Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter: Eine triangulative Untersuchung über gelingendes Erwachsenwerden und die Bedeutung von sozialen Beziehungen [1. Aufl.] 9783658307097, 9783658307103

Frederike Rogge untersucht den Übergang ins Erwachsenenalter mit Fokus auf Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachs

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German Pages XIX, 384 [393] Year 2020

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Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter: Eine triangulative Untersuchung über gelingendes Erwachsenwerden und die Bedeutung von sozialen Beziehungen [1. Aufl.]
 9783658307097, 9783658307103

Table of contents :
Front Matter ....Pages I-XIX
Einleitung (Frederike Rogge)....Pages 1-3
Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter (Frederike Rogge)....Pages 5-35
Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter (Frederike Rogge)....Pages 37-60
Soziale Beziehungen im jungen Erwachsenenalter (Frederike Rogge)....Pages 61-86
Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener (Frederike Rogge)....Pages 87-103
Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter – Integration und offene Fragen (Frederike Rogge)....Pages 105-116
Methodischer Aufbau und Forschungsdesign (Frederike Rogge)....Pages 117-126
Methodik der quantitativen Studie (Frederike Rogge)....Pages 127-139
Ergebnisse der quantitativen Studie (Frederike Rogge)....Pages 141-175
Methodik der qualitativen Studie (Frederike Rogge)....Pages 177-193
Ergebnisdarstellung der qualitativen Studie (Frederike Rogge)....Pages 195-300
Methodendiskussion (Frederike Rogge)....Pages 301-311
Ergebnisdiskussion (Frederike Rogge)....Pages 313-343
Fazit und Ausblick (Frederike Rogge)....Pages 345-352
Back Matter ....Pages 353-384

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Gesundheitspsychologie

Frederike Rogge

Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter Eine triangulative Untersuchung über gelingendes Erwachsenwerden und die Bedeutung von sozialen Beziehungen

Gesundheitspsychologie Reihe herausgegeben von Toni Faltermaier, Flensburg, Deutschland Carl-Walter Kohlmann, Schwäbisch Gmünd, Deutschland Christel Salewski, Hagen, Deutschland

In dieser Buchreihe werden sowohl grundlagen- als auch anwendungsbezogene Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Gesundheitspsychologie veröffentlicht. Gesundheit ist ein hoher Wert und eine wesentliche Voraussetzung positiver indi­ vidueller Entwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe. Gesundheit und Krankheit stellen daher ein wichtiges Handlungsfeld für das gesamte soziale System dar, für Gemeinschaften, Organisationen, Gesellschaft und Politik. Die Bücher der Reihe beschäftigen sich mit wissenschaftlich-psychologischen Fragen, die für die Entstehung von Krankheiten und Gesundheit, für den Umgang mit Krankheiten sowie für die Prävention und die Förderung von Gesundheit bedeutsam sind. Es können Arbeiten von hoher wissenschaftlicher Qualität zu klassischen und innovativen Themen der Gesundheitspsychologie mit der gesam­ ten Spannbreite theoretischer und methodischer Zugänge veröffentlicht werden. Sie richtet sich an Leserinnen und Leser aus Forschung und Praxis, die psychologische Ansätze und Interventionen im Kontext der Gesundheitsförderung und Prävention verstehen, weiterentwickeln und anwenden möchten.

Weitere Bände in der Reihe http://www.springer.com/series/16160

Frederike Rogge

Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter Eine triangulative Untersuchung über gelingendes Erwachsenwerden und die Bedeutung von sozialen Beziehungen

Frederike Rogge Landesvertr. Schleswig-Holstein Techniker Krankenkasse Kiel, Deutschland Zgl. Dissertation an der Europa-Universität Flensburg, Institut für Gesundheits-, Ernährungs- und Sportwissenschaften, Abteilung Gesundheitspsychologie und -bildung, Flensburg, 2019 Originaltitel: Wie gelingt der Übergang ins Erwachsenenalter? Eine gesundheitswissenschaftliche Untersuchung über die Bedeutung von sozialen Beziehungen und subjektivem Wohlbefinden

ISSN 2662-3226 ISSN 2662-3234  (electronic) Gesundheitspsychologie ISBN 978-3-658-30710-3  (eBook) ISBN 978-3-658-30709-7 https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3 Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­ bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von allgemein beschreibenden Bezeichnungen, Marken, Unternehmensnamen etc. in diesem Werk bedeutet nicht, dass diese frei durch jedermann benutzt werden dürfen. Die Berechtigung zur Benutzung unterliegt, auch ohne gesonderten Hinweis hierzu, den Regeln des Markenrechts. Die Rechte des jeweiligen Zeicheninhabers sind zu beachten. Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informa­ tionen in diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral. Springer ist ein Imprint der eingetragenen Gesellschaft Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH und ist ein Teil von Springer Nature. Die Anschrift der Gesellschaft ist: Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Germany

Danksagung der Autorin An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Personen bedanken, die mich auf verschiedenste Weise bei dieser Dissertation unterstützt haben. Ich bedanke mich bei meinem Doktorvater, Prof. Dr. Toni Faltermaier für die Betreuung, für so viel Zeit, für konstruktives Feedback und für das aufrichtige Interesse, was mich immer wieder ermutigt hat und meine Begeisterung und Freude an der Arbeit aufrechterhalten hat. Ich danke Inga und Kerstin, die immer ein offenes Ohr, wertvolle Ideen und Rückmeldungen für mich hatten sowie bei dem gesamten Doktorandenkolloquium, welches mir durch den Austausch und das Feedback, in einem Prozess, in dem man oft allein arbeitet, Halt und Motivation und Spaß vermittelt hat. Ein großer Dank gilt meiner Familie, die mich die gesamte Zeit so unterstützend begleitet hat, meinen Eltern und vor allem meinem Ehemann Benny und meiner Tochter Marlene, die viel Geduld und Verständnis für mich hatten und mir die nötige Zeit und den Raum für diese Arbeit ermöglicht haben. Mein Dank gilt auch meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen, die mit ihrem Interesse und Verständnis mich begleitet und ermuntert haben. Insbesondere möchte ich mich bei Dr. Johann Brunkhorst, der mich von Anfang an unterstützt hat, bedanken. Ich danke Alex für die Korrekturarbeiten, die neben Rechtschreibung und Grammatik weitere wertvolle Hinweise für diese Arbeit lieferten. Außerdem danke ich Prof. Dr. Andrea Kleeberg-Niepage für die Bereitschaft das Zweitgutachten für diese Arbeit zu erstellen. Zuletzt bedanke ich mich bei meinen 20 Interviewten für die Offenheit und Bereitschaft zur Teilnahme an der Studie, denn jedes einzelne Interview hat mich nochmals darin bestärkt, diese Arbeit zu verfassen.

Inhaltsverzeichnis 1 2

Einleitung ......................................................................................... 1 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter ............ 5 2.1 2.2

Junges Erwachsenenalter als Konstruktion .............................. 5 Entwicklung und Lebenslauf .................................................... 11

2.2.1 2.2.2 2.2.3 2.3 2.4 3

Soziologische Konzepte .................................................. 13 Entwicklungspsychologische Konzepte ........................... 17 Lebensereignisse ............................................................ 25

Sozialisation ............................................................................ 28 Identität .................................................................................... 30

Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter .. 37 3.1

Gesundheitliche Lage der Altersgruppe .................................. 37

3.1.1 3.1.2 3.1.3

Physische Gesundheit (und Sterblichkeit) ....................... 37 Psychische Gesundheit ................................................... 40 Gesundheitsverhalten und Risikoverhalten ..................... 44

3.2 Erklärungsmodelle für Gesundheit junger Erwachsener ......... 47 3.2.1 Salutogenese ................................................................... 48 3.2.2 Ressourcen ...................................................................... 50 3.3 Subjektives Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter ......... 53 3.3.1 3.3.2 3.3.3 4

Soziale Beziehungen im jungen Erwachsenenalter ................... 61 4.1 4.2

Theoretische Einführung von sozialen Beziehungen .............. 61 Beziehungsformen im jungen Erwachsenenalter .................... 66

4.2.1 4.2.2 4.2.3 4.3 5

Definition von subjektivem Wohlbefinden ........................ 53 Wohlbefinden über die Lebensspanne ............................ 55 Einflüsse auf subjektives Wohlbefinden .......................... 57

Partnerschaft ................................................................... 66 Eltern ............................................................................... 73 Freundschaften................................................................ 79

Soziale Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden ...... 84

Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener .................................................................................. 87

VIII

Inhaltsverzeichnis

5.1 5.2 5.3 5.4 5.5 5.6 6

Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter – Integration und offene Fragen ....................................................................... 105 6.1 6.2 6.3

7

Erkenntnisinteresse und Ziele der Arbeit............................... 117 Forschungsfragen und Methodik ........................................... 118 Aufbau und Forschungsmodell .............................................. 123

Methodik der quantitativen Studie ............................................. 127 8.1 8.2 8.3

9

Gelingende Beziehungen und Erfolg im Beruf ...................... 108 Gelingende persönliche Entwicklung und gelingende Identitätsarbeit ....................................................................... 110 Entwicklungsbedingungen als Voraussetzungen für Gelingen ................................................................................ 113

Methodischer Aufbau und Forschungsdesign ......................... 117 7.1 7.2 7.3

8

Wandel der Lebensbereiche Arbeit und Bildung ..................... 87 Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt für junge Erwachsene .... 89 Berufseinstieg und Berufswahl ................................................ 90 Probleme und Scheitern im Berufseinstieg? ........................... 96 Einstellungen, Zufriedenheit und Gesundheit im Beruf ........... 97 Geschlechtsspezifische Arbeitswelten junger Erwachsener? 101

Hintergrund und Inhalt des SOEP ......................................... 127 Verwendeter Datensatz und Maße (Skalen und Variablen) .. 129 Vorgehen zur Datenanalyse .................................................. 135

Ergebnisse der quantitativen Studie ......................................... 141 9.1

Soziale Beziehungen im jungen, mittleren und späten Erwachsenenalter ..................................................................... 141

9.1.1 9.1.2 9.1.3 9.1.4 9.1.5 9.1.6 9.2 9.3

Ehe, Partnerschaft und Elternschaft .............................. 141 Freundschaften.............................................................. 143 Beziehungsinhalte und soziale Unterstützung............... 146 Veränderungen der sozialen Beziehungen ................... 148 Nähe des Verwandtschaftsnetzwerks ........................... 149 Soziale Aktivitäten ......................................................... 149

Wohlbefinden und Gesundheit im jungen, mittleren und späten Erwachsenenalter ...................................................... 151 Bivariate Korrelationsanalysen zu Wohlbefinden und Gesundheit im jungen Erwachsenenalter .............................. 159

Inhaltsverzeichnis 9.3.1 9.3.2 9.3.3 9.4

9.4.2

Affektive Balance und Gesundheitszustand als Outcome ........................................................................ 168 Lebenszufriedenheit als Outcome ................................. 170

Methodik der qualitativen Studie ............................................... 177

10.1 10.2 10.3

Fragestellungen der qualitativen Studie ................................ 177 Methodisches Vorgehen der qualitativen Studie ................... 178 Datenerhebung ...................................................................... 179

10.3.1 10.3.2 10.3.3 10.4

Leitfadenerstellung und Probeinterview ........................ 179 Zugang zum Feld und Sampling.................................... 181 Durchführung der Interviews ......................................... 185

Datenauswertung .................................................................. 186

10.4.1 10.4.2 10.4.3 10.4.4 10.4.5 11

Entwicklungsaufgaben und Gesundheit und Wohlbefinden................................................................. 161 Soziale Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden................................................................. 165 Bereichszufriedenheiten und Gesundheit und Wohlbefinden................................................................. 167

Regressionsanalysen für die Outcomes Gesundheit und Wohlbefinden......................................................................... 168

9.4.1

10

IX

Transkriptionen .............................................................. 187 Kurzfassungen............................................................... 188 Fallanalysen .................................................................. 188 Kategoriale Auswertung ................................................ 190 Typenbildung ................................................................. 191

Ergebnisdarstellung der qualitativen Studie ............................ 195

11.1

Ergebnisdarstellung der Fallanalysen ................................... 195

11.1.1 11.1.2 11.1.3 11.1.4 11.1.5 11.2

Fallanalyse Jakob .......................................................... 195 Fallanalyse Hauke ......................................................... 203 Fallanalyse Lisa ............................................................. 210 Fallanalyse Christin ....................................................... 220 Zusammenfassung und Gegenüberstellung.................. 227

Ergebnisdarstellung der kategorialen Auswertung ................ 230

11.2.1

Drei Ebenen des Erwachsenwerdens ........................... 233

X

Inhaltsverzeichnis 11.2.2 11.2.3 11.2.4 11.3

Ergebnisdarstellung der Typenbildung .................................. 291

11.3.1 11.3.2 11.3.3 11.3.4 11.3.5 12

Methodendiskussion Quantitative Sekundärdatenanalyse .... 301

12.1.1 12.1.2 12.1.3 12.2

12.3

Datenbasis..................................................................... 301 Datenanalysen............................................................... 302 Limitationen der Ergebnisse .......................................... 303

Methodendiskussion Qualitative Interviewstudie ................... 304

12.2.1 12.2.2 12.2.3

Datenbasis und Datenerhebung .................................... 304 Reflexion der qualitativen Analyseschritte ..................... 307 Limitationen der Ergebnisse .......................................... 309

Methodendiskussion Triangulation ........................................ 309

Ergebnisdiskussion .................................................................... 313

13.1 13.2 13.3 13.4 14

Typus 1: „Der normative Weg: Prinzip Anpassung“ ...... 291 Typus 2: „Der alternative Weg: Prinzip Selbstverwirklichung“..................................................... 293 Typus 3: „Erwachsenwerden als Prozess: Prinzip Suchbewegungen“......................................................... 295 Typus 4: „Erwachsenwerden als Krise: Prinzip Verunsicherung“ ............................................................ 296 Zusammenfassung und Gegenüberstellung.................. 298

Methodendiskussion ................................................................... 301

12.1

13

Kontext und Verständnis von Gesundheit und Wohlbefinden................................................................. 259 Meta-Ebene: Subjektive Konstruktionen des eigenen Lebens ........................................................................... 272 Ankommen im Erwachsenenalter: zwischen Offenheit und Verbindlichkeit ........................................................ 289

Bedeutung Erwachsensein .................................................... 314 Gesundheit und Wohlbefinden .............................................. 326 Soziale Beziehungen ............................................................. 331 Gelingender Übergang .......................................................... 337

Fazit und Ausblick ....................................................................... 345

14.1

Junge Erwachsene als Gegenstand gesundheitspsychologischer Forschung ............................... 345

Inhaltsverzeichnis 14.2 14.3

XI

Junge Erwachsene als Zielgruppe für Prävention und Gesundheitsförderung ........................................................... 346 Handlungsimplikationen auf sozial- und bildungspolitischer Ebene .................................................................................... 347

Anhang ................................................................................................. 353 Literaturverzeichnis ............................................................................ 365

Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Einteilung der Entwicklungsphasen rund um das junge Erwachsenenalter (eigene Darstellung nach Levinson, 1986) ................................................................ 22 Abbildung 2: Gesundheitszustand der Bevölkerung - Kranke und Unfallverletzte nach Altersgruppen in Deutschland in Prozent (Mikrozensus 2013) (eigene Darstellung nach Bundesministerium für Gesundheit, 2017) ....................... 39 Abbildung 3: Psychische Gesundheit bei Erwachsenen nach Geschlecht und Altersgruppe (eigene Darstellung nach Robert-KochInstitut, 2012a).................................................................. 42 Abbildung 4: Prioritäten von jungen Erwachsenen im Beruf, Angaben in Prozent (eigene Darstellung nach Köcher et al., 2017) 98 Abbildung 5: Darstellung des Forschungsdesigns ................................ 125 Abbildung 6: Schritte der quantitativen Auswertung.............................. 136 Abbildung 7: Anteil Ehen / Partnerschaften und Kinder (nach Altersgruppen) ................................................................ 142 Abbildung 8: Anteil Ehen/ Partnerschaften und Kinder im jungen Erwachsenenalter (5-Jahres-Altersgruppen).................. 143 Abbildung 9: Altersdurchschnitt der Person im Vergleich zu Altersdurchschnitt der Freunde (nach Altersgruppen).... 145 Abbildung 10: Soziale Aktivitäten (Mittelwerte nach Altersgruppe ........ 150 Abbildung 11: Anteil Ausprägungen für Lebenszufriedenheit je Altersgruppe in Prozent .................................................. 152 Abbildung 12: Lebenszufriedenheit gegenwärtig und in 5 Jahren, Mittelwerte nach Altersgruppen (0-10) ........................... 152 Abbildung 13: Werte für Gesundheitszustand je Altersgruppe.............. 154 Abbildung 14: Mittelwerte für Lebenszufriedenheit, Affektive Balance und Gesundheitszustand nach Altersgruppe ................. 156 Abbildung 15: Mittelwerte für Affektive Balance nach Alter der Person 157

XIV

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 16: Mittelwerte für Lebenszufriedenheit nach Alter der Person ............................................................................ 157 Abbildung 17: Mittelwerte für Gesundheitszustand nach Alter der Person ............................................................................ 158 Abbildung 18: Anteil in Prozent für "keine Krankheit festgestellt" nach Alter der Person ............................................................. 158 Abbildung 19: Mittelwert Erwachsenenstatusindex nach 5-JahresAltersgruppen ................................................................. 163 Abbildung 20: Anteil Erwachsenenstatus junger Erwachsener nach 5Jahres-Altersgruppen ..................................................... 164 Abbildung 21: Gegenüberstellung der Fallanalysen.............................. 229 Abbildung 22: Kategoriensystem Übergang ins Erwachsenenalter (bis zur dritten Ordnungsebene)..................................... 232 Abbildung 23: Kategoriensystem „Vorstellungen von gesellschaftlichen Erwartungen“ .................................................................. 234 Abbildung 24: Kategoriensystem „Erleben des Übergangs in den Beruf“.............................................................................. 236 Abbildung 25: Kategoriensystem „Erwachsenwerden in Beziehungen“ 243 Abbildung 26: Kategoriensystem „Erwachsenwerden als persönliche Entwicklung“ ................................................................... 256 Abbildung 27: Kategoriensystem „Gesundheit“ ..................................... 260 Abbildung 28: Einschätzung des aktuellen Gesundheitszustands der Befragten ........................................................................ 261 Abbildung 29: Kategoriensystem „Wohlbefinden“ ................................. 266 Abbildung 30: Kategoriensystem Meta-Kategorie „Konstruktionen des eigenen Lebens“............................................................. 272 Abbildung 31: Gegenüberstellung der Typen vom Übergang ins Erwachsenenalter........................................................... 298 Abbildung 32: Bewertung eines gelungenen Übergangs ...................... 300 Abbildung 33: Zusammenführung der Ergebnisse der beiden Studien . 310

Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Entwicklungsphasen Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter .................................................................. 18 Tabelle 2: Transformationen im frühen Erwachsenenalter...................... 24 Tabelle 3: Differenzierung von Ressourcen mit Beispielen ..................... 51 Tabelle 4: Unterschiedliche Definitionen von subjektivem Wohlbefinden ........................................................................ 54 Tabelle 5: Aspekte des Gelingens......................................................... 115 Tabelle 6: Übersicht der Fragestellungen beider Studien ..................... 123 Tabelle 7: Items zu positivem und negativem Affekt ............................. 129 Tabelle 8: Items zum Freundschaftsnetzwerk. ...................................... 131 Tabelle 9: Items zu sozialer Unterstützung. .......................................... 132 Tabelle 10: Items zu familiären Veränderungen im vergangenen Jahr. 133 Tabelle 11: Items zu Tätigkeiten in der Freizeit..................................... 134 Tabelle 12: Altersgruppen in der Stichprobe SOEP 2011 ..................... 137 Tabelle 13: Verwandtschaftsanteil unter genannten Freunden ............. 144 Tabelle 14: Geschlechtshomogenität der Freundschaftsbeziehungen . 146 Tabelle 15: Anteil an erstgenannten Personen in Prozent auf die Fragen: Wer ist Vertrauensperson? Wer unterstützt bei beruflichem Fortkommen? Wer kann unangenehme Wahrheiten sagen? Mit wem gibt es Streit oder Konflikte? . 147 Tabelle 16: Anzahl der Nennungen der Beziehungsinhalte .................. 148 Tabelle 17: Lebenszufriedenheit, Affektive Balance und Gesundheitszustand im Mittelwertvergleich zwischen den Altersgruppen ...................................................................... 155 Tabelle 18: Korrelationskoeffizienten (Spearman Rho ) zwischen Variablen für Gesundheit und Wohlbefinden ....................... 160 Tabelle 19: Korrelationskoeffizienten (Spearman Rho) zwischen Geschlecht und Variablen der Entwicklungsaufgaben ........ 161

XVI

Tabellenverzeichnis

Tabelle 20: Korrelationskoeffizienten (Spearman-Rho) zwischen Variablen für Gesundheit und Wohlbefinden sowie Nettoeinkommen und Erwerbsstatus, Partnerschaft und Elternschaft ......................................................................... 162 Tabelle 21: Korrelationskoeffizienten (Spearman-Rho) zwischen Variablen für Gesundheit und Wohlbefinden sowie Erwachsenenstatus ............................................................. 164 Tabelle 22: Korrelationskoeffizienten (Spearman-Rho) zwischen Variablen für Gesundheit und Wohlbefinden sowie sozialen Aktivitäten ............................................................................ 166 Tabelle 23: Korrelationskoeffizienten (Spearman-Rho) zwischen Variablen für Gesundheit und Wohlbefinden sowie Bereichszufriedenheiten ...................................................... 167 Tabelle 24: Koeffizientenübersicht - lineare Regressionen – abhängige Variablen: Affektive Balance, Gesundheitszustand ............................................................ 170 Tabelle 25: Baseline Charakteristika Lebenszufriedenheit im jungen Erwachsenenalter ................................................................ 172 Tabelle 26: Koeffizientenübersicht - binär logistische Regression – abhängige Variable: (Lebenszufriedenheit dichotomisiert) . 174 Tabelle 27: Fragestellungen der qualitativen Studie ............................. 178 Tabelle 28: Beschreibung des Samples ................................................ 184 Tabelle 29: Vorgehen der Datenauswertung......................................... 187 Tabelle 30: Einflüsse auf das Wohlbefinden junger Erwachsener aus den Ergebnissen der quantitativen und der qualitativen Studie dieser Arbeit ............................................................. 329 Tabelle 31: Aspekte des gelingenden Übergangs................................. 342 Tabelle 32: Implikationen und Maßnahmen nach den Prinzipien des gelingenden Übergangs ...................................................... 348

Zusammenfassung Der Übergang ins Erwachsenenalter ist gekennzeichnet von schwer greifbaren Grenzen zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Junge Menschen befinden sich oft in einem Zwischenzustand. Diese Lebensphase wird als emerging adulthood bezeichnet. Die zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben Auszug aus dem Elternhaus, Einstieg in den Beruf, Partnerschaft und Elternschaft stellen Anforderungen an die jungen Erwachsenen, die in Verbindung mit den sich verändernden sozialen Beziehungen und mit Gesundheit und Wohlbefinden in dieser Lebensphase stehen. Davon ausgehend, dass Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene auf der Basis von Ressourcen entstehen, geht diese Arbeit der Fragestellung nach, wie der Übergang ins Erwachsenenalter gelingt. Diese allgemein ausgerichtete Fragestellung wird in zwei Studien untersucht. Dazu leistet eine Sekundärdatenanalyse, basierend auf Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), die Auswertung verschiedener Parameter der Altersgruppe junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren. Dies geschieht in Bezug auf ihre Entwicklung, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden und ihre sozialen Beziehungen, auch im Vergleich zu älteren Erwachsenen. Diese Studie zielt darauf, Einflüsse auf Gesundheit und Wohlbefinden aufzuzeigen. Dazu werden Mittelwertvergleiche, Korrelationsanalysen und Regressionsanalysen mit der Software SPSS© durchgeführt. Mittels einer qualitativen Interviewstudie mit 20 jungen Frauen und Männern (24-31 Jahre) werden subjektive Erfahrungen und Konstruktionen zum Erwachsenwerden aus den Lebensbereichen Soziale Beziehungen, Berufseinstieg und Gesundheit und Wohlbefinden erhoben und in den drei Auswertungsschritten Fallanalyse, kategoriale Analyse und Typenbildung mit dem Fokus auf Muster von gelingenden Übergängen analysiert. Die Ergebnisse der quantitativen Sekundärdatenanalyse weisen auf Besonderheiten in den sozialen Beziehungen und auf ein vergleichsweise hohes Maß an Wohlbefinden und Gesundheit der Altersgruppe junge Erwachsene hin. Einflüsse auf die Ausprägung von Gesundheit und Wohlbefinden werden nur in geringem Maße aufgezeigt. Dabei sind verschiedene Parameter der sozialen Beziehungen, z. B. soziale Aktivitäten, als signifikant zu benennen. Mithilfe der qualitativen Analysen konnten neben der Vertiefung spezifischer Themen der Lebensphase mittels kategorialer Auswertung sowie, in den vier Fallanalysen, Beziehungen zu Eltern, Partnern und Freunden sowie Konstruktionen über das eigene Leben mit Bezug zu

XVIII

Zusammenfassung

Wohlbefinden und Gesundheit und dem Lebensbereich Arbeit rekonstruiert werden. Die vier identifizierten Typen zeigen Muster eines gelingenden Übergangs als Prinzipien auf. So ergeben sich die vier Prinzipien Anpassung, Selbstverwirklichung, Suchbewegungen und Verunsicherung. Die Ergebnisse verdeutlichen die Relevanz der Erforschung der Zielgruppe, aber auch der Beschäftigung mit den Belangen junger Erwachsener in Praxis und Politik. Neben vielen Optionen bestehen zahlreiche Anforderungen und damit Risiken des Scheiterns in dieser Lebensphase. Dem gegenüber liegt eine große Chance in der Unterstützung bei Ressourcenaufbau, -erhalt und -nutzung.

Zusammenfassung

XIX

Abstract (English) The transition to adulthood is marked by the elusive boundaries between adolescence and adulthood. Young people are often in an intermediate state. This phase of life is described as emerging adulthood. The developmental tasks moving out, finding a job, establishing a partnership and founding a family pose challenges to the young adults associated with the changing social relationships and health and well-being at this age. Assuming that health and well-being in young adulthood on a physical, psychological and social level are based on resources, this work handles the question how the transition to adulthood succeeds. This general issue is being investigated in two studies. A secondary data analysis, based on data from the Socio-Economic Panel (SOEP), analyzes the evaluation of various parameters of the age group of young adults between the ages of 18 and 35 with regard to their development, their health and well-being as well as their social relations, also compared to older adults. This study aims to show influences on health and wellbeing. For this purpose, mean value comparisons, correlation analyzes and regression analyzes are carried out with SPSS© software. In a qualitative interview study with 20 young women and men, subjective experiences and constructions concerning adulthood, social relations, career entry, health and well-being are collected and analyzed in the three evaluation steps: case analysis, categorial analysis and type formation with a focus on patterns of successful transitions. The results of the quantitative secondary data analysis point to distinctions in social relationships and a comparatively high level of well-being and health of the young adult age group. Influences on health and wellbeing are shown only to a small extent. Different parameters of social relationships were significant, e.g. social activities. In addition to the deepening of individual subjects in this age, the qualitative analyzes provided a reconstruction of relationships with parents, partners and friends as well as constructions about one's life related to well-being and health and the domain of work. The four identified types show patterns of successful transition as four principles, these are: adaptation, self-realization, exploration and uncertainty. The results clarify the relevance of the research on the target group, but also of dealing with the concerns of young adults in practice and politics. In addition to many options, there are many requirements and thus risks of failure in this phase of life. In contrast, there is a great opportunity to support resource development, preservation and use.

1 Einleitung Wann ist man erwachsen? Wann genau beginnt das Erwachsenenalter? Diese Fragen sind bereits im Alltag schwierig zu beantworten. Ratgeberliteratur und Presseartikel beschreiben ein Verschwimmen zwischen Jugend und Erwachsenenalter der Generation Y oder Millenials, als welche die Gemeinten1 bezeichnet werden. Begriffe wie "Berufsjugendliche", "Dauerstudenten" und "Hotel-Mama-Bewohner" suggerieren, dass einige Menschen zwar die Selbstbestimmung des Erwachsenenalters für sich beanspruchen, die Verantwortung desselben aber nicht übernehmen (z. B. Weyershausen, 2009). Die Lebensphase junges Erwachsenenalter wird derzeit auch wissenschaftlich aufgegriffen. In der aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzung setzt sich der Begriff emerging adulthood (Arnett, 2004) für die Lebensphase zwischen Jugend und Erwachsenenalter durch. Seit 2013 erscheint ein gleichnamiges Journal (https://uk.sagepub.com/en-gb/eur/journal/emerging-adulthood), herausgegeben mit der Society for the Study of Emerging Adulthood (SSEA). Die fünf Merkmale der von Arnett (2004) beschriebenen Lebensphase emerging adulthood sind Identitätsexploration, Instabilität, Selbstbezogenheit, sich im Übergang fühlen sowie Optionsvielfalt. Wie gestaltet sich das Leben junger Menschen während des Übergangs ins Erwachsenenalter und wie kann dieser Übergang gelingen? Obwohl junge Erwachsene zunächst kein naheliegender Gegenstand für eine gesundheitswissenschaftliche Studie sind, etwa weil andere Zielgruppen größere Gesundheitsrisiken aufweisen, weist diese Zielgruppe einige Merkmale auf, die ein Forschungsinteresse begründen. Junge Erwachsene befinden sich in ihrem Lebenslauf in einem Übergang von der Jugend

1

Hinweis zu gendergerechter Sprache: In dieser Arbeit werden, sofern verfügbar und verständlich, geschlechtsneutrale Formulierungen verwendet. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird an anderen Stellen das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

© Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_1

2

1 Einleitung

ins Erwachsenenalter. Übergänge sind sowohl aus entwicklungspsychologischer als auch aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht sensible bzw. kritische Phasen. Ein Übergang von einer Lebensphase in die nächste bringt umfassende Neuerungen der Lebensumstände mit sich, etwa einen Wechsel des sozialen Status oder der sozialen Rollen (Konietzka, 2010; Scherger, 2007). Weitere Hinweise auf eine kritische Lebensphase liefern die vergleichsweise schlechten Werte in Bezug auf die psychische Gesundheit dieser Altersgruppe. Beispielsweise Depressionen sind zwischen 2004 und 2016 unter jungen Erwachsenen (hier im Alter von 18-25 Jahren) um 76 % angestiegen. Dabei stieg die Betroffenheit von 4,3 % auf 7,6 %, was eine absolute Betroffenheit im Jahr 2016 von ca. 557 000 jungen Erwachsenen bedeutet (Grobe, Steinmann & Szecsenyi, 2018). Die Berichterstattung und bisherige Forschung über die junge Generation deutet weiterhin auf gesellschaftlich zu beobachtende Phänomene hin, wie Selbstbezogenheit, Abkehr vom Karrierefokus und auf den Wunsch nach einer sogenannten Work-Life-Balance (Hurrelmann & Albrecht, 2014; Koppetsch, 2014). Demografisch gesehen ist die Altersgruppe junge Erwachsene eine leistungsstarke Gruppe, relevant für die gesamte Gesellschaft. So wird zukünftig noch mehr abhängen von der Leistungsfähigkeit junger Erwachsener, die sich einem wachsenden Anteil an älteren und nicht erwerbstätigen Menschen in der Bevölkerung gegenübersehen. Die Lebensphase junges Erwachsenenalter muss aus verschiedenen Blickwinkeln zusammengenommen betrachtet werden. Individuelle Prozesse der Gesundheit und des Wohlbefindens und die persönliche Entwicklung sind genauso relevant wie gesamtgesellschaftliche Prozesse. Die Bedingungen, unter denen die jungen Menschen leben, aber auch allgemeinere Hintergründe, wie die Weltwirtschaftskrise, die Digitalisierung und der demografische Wandel, müssen berücksichtigt werden. Diese Arbeit ist daher auf Theorien aus drei Disziplinen aufgebaut, der Entwicklungspsychologie, der Soziologie und maßgeblich der Gesundheitspsychologie. Dazu bedient sie sich Entwicklungstheorien (z. B. psychosoziale Krisen nach Erikson, 1991), Theorien der Lebenslaufforschung sowie Theorien der Entstehung von Gesundheit und Wohlbefinden (Salutogenese nach Antonovsky, 1997). Auf dieser Basis geht diese Arbeit der Fragestellung nach einem gelingenden Übergang ins Erwachsenenalter nach. Ein Fokus liegt hierbei auf sozialen Beziehungen und den Einflüssen auf Gesundheit und Wohlbefinden junger Erwachsener. Ziel dieser Arbeit ist der Erkenntnisgewinn über die Lebensphase junges Erwachsenenalter. Insbesondere soll sie einen Beitrag leisten, Hintergründe und Einflüsse für einen gelingenden Übergang und subjektives Wohlbefinden zu beschreiben.

1 Einleitung

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Zur Untersuchung dieser Fragestellung wurden im Rahmen dieser Arbeit zwei empirische Studien durchgeführt, die durch Triangulation miteinander verbunden werden. Zunächst wurde eine Sekundärdatenanalyse auf Basis des SOEP (Sozio-ökonomisches Panel) durchgeführt, um die Altersgruppe in Hinblick auf Merkmale der sozialen Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden einzuordnen. Die zweite Studie ist eine qualitative Interviewstudie mit 20 Befragten, die ihre persönlichen Erfahrungen und subjektiven Konstruktionen zu Erwachsenwerden, sozialen Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden untersucht. In den Kapiteln 2 und 3 wird die theoretische Basis dargestellt. Dabei wird zunächst die Lebensphase junges Erwachsenenalter aus den Perspektiven der Lebenslaufsoziologie und der Entwicklungspsychologie betrachtet. Anschließend werden die Theorien und bisherigen Erkenntnisse zur Gesundheit und zum Wohlbefinden junger Erwachsener dargelegt. Theoretische Grundlagen zu sozialen Beziehungen und dem Berufseinstieg junger Menschen werden in den Kapiteln 4 und 5 dargelegt. Kapitel 6 integriert die theoretischen Grundlagen, um einen gelingenden Übergang greifbar zu machen. In Kapitel 7 wird das triangulierende Forschungsdesign erläutert. Daran schließt sich die Darstellung der Methoden und Ergebnisse der Sekundärdatenanalyse an (Kapitel 8 und 9) und die Darstellung der Methoden und Ergebnisse der qualitativen Interviewstudie (Kapitel 10 und 11). Anschließend werden die Methoden und Ergebnisse beider Studien trianguliert und diskutiert (Kapitel 12 und 13). Die Arbeit schließt mit einem Fazit und Ausblick, welche Implikationen für Forschung und Praxis sowie für die Politik umfassen (Kapitel 14).

2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter Das junge Erwachsenenalter ist eine entscheidende Lebensphase, die sowohl bezüglich des Lebensalters als auch im Hinblick auf andere Eigenschaften schwierig greifbar ist. Versuche zur Abgrenzung zeigen gesellschaftliche oder psychologische Kriterien auf. Zu beobachten ist, dass eine verlängerte Lebensphase des Übergangs ins Erwachsenenalter mit Möglichkeiten zur Exploration eher für gebildete junge Menschen, die eine längere Ausbildung bis zur ökonomischen Unabhängigkeit durchlaufen, entstanden ist. Das Erleben dieser Lebensphase ist offenbar schichtabhängig, denn es werden finanzielle, kulturelle und soziale Ressourcen für diese Lebensphase benötigt, etwa für die Finanzierung eines Studiums. Dennoch haben das verschwimmende Ende der Jugendphase und der eher fließende Übergang in das Erwachsenenalter auf gesellschaftlicher Ebene Gültigkeit über eine Schichtzugehörigkeit hinaus (Walther, 1996). Die Soziologie der Lebenslaufforschung und die Entwicklungspsychologie, auch die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne (Baltes, Lindenberger & Staudinger, 2007), werden in den folgenden Abschnitten herangezogen, um diese Lebensphase einzuordnen. Aus soziologischer Perspektive werden der Lebenslauf, seine Regelmäßigkeiten, objektive Abfolgen von Ereignissen, die Kohorten, besondere historische Umstände und Veränderungen in der Gesellschaft betrachtet. Aus entwicklungspsychologischer Sicht steht die Entwicklung der Individuen im Vordergrund und sind das subjektive Erleben und Deuten von Ereignissen und Verläufen und die Identität der Menschen von Interesse (Konietzka, 2010). In diesem Kapitel wird zunächst das junge Erwachsenenalter als Konstruktion dargelegt, um dann Theorien und Modelle der Entwicklungspsychologie und Lebenslaufforschung darzustellen. Anschließend werden Theorien der Sozialisation und Identität mit Bezug auf die Lebensphase junges Erwachsenenalter vorgestellt. 2.1 Junges Erwachsenenalter als Konstruktion Die Definition, wann genau ein Mensch übergegangen ist und den Status eines Erwachsenen erlangt, ist schwierig festzulegen. Hierzu gibt es bereits in der Gesetzgebung Unterschiede, so ist eine Person in einem je unterschiedlichen Alter strafrechtlich erwachsen, wahlberechtigt oder geschäftsfähig. Über das biologische Alter hinaus, gelten außerdem Reife und Selbstständigkeit als Merkmale des Erwachsenseins (Faltermaier, © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_2

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Mayring, Saup & Strehmel, 2014). Erwachsen ist jemand, der soziale, wirtschaftliche und psychische Unabhängigkeit von den Eltern beziehungsweise der Elterngeneration erreicht hat. Ein Erwachsener gilt als „fertiger“ Mensch, der vollständig auf seine individuellen und gesellschaftlichen Aufgaben in einem selbstständigen Leben vorbereitet ist (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Dieser stellt eine ausgebildete, mündige und selbstständige Person dar, welche ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist. Der Mensch muss dazu intellektuelle und soziale Fähigkeiten und Qualifikationen durch Bildung erworben haben. Eine Bindung bzw. Partnerschaft mit (der Möglichkeit zur) Familiengründung gilt als Schritt in das Erwachsenenalter sowie ein eigenes Wertesystem, welches ein eigenständiges verantwortliches Handeln und einen individuellen Lebensstil ermöglicht (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Nicht ein einzelnes Kriterium, wie das Erreichen eines bestimmtes Alters, und keine rituelle Initiation markieren den Erwachsenenstatus einer Person in unserer Gesellschaft, sondern ein Zusammenspiel von Eigenschaften und Leistungen, die nicht bewusst definiert werden, sondern durch unbewusste unterschwellige in der Gesellschaft gültige Grundsätze entstehen. Erwachsene lassen sich beschreiben als unabhängige, autonome und physisch, kognitiv und sozial kompetente sowie verantwortungsvolle Akteure (Koenig, 2014). Einige gesellschaftliche Entwicklungen machen die Grenzen zwischen Jugend und Erwachsenenalter noch unschärfer und eine sogenannte Statusinkonsistenz entsteht. Diese bedeutet, dass Menschen in einigen Bereichen schon den Erwachsenenstatus erlangt haben, etwa durch den Berufseinstieg, in anderen Bereichen aber noch den Status eines Jugendlichen haben, da sie z. B. noch keine feste Partnerschaft etabliert haben. Dieser Zustand, der sich über 15 Jahre und länger hinziehen kann, führt zu Widersprüchen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Dazu passt, dass sich junge Erwachsene selbst nicht als erwachsen sehen bis sie ca. 25 Jahre alt sind (Boyd & Bee, 2012). Auch der Deutsche Jugendsurvey zeigt, dass im Zeitraum von 1992 bis 2009 die jungen Menschen zwischen 18 und 29, sich mit steigender Tendenz eher als Jugendliche denn eher als Erwachsene sehen (Gille, 2012). Nach Arnetts Studien sehen sich dann mit 30 Jahren 90% der Befragten als erwachsen (Arnett, 2004). Während in Kindheit und Jugend die meisten Entwicklungsprozesse mit einem bestimmten Lebensalter einhergehen und festgelegt sind durch körperliche Veränderungen oder soziale Regeln (z. B. Schulbeginn), sind die Entwicklungsschritte im jungen Erwachsenenalter unterschiedlicher ge-

2.1 Junges Erwachsenenalter als Konstruktion

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staltet und weniger an das biologische Alter der Personen gekoppelt (Silbereisen & Pinquart, 2008). Die jungen Erwachsenen haben eine andere Perspektive auf sich selbst und eine komplexere Lebenswelt als die von Jugendlichen. Zu den Bezügen zur Herkunftsfamilie und sozialen Kontakten aus der Jugend sowie dem überwiegenden Thema Ausbildung kommen die Berufswelt, neue soziale Beziehungen, neue Freizeitaktivitäten und das Thema ökonomische Absicherung hinzu (Faltermaier et al., 2014). Entscheidungen in der Jugend haben weniger weitreichende Folgen als im jungen Erwachsenenalter. Bereits in der Jugend spielen Berufswahl und Partnerschaft eine Rolle, aber im jungen Erwachsenenalter werden Entscheidungen nicht nur aufgrund kurzfristiger Präferenzen, sondern mit mehr Weitblick, Ernsthaftigkeit und langfristigerer Tragweite für die Zukunft getroffen. Junge Erwachsene haben eine Zukunftsperspektive, während Jugendliche aus einer Gegenwartsperspektive heraus auf ihr Leben blicken (Seiffge-Krenke & Gelhaar, 2006). Im jungen Erwachsenenalter wird ein Erproben unterschiedlicher Lebensentwürfe von der Gesellschaft toleriert. Junge Erwachsene durchlaufen die Lebensphase mit den meisten Freiheiten und der größten Unabhängigkeit im Vergleich zu allen anderen Lebensphasen (Seiffge-Krenke & Gelhaar, 2006). Die jungen Erwachsenen sind weniger festgelegt als Menschen im mittleren und späten Erwachsenenalter, was in Bezug auf Partnerschaften, den Beruf aber auch für Werte zutrifft. Junge Erwachsene haben zusammengefasst viele Möglichkeiten und Freiheiten ihr Leben zu gestalten. Sie haben mehr Freiheit und Selbstständigkeit als in der Jugend und dabei alle Privilegien Erwachsener, befinden sich häufig aber noch im Bildungssystem und in ökonomische Abhängigkeit. Widersprüche können sich für die jungen Erwachsenen ergeben, denn sie führen teilweise einen ähnlichen Lebensstil wie Jugendliche, aber sehen sich der gesellschaftlichen und eigenen Erwartung gegenüber, erwachsen zu sein. Wolf (2014) versucht sich an einer Definition der Konstruktion des Erwachsenen für die Disziplin der Erwachsenenpädagogik und findet einige Schwierigkeiten, Uneindeutigkeiten und verschiedene Kriterien dafür, wann ein Mensch als erwachsen gilt. Eine Negativdefinition ist demnach am einfachsten: nicht erwachsen sind Kinder und Jugendliche, alle anderen Menschen sind demnach erwachsen. Eine positive Definition ist schwieriger, Wolf (Wolf, 2014) trägt drei Kategorien der modernen Konstruktion vom Erwachsensein zusammen: eine körperlich-medizinische Kategorie der Reife, eine rechtliche Kategorie der Mündigkeit und eine philosophische Kategorie der Verantwortung. Erwachsensein zeigt sich außerdem als kulturabhängiges Alltagskonstrukt. Dieses ist festzumachen an

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Rollen- und Beziehungsmustern, sowie Aufgaben und Funktionen, die erwachsenen Menschen zugeschrieben werden. Erwachsenen wird ein hohes Maß an Autonomie und Selbstbestimmung etwa bei der Wahl von Beziehungen, des Berufs oder des Wohnortes zugeschrieben. Des Weiteren werden sie als Menschen angesehen, die ihren Platz gefunden haben und mit Eigenschaften wie Überzeugung und Standfestigkeit beschrieben (Dommermuth, 2008 zit. n. Wolf, 2014). Folgende persönliche Eigenschaften (ausgewählt aus einer längeren Liste im Original) von Erwachsenen entwirft Hudson (1991) in seinem Werk über das Erwachsenenalter als Selbsterneuerung und beschreibt hauptsächlich Fähigkeiten, die Erwachsene für ein erfüllendes Leben benötigen: • hohes Maß an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein • Interesse und Einfühlungsvermögen für andere (Zuhören) • Gefühle angemessen ausdrücken • zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden • Kritik ertragen und Kritik üben • Probleme wahrnehmen und Lösungsstrategien entwickeln (Hudson, 1991). Für das Erwachsenenalter finden sich auch negative Zuschreibungen wie Desillusionierung und die fehlende Frische, Neugier und Authentizität von Kindern. Die Kindlichkeit wird als verlorener Teil der Persönlichkeit angesehen, die Leichtigkeit der Jugend wird gegen den Ernst des Lebens eingebüßt. Verlusterleben im Erwachsenwerden heißt auch, sich der Sterblichkeit bewusst zu werden, dem Tod bewusst näher zu rücken und zu bemerken, dass nach der Zeit des Aufbaus, also Kindheit und Jugend, Abbauprozesse beginnen (Wolf, 2014). Arnett (2004) erforschte qualitativ, wie junge Erwachsene (hier: emerging adults, siehe Abschnitt 2.2.2) Erwachsensein definieren. Klar zu erkennen ist, dass Erwachsenwerden für die jungen Erwachsenen heißt, unabhängig und selbstständig zu werden. Dazu zählen drei zentrale Motive, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, eigenmächtige Entscheidungen zu treffen und finanziell unabhängig zu werden von den eigenen Eltern. Während sie unabhängig werden, werden die jungen Erwachsenen sich aber auch ihrer Verantwortung gegenüber anderen bewusst und gehen immer mehr Verpflichtungen (gegenüber anderen) ein - diese persönliche Entwicklung sehen die jungen Erwachsenen selbst als Anzeichen fürs Erwachsenwerden an, die traditionellen Entwicklungsaufgaben (siehe Abschnitt 2.2.2), die das Erwachsenenalter objektiv markieren sollen (Heirat, Vollzeitjob, Bildungsabschluss) sind ihnen weniger wichtig (Ar-

2.1 Junges Erwachsenenalter als Konstruktion

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nett, 2004). Insgesamt scheinen die jungen (emerging) Erwachsenen persönliche Konzepte des Erwachsenenalters zu konstruieren. Dabei werten sie Kriterien auf individueller Ebene sowie kontrollierbare Kriterien für den Übergang ins Erwachsenenalter höher als soziale Statusübergänge (Heirat, Elternschaft). Am höchsten gewertet wurden nach Sharon (2016) emotionale Unabhängigkeit und reife Beziehungen sowie Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen (Sharon, 2016). Keddi (2008) untersuchte junge Frauen und beschreibt eine heterogene Gruppe mit einer "Vielfalt ihrer subjektiven Lebenskonstruktionen und ihres Handelns“ (S. 432). Die Angleichungen der Lebenschancen junger Frauen und Männer führt auch dazu, dass das Erwachsenenleben nicht als planbar, sondern voller unterschiedlicher Optionen erscheint (Keddi, 2008). Zentrale Themen in dieser Lebensphase, die Keddi (2008) als relevant für Lebensentscheidungen und Lebenskonstruktionen identifiziert, sind Selbstentwicklung, Partnerschaft, Traditionen und biografische Krisen. Eine solche biografische Krise kann die sogenannte quarterlife crisis darstellen. Sie beschreibt ein Phänomen, nach dem junge Menschen in eine Krise geraten, wenn ihnen bewusst wird, dass sie ihre Ziele aus der Jugend noch nicht erreicht haben, etwa einen guten Beruf auszuüben und eine stabile Familie aufgebaut zu haben. Die jungen Erwachsenen, die kein geregeltes Leben haben, sondern verschiedene Jobs ausgeführt, Wohnorte erlebt und Erfahrungen gesammelt haben, fragen sich in dieser Krise, worauf sie ihr weiteres Leben aufbauen sollen (Böhnisch, 2004). In diesem Zusammenhang kann eine neu beschriebene Entwicklungsaufgabe im Rahmen der Erforschung der Lebensphase emerging adulthood für das junge Erwachsenenalter gesehen werden, nämlich meaningfulness beziehungsweise einen Sinn im Leben finden. Diese Aufgabe betrifft verschiedene Lebensbereiche einschließlich love and work (Partnerschaft und Beruf) und ist ein wesentlicher Teil der Identitätsarbeit (Mayseless & Keren, 2014; siehe Abschnitt 2.4). Der Begriff „Rushhour des Lebens“ beschreibt eine Phase, in der in kurzer Zeit mehrere bedeutende Lebensentscheidungen getroffen werden müssen. Sie zeigt sich besonders bei Akademikerinnen, die durch einen späteren Berufseinstieg innerhalb eines Zeitraumes von etwa 5-7 Jahren Entscheidungen in den Lebensbereichen Berufseinstieg und Karriere sowie zu gemeinsamem Haushalt, Ehe und Familiengründung treffen müssen. Die Lage am Arbeitsmarkt, insbesondere Anforderungen zu Mobilität und Flexibilität erschweren die Entscheidungen zusätzlich. Bei den Entscheidungen sind außerdem meistens zwei Personen betroffen, deren Le-

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

bensläufe und –pläne in den Bereichen Beruf und Familie in Einklang gebracht werden müssen (Bujard & Panova, 2016). Zusammengefasst ist die Qualifikations- und Ausbildungsphase länger geworden, die biologische Fruchtbarkeit ist gleichgeblieben. Der siebte Familienbericht der Bundesregierung definiert einen besonders großen Zeitdruck bei den 27 bis 35 Jährigen (Bundesministerium für Familie, 2006). Ein anderer Aspekt des Phänomens ist die mengenmäßige Belastung durch Erwerbsarbeit und Familienarbeit, die für junge Familien mit kleinen Kindern für einige Jahre sehr geballt ist, so dass die jungen Erwachsenen Schwierigkeiten haben, beiden Lebensbereichen gerecht zu werden (Bujard & Panova, 2016). Die gesamte Problematik wird auf die deutsche Berufsstruktur und die sozialpolitischen Rahmenbedingungen zurückgeführt. Im historischen Vergleich bleibt den Frauen für die Geburt mehrerer Kinder immer weniger Zeit, das Alter bei der Geburt des ersten Kindes ist entsprechend zum Alter bei Berufseinstieg und bei Heirat angestiegen (Bertram, Bujard & Rösler, 2011). Junge Erwachsene sind am stärksten von der Flexibilisierung und Digitalisierung des Berufslebens betroffen. Hieran zeigt sich, dass das junge Erwachsenenalter als Lebenslage auch sozialpolitisch berücksichtigt werden müsste. Unterstützungssysteme für diese Altersgruppe für Bewältigungsressourcen in der Lebensphase gibt es noch nicht. Junge Frauen erleben insgesamt mehr Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie als junge Männer (Böhnisch, 2004; siehe Abschnitt 5.6). Doch wann endet das junge Erwachsenenalter und was sind die Unterschiede zur nächsten Lebensphase des mittleren Erwachsenenalters? Im mittleren Erwachsenenalter bestimmen andere Rollen und Entwicklungsaufgaben und Lebensereignisse das Leben der Menschen. Familie und Beruf sind dabei weiterhin zentrale Lebensthemen. Im Bereich Familie geht es nun nach der Familiengründung und der Versorgung von Kleinkindern um die Versorgung und Unterstützung älterer Kinder bis zur Selbstständigkeit und dem Auszug aus dem Elternhaus. Die Menschen übernehmen Verantwortung gegenüber den eigenen Eltern, ggf. auch ihre Pflege. Im Beruf geht es um die weitere Karriere und bei Frauen häufig um einen Wiedereinstieg nach einer Erziehungsphase. Die Mid-Life-Crisis wurde für diese Lebensphase viel beforscht und äußert sich, indem hinterfragt wird, was bisher im Leben war und was noch kommt, indem den Menschen die Endlichkeit ihres Lebens bewusst wird, sie ihr eigenes bisheriges und aktuelles Leben in Frage stellen und sie sich mit einem merklichen Rückgang der körperlichen und möglicherweise auch beruflichen Leistungsfähigkeit auseinandersetzen müssen (Faltermaier et al., 2014).

