Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke: Analysen von der Antike bis zur Gegenwart [1. Aufl.] 9783839425954

Social upheavals lead to conflicts. Existing structures and hierarchies - including those of religion - are broken as ne

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Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke: Analysen von der Antike bis zur Gegenwart [1. Aufl.]
 9783839425954

Table of contents :
Inhalt
Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke. Einleltung
Q. Aurelius Symmachus und die Netzwerke der spätrömischen Aristokratie. Soziale Netzwerkanalyse in der Alten Geschichte?
Briefe, Freundschaft und religiöse Netzwerke im frühen Christentum
Arianische Vandalen, katholische Provinzialrömer und die Rolle kirchlicher Netzwerke im Nordafrika des 5. Jh. n. Chr.
Netzwerkmanagement im Ostgotenreich. Die Verweigerung des konfessionellen Konflikts durch Theoderich den Großen
Das Ende muslimischen Lebens im mittelalterlichen Süditalien. Netzwerkanalytische Überlegungen zu einer hundertjährigen Forschungsfrage
Montaillou. Netzwerke der Katharer im beginnenden Spätmittelalter
Schreiben, sag, berichte, antwort. Kommunikationswege und soziale Netzwerke am Beispiel des Waldkircher Ritualmordverfahrens (1504/05)
Die digitale Visualisierung von Netzwerken in der Geschichtswissenschaft. Das Projekt Gunpowder Plot
Zwischen Rom und Mainz. Konversionsagenten und soziale Netze in der Mitte des 17. Jahrhunderts
Glaube in Bewegung. Pilgern im Spiegel soziologischer Forschung
Autorinnen und Autoren

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Daniel Bauerfeld, Lukas Clemens (Hg.) Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke

Sozialtheorie

Daniel Bauerfeld, Lukas Clemens (Hg.)

Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke Analysen von der Antike bis zur Gegenwart

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2014 transcript Verlag, Bielefeld

Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen. Umschlagkonzept: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Lektorat: Daniel Bauerfeld, Verena Hoppe Korrektorat: Daniel Bauerfeld, Verena Hoppe Satz: Daniel Bauerfeld, Verena Hoppe Druck: Majuskel Medienproduktion GmbH, Wetzlar ISBN 978-3-8376-2595-0 Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Besuchen Sie uns im Internet: http://www.transcript-verlag.de Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschüren an unter: [email protected]

Inhalt

Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke. Einleitung | 7

Daniel Bauerfeld und Lukas Clemens Q. Aurelius Symmachus und die Netzwerke der spätrömischen Aristokratie. Soziale Netzwerkanalyse in der Alten Geschichte?

Markus Siedow | 13 Briefe, Freundschaft und religiöse Netzwerke im frühen Christentum

Marcello Ghetta | 45 Arianische Vandalen, katholische Provinzialrömer und die Rolle kirchlicher Netzwerke im Nordafrika des 5. Jh. n. Chr.

Wolfgang Spickermann | 65 Netzwerkmanagement im Ostgotenreich. Die Verweigerung des konfessionellen Konflikts durch Theoderich den Großen

Christian Nitschke | 87 Das Ende muslimischen Lebens im mittelalterlichen Süditalien. Netzwerkanalytische Überlegungen zu einer hundertjährigen Forschungsfrage

Richard Engl | 119 Montaillou. Netzwerke der Katharer im beginnenden Spätmittelalter

Yannick Pouivet und Benno Schulz | 155 Schreiben, sag, berichte, antwort. Kommunikationswege und soziale Netzwerke am Beispiel des Waldkircher Ritualmordverfahrens (1504/05)

Kathrin Geldermans-Jörg | 173 Die digitale Visualisierung von Netzwerken in der Geschichtswissenschaft. Das Projekt Gunpowder Plot

Johannes Dillinger | 207

Zwischen Rom und Mainz. Konversionsagenten und soziale Netze in der Mitte des 17. Jahrhunderts

Ricarda Matheus | 227 Glaube in Bewegung. Pilgern im Spiegel soziologischer Forschung

Markus Gamper und Julia Reuter | 253 Autorinnen und Autoren | 275

Gesellschaftliche Umbrüche und religiöse Netzwerke Einleitung D ANIEL B AUERFELD UND L UKAS C LEMENS

Der Sammelband vereinigt vornehmlich die Beiträge einer Tagung, die am 24. und 25. Juni 2010 in Trier stattgefunden hat. Sie wurde aus dem Teilbereich II „Religiöse Differenz und interkulturelle Kooperation“ des Forschungsclusters der Universitäten Trier und Mainz „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ heraus organisiert. Die sich aus Historikern und Soziologen zusammensetzenden Autorinnen und Autoren analysieren Formen gesellschaftlicher Abhängigkeiten, die aus kulturell-religiöser Verschiedenheit resultieren, und erforschen ferner die auf derartige Situationen reagierenden Netzwerke. Somit geraten immer wieder Beziehungsgeflechte in den Blick, die aus dem Neben- beziehungsweise Miteinander sowohl von polytheistischen als auch monotheistischen Religionen sowie den unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen erwachsen. Die Ausgangssituationen in sämtlichen Untersuchungsfeldern stellen gesellschaftliche Umbrüche dar. Aus diesen resultierende Konfliktsituationen führten immer wieder dazu, dass bestehende Strukturen und Hierarchien aufbrachen und sich neue Netzwerkbeziehungen zur Überbrückung oder gerade aber auch der Markierung von religiöser Differenz herausbildeten. Mit ihrer Hilfe wurde oder wird versucht, sich den veränderten Lebensverhältnissen anzupassen. Die einzelnen Beiträge nehmen dabei unterschiedliche Netzwerktypen in den Blick: So gab es Netzwerke traditioneller Glaubensvorstellungen, die mit dem Auftreten neuer Religionen oder Konfessionen in die Defensive gerieten und sich teilweise auch durch diesen äußeren Druck in ihrer Zusammensetzung und Ausrichtung veränderten. Zudem konnten durch derartige Prozesse auch

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neue Beziehungsgeflechte entstehen, etwa wenn Netzwerke religiöser Majoritäten Beziehungen zu neuen Herrschaftsträgern anderen Glaubens eingingen. Des Weiteren lassen sich Netzwerke beobachten, welche in der Diaspora entstanden und deren Bindungen sich zwischen den extremen Positionen von Akkulturation oder dem Rückzug in eine Parallelwelt ausbildeten. Schließlich organisierten sich immer wieder Netzwerke mit bestimmten Zielsetzungen innerhalb verschiedener Glaubensrichtungen. Der zeitliche Rahmen der Untersuchungen erstreckt sich von der Spätantike bis in die Gegenwart: Markus Siedow führt nach einer kurzen Standortbestimmung des Verhältnisses von Soziologie und Geschichtswissenschaft in die soziale Netzwerkanalyse ein und diskutiert die Möglichkeit der Anwendung ihrer Konzepte auf Fragestellungen der Alten Geschichte. Anhand von zwei Fallbeispielen wird ein solches Vorgehen versucht. Dabei stehen zum einen die Netzwerke der senatorischen Aristokratie in Rom und zum anderen der Kaiserhof in Trier während der Jahre 369-373 im Mittelpunkt. Im ersten Fall wird die Bedeutung des religiösen Amts für die politisch führenden Aristokraten erkennbar, im zweiten Fall geraten die Nähe oder Ferne zum Kaiser und die damit verbundenen Einflussmöglichkeiten besser in den Blick. Lassen sich demnach Konzepte der sozialen Netzwerkanalyse zur graphischen Visualisierung durchaus mit heuristischem Gewinn anwenden, so können weiterführende soziologische Interpretationen nur im Rahmen einer grundlegenden methodischen Modifikation erfolgen. Marcello Ghetta (Universität Trier) präsentiert christliche Korrespondenznetzwerke in der Spätantike vornehmlich des 4. und 5. Jahrhunderts. Zu Beginn der Ausführungen werden die Gründe für die erfolgreiche Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich aufgezeigt und hierunter die gute Organisation der christlichen Kirche und die Einbettung des Individuums in lokale sowie reichsweite Netzwerke hervorgehoben. Besonders in den umfangreichen Briefkorrespondenzen werden die persönlichen Beziehungsgeflechte im Christentum sichtbar. Die Quellenlage dabei ist vorteilhaft: Von vielen bedeutenden Bischöfen und Theologen der Spätantike sind Briefe erhalten, die von Freundschaften und Abhängigkeiten, aber auch Entzweiungen und Gegnerschaften zeugen. Am Beispiel des einflussreichen Kirchenvaters Hieronymus kann aufgezeigt werden, wie sehr theologischer Konsens bzw. Dissens die persönlichen Beziehungen bestimmten. Ausgangspunkt der wichtigsten theologischen Kontroverse des 4. Jahrhunderts war die Frage, wie die Natur Jesu zu definieren sei. Daran zerbrach die Freundschaft zwischen Hieronymus und seinem Weggefährten Rufinus von Aquileia, was neue Lagerbildungen zufolge hatte. Dabei kam es zum Kontaktab-

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bruch mit Paulinus von Nola, der theologisch eher aufseiten des Rufinus stand. An Paulinus selbst kann dargestellt werden, wie eine sich ändernde religiöse Gesinnung den Bruch mit alten Freundschaften bewirkte. Als Gegenbeispiel dient Augustinus von Hippo, der trotz theologischer Differenzen die persönlichen Kontakte zu bewahren suchte. Wolfgang Spickermann (Universität Erfurt) untersucht das kulturelle, religiöse und soziale Leben im römischen Nordafrika während der Vandalenherrschaft. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen steht insbesondere das Weiterleben paganer Kulte in der ehemals römischen Provinz Africa Proconsularis. Bei den dort lebenden Bevölkerungsgruppen (Vandalen, Berber, Mauren, Provinzialrömer) waren lange nach der Einführung des Christentums noch im 5. Jahrhundert Relikte paganer Religiosität erkennbar. Besondere Beachtung findet die Rolle des Kaiserkultes sowie dessen Umdeutung im Vandalenreich. In diesem Zusammenhang wird auch erörtert, inwieweit die arianischen Vandalen noch vorchristlichen Traditionen verhaftet blieben. Auf katholischer Seite existierten Netzwerke, die unter der Herrschaft der Vandalen für ein Weiterbestehen der kirchlichen Organisationsstrukturen sorgten. Dabei werden auch Missionsversuche und somit Beziehungen in das vandalisch-arianische Umfeld hinein erkennbar. Christian Nitschke (Universität Trier) widmet sich in seinen Betrachtungen den ostgotischen Netzwerken. Den Rahmen bildet dabei die Religionspolitik Theoderichs des Großen. Die in diesem Zusammenhang deutlich werdende Toleranz des Gotenkönigs gegenüber Andersgläubigen in seinem Reich wertet Nitschke im Einklang mit der neueren Forschung als Ausdruck eines ausgeprägten politischen Pragmatismus. Toleranz sei in diesem Sinne nicht nur Ideal gewesen, sondern als Zustand zu deuten, der durch aktive Steuerungsversuche habe bewahrt werden müssen, um ein fragiles soziales Gleichgewicht in einer Welt aus verschiedenen Ethnien, religiösen Anhängerschaften und deutlich divergierenden gesellschaftlichen Schichten zu bewahren und zu festigen. Ob nun solche Steuerungsmaßnahmen des Königs auch in den sozialen Verflechtungen der römischen Aristokratie nachzuweisen sind, wird am Beispiel einer netzwerkanalytischen Betrachtung der Konflikte rund um den römischen magister officiorum Boethius veranschaulicht; Ereignisse, die nach älterer Forschungsmeinung eine Spätphase der Intoleranz im Ostgotenreich Theoderichs einläuteten. Es kann aufgezeigt werden, dass dem vor allem als Philosoph bekannten Senator eine zentrale Stellung in den Netzwerken der alten auf die Ewige Stadt ausgerichteten romanischen Eliten zukam, die ihn aber in Opposition zu genau den Kräften brachten, die Theoderichs Toleranzpolitik vorantrieben. Seine Ausschaltung

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habe es anderen, dem Königshaus näher stehenden Personengruppen ermöglicht, die entscheidenden Mittlerpositionen zu besetzen. Richard Engl (Universität Trier) untersucht die Gründe für das Ende christlich-muslimischer Konvivenz im spätmittelalterlichen Apulien. Unter Friedrich II. waren Muslime nach der Niederschlagung von Aufständen auf Sizilien in die Region um Lucera deportiert worden. Diese Enklave wurde unter dem angiovinischen König Karl II. um 1300 aufgelöst, ihre Bewohner zerstreut und zu einem Großteil in die Sklaverei verkauft. Über die Ursachen dieses Endes der Muslime im südmittelalterlichen Italien streitet die Forschung seit mehr als einem Jahrhundert. Entweder werden die finanziellen Schwierigkeiten der angiovinischen Krone oder aber der religiöse Eifer König Karls für sein Vorgehen verantwortlich gemacht. Mithilfe der sozialen Netzwerkanalyse kann Herr Engl eine alternative Erklärung vorschlagen: Eine genaue Betrachtung der sich ändernden Beziehungen innerhalb der muslimischen Kolonie, aber auch ihrer Kontakte zum christlichen Herrscher und seinen Funktionsträgern ergibt, dass eine Veränderung von Netzwerkkonstellationen entscheidend für den Untergang muslimischen Lebens im Königreich Sizilien gewesen sein dürfte. Ein solcher Wandel führte zu Konflikten in der muslimischen Gemeinschaft bis hin zu Aufständen, welche die christliche Herrschaft zu destabilisieren drohten. Erst in dieser Situation eingeschränkter Handlungsmöglichkeiten reagierte der christliche König mit religiös verbrämter Härte gegen seine muslimischen Untertanen, auf die er zuvor bei militärischen Unternehmungen gerne zurückgegriffen hatte. Yannick Pouivet und Benno Schulz (Universität Trier) untersuchen die katharischen Netzwerke, wie sie sich aus den Akten der von Bischof Jacques Fournier geleiteten Inquisitionsprozessen herausarbeiten lassen und legen erste Beispiele ihrer Auswertungen vor. Im Rahmen dieses Projektes erfolgt die Visualisierung der erhobenen Beziehungen mit Hilfe des Softwaretools VennMaker, um so seine Anwendung im Bereich der Geschichtswissenschaften zu überprüfen: Einerseits werden Bewegungsprofile erstellt, die Netzwerke in Raum und Zeit darstellen, andererseits erfolgt die Rekonstruktion einzelner Familienverbände unter Berücksichtigung der durch diese Personengruppen verlaufenden Trennlinien religiöser Differenz. Am Beispiel des Waldkircher Ritualmordverfahrens untersucht Kathrin Geldermans-Jörg (Universität Trier) den Konnex von Kommunikation und Netzwerkbildung. Das thematisierte Gerichtsverfahren zog ausgehend von einem Mordvorwurf gegen in der Stadt Waldkirch im Breisgau ansässige Juden die Gefangennahme weiterer Glaubensgenossen im oberrheinischen Raum einschließlich des Elsass nach sich. In diesem Zusammenhang sind umfangreiche Korrespondenzen zwischen Städten der Vorderen Lande sowie zwischen diesen

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und diversen Herrschaftsträgern bis hin zu Kaiser Maximilian überliefert, anhand derer sich weitverzweigte Beziehungsgeflechte nachvollziehen lassen. Das Auffinden einer Kindsleiche im Umfeld der Osterfeiertage des Jahres 1504 war Auslöser der weiteren Vorkommnisse und Konstellationsbildungen, wobei bestehende Kontakte – wie etwa zwischen den Stadtgemeinden der Vorderen Lande – genutzt, neue Verbindungslinien ad hoc geschaffen oder aber Kontakte abgebrochen, eingestellt und Netzwerkverbindungen gelöst wurden. Das im Zentrum der Untersuchung stehende Akteursset zeigt untereinander eine Fülle von Relationen auf, von denen etwa herrschaftliche, wirtschaftlich-ökonomische und kommunikative Beziehungen herausgearbeitet werden. Darüber hinausgehend finden auch jene Verbindungslinien Berücksichtigung, die ausschließlich auf der Basis von Gerüchten, Verleumdungen oder aber von unter Folter erzwungenen Aussagen konstruiert wurden und somit als „fiktive Netzwerke“ bezeichnet werden können. Inwieweit das durch ein Entwicklerteam aus Soziologen, Ethnologen und Informatikern des Forschungsclusters entwickelte Softwaretool VennMaker auch für historische Fragestellungen Anwendung finden kann, veranschaulicht Johannes Dillinger (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) am Beispiel seiner Netzwerkanalyse zum Gunpowder Plot, jenes geplanten Attentats auf König Jakob I., das bis heute im britischen Bewusstsein eine außerordentliche Rolle spielt. Kontrovers wird in der Forschung diskutiert, ob der Anschlag denn tatsächlich geplant war oder ob nicht vielmehr von einem Regierungskomplott gegen eine konfessionelle Minderheit ausgegangen werden müsse. Dieser Frage geht Herr Dillinger mithilfe der Netzwerkanalyse nach. Dabei wird die Entstehung der Verschwörergruppe seit 1601 rekonstruiert und untersucht, ob die zeitgenössischen Behauptungen zu ihrer Zusammensetzung und der Organisation der Attentäter plausibel sind. Ebenso werden die Beziehungen der wichtigsten Gegner des Gunpowder Plots zu den vermeintlichen Verschwörern dargestellt. Die visuelle Umsetzung in dynamischen VennMaker-Grafiken schafft eine neue Darstellungsform. Darüber hinaus erlaubt sie einen didaktischen Zugang zu den Vorgängen. Es entsteht ein einfaches und zugleich umfassendes Bild der Ereignisse von 1605, das komplexe Personenkonstellationen anschaulich macht. Welche Bedeutung soziale Netzwerke über konfessionelle Grenzen hinweg im Fall von Konversionsverläufen besaßen, steht im Mittelpunkt der Ausführungen von Ricarda Matheus (ehemals Deutsches Historisches Institut Rom, jetzt Johannes Gutenberg-Universität Mainz). Nach einem konstruktiven Überblick zum Phänomen der Glaubensübertritte in der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Rom werden anschließend zwei Ego-Netzwerke der beiden deutschen Konvertiten Kaspar Schoppe und Lukas Holstenius vorgestellt,

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die im 17. Jahrhundert in der Ewigen Stadt agierten und durch ihr Wirken entlang bzw. über konfessionelle Grenzen hinweg Konversionen von Protestanten zum katholischen Glauben förderten, begleiteten und absicherten. Frau Matheus untersucht, ob und inwiefern Netzwerkforschung für die Untersuchung des frühneuzeitlichen Konversionsphänomens fruchtbar gemacht werden kann. Im Rahmen ihrer Darstellung werden auch methodische Probleme und Grenzen dieses Ansatzes für die Konversionsforschung benannt und zur Diskussion gestellt. Markus Gamper und Julia Reuter (ehemals Universität Trier, jetzt Universität Köln) berichten schließlich über den aktuellen Stand ihres Forschungsprojekts „Glaube in Bewegung: Netzwerke im spirituellen Tourismus“. Dieser hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Gerade in Bezug auf die Pilgerreise, eine der ältesten Formen des spirituellen Tourismus, kann von einem neuen Boom gesprochen werden. Hier kommt Deutschland, Frankreich oder Spanien eine gewisse Vorreiterrolle zu. Dies ist erstaunlich, denn gerade diese Gesellschaften werden oft und gerne als „säkularisiert“ bezeichnet. Die „neuen Pilger“ reisen dabei ganz unabhängig von kirchlichen Organisationenformen oder konkreten Glaubensbezeugungen. Bislang wurde diese Art des Pilgerns kaum systematisch untersucht. Daten, die etwa Rückschlüsse auf die Bildung sozialer Netzwerke, Vergemeinschaftungspraktiken und –formen zulassen, liegen dementsprechend auch nicht vor. Es zeigt sich, dass gerade die Motive der privat organisierten Pilgerfahrten den Thesen in der neueren Religionssoziologie widersprechen. Überraschenderweise werden die „authentischen Begegnungen“ sowie die sozialen Kontakte mit anderen Pilgern im 21. Jahrhundert nicht selten als „spirituelle Erfahrung“ verstanden. Wie konkret sich die Netzwerkbildung bzw. die Vernetzung während der Pilgerreise gestaltet und welche Bedeutung diese für die spirituelle Vergemeinschaftung besitzt sind die zentralen Fragen des Forschungsprojekts. Nicht berücksichtigt werden konnten die bereits andernorts publizierten Vorträge von Richard Traunmüller (Universität Konstanz) „Religion und soziale Netzwerke in Deutschland“ sowie von Olaf Blaschke (Universität Trier) „Netzwerke katholischer Kirchen- und Katholizismusforscher in der BRD“.

Q. Aurelius Symmachus und die Netzwerke der spätrömischen Aristokratie Soziale Netzwerkanalyse in der Alten Geschichte? M ARKUS S IEDOW

Gegenstand des folgenden Beitrags ist der Versuch, sich über den Senator Q. Aurelius Symmachus der spätrömischen Aristokratie als historischem Beispiel einer Vergemeinschaftung zu nähern. Dabei wird die Möglichkeit reflektiert, mit der Sozialen Netzwerkanalyse (SNA) eine soziologische Theorie zur Interpretation historischer Quellen heranzuziehen. Die Beschäftigung mit diesem Thema erfolgte im Rahmen des Teilprojekts II.01 des Forschungsclusters der Universitäten Trier und Mainz „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ und ist nicht abgeschlossen. Daher handelt es sich beim vorliegenden Beitrag um einen „Werkstattbericht“. Im Folgenden soll kurz umrissen werden, wieso die Verbindung von Soziologie und Geschichtswissenschaft sinnvoll ist, welche Rolle die SNA dabei spielt und wie sich eine Anwendung derselben im historischen Kontext gestalten kann.

1. Z UM V ERHÄLTNIS VON S OZIOLOGIE G ESCHICHTSWISSENSCHAFT

UND

Thomas Mergel bietet eine prägnante Positionsbestimmung des Verhältnisses von Geschichte und Soziologie.1 Nach dieser diente letztere ab den 1960er Jah-

1

Mergel, Thomas: Geschichte und Soziologie, in: Goertz, Hans-Jürgen (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Hamburg 2007 (3. Aufl.), S. 688-717.

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ren vor allem der Theoretisierung der Geschichtswissenschaft und sollte sie „mit tragfähigen Begriffen versorgen und Kategorien zur Analyse der vergangenen Wirklichkeit liefern“.2 Dieser Sachverhalt beruht auf der oft nicht explizit formulierten Annahme, dass sowohl die Soziologie als auch die Geschichtswissenschaften letztlich über denselben Gegenstand reden, nämlich über menschliches Handeln und dessen Bedingungen.3 Dieses steht als „soziales Handeln“ innerhalb unterschiedlicher Gemeinschaften im Mittelpunkt der Soziologie,4 wobei Erklärungsmodelle größtenteils aus Daten abgeleitet werden, die empirisch an existierenden Gesellschaften gewonnen wurden.5 Die Modelle können dabei handlungstheoretisch auf die Akteure oder strukturell auf die Formen und Bedeutungen von Gemeinschaften orientiert sein, woraus sich vielfältige Forschungsansätze ergeben.6 Der Historiker untersucht dagegen menschliches Handeln vornehmlich im Kontext zusammenhängender Ereignisse, wobei diese erst aus nichtschriftlichen

2

Ebd., S. 695.

3

Dazu Schützeichel, Rainer: Neue Historische Soziologie, in: Kneer, Georg/Schroer, Markus (Hg.), Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 277f. mit Literatur.

4

Nach Max Weber, der die Soziologie als Wissenschaft definierte, die „soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will“. Siehe dazu Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Frankfurt 2008 (Nachdr.), S. 3. Weiteres zum Begriff des „sozialen Handelns“ und Formen der Gemeinschaft ebenda S. 16-41. Zur Bedeutung Webers und seines Soziologiekonzepts, sowie dessen Weiterentwicklung Albert, Gert: Weber-Paradigma, in: Kneer, Georg/Schroer, Markus (Hg.), Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 517-554 mit Literatur. Zum Gegenstand der Soziologie siehe auch Dimbath, Oliver: Einführung in die Soziologie, München 2011, S. 36-39.

5

Was im besonderen Maße für die deutschsprachige Soziologie gilt, siehe die Entwicklungsskizze bei T. Mergel: Geschichte (wie Anm. 1), S. 690-697. Zur Soziologie als „Theorie der Moderne“, siehe R. Schützeichel: Soziologie (wie Anm. 3), S. 278 sowie O. Dimbath: Einführung (wie Anm. 4), S. 42f.

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Diese Orientierungsmöglichkeiten spiegeln sich in den Konzepten der Mikro- und Makroebene, siehe dazu O. Dimbath: Einführung (wie Anm. 4), S. 39-41. Zur Pluralität soziologischer Forschung vgl. Kneer, Georg/Schroer, Markus: Soziologie als multiparadigmatische Wissenschaft. Eine Einleitung, in: Dies. (Hg.), Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 7-18.

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und schriftlichen Quellen erschlossen bzw. konstruiert werden müssen7. Dies führt zur Rekonstruktion von Ausschnitten der vergangenen Realität, bei der eine Beachtung der sozialen Bedingungen nicht in jedem Fall notwendig scheint.8 Entsprechend hat Mergel darauf verwiesen, dass die Geschichtswissenschaft keine Instrumente zur Klärung gesellschaftlicher Fragestellungen bereitstellt.9

2 . G RUNDLAGEN (SNA)

DER

S OZIALEN N ETZWERKANALYSE

2.1 Herkunft Die SNA hat sich im Verlauf der 1950er Jahre aus strukturfunktionalistischen Ansätzen entwickelt. Bei der sich inzwischen auch in Deutschland stärker etablierenden Netzwerkforschung ist die Frage schwer zu beantworten, ob es sich bei diesem Ansatz um eine Theorie oder Methode handelt. Dies dürfte auf den Praxisbezug der empirischen Sozialforschung zurückzuführen sein, die an der Entwicklung dieser Analyseform entscheidenden Anteil hatte.10 2.2 Grundelemente der SNA Die SNA versucht die Frage, wie Vergesellschaftungen akkurat beschrieben und analysiert werden können, auf folgende Art zu lösen: Grundlegend wird von der Annahme ausgegangen, dass sie aus zwei Elementen bestehen, die als Netzwerk

7

Zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft vgl. Rohbeck, Johannes: Geschichtsphilosophie zur Einführung, Hamburg 2004, S. 15-17. Zum Problem des Konstruktivismus siehe T. Mergel: Geschichte (wie Anm. 1), S. 700-702 mit Literatur.

8

Ebd., S. 712 mit Beispiel.

9

Ebd., S. 688.

10 Zu den Entwicklungslinien siehe Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse, 2006 (3. Aufl.), S. 37-49. Dazu auch Schnegg, Michael: Die Wurzeln der Netzwerkforschung, in: Stegbauer, Christian/Häußling, Roger (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 19-28; Raab, Jörg: Der „Harvard Breakthrough“, in: Stegbauer, Christian/Häußling, Roger (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 29-37 und Ziegler, Ralf, Deutschsprachige Netzwerkforschung, in: Stegbauer, Christian/Häußling, Roger (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 39-53, alle Beiträge mit reichlich Literatur.

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bezeichnet werden. Dabei ist unter „einem ‚Netzwerk‘ […] eine Menge von Akteuren zu verstehen, die untereinander durch Beziehungen verbunden sind“11. Das eine Element bilden somit die Akteure, bei denen es sich nicht unbedingt nur um einzelne Personen, sondern auch um unterschiedliche „soziale Entitäten“ wie Familien, Firmen etc. handeln kann.12 Das zweite Element bilden die zwischen diesen Akteuren bestehenden Beziehungen oder Relationen. Um weitergehende Analysen zu ermöglichen, werden zu den Akteuren und Relationen die Attribute bestimmt.13 Attribute der Akteure können das Geschlecht, Religionszugehörigkeit, der Stand u. ä. sein. Attribute einer Beziehung können Dauer, Intensität, Richtung, zugrunde liegende Rollen etc. sein.14 Von der untersuchten Frage hängt die Art des untersuchten Netzwerks ab: Hierbei unterscheidet man das persönliche oder Ego-Netzwerk vom Gesamtnetzwerk. Beim ersteren werden bei einer begrenzten Menge von Akteuren zu jedem Akteur (Ego) alle anderen Personen (Alteri) erhoben, die durch Beziehungen eines bestimmten Typs mit Ego verbunden sind. Dabei ist es irrelevant, ob die genannten Alteri zur Untersuchungsmenge gehören oder nicht. Bei einem GesamtGesamtnetzwerk geht es dagegen darum, bei einer abgegrenzten Menge von Akteuren festzustellen, welche Arten von Beziehungen die Akteure untereinander unterhalten.15

11 Schweizer, Thomas: Netzwerkanalyse als moderne Strukturanalyse, in: Schweizer, Thomas (Hg.): Netzwerkanalyse. Ethnologische Perspektiven, Berlin 1989, S. 1. Im gleichen Sinne Knoke, David/Yang, Song: Social Network Analysis, London 2008 (2. Aufl.), S. 8f. Formalistischer die Definition bei D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 13. 12 Die Bezeichnung nach D. Knoke/S. Yang: Network (wie Anm. 11), S. 4: „social entities“, dazu auch S. 6f. Vgl. Schnegg, Michael/Lang, Hartmut: Netzwerkanalyse. Eine praxisorientierte Einführung, o. O. 2002, S. 7 (www.methoden-der-ethnographie.de/ heft1/Netzwerkanalyse.pdf); T. Schweizer: Netzwerkanalyse (wie Anm. 11), S. 1. 13 Ich folge in Terminologie und Systematik M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 11f. Attribute werden auch Merkmale genannt, siehe D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 53f. 14 Von D. Knoke/S. Yang: Network (wie Anm. 11), S. 10-12 unter „Rational Form and Content“ beschrieben. 15 Nach M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 7. Etwas abweichend Knoke/Yang: Network (wie Anm. 11), S. 13-15, S. 56; differenzierter D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 71-90.

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Die notwendigen Daten werden vor allem durch Befragung ermittelt, die das „wichtigste Erhebungsverfahren“ ist.16 Es handelt sich soweit also um eine Methode praktischer Forschung. 2.3 Konzepte Grundlegende Konzepte betreffen zum einen die Untersuchungskategorien der Relationen und gelten letztlich für beide Netzwerktypen.17 Zum anderen ist auf strukturelle Konzepte zu verweisen, die vor allem im Zusammenhang mit Gesamtnetzwerken zur Anwendung kommen. Der folgende Abriss folgt im Wesentlichen der Darstellung Schnegg/Lang18. a) Wichtige Konzepte zur Analyse der Beziehungen sind die Multiplexität, die Homophilie, sowie unterschiedliche Rollenkonzeptionen. Multiplex ist eine Relation dann, wenn sie in unterschiedlichen Kontexten von Bedeutung ist, siehe als Beispiel eine Freundschaftsbeziehung, die neben emotionaler auch wirtschaftliche Unterstützung beinhalten kann.19 Homophilie bezeichnet eine signifikante Übereinstimmung der Attribute jener Akteure, die durch eine bestimmte Relation verbunden sind, wie dies bei Freundschaften oft der Fall ist.20 Unter Rollenkonzeptionen fasse ich die Untersuchung der Zusammenhänge von sozialen Funktionen und bestimmten Merkmalen, welche sich in

16 Zur Datenerhebung siehe D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 69-71, Zitat S. 70. M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 17f., S. 18-23 geben Beispiele, die auf Befragungen basieren. Ebenso D. Knoke/S. Yang: Network (wie Anm. 11), S. 21-28, weitere Verfahren ebenda S. 28-32. 17 Diese werden von M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 27-35 im Zusammenhang der Ego-Netzwerke vorgestellt, da bei diesen die Betonung auf der einzelnen sozialen Beziehung liegt, siehe ebenda, S. 25. Von einer Beschränktheit auf eine Netzwerkart ist allerdings nicht die Rede, siehe ebenda, S. 28f. zur Multiplexität, sowie die Ausführungen zu diesem Attribut in beiden Netzwerkarten bei D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 104-112. 18 Bei der es sich meiner Meinung nach um die prägnanteste Darstellung der SNA unter praktischem Aspekt handelt, siehe M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 27-41. Ähnlich knapp, aber mit abweichender Gliederung siehe D. Knoke/S. Yang: Network (wie Anm. 11), passim. 19 M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 28. 20 Im Sinne: „Gleich und gleich gesellt sich gern“: Ebd., S. 9-31, S. 35 mit Beispielen.

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der Frage fassen lässt, „wer eigentlich welche Funktionen der Unterstützung übernimmt“21. b) Ein weiterer Komplex von Untersuchungskonzepten konzentriert sich vor allem auf die Gesamtnetzwerke. Diese können mithilfe graphentheoretischer Konzepte dargestellt und analysiert werden. Dabei erscheinen die Akteure als Punkte (Knoten), die Relationen als Verbindungslinien (Kanten).22 An diese Darstellungsart knüpfen sich die Analysekonzepte der Dichte, Verbundenheit, Zentralität und die Untersuchung von Subgruppen.23 Dichte bezieht sich auf die Verbundenheit des Netzwerks als Ganzes und bezeichnet dabei den „Anteil der tatsächlichen bezogen auf die möglichen Beziehungen“ in Relation zur Netzwerkgröße und Beziehungsart.24 Die Zentralität nimmt dagegen den einzelnen Akteur in den Blick und fragt nach dessen Einbindung in das Netzwerk, indem die ein- und ausgehenden Beziehungen untersucht und gewichtet werden.25 Hieran knüpfen sich spezifischere Konzepte zur Analyse unterschiedlicher Fragen an, wie beispielsweise die Betweenness-Zentralität, welche die Anzahl der über einen Akteur laufenden Beziehungspfade als Gradmesser für dessen Einfluss betrachtet.26 Über die Zentralitätskonzepte sind auch Subgruppen zu identifizieren. Bei den Subgruppen handelt es sich um Bereiche des Netzwerks, die stärker untereinander verbunden sind. Die Identifizierung von Subgruppen ermöglicht weitere strukturelle Aussagen über das Netzwerk wie auch über einzelne Akteure, die beispielsweise zwischen einzelnen Gruppen

21 Dazu ebd., S. 31-35, Zitat S. 31. Zur Problematik des Rollenbegriffs siehe ebd., S. 14f. 22 Zur Graphentheorie siehe D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 91-99 mit weiterer Literatur. 23 M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 35. 24 Ebd. S. 36. 25 Ebd., S. 36f. 26 Zu den unterschiedlichen Aspekten der Zentralität wie In- und Outdegree, Gradzentralität etc. siehe ebd., S. 36-39. Siehe auch D. Knoke/S. Yang: Network (wie Anm. 11), S. 62-70.

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vermitteln.27 Hierher gehören auch weiterführende Konzepte wie die der Cliquenanalyse.28 Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass es sich bei der SNA um eine Verknüpfung methodischer Vorgehensweisen mit theoretischen Vorannahmen handelt, deren Begründung und Abgrenzung nicht immer einsichtig sind.29 Die vornehmlich durch Befragung erhobenen Daten ermöglichen eine quantitative Analyse erst dann, wenn für jeden Akteur eines Netzwerks gleichartige und vollständige Datensätze vorliegen. Vor diesem Hintergrund ist jetzt zu klären, wie weit eine Anwendung der SNA im speziellen Kontext der Alten Geschichte möglich erscheint. 2.4 SNA und Alte Geschichte Ein wegweisendes und daher oft zitiertes Beispiel der Anwendung der SNA in der Geschichtswissenschaft erfolgte bei der Untersuchung des Aufstiegs der Medici während der italienischen Renaissance.30 In der Folge wurde auch eine Applikation derselben auf Fragestellungen der Alten Geschichte versucht.31 Einen umfassenden Versuch stellt G. Ruffinis Untersuchung des byzantinischen Ägyp-

27 M. Schnegg/H. Lang: Netzwerkanalyse (wie Anm. 12), S. 39f. 28 Zu Cliquen siehe D. Jansen: Einführung (wie Anm. 10), S. 191-211, mit Konzepten und Beispielen. Kürzer D. Knoke/S. Yang: Network (wie Anm. 11), S. 72-76. 29 Auf das Fehlen einer „eigenständigen Netzwerktheorie“ verweist Holzer, Boris, Netzwerktheorie, in: Kneer, Georg/Schroer, Markus (Hg.), Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, S. 253f. mit Literatur. Siehe auch Stegbauer, Christian/Häußling, Roger: Einleitung. Theorien und Theoreme der Netzwerkforschung, in: Dies. (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 237-239 mit weiterer Literatur. 30 Padgett, John F./Ansell, Christopher K.: Robust Action and the Rise of the Medici, 1400-1434, in: American Journal of Sociology 98 (1993) 6, S. 1259-1319. 31 Siehe z. B. Alexander, Michael C./Danowski, James A.: Analysis of an Ancient Network: Personal Communication and the Study of Social Structure in a Past Society, in: Social Networks 12 (1990), S. 313-335; White, L. Michael (Hg.): Social Networks in the Early Christian Environment. Issues and Methods for Social History (= Semeia 56), Atlanta 1992; Ruffini, Giovanni Roberto: Social Networks in Byzantine Egypt, Cambridge/New York 2008; Rollinger, Christian: Solvendi sunt nummi. Die Schuldenkultur der späten römischen Republik im Spiegel der Schriften Ciceros, Berlin 2009; Malkin, Irad et al. (Hg.): Greek and Roman Networks in the Mediterranean, London 2009.

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tens dar, in deren Rahmen quantitativ aus zahlreichen Papyri-Funden erschlossene Daten analysiert wurden.32 Damit stand dem Autor eine Datenmenge zur Verfügung, die in der Alten Geschichte meines Wissens keine Parallele hat und keine Vergleichbarkeit mit früheren Ereignissen im Westen des Römischen Reichs ermöglicht.33 Dagegen bietet der von L. M. White herausgegebene Sammelband eine Einführung in die SNA für Althistoriker, wobei die Bedeutung der sozialen Strukturen für die Verbreitung religiöser Ideen im Vordergrund steht.34 In seinen Beiträgen verweist der Herausgeber auch auf die Rolle der spätrömischen Aristokratie in Rom, die auf der Grundlage der Begriffe und Konzepte der SNA beschrieben wird.35 Im Folgenden soll auf die Punkte eingegangen werden, welche die oben gegebene Einführung ergänzen und Probleme schärfer hervortreten lassen. Whites Einführung in die SNA basiert im Wesentlichen auf den oben erläuterten Elementen und Konzepten, die allerdings unter anderen Gesichtspunkten geordnet werden.36 Ziel dieser Ordnung ist die Entwicklung eines Handlungsmodells, das vor allem auf dem Konzept der Subgruppe (cluster) basiert. Da die-

32 G. R. Ruffini: Byzantine Egypt (wie Anm. 31), S. 2, 21-24 zur Datengrundlage. 33 Entsprechende Kritik bei Whately, Conor: Rezension, in: Bryn Mawr Classical Review 2009.07.25 online: http://bmcr.brynmawr.edu/2009/2009-07-25.html. Sowie zur Datengrundlage O’Connell, Elisabeth R.: Rezension, in: The Journal of Interdisciplinary History 41 (2010), S. 173f. Eine Auseinandersetzung mit seinem methodischen Vorgehen steht noch aus. 34 Siehe das Vorwort des Herausgebers L. M. White: Christian Environment (wie Anm. 31), S. VIIf. Zum Sammelband siehe G. R. Ruffini: Byzantine Egypt (wie Anm. 31), S. 15: „the landmark work of ancient network analysis“. 35 White, L. Michael: Finding the Ties that Bind: Issues from Social Description, in: Ders. (Hg.), Social Networks in the Early Christian Environment. Issues and Methods for Social History (= Semeia 56), Atlanta 1992, S. 3-22: Zur stadt- und provinzialrömischen Oberschicht. Zur Theorie vgl. ebd.: Social Networks. Theoretical Orientation and Historical Applications, in: Ders. (Hg.), Social Networks in the Early Christian Environment. Issues and Methods for Social History (= Semeia 56), Atlanta 1992, S. 23-36. 36 L. M. White: Social Networks (wie Anm. 35), S. 26f.: Hier werden unter dem Begriff „interactional dynamics“ die Attribute der Relationen, sowie die Konzepte der Multiplexität und Rollenfunktion zusammengefasst. Auf S. 27-29 werden unter „morphological structures“ die oben vorgestellten Konzepte der Netzwerkgröße, Dichte, Zentralität und der Subgruppen (cluster) erläutert.

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se einen intern stärker verbundenen Bereich des Netzwerks mit hoher Dichte bezeichnet37, wird aufgrund dieser Struktur von einer normativen Beeinflussung der Handlungen der Akteure ausgegangen. Da ein Akteur meist unterschiedlichen Subgruppen angehört, versucht er sich der jeweiligen Gruppe anzupassen, in der er sich gerade aufhält und die Normen und Erwartungen der einzelnen Gruppen auf einer persönlichen Ebene auszugleichen.38 Etwas verfeinert versucht White dieses Modell zur Erklärung der „Christianisierung der römischen Welt“ heranzuziehen, wobei nicht nur eine Erklärung für das strukturbedingte Verhalten von Akteuren, sondern auch für die Valenz antiker sozialer Normen angeboten wird.39 Zwei wichtige Aspekte hinsichtlich der Anwendung der SNA sind meiner Meinung nach hervorzuheben: Zunächst der Hinweis, dass Daten für eine soziologische Analyse aus Ereignissen und Sachverhalten abgeleitet werden müssen, die selbst aus Quellen rekonstruiert worden sind.40 Dies fasse ich unter dem Stichwort Kodierungsproblem zusammen. Dabei ist im Blick zu behalten, dass die Rekonstruktion antiker Vergesellschaftungen anhand theoretischer Modelle erfolgt, die aus anderen sozialen und kulturellen Kontexten und Zeiten stammen.41 Folglich ist immer zu erwägen, wie weit die erschlossenen Daten und die verwendeten Modelle angemessen sind. Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Möglichkeit der SNA, eine quantifizierende Analyse durchzuführen: Nach White ist eine solche Analyse, die vor allem auf den Grad der Verbundenheit gerichtet ist, nur dann möglich, falls „one has a rather complete profile of the actors“42. Gerade dieser Aspekt ist meines Erachtens ausschlaggebend, denn für die Antike liegen keine solch umfangreichen Quellen vor, die es erlauben, jeweils komplette Datensätze zu einer größeren Zahl von abgrenzbaren Akteuren zu erschließen.43 Vor diesem Hintergrund

37 Ebd., S. 28: „Clusters are smaller networks unto themselves which have a relatively higher internal density (i.e., interconnectedness among members of the cluster) than the density of the surrounding network“. 38 Ebd., S. 28f., S. 32f. 39 Wie sie sich in sozialen „Institutionen“ wie dem Patronat und der amicitia manifestierten, siehe ebd., S. 34-36. 40 Ebd., S. 29f. Siehe dazu oben. 41 Ebd., S. 30. 42 Ebd., S. 25f, Zitat auf S. 28. 43 Eine Ausnahme bilden die oben erwähnten Papyri-Funde. Solch detaillierte Quellen finden sich jedoch selten, wie die Einträge in der prosopographischen Literatur belegen, siehe dazu auch unten.

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ist eine quantitative Analyse unmöglich. Dagegen ist es nach dem Beispiel von White durchaus möglich, sich an Konzepten der SNA zu orientieren, um Modelle zu entwickeln, die der Erklärung von Handlungen dienen und ein besseres Verständnis der Untersuchungskultur fördern können.44

3 . ANWENDUNG : Q. AURELIUS S YMMACHUS RÖMISCHE ARISTOKRATIE

UND DIE

Die Rekonstruktion der spätantiken Aristokratie in Rom orientiert sich am Leben des Senators Q. Aurelius Symmachus, der aufgrund seiner überlieferten Schriften zu einem der bekanntesten Vertreter dieser gesellschaftlichen Schicht gehört (s. u.). Aus seiner Biographie können nicht nur strukturelle Beobachtungen hinsichtlich der sozialen Einbettung eines Aristokraten abgeleitet werden, sondern seine literarischen Äußerungen bieten auch die Möglichkeit, einen qualitativnormativen Aspekt zu integrieren. Auch White bietet eine Darstellung der spätrömischen Aristokratie im Kontext des sozialen und religiösen Wandels. Er kommt zu dem Schluss, dass im strukturell homogenen Umfeld der Aristokratie die religiöse Orientierung vor allem der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subgruppe geschuldet zu sein scheint, womit deren stärkere interne Vernetzung in den Vordergrund der Untersuchungen rückt.45 Besonderen Raum nimmt die Darstellung der heidnischen Familien um Symmachus ein, die auch in einem Schaubild umgesetzt wird.46 In Bezug auf beide möchte ich auf folgende Kritikpunkte hinweisen: Bei vielen der von White zu einem Netzwerk verbundenen Personen ist zum einen die Verwandtschaft oder ihr Grad nicht gesichert, zum anderen gehören sie unterschiedlichen Generationen an. Die bildliche Umsetzung gleicht folglich einem erweiterten Stemma.47 Der generationenübergreifende Vergleich der Akteure und ihrer Attribute lässt meines Erachtens Veränderungen im Status aus dem Blick geraten und tendiert damit zu struktureller Nivellierung. Diese beiden Aspekte verweisen auf ein grundsätzliches Problem der Modellbildung, die immer

44 In diesem Sinne auch L. M. White: Social Networks (wie Anm. 35), S. 31. 45 L. M. White: Finding the Ties (wie Anm. 35), S. 6-15, siehe vor allem die Zusammenfassung S. 15. 46 Ebd., S. 6-12 mit Fig. 1 auf S. 11. 47 Ebd., S. 11, Fig. 1, mit den unsicheren Verwandtschaften durch gestrichelte Linien gekennzeichnet. Zu den Lebensdaten einzelner Akteure siehe unten.

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nur einen bestimmten Zeitpunkt abbilden kann und damit historische Prozesse nicht zu fassen erlaubt. Das folgende Modell soll diese Problematik entschärfen, indem versucht wird, zu bestimmten, enger gefassten Zeitpunkten eine Rekonstruktion der römischen Aristokratie zu liefern. Erst ein Vergleich dieser untereinander kann dann eine weiterführende Analyse ermöglichen. 3.1 Forschungsstand In der älteren Forschung wurde die Spätantike vor allem unter dem Aspekt des religiösen Wandels betrachtet, wobei der „Sieg des Christentums“ ein beherrschendes Thema war.48 Besonderes Interesse fand dabei die religiöse Auseinandersetzung und ihre Protagonisten, wobei Symmachus als einer der letzten Vorkämpfer eines im Untergang begriffenen Heidentums gesehen wurde.49 Heute hat diese teleologisch konnotierte Perspektive an Bedeutung verloren, sodass die Frage nach dem religiösen Wandel nun in enger Verbindung mit der Sozialgeschichte behandelt wird.50 Ein Beispiel für diesen Ansatz bietet M. R. Salzman mit ihrer Untersuchung der römischen Aristokratie im Westen des Imperiums. Diese stellt die Akzeptanz des Christentums an die Bedingung geknüpft dar, dass es den gesellschaftlichen Status adäquat repräsentieren kann.51 Monographische Darstellungen der spätrömischen Aristokratie, die diese nicht im Kontext des religiösen Wandels, sondern sozialgeschichtlich behandeln, sind

48 Als Beispiele mögen folgende Darstellungen dienen: Seeck, Otto: Geschichte des Untergangs der antiken Welt 5, Stuttgart 2000 (Nachdr. von 1921), S. 195-199. Geefcken, Johannes: Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums, Heidelberg 1972 (Nachdr. von 1929), S. 141-177. Klein, Richard: Symmachus. Eine tragische Gestalt des ausgehenden Heidentums, Darmstadt 1971 (2. Aufl.), insbesondere S. 1667. 49 Dazu R. Klein: Symmachus (wie Anm. 48), S. 57-67, sowie ders. (Hg.): Der Streit um den Viktoriaaltar, Darmstadt 1972. 50 Siehe L. M. White: Finding the Ties (wie Anm. 35), S. 20. Einen Forschungsüberblick gibt Salzman, Michele R.: The Making of a Christian Aristocracy. Social and Religious Change in the Western Empire, Cambridge/London 2002, S. IX-XII. 51 M. R. Salzman: Aristocracy (wie Anm. 50), S. 13-20. Dazu Stickler, Timo: Rezension, in: H-Soz-u-Kult, 24.05.2004 (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ 2004-2-125) sowie Mäckel, Iris: Rezension in: Plekos 5 (2003), S. 225-230 (http://www.plekos.uni-muenchen.de/2003/rsalzman.pdf).

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dagegen selten.52 Vor diesem Hintergrund versucht die vorliegende Untersuchung eine Rekonstruktion des sozialen Umfelds der spätrömischen Aristokratie in Rom mithilfe der Konzepte der SNA. Dabei stehen die einzelnen Akteure im Mittelpunkt, wobei die Religion als ein Attribut neben anderen etwas in den Hintergrund tritt. Ein Grundproblem besteht darin, die Relationen aus den Quellen abzuleiten, die eine angemessene Darstellung des aristokratischen Netzwerks ermöglichen. 3.2 Die Quellen Obwohl die Schriften des Symmachus aufgrund ihrer Überlieferung zu den umfangreichsten Primärquellen gehören53, stützt sich die folgende Rekonstruktion vornehmlich auf eine andere Quelle: Hierbei handelt es sich um die „Römische Geschichte“ des Ammianus Marcellinus, der als Zeitgenosse die stadtrömische Aristokratie allgemein, wie auch einzelne Protagonisten derselben, beschrieben hat.54 Weitere Informationen wurden der prosopographischen Literatur entnommen, welche auch die Inschriften erschließt, die teilweise den einzigen Zugriff auf die Ämterlaufbahn (cursus honorum) und die Priesterämter einer Person ermöglichen. Wurden ergänzende Angaben zu den Priesterämtern dem von J. Rüpke verfassten Teil 1 der Fasti Sacerdotum entnommen55, so stellt das wichtigstes Werk die Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE) Bd. 1 dar,

52 Prominente Beispiele sind Arnheim, M.T.W.: The Senatorial Aristocracy in the Later Roman Empire, Oxford 1972; Matthews, John: Western Aristocracies and Imperial Court A.D. 364-425, Oxford 1975. Einen Überblick zur senatorischen Oberschicht geben Demandt, Alexander: Die Spätantike, München 2007 (2. Aufl.), S. 329-343 mit Literatur und Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung, München 1995 (3. Aufl.), S. 73-76, 186f. Literatur S. 278f. 53 Einen Überblick zum opus Symmachum gibt A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 39f. mit Literatur. Detaillierter bei Sogno, Cristiana: Q. Aurelius Symmachus. A Political Biography, Ann Arbor 2006, S. VIIf. mit weiteren bibliographischen Angaben. 54 Zu Ammian siehe A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 10 mit Literatur. Folgende Übersetzung wurde benutzt: Seyfarth, Wolfgang: Ammianus Marcellinus. Römische Geschichte 4. Buch 26-31, Berlin 1978 (2. Aufl.). 55 Rüpke, Jörg: Fasti Sacerdotum. Teil 1. Jahres- und Kollegienlisten, Wiesbaden 2005.

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deren Amtsabkürzungen und nummerierte Kurznamen im folgenden Text benutzt werden.56 3.3 Q. Aurelius Symmachus Da wir uns der römischen Gesellschaft von der Person des Q. Aurelius Symmachus aus nähern wollen, soll zunächst ein kurzer Überblick über sein Leben gegeben werden.57 Symmachus wurde zwischen 340 und 345 n. Chr. geboren.58 Er entstammte einer angesehenen Familie, sein Vater war Symmachus (3), die Mutter ist namentlich nicht bekannt. Er hatte drei Brüder und eine Schwester.59 Das erste Amt seines cursus honorum belegt ihn als corrector Lucaniae et Britiorum im Jahr 365. Seine politische Karriere gewinnt im Jahre 369 an Fahrt, als er als Mitglied einer senatorischen Gesandtschaft nach Trier reist, um Kaiser Valentinian I. anlässlich seines fünfjährigen Thronjubiläums ein Goldgeschenk des Senats zu überreichen.60 Bei diesem Anlass hält Symmachus eine Lobrede auf den Kaiser, es folgt die Aufnahme in den Hofstaat. Erst Ende 370 erfolgt die Rückkehr nach Rom. Für die Jahre 373/4 ist er als proconsul Africae bezeugt. 375 ist die abermalige Rückkehr nach Rom und Hochzeit mit Rusticiana, der Tochter des Orfitus (3) überliefert.61 Aus der Ehe gehen der Sohn Q. Fabius Memmius Symmachus und eine namentlich nicht bekannte Tochter hervor.62

56 Jones, A. H. M. et al. (Hg.): The Prosopography of the Later Roman Empire. A.D.260-395, Cambridge u.a. 1975 (Nachdr. von 1971). In den folgenden Fußnoten: PLRE. Abkürzungen ebenda auf S. XX-XXI. 57 Die Darstellung folgt Seeck, Otto: Art. Symmachus (18), in: RE II 7, Sp.1146-1152 und C. Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), passim. Eine aktuelle Biographie des Symmachus, welche die inzwischen erfolgten Einzelforschungen berücksichtigt, ist ein Desiderat. 58 Alle Jahreszahlen im Folgenden nach Christus. 59 Vater: L. Aurelius Avianius Symmachus signo Phosphorius, siehe PLRE Bd.1, 863865. Brüder: Titianus (5), PLRE Bd.1, S. 917f.: Celsinus Titianus; Valentinus (7), PLRE Bd.1, S. 936: Avianius Valentinus; Vindicianus (4), PLRE Bd.1, S. 968: Avianius Vindicianus. Siehe auch PLRE Bd.1, S. 1146, Stemma 27. 60 Das Datum des Thronjubiläums nach O. Seeck: Symmachus (wie Anm. 57), Sp.1146: 25. Februar 369. 61 Zu Rusticiana siehe PLRE Bd.1, S. 786f; zu Orfitus (3) siehe PLRE Bd.1, S. 651-642: Memmius Vitrasius Orfitus. 62 Dazu Art. Symmachus (4), in: PLRE Bd.1, S. 869.

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Um die Mitte des Jahres 384 übernimmt er die Stadtpräfektur in Rom, tritt aber nach wenigen Monaten 385 zurück. In seine Amtszeit fällt die Auseinandersetzung um den Altar der Viktoria, der aus dem Versammlungslokal des Senats entfernt worden war, wogegen Symmachus mit einem amtlichen Schreiben beim Kaiser protestierte. Die publizistischen Erwiderungen des Bischofs Ambrosius machten dieses Ereignis zu einem Symbol des „Kampfes“ zwischen heidnischen und christlichen Angehörigen der Oberschicht.63 Zu ersteren gehörte Praetextatus, der politische Mentor des Symmachus und enger Freund seines Vaters. Ein weiterer politischer Weggefährte von Symmachus ist sein Freund und entfernter Verwandter Flavianus (15).64 Nach dem Tode von Kaiser Valentinian II. kompromittiert sich Symmachus, als er für den Usurpator Maximus 388 eine Lobrede hält. Dennoch gelingt es ihm, sich nach dem Sieg des Kaisers Theodosius zu rehabilitieren, wie die Verleihung des Konsulats für das Jahr 391 zeigt. Im Zuge der EugeniusUsurpation von 392 bis 394 scheint sich Symmachus politisch bedeckt gehalten zu haben.65 Dies erstaunt umso mehr, als sein Freund Flavianus (15) einer der Hauptprotagonisten dieser Usurpation war und sich nach deren Scheitern das Leben nahm. Nach 394 setzte sich Symmachus für den gleichnamigen Sohn des Flavianus ein.66 In den folgenden Jahren kümmerte er sich auch um die politische Laufbahn seines Sohnes. Seinen überlieferten Briefen ist zu entnehmen, dass Symmachus bis zu seinem Tod im Jahr 402 Kontakt zu den politisch ausschlaggebenden Kreisen des Imperiums hatte. 3.4 Rekonstruktion I – Die stadtrömische Aristokratie 369-373 Zur Aristokratie gehörte jeder, der den Titel vir clarissimus (v.c.) führte.67 Dabei gab es unterschiedliche Möglichkeiten diesen zu erlangen: Zum einen konnte der

63 Siehe dazu die Arbeiten von R. Klein: Symmachus (wie Anm. 48) und R. Klein: Streit (wie Anm. 49). Sowie A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 160f. mit weiterer Literatur. 64 Zu Vettius Agorius Praetextatus siehe PLRE Bd.1, S. 722-724. Zu Flavianus (15) PLRE Bd.1, S. 347-349: Virius Nicomachus Flavianus, zu diesem auch PLRE Bd.1, S. 1140, Stemma 16. 65 Zur Eugenius-Usurpation siehe A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 166-168 mit Literatur. 66 Dieser ist Flavianus (14) nach PLRE Bd.1, S. 345-347: Nicomachus Flavianus. 67 Die folgende Darstellung folgt M. T. W. Arnheim: Senatorial Aristocracy (wie Anm. 52), S. 8-19, insbesondere S. 8f.; M. R. Salzman: Christian Aristocracy (wie Anm.

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Titel vom Vater geerbt werden.68 Daneben war auch eine Aufnahme in den Senat durch Kooptation (adlectio) möglich. Senator wurde man dann, wenn man neben dem Geburtsrang oder der Ernennung auch die senatorische Ämterlaufbahn (cursus honorum) absolvierte.69 Von diesen Personen sind diejenigen abzugrenzen, die den Titel deswegen führten, weil er an bestimmte hohe Ämter gebunden war und jene, die ihn als Auszeichnung vom Kaiser verliehen bekamen. Diese Aufsteiger, die zwar nominell auch zur Aristokratie gehörten, wurden vom „Geburtsadel“ abgelehnt.70 Als Vertreter des letzteren gibt Symmachus (4) ein Zeugnis seines Standesbewusstseins, indem er den Senat als „höchsten Stand“ (amplissimus ordo)71, die Senatoren als den „besseren Teil der Menschheit“ (pars melior humani generis)72 beschreibt. 3.4.1 Ort und Zeitraum der Rekonstruktion Der Ort der Untersuchung ist Rom, als Zentrum des politischen und auch religiösen Lebens73, wobei der Zeitraum zunächst durch die Darstellung des Ammianus Marcellinus bestimmt wird, der für die Zeit zwischen 369 und etwa 374 von einer Reihe von Prozessen gegen Angehörige der Aristokratie berichtet.74 Hier ist nicht der Platz, diese Prozesse genauer nachzuzeichnen75, aber Ammianus’ Schilderung kann gleichsam als Namensgenerator eingesetzt werden, denn von

50), S. 20-24, hier S. 24 zur Problematik der Verwendung des Begriffs Aristokratie. Überblick und Literatur bei A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 333-336. 68 In diesem Sinne gilt dies auch für Frauen, die ebenfalls den Titel clarissima femina (c.f.) führten. Dieser konnte auch über den Ehemann erlangt werden, dazu M. T. W. Arnheim: Senatorial Aristocracy (wie Anm. 52), S. 9. 69 Dazu A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 333f. Zu den senatorischen Eingangsmagistraturen siehe auch Kuhoff, Wolfgang: Studien zur zivilen senatorischen Laufbahn im 4. Jahrhundert n. Chr., Frankfurt/Bern 1983, S. 248f. 70 Vgl. Amm. XXVIII 4, 6-7. Dazu auch A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 335. 71 Symm. ep. I 44, 2. Bezug auf Symm. or. 7, 4, siehe dazu Pabst, Angela (Hg.): Quintus Aurelius Symmachus. Reden, Darmstadt 1989, S. 118f. mit Anm. 11. 72 Symm. ep. I 52. 73 Unter Rom wird hier auch das Einzugsgebiet verstanden, das eine Partizipation am politischen Leben der Stadt noch ermöglichte. 74 Zum Auftakt der Prozesse siehe Amm. XXVIII 1, 8-13. 75 Zu diesen A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 142 mit Literatur in Anm. 61. Siehe auch Coúkun, Altay: Ammianus Marcellinus und die Prozesse in Rom. A. 368/9-71/74, in: Tyche 15 (2000/2001), S. 63-92 mit reichlich Literatur.

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den meisten Opfern werden nicht nur die Namen, sondern auch der Rang genannt.76 Da es generell schwierig ist, das Ende der Prozesswelle zu bestimmen77, wurde hierbei die Biographie des Symmachus (4) herangezogen: Deckt sich der Beginn der Prozesse mit seiner Gesandtschaftsreise, so wurde als Ende des Rekonstruktionszeitraums das Datum seines Amtsantritts als Prokonsul von Afrika 373 gesetzt. 3.4.2 Vorgehensweise und Darstellung Ausgehend von Ammians Darstellung wurden weitere Personen über die PLRE und die Fasti Sacerdotum ergänzt.78 Die auf diese Weise erschlossenen Akteure und Relationen wurden mit dem Programm UCINET/Netdraw79 in dem Graph (Abb. 1) visualisiert, wobei die Akteure als Punkte und die Beziehungen als Pfeile erscheinen. Weitere Erläuterungen zu diesem Graphen werden im Folgenden vorgestellt. Akteure Es wurden 68 Akteure erschlossen, wobei nur die Personen Aufnahme fanden, die in einem politisch handlungsfähigen Alter waren. Dies bedeutet, dass beispielsweise der noch minderjährige Sohn von Flavianus (15) nicht im Graphen erscheint.80 Attribute der Akteure Da der Rang konstituierend für die Abgrenzung des Netzwerks ist, stellt der senatorische Rang auch das wesentliche Attribut der Akteure dar.81 Die so identifizierten Akteure sind rot dargestellt. Daneben finden sich aber auch Personen für die zwar ein hoher Rang anzunehmen, aber nicht belegt ist. Diese werden mit schwarzer Farbe wiedergegeben. Zu diesen gehören Aufsteiger wie Maximinus

76 Siehe die Beschreibung Amm. XXVIII 1, 5-57. 77 Siehe A. Coúkun: Ammianus (wie Anm. 75), S. 65f. Dieser Autor konzentriert sich hauptsächlich auf die Amtszeiten des Maximinus (7), der 371/2 an den Hof delegiert wurde, siehe zusammenfassend S. 90. 78 Siehe PLRE Bd.1, ab S. 1041 die Amtslisten. 79 Borgatti, Stephen P./Everett, Martin G./Freeman, Lin C. 2002. Ucinet for Windows: Software for Social Network Analysis. Harvard, MA: Analytic Technologies, Version 6.338. 80 Zu Flavianus (14) siehe PLRE Bd.1, S. 345-347. 81 Der Titel v.c. bzw. f.c. wurde nach der PLRE Bd.1 erschlossen.

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(7), der als Provinziale erst im Verlauf seines cursus honorum den Titel v.c. erhielt82, wie auch weitere städtische Amtsträger wie die beiden Ursicini83. Aber auch Victorinus (5) ist in diesem Zusammenhang zu nennen, für den aufgrund seiner Beziehungen zu hochrangigen Aristokraten ebenfalls ein hoher Rang anzunehmen ist (s. u.). Eine Verlegenheitslösung bilden die mit blauer Farbe gekennzeichneten Personen wie z. B. Campensis und Amantius (2). Diese sind als Eingeweideschauer (haruspices) bezeugt, wobei der Rang derselben nicht sicher zu bestimmen ist.84 Für diese Akteure wird der Rang eines freien Bürgers angenommen, der mit blauer Farbe gekennzeichnet ist. Weitere Attribute sind das Geschlecht, wobei Männer durch runde Knoten und Frauen durch eckigen Knoten dargestellt werden, sowie das politische Amt. Dieses ist dem Namen beigegeben, wobei lediglich das höchste Amt im umrissenen Zeitraum mit dem Datum des Ausscheidens benannt wird. 3.4.3 Relationen Anhand der Quellen wurden folgende Relationen rekonstruiert: Einmal die Verwandtschaft, dann Freundschaftsbeziehungen und die politische und religiöse Zusammenarbeit. Verwandtschaft Unter Verwandtschaft werden hier die Ehepartner mit ihren Kindern gefasst, sowie die Geschwister untereinander. Hierbei wurden nur die in den Artikeln und Stemmata der PLRE als sicher belegte Verwandtschaftsverhältnisse dargestellt.85 Durch diese Beschränkung soll eine gewisse Übersichtlichkeit gewährleistet werden.86 Ein Beispiel liefert hierfür wiederum Symmachus (4) selbst: Bei diesem ist weder der Name seiner offenbar prominenten Mutter noch der seiner

82 Wohl vor 366, siehe PLRE I, S. 577. Dazu auch Kuhoff, Studien (wie Anm. 70), S. 68. 83 Zu Ursicinus (6) und (7) siehe PLRE Bd.1, S. 987. 84 Siehe dazu Wissowa, Georg: Religion und Kultus der Römer, München 1971 (2. Aufl.; Nachdr. 1912), S. 547-549. Hier wird auf haruspices im privaten Kontext verwiesen, der genaue Status derselben ist nicht klar zu ersehen. So auch Latte, Kurt: Römische Religionsgeschichte, München 1960, S. 396f. 85 PLRE I, S. 1133-1147. 86 Siehe die Ausführungen in der Einleitung zu Kap. 3.

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Schwester erhalten.87 Die Beziehung „Verwandtschaft“ wird durch dicke Kanten wiedergegeben. Freundschaft Diese Relation wird im modernen Sinn als reziproke Beziehung von sich als gleichwertig empfindenden Personen betrachtet, deren Grundlage gegenseitige Sympathie ist.88 Eine solche muss aus den Quellen abgeleitet werden, was einmal die Beschreibungen Dritter ermöglichen: Siehe Ammianus Marcellinus, der Victorinus (5) einen engen Freund des Maximinus (7) nennt.89 Daneben können aber auch die Briefcorpora und bestimmte Ereignisse als Indizien dienen.90 Die Freundschaftsbeziehung wird mit dünnen Kanten dargestellt. Zusammenarbeit Politische Zusammenarbeit bedeutet, dass die Akteure durch ihr Amt miteinander verbunden sind. Die Amtsträger finden sich auf der linken oberen Seite des Graphen. Es handelt sich hierbei um den Versuch, einen Auszug des Organigramms der stadtrömischen Behörden mit dem Stadtpräfekten an der Spitze in das Netzwerk zu integrieren.91 Die Pfeilrichtung soll dabei den jeweils Vorgesetzten indizieren. Zu dieser Form der Zusammenarbeit gehören zudem auch die Angestellten anderer Amtsträger, z. B. der Provinzverwaltung, wie auch Gesandtschaften. Unter religiöser Zusammenarbeit verstehe ich die gemeinsame Teilhabe an einem hohen Priesterkollegium.92 Entsprechend der von J. Rüpke herausgegebenen Fasti Sacerdotum sind folgende collegia aufgenommen worden: Die Vestapriester (pontifices Vestae), die Sol-Priester (pontifices Solis), die augures,

87 Dazu PLRE Bd.1, S. 1146, Stemma 27, siehe zur Mutter auch M. T. W. Arnheim: Senatorial Aristocracy (wie Anm. 52), S. 119. 88 Siehe dagegen den antiken Begriff amicitia. Dieser wurde teilweise auch für abhängige Klienten benutzt so L. M. White: Social Networks (wie Anm. 35), S. 35 mit Literatur. Siehe auch den Beitrag von Marcello Ghetta in diesem Band. 89 Amm. XXVIII 1, 27: qui erat amicus Maximino iunctissimus. Zur Freundschaft siehe auch unten. 90 Zur Rolle des Briefwechsels des Symmachus in diesem Kontext siehe C. Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 63. Ein Beispiel für historische Ereignisse bildet der Kreis um Victorinus (5), dazu unten. 91 Überblick bei A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 432f. 92 Zur Rangfolge der folgenden Priesterkollegien siehe G. Wissowa: Religion (wie Anm. 84), S. 483f.

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das „15 Männerkollegium“ zur Befragung der Sibyllinischen Bücher (XVviri sacris faciundis) und die epulones.93 Die Beziehung „Zusammenarbeit“ wurde in dünnen Kanten wiedergegeben, wobei sich eine Unterscheidung zwischen politischer und religiöser Zusammenarbeit aufgrund der Dichte letzterer in der Mitte des Graphen erübrigte (s.u.). 3.5 Diskussion Der erste Graph (Abb. 1) zeigt die Visualisierung der vorgestellten Akteure und Relationen. Soweit ich sehe, handelt es sich dabei um die erste Zusammenstellung aller Personen senatorischen Rangs, für die in dem Zeitraum zwischen 369 und 373 ein Aufenthalt in Rom oder der Nähe von Rom wahrscheinlich gemacht werden kann. Abbildung 1: Die stadtrömische Aristokratie 369-373

Quelle: Eigene Darstellung

Folgende Verwandtschaftsbeziehungen werden dargestellt: Im mittleren oberen Teil des Graphen sind die Angehörigen der gens Petronia zu sehen, bestehend

93 Zu den Funktionen siehe J. Rüpke: Fasti (wie Anm. 55), S. 19-21, mit Literatur. Vgl. G. Wissowa: Religion (wie Anm. 84), S. 479-566. K. Latte: Religionsgeschichte (wie Anm. 84), S. 195-212, zu den erwähnten Priesterschaften siehe S. 396-402.

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aus den Eltern Proba (2) und Celsinus (6), sowie deren Söhne Alypius (13) und Olybrius (3), sowie dessen Frau Iuliana (3).94 Etwas rechts der Mitte befindet sich die Familie der Symmachi, mit dem älteren Symmachus (3) und seinen Söhnen Titianus (5), Valentinus (7), Vindicianus (4) und Symmachus (4).95 Darunter sind die Angehörigen der Familie der Ceionii Rufii zu erkennen, die sich um die Eltern Volusianus (5) und Lolliana gruppieren. Es sind die beiden sicher belegten Söhne Volsianus (3) und Lollianus (1). Daneben ist der Vater der Lolliana, Postumianus (1) aus der Familie der Caecinae Sabini, dargestellt.96 Von den Angehörigen der gens Flaviana wurden in der Mitte des Graphen nur Venustus (5) mit seinem Sohn Flavianus (15) dargestellt. Neben diesen findet sich die Familie des Praetextatus, der mit seiner Frau Paulina (4) und seiner Verwandten Praetextata erscheint.97 Oben rechts ist Hymetius mit seinem Bruder Toxotius (2) zu sehen, der mit Paula (1), der späteren Heiligen, verheiratet war.98 Weitere Familien finden sich links unten im Graphen mit Secundus (6), seiner Frau Eunomia und seinem Bruder Apronianus (10)99, sowie auf der rechten Seite mit den Ehepaaren Chilo und Maxima, Marcellus und Rufina (1).100 Auf der linken oberen Seite wurde Victorinus (5) mit seiner Frau Anepsia dargestellt, deren namentlich nicht bekannte Tochter später Maximinus (7) heiratete.101 Unterhalb von Victorinus (7) finden sich mit Bassus (21) mit seinem Bruder Camenius (1) Angehörige der Familie der Ceionii Iuliani102. Am rechten

94

Vgl. PLRE Bd.1, S. 1144, Stemma 24.

95

Die Mutter ist aufgrund fehlender Informationen nicht dargestellt, siehe oben. Überblick PLRE Bd.1, S. 1146, Stemma 27.

96

Zu C.Ceionius Rufius Volusianus (5) signo Lampadius: PLRE Bd.1, S. 978-980. Caecinia Lolliana: PLRE Bd.1, S. 511. Ceionius Rufius Volusianus (2): PLRE Bd.1, S. 976. Lollianus (1): PLRE Bd.1, S. 511f. Ceionii Rufii: PLRE Bd.1, S. 1138, Stemma 13. Postumianus (1): PLRE Bd.1, S. 718, dazu Stemma 10 auf S. 1136.

97

Zu Praetextata siehe PLRE Bd.1, S. 721.

98

Zu Paula PLRE Bd.1, S. 674 f., S. 1143, Stemma 23.

99

L. Turcius Secundus signo Asterius: PLRE Bd.1, S. 817f. L. Turcius Apronianus signo Asterius: PLRE Bd.1, S. 88f. Eunomia: PLRE Bd.1, S. 297.

100 Chilo: PLRE Bd.1, S. 201; Maxima (1): PLRE Bd.1, S. 572. Marcellus: PLRE Bd.1, S. 551; Rufina: PLRE Bd.1, S. 773. 101 Zu Anepsia siehe PLRE Bd.1, S. 66. Sie heiratet in zweiter Ehe Victorinus, dessen Vaterschaft für ihre Tochter nicht sicher ist. Victorinus: PLRE Bd.1, S. 963. Zu Maximinus s. u. 102 Falls Camenius (1) mit Iulianus (25) Kamenius identisch ist, siehe PLRE I, S. 474 f. und S. 1137, Stemma 12. Da dies nicht sicher ist, wurde Iulianus (25) im Graphen in

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unteren Rand erscheinen mit der Dyade Cethegus und Gracchus (3) Vater und Sohn103, womit die sicher belegten Verwandtschaften beschrieben sind. Freundschaften finden sich in folgenden Bereichen des Graphen: Links ist auf den Kranz von Akteuren um Victorinus (5) zu verweisen. Aufgrund der oben dargelegten Gründe wurden die Personen, die er im Rahmen der Prozesse geschützt hatte, als seine Freunde charakterisiert. Es handelt sich um die Aristokraten Eumenius (3), Eusaphius, Marcianus (10)104, Camenius (1) und Bassus (21), sowie Severus (28). Neben den schon beschriebenen beiden Angehörigen der Ceionii Iuliani handelt es sich bei Severus (28) um ein Mitglied der Familie der Caecinae Sabini105. Victorinus besaß auch mit Aginatius einen Freund aus dem Geburtsadel106, der das Stadtvikariat innehatte. Weiter sind nur noch die Freundschaften zwischen Praetextatus und dem älteren und jüngeren Symmachus dargestellt, sowie die des letzteren mit Flavianus (15). Diese sind durch die Briefe des Symmachus (4) gut belegt.107 Beispiele politischer Zusammenarbeit finden sich vor allem bei den Akteuren der linken oberen Seite des Graphen. Es handelt sich um den Versuch, die Personen darzustellen, die über ihr Amt im Rekonstruktionszeitraum verbunden waren, wie die jeweiligen Stadtpräfekten von Rom (PVR) mit den darunter rangierenden Ämtern des Stadt-Vikars (vicarius Urbis) und „Getreidepräfekten“ (praefectus annonae). Daneben wurde rechts oben mit Frontinus (3)108 noch ein Sekretär des Hymetius erfasst. Religiöse Zusammenarbeit kennzeichnet das auffallend dichte Netz an Verbindungen in der Mitte des Graphen. Es handelt sich um all jene, die durch ihre Teilnahme an einem Priesterkollegium miteinander verbunden waren, sodass für diese Personen ihr heidnischer Glaube gesichert ist. Abschließend sollen die Personen erwähnt werden, für die ein christliches Bekenntnis belegt ist: Es handelt sich lediglich um Proba (2), ihren Sohn Olybrius (3) und Paula (1).

der Mitte unten noch einmal dargestellt. Camenius: PLRE Bd.1, S. 177; Tarracius Bassus: PLRE Bd.1, S. 158. 103 Cethegus: PLRE Bd.1, S. 199f. Furius Maecius Gracchus: PLRE Bd.1, S. 400. 104 Eumenius PLRE Bd.1, S. 295; Eusaphius: PLRE Bd.1, S. 300; Marcianus: PLRE Bd.1, S. 555. 105 Placidus Severus: PLRE Bd.1, S. 836f., S. 1136, Stemma 10. 106 Zu Aginatius siehe PLRE Bd.1, S. 29f. 107 Symm.ep. I 44-55 an Praetextatus; Symm.ep.II 1-91 an Flavianus. 108 Frontinus: PLRE Bd.1, S. 374.

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Interpretation Vor dem Hintergrund der so beschriebenen Akteure und Beziehungen ist nun die Frage zu stellen, inwieweit Aussagen über die Struktur der aristokratischen Gesellschaft anhand des Graphen möglich und sinnvoll sind. Auffallend ist, dass der Graph in zwei große unverbundene Teile zerfällt. Der eine im linken oberen Teil zeigt vor allem die politischen Amtsträger, wobei Aginatius und Maximinus (7)109 über ihre Amtsgeschäfte die Verbindung zu Olybrius (3) herstellen. Dadurch erscheinen die beiden Subgruppen der Familie des Olybrius und des Freundeskreises um Victorinus (5) miteinander verbunden. Zwischen beiden Gruppen besteht jedoch keine Verwandtschafts- oder Freundschaftsbeziehung. Generell befinden sich in diesem Teil des Graphen die meisten Akteure mit unsicherem Rang. Dementsprechend ist auch die Unverbundenheit der Familie des Olybrius (3) mit sonstigen Mitgliedern der Aristokratie auffallend und man könnte auf die Idee kommen, dies mit einem besonderen Attribut der Angehörigen dieser Familie in Verbindung zu bringen: Zwei von drei sicher belegten Christen des Graphen entstammen der gens Petronia. Wendet man sich dem zweiten Teil in der Mitte des Graphen zu, so fallen die Symmachi mit ihren Verwandtschafts- und Freundschaftsverbindungen auf. Hier vermittelt die Freundschaft zu Praetextatus über Praetextata zu Hymetius. Dieser stellt über seinen Bruder die Verbindung zur christlich geprägten Familie der Paula (1) her. Verwandtschaftlich unverbunden ist dagegen die Familie der Ceionii Rufii um Volusianus (5) und seine Frau Lolliana. Wichtig ist dann aber die Teilhabe an einem hohen Priesteramt: Durch diese erscheinen auch die Aristokraten verbunden, für die sich sonst keine Beziehung im Untersuchungszeitraum etablieren ließ. Daneben wird die besondere Betonung des religiösen Rangs von Praetextatus, Symmachus (3) und Orfitus (3) durch die Anzahl der sich auf sie vereinigenden Pfade angedeutet, eine Tatsache, die sich mit sonstigen Quellenzeugnissen deckt.110 Abschließend ist noch auf die Akteure einzugehen, die unverbunden am Rand des Graphen stehen. Dies sind die von Ammianus Marcellinus erwähnten Angeklagten aus den Prozessen unter Maximinus (7) und seinen Nachfolgern, die nur in diesem Zusammenhang belegt sind und zu denen sich keine weiteren Relationen erschließen lassen.

109 Maximinus: PLRE Bd.1, S. 577f. 110 Zu Praetextatus siehe Ghetta, Marcello: Spätantikes Heidentum. Trier und das Trevererland, Trier 2008, S. 46-48 mit Literatur. Zu Orfitus: PLRE Bd.1, S. 651-653.

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Kritik Die Abstrahierung bestimmter Relationen aus erzählenden Quellen und Inschriften birgt Probleme, die sich an dem von mir gewählten Zeitraum für die Rekonstruktion gut darstellen lassen. Grundlegend ist erneut auf den Sachverhalt zu verweisen, dass es sich um eine Rekonstruktion und nicht um eine empirische Erhebung handelt. Bei letzterer wären die beiden unverbundenen Teile ein wichtiger Ansatz zur Interpretation, was im vorliegenden Fall nicht zutrifft, da immer von der Möglichkeit auszugehen ist, dass vorhandene Relationen keinen Niederschlag in den Quellen gefunden haben. So gibt das Netzwerk nicht die Perspektive der einzelnen Akteure wieder, sondern lediglich die Quellenlage. Weiter sind für den gewählten recht kurzen Zeitraum wichtige Veränderungen nachweisbar, die in der Darstellung nicht umgesetzt werden können, für die Beurteilungen der Relationen aber wichtig sind. Ein Beispiel liefert dabei Victorinus (5), dessen zentrale Rolle oben beschrieben wurde. Dieser Akteur starb wohl Ende 370 oder im folgenden Jahr. Erst in der Folge wurde die Hochzeit zwischen der Tochter seiner Frau Anepsia und Maximinus arrangiert. Offenbar handelte es sich um den Versuch der letzteren, sich gegen Übergriffe im Rahmen der Prozesse zu schützen.111 Dementsprechend ist auch auf Orfitus (3) zu verweisen, der zwar über seine Priesterämter gut vernetzt erscheint, im Jahr 369 aber ebenfalls gestorben ist. Konsequenterweise hätte seine Tochter Rusticiana nicht in den Graph aufgenommen werden sollen, da sie erst 375 Symmachus (4) heiratet. Damit wäre aber eine wichtige Verbindung zum Haus der Symmachi unkenntlich geblieben, die sicher in unseren Rekonstruktionszeitraum zurückreicht. Ein weiteres Problem stellen die Amtszeiten der aufgeführten Beamten dar: So war Maximinus (7) zunächst praefectus annonae, als er unter Umgehung des vicarius Aginatius unter der Präfektur des Olybrius (3) die Untersuchung der Prozesse an sich zog. Erst im Jahr 371 erhielt Maximinus selbst den Posten des Vikars. Der Ämterwechsel kann hier also lediglich angedeutet werden, ist aber doch wichtig, was die Beziehungen verschiedener Akteure untereinander betrifft. Wurde hier versucht, die Relation „Freundschaft“ zu rekonstruieren, so lassen sich auch Feindschaften erschließen. Eine solche ist belegt für Aginatius, der die beschriebene Übergehung im Rahmen der Prozesse dem Maximinus nicht verzeihen konnte und später gegen ihn am Hof intrigierte.112 Ähnliches gilt für das Verhältnis zwischen dem PVR Olybrius und Maximinus (7): Kurz nach Ende der Amtszeit des ersteren wird sein Bruder Alypius (13) ebenfalls angeklagt

111 Wie aus Amm. XXVIII 1, 34-35 hervorgeht. Zu Anepsia siehe Anm. 108. 112 Dazu Amm. XXVIII 1, 30-33.

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und verbannt.113 Sicher nicht gerade die Voraussetzung für eine enge Freundschaft zwischen ehemaligen „Kollegen“. Kommen wir zur oben gegebenen Interpretation im Einzelnen. Was den Teil des Graphen mit den Beamten links oben betrifft, ist erneut auf Aginatius hinzuweisen. Bei ihm handelt es sich um einen Geburtsadligen aus Rom, der wahrscheinlich mit der gens Anicia verwandt war.114 Daher sind mit Sicherheit weitere Verwandtschaftsverbindungen zu weiteren Akteuren des Graphen anzunehmen. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Familie des Olybrius zu verweisen, der über seine Frau Iuliana ebenfalls mit den Anicii verwandt war.115 Bei den Petronii sind sicher ebenfalls weitere Beziehungen zu den anderen Aristokraten anzunehmen. Hierbei sei auf Caesarius (7) verwiesen, der seiner Namensform nach mit Olybrius verwandt sein dürfte.116 Ein Beleg für weitere Kontakte kann vielleicht auch der Umstand sein, dass Alypius (13) zu den späteren Briefpartnern des Symmachus (4) gehört.117 Weiter müssen solche Verbindungen auch für den Freundschaftskreis um Victorinus (5) angenommen werden: Hier wurde aus diesem Grund Severus (28) im Graphen neben Sabinus (13) positioniert, weil beide zur Familie der Caecinae Sabini gehören, so wie auch Lolliana.118 Ein Blick auf den mittleren Teil des Graphen zeigt einen ähnlichen Befund hinsichtlich der Verwandtschaftsverhältnisse: So ist unklar, ob Albinus (8) der Sohn von Volusianus (5) ist. Eine Tochter von letzterem könnte Rufia Volusiana sein, die mit einem weiteren hohen Priesterfunktionär verheiratet war.119 Diese Beispiele mögen genügen, um zu illustrieren, dass die Quellenlage eine adäquate Wiedergabe der Verwandtschaften im eingegrenzten Zeitraum nicht ermöglicht. Dieser Punkt ist wichtig, da der Verwandtschaftsgrad mit dem Rang und politischer Haltung korreliert werden muss. Welche Lösungen bieten sich hier an? Die Darstellung M. L. Whites in einem erweiterten Stemma wurde oben bereits als zu statisch kritisiert.120 Dies sollte im vorliegenden Fall durch die Eingrenzung des Rekonstruktionszeitraums korrigiert werden, wobei das Alter aber weiterhin ein Problem der Darstellung

113 Amm. XXVIII 1, 16, siehe zu Alypius: PLRE Bd.1, S. 49. 114 Siehe Art. Aginatius in: PLRE Bd.1, S. 30. 115 Siehe PLRE Bd.1, S. 1133, Stemma 7 und S. 1144, Stemma 24. 116 Claudius Hermogenianus Caesarius, siehe PLRE Bd.1, S. 171f. 117 Symm. ep.VII 66-71. 118 Siehe PLRE Bd.1, S. 1136, Stemma 10. 119 Zu Volusiana siehe PLRE Bd.1, S. 975. 120 White: Finding the Ties (wie Anm. 35), S. 11, Fig. 1.

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bleibt: So haben wir mit Akteuren wie Apronianus (10), Orfitus (3), Praetextatus und Symmachus senior eine ältere Politikergeneration vor uns als die des Symmachus (4). Eine Differenzierung ist aber nur dann möglich, wenn weitere Netzwerke zu unterschiedlichen Zeiten zum Vergleich erstellt werden, wobei dann der jeweilige cursus honorum zur Altersunterscheidung herangezogen werden kann. Die hier nur angeschnittenen Probleme machen erneut deutlich, dass aufgrund der Rekonstruktion eine Diskussion im netzwerkanalytischen Sinne nicht möglich ist: Zu lückenhaft sind die grundlegenden Informationen. Wie repräsentativ ist die ermittelte Menge der Akteure hinsichtlich der stadtrömischen Aristokratie? Kaiser Valentinian I. hat die beschlussfähige Größe des Senats auf 50 Senatoren festgesetzt, was die Mindestzahl derer bezeichnet, die sich in der unmittelbaren Nähe von Rom aufgehalten haben müssen, um eine politische Kontinuität zu gewährleisten.121 Betrachtet man den Graphen unter diesem Gesichtspunkt und schließt Frauen und sichere Aufsteiger wie Maximinus (7) und die beiden Ursicini aus, so sind von dieser Mindestzahl für das Jahr 369 immerhin 44 mögliche Senatoren benannt. Neben den erwähnten Kritikpunkten gibt es aber auch Vorteile einer Netzwerkdarstellung, auf die unten zusammenhängend eingegangen wird. Zu diesen gehört, dass man der Darstellung weitere „Bausteine“ anfügen kann, wie im Folgenden erläutert werden soll.

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IN

T RIER

Ein wesentlicher Schritt in der Karriere des Q. Aurelius Symmachus war seine Teilnahme an einer Gesandtschaftsreise des Senats an den Kaiserhof nach Trier. Wiederholt wurde auf die Bedeutung dieses Aufenthalts am kaiserlichen comitatus 369-370 verwiesen, den Symmachus zum Knüpfen wichtiger Kontakte nutzte.122 Die folgende Rekonstruktion erstreckt sich abermals bis zum Jahre 373. 4.1 Rekonstruktion II – Der comitatus in Trier 369-373 Quellen Der zweite Graph (Abb. 2) stellt den Versuch dar, das Organigramm des Kaiserhofs in einen Graphen umzusetzen, welches sich aus der Beschreibung der Noti-

121 Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 332 mit Literatur. 122 Dazu Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 1-3, S. 5f. mit Literatur.

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tia Dignitatum, einem „Staatshandbuch“ aus der Zeit um 410, rekonstruieren lässt.123 Die Namen der einzelnen Amtsinhaber sind den Amtslisten der PLRE entnommen.124 Akteure Aufgenommen wurden die Personen, die sich im Rekonstruktionszeitraum in der Nähe des Kaisers in Trier aufhielten. Als Attribut dient das für diese Zeit belegte Amt. Da es sich bei den Ämtern entsprechend der Notitia Dignitatum um ein hierarchisch gegliedertes System handelte, lässt sich über diese der Rang ableiten.125 An der Spitze des Hofs stand der Kaiser (Augustus), der von seinem „Regierungsrat“ dem consistorium umgeben war. Dieser variierte in seiner Zusammensetzung, die höchsten Hofbeamten gehörten jedoch stets dazu.126 Deren Rangfolge war: zunächst die Vertreter der zivilen Reichsverwaltung, die Prätorianerpräfekten (praefectus praetorio = PPO). Dargestellt ist der für Gallien und der für Italien und Illyrien zuständige Präfekt (PPO Galliarum; PPO Italiae et Illyrici). Unter diesen rangierten die beiden Heermeister; einmal der für die Reiterei zuständige magister equitum und der magister peditum der Fußtruppen. Rangmäßig unterhalb sind die sogenannten „Hofminister“ vermerkt.127 Den wichtigsten Posten hatte hier der magister officiorum (mag. offic.), der die Aufsicht über den Hof führte. Er kontrollierte somit auch die Gesandtschaften und Audienzen, hatte Gewalt über die Kanzleien (scrinia), die Staatskommissare (agentes in rebus) und die Leibwache.128 Darunter war das Amt des quaestor sacri palatii (QSP) angesiedelt, zuständig für die kaiserlichen Erlasse und somit einem „Justizminister“ ähnelnd.129 In der Rangliste folgend ist dann auf den comes sacrarum largitionum (CSL) zu verweisen, der sich für Finanzfragen des Kaisers verantwortlich zeichnete und für das Münz- und Steuerwesen. Der darunter rangierende comes rei privata (CRP), zuständig für das kaiserliche Krongut, konnte für den Rekon-

123 Zur Notitia Dignitatum siehe Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 31f. 124 Siehe PLRE Bd.1, S. 1041-1072, S. 1112-1115. 125 Das Folgende nach A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 276-290. Ergänzend J. Martin: Spätantike (wie Anm. 52), S. 85-89, Literatur S. 281-283. 126 Zum „Staatsrat“ vgl. A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 276f. 127 Bezeichnung nach ebd., S. 278. 128 Sowie über die Waffenfabriken und anderes Hofpersonal, dazu ebenfalls ebd., S. 278-280. 129 Ebd., S. 281f.

