Gotische Lehnwörter im Althochdeutschen

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Gotische Lehnwörter im Althochdeutschen

Inaugural-Dissertation zur

Erlangung der Doktorwürde der

Hohen Philosophischen Fakultät der Universität Marburg vorgelegt von

Ernst Aufderhaar aus Essen

Marburg R. Friedrich's Universitäts-Buchdruckerei (Inhaber Karl Gleiser)

1933

Von der Philosophischen Fakultät als Dissertation angenommen am 4. Dezember 1931 Berichterstatter: Herr Professor Dr. W r e d e Tag der mündlichen Prüfung: 16. Dezember 1931 Gedruckt mit Genehmigung der Fakultät

Meinen Eltern

In seinem Aufsatz „Übei den geschichtlichen Zusammenhang des gotischen Christentums mit dem althochdeutschen, Anfragen und Vermutungen“ A), hatte von Raumer christlich-gotische Einflüsse auf den althochdeutschen Wortschatz als möglich angenommen. Er versuchte zu zeigen, dass schon vor der irischen Mission des siebten Jahrhunderts die Völker Süddeutschlands mit dem Christentum in Berührung gekommen sein müssen, v. Raumer erwähnt den christ­ lichen Priester Willimar, den Columban und sein Schüler Gallus schon am Bodensee antrafen. Er geht aber in eine noch frühere Zeit zurück und meint, dass als erste die Goten den süddeutschen Stämmen das Christentum gebracht haben. Diese Ansicht sucht er durch den Hinweis auf vermutlich gotisch-christliche Wörter im Deutschen Wortschatz zu stützen. Er nimmt für ‘Heide’, ‘taufen’, ‘Pfaffe’ und ‘Kirche’ gotische Herkunft an. Seine Anregungen hat Kluge wieder aufgenommen. In seinem Aufsatz „Gotische Lehnworte im Althochdeutschen“ 12) unterzieht er eine Reihe deutscher Kirchenwörter einer eingehenden Untersuchung und will gotischen Ursprung für sie nachweisen. Teilweise eignen die in Frage kommenden Wörter nur dem Alt­ hochdeutschen, teilweise haben sie sich bis heute in der Gesamt­ sprache oder im Dialekt erhalten. Kluge geht von der Behandlung solcher Wörter aus, die auch v. Raumer schon zu Grunde gelegt hatte, und sucht mit Hilfe tieferer grammatischer und historischer Kenntnisse, als sie v. Raumer haben konnte, dessen Vermutungen zu sicheren Ergebnissen der Wissenschaft zu erheben. Unsere Wörter ‘Kirche’, ‘Pfaffe’, ‘taufen’ haben an der zweiten hochdeutschen Lautverschiebung teilgenommen. Mit diesem Kriterium kommt man auf einen sehr frühen Zeitpunkt ihrer Entlehnung. Sie heben sich dadurch deutlich von anderen Wörtern des Christentums ab, die 1) Z. f. d. A. 6,401—412. 2) P. B. B. 35,124-160,

6 unsere Sprache aus dem Lateinischen und zu späterer Zeit auf­ genommen hat. Kluge macht im Anschluss an v. Raumer deutlich, dass hinter manchem Wort eine griechische Entsprechung steckt, und er denkt an gotische Vermittlung dieser Wörter. Von den oben genannten ist diese Vermittlung bei Tfaffe 7 von der Forschung nicht angezweifelt worden, und auch von den anderen bei Kluge genannten dürfen wohl gleichfalls als gesichert gelten: Pfingsten, Teufel1), Samstag, Ertag, Pfinztag und pherintac, Auf die Erklärung der Namen der Wochentage, die Kluge gibt, soll kurz eingegangen werden. Pherintac ist ein nur im Althochdeutschen zweimal nach­ weisbares Wort. Es bezeichnet den Freitag. Kluge meint, dass im ersten Bestandteil gr. παρασκευή, das im N. T. den Rüsttag auf den Sabbat, den Freitag, bezeichnet, zugrunde liegt. Ertag ist die bis heute im Bairischen noch lebendige Benennung für den Dienstag. Dieser war dem Kriegsgott geweiht. Im ersten Kompositionsgliede ist nach Kluge der Name des Ares bewahrt. Für Erintag, so lautet die ältere Form des Wortes, setzt er got. xareinsdags oder xarinsdags an. Pfinztag, gleichfalls bis heute im Bairischen bewahrt, bezeichnet den Donnerstag. Der erste Bestandteil geht auf gr. πέμπτη zurück. Bei Samstag weist Kluge auf ahd. sambaztac hin. Auch hier zieht er bei der etymologischen Deutung des Wortes das Griechische an und erinnert an spätgr. σαμβατον mit Nasalinfix. Vielleicht wollten gotische Missionare, als sie diese Bezeichnungen für die genannten Wochentage in Oberdeutschland vorschlugen, ältere Be­ nennungen nach germanischen Göttern (Tiu, Donar, Frija) verdrängen. Von diesen Namen hätte sich dann nur der ‘Samstag’ einen größeren Geltungsbereich verschafft. Für Kluges Hypothese spricht in diesen Fällen, dass Ertag und Pfinztag bairisch sind, — auch pherintac findet sich in bairischen althochdeutschen Sprachdenkmälern — und dass der Samstag gleichfalls in Oberdeutschland besonders heimisch is t12). Zu den gotischen Elementen im deutschen Wortschatz ge­ 1) Frings (Donum natalicium Schrijnen S. 486 f.) hält an gotischer Ver­ mittlung des Wortes fest. Er sieht in dem auch bei 0. und im T. mit festem u im Diphthong erscheinenden Wort eine oberdeutsche Assimilationsbildung, die got. diabulus in Anlehnung an das obd. Adj. tiu f zu xdiuvulus umbildete. — Frings bedeutsames Buch „Germania Romana“ (Halle 1982) konnte ich leider nicht mehr benutzen. 2) E. Kranzmayer, Die Namen der Wochentage in den Mundarten von Bayern und Österreich (Arbeiten zur Bair.-österreichischen Dialektgeographie

7 hört nach Kluge auch ahd. Icrist, dessen %statt %des Angelsächsi­ schen und der romanischen Sprachen auf eine gotische Vorstufe Jcristus gehen könnte. Schwierigkeit bereitet es, das Wort ‘taufen’ seiner Herkunft nach zu bestimmen. In dem oben genannten Auf­ satz rechnet Kluge es den Wörtern zu, die das Deutsche dem Gotischen verdankt. Got. daupjan ist nach ihm eine Wiedergabe von kirchenlat. baptizare, die sich aus der Art des Taufvollzuges ergab. Diese bestand nämlich in frühester Zeit nicht in der Besprengung mit Wasser, sondern in dem gänzlichen Untertauchen des Täuflings. Kluge meint, die Sprache verdanke diese Wieder­ gabe von beptizäre, das die Romanen einfach in ihre Sprachen als Fremdwort übernahmen, einem einzelnen. Sie hat sich später wegen ihrer Vortrefflichkeit Eingang bei verwandten Stämmen verschafft, sobald diese mit dem Christentum in Berührung gebracht wurden. Bei den Goten, den als erste für das Christentum Gewonnenen, muß das Taufen zuerst Untertauchen genannt worden sein. Schon vor der angelsächsischen Mission aber setzte sich das Wort in Deutschland fest, so dass ihre Sendboten kein ihrem eigenen fulwian entsprechendes deutsches Wort zur Annahme zu bringen brauchten. Μ. E. ist an diesen Ausführungen Kluges festzuhalten, lässt er auch selbst in seinem Etymologischen Wörterbuch die Möglichkeit offen, dass ‘taufen’ schon manchen germanischen Völkern als Bezeichnung einer heidnischen rituellen Handlung bekannt war. Die heidnischen Germanen kannten eine Besprengung der Kinder mit Wasser. Diese Handlung kann aber nicht ‘Taufe’ geheißen haben. Das Wort bezeichnete eine davon gänzlich verschiedene, den Germanen bisher unbekannte rituelle Handlung. Für diese Annahme spricht auch, dass ‘taufen’ Angelsachsen und Nordgermanen unbekannt ist. Gerade die Angelsachsen haben gern Dinge der neuen Religion mit altheimischen Wörtern bezeichnet. Die Taufe zu benennen, haben sie aber ein neues Wort gebildet. Sie haben nicht ‘taufen’ gesagt, sie haben auch nicht baptizare übernommen, sondern das Fremdwort durch ein neues Wort übersetzt. Sie H. 1) übernimmt die Deutung der genannten Wochentagsnamen von Kluge. Die Goten haben nach ihm die Woche von den Griechen übernommen; christ­ liche Missionare führten auch die Namen der einzelnen Tage bei ihnen ein. Von ihnen gelangten sie zu den Bayern und vielleicht auch zu den slavischen Völkern.

8 nannten dièse Handlung der neuen Religion fuhoian, die Goten und ihnen folgend die Germanen des Kontinents sagten daupjan, taufen. Es ist Kluge gelungen, die alte Annahme einer frühen gotischen Mission in Süddeutschland zu stützen. Die neuen Wörter, die mit ihr zu den Germanen des Festlandes kamen, haben sich jedoch einen verschiedenen Geltungsbereich erworben. Manche sind nur im Süddeutschen heimisch geworden. ‘Pfaffe’ aber ist nicht auf den Süden beschränkt geblieben, und Haufen’ hat sich den ganzen germanischen Kontinent erobert. In einem Falle wollte Kluge Vor­ dringen eines Wortes selbst bis nach England annehmen. Es handelt sich um das Wort Ostern’. Doch hat ihm Braune in diesem Falle in dem Aufsatz „Althochdeutsch und Angelsächsisch“ x) mit gutem Grund widersprochen. Er macht auf die Selbständigkeit des angelsächsischen Christentums und seiner Sprache aufmerksam. Man kann nach ihm nicht annehmen, dass hochdeutsche Missionare nach England gekommen sind, wo sie ihr Wort Ostern’ eingeführt haben sollten. Das widerspräche aller historischen Überlieferung. Gerade umgekehrt ist es nach Braune. Die Angelsachsen schlossen sich in ihrer Bezeichnung für das christliche Hauptfest an den Namen eines heidnischen, in der gleichen Zeit des Jahres statt­ findenden Festes an. Es war das Fest der bei Beda erwähnten Göttin ‘Ostara’. In Anknüpfung an noch lebendige heidnische Er­ innerungen gelang es den angelsächsischen Missionaren, ihr Wort in Mittel- und Oberdeutschland einzuführen. Die andern germani­ schen Sprachen, das Gotische einbegriffen, haben in diesem Falle gr. lat. paska übernommen. Got. *austrons wird also von Kluge ohne Grund angesetzt. Braune übt gleichfalls Kritik an der Her­ leitung von ‘Kirche’ aus dem Gotischen. Das Wort geht auf das Griechische zurück. In ihm war während einer kurzen Zeitspanne (4. Jh.) Κυριάκόν, \νρί%όν die Bezeichnung für das Gotteshaus. Die Goten haben aber, so meint Braune, dieses Wort nicht mehr auf­ genommen. Das zeigt das aikklêsjô ‘Kirchengebäude’ des Goten­ kalenders (Ende d. 4. Jh.). Dagegen ist dem Angelsächsischen cirice bekannt. Diese Tatsache schließt gotische Herkunft des Wortes nach Braune aus. Unter Hinweis auf Stutz, Arianismus1 1) P. B. B. 43, 361—445.

9 und Germanismus*), der auf viele griechische Beziehungen im Christentum der Rheinlande während des vierten Jahrhunderts auf­ merksam macht, nimmt darum Braune rheinische Gegenden als Ort der Entlehnung für das angelsächsische cirice und das althoch­ deutsche kirihha a n 12). Auch gegen die Herleitung von ‘Hölle’ aus dem Gotischen macht er vieles geltend. Die heidnischen Germanen kannten schon die Vorstellung von einer Unterwelt. Sie brauchten also für die Bezeichnung der γέεννα nur ihr eigenes Wort anzu­ wenden. Das konnte unbeeinflusst bei allen in gleicher Weise geschehen. Denn alle kannten den Begriff und hatten das gleiche Wort für die Sache. Trotz dieser angeiührten negativen Ausführungen Braunes zu den Aufstellungen Kluges darf nicht übersehen werden, dass er diesem in den Hauptsachen recht gibt. Die Tatsache einer frühen gotischen Mission unter den oberdeutschen Stämmen ist nicht von der Hand zu weisen. Aus dem Aufsatz geht ferner hervor, dass eine sprachliche Bewegung vom Süden nach dem Norden geht, die Profanwörter und christliche Wörter Oberdeutschlands nach Mittel­ und Niederdeutschland trägt. Zu ihnen gehören: klagônf trûrên, freuuen, trost, ginada, diemuoty opfaron. Die angelsächsischen Missionare konnten sich an diesen christlichen Bestandteil des ober­ deutschen Wortschatzes anschließen. Nur in wenigen Fällen lässt sich beobachten, dass Wörter des Christentums von Mitteldeutsch­ land aus nach dem Süden Vordringen. Mitteldeutschland ist der Sitz der angelsächsischen Mission. Auf ihre Einflüsse ist es zurück­ zuführen, wenn Wörter wie ‘Geist’ und ‘heilig’ in christlichem Sinne umgedeutet werden und sich in dieser Bedeutung auch im Süden allmählich alleinige Geltung verschaffen. Denn hier galt, als Bezeichnung für die dritte Person der Trinität und als Wieder­ gabe von lat. spiritus, âtum\ für lat. sanctus aber war wih in Geltung gekommen. Beide althochdeutschen Wörter werden mit der Zeit durch ‘Geist’ und ‘heilig’ verdrängt. Wih und hailag sind im Alt­ 1) Internationale Wochenschrift 1909 S. 1640 ff. 2) Kranzmayer a. a. 0. S. 82 Anm. 3 nimmt an, dass das Wort ‘Kirche’ in ältester Zeit sowohl in bairischen Gegenden wie am Rhein bekannt gewesen ist. Er lässt für das Bairische die Möglichkeit einer frühen gotischen Ver­ mittlung durchaus offen. Er nimmt also an, dass das Wort auch dem Gotischen angehört haben kann.

