Geschichte Kleinasiens in der Antike 9783406709708, 9783406709715

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Geschichte Kleinasiens in der Antike
 9783406709708, 9783406709715

Table of contents :
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1.1. Die Hethiter
1.2. Völker und Sprachen
1.3. Die Geschichte des Hethiterreiches
1.4. Die Kultur
1.5. Kleinasien zur Hethiterzeit
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9783406709715-139
3.1. Späthethiter (ca. 11. bis 8. Jh. v. Chr.) [P. Frei – C. Marek]
3.2. Urartäer (ca. 9. bis 6. Jh. v. Chr.) [P. Frei]
3.3. Lykier, Karer, Sideten (ca. 7. bis 4. Jh. v. Chr.) [P. Frei]
3.4. Phryger (ca. 11. bis 6. Jh. v. Chr.) [P. Frei]
3.5. Die Angriffe der Kimmerier (ca. 8./7. Jh. v. Chr.)
3.6. Die Lyder und das Lyderreich (ca. 7./6. Jh. v. Chr.)
3.7. Griechen (ca. 11. Jh. bis 550 v. Chr.)
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1.1. Von Kyros zu Dareios: Die Unterwerfung Kleinasiens
1.2. Vom ionischen Aufstand zum Reich der Athener
1.3. Der Marsch der Zehntausend durch Anatolien
1.4. Der Königsfrieden 387/6 v. Chr.
1.5. Der Satrapenaufstand
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2.1. Die Satrapienordnung
2.2. Die Königsstraße
2.3. Landbesitz und Tribut
2.4. Münzprägung
2.5. Religion, Kunst und Kultur
2.6. Das Ende der persischen Herrschaft
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1.1. Kampf um Anatolien
1.2. Die Struktur der Diadochenherrschaft
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2.1. Das Seleukidenreich in Anatolien
2.2. Ankunft und Ansiedelung der Galater in Kleinasien, die frühen Attaliden von Pergamon
2.3. Ägyptens Griff nach Kleinasien
2.4. Die Seleukiden in der Krise
2.5. Karien, Rhodos, Pergamon und die Ägäis
2.6. Antiochos III. und Rom
2.7. Die Expedition des Gnaeus Manlius Vulso und der Friede von Apameia
2.8. Rhodos, Lykien und die Königreiche Anatoliens nach Apameia
2.9. Pergamon: Residenz, Reich und Städte
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3.1. Vom Königreich Pergamon zu den römischen Provinzen Asia, Lycaonia, Cilicia
3.2. Die Königreiche Pontos und Kappadokien
3.3. Der Aufstieg des Mithradates Eupator und die Eroberung Kleinasiens
3.4. Vom Krieg Murenas bis zum Tode des Mithradates
3.5. Die Neuordnung Kleinasiens durch Pompeius
3.6. Kleinasien nach Pompeius
3.7. Ciceros Statthalterschaft in Kilikien
3.8. Caesar in Kleinasien
3.9. Unter den Caesarmördern und Marcus Antonius
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9783406709715-456
2.1. Die Gouverneure
2.2. Das Personal
2.3. Die Tätigkeit
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3.1. Straßen
3.2. Reichsgrenze, Militär
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1.1. Demographie
1.2. Ethnien und Sprachen
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2.1. Landwirtschaft, Jagd, Fischerei
2.2. Bergbau, Marmorbrüche
2.3. Handwerk und Dienstleistungen
2.4. Handel
2.5. Geldwirtschaft
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3.1. Provinziallandtage
3.2. Städtische Institutionen, Ämter und Leistungen, Finanzen
3.3. Stadtzentren, Bausubstanz
3.4. Ländliche Siedlungsstruktur und Gebietsgliederung
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4.1. Einbeziehung und Ausgrenzung
4.2. Gräber, Tod und Sterben
4.3. Landbesitz, Familien, Frauen, Kinder, Zöglinge, Sklaven
4.4. Mittel- und Oberschichten
4.5. Harmonien und Dissonanzen
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5.1. Dichter und Prosaautoren aus Kleinasien
5.2. Philosophie, Rhetorik und Sophistik
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7.1. Götter, Kulte, Heiligtümer
7.2. Orakel, Wundermänner, ländliche Religiosität
7.3. Konvergenz zum Monotheismus
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8.1. Anfänge
8.2. Ausbreitung
8.3. Verfolgung
8.4. Häresie
8.5. Klerus und Kirche
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Anmerkungen
Abkürzungen
Bildnachweis
Liste der Abbildungen, Skizzen und Karten
Bibliographie
Index der Autoren und Herausgeber, die in der Bibliographie zitiert sind
Verzeichnis der zitierten Quellen
9783406709715-817
1. Hethiter
2. Herrscher der neohethitischen Staaten in Kleinasien und Nordsyrien
3. Urartäer
4. Lyder
5. Perser (Achaimeniden)
6. Persische Satrapen in Kleinasien
7. Diadochen in Kleinasien
8. Seleukiden bis auf Antiochos III.
9. Pergamon
10. Bithynien
11. Galatien
12. Paphlagonien
13. Pontos
14. Polemoniden
15. Komana
16. Kleinarmenien
17. Kappadokien
18. Kommagene
19. Armenien
20. Arsakiden (Parther)
21. Sasaniden bis zum Beginn des 4. Jh.s n. Chr.
22. Statthalter der römischen Provinzen in der Zeitder Republik
23. Statthalter der römischen Provinzen in der Kaiserzeit
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9783406709715-897
9783406709715-966

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Historische Bibliothek der GERDA HENKEL STIFTUNG

Die Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung wurde ge­ meinsam mit dem Verlag C.H.Beck gegründet. Ihr Ziel ist es, ausgewiesenen Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, ­ grund­ ­ legende Erkenntnisse aus dem Bereich der Historischen Geisteswissenschaften einer interessierten Öffentlichkeit näher­ ­ zubringen. Die Stiftung unterstreicht damit ihr Anliegen, heraus­ ragende geisteswissenschaftliche Forschungsleistungen zu fördern – in diesem Fall in Form eines Buches, das höchsten Ansprüchen genügt und eine große Leserschaft findet.

Bereits erschienen: Hermann Parzinger: Die frühen Völker Eurasiens Roderich Ptak: Die maritime Seidenstraße Hugh Barr Nisbet: Lessing Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt Werner Busch: Das unklassische Bild Bernd Stöver: Zuflucht DDR Jörg Fisch: Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Willibald Sauerländer: Der katholische Rubens Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands Stefan M. Maul: Die Wahrsagekunst im Alten Orient Friedrich Lenger: Metropolen der Moderne Heinz Halm: Kalifen und Assassinen David Nirenberg: Anti-Judaismus Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt Werner Plumpe: Carl Duisberg Jörg Rüpke: Pantheon

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CHRISTIAN MAREK

GESCHICHTE KLEINASIENS IN DER ANTIKE Unter Mitarbeit von Peter Frei

Verlag C.H. Beck

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Mit 108 Abbildungen und 24 Karten, davon 8 in Farbe 1. Auflage. 2010 2., durchgesehene Auflage. 2010

3., überarbeitete Auflage. 2017 © Verlag C.H.Beck oHG, München 2010 Umschlaggestaltung: roland angst, Berlin + stefan vogt, München Umschlagmotiv: Nemrud Dağ, Photo © Christian Marek ISBN Buch 978 3 406 70970 8 ISBN eBook 978 3 406 70971 5 Die gedruckte Ausgabe dieses Titels erhalten Sie im Buchhandel sowie versandkostenfrei auf unserer Website www.chbeck.de. Dort finden Sie auch unser gesamtes Programm und viele weitere Informationen.

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Für Sebastian

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VORWORT

Vorwort zur ersten Auflage Jenen Kulturraum, der mit dem Begriff Kleinasien bezeichnet wird, kennen wir heute besser unter dem Namen Türkei – ein Land, das viele Leserinnen und Leser in eigener Anschauung auf ihren Reisen kennengelernt haben. Es prägt sich ein durch die Fülle und Vielfalt verschiedener, aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit stammender Relikte prähistorischer, hethitischer, phrygischer, iranischer, griechischer und römischer Stätten, deren Faszinationskraft Jahr für Jahr kulturhistorisch interessierte Touristen aus aller Welt anlockt. Was sich hier an Zeugnissen der genannten Kulturen vorfindet, belegt in großer Anschaulichkeit, daß diese nicht nur entfernt etwas mit Europa zu tun haben, sondern aus einer Region stammen, in der Grundlagen europäischer Kulturentwicklung gelegt worden sind. Die Geschichte der Türkei – auch die ältere und älteste – ist heute aktueller denn je, da eine oft hitzig geführte Debatte über die Zugehörigkeit dieses islamischen Landes zu Europa aufgekommen ist. Das vorliegende Buch ist – worauf bereits sein schierer Umfang deutet – gewiß keine ‹schnittige Einführung› für die schnelle Lektüre; doch ist es so konzipiert und geschrieben, daß es eben nicht nur den Fachmann, sondern gleichermaßen den allgemein historisch interessierten Leser ansprechen und erreichen soll.*1 Deshalb wurde Wert darauf gelegt, Stammbäume, Karten und * Zur Schreibweise von Namen und fremdsprachigen Wörtern: Um unsererseits zu vermeiden, «daß die Magie arbiträrer Zeichen eine nutzlose Pedanterie in relativ allgemein orientierende Bücher hineinträgt» (Oleg Grabar, Die Entstehung der islamischen Kunst, Köln 1977, 10), haben wir die Verwendung von diakritischen Zeichen und fachspezifischen Transkriptionen bei der Wiedergabe altägyptischer, hethitischer, assyrischer, persischer, arabischer, griechischer etc. Namen reduziert und damit einige Inkonsequenzen in Kauf genommen: So schreiben wir zwar den Namen des Dynastiegründers «Saˉsaˉn», aber den eingedeutschten der Dynastie «Sasaniden», entsprechend findet man «Bıˉlaˉd Ruˉm» im Kontext eines Zitats aus Ibn Bat.t.uˉta, sonst aber «Rum»; aus Geschichtsbüchern geläufige Königsnamen wie Schapur und Ardaschir werden nicht «Šaˉbuhr» bzw. «Ardaxšıˉr» transkribiert, ebensowenig die unvermeidlich zahlreichen Transkriptionen altgriechischer Wörter mit Akzent- und Langvokalzeichen versehen.

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8 Vorwort

Abbildungen sowie Daten, Übersetzungen und Erklärungen altsprachlicher Wörter und Fachbegriffe, die dem Gelehrten manchmal überflüssig, vielleicht auch gelegentlich problematisch erscheinen mögen, in den Haupttext einzuflechten. Aus demselben Grund schien es unverzichtbar, mit chronologischen Herrscherlisten und einer Zeittafel am Schluß zusätzlich Orientierungshilfen zu geben und mit einer nach Epochen und Sachgebieten gegliederten Bibliographie den Zugang zu vertieftem Studium zu erleichtern. Die umfangreichen Herrscherlisten sind verschiedenen fachwissenschaftlichen Werken entnommen und repräsentieren deren Wissensstand; ich kann nicht beanspruchen, selbst den Versuch unternommen zu haben, die Feinchronologie der Herrscherjahre an den Quellen zu überprüfen. Die Bibliographie wurde prinzipiell auf eine Auswahl von Büchern (Monographien) zu Kleinasien beschränkt, Zeitschriftenartikel sind nur ersatzweise genannt, wo die Bücher gewisse Lü­ cken offenlassen. Die Titel sind durchnumeriert. In Haupttext und Anmerkungen wird auf Quellenwerke und Sekundärliteratur, die in der Bibliographie zu finden sind, mit ihrer Nummer in eckigen Klammern und Kurztitel verwiesen. Die einzigartige Vermittlerposition des antiken Kleinasien in kulturgeschichtlicher Hinsicht zwischen Orient und Okzident drängt dazu, einer Erklärung mit abstrakten Konzepten und Modellen näherzukommen. Vielleicht ist es aber für einen Versuch wie diesen, ein so umfangreiches Thema auf der Grundlage des aktuellen Wissensstandes vorzustellen, angebracht, auf das Theoretisieren weitgehend zu verzichten. Meine Aufgabe sehe ich vielmehr darin, mich möglichst nahe entlang der Quellen zu bewegen; und das bedeutet bei der lückenhaften Überlieferung oft auch einzugestehen, daß wir etwas nicht oder nicht hinreichend wissen, um zu einer klaren Einsicht zu gelangen. Daß kein Historiker frei davon ist auszuwählen, zu formen und zu färben, versteht sich von selbst. Auch ist ein Urteil in strittigen Fragen von mir nicht immer zurückgehalten worden, selbst wenn ein wissenschaftlicher Beweisgang hier nicht geführt werden konnte. Vielen Personen und Institutionen bin ich zu tiefem Dank verpflichtet – es sind mehr, als ich hier aufführen kann. An erster Stelle steht mein Freund und Vorgänger auf dem Zürcher Lehrstuhl Peter Frei. Mein Wunsch, mich an eine Geschichte des antiken Kleinasien heranzuwagen, reifte zum Entschluß erst mit seiner Zusicherung, die Abschnitte beizutragen, in denen der Historiker sich hauptsächlich auf keil- und hieroglyphenschriftliche Quellen stützt. Auch die Kultur der alten Phryger ist von ihm beschrieben worden. Diese Kapitel sind im Inhaltsverzeichnis mit seinem Namen gekennzeichnet. Zu einem ebenso großen Anteil wie der wissenschaftlichen Arbeit am Schreibtisch und im Feld verdankt sich unser beider Beitrag der anhaltenden Leidenschaft für das Land und seine sichtbaren, unermeßlichen Schätze aus

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Vorwort

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den Tiefen der Geschichte. Peter Frei lernte die Türkei zum ersten Mal 1958 kennen, als er an den «Morgenlandfahrten» des Zürcher Mediävisten Marcel Beck teilnahm; er erforscht seit 1976 das Territorium der phrygischen Metropole Dorylaion. Ich selbst habe das Land zwischen Edirne und Cukurca, Knidos und Hopa, Anamur und Sinop von 1979 bis in die Gegenwart wieder und wieder bereist, epigraphische Surveys durchgeführt und auf Grabungen in Kaunos und Pompeiopolis (Paphlagonien) mitgearbeitet. Unser wissenschaftliches Interesse hat an der Universität in vielen, auch gemeinsam gehaltenen Vorlesungen, Seminaren und Kolloquien über die antike Geschichte des Landes ihren Niederschlag gefunden. Der schönste Lohn für den akademischen Lehrer besteht gewiß darin, bei jungen Forscherinnen und Forschern ebensolche Leidenschaft geweckt zu haben. Ganz besonders danke ich Werner Eck und Georg Petzl. Als profunde Kenner Kleinasiens und Vorbilder für meine wissenschaftliche Arbeit haben sie beide mir den Freundschaftsdienst erwiesen, das dicke Typoskript durchzulesen und von zahlreichen Irrtümern und Schwächen zu befreien. Wertvolle Hinweise haben des weiteren die Freunde und Kollegen Manuel Baumbach, Anne Kolb, Wolfram Martini, Andreas Müller-Karpe, Alexander Michael Speidel und Lâtife Summerer beigetragen, denen allen mein herzlicher Dank gilt. Den Kollegen Andreas Schachner, Leiter der Ausgrabungen in der Hethiterhauptstadt Hattusa, und Klaus Schmidt, Ausgräber des neolithischen Heilig˘ Tepe, danke ich für ihre großzügige Bereitstellung aktuellen tums von Göbekli Karten- und Bildmaterials. Den langen Weg von ersten Entwürfen zum druckfertigen Buch haben meine Zürcher Mitarbeiter und Schüler begleitet und sich um das Ergebnis unschätzbar verdient gemacht: Die mühevolle Arbeit, die investiert haben: meine Wissenschaftliche Mitarbeiterin Ursula Kunnert, selbst rerum orientalium perita und zuverlässige Mitgestalterin der Kleinasienforschungen an meinem Lehrstuhl, meine beiden Assistenten Max Gander – angehender Hethi­ tologe und Forscher auf dem Gebiet der kleinasiatischen Geographie des 2. Jt.s v. Chr. – und Emanuel Zingg – Philologe und Isokratesforscher – sowie mein Doktorand Marco Vitale, Althistoriker und Erforscher der römischen Provinzialisierung Kleinasiens, war mir wertvoller, als es mein Dank hier ausdrücken kann. In den Dank an dieses team schließe ich unsere Sekretärin Monika Pfau mit ein, die sich an der Korrektur des Typoskriptes beteiligt hat. An dieser Stelle möchte ich auch der Universität Zürich – meine alma mater Turicensis seit 1994 – vielmals danken. Ich bin mir bewußt, daß längst nicht mehr alle deutschsprachigen Institutionen ein akademisches Milieu gewährleisten, in dem Forschungsarbeiten, wie sie diesem Buch zugrunde liegen, ungestört gedeihen können.

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10 Vorwort

Der Gerda Henkel Stiftung danke ich sehr herzlich für die ehrenvolle Aufnahme des Bandes in ihre «Historische Bibliothek», die zugleich mit ­einem namhaften Druckkostenbeitrag verbunden ist. Wenn ich mir in der Reihe der Adressaten meines Dankes den Verlag C. H. Beck bis zum Schluß aufhebe, so darf man das als Auszeichnung verstehen. Von einer Betreuung und Förderung, wie sie mir durch das wissenschaftliche Lektorat mit dem Engagement, der althistorischen Fachkenntnis und unermüdlichen Präzision eines Dr. Stefan von der Lahr und mit der sorgfältigen technischen Unterstützung von seiten seiner Mitarbeiter Heiko Hortsch, Peter Palm und seiner Mitarbeiterin Andrea Morgan zuteil geworden und zugute gekommen ist, kann man sonst wohl nur noch träumen. Von meiner Frau Ruxandra habe ich während der jahrelangen Arbeit viel Liebe und Geduld erfahren, und mein Sohn Sebastian möge dieses Ungetüm von Buch, das ihm gewidmet ist, mit Nachsicht über die einseitige Beschäftigung des Vaters aufnehmen und es vielleicht irgendwann einmal verzeihen, wenn dieser sich mit Reisen und Forschen mancher Vernachlässigung schuldig gemacht hat. Zürich, im Januar 2010 

Christian Marek

Vorwort zur zweiten Auflage Ein erfreulich großes Interesse an diesem Band hat nur wenige Monate nach Erscheinen der Erstausgabe eine Neuauflage erforderlich gemacht. Außer ein paar kleineren Korrekturen konnte der Text unverändert gedruckt werden. Daß freilich in dem archäologischen „El Dorado“ Türkei selbst nach so kurzer Zeit bereits durchaus mit Neuigkeiten zu rechnen ist, die auch außerhalb der Fachwelt Aufmerksamkeit erregen, hat die kürzlich erfolgte Entdeckung eines Fürstengrabes mit prachtvollem Marmorsarkophag aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. in der südwesttürkischen Kleinstadt Milas – dem antiken Mylasa – gezeigt; der Grabherr könnte ein Mitglied der Familie des Maussollos (377–353 v. Chr.) gewesen sein. Kurz vor Druckbeginn hat mich die schmerzliche Nachricht vom Tod meines Mitautors Peter Frei erreicht. Sein rastloses Schaffen galt bis zuletzt dem großen Quellencorpus der Stadt Dorylaion in Westanatolien. In Peter Frei hat die Kleinasienforschung einen Wissenschaftler von Weltrang verloren. Ich widme diese Auflage dem Freund in dankbarer Erinnerung. Tas¸köprü/Nordtürkei, im Sommer 2010

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Christian Marek

Vorwort

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Vorwort zur dritten Auflage Es ist ein unverdientes Privileg in der stolzen und überaus erfolgreichen Reihe der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung mit einem solchen mega biblion sozusagen in die dritte Runde gehen zu dürfen. Das Thema scheint breite Resonanz im deutschsprachigen wie auch im internationalen Raum gefunden zu haben. Erschienen ist im vergangenen Sommer die englischsprachige Ausgabe unter dem Titel «In the Land of a Thousand Gods. A History of Asia Minor in the Ancient World» (übersetzt von Steven Rendall, Princeton UP), auf dem Weg sind türkische und chinesische Lizenzausgaben. Am Text selbst habe ich nur weniges ergänzt. Bekanntermaßen ist durch Funde auf dem Gebiet der heutigen Türkei wie kaum irgendwo sonst in der antiken Mittelmeerwelt jahraus jahrein mit Neuigkeiten zu rechnen. In jüngster Zeit hervorzuheben sind die Entdeckungen eines prachtvollen Fürstengrabes der karischen Hekatomnidendynastie des 4. Jh.s v. Chr. im Zentrum der Kleinstadt Milas (in der Antike Mylasa) im Jahr 2010 und einer ebendort vier Jahre später ans Licht gekommenen 125zeiligen Inschrift mit dem Gedicht eines sonst gänzlich unbekannten Poeten namens Hyssaldomos (S. 223), fernerhin der 2013 gelungene umfangreichste Inschriftenfund Pergamons seit mehr als hundert Jahren: ein Rechtsdokument aus dem 1. Jh. v. Chr. (www. dainst.org). Die archäologischen Stätten Kleinasiens gehören zum kostbarsten Kulturgut der Welt, was mit Blick auf das Schicksal Palmyras nicht eindringlich genug erinnert werden kann. Anmerkungen und Bibliographie sind um zahlreiche seit 2010 erschienene Titel angewachsen. Am strikten Auswahlprinzip habe ich festgehalten. Um die thematisch gegliederte Bibliographie noch besser nutzen zu können, wurde ein alphabetischer Index der Autorennamen beigegeben (S. 793–799). Der Fluidität aktueller Forschungen unterliegen die zahlreichen Herrscherlisten im Anhang (S. 818–886), einige mehr als die anderen. Besonders bei den Herrschern der neohethitischen Staaten in Kleinasien und Nordsyrien gibt es neue Forschungsergebnisse, die eine Revision der Listen erforderten. Ich stütze mich hier auf Beiträge, auf die mich dankenswerterweise Zsolt Simon und Max Gander hingewiesen haben. Die umfangreichste Liste, die der römischen Statthalter der kaiserzeitlichen Provinzen, bedurfte abgesehen von kleineren Korrekturen einer Verbesserung: Auf den Seiten 881–886 sind aus der Spalte PONTUS-BITHYNIA die Namen mit dem Zusatz: [Pontus] entfernt worden. Es handelt sich bei diesen Gouverneuren nicht um Regenten der Doppelprovinz Pontus et Bithynia an der mittleren Schwarzmeerküste, sondern um Regenten einer aus der Provinz Cappadocia herausgelösten Doppelprovinz PONTUS-PAFLAGONIA östlich davon. Die neueste Rekon-

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12 Vorwort

struktion der Chronologie dieser zumeist dem Ritterstand angehörenden Gouverneure hat jetzt eine eigene Spalte, beginnend mit dem Jahr 235 n. Chr. Die deutsche wie die englische Ausgabe sind mehrmals besprochen worden. Der Philosoph Sloterdijk hat zu Rezensionen eines seiner Bücher einmal angemerkt, «kontrapunktische Gesichtspunkte» forderten es, daß früher oder später ein anderer Ton veranschlagt wird. Das ist gut so. Auch ich habe treffende Kritik erfahren. Meine Standpunktnahme zu den wichtigen Kontrapunkten will ich dem Leser nicht vorenthalten. Die Absicht, «nicht nur den Fachmann, sondern gleichermaßen den allgemein historisch interessierten Leser» anzusprechen, erfordert eine Balance, die nicht jeden befriedigt. An Büchern, die sich auf nur eines von beiden verlegen, mangelt es nicht. Man sollte auch den schwierigen Mittelweg versuchen dürfen, selbst wenn er nicht perfekt gelingt. Manche beklagen die Zäsur am Ende der Darstellung bei der Diokletianischen und das Nichteinbeziehen der Byzantinischen Epoche. Ich stehe aus den angegebenen Gründen zu meiner Entscheidung. Was das «Panorama von 10000 Jahren Historie» (Klappentext) betrifft, so sticht die Disproportionalität zwischen den älteren Epochen und der hellenistisch-römischen Geschichte ins Auge. Das ist jedoch keine Frage des Geschmacks. Der Historiker entkäme dieser Disproportionalität nur scheinbar, wenn er Kapitel über das Chalko­ lithikum, die Frühe Bronzezeit oder das 7.–5. Jh. mit Diskussionen en detail von Tierknochenanalysen, Keramikstilen, Stratigraphien und Architektur auflüde. Wo uns die schriftliche Überlieferung verläßt, hat die Erzählung historischer Zusammenhänge ihre Grenzen. Anscheinend verlangt auch meine Abstinenz vom Theoretisieren (2. Auflage, S. 8) nach einer Rechtfertigung. Keine Theorie ist auch eine Theorie, kann man zu bedenken geben, und: Verharre ich mit raumzeitlichen Ordnungsbegriffen wie «Orientalisch» oder «Klassisch» nicht in der Falle eurozentrischer, ja kolonialistischer Geschichtsaneignung? Ist «Hellenisierung» nicht eine überkommene Konzeption, die kulturelle Komplexität unterdrückt? Ja! wird wohl ein Teil der modernen Zunft emphatisch zustimmen. Und gewiß, meine Absicht, «mich möglichst nahe entlang der Quellen zu bewegen», folgt nicht nur konventionellen raumzeitlichen Gliederungsschemata, sondern bedient sich auch abstrahierender Begriffe. Diese lassen sich jedoch gut verteidigen. In den Spuren, die die Überlieferung hinterläßt, ist ab dem 4. Jh. v. Chr. bis ans Ende der Antike mit Händen zu greifen, was Hellenisierung meint. Das drückt nicht die Dominanz Europas über «fremde» Völker aus, denen vom modernen Richterstuhl herab Gerechtigkeit widerfahren müßte. Es ist der Name für einen universalistischen Trend – eine koine – in wesentlichen Ausdrucksformen wie Sprache, Kunst, Wissenschaft, Religion, Politik und Staatenbildung. Lykier wie Apollonios, Sohn des Hellaphilos, oder der Dynast

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Vorwort

13

Perikles im vierten Jahrhundert vor Christus, ein Anatolier wie Strabon oder ein Syrer wie Lukian, desgleichen die schlecht und recht homerische Verse zur Beschriftung ihrer Grabsteine schmiedenden paphlagonischen Bauern in der Kaiserzeit hätten sich gewundert, wenn man ihre Sprache und Kultur irgendwie anders als «Hellenisch» bezeichnen wollte. Mein Dank sei auch an dieser Stelle an alle gerichtet, die in Zürich und im Ausland an den neuen Ausgaben mitgearbeitet haben. Für die stets vorzügliche Betreuung durch den Verlag C. H. Beck möchte ich hier namentlich Dr. Stefan von der Lahr und Frau Susanne Simor danken. Zürich, im Februar 2017

Christian Marek

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INHALT

VORWORT   7 I. EINLEITUNG: ANATOLIEN ZWISCHEN OST UND WEST   21

1. Kleinasien und antike Weltgeschichte  2. Landesnamen  29 3. Geographie  31

23

II. DIE ERFORSCHUNG KLEINASIENS IN DER NEUZEIT UND MODERNE   41 III. VON DER PRÄHISTORIE ZUR ÄLTESTEN SCHRIFTKULTUR   77



1. 2. 3. 4.

Paläolithikum, Mesolithikum  79 Neolithikum, Chalkolithikum  80 Frühe und Mittlere Bronzezeit (ca. 3000 bis 1700 v. Chr.)  Im Vorfeld der Assyrer (ca. 2000 bis 1700 v. Chr.)  99

93

IV. SPÄTBRONZE- UND EISENZEIT   103

1.

Aufstieg und Blüte des Hethiterreiches (18. bis 12. Jh. v. Chr.) [P. Frei]  105 1.1. Die Hethiter  105 1.2. Völker und Sprachen  107 1.3. Die Geschichte des Hethiterreiches  1.4. Die Kultur  115 1.5. Kleinasien zur Hethiterzeit  124

108

2. Das Ende des Großreiches, der Seevölkersturm und die Dunklen Jahrhunderte (ca. 1200 bis 800 v. Chr.) [P. Frei] 

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137

3.

Kleinstaaten, Völker und neue Reiche (ca. 1000 bis ca. 550 v. Chr. und später)  140 3.1. Späthethiter (ca. 11. bis 8. Jh. v. Chr.) [P. Frei – C. Marek]  141 3.2. Urartäer (ca. 9. bis 6. Jh. v. Chr.) [P. Frei]  144 3.3. Lykier, Karer, Sideten (ca. 7. bis 4. Jh. v. Chr.) [P. Frei]  147 3.4. Phryger (ca. 11. bis 6. Jh. v. Chr.) [P. Frei]  149 3.5. Die Angriffe der Kimmerier (ca. 8./7. Jh. v. Chr.)  156 3.6. Die Lyder und das Lyderreich (ca. 7./6. Jh. v. Chr.)  157 3.7. Griechen (ca. 11. Jh. bis 550 v. Chr.)  164

V. DER WESTEN DES PERSERREICHES UND DIE WELT DER KLEINASIATISCHEN GRIECHEN (547/6 BIS 333 V. CHR.)   189

1.

Politische Geschichte von der Eroberung des Kyros bis zum Alexanderzug  193 1.1. Von Kyros zu Dareios: Die Unterwerfung Kleinasiens  1.2. Vom ionischen Aufstand zum Reich der Athener  195 1.3. Der Marsch der Zehntausend durch Anatolien  199 1.4. Der Königsfrieden 387/6 v. Chr.  203 1.5. Der Satrapenaufstand  206

2.

Das Zeitalter der Perser in Kleinasien  208 2.1. Die Satrapienordnung  209 2.2. Die Königsstraße  213 2.3. Landbesitz und Tribut  215 2.4. Münzprägung  217 2.5. Religion, Kunst und Kultur  218 2.6. Das Ende der persischen Herrschaft 

3. Alexander in Kleinasien 

230

232

VI. MONARCHIEN, VASALLEN UND STÄDTE ZWISCHEN ALEXANDERREICH UND PAX ROMANA (333 BIS 31 V. CHR.)   239

1. Kleinasien und die Diadochen  244 1.1. Kampf um Anatolien  244 1.2. Die Struktur der Diadochenherrschaft  

253

2. Epigonenzeit  263 2.1. Das Seleukidenreich in Anatolien  263 2.2. Ankunft und Ansiedelung der Galater in Kleinasien, die frühen Attaliden von Pergamon  268

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193

2.3. 2.4. 2.5. 2.6. 2.7. 2.8. 2.9.

Ägyptens Griff nach Kleinasien  276 Die Seleukiden in der Krise  279 Karien, Rhodos, Pergamon und die Ägäis  284 Antiochos III. und Rom  288 Die Expedition des Gnaeus Manlius Vulso und der Friede von Apameia  292 Rhodos, Lykien und die Königreiche Anatoliens nach Apameia  294 Pergamon: Residenz, Reich und Städte  307

3. Von römischer Hegemonie zum römischen Reich  323 3.1. Vom Königreich Pergamon zu den römischen Provinzen Asia, Lycaonia, Cilicia  324 3.2. Die Königreiche Pontos und Kappadokien  337 3.3. Der Aufstieg des Mithradates Eupator und die Eroberung Kleinasiens  345 3.4. Vom Krieg Murenas bis zum Tode des Mithradates  355 3.5. Die Neuordnung Kleinasiens durch Pompeius  368 3.6. Kleinasien nach Pompeius  373 3.7. Ciceros Statthalterschaft in Kilikien  374 3.8. Caesar in Kleinasien  378 3.9. Unter den Caesarmördern und Marcus Antonius  383 VII. IMPERIUM ROMANUM: DIE PROVINZEN VON AUGUSTUS BIS AURELIAN   393

1. 2. 3. 4. 5. 6.

Der Neubeginn unter Augustus  401 Provinzialisierung in der iulisch-claudischen Epoche (27 v. Chr. bis 68 n. Chr.)  413 Krieg um Armenien  419 Das flavische Provinzen- und Grenzsystem  426 Partherkriege und Kaiserbesuche: jenseits und diesseits des Euphrat  431 Krisenzeit und Übergang  445

VIII. KLEINASIEN UND IMPERIALE ADMINISTRATION UNTER DEM PRINZIPAT   451

1. Provincia – Eparchia  2.

453

Die römische Verwaltungsorganisation  2.1. Die Gouverneure  457 2.2. Das Personal  460 2.3. Die Tätigkeit  463

457

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3. Römische Infrastruktur, Straßen, Reichsgrenze, Militär  3.1. Straßen  467 3.2. Reichsgrenze, Militär  476 4. Steuern und Zölle 

467

484

5. Die diokletianische Neuordnung 

491

IX. MATERIELLE, POLITISCH-SOZIALE UND KULTURELLE VERFASSUNG IN DEN KAISERZEITLICHEN PROVINZEN   495

1. Bevölkerung  497 1.1. Demographie  497 1.2. Ethnien und Sprachen  2.

498

Wirtschaftliche Grundlagen  502 2.1. Landwirtschaft, Jagd, Fischerei  502 2.2. Bergbau, Marmorbrüche  507 2.3. Handwerk und Dienstleistungen  509 2.4. Handel  512 2.5. Geldwirtschaft  515

3. Stadt und Land: Die interne Organisation der Provinzen  3.1. Provinziallandtage  521 3.2. Städtische Institutionen, Ämter und Leistungen, Finanzen  529 3.3. Stadtzentren, Bausubstanz  546 3.4. Ländliche Siedlungsstruktur und Gebietsgliederung 

519

559

4. Die Gesellschaft  565 4.1. Einbeziehung und Ausgrenzung  565 4.2. Gräber, Tod und Sterben  566 4.3. Landbesitz, Familien, Frauen, Kinder, Zöglinge, Sklaven  4.4. Mittel- und Oberschichten  583 4.5. Harmonien und Dissonanzen  589 5. Das kulturelle Erbe und die Zweite Sophistik  597 5.1. Dichter und Prosaautoren aus Kleinasien  598 5.2. Philosophie, Rhetorik und Sophistik  605 6. Spectacula  618 7. Religion  631 7.1. Götter, Kulte, Heiligtümer 

632

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575



7.2. Orakel, Wundermänner, ländliche Religiosität  7.3. Konvergenz zum Monotheismus  651

8.

Kleinasien und das frühe Christentum  8.1. Anfänge  655 8.2. Ausbreitung  658 8.3. Verfolgung  663 8.4. Häresie  670 8.5. Klerus und Kirche  674

643

654

X. EPILOG UND AUSBLICK   681

ANHANG Anmerkungen  689

Abkürzungen  749 Bildnachweis  751 Liste der Abbildungen, Skizzen und Karten 

752

Bibliographie  756 Index der Autoren und Herausgeber, die in der Bibliographie zitiert sind  793 Verzeichnis der zitierten Quellen 

801

Herrscherlisten  818   1. Hethiter  818   2. Herrscher der neohethitischen Staaten in Kleinasien und Nordsyrien  820   3. Urartäer  823   4. Lyder  823  5. Perser (Achaimeniden)  824  6. Persische Satrapen in Kleinasien  824  7. Diadochen in Kleinasien  828   8. Seleukiden bis auf Antiochos III.  829   9. Pergamon  830 10. Bithynien  830 11. Galatien 830 12. Paphlagonien  831 13. Pontos 832

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14. Polemoniden  832 15. Komana 833 16. Kleinarmenien  833 17. Kappadokien 834 18. Kommagene  834 19. Armenien  835 20. Arsakiden (Parther)  836 21. Sasaniden bis zum Beginn des 4. Jh.s n. Chr.  837 22. Statthalter der römischen Provinzen in der Zeit der Republik  837 23. Statthalter der römischen Provinzen in der Kaiserzeit  Zeittafel  887 Register  898

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I. EINLEITUNG: ANATOLIEN ZWISCHEN OST UND WEST

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1.  KLEINASIEN UND ANTIKE WELTGESCHICHTE

Das Land der Alten Welt, das sich vom asiatischen Kontinent zum Mittelmeer hin gleichsam vorschiebt und das «kleine» Asien genannt wird, ist seiner Ausdehnung nach fast identisch mit der heutigen Türkei. Eine Geschichte der Türkei hat irgendwo mit den Türken zu beginnen.1 Einer Geschichte Kleinasiens steht indes kein einigendes Band dieser Art zur Verfügung: Es durchzieht sie ein Völker- und Kulturengemisch, Migrationen, Inbesitznahmen und Rückzüge, wechselnde Reichs- und Staatenbildungen. Ihrer Lage zwischen Meeren und Kontinenten und ihrer Natur verdankt diese Halb­ insel dennoch eine epochenüberspannende Kontinuität in dreifacher Hinsicht: in der «Orientierung»,2 der «Vermischung»3 und der Funktion als «Brücke».4 Der vor einem knappen Jahrhundert von Mustafa Kemal «Atatürk» eingeführte Laizismus hat zuletzt die starke Westorientierung der Türkei nach sich gezogen. Ungeachtet der von Atatürk bewußt in Mittelanatolien gewählten neuen Hauptstadt Ankara, konzentrieren sich Geist, Geld und Trends noch immer in Istanbul, einer Stadt, die ihren alten Kern auf dem europäischen Kontinent hat. Von hier aus regierten die Sultane ein Vielvölkerreich, das einst vom Jemen bis Siebenbürgen, vom Atlasgebirge bis an den Kaukasus reichte. Die Türken waren schon lange vor ihrer Eroberung der Stadt im Jahr 1453 in Anatolien, hatten daselbst außer dem osmanischen mehrere andere Reiche errichtet. Die ersten trafen auf ein schon vielerorts ruiniertes Staatsgebilde, das sie «Rum» nannten. Der Name ist noch heute auf verschiedene Weise präsent. Rum heißen die anatolischen Griechen, die bis in Atatürks Zeit Teile des Landes besiedelten (im Gegensatz zu diesen haben die Griechen Griechenlands den Namen «Yunan» [Ionier]). Orte im Osten wie im Westen tragen das Namenelement «Rum», wie die Stadt Erzurum oder die Festung Rumeli Hisarı am Bosporus, die Sultan Mehmet II. vor dem Generalangriff auf die Hauptstadt 1451 zu bauen begann (Abb. 1). Dschela¯ l ed-Dı¯n, der Meister (mevlâna) persisch-islamischer Mystik des 13. Jh.s, stammte aus Balch, führte aber den Namen «Rumi» nach seiner zweiten Heimat, dem um das antike Ikonion (Konya) entstandenen Sultanat Rum.