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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Als maßgebliche Kriterien für den Erwachsenenstatus gelten also vor allem die ökonomische und soziale Unabhängigkeit. Hieraus ergibt sich eine ökonomische Abkopplung vom Elternhaus, wobei gegenseitige Versorgungspflichten lebenslang bestehen, eine Etablierung am Arbeitsmarkt und die eigene Haushaltsgründung. Kein einzelner Übergang bildet die notwendige Voraussetzung für ein endgültiges Erreichen des Erwachsenenstatus, alle unterschiedlichen Übergänge zwischen Kindheit und Erwachsenenalter sind bedeutsam. Über einen gewissen Zeitraum erfolgt eine Abfolge von Ereignissen. Erwähnenswert sind vor allem die vielen nicht wiederholbaren Übergänge, wie das erste Kind und der erste Job), die sich in dieser Zeit vollziehen. Bildungs-, Erwerbs- und Familienübergänge sind in dieser Lebensphase miteinander verknüpft (Konietzka, 2010; siehe zu Übergängen Abschnitt 2.2.1). Für die jungen Erwachsenen bringen sie Rollenänderungen und Verhaltensänderungen mit sich. Letztlich kann eine Kombination aus den Kriterien Alter, psychologische Reife und gemeisterte Entwicklungsaufgaben das Erwachsenenalter definieren. Zur psychologischen Reife können Identitätsfindung, Intimitätsvermögen, psychologische Ablösung vom Elternhaus, Unabhängigkeit in Entscheidungen und Verantwortungsübernahme gezählt werden (Faltermaier et al., 2014; Hurrelmann & Quenzel, 2013). Konkrete Altersgrenzen für das junge Erwachsenenalter gibt es daher nicht, unterschschiedliche Definitionen sind 18-30 Jahre oder 20-40 Jahre (Konietzka, 2010). 2.2 Entwicklung und Lebenslauf Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Sie werden nicht nur körperlich älter, sondern ihre Entwicklung ist vielschichtig, ein „biopsychosoziales Geschehen“ (Silbereisen 2008, S. 8). In der Entwicklung eines Menschen gibt es verschiedene Lebensphasen, die grob in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter gegliedert werden können. In der Kindheit und Jugend entwickelt der Mensch neben körperlichen und motorischen Fähigkeiten, grundlegende Funktionen wie Sprache, Denken, Emotionalität und Moral. Im Erwachsenenalter entwickelt der Mensch sich weiter, etwa in den Bereichen Persönlichkeit und Kompetenzen. Das Erwachsenenalter kann

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

weiter in frühes Erwachsenenalter2, mittleres Erwachsenenalter und spätes Erwachsenenalter unterteilt werden. Die Entwicklung im Erwachsenenalter wird von dem Erwachsenen selbst mitbestimmt, mehr als in der Kindheit und Jugend, in denen Institutionen, z. B. die Schule, einen größeren Einfluss haben (Faltermaier et al., 2014). Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne stellt eine Orientierung dar, die die Entwicklung des Menschen über die gesamte Lebensspanne betrachtet, anstatt nur einzelne Phasen zu erforschen. Entwicklung passiert das ganze Leben lang und ist nicht auf diese bestimmten Phasen begrenzt. Die Hauptziele der Entwicklung über die Lebensspanne zeigen sich in Wachstum, Erhaltung und Regulation von Verlust (Baltes, Staudinger & Lindenberger, 1999). Individuelle Entwicklung wird durch den gesellschaftlichen und historischen Kontext beeinflusst (Baltes et al., 2007; Faltermaier et al., 2014). Entwicklungsprozesse beruhen auf Person-Umwelt-Interaktionen (Faltermaier et al., 2014). Die Entwicklung hin zum Erwachsenen vollzieht sich in einem Wechselspiel zwischen den Gedanken, Gefühlen und Motiven einer Person und den Anforderungen von außen, zwischen Individuum und Gesellschaft (Boyd & Bee, 2012). Entwicklung ist offen und bedeutet nicht nur Fortschritt, sondern kann Gewinn und/oder Verlust bedeuten. Entwicklung findet auf unterschiedlichen Ebenen, der kognitiven, der körperlichen, der emotionalen und der sozialen Ebene statt, wobei sie auf den unterschiedlichen Ebenen unterschiedlich schnell vonstattengehen kann. Entwicklungswege sind insgesamt sehr vielfältig, es ist keine Richtung, kein Weg und kein Endzustand vorgegeben (Baltes et al., 2007; Faltermaier et al., 2014). Ein Lebenslauf besteht, vereinfacht beschrieben, aus drei verschiedenen Phasen, die durch Übergänge miteinander verbunden sind. Die erste Phase ist die Vorbereitungsphase auf das aktive eigenständige Leben, also die Kindheit und Jugend. Darauf folgt die Aktivitätsphase mit gesellschaftlicher Teilhabe und insbesondere Erwerbsarbeit. Die dritte Phase ist die Ruhephase, in der Menschen sich aus dem aktiven Leben zurückziehen. Diese Dreiteilung kommt im Wesentlichen durch eine Orientierung am

2 Der Begriff „frühes Erwachsenenalter“ wird in dieser Arbeit nur verwendet, wenn es sich um eine Einteilung anderer Arbeiten oder Autoren handelt. Ansonsten werden in dieser Arbeit die Begriffe „junges Erwachsenenalter“ und „junge Erwachsene“ verwendet.

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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Erwerbssystem zustande. Das Bildungssystem und Rentensystem sorgen für vorgegebene Altersgrenzen dieser Lebensphasen, etwa durch Schulbeginn und Renteneintritt (Kohli, 1985 in Sackmann, 2013). Hierdurch bedingt ist das Zeitfenster für das Durchleben der Übergänge zwischen den Phasen für alle Menschen gleich, seitdem die Lebenserwartung der Menschen so weit angestiegen ist, dass die Mehrheit das Alter der Ruhestandsphase erreicht (Faltermaier, 2008; Konietzka, 2010; Sackmann, 2013). Der Lebenslauf der Mitglieder einer Gesellschaft ist also sozial geregelt und es gibt einen vorgegebenen idealen Lebenslauf, den sogenannten Normallebenslauf, der sich allerdings nach Geschlecht und sozialem Status unterscheidet (Scherger, 2007). Wie genau ein einzelner Lebenslauf aussieht, ergibt sich weiterhin aus individuellen Entscheidungen der Person. Diese werden jedoch nicht generell frei getroffen, sie erfolgen immer in einem sozialen, gesellschaftlichen und historischen Kontext. Dabei sind die Entscheidungen abhängig von den Präferenzen und Ressourcen der Person sowie von sozialen Rollen und Normen. Entscheidungen im Lebenslauf bauen aufeinander auf, sie beeinflussen zukünftige Entscheidungen und auch jene anderer Personen sowie Entscheidungen in anderen Lebensbereichen. Mechanismen, die Lebensläufe innerhalb einer Gesellschaft regulieren, sind etwa Vorgaben des Bildungssystems oder der sozialen Sicherung. Somit lenken Anreize oder Barrieren des Wohlfahrtsstaats, beispielsweise finanzielle Bevorteilung einer bestimmten Lebensform (z. B. Ehe), die Entscheidungen der Einzelnen (Konietzka, 2010). Als Dimensionen des Lebenslaufs können etwa Familienverläufe, Bildungsund Ausbildungswege, Erwerbs- und Berufskarrieren sowie Wohnungsund Wohnortsverläufe bezeichnet werden. Außerdem können berufsbezogene/öffentliche und private Dimensionen differenziert werden (Konietzka, 2010). Je nach Perspektive ist das junge Erwachsenenalter eine Phase im Lebenslauf oder eine Entwicklungsphase (oder jeweils ein Teil davon) und ist nach der Jugend zu Beginn des Erwachsenenalters zu verorten. Für die Einordnung des Lebenslaufs und der Entwicklungsphasen gibt es je nach Tradition unterschiedliche Konzepte und Erklärungsversuche, die im Folgenden erläutert werden. 2.2.1 Soziologische Konzepte Übergänge werden in den verschiedenen Forschungsdisziplinen unterschiedlich definiert. So werden Übergänge aus der rollentheoretischen Sichtweise als Sozialisationsprozesse des Eintretens und Verlassens von sozialen Rollen verstanden. Aus stresstheoretischer Sicht werden sie als

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

stressverursachende Ereignisse betrachtet. Aus der biografischen Perspektive erfordert ein Übergang mehr oder weniger individuelle Identitätsanpassungen und Aufwand zur subjektiven Bewältigung (Sackmann & Wingens, 2001). Die Übergangsforschung beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Übergangsstrukturen, innerhalb derer sich die Statuswechsel von Individuen vollziehen. Von Interesse sind insbesondere die Reihenfolge, Struktur und die wechselseitige Abhängigkeit von Ereignissen im Lebenslauf (Konietzka, 2010). Übergänge im Leben eines Menschen bedeuten eine Veränderung oder einen Wechsel in einem bestimmten Lebensbereich. Ein sozialer Status oder eine Position oder Rolle wird gewechselt, beispielsweise bei der Eheschließung oder der Geburt eines Kindes. Ein Übergang beschreibt jedoch nicht nur einen Zeitpunkt, sondern kann sich auch über einen längeren Zeitraum im Leben eines Menschen erstrecken. Mehrere Übergänge können voneinander abhängig oder zusammenhängend sein. Einige Übergänge sind umkehrbar, etwa durch eine Ehescheidung, andere Übergänge sind wiederholbar, beispielsweise durch das Absolvieren einer zweiten Ausbildung (Scherger, 2007). Der Begriff Statusübergang meint einen signifikanten Wechsel der sozialen Position. Statuspassage bezeichnet eine Phase, in der Statusübergänge in mehreren Bereichen passieren und die eine umfassende Neustrukturierung der Lebensumstände mit sich bringt (Konietzka, 2010). Die Gesamtheit von Übergängen, Ereignissen und Statuspassagen bildet ein Lebenslaufmuster (Scherger, 2007). Der Zeitpunkt von Übergängen ist von sozialen Normen bestimmt. Es gibt jeweils vorgesehene Zeitfenster für jeden Übergang im Lebenslauf. Passieren Übergänge deutlich früher oder später als in dem erwarteten Zeitfenster und als bei den meisten Gleichaltrigen, handelt es sich um sogenannte Off-Time-Übergänge, die für die Individuen zu negativen Folgen führen können (Sackmann & Wingens, 2001). Beispielsweise könnte eine Frühverrentung aufgrund von materiellen Nachteilen das Leben in ungünstige Bahnen lenken (Filipp & Aymanns, 2010; siehe dazu Lebensereignisse in Abschnitt 2.2.3). Die Gestaltung von Übergängen ergibt sich durch private, institutionelle und kollektive Entscheidungen. Individuelles Handeln in Bezug auf Übergänge richten Menschen an sozialen Normen, persönlichen Zielen, Wissen und Fähigkeiten aus, wobei sie unterschiedlich viel Kontrolle über Beginn, Ende und Gestaltung des Übergangsprozesses haben. So ist der Austritt aus der Schule so stark standardisiert, dass es wenig individuellen Spielraum oder Kontrolle gibt (Scherger, 2007).

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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Die Übergänge Eheschließung, Geburt von Kindern, Eintritt in das Berufsleben sind normative Übergänge in der Lebensphase junges Erwachsenenalter, die in dieser Arbeit auch als Übergang in das Erwachsenenalter bezeichnet wird. Zusammengenommen markieren die beschriebenen Übergänge im Lebenslauf den Wechsel zum Status eines Erwachsenen in der Gesellschaft. Durch die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte mit der Ausrichtung auf Individualisierung und einem potentiell großen Angebot an Lebensgestaltungsmöglichkeiten verschwinden starre Regeln und Normen und damit auch klare Orientierungen für die Lebensentscheidungen der Menschen. Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung an den Entscheidungsmöglichkeiten und -zwängen in der Lebensphase zwischen Jugend und Erwachsenenalter. Junge Menschen leben heute unter ganz anderen Rahmenbedingungen als etwa ihre Elterngeneration zuvor. Destandardisierung, De-Institutionalisierung und Individualisierung stellen die beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse dar, deren Beginn auf die 1970er Jahre zu datieren ist. Es existieren weniger Standards, Normen und Regeln für den zeitlichen Ablauf der Lebensläufe der Menschen und damit für Übergänge. Das Alter bei bestimmten Übergängen und die Dauer dieser Übergänge variiert stärker und die Pluralisierung beschreibt die Vervielfältigung bestimmter Lebensformen. Das Normalarbeitsverhältnis, die Normalerwerbsbiografie und die Normalfamilie verlieren als vorherrschende Standards ihre Gültigkeit. Die vormals einflussreichen Institutionen Familie, Klasse und Dorf verlieren an Einfluss, so dass etwa altersbezogene Normen weniger verbindlich werden oder ganz wegfallen (Faltermaier, 2008; Scherger, 2007). Es vollzieht sich ein Wechsel hin zu indirekter Kontrolle durch sekundäre Institutionen wie Arbeitsmarkt oder Wohlfahrtsstaat. Individualisierung beschreibt mehr individuelle Freiheiten, Möglichkeiten und Wege einen Lebenslauf zu gestalten. Gleichzeitig gibt es die Pflicht für den Einzelnen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und individuelle Entscheidungen zu treffen und dabei größere Kompetenzen zu zeigen (Scherger, 2007). Der Begriff Flexibilisierung kommt aus der Arbeitswelt und meint, dass etwa die Flexibilisierung der Arbeitszeiten sich auswirkt auf Lebensläufe. Die Menschen müssen mobiler sein und sowohl flexibel auf Veränderungen ihrer Tätigkeitsfelder aber auch ihrer Arbeitsorte reagieren (Scherger, 2007). Im Bereich der Arbeit gibt es weitere Entwicklungen, die diesen Lebensbereich im jungen Erwachsenenalter bestimmen, welche im Kapitel 5 ausgeführt werden. Dazu zählen etwa die Globalisierung und die Digitalisierung. Diese gesellschaftlichen Veränderungen der Normen, Institutionen und

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Strukturen, auch sozialer Wandel genannt, verändern dauerhaft die Lebenswelten der Menschen. Der Wandel erfordert von den Menschen eine Anpassung und die Bewältigung neuer Anforderungen. Insgesamt betrachtet führt die beschriebene Destandardisierung und Individualisierung bei vielen Menschen zu einem Aufschieben von weitreichenden Entscheidungen und Übergängen aufgrund von geringer Vorhersehbarkeit und Unsicherheit. Erkennbar wird dies an späterer Heirat und Familiengründung (Blossfeld, 2006; Silbereisen, 2008). Übergänge im Bereich Ehe und Familie sind also mit mehr Unsicherheit verbunden. Die Menschen sehen insbesondere mehr Eigenverantwortung für Entscheidungen im Bereich Familie (Silbereisen, 2008). Der Zeitpunkt der Familiengründung wird aktuell nach hinten verschoben, obwohl die individuell biologischen Rahmenbedingungen sich nicht verändern (Scherger, 2007). Dadurch, dass das Modell der Einverdiener-Ehe mit lebenslangem Normalarbeitsverhältnis immer noch staatlich (steuerlich) gefördert wird, entsteht eine Widersprüchlichkeit zwischen den individuellen Zielen der jungen Erwachsenen und den veralteten institutionellen Rahmenbedingungen (Konietzka, 2010). Erkennbar ist, dass es immer mehr Alleinstehende, Alleinerziehende oder ohne Trauschein zusammenlebende Menschen (sogenannte Nicht-eheliche-Lebensgemeinschaft) gibt. Die Scheidungsraten sind höher und eine Ehe wird nicht mehr durch wirtschaftliche Notwendigkeit und gesellschaftlichen Druck zusammengehalten. Partnerschaftsmodelle sind inzwischen vielfältig und auch in weiteren sozialen Beziehungen geht die Individualisierung voran. Beziehungen zwischen den Generationen haben sich ebenfalls geändert, etwa dahingehend, dass Kinder erst später finanziell von ihren Eltern unabhängig werden und diese ihre erwachsenen Kinder länger unterstützen. Daneben gibt es neue Anforderungen zur privaten Altersvorsorge, für die nicht zuletzt der demografische Wandel verantwortlich ist (Tomasik & Silbereisen, 2008). Auf Veränderungen, Prozesse und Bedeutung sozialer Beziehungen im jungen Erwachsenenalter wird in Kapitel 4 eingegangen. Konietzka (2010) analysierte den Übergang ins Erwachsenenalter zwischen 14 und 30 Jahren mithilfe von Kohortenvergleichen anhand fünf ausgewählter Übergänge und identifiziert sechs spezifische Muster von Übergängen. Jedoch haben weniger als 30 % einer Kohorte jeweils die normative Reihenfolge (Ausbildung, Erwerbseinstieg, Eheschließung, Auszug, Familiengründung) durchlaufen, aber 70 bis 80 % der jungen Menschen lassen sich in nur 6 unterschiedliche Muster einteilen. Eine Entkopplung und Destandardisierung von Statusübergängen zeigt sich somit

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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nicht generell, sondern eine Kopplung der Übergänge hat sich in Teilbereichen verändert und findet auf individueller Ebene statt, so dass mehr Übergangsmuster entstehen, deren Regelmäßigkeit aber hoch bleibt (Konietzka, 2010). Berngruber (2016) analysierte Statusübergänge junger Erwachsener zwischen 18 und 32 Jahren mit Daten des DJI-Survey AID:A und zeigt auf, dass junge Menschen mit Abitur die einzelnen Übergänge verdichteter durchlaufen als junge Erwachsene mit niedrigeren Bildungsabschlüssen. Bei Frauen sind die verschiedenen Übergänge abhängiger voneinander als bei Männern (Berngruber, 2016). Der Übergang ins Erwachsenenalter hat sich damit in den letzten Jahrzehnten verändert und verschoben, er ist unklarer und eher verschwommen geworden. Die Anforderungen an die jungen Erwachsenen von außen und von innen sind zum Teil widersprüchlich, die Auseinandersetzung mit ihnen erfordert viele Ressourcen. 2.2.2 Entwicklungspsychologische Konzepte Anders als Übergänge, die aus einer Lebenslaufperspektive der Soziologie untersucht und beschrieben werden, erklärt die Entwicklungspsychologie den Lebensverlauf von Menschen mittels Entwicklungsstufen, -schritten, aufgaben oder –phasen. Im Folgenden werden zunächst klassische Entwicklungsmodelle von Erikson (1991), Havighurst (1972), Levinson (1986) und Gould (1979) dargestellt, die Lebensphasen von Menschen bestimmte Inhalte und Anforderungen zuordnen. Insbesondere wird dabei auf die Zuschreibungen für das junge Erwachsenenalter eingegangen, um die Themenvielfalt der Entwicklung in dieser Lebensphase aufzuzeigen. Zuletzt wird das jüngere Konzept emerging adulthood von Arnett (2004) dargestellt, welches auf neuere gesellschaftliche Phänomene eingeht. Entwicklungsstufen Erikson (1991) geht von einer Entwicklung des Menschen in Entwicklungsstufen aus und beschreibt die Stufen oder Abschnitte der Persönlichkeitsentwicklung als psychosoziale Krisen. Jede dieser Krisen führt bei erfolgreicher Überwindung zu einem gestärkten Selbstwertgefühl, einem besseren Verständnis der sozialen Umwelt und einer klareren Vorstellung der eigenen Zukunft und Persönlichkeit. Es gibt nach Erikson acht Entwicklungsstufen und acht dazugehörige psychosoziale Krisen, die in Polaritäten ausgedrückt werden. Alle Menschen müssen sich je nach ihrer Lebensphase mit vorbestimmten Themen auseinandersetzen, die aus normativen Anforderungen entstehen. Im Jugendalter beschreibt Erikson eine Identitätskrise mit den Polen Identität vs. Identitätsdiffusion. Diese muss

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

gelöst werden, um sich in der nächsten Phase dem Thema der nächsten Krise zu widmen (siehe zu Eriksons Modell der Identität Abschnitt 2.4). Denn im jungen Erwachsenenalter verortet Erikson das Thema Intimität mit dem Gegenpol Isolation. Der junge Mensch muss sich bemühen, eine enge Beziehung in einer Partnerschaft aufzubauen. Dies wird ihm nur gelingen, wenn er bis zu diesem Augenblick in der Jugend ein stabiles Bild von sich selbst (Identität) entwickelt hat. Wenn er seine eigenen Fähigkeiten, Wünsche und Werte kennt, kann er in einer engen Beziehung seine Individualität bewahren und ist zu Hingabe und echter Bindung fähig. Distanzierung ist dabei das Gegenstück zu Intimität. Es ist ebenso von Bedeutung sich von denjenigen Menschen und Dingen abzugrenzen, die nicht zu einem passen, und diejenigen fernzuhalten, welche einem selbst schaden könnten (Erikson, 1991). Die Erfahrung von Intimität wird zur Aufgabe, die jungen Erwachsenen müssen einen passenden Lebenspartner finden, sie müssen das Zusammenleben in der Partnerschaft lernen, da die Gefahr besteht, ansonsten die Fähigkeit zu versäumen, tiefe Beziehungen aufzubauen und sich so sozial zu isolieren. Anders als in der Jugend wird von jungen Erwachsenen erwartet, dass sich ihre Partnerschaften durch mehr Stabilität und Verbindlichkeit auszeichnen (Boyd & Bee, 2012; Faltermaier et al. 2014). Für die ausführliche Darstellung von Eriksons Theorie über die Entwicklung in psychosozialen Krisen über den Lebenslauf sei auf (Erikson, 1991) verwiesen. Tabelle 1 stellt die Entwicklungsphasen Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter gegenüber, indem in den Spalten die von Erikson beschriebenen psychosozialen Krisen mit den dazugehörigen Beziehungspersonen und psychosozialen Modalitäten dargestellt werden.

Tabelle 1: Entwicklungsphasen Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter (eigene Darstellung nach Diagrammen in Erikson 1991) Entwicklungsphase

Psychosoziale Krise

Adoleszenz

Identität gegen Identitätsdiffusion

Frühes Erwachsenenalter

Intimität gegen Isolierung

Umkreis der Beziehungspersonen Eigene Gruppen, „die Anderen“, Vorbilder Freunde, sexuelle Partner, Rivalen, Kollegen

Psychosoziale Modalitäten Wer bin ich? Wer bin ich nicht? Das Ich in der Gemeinschaft Sich im anderen verlieren und finden

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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Entwicklungsaufgaben Nach dem von Havighurst (1972) entwickelten Modell stehen Menschen in jeder Phase des Lebens vor sogenannten Entwicklungsaufgaben, die die Themen und das Handeln von Menschen in diesem Lebensalter bestimmen. Sie bilden Anforderungen, denen eine Person in einem bestimmten Alter gerecht werden muss. Diese Aufgaben erwachsen aus eigenen Werten und Zielen und aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen. Durch das Auseinandersetzen mit den alterstypischen Aufgaben entwickelt der Mensch Fertigkeiten und Kompetenzen für seine Persönlichkeitsentwicklung und für die Lösung zukünftiger Entwicklungsaufgaben (Schmid, 2013). Die Anforderungen kommen von außen und von innen. So durchläuft jedes Individuum biologische Veränderung, wie jeder Mensch auch persönliche Erwartungen an sein Leben und Werte hat, aufgrund welcher er sich selbst Entwicklungsziele steckt. Auf der anderen Seite werden Anforderungen der Gesellschaft an das Individuum herangetragen, da bestimmte Entwicklungsschritte und Handlungen für ein bestimmtes Alter als angemessen gelten und als Ziel für individuelles Verhalten nahegelegt werden (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Zu den Entwicklungsaufgaben, die im jungen Erwachsenenalter vorgesehen sind, gehören die Gründung eines eigenen Haushalts, eine feste Partnerschaft und der Einstieg in den Beruf. Eine weitere Aufgabe besteht aus der Ablösung von der Herkunftsfamilie, dazu gehören der Auszug aus dem Elternhaus, die finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern, das Ablegen der Rolle des Kindes und die innere Lösung vom Elternhaus. Weiterhin müssen junge Erwachsene „erwachsene“ Entscheidungen treffen, z. B. in der Partnerschaft oder der Berufswahl (Faltermaier et al., 2014). Die beschriebenen Modelle und Theorien von Erikson und Havighurst neigen dazu, normative universelle Entwicklungsschritte und -aufgaben für jeden Menschen zu formulieren. In der Realität gibt es mehr Unterschiede in den Lebensverläufen, als dass wirklich alle Menschen über diese Modelle gut abgebildet werden können. Insbesondere, dass ein Abweichen von den normativen Wegen, die als gesunde oder ideale Entwicklung beschrieben werden, als falsch oder pathologisch angesehen wird, ist kritisch zu bewerten. Die jungen Erwachsenen sind nach Boyd und Bee (2012) in fünf Bereichen mit altersbedingten Anforderungen konfrontiert: • akademisch (Bildung abschließen) • freundschaftlich (Beziehungen pflegen) • beruflich (Einstieg in den Beruf) • handlungsbezogen (Entscheidungen treffen)

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

• romantisch (feste intime Partnerschaft) (Boyd & Bee, 2012). Zum Teil gehen die Aufgaben in den verschiedenen Bereichen ineinander über, etwa die Ablösung von Elternhaus und die Gründung eines eigenen Haushalts. Hurrelmann und Quenzel (2013) unterteilen Entwicklungsaufgaben in psychobiologische und soziokulturelle Aufgaben und bildet vier Cluster für die Lebensphase Jugend, die als Voraussetzungen für den Übergang in das Erwachsenenalter angesehen werden können. • Qualifizieren: Kompetenzen, Bildung für Beruf und soziale Anforderungen • Binden: Geschlechts-Identität, Ablösung von Eltern, Intimität zu Partner, soziale Kontakte entwickeln • Konsumieren: Angebote aus Wirtschaft, Medien, Freizeit konsumieren lernen • Partizipieren: Werte- und Normensystem für politische, bürgerliche Teilhabe (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Das Leben der Menschen im Alter zwischen 18 und Ende 20 ist durch große interindividuelle Unterschiede gekennzeichnet. Es gibt eine Vielzahl von Bildungs- und Berufswegen, und neben der traditionellen Ehe eine Reihe von Lebensformen und Möglichkeiten, das Zusammenleben mit einem Partner zu gestalten (Faltermaier et al., 2014). Entwicklungsaufgaben sind zwar normativ und es gibt vorgesehene Zeitfenster und Reihenfolgen, aber die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben verläuft sehr unterschiedlich. So ist etwa der Auszug aus dem Elternhaus abhängig von der Familienkonstellation, der Anzahl der Geschwister, dem Geschlecht, dem Verhältnis zu den Eltern, der eigenen Berufssituation, einer vorhandenen Partnerschaft und anderen Faktoren (Seiffge-Krenke & Gelhaar, 2006). Allerdings gibt es unterschiedliche Konstellationen, in denen Menschen zu anderen Zeitpunkten oder in anderer Reihenfolge als der normativ vorgesehenen diese Entwicklungsaufgaben bewältigen. In diesen Fällen kommt es wie beschrieben zu Off-Time-Übergängen und non-normativen Übergängen und Verläufen. Dies führt dazu, dass sich der Mensch mit einem ggf. als Scheitern wahrgenommenen Weg auseinandersetzen muss, einen anderen Weg einschlagen muss als er selbst vorgesehen hatte, seine Ziele und Identität anpassen muss oder weitere Entwicklungsaufgaben ebenfalls nicht oder nicht zum normativen Zeitpunkt erfüllen kann (Pulkkinen & Caspi, 2002). Große Unterschiede entstehen außerdem dadurch, dass nicht nur von außen wahrgenommene Aufgaben, sondern auch persönliche Ziele, Projekte und Lebensaufgaben von den jungen Erwachsenen verfolgt werden (Seiffge-Krenke & Gelhaar, 2006). Um Entwicklungsziele zu erreichen, investiert der Mensch Ressourcen. Merkt der Mensch, dass

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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er sein Ziel nicht mehr erreich kann, lässt er davon ab, um sich selbst und seine Identität zu schützen. Menschen passen ihre Ziele an die Bedingungen ihrer Lebensphasen an. Im Alter können die Ziele eher zu vermeidende Verluste sein (wie Gesundheit und Partnerschaft), während im jungen Erwachsenenalter die Ziele auf Gewinn und Zuwachs ausgerichtet sind (Heckhausen, 2002; Pulkkinen & Caspi, 2002). Entwicklungsperioden Weitere Perspektiven auf den Lebenslauf und die Entwicklung der Menschen über die Lebensspanne und die Lebensphase junges Erwachsenenalter präsentieren Levinsons Lebenszyklus und Goulds Transformationen. Levinsons Konzept von der Entwicklung im Erwachsenenalter ist strukturiert durch Zeitabschnitte, die er „eras“ nennt, also Entwicklungsperioden, welche jeweils biopsychosoziale Besonderheiten aufweisen. Das Konzept basiert auf Theorien zum Lebenslauf und Lebenszyklus und betont die Prozesshaftigkeit des Lebens, welches eine allgemeingültige zugrundeliegende Ordnung, eine Lebensstruktur, aufweist. Zwischen den Jahren 17 bis 22 erfolgt der Übergang des frühen Erwachsenenalters, welcher eine Brücke zwischen den beiden Perioden Preadulthood (Kindheit und Jugend) und frühes Erwachsenenalter darstellt. Menschen in diesem Übergang beenden und verändern ihre Bezüge aus der vorerwachsenen Phase und stellen sich einem Neubeginn mit neuen Anforderungen an die Entwicklung in der neuen Entwicklungsperiode. Diese zweite Entwicklungsperiode ist das frühe Erwachsenenalter, welches sich, die Übergangsphasen eingerechnet, von 17 bis 45 Jahre erstreckt. Sie ist charakterisiert von größter Fülle und Energie, aber auch größten Widersprüchen und Stress. Es ist die Phase, in der die Ziele aus der Jugend verfolgt und angepasst werden, in der versucht wird, eine Rolle in der Gesellschaft zu finden, sesshaft zu werden, eine Familie zu gründen und zum Ende der Periode eine reifere Position in der Erwachsenenwelt einzunehmen. Sie bietet die Möglichkeit großer Erfüllung in Liebe, Sexualität, Familienleben, beruflichem Vorankommen, Kreativität und dem Umsetzen und Erreichen der Lebensziele, aber auch die Gefahr erdrückender Überlastung. Die zentralen Entscheidungen zu Heirat, Familie, Arbeit und Lebensstil stehen eigentlich an, bevor die Menschen genügend Lebenserfahrung haben, um sich reflektiert zu entscheiden (Levinson, 1986). Abbildung 1 zeigt die Entwicklungsperioden Preadulthood und Frühes Erwachsenenalter und verdeutlicht die Verbindung der beschriebenen eras und ihre Altersgrenzen. Das frühe Erwachsenenalter umfasst das Lebensalter

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

17 – 45 Jahre und somit den Übergang aus dem Preadulthood ins frühe Erwachsenenalter und auch den Übergang ins mittlere Erwachsenenalter. Übergang ins mittlere Erwachsenenalter

Frühes Erwachsenenalter 17- 45 Jahre

Preadulthood (Kindheit und Jugend) 0-22 Jahre

Gipfel des frühen Erwachsenenalters Übergang mit 30 Eintritt ins frühe Erwachsenenalter Übergang ins frühe Erwachsenenalter

40-45 Jahre

30-40 Jahre 28-30 Jahre 22-28 Jahre

17-22 Jahre

Abbildung 1: Einteilung der Entwicklungsphasen rund um das junge Erwachsenenalter (eigene Darstellung nach Levinson, 1986)

Transformationen Gould (1979) beschreibt Transformationen als Entwicklungsschritte der Persönlichkeit des Menschen und richtet damit den Fokus stärker auf innerpsychische Prozesse als die bisher vorgestellten Konzepte. Transformationen sind Veränderungen des Bewusstseins im Erwachsenenalter in der Auseinandersetzung mit sich selbst, mit aus der Kindheit übernommenen (falschen) Annahmen über das Leben und die Welt sowie über sich selbst. Das Bewusstsein entwickelt sich über mehrere Entwicklungsstufen vom Kindheitsbewusstsein zum Erwachsenenbewusstsein. In jedem Altersabschnitt müssen Erwachsene ganz bestimmte falsche Annahmen aus ihrer Kindheit überwinden. Dabei geht es vor allem um die psychische Ablösung von den Eltern. Die Sicht auf und das Bewusstsein für die eigenen Eltern und die Beziehung zu diesen muss sich ändern. Typisch ist dabei das eigene Erwachsensein zunächst zu verleugnen, sich in einem Zwischenzustand oder parallel in zwei Zuständen zu befinden, z. B. für eigene Kinder ein kompetenter Elternteil zu sein, aber sich gegenüber den eigenen Eltern noch wie ein Kind zu verhalten. Es sind Desillusionierungen, die Gould beschreibt, etwa zu begreifen, dass man auf sich allein gestellt ist und einem die eigenen Eltern nicht ein Leben lang Sicherheit und Orientierung geben werden. Unerfüllbare Sehnsüchte aus der Kindheit müssen erkannt und überwunden werden, wobei die übergeordnete Sehnsucht eine Idealvorstellung vom Erwachsenenalter ist, in dem plötzlich alle Probleme und Belastungen der

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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Kindheit vorüber sind und man in vollkommener Glückseligkeit lebt. Solche Idealvorstellungen verknüpfen manche Menschen mit der Hochzeit oder dem Berufseinstieg. Diese Illusionen (Annahmen) und die dazugehörigen erforderlichen Transformationen sind in Tabelle 2 dargestellt. Die Herausforderung im frühen Erwachsenenalter ist, diese Idealvorstellungen und Träume zu überwinden und seine wahre Bestimmung und Inhalte für ein erfülltes Leben zu finden sowie eigene Standards und Regeln festzulegen, nach denen man leben will. In der Kindheit entstehen Illusionen aus einer Ohnmacht gegenüber einer zu komplizierten Welt. Kinder entwerfen diverse Verhaltens- und Denkmuster und Illusionen von den eigenen Eltern und der eigenen Zukunft. Diese Illusionen bleiben im Erwachsenenalter meist unbewusst bestehen und treten zutage, wenn jemand sich plötzlich wieder wie ein Kind fühlt, also z. B. machtlos, verlassen oder kontrolliert. Die alten Muster sind im Erwachsenenalter ungeeignet und hemmen die Entfaltung eigener Potentiale oder die von erfüllender Liebe zu Partnern. Immer wieder herausgefordert werden diese Annahmen, auch bereits überwundene, wenn ein Rollenwechsel passiert. Wenn beispielsweise ein Kind geboren wird, stellt die neue Mutterrolle oder Vaterrolle plötzlich neue Anforderungen und eigene Ansprüche treten zutage, die vielleicht auch den bisher gemachten Lebenserfahrungen widersprechen und einem aus der Kindheit erlebtem Elternideal entspringen können (Gould, 1979).

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Tabelle 2: Transformationen im frühen Erwachsenenalter (eigene Darstellung nach Gould, 1979, S.43-216, übersetzt d. Verf.) Alter

Annahme

16-22 Jahre

„Ich werde immer meinen Eltern gehören und an ihre Welt glauben.“

22-28 Jahre

„Wenn ich mein Leben wie meine Eltern gestalte, mit Willenskraft und Ausdauer, werde ich erfolgreich sein. Wenn ich nicht zurechtkomme, dann werden sie mir helfen.“

Wichtige Entscheidungen kann niemand anders für einen treffen (Beruf, Familiengründung usw.). Die Ablösung von dieser Illusion kann die jungen Erwachsenen stärken und Unabhängigkeit und Lebenskompetenz in die Identität integrieren.

„Das Leben ist einfach und beherrschbar. Es gibt in mir keine widersprüchlichen Kräfte.“

Nachdem man die äußere Welt kompetent und unabhängig handhaben kann, muss man sich mit seinem komplexen Inneren auseinandersetzen, mit Widersprüchen zwischen eigenem Wissen und Emotionen, mit Widersprüchen durch andere Wirklichkeiten der Mitmenschen, mit unveränderbaren Ähnlichkeiten zu den eigenen Eltern und echten Bedrohungen auf das eigene Glück / Sicherheit

28-34 Jahre

Transformation Eine vereinfachte Version der Welt war in der Kindheit Quelle der absoluten Sicherheit in einer zu komplexen Welt. Durch die Überwindung von dieser Annahme kann ein erwachsenes Urteilsvermögen die neue Quelle der Sicherheit werden, denn als Erwachsener ist man auf sich allein gestellt und muss sich der Unsicherheit des Lebens stellen.

Emerging Adulthood Arnett beschreibt für die USA die Entstehung einer neuen Lebensphase, die er „emerging adulthood“ nennt (Arnett, 2004). Diese Lebensphase umfasst das Alter von etwa 18 bis 29 Jahren. Er grenzt die Lebensphase emerging adulthood zur Jugend ab, da eine größere Unabhängigkeit von den eigenen Eltern besteht und die Personen mehr Freiheiten haben. Er grenzt emerging adulthood außerdem zu (young) adulthood ab, da die Personen zentrale Übergänge noch nicht durchlaufen haben, etwa Heirat und finanzielle Unabhängigkeit, die den Eintritt in das „richtige“ Erwachsenenalter markieren (Arnett, 2004). Als fünf wesentliche Charakteristika von emerging adulthood nennt Arnett (2004) Identitätsexploration, Instabilität, Selbstbezogenheit, Sich-im-Übergang-fühlen sowie Optionsvielfalt. Die Identitätsexploration geschieht durch ein Ausprobieren, welches mit der Zeit immer ernsthafter wird und in dem die jungen Menschen immer mehr über sich selbst lernen und sich zunehmend fokussieren. Die jungen Men-

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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schen sind optimistisch und sehen die große Vielfalt an Möglichkeiten (Optionsvielfalt), z. B. an Partnerschaftsmodellen und Berufswegen, die sie in ihrem Leben wahrnehmen können, positiv. Die Instabilität, die im jungen Erwachsenenalter vorherrscht, ergibt sich aus eben dieser Optionsvielfalt, welche viele Entscheidungen verlangt. Dies kann junge Menschen überfordern, wie die vielen Veränderungen auch das Potential zur Verunsicherung bergen und die Zuversicht, dass ein Erfolg eintritt, kann schwinden. Die von Arnett (2004) beschriebene Selbstbezogenheit geht mit großer individueller Freiheit und Unabhängigkeit einher. Die meisten jungen Menschen in diesem Alter sind das erste und letzte Mal im Leben nur für sich selbst verantwortlich. Das Gefühl des Übergangs kommt daher, dass die jungen Menschen sich subjektiv weder als erwachsen noch als jugendlich wahrnehmen und einordnen. Die zentralen Themen in dieser Lebensphase sind Ausbildung, Arbeit, Liebe, Ideologie, Werte und Religion und das Explorieren und Orientieren in diesen Bereichen. Auch in der Jugend wird in diesen Bereichen schon exploriert, jedoch werden Beziehungen (Liebe) und Jobs (Arbeit) eher gegenwartsbezogen erkundet. Während des jungen Erwachsenenalters werden Beziehungen und Jobs dagegen eher mit Blick auf die Zukunft gestaltet (Arnett, 2004). 2.2.3 Lebensereignisse Lebensereignisse sind Erlebnisse im Lebenslauf, die die Lebensumstände abrupt verändern und eine große Bedeutung für die betroffene Person haben. Als allgemeine Beispiele sind die Geburt eines Kindes, ein schwerer Unfall oder eine Trennung zu nennen. Im Gegensatz zu Übergängen und Entwicklungsaufgaben wurden Lebensereignisse auch mit einem Fokus auf das Individuum, ihren Auswirkungen auf den Menschen und dessen Bewältigungsverhalten erforscht. Lebensereignisse können den Lebenslauf gliedern, da sie Punkte mit bedeutsamer Veränderung im Leben eines Menschen markieren. Sie stellen Einschnitte dar, die wie die verwandten Begriffe Übergang und Entwicklungsaufgabe Belastungen und Bewältigungsanforderungen für das Individuum bedeuten. Für diese Ereignisse, die Bewältigungsverhalten auslösen, steht der Begriff kritisches Lebensereignis. Eine Krise ist nur eine mögliche Folge von diesen Lebensereignissen, die dann eintritt, wenn negative Veränderungen die Handlungsfähigkeit und zentrale Lebensbereiche einer Person bedrohen (Faltermaier et al. 2014; Hermann, 2013). Lebensereignisse können Verhalten und Erleben von Betroffenen in eine positive oder negative Richtung lenken. Die gleichen Lebensereignisse können interindividuell sehr unterschiedlich

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

wirken. Die ausgelösten Veränderungen können in verschiedene Richtungen gehen und unterschiedlich stark sein, ein Ereignis kann einen Verlust oder einen Gewinn bedeuten. Sie helfen auch das eigene Leben und Selbstbild in der Vergangenheit und Zukunft zu konstruieren, z. B. durch die Erwartung von Ereignissen zu bestimmten Zeitpunkten. Als Zeitmarkierung ist bei Lebensereignissen der Zeitpunkt des Eintritts relevant, sie können Lebensabschnitte beenden oder eine Unterbrechung darstellen (Filipp & Aymanns, 2010). Außerdem stellen sie Anstöße für Veränderungen und Sozialisationsprozesse dar. Dabei sind Übergänge von sozialen Rollen als normative Lebensereignisse zu werten, da sie von Individuum und Gesellschaft in einer bestimmten Phase des Lebenslaufs erwartet werden. Im Unterschied zu einem Übergang, der einen Statuswechsel verlaufsartig herbeiführt, verändert ein Ereignis einen Zustand eher abrupt (Sackmann & Wingens, 2001). Ereignisse passieren eher, als dass sie von den Individuen gestaltet werden können (Scherger, 2007). In einem Normallebenslauf gibt es Übergänge und Entwicklungsaufgaben, die an ein bestimmtes Alter gebunden sind. Normative Lebensereignisse sind statistisch gesehen normal, sie haben eine hohe Verbreitung in einer bestimmten Altersgruppe und sind deshalb vorhersehbar. Es gibt einerseits eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ein normatives Ereignis in einem bestimmten Zeitraum eintritt (biologisches Alter der Person) und andererseits einen sozial bestimmten „passenden“ Zeitpunkt für ein normatives Ereignis (explizite oder implizite Vorgaben). Für manche Ereignisse gibt es Zeitfenster (developmental deadlines), was bedeutet, dass die Möglichkeit eines Ereignisses auch verstreichen kann. Dann kann es zu einem Nicht-Eintritt „normaler Ereignisse“ (non-events, missed transitions) kommen. Die Abwesenheit eines positiven Ereignisses kann als Krise erlebt werden. Manchmal ist nur noch ein Off-Time-Ereignis möglich und es wird immer unwahrscheinlicher, dass ein wünschenswerter Zustand erreicht werden kann. Beispiele dafür sind etwa ungewollte Kinderlosigkeit oder eine (Wieder-)Verheiratung im höheren Lebensalter. Lebensereignisse zu verpassen kann zu Lebensenttäuschung führen, unerreichbare Ziele können das Denken bestimmen. Sehnsucht oder Hoffnungslosigkeit belasten die betroffene Person (Filipp & Aymanns, 2010). Die non-normativen Lebensereignisse sind nicht verbreitet und daher nicht zu erwarten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eintreten, ist sehr gering und wenn sie eintreten, werden sie als besonders außergewöhnlich oder eben auch kritisch erlebt. Unvorhergesehene Ereignisse fordern viel Aufmerksamkeit, der „Überraschungseffekt“ führt zu negativen Emotionen und Stress. Non-normative Lebensereignisse können das Selbst- und

2.2 Entwicklung und Lebenslauf

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Weltbild erschüttern, da sie das Basisbedürfnis nach Sicherheit angreifen. Die eigene Unversehrtheit und Normen des sozialen Miteinanders werden in Frage gestellt, besonders wenn andere Menschen dieses Ereignis herbeiführen. Ein solches Ereignis kann existenziell bedrohlich sein oder eine Bedrohung für körperliche Unversehrtheit darstellen, wie beispielsweise ein Gewaltüberfall (Filipp & Aymanns, 2010). Von einem non-normativen Ereignis spricht man auch dann, wenn, wie schon erwähnt, ein Ereignis außerhalb des dafür vorgesehenen normalen Zeitfensters („Off-Time“), also zu früh oder zu spät eintritt. Beispiele dafür wären eine Frühverrentung oder eine Teenie-Schwangerschaft. Manche non-normative Lebensereignisse verhindern das Erreichen von Zielen, vermindern den eigenen Handlungsspielraum und bringen oft eine ungünstige Weichenstellung für den weiteren Lebensverlauf mit sich. Besonders starke negative Auswirkungen entstehen, wenn ein zentrales Lebensziel vereitelt wird. Eine Belastung kann auch schon dadurch allein entstehen, dass ein Ereignis nonnormativ oder außergewöhnlich ist (Filipp & Aymanns, 2010). Für Jugendliche oder junge Erwachsene wäre eben eine solche frühe ungewollte Schwangerschaft ein kritisches Lebensereignis. Dieses führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu geringeren materiellen Ressourcen und bringt eine Belastung der Mutter mit sich, die geringere Bildungschancen und damit einen erschwerten Einstieg in die Arbeitswelt vor sich hat. Durch die beschriebenen kritischen Lebensereignisse, normative und non-normative, passieren große Veränderungen außerhalb und innerhalb des Individuums (Filipp & Aymanns, 2010). Diese Auswirkungen sind subjektiv und die Deutungen der Lebensereignisse sind individuell unterschiedlich. In jedem Fall strebt ein Individuum nach Wiedergewinnung personaler Kontrolle und Wiederherstellung des Wohlbefindens. Wenn kritische Lebensereignisse das Sicherheitsgefühl ins Wanken bringen, werden häufig auch Aspekte der Identität in Frage gestellt. Nach einer unvorhergesehenen Frühverrentung oder einem Unfall, aus dem körperliche Beeinträchtigungen zurückbleiben, werden andere Menschen einen anders sehen und bewerten, was bei der betroffenen Person zu Identitätsstress führt (siehe Abschnitt 2.4). Die Auswirkungen und der Schaden, der durch ein kritisches Lebensereignis entsteht, können weitreichend sein und sich durch viele Lebensbereiche ziehen. Besonders bei gesundheitsbezogenen Ereignissen kommt es zu weitreichenden Aktivitätseinschränkungen. Kritische Lebensereignisse können also durch den ausgelösten Stress eine Bedrohung für die Gesundheit und durch eingeschränkte Möglichkeiten eine Bedrohung für die weitere Entwicklung des Menschen sein. Auf der anderen Seite können erfolgreich bewältigte Krisen für die Gesundheit und

