Geschriebene Sprache: Untersuchungen zu ihrer Herausbildung und Grundlegung ihrer Theorie 9783110864410, 9783110102192

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Geschriebene Sprache: Untersuchungen zu ihrer Herausbildung und Grundlegung ihrer Theorie
 9783110864410, 9783110102192

Table of contents :
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen im Text
1. Entwicklung eines neuen sprachtheoretischen Ansatzes zur Bestimmung der geschriebenen Sprache aus der Kritik an überlieferten sprachwissenschaftlichen Dogmen
1.1. Die apodiktische Geringschätzung der geschriebenen Sprache in der ,opinio communis der Sprachwissenschaftler'
1.2. Bisherige Versuche zur Überwindung der Geringschätzung geschriebener Sprache
1.3. Der neue Ansatz zur Bestimmung der geschriebenen Sprache — Ziel, Prämissen, Forschungsfragen, Untersuchungsbereiche
2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache aus ihren jeweiligen historischen Verwendungskomplexen
2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen der geschriebenen Sprache
2.2. Die Entstehung der geschriebenen Sprache in Mesopotamien
2.3. Die Anfange der geschriebenen deutschen Sprache
3. Zusammenfassende Schlußbetrachtung zur Bestimmung der geschriebenen Sprache
4. Literaturverzeichnis
5. Personenverzeichnis
6. Sachverzeichnis

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Elisabeth Feldbusch Geschriebene Sprache

Elisabeth Feldbusch

Geschriebene Sprache Untersuchungen zu ihrer Herausbildung und Grundlegung ihrer Theorie

w DE

G Walter de Gruyter • Berlin • New York 1985

Gedruckt auf säurefreiem Papier (alterungsbeständig — pH 7, neutral) CIP-Kur^titelaufnahme

der Deutschen Bibliothek

Feldbusch, Elisabeth: Geschriebene Sprache : Unters, zu ihrer Herausbildung u. Grundlegung ihrer Theorie / Elisabeth Feldbusch. — Berlin ; New York : de Gruyter, 1985. ISBN 3-11-010219-6

® Copyright 1985 by Walter de Gruyter & Co., Berlin 30. Printed in Germany. Alle Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der Herstellung von Photokopien — auch auszugsweise — vorbehalten. Satz und Druck: Arthur Collignon GmbH, Berlin Buchbinder: Lüderitz Sc Bauer, Berlin

Gewidmet meinem Marburger Lehrer Professor Dr. Ludwig Erich Schmitt in Dankbarkeit und Hochachtung

Vorwort Geschriebene Sprache gibt es seit Jahrtausenden, und seit Jahrtausenden befindet sie sich in steter Entwicklung. Von herrschenden Gesellschaftsschichten als bedeutendes Privileg gehütet, erwies sie sich zugleich als ebenso bedeutendes Mittel im Kampf gegen Unterdrückung. Mit der elektronischen Datenverarbeitung ist ein aktueller Höhepunkt und eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Der praktischen Bedeutung der geschriebenen Sprache steht in der Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts eine Auffassung gegenüber, die seit PLATÓN und ARISTOTELES unverändert und mit zweifelhaftem Wert die , Schrift' einzig als Abbild der gesprochenen Sprache betrachtet. Angesichts dieses Widerspruches zwischen geschriebensprachlicher Praxis und vor allem sprachwissenschaftlicher Theorie begann ich 1976, die gängigen Bestimmungen der , Schrift' in ihren jeweils verstreut genannten Merkmalen systematisch zusammenzustellen, die opinio communis der Sprachwissenschaftler aus ihnen aufzuspüren, die Bestimmungsmerkmale im einzelnen auf ihre Übereinstimmung mit der real verwendeten geschriebenen Sprache zu befragen und auf der Grundlage der Kritik aus den vielfältigen Erscheinungsformen in den unterschiedlichsten Verwendungszusammenhängen eine neue Bestimmung der geschriebenen Sprache zu entwickeln. Das Ergebnis meiner langjährigen Forschung ist die vorliegende Arbeit. Der Nachweis der funktionalen und geschichtlichen Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache gegenüber der gesprochenen mindert keinesfalls die Bedeutung und den Wert der gesprochenen Sprache. Er schafft im Gegenteil Raum auch für die Bestimmung ihrer eigenständigen Funktionen und Entwicklungen. Nur unter der Voraussetzung, daß beide Existenzformen der Sprache entsprechend ihren funktionalen und geschichtlichen Erscheinungen unabhängig voneinander bestimmt sind, lassen sich Wechselwirkungen und Mischformen wie die Herausbildung einer spezifischen Schriftsprache' erfolgreich thematisieren. Der Nachweis der Eigenständigkeit geschriebener Sprache trägt andererseits der vielfältigen Eingebundenheit in die materielle und geistige Realität ihrer Verwendungszusammenhänge Rechnung und erfordert ein Eindringen in verschiedenste, bisher weitgehend voneinander isolierte Wissenschaften, Forschungsgebiete, -probleme und -methoden. Ich habe konkrete historische Tatbestände insoweit berücksichtigt, als sie im zeitlichen und räumlichen Rahmen dieser Arbeit für den Untersuchungsgegenstand relevante Zusammenhänge mit den jeweiligen Zeugnissen geschriebener Sprache und ihrer Veränderungen erkennen ließen. Nicht alle Tatbestände und Detailfragen aus den einzelnen

VIII

Vorwort

Forschungsgebieten im Zusammenhang mit der geschriebenen Sprache konnten in die Dokumentation meiner Untersuchung Aufnahme finden. Hier war es geboten, in der Vielfalt der Erscheinungsweisen und Zusammenhänge den Grundcharakter der geschriebenen Sprache aufzudecken und eine neue Basis für Bearbeitungen auch weiterer spezieller Forschungsfragen zu schaffen. Die Arbeit wurde im Wintersemester 1983/84 vom Fachbereich Sprachund Literaturwissenschaften der Universität Paderborn als Habilitationsschrift angenommen. All denen, die mir durch geduldiges Zuhören, Anregungen, Gespräche, Kritik, Literaturbeschaffung oder ermunternde Unterstützung hilfreich waren, darf ich meinen Dank aussprechen. Namentlich danken möchte ich Herrn Prof. Dr. J. Aßheuer, Universität Paderborn, Herrn Dr. E. Bremer, Universität Paderborn, Herrn Prof. Dr. H.-J. Nissen, Freie Universität Berlin, Herrn Prof. Dr. F. Pasierbsky, Universtität Paderborn, Herrn Prof. Dr. H. Steger, Universität Freiburg, Herrn Prof. Dr. H. H. Steinhoff, Universität Paderborn, Herrn Prof. Dr. D. Stellmacher, Universität Göttingen, und für vielfaltige Unterstützung in besonderer Weise Herrn E. Storzer, Lehrer bei Kassel. Herrn Prof. Dr. F. Rädle, Universität Göttingen, danke ich herzlich für die kritische Durchsicht meiner Übersetzungen vom Lateinischen ins Deutsche. Im weiteren danke ich allen Institutionen, die mir bei spezieller Materialbeschaffung behilflich waren, im besonderen dem Archäologischen Institut der Universität Münster und der Universitätsbibliothek Paderborn, namentlich Frau Büchler. Größten Dank schulde ich meinem Marburger Lehrer Prof. Dr. L. E. Schmitt und seiner Gattin, Frau Ursula Schmitt. Herr Prof. Schmitt hat die Arbeit von ihrer Entstehung bis zu ihrer Fertigstellung in sorgfaltiger Betreuung, das Vorhaben stets ermutigend begleitet und gefördert. Ebenso hat seine Gattin alle Phasen der Arbeit mit großem Interesse verfolgt, mitgelitten und sich mitgefreut. Mein besonderer Dank gilt schließlich dem de Gruyter Verlag für die Drucklegung der Arbeit in unveränderter Fassung und die vollständige Übernahme der Druckkosten, namentlich danke ich Herrn Prof. Dr. H. Wenzel, der sich die Veröffentlichung der Arbeit mit großem Engagement und Interesse zu seiner Aufgabe gemacht hat. Kassel, 19. Juli 1985

Elisabeth Feldbusch

Inhaltsverzeichnis 1.

1.1. 1.1.1.

1.1.2. 1.1.2.1.

1.1.2.2.

1.1.2.3.

1.2. 1.2.1. 1.2.2. 1.2.3.

1.2.4.

Entwicklung eines neuen sprachtheoretischen Ansatzes zur Bestimmung der geschriebenen Sprache aus der Kritik an überlieferten sprachwissenschaftlichen Dogmen

1

Die apodiktische Geringschätzung der geschriebenen Sprache in der ,opinio communis der Sprachwissenschaftler'

1

Das Dogma vom Abbildcharakter der geschriebenen gegenüber der gesprochenen Sprache als Ausdruck des zugrundeliegenden sprachtheoretischen Abhängigkeitsdogmas

1

Ketten dichotomischer Charakterisierungen gesprochener und geschriebener Sprache zur Unterstützung der Dogmen

15

Die ontologische Rangfolge gesprochener und geschriebener Sprache als Konstruktion auf der Grundlage einer Festlegung ihrer zeitlichen und räumlichen Ausbreitung unter je verschiedenen Kriterien

15

Das Konstrukt der geschriebenen Sprache als passives Produkt einer aktiven, gesprochensprachlichen Produktion auf dem Hintergrund der je spezifischen Materialität

20

Natur und Kultur als Conclusio der dichotomischen Wertungen unter Hinzuziehung jeweils unterschiedlicher Teil Vorgänge aus dem Verwendungsprozeß der Sprachwerkzeuge

31

Bisherige Versuche zur Überwindung der Geringschätzung geschriebener Sprache

39

Ansätze zur sprachwissenschaftlichen Erfassung der Besonderheiten von gesprochener und geschriebener Sprache

39

Zum Stellenwert der .Schrift' aus der Sicht bedeutender Universalgelehrter bis ins 19. Jahrhundert

40

Die Auseinandersetzung mit der Sprachwirklichkeit als Ausgangspunkt für gegenwärtige Ansätze zur Neubestimmung der , Schrift'

42

Die Umkehrung des Abhängigkeitsdogmas auf der logischformalen Ebene in der Grammatologie

47

X

Inhaltsverzeichnis

1.2.5

Die Austauschbarkeit gesprochener und geschriebener Sprache auf der Substanzebene in der Glossematik

50

1.2.6.

Die funktional bedingte Eigenständigkeit geschriebener Sprache auf substantieller und formaler Ebene in der synchronischen Sprachbetrachtung der Prager Schule

52

Grenzen der bisherigen Versuche zur Überwindung der opinio communis

54

Zusammenschau des gegenwärtigen Diskussionsstandes zur Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache

62

Der neue Ansatz zur Bestimmung der geschriebenen Sprache — Ziel, Prämissen, Forschungsfragen, Untersuchungsbereiche

64

Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache aus ihren jeweiligen historischen Verwendungskomplexen

71

Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen der geschriebenen Sprache

71

Zur Bedeutung des entwicklungsgeschichtlich ältesten Analysematerials für die Frage nach den Ursprüngen der geschriebenen Sprache

71

2.1.2.

Gegenständliche Vorformen geschriebener Sprache

74

2.1.3.

Zeichnerische Vorformen geschriebener Sprache

95

2.1.4.

Zusammenschau der Verwendungszusammenhänge, Erscheinungen und Funktionen der Vorformen geschriebener Sprache

118

2.2.

Die Entstehung der geschriebenen Sprache in Mesopotamien

127

2.2.1.

Die ältesten überlieferten Zeugnisse geschriebener Sprache in Mesopotamien

127

2.2.1.1.

Allgemeine Charakterisierung und Klassifizierung

127

2.2.1.2.

Wirtschafts- und Verwaltungstexte

132

2.2.1.3.

Wissenschafts- und Schultexte

136

2.2.1.4.

Vorformen der archaischen Texte in Mesopotamien

139

2.2.2.

Lebensbedingungen der frühen mesopotamischen Gesellschaft und Verwendungszusammenhänge des Textmaterials

141

Der Funktionszusammenhang der geschriebenen Sprache in der Abschlußphase ihrer Entstehung

146

1.2.7. 1.2.8. 1.3. 2. 2.1. 2.1.1.

2.2.3.

Inhaltsverzeichnis

2.2.3.1.

XI

Die Leistungen der geschriebenen Sprache zur individuellen geistigen Bewältigung der Verwaltungsarbeit

146

Die Leistungen der geschriebenen Sprache für die kommunikative und geistige Bewältigung der gesellschaftlichen Aufgabenstellung

156

Die Entstehung der geschriebenen Sprache durch Konventionalisierung und Abstraktion aus dem Verwendungszusammenhang

160

2.2.3.4.

Folgeentwicklung der Entstehung geschriebener Sprache . . . .

164

2.3.

Die Anfange der geschriebenen deutschen Sprache

169

2.3.1.

Die Schriftzeugnisse aus der ersten Entwicklungsphase der geschriebenen deutschen Sprache

169

2.3.1.1.

Texte aus dem Verwendungsbereich Religion

169

2.3.1.2.

Texte aus anderen Verwendungsbereichen

193

2.3.2.

Der Wandel der Kommunikationsverhältnisse auf seinem historischen und gesellschaftlichen Hintergrund

200

Der Höhepunkt der feudalen Expansion des fränkischen Reiches unter KARL DEM GROSSEN und das Problem der Überwindung der Heterogenität

200

Sprachliche Vielfalt als wesentliches Merkmal der Kommunikationsverhältnisse in der vordeutschen Sprachperiode

203

Zentrale staatliche Maßnahmen zur Organisation des werdenden Großreiches

206

Die geschriebene Sprache als zentrales Anliegen der karolingischen Politik

212

Die Notwendigkeit zur Überwindung der Grenzen der geschriebenen lateinischen Sprache

222

Der Verwendungszusammenhang der frühen geschriebenen deutschen Texte

230

Geschriebene deutsche Texte als Vermittlungsinstanz zwischen den Geistlichen und dem geschriebenen lateinischen Textmaterial

237

2.3.4.1.

Glossierungen

237

2.3.4.2.

Glossare

243

2.3.4.3.

Interlinearversionen und Übersetzungen

246

2.2.3.2.

2.2.3.3.

2.3.2.1.

2.3.2.2. 2.3.2.3. 2.3.2.4. 2.3.2.5. 2.3.3. 2.3.4.

XII

2.3.5.

Inhaltsverzeichnis

Geschriebene deutsche Texte als Instrumentarium zur Konstituierung des Übermittlungsverfahrens der christlichen Glaubensinhalte an die Laienbevölkerung

249

Die Besonderheit des geschriebensprachlichen Kommunikationsprozesses in althochdeutscher Zeit

249

Die Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache gegenüber Raum und Zeit, Sender und Empfanger

251

2.3.5.3.

Sammlung und Archivierung

254

2.3.5.4.

Strategien der Textplanung

258

2.3.5.5.

Die Funktionen der geschriebenen Sprache für den Textproduktionsprozeß

277

2.3.5.6.

Die geschriebene Sprache als Basis der Textrezeption

286

2.3.6.

Die frühen geschriebenen deutschen Texte als Konstituenten in

2.3.5.1. 2.3.5.2.

der Entwicklung des geschriebenen deutschen Sprachsystems

292

2.3.6.1.

Die neue Qualität der geschriebensprachlichen Repräsentanten

292

2.3.6.2.

Explosion und Organisation des Wortschatzes

296

2.3.6.3.

Differenzierung der grammatischen Formen

301

2.3.6.4.

Erarbeitung der Grundlagen für die geregelte Verwendung des Schriftzeichenbestandes

304

Vereinheitlichung der Schriftform — die karolingische Minuskel

308

Zum Entwicklungsstand des Systems geschriebener deutscher Sprache in der althochdeutschen Zeit

312

Die Funktionen der geschriebenen deutschen Sprache in ihrem komplexen Zusammenspiel auf dem Hintergrund der konkreten kommunikativen und geistigen Bedürfnisse der althochdeutschen Zeit

323

Grenzen für die Ausbreitung und Wirkung der geschriebenen deutschen Sprache und ihre Ursachen in althochdeutscher Zeit

327

2.3.8.1.

Phänomene des Zerfalls der Reichseinheit

327

2.3.8.2.

Ursachen des Zerfalls

331

2.3.8.3.

Die Auswirkungen auf die Entwicklung der geschriebenen deutschen Sprache und ihre Leistungen

333

Die funktionale Weiterentwicklung der geschriebenen deutschen Sprache und ihre multifunktionale Verwendbarkeit — Ausblick

336

2.3.6.5. 2.3.6.6. 2.3.7.

2.3.8.

2.3.9.

Inhaltsverzeichnis

3.

XIII

Zusammenfassende Schlußbetrachtung zur Bestimmung der geschriebenen Sprache

373

4.

Literaturverzeichnis

385

5.

Personenverzeichnis

418

6.

Sachverzeichnis

421

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen im Text Abb. 1: Die sprachtheoretische Konstruktion des Abhängigkeitsdogmas in der opinio communis

10

Abb. 2: Dogmen, Dichotomien und Metaphern in ihrem Zusammenspiel als Theorie der opinio communis zum Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache 36/37 Abb. 3: Gesprochener und geschriebener Kommunikationsprozeß und das Vergleichskonstrukt der opinio communis Abb. 4: Beziehung zwischen Schreiben und Sprechen (nach Abb. 5: Australische Botenstäbe (nach WEULE)

38/39 HAAS)

...

53 74

Abb. 6: Kommunikationsmodell mit Botenstab Abb. 7: Altperuanischer Quippu (nach LOCKE) Abb. 8: Kommunikationsmodell mit Gegenständen als Nachrichtenträgern

90

Abb. 9: Wampumgürtel der Delawaren (nach

LA FARGE)

92

Abb. 10: Wand mit Hirschgravierungen (nach

BANDI/MARINGER)

96

Abb. 11: Der Kampf mit dem Bären (nach

83

96

BANDI/MARINGER)

Abb. 12: Ausgewählte Sprichwörter der Ewe (nach

78

101

MEINHOF)

Abb. 13: Kommunikationsmodell mit begrenzt konventionalisierbaren Zeichnungen Abb. 14: Kekinowin der Ojibwas (nach

103 104

MALLERY)

Abb. 15: Eine Kampfbeschreibung der Ojibwas (nach

MALLERY)

Abb. 16a: Winterzählung auf dem Büffelfell des LONE-DOG (nach MALLERY) Abb. 16b: Ausgewählte Beispiele aus dem Winter-Count des (nach

109

LONE-DOG

110

MALLERY)

Abb. 17: Brief eines Ojibwa-Mädchens (nach

107

MALLERY)

Abb. 18: Brief eines Cheyenne-Vaters (nach MALLERY) Abb. 19: Der Gegenstand als Ausgangspunkt und Ziel jeder Repräsentation durch Vorformen geschriebener Sprache

114 115 125

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen im Text

XV

Abb. 20: Wichtige Entstehungszentren der geschriebenen Sprache in Mesopotamien

128

Abb. 21a: Ausgewählte Beispiele frühsumerischer Zahlzeichen

130

Abb. 21b: Ausgewählte Beispiele frühsumerischer Zahlzeichen

131

Abb. 22: Verzeichnis einer Transaktion von verschiedenen Gebrauchsgütern zwischen der Tempelverwaltung und einer Person oder Personengruppe

133

Abb. 23: Verzeichnis einer Transaktion von bestimmten Gebrauchsgütern zwischen der Tempelverwaltung und verschiedenen Personen oder Personengruppen

135

Abb. 24: Geordnete Zeichenliste

137

Abb. 25: Berufsnamenliste

138

Abb. 26: Modell einer Abgabesituation

147

Abb. 27: Modellverzeichnisse, klassifiziert nach Personen

151

Abb. 28: Modellverzeichnisse, klassifiziert nach Gütern

151

Abb. 29: Modellverzeichnisse, klassifiziert nach Mengenangaben

151

Abb. 30: Die Erstellung neuer Verzeichnisse durch das Operieren mit den geschriebenen Repräsentanten

154

Abb. 31: Modellverzeichnis zur Planung der Verteilung der Tempelgüter

155

Abb. 32: Modell einer sumerischen Tempelverwaltung mit verschiedenen Lagerbereichen

157

Abb. 33: Kommunikationsnetz für das Modell der sumerischen Tempelverwaltung

158

Abb. 34: Die geschriebenen Tontafelverzeichnisse als Träger einer qualitativ neuen Kommunikationsstufe

159

Abb. 35: Die Hierarchie in der Kommunikationsstruktur der althochdeutschen und altsächsischen Texte 250/251 Abb. 36: Die Textarten in ihrer Bestimmung durch Aufgabenstellung und Zwecksetzung 262/263 Abb. 37: Das Zusammenwirken praktischer und theoretischer Operationen des Denkens auf der Grundlage der geschriebenen Sprache

279

Abb. 38: Übersicht über die Vorformen der karolingischen Minuskel (nach JENSEN)

309

Abb. 39: Die Entwicklung zur karolingischen Minuskel

310/311

XVI

Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen im Text

Abb. 40: Das Zusammenwirken der am Entstehungsprozeß der geschriebenen deutschen Sprache beteiligten Faktoren 318/319 Abb. 41: Die Funktionen der geschriebenen deutschen Sprache in ihrem komplexen Zusammenspiel 324/325 Abb. 42: Das Vervielfältigungs- und Verbreitungssystem der geschriebenen Sprache 326/327 Tab. 1:

Zusammenschau der Verwendungszusammenhänge und Funktionen der Vorformen geschriebener Sprache 122/123

Tab. 2:

Zeichenerklärung zum Wirtschaftstext Abb. 22

Tab. 3:

Verwendungsbereiche und Textarten der archaischen Zeugnisse geschriebener Sprache 146/147

Tab. 4:

Zusammenfassende Übersicht der geschriebensprachlichen althochdeutschen und altsächsischen Texte aus dem Verwendungsbereich Religion 192/193

Tab. 5:

Zusammenfassende Übersicht der geschriebensprachlichen althochdeutschen und altsächsischen Texte aus anderen Verwendungsbereichen

134

200

1. Entwicklung eines neuen sprachtheoretischen Ansatzes zur Bestimmung der geschriebenen Sprache aus der Kritik an überlieferten sprachwissenschaftlichen Dogmen 1.1. Die apodiktische Geringschätzung der geschriebenen Sprache in der ,opinio communis der Sprachwissenschaftler' 1.1.1. Das Dogma vom Abbildcharakter der geschriebenen gegenüber der gesprochenen Sprache als Ausdruck des zugrundeliegenden sprachtheoretischen Abhängigkeitsdogmas Die geschriebene Sprache gilt in der Sprachwissenschaft als sekundär und abhängig gegenüber der gesprochenen Sprache. Metaphern wie „Sprache zweiter Hand"1, „Schattenbild des Gesprochenen"2, „unvollkommene Dienerin" „der lebenden Sprache", „ihre(r) Herrin"3, „merely (...) the circulating medium, the money, of visual symbols as a convenient Substitute for the economic goods and services of the fundamental auditory symbols"4, „Schale" „für den Kern"5, „photographie" für das Gesicht6, „Kleid" für den Körper7 oder gar nur seine Verschleierung, sein „travestissement"8, sind Ausdruck einer Auffassung von der geschriebenen Sprache, die ihr jede eigenständige Existenzgrundlage abspricht und sie aus den Gegenstandsbereichen der Sprachwissenschaft ausgrenzt. Die Definition der gesprochenen Sprache als Ausdruck des Denkens und der geschriebenen Sprache als Abbild des Gesprochenen (Abbilddogma) bildet den Kristallisationspunkt der Bestimmung geschriebener Sprache. Die .Schrift' ist danach ein Übertragungssystem für gesprochene Sprache; die optischen ,Signale' sind Repräsentanten der akustischen Laute. Zum Ausdruck gebracht in dem Schema OZ — AZ — M 9 wird das Verhältnis von optischen Zeichen (OZ), akustischen Zeichen (AZ) und Gemeintem (M) durch diese Definitionen auf 1

NOREEN, A. 1 9 2 3 . S . 2 8 .

2 H I R T , H. 1 9 1 9 . S . 1 3 5 . 3 OSTHOFF, H. 1 8 8 3 . S . 3 6 f .

1970 (1921). S. 20. 1962 (1867). S. 31. 6 DE SAUSSURE, F. 1972 (1915). S. 45. 7 HILDEBRAND, R. 1962 (1867). S. 30. 8 DE SAUSSURE, F. 1972 (1915). S. 51 f. 9 S. dazu KOSCHMIEDER, E. 1965. S. 117 ff. und * SAPIR, E. 5

HILDEBRAND, R.

DERS.

1975. S. 9 f.

2

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

lineare Zweierrelationen (AZ — M, bzw. OZ — AZ) reduziert, deren eine Größe in jedem Falle das akustische Zeichen ist. Über die Linearisierung des Zusammenhanges zwischen OZ, AZ und M wird der zentrale Stellenwert für das Gesprochene konstruiert: Nur über die akustischen Zeichen kann das Gemeinte zum Ausdruck gebracht werden, und nur über die akustischen Zeichen kommt den optischen Zeichen Bedeutung zu. Zwischen den optischen Zeichen und dem Gemeinten ist eine Relation nicht angelegt. Unabhängig vom Gesprochenen hat das Geschriebene demnach keine Bedeutung. Die ausschließliche Funktion von ,Schrift'zeichen ist die optische Repräsentation des Systems von ,Sprach'zeichen. Von allen übrigen Realitätsbezügen isoliert, bleibt die geschriebene Sprache für die Sprachwissenschaft allein als über die Schriftzeugnisse beständiger Repräsentant eines zeitlich und räumlich entfernten und aufgrunddessen nicht erreichbaren gesprochensprachlichen Seins von Bedeutung. Ohne Berücksichtigung der Problematik, die aus der Isolierung der geschriebenen Sprache gegenüber der Realität durch die enge Anbindung an die gesprochene Sprache erwächst, wird die These von der .Schrift' als dem Abbild des Gesprochenen dogmatisch zum festen Bestandteil der Sprachtheorie erhoben und bestimmt nahezu unangefochten den Umgang mit der geschriebenen Sprache. Das Abbilddogma ist schon bei P L A T O N und A R I S T O T E L E S formuliert 10 ; es wird von Wilhelm V O N H U M B O L D T aufgegriffen 11 und findet sich selbst bei solchen Sprachwissenschaftlern, die ihr Augenmerk im besonderen auf die geschriebene Sprache richten. 12 In dem Maße, wie neben die vorwiegend sprachphilosophisch ausgerichteten Arbeiten zunehmend empirische Sprachforschungen traten, erhielt das Geschriebene als handhabbares Textmaterial und Analyseinstrumentarium eine neue Bedeutung. In der Theorie blieb das Abbilddogma jedoch unangetastet. Den hohen Grad der unterstellten Abbildgenauigkeit zeigt die Verwendung von Begriffen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache undifferenziert nebeneinander. Diese Identifizierung wird im Zusammenhang mit der Bedeutung der geschriebenen Sprache als Materialträger von der neueren Sprachwissenschaft zum Anlaß genommen, auf eine gegenüber dem Gesprochenen exponierte Stellung des Geschriebenen hinzuweisen und diese als unrechtmäßig abzulehnen. 13 Die geschriebene Sprache wird auch in der neueren Sprachwissenschaft als Materialträger genutzt, doch betont diese als einziges Ziel ihrer Forschung das PLATO. ®ALAPOX. (Phaedrus). 4. Jh. v. Chr. 1971. S. 566 bestimmt die geschriebene Sprache als »eiSffllov«. Ähnlich formuliert ARISTOTELES, IIEPI EPMHNEIAX. (De Interpretatione). 4. Jh. v. Chr. 1973a. S. 24 als Grundsatz: »"Eem pÉv oöv xàêv -rf] cpcovfj xcovév tfj yuxfi taSTindccmv oüußoXot, xai tà ypcHpônEva, TÔV ¿v if] .oi>|i£voUbermi 111ung

i-

r e l a t i v beständij Material

natürliche Schreibwerkzeuge Innovationsfaktor Schriftfähigkeit natürliches Oleichgewicht

Retardationsfakt< Kommunikation Dialogtext

-Rückkopplung« Produzent g e s c h r i e b e n

Produkt / Übermittlung S p r a c h e

Abb. 3: Gesprochener und geschriebener Kommunikationsprozeß und das Vergleichskonstrukt der opinio communis schwarz: Elemente und Zusammenhänge nach der opinio communis rot: von der opinio communis mißachtete Zusammenhänge und Elemente

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

39

Handwerk übrigbleibt (Abb. 3). Die so konstruierten Vergleichsergebnisse zur gesprochenen und geschriebenen Sprache haben keine Beweiskraft für das Abbildund das Abhängigkeitsdogma. Die Dogmen bleiben, ebenso wie die Vergleichsketten und die daraus resultierenden Metaphern, unbegründete, untereinander widersprüchliche und die Sprachwirklichkeit verfälschende Behauptungen. Durch die sprachtheoretisch-definitorische Setzung des Geschriebenen in Abhängigkeit vom Gesprochenen und ihre Wiederholung in den zahlreichen Dichotomien werden die grundsätzlichen und eigenständigen Entwicklungszusammenhänge der geschriebenen Sprache übergangen, negiert und der Sprachwissenschaft unzugänglich gemacht. Übrig bleibt das Bild vom Geschriebenen als zufalligem, mehr oder weniger brauchbaren Akzessoir des Gesprochenen.

1.2. Bisherige Versuche zur Überwindung der Geringschätzung geschriebener Sprache 1.2.1. Ansätze zur sprachwissenschaftlichen Erfassung der Besonderheiten von gesprochener und geschriebener Sprache Die Auseinandersetzungen mit der Sprachwirklichkeit, die die Widersprüchlichkeit des Abhängigkeitsdogmas selbst im Rahmen der opinio communis erkennbar machen, zeitigen von sich aus Versuche zu Schriftbestimmungen in Eigenständigkeit gegenüber der gesprochenen Sprache. Während die Konstruktion des Abhängigkeitsdogmas auf der absoluten Trennung von .Schrift' und .Sprache' aufbaut und zugleich, wo es die Durchsetzung des Dogmas erfordert, deren Identität und Austauschbarkeit voraussetzt, wenden sich vereinzelt Stimmen gegen eine derartig pauschalisierende, simplifizierende und widersprüchliche Fassung des Verhältnisses von gesprochener und geschriebener Sprache. So kritisiert z. B. RUPP hinsichtlich neuerer Darstellungen der deutschen Sprache mit Recht, daß es ein großer Irrtum sei, „ohne Prüfung ganz naiv" gesprochene und geschriebene Sprache zu identifizieren, „hält doch diese weit verbreitete Ansicht keiner genauen Nachprüfung stand." 121 Für die Systemlinguistik wird eine deutliche Abgrenzung beider Kommunikationsformen nach strukturell syntaktischen Gesichtspunkten von L E S K A verlangt. 122 Von einem beschreibend-vergleichenden und historischen Standpunkt fordert B E H A G H E L für die Auseinandersetzung mit gesprochener und geschriebener Sprache: „wer ein Werkzeug auswählt oder gestaltet, kann das nicht tun, ohne sich die genaueste 121

RUPP, H. 1 9 6 5 . S . 1 9 f.

122

S . LESKA, CH. 1 9 6 5 . S . 4 2 7 - 4 6 4 .

40

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Rechenschaft zu geben von den Aufgaben, die es zu erfüllen hat, von den Bedingungen, unter denen es arbeiten soll, von dem Stoff, der zu seiner Herstellung verfügbar ist." 123 Er selbst kommt zu dem Urteil: „So tiefgreifend sind die Unterschiede in den Bedingungen, in den Mitteln und Zwecken, in der gesamten Gestaltung, die zwischen geschriebenem und gesprochenem Worte bestehen. Wer all das unbefangen ins Auge faßt, wird nicht daran denken können, das eine als Maßstab für das andere zu betrachten."124 Unter sprachpsychologischen und physiopsychologischen Gesichtspunkten hebt KAINZ die Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache hervor. Er stellt mit j. B. CARROLL fest, daß „Psychologists have too often confused the spoken and the written word, or at least they have assumed too freely that spoken and written words are equivalent Stimuli."125 Nachdrücklich betont KAINZ die Eigengesetzlichkeit der geschriebenen Sprache. Diese bedinge einen anderen Einsatz der Sprachmittel, sie sei „innerhalb des Sprachlichen eine Kommunikationsform sui generis." 126 Anders als die opinio communis richten die genannten Forderungen die Aufmerksamkeit auf den Vergleich zwischen der real gesprochenen und geschriebenen Sprache und behaupten damit zugleich ihre Verschiedenheit als auch ihre Vergleichbarkeit bezüglich sprachwissenschaftlicher Kriterien. Als solche werden zunächst vor allem die syntaktischen Gestaltungsmittel geltend gemacht. Die Beachtung der kommunikativen und kognitiven Bedingungen beschränkt sich bisher auf vereinzelte Forderungen und Hinweise.

1.2.2. Zum Stellenwert der,Schrift' aus der Sicht bedeutender Universalgelehrter bis ins 19. Jahrhundert Versuche zu einer eigenständigen Definition von geschriebener Sprache zeichnen sich bereits in den Bemühungen um eine umfassende Wissenschaft vom Menschen und um eine Topik der Wissenschaften bis ins 19. Jahrhundert ab. Universalgelehrte heben die .Schrift' als Bedingung jeder Wissenschaft hervor (vico), setzen sie als Instrument und als Objekt der Philosophie ein (LEIBNIZ), oder nennen sie gleichrangig neben (BACON, MERTIAN, TETENS) oder sogar vorrangig vor der .Sprache' (vico). Zugleich mit der Frage nach dem Ursprung der ,Sprache' wird die Frage nach dem Ursprung der,Schrift' aufgeworfen. Kritisiert werden sowohl theologische und damals gemeinübliche Vorstellungen 127 als auch im besonderen '23 BEHAGHEL, O. 1927 (1899). S. 13. 124 125

A . a . O . S. 23. CARROLL, J.B. (1968). S. 110.

126

KAINZ, F . 1 9 5 6 . S . 3 3 .

127

S. LEIBNIZ, G.W. 1768a (1707 und 1710). S. 204 f. und S. 208 f.

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

41

das für die später als opinio communis zusammengefaßte Schriftbestimmung in Abhängigkeit von der gesprochenen Sprache immer wieder bemühte Altersargument. Die in der Philososphie vertretene Ansicht, „es seien bei den Völkern erst die Sprachen und dann die Buchstaben entstanden", wird als „extravagant()" und ,,ungeheuerlich()" zurückgewiesen. 128 Stattdessen wird die .Schrift' neben der .Sprache' und unabhängig vom Gesprochenen als ein Entwicklungsstrang unmittelbar aus dem Gebrauch von Gesten, Hinweisen auf und Darbietungen von Gegenständen erklärt. Die Gegenstandsschrift der Kriegserklärung des Chaldäerkönigs IDANTURA an den älteren DARIUS ist demnach nicht eine zufällige, unnötige Spitzfindigkeit herrschaftlicher oder philosophischer Geheimverständigung, sondern spätes Relikt der ursprünglichen Kommunikationsform, die auf dem „allgemeine(n) natürliche(n) Bedürfnis für die frühesten Völker" beruht. 129 Für die Bestimmung des Verhältnisses von .Sprache' und .Schrift' wird die Frage nach der zeitlichen Priorität nebensächlich. Einerlei ob, je nach Definition, die , Schrift' bei MERTIAN lediglich beinahe so alt eingeschätzt wird wie die geredete Sprache 130 , ob ebenfalls nach MERTIAN die ägyptischen Hieroglyphen älter als alle Sprachen sind 131 , oder ob nach vico mit der Präsentation von Gegenständen als Voraussetzung von .Sprache' „alle Völker zuerst schreibend sprachen, da sie ja zuerst stumm waren", und damit die Gegenstandsschrift zeitlich und logisch vor der gesprochenen Sprache ansetzt 132 , gehen vico und MERTIAN gleichermaßen davon aus, daß sich .Sprache' und .Schrift' eigenständig nebeneinander aus dem gemeinsamen Ursprung des Gebrauches von Gebärden entwickeln, als „Zwillinge geboren" 133 „gleichen Schrittes der Vollkommenheit entgegen(gehen)" 134 und in wechselseitiger Beeinflussung die Voraussetzung für die Entwicklung der „verstandesmäßigen Begriffe" 135 der Philosophen bilden. Neben dem Altersargument wird vor allem das Abbilddogma in Zweifel gezogen. Aus Interesse an einer universalen, planvollen, einheitlichen Zeichensprache für die Zwecke der Wissenschaft wird die , Schrift' mit dem algebraischen Zeichensystem verglichen, und die chinesische Schrift als Beispiel dafür angeführt, wie die .Schrift' analog zu den Gesten nicht Laute, sondern Dinge und Vorstellungen zum Ausdruck bringe. 136 Zum Kern des Problems stößt TETENS

12> 129

130

132 134 135 136

vico, G. (1966) (1744). S. 19. A . a . O . S. 8 7 f . Ausführlich zur Gegenstandsschrift der Kriegserklärung des Chaldäerkönigs s. Kap. 2.2.2.5. der vorliegenden Arbeit. S. MERTIAN, J. 1979 (1796). S. 92. S. a.a.O. S. 93. vico, G. (1966) (1744). S. 85. A.a.O. S. 19. MERTIAN, j. 1979 (1796). S. 9 4 f . vico, G. (1966) (1744). S. 94. S. BACON, F. 1963 (1858) (1623). S. 651; DERS. 1963 (1859) (1605). S. 399 f.; LEIBNIZ, G. W. 1768b (1714). S. 197f.; DERS. 1970 (1679). S. 491 ff.; ähnlich s. SCHOPENHAUER, A. (1977) (1851). S. 623 ff.