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struktionszeitraum nicht mit einer Person verbunden werden und fehlt deshalb.130 Als weitere Angehörige des Hofstaats sind noch ein Kanzleivorsteher (magister scriniorum), ein agens in rebus und ein notarius nachgewiesen. Die Zuordnung dieser Ämter ist nicht gesichert: So habe ich den magister scriniorum und den belegten agens dem magister officiorum unterstellt, den notarius dem Reitergeneral.131 Die kaiserliche Familie (familia Augusti) wurde als Akteur aufgefasst und zwei weitere Personen, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufgehalten haben dürften, wurden dargestellt: Einmal der praepositus sacri cubiculi (PSC), der zur persönlichen Dienerschaft des Kaisers gehörende „Oberkämmerer“; für dieses Amt liegt kein konkreter Name im untersuchten Zeitraum vor. Seine Bedeutung durch den direkten Zugang zum Kaiser und seine Familie war sehr hoch, was sich darin zeigt, dass einzelne „Oberkämmerer“ unter mehreren Kaisern dienten und damit die funktionale Kontinuität des Hofs sicherstellten.132 Zusätzlich ist noch der belegte Posten des „Prinzenerziehers“ (praeceptor Augusti) dargestellt, bei dem es sich anscheinend nicht um ein offizielles Amt gehandelt hat.133 Relationen Aus dem jeweiligen Rang wurde auch die darzustellende Relation abgeleitet, die damit die Einflussmöglichkeit auf den Kaiser und auf die Politik wiedergibt. 4.2 Darstellung und Interpretation Der zweite Graph (Abb. 2) stellt die einzelnen Akteure entsprechend ihres Rangs durch die Größe des Knotens dar. Die Namen sind wie oben nach den Kriterien der PLRE wiedergegeben, die abgekürzten Amtsbezeichnungen weisen das Ende der Amtszeit aus, falls dieses bekannt ist. Die hohen Hofämter, die zum consistorium gehören, wurden um den Kaiser herum angeordnet. Etwas kleiner dargestellt sind die subordinierten Ämter: Hierbei konnte mit Antonius (5) lediglich ein Kanzleivorsteher benannt werden, der dem magister officiorum unterstellt war. Mit gleichem Rang wurde auch Symmachus (4) dargestellt, der als offizieller Gesandter des Senats auch eine

130 Ebd., S. 282-288. 131 Wobei letzteres sicher nicht richtig ist, aber den tieferen Rang repräsentieren soll. 132 Zum „Oberkämmerer“ siehe A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 288-290. 133 Zu Ausonius’ Berufung an den Hof siehe Coúkun, Altay: Die gens Ausonia an der Macht, Oxford 2002, S. 37-46, sowie S. 51.

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amtsähnliche Funktion erfüllte.134 Er konnte nur über den magister officiorum den Kaiser erreichen, indem dieser ihn zur Audienz vorließ. Wie weit dieser Status durch seine Aufnahme in den comitatus verändert worden ist, ist nicht sicher zu bestimmen. Dem heutigen Forschungsstand entsprechend bedeutete Symmachus’ neuer Rang als comes nicht die Aufnahme in die unmittelbare Umgebung des Kaisers.135 Es gibt drei Akteure eines noch tieferen Rangs, wie den Notar Syagrius (3), dessen genaue Abhängigkeit nicht klar ist. Auch Theodosius (4), der spätere Kaiser, gehörte dazu. Er weilte offenbar als Adjutant seines gleichnamigen Vaters am Hof.136 Daneben ist noch auf den „Agent“ Marcellus (6) zu verweisen. Wegen ihres Einflusses sind die kaiserliche Familie und Ausonius ebenfalls aufgenommen worden, wurden aber nicht als Knoten visualisiert. Abbildung 2: Akteure am Kaiserhof zu Trier 369-373

Quelle: Eigene Darstellung

134 Siehe die Aufnahme der Senatslegationen in den cursus honorum auf Inschriften. Als Beispiel mag die Inschrift für Symmachus (3) bei M. T. W. Arnheim: Senatorial Aristocracy (wie Anm. 52), S. 83 dienen. 135 So A. Coúkun: gens Ausonia (wie Anm. 133), S. 47-49 mit Anm. 113, Literatur ebenda. Zu den comites siehe auch A. Demandt: Spätantike (wie Anm. 52), S. 277. 136 Nach C. Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 21.

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Der Graph ermöglicht durch die Gruppierung der Akteure eine schnelle Erfassung ihres Rangs und Machtpotenzials. Veränderungen wurden durch mehrfache Nennung dargestellt: So taucht beispielsweise Antonius (5) zweimal auf, zunächst als untergeordneter Kanzleivorsteher rechts unten und dann nach seiner Beförderung als QSP links oben. Dies gilt auch für Mehrfachnennungen bestimmter Ämter aufgrund anschließender Amtszeiten, siehe z. B. Leo (1) magister officiorum nach Remigius oder den schon bekannten Maximinus (7), PPO Galliarum nach Viventius, der 371 ausschied. Diese beiden zuletzt genannten Akteure stellen mit anderen zusammen die Verbindung zu dem rekonstruierten Netzwerk in Rom her: So wurde Leo (1) 370 von Valentinian I. als notarius zur Unterstützung des Maximinus (7) nach Rom geschickt. Aufgrund seiner Nähe zum Hof habe ich ihn allerdings aus dem römischen Netzwerk weggelassen.137 Weiter ist Maximinus (7) hervorzuheben, der 370 von Rom an den Hof gerufen und mit dem Amt des PPO Galliarum bis 376 betraut wird. Einen weiteren Anknüpfungspunkt bildet dabei Probus (5), der wohl mit Aginatius verwandt ist und später von diesem im Rahmen einer Intrige kontaktiert wurde. Marcellus (6) taucht im Zusammenhang der Prozesse in Rom auf, wo er dann hingerichtet wird. Daneben ist natürlich Symmachus als senatorischer Gesandter zu erwähnen, was auf die Triade Praetextatus, Minervius (1) und Venustus (5) in dem Graph (Abb. 1) Mitte verweist, die eine weitere Gesandtschaft im Jahr 370 nach Trier und damit eine weitere Verknüpfung repräsentiert.

5 . P ERSPEKTIVEN Die Verbindung beider Graphen ermöglicht es, mit dem Kaiserhof einen weiteren Aspekt der sozialen und politischen Realität der Spätantike darzustellen. Wie die Diskussion zeigte, war ein grundlegendes Problem die Darstellung politischer und sozialer Veränderung. Zur Lösung dieses Problems schlage ich vor, den Rekonstruktionszeitraum möglichst eng zu fassen und mit anderen Rekonstruktionen des Netzwerks der römischen Aristokratie zu vergleichen. Hierzu bietet die historische Person des Symmachus weitere Anknüpfungspunkte: Zum einen lassen sich anhand seiner Biographie weitere Zeiträume eingrenzen, die

137 W. Kuhoff: Studien (wie Anm. 69), S. 195: „Die Mitglieder des kaiserlichen Büros der notarii waren von Hause aus keine Angehörige des Senatorenstands“. Um 367 ändert sich dies zwar, so dass im Rekonstruktionszeitraum mindestens consularischer Rang vorliegt.

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historisch bedeutsam sind: so beispielsweise die Zeit seiner Stadtpräfektur 383/4, mit dem sogenannten Streit um den Viktoriaaltar. Weiter könnte der Zeitraum von der Niederlage der von heidnischen Senatoren getragenen EugeniusUsurpation bis zu Symmachus Tod, also von 394 bis 402, in den Blick genommen werden. Zum anderen steht mit den 900 Briefen des Symmachus eine umfangreiche Quelle zur Verfügung, die weitere Erkenntnisse zur Vernetzung der Oberschicht bereitstellen kann.138 Als Beispiel sei auf die Akteure des Graphen (Abb. 2) verwiesen, von denen folgende spätere Adressaten des Symmachus sind: Neben Ausonius mit 30 Briefen, steht Syagrius mit 14, Probus (5) mit sechs, Antonius (5) mit fünf und Eupraxius mit zwei Briefen.139 Um diese Quelle weiter zu erschließen, wurde im Rahmen des eingangs erwähnten Projekts eine Datenbank der Adressaten und ihrer Verwandten erstellt. Des Weiteren wurde damit begonnen, die Briefe auch inhaltlich zu erschließen: Die in diesen genannten Personen und Ereignisse, sowie ihre Form, liefern wichtige Hinweise auf weitere Akteure und Beziehungen und bieten weitreichende Möglichkeiten zur Analyse. Diese Quelle kann noch um die erhaltenen Fragmente der Relationes erweitert werden, die ebenfalls sehr ertragreich sind. Dieser Art ist es möglich, zur Perspektive des Ammianus Marcellinus, der die Ereignisse gleichsam von außen darstellt, auch eine Innenperspektive hinzuzufügen. Da es sich bei den Relationes um offizielle Amtsschreiben handelt140, bei den Briefen um Schreiben, die der öffentlichen Selbstdarstellung des Autors dienten, liegen hiermit zwei Quellengattungen aus dem unmittelbaren politischen Alltag der Spätantike vor.141 Dies führt zu den Vorteilen einer aus der SNA abgeleiteten Darstellungsform. Hier ist zunächst auf die Übersichtlichkeit einer bildlichen Darstellung von Beziehungsgeflechten zu verweisen, wobei es sich bei einem Graphen um mehr als eine didaktische Spielerei handelt, da die analytische und visuelle Ebene mit-

138 Einen Überblick über die Briefe gibt Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 59-63, mit Literatur. 139 Nach Adressaten: Ausonius ep. I 13-43; Syagrius ep. I 94-107; Probus (5) ep. I 5661; Antonius (5) ep. I 89-93; Eupraxius ep. IV 64-65, zu letzteren C. Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 29, in Anm. 170. 140 Zu den Relationes siehe Hecht, Bettina: Störungen der Rechtslage in den Relationen des Symmachus. Verwaltung und Rechtsprechung in Rom 384/385 n. Chr., Berlin 2006, S. 33-35; C. Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 31-34. 141 Zum Charakter der Briefe siehe C. Sogno: Symmachus (wie Anm. 53), S. 63 mit Literatur.

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einander verknüpft sind: Voraussetzung ist eine Isolierung von Akteuren und bestimmten Beziehungen aus ihrem Quellenkontext, die eine relativ objektive Umsetzung der in den Quellen enthaltenen Informationen ermöglicht. Diese DeDekontextualisierung ist aber nur bei ausreichender Kenntnis der Quellen und der Untersuchungskultur möglich. Es handelt sich somit um eine Ergänzung zur klassischen historischen Arbeit, anhand derer sich neue Aspekte zur Beurteilung der Quellen gewinnen lassen. So kann beispielsweise gefragt werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Relationen angenommen werden können und was ihr Fehlen in den Quellen bedeuten mag, wie sich dies bei den Verwandtschaftsverhältnissen zeigte. Vor diesem Hintergrund möchte ich abschließend auf die eingangs getroffene Feststellung zurückkommen, dass die Geschichtswissenschaft wie auch die Soziologie denselben Gegenstand behandelt. Erstere muss sich dabei über teilweise stark lückenhafte Quellen einer vergangenen sozialen Realität nähern. Die Soziologie kann dagegen empirisch gewonnene Daten zur Modellbildung nutzen. Zu einem tieferen Verständnis vergangener Gesellschaften sind solche an der Moderne abgeleiteten Modelle wichtig, denn wie sollte eine sinnvolle Interpretation einer Quelle möglich sein, ohne Reflexion des sozialen Kontexts, der sie hervorgebracht hat? Diesen Sachverhalt meint wohl auch Thomas Mergel, wenn er von einer weitestgehenden Soziologisierung der historischen Forschung spricht142. Diese halte ich nicht für vollzogen, da mir die Übernahme soziologischer Termini in historische Untersuchungen in vielen Fällen eher durch die Mode denn durch eine theoretische Reflexion motiviert erscheint.143 Dennoch ist meines Erachtens das „sozialtheoretische Paradigma“ eine wichtige Option, die auseinanderdriftenden Einzeldisziplinen der Geschichte einer Synthese näherzubringen, die ihrerseits auf die Soziologie wirken kann.

142 Vgl. T. Mergel: Geschichte und Soziologie (wie Anm. 1), S. 712. Hier wird darauf verwiesen, dass die Geschichtswissenschaft „inzwischen aus sich heraus das Problembewusstsein besitzt, das Fragen nach gesellschaftlichen Strukturen und Interaktionsformen ermöglicht“. 143 Zur SNA als „trendy substitude label“ siehe G. R. Ruffini: Byzantine Egypt (wie Anm. 31), S. 16. Allgemeiner Reitmayer, Morten/Marx, Christian: Netzwerkansätze in der Geschichtswissenschaft, in: Stegbauer, Christian/Häußling, Roger (Hg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 870.

Briefe, Freundschaft und religiöse Netzwerke im frühen Christentum M ARCELLO G HETTA

1. E INFÜHRUNG Ein (soziales) Netzwerk kann als „eine Menge von Akteuren“ definiert werden, „die untereinander durch Beziehungen verbunden sind“.1 In diesem Sinn gebrauchen die Soziologie und die Ethnologie, die mit den Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse (SNA) die Organisation und Strukturen von Gruppen oder die Bedeutung einzelner Akteure in der Gruppe erforschen, den Netzwerkbegriff. Grundsätzlich wird dabei zwischen zwei Arten von Netzwerken unterschieden: zwischen Ego-Netzwerken (auch persönliche Netzwerke genannt) und Gesamtnetzwerken. Bei der Untersuchung von Ego-Netzwerken wird das Augenmerk auf einen bestimmten Akteur gerichtet und gefragt, welche Beziehungen der Akteur zu anderen unterhält. In Gesamtnetzwerken wird sich auf eine bestimmte Menge von Akteuren festgelegt, wie z. B. eine Schulklasse oder eine Firma, und es werden die Beziehungen innerhalb dieser Gruppe untersucht.2

1

Vgl. Schweizer, Thomas: Netzwerkanalyse als moderne Strukturanalyse, in: Ders. (Hg.), Netzwerkanalyse. Ethnologische Perspektiven, Berlin 1989, S. 1-32, hier S. 1. Zur Problematik des Netzwerkbegriffs vgl. Schönhuth, Michael: Netzwerke aus ethnologischer Perspektive, in: Hergenröder, Curt W. (Hg.), Gläubiger, Schuldner, Arme. Netzwerke und die Rolle des Vertrauens, Wiesbaden 2010, S. 171-186.

2

An Einführungen in die SNA seien hier nur genannt Schnegg, Michael/Lang, Hartmut: Netzwerkanalyse. Eine praxisorientierte Einführung (= Methoden der Ethnographie 1), o. O. 2002 (www.methoden-der-ethnographie.de/ heft1/Netzwerkanalyse.pdf)

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Vor einigen Jahren fand dieses – hier stark vereinfacht skizzierte – Netzwerkkonzept auch in die Geschichtswissenschaft Eingang, um historische Netzwerke aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Schließlich kann jede Art von Gemeinschaft als Gesamt-Netzwerk oder die Beziehungsgeflechte einer Person als Ego-Netzwerk definiert werden. Ausgehend von der wegweisenden Arbeit von John Padgett und Christopher Ansell aus dem Jahr 1993, die den Aufstieg und Erfolg der Medici im Florenz des 15. Jahrhunderts durch ihre soziale Verflechtungen erklärten – die Medici trennten nämlich im Gegensatz zu den anderen Familien zwischen politischen, geschäftlichen, freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen –, wurde die Netzwerkanalyse in die historische Elitenforschung eingeführt.3 Auch das Forschungsfeld der Kreditvergabe von der Antike bis zur Gegenwart oder die Untersuchung der Korrespondenznetzwerke der „Gelehrtenrepublik“ des 18. Jahrhunderts machten sich das Netzwerkkonzept zunutze.4 Ebenso bietet das Netzwerkkonzept den Althistorikern, die sich mit dem spätantiken Christentum beschäftigt, neue Perspektiven.5 Denn etwas typisch Christliches war der Missionsgedanke, der den ganzen Erdkreis

sowie Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele, Wiesbaden 2006. 3

Vgl. Padgett, John F./Ansell, Christopher K.: Robust Action and the Rise of the Medici, in: American Journal of Sociology 98 (1993), S. 1259-1319; Häberlein, Mark: Netzwerkanalyse und historische Elitenforschung. Probleme, Erfahrungen und Ergebnisse am Beispiel der Reichsstadt Augsburg, in: Dauser, Regina et al. (Hg.), Wissen im Netz. Botanik und Pflanzentransfer in europäischen Korrespondenznetzen des 18. Jahrhunderts (= Colloquia Augustana 24), Berlin 2008, S. 315-328.

4

Vgl. M. Schönhuth: Netzwerke (wie Anm. 1); Rollinger, Christian: Solvendi sunt nummi. Die Schuldenkultur der späten römischen Republik im Spiegel der Schriften Ciceros, Berlin 2009. Zur „Gelehrtenrepublik“vgl. Stuber, Martin et al. (Hg.): Hallers Netz. Ein europäischer Gelehrtenbriefwechsel zur Zeit der Aufklärung (= Studia Halleriana 9), Basel 2005; Ders./Hächler, Stefan/Krempel, Lothar/Ruisinger, Marion Maria: Exploration von Netzwerken durch Visualisierung. Die Korrespondenznetze von Banks, Haller, Heister, Linné, Rousseau, Trew und der Oekonomischen Gesellschaft Bern, in: Dauser, Regina et al. (Hg.), Wissen im Netz. Botanik und Pflanzentransfer in europäischen Korrespondenznetzen des 18. Jahrhunderts (= Colloquia Augustana 24), Berlin 2008, S. 347-374. Als weitere historische Arbeit, die sich intensiv mit der Netzwerkanalyse auseinandersetzt, sei noch genannt Ruffini, Giovanni Roberto: Social Networks in Byzantine Egypt, Cambridge 2008.

5 Vgl. die Aufsatzsammlung von White, L. Michael (Hg.): Social Networks in the Early Christian Environment. Issues and Methods for Social History, Atlanta 1992.

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durch den Glauben an den einzig wahren Gott verbinden sollte, und gerade daher war es für Christen so wichtig, reichsweite Netzwerke zu bilden, in denen theologische Ansichten verbreitet, und den Akteuren im Netzwerk Unterstützung, Gemeinschaft, Identität etc. geboten wurden.6

2. D ER B RIEF

IN DER

ANTIKE

Besonders klar fassbar sind die christlichen Beziehungsgeflechte durch den Briefverkehr, durch den sich Freundschaftsverhältnisse, Abhängigkeiten, die Verbreitung theologischer Lehren, aber auch Differenzen und Brüche erkennen lassen, was im Folgenden am Beispiel der bedeutenden Kirchenvertreter Hieronymus, Paulinus von Nola und Augustinus veranschaulicht werden soll.7 Wichtig ist es jedoch zunächst, nach dem Charakter antiker Briefe zu fragen, der in vielen Ausführungen zur Brieftheorie von den bedeutenden antiken Briefschreibern behandelt wird. Neben Vorschlägen zur Länge, Form oder zum Inhalt des richtigen Briefes wird stets der kommunikative Aspekt hervorgehoben: Der Brief sollte das persönliche Gespräch ersetzen – als Gespräch mit Ab-

6

Diesen Aspekt betont Markschies, Christoph: Warum hat das Christentum in der Antike überlebt? Vortrag für die Jahresmitgliederversammlung der HumboldtUniversitäts-Gesellschaft vom 17. Oktober 2006 (http://www.hu-berlin.de/hug/ mitglieder/mitgliedervers/2006/christentum-vortrag_html).

7

Zum Briefverkehr in der Antike immer noch wichtig: Peter, Hermann: Der Brief in der römischen Literatur. Literaturgeschichtliche Untersuchungen und Zusammenfassungen (= Abhandlungen der philosophisch-historischen Classe der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 20,3), Leipzig 1901; Thraede, Klaus: Grundzüge griechisch-römischer Brieftopik, München 1970. Außerdem vgl. Zelzer, Michaela: Der Brief in der Antike. Überlegungen zu einem literarischen Genos am Beispiel der Briefsammlung des Sidonius Apollinaris, in: Wiener Studien 107/108 (1994/95), S. 541-551; Dies.: Die Briefliteratur, in: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft Bd. 4. Die Spätantike, Wiebelsheim 1997, S. 321-353; Grünbart, Michael: Byzantinische Briefkultur, in: Acta antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae 47 (2007), S. 117-138; Markschies, Christoph: Schreiben Christen andere Briefe als Heiden? Zur brieflichen Kommunikation in der kaiserzeitlichen Antike, in: Peter, Ulrike/Seidlmayer, Stephan J. (Hg.), Mediengesellschaft Antike? Information und Kommunikation vom Alten Ägypten bis Byzanz. Altertumswissenschaftliche Vortragsreihe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (= Berichte und Abhandlungen 10), Berlin 2006, S. 113-130.

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wesenden (sermo cum absentibus) definiert Ambrosius (ep. 48) den Brief – und so der Kontaktpflege dienen. Entsprechend betont Hieronymus, dass der Sinn eines Briefes in der Pflege der Freundschaft bestünde und nicht wissenschaftliche Probleme behandeln solle (ep. 29, 1). Doch die Praxis sieht gegenteilig aus: In den meisten seiner Briefe, wie generell in den Briefen der Kirchenvertreter, werden theologisch-exegetische Probleme behandelt und der Brief wird genutzt, um religiösen Ansichten zu verbreiten. Augustinus (retr. 2, 46) definiert den Brief folglich kurz und knapp: „Es ist ein Brief, weil oben steht, wer an wen schreibt (epistula est, habet quippe in capite quis ad quem scribat).“ Einige der namhaften Kleriker, wie auch Nichtchristen, haben eine Briefsammlung und somit Hinweise auf ihr soziales Netzwerk hinterlassen.8 Dabei ist natürlich zu bedenken, dass die überlieferten Briefe nur einen kleinen und damit verzerrten Ausschnitt des Korrespondenznetzwerks darstellen und keineswegs den tatsächlichen Bekanntenkreis repräsentieren. Denn viele Persönlichkeiten verschickten teilweise täglich Briefe, wie Hieronymus, der behauptet: quia cottidie scribuntur, incertus est numerus (de vir. ill. 135). Somit stellt sich die Zahl der überlieferten Schreiben und Adressaten im Verhältnis zum tatsächlichen Korrespondenznetz als äußerst klein dar. Da es in der römischen Antike kein öffentliches Postsystem gab, wurden Briefe durch Boten, meist Bekannte oder Bedienstete bzw. Sklaven, überbracht, oftmals zusammen mit Geschenken und weiteren Nachrichten, die der Bote mündlich überbringen sollte. So fehlen hierdurch viele Informationen. Die überlieferten Briefe waren in der Regel für die Öffentlichkeit bestimmt. Kaiser Julian (361-363) sagt über sich selbst: „Habe ich doch, bei den Göttern, weder dir noch irgendeinem anderen Menschen jemals etwas geschrieben, was

8

Zu Hieronymus: Rebenich, Stefan: Hieronymus und sein Kreis. Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen (= Historia Einzelschriften 72), Stuttgart 1992; Conring, Barbara: Hieronymus als Briefschreiber. Ein Beitrag zur spätantiken Epistolographie (Studien und Texte zu Antike und Christentum 8), Tübingen 2001; Fürst, Alfons: Hieronymus. Askese und Wissenschaft in der Spätantike, Freiburg u.a. 2003. Zu Augustinus vgl. Morgenstern, Frank: Die Briefpartner des Augustinus von Hippo. Prosopographische, sozial- und ideologiegeschichtliche Untersuchungen (= Bochumer historische Studien – Alte Geschichte 11), Bochum 1993. Zu Paulinus von Nola vgl. Mratschek, Sigrid: Der Briefwechsel des Paulinus von Nola. Kommunikation und soziale Kontakte zwischen christlichen Intellektuellen (= Hypomnemata 134), Göttingen 2002.

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ich nicht der Allgemeinheit öffentlich zugänglich gemacht wissen wollte.“9 Auch wurden besonders gelungene Briefe, wie der Redner Libanios berichtet (ep. 4), gerne im Bekanntenkreis vorgelesen. Die Briefe, die der Verfasser als relevant ansah, wurden entweder unmittelbar nach dem Abfassen in Umlauf gebracht oder später vom Verfasser selbst bzw. nach seinem Tod von ihm nahestehenden Personen zusammengestellt, überarbeitet und herausgegeben. Denn man wollte der Nachwelt – wie es Cassiodor (Variae, Praef.) im 6. Jahrhundert formuliert – einen Spiegel seiner Seele (speculum mentis suae) hinterlassen.

3. F REUNDSCHAFT

IN DER

ANTIKE

Spricht man bei der Untersuchung von Briefwechseln von Freundschaft, so finden sich in der antiken Literatur auch hierfür ausführliche Konzepte. Freundschaft (amicitia) konnte unterschiedliche Arten von persönlichen, sozialen oder politischen Beziehungen bezeichnen. Aus Ciceros Werk Laelius – De amicitia stammen die systematischsten Ausführungen zur Freundschaft in der römischen Literatur, die normativ wurden. Wie bereits bei Aristoteles wird insbesondere die Tugend (virtus) betont, auf der eine Freundschaft gründen solle, nicht etwa auf dem Nutzen (utilitas) oder der Lust (voluptas). Freundschaft sei auch nur zwischen Guten möglich (Laelius 5, 18: nisi in bonis amicitiam esse non posse). Grundbedingung stellt die consensio, die Übereinstimmung, dar.10

9

Julian, Ep. 80 (Bidez); Übers. in B. Grünbart: Byzantinische Briefkultur (wie Anm. 7), S. 122.

10 Zum Begriff und zum Verständnis von amicitia bei Cicero existieren zahlreiche Untersuchungen. Vgl. Steinmetz, Fritz-Arthur: Die Freundschaftslehre des Panaitios. Nach einer Analyse von Ciceros „Laelius de amicitia“ (= Palingenesia 3), Wiesbaden 1967; Spielvogel, Jörg: Amicitia und res publica. Ciceros Maxime während der innenpolitischen Auseinandersetzungen der Jahre 59-50 v. Chr., Stuttgart 1993; Gotter, Ulrich: Cicero und die Freundschaft. Die Konstruktion sozialer Normen zwischen römischer Politik und griechischer Philosophie, in: Gehrke, Hans Joachim/Möller, Astrid (Hg.), Vergangenheit und Lebenswelt. Soziale Kommunikation, Traditionsbildung und historisches Bewußtsein, Tübingen 1996, S. 339-360; Heil, Andreas: Gespräche über die Freundschaft. Das Modell der amicitia bei Cicero und Horaz, in: Haltenhoff, Andreas et al. (Hg.), Römische Werte als Gegenstand der Altertumswissenschaft München, Leipzig 2005, S. 107-124; C. Rollinger, Schuldenkultur (wie Anm. 4), S. 129-135. Allgemein zur Freundschaft in der Antike: Treu, Kurt: Art. Freundschaft, in:

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Die christlichen Denker bauten ihre Haltung zur Freundschaft auf den bisherigen Modellen auf. Gerade bei ihnen spielte die consensio die wichtigste Rolle, die nun auf theologische Fragen bezogen wird. Für die christlichen Denker war folglich die recta fides, der wahre Glaube, die Grundvoraussetzung einer Freundschaft. Der Ursprung der Freundschaft liegt für sie nicht in die Tugend, sondern in der Gottesliebe. So sagt Ambrosius (De officiis 3, 22, 133): „Keiner kann eines Menschen Freund sein, der Gott die Glaubenstreue bricht.“ Grundlage für den Ausschluss von Personen, die nicht den „wahren Glauben“ vertreten, lieferten einige Passagen im Neuen Testament, z. B. Vers 10f. des 2. Johannesbriefes: „Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß. Denn wer ihm den Gruß bietet, macht sich mitschuldig an seinen bösen Taten.“

4. D IE CHRISTLICHEN K ONTROVERSEN 4. J AHRHUNDERTS

DES

Die große theologische Kontroverse des 4. Jahrhunderts bestand in der Frage nach dem Wesen Christi im Verhältnis zu Gott Vater – eine Kontroverse, die das Christentum nicht nur in unterschiedliche Lager spaltete, sondern an der Freundschaften zerbrachen, in deren Verlauf Bischöfe verbannt wurden und Straßenschlachten ausbrachen. Der alexandrinische Presbyter Arius beantwortete die Frage, indem er Jesus Gott unterordnete. Jesus sei weder anfanglos noch ewig. Diese Lehre, die viele

RAC 8, 1972, Sp. 418-434; Fürst, Alfons: Streit unter Freunden. Ideal und Realität in der Freundschaftslehre der Antike (= Beiträge zur Altertumskunde 85), Stuttgart/Leipzig 1996; Konstan, David: Friendship in the Classical World, Cambridge 1997; Peachin, Michael/Caldelli, Maria L. (Hg.): Aspects of Friendship in the GraecoRoman World, Portsmouth 2001; Rapsch, Alexandra: Soziologie der Freundschaft. Historische und gesellschaftliche Bedeutung von Homer bis heute, Stuttgart 2004. Speziell zur Spätantike vgl. White, Carolinne: Christian Friendship in the Fourth Century, Cambridge 1992; Rebenich, Stefan: Freund und Feind bei Augustin und in der christlichen Spätantike, in: Fuhrer, Therese (Hg.), Die christlich-philosophischen Diskurse der Spätantike: Texte, Personen, Institutionen. Akten der Tagung vom 22.25. Februar 2006 am Zentrum für Antike und Moderne der Albert-LudwigsUniversität Freiburg (= Philosophie der Antike 28), Stuttgart 2008, S. 11-31.

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Anhänger fand, wurde auf dem Konzil von Nizäa (325) verurteilt. Laut Konzilsbeschluss waren Vater und Sohn wesensgleich (homousios). Doch diese Definition bildete den Auftakt zu weiteren Kontroversen.11 Grundsätzlich bildeten sich zwei Lager: Eines, das am Bekenntnis von Nizäa festhielt und überwiegend im römischen Westen angesiedelt war, das andere, das antinizänische, das im Osten weite Verbreitung fand.12 Die moderne Forschung vermeidet es zumeist, letztere Gruppe als „Arianer“ zu bezeichnen, weil es sich dabei um einen negativ konnotierten Begriff der Gegenseite handelt, aber auch weil sich die sogenannten Arianer schnell in unterschiedliche Gruppierungen aufspalteten, deren Ansichten mit der Lehre des Arius nur noch wenig gemein hatten. Die einzige Gemeinsamkeit bestand darin, dass die Wesensgleichheit von Vater und Sohn nicht anerkannt wurde. Eine dominante antinizänische Gruppe in der östlichen Kirche waren die Homöer, für die Vater und Sohn ähnlich (homoios), aber nicht wesensgleich waren. Daneben gab es beispielsweise noch die Homöusianer, die von einer Wesensähnlichkeit (homoiusios) sprachen. Es handelte sich folglich nur um feine terminologische Unterschiede, die das Christentum spaltete. Ab dem Jahr 360 trat des Weiteren die Debatte um das Wesen des Heiligen Geistes hinzu. Im Kreis um die großen kappadokischen Theologen Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa wurde im Folgenden die Sprachregelung „eine Essenz“ (usia), „drei Existenzen“ (hypostaseis) oder „ein Wesen in drei Existenzweisen“ eingeführt. Die Anhänger dieser Sprachregelung, die auf dem Konzil von Konstantinopel (381) bestätigt wurde, nennt man NeuNizäer. Diejenigen, die diese Sprachregelung nicht akzeptierten, werden AltNizäer bezeichnet. Zu jenen zählte auch Hieronymus, der zwar wie im lateinischen Sprachgebrauch üblich von una substantia, tres personae sprach, aber den Plural von „Existenz“ (hypostaseis) nicht gebrauchen wollte.

11 Vgl. ausführlich Brennecke, Hanns Christof: Studien zur Geschichte der Homöer (= Beiträge zur historischen Theologie 73), Tübingen 1988; Crosland Hanson/Patrick, Richard: The Search for the Christian Doctrine of God. The Arian Controversity 318381, Edinburgh 1988; Stead, C. Christopher: Art. Homousios, in: RAC 16, 1994, Sp. 364-434; Clauss, Manfred: Der Kaiser und sein wahrer Gott. Der spätantike Streit um die Natur Christi, Darmstadt 2010. Zusammenfassend vgl. Fürst, Alfons: Hieronymus. Askese und Wissenschaft in der Spätantike, Freiburg u.a. 2003, S. 22-42. 12 Zur Rezeption des Nizänums im römischen Westen, der erst Ende der 330er Jahre in den Streit eingriff vgl. Ulrich, Jörg: Die Anfänge der abendländischen Rezeption des Nizänums (= Patristische Texte und Studien 39), Berlin/New York 1994.

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5. H IERONYMUS Gerade der Kirchenvater Hieronymus ist ein Fall, an dem dargestellt werden kann, wie wichtig der Grundsatz der consensio für die Bildung religiöser Netzwerke war und wie sich das Netzwerk im Konfliktfall verändert. Von Hieronymus, der als streitbare Person mit einem schwierigen Charakter galt, sind 144 Briefe überliefert, 18 davon sind an ihn gerichtet.13 Bevor Hieronymus 386 nach Bethlehem ging, um sich hier in seinem neu gegründeten Kloster niederzulassen, hielt er sich in den großen städtischen Zentren des Römischen Reiches auf, wo er stets Kontakte knüpfte, die ihm später nützlich wurden, oder aber aufgrund theologischer Differenzen abbrachen. 5.1 Die Stationen des Hieronymus Um 347 in Stridon (Dalmatien) geboren, ging Hieronymus um 358 zusammen mit seinem Jugendfreund Bonosus nach Rom, um dort zu studieren. Dort lernte er seinen späteren Förderer Pammachius, seinen lebenslangen Freund Heliodorus und Rufinus kennen. Außerdem freundete er sich mit Melania d. Ä. an, über die er Kontakte zur Senatsaristokratie knüpfen konnte. Danach zog er mit Bonosus ca. 366 nach Trier, um dort am kaiserlichen Hof, der unter Valentinian I. neu aufgebaut wurde, Karriere zu machen. Doch die Karriere beider fand ihr jähes Ende, da sie hier in Trier eine Bekehrung zur Askese erlebten.14 Deshalb verließen sie Trier in Richtung Oberitalien, wo sie Ende der 360er bis Anfang der 370er Jahre hauptsächlich in Aquileia ihre asketi-

13 Leben und Umfeld des Hieronymus sind sehr gut aufgearbeitet: Vgl. S. Rebenich: Hieronymus (wie Anm. 8); A. Fürst: Hieronymus (wie Anm. 8) mit einer „Prosopographia Hieronymiana“ (S. 150-220), in der sämtliche Personen mit einem Bezug zu Hieronymus, darunter alle Briefpartner, aufgelistet und beschrieben werden. Vgl. außerdem Conring, Barbara: Hieronymus als Briefschreiber. Ein Beitrag zur spätantiken Epistolographie (= Studien und Texte zu Antike und Christentum 8), Tübingen 2001; Stoico, Guiseppe: L’epistolario di S. Girolamo. Studio critico-letterario di stilistica latina, Neapel 1972. Die Briefe sind herausgegeben im Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) 54-56 (1910-16). Ausführliche Literaturhinweise zu den Briefen, Übersetzungen und Kommentaren: A. Fürst: Hieronymus (wie Anm. 8), S. 284-286. 14 Zur Bekehrung des Hieronymus in Trier vgl. Ghetta, Marcello: Spätantikes Heidentum. Trier und das Trevererland (= Geschichte und Kultur des Trierer Landes 10), Trier 2008, S. 76f. mit weiterer Literatur.

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schen Ideale zu verwirklichten suchten. Hier lebte bereits sein Studienfreund Rufinus, der direkt aus Rom nach Aquileia gegangen war, um ebenfalls ein asketisches Leben zu führen. Auch Chromatius, der spätere Bischof von Aquileia (ab 388), weilte bereits in der Stadt. Die einflussreichste und wichtigste Person, die Hieronymus kennenlernte, war Evagrius von Antiochia. Denn Evagrius, der gleichfalls in den 360er Jahren eine conversio erlebt hatte, besaß Kontakte zu den Bischöfen Hilarius von Poitiers, Eusebius von Vercelli und zu Damasus von Rom. Anfang der 370er Jahre brach Hieronymus von Aquileia Richtung Jerusalem auf. Erste Zwischenstation war Antiochia, wo er im Haus des Evagrius wohnte. 374/375 zog sich Hieronymus in die syrische Wüste zurück. Seine Briefe zeugen davon, wie er sich bemühte, auch von hier aus alte Freundschaften zu pflegen und neue Kontakte zu knüpfen. 380 reiste er nach Konstantinopel, um dort den alt-nizänischen Bischof Paulinus von Antiochia zu unterstützen. Dort machte er die Bekanntschaft von Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa sowie Nebridius, der als Mitglied des Kaiserhofes asketische Kreise förderte. Im Jahr 382 reiste er zum Konzil nach Rom, wo er die nächsten drei Jahre für den römischen Bischof Damasus arbeitete. Wichtig waren hier wieder die Kontakte zur christlichen Aristokratie, zu Pammachius und Oceanus sowie den römischen Aristokratinnen. Generell finden sich unter den Briefpartnern und Bekannten des Hieronymus viele Frauen. Besonders wichtig wurden ihm aber diejenigen, die er in Rom kennenlernte. An erster Stelle zu nennen wäre Marcella, die in ihrem Haus in Rom einen Kreis asketischer Frauen um sich bildete. Bei ihr versammelte man sich, um über theologische Fragen zu diskutieren. Hieronymus trat hier als Lehrmeister auf. Zu seiner innigsten Freundin entwickelte sich Paula, die wie Marcella nach dem Tod ihres Mannes ein asketisches Leben führte. Paula ging ebenfalls nach 385 nach Bethlehem, wo sie ein Frauenkloster gründete und sicherlich auch das Kloster des Hieronymus mitfinanzierte. 5.2 Hieronymus in Bethlehem: das religiöse Netzwerk Ab dem Frühjahr 386 ließ sich Hieronymus in Bethlehem nieder, wo er ein Männer- und ein Frauenkloster sowie ein Pilgerhospiz errichten ließ. Um die enormen Kosten zu decken, wurden häufig Bekannte kontaktiert. Durch Briefe wissen wir, dass er von Bethlehem aus nicht nur seine römischen Freunde um Geld bat, sondern auch Lucinus, einen reichen spanischen Großgrundbesitzer

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(ep. 71 um 398),15 und Exuperius, Bischof von Toulouse, um 406 anschrieb.16 Auch Paulinus von Nola schickte im Jahr 395 Geld nach Bethlehem.17 Die meisten Briefe zeigen jedoch, wie Hieronymus bestrebt war, von Bethlehem aus ein Netzwerk zu spannen, in dem die „wahre Theologie“ verbreitet wurde. Viele Briefe gehen auf Anfragen zurück, die in der Regel nicht überliefert sind, und behandeln theologisch-exegetische Fragen oder es handelt sich um Anleitungen zur rechten Lebensführung. Briefe kamen aus sämtlichen Regionen des Römischen Reiches sowohl von den Bekannten aus seinen früheren Stationen als auch von Kirchenvertretern und Privatleuten, die er nie persönlich kennengelernt hatte. Schließlich handelte es sich bei Hieronymus aufgrund seiner Revision der Bibel und seiner weiteren Übersetzungen und Schriften um eine der wichtigsten theologischen Autoritäten. Ab 393 begann erneut eine Kontroverse um die Natur Christi: Es wurde darüber gestritten, inwiefern die Lehren des Origenes, des bedeutenden Theologen des 3. Jahrhunderts, zu bewerten seien. Nach Origenes nämlich stehe Jesus, was seine Göttlichkeit betrifft, etwas unterhalb von Gott Vater. Hieronymus geriet in den Streit aufgrund seiner Differenzen mit Johannes, Bischof von Jerusalem, den er „origenistischer Häresien“ beschuldigte, worauf Johannes ihn vorläufig exkommunizieren ließ. Dem Jerusalemer Bischof wäre es gar fast gelungen, Hieronymus verbannen zu lassen. Doch vor allem durch den Einfluss der Paula am Kaiserhof konnte – wie Fürst vermutet – das Verbannungsedikt außer Kraft gesetzt werden.18 Aber auch mit seinen alten Freunden und Weggefährten Rufinus, der 397 nach Rom zurückkehrte, und Melania d. Ä. kam es zum Bruch, weil sie die Lehren des Origenes befürworteten und diese in Italien verbreiteten. Von Bethlehem aus begann Hieronymus, regelrechte Kampagnen gegen die Origenes-Anhänger zu starten. Gerade seine römischen Freunde waren wichtig, um in Rom bzw. im Westen seine eigenen Schriften und Ansichten in Umlauf zu bringen: Neben den römischen Aristokraten Pammachius und Oceanus ist vor allem Marcella zu nennen; aber auch in anderen Regionen Italiens hatte er Mitstreiter, wie seinen alten Freund Heliodorus, Bischof in Altinum, oder Eusebius von Cremona, der um 400 durch Italien zog, um Stimmung gegen Rufinus zu betreiben. Hervorzuheben ist auch Vincentius, einer seiner Mönche, den Hieronymus 397 nach Rom und Italien schickte, um seine Schriften zu verbreiten. Dazu zählte nicht nur die

15 A. Fürst: Hieronymus (wie Anm. 8), S. 189. 16 Ebd., S. 177. 17 Ebd., S. 204; S. Mratschek: Briefwechsel (wie Anm. 8), S. 90f. und 96. 18 A. Fürst, Hieronymus (wie Anm. 8), S. 32.

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Streitschrift Contra Iohannem, sondern auch Briefe, wie der an Fabiola (ep. 64) und an Theophilus von Alexandria (ep. 82). Während Hieronymus in Bethlehem blieb, starteten Rufinus und Melania ihrerseits von Italien aus Kampagnen gegen Hieronymus. Auf ihrer Seite standen Bischöfe wie Chromatius von Aquileia, Gaudentius von Brescia oder Simplicianus von Mailand. In Rom, dem Zentrum des westlichen Christentums, war es wichtig, die Oberhand zu behalten. Marcella gelang es, den römischen Bischof Anastasius für ihre Sache zu gewinnen, der die Lehren des Origenes verurteilte und somit Hieronymus als Sieger aus den Auseinandersetzungen hervorgehen ließ. Doch Rufinus stand im Folgenden nicht isoliert da; seine Freunde hielten weiterhin zu ihm und so konnte er noch in den Jahren nach 402 literarisch tätig sein. In den Schriften, die gegeneinander geschrieben wurden, vermied man auch keineswegs persönliche Beleidigungen. So bezeichnete Hieronymus in seinem „Dialog gegen die Pelagianer“ (Dial. adv. Pelag., Prol. 2) Palladius, der aufseiten des Rufinus stand, als „kriecherischen Taugenichts“ (Palladius servilis nequitiae). Palladius versuchte in seiner aus 71 Kurzbiografien bestehenden Historia Lausiaca (36 und 41) sachlicher zu sein, indem er Hieronymus zwar als „hochbegabt und wohlbewandert in der Wissenschaft“ beschreibt, der „aber von einer Eifersucht erfüllt sei, die seine Bildung unendlich übertraf.“ Über seine alte Bekannte Melania d. Ä. schrieb Hieronymus später in seiner Chronik, dass ihr Name, der sich vom Griechischen melas (schwarz) ableite, auf die Schwärze ihrer Seele verweise. Und auch sein ehemaliger Freund Rufinus, der 410 aus Italien wegen der Goteneinfälle nach Sizilien fliehen musste und dort 411/412 starb, wurde noch nach seinem Tod von Hieronymus mit Ausdrücken wie grunnius (Grunzer) betitelt.19

6. P AULINUS

VON

N OLA

Eine weitere wichtige Persönlichkeit, mit der sich Hieronymus im origenischen Streit überwarf, war Paulinus von Nola, der auf Rufinus’ Seiten stand.20 Das Leben des nur wenige Jahre jüngeren Paulinus verlief demjenigen des Hieronymus

19 Ebd., S. 194 und 211. 20 Grundlegend: S. Mratschek, Briefwechsel (wie Anm. 8). Die Briefe sind eingeleitet, herausgegeben und ins Deutsche übersetzt von Skeb, Matthias: Paulinus von Nola. Epistulae. Briefe (= Fontes Christiani 25, 1-3), Freiburg u.a. 1998.

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sehr ähnlich, obgleich sich die Stationen des Paulinus auf Gallien, Hispanien und Italien beschränkten. 6.1 Karriere und Abkehr von den Musen Meropius Pontius Paulinus stammte aus einer enorm begüterten Familie aus Aquitanien. Geboren zwischen 353 und 355, studierte er im heimatlichen Bordeaux. Anschließend arbeitete er zunächst als Anwalt, danach in der kaiserlichen Verwaltung, in der er im Jahr 381 bis zum Statthalter von Campanien aufstieg. Seine Karriere vollzog sich sicherlich nicht unabhängig von der Förderung seines früheren Lehrers und väterlichen Freundes, dem Dichter Ausonius, der als Erzieher des Kaisers Gratian viele Jahre am Trierer Kaiserhof verbrachte und der selbst 378/79 bis zum Praefectus Praetorio Galliarum aufgestiegen war. Nach seiner Statthalterschaft zog sich Paulinus in die aquitanische Heimat zurück, wo er wieder als Anwalt arbeitete. Hier widmete er sich aber vor allem seinem literarischen Schaffen und war Mitglied in dem intellektuellen Zirkel des Ausonius, der ebenfalls nach seinem Konsulat (379) in die Heimat zurückgekehrt war. Wohl 384/385 heiratete Paulinus die spanische Aristokratin Therasia, die jenseits der Pyrenäen große Ländereien besaß. Danach wandte er sich, sicherlich auch unter dem Einfluss seiner Frau, nach und nach dem Christentum und einer asketischen Lebensweise zu. Er ließ sich taufen und im Jahr 389 zog sich das Ehepaar auf ihre spanischen Besitzungen zurück. An Weihnachten 394 wurde Paulinus in Barcelona zum Priester geweiht. Ein beeindruckendes Zeugnis für seine Abkehr von seinem ursprünglichen aristokratischen Leben stellt der Briefwechsel mit seinem alten Lehrer Ausonius dar. Gerade sein vorletztes an Ausonius gerichtetes Schreiben (carm. 10), in dem er versichert, dass er den rechten Weg gefunden habe und eine Rückkehr zu den Musen unmöglich geworden sei, verdeutlicht diesen Bruch.21

21 Zum Briefwechsel zwischen Paulinus und Ausonius vgl. Dräger, Paul: Magnus Ausonius. Mosella, Bissula, Briefwechsel mit Paulinus Nolanus, Düsseldorf/Zürich 2002, S. 61-141, 189-250 und 287-300. Er folgt in der Chronologie Fabre, Pierre: Essai sur la chronologie del’œuvre de Saint Paulin de Nole (= Publications de la Faculté des Lettres de l’Université de Strasbourg 109), Paris 1948. Abweichende Chronologie: Coúkun, Altay: Die gens Ausonia an der Macht. Untersuchungen zu Decimius Magnus Ausonius und seiner Familie (= Prosopogaphica et Genealogica 8), Oxford 2002, S. 99-111.

B RIEFE, FREUNDSCHAFT

UND RELIGIÖSE

N ETZWERKE

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395 verkaufte Paulinus all seine Güter, um mit seiner Frau nach Nola in Campanien zu ziehen und nahe der Kultstätte des Heiligen Felix als Mönch zu leben. Auch hier besaß seine Familie Ländereien, wo Paulinus nicht nur durch seine campanische Statthalterschaft, sondern bereits zuvor die Gegend kennengelernt hatte und eine besondere Beziehung zu dem Heiligen eingegangen war. Die Kultstätte von Nola, an der er zwischen 408 und 413 zum Bischof gewählt wurde, baute Paulinus in den folgenden Jahren zu einem großen Pilgerzentrum aus. Der Verkauf seiner Güter hatte für viel Furore gesorgt, weil ein Vermögensverzicht in dieser Dimension bis dahin einmalig war. Die Meinungen darüber waren geteilt: Während Hieronymus, Ambrosius, Martin von Tours oder Augustinus die conversio befürworten, verurteilten viele Standesgenossen diesen Bruch, und zwar nicht nur Vertreter der heidnischen Aristokratie in Rom, wie Symmachus, sondern auch Kirchenleute, wie Papst Siricius und Teile des stadtrömischen Klerus.22 6.2 Nola – Das Zentrum des Briefwechsels Nola war ein verkehrsgünstig gelegener Ort, der sich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort entwickelte.23 Von hier aus spannte Paulinus ein umfangreiches Korrespondenznetzwerk: Aus seiner Zeit in Nola (395-431) stammen die meisten der 51 überlieferten Briefe sowie der in Briefform verfassten carmina. Zeitlich vor seine Übersiedlung nach Italien ist der Briefwechsel mit dem 394 verstorbenen Ausonius einzuordnen. Gleichfalls vorher entstanden der Brief an Sulpicius Severus (ep. 1), drei Briefe an Amandus (ep. 2, 9 und 36) und ein Brief an Delphinus (ep. 35). Mit diesen drei Personen hielt Paulinus auch weiterhin Kontakt. Sie repräsentieren den Kreis mit dem er hauptsächlich – zumindest nachweislich – von Nola aus korrespondierte:24 Noch zwölf weitere überlieferte Briefe, die teilweise Therasia als Mitabsenderin nennen, gingen an seinen alten Freund Sulpicius Severus, der sich ebenfalls einer asketischen Lebensform zuwandte und 399 bei Toulouse ein Kloster

22 Dazu: S. Mratschek: Briefwechsel (wie Anm. 8), S. 93-103. 23 Zusammenfassend zu den Bauten, Graffiti und der Bedeutung von Cimitile/Nola als Wallfahrtsort vgl. Binsfeld, Andrea: Vivas in deo. Die Graffiti der frühchristlichen Kirchenanlage in Trier (= Die Trierer Domgrabung 5), Trier 2006, S. 85-93. 24 Die Briefpartner sind übersichtlich aufgeführt bei S. Mratschek: Briefwechsel (wie Anm. 8), 625-637; M. Skeb: Paulinus (wie Anm. 20), Bd. 1, S. 73-99.

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gründete. Bekannt ist jener vor allem durch seine Schriften über Martin von Tours, dessen Anhänger er gewesen war.25 In der Anrede bezeichnet Paulinus ihn häufig als gleichgesinnt (unanimus) oder als Bruder gemäß dem gemeinsamen Glauben (secundum communem fidem). Bei Delphinus handelt es sich um den Bischof von Bordeaux (ca. 380400/404), der Paulinus und seinen Bruder getauft hatte. Amandus folgte Delphinus auf den Bischofssitz (ca. 400/4-ca. 432). Betrachtet man die weiteren Briefpartner des Paulinus, so finden sich fast nur Gleichgesinnte, nämlich aus Gallien, besonders aus Aquitanien, stammende christliche Geistliche. Zu nennen wären die Bischöfe Victricius von Rouen, der ebenfalls unanimo angeredet wird, Florentius von Cahors, dessen Bruder und Nachfolger Alethius sowie Eucherius von Lyon (zusammen mit seiner Frau Galla). Weitere Briefe gingen an Aper (und seine Frau) sowie an seine beiden Jugendfreunde Sanctus und Amandus, die sich alle zur Askese bekehrt hatten. Auch der aquitanische Eremit Sebastianus und der aquitanische Priester Desiderius gehörten zum Adressatenkreis. Lediglich zwei Personen unter diesem gallischen Bekanntenkreis fallen etwas aus dem Rahmen: der Soldat Crispinianus, den Paulinus – allerdings vergeblich – zu einer asketischen Lebensweise überreden wollte und der aquitanische Dichter und Philosoph Iovius, ein Verwandter, den Paulinus zu überzeugen versuchte, dass das Geschehen auf der Welt, als Gottes Schöpfung, nicht dem Zufall unterliegt.26 Iovius dürfte durchaus Christ gewesen sein, zumindest dem christlichen Glauben nahegestanden haben, allerdings wie viele philosophische Gebildete dieser Zeit anderen religiösen Haltungen offen gegenübergestanden haben. Trotzdem verweist Paulinus auch bei ihm im Einleitungssatz des Briefes auf die unanimitas, die gleiche Gesinnung. Außerdem besaß er auch in Nordafrika Briefpartner und Freunde wie Augustinus und dessen Freund Alypius, Bischof im nordafrikanischen Thagaste, sowie Romanianus, ein Freund und Förderer Augustins, und dessen Sohn Licentius.

25 Kurze Informationen zu Sulpicius Severus und Martin von Tours: M. Ghetta: Heidentum (wie Anm. 14), S. 215-217 mit weiterer Literatur. 26 Vgl. Ep. 16 sowie carm. 22. Ep. 16 ist ausführlich kommentiert von Erdt, Werner: Christentum und heidnisch-antike Bildung bei Paulin von Nola. Mit Kommentar und Übersetzung des 16. Briefes, Meisenheim am Glan 1976. Vgl. auch Kohlwes, Klaus: Christliche Dichtung und stilistische Form bei Paulinus von Nola (= Habelts Dissertationsdrucke R. Kl. Phil. 29), Bonn 1979, S. 54-71; Skeb, Matthias: Christo vivere. Studien zum literarischen Christusbild des Paulinus von Nola, Bonn 1997, S. 147-162.

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Blickt man auf das Briefnetz des Paulinus in seiner neuen italischen Heimat, so ist zwar zu erschließen, dass er auch zum Mailänder Bischof Ambrosius Kontakt hatte, an weiteren überlieferten Briefpartnern aus Italien sind aber nur Pammachius und Rufinus bekannt.27 Weil Paulinus im oben angesprochenen origenischen Streit aufseiten des Rufinus stand, sah ihn Hieronymus seither als Gegner an, sodass es zwischen den beiden zum Bruch kam. Dagegen agierte Pammachius als Mitstreiter des Hieronymus gegen Rufinus. Bemerkenswerterweise sind außer Pammachius in Rom keine weiteren Briefpartner bekannt. Denn trotz seiner Bemühungen gelang es Paulinus nicht, Beziehungen zum römischen Bischof und Klerus aufzubauen. Auf dem Weg nach Nola hatte Paulinus zwar versucht, Papst Siricius zu besuchen; er wurde jedoch schroff abgewiesen. Über die Gründe schweigt sich Paulinus aus: Es werden wohl Rivalität und persönliche Abneigung, also fehlende consensio, eine Rolle gespielt haben. Lediglich zu Anastasius, dem Nachfolger des Siricius, der allerdings nur von 399 bis zu seinem Tod 401 das römische Bischofsamt bekleidete, hatte Paulinus ein gutes Verhältnis.28 Der Briefverkehr mit Hieronymus beschränkt sich auf die Zeit kurz vor dem origenischen Streit sowie auf seine erste Phase, in der Hieronymus noch hoffte, Paulinus werde seinen Standpunkt ändern. Diese Hoffnung bestätigte sich jedoch nicht und 399 kam es zum Kontaktabbruch. Wie Alfons Fürst zurecht vermutet, ist es kein Zufall, dass nur die drei Briefe des Hieronymus an Paulinus erhalten blieben (ep. 53, 58 und 85 im Briefcorpus des Hieronymus), während die Schreiben an Hieronymus wohl mit Absicht von Paulinus nicht aufgenommen wurden, um die Erinnerung an die freundschaftlichen Kontakte zu tilgen.29

7. H IERONYMUS

UND

P AULINUS

IM

V ERGLEICH

Wie Hieronymus in seinem Kloster in Bethlehem, so unterhielt Paulinus von Nola auch überwiegend Briefkontakte zu Gleichgesinnten. Zwar bieten die überlieferten Briefe nur einen kleinen Ausschnitt, jedoch scheinen die Adressaten des Paulinus nicht so weit gestreut wie diejenigen des Hieronymus. Im Osten beschränken sich die Kontakte des Paulinus auf Hieronymus, mit dem es aber zum Bruch kam und auf Rufinus, der allerdings 397 nach Italien zurückging. Ansons-

27 Die Zuschreibung der beiden Briefe aus den Jahren 406/407 (ep. 46 und 47) an Rufinus ist allerdings strittig, vgl. M. Skeb: Paulinus (wie Anm. 20), Bd. 1, S. 24. 28 S. Mratschek: Briefwechsel (wie Anm. 8), S. 507-512. 29 A. Fürst: Hieronymus (wie Anm. 8), S. 205.

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ten konzentrieren sich die Beziehungen auf Gallien, besonders auf seine aquitanische Heimat und auf Nordafrika mit Augustinus und seinem Kreis. Hieronymus und Paulinus können daher stellvertretend für den Großteil der wichtigen Vertreter der Kirche stehen, die die zeitgenössischen Freundschaftskonzepte in die Praxis umsetzen: Freundschaftlich korrespondiert wird nur mit Gleichgesinnten bzw. mit denjenigen, von denen man sich erhofft, sie von der rechten Gesinnung zu überzeugen. Ihnen schickt man theologische Traktate in Briefform oft zusammen mit Geschenken oder lässt ihnen Abschriften von den eigenen Schriften zukommen. Religiös Andersdenkende werden dagegen ausgeschlossen und – je nach ihrer Bedeutung – durch Streitschriften diffamiert. Falls doch miteinander korrespondiert wurde, so wurden diese Briefe häufig bewusst nicht überliefert.

8. D AS G EGENBEISPIEL AUGUSTINUS Zum Schluss sei noch auf einen der bedeutendsten Kirchenvertreter, Augustinus, Bischof im nordafrikanischen Hippo Regius, verwiesen, da dieser durchaus den Kontakt auch zu Andersdenkenden suchte, obwohl auch er echte freundschaftliche Beziehungen nur zu „rechtgläubigen“ Menschen hegen konnte.30 Das Briefcorpus des Augustinus umfasst 308 Briefe, davon sind 252 von ihm verfasst, die restlichen sind an ihn bzw. an Dritte gerichtet und stammen aus der Zeit zwischen 386 und seinem Todesjahr 430.31 Unter den Briefpartnern finden sich nicht nur viele Donatisten und andere „Häretiker“, sondern auch Heiden.32 Bezeichnend ist allerdings wiederum, dass Augustinus betont, dass es sich bei diesen Briefen um litterae privatae, Privatbriefe, handele, und er diese somit nicht als Bischof und offizieller Vertreter der Kirche geschrieben habe, sondern als Privatperson (ep. 43, 1; Possidius, Vita Augustini 9, 3).

30 Vgl. S. Rebenich, Freund und Feind (wie Anm. 10). 31 Zum Briefcorpus des Augustinus vgl. F. Morgenstern: Briefpartner (wie Anm. 8); Divjak, Johannes: Art. Epistulae, in: Augustinus-Lexikon 2, 5/6, 2001, S. 893-1057; Löhr, Winrich: Die Briefsammlung, in: Drecoll, Volker Henning (Hg.), Augustin Handbuch, Tübingen 2007, S. 416-427. 32 Vgl. F. Morgenstern: Briefpartner (wie Anm. 8), S. 96-105 und 122-126; zum Briefwechsel mit Heiden: M. Ghetta, Heidentum (wie Anm. 14), S. 246-252.

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Besonders deutlich kommt Augustinus’ Haltung zur Freundschaft im Briefwechsel mit Hieronymus zum Ausdruck.33 Der Briefwechsel, von dem 18 Schreiben überliefert sind, kann in zwei Phasen eingeteilt werden: Die erste Phase fällt in die Jahre 394/5 bis 405, die zweite von 415 bis 419. Beide Phasen wurden durch die Initiative des Augustinus eingeleitet, der über verschiedene Themen theologisch diskutieren wollte und dabei aber auch Kritik an seinem Gesprächspartner übte. Denn Augustinus, der die Freundschaft des Hieronymus suchte, wusste sehr wohl zwischen Person und Sache zu unterscheiden. Gerade Kritik diene seiner Meinung nach der Freundschaft, weil sie dem Freund mehr nütze als leere Schmeichelei.34 So bemängelte er in einigen Punkten die Bibelübersetzung des Hieronymus und gab zu verstehen, dass er bezüglich einiger exegetischer Probleme sowie zur Frage der Herkunft der Seele anderer Meinung sei. Diese Kritik führte natürlich zu Verstimmungen bei Hieronymus, und nur durch weitere besänftigende Briefe des Augustinus wurde ein Zerwürfnis vermieden – trotz der Bemühungen des Augustinus blieb ihre Freundschaft aber „unvollendet“.35 Mag aus heutiger – sicherlich auch nur theoretischer – Sicht das Verhalten des Augustinus vernünftig erscheinen, nämlich fachlich kontrovers zu diskutieren, ohne dass das persönliche Verhältnis darunter litt, so war nach antikem Verständnis Hieronymus derjenige, der sich an die Norm hielt, weil er jeden aus seinem (Brief-) Netzwerk ausschloss, der nicht mit ihm übereinstimmte.36

9. C HRISTLICHE N ETZWERKE N ETZWERKANALYSE

UND DIE

S OZIALE

Kehren wir zurück zu den Ausgangsüberlegungen und zur Frage, inwiefern die Methoden der Sozialen Netzwerkanalyse dazu beitragen können, solche Beziehungsgeflechte, wie die skizzierten, näher zu analysieren. Prinzipiell stehen viele Informationen zur Verfügung, die im Blickfeld der SNA stehen: Es gibt Akteure, die durch Beziehungen, hier durch Briefverkehr, miteinander verbunden sind. Auch lassen sich Ego- und Gesamtnetzwerke defi-

33 Vgl. dazu Fürst, Alfons, Augustins Briefwechsel mit Hieronymus (= Jahrbuch für Antike und Christentum – Ergänzungsband 29), Münster 1999; zusammenfassend vgl. W. Löhr: Briefsammlung (wie Anm. 31), S. 421-427. 34 Hierzu A. Fürst, Briefwechsel (wie Anm. 33), S. 157-166. 35 Vgl. ebd., S. 229f. (Kap. „Eine unvollendete Freundschaft“). 36 Ebd., S. 239, spricht von zwei „Modellen“, von denen das „Modell Hieronymus“ weiter verbreitet gewesen sei als das „Modell Augustinus“.

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nieren. Hieronymus kann als Ego im Zentrum eines Netzwerkes betrachtet werden oder es könnte beispielsweise der Kreis des Hieronymus als GesamtNetzwerk definiert werden, um zu untersuchen, welche Beziehungen innerhalb dieses Netzes unterhalten werden. In beiden Fällen interessieren aber nicht nur die Namen der Akteure und ihre Beziehungen untereinander, sondern auch die Eigenschaften, die sog. Attribute, der Akteure. Attribute wären z. B. Geschlecht, Alter, Herkunft und – in unserem Zusammenhang natürlich sehr wichtig – die Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit. Eine weitere Eigenschaft, die in der Sozialen Netzwerkanalyse Beachtung findet, ist die Homophilie, die Aufschlüsse zur Ähnlichkeit der miteinander verbundenen Personen gibt. In den oben skizzierten Fällen muss diese aufgrund der consensio als sehr hoch angesehen werden. Auch die Arten der Beziehungen sind zu unterscheiden. So kann gefragt werden, ob sie stark oder schwach oder ob sie uniplex oder multiplex sind. Die Beziehung zwischen Augustinus und Hieronymus beispielsweise ist als uniplex zu charakterisieren, weil sie sich nur auf den Briefverkehr beschränkt. Die beiden Akteure trafen sich nie und kannten sich somit nicht persönlich. Eine multiplexe Beziehung vollzieht sich in unterschiedlichen Kontexten, wie z. B. bei Paulinus und Ausonius aufgrund ihrer persönlichen Bekanntschaft, ihres Briefwechsel und der Patronage des Ausonius. Ebenfalls von Interesse sind sog. indirekte Beziehungen, bei denen die gemeinsame Teilnahme an einem Ereignis (z. B. einem Konzil) ermittelt wird, wodurch auf eine persönliche Begegnung und somit auf eine Bekanntschaft geschlossen werden kann. Als problematisch erweist sich allerdings die mathematische Auswertung, durch die soziale Netzwerke beschrieben und analysiert werden können. Berechnungen zur Dichte eines Gesamtnetzwerkes, zur Zentralität der Akteure oder statistische Auswertungen der Alteri ergeben aufgrund der lückenhaften Überlieferung keine aussagekräftigen Zahlen.37 Hierfür werden umfassendere Informa-

37 Clark, Elizabeth A.: Elite Networks and Heresy Accusations: Towards a Social Description of the Origenist Controversy, in: White, L. Michael (Hg.): Social Networks in the Early Christian Environment. Issues and Methods for Social History, Atlanta 1992, S. 79-117, hat solche Zahlenspiele aufgestellt und für das Netzwerk des Hieronymus eine Dichte von 83, 3 %, für das Netzwerk des Rufinus von 78 % errechnet. Ob das Netzwerk des Hieronymus wirklich eine größere Dichte besaß, und wie die Dichte dieser beiden Netzwerke im Vergleich zu anderen zu bewerten ist, muss offen bleiben.

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tionen benötigt, die in der Soziologie oder Ethnologie durch Fragebögen und Interviews gewonnen werden. Trotzdem können durch das Erstellen von Tabellen und ihre Bearbeitung in Grafikprogrammen frühchristliche Netzwerke visualisiert und so bestimmte Charakteristika verdeutlicht werden. In zwei abschließenden Grafiken sind die sich überschneidenden Briefnetzwerke des Hieronymus und des Paulinus von Nola mittels des Grafikprogramms Netdraw dargestellt: Abbildung 1: Das Briefnetz des Hieronymus und des Paulinus von Nola. Der Anteil der Frauen

Quelle: Eigene Darstellung

Aufgeführt sind dabei sämtliche überlieferte Briefpartner. Die Briefwechsel, die aus mehr als zwei Briefen bestehen, sind durch dickere Verbindungslinien (Kanten) dargestellt. Unberücksichtigt bleibt in der Grafik, dass einige Briefpartner, wie z. B. Augustinus, ebenfalls – teilweise umfangreiche – Briefnetze geknüpft hatten.

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Abbildung 2: Parteigänger (grün) und Gegner (rot) des Hieronymus in der Origenes-Kontroverse aus seinem Briefnetz

Quelle: Eigene Darstellung

Um den Anteil der Frauen im Briefnetz des Hieronymus zu verdeutlichen, wurde farblich zwischen männlichen und weiblichen Adressaten sowie Ehepaaren unterschieden (Abb. 1). Die zweite Grafik (Abb. 2) kennzeichnet Parteigänger (grün) und Gegner (rot) des Hieronymus innerhalb seines Briefnetzes in der Origenes-Kontroverse. Dabei fehlen natürlich wichtige Akteure, wie Melania d. Ä., weil kein Briefwechsel zwischen ihnen und Hieronymus überliefert ist. Exemplarisch kann hiermit aufgezeigt werden, wie sich die Netzwerkanalyse als ein didaktisches Instrumentarium, das der Veranschaulichung dient, erweisen kann. Mit den Grafiken können so – je nach Fragestellung – bestimmte Personen oder Beziehungen hervorgehoben bzw. ausgeblendet und relevante Charakteristika vor Augen geführt werden.

Arianische Vandalen, katholische Provinzialrömer und die Rolle kirchlicher Netzwerke im Nordafrika des 5. Jh. n. Chr. W OLFGANG S PICKERMANN

1. E INFÜHRUNG In diesem Beitrag soll versucht werden, die Struktur und Ausbildung kirchlicher Netzwerke als wichtigstes Instrument einer Gegenbewegung der katholischen Provinzialrömer gegen die arianisch vandalischen Eroberer skizzierend darzustellen. Dabei handelte es sich bei den Vandalen – wie übrigens auch bei den Goten – um ein Volk, welches die antike Kultur und auch die vorgefundenen politischen und organisatorischen Strukturen nicht gänzlich zerstörte oder gar völlig veränderte, sondern sich an den antiken römischen Verhältnissen orientierte. Es soll dabei in folgenden Schritten vorgegangen werden: 1. wird ein kurzer Überblick über die vandalische Eroberung Nordafrikas gegeben; 2. soll der kirchliche Schriftsteller Victor von Vita vorgestellt werden, von dem wir unsere meisten zeitnahen Informationen über die Vandalenherrschaft in Africa beziehen; 3. wird kurz die Lage der katholischen Kirche Africas beschrieben, die noch 411 n. Chr. auf dem zweiten Konzil von Karthago mithilfe des Kirchenvaters Augustinus durch Zurückdrängen des Donatismus die stärkste Kraft geworden war und ein dichtes Netzwerk von Funktionsträgern aufbauen konnte; 4. soll auf den in Nordafrika immer noch vor allem bei den Mauren- bzw. Berbervölkern vorhandenen Polytheismus sowie die Reste des provinzialrömischen Kaiserkultes eingegangen werden und 5. wird versucht, die gute Organisation und Vernetzung der katholischen Kirche in der provinzialrömischen Bevölkerung als einen der Gründe für das Scheitern der Vandalenherrschaft zu benennen.

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2. D IE

VANDALISCHE

E ROBERUNG N ORDAFRIKAS

Die Eroberung Karthagos 439 n. Chr. wurde zum Jahr 1 der vandalischen Zeitrechnung, die nun nach den Herrschaftsjahren der Könige gezählt wurde. Der König führte den Titel rex Vandalorum et Alanorum (König der Vandalen und Alanen). Die geostrategische Lage Nordafrikas schuf die günstige Voraussetzung, ein Reich zu gründen, das in politischer, sozialer, ökonomischer und religiöser Hinsicht nach den Wünschen der vandalischen Eliten auf der Grundlage ihrer historischen Erfahrungen, ihrer Ablehnung durch die mehrheitlich katholische Reichsbevölkerung gestaltet werden konnte. In Spanien hatte man sie als barbarische Eindringlinge und Arianer grundsätzlich abgelehnt.1 Bei der Einnahme Karthagos 439 n. Chr. soll der Vandalenkönig Geiserich zahlreiche dort lebende Kurialen und Senatoren als Kriegsgefangene behandelt und ihnen alle Besitztümer abgenommen haben.2 Außerdem sollten die katholischen Bischöfe und die vornehmen Grundbesitzer aus ihren Besitzungen verjagt werden und, sollten sie dem nicht nachkommen, versklavt werden, was nach Victor von Vita häufig auch geschehen sei.3 In der Folge nahmen die vandalischen Familien das Land in Besitz. Dazu wurden die bisherigen provinzialrömischen Besitzer des Landes enteignet, aber nicht alle getötet, wie Gregor von Tours glauben machen will.4 Auch erfolgte der Prozess der herrschaftlichen Erschließung des Territoriums wohl sukzessive. Die

1

Castritius, Helmut: Die Vandalen. Etappen einer Spurensuche (= UrbanTaschenbücher 605), Stuttgart 2007, S. 98f. und 67ff. Zum Aufenthalt in Spanien vgl. auch Courtois, Christian: Les Vandales et l’Afrique, Aalen 1964 (Repr. d. Ausg. 1955), S. 54ff. und Arce, Javier: Vor der großen Überfahrt. Das vandalische Zwischenspiel in Hispanien, in: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2009 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010, Darmstadt 2009, S. 169-175, hier S. 174f.

2

Vössing, Conrad (Hg.): Victor von Vita. Historia persecutionis Africanae provinciae temporum Geiserici et Hunerici regum Wandalorum. Lateinisch und deutsch (= Texte zur Forschung 96), Darmstadt 2011;Victor Vit. 1,12.

3

Victor Vit. 1,14; C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 160, hält die vagen Angaben Victors an dieser Stelle gegen C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 164ff. durchaus für glaubwürdig, da sie auch an anderen Stellen belegt seien.

4

Gregor von Tour, Hist. 2 ,3 (= MGH.SRM. 1, 1, 40); vgl. Berndt, Guido M.: Konflikt und Anpassung. Studien zu Migration und Ethnogenese der Vandalen (= Historische Studien 489), Husum 2007, S. 218.

K IRCHLICHE N ETZWERKE IN N ORDAFRIKA

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vandalischen Landlose (sortes Vandalorum), welche den Kriegern und ihren Familien zugewiesen wurden, umfassten auch nicht das gesamte Provinzialgebiet. Viele Teile blieben in der Verfügung der bisherigen Besitzer. Von den Enteignungen betroffen waren insbesondere die grundbesitzende senatorische Oberschicht, die Mitglieder der städtischen Kurien und die Besitzungen der katholischen Kirche. Das römische Fiskalgut ging dabei in den Besitz der königlichen Familie über. Die bisherigen Besitzer wurden vertrieben oder manchmal auch versklavt, ihre an das Land gebundenen Kolonen blieben und dienten den neuen Herren.5 Ein Großteil der alten Eigner hatte sich nach 439 n. Chr. vor allem nach Italien und ins Ostreich abgesetzt; darauf wird noch zurückzukommen sein. Während die Proconsularis und das nördliche Numidien unter der königlichen Familie, der vandalischen Oberschicht, den Gemeinfreien und der arianischen Geistlichkeit aufgeteilt wurden, blieb etwa die südliche Byzacena weitgehend in der Hand römischer Grundbesitzer.6 Die „Tablettes Albertini“, nach ihrem Erforscher Emile Albertini benannten 45 Zederholztäfelchen vom Ende des 5. Jahrhunderts (493-496 n. Chr.), die in der Region des Djebel Mrata gefunden wurden, belegen, dass römische Grundbesitzer ihre Güter auch zurückkaufen konnten.7 Dies wird so gedeutet, dass sich nach 50 Jahren vandalischer Herrschaft die alte römische Großgrundbesitzerschicht wieder verstärkt etablieren konnte. Dies liegt u. a. auch daran, dass die Vandalen zumindest zum Teil auf die provinzialrömische Verwaltung zurückgreifen mussten und zahlreiche Amtsträger in ihren Funktionen beließen. Geise-

5

Victor Vit. 1,5; 13 u. 14; vgl. H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 101; ferner Ders.: Art. Vandalen, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 33, Berlin/New York 2006, S. 168-209, hier S. 192; G. Berndt: Konflikt (wie Anm. 4), S. 218f.; Merrills, Andrew H./Miles, Richard: The Vandals (= The Peoples of Europe), Chichester 2010, S. 181; C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 164ff. u. 276; Diesner, Hans-Joachim: Der Untergang der römischen Herrschaft in Nordafrika, Weimar 1964, S. 52f. sowie C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 160.

6

H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 101; G. M. Berndt: Konflikt (wie Anm. 4), S. 181f.

7

Courtois, Christian/Leschi, Louis/Perrat, Charles/Saumagne, Charles: Tablettes Albertini. Actes privés de l’epoque Vandale. Fin du Ve siècle, Paris 1952; vgl. C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 277f. sowie Merrills, Andrew H.: Kornkammer und Keramiklager. Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Vandalenreich, in: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Große Landesausstellung BadenWürttemberg 2009 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010, Darmstadt 2009, S. 241-252, hier S. 251f.

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rich wird im Übrigen zu Beginn auf die administrativen und organisatorischen Erfahrungen der lokalen römischen Beamtenschaft regelrecht angewiesen gewesen sein. Ihre neuen vandalischen Nachbarn und Herren übernahmen weitgehend die römische Lebensweise und ahmten die Ideale der vertriebenen römischen Senatorenaristokratie nach. Helmut Castritius bemerkt dazu, dass die Eroberten die Eroberer so zu sich zurückholten.8 Auch das Steuersystem wurde weitgehend belassen, während allerdings die neuen vandalischen Gutsbesitzer kaum abgabenpflichtig waren, wurden die Bodensteuern für die Provinzialrömer erhöht. Aus der Fürsprache römischer Honoratioren bei Geiserich, den finanziellen Aderlass ihrer Regionen zu beenden, können wir entnehmen, dass es einerseits römische Grundbesitzer gab und andererseits Mitglieder dieser Schicht benötigt wurden, um das frühere Steuersystem und damit den Fluss der Einnahmen aufrechtzuerhalten.9 Auch blieb die lateinische Sprache Verwaltungssprache. Der arianische Klerus und die neu entstehende arianische „Reichskirche“ erhielten die konfiszierten Gebäude und Ländereien der katholischen Kirche. Der katholische Klerus wurde größtenteils vertrieben. Dennoch konnte der katholische Kultbetrieb nicht abgestellt werden und auch einiger Besitz an Land und Gebäuden scheint im Besitz der katholischen Kirche geblieben zu sein. Gleichwohl verfolgte Geiserich das Ziel, in seinem Herrschaftsbereich die arianische Kirche anstelle der katholischen zu setzen und die unterschiedlichen Gruppen in Nordafrika auf diese Konfession zu verpflichten. Der katholische Klerus wurde überwacht und bedrängt, Verstorbene konnten nur noch in aller Stille begraben werden, Predigttexte wurden kontrolliert, doch vermied es Geiserich, Märtyrer zu schaffen.10 Der katholische Bischof Quodvultdeus von Karthago, ein Schüler des Augustinus, war nach der Eroberung vertrieben worden und nach Neapel gelangt. Dort konnte er noch mehrere Schriften und auch Briefe an seine Anhänger in Africa verfassen. Er starb 453 n. Chr. im Exil.11 Erst am 24.

8

H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 101.

9

Victor Vit. 1,17; vgl. Spielvogel, Jörg: Arianische Vandalen. Katholische Römer. Die reichspolitische und kulturelle Dimension des christlichen Glaubenskonfliktes im spätantiken Nordafrika, in: Klio 87 (2005), S. 201-222, hier S. 205.

10 H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 102f.; vgl. Schwarcz, Andreas: Religion und ethnische Identität im Vandalenreich. Überlegungen zur Religionspolitik der vandalischen Könige, in: Berndt, Guido M./Steinacher, Roland (Hg.), Das Reich der Vandalen und seine (Vor-)Geschichten (= Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 13), Wien 2008, S. 227-231, hier S. 229. 11 Zu Quodvultdeus vgl. Mandouze, André: Prosopographie de l’Afrique chrétienne. 303-533 (= Prosopographie chrétienne du Bas Empire 1), Paris 1982, S. 947ff. s.v.

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Oktober 454 durfte mit Deogratias wieder ein neuer katholischer Bischof in der Basilika des Faustus in Karthago ordiniert werden, der allerdings schon 456/457 n. Chr. starb.12 Offenbar geschah diese Bischofswahl mit Rücksicht auf die römische Zentrale in Ravenna. Geiserich hatte sich als zuverlässiger Vertragspartner darstellen wollen, indem er auch auf Raubzüge in Italien verzichtete. Wohl 445 n. Chr. kehrte sein Sohn Hunerich nach einer Adelsrevolte zurück, nachdem er zuvor mit der erst dreijährigen Kaisertochter Eudocia verlobt worden war. Geiserich schickte im Anschluss seine frühere Braut, eine westgotische Königstochter, verstümmelt zu ihrem Vater Theoderich zurück. Die Vertragstreue zu Rom endete mit der Ermordung des Kaisers Valentinian III. 455 n. Chr.13 Im Anschluss daran fielen die Vandalen in Italien ein und plünderten bei dieser Gelegenheit Rom. 457 n. Chr. wurde für die Katholiken ein generelles Verbot religiöser Zeremonien – auch der Bischofsweihe – erlassen, welches allerdings nicht konsequent durchgehalten wurde.14 Nach Victor de Vita sollen schließlich 487 n. Chr. in den Kerngebieten des Vandalenreiches nur noch drei katholische Bischöfe übrig gewesen sein.15 Beim Religionsgespräch in Karthago 484 n. Chr. waren aber noch 54 katholische Bischöfe geladen.16 Auch wurde auf Drängen der arianischen Bischöfe verfügt, dass alle am Königshof wie im Gefolge der Königsöhne

Quodvultdeus 4; vgl. Röwekamp, Georg: Quodvultdeus, Lexikon der antiken christlichen Literatur 2, Freiburg/Wien/Basel 1999, S. 530; A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 181ff. und besonders Van Slyke, Daniel Gerard: Quodvultdeus of Carthage. The apocalyptic theology of a Roman African in exile (= Early Christian studies 5), Strathfield, 2003, S. 24ff. 12 Prosper Tiro Chron.25 MGH.AA IX p. 490; Victor Vit. 1,24-27; vgl. A. Mandouze: Prosopographie (wie Anm. 11), S. 271f. 13 Diesner, Hans-Joachim: Das Vandalenreich (= Kohlhammer-Urban-Taschenbücher), Stuttgart 1966, S. 60ff.; vgl. H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 102ff. 14 Modéran, Yves: Der Streit um den wahren Glauben. Arianismus und Katholizismus im Reich der Vandalen, in: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2009 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010, Darmstadt 2009, S. 309-316, hier S. 310; vgl. H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 194f. 15 Victor Vit. 1, 29. 16 Notitia Provinciarum et Civitatum Africae (CSEL 7), S. 115-134, hier S. 117-119; vgl. dazu A. Schwarcz: Religion (wie Anm. 10), S. 229; Chantraine, Heinrich: Ein neues Hilfsmittel zur Erforschung der Spätantike. Die Prosopographie chrétienne du Bas-Empire, in: Francia 11 (1983), S. 697-712, hier S. 701f.; H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 194; C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 163.

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amtierenden Römer zum arianischen Glauben konvertiert sein müssen. Spätestens zu Beginn der Herrschaft des Hunerich 477 n. Chr. haben diese dann auch vandalische Tracht getragen.17 Ostrom versuchte noch einmal 468 n. Chr. vergeblich, des Vandalenreiches mit militärischen Mitteln Herr zu werden und entsandte 474 n. Chr. Patricius Severus zu Geiserich, um die Rückkehr der katholischen Geistlichen zu erwirken und den König von Übergriffen auf oströmisches Gebiet abzuhalten. Gegen die Zusicherung, die Gebietshoheit des jeweils anderen anzuerkennen, gestattete Geiserich u. a. die Rückkehr von Klerikern und den Rückkauf von Gefangenen. Mit Ostrom und seinem neuen Kaiser Zenon wollte er sich nicht dauerhaft anlegen.18 Hunerich folgte seinem Vater unmittelbar auf den Thron. Gerade er präsentierte sich im Vandalenreich als Nachfolger der römischen Kaiser, etwa indem er Gesetze erließ, die sich eng an die römischen Vorbilder hielten, oder die Hafenstadt Hadrumetum in Uniricopolis umbenannte.19 Bevor die religionsgeschichtlichen Auswirkungen der Vandalenherrschaft beleuchtet werden, muss kurz auf das Leben und Werk unseres wichtigsten Gewährsmannes Victor von Vita eingegangen werden.

3. V ICTOR VON V ITA Victor Vitensis beschreibt in seiner Historia persecutionis Africanae provinciae aus katholischer, auf Augustins Theologie zurückgehende Sicht die Leiden der nordafrikanischen Bevölkerung und insbesondere der Katholiken unter den arianischen Vandalenkönigen Geiserich und Hunerich (427-485 n. Chr.).20 Die Endredaktion seiner Schrift wird zwischen 487 und 489 n. Chr. angenommen.21 Neben Prokops Vandalenkriegen sowie verschiedenen Chroniken ist das Werk eine der wichtigsten Quellen der Vandalenzeit unter Geiserich und Hunerich. Ihm angehängt ist eine Passio der sieben Märtyrer in Karthago unter Hunerich sowie ein Verzeichnis aller Bischofssitze im Vandalenreich, die aber von anderer

17 H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 194. 18 Hydatius, Chron. 247 MGH.A.A. 11,35. Malchus, Blockley frg. 5; Prokop B.V. 3, 7, 26. Vgl. dazu C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 201; ferner H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 197. 19 H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 122ff. 20 Diesner, Hans-Joachim: Sklaven und Verbannte. Märtyrer und Confessoren bei Victor Vitensis, in: Philologus 106 (1962), S. 101-120, hier S., 101. 21 C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 14.

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Hand stammen. Victor war wahrscheinlich Presbyter in Karthago und hatte engen Kontakt mit dessen Bischof Eugenius (480-505 n. Chr.). Später dürfte er einen Bischofssitz in einer uns unbekannten nordafrikanischen Stadt erhalten haben.22 Seine Darstellung der Religionspolitik Geiserichs und dessen Nachfolgers Hunerich ist eine Schilderung der Verfolgung der katholischen Kirche. Die Verfolger sind dabei mit den Begriffen Wandali – barbari oder Ariani – heretici, die Verfolgten als Romani – catholici charakterisiert, wobei diese Bezeichnungen austauschbar sind. Diese Identifikation von Ethnie und Konfession spielt bei den anderen Kirchenschriftstellern Nordafrikas keine vergleichbare Rolle. Dabei arbeitet Victor suggestiv, denn es gab in der Tat eine nicht unbedeutende Zahl von katholischen Vandalen, deren Existenz aus dem überlieferten Namensmaterial zu erschließen ist, wie Tankred Howe treffend bemerkt.23 Die Prosopographie des christlichen Africa (PAC I 303-533), in der die Mitglieder vornehmer Familien und Amtsträger verzeichnet sind, enthält für das Vandalenreich wenige Heiden, zahlreiche Donatisten, erstaunlich wenige Arianer und einige Manichäer. Mehrere der 14 vandalischen Amtsträger sind Katholiken, es lassen sich katholische Vandalen fassen, aber auch zum Arianismus übergetretene Katholiken. Erwähnt sind auch donatistische Märtyrer und die Opfer der Donatisten.24 Es zeigt sich sogar, dass einige der bei Victor aufgrund des Namenmaterials als Vandalen zu identifizierenden Verfolgungsopfer zu den herausragenden Glaubenszeugen gehörten. Auf der anderen Seite gab es auch eine größere Anzahl Provinzialrömer, die arianisch, aber vor allem auch donatistisch waren. Der Donatismus, benannt nach Donatus von Karthago, 315 bis 355 n. Chr. Primas der Donatisten, war eine nordafrikanische Abspaltung von der westlichen christlichen Kirche im 4. und 5. Jahrhundert, die eine eigene Ekklesiologie entwickelt hatte. Theologisch war er durch Augustinus mit dem Religionsgespräch von Karthago 411 n. Chr. überwunden worden. Dennoch gab es auch danach noch zahlreiche Anhänger, vor allem auf dem Land, die sich auch während der Vandalenherrschaft halten konnten. Für die vandalischen Verfolger verwendet Victor acht verschiedene negative Topoi, also in der antiken Literatur immer wiederkehrende Vorurteile: Habgier und Neid, Grausamkeit, Gewalttätigkeit und Falschheit, Ungestüm, Hochmut und Frevelmut. Am häufigsten ist die Falschheit, was darin begründet

22 Groß-Albenhausen, Kirsten, Victor, BBKL XII (1997), 1351-1355 (www.bbkl.de/v/ victor_b_v_vi.shtml); vgl. C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 13 f. 23 Howe, Tankred, Vandalen. Barbaren und Arianer bei Victor von Vita (= Studien zur Alten Geschichte 7), Frankfurt 2007, S. 358. 24 Vgl. H. Chantraine: Hilfsmittel (wie Anm. 16), S. 701.