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Entwicklung durchaus förderlich sein und neue Ressourcen hervorbringen (Faltermaier et al., 2014). Auch wenn primär andere Menschen betroffen sind, kann ein solches Ereignis für einen selbst kritisch sein, denn Leben sind miteinander verknüpft (Paar-Beziehungen, Eltern-Kind-Beziehung, Freundschaften), so dass Lebensereignisse eine systemische Wirkung haben (Filipp & Aymanns, 2010). Lebensereignisse, die im jungen Erwachsenenalter für einen Großteil der Menschen in dieser Lebensphase relevant und zu erwarten und damit normativ sind, können den in den vorherigen Abschnitten beschriebenen Übergängen und Entwicklungsaufgaben zugeordnet werden. Etwa die Entwicklungsaufgabe Familiengründung kann dem entsprechenden Lebensereignis der Geburt des ersten Kindes und dem Übergang in die Elternschaft zugeordnet werden. Diese Konzepte beschreiben alle für sich genommen beinahe die gleichen relevanten Ausschnitte im Lebenslauf von Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. 2.3 Sozialisation Theorien zur Sozialisation richten den Fokus auf die Entwicklung und den Lebenslauf von Menschen innerhalb gesellschaftlicher Bezüge und zeigen einen übergreifenden Prozess auf, der unabhängig von einzelnen Übergängen, Entwicklungsstufen oder Lebensereignissen die Einflüsse der sozialen Umwelt auf Individuen im Laufe ihres Lebens betrachtet. Ein Mensch wird zu einem sozialen Wesen und Mitglied der Gesellschaft gemacht, indem ihm die Regeln der sozialen Ordnung, die Normen und Werte durch vielschichtige Prozesse nahegebracht werden. Andererseits verarbeitet der Mensch selbst diese sozialen Eindrücke, handelt entsprechend und gestaltet seine soziale Umwelt und damit auch seine Sozialisation selbst mit (Abels, 2016). Sozialisation wird häufig in der Kindheit und Jugend verortet, in diesen Lebensphasen beeinflussen Sozialisationsinstitutionen, etwa die Schule, das Aufwachsen und Hineinwachsen von jungen Menschen in die Gesellschaft mit ihren Normen und Werten. Diese Institutionen bewirken eine formelle Sozialisation, neben welcher Prozesse existieren, die informell ablaufen. Am Ende des Sozialisationsprozesses stehen erwachsene sozialisierte Menschen, die eigenständig leben und ihren Platz, ihre Rolle und ihre Verantwortung in der Gesellschaft wahrnehmen können. Im Erwachsenenleben ergeben sich immer wieder neue Anforderungen an die erwachsene Person, etwa durch die Übernahme neuer Rollen. So erfolgt Sozialisation über das gesamte Leben. Sozialisations-

2.3 Sozialisation

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prozesse wirken ständig, allerdings nicht gleichmäßig, so dass sich in manchen Lebensabschnitten vergleichsweise viele neue Anforderungen ergeben. Menschen leben und handeln in sozialen Umwelten, wodurch sie die gesellschaftlichen Einflüsse aufnehmen und gleichzeitig die Gesellschaft mitgestalten (Faltermaier, 2008; Hurrelmann & Quenzel, 2013). Für den Menschen bedeutet dieser Prozess zwei Aufgaben, nämlich die gesellschaftliche Integration, also das Erfüllen gesellschaftlicher Erwartungen, um ein Teil der Gesellschaft zu sein, und die persönliche Individuation, also Eigenständig- und Einzigartigsein, zu vereinbaren (Hurrelmann & Quenzel, 2013). In einer Übergangsphase müssen Menschen besonders viele neue Anforderungen bewältigen und je nachdem wie sich die Individuen verhalten und diese Anforderungen bewältigen, welche Entscheidungen sie treffen, ergeben sich positive und/oder negative Folgen für ihr weiteres Leben (Faltermaier, 2008; Scherger, 2007). Junge Erwachsene haben schon eine längere Sozialisation hinter sich und etwa Werte, Moralvorstellungen, Geschlechtsrollen und Ideale für sich übernommen und entwickelt. Mehrere neue soziale Rollen und damit verbundene Erwartungen und Anforderungen der Gesellschaft kommen auf die jungen Erwachsenen zu, vergleichbar mit den Entwicklungsaufgaben und Lebensereignissen, die sich mit der Übernahme neuer Rollen in Verbindung bringen lassen. Für die Übernahme neuer Rollen benötigt der Mensch die entsprechenden Fähigkeiten. Ein Beispiel ist die berufliche Rolle, auf die Menschen vorbereitet werden, etwa durch Bildung in Sozialisationsinstanzen wie Schulen und Universitäten. Die neuen Rollen, die neben der Übernahme von Verantwortung für eigenes Handeln von jungen Erwachsenen zur Teilhabe am Erwachsenenleben erwartet werden, sind die Rolle des Berufstätigen, des Ehepartners und die Elternrolle. Doch junge Menschen werden in ihrer Kindheit und Jugend nicht vollständig auf das vorbereitet, was im Erwachsenenalter von ihnen erwartet wird und was sie leisten müssen (Faltermaier et al., 2014). Einen fertigen Menschen gibt es also nicht, denn Menschen müssen sich durch die Anforderungen, durch etwa die Globalisierung oder neue Technologien, der Herausforderung des lebenslangen Lernens und der geforderten Flexibilität und Mobilität stellen. Die Rollen werden geschlechtsspezifisch unterschiedlich gestellt, wahrgenommen und erfüllt (Faltermaier et al., 2014). Auch die Muster zur Bewältigung dieser Anforderungen werden durch weibliche und männliche junge Erwachsene unterschiedlich aufgenommen (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Die Vorgaben der Gesellschaft für das junge Erwachsenenalter sind dabei nicht eindeutig

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

oder besonders streng, es sind viel Spielraum und viele Möglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung für die Einzelnen gegeben. 2.4 Identität Identität ist ein wissenschaftlich und alltäglich vielfältig verwendeter Begriff und die Identitätsforschung ist ein aktives und heterogenes Feld mit verschiedenen Disziplinen. Im Identitätsbegriff kommen soziologische und psychologische Ansätze für Entwicklungs- und Sozialisationsprozesse zusammen (Faltermaier, 2008; Keupp et al., 2008; Müller, 2011). Identität manifestiert sich nicht nur im Kopf des einzelnen Menschen, sondern auch in sozialer Interaktion, etwa im Sozialisationsprozess, infolgedessen Identität entsteht. Identität kann durch Übergänge und Entwicklungsaufgaben stark verändert, oder muss bei Lebensereignissen manchmal abrupt angepasst werden. Das Thema Identität bringt somit die relevanten Ergebnisse der Verarbeitung der bisher beschriebenen Entwicklungsprozesse in ihrer Bedeutung als Kern für die Individuen hervor. Hier liegt einer der Schlüssel zu Motiven und Entscheidungen im Handeln von Individuen. Aufgrund der Fülle an Entwicklungsaufgaben und Übergängen in der Lebensphase hat Identität eine besondere Bedeutung für Menschen im jungen Erwachsenenalter. Um ein Verständnis von Identität für die weitere Verwendung in dieser Arbeit herzustellen, wird sich nach der Darstellung von Eriksons einflussreicher Identitätstheorie auf Keupps Konzept der Identitätskonstruktionen und alltäglichen Identitätsarbeit eingehender bezogen. Identität nach Erikson ist „Einheitlichkeit und Kontinuität, die man in den Augen anderer hat […]“ sowie die „Fähigkeit […] innere Einheitlichkeit und Kontinuität aufrechtzuerhalten“ (Erikson, 1991, S. 107). Zwei Kernkonzepte sind dabei Kontinuität, das bedeutet man bleibt der Gleiche, und Reziprozität, das bedeutet die Identität wird immer wieder sozial bestätigt (Müller, 2011). In der Lebensphase Jugend verortet Erikson nach seinem Modell der Persönlichkeitsentwicklung im Lebenszyklus wie beschrieben die Identitätskrise mit den Gegenpolen Identität versus Identitätsdiffusion. Ein Identitätsgefühl entsteht schon in der Kindheit, gesammelte Ich-Werte münden in der Ich-Identität. In der Pubertät wird alles infrage gestellt, was in der Kindheit Sicherheit und Identifizierung spendete. Neue soziale Rollen müssen gefestigt und die neue Sicht der anderen auf die Person müssen mit dem Selbstbild, mit bisher aufgebauten Rollen und mit Idealen in Übereinstimmung gebracht werden. Identitätsdiffusion bedeutet ein Zustand voller Zweifel an der eigenen Identität, oder sogar die Unfähigkeit, eine Identität zu bilden und kann mit einer Verwirrung oder Zersplitterung

2.4 Identität

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des Selbstbildes einhergehen. Die Ursache liegt in einer Überforderung des jungen Menschen durch viele gleichzeitige Anforderungen, in der Partnerschaft, der Berufswahl und bei der Art der Selbstdefinition oder der Gruppenzugehörigkeit. Identitätsdiffusion kann zu weiteren Problemen führen, z. B. auch zur Unfähigkeit zu Intimität. Die Aufgabe in dieser Lebensphase ist es, die Kindheitsidentität mit den neuen Rollen zu einem größeren zusammenhängenden Bild zusammenzufügen. Die jungen Menschen brauchen dazu „innere und soziale Kontinuität“ (Erikson, 1991, S.138), sie haben das Bedürfnis von der sozialen Umwelt so wahrgenommen zu werden, wie sie sich selbst sehen. Um diesen Abgleich zu schaffen, brauchen Menschen in der Entwicklung ein psychosoziales Moratorium. Gemeint ist eine Zwischenphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, um freies Experimentieren mit Rollen zu ermöglichen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und Extreme subjektiven Erlebens auszuprobieren. Erst geschieht dies auf spielerische Weise, dann ernsthafter, denn je älter die Jugendlichen werden, desto endgültiger werden ihre Entscheidungen, desto mehr „Festlegungen fürs Leben“ (Erikson, 1991, S. 137) müssen sie treffen. So entsteht in der Adoleszenz eine „Brücke“ (Erikson, 1991, S. 138) zwischen dem Selbstbild als Kind und dem Bild als zukünftiger Erwachsener (Erikson, 1991). Das Identitätsmodell von Marcia entwickelt Eriksons Theorien weiter und operationalisiert diese. Es beschreibt vier Identitätsstatustypen und ein dazugehöriges Erhebungsinstrument: 1. übernommene Identität, 2. diffuse Identität, 3. kritische Identität bzw. das sog. Moratorium und 4. erarbeitete Identität. Zwei Dimensionen zur Bestimmung des Identitätsstatus sind dabei zentral – das commitment (Selbstverpflichtung/Anerkennung) und die Exploration (Suche nach Möglichkeiten/Alternativen), in denen eine Person jeweils hohe oder niedrige Ausprägungen haben kann. Diese vier Identitätsstatus sind dabei nicht unveränderbar und beziehen sich nicht unbedingt auf alle Lebensbereiche. Eine Einteilung in günstige und ungünstige Entwicklung des Identitätsstatus bevorzugt die kritische und die erarbeitete Identität vor der übernommenen und der diffusen Identität (Faltermaier et al., 2014; Identitätsmodell von Marcia, 2013). Die Identität stellt nach Erikson ein subjektives Vertrauen dar, dass man eine Kontinuität und Kohärenz schafft, dass man nach innen und außen der Gleiche bleibt. Die Identitätsentwicklung gilt als gelungen, wenn die Identität stabil ist und der Mensch sich auf dieser Basis weiterentwickeln kann. Insbesondere für diese ideale Stabilität der Identität sowie auch für die eingeschränkte Gültigkeit seiner Theorie in Bezug auf gesellschaftliche und kulturelle Kreise, wurde Erikson kritisiert (siehe z. B.

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2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Abels, 2016). Eine Veränderbarkeit und Weiterentwicklung der Identität ist dennoch Bestandteil der Ausführungen Eriksons. Keupp et al. (2008) hingegen entwickelten ein Modell vor dem Hintergrund, dass Identität immer wieder konstruiert und entworfen wird und sich somit in einem Prozess befindet, den sie als Arbeit (Identitätsarbeit) bezeichnen (Keupp et al., 2008). Eine ideale und stabile Integration von Individuum und Gesellschaft ist laut Keupp et al. (2008) nicht möglich. Da die festen Vorgaben und der Normallebenslauf nicht mehr die Grundlage für eine sinnvolle Biografie und ein Selbstbild von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der eigenen Person sind, müssen die Menschen selbst ihren Lebenslauf und ihre Vorstellungen zusammenstellen. Es gibt Brüche und Widersprüche, die die jungen Menschen legitimieren, erklären und in ihre Identität integrieren müssen, was über Selbstreflexion geschieht (Scherger, 2007). Die Identität bleibt nach der Adoleszenz nicht stabil, denn Unterbrechungen und Veränderungen sind bezeichnend für die Biografien der Menschen. Identität ist demnach nicht mehr zu betrachten als die Entstehung eines inneren Kerns, sondern als Prozess alltäglicher Identitätsarbeit. Die Identitätsarbeit ist ein vom Grunde auf krisenhafter Prozess, der sich zwischen Person und Gesellschaft entwickelt und zwar nicht nur in der Jugend, sondern über das ganze Leben (Keupp et al., 2008). Identität ist nach dieser Theorie nie ein Endergebnis, sondern immer nur ein Zwischenergebnis. Die weiteren Komponenten dieses Identitätskonzepts sind die Bestandteile des Identitätsprozesses. Identitätsarbeit ist ein offener Prozess, alltäglich und lebenslang. Die Personen müssen dabei Passungsarbeit leisten. Dazu gehören: • relationale Verknüpfungsarbeit: Einordnung von Selbsterfahrungen, zeitlich und in Lebenswelten, in bekannt und unbekannt und die Verknüpfung innerer und äußerer Sichten • Konfliktaushandlung: Spannungen aus widersprüchlichen Erfahrungen regulieren • Ressourcenarbeit: Aktivierung, Einsatz, Pflege und Beschaffung von Ressourcen • Narrationsarbeit: Selbsterzählung (Keupp et al., 2008) Identitätskonstruktionen sind die Ergebnisse der Identitätsarbeit Sie sind aber nie vollendet, sondern entwickeln sich weiter. Sie sind zwar dynamisch, aber nicht völlig instabil. Es gibt Teilidentitäten, diese stellen „jeweils einen bestimmtem Ausschnitt einer Person [dar]“ (Keupp et al., 2008, S. 225). Verschiedene Rollen, Situationen und Erfahrungen der Person

2.4 Identität

33

müssen immer wieder miteinander zu einem stimmigen Bild vereint werden, z. B. Teilidentitäten als Familienvater und als Berufstätiger. Die Teilidentitäten treten, abhängig von der Lebenssituation, mal mehr und mal weniger in den Vordergrund. Das Identitätsgefühl ist eine übergreifende Empfindung über sich selbst. Erfahrungen und Bewertungen werden verdichtet und die Teilidentitäten generalisiert, so dass ein Selbstgefühl und auch Kohärenzgefühl entstehen (siehe Abschnitt 3.2.1). Kernnarrationen sind der bewusste Teil des Identitätsgefühls und der Teilidentitäten, welcher anderen Personen mitgeteilt werden kann. Die eigene Person wird so biografisch beschrieben. Kernnarrationen zielen darauf ab, den Sinn des eigenen Lebens zu beschreiben, sie sind eine „Ideologie von sich selbst“ (Keupp et al., 2008, S. 229). Die Handlungsfähigkeit ist das Ergebnis der Konstruktionen, welches sich auf das tägliche Handeln der Menschen auswirkt (Keupp et al., 2008). Identität im Erwachsenenalter Identität als ein übergreifendes Konstrukt, als eine wesentliche Entwicklungsebene, welche die Sicht der Person auf sich selbst beschreibt, entwickelt sich im Erwachsenenalter fort. Identität ist nicht die Summe der gesellschaftlichen Erwartungen (Rollen) oder die Summe der psychischen Eigenschaften (Persönlichkeit) eines Menschen, sondern ein persönliches Konstrukt eines jeden Individuums. Sie ist ein Relationsbegriff, stellt also immer die Frage danach, wer man ist im Verhältnis zu etwas anderem, z. B. zu anderer Zeit, anderem Ort, anderer Person, und verkörpert die Relation der Sicht von innen zu außen (Haußer, 1995). Menschen konstruieren ihre Identität aus Identifikationsmerkmalen, biografischen Merkmalen und ihrer Persönlichkeit (Haußer, 1995). Ihre Identität wird wesentlich bestimmt durch Sozialisation in dominanten Rollenbereichen wie Beruf und Familie und ist gleichzeitig die Voraussetzung für das Handeln in diesen Bereichen. Identität verändert sich an sozialen Übergängen oder kritischen Lebensereignissen. Sie bestimmt aber auch über erlebte Ereignisse, da sie Entscheidungen herbeiführt (Faltermaier, 2008). Inhalte von Identität lassen sich schwierig beschreiben. Es können Situationen im Leben sein, in denen Entscheidungen anstehen oder Stellen im Bewusstsein, die viele Bestandteile des Selbst verbinden (McLean, Syed & Shucard, 2016). Bestandteile der Identität können als Identitätsdimensionen beschrieben werden, so dass in eine kognitive (Selbstkonzept), eine emotionale (Konzept des Selbstwertgefühls), eine körperliche (Körperkonzept), eine motivationale (Konzept der Kontrollüberzeugungen), eine soziale (Erwartungen der sozialen Umwelt) und eine zeitliche (retrospektive und prospektive Sicht)

34

2 Einführung der Lebensphase junges Erwachsenenalter

Dimension unterschieden werden kann (Faltermaier, 2008; Faltermaier et al., 2014). Dazu passt die Definition von persönlicher Identität von Haußer (1995) als Einheit aus Selbstkonzept, Selbstwertgefühl und Kontrollüberzeugung eines Menschen, die er aus subjektiv bedeutsamen und betroffen machenden Erfahrungen über Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung und personale Kontrolle entwickelt und fortentwickelt und die ihn zur Verwirklichung von Selbstansprüchen zur Realitätsprüfung und Selbstwertwiederherstellung im Verhalten motivieren (Haußer, 1995, S. 66).

Die so beschriebene Realitätsprüfung und Selbstwertwiederherstellung drückt sich in der Identitätsregulation aus. Diese beschreibt den psychologischen Prozess der Identitätsassimilation, bei dem die Verarbeitung eigener Erfahrungen durch die Identität bestimmt und eingepasst wird, und die Identitätsakkomodation, bei der die eigene Identität immer wieder an neue Erfahrungen angepasst wird. Zwischen beiden Prozessen sollte im Erwachsenenalter idealerweise ein Gleichgewicht bestehen, so dass das Selbstbild das eigene Verhalten nicht verblendet und dieses auch nicht durch jede neue Erfahrung destabilisiert wird (Faltermaier, 2008; Haußer, 1995). Identität entwickelt sich auch sozial, zwischen den Menschen, abhängig von anderen Menschen und in Beziehungen. Die eigene Individualität lässt sich nur gegenüber anderen erkennen und festmachen. Insbesondere in einer Partnerschaft ist es möglich, sich im Gegenüber eines anderen Menschen selbst zu sehen und zu erkennen (Keupp et al., 2008). Das soziale Selbst spiegelt das, was andere Menschen in einem sehen (Haußer, 1995). Im jungen Erwachsenenalter ist beides eine Aufgabe: Identität und Intimität, also herausfinden, wer man ist und zu wem man passt (Keupp et al., 2008). Identität zeigt sich in (autobiografischen) Erzählungen und Handlungen und sie hängt mit kulturellen und sozialen Gegebenheiten zusammen. Erkenntnisse über günstige oder ungünstige Identität, sowie gelingende Identitätsarbeit werden in Kapitel 6 ausgeführt. Weitere Aspekte der Identität im jungen Erwachsenenalter sind Identitätskrisen. Diese können auftreten, wenn durch eine bestimmte Situation eine starke Bedrohung oder sogar eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls erlebt wird (Haußer, 1995). Die Identität von Menschen wird also immer wieder auf die Probe gestellt und herausgefordert. Sogenannte identitätsrelevante Stressoren sind Lebensveränderungen und Schwierigkeiten, die wesentliche Selbstkonzepte des Individuums bedrohen (Keupp et al., 2008). Das Konzept der narrativen Identität steht in Zusammenhang mit Identitätsarbeit und bedeu-

2.4 Identität

35

tet die verinnerlichte und sich entwickelnde Lebensgeschichte einer Person, die die rekonstruierte Vergangenheit und Vorstellung der Zukunft zusammenbringt, um dem Leben ein gewisses Maß an Einheit und Sinn zu verleihen. Weitergehende Erklärungen zu narrativer Identität finden sich in (McAdams, 2013; McAdams & McLean, 2013; Schwartz, 2005). Zusammenfassung Das junge Erwachsenenalter steht zwischen der Jugendphase und dem mittleren Erwachsenenalter. Die erst seit Anfang der 2000er Jahre beschriebene und erforschte Lebensphase emerging adulthood beschreibt einen Teil hiervon, nämlich den früheren Teil des jungen Erwachsenenalters und des Übergangs ins Erwachsenenalter. Die Lebensphasen lassen sich unter anderem durch die unterschiedliche Gewichtung unterschiedlicher Lebensbereiche unterscheiden. Grundsätzlich sind in der Jugend Ausbildung und Peer-Beziehungen die zentralen Themen, im Erwachsenenalter sind es Berufstätigkeit, Partnerschaft und Familie (Walther, 1996). Erwachsensein ist kein Zustand, sondern ein Prozess, der dynamisch, offen und gestaltbar ist. Der Übergang ins Erwachsenenalter wird individuell sozial ausgehandelt. Die Bestimmung eines Zeitpunkts für den Wechsel von Jugend zu Erwachsensein ist damit schwierig. Der Übergang in das Erwachsenenalter wird in dieser Arbeit verstanden als ein Prozess, in dem die einzelnen jungen Menschen bestimmten inneren und äußeren Anforderungen gerecht werden müssen. Dieser Prozess wird in verschiedenen Theorien unterschiedlich beschrieben und benannt, so z. B. als Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, Übergänge, Statuspassagen, Stufen, Phasen oder Transformationen im Lebenszyklus oder als Identitätsarbeit. Junges Erwachsenenalter ist eine Konstruktion, deren Zusammenhänge sich nur interdisziplinär erklären lassen. In diesem Kapitel wurden soziologische und entwicklungspsychologische Theorien herangezogen, eine explizite Einordnung auf entweder die Seite der Entwicklungspsychologie oder jener der Soziologie soll an dieser Stelle nicht erfolgen. Allerdings wird, wie in Kapitel 7 beschrieben, der Fokus der empirischen Studien dieser Arbeit stärker auf die Individuen, also die psychologische Perspektive, als auf die gesellschaftliche gerichtet. Begriffe und Konzepte aus beiden Disziplinen bleiben dabei relevant. Für diese Arbeit wird von einer flexiblen Altersgrenze für diese Lebensphase ausgegangen, die sich etwa als zwischen 18 und 35 Jahren liegend bestimmen lässt.

3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter Die in Kapitel 2 beschriebenen Rahmenbedingungen, Anforderungen und Prozesse, die junge Menschen durchlaufen, wirken sich auf bestimmte Weise auf diese Menschen aus. Im folgenden Kapitel wird herausgestellt, welche Relevanz Gesundheit und Wohlbefinden für die Altersgruppe der jungen Erwachsenen haben. In diesem Kapitel wird zuerst die gesundheitliche Lage junger Erwachsener aufgezeigt, um anschließend die Salutogenese und Ressourcentheorien sowie Theorien zum subjektiven Wohlbefinden als Erklärungsmodelle darzustellen. 3.1 Gesundheitliche Lage der Altersgruppe Um ein Bild vom Gesundheitszustand der Zielgruppe aufzuzeigen, werden im folgenden Abschnitt aktuelle Daten zur körperlichen und psychischen Gesundheit sowie dem Gesundheitsverhalten junger Erwachsener dargestellt und zusammengefasst. Unterschiedliche Studien grenzen junge Erwachsene vom Lebensalter unterschiedlich ein. Da in dieser Arbeit von einer großen Altersspanne ausgegangen wird, von ca. 18-35 Jahren, werden Studien und Daten mit aufgeführt, die in diese Spanne hineinpassen, z. B. auch dann, wenn die Ergebnisse nur für 18-25 Jährige oder 25-35 Jährige erhoben wurden und gelten. So ergibt sich aus der Summe der Erkenntnisse ein Gesamtbild der gesundheitlichen Lage junger Erwachsener im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Aus den Daten der DEGS Studie (2012), einer repräsentativen Befragung zur Gesundheit rund 8000 Erwachsener zwischen 18 und 79 Jahre, lassen sich Bilder von der Gesundheit typischer junger Erwachsener (hier im Alter von 18-22 Jahre, also der Altersphase emerging adulthood zuzuordnen) skizzieren. Die subjektive Bewertung ihrer Gesundheit ist demnach bei jungen Erwachsenen durchschnittlich gut oder sehr gut. Sie fühlen sich leistungsfähig, gehen seltener zum Arzt, nehmen weniger Medikamente, haben ein normales Körpergewicht, rauchen öfter und (junge Männer) trinken mehr Alkohol als ältere Erwachsene (Robert-Koch-Institut, 2012b). 3.1.1 Physische Gesundheit (und Sterblichkeit) In der körperlichen Dimension von Gesundheit sind junge Erwachsene gegenüber den älteren Erwachsenen weniger von Einschränkungen betroffen. Für diese Altersgruppe entstehen etwa bei den gesetzlichen Kranken© Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_3

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3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

kassen nur geringe Behandlungskosten in der ambulanten ärztlichen Behandlung, der Krankenhausbehandlung und bei Arzneimittelverordnungen (Grobe et al., 2018). Junge Erwachsene (hier zwischen 18 und 29 Jahren) erleben jährlich weniger Krankheitstage, an denen sie beruflichen und privaten Tätigkeiten aufgrund von Krankheit nicht nachgehen konnten. Jüngere Erwachsene sind außerdem seltener übergewichtig oder adipös (Robert-Koch-Institut, 2012a). Für alle Altersgruppen (insbesondere für Kinder) ist eine Verlagerung des Spektrums der auftretenden Erkrankungen von Infektionserkrankungen hin zu chronischen und allergischen Erkrankungen wie Asthma zu verzeichnen. Die häufigsten Todesursachen bei jungen Erwachsenen sind Unfälle, Krebs und Suizid (bei Männern stehen dabei erfolgreiche suizidale Handlungen an zweiter und Krebs an dritter Stelle) (Hackauf & Winzen, 2004). Die Abbildung 2 stellt grafisch die Verteilung von Krankheit und Verletzungen (durch Unfälle) in der Bevölkerung nach Altersgruppen dar. Diese bipolare Darstellung der Gesundheit kann optisch verdeutlichen, dass der Anteil der Gesunden bis zum Alter von 20 Jahren zunächst ansteigt (nach Kinderkrankheiten im Kleinkindalter) und dann langsam abnimmt. Die meisten gesunden Menschen finden sich demnach im jugendlichen Alter, aber auch für die bis 35 Jährigen zeigt sich ein insgesamt überwiegend guter objektiver Gesundheitszustand (nicht krank oder unfallverletzt) (Bundesministerium für Gesundheit, 2017).

3.1 Gesundheitliche Lage der Altersgruppe

39

Gesundheitszustand der Bevölkerung Kranke und Unfallverletzte nach Altersgruppen in Prozent krank oder unfallverletzt 28,2

75 Jahre und älter 21,1

70 bis unter 75 Jahre 65 bis unter 70 Jahre

17,6

60 bis unter 65 Jahre

18,1

55 bis unter 60 Jahre

18,8 16,1

50 bis unter 55 Jahre 45 bis unter 50 Jahre

14,6

40 bis unter 45 Jahre

14,1

35 bis unter 40 Jahre

13,9

30 bis unter 35 Jahre

13,6

25 bis unter 30 Jahre

13,2 11,2

20 bis unter 25 Jahre 15 bis unter 20 Jahre

9

10 bis unter 15 Jahre

8,8

5 bis unter 10 Jahre Unter 5 Jahre Alle Altersgruppen

gesund

71,8 78,9 82,4 81,9 81,2 83,9 85,4 85,9 86,1 86,4 86,8 88,8 91 91,2

10,2 14,8 16,2

89,8 85,2 83,8

Abbildung 2: Gesundheitszustand der Bevölkerung - Kranke und Unfallverletzte nach Altersgruppen in Deutschland in Prozent (Mikrozensus 2013) (eigene Darstellung nach Bundesministerium für Gesundheit, 2017)

Die subjektive Gesundheit ist eine Selbsteinschätzung des eigenen Gesundheitszustandes. Sie wird als Messinstrument international verwendet und hat sich als Maß mit großer Vorhersagekraft für objektive Gesundheit erwiesen. Dies trifft für die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und die Sterblichkeit sowie für das Auftreten chronischer Erkrankungen (z. B. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Lungenerkrankungen) zu (Latham & Peek, 2013; Van der Linde et al, 2013; Waller, Janlert, Norberg,

40

3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

Lundqvist & Forssén, 2015). Der subjektive Gesundheitszustand wird mit zunehmenden Alter schlechter: 92 % der Männer und 88 % der Frauen bis 29 Jahre schätzen ihre Gesundheit als gut oder sehr gut ein im Gegensatz zu 54 % der Männer und knapp 50 % der Frauen der über 65-Jährigen in Deutschland (Robert-Koch-Institut, 2012a). Für die EU (28 Staaten) ergibt sich ein übereinstimmendes Bild mit einem Anteil von 92 % der jungen Erwachsenen (hier 16-29 Jährige) mit gutem oder sehr gutem subjektiven Gesundheitszustand gegenüber 12 % der jungen Bevölkerung, die angeben unter chronischen Krankheiten zu leiden oder ein langjähriges Gesundheitsproblem zu haben (Coyette, 2015). 3.1.2 Psychische Gesundheit Die psychische Dimension der Gesundheit wird von der WHO (2001) als „Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und etwas zu ihrer Gemeinschaft beitragen kann“ definiert (WHO Regionalkomitee für Europa, S. 1). Ist die psychische Gesundheit einer Person beeinträchtigt, so kann es sich um eine mäßige Verringerung des seelischen Wohlbefindens handeln oder auch um eine schwere psychische Erkrankung. Gesamtgesellschaftlich betrachtet sind Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und Demenzerkrankungen aufgrund ihrer Häufigkeit die relevantesten psychischen Erkrankungen (Robert-KochInstitut, 2012a). Relevant sind neben Depressionen auch Ess-Störungen, die besonders unter jungen Menschen auftreten und psychotische Störungen, deren Inzidenz im jungen Erwachsenenalter am höchsten ist (Hackauf & Winzen, 2004). Depressionen sind weltweit bedeutsam, da sie einen großen Anteil der Krankheitslast ausmachen und für krankheitsbedingte Beeinträchtigungen im Alltag in westlichen Ländern sogar die Hauptursache darstellen (Busch, Hapke & Mensink, 2011; Lopez, Mathers, Ezzati, Jamison & Murray, 2006). In Deutschland steigen die Werte für gute psychische Gesundheit3 bei Frauen bis zum Alter von 45 Jahren mit dem Alter an, danach sinken sie wieder ab. Die beste psychische Gesundheit haben dabei die 30- bis 44-

3 Indikator hier Mental Health Inventory mit Fragen nach dem emotionalen Befinden der letzten vier Wochen

3.1 Gesundheitliche Lage der Altersgruppe

41

jährigen Frauen. Während mit zunehmendem Alter mehr Frauen eine psychische Beeinträchtigung angeben (18-29 Jahre: 11 % bis 15,4 % über 65 Jahre), wurden solche Alterstrends für Männer nicht gefunden. Unter den 18-29 Jährigen ist der Geschlechtsunterschied besonders groß, mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer dieser Altersgruppe geben eine beeinträchtigte psychische Gesundheit an (Robert-Koch-Institut, 2012a). Männer leiden in jeder Altersgruppe insgesamt seltener jedoch unter anderen psychischen Erkrankungen als Frauen. Vor allem Suchterkrankungen treten bei Männern viel häufiger auf, so liegt beispielsweise eine Alkoholabhängigkeit bei 4,8 % der Männer zwischen 18 und 64 Jahren vor. Bei Frauen beträgt der Anteil der hiervon Betroffenen nur bei 2,0 %. Die Lebenszeitprävalenz für Depressionen hingegen liegt für Frauen mit 15,4 % weit höher als für Männer mit 7,8 % (jeweils im Alter von 18 bis 79 Jahren) (Robert-Koch-Institut, 2014). Insgesamt ist der Trend erkennbar, dass mit dem Alter auch die Wahrscheinlichkeit guter psychischer Gesundheit steigt (Robert-Koch-Institut, 2012a). Abbildung 3 zeigt die Ergebnisse der GEDA-Studie (Gesundheit in Deutschland aktuell 2012 mit über 19.000 Befragten über 18 Jahre) für psychische Gesundheit bei Männern und Frauen. Sie unterteilt nach Altersgruppen und zeigt jeweils den prozentualen Anteil der Menschen mit beeinträchtigter, unterdurchschnittlicher und durchschnittlicher und besserer psychischer Gesundheit an. Die Altersgruppe der jungen Erwachsenen ist jeweils bei Frauen und Männern markiert. Erkennbar ist, dass nur bei Frauen Unterschiede zwischen den Altersgruppen bestehen und die Frauen über 65 Jahre die schlechtesten Werte für psychische Gesundheit aufweisen, gefolgt von den Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, den jungen erwachsenen Frauen.

42

3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

30 – 44 45 – 64 Jahre Jahre 30 – 44 45 – 64 Jahre Jahre 18 – 29 Jahre

Weiblich

ab 65 Jahre

18 – 29 Jahre

Männlich

ab 65 Jahre

Psychische Gesundheit: Anteil in Prozent

durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt durchschnittlich oder besser unterdurchschnittlich beeinträchtigt

67,2 25,6 7,1 67,8 23,7 8,4 68,7 24,1 7,2 68,9 25,3 5,8 53,1 31,5 15,4 56,5 28,9 14,6 58,6 29,6 11,8 55,2 33,8 11,0 0,0 10,0 20,0 30,0 40,0 50,0 60,0 70,0 80,0

Abbildung 3: Psychische Gesundheit bei Erwachsenen nach Geschlecht und Altersgruppe (eigene Darstellung nach Robert-Koch-Institut, 2012a).

Betrachtet man einen zeitlichen Verlauf, so sind beispielsweise Depressionen in den vergangenen zwölf Jahren unter jungen Erwachsenen (hier im Alter von 18-25 Jahren) um 76% angestiegen, von einer Betroffenheit von 4,3% im Jahr 2004 auf 7,6% im Jahr 2016 (Grobe et al., 2018). Erklärungsversuche für die eher beeinträchtigte psychische Gesundheit, besonders bei jungen Frauen, sind etwa Doppelbelastungen in Beruf und Familie,

3.1 Gesundheitliche Lage der Altersgruppe

43

eine insgesamt unsichere Lebenssituation (Robert-Koch-Institut, 2012b), Krisenhaftigkeit und Unsicherheit, hohe Erwartungen und multiple parallele Anforderungen und die daraus entstehenden Rollenkonflikten in dieser Lebensphase. Selbst unter besten Bedingungen können die vielfältigen Übergänge und Rollenwechsel für junge Erwachsene belastend sein (Boyd & Bee, 2012). Die Schweizer YASS-Studie4 fand Zusammenhänge von schlechter psychischer Gesundheit im jungen Erwachsenenalter mit einem niedrigen Bildungsstand, diskontinuierlichen Bildungsverläufen sowie Unzufriedenheit oder Über- und Unterforderung am Arbeitsplatz (Huber, 2016). Da die Dimensionen von Gesundheit nicht losgelöst voneinander existieren, bedingen sich der psychische Gesundheitszustand und die körperliche und soziale Dimension von Gesundheit gegenseitig maßgeblich. Ein als gut oder sehr gut bewerteter subjektiver Gesundheitszustand hängt mit besserer psychischer Gesundheit zusammen, wobei die Ergebnisse der GEDA-Studie auf einen mit dem Alter ansteigenden Zusammenhang von psychischer und körperlicher Gesundheit hinweisen. Außerdem ist soziale Unterstützung5 ein starker Prädiktor für gute psychische Gesundheit, was für alle Altersgruppen und beide Geschlechter zutrifft (Robert-Koch-Institut, 2012b). Für die USA konstatieren Bonnie et al. (2014), dass das junge Erwachsenenalter eine Lebensphase erhöhter psychischer Verletzlichkeit darstellt. In dieser Phase zeigt sich häufig der Beginn von psychischen Störungen. Fast 20 % der jungen Amerikaner wiesen eine psychische Erkrankung auf, 4 % eine schwere psychische Erkrankung (Bonnie, Breiner & Stroud, 2014).

4 Die „Young Adult Survey Switzerland“ (YASS) ist eine repräsentative Längsschnittstudie über junge Erwachsene (ca. 34.000 19 Jährige Männer und 3000 Frauen) in der Schweiz, welche 2010/2011 mit der ersten Erhebungswelle begann. 5 Soziale Unterstützung wurde hier mittels der Oslo-3-Items-Social-Support Scale« (Oslo-3) erhoben mit Fragen nach der Anzahl der Personen, auf die man sich verlassen kann, sollte man ernste persönliche Probleme haben, nach dem Ausmaß an Interesse und Anteilnahme anderer Menschen an dem, was man tut und danach wie einfach es ist, praktische Hilfe von den Nachbarn zu erhalten. So wird einerseits wahrgenommene soziale Unterstützung und andererseits das soziale Netzwerk (Hilfe aus der Nachbarschaft) erfasst.

44

3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

3.1.3 Gesundheitsverhalten und Risikoverhalten Gesundheitsverhalten erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein guter Gesundheitszustand erhalten bleibt oder sich verbessert. Risikoverhalten bedeutet hingegen eine Verhaltensweise, die nachweislich riskant für die Gesundheit ist und etwa die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer bestimmten Erkrankung signifikant erhöht. Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen (Risiko- und Gesundheitsverhalten) betreffen Ernährungs- und Bewegungsverhalten, den Konsum von Tabak, Alkohol und illegalen Drogen sowie Schlaf- und Erholungsverhalten (Faltermaier, 2017). Die Daten zu dem Gesundheits- und Risikoverhalten junger Erwachsener, im Vergleich zu anderen Altersgruppen oder isoliert betrachtet, deuten einerseits auf eine Altersgruppe mit großer Neigung zu Risikoverhalten, aber auch auf die sportlich aktivste Altersgruppe hin, wie im Folgenden dargestellt wird. Über die Gruppe der jungen Erwachsenen hinweg, gibt es beides: ein hohes Maß an Risikoverhalten und ein hohes Maß an Gesundheitsverhalten. Diese Ergebnisse könnten auf eine große Heterogenität innerhalb der Gruppe junger Erwachsener in Bezug auf ihr gesundheitsrelevantes Verhalten deuten, ein anderer Erklärungsansatz ist, dass auf individueller Ebene ein Wandel im Verhalten während dieser Lebensphase stattfindet. Im jungen Erwachsenenalter findet sich der höchste Anteil sportlich aktiver Menschen: 85 % der Männer und 84 % der Frauen sind sportlich aktiv, gegenüber jeweils 51 % der Frauen und Männer ab 65 Jahren (Robert-Koch-Institut, 2012a). Adipositas, also Fettleibigkeit, beziehungsweise extremes Übergewicht, definiert mit einem Body Mass Index (BMI)6 höher als 30, ist ein Risikofaktor für viele Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und bestimmte Formen von Krebs. Darüber hinaus ist Adipositas mit einem höheren Risiko für psychische Erkrankungen verbunden. Adipositas kann eine Folge des Lebensstils sein und deutet auf weniger ausgeprägtes Gesundheitsverhalten hin. Im Jahr 2008 wurden 4 % der jungen Frauen und Männer in der EU (im Alter von 15 bis 29 Jahren) nach dem BMI als fettleibig/adipös eingestuft. Der Anteil übergewichtiger Menschen steigt innerhalb der Altersgruppe mit dem Alter an (Coyette,

6 Berechnetes Maß zur Bewertung von Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße, dazu wird das Körpergewicht durch das Quadrat der Körpergröße dividiert.

3.1 Gesundheitliche Lage der Altersgruppe

45

2015). Besonders auffällig in der amerikanischen Studie von Bonnie et al. (2014) sind außerdem die Ergebnisse zu Adipositas im zeitlichen Verlauf bei jungen Erwachsenen. Der Anteil von Adipositas unter jungen Erwachsenen in den USA stieg demnach von 11 % im Jahr 1995 auf 37 % im Jahr 2008 (Bonnie et al., 2014). Rauchverhalten wird vornehmlich in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter erworben. EU-Daten zeigen einen anhaltend großen Anstieg der Rauchenden unter den 15-24-Jährigen mit zunehmendem Alter. Gesundheitliche Folgen des regelmäßigen Rauchens sind unmittelbar Nikotinsucht und Atemwegserkrankungen und langfristig bestimmte Arten von Krebs und Herzkranzgefäßkrankheiten (Coyette, 2015). In Deutschland ist der Anteil der jungen Erwachsenen (18-29 Jahre), die einen riskanten Tabakkonsum aufweisen, mit 42 % der Männer und 33 % der Frauen im Vergleich zu anderen Altersgruppen am höchsten (RobertKoch-Institut, 2012a). Daten der EU zeigen, dass Cannabis die am häufigsten verwendete illegale Droge unter jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren ist. Hier herrschen aber in den unterschiedlichen Staaten große Unterschiede von Anteilen zwischen 1 % und 23 % vor (Coyette, 2015). Die Mehrheit der jungen Menschen in der EU zwischen 15 und 24 Jahren hat im Jahr vor der Umfrage Alkohol konsumiert. Der Anteil derer, die Alkohol konsumiert haben, reicht von fast 90 % in Deutschland und Estland, bis knapp unter 60 % in Portugal und Rumänien. Im Allgemeinen neigen junge Männer dazu, mehr Alkohol zu konsumieren als junge Frauen (Coyette, 2015). Der Unterschied betrifft dabei den gesundheitlich riskanten (nicht moderaten) Alkoholkonsum, der bei einem Drittel der Männer ab 18 Jahren vorliegt, gegenüber einem Fünftel aller Frauen ab 18 Jahren. Die jüngste Altersgruppe (zwischen 18 und 29 Jahren) weist dabei den größten Anteil an Risikokonsumenten (33 % der Frauen und 42 % der Männer) auf (Robert-Koch-Institut, 2012a, Robert-Koch-Institut, 2014). Mit steigendem Alter sinkt nach Busch (2011) ein insgesamt gesunder Lebensstil ab. Je älter die Menschen werden, desto weniger Menschen geben mindestens vier von fünf ausgewerteten gesunden Lebensstilfaktoren an. Gezählt wurden sportliche Aktivität, Obst- und Gemüsekonsum, gesundes Gewicht, kein riskanter Alkoholkonsum und Nichtrauchen. Nur 17 % aller Frauen und 11 % aller Männer weisen über alle Altersgruppen vier gesunde Lebensstilfaktoren auf. Dies traf auf 21 % der 18-29 Jährigen im Vergleich zu 10 % der über 70-Jährigen zu. Dabei sinkt der Anteil bei den Frauen von 22 % auf 14 % und bei den Männern von 19 % auf 9 % (Busch, Hapke & Mensink, 2011).

46

3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

Daten aus den USA weisen auf einen insgesamt wenig gesunden Lebensstil von jungen Erwachsenen hin. Sie frühstücken seltener, treiben wenig Sport oder haben wenig körperliche Bewegung, sie nehmen Vorsorgeuntersuchungen (medizinische und zahnmedizinische) selten wahr, essen Fast Food, konsumieren Alkohol (Rauschtrinken), Tabak, Marihuana und harte Drogen. Im jungen Erwachsenenalter (hier 18-26 Jährige) zeigen sich viele riskante Verhaltensweisen auf einer Art Höhepunkt im Leben (Bonnie et al., 2014). In dieser Lebensphase kehrt sich der Trend allerdings um und riskantes Verhalten wird zunehmend abgelehnt. So geht der Gebrauch von berauschenden Substanzen über das Erwachsenenalter insgesamt zurück. Dieser Rückgang lässt sich im jungen Erwachsenenalter festmachen, wo der Höhepunkt, etwa bei Alkoholkonsum, mit Anfang 20 und insbesondere beim Binge-Trinken (Rauschtrinken) und unter Studierenden zu verzeichnen ist. Der Zigarettenkonsum auf ein Jahr oder einen Monat bezogen erreicht meistens mit Mitte 20 den Höhepunkt (Johnston, O’Malley, Bachman, Schulenberg & Miech, 2015). Arnett (2004) konstatiert dazu, dass Risikoverhalten wie Alkoholkonsum nach Auszug aus dem Elternhaus und insbesondere zu Beginn eines Studiums, zunächst ansteigen, weil die elterliche Kontrolle plötzlich fehlt und Selbstkontrolle gefragt ist, welche erst erlernt werden muss. Eine Erklärung für einen Wendepunkt etwas später in dieser Lebensphase könnte in einem Wandel der Wahrnehmung des eigenen Erwachsenenstatus liegen, denn junge Menschen, die sich selbst als erwachsen wahrnehmen, zeigen weniger Risikoverhalten (Nelson & Barry, 2016). Eine geringe Motivation junger Erwachsener für einen gesunden Lebensstil geht mit dem geringen generellen Interesse an der eigenen Gesundheit einher (Faltermaier, 2017), wohingegen Lifestyle-Faktoren eine Rolle für Gesundheits- und Risikoverhalten spielen (Boyd & Bee, 2012) Die vorhandene Risikobereitschaft und Genussorientierung, das Gefühl von Unverwundbarkeit und Stärke, die Bedeutung körperlicher Attraktivität sowie der kurzfristige Effekt von Risikoverhalten (Alkohol, Tabak) zur Reduzierung empfundener Belastungen können weitere Erklärungen für das beschriebene Risiko- und Gesundheitsverhalten junger Erwachsener sein (Faltermaier, 2017)

3.2 Erklärungsmodelle für Gesundheit junger Erwachsener

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3.2 Erklärungsmodelle für Gesundheit junger Erwachsener Junge Erwachsene stellen zunächst keine naheliegende Zielgruppe für gesundheitswissenschaftliche Forschung dar, weil sie nicht als besonders gesundheitlich gefährdet gelten. Betrachtet man die Ergebnisse zur gesundheitlichen Lage ergibt sich aber ein differenziertes Bild mit guter körperlicher Gesundheit, jedoch ebenso Gefährdungen der Gesundheit durch Risikoverhalten und zunehmend schlechtere psychische Gesundheit, bei Frauen auch deutlich im Vergleich zu Personen im mittleren Erwachsenenalter. Das Gesamtbild der Gesundheit junger Erwachsener ist zusammengefasst allerdings positiv. Fragt man daher nicht aus der pathogenetischen Sicht - also inwiefern sind junge Erwachsene krank und wie kann man sie behandeln? - sondern salutogenetisch, wird diese Altersgruppe besonders interessant: Warum sind und bleiben Personen in dieser Lebensphase gesund und haben ein hohes Maß an Wohlbefinden? Was hält sie gesund? Welche Ressourcen haben sie um Belastungen ihrer Gesundheit zu bewältigen? In dieser Arbeit wird die Entstehung von Gesundheit betrachtet und somit eine salutogenetische Sichtweise eingenommen, um zu untersuchen, was Menschen im jungen Erwachsenenalter gesund hält. Gesundheit wird multidimensional betrachtet und positiv definiert. Diese orientiert sich an der WHO-Definition: „Gesundheit ist ein Zustand des umfassenden körperlichen seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ (WHO-Satzung, 1948, S. 1) und: „Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten“ (WHO, 1986, S. 1). Im Fokus stehen somit die unterschiedlichen Dimensionen von Gesundheit, also die körperliche, psychische und soziale Dimension (bio-psychosoziales Gesundheitsmodell) (Faltermaier & Schwarz, 2013) sowie das positive Verständnis von Gesundheit, beispielsweise als Leistungs- und Handlungsfähigkeit und als subjektives Wohlbefinden. Des Weiteren ist es notwendig zwischen subjektiv und objektiv bewerteter Gesundheit zu differenzieren. Objektive Gesundheit ist mit (medizinischen) Daten messbar und wird von Professionellen beurteilt. Die subjektive Gesundheit eines Menschen hängt mit den Vorstellungen der einzelnen Person zusammen, mit deren Verständnis von Gesundheit des Menschen selbst sowie deren Bewertung. Dabei ist insbesondere die Betrachtung von psychischer und sozialer Gesundheit und von subjektivem Wohlbefinden nur mit der Beurteilung des Menschen selbst möglich (mehr zu Gesundheitsvorstellungen und -konzepten in Faltermaier, 2017).

