war und blieb eine Massenerscheinung. Ab 1955 entwickelte eine Expertengruppe des federführenden Bundesarbeitsministeriums Überlegungen für eine umfassende Rentenreform. Der darin entwickelte sozialpolitische Paradigmenwechsel bestand in der Abkehr von der de facto noch immer bestehenden ‚Zuschussrente‘ hin zu einer Rente als Lohnersatzleistung, die den (jeweiligen) Lebensstandard, der im Erwerbsleben erarbeitet wurde, als Bezugspunkt wählte. Letzteres erforderte eine ‚Dynamisierung‘ und regelmäßige Anpassung an die allgemeine Wirtschafts- und Lohnentwicklung. Das entsprach auch dem ‚SchreiberPlan‘ von 1956, den Bundeskanzler Adenauer aufgriff und gegen alternative Konzepte wählerwirksam in der sog. Adenauer’schen Rentenreform von 1957 durchsetzte (Hockerts 1980). Anstelle der bisherigen Kombination aus Grundbeträgen, Steigerungsbeträgen, Kinderzuschüssen und Zulagen trat die dynamische Rentenformel. Hierbei war die relative Position der Beitragszahler/-innen im Lohngefüge zentraler Bezugspunkt für die Rentenhöhe. Die Rentenempfänger/-innen wurden an die Entwicklung der Brutto­löhne und – so vermittelt – an die Entwicklung des jeweils produzierten gesellschaftlichen Reichtums angekoppelt. Hier liegt auch der Ursprung des sog. Generationenvertrags, der mit dem nun wieder aufgelegten Finanzierungsverfahren durch Umlage (sog. Umlageverfahren) verbunden war. Die Rentenzahlungen konnten fortan 50 % bis zwei Drittel des letzten Nettoentgelts erreichen. Wie aus Tabelle 3 und 4 hervorgeht bewirkte die Rentenreform unmittelbar deutlich höhere durchschnittliche Rentenzahlungen: Arbeiter/-innen erhielten 58 %, Angestellte 65 %, Witwen und Waisen ca. 73 % bis 87 % mehr (Tennstedt 2003, Rn 54, 68 f.). Der Wegfall von festen Grundbeträgen führte zu einer Stärkung des Äquivalenzprinzips bei der Renten­ berechnung. Für Abweichungen von Normalerwerbsbiografien von Männern und für die ohnehin vielfach einem anderen Normalitätsmuster folgende Erwerbstätigkeit von Frauen fehlte damit ein – heute als angemessen betrachteter – sozialer Ausgleich. Neben dem skizzierten Ausbau der Alterssicherung für Lohn- und Gehaltsempfänger/-innen realisierte der Gesetzgeber auch eine Ausweitung durch Einbeziehung neuer Adressatengruppen, so selbstständige Landwirte und Handwerker. Der beschriebene Ausbau der Rentenversicherung konnte realisiert werden, obwohl die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung seinerzeit ungünstiger war als heute und für das Jahr 2020 prognostiziert. Im Jahr 1950 lag der Altersquotient (65 Jahre und älter) bei 9,7 %, was zusammen mit dem Jugendquotienten (unter 20 Jahren) von

296

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

Tabelle 3  Die gesetzliche Rentenversicherung der Arbeiter 1950 – ​1979 Jahr*

1950

1956

1957

1969

1979

durchschnittliche mtl. Höhe der Versichertenrenten in DM

60,60

90,20

143,20

294,74

670,70

Rentenbestand in 1 000

3 232

4 905

4 913

6 529

8 134

Einnahmen in Mio. DM

2 701

7 454

9 908

28 962

77 016

Ausgaben in Mio. DM

2 399

5 901

8 459

29 288

76 777

* Bis 1954 ohne Berlin und Saarland; bis 1959 ohne Saarland. Quelle: BMAS 1999 ©

Tabelle 4  Die gesetzliche Rentenversicherung der Angestellten 1950 – ​1979 Jahr*

1950

1956

1957

1969

1979

durchschnittliche mtl. Höhe der Versichertenrenten in DM

92,10

137,80

227,20

505,70

1 030,64

Rentenbestand in 1 000

932

1 573

1 633

2 367

3 487

Einnahmen in Mio. DM

1 034

3 283

4 296

16 004

54 032

Ausgaben in Mio. DM

915

2 588

3 958

15 862

55 823

* Bis 1954 ohne Berlin und Saarland; bis 1959 ohne Saarland. Quelle: BMAS 1999 ©

30,5 % einem ‚Belastungs-Quotienten‘ (für die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65 Jahren) von 67,1 % entsprach. Im Jahr 2000 lag der ‚BelastungsQuotient‘ bei 59,7 %, für 2020 wird er auf 63,9 % geschätzt (Wiesner 2001, S. 55). Der Altersquotient als solcher ist, anders als vielfach unterstellt, allerdings wenig bedeutsam. Volkswirtschaftlich relevant ist die Relation zwischen Nicht-Erwerbstätigen und Erwerbstätigen unter Berücksichtigung der Arbeitsproduktivität. Entscheidend für die Sozialversicherung ist die Relation zwischen der Anzahl der Anspruchsberechtigten und deren Ansprüchen auf der einen und der Zahl der Beitragszahler/-innen und deren Bruttolohneinkommen auf der anderen Seite. So gesehen verwundert es nicht, dass es in den beiden Jahrzehnten nach der Adenauerschen Rentenreform zu einem deutlichen Ausbau mit Leistungsverbesserung für die Anspruchsberechtigten kommen konnte – trotz der weiteren ‚Alterung der Gesellschaft‘. Neben der Rentenversicherung wurden in der Bundesrepublik auch die Fürsorge­ leistungen verbessert, allerdings zeitverzögert. Das Kriegsende brachte für arme Alte eine Verschlechterung. Die Alliierten schaff‌ten die als diskriminierend bewertete Gruppenfürsorge (gehobene Fürsorge) des Weimarer Fürsorgerechts ab. In veränder-

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre

297

ter Form fand die gehobene Fürsorge allerdings 1953 wieder Eingang ins Fürsorge­ recht: Beim Vorliegen bestimmter sozialer Merkmale konnten über den herkömmlichen Bedarf (sog, Regelbedarf) hinaus Mehrbedarfe veranschlagt werden. Ein Alter über 65 Jahre und Erwerbsunfähigkeit galten dabei als Mehrbedarfsansprüche begründende Kriterien. Im Übrigen gab es seit 1953 erstmals einen Rechtsanspruch auf Fürsorgeleistungen. Eine zusätzliche allgemeine Erhöhung der Fürsorgerichtsätze im Jahre 1955 um ca. 50 % (gegenüber 1949) konnten dann das Los der armen Alten ebenfalls verbessern (Tennstedt 2003, Rn 75). Die Fürsorgebedürftigkeit vieler älterer Menschen beseitigte schließlich die Adenauersche Rentenreform. Nach langjährigen Vorarbeiten löste dann das Bundessozialhilfegesetz vom 30. 06. ​ 1961 (BSHG) zum 01. 06. ​1962 die mehrfach novellierte Reichsfürsorgepflichtverordnung von 1923 ab. Mit § 75 BSHG wurde erstmals im deutschen Fürsorgerecht eine besondere Regelung für Alte unter der Überschrift „Altenhilfe“ verankert. Binnen zehn Jahren wurde sie zum Ausgangspunkt für eine kommunale Altenplanung und die Ausgestaltung sozialer Dienste für Ältere. Die Altenhilfe konzentrierte sich überwiegend in Sozialstationen, die auch die mit dem BSHG ebenfalls neu geschaffene „Hilfe zur Pflege“ koordinierten. Dass im BSHG nicht von Altenfürsorge, sondern von Altenhilfe die Rede war, entsprach dem allgemeinen Trend, die Bezeichnung Fürsorge wegen des diskriminierenden Beigeschmacks durch Hilfe zu ersetzen. Ebenso war nunmehr von Sozialhilfe, Jugendhilfe, Gesundheitshilfe usw. die Rede. Das Kodifizierte war knapp und überschaubar: „(1) Alten Menschen soll außer der Hilfe nach den übrigen Bestimmungen dieses Gesetzes Altenhilfe gewährt werden. Sie soll dazu beitragen, Schwierigkeiten, die durch das Alter entstehen, zu überwinden und Vereinsamung im Alter verhüten. (2) Als Maßnahmen der Hilfe kommen in vertretbarem Umfang vor allem in Betracht 1. Hilfe zu einer Tätigkeit des alten Menschen, wenn sie von ihm erstrebt wird und in seinem Interesse liegt, 2. Hilfe bei der Beschaffung von Wohnungen, die den Bedürfnissen alter Menschen entsprechen, 3. Hilfe zum Besuch von Veranstaltungen oder Einrichtungen, die der Geselligkeit, der Unterhaltung oder den kulturellen Bedürfnissen alter Menschen dienen, 4. Hilfe, die alten Menschen die Verbindung mit nahestehenden Personen ermöglicht. (3) Altenhilfe kann ohne Rücksicht auf vorhandenes Einkommen oder Vermögen gewährt werden, soweit im Einzelfall persönliche Hilfe erforderlich ist.“

Der Gesetzgeber legte den Kommunen als örtlichen Sozialhilfeträgern eine Verpflichtung zur Altenhilfe auf, die er aber einerseits durch die Formulierung „in vertretbarem Umgang“ (Abs. 2, Satz 1) relativierte und der andererseits kein Rechtsanspruch der Adressat/-innen gegenüberstand (vgl. Gottschick 1963). Dennoch: Mit der Einführung von § 75 erhielt die offene Altenhilfe eine Rechtsgrundlage und die kommunalen Träger waren aufgerufen, offene Altenhilfe für Bedürftige zu betreiben.

298

Peter Hammerschmidt und Florian Tennstedt

Exklusionsvermeidung und Inklusionsvermittlung, Kernfunktionen der Sozialen Arbeit, waren das Hauptanliegen der Altenhilfe im Sinne von § 75 BSHG. Ansonsten spielte die generalklauselhafte Formulierung in § 93 (1) des neuen BSHG, wonach die Sozialhilfeträger darauf hinwirken sollten, dass die zur Gewährung der Sozialhilfe geeigneten Einrichtungen ausreichend zur Verfügung stehen, für die Altenhilfe insofern eine bedeutende Rolle, als damit auch die stationären (Altenheime) und später halboffenen Einrichtungen (z. B. Altenbegegnungsstätten) mit erfasst waren. Mit einer im selben Paragrafen formulierten Subsidiaritätsformel erlaubte dies den freigemeinnützigen Trägern, die Kommunen zur Schaffung und Finanzierung von Einrichtungen der Altenhilfe anzuhalten. 1979 waren in der Bundesrepublik 762 Sozialstationen vorhanden, Ende 1981 waren es bereits 1 397. Heute verfügt allein die freie Wohlfahrtspflege über 2 870 Sozialstationen (weitere, differenziertere Angaben vgl. Hammerschmidt 2008). Die zeitlich nächste grundlegende sozialrechtliche Neuerung für das Alter nach dem BSHG brachte dann erst Mitte der 1990er Jahre die Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung (vgl. Rubin, Rixen sowie Schmidt i. d. B.).

7

Resümee und Ausblick

In der Langzeitperspektive charakterisiert das Wort ‚Ausweitung‘ am besten die Entwicklung der Sozialversicherung im Allgemeinen wie der Gesetzlichen Rentenversicherung im Besonderen von den Anfängen der 1880er Jahre bis Ende der 1990er Jahre. Das gilt trotz aller feststellbaren Einschränkungen in Zeiten knapper öffentlicher Kassen und Phasen ‚sozialpolitischer Regression‘. Nicht minder bedeutsam als die quantitativen wie qualitativen Leistungsverbesserungen, die das materielle Sicherungsniveau erhöhten, war gewiss die Ausweitung durch den Einbezug immer weiterer Bevölkerungskreise in den Sozialversicherungsschutz. Die Sozialversicherung folgte bislang überwiegend dem Prinzip der Inklusion. Das was jeweils gesellschaftlich als soziales Problem definiert und wofür dementsprechend eine öffentliche Verantwortung bei gleichzeitig legitimen Ansprüchen der Betroffenen festgestellt und anerkannt wurde, nahm zu (vgl. Sachße und Tennstedt 2005). Die Ausweitung der Sozialversicherung entlastete die ansonsten verpflichteten kommunalen Träger der Armenfürsorge/Sozialhilfe und setzte damit hier materielle wie personelle Ressourcen frei, die zum Ausbau und zur Differenzierung von sozialen Einrichtungen, Maßnahmen und Leistungen eingesetzt werden konnten und vielfach auch wurden. In dieselbe Richtung wirkte die Einführung von Leistungen der Sozialversorgung, zunächst im Rahmen der Kriegswohlfahrtspflege, dann verstärkt nach dem Ersten sowie nach dem Zweiten Weltkrieg. Förderlich für den Ausbau kommunaler Daseinsvorsorge im sozialen Bereich war zudem, dass die Sozialversicherungsträger weitgehend auf die Durchführung personenbezogener Dienstleistungen in Eigenregie verzichteten; sie traten vielmehr als Nachfrager bzw. Re-Finanziers solcher Leistungen auf – etwa bei kommunalen aber auch freigemeinnützigen Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge.

Sozialrecht und Sozialpolitik für das Alter bis Anfang der 1960er Jahre

299

Sozialpolitik für das Alter jenseits der finanziellen Sicherung im Rahmen der Sozialversicherung nahm jedoch in den hier betrachteten Epochen regelmäßig einen nur untergeordneten Stellenwert ein. Das gilt auch für die Einrichtungen, Dienste und Maßnahmen der kommunalen Daseinsvorsorge. Hier dominierte eine soziale Infrastruktur, die entweder altersunspezifische oder explizit für Kinder und Jugendliche bestimmte Angebote bereitstellte. Erst am Ende des hier betrachteten Zeitraums, finden sich nennenswerte Ansätze der Einwicklung einer eigenständigen Altenhilfe (vgl. Hammerschmidt und Löffler sowie weitere Beiträge in Teil I, Kapitel 1 i. d. B.).

Ausgewählte Literatur Hänlein, Andreas, und Florian Tennstedt. 2008. Geschichte des Sozialrechts. In Sozialrechtshandbuch. 4. Auflage. Baden-Baden: Nomos. Hammerschmidt, Peter. 2008. Sozialpolitik, Sozialrecht und Soziale Altenarbeit. In Lebensalter und Soziale Arbeit. Ältere und alte Menschen. Hrsg. Aner, Kirsten, und Ute Karl, 10 – ​24. Baltmannsweiler: Schneider. Schmähl, Winfried. 2019. Alterssicherungspolitik in Deutschland. Vorgeschichte und Entwicklung von 1945 bis 1998. Tübingen: Mohr & Siebeck.

Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts Felix Welti

1

Einleitung

Das Niveau der Renten, die Organisation der Generationensolidarität und die soziale Ungleichheit im Alter beschäftigen die Sozialpolitik seit ihrem Entstehen (vgl. Hammerschmidt und Tennstedt i. d. B.) und werden sie weiter beschäftigen. Die Soziale (Alten-)Arbeit kann insbesondere versuchen, die subjektive Wahrnehmung von niedrigen Einkommen zu verstehen (vgl. Schoneville 2017) und ältere Menschen bei der Durchsetzung möglicher Ansprüche zu unterstützen. Die Deckung des Lebensunterhalts aus Einkommen und Vermögen gestaltet entscheidend die Lebenslagen der Menschen im Alter. Denkt man sich die gesellschaftlichen Institutionen der Alterssicherung weg, wäre Alter – wie in früheren Zeiten – vor allem die Lebensphase, in der Kinder für den Unterhalt ihrer Eltern aufkommen müssen. Im Folgenden werden ausgewählte spezifische Einkommensquellen im Alter in der heutigen Zeit und ihre rechtlichen Grundlagen beschrieben: Rente, Grundsicherung im Alter, betriebliche und private Altersversorgung, Pension. Von ihnen zu leben und nicht von laufendem Erwerbseinkommen, konstituiert nicht unwesentlich das Alter als Lebensphase (Scherger 2015; vgl. auch Engels sowie Brettschneider und Klammer i. d. B.). Erwerbsarbeit und Arbeitseinkommen (vgl. Igl et al. 2015) sowie Vermögenseinkünfte aus Kapital und Vermietung gibt es gleichwohl auch im Alter. Diese bleiben in diesem Beitrag außer Betracht, ebenso weitgehend Einkommen aus den Unterhaltspflichten von Ehegatten (§§ 1360 ff. Bürgerliches Gesetzbuch – BGB) und Verwandten in gerader Linie (§ 1601 BGB), also insbesondere der Kinder für die Eltern.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_25

301

302

Felix Welti

2

Grundlagen der Einkommenssicherung im Alter

2.1

Rechtliche Grundlagen

Die Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland für die Sicherung des Existenzminimums folgt aus dem Gebot, die Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz – GG) im sozialen Rechtsstaat (Art. 20 Abs. 1 GG) zu schützen.1 Sie verpflichtet den Staat, das Existenzminimum durch einen gesetzlichen Anspruch zu sichern, der in einem transparenten und sachgerechten Verfahren bestimmt wird. Die weitergehende Pflicht, soziale Sicherung für die nachberufliche Lebensphase vorzusehen, folgt aus dem Sozialstaatsgebot, bei dessen Ausgestaltung der Gesetzgeber einen weiten Spielraum hat. Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung unterliegen nach der Rechtsprechung des BVerfG und des Bundessozialgerichts (BSG) grundrechtlichem Schutz als Eigentumsrechte.2 Dieser Schutz verwehrt jedoch dem Gesetzgeber nicht eine Gestaltung von Inhalt und Schranken der Ansprüche. Rentenreformen werden dadurch zum Gegenstand beim BVerfG (Butzer 2015; Oppermann 2015 mit weiteren Nachweisen). In den Menschenrechten wird die Alterssicherung nicht ausdrücklich erwähnt. Im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (Sozialpakt)3 sind das Recht auf Soziale Sicherheit einschließlich Sozialversicherung (Art. 9) und auf angemessenen Lebensstandard (Art. 11) genannt. Art. 9 Sozialpakt umfasst nach den General Comments des zuständigen UN-Ausschusses ein Recht auf Alterssicherung, auch für diejenigen, die nicht genügend Beiträge in einem Alterssicherungssystem zahlen konnten (Eichenhofer 2014).4 Im Kontext der Beschäftigtenrechte ist die Alterssicherung erwähnt in den Konventionen Nr. 102 und 128 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).5 Alle diese völkerrechtlichen Verträge sind für die Bundesrepublik Deutschland bindend. Das gegenwärtig in der Vorbereitung befindliche Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte Älterer6 wird der Alterssicherung als sozialem Menschenrecht mehr Aufmerksamkeit schaffen. Nach Art. 25 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union (EU) anerkennt und achtet diese das Recht älterer Menschen auf ein würdiges und unabhängiges Leben und auf Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben. Die Sicherstellung der Ansprüche und Leistungen auf dem Gebiet der sozialen Sicherheit in der EU ist nach 1 2 3 4

Bundesverfassungsgericht (BVerfG), Urteil vom 09. 02. ​2010, 1 BvL 1/09 u. a., BVerfGE 125, S. 175 ff. BVerfG, Urteil vom 28. 02. ​1980, 1 BvL 17/77 u. a., BVerfGE 53, 257 ff. Vom 19. 12. ​1966, Bundesgesetzblatt (BGBl.) II 1973, S. 1570. Economic and Social Council, General Comment No 19, E/C.12/GC/19, 4/2/2008, Ziffer 12c; General Comment No 6 (1995), Ziffern 27, 30, 32, 33. 5 C 102 – Social Security (Minimum Standards) Convention, 1952, Art. 25 – ​30; C 128 – Invalidity, Old Age and Survivors’ Benefits Convention, 1967 (No 128), Art. 14 – ​19. 6 Resolution 67/139 Towards a comprehensive and integral legal instrument to promote and protect the rights and dignity of older persons, General Assembly 20/12/2012.

Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

303

Art. 48 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU (AEUV) als Voraussetzung der Freizügigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Aufgabe der Union. Entsprechend koordiniert die EU die nationalen Regelungen durch die VO Nr. 883/2004, die in ihren Artikeln 50 – ​60 Vorschriften über Alters- und Hinterbliebenenrenten enthält. Betriebsrenten sind durch die Richtlinie 98/49/EG koordiniert. Ziel dieser Regelungen ist, dass Rentner/-innen in staatlichen und beitragsbezogenen sowie betrieblichen Alterssicherungssystemen keine Nachteile durch Migration innerhalb der EU haben. Diese Regelungen gelten nicht für die Mindestsicherungssysteme. Auch bei diesen ist aber das Recht auf Freizügigkeit der Unionsbürger/-innen anzuwenden (Art. 21 AEUV). Dieses ist aber durch Art. 7 RL 2004/38/EG für Personen beschränkt, die keinen Krankenversicherungsschutz und keine ausreichenden Existenzmittel haben, sodass alte Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, die auf Grundsicherung angewiesen wären, nach § 23 Abs. 3 SGB XII von dieser ausgeschlossen sein können. Die Alterssicherungspolitik ist darüber hinaus Gegenstand der offenen Koordinierung in der Europäischen Union (Eichenhofer 2009). 2.2

Soziale, ökonomische und politische Grundlagen

Rechtliche Regelungen ordnen die Alterssicherung und ihre Institutionen. Diese benötigen aber soziale, ökonomische und politische Grundlagen. Diese zeigen, dass es eine rein individuelle Alterssicherung nicht geben kann. Jede Alterssicherung – so wie der Unterhalt der noch nicht arbeitenden Kinder und Jugendlichen – muss aus dem laufenden Sozialprodukt und damit von der ökonomisch aktiven Generation aufgebracht werden (Schmähl 2015), auf deren politische und soziale Akzeptanz sie angewiesen ist (Bode, I. 2015). Produktivität und die Verteilung des Pro­duzierten sind dafür besonders relevant. Eigene Beiträge zu einem Alterssicherungssystem führen zu Ansprüchen und Anwartschaften, die zu einem späteren Zeitpunkt aus der Wertschöpfung Anderer erfüllt werden müssen. Insofern ist jede Ordnung der Alterseinkommen zugleich eine spezifische Ausprägung der Generationensolidarität und Generationengerechtigkeit (Welti 2004; Baer 2009; Ruland 2017), die, vor allem wenn sie langfristig angelegt ist, als Generationenvertrag bezeichnet werden kann.