10 hochdeutschen Synonyma. Jenes könnte sehr gut durch gotische Missionare in Deutschland zur Geltung gelangt sein. Denn Ulfilas hatte weibhs vor *hailags den Vorzug gegeben1). Braune zeigt uns, wie es allmählich durch hailag, das die Angelsachsen empfahlen, ersetzt wird. Das Adjektivum wih ist am längsten in bairischen Denkmälern bezeugt123). In Ortsnamen aus Bayern, wie Weihen­ stephan, Weihenzell und in Weihnachten lebt es bis heute ver­ einzelt fort. Dass die Aufstellungen Braunes Berechtigung haben, suchte Wrede zu zeigen. Die Hypothese von mitteldeutscher Herkunft der christlichen Wörter ‘Geist’ und ‘heilig’ erfährt durch ihn eine weitere Stütze von ganz anderer Einstellung her. Er legte in seinem Aufsatz „Ingwäonisch und Westgermanischu 3) dar, dass im Bairischen Wörter wie ‘Geist’, ‘heilig’ und ‘Fleisch’ aus der all­ gemeinen sprachlichen Entwicklung herausfallen. Ihr Diphthong hat keine dialektische Weiterbildung zu oa erfahren. Sie gehen vielmehr mit den Wörtern zusammen, die %in der Wurzelsilbe zu ei diphthongiert haben. Man empfand und behandelte sie also als Fremdlinge. Wrede berührt in seinem Aufsatz auch die Möglich­ keit gotischer Beeinflussung des süddeutschen Wortschatzes. Über Kluge hinausgehend, nennt er eine Reihe von Wörtern, die viel­ leicht dem Gotischen entlehnt sein können ; es sind : agaleizzo, brust, dinsan, garto, malan, reda, reini, slindan. Selbst für manche gram­ matische Erscheinungen spricht Wrede die Vermutung aus, sie könnten letztlich auf gotischen Einflüssen beruhen. Er gelangt zu seiner Hypothese von dialektgeographischen Beobachtungen aus. Das alemannische Sprachgebiet im Süden zeigt manche sprachliche Eigentümlichkeiten, die es mit dem Niederdeutschen teilt. Dazu gehören: der Ausfall des m und n vor Spiranten, einzelne Belege für die r-Metathese in alemannischen Quellen, wobei Belege aus dem westlichen Mitteldeutschen die Brücke zwischen dem Ale­ mannischen und dem Niederdeutschen bilden, der Ausgleich der Personalendungen im Plural, ein einmaliges her ‘er’, das sich im Weißenburger Katechismus findet. He ist die niederdeutsche Form 1) inschriit 2) 3)

Dass hailag dem Gotischen auch bekannt war, zeigt die Runendes Ringes von Pietroassa. Braune a. a. 0. S. 403 Anm. 2. Z. f. d. Mdaa, 1924, S. 270-283.

Il des Pron. pers. der dritten Person; er die hochdeutsche. Auf Grund dieser Beobachtungen eines Zusammengehens auf sprachlichem Ge­ biet zwischen dem Südwesten und dem Norden, von dem das Bairische besonders stark abweicht, stellte Wrede die Hypothese zur Diskussion: Das gesamte Kontinentalwestgermanische bildete einmal eine Einheit, die durch einen von Südosten vorstoßenden Keil gesprengt wurde, der gotischen Ursprungs ist. Man käme dann zu der An­ nahme: die Bewahrung der Nasale vor Spiranten, die Differenzierung der drei Personen im Plural, hd. er sind gotisch. Das Hochdeutsche ist ein durch gotische Elemente zersetztes Westgermanisch. Im folgenden soll versucht werden, über Kluge hinaus Wörter vermutlich gotischer Herkunft im deutschen Wortschatz nachzuweisen. Kluge ist dieser Nachweis in vielen Fällen gelungen. Es handelt sich bei ihm um Kirchenwörter, die das Gotische selbst erst zumeist außergermanischen Sprachen entlehnt hatte, um sie dann später stammverwandten westgermanischen Völkern zu vermitteln. Wohl allgemein anerkannt ist gotische Herkunft bei Ertac, Phinztac, pherintac, Samstag, Pfaffe, Pfingsten, Teufel, taufen. Da es sich im folgenden um germanische Wörter und überwiegend um Profan­ wörter handelt, kann nicht in jedem Falle gotische Herkunft mit Sicherheit ausgemacht werden. Man muss mit Zufälligkeiten der Überlieferung rechnen. Stimmen jedoch mehrere Merkmale im je­ weiligen Falle zusammen, so darf man Entlehnung des Wortes aus dem Gotischen vermuten. Diese Merkmale sind: 1. alleinige Geltung mancher Wörter im Süddeutschen, da die süddeutschen Stämme am ersten von gotischen Einflüssen erreicht werden konnten ; 2. Fehlen des Wortes im Angelsächsischen, wobei aber mit der Möglichkeit zu rechnen ist, dass die Angelsachsen Wörter auf­ gegeben haben; 3. Übereinstimmung des gotischen und kontinentalwestgermanischen Wortes in der Bedeutung. Den Mut zu solchen Untersuchungen geben die oben genannten Wörter Kluges, deren Herkunft aus dem Gotischen nicht bezweifelt werden kann.1 1. Got. stikls — ahd. stehhaL Die gotische Bibel gibt an zahlreichen Stellen ein ποτήξίον ihrer Vorlage mit stikls wieder. Das Wort ist allen anderen ger-

12 manischen Sprachen außer dem Althochdeutschen unbekannt. Aber auch im Althochdeutschen scheint es keinen größeren Geltungs­ bereich gehabt zu haben. Neben stehhal stellen sich hier stouf, coph, celchj z. T. Lehnwörter aus dem Lateinisch-Romanischen, als Synonyma, die sehr zahlreiche Belege bieten. Stehhal ist nur ein­ mal bezeugt. In den Casseler Glossen übersetzt es lat. calice (Gl. 3, 11 , 21). Für seine Herleitung aus dem Gotischen spricht auch die althochdeutsche Quelle, die stehhal überliefert hat. Ehrismann *) gibt in seiner Literaturgeschichte zwar keinen Entstehungs­ ort der Casseler Glossen an; aber dass sie bairisch sind, steht nach ihm fest. Kögel12) will sie nach Salzburg verweisen. Damit käme man in ein Gebiet, wo auch sonstige Spuren an die Goten erinnern. Ich denke an die Handschrift des 9. Jahrhunderts, die gotische Zahlzeichen, Alphabete und einzelne gotische Wörter enthält3). Auf weitere vermutlich gotische Sprachreste in der literarischen Über­ lieferung Salzburgs kommt auch Kluge in seinem Aufsatz zu sprechen. Es handelt sich um eine gegen 790 geschriebene Handschrift. Sie enthält manche Ortsnamen mit unverschobenen Konsonanten neben den gleichen Namen mit dem Konsonantenstand der hochdeutschen Lautverschiebung. So steht neben Diupstadum ein Tiufstadum4). Kluge erwähnt auch ein gleichfalls in dieser Handschrift über­ liefertes hulthusir. Mit den Namen, deren Konsonantenstand noch der vorder zweiten Lautverschiebung geltende ist, möchte er auch huit auf gotische Einflüsse zurückführen. Vielleicht haben noch Reste der Goten bis zu dieser Zeit in der Gegend von Salzburg gesessen. Wenn sich auch über die Herkunft des althochdeutschen 1) Ebrismann, Gesch. d. d. Lit. 1,249. 2) Kögel, Gesch. d. d. Lit. i. Ma. I, 2,516. 3) Wrede, Ulfilas 13. 14. Aufl., Einleitung S. XVI. 4) Ortsnamen mit unverschobenem Konsonantenstand finden sich auch in Südtirol. Stolz, Die Ausbreitung des Deutschtums in Südtirol im Lichte d. Urkunden, Bd. 1 S. 49 f. nennt als solche die Ortsnamen des Überetsch Eppan, Missian, Girlan, Keltan. Es handelt sich um romanische Namen, die aber deutsch umgeprägt sind, indem man dem deutschen Betonungsgesetz ent­ sprechend den Ton auf die erste Silbe legte. Stolz führt diese „Eindeutschung“ im Anschluss an Ettmayr, Die geschichtlichen Grundlagen der Sprachenverteilung in Tirol, M. J. ö. G. Erg.Bd. 9 auf ein Volk zurück, das die hd. Laut­ verschiebung nicht kannte, oder sie wie die Langobarden längst abgeschlossen hatte. Für den ersteren Fall denkt auch Stolz an die Goten.

13 Wortes stehhal aus dem Gotischen nichts Sicheres ausmachen lässt, sie wird doch wahrscheinlicher im Hinblick auf die vermutlich gotischen Sprachreste in den Salzburger Handschriften. 2. Got. skuft — ahd. skuft. Manches des bei stehhal für seine Herkunft aus dem Gotischen geltend Gemachten darf man auch bei ahd. skuft heranziehen. Das Wort überträgt lat. caesariem ‘Haupthaar’ in den Prudentiusglossen des Cod. Vind. 247 (Gl. 2, 399,40). Steinmeyer verweist die Hand­ schrift ins 11. Jahrhundert und vermutet Weihenstephan als Ent­ stehungsort1). Außer im Althochdeutschen ist das Wort nur noch im Gotischen und Altnordischen zu belegen. Got. skufta ‘Kopf­ haar’ — es ist der Dat. Sg. und übersetzt gr. ΰριξίν — findet sich viermal in der Bibel. Das Althochdeutsche kennt also in diesem Falle als einzige westgermanische Sprache ein im Ost­ germanischen geläufiges Wort. Diese auffallende Tatsache kann man m. E. nicht damit erklären, dass das Althochdeutsche ein Wort bewahrt habe, das die anderen westgermanischen Sprachen auf­ gegeben haben. Es liegt doch näher, bei ahd. skuft an direkte Entlehnung aus dem Gotischen zu denken. Dafür spricht schon die große Seltenheit des Wortes und die Quelle, die es überliefert. 3. Got. wàifairhwjan — ahd. weferhen. Die gotische Bibel bringt Mk. 5,38 ein nur hier einmal ge­ brauchtes Verbalkompositum wáifairhwjan. Es übersetzt gr. άλαλόζειν ‘wehklagen’. Das Wort ist auch im Althochdeutschen als weferhen verschiedentlich nachzuweisen. Zwar finden sich die Kompositions­ glieder als selbständige Wörter auch in den anderen germanischen Sprachen, aber die Komposition selbst ist doch nur im Gotischen und Althochdeutschen zu belegen. In diesem Falle scheint mir gotischer Einfluss sicher zu sein. Bei dem vollkommenen Fehlen der Komposition im übrigen Germanischen ist es nicht wahrschein­ lich, dass beide hier in Frage kommenden Sprachkreise das Wort unabhängig von einander gebildet haben. Die Belege finden sich in oberdeutschen Quellen der ältesten Zeit. Neben dem Verbum steht ein Abstraktum, das von ihm mit dem Suffix -unga gebildet ist. Die bairischen Prudentiusglossen des Clm 14395 — nach 1) Steinmeyer und Sievers, Die althochdeutschen Glossen IV, 632.