42

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

vor. Er unterscheidet prinzipiell zwei Stufen der Schriftentwicklung, ihre Herausbildung und ihre Annäherung an die gesprochene Sprache, und kommt bei allen Zweifeln 137 an seiner Rekonstruktion des Ursprunges der Schrift und an der Wertigkeit der beiden historischen Entwicklungsstufen zu dem Ergebnis: „Es sollte diese Schrift nicht die Wörter, sondern die Sachen seihst, anzeigen, allein auf eine ähnliche Art für das Gesicht, als die Sprache sie für das Ohr darstellte. Und nur durch diese gesuchte Übereinstimmung mit den Tönen ist es geschehen, daß diese Zeichen nun ebensowohl Zeichen von den Wörtern, als von den Sachen selbst, geworden sind." 138 Die TETENSSche Auffassung von der geschriebenen Sprache hat jedoch gegenüber der für den gleichen Wettbewerb eingereichten und schließlich preisgekrönten Arbeit von HERDER bis heute ebensowenig Beachtung gefunden wie die Ansätze zur Schriftbestimmung bei BACON, LEIBNIZ, VICO und MERTIAN; sie richten die Aufmerksamkeit in einer Weise auf die Ursachen und Leistungen der .Schrift', wie sie von den späteren, in der Nachfolge DE SAUSSURES von vornherein auf die gesprochene Sprache ausgerichteten Sprachanalysen nicht erreicht wird.

1.2.3. Die Auseinandersetzung mit der Sprachwirklichkeit als Ausgangspunkt für gegenwärtige Ansätze zur Neubestimmmung der .Schrift' Von jeher, in neuerer Zeit jedoch in verstärktem Maße, haben die Untersuchung und die Gestaltung der Sprachwirklichkeit zu Einsichten in das Wesen der .Schrift' geführt, die mit dem Abbild- und Abhängigkeitsdogma unvereinbar sind. Vor allem Mathematiker und Logiker haben die Grenzen und die Gefahren der .Sprache' für die Entwicklung der Wissenschaft erfahren und infolgedessen begonnen, „formale Sprachen" mit dem Ziel zu schaffen, das Denken und Wissen unabhängig von der Unzulänglichkeit der .Sprache' übersichtlich, präzise, international verständlich und handhabbar zum Ausdruck zu bringen. 139 Diese 137 s. TETENS, j.N. (1971) (1772). S. 85 f. 138

139

A . a . O . S. 81. S. dazu auch die Auseinandersetzung zwischen KLOPSTOCK und TETENS a.a.O. S. 1 6 8 - 1 7 4 . G. FREGE gilt als „der erste, der ein hinreichend ausdrucksfähiges und präzises formalsprachliches System aufgeführt hat." (KAMBARTEL, F. (1969). S. XVII. Ähnlich s. HERMES, H. (1969). S. IX). Aus dem Anliegen, „Mißverständnisse bei Andern und zugleich Fehler im eignen Denken zu vermeiden", die „(b)eide (...) ihre Ursache in der Unvollkommenheit der Sprache" haben, (FREGE, G. 1964 (1882). S. 106; ähnlich s. DERS. 1964 (1879). S. X und DERS. 1964 (1882). S. 108 f. Vgl. DERS. (1969) (1919); DERS. (1969) (nicht vor 1923); DERS. (1969) (1924a); DERS. (1969) (1924b); DERS. (1969) (1924/25)) und „die Herrschaft des Wortes über den menschlichen Geist zu brechen, indem sie die Täuschungen aufdeckt, die durch den Sprachgebrauch über die Beziehungen der Begriffe oft fast unvermeidlich entstehen, indem sie den Gedanken von demjenigen befreit, womit ihn allein die Beschaffenheit des sprachlichen Ausdrucksmittels behaftet" (DERS. 1964(1879). S. XII f.; vgl. DERS. (1969) (1906). S. 204.) schafft FREGE (1969) (1880/81). S. 9 und S. 11 seine „Begriffsschrift" unter dem Anspruch, den LEiBNizschen Gedanken einer „Lingua( ) (...) seu Characteristica( )

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

43

formalen Sprachen sind eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung nahezu jeder Wissenschaft und Technik 140 bis zur heutigen maschinellen, elektronischen und automatischen Verarbeitung von Gedankenmaterial. 141 Die Unumgänglichkeit ihrer geschriebenen Existenzform steht außer Zweifel. Im Rahmen der Bemühungen um eine Reform z. B. der deutschen Orthographie wird der Mangel eindeutiger Zuordnungen zwischen Buchstabe bzw. Graphem und Laut bzw. Phonem beschrieben. Gegenüber solchen Reformbestrebungen, die eine behauptete ursprüngliche Eindeutigkeit der Relationen wiederherstellen wollen, wird jedoch geltend gemacht, daß die vielfaltigen Abweichungen vom angeblich zugrundeliegenden Abbilddogma aufgrund eigenständiger Funktionen und Leistungen der geschriebenen Sprache zustandegekommen und durch sie gerechtfertigt sind. 142 Jede Angleichung unter dem Prinzip .Schreibe wie du sprichst!' würde die geschriebene Sprache für jene Aufgaben untauglich machen und sie in ihrer Eigenständigkeit beschneiden. Sofern die Sprachpsychologie die Vorgänge des Schreib- und des Leseprozesses beschreibt, erweisen sich diese nicht als die bloßen Verschriftungen mündlicher Universal(is)" (LEIBNIZ, G.W. 1961 (1890) (Um 1666-1684). S. 184) zu verwirklichen. Als Bestandteile dieser „Formelsprache des reinen Denkens (FREGE, G. 1964 (1879). S. X) präsentieren die geschriebenen Zeichen nicht Laute, sondern „unmittelbar die Sache (der Logik — E. F. —)" (DERS. 1964 (1882). S. 111); sie sind Ausdruck „begriffliche(r) Inhalt(e)" (DERS. 1964 (1879). S. X). Gegenüber der Umgangssprache soll sich die Begriffsschrift aufgrund ihrer Dauer (s. DERS. 1964 (1882). S. 109) und ihrer Verteilung im Raum (s. DERS. 1964 (1882/1883). S. 103 und DERS. 1964 (1882). S. 112) unter der Bedingung „einfache(r) Ausdrucksweisen (...), die, an Zahl auf das Nothwendige beschränkt, leicht und sicher zu beherrschen sind" (a.a.O. S. 113), und zugleich geeignet, „sich mit dem Inhalte auf das Innigste zu verbinden" (ebd.), durch eine gegenüber dem Wort übersichtlichere und genauere Anordnung der Inhalte auszeichnen (s. DERS. 1964 (1879). S. XIII und DERS. 1964. (1882/1883). S. 97; vgl. DERS. (1969) (1880/81). S. 13 und DERS. (1969) (1906). S. 207) und so die für die Wissenschaft notwendige „Bündigkeit der Beweisführung" ermöglichen (DERS. 1964 (1879). S. XII). FREGE stellt fest, daß auch die Begriffsschrift die Gedanken nicht „rein" wiedergeben kann (s. a. a. O. S. XIII), er kommt jedoch zu dem Schluß: „Wenn es sich nicht darum handelt, das natürliche Denken darzustellen, wie es sich in Wechselwirkung mit der Wortsprache gestaltet hat, sondern dessen Einseitigkeiten zu ergänzen, die sich aus dem engen Anschluß an den einen Sinn des Gehörs ergeben haben, so wird demnach die Schrift dem Laute vorzuziehen seyn. Eine solche Schrift muß, um die eigenthümlichen Vorzüge sichtbarer Zeichen auszunutzen, von allen Wortsprachen gänzlich verschieden seyn." (DERS. 1964. (1882). S. 111.) Ähnlich über den Zweck des Symbolismus der Logik s. STEGMÜLLER, W. 1974. S. 4 ff. 140

141

Zu den Möglichkeiten, die die Schrift zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Wissenschaft und der Technik bietet, s. PORSTMANN, W. 1920. Zur Beschreibung formaler Sprachen für die elektronische bzw. automatische Datenverarbeitung, ihrer Leistungen und Grenzen s. STEGMÜLLER, w. 1974, im bes. S. 607 — 623; SALOMAA, A. K. 1978; BOLC, L . ( H r s g . ) 1 9 7 8 ; WALTER, H . R . / F I S C H E R , R . A . 1 9 7 1 ; FUCHS-KITTOWSKI, K. u . a . 1 9 7 6 .

142

S . z . B . VACHEK, J. 1959. S. 1 4 - 1 7 ; DERS. 1976 (1973). S. 251. PIIRAINEN, I.T. 1980. S. 1 0 5 - 1 2 6 ; NERIUS, D. 1 9 7 5 ; NERIUS, D./SCHARNHORST, J . 1 9 8 0 ; ALTHAUS, H . P . ( 1 9 8 0 ) . S . 7 9 0 f . ; KOHRT, M.

(1979). S. 1 - 27; s. außerdem die A n t w o r t v o n KOHRT, M. 1978. S. 49 - 76 auf BIERWISCH, M. 1972.

S. 2 1 - 4 4 .

44

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Textproduktion bzw. -rezeption, wie sie in der opinio communis behandelt werden, sondern als ein vielfaltiges komplexes Ineinanderwirken optischer, psychischer und motorischer Abläufe. 143 Von der Sprachpathologie wird eine relative Unabhängigkeit der geistigen Verarbeitung für das Sprechen und für das Schreiben in unterschiedlichen Hirnzentren diskutiert. Ihre Befürworter begründen sie daraus, daß zum einen Dysgraphie und Agraphie ohne gleichzeitige Störungen des mündlichen Sprachgebrauches auftreten können 144 , und daß zum anderen der Gebrauch der geschriebenen Sprache auch dort funktioniert, wo Störungen oder Sperren im mündlichen Sprachgebrauch vorhanden sind, wo also die nach der opinio communis unabdingbare Voraussetzung für .Schrift', die gesprochene Sprache, fehlt oder blockiert ist, so daß die geschriebene Sprache nicht nur zum Ersatz ausgefallener gesprochener Sprache, sondern sogar zur Uberwindung der Ausfälle selbst verwendet werden kann. 145 Auch im Zusammenhang mit den Funktionen und der historischen Entwicklung des menschlichen Bewußtseins stoßen psychologische Forschungen neben der .Sprache', jedoch unabhängig von ihr, auf die Bedeutung der .Schrift': Bereits in Form der Botenstäbe, Zählsteine oder Knotenschnüre schaffe die .Schrift' zum einen Entlastung und Raum, zum anderen zugleich neue Möglichkeiten und Strukturen für das Denken. 146 Pragmatisch ausgerichtete Ansätze zu relativ eigenständigen Schriftbestimmungen resultieren aus Versuchen, der gesellschaftlichen Relevanz der geschriebenen Sprache gerecht zu werden. 147 Alphabetisierungs- und Literarisierungskampagnen sowie die Optimierung der geschriebensprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten verlangen eine spezifische Beschreibung des gesamten schriftlichen Kommunikationsablaufes, die entsprechend der Pragmatik des mündlichen

143

S. KAINZ, F. 1 9 5 6 . S. 1 - 2 9 5 .

144

S. z . B . KAINZ, F. 1 9 5 6 . S. 1 3 0 - 1 5 2 . A u c h WALLESCH, C./BRUNNER, R. 1 9 8 1 . S. 1 3 1 - 1 4 8 , die die

getrennte Repräsentation von Schriftsprache und Lautsprache im Hirn infolge eines Befundes von BASSO et al. anzweifeln, der nur seltene Dissoziation zwischen lautsprachlichen und schriftsprachlichen Leistungen aufweist, nehmen eine teilweise Autonomie der Schriftsprache an und weisen mit KORNHUBER auf mögliche enge funktionale Beziehungen auch weit entfernt liegender Hirnteile zueinander hin. (S. im bes. a.a.O. S. 136 f.).

146

S. REED, D.W. (1970). S. 2 8 4 - 3 0 4 . GRÖSCHEL, B. 1979. S. 2 9 1 - 3 0 2 ; WEIGL, E. (1979). S. 1 0 - 2 5 ; DERS. 1975. S. 383 —393; EICHLER, W. 1975. Einen Überblick über den Forschungsstand gibt G Ü N T H E R , K . B . 1981. S. 1 4 9 - 2 2 4 . LEONTJEW, A.N. 1977 (1959). S. 313 — 376 zeigt auf, daß „die Entwicklung höherer, menschlicher Gedächtnisformen über die Entwicklung des Einprägens mit Hilfe äußerer stimulierender Mittel verläuft" (a. a. O. S. 346). Als „äußere Mittel" werden mnemotechnische Hilfsmittel (Knotenschnüre etc.), Bilder und die Schrift aufgeführt. S. auch den Hinweis bei KLIX, F. 1980. S. 188 f.

147

S . z . B . S P R A C H E UND P R A X I S . 1 9 7 8 ; S P R A C H K O M M U N I K A T I O N . 1 9 7 7 . S . 1 2 1 — 1 8 4 . NEUMANN, w . u . a .

145

(Hrsg.). 1 9 7 6 . S. 1 0 0 ; CAZACU, B. 1 9 6 4 . S. 3 9 7 - 4 0 6 ; STEGER, H. (1972). S. 2 0 3 - 2 1 4 ; BURGER, H . / I M H A L S Y , B. ( 1 9 7 8 ) . S . 9 9 — 1 1 8 ; HENNE, H . 1 9 7 5 ; COULMAS, F . ( 1 9 8 1 ) ; GIESECKE, M . / E L W E R T , G.

1982. S. 1 - 3 9 .

45

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

Kommunikationsprozesses Sender, Empfänger, Nachricht, Kanal, Situation, Zweck usw. in die Betrachtung einbezieht. Auf diesem Hintergrund entstehen, noch eher vereinzelt, Bemühungen um eine nach dem Muster der Sprechakttheorie aufgebaute „Schreibakttheorie"148. Die Auseinandersetzung mit dem konkreten geschriebensprachlichen Material und seinen Bedingungen in allen genannten Bereichen erhält einen zusätzlichen praktischen Anlaß aus der Diskussion über die Methode des Erlernens geschriebener Sprache. Die Forderung nach Erreichung optimaler Erlernbarkeit zwingt die Beschreibungen der Schreib- und Leseprozesse unter sprachpragmatischen, psychologischen und orthographischen Gesichtspunkten zur nahen Orientierung an der Sprachwirklichkeit. „Wer aber als Lehrer zugleich Sprechen und Schreiben lehrt, wird ständig aufmerksam auf den Unterschied zwischen Sprechakt und Schreibakt."149 Häufig bilden Fragen des Schreiben- und Lesenlernens den Ausgangspunkt für das Eindringen in die grundlegenden Zusammenhänge von geschriebener und gesprochener Sprache.150 Ebenso wie aus dem aktuellen Schriftgebrauch erwachsen aus der Auseinandersetzung mit tradiertem, allein geschrieben vorliegendem Sprachmaterial Ansätze zu einer neuen Bestimmung der geschriebenen Sprache. Aus der Einsicht, Analyse und Übersicht einer Vielzahl einzelner Schriftzeugnisse unterschiedlicher zeitlicher und räumlicher Herkunft ergibt sich zum einen bei gleichzeitig hinreichender Beachtung der historischen Bedeutung der , Schrift' für den gesellschaftlichen Fortschritt die Erfahrung eigenständiger Entwicklung der ,Schrift'. Insofern die Schriftgeschichten die .Schrift' zu ihrem alleinigen Forschungsgegenstand erheben, bestätigen sie diese Erfahrung.151 Je weiter die Geschichte der, Schrift' zurückverfolgt wird, desto eindeutiger wird das Augenmerk zudem auf Schriften gerichtet, die kaum oder gar keine Parallelen zur gesprochenen Sprache aufweisen. Entsprechend dem Forschungsinteresse der Schriftgeschichten werden auch diese Zeichensysteme, ebenso wie die der Mathematik und der Logik und die zahlreichen Versuche pasigraphischer Systeme ihren Funktionen gemäß als .Schrift' zugelassen und damit eine Schriftdefinition geschaffen, die die Schriftzeichen ohne das Postulat eines Abhängigkeitsverhältnisses zur .Sprache' als (Ab-)Bilder von Vorstellungen, Gedanken, Gefühlen bzw. 148

ULSHÖFER, R. 1 9 7 4 . S . 6 - 1 5 ; BURGER, H./IMHALSY, B. ( 1 9 7 8 ) . S . 1 1 2 ; HENNE, H. 1 9 7 5 . S. 7 4 f f .

149

ULSHÖFER, R. 1 9 7 4 . S . 9 .

150

S . z . B . DE A J U R I A G U E R R A , J./AUZIAS, M. 1 9 7 5 . S . 3 1 1 — 3 2 8 ; SMITH, F. 1 9 7 5 . S . 3 4 7 — 3 6 0 ; MÜLLER, R . 1 9 7 7 . S . 5 1 1 - 5 2 8 ; GRÖSCHEL, B. 1 9 7 9 . S . 2 9 1 - 3 0 2 ; ULSHÖFER, R. 1 9 7 4 . S . 6 - 1 5 ; HELMIG, G. 1 9 7 8 .

S. 8 7 - 1 0 8 ; REED, D.W. (1970). S. 2 8 4 - 3 0 4 ; LUDWIG, O. (1979). S. 7 3 - 8 3 ; DERS. 1980. S. 7 4 - 9 2 ; GIESE, H.W. (1979). S. 8 4 - 9 4 ; SCHELLER, I. (1979). S. 1 3 5 - 1 7 0 ; WEIGL, E. 1972. S. 4 5 - 1 0 5 ; KOHRT, M. 1 9 7 9 . S. 2 9 9 - 3 2 0 . 151

Die Schriftgeschichten betonen in der Regel die Relevanz der geschriebenen Sprache für die Kultur und bemühen sich unter Hinweis auf historische Schriftzeugnisse um eine Definition der Schrift. S . Z . B . F R I E D R I C H , j . 1 9 6 6 . S . 3 1 ; JENSEN, H. 1 9 2 5 . S . 1 - 7 ;

GELB, I . J . 1 9 7 4 ( 1 9 5 2 ) . S . 2 3 .

46

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Gegenständen, Dingen, Sachverhalten akzeptiert.152 Erst im Verlaufe der Schriftentwicklung gerate die ursprünglich aus den gleichen Wurzeln entwachsene ,Schrift' unter die Herrschaft der gesprochenen Sprache und genüge dann der anderen Definition, werde .eigentliche Schrift'. Zum anderen wird der Eigenwert und die eigene Entwicklung der geschriebenen Sprache auch von Sprachforschern z. B. des Deutschen hervorgehoben.153 Infolge der Feststellung, daß die ausschließlich geschriebenen Sprachzeugnisse früherer Epochen zumindest nicht unmittelbar Rückschlüsse auf die gesprochene Sprache der jeweiligen Zeit zulassen, klammern einige neuere Sprachforschungen154 zunächst aus methodischen Gründen die gesprochene Sprache aus und beschränken sich auf die Analyse allein des Geschriebenen. „Unabhängig von der Frage, ob die gesprochene oder die geschriebene Sprache als primär anzusehen ist, muß zugegeben werden, daß der Text in sich ein System von Zeichen bildet; diese sind das einzige, was an objektiven Tatsachen vorliegt." 155 Auf diese Weise erheben sie die geschriebene Sprache zu ihrem zentralen Forschungsobjekt und entwickeln ein spezifisches Analyseinstrumentarium, das den Anforderungen auch der elektronischen Materialverarbeitung gerecht wird. Die Thematisierung der Eigenständigkeit geschriebener Sprache in zunächst jeweils spezifischen Forschungszusammenhängen erfährt ihre Abstraktion über Zusammenfassungen des Forschungsstandes156, über Kombinationen aus jeweils mehreren Aspekten der Betrachtung des Schriftgebrauches wie der pragmatischhistorischen Sprachbetrachtung, der psychologisch-didaktisch oder didaktischpragmatisch ausgerichteten Untersuchung des Schreib- und Leseprozesses, bis hin zu mehr oder weniger fundierten Ansätzen grundsätzlicher sprachtheoretischer und -philosophischer Auseinandersetzungen zum Verhältnis geschriebener und gesprochener Sprache.157 Drei herausragend fundierte und differenzierte unterschiedliche Arten von Ansätzen sind im folgenden als die bisher umfassendsten 152 S. GELB, I. J. 1 9 7 4 (1952). S. 1 - 20, S. 1 9 0 - 194, S. 2 4 3 f. und S. 253; BARTHEL, G. (1972). S. 1 7 - 2 0 , S . 4 5 0 f. u n d S . 4 5 7 ; JENSEN, H. 1 9 6 9 . S . 8 - 1 7 , S. 3 3 , S . 4 4 f . , S . 5 7 5 ; DANZEL, T H . W . 1 9 1 2 , i m b e s .

S. 1, S. 4, S. 95 und S. 190. 153

S. bereits BEHAGHEL, O. 1927 (1899). S. 1 1 - 3 4 ; DERS. 1927 (o.J.). S. 1 5 7 - 1 6 1 ; s. auch die Forschungsarbeiten von BAESECKE, G. (1966) (1921 — 1951), der immer wieder darauf hinweist, daß die geschriebene deutsche Sprache der althochdeutschen Zeit nicht mit den jeweils gesprochenen Sprachen übereinstimmt. Ähnlich s. SCHMITT, L.E. 1982 (1966), im bes. S. XLIII. Ebenso s. GUCHMANN, M . M . 1 9 6 4 . S. 3 8 ; GIESECKE, M. ( 1 9 7 8 ) . S . 2 6 2 — 3 0 2 ; DERS. 1 9 7 5 ; ENGELSING, R. ( 1 9 7 3 ) .

154

S . e t w a ALLEN, s. 1 9 6 5 a u n d DERS. ( 1 9 6 5 b ) ; PIIRAINEN, I . T . 1 9 6 8 . DERS. 1 9 7 1 . S. 8 1 f . ; ALTHAUS, H . P .

1 9 7 1 ; DERS. (1980). S. 1 3 8 - 1 4 2 ; DERS. (1980). S. 1 4 2 - 1 5 1 ; FLEISCHER, w. 1 9 6 5 und DERS. 1 9 6 6 ; STRASSNER, E. 1 9 7 7 ; BREKLE, H . E . 1 9 7 1 . S. 5 3 - 5 9 ; H A R W E G , R. 1 9 7 1 . S . 7 8 - 8 0 ; BÖRNER, w . 1 9 7 2 .

S. 6 7 - 7 2 . 155

PIIRAINEN, I . T . 1 9 6 8 . S . 1 9 .

'56 S.Z.B. LUDWIG, o. (1980). S. 3 2 3 - 3 2 8 . 1"

S . HAAS, w . ( 1 9 7 0 ) ; ALARCOS LLORACH, E. ( 1 9 7 3 ) . S . 5 1 3 - 5 6 8 , i m b e s . S . 5 1 8 f . ; PENTTILÄ, A. 1 9 7 0 .

S. 3 1 - 5 5 . GÜNTHER, H. 1981. S. 5 3 - 6 8 ; DERS. 1981. S. 1 0 3 - 1 1 6 .

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

47

Höhepunkte zur eigenständigen Behandlung der geschriebenen Sprache skizziert. Nahezu alle neueren Arbeiten zur , Schrift' beziehen sich zumindest auf einen dieser Ansätze.

1.2.4. Die Umkehrung des Abhängigkeitsdogmas auf der logisch-formalen Ebene in der Grammatologie Die, wenn auch noch eng begrenzte, Anerkennung der Eigenständigkeit von .Schrift' oder geschriebener Sprache und ihrem Gebrauch steht im Gegensatz zum Abhängigkeitsdogma. Dieser Gegensatz äußert sich zunächst in eigenen Abgrenzungsversuchen gegenüber der opinio communis, die von geläufigen Eingangshinweisen bis zu eher vereinzelten ausführlichen Analysen und differenzierten Ablehnungen reichen. Ein Ansatz zur Neubestimmung geschriebener Sprache aus der Ablehnung der opinio communis heraus besteht in der Umkehrung des Abhängigkeitsverhältnisses: die .Schrift' geht der .Sprache' voraus. In der erklärten Absicht, Dogmen der Sprachwissenschaft mit Fragen aus dem praktischen, nicht allein linguistischen Zwecken dienenden Umgang mit der Sprache zu konfrontieren 158 , setzt F. W. HOUSEHOULDER sich u.a. rfclit dem Verhältnis von .Schrift' und .Sprache' auseinander. Am Beispiel des Schrift- und Sprachlernens der Titelfigur in dem Roman „Tarzan and the apes" expliziert HOUSEHOULDER seine These: „writing is logically prior and speech is a way of performing written materials" 159 . Spuren dieser Art von Schrift- und Sprachbetrachtung finden sich nach HOUSEHOULDER sowohl bei„naive speaker(s)" wie Tarzan als auch bei „very sophisticated people", während sie von den „students of language" von ARISTOTELES bis BLOOMFIELD, einschließlich ULDALL und VACHEK attackiert oder ignoriert werden. 160 Zwar lerne man heute zuerst sprechen und dann schreiben, und es gebe zwar .Sprachen' ohne .Schrift', doch wenn man schreiben gelernt habe, „we must go back and correct all the errors we made by learning to speak first" 161 , und selbst in den „non-literate languages" gebe es spezifische mündliche Stile und Standards, die in begrenztem Maße die Funktion der Orthographie übernehmen. 162 Die Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Sprache und ihren Regeln sowie die regelgerechte Aussprache setzten jedoch die Ökonomie und Plausibilität der Regelkonstruktion und damit die .Schrift' voraus. In der bis dahin wohl tiefgreifendsten Auseinandersetzung mit der opinio

158 159 160

S. HOUSEHOLDER, F.W. 1971. S. V I I - X I V . A . a . O . S. 248. S. im bes. a . a . O . S. 248 und S. 262. A . a . O . S. 248. S. a.a.O. S. 262ff.

48

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

communis zur Stellung der , Schrift' geht j. DERRIDA davon aus, daß die bisherige metaphysisch und theologisch geprägte „Epoche des Logos" 1 6 3 ihrer Vollendung entgegengehe. Andererseits begreift er seine Theorie und Begrifflichkeit aus dem Logozentrismus erwachsen. Er erhebt nicht den Anspruch, eine neue Epoche vorausschauend zu charakterisieren, sondern versucht, den Logo- und Phonozentrismus anhand herausragender Beispieldiskurse zu „lesen" 164 . Die Begriffe .Logozentrismus' und ,Phonozentrismus' kennzeichnen nach DERRIDA eine philosophische, wissenschaftstheoretische und sprachwissenschaftliche Grundposition, die den ,Logos', die ,Phone' zur res causa von Wissenschaft erhebt, die .Schrift' dagegen zu ihrem in der Haupsache negativ bewerteten Anhängsel erklärt. Diese Grundposition ist mit dem in der vorliegenden Arbeit aus der opinio communis herauskristallisierten Abhängigkeitsdogma identisch. Nicht zufällig wählt DERRIDA als herausragende Beispiele des Logozentrismus ebenfalls den Cours de linguistique générale und im weiteren Arbeiten von LEVISTRAUSS und ROUSSEAU, deren Stellungnahmen zum Verhältnis von ,Sprache' und ,Schrift' sich exakt in die opinio communis einreihen. Die „erklärte und gewissermaßen selbstverständliche Absicht" der logozentrischen Schriftbestimmung faßt DERRIDA als die „Unterordnung der Grammatologie und die historischmetaphysische Verkürzung der Schrift zu einem bloßen Instrument für eine erfüllte und im originären Sinn gesprochene Sprache" 165 zusammen. Der logozentrischen Grundintention stellt DERRIDA widersprüchliche Aussagen desselben Logozentrismus entgegen. Er weist auf den breiten Raum hin, der der .Schrift' an zentraler Stelle z. B. im Cours de linguistique générale eingeräumt wird, auf die oft beklagte Feststellung, daß die ,Schrift' heute die .Sprache' beherrsche, und auf den Wert, den z.B. ROUSSEAU der .Schrift' als Mittel der „Wiederaneignung dessen (...), was die Rede sich hat entreißen lassen" 166 beimißt. Im besonderen die Einstufung der .Schrift' als Zeichensystem, vergleichbar mit dem Zeichensystem der ,Sprache', und zugleich die zeichentheoretischen Thesen von der Differenz als Quelle sprachlichen Wertes, von der Arbitrarität der Zeichen und von der Unabhängigkeit des sprachlichen Wesens vom lautlichen Charakter liest DERRIDA als eine „Geste (...) (nicht eine (...) Absicht, denn hier wird unausgesprochen vollzogen, was nicht selbstverständlich ist, und geschrieben, was ungesagt bleibt)", die entgegen der Grundintention des Logozentrismus zum „Wegbereiter für eine künftige Allgemeine Grammatologie" wird. 167 Der Entscheidung DERRIDAS für die Richtigkeit dieser Geste und gegen das Abhängigkeitsdogma liegt nicht allein seine spezifische Lesart des Logozentris-

DERRIDA, j . (1974). S. 27. 1« A . a . O . S. 155. Vgl. auch a.a.O. S. 7f. i « A . a . O . S. 53. i « A . a . O . S. 245. 163

i « A . a . O . S. 53.

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

49

mus zugrunde; auch wenn er diesen Anschein zu erwecken versucht; vielmehr ergibt die Lesung des DERRIDA-Textes selbst außertextliche, sprachpraktische Kriterien. Die allein phonetische Bestimmung der , Schrift', die diese als „serviles Instrumentarium eines gesprochenen Wortes, das seine Fülle und Selbstpräsenz erträumt", verachtet und gleichzeitig „den nicht-alphabetischen Zeichen die Ehre (verweigert), überhaupt Schrift zu sein" 168 , gängige Schrifttypologien, dichotomische Gegensätze z.B. zwischen Natur und Kultur, drinnen und draußen, die rigorose Trennung zwischen ,schriftkundigen' und ,schriftlosen' Völkern sowie die Verabsolutierung der „soziologische(n) Notwendigkeit" 169 des Schriftgebrauches kennzeichnet DERRIDA als logozentrische Ideale, denen „(i)n Wirklichkeit, aber auch aus wesensmäßigen Gründen" 170 nichts entspreche. Vielmehr herrsche „radikale Unähnlichkeit" 171 zwischen .Schrift' und .Sprache'; es gäbe nichtphonetische Schriftsysteme; „reale Analyse(n)" 172 ergäben die Fragilität der herkömmlichen Schrifttypologien und die Unhaltbarkeit von Dichotomien wie Natur vs. Kultur, drinnen vs. draußen; die ,Schrift' diene als Kriterium der Historizität und des kulturellen Wertes; dem Ausdruck ,schriftlose Gesellschaft' entpreche bei nicht streng linearer und phonetischer Schriftbestimmung „weder realiter noch auf der Ebene des Begrifflichen etwas" 173 ; schließlich mißachte die widersprüchliche These von der Unterwerfung als der primären Funktion der , Schrift' die intellektuelle und befreiende Funktion sowie den Zusammenhang zwischen Gewalt und Erkenntnis, Gewalt und Sprache. Erst die Einbeziehung der Erfahrungen aus der Sprachwirklichkeit, die bei den gelesenen logozentrischen Diskursen keineswegs in ausreichendem Maße zum Tragen kommen, ermöglicht es DERRIDA, das Abbilddogma ad absurdum zu führen: „Saussure vermochte die Schrift also niemals als ein wirkliches ,Abbild', als eine .(bildliche) Darstellung', als eine .Repräsentation' der gesprochenen Sprache oder als ein Symbol zu denken" 174 , die dem Abbilddogma widersprechenden Thesen der Überwindung des Logozentrismus zugrundezulegen, und aus ihnen seine eigenen Schlüsse über das Verhältnis von .Sprache' und .Schrift' zu ziehen, die er dann dem Logozentrismus unterlegt: „Im Saussureschen (und ebenso im LEVi-STRAUssschen und ROUSSEAUschen — E . F. —) Diskurs schreibt

sich etwas, das nie gesagt wurde: nichts anderes nämlich als die Schrift selbst als Ursprung der Sprache." 175

A.a.O. S. 193. 169 170 171

A.a.O. A.a.O. A.a.O. A.a.O.

S. S. S. S.

228. 55. 95. Ähnlich s. S. 70. 182f.

" 3 A . a . O . S. 193. • 7 4 A . a . O . S. 80. 175 A . a . O . S. 77.

50

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Der zeitlichen und räumlichen Begrenztheit der phonetischen .Schrift' stellt die Ursprünglichkeit der ,Urschrift' gegenüber. Als Voraussetzung von .Sprache', Geschichtlichkeit und Wissenschaft lasse sich diese Urschrift innerhalb der herkömmlichen positiven und klassischen Wissenschaften von der .Schrift' nicht begreifen. Aus der Dekonstruktion des logozentrischen Schriftbegriffes durch die Sprengung der Grenzen, die der Logozentrismus der .Schrift' ausschließlich von der ,Sprache' her auferlegt, wird DERRIDAS .Urschrift' zum grenzenlosen, nicht sensiblen oder intelligiblen Urzustand, zur Differenz, die die von der These der Arbitrarität der Zeichen implizierte Struktur beschreibt und insofern in der Form, nicht in der Substanz am Werk ist. Sie wird zur nicht existierenden Spur, die jedem Ursprung vorangeht, vor dem Seienden zu denken ist und als Möglichkeit den Bereich des Seienden strukturiert. Die überlieferte Verehrung der .eigentlichen Schrift' als natürliche und lebendige, als „Schrift der Wahrheit in der Seele, das Buch der Natur und (...) die Schrift Gottes"176 trage der Idee der .Urschrift' ebenso Rechnung wie der heutige inflationäre Gebrauch des Wortes ,Schrift'. 177 Die Usurpation der .Sprache' durch die .Schrift' sei keine zufallige Störung — DE SAUSSURE bleibt hier die Erklärung schuldig —, sondern eine grundlegende Wesensmöglichkeit; sie habe immer schon begonnen; eine reine, natürliche .Sprache' habe es nie gegeben. Sprachwissenschaft sei demnach immer Teil der umfassenden Grammatologie. DERRIDA

1.2.5. Die Austauschbarkeit gesprochener und geschriebener Sprache auf der Substanzebene in der Glossematik Während die Thesen DE SAUSSURES von der Arbitrarität der Zeichen und dem formalen Charakter der .Sprache' bei DERRIDA einen Ausgangspunkt für die Umkehrung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen .Sprache' und .Schrift' bilden, baut die Glossematik auf ihnen eine rein formale Sprachbestimmung auf. Nach HJELMSLEV sind die „Größen der Sprachform (...) .algebraischer' Natur" 178 . Sie haben keine naturgegebene Benennung, und der lautliche Ausdruck ist ihnen nicht wesentlich. Nach ULDALL sind sie allein durch ihre Funktion gegenüber den anderen Größen derselben Ordnung definiert. 179 Die Glossematik als die Theorie des Sprachbaues könne isoliert von der Inhaltssubstanz und von der Ausdruckssubstanz geleistet werden. Die Substanz ist nach HJELMSLEV keine „notwendige Voraussetzung für die Sprachform, sondern die Sprachform (ist) eine notwendige Voraussetzung für die Substanz. Mit anderen Worten, die Manifestation ist eine "« A . a . O . S. 30. S. a.a.O. S. 21 f. 178 HJELMSLEV, L. (1974) (1943). S. 103. ™

S . ULDALL, H. J . 1 9 4 4 . S . 1 2 .