3

Gesetzliche Rentenversicherung

3.1

Institutioneller Rahmen

Die gesetzliche Rentenversicherung nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) VI wird in Deutschland ausgeführt von den Trägern der Deutschen Rentenversicherung (DRV): der DRV Bund, der DRV Knappschaft-Bahn-See und vierzehn Regionalträgern. Die Zuordnung älterer Menschen folgt heute noch meist dem früheren gegliederten Sys-

304

Felix Welti

tem (DRV Bund: Angestellte; Regionalträger: Arbeiterinnen und Arbeiter; Knappschaft-Bahn-See: Bergbau, Bahnbeschäftigte, Seeleute), inzwischen werden Versi­ cherte den Trägern nach dem Zufall zugeordnet. Für Versicherte im Ausland oder aus dem Ausland gibt es eine besondere Zuordnung (§ 128 SGB VI). Dazu kommt die landwirtschaftliche Sozialversicherung nach dem Gesetz über die Alterssicherung der Landwirte (ALG) durch die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Das Recht der Rentenversicherung ist Bundesrecht, auch wenn einzelne Regelungen für das frühere Ost- und Westdeutschland noch divergieren. Die Träger der Rentenversicherung sind Körperschaften des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung, in ihren ehrenamtlichen Vorständen und Vertreterversammlungen sind Arbeitgeber und Versicherte je zur Hälfte vertreten, letztere überwiegend durch Personen aus den Gewerkschaften. Sie werden bei den Sozialversicherungswahlen gewählt (§§ 43 ff. SGB IV). Die Träger der DRV arbeiten bei Grundsatzangelegenheiten und bei Auskunft und Beratung zusammen (§ 138 SGB VI). Neben den Auskunfts- und Beratungsstellen der Träger gibt es auch wohnortnahe Beratung durch ehrenamtliche Versichertenälteste (§ 39 SGB IV) und die Versicherungsämter bei den Kreisen und kreisfreien Städten (§§ 93, 94 SGB IV). Für die Rentenversicherungsträger gilt gemeinsames Recht der Sozialversicherungsträger (SGB IV) für Versicherungspflicht und innere Struktur, gemeinsames Recht aller Sozialleistungsträger (SGB I, SGB X) für allgemeine Pflichten wie Auskunft und Beratung (§§ 14, 15 SGB I; Glombik 2017) und Barrierefreiheit (§ 17 SGB I) und das Verfahren, etwa die Amtsermittlung (§ 20 SGB X) und besondere Regeln für die Aufhebung von Entscheidungen (§§ 44 – ​50 SGB X). Über Widersprüche der Versicherten (§ 78 Sozialgerichtsgesetz – SGG) gegen Entscheidungen der Rentenversicherungsträger entscheiden zunächst in der Regel Widerspruchsausschüsse (§ 36a SGB IV) mit Ehrenamtlichen aus der Selbstverwaltung (Welti und Fischer 2017). Für Klagen gegen ablehnende Widersprüche sind die Sozialgerichte zuständig (§ 51 SGG), bei denen es Fachkammern für Angelegenheiten der Sozialversicherung gibt, in denen ehrenamtliche Richter/-innen aus Kreisen der Arbeitgeber und Versicherten mitwirken. Im Widerspruchsverfahren und bei den Sozialgerichten können sich Versicherte selbst vertreten oder sich von Rechtsanwält/-innen, Rentenberater/-innen (§ 10 Abs. 1, Nr. 2 Rechtsdienstleistungsgesetz, RDG), Gewerkschaften und Sozialverbänden (§ 73 SGG) beraten und vertreten lassen. Beratungshilfe und Prozesskostenhilfe (§ 73a SGG) können beim Gericht beantragt werden. Die Rentenversicherungsträger werden aus den Beiträgen von Versicherten und Arbeitgebern sowie zu etwa einem Viertel aus einem Bundeszuschuss (§ 213 SGB VI) finanziert. Zwischen ihnen besteht ein völliger Finanzausgleich (§ 219 SGB VI) und kein Wettbewerb. Es gilt das Umlageverfahren, das heißt, die aktuellen Ausgaben werden aus den aktuellen Einnahmen bei nur geringer Rücklage gedeckt (§ 216 SGB VI). Die ‚Rentenkasse‘ ist nur eine Metapher, die Rentenversicherung verteilt bei niedrigen Verwaltungsausgaben aktuelles Einkommen um.

Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

3.2

305

Voraussetzungen von Alters- und Hinterbliebenenrenten

Altersrenten haben zur Voraussetzung, dass die Anspruchsvoraussetzungen (§§ 35 – ​ 40, 235 – ​239 SGB VI) erfüllt sind. Diese sind bei Altersrenten das Erreichen einer Altersgrenze und eine Wartezeit, das heißt eine Mindestversicherungszeit (§§ 50 – ​53 SGB VI). Für die Regelaltersrente ist Voraussetzung, dass eine Wartezeit von fünf Jahren erfüllt ist und die Regelaltersgrenze erreicht wird. Diese wird ab dem Geburtsjahrgang 1964 bei 67 Jahren liegen und bis dahin schrittweise erhöht (§ 235 SGB VI). Langjährig Versicherte (Wartezeit 35 Jahre) können die Rente vorzeitig (ab 63 bis 65) in Anspruch nehmen (§§ 36, 236 SGB VI), müssen aber Abschläge bei der Höhe hinnehmen (§ 77 Abs. 2 SGB VI). Besonders langjährig Versicherte (Wartezeit 45 Jahre) können die Rente vorzeitig (ab 63 bis 65) ohne Abschläge in Anspruch nehmen (§§ 38, 236b SGB VI). Diese Privilegierung ist sozialpolitisch umstritten (Engelen-Kefer 2016). Sie entspricht dem Gerechtigkeitsgefühl Vieler, begünstigt aber zugleich Versicherte, insbesondere Männer, die bereits vergleichsweise hohe Rentenansprüche haben (Keck/Krickl 2018). Schwerbehinderte (§§ 2 Abs. 2, 152 SGB IX) Versicherte können mit einer Wartezeit von 35 Jahren früher (mit 63 bis 65 ohne Abschläge, mit 60 bis 62 mit Abschlägen) eine Altersrente in Anspruch nehmen (§§ 37, 236a SGB VI). Diese Regelung trägt dem typischerweise schlechteren Gesundheitszustand und der niedrigeren Lebenserwartung schwerbehinderter Menschen Rechnung. Sie gibt der Anerkennung als schwerbehindert (Grad der Behinderung ab 50) durch das Versorgungsamt besondere Bedeutung. Besondere Regelungen gelten für langjährig unter Tage beschäftigte Bergleute (§§ 40, 238 SGB VI). Frühere Regelungen zur erleichterten Altersrente nach Arbeitslosigkeit oder nach Altersteilzeit (§ 237 SGB VI) und das frühere Renteneintrittsalter für Frauen (§ 237a SGB VI) wurden nicht fortgeschrieben. In der Landwirtschaft haben Landwirt/-innen und mitarbeitende Familienangehörige Anspruch auf Regelaltersrente (§ 11 ALG) nach einer Wartezeit von 15 Jahren oder vorzeitige Altersrente (§ 12 ALG) nach 35 Jahren oder bei Altersrente von mitarbeitenden Ehegatten. Das Renteneintrittsalter ist sozialpolitisch sehr umstritten (Ruland 2012; Knuth 2015; Künemund 2015a). Wichtige Argumente und Einflussgrößen sind die Finanzierung der Alterssicherung, die Lebenserwartung, die Arbeitskräftenachfrage und der Gesundheitszustand der Versicherten. Während die ersten beiden Argumente oft generell für ein höheres Renteneintrittsalter angeführt werden, sprechen die beiden letzteren für flexiblere und differenziertere Regelungen, die Arbeitsmarktchancen und Gesundheitszustand berücksichtigen. Witwen- und Witwerrenten (§ 46 SGB VI) werden geleistet, wenn versicherte Ehegatten gestorben sind und die allgemeine Wartezeit erfüllt hatten sowie die Ehe mindestens ein Jahr bestanden hat. Für Ältere kommt dabei regelmäßig die große Witwen- oder Witwerrente in Betracht. Mit dieser Rente ist der eheliche Unterhaltsanspruch versichert. Bei Wiederheirat entfällt die Rente, es kann eine Rentenabfin-

306

Felix Welti

dung von zwei Jahresrenten bezogen werden (§ 107 SGB VI); nach Tod des weiteren Gatten kann die Rente wieder aufleben (§ 46 Abs. 3 SGB VI). 3.3

Bestimmung von Rentenansprüchen

Die Rentenhöhe zu kennen und zu verstehen, ist für die Planung der Lebensphase Alter wichtig. Die Rentenversicherungsträger erteilen daher jederzeit Auskunft über den Versicherungsverlauf und sind verpflichtet zu beraten, ob zum Beispiel durch freiwillige Beitragszahlung die Voraussetzungen eines Rentenanspruchs erreicht werden können. Sie sind regelmäßig zur Renteninformation (bis 55) und zur Rentenauskunft (ab 55) verpflichtet (§ 109 SGB VI). Die Rentenhöhe richtet sich nach den persönlichen Entgeltpunkten (§§ 63, 66 SGB VI). Ein persönlicher Entgeltpunkt steht für die Anwartschaft, die durch ein Jahr versicherungspflichtige Beschäftigung zum jeweiligen Durchschnittseinkommen aller versicherungspflichtig Beschäftigten erworben wird. Entgeltpunkte werden primär durch Beitragszahlung aus versicherter Tätigkeit erworben. Versicherungspflichtig sind grundsätzlich alle abhängig Beschäftigen (§ 1 SGB VI, § 7 SGB IV). Das gilt auch für geringfügig Beschäftigte (§ 8 SGB IV), es sei denn sie haben sich auf Antrag von der Versicherungspflicht befreien lassen (§ 6 Abs. 1b SGB VI). Versicherungspflichtig sind weiterhin verschiedene Gruppen von selbstständig Erwerbstätigen (§ 2 SGB VI) sowie Landwirte und mitarbeitende Familienangehörige (§ 1 ALG). Selbstständige können sich auch für die Versicherungspflicht auf Antrag entscheiden (§ 4 SGB VI). Versicherungsfrei sind insbesondere diejenigen Erwerbstätigen, die als Beamte in einem anderen Sicherungssystem sind (§ 5 SGB VI) oder auf Antrag Personen, die Zugang zu einem berufsständischen Versorgungswerk haben (§ 6 SGB VI). Freiwillige Versicherung ist möglich (§ 7 SGB VI). Der Beitrag wird von Beschäftigten und Arbeitgebern hälftig getragen (§ 168 SGB VI), bei Selbstständigen von diesen selbst (§ 169 SGB VI), außer in der Künstlersozialkasse, in der die Vermarkter und der Bund einen Teil der Beiträge zahlen. Versicherungspflichtig sind auch Beschäftigte in Werkstätten für behinderte Menschen und Inklusionsbetrieben (§§ 215, 219 SGB IX; § 1 Satz 1 Nr. 2 SGB VI). Für sie zahlt im Ergebnis der Bund Beiträge auf der Basis von 80 % des Durchschnittseinkommens (§§ 168 Abs. 1 Nr. 2, 179 SGB VI). Versicherungszeiten aus der DDR sind – mit wenigen Ausnahmen – in die Renten­ versicherung übergeleitet worden und führen heute zu Ansprüchen. Rentenzeiten von als Aussiedler/-innen eingewanderten Deutschen zählen ebenfalls (Fremdrenten­ gesetz – FRG). Rentenzeiten aus anderen EU-Staaten werden nach den Artikeln 50 ff. VO 883/2004 berücksichtigt, aus weiteren Staaten nach den jeweiligen Sozialversicherungsabkommen. Versicherungspflicht besteht auch für verschiedene Lebenslagen außerhalb der Erwerbsarbeit. Dies betrifft drei Jahre Kindererziehungszeit je Kind für ein Elternteil

Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

307

(§§ 3 Satz 1 Nr. 1, 56 SGB VI), auch wenn in dieser Zeit gearbeitet wird. Für jedes Jahr Kindererziehungszeit wird ein Entgeltpunkt gutgeschrieben. Die Beiträge für diese Zeiten bezahlt der Bund aus Steuermitteln. Als sozialpolitische Begründung hierfür wird das Schließen von Lücken in der Erwerbsbiografie insbesondere bei Müttern herangezogen (vgl. Rust 2011). Eine umstrittene verfassungsrechtliche Begründung für Kindererziehungszeiten ist die Anerkennung von Kindererziehung als „generativer Beitrag“ als Voraussetzung für das Funktionieren jeder Alterssicherung.7 Es gibt die umstrittene Ansicht, dass deshalb auch eine Senkung des Rentenversicherungsbeitrags für Eltern verfassungsrechtlich geboten sei (vgl. Kingreen 2007; dagegen Ruland 2016). Das Bundessozialgericht teilt dies nicht.8 Versicherungspflicht besteht weiterhin für Zeiten, in denen Personen Angehörige oder Andere nicht erwerbsmäßig als Pflegeperson (§ 19 SGB XI) pflegen (§ 3 Satz 1 Nr. 1a SGB VI; § 44 Abs. 1 SGB XI). Die Entgeltpunkte differieren je nach Pflegegrad der zu pflegenden Person (§ 166 Abs. 2 SGB VI). Die Beiträge zahlt die Pflegekasse (§ 170 Abs. 1 Nr. 6 SGB VI). Versicherungspflicht besteht während des Bezugs der Lohnersatzleistungen Krankengeld, Arbeitslosengeld und Verletztengeld auf der Basis von 80 % des Durchschnitts­ entgelts, die Beiträge zahlt der jeweilige Leistungsträger. Keine Rentenansprüche werden erworben durch den Bezug von Arbeitslosengeld II, Hilfe zum Lebensunterhalt und Grundsicherung bei dauerhafter Erwerbsminderung. Eine Erwerbsminderungsrente wird bei Erreichen der Regelaltersgrenze in eine Altersrente gleicher Höhe umgewandelt. Weitere Zeiten der Ausbildung, Kindererziehung, Arbeitslosigkeit und Krankheit wirken als Berücksichtigungszeiten (§ 57 SGB VI) und Anrechnungszeiten (§ 58 SGB VI) insbesondere auf die Erfüllung der Wartezeiten (§ 51 SGB VI). Zeiten des Bezugs von Sozialleistungen und von geminderter Erwerbsfähigkeit in der Erwerbsbiografie gehören zu den wichtigsten Gründen für nicht existenzsichernde Altersrenten. Während des Bezugs von Altersrenten ab der Regelaltersgrenze besteht keine Versicherungspflicht (§ 5 Abs. 4 SGB VI), sodass die Rente nicht mehr erhöht werden kann. Dies gilt bei Beschäftigung nicht, wenn auf die Versicherungsfreiheit verzichtet wird (§ 5 Abs. 4 Satz 2 SGB VI). Für Erziehungs- und Pflegezeiten von Altersrentner/-innen sind dadurch keine Entgeltpunkte mehr erreichbar. Insbesondere Letzteres wird zu Recht kritisiert, da Pflegezeiten oft zu Ausfällen versicherungspflichtiger Beschäftigung führen und sich dann in die Zeit nach der Regelaltersrente erstrecken. Wird eine Rente vorzeitig in Anspruch genommen, werden die Entgeltpunkte wegen der zu erwartenden längeren Rentenlaufzeit gemindert, indem sie mit einem Zugangsfaktor kleiner eins multipliziert werden; entsprechend kann die Zahl der Ent-

7

BVerfG, Urteil vom 7. 7. ​1992, 1 BvL 51/86, BVerfGE 87, 1; BVerfG, Urteil vom 3. 4. ​2001, 1 BvR 1629/94, BVerfGE 103, 242. 8 BSG, Urteil vom 30. 9. ​2015, B 12 KR 15/12 R, BSGE 120, 23.

308

Felix Welti

geltpunkte bei einem späteren Renteneintritt durch einen Zugangsfaktor größer eins erhöht werden (§ 77 SGB VI). Die Anzahl der persönlichen Entgeltpunkte unter Berücksichtigung des Zugangsfaktors wird mit dem Rentenartfaktor und dem aktuellen Rentenwert multipliziert, woraus sich die Höhe der monatlichen Rente ergibt (§ 64 SGB VI). Der Rentenartfaktor drückt das Sicherungsziel aus (§ 63 Abs. 4 SGB VI) und beträgt bei Altersrenten eins (§ 67, Nr. 1 SGB VI), was bedeutet, dass grundsätzlich das Sicherungsniveau (§ 154 SGB VI) erreicht werden soll. Die Witwen- und Witwerrente beträgt 55 % der Rente des gestorbenen Partners/ der gestorbenen Partnerin, bei Ehen, die vor dem 01. 01. ​2002 geschlossen wurden oder vor dem 02. 01. ​1962 geborenen Verstorbenen 60 % von dessen Rente. Wurden Kinder erzogen, gibt es einen Zuschlag (§ 78a SGB VI). Eigenes Einkommen – auch Renten – wird mit Freibeträgen angerechnet (§ 97 SGB VI), sodass die Hinterbliebenenrente vor allem Witwen mit deutlich niedrigerer Rente zugutekommt. Der aktuelle Rentenwert ist ein Eurobetrag, der jährlich angepasst wird und die Höhe aller Renten steuert (§§ 68, 68a, 255a–255g SGB VI). Die jährliche Anpassung des aktuellen Rentenwerts zum 1. Juli richtet sich vereinfacht gesagt nach der Entwicklung der Bruttolöhne, des Rentenbeitragssatzes und der empfohlenen Aufwendungen für private oder betriebliche Altersvorsorge sowie des Verhältnisses von Rentner/-innen zu abhängig Beschäftigten. Damit ist die Entwicklung der Renten von der allgemeinen Entwicklung der Produktivität, Beschäftigung und Verteilung zwischen Kapital und Arbeit abhängig. Das Sicherungsziel der Rentenversicherung ist in § 154 SGB VI näher beschrieben. Danach soll sich aus 45 Entgeltpunkten eine Netto-Rente von 48 % des jeweiligen Netto-Durchschnittseinkommens ergeben. Ob dies, insbesondere für Personen unterhalb des Durchschnittseinkommens und mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, ein akzeptables und hinreichend klares Sicherungsziel ist, ist sozialpolitisch umstritten (Köhler-Rama 2017; Schmitz und Schäfer 2018). Zu den zu berücksichtigenden Argumenten und Fakten gehört dabei, ob und wieweit Rentner/-innen über weiteres Einkommen aus anderer Alterssicherung, Vermögen und Unterhalt verfügen. Eine allein individuell bedarfsdeckende Altersrente war historisch nicht der Regelfall. Insoweit thematisiert die Rentendiskussion nicht eine allgemeine Armut der Älteren, sondern soziale Ungleichheit im Alter, die in Herkunft und Lebenslauf angelegte Ungleichheit von Einkommen und Vermögen noch vertieft. Als Reformkonzepte werden unter Namen wie Grundrente oder Lebensleistungsrente insbesondere Aufwertungen von Entgeltpunkten für Versicherte diskutiert, die bei langjährigen Versicherungszeiten keine existenzsichernde Rente erreichen (Köhler-Rama 2019). Strittig ist dabei, ob eine Bedürftigkeitsprüfung berücksichtigen soll, dass andere Einkommensquellen vorliegen und ob der richtige Ort zur Armutsprävention die Rentenversicherung selbst oder die Grundsicherung ist.

Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

4

Grundsicherung im Alter

4.1

Institutioneller Rahmen

309

Die Grundsicherung im Alter ist eine Geldleistung der Sozialhilfe. Sie wird regelmäßig nach Bestimmung durch die Länder (§ 46b SGB XII) von den Sozialämtern bei den kreisfreien Städten und Kreisen als örtlichen Trägern der Sozialhilfe ausge­ führt. Die Kosten werden den Ländern vom Bund erstattet (§ 46a SGB XII). Die Sozialämter sind Sozialleistungsträger. Die Rentenversicherungsträger informieren über Ansprüche der Grundsicherung (§ 109a SGB VI). Die Sozialämter sind selbst zur Beratung und Unterstützung verpflichtet (§ 11 SGB XII). Über Widersprüche zur Grundsicherung im Alter entscheiden die Kreise und kreisfreien Städte selbst, nach Maßgabe des Landesrechts unter Beteiligung ehrenamtlicher sozial erfahrener Dritter (§ 116 SGB XII). Für Klagen sind die Sozialgerichte zuständig. In den Fachkammern für Sozialhilfe sind ehrenamtliche Richter/-innen beteiligt, die von den Kreisen und kreisfreien Städten vorgeschlagen werden. 4.2

Voraussetzungen von Grundsicherungsansprüchen

Grundsicherung im Alter setzt voraus, dass die Regelaltersgrenze erreicht ist und Bedürftigkeit besteht (§§ 2, 19 Abs. 2 SGB XII). Bedürftigkeit bedeutet, dass das eigene Einkommen einschließlich von Unterhaltsansprüchen (vgl. §§ 82 – ​84 SGB XII) und das Vermögen (vgl. §§ 90 – ​91 SGB XII) nicht zur Deckung des Bedarfs ausreichen. Näheres regeln die Verordnungen zur Durchführung von § 82 und von § 90 SGB XII, so den Vermögensfreibetrag von 5 000 € und die Freistellung des Hausrats, von Familien- und Erbstücken eines selbst bewohnten angemessenen Hausgrundstücks. Unterhaltsansprüche gegenüber Kindern und Eltern werden, anders als sonst in der Sozialhilfe, nicht berücksichtigt, wenn deren jährliches Einkommen im Sinne der Einkommensteuer (§ 16 SGB IV) 100 000 € nicht überschreitet (§ 43 Abs. 5 SGB XII). 4.3

Bestimmung von Grundsicherungsansprüchen

Die Grundsicherungsansprüche dienen der Sicherung des Existenzminimums. Sie hängen also davon ab, inwieweit dieses durch anderes Einkommen bereits gedeckt ist. Sie umfassen dazu die Regelsätze nach den Regelbedarfsstufen (§ 28 SGB XII), zusätzliche Bedarfe (§§ 30 – ​33, 42b SGB XII) und Bedarfe für Unterkunft und Heizung (§ 42a SGB XII). Die Grundsicherungsansprüche entsprechen den Regelbedarfen, die auch bei der Hilfe zum Lebensunterhalt (§§ 27, 27a SGB XII) und beim Arbeitslosengeld II und Sozialgeld (§ 19 SGB II) gezahlt werden. Sie werden nach dem

310

Felix Welti

Verbrauch des unteren Quintils der Erwerbsbevölkerung ermittelt und jährlich nach der Preisentwicklung angepasst (Regelbedarf-Ermittlungsgesetz – RBEG). Die Bedarfe für Unterkunft und Heizung werden nach dem tatsächlichen Mietmarkt regional bestimmt. Mehrbedarfe werden für Personen anerkannt, die das Merkzeichen G haben (§ 30 Abs. 1 SGB XII), Eingliederungshilfe beziehen (§ 30 Abs. 4 SGB XII), einer kostenaufwändigen Ernährung bedürfen (§ 30 Abs. 5 SGB XII), orthopädische Schuhe und therapeutische Geräte anschaffen oder mieten müssen (§ 31 Abs. 1, Nr. 3 SGB XII) oder einen besonders hohen Kranken- oder Pflegeversicherungsbeitrag zahlen (§ 32 SGB XII). Mehrbedarf können auch Aufwendungen für eine Sterbegeldversicherung sein (§ 33 Abs. 2 SGB XII).