14 Steinmeyer*) in S. Emmeram im 11. Jahrhundert geschrieben — übersetzen lat. heiulantes (feminae) mit weferhentiu (Gl. 2, 421, 21) und heiulatus flebiles mit clagalihha iveferunga (Gl. 2, 426, 12). Ein weiterer Beleg für das Verbum steht Gl. 1,397,65. Lat. ululavit geben drei Handschriften der Familie M12) — Cod. Vind. 2723, 2732 und Clm 18140 — mit wefereta l wuofta wieder. Be­ merkenswert scheint mir, dass Cod. Vind. 2732 wereta schreibt, und dass andere Handschriften der gleichen Gruppe nur wuofta als Glosse an der Stelle bieten. Die Abschreiber haben vielleicht wefereta nicht mehr verstanden oder, da es ein seltenes Wort war, ausgelassen. Weitere Verbreitung hat das Kompositum in althoch­ deutscher Zeit nicht gehabt. Als Synonyma stehen loeinon, clagon und wuofen neben ihm. Zum Substantivum weferunga stellt sich als gleichbedeutendes Wort weinode. Für die genannten Synonyma lassen sich ungleich mehr Belege aus den Quellen beibringen, so dass das gotische Lehnwort vor den gemeinwestgermanischen Wörtern stark zurücktritt3). 4. Got. hweilahwairbs — ahd. hwiliwerbic. Was zum Verbalkompositum wàifairhwjan gesagt wurde, gilt auch wohl für das Adjektivkompositum hweilahwairbs. Es findet sich an zwei Stellen der gotischen Bibel und übersetzt gr. πρόσκαιρος (Itala momentaneus). Im Althochdeutschen ist das Wort in der Form hwiliwerbic und wilwerbic nachzuweisen. Die Komposition selbst ist auch in diesem Falle entscheidend. Dazu kommt die Über­ lieferung des Wortes in einem bairischen Denkmal der althoch­ deutschen Zeit. Ahd. hwiliwerbic lässt sich zweimal in den Keronischen Glossen belegen. Über die Herkunft dieses alten Denkmals aus bairischem Sprachgebiet besteht in der Forschung kein Zweifel4). 1) Steinmeyer und Sievers a. a. Ο. IV, 538. 2) Es handelt sich um eine Gruppe bairischen Klöstern entstammender Glossenhandschriften, deren Vorlage wahrscheinlich alemannisch gewesen ist, s. GL V, 408 u. 472. 3) Belege für das Synónymon w einon: Gl. 1,619,53: ululata weinot iú Rb; Gl. 1,313,20: eiulata weinode in den Fragm. 'S. Pauli; Gl. 1,810,32: planctu weinode in Clm 19440. 4) Baesecke, Der deutsche Abrogans und die Herkunft des deutschen Schrifttums, Halle 1929, nimmt gleichfalls (S. 115) bairische Herkunft an. Er denkt an Freising als Ort der Entstehung, wo zwischen 764 und 769 das

15 Braune macht in seinem oben erwähnten Aufsatz auf den alten westgermanischen Bestandteil im Wortschatz des Glossars aufmerk­ sam. Er führt u. a. ahd. baro ‘Hain’, ags. bearo und ur fais Präfix mit negierender Bedeutung) an. Man kann m. E. auch von einem gotischen Einschlag im Wortschatz der alten Quelle sprechen; denn fast alle Wörter, die sich im Althochdeutschen mit Wahr­ scheinlichkeit aus dem Gotischen herleiten lassen, gehören ihm auch an. Man darf ihn auf Grund dieser Beobachtung, die sich aus dem Folgenden noch deutlicher ergibt, in einen alten gemein­ westgermanischen und einen mehr hochdeutschen Bestandteil trennen, der in manchem Falle gotischen Einfluss verrät. Gl. 1 , 261, 3 wird lat. turbulentus mit hwilnverbic und Gl. 1,267,26 volubilitas mit wiliverbic übersetzt. Die älteste Lautform hat die Handschrift Ra bewahrt. Das anlautende h der hiv-Verbindung ist noch erhalten, gleichfalls der Vokal der Kompositionsfuge als i bewahrt. Dem zweiten Kompositionsgliede kommt e, der Vokal der Präsensstüfe, zu. Graff*1) will hier a ansetzen. Er fasst somit e als Ümlauts-e vor i auf und sieht in a den Vokal der Hochstufe. Aber vor rVerbindungen ist der Umlaut in dieser alten Zeit im bairischen Dialekt noch nicht eingetreten. Es kann sich also nur um den Laut ë handeln. Entlehnung des Wortes aus dem Gotischen darf wohl mit einiger Sicherheit angenommen werden. 5. Got. liupareis — ahd. liudari. Bei ahd. Undari kann eine Entlehnung aus dem Gotischen nur als Vermutung ausgesprochen werden. Das Wort ist nur ein­ mal in den Keronischen Glossen als Übersetzung von lat. bardus, carminum conditor nachzuweisen (Gl. 1, 58, 27). Neben dem in der gotischen Bibel bezeugten liupareis findet sich ein Verbum liupon ‘singen'. Es ist allen germanischen Sprachen bekannt. Das Sub­ stantivum aber, das an die Wurzel Hup- das ableitende Element Original auf Wunsch des Bischofs Arber angefertigt wurde. Baeseckes Arbeit weist für die Karolingerzeit starke literarische Beziehungen zwischen italieni­ schen und deutschen Klöstern nach, welche über die Langobarden (Columbans Gründung Bobbio in Oberitalien) hinweg an die gotische Vergangenheit an­ knüpfen (Cassiodors Kloster Vivarium in Süditalien). Diese selbst schließt sich an die Antike an. 1) Graff, Althochdeutscher Sprachschatz IV 1236.

16 -areis < lat. -arius fügt, ist außer im Gotischen nur einmal in der althochdeutschen Quelle nachweisbar. Auch in diesem Falle lässt die Seltenheit des Wortes auf einen eng umgrenzten Geltungs­ bereich schließen. Wieder kommt eine bairische Quelle in Frage. Auf bairischem Sprachgebiet aber dürfen wir gotische Einflüsse am ehesten vermuten. 6. Got. haimopli — ahd. heimodil. Gl. 2, 520,15 gibt der Übersetzer lat. laris im Deutschen mit heimodili wieder. Der Beleg findet sich in zwei alten Handschriften aus alemannischem Sprachgebiet. Wieder steht dem althochdeutschen Wort das gleiche gotische Wort gegenüber. Got. haimopli bedeutet ‘Acker, heimischer Acker*. Das Wort ist als Kompositum aufzu­ fassen. Es besteht aus haim und *oþl + ;a-Suffix. Das zweite Glied der Komposition ist im Gotischen nicht bezeugt, doch findet es sich in den übrigen germanischen Sprachen als selbständiges Wort. Im Althochdeutschen ist nodal auch als erster Bestandteil in Eigen­ namen und im Kompositum fateruodal zu belegen. Das Kompositum heimodil ist nur einmal im Althochdeutschen nachweisbar. Auf­ fällig ist, dass das zweite Glied der Zusammensetzung nicht wie fateruodal Diphthongierung des Vokals hat eintreten lassen; die Handschriften gehören dem 11. Jahrhundert an. Liegt hier noch got. o vor? Im Kärntischen ist heimodil als hoamatl bis heute lebendig geblieben.

7. Got. uhizwa — bair. österr. ‘Obse’ ; ‘Vorhalle der Kirche'. Auf das Wort ‘Obse’ weise ich in diesem Zusammenhang hin. Es bezeichnet im Kärntischen und darüber hinaus in bairisch­ österreichischen Gegenden die Vorhalle der Kirche. In den übrigen germanischen Sprachen bedeutet es ‘Traufe'. Nur im Gotischen und auf dem genannten westgerm. Gebiet hat es jene Bedeutungs­ entwicklung genommen, was nicht unabhängig von einander ge­ schehen sein kann (Schmeller, Bairisches Wb. I, 21). 8. Got. hoha — ahd. huohili. Got. hoha ‘Pflug’ ist in der Bibel einmal zu belegen (Lk. 9,62), Ihm steht in althochdeutschen Handschriften der Familie M ein huohili als Wiedergabe von lat. aratiunculas gegenüber (Gl. 1,440,48).

17 Die Glosse gehört zu 1. Kg. 18, 32. Das gleiche lateinische Wort übersetzen andere alemannische Quellen der ältesten Zeit an der gleichen Stelle mit furuh (in Rf, Gl. 1, 445, 34) und furahi (in Rb, Gl. 1,447,65). Dieses allen althochdeutschen Dialekten bekannte Wort hat als Synonymon des nur einmal bezeugten huohili zu gelten. Feist fasst es in seinem Etymologischen Wörterbuch der gotischen Sprache (Halle 1923 12 S. 198) als Bildung von *huoho mit dem Suffix -Ui auf. Einem gotischen Wort hoha würde ahd. *huchoy wenigstens in seiner lautlichen Gestalt, genau entsprechen, und ich glaube, dass es im Althochdeutschen das einfache Wort, wenn auch selten und nur auf eng begrenztem Gebiet, gegeben hat. Denn man beobachtet bei dem Verfasser des Glossenwerkes, dem der einzige Beleg für huohili angehört, das Bestreben, Wörter seiner lateinischen Vorlage möglichst genau im Deutschen wiederzugeben. Wenn er in seiner Vorlage Diminutivbildungen findet, setzt er auch im Deutschen eioe entsprechende Wortform ein, hierin weitergehend als andere Quellen althochdeutscher Zeit, so dass sich manche dieser Bildungen nur in seinem Werk finden. Das lässt den Schluss zu, dass er sie selbst erst gebildet hat, und dass sie in der ge­ sprochenen Sprache, die bekanntlich arm an eigenen Diminutiv­ bildungen war, nicht lebendig gewesen sind. Auf Grund dieser Beobachtung darf man vielleicht sagen: so wie es neben sufmuosili1), coronili2), manili3), gadimili4) und snuobili5) die einfachen Wörter gegeben hat, so wird es auch neben huohili das einfache Wort xhuoho gegeben haben. Nur in der Bedeutung stimmen beide Wörter, das gotische und das althochdeutsche, nicht miteinander überein. Letzteres muss ‘Furche, Grube’ bedeutet haben, während das gotische Wort den Pflug bezeichnet. Nach Hoops (Waldbäume und Kultur­ pflanzen im germanischen Altertum, Straßburg 1905, S. 508) ist bei ihm an den älteren Hakenpflug zu denken, während nach Kluge (Etymologisches Wörterbuch 7 S. 344) unser Wort ‘Pflug’ den deutschen Räderpflug meint; ihn kannten die deutschen Stämme nur noch, als sie in nachchristlicher Zeit mit den Goten wieder in Berührung 1) 2) 3) 4) 5)

Gl. Gl. Gl. Gl. Gl.

1,419,14 (lat. sorbiciunculas). 1,437,3 (lat. coronulas). 1,595,51 (lat. lunulas). 1,564,17 (lat. receptacula). 1, 549, 9 und 1, 596, 24 (lat. murenulas).

18 kamen. Vielleicht hängt der Bedeutungswandel des Wortes im Deutschen mit diesem Umstand zusammen. Sicheres lässt sich nicht ausmachen. Dass in ahd. liuohili got. hoha steckt und für eine kurze Zeit weitergelebt hat, kann man nur vermuten. 9. Got. fera — ahd. fiara. Das Gotische bietet für das Wort fera ‘Seite, Gegend’ vier Belege. Das Wort ist außerhalb des Gotischen nur noch im Alt­ hochdeutschen nachzuweisen. Die übrigen germanischen Sprachen scheinen es nicht zu kennen. Während aber die bisher aufgeführten Wörter sich ausschließlich in bairischen und alemannischen Quellen der älteren Zeit fanden, ist fera über das Oberdeutsche hinaus bis in das Südrheinfränkische gedrungen. Otfried gebraucht es in der Form fiara, und sein umfangreiches Werk bietet für das sonst im Althochdeutschen sehr seltene Wort die meisten Belege. Doch zeigt seine Verwendung bei ihm, dass es nicht mehr lebendig war. Als selbständiges Wort wendet Otfried es nicht an. Er gebraucht es nur noch in adverbialer Form bei Verben wie kêren, lä^an und duan. So kann es denn nicht Wunder nehmen, dass fera } fiara in der literarischen Überlieferung nach Otfried nicht mehr erscheint1). Bei ihm findet sich auch ein sonst in althochdeutschen Quellen nicht nachzuweisendes Verbum gifiaren. Das Wort bedeutet ur­ sprünglich wohl ‘sich nach einer Seite hinwenden’, ist aber in dieser Grundbedeutung nur selten von Otfried angewandt worden. Etwas häufiger finden wir es bei ihm in der Bedeutung ‘eine Verfügung treffen; etwas erreichen, erlangen’. Das Substantivum fera ist in der übrigen althochdeutschen Literatur nur noch dreimal zu belegen. Viae transversae der Vor­ lage übersetzen alle Handschriften des sog. Keronischen Glossars mit weca in anthra fera (Gl. 1, 256, 3). Der zweite Beleg gehört Handschrift Pa des gleichen Denkmals an. Lat. undique gibt sie mit in feronolihha wieder (Gl. 1, 86, 1 ). Der dritte Beleg findet sich im alemannischen Glossar Jb. Rd. Lat. ex adverso überträgt es ins Deutsche mit pi fearu (Gl. 1,278,24). Bairischen Quellen allein eignet ein Adjektivkompositum ainferi. Es lässt sich im ganzen dreimal nachweisen. Zwei Belege 1) z. B. Ο. I, 21,13: leert er tho in fia ra in eina bürg ziara; Ο. IV, 13,14: thaz m uat in fiara ni dua.