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

Abb. 1:  Sperrfort Rumeli Hisarı an der engsten Stelle des Bosporus

Rum ist im Arabischen, Persischen und Türkischen das Wort für Rom und die Römer. Bezogen auf die Griechen des christlichen byzantinischen Reiches, impliziert Rum die Kontinuität des antiken Imperium Romanum im Byzantinischen Jahrtausend, dessen neue Hauptstadt Konstantin der Große um 330 n. Chr. am Bosporus gegründet hatte. Konstantins Aufgabe des «Ewigen Rom», der Siebenhügelstadt am Tiber, als Hauptstadt dieses Reiches war eine seit längerer Zeit sich vollziehende Schwerpunktverlagerung des Kaisertums vorausgegangen, die bereits Ende des 3. Jh.s den Imperator Diokletian dazu drängte, am Marmarameer in Nikomedeia (heute Izmit) Residenz zu nehmen. Aus anatolischer Perspektive saß die Reichsregierung hier wie am Bosporus an der westlichen Peripherie. Eine mehr als dreihundert Jahre beständige Westausrichtung der orientalischen Provinzen des römischen Reiches hielt weiter an. Als Kaiser Jovian 363 n. Chr. mit den Persern Frieden schloß und ihnen die Stadt Nisibis am Tigris (heute ­Nusaybin auf der türkisch-syrischen Grenze) abtrat, erfaßte die Einwohner schiere Verzweiflung; sie wollten Römer bleiben (Ammianus 25, 8, 13). Orientierung auf politische und kulturelle Gravitationszentren außer Landes geht tief in die anatolische Geschichte zurück. Mitte eines nach außen expandierenden Reiches ist Kleinasien selbst nur einmal geworden, unter den Hethitern im 2. Jt. v. Chr. Von der Hauptstadt Hattusa aus gesehen orientierte ˘ sich der hethitische Staat auf der Höhe seiner Entfaltung nach Südosten. Das-

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Kleinasien und antike Weltgeschichte

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selbe taten die nachfolgenden Kleinstaaten. Macht, Reichtum und Glanz l­agen in Ägypten, Babylon, Ninive. Die Heraufkunft der Meder- und Perser­reiche mit neuen Königssitzen, Ekbatana, Susa und Persepolis, verschob das Kraftfeld nur wenig. In der persischen Epoche tritt zwischen Ägäis und Euphrat erstmals eine Zerissenheit der Orientierung Anatoliens zutage. Noch im 7. und 6. Jh. ging die Anziehungskraft von den orientalischen Palästen aus. Die Griechen bewohnten in der Welt der Hochkulturen eine entlegene Küste und blickten bewundernd nach Asien. Ihre Tyrannen hielten Hof nach lydischem und persischem Vorbild. Ihre literarischen und wissenschaftlichen Leistungen verdanken sich auch dem «schlichten Faktum», daß sie «die östlichsten der West­ lichen», das heißt, unter diesen die ersten Empfänger waren.5 Doch im 5. und 4. Jh. begannen Anatolier, die westlichsten der Östlichen, sich umzuorientieren, zweifellos beeindruckt von der Machtentfaltung Athens nach der Abwehr der Perser: Lykische Fürsten sprachen Griechisch, lasen griechische Literatur, liebten griechische Bildkunst. Lykier und Karer bildeten nach griechischem Vorbild organisierte Gemeinwesen (Poleis), siedelten am Mittelmeer. Die Um­orientierung breitete sich nach dem Alexanderzug im 3. und 2. Jh. v. Chr. nicht nur progressiv aus: Griechische Sprache und Poliskultur hielten Einzug in Mittel- und Ostanatolien, Kappadokier reüssierten mit Kunst und Rede in griechischen Städten, Könige führten den Titel «Griechenfreund». Die Expansion Roms in der helle­nistischen Welt verstärkte diese Tendenz. Die neue Großmacht des Westens dirigierte die anatolischen Fürstentümer im Windschatten des verbündeten Königreichs Pergamon durch das Medium der Hellenisierung. Direkter römischer Herrschaft widersetzte sich Kleinasien nur kurze Zeit und warf sich damals einem iranischstämmigen König von Pontos in die Arme. Entschieden signali­sierten jedoch Pompeius’ und Octavians Siege über die östlichen Königreiche die künftige Perspektive. In weniger als 50 Jahren ging die anatolische Landmasse in römische Provinzen ein. Der Westen herrschte allerdings nicht vollkommen! Zur Euphratgrenze hin verebbte die städtische Zivilisation. Das doppelte, nach beiden Seiten gewendete Gesicht Armeniens sorgte für ein latentes Spannungsfeld zwischen Orient und Okzident bis ans Ende der Antike. Anatolische Kultur läßt sich gleichwohl zu keiner Zeit in West und Ost restlos zerlegen. Soweit wir Vorgänge überhaupt zurückverfolgen können, hat Vermischung stattgefunden. Den Reichsbildungen voran oder mit ihnen einher gingen Siedlerschübe von Völkern und Volksgruppen, die vielräumige Nachbarschaften, Überschichtungen und Verschmelzungen mit den bereits Ansässigen nach sich zogen: In großer Zahl siedelten vor Türken und Rum die (lateinischen) Römer, Kelten, Juden, Makedonen, Iraner, Griechen, Aramäer, Assyrer. Auch die alten anatolischen Reiche, das lydische, das phrygische, das

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

urartäische, das hethitische, gingen auf Einwanderer zurück. Ins Land mitgebrachte und ortsansässige Traditionen trafen zusammen, und beide blieben nicht, was sie waren. Weder ist die hethitische Kultur ohne die Synthese mit den hattischen, luwischen, hurritischen, semitischen Elementen zu begreifen, noch sind die ionischen Griechen Milets im 6. Jh. v. Chr. in jeder Hinsicht dieselben wie die in Athen und auf Euboia. Ihre Symbiose mit den Asiaten zeichnet sie deutlich aus. Götter wie Zeus oder Men im Phrygien des 2. Jh.s n. Chr. sind keine griechischen, sondern anatolische Götter, eine Religion wie die kataphrygische Häresie, der sogenannte Montanismus – eine apokalyptische christliche Bewegung –, ist ungeachtet ihres Ursprungs und weiter Verbreitung eigentümlich kleinasiatisch. Die dritte Konstante besteht in der kulturellen Übermittlungsfunktion. Die Antike kannte kühne Seefahrten und lange Karawanenwege, auf denen wenige Menschen Kontinente überschritten und geographische Räume durchquerten, die erst ab dem 16. Jh. wiederentdeckt und nachhaltig erschlossen worden sind. Doch sah die europäische, von den Mittelmeerländern getragene antike Zivilisation in drei Himmelsrichtungen Barrieren: im Westen ein der konventionellen Schiffahrt in seiner ganzen Ausdehnung nicht zugäng­ licher Ozean, im Norden ein unübersichtliches Gemenge von Barbarenvölkern in dunklen Wäldern, endlosen Steppen und unerträglich kalten Zonen, im Süden Wüste, Hitze und wilde Tiere. Afrika blieb, zwar umsegelt, ein verschlossener Kontinent, auch wenn dessen geographischer Vorposten Ägypten als ältestes Kulturland faszinierte. Nur der Osten unterschied sich von den drei anderen Richtungen in dieser Hinsicht grundlegend. Hier fand sich keine klare Grenze, an der die bekannte Welt aufhörte. Wie auf einer Perlenkette reiht sich ein Land an das andere, das Heimat alter Hochkultur ist, wo es Wohnsitze gibt, wo Schrift in Gebrauch ist, wo sich Staaten bilden, in denen verwaltet und Recht gesprochen, produziert, getauscht und gebaut wird. Erst Indien, bis wohin Alexander marschierte und Traians Sehnsucht reichte, bildete den ungefähren Horizont. Die Geschlossenheit im Norden und Süden, die Offenheit nach Osten mußten dem Verkehr von und nach der Mittelmeerwelt seine beständige Längsachse geben. Anatolien lag dazwischen: «Asia Minor as a bridge between East and West.»6 Die klassisch gewordene Metapher der Brücke trifft zu: Ideen und handwerkliches Können, Wissen und Waren passierten die Halbinsel in ostwestlicher und westöstlicher Richtung, nicht nur auf dem Landweg. Zwischen Levante und Ägäis tasteten sich die seefahrenden Völker entlang der Südküste Kleinasiens in beiden Richtungen. Die Fernbeziehungen gehen in die Urgeschichte zurück: Wir lesen und verstehen aus Spuren einer vorschriftlichen Vergangenheit, als Menschen seßhaft wurden, die Wanderung von Kernelementen kultureller Praxis aus dem Orient nach Europa: Die ältesten Schriften

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Kleinasien und antike Weltgeschichte

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kommen in der Bronzezeit vom Orient in den Westen. Alphabet, Mythen, Kosmologie, Mathematik, ‹Geld›, Musik, schließlich auch das Christentum folgen. Der Gemeindestaat,Technik, Baukunst, Bäder und Straßen, das Theater wandern in die Gegenrichtung. Eine besondere Mission ist die starke Vermehrung der Städte, bis diese in der Kaiserzeit zur Grundlage des ‹Systems› schlechthin werden. Hierin unterscheidet sich Kleinasien von großen Teilen des Imperiums, Gallien, Germanien, den Donauländern, Ägypten. Unser Buch will von dem Brückenland und Schmelztiegel Anatolien, den wechselnden Orientierungen, den Vermischungen und Transmissionen eine historische Überblicksdarstellung geben, die sich von der Urzeit bis zur Blüte der römischen Provinzen erstreckt. Das ist in dieser Form bisher nicht geschehen. Die einzige, knappe Zusammenfassung «Kleinasien in der Antike» von Elmar Schwertheim, Althistoriker an der Universität Münster, erschien 2005 in diesem Verlag. Das quellenmäßig am besten dokumentierte Zeitalter, das römische, haben zwei englischsprachige Werke ausführlicher vorgestellt. Von Stephen Mitchell, Professor an der Universität Exeter, stammt das 1993 erschienene «Anatolia. Land, Men and Gods in Asia Minor» in zwei Bänden. Mitchell widmet sich den Verhältnissen des kaiserzeitlichen Mittelanatolien, wobei er dem Aufstieg des Christentums besondere Beachtung schenkt. Mehr als vier Jahrzehnte älter ist das ebenfalls doppelbändige, mit umfänglichem Quellen- und Literaturapparat ausgestattete Werk «Roman Rule in Asia Minor» von David Magie, Princeton Professor of Classics. Unter Einbeziehung der älteren Epochen beschreibt Magie den Prozeß der römischen Expansion bis in das Zeitalter der Soldatenkaiser. Zwar ist die kleinasiatische von der Weltgeschichte der antiken Groß­ reiche kaum zu abstrahieren. Gleichwohl vermeiden wir es, wo immer möglich, den geographischen Rahmen unserer Darstellung zu überschreiten. Was die zeitliche Grenze betrifft, so gehen wir nicht bis ans Ende der antiken Kultur Kleinasiens; diese überdauerte die arabische Expansion des 7. Jh.s und verschwand allmählich erst in mittelbyzantinischer Zeit. Aber wenn wir vor Konstantin schließen, so ist dies doch kein willkürlicher Abbruch. Mit der Tetrarchie, der Reorganisation der Provinzen, dem christlichen Imperium und dem byzantinischen Kaisertum beginnt in Kleinasien eine Zeit, deren Reichtum und Eigenart der Überlieferung sich nicht in ein letztes Kapitel pressen, sondern nur als eine besondere geschichtliche Epoche beschreiben läßt. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind auf dem Gebiet des antiken Kleinasien Funde und Forschungen exponentiell angewachsen. Wir sind bestrebt, dem Forschungsstand Rechnung zu tragen. Daß unser Thema angesichts der Dimensionen von Quellenlage und Fachliteratur einen Kompromiß verlangt, versteht sich von selbst. Auf ‹comprehensiveness› – alles zu umfassen, Wesenszug eines eigentlichen Handbuchs – mußte verzichtet werden. Die

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

Masse vor allem der archäologischen und epigraphischen Quellen entzieht sich von vornherein dem Ansinnen, das Material etwa in ähnlicher Form, wie Magie es versuchte, zu präsentieren; das Ergebnis würde nicht nur den Umfang des Buches sprengen, es stünde auch dahin, ob es jemals zustande käme. Da die moderne Forschung zu allen Aspekten antiken Lebens in Kleinasien längst aus der Überschaubarkeit akademischer Einzeldisziplinen ausgebrochen ist, stößt hier wie sonst in der Altertumswissenschaft, wo man sich an Synthesen heranwagt, die Kompetenz des einzelnen an Grenzen. Weitaus Berufenere als wir hielten in der Vergangenheit davon, sich ­einer «Geschichte Kleinasiens» anzunehmen, mit guten Gründen Abstand. Louis Robert, der große Pariser Altertumsforscher, Ausgräber in Klaros und Amyzon, Forschungsreisender in weiten Teilen der Türkei bis in die 80er Jahre, ­dessen phänomenale Kenntnis der antiken Geographie, Monumente und Dokumente dieses Landes in unzähligen Artikeln und Büchern ihren Ausdruck fand, aber nie in einer Gesamtdarstellung, hätte ein solches Projekt gewiß mißbilligt.

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2. LANDESNAMEN

Weder in den Keilschriftsprachen Mesopotamiens, Syriens und Anatoliens selbst, noch im Altägyptischen gibt es einen Namen für die gesamte kleinasiatische Halbinsel. Die Griechen bezeichneten (nach einem Scholion zur Odyssee 7, 8) das Land ursprünglich einfach als «Festland», und noch der grie­ chische Historiker Herodot verwendet im 5. Jh. v.  Chr. diesen Ausdruck gelegentlich für Westkleinasien im Gegensatz zu den vorgelagerten Inseln (z. B. 1, 169. 174). Unser geographischer Begriff Asien geht auf den griechischen Sprachgebrauch zurück, der anscheinend schon in mykenischer Zeit auf einem Linear B-Täfelchen aus Pylos vorkommt: a-si-wi-ja, hier als Herkunftsbezeichnung einer Sklavin aus dem Land am Ostufer der Ägäis (PY Fr 1206). Über die ältere Herkunft bzw. den Ursprung des Wortes Asien indessen herrscht in der Forschung keine Einigkeit, nicht einmal darüber, aus welcher Sprache es eigentlich stammt. Es ist möglicherweise abgeleitet vom Namen des im Westen Kleinasiens gelegenen Landes, das die Hethiter des 2. Jt.s als ­Assuwa bezeichneten. So heißt es in der Urkunde eines Königs Tudhaliya ˘ (wahrscheinlich Tudhaliya I.): «Als ich das Land Assuwa vernichtet hatte, kam ˘ ich nach Hattusa zurück.» (Annalen Tud haliyas Vs. II 33 f.).7 Eine andere In˘ ˘ terpretation verbindet Assuwa mit dem Ortsnamen Assos in der Troas, und auf diesen Ortsnamen seinerseits hat bereits der Indogermanist Jakob Wackernagel den Namen Asia (urspr. von *Assia chora – «assisches Land») zurückgeführt.8 Die bekannte Stelle in Homers Ilias 2, 459 ff., wo der Einfall des Achaier­ heeres ins Land der Troer mit dem Heranziehen von Vogelschwärmen verglichen wird, lautet: «Gleich unzähligen Scharen gefiederter Vögel, wie Gänse, Kraniche oder die Schwäne mit langen Hälsen im Schwarme in der asiatischen Wiese (asio en leimoni), zu beiden Seiten der Wasser des Kaistros.» Sie ist jedoch problematisch, insofern als auch andere Lesarten als die eines Adjektivs asios denkbar sind. Eindeutig als Adjektiv asis «asiatisch» kommt das Wort um 700 v. Chr. in einem Hesiodfragment vor: en asidi aie, «in asiatischer Erde».9 Auch das Substantiv Asie, Asia hat frühe Zeugen in der Lyrik des 7. und 6. Jh., v. Chr.: Archilochos, der vom schafenährenden Asien spricht (Fr. 227 West), Sap-

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

pho (Fr. 55, 4 Diehl) und Mimnermos (Fr. 12, 2 Diehl). Jedesmal deutet der Kontext darauf hin, daß Asien nur ein sehr begrenztes Gebiet im Westen Klein­asiens bezeichnet. Der Begriff hat sich im Sprachgebrauch Herodots auf den Europa und Libyen (Afrika) gegenüberliegenden Kontinent ausgedehnt, im wesentlichen also auf die Landmasse Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Persien. Von Indien und Arabien wußte man zwar, hatte aber keine genauere Vorstellung – ganz zu schweigen von den wirklichen Dimensionen des Kontinents. Die Römer haben den Namen – in griechischer Tradition – ebenfalls auf den ganzen Kontinent bezogen, zugleich aber auf die aus dem Erbe des Königreichs Pergamon gebildete Provinz, die weite Teile Westanatoliens umfaßte. Der erste, der dezidiert den Kontinent von der Halbinsel (also Kleinasien ungefähr in den Grenzen der heutigen Türkei) unterschied, war der Geograph Strabon, ein griechisch gebildeter Anatolier von Amaseia (heute Amasya), der in der Zeit der Kaiser Augustus und Tiberius schrieb. Im römischen Weltreich blieb die Bezeichnung Asien mehrdeutig in dreifacher Hinsicht: erstens antithetisch zu Europa und Libyen als Kontinent, zweitens als Halbinsel und drittens als Provinz. So kommt die Provinz auch in der Bibel vor (Apg 20, 16): «Denn Paulus hatte beschlossen, an Ephesos vorbeizufahren, um nicht in Asia zu viel Zeit verbringen zu müssen.» Dem Namen Klein-Asien begegnen wir erstmals bei Claudius Ptolemaios, dem Mathematiker und Geographen des 2. Jh.s n. Chr., dessen Weltbild das europäische und arabische (vgl. «Al-Magest») Mittelalter bestimmt hat.10 Der Name Anatolien ist demgegenüber eine späte Erscheinung. Griechisch anatole heißt «Sonnenaufgang» bzw. «Osten»; lateinisch entspricht ihm das Wort oriens. Im spätrömischen Reich (seit Diokletian, Ende 3. Jh. n. Chr.) hat man die Provinzen neu geordnet und den gesamten Orient einem praefectus praetorio per Orientem unterstellt, dessen Titel in griechischer Übersetzung: eparchos Ana­tolikon praitorion lautet. Als Terminus im engeren Bereich der militärischen Administration hat der Begriff weiterhin Verwendung gefunden. Als das byzantinische Reich in Militärdistrikte, Themen, gegliedert war, wird erstmals im 7. Jh. n. Chr. ein Thema Anatolikon bezeugt, das einen großen Teil Kleinasiens von der Ägäisküste bis nach Isaurien (eine Gebirgslandschaft südlich des heutigen Konya) umfaßte; Hauptstadt war Amorion. Dieser, in seiner Ausdehnung immer wieder veränderte Distrikt existierte jedenfalls bis ins 11. Jh., und auf seinen Namen gehen schließlich die Begriffe der arabischen Geographen und Historiker des 9. und 10. Jh.s zurück: al‑natulus, al‑natulik.

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3. GEOGRAPHIE

Kleinasien ist eine in das östliche Mittelmeer hineinragende, langrechteckige Halbinsel, deren Längsseiten in West-Ost-Richtung S-förmig geschwungen sind. Sie erstreckt sich in dieser Richtung ca. 1500 km weit, wenn man sich an den heutigen Staatsgrenzen der Türkei orientiert. Die Breite des Rechtecks, in Nord-Süd-Richtung, beträgt 500 bis 600 km und 480 km an der engsten, von den Griechen Isthmos genannten Stelle. Den asiatischen Teil der Türkei zugrunde gelegt, wird eine Fläche von 756 855 km2 umschlossen, vor Spanien (ca. 580 000 km2) und Gallien (ca. 550 000 km2) die größte Landmasse des römischen Weltreiches. Es ist ein gebirgiges Land dank seiner Lage im alpidischen Faltengebirgsgürtel,11 der von Atlas, Pyrenäen und Alpen im Westen sich fortsetzt über Balkan, Zagros, Hindukusch, Karakorum und Himalaya bis nach Indonesien. Auf der Halbinsel umfaßt dieser Gürtel eine nördliche und eine südliche Faltenzone, die das zentrale Hochplateau zwischen ihnen umschließen. Am Südostrand stößt die arabische Platte an; der sich von den ostafrikanischen Seen nach Norden durch das Rote Meer, den Libanon und Syrien fortsetzende Graben grenzt nördlich von Antakya in einem nach Nordosten ausschwingenden Bogen an den Tauros. Nordkleinasien Den Norden durchzieht ein breites Band von parallel laufenden Gräben und Falten des pontischen Gebirges. Die Erhebungen rund um das Marmarameer sind relativ niedrig, selten über 1500 m. Das ostthrakische Istrancagebirge setzt sich jenseits des Bosporus auf dem niedrigen, zerklüfteten Plateau der bithynischen Halbinsel und weiter bis an den unteren Sakarya (Sangarios) fort. Zwischen dem Südrand des Marmarameeres und dem Tal des Bakır Çay (Kaikos) erhebt sich bis zu 1300 m ein vulkanisches Felsplateau, das sowohl zur Ägäis mit den Flüssen Bakır Çay, Gediz und Menderes, als auch ins Marmara- und Schwarze Meer mit Simav und Sakarya entwässert. Nordöstlich der Sakarya­ ebene trennt die Zone der westlichen Pontosketten, stellenweise bis zu 200 km

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

breit und sehr steil, einen schmalen Küstenstreifen vom anatolischen Zentralmas­ siv. Man kann drei Hauptketten unterscheiden: die Küstenkette (nördlich von Kastamonu bis über 2000 m ansteigend), dahinter, getrennt durch die Flußtäler des Filyos und Gökırmak, die Bolu und Ilgaz Dag˘ları (bis 2588 m), südlich davon, getrennt durch die Täler des Gerede Çay und Devrez Çay, die Körog˘lu Dag˘ları. An die südliche Kette schließt sich etwa in ihrer Mitte eine weit nach Süden, fast bis an den Salzsee heranreichende Schwelle mit einigen höheren Erhebungen an wie dem Elma Dag˘ im Osten, dem Ayas¸ Dag˘ im Westen und den Karaca- und Pas¸a Dag˘ları im Süden; in einer Senke dieser Schwelle liegt Ankara. Weiter im Osten sind die pontischen Ketten stärker gegliedert durch enge Täler und breitere Niederungen, besonders markant die Täler des Kelkit und Çoruh, die Suluova (Merzifon) und die Becken von Erbaa, Zile, Turhal, Tokat und Niksar. Die ostpontische Küstenkette erreicht oberhalb von Yusufeli fast 4000 m Höhe. Allein die ins Schwarze Meer hineinragenden Schwemmlandebenen der Sinop-Halbinsel, der Bafra- und Çars¸amba Ovaları unterbrechen die über weite Strecken vorherrschende Steilküste im Norden. Der Verkehr entlang der Schwarzmeerküste und zwischen ihr und dem Hochplateau ist schwierig: Antike Hafenorte waren lange Zeit nur auf dem Seeweg verbunden, mit einer durchgehenden Küstenstraße erwiesenermaßen erst in der römischen Kaiserzeit. Günstige Wege vom Landesinnern an die Küste gewährt das Relief nur an den westlichen und östlichen Rändern des mittleren Pontosbogens, von der Bolu Ovası durch die Täler des Mengen Çay und Devrek Çay in die Schwemmlandebene der Filyosmündung sowie im Osten durch das Beckensystem zwischen Kızıl Irmak und Yes¸il Irmak hinab nach Samsun. Die Flüsse spielen für den Verkehr in der Antike eine eingeschränkte Rolle, sind sie doch von ihrer Mündung aus flußaufwärts nur ein kurzes Stück bis zu ihren schluchtartigen Durchbrüchen sowie jenseits dieser auf dem Hochplateau mit Booten und kleineren Schiffen befahrbar.12 Der Sakarya (Sangarios), der zweitlängste Fluß Kleinasiens, ist bereits bei Homer erwähnt; vielleicht ist er der in hethitischen Quellen als Sahiriya benannte Fluß. Er entspringt im Zentral­ ˘ massiv, biegt erst nach Osten um, wendet sich westlich von Ankara abrupt nach Westen und durchbricht nach einer weiteren Kurve nach Norden das Pontosgebirge zum Schwarzen Meer. Ähnlich schleifenförmig fließt der Filyos (Billaios), nach dem Sakarya der längste Fluß Nordanatoliens. Die klimatischen Gegensätze zwischen Küstensaum und Plateau sind stark. An der Küste herrschen subtropisches Klima und üppige Vegetation. Östlich von Rize, im sagenhaften Kolchis der Antike, hat man mit 2652 mm die höchste Jahresniederschlagsmenge der Türkei gemessen. Auf der Südseite der Hauptkette herrscht kontinentales Klima mit kalten und trockenen Wintern und feuchten, kühlen Sommern.

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Geographie

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Ägäisküste Die Westküste ist stark gegliedert, ja zerschnitten, wofür die nach Westen auslaufenden Falten und Gräben verantwortlich sind. Das Meer dringt weit in die Grabenzonen ein und bildet neun größere Buchten, die 30 bis 100 km tief in das Land einschneiden. Zwischen Edremit und Aydın, also im größeren Teil der Küstenregion, sind die bis zu 12 km breiten und weit ins Landes­ innere reichenden, dem Verkehr und dem Anbau günstigen Schwemm­ landebenen der Flüsse (Bakır Çay, Gediz, Küçük und Büyük Menderes) cha­rakteristisch, dagegen ist der südliche Abschnitt durch schroff ins Meer herausspringende Vorgebirge wie der Bodrum-Halbinsel und besonders der Res¸adiye-Halbinsel südlich der Gökovabucht gekennzeichnet. Die Streichrichtung der Höhenzüge im Hinterland ist weiter nördlich OW. Im ­Süden von Aydın hat das Relief eine kompliziertere Gestalt mit NO-SW bis N-S streichenden Falten. Zentral- und Ostanatolien Die Nordwest- und Westgrenzen des anatolischen Zentralmassivs gegen das Marmarabecken und die Ägäis sind fließend, das Plateau als Ganzes sinkt langsam nach Westen hin ab, obgleich die zu beiden Seiten der großen Flußtäler streichenden Falten teilweise bis 2000 m ansteigen. Der nordöstliche und östliche Teil des zentralen Plateaus, um Çankırı, Çorum, Amasya und Tokat, ist stärker gegliedert und feuchter als die südliche Hälfte, bietet reiche Fruchtflächen für Anbau und Tierhaltung. Mittelanatolien ist kein einheitlicher Block, es wechseln sich ab Hochebene, Bergketten und -kegel verschiedener Gesteinsarten und verschiedenen Ursprungs; Falten sind allerdings seltener. Die Erhebungen auf den weiträumigen Ebenen bilden keinerlei Verkehrshindernisse. Ein großer Teil dieser Landschaft erstreckt sich innerhalb des Bogens des Kızıl Irmak («Roter Fluß»), des längsten Flusses Kleinasiens. Kleinere Quellflüsse östlich von Sivas aufnehmend, fließt er zunächst in dem weit nach Süden ausholenden Bogen durch Kappadokien. Dann wendet er sich östlich des Salzsees nach Norden und durchbricht das pontische Gebirge zur Mündung ins Schwarze Meer. Sein griechischer Name Halys («Salz») wurde in der Antike mit Salzlagern der kappadokischen Landschaft Ximene in Verbindung gebracht; seine erste Erwähnung bei den Griechen findet sich in der Tragödie Die Perser (866) von Aischy­ los. Die Hethiter nannten ihn Marassantiya.13 Westlich und südlich des Kızıl Irmak, in dem Parallelogramm zwischen Eskis¸ehir, Afyon, Konya, Nig˘de und Ankara, herrschen Hügelland bis flache

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

Ebenen. Jeder Kenner Anatoliens versteht die Metapher von den «rollenden Hügeln», liebt diese «scheinbare Sanftheit der Reliefformen, die Rundung der Rücken und Kuppen und jene weit verbreiteten Areale, die auch in relativ hoher Lage über den Tälern noch auffallend flach sind.»14 Niedrige Erhebungen teilen dieses Plateau in drei ebene Teile: das Sakaryatal, das Salzseebecken und die Konyaebene, die sich am weitesten nach Süden bis an den inneren Taurosbogen erstreckt. Östlich der Linie Nig˘de, Nevs¸ehir, Tokat steigt das Zentralmassiv zur ostanatolischen Hochebene an. Diese wird von tiefen Flußtälern zerschnitten, von Hügeln, hohen Bergketten und großen Vulkankegeln gegliedert. Die Ebenen selbst sind zum Teil Produkt der Vulkane in ihrer Mitte, besonders ­bizarr stellt sich die Tufflandschaft westlich von Kayseri dar (Abb. 2). Die Formationen sind auf Erosionsprozesse nach den Lava- und Ascheablagerungen durch Ausbrüche des Erciyas- und des Hasan Dag˘ zurückzuführen. Im Norden gliedern breitere Täler die Parallelzüge der ostpontischen Küsten­kette, wie zum Beispiel die As¸kale-Ebene zwischen Erzincan und Erzurum und, weiter östlich, das obere Euphrat- und das obere Arastal. Nördlich des Arastales erhebt sich das vulkanische Plateau von Kars mit einer Gruppe kleinerer Vulkane. Am Ostende und südlich dieser Gebirgsachse thronen die Vulkane Kleiner und Großer Ararat, der Süphan Dag˘, Nemrud Dag˘ und die Kette der Bingöl Dag˘ları. Der majestätische Ararat ist der höchste Gipfel Kleinasiens mit 5156 m (Abb. 3). Armenisch heißt der Berg Masis, Abb. 2:  Tufflandschaft in Kappadokien

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Geographie

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Abb. 3:  Der Ararat von Westen

griechisch Baris und türkisch Ag˘rı Dag˘ («Schmerzensberg»). Der Name Ararat, der nur in der europäischen Tradition gebräuchlich ist, stammt aus dem Alten Testament (Gen 8.4). Er bezeichnet dort in der Sintfluterzählung den Ort, wo die Arche Noah strandete. Gemeint ist das Hochland von Armenien (Hierony­mus übersetzt s­uper montes Armeniae – «über die Berge von Armenien»); der Name kommt von der assyrischen Bezeichnung des Landes Urartu (S. 144). Seit wann er verwendet wird, ist nicht ganz klar: Die frühesten Zeugnisse scheinen ins 14. Jh. zu führen. Bis auf den heutigen Tag finden immer wieder einmal Suchaktionen zu Fuß und aus der Luft statt, die der Arche gelten. So schrieb im 14. Jh. der unter dem Namen John Mandeville bekannte Autor in seinen (teils aus anderen abgeschriebenen, teils ersonnenen) Reiseerzählungen, ein Mönch sei mit Gottes Hilfe hinaufgelangt, habe das Stück einer Planke mit sich genommen.15 Den ersten bekannten Versuch einer ­Besteigung unternahm der Botanikprofessor aus Aix-en-Provence Joseph Pitton de Tournefort im Jahre 1707 (S. 48), dagegen erreichte den Gipfel erst der Deutsche Friedrich Parrot 1829.16 Der Vulkan brach 1840 zum letzten Mal aus. Der Vansee, bei Strabon Thospitis, liegt auf einer Höhe von 1720 m ü. M. und ist mit 3764 m2 der größte Binnensee der Türkei. Charakteristisch ist seine Tiefe (in Ufernähe mehr als 250 m) und der hohe Gehalt an Natriumkarbonat. Schon Strabon beschreibt ihn als «laugenhaltig» (11, 14, 8). Die fruchtbaren

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I.  Einleitung: Anatolien zwischen Ost und West

Flächen am Ufer haben Siedler schon in der Frühgeschichte angezogen. Südlich des Vanbeckens erreichen Cilo- und Sat Dag˘ları um 4000 m Höhe und bilden eine Trennmauer zwischen ihm und der nordirakischen Steppe. Euphrat und Tigris, zusammen mit dem Nil die lebenspendenden Urströme der ältesten Kulturen, sind auf dem östlichen Plateau nicht die breit und träge dahinfließenden Wasserstraßen Mesopotamiens, sondern tief ins Relief schneidende, in Kurven und durch Schluchten schnell strömende, für den Verkehr gefährliche Gewässer. Besonders am mittleren Euphrat wechseln Durchbrüche (mit zum Teil senkrechten Felswänden) und breitere, inter­ montane Bassins wie die um Erzincan, Elazıg˘ und Malatya, oder, am größten Euphratnebenfluß Murat, um Bingöl. Südkleinasien Im S-förmig geschwungenen, dem Taurosmassiv folgenden Verlauf der Steilküste breiten sich ähnlich wie im Norden nur an wenigen Stellen größere Schwemmlandebenen aus: am Golf von Antalya und zwischen Mersin und der Iskenderun-Bucht. Der Name Tauros (türkisch Toros) wird im Griechischen erstmals von Aristoteles erwähnt; die Griechen brachten ihn mit dem gleichlautenden Wort für «Stier» zusammen (Dionysios Periegeta 641 Müller; Stephanos von Byzanz p.  608, 16–19 Meineke s. v.), assoziierten seine Form mit dem Buckel oder seine Natur mit der Wildheit des Stiers. Libanios, ein Rhetor und Schriftsteller des 4. Jh.s n. Chr., gibt eine Etymologie (or. 9, 92): Das Gebirge sei nach der Sintflut als erstes wieder aus dem Wasser aufgetaucht und getrocknet, daher habe es den Namen Tersia, von tersaino («austrocknen») erhalten. Man kann den kleinasiatischen Tauros in zwei Segmente teilen. Der westliche Abschnitt (Lykischer Tauros) bildet eine Barriere zwischen Ägäis- und Mittelmeerküste. Sein Relief ist kompliziert, oberhalb Antalyas treffen SW-NO-Achsen mit SN-Achsen aufeinander, in die Hauptketten sind breitere Becken (ElmalıEbene) eingelagert, geräumige Korridore bilden in den nach Norden hin sich fortsetzenden Höhenzügen, die mit dem nach NW ausschwingenden kilikischen Tauros zusammentreffen, die Becken der Eg˘ridir-, Beys¸ehir- und Sug˘laseen. Vor der Tauroskette östlich dieser Seen steigen die Massive des AlaDag˘ und Alaca-Dag˘ aus dem Plateau ­empor und bilden die Westgrenze der Konya-Ebene. Der kilikische Tauros17 besteht aus schroffen Kalkstein- und Karstformationen, die direkt über der Küste steil aufragen. Hinter ihnen türmen sich noch höhere Massive aus Granit, die im Norden auf Hügelketten, schließlich in die Ebene des südlichen Zentralmassivs absinken. Durchbrochen wird diese Faltenzone vom Göksu (Kalykadnos) und vom Pozantı Çay an der «kiliki-

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Geographie

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schen Pforte» (Abb. 67), die 1000 m in das Relief einschneidet. Über der kilikischen Schwemmlandebene trennt sich das Gebirge in zwei Hauptketten mit Streichrichtung SW-NO, Tauros und Antitauros. Arabische Platte Die Arabische Platte hat ein sanftes Relief. Eine Serie breiter, hügeliger Plateaus verflacht im Südwesten zum Bassin des Euphrat, in der Mitte zur Harran-Ebene, im Nordosten zum Tigrisbassin hin. Die Ebene wird geteilt durch die dem Plateau vorgelagerten Höhen des Vulkans Karaca Dag˘ (1957 m) und dem flacheren, länglichen Rücken des «Tur Abdin» nördlich von Mardin. [ [ [

Insgesamt besitzt Anatolien ein sehr kontrastreiches Relief mit schroffen klimatischen Gegensätzen. Die breite «Brücke» des Zentralmassivs bietet zwar leichten Durchgang, hat aber wenigstens in ihrem trockenerem südlichen Teil keine günstigen Ansiedelungsbedingungen. Ausgesprochen charakteristisch für Anatolien ist eine intensive seismische Aktivität. Seit der römischen Kaiserzeit summieren sich Hinweise und Berichte auf über 800 Erdbeben. Schon die Antike überliefert – etwa mit der klagenden Monodie des Libanios auf Nikomedeia (or. 61) oder mit Grabsteinen getöteter Kinder – erschütternde Zeugnisse für das regelmäßig wiederkehrende Leid der Bevölkerung.

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Samos

Kos

Rhodos

Karien

s

Lykien

c

Gebi

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Zypern

s

Lykos

G

e

Syrien

Syrische Pforte

Eu

ph

rat

Kleinarmenien

Kappadokien

Pontos

r o Ebenes Kilikien

Rauhes Kilikien

Isaurien

Lykaonien

Salzsee

lys

Ha

Kilikische Pforte

rge

Paphlagonien

Galatien

is

Pamphylien

Pisidien

(Mittelmeer)

Lydien

ndro Maia

Ionien

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Sangario

P

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Phrygien

Bithynien

Bosporus

Karte 1 a:  Historische Landschaftsnamen Kleinasiens

Kreta

Chios

Hermos

Mysien

Propontis

Thrakien

Troas

Lesbos

Hellespont

Limnos

Thasos

a

itz

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Pontos Euxeinos

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50

Euphrat

100

150 km

Mesopotamien

A

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Armenien

Kolchis

Vansee

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Oron tes

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Samos

Kos

Knidos

(Attaleia)

Mittelmeer

Patara

Xanthos

Kaunos

Perge

Sagalassos

Salzsee

lys

Ha

(Ankyra)

ANKARA

Eu

ph

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(Antiocheia am Orontes)

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0

50

Euphrat

100

URFA (Edessa)

Göbekli Tepe

(Trapezus)

TRABZON

Zeugma/ Seleukeia am Euphrat

ANTAKYA

TARSUS (Tarsos)

Soloi/ Pompeiopolis

Zypern

Çatal Höyük

Tyana

(Melitene)

MALATYA

(Sebasteia)

SIVAS

Komana Pontica

Lykos

(Amisos)

SAMSUN

(Mazaka/Kaisareia)

KAYSERI

Tavium

Hattusa

(Amaseia)

AMASYA

Pompeiopolis

KONYA (Ikonion)

Antiocheia

Pessinus

Gordion

DINAR (Kelainai)

ANTALYA

Laodikeia

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Sangario

(Prusa am Olymp)

Aphrodisias Mylasa

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RHODOS Rhodos

Iasos Halikarnassos

Milet

(Nikaia)

IZNIK BURSA

(Gangra)

ÇANKIRI

Amastris

(Herakleia)

˘ EREGLI IZMIT (Nikomedeia)

Sardeis Philadelpheia

ndro Maia

Hermos

Pergamon

Kyzikos

Marmara-M.

(Byzantion)

ISTANBUL

Teos Ephesos

(Smyrna)

IZMIR

Mykale

Chios

Karte 1 b: Wichtige Orte

Kreta

Troja

Lesbos

Lysimacheia

Ägäisches Meer

Limnos

Thasos

a

itz

ar

M

Schwarzes Meer

SINOP (Sinope)

150 km

ris Tig

Vansee

Geographie

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Oron tes

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III. VON DER PRÄHISTORIE ZUR ÄLTESTEN SCHRIFTKULTUR

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1.  PALÄOLITHIKUM, MESOLITHIKUM

Relikte von frühen Menschen in Anatolien gehen bis in die Zeit vor 20 000 v. Chr. und damit weit in das Paläolithikum, die Altsteinzeit, zurück. Großwildjäger hinterließen ihre Spuren in Camps und Höhlen, die sie saisonal, mancherorts auch permanent besetzten, um von dort aus in Gruppen auf die Jagd zu gehen, dorthin ihre Beute zu tragen, sie aufzubrechen und zu zerlegen, ihre Werkzeuge zu fertigen und Unterschlupf zu finden. In ganz Kleinasien sind weit über 50 Stätten eingehender untersucht. Allein in der Urfa-Region des nördlichen fruchtbaren Halbmondes hat man über 130 offene Plätze festgestellt, und es ist kein Zufall, daß dort (bei Birecik) schon im 19. Jh. die erste paläolithische Axt entdeckt wurde. Befunde in anderen Regionen sind weniger zahlreich, gleichwohl von Bedeutung: Knochenfunde von Neandertalern stammen aus der Karain-Höhle, 27 km nordwestlich von Antalya; nicht weit entfernt davon liegen die Fundplätze der Belbas¸ı-und Beldibi-Kulturen an der Ostküste Lykiens. Eine Schlüsselstellung in der Forschung besitzt die Yarımburgaz-Höhle, 20 km nordwestlich von Istanbul, die vom Paläolithikum bis in römisch-byzantinische Zeit (mit Unterbrechungen) bewohnt bzw. besucht war. Im äußersten Osten, im Süden und Westen Anatoliens hat man auch prähistorische Felsmalereien entdeckt, in der Kızların-Höhle bei Van, in Beldibi bei Antalya sowie neuerdings unweit der Ägäisküste im Latmosgebirge. Abgebildet sind Tiere und Menschen, einzeln, paarweise und in Gruppen. Diese Zeichnungen stammen jedoch nicht aus der Altsteinzeit, sondern sicher aus einer der folgenden Epochen.1

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2.  NEOLITHIKUM, CHALKOLITHIKUM

Traditionelle Epochenbegriffe wie akeramisches Neolithikum und Chalkolithikum – Jungsteinzeit ohne Keramik und die Übergangsperioden der Stein- zur Bronzezeit – dürfen heute nicht mehr streng als Zeithorizonte in ihrem Wortsinn verstanden werden, hat sich doch herausgestellt, daß Keramik bereits im akeramischen Zeitalter, Kupfer- und Bleischmuck bereits im Spätneolithikum hergestellt wurden.2 Die Südostflanke Anatoliens ragt unmittelbar in eine Zone hinein, wo sich in der frühen Menschheitsgeschichte der Übergang zu Regenfeldbau und permanenten Niederlassungen mit Nahrungsmittelproduktion auf der Basis domestizierter Tiere und kultivierter Pflanzen vollzogen hat, der Zone des sogenann­ten Fruchtbaren Halbmonds an den Abhängen der Gebirge vom Persischen Golf über Kurdistan bis Palästina. In prähistorischer Zeit ist dieser Vorgang im wesentlichen während der akeramischen Phase der Jungsteinzeit erfolgt, was dieser Epoche auch in Anatolien ihre herausragende Bedeutung gibt: Man spricht immer wieder von der «Neolithischen Revolution» – der Seßhaftwerdung des Menschen –, wenn auch ein Teil der modernen Forschung es vorzieht zu betonen, daß wir es eher mit einer regional ungleich schnell und vielleicht auch unabhängig voneinander voranschreitenden «Transformation» zu tun haben. Warum, wie, in welchen Etappen und mit welchen Zäsuren sich diese in Anatolien vollzogen hat, ob sie an ein bestimmtes Menschenbild vom frühen Anatolier gebunden ist (etwa als dem Träger ­einer gemeinsamen Sprachenfamilie), das sind Leitfragen der Prähistorie, ­deren Bedeutung auch weit über Anatolien hinausweist. Da Fortschritte in den naturräumlich und klimatisch sehr unterschied­ lichen Siedlungsgebieten West-, Nord-, Mittel-, Ost- und Südostanatoliens nicht einfach miteinander zu verknüpfen sind, ist es nach wie vor schwer, ein typisch anatolisches Entwicklungsmodell zwischen Vorderasien und Europa zu definieren. Auch hat die Landkarte der Survey- und Grabungsergebnisse noch große Lücken, und die Feldforschungen durchlaufen gerade am Übergang vom 20. zum 21. Jh. eine dynamische Phase. Das für alle Epochen klein­ asiatischer Geschichte strapazierte Modell der «Brücke» zwischen Asien und

https://doi.org/10.17104/9783406709715-79 Generiert durch Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, am 20.02.2021, 19:21:45. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.