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

51

Selektion, in der die Sprachform die Konstante ist und die Substanz die Variable". 180 Einer Sprachform können demnach verschiedene Substanzen, wie die lautlich-mimisch-gestische oder die graphische zugeordnet sein181. Deutlicher als D E S A U S S U R E schließt die Glossematik auch die lautliche Ausdruckssubstanz aus der Analyse der Sprachform aus und setzt sie ebenso wie die graphische Ausdruckssubstanz als Gegebenheit des Sprachgebrauches voraus. Im Gegensatz zur opinio communis werden hier beide Ausdruckssubstanzen gleichwertig behandelt. Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem Lautlichen als primär und natürlich und dem Graphischen als abgeleitet und künstlich wird als „illegitimate" 182 abgelehnt. Eine historische Priorität der .Sprache' sei keineswegs erwiesen. Man habe keine Mittel zu entscheiden, ob die ,Schrift' oder die .Sprache' die älteste menschliche Äußerungsform sei. Die Erfindung der Buchstabenschrift liege in vorgeschichtlicher Zeit verborgen, und die Behauptung, daß sie auf einer lautlichen Analyse beruhe, sei nur eine der möglichen diachronischen Hypothesen. Selbst wenn diese Hypothese zutreffen sollte, habe sie im übrigen für die synchronische Systembetrachtung keinerlei Bedeutung. Heute könne von einem Vorausgehen der .Sprache' vor der ,Schrift' keine Rede sein. Der Einfluß aufeinander sei beiderseits etwa gleich groß: „They simply coexist." 183 Die genannten sprachtheoretischen Voraussetzungen zwängen den Linguisten, jede Struktur, die den gegebenen Definitionen entspricht, als seinen Gegenstand zu betrachten.184 Die Inkongruenz der beiden Ausdruckssubstanzen ein und derselben Sprache erklärt U L D A L L aus der historischen Entwicklung: „our aiphabet was originally designed to be used for the manifestation of a structurally quite different language, the orthography is often more conservative than the pronunciation, and has further been artificially tampered with by printers and grammarians and sometimes even by politicians." 185 Grundsätzlich hält er die Kongruenz beider Systeme für möglich und in speziellen Zusammenhängen für erreicht. Keine Wesensunterschiede, sondern praktische Gründe sind es nach U L D A L L auch, die die Übereinstimmung der beiden „systems of expression" 186 erstrebenswert und den Weg

180 181

HJELMSLEV, L. (1974) (1943). S. 104. S. a.a.O. S. 101. S. auch a . a . O . S. 103: „ ( . . . ) es ist eine Tatsache, die sich leicht experimentell nachweisen läßt, daß ein beliebiges sprachliches Ausdruckssystem in sehr verschiedenen Ausdruckssubstanzen manifestiert werden kann. So können verschiedene lautliche Sprachgebräuche und verschiedene schriftliche Sprachgebräuche ein und demselben Ausdruckssystem im Sprachbau zugeordnet werden." Vgl. auch ULDALL, H.J. 1944. S. 11.

182

ULDALL, H . J . 1944. S. 14. V g l . auch HJELMSLEV, L. (1974) (1943). S. 102 und s. RUSSELL, B. (1979)

183

ULDALL, H . J . 1 9 4 4 . S . 14.

(1927). S. 34 f. T S. HJELMSLEV, L. (1974) (1943). S. 104.

18

185

ULDALL, H . J . 1 9 4 4 . S . 14.

ISO A . a . O . S. 16.

52

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

dahin über die Angleichung des graphischen Sytems an das phonische System als den günstigeren erscheinen lassen.

1.2.6. Die funktional bedingte Eigenständigkeit geschriebener Sprache auf substantieller und formaler Ebene in der synchronischen Sprachbetrachtung der Prager Schule Anknüpfend an den Hinweis von ARTYMOVYC, „daß die Schrift einer jeden der sog. Schriftsprachen ein besonderes autonomes System bildet, zum Teil unabhängig von der eigentlichen gesprochenen Sprache' " 187 macht VACHEK die geschriebene Sprache und ihre funktionalen Zusammenhänge zum Hauptgegenstand seiner Forschung. Auch VACHEK stellt unter ausdrücklichem Hinweis auf die Ungültigkeit des diachronischen Altersargumentes für die synchronische Betrachtung linguistischer Tatsachen die „Sprechäußerungen" und die „Schriftäußerungen" als in ihren Funktionen komplementär und koordinierend in „gewisse(r) Unabhängigkeit" einander gegenüber. 188 Im Gegensatz zur Glossematik legt er seinem Bestimmungsversuch jedoch nicht die absolute Trennung von Form und Substanz und die Zuweisung der Unterscheidung von gesprochener und geschriebener Sprache allein zum Substanzbereich zugrunde. In differenzierender Orientierung am DE SAUssüREschen Analyseinstrumentarium für die gesprochene Sprache und zugleich in Ablehnung dessen Schriftbestimmung unterscheidet VACHEK auch für den Schriftgebrauch die realisierte „Schriftäußerung" und das ihr zugrundeliegende „System von graphischen (bzw. typographischen) Mitteln, die innerhalb einer Gemeinschaft als Norm anerkannt werden" 189 , die „geschriebene Norm der Sprache" 190 . Eine gemeinsame übergeordnete „Langue (d.h. eine universale Sprachnorm)" 191 schließt er aus. Die Bezeichnung „ ,die Sprache' (,1a langue')" stehe für die Vereinigungsmengen der Sprech- und Schriftnormen einer Sprachgemeinschaft. 192 Geschriebene und gesprochene Sprache stehen nach VACHEK weder in einem nur idealen Abbild Verhältnis, noch sind sie real äquivalent. Ihre Zusammengehörigkeit ergebe sich allein daraus, daß sie von derselben Sprachgemeinschaft in

187

ARTYMOVY£, A. 1 9 3 2 . S . 1 1 4 . S. d a z u VACHEK, J. 1 9 7 6 ( 1 9 3 9 ) . S . 2 2 9 .

188

VACHEK, j. 1976 (1939). S. 232 f. Zur weiteren Darstellung der Bestimmung geschriebener Sprache durch VACHEK wurden seine folgenden Aufsätze verwendet: VACHEK, J. 1976 (1939); DERS. 1945; DERS. 1 9 6 6 ( 1 9 4 8 ) ; DERS. ( 1 9 5 9 ) ; DERS. 1 9 6 2 ; DERS. 1 9 6 5 ; DERS. 1 9 7 3 ; DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) .

189 DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 3 9 ) . S . 2 3 0 . 190

DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) . S . 2 4 5 .

191

DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 3 9 ) . S . 2 3 3 .

192

S. a.a.O. S. 235.

53

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

komplementären Funktionen Verwendung finden.193 Es bestehe Eigenständigkeit und Gleichwertigkeit, verbunden durch die prinzipielle Möglichkeit der Übersetzung. VACHEK befindet sich damit in Übereinstimmung mit w. HAAS, der das Verhältnis schematisch faßt (Abb. 4) und ausdrücklich dieselben „ ,things'" und „extralingual meanings" für die Möglichkeit der Übersetzung zugrundelegt. WRITING

i

Ct.

translates

to

N

'THINGS'

>

SPEECH

y

Abb. 4: Beziehung zwischen Schreiben und Sprechen ( n a c h HAAS 1 9 4 )

Nach VACHEK sind es die Orthographieregeln und die Ausspracheregeln, die jeweils für die Übersetzung angewandt werden. Die wechselseitigen Verhältnisse der sprachlichen Bestandteile, die auch nach VACHEK „das Wesentlichste der Sprache" ausmachen, existieren „nie in der Luft", sondern sie müssen sich immer in einer Substanz offenbaren, werden in einer Substanz realisiert 195 . Ihr Charakter wird von der jeweiligen Äußerungssubstanz mitbestimmt. Spezifische Äußerungssubstanzen und spezifische Sprachnormen sind über die Klammer gleicher spezifischer Funktionen verbunden. Unterschiedliche Funktionen verlangen unterschiedliche Äußerungssubstanzen und unterschiedliche Normen: „Die gesprochene Norm der Sprache ist ein System der phonisch realisierbaren Sprachelemente, deren Funktion es ist, auf einen gegebenen Impuls (der in der Regel dringlich ist) auf dynamische Weise, d. h. auf eine direkte und unmittelbare Weise zu reagieren, wobei sie nicht nur den rein mitteilenden, sondern auch den emotionalen Aspekt in der Betrachtungsweise des reagierenden Sprachbenutzers angemessen zum Ausdruck bringt. Die geschriebene Norm der Sprache ist ein System der graphisch realisierbaren Sprachelemente, deren Funktion es ist, auf einen gegebenen Impuls (der in der Regel nicht dringlich ist) auf statische Weise, d. h. auf eine bewahrbare und leicht überschaubare Weise zu reagieren, wobei sie sich besonders auf den rein mitteilenden Aspekt in der Betrachtungsweise des reagierenden Sprachbenutzers konzentriert." 196 Erst unter diachronischer Betrachtung erklärt VACHEK die Autonomie der geschriebenen Norm der Sprache daraus, daß die Bestandteile der Schriftnorm vom „Zeichen von i « S. ebd. i«

S . HAAS, w . ( 1 9 7 0 ) , i m bes. S. 1 7 .

" 5 S . VACHEK, J. 1 9 7 6 ( 1 9 3 9 ) . S. 2 3 6 . 196

DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) . S. 2 4 5 f . V g l . u . a . DERS. 1 9 4 5 . S. 8 7 ; DERS. ( 1 9 5 9 ) . S. 1 2 ; DERS. 1 9 6 5 . S. 9 6 1 .

54

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Zeichen" zum „Zeichen von Dingen" 197 avanciert seien und führt als Beleg an, daß es Sprecher gibt, denen die Schriftnorm die geläufigere ist, bzw. Leser, die lesen, ohne zu wissen, wie das Gelesene auszusprechen ist. 198 Ihre wachsende gesellschaftliche Bedeutung rechtfertige ihre Beschreibung als Optimalwert von Sprache 199, der noch nicht überall erreicht worden sei. Als Optimalwert erhebt V A C H E K die geschriebene Sprache zum merkmalhaltigen Glied einer Opposition, in der die gesprochene Sprache das merkmallose Glied darstelle.200 „(T)he question of the hierarchic relation of the spoken and written norms must not be answered in terms of Subordination or superordination, but in terms of more general or more specialized applicability." 201

1.2.7. Grenzen der bisherigen Versuche zur Überwindung der opinio communis Trotz aller Kritik und Abgrenzungen gegenüber der opinio communis sowie der vielfaltigen Bemühungen, die Selbständigkeit der geschriebenen Sprache zu konstatieren, bleiben die Ansätze zur wissenschaftlichen Schriftbestimmung bisher insgesamt unzureichend. Die Zusammenschau der unterschiedlichen Ansätze im vorangegangenen Kapitel darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die hier durch Sammlung, Extrahierung, Koordinierung und Systematisierung hergestellte Manifestation der Eigenständigkeit geschriebener Sprache auch in differenzierten Ansätzen in dieser Quantität und Qualität nicht erreicht wird. Im Vergleich zur Gängigkeit der opinio communis sind die Ansätze zur wissenschaftlichen Schriftbestimmung bis heute weitgehend vereinzelt geblieben. Einerseits wird das vom Abhängigkeitsdogma abweichende Schriftverständnis einzelner, eher sprachpraktisch und historisch angelegter Sprachforschungen nur soweit expliziert und problematisiert, wie Informationen über bestehende Schriftsysteme und ihre Geschichte zugänglich sind 202 , die Funktionen der .Schrift' nicht als

197

DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 3 9 ) . S. 2 3 7 .

"8

S. Z . B . DERS. 1 9 7 6 . ( 1 9 3 9 ) . S. 2 3 7 ; DERS. 1 9 4 5 . S. 9 0 ; DERS. 1 9 6 5 . S. 9 6 2 ; DERS. 1 9 7 6 . ( 1 9 7 3 ) . S. 2 6 4 .

I " S. z.B. DERS. (1959). S. 12 ff.; DERS. 1965. S. 960f.; DERS. 1976 (1973). S. 2 4 6 f . 200

S. u . a . DERS. ( 1 9 5 9 ) . S. 1 1 ; DERS. 1 9 6 5 . S. 9 6 2 ; DERS. 1 9 7 3 . S. 4 9 , S. 5 3 u n d S. 6 0 ; DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) .

2 °i

DERS. ( 1 9 5 9 ) . S. 1 3 .

202

Dies gilt zunächst für die sprachphilosophischen Arbeiten des 17. und 18. Jahrhunderts, denen ethnologische Informationen und spezifische Kenntnisse über die älteren Schriftzeugnisse des eigenen Sprachraumes sowie über fremde Schriftsysteme, wenn überhaupt, so doch noch kaum systematisch, zugänglich waren. Zwei große alte Schriftsysteme, die mesopotamische Keilschrift und die ägyptische Hieroglyphenschrift wurden z.B. erst im 19. Jahrhundert entziffert. Auch für die heutige Schrifterforschung trifft diese Einschränkung insofern zu, als sie vom bisher gefundenen, zugänglichen und entzifferten Schriftmaterial abhängig bleibt.

S. 246, S. 266 und S. 291.

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

55

selbstverständlich zugrundegelegt werden 203 und es das jeweilige Forschungsinteresse erlaubt bzw. unumgänglich macht. 204 In der Hauptsache bleiben die Ansätze auf jeweils die spezifischen Aspekte der Schriftbetrachtung beschränkt, die ihre Fragestellungen aus den Bereichen der Sprachpflege, der Psychologie, der Pädagogik, der elektronischen Datenverarbeitung sowie der historischen, systematischen oder philosophischen Sprachbetrachtung erfordern. Andererseits sind selbst umfassende und differenzierte Bestimmungen der geschriebenen Sprache unabhängig von der gesprochenen Sprache nicht konsequent. Neben den bisher ausschließlich berücksichtigten Aussagen, die die Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache unterstützen, finden sich in nahezu jedem Diskurs gleichzeitig Aussagen, die im Widerspruch dazu das Abbild- und Abhängigkeitsdogma der opinio communis stabilisieren. Selbst die aufgrund ihrer Komplexität und Differenziertheit herausragenden Ansätze zur wissenschaftlichen Schriftbestimmung erfassen die Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache jeweils nur unter spezifischen Aspekten. Im übrigen bleiben auch sie dem Abhängigkeitsdogma und der dadurch geprägten Argumentationsstruktur verpflichtet. Auf dem Hintergrund der in der neueren Sprachwissenschaft gängigen Trennung von .Sprache' in die substanzunabhängige Form, la langue, und den substanzgebundenen, praktischen Sprachgebrauch, la parole, reduzieren Ansätze wie etwa bei HOUSEHOLDER oder DERRIDA die Eigenständigkeit der, Schrift' auf die als normative Ebene verstandene langue. Wenn HOUSEHOLDER der .Schrift' logische Priorität zuschreibt, so verwendet er dabei einen Schriftbegriff, der weitgehend mit dem der Sprachnorm übereinstimmt. Die geschriebene Substanz ist diesem Schriftbegriff äußerlich. Die der Schrift als Form wesentliche Funktion der Orthographie kann auch von mündlichen Stilen und Standards übernommen werden. Die zeitliche und räumliche Sekundarität des real Geschriebenen gegenüber dem Gesprochenen, maßgeblicher Bestandteil der opinio communis, wird unhinterfragt übernommen. DERRIDA, dessen Ansatz zweifellos die logozentrische Schriftbestimmung sprengt, weist selbst mehrfach darauf hin, daß er den Logozentrismus aus sich selbst heraus dekonstruieren will. Seine daraus resultierende Schriftbestimmung 203 Vor allem bei der Verwendung formaler Sprachen bleibt die geschriebensprachliche Existenzform als eigenständige Präsentation von Inhalten, Gedanken, Daten und Gegenständen und als maßgebliche Bedingung der Theoriebildung aufgrund ihrer Selbstverständlichkeit nahezu unerw ä h n t . S . z . B . STEGMÜLLER, w . 1 9 7 4 ; SALOMAA, A.K. 1 9 7 8 . BOLC, L. (Hrsg.) 1 9 7 8 ; WALTER, H.R./FISCHER, R . A . 1 9 7 1 ; FUCHS-KITTOWSKI, K. u . a . 1 9 7 6 . KLAUS, G. 1 9 7 3 ; SEGETH, W.

1973;

FLECHTNER, H.-J. 1972. Auch FREGE, G. 1964 (1879) begreift die Voraussetzung der geschriebensprachlichen Existenzform nicht als maßgeblichen Faktor seiner „Begriffsschrift", sondern würdigt sie isoliert im Vorwort. Konsequenzen für die Bestimmung der .Schrift' finden infolgedessen keine Beachtung. 204

S. SCHMITT, L.E. 1 9 8 2 (1966); STEGER, H. (1972). S. 2 0 3 - 2 1 4 ; DERS. 1 9 6 7 . S. 2 5 9 - 2 9 1 ; NERIUS, D.

1975.

56

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

bleibt dementsprechend in vieler Weise der Argumentation der opinio communis verhaftet. Der Logozentrismus hat die .Schrift' ausschließlich in Abhängigkeit von .Sprache', ,Sprache' selbst aber als autonomen Gegenstand, dem Menschen konstitutiv eigen, bestimmt. Durch die Dekonstruktion jener ausschließlichen Abhängigkeit von ,Sprache' gelangt DERRIDA ZU einem ebenso grenzenlosen, allumfassenden Schriftbegriff, der gleich der .Sprache' im Logozentrismus nicht auf sein historisches Gewordensein hinterfragt, sondern als ursprünglich gesetzt wird. Die Verabsolutierung der .Sprache' im Logozentrismus übernimmt DERRIDA als Verabsolutierung der ,Schrift' in der Grammatologie, die dadurch zum .Grammazentrismus' avanciert. Zwar bezieht DERRIDA die Sprachwirklichkeit gegen das Abbilddogma ein, seine Schriftbestimmung entbehrt jedoch jeder Betrachtung der realen geschriebenen Sprache in ihren historischen und gesellschaftlichen Bezügen. Mit der These von der Arbitrarität der Zeichen übernimmt er von DE SAUSSURE die Reduzierung der Betrachtung auf das formale System, die Bestimmung der Zeichen durch Zeichen, abgeschnitten von den Bedeutungen seiner Elementkombinationen, seinen Funktionen und seiner Substanz, abgeschnitten vom Denken und von der Wirklichkeit. Dieses ,,unmotivierte()" 205 , unhistorische, substanzlose Schrift-„Spiel" 206 läßt sich als .Urschrift' zwar denken, es hat jedoch mit der realen Schriftentwicklung nichts gemeinsam, DERRIDA kann die Kluft zwischen der idealen Urschrift, Spur, Differenz, und dem realen Schriftgebrauch nicht überbrücken. Bei allem Bemühen um die Faßbarkeit der nach DERRIDA nicht faßbaren .Urschrift' läßt er die real-historischen Schriftsysteme nahezu völlig unbeachtet. Sie erscheinen schließlich wieder dort, wo sie der Logozentrismus angesiedelt hat, nachgeordnet der .Sprache': „Diese Spur, Urschrift, (ist — E . F . —) ursprüngliche Möglichkeit des gesprochenen Worts, dann der .Schrift' im engeren Sinn" 207 . In der Glossematik wird die Eigenständigkeit der .Schrift' ausschließlich als eine Besonderheit der Ausdruckssubstanz anerkannt. Der eigentliche Gegenstand der Glossematik, die Sprachform, wird wie von DE SAUSSURE und DERRIDA mit dem Schachspiel verglichen, das ohne Zweck und Geschichte, unabhängig von der jeweiligen Substanz der Spielfiguren funktioniert, d.h. spielbar ist. Während D E R R I D A , und ebenso HOUSEHOLDER, diesen formalen Aspekt der Zeichensysteme infolge seiner Normiertheit als ,Schrift' deklarieren, nennt HJELMSLEV ihn in Übereinstimmung mit DE SAUSSURE .Sprache'. Beiden Betrachtungsweisen liegt die gleiche Isolierung und Verabsolutierung der Form zugrunde, die aus der These der Arbitrarität der Zeichen resultieren. Unabhängig gegenüber der jeweiligen Substanz läßt sich die nach DE SAUSSURE ebenso wie nach HOUSEHOLDER, DERRIDA,

205

DERRIDA, j. (1974). S. 83.

206

A . a . O . S. 17 und S. 87. A . a . O . S. 123. Hervorhebung im Zitat durch E . F . Ähnlich s. a . a . O . S. 18, S. 98f., S. 110, S. 130, S. 218 f. und S. 409 f.

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

57

HJELMSLEV und ULDALL in jedem Fall logisch primäre Form gleichermaßen als ,Sprache' und als ,Schrift' begreifen. Auch wenn die Glossematik das empirische Material zur Formanalyse in der Hauptsache aus dem mündlichen Sprachgebrauch schöpft, und die Grammatologie vor allem auf geschriebensprachliches Material zurückgreift, behaupten beide die Gleichwertigkeit und Austauschbarkeit der Ausdruckssubstanzen. Austauschbarkeit der Begriffe ,Sprache' und .Schrift' auf der formalen Ebene, Austauschbarkeit des Materials auf der substantiellen Ebene: durch die konsequente Trennung zwischen Form und Substanz einer ,Sprache', einer ,Schrift', und der Hinwendung primär zur angeblich substanzunabhängigen Form erscheint das Problem des Verhältnisses von gesprochener und geschriebener Sprache eliminierbar. Im Widerspruch zu diesem Schema besteht in der Sprachwirklichkeit zwischen den Ausdruckssubstanzen keine Kongruenz, eine Tatsache, die ULDALL dazu veranlaßt, spezifische „systems of expression" 208 in derselben Sprache zu konstatieren. Es existiert also real eine Spezifik jeder Ausdruckssubstanz, die die Struktur des Zeichensystems prägt. Diese Spezifik muß in der glossematischen Betrachtung unthematisiert bleiben, da die Zeichensubstanz, eingebettet in ihre historische Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der bloßen Formbetrachtung äußerlich ist. Indem ULDALL die jeweilige Spezifik der Ausdruckssubstanz konstatiert und aus der Sprachpraxis und der Sprachgeschichte erklärt, sprengt er den Rahmen der formalen synchronischen Sprachbetrachtung und gerät in Widerspruch zu den Grundsätzen der Glossematik. Auch für die Glossematik scheitert die Erklärung des Verhältnisses von geschriebener und gesprochener Sprache an dem Widerspruch zwischen den idealen Konstrukten, hier der Trennung von Form und Substanz, und den Erscheinungen der Sprachwirklichkeit. Ebenso wie die Grammatologie DERRIDAS und der Diskurs HOUSEHOLDERS läßt sie die Spezifik der Zeichensubstanzen außer Acht und gelangt so zur Identifizierung im Sinne von Austauschbarkeit geschriebener und gesprochener Sprache. Letztere hat sich als eine wesentliche These zur Untermauerung des Abhängigkeitsdogmas erwiesen (s. Kap. 1.1.1.). Trotz gegenteiliger Beteuerungen und abweichender Aussagen im einzelnen ist demnach die Glossematik ebenso wie die Grammatologie schließlich integrativer Bestandteil der opinio communis. Während ULDALL durch seinen Ansatz zu historischen und pragmatischen Erklärungen die Glossematik verläßt, fallt HJELMSLEV schließlich in die opinio communis zurück, beharrt im Widerspruch zur glossematischen Gleichwertigkeit geschriebener und gesprochener Sprache mit DE SAUSSURE auf der linguistischen Priorität der „ ,natürliche(n)' Umgangssprache" und deren ursprünglich lautlichem Charakter 209 , baut seine Sprachtheorie

208

ULDALL, H . J . 1 9 4 4 . S . 16.

209

Zur „ ,natürliche(n)' Umgangssprache" s. HJELMSLEV, L. (1974) (1943). S. lOOf. Eine genaue Begriffsbestimmung wird von HJELMSLEV nicht geleistet. Einerseits postuliert HJELMSLEV die

58

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

allein auf der .Alltagssprache' auf und behandelt die , Schrift' marginal als Sonderproblem. Die Verabsolutierung von .Sprache' führt ebensowenig zu einer widerspruchslosen, der Sprachwirklichkeit adäquaten Schriftbestimmung wie die Verabsolutierung der .Schrift'. Indem VACHEK den Zusammenhang zwischen Form und Substanz vermittelt über die Funktion zum Ausgangspunkt nimmt, von dem aus er die gesprochene und die geschriebene Sprache als „koordinierte Größen" mit je spezifischen Funktionen charakterisiert, weist er mit dem synchronischen Aspekt seiner Schriftbestimmung über alle bisherigen Ansätze hinaus. Er hält diesen Ansatz in der diachronischen Betrachtung jedoch nicht aufrecht, greift hier auf das Abhängigkeitsdogma zurück und schafft damit neue Dichotomien, die dann ihrerseits auch die synchronische Betrachtung im Sinne des Abhängigkeitsdogmas prägen. Ohne historische Analyse der Anfange und der Entwicklungsstufen geschriebener Sprache behauptet VACHEK unter ausdrücklicher Thematisierung des von der opinio communis bemühten Altersargumentes in seiner diachronischen Sprachbetrachtung: „Da kann man nun sicher nicht leugnen, daß die ersten Schriftäußerungen einer Sprachgemeinschaft von den Sprechäußerungen ausgehen und daß die Schriftnorm eine bloße Transposition der Sprechnorm darstellen will (...). Wir möchten zugeben, daß in einer solchen Phase die Schriftnorm als sekundäres Zeichensystem betrachtet werden muß, da jeder von den Bestandteilen dieses Systems ein Zeichen für ein Zeichen darstellt. Mit anderen Worten, das ganze sekundäre Zeichensystem spiegelt nicht das System der Dinge wider, sondern nur das primäre Zeichensystem (in diesem Falle die Sprechnorm), und erst von diesem gibt es einen geraden Weg zum System der Dinge." 210 Hier wird das von der opinio communis propagierte Abbilddogma auf ein Entwicklungsstadium der geschriebenen Sprache, „die ersten Schriftäußerungen einer Sprachgemeinschaft", angewandt. Auch wenn diese Behauptung bis heute für keine Ausweitung des Blickfeldes der Linguistik auf die der „Alltagssprache" analogen Sprachstrukturen und warnt vor deren Vernachlässigung durch die Linguistik, andererseits erhebt er die Nichtbefassung mit diesen Zeichensystemen im Rahmen der Linguistik zur Prämisse und weist die Beschäftigung mit ihnen anderen Wissenschaftsdisziplinen, maßgeblich der Logistik, zu. S. a. a. O. S. 104: „Der Linguist kann und sollte sich in seiner Forschungsarbeit auf die Alltagssprache konzentrieren, und es anderen überlassen, die bessere Voraussetzungen haben als er, hauptsächlich den Logikern, andere Sprachstrukturen zu erforschen. Aber der Linguist kann nicht ungestraft die Alltagssprache studieren ohne den weiteren Horizont, der seine Orientierung gegenüber diesen analogen Strukturen sichert." Obwohl HJELMSLEV selbst das von der opinio communis dogmatisch gehandhabte Altersargument ausdrücklich zurückweist, leitet er a. a. O. S. 7 seine Prolegomena zu einer Sprachtheorie mit der Aussage ein: „Denn vor dem ersten Erwachen unseres Bewußtseins ertönte (Hervorhebung durch E. F.) Sprache um uns herum, bereit, den ersten zarten Keim des Denkens zu umhüllen und uns untrennbar das Leben hindurch zu begleiten." 21° VACHEK,

j. 1976 (1939). S. 237. Ähnlich s.

DERS.

1945. S. 91,

DERS.

(1959). S. 14,

DERS.

1965. S. 962.

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

59

Sprachgemeinschaft überprüft wurde, und erst recht keine Rechtfertigung für die behauptete Allgemeingültigkeit genannt werden kann, wird sie auch in den Ansätzen zur eigenständigen Schriftbestimmung immer wieder reproduziert. Die breite Übereinstimmung bezüglich der ursprünglichen Kongruenz zwischen geschriebener und gesprochener Sprache übergeht dabei völlig, daß die historischen Schriftbetrachtungen übereinstimmend eine gegenläufige Tendenz der ,Schrift' zur .Sprache' hin beschreiben. Trotz aller Widersprüchlichkeit ist beiden Tendenzbeschreibungen gemeinsam, daß sie von einer Sprachwirklichkeit ausgehen, in der eine Kongruenz zwischen , Schrift' und , Sprache' nicht besteht, und die .Schrift' infolgedessen eigenständige Bedeutung innehaben muß. Beide Tendenzen sind auf den einen Entwicklungspunkt gerichtet, an dem das Ideal des Abbilddogmas angeblich erreicht ist. Welcher geschichtliche Wert diesem Ideal zukommt, ergibt sich aus dem Grad der Aufmerksamkeit, die z. B. VACHEK der historischen Bestimmung widmet, wenn er in einer neueren, präziseren Formulierung 211 nur noch tautologisch konstatiert: „für die frühesten Versuche, gesprochene Äußerungen schriftlich zu fixieren" gilt die Feststellung, „daß .geschriebene oder gedruckte Symbole Symbole von Symbolen sind'" 212 , oder mit anderen Worten: zu dem Zeitpunkt, da das Geschriebene das Gesprochene abbildet, bildet es das Gesprochene ab. Indem VACHEK auf die ersten Schriftäußerungen einer Sprachgemeinschaft verweist, suggeriert er das Rekurrieren auf die Anfange geschriebener Sprache und läßt die methodischen Neuerungen, die die Angleichung eines Schriftsystems an eine oder mehrere gesprochene Sprachen eines neuen Sprachraumes mit sich bringt, als Wesensbestimmung geschriebener Sprache ausgeben. Diese diachronische Wesensbestimmung widerspricht der von ihm geforderten synchronischen Gleichwertigkeit von geschriebener und gesprochener Sprache. Während unter synchronischem Aspekt eine Abhängigkeit der geschriebenen Sprache von der gesprochenen aus der Sprachpraxis heraus widerlegt wird, wird sie in der diachronischen Betrachtung unhistorisch und dogmatisch zugrundegelegt. Der Gegensatz zwischen dogmatischer und aus der Sprachwirklichkeit abgeleiteter Schriftbestimmung wird bei VACHEK in der von DE SAUSSURE übernommenen, ebenfalls dichotomisch verwendeten Opposition diachronisch vs. synchronisch reproduziert. Indem VACHEK die Autonomie der geschriebenen Sprache aus den ihr eigenen Funktionen begründet und zugleich eine Autonomie der ersten Schriftäußerung einer Sprachgemeinschaft bestreitet, spricht er ihnen jede eigene Funktion ab. VACHEK läßt offen, auf welcher Grundlage dann diese ersten Schriftäußerungen zustandegekommen sind, wenn doch bereits ihr Zustandekommen spezifische



S. DERS. 1976 (1973). S. 240. 212 A . a . O . S. 264. Ahnlich s. DERS. 1973. S. 54.

60

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Funktionen voraussetzt: „Schon die Tatsache allein, daß die Glieder der Sprachgemeinschaft für spezialisierte Funktionen auch getrennte, spezielle Äußerungssubstanzen (Schall oder Schrift) wählen, zeigt, daß diese Äußerungssubstanzen nichts Gleichgültiges sind, sondern als wichtige funktionale Faktoren betrachtet werden müssen." 213 Ungeklärt bleibt weiter, wie der geschriebenen Sprache jene Funktionen später zuteil geworden sind, die sie von einer funktionslosen in eine funktionierende, von einer „Transposition" der gesprochenen Sprache in eine geschriebene Norm der Sprache als „a system in its own right" verwandeln. 214 Hinweise auf den geübten Leser und auf die Tradition der geschriebenen Sprache 215 ersetzen die notwendige historische Analyse nicht. Uberhaupt bleibt die Analyse der Funktionen geschriebener Sprache allgemein und vage. Auch VACHEK fallt in seiner Beschreibung „on the interplay of external and internal factors in the development of language" dadurch in die Argumentation der opinio communis zurück, daß er die Herausbildung und Entwicklung der geschriebenen Sprache der Entwicklung von .Sprache' allein als äußere Faktoren hinzufügt. 216 Auch VACHEK versucht, den Widerspruch seiner Bestimmungen durch die Übernahme geläufiger Dichotomien (alt vs. jung, überall verbreitet vs. nicht überall verbreitet, dynamisch vs. statisch)217 und die Schaffung einer neuen Dichotomie zu überbrücken. Die neue Dichotomie „merkmallos" vs. „merkmalhaltig" versteht VACHEK ausdrücklich in völliger Übereinstimmung mit JAKOBSONS Formulierung des Abhängigkeitsdogmas, „daß es ,eine irreführende Verzerrung der tatsächlichen sprachlichen Schichtung wäre, wenn man das gleichwertige

VACHEK, J. 1 9 7 6 ( 1 9 3 9 ) . S. 2 3 6 . 214

215

V g l . a . a . O . S . 2 3 7 u n d DERS. 1 9 4 5 . S . 9 3 .

S. DERS. 1976 (1973). S. 264: „Das Interessante ist natürlich, daß, sobald sich in einer gegebenen Sprachgemeinschaft eine Schreibtradition entwickelt, eine Tendenz auftaucht, die darauf gerichtet ist, zwischen der geschriebenen Äußerung und der außersprachlichen Realität, auf die sie sich bezieht, eine direkte Beziehung herzustellen. Eine solche direkte Beziehung besteht darin, daß der ursprünglich existierende Umweg über die entsprechenden gesprochenen Äußerungen allmählich aufgegeben wird und daß die geschriebenen oder gedruckten Symbole allmählich — zumindest bis zu einem gewissen Grade — den Status von Zeichen der ersten Ordnung erhalten ( . . . ) . Daß dies wirklich so ist, wird durch das ,stille Lesen' bewiesen, bei dem ein erfahrener Leser eine geschriebene Seite viel schneller durchlesen kann, als wenn er denselben Text wirklich laut lesen sollte." Ähnlich s. DERS. 1976 (1939). S. 237: „ Aber die spezifische Funktion der Schriftäußerungen erzwingt sich in jeder Sprachgemeinschaft sehr bald jene Autonomie der Schriftnorm, die zuerst von ARTYMOVYC nachdrücklich betont wurde. Und sobald dies geschehen ist, nimmt die Schriftnorm im System der sprachlichen Werte eine neue Stellung ein: aus einem sekundären wird ein primäres Zeichensystem, das heißt, von nun an stellen Bestandteile der Schriftnorm nicht Zeichen von Zeichen, sondern Zeichen von Dingen dar.

2

">

2

"

S. VACHEK, J . 1 9 6 2 . S. 4 3 3 - 4 4 8 . S . u . a . D E R S . 1 9 6 5 . S . 9 6 0 f . ; D E R S . 1 9 7 3 . S . 4 9 u n d S . 5 3 ; DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) . S . 2 4 7 ; DERS. ( 1 9 5 9 ) . S . 1 2 ; DERS. 1 9 6 5 . S . 9 6 1 ; DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) . S . 2 4 5 f .

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

61

Nebeneinanderbestehen der phonologischen und graphischen Systeme predigte, während man die primäre, fundamentale Natur der ersteren leugnete'". 218 Gegenüber den Ansätzen D E R R I D A S , H O U S E H O L D E R S , V A C H E K S und der Glossematik erweisen sich weitere Ansätze zur Bestimmung der .Schrift' in ihrem Festhalten an den Dogmen der opinio communis als eher noch beharrlicher. Theoretische Aussagen im Sinne der Eigenständigkeit geschriebener Sprache bleiben in den sprachpraktischen Analysen unberücksichtigt;219 zur Reproduktion der genannten Widersprüche treten die Wiederholung gängiger und die Prägung neuer Dichotomien und Metaphern zur Unterstützung des Abhängigkeitsdogmas;220 das Alters- und Verbreitungsargument sowie das Argument der ontogenetischen Sekundarität der .Schrift' gegenüber der .Sprache' werden häufig als gesichert übernommen;221 die Begrifflichkeit schwankt zwischen .Schrift' und .Sprache' einerseits, .geschriebener Sprache' und .gesprochener Sprache' andererseits.222 Aus der themenspezifischen Notwendigkeit der Berücksichtigung von Schriftsystemen, die nicht parallel zur gesprochenen Sprache existiert haben und existieren, und aus dem gleichzeitigen Verhaftetsein in gesprochensprachlich geprägten Schriftbestimmungen ergibt sich das Dilemma einer rigorosen Zäsur in den Beschreibungen von Schriftentwicklungen insbesondere für die Schriftgeschichten, das auch durch detaillierte Darstellung des ,Phonetisierungsprozesses' nicht gelöst wird. 223 218

DERS. 1976 (1973). S. 263. Zur „Hierarchie" merkmalhaftig vs. merkmallos s. DERS. (1959). S. 11 u n d S . 1 3 f . ; DERS. 1 9 6 5 . S . 9 6 2 ; DERS. 1 9 7 3 . S . 4 9 , S . 5 3 u n d S . 6 0 ; DERS. 1 9 7 6 ( 1 9 7 3 ) . S . 2 4 6 , S . 2 6 3 ,

219

220

221

S. 266 und S. 291. Obwohl z. B. PIIRAINEN, I. T. 1980 im Forschungsüberblick die Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache hervorhebt, beginnt er seine Darstellung der Rechtschreibprinzipien a.a.O. S. 108f. gleichsam selbstverständlich mit der Aussage: „Für die Kommunikation bildet die gesprochene Sprache die primäre Grundlage" und stellt im weiteren fest, „daß die Phoneme als bedeutungsunterscheidende Einheiten der gesprochenen Sprache auftreten und für die Kommunikation auf der schriftlichen Ebene graphemisch festgehalten werden." S. MERTIAN, \. 1979 (1796). S. 90; FREGE, G. 1964 (1879). S. XI; JENSEN, H . 1969. S. 13 f.; BARTHEL, G. (1972). S. 459; BEHAGHEL, O. 1927. S. 156; SUZUKI, T. (1977). S. 409. S. COULMAS, F . (1982). S. 50 und S. 55 f.; HENNE, H. 1975. S. 49 f.; DE A J U R I A G U E R R A , J./AUZIAS, M . 1 9 7 5 , S . 3 1 2 ; NERIUS, D. 1 9 7 5 . S . 1 8 .