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liegt, dass der Arianismus ein aus der Perspektive der Katholiken vom Teufel begründeter Irrglaube war. Die vandalischen Könige sind für Victor Tyrannen, ihr Handeln ist barbarisch und dem römisch-christlichen Tugendideal der humanitas diametral entgegenstehend. Auf der anderen Seite sahen sich vor allem Geiserich und Hunerich als christliche Herrscher, die von einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein geprägt waren25, das bei anderen Germanenherrschern ohne Parallele ist. Helmut Castritius spricht im Fall der Vandalen gar von „religiösem Fanatismus“, der sie bei terroristischen Übergriffen vor allem auf die katholische Geistlichkeit im Umland belagerter Städte getrieben haben soll.26 Im späteren Vandalenreich sollten die Katholiken aber nicht verfolgt, sondern als renitente Irrgläubige in die Erkenntnis des „Wahren Glaubens“, eben des Arianismus zurückgeführt werden. Aber noch Hunerich wollte so weit gehen, das vandalische Africa zu einem geschlossenen arianischen Herrschaftsbereich im Sinne einer „Vandalia“ umzugestalten.27 Vor allem für Salvian von Massilia ist die Eroberung der nordafrikanischen Provinzen durch die Vandalen und das Ende der Römerherrschaft eine Folge einer allen deutlich vor Augen geführten Bestrafung durch Gott wegen des sündhaften, von Luxus und Völlerei geprägten Lebenswandels vor allem der Bewohner Karthagos. Diese hätten sich ungeniert und in völliger Ahnungslosigkeit einem ausschweifenden Genussleben hingegeben, ohne den geringsten Zweifel an der Vertragstreue der Vandalen zu haben. Die Vandalen seien von Gott selbst wegen des sündhaften Lebens der nordafrikanischen Bevölkerung zur Eroberung der dortigen römischen Provinzen ausgesandt worden.28 In ähnlicher Hinsicht, wenngleich moderater, argumentierte Victor, der aber das sündhafte Leben der Bewohner Nordafrikas hauptsächlich nicht in der Zeit vor 429 n. Chr. sieht, sondern eher danach.29 Victors Werk ist von der offenbar traumatischen Erfahrung der massiv missionarischen Religionspolitik Hunerichs geprägt, die zum ersten Mal die Verdrängung des Katholizismus aus der Diözese Africa möglich erschienen ließ. So ist sein Werk nach Tankred Howe weniger eine Geschichte der Verfolgungen als vielmehr eine Dokumentation der katholischen Standhaftigkeit, also eine Aufforderung zum Durchhalten. Anders als Christian Courtois und Konrad Vössing sieht er in der

25 T. Howe: Vandalen (wie Anm. 23), S. 359. 26 H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 86. 27 T. Howe: Vandalen (wie Anm. 23), S. 359. 28 Salvian gub. Dei 7, 23, 105 ff. 29 Victor Vit. 2,49 u. bes. 3,70; vgl. dazu H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 95, der Victor hier in ähnlicher Weise interpretiert wie Salvian, während C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 196 deutliche Unterschiede herausarbeitet.

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katholischen Bevölkerung Nordafrikas und nicht im Hof von Konstantinopel die Adressaten von Victors Schrift.30 Er muss sich erstens wegen der durch Gott nicht verhinderten Eroberung des katholischen Africa, zweitens wegen der auftrumpfenden Vorhaltungen der arianischen Vandalen und drittens wegen des starken Glaubensabfalls von Katholiken rechtfertigen. Dies leistet er durch verschiedene Beispiele von Standhaftigkeit verfolgter Katholiken, für die Gott machtvoll Partei ergreift. Wir haben es folglich mit einer apologetischparakletischen Schrift zu tun.

4. D IE L AGE

DER KATHOLISCHEN

K IRCHE

Bei der Einnahme Karthagos soll Geiserich – wie oben geschildert – u. a. zahlreiche dort lebende Senatoren als Kriegsgefangene behandelt und ihnen alle Besitztümer abgenommen haben. Außerdem sollten die katholischen Bischöfe und die vornehmen Grundbesitzer, wie bereits erwähnt, aus ihren Besitzungen verjagt und versklavt werden, sollten sie dem nicht nachkommen. Dies sei auch häufig geschehen. An anderer Stelle erwähnt Victor aber, dass der 454 n. Chr. unter dem Vandalenkönig Geiserich auf Intervention des weströmischen Kaisers Valentinian III. nach längerer Vakanz eingesetzte katholische Bischof von Karthago, Deogratias, sich um die Gefangenen, oft wohl vornehme Leute kümmerte, die Geiserich nach seinem Überfall auf Rom 455 n. Chr. nach Africa verschleppt hatte, indem er das liturgische Gerät veräußerte und den Erlös zum Freikauf der Gefangenen einsetzte. Für die Unterbringung dieser Menschenmassen räumte er zwei Kirchen in Karthago, wo diese dann auch medizinisch betreut wurden.31 Abgesehen davon, dass die Vandalen so zu einem problemlosen Verkauf ihrer Beute kamen, ist es doch bezeichnend, dass der katholische Bischof, trotz aller

30 T. Howe: Vandalen (wie Anm. 23), S. 361ff.; vgl. C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 221ff.; C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 18f. bewegt sich mit seinen Gegenargumenten zu Howe in den traditionellen Pfaden von Courtois, vermag aber nicht zu überzeugen. Warum sollte der oströmische Kaiser gerade durch Victors lateinische Schrift nach seinen gescheiterten Invasionsversuchen und dem geschlossenen Frieden zum Eingreifen veranlasst werden? Plausibler scheint, dass die Schrift gegen arianische Missionsaktivitäten unter der provinzialrömischen Bevölkerung gerichtet ist, vgl. auch Y. Modéran: Streit (wie Anm. 14), S. 314ff. und A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 189ff. 31 Vicor Vit. 1,24-27; vgl. Prokop. 3,5; dazu Diesner: Sklaven (wie Anm. 20), S. 118 u.a. Schwarcz: Religion (wie Anm. 10), S. 229.

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Verfolgungen und Plünderungen von Kirchengut, wie uns Victor von Vita glauben machen will, über die entsprechenden Mittel zum Freikauf verfügte. Ferner hatte er die volle Verfügungsgewalt über seine Kirchen, jedenfalls konnte er die großen, vor der Stadt gelegenen Basiliken des Faustus und der Novae zur Unterbringung der Gefangenen verwenden. Man darf außerdem vermuten, dass Bischof Deogratias Mittel von den Familien der Verschleppten aus Italien erhielt und so als Agent zum Freikauf der vornehmeren Gefangenen fungierte. Als Metropolit der Africa Proconsularis und Herr seines Bistums scheint er dabei auch in einem arianischen Umfeld unumstritten gewesen zu sein und muss ferner über eine Bistumsadministration sowie ein entsprechendes Netzwerk unter den Laien verfügt haben, die in der Lage waren, eine große Zahl von verschleppten Menschen zu versorgen.32 Verfolgungsmaßnahmen seitens der Vandalen trafen im Wesentlichen Senatoren und Kuriale aus Karthago, denen die Masse des Bodens in der Proconsularis gehörte. Ein großer Teil der Grundbesitzer floh darauf; so auch Gordianus, der Großvater des Bischofs und Kirchenlehrers Fulgentius von Ruspe, dessen Haus an die arianische Kirche ging. Seine Söhne konnten jedoch später zurückkehren und ihre verlorenen Güter wieder in Besitz nehmen.33 Victor berichtet weiter, dass der Bischof von Karthago, Quodvultdeus, der Vorgänger des Deogratias, eine Anzahl dieser Honoratioren und eine große Menge Kleriker von den Vandalen auf schadhafte Schiffe verbracht wurden, die aber durch ein Wunder nach Neapel gelangten. Andere Kurialen, Senatoren und sonstige Würdenträger strafte Geiserich durch Verbannung oder ließ sie in überseeischen Gebieten aussetzen.34 Für beide der beschriebenen Maßnahmen haben wir einen Reflex in anderen staatlichen und kirchlichen Quellen. Aus den Rechtstexten der Novellae Valentinianae 24 von 451 n. Chr. geht hervor, dass der praefectus praetorio Italiae unter anderem veranlasst wird, die praedia pistoria den Flüchtlingen aus Africa zu überlassen, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Hier wurde

32 Vgl. Spickermann, Wolfgang: Sozialfürsorge, Krisenmanagement und Bischofsgericht. Aspekte des Forschungsfeldes „Kirche als Ordnungsmacht in der Spätantike“, in: Ders. (Hg.), Rom, Germanien und das Reich. Festschrift zu Ehren von Rainer Wiegels anlässlich seines 65. Geburtstages (= Pharos 18), St. Katharinen 2005, S. 421-445, hier S. 432. 33 Vita Fulg. I, 14; vgl. Overbeck, Mechtild: Untersuchungen zum afrikanischen Senatsadel in der Spätantike, Kallmünz 1973, S. 58; G. M. Berndt: Konflikt (wie Anm. 4), S. 221 und A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 193f. 34 Victor Vit. 1,15.

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staatlicherseits versucht, den Flüchtlingen mit Landzuteilungen – in diesem Fall der Bäckerinnung – zu helfen. Victor de Vita berichtet außerdem, dass sich aus Africa geflohene Katholiken auch nach Spanien oder sogar in den Osten des Reiches orientierten. So berichtet er von Glaubenszeugen aus Africa am Hofe von Konstantinopel.35 Auch der Förderer Victors, der Bischof Eugenius von Karthago, könnte aus dem Ostteil des Reiches stammen.36 Der Kirchenschriftsteller und Bischof des nordsyrischen Cyrrhus, Theodoret (423-460 n. Chr.), schreibt im Jahre 443 mehrere Empfehlungsschreiben für einen C(a)elestiacus, Abkömmling einer führenden Familie in Karthago, die erblich einen Platz in der curia innehatte.37 Caelestiacus scheint nach dem Verlust seiner gesamten Habe nach Syrien geflohen zu sein, wo er nun mit Frau und Kindern und sogar seiner Dienerschaft durch das Land zog.38 Dies setzt voraus, dass dieser wie auch Gordianus, der Großvater des Fulgentius, nicht ganz überhastet fliehen mussten, sondern ihnen gestattet war, sich mit ihrer gesamten domus auszuschiffen.39 Caelestiacus scheint sein ursprüngliches Ziel vielleicht nicht erreicht zu haben. Warum er von der Küste in das binnenländische Cyrrhus kommt, wird nicht deutlich. Man würde eher erwarten, dass er sich nach Antiochia gewendet hätte, dessen Bischof Domnus ja dann auch von Theodoret um Hilfe für Caelestiacus gebeten wird.40 Auch war die militärische Garnison in Cyrrhus schon seit der Zeit des Constantius II. von der benachbarten in Hierapolis überflügelt worden, sodass der Schutz des Heeres und die damit verbundene Bedeutung des Ortes wohl weniger eine Rolle spielte. Wir müssen somit davon ausgehen, dass Caelestiacus sich gezielt an den Bischof von Cyrrhus wandte, weil er sich von ihm die effektivste Hilfe erhoffte. Jedenfalls scheint Theodoret die Familie zunächst bei sich aufgenommen und sich dabei durch mitgebrachte Dokumente über den früheren Reichtum und Stand seines Gastes informiert zu haben.41 Dies macht eine nähere vorherige Bekanntschaft des Bischofs mit der Familie des Caelestiacus unwahrscheinlich. Theodoret bit-

35 Victor Vit. 3,30. Spanien: 3,29; vgl. ferner 1,51. Dazu C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 187. 36 T. Howe: Vandalen (wie Anm. 23), S. 362. 37 Theodoret ep. 33. 38 Theodoret ep. 31, 35 u. 36; vgl. C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 281f.; ferner M. Overbeck: Untersuchungen (wie Anm. 33), S. 58 und W. Spickermann: Sozialfürsorge (wie Anm. 32), S. 432ff. 39 C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 282. 40 Theodoret ep. 31. 41 Theodoret ep. 35.

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tet dann per Empfehlungsschreiben hochgestellte Beamte und Bischöfe um Aufnahme des Caelestiacus und seines Anhangs42, wobei er einerseits die Schrecknisse des Vermögensverlustes und den sozialen Abstieg infolge der barbarischen Invasion und die damit verbundene christliche Pflicht zur Hilfeleistung betont, andererseits aber die verschiedenen Vorzüge seines Klienten in Hinblick auf seine Adressaten geschickt zu akzentuieren weiß. Auf der einen Seite stehen vornehme Abkunft und ehemaliger Reichtum, auf der anderen große Frömmigkeit und tapferes Erdulden des Schicksals.43 Seinem Freund und Briefpartner, den Sophisten Aerius, Vorsteher einer philosophischen Akademie, preist er den Caelestiacus als vom Schicksal getroffenen bewundernswerten Mann an, der früher selbst Priester in sein Haus aufgenommen habe, und appelliert an die Bereitschaft des Aerius, diesen materiell zu unterstützen, indem er das Beispiel des Phäakenkönigs Antinoos zitiert, der den nackten Odysseus Gastfreundschaft gewährte.44 Der Bischof ist also flexibel in der Wahl seiner Themen und Worte. Aber es ging nicht nur darum, den gestrandeten Aristokraten bei seinen Freunden und staatlichen Stellen weiterzureichen, sondern vor allem, eine bleibende Lösung zu suchen. So bittet Theodoret den Bischof von Antiochia, Domnus, mit wohlgesetzten Worten, dafür zu sorgen, dass er dort eine Heimat finde und dafür unter Personen seines Standes eine Sammlung veranstaltet werde.45 Es ging hier wohlgemerkt nicht allein um einen Akt der Caritas, der zum Alltag der christlichen Gemeinden gehörte. Vielmehr stand hier die Solidarität mit einem Mitglied der katholisch-römischen Aristokratie im Vordergrund, das durch einen Barbareneinfall in die Krise gestürzt wurde. Ein ähnliches Schicksal könnte ja auch das eigene Umfeld treffen. Umso bemerkenswerter ist, dass dieser Caelestiacus nirgendwo anders Hilfe gefunden zu haben scheint, als bei dem berühmten Bischof von Cyrrhus, der hierfür seine Verbindungen zu nutzen wusste. Dass Caelestiacus sich um Hilfe an Theodoret wandte, ist nur dadurch erklärbar, dass dieser bekanntermaßen über ein dichtes kirchliches und außerkirchliches Netz-

42 Theodoret ep. 29: Apellion, hoher Funktionär in Syrien; ep. 32: Theoktistos, Bischof v. Berea; ep. 33: Stasimus, comes u. proteuontes; ep. 34: Patricius, comes; 35: Irenaeus, Bischof von Tyros und Phönizien; ep. 36: Pompeianus, Bischof v. Emesa. 43 Theodoret ep. 29, 31-36. 44 Theodoret ep. 30. 45 Theodoret ep. 31.

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werk verfügte, dass dem in Not geratenen karthagischen Senator am ehesten Unterstützung versprach.46 Victor von Vita berichtet schließlich von Religionsgesprächen zwischen Katholiken und Arianern, die Hunerich für den 1. Februar 484 n. Chr. nach Karthago einbestellte. Allein 466 katholische Bischöfe sollen daran teilgenommen haben. Einer der geladenen Bischöfe war Vigilius von Thapsus, von dem einige theologische Streitschriften stammen. Die Konferenz ging aber durch das Verhalten des arianischen Patriarchen Cyrila von Karthago in einen Tumult über.47 Nach dem Scheitern der Gespräche erließ Hunerich am 7. und 25. Februar 484 n. Chr. Edikte zur Verfolgung der Katholiken, die sich eng an die kaiserliche Ketzergesetzgebung anlehnten und bei Victor wörtlich zitiert sind. So sollten alle katholischen Kirchen geschlossen werden und alle Katholiken hatten bis zum 1. Juni 484 n. Chr. zum Arianismus überzutreten.48 Der Hof- und Staatsdienst wurde sofort von Katholiken gesäubert. Dem folgten die Enteignung der nicht übergetretenen Katholiken und die Verbannung vieler Bischöfe. Am härtesten traf es den katholischen Klerus, wobei die Anwendung recht unterschiedlich war. Angeblich wurden tausende Bischöfe und Kleriker in die Wüste verbannt.49 Hunerich verstarb schon am 13. Dezember 484 n. Chr., was von den Katholiken als Strafe Gottes angesehen wurde. Schon vorher hatte der König verboten, dass Katholiken Messen in den hauptsächlich von Vandalen bewohnten Gebieten lesen oder gar zusammen mit Vandalen speisen. So sollte vor allem Konvertierungsversuchen seitens der Katholiken im privaten Rahmen vorgebeugt werden.50 Unter seinen Nachfolgern Gunthamund und Thrasamund hörten die gewaltsamen Katholikenverfolgungen weitgehend auf. Gunthamund ließ offenbar im dritten Jahr seiner Regentschaft den katholischen Bischof von Karthago, Eugenius, zurückkehren, im zehnten Regierungsjahr öffnete er alle katholischen Kirchen und gestattete den Priestern die Rückkehr. Er scheint an anderer Stelle aber auch ge-

46 Vgl. dazu Schor, Adam M.: Theodoret’s People. Social Networks and Religious Conflict in Late Roman Syria (= Transformation of the classical heritage 48), Berkeley 2011. 47 A. Schwarcz: Religion (wie Anm. 10), S. 230. 48 Victor Vit. 3, 3-14. 49 Victor Vit. 2, 26-29 nennt 4966 Personen; Isidor, Hist. Vandal. 78 = MGH.AA. 9, 298 spricht von 4000 Opfern; vgl. Y. Modéran: Streit (wie Anm. 14), S. 309ff.; G. M. Berndt: Konflikt (wie Anm. 4), S. 222f.; A. Schwarcz: Religion (wie Anm. 10), S. 230 und C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 172. 50 Victor Vit. 2, 46.

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gen Katholiken vorgegangen zu sein.51 Sein Bruder Thrasamund war stark an der römischen Kultur orientiert und versuchte, den Katholizismus durch geistige Anstrengung und Überzeugungskraft wie auch durch Bestechung der katholischen Amtsträger zu überwinden. Er setzte sich sogar zugunsten der arianischen Glaubenslehre schriftlich mit dem führenden Kopf der Katholiken, Fulgentius von Ruspe, auseinander, den er 515 n. Chr. zu einer Disputation mit den Arianern nach Karthago einlud.52 Das hinderte ihn im Einzelfall aber nicht, den katholischen Klerus zu verfolgen, der nicht zur Konversion bereit war. So wurden etwa auch Bischof Eugenius von Karthago und Fulgentius mehrfach, unter anderem nach Sardinien verbannt.53

5. P OLYTHEISMUS

UND

K AISERKULT

Die kirchengeschichtliche Betrachtung der Vandalenherrschaft in Nordafrika ist in der Regel – bedingt durch die Quellenlage – eingegrenzt auf die Auseinandersetzung zwischen katholischen Provinzialrömern, arianischen Vandalen sowie die Relikte des Donatismus und anderer Häresien. Der Tatsache, dass es in der römischen Provinz Africa noch zahlreiche Anhänger der provinzialrömischen Religion gab – Augustinus berichtet mehrfach darüber – und auch die vandalischen Eroberer eine ursprünglich heidnische Tradition hatten, wird nur selten Beachtung geschenkt. Zudem kann die Gruppe der Invasoren, aus hasdingischen und silingischen Vandalen, iranischen Alanen sowie einigen hispanoromanischen, gotischen und suebischen Elementen kaum als einheitlich bezeichnet werden. Zwar wurde der Arianismus von den Vandalen konsequent in den Rang einer „Reichskirche“ erhoben, der Katholizismus bekämpft und dessen Klerus verfolgt, doch scheinen sich neben Donatisten, wenigen Pelagianern, Manichäern, die ab 477 n. Chr. per Edikt verfolgt wurden54, und Juden doch noch beachtliche Reste paganer Kulte erhalten zu haben. Hans-Joachim Diesner spricht sogar von einem rückläufigen Prozess unter der Vandalenherrschaft, da der Kampf zwischen Arianismus und Katholizismus dem Heidentum neue Mög-

51 J. Spielvogel: Vandalen (wie Anm. 9), S. 211. 52 A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 196f. 53 Vgl. H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 130f. 54 Victor Vit. 2,1-2; vgl. dazu C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 167.

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lichkeiten gegeben habe.55 Vor allem in den Randzonen des Vandalenreiches konnte sich das Heidentum offenbar mit vandalischer Zustimmung behaupten.56 Da ohnehin ein permanenter Mangel an Kriegern bestand, man geht etwa von einer Heeresgröße von 15.000 Mann (bei ca. 2,5-3 Millionen Provinzialrömern) aus, musste man ständig maurische Söldner anwerben, um vor allem die Besatzungen der vandalischen Außenbesitzungen zu vervollständigen. Ferner scheinen heidnische berberische Kamelreiternomaden und andere nicht fest ansässige Gruppierungen weit in die ehemals römischen Kulturgebiete eingedrungen zu sein.57 Bezeichnend ist auch das allmählich immer stärker werdende Eindringen der Mauren, deren die Vandalen nicht Herr werden konnten. Unter der Regierung des Thrasamund gingen fast die gesamten Gebiete des heutigen Nordens von Algerien an die in ihren Stammesorganisationen lebenden maurischberberischen Gruppen in den Randgebieten des vandalischen Herrschaftsbereiches verloren. Sie drangen vor allem immer wieder in die Byzacena ein. In diesen von den Berbern beherrschten Gebieten konnten sich pagane Kulte bis zur Islamisierung halten. Die Plünderung von Leptis Magna, einer der wichtigsten Städte des Vandalenreiches, durch Berber im letzten Jahr von Thrasamunds Herrschaft (523 n. Chr.) wird allgemein als Nachweis der militärischen Schwäche des Reiches angesehen. Sein Nachfolger Hilderich näherte sich schließlich aus diesem Grunde Ostrom an und ließ neben eigenen sogar Münzen des Kaisers prägen. Sein Neffe Hoamer verlor aber 530 n. Chr. eine entscheidende Schlacht gegen die Mauren unter Führung eines gewissen Antalas. Dies hatte eine breite, von Heer und Führungsschicht getragene Umsturzbewegung zur Folge, die zur Absetzung Hilderichs führte. Sein Nachfolger wurde ein Urenkel Geiserichs mit Namen Gelimer, der sich nach Ausweis einer in Italien gefundenen Silberschale und seinen Münzen ebenfalls „König der Alanen und Vandalen“ nennt.58

55 Diesner, Hans-Joachim: Die Auswirkungen der Religionspolitik Religionen. Konfessionen und Häresien im vandalenzeitlichen Nordafrika, in: Forschungen und Fortschritte 41 (1967), S. 88-90, hier S. 89. 56 Victor Vit. 1, 36 f.; Vita Fulgentii 4 u. 7; vgl. C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 164. 57 Procop. BV I 8,15 ff.; vgl. H.-J. Diesner: Vandalenreich (wie Anm. 13), S. 90ff. und H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 132f. 58 C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 331ff.; vgl. H.-J. Diesner: Vandalenreich (wie Anm. 13), S. 147ff.; Keunitsch, Roman: Die Münzprägung der vandalischen Könige, in: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2009 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010, Darmstadt 2009, S. 218-219 und ausführlich Wroth, Warwick William: Catalogue of the Coins of the Vandals, Ostro-

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Neben dieser Duldung von heidnischen Religionen haben die Vandalen sich offenbar selbst auch aktiv Elemente des Kaiserkultes zunutze gemacht. Dies zeigt sich vor allem darin, dass die munizipalen Kaiserpriesterämter fortbestanden. Zunächst ist zu beobachten, dass es eine völlige Trennung zwischen Vandalen und Provinzialrömern, so wie sie teilweise propagiert wird, nicht gegeben hat. Selbst am Königshof finden sich zahlreiche katholische Römer in führenden Verwaltungspositionen. Das römische Rechtswesen und der juristische Apparat wurden weitgehend übernommen, und vor allem blieb die städtische Selbstverwaltung unangetastet.59 Das Katholikenedikt des Hunerich von 484 n. Chr. führt in einem beinahe wörtlichen Zitat des römischen C. Th. 16,5,25 individuelle Geldstrafen gestaffelt nach gesellschaftlichen Rängen für inlustres, spectabiles, senatores, principales, sacerdotales, decuriones, negotiatores, plebei und circumcelliones an und setzt voraus, dass diese Ränge in den Städten noch vorhanden waren.60 Dies wird durch epigraphische Funde bestätigt. Zwei Epitaphien der Basilika IV, der sog. Vandalenkapelle von Ammadedara (Haïdra) erwähnen den Tod eines Astius Mustellus, frommer Christ und flamen perpetuus am 6. Dezember 526 n. Chr. und eines Verwandten, Astius Vincicianus, vir clarissimus und flamen perpetuus.61 Die Tabulae Albertini von 493-496 n. Chr. nennen als Landeigner im fundus Tuletianus Flavius Geminius Catullinus, der sich stolz als flamen perpetuus bezeichnet.62 Auf einem weiteren Grabstein der Basilika IV aus Ammadedara (Haïdra) ist ein Astius Dinamius, sacerdotalis provinciae Africae, genannt.63 Das Album Thamugadi von ca. 363 n. Chr. erwähnt noch zwei sacerdotales und 36 flamines perpetui.64 Daraus ergibt sich die Frage, ob die Provinziallandtage unter der Vandalenherrschaft weiter existierten und ob es in den Städten noch Kaiserkulte gab. Andre Chastagnol und Nicola Duval sind der Ansicht, dass im Rahmen der Bekämpfung heidnischer Kulte durch christliche Kaiser im 4. Jh. n. Chr.

goths and Lombards and of the Empires of Thessalonica, Nicaea and Trebizond in the British Museum, London 1911. 59 Vgl. H. Castritius: Vandalen (wie Anm. 1), S. 140f. 60 Victor Vit. 3, 10. 61 Duval, Noël/Prévot, Françoise: Les inscriptions chrétiennes (= Recherches archéologiques à Haïdra 1), Rom 1975, Nr. 401 u. 413. 62 C. Courtois: Tablettes (wie Anm. 7), III, 3, b. 6-7 p. 218 et passim; vgl. A. H. Merrills: Kornkammer (wie Anm. 7), S. 252. 63 N. Duval/F. Prévot: Recherches (wie Anm. 60), Nr. 424. 64 Chastagnol, André: L’album municipal de Timgad (= Antiquitas Reihe 3 22), Bonn 1978, passim.

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die Provinziallandtage säkularisiert wurden, wobei die Kaiser geehrt, aber nicht mehr als Gott verehrt worden seien. Die vandalischen Könige hätten sich dies zunutze gemacht und sich auf diese Weise der Loyalität der provinzialrömischen Aristokratie versichert.65 Weiterhin wird argumentiert, dass die flamines perpetui nunmehr die öffentlichen Gebäude beaufsichtigten, während sie vorher für die Kaisertempel verantwortlich waren.66 Ferner seien sie aber auch für den Herrscherkult zu Ehren der germanischen Könige zuständig gewesen.67 Diese Form des Herrscherkultes in Nordafrika ist nicht einzigartig. Aus verschiedenen Gegenden existieren Nachrichten über das Aufstellen und die Verehrung von Kaiserstatuen, die Existenz von (Kaiser)priesterämtern etc. Hier lehnten sich die Vandalenkönige an bestehende Institutionen an und lenkten sie in ihre Richtung, ohne allerdings in der Münzprägung in gleicher Weise aufzutreten wie der römische Kaiser. Auffällig ist nämlich, dass Goldmünzen völlig fehlen, während die vandalischen Bronzeemissionen nur das Wappen von Karthago ohne den Königstitel enthalten. Bis zu ihrer Auflösung durch Iustinian haben provinzialrömische Aristokraten die Provinziallandtage in Karthago jährlich abgehalten und dort möglicherweise Kaiser und König verehrt.68 Neben dem Kaiserkult gab es aber auch zahlreiche andere Traditionen aus provinzialrömischer Zeit. So scheinen – wie auch in Gallien und Germanien zu beobachten – einige Kultplätze weiterhin frequentiert worden zu sein. Das Weiterexistieren traditioneller Priesterämter zeigt, dass die Vandalen die städtische Organisation in Nordafrika kaum antasteten, ja wohl bewusst in

65 Chastagnol, André/Duval, Noël: Les survivances du culte impérial dans l’Afrique du nord a l’epoque Vandale, in: Mélanges d’histoire ancienne. Offerts à William Seston. Paris 1974, S. 87-118; Duval, Noël: Culte monarchique dans l’Afrique vandale. Culte des rois ou culte des empereurs?, in: Révue des Études Augustiniennes 30 (1984), S. 269-273 argumentiert ferner gegen Clover, Frank M.: Emperor Worship in Vandal Africa, in: Wirth, Gerhard/Schwarte, Karl-Heinz (Hg.), Romanitas - Christianitas. Untersuchungen zur Geschichte und Literatur der römischen Kaiserzeit. Johannes Straub zum 70. Geburtstag am 18. Oktober 1982 gewidmet, Berlin 1982, S. 661-674, dass der Herrscherkult eben nicht dem oströmischen Kaiser, sondern den vandalischen Königen selbst gegolten habe. 66 Kotula, Tadeusz: Epigraphie et histoire. Les flamines perpétuels dans les inscriptions latines nord-africaines du Bas-Empire romain, in: Eos 67 (1979), S. 131-136. 67 Lepelley, Claude: Les cités de l’Afrique romaine au Bas-Empire. La permanence d’une civilisation municipale (= Les cités de l’Afrique romaine au Bas-Empire 1), Paris 1979, S. 368. 68 F. M. Clover: Emperor (wie Anm. 64), S. 674.

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ihrer bisherigen Organisationsform beließen, sicherlich auch, um auf diese Weise ein funktionsfähiges Steuersystem aufrecht zu erhalten. Angesichts ihrer vergleichsweise geringen Zahl war es ihnen auch kaum möglich, tragfähige Alternativen zu entwickeln. Dies hieß aber auch, dass man die Organisationsstrukturen und damit die Netzwerke, der mehrheitlich katholischen Provinzialrömer unangetastet ließ und im Wesentlichen nur gegen ihren Klerus vorging. Übersehen wurde dabei, dass die katholische Kirche in der Bevölkerung fest verwurzelt war und dabei auch auf außerkirchliche Informations- und Organisationsstrukturen bauen konnte. Während zuvor die kirchliche Organisation in vielen Teilen des Römischen Reiches subsidiär für die staatliche eintrat, konnte jetzt die Kirche umgekehrt auf traditionelle städtische Organisationsformen zählen. Zusätzlich scheinen die polytheistischen Religionen der Mauren eher die arianischen Vandalen geschwächt zu haben, als die katholischen Provinzialrömer, die in der Nachfolge des Augustinus nach wie vor in der „Heidenmission“ engagiert waren.

6. R ELIGIÖSE N ETZWERKE Insgesamt ist zu beobachten, dass sich die Vandalen die römische Kultur und Verwaltung weitgehend zu Eigen gemacht haben. Das ging sogar so weit, dass sie – wohl gezwungenermaßen – alte, ehemals pagane Priesterämter bestehen ließen und Formen des Kaiserkultes auf die Königsverehrung umdeuteten. Ja sie treten selbst als Stifter auf. Unter König Gunthamund erleben die Mosaike und die Töpfereien eine neue Blüte. Epigramme des Dichters Felix überliefern den Bau von Thermen durch Thrasamund an einem Ort namens Alianae.69 Eine metrische Inschrift aus Tunis bezeichnet den Prinzen Gebamund, den Bruder des Usurpators Gelimer, zudem als Stifter von Thermen.70 Die Vandalen zeigten sich

69 Unter der Aufschrift „Felicis viris clarissimi de thermis Alianorum“ sind fünf Epigramme überliefert: Anth. Lat. 210. 70 CIL VIII 25362; Gauckler, Paul: Les thermes de Gebamund à Tunis, in: Comptesrendus des séances. Académie des inscriptions et belles-lettres 51 (1907), S. 790-795. vgl. Susanne Erbeling: Kat. 162, in: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2009 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010, Darmstadt 2009, S. 239. Zur Keramikproduktion vgl. Seiffert, Aletta: Tafelgeschirr aus Nordafrika. Exportschlager der Spätantike, in: ebd., S. 259-266. Zu den Mosaiken vgl.

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nicht zerstörungswütiger als andere Eroberer und nehmen letztlich die Kultur der Eroberten an, ja sie treten sogar selbst als Bauherren öffentlicher Gebäude – darunter Kirchen71 – in deren Fußstapfen. Was sie aber von vielen anderen zumal germanischen Völkern unterscheidet, ist ihr religiöser Eifer bei der Verbreitung des Arianismus. Offenbar haben die Könige, allen voran Geiserich, die gemeinsame Religion als einigendes und identitätsstiftendes Band der heterogenen Invasorengruppe gesehen. Mit der Errichtung des nordafrikanischen Regnum Vandalorum sollte der Arianismus zur alles einigenden „Reichskirche“ werden. Nach dem Religionsgespräch von Karthago 484 n. Chr. wollte der König Hunerich gar keine andere Konfession dulden. Dieses Anliegen scheiterte auf ganzer Linie, da sich vor allem der Katholizismus als nicht nur in der einheimischen Bevölkerung zu stark verwurzelt erwies und auch nicht konsequent genug verfolgt wurde. In der gesamten Byzacena wurde der katholische Kult nie verboten, auch Klöster wurden nicht behindert, ja unter Fulgentius von Ruspe noch vermehrt.72 Dies ließ den Katholiken den Spielraum, ihren Widerstand gegen den Arianismus als Märtyrertum zu stilisieren und mehrere Generationen zur Standhaftigkeit gegen den Arianismus zu bewegen. Dass dies nicht immer gleich gelang, zeigt die propagandistisch verfasste Schrift des Victor de Vita. Ferner gab es nicht nur im Zuge der Eroberungen, sondern auch immer wieder in der Folge Bestrebungen seitens einiger Bischöfe und vornehmer Katholiken, Ostrom zur aktiven Hilfe zu bewegen. Dass dies erst unter dem Kaiser Iustinian möglich wurde, lag vor allem an der inneren Schwäche des Vandalenreiches infolge der Niederlage des Königs Hilderich gegen die Mauren und der Usurpation des Gelimer, aber auch an dem großen religiösen Sendungsbewusstsein dieses oströmischen Kaisers. Den Vandalen gelang es auch nicht, das katholische Netzwerk innerhalb und außerhalb Nordafrikas zu zerschlagen. Es umfasste eine Vielzahl von Laien wie Kleriker und erstreckte sich bis nach Rom bzw. zum oströmischen Hof. Diesem oblag einerseits die Aufgabe, die katholische Bevölkerung in der Africa Proconsularis zum Verbleib in der Kirche und zum Zusammenhalt zu bewegen, andererseits die Hilfeleistung für in Not geratene Kirchenmitglieder.

Ghalia, Taher: Mosaike aus der Vandalenzeit. Eine Blüte christlich-römischer Kunst, in: ebd., S. 273-278. 71 Y. Modéran: Streit (wie Anm. 14), S. 316; vgl. allgemein Béjaoui, Fathi: Orte des Gebets. Sakralarchitektur im vandalischen Africa, in: Das Königreich der Vandalen. Erben des Imperiums in Nordafrika. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2009 im Badischen Landesmuseum Schloss Karlsruhe, 24. Oktober 2009 bis 21. Februar 2010, Darmstadt 2009, S. 333-342. 72 Y. Modéran: Streit (wie Anm. 14), S. 311.

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Hierzu bedurfte es nicht nur einer auch in Verfolgungszeiten funktionierenden kirchlichen Organisation, sondern auch zahlreicher Verbindungen, die weit darüber hinausgingen. Geiserich hatte zwar den Bischof von Karthago Quodvultdeus aus Karthago verbannt, doch wirkte dieser dann von seinem Exil in Neapel aus, von wo er zahlreiche Predigten und Briefe verfasste, die für die katholischen Gemeinden im Vandalenreich gedacht waren und zum Widerstand gegen die arianischen Missionsbemühungen aufriefen.73 Die Konversion zum Arianismus hat nach dem exilierten Bischof von Karthago die ewige Verdammnis zur Folge.74 Dieses Schrifttum macht nur Sinn, wenn es Wege gab, es an die Adressaten gelangen zu lassen. Ferner können wir davon ausgehen, dass sich die aus Nordafrika nach Italien Geflohenen organisierten, nachdem ihnen sogar – wie oben erwähnt – staatlicherseits Land zugewiesen worden war. Der Bischof von Karthago wird dabei eine zentrale Rolle gespielt haben, sicherlich auch als Verbindungsglied zu Rom. Dass dort einige Fäden zusammenliefen wird in einem Brief deutlich, den Papst Leo I. zwischen 442 und 458 n.Chr. dem Bischof der Gallia Narbonensis, Rusticus als Antwort auf dessen Fragen sendete. Daraus geht hervor, dass sich offenbar zahlreiche Flüchtlinge aus Nordafrika nach Gallien gewandt hatten und sich unter diesen auch Donatisten befanden, da man sich fragte, ob diese erneut getauft werden müssten, was Leo verneint.75 Sein Schreiben zeigt einerseits, dass die Flüchtlinge aus Nordafrika als Gruppe wahrgenommen wurden und andererseits, dass diese Gruppe offenbar nicht nur aus Anhängern des nicänischen Bekenntnisses bestand. Selbstverständlich muss man dem westlichen Patriarchat, Rom, automatisch eine gewisse Schlüsselrolle zugestehen, die umso wichtiger gewesen sein dürfte, als sich ein Teil der geflohenen nordafrikanischen Bischöfe auch noch in der Nähe befanden. An der am 13. März 487 n. Chr. im Lateran in Rom abgehaltenen Synode waren nur vier Bischöfe aus Nordafrika beteiligt. Doch dürfte aus dem weiteren Umfeld jedenfalls informell mit weiteren Akteu-

73 „Der Arianer ist ein Wolf […] Kommt, sagte er, ich werde euch in Schutz nehmen, seid ihr in Not, werde ich euch ernähren, seid ihr nackt, werde ich euch kleiden, Geld werde ich euch geben und die tägliche Summe eines jeden festmachen. Böser Wolf! Du unterdrückst die einen mit deiner Macht, um sie zu verderben, und du kaufst mit Gold die anderen, um sie in den Tod zu stürzen!“ Übersetzung Y. Modéran: Streit (wie Anm. 14), S. 313; Quodvultdeus, De Symb. 1,13, 4-5; Lib. Prom. Dei. 13, 22; vgl. A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 180. Zum Schrifttum des Quodvultdeus ausführlich D. G. Van Slyke: Quodvultdeus (wie Anm. 11). 74 A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 183 mit Beispielen. 75 Leo. I. ep. 167, 18; vgl. G. H. Berndt: Konflikt (wie Anm. 4), S. 217f.

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ren gerechnet werden. Ging es doch vor allem um die Frage der zum Arianismus abgefallenen katholischen Bischöfe, Kleriker, Mönche und Nonnen.76 Der Nachfolger des Quodvultdeus, Deogratias, scheint ebenfalls über ein gutes Netzwerk auch außerhalb Nordafrikas verfügt zu haben. Jedenfalls ist seine oben beschriebene Rolle als Agent für den Freikauf italischer Gefangener nach den vandalischen Raubzügen in Italien bezeichnend. Als Stützpunkte dienten ihm zudem die vor der Stadt gelegenen Basiliken samt dem darin befindlichen liturgischen Gerät, welche der katholischen Kirche zurückerstattet worden war. Schlüsselrollen nahmen später dann Fulgentius von Ruspe (468-533 n. Chr.) und Eugenius von Karthago (480-505 n. Chr.) ein, die trotz mehrerer Verbannungen durch die Vandalenkönige in der Lage waren, durch Klosterneugründungen und zahlreiche literarische und organisatorische Initiativen insbesondere in der Byzacena im unmittelbaren Umfeld des Vandalenreiches tragfähige Netzwerke aufzubauen.77 Eugenius wurde schließlich nach einer längeren Zeit der Schonung unter Gunthamund (484-496 n. Chr.), der die verbannten Bischöfe und Kleriker zurückkehren ließ, von dessen Nachfolger Thrasamund (496-523 n. Chr.) erneut verbannt und ging nach Gallien, wohin es offenbar immer noch gute Verbindungen gab.78 Fulgentius von Ruspe hat während seiner verschiedenen Zeiten im Exil zunächst in Rom, Sizilien und vor allem zuletzt auf Sardinien beste Verbindungen aufgebaut und sich als bester nordafrikanischer Theologe, wichtigster Sprecher und Briefschreiber bewährt und verstand, seine zentrale Rolle, die er im nordafrikanischen katholischen Episkopat innehatte, auch vom Exil aus zu behaupten. So wurde er 515 n. Chr. aus dem Exil von Thrasamund zu einem Disput nach Karthago berufen, erneut verbannt und konnte erst 523 n. Chr. unter Hilderich zurückkehren. Er wandte sich mit seinen Schriften aus dem Exil wie einst Quodvultdeus vor allem gegen die wieder erstarkten Missionierungsbemühungen der Arianer.79 Er verstand es jedenfalls, das von ihm organi-

76 Mansi VII, 1171-1174; vgl. dazu C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 17f.; A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 187 und A. Schwarcz: Religion (wie Anm. 10), S. 231. Zu den bekannten Fällen der Konversion zum Arianismus vgl. C. Courtois: Vandales (wie Anm. 1), S. 225 Anm. 3 u. 227 Anm.3; ferner Y. Modéran: Streit (wie Anm. 14), S. 316. 77 Vgl. dazu A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 192ff. 78 Zur Verbannung A. Schwarcz: Religion (wie Anm. 10), S. 231 und A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 196ff. 79 Vgl. A. H. Merrills/R. Miles: Vandals (wie Anm. 5), S. 199f. Zu Fulgentius vgl. Bautz, Friedrich Wilhelm: Fulgentius, BBKL II (1990) 152-153 (http://www.bbkl.de/ f/fulgentius.shtml).

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sierte kirchliche Netzwerk auch von außen aufrechtzuerhalten und konnte dadurch und durch seine Schriften letztendlich größere Abfallbewegungen verhindern.80 In diesem Sinne wirkte ja auch der karthagische Kleriker Victor von Vita, dessen Werk nicht zuletzt zur Aufrechterhaltung der Moral innerhalb dieses Netzwerkes in Nordafrika gedacht ist, sich aber auch an die unterstützenden Parteien in Italien und wahrscheinlich auch in Gallien richtet. Auch im Osten des Reiches wird es nicht nur am Hof in Konstantinopel Unterstützungsmaßnahmen für die nordafrikanischen Katholiken gegeben haben. Die oben geschilderten Bemühungen des Bischofs Theodoret von Cyrrhus für den karthagischen Kurialen Caelestiacus und seinen Haushalt, lassen den Schluss zu, dass dieser sich an den Bischof von Cyrrhus gewandt hatte, da ihm bekannt war, das Theodoret auf ein gut organisiertes Netzwerk von Klerikern und Laien zurückgreifen können. Theodorets Briefe in Sachen Caelestiacus lassen erkennen, wie diese Verbindungen fruchtbar gemacht werden konnten. Ähnliches dürfen wir für den Westen vermuten, wo den Flüchtlingen schließlich laut Novellae Valentinianae 24 die praedia pistoriae überlassen werden. Die Vandalen versuchten zwar ihre arianische Kirche nach dem Vorbild der nicänisch-katholischen zu organisieren. Sie scheiterten jedoch mit ihrer Religionspolitik, einerseits wegen ihrer zu geringen Zahl, nimmt man Victor ernst, so kann man mit Sympathisanten von nur etwa 100.000 Personen ausgehen81, und andererseits wegen des weitaus höheren Organisationsgrades und insbesondere der traditionell besseren regionalen und überregionalen Netzwerke der katholischen Seite. Diese hier nur skizzierten regionalen und überregionalen Netzwerke in Nordafrika des 5. und 6. Jh. n. Chr. systematisch zu untersuchen, wäre das lohnenswerte Ziel einer größer angelegten Studie.

80 Zur den theologischen Auseinandersetzungen des Fulgentius mit Fastiodosus, Fabianus und Pseudo-Origines vgl. Dossey, Leslie: The End of Vandal Africa. An Arian Commentary on Job and its Historical Context, in: Journal of Theological Studies 54 (2003), S. 60-138, hier S. 111ff. 81 Victor Vit. 1,2; vgl. C. Vössing: Vita (wie Anm. 2), S. 23.

Netzwerkmanagement im Ostgotenreich Die Verweigerung des konfessionellen Konflikts durch Theoderich den Großen C HRISTIAN N ITSCHKE

1. V ORÜBERLEGUNGEN „Netzwerkmanagement im Ostgotenreich“ – dies klingt zunächst nach einem bemüht modernistischen Anlauf, Inhalte der Geschichte für die Generation Internet schmackhaft zu machen und gut verdaulich zu präsentieren. Die Intention hinter dieser Titelwahl ist jedoch eine andere. Ich möchte daher, bevor wir auf den eigentlichen Kern meines Vorhabens zu sprechen kommen, zunächst für diese Wortwahl eintreten, die recht treffend ein Phänomen umschreibt, das, vom speziellen Fall gelöst, dem Historiker den wesentlichen Zugang für einen förderlichen Beitrag der Netzwerkforschung zu seinem Fach bieten kann. Der grundlegende Ansatz verbindet hierbei die unterschiedlichen Möglichkeiten zweier Forschungsdisziplinen, indem mithilfe soziologischer Konzepte und den Methoden der sozialen Netzwerkanalyse gesellschaftliche Strukturen in der Vergangenheit aufgedeckt werden, die auf andere Weise bei einer historischen Untersuchung nicht als relevant eingestuft bzw. überhaupt nicht bewusst wahrgenommen worden wären, um dann mit den Mitteln der Geschichtsforschung einen Beweis für deren Signifikanz zu erbringen. Schließlich ist es dem Historiker vergönnt, Entwicklungen über einen sehr langen Zeitraum hinweg verfolgen zu können, auch wenn der fragmentarische Charakter eines Großteils der Überlieferung dabei so manche Hürde aufwirft. Es soll also darum gehen, einen Einblick in die historischen Prozesse, die für den Beobachter unscheinbar hinter den Kulissen ablaufen, zu gewinnen.

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Bei einer Definition dessen, was der Terminus „Netzwerkmanagement“ umreißt, bietet es sich an, kleinteilig vorzugehen. Widmen wir uns also zunächst dem Begriff des Managements. Tony Watson beschreibt in einer Monografie über die fundamentalen Ordnungs- und Organisationsprinzipien menschlicher Arbeit die Aufgaben des Managers folgendermaßen: „As a function management is the overall shaping of relationships, understandings and processes within a work organisation to bring about the completion of the tasks undertaken in the organisation’s name in such a way that the organisation continues into the future.“1

Die funktionale Rolle, die hier kurz umrissen wird, erfordert zunächst keine hochspezialisierten Kenntnisse. Wir haben es noch nicht mit der Beschreibung eines bestimmten, aus sozialethischer Sicht heute gern kritisierten Berufsfeldes zu tun. Vielmehr geht es in erster Linie um die Eingrenzung einer Metaposition, von welcher aus Arbeitsabläufe koordiniert und Strukturen zielgerichtet gestaltet werden, um ein für die Gesamtstruktur positives Resultat zu erzeugen. Dementsprechend folgt für die eigentliche Tätigkeit des Managers kurz und bündig: „As an activity, management is the bringing about of this ‚shaping‘“.2 Die Aufgabe des Managements entspringt also einem grundsätzlichen Ordnungsverständnis, dessen Umsetzung die Strukturen einer Organisation zukunftsfähig gestalten und halten soll. Dabei müssen diese Anforderungen nicht auf Wirtschaftsbetriebe beschränkt bleiben. Auch ganze Staatswesen oder internationale Verbünde wollen organisiert werden, um ihren Erhalt auch in der Zukunft sichern zu können. Man denke nur an die politischen Bemühungen dieser Tage, die finanziellen Belastungen der Euro-Länder Europas so umzugestalten, dass auch in Zukunft die Grundlagen für eine stabile Gemeinschaftswährung gewahrt bleiben. Es fällt nicht weiter schwer, außerhalb des demokratischen Horizontes eine Analogie herzustellen zu den Aufgaben eines sogenannten „Staatenlenkers“: einer Rolle, für die auch heute noch die Figur Theoderichs des Großen in Italien ein Paradebeispiel liefert. Es ist wohl selten, dass wir in der Geschichte die Fäden von

1

Watson, Tony J.: Organising and Managing Work. Organisational, Managerial and Strategic Behaviour in Theory and Practice, New York 2006 (2. Aufl.), S. 167 sowie 455.

2

Ebd., S. 455.

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Planung und Organisation so deutlich in den Händen einer einzelnen Person zusammenlaufen sehen.3 Doch bevor wir uns hier weiter annähern können, müssen wir uns zunächst fragen, ob die Definition des Managements nicht noch weiter zu verallgemeinern ist. In einem Beitrag von 2001 scheinen Jörg Sydow und Arnold Windeler dies bereits getan zu haben, wenn sie die Bedeutung der Funktion wie folgt zusammenfassen: „Management meint in funktionaler Sicht die Planung, Organisation, Führung und Kontrolle sozialer Systeme.“4 Verglichen mit den Ausführungen Watsons, handelt es sich hier noch einmal um eine deutliche Ausweitung des Begriffs. Dies ist zunächst der veränderten Perspektive Sydows und Windelers geschuldet. Während Watson sich in seinen Betrachtungen auf die spezifische Dynamik von Arbeitsabläufen bezieht, nehmen Sydow und Windeler das strategische Management interorganisationaler Strukturen in den Blick. Sie bewegen sich also auf einer Makroebene, die das Unternehmen als Ganzes zu einem Baustein einer noch höheren Organisationsstufe werden lässt. Gleichzeitig offenbaren sie auf diese Weise aber auch, wie unterschiedlich sich der Begriff des Managements im Grunde auffassen lässt, ohne jedoch seine ursprüngliche Denotation einzubüßen. Management findet dort statt, wo sich organisierende Strukturen – und das schließt soziale Systeme ein – auftreten, um deren Erhalt zu sichern. Es meint also, trotz des modernen Anklangs, keinesfalls weniger als die Aufgabe, das zu organisieren, was organisiert werden muss.5 Wir sehen, wie wir

3

Vgl. Wolfram, Herwig: Das Reich Theoderichs in Italien und seinen Nebenländern, in: Teoderico il Grande e i Goti d’Italia. Atti del XIII Congresso internazionale di studi sull’Alto Medioevo. Milano 2-6 novembre 1992, Spoleto 1993, S. 3-19, hier S. 17: „Kaiserlich war auch des Gotenkönigs Herrschaft über die römische Bürokratie, die er bis zu den höchsten Rängen hinauf besetzte; [...] Theoderich entschied über die Zugehörigkeit zum Senat, übte die Blutgerichtsbarkeit wie das Gnadenrecht über alle Bewohner Italiens aus und besaß die Hoheit in kirchlichen Angelegenheiten; eine Zuständigkeit, die Theoderichs heermeisterliche Befugnisse allerdings wesentlich übertraf.“

4

Sydow, Jörg/Windeler, Arnold: Strategisches Management von Unternehmungsnetzwerken. Komplexität und Reflexivität, in: Ortmann, Günther/Sydow, Jörg (Hg.), Strategie und Strukturation. Strategisches Management von Unternehmen, Netzwerken und Konzernen, Wiesbaden 2001, S. 129-143, hier S. 134.

5

Diesen Gedanken verfolgt auch Dietrich von der Oelsnitz in einem kleinen Übersichtswerk zum Thema Management. So schreibt er, bevor er auf die logistischen Leistungen von Römern und Inkas zu sprechen kommt: „Legt man aber keinen Wert auf das Begriffsmerkmal der ökonomischen Perspektive, dann wird schnell deutlich,

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uns langsam von der gewohnten Definition des Managements als Umschreibung eines modernen, industriell geprägten Tätigkeitsprofils fortbewegen. Doch müssen wir vom Allgemeinen her wieder das genuin Spezifische unseres Falls ins Auge fassen, wenn wir nun den Begriff des Netzwerks, den wir zuvor (aus didaktischen Gründen) haben fallen lassen, ebenso zu seinem Recht kommen lassen. Wenn hier von Netzwerken die Rede sein soll, dann meine ich natürlich in erster Linie eben jene Strukturen aus Knoten (Akteuren) und Kanten (Beziehungen), die nachzuweisen sich die Projekte des Forschungsclusters für gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke in Trier und Mainz zum Ziel gesetzt haben, ob in Geschichte, Kultur oder Religion.6 Auch Unternehmen können, wie bereits angesprochen wurde, solche Beziehungsnetze ausbilden, indem sich die Betriebe, als Gesamtstrukturen zusammengefasst, ihrerseits in eine höhere Organisationsstruktur einfügen. In dieser stellen sie nunmehr einzelne Akteure einer kollektiven Natur mit Beziehungen zu anderen gleichwertigen Akteuren dar. Und so heißt es denn zunächst auch weiter bei Sydow und Windeler: „Beim Management von Unternehmungsnetzwerken, dem Netzwerkmanagement, geht es im Kern um die Organisation der Aktivitäten und Beziehungen zwischen den beteiligten Unternehmungen“.7

Netzwerkmanagement bezeichnet hier also das Management auf einer Makroebene. Im weiteren Verlauf unterscheiden die Autoren dabei vier wesentliche Aufgaben: Selektion, Allokation, Regulation und Evaluation. Hier sei nur die

daß Führungs- und Organisationsfunktionen schon seit Menschengedenken, spätestens aber seit Erfindung der Schrift, von besonders qualifizierten Personen ausgeübt wurden.“ Und mit Bezug auf die antiken Leistungen schließt er an: „Entsprechen diese Investitionen in den reibungslosen Austausch von Waren und Nachrichten nicht auch dem modernen Managementgedanken?“ – von der Oelsnitz, Dietrich: Management. Geschichte, Aufgaben, Beruf, München 2009, S. 9f. 6

Ich möchte hier der Definition von Clyde Mitchell den Vorzug geben, die ein soziales Netzwerk beschreibt als „as a specific set of linkages among a defined set of persons, with the additional property that the characteristics of these linkages as a whole may be used to interpret the social behavior of the persons involved.“ Siehe Mitchell, James Clyde: The Concept and Use of Social Networks, in: Ders. (Hg.), Social Networks in Urban Situations. Analyses of Personal Relationships in Central African Towns, Manchester 1969, S. 1-50, hier S. 2.

7

J. Sydow/A. Windeler: Strategisches Management (wie Anm. 4), S. 134.

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erste Aufgabe näher ausgeführt, da ihr im weiteren Verlauf meiner Argumentation noch einige Beachtung zukommen wird: „Ferner – oft zu allererst – sind die Organisationen auszuwählen, mit denen im Netzwerk zusammengearbeitet bzw. mit denen die Zusammenarbeit beendet werden soll.“8 Das Netzwerkmanagement beinhaltet somit die Verantwortung über die Auswahl der Akteure, welche an dem Netzwerk teilhaben dürfen. Das schließt mit ein, dass ein Akteur, welcher der erfolgsorientierten Ausrichtung der Beziehungsstruktur hinderlich ist oder ihr nichts hinzuzufügen hat, aus diesem System wieder ausgeschlossen werden kann.9 Wir müssen dabei im Auge behalten, dass Motive und Entscheidung hierüber im Ermessen desjenigen oder derjenigen liegen, denen die Aufgabe des Managements kraft welcher Autorität auch immer zukommt. Die Effizienz der Organisation ist also nicht so sehr ein sachlich feststellbarer Wert, ihr hängt vielmehr eine perspektivenbezogene, in den meisten Fällen also personengebundene Komponente an. Ich möchte nun die Definition von Netzwerkmanagement ausweiten. Denn ebenso wie der Begriff des Managements lässt sich auch der des Netzwerkmanagements breiter auslegen, indem wir ihn aus seinem ursprünglichen Anwendungskontext lösen, um ihn in ein artverwandtes Feld einzuführen. So wollen wir Netzwerkmanagement als organisatorischen Eingriff in soziale Systeme, und als solches in soziale Netzwerke verstehen. Wir entfernen uns hierdurch von dem ökonomisch dominierten Konzept einer Rationalisierungsprozedur, etwa durch die Auslagerung von Produktionsabläufen, hin zu einem aktiven Gestaltungsanspruch auf gesellschaftliche Strukturen. Wenn ich von Netzwerkmanagement im Ostgotenreich spreche, meine ich also Folgendes: Die von uns mithilfe der Sozialen Netzwerkanalyse aufgespürten Beziehungsstrukturen der Spätantike sollen auf aktiv gesteuerte Eingriffe hin untersucht werden, die das ursprünglich vorhandene Erscheinungsbild so weit verändern, dass eine im Interesse des fraglichen Manipulators liegende Neuausrichtung, eben dieser Strukturen stattfindet. Haben konkret belegte Handlungen, Entscheidungen, etc., die bisher in der Forschung nur singulär erfasst wurden,

8

Ebd.

9

Payer, Harald: Wieviel Organisation braucht das Netzwerk? Entwicklung und Steuerung von Organisationsnetzwerken mit Fallstudien aus der Cluster- und Regionalentwicklung, Klagenfurt 2002, S. 52 hält die Aufrechterhaltung gemeinsamer Erfolgsorientierung in Zusammenhang mit der Selektion für so bedeutsam, dass er in der „Zielvereinbarung“ eine zusätzliche Managementfunktion sehen möchte. Er notiert hierzu: „Das Management übernimmt die Rolle des Hüters über die Zielvereinbarung.“

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einen deutlich regulativen Einfluss auf Strukturen, die wir anhand der Quellen nur hypothetisch erheben können, so würde dies helfen, die Glaubwürdigkeit der erhobenen historischen Netzwerke zu steigern. Ihr hypothetischer Charakter wäre damit zwar nicht vollends aufgehoben. Unsere Informationen sind von vornherein zu lückenhaft, um ein Netzwerk abbilden zu können, das der „historischen Realität“ auch nur annährend gleichen könnte. Aber vielleicht gewinnen wir auf diesem Wege eine Möglichkeit, zumindest Einblicke in Prozesse zu bekommen, die sich hinter der Ereignisgeschichte verbergen und über die soziale Realität von Einzelwahrnehmungen hinausgehen. Theoderich also ein Netzwerkmanager? Durch die vorangestellten Überlegungen lassen sich womöglich Schlüsse bezüglich der Signifikanz theoretisch erhobener sozialer Netzwerke ableiten. Dennoch können wir daraus noch nicht auf ein zeitgenössisches Bewusstsein für besagte Strukturen schließen; jedenfalls nicht im schematischen Sinn, der eine Wahrnehmung aller beteiligten Aspekte zur Voraussetzung hätte. Aber auch begrenzte Eingriffe unter Wahrnehmung lokaler Strukturen können Auswirkungen auf ein größeres Gesamtgefüge haben, ohne dass die Handelnden sich der globaleren Zusammenhänge bewusst wären. Zudem ist der potenzielle Zugriff auf sämtliche Akteursaktivitäten, der sich bereits in einem Wirtschaftsunternehmen als äußerst schwierig gestaltet, für ein hochkomplexes soziales Gefüge, wie es das Ostgotenreich Theoderichs darstellte, nur schwerlich zu postulieren. Doch möchte ich nach diesen Vorüberlegungen nun auf ein konkretes Beispiel für einen womöglich strukturverändernden Eingriff zu sprechen kommen, um meinen Standpunkt zu verdeutlichen.

2. D AS RELATIONALE U MFELD P ROZESSES

DES

B OETHIUS -

Im Mittelpunkt unserer Betrachtungen soll ein in Diensten der Ostgoten gescheiterter Römer stehen, Anicius Manlius Severinus Boethius.10 Als früh verwaister Sprössling einer ehrenwerten Senatorenfamilie, der schon zu Lebzeiten vor allem für seine Bildung gerühmt wurde, trat Boethius erst spät in eine politische

10 PLRE II, S. 233-237. Im Folgenden finden sich Verweise auf die Prosopographie weströmischer Senatoren zur Zeit der Ostgotenherrschaft bei Schäfer, Christoph: Der weströmische Senat als Träger antiker Kontinuität unter den Ostgotenkönigen 490540 n. Chr., St. Katharinen 1991, S. 9-117 als C. Schäfer: Senat mit der entsprechenden Ordnungszahl, hier also C. Schäfer: Senat, Nr. 30. Die Angaben korrespondieren mit den Benennungen in den Netzwerkgrafiken.

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Laufbahn ein, dies jedoch umso fulminanter. Obwohl er, soweit uns die Quellen dies mitteilen, wenige Jahre zuvor nur vereinzelt eine unterstützende Rolle von Theoderich übertragen bekommen hatte,11 wurde er 510 auf Vorschlag des Königs unvermittelt zum Konsul sine collega ernannt.12 Zwölf Jahre später, 522, folgten ihm seine Söhne in der Würde nach, gleichzeitig und unter Umgehung eines eigentlich obligatorischen Vertreters des östlichen Reiches.13 Boethius selbst stieg im selben Jahr zum Vorsteher der königlichen Kanzlei auf.14 Es ist unverkennbar, dass er und seine Familie zu diesem Zeitpunkt hoch in der Gunst des Ostgotenherrschers standen. Wie genau dieser Aufstieg zustande kam, was ihn hervorrief, ist den Quellen nicht zu entnehmen. Jedenfalls endete die Karriere genau so abrupt, wie sie begonnen hatte. Bereits gegen Ende des Jahres 523 hatte sich Boethius in zahlreiche Händel mit anderen Würdenträgern des Ostgotenreiches verstrickt, sodass er sich plötzlich isoliert sah, als er einen Standesgenossen vor – seiner Meinung nach – unberechtigten Hochverratsanklagen in Schutz nehmen wollte. Er selbst geriet ins Visier der Ermittlungen, wurde des Hochverrats für schuldig befunden und schließlich nach einiger Zeit in Kerkerhaft hingerichtet.15 Ebenso wie für seinen raschen Aufstieg, wurde auch für das drakonisch anmutende Ende des Boethius von der Forschung niemals eine endgültig befriedigende Erklärung gefunden.16 Wahrscheinlich lässt sich dies mit

11 Im Dienst Theoderichs sollte Boethius um 506/7 vermittels seiner Gelehrsamkeit bestimmte diplomatische Geschenke, die an Burgunder und Franken gehen würden, ausfindig machen; siehe Cassiod. var. 1, 45; 2, 40. Ungefähr im selben Zeitraum sollte er in einem möglichen Betrugsfall durch fehlerhafte Auszahlungen an die domestici equitum et peditum ermitteln; siehe Cassiod. var. 1, 10. Vgl. hierzu auch Barnish, Sam J.: Cassiodorus. Selected Variae, Liverpool 1992, S. 12-14. Zu letzterer Aufgabe qualifizierte ihn wohl ebenfalls sein hoher Bildungsstand, da der Kunst der Arithmetik in dem Schreiben nachdrücklich hohe Bedeutung zugesprochen wird. 12 Liebenam, Wilhelm: Fasti consulares imperii Romani, Bonn 1909, S. 53. 13 Zum spätantiken Konsulat siehe etwa Lancon, Bertrand: Rome in Late Antiquity. Every Day Life and Urban Change, AD 312-609, Edinburgh 2000, S. 54f. 14 Boeth. Cons. Phil. V, Subscriptio. 15 Ort und Jahr der Hinrichtung gehen nicht deutlich aus den Quellen hervor. Vor allem der genaue Zeitpunkt wurde kontrovers diskutiert. Wahrscheinlich erfolgte die Umsetzung des Urteils 524 in der Nähe von Mailand. Siehe hierzu umfassend Goltz, Andreas: Barbar – König – Tyrann. Das Bild Theoderichs des Großen in der Überlieferung des 5. bis 9. Jahrhunderts, Berlin u.a. 2008, S. 363-370. 16 C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), S. 240-262 entwickelt die These, Boethius habe mit seiner altaristokratischen Arroganz die von Theoderich geförderten senatorischen

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den spärlichen Informationen, die wir aus den Quellen erhalten, auch nicht bewerkstelligen. Dennoch möchte ich versuchen, unter Anführung einiger strukturanalytischer Argumente Denkanstöße in eine neue Richtung zu geben. Zunächst wollen wir uns das nähere soziale Umfeld des Boethius im entscheidenden Zeitraum seiner Amtszeit als magister officiorum anschauen. Er selbst hat uns die hierzu notwendigen Angaben überlassen in seiner Consolatio Philosophiae, einer Trostschrift, die Boethius während seiner letzten Monate in Gefangenschaft anfertigte.17 Ein Großteil des Werkes besteht aus abstrakten gedanklichen Prozessen, die der Autor in Diskursen mit der personifizierten Philosophie in deutlich eskapistischer Tendenz durchläuft, um Heilung für sein durch die persönlich erfahrenen Ungerechtigkeiten zerrüttetes Seelenleben zu erreichen. Seine Ausführungen im vierten Prosakapitel des ersten Buches, gleichsam der Prolog zur darauf in Schritten erfolgenden Entnabelung von den Belangen

Aufsteiger Norditaliens gegen sich aufgebracht. Moorhead, John: The Last Years of Theoderic, in: Historia 32 (1983) 1, S. 106-120 sieht Boethius zunächst einer Gruppe von Theologen verhaftet, die sich an oströmischen Glaubensvorstellungen orientierten, was ihnen zum Verhängnis geworden sei. Allerdings findet er die These selbst wenig überzeugend und entdeckt zwei Jahre nach Schäfer die Schuldigen ebenfalls in den politischen Aufsteigern bei Hof. Siehe Moorhead, John: Theoderic in Italy, Oxford 1993, S. 232-253. Aufgrund der verschwommenen juristischen Motive des Prozesses sprach man in der Forschung gar zeitweise von einem Justizmord. Siehe etwa Klingner, Friedrich: Römische Geisteswelt. Essays zur lateinischen Literatur, München 1965 (5. Aufl.), S. 592; Tränkle, Hermann: Philologische Bemerkungen zum Boethiusprozeß, in: Fuhrmann, Manfred/Gruber, Joachim (Hg.), Boethius, Darmstadt 1984, S. 52-63, hier S. 63. Aber so auch schon Rubin, Berthold: Theoderich und Iustinian. Zwei Prinzipien der Mittelmeerpolitik, München 1953, S. 26f. Dagegen A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 360f. 17 Allgemein zur Consolatio Philosophiae mit einem Überblick über die ältere Forschung siehe Gruber, Joachim: Kommentar zu Boethius. De consolatione Philosophiae, Berlin/ New York 1978, S. 13-48. Erweitert, jedoch ohne den Forschungsteil, in der 2. Auflage (da teils gekürzt, im Folgenden nur ergänzend in Klammern zitiert): Berlin/ New York 2006, S. 14-51. Zu den näheren Umständen der Entstehung siehe Shanzer, Danuta: The Death of Boethius and the ‚Consolation of Philosophy‘, in: Hermes 112 (1984) 3, S. 352-366. Eine Interpretation der Consolatio unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Theoderich bietet A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 381-387. Die eher philosophischen und rezeptionsgeschichtlichen Aspekte der Consolatio beleuchtet aktuell der Sammelband Marenbon, John (Hg.): The Cambridge Companion to Boethius, Cambridge 2009.

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des weltlichen Seins, zeigen sich aber etwas konkreter: Hier rechtfertigt sich Boethius für Maßnahmen und Ansichten, die er im Zuge seines politischen Lebens vertreten hat, und nennt dabei gleich eine ganze Riege an Personen, entweder namentlich oder in Anspielung, denen er sein böses Schicksal zu verdanken glaubt.18 Seine Ausführungen reichen dabei bis zu den unmittelbaren Umständen seiner Verhaftung, ohne jedoch Klarheit über die eigentlichen Vorwürfe zu erbringen oder die Frage zu beantworten, warum der magister officiorum gleich so harsche Konsequenzen zu tragen hatte.19 Es bietet sich daher an, sich das von

18 Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 10-36. Die Passagen werden hinlänglich diskutiert bei C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), S. 240-262; A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 356373. Zum Aufbau des benannten Kapitels, der sich rhetorischen Prinzipien entlehnt, siehe auch Reiss, Edmund: The Fall of Boethius and the Fiction of the „Consolatio Philosophiae“, in: The Classical Journal 77 (1981) 1, S. 37-47, hier S. 43. 19 Nach J. Gruber: Kommentar (wie Anm. 17), S. 11 (13) zielen die Vorwürfe auf drei wesentliche Anschuldigungen ab: das crimen maiestatis, das crimen perduellionis und das crimen sacrilegii. Boethius spricht jedoch die Anklagepunkte nicht explizit aus, sondern beschränkt sich auf sehr zweideutige Formulierungen. So gibt er zwar an, beschuldigt zu werden, die Rettung des Senats angestrebt zu haben (Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 20 [ed. Moreschini]: Senatum dicimur salvum esse voluisse), was in Anbetracht seiner schlussendlichen Exekution aus der Retrospektive als Majestätsverbrechen ausgelegt werden könnte. Eine exakte rechtliche Sachlage ist aus diesen Worten aber genauso wenig herauszulesen wie aus der späteren Bemerkung, ihm werde vorgeworfen, er habe die römische Freiheit erhofft (Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 26: libertatem arguor sperasse Romanam). J. Moorhead: Theoderic (wie Anm. 16), S. 221 deutet dies als Kampfparole für den Wunsch nach oströmischer Intervention in Italien. Vorsichtiger dagegen Amory, Patrick: People and Identity in Ostrogothic Italy 489-554, London 1997, S. 133 mit Anm. 144. Zur philosophischen Reduktion des libertas-Begriffs in der Consolatio siehe jetzt auch Magee, John: Boethius „Consolatio“ and the Theme of Roman Liberty, in: Phoenix 59 (2005) 3/4, S. 348-364. Boethius jedenfalls unterlässt es, den Vorwurf weiter zu erläutern. Dieser basiere ohnehin, so Boethius an selber Stelle, auf gefälschten Briefen. Konkreter wird es nur, wenn er schreibt, er solle Beweise unterschlagen haben, mit denen Majestätsverbrechen des ganzen Senats hätten aufgedeckt werden können (Boeth. Cons Phil. 1, 4, 21: delatorem, ne documenta deferret quibus senatum maiestatis reum faceret, impedisse criminamur). Doch ist in keinster Weise bezeugt, dass sich der Senat als solcher zu dieser Zeit von Theoderichs Seite irgendwelchen Vorwürfen ausgesetzt sah. Vielmehr waren die Senatoren offenbar sogar an der Wahrheitsfindung beteiligt, was Boethius besonders erbittert (vgl. Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 23). Dazu auch Moorhead, John: Romans in Ostrogothic Ser-

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Boethius konstruierte persönliche Umfeld einmal grafisch vor Augen zu führen, um auf diese Weise mögliche Zusammenhänge aufzudecken, die aus den Informationen selbst nicht unmittelbar hervorgehen. Zu diesem Zweck wurden die Angaben aus der Consolatio mithilfe der im Forschungscluster der Universitäten Trier und Mainz entwickelten Software „VennMaker“ visualisiert. Abbildung 1: Prozess-Netzwerk des Boethius

Quelle: Eigene Darstellung

vices, in: Historia 27 (1978) 4, S. 604-612, hier: S. 612. C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), S. 259-262 sieht in der Verlegung des Prozesses in das gotenfreundliche Norditalien das Bemühen, den Anklägern einen „Heimvorteil“ zu verschaffen. Die Folge sei eine Entfremdung des Senats von Theoderich gewesen. Aufzeichnungen, aus denen der ganze Sachverhalt deutlich werden sollte, will Boethius angelegt haben (siehe Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 25). Sie sind jedoch, sofern sie wirklich existierten, heute verloren. Vgl. dazu J. Gruber: Kommentar (wie Anm. 17), S. 123 (129). Zum sacrilegium ob ambitum dignitatis, das ebenfalls einer Spezifizierung ermangelt, siehe Anm. 51.

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In der Form entspricht der Aufbau einem rudimentären egozentrierten Netzwerk. Boethius selbst ist als zentraler Akteur, als Ego, in der Mitte der Grafik zu finden. Durch Verbindungslinien werden Beziehungen symbolisiert, die er zu den von ihm genannten Alteri unterhält bzw. die diese untereinander führen. Schwarze Linien stehen für positiv besetzte Verhältnisse, rote dagegen für konfliktbehaftete. Fett hervorgehoben sind Patronatsverhältnisse, die Boethius in Bezug auf das jeweilige Gegenüber konstruiert. Gestrichelte Linien schließlich zeigen ein in der Quelle nur indirekt aufgezeigtes Verhältnis an. An Akteuren gibt es dabei grundsätzlich zwei mögliche Arten, entweder einzelne Personen, welche durch Kreise dargestellt sind, oder ganze Personenkreise oder Institutionen, die als Quadrate erscheinen. Eingeordnet sind diese Akteure in eine von Ego ausgehende konzentrische Umgebung, die in zwei Sphären unterteilt ist, einer für die indigene römische Bevölkerung Italiens stehenden inneren und einer die zugewanderten Barbaren repräsentierenden äußeren Sphäre. Diese Sphären wiederum sind zwei Zonen unterworfen, die von dem Erzählzusammenhang der Ausführungen des Boethius geformt werden. Die gelbe, untere Hälfte steht für Relationen, die in direktem Zusammenhang mit den Hochverratsanschuldigungen genannt werden. Die rote, obere Hälfte dagegen steht für Relationen, die zwar nicht direkten Bezug auf den Prozess nehmen, aber aufgrund der Tatsache, dass sie im selben Kapitel erscheinen, in den weiteren Kontext des Geschehens einzuordnen sind. Auf diesen Punkt soll später noch einmal eingegangen werden. Doch welche Erkenntnisse lassen sich nun aus einer solchen grafischen Anordnung gewinnen? Eine wichtige Beobachtung ist gleich auf den ersten Blick zu treffen, ohne dass wir uns den Beziehungen im Detail zuwenden müssten. Sehen wir uns die beiden Hälften der Grafik an, welche den Kontext der Relationen anzeigt, so können wir feststellen, dass die Äußerungen von Boethius den Prozess betreffend ausschließlich Dyaden innerhalb der römischen Kreise herstellen. Im direkten Umfeld der Anschuldigungen gegen Boethius selbst spielt also kein einziger Gote in irgendeiner Form eine Rolle. Es mag zwar sein, dass die Gruppe seiner Freunde, als coetus amicorum bezeichnet, auch Goten umfasste, doch ist dies eher unwahrscheinlich.20 Und auch wenn dem so wäre, stünden sie in einer positiv belegten Beziehung zu Boethius. Somit stellen wir fest, dass sich die Ereignisse rund um die Anschuldigungen gegen den magister

20 Vgl. J. Moorhead: Romans (wie Anm. 19), S. 612; A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 379f.

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officiorum grundsätzlich innerhalb der römischen Kreise abspielten.21 Dies ist ein wichtiges Indiz, wenn wir uns mit der oft postulierten, zumeist aus der Wortwahl des Boethius gefolgerten Barbarenfeindlichkeit beschäftigen.22 Doch sei zunächst noch darauf hingewiesen, dass einzig König Theoderich in den Dunstkreis der Anschuldigungen hineingerät, wenn auch nur indirekt. Boethius gibt an, der König habe die Senatoren verderben wollen, indem er sie in den Majestätsprozess gegen den Konsular Albinus mitverwickle.23 Boethius habe sich darauf schützend vor den Senat gestellt, was ihm jedoch seitens seiner Standesgenossen offenbar nicht gedankt wurde. Die weitere Verstrickung Theoderichs verliert sich, da hierzu nichts mehr gesagt wird.24 Doch es ist dem Leser auch so bereits deutlich vor Augen geführt geworden, dass die Situation, in der sich Boethius wiederfindet und in die er nicht zuletzt aufgrund mangelnder Umsicht geraten war, nach seiner Meinung auf eine Initiative des Königs zurückzuführen ist. Seine wiederholten Klagen gegen den Senat lassen allerdings erkennen, dass Boethius die Hauptschuldigen an seinem Elend vorwiegend bei den Standesgenossen suchte.25 Eine Intervention Theoderichs ist also offenbar in einer Form vorhanden gewesen, im Detail aber unklar. Prominent treten Goten erst auf den Plan, wenn wir den Personenkreis um den weiteren Kontext der Erzählung erweitern, also Relationen aufnehmen, die nicht in direkter Verbindung mit dem Prozessgeschehen stehen, aber zum litera-

21 So grundsätzlich auch schon erkannt von Olof Gigon in seinen Anmerkungen zu Gegenschatz, Ernst/Ders. (Hg.): Boethius. Consolatio Philosophiae – Trost der Philosophie. Lateinisch-deutsch, Düsseldorf/ Zürich 2004, S. 281. 22 Zur angeblichen Barbarenfeindlichkeit des Boethius, in der wohl eher ein durch enttäuschte Erwartungen mitbegründetes Festhalten an überkommenen literarischen Topoi zu sehen ist, siehe P. Amory: Italy (wie Anm. 19), S. 133-135 mit Anmerkungen zur vorausgehenden Forschungsdiskussion. 23 Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 32: meministi, inquam, Veronae cum rex auidus exitii communis maiestatis crimen in Albinum delatae ad cunctum senatus ordinem transferre moliretur, uniuersi innocentiam senatus quanta mei periculi securitate defenderim. 24 A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 383-387 sieht, auf älterer Forschung fußend, den König hier allerdings durch zahlreiche Anspielungen insgeheim zum Tyrannen stilisiert. Zur Tyrannenproblematik ausführlich Pierre Courcelle: Le tyran et le philosophe d’après la Consolation de Boèce, in: Passaggio dal mondo antico al Medio Evo da Teodosio a San Gregorio Magno. Convegno Internazionale, Roma, 25-28 maggio 1977, Rom 1980, S. 195-224. Siehe auch J. Magee: Liberty (wie Anm. 19), S. 350357. 25 Etwa Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 23.

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rischen Umfeld der Ereignisse gehören. Es würde merkwürdig anmuten anzunehmen, dass Boethius diese Informationen nicht mit den Ursachen seiner Misere in Verbindung gebracht wissen wollte, da er sie im selben Kapitel und somit quasi in einem Atemzug mit den wesentlichen Angaben zu seinem Prozess erwähnt.26 Sie bilden auf diese Weise so etwas wie eine Vorfeldsituation, die den Nährboden für das eigentliche Dilemma liefert. Sind also doch Barbaren schuld an seiner Lage? Der Verdacht relativiert sich, wenn wir uns die Art und Zahl der konfliktbehafteten Beziehungen einmal genauer anschauen. Von insgesamt neun negativ ausgelegten Relationen bestehen nur zwei zu eindeutig als Goten zu identifizierenden Personen, Triggvilla27 und Conigastus28. Dazu kommen die Palatinae canes, womit eine Frontstellung gegen das gesamte höfische Umfeld in Ravenna, das aber bekanntlich nicht nur aus Goten bestand,29 aufgebaut wird. Aus dieser Äußerung ist also eine generelle Abneigung gegen die Opportunisten bei Hofe zu sehen, seien sie nun römischer oder gotischer Herkunft. Demgegenüber bestehen mit Cyprianus30, Basilius31, Gaudentius32 und Opilio33 gleich vier Negativverhältnisse zu Römern, dazu kommt der Konflikt mit dem Senat als Ganzes, der sich aus oben genannten Motiven heraus ergeben hat. Wenn wir nun noch zu Recht davon ausgehen, dass in dem namentlich nicht genannten praefectus praetorio, der mit Boethius über Getreidelieferungen der Provinz Campania in Streit geriet,34 ebenfalls ein Römer zu sehen ist, ergibt sich hier ein deutliches Übergewicht innerrömischer Auseinandersetzungen, die schließlich zum Debakel führten. Das will nicht recht ins Bild eines barbarenhassenden Aristokraten passen, der ja zudem selbst in leitender Stellung der gotischen Administration zu finden ist.

26 Die Angaben zu seinen früheren Konfrontationen leiten zu den eigentlichen Geschehnissen des Prozesses über. Siehe Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 10-15. 27 PLRE II, S. 1126f; P. Amory: Italy (wie Anm. 19), S. 423f. 28 PLRE II, S. 330; P. Amory: Italy (wie Anm. 19), S. 369. 29 Zur Reichsverwaltung im ostgotischen Italien und dem Hof in Ravenna siehe in aller Kürze Giese, Wolfgang: Die Goten, Stuttgart 2004, S. 83-88. 30 PLRE II, S. 332f.;C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), Nr. 41; P. Amory: Italy (wie Anm. 19), S. 369-371. 31 PLRE II, S. 216. 32 PLRE II, S. 495. 33 PLRE II, S. 808; C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), Nr. 73. 34 Bei dem Präfekten scheint es sich um Flavius Anicius Probus Faustus Niger gehandelt zu haben. Siehe J. Gruber: Kommentar (wie Anm. 17), S. 120 (125f.). Vgl. Anm. 38.

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Doch wenn wir nun davon ausgehen, dass die offiziellen Anschuldigungen gegen Boethius, wie von ihm ja immer wieder beteuert wird,35 konstruiert waren und eigentlich politische Motive den Prozess bestimmten, worin sind diese dann zu suchen, wenn eine grundsätzlich feindliche Haltung gegen die herrschenden Barbaren aus dem persönlichen Umfeld nicht herauszulesen und somit auch nicht verantwortlich zu machen ist? Schauen wir uns nun die Persönlichkeiten, gegen die Boethius Stellung bezieht, noch einmal genauer an. Eine grundsätzliche Gegnerschaft scheint zu den beiden Goten Triggvilla und Conigastus bestanden zu haben, deren Maßnahmen Boethius in seiner Amtszeit offenbar regelmäßig wegen empfundener Ungerechtigkeiten rückgängig machte.36 Es ist zu erwarten, dass diese ihren Unmut darüber direkt beim König anzeigten, vor allem bei Triggvilla, der als praepositus domus regiae, also als praepositus sacri cubiculi,37 in unmittelbarer Nähe Theoderichs zu finden gewesen sein dürfte. Interessant erscheint nun die Nachricht bei Cassiodor, dass um das Jahr 510 eben dieser Triggvilla als saio gegen den damaligen Prätorianerpräfekten Faustus Niger38 vorging, um von jenem unrechtmäßig erworbenes Eigentum an den ursprünglichen Besitzer zurückzuführen.39 Als Gesandter des Königs vermittelte Triggvilla hier wohl in einer innerrömischen Angelegenheit, die verglichen mit den Ausführungen bei Boethius also unter umgekehrten Vorzeichen stand. Der Gote erscheint hier nicht als Verursacher des Übels, sondern im Gegensatz dazu als Helfer zur Beseitigung desselben. Überhaupt tritt Triggvilla vor allem als Mittler zwischen den Völkern, Religionen und Konfessionen auf. Für das Jahr 511 ist er mit dem Versuch bezeugt, für Ennodius40, einen standfesten Katholiken und späteren Bischof von Ticinum, ein Haus zu erwerben. Hilfe bekam er dabei von Helpidius41, seines Zeichens Leibarzt des Königs und ebenfalls katholischer Konfession. Dies deutet auf ein enges Band zwischen den Beteiligten hin.

35 Boeth. Cons. Phil. 1, 3, 3-5; 4, 19; 26; 34; 37; 46. 36 Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 10: Quotiens ego Conigastum in imbecilli cuiusque fortunas impetum facientem obuius excepi, quotiens Trigguillam regiae praepositum domus ab incepta, perpetrata iam prorsus iniuria deieci, quotiens miseros quos infinitis calumniis impunita barbarorum semper auaritia uexabat obiecta periculis auctoritate protexi! 37 Vgl. J. Gruber: Kommentar (wie Anm. 17), S. 119 (125). 38 PLRE II, S. 454-456; C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), Nr. 49. 39 Cassiod. var. 3, 20. Auch Boethius selbst geriet offenbar mit diesem Prätorianerpräfekten in Konflikt. Vgl. Anm. 34. 40 PLRE II, S. 393f. 41 PLRE II, S. 537.

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Von einer Schranke zwischen den Konfessionen kann also kaum die Rede sein. Nach 519 setzt er sich dazu noch als praepositus sacri cubiculi bei Theoderich für eine Gruppe von Juden ein, denen von christlicher Seite aus Unrecht geschehen war.42 Ob diese Aktivitäten bereits zu den „ungerechten Taten“ gehörten, über die sich Boethius später echauffieren sollte, sei dahingestellt. Jedenfalls haben wir es bei Triggvilla mit einer Person zu tun, die wie kaum eine andere die auf Vermittlung bedachte Toleranzpolitik Theoderichs versinnbildlicht und folgerichtig in unmittelbarer Nähe des Königs gerückt worden war. Und auch dem Conigastus lässt sich eine solche Brückenfunktion zuschreiben. Aus einer späteren Episode können wir schließen, dass er die Funktion eines comes Gothorum ausgeübt haben muss.43 Diese hatten u. a. über Streitfälle zwischen Goten und Römern zu befinden, nahmen also ebenfalls eine mittelnde Position gerade an der empfindlichen Schwelle zwischen Barbaren und Provinzialen ein.44 Beide Goten stehen damit auch für Verbindungsglieder zwischen den Konfessionen der gotischen Arianer und der römischen Katholiken. Doch noch ein weiterer Akteur fällt in diesen sensiblen Bereich, Cyprianus. Überhaupt fände sich dieser, gingen wir von der Erzählstruktur in der Consolatio aus, auch in der oberen Hälfte der Grafik wieder, wenn er nicht über die Person des von ihm beschuldigten Albinus dem engeren Umfeld des Prozesses gegen Boethius zugeordnet werden könnte. Cyprianus diente vor seiner zivilen Karriere scheinbar im gotischen Heer, was für einen Römer eher ungewöhnlich war.45 Er sprach Latein, Griechisch und Gotisch, das er auch seinen Söhnen beibringen ließ. Als referendarius und späterer comes sacrarum largitionum ist er der

42 Anon. Val. 14, 81f.; Vgl. Schäfer, Christoph: Probleme einer multikulturellen Gesellschaft. Zur Integrationspolitik im Ostgotenreich, in: Klio 83 (2001) 1, S. 182-197, hier S. 193. 43 Cassiod. var. 8, 28. 44 Zu den comites Gothorum siehe zusammenfassend W. Giese: Goten (wie Anm. 29), S. 85f.; C. Schäfer: Probleme (wie Anm. 42), S. 191; Wolfram, Herwig: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie, München 2001 (4. Aufl.), S. 290f. 45 Für eine differenziertere Auseinandersetzung in der Frage des Heeresdienstes im Ostgotenreich plädiert schon J. Moorhead: Theoderic (wie Anm. 16), S. 71-75. Giese: Goten (wie Anm. 29), S. 83f. jedoch sieht die Römer bereits wieder vom Heeresdienst „grundsätzlich ausgeschlossen“ (84), konzediert aber: „Einzelpersonen stand […] der Waffendienst im Gotenheer frei“ (84).

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höfischen Umgebung in Ravenna zuzuordnen.46 Unter Athalarich schaffte er es gar zu den Würden eines patricius. Seine Laufbahn, die Nähe zum König und nicht zuletzt die von ihm beherrschten Sprachen lassen vermuten, dass er genau demselben Umfeld zuzuordnen ist wie Triggvilla und Conigastus. Auch er steht stellvertretend für die Kontaktzone zwischen den Völkerschaften. Sein Bruder Opilio gehört zu den Personen, die Boethius als seine Verleumder anführt.47 Obwohl Opilio bei Theoderich in Ungnade gefallen war, trat er später als Verkünder der Herrschaft Athalarichs in Ligurien auf, also wiederum in einer Mittlerrolle.48 Im Übrigen verlief seine Karriere von da an ungestört. Als Gesandter in Konstantinopel nahm er gar König Theodahad gegenüber den Vorwürfen Kaiser Justinians in Schutz.49 Er ist zweifelsohne als römischer Parteigänger der gotischen Herrschaft zu identifizieren. Zusammenfassend betrachtet lassen sich alle genannten Akteure mühelos den Palatinae canes zuweisen, gegen die sich Boethius schon aus Prinzip ausspricht. Doch wie wir gesehen haben, handelt es sich hierbei gerade um den Personenkreis, der das Toleranzkonzept Theoderichs wesentlich mittrug. Sie stehen nicht nur für Ausgleich und Vermittlung zwischen den verschiedenen Völkerschaften, sondern auch für die Brückenbildung über konfessionelle sowie religiöse Grenzen hinweg.50 Eine Frontstellung gegen diesen neuralgischen Bereich, wie sie für Boethius auf Grundlage seiner eigenen Äußerungen anzunehmen ist, musste den Ostgotenherrscher besonders empfindlich treffen. Ob die Konfrontation mit Vertretern gerade dieser tragenden Säule nun zufallsbedingt war oder von Boethius bewusst in Kauf genommen wurde, spielt eine gar nicht einmal so entscheidende Rolle. Die Untragbarkeit seiner Handlungen war in jedem Fall gegeben, wenn sie nicht Unruhe in das sorgfältig austarierte System bringen sollten. Dass gerade auch der konfessionelle Frieden bedroht schien, geht möglicherweise aus einem Anklagepunkt hervor, den Boethius zwar nennt, aber nicht weiter kommentiert. Zuletzt hat Andreas Goltz noch einmal darauf aufmerksam gemacht, dass sich Boethius dem Vorwurf des sacrilegium ob ambitum dignitatis

46 Offenbar machte er sogar regelmäßige Ausritte mit dem König. Siehe Cassiod. var. 5, 40, 4. 47 Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 17. 48 Cassiod. var. 8, 16, 5. 49 Proc. BG 1, 4. 50 Es gibt Bemühungen, Triggvilla über eine allerdings nicht sehr zuverlässige Passage bei Gregor von Tour einem wertkonservativen Gotenlager zuzuschreiben. Vgl. Greg. Tur. Franc. 3, 31. Diskussion bei P. Amory: Italy (wie Anm. 19), S. 423f.