19 eutfallen auf die Keronischen Glossen. Gl. K übersetzt lat. uno latere pendens mit einfêri hanckendi (Gl. 1, 212, 26), und Ra gibt lat. pervicax gleichfalls mit aniferi wieder (Gl. 1, 227, 14). Der dritte Beleg findet sich im Vokabularius S. Galli1). Sein Verfasser überträgt lat. intentiosus mit ainferi (Gl. 3, 5, 17). Trotz der wenigen Belege, die sich für das Adjektivum aus den Quellen noch beibringen lassen, kann man noch eine Bedeutungsentwicklung fest­ stellen. Ursprünglich wird es etwa ‘nach einer Seite hin gerichtet, „einseitig“ ’ bedeutet haben, das später zu ‘hartnäckig’ sich weiter entwickelt hat. Sehr bezeichnend ist wieder die große Seltenheit des Wortes in den Quellen. Lat. pervicax oder pertinax galt es sehr oft zu übersetzen. Die meisten Handschriften geben es mit einstriti wieder. In ihm hat man das Synonymon von ainferi zu sehen. Handschriften aller Dialekte bieten Belege für dieses Wort. Es ist gemeinwestgermanisch. In den sog. Keronischen Glossen ist ainstriti zweimal zu belegen (Gl. 1, 227,15. 248, 33). Ein gleich­ lautendes Substantiv ist außerdem noch viermal in der gleichen Quelle nachweisbar (Gl. 1 ,6 ,2 9 ; 110,15; 227,17; 257,19). In den Prudentiusglossen aus Werden, die niederdeutsch sind, ist das Adjektivum einstriti gleichfalls zweimal zu belegen (Gl. 2, 580, 19. 584, 11). So zeigt sich in diesem Falle wieder, dass bairische Denkmäler neben einem gemeinwestgermanischen Wort ein eigenes gleichbedeutendes Wort besitzen. Got. xainfers ist in der Bibel nicht bezeugt. Man darf es ihm aber zuschreiben : denn die gotische Herkunft von ahd. fera, fiara kann m. E. nicht gut bezweifelt werden. — In diesem Zusammenhang gewinnen Ausführungen Kögels in seiner Literaturgeschichte über Flexionsformen und Eigen­ tümlichkeiten im Wortschatz des Vokabularius S. Galli Bedeutung. Er weist auf einen Nom. Sg. des schwachen Maskulinums galga (Gl. 3, 7, 43) hin. . Das Gotische hat gleichfalls a, während im Alt­ hochdeutschen an die Stelle des ursprünglich langen Vokals sonst o getreten ist. Kögel nennt ferner notnuwjo (Gl. 3,5, 12), eine Bildung mit der Tiefstufe von nëmen, die sich sonst im Althoch­ deutschen nicht findet, aber zu der got. arbinumja ein genaues Gegenstück hinsichtlich seiner Bildungsweise ist. Auffällig ist auch 1) Kögel hält die Handschrift für eine Abschrift eines bairischen Originals (a. a. Ο. I, 2,440—443).

20 ein nur im Vokabularius einmal belegtes, sonst nicht vorkommendes augatora ‘Fenster’. Das Angelsächsische kennt das Wort auch. Ags. eagduru ist einmal zu belegen *). Doch möchte ich auch für ahd. augatora auf gotische Einflüsse schließen, wenn auch nur in der Form, dass ihnen die Erhaltung eines Wortes verdankt wird, das zu Gunsten des Fremdwortes fenestra ‘Fenster’ im übrigen Alt­ hochdeutschen und darüber hinaus auch im Niederdeutschen auf­ gegeben war. Doch kann es sich auch sehr wohl um eine direkte Entlehnung aus dem Gotischen handeln. Diese Annahme gewinnt im Hinblick auf die übrigen Wörter gotischen Ursprungs und auf die erwähnten Eigentümlichkeiten in der Flexion und Wortbildung an Wahrscheinlichkeit. Auch dass zu einigen Wörtern des Voka­ bulars sich, nur im Altnordischen die entsprechenden gleichen Wörter finden, wird in diesem Zusammenhang bedeutsam. Kögel nennt wollameit ‘Rocken’ (Gl. 3, 7, 21). Er deutet das Wort als ‘Wollbaum’ und erinnert in Bezug auf den zweiten Bestandteil der Komposition an an. meipr ‘Baum’. Er erwähnt ferner drumon, das lat. recidere der Vorlage wiedergibt (Gl. 3, 1 , 6), und stellt es zusammen mit an. pruma ‘festsitzen’. Mir scheioen diese Parallelen zwischen dem Altnordischen und Altbairischen indirekt auf gotische Einflüsse zu deuten. Das Gotische und Altnordische bilden als ostgermanische Sprachen eine Einheit gegenüber den westgermanischen. Die Ver­ wandtschaft zwischen beiden erstreckt sich nicht nur auf grammatische Erscheinungen, sie kommt auch im Wortschatz zum Ausdruck. Nur wenn man an gotische Vermittlung der von Kögel genannten W örty denkt, kann man sich die auffallende Tatsache erklären, dass in diesen Fällen das Altnordische mit dem Althochdeutschen zusammen­ geht. Die gotischen Entsprechuogen fehlen nur wegen der ver­ hältnismäßig geringen gotischen Sprachreste. 10. Got. mundrei — ahd. mundri. Besonders zu erwähnen ist noch mundri industria, das gleich­ falls dem Vokabularius angehört. Zu ihm bietet die gotische Bibel eine genaue Entsprechung. Phil. 3, 14 gibt sie gr. κατά οκοπον διώκω mit bi mundrein afargagga wieder. In ahd. mundri ist das d noch nicht zu t verschoben. Das Wort entspricht also auch in1 1) Bosworth-Toller, Angelsächsisches Wörterbuch S. 226.

21 seiner Lautgestalt dem nur einmal nachweisbaren gotischen mundrei, zu dem andere germanischen Sprachen keine Entsprechung haben. Es findet sich auch nur noch einmal in der Form muntri im Alt­ hochdeutschen wieder. Eine bairische Glossenhandschrift, der in S. Emmeram geschriebene Clm. 14747 übersetzt lat. industria mit kerni muntri (Gl. 2, 765, 21). 11 . Got. hamfs — ahd. hamf.

Ahd. hamf gehört auch dem Vokabularius an. Es übersetzt lat. mancus ‘verstümmelt’ (Gl. 3, 6, 9). Ihm steht im Gotischen ein gleichbedeutendes hamfs gegenüber. Ulfilas übersetzt an der Stelle Mk. 9, 43 gr. καλόν οοι εστίν κνλλον είς τ ψ ζωψ είσελΰεϊν mit gop pus ist hamfamma in libain galeiþan. — In der gesamten althoch­ deutschen Literatur lässt sich das Wort nicht mehr nachweisen. Das ist insofern von Bedeutung, als lat. mancus in den Vorlagen der althochdeutschen Übersetzungswerke sehr oft vorkam. Hamf kann also nur auf engem Gebiet bekannt gewesen sein. Literarische Quellen aller deutschen Dialekte bringen an seiner Statt ein Adjektivum wanaheiL In ihm hat man das im Althochdeutschen bis in die Zeit Notkers geltende kontinental-westgermanische Synonymon des einmal nachzuweisenden hamf zu sehen. Für das Bairische der ältesten Zeit erlaubt ein Verbum wanahailian in den keronischen Glossen den Schluss auf Geltung auch des Adjektivums (Gl. 1,262,4). Bestätigt wird dies durch ein wanheilo, das in den bairischen Prudentiusglossen, die später anzusetzen sind, sich findet. Es über­ setzt lat. mancum (Gl. 2, 433, 10). Dass es dem fränkischen Dialekt bekannt war, zeigen die beiden Belege aus dem Tatian. Im Text seiner Vorlage steht lat. debilis1). Für das Alemannische der alt­ hochdeutschen Zeit kommen drei Belege aus der Benediktinerregel und einer aus Notkers Psalmenübertragung und -kommentiemng in Frage *). Nach Notker ist das Wort literarisch nicht mehr nach­ 1) Tat. 110,4: lat. voca pauperes debiles ahd. gihalo thurftigon wan­ heile (Sievers, Tatian 189212 S. 213); 125,9: lat. pauperes ac debiles ahd. thurftige inti wanaheile (Sievers a. a. 0. S. 233). 2) B. R. 27 : lat. debile ahd. wanheilaz (Steinmeyer, Die kleineren alt­ hochdeutschen Sprachdenkmäler S. 234,15); 36: lat. debilibus ahd. wanaheileem (Steinmeyer a. a. 0. S. 242,25); 39: lat. praeter omnino debiles ahd. ano allem wanaheilem (Steinmeyer a. a. 0. S. 245,26). Notker Ps. 39,12: fo n a mînen wanheilen liden (Piper, Die Schriften Notkers und seiner Schule Bd. 2. S. 147,29).

22 weisbar. Das Althochdeutsche der frühesten Zeit besaß also zwei Wörter: ivanaheil und hamf. Letzteres kann auch germanisches Erbwort gewesen sein. Denn im Altsächsischen findet man das Adjektiv haf. Im Heliand ist es dreimal zur Anwendung gelangt. Es bedeutet in ihm ‘an den Händen gelähmt’. Das Wort zeigt den für das lngwäonische bezeichnenden Ausfall des Nasals vor Spiranten. H äf wird also im Altsächsischen Erbwort sein. Für das althoch­ deutsche Wort ham f brauchte man dann nicht an eine Entlehnung aus dem Gotischen zu denken, sondern kann annehmen, dass durch gotischen Einfluss ein in ihm noch bekanntes altes Wort festgehalten wurde. Doch steht das Wort immerhin in einer Quelle, die, wie sich gezeigt hat, gotische Einflüsse verrät, so dass auch mit der Möglichkeit direkter Entlehnung für das Althochdeutsche gerechnet werden kann. 12. Got. hleibjan — ahd. Üben. Lk. 1, 54 übersetzt Ulfilas gr. άντελάβετο 3Ισραήλ παιδος αυτόν mit hleibida Israela, þiumagu seinamma. Es ist der einzige Beleg für ein gotisches schwaches Verbum hleibjan ‘sich jem. annehmen, jem. schonen’. Da das Wort sich im Altnordischen gleichfalls findet, — es ist in der Edda mehrfach zu belegen 1) — so handelt es sich um ein dem Ostgermanischen eignendes Wort, das mit Ausnahme des südlichen Westgermanischen den andern germanischen Sprachen nicht bekannt gewesen zu sein scheint. Das althochdeutsche schwache Verbum Üben ist nur in alemannischen Quellen nachzuweisen. Das anlautende h der ftZ-Verbindung ist zwar schon aufgegeben worden, andere Beobachtungen berechtigen aber dazu, das Wort mit dem gotischen schwachen Verbum hleibjan zusammenzustellen und es dadurch von dem althochdeutschen starken Verbum lîban} das auch ‘schonen’ bedeutet, zu trennen12). In den alemannischen Quellen ist 1) Gering, Vollständiges Wörterbuch zu den Liedern der Edda S. 448. 2) Das starke Verbum ist in althochdeutscher Zeit nur bei 0. zu belegen. Es hat sich bis ins Mittelhochdeutsche hinein erhalten. Ein von ihm gebildetes Faktitivum und ein Kompositum (leiben und entlîben) treten in dieser Zeit in den literarischen Quellen auf. Etymologisch müssen m. E. die beiden Verba ahd. Üben und liban trotz gleicher Bedeutung getrennt werden. Bei dem st. Verbum handelt es sich vielleicht um das zu mhd. belîben, nhd. bleiben ge­ hörige Simplex. Auch Kelle bringt in seinem Glosser zu Otfried (S. 360) beide Wörter in dieses Verhältnis zueinander.