222

223

Nur vereinzelt wird die Begriffswahl begründet. S. z. B. LUDWIG, O. (1980). S. 323 — 328. Mitunter finden sich auch in den Ansätzen beide Begriffspaare undifferenziert nebeneinander. S. z. B. DE A J U R I A G U E R R A , J./AUZIAS, M. 1975. S. 311 —328. S. JENSEN, H. 1969, im bes. S. 14, S. 44 f., S. 572 f.; BARTHEL, G. (1972). S. 457; DANZEL, T H . w. 1912. S. 150 und S. 190. GELB, I. J . 1974 (1952). S. 97, S. 1 9 0 - 1 9 4 , S. 245. Die von TETENS und DERRIDA ZU Recht in Frage gestellte Klassifizierung der Schriften in Zeichensysteme, die Dinge bzw. Gedanken abbilden und solche, die gesprochensprachliche Einheiten wiedergeben, findet sich bereits in BACONS Typologie der Verständigungsmittel, die die Schriftzeichen in characteres reales und characteres nominales einteilt. Über diese unhistorische rigorose Trennung der Schriftentwicklung legitimiert BACON, F . 1963 (1623). S. 651 schließlich sogar die aristotelische Fassung des Abbilddogmas: „recte enim Aristoteles; Cogitationum tesserae verba, verborum litterae." Vgl. DERS. 1963 (1605). S. 399.

62

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

1.2.8.

Zusammenschau des gegenwärtigen Diskussionsstandes zur Eigenständigkeit der geschriebenen Sprache

Gemeinsam ist den vorgestellten Ansätzen zur wissenschaftlichen Erforschung geschriebener Sprache das Bemühen um Distanz von den Dogmen der opinio communis, die sowohl aus der Einsicht in deren Widersprüchlichkeit als auch aus den Erfahrungen mit der Sprachwirklichkeit resultiert. Die Definition der .Sprache' als Form, die Bestimmung der Zeichen als arbiträr und die Widersprüchlichkeit geläufiger Dichotomien, im besonderen der Altersbestimmung und der herkömmlichen Schrifttypologien, stellen die Definition von , Schrift' in Abhängigkeit von .Sprache' grundsätzlich in Frage. Das Wissen um die Besonderheit des geschriebensprachlichen Kommunikationsprozesses, um die Relevanz der Schrift, im besonderen ihren Einfluß auf die .Sprache', das Denken und die Gesellschaft, die in spezifischen kommunikativen und kognitiven Funktionen zum Ausdruck kommt, um die Eigendynamik der Entwicklung geschriebener Sprache, um die Existenz und Funktionsfahigkeit nicht oder kaum an .Sprache' gebundener Schriftsysteme und damit um den Beweis zumindest der Möglichkeit der ,Schrift', nicht .Sprache', sondern Gedanken bzw. Realität abzubilden, führt dazu, daß das geschriebensprachliche Material in seinen Entwicklungsbedingungen und Wirkungen als eigener Forschungsgegenstand anerkannt wird, und sein eigenständiger Charakter zu einem wesentlichen Ausgangspunkt der Analyse erhoben wird. 224 Zugleich bleibt die opinio communis der andere wesentliche Ausgangspunkt, der die Grenzen der Ansätze markiert. Immer wieder werden ihre Metaphern, Dichotomien, Thesen und Dogmen unreflektiert in die Ansätze eingeflochten. Das Verhältnis von Schriftzeichen und Lautzeichen bleibt auch in den Ansätzen zur eigenständigen Schriftbestimmung insgesamt das beherrschende Thema. Das Ideal einer .Schrift', der die Lauttreue wesentlich ist, wird in allen Arbeiten, wenn nicht als erreichtes, überschrittenes oder zu erstrebendes Ziel aller Schriftentwicklung, so doch als zentrales Kriterium der Analyse geschriebensprachlichen Materials beibehalten. Die dargestellten Schriftbestimmungen schließen sich im Gleichklang mit der opinio communis einer Grundtendenz an, die eine Vielzahl semiotischer und im besonderen sprachwissenschaftlicher Arbeiten prägt: Die Zusammenhänge von Zeichensystemen mit dem Denken und mit der Materialität werden als marginal bewertet und bleiben unbeachtet. 225 Die Isolierung der Zeichen ist wesentliches Merkmal des Logozentrismus ebenso wie des Grammazentrismus, ist Semas^entris-

2M

V g l . PENTTILÄ, A. 1 9 7 0 . S . 3 3 u n d S . 3 5 .

225

Die Verabsolutierung der Zeichen prägt eine Fülle gerade auch solcher semiotischer und sprachwissenschaftlicher Arbeiten, die sich in der Pragmatik oder Pragmalinguistik mit dem Zusammenhang von Zeichen, ihren Verwendungen und ihren historischen und gesellschaftlichen Bedingungen befassen.

1.2. Versuche zur Überwindung der Geringschätzung

63

mus. Auch wenn VACHEK die Eigenständigkeit des sprachlichen Systems zu Recht hervorhebt 226 , läßt sich die funktionale Grundlegung, die er für seinen Ansatz der Schriftbestimmung fordert, nur aus dem Zusammenhang zwischen sprachlicher Substanz und Form und ihren historischen und gesellschaftlichen Bedingungen und Wirkungen begreifen. Schriftbestimmungen, die die Frage nach den Funktionen und im besonderen nach der Abbildfunktion allein in bezug auf die .Sprache' stellen, gelangen entweder zur Verabsolutierung von .Sprache' und damit zum Abhängigkeitsdogma oder isolieren, wenn sie sich vom Logozentrismus lösen, die ,Schrift' selbst und schaffen damit den Grammazentrismus. Der Semazentrismus bildet bei aller Gegensätzlichkeit im einzelnen die grundlegende Gemeinsamkeit der meisten Ansätze mit der opinio communis. Er macht die Grenzen zwischen den Ansätzen einer eigenständigen Schriftbestimmung, die ihrerseits immer wieder auf die opinio communis rekurrieren, und den Arbeiten der opinio communis, in denen die Widersprüchlichkeit des Abhängigkeitsdogmas zum Ausdruck kommt, fließend 227 , so daß allenfalls Unterschiede gradueller Art festgestellt werden können. Anders als die dogmatischen Konstruktionen der opinio communis resultieren die Versuche zur eigenständigen Schriftbestimmung aus der Auseinandersetzung mit den realen Bedingungen, Erscheinungen und Wirkungen geschriebener Sprache. Die Mängel und Grenzen dieser Versuche ergeben sich daraus, daß sie trotz aller Kritik an der opinio communis deren Dichotomien und Dogmen zum Teil doch wieder übernehmen und dadurch auf die Seite der Dogmen gegen die Sprachwirklichkeit geraten. Im Einhalten der Orientierung an der Sprachwirklichkeit liegen die Möglichkeiten dieser Versuche, einerseits das Abhängigkeitsdogma zu überwinden, ohne andererseits den Phonozentrismus durch einen Grammazentrismus zu ersetzen. Auch wenn die im Rahmen dieser Ansätze erhobenen Forderungen für die Art und Weise der Auseinandersetzung mit der geschriebenen Sprache 228 von ihnen selbst nicht eingelöst werden, sondern

226 227

228

Grundlegende Kritik an dieser Position, die in der Vorstellung von der Sprache als Spiel zum Ausdruck kommt, hat die Verf. der vorl. Arbeit an anderer Stelle geübt. S. FELDBUSCH, E. 1983. S. 1 3 0 - 1 4 8 . S. VACHEK, j. 1962. S. 4 3 3 - 4 4 8 . So läßt sich z. B. GELBS „A study of writing" in der grundlegenden Tendenz der Argumentation der opinio communis zuordnen (vgl. die Anm. 21, 22 Kap. 1 der vorl. Arbeit) und enthält gleichzeitig Aussagen im Sinne der Eigenständigkeit der Schrift (vgl. Anm. 151 und 223 Kap. 1 der vorl. Arbeit). In besonderem Maße unentschieden erweist sich EHLICH, K. 1982. S. 1 — 20; DERS. (1980). S. 335 —359 in der Auswahl der Schriftbetrachtungen, aus denen er seine Überlegungen zur .Schrift' zusammensetzt. Einerseits weist er auf Funktionen der .Schrift' hin und begreift auf dem Hintergrund der Forschungsergebnisse von SCHMANDT-BESSERAT die frühen Schriftzeichensysteme in Mesopotamien als Abbilder der Realität; seine Absicht ist es jedoch, den Schriftzeichen heute, als Zeichen für Zeichen, die Rolle eines gefahrvollen Sprachersatzes zuzuweisen. Zur folgenden Zusammenstellung von Forderungen s. im bes.: BURGER, H./IMHALSY, B. ( 1 9 7 8 ) . S. 1 1 2 ; GIESECKE, M. ( 1 9 7 8 ) . S. 2 6 7 f . ; GRÖSCHEL, B. 1 9 7 9 . S. 2 9 9 ;

64

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

entweder nur als Rechtfertigung für eine marginale Thematisierung des Problems dienen oder gerade dann erhoben werden, wenn die Verstrickung mit der opinio communis zu unlösbaren Widersprüchen führt, sind sie als erste Grobplanung wegbereitend zu einer Schriftbetrachtung aus der Analyse der Sprachwirklichkeit heraus: Um die Optimierung des Lesens und Schreibens zu erreichen und das Verhältnis von geschriebener und gesprochener Sprache, sei es als Kampf zwischen der Schreibtradition und dem mündlichen Sprachgebrauch, sei es als Resultat unterschiedlicher Kommunikationsbedingungen und funktionaler Differenzen zu begreifen, wird eine „umfassende Theorie des Umgehens mit geschriebener Sprache" 229 gefordert. Zu dieser „Theorie der Schriftlichkeit" 230 oder „Grammatologie" 231 gehöre die „Theorie der Schriftsprache" 232 ebenso wie die ,,systematische() Theorie des Schreibens und Lesens" 233 . Die Erforschung der physiologischen und psychologischen Operationen, der Kommunikationsbedingungen, der Spezifik des Materials, der Funktionen im gesellschaftlichen Zusammenhang, der phylogenetischen und ontogenetischen Entwicklung, die Einbettung der Alphabetschrift in die Geschichte der gesamten Schriftlichkeit und die Entwicklung eines der Sprachwirklichkeit adäquaten Begriffssystems werden von der geforderten grundlegenden Theorie zugleich vorausgesetzt und ermöglicht.

1.3.

Der neue Ansatz zur Bestimmung der geschriebenen Sprache — Ziel, Prämissen, Forschungsfragen, Untersuchungsbereiche

Der Forschungsansatz der vorliegenden Arbeit begründet sich aus der Zurückweisung des Semazentrismus und des Abhängigkeitsdogmas. Während der Semazentrismus die .Sprache' bzw. die ,Schrift' systematisch isoliert und die realen Ebenen des Denkens, der Gesellschaft, der Geschichte und der Materialität aus den Bestimmungsversuchen der , Schrift' ausklammert, verurteilt das Abhängigkeitsdogma die , Schrift' zu einem Schattendasein, das einer besonderen Bestimmung nicht bedürfe, da es durch die Abhängigkeit von der gesprochenen Sprache hinreichend bestimmt sei. Beide Setzungen haben sich innerhalb ihres sprachtheoretischen Konstruktes und vor allem in Konfrontation mit der Sprachwirklichkeit als unzureichende, widersprüchliche Erklärungsschablonen für die komplexen KOHRT, M. ( 1 9 7 9 a ) . S. 2 3 ; DERS. 1 9 7 9 b . S. 3 0 2 ; LUDWIG, O. 1 9 8 0 . S. 7 6 , S. 8 5 , S. 9 1 ; PENTITILA, A. 1 9 7 0 . S . 3 7 , S . 4 3 , S . 5 5 ; REED, D. W . ( 1 9 7 0 ) . S . 2 9 1 ; STEGER, H. 1 9 6 7 . S . 2 6 1 f . u n d S . 2 6 4 ; VACHEK, J. 1 9 6 5 .

S. 9 6 3 ; WEIGL, E. (1979). S. 22. 229

KOHRT, M. (1979a). S. 23.

23° LUDWIG, o . 1 9 8 0 . S . 7 6 . 231

DERRIDA, J . ( 1 9 7 4 ) .

232

WEIGL, E. ( 1 9 7 9 ) . S. 2 2 .

233

GRÒSCHEL, B. 1 9 7 9 . S. 2 9 9 .

1.3. Der neue Ansatz

65

Zusammenhänge des realen Sprachgeschehens erwiesen, die das Zustandekommen einer Theorie der geschriebenen Sprache verhindern. Forderungen und Ansätze zu einer Theorie der geschriebenen Sprache sind dagegen dort entstanden, wo das Abhängigkeitsdogma in der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen aus der realen Verwendung geschriebener Sprache zumindest teilweise durchbrochen worden ist. Die vorliegende Arbeit begreift das Geschriebene wie auch das Gesprochene als jeweils eine in System und Funktion eigenständige Existenzform der Sprache, bedingt durch und wirksam in der sie umfassenden Realität. Sie geht von der Tatsache aus, daß das Geschriebene sich entgegen allen Behauptungen der opinio communis in der Sprachpraxis als wesentlicher Bestandteil jeder wissenschaftlichen Untersuchung von Sprache erweist, definiert das geschriebene Produkt in Einheit mit dem Produktions- und Verwendungsprozeß als geschriebene Sprache und beschreibt das Verhältnis der geschriebenen Sprache zur Sprache auf der Grundlage der folgenden Untersuchungen des konkreten Materials. Die Verwerfung des Abhängigkeitsdogmas macht eine Neubestimmung auch des Verhältnisses von gesprochener und geschriebener Sprache gegen die fehlkonstruierten Dichotomien der opinio communis notwendig und möglich. Zugleich verändert sie den Stellenwert dieses Verhältnisses für die Bestimmung der geschriebenen Sprache selbst: In der behaupteten Abhängigkeit von der gesprochenen Sprache wurde die Notwendigkeit einer gesonderten Beachtung der geschriebenen Sprache aufgehoben; die Erfassung des Verhältnisses zweier eigenständiger Faktoren setzt indes die getrennte Bestimmung beider Existenzformen voraus. Die vorliegende Arbeit wählt demgemäß nicht die Beschreibung der Interferenzen und Differenzen zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, sondern die geschriebene Sprache selbst unabhängig vom Gesprochenen zum zentralen Forschungsgegenstand. Mit der Ausrichtung des Erkenntnisinteresses auf die geschriebene Sprache wird weder die Existenz der gesprochenen Sprache übergangen, noch werden ihre spezifischen Leistungen und die Notwendigkeit ihrer Erforschung bestritten. Auch werden die vielfaltigen Beziehungen zwischen den beiden Existenzformen als ein legitimes und unabdingbares Anliegen sprachwissenschaftlicher Forschung erachtet. Für die Wesensbestimmung der geschriebenen Sprache ist das Verhältnis zum Gesprochenen jedoch weder eine zentrale Thematik noch gar ihr Ausgangspunkt. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Eigenheit der geschriebenen Sprache aus den vielfältigen Bezügen der Sprachwirklichkeit im einzelnen zu erfassen und daraus die Grundzüge einer Theorie der geschriebenen Sprache zu entwickeln. Dazu rekonstruiert sie auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen die realen Gegebenheiten, in deren Rahmen sich geschriebene Sprache manifestiert, bestimmt die jeweiligen Erscheinungsformen geschriebener Sprache und setzt beide zueinander in Beziehung. Aus der differenzierten Beschreibung des

66

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

geschriebensprachlichen Materials und der Aufarbeitung seines Verwendungszusammenhanges bis hin zu den fundamentalen Lebensbedingungen seiner Produzenten und Rezipienten werden die spezifischen Strukturen, Bezüge und Funktionen der jeweiligen geschriebenen Sprache extrahiert. Geschriebensprachliches Material bildet den einen Pol, von dem aus die vorliegende Arbeit die geschriebene Sprache bestimmt. Es ist ein wesentliches und das unmittelbar zugängliche Konkretum des Untersuchungsgegenstandes. Die Analysen geschriebensprachlicher Produkte liefern Erkenntnisse über das Schreibmaterial, die Methode des Schreibens, den Aufbau und die Struktur geschriebensprachlicher Zeichen, den Grad ihrer Konventionalisierung und über die repräsentierten Gedanken, Dinge und Sachverhalte. Zugleich tragen Inhalt und Form des geschriebensprachlichen Materials maßgeblich zur Rekonstruktion auch der Momente geschriebener Sprache bei, die nicht statisch und dauerhaft und damit nicht in gleicher Weise zugänglich sind. Die grundlegenden Lebensbedingungen des Menschen in seiner Auseinandersetzung mit der Natur und der Gesellschaft und ihrer geistigen Verarbeitung bilden als die Realität, die die geschriebene Sprache umfaßt, den zweiten Pol der Untersuchung. Da sie prinzipiell eigenständig gegenüber der geschriebenen Sprache existieren, erfordern sie die Erfassung des ökonomischen, technischen, geistigen und kulturellen Entwicklungsstandes einer Gesellschaft, die Charakterisierung der daraus resultierenden wirtschaftlichen, politischen und religiösen Organisationen, Institutionen und Herrschaftsverhältnisse und die Feststellung der sozialen Verteilung von Arbeit, Bildung und Sprache unabhängig von der geschriebenen Sprache. Die Zusammenschau der grundlegenden Lebensbedingungen eröffnet das Feld, aus dem heraus die Voraussetzungen und Ursachen des Untersuchungsgegenstandes festgestellt werden können und dient gleichermaßen als eigenständige zweite Informationsquelle zur Rekonstruktion des Prozesses, dessen Produkt das geschriebensprachliche Material ist. Der vielfältige Zusammenhang zwischen der umfassenden Realität und dem geschriebensprachlichen Material ergibt sich aus der Gegenüberstellung und Zusammenschau der empirischen Gegenstandsbereiche. Im einzelnen wird untersucht, inwieweit — die gesellschaftlichen Bereiche, denen das geschriebensprachliche Material aufgrund seiner Inhalte zuzuordnen ist, mit den Bereichen übereinstimmen, in denen die Lebensbewältigung besondere kommunikative und kognitive Anforderungen stellt, und somit Verwendungsbereiche der geschriebenen Sprache festgestellt werden können, — in den Anlässen, die aus der inhaltlichen und formalen Gestaltung des geschriebensprachlichen Materials rekonstruiert werden können, die besonderen kommunikativen und kognitiven Bedürfnisse der Lebensbewältigung realisiert sind und sich daraus Verwendungszwecke der geschriebenen Sprache bestimmen lassen,

1.3. Der neue Ansatz

67

— die konkreten Umstände von Produktion und Rezeption der geschriebensprachlichen Produkte gemäß den Informationen aus dem geschriebensprachlichen Material einerseits, über die Lebensbedingungen andererseits, nachvollzogen werden können und dadurch Verwendungssituationen der geschriebenen Sprache in ihrer Struktur charakterisierbar werden, — Veränderungen der umfassenden Realität auf die Herstellung und Verwendung geschriebensprachlichen Materials zurückzuführen sind und auf diese Weise Wirkungen der geschriebenen Sprache feststellbar sind. In dem durch Bereich, Zweck, Situation und Wirkung konstituierten Verwendungs^usammenhang konzentriert sich die Verbindung zwischen der umfassenden Realität und dem geschriebensprachlichen Material. Durch seine Rekonstruktion wird die Möglichkeit geschaffen, den Werdegang von den Ursachen in den allgemeinen Lebensbedingungen zu den Resultaten in den geschriebensprachlichen Produkten und wiederunvderen Rückwirkung auf die Lebensbedingungen nachzuvollziehen und festzustellen, inwieweit die Verwendung geschriebener Sprache die Antwort auf die Erfordernisse, Möglichkeiten und Grenzen der umfassenden Realität ist. Aus der konkreten Beschreibung des geschriebensprachlichen Materials und seiner Verwendung durch die Rekonstruktion der Sprachwirklichkeit erfolgen im Gegenzug die Bestimmung und die Erklärung der Spezifik und des Wesens geschriebener Sprache. Im Zentrum beider Analyserichtungen steht die Erforschung der Strukturen, der Verwendungsabläufe und der Funktionen des geschriebensprachlichen Materials. Im konkreten Verwendungszusammenhang des jeweils besonderen geschriebensprachlichen Materials wird untersucht, — welche Strukturen das geschriebensprachliche Material ausbildet und entwickelt, — welche Verwendungsabläufe sich rekonstruieren lassen, — welche Funktionen das geschriebensprachliche Material in bezug auf welche Ebenen der Realität wahrnimmt, — inwieweit die Funktionen in ihrer Planbarkeit die zweckbestimmende Voraussetzung für die Herstellung, Gestaltung und Verwendung geschriebensprachlichen Materials bilden, — inwieweit die Verwendungsabläufe dem Verwendungszweck Rechnung tragen und die Bedingungen für das Funktionieren des Geschriebenen bereitstellen, — inwieweit die Strukturen des geschriebensprachlichen Materials dem Verwendungszweck entsprechen und welche Funktionen sie in ihren konkreten Manifestationen realisieren, — inwieweit der je spezifische Zusammenhang von Strukturen, Verwendungsabläufen und Funktionen Reaktionen der umfassenden Realität hervorruft, die die zugrundeliegenden Bedürfnisse erfüllen, neue Möglichkeiten der kommu-

68

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

nikativen und kognitiven Auseinandersetzung mit der Realität schaffen und neue Bedürfnisse entstehen lassen. Die Analyse der Strukturen, Verwendungsabläufe und Funktionen geschriebensprachlichen Materials in seinem konkreten Verwendungszusammenhang bietet zugleich den Ausgangpunkt für die Abstraktion der empirischen Ergebnisse zu grundsätzlichen Aussagen über das Wesen der geschriebenen Sprache. Bereits die Feststellung der spezifischen Strukturen, Verwendungsabläufe und Funktionen abstrahiert von der Eigenheit des einzelnen Produktes und seinem einmaligen Verwendungszusammenhang, indem sie der Betrachtung spezifische Kriterien zugrundelegt, die sie mit anderen geschriebensprachlichen Produkten vergleichbar macht. Durch Vergleich und Abstraktion werden die Merkmale herausgefiltert, die ein spezifisches System der geschriebenen Sprache konstituieren und im weiteren die Eigenheit der geschriebenen Sprache insgesamt definieren. Als geschichtliche Erscheinung unterliegt die geschriebene Sprache historischer Veränderung und Entwicklung. Sie erfordert eine historische Analyse auf allen Konkretions- bzw. Abstaktionsstufen. Die Betrachtung der Verwendungszusammenhänge gibt Einblick in die Geschichte der geschriebensprachlichen Produkte; ihr entspricht auf der Ebene eines spezifischen geschriebensprachlichen Systems die Erforschung seiner Ursachen und Veränderungsmotive, die ihrerseits die Abstraktion aller Verwendungszusammenhänge einer Sprachgemeinschaft ausmachen, und auf der allgemeinsten Ebene die Frage nach den Ursachen der Entstehung und Entwicklung geschriebener Sprache überhaupt. Die Fragen nach Entstehung und Entwicklung des Forschungsgegenstandes lassen seine Beschränkung auf gegenwärtige Formen, Inhalte und Verwendungsweisen nicht zu. Sie erfordern die Analyse auch des überlieferten Materials bis hin zu den ältesten Zeugnissen geschriebener Sprache. Auch in der historischen Erforschung nimmt die vorliegende Arbeit die Sprachwirklichkeit zum Ausgangspunkt. Sie vollzieht die Herausbildung und Entwicklung der geschriebenen Sprache entlang dem geschriebensprachlichen Material und seinen vielfältigen realen Bezügen von seinen Anfangen bis zu seinen heutigen Ausprägungen in historischer Reihenfolge nach und überprüft, inwieweit sich daraus tragfahigere Entwicklungsgesetze und Typologien der geschriebenen Sprache abstrahieren lassen als diejenigen, die allein die heute gängigen Erscheinungsformen der geschriebenen Sprache zum Maßstab nehmen. Der theoretischen Anforderung, das gesamte geschriebensprachliche Material auszuwerten, stehen seine praktisch nur begrenzte Verfügbarkeit und Verarbeitungsmöglichkeit gegenüber. Zum einen ist durch Zerfall und Vernichtung ungeahntes Material für immer verloren, anderes lagert noch unentdeckt in der Erde oder unerforscht in Museen und Bibliotheken. Auch die das Material umfassende Realität ist in der Regel gerade in ersten Ansätzen erforscht und läßt sich im einzelnen nicht vollständig rekonstruieren. Ihre Erforschung wird um so schwieriger, desto weiter sie auf die Anfänge der geschriebenen Sprache

1.3. Der neue Ansatz

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zurückgeht, zumal das geschriebensprachliche Material selbst wesentliche Quelle ihrer Rekonstruktion ist. Jede Untersuchung geschriebener Sprache muß diesen unumgänglichen Einschränkungen in ihren Ergebnissen auf allen Ebenen Rechnung tragen. Zum anderen zwingt die unermeßliche Fülle des verfügbaren Materials zur gezielten Auswahl. Der Forschungsgegenstand ist der Maßstab für die Auswahl aller zu verarbeitenden Informationen. Ausgewählt werden nicht bestimmte Schrift- oder Stiltypen des geschriebensprachlichen Materials, sondern jeweils das gesamte Material einer durch Raum und Zeit lokalisierten Einheit. Damit werden zugleich die parallel zu berücksichtigenden Ausschnitte der umfassenden Realität festgelegt. Sie erstrecken sich jeweils auf die Lebensbedingungen der Menschen des betreffenden Sprachraumes von dem Stand, der den geschriebensprachlichen Verwendungszusammenhängen vorausgeht, über die Entwicklung während der geschriebensprachlichen Verwendungsabläufe bis zu den Veränderungen, die aus den Wirkungen des geschriebenen Sprachgebrauches resultieren. Um entspechend den zentralen Forschungsfragen und unter Berücksichtigung einer notwendigen Auseinandersetzung mit der opinio communis möglichst verschiedenartige Erscheinungen der geschriebenen Sprache zu erfassen, werden in der vorliegenden Arbeit die folgenden Verwendungskomplexe geschriebener Sprache anhand konkreter Beispielmengen geschriebensprachlicher Zeugnisse untersucht: — Zeugnisse von Vorgängen, die Ansätze zur Herausbildung einer geschriebenen Sprache erkennen lassen. Als entwicklungsgeschichtlich ältestes Material bilden sie den Untersuchungsgegenstand sowohl für die über sie hinaus zurückgreifende Frage nach den Anfangen und Ursachen der geschriebenen Sprache als auch für den Ansatz zum Nachvollzug geschriebensprachlicher Entwicklungen aus ihren Anfängen. Zugleich rücken mit ihnen geschriebensprachliche Erscheinungen in den Blickpunkt, die von der opinio communis der Sprachwissenschaftler aufgrund fehlender Übereinstimmung mit der gesprochenen Sprache als .Vorstufen' aus der ,Schrift im eigentlichen Sinne' ausgeklammert werden. Die Auswahl der Beispiele wird hier noch nicht auf einen räumlich und zeitlich festgelegten Verwendungskomplex eingeschränkt. Vielmehr wird versucht, durch die Analyse räumlich und zeitlich unterschiedlicher Exemplare die Bandbreite der Bedingungen für die Herausbildung geschriebener Sprache zu erfassen. — Anfange geschriebensprachlicher Zeichensysteme. In ihren konkreten Erscheinungen bilden sie den materiellen Untersuchungsgegenstand für den Übergang vom spezifischen, je einem Verwendungszweck verhafteten Zeichenmaterial zu einem Zeichensystem, das vom ursprünglichen Verwendungszusammenhang abstrahiert und in neue Zusammenhänge übertragen wird. Zugleich wird damit ein Zeichensystem untersucht, das auch von der herkömmlichen Typologie nicht mehr als ,Nicht-Schrift' ausgeklammert werden kann und infolgedessen primär als entscheidender Schritt zur

1. Sprachtheoretische Bestimmungen der geschriebenen Sprache

Phonetisierung der .Schrift' charakterisiert wird. Als Beispiel für die Entwicklung eines derartigen Zeichensystems werden die Anfänge der geschriebenen Sprache in Mesopotamien untersucht. Sie gelten als die älteste ,Schrift' der Welt. Die Bemühungen um ihre Entzifferung haben in neuerer Zeit große Fortschritte erzielt. die Entstehung und Entwicklung eines heute aktuellen Systems geschriebener Sprache. Die Untersuchung eines solchen Systems weist auf den gegenwärtigen Stand eines Zweiges der Entwicklung geschriebener Sprache. Im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der opinio communis wird auch in der vorliegenden Arbeit der Zweig mit der größten Affinität zur gesprochenen Sprache ausgewählt. Die sogenannten ,phonetischen Schriften' sind ein Entwicklungsstrang geschriebener Sprache, der u. a. in Mesopotamien seinen Ausgang nimmt und über verschiedene Entwicklungsstufen und Systeme in die heute gebräuchlichen Systeme der .Buchstabenschriften' mündet. Die Fragen nach Ursprung und Entwicklung lenken das Erkenntnisinteresse auch hier im besonderen auf die Anfänge des zu untersuchenden Systems. Gerade diese Anfange markieren zugleich historisch jenen imaginären Zustand, den die opinio communis je nach Perspektive als Ziel oder als Ausgangspunkt der ,Schrift'entwicklung angibt: die völlige Übereinstimmung geschriebener und gesprochener Sprache. Exemplarisch für die Entstehung und Entwicklung eines heute aktuellen Systems geschriebener Sprache wird die geschriebene deutsche Sprache schwerpunktmäßig in der Frühphase ihrer Entwicklung herangezogen. Darüber hinaus werden markante Entwicklungstendenzen geschriebener deutscher Sprache bis in die Gegenwart einbezogen.

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache aus ihren jeweiligen historischen Verwendungskomplexen 2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen der geschriebenen Sprache 2.1.1. Zur Bedeutung des entwicklungsgeschichtlich ältesten Analysematerials für die Frage nach den Ursprüngen der geschriebenen Sprache Je älter die Zeugnisse früher Entwicklungsformen geschriebener Sprache sind, desto näher rückt ihre Untersuchung an die Ursprünge der geschriebenen Sprache heran. Doch läßt sich kein Zeugnis als das erste identifizieren. Zum einen ist fraglich, inwieweit der Anfang der Entwicklung geschriebener Sprache bestimmt werden kann, ohne daß eine willkürliche Klassifizierung die jeweils vorangegangenen Entwicklungsstufen ausklammert. Zum anderen fallen die Ursprünge der geschriebenen Sprache in eine Zeit, die, insofern Schriftzeugnisse zu ihrem Verständnis nicht oder nur äußerst begrenzt herangezogen werden können, als prähistorisch charakterisiert wird. Kenntnisse über diese Zeit sind allein von den Funden und Rekonstruktionen der Archäologen abhängig. Es bleibt immer unsicher, ob es zu den jeweils ältesten ausgegrabenen Schriftzeugnissen noch unbekannte Vorläufer gegeben hat, und es ist auf dem heutigen Stand der Forschung keineswegs abzusehen, ob nicht ursprüngliche Formen des geschriebensprachlichen Ausdruckes bis in die Anfange der Menschheitsgeschichte überhaupt zurückreichen. Je weiter die Zeugnisse zurückdatieren, desto lückenhafter sind die Kenntnisse über ihre Bedeutung und ihren Verwendungszusammenhang. Das Dunkel um die Ursprünge geschriebener Sprache läßt breiten Raum für vielfaltige Spekulationen und jeweils in ihrem zeitlichen und kulturellen Kontext verhaftete Deutungen. Diese enthalten oft weniger Informationen über die realen Entstehungsbedingungen der, Schrift' als über die Einschätzung ihrer Bedeutung, ihrer Gefahren und ihres Verhältnisses zum Gesprochenen durch den Spekulanten. Eine wesentliche Wurzel derartiger Spekulationen und Deutungen ist die Auffassung von der Erfindung der , Schrift' durch Götter oder götterähnliche Wesen in der mythischen Tradition der alten Kulturvölker. Eine sumerische Sage berichtet, daß ENMERKAR, der Sohn des Sonnengottes UTU als erster Mensch auf Tontafeln schrieb. Spätere babylonische Sagen nennen OANNES, ein Wesen halb Mensch, halb Fisch, oder den Gott NABU, den Schreiber der Götter, als die

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2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Erfinder der .Schrift'. Auch die Ägypter verehrten ihren Gott der Sprache, des Wissens und der Künste, den Schreiber der Götter, T H E U T oder THOTH, als den Urheber der ,Schrift'. Nach chinesischer Überlieferung haben der Kaiser FU XI oder H U A N G D I oder DA YU die Schriftzeichen aus den Zähnen eines großen Drachenpferdes gezogen. Eine andere Sage überliefert, daß C A N G J I E und sein Mitarbeiter ju SONG, der Sekretär von H U A N G DI, die Erfinder der ,Schrift' seien. Sie wurden später als „zi shen" (Gottheiten der, Schrift') verehrt. Inder, Griechen, Iren, Germanen und viele andere Völker pflegen ähnliche Sagen über die Schriftentstehung.1 Mit der These von der Erfindung der .Schrift' durch einen Gott oder ein gottähnliches Wesen, wird zum einen bereits die Willkür und Zufälligkeit der Schriftentstehung unterstellt, zum anderen aber noch die Leistung und die Bedeutung der Schriftentwicklung hervorgehoben. Über die mythische Tradition hinaus hat sich mit dem Gedanken der Schrifterfindung 2 das Bild einer willkürlich und zufallig entstandenen .Schrift' bis in die heutige Sprachwissenschaft behauptet. Lediglich insoweit der göttliche Ursprung heute zurückgewiesen wird, geraten die Leistungen und die Bedeutung der geschriebenen Sprache außer Betracht. Ob explizit formuliert oder implizit vorausgesetzt, wird der Schluß gezogen: Die ,Schrift' ist ohne zwingenden Grund entstanden; eigene Funktionen und eigene Bedeutung kommen ihr nicht zu; sie ist für die kommunikative und kognitive Tätigkeit des Menschen entbehrlich und spielt für die historische Entwicklung der Menschheit keine Rolle; im besten Falle hat sie Ersatzfunktion für die Rede. Zwar weist J E N S E N in seiner grundlegenden Untersuchung zur Geschichte der .Schrift' darauf hin, daß diese nicht mit einem Male da war, nicht eigentlich erfunden worden sei, sondern „aus keimhaften Ansätzen im Laufe langer Zeiten

1

V g l . u . a . K R A M E R , s . N . ( 1 9 5 9 ) . S . 3 0 ; J E N S E N , H . 1 9 2 5 . S . 2 8 ; FÖLDES-PAPP, K . ( 1 9 7 5 ) . S . 3 .