5

Betriebliche Altersversorgung

Betriebliche Altersvorsorge wird aus Anlass eines Arbeitsverhältnisses vom Arbeitgeber zugesagt. Sie unterliegt dem Betriebsrentengesetz (BetrAVG) als Teil des Arbeitsrechts. Für sie gelten – wie für andere private Altersvorsorge – die Diskriminierungsverbote des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), insbesondere das (Lohn-)Gleichheitsgebot der Geschlechter.9 Sie kann unmittelbar vom Arbeitgeber oder einer Direktversicherung, Pensionskasse oder Unterstützungskasse erfolgen, auf einer Direktzusage, Beitragszahlungen oder Entgeltumwandlung beruhen. Anwartschaften auf betriebliche Altersversorgung werden nach drei Jahren unverfallbar (§ 1b BetrAVG). Sie müssen gegen die Insolvenz des Arbeitgebers gesichert sein (§ 7 BetrAVG). Bei vorzeitiger Al­tersrente muss auch die Betriebsrente geleistet werden (§ 6 BetrAVG). Ob eine betriebliche Altersversorgung besteht und wie sie ausgestaltet wird, wird im Arbeitsvertrag, oft auch in Tarifverträgen geregelt. Diese können auch Versorgungseinrichtungen schaffen, über die tariflich bestimmt wird (z. B. Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder – VBL, MetallRente, SOKA Bau). Die Voraussetzungen der Ansprüche und ihre Höhe werden in den jeweiligen Arbeitsverträgen und Tarifverträgen bestimmt. Die Arbeitgeber und Versorgungsträger sind zur Auskunft über die Ansprüche verpflichtet (§ 4a BetrAVG). Rechtsstreitigkeiten mit Arbeitgebern und gemeinsamen Einrichtungen der Tarif­vertragsparteien über betriebliche Altersversorgung werden vor den Arbeitsgerichten, mit anderen Trägern vor den ordentlichen Gerichten geführt. Vor den Arbeitsgerichten ist eine Rechtsvertretung durch Gewerkschaften möglich. Betriebliche Altersversorgung kann steuerlich begünstigt sein (sog. Riester-Rente, §§ 10a, 82 EStG).

9 Europäischer Gerichtshof (EuGH), Urteil vom 01. 03. ​2011, C-236/09; EuGH, Urt. v. 13. 05. ​1986, C-170/84.

Alter, Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

6

311

Private Altersvorsorge

Die Bezeichnung ‚private Altersvorsorge‘ ist insoweit unpassend, als sie an eine indi­ viduelle Regelung wie einen Hofübergabevertrag, eine Leibrente oder individuelle Vermögenseinkünfte aus Vermietung oder Kapital denken lässt. Gemeint sind aber heute zumeist höchst institutionalisierte und rechtlich stark normierte Formen der Altersvorsorge, die auf einem zivilrechtlichen Vertrag beruhen. Vertragspartner sind oft dem Versicherungsvertragsgesetz (VVG) und dem Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) unterliegende Unternehmen, Sparkassen, Banken und Investmentfonds, die im Alter auszahlbare Rentenversicherungen anbieten. Private Altersvorsorge wird während der Beitragsphase steuerlich gefördert (§§ 10a, 82 EStG), wenn sie zertifiziert ist (Altersvorsorgeverträge-Zertifizierungsgesetz – AltZertG) und zu einer monatlichen Zahlung führt, wobei mindestens die eingezahlten Beiträge wieder ausgezahlt werden müssen. Das Konzept der steuerlich geförderten Altersvorsorgepolitik wird heute stark kritisiert (Bode und Wilke 2014), weil von den geförderten Verträgen vor allem Personen mit guter Einkommenssituation Gebrauch machen und so die soziale Ungleichheit im Alter gesteigert wird. Zudem sind Vertriebs- und Verwaltungskosten hoch. Über geförderte private Altersvorsorge beraten auch die Träger der gesetzlichen Rentenversicherung (§ 15 Abs. 4 SGB VI) sowie die Verbraucherzentralen.

7

Weitere Leistungen zum Lebensunterhalt im Alter

7.1

Beamtenversorgung

Die Altersversorgung der Beamt/-innen erfolgt auf der Grundlage von Gesetzen der Dienstherren (Bund und Länder). Sie erfüllt die Aufgaben der allgemeinen und der betrieblichen Altersversorgung und führt zu einem die gesetzliche Rentenversicherung deutlich übersteigenden Sicherungsniveau der Pensionen. Verfassungsrechtlich gilt sie als durch Art. 33 Abs. 5 GG garantiert. Die Beamtenversorgung ist Teil des öffentlichen Rechts, der Rechtsweg geht zu den Verwaltungsgerichten. 7.2

Versorgungswerke

Für freie Berufe mit Kammern, insbesondere die Rechtsanwaltschaft und Ärzteschaft, können in den Ländern öffentlich-rechtliche Versorgungswerke errichtet werden, die zumeist mit Pflichtmitgliedschaft und Beiträgen Altersversorgung außerhalb der Rentenversicherung gewährleisten (vgl. § 6 Abs. 1, Satz 1, Nr. 1 SGB VI). Auch sie haben ein hohes Versorgungsniveau. Der Rechtsweg geht zu den Verwaltungsgerichten.

312

7.3

Felix Welti

Wohngeld

Eine ergänzende Sozialleistung bei unzureichendem Einkommen ist das Wohngeld nach dem Wohngeldgesetz (WoGG) zur Sicherung angemessenen Wohnens für Personen, die keine Kosten der Unterkunft der Grundsicherung im Alter erhalten, aber deren Einkommen (§§ 13, 14 WoGG) nicht zur Deckung der Miete ausreicht. Die Wohngeldbehörde wird durch Landesrecht bestimmt, das Wohngeld wird je zur Hälfte von Bund und Land getragen. Beratung geben auch die Mietervereine. Der Rechtsweg geht zu den Verwaltungsgerichten.

8

Ausblick

Die rechtliche und politische Diskussion über die Alterssicherung wird weitergehen. In den nächsten Jahren wird dabei voraussichtlich die verbesserte Sicherung von Personen mit niedrigen Alterseinkommen durch eine Grundrente im Mittelpunkt stehen. Auch die gleichmäßigere Heranziehung von Einkommensarten zur Finanzierung der Alterssicherung, die ungleiche Sicherung von Beamten und gesetzlich Versicherten und der faktisch ungleiche Zugang zur betrieblichen und privaten Altersvorsorge werden relevante Themen sein.

Ausgewählte Literatur Becker, Ulrich. 2013. Staatliche Alterssicherung. In Recht der Älteren. Hrsg. Becker, Ulrich, und Markus Roth, 321 – ​360. Berlin: De Gruyter. Roth, Markus. 2015. Private Altersvorsorge. In Recht der Älteren. Hrsg. Becker, Ulrich, und Markus Roth, 361 – ​400. Berlin: De Gruyter. Ruland, Franz. 2018. Rentenversicherung. In Sozialrechtshandbuch. 6. Auflage. Hrsg. Ruland, Franz, Ulrich Becker und Peter Axer, 896 – ​969. Baden-Baden: Nomos.

Alter, Kranken- und Pflegeversicherung Stephan Rixen

1

Soziale Sicherungssysteme als Faktoren der sozialen Arbeit mit alten Menschen

1.1

Kranken- und Pflegeversicherungsrecht als Thema Sozialer Arbeit

Für Theorie und Praxis Sozialer Arbeit, soweit sie sich mit dem sozialpolitisch brisanten Thema ‚Alter(n)‘ befasst, ist es in mindestens dreifacher Hinsicht sinnvoll, die Kranken- und Pflegeversicherung, genauer: ihre rechtliche Ausgestaltung, näher zu betrachten. Zunächst geht es darum, sich die rechtlich-institutionelle Rahmung der Sozialen Arbeit im Interesse alter Menschen (Soziale Altenarbeit) vor Augen zu führen. Diese Arbeit vollzieht sich nicht im institutionell-organisatorisch luftleeren Raum, sondern muss die (sozialversicherungs-)rechtlichen Daten als Möglichkeitsbedingungen fachlich guter Sozialer Arbeit mitreflektieren (vgl. auch Hammerschmidt und Löffler sowie Hammerschmidt und Tennstedt i. d. B.). Ferner gilt, dass insbesondere das neuere Kranken- und Pflegeversicherungsrecht Berufsbilder der Sozialen Arbeit wesentlich ausformt; man denke etwa an das Berufsprofil der Pflege­ berater/-innen (vgl. auch Abschnitt 3). Schließlich verspricht eine Betrachtung des in Rechtsnormen geronnenen institutionellen Gefüges von Kranken- und Pflegeversicherung für die Soziale Arbeit auch deshalb Erkenntnisgewinn, weil in Rechtsnormtexten und in jedem auf ihrer Basis sich vollziehenden Normanwendungsakt der Sozialadministration und der Gerichte (denen die Rechtswissenschaft als Wissenschaft für die Entwicklung von Auslegungs-, also Handlungsoptionen vorarbeitet) Alterskonzepte, d. h. normative Normalitätsbilder vom Alter bzw. vom alten Menschen gespeichert sind und reproduziert werden (Göckenjan 2000; vgl. auch Rixen 2005, S. 590 ff., Rixen 2008). Sie prägen die Bedeutungshorizonte, in die alle Dis­kurse über Alter(n) und alte Menschen eingestellt sind (vgl. Sachverständigenrat 2007, S. 354 ff.). © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_26

313

314

1.2

Stephan Rixen

Regelungscharakteristika des Kranken- und Pflegeversicherungsrechts

Weder das Kranken- noch das Pflegeversicherungsrecht sind soziale Sicherungssysteme, die sich dem Thema des Alters bzw. des Alterns spezifisch nähern würden, sie sind altersunspezifische Sicherungssysteme. Als altersunspezifisch konstruierte Sicherungssysteme eröffnen sie gleichwohl auf der Anwendungsebene vielfältige Handlungs- bzw. Gestaltungsoptionen, die im Interesse alternder bzw. alter Menschen genutzt werden können (näher dazu Abschnitte 2 und 3.) 1.2.1 Schlüsselbegriff ‚Krankheit‘

Sowohl das Kranken- als auch das Pflegeversicherungssystem kreisen um den Begriff der Krankheit. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (Bundessozialgericht 1988, 1999) ist unter Krankheit ein regelwidriger, vom Leitbild des gesunden Menschen abweichender Körper- oder Geisteszustand zu verstehen, der ärztlicher Behandlung bedarf oder – zugleich oder ausschließlich – Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat. Das Bundessozialgericht hat wiederholt entschieden, dass als Krankheit im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung auch solche Regelwidrigkeiten in Betracht kommen, die auf einen Alterungsprozess zurückzuführen sind. So sind laut Bundessozialgericht z. B. Alterserscheinungen wie die Minderung des Seh- und Hörvermögens oder ähnliche Erscheinungen unbestritten Regelwidrigkeiten, die Behandlungsbedürftigkeit auslösen. Die Behandlungsbedürftigkeit setzt nach Ansicht des Bundessozialgerichts voraus, dass auch Behandlungsfähigkeit besteht, also die Krankheit mit Mitteln der Krankenbehandlung beeinflusst werden kann. Dieses hier nur zu skizzierende Krankheitsverständnis fällt dadurch auf, dass es in hohem Maße wertungsabhängig ist. Behandlungsfähigkeit und damit Behandlungsbedürftigkeit hängen von den sich im Laufe der Zeit entwickelnden Möglichkeiten ab, auf eine Krankheit einzuwirken. Namentlich die Einbeziehung alterstypischer Veränderungen in den Krankheitsbegriff ist grundbegriff‌lich wie kriteriell im Einzelnen nach wie vor ungeklärt (Lang 2018, S. 278); auch das Bundessozialgericht (1999) hat offengelassen, ob altersbedingte Veränderungen generell Krankheiten seien. Mit gutem Grund kann man deshalb die Ansicht vertreten, dass das Alterskonzept, das der gesetzlichen Krankenversicherung implizit zugrunde liegt, einem medikalisierten Verständnis von Alter folgt, das in konzeptionell diffuser Weise Regelwidrigkeiten, mithin Abweichungen von einem vage konturierten Normalzustand, zum Referenzpunkt des Verständnisses von Altern bzw. Alter macht. ‚Medikalisiert‘ bezeichnet hier eine einseitig medizinische Betrachtungsweise, die meint, ein gesundheitlich relevanter Zustand lasse sich in erster Linie oder gar ausschließlich mithilfe ärztlicher Expertise adäquat beschreiben.

Alter, Kranken- und Pflegeversicherung

315

1.2.2 Schlüsselbegriff ‚Pflegebedürftigkeit‘

Diesem medikalisierten Verständnis von Alter folgte bis zu den Änderungen insbesondere durch das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II 2015) im Ansatz auch die Pflegeversicherung (zu den Neuerungen unten 3.1). Die Pflegeversicherung war, vereinfacht ausgedrückt, ein System, das um die nicht therapierbare Krankheit angelegt war. Hierbei kreiste sie um einen ‚verrichtungsbezogenen‘ Begriff von Pflegebedürftigkeit. Pflegebedürftig war danach jede Person, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedurfte. Die ‚verrichtungsbezogene‘ Pflegebedürftigkeit fokussierte nicht zu Genüge das Faktum fehlender Teilhabe (obgleich der in der Definition der Pflege­bedürftigkeit enthaltene Begriff der Behinderung dergleichen eigentlich nahelegt), sondern bezog sich auf handfeste Verrichtungen, in denen sich die altersbedingten Defizite spiegelten. Gewöhnliche und regelmäßig wiederkehrende Verrichtungen im Sinne der früheren Definition von Pflegebedürftigkeit waren im Bereich der Körperpflege das Waschen, Duschen, Baden, die Zahnpflege, das Kämmen, das Rasieren, die Darm- oder Blasenentleerung, im Bereich der Ernährung das mundgerechte Zubereiten oder die Aufnahme der Nahrung, im Bereich der Mobilität das selbstständige Aufstehen oder Zubettgehen, das An- und Auskleiden, das Gehen, Stehen, Treppensteigen und/oder das Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung, im Bereich der hauswirtschaftlichen Versorgung das Einkaufen und Kochen, das Reinigen der Wohnung, das Spülen, das Wechseln und Waschen der Wäsche, die Sorge um die Kleidung sowie das Beheizen (zum Ganzen der frühere § 14 Abs. 4 SGB XI). Alter – hohes Alter ist die typische Situation, in der Pflegebedürftigkeit entsteht (vgl. Homfeldt sowie Schmidt i. d. B.) – stellte sich so als Auflistung von Handlungsdefiziten dar, die krankheits- bzw. behinderungsbedingt auftraten und durch die Interventionsmöglichkeiten der Pflegeversicherung kompensiert wurden. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff (vgl. dazu Abschnitt 3) löst sich von dieser Perspektive und versucht, die Vulnerabilität der Menschen, um die es geht – etwa von dementen Menschen –, ganzheitlicher abzubilden. Das heißt nicht, dass es auf medizinische Expertise nicht mehr ankäme oder die Gefahr einer einseitig medizinischen – in diesem Sinne: medikalisierten (vgl. dazu Abschnitt 1.2.1) – Perspektive nicht mehr bestünde. Aber das geltende Recht folgt seinem Anspruch nach einem anderen Leitbild, das nicht mehr allzu einseitig auf nur medizinisch abbildbare Hemmnisse der Selbstbestimmung setzt. Nachfolgend soll zunächst mit Blick auf die gesetzliche Krankenversicherung (2.), sodann mit Blick auf die soziale Pflegeversicherung (3.) das Grundprofil des jeweiligen Sozialversicherungssystems verdeutlicht werden, wobei es nicht um eine allge­ meine Einführung in beide überaus komplexe Rechtsmaterien gehen kann. Ziel der nachfolgenden Ausführungen ist es, für die Altersdimension von Regelungen sensi-

316

Stephan Rixen

bel zu machen, denen man diesen Bedeutungsaspekt möglicherweise auf den ersten Blick nicht ansieht. Es soll also klar werden, wo mit Blick auf das Alter(n) – verstanden als kalendarisch-biologischer Prozess – Gestaltungsoptionen bestehen, die im Interesse alter bzw. hochaltriger Menschen in Versorgungsangebote münden können, deren Profil sich auch durch Konzepte alters- und alternsgerechter Sozialer Arbeit schärfen lässt.

2

Krankenversicherung

2.1

Leistungen der GKV und Altersgrenzen

Zu den wesentlichen Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gehören Leistungen zur Krankenbehandlung sowie Leistungen zur Verhütung sowie Früherkennung von Krankheiten (vgl. § 11 Abs. 1 SGB V); hinzu treten all­gemeine Präventions-, Gesundheitsförderungs- sowie Selbsthilfeangebote (vgl. §§ 20 ff. SGB  V; vgl. auch Franzkowiak i. d. B.). Sieht man insbesondere von den allgemeinen Präventionsangeboten ab, die die Fitness generell steigern sollen (vgl. § 20 Abs. 1 Satz 1 SGB  V), dann ist Voraussetzung dafür, dass Leistungen der GKV in Anspruch genommen werden können (und von der Krankenkasse zu finanzieren sind), immer (mindestens) das Vorliegen einer behandlungsbedürftigen und behandlungsfähigen Krankheit (vgl. Abschnitt 1.2.1). Krankenbehandlungsleistungen sind nicht abhängig von bestimmten Altersgrenzen, allerdings kann in bestimmten Fällen, namentlich beim Zahnersatz, das Alter darüber bestimmen, inwieweit die Krankenkassen zur Kostenübernahme verpflichtet sind (vgl. § 55 SGB V). Explizite Rationierungen in dem Sinne, dass medizinisch notwendige Behandlungen gerade wegen des hohen Alters ausgeschlossen werden, gibt es im GKV-System nicht. Implizite bzw. heimliche Rationierungen derart, dass die verfügbaren Behandlungsressourcen bei jüngeren Menschen möglicherweise etwas ‚motivierter‘ eingesetzt werden als bei hochaltrigen Menschen, sind zwar denkbar, empirisch verlässliche Belege für eine solche Praxis gibt es nicht (vgl. Kingreen 2008). Auch die Leistungen der Verhütung (§§ 20 ff. SGB V) und der Früherkennung (§§ 25 und 26 SGB V) von Krankheiten sind wie die Leistungen der Krankenbehandlung um den Schlüsselbegriff der ‚Krankheit‘ zentriert. Wie etwa die Kinderuntersuchungen (§ 26 SGB V) oder die Zahnprophylaxe (§§ 21, 22 SGB V), aber auch die Gesundheitsuntersuchungen (§ 26 SGB V), z. B. die sog. Krebsvorsorge, zeigen, bestehen hier Altersgrenzen, die erreicht sein müssen, um leistungsberechtigt zu sein. Dem liegen in erster Linie Annahmen über Erkrankungswahrscheinlichkeiten zugrunde. Der Eindruck, dass wegen fortgeschrittenen, hohen Alters der Zugang zu den Behandlungsressourcen der GKV verweigert wird, könnte sich beim Blick auf die Regelungen über die Zahnprophylaxe einstellen (vgl. §§ 21, 22 SGB V), denn diese gilt allerhöchstens nur für Menschen unter 18 Jahren. Sachgrund hierfür ist die Annahme,

Alter, Kranken- und Pflegeversicherung

317

dass eine Verhütung von Zahnerkrankungen in jungen Jahren besonders sinnvoll erscheint. Dem liegt die gesetzliche Wertung (auf der Ebene der Makroallo­kation also) zugrunde, dass die knappen finanziellen Mittel der GKV für solche Maßnahmen nur altersabhängig gewährt werden sollen, im Übrigen – vorbehaltlich spezieller Vorschriften (dazu sogleich) – werden solche Maßnahmen privatisiert und dem Raum der finanziellen Eigenverantwortung zugeordnet. Was möglicherweise als Altersdiskriminierung erscheinen könnte, fügt sich konsistent in eine Gesundheitspolitik ein, die namentlich die Zahnpflege immer mehr aus dem Leistungsversprechen der GKV ausgegliedert und einer Maßnahme der Kosmetik angenähert hat, die gewissermaßen als Teil der individuellen gesundheitlichen Wellness erscheint. Allgemeine Schlussfolgerungen für die Frage, ob alten Menschen der Zugang zur Gesundheitsversorgung verweigert wird, dürften sich aus dieser Sonderproblematik indes nicht herleiten lassen. Allerdings ist das Bild nicht einheitlich, denn für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen gibt es altersunabhängig ebenfalls einen Anspruch auf Gewährung von Leistungen zur Verhütung von Zahnerkran­ kungen (§ 22a SGB V). Dahinter steht die Einsicht, dass die Mundgesundheit dieser Menschen im Durchschnitt schlechter ist als die der übrigen Bevölkerung. Diese Regelung zeigt, dass der Gesetzgeber jedenfalls bei Leistungen zur Krankheitsverhütung relativ frei ist, sachliche, insbesondere medizinisch begründbare Altersgrenzen zu setzen. 2.2