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Gesundheit ist grundsätzliche Voraussetzung für eine positive Entwicklung von Menschen in jedem Alter. Welche Aspekte des komplexen Konstrukts Gesundheit jeweils besonders bedeutsam sind, unterscheidet sich für die Altersgruppen jedoch stark. Junge Erwachsene beschäftigen sich selbst meist weniger mit Gesundheit, denn ernste Erkrankungen und körperliche Beschwerden sind im jungen Erwachsenenalter selten. Junge Erwachsene tendieren außerdem wie Jugendliche dazu, sich selbst grundsätzlich als gesund wahrzunehmen und zu erwarten immer gesund zu bleiben (Faltermaier, 2017). Im Lebenslauf rückt Gesundheit durch verschiedene Erlebnisse in das Bewusstsein der Menschen und damit stärker in den Fokus. Durch eigene Erkrankungen oder jene nahe stehender Personen, durch die eigenen körperlichen Alterungsprozesse, das Erleben von Leistungsgrenzen oder auch einer Schwangerschaft verändert sich der individuelle Stellenwert von Gesundheit (Faltermaier, 2017). Ist die Gesundheit von Menschen beeinträchtigt, wirkt sich dies stark auf deren Entwicklung aus. So können Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt sein oder eine bestimmte Entwicklungsrichtung wird angestoßen. Kritische Lebensereignisse und deren Bewältigung können Entwicklung und Gesundheit gleichermaßen hemmen oder fördern (Faltermaier et al., 2014). 3.2.1 Salutogenese Die von Antonovsky (1979) formulierte Salutogenesetheorie lieferte ein alternatives Denksystem über Gesundheit und Krankheit und führte zu einem (teilweisen) Paradigmenwechsel in den Gesundheitswissenschaften (Faltermaier, 2017). Salutogenese heißt Herstellung und Aufrechterhaltung von Gesundheit. Betrachtet werden also Faktoren und Bedingungen, die Menschen gesund machen und erhalten (Hartung, 2011). Salutogenese ist ein psychologisches Rahmenkonzept zur Erklärung von Gesundheit, welches ganzheitliche Ansätze und Fragestellungen für interdisziplinäre Forschung liefert und nach Antonovsky (Antonovsky, 1997) als komplementäre Sichtweise zur pathogenetischen Orientierung zu verstehen ist. Das zentrale Merkmal der salutogenetischen Orientierung ist ein positives Verständnis von Gesundheit mit dem Fokus auf Ressourcen und Coping statt auf Risiken. Es wird außerdem ein Kontinuum statt eines Zustandes von Gesundheit oder Krankheit angenommen. Ein Mensch ist demnach niemals gänzlich krank oder vollkommen gesund, sondern er bewegt sich sein Leben lang nach Antonovskys Theorie auf einem Kontinuum zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit. Wünschenswert ist dabei eine Bewegung in Richtung des positiven Pols der Gesundheit (Antonovsky, 1997). Der Prozess, der die Verschiebung auf dem Kontinuum bewirkt, ist

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ein Belastungs-Bewältigungsprozess, entwickelt aus der Forschungstradition der Stresstheorien. Salutogenese stellt einen komplexen Prozess dar, der Stressoren, ihre Bewältigung mithilfe von Widerstandsressourcen, das Kohärenzgefühl und die Bewegung auf dem Kontinuum in eine positive oder negative Richtung als voneinander in vielfacher Weise abhängig abbildet (Bengel, Strittmatter & Willmann, 2001). Belastungen oder Stressoren wirken auf den Menschen von innen und/ oder außen ein, welche alltägliche Probleme, Erkrankungen oder auch Entwicklungsaufgaben sein können. Eine Person kann generalisierte Widerstandsressourcen aktivieren, um diese Belastung oder diesen Stressor zu bewältigen. Diese Ressourcen können personal, psychisch, sozial, materiell und kulturell sei (Antonovsky, 1997). Um diese Ressourcen, die theoretisch vorhanden sind, zu aktivieren, benötigt der Mensch ein gewisses Maß an Kohärenzgefühl (Sense of Coherence = SOC). Der SOC wird als globale Orientierung und Gefühl des Vertrauens, welches das (eigene) Leben verstehbar, handhabbar und bedeutsam erscheinen lässt, eingeführt. Das Kohärenzgefühl mit seinen drei Komponenten ist innerhalb des Salutogenesemodells die zentrale Determinante für die Einordnung auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum (Antonovsky, 1997). Es ist das Gefühl, dass man Aufgaben lösen kann, und dass es sich für deren Lösung lohnt, Ressourcen zu investieren. Das Leben wird nicht als unbeeinflussbar, sondern als verständlich, stimmig und geordnet wahrgenommen. Die Menschen nehmen sich als aktiv und gestaltend wahr. Der SOC beeinflusst also, inwiefern Menschen Ressourcen mobilisieren, um belastende Erfahrungen zu bewältigen (Keupp, 1997). Laut Antonovsky (1997) ist die Ausprägung des SOC für Menschen zwar auch dynamisch, aber insgesamt stabil und im Erwachsenenalter kaum veränderbar. Ist die Bewältigung eines Spannungszustandes, der durch Stressoren hervorgerufen wurde, erfolgreich, führt dies zu einer Bewegung in Richtung des Gesundheitspols oder verhindert eine Verschiebung in Richtung Krankheit (Bengel et al., 2001). Die Pole Gesundheit und Krankheit sind jeweils nicht als körperlicher Zustand zu sehen, sondern sollten neben der physischen auch die soziale und psychische Dimension von Gesundheit beinhalten (Faltermaier, 2017). Das umfassende Konzept der Salutogenese ist empirisch in seiner Gänze kaum überprüfbar, das zentrale Konstrukt des SOC wurde vielfach in Studien untersucht und Zusammenhänge zu vielen Gesundheits- und Krankheitsparametern nachgewiesen. Für die Ausprägung des SOC konnte eine langfristige Vorhersage der Ausprägung objektiver und subjektiver Gesundheit bestätigt werden. Insgesamt sind

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3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

die Zusammenhänge des SOC mit psychischer Gesundheit eindeutiger und stärker als mit körperlicher Gesundheit (Faltermaier, 2017). 3.2.2 Ressourcen Ressourcen, allgemein gefasst, sind Güter, Mittel oder Kräfte, die Personen immer wieder für verschiedene Handlungen aktivieren können. Allgemeine Beispiele für Ressourcen sind Zeit, Geld und Freundschaften. Ressourcen können Merkmale einer Person sein oder persönliche Bedingungen für die Bewältigung von unterschiedlichsten Problemen im Laufe des Lebens, die negative Folgen von Belastungen, auch von Erkrankungen verhindern oder abmildern (Brandtstädter, 2015). Widerstandsressourcen, wie durch Antonovsky beschrieben, beeinflussen Gesundheit indirekt, indem sie Belastungen bewältigen helfen. Gesundheitsressourcen können neben der indirekten Wirkung auch die Grundlage für Handlungen von Menschen für ihre Gesundheit bilden. Zu unterscheiden sind interne, darunter personal-psychische und körperliche, und externe, darunter sozialinterpersonale, soziokulturelle und materielle Ressourcen (Faltermaier, 2017). Tabelle 3 zeigt diese Differenzierung in interne und externe Ressourcen unterteilt in fünf Arten von Ressourcen mit Beispielen in der mittleren Spalte und Kompetenzen sowie Wirkungen in der rechten Spalte, die sich aus diesen Ressourcen ableiten. Eine interne Ressource ist beispielsweise das Körpergefühl, welches zu den körperlichen Ressourcen zählt. Ist dieses gut ausgeprägt, kann es die Basis für ein günstiges Gesundheitsverhalten darstellen, etwa aufgrund von hoher Achtsamkeit auf körperliche Belastungsgrenzen oder erste Anzeichen von körperlichen Beschwerden. Die sozialen Ressourcen zählen zu den externen Ressourcen und liegen beispielsweise in der Struktur eines sozialen Netzwerks vor. Sie bieten die Möglichkeit soziale Unterstützung zu erhalten und so eine bestimmte Belastung zu bewältigen, um die Gesundheit zu erhalten (Faltermaier, 2017).

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Tabelle 3: Differenzierung von Ressourcen mit Beispielen (eigene Darstellung nach Faltermaier, 2017, S. 184-193)

Personal-psychische Ressourcen

Körperliche Ressourcen

Interne Ressourcen Persönlichkeitsmerkmale: Überzeugungen, Ausprägungen z. B. von Optimismus, Intelligenz, Selbstwertgefühl Körperliche Fitness, Körpergefühl

Handlungskompetenzen: z. B. Bewältigungsstrategien, soziale Kompetenzen Immunkompetenz, Stabilität des vegetativen, kardiovaskulären Systems

Externe Ressourcen Sozial-interpersonale Ressourcen Soziokulturelle. Ressourcen Materielle Ressourcen

soziale Netzwerke Religiöse, philosophische Überzeugungen Geld, Vermögen, Güter

Soziale Unterstützung Kulturelle Stabilität Dienstleistungen

Das Verständnis von Ressourcen umfasst weitere Konzepte, etwa Metaressourcen, als Basis für den Erhalt und Zugewinn von weiteren Ressourcen. Umfassendere Konzepte, die als Ressourcen angesehen werden, wie Resilienz oder Ich-Stärke beinhalten gleich mehrere persönliche Merkmale, etwa emotionale Stabilität, Optimismus, Selbstwertgefühl, körperliche Fitness, Humor oder positive Kontrollüberzeugungen (Brandtstädter, 2015). In der Kindheit, Jugend und im jungen Erwachsenenalter müssen Menschen Ressourcen zunächst aufbauen und erweitern, etwa indem sie Kompetenzen und Kenntnisse erwerben (Brandtstädter, 2015), aber auch materielle Ressourcen müssen erst aufgebaut werden (Faltermaier, 2017). Typischerweise haben junge Erwachsene vergleichsweise gute physische Ressourcen, denn in diesem Alter ist die körperliche Leistungsfähigkeit mit Muskelgewebe, Knochensubstanz, sensorischen Fähigkeiten und Immunsystem auf dem höchsten Stand. Auch die geistige Leistungsfähigkeit ist in dieser Lebensphase auf dem höchsten Niveau (Boyd & Bee, 2012). Individuell sind die personalen Ressourcen wie etwa (geistige) Flexibilität allerdings unterschiedlich. Insgesamt betrachtet haben junge Erwachsene häufiger internale Kontroll- und Kompetenzüberzeugungen als ältere Erwachsene, wodurch Gesundheitsverhalten begünstigt wird (Faltermaier, 2017). Viele junge Erwachsene haben ein großes soziales Netzwerk mit engen Freundschaften und Familienbeziehungen als soziale Ressourcen, aus dem sie Unterstützung erhalten können (Diewald, 1991). Typische Belastungen sind bereits beschrieben worden. Sie entstehen aus den vielfäl-

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tigen Anforderungen der Gesellschaft, der Dichte an Entwicklungsaufgaben, den neuen Rollenanforderungen, den Ambivalenzen und Unsicherheiten und dem sozialen Wandel (Faltermaier, 2017). Die konkreten Anforderungen werden auch durch Identitätsarbeit bewältigt (siehe Abschnitt 2.4), die an den Übergängen in Partnerschaft, Familie und Beruf geleistet wird. Die großen Spielräume, die junge Menschen haben, sind komplexe Lebensbedingungen. Es ist viel Selbstorganisation notwendig, um die gegebenen Möglichkeiten zu nutzen und erwachsen zu werden. Individuelle ökonomische und soziale Ressourcen sind insbesondere notwendig, um die Unsicherheit und geringe Vorhersehbarkeit auszuhalten und Anforderungen zu bewältigen (Keupp, 1997). Durch die Konfrontation mit vielen Entwicklungsaufgaben entwickeln einige Jugendliche gesundheitsschädigende Risikoverhaltensweisen (Hackauf & Winzen, 2004). Auch im jungen Erwachsenenalter zeigen viele Menschen eine riskante Lebensweise mit Risikoverhalten im Bereich Alkohol- und Tabakkonsum und riskantem Verhalten im Verkehr oder in der Freizeit (Faltermaier, 2017; siehe Abschnitt 3.1.3). Bei der Untersuchung von Verteilungsmustern von Ressourcen auf unterschiedliche Personengruppen finden Reitzle et al. (2008) eher eine individuelle Verteilung von psychosozialen Ressourcen, als eine Verteilung nach den demographischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildung, sozioökonomischer Status und Region. Sogenannte proximale soziale Ressourcen, also Personen aus dem näheren Umfeld, die soziale Unterstützung leisten könnten, sind besonders verbreitet und stehen im Zusammenhang mit dem Vorhandensein von personalen Ressourcen wie Optimismus und Neugier. Insgesamt begünstigen Ressourcen sich gegenseitig. So finden etwa besonders offene und zuversichtliche Menschen verlässliche soziale Beziehungen und erhalten sie. Bildung und Erwerbsarbeit begünstigen ebenfalls den Aufbau sozialer Ressourcen. Umgekehrt benachteiligt eine Arbeitslosigkeit beim Aufbau von Ressourcen und fordert den Einsatz von Ressourcen aller Art (Reitzle, Blumenthal & Fabel, 2008). Die Rolle des SOC bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen, Übergängen und Entwicklungsaufgaben konnten Born et al. (2008) am Beispiel vom Übergang aus der Schule ins Studium zeigen. Das Kohärenzgefühl (SOC) zeigt sich als eine hoch relevante Ressource bei der Bewältigung der veränderten Situation. Die Studienanfänger in der Studie mit hohen Werten beim SOC nehmen den Übergang als Herausforderung wahr, diejenigen mit niedrigen Werten beim SOC sehen ihn als Bedrohung (Born, Crackau & Thomas, 2008)

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3.3 Subjektives Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter Wohlbefinden ist ein Konzept, welches der positiven Gesundheitsdefinition nahe kommt und bedeutend für das Verständnis und die Erklärung von Gesundheit im jungen Erwachsenenalter ist. Die Definitionen von Gesundheit, Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden werden sowohl getrennt als auch miteinander vermischt beschrieben. So zeigen die verschiedenen Konstrukte erkennbare Zusammenhänge und Überschneidungen, und Begriffe wie Glück und Lebensqualität werden teilweise synonym verwendet. Im folgenden Abschnitt wird das Konzept des subjektiven Wohlbefindens dargelegt und die Entwicklung von subjektivem Wohlbefinden über die Lebensspanne, die Einflüsse und Entstehungsfaktoren von Wohlbefinden und die besondere Bedeutung in der Lebensphase des jungen Erwachsenenalters betrachtet. 3.3.1 Definition von subjektivem Wohlbefinden Das subjektive Wohlbefinden (auch SWB, subjective well-being) befasst sich grundsätzlich damit, wie Menschen ihr Leben bewerten. Dabei sind emotionale und kognitive Bewertungen, spezifische und konkrete Bereiche bis hin zu globalen und abstrakten Einschätzungen relevant. Darunter fällt jedoch eine große Vielfalt an Konzepten, die von momentanen Stimmungen bis zu globaler Lebenszufriedenheit reichen. Häufig wird in eine kognitive und eine affektive Ebene des subjektiven Wohlbefindens unterschieden. Dabei stellt die kognitive Ebene die Zufriedenheit durch globale oder spezifische Bewertung und die affektive Ebene die aktuelle Gefühls- und Stimmungslage dar. Die allgemeine Lebenszufriedenheit und die Zufriedenheit mit Teilbereichen des Lebens wie Familienleben, Freundeskreis, Beruf oder Einkommen sind die kognitiven Bewertungen, die das Wohlbefinden der Menschen beschreiben. Ein Mittel, die emotionale Ebene des Wohlbefindens von Menschen zu erfassen, ist die Affektive Balance, welche einen berechneten Wert aus Angaben der Person zu erlebten Gefühlszuständen in der jüngeren Vergangenheit darstellt (Kim-Prieto, Diener, Tamir, Scollon & Diener, 2005). Eine weitere Unterscheidung erfolgt in aktuelles und habituelles Wohlbefinden, also in eine Momentaufnahme der Stimmung und in eine stabile Einschätzung des Zustands. Aktuelles Wohlbefinden ist das emotionale und körperliche Erleben einer Person im Moment, während habituelles Wohlbefinden ein Gesamturteil bildet, auch durch kognitive Prozesse entsteht und sich auf längere Zeiträume bezieht. Person und Umweltbedingungen sind relevant für subjektives Wohlbefinden, wobei sowohl objektive, als auch subjektiv wahrgenommene Umweltbedingungen ins Gewicht fallen (Abele & Becker, 1991).

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3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

Einige verschiedene Definitionen des Wohlbefindens werden im Überblick anhand von Tabelle 4 dargestellt und Parallelen und Unterschiede der unterschiedlichen Definitionen verdeutlicht. In der rechten Spalte werden Hintergrund oder Erklärungsgrundlage dargestellt. So werden die Lebenszufriedenheit als kognitive Ebene und die Affektive Balance als affektive Ebene neben Definitionen, die etwa auf Gesundheit oder Kompetenzen basieren, aufgezeigt. Tabelle 4: Unterschiedliche Definitionen von subjektivem Wohlbefinden Wohlbefinden … … setzt sich aus globalen Bewertungen des Lebens und seiner unterschiedlichen Bereiche zusammen und entspricht einem persönlichen Gesamturteil über das eigene Leben und dessen Qualität (Kim-Prieto et al., 2005). … setzt sich aus emotionalen Eindrücken über eine bestimmte Zeit zusammen, die gegeneinander aufgerechnet werden (Durchschnittswert), dargestellt durch eine zweidimensionale Differenz von positiven und negativen erlebten Gefühlszuständen (Abele & Becker, 1991; Kim-Prieto et al., 2005). …ist das Erleben von psychischer und physischer und sozialer Gesundheit (Faltermaier, 2017). … ist die Befriedigung von Bedürfnissen (Abele & Becker, 1991). … ist das Ergebnis von gut bewältigten Anforderungen (Abele & Becker, 1991). … hängt von der Persönlichkeit ab, bedeutet Lebensfreude und umfasst eine positive Einstellung gegenüber sich selbst, der Umwelt und der Zukunft (Abele & Becker, 1991). … hängt primär von der Umwelt ab und zwar von der sozialen, vor Lebensstandard, Arbeitsbedingungen (Abele & Becker, 1991). … ist das Ergebnis der optimalen Passung zwischen Person und Umwelt (Abele & Becker, 1991). … entsteht durch erfolgreiches Handeln (Abele & Becker, 1991). …ist der „Ausdruck eines gelungenen Lebens“ (Abele & Becker, 1991, S. 43). … beinhaltet die „Fähigkeit, die kleinen Freuden des Alltags genießen zu können“ (Abele & Becker, 1991, S. 43). … hängt maßgeblich davon ab, was die Personen selbst darunter verstehen (Brandtstädter, 2015).

Hintergrund / Erklärung Lebenszufriedenheit (mit acht Zufriedenheitsbereichen, welche die globale Lebenszufriedenheit unterteilen) Affektive Balance

Gesundheitsbezug Motivationstheoretisch kompetenztheoretisch Personenansatz

Umweltansatz Passungsansatz Handlungsfähigkeit

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Das Konzept des Wohlbefindens ist, wie erläutert, aus der Theorie heraus nicht eindeutig definiert und soll in dieser Arbeit nicht auf ein einzelnes Modell reduziert werden. Wie auch aus der oben stehenden Tabelle 4 deutlich wird, gibt es Gemeinsamkeiten in den unterschiedlichen Definitionen und sie können einander ergänzen. So soll subjektives Wohlbefinden in dieser Arbeit in Anlehnung an das habituelle Wohlbefinden als übergreifendes Empfinden der Menschen, welches sich aus kognitiven Bewertungen und emotionalem Empfinden gegenüber unterschiedlichen Aspekten des eigenen Lebens speist, verstanden werden. Dabei spielen verschiedene Faktoren wie die Person, ihr Kontext, Anforderungen und deren Bewältigung sowie ihre Gesundheit eine Rolle. Diese Faktoren für die Entstehung von Wohlbefinden werden nach der Darstellung des subjektiven Wohlbefindens über die Lebensspanne erörtert. 3.3.2 Wohlbefinden über die Lebensspanne Aus einer Entwicklungsperspektive heraus betrachtet sollten Wohlbefinden und Zufriedenheit das Ergebnis günstiger Entwicklungsbedingungen sein, doch erscheinen sie in den Lebensläufen der Menschen nie als dauerhafter Zustand oder als ein erreichbarer Zielzustand (Brandtstädter, 2015). Wohlbefinden im Lebenslauf ist als ein Prozess zu betrachten, weniger als ein Zustand. Dieser Prozess beinhaltet auch unvermeidliche negative Phasen und Erfahrungen. Auch Leiden ist ein Teil des Wohlbefindens, denn das Überwinden von negativen Phasen erhöht das Wohlbefinden danach (Abele & Becker, 1991). Die kurze Dauer von positiven Gefühlen und die Fokussierung auf negative Gefühle sind auf biologischer Ebene erklärbar, weil diese die Menschen zur Beseitigung der Ursache von negativen Gefühlen wie Schmerz, Angst und Einsamkeit treibt. Unzufriedenheit kann ein großer Antrieb zur Verbesserung der eigenen Lage oder der Rahmenbedingungen sein. Ein lange bestehender Zustand des Wohlbefindens, in dem es Menschen „eigentlich gut geht“ (S. 42), wird oft nicht als solcher wahrgenommen und erfährt weniger Aufmerksamkeit (Abele, 1991). Die Wahrnehmung von Wohlbefinden hängt von vielen persönlichen Bedingungen ab. Über die Lebensspanne beeinflussen verschiedene Erfahrungen die Bewertung, etwa durch Vergleiche mit zurückliegenden Situationen oder Erwartungen an die Zukunft. Im Vergleich zu einer unglücklichen Vergangenheit bewerten Menschen ihre Gegenwart umso positiver, während glückliche (beendete) Phasen der Vergangenheit sich gegebenenfalls negativ auf die aktuelle Zufriedenheit auswirken (Brandtstädter, 2015).

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3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

Habituelles Wohlbefinden wird als stabile Eigenschaft eingeschätzt und bildet inhaltlich, wie in Tabelle 4 gezeigt, einen emotionalen Zustand, eine Bewertung der globalen oder bereichsspezifischen Zufriedenheit oder eine Zusammensetzung aus psychischem (sich kompetent, ausgeglichen fühlen) und physischem (sich gesund und fit fühlen) und sozialem (sich geliebt und gebraucht fühlen) Wohlbefinden ab (Abele & Becker, 1991). Für dieses Wohlbefinden scheint es empirisch belegbar für jeden Menschen ein bestimmtes Basis-Level zu geben, zu welchem er durch Anpassung auch nach den heftigsten positiven, z. B. ein Lottogewinn oder negativen Lebensereignissen, z. B. ein Unfall mit schweren Folgen, nach kurzer Veränderung des Wohlbefindens wieder zurückkommt. Nach dieser Theorie gibt es für jeden Menschen ein festgelegtes Maß für subjektives Wohlbefinden (Lucas, Clark, Georgellis & Diener, 2003; van Suntum, Prinz & Uhde, 2010). Am Beispiel des Lebensereignisses Eheschließung, welches klassischerweise als eines der bedeutendsten sozialen Lebensereignisse im Erwachsenenalter gilt, wurde gezeigt, dass sich die Lebenszufriedenheit von Menschen direkt nach dem Ereignis ändert, sich aber nach einiger Zeit wieder auf dem vorherigen Niveau einfindet. Es gibt gleich viele Personen, die nach ihrer Hochzeit zufriedener als vorher waren, wie Personen, die nach der Hochzeit unzufriedener waren als vorher. Die Anpassung und das Basisniveau sind nach Lucas et al. (2003) nicht vorbestimmt und unveränderbar, sondern individuell verschieden, aber oft passiert eine Anpassung nach einem einschneidenden sozialen Ereignis auf das Niveau der Zufriedenheit vor dem Ereignis. Diesen Effekt bezeichnen die Forscher als hedonistische Nivellierung (Lucas et al., 2003). Die Studie von Heady, Muffels und Wagner (2013), die Panel Daten aus drei Ländern (Großbritannien, Australien, Deutschland) zusammenführt, weist auf, dass Entscheidungen in den Bereichen Lebensziele und Werte, Persönlichkeit des Partners, Arbeitszeit und Freizeit, soziale Teilhabe und Gesundheitsverhalten die Lebenszufriedenheit langfristig verändern können und widerlegt damit Ergebnisse zur eben beschriebenen Theorie von stabilem Wohlbefinden und dessen Nivellierung. In den PanelDaten wurden mittel- und langfristige Veränderungen der Lebenszufriedenheit gefunden. Vergleiche des ersten Fünfjahreszeitraums (19841988) mit dem letzten (2004-2008) ergaben, dass 38,1 % der Bevölkerung bei der Bewertung ihrer Lebenszufriedenheit eine Veränderung von 25 Perzentilen oder mehr, 25,5 % von 33,3 Perzentilen oder mehr und 11,8 % von 50 Perzentilen oder mehr (z. B. vom 25. bis zum 75. Perzentil oder umgekehrt) angaben. Diese großen Veränderungen über die Zeit passen nicht zu den Erkenntnissen der Nivellierung, denn eine große Minderheit

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in diesen Panel-Daten verändert ihre Lebenszufriedenheit stark. Diese mittel- und langfristigen Veränderungen bedürfen einer anderen Erklärung, denn die bisherigen Erkenntnisse zeigen nur, wie Lebensereignisse kurzfristige Veränderungen (Schwankungen) verursachen (Headey et al., 2013). Grafisch dargestellt zeigen die durchschnittlichen Werte für Wohlbefinden über die Lebensspanne als Verlaufskurve eine U-Form. Das bedeutet, dass das Minimum, die niedrigsten Werte für Wohlbefinden, im mittleren Lebensalter liegen, wobei auch Kohorteneffekte ausgeschlossen wurden. Dieser Verlauf der Ausprägung des subjektiven Wohlbefindens finden Blanchflower und Oswald (2008) als gültig für beide Geschlechter in den USA und Europa und der gezeigte Alterseffekt bleibt bei Kontrolle von Einflussvariablen wie Bildung, Einkommen und Familienstand bestehen. Als Erklärungsversuche für diesen Altersverlauf von subjektivem Wohlbefinden geben die Autoren an, dass Menschen lernen ihre Stärken und Schwächen zu akzeptieren und in der Lebensmitte ihre unerreichbaren Ziele unterdrücken, oder dass möglicherweise glückliche Menschen länger leben als unglückliche und so ein Selektionseffekt auftritt (Blanchflower & Oswald, 2008). Eine andere Erklärung könnte die hohe Belastung durch Anforderungen in Beruf und Familie im mittleren Lebensalter sein (van Suntum et al., 2010). Junge Erwachsene befinden sich im ersten Teil der U-Kurve, also im Bereich des hohen subjektiven Wohlbefindens, welches mit zunehmendem Lebensalter sinkt. Die niedrigsten Werte, also der Tiefpunkt der U-Kurve wurde für Menschen im Alter von ca. 40 Jahre errechnet. Die Ergebnisse dieser Studie werden von Glenn (Glenn, 2009) kritisiert, der ohne die von Blanchflower und Oswald (2008) verwendeten Kontrollvariablen (Familienstand, Bildung, Einkommen) mit der einzigen Kontrollvariable Kohorte die Ergebnisse für die USA nicht reproduzieren konnte und den Verlauf der U-Kurve anzweifelt. Gemäß einer Antwort der Autoren ließen sich U-Kurven jedoch auch mit anderen Daten und ohne die zuvor verwendeten Kontrollvariablen reproduzieren (Blanchflower & Oswald, 2009). 3.3.3 Einflüsse auf subjektives Wohlbefinden In der Definition von subjektivem Wohlbefinden und in der Beschreibung des Verlaufs von Wohlbefinden über die Lebensspanne lassen sich bereits einige Fragestellungen nach der Ursache und den Einflüssen auf das Wohlbefinden ableiten. Sind es die objektiven Umweltbedingungen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen der Menschen? Sind es Faktoren auf der Seite der Person und Persönlichkeit eines Menschen? Sind die

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3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

Arbeit, die sozialen Beziehungen oder die eigene Gesundheit ausschlaggebend für die eigene Einschätzung des Wohlbefindens? Zu den Umweltbedingungen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen, unter denen Menschen leben, zählen etwaige Umweltschäden, Einkommen und Beschäftigung, soziale Sicherheit, die Wohnregion oder der Schulabschluss. Sie werden determiniert durch Alter, Geschlecht und Familienstand. Einen erwiesenermaßen positiven Zusammenhang mit höherem subjektivem Wohlbefinden haben ein Arbeitsplatz, keine finanziellen Sorgen, eine Partnerschaft und vorzugsweise ein jüngeres oder älteres Alter anstelle eines mittleren Lebensalters (letzteres siehe auch 3.3.2) (van Suntum et al., 2010). Das Geschlecht hat keine Vorhersagekraft für das Ausmaß des subjektiven Wohlbefindens (Heidl, Landenberger & Jahn, 2012). In Bezug auf Einkommen zeigt sich, dass ein höheres Einkommen zwar mit einem höheren Wohlbefinden zusammenhängt, allerdings steigen Wohlbefinden und Einkommen ab einem gewissen Wert (ca. 20.000 € persönliches Jahreseinkommen) nicht mehr parallel an (van Suntum et al., 2010). Arbeitslosigkeit führt zu geringerer Lebenszufriedenheit und geringerem emotionalen Wohlbefinden. Auch eine hohe Arbeitsbelastung und arbeitsbezogene Stressoren haben eine negative Wirkung auf subjektives Wohlbefinden (Grümer & Pinquart, 2008; siehe Abschnitt 5.5 zu Zufriedenheit und Gesundheit im Beruf). Die soziodemografischen Faktoren Bildung, Einkommen und Beruf können die Möglichkeiten, innerhalb derer Menschen sich entwickeln, beeinflussen, aber ein linearer Zusammenhang findet sich nicht (je höher der Status desto zufriedener). Dieser Zusammenhang muss demnach komplexer sein (Brandtstädter, 2015). Eine zentrale Rolle spielen dabei die eigenen Ansprüche und bis zu welchem Maß diese erfüllt sind. Damit ist der Unterschied zwischen der eigenen Situation und den eigenen Ansprüchen ausschlaggebend für die Einschätzung des Wohlbefindens (Brandtstädter, 2015). Außerdem bestimmt sich subjektives Wohlbefinden aus dem Vergleich mit einer Referenzgruppe (van Suntum et al., 2010). Heidl et al. (2012) finden in ihren Analysen, dass unter den herangezogenen Variablen zu Soziodemografie und zu Lebensbedingungen die Zufriedenheit mit dem Einkommen und die subjektive Gesundheit die größten Einflussfaktoren für Lebenszufriedenheit darstellen (Heidl et al., 2012). Die objektiven Lebensumstände beeinflussen das subjektive Wohlbefinden daher anscheinend weniger, wobei der Verlauf von Wohlbefinden über den Lebenslauf relevant sein kann. Ein Verlauf von niedrigerem Wohlbefinden zu höherem Wohlbefinden im Laufe der Zeit mit Erinnerung an überwundene schwierige Zeiten oder Einschränkungen beeinflussen die Bilanz über das

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Wohlbefinden insgesamt positiv. Ebenso relevant ist das sogenannte Zufriedenheitsparadox, welches hohe Maße für Zufriedenheit findet, obwohl objektiv schlechte äußere Umstände vorherrschen (Brandtstädter, 2015). Ein weiterer Erklärungsversuch ist, dass subjektives Wohlbefinden von der Persönlichkeit der Menschen abhängig ist. Ausgehend von dem BigFive-Persönlichkeitsmodell wurden in der Vergangenheit viele Studien zum negativen Zusammenhang von Neurotizismus und dem positiven Zusammenhang von Extraversion mit einem hohen Wohlbefinden durchgeführt (Abele & Becker, 1991; Diener, Suh, Lucas & Smith, 1999). Die tatsächliche Vorhersagekraft stellt Brandstädter (2015) in Frage, da die Persönlichkeitsmerkmale von Neurotizismus Ängstlichkeit, Feindseligkeit, Selbstunsicherheit und emotionale Labilität beinhalten, welche schon per se zu mehr Konflikten in Beziehungen und weiteren Lebensbereichen und damit zu einem negativen Zusammenhang mit Wohlbefinden führen. Extraversion auf der anderen Seite beinhaltet Geselligkeit, Aktivität und Tatendrang, Selbstvertrauen und Aufgeschlossenheit, was zu erleichtertem Beziehungsaufbau und Ressourcenaktivierung führt und so einen positiven Zusammenhang mit Wohlbefinden erklären kann. Die sogenannte Person-Umwelt-Passung kann subjektives Wohlbefinden beeinflussen, denn die Lebensumwelten und Entwicklungsbedingungen von Menschen müssen zu den Persönlichkeitsmerkmalen der Personen passen, damit sie sich positiv entwickeln können (Brandtstädter, 2015). Personale und soziale Ressourcen stehen in direktem positiven Zusammenhang mit subjektivem Wohlbefinden, je mehr Ressourcen ein Mensch aufweist, desto höher ist das Wohlbefinden ausgeprägt. Auch soziale Unterstützung weist direkte Zusammenhänge mit einem höheren Wohlbefinden auf und die Qualität sozialer Kontakte weist ebenfalls einen positiven Zusammenhang mit subjektivem Wohlbefinden auf (Grümer & Pinquart, 2008). Gerade die zwischenmenschlichen Beziehungen zeigen sich als bedeutend für eine Steigerung der Lebenszufriedenheit (van Suntum et al., 2010). Asberg (2008) zeigt in einer Studie den Zusammenhang von Stress, wahrgenommener sozialer Unterstützung und Copingverhalten mit Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter. Anhand von durch Stress belasteten Studierenden (aufgrund von Stressoren wie Zeitdruck und Workload im Studium, finanzieller Situation, Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung) konnte gezeigt werden, dass nicht die Anzahl der Stressoren, sondern der Gesamteindruck des Stresserlebens der Person entscheidend für das Wohlbefinden und das Bewältigungsverhalten der Personen war. Bei Frauen spielte die soziale Unterstützung eine größere Rolle, ihre

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3 Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter

sozialen Beziehungen moderierten zwischen Stressoren und Wohlbefinden (Asberg, Bowers, Renk & McKinney, 2008). In einer Studie von Sharon (2016) wurde mittels der Skala Markers of Adulthood der Einfluss auf das Wohlbefinden durch die Kriterien zum Erreichen des Erwachsenenstatus in Verbindung mit der eigenen Einordnung betrachtet. Die Passung zwischen persönlichem Idealzustand und erreichtem Zustand im Bereich der sozialen Beziehungen zeigte dabei die größte Vorhersagekraft. Die Gestaltung reifer sozialer Beziehungen betrifft z. B. die Herstellung einer gleichberechtigten Beziehung zu den Eltern und die Entwicklung einer größeren Rücksicht auf andere (Sharon, 2016). Zusammenfassung Gesundheit und Wohlbefinden können in dieser Lebensphase wesentlich gestaltet und beeinflusst werden, weil im jungen Erwachsenenalter die Entscheidungen, darunter weitreichende sogenannte Weichenstellungen, für die Einflüsse auf Gesundheit und Wohlbefinden, etwa zu Arbeitsbedingungen, zum Bildungsniveau oder zu einer Partnerschaft, getroffen werden. In Bezug auf Gesundheitsverhalten gibt es, wie beschrieben, positive und negative Muster, die Möglichkeit eines Wandels im Verhalten, welcher als Grundlage der gesundheitsrelevanten Lebensweise im weiteren Erwachsenenalter entscheidend sein kann. In dieser Zeit können Ressourcen aufgebaut werden, die für den weiteren Lebensverlauf relevant sein können. Insgesamt sind Gesundheit und Wohlbefinden bei jungen Erwachsenen eher hoch ausgeprägt. Jedoch insbesondere bei jungen Frauen kann die psychische Gesundheit gefährdet sein. Damit in Zusammenhang steht möglicherweise, dass diese Lebensphase, neben Chancen und Freiheiten, von Krisen, Überforderung und Unsicherheiten geprägt ist. Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht ist für diese Altersgruppe daher besonders interessant, wie sich die Zusammenhänge zwischen Entwicklung ins Erwachsenenalter und Gesundheit darstellen.

4 Soziale Beziehungen im jungen Erwachsenenalter Wie in Kapitel 3 beschrieben können soziale Beziehungen eine Ressource sein, die dazu dient, Belastungen und Anforderungen zu bewältigen. Diese Beziehungen gestalten sich in jeder Lebensphase von Menschen anders. Im Folgenden werden soziale Beziehungen im jungen Erwachsenenalter, ihre Prozesse und Auswirkungen als Ressourcen beschrieben. Die in Kapitel 2 beschriebenen Übergänge und Entwicklungsaufgaben beinhalten viele Komponenten der sozialen Beziehungen. Der Übergang Heirat etwa betrifft die Beziehungsform Partnerschaft, die Entwicklungsaufgabe Ablösung vom Elternhaus betrifft die Beziehung junger Erwachsener zu ihren eigenen Eltern. Damit zeigen sich bereits zwei zentrale Beziehungen im jungen Erwachsenenalter, die Eltern und die Partnerschaft. Des Weiteren wird in diesem Kapitel auch auf Freundschaften eingegangen, die im Entwicklungskontext und auch als soziale Ressourcen in dieser Lebensphase eine wesentliche Rolle spielen. Zunächst werden im Folgenden die theoretischen Konzepte zu sozialen Beziehungen und die unterschiedlichen Beziehungsformen im jungen Erwachsenenalter dargestellt und anschließend die Zusammenhänge von sozialen Beziehungen mit Gesundheit und Wohlbefinden aufgezeigt. 4.1 Theoretische Einführung von sozialen Beziehungen Soziale Beziehungen bezeichnen in dieser Arbeit die Verbindungen zwischen Personen und schließen die theoretischen Konzepte soziales Netzwerk, soziale Ressourcen, soziales Kapital und soziale Unterstützung mit ein. Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Menschen über die gesamte Lebensspanne in sozialen Beziehungen eingebunden sind und diese aktiv gestalten. Beziehungen bilden den Rahmen für soziale Interaktionen, sie haben unter anderem die Funktionen soziale Bedürfnisse zu erfüllen und soziale Unterstützung zu leisten, wie in diesem Abschnitt erläutert wird. Soziale Beziehungen verändern sich im Laufe des Lebens und bieten für Individuen den sozialen Rahmen sich zu entwickeln. Es gibt unterschiedliche Beziehungen, die formell, also durch äußere Strukturen vorgegeben oder informell sein können. Sie können anhand von sozialen Rollen (Eltern, Arbeitskollegen, Mitschüler), ihren Funktionen (Vertraute, Spielkamerad) oder Interaktionsmerkmalen (oberflächliche, intime, stabile Beziehungen) beschrieben werden (Lang, 2003). Soziale Beziehungen erfüllen Grundbedürfnisse aller Menschen, vor allem die soziale Eingebundenheit. Immer wieder verändern sich im Laufe des Lebens, vor allem an Übergängen und bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_4

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4 Soziale Beziehungen im jungen Erwachsenenalter

die Bedeutungen von unterschiedlichen Beziehungen und ihren Kontexten, z. B. in Schule, Beruf, Partnerschaft oder Freizeit. Die Menschen sind dann gezwungen, Entscheidungen über Beziehungen zu treffen, sie zu beginnen, zu pflegen, zu intensivieren oder zu beenden. So wird das eigene soziale Netzwerk immer weiter angepasst und ausgebaut (Lang, 2003). Im jungen Erwachsenenalter ändert sich, wie beschrieben, durch Übergänge der soziale Kontext und bei einigen engen Beziehungen findet eine Ablösung statt, dazu zählen die Eltern, Geschwister und Schulfreunde. Das junge Erwachsenenalter spielt eine entscheidende Rolle für die Beziehungsgestaltung im weiteren Leben. Bisherige Muster können in dieser Lebensphase unterbrochen oder weitergeführt werden. So können etwa belastete Familienbeziehungen hinter sich gelassen werden, oder sich regelrechte Negativspiralen der ungünstigen Beziehungsgestaltung ereignen, wenn junge Erwachsene etwa ihre eigene Partnerschaft nach einem negativen Vorbild der Beziehung ihrer Eltern gestalten (Maughan & Champion, 1993). Zusammengefasst lässt sich beschreiben, dass ein soziales Netzwerk die Struktur der Beziehungen eines Individuums darstellt. Soziale Ressourcen beschreiben soziale Beziehungen als Potential für die Aktivierung dieser Kontakte zur Bewältigung von Aufgaben oder Belastungen. Dies kann in Form von Unterstützungsleistungen erfolgen, welche durch die Personen im Netzwerk geleistet werden können. Soziale Netzwerke sind Beziehungsgeflechte, welche einen bestimmten Umfang, eine bestimmte Dichte und eine unterschiedliche Qualität der Beziehungen aufweisen. Soziale Netzwerke ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe, soziale Integration und Unterstützung. Sie haben eine soziale Sicherungsfunktion und beeinflussen Wohlbefinden (siehe z. B. Bruns, 2013) und sogar die Sterblichkeit von Menschen (siehe z. B. Meta-Analyse von Holt-Lunstad, Smith & Layton, 2010). Damit haben sie einen hohen Wert und zwar psychisch, sozial und auch ökonomisch (Künemund & Kohli, 2010). Die Betrachtung von Netzwerken betrifft zunächst nur die Struktur von sozialen Beziehungen, weniger die Beziehungsinhalte (Hollstein, 2013). Eine Einteilung in primäre Netzwerke (Familie, Verwandte, Freunde), sekundäre Netzwerke (selbstorganisierte Gruppen, Vereine, Verbände) und tertiäre Netzwerke (z. B. professionelle Hilfesysteme, Beratungsstellen) gliedert die Struktur von sozialen Netzwerken weiter auf (Trojan, 2003). Soziale Netzwerke stellen den „signifikanten Anderen“ dar, der relevant für die Identitätsarbeit ist (siehe Abschnitt 2.4). Dabei spielen die vergleichende Entwicklung unter Freunden, Anerkennung und Unter-

4.1 Theoretische Einführung von sozialen Beziehungen

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stützung eine Rolle. Außerdem wird eine eigene soziale Position eingenommen, so dass in sozialen Netzwerken Beziehungsarbeit stattfindet, welche Kommunikation und Verständigung und gegebenenfalls auch Konfrontation erfordert (Keupp et al., 2008). Das Modell des sozialen Konvois (Antonucci, Birditt & Akiyama, 2009) beinhaltet den Aspekt der Lebensspanne und der längsschnittlichen Entwicklung von sozialen Beziehungsstrukturen von Menschen. Der Begriff Konvoi beschreibt die Einbettung in zwischenmenschliche Beziehungen, die einen Menschen durch das Leben begleiten. Einige Beziehungen sind über einen sehr langen Zeitraum Teil des Konvois (etwa familiäre Beziehungen), bei anderen Beziehungen gibt es häufigere Wechsel (neue Freundschaften entstehen, andere fallen weg). Der eigene Konvoi entwickelt sich individuell, die zwischenmenschlichen Bezüge gestalten sich nach Alter, Geschlecht, Persönlichkeit und Lebenssituation unterschiedlich. Der Konvoi bietet soziale Interaktionen, positive und negative Feedbacks und unterstützt letztlich bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben in jeder Lebensphase. Das Konvoi-Modell berücksichtigt auch negative Beziehungsaspekte, Mitglieder des Konvois können sich der Person gegenüber z. B. verletzend verhalten. Eine ambivalente Wirkung von Beziehungen ist ebenfalls möglich, so dass bei denselben Menschen sowohl positive als auch negative Anteile in der Beziehung bedeutend sind, was insbesondere in Familienbeziehungen vorkommt (Antonucci et al., 2009). Soziale Unterstützung ist ein Konzept aus der Stressforschung und betrachtet soziale Beziehungen im Kontext von Belastungen. Sie beschreibt die Wirkung sozialer Beziehungen auf Stressoren, nämlich als Abschirmung vor dem Auftreten von Belastungen, als Pufferwirkung durch Bearbeitung von Belastungen und Toleranzsteigerung im Umgang mit negativen Folgen (mehr dazu im Abschnitt 4.3). Soziale Unterstützung wird durch die Personen aus dem sozialen Netzwerk in verschiedenen Formen geleistet: • emotional (Wertschätzung, Trost, Empathie, Sorge, Liebe) • instrumentell (Hilfeleistungen, praktische Unterstützung) • informationell (Rat, unterstützende Informationen) • evaluativ (Rückmeldungen für Selbsteinschätzung, Situationseinschätzung) (House, 1983 zit. n. Faltermaier, 2017) • positiver sozialer Kontakt (Zusammensein, Aktivitäten) (Abele & Becker, 1991) Soziale Unterstützung bedeutet Geben oder Erhalten von etwas, das vom Geber, Erhalter oder beiden als benötigt empfunden wird (Antonucci et al., 2009). Sie lässt sich in tatsächlich erhaltene und wahrgenommene

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soziale Unterstützung unterscheiden. Dabei bedeutet wahrgenommene Unterstützung eine generelle Erwartungshaltung, dass sich eine Person bei Unterstützungsbedarf auf die sozialen Beziehungen verlassen kann (Bengel & Lyssenko, 2012). Das Potential für soziale Unterstützung ist abhängig von vorhandenen Beziehungen und variiert individuell, aber auch nach Lebenslage und Alter. Ältere Menschen, deren Freundschaftsnetzwerke kleiner werden, erhalten mehr soziale Unterstützung aus verwandtschaftlichen Beziehungen und der Partnerschaft. Dementsprechend können verwitwete, ledige oder auch kinderlose ältere Menschen auf weniger soziale Unterstützung zurückgreifen (Diewald, 1991). Die Art der sozialen Unterstützung unterscheidet sich außerdem nach Beziehungsformen. Innerhalb von familiären Beziehungen werden andere Unterstützungsformen erbracht als in Freundschaften. Insbesondere Pflege von hilfsbedürftigen Menschen erfolgt fast ausschließlich in familiären Beziehungen. Hier entsteht allerdings auch eine große soziale Verpflichtung aufseiten der Erbringer dieser Unterstützungsleistungen. Freundschaften können dagegen die positiven Inhalte von sozialen Beziehungen wie Geselligkeit, Anerkennung und Gemeinsamkeit leisten. Um auf das gesamte Spektrum der sozialen Unterstützungsformen zurückgreifen zu können, benötigen Menschen ein soziales Netzwerk mit familiären und freundschaftlichen Beziehungen. Der größte Schutz gegen subjektiv empfundene Einsamkeit ist allerdings eine Partnerschaft, die alle Arten der sozialen Unterstützung leisten kann und für Menschen, die in einer Partnerschaft leben, die vornehmliche Quelle für soziale Unterstützung darstellt (Diewald, 1991). Menschen brauchen eine gewisse Anzahl oder unterschiedliche Formen von Unterstützungsbeziehungen. Innerhalb des Konvoi-Modells beschreiben Antonucci et al. (2009) drei unterschiedliche Unterstützungsformen: Hilfe, Affekt und Bestätigung. Dabei bezieht sich Hilfe auf alle greifbaren Hilfeleistungen, von Geld über Pflege bis Rat. Affekt bedeutet emotionale Unterstützung durch Liebe und Geborgenheit, z. B. in der Familie oder Zuneigung zu weiteren Personen. Die dritte Form, Bestätigung, ist die nicht greifbare Kommunikation unter Konvoi-Mitgliedern, das Gefühl dieselben Werte, Ziele und Hoffnungen zu teilen (Antonucci et al., 2009). Entscheidend für die weitreichenden Effekte von sozialen Beziehungen auf Gesundheit und Wohlbefinden ist, wie Personen die Erfahrung von Unterstützung subjektiv bewerten. Ungefragte Unterstützung oder ungebetener Rat werden beispielsweise allgemein negativ bewertet (Antonucci et al., 2009). Soziale Unterstützung braucht der Mensch vor allem, wenn Stressoren vorhanden sind. Im Gegensatz dazu sind soziale Bedürfnisse immer bei Menschen vorhanden, auch wenn kein

4.1 Theoretische Einführung von sozialen Beziehungen

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Stress empfunden wird. Diese Bedürfnisse sind intime Bindung, soziale Integration, Rückversicherung des eigenen Werts (Bestätigung), Rat und für andere da zu sein. Werden die Bedürfnisse erfüllt, verbessert sich sozialemotionales Wohlbefinden, während es bei Nicht-Erfüllung zu Einsamkeit, Langeweile, niedrigem Selbstwert oder sogar Depressionen kommen kann (Carbery & Buhrmester, 1998). Reziprozität ist das Prinzip der Gegenseitigkeit und bezieht sich auf die Interaktionen des gegenseitigen Austausches zwischen Menschen, auf Geben und Nehmen in sozialen Beziehungen (Stegbauer, 2011). Das Annehmen einer Zuwendung oder Unterstützung erzeugt die Notwendigkeit oder Schuld des Zurückgebens einer Zuwendung. So kann entweder direkt und sofort ein gegenseitiger Tausch erfolgen, oder sich indirekt über einen längeren Zeitraum, möglicherweise über mehrere Personen hinweg, etwa in Gruppen oder Familien, ein ausgeglichenes Geben und Nehmen einstellen. Letztere Variante kennzeichnet engere Beziehungen, in denen eine Verzögerung des Zurückgebens durch Vertrauen abgesichert ist (Deindl, 2011). Sozialkapital bewertet als Begriff soziale Beziehungen oder ein soziales Netzwerk in Hinblick auf die Ermöglichung von Zugang oder Verfügbarkeit von anderem Kapital, z. B. ökonomisches oder kulturelles Kapital. Soziale Beziehungen können bestimmten Zielen außerhalb sozialer Bedürfnisse dienen, z. B. beim Hausbau oder bei beruflichem Erfolg und dadurch werden soziale Netzwerke zu Sozialkapital (Diewald, Lüdicke, Lang & Schupp, 2006). Soziale Beziehungen können, wie bereits angedeutet, auch negative Auswirkungen haben, etwa die Einschränkung von individuellem Handlungsspielraum, Verpflichtung, Belastung, Anstiftung zu illegalem Verhalten, Einschränkung der Partizipation in anderen Lebensbereichen. Auch kann es zu Konkurrenz unterschiedlicher Beziehungen kommen, etwa zwischen beruflichen Netzwerken und familialen Beziehungen, da der Mensch nur eine begrenzte Zeit und Energie in diese Beziehungen investieren kann (Diewald et al., 2006). Übergänge im Lebenslauf verändern die Strukturen sozialer Netzwerke. Teilweise werden diese Veränderungen bewusst und aktiv herbeigeführt, teilweise von den Personen weder gewollt noch vorhergesehen. Gerade die Statusübergänge Verwitwung und Scheidung, aber auch Paarbildung und Familiengründung sowie ein Wechsel des Wohnorts führen zu starken Veränderungen, sowohl zahlenmäßig, als auch strukturell. Die so-