Das Beispiel der Israeliten, das FÖLDES-PAPP ebd. in diesem Zusammenhang anführt, trifft nicht zu. Offenbar handelt es sich bei der Auslegung der Bibeltextstelle (2, MOSE 32,15 — 16) „Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand, die waren beschrieben auf beiden Seiten. Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben" bei FÖLDES-PAPP um ein Mißverständnis. Die Textstelle ist m. E. nicht zu verstehen im Sinne Gott als Erfinder der .Schrift', sondern Gott als der Schöpfer der „Heiligen Schrift", also des Bibeltextes, MOSE war schon wegen seiner Erziehung kein Analphabet: Wie hätte er sonst die Schriftzeichen lesen können? 2

Der Begriff der .Schrifterfindung' wird unterschiedlich verwendet. Zum einen wird aus dem uralten Topos der ,inventio' die Zufälligkeit der .Schrift' gefolgert (erfinden = finden), zum anderen wird umgekehrt geschlußfolgert: erfinden = produktiv, geplant erfinden. In verschiedenen Fällen geht aus der Verwendung des Begriffes nicht hervor, welche der Bedeutungen zugrundeliegt. S. z.B. FÖLDES-PAPP, K. a.a.O. S. 59: „Die meisten Schrifthistoriker nehmen an, daß die großen Schriftsysteme des Alten Orient von je einem einzigen Menschen erfunden worden sind." Im weiteren s. u. a. GELB, I. J. 1974 (1952). S. 199, wenn er bedauert, daß die Namen der Erfinder der Schrift nicht bekannt seien. Ebenso s. SCHMITT, A. 1980. S. 319 — 326.

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

73

herausentwickelt worden und zu immer größerer Vollkommenheit gelangt" 3 sei, und GELB argumentiert in seiner Abhandlung über die Schriftentwicklung in die gleiche Richtung 4 , aber die Beschreibung der Entwicklung von den .Vorstufen der Schrift' über die Wortsilben- und Silbensysteme bis hin zu alphabetischen Schriftsystemen im einzelnen reicht nicht aus, um die Frage nach den bedingenden Faktoren für die Entstehung und Herausbildung der geschriebenen Sprache zu beantworten. 5 NERIUS geht mit seiner Behauptung einen Schritt weiter: „Infolge der kommunikativen Bedürfnisse der Gesellschaft entsteht auf höheren Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung nach und neben der gesprochenen auch die geschriebene Sprache. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte, die Lebensbedingungen und Bedürfnisse der Gesellschaft erfordern von einer bestimmten Stufe an die Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten über die engen Grenzen der Zeit und des Raumes, wie sie durch die gesprochene Sprache gezogen sind." 6 Aus der historischen Notwendigkeit folgert NERIUS grundsätzliche funktionale Unterschiede zwischen beiden Formen der Sprache, die „zweifellos überhaupt die Grundlage für die Entwicklung der geschriebenen Sprache" 7 bilden. Allerdings bleiben die Feststellung der historischen Notwendigkeit der geschriebenen Sprache sowie der Vermittlungszusammenhang zwischen dieser Bedingtheit und der qualitativ funktionalen Unterschiedenheit der geschriebenen Sprache von der gesprochenen theoretisch und allgemein. Im Unterschied zu mythisch-dogmatischen Spekulationen und allgemeintheoretischen Problematisierungen gewinnt die vorliegende Arbeit Informationen auch über die Ursprünge der geschriebenen Sprache aus der Analyse der frühesten bisher bekannten Entwicklungsformen geschriebener Sprache. 8 Jahrzehntausende vor den ersten bekannten .eigentlichen Schriftsystemen' in Mesopotamien, Ägypten und China wurden bereits Formen gegenständlicher und graphischzeichnerischer Kommunikation verwendet. Derartige Ansätze zur Herausbildung

3 JENSEN, H. 1 9 2 5 . S . 7 .

* S. GELB, I.J. 1 9 7 4 ( 1 9 5 2 ) . S. 1 9 9 . 5

6

GELB stellt a. a. O. S. 23 selbst fest: "It is not the treatment of the epistemological questions what?, when?, and where? but that of how? and, above all, why? that is of paramount importance in establishing the theoretical background of a science. Disregarding a few notable exceptions in the case of individual systems, such questions have rarely, if ever, been posited and answered in the general field of writing." NERIUS, D. 1 9 7 5 . S . 1 8 .

i A.a.O. S. 19. 8 Beispiele für die sog. Vorstufen der Schrift finden sich in nahezu allen Standardwerken zur Schriftgeschichte zahlreich. An dieser Stelle ist allerdings auf einen grundlegenden Mangel der gängigen Schriftgeschichten hinzuweisen. Die dort aufgeführten Beispiele werden nahezu ausnahmslos lediglich im Sinne einer Auflistung rein beschreibend konstatiert. Auf die Darstellung des Erklärungszusammenhanges wird in der Regel vollständig verzichtet. Diese Kritik trifft auch auf die grundlegende schriftgeschichtliche Literatur zu. S. JENSEN, H. 1925. S. 8 —19 und S. 21 — 26, ebenfalls s. GELB, I.J. 1974 (1952). S. 3 - 7 und S. 2 4 - 5 9 .

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2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

der geschriebenen Sprache sind nicht auf die frühen Phasen der Menschheitsgeschichte beschränkt geblieben. Sie finden sich bis in die heutige Zeit bei Völkern, die über noch keine ausgebildeten Systeme geschriebener Sprache verfügen, und für je spezifische Zwecke auch in den Kulturen, die auf der Verwendung geschriebensprachlicher Systeme basieren. Ihre Charakterisierung als .Vorstufen' der geschriebenen Sprache ist nicht an eine spezifische zeitliche Phase in der Menschheitsgeschichte gebunden, sie bezeichnet vielmehr eine logisch-klassifizierende Entwicklungsstufe auf dem Wege zur geschriebenen Sprache. In den herkömmlichen Definitionen wird die Kennzeichnung ,Vorstufen der Schrift' unterschiedlich nur auf gegenständliche (JENSEN), auf gegenständliche und graphisch-zeichnerische (GELB) oder nur auf graphisch-zeichnerische (FÖLDESPAPP) Ausdrucksformen bezogen. 9 Die folgende Untersuchung bezieht sowohl gegenständliche als auch zeichnerische Entwicklungsstränge zur geschriebenen Sprache ein. Inwieweit eine Abgrenzung der ,Vorstufen' gegenüber der eigentlichen Schrift' möglich und notwendig ist, und unter welchen Kriterien sie ggf. zu treffen ist, bleibt dem Vergleich dieser frühen Ansätze zur geschriebenen Sprache mit den ausgebildeten geschriebensprachlichen Systemen vorbehalten.

2.1.2. Gegenständliche Vorformen geschriebener Sprache Beispiel 1: Botenstäbe (Australien, o. Zeitangabe)

1

2

3

4

Abb. 5: Australische Botenstäbe (nach WEULE) 9

JENSEN, H. 1925. S. 13 spricht bereits von „Schrift im eigentlichen Sinne (...), wenn der Zweck der Mitteilung durch zeichnende Tätigkeit erfüllt wird", und legt damit den Bereich der Vorstufen auf gegenständliche Ausdrucksformen fest. Nach GELB, I. J. 1974 (1952). S. 13 liegt dagegen erst dann eine vollentwickelte Schrift vor, wenn sprachliche Elemente durch sichtbare Zeichen wiedergegeben werden. Zum Bereich der Vorstufen ist nach GELB über die sog. Gegenstandsschrift hinaus auch die graphisch-zeichnerische Ausdrucksform zu rechnen, die JENSEN, H. 1925. S. 13 — 19 bereits als .Ideenschrift' gelten läßt. S. dazu GELB, I. J. 1974 (1952). S. 29 — 36. Die von GELB gezogene Grenze zwischen Vorstufen und Schrift erläutert er u. a. am Beispiel der Inschriften mittelamerikanischer präkolumbianischer Kulturen. Vgl. dazu a.a.O. S. 51 — 59. Ähnlich s. FRIEDRICH, J. 1966. S. 24 und FÖLDES-PAPP, K. (1975). S. 5 9 f . FÖLDES-PAPP (a.a.O. S. 7) betrachtet die frühesten zeichnerischen Denkmäler des Menschen als „erste( ) Vorstufen zur Schrift".

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

75

„1. Stamm der Tongaranka (westl. Neu-Südwales). Inhalt der Botschaft: Ein Mann A, seine zwei Brüder und zwei andere alte Männer haben ihr Lager an einer Wasserstelle aufgeschlagen. Sie lassen einem Manne B sagen, er möge seinen Sohn zur Jünglings weihe zu ihnen schicken. Zwei andere Knaben seien bereits zur Stelle. Erklärung: Kerbe a der Empfänger der Botschaft, B. b — d Sohn von B und die zwei Knaben, die initiiert werden sollen, e — g der Absender A und seine zwei Brüder, h — i die beiden anderen alten Männer. 2. Stamm der Narang-ga (Ostküste des Spencer-Golfs, Südaustralien.) Inhalt der Botschaft: Einladung zu einem Korroborri. Erklärung: Kerbe a vier alte Männer, die zur Teilnahme am Tanz eingeladen werden, b die Frauen, die außer den vier alten Männern eingeladen sind, c die übrigen Männer, die noch eingeladen sind, d der Absender der Botschaft, e die drei Sänger, die den Tanz mit ihren Liedern begleiten werden, f die Frauen des einladenden Stammes, g die Männer des einladenden Stammes. 3. Stamm der Mundainbura (Durham Downs, Queensland). Inhalt der Botschaft: Einladung an die verschiedenen Unterklassen des Stammes zu einem gemeinsamen Korroborri. Erklärung: Kerben rechts: Männer der Unterklasse der Kurgilla. Kerben links: Männer der Unterklasse der Kuburu. Punkte rechts: Männer der Unterklasse Kunbe. Punkte links: Männer der Unterklasse der Wungu. Anmerkung: Dieser Botenstab verdient wegen des folgenden Sachverhalts besondere Beachtung. Er wurde bei Gelegenheit dem Stamme der Dalebura (Lammermore-Station, Queensland) vorgelegt, der die gleichen Unterklassen hat, wie der Stamm der Mundainbura. Die befragten Männer vermochten anzugeben, daß die Kerben rechts die Unterklasse der Kurgilla, die links die Unterklasse der Kuburu bezeichnen sollen. Die Punkte freilich hielten sie für eine Aufforderung zu einer Zusammenkunft. 4. Stamm der Boinji (Boulia-Distrikt, Queensland). Inhalt der Botschaft: Aufforderung eines Mannes an andere, sich an dem Versammlungsplatz einzufinden. Erklärung der Zeichen: Sie sollen verschiedene Orte darstellen, die wohl auf dem Wege nach dem Versammlungsplatz zu passieren sind. Fig. a Sandhügel, b versandeter Bach, c Sandhügel. (Diese drei Orte bezeichnen das Gebiet, wo die Boinji ihr Hauptlager haben), d das Gebiet bei Marion Downs. e Ebenen und offenes Flachland, f Ort bei Boulia. g Hamilton River, h der verabredete Versammlungsplatz." 10

Die Verwendung von Kerbhölzern oder Botenstäben wurde bei den australischen Stämmen zur Zeit ihrer Entdeckung auf einer Kulturstufe vorgefunden, die durch in Ansätzen vorhandene Seßhaftigkeit gekennzeichnet ist. Zwar waren die Australier als Jäger, Sammler und stellenweise Fischer von den natürlichen Nahrungsvorkommen sowie den klimatischen Gegebenheiten der jeweiligen Region abhängig und dadurch gezwungen, in der Hauptsache eine

10

weule, K. 1915. S. 64.

76

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

umherschweifende Lebensweise zu führen, doch hatten die noch lockeren Verbindungen in Stämmen, vor allem aber die ökonomischen Grundeinheiten der Lokalgruppen in der Regel festgelegte Schweifgebiete, in denen sie sich aufhielten.11 „Die Art der Nutzung des Lokalgruppengebietes richtete sich völlig nach den natürlichen Bedingungen. So konnte es geschehen, daß zeitweise die ganze Lokalgruppe zusammen siedelte, während sie zu anderen Zeiten in mehr oder weniger kleineren Gruppen im ganzen Siedlungsgebiet verstreut lebte. Die Voraussetzung für große Gemeinschaftslager, von denen aus verschiedenen Gebieten Australiens Berichte vorliegen, (...) war das Vorhandensein ausreichender Lebensmittelmengen auf verhältnismäßig begrenztem Gebiet. Das war nicht überall und vor allem nur verhältnismäßig selten für längere Zeit der Fall. Die besten Voraussetzungen dafür waren im gut bewässerten Norden des Landes vorhanden, und hier wird von regelrechten Standlagern während der Regenzeiten berichtet, die einen üppigen Pflanzenwuchs hervorbrachten und reiche Möglichkeiten zu gemeinschaftlichen Fischfangunternehmen boten. Während der Trokkenzeiten dagegen, wo die Lebensmittel spärlicher zu finden waren, zersplitterten sich auch hier die Lokalgruppen und lebten im ganzen Territorium verteilt. (...) Im trockenen Innern Australiens waren größere Lager seltener; hier überwog die Zersplitterung der Lokalgruppen in kleinere Teilgruppen, die nur wenige, manchmal sogar nur eine EinzelfamilieQ umfaßten." 12 Die Zusammenkünfte ganzer Lokalgruppen oder Stämme an bestimmten Versammlungsplätzen dienten vor allem den besonders ertragreichen Gemeinschaftstreibjagden kurz vor der Regenzeit und größeren Fischfangunternehmungen sowie dem gemeinsamen Verzehr des Erbeuteten und der von den Frauen in der Erntezeit reichlich gesammelten Nahrung im Rahmen großer Stammesfeste und unter Durchführung feierlicher Zeremonien. „Der Stamm hatte jedoch noch keine ökonomische Grundlage. Er war gekennzeichnet durch die gleiche Sprache und bestimmte kulturelle Besonderheiten, besaß verschiedentlich auch einen besonderen Namen und hatte häufig die Aufgabe, die Stammeszeremonien durchzuführen." 13 Während der primäre Bereich der Nahrungsmittelgewinnung und -distribution noch ohne Zwischenschaltung eines Tauschsystems geregelt war, konnten sich infolge der relativen Seßhaftigkeit der Lokalgruppen innerhalb einer bestimmten Region vielfaltige und ausgedehnte Handelsbeziehungen für Erzeugnisse der handwerklichen Produktion oder Naturprodukte bzw. Rohstoffe herausbilden, die bereits weit über die Stammesgrenzen reichten.14 Diese Tauschhandlungen dienten in der Hauptsache dem Zweck, die in den einzelnen Lokalgruppen- und Stammesgebieten unterschiedlich vorkommenden Rohstoffe » S. S E L L N O W , I . 1961. S. 1 2 3 - 1 5 0 . 12 A . a . O . S. 141. 13 A.a.O. S. 158. 14 S. dazu a.a.O. S. 133 und S. 157.

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

77

sowie die daraus am Ort hergestellten Handwerkszeuge gleichmäßig zu verteilen. „Verschiedentlich waren bestimmte Plätze vorhanden, an denen sich die Vertreter zahlreicher Stämme trafen, um ihre Erzeugnisse gegenseitig auszutauschen, so z. B. Kopperamanna am Cooper, Ingodna am unteren Finke, Djerkali am Fitzroy usw. (...) Eine Anzahl von Tauschhandlungen vollzog sich in zeremonieller Form; (...) in anderen Fällen bestanden feste Tauschpartnerschaften zwischen Angehörigen verschiedener Stämme bzw. Lokalgruppen, die Verwandte sein konnten, aber nicht zu sein brauchten. (...) Manchmal tauschten Individuen miteinander, manchmal ganze Gruppen. Die auffallendste Erscheinung unter den Austauschformen aber waren die traditionellen Tauschringe, die sich speziell im Norden des Landes fanden. Diese Tauschzirkel beruhten auf festen Tauschpartnerschaften zwischen Angehörigen verschiedener Lokalgruppen bzw. Stämme, unter denen ständig bestimmte Erzeugnisse zirkulierten. Es herrschte dabei ein ständiges Geben und Nehmen, wobei jedes Mitglied dieses Tauschringes etwa dasselbe an Wert erhielt wie es abgab. Der Kreis der dabei beteiligten Personen konnte sehr groß sein und über Hunderte von Meilen verstreut leben." 15 Aus den Veränderungen der Lebensverhältnisse, bedingt durch eine wenn auch noch relative Seßhaftigkeit, entwickelten sich in Ansätzen neue Formen im kommunikativen Verkehr. Die Beispiele 1,1—4 belegen, wie diese neuen Formen in Australien zunächst aus der Notwendigkeit entstanden, fallige Zusammenkünfte zu organisieren. In allen vier Fällen handelt es sich um Einladungen bzw. um Aufforderungen, an einen bestimmten Versammlungsplatz zu kommen. Insbesondere die Organisation in größeren Gemeinschaften und der aufkommende Tauschhandel verlangten eine Kommunikationsform, die die Übermittlung von Informationen über größere räumliche Entfernungen gestattete. Die grundlegende, dem Gebrauch eines Botenstabes zumindest planerisch vorausgegangene Möglichkeit, den Austausch zwischen zwei räumlich entfernten Kommunikationspartnern S und E herzustellen, bestand in der Zwischenschaltung einer weiteren Person, eines Boten B, der die räumliche Entfernung als Nachrichtenträger zurücklegte: Der Sender S entäußert seine Nachricht Mj an den Boten B. Dieser ist zunächst Empfänger B E und muß M, dekodieren. Seine Aufgabe ist es dann, die Botschaft zu speichern, sie bis zum Empfanger E zu transportieren B T , gegenüber E die Rolle des Senders zu übernehmen B s und seine Nachricht M 2 mitzuteilen. Auf diese Weise wird ein Kommunikationsablauf hergestellt, dessen Bestandteile räumlich und zeitlich voneinander getrennt durchgeführt werden können. Die Anwesenheit von S und E ist jeweils nur noch für ihren Teil des Ablaufes, die Sendung bzw. den Empfang erforderlich. Bindeglied zwischen Sendung, Empfang und dem dazwischenliegenden Transport ist die Person des Boten.

15 A . a . O . S. 134.

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2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Macht die Zwischenschaltung eines Boten einerseits die Kommunikation über räumliche Entfernungen hinweg erst möglich, so birgt sie ihrerseits über die Störfaktoren jeder unmittelbaren Kommunikation hinaus weitere Fehlerquellen, die den Erfolg der Nachrichtenübermittlung fraglich machen oder sogar gänzlich vereiteln können. Jede notwendige Leistung des Boten gefährdet bei potentieller Störung den Kommunikationsvorgang. Als Empfanger B E kann der Bote die Mitteilung Mj gar nicht, falsch, unvollständig oder anders verstehen, als sie vom Sender S gemeint ist, als Nachrichtenträger B T kann er Teile des Gespeicherten vergessen, als Sender B s kann er die Mitteilung als M 2 falsch oder unvollständig wiedergeben, Teile vertauschen etc. Je komplizierter die Botschaft ist und je größer die Entfernung, um so stärker wird der Einfluß dieser Störfaktoren auf das Verhältnis der Mitteilungen Mj und M 2 . Bei jeder Nachrichtenübermittlung durch einen Boten muß demnach in Kauf genommen werden, daß die Botschaft aufgrund der genannten Störfaktoren möglicherweise nicht in der beabsichtigten sprachlichen Fassung und Bedeutung wiedergegeben wird, sondern, überlagert durch die sprachliche und inhaltliche Fassung des Boten, den Empfanger mehr oder weniger verändert erreicht.

->M,

»Br

-*b t

Schallwellen

Speicherung im Gedächtnis

-Code-

Merkzeichen : Botenstab

t

->BC

f

»-E

Schallwellen

Code

Abb. 6: Kommunikationsmodell mit Botenstab

Unter Beibehaltung des Botensystems schützten die Australier die zahlreichen Einzelangaben ihrer Botschaften durch repräsentierende Einkerbungen auf dem Botenstab. Die Funktion des Botenstabes bestand darin, den Boten an seine Nachricht zu erinnern. Diese Funktion wird um so bedeutsamer, je größer die Entfernung zwischen den Kommunikationspartnern und vor allem, je komplexer die Botschaft wird. So enthält der im Beispiel 1,4 dargestellte Auftrag zahlreiche Einzelangaben, um den Weg zum Versammlungsplatz zu finden (immerhin sind es acht Ortsangaben). Wenn der Zweck der Mitteilung erreicht werden soll, müssen die Informationen vollständig, voneinander wohl unterschieden und in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben werden. Hinsichtlich der hohen Gedächtnisleistung, die von dem Boten gefordert wird, erhält der Botenstab eine wichtige Entlastungsfunktion. Durch bestimmte Einkerbungen können wesentliche Informationen über die zu übermittelnde Nachricht dauerhaft fixiert und somit von der Gedächtnisleistung des Überbringers unabhängig gemacht werden. Die einfachste

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

79

Form der Botenstäbe gibt dem Boten durch die Anzahl der Einkerbungen an, wieviel Informationen er übermitteln muß. In den Beispielen 1,1 und 1,2 werden durch unterschiedliche Abstände der Kerben zueinander bereits bestimmte Gruppen von Informationen zusammengefaßt. In den Beispielen 1,3 und 1,4 wird darüber hinaus die Verschiedenheit der Informationen berücksichtigt, indem hier die Einschnitte je nach Bedeutung verschiedene Formen erhalten.16 Insofern die Kerben aber noch nicht die Botschaft selbst repräsentieren, sondern lediglich als Merkzeichen für den Boten fungieren, bleibt der Empfang der Nachricht von der mündlichen Überlieferung abhängig. Wenn die Verwendung von Botenstäben auch nur erste Ansätze in der Entwicklung zur geschriebenen Sprache kennzeichnet, so bedeutet sie doch entsprechend der kommunikativen und kognitiven Bedürfnisse auf der dargestellten historischen Entwicklungsstufe der beginnenden Seßhaftigkeit eine grundlegende und notwendige Erweiterung der kommunikativen und kognitiven Möglichkeiten. Ohne die gedächtnisentlastende Funktion der Botenstäbe wären vor allem kompliziertere Botschaften in weit höherem Grade der Gefahr der Verfälschung infolge unzureichender Gedächtnisleistungen des Boten ausgesetzt. Beispiel 2: Schnur mit Gegenständen (Togo, um 1900) „Missionar SPIETH fand ( . . . ) in der Hütte eines Ewenegers in Togo eine Schnur, an der allerlei kleine Gegenstände aufgereiht waren, z. B. eine Feder, ein Stein und Ähnliches. SPIETH hielt das Ganze für einen Zauber, wurde aber darüber belehrt, daß es sich um eine Sprichwörtersammlung handelte. Die Eweleute besitzen eine große Menge treffender und zum Teil sarkastischer Sprichwörter, und es ist Sitte, wenn jemand vor Gericht oder in der Volksversammlung spricht, daß er die Abschnitte seiner Rede mit einem Sprichwort schließt, um des Beifalls der Umstehenden sicher zu sein. Der Ewemann hat also einen starken Bedarf an Sprichwörtern, und jene Schnur hatte den Zweck, ihm die bekannten immer wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Jeder der Gegenstände stellte das Stichwort eines solchen Sprichworts dar und war somit einer kurzen Notiz vergleichbar, wie wir sie uns über irgendeinen sonst gut bekannten Gegenstand machen." 17

Beispiel 3: Gegenstände im Netz des Sängers (Westafrika, Ende 19. Jh.) „(T)he minstrels (...). I have seen one in Accra, one in Sierra Leone, two on board steamers, and one in Buana town, Cameroon. Briefly, these are minstrels who frequent market towns and for a fee sing stories. Each minstrel has a song-net — a strongly made net of fishing net sort. On to this net are tied all manner and sorts of things, pythons' back bones, tobacco pipes, bits of china, feathers, bits of hide, birds' heads, reptiles' heads, bones, etc., etc., and to every one of these objects hangs a tale. You see your minstrel's net, you select an object and say how much that song. (...) you haggle; (...) finally you settle on some object and its price, and sit down on your heels and listen with rapt attention to the song, or, rather, chant. (...) These song-nets, I may remark, are not of a regulation size." 18

16

V g l . JENSEN, H. 1 9 2 5 . S . 9 .

17

MEINHOF,

18

KINGSLEY, M . H . 1 9 0 1 . S . 1 2 6 .

c. 1911. S. 2 f. MEINHOF stützt seinen Bericht auf die mündliche Überlieferung von Missionar SPIETH. — SPIETH, j. 1906 b. S. 75* weist darauf hin, daß BÜRGI 918 Sprichwörter der Ewe gesammelt hat. SPIETH selbst gibt a.a.O. S. 599 — 612 128 davon wieder.

80

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Wo es fruchtbaren Boden gab und die Regenzeiten ausreichten, konnten Stämme feste Stammesgebiete beziehen, wie die Ewestämme und Stammesfamilien, die in die Feuchtsteppen des heutigen Togo von der Küste bis in die Berge siedelten. Sie bauten Bohnen, Kartoffeln, Taro, Hirse, Reis, Yams und Mais, verschiedene Obstsorten, Ölpalmen und Baumwolle an. Im Küstenstreifen und an den Flußläufen wurden Fischfang betrieben und vereinzelt große Rindviehherden gehalten. Im Inneren des Stammesgebietes wurde der Ackerbau durch Kleinviehund Geflügelhaltung sowie durch Jagen ergänzt. Neben den Ackerbauern, Fischern und Jägern spezialisierten sich Mattenflechter, Weber, Schmiede und Händler. Auf Märkten wurden die unterschiedlichen Erzeugnisse ausgetauscht. Anbau, Jagd, Viehzucht und Fischfang erfolgten unter günstigen Bedingungen, so daß sie, wie SPIETH 1906 feststellte, „zwar eine gewisse Kulturhöhe erreicht haben, dann aber auf einem Punkte stehen geblieben sind. Die Hacke und der Webstuhl von heute sind noch ganz ebenso wie vor hundert Jahren." 19 Die gesellschaftliche Organisation verharrte entsprechend in den Stammesstrukturen, die einerseits Häuptlinge und Könige als Führer der Gemeinschaften nicht zuletzt für die stammesübergreifenden Fehden und Kriege, andererseits die Regelung der Dorfangelegenheiten auf Dorf-, Rats- und Gerichtsverhandlungen zuließen. Häufige Versammlungen führten zum einen zu ritualisierten Verhandlungsabläufen, zum anderen zur Bedeutung rhetorischer Gewandtheit. Die Versammlungen bildeten einen Teil des Gemeinschaftslebens, dessen örtlicher Mittelpunkt, der Dorfplatz, zugleich Sammelpunkt für Spiel und Unterhaltung war. Wenn dazu „(f)ür Musik und Gesang (...) Lehrmeister von auswärts gegen gute Bezahlung" 20 eingeladen wurden, so drängt sich der Schluß auf, daß diese reisenden Sänger nicht nur das Musikmachen lehrten, sondern, analog zu den fahrenden Sängern des europäischen Mittelalters, in ihren Liedern zugleich Nachrichten und Geschichten „von auswärts" vermittelten. Infolge der Seßhaftigkeit bestanden Aufbewahrungsmöglichkeiten für Gegenstände über das Lebensnotwendige hinaus. Plastiken als Kultgegenstände, Zaubermittel, Körperschmuck, mit Ornamenten verzierte Haushaltsgeräte, mit Wappen versehene Waffen, Bilder von Jagdszenen auf Hüttenwänden und Kaurimuscheln als gebräuchliches Äquivalent im Tauschhandel sind überlieferte Zeugnisse für die Verwendung gegenständlicher Repräsentanten für reale Lebenszusammenhänge. Sprichwörter und Gesänge sind nicht für den einmaligen Gebrauch bestimmt. Sie stellen in kurzer und einfacher Form die Erfahrungen und Kenntnisse vieler Generationen gebündelt zur Verfügung. In ihren weitgehenden Verallgemeinerungen können sie auf viele Fälle des täglichen Lebens übertragen werden und finden durch die Vermittlung sozialer Normen als Mittel der Handlungsorientierung Verwendung. Als solches sind sie gerade in einer Zeit, in der noch keine 19 SPIETH, j . 1906a. S. 48.

2" A . a . O . S. 54.

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

81

Möglichkeiten bestehen, die vielen Einzelerfahrungen über das Gedächtnis hinaus nach Bedarf abrufbar zu konservieren, von großem Wert. Der für den Menschen zur Bewältigung seines Lebens notwendige Erfahrungsschatz kann im Gedächtnis gespeichert und abgerufen werden, solange er überschaubar ist. Je größer und differenzierter der Erfahrungsschatz wird, als desto schwerwiegender wird die Grenze erfahren, daß die Gedächtniskapazität der einzelnen Menschen, auch wenn sie mitunter erhebliche Ausmaße annehmen kann, grundsätzlich nicht beliebig ausdehnbar ist. Über einen gewissen Entwicklungsgrad hinaus kann auch der geübteste Chronist, Sänger oder Redner die gesamten gesellschaftlichen Grunderfahrungen nicht mehr im Gedächtnis speichern. Andererseits verwendet der einzelne im Zuge der ständig differenzierteren Produktionsbedingungen und -Verhältnisse nicht die Gesamtheit der Grunderfahrungen. Gesamtgesellschaftlich nimmt dagegen das Bedürfnis zu, die Grunderfahrungen unabhängig von Einzelpersonen und deren Gedächtniskapazität zu speichern, zu überliefern und verfügbar zu halten. Die Beispiele 2 und 3 sind frühe Formen qualitativ neuer Speicherungs- und Tradierungsmöglichkeiten. Jeder der auf der Schnur aufgereihten Gegenstände erinnert den Ewe an ein bestimmtes Sprichwort, jeder Gegenstand im Netz des Sängers repräsentiert ein bestimmtes Lied. Auch hier fungieren die Gegenstände zunächst als Merkzeichen. Das Sprichwort bzw. der Gesang werden wie die Botschaft im Beispiel 1 weiterhin im Gedächtnis gespeichert und mündlich überliefert. Ein wesentlicher Unterschied hinsichtlich der Möglichkeiten der Speicherung und Überlieferung liegt in der Verwendung der Merkzeichen begründet. Während der Botenstab den Boten an eine zusammenhängende Botschaft über den begrenzten Zeitraum bis zur Weitergabe an den Empfänger erinnert, repräsentieren die Gegenstände in den Beispielen 2 und 3 viele einzelne Sprichwörter und Gesänge, deren Aufgabe darin besteht, Wissen und Normen über Generationen hinweg zu speichern und zu überliefern. Aus diesem Verwendungszusammenhang resultiert eine weitere Funktion der Gegenstände. Um die Sprichwörter und Gesänge im Gedächtnis speichern und in jedem Falle abrufen zu können, ist es notwendig, sie überschaubar zu halten. Dies wird um so schwieriger, je zahlreicher sie werden. Sowohl die auf der Schnur der Ewe aufgereihten Gegenstände als auch die Gegenstände im Netz des Sängers haben auch in dieser Hinsicht für das Gedächtnis ihrer Benutzer entlastende Funktion. Indem sie gesammelt und möglicherweise auch bereits geordnet werden, repräsentieren sie eine mit Einschränkung systematische Sammlung von Sprichwörtern bzw. Gesängen. Jeder, der um ihre Bedeutungen weiß, kann mit den sichtbaren und deshalb überschaubareren gegenständlichen Merkzeichen planvoll nach Bedarf operieren und z. B. Auflistungen und Klassifizierungen unter den verschiedensten Gesichtspunkten vornehmen.

82

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Beispiel 4: Kiesel im Sack (o. Ortsangabe, o. Zeitangabe) "AQ simple device is keeping account of cattle with the help of little pebbles in a sack." 21

Beispiel 5: Kerbhölzer (verschiedene Orte, verschiedene Zeiten) "Systems of mnemonic signs to keep accounts by means of objects are known throughout the world. The simplest and the most common are the so-called 'counting sticks' to keep records of cattle; these are simple wooden sticks with carved notches corresponding to the number of cattle under the custody of a shepherd." 22 „Hölzerne Stäbe wurden (auch — E. F. —) dazu benutzt, um durch Einschnitte den Betrag von Schulden oder dergleichen zu vermerken. Der Stab wurde in seiner Länge gespalten; die eine Hälfte nahm der Ausleiher, die andere der Entleiher an sich. Durch das genaue Aneinanderpassen der beiden Stabhälften aneinander war der Beweis über die Höhe der betr. Summe geliefert. Solche Kerbhölzer sind in Asien noch heutzutage weit verbreitet, so besonders bei den nordsibirischen Völkerschaften, aber auch in Ozeanien und Afrika. (...) Früher wurden Kerbhölzer auch in Europa häufig angewendet, in Rußland, Deutschland, Frankreich, England. Im mittelalterlichen Latein wurden die Kerbhölzer taleae, auch talia oder tallia genannt (...), und da man die Steuern auf solchen Hölzern anzugeben pflegte, so erhielt das lateinische Wort schon früh die Bedeutung .Steuer', (...). In England soll bis ins 19. Jahrhundert hinein die Quittungsleistung seitens der Staatsschatzkammer auf Kerbhölzern erfolgt sein." 23

Beispiel 6: Knotenschnüre (Peru, vor der Eroberung; und a. Orte und a. Zeiten) „Die Anwendung von Knoten als Schriftersatz ist bei verschiedenen Völkern belegt (...), am bekanntesten sind die Knotenbündel, Quippu genannt, der alten Inkas im heutigen Peru geworden. Bei einem solchen Quippu waren an einer dickeren Hauptschnur, die verschieden lang sein konnte, eine mehr oder minder große Zahl von dünneren Fäden befestigt, die sich durch ihre Farbe voneinander unterschieden und in einfache oder kompliziertere Knoten geschürzt, teilweise auch untereinander verknotet waren (...). Sowohl die Farben wie die Knoten hatten ihre besondere Bedeutung, aber auch die Reihenfolge der Fäden wie ihre Länge waren nicht gleichgültig. ,Die Hauptgegenstände befanden sich am ersten Zweige und in der Nähe der Querschnur; je weiter ab von dieser, desto deutlicher war die abnehmende Wichtigkeit ausgedrückt. Stellten die Quippus z. B. die Bewohnerschaft eines Ortes dar, so befaßte der erste Faden die Greise, die 60jährigen und noch älteren, der zweite nannte die Zahl der Fünfziger, der dritte die der Vierziger usf., der letzte die der Säuglinge. Den Dingen wurde ein gewisser Rang beigelegt. War z. B. von Früchten Rechnung zu legen oder Bericht zu geben, so galt der erste Faden für Mais, der zweite für Roggen(?) der dritte für Erbsen, der vierte für Bohnen, der fünfte für Hirse usw. Oder handelte es sich um Waffen, so war die Folge: Lanzen, Pfeile, Bogen, Wurfspieß, Keule, Axt und Schleuder. Bei bloßen Zählungen wurde der Anfang mit der höchsten Ziffer gemacht'. (...) Aus dem Angeführten geht schon hervor, daß die Quippus vorwiegend, ja aller Wahrscheinlichkeit nach ausschließlich zu statistischen Zwecken verwandt wurden. Dagegen spricht auch meines Erachtens nicht, daß es besondere Beamte, die quippucamayocuna gab, denen das Knüpfen und Lesen der Knoten oblag. Wir haben uns diese Beamten wahrscheinlich als eine Art Archivare oder Registratoren vorzustellen, deren Aufgabe, das gewaltige statistische Material eines blühenden Reiches — Volkszählungen, Steuernachweise, Stammrollen u. dgl. — zu übersehen und zu bewahren, sicher nicht leicht gewesen sein mag. Wenn GarcUaso de la Vega ( . . . ) behauptet, die Peruaner hätten durch die Quippus die Zahl der Gefechte, Gesandtschaften und königlichen Verordnungen bemerkt, aber den

21

GELB, I.J. 1974 (1952). S. 4.

22

A.a.O. S. 3f.

23

JENSEN, H. 1 9 2 5 . S . 8 .

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

Abb. 7: Altperuanischer Quippu (nach

83

LOCKE)24

Inhalt der Botschaften und die Worte der Erlasse nicht ausdrücken können, so wird er damit die Schwäche des Knotensystems richtig wiedergegeben haben im Gegensatz zu Tschudi (...), der meint, daß in den Quippus sogar Gesetzessammlungen, Chroniken, ja Gedichte aufbewahrt worden wären. Da also, wie wir meinen, die Quippus lediglich Merkzeichen waren, zu deren Verständnis eine mündliche Erläuterung unerläßlich war, so dürfte sicher sein, daß wir den Schlüssel zu dem Verständnis der auf uns gelangten Quippus niemals erlangen werden, nachdem die mündliche Tradition seit mehreren Jahrhunderten erloschen ist. Auch der Umstand, daß sich der Gebrauch der Quippus bei den Hirten der Puna bis in die Gegenwart erhalten hat, hilft nicht viel, denn ihnen erleichtert er nur die Zählung ihres Viehs oder der verkauften Produkte. Wir sind somit berechtigt, den Gebrauch der Knoten nicht als Schrift, sondern als bloße Vorstufe dazu aufzufassen." 25

Solange die umherschweifenden Jäger und Sammler nur so viel produzierten, wie sie unmittelbar zum Leben benötigten, und die materiellen Güter nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe ziemlich gleichmäßig unter allen Stammes- bzw. Lokalgruppenmitgliedern verteilt wurden 2 6 , bestand keine Notwendigkeit für statistische Bestandsaufnahmen z. B. der Nahrungsmittel oder des Grund und Bodens. Mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität und dem Übergang zu einer teilweise oder völlig seßhaften Lebensform wurde die Nahrungsmittelerzeugung

1923. Plate 1.

24

LOCKE, L.L.