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gegenübersah.51 Die Magievorwürfe, die wohl auf einer ablehnenden Haltung konservativ-orthodoxer Kreise gegenüber den philosophischen Studien des Boethius basierten,52 hätten sicherlich wesentlich dazu beigetragen, für dessen Verurteilung Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen. Ich möchte in der Interpretation jedoch noch einen Schritt weiter gehen: Der Anklage als solcher wohnte naturgemäß eine religiöse Komponente inne, was zur Folge hatte, dass sich Boethius in diesem empfindlichen Bereich als Autorität disqualifizierte und damit nicht zu einer Projektionsfläche für die Austragung konfessionell aufgeladener Gegensätze geraten konnte. Mit Geschick haben die Ankläger also jede Irritation auf diesem heiklen Feld zu vermeiden gewusst. Und in der Tat entstand die Märtyrerrolle für Boethius als Vorkämpfer des katholischen Glaubens erst in sehr viel späterer Zeit. Eine zeitgenössische Reflexion scheint es hier nicht gegeben zu haben.53

51 A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 397. Der Hinweis auf das sacrilegium aber auch schon bei Hartmann, Ludo Moritz: Boethius, in: RE III.1 (1897), Sp. 596-400, hier Sp. 597. 52 J. Gruber: Kommentar (wie Anm. 17), S. 128f (133f.). Boethius stellt selbst den Zusammenhang zwischen den Beschuldigungen und seinen philosophischen Studien her. Siehe Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 41f. 53 A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 396: „Betrachtet man die angeführten Argumente noch einmal im Überblick, so lassen sie nur den Schluß zu, daß der Prozeß gegen Boethius und die Hinrichtung des Gelehrten außerhalb Italiens weitgehend keine Beachtung fanden und innerhalb des Ostgotenreiches die Bevölkerung weitgehend mit Gleichgültigkeit oder Akzeptanz auf die Geschehnisse reagierte.“ Nach Goltz habe in der frühmittelalterlichen Literatur das Schicksal des Schwiegervaters des Boethius und caput senatus, Symmachus, der bald nach Boethius ebenfalls hingerichtet wurde, zunächst wesentlich mehr Beachtung gefunden. Erst in karolingischer Zeit sei die Märtyrerrolle des Boethius, deren erste Ausformungen sich allerdings bereits im Liber Pontificalis fänden, stärker rezipiert worden; vgl. ebd., S. 398-400. Ein frühes Beispiel für eine gegenteilige Argumentation findet sich bei Patch, Howard R.: The Beginnings of the Legend of Boethius, in: Speculum 22 (1947) 3, S. 443-445. Patch sieht die Anfänge der Stilisierung des im Gegensatz zum Ketzerkönig Theoderich stehenden aufrechten Philosophen Boethius bereits bei Prokop widergespiegelt. Dem folgt C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), S. 251 mit Anm. 64. Im Übrigen spricht Schäfer hier dem Sakrilegsvorwurf jede größere Bedeutung ab.

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3. V ERNETZUNGSSTRUKTUREN – D IE S TELLUNG DES B OETHIUS

ZENTRALE

Wenn sich nun bereits abzeichnet, warum Boethius bei Theoderich möglicherweise in Ungnade gefallen war und als oberster Verwaltungsbeamter nicht mehr tragbar erschien, haben wir trotzdem noch keine Erklärung dafür gefunden, warum die Reaktion so scharf ausfiel und der politisch ungeschickte Gelehrte in einen Hochverratsprozess geriet, der ihn das Leben kosten sollte. An dieser Stelle möchte ich mithilfe der Sozialen Netzwerkanalyse ansetzen und zeigen, dass die gesellschaftlich-politische Stellung des Boethius innerhalb des Ostgotenreiches vielleicht anders zu veranschlagen ist, als es aus den Quellen zunächst ersichtlich erscheint. Ein Gedanke, der uns schließlich zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen, dem Netzwerkmanagement, zurückführen wird. Als Grundlage dient uns ein Netzwerk, welches die Senatsaristokratie zur Zeit der Ostgotenherrschaft in Italien über ihren Landbesitz, sofern nachweisbar, miteinander in Beziehung bringt. Um dies zu bewerkstelligen, wurde eine Affiliationsmatrix angelegt, welche die namentlich bekannten Senatoren listet und ihnen die aus der Überlieferung ermittelten Besitzverhältnisse zuweist (Abb. 2). Abbildung 2: Datenbank zur Verteilung von Landbesitz im Ostgotenreich

Quelle: Eigene Darstellung

Als „Events“ dienen dabei die Provinzen Italiens. Dort existenter Besitz führt zu einem positiven Wert. Teilen zwei Senatoren einen solchen positiven Wert für eine Provinz, besteht zwischen ihnen eine Beziehung. Bezüglich der Daten-

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grundlage stütze ich mich hier vor allem auf entsprechende Angaben in der einschlägigen Arbeit von Christoph Schäfer über den weströmischen Senat unter den Ostgotenkönigen.54 Eine Beziehung zwischen zwei Senatoren wird also dann angenommen, wenn sie zeitgleich über Landbesitz in derselben Provinz verfügten. Das Resultat ist ein bimodales Netzwerk, das die Relationen der Senatoren zu den entsprechenden Provinzen aufträgt (Abb. 3). Wenn wir die Werte der Affiliationsmatrix nun in eine quadratische Soziomatrix übertragen, erhalten wir ein korrespondierendes 1mode-Netzwerk, in dem die Senatoren nun direkt miteinander verknüpft sind, entsprechend ihrer Zuordnung.55 Folglich ist das sich präsentierende Bild deutlich von regionalen Clustern geprägt (Abb. 4). Abbildung 3: Bimodales Netzwerk aus Senatoren und Provinzen der Ostgotenzeit

Quelle: Eigene Darstellung

54 Neben den Angaben in der bereits vorgestellten Prosopographie sei hier vor allem die Diskussion zur Rolle der Senatoren in den Provinzen genannt. Siehe C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), S. 118-139. 55 Zum Umgang mit bimodalen Datensätzen siehe die Überlegungen bei Borgatti, Stephen P./Everett, Martin G.: Network Analysis of 2-mode Data, in: Social Networks 19 (1997), S. 243-269.

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Abbildung 4: 1mode-Netzwerk senatorischer Landbesitzer im Ostgotenreich

Quelle: Eigene Darstellung

Dieses Beziehungsgeflecht, das grundsätzlich hypothetischer Natur ist, möchte ich strukturanalytischen Überlegungen folgend als eine Form von sozialem Umfeld verstehen, eine strukturelle Umgebung, in welcher sich die Akteure, ob bewusst oder unbewusst, bewegten und die somit ihre Handlungen und Entscheidungen maßgeblich mitbestimmt haben dürfte. Doch warum gerade der Landbesitz? Zunächst einmal ist festzustellen, das Eigentum an Grund und Boden für die Senatsaristokratie stets das wirtschaftliche Fundament darstellte und daher für sie von erheblicher Bedeutung war. Dies musste umso mehr in der Spätantike gelten, als der durch Steuerreformen und gesellschaftliche Umbrüche vorangetriebene permanente Zugriff auf den Kolonat neuartige Hoheitsfunktionen für die Großgrundbesitzer mit sich gebracht hatte.56 Dem gegenüber standen ein mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches eintretender Rückgang an öffentlich-staatlichen Tätigkeitsfeldern und ein entsprechender Mangel an obrig-

56 Zur Stellung des Kolonen in der Zeit der Ostgotenherrschaft siehe Schipp, Oliver: Der weströmische Kolonat von Konstantin bis zu den Karolingern 332 bis 861, Hamburg 2009, S. 272-310.

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keitlicher Erfassung, sodass eine zunehmende Fixierung auf Verwaltung und Sicherung des Eigenbesitzes eintreten musste. Am Beginn des 6. Jhs. prägte also das landwirtschaftliche Eigentum mehr noch als zuvor die Lebenswirklichkeit der Senatoren. Auf ihren Gütern waren sie selbst von Herren zu Herrschern geworden, das feudale System des Mittelalters deutet sich bereits an.57 Daraus folgere ich nun, dass eine Berührung in dieser Interessenssphäre von einiger Relevanz gewesen sein muss, was zu der Annahme führt, dass die Subsumierung von Eigentumsrechten unter derselben Verwaltungseinheit zwangsläufig eine Interessengemeinschaft, Formen der Abhängigkeit oder sogar Antagonismen, in jedem Falle eine soziale Beiordnung fördern musste. Es handelt sich bei dem aufgezeigten Netzwerk also um die Simulation einer sozialen Umwelt, in welche die Akteure gleichsam zwingend eingebettet waren. Ein solches strukturelles Umfeld bildet ein robustes Grundgeflecht, in welches sich nun in einem zweiten Schritt bekannte, reale Beziehungsmuster einbinden lassen, deren fragmentarischer Charakter eine uniplexe Ansicht von signifikantem Wert womöglich nicht gestattet hätte, so etwa Briefkontakte, Geschäfts- oder Familienbeziehungen. Letztere wurden exemplarisch in das vorliegende Netzwerk aufgenommen, da sie ebenso wie die ökonomische Basis von einiger Relevanz bei der Etablierung sozialer Verflechtungen gewesen sind (Abb. 5).

57 Die in der Spätantike erfolgte Dezentralisierung der ursprünglich staatstragenden Gesellschaftsschicht der Großgrundbesitzer und die damit einhergehende Herausbildung lokaler Potentaten schildert ausführlich Heather, Peter: State, Lordship and Community in the West (c. A.D. 400-600), in: Cameron, Averil/Ward-Perkins, Bryan/Whitby, Michael (Hg.), Late Antiquity. Empire and Successors, A.D. 425-600 (= The Cambridge Ancient History 14), Cambridge 2000, S. 437-468.

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Abbildung 5: Multiplexes Netzwerk zu Landbesitz und Familienbeziehungen

Quelle: Eigene Darstellung

Nur direkte Verwandtschaftsverhältnisse ersten und zweiten Grades sowie Ehebündnisse fanden Beachtung und führten zu entsprechenden Dyaden.58 Die Zahl der verbundenen Akteure konnte solcherart noch einmal beträchtlich erweitert

58 So etwa von Vater zu Sohn oder von Bruder zu Bruder. Die einzig über die Familienbeziehungen neu hinzu tretenden Akteure sind in den Grafiken mit einem A vor der Ordnungszahl markiert. Eine Aufschlüsselung der Personen mit Verweisen auf weiterführende prosopographische Artikel findet sich am Ende dieser Arbeit. Die Verwandtschaftsverhältnisse wurden zunächst unsystematisch erhoben und sind daher nicht als vollständig zu betrachten. Die daraus hervorgehenden Resultate sind also als Tendenzen anzusehen, die im Zuge weiterer Erhebungen noch einer Modifizierung bedürfen. Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Generationennetzwerk des späten 5. und frühen 6. Jahrhunderts. handelt. Die Akteure sind entsprechend nicht durch exakte Lebensdaten, die ohnehin oftmals nur schwer zu ermitteln sind, voneinander geschieden. Das Ergebnis zu präzisieren, indem über die feststellbaren Todesjahre der Akteure ein „Schnappschuss“ des Netzwerks für den untersuchten Zeitraum erstellt wird, soll u.a. Ziel einer späteren Untersuchung sein.

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werden, so dass es bereits möglich erscheint, eine Zentralitätsanalyse durchzuführen. Natürlich können die durch eine solche Analyse erlangten Werte keinen absoluten Charakter beanspruchen, da uns aufgrund der Art der Datengewinnung aus den vorhandenen Quellen die Mittel zu jedweder Aussage bezüglich der Vollständigkeit des Datenmaterials fehlen. Abbildung 6: Darstellung der betweenness-Zentralität im multiplexen Netzwerk

Quelle: Eigene Darstellung

Doch mögen uns auch relative Vergleichswerte genügen, um zu einem gewissen Erkenntnisgewinn zu gelangen. Wenn wir uns als Vergleichswerte etwa die betweenness-Zentralität59 in dem senatorischen Netzwerk vor Augen führen, se-

59 Die betweenness misst, wie viele geodätische Pfade zwischen den Akteuren in Relation zu allen etablierten Pfaden über einen gegebenen Akteur verlaufen. Sie zeigt damit auf, wie viele der kürzesten Kommunikationswege den gegebenen Akteur vereinnahmen. Akteure mit hohen betweenness-Werten zeichnen sich also durch die Möglichkeit aus, große Teile der Kommunikationswege, anders ausgedrückt, den Ressourcenfluss zu steuern. Siehe hierzu Freeman, Linton C.: A Set of Measures of Centrality Based on Betweenness, in: Sociometry 40 (1977) 1, S. 35-41; Ders.: Cen-

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hen wir, dass Boethius hier nun mit Abstand den prominentesten Akteur abgibt (Abb. 6). Seine Position in der Beziehungsstruktur ist so beschaffen, dass eine große Zahl der möglichen Kommunikationswege in diesem Netzwerk über ihn verläuft, was nicht zuletzt seiner Position als Gatekeeper zum ligurischen Cluster geschuldet ist. Er kontrolliert damit erhebliche Anteile des Ressourcenflusses. Nun handelt es sich dabei natürlich allenfalls um einen theoretischen Nennwert. Doch das zugrunde liegende soziologische Modell würde uns, noch bevor wir versuchen müssten, es durch reale Ressourcenbewegungen zu definieren, helfen, eine historische Erkenntnislücke zu füllen und zu verstehen, warum die Ereignisse um Boethius so kulminierten. Die Prominenz, die sich aus seiner Verortung im wirtschaftlichen und familiären Umfeld seiner Zeit ergab, die Exponiertheit, die seine Rolle als eine Art Informationsbroker hervorrief, bot Chancen und Gefahren in gleichem Maße.60 Sie würde uns zu verstehen geben, warum Theoderich den bis dahin politisch nicht wesentlich in Erscheinung getretenen Gelehrten als seinen Repräsentanten zu den Königen der anderen Germanenreiche sandte, warum der Philosoph scheinbar wie aus dem Nichts heraus zu höchsten staatlichen Ehren gelangen konnte, obwohl sein Interesse daran schwach blieb, und warum sein Niedergang so abrupt und fatal ausfallen musste. Boethius war wegen seiner einflussreichen strukturellen Positionierung das Aushängeschild seiner Gesellschaftsklasse, seine Beziehungen durchwirkten die römische Elite, er konnte nicht ignoriert, sondern musste vielmehr instrumentalisiert werden.61 Boethius war wirkungsmächtig, zumindest aus soziologischer Sicht.

trality in Social Networks. Conceptual Clarification, in: Social Networks 1 (1978/79), S. 215-239; S. P. Borgatti/M. G. Everett, Network (wie Anm. 55), S. 256f.; Scott, John: Social Network Analysis. A handbook, Los Angeles u.a. 2007 (2. Aufl.), S. 86f. Die Bedeutung von Bewegungspfaden und der damit einhergehenden Vermittlungspositionen machen betweenness-Berechnungen gerade für regionale Verteilungsmuster interessant. 60 Zur Rolle des Informationsbrokers siehe etwa J. Scott: Social Network Analysis (wie Anm. 59), S. 86f.; Wellman, Barry: Structural Analysis. From Method and Metaphor to Theory and Substance, in: Ders./Berkowitz, Stephen D. (Hg.), Social Structures. A Network Approach, Cambridge 1988, S. 19-61, hier S. 45f. 61 Für die besondere Bedeutung des Boethius spricht auch der Umstand, dass er bereits um 507 den patricius-Titel führte, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei auszeichnungswerte Taten für ihn nachzuweisen sind. Siehe etwa Cassiod. var. 1, 45; 2, 40. Auch interessant erscheint der Umstand, dass sein Vater ebenso wie er selbst zum Konsul ohne Kollegen ernannt worden war. Dieser Sachverhalt ließe sich plausibel

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4. T OLERANZKONZEPT

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UND STRUKTURELLE

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R OLLE

Die Netzwerkforschung hat ihre eigenen Theorien und Modelle, und diese lassen sich nicht vollständig in andere Disziplinen übertragen. Hier nun die Brücke zu schlagen zu einer geschichtswissenschaftlichen Argumentation, durch welche die Rolle des Boethius aus den Quellen heraus ebenso stichhaltig sichtbar wird, fällt schwer. Dennoch liefern uns die vorangegangenen Beobachtungen immerhin ein Indiz dafür, wo wir zu suchen haben. Kehren wir zu diesem Zweck noch einmal zur Consolatio zurück. Gibt es hier vielleicht Belege dafür, dass sich Boethius durchaus in der Rolle eines Informationsbrokers wiederfand und dies auch nach außen hin vermittelte? Zwei Passagen lassen dies vermuten. Die erste findet sich inmitten der Vorwürfe, die Boethius gegen sein politisches Schicksal äußert. Nachdem er auf Briefe hingewiesen hat, die ihm untergeschoben worden seien, um seinen angeblichen Hochverrat anzuzeigen, äußert er: „Ich hätte mit dem Wort des Canius geantwortet, der, als er von Gaius Caesar, dem Sohn des Germanicus, beschuldigt wurde, Mitwisser einer Verschwörung zu sein, sagte: ‚Wenn ich davon gewusst hätte, so hättest du es nicht gewusst.‘“62

Iulius Canus war ein Philosoph der iulisch-claudischen Ära, den schon Seneca wegen seiner sprichwörtlichen stoischen Gelassenheit sehr bewundert hatte.63 Diese Ruhe sei ihm selbst dann geblieben, als ihn Caligula mit seinem Todesurteil konfrontierte. Offenbar war er in eine Verschwörung gegen den Kaiser verstrickt. Und als es zur Hinrichtung kam, habe sich Canus vorgenommen, die Gelegenheit zu nutzen und zu beobachten, was mit seiner Seele geschehen werde.64 Hier findet sich für Boethius also ein historisches Vorbild, eine Figur mit dessen Schicksal er sich identifizieren konnte. Doch in dem Passus kommt mehr

erhellen, wenn wir annehmen, dass Boethius und sein Vater nacheinander eine strukturell identische Position eingenommen hätten. Zu Fl. Nar. Manlius Boethius siehe PLRE II, S. 232f. Zur Bedeutung struktureller Äquivalenz siehe J. Scott: Network (wie Anm. 59), S. 124-126. 62 Boeth. Cons. Phil. 1, 4, 27: Respondissem Canii uerbo, qui cum a Gaio Caesare Germanici filio conscius contra se factae coniurationis fuisse diceretur: „si ego“, inquit, „scissem, tu nescisses“. Übersetzung hier und im Folgenden nach E. Gegenschatz/O. Gigon: Boethius (wie Anm. 21). 63 Sen. de tranq. an. 14, 4-10. 64 Vgl. auch Winterling, Aloys: Caligula. Eine Biographie, München 2004 (3. Aufl.), S. 127f.

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zum Ausdruck. Die Antwort des Canus drückt ein regulatorisches Selbstverständnis aus, die Sicherheit, eine gegebene Information nach Belieben zu verwalten, damit also ihre Weitergabe zu fördern oder auch zu unterdrücken. Eine solche Rollenbeschreibung würde die Stellung des Boethius in unserem Netzwerk gut umreißen. Die Identifikation mit Canus geht womöglich über bloße Parallelen in der persönlichen Vita hinaus. Hier scheint auch eine gewisse sozialstrukturelle Positionierung durch. Die zweite Passage findet sich im folgenden Buch innerhalb eines Diskurses zur Tugend und ob sie der Würde des Amtes inhärent sei und bringt neben der gerade beschriebenen Tendenz noch eine weitere Qualität zum Ausdruck: „Als einst ein wütender Tyrann einen freien Mann durch Qualen zu zwingen wähnte, die Teilnehmer an einer gegen ihn angezettelten Verschwörung zu verraten, da biss sich dieser selbst die Zunge ab und spie sie seinem Peiniger ins Gesicht!“65

Diese Episode ist eine Anspielung auf Zenon von Elea, ein weiterer Philosoph, über dessen Tapferkeit im Angesicht des Todes in der gesamten Antike zahlreiche Geschichten kursierten. Mal gesteht er nach langer Folter dem namentlich nicht weiter bekannten Tyrannen seine Schuld und nennt ihm verleumdend dessen eigene Leibwächter als Mitverschwörer, mal gibt er sich verschwörerisch flüsternd und beißt dem Herrscher dann das Ohr ab.66 Boethius jedoch wählt eine weitere gängige Spielart derselben Geschichte und lässt den Philosophen sich selbst die Zunge abbeißen, mit welcher dieser dann das Gesicht des Tyrannen ziert. Wieder also thematisiert er die Informationsverweigerung, mehr noch, er zeichnet sie zu einem Akt des Widerstands selbst. Gleichzeitig wird in dieser Variante aber auch deutlich, dass belastende Informationen zu einem gewissen Grade tatsächlich existierten, sodass der Protagonist eine sichere Lösung wählt, um die Offenbarung derselben zu vermeiden. Offensichtlich schwingt an dieser Stelle eine gewisse Verbitterung mit, die sich während der Erstellung der Trostschrift noch gesteigert haben dürfte. Boethius hätte viele weitere Versionen der Zenon-Episode anführen können, entscheidet sich jedoch für eine, in der das Element der Informationsverweigerung am augenscheinlichsten zum Ausdruck kommt. Ungeachtet der Frage, ob Boethius am Ende ebenfalls über Informationen, die er preiszugeben aufgefor-

65 Boeth. Cons. phil. II 6, 8: Cum liberum quendam virum suppliciis se tyrannus adacturum putaret ut adversum se factae coniurationis conscios proderet, linguam ille momordit atque abscidit et in os tyranni saevientis abiecit. 66 Siehe ausführlich von Fritz, Kurt: Zenon v. Elea, in: RE XA (1972), Sp. 53-83.

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dert war, verfügte und welcher Art diese waren, betonen die beiden angeführten Passagen, dass er sich offenbar auch in einer Position sah, die ihm die bewusste Weitergabe gestattete, und zwar in einem Maße, dass er wie Canus über eine vollständige Informationsbarriere bestimmen konnte. Das aber klassifiziert die Rolle eines Informationsbrokers. Ich gebe zu, dass es sich um einen gewagten Sprung handelt. Zwischen der Netzwerktheorie und der historischen Interpretation bleibt eine große Verschwommenheit, die sich an dieser Stelle nicht endgültig auflösen lässt. Dazu ist die Überlieferungslage wiederum zu lückenhaft. Ob und wie sich die erhobenen Strukturmerkmale also letztlich konkret in das Geschichtsbild einfügen lassen, muss zunächst offenbleiben. Eine letzte Überlegung soll aber die Signifikanz der besagten Strukturen noch einmal von anderer Seite beleuchten. Wenn am Anfang diese Ausführungen von Netzwerkmanagement die Rede war, können wir jetzt am konkreten Fall fassen, welches Phänomen sich eigentlich dahinter verbirgt. Falls Boethius wirklich eine solch einflussreiche Einbettung in seine soziale Umwelt erfahren hatte, wie wir sie nur in Ansätzen nachzeichnen konnten, eine Einbettung, die es nicht gestattete, ihn politisch zu übergehen, obwohl nicht einmal er selbst viel Elan für die öffentliche Verantwortung erübrigte, so durfte seine Konfrontation mit der Trägerschaft der theodericianischen Toleranz umso weniger ignoriert werden, wenn in das zarte Gleichgewicht des Ausgleichs kein zündender Funke überspringen sollte. Für das staatstragende Konzept des Ostgotenherrschers, das dieser auch in anderen Bereichen penibel aufrechtzuerhalten suchte,67 musste der eigene Kanzleileiter zur Belastung werden, und das völlig unabhängig von der Frage, ob sich Boethius am Ende wirklich in mehrdeutige Geschehnisse, die als Verrat ausgelegt werden konnten, verwickeln ließ. Eher noch ist zu erwarten, dass eine entsprechende Affäre recht willkommen schien, um den unliebsamen Akteur loszuwerden.68 Gerade aber wegen seiner starken

67 Auch als Heerführer war Theoderich sehr darauf bedacht, nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, seine Krieger könnten etwas anderes sein als die Beschützer der römischen Bevölkerung. Wo es dennoch zu Übergriffen kam, war der König offenbar um Kompensation bemüht. Siehe Cassiod. var. 3, 38 und 2, 8. Die Frage ist, wie sehr die Aussagen dieser Dokumente zu verallgemeinern sind. Dennoch zeigen sie die keinesfalls nachlässige Besorgnis Theoderichs bezüglich des inneren Friedens. 68 Moorhead erkennt neben anderen die treibende Kraft gegen Boethius nicht hinter dem König, sondern seinen politischen Gegnern selbst, die ihre Stellung bei Hofe nicht zuletzt aufgrund seines Prestiges durch Boethius bedroht gesehen und entsprechend gehandelt hätten. Siehe J. Moorhead: Theoderic in Italy (wie Anm. 16), S. 232-235. Interessant ist nun aber, dass wir in Anbetracht der ermittelten Strukturen keine dezi-

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Einbettung war es nicht damit getan, ihn einfach aus dem Amt zu entlassen. Seine strukturelle Position, wie sie hier ermittelt wurde, wäre davon nur marginal tangiert worden, da sie nicht unmittelbar aus seiner politischen Würde hervorging, sondern, wie gesehen, von davon unabhängigen Faktoren bestimmt wurde. Und so können wir die Entfernung dieses zentralen Akteurs vielleicht wirklich als eine Form des Netzwerkmanagements betrachten. Als einen Eingriff, der selektiv ein Element entfernt, um den Bestand des gesamten Systems zu sichern. Denn was außerdem festgestellt werden muss: Nicht nur die Person des Boethius hatte zu verschwinden. Diese belegt in dem Landbesitzer-Netzwerk ja nur einen Slot, eine Position, die ohnehin gegeben ist aufgrund familiärer, transpersonaler Verfügungsrechte an Ländereien. Auch die strukturelle Rolle an sich musste entfernt werden. Daher überrascht es nicht, dass nicht nur Boethius verurteilt, sondern auch sein Eigentum, sein Erbe, das die soziale Einbettung, wie wir sie hier verstehen wollen, konstituiert, vom König eingezogen wurde. Damit war Boethius oder jedem anderen die Möglichkeit, die so vorteilhafte Position in dem Netzwerk etwa durch seine Söhne neu zu besetzen, nicht mehr gegeben. Mir ist durchaus bewusst, dass der Verlust an Eigentum mit der Verurteilung in einem Majestätsprozess eine gängige Konsequenz war.69 Doch die Neutralisierung der sozialen Positionierung des Boethius machte hier ja nicht Halt, wie wir bereits gesehen haben. So wurde ebenfalls seine Verortung im religiösen Gefüge der Gesellschaft durch den Sakrilegsvorwurf gleichsam aufgelöst. Auch oder gerade in diesem für Theoderich so wichtigen politischen Feld war Boethius damit aus dem Spiel genommen, so dass er nicht einmal als Projektionsfläche antiarianischer Aggressionen dienen konnte. Boethius wurde aus allen gesellschaftsrelevanten Ebenen mit Bedacht herausgelöst, sodass für das politische Gleichgewicht kein weiterer Schaden zu erwarten war. Ich möchte an dieser Stelle nicht behaupten, dass all diese Vorgänge von Theoderich bewusst durchkonzeptionalisiert waren und anschließend rigoros umgesetzt wurden. Mit einer unbestimmten Wahrnehmung der Strukturen, die nur am Rande erfolgte, ist durchaus zu rechnen. Dennoch ist es wohl kein Zufall,

dierte Gegnerschaft seitens anderer Würdenträger bemühen müssen, um die schnelle allgemeine Abkehr von dem in Verdacht geratenen magister officiorum zu deuten. Mit Wellman bietet sich uns eine andere, strukturanalytische Erklärung, die in Verbindung mit der Brokerposition des Boethius zu sehen ist: „Brokers, by virtue of their structural location, cannot be full members of anyone cluster. Often their very marginality means that they are not fully trusted because no one cluster can exercise effective social control over them.“ Siehe B. Wellman: Structural Analysis (wie Anm. 60), S. 46. 69 Vgl. etwa A. Goltz: Barbar (wie Anm. 15), S. 361.

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dass der Nachfolger des Boethius im Amt des magister officiorum, Cassiodor70, in unserem Netzwerk allenfalls eine periphere Rolle einnimmt.71 Und in der Tat setzte er, bei allem was wir wissen, seine Aufgaben gewissenhaft, aber unprätentiös um und verschwand, als es keine Ostgotenherrschaft mehr gab, in aller Stille auf seine Ländereien, wo er ein Kloster gründete und als Mönch weiterlebte. Eventuell haben wir es also beim Ende des Boethius wirklich mit einer Form des Netzwerkmanagements zu tun. In diesem Fall wäre viel zu der Signifikanz des von uns theoretisch erhobenen Netzwerks gesagt. In Anbetracht dieser Möglichkeit sollten wir uns noch einmal die sogenannte Diakon-Anekdote bei Theodorus Lector vor Augen führen: „Theoderich der Barbar hatte einen rechtgläubigen Diakon, den er sehr liebte und schätzte. Dieser Diakon aber schloss sich in der Annahme, Theoderich einen Dienst zu erweisen, den Arianern an, nachdem er sich vom Glauben an die Wesensgleichheit abgekehrt hatte. Als aber Theoderich dies erfahren hatte, sagte er: ‚Wenn du Gott nicht die Treue bewahrt hast, wie wirst du einem Menschen gegenüber ein reines Gewissen wahren?‘“ und schlug dem, den er so verehrte, geradewegs den Kopf ab.“72

Es mag hier um mehr gegangen sein als eine persönliche Fehleinschätzung. Vielmehr wird an dieser Stelle – ungeachtet des Wahrheitsgehalts dieser spezifischen Episode – sogar von einem katholischen Schriftsteller angedeutet, wie sensibel Theoderich in religiösen Fragen reagierte, wenn sie Konsequenzen für das politisch-personale Umfeld des Königs aufwarfen. Sicherlich findet sich in dieser Geschichte die Bedeutung eines ungetrübten persönlichen Treueverhält-

70 PLRE II, S. 265-269; C. Schäfer: Senat (wie Anm. 10), Nr. 34. 71 Dies sei gesagt in dem Bewusstsein, dass viele unserer Informationen aus seiner Hand stammen. Dennoch ist eine übermäßige Prominenz seinerseits im Netzwerk nicht festzustellen; ein indirekter Hinweis darauf, dass der Ursprung der Informationen die Resultate im Falle der hier gewählten Vorgehensweise nicht perspektivisch gewichtet. 72 Theod. Anag. HE epit. 463 (ed. Hansen): Ĭİȣį‫ܙ‬ȡȚȤȠȢ ‫ھ ۯ‬ijȡȠȢ į‫ܝ‬ĮțȠȞ‫ܟ‬Ȟ IJȚȞĮ İۤȤİȞ ‫ۮ‬ȡș‫ܟ‬įȠȟȠȞ, ۳Ȟ ʌ‫ܗ‬Ȟȣ ‫ێ‬Ȗ‫ܗ‬ʌĮ țĮ‫ۆ ܜ‬șĮȜʌİȞ. Ƞ‫܁‬IJȠȢ į‫ ۯ ܘ‬įȚ‫ܗ‬țȠȞȠȢ ȞȠȝ‫ܝ‬ȗȦȞ Ĭİȣįİȡ‫ܝ‬Ȥ‫ސ‬ ȤĮȡ‫ܝ‬ȗİıșĮȚ IJ‫ݨ‬Ȣ IJȠ‫ۯ ޅ‬ȝȠȠȣı‫ܝ‬Ƞȣ ʌ‫ܝ‬ıIJİȦȢ ‫ڲ‬ʌȠıIJ‫ܖ‬Ȣ IJ‫ں ܖ‬ȡİ‫ܝ‬Ƞȣ ‫ۂ‬ijȡ‫ܟ‬ȞȘıİȞ. ȖȞȠ‫ܠ‬Ȣ į‫ܘ‬ IJȠ‫ޅ‬IJȠ Ĭİȣį‫ܙ‬ȡȚȤȠȢ IJ‫ܞ‬Ȟ Ƞ‫܁‬IJȦȢ ‫ڲ‬ȖĮʌ‫ܣ‬ȝİȞȠȞ İ‫ۺ‬ș‫ܙ‬ȦȢ ‫ڲ‬ʌİțİij‫ܗ‬ȜȚıİȞ İ۞ʌ‫ܣ‬Ȟǜ «İ۞ IJ‫ ޓ‬șİ‫ޓ‬ ʌ‫ܝ‬ıIJȚȞ Ƞ‫ۺ‬ț ‫ۂ‬ij‫ܡ‬ȜĮȟĮȢ, ʌ‫ޒ‬Ȣ ‫ڲ‬Ȟșȡ‫ܣ‬ʌ‫ ސ‬ijȣȜ‫ܗ‬ȟİȚȢ ıȣȞİ‫ܝ‬įȘıȚȞ ‫ۻ‬ȖȚĮ‫ܝ‬ȞȠȣıĮȞ» Eigene Übersetzung. Siehe dazu auch A. Goltz: Bild (wie Anm. 15), S. 62f. Zur Übersetzung des Terminus ‫ھ‬ijȡȠȢ vgl. ebd. S.64f. Der Begriff „Barbar“ eignet sich an dieser Stelle am besten, da er unnötige Konnotationen vermeidet.

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nisses versinnbildlicht.73 Wohl nicht ganz unbegründet sind aus dieser Episode aber auch die Bemühungen des Königs herauszulesen, in der Frage des konfessionellen Ausgleichs keinerlei Irritationen aufkommen zu lassen, die durch eine Debatte um arianische Missionierungsversuche bei Hofe sicherlich verursacht worden wären. Die Handlungen von Boethius gegen die Träger des Toleranzkonzeptes eigneten sich ebenfalls, solche Turbulenzen heraufzubeschwören. Folglich hätte sich der Ostgotenkönig völlig im Rahmen seiner politischen Prinzipien bewegt, wenn er es diesbezüglich gar nicht erst zu Missverständnissen kommen ließ. Mit seiner politisch unsensiblen Vorgehensweise war Boethius bei Theoderich an eine wenig flexible Grenze gestoßen, was bei letzterem gleichsam eine Verweigerungshaltung hervorrief. Der Fall des Boethius mag also durchaus exemplarisch für die rigorose Aufrechterhaltung des theodericianischen Toleranzkonzepts stehen.

73 Dass Theoderich großen Wert auf ein direktes Treueverhältnis zu seinem Gefolge legte, geht etwa aus dem Umstand hervor, dass sich die gotischen Krieger ihre jährlichen Donative im Regelfall persönlich bei Hofe abzuholen hatten. Siehe dazu W. Giese: Goten (wie Anm. 29), S. 84f.; H. Wolfram: Ethnographie (wie Anm. 44), S. 298.

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ANHANG Tabelle 1: Zusätzliche, über Familienverflechtungen integrierte Akteure A01 A03 A04 A05 A06 A07 A08 A09 A10 A11 A13 A14 A15 A16 A17 A18 A20 A21 A22 A23 A24 A25 A26

Faustinus (5) Asterius Cynegia (2) Helisea Flavius Caecina Decius Basilius (11) Decius Marius Venantius Basilius (13) Rusticiana (1) Flavius Manlius Boethius (4) Blesilla Opilio (3) Constantiolus Vigilius (Papst) (4) Agretia ostgotische Prinzessin Tochter des Olybrius (5) Flavius Rufius Placidus (6) Symmachus (3) Q. Fabius Memmius Symmachus (10) Galla (5) Proba (1) Placidus (3) Marcianus (14) Maximus (17)

PLRE II, 450 Schäfer, 29 PLRE II, 331 PLRE II, 534 PLRE II, 216f. PLRE II, 218 PLRE II, 961 PLRE II, 232f. PLRE II, 231 PLRE II, 807 PLRE III, 352f. PLRE II, 1166 PLRE II, 36 Amory, 461 cf. PLRE II, 609, 795 PLRE II, 891 PLRE II, 1042f. PLRE II, 1046f. PLRE II, 491 PLRE II, 907 PLRE II, 890 PLRE II, 716 PLRE II, 747

Das Ende muslimischen Lebens im mittelalterlichen Süditalien Netzwerkanalytische Überlegungen zu einer hundertjährigen Forschungsfrage R ICHARD E NGL

1. D IE V ERNICHTUNG

DES ISLAMISCHEN L UCERA ERKLÄRUNGSBEDÜRFTIGER W ENDEPUNKT



EIN

Am 4. September des Jahres 1300 kam ein abgekämpfter Treck von 444 Muslimen in Neapel an.1 Sie stammten aus dem Gebiet von Lucera im süditalienischen Apulien. Dort hatten die Muslime zu einigen Zehntausend fast ein Jahrhundert lang inmitten des christlichen Königreichs Sizilien vergleichsweise friedlich gelebt und ihre Religion frei ausgeübt.2 Doch nun, im Jahr 1300, wurden sie von

1

Vgl. Egidi, Pietro (Hg.): Codice diplomatico dei Saraceni di Lucera, Napoli 1917 (im Folgenden abgekürzt als CDSL), Nr. 322, S. 130: Karolus II […] iusticiario Principatus ultra Serras Montorii. […] Sarracenos CCCCXLIIII, inter quos sunt milites V, […] capitaneo civitatis Neapolis, de nostro beneplacito assignatos, in civitate ipsa n[nostra] Cu[ria] assignasti, ac presentasti in ead[em] Cu[ria] n[ostra] ibidem aures VI aliorum Sarracenorum, quos in traductione ipsorum Sarracenorum omnium a terra Lucerie ad civitatem predictam mortuos fuisse dixisti.

2

Zu den Muslimen in und um Lucera vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 36 (1911), S. 597-694; 37 (1912), S. 71-89, 664-696; 38 (1913), S. 115-144, 681-707; 39 (1914), S. 132-171, 697-766; Martin, Jean-Marie: La colonie sarrasine de Lucera et son environnement. Quelques réflexions, in: Mediterraneo medievale. Scritti in onore di F. Giun-

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den Christen besiegt, versklavt und in alle Richtungen zerstreut, wie die soeben in Neapel Eingetroffenen. Von sechs Muslimen konnte der Amtsträger des sizilischen Königs nur mehr die abgeschnittenen Ohren vorzeigen, um zu beweisen, dass sie unterwegs gestorben waren. Auch fünf muslimische Ritter waren unter den Vertriebenen; sie waren besonders tief gefallen: Die Vernichtung ihres bisherigen, quasi-adeligen Lebens schien vollständig.3 Ja, das Ende muslimischen Lebens in Italien schien eingetreten. Wie hatte es soweit kommen können? Schließlich war das mittelalterliche Königreich Sizilien, bestehend aus der gleichnamigen Insel und dem süditalienischen Festland, jahrhundertelang ein Ort religiöser Vielfalt gewesen. Bekanntlich gehörte es zu einem mediterranen Kulturraum ganz eigenen Charakters, in

ta, Soveria Mannelli 1989, S. 797-811; Martin, Jean-Marie: I Saraceni a Lucera. Nuove indagini, in: Miscellanea di storia lucerina 2. Atti del III convegno di studi storici, Lucera 1989, S. 9-34; Abulafia, David: Monarchs and Minorities in the Christian Western Mediterranean around 1300. Lucera and its Analogues, in: Waugh, Scott L./Diehl, Peter D. (Hg.), Christendom and its Discontents. Exclusion, Persecution, and Rebellion 1000-1500, Cambridge 1996, S. 234-263; Salierno, Vito: I Musulmani in Puglia e in Basilicata (= Prestige 15), Manduria/Roma 2000, S. 107-131; Taylor, Julie: Muslims in Medieval Italy. The Colony at Lucera, Oxford 2004; Clemens, Lukas/Matheus, Michael: Christen und Muslime in der Capitanata im 13. Jahrhundert. Eine Projektskizze, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 88 (2008), S. 82-118; Matheus, Michael/Clemens, Lukas: Musulmani e provenzali in Capitanata nel XIII secolo. I primi risultati di un progetto internazionale e interdisciplinare, in: Favia, Pasquale/Houben, Hubert/Toomaspoeg, Kristjan (Hg.), Federico II e i cavalieri teutonici in Capitanata. Recenti ricerche storiche e archeologiche. Atti del Convegno internazionale (Foggia-Lucera-Pietramontecorvino, 10-13 giugno 2009), Galatina 2012, S. 369-404; Staccioli, Giuseppe/Cassar, Mario: L’ultima città musulmana: Lucera (= Questioni di Storia 2), Bari 2012. Zum Thema bereite ich meine Dissertation vor. Zur muslimischen Bevölkerungsstärke mit Quellenstellen und Forschungspositionen vgl. Haseloff, Arthur: Die Bauten der Hohenstaufen in Unteritalien 1, Leipzig 1920, S. 101-103 und J. Taylor: Muslims (wie Anm. 2), S. 41. 3

Zu den muslimischen milites vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 36 (1911), S. 673-680; J.M. Martin: Colonie (wie Anm. 2), S. 798-802; demnächst auch Engl, Richard: ‘Abd al-‘AzƯz von Lucera (†1301). Aufstieg und Fall eines muslimischen Ritters im Königreich Sizilien, in: Sammelband zur Tagung „Christen und Muslime in der Capitanata im 13. Jahrhundert – Cristiani e musulmani in Capitanata nel XIII secolo“, Rom 16.18. Mai 2012 (in Vorbereitung).

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dem die lateinisch-christliche, die griechisch-byzantinische und die arabischmuslimische Welt aufeinandertrafen.4 In den zwei Jahrhunderten nach 827 waren die Muslime sogar die Herren der Insel Sizilien gewesen – als Teil der explosionsartig expandierenden Welt des Islam.5 Im 11. Jahrhundert eroberten zwar die christlichen Normannen Sizilien, was einen Latinisierungsprozess nach sich zog: 1130 konnten ihre Eroberungen zum Königreich geeint werden.6 Viel Vorgefundenes aber lebte unter den christlichen Herren fort: Die Muslime besaßen Moscheen und Märkte; es gab Bäder, Hospitäler und Bewässerungsanlagen nach arabischem Vorbild. Muslimische Ärzte, Gelehrte und Eunuchen konnten in hohe Hofämter gelangen, Handwerker fertigten seidene Krönungsgewänder für die christlichen Könige und arabische Dichter besangen das orientalisch anmutende Hofleben der Normannen.7

4

Vgl. allgemein Jaspert, Nikolas: Austausch-, Transfer- und Abgrenzungsprozesse. Der Mittelmeerraum, in: Ertl, Thomas/Limberger, Michael (Hg.), Die Welt 1250-1500 (= Globalgeschichte. Die Welt 1000-2000), Wien 2009, S. 138-174; zum Normannenreich beispielsweise Takayama, Hiroshi: Law and Monarchy in the South, in: Abulafia, David (Hg.), Italy in the Central Middle Ages 1000-1300 (= The Short Oxford History of Italy), Oxford 2004, S. 58-81, insb. S. 58f., jeweils mit weiterer Literatur.

5

Zu Geschichte und Kultur der Muslime Siziliens vgl. die Überblickswerke von Amari, Michele: Storia dei musulmani di Sicilia (= Biblioteca siciliana di storia letteratura ed arte), Catania 1933-1939 (2., überarb. Aufl.); Ahmad, Aziz: A History of Islamic Sicily, Edinburgh 1975; Maurici, Ferdinando: Breve storia degli arabi in Sicilia, Palermo 2006; Salierno, Vito: I Musulmani in Italia. Secoli IX-XIX, Lecce 2006; Metcalfe, Alex: The Muslims of Medieval Italy (= The New Edinburgh Islamic Surveys), Edinburgh 2009.

6

Zum Normannenreich vgl. Chalandon, Ferdinand: Histoire de la domination normande en Italie et en Sicile, New York 1960; Caravale, Mario: Il regno normanno di Sicilia (= Ius nostrum 10), Milano 1966; Tramontana, Salvatore: La monarchia normanna e sveva, Torino 1986; Cuozzo, Errico: L’unificazione normanna e il Regno normanno svevo, in: Galasso, Giuseppe (Hg.), Il medioevo (= Storia del Mezzogiorno 2), Napoli 1988, 593-825; Loud, Graham A.: Southern Italy in the eleventh century, in: Luscombe, David E./Riley-Smith, Jonathan S. Ch. (Hg.), The new Cambridge medieval history 4,2. C. 1024-1198, Cambridge 2004, S. 94-119; Loud, Graham A.: Norman Sicily in the twelfth century, in: Ebd., S. 442-474; Houben, Hubert: Die Normannen, München 2012, S. 56-115.

7

Vgl. Anm. 5; Metcalfe, Alex: Muslims and christians in norman Sicily. Arabic speakers and the end of Islam (= Culture and civilization in the Middle East), London/New York 2003; Nef, Annliese: Conquérir et gouverner la Sicile islamique aux XIe et XIIe

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Mit dem Ende der Normannenzeit und der Herrschaftsübernahme der Staufer an der Wende zum 13. Jahrhundert gerieten die Muslime zwar wiederholt in verbissene Opposition zum Königtum; ab 1223 wurden sie schließlich ins apulische Lucera deportiert.8 Doch durften sie auch hier – bei Entrichtung ihrer Sondersteuern und Stellung von Truppen für die staufischen Kriegszüge – ihre Religion ausüben. Daran änderte sich auch wenig, als Karl I. von Anjou, der Bruder des französischen Königs, die letzten Staufer 1266 und 1268 besiegte und die Herrschaft im Königreich Sizilien übernahm. Obwohl Luceras Muslime Karl bekämpft hatten, wurden sie begnadigt und behielten ihre religiösen Freiheiten und gewisse Selbstverwaltungsrechte. Alles in allem war das Königreich Sizilien also neben der Iberischen Halbinsel und dem Nahen Osten über Jahrhunderte hinweg der dritte entscheidende Begegnungsraum zwischen – sieht man vom Judentum ab – den beiden großen Religionen des Mittelalters, Christentum und Islam, gewesen. Nun jedoch, im Jahr 1300, fand diese jahrhundertelange Tradition ein weitgehendes Ende. Als Zäsur der italienischen Geschichte wie der Geschichte christlichmuslimischer Beziehungen bewegt dieser Wendepunkt seit über hundert Jahren die Gemüter der Historiker. Die Ursachen des dramatischen Geschehens jedoch sind weiterhin nicht abschließend geklärt. Hier möchte der vorliegende Beitrag

siècles (= Bibliothèque des écoles françaises d’Athènes et de Rome 346), Rom 2011; zusammenfassend Metcalfe, Alex: The Muslims of Sicily under Christian Rule, in: Loud, Graham A./Metcalfe, Alex (Hg.), The Society of Norman Italy (= The Medieval Mediterranean 38), Leiden/Boston/Köln 2002, S. 289-317; einführend zu Kunst und Alltagskultur Arabisch-normannische Kunst. Siziliens Kultur im Mittelalter (= Internationaler Ausstellungsstraßen-Zyklus Museum ohne Grenzen. Die Islamische Kunst im Mittelmeerraum), Tübingen 2004; skizzenhaft Engl, Richard: Safran, Schach und Sondersteuern. Arabisch-muslimische Lebensformen im Königreich Sizilien, in: Wieczorek, Alfried/Schneidmüller, Bernd/Weinfurter, Stefan (Hg.), Die Staufer und Italien. Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa. Essays, Darmstadt 2010, S. 332-340. 8

Vgl. zum Folgenden wiederum Anm. 2; zu den Deportationen überdies Maurici, Ferdinando: L’emirato sulle montagne. Note per una storia della resistenza musulmana in Sicilia nell’età di Federico II di Svevia, Palermo 1987, S. 45-51; Nef, Annliese: La déportation des musulmans siciliens par Frédéric II: Précédents, modalités, signification et portée de la mesure, in: Moatti, Claudia/Kaiser, Wolfgang/Pébarthe, Christophe (Hg.), Le monde de l’itinérance en Méditerranée de l’Antiquité á l’epoque moderne. Procédures de contrôle et d’identification (= Études 22), Bordeaux 2009, S. 455-478.

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ansetzen und zu einer neuen Antwort auf die alte Frage nach den Hintergründen des weitgehenden Untergangs muslimischen Lebens im Italien des Jahres 1300 gelangen. In einem ersten Untersuchungsteil werden die widerstreitenden Positionen der bisherigen Forschung vorgestellt und ihre Plausibilität anhand der überlieferten Quellen überprüft. Ein zweites Kapitel reanalysiert dann mit der soziologischen Methode der „Netzwerkanalyse“ die christlich-muslimischen Beziehungen vor der Vernichtung des islamischen Lucera, um eine revidierte Erklärung für das Ende der muslimischen Gemeinschaft in Süditalien zu präsentieren.

2. E IN J AHRHUNDERT U RSACHENFORSCHUNG P RÜFSTAND

AUF DEM

Zunächst also zur bisherigen Forschung und der Plausibilität ihrer Ergebnisse: Seit über hundert Jahren können sich die Historiker bezüglich zweier Erklärungsmodelle nicht einig werden. Einerseits wurde unterstellt, der chronisch überschuldete Anjoukönig Karl II. habe die Muslime Luceras sozusagen zu Geld machen wollen. Wegweisend für diese Auffassung war eine Arbeit Pietro Egidis, des bedeutenden italienischen Forschers zu Lucera Anfang des 20. Jahrhunderts.9 Andererseits lag die Annahme nahe, der König habe aus religiösem Eifer gehandelt, wofür zuletzt in den 1990er Jahren David Abulafia, versierter Kenner des mittelalterlichen Italien aus Cambridge, plädierte.10

9

Vgl. P. Egidi: Colonia (wie Anm. 2). In seiner Nachfolge vgl. Bevere, Riccardo: Ancora sulla causa della distruzione della colonia saracena di Lucera, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 60 (1935), S. 222-228; Saletta, Vincenzo, La distruzione della colonia saracena di Lucera, in: Studi meridionali 6.1 (1973), S. 76-100; Gabrieli, Francesco: La Colonia Saracena di Lucera e la sua fine, in: Archivio storico pugliese 30 (1977), S. 169-175, S. 171: „gli Angiò, sotto manto di zelo religioso, in realtà soddisfecero allora la propria e l’altrui avidità sui beni e le fortune di questi musulmani di Lucera, che tale fu il vero movente della ‚crociata’ di Pipino di Barletta, che portò alla estirpazione cruenta del nucleo musulmano lucerino“; Housley, Norman: The Italian Crusades. The Papal-Angevin Alliance and the Crusades against Christian Lay Powers 1254-1343, Oxford 1982, S. 243: „The [financial] crisis continued into 1300, its climax being the destruction of Lucera, which was almost certainly a last desperate measure to gain a financial respite“.

10 Vgl. D. Abulafia: Monarchs (wie Anm. 2), S. 239-246; Abulafia, David: La caduta di Lucera Saracenorum, in: Per la storia del Mezzogiorno medievale e moderno. Studi in

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Egidis These der finanziellen Motivation hatte folgenden Hintergrund: Die Herren der Muslime, die christlichen Anjoukönige, waren durch den Aufstand der „sizilianischen Vesper“ 1282 in einen Unsummen verschlingenden Krieg gegen die Aragonesen gestürzt worden, die die Insel Sizilien besetzt hatten.11 In Folge dieses nicht enden wollenden Krieges häuften die Anjou Schulden über Schulden vor allem beim Papst und bei florentinischen Bankiers an. In dieser Notlage habe König Karl II. von Anjou im Jahr 1300 seine muslimischen Untertanen um eines punktuellen Gewinns willen in die Sklaverei verkauft und ihren Besitz zu Geld gemacht.12 David Abulafia zufolge hätte es sich dabei allerdings um ein recht kurzsichtiges Vorgehen gehandelt: Nicht nur entfielen daraufhin die jährlichen Steuerund Abgabenzahlungen der Muslime – die weitaus höchsten der Region –, vielmehr erforderte die Neubelebung Luceras als christliche Stadt sogar erheblichen finanziellen Aufwand.13 Überhaupt meldete Abulafia Zweifel an der unterstellten materiellen Rationalität des Herrschers an. In expliziten Quellenaussagen seien vielmehr religiöse Begründungen zu finden. Insgesamt hätte der fromme Karl II. von Anjou als Enkel eines heiliggesprochenen Königs und als Kreuzzugskandidat eine größer angelegte Kampagne gegen die Ungläubigen betrieben. Abulafia

memoria di Jole Mazzoleni (= Pubblicazioni degli archivi di stato 48), Napoli 1998, S. 171-186, S. 186: „la pietà del re, il suo odio contro ebrei e musulmani, l’insistenza in un’epoca di fallite crociate su una vittoria simbolica contro l’Islam, condannò i musulmani di Lucera alla loro soppressione“. Ähnlich schon Rivoire, Pietro: Lucera sotto la dominazione angioina, in: Rassegna pugliese di scienze, lettere ed arti 18 (1901), S. 179-188, 201-215, S. 181; sowie, explizit Egidi entgegnend, Gifuni, Giambattista: Origini del ferragosto lucerino con un’appendice sul duomo angioino e sulla statua del suo fondatore, Lucera 1932, S. 6f. 11 Einführend zum Vesperkrieg vgl. Bresc, Henri: Art. „Sizilianische Vesper“, in: LexMA 7, 1995, Sp. 1948-1950; sowie weiterhin Runciman, Steven: Die sizilianische Vesper. Der Volksaufstand von 1282 und die europäische Geschichte im 13. Jahrhundert, München 1976 (2., durchges. Aufl.). 12 Vgl. pointiert Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 39 (1914), S. 697: „il movente primo ed esseziale della distruzione della università dei Saraceni fu l’avida brama di confiscare i loro beni e di far denaro delle loro persone“. Zur Finanznot des Jahres 1300 ebd., S. 697-727 sowie N. Housley: Crusades (wie Anm. 9), S. 243f. 13 Vgl. zum Folgenden D. Abulafia: Monarchs (wie Anm. 2), S. 240-244; D. Abulafia: Caduta (wie Anm. 10), S. 178-186.

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griff damit ältere Meinungen auf, gegen die Egidi allerdings plausible Argumente ins Feld geführt hatte.14 So ist die Kontroverse bis heute nicht entschieden. Ein erneuter Blick in die Quellen erscheint nötig, um zu einer fundierten Einschätzung der Positionen zu gelangen. Dankenswerterweise hat Egidi in seinem Codice Diplomatico dei Saraceni di Lucera15 Einträge der königlichangiovinischen Kanzleiregister, päpstlicher und klösterlicher Überlieferung zu Luceras Muslimen zusammengetragen. In diesem Quellenkorpus sind nun erstaunliche Entdeckungen zu machen: Planungen zur finanziellen „Verwertung“ des muslimischen Lucera im Vorfeld seiner gewaltsamen Auflösung sind ebenso wenig ersichtlich, wie religiöse Motive. Erst nach der Niederringung sämtlichen muslimischen Widerstandes in Lucera berief man sich mit zunehmendem zeitlichen Abstand immer überzeugter und aggressiver auf die Pflicht des Königs zum Schutz des Christentums vor der fremden Glaubensgemeinschaft: So ist schließlich von der Ausrottung des Geschlechts der Kinder Belials an der Wurzel16 oder gar des leichenblassen Gefäßes des Auswurfs, des Pfuhls der Ansteckung, ja der grausamen Geisel ganz Apuliens die Rede; in unmittelbarer Folge der Ereignisse jedoch fehlt derart hitzige Rhetorik; es wird nur sehr moderat die religiöse Familientradition der Anjou bemüht, aufgrund derer Karl II. schon lange auf die Entvölkerung der muslimischen Präsenz in seinem Reich gesonnen habe: Doch in dem Wissen, dass die Förderung der Sarazenen, der Bewohner Luceras, in unserem Königreich Sizilien äußerst unschicklich war, ja dass sie gewissermaßen die vorher angesprochene Frömmigkeit aufzuheben schien, hatten wir schon seit weit zurückliegender Zeit beständig im Sinn, dies Land von den Sarazenen zu entvölkern und dann mit Christen zu besiedeln.17

14 Vgl. dazu den Text zu Anm. 18 und 22. 15 CDSL. 16 CDSL Nr. 323, S. 131: […] principaliter tamen in hoc consideravimus bonum comune, salutem provincie et comoda subiectorum, ut semen filiorum Belial de Capitinata extirpetur radicitus, ne propter possessiones retentas comunionem aliquam habeant cum ipsius contrate christicolis […]; ebd., Nr. 655, S. 331f.: Celestis altitudo consilii […] provida disposicione constituit ut Sarracenorum Luceria, lurida conca fecis et iam in oculis omnium facta volutabrum contagionis infecte, immo et totius Apulie dura pestis atque contagium maculosum […] tamquam statua fictilis evaneret. 17 CDSL Nr. 318, S. 127: Si nostrorum erga Deum devotio predecessorum actenditur, si quam catholici fuerint, et quam vehementes fidei ortodosse cultores in consideracionem adducitur, non erit unquam ambiguum quin nos […] pre cunctis […] incrementum catholice fidei anxie cupiamus. Porro, a longo iam preterito tempore,

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Und auch hier stellt sich die Frage: Wie lange wurde der genannte Plan tatsächlich folgenlos gewälzt? Erstmals angesprochen wird er, wie erwähnt, lediglich nach Luceras Entvölkerung, am 24. August 1300 – nur elf Tage vor der Ankunft jenes Sarazentrecks in Neapel, von dem einleitend berichtet wurde. Sollte es sich also eher um eine nachträgliche Rechtfertigung gehandelt haben? Immerhin bleibt erklärungsbedürftig, warum die derart katholischen Anjoukönige nicht früher etwas unternommen hatten, da sie angeblich fortwährend auf die Entvölkerung Luceras sannen.18 An Gelegenheiten hatte es schließlich nicht gefehlt: So hatten die staufertreuen Muslime 1266 und 1268/9 verbissenen bewaffneten Widerstand gegen die angiovinischen Eroberer des sizilischen Königreichs geleistet; nichtsdestoweniger waren sie zwei Mal begnadigt worden und durften ihre Religion weiterhin frei ausüben.19 Karl I. von Anjou war als Streiter des Papsttums gegen die Staufer und vor allem gegen ihre Muslime ins Land gekommen.20 Dennoch änderte er so gut wie nichts an den Zugeständnissen seiner staufischen Vorgänger; und für seinen Sohn galt lange Jahre dasselbe. Genauso wenig waren nun Karls II. Maßnahmen nach 1300 dazu angetan, den christlichen Glauben kompromisslos zu stärken. Konvertierte Muslime nahm er nicht von der Versklavung aus.21 Offenbar war dem König ein entsprechender,

cognoscentes quod fovere in Regno nostro Sicilie Sarracenos, inhabitantes hucusque Luceriam, dedecebat non modicum, immo predicte quodammodo derogare fidei videbatur, iugiter in animo gessimus depopulare et exhabitare terram ipsam Sarracenis eisdem, deinde christicolis habitandam. 18 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 37 (1912), S. 678 und R. Bevere: Causa (wie Anm. 9), S. 224f. 19 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 36 (1911), S. 641-647; J. Taylor: Muslims (wie Anm. 2), S. 140-149; Göbbels, Joachim: Der Krieg Karls I. von Anjou gegen die Sarazenen von Lucera in den Jahren 1268 und 1269, in: Borchardt, Karl/Bünz, Enno (Hg.), Forschungen zur Reichs-, Papst- und Landesgeschichte. Peter Herde zum 65. Geburtstag von Freunden, Schülern und Kollegen dargebracht, Stuttgart 1998, S. 361-401. 20 Vgl. J. Taylor: Muslims (wie Anm. 2), S. 133-135, insb. S. 139f.; N. Housley: Crusades (wie Anm. 9), insbes. S. 18f.; Maier, Christoph T.: Crusade and Rhetoric against the Muslim Colony of Lucera. Eudes of Châteauroux’s Sermones de Rebellione Sarracenorum Lucherie in Apulia, in: Journal of Medieval History 21 (1995), S. 343-385. 21 Vgl. die Formulierung entsprechender Anweisungen in CDSL Nr. 460, S. 217; Nr. 498, S. 245f.; Ausnahmen, die die Regel bestätigen, betreffen muslimische Einzelpersön-

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sonst üblicher Anreiz zur Verbreitung des Christentums nicht wichtig.22 Noch auffälliger aber ist, was von manchen Forschern übersehen wurde: Zwei Jahre nach der Liquidierung des muslimischen Lucera gestattete Karl II. von Anjou die Neugründung einer – wenn auch nur kleinen – Sarazenenkolonie in seinem Reich. 200 verbliebene muslimische Familien durften in Civitate in Apulien weiterhin ihrer Religion anhängen, wenn ihnen auch keine Moschee mehr zur Verfügung stand.23 Diese Duldung fremder Glaubensangehöriger ist mit religiösen Motiven für die Entvölkerung Luceras nur schwer vereinbar. Ja, noch im Monat unmittelbar vor seinem gewaltsamen Vorgehen gegen die Stadt scheint König Karl II. von Anjou Frieden mit seinen Muslimen gewünscht zu haben. Immerhin setzte er am 27. Juli 1300 einen neuen Kapitän Luceras mit folgendem Auftrag ein: Da wir wünschen, dass die Sarazenen unserer Domäne Lucera in der Blüte des Friedens stehen, ersuchen wir diese, in solchem Zustand zu leben. Daher befehlen wir dir und legen deiner Gewissenhaftigkeit ans Herz, das Kapitanat von Lucera möglichst umsichtig und verlässlich auszuüben, den einzelnen ohne Ansehen der Person und ohne Beschwernis durch alten Groll oder Feindschaft Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so dass die Sarazenen in der Fülle des Friedens und in Ruhe aufatmen.24 Und zwei Tage

lichkeiten, die aufgrund ihrer Dienste für den König verschont wurden; ebd., Nr. 459, S. 216; Nr. 680, S. 347. 22 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 37 (1912), S. 682f. mit Hinweis auf die eigentlich gegenläufige Bestimmung in Karls Konstitutionen; den Juden des sizilischen Königreichs wurde die Konversion mit umfangreichen Vergünstigungen schmackhaft gemacht; vgl. Filangieri et. al. (Hg.): I Registri della cancelleria angioina (= Testi e documenti di storia napoletana 1-50), Napoli 1950-2010 (im Folgenden abgekürzt als RCA), Bd. 1, Nr. 238, S. 84; Bd. 31, Nr. 20, S. 29; Bd. 32, Nr. 22, S. 62. Allgemein zur völlig anderen Situation der Juden im Königreich Sizilien der Zeit vgl. Scheller, Benjamin: Die politische Stellung der Juden im mittelalterlichen Süditalien und die Massenkonversion der Juden im Königreich Neapel im Jahr 1292, in: Grenzmann, Ludwig et. al. (Hg.), Wechselseitige Wahrnehmung der Religionen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit I. Konzeptionelle Grundfragen und Fallstudien. Heiden, Barbaren, Juden (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Neue Folge 4), Berlin/New York 2009, S. 143-172. 23 Vgl. R. Bevere: Causa (wie Anm. 9), S. 225f. mit Edition des entsprechenden Mandats vom 27. Juni 1302. 24 CDSL Nr. 307, S. 121: Optantes Saracenos terre nostre Lucerie, Ca[mere] n[ostre] servos, prout et fideles Regni nostri in statu vigere pacifico, illos […] perquirimus ut

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nach diesem Mandat schrieb Karl II. erneut, diesmal an „seine getreuen“ Sarazenen höchstpersönlich: Wir wünschen, dass Ihr wie die übrigen Getreuen unseres Königreichs in der Blüte des Friedens steht. Es ist nämlich unser fester Vorsatz, Euch zu beschützen, zu hegen und vor Übergriffen welcher Leute auch immer zu bewahren.25 Ursprünglich hätte der Anjoukönig demnach den Frieden mit „seinen“ Muslimen wahren wollen. Die religiöse Rechtfertigung könnte also – entgegen Abulafias Ansicht – durchaus eine nachträgliche Verbrämung der Geschehnisse gewesen sein. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand hätte sich das religiös geprägte Geschichtsbild der christlichen Sieger über Lucera dann immer stärker durchgesetzt. Angesichts solcher Zweifel an der umfassenden Erklärungskraft finanzieller und religiöser Motive erscheint es geboten, nach anderen möglichen Auslösern der Eskalation zwischen Christen und Muslimen zu fragen. Interessanterweise sind unmittelbar vor dem Umschwung zum bewaffneten Einschreiten der Christen Konflikte und Tumulte unter Luceras Muslimen selbst bezeugt, die der Anjoukönig offenbar vergeblich zu kontrollieren suchte. Am 29. Juli 1300 wendet sich Karl II. noch folgendermaßen an „seine“ Muslime: Und weil Ihr, wie zu unserer Kenntnis kam, in diesen Tagen einen Tumult zwischen Euch gegenseitig anzettelt und Euch zu irgendwelchen Keckheiten verleiten lasst, wundern wir uns, dass Ihr, die Ihr Euch von jeher ruhig und friedlich ver-

in huiusmodi statu degant. […] Quare fid[elitati] t[ue] precipiendo mandamus, quatenus […] Capitanie [Lucerie] officium […] diligenter et fideliter studeas exercere, singulis ministrando iusticiam sine acceptione aliqua personarum, neminemque gravando rancore vel odio […] quod idem Sarraceni in pacis opulencia et quiete respirent. Vincenzo Salettas – generell nicht unproblematische – Argumentation, Karl II. habe derartige friedliche Absichten den Muslimen gegenüber nur vorgespiegelt, um die Formierung von Widerstand gegen ihre bereits geplante Vertreibung zu minimieren, vernachlässigt dieses Schreiben; dabei zeigt es, dass die internen Ziele der angiovinischen Administration Ende Juli 1300 durchaus noch mit den Absichtserklärungen an die Muslime übereinstimmten; vgl. V. Saletta: Distruzione (wie Anm. 9), S. 88-96. 25 CDSL Nr. 309, S. 122f.: Optantes vos prout fideles alios Re[gni] n[ostri] in statu vigere pacifico […] Arn[aldum] de Villanova, […] Iacobino de Campaniola revocato, […] capit[aneum] […] duximus … statuendum. […] Est enim firmi n[ostri] propositi vos manutenere fovere ac protegere a molestiis vel oppressionibus quorumcumque, illasque omnis modis omnibus quibus possumus cohibere.

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hieltet – am meisten in den Wirren des momentanen Krieges –, nun zu Derartigem Eure Hände erhebt.26 Sollte hierin eine völlig andere, bisher nicht beachtete Ursache für den Untergang des muslimischen Lucera liegen? Die Forschung sah über die Tumulte in der Stadt wie über die zeitliche Entwicklung der königlichen Äußerungen weitgehend hinweg.27 Das mag damit zusammenhängen, dass man sich Muslime und Christen blockhaft gegenübergestellt dachte. Zudem sah man den christlichen König als entscheidenden Akteur. Aus seiner alleinigen Perspektive versuchte die bisherige Forschung die absichtsvolle Herbeiführung von Luceras Niederwerfung und Entvölkerung im Jahr 1300 zu erklären.

3. D IE K ATASTROPHE

DER M USLIME AUS NETZWERKANALYTISCHER P ERSPEKTIVE

Im Folgenden sollen die Ursachen der Auflösung des muslimischen Lucera neu aufgerollt werden, beruhend auf differenzierter Betrachtung von Gruppen und Beziehungen in ihrem situativen Kontext. Mit methodischer Hilfe der „Sozialen Netzwerkanalyse“ wird der folgende zweite Untersuchungsteil die Relationen zwischen und innerhalb der Religionsgruppen detailliert auswerten. Die Netzwerkanalyse gilt als eine der vielversprechendsten Richtungen der zeitgenössischen Soziologie.28 Sie geht davon aus, dass alle sozialen Gebilde aus Netzwerken bestehen – von der kleinen Gruppe bis zur gesamten Gesellschaft – und dass die spezifischen Beziehungsmuster dieser Netzwerke die Handlungsop-

26 CDSL Nr. 309, S. 122: Et quia, sicut ad n[ostram] pervenit noticiam, quemdam hiis diebus tumultum inter vos invicem facientes, ad aliquas insolencias prorupistis, miramur […] quod qui ab olim, maxime presenti guerrarum turbine, quiete ac placide vos gesisstis, […] nunc […] laxatis ad talia manus vestras. 27 Einzig Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 38 (1913), S. 115f., 128f. erwähnt die Tumulte, misst ihnen aber keine entscheidende Bedeutung zu. 28 Vgl. Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele, Wiesbaden 2006 (3., überarb. Aulf.), S. 48. Zur Methode beispielsweise dies. sowie Holzer, Boris: Netzwerke, Bielefeld 2006; Vgl. aber auch Schnegg, Michael/Lang, Hartmut: Netzwerkanalyse. Eine praxisorientierte Einführung (= Methoden der Ethnographie 1), o. O. 2002 (www.methoden-derethnographie.de/heft1/Netzwerkanalyse.pdf); Faust, Katherine/Wasserman, Stanley: Social Network Analysis. Methods and Applications, Cambridge 1994.

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tionen jedes Einzelnen wesentlich beeinflussen: Diese sind umso reichhaltiger, je mehr und intensiver jemand mit prestigeträchtigen oder gut informierten Personen verbunden ist – „Vitamin B“ in der Umgangssprache, „soziales Kapital“ in der Formulierung des berühmten Soziologen Pierre Bourdieu29. Die aus sozialen Beziehungen resultierende Kapitalform wurde von Bourdieu allerdings weit weniger ausgearbeitet als die von ihm als „symbolisch“ bezeichnete. An dieser Stelle bietet die Netzwerkanalyse ein differenziertes Instrumentarium: Sie erhebt die gegenseitigen Beziehungen von Akteuren systematisch, macht Untergruppierungen, kooperierende oder konkurrierende Cliquen und herausragende Einzelne erkennbar und hält für die Interpretation solcher Beziehungsmuster vom Einzelfall abstrahierende Deutungen bereit. Gerade für die Erforschung vormoderner Epochen erscheint die Netzwerkanalyse besonders vielversprechend: Politik und Gesellschaft weiter Teile des Mittelalters beispielsweise waren schließlich weniger durch abstrakte staatliche Institutionen als durch Personenverbände aus face-to-face verbundenen Akteuren geprägt.30 Mit Hilfe dieser Methode sollen nun die christlich-muslimischen Beziehungen im Umfeld des Untergangs von Lucera Sarracenorum neu analysiert werden. Entsprechend der Zielsetzung, den Übergang von Kooperation zu Konflikt zwischen Anjouherrscher und muslimischer Bevölkerung zu erhellen, werden die Gesamtnetzwerke all jener Akteure, die die muslimische Bevölkerung mit christlichen Herrschaftsträgern verbanden, hinsichtlich Kooperation versus Konflikt ermittelt. Die historische Entwicklung der Beziehungen kann dabei am besten in einer Abfolge mehrerer Netzwerke abgebildet werden. Dazu sind Zeitintervalle festzulegen, die einerseits nicht zu klein sein dürfen, um die Signifikanz der Befunde und ihre rationelle Darstellbarkeit zu gewährleisten, die andererseits aber so engmaschig sein sollen, dass jeweils bedeutsame Veränderungen im Set der Akteure und Beziehungen in einem neuen Netzwerk Niederschlag finden. Diesem Kriterium folgend ergeben sich die Zeiträume von – erstens – 1272 bis 1289, – zweitens – 1289 bis 1300 und – drittens – dem Jahr 1300 selbst: Ab 1272 lassen die Quellen erstmals gößere Binnendifferenzierun-

29 Vgl. pointiert Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hg.), Soziale Ungleichheiten (= Soziale Welt, Sonderband 2), Göttingen 1983, S. 183-198. 30 Vgl. Althoff, Gerd: Verwandte, Freunde und Getreue. Zum politischen Stellenwert der Gruppenbildungen im früheren Mittelalter, Darmstadt 1990, S. IX, 2, 5-9; Goetz, Hans-Werner: Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung, Darmstadt 1999, S. 175, 181-183.

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gen der Muslime zu; ohnehin erscheint eine Beschränkung auf die letzten drei Jahrzehnte vor dem Untergang des islamischen Lucera ausreichend. 1289 veränderten sich mit einem Generationenwechsel bei Christen wie Muslimen die Beziehungskonstellationen deutlich, und das Jahr 1300 wurde bereits als Wen depunkt eingeführt. Innerhalb der jeweiligen Zeiträume werden die Beziehungen gewichtet aufgenommen: Jeder Quellenbeleg für eine neue, unabhängige Kooperations- oder Konfliktbeziehung zwischen zwei Akteuren soll dabei als eine Einheit zur Intensität der Relation zählen. Zwar haftet einem solchen Vorgehen die übliche Problematik des Quantifizierens in der Historie an,31 doch dürften die gleichzeitigen Erkenntnischancen überwiegen: Eine konventionelle, qualitative Betrachtung könnte zwar Einzelbeziehungen abgewogener würdigen, aufgrund dieser Differenziertheit jedoch die aufschlussreiche Gleichzeitigkeit eines großen Beziehungsgeflechts kaum im Auge behalten.32 Zudem erscheint die Bestimmung von Intensitäten und zeitlichen Entwicklungen durch die Wahl der recht allgemeinen Kategorien „Kooperation“ und „Konflikt“ am ehesten über Überlieferungszufälle erhaben. Als dritte Relationsart werden Verwandtschaftsbeziehungen hinzugenommen. Die Knoten des Netzwerks werden von zahlreichen Individuen gebildet, aber auch von sogenannten „kollektiven Akteuren“, falls die Überlieferung keine Binnendifferenzierung zulässt oder diese die Betrachtung nur unnötig komplex werden ließe.

31 Dazu wie zu den Potentialen des Quantifizierens pointiert Jarausch, Konrad H. et al., Quantitative Methoden in der Geschichtswissenschaft. Eine Einführung in die Forschung, Datenverarbeitung und Statistik (= Die Geschichtswissenschaft), Darmstadt 1985, S. 195-206, sowie bereits Kocka, Jürgen: Quantifizierung in der Geschichtswissenschaft, in: Best, Heinrich/Mann, Reinhard (Hg.), Quantitative Methoden in der historisch-sozialwissenschaftlichen Forschung (= Historisch-Sozialwissenschaftliche Forschungen 3), Stuttgart 1977, S. 4-10. 32 Ohnehin kommt im vorliegenden Fall der Charakter der herangezogenen Quellen einer Zählung entgegen: Oftmals behandeln die angiovinischen Kanzleiregister Vorgänge in standardisierter und repetitiver Weise, so dass eine gewisse Vergleichbarkeit besteht. Auch sind die Intensitäten nur für ausgewählte netzwerkanalytische Maßzahlen wie die Degree-Zentralität überhaupt von Bedeutung; vgl. dazu den Text nach Anm. 41.

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Auf Basis der genannten Analysekategorien sollen nun die folgenreichen Netzwerkveränderungen vor dem Untergang des islamischen Lucera betrachtet werden, beginnend mit den Jahren 1272 bis 1289 (Abb. 1). Abbildung 1: Netzwerk Lucera 1272-1289

Quelle: Eigene Darstellung (Rot sind die Muslime, blau die Christen gekennzeichnet, violett der Konvertit qƗ’id Riccardo. Ranghöhere sind oben als größere Knoten, Rangniedere unten als kleinere Knoten angeordnet. Schwarze Linien stehen für Kooperationsbeziehungen, rote Linien für Konflikte; dabei ist die Liniendicke jeweils proportional zur Intensität, das heißt zur Beziehungshäufigkeit im betrachteten Zeitraum.)

Einleitend wurde deutlich, dass die muslimische Gemeinschaft sich aus einer ritterlichen Führungsschicht und der breiten Bevölkerung zusammensetzte. Viele Angehörige der muslimischen Führungsschicht kennen wir in Luceras letzten

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Jahrzehnten sogar namentlich.33 Auf Seiten der Christen sind – neben dem König – Amtsträger und Klöster zu berücksichtigen.34 Die muslimischen Eliten waren untereinander teils durch Kooperationsbeziehungen vernetzt, standen zum Teil aber auch in Konkurrenz zueinander.35 Daneben unterhielten sie auch enge Beziehungen zur breiten Masse ihrer Glaubensgenossen:36 Teils gehörten Muslime zu ihrem Gefolge, teils befanden sich jene in institutioneller Abhängigkeit; sie unterstanden beispielsweise als Soldaten ihren ritterlichen Kommandeuren. Interessant ist, dass die muslimischen Ritter auch oft eng mit dem christlichen König kooperierten.37 Sie erhielten beispielsweise Lehen, Immunitäten oder Regalien und leisteten dafür Abgaben und Dienste, sie liehen dem König größere Geldbeträge oder rekrutierten für ihn Handwerker und Soldaten aus der muslimischen Bevölkerung.38 Einigen muslimischen Rittern gelang es überdies, zu christlichen Amtsträgern und Klöstern gute Beziehungen aufzunehmen.39 Erstaunlicherweise vertrauten zum Beispiel christliche Konvente einige ihrer Ländereien muslimischer Pacht und Protektion an. Im Ergebnis stellt sich ein Netzwerk dar, in dem die muslimischen Eliten eine Mittlerposition besaßen: Der christliche König einerseits, sowie das Gros der muslimischen Bevölkerung andererseits unterhielten keine direkten Beziehungen zueinander. Das resultierende sogenannte „strukturelle Loch“40 zwischen beiden wurde vornehmlich von einer dritten Gruppe überbrückt, der als Vermittler bzw. broker große Bedeutung zukam: den muslimischen Rittern. Neben seinen Amtsträgern hatte der christliche König vor allem dank dieser Männer Informations- und Kontrollmöglichkeiten über die muslimische Bevölkerung. Es ergeben sich somit Aufschlüsse, wie christliche Herrschaft über die Muslime organisiert war: Sie beruhte zu einem wesentlichen Teil auf kooperierenden muslimischen Eliten, die ihrerseits über die Loyalität der Bevölkerung verfügten.

33 Vgl. Tabelle 1, Nr. 1-14; die Tabellen auf S. 150-154 des Beitrags. 34 Vgl. Tabelle 1, Nr. 20-23. 35 Vgl. Tabelle 1, Relationen zwischen Nrn. 1-14. 36 Vgl. Tabelle 1, Relationen zwischen Nrn. 1-14 und Nr. 15. 37 Vgl. Tabelle 1, Relationen zwischen Nrn. 1-14 und Nr. 20. 38 Vgl. insbes. zum militärischen Einsatz der Muslime Göbbels, Joachim: Das Militärwesen im Königreich Sizilien zur Zeit Karls I. von Anjou 1265-1285 (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters 29), Stuttgart 1984, S. 118-127. 39 Vgl. Tabelle 1, Relationen zwischen Nrn. 1-14 und Nrn. 21-23. 40 Vgl. zu Begriff und zugrundeliegendem Konzept überblickshaft D. Jansen: Einführung (wie Anm. 28), S. 187-192.

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Dabei stützte sich der indirekte Zugriff des Anjoukönigs auf die muslimische Bevölkerung in den Jahren 1272 bis 1289 bei allen Differenzierungen innerhalb der andersgläubigen Führungsschicht einigermaßen gleichmäßig auf eine ganze Reihe muslimischer Ritter. Deren Positionen im Netzwerk glichen einander strukturell. Netzwerkanalytisch zeigt dies eine Blockmodellanalyse mit dem Algorithmus CONCOR, der die Akteure mit den jeweils ähnlichsten Beziehungsmustern einander zuordnet.41 Im vorliegenden Fall erweist er die Muslime qƗ’id MahdƯ, Riccardo,42 Riccardo Loterio, SulaymƗn, SalƗm, MnjsƗ, IbrƗhƯm, Leone und Lamuto als zu den christlichen Amtsträgern wie zueinander analog positioniert (Abb. 2). Abbildung 2: Netzwerk Lucera 1272-1289 – Blockmodellanalyse

Quelle: Eigene Darstellung (Konvergierende Linien verbinden strukturell äquivalente Akteure.)

41 Vgl. zu dieser Vorgehensweise wiederum einführend ebd., S. 225f. 42 Einige Muslime Luceras führten – wohl zur Erleichterung des offiziellen Umgangs mit den Christen – lateinische Namen; dazu beispielhaft Della Vida, G. Levi: La sottoscrizione araba di Riccardo di Lucera, in: Rivista degli Studi Orientali 10.2-3 (1924), S. 284-292.

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Das hohe soziale Kapital, das sich aus der Mittlerposition jener muslimischen Eliten ergab, verteilte sich also: Die vielen strukturell analogen Personen konkurrierten um Einfluss; sie waren gewissermaßen gegeneinander wie gegen die christlichen Amtsträger ausspielbar. Diese Einsicht lässt sich in Form sogenannter Zentralitätswerte bestätigen und präzisieren, die als Indikatoren für Einfluss, Autonomie und Kontrollmöglichkeiten von Netzwerkakteuren dienen:43 So schließt die sogenannte DegreeZentralität aus der Anzahl der direkten Beziehungen eines Akteurs auf seinen unmittelbaren Einfluss. Die Closeness-Zentralität gibt anhand der Summe der kürzesten Pfadlängen zu allen anderen Akteuren Hinweise auf die Autonomie eines Netzwerkteilnehmers und die Betweenness-Zentralität lässt mit der Anzahl der kürzesten Verbindungen im gesamten Netzwerk, die über einen Akteur verlaufen, dessen Kontrollmöglichkeiten abschätzen. Abbildung 3: Netzwerk Lucera 1272-1289 – Degree-Zentralität

Quelle (Abb. 3-5): Eigene Darstellung (Die Größe der Knoten verdeutlicht die Zentralitätswerte der Akteure.)

43 Vgl. zum Folgenden D. Jansen: Einführung (wie Anm. 28), S. 127-137.

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Abbildung 4: Netzwerk Lucera 1272-1289 – Closeness-Zentralität

Abbildung 5: Netzwerk Lucera 1272-1289 – Betweenness-Zentralität

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Für die Jahre 1272 bis 1289 zeigen diese drei Zentralitätswerte zunächst den christlichen Anjouherrscher und seine Amtsträger in einer den Muslimen hinsichtlich aller Maßzahlen überlegenen Position – kaum überraschend für einen König und seine Beauftragten (Abb. 3-5). Aber auch die breite Masse der muslimischen Bevölkerung besaß höhere Zentralitätswerte als das Gros ihrer ritterlichen Anführer. Dies bestätigt den aus der Blockmodellanalyse abgeleiteten Befund, die Angehörigen der muslimischen Elite hätten aufgrund ihrer Austauschbarkeit um soziales Kapital konkurriert. Allein der muslimische miles Riccardo besaß offenbar größere Autonomie und Kontrollmöglichkeiten als seine Glaubensgenossen: Insbesondere seine Betweenness ist weit höher als die der übrigen Ritter. Doch stellt dies Riccardos strukturelle Äquivalenz zu seinen Kollegen nicht grundsätzlich in Frage, schließlich zeigen Degree- und Closeness-Zentralität, dass auch die übrigen muslimischen Ritter ein nicht zu vernachlässigendes Maß an Einfluss und Autonomie besaßen. Ganz anders eine Generation später, in den Jahren 1289 bis 1300 (Abb. 6). Abbildung 6: Netzwerk Lucera 1289-1300

Quelle: Eigene Darstellung

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Den verstorbenen Rittern Riccardo und MnjsƗ waren ihre Söhne Ha÷÷Ɨ÷ und ‘Abd al-‘AzƯz nachgefolgt. Entscheidend ist nun, dass besagter ‘Abd al-‘AzƯz gemeinsam mit seinem Konsorten SalƗm die Beziehungen zur Masse der muslimischen Bevölkerung vollständig monopolisierte;44 zudem war er mit Ha÷÷Ɨ÷ verschwägert.45 So wuchs dem genannten Trio eine quasi konkurrenzlose Einflussposition zu: Der christliche König machte sich von den Diensten vor allem des ‘Abd al-‘AzƯz zur Beherrschung der muslimischen Zusammenballung in seinem Land geradezu abhängig. Er selbst, seine Amtsträger und die christlichen Klöster intensivierten ihre Kooperation mit dem muslimischen Ritter immer weiter,46 was diesen immer mächtiger werden ließ. Zugleich besaß die andersgläubige Bevölkerung keinen anderen Zugang mehr zum christlichen Herrscher als über die genannten Ritter ‘Abd al-‘AzƯz und SalƗm. Schon die Netzwerkkonstellation deutet in diese Richtung: Im Vergleich zu den vorigen Jahrzehnten war die Anzahl politisch einflussreicher Muslime stark zurückgegangen; und von diesen unterhielten nur noch wenige umfangreiche Kooperationsbeziehungen zur breiten Masse ihrer Glaubensbrüder. Auch in den Zentralitätswerten schlagen sich die Veränderungen nach 1289 nieder (Abb. 7-9):

44 Vgl. Tabelle 2, Relationen zwischen Nrn. 1, 3 und 15. 45 Vgl. Tabelle 2, Relation zwischen Nrn. 1 und 2. 46 Vgl. Tabelle 2, Relationen zwischen Nrn. 1 und 20-23.

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Abbildung 7: Netzwerk Lucera 1289-1300 – Degree-Zentralität

Abbildung 8: Netzwerk Lucera 1289-1300 – Closeness-Zentralität

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Abbildung 9: Netzwerk Lucera 1289-1300 – Betweenness-Zentralität

Quelle (Abb. 7-9): Eigene Darstellung

Fast durchgehend übertreffen nun die Maßzahlen des ‘Abd al-‘AzƯz diejenigen aller anderen Akteure des Netzwerks. Hinsichtlich Betweenness und Closeness überflügelt er sogar den Anjoukönig, dem offenbar das Prinzip des Handelns im interreligiösen Beziehungsgeflecht zu entgleiten drohte. Die Ritter SalƗm und Ha÷÷Ɨ÷, die ‘Abd al-‘AzƯz ohnehin verwandtschaftlich beziehungsweise genossenschaftlich verbunden waren, erscheinen allein in Bezug auf die Closeness einigermaßen gleichberechtigt, ansonsten aber konnte kein Muslim ‘Abd al-‘AzƯz den Rang streitig machen.47 Insbesondere das Gros der muslimischen Bevölkerung und besonders die Armen Luceras dürften angesichts ihrer verschwindend geringen Zentralitätswerte in völliger Abhängigkeit von ihm gestanden haben.

47 Dementsprechend zeigt auch eine Analyse mit CONCOR die muslimischen Führer nicht mehr in zueinander äquivalenter Position (Abb. 10).

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Abbildung 10: Netzwerk Lucera 1289-1300 – Blockmodellanalyse

Quelle: Eigene Darstellung

Im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts errang also ein muslimischer Ritter eine außergewöhnliche Spitzenposition. Der Vesperkrieg mag dies befördert haben: Angesichts der zweifachen Invasion seiner Gegner aufs Festland im Jahrzehnt vor 1300 scheute Karl II. wohl das Risiko, anderen als den bewährten Sarazenenführern die Loyalitätssicherung des nahe am Kriegsschauplatz gelegenen Lucera anzuvertrauen.48 Für Männer wie ‘Abd al-‘AzƯz bot sich der Missbrauch der dadurch gewonnenen Macht geradezu an. Und sie wurde rücksichtslos zu Gunsten des eigenen Verwandtschaftsverbandes ausgenutzt: Die Familie des prominenten Muslims häufte Edelsteine, Gewänder, Tafelsilber und Immobilienbesitz an, während die Glaubensgenossen durch immer höhere Steuern und Abgaben bedrückt wurden.49 Doch schließlich geschah das beinahe schon Unvermeidliche:

48 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 38 (1913), S. 119-127. 49 Vgl. CDSL Nr. 394, S. 187; Nr. 443, S. 207; Nr. 446, S. 208f.; Nr. 505, S. 248f.; Nr. 523, S. 258; Nr. 529, S. 260; Nr. 640, S. 311-313; Nr. 644, S. 314-316; Nr. 653, S. 320-323.