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zialen Beziehungen, und damit das Potential an verfügbaren sozialen Ressourcen, des Leistungsspektrums des Netzwerks und damit der Person, verändern sich durch diese Lebensereignisse (Hollstein, 2003). Junge Erwachsene in der Studie von Keupp et al. (2008) haben in Bezug auf das soziale und kulturelle Milieu homogene soziale Netzwerke. Die relevanten gefundenen Netzwerktypen sind hier: • Cliquen • Paarorientierung • Modernisierter Familienclan • soziale Isolation • individualisierte Freundschaftsnetzwerke. Der Typ Paarorientierung kommt mit zunehmendem Alter häufiger vor und ist bei jungen Frauen besonders dominierend. Der Netzwerktyp modernisierter Familienclan beschreibt ein soziales Netzwerk, in dem besonders viel Zeit mit Familienangehörigen verbracht wird (z. B. Feste, Gespräche, Urlaub) (Keupp et al., 2008). 4.2 Beziehungsformen im jungen Erwachsenenalter Die zentralen Beziehungen im jungen Erwachsenenalter sind Partnerschaften, Freundschaften und die Herkunftsfamilie und damit die Eltern. Welche Rollen diese Beziehungen genau in dieser Lebensphase spielen, welche Prozesse, Veränderungen, Ereignisse und Bedeutungen dazu beschrieben sind, wird in den folgenden Abschnitten dargestellt. 4.2.1 Partnerschaft Partnerschaften werden als intime enge Beziehungen zwischen zwei Personen, mit Nähe, Intimität, Vertrauen und Liebe charakterisiert. Für viele Menschen ist die Partnerschaft die bedeutendste soziale Beziehung. Partnerschaften erfüllen das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, Zuneigung und Nähe und nehmen so Einfluss auf das psychische und physische Wohlbefinden. In Partnerschaften können Probleme gemeinsam bewältigt werden. In dysfunktionalen Partnerschaften können allerdings auch Krisen und Probleme entstehen (Faltermaier et al., 2014). Für Partnerschaften existieren gesellschaftliche Normen einerseits für die Formen, z. B. die Ehe, und andererseits für die Rollenverteilung innerhalb von Partnerschaften. Inzwischen dominiert die Ehe als Standard nicht mehr so deutlich. Auch das Zusammenleben ohne Trauschein ist gesellschaftlich akzeptiert, die so genannte nicht-eheliche Lebensgemeinschaft weit verbreitet. Auch andere Konstellationen wie gleichgeschlechtliche Paare, Wiederverheira-

4.2 Beziehungsformen im jungen Erwachsenenalter

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tete und weitere Partnerschaftsformen wie Fernbeziehungen, Wochenendbeziehungen oder offene Beziehungen schaffen eine Pluralität. Die traditionelle Arbeitsteilung mit dem Ehemann als Haupt- oder Alleinverdiener und der für Haushalt und Kinder zuständigen Ehefrau (ggf. als Zuverdienerin) ist nur noch eine von mehreren Möglichkeiten, eine Partnerschaft zu gestalten. Es zeigt sich eine geringere Standardisierung und moderne Partnerschaften bergen das Potential für individuelle Lösungen. Eine gleichberechtigte Partnerschaft mit einem Zwei-Verdiener-Paar, welches seine beruflichen Schritte koordiniert, stellt ein moderneres Familienmodell dar (Scherger, 2007). Insgesamt weisen Partnerschaften im Vergleich zu vorhergehenden Generationen eine kürzere Dauer auf, da auch Ehen nicht mehr als lebenslange Verbindungen wahrgenommen werden. Im Vordergrund stehen anstelle von Versorgung nun partnerschaftliche Gesichtspunkte (Grünheid, 2013). Im Jahr 2015 lag die durchschnittliche Dauer einer Ehe bei 14,6 Jahren, wobei die meisten Ehen nach 6 Jahren geschieden wurden. Etwa 35 % aller Ehen, die in einem Jahr geschlossen werden, werden innerhalb von 25 Jahren wieder geschieden (Bundesministerium für Familie, 2017), wobei der Trend dahingeht, dass in den ersten Ehejahren die Scheidungsrate zurückgeht, für langjährige Ehen aber steigt (Grünheid, 2013). Auf der Suche nach einem Partner fühlen sich Menschen häufig zu anderen Menschen hingezogen, die ihnen selbst in Bezug auf Alter, Bildung, sozialem Status, ethnischer Herkunft, Religion, Einstellungen, Interessen und Temperament ähnlich sind (Arnett, 2004; Boyd & Bee, 2012; Peuckert, 2012). Partnerschaften sind dabei individuell zweifellos unterschiedlich, da sie Unterschiede in Stabilität, Dauer, Harmonie, Konflikten und Rollen der Partner aufweisen. Die Partnerschaftsqualität ist subjektiv und schwer messbar, sie wird grundsätzlich in jeder einzelnen Partnerschaft konstruiert. Extern einschätzbar, etwa seitens Psychotherapeuten, sind Aspekte wie gemeinsame Aktivitäten, Unterstützung und Konfliktverhalten (Frisch, Aguilar-Raab, Eckstein & Ditzen, 2017). Übergreifend von Bedeutung für die Qualität einer Partnerschaft sind Kompetenzen der Partner bei Problemlösung, Kommunikation und Interaktion, Ausdruck von Emotionen, Umgang mit Anforderungen sowie eine generelle Kompatibilität der Lebensthemen. Für eine gefestigte Partnerschaft sind hohe affektive Bindung zwischen den Partnern, ein „Wir-Gefühl“ und große zeitliche Stabilität charakterisierend (Faltermaier et al., 2014). Außerdem ist bedeutsam, dass beide Partner Ressourcen und Fähigkeiten in die Partnerschaft einbringen. Dabei sind Treue und Vertrauen, emotionale Geborgenheit, persönliche Übereinstimmung und ein befriedigendes Sexualleben bedeutender als

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adäquates Einkommen und Arbeitsteilung (Boyd & Bee, 2012; Keupp et al., 2008). Finanzielle Absicherung und gemeinsame Kinder werden nicht als ebenso bedeutende Voraussetzung für das gute Gelingen einer Partnerschaft gesehen (Gründler, 2013). Gründe für Trennungen von Partnerschaften hingegen sind Unzufriedenheit, Rollenkonflikte, Kommunikationsprobleme, Untreue und die Abnahme emotionaler Bindung (Faltermaier et al., 2014). Lebenssituationen, die mit vielen Stressoren verbunden sind, wie z. B. Arbeitslosigkeit, beeinträchtigen anscheinend die Qualität einer Partnerschaft, während soziale Unterstützung durch Freunde und Kollegen zu höherer Partnerschaftsqualität führt (Pinquart & Fabel, 2008). Eine hohe Qualität einer Partnerschaft ist ein Prädiktor für andere Indikatoren gelungener Entwicklung, etwa Stabilität der Partnerschaft und psychische Gesundheit (Pinquart & Fabel, 2008; siehe Kapitel 6.). Im jungen Erwachsenenalter sind Partnerschaften eine Grundlage der Entwicklung. Das Eingehen und Aufbauen einer stabilen Partnerschaft kann als Entwicklungsaufgabe gesehen werden, nicht nur in Hinblick auf die Familiengründung als weiteren Entwicklungsschritt (Faltermaier et al., 2014). Eine Partnerschaft bietet schließlich die Erfahrung von Nähe und Intimität, dazu das Setzen und Verfolgen gemeinsamer Entwicklungsziele. Von zentraler Bedeutung ist das Treffen gemeinsamer Entscheidungen vor dem Hintergrund der Vereinbarung, Koordination und Organisation der Bedürfnisse (Faltermaier et al., 2014), also der Verknüpfung beruflicher und familiärer Projekte beider Partner (Keupp et al., 2008). Doch gerade neue Anforderungen wie Mobilität und Flexibilität machen es schwierig zwei Lebenswege miteinander zu vereinen, ein gemeinsames Leben aufzubauen und zu erhalten. Dies erfordert Beziehungsarbeit, Aushandlungen, Kompromisse und persönlichen Verzicht. Eine Partnerschaft ist auch Mittel und Ausdruck für eine Ablösung vom Elternhaus. Dabei werden Beziehungsmuster der Eltern und Rollen reproduziert oder abgelehnt und variiert (Keupp et al., 2008). Romantische Beziehungen junger Erwachsener erfordern ein großes Engagement von den beteiligten Partnern, welches eine Chance für die Entwicklung, etwa im Bereich der eigenen Persönlichkeitsentwicklung, sein kann, um Sinnhaftigkeit im Leben zu erfahren, die eigenen sozialen Kompetenzen zu verbessern und durch die Übernahme von Verantwortung zu reifen. Aber auch die Risiken nicht den „richtigen“ Partner zu wählen, in der Beziehung zu scheitern und eine schmerzhafte Trennung zu durchleben, werden von jungen Erwachsenen gesehen (Gala & Kapadia, 2013). Das Ausmaß an commitment (Festlegung und Verpflichtung) ist im jungen Erwachsenenalter höher als im Jugendalter, die Partnerschaften sind

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stabiler, langfristiger und weniger auf kurzfristigen Spaß angelegt. Die Partnerschaften werden dem Lebensbereich Familie zugeordnet, anstatt dem Lebensbereich Freizeit. Insbesondere bei jungen Frauen geht diese Zuordnung einher mit dem Wunsch nach Zusammenziehen und dem Kinderwunsch (Keupp et al., 2008). In Bezug auf Konflikte und Unsicherheit in Paarbeziehungen fand Wendt (2016) Unterschiede zwischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Letztere haben insgesamt eine höhere erlebte Beziehungsqualität und Tragfähigkeit der Partnerschaft. Jugendliche geben mehr emotionale Unsicherheit sowie verbale Aggression und Rückzug in Partnerschaften an (Wendt, 2016). Arnett (2004) fand heraus, dass junge Erwachsene grundsätzlich einen Partner fürs Leben und zum Heiraten suchen, auch wenn viele angeben, zunächst Beziehungen und Partner ausprobieren zu wollen. Sie beschreiben ein Gefühl sich erst selbst finden und ihr Leben ordnen zu müssen, bevor sie heiraten. Diese Herangehensweise weist auf Eriksons Modell hin, in dem eine stabile Identität Voraussetzung für Intimität ist (Arnett, 2004; siehe Abschnitt 2.4). Seiffge-Krenke & Beyers (2016) finden in einer längsschnittlichen Untersuchung Hinweise auf diese positiven Zusammenhänge von reifer Ich-Entwicklung in der Adoleszenz und einem Zeitpunkt im Alter von 24 Jahren mit reifer Intimität in Paarbeziehungen. Menschen brauchen eine gewisse geformte Vorstellung davon, wer sie sind, um als Person geliebt zu werden und sich auf eine intime Partnerschaft einzulassen. Beide Pole Autonomie/Abgrenzung und Bindung/Zugehörigkeit sind relevant für die Entwicklung im jungen Erwachsenenalter. Durch die Gegenüberstellung mit einem „signifikanten Anderen“ bieten Partnerschaften ein Entwicklungspotential für Selbsterkenntnis und Weiterentwicklung der Identität. Es geht in dieser Lebensphase um zwei Aspekte: Identität und Intimität, also zum einen darum herauszufinden, wer man selbst ist, und zum anderen, zu wem man passt (Keupp et al., 2008; siehe Abschnitt 2.4). Eine Partnerschaft bietet soziale Unterstützung und damit einen direkten Effekt und einen Puffereffekt auf körperliche und psychische Gesundheit (siehe Abschnitt 4.3). Während die soziale Unterstützung über die Lebensspanne bei anderen Beziehungsarten mit dem Alter immer weiter abnimmt, verläuft sie in Partnerschaften in einer U-Kurve, mit dem niedrigsten Wert im Alter von ungefähr 45 Jahren (Buhl, 2009), so dass die soziale Unterstützung im jungen wie im späten Erwachsenenalter bedeutender ist als im mittleren Erwachsenenalter. Eine unglückliche Partnerschaft kann sich als chronischer Stressor negativ auf die Gesundheit auswirken. Doch neurobiologische Prozesse, die durch partnerschaftliche Interaktion angestoßen werden, haben grundsätzlich stressreduzierende Wirkungen und

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Partnerschaften auf diese Weise einen gesundheitsförderlichen Einfluss (Frisch et al., 2017). Partnerschaften können als soziale Ressource für Gesundheit angesehen werden, eine (stabile) Partnerschaft kann sogar fehlende andere Beziehungen ausgleichen. Ein unerfüllter Partnerschaftswunsch, beziehungsweise die unerledigte Entwicklungsaufgabe Intimität und unerfüllte soziale Bedürfnisse wirken als Stressor. Eine Trennung oder Scheidung gilt als kritisches Lebensereignis (Filipp & Aymanns, 2010). Die vorausgegangenen Ausführungen weisen darauf hin, dass emotionale Bindung, Austausch von Gefühlen und Partnerschaft ein zentrales Bedürfnis und ein Ideal darstellen (Keupp et al., 2008). Trotz großer Freiheit in der Lebensgestaltung wünschen sich die meisten jungen Erwachsenen eine feste Partnerschaft. Allein oder Single zu sein geht mit der Vorstellung von Einsamkeit einher. Einen Zusammenhang zwischen freiwilligem oder unfreiwilligem Singledasein mit unterschiedlichen Ausprägungen von psychischer Gesundheit, psychischen Problemen, an emotionalem, psychischem, sozialem oder allgemeinem Wohlbefinden konnte Adamczyk (2017) bei jungen Erwachsenen nicht aufzeigen. Allerdings ergibt sich ein unterschiedliches Maß an romantic loneliness (als eine Dimension von Einsamkeit, als das Vermissen von Liebe und Intimität in einer Partnerschaft). Dabei berichten junge Frauen in einem höheren Maß an dieser Einsamkeit zu leiden als Männer (Adamczyk, 2017). Die Ehe oder Partnerschaft ist gleichzeitig die am positivsten und am negativsten bewertete Beziehung im Erwachsenenalter und hat den größten Einfluss auf das Wohlbefinden (Antonucci, Birditt & Webster, 2010). Partnerschaften (Ehen) sind bedeutsame Entwicklungskontexte. Sie bereichern die Möglichkeiten der Entwicklung für beide Partner und schränken sie gleichzeitig ein. Insgesamt haben verheiratete Menschen höhere Zufriedenheitswerte als alleinstehende, verwitwete oder geschiedene Personen. Dabei bedingt die Partnerschaftsqualität stark die subjektive Lebensqualität. Zentral sind hier Unterstützung vom Partner zu empfinden und die eigene Bereitschaft Ziele innerhalb der Partnerschaft zu koordinieren oder anzupassen (Brandtstädter, 2015). Familiengründung ist ein kritisches Lebensereignis, welches Rollenveränderungen, Unterbrechungen der Berufstätigkeit und Veränderungen sämtlicher Prioritäten im Leben nach sich zieht, auch die Partnerschaft wird durch die Geburt eines Kindes stark verändert (Faltermaier et al., 2014). Wie auch bei Partnerschaften gibt es eine Pluralität an Familienformen, welche sich durch den sozialen Wandel ergeben hat (siehe Abschnitt 2.2.1). Neben der traditionellen Ehe mit Kindern gibt es unverheiratete

4.2 Beziehungsformen im jungen Erwachsenenalter

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Paare mit Kindern, Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern und sogenannte späte Eltern. Der Übergang in die Elternschaft und die Möglichkeiten der Familienentwicklung sind nicht mehr normgeleitet, sondern paarindividuell. Das Alter der Mütter bei Geburt des ersten Kindes ist seit den 1970er Jahren angestiegen auf 30,5 Jahre (in Westdeutschland, bzw. 29,6 Jahren in Ostdeutschland) im Jahr 2010. Genau ein Drittel (33,3 %) aller Mütter war im Jahr 2010 bei der Geburt ihres Kindes nicht verheiratet (Bujard et al., 2012). Junge Erwachsene in Deutschland (zwischen 18 und 30 Jahren) wünschen sich im Durchschnitt 2,2 Kinder (in Westdeutschland, bzw. 2,0 in Ostdeutschland) (Bundesministerium für Familie, 2017). Die Geburtenzahl zeigt in Deutschland in den 2010er Jahren einen eher ansteigenden Trend, nachdem zuvor ein Rückgang der Geburtenzahlen zu verzeichnen war (Statistisches Bundesamt, 2019). Die Entscheidung eine Familie zu gründen wird häufig bewusst getroffen. Dabei kommen einerseits gesellschaftliche Erwartungen zum Tragen, aber auch Druck aus dem sozialen Umfeld und die Ansicht, dass Kinder zum Leben dazugehören (Gründler, 2013). Auch persönliche Motive wie die Freude am Leben mit Kindern und an deren Entwicklung, eine neue Aufgabe zu haben und das eigene Leben mit Sinn zu füllen, spielen eine Rolle. Die dominantesten Ängste und Bedenken bezüglich der Entscheidung für Kinder sind eine große Verantwortung, befürchtete Einschränkungen, die materielle Situation und Unvereinbarkeit mit beruflichen Zielen (Faltermaier et al., 2014). Die Thematik der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird in Abschnitt 5.6 näher beschrieben. Insbesondere eine ausreichende finanzielle Basis sieht eine Mehrheit der Befragten in der Befragung zu Familienleitbildern in Deutschland als ausschlaggebend, um sich für Kinder zu entscheiden (Gründler, 2013). Mit zunehmender Verbindlichkeit innerhalb der Partnerschaft entsteht oft auch ein Familienwunsch (Keupp et al., 2008). Weitere Faktoren, von denen die Entscheidung abhängt, sind die berufliche Situation und Wohnsituation und weitere Beziehungen, etwa zu den eigenen Eltern. Nach der Geburt eines Kindes sinkt die Partnerschaftszufriedenheit allerdings stark. Die neuen Anforderungen an die Eltern erfordern eine Umstellung des gesamten Alltags und führen häufig zu einer Rückkehr zu der traditionellen Aufgabenteilung innerhalb der Partnerschaft. Die Zentrierung des Lebens auf das Kind kann zur Vernachlässigung der Partnerschaft führen (Peuckert, 2012). Die Familiengründung verändert weitere soziale Beziehungen. Für gewöhnlich verringert sich der Kontakt zu kinderlosen Freunden, es entstehen neue Kontakte zu anderen jungen Eltern und zu den eigenen Eltern und Geschwis-

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tern intensiviert sich der Kontakt (Faltermaier et al., 2014). Mithilfe von Daten des Beziehungs- und Familienpanels zeigt Pollmann-Schult (2013), dass junge Eltern eine geringere Zufriedenheit mit ihren sozialen Kontakten, ihrer Partnerschaft und ihrer Freizeit, aber eine höhere allgemeine Lebenszufriedenheit angeben als Kinderlose. Dieser Zusammenhang ist bei Personen mit mittlerem und höherem Einkommen größer (PollmannSchult, 2013). Die beschriebene Rushhour des Lebens (siehe Abschnitt 2.1) verdichtet Entwicklungsaufgaben, die in einem kleinen Zeitfenster von etwa 5 bis 8 Jahren erledigt werden müssen, was in einem besonders engen Zeitfenster für Familiengründung mündet, in dem der Kinderwunsch realisiert werden kann (Peuckert, 2012). Mittels Daten der Längsschnittstudie „Kölner Gymnasiastenpanel“ analysiert Wawrzyniak (2017a) die Bedeutung unterschiedlicher Lebensbereiche anhand von Übergängen. Bei einer Heirat gewinnen die Lebensbereiche Partnerschaft und Elternschaft an Bedeutung, so dass nahe liegt, dass Heirat und Familiengründung als Lebensbereiche gekoppelt sind. Wird ein Kind geboren, steigt die Bedeutung des Lebensbereichs Elternschaft an und die Kinder haben dann eine höhere Bedeutung als der jeweilige Partner. Beim Auszug des letzten Kindes aus dem Haushalt bleiben trotzdem die Kinder als Lebensbereich von höchster Bedeutung. Daraus folgt, dass ab dem Zeitpunkt des Übergangs in die Elternschaft dieser Lebensbereich (bis in die „nachelterliche Phase“ hinein) der wichtigste bleibt (Wawrzyniak, 2017a). Das Phänomen der ungewollten Kinderlosigkeit als Belastung in einer Partnerschaft im jungen Erwachsenenalter soll an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden. Es kann als nicht erreichte Entwicklungsaufgabe und nicht erreichtes persönliches Entwicklungsziel zu einem unvollständigen Übergang ins Erwachsenenalter führen. Wie auch eine nicht gewollte Partnerlosigkeit kann eine ungewollte Kinderlosigkeit als Nicht-Ereignis bezeichnet werden. Diese ersehnten aber unerreichten Ereignisse rufen starke und schmerzhafte Emotionen wie Trauer, Enttäuschung, Scham und Wut hervor, aber auch immer wieder Hoffnung. Persönliche Krisen bilden eine mögliche Folge. Dadurch stellen sie eine Bedrohung für die psychische Gesundheit der Betroffenen dar und erhöhen z. B. das Risiko für Depression (Brusdeylins-Hammer, 2013). Eine ungewollte Kinderlosigkeit, medizinisch Subfertilität oder Infertilität, tritt bei ca. 10 % der Paare auf, die sich ein Kind beziehungsweise eine Schwangerschaft wünschen, bei denen aber nach einem Jahr noch keine Schwangerschaft eingetreten ist (Gnoth, Frank-Herrmann, Freundl & Friol, 2004). Einerseits steigt die Wahrscheinlichkeit für ungewollte Kinderlosigkeit mit dem Alter der Frauen

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zwar an, maßgeblicher sind aber andere individuelle Faktoren (mehr dazu in Brusdeylins-Hammer, 2013 oder Gnoth et al., 2004). 4.2.2 Eltern Die Beziehung zu den eigenen Eltern ist eine einzigartige Beziehung mit großer Nähe, Vertrautheit und Verbundenheit, die alle weiteren Beziehungen prägt und mitbestimmt. Zu den Eltern besteht eine Bindung ab frühester Kindheit. Diese Beziehung wandelt sich stark über die Lebensspanne, bereits in der Kindheit und Jugend von starker Abhängigkeit hin zu immer mehr Unabhängigkeit. Im jungen Erwachsenenalter erfolgt durch den vorwiegend in dieser Lebensphase vollzogenen Auszug aus dem Elternhaus eine Ablösung, die eine zentrale Entwicklungsaufgabe darstellt. Die Veränderungen in der Beziehung zu den Eltern bieten Entwicklungschancen, Potential für soziale Unterstützung, aber auch für Belastungen oder Krisen (Faltermaier, 2008). Eltern und Kinder haben historisch betrachtet aufgrund der längeren Lebenserwartung eine längere gemeinsame Lebenszeit. Die Pflege und Betreuung hochbetagter Eltern mit möglichem Pflegebedarf bedeuten für Menschen im mittleren oder sogar späten Erwachsenenalter die Auseinandersetzung mit neuen Rollen wie einer Umkehr des Abhängigkeitsverhältnisses. In dieser Beziehung hat die Bedeutung von Solidarität, also Unterstützung in beide Richtungen, sogenannter intergenerationaler Transfers, zugenommen (Ferring, Michels, Boll & Filipp, 2009). Die meisten Erwachsenen im mittleren Alter haben sowohl erwachsene Kinder als auch Eltern im höheren Alter. Analysen zu Unterstützungsleistungen und deren Verteilung an diese beiden Gruppen ergeben, dass erwachsene Kinder im Durchschnitt mehr Unterstützung erhalten als alte Eltern. Dies kann zurückgeführt werden auf deren größere alltägliche Unterstützungsbedarfe (als Student, Single) und verändert sich, wenn etwa die Eltern im hohen Alter durch Erkrankung oder Behinderung einen größeren Unterstützungsbedarf aufweisen (Fingerman et al., 2011). Insbesondere die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist also durch ein lebenslanges Geben und Erhalten von Unterstützung auf beiden Seiten gekennzeichnet. Das Muster dieses Austausches von Unterstützung verändert sich je nach Lebensphase und weist über die gesamte Spanne der Beziehung eine generelle reziproke, also ausbalancierte Bilanz zwischen den Generationen aus, ohne dass für jede Leistung eine (zeitnahe) Gegenleistung erfolgt oder erwartet wird (Brandt, Deindl, Haberkern & Szydlik, 2008). Dabei passt sich der Austausch von Unterstützung in dieser Beziehung immer wieder an die Lebensumstände beider Generationen an. Alleinstehende junge Erwachsene erhalten etwa mehr Rat und geben

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ihrerseits ihren Eltern mehr Unterstützung als junge Erwachsene mit kleinen Kindern, welche mehr praktische Unterstützung von ihren Eltern erhalten (Bucx, van Wel & Knijn, 2012). Die Eltern können für junge Erwachsene eine wertvolle soziale Ressource, eine soziale Basis sein. Die Entwicklungsaufgabe Ablösung vom Elternhaus betrifft mehrere Bereiche. Dabei geht es einerseits um die räumliche Trennung, also den Auszug aus dem elterlichen Haushalt, aber auch um die finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern und eine psychische Unabhängigkeit, die etwa eigene Normen und Werte beinhaltet sowie Lebensweisen etabliert (Faltermaier et al., 2014). Die Herausforderung für junge Erwachsene besteht darin, die gleichzeitige Ablösung und Aufrechterhaltung einer guten Beziehung zu den Eltern zu vereinbaren sowie mit den emotionalen Auswirkungen und Rollenveränderungen umzugehen. Der Prozess der Ablösung vom Elternhaus und die Transformation der asymmetrischen Eltern-Kind-Beziehung im jungen Erwachsenenalter beinhaltet eine Entidealisierung der Eltern und eine neue Wertschätzung und Verständnis für die Eltern als Personen. Insbesondere trifft diese Entwicklung in der Beziehung von jungen Erwachsenen zu ihren Müttern zu. Für Väter bleibt mehr Respekt, auch gegenüber dem Status als Vater, weniger für die Person (Smollar & Youniss, 1989). Die Qualität der Beziehung und die Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern basiert auf Emotionen sowie Erwartungen (und deren Erfüllung) seitens der Eltern, seitens der Kinder und individuell an sich selbst (Ferring et al., 2009). Mahne und Huxhold (2017) zeigen mit Daten des Deutschen Alterssurveys die Beziehungen zwischen älteren Erwachsenen und ihre erwachsenen Kindern im Vergleich von 1996 zu 2014 auf. Mehr Erwachsene im Alter von 42 - 47 Jahren haben demnach lebende Eltern (91,1 %) als eigene Kinder (87,2 %), das Verhältnis hat sich im Vergleich zu 1996 umgekehrt. Erwachsene Kinder wohnen 2014 weiter entfernt zu ihren Eltern als 1996, nur 25,8 % leben in der gleichen Nachbarschaft oder im gleichen Ort (gegenüber 38,4 % 1996). Dies betrifft insbesondere die Kinder von älteren Erwachsenen mit höherer Bildung. Eltern haben mit ihren erwachsenen Kindern eine hohe Kontakthäufigkeit, 78 % haben mindestens einmal pro Woche Kontakt und 88 % geben eine enge oder sehr enge Beziehung an. Hierbei haben Mütter mehr Kontakt und eine emotional engere Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern als Väter. Zur Beziehungsqualität ergeben die Auswertungen einen geringen Anteil (22,9 %) von älteren Eltern, die manchmal oder häufiger Wut oder Ärger gegenüber ihren erwachse-

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nen Kindern empfinden (Mahne & Huxhold, 2017). Die demografische Entwicklung weist einerseits auf weniger mögliche Unterstützung durch jüngere Generationen für ihre Elterngeneration in der Zukunft hin, doch auf der anderen Seite scheinen die gegenwärtigen Beziehungen von älteren Eltern zu ihren erwachsenen Kindern besonders eng und von hoher Qualität zu sein (Mahne & Huxhold, 2017). Sommer und Buhl (2018) weisen darauf hin, dass generell ein großes Maß an emotionaler Unterstützung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern gegeben und empfangen wird, trotz der gegenseitigen Unabhängigkeit im Alltag. Sie schließen aus ihren Analysen, dass die gegebene emotionale Unterstützung seitens der erwachsenen Kinder abhängig ist von Zuneigung und Konflikten zwischen Eltern und erwachsenen Kindern sowie Erwartungen an die Eltern (Sommer & Buhl, 2018). Die Beziehungsqualität zwischen jungen Erwachsenen und ihren Eltern verbessert sich nach dem Auszug aus dem Elternhaus. Der durch einen Auszug gewonnen Abstand und die Unabhängigkeit schaffen mehr Zuneigung für die eigenen Eltern seitens der jungen Erwachsenen (Arnett, 2004; Künemund & Kohli, 2010), denn die alltäglichen kleineren Konflikte, Meinungsverschiedenheiten und Probleme bei der Gestaltung des gemeinsamen Alltags sind dadurch beendet. Durch den selteneren persönlichen Kontakt wird die gemeinsame Zeit stärker wertgeschätzt. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern wird jedoch über die Lebensspanne immer emotional beladen sein (Arnett, 2004). Beziehungen und die Bedingungen in der Herkunftsfamilie beeinflussen alle weiteren Beziehungen, denn die Familie ist das wesentliche Sozialisationsumfeld in Kindheit und Jugend. Hier werden soziale Kompetenzen erlernt und Rollenvorbilder und Verhalten in Beziehungen verinnerlicht. Konflikte und Belastungen in der Herkunftsfamilie wirken sich etwa bis ins Erwachsenenalter aus. Soziale Bedürfnisse, deren Erfüllung die Herkunftsfamilie leistet und die auch nach dem Auszug aus dem Elternhaus fortbestehen, sind soziale Unterstützung und soziale Bestätigung / Anerkennung. Die eigene Herkunftsfamilie fungiert auch als Vorbild für die eigene Familiengründung, so dass nach der Geburt eigener Kinder der Kontakt zu den eigenen Eltern häufig wieder enger wird. Die Eltern dienen als Vorbild für die eigene Elternrolle, jedoch haben sich im Laufe der Zeit eines Generationenwechsels die gesellschaftlichen Normen und auch Elternrollen gewandelt, etwa bei der Arbeitsteilung in der Kindererziehung, so dass es zu Konflikten kommen kann, z. B. zwischen dem eigenen Verständnis der Vaterrolle und dem Verhalten des eigenen Vaters in der Kindheit (Kortendiek, 2008). Xia et al. (2018) zeigen mit ihren Analysen, dass

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das Familienklima und das Erziehungsverhalten der Eltern im Jugendalter sich auf die Partnerschaften (romantischen Beziehungen) im jungen Erwachsenenalter auswirken. Jugendliche, die ein positiveres Familienklima und eine kompetentere Erziehung erlebt haben, weisen als junge Erwachsene in ihren Partnerschaften effektivere Problemlösungsfähigkeiten und weniger gewalttätiges Verhalten auf. Ein positives engagement (Bindung) gegenüber der Herkunftsfamilie im Jugendalter steht in Verbindung mit einem höheren Empfinden von Liebe, Intimität und Verbundenheit in der Partnerschaft im jungen Erwachsenenalter (Xia, Fosco, Lippold & Feinberg, 2018). Berger (2009) analysiert die Bedingungsfaktoren für den Zeitpunkt des ersten Auszugs aus dem Elternhaus und findet Unterschiede für die Ablösung vom Elternhaus zwischen jungen Männern und Frauen. Frauen sind demnach stärker durch die Beziehungsgestaltung beeinflusst und bleiben länger im Elternhaus, wenn die Beziehung von Wärme und Unterstützung gekennzeichnet war. Männer lösen sich eher früher, wenn eine tragfähige Eltern-Kind-Beziehung erlebt wurde. Die größte Vorhersagekraft hat allerdings die Aufnahme eines Studiums oder einer Erwerbstätigkeit oder eine feste Partnerbeziehung. Diese drei Übergänge besitzen eine große Wirkung auf einen frühen Zeitpunkt des Auszugs, wobei Frauen öfter aufgrund der Aufnahme eines Studiums und Männer aufgrund eines Arbeitsplatzes und ökonomischer Unabhängigkeit das Elternhaus verlassen. Maßgeblich für den Auszug sind also neben gesellschaftlich institutionellen Faktoren auch individuelle und Beziehungsfaktoren (Berger, 2009). Das bereits erwähnte Kölner Gymnasiastenpanel (Wawrzyniak, 2017b) liefert weitere Ergebnisse für den Auszug der erwachsenen Kinder aus der Perspektive der Eltern, die dann in die nachelterliche Phase übergehen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Faktoren eigenes geringes Alter beim Auszug aus dem Elternhaus, geringes Alter bei der Geburt des ersten Kindes, geringe Kinderanzahl und ein hohes Einkommen mit einem frühen Auszug der eigenen erwachsenen Kinder zusammenhängen. Erwachsene Kinder, die studieren oder berufstätig sind, ziehen früher aus (Wawrzyniak, 2017b). Grundsätzlich ziehen Männer etwas später aus als Frauen. Anstelle der normativen Vorgaben sind für den Auszug aus dem Elternhaus heute individuelle Entscheidungsgründe von Bedeutung, etwa die elterliche Unterstützung im Alltag. Weder das erhöhte Heiratsalter noch das erhöhte Alter bei Ausbildungsende wirken sich auf das Auszugsalter aus (Konietzka, 2010). Obwohl die meisten erwachsenen Kinder nicht mit ihren Eltern in einem Haushalt leben, gibt es doch viele, die zumindest im gleichen Haus (27 %) und in unmittelbarer Nachbarschaft (18 %, zusammen

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45 %) wohnen (Künemund & Kohli, 2010). Viele junge Erwachsene ziehen zurück in ihr Elternhaus, nachdem sie bereits ausgezogen waren. Dieses Erlebnis ist für die meisten ambivalent, einerseits schätzen sie die Unterstützung und das Kümmern der Eltern, andererseits wollen sie die Rolle eines abhängigen Kindes nicht mehr annehmen (Arnett, 2004). Dieses Phänomen, dass junge Erwachsene etwa nach dem Studium zurückkehren zu ihren Eltern, wird in den USA mit dem Begriff „boomerang kids“ oder „boomerang generation“ bezeichnet (Parker, 2012). Diese längere Abhängigkeit entlässt Eltern später aus der Verantwortung und Rolle als Eltern und die Kinder aus ihrer Rolle als Kinder. Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen den Generationen, also zwischen Eltern und erwachsenen Kindern entstehen, wenn eine Seite (plötzlich) mehr Unterstützung benötigt und in eine (neue) Abhängigkeit gerät. Dies kann der Fall sein, wenn ältere Eltern pflegebedürftig werden oder wenn erwachsene Kinder keine ökonomische Unabhängigkeit erreichen und etwa (erneut) mit den Eltern zusammenleben (Karrer, 2015). In der letzten Konstellation ergibt sich statt einer Ablösung vom Elternhaus eine neue Bindung und Abhängigkeit von der Herkunftsfamilie, entweder vorübergehend oder möglicherweise sogar dauerhaft (Karrer, 2015). Der Übergang Auszug aus dem Elternhaus verzögert sich entweder oder wird rückgängig gemacht, die Statuspassage ist zunächst gescheitert und der Erwachsenenstatus unvollständig, was zu persönlichen und sozialen Spannungen führen kann. Insbesondere das Zurückkehren für etwas ältere und männliche junge Erwachsene ist in der Studie von Karrer (2015) für die Befragten mit starken negativen Gefühlen, wie z. B. Scham- und Schuld (gegenüber den Eltern) oder Gefühle des Scheiterns und Versagens verbunden (Karrer, 2015). Durch die (neue) zum Teil unfreiwillige Nähe zwischen Eltern und erwachsenen Kindern kann Druck auf die Erwachsenen entstehen, die sich mit Vorwürfen konfrontiert sehen und sich eigentlich Anerkennung von ihren Eltern wünschen. Es treffen auch verschiedene Lebensstile aufeinander, die möglicherweise nicht vereinbar sind, so dass Konflikte im Alltag entstehen können. Die Herkunftsfamilie bedeutet für die jungen Erwachsenen in dieser Studie zweierlei, einerseits einen sicheren Ort, der Zugehörigkeit garantiert, andererseits einen einschränkenden kontrollierenden Rahmen (Karrer, 2015). Beziehungen zu den Eltern mit emotionaler Wärme, Vertrauen und Kommunikation spielen laut Kaniušonytė & Žukauskienė (2017) eine wesentliche Rolle beim Übergang ins Erwachsenenalter (in dieser Studie emerging adulthood, Ende der Schulzeit). Die Jugendlichen wünschen

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sich eine gleichberechtigte Beziehung zu ihren Eltern, die auf Kommunikation und Verhandlung basiert. Diese Eigenschaften der Eltern-Kind-Beziehung ergeben ein autonomieförderndes Erziehungsverhalten, welches positiv assoziiert ist mit positiver Entwicklung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen7. Die Eltern-Kind-Beziehung wandelt sich während des Übergangs ins Erwachsenenalter und pendelt sich ein zwischen Autonomie und Verbundenheit, hin zu einer Beziehung mit gegenseitiger Unterstützung und Respekt (Kaniušonytė & Žukauskienė, 2017). Verändert sich die Beziehung zwischen jungen Erwachsenen und ihren Eltern hin zu einer Freundschaft? Im jungen Erwachsenenalter wird vor allem der Beziehung zwischen Müttern und Töchtern eine Ähnlichkeit zur Freundschaft attestiert. Diese lässt sich an dem gleichen Grad der Unterstützung festmachen, doch im Gegensatz zu Freundschaften ist die Beziehung zur Mutter von mehr Konflikten und mehr Symmetrie in Bezug auf Macht gekennzeichnet (Buhl, 2009). Es handelt sich dabei um eine Beziehung unter Gleichen, mit großer Gemeinsamkeit und Verbundenheit. Anders verhält es sich mit der Beziehung von jungen Erwachsenen zu ihren Vätern, welche eher eine Eltern-Kind-Beziehung bleibt. Dies zeigt sich in der empfundenen Verteilung von Macht, die auf Seiten des Vaters gesehen, und somit nicht als Beziehung unter Gleichen angesehen wird, auch nicht von älteren erwachsenen Kindern (Buhl, 2009). Mendonca und Fontaine (2014) haben ein Maß für elterliche Reife entwickelt, also die Fähigkeit der Eltern, ihr Kind als eigenständigen Erwachsenen zu sehen mit Einschränkungen und Bedürfnissen und sich entsprechend auf sie einzustellen. Es werden zwei Dimensionen identifiziert, zum einen „Verständnis“ und zum anderen „Gehen lassen“8. Diese Dimensionen haben eine gleichwertige Bedeutung für beide Eltern stehen in positi-

7 Positive Entwicklung wird in dieser Studie gemessen an aktivem Gestalten und Partizipation (contribution) im eigenen Leben, in der Familie und der Gemeinschaft Kaniušonytė und Žukauskienė (2017). 8 „Verständnis“ wird mit sechs Items, z. B. Verständnis von mehr Gemeinsamkeiten; Verständnis davon, sich gegenseitig Gedanken und Sorgen anzuvertrauen, erfasst. Die Dimension „Gehen lassen“ wird mit vier Items, z. B. bezüglich der vermeintlichen Enttäuschungen über Lebensentscheidungen des Kindes sowie bezüglich des Umgangs mit dem Verantwortungsgefühl gegenüber den Problemen des Kindes, erfasst (Mendonça und Fontaine, 2014).

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vem Zusammenhang mit differenzierter und positiver Eltern-Kind-Beziehungsqualitäten, aber erweisen sich als unabhängig vom Geschlecht des Kindes und dessen Übergängen im Lebenslauf (Mendonça & Fontaine, 2014). Die Eltern-Kind-Beziehung nähert sich also einer Freundschaftsbeziehung an (siehe Abschnitt 4.2.3), was insbesondere die Mutter-Kind-Beziehung bei jungen Erwachsenen betrifft. 4.2.3 Freundschaften Freundschaften sind zentrale individuelle Beziehungen zwischen zwei Personen (dyadische Beziehung), die allerdings schwierig allgemeingültig zu definieren sind. Es gibt für Freundschaften im Gegensatz zu anderen sozialen Beziehungen keine festgelegten Kriterien, wo bestimmte Verwandtschaftsverhältnisse vorliegen, institutionalisierte Schritte erforderlich sind (Ehepartner) oder eine räumliche Nähe (Nachbarn) eindeutig ist. Wann genau aus einer Bekanntschaft eine Freundschaft wird, ist nicht bestimmbar. Auch gibt es keine festgelegten Inhalte einer freundschaftlichen Beziehung (wie etwa gemeinsame Arbeit bei Arbeitskollegen). Freundschaften können auch unter Verwandten, wie Geschwistern oder Cousins existieren (Schobin et al., 2016). Freundschaften haben eine hohe gesellschaftliche und subjektive Bedeutung und zeichnen sich durch Freiwilligkeit und Ganzheitlichkeit, Flexibilität und Zusammengehörigkeitsgefühl aus (Stiehler, 2013). Freundschaften sind gewöhnlich subjektiv positiv bewertete Beziehungen, gekennzeichnet von Sympathie, Symmetrie und Gemeinsamkeit. Sie sind informell, nicht institutionalisiert und verursachen keine Verpflichtungen. Freundschaften sind heterogen, vielfältig und individuell unterschiedlich in Bezug auf den Grad der Intimität oder Nähe, sie sind räumlich und zeitlich flexibel und von den Persönlichkeiten der Personen abhängig, während sie auch die Persönlichkeiten der Freunde formen (Boyd & Bee, 2012). Freunde sind meistens im gleichen Alter, haben einen ähnlichen Lebensstil, ähnliche Erfahrungen, Werte, Charaktereigenschaften (Pinquart & Sörensen, 2000). Es gibt enge und weniger enge Freundschaften, den Sonderfall der besten Freundin oder des besten Freundes, Bekanntschaften, Cliquen und Freundeskreise. Freundschaften werden oft zu Personen aus dem näheren oder direkten sozialen Umfeld unterhalten, z. B. Schule, Studium, Arbeit, Sport, Nachbarschaft, mit denen man viele Gemeinsamkeiten hat, wie sozioökonomische Merkmale, Bildung, Interessen. Freundschaften werden auch nach ähnlichen persönlichen Merkmalen geschlossen, so gibt es mehr gleichgeschlechtliche Freundschaften und vorwiegend gleichaltrige Freunde. Frauen haben mehr enge Freunde, intimere Freundschaften, in denen sie mehr Offenheit (Selbstoffenbarung)

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aufweisen, mehr emotionale Unterstützung geben und erhalten, sie reden mehr mit Freunden. Männer hingegen unternehmen mehr mit ihren Freunden (Boyd & Bee, 2012). Doch zu diesen allgemeinen Annahmen zu Geschlechterdifferenzen gibt es auch anders lautende Ergebnisse, so dass davon ausgegangen werden kann, dass auch in Freundschaften zwischen Männern Selbstoffenbarung und emotionaler Austausch stattfindet (Bude, 2017). Auch Gillespie et al. (2014) finden kaum Unterschiede in den Freundschaftsmustern zwischen Frauen und Männern, insbesondere nicht in der Art der Unterstützung, die sie von engen Freunden (jeweils von beiden gleichgeschlechtlichen und nicht-gleichgeschlechtlichen Freunden) erhalten (Gillespie, Lever, Frederick & Royce, 2014). Bude (2017) fordert weiterhin die angenommenen und vielfach beschriebenen Merkmale von Freundschaften zu überdenken. Die Zuschreibungen von Freundschaften, wie etwa nicht-verwandtschaftlich, nicht-sexuell oder nicht-vertraglich, lassen sich durch Gegenbeispiele widerlegen (Schobin et al., 2016). Denn es gibt sehr wohl Freundschaften mit romantischer Liebe und Sexualität. Außerdem gibt es Freundschaften ohne Gleichheit, sondern mit Hierarchien und Machtverhältnissen (z. B. in Gruppen, Banden) und neue Freundschaftspraktiken, wie Freundschaftsnetzwerke, die Familien und Partner ersetzen. Nach Bude (2017) mischen sich die Kategorien von Freunden, Geliebten, Verwandten und Bekannten zunehmend. Die Schwierigkeit den Freundschaftsbegriff theoretisch klarzustellen, betrifft die Menschen, die alltäglich Freundschaften gestalten, nicht. Sie können zwischen ihren unterschiedlichen sozialen Beziehungen differenzieren und Freundschaftsbeziehungen, möglicherweise auch ohne bewusst festgelegte Kriterien für Freundschaften, definieren (Linek, 2017). Linek (2017) greift zwei konträre Ansätze zur Auffassung von Freundschaften auf, einerseits Freundschaften als Liebe, also Anerkennung ohne Normen und Zwänge, und andererseits Freundschaften als Nutzenmaximierung, das heißt persönliche Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Überprüfung anhand von empirischen Studien ergab laut Linek (2017), dass Menschen selbst einen Unterschied sehen in instrumentellen, eher distanzierten und engen, nichtinstrumentellen Freundschaften. Oft wird dieser Unterschied an der Dauer der Freundschaft festgemacht und in alte und neue Freunde unterschieden, wobei die neuen Freundschaften, die sich aus dem Arbeitskontext heraus entwickelt haben, den instrumentellen Beziehungen zugeordnet werden. Einige Befragte gaben an, Freundschaftsbeziehungen bei geringer Unterstützung und Anerkennung zu beenden. Insgesamt bedeuten Freundschaften, die als intim bewertet werden, eine Ressource für die

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Bewältigung von Anforderungen im Kontext von Arbeit, familiären und partnerschaftlichen Konflikten und Verpflichtungen und bilden ein Gegengewicht (Refugium) zu den „Zwängen des Marktes“ (Linek, 2017, S. 19). Hall (2012) fand sechs relevante Dimensionen für Freundschaftserwartungen, die als Indikatoren für die Vorstellung / das Konstrukt einer idealen Freundschaft bei Erwachsenen herangezogen werden können. Dabei handelt es sich um: • Symmetrische Reziprozität • Handlungsfähigkeit • Spaß • instrumentelle Unterstützung • Ähnlichkeit • Gemeinschaft (Hall, 2012) Im Vergleich zu anderen Beziehungen werden innerhalb von Freundschaften am wenigsten Konflikte erlebt. Streit und Auseinandersetzungen werden eher vermieden, um diese Beziehung nicht zu gefährden, denn im Gegensatz zu Familienbeziehungen sind Freunde nicht unwiderruflich miteinander verbunden (Buhl, 2009). Unterstützung von Freunden kann den Personen mehr bedeuten als die Unterstützung der Familie, denn Kinder und Eltern sind jeweils zu Unterstützung verpflichtet. Es existiert keine vorgegebene Abhängigkeit in Freundschaften (Pinquart & Sörensen, 2000). Sie können durch diese Eigenschaften lange Zeiten und über andere Beziehungen der Person hinaus bestehen und somit Lebensbereiche über die Lebensspanne gestalten. Freundschaften werden seltener beendet als Partnerschaften oder Mitgliedschaften in Betrieben oder Organisationen und können schon aufgrund des gleichen Alters der Freunde länger andauern als Generationenbeziehungen (Bude, 2017). Freundschaften können negative Partnerschaft kompensieren, denn sie können Bedürfnisse, die ein fehlender Partner nicht erfüllt, zum Teil ausgleichen. Sie können aber auch ambivalent sein und sowohl positive als auch negative Qualitäten haben, Belastungen und Konflikte mit sich bringen und sich so in verschiedener Weise bedeutsam auf das Wohlbefinden auswirken (Antonucci et al., 2010; Barry, Madsen, Nelson, Carroll & Badger, 2009). Insgesamt ist zudem die Zufriedenheit mit den Freundschaften relevanter für die Lebenszufriedenheit und damit für das Wohlbefinden als die Anzahl der Freunde (Gillespie et al., 2014).