23 üben, wie sich an einer Reihe von Belegen deutlich machen lässt, schwaches Verbum wie seine gotische Entsprechung. Auch wird al. Üben wie got. . hleibjan mit dem Dativ verbunden, ln der Benediktinerregel hat der Übersetzer lat. et parcendo nobis in hoc tempore mit indi lippanti uns in deseru zîti wiedergegeben *). Die Doppeltenues pp weist auf das alte j hin, das im Westgermanischen Verdoppelung des vorangehenden Konsonanten bewirkt. Für das schwache Verbum im Alemannischen entscheidet ferner lipta, eine Form des Präteritums, in Jb.-Rd., wo es lat. pepercit übersetzt (Gl. 1,289, 14). Den Fragmenten aus S. Paul, Glossen, die im 10. Jahrhundert in S. Blasien geschrieben sind, gehört ein libis als Wiedergabe von lat. peperceris an (Gl. 1,312,69). Die häufigsten Belege (elf) bieten die Werke Notkers. Nach ihm tritt das schwache Verbum in der literarischen Überlieferung Oberdeutschlands nicht mehr hervor. Dass es sich auch bei Notker um das schwache Verbum handelt, zeigen viele der Formen. So ist bei ihm dreimal eine schwache Imperativform übe nachzuweisen. Ps. 18,4: übe dtnemo scalche12); Ps. 38,12: übe mir nah so manigen fillo n 3); Ps. 89,13: übe} truhtin, eteuuaz martyribus4); schwache Präteritalformen gebraucht Notker: Ps. 40,5: ube du Christo ne übtost5); Ps. 77, 5 : iro übe ne übta e r6); Ps. 93,21: ivieo suln sie anderen üben} sid sie imo ne libton7). Nur einmal lässt sich in den Werken Notkers eine Form des st. Verbums nachweisen: Ps. 85,14 über­ setzt er lat. non intellexerunt deum} ut homini parcerent mit sie nebichnaton Gotes nieht, daz sie menniscin libin8). Libin ist eine Form des Konjunktivs Prät. Dass es sich bei dem schwachen Verbum um ein gotisches Element im Wortschatz des Süddeutschen der althochdeutschen Zeit handelt, darf man annehmen. Denn nur im Gotischen ist das gleiche Wort für eine frühere Zeit bezeugt. Es kann allein als Quelle für ein hochdeutsches Wort angesehen 1) 2) 3) 4) 5) 6) 7) 8)

Steinmeyer, Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler S. 213,7. Piper, Die Schriften Notkers und seiner Schule II 60,11. Ebd. 143,18. Ebd. 318,19. Ebd. 151,5. Ebd. 319,20. Ebd. 398,16. Ebd. 357,20.

werden, das den westgermanischen Sprachen sonst unbekannt zu sein scheint. 13. Got. supon — ahd. soffon. Das Verbum supon ist mit seinem Kompositum gasupon in der gotischen Bibel dreimal zu belegen. Es bedeutet ‘würzen'. Lk. 14,34 übersetzt Ulfilas gr. εν τίνι άρτνΰήσεταί mit hwê gasiipoda. Dem gotischen Wort entspricht ahd. soffon und gasoffon) das in ale­ mannischen Glossenhandschriften der älteren Zeit sich findet und Formen von lat. condire übersetzt. Im Glossar Jb. Rd. ist das ein­ fache Verbum zweimal zur Anwendung gelangt. Lat. condirent wird mit soffoton (Gl. 1,318,32), condiantur mit soffont wieder­ gegeben (Gl. 2, 308, 21). Der dritte Beleg steht im Clm. 19440. Lat. condiantur überträgt er mit gosofot iverdcm (Gl. 2, 279, 18). Neben das Verbum tritt, von ihm abgeleitet, ein Substantivum soffunga, das imGlosserRb. lat. condimentum wiedergibt (Gl. 2,309,43). Feist will es a. a. 0. S. 348 mit ahd. soffa} gasopha, ags. soppe auf eine urgermanische Wurzel supn — zurückführen. Er fasst also f f in sofunga als Schreibung für die Affrikata auf, wie sie in alt­ alemannischen Quellen öfter nachzuweisen ist. Es läge dann in dem Wort Gemination durch n, die aber im Westgermanischen selten ist und hauptsächlich Wörter der w-Deklimation umfasst, oder Assimilation des n an p vor. Die Doppeltenues pp wäre denn im Hochdeutschen zu pf, im Alemannischen teilweise f f geschrieben, weiter entwickelt (s. Braune, Althochdeutsche Grammatik § 131 Anm. 4). Aber Braune erwähnt doch a. a. 0., dass in Rb. die Affrikata überwiegend mit p f wiedergegeben wird. So wird die Schreibung f f in soffunga die Spirans bezeichnen. In diesem Falle müsste man das Wort als Ableitung von soffon auffassen. Dafür spricht auch die Bedeutung ‘Gewürz’. Man wird für die Wortgruppe gotische Herkunft nur als möglich annehmen dürfen. Sicheres lässt sich nicht ausmachen. Doch ist zu bedenken, dass nur in got. supon, gasupon eine genaue außerdeutsche und ältere Entsprechung zu ahd. soffon, gasoifon vorliegt. 14. Got. gilstr — ahd. gelster. Röm. 13, 6 übersetzt die gotische Bibel gr. %ai φόρους τελείτε mit jäh gilstra ustiuhaiþ, Dem gotischen Wort liegt die gemein­

25 germanische Wurzel got. gild-, ahd. gelt- zugrunde. Es erhält aber durch das £r-Suffix, mit dem die Wurzel erweitert wurde, sein charakteristisches Gepräge. Außerhalb des Gotischen ist diese Bildung nur wieder im Althochdeutschen der älteren Quellen zu finden. So wird man auch in diesem Falle an eine Entlehnung des Wortes aus dem Gotischen denken dürfen. Dafür spricht die Erwägung, dass es ein gemeingermanisches Wort für ‘Steuer’ nicht gab. Denn die Germanen kannten vor ihrer Berührung mit den Römern keine Abgaben, die die Leiter des Staates für diesen selbst erhoben. Sie lernten Steuern erst bei den Römern kennen und führten sie selbst ein, als sie eigene Staaten auf römischem Boden errichtet hatten. Die einzelnen germanischen Völker konnten dann für eine neue Sache ein Wort der eigenen Sprache mit neuer Be­ deutung ausstatten, ein neues Wort schaffen oder das Fremdwort selbst übernehmen. So ist es in Deutschland mit lat. census ge­ schehen. Es lebt als ‘Zins’ bis heute, wenn auch in anderer Be­ deutung, in der Sprache fort. Bei dieser Sachlage ist nun in Bezug auf got. gilstr, ahd. gelstar kaum anzunehmen, dass beide Sprachen unabhängig von einander ein gleiches Wort gebildet haben sollten, um gr. φόρος7 lat. vectigal, tributum wiederzugeben. Die Goten lernten wohl als erstes unter den germanischen Völkern staatliche Abgaben, Steuern kennen. Sie bezeichneten sie mit einem Wort ihrer eigenen Sprache gilstr. Von ihnen haben in späterer Zeit die Germanen Süddeutschlands das Wort übernommen, so dass das Althochdeutsche der älteren Zeit zwei Wörter für die ‘Steuer’ be­ sitzt, die beide Lehnwörter sind. Das eine, gelstary verdankt es dem Gotischen, das andere, zins, dem Lateinischen, und da der lateinisch-romanische Einfluss stärker und auch ein dauernder war, ist das lateinische Wort in der Sprache geblieben, während gelstar bald wieder aus der Sprache verschwand, so wie die Goten selbst, die Vermittler des Wortes, aus der Geschichte bald verschwunden sind, nachdem sie für kurze Zeit die Führung unter den germanischen Völkern und damit auch einen gewissen Einfluss auf sie gehabt hatten. Gelstar ist in den Quellen nicht häufig nachzuweisen. Auf alemannischem Sprachgebiet stehen Formen mit i (vgl. das Gotische selbst) neben solchen mit ë. In den S. Pauler Glossen (Cod. S. Paul. XXV d 82) findet sich ein gilstar als Übersetzung von lat.

26 vectigal (61. 1,470, 17) *). Alid. kilstirro (got. xgilstrja) gehört als Wiedergabe von lat. tributarius dem Glossar Jb-Rd an (Gl. 1,293,66). In der gleichen Quelle steht kelstrum. Es übersetzt lat. tributum (Gl. 1,293,26). Einen weiteren Beleg bietet das Glossar Ic. Sehr interessant ist, dass sein Verfasser neben kelstar auch eins als Über­ setzung von lat. vectigal gibt (Gl. 4,23,20). Am häufigsten ist ghelstar im Isidor zu belegen. Es übersetzt an fünf Stellen lat. sacrificium der Vorlage und hat die Bedeutung Opfer, Opfergabe'. Neben ihm steht an zwei Stellen als Synonymon das mit lat. offerre ‘opfern' zusammenhängende Substantiv offerunc. Is. 35, 18 lat. nullum sacrificium ahd. noh einich offerunc ghelstar12); Is. 36,3 lat. sine sacrificio ahd. ano offerunc ghelstar3). Auch hier steht also neben gelstar ein dem Lateinischen letztlich zu verdankendes Wort. Dass ahd. gelstar dem Gotischen entlehnt ist, darf man mit einiger Sicherheit annehmen. Neben sachlichen Gründen sprechen vor allem für diese Annahme jene altalemannischen Belege mit i als Wurzelvokal. 15. Got. fiautjan — ahd. flozzan. Das Gotische kennt ein Adjektivum flauts ‘prahlerisch'. Zu ihm gehört ein Verbum der -^aw-Klasse fiautjan ‘sich brüsten'. Beide Wörter sind in der gotischen Bibel je einmal nachweisbar. Gal. 5, 26 übersetzt Ulfilas gr. μη γενώμε&α κενόδοξα mit ni wairpaima flautai, und 1 . Kor. 13, 4 gr. η αγάττη ον περπερενεται mit frijapiva ni flauteiþ. Die den Wörtern zugrunde liegende Wurzel ist ungeklärt. Entsprechungen in den anderen germanischen Sprachen fehlen mit Ausnahme wiederum des Althochdeutschen der älteren Zeit. Für das Verbum lässt sich ein einziger Beleg beibringen. Die sog. keronischen Glossen übertragen lat. superbire mit flaozzan (Pa) und fiozzan (gl. K) (Gl. 1, 186, 12). Das Adjektivum selbst ist nicht bezeugt. Doch liegt es wohl einem mit dem Suffix -Uh erweiterten Adverbium zu Grunde. Ahd. flaozlihho übersetzt in den Rabanischen Glossen, einem alten bairischen Denkmal, lat. 1) A. Jakob, Die Glossen des Codex S. Paul XXV d 82 Dissertation Jena 1897, weist die Handschrift dem hochalemannischen Sprachgebiet zu. Die Vulgataglossen gehören nach ihm dem 9. Jahrhundert an. 2) Hench, Der althochdeutsche Isidor S. 36,18, 3) Ebd. S. 37,3.

27 elate ‘keck, übermütig’ der Vorlage (Gl. 1,171,13). Zur gleichen Wurzel got. flaut-, ahd.floz- stellen sich drei Ableitungen, die dem Althochdeutschen allein eignen. Das Gotische versagt wohl wegen der verhältnismäßig geringen gotischen Sprachreste. So könnte es got. *fl,aatareis ‘Prahler, Lügner' als Entsprechung zu ahd. flozari wohl gegeben haben. Lat. mendax, falsiloquax ist in gl. K. mit flßzari übersetzt worden. Pa hat an der gleichen Stelle caflaosari (Gl. 1 , 144,18). Die Reichenauer Handschrift (Ra) des gleichen Glossenwerkes kennt ein kiflosida als Wiedergabe von lat. praestigia ‘Gaukelei’ (Gl. 1, 226, 14). Eine dritte Ableitung der Wurzel /Z05ist ahd. kiflos, das in zwei alemannischen Handschriften als Über­ tragung von lat. susurratio sich findet (Gl. 2, 320,46). Für die Wortgruppe wird man gotischen Einfluss annehmen dürfen, ist doch die Wurzel nur im Gotischen und im Althochdeutschen der ältesten Zeit zu finden. 16. Got. aiþei — ahd. eide. Dem Bibelgotischen ist das Wort ‘Mutter’ unbekannt. Es be­ sitzt ein eigenes Wort für Mutter aipei. Die Wurzel dieses Wortes gehört zwar auch den übrigen germanischen Sprachen an und findet sich; beispielsweise in an. edda. Aber eine genaue Entsprechung zu dem gotischen Wort nach Form und Bedeutung bietet doch nur das Oberdeutsche. Der bairisch-österreichische Dialekt besitzt noch heute das Wort eide ‘Mutter’ *). Auch in früheren Zeiten der deutschen Sprache scheint das Wort keinen größeren Geltungsbereich gehabt zu haben. Alle Belege, die sich aus alt- und mittelhochdeutscher Zeit für eide beibringen lassen, gehören bairischen Quellen an. Das Althochdeutsche überliefert nur ein Kompositum fotareidi ‘Amme’, das sich in den ältesten Denkmälern der genannten Mundart findet. Es ist im ganzen dreimal zu belegen. Die sog. keronischen Glossen haben es an zwei Stellen. Foteraidi und foatareidi übersetzen lat. nutricem bez. nutrice der Vorlage (Gl. 1, 22, 39. 216, 22). Im Clm. 632512) wird lat. auctrix mit muoter t fuotar eidi übersetzt (Gl. 2, 345, 28), und im sog. Carmen ad deum3) steht als Wieder­ 1) S. Schmeller-Frommann, Bairisches Wörterbuch 1,37. 2) Nach Steinmeyer a. a. 0. IV, 526 gehört die Handschrift noch ins 9. Jahrhundert und ist in Freising geschrieben. 3) Das Denkmal ist in einer Tegernseer Handschrift des 9. Jahrhunderts überliefert; Braune, Althochdeutsches Lesebuch S. 39.