25

JENSEN, H. 1 9 2 5 . S . 1 0 f .

26

Vgl. dazu

S E L L N O W , I.

1961. S. 135.

84

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

allmählich mehr und mehr der Kontrolle und der Planung durch die Menschen unterworfen. Durch die gezielte Produktion eines Überschusses über den augenblicklichen Bedarf hinaus und seine langfristig mögliche Verwertung aufgrund der Entwicklung geeigneter Konservierungsmethoden wurde die Vorratsbildung systematisiert. Wichtigstes Ergebnis dieses Prozesses war die Herausbildung einer geplant betriebenen, je nach den regionalen Bedingungen Boden- und oder Viehwirtschaft. Die organisierte Nutzung der Lebensunterhaltsquellen führte zu einer Neuorganisation auch der gesellschaftlichen Verhältnisse. An die Stelle der gemeinsamen Nutzung der Quellen trat zunehmend eine individuelle Aneignung und Häufung des Grund und Bodens als Reservoir von Lebensmitteln und Rohstoffen sowie des Viehs. 27 Die bisher dominanten natürlichen verwandtschaftlichen Bindungen wurden durch die soziale Differenzierung entsprechend den neuen Eigentumsverhältnissen überlagert. Die Anhäufung von persönlichem Eigentum brachte für den Besitzer die Notwendigkeit mit sich, den Bestand statistisch zu erfassen und dauerhaft zu fixieren, um dadurch den erforderlichen Überblick für seine Sicherung und Vermehrung zu gewährleisten. Frühe Ansätze statistischer Bestandsaufnahmen in dem dargestellten Zusammenhang zeigen die Beispiele 4, 5 und 6. Die Beispiele 4 und zunächst auch 5 stammen aus dem Bereich der Viehwirtschaft. Eine frühe Stufe dieser Wirtschaftsform ist bei den HereroStämmen der Bantu in Südafrika belegt. 28 Neben dem Jagen und Sammeln bildete sich bei den Herero als weitere wirtschaftliche Grundlage die Großviehzucht (Rinder, Schafe, Ziegen und Hunde) heraus, und gerade hier begann auch die Auflösung der Gemeinwirtschaft. Es wurde streng zwischen dem Teil der Herde, der der gesamten Großfamilie gehörte, und dem Teil, der jeweils persönliches Eigentum der einzelnen Familienmitglieder war und als solches auch mit besonderen Eigentumsmarken versehen wurde, unterschieden. Während einige Stammesmitglieder, vor allem die Häuptlinge, „Herden von mehreren tausend oder gar zehntausend Köpfen besaßen" 29 , mußte den Armen der Mundraub zugestanden werden. Zwar waren die Häuptlinge auch weiterhin zur Hilfeleistung gegenüber den Mittellosen verpflichtet, jedoch wurden dadurch die aufgezeigten Besitzunterschiede in keiner Weise angetastet. Vielmehr gaben die reichen Herdenbesitzer „vielfach ihr Vieh an Arme zur Pflege und Beaufsichtigung und überließen ihnen dafür die Milch. (...) Häufig verschafften sich reiche Herdenbesitzer auf diese Weise billige Hirten für ihre Herden und behielten selbst nur soviel von ihrem Vieh im eigenen Kraal zurück, wie sie zur Sicherung ihrer täglichen Ernährung brauchten." 30

27 28 29

Vgl. a.a.O. S. 157. Zur Wirtschaftsordnung der Herero vgl. a.a.O. S. 376 — 394. A.a.O. S. 390. Ebd.

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

85

In ähnlicher Weise wie die Kiesel und die Kerbhölzer in der Viehwirtschaft fanden die Quippus im Beispiel 6 Anwendung in der Bodenwirtschaft. Die Quippus der Inkas sind keine Einzelerscheinung. 31 Etwa zur gleichen Zeit sind Knotenschnüre aus Hawaii 32 belegt, und es fällt auf, daß die beiden Kulturen auch hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Organisation wesentliche Gemeinsamkeiten aufweisen. Die materielle Grundlage bildete sowohl bei den Inkas als auch bei den Bewohnern der Hawaii-Inseln der Bewässerungsbodenbau. Bei dieser Art des Ackerbaues war die Bearbeitung des Grund und Bodens nicht mehr unmittelbar von den klimatischen Bedingungen abhängig. Aufgrund der regelmäßigen Bewässerung wurde der Anbau von Getreide und Früchten trotz des nur sehr seltenen Regens das ganze Jahr über möglich, und jede Ernte brachte einen bedeutenden Überschuß an Lebensmitteln ein. Eine derart ertragreiche Anbauform war mit einer umherschweifenden Lebensweise nicht zu vereinbaren. Sie ermöglichte eine dauerhafte Seßhaftigkeit und setzte sie zugleich notwendig voraus, indem sie ständige intensive Arbeitsleistungen an ortsgebundenen Großprojekten erforderlich machte. Sowohl in Peru als auch auf Hawaii wurden Dörfer und Städte mit festen Häusern und zum Teil monumentalen Kultstätten errichtet. Der Bewässerungsbodenbau setzte im weiteren eine umfassende gesellschaftliche Organisation voraus, die in beiden Kulturen durch die despotische Herrschaft einer zentralen politischen und ökonomischen Gewalt, des Königs, gewährleistet wurde, der jeweils an der Spitze einer Hierarchie von Häuptlingen bzw. Adeligen stand. Dem König allein gehörte der gesamte Grund und Boden. Er verteilte ihn nach unterschiedlichen Kriterien zur Bebauung an seine Untertanen. Als Zentralgewalt zog er einen großen Teil der Ernteerträge als Abgaben von den Bebauern der Felder ein, übernahm die Organisation, Leitung und Kontrolle für den Bau von Bewässerungsanlagen, Straßen, Tempeln usw. und stellte über einen Teil der eingeholten Abgaben die Ernährung der an diesen Bauten Arbeitenden. Die Aufgaben erforderten von der Zentralgewalt ein hohes Maß an Planung auf der Grundlage einer fortwährenden Bestandsaufnahme der zur Verfügung stehenden Mittel. So wurden in Peru wie auf den Hawaii-Inseln

31

Weitere Beispiele zum Gebrauch von Knotenschnüren haben u.a. DANZEL, TH.W., 1912. S. 49, ANDREE, R. 1 8 7 8 . S. 1 8 4 — 1 8 7 und LOCKE, L.L. 1923. S. 6 1 — 6 4 zusammengestellt.

32

S. dazu SELLNOW, i. 1961. S. 261. Vgl. auch WUTTKE, H. 1872. S. 143: „In Hawai (...) führte vor einem Menschenalter der Steuereinnehmer seine Rechnung mit einem Strichwerk von vier bis fünfhundert Fäden, die durch Knoten, Schlingel und Büschel von verschiedener Gestalt, Größe und Farbe unterschieden waren. Für jeden Abgabepflichtigen gab es eine bestimmte Stelle an solchem Stricke, aus der sich genau entnehmen ließ, was und wieviel ihm an Schweinen, Hunden, Taro, Sandelholz u.s.w. zu entrichten oblag." Zur Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Inkas s. LISSNER, I. (1977). S. 314 — 322. Ferner s. DANZEL, TH. w . 1 9 2 7 . S. 9 3 - 1 1 4 .

Zur Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf Hawai vgl. SELLNOW, r. 1961. S. 254 —274.

86

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

besondere .Verwaltungsbeamte' eingesetzt, die das gewaltige statistische Material dieser Reiche sammelten, verfügbar hielten und damit operierten. Angesichts der Vielfalt des Datenmaterials wäre das Gedächtnis einzelner Beamter mit dieser Aufgabe überfordert gewesen. Sowohl die Beispiele 4 und 5 aus dem Bereich der Viehzucht als auch das Beispiel 6 aus dem Bereich des Ackerbaues für gegenständliche Vorformen der geschriebenen Sprache sind aus der Notwendigkeit erwachsen, statistische Daten über den begrenzten Rahmen des individuellen Gedächtnisses hinaus zu erfassen, über die Zeit hinweg sicher zu speichern und jederzeit abrufbar zu halten. Eine Menge von unübersichtlichen, unhandlichen oder verstreuten Objekten, wie das Vieh, Naturalien oder die Bevölkerung und ihre Teilgruppen, wird auf andere Gegenstände bzw. Markierungen projiziert, indem von diesen die entsprechende Anzahl zusammengestellt wird. So hatte ein Hirte für jedes Schaf einen Kieselstein im Sack, ein anderer eine Kerbe auf dem Kerbstock, und der Verwaltungsbeamte in Peru oder auf Hawaii für jeden Sack Mehl einen Knoten in der Knotenschnur. Durch die verkleinerte und damit vereinfachte Darstellungsform wird eine unübersichtliche Menge überschaubar und bestimmbar. Die Überschaubarkeit und die dauerhafte Fixierbarkeit der repräsentierenden Gegenstände eröffnen für den gedanklichen Umgang mit dem Material gegenüber den ursprünglichen Objekten grundlegend neue Möglichkeiten. So konnten die Herdenbesitzer bzw. die Hirten in den Beispielen 4 und 5 mit den Kieseln bzw. den Kerben anstelle des Viehs gedanklich operieren, zählen (Feststellen der Menge der persönlichen bzw. verwalteten Güter oder Teilen davon), Teilmengen bilden (männliche, weibliche, junge, alte, trächtige Tiere usw.), subtrahieren (Verluste berücksichtigen, Teilherden subtrahieren), addieren (Geburten und andere Zugänge, Zusammenlegen von Teilherden) usw., ohne großen körperlichen Aufwand, der mit dem jeweils entsprechenden Zusammen- und Auseinandertreiben der Herden verbunden gewesen wäre. Gerade hier zeigt sich, daß die ökonomische Funktion der gegenständlichen Vorformen geschriebener Sprache für die Praxis auf einer fortgeschrittenen Stufe unabdingbar wurde, insofern sie eine schnelle Handlungsweise möglich machte. So konnten auch die Verwaltungsbeamten in Peru und auf Hawaii, indem sie statt mit Säcken, Kisten und Menschen mit Knotenschnüren umgingen, die gewaltigen Bestandsaufnahmen durchführen und in die Planung zur Verteilung der Güter und der Arbeitskräfte umsetzen. Mögen Kopfrechnungen für die Wirtschaft mit einer kleinen Herde noch ausgereicht haben, so erforderten größere Herden schriftliche Rechnungen, wenn auch vorerst mithilfe gegenständlicher Vorformen; und die umfangreiche planerische, das heißt auch rechnerische, Tätigkeit der peruanischen Verwaltungsbeamten wäre ohne eine gegenständliche Erfassung des Datenmaterials nicht denkbar gewesen. Die dauerhafte und überschaubare Fixierung umfangreichen statistischen Materials, die über ihren aktuellen, praktischen Nutzen hinaus als Grundlage für eine qualitativ neue Form operativen (klassifizierenden, mathematisierenden und

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

87

logischen) Denkens angesehen werden muß, ist die grundlegende gemeinsame Funktion der in den Beispielen 4, 5 und 6 dargestellten gegenständlichen Vorformen der geschriebenen Sprache. Uber die gemeinsame Grundfunktion der Fixierung von Daten hinaus weisen die Beispiele entsprechend der Verschiedenheit der Verwendungszusammenhänge je spezifische Funktionen auf. Die neuen, durch das Eigentum bestimmten Gesellschaftsstrukturen verlangten neue Formen der Absicherung. Für den Besitzer einer kleinen Herde mochte es noch genügen, daß er selbst oder ggf. sein Hirte das zahlenmäßige Erfassen der Herde mittels Kieselsteinen oder Kerben sicherte. Zwischen dem reichen Herdenbesitzer und den zahlreichen Hirten, denen er auch für einen längeren Zeitraum einen großen Teil der Herde zur Versorgung und Pflege übergab, wurde die eindeutige quantitative Feststellung des Eigentums durch Unüberschaubarkeit und gegensätzliche Interessen der beteiligten Parteien gefährdet. Um die einmal festgestellte Menge für den Besitzer ebenso wie für den Hirten, für den Gläubiger wie für den Schuldner überprüfbar zu halten, wurden neue Methoden der Behandlung von gegenständlichen Datenträgern wie die Spaltung des Kerbholzes in Beispiel 5 entwickelt. Dadurch, daß jeder Beteiligte eine Hälfte des Kerbstockes an sich nahm, wurde die genaue Feststellung der übergebenen Viehmenge oder sonstigen Schuld für beide Teile abgesichert. Auf der Fixierungsleistung und der dauerhaften Bewahrbarkeit baut die Überprüfbarkeit und die verbürgende Autorität der Kerbstockhälften im Vergleich auf. Im Nachhinein nur an einer Hälfte des Kerbstockes vorgenommene Veränderungen sind bei Aneinanderpassen beider Hälften mühelos feststellbar. Für beide Parteien war eine mit Gültigkeit ausgestattete Urkunde mit Rechtsgewißheit geschaffen worden. Die Spaltung des Kerbholzes hatte in Ansätzen eine rechtserzeugende Kraft ähnlich wie spätere Skripturakte. Mithilfe der Kiesel im Sack und der Kerben auf dem Kerbstock konnte jeweils nur ein Merkmal fixiert werden: eine bestimmte Anzahl. Diese Leistung reichte solange aus, als nur wenige Gegenstände, z. B. bestimmte Vieharten, zahlenmäßig festgehalten werden mußten. Sobald jedoch infolge der fortgeschrittenen Organisation, vor allem im Bereich des Ackerbaues, das gesellschaftliche Bedürfnis entstand, in den verschiedensten Bereichen Bestandsaufnahmen durchzuführen, wurde es zunehmend schwieriger, die fixierten Zahlen den entsprechenden Objekten zuzuordnen. Dieses Problem versuchten sowohl die Inkas als auch die Bewohner von Hawaii durch zweierlei Maßnahmen zu bewältigen. Zum einen wurde die zunehmend unüberschaubare Vielzahl der Daten nach einzelnen Bereichen, z. B. Volkszählungen, Steuernachweisen, Stammesrollen als auch innerhalb dieser nach festgelegten Kriterien systematisiert und klassifiziert. So handelte es sich bei den Quippus um komplizierte Systeme von Knotenschnüren, die die Daten gemäß ihrer Wichtigkeit in einer streng geregelten Hierarchie auf die Anzahl, Anordnung und Farbe der Knoten und Schnüre verteilten, speicherten und ordneten. Die festgelegte Anordnung der Knotenschnüre nach dem Prinzip

88

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

der Wichtigkeit implizierte bereits eine Art syntaktischer Organisation, die mit zunehmender Klassifizierungs- und Abstraktionsleistung immer notwendiger wurde. Zum anderen mußten sowohl bei den Inkas als auch bei den Bewohnern von Hawaii besondere Beamte eingesetzt werden, die als eine Art Schriftgelehrte das komplizierte System der Quippus beherrschten und mit dem Knüpfen und dem Lesen der Knotenschnüre beauftragt waren. Auch die Kiesel, Kerben, Knoten und Schnüre hatten letztlich mnemotechnische Funktionen. Die Zuordnung der Zahlen zu den entsprechenden Objekten blieb weiterhin, wenn auch systematisiert, grundlegend abhängig von der individuellen menschlichen Gedächtnisleistung. Der Gebrauch der Quippus war von vornherein nicht auf eine isolierte Erfassung und Verarbeitung von Daten jeweils einzelner quippucamayocuna eingeschränkt. Infolge ihres Verwendungszweckes als Beitrag zur Organisation der gesamten Inka-Gesellschaft dienten die Quippus zugleich dem Datentransport von den entferntesten Ortschaften in die Hauptstadt als Organisationszentrale. Den zustellenden Boten, die die Quippus über große Entfernungen auf dem ausgebauten Straßensystem transportierten, und ihren ergänzenden mündlichen Erläuterungen kam zwar ähnlich wie den Übermittlern der Botenstäbe noch eine wichtige Funktion zu; je mehr die Ordnungs- und Klassifizierungsmöglichkeiten der Knotenschnüre jedoch erschlossen, ausgenutzt und konventionalisiert wurden, desto weiter reduzierte sich die Funktion des Boten auf den Transport und die Zustellung und desto unabhängiger von Einzelpersonen und Erklärungen konnte das Material in der Zentrale verarbeitet und archiviert werden. Kommunikative Leistungen der gegenständlichen Vorformen geschriebener Sprache zeichnen sich im Gebrauch der Quippus bereits deutlich ab. Beispiel 7: Botschaft aus der Gefangenschaft (Dahomey, 1852) "The following fivehold painful symbolic message was sent by D., whilst in captivity at Dahomey, to his dear wife M., w h o happened to be staying with us at Badagry at the time. The symbols were a stone, a coal, a pepper, corn, and a rag. During the attack of the King of Dahomey, with his great army of Amazons and other soldiers, upon Abeokuta in March, 1852, D., one of the native Christians and defenders of his town, home, and family, was taken captive and carried to Dahomey, where he suffered much f o r a long time. M., anxious to do all she could to get her husband released, came down to Badagry, and earnestly begged me to help her in her efforts. (...) The stone indicated 'health' (...) thus the message was: 'As the stone is hard, so my body is hardy, strong — i.e., well.' (...) The coal indicated 'gloom' (...) thus the message was: 'As the coal is black, so are my prospects dark and gloomy.' (...) The pepper indicate 'heat' (...) thus the message was: 'As the pepper is hot, so is my mind heated, burning on account of the gloomy prospect — i.e., not knowing what day I may be sold or killed.' (...) The corn indicated 'leanness' (...) thus the message was: 'As the corn is dried up by parching, so my body is dried up or become lean through the heat of my affliction and suffering.' (...) The rag indicated 'worn out' (...) thus the message was: 'As the rag is, so is my cloth cover — i. e., native dress — w o r n and torn to a rag.' Natives having frequently more names than one, and at Dahomey D. being only known by his other name, O., the efforts to redeem and release him failed.

2.1. Die frühesten bekannten Entwicklungsphasen

89

After much suffering D. was sold and shipped as a slave, but through the kind efforts of the Committee of the Church Missionary Society, and the powerful influence of the British Government, D. was found at Havannah, set free, and restored to his country and family." 33

Beispiel 8: Liebesbotschaft (Ostturkestan, Anfang 20. Jh.) In Ostturkestan schickte ein Mädchen folgende Botschaft an den Freund. "The loveletter consisted of a small sack containing various objects which were supposed to convey the following message: a lump of pressed tea, meaning 'I can drink tea no more'; a blade of straw, 'because I became wan from love for you'; a red fruit, 'I get red when I think of you'; a dried-out apricot, 'I became withered like the fruit'; a piece of charcoal, 'my heart burns of love'; a flower, 'you are handsome'; a piece of sugar candy, 'you are sweet'; a pepple, 'is your heart made of stone?'; a feather of a falcon, 'if I had wings I would fly to you'; a kernel of a walnut, 'I give myself to you.'" 34

Der Yoruba ist von den Dahomey-Kriegern gefangen worden. Als Nachbarn des Dahomey-Reiches wissen die Yoruba aus häufiger Erfahrung, daß Kriegsgefangenschaft in Dahomey Sklaverei bedeutet. Das Mädchen aus Ostturkestan liebt den Freund. Sowohl der Yoruba als auch das Mädchen haben das Bedürfnis, einen Menschen, der ihnen nahesteht, jedoch durch Gewalt, Raum oder Sitte getrennt ist, über ihre jeweils besondere Lage zu unterrichten. Wie im Beispiel 1 wäre in den Beispielen 7 und 8 infolge der außersprachlichen Bedingungen jeder Kommunikationsablauf disfunktional, den unter Voraussetzung gleichzeitiger Anwesenheit beider Kommunikationspartner Sender-, Übermittlungs- und Empfangerakt als unterschiedliche aber zeitgleiche Anteilnahme an derselben einen Bewegung der Materie konstituieren. Die räumliche bzw. sittengemäße Trennung der Kommunikationspartner verlangt auch die Trennung der konstituierenden Bestandteile des Kommunikationsaktes und das Zwischenschalten eines Boten. Ähnlich wie die australischen Boten trägt der Bote auch hier Gegenstände mit sich. Aus dem Verwendungszusammenhang und aus der Art der Gegenstände lassen die Beispiele 7 und 8 jedoch eine Verlagerung der Funktionen bei den Gegenständen und damit zugleich beim Boten erkennen, die qualitativ neue kommunikative Strukturmöglichkeiten eröffnet. Der Sender S verobjektiviert die beabsichtigte Mitteilung nach dem Assoziationsprinzip auf geeignete erreichbare Gegenstände. Da diese Gegenstände aufgrund ihrer spezifischen stofflichen Eigenschaften stabil und dauerhaft sind, wird die Mitteilung in den Gegenständen gespeichert. Da die Gegenstände transportiert werden können, wird auch die in ihnen konservierte Mitteilung über den räumlich und zeitlich begrenzten Produktionsakt hinaus unabhängig von der Anwesenheit des ursprünglichen Senders transportierbar. Vorausgesetzt, dem Empfanger E ist aufgrund vieler gemeinsamer Lebens- und Erfahrungsbereiche mit dem Sender die Zuordnung zwischen den Gegenständen und den in ihnen verobjektivierten Informationen bekannt — es ist nicht rekonstruierbar, inwieweit der Bote dabei in 33 3
M

»E

T

Gegenstände B

T

/O

T

Wahrnehmung / Kontext / Code

Abb. 8: Kommunikationsmodell mit Gegenständen als Nachrichtenträgern

Die Gegenstände werden nicht mehr allein als Gedächtnisstütze eingesetzt, sondern zu eigenständigen Nachrichtenträgern entwickelt. Es entstehen qualitativ neue Kommunikationsmöglichkeiten auf der Grundlage der Trias Sender — Gegenstand — Empfanger, die infolge der dauerhaften Eigenschaften der Gegenstände die faktische Trennung des Kommunikationsprozesses in die Sendung, die Übermittlung und den Empfang zulassen. Beispiel 9: Nachricht der Skythen an die Perser (Skythien, 513/14 v. Chr.) »noXkäyxq 86 TOIOUTOI) yivonivou xiXoq Aapeiöq xe 6v r V i e h w i r t s c h a f t , d e s Ackerbaues, idwerkes iidungen.Bestattungen,Strafen •er Euphrat).Gold(Meluhha).Silber ex(Arabien),Lapislazuli(Afghanii n d g e b i r g e ) , B a u h ö l z e r ( ö s t l i c h e Gei.Anatolien).Muschelschalen(Persi|an) is den Tempel 1 a t i f u n d i e n in den Laichern .Scheunen des Tempels a l s Vor•gung e i n e s T e i l e s der Bevölkerung,

igenden Nahrungsmittel Produktion, ien: Zuteilung der Felder zur BeJagdgründe zum Fang,der S c h a f - , • M i l c h - , F l e i s c h p r o d u k t i o n , Zucht [üter: V i e h , R o h m a t e r i a l i e n , A r b e i t s itern:

Fertigprodukte,Kleidung,Nah-

Bevölkerungsgruppen nach sozialen :h,Beruf,Schicht,Familie.Geschlecht Jextilien,Werkzeuge,Waffen.Schmuck

Einnahmeverzeichnisse Einnahmeverzeichnisse Einnahmeverzeichnisse Einnahmeverzeichnisse

Bestandsverzeichnisse

Ausgabeverzeichnisse Ausgabeverzeichnisse

Ausgabeverzeichnisse Verpflegungsverzeichnisse Bevölkerungsverzeichnisse Ausgabeverzeichnisse

! rmessung,Berechnung,Model l b i l d u n g , A r b e i t s v e r z e i c h n i s s e ig der A r b e i t s k r ä f t e , A r b e i t s a n w e i Ausgabelisten Pläne,Berechnungen ; geln,Überwachung ¡rmessung,Berechnung,Model l b i l d u n g , ig der A r b e i t s k r ä f t e , A r b e i t s a n w e i id g e s e l l s c h a f t l i c h e Bewußtseinsingen, Opfer

Arbeitsverzeichnisse Ausgabelisten Pläne,Berechnungen Opferverzeichnisse

2.2. Die Entstehung der geschriebenen Sprache in Mesopotamien

147

kontrollierten Einnahme der arbeitsteilig erwirtschafteten Produkte. Über manuelle Tätigkeiten hinaus, wie das Öffnen des Lagerhauses, das Hineintragen, Ablegen und Stapeln der Güter, die für sich allein ebenso vom Tempelwächter oder von den Abgebenden vollzogen werden konnten, ohne daß diese damit Verwaltungstätigkeit ausübten, bestand die zentrale Aufgabe des Verwalters darin, die wesentlichen Daten aus den Transaktionen aufzuarbeiten und die Übersicht über die angenommenen Güter ständig neu herzustellen. Er gewann die Daten durch die Beobachtung des Abgabevorganges, durch das Abzählen, Messen, Wiegen usw. der Güter sowie durch das Gespräch mit den abgebenden Personen. Aus der Vielfalt der Erscheinungen und Äußerungen bei einem Abgabevorgang wählte der Verwalter die Daten aus, die für seine weitere Arbeit notwendig waren. Nicht Informationen über das individuelle Erscheinungsbild des Abgebenden wie sein Aussehen, seine Stimmung, seine Erlebnisse usw. waren für die Arbeit des Verwalters von Bedeutung, sondern neben den Gründen, aus denen verordnete Abgaben nicht beigebracht wurden, mußte er in der Hauptsache feststellen, welche Personen welche Güter in welcher Anzahl mitgebracht hatten. Während die Begründungen vor allem für kurzfristige und eher individuell zu treffende Maßnahmen hinsichtlich des Eintreibungsmodus erforderlich waren, über den für die frühgeschichtliche Zeit bis heute keine Informationen vorliegen, bildeten die Mengen-, Güter- und Personenangaben die Basis für die Verwaltungsund Planungstätigkeit der Tempelbehörden. Die verwaltungsmäßige Notwendigkeit der Benutzung dieser Daten stimmt mit dem Inhalt der Wirtschafts- und Verwaltungstexte überein. Die Abgabe- bzw. Einnahmesituation, und mit ihr eine typische Verwendungssituation für die archaischen Verzeichnisse, läßt sich demnach durch ein Modell (Abb. 26) konkretisieren, das sich von vornherein auf diese verwaltungsmäßig wesentlichen Daten bezieht.

148

A B C D E

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Der Verwalter V registriert für seine Tätigkeit folgende Daten: hat die Güter a, b, und c, wie gefordert, zur Abgabe mitgebracht. hat a und b mitgebracht. hat a vollständig und b zur Hälfte mitgebracht. hat nur a mitgebracht. ist nicht erschienen.

Da V die Daten im Augenblick der Aufnahme nicht verarbeiten kann, müssen die Informationen gespeichert werden. Der Mensch speichert seine Informationen zum einen über das Gedächtnis. Für die Verwaltungsarbeit ergeben sich besondere Hindernisse und Schranken für den Einsatz des Gedächtnisses als alleinigem Datenspeicher: Die zu speichernden statistischen Daten repräsentieren reale Beziehungen zwischen Personen, Gütern und Mengen. Diese Beziehungen sind keine gesetzmäßigen logischen, mathematischen oder sprachlichen Verhältnisse, sondern sie sind zwischen jeweils konkret und punktuell realen Erscheinungswerten unter vielfachen gesellschaftlichen und individuellen Gegebenheiten zustandegekommen. Kein Datum kann aus einem anderen durch Ableitung gewonnen werden; alle Daten müssen einzeln und unabhängig voneinander gespeichert werden. Andererseits hat der Verwalter keine Gelegenheit, die Daten über einen längeren Zeitraum hin einzustudieren. Wenn A seine Abgaben geliefert hat, kommt B und bringt mit neuen Gütern weitere Informationen zur Speicherung. Sobald die faktische Übergabe abgeschlossen ist, die Güter sich im Lagerhaus L befinden und der Abgebende sich entfernt hat, ist eine Rekonstruktion des Vorganges nur noch insoweit möglich, als er im Gedächtnis des Verwalters gespeichert ist. Nur die Daten können wiederholt und aufgefrischt werden, die bereits konserviert sind. Zudem gilt es nicht, einen feststehenden Datenkanon zu beherrschen, sondern es müssen täglich Änderungen vorgenommen, alte Daten gestrichen und neue dafür aufgenommen werden. Trotz der ständigen Veränderung aber muß die Speicherung dauerhaft sein. Auch wenn B den Rest seiner Abgaben erst nach längerer Zeit liefern kann, muß der Verwalter noch genau wissen, daß B a und b schon abgegeben hat und c noch fehlt. Schließlich ist die Anzahl der Informationen, die der Verwalter täglich speichern muß, wesentlich höher als hier im Modell aufgezeigt, da er zum einen die Einahmen von mehr als fünf Personen zu registrieren hat und zum anderen noch weitere Verwaltungstätigkeiten wahrzunehmen hat, die wiederum die Speicherung bestimmter Daten erfordern. Die Situation, in der die Verwalter der Tempelgüter in Sumer bis zur Uruk-IV-Periode ihre Arbeit verrichteten, ergibt sich aus dem dargelegten Verwendungszusammenhang. Man kann davon ausgehen, daß die vielfältigen und umfangreichen Aufgaben der Tempelwirtschaft, wie sie für Lagas ausführlich geschildert und in Tab. 3 differenziert aufgelistet wurden, auch in der Uruk — IV — Periode von den Verwaltern des Tempels erfüllt werden mußten, um

2.2. Die Entstehung der geschriebenen Sprache in Mesopotamien

149

die Versorgung der Bevölkerung des Tempelbezirkes sicherzustellen. Einen differenzierten und spezialisierten Verwaltungsapparat, wie er 500 Jahre später in Lagas bestand, hatte es in Uruk IV sicher noch nicht gegeben. Wahrscheinlich hatten die einzelnen Verwalter dadurch sogar eine Reihe verschiedener Aufgaben nebeneinander zu verrichten. — Wie viele Güter von bzw. an wie viele Personen mögen täglich als Abgaben bzw. als Ausgaben durch die Hände eines Verwalters gegangen sein? Wie viele Personen hatte er täglich zur Arbeit einzuteilen und mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Gebrauchsgegenständen auszurüsten? Welche Mengen von Gütern lagerten zu den verschiedenen Jahreszeiten in den Speichern und Scheunen des Tempels? Wie groß waren die Mengen, die von den heimkehrenden Handelskarawanen entgegengenommen oder bei der Abreise wieder an sie ausgegeben wurden? — Solange keine Zahlenangaben über die Bewohner des zum Tempel gehörenden Bezirkes oder den Umfang der Tempelländereien vorliegen und nicht einmal feststeht, mit welchem Maß z. B. die Gerste gemessen wurde, für die aus den archaischen Tontafeln Zahlenangaben bekannt sind, 61 können diese und weitere Fragen bezüglich der Güter- und Personenmengen auch nicht annähernd beantwortet werden. Die Vielfalt der zu verwaltenden Güter sowie die verschiedenen Arten von Transaktionen machen indes deutlich, mit welchen Problemen der Verwalter sich täglich auseinandersetzen mußte. Allein auf sein Gedächtnis angewiesen, mußte er die von ihm getätigten Transaktionen überblicken, um seinen Teil zu einem geordneten Wirtschaftsleben beitragen zu können, zumal er dem Ensi gegenüber ständig zur Rechenschaft verpflichtet war. Nicht nur einmal Vollzogenes galt es zu merken, sondern den immerwährenden Wechsel im Hin und Her des wirtschaftlichen Güteraustausches mitzuverfolgen, ständig den neuesten Stand zu kennen, und ihm möglichst vorauszueilen, um ihn planend zu nutzen. Aus den vielfachen Hindernissen und Schranken ergeben sich für die Speicherung der Informationen im Gedächtnis grundsätzliche Fehlerquellen: Informationen werden vergessen und sind damit nicht mehr rekonstruierbar; Daten werden verwechselt oder falsch zugeordnet; das Datenmaterial ist in unübersichtlicher Form gespeichert; Informationen können bei Bedarf nicht abgerufen werden. Für die weitere Verarbeitung ist es jedoch erforderlich, daß sämtliche Daten vollständig, unverändert, überschaubar und jederzeit abrufbar gespeichert werden. Eine Speicherung, die diesen hohen Anforderungen genügen muß, kann deshalb nicht über das menschliche Gedächtnis allein erfolgen. Sie muß durch ein anderes Medium, das sich als Datenspeicher beständiger erweist, gewährleistet werden. Als andere Möglichkeit der Datenspeicherung hat sich der sumerische Verwalter für die an der Transaktion beteiligten Objekte Repräsentanten in Form von jeweils spezifischen Eindrücken auf Tontafeln geschaffen. Diese Repräsentan61

S. etwa FALKENSTEIN, A. 1 9 3 6 . S. 54; DERS. ( 1 9 6 5 ) S. 2 9 und S. 5 1 ; EDZARD, D.O. (1965). S. 79.

150

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

ten werden auf Tontafeln dauerhaft gespeichert und mit ihnen die Informationen über das repräsentierte Objekt. Die Speicherfunktion der geschriebenen Repräsentanten befreit den Verwalter von der Gedächtnisbelastung durch die Vielfalt der Transaktionen eines Arbeitstages, einer Arbeitswoche etc. Am Ende einer Abgabenperiode oder wann immer es notwendig ist, kann er auf die Repräsentanten zurückgreifen und über sie die benötigten Informationen abrufen. Vorausgesetzt, er hat die Repräsentanten entsprechend der intendierten Bedeutung zusammengestellt, er kennt die Bedeutung der Repräsentanten und er greift die richtige Tafel heraus, so erhält er mit Sicherheit die richtigen Daten über den in Frage stehenden Sachverhalt. Die beschriebenen Tontafeln bilden als Datenspeicher die Grundlage für die weitere Arbeit des Verwalters. Dadurch, daß der Verwalter die gespeicherten Daten jederzeit unverändert abrufen kann, übernehmen die geschriebenen Repräsentanten zugleich die für die Arbeit des Verwalters notwendige Kontrollfunktion. Kommt es zu Unstimmigkeiten, Rückfragen, Beschwerden, Überprüfungen etc., so ist der Verwalter abgesichert und kann durch Abruf der betreffenden Information aus den Tontafeln jederzeit den fraglichen Sachverhalt rekonstruieren, überprüfen und schließlich eindeutig klären. Bisher wurde von der Voraussetzung ausgegangen, daß der Verwalter beim Abrufen jeweils die richtige Tontafel mit den gesuchten Informationen wiederfindet. Dies mag bei geringem Datenmaterial kein Problem darstellen. Die Häufung der zu speichernden Daten jedoch, die für die sumerische Tempelwirtschaft aus den vielfältigen und aufwendigen Aufgaben des Verwalters gefolgert werden kann und durch die Menge der bereits wiederenteckten Tontafeln belegt ist, führt zu der Notwendigkeit, die Tafeln und die geschriebenen Zeichen als materielle Träger der Daten nach einem festgelegten Prinzip zu ordnen. So wurden die Tontafeln möglicherweise nach erledigten und nicht erledigten Vorgängen sortiert und diese Klassifizierung dadurch kenntlich gemacht, daß erstere „mit einem spitzen Instrument durchbohrt" 62 wurden — eine Methode, die sich bis heute bewährt hat. Weitere Ordnungskriterien aus den Uruk-IV- und III-II-Schichten sowie aus öemdet-Nasr sind bis heute nicht aufgedeckt worden, da alle Tontafeln im Schutt gefunden wurden. Offenbar wurden sie nach einer gewissen Zeit nicht mehr gebraucht und zusammen mit zerbrochenen Krugverschlüssen und Keramikscherben aus den Wirtschaftsgebäuden auf Schutthalden abgelagert. 63 Die Klassifizierung der Informationen selbst kann demgegenüber aus der Anordnung ihrer materiellen Träger dank ihrer überaus dauerhaften Fixierungsleistung noch heute rekonstruiert werden, auch wenn noch nicht alle Zeichen im einzelnen restlos gedeutet werden können. Aus der Kenntnis, daß die Informatio62

FALKENSTEIN, A. 1 9 3 6 .