Feinsteuerung der GKV insbesondere durch Ärzt/-innen und Richtlinien des G-BA

Zur Krankenbehandlung im Sinne des Rechts der gesetzlichen Krankenversicherung gehören die ärztliche Behandlung einschließlich Psychotherapie, die zahnärztliche Behandlung, die Versorgung mit Zahnersatz einschließlich Zahnkronen und Suprakonstruktionen, die Versorgung mit Arznei-, Verband-, Heil- und Hilfsmitteln, die häusliche Krankenpflege und Haushaltshilfe, die Krankenhausbehandlung sowie Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und diese ergänzende Leistungen (vgl. § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB V). Hinsichtlich des Inhalts der Leistungen ist zu konstatieren, dass er wesentlich durch die ärztliche Einschätzung präjudiziert wird. D. h. der Arzt/ die Ärztin als gatekeeper, als Türhüter/-in des Gesundheitssystems, strukturiert die Inanspruchnahme der Krankenbehandlungsleistungen vor, da den Patient/-innen im Regelfall die Kompetenz fehlt zu entscheiden, welche Behandlung angezeigt ist. Allerdings ist es so, dass das Entscheidungsverhalten der Ärzt/-innen wesentlich durch die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geprägt wird (Informationen zu diesem Gremium unter www.g-ba.de). Der Gemeinsame Bundesausschuss ist eine Art ‚kleiner Gesetzgeber‘, der die weitmaschigen gesetzlichen Regelungen, die das Parlament erlässt, feinprogrammiert. Damit steuert der G-BA auf der Ebene der Mesoallokation, die der gesetzgeberischen Makroallokation nach- und

318

Stephan Rixen

der ärztlich dominierten Mikroallokation vorgelagert ist, die Verteilung der knappen Mittel, die (auch) alten Menschen in der Gesundheitsversorgung zugutekommen. Aus Sicht alter Menschen ist diese Möglichkeit, die Versorgung zu steuern, deshalb interessant, weil derartige Richtlinien es möglich machen, die altersunspezifische Bedeutung der gesetzlichen Regelung mit Blick auf die Versorgungsbedürfnisse alter Menschen spezifisch zu konkretisieren. Das Gesetz (vgl. § 92 Abs. 1 SGB V) ermöglicht also auf der Anwendungsebene eine Patient/-innendifferenzierung durch Richtliniengebung, die es – ergingen ‚alter(n)ssensible‘ Richtlinien – den Ärzt/-innen erlauben würde, entsprechend differenzierte Versorgungsangebote zu unterbreiten. 2.3

Alterssensible besondere Versorgungsformen

Jenseits dieser sog. Regelversorgung, die für alle (alten) Menschen in Betracht kommt, kennt das Recht der GKV auch noch besondere Versorgungsformen. Sie ermöglichen es unter bestimmten Voraussetzungen, für bestimmte Patient/-innengruppen spezifische Versorgungsangebote zu entwickeln. So ist es etwa im Rahmen der hausarztzentrierten Versorgung (§ 73b SGB V) möglich, den Erfordernissen des Alterns bzw. des Alters in der Versorgungsrealität gerecht zu werden. Das Gesetz weist so auch darauf hin, dass namentlich geriatrische, also auf die Altersmedizin bezogene Kenntnisse, in solchen besonderen Versorgungsmodellen zur Geltung gebracht werden können (vgl. beispielhaft § 73b Abs. 2 Nr. 3 SGB V). Als besondere Versorgung gilt auch die sog. integrierte Versorgung (IV), vgl. § 140a SGB V. Danach kann nach Art einer sehr umfassenden Experimentierklausel parallel zur Regelversorgung eine spezifisch auf die Bedürfnisse von bestimmten Patient/-innengruppen zugeschnittene Versorgung installiert werden. Denkbar ist dies beispielsweise auch für Patient/-innen mit alterstypischem, etwa geriatrischem Behandlungsbedarf. Das Verhältnis der besonderen Versorgungsformen zueinander sowie deren Verhältnis zur sog. Regelversorgung sind im Einzelnen rechtstechnisch und auch versorgungspraktisch umstritten. 2.4

Alterssensible Anwendung des GKV-Rechts

Grundsätzlich gilt, dass die Anspruchsnormen, die Kran­kenbehandlungsleistungen regeln, altersspezifisch ausgelegt und angewandt werden können. Aus Sicht der Ärzt/-innen ist das ohnehin unumgänglich, denn das Recht der gesetzlichen Krankenversicherung stellt klar, dass die Krankenbehandlung den Regeln der ärztlichen Kunst folgen muss (§ 28 Abs. 1 Satz 1 SGB V). Zu diesen Regeln gehört auch die Beachtung und Anwendung geriatrischer sowie sonstiger Behandlungsstandards, die disziplinspezifisch dem Alter(n) Rechnung tragen. Diese altersspezifischen Behandlungsstandards werden gleichsam in die altersunspezifisch formulierten Normen des

Alter, Kranken- und Pflegeversicherung

319

Leistungsrechts des SGB V hineinprojiziert und ermöglichen auf der Anwendungsebene eine altersgerechte Versorgung. 2.5

Beispiel: die spezialisierte ambulante Palliativversorgung als Herausforderung für Sozialarbeiter/-innen

Inwieweit dies beim jeweiligen Leistungsanspruch möglich ist, hängt auch vom jeweiligen gesetzlich normierten Profil der in Rede stehenden Leistung ab. So wird man möglicherweise bei der zahnärztlichen Versorgung weniger altersspezifische Behandlungsstandards kennen als etwa im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV; vgl. auch Begemann und Fuchs i. d. B.). Die SAPV stellt eine Ergänzung der bisherigen Regelversorgung in der Weise dar, dass Versicherte mit einer nicht heilbaren, fortschreitenden und weit fortgeschrittenen Erkrankung bei einer zugleich begrenzten Lebenserwartung, die eine besonders aufwendige Versorgung benötigen, einen Anspruch darauf haben, dass genau diese besonders aufwendige Versorgung erfolgt (§ 37b i. V. m. § 132d SGB V). Wenn man bedenkt, dass die Sterbephase (vgl. dazu Dreßke i. d. B.) im hohen Alter häufig mit einem moribunden Zustand einhergehen kann, dann wird deutlich, dass die SAPV als eine spezifische auf den Sterbeprozess bezogene Hilfe nicht zuletzt auch ein Versorgungsangebot im Interesse alter Menschen ist. Die SAPV ist zudem ein Versorgungsangebot, in das zwar nicht durch das Gesetz selbst, aber durch Ausführungsvorschriften die Tätigkeit von Sozialarbeiter/-innen integriert ist. Die SAPV ist ein multidisziplinäres Versorgungsangebot, das ärztliche und pflegerische sowie sonstige begleitende Leistungen verknüpft. Für die damit implizierte Aufgabe des Case-Managements (dieser Begriff wird üblicherweise verwandt, obgleich er in der Fachlichkeitsdiskussion der Sozialen Arbeit umstritten ist) werden die Sozialarbeiter/-innen als die geeigneten Expert/-innen benannt (vgl. § 5 Abs. 3 der Richt­linien des G-BA zur SAPV, abrufbar unter www.g-ba.de). Diese Normen verdeutlichen, dass durch rechtliche Regulierung ein Berufsbild oder doch zumindest be­stimmte berufliche Optionen (hier: der Sozialen Arbeit) wesentlich durch das Recht geprägt werden. Wichtig für eine problemsensible Betrachtung der GKV im Hinblick auf die Angebote der Sozialen Arbeit ist der Umstand, dass das GKV-Recht aufgrund zahlreicher normtextlicher Unschärfen, aber auch aufgrund besonderer Versorgungsformen beträchtliche Möglichkeiten eröffnet, den Bedürfnissen alternder bzw. alter Menschen gerecht zu werden. In diesem Sinne hat das GKV-Recht eine Art Rahmencharakter, weil es die Möglichkeit schafft, die Versorgungslandschaft mit Blick auf die Bedürfnisse alter Menschen fortzuentwickeln.

320

Stephan Rixen

3

Pflegeversicherung

3.1

Der neue, (auch) alter(n)ssensible Pflegebedürftigkeitsbegriff

Wie erwähnt (vgl. 1.), war die „Soziale Pflegeversicherung“ (so die offizielle Bezeichnung des SGB XI) um ein ‚verrichtungsbezogenes‘, also ein (empirisch leicht operationalisierbares) defizitorientiertes Verständnis von Krankheit zentriert. Ein solches, stark somatisch determiniertes Verständnis von Pflegebedürftigkeit zeigt wenig Gespür für Gebrechlichkeitszustände, die sich, wie etwa die (Alters-)Demenz, weniger verrichtungsbezogen als vielmehr darüber rekonstruieren lassen, dass hier das ‚Her­ ausfallen‘ kranker (alter) Menschen aus Kommunikationsbezügen durch spezifische Präsenz, durch kommunikatives Dasein von Betreuenden kompensiert werden muss. Nach ersten Reformmaßnahmen hat insbesondere das schon erwähnte Zweite Pflege­ stärkungsgesetz (PSG II 2015) zu grundlegenden Änderungen des gesetzlichen Designs geführt (Reimer 2016; Kokemoor 2018, S. 112 ff.), die nun in der Praxis mit Leben erfüllt werden müssen. Im neuen Pflegeversicherungsrecht geht es um den Grad der Selbstständigkeit (im Einzelnen §§ 14, 15 SGB XI), der im Hinblick auf sechs Bereiche (Module) anhand eines aufwändigen Begutachtungsinstruments ermittelt wird (§ 14 Abs. 2 SGB XI): Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Bewältigung von und selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte. Anhand einer gewichteten Gesamtbetrachtung wird sodann der Grad der Pflegebedürftigkeit ermittelt, wobei fünf Pflege­grade (es heißt nicht mehr Pflegestufe) unterschieden werden (§ 15 Abs. 3 Satz 4 SGB XI). Hierbei spielt der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) neben anderen Gutachtern eine entscheidende Rolle (§ 18 Abs. 1 Satz 1 SGB XI). Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und das neue Begutachtungsinstrument er­ möglichen eine stärker auf das jeweilige Individuum und seine Bedürfnisse zuge­ schnittene Ermittlung des Unterstützungsbedarfs. Die ‚Verrichtungen‘ des früheren Rechts spielen zwar durchaus noch eine beachtliche Rolle (sie fallen insbesondere als Teil des Moduls „Selbstversorgung“ mit 40 % ins Gewicht (§ 15 Abs. 2 Satz 8 Nr. 3 SGB XI), aber sie sind nicht mehr so dominant wie früher. Pflegebedürftigkeit erweist sich so als bereichsspezifisch differenzierendes Konzept der Vulnerabilität, die nicht nur auf gleichsam ‚handfeste‘ Verrichtungen fokussiert, sondern auf die Person als kommunikatives, in und von Beziehungen lebendes Wesen. Wie gesagt: Das ist das vom Gesetz statuierte Ideal, das erst in der konsequenten Umsetzung real wird. Aber jenseits der instrumentellen Umsetzungsprobleme geht es um eine symbolische Aussage darüber, wie ein Mensch, der als pflegebedürftig bezeichnet wird, adäquat verstanden wird.

Alter, Kranken- und Pflegeversicherung

3.2

321

Pflegeberatung durch Sozialarbeiter/-innen

Wie in der gesetzlichen Krankenversicherung gilt auch in der Pflegeversicherung, dass die Leistungen, die allgemein als altersunspezifisch beanspruchbar sind, auch – aber eben nur auch – das Alter erfassen. Grundsätzlich gilt hier, dass ambulante Versorgung vor teil- oder vollstationärer Versorgung Anwendung findet. Das geht einher mit der Annahme des Pflegeversicherungsrechts, dass Pflege wesentlich in Privathaushalten erfolgt und im Schwerpunkt gerade nicht außerhalb dieser privaten Räume realisiert wird. Die Abschichtung bzw. Kombinierbarkeit der unterschiedlichen Leistungen (vgl. § 28 SGB XI) bereitet den Berechtigten bzw. denen, die die Interessen der Berechtigten aktualisieren, immer wieder Probleme; nicht zu Unrecht ist die Rede vom „Pflege-Dschungel“ (Dehlinger und Kesselheim 2008, S. 31). Deshalb ist die sog. Pflegeberatung (§ 7a SGB XI; vgl. auch Rubin i. d. B.) geschaffen worden. Danach haben Personen, die Leistungen nach dem SGB XI erhalten, Anspruch auf individuelle Beratung und Hilfestellung durch eine/-n Pflegeberater/-in bei der Auswahl und Inanspruchnahme von bundes- oder landesrechtlich vorgesehenen Sozialleistungen sowie sonstigen Hilfsangeboten, die auf die Unterstützung von Menschen mit Pflege-, Versorgungs- oder Betreuungsbedarf ausgerichtet sind. Aufgabe der Pflegeberatung ist es insbesondere, den Hilfebedarf unter Berücksichtigung der Feststellung der Begutachtung durch den MDK systematisch zu erfassen und zu analysieren, einen individuellen Versorgungsplan mit den im Einzelfall erforderlichen Sozialleistungen und gesundheitsfördernden, präventiven, kurativen, rehabilitativen oder sonstigen medizinischen sowie pflegerischen und sozialen Hilfen zu erstellen, auf die für die Durchführung des Versorgungsplans erforderlichen Maßnahmen einschließlich deren Genehmigung durch den jeweiligen Leistungsträger hinzuwirken, die Durchführung des Versorgungsplans zu überwachen und erforderlichenfalls einer veränderten Bedarfslage anzupassen sowie bei besonders komplexen Fallgestaltungen den Hilfeprozess auszuwerten und zu dokumentieren (§ 7a Abs. 1 Satz 3 SGB XI). Das Gesetz gibt den Pflegekassen auf, diese Pflegeberatung zu realisieren. Als berufene Berater/-innen nennt das Gesetz ausdrücklich auch Sozialarbeiter/-innen mit einer erforderlichen Zusatzqualifikation: „Die Pflegekassen setzen für die persönliche Beratung und Betreuung durch Pflegeberater und Pflegeberaterinnen entsprechend qualifiziertes Personal ein, insbesondere Pflegefachkräfte, Sozialversicherungsfachangestellte oder Sozialarbeiter mit der jeweils erforderlichen Zusatzqualifikation.“ (§ 7a Abs. 3 Satz 2 SGB XI)

Auch hier, in einer Situation, die als Schnittstellen- oder Case-Management eingeordnet werden kann (ohne das hier verkannt würde, dass die Konzepte des Case-Managements variieren), kommt der Beruf des Sozialarbeiters/der Sozialarbeiterin ins Spiel. Die Koordinierung der Sozialleistungen und die damit einhergehenden Ein-

322

Stephan Rixen

schätzungen des Hilfebedarfs sollen durch Expert/-innen, die hier die Übersicht behalten und die Klient/-innen über ihre rechtlich geformten Hilfemöglichkeiten informieren, erleichtert werden. 3.3

Alterssensible Handhabung des Pflegeversicherungsrechts – der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff als Chance für die Soziale Arbeit

Ob bzw. inwieweit ein auf Sozialarbeiter/-innen gestütztes Modell von Pflegeberatung in der Praxis funktioniert bzw. sich positiv auf die Situation von Pflegebedürftigen auswirkt, lässt sich schwer einschätzen, da, soweit ersichtlich, empirisch aussagekräftige Evaluierungen noch fehlen. Gut aus- und fortgebildete Fachkräfte kennen die komplexen rechtlichen Regulierungen der Pflegeversicherung. Dieses Wissen muss freilich in eine übergreifende fachliche Perspektive eingebunden sein, die – ausgehend von den Modellen der sog. Sozialberatung – Modelle altersgerechter Sozialberatung entwirft, in die die spezifische Rechtsinformation, wie sie die Pflegeberatung nach dem SGB XI impliziert, integriert ist. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff (vgl. dazu Abschnitt 3.1) erweist sich als kompatibel für Konzepte und Praxisangebote der Sozialen Arbeit, denn er ist anschlussfähig für unterschiedliche Ansätze etwa des Empowerments, die die Selbstwirksamkeit insbesondere im Alter stärken wollen. Hier stellen sich Herausforderungen für die Soziale Arbeit, die traditionelle Konzepte der Altenhilfe anhand neuerer Erkenntnisse insbesondere der Gerontologie und der Pflegewissenschaft überarbeiten muss. Zugleich ist konzeptionelle Arbeit im Hinblick auf Praxisangebote nötig, die den Konzepten durch die Relationierung von ‚Wissenschaftswissen‘ und Handlungswissen eine operable, praxistaugliche Gestalt gibt. Cornelia Schweppe (2012, S. 516 f.) stellt fest, dass es der Sozialpädagogik bisher kaum gelungen sei, eine eigenständige Expertise innerhalb dieses von Medizin, Geron­tologie und Pflegewissenschaften geprägten Arbeitsfeldes zu entwickeln und zu verdeutlichen, auf welche Weise sie zur Bearbeitung, Linderung oder Lösung alters­spezifischer Problematiken bzw. zur Herstellung von Lebensentwürfen im Alter beitragen kann. Doch nur wenn die Soziale Arbeit, als Disziplin und Profession, hier Fortschritte macht, wird sie die Vagheitsspielräume, die die Normtexte auch im Pflege­versicherungsrecht aufzeigen, im Interesse alternder bzw. alter Menschen nutzen können. In den vergangenen Jahren zeigt sich durchaus ein wachsendes Interesse an der Auseinandersetzung mit entsprechenden Fragestellungen in Forschung und Praxis (vgl. dazu die Beiträge in Teil I i. d. B.).

Alter, Kranken- und Pflegeversicherung

4

323

Resümee

Das Kranken- und das Pflegeversicherungsrecht sind derzeit weit davon entfernt, ein spezifisches ‚Seniorenrecht‘ zu sein. Nach ihrem rechtstechnischen Design handelt es sich überwiegend um altersunspezifische Regelungen, die allerdings auf der Anwendungsebene altersspezifisch interpretiert und angewandt werden können. Sowohl das Kranken- als auch das Pflegeversicherungsrecht eröffnen Gestaltungsoptionen, vermittels derer alters- und alternsgerechte Denkweisen wirkungsvoll implementiert werden können. Das setzt Konzepte und Praxisangebote guter altersgerechter Sozialer Arbeit voraus. Mit ihrer Hilfe lässt sich die sozialpolitische Signatur des Krankenund Pflegeversicherungsrechts verändern; insbesondere durch eine problemsensible und reflexive Handhabung der geltenden Rechtsnormen auch und gerade für ältere Menschen (zu den Feldern und Angeboten vgl. Teil I, Kap. 2 i. d. B.; für einen Überblick über gesundheitsbezogene Soziale Arbeit vgl. Aner und Hammerschmidt 2018, S.  49 – ​63).

Ausgewählte Literatur Becker, Ulrich, und Thorsten Kingreen. Hrsg. 2018. SGB V – Gesetzliche Krankenversicherung, Kommentar. 6. Auflage. München: C. H. Beck. Reimer, Sonja. 2016. Überblick über Änderungen des SGB XI durch das Zweite Pflegestärkungsgesetz. In Die Sozialgerichtsbarkeit (SGb) 63. H. 5: 252 – ​259. Udsching, Peter, und Bernd Schütze. Hrsg. 2018. SGB XI – Soziale Pflegeversicherung, Kommentar. 5. Auflage. München: C. H. Beck.

Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht Kathrin Becker-Schwarze

1

Einleitung

Der viel beschriebene demografische Wandel wird selbstverständlich strukturelle Auswirkungen auf das Betreuungsrecht haben. Kommt es zu dem erwarteten Anstieg betreuungsbedürftiger Personen, stellt sich spätestens dann erneut die „Systemfrage“, ob das Betreuungsrecht den Anforderungen einer alternden Gesellschaft genügt (Schulte 2012, S. 24 ff.). Ist die Verortung im Bürgerlichen (Familien-)Recht der richtige Weg oder ist das Betreuungsrecht als ein Bestandteil der sozialen Daseinsvorsorge nicht dem Öffentlichen Recht zuzuweisen (Pitschas 2012, S. 61 ff.; Pitschas 2013, S. 137 ff.) ? Diese Grundsatzfragen sind nicht neu, sondern wurden anlässlich der vielen Reformen des Betreuungsrechts immer wieder gestellt. Nach Pitschas (2012, S. 62) ist „Betreuung im Gegensatz zu dieser individualrechtlichen, an Privatautonomie und Geschäftsfähigkeit orientierten familienrechtlichen Grundlegung in erster Linie eine an Prinzipien der sozialen Daseinsvorsorge orientierte, staatlich gesteuerte und gewährleistete Veranstaltung, die dieser Regelung auch bedarf “.

In der Folge müsse sich die Betreuung hin zur Ermöglichung sozialer Teilhabe betreuungsbedürftiger Volljähriger entwickeln. Das setze „einerseits die persönlichkeitsbezogene Unterstützung [Hervorh. i. Org.] in den Bereichen personaler, sozialer, kultureller und instrumenteller Kompetenzen für die Sicherung der lebenspraktischen Autonomie im Alltag voraus. Andererseits ist soziale Unterstützung [Hervorh. i. Org.] in allen Bereichen der sozialen Sicherung erforderlich“ (ebd., S. 63).