Neolithikum, Chalkolithikum

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Europa läßt sich jedenfalls im Sinne einer urgeschichtlichen Übermittlung des Landbaus, der Tierzähmung und der Bearbeitungstechniken vom Orient an den Okzident bestätigen, wenn auch (noch) nicht genau nachzeichnen.3 Außer Zweifel steht, daß die Übermittlungswege bei der Ausbreitung von kultiviertem Getreide, domestizierten Tieren wie Schaf, Ziege, Rind, bei Handwerken wie Keramik, Steinschlifftechnik, Metallurgie etc. quer durch Anatolien über die Meerengen hinweg nach Südosteuropa geführt haben müssen. Nach jüngsten DNA-Untersuchungen stammen alle heutigen mitteleuropäischen Rinder von den im Vorderen Orient im frühen Neolithikum domestizierten ab, obgleich eine eigene Domestikation europäischer Wildrinder möglich gewesen wäre.4 Seßhafte Kulturen vergleichbar denen in der Levante treten in Klein­ asien erst zwischen ca. 8300 und 7600 v. Chr. vereinzelt in Erscheinung, nachdem nomadische oder seminomadische Jäger-Sammler-Gruppen in den Niederungen ökologisch attraktive Nischen besetzten. Von weiter ausgreifenden Migrationen einzelner Gruppen abgesehen, erstreckte sich die Jäger-SammlerAktivität um ein Camp schätzungsweise in einem Umkreis von 5 km. Es gibt verschiedene Modelle, nach denen man sich eine allmähliche, experimentelle Veränderung der Selbstversorgungsstrategien vorstellen kann: Gewiß muß das reichliche Vorkommen wilder Korn- oder Gemüsearten längere, auch periodische Ansiedelung, schließlich auch das Experimentieren mit deren Anbau begünstigt haben. Dazu mag auch fortschreitend planmäßigere Bewirtschaftung der Jagdbeute beigetragen haben: Jägergruppen dürften den Vorteil erkannt haben, Wildherden einzuzäunen, sei es, um die Tiere bequemer jagen und die einzelnen Beuteobjekte präziser auswählen zu können, sei es, um sie von Feldfrüchten oder Vorräten fernzuhalten. Systematischere Kontrolle eines Wildbestandes bedeutete früher oder später, das Instrument der Fütterung einzusetzen. Dazu wiederum war die erweiterte Bevorratung pflanzlicher Nahrung notwendig. Allerdings wird über die Konditionen, unter denen die Schritte zur Seßhaftigkeit erfolgten, nicht ausschließlich auf der Ebene der Selbstversorgungsstrategien diskutiert. Faszinierende Alternativen könnte die Erforschung einer Stätte entwickeln, die erst kürzlich auf dem Göbekli Tepe, 15 km nordöstlich von Urfa am Nordrand der Harranebene, von dem deutschen Prähistoriker Klaus Schmidt ausgegraben wurde (und noch wird).5 Wir befinden uns dort an der nördlichen Hügelflanke des fruchtbaren Halbmondes, einer im Schnittpunkt der Verkehrswege gelegenen und dem nordsyrischen und nordmesopotamischen Kulturräumen unmittelbar benachbarten Gegend, wo sich etwa ein Drittel aller eingehender untersuchten bzw. ausgegrabenen neolithischen Plätze der Türkei konzentriert. Es handelt sich um eine sukzessiv erweiterte und umgebaute Anlage, die an Monumentalität im akeramischen Neolithi-

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kum des Vorderen Orients nicht ihresgleichen hat. Die Architektur (Herde oder Feuerstellen fehlen) erweist klar eine ausschließlich oder doch überwiegend kultische Funktion. Im Süden des Hügels wurden in einer älteren vor­ keramischen Schicht III (PPNA , d. h. ca. 9600 bis 8800 v. Chr.) vier runde bis ovale, von ringförmigen Außenmauern umschlossene Temene (Heilig­tümer) freigelegt. In ihren Innenräumen stehen an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort (in situ) auf Terrazzo-Fußböden 3 bis 5 m hohe, bis zu 10 Tonnen schwere monolithische T-Kopf-Pfeiler in symmetrischer Anordnung, und zwar mehrere kleinere (bis zu 12) auf der Peripherie, mit den T-Köpfen zur Raummitte ausgerichtet und durch Mauern oder Steinbänke miteinander verbunden, sowie jeweils im Zentrum ein Paar besonders großer und sorgfältig gearbeiteter Pfeiler. Südwestlich und nördlich dieser Anlagen befinden sich in einer jüngeren Schicht II (PPNB , das heißt ca. 8800 bis 6800 v. Chr.) rechteckige Räume mit weniger zahlreichen und kleineren, ca. 1,5 m hohen Pfeilern. Viele dieser Pfeiler – 22 von 37 in der älteren Schicht III – sind reliefverziert, wobei hier und da Armpaare am Schaft die anthropomorphe Gestalt noch verdeut­lichen. An Breit- bzw. Stirnseite des Kopfes und am Schaft wurden zudem zahlreiche Tierbilder und andere Motive herausgearbeitet, zumeist von erstaunlicher Qualität; außerdem kam in sekundärem Kontext – in und um die Kreisanlagen herum – steinerne Rundplastik von Tierköpfen und -körpern, Ithyphalloi an Tier- und idolartigen Menschenfiguren zutage. In einer erhöhten Bodenplatte der Anlage A tief eingeritzt ist die bisher einzige Darstellung einer Frau: Der Kauernden, die Beine Spreizenden hängt etwas Unförmiges, Längliches aus der Vagina; ob Geburt oder Sexualität gezeigt werden sollen, ist nicht zu entscheiden. Vielleicht haben diese Zeichnung erst Spätere als die Erbauer angefertigt; sie gehört schwerlich in das Programm der ursprünglichen Anlagen. Von ihr abgesehen, ist die Ikonographie von Göbekli Tepe ausschließlich ‹männlich›; dargestellt sind vor allem einzelne und Gruppen von Tieren, die sich in einem wohlgewählten Bildprogramm auf die Anlagen verteilen: Am häufigsten erscheinen Schlange, Fuchs und Eber, daneben Auerochse, Kranich, Wildschaf, Wildesel, Gazelle, Leopard (oder Löwe). Die fein gearbeitete Steinskulptur eines Geierkopfes fand sich im Schutt. Ein ungewöhnlich reiches Bildprogramm unter anderem mit H-förmigen Symbolen, einem großen Skorpion, einem ithyphallischen Menschen ohne Kopf und ­einem Geier besitzt der 2006 freigelegte T-Kopf-Pfeiler der Anlage D. Freilich macht die Interpretation des Bildprogramms noch Schwierigkeiten, und da die Forschungen voll im Gange sind, müssen Aussagen dazu unter Vorbehalt stehen. Viele Fragen drängen sich auf: Kann man Beziehungen zwischen den abgebildeten und den am Ort als Jagdbeute verwerteten (und in den Untersuchungen der Tierknochen nachgewiesenen) Tierarten herstellen? Die Ergebnisse deuten bislang eher darauf hin, daß die Bilderserie für das in der Gegend

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Abb. 9:  Göbekli Tepe, T-Kopf-

Pfeiler: Auf der rechten Kopfund auf der Schaftseite erscheint eine dichte Bildfolge aus Vögeln, Vierfüßlern und Schlangen, einem Skorpion, einem ­ithyphallischen, kopf­ losen Mann und mehreren in ihrer Art nicht eindeutig ­bestimmbaren Objekten.

hauptsächlich erlegte Wild nicht repräsentativ, also von einem reinen Jägerkult schwerlich die Rede ist. Liegt die richtige Deutung in totemistischen und / oder schamanistischen Performationen? Kann man die Räume überhaupt als Tempel bezeichnen, und wie viele Menschen haben sich hier zu welchen Riten versammelt? Der Höhenunterschied bei einem Teil der Pfeilerstellungen scheint auszuschließen, daß diese eine dachtragende Funktion besaßen, was Gedanken an kultische Freilichtanlagen aus gewaltigen Monolithen à la Stone­ henge aufkommen läßt. Der Bau, die Ausstattung und der Betrieb dieser Heiligtümer setzt eine mächtige Elite voraus, die planen und organisieren konnte. Jedenfalls müssen hier größere Gruppen über längere Zeit regelmäßig zusammengeführt worden sein. Keine der Anlagen ist vor dem 9. Jt. v. Chr. entstanden. Schon die unmittelbare Umgebung weist eine Reihe weiterer, allerdings etwas später zu datierender Stätten auf, darunter ein Dorf auf dem Gürcütepe. In einem engen zeitlichen, architektonischen und ikonographischen Kontext mit Göbekli Tepe steht die akeramisch-neolithische Siedlung Nevalı Çori,

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weiter nördlich, am rechten Euphratufer gelegen.6 Der bis 1991 von dem Prähistoriker Harald Hauptmann ausgegrabene (jetzt vom Atatürk-Stausee überflutete), östliche Teil mit fünf Bauphasen besitzt ebenfalls ein riesiges Kult­ gebäude (188 m2) von höchster Qualität: Vor den mit Ton verputzten Innenwänden und in der Raummitte (Terrazzofußboden) stehen T-Kopf-Pfeiler, zwischen den Pfeilern verläuft eine Steinbank. Das Podium für eine Kultstatue und die in sekundärer Verbauung gefundene, steinerne Monumentalplastik lassen auch hier keinen Zweifel an der Funktion des Hauses bzw. der vielleicht ebenfalls offenen Anlage als Temenos, also als Heiligtumsbezirk. Unter den zum Teil überlebensgroßen rundplastisch und im Relief gearbeiteten Steinskulpturen, Tier- und Menschenköpfen und -körpern sowie tiermenschlichen Kompositfiguren – wiederholt kommt der auf einem menschlichen Kopf aufsitzende Riesenvogel (Geier?) vor – fehlen Frauen­darstellungen nicht. Auf einem Relief tanzen dickbäuchige Frauen (?) zu beiden Seiten einer massigen Euphratschildkröte. Funde von ca. 700 Ton­figurinen, die meisten anthropomorph und darunter wiederum vorwiegend nackte weibliche Sitzfiguren, einige Schwangere und Mütter mit Kindern, stammen nicht aus dem Kontext des Kultplatzes. Nevalı Çori hat außer diesem einen ausgedehnten Wohn- und Wirtschaftsbereich: 29 meist langrechteckige Häuser, zwischen 13 und 18 m lang und 5,5 bis 6 m breit mit reicher Binnengliederung; in 1,10 m Abstand von den Fundamenten aus lehmvermörteltem Kalksteinmauerwerk befinden sich Steinsetzungen für dachtragende Pfosten. Polierte Äxte und andere Steinund Metallartefakte (Kupferperle) verweisen auf eine relativ fortgeschrittene Bearbeitungstechnik. Subsistenzgrundlage war auch hier die Jagd, nicht weniger als 56 Tierarten sind bezeugt. Unter dem Fußboden im Haus hat man Tote beigesetzt. Wir werden dieser merkwürdigen Art der Humanbestattung noch an anderen Orten begegnen. Zahlreiche weitere Funde in der Urfa-Region, darunter eine neolithische Skulptur in Urfa selbst, stehen in so enger Verbindung mit denen von Nevalı Çori, daß sich die Annahme eines zeitgleichen Komplexes von Siedlungen um ein Zentrum herum (Urfa?) aufdrängt. Die Tragweite der Entdeckungen in Nevalı Çori und Göbekli Tepe ist noch kaum abzuschätzen. Mit Blick auf die Dimensionen und Ausstattungen der Heiligtümer sei nur darauf verwiesen, daß Anfänge der Sakralarchitektur im Zweistromland, die Jahrtausende späteren Obed- und Uruk V– IV-zeit­ lichen Tempel (5.–4. Jt.) wesentlich kleiner und bescheidener waren. Unweit östlich von Urfa, bei Ergani in der Provinz Diyarbakır, besiedelten etwa in derselben Periode mehr als ein halbes Jahrtausend lang Menschen einen ca. 300 × 150 m ausgedehnten Hügel: Çayönü.7 Die 1964 bis 1988 durchgeführten und kürzlich wieder aufgenommenen Ausgrabungen haben insgesamt einen Befund an differenzierter Architektur, Skelettfunden und Artefakten erbracht, der an Reichtum kaum überboten ist. Unter den verschiedenen

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Bauphasen angehörenden Haustypen, Rund- und Ovalplan-, Zellenbau-, Großraumhäuser, ist das nach seinem Unterbau benannte Grill-Plan-Haus mit mehr als 30 Exemplaren vertreten: Die mit Lehm vermörtelten Steinfundamente haben vor einem kleinräumig untergliederten und noch um einen Raum oder Hof (mit Herd) erweiterten Rechteck mehrere parallel gesetzte, unverbundene oder mäandernde Mauerstreifen. Sie sorgten in den darüber errichteten Lehmziegelhäusern durch Ventilation und Abflußkanäle für tro­ ckene Fußböden. Auch in Çayönü sind Kulträume nachgewiesen, das «BenchBuilding» mit seinen Steinbänken an den Innenwänden, das mit großen Platten ausgelegte «Flagstone-Building», herausragend aber das «Skull-Building» und das «Terrazzo-Building», wo in großer Zahl menschliche Schädel und Skelette rituell bestattet wurden. Aufmerksamkeit verdienen Spuren menschlichen Blutes (Hämoglobinkristalle) an einer Steinplatte bzw. an der steinernen Fassung einer Grube im Fußboden. Fanden hier Menschenopfer statt? 30 % der in die Hunderte gehenden Knochenfunde gehören Kindern unter 16 Jahren. Besonders gut erhaltene Skelette junger Frauen aus einem Komplex im östlichen Ortsteil werfen Licht auf ein trauriges Einzelschicksal: Eine Schwangere starb offenbar bei der Geburt eines Zwillings, mit dem zusammen sie, den anderen Zwilling noch im Mutterleib, begraben wurde. Wie nur selten irgendwo sonst in Anatolien lassen die Befunde von Çayönü Schlüsse auf Körpergröße, Lebenserwartung und Sterblichkeitsraten der Geschlechter und Altersgruppen sowie die Ernährungsgrundlagen der Bewohner zu. Weizen kommt in wilder und kultivierter Form vor, daneben Gerste, Wicken, Linsen, Mandeln, Pistazien; Wildbeute ist neben dem Anbau noch mindestens gleichrangig und bietet ein Spektrum von Auerochse, Hirsch und Wildschwein (mit dem höchsten Anteil am Fleischkonsum der Siedler in den älteren Schichten), Bär, Fuchs, Hase und weiteren Wildtieren. Die Ziege ist noch nicht domestiziert, wohl aber das Schaf und, interessanterweise, der Hund (canis familiaris). Aus Çayönü und As¸ıklı Höyük in Kappadokien liegen die frühesten Nachweise für die Bearbeitung von Kupfer durch Hämmern und Zwischenglühen (noch kein Schmelzen) vor. Die ganzjährig bewohnten Dörfer etablierten sich in den zweieinhalb Jahrtausenden zwischen ca. 7600 und 5000 v. Chr. in größerer Zahl endgültig, nicht nur im Südosten und Süden der Türkei. Spezialwerkzeuge, wie sie für die Feldbewirtschaftung unabdingbar sind,Textilfertigung zunächst aus pflanzlichen Stoffen (Flachs), und schließlich das Töpferhandwerk setzten sich durch. Geflochtenen Körben, aus Holz oder Stein herausgeschlagenen Gefäßformen hatten sich mancherorts wohl schon früh an der Sonne getrocknete Tonbehälter hinzugesellt, bevor die feuergebrannte Keramik erfunden wurde. Deren Formen und ‹Verzierungen› sind Schlüsselbefunde für die Definition zeit­ licher und räumlicher Horizonte von Kulturen, d. h. des Auftretens typischer

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Merkmale, hinter denen ein bestimmter Gestaltungswille steht. Diese Kulturen stehen keineswegs zwingend mit bestimmten Völkern oder Volksgruppen in Verbindung; aus ihrer Verbreitung können nicht ohne weiteres Wanderungen herausgelesen werden, und ihre Namen stehen in der Regel nur für die Orte, an denen die entsprechende Keramikware zum ersten Mal gefunden wurde. Die Ägäis- und die mediterranen Küsten südlich des Tauros sind bis jetzt nur spärlich vertreten, hier vor allem die Umgebung von Mersin und Tarsus. In Ostanatolien nimmt Çafer Höyük eine Schlüsselposition ein: Das akeramisch-neolithische Dorf auf einem Hügel 40 km NO von Malatya wurde nur zum Teil ausgegraben;8 aufgedeckt hat man einige kleinzellig untergliederte Hausgrundrisse (kein Grill-Plan-Haus). Die neolithische Topographie Thrakiens und der Marmara-Region ist wegen der starken Veränderungen der Meeresküsten, Seen- und Sumpfgebiete kompliziert. Wichtige Befunde bietet das spätneolithisch-chalkolithische Dorf Ilıpınar bei I˙znik (ca. 5200–4800 v. Chr.). Die spätneolithische Keramik von Fikirtepe fand weite Verbreitung, unter anderem bis nach Thessalien. Nordanatolien und der Pontosbogen sind noch weitgehend terra incognita, ein einsamer Vorposten in der Erforschung dieser Region ist Demirci Höyük bei Eskis¸ehir. Der Ort war vom Neolithikum bis ins mittlere Chalkolithikum besiedelt; dann erfolgte eine Unterbrechung, bis er in spätchalkolithischer Zeit und Bronzezeit erneut besiedelt wurde. Keramik der älteren ist zu einem Teil in den Lehmmauern der bronzezeitlichen Siedlungsphase gefunden worden. Ganz anders am Nordrand des westlichen Tauros: Um das Seengebiet mit den Acı-, Burdur-, Eg˘ridir-, Beys¸ehir- und Sug˘laseen zeichnet sich auf den Hügeln unweit der Seeufer eine ausgesprochene Siedlungskonzentration der neolithischen bis frühchalkolithischen Epochen ab. Die Jagd stand in dem akeramisch-neolithischen Dorf Suberde, am Westufer des Sug˘lasees, noch im ­Vordergund: In einer der größten Tierknochensammlungen Anatoliens (über 300 000) dominieren offenbar noch nicht domestiziertes Wildschaf und Wildziege; auch pflanzliche Nahrung stammt von nicht kultivierten Arten (ca. 6500–5600 v. Chr.). Dagegen ernährten sich die Menschen des 6. Jt.s in Erbaba, 10 km NNW von Beys¸ehir, soweit es Pflanzen betrifft, nur noch von kultivierten Arten. Sie wohnten in kleinräumigen Steinhäusern, die man über das Dach betrat. Das Dorf Hacılar in der Burdurebene wurde im akeramischen Neolithikum verlassen, in spätneolithischer Zeit und noch später wiederbesiedelt und stark befestigt. Es hatte große, zweistöckige Gebäude mit um Höfe gruppierten Raumkomplexen. Wieder findet sich ein «Schrein» mit steinernem (Opfer?-)Tisch, wo Menschen im Fußboden bestattet wurden. Viele Tonfigurinen variieren Frauenbilder, Mädchen, Matronen, Schwangere, säugende Mütter, stehend, lehnend und thronend, darunter eine «Herrin der

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Tiere». Man kannte Spinnen und Weben und fertigte in Töpferwerkstätten die mit rotbraunen Mustern flächig bemalte Keramik. Jenseits dieser Seen im Osten gelangt man auf die heute halbtrockenen Hochflächen zwischen Konya und Nig˘de. Am Rand des kilikischen Tauros­ bogens und am Fuße kegelförmiger Vulkane muß es im Neolithikum für Regenfeldbau – Anbau, der ohne zusätzliche künstliche Bewässerung auskommt – doch günstigere Bedingungen gegeben haben als heute. Hier wurden sehr bedeutende Dörfer ausgegraben, auf dem kappadokischen Plateau As¸ıklı Höyük, Kös¸k Höyük und Can Hasan. Bei den Schädelbestattungen in den Häusern von Kös¸k Höyük fallen zwei mit Gips überzogene Exemplare auf, wie man sie aus früherer Zeit von Jericho kennt (vgl. S. 90 zu Çatal Höyük). In der Konya-Ebene, 56 km südöstlich von Konya, liegt jener Ort, der wie kein anderer das Bild der anatolischen Urgeschichte schlechthin bis heute prägt: Çatal Höyük Ost.9 Seine Größe, seine Architektur, der Reichtum der Werkzeuge, Kleinfunde und vor allem seine atemberaubende Bilderwelt auf den bemalten Wänden und in der Plastik begründen seine Sonderstellung in der ganzen Türkei; der Ausgräber James Mellaart sprach sogar von «town» (Stadt) anstelle von «village» (Dorf). Surveys in der weiteren Umgebung scheinen auszuschließen, daß dieser Ort gleichzeitig Nachbarn von dieser Größe und Qualität besaß. Auf dem bis zu 17 m hohen Hügel mit einer Fläche von 13,5 ha wurde zwischen 1960 und 1967 eine südwestliche, seit Mitte der neunziger Jahre eine nördliche Sektion ausgegraben. Zwölf Schichten datieren vom späten akeramischen bis ins keramische Neolithikum (ca. 7000–5500 v. Chr.); die Architektur der Schicht VI A wurde von einer Brandkatastrophe vollständig zerstört. Über 150 Räume sind bekannt, doch damit ist die Bebauung bei weitem nicht erschlossen. Schätzungen zufolge könnten in diesem Ort zeitweise über 5000 Menschen auf bis zu 1000 Räume verteilt gewohnt haben. Hinsichtlich ihrer Nutzung kann man Wohn- und Vorratsräume unterscheiden, doch in vielen Häusern verweisen Dekorationen, Plastik und Kleinfunde auf kultische Aktivitäten. Man hat sie früher als «Schreine» definiert, doch weder unterscheiden sie sich architektonisch von den Wohnhäusern, noch fehlen in ihnen Spuren der Bewohnung wie etwa Herde und Öfen. Nach ihrer Zahl und ihrer Integration in größere Raumkomplexe zu urteilen, handelt es sich vielleicht um die Hausschreine von Clans, jedenfalls nicht um eigentliche Tempel. Ein im engeren Sinne öffentlicher Gebäudetyp ist bisher überhaupt nicht nachzuweisen. Die Gebäude stehen nicht auf Steinfundamenten; sonnengetrocknete Lehmziegel (bis zu 95 cm lang) waren in massive, selbsttragende Holzbalkenrahmen aus Eiche und Wacholder eingeschichtet (eine ähnliche Bauweise sieht man noch heute bei anatolischen Bauernhäusern), verputzt und von Dächern bekrönt, bei denen es sich um flache Erddächer gehandelt haben dürfte: Erddeckung auf Holzbalken mit Schilf- bzw. Stroh­

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Abb. 10:  Çatal Höyük, neolithisches Haus mit «Hörneraltären»

auflage. Man gelangte von der Dachzone aus in die Häuser, es gibt keine Eingänge auf Bodenniveau; nur in der nördlichen Sektion scheint am Rande ­eines Komplexes eine Straße zu verlaufen. Subsistenzgrundlage war neben der Jagd, die in der Bilderwelt eine dominierende Rolle spielt, der Anbau besonders von Emmer, Einkorn, Gerste und Gemüse (Erbsen). Durch die Brandkatastrophe in Schicht VI haben sich verkohlte Textilfragmente aus Flachs durch die Jahrtausende erhalten. Außer Steinwerkzeugen (Pfeil- und Speerspitzen, Dolchen und Äxten) bargen die Räume in Schicht IX Schmuck aus Kupfer und Blei. Çatal Höyük scheint der älteste bekannte Ort zu sein, wo man Kupfer verhüttet und Blei geschmolzen hat. Der Befund an monochromen, meist unbemalten Tonscherben und auch vollständigen Tongefäßen neben einigen hölzernen läßt vermuten, daß der Keramik von Çatal Höyük eine relativ untergeordnete Bedeutung zukam. Ganz anders Wandmalerei, Relief und Rundplastik: Die Wände bedecken Handabdrücke und geometrische Muster von vielleicht teilweise symbolischer Bedeutung («kilim patterns»), Menschen- und Tier­ darstellungen bis hin zu großflächigen Bildkompositionen mit rituellen PräJagd­­szenen, in denen eine Horde bewaffneter Jäger ein gewaltiges Beutetier umtanzt, während eine Frau mit ausladender Gesäßpartie, vielleicht eine Priesterin, zuschaut. Diese Wandgemälde sind nach dem Urteil Mellaarts keine permanente Dekoration der Innenräume gewesen, sondern wurden anläßlich eines (unbe-

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Abb. 11:  Sitzende Frauenfigur

aus Çatal Höyük, heute im Museum für anatolische ­Kulturen, Ankara

kannten) Ereignisses aufgetragen und danach mit frischem Putz überdeckt. Das wiederholte sich innerhalb von fünf Generationen vielleicht dreimal, so daß die meiste Zeit über monochrome Wände den normalen Anblick boten. Große, bemalte Gipsreliefs von Wildtieren wie etwa ein Leopardenpaar und mehrere horizontale und vertikale Reihen von gehörnten Stierkopfnachbildungen (Bukranien) an der Wand oder entlang der Bänke gehören zusammen mit anthropomorphen Figuren in Gebärhaltung mit erhobenen Armen und gespreizten Beinen zur Ausstattung derselben Kulträume. Hauptsächlich aus diesen stammen auch die vielen rundplastischen Nachbildungen von Männern und Frauen in Stein und Ton (ca. 5 bis 20 cm groß). Sozusagen das Markenzeichen von Çatal Höyük wurde in einem Getreidebehälter eines der Räume von Schicht II gefunden: Die weibliche Sitzfigur mit hängenden Brüsten über den sich vorwölbenden Bauch, aus dem durch eine Öffnung der Fötus austritt, thront auf einem von großen Raubkatzen flankierten Sessel (Abb. 11). Andere Sitzfiguren von Frauen mit ausgeprägten Bauch- und Schenkelformen halten mit den Händen ihre Brüste. Die kultische Bedeutung dieser Figuren steht außer Frage, unsicher bleibt jedoch, was sie darstellen und welche Funktion genau sie an den entsprechenden Plätzen erfüllten: Waren es einfache Votivgaben von Menschenbildern oder regelrechte Kultbilder einer ‹Gottheit› und als solche Gegenstand der Verehrung

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und Anbetung? Kann man überhaupt schon von ‹Göttern› sprechen, oder verweisen diese Figuren auf Kräfte des unpersönlichen Übernatürlichen? Auch in Çatal Höyük gibt es rituelle Bestattungen unter den Fußböden der Räume, Reste von über 400 Skeletten wurden entdeckt, einige wenige davon bemalt. Ein 1995 bis 1997 ausgegrabenes Haus (building 1) auf der Nordseite des Hügels läßt eine klare Scheidung des Wohnbereiches im süd­ lichen Teil, zu dem auch der Einstieg über die Leiter vom Dach erfolgte, zu den nördlichen und östlichen Grablegen, getrennt nach Kindern und Erwachsenen, erkennen. Die zeitlich jüngste Bestattung innerhalb dieses Hauses ist das kopflose Skelett eines Mannes. Vielleicht hat man seinen Schädel als «foundation deposit» – die rituelle Zugabe im Fundament eines Neubaus, um diesen vor dem Zusammenstürzen zu bewahren – oder als kostbares Objekt der Ahnen­verehrung mitgenommen, als man das Haus verließ. Grabungen 2004 brachten den hier bisher einzigen gipsüberzogenen und rot bemalten Schädel zutage (vgl. S. 87 zu Kös¸k Höyük); er fand sich in den Armen des Skelettes einer Frau. An nicht wenigen Stellen fällt wiederum die Konzentration von Kinderbestattungen auf. Beigaben sind Schmuck bei Kindern und Frauen, Waffen und Gürtelschnallen (aus Knochen) bei Männern. Bemerkenswert ist die Vermutung des Ausgräbers James Mellaart, die menschlichen Skelette seien erst bestattet worden, nachdem man zuvor die Körper auf erhöhten Platt­ formen, wo sie vor dem Zerrissenwerden durch wilde Säugetiere geschützt waren, den Insekten und Geiern ausgesetzt und so vom Fleisch hatte befreien lassen. Ist dieser Vorgang in den Wandbildern gemeint, auf denen Geier über tote, kopflose Körper herfallen? Vielleicht sind auch die auf den Köpfen von Menschen aufsitzenden Riesenvögel in der Rundplastik von Nevalı Çori und Göbekli Tepe insofern zum Vergleich heranzuziehen, als sie Tod zu symbolisieren scheinen. Diese sensationellen Bilder haben zu weittragenden Überlegungen über Geschichte und Eigenart religiöser Vorstellungen Anlaß gegeben. Frauenfiguren, zum Teil mit Wölbung von Unterleib und Gesäß, großen Brüsten und Schenkeln, Gebärende oder Stillende, sind aus dem Neolithikum Afrikas, Asiens und Europas wohlbekannt. Eines der frühesten Exemplare aus Mureybet am mittleren Euphrat (Irak) stammt vom Beginn des 10. Jt.s v. Chr. Kaum abweisbar indessen ist die spezifisch anatolische Kontinuität dieses einen besonderen Typs, der von der sitzenden Gebärerin von Çatal Höyük bis zu den Darstellungen der großen anatolischen Mutter, darüber hinaus vielleicht bis in die ägäische Frühzeit und das Archaikum in Griechenland reicht: Das Kultbild der Hera von Tiryns auf Kreta und das ältere Kultbild der Athena Polias waren Bilder sitzender Göttinnen. Als Beschützerin der Jäger und Spenderin von Leben gehört diese Urfrau in den weiteren Zusammenhang von Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Erde. Offenkundig scheint auch der Ritus des Opfers

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in Çatal Höyük durch die prominente Repräsentation des vornehmsten Opfertiers, des Stieres, verbürgt zu sein. Das Hörnerpaar kommt als ein mit Tier­ opfer verbundenes Sakralsymbol später nicht nur in Anatolien (beispielsweise im frühbronzezeitlichen Hörneraltar von Beycesultan), sondern auch in der minoisch-mykenischen Kultur Kretas vor.10 «Im Hintergrund steht der Jägerbrauch der partiellen Rückgabe, der symbolischen Restitution des getöteten Wildes.»11 Ungeklärt bleibt die Frage des rituellen Menschen-, insbesondere Kinderopfers an den Schädelstätten in Çayönü, Hacılar und Çatal Höyük. Größere Friedhöfe außerhalb der Siedlungen (extra muros) kennt man aus dieser Zeit nicht, was allerdings nicht heißt, daß es sie nicht gegeben hat. Die Zahl der in den Häusern von Çatal Höyük beerdigten Individuen kann nicht annähernd die Gesamtzahl der während der langen Besiedlungsphase der­ selben Häuser Verstorbenen sein, und das wirft die Frage auf, wo die übrigen begraben wurden. Die Bestattung bzw. Aufbewahrung menschlicher Schädel oder Skelette in den Räumen ist keine anatolische Spezialität, sondern im Vorderen Orient verbreitet. Sie kann als eine Form der Ahnenverehrung verstanden werden, und die mit den Toten bestatteten Beigaben von Gegenständen, Kleidung und Nahrung lassen sicher darauf schließen, daß die Menschen an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten. Brückenschläge auf anderen Gebieten als der Religionsgeschichte sind schwieriger. Die ‹Gesellschaften› in Nevalı Çori, Çayönü, Çatal Höyük und anderswo waren arbeitsteilig – aber bis zu welchem Grad, wenn man über die in den Funden und Befunden evidente Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen hinausgeht? Die Reliefs an den Steinen von Göbekli Tepe wurden gewiß von Spezialisten angefertigt. Unverkennbar ist Reichtum, und doch scheint er gleich verteilt: Nirgends fand sich bisher ein Luxusbau oder gar Palast, nirgends ein Fürstengrab. Ohne daß es Mächtige, Anführer, auch Priester gab, sind die Relikte indes kaum zu verstehen, ein radikaler Egalitarismus scheint von vornherein ausgeschlossen. Aber haben sich bereits gesellschaft­ liche Eliten, politische Führungsansprüche mit Zugriff auf Ressourcen, ja auf Territorium entwickelt? Wir können nicht sagen, in welchem Umkreis sich Gesellschaften wie diese als Einheit definierten, wo das ‹Fremde› begann. Wir kennen ihre Sprache nicht, die Namen, die sie sich selbst, anderen, natürlichen und übernatürlichen Dingen gaben. Schwer zu fassen ist, was die reichen nichtfigürlichen Motive der bemalten Keramik aussagen konnten, vor allem, ob sie eine das bloß Dekorative überschreitende Botschaft trugen und welche. Der steinzeitliche Anatolier kämpfte und tötete auch seinesgleichen. Die Bewohner von Çatal Höyük waren bis an die Zähne bewaffnet, andererseits gehören Krieg und Kampf zwischen Mensch und Mensch nicht zu ihren Bildthemen. Daß Waffen nicht nur für die Jagd gebraucht, Verletzungen bis auf Knochentiefe nicht bloß von Unfällen verursacht waren, steht fest. Interne

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Konflikte sind ebenso wahrscheinlich wie Zusammenstöße zwischen benachbarten Gruppen. Aber gab es lange Kriege zwischen großen Gruppen um Land, um Jagdgründe? Allgemein stellt sich auch schon für die neolithische Epoche die Frage nach Tausch und Handel. Obsidian von Vulkanen Kappadokiens und der Region westlich des Vansees (Nemrud Dag˘), dessen Abschlag vorzüglich scharfe Klingen hergibt, fand den Weg bis hinab in die südliche Levante (Tell esSulta¯ n [Jericho]). Ob und durch wie viele Mittelsmänner, bleibt uns verborgen. Die Vorstellung weit reisender Händler, gar Karawanen, wirft die Frage nach der Dichte dörflicher Besiedelung an den Routen und natürlich wieder die nach den Risiken des Reisens auf. Wandernde Hirten- und Jägergruppen mögen bei der Verteilung auch vieler anderer begehrter Waren wie Metall, Keramik, Textilien und auch bestimmter Nahrungsmittel eine wichtige Rolle gespielt haben. Schwieriger ist der Nachweis von Marktzentren mit Tauschwirtschaft. Kann Çatal Höyük eine solche Rolle beanspruchen? Für das so bedeutende Neolithikum bleiben die meisten Fragen unbeantwortet. Die Erforschung des Chalkolithikums in Anatolien verzeichnet einen deutlichen Anstieg der Siedlungsaktivität. Zwischen ca. 5000 und 3700 sind Tausende von Dörfern über ganz Anatolien verteilt und Kontakte, ja enge Zusammenschlüsse zwischen Siedlungsschwerpunkten verschiedener Regionen zu regelrechten Kulturzonen nachzuweisen, etwa zwischen der KonyaEbene und Westkilikien (Mersin). Doch bleiben die Grenzen auch dieser ­Zonen weiterhin Gegenstand der Diskussion. An prominenter Stelle stehen im Südosten die sogenannten Halaf- und Obed-Kulturen auf Grund der weiten Verbreitung je eines bestimmten Typs verzierter Keramik, die nach ihren ersten Fundorten Tall Halaf und Tall al Obed in Mesopotamien benannt wurden. Im äußersten Westen entstand in der zweiten Hälfte des 4. Jt.s auf zwei Inselchen im Latmischen Golf, wo später auf Festland Milet heranwuchs, bereits eine Siedlung (Milet I).12

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3. FRÜHE UND MITTLERE BRONZEZEIT (CA. 3000 BIS 1700 V. CHR.)

Herkömmliche Periodisierungen teilen die Bronzezeit in drei Hauptabschnitte, Früh (3000–2000), Mittel (2000–1700) und Spät (1700–1200) [eng­ lische Abkürzungen EB, MB, LB]. Die Fertigung von Bronze, einer Legierung aus Kupfer und Zinn im Verhältnis von ca. 8 : 1, setzte sich im Laufe des 3. Jt.s allmählich durch und gibt der Epoche ihren Namen. Die zunehmende Bedeutung der Metalle, Kupfer, Zinn (Vorkommen in Anatolien umstritten), Gold und Silber begründeten den Aufstieg mancher Orte Anatoliens zu Reichtum und Macht. Siedlungen tragen den Stempel sozialer Differenzierung, die Häupter lokaler Gesellschaften bauten auf den Burgen Tempel, aufwendigere Häuser und Paläste, bestatteten ihre Toten in besonderen Gräbern mit reicheren Gaben als das ‹Fußvolk›. Das benachbarte Mesopotamien brachte zur selben Zeit mit den sumero-akkadischen Hochkulturen Staatenbildung, systematische Verwaltung und Bewirtschaftung des flachen Landes, organisierten Handel und vor allem Schrift hervor. Wie der Irak heute für den Westen ein Dorado des Schwarzen Goldes ist, so trat Anatolien um 3000 v. Chr. wegen seiner Metallvorkommen, deren das Land an Euphrat und Tigris gänzlich entbehrte, in den Horizont begehrlicher Blicke der dortigen Stadtfürsten und Kaufleute. In der Gegenrichtung der Lieferungen hielt früher oder später mit den Managern des Fernhandels die Kunst des Schreibens in Anatolien Einzug. Auch in der frühen Bronzezeit ist Anatolien fern davon, sich als eine kulturelle Einheit darzustellen. Welche Regionen auf Grund von Verwandtschaften der Architektur- und Keramiktypen, der sonstigen Artefakte und der Bestattungsformen miteinander verbunden waren oder korrespondierten, wo die «Horizonte» dieser Kulturen verlaufen, ist eine komplizierte Thematik, die wir hier nicht ausbreiten können.13 Wir wollen uns wieder darauf beschränken, ­einige wenige Schlüsselorte hervorzuheben. Den gewaltigen neolithischen Kultstätten der Urfa-Region kommt jahrtausendelang nichts Anatolisches gleich. Im Zweistromland des 4. Jt.s kennen

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III.  Von der Prähistorie zur ältesten Schriftkultur

wir Bauwerke, denen man die Bezeichnung «Tempel» zuweist. Mit diesem Phänomen können im spätchalkolithischen und frühbronzezeitlichen Anatolien zuvorderst Arslantepe und Beycesultan aufwarten. Etwa gleichzeitig mit der Blüte des mesopotamischen Uruk (2. Hälfte 4. Jt.) ist die frühe Kultur auf dem Arslantepe («Löwenhügel»), einem Ort im Osten Anatoliens, 6 km nordöstlich von Malatya unweit des rechten Euphrat­ ufers gelegen: Auf dem schon im Chalkolithikum besiedelten Hügel etablierten sich zwischen ca. 3300 und dem frühen 3. Jt. mächtige Lokalherren, die monumentale Doppeltempel errichten und diese mit Relief und Wandmalerei ausschmücken ließen.14 Andere Gebäudereste bargen tausende von Stempelsiegeln aus Ton mit ca. 150 verschiedenen Stilen figürlicher Motive (auch einige wenige Rollsiegel), Hinweis auf eine hochentwickelte Verwaltung großer Mengen zentral gehorteter Vorräte und Gegenstände. Beziehungen mit Mesopotamien sind offensichtlich. Diese Hochkultur, in der jedenfalls eine soziale Schichtung, eine rudimentäre Form staatlicher Organisation faßbar wird, fand ein abruptes Ende. Es folgte ihr eine sehr viel ärmlichere Bebauung des Hügels. Beycesultan liegt im Westen, am oberen Büyük Menderes (Mäander), ca. 56 km nordwestlich von Dinar entfernt.15 Auf dem von einem Sattel geteilten Doppelhügel wurden in den 50er Jahren des 20. Jh.s insgesamt 40 verschiede­ne Schichten ergraben, 20 von ihnen entstammen dem 5. und 4., 20 weitere dem 4. bis 2. Jt. In der frühen Bronzezeit entstand dort eine recht große ummauerte Stadt, die bereits nahezu den ganzen Hügel bedeckte, ein ca. 800 × 300 m bebautes Areal. Im Zentrum wurden verschiedenen Bauphasen angehörende Tempelpaare aufgedeckt, bestehend aus zwei nebeneinanderliegenden, langrechteckigen Kulträumen mit Vorhalle und kleinerem Priesterraum im hinteren Teil. Der dem megaron ähnliche Bautyp (S. 95) enthielt in seinem Innern reiche Ausstattung für seine kultische Funktion: Im östlichen Teil des Hauptraumes bilden den Bereich des Allerheiligsten zwei flache Stelen mit davorgesetztem, aus Ton geformtem Hörneraltar; an der Rückseite der Stelen, jenseits einer schmalen Öffnung zwischen ihnen, besteht dieser aus in den Boden eingelassenen Becken für Libationen (Trankopferspenden), und an der Wand gehört eine Opfernische mit «Blutaltar» dazu. Eine Ironie der Forschungsgeschichte des 19. Jh.s, genauer: ein Irrtum Heinrich Schliemanns hat die Ruinen auf dem Hügel Hisarlık an den Dardanellen als Burg des Priamos in den absoluten Mittelpunkt frühgeschichtlicher Archäologie, ja der Archäologie schlechthin, gerückt. Der Ort liegt an der Peripherie des frühbronzezeitlichen Anatolien im Netzwerk einer materiellen Kultur, die außer der Nordwestküste Kleinasiens einen Teil Bulgariens, den europäischen Teil der Türkei und einige Inseln der Ägäis einbezieht. Von seinen acht Hauptschichten gehören die ältesten, I–III, in die frühe, IV und V in

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Frühe und Mittlere Bronzezeit (ca. 3000 bis 1700 v. Chr.)  95

die mittlere Bronzezeit.Troia I und II ist etwa in die Zeit 3000 bis 2400 zu datieren. Den Hügel bekrönte eine kreisförmige Burganlage; auf dem schräg ansteigenden Steinsockel erhob sich die Mauer aus luftgetrockneten Lehmziegeln, Zugang ins Innere gewährten Rampen und Tore. Die Plattform von etwa 110 m Durchmesser war mit älteren und jüngeren, gleichmäßig ausgerichteten Formen eines langrechteckigen Haustyps bebaut, der unter dem Namen megaron allgemein bekannt ist. Das griechische Wort bezeichnet bei Homer (wie in der Odyssee 17, 604) den Hauptsaal des Königspalastes. Die Längswände des Rechtecks sind zu beiden Seiten vorgezogen und bilden am Eingang eine Vorhalle. Der älteste Vertreter dieses Bautyps in Troia Ia weicht davon insofern ab, als er eine Art Apsis besitzt. Mit 35 × 12,5 m Ausdehnung wird das größte dieser Häuser als Wohn- oder Versammlungshaus des lokalen Herrschers gedeutet. In Troia I hat man Töpferware noch per Hand und seit Troia II erstmalig auch auf der Drehscheibe gefertigt. Schliemann gab dem Typus des doppelhenkeligen Bechers den passenden homerischen Namen: depas amphikypellon (Ilias 1, 584). Der spektakulärste Fund dieser Schichten ist Schliemanns «Schatz des Priamos»: Dem Bericht des Finders zufolge soll dieser Schatz von jemandem in der Mauer versteckt worden sein, der die Burg fluchtartig verließ. Die Sammlung beläuft sich auf über 8800 Einzelstücke, darunter einige Pretiosen aus purem Gold, deren unsterblicher Ruhm an dem Photo der dunkelhaarigen, von hellem Schmuck umrahmten Schönheit Sophie Schliemanns haftet (Abb. 12). Die weiteren Schicksale des Schatzes im 19. und 20. Jh. (S. 56) sind vielleicht noch atemberaubender als seine historische Bedeutung für das frühe 3. Jt. v. Chr. Zu einer Burg gehört eine Siedlung. Wo ihre Peripherie anzusetzen ist, darüber herrscht noch kein Konsens. In ca. 200 m Entfernung von der Burgmauer wurde eine Rinne mit Pfostenlöchern davor und dahinter festgestellt und auf ca. 40 m Länge freigelegt: die Spuren eines Palisadenrings um Troia II? Ob dieses Troia der ältesten Phase den ganzen Nordwesten Kleinasiens beherrschte und den Schiffsverkehr durch die Meerenge vor seiner Haustür kontrollierte, läßt sich nicht beweisen, wenn es auch in Büchern steht. Eines ist schon zu Lebzeiten Schliemanns klar geworden: Mit Homers Krieg und Priamos’ Palast jedenfalls hat diese viel ältere Siedlung nichts zu tun. Im Gegensatz zu den neolithisch-chalkolithischen Bestattungen unter den Fußböden der Häuser, die wir in Süd- und Südostanatolien angetroffen haben, kennt die Archäologie des bronzezeitlichen West- und Mittelanatolien große Friedhöfe extra muros, wo die Toten zumeist in tönernen pithoi (großen Gefäßen), Personen höheren Ranges auch in steinverkleideten und holz­ gedeckten Schacht- oder Steinkistengräbern mit reichen Beigaben bestattet wurden. Eine große bronzezeitliche Nekropole liegt bei Demirci Höyük ­unweit von Eskis¸ehir am Sakarya, und die Funde aus den Schachtgräbern der

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III.  Von der Prähistorie zur ältesten Schriftkultur

Abb. 12:  Sophie Schliemann mit Schmuck aus

dem ‹Schatz des Priamos›

lokalen Elite von Alaca Höyük, etwa 40 km nordöstlich der späteren Hethiterhauptstadt Hattusa im Halysbogen, stammen aus der Zeit ca. 2500 bis 2100. ˘ Kunstvoll gegossene Standartenaufsätze, Sonnenscheiben aus Bronze, Metallgefäße und Goldschmuck unterstreichen den Reichtum der vorhethitischen Bevölkerung in dieser Region. Jenseits des Tauros, in der kilikischen Ebene, entwickelte sich das bronzezeitliche Tarsos zur ummauerten Stadt mit (wahrscheinlich) doppelstöckigen Wohnhäusern, die man durch Eingänge direkt von der Straße aus betrat. Über den Gründer der mesopotamischen Dynastie von Akkade, Šarrukin (bekannt unter der biblischen Namenform Sargon) gibt es eine romanhaft ausgeschmückte Erzählung mit dem Titel «Der König der Schlacht»:16 Er habe einen Feldzug gegen eine kleinasiatische Stadt namens Purushanda unternom˘ men, um akkadischen Kaufleuten zu Hilfe zu kommen. Das Ereignis mag ­fiktiv, die später bekannte, mittelanatolische Handelsstadt Purushanda/Pu­ru­ ˘ shattum (vgl. S. 100) ein Anachronismus sein, akkadische Handelsbeziehungen ˘ mit einer Stadt in Anatolien bereits um 2300 sind aber nicht ausgeschlossen. Man muß ‹nur› noch ein paar Jahrhunderte weitergehen, um in Anatolien die Kultur ausfindig zu machen, in der das Präludium zur Schriftlichkeit stattfand. Die Archäologie stellt einen Ort in helles Licht, an dem eine blühende Siedlung mit monumentaler Architektur existierte, bevor in ihr tatsächlich der Handel die Kunst des Schreibens, ja sogar eine Schreiberschule

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Frühe und Mittlere Bronzezeit (ca. 3000 bis 1700 v. Chr.)  97

eingeführt hat. Der Ort Kültepe (türkisch «Aschenhügel») liegt an einem historischen Kreuzweg auf dem kappadokischen Plateau, 21 km nordöstlich der heutigen Stadt Kayseri. Wir werden auf die schriftliche Phase seiner Geschichte noch ausführlicher zurückkommen. Die Schichten XVIII bis XI gehören zu Besiedelungsphasen der Frühen Bronzezeit und erbringen den Nachweis, daß auch hier das Zentrum einer regionalen Macht lag mit weitreichenden Verbindungen in den Orient, nach Syrien, vielleicht nach Mesopotamien. Das in die Spätphase dieser Epoche, ca. 2100 datierte Kultgebäude gibt im Kern das bislang östlichste Beispiel eines megaron in Anatolien, mehr als ein halbes Jahrtausend älter als das Vorkommen dieses Bautyps in der Ägäis. Außergewöhnlich sind die in runden Steingräbern mit einer separaten Kammer für die Grabbeigaben gefundenen Figurinen aus Alabaster, kleine Sitz­ figuren und merkwürdige Idole, bei denen aus einem kreisrunden Körper zwei ‹Flaschenhälse› mit pilzhutförmigen Köpfen herausragen. Kültepe ist das Zentrum einer Töpferware, der vieldiskutierten kappadokischen Buntkeramik, die weite Verbreitung fand. Von größter Bedeutung ist das schon in Arslantepe wie ein Jahrtausend später in Kültepe zu beobachtende Phänomen eines herrschaftlichen Wirtschafts- und Verwaltungszentrums. Wir kennen aus den Schriftquellen des Zweistromlands die als Paläste bezeichneten Einheiten, worunter keinesfalls bloß ein Bauwerk, das als herrscherliche Residenz diente, sondern im abstrakten Sinn ein wirtschaftliches und administratives System zu verstehen ist. Eines der imposantesten dieser Zentren fand sich in Schicht V von Beycesultan, wo wir uns freilich schon in einer Zeit befinden (frühes 2. Jt.), als in Kültepe ­bereits geschrieben wurde, während von hier kein einziges Schriftzeugnis ­vorliegt. Der burnt palace auf dem östlichen Hügel darf wahrlich auch im baulichen Sinne den Begriff Palast für sich beanspruchen, ein Komplex von 70 × 45 m Ausdehnung mit 47 Räumen, gebaut auf Steinsockeln mit Lehmziegelmauern und Fachwerk (Abb. 13). Wir wissen nicht, was für eine Bevölkerung diese, sagen wir: frühen Fürstentümer in den verschiedenen Landschaften auf kleinasiatischem Boden, in Troia, Beycesultan, Alaca Höyük, Demirci Höyük, Tarsus, Arslantepe, Kültepe und anderswo hervorbrachte. Man hat schon vor Beginn der frühen Bronzezeit eine Einwanderung der Luwier ansetzen wollen. Aus dem im Kleinasien des 2. Jt.s (gemäß den inschriftlichen Zeugnissen) weitverbreiteten Sprachgebiet des Luwischen glaubte man, auf das Volk und seine Frühgeschichte schließen zu können. Aber was Luwiya präzise bezeichnet, ist alles andere als klar. Viel mehr als Träger einer gemeinsamen Sprache – nicht unbedingt ein Volk und schon gar nicht ein Staatengebilde – läßt sich nicht daran festmachen. Jedenfalls ist das Luwische indogermanisch. Die indogermanische Sprachfamilie in Anatolien, seit dem 2. Jt.mit verschiedenen Idiomen vertreten (S. 107), setzt

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III.  Von der Prähistorie zur ältesten Schriftkultur

Abb. 13:  Beycesultan, sogenannter Burnt Palace. Rekonstruktionszeichnung

einen älteren anatolischen Stammvater voraus. Man bezeichnet diese hypothetische Sprachstufe als «Proto-Anatolisch». Wann und auf welchen Wegen Träger dieser Sprachen zuerst in Anatolien einwanderten, wo sie siedelten, wen sie beeinflußten und wodurch sie ihrerseits beeinflußt wurden, bleibt unbeantwortet. Versuche, archäologische Befunde der schriftlosen Epochen mit ihnen zu verbinden, sind auf Sand gebaut. Ihre ersten Repräsentanten, die wir konkret fassen können, sind die Hethiter.