28 gäbe von lat. alme butrix atque nutrix ahd. loîhin skirmâri enti fotareidî. Das Simplex ist in althochdeutscher Zeit nicht nachzu­ weisen. Es findet sich in mittelhochdeutscher Zeit in den Gedichten und Liedern Neidhards von Reuenthal. Er hat es viermal an­ gewandt Dass man das Wort gerade bei diesem mittelhochdeutschen Dichter findet, ist nicht auffällig. Denn eide musste zu allen Zeiten als Dialektwort empfunden werden, da es auf deutschem Sprach­ gebiet nur dem Bairisch-Oesterreichischen zukam. Neidhard hat es also der Mundart der Bauern seiner Heimat entnommen, deren Leben und Treiben er besingt1). Bei anderen bairischen Dichtern der mittelhochdeutschen Blütezeit dürfen wir das Dialektwort eide nicht erwarten. Man darf das Wort mit Sicherheit als gotisches Lehnwort im Bairischen ansehen. Wieder verfügt dieser Dialekt über zwei Wörter, von denen das eine 'Mutter’ gemein west­ germanisch, das andere ‘Eide’ gotisch ist. 17. Got. aglaiti — ahd. agaleizzi. Im Gotischen erscheint das Substantivum in doppelter Form als Femininum auf -ei, und als Neutrum auf 4. Ein Adjektivum ist nicht überliefert, darf aber vorausgesetzt werden. Bildungen mit -ei sind meist von Adjektiven abgeleitet. Das Substantivum ist fünfmal zu belegen. Es übersetzt gr. ασέλγεια 'Zügellosigkeit'. Eph. 4, 19 : gr. οϊτινες . . έαντονς 7ΐαρέδωκαν rfj άσελγεία^ got. paiei sile silbans atgebun aglaitein. Dazu treten im Gotischen je ein Sub­ stantiv- und ein Adjektivkompositum. In ihnen darf man eigene Bildungen des Christentums, vielleicht Ulfilas', erkennen, da sie den griechischen Wörtern der Vorlage genau entsprechen. Got. aglaitgastalds ist gr. αισχροκερδής ‘auf hässlichen Gewinn bedacht' nachgebildet. 1 . Tim. 3 ,8 : gr. μη αισχροκερδείς got. nih aglaitgastaldans. Got. aglaitiwaurdei schließt sich gleichfalls eng an gr. αισχρολογία an. Col. 3, 8 : gr. από&εσδε και υμείς .. αισχρολογίαν got. afiagjip jah jus . . aglaitiwaurdein. Got. aglaiti ist auch den westgermanischen Sprachen des Kontinents bekannt. Es ist aber zu beobachten, dass es in der Hauptsache in Oberdeutschland ge­ 1) Keinz, Neidhard von Reuenthal S. 31,6: leint, erwint und folge dîner eiden; 32,11 : golzen, Visen unde huot hat min eide m ir vor verspart ze leide; 5,41: da w il ih dîn hUeten, sprah des kindes eide; 54,11: dîner spiln vert, alsam ir eide jah .

29 braucht wird, während auf niederdeutschem Boden nur einmaliges agaleto (Heliand 3009)*) und agalêtlîco (Gen. 223) für die ältere Zeit in Betracht kommt. Aus mittelniederdeutscher Zeit kann man keinen Beleg mehr beibringen, es sei denn, dass man hochdeutsch schreibende Dichter aus Niederdeutschland als Zeugen gelten lässt, was m. E. hier nicht angängig ist. Im Altnordischen und Angel­ sächsischen fehlt das Wort. Das Althochdeutsche kennt das Sub­ stantiv agaleizzij das Adjektiv agaleizzi, das Adverb agaleizzo und ein selten bezeugtes Verbum agaleizzen, bei Otfried giagaleizzen. Das Adjektiv tritt gegenüber dem Adverb in den literarischen Quellen der Zeit sehr zurück. Sechs Belege für das Adjektiv stehen neben fünfzehn Belegen für das Adverb12). Im Mittelhochdeutschen ist das Adjektiv nicht mehr nachweisbar; das Adverb kommt noch häufiger bei Dichtern zweiten Ranges vor. Es steht fast ausschließ­ lich im Reim. Die zeitlich spätesten Belege bieten die Werke Heinrichs von Heßler. Das Substantiv ist in althochdeutschen Quellen vierzehnmal nachweisbar3) ; es tritt im Mittelhochdeutschen, 1) Handschrift C hat agleto, ohne Sekundärvokal! 2) Gl. 1, 657, 27 : improbus labor — diu agaleizzi (in Handschriften der Familie M) ; 2, 481,26 : sedulus — agaleizzer (Kiel 145) ; 2, 350,19 : solers — akaleizaz (Ja) ; 2,411, 73 : sedula — agaleizziu (Vat. 5821) ; 2,548, 27 : sedula — agalezziu (Land. Aid. 34248); Ο. III, 10,27: Si was es agaleizzi, joh fia i in sîno fu azi. — Gl. 1,264, 22: vehementer — filu acaleizzo (gl. K.); 1,282,47: instantius — agaleizzor (Jb-Rd) ; 1,383, 58: obnixe agaleizzo (S. Paul XXV, d. 82) ; 1,533,10. 546,7: instanter — agaleizo (Fam. M.); 2,202,59: inportune — agaleizze (S. Paul XXV, d. 82); 2,268,60: ardentius — agaleizor (Fam. M.); 2,269,34: inportune agaleizo (Fam. M.); 2,430,3 \ sedulo agaleizo (Clm. 14395); 2,742,28: sagaciter aJcaleizo (Ja); Tat. 96: quaerit diligenter si suahhet aga­ leizzo; O. 1122,41: bittet agaleizzo, 11115,37: thie ludeon agaleizo suahtun ’nan thar heizo; III 17,37 : sie fragetu n tho heizo jo h avur agaleizo — IV 13,5 : so suaehet ir mih heizo jo h harto agaleizo. 3) Gl. 1,561,10: in agilitate in agileizi (S. Gall. 9.1395).; 1,567,27: agilitate agaleizi (Fam. M.); 1,737,19: propter in probitatem agaleizi (Clm. 19440); 2, 148, 18: inprobitas agaleizi (Frkf. 64); 2, 249,24: per condiscensionem durih agaleizi (Clm. 18140); 2, 181, 21: inportunitas agaleizi (Clm. 18140; 19440); 2, 262, 22: inportunitatis agaleizzi (S. Gall. 299; Cod. Schlettst.) ; 2, 269,6 : importunitatis agaleizi (Fam. M.) ; 2, 284,49 : aestu aga­ leizi (Fam. M.); 2,293,36: per agilitatem durah agaleizi (Fam. M.); 4,221,2: instantia akaleizzi; Ο. I 1,1 : Was liuto vilu in f îz e in managemo agaleize; II 14, 6: zi einera bürg er thar tho quam in themo agileize; III 11,29: giwan m it agaleize.

30 wo es noch viermal zu finden ist, zurück1). Das Verbum ist nur in althochdeutscher Zeit gelegentlich zur Anwendung gelaugt. Von den fünf Belegen gehören drei dem Werke Otfrieds an. Er braucht das Kompositum giagaleizzan\ das Simplex agaleizzan findet sich zweimal in den Glossen12). Im Mittelhochdeutschen bedeutet das Adverb ‘emsig, eifrig, schnell’, das Substantiv ‘Eifer’. In dieser Bedeutung finden sich beide Wörter auch im Althochdeutschen bei Otfried und im alt­ sächsischen Heliand. Dem entspricht es, wenn Adjektiv, Adverb und Substantiv in Glossenhandschriften aller hochdeutschen Dialekte lat. sedulus, sedula, sedulo, solers, instanter, instantius, ardentius, obnixe (‘standhaft’) und agilitas wiedergeben. Nicht damit in Ein­ klang bringen lässt es sich aber, wenn das Substantiv verschiedent­ lich lat. importunitas ‘Barschheit, Frechheit, Zügellosigkeit’ über­ setzt, und wenn auch das Adjektiv lat. improbus und das Adverb lat. importune wiedergibt. Adjektiv und Adverb sind im Gotischen nicht überliefert, so dass sich für die zuletzt genannten Fälle keine gotischen Entsprechungen aufzeigen lassen. Beim Substantiv aber liegt hier eine Übereinstimmung mit der Verwendung von aglaitei in der gotischen Bibel vor. Denn gr. ασέλγεια entspricht lat. im­ probitas, importunitas. Die althochdeutschen Belege gehören Denk­ mälern aus der älteren Zeit an. Agaleizzi kam damals in diesen beiden Bedeutungen in der Sprache vor. Darf man annehmen, dass auch im Gotischen aglaitei beide Bedeutungen hatte, und dass die Bedeutung ‘Zügellosigkeit’ dem Wort erst in christlicher Zeit ver­ liehen worden ist? Der Bedeutungswandel von ‘emsig, fleißig’ zu 1) Von den mittelhochdeutschen Belegen gebe ich nur die aus den Werken Heinrichs v. Heßler (Adv. agaleize) und die für das Substantiv. — Nik. Ev. (Helm, St. L. V. 224) 584: do gienc er ageleize; Ap. (Helm, D. T. Μ. VIII) 7303 : so gent uz ageleize; 11037: und touften uns ageleize; 20193: als do man agaleize, leset den schonen weize. — Ged. v. Grafen Rudolf (Kraus, Mhd. Übungsbuch) S. 61,16: daz m it ageleize ir ieclih gewunne; Herbort v. Fritzlar (herausg. v. Fromraann) Troj. 10300: der quam m it ageleize; 16635: nu zu ageleize hehertet erfz ; Keller, Erzählungen aus altdeutschen Hdschr. S. 19,11: dorn unde ageleiz wahssen deinem leih. 2) Gl. 2,61,11 : nituntur ageleizzint (Cod 179 Maria Einsiedeln) ; 2,400, 50 : suspirant agaîeizunt; Ο. IV 24,9 ther man thaz giagaleizit; V, 7,51: ih giagaleizon, thaz ist w ar, thaz ih inan giholon thar; V 23,168: then thaz hiar giagaleizent.

31 ‘zügellos, barsch’ im Althochdeutschen ist m. E. kein selbstverständ­ licher. Darf angenommen werden, dass das gotische Christentum ein heimisches Wort erst mit der Bedeutung ‘zügellos, gottlos’ aus­ gestattet hat, und dass die Wortgruppe aglaiti von den Süddeutschen in beiden Bedeutungen aufgenommen wurde? Diese Möglichkeit besteht immerhin — sicher beweisen lassen wird es sich wohl nie. Agaleizzi wäre dann auch ein Wort der gotischen Mission. Hin­ sichtlich des Geltungsbereiches würde es sich zu daupjan stellen. Wie dieses hätte es sich früh über den germanischen Kontinent ausgebreitet, noch bevor auf hochdeutschem Boden die Laut­ verschiebung eingetreten war. Für die Annahme gotischer Herkunft des Wortes spricht m. E. : die oben aufgezeigte Bedeutung von ‘zügellos’, ‘Zügellosigkeit’ — hierin stimmt es mit dem Gotischen überein — und sein Fehlen im Altnordischen und Angelsächsischen. Nur im Gotischen und im Kontinentalwestgermanischen ist das Wort bezeugt. Zwischen beiden Sprachkreisen aber haben sprachliche Beziehungen bestanden und zwar der Art, dass das Gotische, die durch die Berührung mit der antiken Kultur und dem Christentum reicher gewordene Sprache, den germanischen Dialekten des Kontinents neue Wörter über­ mittelte. Es spricht für die Annahme gotischer Herkunft von agaleizzi auch der Umstand, dass es im Dialekt Oberdeutschlands heimischer gewesen zu sein scheint als in mittel- und niederdeutschen Gegenden. Die großen Dichter der Blütezeit meiden es als un­ höfisches Dialektwort. Erwähnt werden muss noch, dass Feist das Wort ein Wanderwort nennt. Er sagt von ihm: Lautbildung und Herkunft dieses Wanderwortes sind dunkel1). Auch Wrede nimmt a. a. 0. gotische Herkunft des Wortes an. 18. Got. dulps — ahd. duli, tuld. Ulfilas übersetzt gr. εορτρ mit dulps. Die Etymologie des Wortes bereitet Schwierigkeiten, da wurzelverwandte Wörter im Gotischen wie im Germanischen überhaupt fehlen. Das Wort kehrt außerhalb des Gotischen nur auf deutschem Boden wieder. Darum hat man schon immer für ahd. tuld Entlehnung aus dem Gotischen angenommen. Wahrscheinlich gehört es zu den Wörtern gotischen 1) Feist a. a. 0. 11.