Hierbei betont Pitschas (ebd., S. 63) den Einbezug gerade sozialarbeiterischer Kompetenzen. Diese Frage ist bereits in Art. 12 der UN-Behindertenrechts­konvention © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_27

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326

Kathrin Becker-Schwarze

(UN-BRK), die am 26. 03. ​2009 für Deutschland rechtsverbindlich wurde (BGBl.  II 2008 Nr. 35, 1419), angelegt (vgl. Degener 2016, S. 205 ff.). Nolting et al. ver­weisen auf den UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN 2015: Nummer 26 a und b), der in den „Abschließenden Bemerkungen über den ersten Staatenbericht Deutschlands“ empfohlen hat, alle Formen der ersetzenden Entscheidung abzuschaffen und ein System der unterstützten Entscheidung an ihre Stelle treten zu lassen sowie professionelle Qualitätsstandards für Mechanismen der unterstützten Entscheidung zu entwickeln (Nolting et al. 2018, S. 18). Deutschland hatte 2011 dargelegt, dass die Rechtslage in der Bundesrepublik Deutschland den Vorgaben der UN-BRK entspreche (vgl. ebd.). Gleichwohl wurde auf Wunsch der Konferenz der Justizminister/-innen der Länder unter der Leitung des damaligen Bundesministeriums der Justiz eine Interdisziplinäre Arbeitsgruppe zum Betreuungsrecht gebildet, die sich mit den Konformitätsfragen beschäftigen sollte. Diese Arbeitsgruppe hielt das deutsche Betreuungsrecht mit der UN-BRK für vereinbar, hielt aber eine stärkere Berücksichtigung des Grundsatzes der Erforderlichkeit für angebracht (vgl. ebd., S. 18, 19). Mit dem Gesetz zur Stärkung der Funktionen der Betreuungsbehörde vom 28. 08. ​2013 (BGBl. I 3396) sollten die Vorschläge der Arbeitsgruppe umgesetzt und der Grundsatz der Erforderlichkeit gestärkt werden, um so der steigenden Zahl von Betreuungen zu begegnen. Ende 2015 gab das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz zwei wissenschaftliche Studien zur Umsetzung des Erforderlichkeitsgrundsatzes in der betreuungsrechtlichen Praxis im Hinblick auf vorgelagerte ‚andere Hilfen‘ unter besonderer Berücksichtigung des am 1. Juli 2014 in Kraft getretenen Gesetzes zur Stärkung der Funktionen der Betreuungsbehörde (Nolting et al. 2018) und zur Qualität in der rechtlichen Betreuung (Matta et al. 2018) in Auftrag. Die Abschlussberichte zu beiden Forschungsvorhaben wurden 2018 veröffentlicht. Die Ergebnisse der Studien werden sicherlich den Reformprozess in der Zukunft mitbestimmen (Fröschle 2018a, S. 110 ff., 2018b, S.  801 ff.). Im Folgenden kann es nur darum gehen, unter Beachtung dieser reformpolitischen Diskussion einen groben Überblick über die betreuungs- und vorsorgerechtlichen Strukturen zu geben, wobei das Thema ‚Rechte des Betreuers‘ und die vergütungsrechtlichen Fragen hier ausgespart werden.

2

Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts

Das am 01. 01. ​1992 in Kraft getretene Betreuungsgesetz (BGBl. I 1990, 2002) war sicher ein Meilenstein in der Entwicklung des Betreuungsrechts, löste es doch das Entmündigungsrecht sowie die Vormundschaft und Pflegschaft für Volljährige ab. Vor­ ausgegangen war die Psychiatrie-Enquete (1975) und der Bericht der Kommission für das Recht der freiwilligen Gerichtsbarkeit (1977), die u. a. das Verfahren, die hohe Entmündigungsrate und die Überlastung der Beteiligten kritisierten (Schulte 2011,

Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht

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S. 249 ff., 2012, S. 24 ff.). Mit dem Betreuungsgesetz (1992) sollten die Personensorge und das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gestärkt werden. Das Selbstbestimmungsrecht ist seitdem das zentrale Grundprinzip des Betreuungsrechts und Kern der durch Art. 1 GG geschützten Menschwürde. Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts verletzt die Bestellung einer Betreuer/-in gegen den freien Willen der Betroffenen diese in ihrem Grundrecht aus Art. 2 I GG (dazu BVerfG 20/1/2015, Neue Juristische Wochenzeitschrift 2015, S. 1666). Die Betreuer/-innenbestellung hat nach § 1902 BGB zur Rechtsfolge, dass die Betreuer/-innen die Betreuten in ihrem jeweiligen Aufgabenbereich gerichtlich und außergerichtlich und damit gesetzlich vertreten. Dieser schwerwiegende Grundrechtseingriff, der dem Schutz der Betreuten vor „erheblichen Schädigungen, missbräuchlicher Einflussnahme, Ausbeutung und Fremdbestimmung“ (Matta et al. 2017, S. 3) gilt, bedarf dafür der gesetzlichen Grundlage, die einen solchen Eingriff rechtfertigt und verhältnismäßig zur Wahrung des Selbstbestimmungsrechts ist. Fröschle (2018b, S. 804) hält unter Berufung auf Art. 12 II UN-BRK diesen Grundrechtseingriff nur dann für verhältnismäßig, wenn die Bestellung einer Betreuer/-in dazu führt, „dass die Möglichkeiten des Betroffenen zur Verwirklichung seiner Selbstbestimmung im Rechtsverkehr durch einen gesetzlichen Vertreter signifikant höher sind als die, die er ohne einen gesetzlichen Vertreter hat“ (vgl. ebd.).

Die Wahrung des Selbstbestimmungsrechts bezieht sich nicht nur auf die Frage des ‚Ob‘ einer Bestellung, sondern einfachgesetzlich muss im gesamten Betreuungsverfahren das Selbstbestimmungsrecht gewahrt sein (vgl. Münchener Kommentar zum BGB, Schwab, Vorbemerkung §§ 1896 ff. BGB, Rn. 10).

3

Voraussetzungen der Betreuung

Die zentrale Norm im Betreuungsrecht ist § 1896 I BGB, wonach für Volljährige, die aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen können, durch das Betreuungsgericht eine Betreuer/-in bestellt werden kann. Jedoch dürfen nach § 1896 II BGB Betreuer/-innen nur für Aufgabenkreise bestellt werden, in denen die Betreuung „erforderlich“ ist. Dieser für das Betreuungsrecht so wichtige Grundsatz betrifft das ‚Ob‘ einer Betreuung und das ‚Wie‘ bezogen auf die Aufgabenkreise der Betreuer/-innen. Der Grundsatz der Erforderlichkeit bezieht sich auf das gesamte Betreuungsrecht, also nicht nur auf die Notwendigkeit einer Betreuer/-innenbestellung, sondern auch auf den Umfang des Aufgabenkreises der Betreuer/-innen, die Dauer der Betreuung und deren Auswirkungen. Sofern nach § 1896 II 2 BGB der Unterstützungsbedarf durch „andere Hilfen“ ebenso gut wie durch eine Betreuer/-in aufgefangen werden kann, ist eine rechtliche

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Kathrin Becker-Schwarze

Betreuung nicht erforderlich. „Andere Hilfen“ sind gesetzlich nicht definiert, waren aber Gegenstand der Studie zur Umsetzung des Erforderlichkeitsgrundsatzes in der betreuungsrechtlichen Praxis im Hinblick auf vorgelagerte „andere Hilfen“ (Nolting et al. 2018). Ohne hier auf die Einzelheiten eingehen zu können, belegte die Studie, dass viele Betreuungen für die Beantragung und Durchsetzung von Sozialleistungen beantragt wurden. „Die rechtlichen Betreuer geben für 24 % aller Betreuungsvorgänge an, dass auf die Beantragung und Durchsetzung von Sozialleistungsansprüchen bei der Übernahme der Betreuung mehr als 90 % der gesamten Betreuungstätigkeit entfielen.“ (Nolting et al. 2017, S. 5)

Hier offenbart sich das bereits oben beschriebene Spannungsverhältnis, dass durch eine Sozialberatung Betreuungen vermieden werden könnten, diese betreuungsvermeidende Wirkung aber nicht eintritt. Fröschle (2018b, S. 804) sieht die Ursache dafür in der „Finanzierungslogik an der Schnittstelle zwischen Betreuungswesen und Sozialleistungsrecht“. „Die Kosten, die durch eine umfangreiche Beratung entstehen würden, können von der Kommune durch die Anregung einer Betreuung in den Landeshaushalt verschoben werden.“ (ebd.). Insofern fehle es hier an einer Anreizwirkung für die Kommunen (ebd.). Wie auch immer dieses Dilemma gelöst werden könnte, so ist Fröschle darin zuzustimmen, dass eine Betreuer/-innenbestellung gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit aus Art. 12 Absatz 4 UN-BRK verstößt, wenn einem/einer Betreuten die Hilfe nicht gewährt wird, um ohne eine Betreuer/-in auszukommen (ebd.).

4

Subsidiarität der rechtlichen Betreuung gegenüber der Vollmacht und Betreuungsverfügung

Dieser (subsidiären) Betreuer/-innenbestellung bedarf es dann nicht, wenn die Angelegenheiten durch eine/-n Bevollmächtigte/-n besorgt werden können (§ 1896 II BGB). Mit einer Vorsorgevollmacht legt die Vollmachtgeber/-in für den Zeitpunkt der Entscheidungsunfähigkeit eine Vertrauensperson mit Vertretungsmacht fest. Damit trägt das Gesetz dem Grundsatz der umfassenden Selbstbestimmung Rechnung. Zugleich sollen durch die Vorsorgevollmacht die Betreuungsfälle und die damit verbundenen Kosten reduziert werden, denn der/die Bevollmächtigte wird nicht vom Gericht bestellt. Obwohl die Vorsorgevollmacht gegenüber der rechtlichen Betreuung durchweg positiv bewertet wird, sollten bei diesem betreuungsvermeidenden Instrument wichtige Aspekte bedacht werden. Voraussetzung für die wirksame Vollmachtserteilung ist zunächst, dass die Vollmachtgeber/-in geschäftsfähig ist. Das kann in der Praxis dann zu einem Problem werden, wenn die Vollmachtgeber/-in kurz nach Erteilung der Vollmacht hilfebe-

Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht

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dürftig wird und sich dann die Frage stellt, ob er/sie zum Zeitpunkt der Vollmachtserteilung noch geschäftsfähig war. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) muss das Gericht bei Zweifeln an der Geschäftsfähigkeit von Amts wegen aufklären. Kann hierbei die Unwirksamkeit einer Vorsorgevollmacht nicht positiv festgestellt werden, ist die Vollmacht als wirksam zu behandeln (BeckOK BGB/MüllerEngels BGB § 1896 Rn. 27). Gleichwohl bleibt das Risiko, dass Dritte die Vollmacht unter Berufung auf diese Bedenken zurückweisen (BGH 3/2/2016, Neue Juristische Wochenzeitschrift 2016, S. 1514). Auch wenn die Vollmacht und ihre Wirkung mit der Entscheidungsunfähigkeit der Vollmachtgeber/-in verbunden sind, sollte die Vollmacht auf jeden Fall ‚unbedingt‘ erteilt werden, d. h. nicht erst bei Eintreten der Entscheidungsunfähigkeit, sondern mit Vorlage der Originalvollmacht. Bei einer ‚bedingten‘ Vollmacht muss positiv über die Entscheidungsunfähigkeit entschieden werden. Das kann in der Praxis, wenn schnelle Entscheidungen zu treffen sind, zu Problemen führen. Zudem sollte die Vollmacht möglichst alle möglichen Bereiche erfassen, um eine Betreuer/-innenbestellung für nicht genannte Angelegenheiten zu verhindern. Bei Entscheidungsunfähigkeit kann eine gegebene Vollmacht nicht widerrufen werden, auch werden die Vollmachtgeber/-innen nicht mehr in der Lage sein, die Bevollmächtigten zu kontrollieren. Das Betreuungsgericht kann diese Funktion erst dann ausüben, wenn Anhaltspunkte für eine Unredlichkeit, einen Missbrauch oder eine Überforderung vorliegen (BeckOK BGB/Müller-Engels BGB § 1896 Rn. 45). Dann besteht die Möglichkeit für das Betreuungsgericht einen Kontrollbetreuer (§ 1896 III BGB) zu bestel­ len. Insofern sollten die Vollmachtgeber/-innen diese betreuungsvermeidende Alternative nur dann wählen, wenn sie der Person ‚blind‘ vertrauen können (Fröschle 2018b, S. 805) und diese für diese Aufgaben auch geeignet ist. Die Befugnisse der Bevollmächtigten gehen über die der Betreuer/-innen hinaus, weil die Bevollmächtigten (bis auf die Ausnahmen in §§ 1904 BGB (Ärztliche Maßnahmen), 1906 BGB (Freiheitsentziehende Unterbringung und Maßnahmen)) für die sonstigen Geschäfte keiner gerichtlichen Genehmigung bedürfen und somit eine gerichtliche Kontrolle entfällt. Vollmachten, die allgemein gefasst sind, wie z. B. zur Vertretung in allen Angelegenheiten‚ erstrecken sich nicht auf gravierende ärztliche und Unterbringungsmaßnahmen. In diesen Fällen sollte die Vollmacht mit einer Patientenverfügung gekoppelt sein, in der die konkreten Befugnisse ausdrücklich genannt sind. Mit der Vollmacht wird ja das Vertretungsrecht nach außen gegenüber Dritten dokumentiert. Zwar haben die Bevollmächtigten im Innenverhältnis zu den Vollmachtgeber/-innen immer deren Interessen zu vertreten, dennoch ist zu raten, mit den Bevollmächtigten genauestens ihre Einstellungen zu bestimmten Bereichen abzuklären. Für Vorsorgevollmachten bestehen keine besonderen Formvorschriften. Ausnahmen bestehen bei Gesundheits- und Unterbringungsangelegenheiten, bei denen zumindest die Schriftform gefordert ist (§ 1904 V BGB, § 1906 V BGB). Zu empfehlen ist sicherlich wegen der Beweiskraft generell die Schriftform. Inzwischen wird häufig die Vollmacht notariell beurkundet. Auch wenn diese strenge Schriftform gesetz-

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Kathrin Becker-Schwarze

lich nicht gefordert wird, ist damit die größte Rechtssicherheit verbunden. Anders als bei der öffentlichen Beglaubigung, mit der die Unterschrift des Vollmachtgebers/ der Vollmachtgeberin bestätigt wird, erfolgt bei einer notariellen Beglaubigung durch den/die Notar/-in eine inhaltliche Prüfung der Formulierungen auf deren Bestandskraft. Die Betreuungsbehörde kann die Vollmachtunterschrift kostengünstig beglau­ bigen. Die notarielle Beurkundung hat den großen Vorteil, dass die Vollmachtge­ ber/-innen über die rechtlichen Folgen ihrer Erklärung belehrt wurden und dass zum Zeitpunkt der Vollmachtserteilung geprüft wurde, ob die Betroffenen die für die Vollmachtserteilung erforderliche Geschäftsfähigkeit besitzen (§§ 11, 17 BeurkG). Aus diesem Grund bietet sich bei Immobiliengeschäften, wenn beispielsweise ein Haus von Vollmachtgeber/-innen verkauft werden muss, diese strenge Form der Beurkundung an. Für die Vertretung nach außen ist entscheidend, dass der/die Bevollmächtigte das Original der Vollmacht hat. Die Vollmacht kann an einem Ort zu Hause aufbewahrt werden, den der/die Bevollmächtigte kennt. Die Vollmachtsurkunde kann auch gleich an den/die Bevollmächtigte/-n gegeben werden oder die Urkunde wird einer Person treuhänderisch gegeben. Die Vollmachtsurkunde kann nach einer notariellen Beurkundung auch dort verwahrt bleiben oder kann bei dem Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer registriert werden (vgl. BMJV 2018, S.  39 – ​40). Anders als bei der betreuungsersetzenden Vorsorgevollmacht, eröffnet die Betreuungsverfügung die Gestaltung der Betreuung. In einer solchen Betreuungsverfü­ gung, die eine Geschäftsfähigkeit nicht zwingend voraussetzt, können vorsorglich die Modalitäten einer späteren Betreuung festgelegt werden. In der Betreuungsverfügung könnten Personen, die zu Betreuer/-innen bestellt werden sollen, genannt werden, die für das Betreuungsgericht grundsätzlich bindend sind, wenn die vorge­schlagene Person auch zur Betreuer/-in bestellt werden kann und die Bestellung nicht dem Wohl des/der Betroffenen zuwiderläuft (§ 1897 IV BGB). Es kann auch in der Betreuungsverfügung negativ festgelegt werden, wer nicht als Betreuer/-in bestellt werden soll. Außerdem können in einer Betreuungsverfügung Wünsche gegenüber der Betreuer/-in hinsichtlich der Wahrnehmung der Betreuung festgelegt werden. Einer besonderen Form bedarf es zwar für eine solche Betreuungsverfügung nicht, gleichwohl ist die Schriftform dringend anzuraten. Auch Betreuungsverfügungen können im Zentralen Vorsorgeregister eingetragen werden, die dann vom Betreuungsgericht abgefragt werden. Damit das Betreuungsgericht auch Kenntnis von Betreuungsverfügungen, Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen erlangt, statuiert § 1901c BGB eine Ablieferungs- und Unterrichtungsverpflichtung für Personen, die unmittelbar im Besitz dieser Verfügungen sind. Über allgemeine betreuungsrechtliche Fragen, insbesondere über eine Vorsorge­ vollmacht und über andere Hilfen, bei denen keine Betreuer/-in bestellt wird, zu beraten und informieren, gehört nach § 4 Behördenbetreuungsgesetz (BtBG) zu den Aufgaben der Betreuungsbehörde (s. u.).

Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht

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Auswahl der Betreuer/-in

Nach § 1897 BGB bestellt das Betreuungsgericht eine Person, die geeignet ist, in dem gerichtlich bestimmten Aufgabenkreis die Angelegenheiten des/der Betreuten rechtlich zu besorgen und ihn/sie in dem hierfür erforderlichen Umfang persönlich zu betreuen. Dabei ist den Wünschen des/der Betreuten zu entsprechen, wenn es dem Wohl des/der Betreuten nicht zu widerläuft (§ 1897 IV 1 BGB). Hierunter fallen auch die in einer Betreuungsverfügung geäußerten Vorstellungen. Negative Wünsche des/ der Betreuten sind vom Betreuungsgericht zu berücksichtigen (§ 1897 IV 2 BGB). Insofern steht der Wunsch des/der Betreuten bei der Auswahl der Betreuer/-in im Vordergrund, sofern es dem objektiven Wohl nicht widerspricht. Das Gesetz nennt selbst Ausschlussgründe in § 1897 III BGB, wonach eine Person, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einer Anstalt, einem Heim oder einer sonstigen Einrichtung steht und in dieser der Volljährige untergebracht ist oder wohnt, nicht zum/zur Be­ treuer/-in bestellt werden kann. Die „persönliche Betreuung“ meint den persönlichen Kontakt zwischen Betreuer/-innen und Betreuten und umfasst alle Tätigkeiten, die erforderlich sind, um die Angelegenheiten des/der Betreuten rechtlich zu be­sorgen. „Dabei hat der Betreuer den Betreuten zu beraten, ihm die Vor- und Nachteile einer Entscheidung aufzuzeigen, damit der Betreute nach Möglichkeit in die Lage versetzt wird, eine eigene Entscheidung zu treffen. Dies setzt aber wiederum voraus, dass der Betreuer mit dem Betreuten in Kontakt tritt.“ (Matta et al. 2018, S. 10)

Wenn keine Betreuer/-in durch den/die Betreute/-n vorgeschlagen ist, ist bei Auswahl auf die verwandtschaftlichen und sonstigen persönlichen Bindungen des/der Betreuten Rücksicht zu nehmen (§ 1897 V BGB). Findet sich hier auch keine Betreuer/-in, ist vorrangig eine ehrenamtlicher Betreuer/-in auszuwählen (§ 1897 VI 1 BGB). Erst dann besteht die Möglichkeit, eine Berufsbetreuer/-in (§ 1897 VI 1 BGB) zu bestellen. Das Betreuungsrecht geht also vom Grundsatz der ehrenamtlichen Betreuung aus. Dabei besteht prinzipiell auch die Möglichkeit mehrere Betreuer/-innen zu bestellen, wenn die Angelegenheiten des/der Betreuten hierdurch besser besorgt werden können (§ 1899 BGB). Erst wenn der/die zu Betreuende nicht durch einen oder mehrere natürliche Personen betreut werden kann, bestellt das Betreuungsgericht einen anerkannten Betreuungsverein zum Betreuer (§ 1900 I BGB). Kann die Betreuung auch nicht hinreichend durch einen Verein betreut werden, so bestellt das Betreuungsgericht die zuständige Behörde zum Betreuer (§ 1900 IV BGB).