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4. IM VORFELD DER ASSYRER (CA. 2000 BIS 1700 V. CHR.)

Noch während des 3. Jt.s schweigen die Texte des Zweistromlands über Klein­ asien – abgesehen von den schon erwähnten Geschichten des 24. Jh.s, wonach der König Sargon von Akkad einen Feldzug ins ­Innere Anatoliens unternommen haben soll. Wahrscheinlich am Ende dieses Jahrtausends kam es zu Niederlassungen assyrischer Kaufleute in Anatolien. Ihnen verdanken wir die frühesten schriftlichen Dokumente aus Kleinasien, sämtlich in akkadischer Sprache und in der Keilschrift (S. 106) verfaßt. Hauptfundplatz ist der schon erwähnte Ort Kültepe bei Kayseri. Die ersten Schrift­tafeln waren dort 1871 entdeckt worden. Nach einigen kleineren Grabungen folgte 1925 die Kampagne Bedrˇ ich Hroznýs mit einer Ausbeute von ca. 1000 Texten.17 Zu unterscheiden ist in der Phase des frühen 2. Jt.s die Stadt namens Kaneš auf dem Hügel (in der jüngeren, hethitischen Form Nesa)18 und das Quartier Kaˉrum (assyrisch «Kai», «Hafen», «Handelsplatz») in der Ebene. Solche Umschlagplätze entstanden, wie wir aus den Texten wissen, auch an vielen anderen Orten in Anatolien. Dabei handelt es sich per definitionem ursprünglich um Stationen, die dann nach und nach zu Kolonien der fremden Kaufleute herangewachsen sind. Fünf Perioden in Ka¯ rum-Kaneš werden unterschieden, eine ältere schriftlose an der Wende vom 3. zum 2. Jt. v. Chr. (IV–III), zwei schriftliche, 20./19. Jh. v. Chr. (II) und Šamšıˉ‑Adad I. zwischen 1815 und 1783 oder 1751 und 1719 v. Chr. (Ib) sowie eine jüngere schriftlose (Ia). Vertreter von großen Handelshäusern, die ihren Sitz in der Hauptstadt Assur hatten, besorgten die Handelsbeziehungen zwischen Mesopotamien und Anatolien. Eselskarawanen gewährleisteten ein gut organisiertes Transportwesen. Obgleich man von einem privaten Unternehmertum sprechen kann, übte der assyrische Staat eine gewisse Aufsicht über das Ganze aus. Das bedingte außer umfangreicher (auch privater) Korrespondenz eine genaue Berichterstattung, und daher wurde in der Blütezeit dieses Handels, im 19. und 18. Jh., sehr viel geschrieben und archiviert. Einen vergleichbaren Reichtum an Wirtschaftstexten kennt die Überlieferung aus allen Epochen der An-

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100 III.  Von der Prähistorie zur ältesten Schriftkultur

tike kein zweites Mal. Bis heute wurden über zwanzigtausend Tontäfelchen gefunden, die zum größten Teil nicht veröffentlicht sind. ‹Briefe› bestehen aus beidseitig beschrifteten Tontäfelchen, die in vom Absender gesiegelten und ebenfalls beschrifteten Hüllen aus Ton wie in Briefumschlägen steckten. Die Urkunden gewähren mannigfache Einblicke in das komplexe wirtschaftliche Geschehen sowie in die politischen, rechtlichen, sozialen, kulturellen und ethnischen Verhältnisse Anatoliens. Die Grundzüge des Handels sind wie folgt zu beschreiben: Anatolien besaß zahlreiche Kupfer- sowie Silber- und Goldminen. In der Nähe der ­Minen befanden sich Lager und Umschlagplätze, eine Reihe von ihnen sind namentlich bekannt – häufig erwähnt Turhumit und Tišmurna –, aber nicht ˘ ­sicher zu lokalisieren. Kupfer wurde anscheinend vor allem im Raum nördlich und nordöstlich von Ankara gewonnen und gelangte über die Umschlagplätze zu größeren Handelszentren. Unter diesen gab es einen Ort namens Puru­ shattum, identifiziert mit Acem Höyük am Südostrand des Salzsees, der mit ˘ Kaneš konkurrierte. Die Assyrer transportierten mit den Eselskarawanen aus ihrer Heimat vor allem Zinn, Wolle und Textilien. Anatolien mangelte es an Zinn, die Belieferung der kleinasiatischen Märkte mit diesem Metall war ein regelrechtes Monopol der Assyrer (die es natürlich ebenfalls von anderswo importieren mußten), und das verschaffte ihnen gegenüber den Einheimischen eine privilegierte Position.19 Warum sie allerdings ausgerechnet Wolle in Anatolien so gut absetzen konnten, ist rätselhaft. Mit der importierten Ware bezahlten sie den Ankauf von Silber, Gold, zumeist aber Kupfer in Form von Barren, und zwar in der Regel direkt beim Palast, der das Metall über das im Handelsquartier eingerichtete Büro an sie auslieferte. Man würde nun völlig fehlgehen in der Annahme, die Kaufleute hätten das Kupfer nach Assur transportiert. Stattdessen handelten sie es in Anatolien, gelegentlich auch darüber hinaus, vornehmlich gegen Silber und Gold. Denn Silber und Gold waren die eigentlichen Objekte der Begierde Assyriens. Einem Assyrer drohte staat­ licherseits die Todesstrafe, wenn er Gold an einen Fremden verkaufte, nur «Brüder», d. h. assyrische Landsleute, durften das Edelmetall untereinander handeln. Die Kupferbarren stellten also das wichtigste, überall akzeptierte Zahlungsmittel in den Geschäften der Assyrer dar, und für ihre Kunden, zuvorderst die Paläste, lieferte das Metall den Rohstoff für Bronzegeräte und Waffen. Für zwei Einheiten Wolle erhielt man eine Einheit Kupfer, Silber stand im Verhältnis zu Kupfer etwa 1 : 60/90 (je nach Ort und Qualität). Die Fernhändler aus Assur sahen sich nicht völlig konkurrenzlos auf den anatolischen Märkten, bezeugt sind auch Kaufleute aus Ebla in Nordsyrien, die Kupfer kauften und mit Silber bezahlten. Manches Licht fällt auf die anatolischen Verhältnisse. Es existierten bereits gut organisierte Staaten, die meist eine geographische Einheit umschlos-

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Im Vorfeld der Assyrer (ca. 2000 bis 1700 v. Chr.)  101

sen. Bekannt sind ungefähr zwanzig an der Zahl. Sie standen unter einheimischen Fürsten (assyrisch: ruba¯ um), einzelne von ihnen mit überregionalem Einfluß trugen den Titel Großfürst (ruba¯ um rabium). Die Kleinstaaten bildeten untereinander ein eigentliches internationales System. Träger der Verwaltung und der Wirtschaft waren der Fürst und seine persönliche Umgebung; man bezeichnet sie kollektiv als ekallum «Palast», eine Einheit, die im ganzen 2. Jt. überall in der Kulturwelt als konstitutives Element in Politik und Wirtschaft verbreitet war. Die assyrischen Kaufleute mußten gute Beziehungen zu den Würdenträgern des Palastes pflegen, von deren Titeln eine ganze Reihe überliefert ist. Nachdem Kaˉrum eine regelrechte Kolonie ortsansässiger Großhändler geworden war, etablierten sich im Quartier auch assyrische Behörden, die zu den anatolischen Fürsten diplomatische Beziehungen unterhielten und ­Gesandte der Stadt Assur vermittelten. Der Palast erhob Import- und Transitzölle und verhängte Strafen gegen Schmuggler. Über Rechtsverhältnisse wie Schuldrecht mit Zinsvereinbarungen (Verzugszins), Vorkaufsrechte beim Palast, Partnerschaftsverträge etc., geben die Urkunden reichlich Zeugnis. Zumeist erscheinen die Assyrer in der besseren Position. Das äußert sich statistisch schon darin, daß sie bei Obligationen fast immer auf der Gläubigerseite, selten in der Rolle der Schuldner zu finden sind. Im Handelsquartier Kaˉrum lebten keineswegs nur die Fremden, sondern auch Anatolier. Diese scheinen jedoch nicht die eigentlichen Geschäftspartner gewesen zu sein, sondern wohl eher Leute, die ‹Geld› (berechnet in Silber oder Kupfer) verliehen, Güter des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel und Sklaven sowie Dienstleistungen anboten. Zahlreiche Texte bezeugen Mischehen, vorwiegend zwischen assyrischen Männern und anatolischen Frauen, diese oft als Zweitfrauen (amtum-Frauen) neben der Hauptfrau (aššutum). Ein Ausnahmefall ist die Assyrerin Ištarbasti: Sie nahm einen Anatolier als ihren zweiten Ehemann. Das erfahren wir aus einem Brief ihres Vaters, worin dieser sich beklagt, daß er noch einmal 5 Minen Silber als Mitgift zahlen muß.20 Da zu allen Zeiten viele der Assyrer mit den Karawanen unterwegs waren, besaßen die Frauen als Haushälterinnen, Wirtschafterinnen und Herrinnen über die Dienerschaft eine unabhängige Stellung (ein typisches Verb für ihre Tätigkeit ist nas.arum, was soviel bedeutet wie: «bewachen»); sie erscheinen unter ihrem Namen und mit ihrem Siegel in Dokumenten über Transaktionen. Auf jeden Fall sind die Mischehen echte Ehen und keine Konkubinate. Doch ist kein Fall bekannt, daß ein Assyrer in die Heimat zurückkehrte und seine anatolische Frau mitnahm. Wenig erfahren wir über die ethnische und sprachliche Zugehörigkeit der einheimischen Partner der Assyrer, der Bewohner Kleinasiens. Es sind nur die auftretenden Personennamen, die hier Rückschlüsse erlauben; extrem wenige Lehnwörter kommen vor. Offensichtlich eigneten sich die Assyrer keine

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102 III.  Von der Prähistorie zur ältesten Schriftkultur

Kenntnisse der anatolischen Sprachen ihres Gastlandes an, sondern es erlernten umgekehrt die Anatolier Sprache und Schrift der Semiten; dabei machten sie natürlich Fehler wie zum Beispiel Verwechslung von Maskulinum und Femininum. So schemenhaft das ‹sprachlose› Volk auf dem Kültepe bleibt, sicher ist, daß in seiner Umgebung außer protohattischen und hurrischen Gruppen (dazu S. 107 f.) die indogermanischen Luwier sowie die Hethiter damals schon längst siedelten und dieselbe Stadt Kaneš, die sie Nesa nannten, bewohnten. Im Selbstverständnis der Hethiter war dies ihre Stadt, nach deren Name ja auch ihre eigene Sprache bezeichnet wurde: nasili oder nesumnili. Sie scheinen sich an diesem Ort also stark in den Vordergrund gedrängt zu haben, so daß der Hethitologe Tahsin Özgüç sogar von der ältesten Hauptstadt der Hethiter spricht;21 vielleicht sind sie sogar verantwortlich für den Niedergang der assyrischen Handelsbeziehungen mit Ka¯ rum-Kaneš. Von Unruhen zeugen auch die Texte. So äußert sich ein Händler in einem Brief: «Das Land ist in Aufruhr! Sobald wieder Frieden herrscht, werde ich abreisen.»22 Längere Blockaden der Handelswege waren damals wie heute Gift für die Geschäfte. Auch außerhalb von Kültepe zeugen Schriftfunde von der Anwesenheit der Assyrer. Die erst jüngst begonnene Grabung Kayalıpınar bei Sivas (westlich der Hethiterstadt Sarissa, S. 128 f.) mit Wohnbauten des 18. Jh.s brachte Rollsiegel und eine altassyrische Handelsurkunde ans Licht.

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IV.  SPÄTBRONZE- UND EISENZEIT

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1. AUFSTIEG UND BLÜTE DES HETHITERREICHES (18. BIS 12. JH. V. CHR.)

1.1.  Die Hethiter Für das bessere Verständnis der Zusammenhänge sind einige generelle Vorbemerkungen vorauszuschicken. Zur chronologischen Gliederung ist zu bemerken, daß für die erste Hälfte des 2. Jt.s drei verschiedene chronologische Systeme verwendet werden (sogenannte kurze, mittlere und lange Chronologie). Zwischen ihnen besteht ein Abstand von jeweils ca. 64 Jahren. Die Hintergründe können hier nicht dargelegt werden. Meist wird den zeit­lichen Festlegungen die kurze (Hammura¯ pi von Babylon 1728–1686), häufig auch die mitt­ ˘ lere (Hammura¯ pi 1792–1750) zugrunde gelegt. Für die zweite Hälfte des ˘ Jahrtausends bietet Ägypten das umfänglichste und sicherste chronologische System, doch ist in neuester Zeit auch in diesem Kontext manches in Frage gestellt worden. Im folgenden werden die in der Literatur meistverwendeten Daten gebraucht, ohne daß damit ein Anspruch auf Richtigkeit vertreten würde. Vom 12. Jh. an lassen sich auch dank der assyrischen Überlieferung Ereignisse genau festlegen, wenn wir genug über die Details wissen. Leider datieren die Hethiter selber ihre Dokumente nicht. Wir sind für eigentliche Datierungen meist auf Erwägungen inhaltlicher Argumente angewiesen. Wichtig sind die Synchronismen, d. h. die Einordnung des gleichen Ereignisses in verschiedene Zeitsysteme. Schwierigkeiten zeigen sich manchmal bei der Frage, wie ein öfters auftretender Königsname sich einer bestimmten Person zuweisen läßt, man denke etwa an Hattusili/Labarna (S. 109) oder die genaue Iden˘ tifikation der Herrscher des sogenannten Mittleren Reiches. Dies führt dazu, daß der gleiche König verschiedene Ordnungszahlen tragen kann, um seine Stellung in der Dynastie zu bestimmen (Tudhaliya I./II.). Auf diese kompli˘ zierten Fragen kann hier nicht weiter eingegangen werden.1 Was die Quellen betrifft, so beschäftigen wir uns mit einer Zeit, in der die Kunst des Schreibens mindestens in den oberen und auch mittleren Kreisen der Gesellschaft verbreitet war, um wirtschaftlichen und gesellschaftlichen

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106 IV.  Spätbronze- und Eisenzeit

Abb. 14 a – b:  Hieroglyphenluwische Inschrift (sogenannte Südburginschrift) in Hattusa

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Notwendigkeiten nachkommen zu können. Verwendung fanden dabei, im ganzen genommen, zwei Schriftsysteme. In Ägypten war dies die Hieroglyphenschrift, bei der die Zeichenformen noch deutlich den ursprünglichen Bildcharakter erkennen lassen. In Vorderasien war die Keilschrift gebräuchlich, in welcher die Zeichen mit den ursprünglichen Bildern nur noch wenig zu tun haben. Der Name Keilschrift kommt daher, daß die Striche, welche die Zeichen bilden, die Form von Keilen haben. Diese Keilschrift war auch die wichtigste Schrift der Hethiter. Sie haben sie in einer babylonischen Version aus Nordsyrien übernommen – wann genau, wissen wir nicht, wahrscheinlich schon vor dem 16. Jh. Doch schrieben sie auch Hieroglyphen, eine Bilderschrift und offenbar eine Eigenerfindung, die nach dem Vorbild der ägyptischen Schrift geschaffen worden war. Im 2. Jt. wurde sie vorwiegend für monumentale Texte (vor allem Bauinschriften) und für Siegel verwendet ­ (Abb. 14). In vielen Bereichen des staatlichen, des religiösen, aber auch des privaten Lebens wurde geschrieben, wobei es in der Regel berufsmäßige Schreiber ­waren, welche die Texte herstellten. Schriftträger der Keilschrift im ganzen Orient waren Tontafeln, die normalerweise ungebrannt aufbewahrt, bisweilen jedoch später durch Schadfeuer – etwa im Falle eines Krieges oder einer Brandkatastrophe – gehärtet wurden; das verlieh ihnen die Festigkeit, die sie bis heute hat überdauern lassen. Sie wurden ursprünglich ungebrannt in Archiven gesammelt, die sich im Zweistromland an manchen Orten in der einstigen Form erhalten haben. Die wichtigsten Archive für die hethitische Geschichte befinden sich in der Hauptstadt Hattusa bei dem heutigen Dorf ˘ Bog˘azkale (früher Bog˘azköy), etwa 120 km östlich von Ankara.2 Die dort ge-

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fundenen Tafeln sind die Grundlage unseres Wissens. Kleinere Archive hat man bisher auch an ein paar anderen Stellen des Reiches gefunden. Natürlich sind Quellen zur hethitischen Geschichte auch außerhalb Kleinasiens zutage getreten. Vor allem aus Ägypten, dem Land des Schreibens, kennen wir wichtige Texte. Aber auch Dokumente aus Nordsyrien und aus Mesopotamien berichten von den Hethitern.

1.2.  Völker und Sprachen Die Epoche der Hethiter ist eine Zeit, in der uns in Kleinasien viele Völker und Sprachen begegnen. Die Schriftfunde von Hattusa bezeugen sieben ver˘ schiedene Sprachen: Hattisch, Hethitisch, Palaisch, Luwisch, Hurritisch, Akkadisch und Sumerisch.3 Sie seien hier kurz vorgeführt, und die Namen, soweit nötig und möglich, auch erklärt. Der Bereich Anatoliens, in dem uns die Hethiter gegenübertreten – die späteren Landschaften Ostphrygien und Kappadokien – war damals bevölkert vom Volk der Hatti (sie werden heute auch als Protohattier bezeichnet), die Hattisch sprachen, eine Sprache, die man aus hethitischen Kulttexten kennt. In diesem Land, dem Hattiland, errichteten die Hethiter ihr Reich. Der Name ging auf sie über, und von da an waren sie die «Leute von Hatti». Das ist ein eminent politischer Begriff. So hießen sie als Träger einer Großreichsbildung im ganzen Alten Orient, und so hießen später ihre Nachkommen als Kleinfürsten. Die Form Hethiter, die wir heute verwenden, geht auf diejenige des Alten Testaments zurück, und ihre eigene Sprache, die wir konventionell als Hethitisch bezeichnen, nannten sie selber Nesisch nach dem Namen ihrer frühen Hauptstadt Nesa (S. 102). Erst die Entzifferung dieser Sprache durch den tschechischen Gelehrten Bedrˇ ich Hrozný im Jahr 1915 legte den verschütteten Zugang zur hethitischen Vergangenheit frei. Was ihre ethnische Zugehörigkeit und Sprache betrifft, so gehören sie einer größeren Einheit an, die verschiedene Verwandte umfaßt, welche uns als Sprachgruppen, nicht jedoch eindeutig als Völker und noch weniger als politische Gebilde bzw. Staaten, begegnen. Man bezeichnet sie als die anatolische Familie der Indogermanen. Außer den Hethitern gehören zu ihr vor allem die Luwier, die Südkleinasien von der Westküste bis Kilikien bewohnten und dort verschiedene Staaten bildeten. Vielleicht wurde ihre Sprache auch im hethitischen Bereich im Alltag gesprochen. Wir kennen sie aus hethitischen religiösen Texten. Sie hat den Untergang des Reiches überlebt. Die Völker, die wir im 1. Jt. in Südanatolien antreffen, die sogenannten Spät- oder Hierogylphenhethiter, später die Karer, die Lykier, die Kilikier und andere, deren letzte Spu-

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ren sich erst am Ende der römischen Kaiserzeit verlieren, leiten sich von luwischen Vorfahren her. Eine anatolische Sprache besonderer Art ist das Palaische, das in den Nordwesten Kleinasiens gehört. Außerhalb dieser Familie stehen vor allem zwei Volks- und Sprachgruppen. An der Nordküste Kleinasiens wohnten die Kaskäer, ein uns völlig unbekanntes Volk. Die Hethiter standen ihnen ablehnend gegenüber: Die Kaskäer waren in ihren Augen Barbaren, die als Räuber auftraten und mit denen man sich in steter Auseinandersetzung befand. Größere Bedeutung haben die Hurriter. Ihr Ursprungsort war, soweit wir wissen, Ostanatolien, das armenische Bergland. Von dort drangen sie gegen Süden und Südwesten vor und begründeten im 16./15. Jh. verschiedene Reiche in Nordmesopotamien und Nordsyrien, von denen noch die Rede sein wird. Ihre Sprache, das Hurritische, kennen wir aus einer Reihe von Texten, vor allem aus dem hethitischen Bereich, aber auch von außerhalb. Mit den Hurritern hat sich eine wenig bekannte indoarische Gruppe verbunden (man spricht einfach von Ariern), die bei der Einführung und Entwicklung der Pferdezucht Bedeutung erlangte. Ihre Angehörigen haben einige später sonst aus Indien bekannte Götter- und Personennamen sowie Termini aus dem Bereich der Pferdezucht und -dressur hinterlassen.

1.3.  Die Geschichte des Hethiterreiches Die Hethiter sind, wie es ihre Sprache, von der oben kurz die Rede war, beweist, ein indogermanisches Volk. Das bedeutet, daß sie in ihre spätere Heimat in Mittelanatolien aus dem südrussischen Raum eingewandert sein werden. Leider weiß man über diese Bewegung gar nichts. Ob sie von der ganzen anatolischen Gruppe gemeinsam getragen wurde, auf welchem Weg sie sich vollzog und wann sie erfolgte, ist uns verborgen. Man hat vermutet, der Weg habe vor allem über das Westufer des Kaukasus geführt, doch bleibt das unbewiesen; und was die Zeit betrifft, wird man alles in das späte 3. Jt. zu setzen haben. Jedenfalls lebten im 18. Jh. Hethiter sicher in Mittelanatolien (S. 102). Im übrigen wird die hethitische Geschichte nach dem Vorbild der ägyptischen in die drei Perioden des Alten, des Mittleren und des Neuen Reiches eingeteilt, denen als Vorspiel die Geschichte der Dynastie von Kussara vorausgeht.

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Die Dynastie von Kussara Die ersten Nachrichten, wenn auch eher andeutender Art, haben wir aus den oben erwähnten assyrischen Quellen, in denen hethitische Namen vorkommen. Als politische Akteure begegnen uns die Hethiter vermutlich erstmals im 18. Jh. in eben der Dynastie von Kussara, nach der man die Periode benennen kann (die Überlieferung findet sich in einem einzigen Text). Daß die führende Fami­ lie, die aus dem nicht sicher lokalisierten Ort Kussara stammte, zu den Hethitern gehörte, ist nicht erwiesen, doch sprechen gute Gründe dafür.4 Ihr gelang es unter den Königen Pithana und Anitta, größere Teile Mittelanatoliens zu do˘ minieren. Damals wurde die Stadt Nesa (die assyrische Handelskolonie Kaneš) Zentrum. Anitta eroberte unter anderem auch die spätere Hauptstadt Hattusa, ˘ die er zerstören ließ: «In der Nacht nahm ich sie (die Stadt Hattusa) mit Ge˘ walt, an ihrer Stelle aber säte ich Unkraut. Wer nach mir König wird und Hattusa wieder besiedelt, den soll der Wettergott des Himmels treffen!»5 Das ˘ alles erscheint aber sozusagen nur als Momentaufnahme. Die Nachrichten bre­ chen danach wieder für längere Zeit ab. Wir wissen nicht, was weiter geschah. Das Alte Reich Ein Neubeginn erfolgt im 17. Jh. Die ihn tragende, nunmehr sicher hethitische Dynastie leitet sich ebenfalls von Kussara her; doch ob eine Beziehung zur Trägerin der früheren Periode besteht, ist nicht zu erkennen. Am Anfang scheint ein Herrscher mit dem Namen Labarna zu stehen, dem der Aufstieg zu verdanken ist. Wir können nicht sagen, wie er sein Machtzentrum in Zentralanatolien schuf. Jedenfalls vermochte er das Reich nach allen Richtungen auszudehnen, angeblich bis zu den Küsten des Schwarzen Meeres und nach Nordsyrien hinein. Er war es, der erneut die Stadt Hattusa eroberte und – ˘ Anittas Fluch zum Trotz – zur Hauptstadt machte. Wahrscheinlich deshalb ersetzte er seinen ursprünglichen Namen Labarna durch Hattusili, «der Mann ˘ von Hattusa». Gewisse Quellenstellen legen es allerdings nahe, daß Labarna ˘ und Hattusili zwei verschiedene Könige waren, doch ist dies eine sehr kon˘ trovers diskutierte Frage, der hier nicht nachgegangen werden kann. Der ­eigentliche Durchbruch in die große Welt gelang Hattusilis Nachfolger Mur˘ sili I., der vielleicht ein Enkel des Vorgängers war. Er eroberte in Nordsyrien das wichtige Zentrum Halab (Aleppo), und es gelang ihm 1595 oder 1531 ˘ v.  Chr. (je nach dem chronologischen System, welchem man folgt), nach ­einem Zug quer durch Mesopotamien Babylon zu erobern, ein gewaltiges Unternehmen, dessen Hintergründe uns verborgen bleiben. Er konnte sich dort zwar nicht halten, doch war dieses Ereignis auch ein Wendepunkt der

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babylonischen Geschichte, wo an die Stelle der ruhmvollen Hammura¯ pi­ dynastie eine Familie der von Iran her eingewanderten Kassiten trat und die Macht ergriff. Bald darauf brach das Reich der Hethiter zusammen. Ursache dafür waren innere und äußere Prozesse, die sich wechselseitig verstärkten. Was die innenpolitische Seite des Geschehens betrifft, so zeigt sich ein Phänomen, das die hethitische Geschichte wie ein roter Faden durchzieht: Innerhalb der königlichen Großfamilie bestand eine destabilisierende, stete Konkurrenzsituation, in der wahrscheinlich auch Führer vornehmer Familien ihre eigenen Interessen verfolgten. Nachfolgeschwierigkeiten hatte es bereits in den letzten Tagen Hattusilis gegeben. Mursili selber aber wurde nach der Rückkehr aus ˘ Babylon ermordet. Die sich daraus ergebenden Wirren führten zu einer Zerrüttung des Reiches. In der Folge fanden mehrere Herrscher ein gewaltsames Ende. Hinzu kamen Bedrohungen von außen: Im Süden etablierten sich die Hurriter. Es gelang ihnen, in Nordsyrien politische Strukturen zu errichten. Als besonders wirkungsmächtig ist in diesem Zusammenhang vor allem die Herausbildung des Mitannireichs zu erwähnen, das sich über ganz Syrien bis weit nach Westen erstreckte. Im Norden waren es die Kaskäer, die aus ihren Stammesgebieten in die hethitischen Territorien einbrachen und sie auf Raubzügen brandschatzten. Einer der hethitischen Herrscher namens Telipinu (ca. 1500 v. Chr.) unternahm immerhin einen Versuch der innenpolitischen Konsolidierung, indem er ein Regelwerk schuf, welches die Thronfolge ordnen sollte und mit dem er die Beziehung zwischen den Herrschern und ihrer Umgebung zu entwirren suchte: «Und ich, Telipinu, berief eine Versammlung nach Hattusa ein. Von nun an soll niemand einem Sohn der (königlichen) Fa˘ milie Böses tun und (gegen ihn) einen Dolch zücken.»6 Manche der Normen überdauerten sogar, doch damals ließ sich die schwierige Lage damit allein nicht beheben. Das Mittlere Reich Die Zeit des Mittleren Reiches, im wesentlichen die Zeit des 15. und des beginnenden 14. Jh.s, ist eine dunkle Periode. Wir wissen nicht, ob wir alle Könige in der richtigen Reihenfolge kennen, und um die Chronologie im einzelnen ist es schlecht bestellt.7 Die außenpolitische Bedrängnis blieb bestehen. Nach wie vor waren es im Norden die Kaskäer und im Süden die hurritischen Mitanni, die den Hethitern zusetzten. Rivalen gab es aber auch in Anatolien. Allenthalben fielen Vasallen ab und bedrohten ihrerseits das Reich. Im Südwesten erhob sich als konkurrierende Großmacht das Reich von Arzawa, das diplomatische Beziehungen zu Ägypten unterhielt. Das zeigen die sogenannten Arzawabriefe aus

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dem ägyptischen Archiv von Amarna, in denen sich der Herrscher mit dem ägyptischen Pharao in hethitischer Sprache, der Sprache ihrer beider Gegner, verständigte (S. 130). Auch im Westen waren Auseinandersetzungen mit feindlichen Lokalmächten zu bestehen. Dort wurden die Ahhiyawa, wahrscheinlich ˘˘ die mykenischen Griechen (vgl. unten), aktiv. So war das Reich der Hethiter zeitweise auf das engste Kerngebiet in Mittelanatolien beschränkt. Einzelne Herrscher wie Tudhaliya I. stemmten sich gegen diese Entwicklung, doch war ˘ ihrem Erfolg keine Dauerhaftigkeit beschieden. In dieser für die Hethiter so schweren Zeit kam es zum ersten Mal in der Weltgeschichte zur Herausbildung eines internationalen Staatensystems, das die ganze damals bekannte Welt umschloß, einem echten ‹Konzert der Großmächte›, ja einer eigentlichen Globalisierung. Deren erste Phase begann damit, daß die Ägypter am Ende des 17. Jh.s nach Vorderasien vordrangen und in eine Jahrzehnte andauernde militärische Konkurrenz mit den Mitanni um Nordsyrien eintraten. Im Osten lag die Großmacht Babylon. Diese Situation brachte mannigfache, kriegerische und friedliche Beziehungen zwischen den Partnern hervor, wobei Ägypten vor allem auf wirtschaftlicher Grundlage als die stärkste Macht agierte. Das Neue Reich (Großreichszeit) Die dauernde Konsolidierung des Hethiterreichs gelang um die Mitte des 14. Jh.s. Zahlreiche Quellen erhellen jetzt den Verlauf der Ereignisse. Ein Herrscher namens Suppiluliuma, ein Urenkel (?) des Tudhaliya I., konnte, zunächst ˘ sogar noch als Kronprinz, große Teile von Anatolien im Norden und im Westen sichern, ja er stieß sogar bis nach Nordsyrien vor. Dort führten die Kämpfe zu einer Schwächung und schließlich zur Zerstörung des an inneren Zwistigkeiten leidenden hurritischen Mitannireichs. Bisherige Teilstaaten der Mitanni existierten als hethitische Vasallenstaaten weiter. Zur Sicherung der Stellung wurde in Karkamiš am Euphrat in Nordsyrien eine Sekundogenitur eingerichtet, das heißt, daß ein Sohn des hethitischen Königs dort als König eingesetzt wurde und eine Dynastie begründete, selbstverständlich als Untertan seines Vaters. Er und seine Nachfolger übten eine Art Aufsicht über ganz Nordsyrien aus. Die Folgen dieser Machtausweitung waren bedeutend. Das Hethiterreich fand damit Anschluß an die damalige Welt; es trat als potenter Partner in den Kreis der Großmächte ein. In Syrien standen sich fortan die Ägypter als Beherrscher des Südens und die Hethiter als Herren des Nordens gegenüber, ähnlich wie über tausend Jahre später die Ptolemaier und Seleukiden (S. 276 f.). Es kam zu Kämpfen, aber auch zu Versuchen der Kooperation. So bat eine ägyptische Königswitwe, wahrscheinlich die Gattin des 1336 (oder 1323) ver-

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storbenen Tutanchamun, um die Entsendung eines hethitischen Prinzen, den sie zu ihrem Gemahl machen wollte.8 Der hethitische Bräutigam wurde allerdings auf dem Weg nach Ägypten ermordet. Zur gleichen Zeit entstand eine weitere Großmacht: Die Vernichtung des Mitannireiches ermöglichte es den ­bisher den Mitanni unterworfenen Assyrern schon kurze Zeit später unter Adad-na¯ ra¯ ri (1295–1264) mit eigenen weitreichenden Ansprüchen aufzutreten. Ihr Verhältnis zu den Hethitern war in der Regel gespannt. Damals begann die zweite Phase des oben skizzierten internationalen Systems. Sie war dadurch gekennzeichnet, daß mit der gewaltsamen Austragung der Ansprüche bewaffnete Konflikte und Versuche einer Gleichgewichtspolitik abwechselten. Als große Mächte und potentielle Kontrahenten des ­Hethiterkönigs werden in einem späteren Vertrag ausdrücklich Ägypten, Babylonien, Hanigalbat (ein Reich in Obermesopotamien) und Assyrien ge˘ nannt.9 Zwischen den führenden Staaten bestanden fest geregelte diplomatische Beziehungen. Die Könige redeten sich gegenseitig als «Bruder» an; die Gewährung dieser Anrede bedeutete die Anerkennung des Großmachtstatus. Es gab sogar eine internationale Diplomatensprache; interessanterweise übernahm diese Funktion das damalige Babylonische. Der wirtschaftliche Austausch erreichte ein bedeutendes Niveau; stets waren Handelskarawanen unterwegs, wobei sich Ägypten auf diesem Feld als Vormacht verstand und seine wirtschaftliche Stärke auch in politischer Hinsicht ausspielte. Das Ende von Suppiluliumas Herrschaft war im übrigen beeinträchtigt durch eine aus dem Süden eingeschleppte Pestepidemie, die jahrzehntelang wütete. Sein Sohn und Nachfolger Arnuwanda II. starb – ob an dieser Seuche, wissen wir nicht – nach nur kurzer Herrschaft. Dessen Bruder Mursili II. sah sich einer allgemeinen Abfallbewegung der Vasallen gegenüber, die durch die üblichen Schwierigkeiten beim Übergang der Herrschaft hervorgerufen wurde. Es gelang ihm aber durch sein machtvolles Handeln, die frühere Stellung wieder zu gewinnen. Wir sind darüber bis in die Einzelheiten gut im Bilde, weil seine Feldzugsberichte, die Annalen, weitgehend erhalten sind. «Und seit ich mich auf den Thron meines Vaters setzte, war ich bereits 10 Jahre lang König. Und die erwähnten Feindesländer besiegte ich in 10 Jahren mit ­eigener Hand. Welche Feindesländer die Königssöhne aber und die Herren besiegten, die sind nicht dabei. Was mir die Sonnengöttin von Arinna, meine Herrin, weiter bestimmt, das werde ich auf mich nehmen und es durchführen.»10 Im Norden drängte er die immer regen Kaskäer zurück. Auch konnte er das Arzawareich unterwerfen und dadurch Zugang zum Westen Kleinasiens gewinnen, wodurch die hethitische Position wesentlich gefestigt wurde. Dasselbe gelang ihm in Syrien. Die Ostgrenze gegen Assyrien aber blieb gefährdet. Mursilis Sohn Muwatalli sah die hethitische Position in Syrien durch die energische Politik der Pharaonen der 19. Dynastie vor allem durch Ramses II.

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(1279–1213) bedroht. Eine Auseinandersetzung der beiden Großmächte bahnte sich an, und sie wurde von den Hethitern sorgfältig vorbereitet. Das ging soweit, daß der Regierungssitz aus Hattusa in den Süden, nach Tarhuntassa ˘ ˘ «im Unteren Land», verlegt wurde, offenbar damit die Hauptstadt näher bei der Gefahrenzone liege. Der Zusammenstoß erfolgte schließlich bei einer Stadt namens Qadeš (in der Gegend des heutigen Homs), und zwar im 5. Jahr des Ramses II. –  nach unserer Zeitrechnung Mai 1274 v.  Chr. Hethitische Nachrichten über dieses Ereignis liegen nur sehr spärliche vor; dank den ägyptischen Berichten aber sind wir recht gut darüber infor­miert. Es ist dies die erste Schlacht der Weltgeschichte, deren Ablauf wir einiger­maßen rekonstruieren können. Sie endete offenbar mit einem Sieg der Hethiter. Doch da deren Zielsetzung im ganzen eher defensiv ausgerichtet war, kam es faktisch zur Bewahrung des Status quo: Nordsyrien blieb in der Hand der Hethiter, der Süden blieb ägyptisch. Im übrigen gab es weiterhin Kämpfe mit den Kaskäern, während die Situation im Westen offenbar im ganzen stabil war. Auf Muwatalli folgte der Sohn einer Nebenfrau namens Urhi-Teššub, ˘ der den Thronnamen Mursili (III.) annahm. Er geriet mit seinem Onkel Hat˘ tusili in Konflikt, und nach einer – nicht genau bestimmbaren – Anzahl von Jahren wurde er von diesem gestürzt und nach Nordsyrien gebracht, von wo aus er dann nach Ägypten gelangte. Dieser Hattusili (III.) hatte sich vorher schon als Heerführer und Verwal˘ ter ausgezeichnet. Er rechtfertigte sein Handeln in einer Art Autobiographie: «Von der Göttin Ištars fürsorglichem Walten will ich berichten, die Menschheit soll es hören».11 Es scheint aber, daß die Gewalttat zumindest latente Spannungen innerhalb der Adelsschicht nach sich zog. Hattusili erwies sich als Re˘ former. Hattusa, bereits unter Mursili III. wieder Hauptstadt geworden, wurde ˘ jetzt ausgebaut. Vor allem aber bemühte sich der König um einen friedlichen Ausgleich mit Ägypten. Im 21. Jahr der Regierung des Ramses II., im November 1270, schloß man einen Staatsvertrag ab, der die Beziehungen zwischen den beiden wichtigsten Großmächten regelte. Sein Wortlaut ist auf Tempelwänden in Ägypten und in babylonischer Sprache im Archiv von Bog˘azköy erhalten geblieben. Wir besitzen damit den ersten erhaltenen Friedensvertrag der Weltgeschichte, von dem noch heute im Sitzungssaal der Vereinten Nationen in New York eine Kopie zu sehen ist. Sein Inhalt ist bemerkenswert. Man einigte sich auf einen Nichtangriffspakt und versprach sich gegenseitig Hilfe im Kriegsfall. Die jeweilige Nachfolgeregelung beim Herrscherwechsel wurde von beiden Seiten anerkannt. Politische Flüchtlinge waren auszuliefern, mußten aber milde behandelt werden: «Und wenn ein Mensch aus dem Lande Hatti flieht, oder zwei Menschen oder drei Menschen, und sie zu Ramses, ˘ dem Großkönig, dem König des Landes Ägypten, dem Bruder, gehen, dann soll sie Ramses […] ergreifen und zu Hattusili, seinem Bruder, bringen lassen, ˘

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denn sie sind verbrüdert. Und ihr Vergehen soll man ihnen nicht anrechnen, und ihre Zungen und ihre Augen soll man ihnen nicht herausreißen, und ihre ­Ohren und ihre Füße soll man nicht abschneiden, und ihre Häuser mit ihren Frauen und ihren Kindern soll man nicht vernichten.»12 Tatsächlich wurde daraus eine dauerhafte Friedensregelung, die eine Periode echter Zusammenarbeit begründete. Die Partner bekräftigten sie durch die Heirat einer Tochter Hattusilis mit Ramses II., der jahrelange Verhandlungen vorausgingen. Gleich˘ zeitig gelang es den Hethitern, die Kontrolle der Lage in Westkleinasien aufrechtzuerhalten. Auf der anderen Seite baute sich im Osten außenpolitisch eine neue Front auf: Die Assyrer wurden aggressiver, und gewaltsame Zusammenstöße mehrten sich. In der Verwaltung des ganzen Reiches wuchs die Bedeutung der Sekundogenituren – also die Herrschaft der Königssöhne, die nicht den Thron erlangen konnten – in Nordsyrien (Karkamiš) und auch in Südanatolien (Tarhuntassa); diese erhielten eine größere Selbständigkeit, so daß sie in ˘ der modernen Forschung oft als halbautonom betrachtet werden. Hattusilis Sohn und Nachfolger Tudhaliya IV. führte die Reformbemü˘ ˘ hungen seines Vaters weiter. Zu seinen regen Aktivitäten im Innern des Reiches gehörte die offenbar planmäßige Erweiterung und der weitere, starke Ausbau der Hauptstadt und ihrer Heiligtümer. Vor allem aber bemühte er sich um eine Reorganisation der Verwaltung und der Kulte. Wir sind darüber durch das Tontafelarchiv in Bog˘azköy verhältnismäßig gut unterrichtet. Der Konflikt im Osten spitzte sich zu. Die Assyrer versuchten, nach Nordsyrien vorzustoßen, und es kam zu Kämpfen, die zwar begrenzt blieben, aber die Hethiter offenbar in Schwierigkeiten brachten. Es fehlt nicht an Versuchen der Hethiter, mit den Assyrern zu einem Ausgleich zu gelangen. Ein interessantes Zeugnis dafür bietet ein Brief, den Tudhaliya im Jahr 1244 an den Assyrerkö˘ nig Tukulti-Ninurta richtete: «[Du] tratest an die Stelle [sc. deines Vaters], nun schütze deines Vaters Grenzen! [---] …Wie [er] die Grenze sch[ützte, ---], so mache ihm den Ruf nicht zuschanden! [Wie ih]n die Götter begnadet [haben], ebenso [mögen sie nun d]ich begnaden!»13 Tudhaliyas Sohn Arnuwanda III. starb nach nur kurzer Regierungszeit. ˘ Nachfolger war sein Bruder Suppiluliuma II. Unter ihm trat die Katastrophe des Reiches ein, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

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1.4.  Die Kultur Staat, Gesellschaft, Wirtschaft Oberster Lenker des Staates der Hethiter ist der eng mit den Göttern verbundene König. Sein Titel lautet «Meine Sonne», und das ist auch seine Selbstbezeichnung. Er stellt also (nach ägyptischem Vorbild?) eine Verkörperung des Sonnengottes dar und ist dessen Schützling. Als Königssymbol dient folglich die Flügelsonne (Abb. 15, vgl. 17). Freilich wird der lebende König niemals selber als Gott, sondern als «Liebling des Gottes (xy)» bezeichnet. Vergöttlicht wird er erst nach dem Tode («Gott werden» bedeutet, auf den König angewendet, «sterben»). Seine Funktionen betreffen alle staatlichen Bereiche. Er ist der oberste Priester, der oberste Richter, der oberste Heerführer, er entscheidet über die inneren Angelegenheiten, verfügt über alle Güter und lenkt persönlich die Außenpolitik. Neben ihm steht die Königin (Titel tawananna), die