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Zwischen Verlierern und Gewinnern in Lucera brach ein Konflikt aus, der sich offenbar in den forschungsgeschichtlich kaum gewürdigten Tumulten entlud. Hier sei eine Quellenstelle zwischengeschaltet, die als besonderer Glücksfall die interreligiöse Netzwerkkonstellation direkt thematisiert: ein königliches Mandat vom 24. Juli 1300, also knapp einen Monat vor dem gewaltsamem Untergang des muslimischen Lucera. Offenbar hatten die Beschwerden der muslimischen Bevölkerung nun endlich den König erreicht. Es waren Klagen vor allem über die unkontrollierte Ausbeutung der Armen und der Allgemeinheit durch ‘Abd al-‘AzƯz und seinen Konsorten SalƗm: Die Ritter ‘Abd al-‘AzƯz und SalƗm vertrieben schändlich jene Armen, die aus Mangel an anderen Ländereien in einem gewissen Gut unserer Domäne [Lucera] arbeiteten. […] Einige Bewohner jenes Landstriches [Lucera] beteiligen sich nicht an den verschiedenen steuerlichen Lasten der übrigen Bewohner jenes Landes, indem sie versichern, von jenen Steuern befreit zu sein. […] Ebenso zerstören ‘Abd al-‘AzƯz und SalƗm, die nicht dem Vorteil unseres Hofes nützen, wie geglaubt, sondern vielmehr ihrem eigenen, die Existenz der Armen dieses Landstriches [Lucera]. […] Besagter ‘Abd al-‘AzƯz errichtete überdies im Gut Tertiveri ‚defensas‘, um die Tiere anderer und nicht der Sarazenen, die keine Weiden hatten, dort weiden zu lassen; dasselbe tat er mit den Gütern S. Nicolos und Falconarias. Ähnlich verfuhr auch besagter SalƗm mit mehreren Örtlichkeiten rund um Lucera, indem er sich Ländereien aneignete, die für die gemeinsame Benutzung der genannten Gemeinschaft [Lucera] insgesamt bestimmt waren.50 Resümierend wird auch die fatale Machtfülle der konkurrenzlosen Mittlerposition ‘Abd al-‘AzƯz’ und SalƗms klar

50 C DSL Nr. 301, S. 118f.: Karolus II iudici Jacobo de Ebulo […] De subscriptis gravaminibus iniuriis et dampnis, que universitas Sarracenorum de Luceria […] eis diversimode queruntur illata, scire volentes plenius veritatem […] mandamus quatenus huius rei […] diligenter inquiras […] Predicta vero gravamina […] hec esse dicuntur, videlicet quod […] dum in quadam massaria nostra dicte terre pauperes laborarent, aliarum terrarum defectu, Adelagisius et Salem de eadem terra milites, eos abinde turpiter expulerunt […] Nonnulli eciam de terra ipsa, a collectis se asserentes immunes, non communicant in collectis […] et aliis fiscalibus oneribus cum aliis hominibus dicte terrre. […] Item dicti Adelagisius et Salem, non Curie nostre comodis innitentes, ut creditur, set eorumdem pocius, pauperes dicte terre destruunt […] Dictus insuper Adelagisius […] massaria Tortibuli […] defensas inibi statuit, aliorum et non Sarracnorum animalia, que egent pascuis, affidans ibidem; itidem faciens de tenimentis Sancti Nicolai et Falconarie. Simile quoque facit dictus Salem de […] pluribus […] locis circa Luceriam, […] appropriantes sibi terras que erant comuni utilitate omnium de universitate predicta.

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formuliert: Sie machten auch die Augen der Stadtkapitäne und unserer übrigen Offiziellen mit unermesslichen Geschenken blind, weswegen keine Gerechtigkeit seitens jener ergeht. Nichts anderes geschieht nämlich in besagtem Landstrich, als was im Verlangen dieser Ritter liegt. Man sagt, dass sie zu jenen Vergehen ein größeres Gefolge hätten.51 Erst jetzt also gelangten Informationen der muslimischen Volksmenge ans Ohr des Anjouherrschers, in einem Moment, in dem Karl II. bereits den Zugriff auf die aufgewiegelten Muslime zu verlieren drohte: Das Netzwerk war in zwei Komponenten zerfallen, zwischen denen keine Einflussmöglichkeiten mehr bestanden (Abb. 11). Abbildung 11: Netzwerk Lucera 1300

Quelle: Eigene Darstellung (Man beachte die Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Masse der muslimischen Bevölkerung und den armen Muslimen einerseits sowie ‘Abd al-‘AzƯz’ und SalƗm mit ihrem Gefolge andererseits.)

51 CDSL Nr. 301, S. 118f.: Obcecant quoque Capitaneorum et aliorum officialium nostrorum oculos exennis et aliis muneribus eorumdem, propter quod non fit iusticia de eisdem. Nihilque in dicta terra fit aliud quam quod ipsorum militum residet voluntati. Ad quos excessus […] plures sequaces eos habere dicunt […].

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Karl II. versuchte noch, ‘Abd al-‘AzƯz fallen zu lassen und über unbelastete Amtsträger in direkten Kontakt zur muslimischen Bevölkerung zu treten; daher ergingen auch seine bereits zitierten Schreiben mit dem Wunsch nach Frieden und mit der Zusicherung seines Schutzes gegenüber allen Bedrückungen an die Muslime. Ganz offensichtlich verfolgte er noch keinen religiös oder finanziell inspirierten Plan zur Vernichtung des muslimischen Lucera; vielmehr versuchte er, eine gefährliche Krise zu besänftigen. Doch vergebens: Der muslimische Aufruhr dürfte sich bereits gegen den König selbst gerichtet haben, der die verhassten Sarazenenführer so lange hatte gewähren lassen,52 und der nun über keinen Zugang mehr zur fremden Bevölkerung verfügte.53 Die reichen Steuer- und Abgabenzahlungen aus Lucera drohten zu versiegen; die gesamte Region war in Gefahr, zu destabilisieren:54 schon häufiger hatten ja aufgewiegelte Muslime in der Vergangenheit mit den Feinden des Königs kooperiert.55

52 So auch Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 38 (1913), S. 116, 128. 53 Was die Lage im Jahr 1300 prekär machte, geht auch aus den Unterschieden zu 1289 hervor: Damals war bereits ein muslimischer miles, Riccardo, zu solcher Dominanz gelangt, dass Klagen gegen ihn laut wurden; doch hatte Riccardo bei allem Einfluss keine ‘Abd al-‘AzƯz vergleichbare Alleinstellung erreicht, so dass Karl II. durch Riccardos Absetzung und Einkerkerung Lucera erfolgreich pazifizieren konnte – im Gegensatz zur erneuten inneren Krise des Jahres 1300; vgl. diesbezüglich die nur partiell überragenden Zentralitätswerte des Riccardo im Verhältnis zu den durchgängig exorbitanten Maßzahlen des ‘Abd al-‘AzƯz in Abb. 3-5 und 7-9; zu Aufstieg und Fall Riccardos Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 36 (1911), S. 674-680. 54 Vgl. CDSL Nr. 324, S. 132: […] precipue hiis diebus, […] fremente Sarracenorum Lucerie tumultuosa perfidia, de quo toti Regno nostro Sicilie grave scandalum timebatur […]. 55 1268/9 waren die Muslime Luceras Teil einer reichsweiten Rebellion gegen Karl I. von Anjou gewesen; sie leiteten dabei den Aufstand auf dem Festland ein, bei dem sie von Gemeinden des Umlandes unterstützt wurden; vgl. J. Göbbels: Krieg (wie Anm. 19), S. 367, 384, 397f. Bereits 1230 hatten die gegen den Staufer Friedrich II. rebellierenden Muslime Siziliens die Hilfe des Sultans al-KƗmil erbeten. Ihr Anführer bis 1222, Ibn ‘AbbƗd, stammte aus al-Mahdiya im heutigen Tunesien; vgl. Stürner, Wolfgang: Friedrich II. 2: Der Kaiser 1220-1250, Darmstadt 2003, S. 67f.; TƗrƯপ ManৢnjrƯ, in: Amari, Michele (Hg.), Biblioteca arabo-sicula 3. Appendice, Torino 1889, S. 4265, S. 43, 63f.; die Beispiele ließen sich vermehren.

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Erst in dieser Situation stark beschränkter Handlungsmöglichkeiten ging die Partei des Anjoukönigs gewaltsam gegen die Gesamtheit der Muslime vor und betrieb die Vernichtung von Luceras Sarazenenkolonie.56 Die Muslime wurden militärisch niedergerungen und unter Mitnahme des Nötigsten auf das Umland verteilt, wie es zur nachhaltigen Niederwerfung wiederholt rebellierender Städte durchaus königlicher Politik entsprechen konnte.57 Unter sorgfältiger Obhut wurde die besiegte Bevölkerung schrittweise aufgeteilt und in zunehmender Entfernung von Lucera gehalten. Die Anführer wurden festgesetzt und größere Versammlungen verboten. In Lucera selbst, nun Civitas Sancte Marie genannt, legte man die Mauern nieder, verfüllte die Gräben und verstärkte die christliche Gar-

56 Vgl. der vom König beauftragte Giovanni Pipino rückblickend am 27. August 1300 zu den Gründen für die gewaltsame Niederwerfung der Muslime als Insert in CDSL Nr. 519, S. 256: […] dum diebus istis tumultus preconcepte perfidie Saracenorum Lucerie ferveret, nos per […] d[ominum] n[ostrum] Carolum II […] illuc missi, tumultu ipso per nos […] in eadem terra sedato, ac de ipsius d[omini] beneplacito et mandato Sarracenis eisdem ab inde per viam depopulacionis […] eiectis […]; sowie Karl II. selbst am 8. September 1300 in CDSL Nr. 324, S. 132: […] Iohannes Pipinus de Barolo, […] servicia plurima […] nobis ab hactenus prestitit […] precipue hiis diebus, dum, fremente Sarracenorum Lucerie tumultuosa perfidia, […] ipse, per nos missus illuc, […] non sine illorum perfidorum strage multiplici tumultum sedavit eundem […]. 57 So hatte beispielsweise Friedrich II. die Abruzzenstadt Celano wegen wiederholter Rebellion 1223 partiell zerstören und die Bewohner vertreiben lassen; der Ort wurde in „Cesarea“ umbenannt und seine Einwohner unter Mitnahme des Nötigsten in die weitere Umgebung verstreut; die Rückkehr war ihnen verboten; in einer zweiten Phase wurden die Celanesen schließlich gefangen gesetzt und nach Sizilien verbracht; vgl. Garufi, Carlo A. (Hg.): Richard von San Germano. Chronica (= Rerum Italicarum Scriptores, Nuova edizione 7,2), Bologna 1936-1938, ad 1223, S. 108-110, ad 1224, S. 112f.; Analoges war bereits sechs Jahrzehnte zuvor geschehen, als der Staufer Friedrich I. Barbarossa das notorisch rebellierende Mailand entvölkerte und teilweise zerstörte – vielleicht das prominenteste Beispiel solchen Vorgehens im Hochmittelalter; auch damals waren die Einwohner mit ihrer Habe auf Orte des Umlandes verteilt worden, wo sie unter Obhut herrscherlicher Beauftragter leben mussten, während die Mauern und Gräben ihrer Stadt eingeebnet wurden; allerdings wurde das Verbot der Rückkehr mit Hilfe des neugegründeten Lombardenbundes unterlaufen; vgl. Barni, Gian L.: La lotta contro il Barbarossa, in: Treccani degli Alfieri, Giovanni (Hg.), Storia di Milano 4, Mailand 1964, S. 1-112, S. 66-84; Opll, Ferdinand: Stadt und Reich im 12. Jahrhundert 1125-1190, Wien u.a. 1986, S. 333-335.

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nison des Kastells.58 Zweifelsohne sollte eine Rückkehr und ein erneutes gemeinsames Aufbegehren der Muslime verhindert werden.59 Das bisherige Vorgehen des Königs erscheint somit aus der Notwendigkeit zur Eindämmung gefährlicher Tumulte motiviert; erst in einer zweiten Phase der muslimischen Katastrophe dürften die bislang diskutierten finanziellen Erwägungen und religiösen Rechtfertigungen bestimmend geworden sein: Da von den Muslimen spätestens nach ihrer Vertreibung keine Einnahmen mehr zu erwarten waren, galt es, die königlichen Finanzen schnellstmöglich schadlos zu halten. So konfiszierten königliche Beauftragte im Spätsommer 1300 den Besitz der Muslime unter Hinweis auf ihren religiös bedingten Status als servi camere regis und ernteten schleunigst ihre Felder ab.60 Im Dezember 1300 begann der Verkauf der Muslime in die Sklaverei.61 Diese Extremlösung war gewiss nur vor dem Hintergrund zunehmend aggressiver religiöser Überzeugungen zur Zeit Karls II. denkbar.62 Auffällig ist dabei, dass erst Monate nach der Zerstreuung und aufwändigen Unterbringung der Muslime zu ihrer Veräußerung übergegangen wurde. Diese Tatsache legt nochmals nahe, dass das ökonomische Motiv erst nach dem Ende des muslimischen Lucera dominierend wurde. Bestätigt wird das zuvor mit Hilfe der sozialen Netzwerkanalyse entwickelte Erklärungsmodell durch eine Gegenüberlieferung von muslimischer Seite: Das geographische Lexikon des wohl aus Ceuta bei Gibraltar stammenden

58 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 39 (1914), S. 683-686 mit Quellenverweisen. 59 Vgl. CDSL Nr. 370, S. 171: Et […] caucius existas quod Sarracenis eisdem predicta confinia a predicta Civitate Sancte Marie statuas sic remota, quod de facili ad Civitatem ipsam venire nequeant ad aliquod machinandum contrarium vel sinistrum; auch ebd., Nr. 323, S. 130; Nr. 327, S. 139. 60 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 39 (1914), S. 133-135 mit Quellenverweisen. Zu den Implikationen des Konzepts der servi camere vgl. Abulafia, David: The servitude of jews and muslims in the medieval Mediterranean: Origins and diffusion, in: Mélanges de l’Ecole française de Rome. Moyen Âge 112 (2000), S. 687-714; ders.: Monarchs (wie Anm. 2), S. 245; ders.: Caduta (wie Anm. 10), S. 182f. 61 Vgl. Egidi, Pietro: La colonia saracena di Lucera e la sua distruzione, in: Archivio storico per le provincie Napoletane 39 (1914), S. 694f. mit Quellenverweisen. 62 Vgl. zur religiösen Kultur Kiesewetter, Andreas: Die Anfänge der Regierung König Karls II. von Anjou (1278-1295). Das Königreich Neapel, die Grafschaft Provence und der Mittelmeerraum zu Ausgang des 13. Jahrhunderts (= Historische Studien 451), Husum 1999, S. 504-521 mit weiterer Literatur.

D AS E NDE MUSLIMISCHEN L EBENS IM

MITTELALTERLICHEN

S ÜDITALIEN

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Mu‫ف‬ammad Ibn ‘Abd al-Mun‘im al-ণimyarƯ berichtet zum Stichwort Lucera: Lucera ist eine Stadt […] auf dem langen Festland (Italien). Der Gewaltherrscher Siziliens [Kaiser Friedrich II.] hat die verbleibenden Muslime von Sizilien dorthin verbracht […] Sie waren Hilfstruppen und blieben lange dort, bis zu dem Zeitpunkt, da sie in Zwist verfielen, Parteiungen bildeten und nicht mehr mit einer Stimme sprachen. Ihre Angelegenheit führte vor einiger Zeit dazu, dass sie vom [derzeitigen] Herrscher über Sizilien [König Karl II. von Anjou] aus der Stadt vertrieben wurden. So gewannen Unglücksschläge die Oberhand über sie, und alles, was ihnen gehörte, wurde verstreut. Sie wurden hinausgeworfen, [gefangen genommen] und zerstreuten sich: einige gingen in den arabischen Osten, andere nach Nordafrika, wo sie sich verteilten. Lucera wurde zu einer christlichen Stadt, in der keiner von ihnen mehr lebt.63 Da aus dem islamischen Lucera selbst keine arabischen Quellen überdauert haben, ist das soeben zitierte Lexikon mit dem Titel 'ar-Rauঌ al-mi‘৬Ɨr fƯ পabar al-aq৬Ɨr' („Das wohlpräparierte Feld zur Kunde aller Teile der Welt“) das entscheidende Zeugnis muslimischer Perspektive. Auch wenn die Forschung darüber streitet, ob jenes Lexikon in zwei sukzessiven Bearbeitungsstufen von zwei Autoren namens al-ণimyarƯ verfasst wurde oder doch nur von einem Mann dieses Namens:64 Die Passage zu Lucera wurde definitiv kurz nach den Ereignissen

63 ‘AbbƗs, IতsƗn (Hg.): Muতammad Ibn ‘Abd al-Mun‘im al-ণimyarƯ. KitƗb ar-Rauঌ almi‘৬Ɨr fƯ পabar al-aq৬Ɨr, Beirut 1975, S. 514 (Übers. von Stefan Leder, präsentiert auf der Tagung „Christen und Muslime in der Capitanata im 13. Jahrhundert – Cristiani e musulmani in Capitanata nel XIII secolo“, Rom 16.-18. Mai 2012 [mit Ergänzungen von Richard Engl]). 64 Vgl. Lévi-Provençal, Evariste: La péninsule ibérique au moyen-age d’après le KitƗb ar-rawঌ al-mi‘৬Ɨr fƯ পabar al-aল৬Ɨr d’Ibn ‘Abd al-Mun‘im al-ণimyarƯ (= Publications de la Fondation de Goeje 12), Leiden 1938, S. XIII-XVIII; Rizzitano, Umberto: L’Italia nel KitƗb ar-rawঌ al-mi‘৬Ɨr fƯ পabar al-aq৬Ɨr di Ibn ‘Abd al-Mun‘im alণimyarƯ, in: Bullettin of the Faculty of Arts, Cairo University 18.1 (1956), S. 9-18; Hamarneh, Saleh K.: Are there one or two authors of the work ar-Rwaঌ al-mi‘৬Ɨr by al-ণimyarƯ?, in: Folia Orientalia 12 (1970), S. 79-90; de Simone, Adalgisa: La descrizione dell’Italia nel Rawঌ al-mi‘৬Ɨr di al-ণimyarƯ (= Quaderni del corso „al-Imàm alMàzari“ 7), Mazara del Vallo 1984, S. 7-16.

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zu Lebzeiten Karls II. von Anjou (†1309) notiert.65 Die Angaben dürften insofern verlässlich sein, als das Lexikon informierte Vorgängerquellen kompiliert.66 So bleibt festzuhalten, dass auch auf muslimischer Seite die Vertreibung der Einwohner Luceras und ihre Enteignung auf internen Zwist der Stadtgemeinschaft zurückgeführt wurde und nicht auf eine grundsätzlich antimuslimische Politik Karls II. von Anjou. Muslimische wie christliche Perspektive stimmen demnach exakt darin überein, was die soziale Netzwerkanalyse zu erhellen vermochte.

4. E IN NEUES E RKLÄRUNGSMODELL FÜR F RAGESTELLUNG

EINE ALTE

Netzwerke sind in aller Munde, ihre systematische Untersuchung in der Mediävistik ist hingegen erst ein Forschungsfeld im Aufbruch.67 Welches Potenzial die soziale Netzwerkanalyse für die Erforschung mittelalterlicher Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen besitzt, vermag der Fall des muslimischen Lucera nochmals nachdrücklich zu belegen. Eine differenzierte Betrachtung der interreligiösen Beziehungen ergab, dass im Königreich Sizilien des späten 13. Jahrhunderts Parteiungen über die Religionsgrenzen hinweg bestanden. Muslimische Eliten arbeiteten einerseits mit diversen christlichen Akteuren zusammen, betrieben andererseits einen rücksichtslosen Aufstieg auf Kosten ihrer Glaubensbrüder. In engem Zusammenhang damit stand die Herrschaftsorganisation des christlichen Anjoukönigtums über die fremde Religionsgruppe: Es handelte sich um eine indirekte Herrschaft, gestützt auf fremdgläubige Eliten, die ihrerseits das breite Volk kontrollierten. Für das Funktionieren dieses Systems hatte die Wahl der führenden „Loyalitätsvermittler“ höchste Bedeutung, wie die Entwick-

65 Vgl. U. Rizzitano: Italia (wie Anm. 64), S. 14; A. de Simone: Descrizione (wie Anm. 64), S. 14. 66 Vgl. E. Lévi-Provençal: Péninsule (wie Anm. 64), S. XXI-XXVI; U. Rizzitano: Italia (wie Anm. 64), S. 17f. 67 Vgl. exemplarisch die Arbeiten von Robert Gramsch und Benjamin Scheller, insbes. beider Habilitationsschriften: Gramsch, Robert: Das Reich als Netzwerk der Fürsten. Politische Strukturen unter dem Doppelkönigtum Friedrichs II. und Heinrichs (VII.) 1225-1235 (= Mittelalter-Forschungen 40), Ostfildern 2013, und Scheller, Benjamin: Die Stadt der Neuchristen. Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im spätmittelalterlichen Trani zwischen Inklusion und Exklusion (1267 bis 1514) (im Druck).

D AS E NDE MUSLIMISCHEN L EBENS IM

MITTELALTERLICHEN

S ÜDITALIEN

| 149

lungen vor 1300 zeigen: Als Karl II. nicht mehr eine Vielzahl weitgehend gleichberechtigter Muslime förderte, sondern den Ritter ‘Abd al-‘AzƯz immer weiter aufsteigen ließ, geriet Lucera in eine Krise. Statt des Prinzips „Never change a winning team“ hätte die Maxime des Königs bleiben sollen: „Divide et impera“. So ist schließlich eine revidierte Antwort auf die hundertjährige Forschungsfrage nach dem Ende des muslimischen Lucera vorzuschlagen: Die Initiative zur Vernichtung der Sarazenenkolonie dürfte nicht – wie bislang angenommen – zuallererst beim König gelegen haben, der im Jahr 1300 religiösem Eifer oder kurzsichtigen Finanzüberlegungen verfiel; vielmehr war der König Reagierender auf einen inneren Aufruhr der Muslime, der die gesamte Region zu destabilisieren drohte. Karl II. entschloss sich wohl erst in dieser prekären Situation, die Muslime wie notorische Rebellen aus ihrer Stadt zu vertreiben, um so das Prinzip des Handelns unter dem Banner des Glaubensverteidigers wieder an sich zu bringen und seine Finanzen einigermaßen schadlos zu halten. Insgesamt legt dies ein Erklärungsmodell für Luceras Untergang nahe, das gegenüber der älteren Forschung wesentliche Aspekte neu bewertet und zugleich die bislang postulierten Motive in ein Phasenmodell einzubinden vermag. So erscheint die vermeintlich unvermittelte Zerschlagung der muslimischen Gemeinschaft im mittelalterlichen Süditalien besser verstehbar, wenn auch nicht weniger grausam.

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ANHANG Kooperationsbeziehungen sind schwarz, Konflikte rot und Verwandtschaftsverhältnisse blau gekennzeichnet. Die Beziehungsintensität ist jeweils als Zwischensumme angegeben. Nur eine Belegstelle, die daher zweifach gewichtet ist, spricht Relationen explizit in ihrer hohen Intensität an (CDSL Nr. 301, S. 118f.). Die Abkürzungen ‚CDSL‘ und ‚RCA‘ wie in Anm. 1 und 22 des Fließtexts. Tabelle 1: Relationen Lucera 1272-1289 Akteur 1

Riccardo

2 3

Beziehung zu MnjsƗ qƗ’id Madio

4

Leone

5 7

SalƗm Ha÷÷Ɨ÷

10 11

13 14 15

Lamuto Addet ‘Abd al-‘AzƯz Benfitihen & Kollegen Machadem Achadet & Kollegen Macciocta Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

21

Amtsträger

22

S. Trinità di Cava

12

Intensität 1 1 2 3 1 2 1 Verwandt. 1 1 1

Jahr 1279 1275 1277 1278 1275 1284 1274/5 1278 1275 1278

Quelle RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA CDSL CDSL RCA CDSL

Bd. 22 13 16 19 13 27,1 12

13

Nr. 11 40 271 393 40 72 17 IIII IIII 40 IIII

S. 179 50 70 228f. 50 107 277 413-5 413-5 50 413-5

1

1278

CDSL

IIII

413-5

1 Konflikt 1 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 1 2 3 4 5 1

1284 vor 1289 bis 1273 1273 1275 1275 1277/8 1277 1278 1280 1280 1282 1283 1284 1284 1284 1272 1273 bis 1273 1273 1273 1274/5 1275 1275 1277/8 1277 1278 1278 1279 1280 1280 1282 1283 1283 1284 1284 1284 1286 1286 1286 1273 1273 1275 1277 1286 1284

CDSL CDSL RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA CDSL CDSL CDSL RCA RCA RCA RCA CDSL CDSL

VIII 26 170 174 40 57 271 534 393 190 327 46 316 72 386 237 23 101 170 174 256 17 40 57 271 534 267 393 11 190 327 46 316 439 72 386 237 3 7 8 101 256 57 534 7 VI

423-7 8f. 48f. 50 50 55 70 250f. 228f. 133f. 67 55 153 107 312 239 72 27f. 48f. 50 70f. 277 50 55 70 250f. 179 228f. 179 133f. 67 55 153 168 107 312 239 1 2 3 27f. 70f. 55 250f. 2 420-2

10 10 13 13 16 18 19 23 24 26 26 27,1 27,1 27,1 9 10 10 10 10 12 13 13 16 18 19 19 22 23 24 26 26 26 27,1 27,1 27,1

10 10 13 18

D AS E NDE MUSLIMISCHEN L EBENS IM

2

3

4

MnjsƗ

qƗ’id Madio

Leone

5

SalƗm

6

IbrƗhƯm

7

Ha÷÷Ɨ÷

23 30 3 5 8 9 15

SS. Trinità di Venosa qƗ’id Riccardo qƗ’id Madio SalƗm SulaymƗn Riccardo Loterio Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

21

Amtsträger

4 9 10 15

Leone Riccardo Loterio Lamuto Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

21

Amtsträger

10 15

Lamuto Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

8 15

SulaymƗn Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

15

Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

21 11

Amtsträger Addet ‘Abd al-‘AzƯz Benfitihen & Kollegen Muslimisches Volk Anjouherrscher/Regent Amtsträger

12 15 20 21 8

SulaymƗn

9

Riccardo Loterio

10

Lamuto

11

Addet

15 20 15 20 21 15 20 12

Muslimisches Volk Anjouherrscher/Regent Muslimisches Volk Anjouherrscher/Regent Amtsträger Muslimisches Volk Anjouherrscher/Regent ‘Abd al-‘AzƯz Benfitihen & Kollegen

MITTELALTERLICHEN

S ÜDITALIEN

1 1 1 1 1 1 1 2 3 4

1289 1273 1277 1284 1284 1277 1273 1274 1277 1278/9

5 6 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 1 2 1 1 1 1 2 3 4 5 6 1 2 3 4 5 6 1 2 1 1 2 3 4 1 2 3 4 5 1 1 2 1 2 1 2 1 2 1 1

1283 1284 1273 1274 1277 1277 1278/9 1279 1279 1280 1283 1284 1277 1279 1275 1277 1275 1275 1277 1277 1277/8 1278 1279 1275 1277 1277 1277/8 1278 1279 1274 1277 1275 1273 1275 bis 1284 ab 1284 1273 1273 1275 bis 1284 ab 1284 1284 1274/5 1284 1274/5 1284 1273 1279 1273 1279 1279 1278

CDSL RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA CDSL

Konflikt 1

1278

CDSL

1 1 1 2 1 1 1 1 1 1 1

1273 1273 1274 1278 1284 1284 1277 1277 1277 1275 1275

RCA RCA RCA CDSL RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA

Konflikt 1

1278

CDSL

10 16 27,1 27,1 16 10 11 16 20 44,2 26 27,1 10 11 16 18 20 22 20 23 26 27,1 16 20 13 16 13 13 16 16 16 19 23 13 16 16 16 19 23 12 16 13 10 13 27,1 27,1 10 10 13 27,1 27,1 27,1 12 27,1 12 27,1 10 20 10 20 20

10 10 12 27,1 27,1 16 16 16 13 13

| 151

35 101 367 690 690 367 305 61 367 418 248 160 690 305 61 367 549 418 11 418 7 160 690 367 418 40 367 40 40 119 367 271 393 45 40 119 367 271 393 45 315 367 40 228 40 72 72 228 205 40 72 72 690 330 690 330 690 105 569 105 569 569 IIII

11 27f. 107 355 355 107 80 197 107 161 606 121 355 80 197 107 258 161 179 161 68 121 355 107 161 50 107 50 50 38f. 107 70 228f. 179 50 38f. 107 70 228f. 179 87f. 107 50 61 50 107 107 61 252f. 50 107 107 355 92 355 92 355 29 220 29 220 220 413-5

IIII

413-5

170 170 28f. IIII 690 690 367 367 367 40 40

48f. 48f. 12 413-5 355 355 107 107 107 50 50

IIII

413-5

152 | RICHARD ENGL

13 14 15

‘Abd al-‘AzƯz Benfitihen & Kollegen Machadem Achadet & Kollegen Macciocta Muslimisches Volk

20

Anjouherrscher/Regent

12

21

Amtsträger

21

Amtsträger

1

1278

CDSL

IIII

413-5

21

Amtsträger

1

1278

CDSL

IIII

413-5

21 20 21

Amtsträger Anjouherrscher/Regent Amtsträger

23

SS. Trinità di Venosa

30

qƗ’id Riccardo

22 23

S. Trinità di Cava SS. Trinità di Venosa

30

qƗ’id Riccardo

CDSL CDSL RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA passim RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA CDSL RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA

423-7 8f. 55 53 250f. 117 161 101f. 64 65 59 103f. 40 153 110 107 312

Amtsträger S. Trinità di Cava

1284 1289 1275 1275 1277 1278 1279 1280 1280 1280 1281 1282 1282/3 1283 1283 1284 1284 ständig 1272 1272 1274 1274 1275 1275/6 1277 1278 1278 1281 1283 1284 1274 1275 1275 1277 1277 1278 1278 1279 1276 1276 1289 1272 1273 1273 1278 1282 1283 1277 1275 1276 1277 1279 1273 1278 1282 1283

VIII 26 57 53 534 136 418 100 289 319 271 60 305 316 125 72 383

21 22

1 1 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 max. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 1 2 3 4 5 6 Konflikt 1 Konflikt 1 2 3 4 1 2 3 4

63 225 190 115 101 163 551 499 563 30 22 419 201 330 8 233 320 626 875 464 330 114 35 11 29 101 657 108 125 551 8 330 278 464 101 657 108 125

101 143 130 95 19 35 258f. 234 261 113 98 317 65 294f. 42 169 191 306f. 418 172 294f. 19f. 11 101 111f. 27f. 331 139 110 258f. 42 294 180 172 27f. 331 139 110

Nr. 239 162 301 301 301 152 152 152 152 153 301 301 301 29

S. 96 59 118f. 118f. 118f. 55 55 55 55 56 118f. 118f. 118f. 9

13 13 18 21 20 23 22 24 25 25 26 26 26 27,1 27,1 8 8 11 15 13 13 18 18 18 24 36 27 12 13 13 14 14 18 18 20 13 14 43 43 10 18 25 26 18 13 13 14 20 10 18 25 26

Tabelle 2: Relationen Lucera 1289-1300 1

Akteur ‘Abd al-‘AzƯz

2

Beziehung zu Ha÷÷Ɨ÷

3

SalƗm

4

Sindealis

5

Cibele

6 15 16 17 20

Husain Muslimisches Volk Gefolge von 'Abd al-'AzƯz & SalƗm Arme Muslime Anjouherrscher/Regent

Intensität Verwandt. 1 2 4 5 Verwandt. 1 Verwandt. 1 Verwandt. 2 2 2 1

Jahr 1295 bis 1300 bis 1300 bis 1300 1295 1295 bis 1300 bis 1300 bis 1300 1289

Quelle CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL

Bd.

D AS E NDE MUSLIMISCHEN L EBENS IM

2

Ha÷÷Ɨ÷

21

Amtsträger

22

S. Trinità di Cava

23 25 3 4

S. Sophia in Benevent Grundbesitzer SalƗm Sindealis

5

3

SalƗm

9

Belfetto

6 7 8

Husain Riccardo Maltesius Siccobutterius

20

Anjouherrscher/Regent

Cibele

7 8 9 15 20

Riccardo Maltesius Siccobutterius Belfetto Muslimisches Volk Anjouherrscher/Regent

21

Amtsträger

25

Grundbesitzer

8 15 16 17 20 21 25 20

Sicobutterius Muslimisches Volk Gefolge von ‘Abd al-‘AzƯz & SalƗm Arme Muslime Anjouherrscher/Regent Amtsträger Grundbesitzer Anjouherrscher/Regent

20 20 20 25 21 22

Anjouherrscher/Regent Anjouherrscher/Regent Anjouherrscher/Regent Grundbesitzer Amtsträger S. Trinità di Cava

23 25

S. Sophia in Benevent Grundbesitzer

MITTELALTERLICHEN

2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Konflikt 1 2 1 2 4 1 2 3 4 1 Konflikt 1 1 Verwandt. 1 Verwandt. 1 1 1 Konflikt 1 1 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 Konflikt 1 2 3 4 1 Konflikt 1 2 Konflikt 1 2 3 1 2 2 2 Konflikt 1 2 Konflikt 1 1 2 1 1 Konflikt 1 Konflikt 1 max. 1 2 3 4 5 6 7 1 1 2 3 4

1290 1295 bis 1295 1295 1296 1296 1296 1296 1298 1299 1300 1296 1299 1298 1299 bis 1300 1289 bis 1294 1294 1298 1298 1296 1300 bis 1295 bis 1295 1289 1300 vor 1292 1300 1289 1289 1289 1290 1294 1294 1295 1295 1296 1299 1299 1300 1289 1290 1298 1300 1300 1291 vor 1295 1296 1298 1300 1300 bis 1300 bis 1300 bis 1300 1300 bis 1300 1300 1292 1293 1295 1296 1300 1300 ständig 1290 1290 1290 1290 1292 1293 1293/4 1290 1296 1296 1298 1300

S ÜDITALIEN

CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL passim RCA RCA RCA RCA RCA RCA RCA CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL

32 32 32 32 40 44,1 46

| 153

49 152 153 162 190 214 214 216 231 256 281 211 248 231 248 301 34 132 132 220d 229a 211 298 152 152 152 152 30 298 83 290 30 31 33 42 125 140 157 165 176 239 242 290 24 41 220c 291 290 59 157 218a 220c 291 298 301 301 301 298 301 298 83 88 153 178 298 298

15 55 56 59 71 81 81 82f. 91f. 102 109f. 80 100 91f. 100 118f. 10f. 44f. 44f. 86f. 90f. 80 116 55 55 55 55 9f. 116 27 113 9f. 10 10 14 41 47 57 50 64f. 96 97f. 113 8 13f. 85 113f. 113 19 57 83 85 113f. 116 118f. 118f. 118f. 116 118f. 116 27 28f. 56 65 116 116

212 285 330 464 36 185 493 37 211 218a 220c 291

37f. 181 191 222 79 48 115 12 80 83 85 113f.

154 | RICHARD ENGL

Tabelle 3: Relationen Lucera 1300 1

3

15

Akteur ‘Abd al-‘AzƯz

15 17

Arme Muslime

SalƗm

20 21 15

Anjouherrscher/Regent Amtsträger Muslimisches Volk

Muslimisches Volk

17

Arme Muslime

20 21 17

Anjouherrscher/Regent Amtsträger Arme Muslime Gefolge von 'Abd al'AzƯz & SalƗm wie Tabelle 2

16 Rest

Beziehung zu Muslimisches Volk

Intensität Konflikt 1 2 Konflikt 1 2 Konflikt 1 Konflikt 1 Konflikt 1 2 Konflikt 1 2 Konflikt 1 Konflikt 1 1

Jahr 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300 1300

Quelle CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL CDSL

Konflikt 1

1300

CDSL

Bd.

Nr. 301 301 301 301 301 301 301 301 301 301 301 301 301

S. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f. 118f.

301

118f.

Montaillou Netzwerke der Katharer im beginnenden Spätmittelalter Y ANNICK P OUIVET UND B ENNO S CHULZ

1. E INLEITUNG Greift man das Thema der religiösen Netzwerke im Mittelalter auf, liegt die eingehende Auseinandersetzung mit den Inquisitionsprozessen des Bischofs Jacques Fournier in Südfrankreich nahe. Der reizvolle Ansatz zur Analyse ergibt sich dabei sicherlich zum einen aus der außergewöhnlich guten Quellenlage, zum anderen aus der seit den 1970er Jahren durch Emmanuel LeRoy Laduries Buch „Montaillou“ hervorgerufenen öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Teilprojekt II.09 des Forschungsclusters der Universitäten Trier und Mainz unter der Leitung von Prof. Dr. Lukas Clemens und PD Dr. Johannes Dillinger setzt sich mit den vorhandenen Quellen detailliert auseinander und greift die bisherigen Forschungsmeinungen auf. Die Analyse katharischer Netzwerke sowie die damit mittelbar verbundene dörfliche Sozialstruktur Montaillous zu Beginn des 14. Jahrhunderts stehen hierbei im Mittelpunkt. Während sich das Vorgängerprojekt Netzwerke des „Gunpowder Plot“1 auf einen zeitlich, räumlich und personell relativ eingegrenzten Bereich bezieht, kann sich das Projekt Montaillou allein durch die große Anzahl an handelnden Personen mit den vielfältigsten Verbindungen der Akteure sowohl auf domus-Ebene, innerhalb der Familienstruktur, als auch auf überregionaler Ebene des Mittelmeerraumes beziehen. Ein weiterer Unterschied zum Vorgängerprojekt besteht auch darin, dass mit dem Projekt Montaillou zwar ebenfalls ein religiöses Netzwerk zugrunde

1

Vgl. hierzu den Beitrag von J. Dillinger in diesem Band.

156 | Y ANNICK POUIVET UND BENNO S CHULZ

liegt, aber die handelnden Akteure kein klar umrissenes politisches Ziel verfolgten. Ebenso gestaltet es sich schwierig, ein über kurze Zeit wachsendes Netzwerk für Montaillou aufzuzeigen, da es sich hier vor allem um ein relativ stabiles, zeitlich in großen Teilen kontinuierliches Netzwerkgefüge handelt, ohne das ein Zusammenleben im Dorf zweifelsohne nicht möglich gewesen wäre. Die visuelle Darstellung der mannigfaltigen Beziehungen wird auch in diesem Projekt über die Anwendung des VennMakers2 realisiert. Gerade dieser Ansatz, nämlich die Darstellung möglichst aller Akteure mit ihren Verbindungen, soll die Grenzen des VennMakers in der Anwendung aufzeigen. In Bezug auf die religiösen Netzwerke der Katharer lassen sich durch die individuelle Ausprägung der Religiosität, die unterschiedlichen Absichten der verschiedenen Domus und das Aufbrechen der Dorfgemeinschaft und der überregionalen Netzwerke der Katharer durch die Inquisition nur schwer persistente religiöse Netzwerke darstellen. Nichtsdestoweniger soll aber ein Versuch zur Darstellung unternommen werden, da eben die Visualisierung dieser Netzwerke einer Gesamtanalyse sozial-religiöser Strukturen zum Vorteil gereichen kann. Die Arbeit zu diesem Thema stützt sich vor allem auf die durch Jean Duvernoy edierten Quellen bzw. Inquisitionsakten des Jacques Fournier, dem späteren Papst Benedikt XII. Diese liegen sowohl in lateinischer Sprache als auch in französischer Übersetzung vor. Neben den edierten Quellen, die insgesamt einen Umfang von jeweils ca. 1400 Seiten haben, sind die Forschungen LeRoy Laduries zu Montaillou ein wesentlicher Anknüpfungspunkt. Darüber hinaus sind immer wieder einzelne Fragestellungen etwa zum Katharismus,3 zur Herrschaftsstruktur in Südfrankreich,4 oder zur Domusstruktur5 Montaillous um das Jahr 1300 durch weitergehende Sekundärliteratur zu klären. Karten dienen ebenso der Orientierung in der Projektarbeit.

2

http://www.vennmaker.com

3

Siehe dazu den kurzen Abriss zur Geschichte des Katharismus im dritten Kapitel.

4

Graham-Leigh, Elaine: The Southern French Nobility and the Albigensian Crusade, Woodbridge 2005, S. 103ff. und Debax, Hélène: La féodalité languedocienne, XIeXIIe siècle. Serments, hommages, fiefs dans le Languedoc des Trencavel, Toulouse 2003, S. 23-85.

5

Benad, Matthias: Domus und Religion in Montaillou. Katholische Kirche und Katharismus im Überlebenskampf der Familie des Pfarrers Petrus Clerici am Anfang des 14. Jahrhunderts, Tübingen 1990.

M ONTAILLOU

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2. Q UELLENÜBERBLICK UND F ORSCHUNGSSTAND Wie bereits angemerkt, gibt es zwei Editionen der Inquisitionsakten des Jacques Fournier. Die lateinische Ausgabe von 1965 erschien in drei Bänden und wurde von Jean Duvernoy herausgegeben.6 Die Zahl der festgehaltenen Aussagen differiert je nach Zählweise. Der Edition lagen die Manuskripte aus der Vatikanischen Bibliothek zugrunde, die dort unter der Nummer 4030 geführt werden. Eine französische Übersetzung der Quellen erfolgte dann ebenfalls von Jean Duvernoy. In drei Bänden herausgegeben, wurde die Übersetzung 1978 veröffentlicht.7 Jedoch haben sich durch die Übersetzung Fehler und Undeutlichkeiten ergeben, die im Abgleich mit der lateinischen Edition allerdings weitestgehend bereinigt werden können. In Bezug auf den Umgang mit den Quellen muss jedoch eine wichtige Einschränkung gemacht werden: Da diese Quellen Inquisitionsaussagen sind und die Aussagen natürlich nicht völlig unbefangen getätigt wurden, muss nicht nur der Subjektivität Rechnung getragen, sondern müssen auch wissentlichen Falschaussagen in Betracht gezogen werden. Ebenso gilt es zu beachten, dass mit der Arbeit an den lateinischen Quellen wiederum ein Stück von dem eigentlichen Original, das in okzitanischer Sprache verfasst wurde, abgerückt würde. Der ursprüngliche, auf Okzitanisch festgehaltene Wortlaut der Befragten, wird somit nur indirekt wiedergegeben und ist in Konsequenz nur unzureichend zu interpretieren. Dies ist auch ein Kritikpunkt an LeRoy Laduries Werk, das ausschließlich auf die lateinische Edition Duvernoys Bezug nahm.8 Trotz berechtigter Kritik, die einerseits auf unzureichend nachvollziehbare Zitierweise und vereinzelt unzutreffende Quelleninterpretation9, andererseits auf die unvollständige Analyse und damit die Stereotypisierung und die überspitzte

6

Duvernoy, Jean (Hg.): Le registre d’inquisition de Jacques Fournier. Évêque de Pa-

7

Duvernoy, Jean (Hg.): Le registre d’inquisition de Jacques Fournier. Évêque de Pa-

miers (1318-1325), Toulouse 1965. miers 1318-1325, Paris u.a. 1978. 8

Vgl. hierzu Davis, Nathalie Zemon: Les conteurs de Montaillou, in: Annales. Économies, Sociétés, Civilisations 34 (1979) 1, S. 61-73, hier S. 69.

9

Vgl. Boyle, Leonard E.: Montaillou Revisted. Mentalité and Methodology, in: Raftis, James (Hg.), Pathways to Medieval Peasans, Toronto 1981, S. 119-140, hier S. 139f.

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Darstellung einzelner Handlungsakteure abzielt10, setzt das Werk LeRoy Laduries weiterhin Maßstäbe im Rahmen einer geschichtsanthropologischen Studie.11 Überdies ist mit Matthias Benads Werk „Domus und Religion in Montail12 lou“ eine hervorragende Studie zum sozialen und religiösen Umfeld des Dorfpriesters Pierre Clergue vorhanden, die nicht nur als verlässliche Referenz in Fragen der Domusstruktur in Montaillou dienen kann, sondern auch als sinnvolle Ergänzung zur Überblicksdarstellung Laduries. So kommt unter anderem Helmuth Feld zu dem Schluss, dass Benads Analyse „gründlich, scharf und im ganzen überzeugend“ ist und nicht zuletzt deswegen ein „Opus magistrale“ darstellt.13 Schließlich liegen der Projektarbeit noch einige Aufsätze zugrunde, die sich auf die Kritik von Laduries Buch14 sowie auf einzelne Aspekte, beispielsweise die des archäologischen Forschungsstands um Montaillou15 und auf die Ausbildung bzw. Persönlichkeit Jacques Fourniers beziehen.16

10 Vgl. ebd. S. 127 sowie N. Z. Davis: Conteurs (wie Anm. 7), S. 66f. zu LeRoy Laduries Versuch einer Kategorisierung der Dorfbewohner, welche die Personen nur unzureichend charakterisiert. 11 Ebd., S. 61. 12 M. Benad: Domus (wie Anm. 5). 13 Vgl. die Rezension von Helmut Feld zu Benad, Matthias: Domus und Religion in Montaillou, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 11 (1992), S. 336-337. 14 Vgl. Hartigan, Francis X.: Montaillou, in: Proceedings of the Annual Meeting of the Western Society for French History 21 (1994), S. 275-283; vgl. ebenso L. E. Boyle: Montaillou (wie Anm. 8); N. Z. Davis: Conteurs (wie Anm. 8); Benad, Matthias: Religion und Moral der katharischen Bevölkerung im Languedoc. Der ketzerische Pfarrer Petrus Clerici von Montaillou (+1321), in: Journal of Religious Culture 39 (2000), S. 1-8. 15 Van Es, Willem: Zweeloo and Montaillou, in: Lodewijckx, Marc (Hg.), Archeological and Historical Aspects of West-European Societies. Album Amicorum André van Doorselaer, Leuven 1996, S. 263-275. Caze, Jean-Paul/Hallavant, Charlotte: Montaillou. L’occupation aristocratique d’un „castrum“ pyrenéen au regard du mobilier archéologique et des restes carpologiques, in: Guillot, Florence (Hg.), Châteaux pyrénéens au Moyen Âge. Naissance, évolutions et fonctions des fortifications médievales en comtés de Foix, Couserans et Comminges, Cahors 2009, S. 365-384. 16 Haren, Michael: Montaillou and Drogheda. A medieval twinning, in: Meyer, Andreas et al. (Hg.), Päpste, Pilger, Pönitentiarie. Festschrift für Ludwig Schmugge zum 65. Geburtstag, S. 435-456, hier S. 443f.

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3. Ü BERBLICK K ATHARISMUS Das Schicksal der Dorfgemeinschaft von Montaillou, das sich, beeinflusst durch die Inquisition des Bischofs Fournier in den Jahren von 1318 bis 1325, zu Ungunsten der katharischen Gläubigen gewendet hatte, markiert zugleich die Endphase des über Jahrhunderte währenden Katharismus in der LanguedocRegion.17 Grundlegend für die Entwicklung des katharischen Glaubens dieser Ausprägung in Südfrankreich standen die Einflüsse einer religiösen Überzeugung, die ihren Ursprung in Südosteuropa im 10. Jahrhundert hatten. Diese wurde maßgeblich beeinflusst durch einen bulgarischen Priester namens Bogomil.18 Der bogomilische Grundgedanke bildete hierbei die Grundlage für einen der bedeutendsten Unterschiede zwischen Katharismus und Katholizismus. Aus den östlichen Häresiegedanken heraus entwickelten sich die unterschiedlich ausgeprägten Vorstellungen eines Dualismus in der christlichen Heilslehre, die zu Beginn des 12. Jahrhunderts das Prinzip eines guten Gottes in der geistigen Welt und eines schlechten Gottes der irdischen Welt erwachsen ließen.19 Um das Jahr 1000 zeichnete sich bereits eine räumlich weite Ausbreitung des Katharismus ab. Berichtet wird von Katharern in Orléans und Toulouse, in Flandern, der Schweiz, dem Rheinland und in Oberitalien, wobei in Mailand die bulgarische Missionierung ihre Haupterfolge verzeichnen konnte.20 Nach und nach festigte sich der katharische Glaube nun auch in einigen Teilen der Bevölkerung Südfrankreichs21, sodass der byzantinische Vertreter aus Ostrom, Bischof Niketas von Konstantinopel, 1167 auf dem katharischen Konzil von Saint-Félix mit seiner Anwesenheit den Glauben stärkte.22 Angesichts des wohl großen Zuspruchs zum Katharismus seitens der Bevölkerung wurde neben der Festigung einer radikaldualistischen Sichtweise ebenso die Aufteilung der Languedoc-

17 Auffarth, Christoph: Die Ketzer. Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen, München 2008 (2. Aufl.), S. 90. 18 Bejick, Urte: Die Katharerinnen. Häresieverdächtige Frauen im mittelalterlichen SüdFrankreich, Freiburg 1993, S. 12; vgl. auch Oberste, Jörg: Ketzerei und Inquisition im Mittelalter, Darmstadt 2007, S. 46. 19 U. Bejick: Katharerinnen (wie Anm. 18), S.12, siehe auch J. Oberste: Ketzerei (wie Anm. 18), S. 29f. Die Wurzeln eines Dualismusprinzips lassen sich bis zu den spätantiken persischen Vorstellungen der Manichäer zurückverfolgen, ebd. S. 46. 20 Niel, Fernand: Albigeois et cathares, Paris 1970 (6. Aufl.), S. 47. 21 Ebd., S. 48. 22 J. Oberste: Ketzerei (wie Anm. 18), S. 51.

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Region in nunmehr vier katharische Diözesen (Albi, Toulouse, Carcassonne und Agen) beschlossen.23 Diese räumliche Ausdehnung katharischer Kirchenhoheit spiegelt zugleich die Ausbreitung des Glaubens unter den Menschen in der Region wider. Zum Ende des 12. Jahrhunderts verband der Katharismus, als eine ernstzunehmende Konkurrenz zum katholischen Glauben, bereits generationenübergreifend die Bevölkerung im Albigensischen, im Raum Toulous, im Razès und in den Bergen Kataloniens.24 Dies hatte zur Folge, dass die katholische Kirche vor dem Problem einer katharischen Gegenbewegung nicht mehr die Augen verschließen konnte. Nach 1200 begann somit eine neue Phase, in der dem Katharismus in Südfrankreich heftiger katholischer Widerstand entgegengesetzt wurde. Papst Innozenz III. bereitete den Boden für die kriegerischen Auseinandersetzungen, die zwischen 1209 und 1229 im Albigenserkreuzzug den Katharismus zum ersten Mal wesentlich schwächte, ihn aber nicht endgültig auslöschte.25 Obwohl die päpstliche Inquisition als Mittel der Machtentfaltung26 nach 1231 schrittweise in der Region etabliert wurde, erhielt der Katharismus weiterhin Zuspruch durch seine Gläubigen.27 In Toulouse, dessen Grafschaft Hauptziel der Kämpfe des Kreuzzuges gewesen war, blieb der Glaube weiterhin für viele Stadtbürger die wahre Überzeugung. Erst 1279 wurde der Katharismus durch einen Vertrag zwischen den Bürgern von Toulouse und dem französischen König, der die Oberhoheit von König und Kirche in der Stadt festschrieb, auf das Land verbannt.28 Doch gerade in ihrer Spätphase artikulierte sich dieser häretische Gedanke als attraktive Alternative sozialer Gruppierungen zum Katholizismus, die über den jeweiligen persönlichen Glauben hinausging. In der Spätzeit des Katharismus waren sowohl Teile des Adels als auch die einfache Landbevölkerung vielfach katharisch; so geschehen in der Region des Languedoc, die sich mit ihrer eigenständigen Kul-

23 Ebd., vgl. auch Müller, Daniela: Katharer, in: Holl, Adolf et al. (Hg.), Die Ketzer, Hamburg 1994, S. 207-219, insbesondere S. 210. 24 Lafont, Robert (Hg.): Les cathares en Occitanie, Paris 1982, S. 208. 25 C. Auffarth: Ketzer (wie Anm. 17), S. 87. 26 Die Inquisition darf für diese Zeit jedoch nicht als Institution verstanden werden, sondern eher als von „einzelnen, vom Papst delegierten Personen“, (also von den Inquisitoren) durchgeführte Prozesse. Scharff, Thomas: Wer waren die mittelalterlichen Inquisitoren?, in: Historische Anthropologie. Kultur, Gesellschaft, Alltag 11 (2003), S. 159-175. 27 D. Müller: Katharer (wie Anm. 23), S. 213 sowie J. Oberste: Ketzerei (wie Anm. 18), S. 91 und 94. 28 Ebd. S. 87f.

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tur gegen die sich verstärkende kirchliche Einflussnahme aus dem Norden wehrte.29 Die gegenkirchlichen Strukturen des Katharismus zeichneten sich etwa durch hohe Mobilität, die Rekrutierung von persönlich Unzufriedenen und rituelle Differenzierung aus, wobei Hörer (audientes), Gläubige (credentes) und Perfekte (perfecti) maßgeblich die flache katharische Hierarchie der Spätzeit bildeten.30 In der Zeit des beginnenden 14. Jahrhunderts, in der sich die Katharer durch allgemeine katholische Einflüsse und die Inquisition gezwungen sahen, auf das Land auszuweichen, wo sie weitestgehend unbehelligt ihrer Religion nachgehen konnten, ist die letzte Phase des Katharismus zu verorten.31 Nachdem um 1250 lediglich noch etwa 200 perfecti in den Gebieten der vier katharischen Diözesen ihre Religion predigten,32 waren es die Gebrüder Authié, die gerade in der Region um Montaillou dem katharischen Glauben zu einem letzten Aufschwung verhalfen.33 Als die offensiven Missionierungsabsichten der Authiés um 1308 schrittweise enttarnt worden waren,34 war es schließlich Bischof Jacques Fournier, der mithilfe seiner jahrelang währenden Inquisitionsprozesse die Dorfbewohner von Montaillou als letzte große „katharische Restgruppen“35 in der Languedoc-Region ausmachte. Durch diese Inquisitionsbestrebungen verlieren sich gleichzeitig die letzten Spuren der katharischen perfecti in der Region, die als Schlüsselfiguren für einen lebendigen Katharismus gesehen werden können.

4. P ROJEKT Die Konzeption schließt an das Vorgängerprojekt „Gunpowder Plot“ in grundlegenden Fragen an. So spielt z. B. die Suche nach den Faktoren und den Multiplikatoren der Ausweitung von den Netzwerkstrukturen eine übergeordnete Rolle.

29 R. Lafont: Cathares (wie Anm. 24), S. 250 und S. 254; siehe auch C. Auffarth: Ketzer (wie Anm. 17), S. 44. 30 Ebd., S. 57 u. 84. 31 Ebd., S. 89f, siehe auch Erbstösser, Martin: Ketzer im Mittelalter, Stuttgart 1984, S. 146. 32 Lambert, Malcolm: Medieval Heresy. Popular Movements from the Gregorian Reform to the Reformation, Oxford 1992 (2. Aufl.), S. 138. 33 C. Auffarth: Ketzer (wie Anm. 17), S. 89. 34 Pales-Gobilliard, Annette (Hg.): L’inquisiteur Geoffroy d’Ablis et les cathares de Foix (1308-1309), Paris 1984. 35 J. Oberste: Ketzerei (wie Anm. 18), S. 116.

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Die Suche nach wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen, verschiedenen Arten von Abhängigkeiten und Verbindungen in den Beziehungsstrukturen ist dabei vordergründig. Für die Arbeit an den Quellen müssen vorab allerdings methodische Einschränkungen gemacht werden. Da es sich um Zeugenaussagen handelt, die, wenn auch in den meisten Fällen nicht unter Gewalt erzwungen, aber in dem Wissen um eine mögliche letale Bestrafung getätigt wurden, bedürfen die Quellen einer besonders umsichtigen Analyse.36 Bevor jedoch die Arbeit an den Quellen aufgenommen werden konnte, war die Lektüre des Buches von E. LeRoy Ladurie vorausgesetzt. Zum einen bot diese einen schnellen Einstieg in die Thematik, zum anderen haben sich dadurch aber in der anfänglichen Herangehensweise bestimmte Sichtweisen ergeben. Während zunächst noch der Dorfpfarrer Pierre Clergue im Mittelpunkt des Interesses stand, haben sich im Laufe der Projektarbeit andere Personen37 als mindestens gleichwertige Multiplikatoren des katharischen Glaubens in der Region herauskristallisiert. Um eine qualitative Analyse der Prozessakten durchführen zu können, war es notwendig, ein Kodierungsschema zu entwickeln, in dem soziale Verhältnisse, Beziehungen und Verbindungen kategorisiert werden. Diese qualitative Analyse ermöglicht einen detaillierten Blick auf das jeweilige Individuum. So könnten ggf. die Kritikpunkte an Laduries Werk entkräftet oder untermauert werden.38 Maßgeblich dabei ist die methodisch strikte Trennung von speziell katharischen und andersartig ausgeprägten Netzwerken, die in Teilen jedoch eine gewisse Reziprozität aufweisen. Mit dem neu gewonnenen Wissen um die Netzwerkstrukturen der Katharer kann so eine Erkenntnis über Rekrutierungsmuster gewonnen werden. Von ausschlaggebender Bedeutung für die Projektarbeit ist die gemeinsame Arbeit an den Quellen – beginnend mit der Diskussion über die Bewertung der vieldeutigen Akteninhalte, der damit verbundenen Fehlerminimierung in Methodik und Ausarbeitung, und endend mit Stringenz in der Arbeit am gesamten Projekt. Nach der oben dargestellten Einarbeitungsphase wurden in einem ersten Schritt diejenigen Aussagen gelesen, die von vermeintlich wichtigen Akteuren getätigt worden waren. Der Abgleich der kritischen Quellenedition in französischer Sprache mit den editierten lateinischen Quellen förderte dabei einige Un-

36 So besteht der berechtigte Verdacht, dass durch die Aussagen nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das nahestehender Personen geschützt werden sollte. 37 Zu nennen wären z. B. Bernard Clergue und die Gebrüder Authié und Bélibaste. 38 N. Z. Davis: Conteurs (wie Anm. 8), S. 66f.

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zulänglichkeiten zutage.39 Parallel erfolgte die Erstellung der ersten Familienstammbäume auf Skizzen, um einen Überblick über die sozialen Kontakte innerhalb Montaillous zu erhalten; etwa über die Verwandtschaftsbeziehungen, Bekanntschaften, freundschaftlichen Beziehungen und Rivalitäten. Entscheidungen über eine eindeutige Zuordnung der Religionszugehörigkeit40 mussten nach festen Auswahlkriterien gefällt werden. Dies stellt selbstverständlich den kritischsten Teil der Arbeit am Projekt dar, da die individuelle Glaubensausprägung nur schwer greifbar ist. Dennoch soll allein aus didaktischen Zwecken eine möglichst sinnvolle und nachvollziehbare Darstellung realisiert werden. Es bestätigt sich, dass das Notieren aller für das Projekt relevanten Details, ein unerlässliches Element für die Zuordnung und Orientierung ist. So ist es möglich, ein relativ umfassendes Abbild einer Person innerhalb der Sozialstruktur zu gewinnen.41 Diese Notizen beinhalten immer einen detaillierten Vermerk über die Fundstellen im Text, um lückenlose Nachweise zu erbringen. Darüber hinaus werden die überprüften Beziehungsausprägungen, die Attribute und Vermerke elektronisch gesichert (z. B. in Word oder Excel), die dann jederzeit erweitert werden können. Ebenso flexibel müssen die VennMakerNetzwerkgrafiken gehalten werden, sodass jederzeit eine Aktualisierung auf den derzeitigen Stand erfolgen kann. Mit zunehmendem Hintergrundwissen und Überblick über die Sozialstruktur wurden weitere Schritte für die Darstellung in Erwägung gezogen: Die Größe der Sozialstruktur, die sich aus einer ganzheitlichen Darstellung der dörflichen Verbindungen in Montaillou ergibt, lässt das VennMaker-Programm an seine Grenzen stoßen. Neben der reinen Darstellung der Netzwerke geht es nun auch um die Erprobung des Programms an sich.42 Zudem bot sich durch zwei detaillierte Aussagen von Jean und Pierre Maury die Erstellung von konkreten Bewegungsprofilen dieser beiden Schäfer an, die

39 Es ist in der Forschung angemerkt worden, dass die lateinische Edition nicht die beste Quellengrundlage bietet. Die im Kirchenlatein verfassten Akten können nicht die okzitanische Erstversion in ihrer Vielfalt ersetzen, da hier die Dorfbewohner mit ihrem Dialekt und ihrer Vortragsweise ihre Gefühlswelt wiedergeben werden. Vgl. ebd., S. 69f. 40 Hierfür wurden folgende Kategorien gewählt: 1. Nachweislich bzw. überzeugter Katharer, 2. Nachweislich Kontakt zu Katharern und Interesse am katharischen Glauben, 3. Katholik, 4. nicht eindeutig nachweisbar. 41 Indikatoren sind u.a.: Armut/Reichtum, positive Reputation innerhalb der Dorfgemeinschaft/negative Reputation, vor Ort präsent/nicht präsent. 42 Dieser Aspekt wird im siebten Kapitel behandelt.

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sich in Südfrankreich und Nordspanien aufgehalten hatten und ihre Wanderungen in den Verhören schilderten. Über die Arbeit an den Bewegungsprofilen ergab sich dann wiederum eine sinnvolle Ergänzung zur bestehenden Projektarbeit, da auswärtige Kontakte der Dorfbewohner und die Reichweite sozialreligiöser Beziehungen genauer veranschaulicht werden konnten. Ebenso wird mit der erwähnten schrittweisen Ausarbeitung von ExcelTabellen eine statistische Auswertung mit soziologischen Methoden angestrebt. Daten u. a. über Liebesbeziehungen, Schuldverhältnis, Alter, Geschlecht, Herkunft, etc. werden hierin eingespeist. Schließlich soll die vergleichende Arbeit an den Quellen und der Sekundärliteratur die Herausarbeitung von Fehlern in den Publikationen (Seitenzahlen, Verwechslungen, etc.) zutage fördern.

5. ANGESTREBTE Z IELE Die Ziele des Projekts sind vielschichtig und bedürfen einer kurzen Beschreibung. Vordergründig dabei sind die detaillierte Sichtung des Aktenmaterials und die Abarbeitung der Fragestellungen, die sich entweder aus der Lektüre der Prozessakten ergeben oder von vornherein gestellt wurden. Hierbei muss beachtet werden, dass die Aussage eines mutmaßlichen Häretikers die Ergebnisse der bisherigen Arbeit relativieren kann. Deshalb ist es notwendig, ggf. mehrmals kritische Passagen zu durchleuchten und auch je nach Sachlage zu interpretieren. Neben dieser grundlegenden Arbeit müssen die kleineren Projekte, etwa die Dokumentation im elektronischen Format und die Ausarbeitung der Bewegungsprofile abgeschlossen werden. Zur Nachvollziehbarkeit der einzelnen unternommenen Schritte müssen diese dokumentiert werden, damit sie später Interessierten zur Einsicht offen stehen. Auch deshalb wurde der Entschluss gefasst, den Arbeitsstand in Abschnitten sowohl in digitaler, als auch in schriftlicher Form zu hinterlegen. Ein großer Gewinn bei der Erarbeitung neuer Fragestellungen ist das interdisziplinäre Gespräch, etwa mit Wissenschaftlern aus der Soziologie. So wurden durch Diskussionen mit Herrn Dr. Markus Gamper (Universität Köln) neue Ideen für die Ausweitung des Projekts entwickelt. Allen voran muss hier die quantitative Auswertung der Prozessakten Erwähnung finden, die es ermöglichen könnte, bspw. eine Korrelation zwischen Aussagelänge und dem Strafmaß bzw. der Häufigkeit von genannten Namen und der Höhe der Strafe aufzuzeigen. Hierin liegt ein weiteres Ziel der Arbeit: die Weiterentwicklung des Projekts über die fachlichen Grenzen hinaus.

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Auch der VennMaker, das digitale Darstellungstool, das im Rahmen des Projekts für die Visualisierung der unterschiedlichen häretischen Beziehungen Anwendung findet, kann durch die stete Arbeit mit dem Programm durch Vorschläge an die Entwickler, v. a. an Herrn Michael Kronenwett, vielschichtiger gestaltet werden.

6. ARBEITSSTAND Mit der zunehmenden Erweiterung des Aufgabenfeldes innerhalb des Projekts ließen sich bisher mehrere Forschungsansätze weiter verfolgen. Durch die sich daraus ergebenen kleineren Arbeitsprojekte innerhalb des vorgegebenen Rahmens zur Erforschung des sozialen Netzwerkes in Montaillou, die mit der Zeit als wichtige Teilaspekte in die Arbeit aufgenommen worden sind, befinden sich die Unterprojekte derzeit in unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Bisher wurden nach den beschriebenen Gesichtspunkten über 40 Aussagen der Inquisitionsakten Jacques Fourniers in französischer und lateinischer Sprache gelesen, verglichen und ausgewertet. Dies entspricht etwa der Hälfte des vorliegenden Quellenmaterials. Durch diese Auswertungen, deren Ergebnisse zunächst auf mehr als 70 verschiedenen Handzetteln nachvollzogen werden mussten, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, konnten bereits ca. 80 VennMaker-Grafiken von unterschiedlicher Netzwerk-Größe und variierenden Inhalten erstellt werden. Des Weiteren wurden Bewegungsprofile von den Gebrüdern Maury aus Montaillou erstellt, die sich als Schäfer in Südfrankreich und Katalonien aufgehalten hatten und an zahlreichen Orten Kontakte zu Katharern pflegten. Die digitalisierten Abfolgen von regionalen Karten, kombiniert mit VennMaker-Dateien, erzeugen dabei einen detaillierten Einblick in das Wanderleben der Schäfer und zeugen von deren sozialem Umfeld. Auch wurde die Kodierung zur Angleichung der Excel-Tabellen an die bisher ausgewerteten Informationen vorgenommen, die zu einem späteren Zeitpunkt der statistischen Erhebung einzelner Themen wie dem Geschlecht, Alter oder Strafmaß dienen sollen. In diesen Tabellen wurden bereits über 180 Personen erfasst. Um die Arbeit am Forschungsprojekt gesamtperspektivisch abzuschließen, bedarf es daher intensiver Bemühungen, verschiedene Teilprojekte auszuführen und diese auf Basis fächerübergreifender Methodik sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

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7. V ISUALISIERUNG Das Programm VennMaker, das durch die interdisziplinäre Forschungsgruppe der Universitäten Trier und Mainz initiiert worden ist und als Softwaretool zur grafischen Darstellung und Analyse von sozialen Netzwerken fortwährend weiterentwickelt wird, bildet die Grundlage zur didaktischen Visualisierung der Projektergebnisse aus Quellenmaterial und Sekundärliteratur. Mit diesem Werkzeug ist es möglich, die verborgenen und auf den Laien mithin komplex wirkenden Sozialstrukturen aufzudecken, die während der Projektarbeit ohne hinreichende Ansätze einer konkreten visuellen Darstellung verborgen bleiben könnten. Somit bildet der VennMaker eine sinnvolle Erweiterung zur Vermittlung der erzielten Ergebnisse, indem die schematische Darstellung dazu beiträgt, schwer nachzuvollziehende Aspekte der Sozialstruktur Montaillous übersichtlicher darzustellen und das Thema der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Darstellung der Sozialstruktur mithilfe des VennMakers erfolgt durch die Visualisierung der erfassten Personen aus Montaillou, der Region und ihrer unterschiedlich ausgeprägten Verbindungen untereinander. Die Akteursdarstellungen erscheinen in den VennMaker-Grafiken als Symbole, deren zugeordnete Größe sowie farbliche und symbolische Attribute variieren. Die unterschiedlichen personellen Interaktionen wiederum werden als Beziehungsausprägungen durch verschiedene gezeichnete Linien symbolisiert, wobei diese die sozialen Verflechtungen des dargestellten Personenkreises reflektieren und das soziale Netzwerk wiedergeben. Schließlich bildet die visuelle Konstellation von mit Attributen versehenen Akteuren und Beziehungsausprägungen einen wichtigen didaktischen Aspekt zur vereinfachten Darstellung des Netzwerkes. Bedingt durch den hauptsächlich in der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse verwendeten VennMaker zur Darstellung von Gruppen oder Interviews ist lediglich die Visualisierung von kleinen bis mittelgroßen Beziehungsnetzwerken bis ca. 50 Akteure sinnvoll. Innerhalb des Forschungsprojekts Montaillou beschränkt sich daher die Arbeit mit der Software bislang auf die Darstellung der einzelnen domus mit ihren jeweiligen Familienmitgliedern sowie auf ihre einzelnen Beziehungen untereinander und zu außenstehenden Akteuren. Eine mögliche Grafik, die sämtliche Personenkreise mit ihren Beziehungsausprägungen in sich vereint, ist mit der derzeitigen Entwicklungsstufe des VennMakers noch nicht realisierbar. Die sich derzeit bietenden Platzverhältnisse zur Darstellung einer allumfassenden Grafik beeinträchtigten die Übersichtlichkeit, die gerade mit der Software zum Ziel der Neuerkenntnis erreicht werden soll. Trotzdem ist es mit dem VennMaker bisher gelungen, eine Vielzahl unterschiedlicher „Momentaufnahmen“ zwecks didaktischer Vermittlung festzuhalten, wo-

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bei dargestellte Sterbe- und Häretisierungsszenen und komplexe Verbindungen der Schäfern in ihren Außenbeziehungen an den unterschiedlichen Aufenthaltsorten wichtige Bausteine zum Verständnis des gesamten sozialen Netzwerkes von Montaillou bilden. Die Verbildlichung einzelner Begebenheiten, die für die Gesamtanalyse der Dorfgemeinschaft unerlässlich sind, bietet aufschlussreiche Neuerkenntnisse über das Zusammenspiel einer Vielzahl von Akteuren, deren Relevanz ohne das Hilfsmittel einer grafischen Darstellung nur schwer und überaus mühsam nachzuvollziehen wäre. Mit dem Fortschreiten des Projekts fließen gleichzeitig die bisherigen verbesserten Eigenschaften des Software-Programms mit ein; während die Version 1.0.3, die zu Beginn der Arbeit benutzt wurde, noch einige Schwächen in puncto grafischer Darstellung und Anwendungsschwierigkeiten aufwies, konnte die aktuellste Version 1.2.7 bereits viele dieser Nachteile beheben und zugleich die Übersichtlichkeit in Grafiken weiter verbessern. So ist es z. B. möglich, Beziehungsausprägungen der gleichen Kategorie zu filtern und auszublenden, um nur noch bestimmte Beziehungsgeflechte bei komplexen Netzwerken wie der von Montaillou sinnvoll aufzuzeigen. Überdies errechnet das Programm nun die bestmögliche Ausrichtung von Personenkonstellationen eines Netzwerkes in der Grafik, um eine noch größere Übersichtlichkeit zu gewährleisten. Auch können Textfelder eingerichtet werden, die, wenn der Aspekt von den Programmierern fortentwickelt werden sollte, zukünftig in Präsentationen zum detaillierten Nachweis zitierter Quellen innerhalb der Grafik dienen können, was bis zum jetzigen Zeitpunkt dem Betrachter des Schaubildes bisher noch verborgen bleibt.

8. S YNOPSE

UND

AUSBLICK

Wie bereits in den Kapiteln 4, 5 und 6 angeschnitten, liegen die mittelfristigen Ziele vor allem in dem Abschluss der bisherigen kleinteiligen „Unterprojekte“. In Ergänzung zu der unter (4.) angeführten unterschiedlichen Längen und dem variierenden Detailreichtum der Aussagen gewinnen methodische Überlegungen an Gewicht, die eine quantitative Vorgehensweise vorgeben. Dieser Beschäftigung mit diesem Ansatz soll jedoch in keinem Fall die qualitative Analyse der Texte zum Nachteil gereichen. Vielmehr stellt es einen weiteren recht zeitaufwendigen Baustein in der Arbeit am Thema Montaillou dar. Eine weiterführende Perspektive wäre die breitere Kontextualisierung des Projekts. Das soll sich vor allem auf vergleichbare Inquisitionsprozesse in der Region oder in dieser Zeit beziehen. Lässt sich durch die genaue Analyse dieser Prozesse ein relativierendes Element zum derzeitigen Forschungsstand gewinnen

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oder stützt sie diese? Eine quantitative Vorgehensweise lässt hier eventuell Muster zutage treten, die sonst im Verborgenen geblieben wären. Die Betrachtung ähnlicher Fälle setzt zum einen die sehr gute Quellenlage wie bei diesem Fall voraus. So muss etwa die handelnde Person des Inquisitors, wie sie weiter oben angeführt wurde, mit beachtet werden.43 Auch wenn es also schwierig erscheint, ein wiederkehrendes Schema der Inquisition zu dieser Zeit zu finden, so kann doch aus dem Vergleich ein gewisser Mehrwert gezogen werden, etwa die Erkenntnis darüber, in welchem Grad die Strafmaße differierten, mit welcher Gewalt, oder besser mit welcher Macht,44 die katholische Kirche versuchte, ihre Interessen durchzusetzen. Ebenso wäre in diesem Sinne der Vergleich von Fragemustern oder bestimmten Abläufen zu unternehmen. Gab es bestimmte Phrasen und Abläufe, die immer wieder genannt wurden, damit man Häretiker überführen konnte? Ein breiterer Kontext wäre auch für die Bewegungsprofile der Schäfer angebracht. So könnten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welche Mobilität tatsächlich unter der Bevölkerung in Südfrankreich geherrscht hatte. Nicht nur Baruch, ein getaufter Jude aus dem Reichsgebiet, der ebenfalls von der Inquisition vernommen wurde, war weit gereist, auch für die perfecti lassen sich die Spuren bis nach Sizilien und in die Lombardei verfolgen. Sicherlich finden sich für Baruch und die perfecti schnell Erklärungsmuster, die auf ihren Glauben und auf die Verfolgung ihrer Glaubensbrüder und -schwestern zurückzuführen sind. Dennoch können sehr wohl über die intensive Arbeit an den Quellen Bewegungsräume und der Interaktionsradius der „einfachen Bevölkerung“ nachvollzogen werden. Letztlich ließen sich diese Bruchstücke der Forschung in ein größeres Projekt des Fachbereichs III der Universität Trier einbauen, in einen interaktiven Atlas. So wäre es möglich, anhand eines Programms alle relevanten Information zu diesem Thema der Häresie in Montaillou und der Pyrenäen-Region im beginnenden Spätmittelalter zu bündeln und diese in unterschiedlich Varianten aufzuzeigen – vom einfachen Bewegungsprofil bis hin zu den vielschichtigen sozialen Beziehungen und den Verknüpfungen der einzelnen domus.

43 T. Scharff: Inquisitoren (wie Anm. 26), S. 159 und S. 163f. 44 Definition von Macht nach Max Weber: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972 (5. Aufl.), S.28.

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Abbildung 1: Bewegungsprofil

Quelle (Abb. 1 und 2): Eigene Darstellung

Das Bewegungsprofil ist hier im Schema dargestellt: Zu erkennen sind die personellen Verbindungen an dem Ort, der Erwähnung findet (1.), der beschrittene Weg von Ort zu Ort (2.) sowie die Ausdehnung der auswärtigen Kontakte (3.). Abbildung 2: Legende

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Abbildung 3: Die domus der Belot

Abbildung 4: Die domus der Maury

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Abbildung 4 zeigt die domus der Maury. Bemerkenswert ist hier die katholische Person im Netzwerk, die nicht zuletzt wegen ihres Glaubens eine ausgeprägte Rivalität zu ihrer Mutter, einer überzeugten Katharerin, aufweist. Aus der domus Maury stammen auch die beiden Schäfer Pierre und Jean, die Gegenstand der Bewegungsprofilanalyse sind. Abbildung 5: Guillaume Guilabert

Quelle (Abb. 3-5): Eigene Darstellung

Diese Grafik (Abb. 5) zeigt die Sterbe- und Häretisierungsszene am Totenbett des Guillaume Guilabert (ca. 1304). Die Darstellung stützt sich auf verschiedene Zeugenaussagen. Prades Tavernier, ein nachweislicher Häretiker, übernahm in diesem Fall die Aufgabe, Guillaume das consolamentum anzubieten.

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Abbildung 6: Raimond Benet

Quelle: Eigene Darstellung

In dieser Grafik (Abb. 6) ist es Raimond Benet, der auf seinem Totenbett (ca. 1305) das consolamentum entgegennimmt. Guillaume Authié nimmt hierbei eine besondere Stellung ein. Die freundschaftliche Beziehung der Eltern zu den Gebrüdern Belot ist dabei augenfällig.

Schreiben, sag, berichte, antwort Kommunikationswege und soziale Netzwerke am Beispiel des Waldkircher Ritualmordverfahrens (1504/05) K ATHRIN G ELDERMANS -J ÖRG

1. V ORWÜRFE DES R ITUALMORDES H OSTIENSCHÄNDUNG

UND DER

Anschuldigungen gegenüber Juden, religiös motivierte Straf- und Gräueltaten wie Hostienschändungen, Brunnenvergiftungen oder Ritualmorde begangen zu haben, sind im letztgenannten Fall bereits im ersten Jahrhundert nach Christus nachzuweisen.1 Nach diesen frühen Belegen setzt die diesbezügliche

1

Vgl. auch Lotter, Friedrich: Hostienfrevelvorwurf und Blutwunderfälschung bei den Judenverfolgungen von 1298 („Rintfleisch“) und 1336-1338 („Armleder“), in: Fälschungen im Mittelalter. Teil V: Fingierte Briefe, Frömmigkeit und Fälschung, Realienfälschung (= Schriften der Monumenta Germaniae Historica 33,5), Hannover 1988, S. 533-581; Ders.: Aufkommen und Verbreitung von Ritualmord- und Hostienfrevelanklagen gegen Juden, in: Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen. Katalog der Ausstellung Jüdisches Museum der Stadt Wien, Wien 1995, S. 60-78. Vgl. weiterführend auch etwa Treue, Wolfgang: Schlechte und gute Christen. Zur Rolle von Christen in antijüdischen Ritualmord- und Hostienschändungslegenden, in: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 2 (1992), S. 95-116 (zum Waldkircher Fall bes. S. 96f.); Ders.: Der Trienter Judenprozeß: Voraussetzungen – Abläufe – Auswirkungen (1475-1588) (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 4), Hannover 1996; Erb, Rainer: Die Ritualmordlegende: Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert, in: Buttaroni, Susanne/Musial, Stanislav (Hg.): Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, Wien/Köln/Weimar 2003, S. 11-20; Ders.:

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Überlieferung bis in die hochmittelalterlichen Jahrhunderte aus; insbesondere nach der Mitte des 14. Jahrhunderts und den grausamen Verfolgungen weiter Teile der europäischen Judenschaft zur Zeit des Schwarzen Todes kursierten entsprechende Schmähungen erneut in großer Zahl.2 Auch wurde im zeitlichen Umfeld der Hussitenkriege in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhundert auf diese „traditionellen“ Muster zurückgegriffen, um gegen Juden vorzugehen.3 Die Verdichtung exkludierender Tendenzen gegenüber Juden im Verlaufe des 15. Jahrhunderts und hierbei insbesondere im Umfeld der Reformkonzilien von Konstanz (1414-1418) und Basel (1431-1449) markiert nach den Verfolgungen der Jahre um 1350 eine erneute Phase umfassender Veränderung der christlich-jüdischen Beziehungen im Reichsgebiet.4 Vorrangig seit den 1430er

Die Legende vom Ritualmord. Zur Geschichte der Blutbeschuldigungen gegen Juden (= Reihe Dokumente, Texte, Materialien 6), Berlin 1993; Mentgen, Gerd: Studien zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Elsaß (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 2), Hannover 1995, hier v.a. S. 363-397 und S. 421-434. 2

Vgl. die entsprechenden Ausführungen in Germania Judaica, Band III. 1350-1519. 1. Teilband: Ortschaftsartikel Aach – Lychen, hg. v. Arye Maimon in Zusammenarbeit mit Yacov Guggenheim im Auftrag der Hebräischen Universität in Jerusalem, Tübingen 1987, sowie den 2. Teilband: Ortschaftsartikel: Mährisch Budwitz-Zwolle, hg. v. Arye Maimon s. A., Mordechai Breuer und Yacov Guggenheim im Auftrag der Hebräischen Universität in Jerusalem, Tübingen 1995, sowie den 3. Teilband: Gebietsartikel, Einleitungsartikel und Indices, hg. v. Arye Maimon s. A., Mordechai Breuer und Yacov Guggenheim, Tübingen 2003 (im Folgenden zitiert als GJ III,1, III,2, III,3). Vgl. die äußerst kontrovers aufgenommenen diesbezüglichen Vorstellungen bei Toaff, Ariel: Pasque di sangue. Ebrei d’Europa e omicidi rituali, Bologna 2007. Auf weitere Verschwörungstheorien im 19. und 20. Jahrhundert soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Dass solche in vielerlei Form bis hin zu einer vermeintlichen „Weltverschwörung“ existierten, ist allgemein bekannt.

3

Vgl. Toch, Michael: Spätmittelalterliche Rahmenbedingungen jüdischer Existenz im Spätmittelalter: Die Verfolgungen, in: Hödl, Sabine/Rauscher, Peter/Staudinger, Barbara (Hg.), Hofjuden und Landjuden. Jüdisches Leben in der Frühen Neuzeit, Berlin/Wien 2004, S. 19-64, hier: S. 23f. Vgl. weiterführend Yuval, Israel: Juden, Hussiten und Deutsche. Nach einer hebräischen Chronik. Mit Anhang: Gilgul bne Chuschim (Geschichte der Hussiten). Von Salman von St. Goar, in: Haverkamp, Alfred/Ziwes, Franz-Josef, Juden in der christlichen Umwelt während des späten Mittelalters (= Zeitschrift für Historische Forschung BH 13), Berlin 1992, S. 59-102.

4

Vgl. etwa Simonsohn, Max: Die kirchliche Judengesetzgebung im Zeitalter der Reformkonzilien von Konstanz und Basel, Breslau 1912; Bauer, Clemens: Diskussionen

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Jahren sind vor dem Hintergrund verschiedener Krisenerscheinungen, wobei vor allem auf die große Hungersnot der Jahre 1437-39/40 hinzuweisen ist5, vermehrt Ausweisungen von Juden zu verzeichnen.6 Gegen Ende des 15. Jahrhunderts waren infolge anhaltender Repressionsmaßnahmen und Vertreibungsvorgänge Juden nur noch in wenigen Städten des Reiches ansässig.7 Auf diese als massive Umbruchsphase zu bezeichnende Zeit krisenhafter Veränderungen und Umgestaltungen sollen die folgenden Ausführungen anhand eines Fallbeispiels ein Schlaglicht werfen. Der per se widersinnige, da von der Verinnerlichung der christlichen Transsubstantiationslehre ausgehende Vorwurf der Hostienschändung8 und die

um die Zins- und Wucherfrage auf dem Konstanzer Konzil, in: Franzen, August/Müller, Wolfgang (Hg.), Das Konzil von Konstanz. Beiträge zu seiner Geschichte und Theologie. Festschrift Dr. Hermann Schäufele, Freiburg/Basel/Wien 1964, S. 174-186; Brandmüller, Walter: Das Konzil von Konstanz 1414-1418 (= Konziliengeschichte Reihe A. Darstellungen), Paderborn u.a. 1991-1997. Mit dieser Thematik befasst sich auch das von Alfred Haverkamp geleitete Forschungsprojekt „Verbindungen und Ausgrenzungen zwischen Christen und Juden zur Zeit der Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts“ innerhalb des DFG-Schwerpunktprogramms 1173. Vgl. etwa Jörg, Christian: Zwischen Basler Konzil, Königtum und reichsstädtischen Interessen. Zur Einordnung der Kennzeichnung und Ausweisung der Augsburger Juden in europäischer Perspektive, in: Brenner, Michael/Ullmann, Sabine (Hg.), Die Juden in Schwaben (= Studien zur Jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern 6), München 2012, S. 63-92. 5

Vgl. umfassend Jörg, Christian: Teure, Hunger, Großes Sterben. Hungersnöte und Versorgungskrisen in den Städten des Reiches während des 15. Jahrhunderts (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters 55), Stuttgart 2008.

6

Ziwes, Franz-Josef: Studien zur Geschichte der Juden im mittleren Rheingebiet während des hohen und späten Mittelalters (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 1), Hannover 1995, v.a. S. 263-271 (u.a. für Heilbronn und Mainz). Vgl. auch C. Jörg: Hungersnöte (wie Anm. 5), S. 350f., am Beispiel von Mainz und Augsburg.

7

Vgl. die entsprechenden Ausführungen in Haverkamp, Alfred (Hg.): Geschichte der Juden im Mittelalter von der Nordsee bis zu den Südalpen. Kommentiertes Kartenwerk (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 14), hier: Bd. 2 (Ortskatalog), Hannover 2002; sowie die Artikel in: GJ III,1-3 (wie Anm. 2).

8

Vgl. auch F. Lotter: Aufkommen (wie Anm. 1), S. 69. Die hohe Zahl an Hostienfrevelvorwürfen könnte möglicherweise unter anderem auch mit der praktischen Überlegung in Zusammenhang gestanden haben, dass dieses Verfahren keiner Leiche bedurfte und daher leicht inszenierbar war.

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zumeist unter Bezugnahme auf das Auffinden ermordeter christlicher Knaben9 ausgesprochene Beschuldigung des Ritualmordes stellen religiös motivierte Formen von Antijudaismus dar. Der Ausgangspunkt für derartige Verdächtigungen war gänzlich fiktional10 – die Wirkmacht, die solche Verunglimpfungen und die durch diese begünstigten Gerüchte und antijüdischen Agitationen allerdings entfalten konnten, darf vorrangig in krisenhaften Zeiten nicht unterschätzt werden.11 Wolfgang Treue hat diesbezügliche Beschuldigungen als „eine Art kollektiver Imagination“ charakterisiert, die auf bestimmten Vorstellungen über Verhaltensweisen der jüdischen Minderheiten fußte.12 Als besonders weitreichend ist hier die nach 1475 populäre Ritualmordfama um den Knaben Simon von Trient einzustufen, die vor dem Hintergrund der allgemein angespannten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage im aschkenasischen Raum mehrerorts zu Vertreibungen führte.13 In diesem Falle dürften maßgeblich die zahlreichen Pilger, die sich im Heiligen Jahr 1475 nach Rom aufgemacht hatten und entsprechende Erzählungen ins nordalpine Reichsgebiet brachten, mitverantwortlich für die rasche Streuung der Berichte über das Trienter Verfahren gewesen sein.14 In jenem Jahrzehnt sind ferner die Endinger Ritualmordaffäre (1470)15 und der Passauer Hostienschändungsprozess (1478)16

9

Zu dem Vorwurf ritueller Kindsmorde an Mädchen vgl. Mentgen, Gerd: Das Klischee des „jüdischen Ritualmordes“, in: Schwitzgebel, Frieder (Hg.), Toleranz vor Augen. Das Projekt von Karl-Martin Hartmann in der Wernerkapelle Bacharach in Zusammenarbeit mit dem Bauverein Wernerkapelle, Mainz 2010, S. 98-109, hier: S. 104f.