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Weitere Beteiligte: Betreuungsgericht, Betreuungsbehörde

Neben den Betreuer/-innen sind Beteiligte im Betreuungsverfahren das Betreuungsgericht, die Betreuungsbehörde und Betreuungsvereine. Das Betreuungsgericht entscheidet u. a. über die Einrichtung der Betreuung, den Umfang der Betreuung (§ 1896 BGB), den Einwilligungsvorbehalt (§ 1903 BGB) und die Auswahl der Betreuer/-innen (§§ 1897, 1898, 1899 BGB). Zahlreiche Rechtshandlungen der Betreuer/-innen sind durch das Betreuungsgericht zu genehmigen (§§ 1904, 1906, 1906a, 1907, 1908 BGB). Zudem berät das Betreuungsgericht die Betreuer/-innen, führt in die Aufgaben ein (§§ 1908i, 1837 BGB) und führt die Aufsicht gegenüber den Betreuer/-innen (§§ 1908i, 1837 II BGB). Auch entscheidet das Gericht über die Entlassung der Betreuer/-innen nach § 1908b BGB. Der Betreuungsbehörde hat zum einen strukturell steuernde Aufgaben und einzelfallbezogene Steuerungsaufgaben (Matta et al. 2018, S. 13). Zu den ersteren Aufga­ ben zählen die Vorhaltung eines ausreichenden Angebots zur Einführung der Betreuer/-innen und Bevollmächtigten in ihre Aufgaben und zu ihrer Fortbildung (§ 5 BtBG). Nach § 6 I BtBG hat die Betreuungsbehörde zudem die Förderung der Tätigkeit einzelner Personen und Organisationen (Betreuungsvereine) zugunsten Betreuungsbedürftiger und die Aufklärung und Beratung über Vollmachten und Betreuungsverfügungen vorzunehmen (§ 6 I 2 BtBG). Wie bereits oben erwähnt nehmen speziell die Beratungsaufgabe zur Vorsorge­ vollmacht und die Beglaubigungen nach § 4 I BtBG einen breiten Raum der Aufga­ ben der Betreuungsbehörde ein (Nolting et al. 2018, S. 162). Auch wenn die Vorsorge­ vollmacht als die beste oder gar einzige wirksame ‚andere Hilfe‘ bezeichnet wurde und dadurch präventiv Betreuungen vermieden werden können, so ist der Hinweis von Fröschle nicht unberechtigt, dass die Betreuungsbehörden dennoch auf die Gefahren, die mit einer Vollmacht verbunden sein können, hinzuweisen haben (Fröschle 2018b, S. 804). Zu den weiteren Aufgaben zählt die von den Betreuer/-innen und Bevollmächtigten gewünschte Beratung und Unterstützung bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben (§ 4 III BtBG). Zudem hat sie nach § 5 BtBG dafür zu sorgen, dass in ihrem Bezirk ein ausreichendes Angebot zur Einführung der Betreuer/-innen und der Bevollmächtigten in ihre Aufgaben und zu ihrer Fortbildung vorhanden sind. Zudem unterstützt die Betreuungsbehörde das Betreuungsgericht bei der Gewinnung geeigneter Betreuer/-innen. Wenn sie vom Betreuungsgericht dazu aufgefordert wird, schlägt sie geeignete Personen als Betreuer/-innen oder Verfahrenspfleger/-innen vor (§ 8 II BtBG). Zudem erstellt die Betreuungsbehörde in dem gerichtlichen Anhörungsverfahren u. a. einen Bericht (§ 8 I BtBG) (vgl. Münchener Kommentar zum BGB, Vorbemerkung zu §§ 1896 ff. Schwab, Rn. 19). Da der Grundsatz des Vorrangs der ehrenamtlichen Betreuung gilt, kommt den Betreuungsvereinen in der Praxis eine wichtige Funktion zu. Nach § 1908f I Nr. 2

Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht

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muss der Betreuungsverein auch gewährleisten, dass er sich planmäßig um die Gewinnung ehrenamtlicher Betreuer/-innen bemüht, diese in ihre Aufgaben einführt, fortbildet und berät. Beratungstätigkeit gilt nach § 1908f I Nr. 2 BGB auch für Bevollmächtigte und nach § 1908f I Nr. 2a BGB soll der Betreuungsverein planmäßig über Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen informieren.

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Aufgaben der Betreuer/in

§ 1901 BGB regelt den Umfang der Aufgaben der Betreuer/-innen im Innenverhältnis zu den Betreuten. Nach § 1901 I BGB umfasst die Betreuung alle Tätigkeiten, die erforderlich sind, um die Angelegenheiten der Betreuten rechtlich zu besorgen. Zudem hat der/die Betreuer/-in nach § 1901 II BGB die Angelegenheiten so zu besorgen, wie es dem Wohl des/der Betreuten entspricht. Ferner gehören zum Wohl des/der Betreuten auch die Möglichkeiten, im Rahmen seiner/ihrer Fähigkeiten sein/ihr Leben nach seinen/ihren Wünschen und Vorstellungen zu genügen (§ 1901 II 2 BGB). „Dabei sind der eigene Lebensentwurf, die konkrete Lebenssituation, die Ressourcen und Fähigkeiten, die konkreten Auswirkungen seiner/ihrer Einschränkungen, die finanzielle Lage des/der Betreuten, nicht aber die Belange anderer Personen oder des/der Betreuers/ Betreuerin zu berücksichtigen.“ (Matta et al. 2018, S. 9)

Fröschle (2018a) sieht hier u. a. Reformbedarf, hinsichtlich des ‚Auch‘ nach § 1901 II 1 BGB, der auf eine objektive Bestimmung des Wohls des/der Betreuten schließen lässt (ebd., S. 111). Unter Berufung auf Art. 12 II UN-BRK sei es nicht mehr vertretbar, dass über das ‚Auch‘ das objektive Interesse des/der Betreuten für die Bestimmung des Wohls eine Rolle spiele. Dem „Wunsch des Betreuten ist nur dann nicht Folge zu leisten, wenn dessen Erfüllung höher­ rangige Rechtsgüter des Betreuten gefährden oder seine gesamte Lebens- und Versorgungssituation erheblich verschlechtern würde und nicht Ausfluss seines Selbstbestim­ mungsrechts ist“ (Matta et al. 2018, S. 10).

In § 1896 I 1 BGB wird von „Aufgabenkreisen“ gesprochen, für die Betreuer/-innen bestellt werden. Spezifiziert werden die Aufgabenkreise gesetzlich nicht. Sie werden grob danach unterschieden, ob diese die persönlichen oder die vermögensrechtlichen Angelegenheiten des/der Betreuten betreffen, wobei die Grenzen und Zuweisungen nicht trennscharf sind, z. B. bei dem Aufgabenkreis „Unterhalt und Versorgung“. Zu den persönlichen Aufgabenkreisen u. a. zählen: •• Aufenthaltsbetreuung •• Wohnungsfürsorge

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•• •• •• ••

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Gesundheitsfürsorge Umgang Verfahrensbetreuung Totenfürsorge

Es gibt auch die Möglichkeit, die Fürsorge für „alle Angelegenheiten“ anzuordnen. Hier ist aber auf § 1896 IV BGB hinzuweisen, weil der grundrechtlich geschützte Bereich des Fernmeldeverkehrs, das Öffnen und Anhalten der Post davon nicht automatisch erfasst ist.

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Gesundheitsfürsorge und Patientenverfügung

Die weiteren Ausführungen beschränken sich auf den Aufgabenkreis der Gesundheitsfürsorge und das damit in engem Zusammenhang stehende Instrument der Patientenverfügung. Wenn von Gesundheitsfürsorge gesprochen wird, sind damit die Untersuchung des Gesundheitszustandes, die Heilbehandlung und der ärztliche Eingriff gemeint. Dieser Aufgabenkreis kann allgemein oder nur bezogen auf bestimmte Krankheiten einer Betreuer/-in zugewiesen werden. Was die ärztliche Behandlung angeht, so gilt hier der Grundsatz, dass die betreute Person in die Behandlung einwilligen muss, solange sie einwilligungsfähig ist. Die Einwilligungsfähigkeit des/der Betreuten muss die Betreuer/-in jeweils im Einzelfall ermitteln. Allein die Tatsache, dass für den Aufgabenkreis ‚Gesundheitsvorsorge‘ eine Betreuung bestellt wurde, lässt nicht automa­ tisch auf Einwilligungsunfähigkeit schließen. Bei einer Einwilligungsunfähigkeit kann der Wille durch eine Patientenverfügung zum Ausdruck kommen. Nach § 630d BGB ist bei Einwilligungsunfähigkeit die Einwilligung eines/einer hierzu Berechtigten einzuholen, soweit nicht eine Patientenverfügung nach § 1901a I 1 BGB die ärztliche Maßnahme gestattet oder untersagt. In einer Patientenverfügung legt der/die Betreute nach § 1901a I BGB schriftlich fest, ob er/sie in bestimmte, zum Zeitpunkt der Festlegung noch nicht unmittelbar bevorstehende Untersuchungen seines/ihres Gesundheitszustandes, Heilbehandlungen und ärztliche Eingriffe einwilligt oder sie untersagt. Insofern geht ein in einer Patientenverfügung konkretisierter Wille der Einwilligung von Bevollmächtigten vor. Der Bundesgerichtshof hat das konkretisiert. Eine Patientenverfügung entfalte nur dann unmittelbare Bindungswirkung, wenn sie neben den Erklärungen zu den ärztlichen Maßnahmen, in die die Ersteller/-in einwilligt oder die er/sie untersagt, auch erkennen lässt, dass sie in der konkreten Behandlungssituation Geltung beanspruchen soll. Die schriftliche Äußerung, dass ‚lebensverlängernde Maßnahmen unterbleiben‘ sollen, enthält für sich genommen nicht die für eine bindende Patientenverfügung notwendige konkrete Behandlungsentscheidung des/der Betroffenen (siehe dazu BGH 14/11/2018, Neue Juristische Wochenzeitschrift 2019, S. 600; BGH 8/2/2017, Neue Ju-

Alter, Betreuungsrecht und Vorsorgevollmacht

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ristische Wochenzeitschrift 2017, S. 1737; BGH 6/7/2016; Deutsche Notar-Zeitschrift 2017, S. 199). Erst wenn die Patientenverfügung nicht vorliegt, oder die Festlegungen nicht auf die aktuelle Lebens- oder Behandlungssituation zutreffen, greift der mutmaßliche Wille des/der Betroffenen. Der/die Betreuer/-in muss dann die Wünsche oder den mutmaßlichen Willen ermitteln (§ 1901a II BGB). Die Einwilligung der Betreuer/-innen in eine Untersuchung, eine Heilbehandlung oder einen ärztlichen Eingriff bedarf dann der gerichtlichen Genehmigung durch das Betreuungsgericht, wenn die begründete Gefahr besteht, dass der/die Betreute aufgrund der Maßnahme stirbt oder einen schweren und länger andauernden gesundheitlichen Schaden erleidet (§ 1904 I 1 BGB). Keiner Genehmigung bedarf es in Eilfällen, wenn mit dem Aufschub eine Gefahr verbunden ist (§ 1904 I 2 BGB). Ebenso bedarf die Nichteinwilligung oder der Widerruf der Einwilligung des/der Betreuers/Betreuerin in die oben genannten Maßnahmen der Genehmigung des Betreuungsgerichts, wenn die Maßnahme medizinisch angezeigt ist und die begründete Gefahr besteht, dass der/die Betreute aufgrund des Unterbleibens oder des Abbruchs der Maßnahme stirbt oder einen schweren oder länger dauernden gesundheitlichen Schaden erleidet (§ 1904 II BGB). Die gerichtlichen Genehmigungen sind nicht erforderlich, wenn zwischen Betreuer/-in und behandelndem Arzt/behandelnder Ärztin Einvernehmen darüber besteht, dass die Erteilung, die Nichterteilung oder der Widerruf der Einwilligung dem nach der Patientenverfügung festgestellten Willen des/der Betreuten entspricht (§ 1904 IV BGB). Hier muss § 1901b BGB beachtet werden, der bei einer Entscheidungsunfähigkeit des/der Betreuten eine Prüfung des behandelnden Arztes/der Ärztin, welche Maßnahme im Hinblick auf den Gesamtzustand und die Prognose indiziert ist, und eine Erörterung mit dem/der Betreuer/-in vorsieht. Diese Regelungen des § 1904 I – IV BGB gelten auch für Bevollmächtigte (§ 1904 V BGB).

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Verfahren in Betreuungssachen

Das Verfahren in Betreuungssachen wird entweder durch den Antrag des/der Betroffenen selbst oder auch ohne Antrag von Amts wegen eingeleitet. Zuständiges Gericht ist das Betreuungsgericht beim Amtsgericht, in dessen Bezirk der/die Betroffene seinen/ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort hat. Es gilt der Grundsatz der Amtsermittlung (§ 26 FamFG). Der/die Betroffene ist ohne Rücksicht auf seine/ihre Geschäftsfähigkeit verfahrensfähig (§ 275 FamFG). Das Betreuungsgericht hat eine Verfahrenspfleger/-in für den Betroffenen/die Betroffene zu bestellen, wenn dies zur Wahrnehmung seiner/ihrer Interessen erforderlich ist (§ 276 FamFG). Das kann immer dann der Fall sein, wenn von einer persönlichen Anhörung des/der Betroffenen abgesehen werden soll (§ 276 I Nr. 1 FamFG) oder eine Betreuer/-in für alle Angelegenheiten bestellt bzw. der Aufgabenkreis der Betreuer/-in auf alle Angelegenheiten erweitert werden soll (§ 276 I Nr. 2 FamFG), außer es besteht hierfür offensichtlich

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kein Interesse des/der Betroffenen (§ 276 II FamFG). Die Bestellung eines Verfahrenspflegers soll unterbleiben, wenn die Interessen des/der Betroffenen bereits durch einen Rechtsanwalt/eine Rechtsanwältin oder Verfahrensbevollmächtigte/-n vertreten werden (§ 276 IV FamFG). Der/die Betroffene ist vom Gericht persönlich anzuhören (§ 278 I FamFG), wobei dies aus persönlichen Gründen auch entfallen kann (§ 278 IV FamFG). Das Betreuungsgericht soll sich in dessen üblicher Umgebung einen Eindruck von dem/ der Betroffenen verschaffen und in geeigneten Fällen auch auf die Möglichkeit der Vorsorge­vollmacht, deren Inhalt sowie auf die Möglichkeit ihrer Registrierung im zentralen Vorsorgeregister hinweisen (§ 278 II FamFG). Das Betreuungsgericht hat vor Bestellung der Betreuer/-in die sonstigen Beteiligten (§ 274 FamFG) und nach § 279  II FamFG die Betreuungsbehörde anzuhören. Die Anhörung gilt auch auf Verlangen des/der Betroffenen für ihm/ihr nahestehende Personen (§ 279 III FamFG). Zudem muss nach § 280 I FamFG vor Bestellung der Betreuer/-in eine förm­liche Beweisaufnahme durch Einholung eines Sachverständigengutachtens über die Notwendigkeit der Maßnahme eingeholt werden. Bei dem/der Sachverständigen soll es sich um einen Arzt/eine Ärztin für Psychiatrie oder mit Erfahrungen auf diesem Gebiet handeln (§ 280 I S. 2 FamFG). Vor Erstattung des Gutachtens und unter Berücksichtigung der Stellungnahme der Betreuungsbehörde ist der/die Betroffene persönlich zu untersuchen und zu befragen (§ 280 II FamFG). Gesetzlich ist in § 280 II FamFG genau festgelegt, auf welche Bereiche sich das ärztliche Gutachten erstrecken muss. Von der Erstellung eines Sachverständigengutachtens kann nach §§ 281, 282 FamFG abgesehen werden. Die Entscheidung über die Betreuer/-innenbestellung ist dem/der Betroffenen, der Betreuungsbehörde und der Betreuer/-in bekannt zu machen. Wirksam wird die Entscheidung nach § 287 I FamFG durch die Bekanntgabe an den/die Betreuer/-in. Auf weitere Besonderheiten des Betreuungsverfahrens (wie z. B. einstweilige Anordnungen bei Eilfällen u. a.) soll hier verzichtet werden.

Ausgewählte Literatur Raack, Wolfgang, und Jürgen Thar. 2018. Leitfaden Betreuungsrecht. 7. Auflage. Köln: Bundesanzeiger. Pardey, Karl-Dieter, und Peter Kieß. 2018. Betreuungs- und Unterbringungsrecht. 6. Auflage. Baden-Baden: Nomos.

Alter und Verbraucherschutz Peter Rott

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Einleitung

Das Verbraucherrecht ist eine Querschnittsmaterie aus vielen Bereichen des Privatrechts, aber auch des Öffentlichen Rechts und sogar des Strafrechts, die sich dadurch auszeichnet, dass sie den Verbraucher1 in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt. Mit dem Rückzug des Staats aus Bereichen, die früher der Daseinsvorsorge zuge­ ordnet waren, steigt die Bedeutung des Verbraucherschutzes. Zu diesen Bereichen gehören die Versorgung der Allgemeinheit mit lebenswichtigen Leistungen wie Strom, Gas und Telekommunikationsdienstleistungen wie auch Bereiche, die alte Menschen besonders betreffen, etwa Altersvorsorge, Heimunterbringung und Pflege. Alte Menschen sind zugleich zu aktiven, zahlungskräftigen und damit wirtschaftlich attraktiven Kunden geworden, soweit sie nicht von Altersarmut betroffen sind, sodass sich die werbende Ansprache seitens der Wirtschaft zunehmend spezifisch an ältere Menschen wendet. Hieraus ergeben sich idealtypisch zwei Schienen des Verbraucherschutzes in Bezug auf das Alter: der Schutz von schwachen, abhängigen alten Menschen und der Schutz der wirtschaftlichen Entscheidungsfreiheit am Markt agierender alter Menschen. Letzterer ist weitgehend durch das Verbraucherrecht der EU überformt. Rele­ vant ist schließlich die Frage der kollektiven Rechtsdurchsetzung, da die schon bei jüngeren Menschen beschränkte Bereitschaft und Fähigkeit zu individueller Rechts-

1 Zahlreiche der in diesem Beitrag verwendeten Begriffe werden vom deutschen und vom europäischen Gesetzgeber und, da dieser Beitrag sich auf die rechtlichen Vorgaben bezieht, auch im Folgenden nur in der männlichen Form verwendet. Dies gilt insbesondere, aber nicht nur, für die Begriffe „Verbraucher“, „Durchschnittsverbraucher“, „Unternehmer“, „Heimbetreiber“ oder „Pflegebedürftiger“. Selbstverständlich sind Verbraucherinnen, Unternehmerinnen usw. ebenso wie Diverse inhaltlich erfasst. Zu Verbesserungsvorschlägen vgl. Maier (2018). © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_28

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Peter Rott

durchsetzung im Alter noch weiter gemindert sein können. Tatsächlich scheinen eher die Angehörigen von älteren Menschen Rechtsrat zu suchen als die Betroffenen selbst.

2

Schutz der wirtschaftlichen Entscheidungsfreiheit

2.1

Lauterkeitsrecht

Geschäftsfähige alte Menschen können uneingeschränkt Verträge abschließen und sind daher Adressat/-innen kommerzieller Kommunikation seitens der Unternehmen. Dieser Bereich ist durch die Richtlinie 2005/29/EG über unlautere Geschäftspraktiken im binnenmarktinternen Geschäftsverkehr zwischen Unternehmen und Verbrauchern geregelt, die in ihrer Generalklausel unlautere Geschäftspraktiken verbietet. Was unlauter ist, definiert Art. 5 (2) der Richtlinie wie folgt: Eine Geschäftspraxis ist unlauter, wenn (a) sie den Erfordernissen der beruflichen Sorgfaltspflicht widerspricht und (b) sie in Bezug auf das jeweilige Produkt das wirtschaftliche Verhalten des Durchschnittsverbrauchers, den sie erreicht oder an den sie sich richtet oder des durchschnittlichen Mitglieds einer Gruppe von Verbrauchern, wenn sich eine Geschäftspraxis an eine bestimmte Gruppe von Verbrauchern wendet, wesentlich beeinflusst oder dazu geeignet ist, es wesentlich zu beeinflussen. Mit dem Begriff des Durchschnittsverbrauchers rekurriert die Richtlinie auf die langjährige Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs, der den Durchschnittsverbraucher als angemessen gut unterrichtet und angemessen aufmerksam und kritisch beschreibt (vgl. Erw.Gr. 18). Dieses Leitbild wurde schon hinsichtlich Menschen durchschnittlichen Alters und durchschnittlicher Bildung als unrealistisch kritisiert, und tatsächlich scheint der Europäische Gerichtshof (EuGH) neuerdings das reale Verhalten und die realen Erkenntnismöglichkeiten wieder stärker in den Blick zu nehmen.2 Der EU-Gesetzgeber hatte aber selbst schon in der Richtlinie 2005/29/EG die besondere Schutzbedürftigkeit einiger Verbrauchergruppen berücksichtigt. Nach Art. 5 (3) werden Geschäftspraktiken, die voraussichtlich in einer für den Gewerbetreibenden vernünftigerweise vorhersehbaren Art und Weise das wirtschaftliche Verhalten nur einer eindeutig identifizierbaren Gruppe von Verbrauchern wesentlich beeinflussen, die aufgrund von geistigen oder körperlichen Gebrechen, Alter oder Leichtgläubigkeit im Hinblick auf diese Praktiken oder die ihnen zugrunde liegenden Produkte besonders schutzbedürftig sind, aus der Perspektive eines durchschnittlichen Mitglieds dieser Gruppe beurteilt. Der Begriff ‚Alter‘ erfasst dabei nach allge­ meiner Ansicht sowohl Kinder und Jugendliche als auch ältere Menschen (vgl. Sosnitza 2016, Rn. 162; zweifelnd Köhler 2019, Rn. 5.22). Das Folgeproblem besteht darin, Geschäftspraktiken zu identifizieren, die gruppenspezifisch alte Menschen anders beeinflussen als den Durchschnittsverbraucher. 2 EuGH, 04. 06. ​2015, C-195/14 – Teekanne, ECLI:EU:C:2015:361.