Abb. 15: Yazılıkaya: Gott mit

König und Flügelsonne

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eine sehr selbständige Stellung auszeichnet. Sie bleibt Königin auf Lebenszeit auch nach dem Tod des Gatten, erst dann folgt die Frau des Nachfolgers. Politische Differenzen zwischen dem König und der Königin sind bezeugt. Die Korrespondenz, beispielsweise mit Ägypten, wird doppelt geführt, im Namen des Königs Hattusili III. und im Namen seiner Gattin Puduhepa, die über ei˘ ˘ nen beträchtlichen Einfluß auch im kulturellen Bereich verfügte. Anzeichen für eine weitgehend unabhängige Stellung der Frau in der hethi­tischen Gesellschaft sind auch sonst anzutreffen. Im allgemeinen sind die ­Hethiter, wie alle Indogermanen, zwar durchaus patriarchalisch organisiert. Bestimmungen, die der Frau eine Gleichstellung attestieren, lassen sich aber in beträchtlichem Umfang dem hethitischen Recht entnehmen: Strafsanktionen im Falle der Tötung eines Mannes oder einer Frau sind dieselben; Frauen sind vermögensfähig und können bei Scheidung die Hälfte des gemeinschaftlichen Vermögens, beim Tod des Ehegatten auch dessen Vermögensanteil zugewiesen erhalten; Kinder konnten bei Scheidung der Mutter zugesprochen werden. Nur die Entlohnung von Männern und Frauen bei körperlicher wie nichtkörperlicher Arbeit fiel – wie in unserem 21. Jh. – unterschiedlich zu Ungunsten letzterer aus, und zwar etwa im Verhältnis von 10 :  6.14 Der König residiert in einem Palast, zu dem zahlreiche Räume, auch Magazine und ein Archiv, gehören (S. 125). Seine Residenz ist keineswegs auf die Hauptstadt beschränkt; auf ausgedehnten Reisen, besonders zu kultischen und auch kriegerischen Zwecken, nimmt er oft längere Zeit in der Provinz Quartier. Außer dem König haben Mitglieder der königlichen Familie und ausgewählte Funktionäre, die eine Adelsschicht bilden, Anteil an der Regierung. Im Alten Reich (17.–16. Jh. v. Chr.) besitzt der Adel eine sehr selbständige Stellung: An des Königs Seite steht ein Adelsrat (pankus). Schon früh zeigt sich eine Tendenz zur Feudalisierung. Der König entschädigt adelige Funktionäre durch Zuweisung eines Landgutes. Das verstärkt sich erheblich im Neuen Reich (Mitte 14. Jh.–1200 v. Chr.) und läßt die Stellung des Monarchen gefestigter erscheinen als zuvor – der Adelsrat wird nicht mehr erwähnt. Im Hinblick auf das Militär kommt einem Streitwagenkorps große Bedeutung zu; seine Angehörigen und auch zivile Funktionäre werden vom König mit Lehen ausgestattet. Die Vornehmen verleihen die Güter weiter an Bauern und Handwerker. So werden auch die breiten Schichten in das Lehenssystem einbezogen. Darüber hinaus gibt es aber in jüngerer Zeit Bemühungen, die Hoheitsträger zu echten Beamten zu machen. Die Könige des Neuen Reichs ­erlassen ausführliche schriftliche Dienstanweisungen, die beschworen werden müssen. Sie werden ishiul ‹Bindung› genannt: «Die erste Tafel der Verpflich˘ tung [ishiulas] aller Tempelbeamter … ist abgeschlossen.»15 ˘ Im internationalen Bereich wird ein scharfer Unterschied zwischen ‹gleichberechtigten› und ‹abhängigen› Staaten gemacht. Die Vorstellungen des

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Lehenswesens hat man auf die Beziehungen zu abhängigen Staaten übertragen. In der Regel werden in einem eroberten Gebiet der regierende König oder seine Familie in der Herrschaft belassen und die Beziehungen in einem Vertrag geregelt, der – bezeichnenderweise – ebenfalls ishiul ‹Bindung› heißt: ˘ «Und folgendes soll künftig dein Vertrag [ishiul] sein, […] und er soll dir unter ˘ Eid gelegt sein.»16 Der Vasall bleibt innerhalb seines Landes souverän, verzichtet aber auf eine selbständige Außenpolitik und verpflichtet sich dem Hethiterkönig gegenüber zur Heeresfolge. Beide Vertragspartner garantieren die Legitimität der Dynastie der Gegenseite. Manchmal, vor allem in Stadtstaaten Nordsyriens, kommt es zur Einrichtung von hethitischen Sekundogenituren. Damit verfügt das hethitische Reich über eine verhältnismäßig lockere Reichsstruktur. Um den Kern des Reiches, das Hattiland, lagert sich ein System von Vasallenstaaten, die durch Verträge mit der Zentrale verbunden sind. Dieses Herrschafts- und Bündnissystem reagiert freilich empfindlich gegen äußeren Druck, der die Gefolgschaftstreue schwächen kann. Daher kommt den persönlichen Fähigkeiten des hethitischen Königs stets hohe Bedeutung zu, und zwar sowohl im Innern des Reiches wie auch in den Beziehungen zu den Vasallen. Damit hängt es auch zusammen, daß ein Thronwechsel fast immer Herrschaftsprobleme nach sich zieht, weil ein neuer König erst seine Befähigung unter Beweis stellen und die alten Vasallen an sich binden muß. Einen großen Einfluß besaß bei den Hethitern das positive Recht. Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Institutionen mußten klar geregelt sein, und diese Regelungen erhielten durch schriftliche Fixierung Dauer. Noch aus dem Alten Reich stammt die oben erwähnte, von Telipinu geschaffene, schriftlich festgelegte Neuregelung der Verfassung (S. 110). Von einer hethitischen Gesetzessammlung existieren verschiedene Fassungen, die chronologisch aufeinander folgen. Die älteste stammt wohl aus dem Alten Reich. Sie verweist auf noch älteres Recht. Das Strafrecht folgt nicht dem Talionsprinzip, das auf Vergeltung mit Gleichem zielt, vielmehr steht der Gedanke der Wiedergutmachung im Vordergrund: «Wenn jemand einen freien Menschen blendet oder seinen Zahn ausschlägt, pflegte man früher 1 Mine Silber zu geben, und jetzt gibt er 20 Sekel Silber.»17 Die Landwirtschaft bildet – wie zu allen Zeiten im Altertum – den wichtigsten Wirtschaftssektor. Zu den königlichen Einkünften tragen die Abgaben der Untertanen und vor allem die der Vasallen bei; ein großer Teil stammt zudem aus Kriegsbeute. Der König legt folglich, um seinen Haushalt zu sichern, großen Wert auf eine gewinnbringende Bearbeitung des Bodens. Abgaben sind mit Grundbesitz fest verbunden. Die Bauern sind persönlich frei, viele besitzen ein kleines Gütchen, sehr viele arbeiten auf Gütern von Lehensträgern oder auch von Tempeln. In direkter Abhängigkeit hingegen befinden sich die ‹Deportierten›, das heißt nach erfolgreichem Krieg deportierte fremde

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Bevölkerungsgruppen, die als Arbeiter Tempeln oder Adeligen zugewiesen werden. Aus diesem Kreis rekrutiert sich das zahlreiche Personal für die Bewirtschaftung der großen Tempel, das in Haus- und Viehhaltung, Verwaltung, Handwerk und Feldbau eingesetzt wird; dieses System hat in Kleinasien eine Tradition, die bis in die römische Kaiserzeit fortdauert und unter der griechischen Bezeichnung «Hierodulie» – Tempelknechtschaft – bekannt ist. In ­einem Text aus Hattusa ist von einem Wirtschaftskomplex des großen Tempels die ˘ Rede, der allein 208 Personen umfaßt, darunter 18 Priester, 29 Musikantinnen, 52 Schreiber, 35 Wahrsager und 10 Sänger für kultische Lieder in hurritischer Sprache. Über diese Tempelbediensteten hinaus gibt es auch eigentliche Sklaven, die jedoch zahlenmäßig nicht von Bedeutung zu sein scheinen. Unter den Handwerkskünsten kommt der Töpferei besondere Bedeutung zu (S. 123), ferner der Herstellung von Textilien, dem Bergbau und der Metallbearbeitung, vor allem von Bronze. Eisen ist bereits bekannt und wird nach der Mitte des 2. Jt.s Handelsgut, ist aber nur teuer zu erwerben. Die Handwerker arbeiten in der Regel für einen Herrn. Über die Organisation des Bauhandwerks wissen wir wenig. Von einiger Wichtigkeit ist der Handel, da die Hethiter auf Importe angewiesen waren. Wie weit es einen privaten Handel gegeben hat, wird in den Quellen nicht recht deutlich, und es werden dazu verschiedene Meinungen vertreten. Jedenfalls kennen wir Kaufleute, die vom König gewährleistete Vorrechte besaßen. Wir wissen aber wenig darüber, zumal keine eigentlichen Wirtschaftstexte vorliegen. Eine große Rolle spielt der Handel im internationalen Rahmen. Das zeigt sich etwa darin, daß es ­unter Tudhaliya IV. zum Versuch eines Handelsembargos gegen die Assyrer ˘ kommt: «Wie der König von Assyrien aber Meiner Sonne Feind ist, so soll er auch dir Feind sein! Ein Kaufmann von dir darf nicht ins Land Assyrien gehen, einen Kaufmann von ihm aber darfst du nicht in dein Land lassen, er darf auch nicht durch dein Land gehen. Falls er aber zu dir in dein Land kommt, so nimm ihn fest und schaffe ihn her zu Meiner Sonne!»18 Religion Religion und religiöses Denken hatte große Bedeutung im Leben der Hethiter, was die sehr große Anzahl von religiösen Texten bezeugt. Wir kennen viele ihrer Gottheiten. Die Hethiter selber sprechen von den «Tausend Göttern des Landes Hatti»: «Nun habe ich dir, siehe, folgende Worte unter Eid gelegt, und wir haben, siehe, für diese Angelegenheit die Tausend Götter zur Gerichtsversammlung berufen: der Sonnengott des Himmels, die Sonnengöttin von Arinna, der Wettergott des Himmels, der Wettergott von Hatti usw. [es folgen 16 Zeilen mit Götternamen], die Götter des Himmels usw.» 19 Manche sind nur lokale Formen umfassenderer Gestalten, das heißt, die einzelne, an

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e­ inen Ort gebundene Gottheit gleicht vielen anderen in bestimmten Eigenschaften, sei es als Sonnen-, Mutter-, Schutz-, Wetter-, oder Berggottheit. Alle Kulte, die einmal übernommen wurden, auch im Zuge von Eroberungen, wurden weitergeführt. Deutliche Tendenzen zum Synkretismus finden wir nur im 13. Jh., als die höheren hethitischen Götter mit hurritischen gleichgesetzt wurden, was politische Gründe – etwa eine gewisse Vereinheitlichung der Reichsideologie – haben kann, wahrscheinlich aber vor allem den kulturellen Einfluß der Hurriter zeigt. Die wichtigsten Götter der Großreichszeit waren ihrer Herkunft nach offenbar hattisch, das heißt, von der einheimischen Vorbevölkerung des Reichszentrums übernommen worden. Reichsgötter waren der Wettergott und die Sonnengöttin von Arinna, wobei wir nicht wissen, wo diese Stadt lag. Im Verhältnis zu den in der Großreichszeit faßbaren hurritischen Einflüssen spielen altindogermanische religiöse Vorstellungen wohl nur eine schwache Rolle. Die einzige eindeutig indogermanische Gottheit ist Sius, der Gott der frühen Kussara-Dynastie (S. 109). Der Name entspricht etymologisch dem griechischen Wort Zeus, lateinisch Iu-piter. Ähnlich wie in der griechischen Überlieferung werden die Götter als Personen gedacht, freilich mit alles menschliche Maß übersteigenden Fähigkeiten und Eigenheiten; der menschlichen Schwäche sind sie durch Unsterblichkeit und besondere Macht entrückt. Die Menschen sind Sklaven der Götter. Ihr Tun soll sittlichen Ansprüchen entsprechen. Sündigt der Mensch, so wird er bestraft, und seine Sünde wirkt sich auch auf das Los der Nachkommen aus. Die Götter sorgen dafür, daß Verträge, auch zwischen Staaten, eingehalten werden. Ihrem Willen zur Gerechtigkeit muß der Mensch sich unterwerfen, doch kann er auch auf ihre Gnade hoffen. Natürlich ist es für den Menschen wichtig, den Willen der Götter zu kennen. Entsprechend hohen Stellenwert besaß das Orakelwesen, das geradezu systematisiert wurde.20 Es lassen sich auf diesem Gebiet starke Einflüsse aus dem Zweistromland feststellen. Stets sind die Menschen bemüht, durch Opfer und Feste ihre göttlichen Herren gnädig zu stimmen. Feste werden während des ganzen Jahres und an verschiedenen Orten abgehalten; häufig ist für ihre Durchführung die Anwesenheit des Königs notwendig. Vernachlässigt er diese Pflicht, so kann dies gar zu Niederlagen im Krieg führen. Der Wille der übergeordneten Macht kann allenfalls durch Magie beeinflußt werden. Deshalb kennt man zahlreiche Rituale mit magischen Praktiken. Auch auf diesem Feld spielen Einflüsse aus Nordsyrien und Mesopotamien eine bedeutende Rolle.Tief sitzt die Furcht der Hethiter vor feindlicher Magie, vor Schadenzauber; wer zu solchen Mitteln greift, dem drohen schwere Strafen. Ihre Götter verehren die Hethiter in Tempeln, sehr großen Gebäudekomplexen mit Magazinen, regelrechten Wirtschaftseinheiten, die dem ‹Palast›

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entsprechen. In der Mitte des Tempels liegt das Allerheiligste, in welchem das Götterbild aufgestellt ist. Doch gibt es Heiligtümer auch in der Natur. In der Nähe der Hauptstadt liegt das Felsheiligtum von Yazılıkaya. Dies ist der heutige türkische Name; er bedeutet «beschrifteter Fels», der hethitische Name ist nicht bekannt. An den Wänden des Hauptraumes dieses Schreins ist eine Darstellung der beiden Festzüge der Götter und der Göttinnen eingemeißelt; in der Mitte treffen die Züge, die vom Wettergott und von der Sonnengöttin angeführt werden, zusammen. Man vermutet, daß das Neujahrsfest, zu dem jeweils alle Götter zusammenkommen, an diesem Ort gefeiert wurde. In einer zweiten Kammer begegnen uns andere Gottheiten; besondere Beachtung verdient die Gruppe der sogenannten Zwölfgötter, die auch in der Hauptkammer mitmarschieren (Abb. 16). Einzelne Gestalten werden durch Beischriften in Hieroglyphen mit hurritischen Namen bezeichnet – e­ iner der deutlichsten Belege für die erwähnte Tendenz zum Synkretismus. Am Ausbau dieses heiligen Ortes hatte offensichtlich Tudhaliya IV. wesentlichen Anteil, da ˘ seine Gestalt dem Betrachter an zwei verschiedenen Stellen entgegentritt (Abb. 15). Als weitere herausragende Kultstätte der Hethiter sei schließlich das Quellheiligtum von Eflatun Pınar im südlichen Mittelanatolien erwähnt (Abb. 17). In dieser das Quellbecken rings einfassenden steinernen Anlage ist einer von zwei gegenüberliegenden, aus mächtigen Blöcken zusammengesetzten Quaderbauten – teils unter Wasser – vorzüglich erhalten geblieben; die zur Quellteichmitte gewendete, aus horizontalen und vertikalen Gliedern kunstAbb. 16:  Zwölfgötterrelief von Yazılıkaya

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Abb. 17:  Hethitisches Quellheiligtum Eflatun Pınar

voll komponierte Bilderwand zeigt im Relief ein Ensemble von Berggöttern, Mischwesen und Flügelsonnen um ein in der Mitte thronendes Götterpaar. Vermutlich der Großreichszeit angehörend (14. bis 13. Jh.), gilt diese Götterdarstellung als eine der qualitätvollsten in Stein, die man von den Hethitern kennt.21 Sicher gibt es in der Religion der Hethiter viel Grauses und Krauses, doch spricht auch eine noch heute wahrnehmbare tiefe Innerlichkeit aus ihr. So werden bemerkenswerte Aussagen über die Sündhaftigkeit des Menschen verbunden mit dem Ausdruck des großen Vertrauens in den Schutz, den eine Gottheit gewähren konnte: «Es ist so: man sündigt. Und auch mein Vater sündigte und übertrat das Wort des hattischen Wettergotts, meines Herrn. Ich aber habe in nichts gesündigt. Und es ist so: die Sünde des Vaters kommt über den Sohn. Und auch über mich kam die Sünde meines Vaters. Und ich habe sie nunmehr dem hattischen Wettergott, meinem Herrn, und den Göttern, meinen Herren, gestanden: es ist so, wir haben es getan. Und weil ich nun meines Vaters Sünde gestanden habe, soll sich dem hattischen Wettergott, meinem Herrn, und den Göttern, meinen Herren, der Sinn wieder besänftigen.»22 «Ištar, meine Herrin, nahm mich in allem diesem an sich. Wenn mich irgendwann Krankheit befiel, sah ich gerade als Kranker dabei der Gottheit gerechtes Walten. Die Gottheit, meine Herrin, hielt mich in jeder Situation an der Hand. Weil ich aber ein gerecht geleiteter Mann war und weil ich vor den

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Göttern in gerechter Haltung wandelte, tat ich niemals eine böse Sache ‹nach Art der› Menschen.»23 Wir werden später mit den anderthalb Jahrtausende jüngeren Beichtinschriften im Anatolien des 1. bis 3. Jh.s nach Chr. andere Texte kennenlernen, die mit diesen uralten Zeugnissen geistesverwandt sind (S. 649). Literatur Die Literatur der Hethiter weist eine große Bandbreite verschiedener Gattungen auf.24 Einen Teil etwa bilden die Literaturarten, die aus einem Sachbereich herauswachsen. Dazu zählen vor allem die religiösen Texte (Gebete, Rituale, Opfervorschriften, Festbeschreibungen, Omenlisten etc.), und selbst die Biblio­ theksverzeichnisse darf man hier einreihen. Zahlreich sind die Texte ju­r istischstaatsrechtlichen Inhalts: verfassungsartige Herrschaftsregelungen, G ­ esetze, Verträge mit Großmächten und mit Vasallen, Dienstanweisungen, Gerichts­ protokolle, Briefe (Korrespondenz zwischen Mitgliedern der Königsfamilie und vor allem zwischen dem König und seinen Beamten),25 Berichte von Beamten und Berichte der Könige über ihre Taten (Annalen). In dieser letzteren Gruppe entsteht sogar eine Art erzählender Literatur, die eine bedeutende Kulturleistung der Hethiter darstellt, schaffen sie darin doch die erste eigentliche Geschichtsschreibung der Weltgeschichte.26 Deutlich ist ihr Bemühen, Abläufe und Ereignisse so wiederzugeben, wie sie stattgefunden haben, also etwa auch Mißerfolge nicht zu verschweigen. Lebendige Darstellungen des Geschehens zeichnen diese Werke ebenso aus wie Reflexionen über seine Hintergründe; vor allem wird das eigene Handeln reflektiert und erklärt, um aus dem Ganzen dann eine Lehre für das zukünftige Verhalten zu ziehen. Daher haben die Staatsverträge eine historische Einleitung, welche die wesentlichen Fakten der bisherigen gemeinsamen Beziehungen wiedergibt. Dies gilt ebenso für die ‹Verfassung› des Telipinu im Alten Reich wie für die Autobiographie Hattusilis III. Wahrscheinlich hat die hethitische ˘ Leistung auf dem Feld der Historiographie sogar in einem gewissen Umfang in der Folgezeit als Vorbild gewirkt. Die assyrischen Königsannalen setzen vermutlich die hethitische Erzähltradition fort, aber sie erreichen nicht das Niveau der hethitischen Darstellungen, da das Selbstbewußtsein der assyrischen Herrscher nicht zur Erkenntnis, sondern zu einer Verherrlichung ihrer Taten drängt. Die erzählende Literatur im engeren Sinne ist schwach vertreten. Erzählungen betreffen meist Mythen und Sagen, haben also einen religiösen Hintergrund. Zum Teil stammen sie aus dem Zweistromland (Gilgamešepos), ­andere sind von den Hurritern übernommen, vor allem seit der Einfluß hurritischer Kultur im 13. Jh. zunimmt. Immerhin bilden sie so unseren einzigen Zugang zur hurritischen Sagenwelt: Deren Themen sind vor ­allem der Wech-

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sel und die Ablösung von Götterdynastien, wie sie uns später in frühgriechischer Überlieferung – vor allem bei Hesiod in seiner Theogonie (ca. 700 v. Chr.) – wieder entgegentreten (S. 179). Was in der hethitischen Tradition ganz fehlt, ist die selbständige Dichtung, wenn auch dichterische Formen manchmal in religiösen Kulttexten aufscheinen. Bildende Kunst, Architektur Unsere Kenntnisse über diesen Aspekt hethitischer Kultur stammen vor allem aus der Großreichszeit. In allen Bereichen zeigen sich starke Einflüsse aus Mesopotamien, zum Teil auch aus Ägypten; einiges ist wohl hurritisch. So haben die Hethiter zwar fremdes Gut verarbeitet, doch ihr künstlerisches Schaffen erweckt als Ganzes einen einheitlichen und selbständigen Eindruck. Keramik spielt – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als Kunstobjekt eine untergeordnete Rolle; sie ist Gebrauchsware. Im Kult verwendet man häufig Gefäße in Tierform (rhyton); auch Terrakotten sind bekannt. Von der Malerei kennen wir nur spärliche Reste, die Glyptik – die Kunst des Steinschneidens – nimmt dagegen einen wichtigen Platz ein, wie vor allem die Stempelsiegel belegen. Größte Bedeutung hat indes die Plastik. Großrundplastik hat es sicher einst gegeben, erhalten aber sind fast nur Kleinplastiken, zum Teil aus Bronze. Die monumentalen Tor­skulpturen mit apotropäischer – Unheil abwehrender – Bedeutung (so Löwen von Hattusa, Sphingen von Alaca ˘ Höyük, der Gott vom sogenannten Königstor von Hattusa) zeichnen sich ˘ durch einen hohen Grad an Lebendigkeit und eine weiche Modellierung der Gesichtszüge und der Körperformen aus. Gut bezeugt ist auch die Reliefkunst. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Orthostaten der Stadtmauern von Alaca Höyük zu erwähnen; ihre flachen und wenig modellierten Reliefs lassen erkennen, daß ihre Schöpfer die Komposition noch nicht beherrschten. Eine höhere Qualität hingegen besitzen die Reliefs der Heiligtümer von Eflatun Pınar (S. 120 f.) und von Yazılıkaya (bei Bog˘azkale). Sie verraten ein Streben nach Gesamtkomposition. Felsreliefs finden sich in verschiedenen Gegenden Kleinasiens (beispielsweise Muwatalli aus dem Hinterland von Adana, im Westen das Königsrelief von Karabel und die Göttin am Sipylos bei Manisa).27 Die künstlerischen Äußerungen der Hethiter legen die Schlußfolgerung nahe, daß sie ein besonderes religiöses Verhältnis zu Berg, Fels und Stein pflegten. Großes haben die Hethiter auf dem Gebiet der Architektur geleistet. Sie verfügen über einen ausgeprägten Sinn für Monumentalität, der sich in der Anpassung der Bauten an das Gelände erweist. Dies belegt auch ihre Stadtplanung. Neben den charakteristischen Siedlungshügeln (Höyük) in den Ebenen

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errichteten sie Bergstädte. Größere Siedlungen haben Mauerringe. Als neu an den hethitischen Befestigungswerken fallen die Kastenmauertechnik und die Untertunnelungen (Poternen) auf, deren Funktion noch ungeklärt ist, ferner die mächtigen Doppeltoranlagen und Türme, die in regelmäßigen Abständen die Mauern gliedern und Zinnen tragen. Eine strenge Ausrichtung der Gebäude im Innern findet sich nur ausnahmsweise, so etwa in Sarissa (S. 129). Die Paläste in erhöhter Lage sind befestigt und von den übrigen Wohnvierteln deutlich abgesetzt.Tempel hat man nicht nach Himmelsrichtungen ausgerichtet, sondern sie so plaziert, daß sie als Bauwerke zur Geltung kommen. Indes sind die Möglichkeiten, Aussagen über hethitische Architektur zu treffen, beschränkt, da meist nur Fundamente erhalten sind. Konstituierende Elemente ihrer Bauwerke sind jedenfalls Sockel aus großen Blöcken – Kalkstein oder, von besonderer Qualität in Hattusa, polierter, schwarzgrüner Gabbro –, auf ˘ denen Lehmziegelmauern mit Holzfachwerk aufsteigen. Tief herabreichende Fenster gliedern die Wände; die Dächer der Gebäude sind flach. Große Innenhöfe und Hallen schaffen Raum und stützen den Eindruck der Monumentalität. Im eigentlichen Kultraum von Tempeln stand das Götterbild aus Metall oder Holz, jedoch ist uns kein einziges solches Exemplar erhalten. Um einen genaueren Eindruck von der hethitischen Architektur zu gewinnen, werden wir auf einige archäologische Stätten, besonders die Hauptstadt, im folgenden Kapitel noch näher eingehen.

1.5.  Kleinasien zur Hethiterzeit Der Versuch, gesichertes Wissen über die Geographie Kleinasiens zur Hethiterzeit zu erlangen, stößt auf eine ganze Reihe schwer lösbarer Probleme. Zwar sind die geographischen Angaben in den Texten zahlreich, aber wir verfügen nur über wenige Fixpunkte, um sie in einer Karte einordnen zu können. Benutzer schematischer Landkarten mit Namen und Grenzen von Ländern bzw. Staaten der Hethiterzeit sollten sich darüber im klaren sein, daß deren Verlauf und Lage in vielen Fällen nur auf Hypothesen beruhen. Aus den schriftlichen Zeugnissen über politische Beziehungen läßt sich kein zuverlässiges Bild von der Lage der Staaten rekonstruieren. Selbst die in den Texten mehr oder weniger klar bezeichneten Nachbarschaften geben noch keine Auskunft über die exakte Lokalisierung und Ausdehnung eines Bereichs, und Reihen oder Abfolgen von Ländernamen in solchen Quellen können nicht ohne weiteres auf den Boden der physischen Geographie übertragen werden, zumal einer Reihung nicht zwingend ein geographisches Ordnungsprinzip zugrundeliegen muß. Methodisch ganz unzulässig ist es, einen Landesnamen

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einer bestimmten Region zuzuweisen, weil anderswo für solch ein Territorium ‹kein Platz mehr› sei. So befindet sich die wissenschaftliche Diskussion, was weite Teile Kleinasiens betrifft, noch immer in einem Experimentier­ stadium. Besonders umstritten ist die historische Geographie des äußersten Westens, knüpfen sich daran doch Fragen nach der Präsenz mykenischer Griechen und der Existenz eines bronzezeitlichen, legendenumrankten Ilios/Troia («Wilusa»).28 Nordanatolien und das Zentrum des Reiches (Land Hatti) ˘ Im nördlichen Mittelanatolien innerhalb des Halysbogens liegt Hattusa (tür˘ kisch: Bog˘azköy «Schluchtdorf», heute Bog˘azkale «Schluchtburg»). Die früheste Erwähnung des hethitischen Stadtnamens findet sich in einem Text des 18. Jh.s v. Chr. aus Mari am Euphrat. In der Großreichszeit, als die Hethiter im Konzert der internationalen Mächte mitspielten, lag die Stadt eher am Rande als im Zentrum des beanspruchten Herrschaftsgebietes. Ihr ausgedehntes Stadtareal erstreckt sich über ein erhöhtes, mit Felsköpfen überzogenes Gelände; am östlichen Ende wird es durch eine tiefe Schlucht begrenzt, die dem modernen Dorf den Namen gab. Verschiedene Bauperioden sind zu erkennen, deren älteste in die Zeit der hattischen Vorgänger der Hethiter weist. Mit 181 ha ist das Hattusa des 13. Jh.s eine der größten Städte der dama˘ ligen Zeit, auch wenn natürlich nicht der ganze umschlossene Raum besiedelt war. Auf der offenen westlichen Seite, gegenüber der Schlucht, zieht sich die große Befestigungsanlage hin, deren 8 m hohe, mit regelmäßig gesetzten Türmen verstärkte Mauer über eine Distanz von 6 km nachzuweisen ist. Der ­ältere, nördliche der beiden Ringe besitzt mehrere Untertunnelungen (Poternen). Die jüngere, südliche Mauer mit dem Löwentor und Königstor (Abb. 18) umgibt die Oberstadt. Zuoberst, auf Büyükkale, dominiert der Palast. Eine Schwierigkeit besteht in der genauen Funktionsbestimmung seiner einzelnen Räumlichkeiten; daß es hier Wohnungen der Königsfamilie, Vorrats- und Wirtschaftstrakte, Kulträume und Unterkünfte für Beamte und Leibgarde gegeben haben muß, läßt sich einer Dienstanweisung für die Leibgarde entnehmen. Charakteristisch sind die pfeilerhallen- und mauergesäumten Innenhöfe des Palastes. An den Rändern des größten, sogenannten mittleren Burghofes liegt zum einen jenes Gebäude – möglicherweise die Palastbibliothek –, in dessen Innern ca. 5000 Tontafelfragmente gefunden wurden, zum anderen ein zweistöckiger Bau mit einer Holzpfeilerhalle im Obergeschoß, die anscheinend als Audienzhalle des Herrschers diente. Im Areal der Hauptstadt sind bis heute über 30 Bauwerke als Tempel identifiziert worden; die größeren unter ihnen umfassen ganze Gruppen von

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Abb. 18:  Das sogenannte Königstor in Hattusa

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Höfen, Hallen und Räumen, ein Wesensmerkmal, das ebenso wie beim «Palast» auch den «Tempel» als ein Vorrats- und Wirtschaftszentrum kennzeichnet. Keiner der Bauten konnte bisher mit völliger Sicherheit einer bestimmten Gottheit zugewiesen werden. Den Haupttempel in der Ebene hatte man wohl an der Stelle des ältesten Kultplatzes der Stadt errichtet und vielleicht den beiden obersten Reichsgottheiten, dem Wettergott und der Sonnengöttin von Arinna, geweiht. In seinen Magazinen, die zum Teil mehrstöckig waren, haben die Ausgräber schon während der ersten Grabungskampagnen tausende von Keilschrifttäfelchen gefunden. Alle übrigen Tempelbauten liegen in der Oberstadt ziemlich dicht beieinander, so daß man von einem exklusiv kultischen Zwecken dienenden, gewissermaßen heiligen Viertel sprechen kann.29 Reine Wohnquartiere einer städtischen Bevölkerung sind bisher nur in der Unterstadt ausgegraben worden; daher läßt sich die Zahl der Einwohnerschaft, zumeist wohl Personen im Dienste der Paläste und Tempel, nur schätzen. Einen Anhaltspunkt bieten gigantische, unterirdische Getreidedepots im Nordosten der Stadt, in denen mehrere Tausend Tonnen Gerste und Weizen eingelagert waren. Sieben Quellen und mehrere Wasserteiche liegen im Stadtgebiet. Zur Infrastruktur gehörte ferner eine durch Regen- und Quellwasser gesicherte Frischwasserversorgung und ein System von Abwassergräben unter den Straßen. Noch unentdeckt sind die Nekropolen Hattusas. Lediglich aus ˘ der Frühzeit der Stadt sind einige Dutzend Gräber gefunden worden. Im Ge-

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Büyükkaya

Unterstadt Ambarlıkaya

Kızlarkayası

Büyükkale

Taanıkkaya

Oberstadt Yenicekale

Yerkapı

Karte 2: Topographie der hethitischen Hauptstadt

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128 IV.  Spätbronze- und Eisenzeit

Abb. 19: Hattusa, Blick von Büyükkale auf die Unterstadt

˘

gensatz zum pharaonischen Ägypten läßt sich im hethitischen Anatolien kein einziges Königsgrab nachweisen. Außerhalb der Hauptstadt sind bisher nur wenige Stätten mit komplexer Architektur aus der hethitischen Großreichszeit systematisch erforscht, und bisherige Funde hethitischer Keilschrifttexte – Indiz für ein Verwaltungs- bzw. Kultzentrum von mindestens regionaler Bedeutung – verteilen sich auf eine Handvoll Orte im näheren und weiteren Umkreis von Hattusa. Sehr weit au˘ ßerhalb dieses Umkreises liegen als weitere Zentren dieser Epoche nur Tarsus in Kilikien und einige Fundplätze in Nordsyrien, darunter Ugarit. Den Ort Alaca Höyük nordwestlich von Hattusa mit seinen reichen Grä˘ bern aus der Frühbronzezeit haben wir bereits erwähnt (S. 96). Dort befindet sich auch eine hethitische Stadt, die recht gut erforscht ist. Sie verfügt über eine Stadtmauer mit Orthostaten – großen, rechteckig bearbeiteten Steinen –, ein Sphingentor und eine Tempelanlage; die Archäologen fanden in ihr Statuetten aus Gold, Elfenbein und Bronze. Einen Namen kann man dieser Stadt indes noch nicht mit Sicherheit zuweisen. Neuere Grabungen und Schriftfunde rücken besonders drei Plätze in ein helleres Licht, Sapinuwa in Ortaköy bei Çorum, Tapikka (Mas¸athöyük) und ­Sarissa (Kus¸aklı), südlich von Sivas. Sarissa ist die im anatolischen Hochland («Oberes Land») am weitesten östlich gelegene Stadt, die hethitische Keilschriftfunde hervorgebracht hat; sie ist unter den hethitischen Provinzorten

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der Großreichszeit gegenwärtig am intensivsten erforscht. In mehr als einer Hinsicht erscheint Sarissa gewissermaßen als ein ‹Klein-Hattusa›. Auch ihr ˘ Stadtkern war mit einem Mauerring umschlossen und durch vier Tore zu betreten, die des nachts geschlossen und versiegelt wurden; ein entsprechender Siegelfund korrespondiert mit einem Text aus der Hauptstadt, worin diese Prozedur näher beschrieben ist. Im Innern von Sarissa hat man mehrere Heiligtümer teilweise freigelegt; das größte besaß mindestens 110 Räume, dabei einen ausgedehnten Wirtschaftstrakt, in dem unter anderem Bier gebraut wurde. Ein gewaltiger Speicherbau an der Südspitze innerhalb des Mauerrings faßte ca. 820 Tonnen Getreide, die in Notzeiten die Bewohner über ein Jahr hätten ernähren können – auch dies eine Einrichtung, wie sie von der Hauptstadt bekannt ist. Teiche, teilweise innerhalb der Stadtmauern, und Frischwasserleitungen entsprechen den in Hattusa vorhandenen Wassertanks. Die an ˘ mehreren Stellen gefundenen Tontäfelchen sind religiösen Inhalts. In Kombination mit Texten aus Hattusa verweisen sie auf ein bedeutendes Fest im Hei˘ ligtum der «Huwasi-Steine» außerhalb der Stadt, das vom Großkönig besucht ˘ wurde, und der Fund eines Tonsiegels verrät sogar den Namen eines lokalen Königs: «Mazitima». Außer an diesen Orten kamen in jüngster Zeit Keilschriftfunde zutage auch bei Grabungen in Kayalıpınar (vermutlich die Stadt Samuha) westlich von Sivas und in Oymaag˘aç (vermutlich Nerik) bei Vezirköprü, südwestlich von Samsun. Süd- und Westanatolien Strategisch und verkehrsmäßig kam der Schwemmlandebene des klassischen Kilikien, an der Grenze zu Syrien gelegen, zu allen Zeiten eine Schlüsselposition zu. Das Land hieß in hethitischer Zeit Kizzuwadna und wurde von Suppiluliuma I. in das Großreich integriert; Hattusili III. heiratete eine Prinzessin, ˘ die aus dieser Region stammte, festigte also wohl damit die Verbindung der Zentrale zur Peripherie. Die wichtigsten Zentren dort bildeten einst die heutigen Städte Tarsus (Tarsa?) und Mersin, deren damalige Namen wir jedoch nicht sicher kennen. Was die Länder Tarhuntassa und Lukka betrifft, so herrscht Gewißheit ˘ darüber, daß auch sie an der Mittelmeerküste lagen. Tarhuntassa schloß sich ˘ westlich an Kizzuwadna an. Die schon erwähnte Bronzetafel (13. Jh.), in die der Vertrag zwischen dem Großkönig Tudhaliya IV. und dem König von ˘ Tarhuntassa eingraviert ist, bietet einen wertvollen Anhaltspunkt durch die ˘ Verbindung des Ortsnamens Parha mit dem Flußnamen Kastariya, womit sehr ˘ wahrscheinlich das spätere Perge am Kestros (beim heutigen Antalya) gemeint ist.30 Dieser Fluß bildete die Grenze, westlich von ihm lag feindliches Gebiet. Tarhuntassa hat vor allem in späterer Zeit keine geringe Bedeutung. Muwatalli ˘

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verlegte dorthin die Hauptstadt; die genaue Ortslage aber ist unbekannt. Als das Reich der Hethiter schließlich unterging, bildete dieses Land einen der drei Reichsteile. Urkunden aus der Mitte des 2. Jt.s erwähnen ein irgendwo im Süden oder Südwesten gelegenes Land Luwiya, während spätere Texte außerdem von Lukka-Ländern sprechen, deren Bewohner räuberische Überfälle auf Zypern durchführten und die auch gegenüber Hatti zumeist feindlich ein­gestellt waren. Beide Namen klingen an die griechische Landesbezeichnung L ­ ykia an und haben Forscher veranlaßt, die lykische Halbinsel mit ihnen zu verbinden. Dies erscheint für Lukka plausibel, wenn sich auch die Lukka-Länder über Lykien hinaus erstreckt haben dürften. Die Gründe dafür können hier nicht dargelegt werden.31 Die Bestimmung der genauen Lage und Ausdehnung von Arzawa im Westen, Süden oder Südwesten Kleinasiens beruht auf Hypothesen. Von luwischer Bevölkerung bewohnt, bildete es im 15. Jh. einen mächtigen Gesamtstaat aus. Namen von drei seiner Herrscher sind bekannt: Pharao Amenophis III. (1390–1352) korrespondiert mit einem König Tarhundaradu, der ihm seine ˘ Tochter zur Frau versprochen hatte; der Pharao schickt Geschenke, zeigt sich aber von den Gegengaben nicht angetan. Der Arzawa-König schreibt an den Pharao auf Hethitisch – eine der seltenen Ausnahmen in der Amarna-Korrespondenz, deren Gros in Akkadisch geführt war – und bittet sogar, die Antwort möge ihm in Hethitisch erteilt werden. Etwa zwei Generationen später wurde Arzawa dann von Mursili II. erobert und zerschlagen. Der besiegte Usurpator Uhhaziti hatte an einem Ort namens Apasa residiert, das man hy˘˘ pothetisch mit dem späteren Ephesos gleichsetzt. Wo aber lag die Residenz von Groß-Arzawa? Ein – allerdings nicht allgemein akzeptierter – Kandidat ist Beycesultan im oberen Mäandertal, das wir schon kennengelernt haben. Die Hügelstadt war zwar nach der um 1750 erfolgten Zerstörung verarmt (S. 97), erlebte jedoch gerade in der Epoche des Tarhundaradu um 1450 einen Auf˘ schwung mit neuer Besiedelung, bis sie schließlich 1180 endgültig aufgegeben wurde. Leider läßt sich Beycesultan mangels Schriftfunden keinem der regionalen Staatengebilde dieser Periode sicher zuordnen. Mit der Zerschlagung dieses Reiches verbunden sind Namen von Kleinstaaten, die in die Diskussion um eine Lokalisierung von Arzawa einbezogen werden. Einer von ihnen trägt den Namen Mira und ist wohl im Mäandertal gelegen; nördlich davon (im Hermostal?) liegt nach der vorherrschenden Forschungsmeinung das Seha-Flußland. Die Grenze zwischen beiden scheint bei ˘ dem von Herodot erwähnten Felsbild von Karabel 20 km östlich der Großstadt Izmir verlaufen zu sein, wie eine Revision der Hieroglyphen durch den englischen Forscher John D. Hawkins ergeben hat. Eine weitere Felshieroglyphe viel weiter südlich wird als Grenzmarke zwischen Mira und dem hethiti-

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schen Zentralreich interpretiert. Am Suratkaya, auf dem Anadolupaß östlich des Bafasees, entdeckte sie die deutsche Archäologin Anneliese Peschlow-Bindokat im Sommer 2000. In diesem Text scheint unter anderem ein Mann von Mira erwähnt zu sein; ein weiterer Name befindet sich in einer sogenannten Kartusche – eine umrandete Zeichengruppe, die einen Herrschernamen birgt. Die Deutung des Namens als Kupanta-Kurunta, Neffe Mursilis II., wie die der ganzen Inschrift als Grenzmarke, ist jedoch sehr unsicher. Wenn wir uns der kleinasiatischen Ägäisküste zuwenden, so scheinen auf Grund der naturräumlichen Gegebenheiten Kontakte mit der teils in Sichtweite gegenüberliegenden Inselwelt lange vor dieser Zeit wenig überraschend; man findet Indizien dafür, daß Leute aus dem minoischen Kreta mit Asien verkehrten und dort – in Milet und an einigen Orten weiter südlich, unter anderem Iasos und Knidos – wohl auch siedelten.32 Doch besondere Aufmerksamkeit wird in der Forschung seit langem der Frage gewidmet, ob und wo am Westrand der hethitisch-luwischen Staatenwelt der Großreichszeit Griechen vorkommen: Sie steht in Zusammenhang mit der Suche nach dem frühesten Auftreten von Griechen in Asien überhaupt. Bekanntlich hat erst die erfolgreiche Entzifferung der sogenannten Linear B-Schrift durch die Engländer Michael Ventris und John Chadwick 1954 erwiesen, daß an den Herrschaftssitzen auf Kreta und in Griechenland auf Tontafeln Griechisch geschrieben wurde. Erhalten sind in dieser Schrift zumeist jedoch nur Inventarlisten. Herkunftsnamen von Personen – vor allem Frauen auf Tafeln aus Pylos in der ­Peloponnes, wahrscheinlich Sklavinnen – deuten vielleicht auf Orte in Asien, darunter Milet und Knidos: mi-ra-ti-ja (PY Aa 798 + Ab 573), ki-ni-di-ja (PY Aa 792; Ab 189; An 292) – die ältesten Hinweise auf Asiatisches im mykenischen Griechisch. Das besagt wenig über Anwesenheit von Griechen in Asien. Aufregender ist der Blick in umgekehrter Richtung, von den Hethitern nach Westen: Eine anhaltende Kontroverse rankt sich um das sogenannte Ahhiyawa˘˘ Problem. Ahhiyawa war der Name eines Königreichs im Südwesten oder We˘˘ sten, das bekannt ist seit dem Mittleren Reich. Ob es indes auf dem kleinasiatischen Festland oder, was zumindest für sein Zentrum wahrscheinlicher ist, außerhalb Anatoliens lag, wird nicht völlig klar. Jedenfalls war Ahhiyawa im˘˘ mer unabhängig und besaß zeitweise sogar eine Großmachtstellung. Meist stand es in gespanntem Verhältnis zu den Hethitern. 1924 wurden seine Träger von dem Schweizer Orientalisten Emil O. Forrer mit den Griechen der mykenischen Zeit identifiziert, die bei Homer Achaioi (Achaier, ältere Form Akhaiwoi) heißen. Hauptargument ist die klangliche Ähnlichkeit der beiden Namen. Diese Auffassung war Gegenstand eines heftig geführten Gelehrtenstreits der Zwischenkriegszeit; später ist die Identifikation von Ahhiyawa und Achaier ˘˘ durch den Hethitologen Hans G. Güterbock wieder aufgegriffen worden. Auch heute gibt es keine eigentlich positiven Beweise für eine Gleichsetzung,