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Freundschaften über die Lebensspanne In Kindheit und Jugend werden Freunde noch viel von den Eltern mitbestimmt oder durch Institutionen vorbestimmt, z. B. die Schule. Auch im jungen Erwachsenenalter werden Freundschaften häufig im Rahmen von Institutionen, z. B. der Universität, geschlossen. Die Entwicklungsaufgabe Beziehungen mit Peers zu gestalten, eigenständig aufzubauen und zu erhalten ist im Jugendalter vorgesehen (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Freundschaften entwickeln sich über das gesamte Erwachsenenalter weiter. Im jungen Erwachsenenalter ergeben sich für Freundschaftsbeziehungen viele Veränderungen, z. B. durch Verlassen der Schule, des Elternhauses oder einen Wohnortwechsel begeben sich die jungen Erwachsenen in neue soziale Umwelten. Manche Freundschaftsbeziehungen bestehen durch Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenalter, während andere Freundschaften enden, die Wege sich trennen, Interessen/ Prioritäten sich ändern und neue Freundschaften wiederum hinzukommen (durch Universität, Job, neue Partnerschaft). Die Bedeutung von Freundschaften ändert sich anhand von Lebensereignissen und Übergängen im jungen Erwachsenenalter. So verlieren sie an Bedeutung etwa beim Eingehen einer neuen Partnerschaft oder bei der Familiengründung. Freundschaften sind am bedeutungsvollsten, wenn man Single ist. Junge Erwachsene, die mit oder ohne Kinder verheiratet sind, nutzen ihre Freundschaften im Vergleich weniger als Rückhalt und zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse (Carbery & Buhrmester, 1998). Eigenschaften und Funktionen von Freundschaften sind abhängig von der gesamten Beschaffenheit des sozialen Netzwerks der jungen Erwachsenen. Im jungen Erwachsenenalter passieren viele Veränderungen in Zusammensetzung und Organisation des sozialen Netzwerks. Relevant für das soziale Leben junger Erwachsener sind die sozialen Rollen, so dass etwa Ehepartnerrollen oder Elternrollen die Freundschaftsnetzwerke aufgrund anderer Möglichkeiten zum Aufbauen und der Erhalten von Freundschaften beeinflussen. Die Zeit und Häufigkeit des Kontakts mit Freunden verringert sich nach einer Hochzeit und der Geburt von Kindern. Die Ehepartner übernehmen dann eine wichtigere Rolle für alle sozialen Bedürfnisse (Carbery & Buhrmester, 1998). Freundschaften sind über die gesamte Lebensspanne bedeutend, sie übernehmen jedoch, wie beschrieben, je nach Lebensphase unterschiedliche Funktionen und Rollen ein, „Lebensabschnittsfreunde“ nennt es Bude (2017, S. 4). Freundschaften enden insbesondere an Übergängen im Lebenslauf. Vier Endungsmuster findet Rose (1984) anhand von retrospektiven Erzählungen von Studenten: räumliche Trennung, alte Freunde durch neue Freunde ersetzen, die

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Freunde nicht mehr mögen, Störung durch Heirat oder Partnerschaft. Der Übergang ins Studium führt zu einer größeren Anzahl beendeter Freundschaften als während der Schulzeit. Männerfreundschaften werden eher durch räumliche Trennung und Frauenfreundschaften durch Heirat / Partnerschaft beendet. Der Übergang ins Studium stellt eine Wende in den Freundschaftsbeziehungen für junge Erwachsene dar, die häufigeren Abbrüche von Freundschaften lassen sich zurückführen auf den nicht mehr vorhandenen täglichen Kontakt, denn die engen Freundschaften in der Schulzeit werden hauptsächlich über täglichen Kontakt aufrechterhalten (Rose, 1984). Es scheinen sich auch die Machtverhältnisse in Freundschaften zu verändern oder die Konstruktion von Macht in Beziehungen. Während Jugendliche sich selbst ihren Freunden gegenüber als überlegen angeben, sehen junge Erwachsene mehr Macht in der Beziehung auf Seiten ihrer Freunde als bei sich selbst (Buhl, 2009). Haben sich Freundschaften auch durch sozialen Wandel verändert? Sind sie unverbindlicher geworden durch eine höhere Mobilität und durch einen weiter ausgelegten Freundschaftsbegriff in digitalen sozialen Netzwerken? Es gibt neue Möglichkeiten mit räumlich weit entfernten Freunden in Kontakt zu bleiben, aber auch neue Herausforderungen bei der Gestaltung von Freundschaftsbeziehungen (Boyd & Bee, 2012). Freude teilen spielt eine zentrale Rolle in Freundschaften unter jungen Erwachsenen. Demir et al. (2017) konnte durch Analysen zeigen, dass eine höhere Freundschaftsqualität wahrgenommen wird, wenn Freunde begeistert auf gute Nachrichten reagieren und somit der Aspekt geteilter Freude in Freundschaften sich auf das Wohlbefinden junger Erwachsener auswirkt (Demir, Haynes & Potts, 2017). Insgesamt nimmt die durchschnittliche Anzahl der Freunde mit zunehmendem Alter für Männer und Frauen ab (Gillespie, Lever, Frederick & Royce, 2014; Künemund & Kohli, 2010). Für jede Art von Unterstützung (z. B. den Geburtstag feiern, über das Sexualleben sprechen und in der Nacht telefonieren oder schreiben können) waren die Zahlen bei jungen Erwachsenen höher als bei Erwachsenen mittleren Alters oder älteren Erwachsenen. Ob ältere Menschen Freundschaften anders definieren oder ob sie Freundschaften gelöst oder verloren haben ist unklar (Künemund & Kohli, 2010). Einige Rückgänge können mit dem Tod enger Freunde oder gesundheitlichen Einschränkungen zusammenhängen, die die soziale Beteiligung und die Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten einschränken. Bei Erwachsenen in der Lebensmitte sind vermutlich erhöhte berufliche und familiäre Verpflichtungen eine Erklärung. Außerdem gibt es das Phänomen,

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dass Erwachsene im mittleren Alter (aktiv) die Zahl ihrer Freunde bzw. die Größe ihres sozialen Netzwerks reduzieren (Gillespie et al., 2014). 4.3 Soziale Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden Die Wirkweise von sozialen Beziehungen auf Gesundheit und Wohlbefinden liegt in der sozialen Unterstützung, wobei die Struktur eines sozialen Netzwerks und die Qualität der hier geleisteten Unterstützung bedeutsam für den Effekt auf die Gesundheit sind. Die Effekte können direkt die Gesundheit beeinflussen, schädliche Einflüsse / Stressoren abmildern oder präventiv sein (Bruns, 2013). Soziale Unterstützung steht in Zusammenhang mit psychologischen Ressourcen wie Selbstwirksamkeitserwartung, Selbstwertgefühl und hohen Kontrollüberzeugungen, die ebenfalls eine positive Wirkung auf die Gesundheit haben (Bengel & Lyssenko, 2012). Die wahrgenommene soziale Unterstützung hat eine stärkere Wirkung auf die Gesundheit als die tatsächlich erhaltene, das bedeutet, dass sich die Personen unabhängig von realen Unterstützungsleistungen so gut aufgehoben fühlen, dass das Vorhandensein der potentiell unterstützenden Beziehungen bereits positiv auf die Gesundheit wirkt und sich soziale Unterstützung so auf der kognitiven Ebene niederschlägt. Soziale Unterstützung nimmt auch unabhängig von auftretenden Stressoren Einfluss, da sie bereits entstehende Belastungen abfangen und günstiges Verhalten fördern kann (Bengel & Lyssenko, 2012). Eine gelungene Einbindung von Menschen in primäre soziale Netzwerke weist einen Zusammenhang mit geringerer Krankheitshäufigkeit und höherer Lebenserwartung auf (Trojan, 2003). Ein direkter positiver Effekt durch soziale Beziehungen ergibt sich durch das reine Vorhandensein derselben, und bei einer höheren Anzahl von Beziehungen sinkt das Risiko von Einsamkeit. Ein größeres soziales Netzwerk erhöht das Potential bestimmte soziale Unterstützungsleistungen aktivieren zu können (Hollstein, 2013). Doch die Größe eines sozialen Netzwerkes bestimmt die Zufriedenheit mit den sozialen Beziehungen nicht allein, etwa einen besten Freund zu haben gilt als aussagekräftigerer Indikator für Wohlbefinden (Diewald, 1991). Antonucci et al. (2009) differenzierten vier Netzwerktypen und ihren Einfluss auf psychische Gesundheit. Soziale Netzwerke können demnach gemischt, familienorientiert, freundschaftsorientiert oder beschränkt (ohne Freunde, ohne Familie) sein. Dabei werden gemischte Netzwerke mit besserer psychischer Gesundheit in Zusammenhang gebracht, während beschränkte Netzwerke eher mit schlechterer psychischer Gesundheit einhergehen (Antonucci et al., 2009). Ein dichtes Netzwerk kann großen

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Rückhalt bieten oder aber auch soziale Kontrolle mit sich bringen, welche erschweren würde seine Leben stark zu verändern (Hollstein, 2013). Durch die Erfahrung von sozialer Unterstützung erleben Menschen weniger negative Auswirkungen durch Stress und ihre sozialen Beziehungen (als soziale Ressourcen) helfen ihnen bei der Bewältigung kritischer Lebensereignisse und Alltagsprobleme. Auf diese Weise können soziale Beziehungen den Effekt von Stress abpuffern oder ganz abwehren (Antonucci et al., 2009). Entscheidend ist dabei die Qualität der Beziehungen (weniger bedeutend sind die strukturellen Merkmale der Beziehungen). Bei der Qualität kommt es auf das Ausmaß an Nähe und Intimität, auf Verbundenheit, das Ausmaß an Konflikten und Unterstützung an (Antonucci et al., 2010). Gute soziale Beziehungen stärken das Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitserwartungen etwa durch positive Rückmeldungen und Respekt und beeinflussen so indirekt positiv Gesundheit und Wohlbefinden. Übermäßige und ungewollte Unterstützung übt den gegenteiligen Effekt aus und hat durch die Schwächung der Selbstwirksamkeitserwartung negative Auswirkungen auf Wohlbefinden und Gesundheit (Antonucci et al., 2009; Antonucci et al., 2010). Einige soziale Beziehungen bergen Anlässe für Konflikte und damit Stress und haben negativen Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden (Pinquart & Sörensen, 2000). Negative Auswirkungen von sozialen Beziehungen können z. B. auch Sorgen und der Verlust/ Einsatz von zeitlichen und materiellen Ressourcen sein (Hollstein, 2013). Für soziale Unterstützung als relevanten Einflussfaktor auf körperliche Gesundheit gibt es zahlreiche empirische Belege (Holt-Lunstad et al., 2010), jedoch kritisieren Uchino et al. (2012), dass die dahinterliegenden psychologischen Mechanismen nicht klar beschrieben sind (Uchino, Bowen, Carlisle & Birmingham, 2012). Dazu, wie genau Beziehungen die Gesundheit von Menschen beeinflussen und welche moderierenden Einflüsse es gibt, entwirft Uchino (2013) ein Modell, um die empirisch bestätigten Effekte von negativen, positiven und ambivalenten Beziehungsinhalten auf die Gesundheit zu entschlüsseln. Die den negativen, positiven und ambivalenten Beziehungsinhalten vorangehenden Prozesse in Beziehungen spielen in diesem Modell eine zentrale Rolle. Dazu zählen etwa die Bindungsstile der Personen, interpersonale emotionale Prozesse, Sexualität und Beziehungsziele (Uchino, 2013). Auch Bengel und Lyssenko (2012) sprechen dem Bindungsstil und Kommunikationsfähigkeiten einer Person und den damit verbundenen Kompetenzen, Emotionen auszudrücken und Konflikte zu bestreiten, eine entscheidende Rolle im Prozess der Wirkung von sozialer Unterstützung zu.

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Langzeitbetrachtungen zeigen, dass soziale Ressourcen aus der Adoleszenz, wie ein gutes Verhältnis zu den eigenen Eltern, gute Integration in die Altersgruppe und ein Gefühl der Anerkennung in der Schule, sich bis ins Erwachsenenalter auswirken. Am bedeutsamsten für das Gelingen von Partnerschaft und Elternschaft im jungen Erwachsenenalter zeigt sich hier die Qualität des Verhältnisses zu den eigenen Eltern in der Jugend (Fend, 2009b). Für Studierende fand (Hennig, Strack, Boos & Reich, 2017) heraus, dass eine höhere Anzahl wichtiger Personen mit geringeren Werten psychischer Belastung einen Zusammenhang herstellen, nicht aber die Kontakthäufigkeit mit diesen Personen. Eine Partnerschaft zeigt sich als größter, wenn auch schwacher Schutzfaktor vor einer Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit. Insgesamt scheinen soziale Netzwerke und die wahrgenommene soziale Unterstützung darin bei der Bewältigung von Stressoren der Studierenden eine entscheidende Rolle zu spielen (Hennig et al., 2017). Zusammenfassung Soziale Beziehungen stellen für den in Kapitel 3 beschriebenen Salutogeneseprozess zentrale Ressourcen dar, haben aber auch Potential für Stressoren und Belastungen, etwa durch Konflikte und Verpflichtungen. Sie stellen einen bedeutenden Entwicklungskontext mit mehreren Entwicklungsaufgaben dar. Im vorliegenden Kapitel wurden lediglich die privaten Beziehungen junger Erwachsener beschrieben. Im nächsten Kapitel wird die Lebenswelt Arbeit betrachtet, die ebenfalls soziale Beziehungen beinhaltet, aber auch weitere relevante Bedingungen, Anforderungen, Belastungen und Ressourcen für den Übergang ins Erwachsenenalter mit sich bringt.

5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener Die Berufstätigkeit ist eine relevante Lebenswelt im Erwachsenenalter und wird hier verstanden als Entwicklungskontext mit Entwicklungsaufgaben und als Lebensbereich, in dem Gelingen, Entwicklung und Scheitern möglich ist. Erwerbsarbeit kann dabei eine Quelle sowohl für Ressourcen als auch für Belastungen darstellen. Aufgrund der Auswirkungen des Lebensbereichs Arbeit auf andere Lebensbereiche und auch der Besonderheiten des aktuellen Arbeitsmarktes hat dieser in der Lebensphase junges Erwachsenenalter eine hohe Relevanz und Aktualität. Erwerbsarbeit stellt die ökonomische Basis der Gesellschaft und des Individuums dar. Sie ist ausschlaggebend für Teilhabe und Anerkennung (Prestige, Status) der Individuen in der Gesellschaft, trägt zur Identitätsbildung bei und ermöglicht soziale Netzwerke (Meyer, Hupka-Brunner, Robin & Bergman, 2012). Der Berufseinstieg hat eine hohe Bedeutung für die Lebensphase junges Erwachsenenalter, da die Entscheidung für einen bestimmten beruflichen Weg biografisch betrachtet große Konsequenzen hat. Um eine geeignete Entscheidung zu treffen, benötigen die jungen Erwachsenen ein gewisses Maß an Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Interessen sowie die entsprechenden Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein erreichter Einstieg in die Berufswelt ist entscheidend für die weitere Entwicklung junger Erwachsener (Köcher et al., 2017). Im folgenden Kapitel werden die Rahmenbedingungen des Berufseinstiegs und der Berufstätigkeit, die Wege in den Beruf und mögliche Risiken und Probleme hierin beschrieben. Außerdem beschäftigt sich das Kapitel mit den Einstellungen und Orientierungen junger Erwachsener sowie der Frage, ob deren Gestaltung des Lebensbereichs Arbeit geschlechtsspezifisch geschieht. 5.1 Wandel der Lebensbereiche Arbeit und Bildung Die Berufswelt und auch die Bedingungen im Bereich der Bildung wandeln sich in vielerlei Hinsicht und wirken sich nicht nur auf die Arbeitsplätze der Menschen, sondern auf ihre gesamten Biographien beziehungsweise Lebensläufe aus. Anstelle des bis in die 1980er Jahre gültigen Normalarbeitsverhältnisses gibt es viele unterschiedliche Beschäftigungsformen und – verläufe. Dazu zählen flexibilisierte Arbeitszeiten, Zeitarbeit, Projektarbeit, Arbeitslosigkeitsphasen und häufige Jobwechsel. Diskontinuierliche Berufsbiografien nehmen also zu und es ergeben sich Unsicherheiten für die Lebensplanung der Personen (Faltermaier, 2008; Hoff, 2002). Durch die © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_5

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

weltweiten Prozesse, die von Globalisierung und Digitalisierung angeschoben werden, hat sich die Gesellschaft zu einer Wissens- und Informationsgesellschaft gewandelt. Es entsteht ein engerer Kontakt zu anderen Kulturen und die Relevanz von internationalen Beziehungen nimmt zu. Die Grundsätze in Wirtschaft, Kommunikation und Kultur unterliegen einem Wandel, wie sich auch neuartige Arbeitsplätze und neue Berufsbilder durch beispielsweise neue Technologien bilden (Scherger, 2007), die etwa Telearbeit und andere Organisationsformen ermöglichen. Insgesamt gibt es weniger Tätigkeiten und Aufstiegsmöglichkeiten für An- und Ungelernte, dafür mehr spezialisierte Arbeitsplätze, die hochqualifizierte Arbeitskräfte erfordern (Hoff, 2002). Diese Entwicklungen erschweren den Übergang von der Ausbildung und Schule in den Beruf, da es weniger Sicherheit für die Planung beruflicher Laufbahnen gibt. Als Anforderungen an die (jungen) Menschen sind insbesondere soziale Fähigkeiten und Teamarbeit sowie die Notwendigkeit, Wissen und Fähigkeiten im Sinne des lebenslangen Lernens auf dem aktuellen Stand zu halten, zu nennen (Tomasik & Silbereisen, 2008). Das gesellschaftliche und globale Wissen in Forschung und Praxis erneuert sich schließlich fortlaufend und schafft neues Wissen. Weiterbildung im Berufsleben bestimmt somit auch den beruflichen Erfolg und erscheint auch im mittleren und späteren Erwachsenenalter notwendig (Hoff, 2002). Die beschriebene Destandardisierung der Lebensläufe ist zum Teil als Anpassung an die neuen Anforderungen des Arbeitsmarktes zurückzuführen (Scherger, 2007). Neben den neuen Aufgaben im Rahmen der einzelnen Arbeitsplätze entstehen durch die Arbeitsmarktveränderungen Probleme wie Arbeitslosigkeit durch geringere Chancen für Arbeitnehmer mit niedrigen Qualifikationen. Arbeitnehmer stehen unter Leistungsund Konkurrenzdruck und müssen angesichts des Risikos eines Arbeitsplatzverlusts flexibel sein und sich auf atypische Arbeitsverhältnisse in Teilzeit oder mit befristeten Arbeitsverträgen einlassen (letztere Entwicklung betrifft vor allem Frauen) (Tomasik & Silbereisen, 2008). Es wird außerdem das Phänomen der Entgrenzung von Arbeit beschrieben. Dies meint verschwimmende Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben, unschärfere Grenzen von Unternehmen, die in Form von Netzwerken agieren, und weniger klare Trennlinien in der internen Hierarchie von Organisationen (Minssen, 2012). Diese Gegebenheiten führen dazu, dass in der Gesellschaft längere Ausbildungszeiten entstehen und höhere Bildungsabschlüsse erreicht werden (Tomasik & Silbereisen, 2008). Bedingt durch den jeweiligen Bedarf des Arbeitsmarktes entstehen neue Qualifikationsanforderungen. Das Bildungssystem wird ausgebaut, so dass die Gruppe junger Erwachsener

5.2 Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt

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in der Sekundarstufe zwei und in der Hochschule stetig größer wird. Der Anteil der Frauen bei hohen Bildungsabschlüssen steigt im Verhältnis zu den Männern noch stärker an (Scherger, 2007). Das Geschlechterverhältnis in der Berufswelt hat sich insgesamt verändert, denn die Gesamtzahl erwerbstätiger Frauen ist gewachsen, wobei insbesondere in hochqualifizierten Berufen der Frauenanteil gestiegen ist. Typische Männer- und Frauenberufe entwickeln sich langsam zu Mischberufen (Hoff, 2002). Neu sind außerdem die häufigeren Mehrfachausbildungen und die insgesamt verlängerten Bildungsphasen (Scherger, 2007). Bei Studiengängen und Studienabschlüssen gab es Veränderungen dahingehend, dass öfter ein zweites Studium absolviert, und insgesamt höhere Abschlüsse erreicht werden. Studierende beginnen ihr Studium zum Teil später als ein Jahr nach Schulabschluss, gehen beispielsweise neben dem Studium einer Vollzeitbeschäftigung nach, absolvieren ein Teilzeitstudium oder sind zu diesem Zeitpunkt bereits Eltern eines oder mehrerer Kinder (Boyd & Bee, 2012). 5.2 Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt für junge Erwachsene Insgesamt ist der deutsche Arbeitsmarkt aktuell in einem allgemein sehr guten Zustand. Trotz internationalen Wirtschaftskrisen zeigen sich in den letzten zehn Jahren eine stabile Entwicklung und ein kontinuierlicher Aufschwung. Doch auch negative Entwicklungen, gerade für Einzelne (Gruppen), wie geringes Lohnwachstum, Lohnungleichheit und zunehmende atypische Beschäftigungen lassen sich beobachten. Zu atypischen Beschäftigungsformen gehören auch Befristungen, Mini-Jobs oder Leiharbeit, welche sich auf die Individuen und ihre Lebensläufe eher negativ auswirken (Möller & Walwei, 2017). Junge Menschen sind von atypischen Beschäftigungsverhältnissen besonders häufig betroffen, wobei damit nicht automatisch auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse (Beschäftigungsformen mit erhöhtem Armutsrisiko) einhergehen, solange durch die Erwerbsarbeit der Lebensunterhalt bestritten werden kann. Jedoch erhielt gut die Hälfte (52 %) der 15- bis 24-Jährigen nur einen Niedriglohn, der zur Sicherung des Lebensunterhalts nicht ausreicht (besonders häufig betroffen sind Beschäftigte ohne berufliche Qualifikation) (Kramer & Langhoff, 2012). Eine sogenannte Fragmentierung (Fenton & Dermott, 2006) der Beschäftigung findet hauptsächlich bei jungen Erwachsenen mit geringem Qualifikationsniveau statt. Hier erwächst Unsicherheit aus Diskontinuität im Lebenslauf für die Betroffenen, die häufige Wechsel der Arbeitsstellen aufweisen. Junge Menschen mit einem niedrigen Qualifikationsniveau verzeichnen die häufigsten Stellenwechsel und weisen etwa eine Abfolge von

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

mehreren Niedriglohnstellen auf. Für diese Gruppe lohnen sich die Investitionen in einen langen Aufenthalt bei einem einzigen Arbeitgeber am wenigsten (Fenton & Dermott, 2006). Weitere Faktoren für junge Erwachsene, ihre Arbeitsstelle zu wechseln bzw. die Absicht dazu zu entwickeln, sind Unzufriedenheit mit dem bisherigen beruflichen Werdegang, geringe emotionale Verbundenheit mit dem Arbeitgeber, ein hohes Maß an intrinsischen Werten und eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung. Umgekehrt weisen betriebliches commitment (Festlegung) und Laufbahnzufriedenheit die höchsten Einflüsse auf das beabsichtigte Verbleiben an der Arbeitsstelle auf (Keller & Stalder, 2012). Das sogenannte Normalarbeitsverhältnis, welches ein unbefristetes, sozialversicherungspflichtiges Vollzeitarbeitsverhältnis bezeichnet, dominiert nach wie vor als tatsächliche Beschäftigungsform und als Erwartungshaltung von Arbeitnehmern auf dem deutschen Arbeitsmarkt, obwohl atypische Beschäftigungen wie beschrieben zunehmen (Minssen, 2012). Gegenwärtige Anforderungen an Arbeitsplätze und Arbeitnehmer sind etwa zeitliche Flexibilität und Mobilität, also Flexibilität des Arbeitsorts mit Arbeitsformen wie Telearbeit, die von den Berufstätigen gleichzeitig ein hohes Maß an Verfügbarkeit verlangt (Minssen, 2012). Junge Menschen, die mit den hohen Bildungsanforderungen in der aktuellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft nicht mithalten können, haben schlechte Chancen einen gut bezahlten oder zumindest lohnenden Job zu finden (Arnett, 2004). Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 machte den Berufseinstieg für junge Menschen in der Europäischen Union (EU) insgesamt schwieriger, wobei Deutschland am geringsten betroffen ist und die niedrigsten Jugendarbeitslosigkeitsquoten hat: 8% der 15 bis 24 Jährigen und 7 % der 25 bis 29 Jährigen sind weder in Ausbildung noch in Arbeit gegenüber einem Durchschnitt von 23% (21 % bei 25-29 Jährigen) in der gesamten EU (Coyette, 2015). In Deutschland ist diese Quote sogar noch weiter gesunken bis auf 5,2% im Jahr 2017 (Bundes-agentur für Arbeit, 2018a). Der Arbeitsmarkt zeigt für junge Erwachsene im beruflichen Bereich relevante Anforderungen auf und bietet Quellen für Ressourcen und Belastungen. Der Einstieg ins Berufsleben bringt Stabilität und Verbindlichkeit, starke Festlegung und Einschränkungen oder, je nach Arbeitsbedingungen, auch Instabilität. 5.3 Berufseinstieg und Berufswahl Bildungsphasen reichen wie beschrieben in der heutigen Zeit über die Jugend hinaus ins junge Erwachsenenalter hinein und kennzeichnen diese Lebensphase, so dass die Trennung anhand von Bildung als Merkmal für

5.3 Berufseinstieg und Berufswahl

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die Jugend und Erwerbsarbeit als Merkmal des Erwachsenenalters entfällt (Walther, 1996). Um einen Berufseinstieg zu meistern, muss zunächst eine Qualifikation durch (Aus)Bildung erworben werden. Nachdem in der Jugend allgemeinbildende Schulen besucht wurden, stellen sich Jugendliche und junge Erwachsene der Berufswahl und müssen einen Bildungsweg wählen, der auf eine bestimmte Berufsqualifikation hinausläuft. Dabei ist eine Berufswahl nicht mehr endgültig, sondern vorläufig (Faltermaier et al., 2014). Hochschulzugangsberechtigte (mit dem Schulabschluss Abitur oder Fachhochschulreife) können sich dabei zwischen einer dualen Ausbildung und einem Hochschulstudium entscheiden. Dass der Berufseinstieg oft ungeplant verläuft, zeigt die McDonald’s Ausbildungsstudie 2017, denn nur 26 % der Schüler und 35 % der befragten Studierenden haben eine Vorstellung davon, wie genau der eigene Berufseinstieg und Berufsweg aussehen wird. 53 % der Schüler und 57 % der Studierenden haben ungefähre Vorstellungen von ihrem Berufsleben, während 20 % der Schüler und 6 % der Studierenden überhaupt keine Vorstellung vom Berufseinstieg haben. Zwei Drittel der befragten Schüler bezeichnen die Berufswahl oder Entscheidungen zu ihren nächsten beruflichen Schritten als sehr schwer oder ziemlich schwer (Köcher et al., 2017). Berufseinstieg durch betriebliche (duale) Ausbildung Die knappe Mehrheit der Berufseinsteiger nimmt den Weg ins Erwerbsleben über eine duale Berufsausbildung. Etwas über die Hälfte der Abschlussjahrgänge beginnt eine Berufsausbildung direkt im Anschluss an den Schulabschluss und weitere beginnen später. Gut 523.000 neue Ausbildungsverträge stehen laut Bundesministerium für Bildung und Forschung gegenüber 512.000 Studienanfängern im Jahr 2017 (https://www.bmbf.de/de/berufsbildungsbericht-2740.html). Allerdings schließen etwa 20 % der Auszubildenden ihre begonnene Ausbildung nicht ab (Kramer & Langhoff, 2012) und viele junge Menschen erhalten keinen von ihnen erstrebten Ausbildungsplatz. Diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen schaffen den Einstieg in die Berufsausbildung nicht oder mithilfe von weiterqualifizierenden Maßnahmen nur verzögert (Krekel, 2012). Das Angebot an und die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen verändern sich aktuell hin zu der Situation, dass Ausbildungsplätze nicht besetzt werden können. Nach dem erfolgreichen Abschluss einer Berufsausbildung können ca. 60 % der jungen Erwachsenen damit rechnen, in ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden. Dieser Anteil variiert allerdings stark je nach Branche. Es existieren also zwei Übergänge auf

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

diesem Weg, zunächst der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung und dann der Übergang von der Ausbildung in die Beschäftigung (Kramer & Langhoff, 2012). Auszubildende, die von ihrem Ausbildungsbetrieb nicht übernommen werden, wechseln öfter die Berufsgruppe. Zwar sind einige Berufsgruppen im Rahmen des Berufseinstiegs stärker von Arbeitslosigkeit bedroht (wie etwa Maler/ Lackierer, KFZ-Techniker, Gastronomie und im Verkauf,), doch für 80 Prozent (vor allem in den Bereichen Pflege, Banken, Verwaltung) erfolgt der Berufseinstieg nach der Ausbildung reibungslos, also ohne Arbeitslosigkeit (Seibert & Wydra-Somaggio, 2017). Berufseinstieg nach dem Studium Immer mehr junge Menschen entscheiden sich für ein Studium, um sich für das Erwerbsleben zu qualifizieren. Seit dem Jahr 2000 ist die Studienanfängerquote (Anteil an einem Geburtsjahrgang, der ein Studium aufnimmt) von 33 % auf 56 % im Jahr 2017 angestiegen. Die absoluten Zahlen liegen bei ca. 315.000 für das Jahr 2000 und bei schließlich ca. 512.000 Studienanfängern 2017 (Statistisches Bundesamt, 2018a)9. Der Übergang ins Berufsleben nach einem Studium ist für die Absolventen mit Unsicherheit verbunden und verläuft nicht immer geradlinig und ohne Unterbrechungen. Viele Studiengänge führen nicht zu einem bestimmten Berufsbild und einer bestimmten beruflichen Karriere, sondern sind inhaltlich von großer Vielfalt geprägt. Insbesondere geisteswissenschaftliche Studienfächer geben keinen geregelten Übergang ins Berufsleben vor. Absolventen aller Studienfächer mit einem Masterabschluss benötigen durchschnittlich drei bis vier Monate, um in eine feste Berufstätigkeit gemäß ihrem Abschluss zu gelangen (Bundesagentur für Arbeit, 2018b). Die Übergangsphase wird häufig mit Übergangstätigkeiten, Praktika, Werkverträge und Weiterbildungen gefüllt. Dennoch ist die Arbeitslosigkeit unter Akademikern niedrig und liegt aktuell bei 2,5 Prozent (Bundesagentur für Arbeit, 2018b). Eine hohe Qualifikation durch einen Hochschulabschluss führt zu einer besseren Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt. Hindernisse beim Berufseinstieg mit

9 Hinweis: Die Aufnahme eines Studiums kann auch nach abgeschlossener oder abgebrochener Berufsausbildung stattfinden, aufgrund scheinbaren Widerspruchs zu der Aussage, dass die Mehrheit der Schulabsolventen eine Ausbildung beginnt.

5.3 Berufseinstieg und Berufswahl

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einem Hochschulabschluss ergeben sich aber beispielsweise durch Arbeitgeber, die Berufserfahrungen erwarten. Außerdem stehen in bestimmten Berufen, hauptsächlich in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, nur wenige passende Arbeitsstellen zur Verfügung, was dazu führt, dass der Berufseinstieg nicht immer studienadäquat erfolgt (Bundesagentur für Arbeit, 2018b). Während Zeitarbeit (2 Prozent aller beschäftigen Akademiker) und Minijobs (7 Prozent) seltener eine Rolle spielen, sind Teilzeitbeschäftigung (25 Prozent) und befristete Beschäftigung (10 Prozent) ein häufigeres Phänomen der atypischen Beschäftigungsformen unter Akademikern. Dies variiert allerdings ebenfalls nach Branche und Beruf stark (z. B. an Hochschulen sind Befristungen besonders häufig) (Bundesagentur für Arbeit, 2018b). Ein weiterer Vorteil, der möglicherweise die Tendenz zu einem höheren Anteil Studierender erklären könnte, ist, dass das durchschnittliche Einkommen von Hochschulabsolventen höher ist, als das von niedriger qualifizierten Berufstätigen. Auf einen Stundenlohn berechnet, können junge Erwachsene mit einem Hochschulabschluss durchschnittlich mit einem knapp 70 % höheren Einkommen (im Jahr 2014: 27,08 € pro Stunde) rechnen gegenüber Menschen mit einem Ausbildungsabschluss (16,03 € pro Stunde) (Statistisches Bundesamt, 2017). Je höher die Qualifikation eines Erwerbstätigen ist, desto höher sind die Lebensentgelte (Einkommen über das ganze Erwerbsleben hinweg betrachtet). So verdient ein Hochschulabsolvent oft ein Mehrfaches Lebensentgelt eines Ungelernten (Stüber, 2016). Eine hohe Qualifikation zahlt sich also aus. Das tatsächliche Lebensentgelt ist dabei aber stark abhängig vom Anforderungsgrad des Arbeitsplatzes (etwa ob die Tätigkeit qualifikationsadäquat ist) und vom Beruf bzw. der Branche. In Ingenieursberufen, Medizin und Managementberufen sind die Gehälter überdurchschnittlich hoch, während sie in sozialer Arbeit, Psychologie und Bildung eher unterdurchschnittlich ausfallen (Stüber, 2016). Bachelor- und Masterabschlüsse sind weit verbreitet und die Regel unter den gegenwärtigen Hochschulabsolventen. Allerdings erfolgt der Berufseinstieg, insbesondere bei Universitätsstudiengängen, mehrheitlich (80 Prozent) erst nach einem Masterabschluss (Bundesagentur für Arbeit, 2018b). Ein Bachelorstudium dauerte 2016 in Deutschland durchschnittlich 7,0 Semester und bis zu einem Masterabschluss dauerte ein Studium 11,7 Semester (Statistisches Bundesamt, 2018b). Das durchschnittliche Alter beim Abschluss eines Studiums sank entsprechend von 25,6 Jahre im Jahr 2006 auf 24,1 Jahre im Jahr 2016 (jeweils alle Abschlüsse, Erstabsolventen) (Statistisches Bundesamt, 2018b).

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

Insgesamt ist die Ausbildungsphase bei jungen Erwachsenen bis zu einer erfolgten Berufsqualifikation also relativ lang und der Berufseinstieg uneinheitlich, denn er ist für einige von atypischen Beschäftigungsverhältnissen geprägt. Die Situation für Hochschulabsolventen / Akademiker gestaltet sich dabei eher günstig. Berufseinstieg als Entwicklungsaufgabe Der Berufseinstieg kann als Entwicklungsaufgabe betrachtet werden, die eng zusammenhängt mit der Aufgabe, ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen. Nach dem Einstieg in den Beruf ist der Lebensbereich Erwerbstätigkeit nicht statisch. Der Berufseinstieg markiert so gesehen den Beginn beruflicher Entwicklung und des Entwicklungsbereichs Arbeit. Bedingungen und Anforderungen der Arbeit werden zu bedeutenden Rahmenbedingungen im Leben der jungen Erwachsenen. Eine weitere Bedeutung für die Entwicklung kommt dem Berufseinstieg zu, in dem er ein Mittel zur Ablösung von der Herkunftsfamilie darstellt und somit eng mit dieser Entwicklungsaufgabe verknüpft ist (Faltermaier et al., 2014). Der Berufseinstieg bringt eine neue soziale Rolle und ein neues Selbstbild mit sich. Es verändern sich Fähigkeiten, Einstellungen und Verhaltensweisen und nicht zuletzt aufgrund neuer finanzieller Möglichkeiten auch der Lebensstil (Faltermaier et al., 2014). Die Persönlichkeit der Menschen bestimmt den Berufseinstieg und den Verlauf des Berufslebens mit, andersherum beeinflusst auch die Berufsbiographie die Persönlichkeit (Hoff, 2002). Im jungen Erwachsenenalter verändert sich die Bedeutung von Arbeit. Es findet eine Art Übergang statt von „Arbeit als Jobben“ zu „Arbeit als Beruf“. Jugendliche Schüler arbeiten, um Freizeit und Spaß zu finanzieren. Diese Jobs beziehen sich nur auf die Gegenwart und haben nichts oder wenig mit ihrer zukünftigen Karriere zu tun. Für junge Erwachsene wird Arbeit zu einer der Säulen ihres Lebens. Auch wenn sie zunächst oft explorativ und instabil arbeiten, suchen sie nicht nur einen Job, der sie und / oder eine Familie ernähren kann, sondern eine ausfüllende Tätigkeit (Arnett, 2004). Nach welchen Kriterien junge Menschen einen Beruf oder eine Arbeitsstelle aussuchen, untersuchte Konstam (2007) und fand als zentrales Motiv „Leidenschaft“ (passion). Junge Erwachsene wollen eine Arbeit finden, die befriedigend, bedeutungsvoll und ausfüllend ist und ihnen Spaß macht. Junge Menschen stehen vor der Herausforderung, die richtige Entscheidung bei der Berufswahl zu treffen und stehen durch diese Eigenverantwortung unter Druck. Die Freiheit bei der Entscheidung bringt gleichzeitig den Zwang zu einer Entscheidung und deren Begründung / Legitimation mit sich. Junge Frauen (Gymnasiastinnen) in der Studie von Geipel et al.

5.3 Berufseinstieg und Berufswahl

95

(2015) richten ihre Entscheidungen über die eigene berufliche Zukunft dabei an den zwei Orientierungen Spaß und ökonomische Sicherheit aus (Geipel, Micus-Loos & Plößer, 2015). Im Studium engagieren sich die jungen Menschen stark und erwarten dadurch gute Chancen und Bedingungen bei der Arbeitssuche (Konstam, 2007). Sinnerfüllung und Selbstverwirklichung sowie Anerkennung durch Arbeit sind zentrale identitätsrelevante Bedeutungen des Berufslebens. Sie können durch andere Lebensbereiche nicht vollständig ersetzt werden, auch wenn Familie und Freizeit als zentrale Lebensbereiche für junge Menschen als mindestens ebenso bedeutsam gelten (Hoff, 2002; Keupp et al., 2008). Diese unterschiedlichen Identitätsprojekte sind miteinander verknüpft und können / müssen aufeinander abgestimmt und angepasst werden (Keupp et al., 2008). Nach Erikson (1991) müssen sich junge Erwachsene auf eine berufliche Identität verbindlich festlegen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Anhand der beschriebenen aktuellen Veränderungen der Arbeitswelt, vor allem der geforderten Flexibilität, scheint es jedoch eher ungünstig sich hinsichtlich der Identität zu starr im Bereich Berufstätigkeit festzulegen (Keupp et al., 2008). Eine Idealvorstellung eines Gleichgewichts zwischen Berufs- und Privatleben im jungen Erwachsenenalter kann oft nicht umgesetzt werden, und gerade die reale Arbeitsteilung im Falle von Familiengründungen erfordert neue Identitätsarbeit, da ein Lebensbereich (bei Männern meistens Arbeit und bei Frauen Familie) viel stärker dominiert als von den jungen Erwachsenen idealistisch geplant (Hoff, 2002). Arbeit ist eine Herausforderung für die Identitätsbildung und –findung. Für junge Erwachsene soll Arbeit ein Ausdruck ihres Selbst sein, soll ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechen, soll zufriedenstellend und anregend sein. Diese hohen Erwartungen an Arbeit, die fast schon Ideale darstellen, bergen die Gefahr starker Enttäuschungen (Arnett, 2004). Der Berufseinstieg kann durch soziale Netzwerke relevant erleichtert werden, etwa indem sie Bewerbungsverfahren beschleunigen. Die Netzwerke dienen dabei als soziale Ressourcen, die bei der Suche nach geeigneten Arbeitsstellen aktiviert werden können oder aus denen berufliche Chancen entstehen, vor allem dann, wenn die Netzwerke in der gleichen Berufsbranche verortet sind. Die meisten relevanten Kontakte für den Berufseinstieg knüpfen junge Erwachsene im Studium, in Arbeitsgruppen und Seminaren etwa, aber auch in Praktika. Die Struktur von Studiengängen kann die Netzwerkbildung erleichtern und für die Hochschulabsolventen ein tragfähiges Netz aus sozialen Kontakten bieten, welches lange nach dem Abschluss des Studiums noch als soziale Ressource verfügbar ist.

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

Neben den sozialen Netzwerken entwickeln sich die Studierenden auch persönlich während eines Studiums weiter. Insbesondere werden soziale Kompetenzen, Selbstbewusstsein und der Umgang mit Herausforderungen gestärkt (Banaszczuk, 2017). 5.4 Probleme und Scheitern im Berufseinstieg? Der Einstieg ins Erwerbsleben verläuft nicht selten mit Brüchen, Problemen, Phasen der Suche und (Neu-)Orientierung oder auch Rückschlägen (Abbruch des Studiums, der Ausbildung), bis hin zu einem Scheitern an dieser Entwicklungsaufgabe (keinen berufsqualifizierenden Abschluss, keine Arbeitsstelle erhalten). Etwa 30 % der 35-Jährigen in der Life Studie (Fend & Berger, 2009) haben Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit gemacht. Diese Phasen sind allerdings unterschiedlich zu beurteilen, da berufliche Orientierung, freiwilliges Ausscheiden wegen Mutterschaft oder problematische Arbeitssuche unterschiedliche Gründe für Arbeitslosigkeit sein können (Fend, 2009a). Zwar ist in Deutschland die Jugendarbeitslosigkeit wie oben beschrieben vergleichsweise gering, dennoch leiden Jugendliche (hier unter 25 Jahren) unter einem erhöhten Risiko für Arbeitslosigkeit im Vergleich zu anderen Altersgruppen. Dieser Umstand hängt mit den Risiken für Abbrüche und Scheitern bei den Übergängen zwischen Schule und Ausbildung / Studium und zwischen Ausbildung / Studium und Beruf zusammen (Möller & Walwei, 2017). Ein Scheitern im Übergang in den Beruf, etwa durch Arbeitslosigkeit oder zunächst durch eine erfolglose Stellensuche, führt zu (Zukunfts-)Ängsten, Gefühlen der Unzulänglichkeit und Sorgen, dauerhaft in der Arbeitslosigkeit zu verhaften und damit von einem wesentlichen Lebensbereich ausgeschlossen zu bleiben. In der Lebensphase junges Erwachsenenalter, in der das ganze Leben noch in der Zukunft zu liegen scheint, wiegt ein Scheitern an diesem relevanten Schritt in Richtung Zukunft persönlich sehr schwer. Ein solcher Bruch im Lebenslauf kann sich aber tatsächlich auch negativ auf die berufliche Laufbahn auswirken (Karrer, 2015). Arbeitslosigkeit verhindert außerdem soziale Teilhabe und gesellschaftliche Integration, denn einen großen Teil der sozialen Kontakte erleben junge Menschen im Lebensbereich Arbeit (Kramer & Langhoff, 2012). Die atypischen Beschäftigungsverhältnisse, die viele junge Menschen beim Übergang ins Berufsleben annehmen (müssen), führen einerseits zu Unzufriedenheit und andererseits zu Unsicherheit. Diese Unsicherheit im Lebensbereich Arbeit wirkt sich als Unsicherheit für die gesamte Lebensplanung und Zukunft junger Erwachsener aus, etwa auf eine Familiengründung oder den Zusammenzug mit dem Partner. Eine gute Integration auf dem Arbeitsmarkt und damit ein gelingender Übergang

5.5 Einstellungen, Zufriedenheit und Gesundheit im Beruf

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ins Berufsleben wird nur durch eine stabile Beschäftigung erreicht, die finanzielle Sicherheit und soziale Einbindung ermöglicht, denn bei Arbeitsplatzunsicherheit, ist auch der Aufbau und die Funktion sozialer Netzwerke, die ein Arbeitsplatz bietet, schwieriger (Kramer & Langhoff, 2012). Auch wenn junge Erwachsene nicht scheitern, besteht nach Konstam (2007) beim Einstieg ins Berufsleben ein großes Potential für Probleme, Schwierigkeiten und Enttäuschungen. Die Ergebnisse seiner qualitativen Analysen zeigen, dass eine Desillusionierung daher kommen kann, dass junge Erwachsene mit der Annahme aufgewachsen sind, dass sie mit harter Arbeit und Beharrlichkeit ihre Träume verwirklichen können. Diese Erwartungen werden im Studium bestärkt, wenn ihnen vermittelt wird, dass sie die junge Generation und die Zukunft und generell diejenigen seien, die etwas bewegen werden. Doch im Berufsleben erleben junge Erwachsene eine andere Realität, denn dann treffen sie stattdessen auf eine stark regulierte Umgebung mit langsamen Arbeitsprozessen, nur kleinen Fortschritten und scheinbar banalen Aufgaben. Viele junge Erwachsene erleben einen harten Bruch zwischen Hochschule und Arbeit, infolgedessen sich wesentliche Grundsätze ändern. Die jungen Erwachsenen hatten die Erwartung, das Berufsleben wäre dem Studentenleben mit einigen Anpassungen sehr ähnlich und glaubten zuvor, ihre Fähigkeiten und individuellen Stärken im Beruf wie bereits im Studium nutzen und auf arbeitsbezogene Entscheidungen Einfluss nehmen zu können. Die Erwartungen über den weiteren Verlauf des Lebens treffen auf die Realität im Berufsleben, so dass viele junge Erwachsene berichten, dass sie sich unvorbereitet fühlen auf den abrupten Wechsel nach dem Eintritt ins Berufsleben. Eine große Herausforderung für die jungen Erwachsenen ist es folglich, diese empfundenen Ablehnungen und das Gefühl des Scheiterns nicht zu verinnerlichen (Konstam, 2007). 5.5 Einstellungen, Zufriedenheit und Gesundheit im Beruf Immer wieder werden die Einstellungen zur Arbeit der jungen Generation als abweichend von früheren Generationen beschrieben. Junge Erwachsene wünschen sich heute eine Berufstätigkeit, die ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht (Leidenschaft), sie suchen Erfüllung in einem Beruf, der nicht nur dazu dienen soll ausreichend Geld zu verdienen, um eine Familie zu ernähren (Arnett 2004; Konstam, 2007). Dabei ist die Arbeit als Lebensbereich weniger dominant als einige Generationen zuvor. Der Freizeitbereich wiederum wird hoch gewertet, außerdem Selbstbestimmung und Selbstentfaltung, Kommunikation, Sinn und Spaß in Bezug

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

auf ihre Berufstätigkeit (Faltermaier et al., 2014; Keupp et al., 2008). Dennoch zeigt sich eine große Anpassungsbereitschaft der Arbeitnehmer, insbesondere bei drohender Arbeitslosigkeit und einem schwierigen Arbeitsmarkt (Faltermaier et al., 2014). Abbildung 4 zeigt ausgewählte Ergebnisse einer Umfrage zu den Prioritäten im Berufsleben der 15- bis unter 25-Jährigen jungen Erwachsenen. Junge Erwachsene kritisieren eine mangelnde Vorbereitung auf den Berufseinstieg durch schulische Bildung, denn sie haben hohe Erwartungen an das Berufsleben. So soll ihnen ihre Arbeit Spaß machen (98 %) und ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechen (95 %) sowie gleichzeitig einen sicheren Arbeitsplatz darstellen (95 %). Daneben bezieht sich einer der zentralen Wünsche hinsichtlich der Arbeit auf einen sozialen Aspekt, nämlich nette Kollegen zu haben (95 %). Die materiellen Gesichtspunkte wie ein hohes Einkommen, leistungsorientierte Bezahlung oder Karrierechancen (Aufstiegsmöglichkeiten) sind den jungen Erwachsenen hingegen weniger wichtig. Eine inhaltlich und zwischenmenschlich angenehme sowie sichere Arbeit kommt somit der Idealvorstellung der Befragten am nächsten (Köcher et al., 2017). Prioritäten von jungen Erwachsenen im Beruf       Nette Arbeitskollegen, Mitarbeiter     Eine Arbeit, die mich ganz erfüllt     Ein Beruf, der Zukunft hat, Erfolg…     Bezahlung, die sich an der Leistung…     Gute Aufstiegsmöglichkeiten     Eine Arbeit, die mich herausfordert     geregelte Arbeitszeit, wenig Überstunden     Wenig Stress  

Sicherer Arbeitsplatz

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Es halten persönlich an einem Beruf für … besonders wichtig Es halten persönlich an einem Beruf für … wichtig Abbildung 4: Prioritäten von jungen Erwachsenen im Beruf, Angaben in Prozent (eigene Darstellung nach Köcher et al., 2017)