32 Ursprungs im deutschen Wortschatz, die unsere Sprache der Tätig­ keit gotischer Missionare verdankt. Mit den neuen christlichen Festen werden diese auch das Grundwort dulþs und *dulpdags in Deutschland eingeführt haben. Die von ihnen empfohlene Neu­ bezeichnung für die christliche Feier und den Festtag hat sich aber nur beschränkte Geltung verschaffen können. Sie ist nicht wie etwa daupjan auf dem ganzen germanischen Kontinent bekannt geworden, sondern hat vielmehr nur auf bairischem und alemanni­ schem Boden Geltung gewonnen. Nur in einem Teil des bairischen Sprachgebiets hat sich dult in der veränderten Bedeutung von ‘Jahrmarkt, Jahrmarktsgeschenk’ bis heute behauptet. Dem Fränki­ schen scheint es nie bekannt gewesen zu sein. In der Bezeichnung für den Festtag und seine Feier durch­ kreuzen sich in althochdeutscher Zeit verschiedene Einflüsse. Das Althochdeutsche besitzt drei synonyme Wörter : 1. itmâli tagy itmâlî \ 2. tulditago, tuld\ 3. vîratago, vîra. Von ihnen ist das an erster Stelle genannte das alte Erbwort, das gewiss schon in die vor­ christliche Zeit zurückreicht. Die beiden anderen sind Lehnwörter. An ihnen lassen sich gut die verschiedenen Einflüsse wahrnehmen, die in Deutschland mit dem Christentum und seiner Mission Z u ­ sammenhängen. Tult verdanken die oberdeutschen Dialekte der frühen gotischen Mission. Vîra ist lat. feriae. Es ist vom Westen her mit lateinisch-romanischen Einflüssen nach Deutschland ge­ kommen. Hinsichtlich ihres Geltungsbereiches und ihrer Lebens­ dauer in der Sprache unterscheiden sich die drei genannten Wörter sehr. Das alte Erbwert itmâli tag oder itmâlî ist am frühesten aus den hochdeutschen Dialekten verschwunden. Haben es die gotischen Missionare in Oberdeutschland durch ein Wort, das sie ihrer eigenen Sprache entnahmen, verdrängen wollen, weil es noch in heidnische Zeit zurückreichte und sich mit ihm vielleicht noch heidnische Vorstellungen und Erinnerungen verbanden? Im Tatian, der in Fulda entstand, wo angelsächsische Einflüsse maßgebend waren, findet sich itmâli tag oder itmâlî an vielen Stellen. Es dient zur Übertragung von dies festivus und festivitas der Vorlage. So heißt es z. B. im Tatian Kp. 88, 1 : After thiu was itmali tag Iudeono (lat. post haec erat dies festus Iudeorum); Kp. 12, 2: After theru giuuonu itmalen tages (lat. secundum consuetudinem diei festi). Gutmacher weist in seiner Arbeit „Der Wortschatz des Tatian in

33 seinem Verhältnis zum Altsächsischen, Angelsächsischen und Alt­ friesischen“ J) nach, dass der Tatian eine ältere Stufe des Wort­ schatzes festhält, dass er noch mehr mit dem übrigen Westgermani­ schen übereinstimmt als andere althochdeutsche Sprachdenkmäler. Zu diesen älteren Wörtern im Tatian gehört auch itmali tag12*). Das Adjektiv itmali ‘festlich7 findet sich sonst nur noch in den heim i­ schen Glossen in der Form etmal, idmal oder idimal. Gl. 1, 70, 1 ist lat. solemnis mit etmal übertragen worden. Gl. 1, 249, 11 gibt gl. K. lat. solemnia mit idmal und Ra mit idimal wieder. Spätere althochdeutsche Denkmäler, also schon die des neunten Jahrhunderts, bieten keine Belege mehr. Dass es sich um ein gemeinwest­ germanisches Wort handelt, bestätigt ags. edmael, das ‘die sich regelmäßig wiederholende Feier7 bedeutet. Noch im Mittelnieder­ ländischen heißt etmal ‘Fest, Festmahl’ und im Mittelniederdeutschen ist es noch, wenn auch in veränderter, verblasster Bedeutung ‘Frist von 12 oder 24 Stunden’, lebendig gewesen. An seiner Stelle hat der Süden des deutschen Sprachgebiets schon in den ältesten Quellen tidt und tulditago. Von ihm darf man annehmen, dass es gotischen Ursprungs ist. Neben die Substantiva stellt sich ein Verbum tulden, dem got. dulpian entspricht, und ein Adjektiv tuldhaft. Dem ältesten Bairischen gehören die vier Belege der keronischen Glossen an. Gl. 1,52,31 übersetzt Pa lat. festus mit tuldi, gl. K schreibt an der gleichen Stelle duldhidaco. Gl. 1, 53, 25 über­ setzt Ra lat. sanctus sive solempnis (erg. dies) ebenfalls mit dultitago\ Gl. 1,68,38 gibt gl. K lat. festus mit dulthidaco und lat. festa missa anua solita mit tulthidacon scolic (Gl. 1, 249,12) wieder. An der gleichen Stelle hat Ra lat. festus mit tuldi übertragen. Eine schon früher gemachte Beobachtung findet hier aufs neue ihre Be­ stätigung. Der Wortschatz des alten Denkmals ist nicht einheitlich. Neben Wörtern, die auch dem übrigen Westgermanischen bekannt sind und altes Erbgut des Wortschatzes darstellen, finden wir solche, die nur dem Oberdeutschen eignen, z. T. nur dem Bairischen der älteren Zeit angehören, und für die sich nur im Gotischen 1) P. Br. B. 39,1—83. 229—289. 571—577. 2) Das Lehnwort aus dem Lat.-Romanischen vira kann dem Verfasser der Übersetzung auch nicht unbekannt gewesen sein. Denn das Verbum vîron findet sich an einer Stelle. Kp. 68, 4 ist lat. sabbatum violant mit sambaztag ni vir ont übersetzt.

34 Entsprechungen finden. Gleichfalls bairischen Quellen gehören folgende Belege an: Der Clm. 14747, eine in S. Emmeram in Regensburg geschriebene Handschrift, übersetzt lat. neomeniarum der Vorlage mit tulditago (Gl. 2,331,69), und Clm. 14395, gleicheine S. Emmeramer Handschrift, lat. exsequiis mit rêtuldin (Gl. 2, 438, 37). Einer Handschrift aus S. Georgenberg in Tiroll) gehört ein Beleg für das Adjektiv tuldhaft an. Es dient zur Über­ tragung von lat. festiva (Gl. 2, 693, 1). In ihm hat man das ober­ deutsche Synonymon für das alte gemeinwestgermanische itmal, itmali zu sehen. Auch auf alemannischem Sprachgebiet reicht die Überlieferung des Wortes bis in die älteste Zeit literarischer Denkmäler zurück. Die Interlinearversion der Benediktinerregel verwendet Substantiv und Verbum mehrfach. So ist im 13. Kap. lat. matutinorum solemnitas mit morganlobo tult und im 14. Kap. lat. in festivitatibus sanctorum mit in tuldim wihero übersetzt worden123). Auch für das Verbum bietet die alte Quelle zwei Belege. Kap. 17 überträgt lat. celebretur mit si kitiddit, und Kap. 44 lat. percele­ bretur mit ist duruktulditz), Ein von tuld abgeleitetes Adjektiv ist einmal nachzuweisen: Kap. 58 lat. facta solemniter donatione ahd. kitanin tult lihhin kiwaltidu4). Das lateinisch-romanische Lehnwort vira wendet die Quelle nicht an. Auch in altalemannischen Glossen­ handschriften findet sich tuld und tulden. Das Glossar Jb. Rd bietet einen Beleg. Lat. solemnitas übersetzt es mit tuld (Gl. 1,291,19). Rb gibt lat. celebrantes exsequias mit tuldante karehida wieder (Gl. 1,318,34). Die alemannische Lukasglossierung, die Kögel Lit. Gesch. I 2, 506 f. nach Reichenau verweist, hat für lat. diei festi ahd. tulditagin (Gl. 1, 736, 18)5). Dazu treten mehrere Belege aus Handschriften der Familie M. Das Substantiv ist einmal in der Form tuldi als Übersetzung für lat. natalitia nachzuweisen (Gl. 2,270,29). Das Verbum begegnet im ganzen sechsmal: lat. agite ahd. tuldet (Gl. 1, 479, 56); lat. agatur (dies dedicationis altaris) ahd. gituldit wurti (Gl. 1,691,43); lat. agatis (diem scenopegiae) ahd. tuldet (Gl. 1, 698, 26); lat. agerent (epicinia) ahd. tuldin 1) 2) 3) 4) 5)

Steinmeyer und Sievers, a. a. Ο. IV 503. Steinmeyer a. a. 0. S. 223,14. 224, 24. Ebd. 226,17. 251,27. Ebd. 266,14. Steinmeyer hat tulditagin ergänzt aus . . . ditagin der Handschrift.

35 (GL 1, 703, 1); lat. egerunt (diem illam) ahd. tuldon (GL 1, 703, 49); lat. agi (diem sabbatorum) ahd. gituldit werdan (GL 1,706,30). In Notkers Werken sind die Substantiva tuld und tulditago viermal nachweisbar. So heißt es Ps. 73, 18 : tiligon alle gotes tulte von erdo (lat. comprimamus omnes dies festos a terra)1); Ps. 75,11: die aleiba des gedanches machont dir dulte (lat. reliquiae cogitationis diem festum tibi agent)12); Ps. 80,4: an inuneremo mären duldetago (lat. in insigni die solemnitatis vestrae); taltitago (lat. dies solemnitatis)3). Neben der Überlieferung des dem Gotischen verdankten Wortes muss auch die des lateinischen Lehnwortes vira in diesem Zu­ sammenhang berührt werden. Zu vira gehört als Kompositum viratago und das Verbum viron. Es zeigt sich, dass auf fränkischem Gebiet nur vira Geltung gehabt hat, nachdem jenes alte itmäli tag, itmali aus der Sprache verschwunden war. — Vielleicht darf man sein Vorkommen im Tatian mit den Einflüssen angelsächsischer Missionare in Fulda zusammenbringen, von denen Braune in dem oben angeführten Aufsatz spricht. — Als Quelle für die Wortsippe vîra kommt Otfried in Betracht. Er wendet vira und viron häufig an. Ο. I. 22,7: So sie tho thar gibetotun} thie fir a gientotun ; III. 4,33: Thes dages was in ivâra sambazdages fir a ; V. 4 ,7 : In morgan was in wara} thero ostorono fira ; III. 15, 5: Sih nahtun eino ziti, thaz man tho firoti; III. 22,2: thio selbun hoho ziti firotun thie liuti. — Auf alemannischem und bairischem Boden tritt die Wort­ sippe vira ziemlich gleichzeitig in der literarischen Überlieferung hervor. Doch bieten so alte Quellen wie das keronische Glossar und die Benediktinerregel noch keine Belege. In alemannischen Glossenhandschriften des 9. und in bairischen aus dem Ende des 9. und dem Anfang des 10. Jahrhunderts ist aber vira, viratago und viron nachweisbar. Die Substantiva übertragen lat. sabbatum, feriae und otium; das Verbum gibt lat. sabbatizare, otiari und vacare wieder. Ich gebe einige Belege aus Quellen, die auch in der Übersicht für die Wortsippe tult zu erwähnen waren. Im Glossar Jb. Kd übersetzt firro lat. feriae ‘die Feste' (GL 1, 279, 66); firrota lat. sabbatizavit (GL 1, 291, 25). Die Glosse feriae — firro 1) Piper, a. a. Ο. II 298, 21. 2) Ebd. 305,21. 3) Piper a. a. 0. II 334,18.