10 W. Treue: Ereignis (wie Anm. 1), S. 139f. 11 Vgl. zuletzt etwa auch Lang, Stefan: Die Ravensburger Ritualmordbeschuldigung 1429/30. Ihre Vorläufer, Hintergründe und Folgen, in: Ulm und Oberschwaben 55 (2007), S. 114-153. 12 W. Treue: Ereignis (wie Anm. 1), S. 139f. 13 Vgl. W. Treue: Judenprozeß (wie Anm. 1); Ders.: Ereignis und Rezeption (wie Anm. 1); Qualiogni, Diego: Das Inquisitionsverfahren gegen die Juden von Trient (14751478), in: Buttaroni, Susanne/Musial, Stanislav (Hg.), Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, Wien/Köln/Weimar 2003, S. 85-130. 14 Esposito, Anna: Das Stereotyp der Ritualmordes in den Trientiner Prozessen und die Verehrung des „Seligen“ Simone, in: Buttaroni, Susanne/Musial, Stanislav (Hg.), Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, Wien/Köln/Weimar 2003, S. 131-172, hier: S. 145. 15 Vgl. dazu etwa Olgemann, Stephanie: „Der juden grewlich missethat“. Die Legende vom jüdischen Ritualmord am Beispiel des Endinger Ritualmordvorwurfs von 1470, in: Domrös, Arne/Bartoldus, Thomas/Voloj, Julian: Judentum und Antijudaismus in

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anzuführen, die ihrerseits weite Kreise zogen und eine für die Juden in den Deutschen Landen gefährliche Breitenwirkung erzielten. Als vermeintliche Motive im Umfeld von Ritualmordbeschuldigungen führte man in England und Frankreich bevorzugt an, dass die angeblichen Frevler die Passion Christi an einem weiteren unschuldigen Opfer wiederholen wollten, während im Reichsgebiet als Sinndeutungen vermeintliche Rituale aus dem Umfeld der Blutmagie vorgebracht wurden.17 Dahinter stand – wie insbesondere auch 1475 mit dem Trienter Ritualmordverfahren dokumentiert wurde – der Versuch, Heiligsprechungen zu erwirken und Reliquienkulte zu generieren18. Michael Toch hat insbesondere dem Bodenseeraum und den angrenzenden oberrheinischen Regionen eine „Anfälligkeit für Hostienschändungs- und Ritualmordbeschuldigungen“ attestiert und 13 der für die Zeit von 1379 bis 1510 insgesamt 32 nachweisbaren Affären in diesem Raum lokalisiert.19 Auch die im Folgenden näher zu betrachtenden Vorgänge im Umfeld des Ritualmordvorwurfs, der 1504 zunächst gegen in Waldkirch im Breisgau ansässige Juden erhoben wurde, sind in diesem weiteren räumlichen Umfeld zu verorten.20

2. F ALLBEISPIEL : D ER R ITUALMORDVORWURF ZU W ALDKIRCH /B R . Anlässlich solch weitgreifender Verunglimpfungsvorgänge wurden in der Mehrzahl der Fälle keine Einzelpersonen, sondern ganze jüdische Gemeinschaften und Gemeinden verdächtigt, stigmatisiert und bestraft. Selbst im Falle individu-

der deutschen Literatur im Mittelalter und an der Wende zur Neuzeit. Ein Studienbuch, Berlin 2002, S. 85-119. 16 Vgl. dazu etwa Mayer, Anton: Die Gründung von St. Salvator in Passau. Geschichte und Legende, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 18 (1955), S. 256-278. 17 F. Lotter: Aufkommen (wie Anm. 1). S. 65f. 18 Ebd., S. 74. 19 Vgl. M. Toch: Rahmenbedingungen (wie Anm. 3), S. 36. 20 Weitere Blutbeschuldigungen im Bereich der Vorderen Lande sind beispielsweise für Diessenhofen (1401), Konstanz (1443) und Endingen (1470) bezeugt. Vgl. GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Vorderösterreich, S. 2045-2049, hier: S. 2048. 1510 wurde eine Hostienschändungsklage gegen einen Juden von Oberehnheim erhoben, in deren Umfeld ein Jude aus Ensisheim angegriffen wurde. Vgl. GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Sundgau und Landgrafschaft Oberelsaß, S. 2027-2030, hier: S. 2028f.

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eller Verurteilungen21 vermeintlicher Täter wurden jenseits des „Gerichtssaals“ in den seltensten Fällen ausschließlich Einzelpersonen verantwortlich gemacht.22 Darüber noch hinausgehend dürften entsprechende Verfahren in Teilen der christlichen Bevölkerung möglicherweise unterschwellig vorhandenes Misstrauen und Ängste gegenüber sämtlichen Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft generiert oder auch verstärkt haben. Gerade weil Ritualmordvorwürfe und die Ereignisse in deren Umfeld in der Regel überörtliche Ausmaße annahmen, bieten sich solche Verfahren besonders für eine Untersuchung von sich auf christlicher wie jüdischer Seite in diesem Umfeld ad hoc ausbildenden oder reaktivierten Verbindungslinien und sozialen Netzwerken an, wurden aber bisher kaum für diese Fragestellung herangezogen. Das im Fokus dieser Darlegungen stehende Verfahren zog ausgehend von einem Ritualmordvorwurf gegenüber in der Stadt Waldkirch im Breisgau ansässigen Juden Gefangennahmen im weiteren oberrheinischen Raum einschließlich des Elsass nach sich.23 Die Abläufe sind bereits an anderer Stelle ausführlich dargelegt worden24, so dass hier vorrangig die für unsere Fragestellung der hinter

21 Im Zuge der Verrechtlichungstendenzen der spätmittelalterlichen Jahrhunderte fanden in diesem Zusammenhang in der Regel Inhaftierungen und Verhöre statt. Vgl. dazu Dilcher, Gerhard: Die stadtbürgerliche Gesellschaft und die Verrechtlichung der Lebensbeziehungen im Wandlungsprozeß zwischen Mittelalter und Neuzeit, in: Boockman, Hartmut et. al. (Hg.), Recht und Verfassung im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Teil I: Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1994 bis 1995 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-Historische Klasse. Dritte Folge 228), Göttingen 1998, S. 93-114. 22 GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Die Rechtsstellung der Juden, S. 2165-2201, hier: S. 2198, spricht in diesem Zusammenhang von „kollektiver Verantwortung“. 23 In den Folgejahren sind „Nachwirkungen“ im weiteren elsässischen Raum (Oberehnheim, Straßburg, Hagenau) belegt. Vgl. G. Mentgen: Elsaß (wie Anm. 1), S. 264. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Hagenau, S. 486–490; GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Straßburg, S. 1418-1432. Oberehnheim bediente sich um das Jahr 1507 der Gerüchte, um die Vertreibung der Juden aus der Stadt voranzutreiben. 1510 wurde ein Jude zu Oberehnheim beschuldigt, an einer im Jahre 1500 angeblich erfolgten Hostienschändung beteiligt gewesen zu sein. Vgl. GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Oberehnheim, S. 1045-1047, hier: S. 1046. 24 Vgl. Hsia, Ronnie Po-Chia: The Myth of Ritual Murder. Jews and Magic in Reformation Germany, Yale 1988; Schickl, Peter: Von Schutz und Autonomie zur Verbrennung und Vertreibung: Juden in Freiburg, in: Haumann, Heiko/Schadeck, Hans (Hg.),

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den Ereignissen stehenden beziehungsweise der sich in deren Folge ausbildenden Netzwerke und Verbindungslinien relevanten Aspekte Erwähnung finden sollen. Die innerhalb des Bistums Konstanz gelegene Stadt Waldkirch war im Jahre 1429 von den habsburgischen Landesherren der österreichischen Vorlande größtenteils den Freiherren von Staufen verpfändet worden.25 Um 1475 hatte die Stadt etwa 650 Einwohner, unter diesen lediglich einige wenige jüdische Familien.26 Für das Jahr 1504 muss man den Angaben der „Germania Judaica“ folgend davon ausgehen, dass die jüdische Gemeinschaft vor Ort sich aus einer einzigen Großfamilie rekrutierte.27 Entsprechende Detailuntersuchungen familiärer Gefüge erlauben Aussagen, die über den wirtschaftlich-ökonomischen Bereich hinaus Fragen der Konstituierung und Gestaltung von Gemeinschaften und gemeindlichem Zusammenleben einzuordnen helfen. Eine solche Untersuchung hat zuletzt Alessandra Veronese für den ober- und mittelitalienischen Raum des

Von den Anfängen bis zum „Neuen Stadtrecht“ von 1520 (= Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau 1), Stuttgart 1996, S. 524-551 (wobei im Anmerkungsteil S. 692f. die Archivsignatur „B5 VI Nr. 7“ durchgängig in „B5 XI Nr. 7“ zu korrigieren wäre); Hildenfinger, Paul: Un accusation de meutre rituel à Waldkirch en Breisgau (1503), in: Revue des Études Juives (REJ) 44/45 (1902), S. 129-131. Vgl. ferner Kirn, Hans-Martin: Das Bild vom Juden im Deutschland des frühen 16. Jahrhunderts dargestellt an den Schriften Johannes Pfefferkorns (= Texts and Studies in Medieval and Early Modern Judaism 3), Tübingen 1989. Vgl. unter den älteren Darstellungen Pfaff, Friedrich: Die Kindermorde zu Benzhausen und Waldkirch im Breisgau. Ein Gedicht aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, in: Alemannia 27 (1900), S. 247-297; Lewin, Adolf: Die Blutbeschuldigung in oberbadischen Liedern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 50/3 (1906), S. 316-333; Ders.: Juden in Freiburg i. B., Trier 1890 (zum Waldkircher Fall bes. S. 93-96). Eine erschöpfende Auswertung sämtlicher zur Verfügung stehender Archivalien steht allerdings noch aus. Vgl. dazu GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1552. Sie kann aufgrund der spezifischen Fragestellung auch an dieser Stelle nicht geleistet werden. 25 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1550. Vgl. weiterführend Press, Volker: Vorderösterreich in der habsburgischen Reichspolitik des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: Maier, Hans/Ders. (Hg.), Vorderösterreich in der frühen Neuzeit, Sigmaringen 1989, S. 1-41. 26 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1550. 27 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551.

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14. und 15. Jahrhunderts vorgelegt und dabei die herausragende Bedeutung der Familie für die weitere innerjüdische Organisation betont.28 Geschäftsbeziehungen pflegten die in Waldkirch ansässigen Juden offenbar ausschließlich im engeren räumlichen Umfeld, jedenfalls sind entsprechende Kontakte lediglich für das rund 15 Kilometer entfernte Freiburg im Breisgau nachweisbar.29 In den Jahren um 1500 allerdings verbot der Freiburger Magistrat den Waldkircher Juden selbst den vorübergehenden Aufenthalt in der Stadt und widersetzte sich im Zuge dieser Bemühungen zunächst sogar einem Erlass König Maximilians, welcher auf Betreiben Leos von Staufen den Waldkircher Juden zumindest den Durchzug ermöglichen sollte.30 Seit dem Ritualmordverfahren von Diessenhofen im Jahre 140131 hatte die Stadt Freiburg Anstrengungen unternommen, die stadtsässigen Juden zu vertreiben.32 Die Versuche des Freiburger Rates, unter maßgeblichem Einfluss von Angehörigen der dortigen Universität – wie etwa des Theologen Johannes Eck33 – nun auch auswärtige Juden zumindest aus der Stadt zu vertreiben, dürften sich als mit ausschlaggebend

28 Veronese, Alessandra Maria: Zum Verhältnis von jüdischer Familie und Gemeinde in Ober- und Mittelitalien, in: Cluse, Christoph/Haverkamp, Alfred/Yuval, Israel J. (Hg.), Jüdische Gemeinden und ihr christlicher Kontext in kulturräumlich vergleichender Betrachtung (5.-18. Jahrhundert). Internationale Konferenz an der Universität Trier, 18.-22. Oktober 1999 (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 13), Hannover 2002, S. 283-292. 29 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. 30 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (1500 VIII 21): Leo Freiherr zu Staufen an Bürgermeister und Rat der Stadt Freiburg; Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (1502 VII 12): König Maximilian an den Rat der Stadt Freiburg; Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (1502 XII 28): Leo Freiherr zu Staufen an Bürgermeister und Rat der Stadt Freiburg. Vgl. R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 89; P. Schickl: Schutz (wie Anm. 24), S. 546. Vgl. auch A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 326. 31 Vgl. ausführlich Landolt, Oliver: „Wie die iuden zu Diessenhofen einen armen knaben ermurtend, und wie es inen gieng.“ Ritualmordvorwurf und die Judenverfolgungen von 1401, in: Schaffhauser Beiträge zur Geschichte 73 (1996), S. 161-194. 32 Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Freiburg im Breisgau, S. 395-398, hier: S. 397: 1401 VII 4 hatte der Rat die herzogliche Erlaubnis erlangt, die Juden zu vertreiben. 1411 und 1423 sind erneut einzelne Juden in der Stadt belegt. 1424 erhielt Freiburg allerdings die königliche Erlaubnis zur Vertreibung der Juden. 33 1541 wurde dessen Schrift Ains juden büechlins verlegung publiziert. Vgl. Iserloh, Erwin, Art. Eck, Johannes, in: Theologische Realenzyklopädie, Band 9, Berlin und New York 1982, S. 249-258. Vgl. auch Anm. 43.

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für das rigide Verhalten Freiburgs anlässlich des Waldkircher Falls im Jahre 1504 gezeigt haben34. Die „Judenpolitik“ der Freiburger wurde möglicherweise nicht unerheblich durch die Tatsache beeinflusst, dass die Stadt zu Jahrhundertbeginn erhebliche Schulden und Außenstände verzeichnete.35 Auch die Mehrzahl der weiteren Städte im Untersuchungsraum litt zu Beginn des 16. Jahrhunderts unter finanziellen Engpässen, die nicht zuletzt damit in Zusammenhang standen, dass König Maximilian diesen hohe Summen schuldete. Weite Teile der Gelder dürften nicht zuletzt im Rahmen des Schwabenkrieges (1499), der gegen Frankreich gerichteten Kriegszüge in Hochburgund (1498/99) und der Konflikte um Mailand (um 1500) verausgabt worden sein.36 Gerade in diesen Fällen allerdings erschien eine Rückzahlung als sehr unwahrscheinlich. Im Jahre 1504 wurde eine weitere Ritualmordbeschuldigung in Frankfurt am Main erhoben.37 Dass weitergehende Konnexe zwischen der Reichsstadt und den Städten der Vorderen Lande existierten, wird im Folgenden noch relevant werden. Für die im 15. Jahrhundert vermehrt auch jenseits der urbanen Zentren in Klein- und Kleinstniederlassungen ansässigen Juden war die Pflege überörtlicher Kontakte nicht zuletzt für die Aufrechterhaltung der kultisch-kulturellen Praxis

34 Vgl. auch GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550–1552, hier: S. 1551. 35 Vgl. Mertens, Dieter/Rexroth, Frank/Scott, Tom: Vom Beginn der habsburgischen Herrschaft bis zum „Neuen Stadtrecht“ von 1520, in: Haumann, Heiko/Schadeck, Hans (Hg.), Von den Anfängen bis zum „Neuen Stadtrecht“ von 1520 (= Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau 1), Stuttgart 1996, S. 215-302, hier: S. 256f. 36 Vgl. weiterführend etwa Wiesflecker, Hermann: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit. Band V. Der Kaiser und seine Umwelt. Hof, Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, München 1986; Angermeier, Heinz: Der Wormser Reichstag 1495. Ein europäisches Ereignis, in: Historische Zeitschrift 261 (1995), S. 739-768; Ders.: Die Reichsreform 1410-1555. Die Staatsproblematik in Deutschland zwischen Mittelalter und Gegenwart, München 1984. 37 1504 wurde in Frankfurt/M. eine Blutbeschuldigung gegen einen stadtsässigen Juden erhoben, der auf Ratsbefehl verhaftet wurde. Da der Beschuldigte sogar unter der Folter standhaft blieb und der Christ, der ihn beschuldigt hatte, seine Aussage widerrief, wurde er aus der Haft entlassen. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Frankfurt am Main, S. 346–393, hier: S. 368; Andernacht, Dietrich: Regesten zur Geschichte der Juden in der Reichsstadt Frankfurt am Main von 1401-1519, Hannover 2007 (Forschungen zur Geschichte der Juden B 1,3), Nr. 3376f., S. 873. Vgl. auch R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 94.

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unerlässlich.38 So darf davon ausgegangen werden, dass die Angehörigen der Waldkircher Großfamilie Verbindungen zu jüdischen Niederlassungen im näheren und weiteren Umland pflegten. Auch die christlichen Stadtgemeinden im Untersuchungsraum standen in regem Kontakt. Gerade zwischen den in hohem Maße vernetzten Städten wurden in den spätmittelalterlichen Jahrhunderten auf mehrerlei Ebenen Nachrichten ausgetauscht, so dass die Dichte an Informationen und weitergehenden Verbindungslinien als überaus hoch einzustufen ist.39 Sol-

38 Toch, Michael: Geld und Kredit in einer spätmittelalterlichen Landschaft. Zu einem unbeachteten Schuldenregister aus Niederbayern (1329-1332), in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 38 (1982), S. 499-550, hier: S. 503, verweist insbesondere auf die Relevanz des jüdischen Gerichts. Einen weiteren relevanten Faktor stellten Begräbnisorte dar. Jüdische Friedhöfe sind im (weiteren) vorderösterreichischen Raum den Angaben der „Germania Judaica“ zufolge bezeugt in Freiburg im Üchtland und in Rottenburg. Vgl. GJ III,3, Art. Vorderösterreich, S. 2045-2049, hier: S. 2046. Möglicherweise gab es auch Friedhöfe in Dettelsbach bei Waldshut und Breisach. Vgl. allerdings die gegenüber den entsprechenden Artikeln der „Germania Judaica“ kritischen Ausführungen in: A. Haverkamp: Geschichte (wie Anm. 7), hier: Bd. 2 (Ortskatalog), Art. Freiburg im Breisgau, S. 122; ebd., Art. Breisach, S. 58f., hier: S. 58. Von den Waldkircher Juden dürfte der besagte alte Leichhof im rund 100 Kilometer entfernten Dettelsbach genutzt worden sein. Vgl. GJ III,2, Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. In Dettelsbach selbst waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits keine Juden mehr ansässig. Von den Juden in den Vorderen Landen wurden daneben die Friedhöfe in Basel, Zürich, Überlingen, Ulm, Augsburg und Nördlingen genutzt. Vgl. GJ III,3, Art. Vorderösterreich, S. 2045-2049, hier: S. 2046. Vgl. weiterführend zu Regionalfriedhöfen Barzen, Rainer: Regionalorganisation jüdischer Gemeinden im Reich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Eine vergleichende Untersuchung auf der Grundlage der Ortslisten des Deutzer und des Nürnberger Memorbuches zur Pestverfolgung, in: A. Haverkamp, Geschichte (wie Anm. 7), hier: Bd. 3 (Aufsätze), S. 293-366. 39 Vgl. Schmitt, Sigrid: Städtische Gesellschaft und städtische Kommunikation am Oberrhein. Netzwerke und Institutionen, in: Kurmann, Peter/Zotz, Thomas (Hg.), Historische Landschaft – Kunstlandschaft? Der Oberrhein im späten Mittelalter (= Vorträge und Forschungen 68), Sigmaringen 2008, S. 275-306; Jörg, Christian: Kommunikative Kontakte – Nachrichtenübermittlung – Botenstafetten. Möglichkeiten zur Effektivierung des Botenverkehrs zwischen den Reichsstädten am Rhein an der Wende zum 15. Jahrhundert, in: Günthart, Romy/Jucker, Michael (Hg.), Kommunikation im Spätmittelalter. Spielarten – Deutungen – Wahrnehmungen, Zürich 2005, S. 79-89; Ders.: Gesandte als Spezialisten. Zu den Handlungsspielräumen reichsstädti-

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che Informationswege und Beziehungsnetze wurden besonders auch im Umfeld krisenhafter Entwicklungen genutzt, verstärkt und ausgebaut. Gerade hinsichtlich der Verbreitung von – durch geistliche wie weltliche Obrigkeiten erlassenen – Geboten und Verboten zum christlich-jüdischen Zusammenleben stellen sich im christlichen wie auch im jüdischen Kontext lauffeuerartig verbreitende Mitteilungen und umfangreiche Serien an Korrespondenzen keine Seltenheit dar. Dies gilt gleichermaßen für die Weitergabe von Gerüchten, Verleumdungen und Beschuldigungen sowie von Ereignissen in deren Umfeld. Ein besonders drastisches Beispiel für derartige Vorgänge stellt die Verbreitung der fama hinsichtlich vermeintlich durch Juden vergifteter Brunnen zur Zeit des „Schwarzen Todes“ um die Mitte des 14. Jahrhunderts dar.40 Der Vorwurf, aus rituell-religiösen Beweggründen einen christlichen Knaben bis auf den Tod gequält zu haben, wurde gegen in Waldkirch ansässige Juden bezeichnenderweise im Umfeld der Osterfeiertage des Jahres 1504 ausgesprochen und somit zu einer Zeit, die Alfred Haverkamp als „Zeit religiöser Stimulierungen antijüdischer Ressentiments“ beschrieben hat.41 Der Überlie-

scher Gesandter während des späten Mittelalters, in: Ders./Jucker, Michael (Hg.), Politisches Wissen, Spezialisierung und Professionalisierung. Träger und Foren städtischer „Außenpolitik“ während des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit (= Trierer Beiträge zu den historischen Kulturwissenschaften 1), Wiesbaden 2010, S. 31-63. Vgl. etwa auch Polívka, Miroslav: Nürnberg als Nachrichtenzentrum in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: Heinmann, Heinz-Dieter (Hg.), Kommunikationspraxis und Korrespondenzwesen im Mittelalter und in der Renaissance, Paderborn u.a. 1998, S. 165-178. 40 Vgl. Haverkamp, Alfred: Die Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes im Gesellschaftsgefüge deutscher Städte, in: Ders. (Hg.), Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters 24), Stuttgart 1981, S. 27-93; Ders.: „Innerstädtische Auseinandersetzungen“ und überlokale Zusammenhänge in deutschen Städten während der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: Elze, Reinhard/Fasoli, Gina (Hg.), Stadtadel und Bürgertum in den italienischen und deutschen Städten des Spätmittelalters (= Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient 2), Berlin 1991, S. 89-126; Cluse, Christoph: Zur Chronologie der Verfolgungen zur Zeit des „Schwarzen Todes“, in: A. Haverkamp, Alfred, Geschichte (wie Anm. 7), hier: Bd. 3 (Aufsätze), S. 223-242. 41 A. Haverkamp: Judenverfolgungen (wie Anm. 40), S. 47.

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ferung zufolge soll ein in dem nahe Freiburg gelegenen Ort Benzhausen42 ansässiger Knabe namens Matthias Bader von einem Hirten tot aufgefunden worden sein.43 Der Anfangsverdacht der Obrigkeit richtete sich dabei gegen den Vater des Jungen, der zeitgleich wegen eines Diebstahls gefangengenommen worden war. Im Verlaufe des peinlichen Verhörs allerdings veränderte man gezielt die Stoßrichtung der Befragung, was zu der unter Folter erzwungenen Aussage Philipp Baders führte, dass er seinen Sohn an Juden verkauft habe. Hierbei sei allerdings lediglich die Entnahme von Blut, nicht aber die Folterung des Knaben bis auf den Tod verabredet worden.44 Der Vater bezichtigte im Verlaufe seiner Aussagen mehrere Juden. Zwischenzeitlich gab er aber an, dass er – offenbar entsprechende Zerrbilder von Juden, die Blut rituell verwendeten, vor Augen habend – dem Kind selbst das Blut entnommen hätte, um dieses Blut an Juden zu verkaufen.45 Trotz der wechselnden und widersprüchlichen Aussagen des Philipp Bader, die den zuständigen Gerichtsherren Conrad Stürzel veranlassten, die Verhöre weiterzuführen, wurden mehrere Juden in Waldkirch durch den freiherrlich-

42 Herrschaftlich war Benzhausen den Stürzel von Buchheim zugehörig. Vgl. R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 90. 43 Vgl. die in Anm. 24 angeführte Literatur. Auf die vermeintlichen Mordvorgänge selbst geht ein Gedicht ein, welches möglicherweise um 1504 von Thomas Murner verfasst wurde. Es ist daneben nicht auszuschließen, dass Johannes Eck Autor des Gedichtes gewesen sein könnte. Vgl. dazu F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 248-250 (das Gedicht ist abgedruckt auf S. 252-276). Vgl. auch einen Auszug aus Johannes Ecks Schrift Ains juden büechlins verlegung, ebd., S. 294f. Vgl. dazu Anm. 33. Zu den weiteren Vorkommnissen der Jahre 1504/05 im Umfeld der Ritualmordbeschuldigung vgl. Stadtarchiv Freiburg, A1 (Urkunden der Stadt Freiburg) XII c (Bevölkerungswesen,

Judensachen);

B2

(Urkunden-,

Zins-

und

Kopialbücher,

Repertorien) Nr. 4 (Urkundenbuch C der Stadt Freiburg i. Br. 1368-1683); B5 XI (Protokolle, Missiven) Nr. 7,1 und 7,2; B5 XIII (Protokolle, Ratsprotokolle) a 9 (Ratsbuch de annis 1504/1505); C 1 Judensachen 1A Nr. 2. Für freundliche Unterstützung bei der Archivalienbestellung danke ich Frau Christine Gutzmer (Stadtarchiv Freiburg). Vgl. zur Überlieferung auch P. Schickl: Schutz (wie Anm. 24), S. 693 Anm. 101. 44 F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 257f. 45 Vgl. zur Aussage des Vaters F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 258, v.a. V. 215-224; R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 92f.

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staufischen Schultheißen gefangen gesetzt.46 In Ermangelung entsprechender Beweise erfolgte zeitnah deren Entlassung.47 Im zeitlichen Umfeld dieser Vorgänge wurden in Freiburg zwei christliche Kriminelle wegen Diebstahls festgesetzt. Beide sagten dabei unter Folter bezüglich mehrerer Verbrechen aus. Unter anderem sollen drei Waldkircher Juden und ein Jude aus Bräunlingen diese zur Beihilfe an dem Mord an dem Knaben Matthias angestiftet haben;48 dies insofern, als die beiden Teile des dem Opfer entzogenen Blutes auftragsgemäß zu im weiteren Umland ansässigen Juden transportiert hätten.49 Solche Szenarien waren in vergleichbaren Kontexten ein häufig benutzter Topos, der erstmals im Jahre 1235 in Fulda begegnet.50 Dabei hatte Kaiser Friedrich II. derartige Verleumdungen gegen die Juden untersagt und diese als Kammerknechte ausdrücklich seinem unmittelbaren Schutz unterstellt.51 Auch im Jahre 1504 ist ein Eingreifen von Seiten des Reichsoberhauptes zu konstatieren, worauf noch zurückzukommen sein wird. Insgesamt ist festzuhalten, dass der Fuldaer Fall noch weitergehend in mehrerlei Hinsicht als „Modell“ für spätere Ritualmordanschuldigungen diente. Die vermeintlichen Handlanger, Hans Gysenbrecht und Michel Hun, jedenfalls waren als Pferdediebe, Wegelagerer und Kirchenräuber bekannt. Mit den Waldkircher Juden mögen sie tatsächlich in Kontakt gestanden haben, was grundsätzlich Verdächtigungen Nahrung geben konnte.52 Eine solche Verbindung dürfte sich freilich auf Kredit- und Handelsgeschäfte beschränkt haben, wobei nicht auszuschließen ist, dass die Juden dabei mutwillig oder unwissentlich unter anderem in Kontakt mit Hehlerware als Pfand oder Zahlungsleistung

46 Hierbei dürfte es sich auch bereits bei den ersten Festnahmevorgängen um den Waldkircher Juden Lamblin sowie dessen Söhne David und Joselin, ferner einen Juden aus Bräunlingen genannt Jäcklin gehandelt haben. Vgl. zu den Juden P. Schickl: Schutz (wie Anm. 24), S. 547; R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 100f. Vgl. auch die Urfehde Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (1504 X 30). 47 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. 48 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokumente 4 und 6). Vgl. detailliert zu möglichen Beweggründen für diese Aussage des Michel Hun bereits R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 95. 49 W. Treue: Judenprozeß (wie Anm. 1), S. 440 Anm. 12, verweist darauf, dass in diesem Zusammenhang christliche „Handlanger“ selten als Übermittler erwähnt werden. 50 Vgl. F. Lotter: Aufkommen (wie Anm. 1), S. 66. 51 Ebd. 52 G. Mentgen: Elsaß (wie Anm. 1), S. 440.

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gekommen sein könnten.53 Das erneute Vorbringen der Beschuldigungen durch die beiden Gauner jedenfalls führte in der zweiten Aprilhälfte abermals zur Arrestierung von Juden, wobei nun neben den in Waldkirch ansässigen Juden auf Betreiben der jeweils betroffenen Stadträte hin, die Judenschaft weiter Teile der Vorderen Lande gefangen genommen werden sollte. Unter den in der Folge Festgesetzten und nach Freiburg Überführten54 befanden sich der noch immer inhaftierte Kindsvater, ebenso drei von diesem beschuldigte Waldkircher Juden und Jäcklin aus Bräunlingen.55 Philipp Bader, der weiterhin angab, zumindest Mitschuld am Tod seines Sohnes zu tragen, wurde am 30. Mai 1504 hingerichtet.56 Auch Hans Gysenbrecht und Michael Hun wurden wenig später wegen Beihilfe zum Mord exekutiert.57 Neben den bereits genannten Juden waren von der zweiten Verhaftungsund Folterwelle Juden in Aach58, Bollweiler59, Ensisheim60, Stockach61 und

53 Ebd.; vgl. auch R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 95. 54 Vgl. dazu Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 10): Nikolaus Ziegler fordert, dass die Juden, welche zu Waldkirch im Gefängnis sitzen, dem Stadtrat in Freiburg ausgeliefert und vom Rat gerichtet werden. Grundsätzlich zeigte sich Ziegler zunächst deutlich aggressiver als Maximilian. In einem Schreiben an den König verspricht Ziegler jedoch, künftig nicht mehr gegen dessen Wunsch zu verfahren. Vgl. Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 8; 1504 VII 20). Vgl. A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 326f. 55 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Bräunlingen, S. 144f., hier: S. 145. Vgl. zu den Verhältnissen in Freiburg/Br. GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Freiburg im Breisgau, S. 395-398. Vgl. dazu Anm. 46. 56 R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 93. 57 Ebd., S. 97f.; P. Schickl: Von Schutz und Autonomie (wie Anm. 24), S. 548. Vgl. auch F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 265-271. 58 Im Jahre 1518 wurden die Juden zu Aach und zu Stockach erneut in Zusammenhang mit einem Ritualmordvorwurf gegenüber einem Geisinger Juden erwähnt. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Aach, S. 1. 59 Bollweiler unterstand den Freiherren von Bollweiler. Der Jude Jakob aus Bollweiler wurde in der Folge gefangen genommen. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Bollweiler, S. 135. 60 Zwei hier ansässige Juden wurden eingekerkert. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Ensisheim, S. 305f., hier: S. 305.

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Villingen62 sowie in den Reichsstädten Colmar63 und Mülhausen64 betroffen.65 Es zeigt sich hier also eine Verbreitung zunächst der fama des Ritualmords66, daran anknüpfend der Annahme einer überlokalen jüdischen Beteiligung an diesem sowie in der Folge ein Überschwappen der judenfeindlichen Handlungen auf den gesamten Bereich der Vorderen Lande einschließlich des Elsass. Besonders auffallend ist, dass sich mit Colmar und Mülhausen Reichsstädte den Verhaftungs- und Foltervorgängen anschlossen. Gerade in Colmar betrieb der Stadtrat zwischen 1501 und 1503 weitergehende Bemühungen, die Juden zu vertreiben.67 In Mülhausen – wohin ein weiterer an dem vermeintlichen Mord angeblich unmittelbar beteiligter Jude gezogen sein soll68 – sowie in Bollweiler, Colmar und Ensisheim wurden die Juden 1504 kollektiv arrestiert. Basierend auf den Aussagen von Gysenbrecht und Hun verdächtigte man sie, von den Waldkircher Juden mit Blut des vermeintlichen Ritualmordopfers beliefert worden und so zumindest Nutznießer des Verbrechens gewesen zu sein.69 In Aach, Stockach und Villingen

61 Im Jahre 1504 wurden die hiesigen Juden inhaftiert. 1518 wurden hier ansässige Juden im Zuge des Geisinger Ritualmordprozesses angeklagt. Vgl. GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Stockach, S. 1416. 62 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. Vgl. auch GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Villingen im Schwarzwald, S. 1536-1540, hier: S. 1536: 1504 wurden sämtliche männlichen Juden verhaftet. Im peinlichen Verhör hatten Gysenbrecht und Hun u.a. zwei hier ansässige Juden der Mittäterschaft an dem vermeintlichen Ritualmord bezichtigt. Vgl. ebd., S. 1538, zu der Vorladung eines Villinger Juden vor den für Villingen zuständigen Rabbiner zu Bergheim/Elsass im Jahre 1507. Dieser kam der Ladung zugunsten eines Rabbiners in Worms nicht nach, was einen jüdischen Bann zur Folge hatte. 63 Juden wurden auch hier beschuldigt und inhaftiert. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Kolmar, S. 657-663, hier: S. 659. 64 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Mülhausen, S. 894-898, hier: S. 894. 65 Vgl. auch Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (Dokument 1). Möglicherweise wurden auch Juden im elsässischen Rheinau festgesetzt. Vgl. dazu Anm. 74. 66 Im Verlaufe des Verfahrens wurden daneben weitere vermeintliche „Ritualmorde“ thematisiert. 67 Im Jahre 1510 autorisierte König Maximilian die Stadt zur Vertreibung der ansässigen Juden. Vgl. GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Kolmar, S. 657-663, hier: S. 660. 68 G. Mentgen: Elsaß (wie Anm. 1), S. 433; GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Mülhausen, S. 894-898, hier: S. 894. Vgl. auch Stadtarchiv Freiburg, C1 Judensachen 1A Nr. 2 (1504 VII 27). 69 G. Mentgen: Elsaß (wie Anm. 1), S. 433.

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verhaftete man weitere Juden.70 Auf obrigkeitlichen Erlass wurden in Colmar, Ensisheim, Stockach und Aach zudem die Besitztümer der Juden verzeichnet71, was zumindest auf eine projektierte Enteignung der Juden und möglicherweise auf weitergehende Planungen zu deren Vertreibung schließen lässt. Die Stadt Freiburg jedenfalls hatte sich verhältnismäßig rasch im Anschluss an die Nachricht von dem Auffinden der Leiche des Knaben für eine Bestrafung der an dem Mord vermeintlich beteiligten Christen und Juden sowie – unter Verweis auf von Juden generell ausgehende Gefahren und Belastungen durch Wuchergeschäfte – für die Vertreibung der Juden aus den gesamten Vorderen Landen eingesetzt. Wie insbesondere die Missiven des Freiburger Rates72 sowie weitere heute im dortigen Stadtarchiv lagernde Dokumente zeigen, schickte Freiburg Boten und Gesandte in eine Vielzahl der Städte der Vorderen Lande73, in denen Juden ansässig waren, und informierte die Räte derselben bereits ab dem 20. April 1504 über den Waldkircher Fall sowie weitere angebliche Ritualmorde und forderte die unmittelbare Verhaftung sämtlicher Juden.74 Zudem dürfte der Freiburger Rat in diesem Zusammenhang Mitschriften der unter Folter erzwungenen Aussagen von Gysenbrecht und Hun sowie einzelner Juden versandt haben, was zweifelsohne der Legitimierung eines strengen Durchgreifens dienen sollte.75 In Kontakt trat der Freiburger Rat im weiteren Verlaufe der Jahre 1504 und 1505 dabei neben den einzelnen städtischen Führungsgremien mit Freiherr Leo

70 Ebd., S. 433f. 71 R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 93. 72 Vgl. für die Jahre 1504 und 1505: Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,1 und 7,2. 73 Vgl. F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 259f., V. 262-274: [...] sie eiltend anrucks resch vnd bald, ir botten schicktents über wald und sust an andri ort vnd end reitend, lauffend vnd auch gend, bis das mans darzuo hat gebracht mit grossem ernst so tag, so nacht, das z Waltkirch vnd zu Vilingen, zu Mülhusen vnd zuo Ensißheim gefangen sind, auch zuo Kolmar all die iuden, müsssen leiden quall. Man fragt die iuden, als man solt: ir keiner nichts veriehen wolt. 74 Mit diesem Begehren waren Mülhausen, Villingen und Rheinau (im Elsass) konfrontiert worden. Vgl. GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. Vgl. für Rheinau etwa Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 1v. R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 92, führt Waldkirch, Ensisheim, Villingen, Colmar und Mülhausen an. Vgl. auch P. Schickl: Schutz und Autonomie (wie Anm. 24), S. 547. 75 Darauf deutet ein entsprechender Hinweis in einem Schreiben Mülhausens an Freiburg. Vgl. Stadtarchiv Freiburg, C1 Judensachen 1A Nr. 2.

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von Staufen76, Markgraf Christoph I. von Baden77 sowie Nikolaus Ziegler, der als königlicher Hofrat und späterer Vizekanzler Karls V. eine relevante Position im reichsweiten Gefüge einnahm und der auch in diesem Verfahren eine überaus wichtige Rolle spielte.78 Ferner wurden der Landvogt zu Ensisheim, Wilhelm I., Herr zu Rappoltstein und zu Hoheneck79 sowie Conrad Schutz, Landschreiber im Elsass80, kontaktiert. Selbst König Maximilian sollte auf Bitten der Freiburger die jeweiligen Freiburger Vorhaben unterstützen81, was er zunächst auch tat. Gerade von letzterem sind mehrere Schreiben an die Stadt Freiburg in diesen Belangen überliefert, was verdeutlicht, welche Relevanz der König dem Verfahren und den weiteren Rahmenbedingungen in dieser krisenhaften Situation zumaß.82 Auf Basis des von Freiburg initiierten Schriftverkehrs lässt sich ein auf die aktuelle Situation hin ausgerichtetes regelrechtes politisches Kommunikationsnetz nachvollziehen, innerhalb dessen bestehende Kontakte aktiviert sowie neue Verbindungen eingegangen wurden. Der in der folgenden Darstellung abgebildete „Schnappschuss“ visualisiert die Befunde einer Auswertung von Korrespondenzen christlicher Provenienz, wobei zunächst ausschließlich in ausgewähltem Archivgut des Stadtarchivs Freiburg nachweisbare Schriftkontakte im Zeitraum vom 20. April 1504 bis zum 28. Oktober 1504 vermerkt wurden.

76 Vgl. etwa Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 3); Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,1, fol. 171r. 77 Vgl. auch R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 108f. 78 Vgl. etwa Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokumente 9 und 10); Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 17v (September 1504).Vgl. auch A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 326. 79 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 5; 1504 VI 24): Wilhelm Herr zu Rappoltstein zu Hoheneck und Geroltseck an den Rat der Stadt Freiburg mit der Bitte um weitere Informationen hinsichtlich der von den Juden angeblich verübten Bluttat, do mit das übel nit ungestafft plibe. Erste Informationen waren wohl über Conrad Schutz an Wilhelm zu Rappoltstein gelangt. 80 Vgl. etwa Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 32v (im November 1504). Vgl. auch Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 13). 81 Vgl. etwa Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 2r (im Juli 1504). Vgl. für die spätere Zeit auch Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 72v-73v (1505 IV 5). 82 Vgl. Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (mehrere Dokumente).

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Abbildung 1: Schriftkontakte

Quelle: Eigene Darstellung (Legende: Nachweisbare Schriftkontakte im Zeitraum vom 20. April 1504 bis zum 28. Oktober 1504 auf Basis der Auswertung von: Stadtarchiv Freiburg, A XIIc (1504); B XI Nr. 7,1 und 7,2; C1 Judensachen 1A Nr. 2 (1504 Jul 27) ve. Gestrichelte Linien: höchstwahrscheinlich vorhandene Kontakte; ohne weitere Kennzeichnung der Beziehungsausprägung.)

Villingen reagierte, wie dem bereits am 26. April 1504 versandten Antwortschreiben an den Freiburger Magistrat zu entnehmen, mit der sofortigen Verhaftung der ansässigen Juden einschließlich eines auswärtigen, nur kurzzeitig anwesenden Juden aus Waldkirch.83 So vermeldete der Villinger Stadtrat, dass man auch hier die Juden gefengklich angenomen und in Ketten gelegt hätte. Nun warte man auf weitere Anweisungen und erhoffe sich zudem weitergehende Hinweise über die Art der Mitschuld oder aber zumindest Mitwisserschaft der

83 Dieser stellte sich als Sohn des Lameth (Lamblin) von Waldkirch heraus. Vgl. R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 93.

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Villinger Juden am Tod des Matthias Bader.84 Besagte Verhaftungen waren erfolgt, obwohl die Stadt in den Vorjahren Schutzbriefe zumindest gegenüber einzelnen Juden ausgestellt hatte, die grundsätzlich zu dieser Zeit noch Gültigkeit besaßen.85 Da die Villinger Ratsabgeordneten allerdings davon ausgingen, dass die ansässigen Juden – in welcher Form auch immer – an den Mordvorgängen beteiligt gewesen waren, galten die Schutzverträge als hinfällig und die Juden somit als Schutzlose. Sollte sich eine Mittäterschaft der Villinger Juden weitergehend belegen lassen, würde man – wie das Schreiben vage ausführt – weitere Maßnahmen im Sinne der Christenpflicht einleiten, was Folterungen und im Extremfall die Hinrichtung der Inhaftierten bedeuten konnte.86 Nicht nur in Villingen zielten die Maßnahmen der städtischen Führung darauf ab, die Juden sämtlicher obrigkeitlicher Schutzmechanismen zu berauben, was außerdem den Zugriff auf deren Besitz erleichterte und erlaubte, diese auf „legalem“ Wege zu enteignen. Dass die jeweiligen Magistrate dabei sicherlich in nicht unerheblichem Maße von Abhängigkeiten politischer und wirtschaftlicher Art ebenso wie durch ein gewisses Konkurrenzverhalten der Städte der Vorderen Lande gegenüber Freiburg beeinflusst und gelenkt wurden, ist naheliegend. Die Vorrangstellung Freiburgs – 1487 von Kaiser Friedrich III. als houptstatt ime Brisgawe bezeichnet87 – innerhalb der Vorlande und namentlich innerhalb des Breisgaus und dessen wirtschaftliche Potenz müssen noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts als erheblich bewertet werden. Freiburg war seit 1457 mit einer Universität ausgestattet, welche die urbane Zentralität der Stadt maßgeblich erhöhte.88 Schon mehrfach war sie als Vertreter der Städte zumindest des

84 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 2; 1504 IV 26). Vgl. die Antwort Freiburgs in den Missiven: Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,1, fol. 169v. 85 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Villingen im Schwarzwald, S. 1536-1540, hier: S. 1537. 86 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 2; 1504 IV 26): so wir anzegung hetten, daz unser Juden an solichem mortt schuld oder wissen gehept, wir wolten darinn als fromme cristen wie uns wolgepurte hanndeln. Vgl. bzgl. Villingens auch Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 3). 87 Schreiber, Heinrich (Hg.): Urkundenbuch der Stadt Freiburg im Breisgau. Band 2, 2. Abteilung, Freiburg/Br. 1829, S. 571. Vgl. auch D. Mertens/F. Rexroth/T. Scott: Beginn (wie Anm. 35), S. 227f. (unter Verweis auf Maximilian). 88 Vgl. Escher, Monika/Hirschmann, Frank G.: Die urbanen Zentren des hohen und späteren Mittelalters. Vergleichende Untersuchungen zu Städten und Städtelandschaften im Westen des Reiches und in Ostfrankreich (= Trierer Historische Forschungen 50), Trier 2005, S. 204-209. Vgl. aber auch Gerchow, Jan/ Schadeck, Hans: Stadtherr und Kommune. Die Stadt unter den Grafen von Freiburg, in: Haumann, Heiko/Schadeck,

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Breisgaus hervorgetreten89, wobei diese spezielle Funktion auch damit in Zusammenhang stand, dass die Innsbruck unterstehende vorderösterreichische Verwaltung mit Sitz in Ensisheim noch bis in das 16. Jahrhundert hinein nur bedingt handlungsfähig war.90 Verdichtete Städtekontakte Freiburgs sind in dieser Zeit auf lokaler und regionaler Ebene zu konstatieren sowie vor allem auf überregionaler Ebene, wo bereits traditionell enge Verbindungen nach Straßburg und Basel bestanden.91 Im Umfeld des vermeintlichen Ritualmordes initiierte die Freiburger Führung, welche sich seit 1388 aus Zunfthandwerkern92, Kaufleuten und alten patrizischen Führungsfamilien rekrutierte93, den Briefverkehr, stellte Kontakte her und versuchte auf diesem Wege, ihren Plan einer Vertreibung der Juden auch im weiteren Umland durchzusetzen. Ihre besondere Position als Zentralort und die daraus resultierenden Abhängigkeiten spielte die Stadt dabei zielbewusst aus. Indem Freiburg für die Inhaftierungen und Verhöre als zuständige gerichtliche Instanz agierte, setzte der Stadtrat zudem seinen Anspruch durch, obrigkeitliche Rechte über die Juden in den gesamten Vorderen Landen auszuüben. Dass Freiburg zunächst als Gerichts- und Verhandlungsort installiert wurde, war freilich sicherlich auch infrastrukturellen Gegebenheiten geschuldet, dennoch wurde mit dieser Zuweisung der Zuständigkeiten und Kompetenzen im Bereich der Gerichtsbarkeiten eine neue herrschaftliche Relation geschaffen, die lokale Zuständigkeiten ausblendete.94

Hans (Hg.), Von den Anfängen bis zum „Neuen Stadtrecht“ von 1520 (= Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau 1), Stuttgart 1996, S. 133-214, bes. S. 172f. 89 So im Jahre 1460 in den Auseinandersetzungen mit der Eidgenossenschaft. Vgl. D. Mertens/F. Rexroth/T. Scott: Beginn (wie Anm. 35), S. 226. 90 Bereits 1463 war allerdings eine einheitliche Verwaltung für die vier vorderen Landschaften (Elsaß, Sundgau, Breisgau, Schwarzwald) eingesetzt worden. Vgl. D. Mertens/F. Rexroth/T. Scott: Beginn (wie Anm. 35), S. 226. 91 Vgl. M. Escher/F. G. Hirschmann: Zentren (wie Anm. 88). 92 R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 109, bringt die aggressive Reaktionsweise Freiburgs in Zusammenhang mit der Dominanz von Zünften in der Stadt. Er verdeutlicht deren Relevanz am Beispiel von Prozessionsordnungen. Vgl. zu dieser Einschätzung aber D. Mertens/F. Rexroth/T. Scott: Beginn (wie Anm. 35), S. 217f., sowie weiterführend A. Haverkamp: Judenverfolgungen (wie Anm. 40) (am Beispiel der Judenverfolgungen im Umfeld des Schwarzen Todes). 93 Vgl. D. Mertens/F. Rexroth/T. Scott: Beginn (wie Anm. 35), S. 217f. 94 Generell waren Beklagte vor das für sie und die Sache zuständige Gericht zu laden (actor sequitur forum rei). In einigen wenigen Städten wurden für im Falle von durch

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Abbildung 2: Aktivitäten

Quelle: Eigene Darstellung (Die Eintragungen erfolgten auf Basis der nachweisbaren Kontaktaufnahmen und rekonstruierbaren Aktivitäten der Juden zwischen April 1504 und Juli 1504. Gestrichelte Linien: höchstwahrscheinlich vorhandene Kontakte. Rote Linien: innerchristliche Verbindungen; ohne weitere Kennzeichnung der Beziehungsausprägung.)

Christen beklagte Juden im Rahmen von Zivilstreitigkeiten paritätisch mit Juden und Christen besetzte „Judengerichte“ eingesetzt. Vgl. dazu Cluse, Christoph: Stadt und Judengemeinde in Regensburg im späten Mittelalter. Das „Judengericht“ und sein Ende, in: Ders./Haverkamp, Alfred/Yuval, Israel J. (Hg.), Jüdische Gemeinden und ihr christlicher Kontext in kulturräumlich vergleichender Betrachtung (5.-18. Jahrhundert). Internationale Konferenz an der Universität Trier, 18.-22. Oktober 1999 (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 13), Hannover 2002, S. 366-386; GeldermansJörg, Kathrin: „Als verren unser geleit get“. Aspekte christlich-jüdischer Kontakte im Hochstift Bamberg während des späten Mittelalters (= Forschungen zur Geschichte der Juden A 22), Hannover 2010, S. 190.

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Freiherr Leo von Staufen wandte sich am 27. April 1504 an den Rat der Stadt Freiburg. Er berichtete seinerseits über seinen Schriftverkehr mit Villingen und dass er den von Vilingen geschrieben und aufgetragen habe, euch zu berichten was sy by Irn Juden in der frag finden. Nun solle sich Freiburg seinerseits mit Villingen in Verbindung setzen, um das weitere Vorgehen abzustimmen.95 Die skizzierte führende Rolle Freiburgs scheint in diesem Schreiben deutlich auf: So erwähnt Freiherr Leo, dass die Villinger ohne weitere Rücksprache mit Freiburg keine Folter einleiten würden – in anderen Städten war man hingegen direkt zur Folter übergegangen. Angesichts dieser Verhaftungs- und Folterwelle dürfte auf jüdischen Beschluss hin noch vor dem 16. Juli 1504 Süßlin von Günzburg96 nach Freiburg entsandt worden sein, um die Inhaftierten auszulösen. Süßlin reiste zusammen mit einem Christen, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch dieser auf jüdische Veranlassung hin in die Mission Süßlins involviert war.97 Im Zuge seiner diesbezüglichen Bemühungen jedenfalls geriet Süßlin selbst in Gefangenschaft. Von jüdischer Seite kontaktierte man mit dem Ziel, eine Freisetzung der Glaubensgenossen zu erwirken, das Reichsoberhaupt und damit den obersten Schutzherren der Juden.98 Tatsächlich ließ König Maximilian am 16. Juli 1504 den Prozess gegen die Juden stilllegen und verbot deren Folterung; zudem befahl

95 Vgl. Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (Dokument 3). 96 Vgl. zu Süßlin (Siesslin) GJ III,1 (wie Anm. 2), Art. Günzburg, S. 478-482, hier: S. 480, wo er als „wohlhabend, der deutschen Schrift mächtig“ beschrieben wird. Süßlin zog nach 1504 nach Leipheim. Günzburg war Hauptort der Markgrafschaft Burgau und stand somit unter habsburgischer Herrschaft. Um diese Besitzungen entzündeten sich vorrangig zu Beginn des 15. Jahrhunderts Auseinandersetzungen mit den Wittelsbachern. Es ist nur bedingt wahrscheinlich ist, dass Süßlin zu jener Zeit, wie sein Herkunftsname nahelegt, tatsächlich in der Markgrafschaft Burgau wohnhaft war. 97 R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 104: In einem Schreiben des Nikolaus Ziegler an Maximilian benennt dieser den Christen als Johannes R. Dieser soll – nach Aussage Zieglers – ebenso wie Süßlin versucht haben, die gefangengesetzten Juden durch Bestechung freizukaufen. Vgl. auch F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 281f. 98 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. Weitere Beispiele für den Einsatz jüdischer Gemeinden oder von Einzelpersonen für jüdische Gemeinden, welcher diese nicht selten vor das Reichsoberhaupt führte, finden sich bei M. Toch: Rahmenbedingungen (wie Anm. 3), S. 42 und Anm. 180f.

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er die Freisetzung des Süßlin.99 Um die Sachlage zu klären, hatte er allerdings bereits nach dem Ablegen der Aussagen von Bader und Gysenbrecht eine Untersuchungskommission einberufen, der neben Amtleuten aus dem unmittelbaren königlichen Umfeld Juristen der Universität Freiburg angehörten – deren Ermittlungen sollten mit königlicher Billigung peinliche Verhöre von Juden mit dem Ziel der Wahrheitsfindung nicht ausschließen.100 Jedenfalls sollte es noch bis Ende Oktober (1504 X 28) dauern, bis auf Druck des Conrad Schutz, Hof- und Landschreiber im Elsass, die Überführung sämtlicher gefangener Juden zunächst nach Ensisheim erfolgte.101 Zuvor wurden jene auf die Ablegung eines Urfehdeschwurs verpflichtet.102 Auch über die Korrespondenzen in diesen Angelegenheiten informieren die Bestände des Freiburger Stadtarchivs. Die Juden sollten also noch nach dem königlichen Erlass mehrere Monate in Haft verbringen. Nach dem Juli 1504 dürfte ein weiterer durch Freiburg reisender Günzburger Juden namens Nelius verhaftet worden sein.103 In einem

99

Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 7; 1504 VII 16) Vgl. auch R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 103f.; A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 327; P. Schickl: Schutz (wie Anm. 24), S. 548 und Anm. 109.

100 Vgl. Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 1). Mitglieder der Kommission waren u.a. die Adeligen Christoph von Hatstat und Hanns Ymber von Gilgenberg sowie die beiden Juristen Johann Schad und Andreas Helmuet. Ferner agierten Nikolaus Ziegler und weitere königliche Funktionsträger sowie Angehörige der Freiburger Universität im Umfeld des Gremiums. Vgl. detailliert auch R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 97; sowie A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 327. 101 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 13; 1504 X 28). Vgl. auch Lewin, Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 328; R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 102f. Vgl. weiterführend zu den Zuständigkeiten ebd., S. 104f. 102 Vgl. die Urfehde des Süßlin: Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (1504 IX 4), sowie die Urfehde von Lamblin und weiteren Juden: Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc (1504 X 30). Vgl. auch A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 327-329; P. Schickl: Schutz (wie Anm. 24), S. 548. Auch das Urfehdebuch der Stadt Freiburg/Br. geht auf die Ereignisse im Umfeld des vermeintlichen Ritualmordes ein. Vgl. Aumüller, Michael: Delinquenz im spätmittelalterlichen Freiburg. Untersuchungen anhand des sogenannten Urfehdbuches. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Freiburg 2003, unter Bezugnahme auf einen undatierten Eintrag auf fol. 97v des Urfehdebuches. Herr Aumüller hat die entsprechenden Passagen seiner Arbeit dem Arye Maimon-Institut für Geschichte der Juden an der Universität Trier zur Verfügung gestellt, wofür ihm recht herzlich gedankt sei. 103 R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 101f., 106 und Anm. 69.

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Antwortschreiben baten Bürgermeister und Rat zu Mülhausen außerdem am 27. Juli 1504 den Rat der Stadt Freiburg um weitere Informationen über die dort in der Folge der Verhaftungen angewandten Verfahren. Über peinliche Befragungen und Planungen, die Beschuldigten zu verbrennen, waren sie bereits durch städtische Boten informiert worden. Die Mülhauser würden sich in allen Punkten dem Vorgehen der Freiburger anschließen. So ersuchte Mülhausen den Freiburger Rat, mit ganntzem fliß unns by disem unnserm botten souil möglich zu berichten104. Erst im April 1505 erfolgte die endgültige Entlassung der Juden aus der Haft105 – die Umsetzung der königlichen Anordnung nahm demnach deutlich mehr Zeit in Anspruch als die direkte Kommunikation zwischen den Städten und den weiteren beteiligten Personen, die zur Verhaftung der Juden geführt hatte. Freilich ist zu bedenken, dass die königliche Kommission vorrangig aufgrund des Landshuter Erbfolgekrieges 1504/05 zeitweise handlungsunfähig war, worauf Maximilian selbst in einem Schreiben an die Stadt Freiburg hinwies.106 Nach erfolgter Freisetzung der Juden sprachen Bürgermeister und Rat der Stadt Freiburg gegenüber Maximilian ihren Unmut darüber aus, dass die Juden nicht der Vorderen Lande verwiesen worden waren. Zudem hielten sie an ihrer Forderung fest, diese zumindest aus dem Breisgau zu vertreiben.107 Eine Reaktion Maximilians auf diese anhaltende und nachdrückliche Agitation ist nicht überliefert. Allerdings hatte er trotz seines Einsatzes zugunsten der Juden hin-

104 Vgl. Stadtarchiv Freiburg, C1 Judensachen 1A Nr. 2 (1504 VII 27). Den eigenen Boten als Übermittler auch der Antwort heranzuziehen, stellt ein gerade in Situationen erhöhten Zeitdrucks übliches Verfahren der urbanen Nachrichtenübermittlung dar. Vgl. dazu weiterführend C. Jörg: Kontakte (wie Anm. 39). Vgl. auch Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 4v (Antwort Freiburgs an Mülhausen im Juli 1504 auf deren Bemühen hin, Details in Erfahrung zu bringen). 105 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. Zwei Colmarer Juden waren bereits Ende des Jahres 1504 mangels Beweisen aus der Haft entlassen worden. Vgl. G. Mentgen: Elsaß (wie Anm. 1), S. 226f. 106 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 12; 1504 IX 23): [...] unnd nach dem der verordenung Commissari der kriegsleuft halben so ytz in unnseren vordern Lannden gewesen, in der sachen nichts handeln mugen. Vgl. auch A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 328. 107 Stadtarchiv Freiburg, B5 XI Nr. 7,2, fol. 72v-73v (1505 IV 5); P. Schickl: Schutz und Autonomie (wie Anm. 24), S. 548; A. Lewin: Blutbeschuldigung (wie Anm. 24), S. 329; R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 108f. (hier auch zu einem ähnlichen Schreiben, welches an den Markgrafen von Baden gerichtet war). Vgl. auch (mit fehlerhafter Datierung) F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 277.

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sichtlich ihrer Entlassung Ende des Jahres 1504 festgesetzt, dass die finanziellen Auslagen der Stadt Freiburg in diesen Angelegenheiten durch die Judenschaft der elsässischen Vorlande beglichen werden sollten.108 Zu Beginn des Jahres 1505 sind Auseinandersetzungen zwischen in Waldkirch, Villingen und Colmar ansässigen Juden belegt, die möglicherweise in Zusammenhang mit den skizzierten Vorkommnissen im Umfeld der Ritualmordklage gestanden haben mögen. Jedenfalls sollte bei deren Bereinigung auf Bitten der Ensisheimer Verwaltung der Rabbiner zu Frankfurt als Vermittlungsinstanz tätig werden, wie das Bürgermeisterbuch der Stadt Frankfurt belegt (1505 I 9).109 Dabei dürfte es sich um Israel (Strale) von Rheinbach gehandelt haben, der ab dem Jahr 1499 bis zum seinem Tode 1506 in Frankfurt als Hochmeister agierte.110 Jüdische Schiedsrichter wurden in der Regel in Übereinstimmung der beteiligten Streitparteien angegangen, im vorliegenden Fall allerdings – und dies ist durchaus ungewöhnlich, wenn auch nicht singulär – auf Weisung der christlichen Herrschaft.111 Jedenfalls war in diesem Fall zunächst der Frankfurter Stadtrat durch Statthalter und Räte im Oberelsass angegangen worden, wobei Absprachen hinsichtlich der weiteren Vorgehensweise erfolgten. Dies legt die Annahme nahe, dass tiefergehende Verbindungslinien zwischen den christlichen Herrschaftsträgern in den Städten Ensisheim und Frankfurt be-

108 So das Schreiben des Conrat Schutz: Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 13; 1504 X 28). Vgl. auch F. Pfaff: Kindermorde (wie Anm. 24), S. 290. 109 D. Andernacht: Regesten (wie Anm. 37), Band 1/3, Nr. 3388, S. 877: „Statthalter und Räte im Oberelsass bitten [den Frankfurter Rat], dem Frankfurter Rabbiner zu gestatten, etlichen Juden zu Waldkirch, Villach und Colmar, die im Streit liegen, zu Recht zu verhelfen (Bürgermeisterbuch 1504, fol. 90v)“. Vgl. auch G. Mentgen: Elsaß (wie Anm. 1), S. 118, 227; GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Vorderösterreich, S. 2045-2049, hier: S. 2046. 110 Vgl. Dietz, Alexander: Stammbuch der Frankfurter Juden: Geschichtliche Mitteilungen über die Frankfurter jüdischen Familien von 1349-1849. Nebst einem Plane der Judengasse, St. Goar 1907, S. 387. Für diesen Hinweis danke ich meinem Trierer Kollegen David Schnur. 111 Innerjüdische Schiedsgerichte konnten insbesondere hinsichtlich ihrer personellen Zusammensetzung variieren. Der Beschluss des Schiedsrichters galt davon unbenommen grundsätzlich als bindend und konnte nicht angefochten werden. So war im jüdischen wie auch im christlichen Kontext das Versprechen, den Spruch des Schiedsrichters anzuerkennen, zumeist durch Eid oder Vertragsstrafe gesichert. Vgl. dazu etwa für Speyer Koch, Adolf/Wille, Jakob: Regesten der Pfalzgrafen am Rhein 1214-1508, Bd. 1: 1214-1400, Innsbruck 1894, Nr. 5157, S. 308.

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standen. Möglicherweise auch war der Kontakt über Freiburg vermittelt worden. Es kann außerdem nicht ausgeschlossen werden, dass die Ensisheimer den Frankfurter Rabbiner nach Rücksprache mit den betroffenen jüdischen Gemeinschaften in Waldkirch, Villingen und Colmar wählten. Zudem ist möglich, dass der Rabbiner in Frankfurt seinerseits Kontakte zur Ensisheimer Verwaltung pflegte. Dass die christliche Herrschaft – hierbei ist freilich auch König Maximilian zu erwähnen – ein Interesse an der Eindämmung von Auseinandersetzungen innerhalb jüdischer Gemeinschaften aufwies, mag neben finanziellen Erwägungen mit dem Bestreben (urbaner) Friedenswahrung in Zusammenhang gestanden haben. Mit Blick auf die skizzierten Vorgänge im Umfeld des vermeintlichen Ritualmorddeliktes ist beachtenswert, dass – zumindest soweit aus der überlieferten Korrespondenz ersichtlich – gegensätzlich zu dem bezüglich der Brunnenvergiftungsgerüchte zur Pestzeit untersuchten Briefverkehr, der ein verhältnismäßig breites Spektrum an Reaktionen aufzeigt112, sämtliche involvierten Stadträte gegenüber der Nachricht von einem durch Juden zu verantwortenden Ritualmord keinerlei Vorbehalte vorbrachten.113 Ob dies freilich in den andersgearteten Vorwürfen, den allgemeinen Konstellationen im Reichsgebiet oder aber in den spezifischen lokalen und regionalen Rahmenbedingungen begründet liegt, müsste im Einzelfall untersucht werden.

3. L OKALE UND ÜBERÖRTLICHE N ETZWERKE V ERBINDUNGSLINIEN

UND

3.1 Allgemeine Überlegungen

Die in den Vorderen Landen anlässlich des Auffindens der Kindsleiche zu Beginn des 16. Jahrhunderts aufscheinenden christlichen, christlich-jüdischen und innerjüdischen Verbindungslinien und Netzwerke müssen auch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass zu dieser Zeit lediglich noch eine begrenzte Anzahl jüdischer Ansiedlungen existierte, die zudem nicht selten als Klein- und Kleinstgemeinden eine nur geringe Anzahl an ansässigen Personen aufwiesen. Nach den von König Wenzel in den Jahren 1380/85 initiierten sogenannten Ju-

112 Vgl. Anm. 40. 113 Auch innerhalb der weiteren Bevölkerung soll – zumindest den Angaben Zieglers zufolge – eine deutlich antijüdische Stimmung vorgelegen haben. Vgl. R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 102f.

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denschuldentilgungen114 sind im Verlaufe des 15. Jahrhunderts weitere Zugriffe von Seiten des Reichsoberhauptes auf die jüdische Finanzkraft zu konstatieren, die sich vorrangig in der Forderung außerordentlicher Steuern niederschlugen.115 Infolge der bereits erwähnten Verdichtung exkludierender Tendenzen gegenüber Juden im Umfeld verschiedenartiger Krisenerscheinungen im Verlaufe des 15. Jahrhunderts wurden gerade gegen Ende des Jahrhunderts eine Vielzahl der nach den Verfolgungen im Umfeld des Schwarzen Todes wieder aufgebauten oder neu etablierten Netzwerke und Verbindungslinien der Juden durch lokale und überörtliche Vertreibungsmaßnahmen zerstört oder aber zumindest erheblichen Belastungsproben ausgesetzt. Die jeweiligen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Konstellationen und Rahmenbedingungen förderten darüber hinaus Bemühungen der Schutzherren und Herrschaftsträger, die Juden zu instrumentalisieren. 3.2 Akteure und Beziehungslinien

Das Auffinden der Kindsleiche in zeitlicher Nähe zu den Osterfeiertagen des Jahres 1504 löste die beschriebenen Vorkommnisse und damit einhergehenden Konstellationsbildungen aus. Dabei wurden bestehende Kontakte – wie etwa zwischen den Stadtgemeinden der Vorderen Lande – aktiviert, neue Verbindungslinien ad hoc geschaffen oder aber Kontakte (gezwungenermaßen) abgebrochen und eingestellt. Solches lässt sich auf christlicher und jüdischer Seite sowie im christlich-jüdischen Bereich aufzeigen. Für das im Zentrum unserer Untersuchung stehende Akteursset116 erwiesen sich insbesondere die im Folgenden zu benennenden Relationen117 als hand-

114 Vgl. Hruza, Karel: Anno domini 1385 do burden die iuden [...] gevangen. Die vorweggenommene Wirkung skandalöser Urkunden König Wenzels (IV.), in: Ders./Herold, Paul (Hg.), Wege zur Urkunde. Wege der Urkunde. Wege der Forschung. Beiträge zur europäischen Diplomatik des Mittelalters (= Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii 24), Wien u.a. 2007, S. 117-167; Süßmann, Arthur: Die Judenschuldentilgungen unter König Wenzel (= Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft und des Judentums 2), Berlin 1907. 115 Vgl. GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Steuern und Abgaben, S. 2208-2281; Isenmann, Eberhard: Reichsfinanzen und Reichssteuern im 15. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Historische Forschung 7 (1980), S. 1-76 und S. 129-218. 116 Vgl. zum nominalistischen Ansatz, bei welchem der Forscher aufgrund seines spezifischen Interesses entscheidet, wer dem Netzwerk aufgrund eines bestimmten

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lungsrelevant, indem diese ein Grundgerüst generierten und bereitstellten, auf dem die anlässlich des Mordprozesses aktivierten Kontakte aufbauen konnten: herrschaftliche Beziehungen (etwa um Schutz und Steuer; gerichtliche Zugehörigkeiten), wirtschaftlich-ökonomische Beziehungen (Ressourcenaustausch), kultisch-kulturelle/„religiöse“ Beziehungen und kommunikative Beziehungen (Informationsaustausch). Die Trennungslinien zwischen den einzelnen Beziehungstypen sind dabei naturgemäß nicht in jedem Fall scharf zu ziehen. Auszugehen ist vielmehr von einem komplexen Geflecht sich vielfach überlagernder Relationen und Faktorenbündel, die in ihrer Gesamtheit die Verhaltensweisen bestimmten oder aber zumindest beeinflussten. Insbesondere erscheinen die kommunikativen Beziehungen als Ausgangspunkt für jeden oder aber zumindest Bestandteil jedes weiteren Relationstyps. In unserem Falle sollen darüber hinausgehend jene Verbindungslinien thematisiert werden, die ausschließlich auf der Basis von Gerüchten, Verleumdungen oder aber von unter Folter erzwungenen Aussagen – die sich ihrerseits bebevorzugt an der umlaufenden fama orientierten – konstruiert wurden. Derartige Pseudo-Relationen könnten als fiktive Beziehungen bezeichnet werden. Auf einer vergleichbaren Ebene wäre zu verorten, dass faktisch bestehende Verbindungen hinsichtlich ihrer „Qualität“ beziehungsweise ihres Inhaltes im „Sinne der Anklage“ umgedeutet beziehungsweise negativ ausgedeutet werden konnten, was eine Veränderung der Relationsinhalte mit sich brachte. Grundsätzlich erweisen sich „Qualitäten“ einer Beziehung als veränderbar, wie das folgende Beispiel verdeutlichen soll: Kontakte geschäftlicher Art, die der jüdischen Familie in Waldkirch erlaubten, in finanzieller Hinsicht zu überleben, bestanden zu den hier ansässigen Christen ebenso wie zu jenen im benachbarten Freiburg.118 Dieser ökonomische Verbindungsstrang war für die Juden überlebensnotwendig und ist daher zunächst als für diese positiv zu bewerten. Freilich sind insbesondere im Umfeld von Geschäftsbeziehungen Auseinandersetzungen und Streitigkeiten nicht auszuschließen – sei es, wegen ausstehender Geldbeträge, vermeintlicher Übervorteilung oder weitergehender Betrugsvorwürfe. Gerade bei Pfandleihgeschäften bestand die Gefahr, Kontakt zu solchen

Merkmals zugehört, wobei sich die Netzwerkakteure nicht als Gruppe empfinden müssen, Jansen, Dorothea: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele, Berlin 2006 (3., überarb. Aufl.), S. 70f. Vgl. auch Hollstein, Betina/Straus, Florian: Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen, Wiesbaden 2006. 117 D. Jansen: Netzwerkanalyse (wie Anm. 116), S. 58. 118 GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551.

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Personen einzugehen, die sich in der Folge als Gauner oder Diebe erwiesen. Ein für die Juden per se förderlicher, da überlebensnotwendiger Geschäftskontakt konnte sich also potentiell ins Negative verkehren: Im Falle von Hehlereigeschäften konnten sich Juden durch die – absichtsvolle oder unwissentliche – Annahme von Diebesgut (bona/mala fide) zumindest in Verruf bringen oder auch mitschuldig machen. Zudem boten derartige Kontakte – wie in unserem Fall das Beispiel der Herren Gysenbrecht und Hun nahelegt – Gerüchten und Verleumdungen einen Nährboden. Solche gleichsam ambivalenten Verbindungen ließen sich in mehrerlei Zusammenhängen aufzeigen. Strenggenommen wäre für jede der benannten Beziehungstypen ein eigenes Netzwerk mit einem speziellen Set von Fragen zu erheben.119 Zudem wäre es wünschenswert, jede der benannten Relationen hinsichtlich ihres Inhaltes120, ihrer Intensität121 und ihrer Form122 zu unterscheiden und kenntlich zu machen, was allerdings allein aufgrund der zur Verfügung stehenden Daten nicht zu leisten ist. Auch können in unserem Falle insbesondere die Relationsintensitäten ausschließlich dichotom erhoben und somit überprüft werden, ob eine Beziehung grundsätzlich bestand oder nicht existierte. Unter Zugrundelegung einer freilich schematischen und vereinfachten Rollenzuschreibung sind unter den Akteuren zunächst vier Personengruppen zu unterscheiden, die wiederum in sich zu differenzieren wären: Die christlichen Autoritäten beziehungsweise deren Funktionsträger123; die gefangen gesetzten

119 D. Jansen: Netzwerkanalyse (wie Anm. 116), S. 58f., 71-75 (zu Methoden der Netzwerkabgrenzung). 120 Ebd., S. 59, mit einer Klassifikation von Relationsinhalten. 121 Vgl. zur Unterscheidung von strong und weak ties etwa ebd., S. 27f. 122 Ebd., S. 59, 75. 123 Dazu gehören der Rat der Stadt Freiburg sowie die dortige Universität; die Stadträte der weiteren beteiligten Städte; die Freiherren von Staufen, die als Landesherren in Waldkirch agierten, sowie deren Funktionsträger der Schultheiß. Ferner zu nennen ist Konrad Stürzel, Gerichtsherr zu Buchheim und somit zuständig für die Belange innerhalb Benzhausens, welches herrschaftlich Buchheim zugehörte. Zu erwähnen sind zudem Conrad Schutz, Hof- und Landschreiber im Elsass; die vorderösterreichische Verwaltung in Ensisheim und hierbei insbesondere der dortige Landvogt (Wilhelm I., Herr zu Rappoltstein und zu Hoheneck, 1484-1507); König Maximilian I. und Nikolaus Ziegler; die Markgrafen von Baden, die mit Sulzburg südlich Freiburgs ihrerseits Besitzungen im Breisgau hatten, in denen allerdings im Untersuchungszeitraum keine Juden ansässig waren. Abschließend ist die durch Maximilian eingesetzte Untersuchungskommission anzuführen. Vgl. zu Konrad Stürzel, der bis

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Christen, die in der Folge ihrer unter Folter erzwungenen Aussagen selbst zu Beklagten innerhalb des Mordfalls und letztlich hingerichtet wurden; die Juden in den habsburgischen Gebieten in Sund-, Breisgau und Elsass sowie in einigen Reichsstädten und die auf jüdischer Seite als Schlichtungsinstanzen und Mediatoren Eingesetzten, Süßlin von Günzburg sowie der Frankfurter Rabbiner Israel von Rheinbach. Sowohl zwischen diesen „Gruppen“ 124 als auch zwischen den einzelnen Akteuren sind aufs Ganze gesehen Beziehungslinien verschiedener „Qualitäten“ auszumachen. Im Falle einer Bündelung allein der betrachteten fünf Relationstypen des gesamten Akteurssets innerhalb einer Darstellung, würde sich diese zunächst als wenig erhellend erweisen. Eine grafische Umsetzung wäre ohnehin insofern problematisch, als eine solche Darstellung ausschließlich den Informations- und Wissensstand, den die Quellen erlauben, abbilden kann und dies zudem in sehr vereinfachter Form. Im Folgenden sollen die bereits aufgezeigten rekonstruierbaren innerjüdischen Verbindungslinien und das auf dieser Basis nachzeichenbare Netzwerk etwas eingehender behandelt werden. 3.3 Beispiel: Innerjüdische Verbindungslinien

Obzwar unser Augenmerk auf der Zeit nach dem Auffinden der Leiche liegt, sind Überlegungen zu darüber hinausweisenden, gleichsam grundlegenden Relationen der Netzwerkakteure voranzustellen. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass auch im vorliegenden Fall anlässlich der durch den Mord markierten „Umbruchsituation“ bestehende Verbindungslinien reaktiviert beziehungsweise unter neuen Vorzeichen weitergeführt wurden. Wie bereits dargelegt wurde, waren jüdische Gemeinschaften in der Diaspora insbesondere in der Spätzeit des Siedelns nahezu zwangsläufig in hohem Maße untereinander vernetzt, um wirtschaftlich-ökonomische, kommunikative sowie insbesondere kultisch-kulturelle Bedürfnisse befriedigen zu können. Was Beziehungslinien der Waldkircher Juden in das weitere Umland angeht, so kann nur vermutet werden, dass bereits vor 1504 zumindest kommunikative Kontakte oder aber – etwa über jüdische Schüler – darüber hinausgehende Konnexe zu den weiteren jüdischen Niederlassungen in den Vorderen Landen bestanden. Ferner ist davon auszugehen, dass überörtliche Organisationsformen in Form von Friedhofs-, Gerichts- und Steuerbezirken existierten. Dass solche

1500 königlicher Kanzler war, Mertens, Dieter: Konrad Stürtzel, in: Freiburger Universitätsblätter 137 (1997), S. 45-48. 124 Vgl. zu den „Gruppierungen“ (mit anderer Schwerpunktsetzung) R. Hsia: Myth (wie Anm. 24), S. 90.

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„Landesjudenschaften“125 obrigkeitliche und innerjüdische Bedürfnisse und Ansprüche bedienten, ist für mehrere Territorien auch bereits für die mittelalterlichen Jahrhunderte aufgezeigt worden.126 Diesbezügliche Hinweise auf überörtliche Organisationsformen zumindest der Juden im Sundgau liefert für das Jahr 1396 die Durchführung einer kollektiven Steuererhebung.127 Zudem umfasste der Kompetenzbereich des im sundgauischen Bergheim ansässigen „Landesrabbiners“ spätestens 1507/08 das gesamte Vorderösterreich.128 Hinsichtlich der in den rechtsrheinischen Gebieten der Habsburger ansässigen Juden lässt ein Kollektivprivileg überlokale Organisationsformen im Jahre 1446 vermuten.129 Dass die Juden in den Vorderen Landen vor dem Hintergrund der Vorgänge des Jahres 1504 solche Verbindungslinien aktivierten und ausbauten sowie punktuell neue Kontakte suchten und eingingen, zeigt sich etwa in der Entsendung des Süßlin von Günzburg zur Klärung der Sachlage nach Freiburg. Ein solches Vorgehen setzte vorangehende interne Absprachen voraus. Hierbei dürften jeweils Abgeordnete der einzelnen jüdischen Niederlassungen miteinander in Kontakt getreten sein und auf diese Weise eine Vertretung der in den Vorderen Landen ansässigen Juden gebildet haben, die gleichsam als ein Vorstehergremium (Parnassim) agierten. Es kann hierbei nicht ausgeschlossen werden – und es erscheint vor dem Hintergrund weiterer Studien zu vergleichbaren Funktionsträgern als durchaus plausibel130 –, dass Süßlin seinerseits Kontakte zu den christlichen Herrschaftsträgern in Freiburg pflegte und sich daher in besonderer Weise als Mediator anbot. Abgeordnete der Judenschaft oder aber möglicherweise auch das benannte Vorstehergremium wandten sich hilfesuchend an König Maximili-

125 Dieser Begriff wird vorrangig mit Blick auf die Frühe Neuzeit verwendet. Vgl. etwa Staudinger, Barbara: Die niederösterreichische „Landjudenschaft“. Innerjüdische Organisationsformen im regionalen Vergleich, in: Kießling, Rolf et al. (Hg.), Räume und Wege. Jüdische Geschichte im Alten Reich 1300-1800 (= Colloquia Augustana 25), Berlin 2007, S. 145-167, hier: S. 152. 126 Vgl. für das Hochstift Bamberg K. Geldermans-Jörg: Aspekte (wie Anm. 94). 127 GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Sundgau und Landgrafschaft Oberelsaß, S. 2027-2030, hier: S. 2027: Überregionale Kontakte bestanden zudem in die übrigen elsässischen Territorien und nach Lothringen. Vor 1476 waren die Juden im Sundgau in einem überregionalen Verband mit den Juden der Landvogtei Elsass und des Herzogtums Lothringen verbunden. 128 GJ III,3 (wie Anm. 2), Art. Vorderösterreich, S. 2045-2049, hier: S. 2046. 129 Ebd. 130 Vgl. für den fränkischen Raum K. Geldermans-Jörg: Aspekte (wie Anm. 94).

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an beziehungsweise an diesen als habsburgischen Herren der Vorlande. So wurden von jüdischer Seite diplomatische Wege beschritten, die im Vorfeld interne Absprachen und somit zumindest schriftliche Kontakte voraussetzten. Ein weiterer Hinweis auf ein überörtliches Netzwerk der Juden in den Vorderen Landen scheint innerhalb des Schriftgutes christlicher Provenienz auf: So sollte für die Unkosten, die der Stadt Freiburg durch die Gerichtsverfahren und Arrestierungsmaßnahmen entstanden waren, gemäß königlichem Erlass die Judenschaft der elsässischen Vorlande – d. h. die Juden in Ensisheim, Mülhausen, Bollweiler und Colmar – aufkommen.131 Die Realisierbarkeit eines solchen Vorhabens setzte wiederum eine innere Vernetzung der Juden der elsässischen Vorlande voraus. Entsprechende innerjüdische strukturelle Voraussetzungen dürften auf christlicher Seite bekannt gewesen sein. Auch andernorts wurden innerjüdische Organisationsformen gezielt für obrigkeitliche bzw. landesherrliche Verwaltungsvorgänge nutzbar gemacht.132 Weitergehende Verbindungslinien (zumindest auf kultisch-kultureller Ebene) dürften zwischen der Judenschaft der Vorderen Lande und der Judengemeinde in der Reichstadt Frankfurt am Main bestanden haben. Dies legt zumindest die Tatsache nahe, dass infolge der zum Jahresbeginn 1505 bezeugten Auseinandersetzungen zwischen den Juden in Colmar, Villingen und Waldkirch – wenn auch infolge christlicher Bemühungen – der Frankfurter Rabbiner Israel von Rheinbach als Schiedsrichter hinzugezogen wurde.133 Wie dargelegt, führte die zweite Welle der Beschuldigungen zur Verhaftung der Juden in weiten Teilen der Vorderen Lande sowie in mehreren Reichsstädten. Man unterstellte den Juden kollektive Schuld und Täter- oder aber zumindest Mitwisserschaft an dem vermeintlichen Ritualmord und ging somit von einer internen Vernetzung der in den Vorderen Landen ansässigen Juden aus – zumindest gab man dies vor, um eine derart kollektive Strafmaßnahme zu

131 Stadtarchiv Freiburg, A1 XIIc 1504 (Dokument 13; 1504 X 28); GJ III,2 (wie Anm. 2), Art. Waldkirch, S. 1550-1552, hier: S. 1551. 132 Vgl. am Beispiel des Erzstiftes Trier Burgard, Friedhelm: „Familia archiepiscopi“. Studien zu den geistlichen Funktionsträgern Erzbischof Balduins von Luxemburg (1307-1354) (= Trierer Historische Forschungen 19), Trier 1991; Haverkamp, Alfred: Erzbischof Balduin und die Juden, in: Mötsch, Johannes/Heyen, Franz-Josef (Hg.), Balduin von Luxemburg. Erzbischof von Trier – Kurfürst des Reiches 1285-1354. Festschrift aus Anlaß des 700. Geburtsjahres (= Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 53), Mainz 1985, S. 437-483. Vgl. für den fränkischen Raum K. Geldermans-Jörg: Aspekte (wie Anm. 94). 133 Vgl. dazu bereits oben.

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rechtfertigen. Grundlage für diesen „Generalverdacht“ lieferten demzufolge keine nachweisbaren Verbindungslinien oder Handlungen Einzelner, sondern es fand eine pauschale Stigmatisierung vor dem Hintergrund der entsprechenden Interessenlage statt. De facto bestehende Kontakte zwischen den Juden der Vorderen Lande wurden anlässlich des Kindsmords negativ besetzt, indem die Relationsinhalte und „-qualitäten“ umgedeutet wurden.134 Die Grenzen innerjüdischer Verbrechensorganisation sollten aus christlicher Sicht hierbei weitgehend deckungsgleich mit den herrschaftlichen Grenzen der christlichen Territorien sein.

4. Z USAMMENSCHAU Gerade für die spätmittelalterlichen Jahrhunderte sind mannigfaltige Versuche verschiedener Akteure nachzuweisen, Juden innerhalb der vielfach differenzierten Beziehungs- und Interessensfelder zu instrumentalisieren. Dass Letztere dabei einen überaus aktiven und eigenständigen Part einnahmen, zeigte sich bereits anhand des Waldkircher Falls. So bemühten sich die Juden, ihre Kontakte und Beziehungsnetze zu Obrigkeiten verschiedenster Art einzusetzen und zu nutzen, um ihren Schutz zu gewährleisten. Es zeigt sich, dass Verbindungstypen nicht in allen Fällen streng voneinander abgrenzbar sind, sondern, dass sich Relationsinhalte überschneiden, gegenseitig bedingen und beeinflussen konnten und auf diese Weise „Kanten“135 durchaus doppelt oder mehrfach besetzt sein konnten. Gleiches ist hinsichtlich der Veränderbarkeit von „Qualitäten“ einer Relation in der Zeit festzuhalten. So können Beziehungen sich als zunächst positiv und fördernd darstellen, in der Folge aber durchaus negativ oder belastend werden. Als Besonderheit wären solche Netzwerke zu vermerken, die Relationen verzeichnen, die ausschließlich auf Gerüchten basieren und die somit fiktive Verbindungslinien abbilden. Ferner konnten tatsächlich bestehende Kontakte in der Außenschau von Dritten umgedeutet werden und somit einen neuen Relationsinhalt erhalten. Innerhalb der infolge des Auffindens der Kindsleiche nachzeichenbaren Beziehungslinien lassen sich verschiedene Arten und Ebenen von Kontakten ausmachen, die nebeneinander bestanden oder sich (partiell) überlagerten: neben

134 Ein Jude siedelte von Waldkirch nach Mülhausen über. Er soll aus Sicht der beteiligten Stadträte an dem Verbrechen unmittelbar beteiligt gewesen sein. Der Ortswechsel wurde demzufolge hinsichtlich der Motivation im Sinne der Anklage ausgedeutet und auf diese Weise eine Legitimation für die Arrestierung des Juden geschaffen. 135 D. Jansen: Netzwerkanalyse (wie Anm. 116), S. 58.

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den ad hoc entstehenden „Netzwerken“ stehen über längere Zeit gewachsene, die sich durchaus als hinreichend flexibel erwiesen, um der aktuellen Situation angepasst zu werden. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt innerhalb des Untersuchungszeitraumes, der etwa ein Jahr umfasst, man einen „Schnappschuss“ ansetzt, zeigen sich verschiedene Ausbildungen und Formen von Netzwerken. Diese variieren freilich auch je nach dem untersuchten Relationstyp. Um einen längeren zeitlichen Abschnitt beschreiben zu können, muss man also von im Zeitverlauf in hohem Maße dynamischen Konstellationen innerhalb der Netzwerke ausgehen, wobei das Akteursset in weiten Teilen identisch bleibt.

Die digitale Visualisierung von Netzwerken in der Geschichtswissenschaft Das Projekt Gunpowder Plot J OHANNES D ILLINGER

Dieser Aufsatz berichtet über das bereits abgeschlossene Projekt Gunpowder Plot. Das Projekt erprobte die Möglichkeiten, die das Computerprogramm VennMaker bei der Darstellung und Vermittlung von Informationen zu historischen Netzwerken bietet. Es ging darum, digital erstellte Grafiken zu benutzen, um Strukturen und Funktionen von Netzwerken darzustellen. Als Beispiel für ein historisches Netzwerk wurde der Gunpowder Plot gewählt, eine Verschwörung zu einem Sprengstoffattentat auf Jakob I. von England. Ausgehend von diesem Beispiel sollen die Chancen und Probleme dieser digital erstellten Visualisierung von Netzwerken erläutert werden. Abschließend werden einige Vorschläge für die weitere Nutzung des Programms gemacht. Das Projekt Gunpowder Plot gehörte zum Teilbereich „Religiöse Differenz und soziale Netzwerke“ des Forschungsclusters und verstand sich als Pilotuntersuchung. Es sollte prüfen, inwieweit das Computerprogramm VennMaker dazu geeignet ist, komplexe Personenbeziehungen aus der Geschichte darzustellen. VennMaker ist in einem Kooperationsprojekt in Trier entstanden und wird hier fortentwickelt. Aus der Projektarbeit wurden Vorschläge für die weitere Entwicklung des Programms erarbeitet. Die Leistung des Programms besteht im Wesentlichen darin, Beziehungen innerhalb von Netzwerken und die Eigenschaften der Akteure innerhalb des Netzwerks grafisch darzustellen. Die historische Recherche- und Interpretationsarbeit, die für die Erstellung einer VennMaker-Grafik nötig ist, unterscheidet sich nicht von der für eine herkömmliche schriftliche Studie. Sammlung, Sichtung, Auswertung und Deutung der

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Quellen und der Forschungsliteratur sind jeweils dieselben. Das darzustellende Netzwerk muss selbstverständlich historisch aufgearbeitet und interpretiert worden sein, bevor es grafisch dargestellt werden kann. VennMaker ersetzt lediglich das Medium Text durch das Medium Grafik. Alle Medien haben grundsätzlich dieselbe Wertigkeit. Ihre Auswahl erfolgt allein im Dienst der spezifischen Vermittlung bestimmter Inhalte an bestimmte Rezipienten.1 In vielen Fällen ist es sinnvoll, eine schriftliche Arbeit durch eine Grafik zu ersetzen; in sehr vielen weiteren Fällen ist es sinnvoll, beide Medien komplementär neben einander zu stellen. Die spezifischen Möglichkeiten von Grafiken und anderen Visualisierung liegen im Bereich der Didaktik, verstanden im weitesten Sinn als Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte.2 Die gilt insbesondere bei der historischen Auseinandersetzung mit Netzwerken. Die Präsentation hochkomplexer Zusammenhänge in Textform erfordert großen Aufwand. Die Auseinandersetzung mit einem Text, der ein Netzwerk rekonstruiert, sei es mit analytischer oder narrativer Schwerpunktsetzung, erfordert vom Leser einen hohen Zeitaufwand und zugleich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Die Vermittlung derselben Inhalte kann anhand einer Grafik mit weit geringerem Aufwand für den Leser ebenfalls gelingen. Die beste Parallele zu VennMaker-Grafiken sind historische Territorialkarten.3 Auch diese vermitteln eine große Zahl höchst komplexer Informationen knapp und klar durch Visualisierung. Ein geübter Kartennutzer kann „auf einen Blick“ Informationen abrufen, die ihm sonst nur ein sehr umfangreicher Text vermitteln könnte. Die Analogie zwischen VennMaker-Grafik und historischer Territorial-

1

Becher, Ursula/Pandel, Hans-Jürgen (Hg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Taunus 2010 (5. Aufl.).

2

Im Allgemeinen vgl. Terhart, Ewald: Didaktik, Stuttgart 2009; Gudjohns, Herbert/Winkel, Rainer (Hg.): Didaktische Theorien, Hamburg 2006 (12. Aufl.). Spezifisch vgl. Bergmann, Klaus (Hg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber 1997 (5. Aufl.); Pöppinghege, Rainer (Hg.): Geschichte lehren an der Hochschule, Schwalbach/Taunus 2007.

3

Vgl. Brogiato, Heinz Peter/Sperling, Walter (Hg.): Geographie und ihre Didaktik, Trier 1992; Aymans, Gerhard: Geographie und Geschichte. Zur Kartenarbeit der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 56 (1992), S. 1-20; Böttcher, Christina: Umgang mit Karten, in: Mayer, Ulrich et al. (Hg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Taunus. 2007 (2. Aufl.), S. 225-254; Grafe, Edda/Hinrichs, Carsten: Visuelle Quellen und Darstellungen, in: Günther-Arndt, Hilke (Hg.), Geschichts-Didaktik, Berlin 2003, S. 92-124, hier insb. S. 114-124.