5.5 Einstellungen, Zufriedenheit und Gesundheit im Beruf

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Junge Frauen haben öfter als junge Männer den Wunsch, dass sich die Arbeit gut mit Privatleben und Familie vereinbaren lässt, während junge Männer etwas öfter angegeben, Aufstiegschancen und ein hohes Einkommen als wichtig zu erachten. Für die Arbeitszufriedenheit spielt eine sichere Beschäftigung eine große Rolle, unsichere Beschäftigung hingegen verhindert sichere (Lebens-)Planung und den Aufbau einer Lebensgrundlage (Köcher et al., 2017). Zufriedenheit mit dem Beruf wird laut Weber (2017) durch objektiven und subjektiven Berufserfolg beeinflusst. Der objektive Berufserfolg wurde hier mittels eines Inventars gemessen, anhand dessen sich Berufslaufbahnen beurteilen ließen. Subjektiver Berufserfolg ist das Gefühl mehr, oder weniger erreicht zu haben als man erwartet hat. Diese Einschätzung hat größeren Einfluss auf die allgemeine Lebenszufriedenheit als der objektive Berufserfolg und hat in der negativen Variante größeren Einfluss (negativen) auf die berufliche Zufriedenheit (Weber, 2017). Junge Erwachsene im Beruf entwickeln Orientierungen (sogenannte Erwerbsorientierungen) anhand eigener Bedürfnisse und Erwartungen sowie erlebter Bedingungen und Anforderungen zu Beginn ihres Berufslebens. Hierbei identifiziert Weber (2015) die relevanten Dimensionen Leistungsverständnis, Belastung und aktive Lebenslaufgestaltung. Wahrgenommene (Leistungs-)Anforderungen für junge Erwerbstätige sind einerseits Fachwissen und andererseits Innovationsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und Einsatz, außerdem Eigenverantwortung und Selbständigkeit (als Subjektivierung zusammengefasst). Durch die übergeordnete Forderung von Flexibilität und Mobilität von Arbeitnehmern nehmen die jungen Erwachsenen diese als die zentrale Voraussetzung wahr, um sich gute berufliche Chancen zu erhalten. Dabei äußern sie allerdings in der Studie Bedenken, dass diese Flexibilität und Mobilität auf andere Lebensbereiche negative Auswirkungen auf private soziale Beziehungen haben oder psychische Belastungen mit sich bringen können. Ein hohes Maß an Belastung entsteht für die jungen Erwerbstätigen durch fehlende Anerkennung und fehlenden subjektiven Sinn in ihrer Berufstätigkeit bei gleichzeitig hoher Anforderung an Subjektivität. Junge Erwerbstätige versuchen insgesamt ihren Lebenslauf aktiv zu gestalten und sehen eine große Eigenverantwortung, ihren beruflichen Werdegang zu beeinflussen (Weber, 2015). Junge Erwachsene halten es laut einer Studie zum Eintritt in den Arbeitsmarkt für selbstverständlich sich immer wieder neu zu orientieren und in ihrem zukünftigen Berufsleben erwarten sie häufig die Tätigkeiten, Firmen und Organisationen zu wechseln (Schwiter, 2015). Konstam (2007)

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

identifiziert vielfältige Karrierewege unter den befragten jungen Erwachsenen, unter denen auch direkte Übergänge nach Abschluss eines Studiums vorhanden waren. Außerdem aber auch Phasen des Experimentierens und unvorbereitete abrupte Wechsel sowie unbefriedigende Berufstätigkeiten, die den Fähigkeiten der Befragten nicht entsprachen. Die meisten der Befragten hatten im Laufe der Zeit ihre eigenen Erwartungen angepasst. Im Alter von 30 waren sie auf einem stabilen Karriereweg, erwarteten aber weitere Veränderungen ihrer Wege und wahrten sich möglichen Veränderungen gegenüber eine offene flexible Haltung (Konstam, 2007). Belastungen und Ressourcen der Arbeit bestimmen die Gesundheit von Erwachsenen in hohem Maße. Belastungen, die durch die Arbeit auf die Menschen einwirken können, sind einerseits physische Belastungen, wie ergonomische Belastungen (ungünstige Belastungen des Muskel-Skelett-Systems) und Umgebungsbelastungen (Lärm, Klima), Arbeitszeiten (z. B. Schichtarbeit) und Arbeitsunfälle und andererseits psychosoziale Belastungen. Letztere stellen durch die Stressreaktionen des Körpers ein Gesundheitsrisiko dar. Arbeitsbelastungen können sich als Stressoren auf die Gesundheit auswirken, wie es in Kapitel 3 nach dem Salutogenesemodell beschrieben ist. Eine Belastung der Arbeit zieht eine Verschiebung in Richtung des negativen Pols der Gesundheit nach sich, wenn der Mensch diese Belastung nicht mit genügend vorhandenen Ressourcen bewältigen kann (Dragano, 2016). Insbesondere ohne eine nachhaltige Erholung können diese psychosozialen Belastungen, zu denen hohe Quantität der Arbeit mit Zeit- und Leistungsdruck, Über- oder Unterforderung, zu viel oder zu wenig Autonomie, mangelnde Anerkennung, Konflikte (auch Mobbing und Diskriminierung) und auch Arbeitsplatzunsicherheit zählen, Stress auslösen und so negative emotionale, kognitive und körperliche Auswirkungen haben. In der Befragung zu Arbeits- und Lebensbedingungen der jungen Generation in Deutschland beschreiben 14 % der Frauen und 20 % der Männer (über alle Altersgruppen, bzw. 13,6 % der jungen Frauen und 15,8 % der jungen Männer (jeweils 18-29 Jahre)) eine starke bis sehr starke Gesundheitsgefährdung durch ihre Arbeit (Kramer & Langhoff, 2012). Um diese Arbeitsbelastungen in ihrer Gesamtheit zu verstehen, gilt es betriebliche Zusammenhänge und auch die gesellschaftliche Ebene und den Wandel der Arbeitswelt übergreifend zu berücksichtigen (Dragano, 2016; für einen Überblick siehe auch Faltermaier, 2017). Arbeitslosigkeit gilt als besonders großes Gesundheitsrisiko (dazu mehr z. B. Grobe & Schwartz, 2007; Lampert & Kroll, 2012). Insbesondere in einem jungen Alter kann diese wie beschrieben als starke Belastung empfunden

5.6 Geschlechtsspezifische Arbeitswelten junger Erwachsener

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werden, die sich auf das weitere Berufsleben ebenso wie auf die Gesundheit der Betroffenen negativ auswirkt. 5.6 Geschlechtsspezifische Arbeitswelten junger Erwachsener? Immer wieder fällt auf, dass sich gerade im Bereich des Berufseinstiegs die Lebensläufe junger Frauen und Männer unterscheiden (z. B. Weinmann, 2010). Trotz einer Angleichung beim Bildungsniveau unterscheiden sich etwa Berufsfelder, Tätigkeiten, Einkommen, Studienfächer, und vor allem berufliche Verläufe und Karrieren von Männern und Frauen. Dieser Aspekt soll an dieser Stelle kurz beschrieben werden, da er beim Übergang ins Erwachsenenalter - mit Blick auf den Berufseinstieg und die weitere Berufstätigkeit junger Erwachsener - nicht unberücksichtigt bleiben kann. Die seit Jahrzehnten besser werdende Ausbildung von Frauen führt nicht zu weniger Ehen und Familiengründungen, sondern verschiebt diese auf einen späteren biografischen Zeitpunkt. Das Alter bei Erwerbseinstieg ist bei Männern und Frauen gleichermaßen langfristig um zwei Jahre im Lebenslauf nach hinten verschoben worden. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Erwerbseinstiegsalter sind dabei seit jeher gering (Konietzka, 2010). Bisherige normative Erwartungen für den Berufseinstieg entsprechen dem männlichen Normallebenslauf mit Normalarbeitsverhältnis, während eine „richtige“ normative Frauenrolle fürs Berufsleben nicht vorhanden ist (Sharon, 2016). Gesamtgesellschaftlich betrachtet lässt sich festhalten, dass vor allem in Westdeutschland durch institutionelle Rahmenbedingungen und ökonomische Anreize die Ehe und die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung weiterhin gefördert wird (Konietzka, 2010; Kortendiek, 2008). Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird hauptsächlich jungen Frauen zugeordnet. Sie fühlen sich selbst einerseits allein verantwortlich für die Versorgung von Kindern, andererseits haben sie hohe Ansprüche an sinnhafte Arbeit und schreiben sich selbst das Vereinbarkeitsproblem auf individueller Ebene zu (Weber, 2015). Junge Frauen haben eng miteinander verknüpfte Familien- und Berufsorientierungen. Sie haben zwar positivere Einstellungen gegenüber Familie und Kindern, aber auch beruflich ebenso anspruchsvolle und ehrgeizige Ziele wie junge Männer, außer bei Aufstiegschancen und Bezahlung, die von jungen Männern als wichtigere Ziele angegeben werden (Köcher et al., 2017). Weber (2015) fand allerdings auch unter befragten jungen Männern eine entwickelnde Bereitschaft, Zuständigkeit und Verantwortung für den Bereich Familie zu übernehmen. Die jungen Erwachsenen selbst sehen ungleiche Berufschancen für Männer und Frauen. Dass etwa Männer bei

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5 Berufseinstieg und Lebensbereich Arbeit junger Erwachsener

einer Stellenbewerbung bei gleicher Qualifikation gegenüber Frauen bevorzugt würden, glauben 42 % der befragten Frauen und 33 % der Männer unter 25 Jahre (Köcher et al., 2017). Wenn Frauen und Männer in der Kinder- und Familienarbeit gleich viel investieren würden, dürfte es keine Unterschiede nach Geschlecht und Familienstatus bei der Höhe des Einkommens geben. Doch beispielsweise (denn viele Studien liefern Ergebnisse dazu) die Ergebnisse der LiFE-Studie (Fend & Berger, 2009) zeigen, dass das Einkommen von Frauen immer mindestens 20 % niedriger ist als bei Männern mit gleicher Qualifikationsstufe und Arbeitszeit. Nur 34 % der Frauen insgesamt und 14 % der Frauen mit Kindern sind voll berufstätig. Prädiktoren für die Höhe des Einkommens bei Männern setzen sich nur aus Bildung und Ausbildung sowie Schulerfolg und Intelligenz zusammen. Bei Frauen spielen die Familiensituation und soziale Ressourcen eine größere Rolle, wobei der Faktor Mutterschaft alle bildungs- und ausbildungsbezogenen Effekte aufhebt (Fend, 2009a; für weitere Daten siehe Behr & Theune, 2018; Bhalotra & Fernández, 2018; http://www.iab.de/infoplattform/gender-pay-gap). Für ihren beruflichen Erfolg nutzen Männer ihre sozialen Netzwerke effektiver als Frauen. Ihre beruflichen und privaten Netzwerke zeigen Überschneidungen und werden gezielt und langfristig aktiviert, um zu beruflichen Erfolgen zu verhelfen. Frauen hingegen aktivieren ihre sozialen Netzwerke seltener, um berufliches Fortkommen anzustoßen (Banaszczuk, 2017). Für Frauen gibt es also eine Doppelorientierung, die in einigen Aspekten widersprüchlich ist. So gibt es ambivalente Erfahrungen im Berufsalltag von Frauen, die sich andererseits schon lange vor dem Berufseinstieg durch Sozialisation diese Doppelorientierungen bilden. Die Lebensbereiche Familie und Beruf weisen Schwierigkeiten der Vereinbarkeit auf, die vor allem bei Frauen zum Tragen kommen, während Männer weniger Verflechtungen der beiden Lebensbereiche erfahren. Frauen leben öfter in einem komplexen Verlauf von Familien- und Berufsleben und bewerten ihren subjektiven beruflichen Erfolg dann als besonders hoch, wenn eine gute Vereinbarkeit beider Lebensbereiche gegeben ist. Männer hingegen werten ihren beruflichen Erfolg dann hoch, wenn hohes Einkommen und berufliche Aufstiegschancen durch Entlastung von familiären Pflichten durch ihre Partnerin ermöglicht werden. Bei sogenannten dual career couples, in denen beide Partner gleichermaßen beruflichen Erfolg anstreben und auch Familien- und Hausarbeit gleichmäßig aufteilen (wollen), kommt es häufig doch zu einer komplementären traditionellen Arbeitsteilung nach der Geburt von Kindern. Frauen stecken doch in ihrer beruflichen Karriere zumeist zurück, weil ansonsten beide Karrieren schlechter verlaufen würden. Die

5.6 Geschlechtsspezifische Arbeitswelten junger Erwachsener

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vielfältigen Anforderungen und Ziele der Lebensbereiche beider Partner können überfordernd wirken. Dadurch entsteht die Notwendigkeit von Identitätsarbeit, da der ursprüngliche Entwurf der gleichen Aufteilung nicht umgesetzt werden kann (Hoff, 2002; Kortendiek, 2008). Doch bei biografischen Entscheidungen junger Frauen geht es nicht nur um den doppelten Lebensentwurf Beruf und Familie, es ist individueller und nicht in Lebensphasen oder Altersangaben einzugrenzen. Projekte wie Liebe und Selbstverwirklichung werden zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich verfolgt. Manche Projekte und Ziele darin widersprechen sich, so dass Entscheidungen und bestimmte Wege schwierig sind. Sinn wird von jungen Frauen individuell konstruiert und ein eigener Weg gesucht, auch in Abgrenzung zu bestehenden Leitbildern (Keddi, 2008). Zusammenfassung Der Lebensbereich Arbeit ist ein bedeutender Bereich für junge Erwachsene, da vom beruflichen Erfolg andere Entwicklungsaufgaben abhängen, deren Erfüllung nur mittels finanzieller Unabhängigkeit durch selbst verdientes Geld möglich ist. Daneben treten Widersprüche, Konflikte und Konkurrenz zwischen diesem Lebensbereich und dem der Familie oder Partnerschaft und des Privatlebens auf. Um private und berufliche Ziele abzuwägen und eine Abstimmung mit dem Partner oder der Familie zu erzielen, sind Koordinationsfähigkeit und Reflexivität gefordert. Die beiden Lebensbereiche Love and Work (z. B. Seiffge-Krenke, 2014) stehen mit ihren Übergängen im Zentrum des jungen Erwachsenenalters, doch ein gleichzeitiger Übergang in Familie und Beruf erschwert möglicherweise beides. Weiter ist die Bedeutung des Berufs für die Identität, den gesellschaftlichen Status und die Anerkennung (auch je nach Beruf) relevant, wie auch für die Gesundheit. Die Berufstätigkeit kann in dieser Hinsicht eine MetaRessource sein, denn sie bedingt materielle Ressourcen, fördert personelle Ressourcen und liefert soziale Ressourcen. Sie ermöglicht Teilhabe und eine Zeitstruktur, wohingegen z. B. Arbeitslosigkeit als großer Risikofaktor für Gesundheit und als sehr ungünstige Entwicklungsbedingung gelten kann.

6 Gelingender Übergang ins Integration und offene Fragen

Erwachsenenalter



In diesem Kapitel wird herausgestellt, welche Aspekte zu einem gelingenden Übergang ins Erwachsenenalter führen können. Zu diesem Zweck werden die bisherigen Kapitel integriert, denn die Gesundheit und das Wohlbefinden (siehe Kapitel 3), die persönliche Entwicklung (siehe Kapitel 2), die sozialen Beziehungen (siehe Kapitel 4) und der Lebensbereich Beruf und Arbeit (siehe Kapitel 5) spielen in der Lebensphase junges Erwachsenenalter zusammen und bilden den Rahmen für einen gelingenden Übergang. In dieser Betrachtung bleiben einige Fragen offen und Zusammenhänge unklar, die in diesem Kapitel benannt werden. Zunächst wird der Versuch unternommen Gelingen zu definieren. Anschließend werden gelingende Beziehungen und Erfolg im Beruf beschrieben, gelingende persönliche Entwicklung und gelingende Identitätsarbeit erklärt und Entwicklungsbedingungen als Voraussetzungen für einen gelingenden Übergang erläutert. Beschreibungen und Erklärungen für Lebensereignisse, Lebensverläufe und Wohlbefinden werden bisher meistens negativ vorgenommen: Stress, Belastungen und psychische Störungen sind umfassend definiert, die Bedeutung von Gelingen und Erfolg sowie Wohlergehen hingegen nicht (Ryff, Singer & Mailick Seltzer, 2002). Pathogenetisch orientierte Forschung aus der Medizin, Psychologie und den Sozialwissenschaften ermöglicht bisher die umfassende Messung von Leid und negativen Einflussfaktoren auf den Lebensverlauf und die Gesundheit (Brandtstädter, 2015). Doch die Abwesenheit von Störungen und Belastungen ist nicht gleichbedeutend mit Gesundheit oder positiver Entwicklung (siehe Kapitel 3). Das Ausbleiben von Scheitern bedeutet ebenso nicht Gelingen. Wie lässt sich ein gelingender Übergang ins Erwachsenenalter aus den bisher dargestellten Theorien und Gegebenheiten für junge Erwachsene beschreiben? Die Bedeutung von Gelingen in Bezug auf Entwicklung und den gesellschaftlichen Erwachsenenstatus ergibt sich aus den in Kapitel 2 beschriebenen Entwicklungsaufgaben und Übergängen sowie eigenen persönlichen Entwicklungszielen, die es zu bearbeiten und zu bewältigen gilt, um den Übergang ins Erwachsenenalter als gelungen zu bezeichnen. Aus den beschriebenen Modellen und Erkenntnissen aus Kapitel 3 lässt sich ein hohes Maß an Gesundheit und Wohlbefinden mit einer positiven Bewertung der eigenen Situation und des eigenen Lebensverlaufs (Lebenszufriedenheit als Teil des subjektiven Wohlbefindens) als Ansatzpunkt für das Gelingen ableiten. © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_6

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6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

Daraus ergeben sich eine innere und eine äußere Perspektive des Gelingens, die Anforderungen an das Gelingen und die Bewertungen desselben. Den gesellschaftlich geforderten Entwicklungsaufgaben, wie finanzielle Unabhängigkeit, Auszug aus dem Elternhaus, Ehe (Partnerschaft) und Elternschaft stehen eigene Entwicklungsziele gegenüber, die aber durchaus den Entwicklungsaufgaben entsprechen können. Jedoch variiert die Relevanz dieser Entwicklungsbereiche durch unterschiedliche Gewichtung verschiedener Lebensbereiche und durch unterschiedliche Ansprüche, die unter anderem abhängig vom Selbstbild sind. Die Bewertung des Gelingens von außen, also eine objektive Bewertung, entspricht einer Überprüfung der erledigten Entwicklungsaufgaben mit erkennbarem Erwachsenenstatus, während die innere Perspektive eine subjektive Bewertung des Lebenswegs des Individuums mit allen darin einbezogenen Aspekten meint, also beispielsweise neben (noch nicht) erledigten Entwicklungsaufgaben auch die eigenen Optionen und Zukunftsaussichten vor dem Hintergrund der subjektiven Prioritäten. Unabhängig vom äußeren Erwachsenenstatus kann sich eine Person erwachsen fühlen. Die beiden Perspektiven sind keineswegs unabhängig voneinander und die Verknüpfungen zwischen der inneren und der äußeren Perspektive auf Gelingen sind vielfältig und individuell und legen Fragen für die Forschung offen, etwa dahingehend wie die innere Perspektive des Gelingens von der Zielgruppe der jungen Erwachsenen selbst definiert wird. Differenzierte Indikatoren für Gelingen liefert die Langzeitstudie LifE (Fend, 2009b) und unterscheidet ebenfalls eine Innensicht und eine Außensicht des Gelingens. Mit Innensicht ist der psychologische Blick auf gelingendes Leben gemeint, dazu zählen hier Selbstakzeptanz, Selbstwirksamkeit, Erfolgsorientierung, Depressionsresistenz und Zufriedenheit. Mit Außensicht ist der soziologische Blick auf gelingendes Leben gemeint, also die Erfüllung von Entwicklungsaufgaben wie ökonomische Unabhängigkeit, Partnerschaft und Elternschaft (Fend, 2009b). Gelingen bemisst sich also am Erfolg im Beruf, Erfolg in Beziehungen und an erfolgreicher persönlicher Entwicklung sowie erfolgreicher Identitätsarbeit. Die Anforderungen für Gelingen richten sich einerseits an das Individuum, das die notwendigen Kompetenzen einbringen muss, aber auch an Ressourcen und passende Rahmenbedingungen. Die Entwicklungsbedingungen werden zu Voraussetzungen für Gelingen. Gelingen und Erfolg sind Konstrukte, die kulturell und historisch bedingt sind. Sie liefern normative Orientierungen darüber, wie der Übergang ins Erwachsenenalter idealerweise verläuft. So kann das Konstrukt vom Gelingen im Leben als Glück und Zufriedenheit, Lebensfreude, Leistung und

6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

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Attraktivität beschrieben werden. An diesen Attributen machen Menschen ihre Ansprüche an das eigene Leben fest (Fend, 2009b), so entsteht die normative Setzung des Ideals von innen und außen. Ob jemand ein glückliches Leben führt, hängt neben diesen kulturellen Normen und darauf gründenden eigenen Ansprüchen eben auch von den eigenen Bewertungen ab. Ein bedeutender Indikator für Gelingen ist neben der objektiven Beurteilung, ob eine Entwicklungsaufgabe bewältigt wurde, also die subjektive Einschätzung der Person zu seiner eigenen Entwicklung, seinem Weg, seinem Fortschritt (Maughan & Champion, 1993). Gelingen hängt insgesamt laut der LifE-Studie (Fend, 2009b) von der Bewältigung von Belastungen und Krisen ab, ob man soziale Beziehungen gewinnt, verliert und welche subjektiven Ziele und Lebensentwürfe man hat (Fend, 2009b). Auch Brandstädter stellt fest, dass Gelingen „widrige Lebensumstände zu überwinden“ (Brandtstädter, 2015, S.14) bedeutet, oder diese zu akzeptieren und positiv umzudeuten. Es entsteht ein umfassendes Bild von erfolgreichen jungen Erwachsenen, denen der Übergang ins Erwachsenenalter gelungen ist, in dem sie mit den Bedingungen und Anforderungen dieser Lebensphase gut zurechtgekommen sind. Es gibt aber nicht den einen Weg, sondern viele Wege ins Erwachsenenalter, die Menschen nehmen unterschiedliche Pfade ins Erwachsenenleben, in den Beruf, in soziale Bindungen und Verantwortungen. Gelingen kann sich an Übergängen im Lebenslauf entscheiden, denn dann werden Lebensgewohnheiten und Identitäten hinterfragt, geändert und neu bestimmt (Fend, 2009b). Indikatoren, die anzeigen, dass jemandem der Übergang ins Erwachsenenalter nicht oder schlecht gelungen ist, können Risikoverhalten, Gewalt, Aggression, Drogenkonsum (deviantes Verhalten im Erwachsenenalter) (Hurrelmann & Quenzel, 2013; Maughan & Champion, 1993) und/oder psychosoziale Störungen sowie psychosomatische Erkrankungen sein. Wenn einer Person der Übergang im beruflichen Bereich nicht gelingt, bringt dies oft auch soziale Ausgrenzung mit sich, die vor allem durch Arbeitslosigkeit entstehen kann. So bedingen sich Gelingen im beruflichen und privaten Bereich gegenseitig (Hurrelmann & Quenzel, 2013; siehe Kapitel 6). Der Übergang ins Erwachsenenalter kann als entscheidende Lebensphase gesehen werden, in der ein „Fenster“ (Maughan & Champion, 1993, S. 297) entsteht, eine Chance auf Veränderungen, die bis ins mittlere und späte Erwachsenenalter wirken. In diesem Zeitfenster können langfristige Prozesse angestoßen, bisher laufende Prozesse und Muster verändert werden, zum Guten oder zum Schlechten. So kann beispielsweise das Fenster genutzt werden, um sich aus negativen belastenden Familienbeziehungen zu lösen und ungünstige Prozesse zu

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6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

durchbrechen, um auch im mittleren Erwachsenenalter Anforderungen besser zu meistern. Es können sich in dieser Phase aber auch Risiken, Probleme und belastende Prozesse ansammeln und gegenseitig verstärken. Widrigkeiten in einigen Bereichen schränken dann Entwicklungsmöglichkeiten in anderen Bereichen ein, weil weniger Ressourcen aktiviert werden können (Maughan & Champion, 1993). 6.1 Gelingende Beziehungen und Erfolg im Beruf Als Lebensbereiche, in denen Übergänge und Entwicklung gelingen können, haben sich die sozialen Beziehungen (Kapitel 4) und der Berufseinstieg (Kapitel 5) herausgestellt. Auch das Gelingen dieser beiden Bereiche ist individuell verknüpft. In diesen Lebensbereichen bestehen wie beschrieben bestimmte Entwicklungsaufgaben, die zur Erlangung des Erwachsenenstatus erfüllt werden müssen. Im Lebensbereich der sozialen Beziehungen sind die Ablösung von den Eltern und das Eingehen einer Partnerschaft die wesentlichen Entwicklungsaufgaben, außerdem gehört die Familiengründung in diesen Bereich. Sind diese drei Entwicklungsaufgaben erfüllt, gilt eine Person gesellschaftlich als erwachsen (siehe Abschnitt 2.2). Die Aufgaben Auszug aus dem Elternhaus und Eingehen einer Partnerschaft stehen dabei in Zusammenhang. Junge Männer leben länger im elterlichen Haushalt und haben später feste Partnerschaften, die auch mit einer gemeinsamen Haushaltsgründung einhergehen als junge Frauen. Etwa 80 % der 18 bis 26-Jährigen geben eine feste Partnerschaft an, umgekehrt ist es 20 % der jungen Erwachsenen noch nicht gelungen diese Aufgabe zu erfüllen (Weinmann, 2010). Wie bereits beschrieben ist eine Partnerschaft allerdings nicht nur ein gesellschaftliche Erwartung, sondern auch ein persönlicher Wunsch junger Menschen. Eigene Kinder können als Zeichen für ein gelingendes Leben gelten. Dies gilt ebenso für die äußere Perspektive, also das soziale Ansehen und die gesellschaftliche Aufgabe, wie auch für die Erfüllung persönlicher Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Fürsorge und Liebe und somit das subjektive Wohlbefinden. Inwiefern allerdings Elternschaft sich auf das subjektive Wohlbefinden Einzelner auswirkt, hängt von den persönlichen Rahmenbedingungen ab, da Kinder das Leben ihrer Eltern in allen Bereichen verändern (z. B. Berufstätigkeit, Wohnen, Freizeitgestaltung) (Riederer, 2018). Die LifE-Studie identifiziert Paare mit Kindern, als diejenigen, denen das Leben insgesamt betrachtet am besten gelingt. Paare ohne Kinder hingegen weisen die erfolgreichsten Ausbildungs- und Berufswege auf, während alleinerziehende Frauen unter den größten Belastungen leiden (Fend, 2009b).

6.1 Gelingende Beziehungen und Erfolg im Beruf

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Wie in Kapitel 3 beschrieben, haben soziale Beziehungen insgesamt, insbesondere in Form von sozialer Unterstützung, einen positiven Effekt auf Gesundheit und Wohlbefinden. Tatsächlich ist bereits die reine Anzahl der sozialen Verbindungen eines Menschen ein Indikator für Gesundheit, wobei eine geringere Anzahl mit gesundheitlichen Risiken assoziiert ist (Boyd & Bee, 2012). Das Wohlbefinden in Beziehungen wird durch soziale Nähe geschaffen und kann auch von Menschen zu anderen Menschen übertragen werden. Soziale Isolierung und Einsamkeit entstehen hingegen durch Abwesenheit oder emotionale Distanz geliebter oder vertrauter Menschen (Abele & Becker, 1991). Auf das Modell der Resilienz kann an dieser Stelle nicht ausführlich eingegangen werden, aber die Forschung zu diesem Konzept sucht ebenfalls nach Faktoren, die Individuen angesichts großer Herausforderungen und Belastungen ermöglichen, ein hohes Maß an Wohlbefinden zu erhalten (für eine Abgrenzung zwischen Resilienz und Salutogenese siehe Faltermaier, 2017). Gute stabile Beziehungen seien an dieser Stelle als ein besonders guter Schutzfaktor genannt (Ryff et al., 2002) Der Berufseinstieg bildet wie dargestellt eine Entwicklungsaufgabe für den Übergang ins Erwachsenenalter. Dieser sorgt für die gesellschaftlich erwartete finanzielle Unabhängigkeit als Erwachsener. Für Gelingen im Beruf und beruflichen Erfolg gibt es objektiv messbare Indikatoren, wie die Höhe des Einkommens oder die berufliche Karrierestufe. Daneben gibt es subjektive Bewertungen, wie die Bereichszufriedenheiten Beruf und Einkommen, für deren Bewertung die persönliche Gewichtung und Einordnung des Lebensbereichs Arbeit im Leben eine zentrale Rolle spielt. Die Stressoren und Herausforderungen der Bereiche Arbeit und Partnerschaft sind eng miteinander verknüpft, und diese beiden kompetent zu meistern ist ein bedeutender Indikator für persönliche Reife und Erreichen des Erwachsenenalters. Diese Kompetenzen im jungen Erwachsenenalter zu erlernen und Arbeits- und Partnerschaftsprobleme während des Erwachsenwerdens auszubalancieren, kann eine wertvolle Ressource für die sogenannte Work-Life-Balance und das Wohlbefinden im gesamten Erwachsenenalter darstellen (Seiffge-Krenke & Luyckx, 2014). In einer Follow-UpStudie (4-Jahres-Zeitraum) wurden die Zusammenhänge zwischen der Zufriedenheit mit der Arbeit und der Partnerschaft mit der allgemeinen Lebenszufriedenheit untersucht. Die Zufriedenheit mit dem Lebensbereich Partnerschaft (Liebe) stellt hier für junge Erwachsene einen besseren Prädiktor als Arbeitszufriedenheit für die allgemeine Lebenszufriedenheit dar. Die Zufriedenheit mit dem Lebensbereich Liebe/Partnerschaft im Alter von 23 Jahren konnte auch in geringem Maße die Lebenszufriedenheit vier

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6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

Jahre später vorhersagen, während die Zufriedenheit mit der Arbeit keinen Effekt aufwies. Die jungen Erwachsenen messen einer stabilen, zufriedenstellenden Partnerschaft einen viel größeren Einfluss auf ihr Wohlbefinden bei als dem Lebensbereich Arbeit (Facio & Resett, 2014). Seiffge-Krenke (2014) findet in den Ergebnissen einer Studie zu Übergängen in Arbeit und Partnerschaft Hinweise auf eine höhere Bedeutung von Partnerschaften im Übergang ins Erwachsenenalter, da die Entwicklungsbedingungen aktuell im Bereich Arbeit keine Stabilität bieten. Das engagement (Verpflichtung und Bindung) junger Erwachsener für ihren Partner bzw. ihre Beziehung zeigt sich als größer als das engagement für Arbeit und Studium (Seiffge-Krenke & Luyckx, 2014). Singles und Alleinerziehenden gelingt das Leben vor diesem Hintergrund schwerer als sozial und familiär eingebetteten und finanziell unabhängigen jungen Erwachsenen (Fend, 2009b). Die Langzeitstudie (LifE) zeigt außerdem neue Muster in Lebensläufen auf, früh einen Partner kennenzulernen, sich schnell fest zu binden, zu heiraten und Kinder in kurzer Zeit zu bekommen ist die Ausnahme geworden. Bildung scheint den sozialen Lebensweg vorzugeben. Mit Abitur und höherer Bildung verzögern die jungen Menschen die Entwicklungsaufgaben im sozialen Bereich, so haben in dieser Studie die Hälfte der Frauen und Männer mit Abitur im Alter von 35 Jahren noch keine Kinder (Fend, 2009b). 6.2

Gelingende persönliche Entwicklung und gelingende Identitätsarbeit Anforderungen an junge Erwachsene im Übergang ins Erwachsenenalter kommen in allen Bereichen (Beruf, Partnerschaft, Familie, Persönlichkeit) vor. Sie resultieren etwa aus gesellschaftlichen Bedingungen, die sich im Wandel befinden (siehe Abschnitt 2.2.1), z. B. als Bedingungen des Arbeitsmarktes, Bedingungen für Familiengründung, der Forderung nach Mobilität. Diese erfordern gewissenhafte Entscheidungen, persönlich bewusste Ziele, Urteilsvermögen darüber, welche Ziele wie erreicht und mit anderen vereinbart werden können, eine Erwachsenenidentität. Ein dauerhaft hohes Wohlbefinden ist kein erreichbarer Zielzustand und kein Kriterium für ein gelingendes Leben (Brandtstädter, 2015). Vielmehr könnte persönliches Gelingen bedeuten, mit den Anforderungen an Individuen zurecht zu kommen, einen Sinn zu finden und sich selbst auf einer Art Pfad im Sinne einer Kontinuität in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verorten. Gelingen bedeutet nicht nur, irgendwann den Übergang ins Erwachsenenalter geschafft zu haben, sondern möglicherweise auch mit einem Zwischenzustand oder nicht (mehr) erreichbaren Zielen zurechtzukommen. Das bedeutet, Menschen müssen mit nicht erledigten

6.2 Gelingende persönliche Entwicklung

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Entwicklungsaufgaben, verpassten Chancen, ungenutzten Möglichkeiten und vielen Ungewissheiten umgehen. Dazu ist es erforderlich, die eigene Umgebung und die Welt zu verstehen, sich in dieser einzuordnen und eigene Ziele und Projekte zu haben. Der Mensch benötigt dafür ein Verständnis und Gefühl von Sinnhaftigkeit seines Lebensverlaufs. Dieses nennt Antonovsky (1997) Kohärenzgefühl und macht dieses zum zentralen Konzept seines Salutogenesemodells (siehe Kapitel 3). Ein positives Kohärenzgefühl entsteht aus einem Identitätsbewertungsprozess mit einer guten Bewältigung des Alltagslebens, der Sinnhaftigkeit und Realisierung eigener Projekte und einem Verständnis für das, was mit einem passiert (Höfer, 2000). Identität kann vermittelt durch das Erleben eigener Kompetenz, dem Gefühl von Autonomie (Wahlmöglichkeiten), dem Gefühl von Bezogenheit (verbunden mit der Umwelt) und der Erfahrung, dass man es wert ist, geliebt zu werden, die Grundlage für die Lebensbewältigung darstellen (Höfer, 2000). Als zentrales Kriterium für Gesundheit und gelingendes Leben bezeichnet Keupp (1997) innere Lebenskohärenz, denn Menschen haben das Bedürfnis unverwechselbar zu sein, ein authentisches Leben zu führen, inneren Lebenssinn zu finden, soziale Anerkennung zu erhalten und die eigene Lebenswelt (mit) zu gestalten. Dazu benötigen Menschen Lebenserfahrungen, in denen sie sich als ihr Leben, ihre Identität, ihre Biographie aktiv gestaltend wahrnehmen (Keupp, 1997). Subjektive Ziele können dem Leben der Menschen Sinn und eine Struktur geben, so tragen Menschen zu ihrer eigenen Entwicklung bei (Faltermaier et al., 2014). Idealerweise sind diese Ziele aber flexibel, beziehungsweise die Menschen in der Lage, wenn es notwendig ist, ihre Ziele zu revidieren. Rückblickend konstruieren Menschen ihre Biographien mit positiven und negativen Abschnitten oder Ereignissen, sie verknüpfen die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander, stellen Kontinuität her und bestätigen ihre Identität (Faltermaier et al., 2014). Brandstädter (2015) konstatiert, die Entwicklung solle dann als gelungen bezeichnet werden, wenn die persönliche Bilanz positiv ausfällt. Successful Aging ist ein Konzept, welches sich mit dem erfolgreichen Altern beschäftigt. Obwohl es hierin um ein gelingendes Leben im späten Erwachsenenalter geht, gibt es Parallelen zum Gelingen beim Übergang ins Erwachsenenalter. Die Aspekte Minimierung von Morbidität und Erhalt kognitiver Fähigkeiten ausgenommen, passen die dort beschriebene Anpassungsfähigkeit, die Lebenszufriedenheit, das Meistern von Rückschlägen und Krisen und Coping ebenfalls in die Lebensphase junges Erwachsenenalter. Um Zufriedenheit mit seiner Lebenssituation zu erhalten, ist die Fähigkeit Anpassungsprozesse zu durchlaufen relevant, um mit sich

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6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

verändernden Bedingungen im persönlichen (bei älteren Menschen eben auch körperlichen) und sozialen Bereich und auf Verluste zu reagieren (Baltes & Baltes, 1993). Erikson (1991) beschreibt, wie in Kapitel 2 dargestellt, mit dem Modell der psychosozialen Krisen die Abschnitte der Persönlichkeitsentwicklung, gelingende Entwicklung und gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Nach Erikson gibt es einen Entwicklungsplan und innere Entwicklungsgesetze, nach denen sich ein Mensch trotz unterschiedlicher Umweltbedingungen entwickelt, und zwar in körperlichem Wachstum, aber auch in geistiger Entwicklung und gesunder Persönlichkeitsentwicklung. Die psychosozialen Krisen bewegen sich im Jugendalter im Spannungsfeld „Identität gegen Identitätsdiffusion“ und im jungen Erwachsenenalter in jenem von „Intimität gegen Isolierung“ (Erikson, 1991). Gelingende Intimität und Distanzierung gegen Selbstbezogenheit im jungen Erwachsenenalter bedeuten, dass ein junger Mensch auf Basis einer gefestigten Identität Intimität mit anderen Menschen in Form von „Freundschaft, Wettstreit, Gefolgschaft, Liebe und Inspiration“ (Erikson, 1991, S.115) suchen und erlangen kann. Gleichzeitig wird durch intime Beziehungen Identitätsfindung weiter gefördert, indem sich junge Menschen anderen gegenüber öffnen und ihre Gefühle, Wünsche, Hoffnungen und Pläne offenbaren. Diese Art intimer Beziehungen müssen junge Menschen erreichen, um sich nicht sozial zu isolieren oder die Möglichkeit zu versäumen tiefe Beziehungen aufzubauen. Distanzierung als Gegenstück zu Intimität bedeutet, sich von Menschen und Dingen zu distanzieren, die für das Individuum einen negativen Einfluss haben (Erikson, 1991; siehe auch Abschnitte 2.2.2 und 2.4). Identitätsbildung im jungen Erwachsenenalter erfolgt über die Erprobung von und das Abarbeiten an Beziehungen, an der sich ändernden Wahrnehmung und dem Erleben der Beziehungen zu Eltern, in Freundschaften und in Partnerschaften. Ohne gelingende soziale Beziehungen ist gelingende Identitätsarbeit kaum möglich. Andersherum ist es ohne die Weiterentwicklung der Identität nicht möglich, die Anforderungen des Erwachsenenlebens im Bereich soziale Beziehungen zu meistern. So können sich Menschen in Beziehung zu anderen dahingehend einschätzen, wem sie ähnlich sind, zu welchen sozialen Gruppen sie sich zugehörig fühlen und von welchen anderen Personen sie sich abgrenzen. Gelingende Identität kann ein reflektierter ausbalancierter Weg sein, auf dem man sich selbst und andere Menschen anerkennt und miteinander interagiert, wobei es nicht um Perfektion geht, da auch Scheitern ein Teil des Weges sein kann. Kompetenzen, die Menschen für die Identitätsarbeit und damit für andauernde Passungsarbeit benötigen, sind etwa Ambiguitätstoleranz

6.3 Entwicklungsbedingungen als Voraussetzungen für Gelingen

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(sich nicht von unklaren Realitäten verunsichern lassen), Anpassungsfähigkeit (auch im Denken), Mut und Empathie (Abels, 2017; Keupp et al., 2008). Letztendlich ist die Fähigkeit, Passung zwischen den Bedingungen des eigenen Lebens und den eigenen Zielen herzustellen entscheidend für das Gelingen. Dabei müssen individuelle Ziele einerseits im Rahmen von Beziehungen abgestimmt werden und andererseits auf die veränderlichen Rahmenbedingungen, etwa jene der Arbeitswelt, hin angepasst werden (Brandtstädter, 2015). 6.3 Entwicklungsbedingungen als Voraussetzungen für Gelingen Wie schon beschrieben stehen den heutigen jungen Erwachsenen große Freiheiten, Gestaltungsspielräume, Optionsvielfalt und damit auch unklare Aussichten und unsichere Bedingungen (vor allem auf dem Arbeitsmarkt) für ihre Zukunft gegenüber. Dadurch, dass Statuspassagen nicht mehr schnell aufeinanderfolgen, werden junge Menschen zum Teil von außen schon als erwachsen oder noch als jugendlich eingeschätzt, weil nur einige Übergänge vollzogen sind. Etwa im Bereich Konsumieren (früher Umgang mit Geld und Medien) nehmen Jugendliche sehr früh den Erwachsenenstatus an, was auch für die Bereiche politisches Engagement, Werte und Normen zutrifft. Bei Familiengründung hingegen (trotz früher Aufnahme sexueller Aktivität) und Berufseinstieg (trotz frühem Jobben) wird der Erwachsenenstatus immer später erreicht (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Durch die geringe Vorhersehbarkeit wird der Rahmen gerade für weitreichende und langfristige Entscheidungen unklar. Es ist schwierig langfristige Bindungen und Vertrauensbeziehungen aufzubauen und zu halten, da unvorhergesehene Ereignisse und Entwicklungen geschehen, die häufig zu Enttäuschungen führen können. Es ist bedeutend für junge Erwachsene flexibel auf Widersprüche und immer neue Anforderungen reagieren zu können und Unsicherheiten auszuhalten (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Doch gerade dies ist im jungen Erwachsenenalter paradox: langfristig bindende Entscheidungen bringen zwar Sicherheit, aber sie senken Flexibilität und mindern verbleibende Optionen bei sich ständig ändernden Anforderungen (Blossfeld, 2006). Das bedeutet für die jungen Erwachsenen, sie müssen früh eigene Zielvorstellungen entwickeln, Druck aushalten, Planung eigenverantwortlich übernehmen und ihre Fähigkeiten einsetzen, um ihre Entwicklung selbst aktiv zu gestalten, um materielle und soziale Sicherheit und soziale Teilhabe zu erlangen (Hurrelmann & Quenzel, 2013). Ein breites Repertoire an Ressourcen und deren Einsatz sind notwendig, um diese bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben einzu-

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6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

setzen. Gerade die Unsicherheit bzw. die Freiheit machen es zu einer herausfordernden Aufgabe, in dieser Lebensphase Normen und Werte für sich zu finden, wichtige Entscheidungen zu treffen, Beziehungen zu gestalten und damit die eigene Biographie zu gestalten. „Das Leben in und mit dieser Freiheit ist harte Arbeit" (Keupp, 1997, S. 37). Für junge Menschen gibt es günstigere und auch ungünstigere Entwicklungsbedingungen. Gerade wenn die Bedingungen für einen Erfolg im Bereich Bildung nicht gegeben sind, wird es schwieriger für die jungen Menschen, die Entwicklungsaufgaben für den Übergang in das Erwachsenenalter zu erledigen. Das bedeutet, beim Übergang ins Erwachsenenalter besteht eine Chancenungleichheit etwa nach sozioökonomischem Status und Geschlecht. Durch den unterschiedlichen Umgang mit den beschriebenen Unsicherheiten entstehen in Abhängigkeit von Bildung, Qualifikation, Geschlecht, Alter und Herkunft weitere soziale Ungleichheiten (Blossfeld, 2006). Die jungen Menschen reagieren auf die Anforderungen des unsicheren Kontextes, indem sie eher in kurzfristigen Abschnitten planen, Entscheidungen aufschieben oder sich zum Teil wieder an traditionellen Normen orientieren. Auffällig ist, dass eine Mutterschaft als Alternative für schlecht ausgebildete junge Frauen mit wenig ökonomischen Chancen genutzt wird (Konietzka, 2010). Gering qualifizierte Frauen bekommen früher Kinder und orientieren sich an der traditionellen Rolle der Mutter und Hausfrau, während hochqualifizierte Frauen eher später oder keine Kinder bekommen. Gering qualifizierte Männer schieben aufgrund ihrer geringen finanziellen Sicherheiten eine Familiengründung ebenfalls auf (Blossfeld, 2006). Zusammenfassung Wie beschrieben ist ein gelingender Übergang an vielen Aspekten festzumachen, z. B. an der persönlichen Entwicklung, dem Erfolg im Beruf und der Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen, dem Glücken befriedigender persönlicher Beziehungen, einem zufriedenstellenden Privatleben, dem Gelingen selbst als umfassendes Wohlbefinden und gute Gesundheit sowie dem Gelingen als ganz individuelle Größe. Es entsteht aus einem Zusammenspiel von äußeren Bedingungen und persönlichen Eigenschaften, wobei die Bewertung entscheidend ist. Gelingen beinhaltet auch Überwinden, das Festlegen eines Pfades und gleichzeitiger Anpassungsfähigkeit. Diese Beschreibungen und Hinweise darauf, wie ein gelingender Übergang festzumachen ist, bleiben offen. Insbesondere wird nicht klar, wie junge Erwachsene selbst dieses Gelingen sehen und inwiefern diese

6.3 Entwicklungsbedingungen als Voraussetzungen für Gelingen

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Lebensphase wirklich subjektiv so wahrgenommen wird, wie sie in der Forschung über emerging adulthood (z. B. Arnett, 2004, siehe Abschnitt 2.2.2) beschrieben ist. Ein Gelingen ist nicht umfassend definiert, insbesondere nicht aus der Sicht von den jungen Erwachsenen selbst, etwa was genau gelingende Beziehungen oder einen gelungenen Berufseinstieg ausmacht. Tabelle 5 zeigt die oben beschriebenen Aspekte von Gelingen im Überblick. So zeigen sich sechs Aspekte des Gelingens: Gelingen als erfolgreiche Entwicklung, Gelingen als subjektives Wohlbefinden, Gelingen als erfolgreiche Identitätsarbeit, Gelingen als Kohärenzgefühl, Gelingen als Resilienz bzw. Salutogenese und Gelingen als Anpassungsfähigkeit. Tabelle 5: Aspekte des Gelingens Der Übergang ins Erwachsenenalter gelingt dann, … • … wenn die Person Entwicklungsaufgaben bewältigt, die für den Erwachsenenstatus gesellschaftlich vorgesehen sind und eigene Entwicklungsziele erreicht. • … wenn die Person im Übergangsprozess ein hohes Maß an subjektivem Wohlbefinden aufweist und dabei die eigene Situation und das eigene Handeln als positiv bewertet. • … wenn die Person sich erwachsen und nicht mehr im Übergang fühlt. • …wenn die Person das Leben als verstehbar, handhabbar und bedeutsam empfindet. • … wenn die Person Belastungen und Anforderungen bewältigt und Krisen und Scheitern überwindet. • … wenn die Person mit immer wieder veränderten Rahmenbedingungen zurechtkommt.

Gelingen als erfolgreiche Entwicklung Gelingen als subjektives Wohlbefinden

Gelingen als erfolgreiche Identitätsarbeit (Erwachsenenidentität) Gelingen als ausgeprägtes Kohärenzgefühl Gelingen als Überwinden, als Resilienz, Salutogenese Gelingen als Anpassungsfähigkeit

Dabei ist das Gelingen insgesamt hauptsächlich subjektiv zu bewerten und zu definieren. Wie in Kapitel 2 beschrieben, finden sich wenig objektive Kriterien für ein gelungenes Leben. Der Normallebenslauf als Standard weicht so einer Pluralität an gesellschaftlich akzeptierten Lebensformen und -verläufen, und so findet sich auch eine Pluralität von gelingenden Übergängen ins Erwachsenenalter. Andererseits zeigt die LifE-Studie (Fend, 2009b), dass diejenigen, die objektiv erfolgreich sind, auch am zufriedensten sind. Laut Fend (2009) schneiden bei den herangezogenen psychologischen Faktoren („Innensicht“) Paare mit Kindern am besten ab,

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6 Gelingender Übergang ins Erwachsenenalter

die auch objektiv dem Bild des gelungenen Erwachsenenalters entsprechen (Fend, 2009b). Gelingen ist nicht kurzfristig, sondern langfristig zu betrachten, denn kurzfristig als gelungen erscheinende Entwicklungen oder Entscheidungen können sich auf lange Sicht als falsch oder negativ herausstellen. Gelingen scheint fragil und unbeständig, es kann mit Ressourcen aufgebaut werden. Gelingen hat viele Facetten, ist schwer greifbar und bedarf näherer Betrachtung. Fraglich ist, ob im jungen Erwachsenenalter bestimmte Aspekte des Gelingens wegweisend sind, welche Bedeutung (normative) Entwicklungsaufgaben und welche Bedeutung soziale Beziehungen haben, inwiefern die Gesundheit ein Indikator für Gelingen sein kann und welche subjektiven Konstruktionen junge Erwachsene vom gelingenden Übergang und vom Erwachsensein selbst haben.