Alter und Verbraucherschutz

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Dies ist bei alterstypischen Produkten wie Reinigungsmitteln für dritte Zähne oder Senioren-Kreuzfahrten oder bei der Ansprache in alterstypischen Situationen wie in Altersheimen oder auf Senioren-Busreisen denkbar, kann aber auch bei Werbung der Fall sein, die sich an die gesamte Bevölkerung richtet, aber bei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich wirkt. Tatsächlich ist Rechtsprechung zur besonderen Schutzbedürftigkeit älterer Menschen nicht ersichtlich, das Problem ist aber im rechtlich gleichgelagerten Gebiet der Werbung, die sich an Kinder oder Jugendliche richtet, deutlich geworden (dazu Jahn/Palzer 2014).3 Kann die Geschäftspraktik als altersbezogen identifiziert werden, stellt sich die Anschlussfrage nach den Besonderheiten der Erkenntnismöglichkeiten alter Menschen. Bei letzteren kann nämlich nicht generell von besonderer Schutzbedürftigkeit ausgegangen werden (Fritzsche 2016, S. 892). Insbesondere kann kaum noch davon ausgegangen werden, dass ältere Menschen weniger erfahren in der Nutzung des Internet sind als jüngere Menschen. Erforderlich ist, dass die Angesprochenen altersbedingt nicht mehr über die Kenntnisse, Aufmerksamkeit oder Kritikfähigkeit verfügen, die einem Durchschnittsverbraucher zugesprochen werden, und daher für bestimmte geschäftliche Handlungen oder die ihnen zugrunde liegenden Produkte besonders anfällig sind (vgl. Erw.Gr. 19 der Richtlinie 2005/29/EG). Praktische Wirkung für den Schutz Älterer hat das Lauterkeitsrecht aufgrund seiner engen Voraussetzungen bisher nicht gezeigt. 2.2

Allgemeine Geschäftsbedingungen

In der Entscheidung Kásler vom April 2014 hat der EuGH den Maßstab des Durchschnittsverbrauchers ins Recht der Allgemeinen Ge­schäftsbedingungen (AGB) übertragen.4 Nach dem durch die Richtlinie 93/13/EWG überformten AGB-Recht der §§  307 ff. BGB sind Vertragsklauseln unwirksam, wenn sie den Vertragspartner des Verwenders entgegen den Geboten von Treu und Glauben unangemessen benachteiligen. Eine unangemessene Benachteiligung kann sich nach § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB u. a. daraus ergeben, dass die Bestimmung nicht klar und verständlich ist. Anders als im Lauterkeitsrecht sind Sonderregeln für bestimmte Personengruppen hier nicht explizit vorgesehen. Dennoch kann die Rechtsprechung Besonderheiten bei der Auslegung berücksichtigen.5 Das Alter kann zudem bei der Einbeziehung von AGB Bedeutung gewinnen, die nach § 305 Abs. 2 BGB neben einem ausdrücklichen Hinweis auf die AGB die Mög3 Vgl. die „Runes of Magic“-Urteile: BGH, 17. 07. ​2013, I ZR 34/12, NJW 2014, 1014, und BGH, 18.  09. ​ 2014, I ZR 34/12, GRUR 2014, 1211. 4 EuGH, 30. 04. ​2014, C-26/13 – Kásler, ECLI:EU:C:2014:282. 5 So etwa BGH, 05. 06. ​2013, VIII ZR 131/12, JZ 2014, 358, zu Zahlungsmöglichkeiten in Gaslieferungsverträgen, die kontolosen Menschen nicht zur Verfügung stehen.

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lichkeit voraussetzt, in zumutbarer Weise von den AGB Kenntnis zu nehmen. Dazu gehören u. a. eine entsprechende Schriftgröße und ein entsprechender Kontrast. 2.3

Haustürgeschäfte und Fernabsatzverträge

Das ebenfalls weitestgehend EU-rechtlich, mittlerweile durch die VerbraucherrechteRichtlinie 2011/83/EU determinierte Recht der außerhalb von Geschäftsräumen abgeschlossenen Verträge, im deutschen Recht in den §§ 312b ff. BGB verankert, sieht zwar keine spezifischen Regelungen für ältere Menschen vor, ist aber traditionell gerade für diese relevant, weil ältere Menschen eine besondere Zielgruppe von Haustürwerbern, aber auch von Organisatoren von Freizeitveranstaltungen wie Busreisen sind. Problematisch bei diesen Situationen ist zunächst der Überraschungseffekt, mit dem Angebot von Waren oder Dienstleistungen konfrontiert zu werden, ohne einen Preis- und Qualitätsvergleich mit ähnlichen Waren oder Dienstleistungen vornehmen zu können. Hinzu kommt oftmals psychischer oder gar physischer Druck, einen Vertrag abzuschließen. Seit Inkrafttreten des Haustürwiderrufsgesetzes von 1986 hat der Verbraucher bei solchen Geschäften ein aus dem EU-Recht stammendes, mittlerweile in § 312g BGB verankertes Widerrufsrecht, über das der Unternehmer den Verbraucher informieren muss. Dieses Widerrufsrecht soll die Entschließungsfreiheit des Verbrauchers über den Vertragsschluss hinaus sichern. Er kann noch einmal in Ruhe nachdenken, ob die Ware oder Dienstleistung wirklich benötigt wird, aber auch recherchieren, ob sie anderweitig günstiger zu erhalten ist. Innerhalb einer Frist von 14 Tagen (§ 355 Abs. 2 BGB) kann er den Vertrag daher ohne Begründung widerrufen. Informiert der Unternehmer nicht korrekt über das Widerrufsrecht, was nicht selten vorkommt, so verlängert sich die Widerrufsfrist um ein Jahr (§ 356 Abs. 3 BGB). Das Widerrufsrecht ist auch neben Informationspflichten das Hauptinstrument des Verbraucherschutzes bei Fernabsatzverträgen i. S. d. § 312c BGB, die gerade bei älteren Menschen mit eingeschränkter Mobilität von Bedeutung sein können. In die Kategorie der Fernabsatzverträge fallen u. a. Verträge, die im Internet oder telefonisch abgeschlossen werden. Hier liegt das gegenüber anderen Verträgen erhöhte Schutzbedürfnis insbesondere darin begründet, dass man den Unternehmer nicht kennt und die Ware vor deren Erhalt nicht gesehen hat und sie auch nicht prüfen konnte. 2.4

Finanzdienstleistungen

Finanzdienstleistungen sind für alle Bevölkerungsgruppen besonders gefährlich, weil einerseits Finanzdienstleistungen als Vertrauensgüter für Verbraucher schwer erfassbar sind und andererseits die finanziellen (und sozialen) Folgen von Fehlentscheidun­ gen besonders gravierend sein können. Daher sehen etwa das Verbraucherkreditrecht

Alter und Verbraucherschutz

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und das Anlegerschutzrecht über die bloße Information hinausreichende Erläuterungs- oder Beratungspflichten vor. Für ältere Menschen gibt es im deutschen Recht zwar keine Spezialregelungen, das Alter kann aber bei der Anwendung allgemeiner Regeln eine Rolle spielen. So ist im Rahmen der Kreditwürdigkeitsprüfung von Bedeutung, ob der Kreditnehmer während der Kreditlaufzeit in Rente geht und sich damit seine Rückzahlungsmöglichkeit verringert.6 Im Anlegerschutzrecht gilt der Grundsatz der anlegergerechten Beratung: Die persönlichen Verhältnisse des Kunden, insbesondere sein Wissensstand, seine Risikobereitschaft und sein Anlageziel, sind zu berücksichtigen. Hat ein älterer Mensch den Wunsch, das Ersparte sicher anzulegen, um die Rente aufzubessern, so kann die (zumeist den Provisionsinteressen geschuldete) Vermittlung einer riskanten Anlage zu Schadensersatz wegen Verletzung eines Beratungsvertrags führen.7 Zu einem wichtigen neuen Gebiet könnten die sog. Immobilienverzehrkredite (equity release) werden. Bei Immobilienverzehrkrediten wird das Eigenheim an die Bank veräußert, die dafür eine lebenslange Rente bezahlt und gleichzeitig Wohnrecht gewährt. Es handelt sich damit um eine Finanzdienstleistung speziell für Menschen, die ihre laufenden Ausgaben aus dem Einkommen nicht mehr bestreiten können, aber ihr Eigenheim zu Leibzeiten nicht mehr verlassen wollen. Eine (dringend notwendige) gesetzliche Regelung für derartige Verträge gibt es bislang nicht, aus dem Anwendungsbereich der Immobilienverbraucherdarlehensverträge sind sie nach § 491 Abs. 3 Satz 3 BGB ausdrücklich ausgeschlossen.

3

Spezieller Verbraucherschutz für ältere Menschen

3.1

Heimpflege

Die Heimpflege weist neben den sozialrechtlichen Verhältnissen zwischen dem Heimbetreiber und der Pflegeversicherung einerseits und dem Leistungsempfänger und der Pflegeversicherung andererseits als dritten Schenkel des ‚pflegerechtlichen Dreiecks‘ ein zivilrechtliches Verhältnis zwischen Heimbetreibern und Pflegebedürftigen als Verbrauchern auf. Das gilt unabhängig davon, dass Heimbetreiber unmittelbar mit der Pflegeversicherung abrechnen. Allerdings wirkt das Sozialrecht auf dieses Vertragsverhältnis ein (Drasdo 2012; dazu sogleich). Hinzu tritt öffentlich-rechtlicher Schutz der Heimbewohner/-innen, seit der Föderalismusreform von 2006 durch die Heimgesetze der Länder. Einigkeit besteht darüber, dass jedenfalls ein Vertrag über reine Pflege- und Betreuungsleistungen nicht als Behandlungsvertrag i. S. d. § 630a BGB zu qualifizieren ist (BT-Drs. 17/10488, S. 17). Vielmehr handelt es sich um einen gemischt-typischen 6 Vgl. LG Berlin, 24. 09. ​2010, 4 O 482/09, BKR 2011, 17. 7 Vgl. etwa BGH, 14. 07. ​2009, XI ZR 152/08, NJW 2009, 3429.

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Vertrag mit Elementen der Miete, des Dienstvertrags, des Werkvertrags und ggf. auch des Kaufvertrags.8 Daneben hat der Gesetzgeber mit dem 2009 erlassenen Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG) ein spezielles Verbraucherschutzgesetz verabschiedet (ausf. Drasdo 2010; Weber 2010; Tamm 2016), das das Heimgesetz ablöste, das trotz seines grundsätzlich öffentlich-rechtlichen Charakters bereits Mindestanforderungen an den Vertragsabschluss und -inhalt zum Schutz der Bewohner/-innen enthielt. Die im WBVG enthaltenen Schutzvorschriften sind nach § 16 WBVG zwingendes Recht. Das WBVG findet nach seinem § 1 Anwendung auf Verträge zwischen einem Unternehmer und einem volljährigen Verbraucher, in dem sich der Unternehmer zur Überlassung von Wohnraum und zur Erbringung von Pflege- oder Betreuungsleistungen verpflichtet, die der Bewältigung eines durch Alter, Pflegebedürftigkeit oder Behinderung bedingten Hilfebedarfs dienen (zu Einzelheiten und zur Abgrenzung zu betreutem Wohnen Weber 2010, S. 338 f.; Tamm 2016, S. 371 f.). Alter ist also keine Voraussetzung für die Anwendung des WBVG, aber doch der häufigste Fall. Auch im Bereich der Heimpflege will der Gesetzgeber zunächst durch umfangreiche vorvertragliche Informationspflichten (§ 3 WBVG) die Entscheidungsfreiheit der Pflegebedürftigen gewährleisten. Die Informationspflichten beziehen sich auf das allgemeine Leistungsangebot des Unternehmers (Ausstattung und Lage des Gebäudes etc. sowie die nach § 115 Abs. 1a Satz 1 SGB XI zu veröffentlichenden Ergebnisse von Qualitätsprüfungen) sowie auf diejenigen Leistungen, die für den konkreten Verbraucher in Betracht kommen. § 7 WBVG enthält die zentralen Pflichten des Unternehmers und des Verbrauchers. § 7 Abs. 1 WBVG legt fest, dass der Unternehmer verpflichtet ist, die vertraglich vereinbarten Pflege- oder Betreuungsleistungen nach dem allgemein anerkannten Stand fachlicher Erkenntnisse zu erbringen. Dies überträgt den sozialrechtlichen Maßstab der §§ 11 Abs. 1 Satz 1, 28 Abs. 3 SGB XI in das Vertragsverhältnis zwischen Unternehmer und Verbraucher. Die Zahlungspflicht des Verbrauchers ist in § 7 Abs. 2 WBVG verankert. Dabei muss das Entgelt insgesamt und nach seinen Bestandteilen im Verhältnis zu den Leistungen angemessen sein; dies ist gerichtlich überprüfbar. In Verträgen mit Verbrauchern, die Leistungen nach dem SGB XI oder XII in Anspruch nehmen, gilt die aufgrund der dort maßgeblichen Bestimmungen festgelegte Höhe des Entgelts als vereinbart und angemessen. Im Falle der Nicht- oder Schlechtleistung kann der Verbraucher in Abweichung vom Dienstvertragsrecht der §§ 611 ff. BGB nach § 10 WBVG Minderung verlangen; die Minderung tritt – anders als beim Mietvertrag –

8 So etwa BGH, 05. 07. ​2001, III ZR 310/00, NJW 2001, 2971; BGH, 13. 02. ​2003, III ZR 194/02, NJW 2003, 1453, 1454.

Alter und Verbraucherschutz

343

nicht auto­matisch ein,9 was von Pflegebedürftigen verlangt, sich mit der Heimleitung auseinanderzusetzen (krit. Drasdo 2016). Ändert sich der Pflege- oder Betreuungsbedarf des Verbrauchers, so muss ihm der Unternehmer nach § 8 Abs. 1 WBVG eine entsprechende Leistungsanpassung anbieten, wenn er dies nicht von vornherein schriftlich ausgeschlossen hat und an dem Ausschluss ein berechtigtes Interesse hat, § 8 Abs. 4 WBVG, etwa weil ein neuer Betreuungsbedarf von seinem Leistungskonzept nicht erfasst ist (Tamm 2016, S. 377). Damit einher geht eine entsprechende Änderung der Vergütung. Auch hier ist eine vertragliche Einigung erforderlich. Dies gilt nach § 8 Abs. 2 WBVG aber nicht bei Verbrauchern, die Leistungen nach dem SGB XI oder XII in Anspruch nehmen. Einer Entgelterhöhung aufgrund einer Änderung der Berechnungsgrundlage, etwa der Lohnkosten, muss der Verbraucher nach § 9 WBVG stets zustimmen; sie ist zulässig, wenn sie angemessen ist. Dem Verbraucher steht nach § 11 Abs. 1 Satz 2 WBVG ein Sonderkündigungsrecht zu. Einseitige Entgelterhöhungen sind – anders als noch unter dem HeimG – nach § 16 WBVG unwirksam. Das gilt auch dann, wenn sie lediglich eine neue sozialrechtliche Vereinbarung umsetzen, denn auch dann muss der Verbraucher die Möglichkeit haben, eine informierte Entscheidung darüber zu treffen, ob er vielleicht nach § 11 Abs. 1 Satz 2 WBVG kündigen und in ein anderes Pflegeheim umziehen möchte.10 § 4 WBVG enthält Abweichungen vom Mietrecht des BGB, die der Tatsache, dass der Wohn- und Betreuungsvertrag auf Lebenszeit angelegt ist, Rechnung tragen sollen. So ist der Vertrag grundsätzlich unbefristet zu schließen; die Kündigung des Vertrags ist dem Unternehmer nach § 12 WBVG nur aus wichtigem Grund möglich.11 Der Verbraucher kann hingegen nach § 11 WBVG spätestens am dritten Werktag eines Kalendermonats zum Ablauf desselben Monats kündigen. Außerdem steht ihm eine Art Probezeit von zwei Wochen nach Vertragsschluss zu, in der er jederzeit fristlos kündigen kann. Hinzu kommen außerordentliche Kündigungsrechte bei Entgelterhöhung und fristlos bei Unzumutbarkeit der Fortsetzung des Vertrags. Mit dem Tod des Verbrauchers endet nach § 4 Abs. 3 WBVG das Vertragsverhältnis, lediglich für die Überlassung des Wohnraums kann die Fortgeltung des Vertrags gegen Fortzahlung der darauf entfallenden Entgeltbestandteile für einen Zeitraum von maximal zwei Wochen nach dem Sterbetag des Verbrauchers vereinbart werden.

9 Vgl. OLG Düsseldorf, 04. 04. ​2011, 24 U 130/10, NJW-RR 2011, 1683; OLG Frankfurt, 30. 10. ​2013, 1 U 153/12, NJW-RR 2014, 688. 10 Ausf. BGH, 12. 05. ​2016, III ZR 279/15, NJW-RR 2016, 944. 11 Vgl. etwa OLG Frankfurt, 22. 07. ​2016, 8 W 38/16, NJW-RR 2016, 1394 (Schreiattacken); LG Essen, 18. 03. ​2013, 1 O 181/12, NZM 2014, 554 (sexuelle Übergriffe auf wehrlose Mitbewohnerin); LG Freiburg, 05. 07. ​2012, 3 S 48/12, NZM 2013, 286 (renitentes Fehlverhalten).

344

3.2

Peter Rott

Ambulante Pflege

Sozialrechtlich geregelt ist der Pflegevertrag in § 120 SGB XI, der wie früher das Heimrecht auf das Zivilrecht ausstrahlt, indem er die Vertragsfreiheit durch Vereinbarungen zwischen Kostenträgern (Pflegekassen) und Leistungsträgern (Anbieterverbänden) stark einschränkt (Roth 2013, S. 462 f.). Eine Überprüfung der Pflegeverträge durch die Pflegekassen findet allerdings regelmäßig nicht statt. Teilweise findet sich öffentlich-rechtlicher Verbraucherschutz im Landesrecht, so etwa im Hessischen Gesetz über Betreuungs- und Pflegeleistungen (HGBP), aber auch dort liegt der Schwerpunkt deutlich auf der Heimpflege. Für die trotz der nach § 120 Abs. 4 SGB XI unmittelbar mit der Pflegekasse vorzunehmende Abrechnung als Dienstvertrag i. S. d. § 611 BGB einzuordnende Vertragsbeziehung zwischen dem Pflegedienst und dem Pflegebedürftigen existiert kein dem WBVG entsprechendes Regelwerk, obwohl die praktische Relevanz der häuslichen Pflege mindestens ebenso hoch ist wie die der Heimpflege (Roth 2013, S. 457 ff., 462 ff.). Verbraucherschutz findet hier im Wesentlichen über die AGB-Kontrolle statt. Das Entgelt für die Pflegeleistungen entrichtet zwar grundsätzlich die Pflegekasse, der Pflegebedürftige kann aber zusätzliche Leistungen in Anspruch nehmen, für die er selbst zahlt. Insofern begrenzt § 120 Abs. 4 Satz 2 SGB XI die Vergütung auf das nach § 89 SGB XI Vereinbarte. Danach muss die Vergütung einem Pflegedienst bei wirtschaftlicher Betriebsführung ermöglichen, seine Aufwendungen zu finanzieren und seinen Versorgungsauftrag zu erfüllen unter Berücksichtigung einer angemesse­ nen Vergütung seines Unternehmerrisikos. Preiserhöhungsklauseln sind zulässig, Preiserhöhungen müssen aber nach der Rechtsprechung mindestens zwei Wochen vor ihrem Wirksamwerden angekündigt werden.12 Preiserhöhungen, die über die Vorgaben des § 89 SGB XI hinausgehen oder intransparent sind, sind unwirksam.13 Ein dem § 10 WBVG vergleichbares Minderungsrecht bei mangelhafter Pflegeleistung kennen weder § 120 SGB XI noch die §§ 611 ff. BGB.14 Allerdings hat der BGH bei einem Pflegevertrag, der auf das SGB V verwies, entschieden, dass der Vergütungsanspruch gegen den Versicherten erlischt, wenn die über die Sachleistung hinausgehende Pflege nicht durch qualifiziertes Pflegepersonal erbracht wird.15 Dies scheint auf einen Pflegevertrag nach § 120 SGB XI übertragbar. Da es sich bei der Pflegebehandlung um Dienste höherer Art handelt, kann der Verbraucher den Vertrag nach § 627 Abs. 1 BGB jederzeit und ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist kündigen. AGB-Klauseln, die Kündigungsgründe benennen oder Fristen festlegen, sind unwirksam.16 Umgekehrt ist der Pflegedienst bei der Kündi12 OLG Stuttgart, 31. 07. ​2008, 2 U 17/08, SRa 2010, 228. 13 Vgl. OLG Naumburg, 19. 12. ​2008, 10 U 38/08, 14 Dazu BGH, 08. 10. ​2015, III ZR 93/15, VersR 2016, 1125. 15 ibid. 16 Vgl. BGH, 09. 06. ​2011, III ZR 203/10, NJW 2011, 2955.

Alter und Verbraucherschutz

345

gung nach § 627 Abs. 2 BGB zur Rücksichtnahme verpflichtet, damit sich der Verbraucher die notwendigen Pflegedienste anderweitig beschaffen kann. Unwirksam sind auch die häufigen Klauseln, mit denen sich der Pflegedienst von der Haftung für den fahrlässigen Verlust von Schlüsseln freizeichnet.17 3.3

Versorgung mit Strom, Gas und Telekommunikationsdienstleistungen

Die Versorgung mit Strom, Gas und Telekommunikationsdienstleistungen wurde seit den 1980er Jahren sukzessive liberalisiert und privatisiert. Die Versorgung erfolgt aufgrund privatrechtlicher Verträge. Verbraucherschutz in diesem Bereich verfolgt unterschiedliche Zielsetzungen. Zum einen sollen spezielle Informationspflichten und das Recht, kostenlos den Versorger zu wechseln, den Verbraucher befähigen, das beste Angebot am (liberalisierten) Markt wahrzunehmen. Für Kunden, die weniger aktiv sind oder die aufgrund ihrer geografischen Lage oder – vor allem – aufgrund durch Schufa-Eintrag belegter Zahlungsschwierigkeiten für Versorger nicht interessant sind, sieht das EU-Recht die sog. Universaldienstleistungen vor, mittels derer jedermann Zugang zu Energie und Telekommunikationsdienstleistungen zu erschwinglichen Preisen erhalten soll. Wesentliches Element ist ein Kontrahierungszwang, dem ein oder mehrere Grundversorger unterliegen (ausf. Rott und Willett 2018). Schließlich widmet sich das EU-Recht auch im Bereich der Dienstleistungen von allgemeinem Interesse den sog. vulnerable customers, etwas unzureichend übersetzt mit „besonders schutzbedürftigen Verbrauchern“. Hintergrund ist vor allem das Phänomen der Energiearmut (vgl. Art. 28 und 29 der Richtlinie (EU) 2019/944). Einkommensschwachen Menschen drohen Versorgungssperren, wenn sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können, denn auch der Grundversorger ist im Grundsatz nur zur Lieferung von Energie bzw. zur Erbringung von Telekommunikationsdienstleistungen verpflichtet, solange die Kunden die Rechnung bezahlen. Versorgungssperren können vulnerable customers härter treffen als Durchschnittsverbraucher, weshalb die Mitgliedstaaten aufgefordert sind, für erstere be­sondere Schutzmaßnahmen vorzusehen. Hier haben Mitgliedstaaten neben behinderten Menschen und Familien mit kleinen Kindern auch ältere Menschen in den Blick genommen, z. B. weil diese im Winter anfälliger für Erkältungskrankheiten sind und damit vor allem beim Abschalten der Heizung in Lebensgefahr geraten können und weil sie wegen eingeschränkter Mobilität auf ein Telefon angewiesen sind. Im deutschen Recht ist dieser Schutz allerdings im Verbraucherrecht nur in der sehr allgemeinen Formulierung zu finden, dass die Versorgung nicht unterbrochen werden darf, wenn die Folgen der Unterbrechung außer Verhältnis zur Schwere der Zuwiderhandlung stehen (z. B. § 19 Abs. 2 Satz 2 Stromgrundversorgungsverordnung). Im 17 Vgl. etwa OLG Stuttgart, 31. 07. ​2008, 2 U 17/08, SRa 2010, 228.