36 gehört zu Lev. 23, 2. Andere altalemannische Quellen nehmen an der gleichen Stelle dieselbe Übertragung vor (GL 1, 345, 10)*). Die Handschriftengruppe der Familie M bietet viele Belege, von denen nur einige genannt sein mögen: lat. ad sabbatum ahd. zi virro (Gl. 1,467,1); lat. sabbati ahd. virro (Gl. 1,685,4); lat. sabbatum ahd. virra (Gl. 1, 811,64); lat. sabbatizavit ahd. J^irrota (Gi. 1,328,3). Auch in Notkers Psalmen ist die Wortgruppe vira oft zur An­ wendung gelangt. Auch hier übersetzt das Substantiv lat. sabbatum. Ps. 37,5: mit reht irhugo ih des sabbati (fîriagen)12); Ps. 37,9: irhugida dero virro (lat. recordatio sabbati)3); Ps. 91,1: der ne habet tranquillitatem (stilli) noh sabbatum (fîrra); unser sabbatum ist in corde (firrotak)4) ; Ps. 92, 1 : daz ist sabbatum (firrotag)5). In bairischen Quellen finden sich: ahd. firatagun als Wiedergabe von lat. sabbata (Gl. 2, 230, 39), der Beleg ist überliefert in C. S. Florian. III 222 B 6); ahd. firataga für lat. celebres (feriae) (Gl. 2,418,44); ahd. firra für lat. feriae (Gl. 2, 418, 45); ahd. firuntun für lat. feriatum (Gl. 2, 419, 9). Die drei zuletzt genannten Belege gehören den bairischen Prudentiusglossen des Clm. 14395 an. Aus der gegebenen Übersicht über ihre Verbreitung in den Quellen ergibt sich, dass die althochdeutschen Wortsippen tulcl und vira%in der Literatur des bairischen und alemannischen Sprach­ gebiets noch gleichwertig nebeneinander gebraucht werden. Notker kennt und verwendet sie beide. Dieser Tatbestand ändert sich aber im Laufe der weiteren Entwicklung. Als die deutsche Literatur im Hochmittelalter einen Höhepunkt erreicht, tritt das Wort dtiü, das Lehnwort aus dem Gotischen, in der Sprache der hohen Literatur ganz zurück. Ein von Anfang an nur auf das Süddeutsche beschränkt gebliebenes Wort konnte begreiflicherweise nicht von Dichtern ge­ braucht werden, die sich über die Mundart erheben und an einen 1) Der Beleg ist überliefert in drei Handschriften: den C. S. Gail. 9 u. 295, die nach Steinmeyer a. a. 0. IV, 441. 448 dem 9. Jahrhundert angehören, und dem C. S. Paul XXV d 82, dessen Glossen zur Vulgata ebenfalls dem 9 Jahrhundert zuzuweisen sind (s. o. S. 26). 2) Piper a. a. 0. II, 136, 7. 3) Ebd. 137,20. 4) Ebd. 387,20. 5) Ebd. 391,11. 6) Steinmeyer weist die Handschrift a. a. Ο. IV 432 noch dem 9. Jahr­ hundert zu.

37 weiteren Leser- und Hörerkreis wenden. Dult und dulttage kommen darum nur in literarischen Werken zweiten Ranges meist religiösen Inhalts häufiger vor, in religiösen Gedichten und Liedern, in Predigten, in der Legendendichtung und in Beichten aus bairischen Klöstern. Einmal hat Neithart dult gebraucht. In mittelhochdeutscher Zeit sind dult und dulttage in der Bedeutung ‘Fest’ und ‘Festtag'" noch im ge­ samten Süden des deutschen Sprachgebiets, im bairischen und ale­ mannischen Dialekt heimisch*, doch gehört die überwiegende Zahl der Belege bairischen Sprachdenkmälern an *). Heute lebt das Wort nur noch auf bairischem Sprachgebiet. Die Bedeutung ‘Çest, Festtag" hat es verloren. Es ist Bezeichnung für den Jahrmarkt und das auf ihm gekaufte Geschenk geworden. Das Wort hat die gleiche Entwicklung durchgemacht wie lat. feriae im Französischen, das zu foire geworden ist und heute gleichfalls ‘Jahrmarkt" bedeutet. Die Sitte, an christ­ lichen Festen und an Gedenktagen der Kirche einen Markt abzuhalten, hat in beiden Fällen die Bedeutungsentwicklung verursacht. Ein günstigeres Geschick war dem lat.-romanischen Lehnwort vira, vîratago beschieden. Von Westen kommend erobert es sich schon früh das ganze deutsche Sprachgebiet. Sein Geltungsbereich ist von früh an ein größerer als der des Lehnwortes dult ‘Feier" und ‘Feiertag" leben in der Gesamtsprache bis heute. Die stärkeren lateinisch-romanischen Einflüsse haben auch in diesem Falle über die1 1) Ich gebe, um das Gesagte zu beweisen, Belege aus mittelhochdeutschen Quellen, ohne indessen Vollständigkeit zu erstreben: 1. Wessobrunner Glaube und Beichte (M. S. D.) a. a. O. S. 227 : ih ne eroti fîrtag a , andera liera dulttaga; 2. Wessobrunner Glaube und Beichte (M. S. D.) S. 239: die sunnuntage unte andire die tultage negeeret ih n ie; die jüngere Judith (Diemer, Deutsche Gedichte des 12. Jahrhunderts) a. a. 0. S. 180: do die tulttage alle chomen u z; der Millstätter Exodus (Koßmann, Q. F. 57) 2593: An demselben dulttage; Wernhers Marienlieder (Feifalik, Driu liet von der maget) 1061 : doh hege w ir niht ir dult, 1103 (Berliner Handschrift D): ir dulte doh nieman heget; bayr. Servatius (Fr. Wilhelm, S. Servatius oder wie das erste reis in deutscher zunge geimpfet wurde) 2871 : die körnen dar ze einer dult, 3293 : In sine gewalt bevalh er sih m it gebete ze siner du lt; Wackernagel, Altdeutsche Predigten S. 29: ez ist ein tult u bir alle tulte, 31 : w ir began über j ä r diecho die tulttage sin selbes und sîner m uoter; Konrad v. Würzburg, Silvester (Wilh. Grimm) 638: daz man durh die wären schult, noh viret hoher Hute dult, die saelic unde heilic sin t; Elsbeth Nagel, Das Leben der Schwestern zu Töß (F. Vetter, D. T. Μ. VI) a. a. 0. S. 112: si lac von Pfingsten untz zu 8. Eisbethen dult; und soit wizzen, daz vou h in f über 14 tag min dult ist.

38 schwächeren und nur vorübergehend wirksamen gotischen Einflüsse den Sieg davon getragen und ihrem Wort Alleingeltung verschafft. Die Arbeit beschränkte sich bewusst auf das mit einiger Sicherheit als gotischen Ursprungs nachweisbare Sprachgut im deutschen Wortschatz. Ihre Ergebnisse sollen noch einmal zu­ sammengefasst werden. Nimmt man die von Kluge schon namhaft gemachten Wörter, soweit sie der kritischen Prüfung standgehalten haben, hinzu, so erhält man eine bei der doch immerhin geringen Überlieferung des Gotischen überraschend große Zahl von Wörtern, die das Deutsche allein mit dem Gotischen gemeinsam hat. Zu den gotischen Elementen im deutschen Wortschatz gehören: 1. Die in der Gesamtsprache eingegangenen Wörter Pfaffe, Pfingsten, Samstag, Taufe, Teufel1). 2. Die nur bairisch-österreichischen Wörter Erlag, Pfinztag, Dult, Eide, Hoamatl, Obse (Vorhalle der Kirche). 3. Die nur in althochdeutscher Zeit nachzuweisenden hoch­ deutschen, bez. oberdeutschen Wörter fera, fiozzan, gelstar, heimodü, üben, mundri, pherintac, skuft, stehhal, weferhen, wilwerbic. Zu den weniger gesicherten Wörtern darf man zählen: ahd. agaleizzi, augatora, hamfi huohili, liudari, soffon12). Es hat sich gezeigt, dass die gemeinsamen Berührungen zwischen dem Gotischen und Deutschen auf dem Gebiet des Wort­ schatzes sich nicht nur auf Wörter der Mission, der Kirche und des Christentums erstrecken, sondern dass auch noch eine Reihe von „Profanwörtern“ beiden Sprachkreisen gemeinsam sind. Man darf annehmen, dass sich noch weitere Übereinstimmungen ergäben, wäre uns das Gotische reicher überliefert. Schon oben wurde auf die Berührungen zwischen dem Altnordischen und dem Althoch­ deutschen im Wortschatz des Vokabularius S. Galli hingewiesen. Diese Beziehungen lassen indirekt m. E. auf gotische Einflüsse schließen, und ich glaube, dass eine Untersuchung über die „alt­ nordischen Elemente“ im bairisch-österreichischen Dialekt für das 1) Kirche käme bis zu einem gewissen Grade in Frage, wenn Kranzmayer recht hat, dass es sowohl am Rhein wie in Bayern früh bekannt war und hier dann natürlich durch die gotische Mission eingeführt wurde. S. o. S. 9 Anm. 2) Wîh, das sich im Bairischen am längsten hält, bis es durch das aus Mitteldeutschland, Fulda, kommende hailag verdrängt wird, können gotische Missionare im Süden gegenüber hailag empfohlen haben. S. o. S. 10.

39 io Rede stehende Problem sehr ergiebig* wäre. Die Forschung sieht sich vor ein Problem gestellt, das hier im Anschluss an von Raumer, Kluge und Wrede nur aufgezeigt, aber nicht gelöst werden konnte. Es erhebt sich die Frage, wie erklären sich die vielen Berührungen zwischen dem ostgermanischen Gotischen und dem Westgermanischen des Kontinents. Mit der Annahme einer nur vorübergehend wirksamen Mission kommt man nicht aus. Der gotische Einfluss muss stärker und nachhaltiger gewesen sein. Man wird nicht so sehr an die Goten denken dürfen, die Ulfilas für das Christentum gewann und die an der unteren Donau zurückblieben, als vielmehr an die Stammesgenossen in Italien. Es scheint, als hätten zum Reiche Theoderichs auch die ehemals römischen Pro­ vinzen Rätien und Noricum gehört *). In diese Gebiete hat er 502 die Chlodwich entronnenen Alemannen und 508 die Baiern als Föderalen aufgenommen. Das setzt voraus, dass sie schwach be­ siedelt waren ; man darf aber gewiss annehmen, dass es hier gotische Siedlungen gegeben hat. Stolz hält es a. a. 0. S. 41 für möglich, dass im oberen Etschgebiet schon zur Zeit der Gotenherrschaft über Italien oder nach deren Zusammenbruch gotische Bauern angesiedelt worden sind. Gossensaß am Brenner, dazu Mautern und Mauthausen, deren Laute unverschoben sind, scheinen zu beweisen, dass es gotische Siedlungen nördlich bis zur Donau gab. Sicher haben zwischen ihnen und den Goten in Italien Beziehungen bestanden. Auf sie darf man die gotischen Kirchen Wörter12), die gotischen Namen der Wochentage und, teils mit mehr, teils mit weniger Sicherheit, die oben aufgeführten Wörter im Deutschen zurückführen. 1) So Egger, Die Barbareneinfälle in die Provinz Rätien und deren Be­ setzung durch Barbaren (A. Ö. G. 90, 323 ff.) und wohl auch Baesecke a. a. 0. S. 157. Zeiß, Die Nordgrenze des Ostgotenreiches (Germania, Korrespondenzblatt der römisch-germanischen Kommission 1928, Heft 1/2 S. 25—34) nimmt an, dass nur Rätien I und Binnennoricum zum Reiche Theoderichs gehört ' hat. Auch L. Schmidt, Die Ostgoten in der Schweiz (Z. f. Schw. G. 1929, 161—68) meint, dass im Westen nur Rätia I zum Ostgotenreich gehörte. 2) Das gotisch-arianische Christentum hat zur Zeit Theoderichs in Deutsch­ land bis nach Thüringen hin seine Wellen geschlagen, wo das alte Königshaus es um 500 annahm, und es hat sich im Süden bis in die Zeit des Bonifatius gehalten, wenn wir mit Recht in dem christlichen Priester Eremwulf, den Bonifatius in Baiern findet, einen Arianer vermuten. S. Hans v. Schubert, Die Geschichte des deutschen Glaubens S. 25. 26.

Lebenslauf Am 17. April 1898 wurde ich als Sohn des Lehrers E. A u f d e r h a a r in Essen geboren. Ich besuchte zunächst vier Jahre die Grundschule und ab Ostern 1908 das Goethegymnasium meiner Heimatstadt. Am 24. November 1916 machte ich hier das Abiturientenexamen und trat in das Heer ein, dem ich bis zum Februar 1919 angehört habe. An der Universität Münster begann ich mit dem ersten Zwischensemester 1919 mein Studium, das ich vom Sommersemester 1920 ab in Marburg fortsetzte. Dort bestand ich die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen in den Fächern Deutsch, Religion, Fran­ zösisch. Ab 1. April 1925 war ich dem Realgymnasium Essen-Bredeney zur Ausbildung überwiesen. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit bestand ich die pädagogische Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen am 28. Februar 1927. Mit vorliegender Arbeit promovierte ich in Marbui'g am 16. Dezember 1931. Meinen Lehrern bin ich zu großem Dank verpflichtet. Ich danke besonders Herrn Professor Dr. W r e d e für die in den vergangenen Jahren jederzeit gerne gewährte Hilfe.