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karte besteht freilich auch bezüglich der Nachteile und Schwierigkeiten, die mit ihrer Anfertigung und Nutzung verbunden sind. Die Karte wie die Grafik stehen jeweils in komplexen Kontexten, die man beachten muss, um sie zweckmäßig einzusetzen. Beide Formen der Visualisierung bauen auf umfangreicher historischer Recherche auf. Der rasche Zugriff des Nutzers auf Information gelingt nur, weil der Hersteller der Visualisierungen zuvor die relevanten Informationen gesammelt, sortiert und entsprechend den Maßgaben des Mediums codiert hat. Dabei verlangt diese nicht-sprachliche Codierung spezifische Sachkenntnisse und die Verfügung über digitale Medien. Die Codierung von Information zur visuellen Darstellung verlangt meist eine deutliche Reduktion von Komplexität. Die Kriterien für diese Reduktion müssen offengelegt und begründet werden. Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um einen fundamentalen Gegensatz zur Produktion eines Textes. Auch in den sprachlichen Darstellungen sind Vereinfachungen, Abstraktionen und der Umgang mit Ausdruckskonventionen nötig. Gleichwohl bleiben Texte geschmeidiger. Texte sind zudem weit besser als Visualisierungen geeignet, Unsicherheiten, die sich immer wieder aus Quellenlücken oder widersprüchlichen Befunden ergeben können, auszudrücken. Höchst problematisch ist, dass historische Karten in der Regel einen Ist-Zustand darstellen. Der dynamische Wandel, dem das essentielle Interesse der Geschichtswissenschaft gilt, kann mit herkömmlichen Karten schwerlich wiedergegeben werden. Eine ausführliche Geschichte der Territorienbildung können Karten nie ersetzen; eine detaillierte Geschichte der Entwicklung eines Netzwerkes wird auch eine VennMaker-Grafik nie ersetzen. VennMaker ist jedoch dazu geeignet, der Herausforderung der Abbildung dynamischen Wandels auf zwei Arten zu begegnen. Einmal ist es vergleichsweise einfach, Serien von Grafiken zu erstellen, die unterschiedliche Stadien eines Wandlungsprozesses abbilden. Zum anderen bietet VennMaker die Möglichkeit, digital gespeicherte Grafiken aneinander zu reihen und nach Art eines Films abzuspielen. Trotz der offensichtlichen Probleme des Umgangs mit historischen Territorialkarten herrscht sicherlich Einigkeit darüber, dass sie für die Vermittlung der Geschichte von Staaten unerlässlich sind. Dies sollte bereits ein hinreichender Grund sein, um für die grosso modo parallele Visualisierung, wie sie das VennMaker-Projekt Gunpowder Plot leisten will, pragmatisches Interesse zu beanspruchen. Bevor die für die VennMaker-Grafik ausgewählten Parameter zur Beschreibung des Netzwerkes des Gunpowder Plots erläutert werden, sollen rasch die wichtigsten Züge der Verschwörung ins Gedächtnis gerufen werden. In den Jahren 1604 und 1605 formierte sich eine Gruppe englischer Katholiken, die von der Konfessionspolitik Jakobs I. enttäuscht waren. Jakob schien vor seinem Regierungsantritt in England bereit, die rechtliche Schlechterstellung von

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Katholiken, die Heinrich VIII. und Elisabeth durchgesetzt hatten, wenigstens teilweise zurückzunehmen. Jakob enttäuschte die in ihn gesetzten Hoffnungen. Die Gruppe katholischer Königsgegner entwickelte den Plan, den König beim State Opening des Parliaments gemeinsam mit dem House of Lord in die Luft zu sprengen. Danach sollte Jakobs zehnjährige Tochter Elisabeth, die spätere Frau von Friedrich V. von der Pfalz, entführt werden und schließlich unter einer von den Verschwörern gesteuerten Regentschaft das Erbe ihres Vaters antreten. Das eigentliche Ziel der Verschwörer war angeblich die Beseitigung der rechtlichen Benachteiligung der Katholiken, oder sogar – auch wenn dies wohl kaum praktisch realisierbar gewesen wäre – eine Rekatholisierung Englands. Die Verschwörung flog auf. Wenige Stunden vor der Parlamentseröffnung am 5.11.1605 wurde Guy Fawkes, einer der Verschwörer, festgenommen. Folterverhöre führten auf die Spur der übrigen Mitglieder der Gruppe. Die meisten von ihnen wurden bei der Festnahme umgebracht. Unabhängige Quellen über die Verschwörung gibt es nicht. König Jakob verordnete noch am Abend des 5.11., dass seine Untertanen von nun an jährlich seiner Rettung und der katholischen Verschwörung gedenken sollten.4 Guy Fawkes Day (im 19. Jahrhundert noch gern Pope Day genannt) wird bis heute in Teilen Englands mit Feuerwerken und Umzügen begangen, bei denen eine Puppe herumgeführt wird, die Fawkes darstellen soll. Obwohl diese sehr eigentümliche Erinnerungskultur nach wie vor gepflegt wird, ist sie bereits vor dem Catholic Relief Act von 1829 als Form religiöser Intoleranz verurteilt worden. Katholische ebenso wie protestantische britische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts beschrieben Gunpowder Plot nicht einfach als Verrat. Sie räumten ein, dass die Intoleranz der englischen Könige eine schwere Provokation der katholischen Minderheit dargestellt hatte. In der Historiografie zum Gunpowder Plot stellte eine Minderheit von Autoren die Rolle der Regierung als zwiespältig dar. Man argwöhnte, dass zumindest Teile des Hofes frühzeitig über das Mordkomplott unterrichtet gewesen wären. Man habe aber die Verschwörer erst im letzten Augenblick und damit mit größtmöglichem Effekt spektakulär auffliegen lassen, um dadurch umso überzeugender die Loyalität aller Katholiken infrage stellen und rigoros gegen die konfessionelle Minderheit vorgehen zu können. Auf dieser Basis konnte Fawkes im populären Geschichtsbild neue Gestalt gewinnen. Der gescheiterte Rebell – oder Terrorist?

4

Im Überblick vgl. Nicholls, Mark: Investigating Gunpowder Plot, Manchester 1991.

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– wurde zum Helden, zum Symbol für Ungehorsam und das Recht auf Widerstand.5 Da das Projekt Gunpowder Plot auf eine reiche Forschungsliteratur zurückgreifen kann, hat es auf eine aufwändige neue Auseinandersetzung mit den archivalischen Quellen verzichtet. Darstellung basiert auf einer Auswahl von Forschungsliteratur und biografischen Hilfsmitteln.6 Es braucht nicht betont zu werden, dass VennMaker-Grafiken auch genutzt werden könnten, um ganz neue archivalische Quellen zu jedwedem Netzwerk zu erschließen und die Befunde (kontinuierlich) zu strukturieren. Wird der Gunpowder Plot mit dem Ziel, eine Netzwerkgrafik zu erstellen, neu aufgearbeitet, besteht eine zentrale Aufgabe darin, die Komplexität der historischen Ereignisse und Personen(konstellationen) sinnvoll drastisch zu reduzieren. VennMaker arbeitet wesentlich mit Verbindungslinien und Symbolen für Akteure innerhalb des Netzwerkes. Es wird eingeräumt, dass die Reduktion der Komplexität im Dienst der Visualisierung auch eine Elementarisierung bedeutet. Die Grafik darf nicht durch eine Vielzahl von Symbolen überlastet werden. Das Ziel der ökonomischen Vermittlung von Informationen durch Visualisierung würde ad absurdum geführt, wenn eine Vielzahl von Symbolen und Symbolkombinationen die Lesbarkeit der Grafik kompromittierte. Die Anzahl der in der Projektarbeit darstellbaren Eigenschaften war somit a priori begrenzt. Die erste Aufgabe des Projekts bestand darin, die Parameter festzulegen, die grafisch wiedergegeben werden sollten. Die Träger des Netzwerks waren im Fall des Gunpowder Plots Einzelpersonen. Um diese Personen zu charakterisieren wurden folgende Basisdaten ausgewählt: Lebensalter, Familienstand, Konfession, militärische Erfahrung, Zugehörigkeit zur Regierung (vgl. die Legende der Grafiken).

5

Dillinger, Johannes: Forerunners of Terrorism and 19th-Century Historians, in: Dietze, Carola (Hg.), Terrorism and Modernity, im Erscheinen; Sharpe, James: Remember, Remember the Fifth of November, London 2006 (2. Aufl.).

6

M. Nicholls: Gunpowder Plot (wie Anm. 4); Fraser, Antonia: The Gunpowder Plot, London 2002 (3. Aufl.); Spink, Herny H.: The Gunpowder Plot and Lord Mounteagle’s Letter, London 1902; Hogge, Alice: God’s Secret Agents. Queen Elizabeth’s Forbidden Priests and the Hatching of the Gunpowder Plot, London 2005; Loomie, Albert: Guy Fawkes in Spain, London 1971; Sieveking, Paul (Hg.): British Biographical Archive (Microfiches), München 1984-1994; http://www.catholic.org/ encyclopedia/view.php?id=3862;

http://www.gunpowder-plot.org;

http://history.

wisc.edu/sommerville/123/Gunpowder.htm; http://history. wisc.edu/sommerville/361/ 361-20.htm.

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Die Auswahl dieser Parameter erklärt sich sowohl aus spezifischen Fragen an den Gunpowder Plot, die zu stellen die Forschungsliteratur nahelegt, als auch aus allgemeinen Problemen bei der Erforschung politischer Kriminalität. Diesen allgemeinen Problemen widmete sich das Projekt Gunpowder Plot ganz bewusst, um die vielfältigen Anschlussmöglichkeiten historischer Netzwerkanalysen zu demonstrieren.7 Lebensalter und Familienstand sind nicht nur Kerndaten, die zur Erfassung einer Person in ihren sozialen Beziehungen grundsätzlich erhoben werden müssen. Mit Bezug auf (politische) Gewalt wird über die Bedeutung bestimmter Konstruktionen von Maskulinität und die Verortung in familiären Kontexten diskutiert.8 Das Projekt wollte hier sich hier für Anfragen seitens dieser Diskussion öffnen. Der Gunpowder Plot ist als Verschwörung von Katholiken charakterisiert worden. Konfession wird damit nicht nur als zentrale Kategorie der Frühen Neuzeit, sondern auch wegen ihrer unmittelbaren und hohen Relevanz für das Netzwerk der Gunpowder Plot Verschwörer abgebildet. Dass, um eine Verschwörung zu verstehen, die ein Sprengstoffattentat auf den König plante, nach militärischer Erfahrung gefragt wird, bedarf wohl keiner weiteren Begründung. Von großem Interesse ist die Stellung der Verschwörer gegenüber dem König und seiner Regierung. Hatte die Verschwörung Züge eines Putsches oder einer Hofintrige? Wie waren die Beziehungen zur Krone, die einigen Darstellungen zufolge ja frühzeitig über das geplante Attentat informiert gewesen sein soll, tatsächlich? Als weiteres Charakteristikum der Verschwörer wird daher notiert, ob sie Regierungsämter innehatten. Als „Regierungsamt“ wird jede Tätigkeit gewertet, die von der Krone regelmäßig durch eine Gehaltszahlung entlohnt wurde. Dieser konkrete, in einem Amt gefasste Bezug zur Regierung erschien wichtiger als die Frage nach der Zugehörigkeit zur Aristokratie. Exakt wäre diese angesichts der komplexen Struktur des englischen Adels und Nobilitierungen von Amtsträgern zudem nur schwer visuell darstellbar gewesen, so dass im Interesse der Lesbarkeit der Grafik auf diese Differenzierung verzichtet wurde. Leitende Personen wurden zur besseren Strukturierung der Grafik groß eingezeichnet. Einige Parameter wurden ausgespart, weil sie sich nach Durchsicht der Literatur als unerheblich erwiesen. Daher fehlt z. B. die regionale Herkunft der am Netzwerk beteiligten Person. In parallelen Darstellungen müsste man freilich immer ein Auge für landesgeschichtliche Bezüge offen halten. Auf andere

7

Kritische Sichtung der Literatur in Schmid, Alex/Jongman, Albert: Political Terro-

8

In vieler Hinsicht problematisch, aber diskussionswürdig Heinsohn, Gunnar: Söhne

rism, New Brunswick 2005, S. 87-98. und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen, Zürich 2006.

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Parameter wurde verzichtet, weil sich keine Differenzierungsmöglichkeiten ergaben. So fehlt die grundsätzlich natürlich essentielle Kategorie Gender. Hier bestand schlicht keine Differenzierungschance, da alle am Netzwerk Beteiligten Männer waren. Ähnlich ökonomisch müssen die Beziehungen zwischen den Personen innerhalb des Netzwerks dargestellt werden. Dargestellt werden Verwandtschaft, Freundschaft, Bekanntschaft, beruflicher Kontakt (gerichtet, um Subordination anzuzeigen), und Unterstützung während der Verschwörung (vgl. die Legende). Verwandtschaftliche Beziehungen sind offensichtlich bei allen Netzwerken zu beachten. Genealogie ist für die historische Arbeit unerlässlich. Das Projekt hat stark auf genealogisches Material zurückgreifen können. Aber das genügt natürlich nicht. Freundschaft und Bekanntschaft ergänzen die Verwandtschaft. Der Unterschied zwischen Bekanntschaft und Freundschaft scheint schwierig. Bekanntschaft wird so definiert, dass sich die Personen kannten, Kontakt miteinander gehabt hatten, bevor sie zum Plot stießen. Freundschaft wurde nur bei Personen eingetragen, zwischen denen die Zeitgenossen ein besonders enges Vertrauensverhältnis vermuteten. Ferner wurden berufliche Beziehungen notiert, bei denen der rein professionelle Austausch deutlich mehr im Vordergrund stand als ein damit eventuell verbundener persönlicher Kontakt. Um Subordination anzudeuten wurde hier die Verbindungslinie mit einem Pfeil gerichtet. Schließlich werden, ebenfalls mit einem Pfeil, logistische und finanzielle Unterstützung angezeigt, die sich langsam innerhalb der Verschwörung ergaben. Im Folgenden sollen die mit VennMaker erarbeiteten Grafiken präsentiert und knapp besprochen werden.

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Abbildung 1: Essex Aufstand

Quelle: Eigene Darstellung

Es gab möglicherweise eine Verschwörung vor der Verschwörung. Einige der zentralen Personen des Gunpowder Plots fanden sich 1601 im Umfeld von Robert Devereux, dem Earl von Essex. Essex war wegen Fahnenflucht verurteilt worden. Anfang 1601 versuchte er mit einigen bewaffneten Anhängern zu Elisabeth I. vorzudringen. Dies wurde als Verrat interpretiert. Essex kam in Haft. Während des Prozesses hieß es, dass er katholische Sympathien habe und einen Katholiken auf dem Thron sehen wolle. Zu Essex Umfeld gehörten tatsächlich einige Katholiken, die sich später beim Plot wieder fanden.

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Abbildung 2: Erste Versammlung Mai 1604

Quelle: Eigene Darstellung

Bei der ersten Versammlung der späteren Verschwörer im Mai 1604 existierte bereits die Basisstruktur der Gruppe. Im Zentrum stand klar Robert Catesby. Um ihn ergab sich eine Doppelstruktur: Die Verwandtschaftsbeziehung zu Thomas Wintour auf der einen Seite, die Freundschaftsverbindungen zu Thomas Percy und John Wright auf der andern Seite. Percy war Wrights Onkel. Der Plot basierte also auf zwei Familiengruppen, die durch Catesby zusammengebracht wurden. Guy Fawkes, der die Galionsfigur der Verschwörung in der populären Erinnerungskultur werden sollte, erscheint hier nicht isoliert, aber mit schwachen Verbindungen: Er hatte mit Wright beruflich zu tun und war mit Catesby bekannt. Obwohl nur Fawkes und Wintour militärische Erfahrungen hatten, bestand keine Verbindung zwischen ihnen. Signifikant ist, dass drei der fünf Mitglieder dieser Kerngruppe erst als Erwachsene katholisch geworden waren.

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Abbildung 3: Oktober 1604

Quelle: Eigene Darstellung

Bis zum Herbst 1604 wuchs die Verschwörergruppe nur geringfügig. Ein weiterer Konvertit kam dazu, der durch vielfältige Bekanntschaftsbeziehungen zum Umfeld der ersten Mitglieder gehörte. Abbildung 4: Dezember 1604

Quelle: Eigene Darstellung

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Bis zum Dezember kam eine einzige weitere Person dazu. Bates unterhielt Beziehungen allein zu Catesby und diese waren allein beruflicher Art. Die Anfänge des Plots gestalteten sich also schleppend. Die zentrale Figur war und blieb Catesby. Abbildung 5: März 1605

Quelle: Eigene Darstellung

Drei Monate später hatte sich die Gruppe erweitert. Das Verhältnis von Katholiken und Konvertiten glich sich aus. Der Modus der Erweiterung war die Verwandtschaftsbeziehung. Die Verschwörer zogen ihre Verwandten ins Vertrauen. Die älteren Familiengruppen Catesby-Wintour und Percy-Wright bestätigten und vergrößerten sich. Hinzu kam ein Netz vielfältiger älterer Bekanntschaftsbeziehungen. Es liegt auf der Hand, dass die geheime Gruppe sehr vorsichtig aussuchen musste, wen sie ins Vertrauen ziehen wollte. Gleichwohl ist es wichtig festzuhalten, dass der Plot sich behutsam an alten Bekanntschafts- und Familienbeziehungen entlang tastete. Von einer aktiven Rekrutierung kann kaum die Rede sein. Infolgedessen blieben Fawkes und Bates vergleichsweise isoliert. Kontakte mit ihnen waren vornehmlich beruflicher Natur. Der relative Außenseiter Fawkes wurde also spätestens Anfang 1605 innerhalb der Verschwörung klar in der Rolle sichtbar, die er später tatsächlich spielen sollte, die des Militärexperten bzw. des ausführenden Organs der Gruppe.

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Abbildung 6: Juli 1605

Quelle: Eigene Darstellung

Erst im Juli 1605 erweiterte sich die Gruppe um die Person, die später oft als der Drahtzieher hingestellt wurde: den Jesuitenpriester Henry Garnet. Herausgehoben erscheint er neben seinem geistlichen Amt auch durch sein Alter: Mit 50 war er deutlich älter als die übrigen Verschwörer, die – soweit sich das noch feststellen lässt – zwischen 31 und 41 waren. Dass der vergleichsweise alte Priester als negativ apostrophierte „Lehrer“, oder „Beichtvater“ Figur nach dem Ende des Plots Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, überrascht nicht. Gleichwohl war Garnets Position innerhalb der Verschwörung nicht auffallend stark. Er war mit einer ganzen Reihe der Personen in der Gruppe bekannt. Die stärkste Verbindung hatte er jedoch zu Catesby. Als Gegengewicht zu Catesby erschien Garnet keinesfalls. Der Zugang zu Fawkes und Bates war professionell apostrophiert, hier war die Position des Priesters Garnet schwach. Hinzu kommt, dass Garnet vergleichsweise spät zur Verschwörergruppe stieß. Auch Garnets Engagement für Catesbys Gruppe wurde durch Bekanntschaften vorbereitet, ähnlich wie es für eine Reihe der übrigen Mitglieder der Verschwörung gezeigt werden konnte. Eine Sonderrolle spielte er in dieser Hinsicht sicherlich nicht.

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Abbildung 7: September 1605

Quelle: Eigene Darstellung

Spätestens am Ende des Sommers 1605 – hier wurde die sicherste und späteste Datierung gewählt – stieß Rookwood zur Verschwörung. Es ist überdeutlich, was ihn in die Gruppe zog und wie er dort vernetzt war: Rookwood hatte verwandtschaftliche Kontakte zu einer ganzen Reihe von Verschwörern. Seine Position innerhalb des Netzwerks war insofern sicherlich stark. Allerdings war sie bei weitem nicht so vielfältig wie die Catesbys. Die zentrale Bedeutung Catesbys blieb unangefochten. Er allen war offenbar in der Lage, den Plot insgesamt zu überblicken. Er unterhielt mehr Beziehungen als die anderen Mitglieder der Gruppe. Zudem waren seine Beziehungen am vielfältigsten. Nur Catesby kann ein enges freundschaftliches Verhältnis zu mehr als einem anderen Mitverschwörer zugeschrieben werden. Eine Hierarchie unter Catesby wurde allerdings kaum erkennbar. Die Mitglieder der alten Verwandtschaftsgruppen dominierten die Organisation, sie blieben gut vernetzt. Dennoch waren selbst die Positionen von Percy, Robert Wintour und John Wright deutlich weniger günstiger als die Catesbys. Von besonderem Interesse sind die relativen Außenseiter mit wenig Beziehungen: Fawkes und Bates. Die einzige reine Zweierbeziehung bestand zwischen Catesby und Bates, was wiederum Catesbys Sonderrolle betonte. Fawkes blieb vergleichsweise isoliert. Die vergleichsweise starke, wenn auch Catesby nachgeordnete Stellung der Wrights äußerte sich auch darin, dass sie zu den wenigen gehörten, die Kontakt mit Fawkes gehabt hatten. Kein Verschwörer, der nicht zu den zentralen Familiengruppen gehörte, hatte eine Verbindung

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zu Fawkes. Es fällt auf, dass die Gruppe zwar langsam wuchs, aber dadurch keinerlei Zuwachs an militärischer Expertise zu verzeichnen hatte. Abbildung 8: 14. Oktober 1605

Quelle: Eigene Darstellung

Erst Mitte Oktober 1605, wenige Tage vor dem geplanten Attentat, vergrößerte sich die Gruppe mit einem atypischen Mitglied. Digby gehörte klar in den Bekanntenkreis vieler der Verschwörer. Zu Catesby hatte er jedoch keine ausgeprägt starke Beziehung. Eher wird man ihn in Verbindung zum Jesuiten Garnet sehen dürfen. Eine Neustrukturierung der Gruppe erbrachte dies jedoch auf keinen Fall. Die andere Erweiterung entsprach dem bekannten Muster der Verwandtschaftsbeziehung. Mit Francis Tresham kam eine Person hinzu, die mit den Wintours und mit Catesby verwandt war.

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Abbildung 9: Der Plot und seine Gegner

Quelle: Eigene Darstellung

Abschließend soll die Verschwörergruppe in ihrer endgültigen Gestalt Anfang November 1605 dargestellt werden. Die Darstellung wurde jedoch erweitert um die wichtigsten Gegenspieler der Verschwörer, die auf Seiten der Regierung den Kampf gegen den Gunpowder Plot leiteten. Damit soll eine Antwort auf in der Forschung aufgeworfene Frage, ob die Regierung vom Plot gewusst und ihn für ihre eigenen Zwecke benutzt haben könnte, gegeben werden. Die Krise des Plots ist tatsächlich das undurchsichtigste Stück seiner Geschichte. Lord Monteagle erhielt einen anonymen Brief, der ihn davor warnte, an der nächsten Sitzung des Parlaments teilzunehmen. Monteagle informierte über diesen Brief die Behörden. Bei den darauf anlaufenden Ermittlungen wurde Guy Fawkes gefasst. Er befand sich in einem Keller nahe dem Parlament, wo 36 Fass Schießpulver aufgestapelt waren. Wieso sollte Monteagle vor dem Anschlag gewarnt werden? Hatte er vielleicht selbst zu den Verschwörern gehört und kurz vor dem Losschlagen Skrupel entwickelt? Dann hätte er den geheimnisvollen Brief selbst geschrieben. Oder hat Monteagle vielleicht von der Verschwörung gewusst, ohne ihr aktiv anzugehören? Gerade auf Geheimhaltung bedachte Gruppen produzieren ja häufig randständige Mitglieder, die ihre Solidarität eher durch passives Schweigen als durch aktives Handeln ausdrücken. Die Forschung zum Plot hat hier keine klare Antwort geben können. Auch das Projekt Gunpowder Plot hat hier keine spektakuläre neue Lösung. Das war freilich auch nie Ziel des Projektes. Vielmehr war a priori klar, dass die Quellenlage eine klare Ant-

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wort auf die Frage nach Monteagles Rolle schlicht nicht zulässt. Die Grafik kann jedoch zeigen, in welchem Umfeld Monteagle stand. Es wird so demonstriert wieso und in welchen Hinsichten seine Beteiligung am Plot strittig ist und strittig bleiben wird. Lord Monteagle hätte durchaus zur Verschwörergruppe gehören können. Er hatte sich bereits 1601 im Umfeld des Earls von Essex wie die Kernmitglieder des Gunpowder Plot bewegt. Seinen Personenmerkmalen nach hob er sich nicht von den übrigen Mitgliedern ab. Er war katholisch. Mit Catesby und Tresham war er verwandt. Zu nicht weniger als dreien der Verschwörer unterhielt er enge, freundschaftliche Beziehungen. Nachdem, wie sich das Wachstum der Gruppe bisher dargestellt hat, hätte er sich ihr ohne weiteres nach Tresham anschließen können. Ähnlich wie Digby, der andere neue Mitverschwörer, stand Monteagle in bestem Kontakt mit dem Jesuiten Garnet. Angesichts der geringen Zahl erfahrener Militärs in der Gruppe ist es durchaus denkbar, dass Monteagle, der diese Sachkenntnisse hatte, deshalb von Catesby angesprochen worden war. Dass Monteagle vergleichsweise jung war, hob ihn nicht aus der Gruppe heraus: Kurz zuvor waren mit Digby und Rookwood noch jüngere Personen zur Verschwörung gestoßen. Ein signifikanter Unterschied zu den übrigen Mitgliedern der Gruppe – mit Ausnahme von Bates und Fawkes – war jedoch, dass Monteagle offenbar keine Bekanntschaften mit anderen Verschwörern unterhielt. Er bewegte sich nicht in ihren Kreisen. Insofern wäre Monteagle ein atypisches Mitglied des Plots gewesen. Atypisch, aber angesichts der Verbindung zu Catesby und Tresham würde es der Struktur der Verschwörergruppe durchaus nicht widersprechen, Monteagle ihr zuzurechnen. Mit Monteagles Verwandtschaft und Freundschaft zu einigen Verschwörern hätte allerdings auch ein ausreichender Grund bestanden, ihn davor zu warnen, am Tag des Anschlags zum Parlament zu gehen. Dann wäre der Brief wirklich nur eine Warnung eines der Verschwörer an jemanden, der ihm persönlich nahe stand, vom Plot aber nicht die geringste Ahnung hatte. Wer könnte dieser Warner oder Verräter gewesen sein? Wintour? Garnet? Oder Tresham? Diese Antwort kann auch die VennMaker-Grafik nicht geben. Man kann jedoch anhand der Grafiken über eine solche Antwort diskutieren. Dies gelingt nach einer relativ kurzen Auseinandersetzung des Nutzers mit den Grafiken und dem knappen Erläuterungstext. Es ist ein signifikanter Vermittlungserfolg, wenn eine so komplexe Personenstruktur rasch transparent genug gemacht werden kann, um solche Diskussionen zu ermöglichen. Dies gilt in der universitären Lehre und grundsätzlich in jeder Lehrsituation, in der es um das Verständnis von Netzwerken geht.

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Wie oben angeführt gibt es keine unabhängigen Quellen zum Plot. Die Rekonstruktion des Plots, wie sie uns in den Ermittlungen der Regierung entgegentritt, wirkt jedoch in der grafischen Darstellung durchaus stimmig. Die Aufarbeitung mit VennMaker legt Zweifel an der Existenz der Verschwörung nicht nahe. Unstimmigkeiten werden nicht ersichtlich. Der Organisationsgrad im Sinn einer Aufgabendifferenzierung erscheint gering. Bei einer vergleichsweise kleinen, auf Verwandtschaften und Freundschaften aufbauenden Gruppe überrascht das jedoch nicht. Die Gruppe bleibt überschaubar, es wird kein riesiges Netzwerk mit unabsehbaren Ressourcen postuliert; es gibt nirgendwo verdächtige Machtakkumulationen, nirgendwo geheime Kooperationen zwischen augenscheinlichen Gegnern. Die typischen Elemente von realitätsfernen Verschwörungstheorien zeigen sich bei Gunpowder Plot also gerade nicht.9 Ebenso wirken die Beziehungen der wichtigsten Gegner der Verschwörer auf Seiten der Regierung Jakobs I. unverdächtig. Innerhalb des Regierungsnetzwerkes erscheint mit den Howards eine kleine Verwandtschaftsgruppe. Als Zentrum der Regierungsakteure lässt sie sich jedoch nicht ausmachen. Verwandtschaft ist innerhalb der kleinen adeligen Oberschicht selbstverständlich zu erwarten. Es gibt einige wenige Bekanntschaftsbeziehungen zwischen beiden Gruppen. Dass es vor dem Plot wie auch immer motivierte Rivalitäten oder Feindschaften zwischen Mitgliedern der beiden Gruppen gegeben hätte, ist nicht der Fall. Irgendwelche Misshelligkeiten vor dem Plot, die das rigorose Vorgehen der Regierung gegen einen oder mehrere Anhänger Catesbys verdächtig machen würden, lassen sich nicht zeigen. Die konfessionelle Scheidelinie war deutlich genug. Auffallend waren Monteagles Beziehungen zur Regierung: Er gehörte zur Verwandtschaft der Howards und war mit drei weiteren der wichtigsten Gegner des Plots bekannt. Keine andere Person aus dem Umfeld der Verschwörung unterhielt ähnlich enge Beziehungen zu den Amtsträgern der Regierung, die schließlich gegen die Catesby Gruppe vorgehen sollten. Monteagle scheint insofern tatsächlich für die Rolle des Informanten prädestiniert. Robert Cecil Lord Salisbury wurde als treibende Kraft hinter der Aufdeckung des Plots angesprochen, sogar als der Kopf einer Regierungsverschwö-

9

Vgl. Dillinger, Johannes: Organized Arson as a Political Crime, in: Crime, History and Societies 10 (2006), S. 101-121; Dolan, Frances: Ashes and ‚the Archive’. The London Fire of 1666, in: Journal of Medieval and Early Modern Studies 31 (2001), S. 379-408; Pipes, Daniel: Conspiracy, New York 1997; Roberts, Penny: Arson. Conspiracy and Rumour in Early Modern Europe, in: Continuity and Change 12 (1997) S. 9-20.

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rung gegen die konfessionelle Minderheit. Cecil war aber nicht auffallend gut vernetzt. Seine Führungsrolle im Kampf gegen den Plot lässt sich ganz zwanglos und schlicht aus seiner offiziellen Funktion als Secretary of State erklären. Auch John Pophams starke Stellung ergab sich einfach aus seinem Amt als Lord Chief Justice. Bei der Erstellung der Visualisierung des Gunpwoder Plot als Serie von VennMaker-Grafiken wurde die Literatur zur dieser Verschwörung kritisch aufgearbeitet. Dabei sind keine Unstimmigkeiten innerhalb der bekannten historischen Rekonstruktion des Plots aufgefallen. Vielmehr zeigt sich, dass die Historiografie ein konsistentes Bild der Verschwörung einer kleinen Gruppe von Katholiken rekonstruieren kann. Spekulationen um eine Verschwörung hinter der Verschwörung finden keine Nahrung. Gewiss, die Grafik beweist nichts, was nicht schon aus Quellen und Forschung ableitbar wäre. Sie bildet lediglich ab. Die Abbildung kann jedoch als Medium eine Reihe von Argumenten innerhalb der Rekonstruktion des Plots zusammenfassen und präsentieren. Die Probleme mit VennMaker sind offensichtlich. Die Symbole sind noch bei weitem zu wenig flexibel. Die Formen und Farben, die zur Kennzeichnung der Eigenschaften der Träger des Netzwerkes zur Verfügung stehen, müssten erweitert werden. Es versteht sich von selbst, dass die Bedeutung der verwendeten Zeichen und Farben bislang nicht standardisiert ist. Will man mit dem Programm weiter arbeiten, wäre diese Standardisierung auf einem hohen Niveau, das große Komplexität und Flexibilität der Darstellung zulässt, notwendig. Die Grafiken, die wir erarbeitet haben, geben quasi die Perspektive der Historiografie als die eines außenstehenden Beobachters wieder. Das könnte in zweifacher Hinsicht problematisiert werden. Erstens könnte es gerade auch unter didaktischem Aspekt interessant sein, das Netzwerk aus der Perspektive eines der Träger des Netzwerkes darzustellen. Die Frage wäre dann z. B. nicht mehr: Welche Position hatte Fawkes inne? – sondern vielmehr: Wie sah Fawkes das Netzwerk? Welche Teile des Netzwerks kannte er überhaupt und was bedeuteten sie für ihn? Zweitens kann ebenso gut wie der Plot die Historiografie des Plots dargestellt werden. Tatsächlich würde sich eine solche Untersuchung angesichts der deutlich divergierenden Forschungsmeinungen anbieten. Die Abhängigkeiten der Historiker – Lehrer- Schüler-Beziehung, Zurückweisung oder Übernahme von Schlüsselargumenten – und ihrer persönlichen Eigenschaften – konfessionelle Identität, Studienuniversität, Arbeitsbereich – müssten aufgearbeitet werden. Für weitere Anwendung von VennMaker darf das Kernproblem der Grenzen der Darstellbarkeit nicht außer Acht gelassen werden. Die didaktische An-

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wendung verlangt Einschränkungen. Damit die Grafiken überschaubar bleiben, die Visualisierung also nicht ad absurdum führen, sollten mit VennMaker maximal 50 Akteure erfasst werden. Die darzustellenden Netzwerke dürfen also nicht zu groß geraten. Wollte man etwa ein Netzwerk der europäischen Reformation visualisieren, müsste man sich auf eine kleine Auswahl der allerwichtigsten Theologen und Fürsten beschränken. Das mag man von vorn herein für fragwürdig erachten. Sehr viel sinnvoller wäre der Einsatz von VennMaker in der Landesgeschichte. Hier bleibt der Kreis der Akteure häufig übersichtlich bzw. können die zentral bedeutsamen Akteure mit relativ geringerem Aufwand konsequent ausgewählt werden. Ein willkürlich ausgewähltes Beispiel mit Bezug auf die deutsch-französische Grenzregion mag genügen: Eine landesgeschichtliche Darstellung der Reformatoren und ihrer Gegner im Elsass. Mit den Schülern Geiler von Kayserbergs und den Kreisen um Wimpfeling, Bucer und Murner wäre die zu erfassende Personengruppe gegeben. In einer solchen landesgeschichtlichen Untersuchung ließe sich die Beziehung zwischen humanistischer Kritik und Reformation konkret an einem prominenten Beispiel darstellen. Ähnliches gilt etwa für die Ausbreitung revolutionärer Gedanken am Ende des 18. Jahrhunderts. Die aufklärerische Religionskritik bringt die Frage nach Revolution und Religion prominent in den Zusammenhang religiöser Differenz und sozialer Netzwerke. Wieder wäre ein europäischer Zugriff zu problematisch, weil er entweder zu vielteilig oder zu abstrakt geraten könnte. Würde man sich aber auf revolutionsfreundliche Kreise in Mainz, den Mainzer Jakobinerclub und schließlich die Leitung der Mainzer Republik beschränken, wäre eine Visualisierung sinnvoll einsetzbar. Zugleich ließe sich somit eine für die Landesgeschichte sehr wichtige Entwicklung und Personengruppe anschaulich erfassen. Bisher wurden als Akteure, die grafisch mit ihren Eigenschaften dargestellt werden, Personen angesprochen. Das muss selbstverständlich nicht so sein. Ebenso könnten Institutionen analysiert und grafisch zu einander in Beziehung gesetzt werden. Eine Darstellung aller Klöster Europas unter dem Einfluss von Cluny dürfte kaum sinnvoll visualisierbar sein. Den – beschränkten – direkten Einfluss von Cluny oder Fruttuaria oder der so genannten jungcluniazensischen Reform auf den Bereich Schwaben, Nordschweiz, Elsass und Lothringen könnte man aber sehr wohl darstellen. Statt Eigenschaften von Personen müssten dann die Eigenschaften der Klöster –z. B. Alter, Größe, genauer rechtlicher Status, Lage in der Region – erfasst werden. Ihre Beziehungen könnten etwa als direkte reformierende Eingriffe, Austausch von Texten aus den Skriptorien, Gebetsverbrüderung usw. gefasst werden.

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Als konkreter Nachfolger des Projektes Gunpowder Plot ist das Projekt Montaillou – Netzwerke der Katharer im beginnenden Spätmittelalter zu werten.10 Die entstehenden Grafiken sollen die in der Forschung viel beachtete Geschichte des Pyrenäendorfs weiter beleuchten. Das Projekt Gunpowder Plot konnte einen Beitrag zur Etablierung der digitalen Visualisierung von Netzwerken in der Geschichtswissenschaft leisten.

10 Siehe hierzu den Beitrag von Y. Pouivet/B. Schulz in diesem Band.

Zwischen Rom und Mainz Konversionsagenten und soziale Netze in der Mitte des 17. Jahrhunderts R ICARDA M ATHEUS

Mit der Festschreibung des konfessionellen Standes durch den Westfälischen Friedensvertrag im Jahr 1648 hatten im Reichsgebiet Katholiken, Lutheraner und Reformierte eine mehr oder weniger gleichberechtigte Stellung inne. Nicht die Religion war verschieden, sondern die Organisation der Kirche, die inhaltliche Auslegung des Glaubens und die kulturelle Ausgestaltung des Christentums standen zur Disposition. Parallel zu den sich im Rahmen von Konfessionalisierungsprozessen ausformenden bzw. verfestigenden Bekenntnissen und (Staats-) Kirchen, wurden – insbesondere in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts – etliche Versuche zu Bewältigung bzw. Überwindung dieser konfessionellen Differenzen unternommen. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges konnte das Ziel einer konfessionellen Einheit oder sogar einer vereinten Kirche nur über Einzel- oder Massenkonversionen bzw. über (Re-)Unionsversuche der Konfessionskirchen erreicht werden. Ein im Jahr 2000 erschienener Sammelband umschrieb diese Bemühungen und Prozesse mit den Schlagworten „Union – Konversion – Toleranz“.1 Nicht näher diskutiert werden kann an dieser Stelle die

1

Duchhardt, Heinz/May, Gerhard (Hg.): Union – Konversion – Toleranz. Dimensionen der Annäherung zwischen den christlichen Konfessionen im 17. und 18. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 50), Mainz 2000. Aus der umfangreichen Literatur zu diesem Themenfeld sei darüber hinaus nur verwiesen auf Lutz, Heinrich: Zur Geschichte der Toleranz und Religionsfreiheit (= Wege der Forschung 246), Darmstadt 1977; Klueting, Harm (Hg.): Irenik und Antikonfessionalismus im 17. und 18. Jahrhundert (= Hildesheimer Forschungen 2),

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Frage, ob damit Stufen der Annäherung beschrieben werden können, oder ob es sich um alternative bzw. widersprüchliche Konzepte kirchlicher Einigungsversuche in der Frühen Neuzeit handelte. Unzweifelhaft stellen aber Konversionen eine besondere Form der Überwindung religiöser, konfessioneller Differenz dar. Die Frage, inwiefern für das Verständnis und die Untersuchung von frühneuzeitlichen Konversionen soziale Netzwerke über konfessionelle Grenzen hinweg eine Rolle spielten, steht im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen. Zunächst soll ein kurzer Überblick über das Konversionsphänomen in der Frühen Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Rom gegeben werden (1.). In einem zweiten Schritt werden exemplarisch zwei Konvertitennetze bzw. Netzwerker vorgestellt. Dabei geht es zunächst um den deutschen Konvertiten Lukas Holstenius, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Rom agierte und durch sein Wirken entlang bzw. über konfessionelle, aber auch geographische Grenzen hinweg Konversionen von Protestanten – insbesondere aus dem Reichsgebiet – zum katholischen Glauben förderte, begleitete, absicherte (2.). Eng verflochten mit den Aktivitäten an der römischen Kurie waren zudem mehrere Konvertiten, die nach dem Westfälischen Frieden herausragende Positionen am Hof des Mainzer Hofes unter dem Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn innehatten (3.). Abschließend soll einerseits diskutiert werden, welche Chancen die Netzwerkforschung für die Untersuchung des Konversionsphänomens im Einzelfall bietet, andererseits gilt es, die Grenzen derartiger Fragestellungen und Methoden auszuloten (4.).

1. K ONVERSIONSSTRATEGIEN R EICHSGEBIET

IN

R OM

UND IM

Im Zentrum der katholischen Christenheit wurden seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Strategien entwickelt, wie Konversionen zum Katholizismus zu fördern und auf den Weg zu bringen seien. Zu differenzieren ist bei der Beurteilung dieser Vorhaben nach den Zielgruppen bzw. ihren Trägern. Zudem ist die Zeitachse nicht aus dem Blick zu verlieren.2

Hildesheim u. a 2003; Peterse, Hans: Irenik und Toleranz im 16. und 17. Jahrhundert, in: Bußmann, Klaus/Schilling, Heinz (Hg.), 1648. Krieg und Frieden in Europa. 26. Europaratsausstellung Münster-Osnabrück, 24.10.1998-17.1.1999, Textband 1. Politik, Religion, Recht und Gesellschaft, Münster 1998, S. 265-271. 2

Zum Folgenden besonders Zwierlein, Cornel: „convertiere tutto l’Alemagna“. Fürstenkonversionen in den Strategiedenkrahmen der römischen Europapolitik um 1600.

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An der Kurie sah man in Fürstenkonversionen ein bedeutendes Instrument für die angestrebte Rekatholisierung der Länder nördlich der Alpen. Zwar wurden die Bemühungen von Reformorden um die Mission der breiten Massen ebenfalls nachdrücklich gefördert und unterstützt, doch schien eine Katholisierung „von Oben“ besonders vielversprechend, da sich damit die Hoffnung verband, die Untertanen würden mittelfristig ihren Fürsten in der Glaubensentscheidung folgen.3 Eine wichtige Rolle kam dem Deutschlandexperten und Sekretär der Congregatio Germanica, Minuccio Minucci, als Verfasser von Gutachten zur Anbahnung von Fürstenkonversionen zu.4 Einen direkten Zugang zu Fürsten bzw. Fürstensöhnen versprach sich Minucci im Kontext der seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert immer beliebter werdenden Studienreisen nach Italien.5 Er schlug vor,

Zum Verhältnis von „Machiavellismus“ und „Konfessionalismus“, in: Lotz-Heumann, Ute et al. (Hg.), Konversion und Konfession in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2007, S. 63-105; Mader, Eric-Oliver: Die Konversion Wolfgang Wilhelms von PfalzNeuburg: Zur Rolle von politischem und religiös-theologischem Denken für seinen Übertritt zum Katholizismus, in: Lotz-Heumann, Ute et al. (Hg.), Konversion und Konfession in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2007, S. 107-146; Ders.: Fürstenkonversionen zum Katholizismus in Mitteleuropa im 17. Jahrhundert. Ein systematischer Ansatz in fallorientierter Perspektive, in: ZHF 34 (2007), S. 403-440; Fosi, Irene: Procurar a tutt’huomo la conversione degli heretici. Roma e le conversioni nell’Impero nella prima metà del Seicento, in: QFIAB 88 (2008), S. 335-368; Koller, Alexander: Die römischen Nuntien und die Protestanten im Reich um 1600, in: Enno Bünz/Wolfgang Huschner (Hg.), Italien – Mitteldeutschland – Polen. Geschichte und Kultur im europäischen Kontext vom 10. bis zum 18. Jahrhundert (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 42), Leipzig 2013, S. 583-600. 3

C. Zwierlein: Fürstenkonversionen (wie Anm. 2), S. 73-76, hier S. 75.

4

Koller, Alexander et al. (Hg.): I Codici Minucciani dell’Istituto Storico Germanico: Inventario, Roma 2009 (www.dhi-roma.it/codici_minucciani.html). Diese wurden in den letzten Jahren von Cornel Zwierlein und Eric-Oliver Mader unter den hier interessierenden Fragestellungen ausgewertet. Vgl. C. Zwierlein: Fürstenkonversionen (wie Anm. 2) sowie Mader, Eric-Oliver: Reiseziel, Referenzrahmen, Konversionsort. Rom und die deutschen Fürstenkonvertiten, in: Matheus, Ricarda/Oy-Marra, Elisabeth/ Pietschmann, Klaus (Hg.), Barocke Bekehrungen. Konversionsszenarien im Rom der Frühen Neuzeit (= Mainzer Historische Kulturwissenschaften 6), Bielefeld 2013, S. 91-114.

5

Vgl. zur Grand Tour die Beiträge in Babel, Rainer/Paravicini, Werner (Hg.): Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Akten der internationalen Kolloquien in der Villa Vigoni 1999 und im Deutschen

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den Romaufenthalt junger protestantischer Adeliger dazu zu nutzen, sie für die katholische Religion zu interessieren und ihre Konversionen zu stimulieren. Zur Rückgewinnung protestantischer Territorien eigneten sich prominente Konvertiten aufgrund ihres Vorbildcharakters für eine effektive Propaganda der sich selbst inszenierenden siegreichen katholischen Kirche. Selbst wenn ein adeliger Konvertit nicht der regierenden Linie der fürstlichen Familie angehörte, so versprach ein Glaubenswechsel, die konfessionelle Uniformität des betroffenen Hofes zu spalten. Nicht selten stellte Rom prominenten Konversionskandidaten Karriere- und Pfründenmöglichkeiten in der kirchlichen Hierarchie in Aussicht.6 Herzogin Sophie von Hannover kommentierte diesen Umstand mit Blick auf die in Rom vollzogene Konversion des Markgrafen Gustav Adolf von BadenDurlach im Jahr 1663 zugespitzt mit den Worten: „La pauvreté a esté son convertisseur“.7 In das ausgehende 16. Jahrhundert sind auch die ersten Bemühungen um Konversionen einfacher Leute seitens des Oratorianerpaters Giovanni Giovenale Ancina zu datieren.8 Nachdem bereits 1543 ein Katechumenenheim für die Aufnahme und Taufvorbereitung von Juden und Muslimen in der Ewigen Stadt gegründet worden war, rief Ancina in Erwartung des Heiligen Jahres 1600 die

Historischen Institut Paris 2000 (= Beihefte der Francia 60), Ostfildern 2005; Stannek, Antje: Telemachs Brüder. Die höfische Bildungsreise des 17. Jahrhunderts (= Geschichte und Geschlechter 33), Frankfurt 2001; Leibetseder, Mathis: Die Kavalierstour. Adlige Erziehungsreisen im 17. und 18. Jahrhundert (= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 56), Köln 2004. 6

Vgl. Christ, Günter: Fürst, Dynastie, Territorium und Konfession. Betrachtungen zu Fürstenkonversionen des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts, in: Saeculum 24 (1973), S. 367-387; Reinhardt, Rudolf: Konvertiten und deren Nachkommen in der Reichskirche der Frühen Neuzeit, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 8 (1989), S. 9-37. Analog für Konversionen am Wiener Hof vgl. Peper, Ines: Konversionen im Umkreis des Wiener Hofes um 1700 (= Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 55), Wien 2010.

7

Bodemann, Eduard (Hg.): Briefwechsel der Herzogin Sophie von Hannover mit ihrem Bruder, dem Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, und des Letzteren mit seiner Schwägerin, der Pfalzgräfin Anna (= Publikationen aus den königlich-preußischen Staatsarchiven 26), Leipzig 1885, S. 63.

8

Vgl. zum Folgenden Matheus, Ricarda: Gli oratoriani e i protestanti. Concetti e pratiche di conversione a Roma (XVI-XVIII secolo), in: Rivista di Storia di Cristianesimo 1/2010, S. 107-123; Fosi, Irene: Roma e gli „Ultramontani“. Conversioni, viaggi, identità, in: QFIAB 81 (2001), S. 351-396.

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Congregatio de ijs qui ad fidem veniunt für die Unterstützung konversionswilliger Protestanten ins Leben. Spätestens im Jahr 1605 wurde die Kongregation dem Heiligen Offizium unterstellt, allerdings blieben ihre Aktivitäten während der folgenden Jahrzehnte vergleichsweise bescheiden. Die recht späte Gründung des Ospizio dei Convertendi muss unter anderem im Zusammenhang mit dem Westfälischen Frieden gesehen werden.9 Zum einen hatten Papst und Kurie einsehen müssen, dass die konfessionelle Spaltung nicht mehr rückgängig zu machen war; auch die lange in Rom gehegten Hoffnungen, über Fürstenkonversionen eine Rekatholisierung protestantischer Territorien zu erreichen, waren mit der Normaljahrsregelung faktisch obsolet geworden. Zum anderen nahm seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges der Strom der Fremden und Reisenden in die Ewige Stadt immer weiter zu, unter ihnen nicht wenige Protestanten aus den Ländern nördlich der Alpen. Seit dem Pontifikat Alexanders VII. richtete sich das Augenmerk verstärkt auf Einzelkonversionen von Angehörigen aller sozialer Schichten. Erst im Jahr 1673 führten erneute Anstrengungen des Oratorianers Mariano Sozzini zur Gründung eines eigenen Hospizes für nordalpine „Häretiker“. Dank einer ausreichenden materiellen Basis und der Anbindung an kuriale Strukturen konnte sich das Ospizio dei Convertendi recht schnell innerhalb des städtischen Fürsorgesystems etablieren. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurden 1.775 Gäste in der Einrichtung beherbergt, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts belief sich die Zahl der Konvertenden bzw. Konvertiten auf 8.070. Die Zuwächse bei den Konversionszahlen seit der zweiten Hälfte des 18., besonders aber im Verlauf des 19. Jahrhunderts fielen vergleichsweise gering aus. Die Gesamtzahl von 9.264 fassbaren Personen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ledig-

9

Zum Ospizio dei Convertendi vgl. Matheus, Ricarda: Mobilität und Konversion. Überlegungen aus römischer Perspektive, in: QFIAB 85 (2005), S. 173-213; Dies.: Konversionen in Rom in der Frühen Neuzeit. Das „Ospizio dei Convertendi“ 16731750 (= Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom 126), Berlin/Boston 2012; Pagano, Sergio: L’archivio dell’Ospizio apostolico dei Convertendi all’Archivio Segreto Vaticano. Inventario, in: „Dall’infamia dell’errore al grembo di Santa Chiesa.“ Conversioni e strategie della conversione a Roma nell’età moderna (= Ricerche per la storia di Roma 10), Roma 1998, S. 455-544; Ders.: L’Ospizio dei Convertendi di Roma. Fra carisma missionario e regolamentazione ecclesiastica (1671-1700), in: „Dall’infamia dell’errore al grembo di Santa Chiesa.“ Conversioni e strategie della conversione a Roma nell’età moderna (= Ricerche per la storia di Roma 10), Roma 1998, S. 313-390; Raunio, Anu: Conversioni al cattolicesimo a Roma tra Sei e Settecento. La presenza degli scandinavi nell’Ospizio dei Convertendi (= Turun yliopiston julkaisuja. Sarja B 324), Turku 2009.

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lich aufgrund dieses Quellenbestandes vermittelt jedoch eine Vorstellung von der Größenordnung des Phänomens innerchristlicher Konversionen in Rom. Abbildung 1: Gesamtzahl der Neuaufnahmen im Ospizio dei Convertendi nach Dezennien 1673-1900

Quelle: Eigene Darstellung

Was sich an dieser Grafik – ganz ähnlich wie an einer von Eric-Oliver Mader erstellten Übersicht über den zeitlichen Konversionsverlauf protestantischer Fürsten und Fürstinnen im Reichsgebiet10 – abzeichnet, kann zum einen im Kontext der zuvor erwähnten und seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert ausformulierten und praktizierten Konversionsstrategien gedeutet werden. Weiterhin hängt der nahezu parallele Verlauf beider Kurven mit deutlichen Spitzen zwischen 1650 und 1725 mit einer, auf den ersten Blick trivialen, in ihrer Tragweite aber zumeist unterschätzten Tatsache zusammen: Konversionen innerhalb des Christentums setzen die Existenz zweier oder mehrerer relativ präzise ausformulierter und voneinander abgegrenzter Konfessionen voraus. Konfessionalisierung und die damit einhergehende konfessionelle Ausdifferenzierung und Abgrenzung der Bekenntnisse stellen also keinen Gegensatz zu einer zunehmenden Zahl von individuellen und freiwilligen (im Sinne von nicht gewaltsam erzwungenen) Kon-

10 Vgl. dazu E.-O. Mader: Reiseziel (wie Anm. 4).

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versionen dar, sondern Glaubenswechsel sind sogar zumeist die Folge von zuvor auf territorialer Ebene vollzogener kirchlich-religiöser Uniformierung der Gesellschaft. Führt man sich die seitens der Frühneuzeitforschung herausgearbeiteten Zeitphasen der Konfessionalisierung etwa im Reichsgebiet vor Augen, so wird verständlich, warum das 17. Jahrhundert als das Jahrhundert der Konversionen gilt.11

2. L UKAS H OLSTENIUS In der Mitte des 17. Jahrhunderts tat sich in Rom unter den Päpsten Urban VIII., Innonzenz X. und Alexander VII. insbesondere Lukas Holstenius als convertisseur hervor. Der 1596 in Hamburg geborene philologisch, theologisch und historisch gebildete Holstenius war 1624 in Paris zum katholischen Glauben übergetreten. Seine dort geschlossene Bekanntschaft mit Francesco Barberini öffnete ihm die Türen zur familia des Kardinalnepoten Urbans VIII.; er kam 1627 nach Rom und war zunächst Bibliothekar der Barberini und später Leiter der Biblioteca Vaticana, zudem kam ihm als Berater der Propaganda FideKongregation, als Konsultor der Indexkongregation sowie bei der Betreuung von Konversionskandidaten aus gelehrten und fürstlichen Kreisen eine Schlüsselrolle zu.12 Sein Aktionsradius ist aufgrund seines umfangreichen Briefwechsels

11 Zu betonen ist freilich, dass diese Konversionen im Wesentlichen in eine Richtung gingen, nämlich vom Protestantismus zum Katholizismus. Der Einbruch der Zahlen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts erklärt sich u.a. durch die mit der Aufklärung einhergehende wachsende religiöse Toleranz sowie Prozesse der Säkularisierung und Entkonfessionalisierung. 12 Zu Holstenius vgl. Friedensburg, Walter: Zur Lebensgeschichte des Lucas Holstenius, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 12 (1903), S. 95-116; Wagner, Ferdinand: Aus dem Leben des Lucas Holstenius, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 11 (1903), S. 388-410. Zu seiner Bibliothek vgl. Serrai, Alfredo: La biblioteca di Lucas Holstenius, Udine 2000; Stork, Hans-Walter (Hg.): Lucas Holstenius (1596-1661). Ein Hamburger Humanist im Rom des Barock. Material zur Geschichte seiner Handschriftenschenkung an die Stadtbibliothek Hamburg (= Verein für Katholische Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein, Beiträge und Mitteilungen 9), Husum 2008; Rietbergen, Peter J.: Lucas Holstenius (15961661). Seventeenth-century scholar, librarian and book-collector. A preliminary note, in: Quaerendo 17 (1987), S. 205-226 (Wiederabdruck in Rietbergen, Peter: Power and religion in Baroque Rome. Barberini cultural policies, Leiden/Boston 2006).

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vergleichsweise gut dokumentiert, und dieses, erstmals in den 1980er Jahren von Markus Völkel untersuchte Korrespondenznetz lässt unter anderem erkennen, wie Konversionen in Rom lanciert und gefördert werden konnten.13 Im Folgenden soll ein Ausschnitt dieses Ego-Netzwerkes des Lukas Holstenius aufgezeigt werden. Dabei stehen jene direkten und indirekten Kontakte und Verflechtungen im Fokus, die unmittelbar mit der Konversionsthematik in Verbindung gebracht werden können. Am besten dokumentiert ist die Rolle Holstenius’ bei der Konversion Friedrichs von Hessen. Die Kontakte des Barberini-Familiars wurden während des Romaufenthaltes des Landgrafen immer intensiver. Drei Monate harter Arbeit will Holstenius investiert haben, um Friedrich von der Wahrheit des katholischen Glaubens zu überzeugen.14 Schließlich verfasste er auch die Rechtfertigungsschrift des deutschen Adeligen. Nach der Konversion übertrug der BarberiniKardinal Holstenius außerdem die Aufgabe, die ersten Schritte der Integration des Landgrafen in die katholische Adelsgesellschaft zu überwachen, nachdem ihm der Papst das Großkreuz von Malta verliehen hatte.15 Holstenius agierte also

13 Völkel, Markus: Individuelle Konversion und die Rolle der „famiglia“. Lukas Holstenius (1596-1661) und die deutschen Konvertiten im Umkreis der Kurie, in: QFIAB 67 (1987), S. 221-281. 14 Holstenius schrieb im März 1637 an seinen Freund Nicolas Claude Fabri de Peiresc: „Wie viele Zeit und Arbeit ich, seitdem wir hier im Vatican wohnen, diese drei Monate hindurch dem durchlauchtigen Landgrafen von Hessen zugewendet haben, ist keinem Menschen an diesem Hofe unbekannt, namentlich nicht Sr. Eminenz unserm Cardinal, auf dessen Befehl ich mich dem Fürsten ganz ausschließlich zur Verfügung gestellt habe, von dem Augenblick an, wo er uns die erste Hoffnung gab, sich mit der katholischen Kirche auszusöhnen. Nachdem ich nun drei volle Monate diesem Geschäfte meine Bemühungen, Diensterweise, und Religionsgespräche zur gelegenen und ungelegenen Zeit gewidmet habe, ist endlich durch Gottes Gnade die Wirkung hervorgetreten, daß der Fürst und einige lutherische Hauptpersonen die lutherische Ketzerei mit dem katholischen Glauben vertauscht haben.“ Zit. nach Räß, Andreas: Die Convertiten seit der Reformation. Nach ihrem Leben und aus ihren Schriften dargestellt, Bd. 1-13, Freiburg im Breisgau 1866-1880, hier Bd. 5, S. 467. 15 Der Landgraf ist zudem ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich für protestantische Fürsten mit der Konversion zum Katholizismus Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten in Kirche, Armee oder am Kaiserhof verbanden. Der Landgraf wurde zunächst mit dem Großkreuz von Malta und damit mit dem Zugang zum wichtigsten katholischen Ritterorden, und im Jahre 1652 mit dem Kardinalspurpur „belohnt“. Köchli, Ulrich: Trophäe im Glaubenskampf? Der Konvertit und Kardinal Friedrich Landgraf von

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auf Weisung seines Patrons, er nutzte jede Gelegenheit, den Grafen in Gespräche über religiöse Themen zu verwickeln und diesen so zur Konversion zu bewegen. Ähnlich verlief die Einflussnahme bei Johann Friedrich von BraunschweigLüneburg; den Auftrag, den adeligen Protestanten während seines Romaufenthaltes zu betreuen, scheint diesmal der Papst selbst erteilt zu haben. Nach seiner Konversion 1651 ging es um die Frage seiner Zukunftsabsicherung im geistlichen Stand oder im Reich – Holstenius kam bei diesem langwierigen Prozess die Aufgabe zu, „den fürstlichen Kryptokonvertiten nicht ganz ins deutsche Fahrwasser zurück gleiten zu lassen“.16 Unmittelbaren Einfluss auf seine Konversion hatte der holsteinische Graf Christoph von Rantzau, mit dem Johann Friedrich eng befreundet war, und der seinerseits im Heiligen Jahr 1650 in Rom konvertiert war, ein Glaubenswechsel an dem Holstenius ebenfalls maßgeblichen Anteil hatte.17 Der Konversionsstratege verfasste auch die Rechtfertigungsschrift des Grafen, die dieser unter seinem eigenen Namen veröffentlichte: ein polemisches Traktat, der sich gegen den Helmstädter Theologen Georg Calixt richtete, bei dem Rantzau zuvor studiert hatte. Im Gegenzug stattete Rantzau dessen Sohn, Ulrich Calixt, mit einem Empfehlungsschreiben an Holstenius aus, als dieser sich auf eine Reise nach Rom begab,18 und kündigte Ulrich Calixt als künftigen Konvertiten an: Si fidelem doctumque haberet manuductorem de conversione eius non desperarem.19 Rantzau sah ohnehin in jedem Calixt-Schüler einen potenziellen Konvertiten: Sobald einer von ihnen eine Romreise plante, unterrichtete er seinen Kontaktmann in der Tiberstadt.20

Hessen-Darmstadt (1616-1682), in: Arne Karsten (Hg.), Jagd nach dem roten Hut. Kardinalskarrieren im barocken Rom, Göttingen 2004, S. 186-204; Schwerdtfeger, Regina Elisabeth: Friedrich von Hessen-Darmstadt. Ein Beitrag zu seinem Persönlichkeitsbild anhand der Quellen im Vatikanischen Archiv, in: Archiv für schlesische Kirchengeschichte 4 (1983), S. 165-240. 16 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 255f., hier 256. 17 A. Räß: Convertiten. Bd. 6 (wie Anm. 14), S. 366-402. Dort auch in Auszügen die Rechtfertigungsschrift. Vgl. zudem ebd., S. 265. 18 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 259. 19 Ebd., S. 265. 20 Ebd., S. 271. Seine Hoffnung auf weitere Konversionen durch Holstenius brachte er etwa in einem Schreiben vom 21./31. März 1653 aus Regensburg zum Ausdruck: […] erfreue mich daneben von hertzen, daß durch die gute conversation noch allezeit welche der katholischen kirchen einverleibt werden, wünsche von herzen, daß ich oftermahlen sölche zeitungen von ihm vernehmen mag […].

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Mit Lukas Holstenius ist schließlich auch einer der bekanntesten Konversionsfälle im Europa des 17. Jahrhunderts verknüpft: Christina von Schweden.21 Nachdem sie im Juni 1654 in Uppsala abgedankt und die schwedische Königskrone niedergelegt hatte, erfolgte ihre nicht öffentliche Konversion am Heiligen Abend des Jahres 1654 in Brüssel in einem vertrauten Kreis. Der Akt wurde zunächst aus politischen Gründen geheim gehalten. Ursprünglich wollte Christina anschließend direkt nach Rom reisen, ihr Aufenthalt dort war von langer Hand vorbereitet worden. Der neu gewählte Papst Alexander VII. bestand jedoch auf einem öffentlichen Konversionsakt. Zu diesem Zweck wurde Holstenius als päpstlicher Legat von Staatssekretär Kardinal Giulio Rospigliosi, dem späteren Clemens IX., nach Innsbruck entsandt.22 Er galt zu diesem Zeitpunkt bereits als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Konversionen.23 Der offizielle Glaubensübertritt erfolgte am 3. November 1655 in der Innsbrucker Hofkirche. Holstenius war es auch, der die Königin anschließend nach Rom begleitete: Die Reise über Trient, Mantua, Ferrara, Bologna und Spoleto in die Ewige Stadt inszenierte die Kurie als Triumphzug. Als Christina mit ihrem Gefolge am 20. Dezember Rom erreichte, wurde sie von Carlo de Medici und (dem vormals ebenfalls durch den Einfluss Holstenius konvertierten) Kardinal Friedrich von Hessen begrüßt.24 Die hier geschilderten Fälle, in denen Holstenius unmittelbar an Glaubensübertritten einzelner Persönlichkeiten beteiligt war, bilden nur einen Teil der zu beschreibenden sozialen Verflechtungen von Konvertiten. Zu berücksichtigen ist auch sein weiteres Kontakt- und Korrespondenznetz. Seit seinem Wechsel in die

21 Aus der Fülle der Literatur sei hier nur exemplarisch verwiesen auf Hart, Gabriela: Die Konversion der Königin Christina, in: Christina. Katalog der Ausstellung im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück, Osnabrück 1997, S. 151-165; Åkerman, Susanna: Queen Christina of Sweden and her circle. The transformation of a seventeenth-century philosophical libertine (= Brill’s studies in intellectual history 21), Leiden 1991. Vgl. auch Biermann, Veronica: Von der Kunst abzudanken. Die Repräsentationsstrategien Königin Christinas von Schweden, Wien u.a. 2012. 22 Zuletzt Abbamonte, Giancarlo: L’incontro tra Lucas Holste e la Regina Cristina, in: Poli, Diego (Hg.), Cristina di Svezia e la cultura delle accademie, Roma 2005, S. 171188. 23 G. Abbamonte: Incontro (wie Anm. 22), S. 179f. Vgl. auch den Brief an Barberini, ebd., S. 183f. 24 Die Briefe von Holstenius an Kardinal Giulio Rospigliosi von der gemeinsamen Reise mit Christina nach Rom geben interessante Einblicke in die erste Zeit nach ihrem Glaubenswechsel; G. Hart: Konversion (wie Anm. 21), S. 169.

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Ewige Stadt stand er nachweislich mit wenigstens 30 Konvertiten bzw. potenziellen Konvertiten aus dem Reichsgebiet in – zumeist brieflichem – Kontakt.25 Noch in Rom begegnete Holstenius 1651 Heinrich Julius Blume. Der Helmstedter Jurist und Theologe sollte eine mögliche Konversion des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg verhindern. Doch anstatt den Herzog umzustimmen, freundete er sich mit Holstenius an und konvertierte nach der Romreise 1653 auf dem Regensburger Reichstag.26 Holstenius bot anschließend Blume Hilfe und Unterstützung für seine weitere berufliche Tätigkeit an und schlug ihm vor, in Rom in seine Fußstapfen zu treten. Auch wenn Blume das Angebot nicht annahm und schließlich nördlich der Alpen blieb – mit Holstenius verblieb er auch in der Folgezeit im regen Kontakt.27 Zu den regelmäßigen Korrespondenzpartnern des Lukas Holstenius gehörte auch Ernst von Hessen-Rheinfels, der am 6. Januar 1652 gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Söhnen öffentlichkeitswirksam im Kölner Dom zum katholischen Glauben übergetreten war.28 Holstenius war seine Kontaktperson zur Kurie, „im Mittelpunkt des Austausches stand der Wunsch des Landgrafen, seine gesamte hessische Verwandtschaft zu konvertieren.“29 Holstenius korrespondierte zudem mit dem kaiserlichen Posthalter Johann Abondio Somigliano in Nürnberg, der ihn über mögliche Konversionskandidaten unterrichtete. Dieser informierte Holstenius etwa im Jahr 1655 über die Reise eines Patriziers namens

25 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 226-228. 26 A. Räß: Convertiten. Bd. 6 (wie Anm. 14), S. 558-571; M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 269. 27 Zu Blume und seiner Konversion ausführlich und mit weiterer Literatur Cerbu, Thomas: Conversion, Learning, and Professional Choices. The Case of Heinrich Julius Blume, in: Zedelmaier, Helmut/Mulsow, Martin (Hg.), Die Praktiken der Gelehrsamkeit, Tübingen 2001, S. 179-218. 28 Ritter, Alexander: Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels (1623-1693), in: Klueting, Harm (Hg.), Irenik und Antikonfessionalismus im 17. und 18. Jahrhundert (= Hildesheimer Forschungen 2), Hildesheim u.a. 2003, S. 117-140; Ders.: Konfession und Politik am hessischen Mittelrhein 1527-1685 (= Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 153), Darmstadt 2007, S. 339-360; Raab, Heribert: Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels 1623-1693, St. Goar 1964; Ders.: Der „Discrete Catholische“ des Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels (1623-1693). Ein Beitrag zur Geschichte der Reunionsbemühungen der Toleranzbestrebungen im 17. Jahrhundert, in AmrKG 12 (1960), S. 175-198. 29 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 266.

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Johann Abraham Böhmer/Pömer über Wien nach Rom.30 Auch der kaiserliche Oberst Franz Anton von Petschowitsch konvertierte unter dem Einfluss von Holstenius. Er befand sich 1650 auf einer Reise mit Georg Friedrich Philipp von Grießheim und Ferdinand Truchsess von Wetzhausen.31 Schließlich muss auch Peter Lambeck, ein Neffe des Protagonisten, zu diesem Netz gerechnet werden, der in jungen Jahren in Paris studierte und dort vom Patron Holstenius’, Kardinal Francesco Barberini, freundlich aufgenommen worden war.32 Zwischen 1647 und 1649 verbrachte Lambeck zwei Jahre bei seinem Onkel in Rom. Welchen Anteil dieser an seiner späteren Konversion hatte, ist unklar. Eine wichtige Rolle scheint zumindest auch Christina von Schweden gespielt zu haben, die Lambeck 1662 in Hamburg traf.33 Er reiste erneut nach Italien und trat in Rom zum katholischen Glauben über. Holstenius unterstützte ihn nun durch Empfehlungsschreiben, und er wurde bereits 1663 von Kaiser Leopold zum kaiserlichen Historiographen und Vizebibliothekar ernannt, ein halbes Jahr später übernahm er die Leitung der Bibliothek und wurde zu einem engen Vertrauten des Kaisers.34 Um die existenzielle Absicherung der Konversion ging es auch im folgenden Fall, der belegt, dass Holstenius ein gefragter und bekannter Kontaktmann für Konvertiten war. Der ehemalige Professor in Uppsala, Joachim Tortorius, schrieb nach seinem Glaubenswechsel an Holstenius. Er sei aufgrund seiner Konversion mit Repressalien konfrontiert und von der Universität verwiesen worden. Sein Vermögen habe man beschlagnahmt. Mittellos in Wien gestrandet, wandte er sich Hilfe suchend an Holstenius.35

30 Ebd., S. 263. 31 I. Peper: Konversionen (wie Anm. 6), S. 188f. 32 A. Räß: Convertiten. Bd. 7 (wie Anm. 14), S. 156-165; Hoffmann, Friedrich Lorenz: Peter Lambeck (Lambecius) als bibliographisch-literarhistorischer Schriftsteller und Bibliothekar, Soest 1864; Syndikus, Anette: Die Anfänge der Historia literaria im 17. Jahrhundert. Programmatik und gelehrte Praxis, in: Grunert, Frank/Vollhardt, Friedrich (Hg.), Historia literaria. Neuordnungen des Wissens im 17. und 18. Jahrhundert, Berlin 2007, S. 3-36. Eine neuere Biographie zu Peter Lambeck ist noch ein Forschungsdesiderat. 33 Vermutlich gab sie ihm den Rat, zum katholischen Glauben zu wechseln und eine seinen wissenschaftlichen Verdiensten und Wünschen angemessenere Stellung in katholischen Diensten zu suchen. 34 Vgl. I. Peper: Konversionen (wie Anm. 6), S. 105f.; M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 269; A. Räß: Convertiten. Bd. 7 (wie Anm. 14), S. 156-165. 35 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 270f.

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Eine zentrale Rolle in diesem Konvertitennetzwerk spielte Barthold Nihus. Der ehemalige Schüler und spätere Widersacher Georg Calixt’ studierte nach seiner Konversion im Jahr 1622 in Köln Theologie, wofür er finanzielle Unterstützung seitens der Propaganda Fide erhielt.36 Nachdem er im März 1624 die Tonsur erhalten hatte, übernahm er die Aufsicht über das der Kreuzbruderschaft angeschlossene Konvertitenhaus in Köln.37 Nihus, „fameux converti et fameux convertisseur“38, stand seit 1640 in engen schriftlichen Kontakt mit dem päpstlichen Nuntius Fabio Chigi in Köln, er war gewissermaßen dessen heimlicher Informant. Alle Hinweise auf mögliche Konversionen im intellektuellen Milieu Amsterdams, wo sich Nihus seit den 1630er Jahren aufhielt, und von de-

36 Stillig, Jürgen: Konversion, Karriere, Elitenkultur. Profile kirchlicher Konvertitenfürsorge: Ludolf Klencke (1588-1663) und Barthold Nihus (1589-1657), in: Niewöhner, Friedrich/Rädle, Fidel (Hg.), Konversionen im Mittelalter und in der Frühneuzeit (= Hildesheimer Forschungen 1), Hildesheim u.a. 1999, S. 85-132, hier: S. 110. Just, Leo: Beiträge zur Geschichte der Kölner Nuntiatur, in: QFIAB 25 (1956), S. 248-320, S. 266 geht hingegen davon aus, dass Nihus die Leitung von ca. 1623-1625 innehatte. 37 In einem Brief an Nikolaus Granius schrieb Nihus: „Meiner Obsorge und Aufsicht wurde dieses Collegium anvertraut, in dem die vorzüglichen Studiosen aller Facultäten, welche sich zum katholischen Glauben bekehrt und deshalb von ihren Eltern und Verwandten sich verlassen sahen, gepflegt und zu höhern Geistes- und Herzenserhebungen angeleitet werden, und zwar auf Kosten der Erzbruderschaft des heiligen Kreuzes, welcher dermalen der Churfürst von Bayern als Haupt vorsteht.“ Dt. Übersetzung zitiert nach A. Räß: Convertiten. Bd. 5 (wie Anm. 14), S. 101. Zur Konvertitenstiftung in Köln und der Kreuzbruderschaft vgl. L. Just: Beiträge (wie Anm. 36), S. 256-271; Denzler, Georg: Die Propagandakongregation in Rom und die Kirche in Deutschland im ersten Jahrzehnt nach dem Westfälischen Frieden. Mit Edition der Kongregationsprotokolle zu deutschen Angelegenheiten 1649-1657, Paderborn 1969, S. 181-184; Mallinckrodt, Rebekka: Struktur und kollektiver Eigensinn. Kölner Laienbruderschaften im Zeitalter der Konfessionalisierung (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 209); Göttingen 2005, S. 274-276 mit älterer Literatur. 38 Bayle, Pierre: Dictionnaire historique et critique. Nouvelle Édition. Bd. 11, Paris 1820, S. 164. Vgl. zu Nihus ausführlich J. Stillig: Konversion (wie Anm. 36), S. 100127; Schubert, Anselm: Kommunikation und Konkurrenz. Gelehrtenrepublik und Konfession im 17. Jahrhundert, in: Greyerz, Kaspar von et al. (Hg.), Interkonfessionalität – Transkonfessionalität – binnenkonfessionelle Pluralität. Neue Forschungen zur Konfessionalisierungsthese (= SVRG 201), Gütersloh, S. 101-131; A. Räß: Convertiten. Bd. 5 (wie Anm. 14), S. 97-103 und Bd. 11, S. 453-456.

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nen der katholische Theologe und Gelehrte erfuhr,39 wurden somit direkt oder indirekt nach Rom ins Staatssekretariat zu Francesco Barberini übermittelt.40 Er versorgte Holstenius und die Kurie auch mit Informationen über potenzielle Konversionskandidaten unter den Gelehrten der Niederlande.41 Ein Beispiel mag dies illustrieren. Nachdem sich die Hinweise auf eine mögliche Konversion des Hugo Grotius als Fehlmeldung erwiesen hatten, konzentrierte sich Nihus in Amsterdam auf die Konversion eines der damals bedeutenden europäischen Wissenschaftler: Gerard Joannes Vossius.42 Nihus hatte direkten Zugang zur Familie Vossius und bemühte sich vorsichtig, die Gespräche mit ihm auf das Thema Konversion zu lenken.43 Durch seine Informantentätigkeit für den Nuntius erhielt die gelehrte Freundschaft zwischen Nihus und Vossius gleichsam den Charakter einer Überwachung durch einen „informellen Mitarbeiter“.44 Nihus informierte Chigi auch über eine Italienreise des 21jährigen Sohnes Isaac Vossius, und der Nuntius übermittelte dies sofort an Barberini.45 Besonders heikel an der Konstellation

39 Peterse, Hans: Johann Christian von Boineburg und die Mainzer Irenik des 17. Jahrhunderts, in: Duchhardt, Heinz/May, Gerhard (Hg.), Union – Konversion – Toleranz. Dimensionen der Annäherung zwischen den christlichen Konfessionen im 17. und 18. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 50), Mainz 2000, S. 105-118, hier S. 113. 40 A. Schubert: Kommunikation (wie Anm. 38), S. 116 mit weiterer Literatur. 41 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 271f. 42 Vgl. zu ihm: Rademaker: Cornelis Simon Maria, Life and work of Gerardus Joannes Vossius, Assen 1981. 43 A. Schubert: Kommunikation (wie Anm. 38), S. 121. 44 Ebd., S. 120. 45 Der Nuntius Chigi schrieb am 22. März an Barberini: „Letzte Woche habe ich Eurer Eminenz mitgeteilt, was mir Barthold Nihus aus Amsterdam zur Person von Vossius geschrieben hat und wie er so milde gegen die Katholiken gesinnt ist, dass er sogar seinen Söhnen erlauben würde, sich [zum Katholizismus] zu bekennen. Ich brenne darauf, eurer Eminenz einen anderen Brief von Nihus zu schicken, in dem er andeutet, dass sich dort in Rom ein junger Sohn dieses Gelehrten aufhält. Durch die Herren Holsten und Naudeus, denen er anempfohlen ist, kann man für seine Konversion sorgen.“ Dt. Übersetzung zitiert nach A. Schubert: Kommunikation (wie Anm. 38), S. 122. Vgl. auch Börner, Maria Teresa: Nuntiaturberichte aus Deutschland. Nebst ergänzenden Aktenstücken. Die Kölner Nuntiatur 9,1. Nuntius Fabio Chigi (1639 Juni1644 März), Paderborn 2009, S. 519. Isaac Vossius war 1641 zu einer Bildungreise nach Italien aufgebrochen. Neuerdings auch Blok, Frans Felix: Isaac Vossius’ grand

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war, dass Vossius selbst seinen Sohn in einem Brief vom 18. Januar Lukas Holstenius zur Obhut empfohlen hatte. Vermutlich wusste der Vater nichts von dem geradezu missionarischen Eifer des gelehrten Bibliothekars in Rom für die katholische Sache.46 Nach seiner Ankunft in Rom war der junge Vossius von der Ewigen Stadt sehr enttäuscht. Er beschwerte sich über die sommerliche Hitze, es ärgert ihn aber noch mehr „[…] dass die Bibliotheca Vaticana geschlossen worden. Das pflegt zu der Zeit zu passieren, in der der Papst sich vom Vatikan zum Quirinal begibt, was vor ein paar Tagen geschehen ist. Danach kommt man nicht mehr in diese Bibliothek – und vielleicht sehe ich sie gar nicht. Wenn ich mich in dieser Stadt genauso bequem mit Büchern beschäftigen könnte wie in Florenz, könnte ich vielleicht den Neid anderer verdienen. Wenn mich der ew. Holsten, dessen Bildung und Aufmerksamkeiten ich dieser Tage erfahre, nicht abhielte und mit Versprechungen fütterte, hätte ich Rom schon verlassen – was leichter und schneller geschehen würde, als irgendjemand glauben würde.“47

Was Holstenius dem jungen studioso versprochen hatte, ist nicht überliefert. In diesem Fall waren die unternommenen Konversionsanstrengungen nicht erfolgreich, wie eine spätere Quelle belegt: Im Kontext der Konversion Christinas von Schweden in Innsbruck im Jahr 1655 sollte sich laut einer Instruktion des Kardinalsstaatssekretärs Holstenius unter anderem um den „bibliotecario eretico“ der Königin, just den genannten Isaac Vossius bemühen.48

tour, 1641-1644. The correspondence between Isaac and his parents, P. 2: Isaac Vossius in Italy, in: Lias 35 (2008), S. 209-279. 46 Die Ankunft Issac Vossius in Rom hatte sich aufgrund eines längeren StudienAufenthaltes in Florenz verzögert, wo er Handschriften in der Bibliotheca Laurenziana kopiert hatte. So schrieb der Kardinalstaatssekretär Mitte April nach Köln zurück: „E quanto al primo affare [die Anwesenheit Isaac Vossius’ in Rom] non habbiamo sin qui sapputo che in Roma si ritrovi quel figlio del Vossio ch’ella ci accenna. Si farà tuttavia diligenza per rinvenirlo e per procurare la sua conversione”. Nuntiaturberichte aus Deutschland 9,1, S. 551, Barberini an Chigi, Rom 1642 April 19. Vossius traf Anfang Mai in Rom ein. Ebd. S. 571. 47 Zit. nach A. Schubert: Kommunikation (wie Anm. 38), S. 124. 48 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 272; A. Schubert: Kommunikation (wie Anm. 38), S. 123 mit Anm. 72. Neben Vossius gehörte auch der niederländische Dichter Joost van den Vondel zum Freundeskreis Nihus’, er konvertierte 1642 zum

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Die Propaganda-Fide-Kongregation ernannte Barthold Nihus am 22. Januar 1647 zum Missionar in Amsterdam und gewährte ihm ein jährliches Stipendium in Höhe von 50 scudi.49 Die engen Kontakte zu Fabio Chigi waren wohl auch für die weitere Absicherung Nihus hilfreich. Am 21. April 1655 wurde Nihus zum Mainzer Weihbischof in partibus Thuringae ernannt, zwei Wochen, nachdem Chigi als Papst Alexander VII in Rom den Stuhl Petri bestiegen hatte.50 Knapp zwei Jahre später, am 10. März 1657 verstarb Nihus unerwartet in Erfurt.

3. J OHANN P HILIPP VON S CHÖNBORN UND DER M AINZER K ONVERTITEN

DER

K REIS

Mit Barthold Nihus ist eine wichtige – wenngleich freilich nicht die einzige – Brücke zum Hof des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn (16051673) geschlagen. Auch hier etablierte sich nach dem Westfälischen Frieden ein regelrechtes Konvertitennetz.51 Ehemalige Protestanten standen dem Kurfürsten

Katholizismus. H. Peterse: Johann Christian von Boineburg (wie Anm. 39), S. 113 mit weiterer Literatur. 49 G. Denzler: Propagandakongregation (wie Anm. 37), S. 238 mit Anm. 6; Vgl. auch Tüchle, Hermann (Hg.): Acta Sacrae Congregationis de Propaganda Fide Germaniam spectantia. Die Protokolle der Propagandakongregation zu deutschen Angelegenheiten 1622-1649, Paderborn 1962, S. 608, 615. 50 Vgl. Jürgensmeier, Friedhelm: Johann Philipp von Schönborn (1605-1673) und die römische Kurie. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des 17. Jahrhundert (= Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 28), Mainz 1977, S. 171f.; J. Stillig: Konversion (wie Anm. 36), S. 126f. 51 Vgl. F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), bes. S. 279-285; Mentz, Georg: Johann Philipp von Schönborn, Kurfürst von Mainz, Bischof von Würzburg und Worms 1605-1673, 2 Teile, Jena 1896-1899, hier bes. Teil II, S. 203-218; Duchhardt, Heinz: Der Kurfürst von Mainz als Europäischer Vermittler. Projekte und Aktivitäten Johann Philipps von Schönborn in den Jahrzehnten nach dem Westfälische Frieden, in: Studien zur Friedensvermittlung in der Frühen Neuzeit (= Schriften der Mainzer Philosophischen Fakultätsgesellschaft 6), Wiesbaden 1979, S. 1-22; Jürgensmeier, Friedhelm: Johann Philipp von Schönborn (1605-1673). Erzbischof – Kurfrüst – Erzkanzler des Reiches, in: Felten, Franz (Hg.), Mainzer (Erz-)Bischöfe in ihrer Zeit (= Mainzer Vorträge 12), Stuttgart 2008, S. 85-102; Seelmann, Peter: Johann Philipp von Schönborn, aus: Der Erste Rheinbund (1658), in: historicum.net (http://www.historicum.net/no_ cache/ persistent/artikel/5990/).

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als Minister, geistliche und weltliche Berater zu Seite. Darüber hinaus stand der Mainzer Kurfürst mit vielen Adels- und Fürstenhäusern im Reich in Kontakt, leitete Konversionen ein und sicherte sie auf unterschiedlichste Weise ab. Diese Konstellation ist der Forschung grundsätzlich bekannt, doch soll sie für die hier zur Diskussion stehende Problematik nochmals in Erinnerung gerufen werden.52 Wenn von dem Konvertitenkreis um den Mainzer Kurfürsten die Rede ist, so ist zunächst an den ersten Minister und Konvertiten Johann Christian von Boineburg zu denken, der aufgrund seiner weitreichenden Beziehungen zur zentralen politischen Figur am Mainzer Hof aufsteigen sollte.53 In seinem Elternhaus und Studium war Boineburg mit einem gemäßigten Luthertum in Berührung gekommen; dieser Einfluss setzte sich während seiner Studienzeit in Jena und Helmstedt (1643/44) fort. Vermutlich wurden bereits in diesen Jahren „psychologische“ Barrieren gegenüber dem Katholizismus abgebaut, die den Weg zu seiner späteren Konversion ebneten.54 Boineburg war Schüler und Freund des bedeutenden Polyhistorikers Hermann Conrings, der seinerseits vom Calvinismus zum Luthertum konvertiert war, wenngleich die Konversion Boineburgs das

52 Andreas Ludwig Veit veröffentlichte bereits vor rund einhundert Jahren einen umfangreichen Artikel zu dieser Thematik. Veit, Andreas Ludwig: Konvertiten und kirchliche Reunionsbestrebungen am Mainzer Hofe unter Erzbischof Johann Philipp von Schönborn, in: Der Katholik 97 (1917), S. 170-196. Vgl. auch G. Mentz: Schönborn II (wie Anm. 51), S. 203-218. 53 Zu Boineburg vgl. H. Peterse: Johann Christian von Boineburg (wie Anm. 39); Wild, Karl: Der Sturz des Mainzer Oberhofmarschalls Johann Christian von Boyneburg im Jahr 1664, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins NF 13 (1889), S. 584-605 und 14 (1899), S. 78-110; Schrohe, Heinrich: Johann Christian von Boineburg. Kurmainzer Oberhofmarschall, Mainz 1926; Ultsch, Eva: Johann Christian von Boineburg. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte des 17. Jahrhunderts, Würzburg 1936; Seelmann, Peter: Johann Christian von Boineburg, aus: Der Erste Rheinbund (1658), in:

historicum.net

(http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5989/);

Dunin-Borkowski, Stanislaus von: Aus der Briefmappe eines berühmten Konvertiten des 17. Jahrhunderts, in: Stimmen der Zeit. Monatsschrift für das Geistesleben der Gegenwart 105 (1923), S. 132-147. Zu seiner Bibliothek vgl. Paasch, Kathrin: Die Bibliothek des Johann Christian von Boineburg (1622-1672). Ein Beitrag zur Bibliotheksgeschichte des Polyhistorismus, Berlin 2005. 54 E. Ultsch: Boineburg (wie Anm. 53), S. 60; K. Paasch: Bibliothek V (wie Anm. 53), S. 94f.; H. Peterse: Boineburg (wie Anm. 39), S. 106f.

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Verhältnis der beiden Gelehrten zwischenzeitlich belastete.55 Nach seinem Studium erfüllte er mehrere diplomatische Missionen im Dienste protestantischer Fürsten, die aber insgesamt als nicht sehr erfolgreich beurteilt werden.56 Was die Einflussfaktoren auf seine Konversionsentscheidung betrifft, so lassen sich mehrere Konstellationen wahrscheinlich machen. Eine aktive Rolle könnte Barthold Nihus bei der Konversion Johann Christian von Boineburgs, gespielt haben. Der erste nachweisliche Briefkontakt zwischen beiden datiert in den Mai des Jahres 1652.57 Boineburg war im Sommer 1652 Philipp von Schönborn begegnet, ein Kontakt, der durch Vermittlung des ebenfalls konvertierten und bereits erwähnten Grafen Christoph von Rantzau zustande gekommen war. Der Mainzer Kurfürst hatte Boineburg Hoffnungen auf eine Karriere an seinem Hof gemacht, dies freilich an die Voraussetzung der Konversion geknüpft.58 Bereits seit 1652 wirkte Johann Christian von Boineburg als Oberhofmarschall und erster Minister am Mainzer Hof, der öffentliche Übertritt wurde schließlich für den Regensburger Reichstag 1653 geplant und dort in Szene gesetzt.59 Nihus und Boineburg hatten während des Reichstages eine gemeinsame Wohnung bezogen.60 Die Kontakte zwischen Boineburg und Nihus rissen nach der Konversion nicht ab, vielmehr kreuzten sich ihre Wege in Mainz erneut, nachdem Nihus 1655 zum Mainzer Weihbischof ernannt worden war. Neben Nihus und Rantzau könnte Boineburg auch durch den Übertritt von Ernst von Hessen- Rheinfels im Jahr 1652 beeinflusst worden sein, schließlich fand die Begegnung zwischen dem Mainzer Kurfürsten und Boineburg in Langenschwalbach, dem heutigen Bad Schwalbach im Taunus statt, einem beliebten Badeort in dessen Grafschaft.61 Boineburg besaß zudem ein Exemplar der Recht-

55 Der Briefwechsel zwischen Conring und Boineburg umfasst ca. 400 Briefe und stellt einen wertvollen Quellenbestand dar. Vgl. Stolleis, Michael (Hg.): Hermann Conring (1606-1681). Beiträge zu Leben und Werk (= Historische Forschungen 23), Berlin 1983. 56 1645 war er im Alter von nur 23 Jahren zu Christina von Schweden gereist – später nach der Konversion Boineburgs und Christinas besorgte sich der Gelehrte die Schrift von Johann Olliequist über die Königin. Vgl. K. Paasch: Bibliothek (wie Anm. 53), S. 95 mit Anm. 695. 57 H. Peterse: Boineburg (wie Anm. 39), S. 113. 58 Ebd., S. 110. 59 T. Cerbu: Conversion (wie Anm. 27), S. 184. 60 Sie hatten während des Regensburger Reichstages eine gemeinsame Unterkunft. Vgl. H. Peterse: Boineburg (wie Anm. 39), S. 114. 61 S. Dunin-Borowski: Briefmappe (wie Anm. 53), S. 132f.