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diese wird aber aus allgemeinen Erwägungen der historischen Zusammenhänge zumeist akzeptiert. Auf die bruchstückhaften Nachrichten über die Konflikte und Beziehungen im einzelnen können wir an dieser Stelle nicht eingehen. Trifft aber die Identifikation zu, so stellt sich die Frage, wo das Zentrum von Ahhiyawa zu lokalisieren ist. Auf der Peloponnes (Mykene), in Zen˘˘ tralgriechenland (Theben), auf Rhodos oder gar auf Kreta? In Linear B-Tafeln kommt der entsprechende Name bisher nicht vor. Eine 1997 entdeckte Inschrift aus Cineköy, nicht weit von Adana in Kilikien, verdient in diesem Zusammenhang besondere Beachtung. Sie ist zweisprachig verfaßt, in Hieroglyphenluwisch und Phönizisch, und wird in das 8. Jh. v. Chr. datiert. Die luwische Version nennt einen Ortsnamen in Kilikien: Hiyawa (die phönizische Übersetzung bietet an der Stelle einen anderen Na˘ men). Gesetzt, es ist dasselbe Wort wie Ahhiyawa und kein zufälliger Namens­ ˘˘ anklang, dann wäre zu fragen, wieso der Name weit entfernt von der hethiterzeitlichen Lokalisierung Ahhiyawas, die – wie schon erwähnt – im Bereich ˘˘ Kretas, der Ägäis oder Griechenlands gesucht wird, aufscheint. In Kilikien ist seit dem 8. Jh. die Präsenz von Griechen durch die archäologischen Zeugnisse zumindest wahrscheinlich. Das Wort würde dann auf einen Ort in Kilikien oder einen Teil des Ebenen Kilikien passen, der von Griechen bewohnt wird. Hiyawa/Ahhiyawa hieße demnach: Land/Ort der Griechen. Die Richtigkeit ˘ ˘˘ der Gleichung vorausgesetzt, würde dies Forrers Hypothese stärken. Unabhängig von der Problematik des Achaier/Ahhiyawa-Namens lassen ˘˘ sich heute gewisse Erkenntnisse aus der Archäologie sichern: Für Milet – dessen Gleichsetzung mit Millawata/Millawanda in hethitischen Texten zwar weithin akzeptiert, aber keineswegs bewiesen ist – und seine weitere Umgebung ist eine Besiedlung durch Griechen in der Großreichszeit der Hethiter nachweisbar.33 Man stützt sich dabei vor allem auf die mykenische Gebrauchskeramik in Milet und einen mykenischen Grabtyp (Kammergrab), der außer in Milet auch auf Samos, Kos und der dieser Insel gegenüber gelegenen Bodrumhalbinsel (Müsgebi und Pilavtepe) vorkommt. Anscheinend ist die Umgebung von Milet zu einer Art griechischer Peraia (Brückenkopf) geworden, die zeitweilig vielleicht zu jenem Reich Ahhiyawa gehörte. Eine Brandschicht ˘˘ in Milet geht möglicherweise auf die gewaltsame Zerstörung der Siedlung zurück und wird mit den Feldzügen unter Mursili II. nach Westen in Verbindung gebracht. Die Beziehungen der bronzezeitlichen Griechen mit den Hethitern waren aber nicht intensiv. Es existieren keine Hinweise auf die Hethiter selbst im mykenischen Griechenland, umgekehrt finden sich sonst nur geringe mykenische Funde im 2. Jt. innerhalb des hethitischen Gebiets. Ob für die Kyklopenmauern von Mykene und Tiryns sowie für das Löwentor von ­Mykene die hethitische Bauweise in Hattusa direktes Vorbild bot oder ob man in Griechenland ˘

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Hattusa überhaupt kannte, sei dahingestellt.34 Nicht der geringste Hinweis ˘ darauf existiert, daß mykenische Griechen Keilschrift lesen und die damalige ‹Weltsprache› Akkadisch verstehen konnten; das konnten nicht einmal die Schreiber von König Tarhundaradu in Arzawa in Süd- oder West­anatolien ˘ (S. 130). In der Amarnakorrespondenz jedenfalls kommen keine Achaier vor. Troia und der Nordwesten Auch über den Nordwesten Kleinasiens verfügen wir über keine sichere Kenntnis. Erwogen werden für den Großraum des späteren Bithynien und Mysien die hethiterzeitlichen Ländernamen Masa, Karkisa, für die Küstenlandschaft der Troas Wilusa. Troia erlebte im 2. Jt. wieder eine Blütezeit, nachdem dort zwischen ca. 2490 und 1700 meist einfache, dörfliche Besiedlung vorgeherrscht hatte. Man spricht von Troias Periode VI, die in acht (bzw. jüngst neun) Unterabschnitte geteilt wird. Ausgezeichnet ist sie durch die Anlage einer neuen, ringförmigen Befestigung. Die Mauer ist auf eine Strecke von ca. 350 m weit erhalten, ihr Steinsockel 4 bis 4,5 m dick und 4 m hoch. Es sind mehrere ziemlich große freistehende Häuser nachweisbar. Offensichtlich hat der Ort damals ­einige Bedeutung als regionales Herrschaftszentrum besessen. Seine Zerstörung erfolgt im 13. Jh. Troia VII a (die darauf folgende Schicht, wird neuerdings VI i genannt) führt die Kultur von Schicht VI weiter. Diese Siedlung sank um 1190/80 (?) – so zumindest die Chronologie des 2003 viel zu früh verstorbenen Ausgräbers Manfred Korfmann – in Schutt und Asche. Troia VII b1-2, die folgenden Perioden, stehen noch in alter Tradition, dann erfolgt der eigentliche Bruch. Doch hörte die Besiedelung nach der Brandkatastrophe ca. 1020 v. Chr. nicht gänzlich auf. Eine neue Periode, die sich in ihrer Architektur und Keramik von den früheren unterscheidet, läßt Beziehungen zum Balkan erkennen. Wir nennen diese Phase Troia VIII. Natürlich stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage der Historizität des Troianischen Krieges. Die historische Überlieferungslage dazu ist kompliziert, wir wollen sie knapp skizzieren. Doch zuvor sei ein Blick auf die Geschichte der Frage gestattet. Die antiken griechischen Schriftsteller waren fest davon überzeugt, daß der Krieg um Troia stattgefunden hat. Über das Wann und Wo stellten sie unterschiedliche Berechnungen und Beobachtungen an. Ihre Daten für den Zeitpunkt der Zerstörung schwanken (nach unserer Zeitrechnung) etwa zwischen 1300 und 1150 v. Chr. Dabei handelt es sich freilich nicht um eine wissenschaftliche Chronologie, sondern um ziemlich verwi­ ckelte Extrapolationen und gelehrte Spekulationen: Was die Geschichtsschreibung betrifft, so war für die Griechen die Zeit vor ca. 700, wie es Walter Burkert formuliert hat, eine terra incognita.35 Daß das Ilios der homerischen

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Erzählung (als Stadtname kommt auch Troie vor) überhaupt in dieser Gegend Kleinasiens zu suchen ist, legt eine ganze Reihe von topographischen Angaben in der Ilias selbst nahe, vor allem die Angabe über das Schiffslager der Griechen «am Hellespontos» (der griechische Name für die Dardanellen, vgl. bes. 12, 30; 15, 233 und an anderen Stellen), ferner das Idagebirge, der Fluß Skamandros usw. Der Dichter hatte jedenfalls diese Landschaft vor Augen, wenn er an den Schauplatz des Krieges dachte. Spätestens seit dem 7. Jh. v.  Chr. ­waren dort wirklich Griechen ansässig und bewohnten eine Stadt Ilion; ihre Nachkommen behaupteten, an deren Stelle habe Homers Ilios gelegen. Dem widersprachen aber bereits Gelehrte in der Antike, die Troia weiter landeinwärts vermuteten. Mittelalter und frühe Neuzeit rezipierten den Sagenstoff vor allem über das römische Epos des Vergil – die Aeneis. Bei der Frage nach dem Ort geriet eine Zeitlang die Ruine von Alexandreia Troas in den Blick, dann ein Hügel namens Ballı Dag˘; im 18. Jh. schließlich hat man das griechisch-römische Ilion wiederentdeckt, wo sich der Hügel mit dem türkischen Namen «Hisarlık» (das heißt: Burgruine) befindet. Die Idee, daß an dieser Stelle doch das sagenhafte Ilios/Troia liegen müsse, publizierte 1822 der Schotte Charles McLaren, und an Ort und Stelle wurde der Engländer Frank Calvert aktiv, bevor Heinrich Schliemann die ‹Entdeckung› Troias zu einer Sensation in seinem Namen machte. Die Entwicklung der Ausgrabungen und die nicht endenden Debatten um ihre Ergebnisse brauchen uns hier nicht zu beschäftigen. Bekanntlich ist am Beginn des 21. Jh.s ein neuer Streit über die Interpretation der Befunde mit so schockierender Heftigkeit entflammt, daß er sogar auf die Massenmedien übersprang. Der Streit kreist um die traditionell als VII a (VI i) etikettierte Siedlung, denn sie ging in eben jener Zeitspanne unter, der die Griechen den Fall Troias zugewiesen haben. Zu berücksichtigen ist, wie es der Althistoriker Justus Cobet prägnant formulierte: «Was man durch Graben gefunden hatte, war aber lediglich der Ort, an dem die Sage spielte (…), was diese Mauern einst erlebt hatten und was zu ihrer Zerstörung geführt hatte, ist eine andere Frage.»36 Hier beginnen komplexe Schwierigkeiten: Die vorliegenden Grabungsbefunde geben nämlich keine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Ursache der Zerstörung. Eine Entscheidung für diese oder jene Version, Krieg oder nicht Krieg, beruht auf Interpretation. Träfe die Interpretation «Krieg» zu, so wäre damit noch nicht viel gewonnen – und bei weitem nicht genug, um das Schicksal der Ruine mit der Erzählung vom Heerzug Agamemnons und Menelaos’ gegen Troia zu verbinden. Die Probleme wachsen noch, wenn es darum geht, das imaginäre Gesamtbild der Stadt und der Burg des Priamos mit den Ergebnissen der Archäologie in Beziehung zu setzen. Bei Homer ist die ganze Stadt ummauert, einen Mauerring um die Burg indes kennt der Dichter nicht. Was die Archäologie bisher hat feststellen können,

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kehrt jedoch dieses Verhältnis um: Troia VI–VII besaß eine starke Burgmauer, eine Stadtmauer fand sich nicht. Deutungen der Funktion eines ca. 400 m südlich der Burg in der Ebene verlaufenden Grabens als Annäherungshindernis, Deutungen der Häuserreste und Funde im Hinblick darauf, daß Troia eine Stadt mit hoher Besiedelungsdichte, eine Wirtschaftsmacht mit vitalen Handelsbeziehungen gewesen sei, halten der Kritik nicht stand. Ihre Vertreter scheitern nicht nur damit, Homers Troia zu bestätigen, sondern auch damit, die historische Rolle dieser Burg in die Nähe derjenigen bedeutender Palastzentren zu rücken.37 Die Archäologie gewinnt die normalerweise wünschenswerte Sicherheit darüber, wie ein ausgegrabener Ort seinerzeit einmal hieß, durch Schriftfunde. So wissen wir, daß am «Aschenhügel» Ka¯ rum Kaneš und bei Bog˘azköy Hattusa ˘ aufgedeckt worden sind. Außer einem für unsere Frage irrelevanten Siegelfund hat Hisarlık – so der heutige Name des mutmaßlichen Troia – bis heute nicht das kleinste Schriftstück freigegeben. Fahnder nach dem Indizienbeweis für Homerisches suchen einen zweiten Strang neben den Grabungsbefunden in der schriftlichen Überlieferung außerhalb Troias, und da aus dem Griechenland des 2. Jt.s v. Chr. nur die in dieser Hinsicht unergiebigen Inventarlisten auf Tontafeln in Linear B-Schrift zu finden sind,38 durchmustern sie das ägyptische, vor allem aber das hethitische Schrifttum der Großreichszeit nach Hinweisen auf die Existenz eines Ilios oder Troia. Das geschieht nun schon seit langem, doch hat sich durch Neufunde und mit den Fortschritten der Philologien und der Sprachwissenschaft am Textmaterial die Diskussion im 20. und zu Beginn des 21. Jh.s zugespitzt. Im Brennpunkt der Debatte steht die in Bruchstücken hethitischer Urkunden mehrmals bezeugte Ortsbezeichnung Wilusa, die mit (W)Ilios gleichgesetzt wird. Wilusa erscheint als Herrschaftsgebiet von Regenten. Wichtig ist das Auftreten eines Königs Alaksandu von Wilusa, eines Vasallen von Muwatalli, im 13. Jh., der mit Alexandros von Ilion, das heißt dem Paris der Troiasage, identifiziert wurde. Auch ein Ortsname Taruisa kommt vor, den man mit Troia gleichgesetzt hat. Die Ortsnamen­ gleichungen haben vom linguistischen Standpunkt aus manches für sich, sind aber wiederum für sich genommen nicht zwingend. Ein schwerwiegender Einwand ergibt sich zudem daraus, daß im Gegensatz zum Wortgebrauch bei Homer, der Ilios und Troie auf Teile oder Aspekte ein und desselben Ortes bezieht, ein hethitischer Text mit Wilusa und Taruisa verschiedene Länder bezeichnet. Leider sind alle Angaben in den wenigen Keilschriftfragmenten für eine genaue geographische Lokalisierung zu vage. Damit bleibt die Bilanz in der Schwebe. Vielleicht haben wir Glück, und künftige Funde lassen uns in der Zukunft noch Näheres über die hethitische Geschichte der Nordwestecke Kleinasiens erfahren und auch in der brennenden Frage nach einem historischen Kern der Troiasage weiterkommen. Vieles,

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was sonst noch in die Argumentation einbezogen wird, kann hier aus Umfangsgründen nicht besprochen werden. Doch sei abschließend die Frage gestellt, wie ein geschichtliches Ereignis, das einmal als Nukleus der Troiasage angenommen sein soll, über 500 und mehr Jahre hätte weitergegeben werden können, ohne daß auch nur ein Funke davon jemals verschriftlicht worden wäre. Und gesteht man selbst das noch zu, so darf man doch allergrößte Zweifel haben, daß sich eine historisch irgendwie zuverlässige Substanz darin hätte erhalten können, die nicht vielfach dichterisch bis zur Unkenntlichkeit überarbeitet und überformt worden wäre.

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2. DAS ENDE DES GROSSREICHES, DER SEEVÖLKERSTURM UND DIE DUNKLEN JAHRHUNDERTE (CA. 1200 BIS 800 V. CHR.)

Das abrupte Ende des Hethiterreiches ging mit entsprechenden Ereignissen an mehreren Orten des hethitischen Anatolien etwa in derselben Zeit einher (Ende 13. bis Beginn 12. Jh.). Für Hattusa ist die Zerstörung auf die Spanne ˘ zwischen 1220 und kurz nach 1200 anzusetzen. Dort waren vor allem öffentliche Gebäude betroffen (Palast auf Büyükkale, Tempel). Der Ablauf der großen Katastrophe ist im einzelnen nicht bekannt. Unverkennbar wirksam sind politische und wirtschaftliche Degenerationserscheinungen in allen Großreichen der Region. Wirtschaftliche, das heißt besonders landwirtschaftliche Schwierigkeiten zeichnen sich in der Spätphase ab. Es scheint im Kerngebiet eine echte Nahrungsknappheit eingetreten zu sein, ­deren Ursachen freilich komplex gewesen sein mögen. Wir hören sogar von einer Hilfeleistung durch die Ägypter. Pharao Merenptah (1224–1204) berichtet im fünften Jahr seiner Regierung: «Ich veranlaßte, Getreide auf Schiffe zu laden, um dieses Land der Hethiter am Leben zu erhalten.»39 Man vermutet, daß es im Zentrum damals zu einem Einfall der Kaskäer kam, dem die Hauptstadt zum Opfer fiel. Schließlich werden auch innere Unruhen, vielleicht bedingt durch den Loyalitätskonflikt, der seit der Usurpation Hattusilis III. andauerte, für die Zerstörung des Reiches im Kerngebiet ver˘ antwortlich gemacht. Loslösungsbewegungen deuten sich in Syrien an, und auch die Teilstaaten Karkamiš und Tarhuntassa treten recht selbständig auf. ˘ Als im engeren Sinne ursächlich für den endgültigen Zusammenbruch wird dagegen die ausgedehnte Völkerbewegung angesehen, die vom Balkan her nach Osten drängte, der sogenannte Seevölkersturm. Archäologisch sind Brandschichten aus dieser Zeit an verschiedenen Stellen nachweisbar, doch ist fraglich, wie weit sie genau in denselben Ereigniszusammenhang gehören.40 Auffällig ist der Befund auf Büyükkale, dem Palastbezirk Hattusas, insofern als ˘ unter den schweren Trümmern der zusammengestürzten Mauern und Dächer nur wenige Gegenstände aus der Untergangszeit gefunden wurden, die nor-

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malerweise zum Inventar eines Palastbetriebs gehören. Der Palast scheint vor seiner Zerstörung schon verlassen, ja geräumt worden zu sein. Schriftliche Quellen, die über die Geschehnisse orientieren, stammen aus Ägypten und aus Ugarit, das an der syrischen Küste liegt. Über die Situation auf dem Hochland informieren die Königsannalen der mittelassyrischen Zeit (vor allem jene Tiglatpilesars I., 1115–1093). In ägyptischen Quellen ist die Rede von «Völkern von den Inseln des Meeres», die gegen Ägypten losbrechen, doch ist der Begriff «Inseln des Meeres» oft mythisch gebraucht und läßt sich in der realen Geographie nicht eindeutig verorten.41 Ein erster Einfall erfolgte unter dem Pharao Merenptah 1219, evtl. 1208, von Westen her; sicher waren Bewohner Kleinasiens daran beteiligt. Ein zweiter Einfall (es ist fraglich, in welchem Zusammenhang er mit dem ersten zu verstehen ist) erfolgte unter Ramses III. im Jahr 1177. Offensichtlich handelte es sich um eine Art Völkerwanderung, die von Norden zu Land und zur See gegen Ägypten heranzog. Völkernamen, die erwähnt werden, weisen zum Teil auf den Balkan hin. Ausdrücklich wird hervorgehoben, daß kein Land den Invasoren standhielt. Hatti und andere Länder ˘ seien vernichtet worden. Dann konnte die Bewegung vom Pharao in Palästina gestoppt werden. Eines der Seevölker, die Philister, wurde in Palästina angesiedelt. Sie gaben dem Land den Namen «Palästina». Berichte aus Ugarit (Tafeln aus einem Töpferofen, die im Moment der Zerstörung noch ungebrannt waren) erwähnen Einfälle von der Seeseite und hethitische Kämpfe zu See an der Südküste Kleinasiens und um Zypern. Von Seekämpfen um Zypern kündet auch ein hethitischer Text, der von dem letzten hethitischen König Suppilu­ liuma II. stammt. Um den Untergang des Reiches in Anatolien mit der allgemeinen Er­ eignisgeschichte in eine zeitliche Ordnung zu bringen, hat man besonders den ­assyrischen Bericht aus dem Jahr des Regierungsantritts des Königs Tiglatpilesar I. (1115 v. Chr.) herangezogen. Demnach fanden Kämpfe der Assyrer gegen Muški statt, im Jahr darauf gegen Kaški in Nordmesopotamien. Während also der Hethiterkönig gegen die Seevölker im Süden kämpfte und dabei wohl besiegt wurde, überrannten die Kaskäer und die anderen Eindringlinge im Hoch­ land das hethitische Zentrum und drangen dann weiter nach Südosten vor. Das Resultat ist ein unübersehbarer Kulturbruch in Mittelanatolien. Während im Süden und Südosten viele Ortsnamen bis heute fortbestehen – Nig˘de, Adana, Malatya und andere –, ist in der Mitte der Region eine vergleichbare Kontinuität nicht gegeben.42 Die äußeren Kennzeichen der Zivilisation wie reger Schriftgebrauch und monumentale Architektur verschwinden weitgehend. Ähnliches vollzieht sich in Griechenland. Da die Schriftquellen in der damaligen Welt ganz versiegen oder stark schwinden, redet man von den Dunkeln Jahrhunderten. Die ‹dunklen› Perioden sind indessen regional von unterschiedlicher Dauer. Im Osten und Südosten bleibt die Tradition teil-

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Ende des Großreiches, Seevölkersturm, Dunkle Jahrhunderte (ca. 1200 bis 800 v. Chr.) 139

weise intakt. Dies gilt uneingeschränkt für Ägypten und Assyrien. Im Westen setzt die Überlieferung erst im 8. bis 6. Jh. v. Chr. durch die damals entstehende griechische Literatur wieder ein. [ [ [

Das Großreich der Hethiter nimmt in der Geschichte Kleinasiens eine Sonderstellung ein. Zum ersten und für lange Zeit – und dies gilt weit über die Antike hinaus – zum einzigen Mal hat ein in Anatolien ansässiges Volk fast die ganze kleinasiatische Halbinsel politisch dominiert und kulturell geprägt. Die Hethiter waren eine Landmacht, die aus dem Innern Anatoliens heraus über Land expandierte und mit den großen Nachbarkulturen des Vorderen Orients in Konflikt und Austausch trat; nicht von ungefähr ist in dieser Kontaktzone das hethitische Erbe noch lange lebendig geblieben – so daß gar der Name dieses Volkes in der Bibel erscheint –, während es im Westen verschwand und Hethiter in der gesamten griechischen und lateinischen Literatur des klassischen Altertums mit keinem Wort erwähnt werden. Wiedergewonnen hat dieses Volk und seine Geschichte eigentlich erst das 20. Jh. Charles Texier glaubte 1834 mit den Ruinen Hattusas die Stadt Pteria der Meder entdeckt zu ˘ haben, und noch am Ende des 19. Jh.s wurde über die Identität des Ortes spekuliert, weil man die Sprache seiner Schriftzeugnisse nicht verstand. Ein gelehrter Pater namens Jean Vincent Scheil war der erste, der darauf kam, daß diese in Keilschrift geschriebene Sprache «Hethitisch» ist. Erst mit Beginn der Grabungen 1906 unter Theodor Makridi Bey und Hugo Winckler wußte man sicher, wo man sich befand, und Bedrˇ ich Hroznýs erfolgreiche Entzifferung 1915 schloß das Tor zu einer neuen Welt auf, die zahlreiche weitere Entdeckungen brachte und durch Ausgrabungen bis heute intensiv erforscht wird. Die Erschließung der Texte, Monumente und Gegenstände geht in der Gegenwart dynamisch voran und stimuliert neuerdings eine Diskussion über spezifisch anatolische, historische und kulturelle Zusammenhänge; dazu gehört auch die anatolische «Kontinuitätsthese» (S. 179 ff.).

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3. KLEINSTAATEN, VÖLKER UND NEUE REICHE (CA. 1000 BIS CA. 550 V. CHR. UND SPÄTER)

Der Zusammenbruch des internationalen Staatensystems um und nach 1200 v.  Chr. eröffnet vom Ägäisraum bis nach Syrien und Palästina ein Macht­ vakuum, das eine Reihe von Migrationen zuläßt und in dessen Folge sich Kleinstaaten und neue Reiche entfalten können. Erst der Aufstieg des neuen Assyrerreichs seit dem 10. Jh. ändert die Situation im Orient. Im Grunde sind es dieselben Motive, die schon etwa 1000 Jahre zuvor die Assyrer nach Westen drängen ließen: Sie erstreben die gesicherte Versorgung mit Metallen, Bauholz und andern wertvollen Gütern (wie beispielsweise Pferden). Anfangs erfolgen die assyrischen Vorstöße sporadisch, doch vom 8. Jh. v. Chr. an etablieren die Assyrer ihre Herrschaft dauerhaft über einen Teil Kleinasiens. Bis ca. 700 dehnt sich ihre Macht auf die Levanteküste, Zypern und Kilikien aus. Ägypten fällt in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts unter ihre Kontrolle (671–655), bevor sich dort Psammetichos I. von ihr befreit und eine neue Dynastie begründet. Aus vielen Gebieten, so auch aus Kilikien, wird ein großer Teil der ansässigen Bevölkerung deportiert und an ihrer Stelle Assyrer und Babylonier angesiedelt. Erst gegen Ende des 7. Jh.s v. Chr. unterliegt das ­assyrische Großreich den Babyloniern und Medern. Im Vorfeld des Assyrerreiches bis nach Kappadokien und Kilikien bleibt die hethitisch-luwische Sprach- und Kulturtradition weithin lebendig. Man faßte das Gebiet dieser Kleinfürsten traditionsgemäß als Hatti auf. Neben ­ihnen ˘ wächst die Macht phönizischer Königtümer. Vor allem aber gehört in diese Zeit das Vordringen eines semitischen Volkes, der Aramäer. Sie stoßen aus der Wüste in die zivilisierten Gebiete vor und setzen sich allmählich allenthalben durch. Auf dem anatolischen Hochplateau im Osten etabliert sich das Reich eines sprachlich mit den Hurritern verwandten Volkes, Urartu, das etwa zwei Jahrhunderte Bestand hat und dann untergeht. Spuren der altanatolischen Tradition weiter westlich stammen aus einer zeitlich späteren Epoche: Die Lyder gelten als Nachkommen der hethitischluwischen Bevölkerung, und auch an der Südwest- und Südküste Kleinasiens

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sind – allerdings sehr spät (5./3. Jh. v. Chr.) – bei Karern, Lykiern und Sideten noch dem Luwischen verwandte Idiome anzutreffen, doch bleiben uns Herkunft und frühere Schicksale dieser Völker verborgen. Mittel- und Westanatolien wird von Migrationen, offenbar aus dem Balkanraum, erfaßt. Auf der anatolischen Hochebene entsteht das Großreich der Phryger. Nach Zerstörungen durch erneute Barbareneinfälle folgt der Aufstieg des vom Hermostal bis an den Halys expandierenden Lyderreiches. Niederlassungen der aiolischen, ionischen und dorischen Griechen an den Ägäis- und Mittelmeerküsten haben intensiven Kontakt zu Phrygern, Lydern, Karern und Lykiern. Nach 700 breiten sich neue Auswandererwellen der Griechen entlang der Propontis (Marmarameer) und der Südküste des Schwarzen Meeres aus. Nach den Kriterien der Archäologie läßt man in den letzten Jahrhunderten des 2. Jt.s die Eisenzeit beginnen. Die Verwendung und die Herstellung des Eisens verbreiten sich rasch. Die genauen Zusammenhänge dieser bedeutenden kulturgeschichtlichen Entwicklung sind aber immer noch offen und Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Die Schriftquellen dieser Zeit stammen nur zum Teil aus Kleinasien selbst; vieles wird aus der Außenperspektive der assyrischen Vormacht dargestellt, die sich zeitweise Kilikien (Qu’e) und einen Teil Kappadokiens (Tabal) als westliche Provinzen einverleibt. Für den südostanatolisch-nordsyrischen Großraum ist das von John David Hawkins und Halet Çambel vorgelegte Corpus der hieroglyphenluwischen Inschriften der Eisenzeit von herausragender Bedeutung. Aus deren Verbreitungsgebiet stammen auch Steininschriften in semitischen Alphabeten (Phönizisch, Aramäisch), während im Hochland die Urartäer ihre Inschriften in assyrischer Keilschrift ausfertigen. Karer, Lykier, Sideten, Lyder verwenden – wie auch die Phryger und Griechen – ihre eigenen Alphabete. Die weitaus meisten Texte sind jedoch später als zur Mitte des 6. Jh.s entstanden. In Westanatolien setzt im 7. Jh. v. Chr. die literarische Überlieferung der Griechen ein. So sind die kulturellen und ereignisgeschichtlichen Entwicklungen zu unterschiedlich, als daß es sich empfehlen würde, die Vorgänge in Kleinasien streng chronologisch darzustellen; daher sollen die einzelnen Schauplätze nacheinander betrachtet werden.

3.1.  Späthethiter (ca. 11. bis 8. Jh. v. Chr.) In Südostanatolien – im Gebiet der Tauroskette, Kilikiens und Nordsyriens – erhielten sich die «späthethitischen» Kleinstaaten, welche bewußt die Traditionen der hethitischen Großreichszeit fortsetzten. Die Herrscher hatten Namen wie Suppiluliuma, Muwatalli, Labarna, und sie führten die gleichen Titel

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Abb. 20a:  Felsrelief von

Ivriz. Gott mit Ährenbündel und Trauben, ­gegenüber König Warpalawas

wie die Könige der Großreichszeit. Sie verwendeten die Hieroglyphenschrift im Alltag: Die Hauptmasse der Zeugnisse jener Schriftart stammt aus dieser Periode. Die Sprache ist eindeutig Luwisch; sie wird manchmal auf Grund ihres Bildcharakters auch Bildluwisch genannt. Offenbar wurde die Schrift als typisch hethitisch empfunden und war ein Element der Tradition. Später werden in diesen Gebieten auch das Phönizische und das Aramäische verwendet. Unter den wichtigsten Staaten und Lokalitäten verdient jener als erster kurz vorgestellt zu werden, der schon in der Großreichszeit als Sekundogenitur existierte: Karkamiš am Euphrat. Man kann heute die dortige Dynastie des Sohnes von Suppiluliuma I. über fünf Generationen bis auf einen gewissen Kuzi-Teššub hinabverfolgen. Karkamiš spielte im nordsyrischen Raum eine Zeitlang auch politisch eine führende Rolle, blieb jedenfalls kulturell ein überregional ausstrahlendes Zentrum, an dem viele Funde von Skulpturen und ­Inschriften gemacht wurden.42a Aus Karkamiš stammt eine hochinteressante Bildsequenz mit hieroglyphenluwischen Inschriften auf den Orthostaten der Sockelzone eines herr-

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schaftlichen Gebäudes ([99] Hawkins A 6 + A 7 a-f). Es spricht von sich in der ersten Person Singular ein gewisser Yariri, hochrangiger Regierungsvertreter, Prinzregent und Erzieher der Söhne seines früh verstorbenen Königs Astiruwa. Er sagt, er sei geliebt von den Göttern und angesehen im Westen wie im Osten, sein Name sei bekannt in Ägypten und Urartu, bei den Lydern, Phrygern u. Syrern (Phoinikiern?); das Bauwerk habe er als die künftige Residenz des Königssohnes Kamani errichtet, den er zusammen mit seinen jüngeren Brüdern auch auf den Reliefs habe abbilden lassen.Vorn sieht man Yariri den Jungen bei der Hand führend, dahinter die spielenden Kinder, jedes in der Beischrift mit Namen genannt. Etwa zeitgleich ist eine weitere Inschrift auf mehreren Fragmenten einer Halbsäule ([99] Hawkins 150: A 15b), wo derselbe Yariri sich nicht nur rühmt, Karkamiš stark gemacht und Kamani und die Brüder aufgezogen und gelehrt zu haben, sondern auch, für seine weiten Reisen in königlichem Auftrag zwölf Sprachen erlernt und vier verschiedene Schriften beherrscht zu haben: die «städtische», die phoinikische, die assyrische und die aramäische. Es ist dies ein eindrückliches Zeugnis für die Begegnung verschiedener Kulturen auf engem Raum. Im nordsyrischen Raum liegen Tell Ahmar, Aleppo – mit einem erst jüngst ausgegrabenen Heiligtum eines Wettergottes auf der Zitadelle –, ferner Samal (heute Zincirli), wo besonders die Reliefinschriften in Alphabetschrift und die Eigennamen auf eine gemischt luwisch-semitische Kultur hinweisen, und Hamath (Hama). Aus der Region am bzw. im Tauros im Norden kennt man die Fürstentümer Kummuh, das spätere Kommagene, Milid (Malatya) ˘ und Gurgum (Maras¸) westlich des Euphrat. Diesseits des Amanosgebirges sind Fürstentümer bei Antakya (Unqi) und in der kilikischen Ebene (Qu’e) lokalisiert worden, wobei das Zentrum von Qu’e offenbar unter der modernen Großstadt Adana liegt. Tel Tayinat in der Amuq Ebene (bei Antakya) ist wahrscheinlich die Hauptstadt des Königreiches W/Palastin, das zwischen dem 11. und 9. Jh. v. Chr. mächtig war. Erst

Abb. 20 b:  Orthostaten von einem Gebäude in Karkamiš mit Reliefs und Inschrift des Yariri, heute im Museum für Anatolische Kulturen, Ankara

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kürzlich entdeckte Inschriften zeugen von seiner Bedeutung und geben die Namen von Regenten an. Das Verhältnis dieses W/Palastin zu den Phililstin weiter im Süden bleibt unklar.42b Ebenfalls in diesen Kontext gehört der Ausgrabungsplatz Karatepe im Ceyhantal, wo 1946 eine phönizisch-hieroglyphenluwische Bilingue gefunden wurde. Im Norden der kilikischen Tauroskette befand sich assyrischen Quellen zufolge das Land Tabal.42c Aus dem 8. Jh. kennt man – vor allem dank des schön erhaltenen Felsreliefs von Ivriz (Abb. 20) – namentlich Fürsten von Tuwana (das spätere Tyana). Unweit von Nig˘de wurden vor wenigen Jahren auf dem Kraterrand des über 2000 m hohen Göllü Dag˘ Reste komplexer Architektur (Wohnhäuser und ein repräsentatives Zentralgebäude) und einige Skulpturen späthethitischer Zeit entdeckt, die unter anderem die Frage aufwerfen, ob sich dort ein großes, späthethitisches Bergheiligtum befand, zu dem ein saisonal, von Festteilnehmern genutzter Wohnkomplex gehörte. Eine kohärente Geschichte dieser Kleinstaaten läßt sich nicht erzählen. Sicher bestand unter ihnen kein Zusammengehörigkeitsgefühl. Den Ablauf der Ereignisse in dieser Gegend bestimmen die bereits erwähnten, übergeordneten Faktoren – erstens die ständige Unterwanderung durch die sich im nordsyrischen Raum ausbreitenden Aramäer seit dem 10. Jh., und zweitens die Eroberungen der Assyrer seit dem 9. Jh.: Schon die Feldzüge Salmanassars III. (858–824) machen Tabal und Qu’e tributpflichtig; Kummuh wird ständig bedrängt und 708 v. Chr. als letzter späthethitischer Kleinstaat ins Assyrerreich eingegliedert. Aus der Zeit dieser Fürstentümer haben sich zahlreiche plastische Kunstwerke erhalten, Vollplastik, Reliefs an Orthostaten und an Felswänden. Wie schon erwähnt, wurden dort die Traditionen der Großreichszeit weitergeführt, gleichzeitig aber auch Einflüsse der semitischen Stämme aus der Umgebung aufgenommen. Künstlerisch sind die erhaltenen Monumente freilich wenig entwickelt.

3.2.  Urartäer (ca. 9. bis 6. Jh. v. Chr.) In Ostanatolien und den angrenzenden Gebieten Irans und Armeniens siedeln seit dem 18. Jh. nachweislich hurritische Stämme. Im 14. Jh. werden in diesem Raum die Nairi-Länder erwähnt, und seit dem 13. Jh. ist der Name Uruat.ru/i bezeugt. Das Zentrum dieser Kultur liegt in der Gegend des Vansees, der Kernzone des später Urartu genannten Reiches. Der moderne Sprachgebrauch folgt mit dieser Benennung der assyrischen Terminologie; früher wurde in der Literatur für die Einwohner auch die Bezeichnung Chalder – nach dem

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Abb. 21 a – b:  Urartäische Anlage Cavus¸tepe, südlich des Vansees

Hauptgott Haldi – gebraucht.43 Die Selbstbezeichnung für den entsprechen˘ den Staat war Biainili. Der Name Urartu erscheint im Alten Testament im Zusammenhang mit der Sintflutgeschichte als ara¯ ra¯ t, das als Landschaftsbezeichnung verwendet wird. Erst im Mittelalter wurde der Name Ararat auf den höchsten Berg der Region übertragen (S. 35). Die wichtigsten Quellen für die Geschichte Urartus sind assyrische Feldzugsberichte. Seit dem 9. Jh. kommen eigene Inschriften der urartäischen Könige hinzu, die zunächst assyrisch, seit ca. 820 v. Chr. aber in der einheimischen, in assyrischer Keilschrift geschriebenen Sprache verfaßt sind. Diese Sprache ist bis heute nicht vollständig entschlüsselt. Anfangs hatten Kleinstaaten die Gegend unter sich aufgeteilt, die aber offenbar im 9. Jh. geeint wurden. 856 wird erstmals ein König von Urartu erwähnt. Das Reich stand in ständigen Kämpfen mit den Assyrern und konkurrierte mit ihnen zeitweise um die Macht. Während der assyrischen Schwächeperiode vom Ende des 9. bis zur Mitte des 8. Jh.s erreichte Urartu eine große Ausdehnung und erstreckte sich bis Kilikien und Nordmesopotamien. 714 v. Chr. setzte jedoch ein assyrischer Angriff der Großmachtstellung ein Ende, und gegen Ende des Jahrhunderts bedrohten und schwächten es die von Norden in Kleinasien einfallenden Kimmerier. Urartu verschwindet im 7. oder 6.

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Jh. spurlos aus der Geschichte, die Gründe, weshalb und auf welche Weise, bleiben uns verborgen. Vielleicht aber steht sein Ende mit der für uns im übrigen überhaupt nicht faßbaren Einwanderung der Armenier in Zusammenhang. Die politischen und die kulturellen Leistungen des urartäischen Reiches sind beeindruckend: In kurzer Zeit haben die Herrscher nach assyrischem Vorbild einen Staat mit einem gut gegliederten Beamtenapparat aufgebaut. Die Könige tragen Namen wie Sardur, Argišti und Rusa. In Kriegsberichten stellen sie ihre Erfolge dar und leiten sie mit der Formel ein: «Es spricht der König»; diese Formulierung begegnet uns später in den Inschriften der iranischen Achaimeniden erneut. Literatur im eigentlichen Sinne ist uns von den Urartäern nicht erhalten. Große Leistungen vollbrachten sie jedoch in der Baukunst und Metallverarbeitung. Ihre Götter verehrten die Urartäer in Tempeln, deren Aussehen durch Darstellungen auf assyrischen Reliefs bekannt ist. Die frühere Annahme, daß sie architektonisch mit dem Typus des griechischen Tempels verwandt gewesen seien, ist wahrscheinlich nicht richtig. Von zahlreichen Festungen sind bedeutende Reste auf schwer zugänglichen Felsformationen erhalten. In den Städten gab es Wohnblöcke mit mehrstöckigen Häusern. Hervorstechendes Produkt der Kunst der Metallverarbeitung in Urartu sind große Bronzekessel in der Art von Dreifüßen. Sie waren in der ganzen damaligen Mittelmeerwelt verbreitet. Offen und umstritten ist die Frage, ob es sich bei diesen Exemplaren um Exportware der Urartäer oder um Nach­ ahmungen ihrer Produktion handelt. Die natürlichen Voraussetzungen für die Landwirtschaft waren im Gebiet der Urartäer vergleichsweise nicht sehr günstig; um so intensiver wurde sie gefördert. Der laugenhaltige Vansee war als Trinkwasserreservoir unbrauchbar; so konstruierte man Kanäle und Bewässerungsanlagen und terrassierte Berghänge. Völlig im dunkeln liegen, wie gesagt, Herkunft und Anfänge der Armenier, die das Gebiet der Urartäer besiedelt haben, nachdem diese aus der Geschichte verschwunden waren. Worauf der Volksname Armenioi, den Herodot benutzt (der Landschaftsname Armenia erscheint erst bei Xenophon), zurückgeht, wissen wir nicht. Die Perser nannten das Land oder Volk Armina. Wie in solchen Fällen üblich, kursierten bei den Griechen Geschichten über einen mythischen Stammvater, Armenos, der aus Thessalien stammte und die Argonauten nach Armenien begleitete. Seine Gefolgsleute – so wird fabuliert – ­sollen sich dann über das riesige Gebiet verteilt haben; man könne den thes­ salischen Ursprung noch an der Kleidung, den langen Mänteln sowie der Reittechnik der Armenier erkennen. Über ihre Herkunft ist auch in der Neuzeit viel spekuliert worden, für eine Beweisführung reicht indes die Quellenbasis nicht aus. Auch archäologische Befunde aus der Phase zwischen dem 6. und 4. Jh. v. Chr. fehlen weitgehend. Trotz deutlicher Einflüsse der Nachbarn,

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die Luwisch, Hurrisch-Urartäisch sowie kaukasische und semitische Idiome sprachen, ist das Armenische als indogermanische Sprache identifiziert worden. Texte in ihrer eigenen Sprache produzierten die Armenier indessen erst seit der Adaptation des griechischen Alphabets bald nach 400 n. Chr.; aus dem Jahrtausend zuvor sind nur ein paar Inschriften und Münzprägungen in Aramäisch und Griechisch überliefert.

3.3.  Lykier, Karer, Sideten (ca. 7. bis 4. Jh. v. Chr.) Weit entfernt von der Region späthethitischer Kleinstaaten lassen sich im ehemals luwischen Südwestkleinasien noch Abkömmlinge dieser großen Sprachfamilie ausmachen. Von zwei Völkern, den Lykiern und den Karern, stammen (ausschließlich inschriftliche) Zeugnisse in ihren Sprachen, die eine Verwandtschaft mit dem Luwischen aufweisen und auch als «jungluwisch» bezeichnet zu werden pflegen.44 Die älteste Textquelle, die beide Völker erwähnt, ist Homer, und die Griechen haben die Ursprünge beider Völker mit Kreta in Verbindung gebracht. Karien und Lykien gehören zu den am intensivsten durchforschten ­antiken Landschaften Kleinasiens überhaupt; gleichwohl ist aus den Dunklen Jahrhunderten und darüber hinaus bis zur Mitte des 1. Jt.s so gut wie nichts über ihre Geschichte und Kultur bekannt. Die epigraphische Überlieferung der insgesamt über 200 bekannten Inschriften in lykischer Sprache – es gibt zwei verschiedene, als A und B bezeichnete Dialekte – setzt erst im 6. Jh. v. Chr. ein. Längere Texte wie jener auf dem Pfeiler von Xanthos und die Trilingue aus dem Letoon (Lykisch, Griechisch, Aramäisch) ließen die Spezialisten tiefer in diese Sprache eindringen, als es beim Karischen der Fall war. Den in ihrer Benennung durch die Griechen, Lykier, fortlebenden Lukka-Namen verwenden sie selber nicht, sondern bezeichnen sich als Termilen. Zu den überwiegend nur kurzen Inschriften – beispielsweise Besitzerinschriften an Gräbern – treten als charakteristisch lykische Elemente plastische Darstellungen hinzu; in diesem Zusammenhang sind besonders die ‹Architektur› der in Fels gehauenen Gräberfassaden und die Münzprägungen zu erwähnen, obgleich in beiden Bereichen bereits griechische Einflüsse unübersehbar sind. Schon im 8./7. Jh. v. Chr. gibt es griechische Keramik in Lykien. Immerhin läßt sich eine eigene religiöse und auch politische Tradition fassen, wobei das Sepulkralwesen Rückschlüsse auf manche ­Aspekte der Gesellschaft und Kultur erlaubt. Auf Zeugnisse antiker Autoren – Herodot und Herakleides Pontikos – gestützt, hat Johann Jakob Bachofen den Lykiern eine Form des Matriarchats zugeschrieben, doch hält die moderne

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Forschung diese These nicht aufrecht.45 Die lykische Gesellschaft hört nicht auf zu existieren, als nach 300 v. Chr. die Sprache aus der Überlieferung verschwindet, und selbst manche Phänomene aus der römischen Kaiserzeit können noch als eigentümlich lykisch gelten. Wie die Lykier so schrieben auch die Karer ihre Inschriften in einer Alpha­betschrift, die sie wie jene wahrscheinlich von den Griechen gelernt hatten, auch wenn darüber unter den Experten keine Einigkeit herrscht.46 Die Formen und Lautwerte der Zeichen des karischen, des lykischen und des bzw. der griechischen Alphabete unterscheiden sich erheblich voneinander. Das Karische ist für die Sprachwissenschaft sozusagen eine härtere Nuß als das Lykische; Konsens über die Entzifferung wurde erst mit dem Fund einer längeren karisch-griechischen Bilingue in Kaunos erzielt (Abb. 22). Dieses Idiom überliefern etwa 200 Inschriften, paradoxerweise die wenigsten davon aus dem Stammland Karien selbst. Die meisten, durchweg sehr kurzen Texte stammen aus Ägypten, und zwar aus der Zeit nach 700 v. Chr., da Karer dem Reich am Nil als Söldner dienten und viele dort eine neue Heimat fanden. Knapp unter 50 Steininschriften aus Karien selbst gehören einer wesentlich späteren Epoche als jene aus Ägypten an; keine ist nachweislich älter als das 4. Jh. v. Chr. Es lassen sich Dialektunterschiede ausmachen – so etwa zwischen Innerkarien

Abb. 22:  Die karisch-griechische

­Bilingue von Kaunos, 4. Jh. v. Chr.