346

Peter Rott

Übrigen setzt der deutsche Gesetzgeber auf sozialrechtliche Mechanismen, mit denen verhindert werden soll, dass es zu Zahlungsrückständen und in deren Folge zu Versorgungssperren kommt, was in der Praxis aber nur unzureichend funktioniert (ausf. Rott 2016, S. 195 ff.).

4

Kollektive Durchsetzung des Verbraucherschutzes

Als Element der kollektiven Durchsetzung des Verbraucherschutzes kann man zunächst die öffentlich-rechtliche Durchsetzung ansehen, die allerdings primär im Bereich der Pflege und dort in den meisten Bundesländern nur im Bereich der Heimpflege eingreift. Öffentlich-rechtliche Durchsetzung jedenfalls kollektiver Verbraucherinteressen ist auch den sektorspezifischen Regulierungsbehörden möglich. Die Bundesnetzagentur hat Aufgaben zum Schutz der Verbraucher in den Bereichen Telekommunikation, Post, Bahn und Energie, die sie allerdings am ehesten noch bei Telekommunikationsdienstleistungen wahrnimmt. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ist nach dem 2015 eingeführten § 4 Abs. 1a, Satz 1 des Gesetzes über die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (FinDAG) „innerhalb ihres gesetzlichen Auftrags auch dem Schutz der kollektiven Verbraucherinteressen verpflichtet“. Eine große Rolle spielen beide Regulierungsbehörden bisher im Verbraucherschutz nicht. Primär liegt die kollektive Rechtsdurchsetzung bei den Verbraucherorganisationen. Diese können, wenn sie sich als sog. qualifizierte Einrichtungen beim Bundesamt der Justiz registrieren lassen, die kollektiven Interessen der Verbraucher nach dem Unterlassungsklagengesetz (UKlaG) verfolgen. Zur Verfügung steht zum einen die Klage gegen den Unternehmer mit dem Ziel der Unterlassung der Verwendung unwirksamer Allgemeiner Geschäftsbedingungen nach § 1 UKlaG, zum anderen nach § 2 UKlaG die Klage auf Unterlassung der Verletzung von Verbraucherschutzgesetzen, zu denen nach § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 10 UKlaG auch das WBVG zählt,18 und auf Beseitigung der Folgen solcher Verstöße. Vor allem die Unterlassungsklage nach § 1 UKlaG spielte schon eine erhebliche Rolle bei der Kontrolle von Heimverträgen sowie in jüngerer Zeit auch von Verträgen über ambulante Pflege (dazu vzbv 2010), sie trägt im Übrigen schon deshalb zum Verbraucherschutz bei, weil qualifizierte Einrichtungen geeignete Fälle bis zum BGH bringen und damit die Klärung strittiger Rechtsfragen ermöglichen.

18 Für einen Fall des § 2 UKlaG vgl. BGH, 21. 05. ​2015, III ZR 263/14, NJW 2015, 2573 zur Forderung von Sicherheitsleistungen.

Alter und Verbraucherschutz

347

Ausgewählte Literatur Roth, Markus. 2013. Private Pflege. In Recht der Älteren. Hrsg. Becker, Ulrich, und Markus Roth, 455 – ​494. Berlin und Boston: de Gruyter. Rott, Peter, und Chris Willett. 2018. Consumers and services of general interest. In Handbook of Research on International Consumer Law. 2. Auflage. Hrsg. Howells, Geraint, Iain Ramsay und Thomas Wilhelmsson, 267 – ​307. Cheltenham: Edward Elgar.

Kapitel 2 Lebenslagen im Alter

Einkommen und Vermögen im Alter Dietrich Engels

1

Einleitung

Mit der Thematik der finanziellen Lebenssituation im Alter lassen sich unterschiedliche Bilder assoziieren: Auf der einen Seite das Bild von lebensfrohen und wohlhabenden Senior/-innen, reiselustig und Konsument/-innen von Qualitätsprodukten, häufig auch großzügige Unterstützer/-innen von Kindern und Enkeln. Dem stehen auf der anderen Seite Berichte über Altersarmut, niedrige Renten bzw. unzureichende Rentenerhöhungen sowie über Angewiesenheit auf staatliche Leistungen gegenüber. Generell lässt sich festhalten, dass die Bundesrepublik Deutschland eine sog. Wohlstandsgesellschaft ist, wovon insbesondere die älteren Bürger/-innen profitieren. Dies lässt sich an der längerfristigen Entwicklung von Alterseinkommen und -vermögen ebenso erkennen wie an vergleichsweise niedrigen Sozialhilfequoten. Ein Grund dafür ist, dass Vermögen im Verlaufe des Lebens aufgebaut wird und gegen Ende des Erwerbslebens seinen höchsten Stand erreicht. Zukünftig ist sogar mit einer verstärkten Vermögenskonzentration zu rechnen, wenn die derzeitigen Vermögensbestände an weniger Kinder vererbt werden. Aber auch mit einer Zunahme niedriger Rentenansprüche ist zu rechnen, wenn diejenigen, die im Zeitraum von den 1980er Jahren (bzw. in Ostdeutschland seit den 1990er Jahren) bis zum Konjunkturaufschwung der Jahre seit 2012 von Arbeitslosigkeit betroffen waren, ihre Rentenansprüche nur noch auf diskontinuierliche Erwerbsbiografien gründen können (Kistler und Trischler 2014). Um zu überprüfen, in welchem Maße ein Teil der Älteren wohlhabend, ein anderer Teil aber armutsgefährdet ist, sind quantitative Analysen erforderlich. Dazu sind – neben den Daten der Bevölkerungsstatistik und -prognose des Statistischen Bundesamts – insbesondere solche Daten auszuwerten, die Einkommen und Vermögen genau erfassen. Diesem Anspruch genügt grundsätzlich die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) am besten, die aber nur fünfjährlich durchgeführt wird. Nicht ganz so © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 K. Aner und U. Karl (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit und Alter, https://doi.org/10.1007/978-3-658-26624-0_29

351

352

Dietrich Engels

differenziert erfolgt die Einkommenserfassung im jährlich erhobenen Mikrozensus, der mit rd. 800 000 Befragten die größte Haushaltsstichprobe in Deutschland darstellt, in dem aber keine Vermögen erfasst werden. Auch in dem alle drei Jahre mit Befragten ab 40 Jahren erhobenen Alterssurvey werden keine Angaben zum Vermögen erhoben, außerdem ist dessen Stichprobe mit 6 600 Befragten im Jahr 2017 vergleichsweise klein, bietet keine Vergleichsmöglichkeit mit jüngeren Altersgruppen und erlaubt auch keine Berechnung von Armutsrisiken. Daher basieren die folgenden Analysen vor allem auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP; DIW 2019), das mit Erhebungsdaten aus dem Jahr 2017 zeitnah verfügbar ist, mit 32 397 Befragten in dieser Erhebungswelle eine vergleichsweise große Stichprobe umfasst, das Einkommen und Vermögen sowie umfangreiche Lebenslagen-Indikatoren differenziert erfasst und auch verschiedene Formen des Migrationshintergrunds abbildet. Weitere Datenquellen werden zu einzelnen Aspekten hinzugezogen. Aktuelle Zusammenstellungen von Daten finden sich z. B. im Fünften Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (BMAS 2017a) sowie auf der vom BMAS eingerichteten Homepage „Armuts- und Reichtumsbericht“, auf der 20 Indikatoren zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, 11 Indikatoren zu Aspekten von relativer Armut und 7 Indikatoren zum Thema Reichtum in Deutschland kontinuierlich fortgeschrieben werden (vgl. BMAS 2018).

2

Einkommen und Vermögen im Alter

2.1

Haushaltsformen im Alter

Für die Lebensqualität im Alter hat die Familien- bzw. Haushaltsform einen hohen Stellenwert. Wenn mehrere Personen zusammenleben, können sie sich gegenseitig unterstützen, gemeinsam günstiger wirtschaften und Vermögensbestände aufbauen. Alleinlebende verfügen über diese Möglichkeiten nicht und neben dem sozialen Risiko der Vereinsamung sind für sie auch die Risiken der Verarmung höher. Als Ausgangspunkt für die folgenden Analysen sollen daher zunächst die Haushaltsstrukturen, in denen ältere Menschen in Deutschland leben, dargestellt werden. Aus Tabelle 1 wird deutlich, dass 22 % der Gesamtbevölkerung alleine leben, dies trifft auf 30 % der Personen im Alter von 60 bis 79 Jahren zu (37 % der Frauen und 23 % der Männer). Im Alter ab 80 Jahren ist der Anteil der Alleinlebenden mit 60 % doppelt so hoch, in dieser Altersgruppe leben 73 % der Frauen und 40 % der Männer allein. Als Paar mit Partner/-in leben 29 % der Gesamtbevölkerung zusammen; unter den Personen von 60 bis 79 Jahren sind dies 60 % (55 % der Frauen und 64 % der Männer in dieser Altersgruppe), und im Alter ab 80 Jahren geht dieser Anteil auf 37 % zurück (23 % der Frauen und 58 % der Männer in dieser Altersgruppe). Weitere Haushaltsformen wie Haushalte mit Kindern und sonstige Haushalte, in denen 49 % der Gesamtbevölkerung leben, machen im Alter von 60 bis 79 Jahren noch 10 % und im

Einkommen und Vermögen im Alter

353

Tabelle 1  Bevölkerung insgesamt und ältere Bevölkerung nach Haushaltsform Bevölkerung insgesamt

darunter 60 bis 79 Jahre

ab 80 Jahren

Haushaltsform

Anzahl

Anzahl

Anzahl

Alleinlebend

18 125 200

22 %

5 719 300

30 %

2 726 100

60 %

Frauen

9 736 500

23 %

3 691 700

37 %

1 998 300

73 %

Männer

8 388 800

21 %

2 027 600

23 %

727 900

40 %

23 791 300

29 %

11 232 300

60 %

1 702 600

37 %

Frauen

11 728 800

28 %

5 543 500

55 %

636 600

23 %

Männer

12 062 500

29 %

5 688 800

64 %

1 066 000

58 %

40 750 400

49 %

1 930 100

10 %

151 200

3 %

Frauen

20 193 700

49 %

1 126 200

8 %

50 700

4 %

Männer

20 554 900

50 %

803 900

13 %

100 500

3 %

Insgesamt

82 666 900

100 %

18 881 700

100 %

4 579 900

100 %

Paar ohne Kind

Sonstige Haushalte

Anteil

Anteil

Anteil

Quelle: Eigene Berechnungen; Anzahl hochgerechnet und gerundet, nach SOEP 2017 ©

Alter ab 80 Jahren nur noch 3 % aus. Während also die meisten 60- bis 79-Jährigen als Paar zusammenleben, sind im Alter ab 80 Jahren die meisten Alleinlebende – und zwar vor allem Frauen in diesem Alter (73 %), während die meisten Männer in diesem Alter noch in einem Paarhaushalt leben (58 %). 2.2

Einkommenshöhe und Einkommensquellen im Alter

Tabelle 2 führt die aktuellen Zahlen zum Haushaltsnettoeinkommen auf. Es zeigt sich, dass die durchschnittlichen Einkommen älterer alleinlebender Männer mit monatlich 2 099 € (60- bis 79-Jährige) bzw. 1 990 € (ab 80 Jahren) etwa auf gleichem Niveau liegen wie die aller alleinlebenden Männer (1 997 € pro Monat; Tabelle 2). Die Einkommen der älteren Männer in Paar-Haushalten sind bei den 60- bis 79-Jährigen mit 3 550 € um 78 % höher und bei den älteren Männern ab 80 Jahren mit 3 114 € um 56 % höher als die aller alleinlebenden Männer. Alleinlebende Frauen verfügen insgesamt mit 1 765 € über 88 % des Einkommens alleinlebender Männer und diese Diskrepanz zieht sich durch alle Altersgruppen hindurch: Alleinlebenden Frauen im Alter von 60 bis 79 Jahren stehen mit 1 853 € nur 93 %, den hochaltrigen Frauen mit 1 742  € nur 87 % des Einkommens alleinlebender Männer zur Verfügung. Die Frauen, die in Paarhaushalten leben, verfügen insgesamt mit durchschnittlich 3 640 € über 82 % mehr Einkommen als alleinlebende Männer. Bei den älteren Frauen in Paarhaushal-

354

Dietrich Engels

Tabelle 2  Haushaltsnettoeinkommen insgesamt und der älteren Bevölkerung nach Haushaltsform Alleinlebend

Paar ohne Kind

Altersgruppe

Männer

Frauen

Männer

Frauen

Gesamtbevölkerung

1 997

1 765

3 758

3 640

60 bis 79 J.

2 099

1 853

3 550

3 402

ab 80 J.

1 990

1 742

3 114

2 980

100

88

188

182

60 bis 79 J.

105

93

178

170

ab 80 J.

100

87

156

149

Relation: alleinlebender Mann = 100 Gesamtbevölkerung

Quelle: Eigene Berechnungen nach SOEP 2017 ©

ten sinkt das verfügbare Einkommen auf 3 402 € der 60- bis 79-Jährigen und 2 980 € der ab 80-Jährigen. Somit sind von niedrigen Alterseinkommen vor allem ältere alleinlebende Frauen betroffen (vgl. auch Becker 2019). Diese Betrachtung bezieht sich auf die verfügbaren Einkommen im Alter, nimmt aber nicht die Höhe der Ausgaben in den Blick. Ältere Menschen haben aber höhere Ausgaben für Gesundheitskosten: Während Erwachsene im mittleren Lebensalter etwa 3 % ihres Einkommens für Gesundheitskosten ausgeben, steigt dieser Anteil bei 65- bis 74-Jährigen auf 6,5 % und bei Älteren ab 75 Jahren auf 8,4 % des verfügbaren Einkommens (Brenke und Pfannkuche 2018 auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2013). Berechnet man auf Basis des SOEP 2017 das Einkommen der Haushalte, in denen eine pflegebedürftige Person lebt, so liegt der verfügbare Betrag dieser Haushalte mit 3 050 € etwa im Durchschnitt der Älteren ab 80 Jahren. Wenn davon 8,4 % auf Gesundheitskosten entfallen, entspricht dies 256 € pro Monat. Personen im mittleren Erwachsenenalter geben demnach nur etwa 110 € pro Monat für Gesundheitskosten aus und haben damit mehr Geld für andere Ausgaben zur Verfügung. 2.3

Entwicklung der Renten und Pensionen

Ein Blick auf die Entwicklung von Renten und Pensionen zeigt, dass die Älteren an der Wohlstandsentwicklung der letzten Jahrzehnte weitgehend beteiligt wurden. Von den 1970er Jahren bis Ende der 1980er Jahre sind komfortable Rentenerhöhungen zu verzeichnen. Dies gilt später auch für die Rentner/-innen in Ostdeutschland, da nach

Einkommen und Vermögen im Alter

355

der deutschen Einigung im Jahr 1990 deren frühere Erwerbstätigkeit als rentenrelevant anerkannt wurde, was angesichts der hohen Frauenerwerbsquoten in der DDR vor allem für ältere Paare ein gutes Rentenniveau ergab. Die Altersarmut war in den neuen Ländern entsprechend gering, nimmt aber in dem Maße wieder zu, wie diejenigen ins Rentenalter kommen, die in den Jahren nach der deutschen Einigung über mehrere Jahre arbeitslos waren. Dem steht eine schrittweise Annäherung des Rentenniveaus in Ost und West gegenüber. Seit der Rentenerhöhung im Juli 2019 beträgt der Rentenwert in Ostdeutschland (mit 31,89 €) 96,5 % des Rentenwerts in Westdeutschland (33,05 €). Bis Juli 2024 soll der Rentenwert in beiden Teilen Deutschlands auf gleicher Höhe liegen (DRV 2019). 2.4

Einkommensverteilung

Eine Analyse der Einkommenssituation ist anhand des verfügbaren Nettoeinkommens möglich, das zeitnah im SOEP (hier: Jahr 2017) ermittelt wird. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Haushalte mit mehreren Personen oft mehrere Einkommen, aber auch höhere Ausgaben haben als Einpersonenhaushalte. Zugleich können größere Haushalte aber wirtschaftlicher leben, da sie z. B. Haushaltsgeräte gemeinsam nutzen können. Dem wird dadurch Rechnung getragen, dass das gesamte verfügbare Einkommen eines Haushalts anhand von Bedarfsgewichten auf personenbezogene Nettoäquivalenzeinkommen umgerechnet wird. Die Einkommensverteilung wird dann im Vergleich zum mittleren Äquivalenzeinkommen (Median) berechnet. Als ‚armutsgefährdet‘ gilt, wer über weniger als 60 % des Medianeinkommens verfügt, und als ‚wohlhabend‘, wer mehr als 200 % des Medianeinkommens zur Verfügung hat (vgl. BMAS 2017a). 2.5

Wohlstand im Alter

Als ‚wohlhabend‘ kann man diejenigen bezeichnen, deren äquivalenzgewichtetes Nettoeinkommen mindestens doppelt so hoch ist wie das Medianeinkommen. Diese Definition wird auch als ‚Reichtumsgrenze‘ bezeichnet. Allerdings entspricht der Einkommensbereich, der unmittelbar oberhalb dieser Grenze liegt, eher dem oberen Mittelstand als dem, was alltagsprachlich unter ‚Reichtum‘ verstanden wird. Abbildung 1 verdeutlicht, dass 7,9 % der Bevölkerung in diesem Sinne ‚wohlhabend‘ sind, von den Älteren ab 60 Jahren sind es mit 8,1 % nur etwas mehr. Unter den 60bis 79-Jährigen erreicht der Anteil der Wohlhabenden mit 8,9 % einen hohen Wert, während dieser Anteil bei den Hochaltrigen ab 80 Jahren mit 5,0 % deutlich niedriger ist. Markante Unterschiede bestehen in dieser Hinsicht zwischen West- und Ostdeutschland: In der westdeutschen Bevölkerung ist der Anteil der Wohlhabenden mit 8,9 % mehr als drei Mal so hoch wie in Ostdeutschland, wo er bei nur 2,7 % liegt. Diese

356

Dietrich Engels

Abbildung 1  Bevölkerungsanteile im Wohlstand

Insgesamt

7,9 %

Geschlecht Frauen

7,0 %

Männer

8,8 %

Altersgruppe unter 18 J.

4,5 %

18 bis 59 J.

8,7 %

60 bis 79 J.

8,9 %

ab 80 Jahren Frauen ab 80

5,0 % 3,0 %

Männer ab 80

7,8 %

Westdeutschland

8,9 %

ab 60 J. Ostdeutschland ab 60 J.

9,5 % 2,7 % 1,7 %

Quelle: Eigene Berechnungen nach SOEP 2017; ‚Wohlstand ‘ als 200 % des Medianeinkommens ©

Ungleichverteilung ist unter den Älteren noch etwas stärker ausgeprägt als unter den Jüngeren. Im Alter ab 60 Jahren zählen in Westdeutschland 9,5 % zu den Wohlhabenden (dies ist der höchste Wert aller Altersgruppen), in Ostdeutschland aber nur 1,7 %. Diese erheblichen Unterschiede wurden bereits zehn Jahre zuvor auf Basis einer Auswertung des SOEP 2007 in ähnlichem Umfang festgestellt (vgl. Engels 2010), und seither hat sich daran nichts geändert. Die Unterschiede nach Geschlecht sind demgegenüber geringer ausgeprägt, nehmen aber im Alter zu. Insgesamt sind 8,8 % der Männer und 7,0 % der Frauen in diesem Sinne ‚wohlhabend‘, der Abstand beträgt also 1,8 Prozentpunkte. Bei den 60- bis 79-Jährigen steigt dieser Abstand auf 2,5 Prozentpunkte, hier sind 10,2 % der Männer gegenüber 7,7 % der Frauen wohlhabend, und bei den Hochaltrigen sogar auf 4,8 Prozentpunkte und ist dort stärker ausgeprägt als in anderen Altersgruppen: Wohlhabend sind 7,8 % der Männer ab 80 Jahren gegenüber 3,0 % der Frauen ab 80 Jahren. Der Wohlstand dieser Personengruppen hängt eng mit ihrem Bildungsstand zusammen. Von der Bevölkerung ab 60 Jahren mit niedrigem Bildungsstand sind nur 2,8 % wohlhabend, dieser Anteil steigt über 7,1 % bei mittlerem Bildungsstand bis zu 23,5 % der Älteren mit hohem Bildungsstand.

Einkommen und Vermögen im Alter

2.6

357

Vermögensaufbau im Lebensverlauf

Der Aufbau von Vermögen ist – wenn man einmal von einer kleinen Zahl ‚immer schon‘ reicher Familien absieht – ein Prozess, der sich über den gesamten Lebensverlauf erstreckt (Fachinger 2019). Während in jungen Jahren die eng beieinander liegenden Phasen des Berufseinstiegs (mit niedrigem Einkommen) und der Familiengründung oft alle verfügbaren Mittel absorbieren, steigen in der Regel die Erwerbseinkommen mit zunehmendem Alter an. Die Spielräume für die Vermögensbildung nehmen in der mittleren Lebensphase zu, sei es in der Form der Ansparung von Geldvermögen oder a