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fertigungsschrift des Landgrafen Motiva conversionis ad fidem catholicam, welche er offenbar gründlich studiert und mit handschriftlichen Notizen, insbesondere zur päpstlichen Unfehlbarkeit, versehen hatte.62 Auch studierte Boineburg andere Schriften der Gebrüder Walenburch, und sein Freund Conring nahm an, die Konversion sei durch eben diese Lektüre beeinflusst worden.63 Peter von Walenburch stand in engem Austausch mit Fabio Chigi und Nihus, der während des Reichstages sicherlich Einfluss auf Boineburg genommen hat.64 Doch auch der Jesuit und Missionar der niederrheinischen Provinz, Jodocus Kedd, nahm für sich in Anspruch, er habe auf dem Regensburger Reichstag 1653 innerhalb weniger Wochen 18 Personen zum katholischen Glauben zurückführen können, darunter auch Boineburg, wie Kedd sich in einem Bericht an die Propaganda Fide Kongregation in Rom rühmt.65 Eng verbunden mit Boineburg war das Schicksal des bereits im römischen Kontext erwähnten Historikers, Archäologen und Geheimen Hofrats Heinrich Julius Blume, der auf der Romreise 1650/1651 den Übertritt Johann Friedrichs nicht, wie geplant, verhinderte, sondern im Gegenteil zwei Jahre später selbst zum Katholizismus übertrat, nachdem er seine theologische Professur in Helmstedt niedergelegt hatte. Zuvor hatte er übrigens auch wie Boineburg dort studiert und im Jahr 1647 unter Hermann Conring disputiert.66 Auch er konvertierte wohl nicht zufällig auf dem Regensburger Reichstag 1653/54. Im Dezember 1653 berichtete der Hannoversche Gesandte Speirmann an den hannoverschen

62 H. Peterse: Boineburg (wie Anm. 39), S. 113f. Ein weiteres, mit einer Widmung versehenes Exemplar dieser Schrift schenkte Boineburg im August 1655 Barthold Nihus. 63 Boineburg bestätige dies 1655 in einem Brief an Prüschenk. Vgl. G. Mentz, Schönborn II, S. 280 (wie Anm. 51): Qui […] Hofmeisterum, Walenburgios etc. […] legit is videbit mentiri, qui dicunt catholicos non scripisse moderate. 64 K. Paasch: Bibliothek (wie Anm. 53), S. 95f.; Dunin-Borowski, Briefmappe (wie Anm. 53), S. 132f. 65 Im abschließenden Rechenschaftsbericht an die Propaganda Fide vom 27. Juni 1654 rühmt sich Kedd sogar, 51 der 300 Konvertiten auf dem Reichstag vom katholischen Glauben überzeugt zu haben. Namentlich erwähnt wird Peter von Rantzau, ein Neffe des bereits in Rom konvertierten Grafen Christoph von Rantzau. Aus einem späteren Bericht des Jahres 1657, der eine umfassende Auflistung der Konversionen des vergangenen Jahres erhält, erfahren wir, dass auch Johann Ludwig von Nassau auf dem Regensburger Reichstag konvertiert sei und später aus seiner Hand das Sakrament der Firmung empfangen habe. Vgl. Denzler: Propagandakongregation (wie Anm. 37), S. 73-77; H. Peterse: Boineburg (wie Anm. 39), S. 114 zu Nihus’ Einfluss. 66 I. Peper: Konversionen, S. 94f. (wie Anm. 6).

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Kanzler Justus Kipius zunächst über die bevorstehende, dann über die erfolgte Konversion Blumes und kommentierte dies mit den Worten: Bei diesem ReichsTage sind über 90 Persohnen zu der Catholischen Kirchen getreten, und wird dies nunmehr alhier vor der neuesten Mode gehalten.67 Blume wirkte in der Folge als kurmainzischer Archivar und war bis 1660 die rechte Hand von Boineburg.68 Deutlich wird, wie eng Boineburg und die mit ihm am Mainzer Hof in Verbindung stehenden Personen mit dem römischen Konversionsnetz des Lukas Holstenius verflochten waren.69 Das Netz wird freilich noch dichter, wenn man sich vor Augen führt, an welchen Konversionen Philipp von Schönborn und seine Berater ihrerseits Anteil hatten. Der Nachfolger von Barthold Nihus als Mainzer Weihbischof wurde ab 1658 der bereits erwähnte Peter von Walenburch. Dieser war zwar kein Konvertit – wenngleich die Gebrüder Peter und Adrian in der Literatur ebenfalls als

67 Speirmann an Kipius, 23. Dezember 1653. Der Bericht ist – wie zahlreiche andere Rapporte vom Reichstag – abgedruckt in: Vaterländisches Archiv des historischen Vereins für Niedersachsen (1839), S. 77-98, hier S. 81. Die Zahl der Konvertiten auf dem Regensburger Reichstag sollte im Verlauf des Jahres 1654 noch weiter ansteigen. 68 Ausführlich: T. Cerbu: Conversion (wie Anm. 27) mit weiterer Literatur; F. Jürgensmeier: Johann Philipp von Schönborn (wie Anm. 50), S. 281f.; A. L. Veit: Konvertiten (wie Anm. 52), S. 185. Auch der Konvertit Johannes Lincker von Lützenwitz stand in enger Beziehung zu Boineburg: er war bis zu dessen Sturz im Jahr 1664 langjähriger Sekretär und Vertrauter des Kurfürsten. F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), S. 281. Näher zu untersuchen wären noch die Kontakte zum Diplomaten Hartmann Jakobi. Vgl. Forgó, András: Spinola, Leibniz und der Mainzer Kurfürst. Katholisch-protestantische Einheitsversuche, in: Hartmann, Peter Claus (Hg.), Die Mainzer Kurfürsten des Hauses Schönborn als Reichserzkanzler und Landesherren (= Mainzer Studien zur Neueren Geschichte 10), Frankfurt 2002, S. 205-216, hier S. 212. 69 Zu erwähnen ist in diesem Kontext freilich auch der junge Leibniz, den Boineburg nach Mainz holte. In der Sekundärliteratur finden sich immer wieder Vermutungen, dass Boineburg oder Peter von Walenburch versucht haben sollen, Leibniz zur Konversion zu überreden, eindeutige Quellenzeugnisse sind allerdings bislang nicht bekannt. Vgl. Reitzel, Adam Michael: Leibniz, Boineburg und Johann Philipp von Schönborn in der Mainzer Rechts- und Reichsgeschichte, in: Mainzer Almanach (1961), S. 5-27; Wiedeburg, Paul: Der junge Leibniz. Das Reich und Europa. Teil 1, Mainz, Wiesbaden 1962, S. 87-89.

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solche bezeichnet werden70 – doch spielte der Kontroverstheologe in dem Mainzer Konvertitenkreis eine zentrale Rolle, der Schönborn-Biograph Georg Mentz bezeichnete ihn sogar als den „eifrigsten Konvertitenfänger“ jener Zeit.71 Der aus Rotterdam stammende Walenburch hatte in Köln katholische Theologie studiert und stand seit dieser Zeit in engem Kontakt mit dem Kölner Nuntius Fabio Chigi, auf dessen Anraten er als Missionar in das Herzogtum Jülich-Berg wechselte. Er befand sich auch in engem Austausch mit dem in Düsseldorf residierenden Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg, der ebenfalls Konvertit war. Hier dürften die Gebrüder Walenburch auch Landgraf Ernst von HessenRheinfels kennengelernt haben, an dessen Konversion sie später maßgeblich beteiligt waren.72 Unter Nuntius Giuseppe Maria Sanfelice wurde Peter von Walenburch Auditor, auch war er als Leiter des Kölner Konvertitenhauses vorgesehen.73 Der Mainzer Kurfürst war in Frankfurt auf dem Wahlkongress auf Walenburch aufmerksam geworden und bot ihm die frei gewordene Stelle als Weihbischof an – und damit einem Mann, der in freundschaftlicher Verbindung zu dem unterdessen zum Papst gewählten Fabio Chigi und in einem engen Verhältnis zum Nuntius Sanfelice in Köln stand.74 Zum einen war es wohl diplomatisches Kalkül, welches die Wahl des Schönborners auf Walenburch fallen ließ, denn so ließen sich in einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen Rom und Mainz recht angespannt war, wieder engere Bande zur Kurie knüpfen. Andererseits

70 Räß nahm sie in seine Sammlung der Konvertiten auf, auch Ludwig von Pastor folgte dieser Auffassung. Vgl. A. Räß: Convertiten. Bd. 7 (wie Anm. 14), S. 397-443. Vgl. zu dieser Diskussion bereits Franzen, August: Adrian und Peter van Walenburch. Zwei Vorkämpfer für die Wiedervereinigung im Glauben im 17. Jahrhundert, in: Haass, Robert (Hg.): Zur Geschichte und Kunst im Erzbistum Köln. Festschrift für Wilhelm Neuß (= Studien zur Kölner Kirchengeschichte 5), Düsseldorf 1960, S. 137163, hier S. 137f.; F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), S. 283. Zum Folgenden ebd., S. 172-176; Ders, Art. Walenburch van, Peter, in: BBKL XIII, 1998, Sp. 210-212. 71 G. Mentz: Schönborn II (wie Anm. 51), S. 204. 72 A. Franzen: Walenburch (wie Anm. 70), S. 141. Zu Wolfgang Wilhelm vgl. E.-O. Mader: Konversion (wie Anm. 2); Ders., Fürstenkonversionen (wie Anm. 2); Ders., Staatsräson und Konversion. Politische Theorie und praktische Politik als Entscheidungshintergründe für den Übertritt Wolfgang Wilhelms von Pfalz-Neuburg zum Katholizismus, in: Kugler, Heidi et al. (Hg.), Internationale Beziehungen in der Frühen Neuzeit. Ansätze und Aufgaben der Forschung, Münster 2005, S. 120-150. 73 A. Franzen: Walenburch (wie Anm. 70), S. 146f. 74 F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), S. 174.

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erwies sich Peter von Walenburch, der schon 1652 zusammen mit seinem Bruder Adrian von Sanfelice als „zelantissimi Cattolici“ bezeichnet worden war,75 besonders engagiert in der Mainzer Unions- und Konversionsarbeit. Peter und Adrian von Walenburch waren zum einen Autoren der Rechtfertigungsschrift des Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels. Sie sollen auch beteiligt gewesen sein an der Konversion Johann Friedrichs von Lüneburg sowie an dem bereits geschilderten Glaubenswechsel des ersten Mainzer Ministers Boineburg.76 Der kaiserliche Geheimrat Graf Ludwig Gustav von HohenloheSchillingsfürst soll ebenfalls durch Peter von Walenburchs Einfluss zur katholischen Kirche übergetreten sein.77 Unter den geistlichen Beratern des Kurfürsten war Peter von Walenburch sicherlich herausragend auf dem Gebiet der Konversions- und Unionspolitik. Nach dem Tod seines Bruders Adrian demissionierte Peter 1669 die Mainzer Weihbischofswürde und wechselte nach Köln, wo er im folgenden Jahr zum Weihbischof ernannt wurde. Eng befreundet war Peter von Walenburch mit seinem Vikar Adolf Gottfried Volusius (Vogler).78 Der Sohn eines kalvinistischen Predigers studierte zunächst evangelische Theologie, nach seiner Konversion in Mainz im Jahr 1638 setzte er seine Studien am Collegium Germanicum in Rom fort. Nach der Priesterweihe wurde er 1642 zunächst Pfarrer in Heppenheim und im Jahr 1645 Dompfarrer und Domprediger in Mainz; an der dortigen Universität erwarb er 1643 den theologischen Doktorgrad. Unter Erzbischof Johann Philipp von Schönborn war er Konsistorialrat und Siegler des Generalvikariates. Volusius war schon vor seiner Weihe zum Weihbischof im Jahre 1676 sehr um die Verbesserung der innerkirchlichen Zustände in der Diözese Mainz bemüht und spielte bei den Kirchenvisitationen Walenburchs oft eine entscheidende Rolle. Aufgrund seiner Strenge wurde er mitunter als „Pfaffenschinder“ bezeichnet. Andreas Ludwig Veit hält ihn sogar für eine der treibenden Kräfte in der irenischen Kirchenpolitik des Kurfürsten.79 Gemeinsam mit einem weiteren Konver-

75 Zit. nach A. Franzen: Walenburch (wie Anm. 70), S. 142. 76 G. Mentz: Schönborn II (wie Anm. 51), S. 207; A. Franzen: Walenburch (wie Anm. 70), S. 152. 77 G. Mentz: Schönborn II (wie Anm. 51), S. 209; A. Franzen: Walenburch (wie Anm. 70), S. 152; F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), S. 283. 78 A. Räß: Convertiten. Bd. 5 (wie Anm. 14), S. 516-545, Duchhardt-Bösken, Sigrid: Art. Volusius (Vogler), Adolf Gottfried, in: BBKL 13 (1998) Sp. 66-68; G. Mentz: Schönborn II (wie Anm. 50), S. 308; A. L. Veit: Konvertiten (wie Anm. 52), S. 178186. 79 A. L. Veit: Konvertiten (wie Anm. 52), S. 178, 181.

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titen, dem kurfürstlichen Hofrat Ludwig von Hörnigk,80 Professor für Medizin und zugleich Doktor beider Rechte und der Philosophie, 1658 Rektor der Mainzer Universität, überarbeitete Volusius eine deutschsprachige Bibelübersetzung für Mainz, die allerdings ungedruckt blieb, da sie nicht auf die Zustimmung des Schönborner stieß.81 Sein im Jahr 1663 in zweiter Auflage erschienener biblischer Katechismus hingegen bildete eine wichtige Grundlage zur Verbesserung der religiösen Zustände in der Diözese. Der genannte Ludwig von Hörnigk wurde Schwiegervater des berühmten Kameralisten Johann Joachim Becher– ebenfalls Sohn eines protestantischen Predigers –, der vermutlich 1662 in Mainz zum Katholizismus konvertierte.82 Auch der lutherische Prediger Timotheus Laubenberger war durch den Einfluss des Mainzer Erzbischofs zur Konversion bewegt worden, er trat im Jahr 1695 zum katholischen Glauben über und verfasste in den folgenden Jahren zahlreiche Schriften und Polemiken gegen seine vormalige Konfession.83 In dem 1671 veröffentlichten Traktat von der Augsburgischen Pazifikation und Leipziger Konferenz zwischen Lutherischen und Reformierten würdigte er explizit die finanzielle Unterstützung,84 die er seitens des Schönborners erhielt und empfahl ihn anderen Bischöfen als Vorbild, weshalb er von einem seiner Gegner als „feiger und possenhafter Verleumder“ und „des Kurfürsten von Mainz Tellerschlecker“ bezeichnet wurde.85 Mit Empfehlungsschreiben nach Rom stattete der Kurfürst wenigstens drei weitere Konvertiten aus: Johann Abraham Pömer aus Nürnberg, Johann Heinrich von Schwarzenbach aus der Lausitz sowie Erenreich von Marnwitz aus der Mark Brandenburg.86

80 A. Räß: Convertiten. Bd. 6 (wie Anm. 14), S. 238-259. 81 P. Wiedeburg: Leibniz (wie Anm. 69), S. 76. 82 Hassinger, Herbert: Johann Joachim Becher 1635-1682. Ein Beitrag zur Geschichte des Merkantilismus (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 38), Wien 1951, bes. S. 16-18. Auch der Kameralist und Konvertit Johann Wilhelm Schröder hielt sich zeitweilig in Mainz am Hof des Erzbischofs auf. Vgl. I. Peper: Konversionen (wie Anm. 6), S. 104. 83 Vgl. A. Räß: Convertiten. Bd. 7 (wie Anm. 14), S. 142-155. 84 Vgl. auch A. L. Veit: Konvertiten (wie Anm. 52), S. 185. 85 Zit. nach A. Räß: Convertiten. Bd. 7 (wie Anm. 14), S. 143. Zu Laubenberger und dem Mainzer Unionsplan vgl. auch H. Peterse: Irenik (wie Anm. 1). 86 F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), S. 285. Bei Johann Abraham Pömer dürfte es sich um den bereits zuvor genannten Johann Abraham Böhmer handeln.

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Philipp von Schönborn zog aber nicht nur Konvertiten an seinen Hof und umgab sich mit einem Beraterstab aus ehemaligen Protestanten, er nutzte auch seine Verbindungen zu den Adels- und Fürstenhäusern des Reichsgebietes und lancierte auf diesem Weg mehrere Konversionen: Zu nennen sind neben dem bereits mehrfach erwähnten Johann Friedrich von Braunschweig, Eduard von der Pfalz, Ernst von Hessen-Rheinfels und seine Ehefrau, Pfalzgraf Christian August von Sulzbach mitsamt seiner Ehefrau und seinen beiden Töchtern sowie ein namentlich nicht bekannter Graf aus dem Hause Hanau.87

4. F AZIT

UND

AUSBLICK

Abschließend ist zu fragen, welche Intentionen die hier vorgestellten Protagonisten mit dem Aufbau dieser Konvertitennetze verfolgten. Holstenius Aktionen können über die schwer zu fassenden Dimensionen der religiösen Überzeugung hinaus durchaus als Verpflichtungen gedeutet werden, die sich aus seinem Status als Kardinalsfamiliar ergaben. In einigen Fällen wurde er von seinem Patron bzw. dem Papst direkt zur Betreuung von (potenziellen) Konvertiten beauftragt. Andererseits spielten aber auch persönliche Interessen eine entscheidende Rolle, denn der Kontakt mit konvertierten Standespersonen verschaffte ihm öffentliche Wirksamkeit und Wahrnehmung und somit weitere Möglichkeiten, Freunde und Patrone zu gewinnen, die wiederum für seine eigenen Karrierechancen hilfreich sein konnten.88 Seine aktive Betreuung des Landgrafen Friedrich hatte seinen Ruf als zuverlässiger und erfolgreicher convertisseur begründet, seine zentrale und auch öffentlich manifestierte Rolle bei der Konversion Christinas von Schweden zwanzig Jahre später bekräftigte seine Kompetenz auf diesem Gebiet erneut. Er pflegte die Kontakte zu potenziellen Kandidaten persönlich oder brieflich, er half und vermittelte direkt oder indirekt vor und nach dem Glaubenswechsel. Andererseits wurden ihm aufgrund seiner Kompetenzen immer wieder neue potenzielle Konvertiten angekündigt und zugeführt. Erfolgreich auf den Weg gebrachte Konversionen erwiesen sich somit für ihn als soziales Kapital. Auch das Mainzer Netz zeigt, dass Konversionen zur Konstituierung von Patronage- und Klientelbeziehungen beitragen konnten, ein Verhältnis, welches für die Beteiligten auf beiden Seiten Vorteile versprach. Der Mainzer Kurfürst zog eine Reihe von Protestanten und Konvertiten an seinen Hof, band sie aktiv in seine politischen Entscheidungen ein, verschaffte ihnen Ämter, Posten, Emp-

87 Ebd., S. 283f. 88 M. Völkel: Konversion (wie Anm. 13), S. 227.

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fehlungen. Die Personalpolitik des Schönborners ist mit seiner ausgesprochen irenischen Ausprägung zu erklären und hing mit seinem Bestreben zusammen, durch die Überwindung der konfessionellen Spaltung den Reichsfrieden sichern zu können. Die Wiedervereinigung im Glauben hoffte der Mainzer Erzbischof nach dem Ende des blutigen Krieges auf friedlichem Wege zu erreichen. Unionspläne, Religionsgespräche, aber auch die Förderung und Absicherung von Konvertiten gehörten daher zu den Leitlinien seiner Kirchenpolitik.89 Bezeichnenderweise standen einige dieser Konvertiten mit den irenischen Kreisen um Georg Calixt in Helmstedt in Verbindung, so etwa Boineburg oder Blume. Was bislang auf der Grundlage der vorliegenden Forschungsliteratur in erster Linie greifbar ist, sind die von einzelnen Personen (Lukas Holstenius, Barthold Nihus, Philipp von Schönborn) ausgehenden Verbindungen, die ein im Wesentlichen sternförmiges Netz darstellen. Mit anderen Worten: Beschreibbar sind bislang partielle Ego-Netzwerke der hier vorgestellten „Agenten“, die inhaltlich konstituiert wurden durch bereits erfolgte Glaubenswechsel oder durch die Hoffnung auf eine bevorstehende Konversion zum katholischen Glauben. Nicht immer liegen freilich die Verflechtungen so offen bzw. sind bereits so gut aufgearbeitet, wie im Fall des Lukas Holstenius. Vermutlich wurde nur vergleichsweise selten in der Korrespondenz expressis verbis das Agieren der Konversionsbroker thematisiert, netzwerkartige Strukturen und Verbindungen zwischen Konvertiten und ihren Förderern sind daher nicht unbedingt schriftlich dokumentiert. Wie eine mögliche Einflussnahme auf eine Konversionsentscheidung im Einzelfall ausgesehen hat, kann daher oft nur aufgrund von Indizien gemutmaßt werden und muss aus dem Kontext heraus wahrscheinlich gemacht werden. Die hier beschriebenen Konversionsnetze machen aber deutlich, wie lohnend es sein kann, einen netzwerkanalytisch geschulten Blick zu entwickeln, um Konversionswellen der Frühen Neuzeit insbesondere in intellektuellen Milieus besser erklären zu können. Es zeichnet sich ab, dass weitere Forschungen zu den Beziehungen und Verbindungen zwischen dem kurmainzer und dem römischen Konvertitenkreis noch komplexere Netzwerkstrukturen und eine intensivere Verflechtung der Konvertitennetze zu Tage bringen dürften.

89 H. Peterse: Irenik (wie Anm. 1). Auf den Mainzer Unionsplan und die weitreichenden konfessionellen Zugeständnisse des Kurfürsten gegenüber den Protestanten in der Erzdiözese Mainz konnte hier nicht weiter eingegangen werden. Vgl. dazu ausführlich G. Mentz: Schönborn II (wie Anm. 51), S. 203-218; F. Jürgensmeier: Schönborn (wie Anm. 50), S. 285-288; Brück, Anton Philipp: Der Mainzer „Unionsplan“ aus dem Jahre 1660, in: Jahrbuch für das Bistum Mainz 8 (1958-60), S. 148-162.

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Die jeweiligen Broker profitierten – wenngleich in unterschiedlichem Maße – nicht zuletzt von einem wichtigen Tatbestand: Innerhalb der europäischen gelehrten Welt wurde über Konfessionsgrenzen hinweg korrespondiert und diskutiert. Doch schon Anselm Schubert kritisierte in seinem erhellenden Aufsatz über Barthold Nihus mit guten Gründen die „alte Lieblingsthese der RespublicaLitteraria-Forschung“, wonach die „europäische Gelehrtenrepublik schon immer gern als Ort einer europaweiten, Konfessionsunterschieden gegenüber toleranten bis indifferenten Bildungselite“ zu gelten habe.90 Auch die hier diskutierten Beispiele zeigen, dass innerhalb der Gelehrtenrepublik beides bedeutsam war: Konkurrenz und Kommunikation. Nicht nur Nihus, sondern viele der hier vorgestellten Protagonisten nutzten, ja instrumentalisierten die „internationalen“, überkonfessionellen Netzwerke der Respublica Litteraria, um Glaubenswechsel einzuleiten, Einfluss auszuüben, aber auch um die Konvertiten innerhalb des neuen konfessionellen Lagers materiell abzusichern. So entstanden neue, sozialwirksame und Europa umspannende Beziehungsnetze von Konvertiten, welche auf freundschaftlichen und wissenschaftlichen Kontakten beruhten, aber zugleich von gemeinsamen „missionarischen“ Interessen getragen wurden. Doch inwiefern führen Netzwerkanalysen die historische Konversionsforschung insgesamt weiter? Wie können Netzwerke die eingangs angedeuteten Zahlen von Tausenden von Konvertiten in Rom in der Frühen Neuzeit erklären helfen? Die Antwort darauf fällt ambivalent aus: Zum einen bildeten soziale Netze wohl nur einen von mehreren Faktoren, die zu einer individuellen Konversion führen konnten. Und dies gilt für Mitglieder aller sozialer Gruppen. Zum anderen ist zu berücksichtigen, dass für Konvertiten der Unter- und Mittelschichten in der Regel schlichtweg die Quellen und damit die Informationen über soziale Netze fehlen, die über reine Verwandtschafts- oder Wirtschaftsbeziehungen hinausgehen. Entsprechende prosopographische Studien sind hier nur im Ausnahmefall möglich und so wird man über die Relevanz sozialer Netze bei Konversionsentscheidungen im Allgemeinen zurückhaltend urteilen müssen.

90 A. Schubert: Kommunikation (wie Anm. 38), S. 106.

Glaube in Bewegung Pilgern im Spiegel soziologischer Forschung M ARKUS G AMPER UND J ULIA R EUTER

1. Z EITGENÖSSISCHER P ILGERBOOM Folgt man der Stuttgarter Zeitung, sind wir alle ein Teil der neuen „Generation Pilgertum“.1 Auch wenn die Überschrift nicht allzu ernst zu nehmen ist, scheint der spirituelle Tourismus, gelegentlich auch als religiöser Tourismus bezeichnet, en vogue. Im Jahr 2006 wurden über 300 Millionen Reisen unternommen, in denen der Glaube ein zentrales Reisemotiv darstellte.2 Diese Art der Reise umfasst seit jeher die Wallfahrt und das Pilgern zu „religious ceremonies and conferences, above all the visit of local, regional, national, and international religious centres”3. Aufgesucht werden zumeist Gräber oder Wirkungsstätten von Heiligen und Propheten, „heilige“ Berge und Flüsse oder Orte, an denen sich Wunder ereignet haben sollen. Eine amerikanische Studie des internationalen Tour- und Reisebetreibers GLOBUS, die von dem Marktforschungsinstitut Menlo Consulting Group Inc. durchgeführt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass allein in Amerika 4,5 Millionen Personen bereits in der Vergangenheit eine internationale religiöse Reise unternommen haben, vorwiegend nach Israel, Ita-

1

„Pilgerreisen. Generation Pilgertum“, in: Stuttgarter Zeitung vom 07.04.2010 (http://content.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2441044_0_9223_-pilgerreisen-genera tion-pilgertum.html).

2

Announcement (http://www.newton-thoth.com/sitebuildercontent/sitebuilderfiles/ WRTAPressRelease.pdf).

3

Rinschede, Gisbert: Forms of religious tourism, in: Annals of Tourism Research 19 (1992), S. 51-67, hier S. 52.

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lien, Griechenland und Spanien. Der potenzielle Markt, also jene Personen, die in Zukunft eine religiöse Reise in Erwägung ziehen, wird weitaus größer geschätzt, nämlich auf 15,7 Millionen Personen. Eine ähnlich große Nachfrage besteht auch auf dem deutschen Markt, wie eine von mindline media Anfang 2008 im Auftrag der Zeitschrift P. M. durchgeführte repräsentative Umfrage zum Thema Pilgertourismus herausgefunden hat. So haben zwar lediglich 8 % der Deutschen bisher eine Pilgerreise unternommen, aber von den Nicht-Pilgern können sich immerhin 15 % vorstellen, eine solche zu unternehmen. Die Pilgerreise, eine der ältesten Formen des spirituellen Tourismus, erlebt insbesondere in Europa (und hier v. a. in Deutschland, Frankreich oder Spanien) einen regelrechten Boom: Prominente Pilgerwege und -orte der katholischen Welt, wie Lourdes in Frankreich, Medjugorje in Kroatien, Fatima in Portugal, Santiago de Compostela in Spanien, Rom und San Giovanni Rotondo in Italien verzeichnen seit den 1990er Jahren einen massiven Anstieg an Pilgern.4 Allein 2010 pilgerten über 270.000 Menschen auf dem Jakobsweg5, nach San Giovianni Rotondo strömen jährlich etwa sieben Millionen Pilger.6 Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich mittlerweile eine ganze Tourismusindustrie rund um das Thema spirituelle Reisen entwickelt hat, in der neben global agierenden Reiseund Transportunternehmen auch lokale Agenturen, Gastgeber, Reiseführer, nicht zuletzt die Kirchen, Klöster und Kommunen entlang der Wege profitieren. Schätzungen gehen davon aus, dass dieser spezielle Industriezweig jährlich bis zu 18 Milliarden Dollar weltweit umsetzt.7 Pilgertourismus ist ein kommerzialisierter Markt geworden. Insbesondere seit den Bucherfolgen von Paulo Coelhos „Auf dem Jakobsweg: Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela“8 und Hape Kerkelings Erfahrungsbericht „Ich bin dann mal weg“9 erfreut sich das Pilgern

4

Vgl. Reader, Ian: Pilgrimage growth in the modern world. Meanings and Implications, in: Religion 37 (2007), S. 210-229, hier S. 211.

5

Vgl. www.jakobusinfo.de

6

Vgl. Roloff, Eckart K.: Pilgern in neuer Auflage. Notizen zu einem Phänomen zwischen Tradition und Moderne, in: Communicato Socialis 41 (2008), S. 192-198, hier S. 198.

7

Announcement (wie Anm. 2).

8

Coelho, Paulo: Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de

9

Kerkeling, Hape: Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg, München

Compostela, Zürich 2007. 2006. Das Buch ist mit knapp vier Millionen verkauften Exemplaren (Stand: 2011) eines der meist verkauften Sachbücher in Deutschland.

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immer größerer Beliebtheit. Auch die Kinofilme „Pilgern auf Französisch“ (2005) oder „Dein Weg“ (2010) wurden zu unerwarteten internationalen Kassenschlagern, ebenso wie Publikationen rund um das Thema Pilgern – von populären Praxishandbüchern über Reiseführer bis hin zu Erlebnisberichten –, die seit einigen Jahren den Buchmarkt regelrecht überschwemmen. Im Jahr 2007 startete der TV-Sender ProSieben sogar ein eigenes Format „Das Promi-Pilgern“, in dem sich fünf Prominente aus Film und Fernsehen auf den Weg von St. Jean-Pied-dePort in Frankreich nach Santiago de Compostela in Spanien machten. Seitdem verzeichnen die Pilgerbüros linear steigende Zahlen. Wie lässt sich dieser neuerliche Pilgerboom erklären, wo doch die Großkirchen einen wachsenden Rückgang der Mitgliederzahlen beklagen und von Seiten der ExpertInnen immer wieder der Bedeutungsverlust religiöser Einflüsse auf die Gesellschaft als Ganzes und die Lebensführung der Menschen im Besonderen betont wird?10 Wer sind diese Menschen, die die Strapazen der Pilgerschaft auf sich nehmen? Was sind ihre Motive? Ausgehend von diesen Fragen wollen wir einen ersten Überblick über die zentralen Befunde zum historischen wie zeitgenössischen Pilgerwesen liefern. Neben einschlägigen kultur- wie religionswissenschaftlichen Arbeiten (z. T. auch kirchlichen Statistiken) greifen wir dabei im Wesentlichen auf Befunde eines eigenen Forschungsprojekts zum zeitgenössischen Pilgerwesen auf dem Jakobsweg zurück.

2. Z EITGENÖSSISCHES P ILGERN IM S PIEGEL F ORSCHUNG

DER

Die kulturelle Zusammensatzung der Pilger nach Santiago de Compostela stellte schon von Beginn an einen Querschnitt durch das christliche Abendland dar. Jenseits der spanischen und portugiesischen Pilger, die seit jeher die größte Zahl stellen, da Jakobus der Patron Spaniens (mit einigen Unterbrechungen) bis heute ist, kam ein großer Teil aus dem deutschsprachigen Raum und aus Frankreich.11 Aber auch Pilger aus Irland und Italien, den skandinavischen Ländern, Polen, Tschechien sowie Großbritannien sind auf dem Weg anzutreffen. 1987 erklärte der Europarat den „Camino“ zum ersten europäischen Kulturweg. Seit diesem Zeitpunkt ist eine stetig steigende Zahl von Pilger zu

10 Pollack, Detlef: Säkularisierung. Ein moderner Mythos?, Tübingen 2003. 11 Vgl. Nolte, Christian: Identität der Wallfahrer, in: Häußling, Josef M. (Hg.), Auf dem Weg nach Santiago de Compostela, Münster 2005, S. 17-33, hier S. 21.

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verzeichnen12, wobei die sogenannten "Heiligen Jahre" durch ihr sprunghaftes Anwachsen der Pilgerschaft (in der Abbildung rot markiert) deutliche „Ausreisser“ bilden.13 Pilgerten im Jahr 1993 knapp 100.000 Personen nach Compostela, waren es 2010 schon mehr als 272.000. Pilgern ist ein internationales Phänomen, welches Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Aber speziell die stark katholisch geprägten Staaten (z. B. Spanien, Italien) und unmittelbare Nachbarländer, bei denen An- und Abreise ohne hohen Organisationsaufwand und Kosten verbunden sind, suchen das Grab des Jakobus auf. So stammten 2009 immerhin ca. 79.000 Pilger aus Spanien, ca. 14.900 aus Deutschland, ca. 10.500 aus Italien, ca. 7.500 aus Frankreich und ca. 4.900 aus Portugal. Knapp 2.500 reisen sogar aus den USA an.14 Abbildung 1: Anzahl der in Compostela registrierten Pilger von 1989 bis 2010 (die grünen Balken markieren die „heiligen Jahre“)

Quelle: http://www.jakobus-info.de/jakobuspilger/statik06.htm

12 Erfasst werden hier keine Pilger, die sich nicht registrieren lassen und Pilger, die nur bestimmte Strecken des Pilgerweges z. B. in Deutschland oder Frankreich zurücklegen. 13 Pilgerbüro in Compostela, 2010: Offizieller Datensatz zur eigenen Berechnung. (http://peregrinossantiago.es). 14 Vgl. ebd.

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Bemerkenswert ist die vergleichsweise hohe Zahl deutscher Pilger, die sich im Zeitraum von 1989-2010 mehr als verzwanzigfacht hat, nämlich von knapp 650 auf mehr als 14.500 Pilger. Einen wesentlichen Anteil an dem sprunghaften Anstieg in den vergangenen Jahren hatte dabei nicht zuletzt Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“, nach dessen Erscheinen 2006 sich die Anzahl fast verdoppelte, weshalb auch vom sogenannten „Kerkeling-Effekt“ gesprochen wird. Ferner wird deutlich, dass – im Vergleich zur Gesamtpilgerschaft – die Anzahl der deutschen Pilger nicht so stark von dem Faktor „Heiliges Jahr“ beeinflusst wird, was darauf schließen lässt, dass kirchliche Motive (Erlass der Sünden) für viele Deutsche wohl kaum eine bedeutende Rolle spielt. Ersichtlich wird ferner, dass sich die Zahl seit 2007 bei ca. 15.000 stabilisiert hat. Abbildung 2: Anzahl der deutschen Pilger von 1989 bis 2010 14.535 14.789 15.746 13.837

2009 2007 8.097 7.155 6.816 5.967 5.087

2005 2003 3.693 2.833 2.512 1.883 1.545 1.599 1.209 995 866 862 751 561 648

2001 1999 1997 1995 1993 1991 1989 0

2000

4000

6000

8000

10000

12000

14000

16000

Quelle: Eigene Darstellung (Die Darstellung basiert auf den Daten des Pilgerbüros in Compostela und der deutschen Jakobusgemeinschaft.)

Welche Gründe lassen sich für den Pilgerboom anführen? Aktuelle religionssoziologische Arbeiten sehen im zeitgenössischen Pilgerwesen häufig eine spirituelle Suche nach zeitweiliger körperlich erlebbarer Selbsttranszendenz jenseits

18000

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amtskirchlicher vorgegebener Glaubensdogmen und -orte.15 Ausgangspunkt ist hier vor allem eine Krisendiagnose: Die institutionalisierte Religion in Form von Kirchen, Amtsträgern und Organisationen mit ihren verbindlichen Modellen der Transzendenzdeutung sind in individualisierten Gesellschaften offenbar immer weniger die Orte, an den Menschen religiöse Erfahrungen machen bzw. suchen oder die als legitime Ansprechpartner für die Frage nach dem Sinn des Lebens anerkannt werden.16 Spätmoderne religiöse Akteure wollen eigenständig Transzendenzerfahrungen machen – häufig nicht im „absoluten Jenseits“, sondern im „pluralisierten Diesseits“ privater Lebenswelten, weshalb der Wandernde geradezu als prototypische Sozialfigur spätmoderner Religiosität erscheint.17 Charakteristisch für die Spiritualität des Wanderers ist etwa der Glaube, dass viele Wege zur Wahrheit führen, aber auch der Anspruch auf soziale Deutungshoheit über die eigene Spiritualität sowie der Erlebnisaspekt18, weshalb das Pilgern als besondere Form des spirituellen Tourismus auch als „entkonfessionalisierte Erlebnisreligiosität“ verstanden werden kann19 – trotz oder vielleicht gerade weil Religion im Alltag spätmoderner Gesellschaften kaum noch eine Rolle spielt.

15 Vgl. Ebertz, Michael: Transzendenz im Augenblick, in: Gebhardt, Winfried/Hitzler, Ronald/Pfadenauer, Michaela (Hg.), Events, Opladen 2000, S. 345-362; Ebertz, Michael: Menschen suchen im Urlaub Transzendenzerfahrungen, in: Katholische Nachrichten Agentur 26.6.2007, S. 48; Ebertz, Michael: Glaube ist in Bewegung geraten, in: KAB-Impuls (2008) 3, S. 16-17. 16 Im Folgenden vgl. Hitzler, Ronald: Individualisierung des Glaubens. Zur religiösen Dimension der Bastelexistenz, in: Honer, Anne et al. (Hg.), Diesseitsreligion. Zur Deutung und Bedeutung moderner Kultur, Konstanz 1999, S. 351-368. 17 Vgl. Gebhardt, Winfried: Kein Pilger mehr, noch kein Flaneur. Der „Wanderer“ als Prototyp spätmodernerer Religiosität, in: Ders./Hitzler, Ronald (Hg.), Nomaden, Flaneure, Vagabunden. Wissensformen und Denkstile der Gegenwart, Wiesbaden 2006, S. 228-265. Außerdem vgl. Knobloch, Stefan: Religion an den Rändern des Alltags, in: Heilige Orte, sakrale Räume, Pilgerwege. Möglichkeiten und Grenzen des spirituellen Tourismus. Tourismus-Studien, Magdeburg u. a. 2006, S. 11-21, hier S. 18. 18 Vgl. W. Gebhardt: Pilger (wie Anm. 16), S. 232. Wir nehmen dabei keine Differenzierung zwischen dem Wandernden und dem Pilger als „Sozialfiguren“ vor, wie es im Anschluss an Zygmunt Baumans Typologie postmoderner Lebensformen häufig gemacht wird; vgl. hierzu Bauman, Zygmunt: Flaneure, Spieler, Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg 1997. Wir benutzen die Begriffe in diesem Beitrag synonym. 19 Vgl. S. Knobloch: Religion (wie Anm. 16), S. 18.

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Entgegen der These einer zunehmenden Säkularisierung, verstanden als Bedeutungsverlust von Religion in vor allem christlich geprägten abendländischen Gesellschaften20, ist das Pilgern dann eine Ausdrucksform für eine (auch international) weitverbreitete und an Bedeutung gewinnende Spiritualität und populäre Religion.21 Diese habe sich nicht unbedingt substitutiv, sondern vielmehr komplementär zum institutionalisierten religiösen Feld22 etabliert, weshalb „die Ethnokategorie Spiritualität wenigstens teilweise von einer Opposition zur Kirche lebt“23. Der zeitgenössische Pilgerboom wird hier nicht so sehr als Ergebnis eines kirchlichen, z. B. bischöflichen oder professoralen Pastoralplans gesehen – er ist vielmehr eine nicht institutionell verortete und verordnete Veranstaltung24 und gleicht darin den in den letzten Jahren ebenso „erfolgreichen“ Phänomenen wie Taizé, Weltjugendtag, oder auch der Begräbnisfeier von Papst Johannes Paul II., zu denen Tausende pilgerten. Auch wenn diese Ereignisse von der Kirche (mit-)organisiert werden, erklärt sich ihr Erfolg doch vor allem durch die Unverbindlichkeit und Freiwilligkeit der Teilnahme, dem Gefühl religiöser Selbstbestimmtheit und nicht zuletzt der zum Teil popkulturellen Eventisierung religiöser Angebote.25 Während die religionssoziologischen Studien zum zeitgenössischen Pilgerwesen bis auf wenige Ausnahmen eher theoretisch angelegt sind, finden sich empirische Befunde vor allem in der tourismuswissenschaftlichen und volkskundlichen Reisekulturforschung26, teilweise auch der sportwissenschaftlichen

20 Vgl. D. Pollack: Säkularisierung (wie Anm. 9). 21 Vgl. Knoblauch, Hubert: Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft, Frankfurt 2009. 22 Vgl. Bourdieu, Pierre: Genese und Struktur des religiösen Feldes, in: Gabriel, Karl/Reuter, Hans-Richard, Religion und Gesellschaft. Texte zur Religionssoziologie, Paderborn u. a. 2004, S. 198-212. 23 Knoblauch, Hubert/Graff, Andreas: Populäre Spiritualität, oder: Wo ist Hape Kerkeling, in: Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2009, S. 725-746, hier S. 735. 24 Nicolay, Markus: „Nehmt nichts mit auf eurem Weg!“ Von den Erfahrungen der Pilger und derer, die sich um sie mühen. Am Beispiel der wiedergegründeten St. Jakobusbruderschaft Trier, in: Trierer Pilgerforum. Beiträge zur Erforschung des Pilgerwesens in Geschichte und Gegenwart, Trier 2006. S. 8. 25 Vgl. ebd. zum Weltjugendtag auch Forschungskonsortium WJT: Megaparty Glaubensfest. Weltjugendtag. Erlebnis, Medien, Organisation, Wiesbaden 2007. 26 Henning, Christoph: Reiselust. Touristen, Tourismus und Urlaubskultur, Frankfurt 2001.

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bzw. sozialpsychologischen Lebensqualitäts- und Wanderforschung27, von denen im Folgenden ausgewählte Studien und ihre Ergebnisse kurz vorgestellt werden. Eine der wenigen quantitativen Studien zu Einstellungen und Motiven deutscher Pilger stellt die repräsentative Umfrage des populärwissenschaftlichen Magazins P.M. dar.28 In einer vom Marktforschungsinstitut mindline durchgeführten repräsentativen Telefonumfrage bei 1000 Personen ab 14 Jahre in Deutschland gab die Mehrheit der Befragten (52 %) an, dass Pilgerreisen keinen kurzfristigen Trend darstellen, sondern auf lange Sicht wichtig und bedeutsam bleiben werden. Auf die Frage, ob sich die Befragten vorstellen könnten, sich auf eine solche Reise zu begeben, gab jeder siebte Deutsche (14 %) an, ggf. eine solche Reise zu unternehmen. Bei den Jüngeren (unter 30 Jahre) lag der Anteil mit 29 % noch höher als der Durchschnitt. Acht Prozent der UmfrageteilnehmerInnen sind bereits zu einer Pilgerschaft aufgebrochen. Darunter befinden sich überdurchschnittlich viele Ältere ab 50 Jahre (11 %); fünf Prozent der unter 30jährigen sind ebenfalls schon gepilgert. Generell wird im Osten Deutschlands weniger gepilgert als im Westen. Die Pilgermotive sind sehr unterschiedlich. Als häufigste Beweggründe werden genannt: Religion als einen Weg, sich dem Glauben zu nähern (57 %), Gleichgesinnte kennenlernen (47 %), Entspannung (46 %), Selbstfindung (45 %), Wanderspaß (44 %) sowie Abenteuerlust (39 %). Gut 22 % versprechen sich von ihrer Reise Rat und Rettung aus einer Krisensituation. Immerhin jeder achte Deutsche (13 %) gibt als Motiv an, wegen eines allgemeinen „Trends“ zu pilgern. Eine stark vergleichend angelegte und meist auf quantitativ erhobenen Daten basierende Studie zum spirituellen Charakter von Pilgern und Wandern stellt die Studie von Rainer Brämer dar, der für die Beantwortung der Frage nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Wandern und Pilgern auf unterschiedliche Sekundärdaten zurückgreift, z. B. auf Pilgerstatistiken des Pilgerbüros in Santiago de Compostela, Camino-Dokumentation 200329, Grazer Wallfahrtsstudie 200330, Marburger Pilgerstudie 200431, Camino-Studie 200532, Bodensee-

27 Vgl. exemplarisch Baumann, Freerk: Die Macht der Bewegung. Dem Körper wieder vertrauen nach einer schweren Erkrankung, München 2009. 28 Umfrage P.M. GUIDE: Pilgerreisen statt Pauschaltourismus. Das neue Sonderheft P.M. GUIDE zum Thema „Die schönsten Pilgerziele der Welt“, 2008. In der Studie wird leider nicht zwischen Wallfahren und Pilgern unterschieden. 29 Zitiert in Gerlach, Frauke: Wandern auf dem Jakobsweg. Eine sozialgeographische Analyse. Unveröffentlichte Magisterarbeit, Lüneburg 2005. 30 Vgl. Eberhard, Helmut: Überall ist Wallfahrt, in: Heiliger Dienst (2007) 1, S. 7-25.

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Studie 200733, P.M. Guide 2008 oder die Wander- und Pilgerbefragung 2005/06 von Specht34. Hinsichtlich der Motive stellt Brämer fest, dass beim Wandern speziell die Faktoren Natur- und Landschaftserlebnis oder auch die sportliche Leistung im Mittelpunkt stehen, während Pilger vor allem Motiven wie „traditionelle Werte“ und „einfaches Leben“ größere Bedeutung zumessen. Interessant erscheint auch hier, dass explizit „religiöse Motive“ nachrangig sind.35 Nur jeder vierte Pilger verfolgt mit seiner ambitionierten Fußtour religiöse Ziele, wie Gelübde, Bitte um Vergebung oder Buße-tun. Der Pilgerweg wird als symbolischer Ort angesehen, in den sich unterschiedliche Bedeutungen einschreiben, und fungiert eher als Synonym der Selbstfindung. An die Stelle von Gottesdienst, Heiligenverehrung, der Bitte-um-Vergebung oder Dank-für-widerfahrenes-Glück tritt die Suche nach „einem oft abstrahierten Gott (‚etwas Höherem‘), dem eigenen Ich, dem Weg zur geistigen Öffnung und Weiterentwicklung, nach dem Transzendenten“ schlechthin. Dabei spielt die Natur bzw. die natürliche Umwelt als Gegenwelt zur Hightech-Zivilisation eine zentrale Rolle, da sie aus Sicht der Pilger erst die Voraussetzung für die Freiheit/Bewegung des Denkens bietet. Sie eröffnet die Möglichkeit, sich verschütteten Problemen zu stellen, alte Lebensvorstellungen zu reaktivieren, zu überprüfen und/oder neue ins Auge zu fassen.36 Eine der wohl umfangreichsten qualitativen Studien zum Pilgern stellt die tourismuswissenschaftliche Dissertation von Judith Specht "Fernwandern und Pilgern in Europa. Über die Renaissance der Reise zu Fuß" von 2009 dar. Specht, die vor allem die Motivstruktur, Wünsche, Werte und Erwartungen der pilgernden und wandernden Individuen in den Vordergrund ihrer Studie rückt, erhebt ihre qualitativen Daten (qualitative Interviews, teilnehmende Beobachtung in Verbindung mit einem Forschungstagebuch) in mehreren Feldforschungsphasen. Sie war dabei auf drei Pilger- bzw. Fernwanderwegen zu Fuß unterwegs: auf einem Teilstück des Jakobswegs in Zentralfrankreich, einem Teilstück der Via Alpina in Österreich und auf dem Coast to Coast-Walk in

31 Vgl. Brämer, Rainer: Natur infantil? Die Bambisierung der Natur hat die Erwachsenen erreicht (www.natursoziologie.de). 32 Vgl. F. Gerlach: Wandern (wie Anm. 28). 33 Vgl. Kimmich, Kerstin: Konzept zur nachhaltigen Entwicklung der Jakobswege in der westlichen Bodenseeregion. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Wernigerode 2008. 34 Vgl. Specht, Judith: Fernwandern und Pilgern in Europa. Über die Renaissance der Reise zu Fuß, München 2009. 35 Vgl. dazu Brämer, Rainer: Wandern 2010. Aktuelle Studien im Kurzüberblick (http://wanderforschung.de). 36 Ebd.

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Großbritannien. Insgesamt wurden 38 Personen (19 männliche und 19 weibliche Personen) aus 8 Nationen im Alter von 22 bis 74 Jahren interviewt.37 Grundsätzlich stellt auch Specht fest, dass die Motivlage der Pilger sehr unterschiedlich ist. Neben dem Abstand vom Alltag, Erholung und Stärkung wurden auch biografische Wendepunkte oder das Körper- und Naturerleben als Motive genannt. Specht unterscheidet grundsätzlich zwei Pilgertypen: Erstens den Pilger, der die Reise als Urlaub betrachtet. Innerhalb dieser Gruppe, in der Frauen und Männer gleichermaßen präsent sind, finden sich Personen, die nicht länger als drei Wochen unterwegs sind und vor allem die Erholung vom (Arbeits-)Alltag und die körperliche Betätigung suchen. „Entsprechend geht es nicht darum, sich im Urlaub mit weitreichenden Lebensfragen oder Glaubensdingen zu befassen, sondern sich etwas Gutes zu tun: Körper, Seele und Geist entspannen, Glück kommt durch Bewegung und Anstrengung, man ist in der Natur, lässt Zwänge und Gewohnheiten des Alltags hinter sich, lässt sich ganz und gar auf den Wanderalltag ein, erlebt die Zeit intensiv und gedehnt – all das sind Ausprägungen des inneren Erlebens, die sehr geschätzt werden.“38 Wichtig bei dieser Gruppe ist auch das soziale Erleben, also die Begegnung mit Mitwanderern, zufälligen WeggefährtInnen und UnterkunftgeberInnen: „Die gemeinsam erlebte Zeit ist dabei manchmal wichtiger als der konkrete Weg.“39 Im Vordergrund steht das Gefühl, unter Gleichgesinnten gut aufgehoben zu sein. Allerdings geht es den meisten nicht um eine Beständigkeit der sich ergebenden Kontakte unterwegs, sondern eher um das „Hier und Jetzt“ - längerfristige Veränderungen sind kaum im Fokus der Pilger. Zweitens die Pilger, die ihre Reise als „Passageritual“, d.h. als Übergangszeit von einem Lebensabschnitt zum nächsten, anlegen: „Die Fußreise wird hier nicht Selbstzweck, sondern wird zum Impulsgeber für das gesamte Leben.“40 Dieser Gruppe gehören mehr Frauen an, häufig zwischen 25 und 35 Jahre alt, aber auch 50- bis 70jährige finden sich darunter. Die Wanderzeit reicht von einer Woche bis zu drei Monaten. Für viele ist Wandern etwas Neues. Spiritualität und Glaubensfragen sind diesen Pilgern sehr wichtig. Neben dem intensiven Körpererleben sind v.a. auch die sozialen Kontakte, die unterwegs geknüpft werden, für diesen Pilgertyp von zentraler Bedeutung. Viele dieser „Passagewanderer“ gehen ganz bewusst allein auf den Weg, da die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben Sinn der Reise ist. Dennoch werden die zufälligen Wegbekanntschaften

37 J. Specht: Fernwandern (wie Anm. 33), S. 52ff. 38 Ebd., S. 130. 39 Ebd., S. 131. 40 Ebd., S. 132.

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als Bereicherung erlebt, was Specht u.a. an den sehr persönlichen Gesprächen, dem z.T. intensiven Verbundenheits- und Zugehörigkeitsgefühl, aber auch an der Entwicklung von Freundschaften festmacht. Begegnungen und Gemeinschaftserfahrungen mit anderen Pilgern werden quasi als spirituelle Erlebnisse gedeutet. Diese sind gepaart mit der Beschäftigung mit dem eigenen Leben, dem Selbstbild, den materiellen Bedürfnissen, Vorlieben und Gewohnheiten, Zwängen und Erwartungen.41 Die Kontaktaufnahme wird dadurch erleichtert, dass die Reisenden während ihrer Reise eine Art „neue Identität“ bzw. „Zwischenidentität“ als Jakobspilger oder „Coaster“ annehmen, die ein zuverlässiges Selbst- wie Fremdbild vermitteln42 und z. B. durch äußere Insignien (wie etwa die Jakobsmuschel), Pilgerpass oder Rituale wie der Pilgersegen perpetuiert werden. Eine ähnliche Typisierung der Pilger findet sich in der Auswertung der Pilgerstatistik des von der Trierer Jakobusbruderschaft geführten Pilgerbüros.43 Von den 2005 immerhin 405 in Trier registrierten Pilgern, die einen anonymisierten Fragebogen ausfüllten, lassen sich drei idealtypische Gruppen differenzieren: Erstens der/die kirchlich sozialisierte ChristIn, der/die das Pilgern als Ergänzung und Erweiterung seiner/ihrer religiösen Praxis entdeckt, zweitens der/die Sinnsuchende ohne langjährige Erfahrung, der/die erst seit Kurzem mit Kirche und Glaube konfrontiert ist und den Jakobsweg als „spirituelle Entdeckungsreise“ erlebt und drittens diejenigen, und das ist die Mehrheit, die in wohlwollender „Halbdistanz“ zum Glauben, zur Kirche und Gemeinde vor Ort leben und in ihrer selbst gewählten und organisierten Pilgerschaft die Möglichkeit sehen, ihren eigenen Glauben in einer Weise zu praktizieren, die ihrer gegenwärtigen Verfasstheit mehr entspricht als ein regelmäßiger Gottesdienstbesuch am Sonntag. Im Vordergrund stehen Familie und Kinder, Beruf und Arbeit, aber auch Freunde und Bekannte – nicht Religion und Kirche. Gleichwohl wird auch hier die Zeit der Pilgerschaft als „religiöse Intensivzeit“ gestaltet, in der das Erleben der eigenen physischen und psychischen Grenzen, die Loslösung aus dem Alltag, die Entschleunigung der Zeit, vor allem auch der Kontakt mit Menschen unterwegs, religiös gedeutet wird.44 Auch Stephan Dähler kommt in seiner „Berner Erhebung zum Jakobspilgern in der Schweiz“ (2009)45 zu dem Ergebnis, dass insbesondere das Gemein-

41 Ebd. 42 Ebd., S. 140. 43 Vgl. M. Nicolay: Erfahrung (wie Anm. 23.). 44 Vgl. ebd., S. 5f. 45 Dähler, Stephan: Berner-Erhebung zum Jakobspilgern in der Schweiz 2009 (http://www.jakobsweg.ch).

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schaftserlebnis unter den Pilgern ausschlaggebend für das Faszinosum des zeitgenössischen Pilgerwesens insgesamt ist: „Pilgern deckt offenbar eine Mangelerscheinung in unserem individualisierten und von hohen Leistungsansprüchen ausgereizten Alltagsleben ab: Es bietet Zeit für Beziehungen, Zeit für gemeinsame Unternehmungen, Zeit miteinander unterwegs zu sein.“46 Insgesamt zeigen alle Studien, dass die Pilger ein hohes Bildungsniveau haben, wobei Menschen aus Dienstleistungsberufen rund drei Viertel der pilgernden Menschen ausmachen.47 Obwohl neben Kindern und jungen Erwachsenen auch Menschen im Ruhestand unter den Pilgern anzutreffen sind, macht die Altersgruppe zwischen 45 und 65 Jahre, also jene, die im „Strudel der mittleren Jahre“ hohe Anforderungen in Beruf, Familie und Gesellschaft erfüllen müssen, mit fast 50 % den größten Anteil der Pilger aus.48 Was zeigen die Befunde der empirischen Studien zum Pilgern? Während die neuere religionssoziologische Theorie den Pilger häufig als Einzelgänger in Gestalt des individualisierten Sinnsuchers konzeptualisiert49, zeigen die Studien, dass neben der Außeralltäglichkeit des Urlaubens und der körperlichen Grenzerfahrung des Langstreckenwanderns, es vor allem die „unspezifische Suche nach (Selbst-)Veränderung“ und die „authentischen“ Begegnungen und sozialen Kontakte mit anderen Pilgern sind, die beim Pilgern eine besondere Rolle spielen und nicht selten als spirituelle Erfahrung gedeutet werden.50 Die Erfahrung der Einheit in der Differenz – „jeder auf dem Weg hat seine Geschichte, das hat etwas Einendes“51 – knüpfe ein unsichtbares Band zwischen den Pilgern.52 Dennoch wurde gerade dieser Vernetzungs- und Vergemeinschaftungsaspekt in den empirischen Fallstudien – allenfalls am Rande – untersucht.

46 Ebd., Kap. B., S. c. 47 Ebd., Kap. B., S. e. 48 Ebd., Kap. B., S. d. 49 Vgl. exemplarisch Gabriel, Karl: Religiöse Individualisierung oder Säkularisierung. Biographie und Gruppe als Bezugspunkte moderner Religiosität, Gütersloh 1996. 50 Vgl. J. Specht: Fernwandern (wie Anm. 33); Ivakhiv, Adrian J.: Nature and Self in New Age Pilgrimage, in: Culture and Religion 4 (2003), S. 93-118. 51 http://www.jakobsweg.ch 52 Vgl. Schoepp, Sebastian: „Ruhe verdammt, wir sind doch Pilger!“, in: Süddeutsche Zeitung vom 2.11.2006. Ebenso Burghoff, Christel/Kresta, Edith: „Auf dem Jakobsmuschelweg“, in: TAZ vom 8./9. Juli 2006, S. 17.

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4. P ILGERGEMEINSCHAFTEN AUF DEM J AKOBSWEG – ERSTE B EFUNDE EINES F ORSCHUNGSPROJEKTS Ausgehend von diesen Erkenntnissen startete Anfang 2010 an der Universität Trier ein eigenes Forschungsprojekt unter dem Titel „Glaube in Bewegung: Spirituelle Netzwerke von Pilgern“, das zum Ziel hatte, dem „Geheimnis der Pilgergemeinschaften“ und ihrer Bedeutung für die Beteiligten auf die Spur zu kommen. Aufgrund der Popularität und der zu erwartenden hohen internationalen Pilgerdichte anlässlich des Heiligen Jahres (2010), entschied sich das ForscherInnenteam für den Jakobsweg, genauer für sein spanisches, ca. 600 km langes Teil-/Endstück ab Burgos, mit dem Ziel Santiago de Compostela. Am Anfang der Studie standen ExpertInneninterviews mit Mitgliedern der St. Jakobusbruderschaft Trier e.V. zur Konzeption eines problemzentrierten Leitfadens und eines standardisierten schriftlichen, in fünf Sprachen (deutsch, englisch, französisch, spanisch, italienisch) verfassten Fragebogens zur Soziodemografie, Religiosität und Einstellungsstruktur der Pilger. Ferner half die Jakobusbruderschaft bei der Verteilung der Fragebögen vor Ort, indem sie in den von der Bruderschaft geleiteten Unterkünften weit über 1000 Fragebögen auslegten und zum Teil an uns zurückschickten bzw. diese bis zum Abholtermin für uns deponierten.53 Den Hauptteil der Untersuchung machte jedoch eine intensive vierwöchige Feldforschungsphase zwischen Juli und August 2010 aus, in der drei ForscherInnen den Pilgerweg von Burgos bis nach Compostela selbst erwanderten und Teil der Pilgergemeinschaft wurden. Ziel war es, gemäß der Leitlinien einer an der lebensweltlichen Ethnografie orientierten qualitativen Religionsforschung54, durch das Miterleben und durch gezielte Beobachtung das Verhalten der Pilger gewissermaßen aus der Binnenperspektive besser verstehen und deuten zu können. In diesem Zusammenhang wurden ebenfalls knapp 40 problemzentrierte Leitfadeninterviews mit Pilgern zu ihrer Motivation, besonderen Erlebnissen, Wertorientierungen, Glaubensinteressen und Sinngebungen realisiert. Zudem wurden persönliche Daten in Form von Pilgertagebüchern ausgewertet, die von uns zum Teil im Vorfeld gezielt an freiwillige Pilger versandt wurden oder freiwillig von Pilgern zur Verfügung gestellt wurden. Schließlich wurde ein egozen-

53 Ein ganz besonderer Dank gilt Frau Smith und Herrn Willke von der Trierer Jakobusgesellschaft. 54 Vgl. Knoblauch, Hubert: Qualitative Religionsforschung. Religionsethnographie in der eigenen Gesellschaft, Stuttgart 2003.

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trierter Internetnetzwerkfragebogen55 zu den bestehenden Kontakten nach dem Pilgern auf der eigenen Webseite www.pilgern.eu und anderen einschlägigen Pilgerforen geschaltet. Erste Eindrücke aus dem umfangreichen Datenmaterial werden an dieser Stelle nun wiedergegeben: Pilgern ist ein Phänomen, welches Männer wie auch Frauen gleichermaßen anspricht. In unserer Stichprobe (n=1147) sind Männer und Frauen nahezu gleich verteilt (männlich 54,6 %; weiblich 45,6 %). Die nationale Zusammensetzung ist sehr heterogen. Wie Abbildung 3 zeigt, kommen die Pilger aus fast allen Ländern der Welt. Den größten Teil in unserer Umfrage bilden dabei Pilger aus den Ländern Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich, Polen und Österreich. Abbildung 3: Internationale Zusammensetzung der Pilger

Sonstige 16% Spanisch 33%

Österreichisch 2% Polnisch 2% Französisch 10%

Italienisch 14%

Deutsch 23%

Quelle: Eigene Darstellung (n=1147)

55 Vgl. Diaz-Bone, Rainer: Ego-zentrierte Netzwerkanalyse und familiale Beziehungssysteme, Wiesbaden 1997.

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39,2 % der von uns befragten Pilger sind allein unterwegs, 60,8 % pilgeren mit einer oder mehreren Personen: davon sind 55,6 % mit einem guten Freund, 27,9 % mit dem Lebenspartner und 22,6 % mit anderen Familienmitgliedern unterwegs. Vereinzelt sind auch kirchlich-organisierte Pilgergruppen oder auch kleinere Reisegruppen anzutreffen (8 %). Tabelle 1: Art des Pilgerns (Mehrfachantworten möglich) Person oder Gruppe mit der gepilgert Prozent der Fälle wird

FreundInnen

55,6 %

LebenspartnerInnen

27,9 %

Andere Familienmitglieder

22,6 %

Reisegruppe

8,0 %

ArbeitskollegInnen

2,0 %

Sonstige

2,3 %

Quelle: Eigene Darstellung (n=816)

Grundsätzlich zeigt sich, dass ein starker Zusammenhang zwischen dem Alter der Pilger und der Art des Pilgerns besteht. Das Faktum des gemeinsamen Aufbruchs ist in den Kohorten nicht gleich verteilt. Eher alleine pilgern besonders die Gruppe der 30- bis 39jährigen (1,49) und die der 40- bis 49jährigen (1,45). Jüngere Pilger, v. a. die unter 20jährigen, aber auch die 21- bis 29jährigen pilgern häufiger in Begleitung (1,86). Bei Jugendlichen, die noch nie eine lange Reise alleine unternommen haben, birgt die begleitete Reise eine Art Sicherheit in der Fremde. Sie wissen, dass sie sich beispielsweise bei Verständigungs- oder Verletzungsproblemen auf eine/n PilgerpartnerIn verlassen können. Die „Gefahr“ des Abenteuers Pilgern in der Fremde wird damit minimiert. Ähnliches gilt für die weiblichen Pilger: Auch Frauen neigen eher dazu, in einer Gruppe zu reisen, v.a. aus Furcht vor Übergriffen oder anderen „gefährlichen“ Situationen. Grundsätzlich darf aber der soziale Kontakt bei einer Gruppenpilgerschaft nicht unterschätzt werden. Ein weiterer Blick in unsere quantitativen Daten macht deutlich, dass 62,7 % der Befragten es als wichtig bzw. sehr wichtig erachten, mit Menschen aus anderen Kulturen auf dem Weg nach Compostela in Kontakt zu treten. Die Kontakte mit „Gleichgesinnten“ auf dem Weg werden, auch wenn diese von vie-

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len nicht als Hauptmotiv für die Pilgerschaft angeführt werden, doch als Bereicherung erlebt. Es ist dieses selbstbestimmte und als unverkrampft erlebte Maß an Geselligkeit, das die Pilger dabei schätzen. Starten die meisten ihren Weg noch meist zu zweit oder allein, laufen sie schon nach wenigen Tagen in Begleitung anderer Pilger, die für die meisten zu „echten WeggefährtInnen“ werden, da sich auf den stundenlangen Märschen meist ganz automatisch Gespräche über das „Woher“ und „Wohin“, vor allem aber über das „Warum“ entspinnen. Einige sprechen sogar von „familiären“ Beziehungsverhältnissen zwischen den Pilgern. Rainer aus Österreich beschreibt dies so: „Und auch das Zusammentreffen am Abend, dieses Familiäre. Ich bin da in einer Gruppe, wo Italiener sind usw., das ist wie eine Familie. Für eine kurze Zeit hast du eine Ersatzfamilie.“ (Rainer, 41 Jahre, Österreich)

Schon Hape Kerkeling (2006) machte auf seiner Reise auf dem Pilgerweg die Erfahrung, dass die sozialen Kontakte auf dem Pilgerweg mit dem Begriff der „Wanderbekanntschaften“ kaum zu fassen sind: „Die allermeisten Menschen, die ich auf dem Pilgerweg getroffen habe, sind schon auf der Suche nach sich selbst und schon auf der Suche nach etwas Spirituellem, nach einem Sinn, wenn man so will. Und das macht diesen Pilgerweg so besonders, weil, egal wen man trifft, man landet relativ schnell in einem Gespräch beim Eingemachten. Das hab ich so noch nicht erlebt und das macht den Pilgerweg, glaub ich, auch so besonders.“

Die meisten Pilger treibt die Sehnsucht nach Veränderung, nach spirituellen Erfahrungen, nach einem (postmateriellen) Sinn um – darin sind sie sich auf der einen Seite sehr ähnlich, es macht das Pilgern aber auf der anderen Seite auch zu einem höchst individuellen Unternehmen. Jede/r hat ganz persönliche Gründe, eine solche Reise anzutreten. Besonders Pilger im mittleren Alter fallen in diese Gruppe der „Sinnsuchenden“ – sie wollen aus alten Strukturen ausbrechen und suchen auf dem Jakobsweg Perspektiven für ihren zukünftigen Lebensweg. Als Beispiel kann hier Karin, die den Weg schon dreimal gegangen ist, angeführt werden. Beim ersten Mal befand sie sich in einer Ehekrise und begab sich auf den Camino, um eine Antwort zu finden. Sie beschrieb ihre Situation wie folgt: „[M]ein Grund war einfach: Ich wusste, ich muss einen anderen Weg gehen, d.h. ich musste meine Ehe beenden und ich wollte irgendwo, ja, eine Antwort. Einfach um eine Antwort zu finden. Ich habe mir sogar, hier, die Jakobsmuscheln tätowieren lassen und Mohnblumen, hier.“ (Karin, 54 Jahre, Deutschland)

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Auf die Frage, ob sie eine Antwort auf dem Weg gefunden hat, antwortete sie: „Also, ich habe die Antwort gekriegt, aber nicht gleich. Sondern vielleicht vier, fünf Wochen später. Und dann war mir klar: Ich muss meinen eigenen Weg gehen. Ich kann nicht. Bei uns hat es schon 15 Jahre gekriselt und so. Irgendwo hatte ich wahrscheinlich auch Angst mich zu trennen und meinen eigenen Weg zu gehen und da hat mir der Jakobsweg wirklich geholfen.“ (Ebd.)

Ähnliches berichtete uns der 65-jährige Belgier Jaques, der von seiner Frau verlassen wurde und dessen soziales Umfeld bis dato hauptsächlich aus BerufskollegInnen bestand. Auch für ihn sind der Ausbruch aus einem von Hektik und Reizüberflutung geprägten beruflichen Alltag und die privaten Probleme die zentralen Motive, eine dreimonatige Pilgerreise auf dem Jakobsweg anzutreten. „Ich pilgere alleine, weil ich Abstand zu dem wollte, was da gewesen ist. Bis jetzt war es wohl so, die Hauptgemeinschaft im Beruf gefunden zu haben. Es waren alles Leute, die mit dir im Beruf zu tun hatten und da wollte ich einfach mal weg. Da wollte ich einen dicken roten Strich ziehen und habe gedacht, du gehst alleine. Wenn du jemanden findest, man findet immer welche die zwei, drei Tage zusammen gehen, dann gehen sie wieder auseinander und das ist auch gut so. Und das würde ich auch. Wenn ich noch mal eine Reise zum Pilgern ansetzen würde, würde ich das auch so machen.“ (Jaques, 65 Jahre, Belgien)

Aufgrund des gleichen Tagesablaufs und des relativ identischen Etappenplans verläuft das Miteinander-in-Kontakt-Treten der Pilger relativ unkompliziert; erstaunlicher ist, dass viele dieser lose gesponnen sozialen Netzwerke während des Pilgerns relativ konstant bleiben, wie etwa das Beispiel der 25-jährigen Kathrin illustriert: „Ich hätte nicht gedacht, dass man so schnell Leute kennenlernt und dass auch so schnell wirklich Gemeinschaften entstehen. Also Gemeinschaften, die auch über mehrere Tage halten. Ich bin jetzt mittlerweile in einer Gruppe gelaufen seit fast zwei Wochen und das ist sehr, sehr angenehm, sehr, sehr schön. Und es gibt auch sehr viel Kraft.“ (Kathrin, 25 Jahre, Deutschland).

Wichtigster Ort für das Knüpfen von Kontakten und deren Pflege sind die Pilgerherbergen, in denen man gegen Nachmittag gemeinsam eintrifft, das Nachtlager (meist in großen Schlafsälen) bezieht, duscht, die getragene Kleidung wäscht, körperliche Blessuren begutachtet und verarztet und Vorbereitungen für

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das gemeinsame Abendessen bzw. Verabredungen für die nächsten Etappen trifft. Dieser immergleiche, ritualisierte Alltag in den Herbergen wird zum zum Verdichtungsort der Pilgergemeinschaften. Nicole, eine deutsche Pilgerin, schildert diese unverkrampfte Pilgergemeinschaft mit den Worten: „Ich bin alleine gestartet, pilgere auch alleine. Ist aber schön, wenn man weiß, man hat sich für einen Abend mit Leuten verabredet in einer Herberge, wo man sich trifft. Wo man schön essen kann; einen gemeinsamen Abend verbringen kann. Das ist so mein Pilgerweg. Also, am Tag sehr, sehr gerne alleine laufen und dann aber schon sich vielleicht auch zwischendrin einmal treffen oder sich einfach mal für den nächsten Tag verabreden und dort mal treffen. Das finde ich sehr schön. Aber es muss für mich nicht sein, dass jemand Schritt an Schritt mit mir läuft.“ (Nicole, 31 Jahre, Deutschland)

Auch Sophie erwähnt dieses besondere „Wir-Gefühl“ der „Pilgerfamilie“: „Als Pilger ist es ja auch selbstverständlich sozusagen mit anderen Pilgern einfach mal plötzlich anzufangen zu reden, weil ich meine, sonst spricht man nicht einfach Leute auf der Straße an und sagt „Wie geht es dir denn so, hast du Blasen?“ Man hat sozusagen immer eine gemeinsame Basis, alleine vom Weg, man kann ja alleine, wie man den Weg erlebt hat schon so viel reden. Da hat man ja mit allen schon so ein gemeinsames Thema, womit man sich gerade beschäftigt.“ (Sophie, 26 Jahre, Deutschland)

In unseren Beobachtungen vor Ort konnten wir uns immer wieder davon überzeugen, dass sich diese Gemeinschaftsbildung unabhängig von nationalen kulturellen (Sprach-)Barrieren, sozialen, Alters- oder Geschlechtergrenzen ereignete, wobei grundsätzlich von einer starken sozialen Homophilie56 der Pilger ausgegangen werden kann. Auf der Erlebensebene wurde diese trans-nationale Vergemeinschaftung als ganz besonderes Kennzeichen der Pilgergemeinschaften hervorgehoben: „Ich find, das spielt insofern eine große Rolle, als das es zeigt, dass die Nationalität keine Rolle spielt, dass wirklich alle Leute das machen. Jeder hat seine persönlichen Gründe, aber trotzdem, im Großen und Ganzen, immer wieder die gleichen Gründe. Da spielt dann die Nationalität eben keine Rolle mehr. Weil man im Alltag oft damit konfrontiert wird, dass es vielleicht doch eine Rolle spielen kann.“ (Lisa, 22 Jahre, Deutschland)

56 Man spricht von Homophilie, wenn eine zufällige Ähnlichkeit in den Eigenschaften und Einstellungen der Personen in einem Netzwerk zu beobachten ist.

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So sind Nationalfahnen an Rucksack oder Jacke eher selten, stattdessen wird die neue Identität als Jakobspilger durch andere, nationen- bzw. kulturindifferente äußere Insignien wie die Jakobsmuschel, den Pilgerstock oder den Pilgerhut, aber auch durch den Pilgerpass oder Rituale wie den Pilgersegen zum Ausdruck gebracht. Die einheitliche Kleidung und der Verzicht auf Statussymbole heben so – zumindest vorübergehend – alle sozialen und nationalen Schranken zwischen den Pilgern auf. Dies unterstützt die für Pilgerfahrten typische Erfahrung, Teil einer weltweiten Solidargemeinschaft zu sein, in der letztlich die Pilgerreise und die auf ihr gemachten Erfahrungen zu Transmissionsriemen einer weltweiten Pilgercommunity geraten.57 Interkulturelle Begegnungen waren und sind zentrale Bestandteile des Pilgerns. Viele sehen im Pilgern eine gute Gelegenheit, den Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu knüpfen, v.a. auch die Chance, den anderen offener (als im Alltag), d.h. ohne große Vorurteile zu begegnen, wie eine deutsche Pilgerin es ausdrückt: „Es ist natürlich spannend wen man hier so alles trifft. Ich empfinde das so, in Deutschland ist man da eher, wenn man es nicht unbedingt so kennt, jetzt in der Schule oder wo auch immer, das andere Nationalitäten, in der Klasse sind, hat man da eher eine Scheu davor. Hier ist das auf jeden Fall offener. Es ist schön andere Kulturen kennenzulernen und mit anderen Leuten zu reden und nicht nur mit Deutschen.“ (Anna, 25 Jahre, Deutschland)

Eine wichtiger Bezugspunkt der interkulturellen Erfahrung stellte den Pilgern zufolge das gemeinsame Kochen und Essen in den Pilgerherbergen dar, dass immer wieder Anlass gibt, sich über unterschiedliche kulinarische Spezialitäten auszutauschen und so über das Essen hinaus miteinander ins Gespräch über „Gott und die Welt“ zu kommen: „Man hat ja auch ganz viel davon, so von diesen ganzen verschiedenen Nationen. Alleine beim Kochen, wenn man zusammen kocht, dass man dann aus verschiedenen Nationen irgendwie verschiedene Gerichte kennenlernt.“ (Sophia, 20 Jahre, Deutschland)

Auch wenn Sprachbarrieren existieren, finden viele Pilger einen Weg, sich untereinander zu verständigen. Hierbei spielte neben Englisch auch die Zeichenund Gebärdensprache eine beutende Rolle. Anna beschreibt die Kommunikation mit Pilgern aus anderen Kulturellen Kontexten wie folgt:

57 Vgl. Jehle, Irmgard: Der Mensch unterwegs zu Gott. Die Wallfahrt als religiöses Grundbedürfnis des Menschen, Würzburg 2002.

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„Also in der Schule bekommt man gesagt, Englisch ist die Weltsprache und da waren wir in Frankreich und siehe da: Englisch ist nicht die Weltsprache. Kein Mensch hat uns verstanden. Es geht dann natürlich immer mit Händen und Füßen, aber das war schon schwierig. Und in Spanien das gleiche in Grün. Es sind sehr wenige, die Englisch sprechen. Man zeigt dann irgendwas oder macht mit den Händen. Sie verstehen es dann schon. Aber mit dem Sprechen alleine, ist es schwierig. Ich hab zwar einen Sprachführer dabei, aber da mal ein Satz daraus zu bilden, jedes Wort nachzuschlagen, das ist einfach schwierig. Dann versucht man es halt mit Händen und Füßen in dem Fall.“ (Anna, 25 Jahre, Deutschland)

So entsteht mit Zeit eine Art transnationales Gemeinschaftsgefühl, trotz oder gerade weil die Pilger aus unterschiedlichen Ländern stammen und unterschiedliche Sprachen sprechen: Viele Pilger fühlen sich als Mitglied einer Gemeinschaft, die sie im Alltag so nie erfahren würden – da es eine „Gemeinschaft von Fremden“ fernab des Heimatortes ist. Diese Anonymität und vermeintliche Objektivität der Begegnungen ist es wohl auch, die dazu führen, dass sich die Pilger häufig auf sehr tiefgehende Gespräche einlassen. Sie sprechen über eigene Ängste und Wünsche, belastende Alltagsprobleme und schwerwiegende Lebensentscheidungen, vielleicht auch, weil es leichter fällt, Fremden die Situation zu schildern, da diese nicht persönlich involviert sind und die Begegnungen, anders als im Alltag, auf gleicher Augenhöhe stattfinden.

5. AM E NDE

DES

W EGES

So schnell, wie die intensiven und interkulturellen Kontakte geknüpft werden, so enden diese meist ebenso abrupt nach der Reise. Die Pilger fliegen bzw. fahren nach der Ankunft und kurzem „Sightseeing“ in Santiago de Compostela umgehend zurück in ihre Heimat. Nur wenige pilgern weiter zum Kap Finisterre, nicht zuletzt um sich dort im Rahmen eines mehrtätigen „Strandurlaubs“ von den Strapazen der Reise zu erholen. Allerdings kündigt sich das Ende der Reise meist schon einige Tage vor dem eigentlichen Ziel (Santiago de Compostela) an. Viele Pilger erlebten die letzten 100 km des Jakobsweges, die vor allem in den Sommermonaten von Tagespilgern und TouristInnen regelrecht überfüllt sind, als „Ende ihres Weges“. Der Rummel stört die zuvor genossene Beschaulichkeit und „Zivilisationsferne“ der Pilger und zwingt sie, in großen Gruppen zu pilgern, Reservierungen in den Herbergen vorzunehmen und nicht zuletzt sich den Weg mit solchen Pilgern zu teilen, die lediglich das vom Pilgerbüro vorgegebene Mindestmaß von 100 km für die begehrte Urkunde in Compostela ableisten. Diese werden von den Langestreckenpilgern eher als „tourigrinos“ denn „pere-

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grinos“ wahrgenommen. So werden zwar die letzten Etappen des Weges noch absolviert, aber viele spüren hier deutlich, dass sie sich vom Pilger in den/die TouristIn bzw. Alltagsmenschen zurückverwandeln. Vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass die meisten Pilger in Santiago im Besuch der Kathedrale und dem Jakobusgrab nicht die religiöse Handlung ihrer Reise selbst sehen: Das eigentliche religiöse oder spirituelle Erlebnis ist der Weg – nicht das Ziel! Unseren Beobachtungen zufolge zählen dabei die Begegnungen mit WeggefährtInnen und das mit ihnen für einen begrenzten Zeitraum geteilte Gefühl, Teil einer Pilgergemeinschaft zu sein, zu den echten Highlights. Denn sie werden modellhaft auch als spirituelle Begegnungen gewertet, in denen christliche Werte und Tugenden der Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Solidarität ihren Ausdruck finden. Aber es ist den Pilgern ebenso klar: Am Ende des Weges werden aus dem einen Jakobsweg wieder viele unterschiedliche Lebenswege. In unseren Gesprächen mit Pilgern, die zum wiederholten Male auf Pilgerreise waren, fiel immer wieder der Satz, dass sie gerne an die Zeit und die Personen, die sie auf dem Camino kennengelernt hatten, zurückdachten, der Kontakt jedoch immer sporadischer wurde oder sich nach kurzer Zeit ganz aufgelöst habe: „Jetzt leider für meine Person gesprochen, ich hab nie wieder dann von diesem Menschen erfahren. Ich denke an viele Menschen von 2007 zurück. Da habe ich einen Polen getroffen, zwei Italiener und noch ein paar andere Menschen, die sind mir einfach in Erinnerung geblieben und ich würde gerne wissen, wie es denen heute geht. Aber ich hoffe es geht ihnen gut.“ (Bernd, 30 Jahre, Deutschland)

Nur wenige halten den Kontakt nach ihrem Weg aufrecht; gleichwohl Social Network Sites, wie z. B. Facebook, aber auch die zahlreichen Online-Pilgerforen mittlerweile reichlich Gelegenheit dazu bieten. Die intensive Gemeinschaftserfahrung auf der Pilgerschaft bleibt so eine Gemeinschaftserfahrung auf Zeit – die gerade durch ihre raumzeitliche Fixierung, ihre Außeralltäglichkeit, ihre (auch körperliche) Unmittelbarkeit, ihre Unverbindlichkeit und Freiwilligkeit ein besonders intensives und totales Erlebnis ist, das – und das wissen auch die Pilger – nach der Rückkehr in den Alltag sein natürliches Ende findet. Es sind ja gerade die Kontrasterfahrungen zur Alltagswelt, die den Reiz des Pilgerns ausmachen. Dennoch, nur wenige Pilger kehren unbewegt in den Alltag zurück – viele bleiben unruhig, wofür der „Pilgervirus“ ein deutliches Indiz ist: So finden sich unter den Jakobspilgern auch knapp 30 % „Wiederholungstäter“, die den Weg mehrmals gegangen sind bzw. die nächste

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Pilgerreise planen.58 Inwieweit sich die selbst gesteckten Ziele der Reise am Ende erfüllen/erfüllt haben, inwieweit die auf dem Weg gefassten guten Vorsätze (mehr Bewegung im Alltag, weniger Arbeit, mehr Entspannung, höhere Selbstachtsamkeit usw.) auch im Alltag gelebt werden, erscheint so am Ende der Reise eher sekundär: Der Weg ist das Ziel bzw. der Weg ist das Event, das Ziel ist eher sekundär.59

58 Vgl. hierzu auch M. Nicolay: Erfahrung (wie Anm. 23.), S. 4. 59 Vgl. Nagorny, Klaus: Beobachtungen zu einem neuen Boom. Worin liegt der Reiz des Pilgerns?, in: Deutsches Pfarrblatt (2007) 6, S. 304-306.

Autorinnen und Autoren

Daniel Bauerfeld ist Geschäftsführer des Forschungsclusters „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Die Forschungsschwerpunkte des studierten Historikers und Kunsthistorikers sind mittelalterliche Stadtgeschichte, Kartographie der Frühen Neuzeit sowie die Landesgeschichte der Region Trier. Lukas Clemens ist Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Trier sowie Sprecher des Forschungsclusters „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozial- und Wirtschafts- bzw. Technikgeschichte des Mittelalters sowie der Mittelalterarchäologie. Johannes Dillinger lehrt als Gastdozent an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Europa und Nordamerika vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Sein Themenspektrum: Geschichte des Bauernstandes, ländliche Kultur, politische Repräsentationssysteme und Staatsbildungsprozesse, Kolonialismus, Magie und Hexenverfolgung, Konfessionalisierung, politische Kriminalität und Vorgänger des Terrorismus sowie vergleichende Histografie, Regionalgeschichte und didaktische Geschichtsvermittlung. Richard Engl ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Seine Schwerpunkte sind Sozial- und Kulturgeschichte Italiens vom 12. zum 14. Jahrhundert, insbesondere Geschichtsschreibung und kommunale Entwicklung in Nord- und Mittelitalien sowie christlich-muslimische Beziehungen und Monarchie in Süditalien. Markus Gamper ist Akademischer Rat am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Universität Köln. Bis 2012 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Vorstandsmitglied des Forschungsclusters

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„Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ an der Universität Trier. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Religions- und Migrationssoziologie, empirischen Sozialforschung sowie in der Netzwerkforschung. Kathrin Geldermans-Jörg ist Referentin der Geschäftsführerin des HistorischKulturwissenschaftlichen Forschungszentrums (HKFZ) Trier. Zwischen 2008 und 2011 war sie zudem als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ beschäftigt. Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung umfassen jüdische Geschichte im Mittelalter, die Geschichte Frankens sowie die Bereiche Paläographie und Urkundenwesen. Marcello Ghetta war von 2006 bis 2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Seine Forschungsschwerpunkte sind die spätantike Religionsgeschichte und antike Sklaverei. Ricarda Matheus ist Projektmitarbeiterin am Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. für ein DFG-gefördertes und in Kooperation mit dem DHI in Rom durchgeführtes Forschungsprojekt zur Umweltgeschichte der pontinischen Sümpfe in der Frühen Neuzeit. Ihre Schwerpunkte sind Konversionsforschung, Rom und der Kirchenstaat in der Frühen Neuzeit, Pilger- und Wallfahrtswesen, Römische Inquisition, Migrationsund Reiseforschung, Kulturkontakt und -transfer, Konsum- sowie Umweltgeschichte. Christian Nitschke war zwischen 2008 und 2012 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“ beschäftigt. Der studierte Historiker und Germanist mit den Forschungsschwerpunkten Spätantike, Netzwerkanalyse und antike Militärtechnik blickt zudem auf eine fundierte Ausbildung in der Archäologie der römischen Provinzen zurück. Yannick Pouivet ist Wissenschaftliche Hilfskraft im Teilprojekt II.09 „Montaillou – Netzwerke der Katharer im beginnenden Spätmittelalter“ des Forschungsclusters „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Zuvor war er bereits als Studentische Hilfskraft im Teilprojekt „Netzwerke des Gunpowder Plot“ beschäftigt.

A UTORINNEN

UND

A UTOREN

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Julia Reuter hat die Professur Erziehungs- und Kultursoziologie an der Universität zu Köln inne. Bis 2011 war sie Teilprojektleiterin im Forschungscluster „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Kultursoziologie, soziologische Theorien, Körperund Geschlechtersoziologie, Migrations- und Religionssoziologie, Wissenschafts- und Bildungssoziologie sowie qualitative Sozialforschung. Benno Schulz ist Wissenschaftliche Hilfskraft im Teilprojekt II.09 „Montaillou – Netzwerke der Katharer im beginnenden Spätmittelalter“ des Forschungsclusters „Gesellschaftliche Abhängigkeiten und soziale Netzwerke“. Zuvor war er bereits als Studentische Hilfskraft im Teilprojekt „Netzwerke des Gunpowder Plot“ beschäftigt. Markus Siedow studierte Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Philosophie an der Universität Trier und war zwischen 2008 und 2011 Wissenschaftliche Hilfskraft im Teilprojekt II.01 „Heidnischer Tempel und christliche Kirche: Untersuchungen zu religiösen Netzwerken in Spätantike und Mittelalter“. Forschungsschwerpunkte bilden die spätantike Architektur, die provinzialrömische Archäologie und theoretische Fragen zur Geschichtswissenschaft. Wolfgang Spickermann ist Interimsleiter des Max-Weber-Kollegs und Professor für Religionsgeschichte des Mittelmeerraumes in der römischen Antike an der Kolleg-Forschergruppe der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte sind die römische Religions- und Sozialgeschichte, Staat und Kirche in der Spätantike und die lateinische Epigraphik. Zudem arbeitet er als Gründungs- und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV an der Produktion und Evaluation digitaler Medien im Bereich der Geschichtswissenschaften.

Sozialtheorie Ullrich Bauer, Uwe H. Bittlingmayer, Carsten Keller, Franz Schultheis (Hg.) Bourdieu und die Frankfurter Schule Kritische Gesellschaftstheorie im Zeitalter des Neoliberalismus März 2014, 376 Seiten, kart., 19,99 €, ISBN 978-3-8376-1717-7

Wolfgang Bonss, Oliver Dimbath, Andrea Maurer, Ludwig Nieder, Helga Pelizäus-Hoffmeister, Michael Schmid Handlungstheorie Eine Einführung Oktober 2013, 280 Seiten, kart., 22,99 €, ISBN 978-3-8376-1708-5

Daniel Innerarity Demokratie des Wissens Plädoyer für eine lernfähige Gesellschaft (übersetzt aus dem Spanischen von Volker Rühle) September 2013, 264 Seiten, kart., 28,80 €, ISBN 978-3-8376-2291-1

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Sozialtheorie Marc Amstutz, Andreas Fischer-Lescano (Hg.) Kritische Systemtheorie Zur Evolution einer normativen Theorie

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