7 Methodischer Aufbau und Forschungsdesign Ausgehend von dem Interesse am Thema des Übergangs ins Erwachsenenalter und der Idee darüber zu forschen, wurden die Details des Forschungsgegenstandes definiert. Der komplexe, mit vielen einzelnen Themengebieten und von unterschiedlichen Forschungsdisziplinen beschriebene Übergang ins Erwachsenenalter wurde für diese Arbeit auf die Gegenstände Gesundheit und Wohlbefinden sowie soziale Beziehungen und Berufseinstieg eingegrenzt. Nachdem in den vorangegangenen Kapiteln eine theoretische Verortung vorgenommen wurde, wird im Folgenden die epistemologische und methodologische Positionierung vor der Darstellung der empirischen Studien begründet (Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014). Fragestellungen, die auf das Verstehen und Erklären der Zusammenhänge dieser Themen abzielen, werden formuliert. 7.1 Erkenntnisinteresse und Ziele der Arbeit Die Zielgruppe der jungen Menschen, die sich im Übergang ins Erwachsenenalter befinden, stellt sich zwar als eine in jüngerer Zeit stärker untersuchte Gruppe heraus, jedoch gibt es wenig gesundheitswissenschaftliche Forschung zu dieser Altersgruppe, die, wie gezeigt, eine auch für die Gesundheit relevante Phase durchlebt (siehe Abschnitt 3.1). Die theoretischen Zusammenhänge des Wohlbefindens und der subjektiven Gesundheit sind, wie dargestellt, komplex und die bisherigen Erkenntnisse zur Gesundheit und zum Wohlbefinden der Altersgruppe junge Erwachsene sind vorwiegend deskriptiv und lassen Erklärungen offen. Auch die Einflüsse sozialer Beziehungen in Theorie und im Forschungsstand stellen sich als vielschichtig dar. Insbesondere aber die Zusammenhänge zwischen diesen drei Feldern, der Besonderheiten der Lebensphase junger Erwachsener, dem Wohlbefinden und der Gesundheit und der sozialen Beziehungen sind unklar. Die Zielgruppe junge Erwachsene soll aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive und ergänzt durch entwicklungspsychologische und soziologische Ansätze, daraufhin untersucht werden, wie der Übergang ins Erwachsenenalter allgemein verläuft und inwiefern ein individueller Übergang als gelungen bezeichnet werden kann. Gelingende Beziehungen und gelingende Entwicklung und das Erwachsenwerden sind dabei Konstrukte, die zum Tragen kommen, aber selbst bisher vage beschrieben sind. Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, auf Basis der Ergebnisse relevante Faktoren für einen gelingenden Übergang ins Erwachsenenalter zu finden und sich dem Konstrukt des Gelingens zu nähern. © Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_7

118

7 Methodischer Aufbau und Forschungsdesign

7.2 Forschungsfragen und Methodik Die übergeordnete Forschungsfrage dieser Arbeit lautet also: Wie gelingt der Übergang ins Erwachsenenalter? Zur Beantwortung dieser Forschungsfrage müssen der Forschungsfrage und dem Forschungsgegenstand angemessene Methoden gewählt werden, um empirische Ergebnisse zu erzielen, die Antworten geben und Schlussfolgerungen zulassen. Um diese allgemein formulierte Frage zu beantworten, muss differenziert werden, was mit gelingendem Übergang gemeint ist (siehe Kapitel 6). Einerseits bedeutet Gelingen in dieser Lebensphase bestimmte Entwicklungsaufgaben zu erfüllen und ein hohes Maß an Wohlbefinden aufzuweisen. Ergebnisse auf Basis einer großen repräsentativen Stichprobe können Hinweise zu Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden der Zielgruppe liefern. Dazu eignen sich quantitative Methoden, um umfassende Deskriptionen und Kausalzusammenhänge zu finden. Andererseits ist die Frage offen, was genau Erwachsensein ausmacht, und was Wohlbefinden überhaupt für die Zielgruppe bedeutet sowie, was aus subjektiver Sicht zum Wohlbefinden beiträgt. Um diese subjektiven Bedeutungen zu ergründen, eignet sich ein qualitativer Ansatz, da mit seiner Hilfe die subjektive Wirklichkeit rekonstruiert werden kann (Reichertz, 2014). In dieser Arbeit wird die Frage danach, wie junge Menschen ihre Lebenssituation und die weiteren beschriebenen Themenfelder für sich subjektiv konstruieren und bewerten, mit qualitativen Methoden untersucht. Quantitative oder qualitative Forschungsansätze können jeweils nur Teile der Forschungsfrage beantworten, daher werden in dieser Arbeit beide Herangehensweisen genutzt, um die Fragestellung zu beantworten. Beide Ansätze sollen sich also ergänzen. Damit folgt diese Forschungsarbeit der Triangulation beziehungsweise der Mixed Methods-Tradition. Beide Begriffe beschreiben das Einsetzen und Kombinieren unterschiedlicher Zugänge zu einem Forschungsgegenstand. Der Begriff Triangulation passt etwas besser zu dem Vorgehen dieser Arbeit und wird im Weiteren für die Beschreibung der Zusammenführung der qualitativen und quantitativen Ergebnisse verwendet. Triangulation bedeutet prinzipiell, […] dass ein Forschungsgegenstand von (mindestens) zwei Punkten aus betrachtet […] wird. […] Diese Perspektiven können sich in unterschiedlichen Methoden, […] und/ oder unterschiedlichen gewählten theoretischen Zugängen konkretisieren, wobei beides wiederum mit einander in Zusammenhang steht bzw. verknüpft werden sollte. […] Durch die Triangulation […] sollte ein prinzipieller Erkenntniszuwachs möglich sein, dass also bspw. Erkenntnisse auf unterschiedlichen Ebenen gewonnen werden, die damit weiter reichen, als es mit einem Zugang möglich wäre (Flick, 2011, S. 1112).

7.2 Forschungsfragen und Methodik

119

Grundsätzlich kann die Verknüpfung oder Triangulation von quantitativen mit qualitativen Forschungsansätzen sehr unterschiedlich erfolgen. Die Daten können zur gegenseitigen Überprüfung der Ergebnisse genutzt oder es können beide Ansätze verknüpft werden, um ein umfassenderes Bild vom Forschungsgegenstand zu bekommen, was in dieser Arbeit geschehen soll (Flick, 2011). Der Begriff Mixed Methods beschreibt eine eigene Bewegung der Sozialforschung, die qualitative und quantitative Forschung miteinander kombiniert (Kelle, 2014). Sie wird auch als selbstständiges Paradigma angeführt (Johnson & Onwuegbuzie, 2004), welches neben den quantitativen und qualitativen Forschungstraditionen in den Sozialwissenschaften entstanden ist, die sich über längere Zeit unabhängig voneinander entwickelt und sich gegenseitig abgelehnt haben (Kelle, 2014). Mit der Kombination qualitativer und quantitativer Ansätze können die Stärken beider Methoden genutzt und die Schwächen der jeweiligen Ansätze ausgeglichen werden (Johnson & Onwuegbuzie, 2004). Mixed Methods sind eine Brücke zwischen den vermeintlich unvereinbaren qualitativen und quantitativen Ansätzen. Beiden Ansätzen ist es gemein, aus empirisch erhobenen Daten Forschungsfragen zu beantworten, empirisch formulierte Theorien zu erstellen und nachzuvollziehen wie es zu den Ergebnissen gekommen ist (Johnson & Onwuegbuzie, 2004). Gerade interdisziplinäre (multiperspektivische) Forschung kann multimethodisch sein. Die Auswahl der jeweils angemessenen Methoden zur Beantwortung ihrer Fragestellung ist dabei erforderlich (Johnson & Onwuegbuzie, 2004). Stärken von Mixed Methods-Studien sind die höhere Aussagekraft der Ergebnisse, die sich ergänzen oder bestätigen und im Verbund ihre jeweiligen Unvollständigkeiten (der Ergebnisse, Aussagekraft) ausgleichen. Die Kombination von quantitativen und qualitativen Ansätzen bringt die Herausforderung mit sich, die völlig gegensätzlichen zugrundeliegenden epistemologischen Annahmen ebenfalls zu kombinieren und miteinander zu vereinbaren. Quantitative Methoden beruhen zusammengefasst auf einer positivistischen Herangehensweise, die mit Forschung die gültige Wahrheit und objektives Wissen oder zumindest eine Annäherung an die Abbildung objektiver Realität, generieren soll. Dazu sollen persönliche Eindrücke, Verzerrungen oder Interessen der Forschenden ausgeblendet werden. Sie bedienen sich dazu standardisierter Verfahren, Messwerte und Variablen. Quantitative Forschung in den Sozialwissenschaften strebt also an, allgemeine Prinzipien und Regeln für die soziale Welt entsprechend den Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaften zu finden (Häder, 2010). Qualitative Methoden hingegen beruhen auf konstruktivistischen Perspektiven. Allgemein gesagt unterliegt diese Forschung der Annahme,

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7 Methodischer Aufbau und Forschungsdesign

dass es nicht nur eine Wahrheit oder rein objektives Wissen gibt, sondern dass dieses stets kontextabhängig ist. Es gibt demnach historisch, kulturell und sozial gefärbte Eindrücke der Welt, aus denen Wissen konstruiert wird. Qualitative Forschungsansätze erstreben soziale Realität auf verschiedene Weisen zu rekonstruieren, um die Bedeutung von menschlichem Erleben und Handeln zu verstehen (Willig, 2008) und verneinen die Existenz von von Menschen unabhängig funktionierenden Gesetzen in der Gesellschaft (Häder, 2010). Sie basieren auf dem Medium der Sprache. Die auf den ersten Blick konträren Anforderungen der Ansätze an eine Forschungsarbeit lassen sich dennoch vereinbaren. In dieser Arbeit wird ein quantifizierender Teil die Ausprägungen vordefinierter Maße und ihre Zusammenhänge aufzeigen und ein qualitativer Teil die inhaltliche Tiefe und subjektive Qualität des Gegenstandes Übergang ins Erwachsenenalter darlegen (Reichertz, 2014). Die Autorin möchte in dieser Arbeit also die Zählung von Häufigkeiten bestimmter Sachverhalte sowie Phänomene der zu untersuchenden Lebensphase verbinden mit der Interpretation und Rekonstruktion von Mustern des subjektiven Erlebens der Zielgruppe. Die Grundannahmen über die Wissenschaftstheorie, die dieser Arbeit zu Grunde liegen, müssen also zwei Komponenten umfassen, einerseits, dass es beobachtbare und zählbare Verhaltensweisen und Gedanken der Menschen gibt und andererseits, dass subjektive Einschätzungen des Handelns von Menschen stets nur eine Momentaufnahme vor dem Hintergrund der sozial konstruierten Wirklichkeit sind. Auch bei der Beantwortung von Fragebögen (die zu quantitativen Ergebnissen führt) antworten die Menschen subjektiv und aufgrund ihrer individuell konstruierten Lebenswelt. Durch die große Anzahl von Befragten gibt es durch eine quantitative Studie die Möglichkeit Häufigkeiten und Muster festzustellen, die immer wieder auftreten, Zusammenhänge statistisch zu berechnen und eine Einordnung der Größenordnung bestimmter Gegebenheiten vorzunehmen. Die andere Seite bezieht sich auf die Hintergründe und subjektiven Bedeutungen dieser Muster, die durch qualitative Erhebungen ergründet werden können. Im letzten Schritt bringt die Verbindung der beiden Seiten ein vollständigeres Gesamtbild. Die quantitativ abbildbaren Lebensbedingungen der Zielgruppe (z. B. Einkommen, Beruf, Alter, Beziehungen, Gesundheitszustand) werden erst durch die Untersuchung ihrer subjektiven Bedeutung für die untersuchte Zielgruppe zu sinnvollen und relevanten Erkenntnissen führen. So muss zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Forschung die Perspektive auf die vorliegenden Daten angepasst werden. Die vorhandenen Sekundärdaten müssen mit der Grundannahme ausgewertet werden, dass

7.2 Forschungsfragen und Methodik

121

eine Vergleichbarkeit der erhobenen Befragungsdaten unter Ausschluss weiterer einwirkender Kontextfaktoren besteht, so dass sich objektive Zusammenhänge der Maße und Variablen berechnen lassen, welche eine Repräsentativität der zu untersuchenden Zielgruppe abbilden. Nachdem die quantitative Studie zuerst durchgeführt wurde, musste im Verlauf der Forschung ein Perspektivwechsel erfolgen, um die qualitative Interviewstudie durchzuführen. In den Interviews liegen subjektive Konstruktionen der Realität der Befragten vor, die durch die Forscherin rekonstruiert werden. Um mit diesen Daten zu arbeiten, ist Reflexivität und Offenheit wichtig (Helfferich, 2011). Das bedeutet, schon bei der Datenerhebung wird Offenheit eingeräumt, beispielsweise durch offene Fragen. Durch diese Art der Offenheit entsteht eine individuelle Darstellung des Forschungsgegenstandes. Es entsteht eine einmalige kontextabhängige Version der Daten, gestaltet durch Forscherin und Befragte. Bei der Auswertung der Daten ist eine Offenheit insofern notwendig, als dass nicht in vorher festgelegten Rahmen nach Mustern gesucht und interpretiert wird, sondern mit möglichst gleichmäßiger Aufmerksamkeit für alle Aspekte, die in den Daten vorhanden sind, vorgegangen wird (Helfferich, 2011). Reflexivität bedeutet die Reflexion der eigenen Rolle und des eigenen Vorwissens sowie der eigenen Wahrnehmung, denn diese Forschungsarbeit existiert nicht losgelöst von der Realität, die sie untersucht. Einflüsse der Forscherin und Beteiligten an der (qualitativen) Forschung werden in der Methodendiskussion reflektiert (siehe Abschnitt 12.2.2). Die Methodik der beiden Studien für sich genommen wird in Kapitel 8 beziehungsweise 10 erläutert. Dort werden auch ausführlich die Unterfragestellungen der Studien dargestellt. An dieser Stelle werden die übergreifenden Aspekte der Triangulation der qualitativen und der quantitativen Studien auf den Ebenen der Fragestellungen, Planung und Durchführung und dem Vorgehen zur Verknüpfung der Ergebnisse erläutert. Fragestellungen der quantitativen und qualitativen Studien Für diese Arbeit gibt es eine Gesamtfragestellung nach dem Gelingen des Übergangs ins Erwachsenenalter und sie wird konkretisiert durch Unterfragestellungen. Dabei wird dem Umstand Rechnung getragen, dass qualitative Daten ganz anders zu bewerten sind als quantitative, da sie sich bereits aus dem theoretischen Hintergrund und vor allem dem wissenstheoretischen Hintergrund unterscheiden und scheinbar widersprechen. Es gibt somit Verknüpfungen zwischen den Forschungsfragen, die bezüglich

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7 Methodischer Aufbau und Forschungsdesign

der unterschiedlichen Herangehensweisen entsprechend verschieden formuliert und in den Abschnitten über die jeweilige Methodik der Studien näher erläutert werden. Die übergeordnete explorative Fragestellung der gesamten Arbeit lautet: Wie gelingt jungen Erwachsenen der Übergang ins Erwachsenenalter? Die Unterfragestellung für die quantitative Studie lautet: Wie gelingt es jungen Erwachsenen ein hohes Maß an Wohlbefinden und Gesundheit zu erreichen? Diese wird konkretisiert durch die Frage nach den Einflussfaktoren: Welche Faktoren haben einen signifikanten Einfluss auf die Maße von Wohlbefinden und Gesundheit? Herangezogen werden Maße für soziale Beziehungen, Beruf und Einkommen, Indikatoren für erledigte Entwicklungsaufgaben und Maße für Wohlbefinden und Gesundheit (siehe Abschnitte 8.2 und 8.3 zur Methodik der quantitativen Studie und Abschnitt 3.3.3 zu Einflüssen auf subjektives Wohlbefinden). Die Unterfragestellung für die qualitative Studie lautet: Wie konstruieren junge Erwachsene den Übergang ins Erwachsenenalter? Diese wird konkretisiert durch Fragen nach den Themen und Lebensbereichen, die diese Konstruktion erzeugen: Wie konstruieren junge Erwachsene das Erwachsenenalter, ihre Identität, Wohlbefinden und Gesundheit sowie einen gelingenden Übergang? Welche Bedeutung haben soziale Beziehungen (siehe Abschnitt 10.1)? In der Tabelle 6 sind alle Fragestellungen aufgeführt. Unterhalb der übergeordneten Fragestellung werden in der linken Spalte die Unterfragestellungen der qualitativen Studie den Unterfragestellungen der quantitativen Studie in der rechten Spalte gegenübergestellt. Geordnet sind sie entsprechend der Themen der einzelnen Unterfragestellungen ganz links.

7.3 Aufbau und Forschungsmodell

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Tabelle 6: Übersicht der Fragestellungen beider Studien Übergeordnete Fragestellung

Fragestellungen Erwachsenenalter Fragestellungen Identität

Fragestellungen soziale Beziehungen

Fragestellungen Wohlbefinden und Gesundheit Fragestellungen gelingender Übergang

Wie gelingt jungen Erwachsenen der Übergang ins Erwachsenenalter? Unterfragestellung qualitative Unterfragestellung quantitative Studie Studie Wie konstruieren junge ErwachWie gelingt es jungen Erwachsene den Übergang ins Erwachsenen ein hohes Maß an Wohlsenenalter? befinden und Gesundheit zu erreichen? • Wie konstruieren junge Er• Wie lässt sich ein Erwachwachsene Erwachsensein senenstatus anhand von und Erwachsenwerden? Indikatoren für erledigte Entwicklungsaufgaben abbilden? • Was für ein Selbstbild ha• ben junge Erwachsene? • Definieren sie sich als erwachsen? • Welche Bedeutung haben • Wie unterscheiden sich die soziale Beziehungen im Lesozialen Beziehungen von ben der jungen Erwachsejungen Erwachsenen von nen? denen der Altersgruppen mittleres und spätes Erwachsenenalter? • Was bedeuten Wohlbefin• Welche Faktoren haben eiden und Gesundheit für die nen signifikanten Einfluss jungen Erwachsenen? auf Wohlbefinden und Gesundheit? • Was trägt zu ihrem Wohlbefinden bei? • Was bedeuten ein gelin• gender Übergang und ein gelungenes Leben für die jungen Erwachsenen? • Wie treffen junge Erwachsene Lebensentscheidungen und schaffen Verbindlichkeit in ihrer Lebensstruktur?

7.3 Aufbau und Forschungsmodell Der empirische Teil dieser Arbeit gliedert sich in zwei Studien, eine quantitative Sekundärdatenanalyse und eine qualitative Interviewstudie. Dabei sind beide, wie beschrieben, einer übergeordneten Forschungsfrage untergeordnet und sollen diese gemeinsam beantworten. Ein etwas größeres Gewicht und eine höhere Bedeutung kommt dabei der qualitativen Studie zu, da sie neue Daten erzeugt, die Tiefe und Zusammenhänge, also die

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7 Methodischer Aufbau und Forschungsdesign

Komplexität des Forschungsthemas abbildet und mehr Antworten auf die offeneren Fragestellungen (warum und wie) verspricht, im Gegensatz zu den geschlosseneren Fragestellungen, die mit Hilfe der quantitativen Studie beantwortet werden sollen. Eine der beiden Studien allein könnte die Forschungsfrage nicht hinreichend beantworten. Die Erkenntnisse aus beiden Studien ergänzen sich, wobei die eine quantifizierbare, strukturelle und die andere erklärende, subjektive Inhalte liefern soll. Sie erzeugen ein umfassendes Bild, welches den Aufwand der Durchführung zweier Studien und deren Triangulation rechtfertigt (Flick, 2011). Insgesamt bewirkt die Zusammenführung der unterschiedlichen Perspektiven eine Erkenntniserweiterung mit der Aussicht, die Generalisierbarkeit der Ergebnisse zu verbessern. Daher wurde für diese Arbeit eine pragmatische Verknüpfung der qualitativen und der quantitativen Methoden vorgenommen, so dass eine Kombination im Design, in den Fragestellungen und in den Ergebnissen (siehe Kapitel 13) erfolgt (Flick, 2011). Beiden Forschungsansätzen wird in separaten Methodenbeschreibungen (siehe Kapitel 8 und 10) Rechnung getragen und demzufolge werden beide Studien mit jeweils für die Methoden angemessenen Kriterien bewertet (Flick, 2011).

7.3 Aufbau und Forschungsmodell

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Theorie Forschungsfrage Wie gelingt der Übergang ins Erwachsenenalter? Quantitative Unterfragestellungen • Wie gelingt es jungen Erwachsenen ein hohes Maß an subjektivem Wohlbefinden zu erreichen? • Welche Faktoren haben einen signifikanten Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden?

Maße

Qualitative Unterfragestellungen • Wie konstruieren junge Erwachsene den Übergang ins Erwachsenenalter? • Wie konstruieren junge Erwachsene das Erwachsenenalter, ihre Identität, Wohlbefinden und Gesundheit und einen gelingenden Übergang? • Welche Bedeutung haben soziale Beziehungen? Erwachsensein Beziehungen Gesundheit Wohlbefinden

Konstruktionen

Sekundärdatenanalyse SOEP Welle 2011: rund 4600 Datensätze junger Erwachsener in Deutschland

Interviewstudie 20 Interviews mit jungen Erwachsenen

Ergebnisdarstellung: Altersgruppenvergleiche, Korrelationsanalysen, Regressionsanalysen (Kapitel 9)

Ergebnisdarstellung: Fallanalysen, Kategoriensystem, Typen (Kapitel 11)

Diskussion und Triangulation der Ergebnisse Einordnung Generalisierbarkeit Bedeutung (Kapitel 13) Abbildung 5: Darstellung des Forschungsdesigns

Abbildung 5 verdeutlicht das Forschungsdesign dieser Arbeit und ist von oben nach unten zu lesen. Die beiden Studien stehen sich gegenüber, auf der linken Seite der Grafik sind Unterfragestellungen, Methoden und Ergebnisse der quantitativen Studie vereinfacht dargestellt, auf der rechten

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7 Methodischer Aufbau und Forschungsdesign

Seite entsprechend die der qualitativen Interviewstudie. Deutlich wird, dass nach der theoretischen Vorarbeit aus den Bereichen der Gesundheitswissenschaften, der Soziologie und der Entwicklungspsychologie eine interdisziplinäre Forschungslücke entdeckt wurde und eine Forschungsfrage erwachsen ist. Die übergeordnete Forschungsfrage wurde differenziert und untergeordnete Fragestellungen formuliert und für quantitative und qualitative Verfahren aufgeteilt. Im Ablauf der Forschung wurde die quantitative Studie zuerst durchgeführt. Aus den Ergebnissen und offengebliebenen Fragestellungen ergaben sich neue Erkenntnisse für die Fragestellungen der qualitativen Studie, so dass die qualitative Studie auf die quantitative aufbauen konnte. Es fanden also eine separate Analyse der Daten und Darstellung der Ergebnisse der beiden Studien statt, jedoch lagen die Ergebnisse der quantitativen Studie zum Zeitpunkt der Durchführung der qualitativen Studie bereits vor und konnten Berücksichtigung finden, so dass sichergestellt wurde, die Ergebnisse später verknüpfen zu können. Beide Studieninhalte für sich genommen zeigen die Zielgruppe der jungen Erwachsenen in ihrem Wohlbefinden, ihrer Gesundheit, ihren Beziehungen und ihrem Erwachsensein. In dieser Arbeit wird in der Triangulation dargestellt, inwieweit die Ergebnisse sich eher bestätigen, ergänzen und vertiefen oder sich widersprechen und unterschiedliche Sichtweisen durch unterschiedliche Zugänge aufzeigen. Das Gesamtbild entsteht durch die Zusammenführung der qualitativen und quantitativen Daten auf der Ebene der Diskussion, indem die Ergebnisse beider Studien zusammengeführt werden, ihre Bedeutung erörtert wird, und indem sie eingeordnet werden in den theoretischen Kontext und den Stand der Forschung. Auf dieser Ebene wird ebenfalls die Generalisierbarkeit diskutiert, denn beide Studien einzeln streben einen unterschiedlichen Verallgemeinerungsgrad an (Flick, 2011). Zusammengefasst werden quantitative Methode, um Zusammenhänge und Muster des Übergangs ins Erwachsenenalter in der Altersgruppe zu finden, qualitative Methoden, um Hintergründe und Erklärungen von Seiten der Zielgruppe selbst zu finden und das triangulierende Forschungsdesign, um die gefundenen Muster und Erklärungen zusammenzubringen, angewandt.

8 Methodik der quantitativen Studie Um von der Altersgruppe der jungen Erwachsenen in Deutschland ein umfassendes Bild zu bekommen, einen Überblick über die Merkmale und Eigenschaften der Personen dieser Zielgruppe zu erhalten, ist es sinnvoll diese Zielgruppe mit quantitativen Verfahren zu untersuchen. Mit einer Sekundärdatenanalyse des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) kann die zu untersuchende Zielgruppe repräsentativ dargestellt werden und mit anderen Altersgruppen der deutschen Bevölkerung verglichen werden. Die explorative Fragestellung „Wie gelingt jungen Erwachsenen der Übergang in das Erwachsenenalter?“ kann für dieses Vorgehen wie folgt formuliert werden: Wie gelingt es jungen Erwachsenen ein hohes Maß an Wohlbefinden und Gesundheit zu erreichen? Und konkreter: Welche Faktoren haben einen signifikanten Einfluss auf Wohlbefinden und Gesundheit? Als Faktoren sind für diese Arbeit insbesondere die sozialen Beziehungen von Interesse, aber auch Faktoren anderer Lebensbereiche, wie Beruf und Einkommen sowie Indikatoren für erledigte Entwicklungsaufgaben und ihr Zusammenspiel in Hinblick auf Wohlbefinden und Gesundheit bei jungen Erwachsenen. Analysiert wird, ob und welcher Zusammenhang zwischen den angeführten Merkmalen und Gesundheit und Wohlbefinden besteht. 8.1 Hintergrund und Inhalt des SOEP Das SOEP ist eine Panel-Studie mit dem Titel „Leben in Deutschland“, die seit 1984 jährlich fortgeführt wird und bevölkerungsrepräsentative Daten für Deutschland liefert. Im Auftrag vom DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) führt TNS Infratest Sozialforschung diese Studie mit etwa 30.000 Befragten in ca. 11.000 Haushalten durch. Als Panel-Studie handelt es sich bei dem SOEP um eine Längsschnitterhebung, in der dieselben Teilnehmer jedes Jahr wiederholt befragt werden. Dabei handelt es sich um private Haushalte und deren Mitglieder, die das 17. Lebensjahr erreicht haben. Die Fragen, die in den personen- und haushaltsbezogenen Fragebögen untersucht werden, betreffen sozial-, verhaltens- und wirtschaftswissenschaftliche Aspekte. Das Themenspektrum ist breit und reicht von Demografie und Bevölkerung, Arbeit, Beschäftigung und Einkommen über Familie und soziale Netzwerke, Gesundheit und Pflege, Bildung und Qualifikation bis hin zu Einstellungen, Werten und Persönlichkeit, Zeitverwendung und Umweltverhalten sowie Integration, Migration und Transnationalisierung (DIW, 2014). Grundsätzlich werden persönliche standardisierte Interviews mittels des Personen- und/oder Haushaltsfrage© Der/die Herausgeber bzw. der/die Autor(en), exklusiv lizenziert durch Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 F. Rogge, Gesundheit und Wohlbefinden im Übergang ins Erwachsenenalter, Gesundheitspsychologie, https://doi.org/10.1007/978-3-658-30710-3_8

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8 Methodik der quantitativen Studie

bogens durch Interviewer in ganz Deutschland geführt. Im Jahr 2011 waren 490 Interviewer für die SOEP-Befragung tätig, dabei führten gut ein Viertel (26 %) der Interviewer computergestützte Interviews durch (CAPI), 20 % führten die Interviews mittels Papierfragebogen (PAPI) und 36 % der Befragten füllten den Fragebogen im Beisein der Interviewer selbst aus. Ein weiterer Teil der Befragten (18%) erhielt die Fragebögen auf eigenen Wunsch auch zugesandt und füllte diese selbst aus (Bohlender, Huber & Siegel, 2012). Die Rohdaten des SOEP werden zur wissenschaftlichen Nutzung zur Verfügung gestellt. Die Auswertung der Daten der Erhebungswellen 19842011 wurden für diese Arbeit durch einen Nutzungsvertrag möglich. Mit der Statistik-Software SPSS© können die Daten analysiert werden. Das SOEP stellt Materialien, u. a. Methodenberichte und Papers auf Basis der SOEP-Daten sowie Instrumente online zur Verfügung, um relevante Variablen, generierte Variablen und methodische Hintergründe zu finden. Das SOEP bietet die Möglichkeit soziale und gesellschaftliche Entwicklungen oder Trends zu verfolgen. Wissenschaftler verschiedener Forschungsfelder können Theorien mit den Daten testen. Denn der Datensatz enthält Daten zu objektiven Lebensbedingungen, Wertvorstellungen, Persönlichkeitseigenschaften und den Wandel in verschiedenen Lebensbereichen. Die SOEP-Daten werden außerdem für die Sozialberichterstattung und Politikberatung genutzt (DIW, 2014). Für diese Arbeit wurde die Befragungswelle 2011 gewählt, da dies zum Zeitpunkt der Auswertung die aktuellsten Daten waren, welche die speziellen Fragen zu sozialen Beziehungen enthalten, die nur alle fünf Jahre abgefragt werden. Der Datensatz dieser Befragungswelle liefert also besonders relevante Variablen für die Fragestellungen dieser Arbeit. So wird eine Querschnittstudie über die Zielgruppe möglich in Hinblick auf: Soziodemographische Eigenschaften junger Erwachsener, soziale Beziehungen, Lebenszufriedenheit, Gesundheit, Wohlbefinden. Die Daten ermöglichen Vergleiche zwischen verschiedenen Altersgruppen, um Besonderheiten der Lebensphase junges Erwachsenenalter in Bezug auf soziale Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden herauszuarbeiten. Möglich sind außerdem verschiedene Analysen, um Determinanten für Wohlbefinden und Gesundheit im jungen Erwachsenenalter zu finden. So kann ein Überblick über die zu untersuchende Zielgruppe, die Strukturen ihrer sozialen Beziehungen, Besonderheiten ihrer Lebenswelten, relevante Faktoren für ihr Wohlbefinden erstellt werden und daraus Anhaltspunkte für die qualitative Studie gefunden werden.

8.2 Verwendeter Datensatz und Maße

129

Da das SOEP eine Panel-Studie ist, bietet es auch Längsschnittdaten, die allerdings in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. Eine Querschnittanalyse ist für die hier genannten Fragestellungen angemessen, da keine Veränderungen auf der Personenebene untersucht werden sollen, sondern eine Momentaufnahme der Zielgruppe die gewünschten Informationen liefert. 8.2 Verwendeter Datensatz und Maße (Skalen und Variablen) Wie beschrieben wird für diese Arbeit der Datensatz des Personenfragebogens 2011 verwendet. Dabei handelt es sich um 21069 Datensätze mit 662 Variablen. Subjektive Gesundheit wird hier als Maß für den Gesundheitszustand der Person (selbst eingeschätzt) verwendet. Dieses gilt als Mortalitätsindikator und ist ein valides, reliables Maß mit hoher Aussagekraft für den objektiven Gesundheitszustand (Latham & Peek, 2013; van der Linde et al., 2013; Waller, Janlert, Norberg, Lundqvist & Forssén, 2015; siehe Abschnitt 3.1.1). Im Personenfragebogen wird die subjektive Gesundheit mit einem Item abgefragt „Wie würden Sie Ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben?“ mit den fünf Antwortmöglichkeiten „sehr gut“, „gut“, „zufriedenstellend“, „weniger gut“ und „schlecht“ (DIW, 2012). Maße für Wohlbefinden (siehe Abschnitt 3.3.1.) liefert das SOEP einerseits mit der Frage nach der globalen Lebenszufriedenheit „Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?“ mit Antwortmöglichkeiten auf einer 11-stufigen Skala von 0-10. Andererseits fragt das SOEP nach positivem und negativem Affekt, mit vier Items (Tabelle 7), welche ebenfalls als Maße für Wohlbefinden dienen können (Schimmack, 2008). Tabelle 7: Items zu positivem und negativem Affekt (eigene Darstellung nach dem SOEP Personenfragebogen 2011) Ich lese Ihnen eine Reihe von Gefühlen vor. Geben Sie bitte jeweils an, wie häufig oder selten Sie dieses Gefühl in den letzten vier Wochen erlebt haben. Wie oft haben Sie sich … - ärgerlich gefühlt? - ängstlich gefühlt? - glücklich gefühlt? - traurig gefühlt?

Sehr selten

Selten

Manchmal

Oft

Sehr oft

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8 Methodik der quantitativen Studie

Maße für soziale Beziehungen erhebt das SOEP in seinem Themenkomplex „Familie und soziale Netzwerke“. In Bezug auf das Verwandtschaftsnetzwerk einer Person erfragt das SOEP die vorhandenen Verwandtschaftsbeziehungen und deren räumliche Entfernung bzw. Nähe. Zum Freundschaftsnetzwerk werden die Anzahl enger Freunde erhoben (Item: Was würden Sie sagen, wie viele enge Freunde haben Sie?) und die soziale Homogenität oder Heterogenität des Freundeskreises (Tabelle 8). Um soziale Unterstützung zu erheben, werden fünf Formen von Unterstützungsleistungen und die bedeutsamen Personen, die diese potentiell leisten könnten, abgefragt (Tabelle 9) (Diewald et al., 2006). Am Ende der Befragung wird nach Veränderungen der familiären Situation gefragt (Tabelle 10). Die entsprechenden Items sind in den folgenden Tabellen dargestellt.

8.2 Verwendeter Datensatz und Maße

131

Tabelle 8: Items zum Freundschaftsnetzwerk (eigene Darstellung nach dem SOEP Personenfragebogen 2011) Nun eine Frage zu Ihrem Bekannten- und Freundeskreis. Denken Sie bitte an drei Personen außerhalb Ihres Haushalts, die für Sie persönlich wichtig sind. Es kann sich dabei sowohl um Verwandte als auch um Nicht-Verwandte handeln. Sagen Sie uns bitte zur ersten, zweiten und dritten Person: Erste Zweite Dritte Person Person Person a)

Ist er oder sie mit Ihnen verwandt?

Ja Nein

b)

Ist er oder sie …

c)

Wie alt ist er oder sie? (Wenn Alter Sie es nicht genau wissen, bitte schätzen!) Welche Nationalität oder Herkunft hat er oder sie? Ist aus den alten Bundesländern

d)

Männlich Weiblich

Ist aus den neuen Bundesländern Ist aus einem anderem Land oder Ausländer Kommen Sie selbst aus demselben Ja Land? Nein e)

Ist er oder sie … In Vollzeit erwerbstätig? In Teilzeit erwerbstätig? Arbeitslos? In Schule/ Ausbildung/ Studium? In Rente / Pension?

f)

Sonstiges Welchen höchsten Bildungsabschluss hat er oder sie? Keinen Abschluss Volks-/Hauptschulabschluss (DDR: 8. Klasse) Mittlere Reife/Realschulabschluss (DDR: 10.Klasse) Abitur/ Hochschulreife (DDR: EOS) / Fachhochschulreife Weiß nicht

_____ Jahre

_____ Jahre

_____ Jahre

132

8 Methodik der quantitativen Studie

Tabelle 9: Items zu sozialer Unterstützung (eigene Darstellung nach dem SOEP Personenfragebogen 2011) Auf dieser Liste stehen Personen, die für Sie in irgendeiner Weise bedeutsam sein können. Wie ist es bei Ihnen, wenn es um folgende Dinge geht? Nennen Sie bitte jeweils bis zu fünf Personen von der Liste. a) Mit wem teilen Sie persönliche Gedanken und Gefühle oder sprechen über Dinge, die Sie nicht jedem erzählen würden? Kennziffer: Niemand b) Wer unterstützt Sie in Ihrem beruflichen Fortkommen oder Ihrer Ausbildung und hilft Ihnen, dass Sie vorankommen? Kennziffer: Niemand c) Nur einmal hypothetisch gefragt: wie wäre es bei einer langfristigen Pflegebedürftigkeit z. B. nach einem schweren Unfall, wen würden Sie um Hilfe bitten? Kennziffer: Niemand d) Mit wem haben Sie gelegentlich Streit oder Konflikte, die belastend für Sie sind? Kennziffer: Niemand e) Wer kann Ihnen auch mal unangenehme Wahrheiten sagen? Kennziffer:

Kennziffer 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26

Niemand

(Ehe-)Partner/in Ehemaliger (Ehe)Partner/in Mutter Vater Stief- / Pflegemutter Stief-/ Pflegevater Schwiegermutter Schwiegervater Tochter Sohn Schwester Bruder Großmutter Großvater Enkel Tante/ Nichte Onkel / Neffe Andere weibliche Verwandte Andere männliche Verwandte Kollegen von der Arbeit Vorgesetzte Personen aus Schule/Ausbildung/Studium Personen aus der Nachbarschaft Personen aus Verein/Freizeitleben Bezahlter Helfer/ambulanter Dienst/ Sozialhelfer Andere Person(en)

8.2 Verwendeter Datensatz und Maße

133

Tabelle 10: Items zu familiären Veränderungen im vergangenen Jahr (eigene Darstellung nach dem SOEP Personenfragebogen 2011) Hat sich an Ihrer familiären Situation nach dem 31.12.2009 etwas verändert? Geben Sie bitte an, ob einer der folgenden Punkte zutrifft, und wenn ja, wann das war. 2011 im 2010 im Ja Monat Monat Habe neuen Partner/ Partnerin kennengelernt Habe geheiratet Bin mit Partner/ Partnerin zusammengezogen Kind wurde geboren Kind kam in den Haushalt Sohn / Tochter hat den Haushalt verlassen Habe mich von Ehepartner / Lebenspartner getrennt Wurde geschieden Ehepartner/ Lebenspartner ist verstorben Vater ist verstorben Mutter ist verstorben Kind ist verstorben Andere Person, die hier im Haushalt lebte, ist verstorben Sonstige familiäre Veränderung, und zwar _____ Nein, nichts davon

Um soziale Aktivitäten zu erfassen, erfragt das SOEP Tätigkeiten in der Freizeit. Zu neun Tätigkeiten soll die Häufigkeit, in der sie erfolgen, angegeben werden. In folgender Weise wird den Befragten die Angabe ermöglicht (siehe Tabelle 11).

134

8 Methodik der quantitativen Studie

Tabelle 11: Items zu Tätigkeiten in der Freizeit (eigene Darstellung nach dem SOEP Personenfragebogen 2011) Welche der folgenden Tätigkeiten üben Sie in Ihrer freien Zeit aus? Geben Sie bitte zu jeder Tätigkeit an wie oft Sie das machen: Jede Jeden Seltener Nie Woche Monat Besuch von kulturellen Veranstaltungen, z. B. Konzerte, Theater, Vorträge Kinobesuche, Besuch von Popkonzerten, Tanzveranstaltungen, Discos, Sportveranstaltungen Aktiver Sport Künstlerische, musische Tätigkeiten (Musizieren, Tanzen, Malen, Theater, Fotografieren) Geselligkeit mit Freunden, Verwandten, Nachbarn Mithelfen, wenn bei Freunden, Verwandten, Nachbarn etwas zu tun ist Ehrenamtliche Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden, sozialen Diensten Beteiligung in Bürgerinitiativen, Parteien, Kommunalpolitik Kirchgang, Besuch religiöser Veranstaltungen

In der Befragung des SOEP werden einige Maße für die Lebenssituation der Zielgruppen erfragt, die in dieser Arbeit von Interesse sind. Als erster Fragenkomplex wird nach den Bereichszufriedenheiten der Person gefragt. Diese Angaben geben Anhaltspunkte für die Bedingungen in einzelnen Bereichen des Lebens. Dieses Konstrukt gehört thematisch zur Lebenszufriedenheit und wird im selben Format erhoben. Auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden) wird die gegenwärtige Zufriedenheit mit der Gesundheit, dem Schlaf, der Arbeit (falls zutreffend), der Tätigkeit im Haushalt (falls zutreffend), dem Einkommen des Haushalts, dem persönlichen Einkommen, der Wohnung, der Freizeit, den Möglichkeiten der Kinderbetreuung (falls zutreffend), dem Familienleben, dem Freundes- und Bekanntenkreis angegeben. Hierbei handelt es sich um subjektive Einschätzungen der Personen zu ihrer eigenen Lebenssituation. Um das Bild abzurunden und diese subjektiven Daten durch objektive zu ergänzen, werden die Daten aus den Angaben zum Familienstand, zur Partnerschaft, Elternschaft, zum Erwerbsstatus und zum Ein-

8.3 Vorgehen zur Datenanalyse

135

kommen (netto letzter Monat) verwendet. Eine Liste aller verwendeten Variablen befindet sich aus Gründen der Übersichtlichkeit im Anhang dieser Arbeit (Anhang 2). 8.3 Vorgehen zur Datenanalyse Zur Vorbereitung der Datenanalyse wurden die Daten aus dem Datensatz 2011 zunächst aufbereitet. Hierzu mussten für die verwendeten Variablen unter anderem die fehlenden Werte definiert und die Skalierungen angepasst werden. Um einen Überblick über die Daten der 21069 Teilnehmer der Personenbefragung 2011 zu erhalten, wurden einige deskriptive Analysen durchgeführt. Häufigkeitsauszählungen und grafische Darstellung der Daten, um Verteilungen zu betrachten, wurden mit der Software IBM SPSS© und SOEPinfo, einem Online-Tool, welches das SOEP zur Verfügung stellt, erstellt (http://panel.gsoep.de/soepinfo2011; Kuckartz, 2010). Einige Variablen wurden außerdem transformiert und neu berechnet. Berechnete Variablen werden gegenüber im SOEP-Datensatz bereits vorliegenden Variablen in der Auflistung aller verwendeten Variablen im Anhang gekennzeichnet (siehe Abhang 2). Abbildung 6 zeigt die Abfolge der Schritte der Datenanalyse grafisch auf. In der Datenaufbereitung wurden Skalen angepasst, Variablen berechnet und die Einteilung in Altersgruppen vorgenommen. Für die deskriptiven Analysen wurden neben Häufigkeitsauszählungen auch Mittelwertvergleiche berechnet um Unterschiede zwischen den Altersgruppen aufzuzeigen. Mittels bivariater Analysen wurden Zusammenhänge zwischen den Variablen anhand von Ergebnissen der berechnet und die Regressionsanalysen analysieren Einflüsse auf die Outcome-Variablen.

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8 Methodik der quantitativen Studie

Datenaufbereitung • Anpassung der Skalen, Berechnung neuer Variablen, Einteilung Altersgruppen

Deskriptive Analysen • Vergleiche zwischen Altersgruppen, Aufzeigen von Merkmalen der Zielgruppe

Bivariate Analysen • Korrelationsanalysen zum Zusammenhang der Variablen zu sozialen Beziehungen, Entwicklungsaufgaben und Variablen für Gesundheit und Wohlbefinden

Regressionsanalysen • Berechnung von Prädiktoren für die Outcomes Gesundheit und Wohlbefinden

 Abbildung 6: Schritte der quantitativen Auswertung

Die befragten Personen der gesamten Stichprobe (n=21069) sind zwischen 18 Jahren und 101 Jahren alt. Diese wurden in 3 Altersgruppen aufgeteilt, um Vergleiche zwischen diesen Personengruppen darzustellen. Diese Einteilung erfolgte nach entwicklungspsychologischer Logik, was unterschiedlich große Gruppen zur Folge hatte. Das junge Erwachsenenalter endet in dieser Einteilung mit dem Alter 35 Jahre, denn in diesem Alter haben die meisten Personen die Entwicklungsaufgaben, die den Beginn des Erwachsenenalters anzeigen, bewältigt (siehe Abschnitt 2.2.2). Die Altersgrenze 65 Jahre dient als Abgrenzung des mittleren Erwachsenenalters zum späten Erwachsenenalter, denn dies ist der Zeitpunkt, zu dem ein Großteil der Personen aus dem Erwerbsleben ausscheidet und ein Übergang in die Ruhestandsphase stattfindet (Faltermaier et al., 2014). Tabelle 12 zeigt die Verteilung der Personen der Stichprobe auf diese Altersgruppen. Die Gruppe der 18-35-jährigen ist die kleinste, was der Altersstruktur der Bevölkerung entspricht.

8.3 Vorgehen zur Datenanalyse

137

Tabelle 12: Altersgruppen in der Stichprobe SOEP 2011 Stichprobe Altersgruppe Junges Erwachsenenalter 18-35 Jahre

Häufigkeit

Prozent

4617

21,9

Mittleres Erwachsenenalter 36-65 Jahre

11228

53,3

Spätes Erwachsenenalter 66-101 Jahre

5224

24,8

21069

100,0

Gesamtsumme

Zwischen den Altersgruppen wurden Mittelwertvergleiche (ANOVAS, TTests) durchgeführt, um signifikante Unterschiede in Daten zu sozialen Beziehungen und zu den Maßen für Gesundheit und Wohlbefinden zu finden. Neben der oben beschriebenen Fragestellung „Welche Determinanten haben Gesundheit und Wohlbefinden im jungen Erwachsenenalter?“ mit besonderem Fokus auf soziale Beziehungen, gehen die Analysen zunächst auch der folgenden Fragestellung nach: „Gibt es Unterschiede zwischen Personen im jungen Erwachsenenalter und Personen im mittleren oder späten Erwachsenenalter in Hinblick auf soziale Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden?“. So wurden folgende Unterschiedshypothesen für die Altersgruppenvergleiche gebildet. 1.

1.1. 1.2. 1.3. 1.4. 1.5. 1.6. 1.7.

Die sozialen Beziehungen von jungen Erwachsenen unterscheiden sich von denen der Altersgruppen mittleres und spätes Erwachsenenalter. Die einzelnen Hypothesen zu sozialen Beziehungen lauten im Detail: Junge Erwachsene haben häufiger keine Partnerschaft. Junge Erwachsene haben weniger Kinder. Junge Erwachsene haben eine höhere Anzahl enger Freunde angegeben. Junge Erwachsene haben eher homogene Freundschaftsnetzwerke (in Bezug auf Alter und Geschlecht). Junge Erwachsene haben einen geringeren Anteil Verwandter in ihren Freundschaftsnetzwerken. Eltern werden von jungen Erwachsenen häufiger als bedeutsame Personen genannt. Junge Erwachsene haben im Durchschnitt insgesamt mehr bedeutsame Personen benannt.

138

8 Methodik der quantitativen Studie

1.8. Junge Erwachsene erleben mehr Veränderungen in ihren sozialen Beziehungen. 1.9. Junge Erwachsene leben häufiger (noch) im selben Haushalt wie ihre Eltern. 1.10. Junge Erwachsene erleben mehr soziale Aktivitäten. 2.

Junge Erwachsene haben eine höhere Lebenszufriedenheit, einen besseren Gesundheitszustand und höhere Werte bei affektiver Balance.

Um signifikante Einflussfaktoren für die Maße für Wohlbefinden und Gesundheit zu finden, werden folgende Zusammenhangshypothesen herangezogen, die sich insbesondere aus den Forschungsergebnissen zu Gesundheit und Wohlbefinden (Kapitel 3), sozialen Beziehungen (Kapitel 4), aber auch der Lebensereignis- und Übergangsforschung (Kapitel 2) ergeben. Außerdem wurden die explorativen, deskriptiven Untersuchungen der Daten hinzugenommen, um Hypothesen zu generieren, wie beispielsweise besondere Ausprägungen im jungen Erwachsenenalter bei sozialen Beziehungen, Gesundheit und Wohlbefinden. 3.

Es bestehen Zusammenhänge zwischen (nicht) erledigten Entwicklungsaufgaben und Gesundheit und Wohlbefinden. Erledigte Entwicklungsaufgaben korrelieren mit höheren Werten bei Gesundheit und Wohlbefinden. • Berufstätigkeit • Partnerschaft / Ehe • Elternschaft

4.

Es bestehen Zusammenhänge zwischen sozialen Beziehungen und Gesundheit und Wohlbefinden. Vorhandene Freundschaften, Partnerschaften und Vertrauenspersonen korrelieren mit höheren Werten bei Gesundheit und Wohlbefinden. • Partnerschaft • Freundschaften • Struktur der sozialen Beziehungen

5.

Es bestehen positive Zusammenhänge zwischen der Bewertung unterschiedlicher Lebensbereiche (Bereichszufriedenheiten) und den

8.3 Vorgehen zur Datenanalyse

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Werten bei Gesundheit und Wohlbefinden. Dabei sind die Zusammenhänge mit den Lebensbereichen, die soziale Beziehungen beschreiben, stärker. • Arbeit • Persönliches Einkommen • Familienleben • Freundeskreis

9 Ergebnisse der quantitativen Studie Im Folgenden werden die Ergebnisse der quantitativen Sekundärdatenanalyse dargestellt. Dabei werden, wie in Kapitel 8 beschrieben, zunächst die deskriptiven Ergebnisse zu den Unterschieden zwischen den Altersgruppen, dann die Ergebnisse der bivariaten Korrelationsanalysen zu Zusammenhängen zwischen den Maßen zu sozialen Beziehungen und Wohlbefinden und Gesundheit und im dritten Schritt die Ergebnisse der Regressionsanalysen zur Vorhersage der Maße von Wohlbefinden und Gesundheit dargestellt. 9.1

Soziale Beziehungen im jungen, mittleren und späten Erwachsenenalter Für die Analysen zu den sozialen Beziehungen junger Erwachsener im Vergleich zu den Altersgruppen mittleres und spätes Erwachsenenalter wird im Einzelnen auf Ehe, Partnerschaft und Elternschaft, auf Freundschaften, auf Beziehungsinhalte und soziale Unterstützung, auf Veränderungen in sozialen Beziehungen, auf das Verwandtschaftsnetzwerk und auf soziale Aktivitäten eingegangen. 9.1.1 Ehe, Partnerschaft und Elternschaft Hypothesen: 1.1 Junge Erwachsene haben häufiger keine Partnerschaft. 1.2 Junge Erwachsene haben seltener Kinder. Junge Erwachsene sind häufiger Single als die mittleren und älteren Erwachsenen. 65 % der jungen Erwachsenen haben feste Partner/Ehepartner, während im mittleren Erwachsenenalter der Anteil der Personen mit (Ehe)Partner bei 86 % und im späten Erwachsenenalter bei 76 % liegt. Der Mittelwertunterschied wird im Rahmen einer einfaktoriellen Varianzanalyse als signifikant ausgewiesen (n=20996, F=473,127, p