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und Kaunos an der Südküste – und zudem auch Unterschiede im Gebrauch einzelner Zeichen des Alphabets. Die ältere Geschichte dieses Volkes ist reich an Rätseln und die Beziehung zu einem Landesnamen Karkisa im Hethitischen ganz unklar. Knapp zehn Steininschriften und Münzlegenden belegen eine eigentüm­ liche, epichorische (regionale) Sprache und Alphabetschrift Pamphyliens, die, weil die meisten Funde aus der Umgebung von Side stammen, als Sidetisch bezeichnet wird.Wahrscheinlich die älteste dieser Inschriften, falls sie Sidetisch ist, kommt aus Perge; sie ist eingeritzt in den Boden eines Gefäßes aus dem 6. Jh. v. Chr. Eine Zuordnung dieser zu den jungluwischen Sprachen wie Lykisch und Karisch entbehrt noch hinreichender Grundlagen.

3.4.  Phryger (ca. 11. bis 6. Jh. v. Chr.) Die schriftlichen Quellen zur Geschichte und zur Kultur der Phryger sind spärlich: Einzelne Nachrichten entnehmen wir assyrischen Dokumenten, Feldzugsberichten, Briefen und königlichen Proklamationen. Mehr ist aus der griechischen Tradition zu lernen. Doch ergibt sich aus alldem auch hier kein geschlossenes Bild. Bei den Inschriften in phrygischer Sprache, die aus Zentralanatolien stammen, unterscheidet man zwei Gruppen: Erstens die in phrygischer Schrift geschriebenen altphrygischen Texte aus der Zeit vom 8. bis zum 3. Jh. v. Chr. Es sind nur wenige (etwas über 50 auf Steinen, etwa 190 auf Gefäßen und Geräten), und vor allem sind sie nur schwer verständlich. Zweitens die neuphrygischen Inschriften (wenig mehr als hundert), die in griechischer Schrift wiedergegeben sind; sie gehören in das 2. und vor allem in das 3. Jh. n. Chr. und haben fast alle mit dem Grabwesen zu tun. Auch ihr Inhalt erschließt sich uns nicht vollständig. Zur Kenntnis der Geschichte der Phryger als Volk tragen diese jüngeren Dokumente natürlich nichts bei.47 Um so größere Bedeutung kommt den sehr ausgedehnten archäologischen Forschungen zu. Sie haben viele relevante Materialien geliefert und Erkennt­nisse über die Abläufe der Entwicklung an einzelnen Orten und die Verbindungen zwischen ihnen möglich gemacht. Es ist aber bisher nicht gelungen, alle diese einzelnen Einsichten und Ergebnisse zu allgemein akzeptierten größeren Zusammenhängen zusammenzufügen. Wie ihre Sprache zeigt, sind die Phryger ein indogermanisches Volk. Sie standen sehr wahrscheinlich in näheren Beziehungen zu den Griechen des 2.  Jt.s. Das zeigen unter anderem Lehnwörter aus dem mykenischen Griechisch. Daraus ergibt sich zwingend soviel, daß die Phryger frühestens im 12. Jh., wahrscheinlich aber erst später aus dem Balkan nach Anatolien einge-

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Abb. 23:  Ruinen von Gordion

wandert sein müssen. Diese Herkunft der Phryger aus Europa wird von den antiken Quellen einhellig vertreten, und dabei wird behauptet, der im 1. Jt. in Thrakien und Makedonien bezeugte Volksname der Bryges (bzw. Briges) sei der ursprüngliche Name der Phryger. Der Vorgang als solcher ist nur hypothetisch faßbar. Aussagekräftig sind in diesem Kontext vor allem archäologische Zeugnisse: Nach dem Zusammenbruch des Hethiterreiches siedelten in Anatolien sowohl alteinheimische als auch zugewanderte Bevölkerungsgruppen, die offenbar in Kleinstaaten zusammenlebten. Dabei zeichnen sich im Fundgut Beziehungen zum balkanisch-nordägäischen Raum ab, die man auf eine Wanderbewegung zurückführen kann. Es scheint also einen Trend gegeben zu haben, in den sich die phrygische Einwanderung durchaus einfügen könnte. Vielleicht muß man mit mehreren Migrationsschüben, vielleicht auch mit einem zeitweise kontinuierlichen Einwanderungsstrom aus dem Nordwesten rechnen. Es gibt in der Forschung jedoch auch skeptische Stimmen, ob die Phryger überhaupt ein eingewandertes Volk seien. Vor ein besonderes Problem stellt uns ihre Verbindung mit dem Volk der Muški. Diese Verbindung ergibt sich daraus, daß der phrygische König Midas in einem assyrischen Text aus dem späten 8. Jh. als König dieses Volkes bezeichnet wird (S. 151). Die Muški aber sind sicher ein ostkleinasiatisches Volk, das in assyrischen Quellen seit dem 12. Jh. belegt ist. Ihre ethnische Zugehö-

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rigkeit und ihre Herkunft sind uns zwar nicht bekannt, doch läßt sich ihre Geschichte aus den assyrischen Nachrichten in groben Zügen rekonstruieren. Vermutlich beruht die assyrische Identifikation der Muški mit den Phrygern darauf, daß die phrygisch-assyrische Grenzzone im Halysbereich auf phrygischer Seite von Muški besiedelt war, die unter phrygische Herrschaft geraten waren. Doch existieren heute über dieses komplexe Problem die verschiedensten Auffassungen. Hinsichtlich ihrer historischen Bedeutung wie auch auf Grund des Forschungsstandes ragt die phrygische Stadt Gordion hervor. Ihre Ruinen liegen nicht weit westlich von Ankara im Sakaryatal bei einem Flußübergang. Dort kreuzt die Straße, die von Westen nach Osten führt, eine wichtige Verbindung von Süden nach Norden. In hethitischer Zeit war der Ort nur von geringer Bedeutung. Im Phrygerreich aber steigt Gordion dann zur Hauptstadt auf und erscheint darüber hinaus als ein Zentrum der materiellen Kultur. Die Siedlung besteht aus drei Teilen – einer Zitadelle, einer Unterstadt und einer Vorstadt. Die Zitadelle ist befestigt. Sie ist über eine Rampe zugänglich, welche zu einer monumentalen Toranlage führt, die auf eine Höhe von bis zu 10 m erhalten ist (Abb. 23). Mehrere der aus einer Vorhalle und einer Haupthalle bestehenden, rechteckigen megara bilden die zentralen Bauten; ziemlich sicher handelt es sich dabei um Paläste und Tempel. Sogenannte Terrassengebäude am Rand der Anlagen dienten der Versorgung der Paläste. Unterstadt und Vorstadt sind jünger; die letztere ist unbefestigt. Ein Zerstörungshorizont – Resultat einer Brandkatastrophe – ist das wichtigste Faktum der älteren Geschichte der Stadt. Er wurde bisher mit dem um 700 erfolgten Kimmeriereinfall zusammengebracht. Neuere Untersuchungen datieren den Brand ins 9. Jh. (ca. 830/800) und lassen vermuten, daß er nicht kriegsbedingt aus­ gebrochen ist. Das würde bedeuten, daß der Ausbau der Zitadelle bereits im 10. Jh. begann. Nach der Zerstörung wurde die Stadt ungefähr in gleichem Umfang und mit denselben Grundrissen wieder aufgebaut. Neben diesen Bauten sind die über achtzig zum Teil sehr hohen Tumulusgräber in der näheren und weiteren Umgebung von Gordion charakteristisch, in denen offenbar Herrscher oder Vornehme beigesetzt wurden. Die ältesten Gräber wären nach der neuen Chronologie ins 9. und 8. Jh. zu datieren; die jüngsten stammen aus hellenistischer Zeit. In manchen Hügeln wurden aus Holz konstruierte Grabkammern gefunden. In der Kammer eines großen Tumulus, der um 740 errichtet worden ist, hat sich der Körper des Toten mit all seinen kostbaren Beigaben erhalten. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Königsgrab, das gern dem berühmten König Midas zugeschrieben wird. Offensichtlich bildete die Stadt mit ihren Palästen und Tempeln den politischen Mittelpunkt einer staatlichen, wohl monokratischen Organisation; sie war so etwas wie eine Zentrale im Rahmen einer Reichsbildung. Welche hi-

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storischen Momente zu dieser Reichsbildung führten und mit ihr einhergingen, ist uns nicht bekannt. Das Reich scheint ganz Zentralanatolien, vom Halysbogen an westwärts bis an den Rand des anatolischen Hochlandes, umfaßt zu haben. Zu Recht setzt man die politische Ausdehnung dieses Reiches mit derjenigen der durch archäologische Funde nachweisbaren phrygischen Kultur gleich. Diese ist vermutlich in Gordion und seiner Region entstanden und hat sich von dort aus verbreitet. Zu belegen ist das Reich erst in der Zeit des 8. Jh.s, und zwar durch assyrische Quellen. Am Ende des 8. Jh.s (in den Jahren 718 bis 710/09 unter Sargon II.) hören wir von Auseinandersetzungen der Assyrer mit einem König Mita von Muški, der nach allgemeiner Aufassung mit dem von der griechischen Tradition bezeugten König Midas identisch ist. Der Name Mita/Midas ist im übrigen seiner Herkunft nach kleinasiatisch; wie er phrygischer Königsname wurde wissen wir nicht. Bereits Sargons Vorgänger kannten ihn offenbar; Midas hätte demzufolge seine Herrschaft um die Jahrhundertmitte angetreten. Nach den griechischen Quellen unterhielt ein König Midas Beziehungen auch zu griechischen Städten. Er nahm die Tochter des Königs Agamemnon von Kyme zur Frau. Als erster Nichtgrieche soll er eine Stiftung – einen Thron – nach Delphi geweiht haben. Heute wird oft die These vertreten, daß es verschiedene Personen gleichen Namens waren, denen diese verschiede­nen überlieferten Handlungen zuzuschreiben sind; doch haben all diese Überlegungen nur den Rang von Hypothesen. Sicher begegnet ein zweiter Herrscher mit Namen Midas in der assyrischen Überlieferung der Jahre 680 bis 669 (Regierungszeit Asarhaddons) – wenn auch in wenig aussagekräftigem text­lichem Zusammenhang. Die griechische Überlieferung kennt indes noch ­einige Geschichten, die sich um die legendäre Gestalt des Königs Midas ranken und ihn fast zu einem Mythos werden lassen;48 doch ist deren Entstehung unsicher und ihre Zuverlässigkeit kaum zu bewerten. Jedenfalls bildet der «Reichtum» ein wesentliches Moment dieser Erzählungen, und es scheint, als sei Reichtum ein wichtiges Kriterium für die Einschätzung des phrygischen Reiches durch die Griechen gewesen. Dabei zeitigt er nach deren Auffassung schlimme Folgen; die ihm vom Gott Dionysos gegebene Gabe, alles zu Gold werden zu lassen, was er berührt, bringt Midas an den Rand des Verhungerns und Verdurstens. In Phokaia und Kyme erzählte man sich die Sage vom eselsohrigen Midas: Im musikalischen Wettstreit zwischen Göttern, dem Kithara spielenden Apoll und dem Flötisten Pan, sprach sich der König für letzteren aus, was Apoll veranlaßte, ihn für sein Fehlurteil mit Eselsohren zu bestrafen. Die Form der phrygischen Kappe, so die Erzählung, sei erfunden worden, um diese Verunstaltung zu verbergen, die Kunde davon sei aber bald darauf doch in alle Welt gelangt. Die Sage war so populär, daß man das Bild dieses Midas auf Münzen prägte; die ältesten griechischen Vasenbilder des Midas datieren ins 6. Jh. v. Chr.

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Die Griechen kennen darüber hinaus auch einen älteren phrygischen Herrscher namens Gordios oder Gordias, doch ist dessen Existenz wohl nur aus dem Namen der Stadt erschlossen bzw. gelehrt ‹rekonstruiert›.49 Eine Sage, welche mit der Begründung der Monarchie zu tun hat, wurde gleichfalls über Gordios – aber auch über Midas und Gordios gemeinsam – berichtet. Nachdem ihn die Phryger zum König gemacht hatten, soll er selbst oder sein Sohn Midas den sagenumwobenen Wagen im Tempel geweiht und die Deichsel mit einem unlösbaren «gordischen» Knoten befestigt haben. Es war demjenigen, der die Deichsel doch zu lösen vermochte, die Herrschaft über Asien bestimmt. Das hat später Alexander der Große, der den Knoten nach einer Version mit dem Schwert durchhieb, für seine Propaganda benutzt. Die Konflikte mit den Assyrern entsprangen möglicherweise dem phrygischen Sicherheitsbedürfnis: Vielleicht wollten die Phryger ein weiteres assyrisches Vordringen verhindern, obwohl die Assyrer gar keinen Versuch in ­dieser Richtung unternahmen. Am Ende des 8. Jh.s scheint das phrygische Reich dann dem Kimmeriereinfall erlegen zu sein, der ganz Anatolien erschütterte (S. 156 f.). Die Griechen erzählten, Midas habe nach der Niederlage gegen die Kimmerier durch Trinken von Stierblut Selbstmord begangen (Strabon 1, 3, 21). Assyrische Quellen berichten indes vom Tod des Königs von Urartu im Krieg gegen die Kimmerier, schweigen aber in diesem Zusammenhang über die Phryger. Die Stadt Gordion existierte auf jeden Fall weiter. Aus späterer Zeit sind uns aber keine Indizien mehr für ein eigentliches phrygisches Reich bekannt. Es bildeten sich wohl wieder Kleinfürstentümer; so scheint eine griechische Quellenstelle phrygische Könige für die Zeit um 550 zu bezeugen (Herodot 1, 35; vgl. 41–45). Im 6. Jh. gerieten die Phryger unter lydische, im Osten vielleicht auch medische, später dann unter persische Herrschaft. Über den Ablauf dieser Entwicklung läßt sich jedoch nichts Näheres ­sagen. Die Griechen waren den Phrygern gegenüber eher negativ eingestellt und erzählten unfreundliche Geschichten von ihnen. Die Zone unmittelbarer Nachbarschaft zwischen beiden Völkern muß im Nordwesten Kleinasiens, in der Troas und im Raum der Propontis, des heutigen Marmarameeres, vermutet werden. Man spricht später vom «hellespontischen Phrygien». Die Phryger brachten eine reiche Kultur hervor, die verschiedene Einflüsse verrät; so griffen sie kulturelle Anregungen ihrer kleinasiatischen Umgebung auf und verbanden sie mit dem, was sie aus dem balkanischen Nordwesten mitgebracht hatten. Grabformen, insbesondere der Grabhügel, und gewisse Dekorationselemente der Keramik belegen dies besonders deutlich. Auch Einflüsse der griechischen auf die phrygische Kultur sind nicht zu verkennen. Offen ist, wann genau sie einsetzen. Ein wesentliches Feld, wo ein solcher Einfluß deutlich wird, bildet die Keramik. Die Formen der Gefäße und

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Abb. 24 a – b:  Midasstadt, Felsfassade mit Kultnische; altphrygische ­Inschrift

die Gestaltung ihrer Dekoration verraten griechische Prägung. Zu den Übernahmen aus dem griechischen Raum gehört zudem die seit dem 8. Jh. bei den Phrygern bezeugte Schrift (Abb. 24b), – allerdings gibt es dazu auch andere Ansichten; die Verbindung der Buchstaben mit den Lautwerten ist fast völlig dieselbe, wie sie im Griechischen geläufig ist (S. 181). Es fehlen aber auch nicht die phrygischen Einflüsse auf den griechischen Kulturbereich. Berühmt war die Landwirtschaft der Phryger, besonders ihre Pferdezucht. Auch sind die phrygischen Leistungen in den Künsten augenfällig; davon wurde bereits mehrfach gesprochen. In der bildenden Kunst pflegten sie die Großplastik. In diesem Zusammenhang ist vor allem die Göttin aus der Toranlage von Bog˘azkale, der ehemaligen Hethiterhauptstadt, zu erwähnen (Abb. 28b). Die Reliefs der Felsdenkmäler, die im Westen zwischen den heutigen Städten Afyon und Eskis¸ehir anzutreffen sind, gehören zu den bedeutendsten altphrygischen Relikten Anatoliens. Ihre Datierung ist schwierig, doch entstanden sie wohl in der Zeit vom 7. zum 5. Jh. In den Fels gearbeitete Fassaden bilden Tempel und Häuser nach, in Nischen sind gelegentlich Götterbilder eingelassen (Abb. 24 a). Ihrer Funktion nach handelt es sich dabei um Kultplätze, die mitunter vielleicht in Verbindung zu Grabkammern angelegt worden waren. Besondere Erwähnung verdient die «Midasstadt» genannte Anlage beim Dorf Yazılıkaya (zu unterscheiden vom gleichnamigen Ort bei Bog˘azkale), die eine ganze Reihe von Felsmonumenten rund um eine lang

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gezogene felsige Erhöhung einschließt. Hinweise auf die phrygische Architektur haben vor allem die amerikanischen Ausgrabungen von Gordion erbracht. Die Toranlage und die Grundrisse der Paläste zeigen den Sinn der Phryger für Monumentalität. Wie schon erwähnt, haben die Phryger auch im Kunsthandwerk Bedeutendes geleistet. Reste von Malerei kennen wir aus Gordion. Ihre Keramik weist kennzeichnende Züge auf, vor allem die geometrische Dekoration mit Tierdarstellungen verleiht den phrygischen Vasen ein typisches Aussehen. Bronzeguß, aber auch Textilienherstellung nach Art der Phryger haben noch in der griechisch-römischen Welt weitergelebt, worauf sogar eine bestimmte Begrifflichkeit deutet. Das lateinische Adjektiv phrygium bezeichnet die ‹Goldborte› – und lebt dann, auf festes Material übertragen, in der Form Fries gar bis heute fort –, während phrygio den ‹Goldwirker› bezeichnet. Einflußreich war ferner die phrygische Religion. Ihre Götter verehrten die Phryger in Tempeln. Ihre Hauptgottheit war eine Muttergöttin namens Kybele (phrygisch matar kubeleja – oder ähnlich – «Bergmutter»?), in deren Kult verschiedene Einflüsse wirksam waren.50 Dieser Kult fand weite Verbreitung, ja die Ionier haben über ihre Tochterstädte diese Gottheit in den fernen Westen bis nach Lokroi in Unteritalien und Massalia (heute Marseille) in Südfrankreich vermittelt. Daß der Löwe als heiliges Tier angesehen wurde, war altkleinasiatischen Ursprungs – ebenso die Adoration der Mauerkrone und des heiligen Steins im Kult von Pessinus, wo er mit der Göttin zusammen verehrt wurde. Mit dem Kult an dieser etwa 130 km westlich von Ankara gelegenen Stätte verbunden ist der Mythos von Agdistis, den ein Christ, Arnobius aus Nordafrika, um 310 n. Chr. in seinem Werk Adversus nationes wiedergibt: Iupiter soll die schlafende Große Muttergöttin begehrt, aber nicht erreicht und seinen Samen auf einen Stein ergossen haben; der Stein habe im zehnten Monat Agdistis geboren, der zum wilden Rebell gegen die Götter wurde, bis diese durch einen hinterhältigen Anschlag bewirkten, daß er sich selbst kastrierte. In diesem Zusammenhang hat man auf die Beziehung zu einem hurritischen Mythos vom Stein-Unhold Ullikummi hingewiesen.51 An die Agdistis- schließt sich die Attis-Erzählung an, die unter anderem bei Ovid, Fasti 4, 223 ff., überliefert ist: Der Geliebte der Göttin wird, zur Strafe für ein gebrochenes Versprechen der Keuschheit, rasend gemacht und kastriert sich selbst. Sein Blut soll dem rotgeäderten Marmor von Dokimeion die Farbe gegeben haben (Statius, silv. 1, 5, 38). Im Ritus, der später als typisch für den Kybele-Kult überhaupt empfunden und an verschiedenen Orten praktiziert wurde, fand das seine Entsprechung in der Selbstkastration der Priester, die sich durch schrille Musik in Trance versetzten. Der Schriftsteller Lukian aus dem 2. Jh. n. Chr. beschreibt ausführlich den Kult einer «Syrischen Göttin» in Hierapolis Bambyke. Deren Priester (galloi) entmannten sich selbst in Ekstase.52 Priesterinnen der

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Artemis Perasia in Hierapolis-Kastabala begnügten sich damit, barfuß über glühende Kohlen zu schreiten. Eine Annahme geht sogar dahin, daß solche Vorstellungen weiterlebten in der Einrichtung der tanzenden Derwische, die in türkischer Zeit von Dschela¯ l ed-Dı¯n er-Rumi (1207–1272 n. Chr.) in Konya, dem antiken Ikonion, begründet wurde. Ein besonders wichtiger Zug in der Kultpraxis der Phryger war die Musik. Vielleicht hängt es mit diesen religiösen Lebensformen zusammen, daß sich ein phrygischer Einfluß in der Musik als sehr fruchtbar erwiesen hat: Angeblich wurden die Doppelflöte und andere Instrumente von den Phrygern erfunden, und in der Tonlehre bildet die ‹Phrygische› Tonart ein konstitutives Element. Wie diese Kulturleistungen der Phryger weitergegeben wurden, wissen wir jedoch nicht. Das Bewußtsein einer eigenen Tradition blieb den Phrygern offenbar noch lange erhalten. Das zeigt vor allem die Geschichte ihrer Sprache, die noch bis tief in die römische Kaiserzeit hinein gesprochen und gelegentlich auch geschrieben wurde (S. 501). Und manche Elemente der religiösen Tradition des Landes könnten noch in der christliche Sekte der Montanisten weitergelebt haben (S. 671 ff.).

3.5.  Die Angriffe der Kimmerier, ca. 8./7. Jh. v. Chr. Wie bei den Vorgängen, die wir mit Kaskäern und Seevölkern zu verbinden suchen, wird auch zum Ende des Phrygerreiches Anatolien von einer raumgreifenden Bewegung heimgesucht, die man mit dem Namen der Kimmerier verbindet.53 Dieses Volk gehört zu einer größeren Gruppe berittener Nomadenstämme, deren Kultur archäologisch durch Grabfunde, charakteristische Waffen und Teile von Pferderüstungen in einem Gebiet nachgewiesen ist, das vom Nordkaukasus bis Thrakien und Makedonien reicht. Assyrische Quellen aus der Zeit Sargons II. (721–705) nennen sie Gumurru; spätere Berichte stammen von den Griechen, besonders von Herodot und dem augusteischen Geographen Strabon. Nach ihnen pflegten die Griechen die Enge zwischen Asowschem und Schwarzem Meer «kimmerischen» Bosporus zu nennen, an dessen Rändern sich Plutarch zufolge später noch kleinere Gruppen niedergelassen hatten. Herodot läßt in seiner Darstellung die Massageten die Skythen bedrängen und diese in die Wohnsitze der Kimmerier nördlich des Schwarzen Meeres eindringen (4, 11), woraufhin die Kimmerier – nach einem tödlichen Streit untereinander, dem viele zum Opfer fielen – abziehen und entlang der pontischen Küste nach Kleinasien bis zu der Halbinsel gelangen, wo die Griechen Sinope gründeten. Die bisherigen Grabungen in Sinope konnten keine vor-

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kimmerische Stadtgründung erweisen. Nach 700 rollen verschiedene Angriffswellen der Kimmerier durch Kleinasien. Mit einer von ihnen wurden, nach neuen Grabungsergebnissen zu Unrecht (S. 150), die Zerstörungen in Gordion und der Untergang des Phrygerreiches verbunden. Eine Gruppe scheint von Westen, von Thrakien her in Anatolien eingedrungen und für die Bedrohung Lydiens verantwortlich zu sein. Sardeis wird schließlich von dem kimmerischen Häuptling Lygdamis – in assyrischen Quellen Tugdammê – geplündert (652 v. Chr.), doch die Lyder erholen sich von dem Schock. Gut fünfzig Jahre später vertreibt ihr König Alyattes die letzten Kimmerier aus Kleinasien.

3.6.  Die Lyder und das Lyderreich (ca. 7./6. Jh. v. Chr.) Was wir über Kultur und Geschichte der Lyder wissen, vermitteln außer der Archäologie griechische (unter den Zeitgenossen vor allem Dichter wie Archilochos, Sappho, Alkaios, aus dem 5. Jh. Prosaschriftsteller, besonders Herodot, Xanthos der Lyder) und assyrische Quellen. Bekannt sind über 60 Inschriften in Lydisch (6.-4. Jh.), darunter eine lydisch-aramäische Bilingue und ein kürzlich entdeckter, 12 Zeilen langer Text auf einer Stele des 4. Jh.s mit der Reliefdarstellung einer sitzenden Frau. Sie erweisen die Träger dieser Sprache als Verwandte der hethitischen oder luwischen Bevölkerung Anatoliens im 2. Jt.54 In den turbulenten Zeiten der Zerstörungen und Plünderungen durch die Kimmerier stürzt ein Adliger namens Gyges ca. 680 v. Chr. den König der Lyder Kandaules. Mit dieser Geschichte befinden wir uns auf dem Terrain herodoteischer Fabulierfreude – es soll sie ebenso der Dichter Archilochos von Paros, der zur Zeit des Gyges lebte, in Iamben erzählt haben: Der König beabsichtigt, den eng vertrauten Leibwächter Gyges von der unübertreff­ lichen Schönheit seiner Frau zu überzeugen, indem er sie nackt anschauen soll. Einwände des entsetzten Freundes räumt Kandaules mit einem durchdachten Plan beiseite: «Ich werde dich in dem Gemach, in dem wir schlafen, hinter die geöffnete Tür stellen. Nach mir wird dann auch mein Weib hereintreten und sich zur Ruhe begeben. Nahe bei der Tür steht ein Sessel. Auf ihn wird sie, nacheinander, wie sie sich auszieht, ihre Kleider legen. So kannst du sie in Muße betrachten. Wenn sie aber von dem Sessel zum Lager hinschreitet und dir den Rücken wendet, mußt du dich, ohne daß sie dich sieht, durch die Tür entfernen.» (1, 9 Übers. Horneffer). Das Vorhaben ging schief, die Königin bemerkte den unfreiwilligen Voyeur; sie ließ ihn am nächsten Tag zu sich kommen und stellte ihn kalt vor die Wahl, entweder zu sterben oder den König zu erschlagen und sie zur Frau zu nehmen. Gyges wählte zu leben.

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In den erhaltenen Dichtungen des Archilochos finden wir nur einen kurzen Hinweis auf Gyges; auf der anderen Seite kommt er in Königsinschriften des Assyrers Assurbanipal vor, wo er Gugu von Luddu heißt. Die Kimmeriergefahr und wohl auch der Wunsch nach Anerkennung als legitimer Herrscher durch die Großmacht veranlassen ihn, etwa in den Jahren 668 bis 665 diplomatischen Kontakt mit Assur zu suchen; ein Traum habe ihn dazu bewegt. Der Gesandte am Hof des Assyrerkönigs hatte Mühe, auf Lydisch verstanden zu werden. Assurbanipal, der Gyges als einen in weiter Ferne wohnenden Vasallen betrachtet, schreibt, jener sei gekommen, «um meine Füße zu ergreifen».55 Es leuchtet ein, daß gerade zu dieser Zeit in Lydien die Version vom Ursprung des lydischen Königtums bei Ninos und Belos, dem Gott des assyrischen Ninive, konstruiert oder erneuert worden ist.56 Später kühlt die Beziehung ab, und Gyges nimmt eine neue zum ägyptischen Pharao Psammetich I. (656–610) auf. Schon Gyges unternahm Feldzüge gegen Städte der Griechen an der Westküste; er soll eine Schlacht gegen die Smyrnaier geschlagen haben (Mi­ mnermos FGrHist 578 F 5). Diese beginnende Westorientierung der lydischen Könige aus dem Adelsgeschlecht der Mermnaden ist von einiger historischer Tragweite, denn über die Hauptverkehrsachsen der Hermos- und Maiandrostäler wird die Ägäisküste erstmals in den Herrschaftsbereich einer anatolischen Großmacht fest eingebunden, ein Vorgang, der allerdings wohl erst unter dem Lyderkönig Kroisos im 6. Jh. vollendet ist. Gyges indessen findet beim Angriff des Kimmeriers Lygdamis auf seine Hauptstadt 644 v. Chr. den Tod. Die lydische Hauptstadt Sardeis liegt keine 100 km von der Ägäisküste entfernt im Hermostal, an einer Stelle, wo das Flüßchen Paktolos vom Tmolos­ gebirge herabfließend in den Hermos einmündet. Die Ausgrabungen haben nur in geringem Umfang Altlydisches ans Licht gebracht. Vom Palast der Mermnaden-Könige, der vermutlich auf der Akropolis stand, ist kaum etwas erhalten. Das Mauerwerk der Akropolis mit einer Toranlage ist lydisch. Auch sind die Tumuli (Begräbnishügel) in der Nähe, die größten ganz Anatoliens, in der Epoche des Lyderreiches entstanden; ihre Zuweisung zu einzelnen Königen durch Herodot zu bestätigen ist nicht gelungen. Die Stufenbasis einer weiteren Grabanlage des 6. Jh.s trug offenbar eine Kammer und könnte ein Vorbild des Kyrosgrabes in Pasargadai gewesen sein.57 Aus weiteren, tiefer landeinwärts an der Grenze zu Phrygien gelegenen Tumuli stammt geraubtes und zeitweise außer Landes gebrachtes Fundgut, Silbergefäße, Schmuck und anderes, das als «lydischer Schatz» (6. Jh. v. Chr.) bekannt geworden ist.58 Nicht zuletzt die Ausbeutung der Edelmetallvorkommen in der Nähe von Sardeis haben Aufstieg und Blüte der Dynastie befördert. Auf Gyges folgen sein Sohn Ardys und sein Enkel Sadyattes. Dessen Nachfolger Alyattes setzt eine expansive Politik erfolgreich fort. Das griechi-

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sche Milet vermag er nicht einzunehmen und schließt mit der Küstenstadt ­einen Vertrag. In Anatolien dehnt er seinen Machtbereich bis tief in das ehemals phrygische Reichsgebiet aus und stößt dort mit den Medern zusammen, einem iranischen Bergvolk, deren Land Mada zum ersten Mal in den Annalen des Assyrers Salmanassar III. (835) erwähnt ist. Zwei Jahrhunderte später sind diese Meder offenbar am Untergang des Assyrerreiches kräftig beteiligt und scheinen in verschiedene Richtung weit vorgestoßen zu sein, wenn auch Art und Umfang eines ‹Mederreiches› unklar bleiben. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Alyattes und dem medischen Führer Kyaxares kulminieren bei Herodot in der berühmten Schlacht, wo der Tag plötzlich zur Nacht wurde – jene Sonnenfinsternis des Jahres 585 v. Chr., die Thales von Milet vorausgesagt haben soll. Die Kampfhandlungen wurden schließlich mit einem Vertrag beendet. Die Historizität sowohl der Thales-Anekdote als auch, wichtiger noch, der Behauptung Herodots, der Halys sei damals die Grenze zwischen Lyder- und Mederreich gewesen, werden in der modernen Forschung bezweifelt. Wo genau ein Zusammenstoß zwischen Lydern und Medern erfolgte und wer von beiden wie weit nach Osten oder Westen vordrang, wird nicht hinreichend deutlich. Archäologische Forschungen am Kerkenes Dag˘ bei Yozgat (östlich des Halys) haben eine ungewöhnlich große eisenzeitliche, ummauerte Siedlung nachgewiesen, wo man neuerlich – eine ältere ­Hypothese wiederaufnehmend – das von Kroisos zerstörte Pteria ansetzen will, eine nach 585 ausgebaute Stadt der Meder. Aber welche Vergleichsmöglichkeiten besitzen wir schon, um an architektonischen Befunden medische Siedlungsweise zu erkennen? Jüngste, und bisher einzige, Schriftfunde sind eine altphrygische Steininschrift und phrygische Graffiti. Zumindest die Bevölkerung scheint also phrygisch gewesen zu sein.59 Mit noch bunteren Farben als Midas den Phryger hat die griechische Erzähltradition den letzten Lyderkönig Kroisos ausgemalt. Im Gegensatz zu Gyges, der die mythischen Ursprünge des lydischen Königtums mit assyrischer Tradition zu verknüpfen suchte, scheint die ‹westliche› Genealogie der Lyderkönige mit Herakles als Stammvater auf Kroisos’ Initiative zurückzugehen. Dieses Konstrukt einer lydischen Herrscherabfolge Herakliden-Mermnaden muß in irgendeiner Form dem Historiker Herodot vorgelegen haben, stützte er darauf doch seine Abstandsangabe in Jahren vom Beginn der jüngeren zum Beginn der älteren Dynastie.60 Kroisos pflegte jedenfalls intensive Beziehungen mit Griechenland, und die Griechen Asiens suchte er sich wie seine Vorgänger gewaltsam botmäßig zu machen und scheint dabei recht erfolgreich gewesen zu sein. Schließlich soll er, laut Herodot, folgende Völker beherrscht haben: Lyder, Phryger, Myser, Mariandyner, Chalyber, Paphlagonier, die thynischen und bithynischen Thraker, die Karer, Ionier, Dorer, Aioler und Pamphyler.

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Abb. 25:  Kroisos auf dem Scheiter­

haufen. Vase aus Vulci, heute in Paris, Louvre

Doch der Lyder und sein Reich fielen einer force majeure zum Opfer, die das gesamte vorderasiatisch-mediterrane Staatensystem erfaßte: den schlagartigen Eroberungen des Persers Kyros von Anšaˉn. Angeblich war Kroisos der Aggressor, indem er den Halys überschritt, Pteria eroberte und die Bewohner versklavte – wieder spielt Thales von Milet eine Rolle, der, um das Heer den Strom überschreiten zu lassen, diesen gar umgeleitet haben soll. Doch der Feldzug scheitert, im Gegenstoß dringen die Perser bis Sardeis vor und schließen den letzten Mermnaden in seiner Stadt ein. Das von der Forschung konventionell akzeptierte Datum, 547/6 v. Chr., muß nach neuerlichen Untersuchungen der Nabonid-Chronik durch den Jenaer Orientalisten Joachim Oelsner in Frage gestellt werden: Das Ereignis fällt in die Zeit zwischen 547 und 530 v. Chr., somit mag Sardeis vielleicht erst nach Babylon (539 v. Chr.) gefallen sein. Herodot allerdings unterstellt die umgekehrte Reihenfolge, wenn er von Kyros sagt: «Ihm stand Babylon im Wege.» (1, 153). Die Konsequenzen waren gravierend. Für mehr als zwei Jahrhunderte geriet Anatolien unter eine Herrschaft, die sich auf ihrem Höhepunkt vom heutigen Pakistan bis an die Ägäis erstrecken sollte: dem Weltreich der Perser. Kroisos wurde wahrscheinlich getötet, vielleicht aber auch begnadigt. Sein jäher Untergang hat die Phantasie der Griechen noch stärker beflügelt als der des Midas. Herodot sieht in ihm den orientalischen Despoten, der mit den

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Feindseligkeiten gegen die Griechen den Anfang gemacht hat. Für den griechischen Historiker waren seine Mißgeschicke, die er genüßlich eines nach dem anderen erzählt, vorherbestimmt und letztlich die Sühne für den Königsmord seines Vorfahren Gyges. Jeder seiner Handlungen und Entscheidungen wohnt Täuschung inne, da nützt es auch nichts, die Götter mit reichen Weihgaben günstig zu stimmen. Die goldenen Rinder im ephesischen Artemision und die meisten Säulen des Tempels hat er gestiftet. Seine Weihinschrift «König Kroisos hat aufgestellt» konnte aus wiedergefundenen Bruchstücken rekonstruiert werden (ca. 550 v. Chr.). Auch griechische Heiligtümer außerhalb Kleinasiens, darunter Delphi, sind von ihm mit Weihgaben reich beschenkt worden. Den Lakedaimoniern, die bei ihm Gold kaufen wollten, gab er das Gold unentgeltlich. Untertanen und heimliche Bewunderer seiner Pracht und Macht verspürten eine gewisse Genugtuung über seinen jähen Fall, die in den Erklärungen zum Ausdruck kommt. Die Szene seines Endes auf dem Scheiterhaufen findet sich abgebildet auf der Vase aus Vulci, der Amphora des Myson, die ca. 490 v. Chr. bemalt wurde (Abb. 25). Aber man anerkannte auch seine persönliche Unschuld und malte sich gern eine wunderbare Rettung aus. So drückt es der Dichter Bakchylides in einem seiner Siegeslieder aus, die in der ersten Hälfte des 5. Jh.s v. Chr. entstanden (3, 23): «So hat auch den Herrscher des roßbändigenden L ­ ydiens einst, als der ihm verhängte Urteilsspruch von Zeus erfüllt und Sardes vom Perserheer genommen war – so hat den Kroisos der Goldschwerttragende beschützt: Apollon. Der – überrascht vom Schicksal des Tags – war nicht willens, die tränenreiche Knechtschaft zu erwarten, ließ einen Holzstoß vor dem erzumfriedeten Schloß errichten, auf den er mit seiner trauten Gattin und den schönlockigen Töchtern hinaufstieg, mit den untröstlich wehklagenden; seine Hände zu dem hohen Himmel erhebend, rief laut er aus: «Überwältgende Gottheit, wo bleibt von den Göttern Dank, wo der Fürst, der Leto Sohn? Hinsank des Alyattes Haus; einst von Schätzen angefüllt, unzählgen, ist völlig es nunmehr verbrannt. Ganz ward zerstört die alte Hauptstadt. Rot ist von Blut der goldwirbelnde Fluß Paktolos; wie ist es doch schmachvoll, daß man die Frauen aus den schöngebauten Gemächern fortschleppt! Verhaßt erst, nun e­ rwünscht, ist der Tod das Beste!» So sprach er und hieß einen Persersklaven anzünden den Holzstoß. Aufschrien da die Mädchen und umschlangen mit ihren Armen die Mutter. Ist doch, den man vor sich sieht, Menschen der schlimmste Tod. Als des furchtbarn Feuers Macht leuchtend jedoch hindurchbrach, zog dort Zeus hin eine schwarzschattende Wolke und löschte den gelben Brand.» (Übers. Werner). Spätestens mit den Lydern sind wir in die Epoche einer Kultur in West­ anatolien eingetreten, die eigentlich als Mischkultur verschiedener Völker, hauptsächlich der Lyder und Griechen, aber auch der Karer und Griechen, angesehen werden kann. Eng ist die Symbiose der lydischen mit der ionischen

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Abb. 26: Elfenbeinstatuetten

vom Artemision in Ephesos

Kultur, die Herodot bekräftigt, wenn er sagt (1, 94), die Lyder hätten ganz ähnliche Sitten wie die Griechen. Reichtum und Herrschaft der Phryger sind aus der Tradition, Reichtum und Macht der Lyder dagegen in den zeitgenössischen Dichtungen der Griechen aus unmittelbarer Anschauung präsent: Archilochos schmäht wie der Fuchs die unerreichbaren Trauben: «Nichts bedeutet mir der Reichtum des Gyges, und noch nie packte mich der Neid.» (Fr. 19, 1 f. West). Das in diesen Versen erstmals überlieferte Wort Tyrannis scheint lydischen Ursprungs zu sein. Die Lesbierin Sappho dichtet: «Hab ein schönes Kind, das eine goldenen Blumen gleichende Figur hat, Kleis, die geliebte, und ich nähme an ihrer Stelle nicht das ganze Lydien …» (Fr. 152 Diehl). Schmucke, ­modische Kleidungsstücke, wie Kleis sie sich wünscht, gibt es indes nur im l­ydischen Sardeis. Die Hauptgottheit der Lyder war offenbar weiblich: Kybebe. Altlydisch ist wahrscheinlich der Name Bakkhos für einen Weingott; wie Kybebe mit Arte-

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mis so wurde dieser mit dem griechischen Dionysos gleichgesetzt. Die ephesische Artemis wurde in Sardeis verehrt, lydische Mädchen taten Dienst im Artemisheiligtum von Ephesos. Wenn Herodot den lydischen Mädchen – als signifikanten Unterschied zu den Griechinnen – unzüchtiges Verhalten attestiert, da sie sich vor dem Eintritt in die Ehe die Mitgift durch Prostitution verdienen, so scheint dies auf die alte orientalische Sitte der Tempelprostitution zu verweisen, die in Kleinasien noch Jahrhunderte später, zur Zeit Strabons, existierte. In Alt-Smyrna lassen Funde lydischer Keramikinschriften einen lydischen Bevölkerungsanteil vermuten. Lydische Keramik, die sogenannte «black on red» und «marbled ware», kommt in Ephesos und Smyrna vor, die «Ephe­ sische Ware», die lydische und ionische Elemente vereint, wurde jedenfalls teilweise in Sardeis hergestellt. Statuetten aus Silber und Elfenbein aus einem Tumulus bei Elmalı und ähnliche Elfenbeinfigürchen aus Ephesos, die aus dem 7. und frühen 6. Jh. stammen – sie zeigen Frauen und Männer in langen Gewändern und mit Bärenfellmützen ähnelnden, großen Kopfbedeckungen –, stehen in nichtgriechisch-anatolischer Tradition (Abb. 26). Metallbearbeitung stand bei den Lydern in Blüte. Die Griechen dürften manches Handwerkliche von ihnen gelernt haben, besonders in der Goldund Silberschmiedekunst. Sie selber schrieben den Lydern die Erfindung des Münzgeldes zu (Xenophanes, Fr. 4 Diels – Kranz; vgl. Herodot 1, 94), das sie sogleich in ihren Städten zu prägen begannen. Diese lydisch-griechische «Geburt des Geldes» (Le Rider)61 um 600 v. Chr. ist ein Vorgang von außerordentlicher Bedeutung. Edelmetall in Barren- oder Klumpenform diente seit langem als Zahlungsmittel. Wir erinnern uns an die zahlreichen, sehr präzisen ‹Preisangaben› in den Wirtschaftstexten aus dem assyrischen Ka¯ rum Kaneš des frühen 2. Jt.s. Die Praxis des Siegelns, das heißt, mit einem Abdruck Besitzerschaft, Autorität oder Verantwortlichkeit anzuzeigen, geht in Syrien bis ins späte Neolithikum zurück und fand in den altorientalischen Kulturen reiche Anwendung. Daß Maße und Gewichte in Lydien königlich autorisiert waren, wird durch den Ausdruck «Königs-Elle» in einem Vers des griechischen Dichters Alkaios nahegelegt. Beide Elemente aber, Stempelung und Metallklumpen, gehen in dieser merkwürdigen Erfindung in Lydien erstmals zusammen, und man sucht für diesen Schritt nach einer einleuchtenden Erklärung. Nun sind auffälligerweise die ältesten lydischen, mit den Löwenköpfen gestempelten Metallklumpen ausschließlich aus Elektron – einer in der Natur, und eben in der Umgebung von Sardeis, vorkommenden Legierung aus Gold und Silber. Die Datierung der frühesten Exemplare hängt an der zeitlichen Einordnung eines von David George Hogarth 1904 im Artemision bei Ephesos gefundenen Deposits – eines vergrabenen Horts – ab und schwankt zwischen 650 und 600 v. Chr.62 Eine dieser Münzen trägt eine (unverständliche) lydi-

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sche Aufschrift. Auch die bald darauf folgenden, frühesten städtischen Prägungen sind aus Elektron; sie stammen von Sardeis, Kyzikos, Phokaia, Ephesos, Milet und Samos. Da der Goldanteil in natürlichem Elektron variiert, legierte man einige Stücke mit Kupfer, um ihr Aussehen dem Standard anzugleichen. Das Phänomen interpretierte der Numismatiker Ro­bert W. Wallace63 dahingehend, daß die das Metall ausgebende Institution damit den geschätzten, auf einen Blick an Größe und Färbung unmittelbar geprüften Wert gewährleisten und verhindern wollte, daß Stücke mit höherem Goldanteil als andere eingeschmolzen wurden. Und dieser Funktion, einen Größe und Gewicht angemessenen, ungefähren Standardwert zu garantieren, diente der Stempelabdruck. Münzprägung wurde also erfunden, weil im Gegensatz zu Gold, Silber und Kupfer bei dem als Tauschobjekt verwendeten Elektron der wahre Metallwert durch Wiegen und Anschauen weniger leicht erkannt werden konnte und es, sollte es als Zahlungsmittel erfolgreich zirkulieren, einer sichtbaren ‹Garantie› bedurfte. Das Prinzip dieser Garantiestempel wurde dann sehr bald auf reines Silber und Gold übertragen.64 Die Münzprägung ist ein Geschenk des lydisch-ionischen Kleinasien an die antike Welt: Schon im Laufe des 6. Jh.s verbreitet sie sich im griechischen Mutterland, in den Kolonien, im Westen des Perserreiches. Die erste lykische Münze mit dem Athenabild wurde schon im letzten Viertel des 6. Jh.s v. Chr. geprägt; eine starke Zunahme im Bereich der griechischen Poleis an den Küsten Kleinasiens setzt erst seit dem 4. Jh. v. Chr. ein.