63

Nach freundlicher Angabe von NISSEN, H.J., FU Berlin, Institut für Archäologie, Seminar für

S. 1 3 .

Vorderasiatische Altertumskunde.

151

2.2. Die Entstehung der geschriebenen Sprache in Mesopotamien

nen sich im wesentlichen auf Personen, Güter, Mengenangaben und ihren jeweils konkreten Zusammenhang beziehen, lassen sich für den dargestellten Modellfall die in Abb. 27 — 29 grundsätzlichen Klassifizierungsmöglichkeiten ableiten. B

C

3 a

3 a

3 a

2 b

2 b

1 b

S = 5

S = 4

A

D

2 a

1 c S = 6

S = 2

Abb. 27: Modellverzeichnisse, klassifiziert nach Personen

In Abb. 27 erfolgt die Einteilung der zu fixierenden Daten nach den abgebenden Personen. Für jeden Abgebenden wird eine mit einem Namenszeichen versehene Tafel angefertigt, auf die die abgegebenen Güter sowie deren Anzahl listenartig eingetragen werden. Die Summe S gibt die Gesamtmenge der Güter an, die die betreffende Person als Abgabe mitgebracht hat. Für E wird entweder noch keine Tafel angefertigt, da er nicht erschienen ist, oder die Tafel wird nur mit seinem Namenszeichen versehen, woraus ersichtlich wird, daß er noch sämtliche Güter abzugeben hat. b A 3

A 2

B 3

B 2

C 3

C 1

A 1

D 2 S = 11

S = 5

Abb. 28: Modellverzeichnisse, klassifiziert nach Gütern

In Abb. 28 werden die Informationen der Güterart zugeordnet, über deren Anzahl und Herkunft sie informieren. In diesem Falle wird für jedes der abzugebenden Güter eine Tafel angelegt und darauf listenartig die Namenszeichen derjenigen Abgebenden festgehalten, die dieses Gut geliefert haben, sowie die jeweilige Menge der Abgabe. S bezeichnet hier die Gesamtmenge aller abgegebenen Güter einer bestimmten Art. 3

2

1

A a

A b

A c

B a

B b

C a

C b D a

Abb. 29: Modellverzeichnisse, klassifiziert nach Mengenangaben

152

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Denkbar wäre schließlich eine Ordnung der Informationen nach der Quantität der Abgaben wie in Abb. 29. Dabei bilden die jeweiligen Mengenangaben das konstante Merkmal der Tafel. Damit sind die grundsätzlichen Klassifizierungsmöglichkeiten der Daten erschöpft. Weitere Einteilungen, z.B. nach dem Abgabetermin, sind möglich, lassen sich jedoch letztlich aus einer oder mehreren der vorgestellten Anordnungen ableiten. Welche Ordnungsmöglichkeit der Verwalter zur systematischen Speicherung der Vielzahl von Daten verwendet, hängt von dem konkreten Ziel ab, das er bei der weiteren Verarbeitung der Daten verfolgt. In Uruk IV wurden Tontafeln mit den Klassifizierungen der ersten und zweiten Art gefunden. Schreibt man jeweils das übergeordnete Kriterium und die Summe der Mengenangaben auf die Rückseite der Tafel, so ergeben sich exakte Entsprechungen zu den Rückseiten der Tontafeln in Abb. 22 und Abb. 23. Zahlen treten in den Verzeichnissen nicht als eigenständige Einheit bzw. als Ordnungskriterium auf, sondern nur im Zusammenhang mit den Bezugsgrößen Güter und Personen. Je nachdem, wem das Hauptinteresse des Verwalters gilt, werden der Abgebende oder die Abgabe als klassifizierendes Merkmal eingesetzt. So geordnet, vermittelt das erstellte Datenmaterial in seiner Gesamtheit dem Verwalter einen umfassenden Überblick über den Bestand und die Außenstände des Lagers und macht es ihm möglich, Informationen über die Abgaben einer bestimmten Person bzw. über die Personen bezüglich einer bestimmten Abgabe schnell und sicher abzurufen. Es handelt sich bei den archaischen Tontafeln um die älteste heute bekannte, den Bedürfnissen der Zeit entsprechende Art der Buchführung. Die Ordnungs- und Archivierungsfunktion der geschriebenen Zeichen ist eine wichtige Voraussetzung für die folgende Verarbeitung der Daten und bietet zugleich die Basis für die weiteren wesentlichen Funktionen der geschriebenen Sprache im Zusammenhang mit der Datenverarbeitung. Einerseits stellen die geschriebenen Repräsentanten die Beständigkeit der durch sie getragenen Informationen sicher; andererseits sind sie in ihrer Zuordnung zueinander nicht starr und festgelegt, sondern gezielt veränderbar: man kann mit den geschriebenen Zeichen operieren. Das Operieren mit geschriebenen Zeichen ist für die ökonomische und kulturelle Entwicklung der menschlichen Gesellschaft von unschätzbarem Wert. Es lenkt zum einen die Aufmerksamkeit auf die Anordnung der geschriebenen Zeichen und führt zur syntaktischen Gliederung der Zeichenfolge. Diese ist für die immanente Entwicklung der geschriebenen Sprache unabdingbar. Zum anderen beinhaltet sie qualitativ neue Methoden der Erkenntnisgewinnung und -Verarbeitung, ohne die die Entwicklung jeglicher Wissenschaft als die höchste Einrichtung menschlichen Wissens und Erkennens undenkbar wäre. „Der Ubergang vom Operieren mit den Gegenständen der uns umgebenden Wirklichkeit zur Verarbeitung von Informationen über diese Gegenstände und zum Operieren mit den die Gegenstände darstellenden Zeichen

2.2. Die Entstehung der geschriebenen Sprache in Mesopotamien

153

war die Grundlage für die großen Erfolge in der geistigen Entwicklung der Menschheit. Die Bedeutung des Operierens mit Zeichen war und ist vor allem deshalb so groß, weil die Zeichen im menschlichen Bewußtsein die Gegenstände der Wirklichkeit vertreten (repräsentieren) und weil das Operieren mit den Zeichen ein wichtiges Mittel zur Erkenntnis dieser Gegenstände, ihrer Zusammenhänge und Relationen ist." 64 Der hier von RESNIKOW aufgezeigte Sachverhalt trifft prinzipiell für alle Zeichen und Zeichensysteme zu. Die Operabilität der verschiedenen Zeichensysteme ist jedoch durchaus unterschiedlich. Mit der Einführung der beständigen geschriebenen Zeichen wurde die Begrenzung der Operationen vor allem aufgrund der Speicherkapazität von Informationen im Gedächtnis grundsätzlich überwunden und das Operieren mit Zeichen auf eine qualitativ neue Stufe gestellt: Die Operationen werden faßbar; man kann jederzeit auf ein bestimmtes Objekt oder eine bestimmte Operation zurückgreifen, indem man auf die sie repräsentierenden Zeichen zurück,greift'; die Komplexität der Operationen nimmt ständig zu; es werden qualitativ neue Operationen möglich; die neuen Operationen führen zu neuen Erkenntnissen über die Realität; die neuen Erkenntnisse sind durch neue Zeichen bzw. Zeichenkombinationen repräsentiert. Am Anfang der Operation mit geschriebenen Zeichen steht die schriftliche Fixierung von Informationen aus der Realität. Die Zeichenfolgen werden dann nach logischen, syntaktischen, mathematischen etc. Ableitungsregeln der Klassifizierung, Verallgemeinerung, Berechnung, Schlußfolgerüng etc. zu qualitativ neuen Zeichenkonstellationen zusammengestellt. Diese bedeuten qualitativ neue Zusammenhänge zwischen den repräsentierten Objekten und führen zu neuen Informationen über die Realität, die nicht mehr unmittelbar aus der Wahrnehmung der Realität resultieren. Wenn der Verwalter die Transaktionen wie in Abb. 27 einmal durch geschriebene Zeichen repräsentiert, kann er neue Verzeichnisse wie in Abb. 28 erstellen, indem er wie in Abb. 30 die Verzeichnisse nebeneinanderlegt, vergleicht und die einzelnen Daten auf neuen Tafeln in veränderter Ordnung vollständig wiedergibt. In der Einnahmesituation erstellt er Verzeichnisse entsprechend der Reihenfolge des Einganges nach Personen. Durch das Umordnen der Repräsentanten erhält er mit einem geordneten Bestandsverzeichnis Kenntnis darüber, was in welcher Anzahl von wem ins Lager eingegeben wurde, ohne dafür die zugrundeliegenden Objekte noch einmal bemühen zu müssen. Die Möglichkeit des Operierens mit geschriebenen Zeichen bedeutet zunächst eine erhebliche Arbeitserleichterung: Der Verwalter kann viele Zählungen der Gegenstände durch das in der Regel einfachere Zählen bzw. Addieren der Repräsentanten ersetzen. Führt er dennoch beide Operationen durch, um das Ergebnis abzusichern (Inventur), so kommt der Operation mit den geschriebenen DERS. 1 9 5 3 . S . 2 2 f .

;. (1967). S. 288. Ebd. • « A . a . O . S. 283. A.a.O. S. 272. ERB, E. 1965 a. S. 274. 161

SEMMLER,

212

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Erstens durch die Leistungen der Kirche innerhalb der Reichsverwaltung, in den regelmäßigen Abgaben und in der Mission, zweitens durch die Identität der Führungsschichten in Kirche und Reich. In beiden eng verflochtenen Bereichen herrschten der Adel und das Königtum, und die sich jetzt bildende Reichsaristokratie besetzt sowohl die Kommandostellen im Staat wie in der Kirche, sie leitet und reorganisiert Kirchen und Bistümer, sie gründet und beherrscht Klöster und Stifter und repräsentiert in dieser Verschmelzung sakraler und herrschaftlicher Aufgaben jene für das Mittelalter so kennzeichnende politische Religiosität', die in Karl dem Großen selbst eine ihrer markantesten Ausprägungen finden sollte." 166 Hatte die Kirche die Position des Kaisers aus der christlichen Religion heraus legitimiert, so stellte sie selbst in ihrer hierarchisch gegliederten Personalstruktur die einzige Organisationseinheit dar, die die Macht hatte, die von der zentralen Staatsgewalt verfügten Aufgaben wahrzunehmen, die über den religiösen Bereich weit hinaus auf den Zusammenhalt des Reiches gerichtet waren. Infolgedessen wurden die wichtigsten Verwaltungs- und Staatsämter zum weitaus größten Teil mit Angehörigen des Klerus besetzt. Kirchliche Zentren waren zugleich wichtige Stützpunkte der staatlichen Macht, und insbesondere den Klöstern in den Missionsgebieten kam als „Strahlungszentren der fränkischen Reichskultur" große Bedeutung „für die politische und kolonisatorische Erschließung dieser Randgebiete" zu. 167 Die wichtigste Machtgrundlage der Kirche bildete ihr gewaltiger Landbesitz, der sie zum größten Feudalherren des Reiches machte. 168 Die vielfaltigen Maßnahmen zur Organisation des werdenden Großreiches tragen als königliche bzw. kaiserliche Anordnungen rechtsverbindlichen Charakter. Ihre Differenzierungen wurden in den Kapitularien festgeschrieben und bildeten zwischen den germanischen Stammesrechten und dem Kirchenrecht eine neue Form der Gesetzgebung, die aus der aufstrebenden Stellung des germanisch und christlich geprägten Herrschertums der Karolinger resultierten und seine leitenden Tätigkeiten begleiteten und speicherten.

2.3.2.4. Die geschriebene Sprache als zentrales Anliegen der karolingischen Politik In allen Verwendungsbereichen nahm die geschriebene Sprache mit der Konstituierung des Großreiches auf der Grundlage des Feudalismus einen gewaltigen Aufstieg. Die Regelung der Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden sowie an prinz, f. (1967). S. 299. semmler, J. (1967). S. 272. 168 Vg] epperlein, s. 1978. S. 7 f., S. 93ff. und 167

A. 1912. S. 2 1 8 - 2 2 9 .

S. 1 5 0 f . Zu den Kirchengütern im einzelnen s.

hauck,

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

213

Gebäuden und Dienstmannen hatten in den Bereichen des Lehnswesens und der Schenkungen an kirchliche Einrichtungen zur Erlangung des Seelenheiles eine erhebliche Ausweitung des Urkundenwesens zur Folge. 169 Der Besitz großer Güter erforderte zudem eine Verwaltung auf der Basis geschriebensprachlicher Bestandsaufnahmen. So regulierte K A R L DER GROSSE U. a. im Capitulare de villis die Verwaltung des königlichen Besitzes und forderte die Verwalter auf, Verzeichnisse der Güter anzufertigen: „Volumus ut quicquid ad nostrum opus iudices dederint vel servierint aut sequestraverint, in uno breve conscribi faciant, et quicquid dispensaverint, in alio; et quod reliquum fuerit, nobis per brevem innotescant."170 Inwieweit dieser Aufforderung K A R L S DES GROSSEN Folge geleistet wurde, ist nicht feststellbar. Resultate derartiger Besitzerfassungen sind vielfaltige Urbare, Heberegister, Pfründenregister und Markbeschreibungen.171 Die Vielzahl der Kapitularien K A R L S DES GROSSEN und seiner Nachfolger zur Regulierung der Organisation des Reiches läßt die ,,gezielte() Intensivierung der Schriftlichkeit" und die ,,zeitweilige() Parallelität und zum Teil ( . . . ) Priorität gegenüber dem mündlichen Satzungsakt" erkennen. 172 Wurden die kirchlichen Synodal- und Konzilsbeschlüsse aus der lateinischen Tradition ohnehin in geschriebener Sprache erfaßt, so ist unter K A R L DEM GROSSEN eine Intensivierung

169

170

171

172

Zum Charakter der Königsurkunden s. FLECKENSTEIN, J. (1974). S. 87. Einen Einblick in die zahlreichen Schenkungen an kirchliche Einrichtungen vermittelt das Urkundenbuch des Klosters Fulda — s. STENGEL, E. (Hrsg. u. Bearb.) 1958 —. Zum Urkundenwesen im frühen Mittelalter vgl. weiter CLASSEN, P. 1977. S. 1 3 - 5 4 . CAPITULARE DE VILLIS. Um 800. 1960. S. 88. Dt. Übs. ( - E. F. - ) : „Wir bestimmen, daß alles, was zu unserem Nutzen die Verwalter an Abgaben oder Diensten geleistet oder in besondere Verwaltung gegeben haben, sie in einem Verzeichnis festhalten sollen, und alles, was sie ausgegeben haben, in einem anderen; und was an Rest geblieben ist, sollen sie uns durch eine Auflistung bekanntmachen." Zur Durchführung der Verwaltungsbestimmungen s. EPPERLEIN, S. 1978. S. 75 ff., S. 92 und S. 135. Vgl. im weiteren DHONDT, J. (1968). S. 65: „Der Wunsch, diese Kenntnis zu besitzen, bedeutete allerdings noch nicht, daß man sie wirklich erhielt, aber man darf nicht außer acht lassen, daß die Karolingerzeit die Epoche der Pfründenregister und der urbaria (grundbuchartige Liegenschaftsverzeichnisse), das heißt der bis ins einzelne gehenden und, wie betont werden muß, zahlenmäßig dokumentierten Beschreibungen der Domänen war. (...) Im großen und ganzen gewinnt man den Eindruck, daß die karolingische Renaissance eine gewisse Ausreifung des mathematischen Verständnisses zur Folge hatte. Ob Karl der Große von seinen Funktionären die Angaben bekam, die er verlangt hatte, ist zweifelhaft; aber im Laufe des 9. Jahrhunderts erhielt man anscheinend zum erstenmal die Kenntnis exakter Quantitäten." Zur Verwaltung der Reichsgüter s. ausführlich METZ, w. 1971. Speziell zur Kontrollfunktion der Urbare s. EPPERLEIN, S. 1969. S. 26ff. SCHNEIDER, R. 1977. S. 279. SCHNEIDER wendet sich gegen Auffassungen, die, wie z.B. DUMAS, A. (1951). S. 209 —216 sowie GANSHOF, L . F . 1961, in der Satzungstätigkeit der Karolinger dem Geschriebenen gegenüber dem Gesprochenen nur zweitrangigen Charakter zusprechen. Zur Entstehung und Funktion urkundlicher und normativer Rechtsaufzeichnungen im frühen Mittelalter s. die gesammelten Aufsätze hg. v. CLASSEN, P. 1977.

214

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

der Bemühungen um die korrekte Kodifizierung auch der Stammesrechte aus der germanischen Tradition festzustellen. 173 Verstärkte Anwendung fand die geschriebene Sprache unter den Karolingern auch zum Zwecke der Geschichtsschreibung. Vor allem die militärischen und politischen Unternehmungen der Herrscher wurden der Nachwelt zur Erinnerung aber auch zur Information der mit staatlichen Aufgaben betrauten Personen über aktuelle Ereignisse der Zeit aufgeschrieben: „In erster Linie wurde das aufgezeichnet, was vom Standpunkt der allein schreibkundigen, mit der Abfassung von Annalen und Chroniken beschäftigten Mönche und Geistlichen mitteilenswert erschien. So wurden Erfolge bei der Christianisierung, wichtige politische Ereignisse wie Krönung oder Absetzung von Königen, Siege und Niederlagen kämpfender Heere, Adelserhebungen, Kriegszüge u.a. erwähnt. Außerdem wurde kurz und oft mit knappen Worten berichtet, was das Leben der Menschen damals besonders beeinflußte und störte. Immer wieder ist von Dürre, übermäßiger Hitze oder Kälte oder auch von Überschwemmungen die Rede, also von Naturereignissen, die bei der im frühen Mittelalter äußerst niedrigen Produktivität der Landwirtschaft zu Mißernten führten, was wiederum Hungersnöte auslöste." 174 In der Annalistik entstanden unter KARL DEM GROSSEN über regionale Chroniken z. B. von Klöstern oder Bistümern hinaus Darstellungen der für das Gesamtreich wichtigsten Ereignisse. Im besonderen die Annales regni Francorum 175 , die wahrscheinlich im Auftrag KARLS DES GROSSEN am Hofe entstanden, berichten über seine Regierungszeit. Sie gehen bis 741 zurück und reichen bis 829. Im Zusammenhang derartiger Ansätze zur Geschichtsschreibung werden als Autoren vor allem PAULUS DIACONUS, EINHARD, NITHARD, ASTRONOMUS, POETA SAXO, NOTKER der Stammler und THEGAN genannt. Mit der Ausdehnung des Reiches nahm im besonderen für die an den Aufgaben der Herrschaft Beteiligten die Notwendigkeit zu, auch über weite Entfernungen hin einen Informationsaustausch herzustellen und aufrechtzuerhalten. Es entwickelte sich ein reger Briefverkehr zwischen ALKUIN und KARL DEM GROSSEN; Schreiben wurden zwischen dem Kaiser und dem Papst ausgetauscht; Schreiben gingen als Einzelbefehle z. B. zur Mobilmachung oder als Rundschreiben z.B. mit Prüfungsfragen an die Untergebenen oder als Informations- oder Bittschriften von diesen an den Kaiser. 176 Zum zentralen Anliegen wurde die geschriebene Sprache in der karolingischen Religions- und Bildungspolitik. Im Jahre 789 ordnete KARL DER GROSSE über die Admonitio generalis 177 im einzelnen die Reform der Bildung an. Das 173

S. NEHLSEN, H. 1977. S. 4 4 9 - 5 0 2 und WADLE, E. 1977. S. 5 0 3 - 5 1 8 .

174

EPPERLEIN, s. 1978. S. 124. Vgl. auch a . a . O . S. 93 und LOEWE, H. 1967. S. 1 - 3 0 .

175

S . ANNALES REGNI FRANCORUM. 8./9. J h . 1 9 5 5 . S . 1 — 1 5 5 .

176

S . EPISTOLAE

MEROWINGICI

ET

KAROLINI

AEVI.

4 1 7 — 772.

1957;

7 7 3 - 8 2 6 . (1974); EPISTOLAE KAROLINI AEVI. 7 8 7 - 8 7 1 . 177

S. ADMONITIO GENERALIS. 789. m. Martio 23. 1960. S. 5 2 - 6 2 .

EPISTOLAE

KAROLINI

AEVI.

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

215

umfangreiche Gesetzeswerk bildete den Höhepunkt der karolingischen Reformbestrebungen im Bereich von Religion und Bildung. Auf gesetzlicher Ebene waren ebenfalls unter KARL DEM GROSSEN das Capitulare primum 178 von 769 und die Epistola de litteris colendis179, ein Brief, der zwischen 780 und 800 von ALKUIN verfaßt und zunächst an den Abt BAUGULF von Fulda, dann aber auch an andere Amtsträger gerichtet worden war, vorausgegangen. Die Anordnungen knüpften wiederum an älteren Reformbemühungen an, die bis in die Merowingerzeit zurückweisen. 180 Der Vergleich zwischen dem Capitulare primum und der zwanzig Jahre später verordneten Admonitio generalis ergibt neben wesentlichen Übereinstimmungen in den Grundintentionen „aufschlußreiche Unterschiede" im einzelnen und kennzeichnet darin die Entwicklungstendenzen der Bildungsbestrebungen und ihre Bedingtheit in den gesellschaftlichen Tendenzen der Expansion und der Organisation des Reiches: „Gleich, wenn auch nicht bis auf das letzte Wort, ist zunächst der sonst nicht sehr gebräuchliche Titel mit der auffallend starken Hervorhebung der defensio ecclesiae. Gleich ist auch der Wille, Mängel abzustellen, Fehler zu beseitigen: der Wille zur Reform, und ferner zeigt sich darin eine Übereinstimmung, daß die Unbildung — voran die der Priester — als ein Mangel unter anderen Mängeln, entsprechend die Bildung als Wert im Zusammen178

S.

179

S . d i e URKUNDEN N r .

KAROLI M. CAPITULARE PRIMUM.

769 vel paulo post. 1960. S. 44ff.

1 6 6 a u n d b (KAROLI EPISTOLA DE LITTERIS COLENDIS). 7 8 0 — 8 0 0 .

1958.

S. 2 4 6 - 2 5 4 . 180 Vgl. u. a. FLECKENSTEIN, J. 1953. S. 15: „Es (das Capitulare Primum — E. F. — ) schließt sich direkt an die lange Reihe der Reformgesetze an, wiederholt zum größten Teil Bestimmungen, die bereits Karlmann im Jahre 742 erlassen hatte (...), ergänzt sie aber auch, indem es etwa dem Verbot des Waffentragens und der Teilnahme an Feindfahrten für Priester das allgemeinere Verbot des Blutvergießens hinzufügt, oder indem es mit der Anordnung, daß die Priester vor den Bischöfen, zu deren Sprengel sie gehören, während der Fastenzeit Rechenschaft über ihre priesterliche Amtsführung ablegen sollen, die Bestimmung für die Bischöfe verknüpft, jährlich ihre Sprengel zu bereisen ,et populum confirmare et plebes docere et investigare'..., und dehnt dann die Reformforderungen konsequent aus auf das in den früheren Kapitularien noch nicht berührte Gebiet der priesterlichen Bildung." Mit besonderem Nachdruck weist PATZELT, E. 1965. S. 159 auf diesen Sachverhalt hin: „Aus der kritischen Untersuchung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse unter Karl dem Großen ergibt sich, daß auf allen diesen Gebieten Karl nicht neue Einrichtungen getroffen und grundsätzliche Umgestaltungen vorgenommen, sondern bereits Vorhandenes weiterentwickelt hat, und zwar im Sinne einer Tradition, die sich schon in der Merowingerzeit durch bestimmte regelmäßige Übung gebildet hatte. ( . . . ) Karl selbst beruft sich in seinen ( . . . ) Kapitularien häufig und ausdrücklich auf seine Vorgänger und auch in seinen Anordnungen über die Predigt und den Gemeindegesang folgte er alten Mustern." Mit Recht hält PATZELT auch hier der .historischen' Betrachtung, die die Reformbestrebungen allein aus der Person Karls des Großen zu erklären versucht, vor, daß seine bildungspolitischen Maßnahmen nur unmittelbar anknüpfend an vorausgegangene Bemühungen zu verstehen sind. Die zitierte Aussage wiederspricht den in der vorliegenden Arbeit zusammengestellten Daten über den faktischen Bildungsstand der merowingischen und frühen karolingischen Zeit nicht.

216

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

hang mit anderen ( . . . ) Werten angesehen wird. Unterschiedlich ist dagegen zunächst die Art und Weise, wie Karl im einen und anderen Kapitular die Mängel abzustellen sucht: im capitulare primum begnügt er sich mit der Forderung nach Abstellung und nach einem Mindestmaß an Bildung, ohne dieses Mindestmaß selbst festzusetzen. Auch in seiner epistola de litteris colendis ( . . . ) ist nur von dieser Forderung, wenn auch verstärkt durch den Wunsch geeigneter Lehrer, die Rede, wozu allerdings noch eine ausführlichere und zwingendere Begründung tritt. Die admonitio generalis bleibt bei dieser allgemeinen Forderung nicht stehen, sie geht ins einzelne; fordert Schulen und setzt in einem fest, was man in ihnen lehren soll, bestimmt genau das Mindestmaß der Bildung, verlangt die Benutzung emendierter Bücher und macht es den Mönchen zur Pflicht, selbst zu emendieren. Kopisten sollen nur Erwachsene sein. Nachdrücklich wird auf die römische Liturgie und gute Predigt (recta praedicate!) hingewiesen und wieder ganz konkret der Predigtstöff in seinen wichtigsten Punkten angeführt und ähnliches mehr. Also gegenüber dem capitulare primum eine Präzisierung, die Formulierung eines im wesentlichen fertigen Reformprogramms. Doch noch mehr als dies: Darin, daß Karl in seiner admonitio generalis auf den ,heiligen König' Josias des Alten Testaments verwies, deutet sich eine besondere Intensivierung an. War die Forderung des capitulare primum wie die jedes anderen Kapitulars von rechtlicher Verbindlichkeit, und war sie, wie sich im Titel zeigte, bereits vom Religiösen her fundiert, so ist der religiöse Charakter der admonitio noch verstärkt, ihre Verbindlichkeit religiös-moralisch unterstrichen."181 Bereits aus diesem Vergleich zweier Kapitularien K A R L S DES GROSSEN werden die wesentlichen Momente der Entwicklung der Bildungsbemühungen deutlich: 1. Erweiterung und Differenzierung des Reformprogrammes 2. zunehmend zentrale Steuerung und Kontrolle des Bildungsprozesses 3. Stabilisierung der Verflechtung zwischen Bildung, Kirche und Staat a) die Religion als Basis der Bildungsinhalte b) die Hierarchie der kirchlichen Instanzen als Träger der Maßnahmen c) der gesamte Bildungsprozeß als vom Staat funktional eingesetzt. Die Basis aller zu diesen Zwecken notwendigen Maßnahmen bildete die Förderung der geschriebenen Sprache. Die Förderung der geschriebenen Sprache richtete sich zunächst auf das „reparare"182 der geschriebenen lateinischen Sprache. Über die drei Schritte des „errata corrigere, superflua abscidere, recta cohartare"183 sollten schwerwiegende Mißstände, die im Gebrauch der lateinischen Sprache aufgetreten waren und die Funktionsfahigkeit dieses Kommunikationssystems gefährdeten, beseitigt wer•81 FLECKENSTEIN, J . 1 9 5 3 . S. I i i . 182

KAROLI EPISTOLA GENERALIS. 7 8 6 - 8 0 0 . 1 9 6 0 . S. 8 0 .

183

ADMONITIO GENERALIS. 789. 1960. S. 54. Dt. Übs. (— E.F. —): „Fehler zu verbessern, Überflüssiges zu streichen, das Richtige konzentriert zusammenzufassen."

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

217

den. „Psalmos, notas, cantus, compotum, grammaticam per singula monasteria vel episcopia et libros catholicos bene emendate; quia saepe, dum bene aliqui Deum rogare cupiunt, sed per inemendatos libros male rogant. Et pueros vestros non sinite eos vel legendo vel scribendo corrumpere; et si opus est euangelium, psalterium et missale scribere, perfectae aetatis homines scribant cum omni diligentia."184 Als Muster für die anstehenden Kommunikationsaufgaben wurden authentische Texte aus den entferntesten Regionen zusammengetragen185 und verglichen, fehlerhafte Handschriften emendiert und auf dieser Grundlage Mustertexte erstellt, die als Maßstab sowohl für alle weiteren Abschriften Gültigkeit besaßen, als auch darüber hinaus für den gesamten lateinischen Sprachgebrauch normativen Charakter annahmen. Die Bestimmung der sprachlichen Normen und ihre schriftliche Festlegung, sei es durch Mustertexte, sei es in Lehrbüchern, die nicht zufallig im Zusammenhang mit der Emendierungstätigkeit entstanden sind18fi, dienten der Vereinheitlichung des lateinischen Sprachgebrauches und einem besseren Verständnis der verbreiteten Texte. Wie die Bildungsreform K A R L S D E S G R O S S E N insgesamt das Ergebnis einer langfristigen, gesellschaftlich bedingten Entwicklung war, knüpfte er auch mit der reparatio im besonderen an früheren Bemühungen an, auf den fehlerhaften lateinischen Sprachgebrauch korrigierenden Einfluß zu nehmen.187 Seine Bemühungen unterschieden sich von den älteren jedoch grundsätzlich dadurch, daß nun die notwendigen Maßnahmen zentral, unter staatlicher Leitung und mithilfe königlicher Machtausübung durchgesetzt wurden. Nur unter staatlicher Lenkung A.a.O. S. 60. Dt. Übs. (— E.F. —): „Reinigt die Psalmen, die Schriftzeichen, die Gesänge, die Ostertafelrechnung, die Grammatik und die katholischen Bücher in den einzelnen Klöstern oder Bistümern gründlich von Fehlern; weil es oft vorkommt, daß manche richtig zu Gott beten wollen, wegen der unkorrigierten Bücher jedoch schlecht beten. Und gestattet nicht, daß Eure Knaben sie beim Lesen oder Schreiben verderben; und wenn es nötig ist, das Evangelium, den Psalter und das Meßbuch abzuschreiben, sollen es Männer gereiften Alters und mit aller Sorgfalt tun." 185 Vgl. dazu FLECKENSTEIN, j . 1953. S. 55f. „So ist bekannt, daß Karl d. Gr. sich von Abt Theodemar von Monte Cassino eine Abschrift aus dem Originalexemplar der Regel Benedikts erbat (...), daß er sich von Papst Hadrian die Canonessammlung des Dionysius Exiguus überreichen ließ und ihn auch um eine Abschrift des Sakramentars Gregors d. Gr. anging (...). In all diesen Fällen war es ausdrücklich das .authentische' Exemplar, auf das es Karl ankam (...). Darum wandte er sich direkt nach Rom und nach Monte Cassino, weil hier nach seiner Ansicht die rectitudo der gewünschten Bücher in ihren Originalen gesichert war." Zu den Umständen der Beschaffung des Sakramentars GREGORS D . G R . berichtet ausführlich KLAUSER, T. 1933. S. 178 — 182. S. auch EPPERLEIN, s. 1978. S. 108 u. S. llOf. Zur Bedeutung der Authentizität s. W A D L E , E. 1977. S. 512ff. Zum Buchlesen allgemein s. W I L H E L M , F. 1920 und 1921. S. 57—162. 186 Gerade ALKUIN, dem die Emendation der maßgeblichen Glaubenstexte oblag, hat mehrere Lehrbücher über den Gebrauch der lateinischen Sprache verfaßt: „De arte grammatica"; „De rhetorica"; „De dialéctica".

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

311

Abschreiben möglichst unverändert für das ganze Reich zur beherrschenden Schriftform werden und schließlich, der politischen Machtausdehnung des Großreiches entsprechend, weit über dieses hinaus alle anderen genannten Schriftformen verdrängen. 377 Auch im Hinblick auf die großräumig einheitliche Gestaltung der Schriftform lieferte damit die geschriebene Sprache durch ihre Basisfunktionen der Fixierung, Konservierung, Transportfähigkeit und Kopierbarkeit die grundlegenden Voraussetzungen. 377

Am Beispiel der Entwicklung der Schriftformen im Kloster Fulda und in Mainz beschreibt p. (1973) (1941). S. 8f., wie man sich den Schriftwechsel von der zunächst insular geprägten Schrift zur karolingischen Minuskel vorzustellen hat: „An den beiden Stätten, die für die Entstehung des Codex in Betracht kommen, in Mainz und Fulda hat man mehrere Jahrzehnte lang bekanntlich in der Hauptsache insular geschrieben, angelsächsische Halbunziale und angelsächsische Minuskel. Um 800 aber kam aus dem Westen und anderen Teilen des fränkischen Reiches durch Bücher, die man von anderswoher erwarb, durch fremde Schreiber und Mainzer oder Fuldaer Geistliche, die auswärts erzogen waren, die kontinentale Minuskel in die angelsächsischen Enklaven und verdrängte schließlich gegen 850 (der Zeitpunkt wäre noch genauer zu ermitteln) die alte Insulare. Die Schreiber tauschten begreiflicherweise die ihnen neue Schrift für die ihnen geläufige nicht widerstandslos ein. Zuerst gingen die Schriftarten nebeneinander her. In einem weiteren Stadium behielten viele die Insulare wohl einstweilen bei, übernahmen aber einzelnes aus der Kontinentalen; andere, die zur neuen Schrift übergehen wollten oder mußten, die konnten nicht sogleich und vielleicht nie die karolingische Minuskel in vollkommener Stilreinheit schreiben und lehren, sondern behielten unwillkürlich bei sich und ihren Schülern mit dem Schnitt und der Haltung der Feder Eigenheiten der früher geübten Buchstaben, Ligaturen, Abkürzungen, Interpunktion bei. So entstanden Mischschriften: angelsächsische Schrift mit einzelnen kontinentalen Elementen und schließlich eine karolingische Minuskel mit mehr oder weniger starkem insularem Hauch. (...) Die Überzeugung, daß es sich wirklich um ein Zusammenwirken von kontinentalen und insularen Schreibgewohnheiten handelt, hat sich in mir nicht unwesentlich durch die Beobachtung gefestigt, daß wiederum ähnliche Mischungen entstanden, als man im 10. und 11. Jahrhundert in England die Insulare zugunsten der festländischen Schrift aufgab". Ähnlich s. DERS. (1973) (1941). S. 218: „Selbstverständlich glauben wir nicht an ein plötzliches Abbrechen der insularen Tradition. Im Duktus der Fuldaer Schrift, in ihren Abkürzungen und sonstigen Eigentümlichkeiten spürt man noch nach 850 in Urkunden und Büchern deutlich die angelsächsische Vorgeschichte. Andererseits sehen wir die festländische Minuskel schon seit dem Ende des 8. Jahrhunderts hie und da neben der Insularen in Fulda gebraucht, für einzelne Einträge und bald auch für ganze Handschriften, von etwa 830 an konkurriert die karolingisch kontinentale Schrift außerordentlich stark mit der insularen. Wir haben Manuskripte, in denen die Schriftarten auf einer und derselben Seite, ja mitten in den Zeilen wechseln, Manuskripte, wo angelsächische zur Korrektur kontinentaler Textschrift gebraucht wird und umgekehrt, kennen Manuskripte, wo bald die festländische Schrift von der insularen, bald diese von der kontinentalen beeinflußt ist. Der Forscher beobachtet dieses Kampfschauspiel mit großem Interesse und wird es in Zukunft noch näher und sorgfaltiger betrachten müssen, weil das Verständnis des Nebeneinanderhergehens und Miteinanderringens, Sichdurchdringens zweier Schriften für Datieren und Lokalisieren, für Textkritik und Überlieferungsgeschichte wichtig ist, weil die allmähliche Überwindung der angelsächsischen Kalligraphie die geschichtliche Stellung der angelsächischen Kulturzentren Deutschlands gegenüber dem Insularen, ihre Verdeutschung und zugleich ihre Einordnung in die allgemeineuropäischen Bewegungen illustriert." LEHMANN,

Einen Überblick über den Stand der Entwicklung zur karolingischen Minuskel in den einzelnen Skriptorien zur Zeit KARLS DES GROSSEN gibt BISCHOFF, B. 1979.

312

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

2.3.6.6. Zum Entwicklungsstand des Systems geschriebener deutscher Sprache in der althochdeutschen Zeit Uber die Einheit der Sprache in den althochdeutschen und altsächsischen Schriftzeugnissen wird kontrovers diskutiert. Einerseits wurde aus der Übereinstimmung der Textauflistungen und Anordnungen in den Kapitularien und dem überlieferten Textmaterial auf dem Hintergrund der zentralisierenden Maßnahmen der Karolinger gefolgert, die geschriebenen Texte seien an zentraler Stelle im Umkreise des Hofes produziert und von dort aus über das Reich verbreitet worden. Die damit zugleich behauptete ursprüngliche Einheit der für die geschriebenen Texte verwendeten Sprache, die in der MÜLLENHOFFSchen These von der karolingischen Hofsprache 378 gipfelte, sei auf dem Wege an die Adressaten im ganzen Reich durch Umänderungen und Erweiterungen beeinträchtigt worden. „Der Weg von der Zentrale herab ins Land ist für die verdeutschten Texte der Weg der Befreiung. Neben den geheiligten Wortlauten sprießen wie Graspolsterchen zwischen den Steinplatten des Gartenweges die ersten schüchternen Selbständigkeiten auf' 3 7 9 . Dieser Argumentation entsprach der Versuch vor allem BAESECKES, alle Textzeugnisse aus jeweils einer Urfassung abzuleiten. Textanalysen neuerer Zeit haben demgegenüber ergeben, daß die Behauptung der ursprünglichen Einheit der frühen Zeugnisse geschriebener deutscher Sprache in dieser Form nicht aufrecht erhalten werden kann. Vielfach wurde daraus andererseits gefolgert, es habe weder eine Notwendigkeit noch eine reale Vereinheitlichung der Sprache gegeben. „Die verbindende Sprache der Wissenschaft war im ganzen Mittelalter das Latein. Mit ihm besaß man ein Verständigungsmittel oberhalb von Mundart- und Sprachgrenzen. Wie sollten ausgerechnet die Kleriker und Mönche, deren zweite Muttersprache das Lateinische war, das Bedürfnis nach einer deutschen Schriftsprache verspürt haben! Die deutsche Sprache und erst recht ihr schriftlicher Gebrauch hat in diesen frühen Jahrhunderten nur einen ganz schmalen Sektor des höheren geistigen Lebens eingenommen. Eine althochdeutsche Schriftsprache hat sich nicht zuletzt deswegen nicht herausgebildet, weil noch kein Bedarf, vor allem kein zwingender literarischer Bedarf, für sie bestand." 380 Die althochdeutschen und altsächsischen Zeugnisse

378

379 380

MÖLLENHOFF, K./SCHERF.R, w. 1964a (1892). S. XIV. Die These von der karolingischen Hofsprache taucht nicht zuerst bei MÖLLENHOFF und SCHERER auf. Schon GROTEFEND, G. F. 1818. S. 30 fordert eine „erste deutsche Hofsprache, welche vom J. 486 an im ganzen fränkischen Reiche für die vornehmere galt" und schreibt dieser im besonderen auch die Funktion als „Kirchen- und Büchersprache" zu. Über MÜLLENHOFF/SCHERER hinaus wurde die These von der karolingischen Hofsprache u. a. vertreten von HEINZEL, R. 1907. S. 275 — 315 in Kritik an BRAUNE und PAUL. Auch SOCIN, A. 1888 übernimmt die These von der karolingischen Hofsprache. BAESECKE, G. (1966) (1947). S. 347. SCHRÖDER, w. 1959. S.56f. Ähnlich s. JELLINEK, M. H. 1936. S. 186 — 259, der eine Übersicht über die Diskussion um die Entwicklung der Schriftsprache in der älteren Literatur gibt. S. auch

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

313

werden in der Betrachtung von der folgenden mittelhochdeutschen Sprachperiode abgetrennt, so daß mögliche Entwicklungen in Richtung auf die Vereinheitlichung des Sprachsystems unbeachtet bleiben; der geschriebenen Sprache in der althochdeutschen Zeit wird nur die Funktion der Konservierung (Schriftsprache als „Sprache der Überlieferung") zugesprochen, ihre Eigenständigkeit (Schriftsprache als „Sprache der Anderen" 381 ) wird als nicht nachgewiesen verworfen. „Gab es um die Mitte des 9. Jahrhunderts eine wirklich geschmeidige, literaturfähige deutsche Schreibsprache am Hofe oder sonstwo, so konnte sie den gelehrten Vorstehern der Klöster, einem Hrabanus Maurus, Lehrer und Abt zu Fulda, und späterem Erzbischof von Mainz, seinen Schülern Otfrid von Weißenburg und dem Reichenauer Abt Walahfrid Strabo nicht entgangen sein. Dann könnten wir aber ihre Klagen über die Mühsale ihrer Übersetzungsversuche nicht verstehen." 382 Das karolingische Reich habe nicht die Kraft besessen, sprachlich ausgleichend und vereinheitlichend zu wirken 383 , die karolingische Schriftsprache sei ein „Phantom" 384 . Wo dementgegen Vereinheitlichungstendenzen im einzelnen nicht übergangen werden können, werden sie auf jeweils „besondere( ) Zustände und Umstände" 385 zurückgeführt. In der Konsequenz bleibt die Bestimmung der frühen geschriebenen deutschen Sprache als Abbild der „Volkssprache" 386 , die, unabhängig davon, ob sie als Dialekt oder als eine eigene Qualität verstanden wird, in jedem Falle primär gesprochensprachlich existiere. Das bezeichnendste Beispiel für das Ignorieren historischer sprachlicher Zusammenhänge bietet die Beschreibung der Werke NOTKERS, ohne jede Verbindung mit den frühen deutschen Texten der Karolingerzeit. Allein aus einer Textstelle des Schreibens NOTKERS an den Bischof HUGO VON SITTEN, in der NOTKER sein Werk als eine „rem pene inusitatam" 387 beschreibt, wird gefolgert, NOTKER habe von den vor ihm in geschriebener deutscher Sprache verfaßten Werken nichts gewußt, und daraus verallgemeinernd die Schlußfolgerung gezogen: „Wann und wo immer deutsch geschrieben oder gar gedichtet wird, hat es im Bewußtsein der Autoren den Charakter des Experiments und der Ausnahme und geschieht es in tatsächlicher oder vermeintlicher Isolation." 388

BEHAGHEL, o. 1928. S. 182ff.; HENZEN, w. 1954. S. 4 4 - 5 1 ; BACH, A. 1970 (1949). S. 1 5 3 - 1 6 8 ; TSCHIRCH, F. (1971) (1966). S. 159; SCHMIDT, W. u.a. 1970. S. 62. 381

S. BEHAGHEL, O. 1 9 2 8 . S. 1 8 2 ff.

382

HENZEN, w . 1 9 5 4 . S. 5 0 f.

383

Vgl. ERB, E. 1965 a. S. 108.

384

SCHRÖDER, w . 1 9 5 9 . S. 5 6 .

385

HENZEN, w . 1 9 5 4 . S. 4 9 . V g l . a u c h BACH, A. 1 9 7 0 ( 1 9 4 9 ) . S. 1 6 1 f.

386

S. BRAUNE, w . 1 8 7 4 S. 1 - 5 6 ; FISCHER, H. 1 8 9 1 . S. 4 3 5 ; MITZKA, W. 1 9 5 0 . S. 3 9 ; HENZEN, W. 1 9 5 4 . S. 4 6 ; FRINGS, T. 1 9 5 6 . S. 1 6 ; ERB, E. 1 9 6 5 b. S. 9 2 2 ; SONDEREGGER, S. 1 9 7 4 u n d DERS. 1 9 7 9 .

387

S. BRIEF NOTKERS AN HUGO VON SITTEN. U m 1 0 1 7 . 1 8 8 2 . S. 8 6 0 .

388

SCHRÖDER, w . 1 9 7 1 . S. 1 9 6 . S. a u c h VON POLENZ, P. 1 9 7 8 . S. 4 0 f . u n d BAESECKE, G. ( 1 9 6 6 ) ( 1 9 2 5 / 2 6 ) .

S. 112.

314

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

Mit dem Schluß, eine Schriftsprache in der althochdeutschen Zeit habe es nicht gegeben, bzw. ihre Existenz habe nicht bewiesen werden können, wenden sich viele Sprachhistoriker der Sprachentwicklung im Mittelhochdeutschen zu und behandeln das Problem der deutschen Schriftsprache ohne jeglichen Zusammenhang mit den eigenständigen Entwicklungsleistungen der geschriebenen Sprache in der althochdeutschen Zeit. Die These M Ö L L E N H O F F S zur Kontinuität einer deutschen Schriftsprache aus der althochdeutschen Zeit heraus wird als „noch in der Romantik befangen( ) ( . . . ) in dieser Form heute für erledigt" erklärt,389 ohne daß der darin enthaltenen Einschränkung weitere Beachtung geschenkt wird. Sowohl die These vom einheitlichen Ursprung der geschriebenen deutschen Texte als auch die Negierung einer „Schriftsprache" in althochdeutscher Zeit mißachten die geschriebensprachliche Eigenheit der geschriebenen deutschen Sprache. Darüber hinaus sind sie in ihrer Betrachtung der Sprachentwicklung unhistorisch. Während erstere der Vielfältigkeit der Textzeugnisse nicht ausreichend gerecht wird, schließt letztere von einem angeblichen Mangel an literarischem Bedarf für eine geschriebene deutsche Sprache auf den allgemein fehlenden Bedarf, stellt das Latein unter Mißachtung der konkreten historischen Bedingungen als unproblematische und unbegrenzte „zweite Muttersprache" des Klerus dar, schaltet die Frage nach dem Verwendungszweck der geschriebenen deutschen Sprache systematisch aus und zeichnet das Bild des geschriebenen Althochdeutschen und Altsächsischen als einer zufalligen, funktional bedeutungslosen Erscheinung. Allein die sprachlichen Erscheinungen, mitunter noch begrenzt auf die „literarische(n)" Zeugnisse 390 , werden am unhistorischen Ideal einer Einheitssprache bzw. einer Schriftsprache mit „allgemein verbindliche(m) Charakter" 391 in

389

HENZEN, w . 1954. S. 44.

390

N a c h SCHRÖDER, w. 1959. S. 56 f. ist die deutsche Sprache, im besonderen die „überlandschaftlich geltende Sprache", unlöslich an die „wahrhaft große D i c h t u n g " gebunden, die allein sie „fordert und trägt". „Schriftsprache", v o n SCHRÖDER offensichtlich als die F o r m überregional gültiger Sprache akzeptiert, ist infolge dieser Definition nur als „Literatursprache" möglich. A u f diesem Hintergrund folgert SCHRÖDER weiter: „ A u c h Otfrids großes Werk hat keine Literatursprache begründet, die N a c h f o l g e gefunden und Schule gemacht hätte, und eben deshalb auch keine literarische Tradition. Nichts ist bezeichnender für die bleibende Diskontinuität des althochdeutschen Schrifttums, als daß Notker v o n St. Gallen es gut hundert Jahre später nicht mehr gekannt hat." Abgesehen davon, daß SCHRÖDERS Behauptung, NOTKER habe OTFRIEDS K r i s t nicht gekannt, keineswegs gesichert ist, (vgl. BAESECKE, G. (1966) (1925/26) S. 109), wird hier ein widersprüchlicher Begriff v o n Literatur verwendet, der einerseits als „althochdeutsche(s) Schrifttum" nur die Werke OTFRIEDS und NOTKERS zuläßt und sämtliches Sprachmaterial der Glossenwerke und der katechetischen Literatur als .Gebrauchssprache' und deshalb nicht literarisch ausschließt, andererseits aber auf dieser schmalen Grundlage v o n Geschriebenem das Urteil über die gesamte geschriebene deutsche Sprache der althochdeutschen Zeit nach sich zieht, die karolingische Schriftsprache sei ein „ P h a n t o m " .

391

SCHILDT, J. 1976. S. 62.

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

315

dem Sinne gemessen, daß für eine geographisch und oder politisch faßbare Gemeinschaft von Menschen ein für alle verbindliches, einheitlich geregeltes Sprachsystem zur Verfügung steht und von den Mitgliedern dieser Gesellschaft aktiv beherrscht wird. Die Realisierung eines solchen Idealzustandes ist in der bisherigen Geschichte indes nicht nachweisbar. Selbst die deutsche Hoch- oder Schriftsprache der heutigen Zeit als überregionales Massenkommunikationsmittel ist in diesem Sinne keineswegs Einheitssprache, da auch in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft des 20. Jhs. noch immer große Teile der Bevölkerung dieses Sprachsystem, wenn überhaupt, dann nur unzureichend beherrschen. In noch engeren Grenzen fand die „Schriftsprache" im späten Mittelalter, zur Zeit des Buchdruckes und der Bibelsprache LUTHERS Verwendung, auch wenn man berücksichtigt, daß letztere nicht das Werk eines einzelnen Mannes, sondern das Resultat der sprachlichen Entwicklung im deutschen Sprachraum auf einer konkret historischen Stufe darstellt. Zudem gab es „weder eine politische Instanz oder Persönlichkeit noch anspruchsvolle regelnde Grammatik, die in der Lage gewesen wäre, einer einheitlichen Sprachnorm zum Siege zu verhelfen." 392 Selbst LUTHERS überragendes Sprachwerk „ist nie einheitlich gewesen" 393 , sondern läßt allenfalls „eine deutliche Richtung zu immer größerer Einheitlichkeit" 394 erkennen. Das in der althochdeutschen Zeit im Entstehen begriffene System der geschriebenen deutschen Sprache hat dem Idealzustand der „Schriftsprache" freilich erst recht nicht entsprochen. Innerhalb der eng begrenzten sozialen Verteilung bestanden vielfältige Unterschiede sowohl aufgrund der unterschiedlichen Dialekte, denen das neue System parallel gestaltet werden mußte, als auch hinsichtlich der Verwendung der Buchstaben und der an verschiedenen Orten jeweils unterschiedlichen Neugestaltungen von Wörtern und grammatischen Konstruktionen. Die zweckgerichtete und insofern unumgängliche Inanspruchnahme der vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten ließ in dem entstehenden Sprachsystem heterogene Faktoren wirksam werden und hatte zur Folge, daß das neue System nicht von vornherein in sich einheitlich gestaltet sein konnte. Auf der Grundlage der Ausgangssituation jedoch, die sich durch eine im gesprochensprachlichen Bereich große Vielfältigkeit und im geschriebensprachlichen Bereich äußerst begrenzt verfügbare Sprache auszeichnete, im weiteren auf dem Hintergrund des Wissens darum, daß die geschriebene Sprache allenfalls unter dem zentralen Gedanken der Einheitlichkeit, im einzelnen jedoch von einzelnen Menschen an verschiedenen Orten unter unterschiedlichen Bedingungen auch im sprachlichen Bereich geschaffen worden ist, und schließlich vor allem unter Beachtung der Eigenheit der geschriebenen Sprache lassen die Anfange der 392

AGRICOLA, E . / F L E I S C H E R , W./PROTZE, H. u . a . ( H r s g . ) . 1 9 6 9 . S . 1 9 3 . V g l . a u c h M O S E R , H. 1 9 6 5 . S . 1 4 1 .

393

SCHMIDT, w . u . a . 1 9 7 0 . S . 1 0 7 .

394

MOSER, H . 1 9 6 5 . S . 1 4 5 .

316

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

geschriebenen deutschen Sprache erkennen, daß sie den Boden für die Entwicklung zu einem einheitlichen System geschriebener deutscher Sprache bereiteten. In der anfänglichen Vielfalt der geschriebenen deutschen Sprache war ihre Vereinheitlichung bereits angelegt. Die geschriebene Existenzform des neuen Sprachsystems sicherte mit ihren Möglichkeiten der Konservierung und systematischen Operierbarkeit die geschaffenen Elemente und Strukturen. Auf allen sprachlichen Ebenen setzte, gebunden an die geschriebene Sprache, ein Vereinheitlichungsprozeß ein. Für den Wortschatz, die Grammatik und die Zeichenverwendung bestand dieser zunächst in der Hauptsache darin, daß das Sprachmaterial durch seine geschriebensprachliche Fassung in der dargelegten Weise handhabbar gemacht wurde. Bereits auf dieser ersten Stufe zur Vereinheitlichung lassen sich durchgängig zwei der geschriebenen Sprache eigene Entwicklungsrichtungen feststellen. Gegenüber dem mündlichen Sprachgebrauch zeichnete sich das neue Sprachsystem bezüglich seiner Elemente und Strukturen wesentlich durch Differenziertheit und Komplexität aus. Zugleich wurde durch die geschriebensprachliche Fassung eine gezielte Auswahl aus der Vielfalt sprachlicher Erscheinungen und Möglichkeiten vorgenommen und auf diese Weise der Sprachbestand des neuen Systems festgeschrieben und normiert. Damit waren zugleich erste Vereinheitlichungstendenzen vollzogen und die Voraussetzungen für die nächste Stufe der Vereinheitlichung geschaffen. Worin diese bestand, zeigt bereits in der althochdeutschen Zeit das Beispiel der Schriftform. Da auf dieser Ebene das notwendige Grundmaterial, das es zu vereinheitlichen galt, nämlich die verschiedenen Schriftformen, nicht erst geschaffen werden mußte, konnte in diesem Bereich die Vereinheitlichung grundlegend und erfolgreich vollzogen werden. Nicht die gelehrte Grammatik und das vollständige Wörterbuch standen am Anfang der geschriebenen deutschen Sprache — auch wenn sie nach E I N H A R D S Bericht schon unter K A R L DEM G R O S S E N erstrebenswerte Ziele waren, 395 woraus hätten sie schöpfen können? — sondern die althochdeutschen und altsächsischen Gebrauchstexte und Glossenwerke, mögen sie auch von einigen Philologen als literarisch unbedeutend, allenfalls mit „Quellen- und Seltenheitswert" 396 für die Erforschung der Sprachgeschichte abgetan werden, bildeten die Basis für die Entwicklung der geschriebenen deutschen Sprache. Ihre ständige Umarbeitung, Ausformung, Differenzierung, Vervollständigung und Überlieferung schufen eine Tradition geschriebener deutscher Sprache, die Entwicklung zu einem einheitlichen Sprachsystem und zur weiträumigen Durchsetzung seines Gebrauches. Auch wenn diese Entwicklung im Zusammenhang der konkret historischen Bedingungen nicht geradlinig verlaufen konnte, war sie dennoch in dem Sinne kontinuierlich, daß die nachfolgenden Textproduzenten entsprechend den neuen kommunikativen Anforderungen auf dem sprachlichen Entwicklungsstand ihrer 395

S . E I N H A R D I VITA CAROLI MAGNI. U m

396

SCHRÖDER, w. 1959. S. 3. Vgl. auch a . a . O . S . 2 3 und S. 48.

830 — 836. S. 200.

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

317

Vorgänger, soweit dieser ihnen bekannt war, aufbauten, um ihn weiter zu differenzieren und für ihre Zwecke nutzbar zu machen. Einheitliche Traditionen zur geschriebenen deutschen Sprache lassen sich auch in den einzelnen Klöstern feststellen. Jedes Kloster stellte mit seiner Bibliothek, die von auswärts erhaltene und im Kloster selbst produzierte Handschriften für die weitere Verwendung aufbewahrte, und seiner Schule, in der den Absolventen das Schreiben und die Produktion von Texten einheitlich nahegebracht wurde, sowie dem engen mündlichen Kommunikationszusammenhang, in dem die Textproduzenten eines Klosters untereinander und zu ihren Lehrern standen, eine Bildungseinheit mit der Möglichkeit dar, eine einheitliche Tradition geschriebener deutscher Sprache zu schaffen und zu bewahren. „Die Vervielfältigung der Literatur hat ebenso wie die Herstellung der liturgischen Handschriften in der ersten Hälfte des Mittelalters, bis zum XII. Jahrhundert zum größten Teil in Klöstern stattgefunden. Zur Anlage eines wohlausgestatteten Klosters gehörte das Skriptorium. ( . . . ) Hier spielte sich ein wichtiger Teil des monastischen Lebens ab. (. . .) Wenn ein Kloster eine große Bibliothek aufbaute oder, wie in Saint-Martin in Tours, in bedeutendem Umfang Bücher für auswärtige Empfanger geschrieben wurden, konnte die Gemeinschaft der Schreibermönche und bisweilen auch schreibender Nonnen geradezu eine Art lebendigen Organismus bilden, der über viele Jahre bestand und den Schriftstil der Schule trug, der sich in der Schrift des Einzelnen und stärker im Wechsel der Schreibergenerationen veränderte." 397 Derselbe Vorgang, der nach BISCHOFF zur Vereinheitlichung des Schriftstils auch in den geschriebenen lateinischen Texten eines Klosters beitrug, schaffte auch für die geschriebenen deutschen Texte eine einheitliche Tradition auf allen Sprachebenen. Derartige Traditionen lassen sich u. a. für die Klöster Freising, Reichenau, Regensburg und Murbach nachvollziehen. 398 Trotz der vorsichtigen Einschätzung der Bedeutung Fuldas für das frühe deutsche Schrifttum kommt GEUENICH ZU dem Schluß: „Die,Macht der örtlichen Tradition' (. . .) wirkte auch hier offensichtlich stärker auf die Schreiber ein als ihre sprachgeographische Herkunft. Wo sich die Klostergemeinschaft schriftlich äußerte, in Urkunden, Konventslisten oder im Totengedächtnis der annales necrologici, da wurden fremde Spracheinflüsse soweit möglich zurückgedrängt zugunsten einer Schreibnorm, die bei aller Vielfalt und Variation doch als erstaunlich abgegrenzte ,Fuldaer Klosterschriftsprache' erkennbar ist". 399 Daß derartige Klostertraditionen nicht auf die Schreibung beschränkt waren, sondern das neue geschriebene Sprachsystem des Deutschen konstituierten, zeigt gerade das Beispiel NOTKERS in St. Gallen, von dem SONDEREGGER feststellt: „Ähnliches wie für die Akzentsetzung Notkers läßt sich bis zu einem gewissen Grade aber 397 398

BISCHOFF, B. 1979. S. 58 f. Vgl. SCHRÖDER, w. 1956/57. S. 212. GEUENICH, D. 1978. S. 108.

318

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

auch für die anderen Teile des Notkerschen Sprachgefüges erweisen: auch in Fragen der Orthographie, der Lautverhältnisse, sogar der Flexion und des Wortschatzes sind die St. Galler Glossen in manchem Vorstufen zu Notker" 400 . Auch die Unterschiede im sprachlichen Werk NOTKERS ZU den Glossen ergaben sich nach SONDEREGGER keineswegs aus einer Unkenntnis N O T K E R S , sondern müssen als „bewußte Bedeutungsdifferenzierungen oder bestimmte Nuancierungen" 401 verstanden werden. Wenn aber N O T K E R die Vielfalt der althochdeutschen Texte zumindest aus St. Gallen kannte und seiner eigenen Spracharbeit zugrundelegte, richtet sich die Hervorhebung der Ungewöhnlichkeit seines Tuns möglicherweise nicht auf die Verwendung geschriebener deutscher Sprache überhaupt, sondern auf die Art, in der NOTKER schrieb, auf seine differenzierte Gestaltung der geschriebenen deutschen Sprache im Zusammenhang mit lateinischen Textteilen gemäß den Erfordernissen des Schulunterrichtes. Obwohl, oder gerade weil Äbte, wie EKKEHARD II. im Kloster St. Gallen, den gesamten Sprachgebrauch des Klosters auf das Latein hin ausgerichtet hatten, gab es Mönche in den Klosterschulen, die, wie NOTKER „propter caritatem discipulorum" 402 , das richtige Verständnis der Texte über das Postulat der Priorität, wenn nicht der Alleingültigkeit des lateinischen Sprachgebrauches stellten: „Ad quos dum accessum habere nostros uellem scolasticos ausus sum facere rem pene inusitatam. ut latine scripta in nostram conatus sim uertere et syllogystice aut figurate aut suasorie dicta per aristotelem uel ciceronem uel alium artigraphum elucidare" 403 , und sich damit in Übereinstimmung mit den unter KARL DEM GROSSEN erhobenen Forderungen befanden. Sie waren es, die die Glossenwerke schufen, kombinierten, erweiterten, sammelten, weitergaben und mit ihrer Hilfe das erforderliche Textmaterial in seiner Tiefgründigkeit verständlich zu machen versuchten. Infolge der vielfach gelagerten Beziehungen der Klöster untereinander leiteten die Schreibtraditionen über den Rahmen des einzelnen Klosters hinaus erste überregionale Tendenzen zu einer einheitlichen Verwendung geschriebener deutscher Sprache ein. „Daß sich im Weitergeben, Um- und Abschreiben der Glossare von Schreibstube zu Schreibstube immer auch eine gewisse (. . .)

« 0 SONDEREGGER, s. (1971a). S. 124. Vgl. auch DERS. (1970). S. 5 3 - 5 6 ; LUGINBÜHL, E. 1970 (1933). SONDEREGGER, s. ( 1 9 7 1 a ) . S . 1 2 9 . 402

S . i n : DER LIBER B E N E D i c r r o N U M EKKEHARTS i v . U m 1 0 3 0 . 1 9 0 9 . S. 2 3 0 . D t . Ü b s . ( — E . F . — ) : „ d e n

Schülern zuliebe". 403

BRIEF NOTKERS AN HUGO VON SITTEN. U m 1 0 1 7 . 1 8 8 2 . S. 8 6 0 . D t . Ü b s . ( -

E . F . - ) : „ D a i c h ja

wollte, daß unsere Schüler Zugang zu diesen (den kirchlichen Büchern — E. F. —) hätten, habe ich gewagt, die fast ungewöhnliche Sache zu tun, daß ich versucht habe, lateinisch Geschriebenes in unsere (Sprache — E. F. —) zu wenden und das, was in Form eines logischen Schlusses oder in einer Redefigur oder in rhetorischer Form gesagt war, mit Hilfe v o n Aristoteles oder Cicero oder einem anderen Vertreter der artes-Literatur zu erhellen."

Sprachen

Kommunikat i o n s b e d i n g u n g e n Gedankenaaswahl

und

Gedanken-

führung Formulierung Abb. 40: Das Zusammenwirken der am Entstehungsprozeß der geschriebenen deutschen Sprache beteiligten Faktoren

Entwicklung e i n é s geschriebensprachl. Grundrepe r t o i r e s ( P r o d u z e n t A) Entwicklung e i n e s geschriebensprachl. Grundrepe r t o i re s ( Produzent B)

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(III)

Sprache

319

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

Ausgleichung vollzieht, liegt in der Natur der Sache" 404 . Was SCHRÖDER für die Glossare feststellt, gilt in gleicher Weise auch von den übrigen Texten, die über das Reich verbreitet wurden. In diesen Ausgleichstendenzen und Übereinstimmungen liegen die Ansätze zur Entwicklung einer einheitlichen geschriebenen deutschen Sprache (Abb. 40). Die an wenigen zentralen Stellen geschaffenen Ansätze zu einem in sich einheitlichen deutschen Sprachsystem wurden zusammen mit den religiösen Inhalten durch die Vervielfaltigungs-, Transport-, Sammlungs- und Rezeptionsleistungen der geschriebenen Sprache gleichzeitig und unverändert über das gesamte Reich verbreitet, allen Adressaten in gleicher Weise zugänglich gemacht. Die publizierten neuen Sprachelemente und -strukturen wurden als überregional verständliche und insofern brauchbare, gültige Vorbilder und Entscheidungshilfen für die Gestaltung und Auswahl der Repräsentanten weiterer Texte erfahren. Die bereits in geschriebener deutscher Sprache gestalteten Repräsentanten konnten ohne Veränderung durch Abschreiben in den neuen Text übernommen werden. Differenzierte Lautanalysen, umsichtige Wortbildungsversuche und komplexe syntaktische Konstruktionen mußten nicht für jeden Text neu entwickelt werden. Sie waren in den geschriebenen Texten als Maßstab für die weitere Produktion verfügbar, sei es zur unveränderten Verwendung in immer wieder neuen Textzusammenhängen, sei es als Grundlage für die weitere Differenzierung und Präzisierung innerhalb des neuen Sprachsystems. Das Geschriebene selbst wurde zur neuen gesellschaftlich nutzbaren Informationsquelle über das neue Sprachsystem. Das bewußte Streben nach sprachlicher Vereinheitlichung findet einen deutlichen Ausdruck in dem Begriff ,theodisk'. Die Sprachbestimmung theodisk hat abgrenzende und zusammenfassende Funktion, die gleichzeitig wirksam werden. In ihrem historischen Zusammenhang erhielt ihre Bedeutung einen jeweils unterschiedlichen Schwerpunkt. Abgeleitet aus der Wortwurzel für ,das Volk', germanisch *theudo, gotisch Jsiuda, grenzte die wahrscheinlich in Westfranken entstandene Bezeichnung *J>eudisk („zu unserem, zum eigenen Volk gehörig" 4 0 5 ) zunächst die eigene Sprache gegenüber dem Romanischen ab 406 . Im Gegenzug wurde dieses Wort dann auch von den Romanen auf die Germanen angewandt, freilich nun mit der veränderten Bedeutung „nichtromanisch", „zum

«« SCHRÖDER, w. 1956/57. S. 212. Vgl. auch a . a . O . S. 166, S. 173, S. 185 und S. 188f. EGGERS, H. ( 1 9 6 3 ) . S. 4 3 . 406

Die Erforschung des Wortes .deutsch' hat eine lange Tradition. Zu seiner allgemeinen Problematik, seiner Entstehung und Entwicklung s. z . B . die in EGGERS, H. 1970

zusammengestellten

F o r s c h u n g s b e i t r ä g e ; s. f e r n e r MOSER, H. 1 9 6 5 . S. 9 8 f f . ; SCHILDT, J . 1 9 7 6 . S. 7 6 f . ; SONDEREGGER, S.

1979. S. 4 0 - 5 6 ; DERS. 1978b. S. 2 3 7 - 2 4 3 ; ERB, E. 1965b. S. 868f.; SCHMIDT, W. 1970. S. 5 7 - 7 9 ; KROGMANN, W . 1 9 3 6 ; MAURER, F . 1 9 4 1 . S . 4 4 f f . ; W E I S G E R B E R , J . L. 1 9 4 9 ; D E R S . ( 1 9 5 3 ) ; B E H A G H E L , O.

1928. S. 97.

320

2. Funktionale Bestimmungen geschriebener Sprache

germanischen Volksteil gehörig". 407 War damit die Bezeichnung *theodisk auf die germanischen Stämme und ihre Sprachen festgelegt, so konnte sie in der Folge auch für die Abgrenzung gegenüber allen anderen Völkern und Sprachen Verwendung finden. Mit der Entlehnung .theodiscus' schuf der lateinische Sprachgebrauch als Pendant zu ,latinus' eine zunächst additiv zusammenfassende Bezeichnung der germanischen Sprachen. Die Gegenüberstellung der ,lingua latina' und der ,lingua theodisca' beruhte zunächst nicht auf Gleichwertigkeit. Als weiterentwickeltes, einheitliches Sprachsystem mit langer Tradition war die ,lingua latina' den privilegierten Bevölkerungskreisen vorbehalten. Aus der Perspektive dieser Bevölkerungskreise — allein diese ist in den geschriebenen Texten überliefert — war die ,lingua theodisca' ein Nebeneinander bäuerlicher Dialekte mit nur begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten und in diesem Sinne Volks- bzw. Vulgärsprache. Auch unter KARL DEM GROSSEN wurde diese Rangfolge der Sprachen keineswegs durchbrochen. Infolge der Notwendigkeit jedoch, bei der Christianisierung auf die ,lingua theodisca' zurückzugreifen, erfuhr diese durch kaiserliche und kirchliche Anordnung ebenso wie durch ihre intensive Bearbeitung und Nutzbarmachung in den Klöstern eine erhebliche Aufwertung. Sie bekam eigenständige Bedeutung, wurde zur „Bezeichnung für die Sprache der im Reiche politisch zusammengefaßten germanisch-deutschen Stämme." 408 Im Zusammenhang der allgemeinen politischen Entwicklung trat damit im Bereich der ,lingua theodisca' das über den Dialekten stehende, allen Gemeinsame, Vereinende in den Mittelpunkt. Theodiscus wurde zur Bezeichnung für das zu schaffende neue einheitliche Sprachsystem, das in diesem Zusammenhang aber keineswegs Volksim Sinne von Vulgärsprache bedeutete, sondern als Abgrenzung gerade gegenüber den tradierten Stammes- und Territorialdialekten Verwendung fand. Die Bedeutung von theodiscus hatte sich damit abermals gewandelt. Hatte der Terminus bisher einen bereits gegebenen Zustand beschrieben, so nahm er nun das Ziel einer langfristigen Sprachentwicklung sprachlich vorweg. In diesem Sinne wurde theodiscus zum Programmwort der Sprachpolitik KARLS DES GROSSEN. 409 Wenn er anordnen ließ, die Predigten zu übersetzen „in rusticam Romanam linguam, aut Theodiscam, quo facilius cuncti possint intelligere quae dicuntur" 410 , so implizierte dieses Programm die Entwicklung der lingua theodisca durch planmäßige Vereinheitlichung der gegebenen Sprachformen zu einem qualitativ neuen Sprachsystem. Das Aufkommen und rasche Durchdringen des Wortes 407 408 409 410

EGGERS, H. (1963). S. 43. BAESECKE, G. (1966) (1949). S. 411. Zum Programmwort .deutsch' vgl. auch SCHILDT, J. 1976. S. 76f.; EGGERS, H. (1963). S. 40 — 46. Kundgegeben auf der Synode von Tours 813. CONCILIUM TURONENSE III. 8 1 3 . 1 7 6 9 . S. 85. Dt. Übs. (—E.F. —): „In die bäuerliche romanische oder deutsche Sprache, damit alle um so leichter verstehen können, was gesagt wird."

2.3. Die Entstehung der geschriebenen deutschen Sprache

321

,deutsch' ist also keineswegs „verwunderlich( )" 411 . Vielmehr dokumentiert ,theodiscus' als Programmwort auch auf sprachlicher Ebene die Zielrichtung der Bemühungen auf Vereinheitlichung. Daß trotz der Bewältigung dieses grundlegenden Schrittes zur sprachlichen Vereinheitlichung in der Karolingerzeit die Produktion geschriebener deutscher Texte in den folgenden Jahrhunderten zunächst wieder erheblich eingeschränkt, keineswegs aber vergessen wurde, wie die auch im 10. und 11. Jh. ununterbrochene Arbeit an den katechetischen Texten und an den Glossenwerken belegt 412 , liefert keinen Beweis für die Nicht-Kontinuität der geschriebensprachlichen Entwicklung. Die Vereinheitlichung zur deutschen Sprache stellt keinen Prozeß um seiner selbst willen dar und gehorcht keiner idealen Gesetzmäßigkeit, sondern ist an die Entwicklung der geschriebenen Sprache gebunden und insofern mit dieser abhängig von ihrem Verwendungszweck unter den jeweiligen konkreten historisch-gesellschaftlichen Bedürfnissen und Bedingungen. Hier müssen die Ursachen sowohl für die Einschränkung der Produktion geschriebener deutscher Texte in der nachkarolingischen Aera als auch für ihr erneutes Aufblühen im 12. und 13. Jh. gesucht werden. Aus der Tatsache, daß die Entwicklung der geschriebenen Sprache in Abhängigkeit von ihrem Verwendungszweck nicht stetig und geradlinig verläuft, kann also nicht voreilig der Schluß gezogen werden, daß keine Entwicklung stattgefunden habe. Vielmehr belegen die Schriftzeugnisse der weiteren Geschichte in ihrer Gesamtheit den geschriebensprachlichen Entfaltungsprozeß von den Anfangen der geschriebenen althochdeutschen und altsächsischen Sprache über das Mittelhochdeutsche bis in die neuhochdeutsche Schriftsprache auf allen sprachlichen Ebenen. Ohne die mühselige Arbeit am geschriebensprachlichen Material, angefangen von den Glossierungen über die Interlinearversionen und Übersetzungen bis hin zur eigenständigen Textproduktion in geschriebener deutscher Sprache wäre es eben nicht möglich gewesen, in der differenzierten Weise mit dem vorgegebenen Sprachmaterial zu operieren, wie es seit dem 12. und 13. Jahrhundert bereits wieder geschah. Ausgefeilte syntaktische Strukturen, differenzierte grammatische Formen sowie ein umfangreicher deutscher Grundwortbestand und ein in der Hauptsache geregelter Gebrauch der Schriftzeichen waren verfügbar und konnten den neuen gesellschaftlichen Zwecken und Bedürfnissen dienstbar gemacht werden. Sie mußten nicht wie in althochdeutscher Zeit grundlegend neu geschaffen werden.