3.7.  Griechen, ca. 11. Jh. bis 550 v. Chr. Als die Lyder erobernd zur Küste vordrangen, trafen sie dort unter anderem auf die Griechen, die eine Reihe von verkehrsgünstigen Hafenorten und die gegenüberliegenden Inseln bewohnten. Die für die früheste Phase ihrer Anwesenheit aussagekräftigen Bodenfunde, besonders protogeometrischer Keramik, reichen von der Bodrum-Halbinsel im Süden bis Phokaia im Norden. Verschiedene Gruppen waren etwa ab 1100 aus Griechenland nach Asien eingewandert. Wie das geschah und ob und wie weit man der im 7. Jh. einsetzenden schriftlichen Überlieferung darüber Glauben schenken darf, ist umstritten.65 Aufeinanderfolgende Schübe der Einwanderungen von Griechen aus dem Mutterland nach Asien, Umsiedelungen, Arrondierungen der besetzten Territorien und das Wachstum neuer Orte, erneute Auswanderungen und Sekun­där­g ründungen erstrecken sich über einen langen Zeitraum bis etwa 500 v. Chr. Gemeinsam ist diesen im wesentlichen eine Ortswahl an der Meeresküste, Ägäis- und Mittelmeerküsten in der frühesten, Marmarameer- und

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Schwarzmeerküsten in den folgenden Bewegungen. Die Hellenisierung des Binnenlandes beginnt in entsprechender Intensität erst nach Alexander dem Großen. Aioler, Dorer, Ionier Ob es am Anfang geschlossene Stammesgruppen waren, die eine aus der Heimat mitgebrachte Identität, ihre Institutionen, Sitten und Gebräuche in Asien bewahrt haben, oder ob wir unter den asiatischen Aiolern, Ioniern, Dorern Gemeinschaften verstehen müssen, die sich erst in Kleinasien herausgebildet haben, darüber gibt es gegensätzliche Auffassungen. Elemente wie das Stammeskönigtum, der Rat, das allen Ioniern gemeinsame Heiligtum könnten alte Reste einer tribalen – stammestypischen – Organisation sein, die in der neuen Heimat nur mehr sakrale Bedeutung beibehielten. Die ersten Ankömmlinge scheinen die, sprachlich mit den Thessalern verwandten, Aioler gewesen zu sein. Sie besiedelten Tenedos, Lesbos und das dieser großen Insel gegenüberliegende Festland bis hinab nach Smyrna.66 Auf dem Bayraklı-Hügel (Alt-Smyrna), inmitten der heutigen Großstadt Izmir, wurde die älteste nachmykenische, griechische Architektur ausgegraben: Das früheste Haus von ovaler Form wird ca. in die Zeit von 925 bis 900 v. Chr. datiert,67 die Anfänge des Athenatempels etwa 200 Jahre später. Die kunstvollen,

Abb. 27 a – b:  Säulenbasis und Kapitell

(Rekonstruktion) vom Athenatempel in Alt-Smyrna, ca. 600 v. Chr.

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um 600 v. Chr. entstandenen Blattkranz- und Volutenkapitelle dieses Tempels bezeichnet man ihrem sonst seltenen Stil nach (ähnliche Formen des 6. Jh.s kommen beispielsweise in Phokaia, Neandria und Larisa vor, außerhalb Klein­ asiens auch auf Thasos68) als aiolisch, die Anregung zu diesem Architekturschmuck scheint jedoch Kleinkunst in Elfenbein und Bronze aus Syrien gegeben zu haben (Abb. 27).69 Die Aioler gründeten einen Bund, wurden indes von anderen Gruppen, den späteren Ioniern, aus einem Teil ihrer südlichen Wohnsitze verdrängt. Smyrna haben die Ionier ihnen weggenommen (Herodot 1, 149), so daß nur noch elf Städte des ursprünglichen Zwölferbundes verblieben: Kyme, Larisa, Neonteichos, Temnos, Killa, Notion, Aigiroessa, Pitane, Aigai, Myrina und Gryneion, wo sich mit dem Apollontempel und seiner Orakelstätte der kultische Mittelpunkt befand. Weiter nördlich in der Troas bis hin zu den Ufern des Hellespont ließen sich weitere Aiolergruppen nieder, zum Beispiel in Ilion; das Gebiet gehörte aber nicht zur asiatischen Aiolis im engeren Sinn. Spätere aiolische Gründungen sind auch die beiden «Magnesia» genannten Städte am Sipylos, nordöstlich von Smyrna, und am Maiandros, südöstlich von Ephesos. Die Wanderungen ‹dorischer› Gruppen über die Inseln führten zu Ansiedelungen in dem am weitesten südlich gelegenen Sektor der Westküste. Der dorische Sechsstädtebund (Hexapolis) hatte außer auf Kos und Rhodos mit den Poleis Kos, Ialysos, Kamiros und Lindos zwei Mitglieder auf dem Festland: Knidos und das später, angeblich wegen des Frevels eines Bürgers, ausgeschlossene Halikarnassos: Der hatte nämlich den als Siegpreis in den gemeinsamen Kampfspielen gewonnenen Dreifuß nicht, wie es heilige Vorschrift war, dem Gott geweiht, sondern mit nach Hause genommen (Herodot 1, 144). Das Apollon geweihte Bundesheiligtum Triopion lag auf dem Territorium von Knidos, zweifellos an der Spitze der gegen die Insel Kos vorspringenden karischen Halbinsel. Wo sich die älteste Stadt befand, ist bis heute umstritten. Die ausgegrabenen Ruinen an der Westspitze werden von einigen Forschern einer späteren Neugründung des 4. Jh.s v. Chr. zugewiesen, der ältere Ort bei Datça lokalisiert, bei einem daselbst nachgewiesenen Heiligtum des Apollon Karneios.70 Jedenfalls lagen beide Städte exponiert seeseitig, ihr Zugang vom eigent­lich karischen Hinterland war nicht durch breite Flußtäler geebnet. In Halikarnassos (heute Bodrum) wohnte noch im 5. Jh. v. Chr. eine gemischt ­karische und griechische Bevölkerung. Dort, wo das beste Klima herrscht, richteten sich die Ionier ein (Herodot 1, 142), und zwar am mittleren Teil der Westküste und auf den gegenüberliegenden Inseln – vielleicht nicht ohne eine gewisse Kenntnis von ihrem Zielgebiet durch die Tradition ihrer mykenischen Vorgänger. Die einzige Stelle in der Ilias Homers (13, 685), wo die Iaones helkechitones («mit langen Mänteln»)

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vorkommen, bezeichnet wahrscheinlich Euboier. Die älteste Bezeugung desselben Volksnamens in einem assyrischen Keilschrifttext von ca. 735 v. Chr., Jamnaja, hat keinen präzisen Bezug auf ein Herkunftsgebiet im engeren Sinne. Bei Tiglatpilesar III. wie auch bei Sargon II., der im östlichen Mittelmeer gegen sie eine Seeschlacht schlug, geben die Assyrer diesen Namen räuberischen Leuten aus dem fernen Westen, Griechen (vielleicht zusammen mit Nichtgriechen) aus dem Ägäisraum, deren Basis für Piratenüberfälle auf die Küsten Kilikiens und Phöniziens wohl Zypern war. Als Herkunft der asiatischen Ionier gibt die spätere griechische Überlieferung die nördliche Peloponnesos an, von wo die Achaier sie vertrieben haben sollen.71 Besonderen Anspruch auf die Mutterschaft der ionischen Kolonien machte Athen. Wegen eines Streits unter den Söhnen des Kodros um die Königswürde in Athen, so der Mythos, wanderten die Verlierer mit zahlreichem Gefolge aus. Die Namen von Gliederungseinheiten der Bürgerschaft (Phylen) und ein gemeinsames Fest namens Apaturia beweisen die alte Verwandtschaft mit Athen nur scheinbar, mag man doch eine nachträgliche Konstruktion solcher Übereinstimmungen nicht ausschließen, an der vor allem die Führungsmacht des 5. Jh.s v. Chr. Athen interessiert war. Nach Herodot hatten sich die meisten mit allen möglichen anderen Stämmen Mittelgriechenlands vermischt; nur eine Minderzahl der direkt von Athen herübergekommenen «adligsten» der Ionier brachte keine Frauen mit, sondern heiratete Karerinnen, deren Männer sie erschlugen. «Um dieses Blutbads willen haben sich die Frauen durch einen Schwur, den sie dann auf ihre Töchter vererbten, an den Brauch gebunden, niemals mit ihren Männern zusammen zu essen oder ihre Männer bei Namen zu nennen, eben weil sie ihre Väter, Männer und Söhne getötet und sie selber dann geheiratet hatten.» (Herodot 1, 146, Übers. Horneffer). Gewiß siedelten im späteren ‹ionischen› Gebiet gemischte Gruppen, unter denen die moderne Forschung namentlich eine boiotische auf Grund verschiedener Indizien festgestellt hat.72 Die ersten Kontakte der Griechen zu den einheimischen Bevölkerungen dürften in der Tat nicht friedlich gewesen sein. Außer den Karern waren im Küstengebiet die von den Griechen sogenannten Leleger ansässig, es gelingt aber nicht, archäologische Relikte als eindeutig lelegisch zu bestimmen. Jedenfalls sollen die ‹Ionier› Leleger und Karer von der Küste verdrängt haben. Am weitesten im Süden, im Karergebiet, gründeten sie Milet, eine alte, von mykenischen Griechen einst schon besiedelte, zeitweise wohl auch von den Karern in Besitz genommene Niederlassung (vgl. Ilias 2, 868), die vielleicht mit dem hethitischen Millawanda identisch ist. Auf einem Teil des milesischen Territoriums zeugen Gräber und Hirtengehege (sogenannte compounds) von Siedlungsschwerpunkten der Einheimischen auch nach der griechischen Landnahme. Die Keramik in deren Gräbern ist griechisch. Es muß ein weit bis

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in die hellenistische Epoche anhaltender Akkulturationsprozeß in der Milesia stattgefunden haben. Das später ca. 270 km2 große Territorium ist in jüngster Zeit intensiv auch mit naturwissenschaftlichen Methoden erforscht worden, so daß sich ökologische Veränderungen, die Entwicklung der Besiedelung und wirtschaftlichen Nutzung in Umrissen erkennen lassen.73 Im 6. Jh. entstanden im Hinterland von Milet kleinere Siedlungen wie Assesos oder Teichiussa und daneben auch k­ leinere Streusiedlungen und weitere Einzelgehöfte, ein Siedlungstyp, der b­ is in die mykenische Zeit zurückreicht. Die landwirtschaftliche Erschlie­ßung des Bodens schritt langsam voran. Bereits im Archaikum galt die Kultstätte von Didyma im Süden, immerhin 20 km von der Stadt entfernt, als Hauptheiligtum, und sie wurde durch eine Heilige Straße mit Milet verbunden.74 Die chora (Gemarkung) der Perle Ioniens verfügte mithin im archaischen Zeitalter über eine differenzierte Siedlungsstruktur. Die enorme wirtschaftliche Blüte dieser Polis indessen wurde von der vorzüglichen Hafenlage des Hauptortes und seinen Verbindungen über See und ins Landesinnere maßgeblich mitbestimmt. Nördlich von Milet folgen Myus und Priene, dann Ephesos, Kolophon, Lebedos,Teos, Erythrai, Klazomenai, Smyrna und, bereits in der Aiolis gelegen, Phokaia (Karte 3). Die meisten ihrer Ortslagen sind archäologisch gesichert, ein Rätsel bleibt nach wie vor die des älteren Priene, das von den boiotischen Einwanderern «Kadme» genannt wurde (Strabon 14, 1, 12). Die ausgegrabenen Ruinen gehören zu einer Neuanlage des 4. Jh.s v. Chr. Eine Vorgängersiedlung des archaischen Ephesos war vielleicht mit dem in der Hethiterzeit Apasa (S. 130) genannten Ort identisch. Die griechische Gründungslegende der Stadt Ephesos nennt wieder Athen als Ausgangsort. Die Griechen sollen Karer und Leleger vertrieben und als erstes ein Athenaheiligtum angelegt haben. Zur Zeit der Belagerung durch Kroisos, um 560 v.  Chr., wollten sie mit einem 1,5 km langen Seil die Stadtmauer an das Artemisheiligtum knüpfen, um ihre Unverletzlichkeit zu insinuieren. Doch nahm Kroisos sie trotzdem ein und siedelte die Bewohner um. Weder der älteste griechische Siedlungsplatz noch die Stadt des Kroisos sind archäologisch nachgewiesen; diese liegt möglicherweise unter meterdicken Schwemmlandschichten südlich des Artemision in der Ebene. Die große Ruine weiter westlich, an Panayır- und Bülbül Dag˘, ist die erst von dem Diadochen Lysimachos neuangelegte, hellenistisch-römische Stadtanlage. Zusammen mit Chios und Samos bildeten diese ionischen Städte in archaischer Zeit ebenfalls einen Zwölferbund um ein sakrales Zentrum mit dem Namen Panionion, wo dem Poseidon Helikonios Stiere geopfert wurden. Die Abgesandten der Mitglieder, basileis (Könige) tituliert, versammelten sich regelmäßig. Es soll ein gemeinsam geführter Krieg gegen eine Stadt namens Melia stattgefunden haben; das Territorium der Besiegten teilten sich Samos

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Kleinstaaten,Völker und neue Reiche (ca. 1000 bis ca. 550 v. Chr. und später) 169 Limnos

36 6 35 34 33

Lesbos 32

31 8

Aiolis

28

Chios

29

26

30 11 10 2

9 5

3 4

27 25

7

24

Athen

Ägäisches Meer

Samos

21

Hermos

1

Ionien 23 22

20

19

18

ros

iand

Ma

Karien

17 12

Kos

16 13 14

Rhodos

15

Mittelmeer

Kreta

0

50

100

150 km

Karte 3:  Frühgriechische Besiedelung Westkleinasiens

1 Smyrna, 2 Kyme, 3 Larisa, 4 Neonteichos, 5 Temnos, 6 Killa (?), 7 Notion, 8 Pitane, 9 Aigaiai, 10 Myrina, 11 Gryneion, 12 Kos, 13 Ialysos, 14 Kamiros, 15 Lindos, 16 Knidos, 17 Halikarnassos, 18 Milet, 19 Myus, 20 Priene, 21 Samos, 22 Ephesos, 23 Kolophon, 24 Lebedos, 25 Teos, 26 Erythrai, 27 Klazomenai, 28 Phokaia, 29 Chios, 30 Aigiroessa, 31 Mytilene, 32 Pyrra, 33 Eresos, 34 Antissa, 35 Methymna, 36 Tenedos

und Priene. Mag sein, daß ein solcher Krieg überhaupt zur Entstehung des Bundes geführt hat – gegen die antike, auf dem Marmor Parium gegebene Auffassung, die den Bund schon mit der Wanderung nach Kleinasien gegründet sieht (FGrHist 239 A 27). Genau datieren kann man das alles nicht. Dem ionischen Städtebund der archaischen Zeit jedenfalls sprach der prominente Gräzist Wilamowitz die entscheidende Integrationskraft bei der Herausbildung einer Identität der kleinasiatischen ‹Ionier› zu.75 Wie die älteren Priene und Ephesos, so ist auch die Lage des archaischen Panionion ein Problem. Es ist auf der Mykale-Halbinsel zu suchen, mit jenem gegen Samos spitz nach Westen vorspringenden «luftigen Scheitel» (Ilias 2,

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869), der nach Norden sanft, nach Süden, zum Maiandrostal, schroff abfällt. Lange Zeit glaubte man, es mit einigen von dem deutschen Ausgräber Milets, Prienes und Didymas Theodor Wiegand 1898 entdeckten und später ausgegrabenen Überresten bei Güzelcamlı identifizieren zu können. Diese befinden sich am Nordfuß des Höhenzuges, auf dem nach einer türkischen Maschinengewehrstellung im Ersten Weltkrieg «Otomatik-Tepe» genannten Hügel. Der Bochumer Archäologe Hans Lohmann hat vor wenigen Jahren im Gebirge selbst oberhalb von Priene Trümmer einer sehr alten Anlage, darunter auch ­einen archaischen Kultbau entdeckt. Seiner Auffassung nach lag hier Melia und wurde hier das älteste Panionion errichtet, das die Perser zerstörten, wogegen das bei Güzelcamlı lokalisierte auf eine spätklassische Neugründung an anderer Stelle zurückgehe. Bewiesen ist das nicht.76 Bereits im 8. Jh. v. Chr. erweiterten mächtige Inselpoleis wie Mytilene auf Lesbos und Samos, gefolgt im 6. Jh. von Chios sowie in klassischer Zeit von Tenedos und Klazomenai, ihr Territorium um einen Streifen auf dem gegenüberliegenden Festland; um derartigen Besitz entstehen bis hinab in den Hellenismus wiederholt Konflikte zwischen Festland- und Inselstaaten (vgl. besonders zu Rhodos S. 294 ff.).77 Heiligtümer Die asiatischen Stammesheiligtümer der Griechen, Gryneion, Triopion und Panionion, erlangten indessen weit weniger Bedeutung als einige andere, uralte Kultstätten fremder, anatolischer Gottheiten, die die griechischen Einwanderer hier und da in Besitz nahmen und synkretistisch verwandelten. Diese entwickelten sich in den nachfolgenden Jahrhunderten zu religiösen Zentren ersten Ranges mit einer weithin ausstrahlenden Anziehungskraft, wenn auch nicht alle zur gleichen Zeit: Ein frühes Beispiel außer der Artemis von Ephesos, auf die wir gleich zu sprechen kommen, ist der Apoll von Didyma (Branchidai); spätere sind etwa die Artemis mit «weißen Augenbrauen» (leukophryene) in Magnesia am Maiandros, der Apoll von Klaros und der Dionysos von Teos. Die Anfänge des Kultplatzes Didyma sind an den Fassungen zweier Quellen festzumachen (um 700); etwa hundert Jahre später entstanden eine Halle mit Erddach und ein oben offener Rundbau, im Laufe des 6. Jh.s der archaische Ringhallentempel (Tempel II) mit einem Naos (Kultbau) über einer der Quellen, erst nach der Mitte des 6. Jh.s ergänzt um die von Milet heranführende Heilige Straße. Wie der archaische, unter der restaurierten Ruine des hellenistischen Tempels gelegene und mit nur wenigen Bauresten und Funden erschlossene Vorgängerbau (vgl. Herodot 6, 19, 3) aussah, ist nicht abschließend geklärt.78 Man denkt ihn sich in Analogie zu seinen ostionischen Ge-

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schwistern, dem Heraion in Samos und dem Artemision in Ephesos, als einen Naos mit doppelter Ringhalle. Das Didymaion interpretierten die Griechen als den Ort, an dem Zeus und Leto die Zwillinge Apollon und Artemis gezeugt haben, und verehrten einen Lorbeerbaum neben einer der Quellen. ­Didyma war Orakelstätte und besaß bereits im 7. Jh. internationalen Ruf: Der Pharao Necho aus Ägypten weihte dorthin ein Stück seiner Rüstung nach dem Sieg über Josiah von Juda bei Meggido (ca. 608 v. Chr., Herodot 2, 159).79 Unter diesen heiligen Stätten an der Westküste im Gebiet der Ionier verdient es eine, ausführlicher beschrieben zu werden: Das Artemision bei Ephesos. Seine genaue Lage am Westfuß des Ayasolukhügels bei Selçuk hat erst der Engländer John Turtle Wood im Jahre 1869 ausgemacht. Die nachfolgenden englischen und österreichischen Grabungen erschlossen dann verschiedene Kultplätze und Bauphasen. Eine mykenische Vorgeschichte ist wahrscheinlich, die ältesten nachmykenischen Weihgaben, Gold- und Elfenbeinstatuetten, stammen aus dem späten 8. oder 7. Jh. v. Chr. Auf dem Gelände waren anscheinend mehrere weibliche Gottheiten verehrt worden; einer von ihnen, die von den Griechen als Artemis interpretiert wurde, baute man in der zweiten Hälfte des 8. Jh.s einen kleinen Ringhallentempel mit Holzsäulen. An dieser Stelle weihte der Lyderkönig Kroisos um 560 v. Chr. den Neubau eines marmornen Doppelringhallentempels (Dipteros), mit dessen Qualität und Dimensionen er die kurz zuvor begonnenen Großbauwerke der freien Ionier in Samos und Didyma bei Milet überflügeln wollte. Dieser Tempel wurde 356 v. Chr. durch Brandstiftung von dem Fanatiker Herostratos zerstört, der sich durch diese Wahnsinnstat («Herostratentum») unsterblich machen wollte – und damit Erfolg hatte; an des alten Tempels Stelle entstand dann dessen Neubau, den man im Hellenismus unter die Sieben Weltwunder zählte. In Spätantike und Mittelalter verschwand der Bau nahezu vollständig von der Oberfläche, und heute sind im sumpfigen Gelände nur noch spärliche Reste zu sehen.80 Von der ephesischen Artemis können wir uns dank der Überlieferung ein Bild machen (Abb. 28 a). Darin wird eine eigentümliche Ausprägung anatolischer Religionsgeschichte sichtbar – ein besonders plastisches Beispiel für den gräko-asiatischen Synkretismus auf ionischem Boden. Die beiden marmornen Standbilder der Göttin wurden nicht im Artemision, sondern in der kaiserzeitlichen Stadt Ephesos gefunden. Diese römischen Kopien gehen wohl auf das Kultbild des jüngeren Tempels im 4. Jh. v. Chr. zurück; die stehende Artemis ist von Hirschkühen flankiert und ihr Gewand mit kleinen Tierprotomen verziert. Die am Oberkörper herabhängenden zapfenförmigen Gebilde sind lange Zeit als Fertilität symbolisierende Brüste gedeutet worden; schon in der Antike schrieb der Kirchenvater Hieronymus von der «vielbrüstigen» (multimammia) Diana. Eine frappierende Ähnlichkeit mit Stierhoden erkannte der Schweizer Gérard Seiterle,81 doch haben dieser und andere Vorschläge bis

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heute keinen Konsens gefunden. Ikonographisch erscheint die Ephesierin der phrygischen Kybele bzw. der bei den Lydern als Kybebe verehrten Frau nahezustehen. Eine 1, 26 m hohe Statue der halbnackten Göttin von Bog˘azköy, die mit Rock und einem riesigen Kopfschmuck bekleidet ist, hat neben sich ­einen Harfen- und einen Flötenspieler, die ihr kaum bis zur Hüfte reichen (Abb. 28 b). Zahlreiche Darstellungen zeigen diese anatolischen Göttinnen mit verschiedenen Attributen, ­sitzend und stehend zwischen oder neben Tieren: Vögeln, Löwen, Stieren, ­Fischen. Die von Tieren flankierte Frauenplastik kennen wir bereits aus dem neolithischen Çatal Höyük (Abb. 11). Überregional bedeutende Heiligtümer von altanatolischen Göttinnen befanden sich im kappadokischen und im ­pontischen Komana sowie im phrygischen Pessinus. Zahlreiche, als Artemis benannte Göttinnen Anatoliens und Syriens, wie beispielsweise die Artemis Perasia von Hierapolis-Kastabala und die Tar‘t-a¯ (griechisch: Atargatis) von Hierapolis-Bambyke, gehören in diesen Kreis (S. 155 f.).82 Abb. 28 a – b:  Artemis von Ephesos, Museum Selçuk. Kybele von Bog˘ azköy, Museum für anatolische Kulturen, Ankara

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Ein spät, wohl im 6. oder 5. Jh. v. Chr. ‹hellenisiertes›, das heißt mit den Namen griechischer Gottheiten verbundenes Heiligtum bei Xanthos in Lykien gehörte der Mutter Leto und ihrem Zwillingspaar Apollon und Artemis. Die epigraphische Überlieferung in der einheimischen lykischen Sprache ­sichert, daß in vorgriechischer Zeit in dem späterhin als Letoon ausgebauten Sakralbezirk eine göttliche «Mutter» (Lykisch: ˉeni) und ihre Kinder verehrt wur­ den, daneben auch Wassergöttinnen (elija¯ na). Eine bei Ovid (met. 6, 317–381) erzählte Geschichte, über deren kleinasiatisch-lykischen Ursprung es keinen Zweifel gibt, ist für den Synkretismus, der mit der griechischen Inbesitznahme dieses wie zahlreicher anderer Heiligtümer einsetzte, von exemplarischer Bedeutung: Der von Hitze und Durst gequälten Leto und ihren Kindern verweigern lykische Bauern mitleidlos den erquickenden Trunk aus dem kleinen, schilfumgürteten Teich, woraufhin die Göttin sie in Frösche verwandelt. Wenn man richtig interpretiert, reflektiert diese Legende einen Fall von Widerstand der indigenen Einwohner gegen die Gleichsetzung ihrer «Mutter» und Kinder mit der griechischen Trias; die Einheimischen wehren sich also gegen den von den Zusiedlern und ihrem Kult auf das Heiligtum übertragenen Synkretismus – wohl auch deswegen letztendlich vergeblich, weil die Elite des eigenen Volkes sich der Hellenisierung durchaus öffnete.83 Pamphylien und Kilikien Wenden wir uns von der Ägäisküste ab und dem Süden zu, so verdienen sehr frühe, spätbronze- und eisenzeitliche griechische Siedlungen an zwei Stellen der Mittelmeerküste Anatoliens unsere Aufmerksamkeit. Für Pamphylien gibt nur noch mythische Tradition die Rückbesinnung auf griechische Gründungen in fremder Umgebung wieder: Aspendos sei von Argivern, Selge von Lakedaimoniern, Side von Aiolern aus Kyme, Perge von den nach Teilnahme am Troianischen Krieg wandernden Sehern Mopsos – der eine Tochter namens Pamphylia hatte (Theopomp, FGrHist 115 F 103, 15) –, Kalchas oder Amphilochos gegründet worden. Mit Perge wird die bronzezeitliche Stadt Par ha am ˘ Fluß Kastariya gleichgesetzt (S. 129). Durch die Keramik nachzuweisende Okkupation erfolgt in nennenswertem Umfang erst ab dem frühen 7. Jh., und zwar deutet in dieser Phase alles auf eine Niederlassung von Rhodiern aus Lindos hin, die ja etwa zur gleichen Zeit Phaselis an der gegenüberliegenden lykischen Küste gegründet haben sollen.84 Auch an anderen Orten Pamphyliens fehlt bisher jeder Beweis für mykenische Besiedelung. Griechische Niederlassung kann in Pamphylien archäologisch bislang nicht höher als in das 7. Jh. v. Chr. hinaufdatiert werden, im äußersten Osten saßen zu dieser Zeit noch Phönizier: Eine phönizische Inschrift spricht von einem Gouverneur, der seinen Gefolgsleuten Weingüter zuweist.85 Ein anderes Indiz für mykenische Be-

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siedelung glaubte man in der Sprache zu finden. In späterer Zeit wird uns ein durch Inschriften und Münzen nur sehr spärlich bezeugter Dialekt überliefert, der Beziehungen zum mykenischen Griechisch aufweist: So nennt eine Münz­ legende die Artemis von Perge wanassa Preiia (mykenisch: Herrin, vgl. wanax/ anax – Herr). Weiter westlich im pamphylisch-lykischen Grenzraum befanden sich außer Phaselis noch weitere rhodische Kolonien wie Melanippion, Korydalla, Gagai, Rhodiapolis, und aiolische wie Thebe, Lyrnessos,Tenedos, Kyme.86 Mopsos soll auch nach Kilikien gewandert sein und Mopsuhestia (Herd oder Haus des Mopsos), eine Stadt unweit von Adana, gegründet haben. Hier scheint tatsächlich eine historische Person dieses Namens regiert zu haben, allerdings wohl wesentlich später als der Seher aus Theben: Die luwisch-phönizische Bilingue von Karatepe aus dem 8. Jh. v. Chr. erwähnt ein bt Mpsˇ.87 An mehreren Orten im Ebenen Kilikien und gegenüber, an der nordsyrischen Küste in Al Mina, spricht archäologische Evidenz für die Anwesenheit von Griechen im 8. Jh., mithin in derselben Zeit, zu der diese Küsten von als «Ioniern» bezeichneten Piraten angegriffen wurden. Die inneren Verhältnisse Über die inneren Verhältnisse der aiolischen, ionischen und dorischen Gemeinden in der ältesten Siedlungsphase wissen wir wenig. Das Problem einer mitgebrachten oder in Asien erst herausgebildeten Stammesverfassung haben wir schon erwähnt. Doch gilt festzuhalten, daß die Poleis der Griechen in Asien sich von den Staaten unterscheiden, die wir bei Hethitern, Phrygern und Lydern kennengelernt haben. Die archaischen Poleis sind kleinteilige Gebilde, den Stadtkönigtümern der Phönizier, Aramäer oder Späthethiter im Tauros, Kilikien und in der Levante vergleichbar. Ihren Bundesorganisationen zum Trotz bleiben sie selbständig, ja uneins. Ein dauerhafter politischer Zusammenschluß kommt nicht zustande. Monarchien an der Spitze mit Titeln, Insignien, Palästen und Hofstaat bilden sie nicht aus. Anfangs gibt es sicher ‹Könige› (basilees), die dann aber nach und nach verschwinden. Doch der König ist primus inter pares; den Führungsanspruch teilen Kollektive, die Häupter alteingesessener Sippen und Familien. In Erythrai und Ephesos heißen die vornehmen Familien noch basilidai, «königliche», wohl weil ihnen einst das erb­liche Recht, den König zu stellen, vorbehalten war. Die Adeligen beraten sich regelmäßig und sind Wortführer in den Versammlungen der Bürger (politai). Alle erwachsenen männlichen Mitglieder der Polis bilden die Gemeinschaft der politai, von der die fremden Mitwohner oder Beiwohner (metanastai, paroikoi) streng geschieden werden.88 In sozialökonomischer Hinsicht dürfte die Mehrzahl der politai aus Landbesitzern bestehen, die hauptsächlich Landwirtschaft auf dem Territorium der Polis betreiben, wobei die mächtigen, im

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politischen wie im kultischen Gemeinschaftsleben ebenso wie auf Kriegs- und Beutezügen führenden Adeligen zugleich die reichsten mit dem größten Anteil am Land und am Viehbestand sind. Auf ihren Gütern finden wir nicht nur – vornehmlich im Krieg erbeutete – Sklaven und Sklavinnen, es begleiten und bedienen sie auch freie Gefolgsleute. Die großen Herren sind Pferde- und/ oder Schiffsbesitzer, fahren auf Wagen in den Kampf und auf die Jagd, horten Schätze aus Handel und Beute, schließen sich in – oft miteinander rivalisierenden – Hetairien (Vereinigungen von hetairoi «Gefährten») zusammen, pflegen «Gelage» (die Sitte des Liegens beim Gemeinschaftsmahl stammt von den Assyrern) mit Musik, Vortrag und Tanz; sie treten bei Festen und Umzügen führend in Erscheinung, und sie engagieren und bezahlen die, meist wandernden, Spezialisten: Ärzte, Mantiker, Sänger, Töpfer, Leder- und Metallarbeiter, Kunsthandwerker wie Gold- und Silberschmiede, Elfenbeinschnitzer. Natürlich pflegen sie Gastfreundschaft und Heiratsverbindungen mit Familien von Großen auch außerhalb ihrer Polis. Wenig wissen wir über ihre Wohnsitze, ihre Architektur: In Larisa am Hermos sind zwei «Paläste» des 6. Jh.s, recht­ eckige Gebäude mit vorspringenden Anten und aiolischen Säulen zwischen ihnen, ausgegraben worden, bei denen es sich wohl um Herrensitze handelt.89 Ein bedeutendes Werk kleinasiatisch-griechischer Steinmetzkunst des letzten Drittels des 6. Jh.s v.  Chr. ist der marmorne Gümüs¸çay-Sarkophag aus der Troas, auf dem unter anderem eine Szene aus der Mythologie: die Opferung der Polyxena durch Neoptolemos am Grab des Achilleus abgebildet ist. Vermutlich gehörte der Sarkophag zum Grab einer lokalen Fürstin.90 Schon im 7. Jh. v. Chr. hören wir von Tyrannen in Ionien.91 Der Dichter Archilochos bezieht, wie wir bemerkt haben, das Wort Tyrannis auf die gewaltsam errungene Macht des Lyders Gyges. Jahrhunderte spätere griechische Quellen (Nikolaos von Damaskos, Konon) berichten von griechischen Tyrannen in Milet. Die Adeligen liegen miteinander im Kampf. Den angesehenen Leoda­mas tötet ein gewisser Amphitres und läßt durch seine Gefolgsleute die Stadt besetzen; die Söhne des Ermordeten fliehen zu einem Freund nach Assesos, und dort hält sich der Widerstand. Schließlich gelingt es diesen, die Tat zu rächen und Amphitres zu erschlagen. Die wegen ihrer Machtmittel und ­ihres Ansehens besonders prekäre Position des Heerführers, das Amt des aisym­netes, besetzen die Milesier später durch Wahl. Doch im Krieg mit den Lydern tritt erneut ein Tyrann auf, Thrasybulos, der dem lydischen Angriff nicht nur erfolgreich zu trotzen vermag, sondern sogar vom Lyderkönig Alyattes als Bundesgenosse und Gastfreund anerkannt wird. Solche persönlichen Beziehungen halfen den Lyder- wie später den Perserkönigen, die griechischen Poleis an sich zu binden. Auch in Ephesos kommt es zu Umstürzen. Die basilidai bleiben nicht unangefochten. Gegen sie erhebt sich ein gewisser Pythagoras, den die Über-

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lieferung als grausamen Tyrannen in dunklen Farben zeichnet. Ob er den Vorgängertempel des Kroisos im Artemision hat bauen lassen, ist unsicher. Der entmachtete Clan schlägt zurück, Melas und sein Sohn Pindaros regieren nacheinander die Stadt. Nach Einnahme (und Verlegung) von Ephesos durch Kroisos ist das Auftreten eines athenischen Schlichters bezeugt, dessen Ordnungsmaßnahmen jedoch Episode bleiben; es folgen weitere Tyrannen. In ­einem ähnlichen Dauerclinch liegen die Adelsparteien in Erythrai. Die Namen dreier führender Mitglieder einer Hetairie, die sich mit den prominenten Basiliden in dieser Stadt anlegen und durch Mord und Totschlag an die Macht kommen, sind Ortyges, Iros und Echaros. Kolonisation Ein folgenreicher Vorgang ist die im 8. Jh. v. Chr. einsetzende und etwa bis 500 v. Chr. anhaltende sogenannte große griechische Kolonisation. Auf asiatischem Boden spielen dabei zwei Hafenstädte als Ausgangsorte für die Auswanderungen über See eine entscheidende Rolle: Milet und Phokaia. Für Milet kommt die Forschung auf eine Zahl von beinahe fünfzig Gründungen.92 Zu den frühesten und hauptsächlichen Zielgebieten der Milesier gehören Hellespont und Propontis (Marmarameer). In der Nachbarschaft der bedeutenden megarischen Tochterstädte (Apoikien, wörtlich: Wegsiedelungen) Byzantion, Kalchedon, Olbia und Astakos im Osten der Propontis siedelten milesische Gruppen an der West- und Südküste ab ca. 700 v. Chr. in Abydos, Kyzikos, Prokonnesos und Kios. Nach einer Unterbrechung von ca. 680 bis 650 dringen weitere durch den Bosporus nach Norden vor. Die Schwarzmeergründungen der Griechen (7. und 6. Jh. v. Chr.) sind größtenteils milesisch, am Südufer, alle auf dem Gebiet der heutigen Türkei gelegen: Tieion (Hisarönü), Sesamos (Amasra) und Kromna (Tekkeönü). Die wichtigste und wohl auch früheste Stadt ist Sinope (Sinop) mit Sekundärgründungen wie Kytoros ­(Gideruz), Kotyora (Ordu), Kerasus (Giresun) und Trapezus (Trabzon), während die Anfänge von Amisos, der heutigen Großstadt Samsun, vielleicht auf Milesier und Phokaier gemeinsam zurückgehen.93 Am westlichen Ufer des Schwarzen Meeres gründeten die Milesier unter anderem Apollonia (Sozopol), Odessos (Varna) und Dionysopolis (Balcik) im heutigen Bulgarien,Tomis (Constant¸a) und – an der Donaumündung – Istria (Histria) in Rumänien; die Nordküste besiedelten sie mit Tyras am Dnjestr, der Insel Berezan und Olbia am Dnjepr (Porutino), Pantikapaion (Kertsch) und Theodosia (Feodosija) auf der Krim, alle heute auf ukrainischem Gebiet, die Ostküste mit Dioskurias (Suchumi in Abchasien) und Phasis (Poti in Georgien). Beteiligt waren sie möglicherweise an den frühen Handelsniederlassungen Naukratis im Nildelta und Posideion (Al Mina) an der Orontesmündung in Nord­syrien.

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Kleinstaaten,Völker und neue Reiche (ca. 1000 bis ca. 550 v. Chr. und später) 177 Berezan

Asowsches Meer

Olbia

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Tyras Theodosia

Istria

Dioskurias

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Schwarzes Meer

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Dionysopolis

Odessos

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Posideion Rhodos

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0

50 100 150 km

Karte 4:  Milesische Kolonien

Von Phokaia (Foca) im aiolischen Gebiet, der zweitwichtigsten ionischen Mutterstadt, ist kaum etwas erhalten. Grabungen haben aus der ältesten Phase ein megaron und Teile eines ovalen Hauses freigelegt. Aus dem Hafen dieser Stadt segelten ab ca. 600 v. Chr. Kolonisten bis ins westliche Mittelmeer. Elea (Velia) in Süditalien und Massalia (Marseille) in Südfrankreich mit Tochterstädten Alalia (Aleria) auf Korsika und Emporiae (Ampurias) in Spanien, vielleicht Monoikos (Monaco), Nikaia (Nizza) und Antipolis (Antibes) an der Côte d’Azur verdanken sich ihrem Wagemut. Eine erneute Auswandererwelle schwappte in die bereits bestehenden Kolonien, als die Perser Phokaia bedrohten (nach 545 v. Chr.). Die Gründe für diese Auswanderungen sind viel diskutiert worden. Für einige von ihnen haben der Überlieferung zufolge lydische Könige die Erlaubnis erteilt, und es fragt sich, ob Gyges, Alyattes und andere dabei einen aktiven Part spielten und was ihre Motive waren. Die rasche Aufeinanderfolge milesischer Gründungen hat Anlaß gegeben, an einen Plan staatlicher Autori-

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täten zu denken. Mit Blick auf einzelne Zielgebiete sind als wichtige Beweggründe Handelsinteressen und Suche nach wertvollen Gütern nicht von der Hand zu weisen. Eigentliche Umschlagplätze waren die milesischen Pflanzstädte in der Regel jedoch nicht; ihre Bevölkerung ernährte sich durch Ackerbau, Fischfang und Viehzucht und bildete eine neue Gemeinschaft von Landbe­sitzern. Indes die Auswanderungen hauptsächlich als ein Ventil von Übervölkerung und Landnot in der Heimat zu verstehen, findet wenigstens für die Milesia keinen hinreichenden Nachweis. Den Entschluß größerer, auf die ‹Pioniere› nachfolgender Gruppen, die Heimat mit schon bekanntem Ziel zu verlassen, müssen vor allem die für diese Zeit gut bezeugten, internen Spannungen (staseis) befördert haben. In die Adelskämpfe wurden natürlich auch die Gefolgschaften der verfeindeten Häuser (oikoi) hineingezogen. Da wir diese Vorgänge im Gegensatz zu neuzeitlichen Kolonisierungsbewegungen mit keinen statistischen Daten erfassen können, bleibt es bei Vermutungen. Überproportionaler Zuwachs konfliktstiftender und risikobereiter junger Männer wie vielerorts in Europa zwischen dem 16. und 19. Jh. ist als treibende Kraft nicht auszuschließen.94 Die Migranten setzten sich zweifellos nicht aus Milesiern allein zusammen, sondern zu ihnen stießen auch Einheimische, besonders Karer, hier und da auch Gruppen benachbarter Städte. Eine Phyle der Schwarzmeerstadt Sesamos, die noch in der Kaiserzeit bestand, gibt durch ­ihren Namen Halikarnassis darauf einen klaren Hinweis. Noch ein anderer Grund für Männer in Westkleinasien die Heimat zu verlassen, zeigt sich in dem damals blühenden Söldnerwesen. Es versprach im Dienst der reichen orientalischen Großmächte eine bessere Zukunft als in Zerwürfnissen zu Hause. Der Pharaonenstaat in Ägypten hat zahlreiche Griechen, Karer und Lyder in Sold genommen und angesiedelt. Die Inschriftenfunde der Karer im Ägypten dieser Zeit sind reicher als die des Heimatlandes (S. 148). Graffiti mit den Namen von Söldnern aus Teos und Kolophon finden sich in Abu Simbel. Ein Mann aus Priene, offenbar ein hoher Offizier, wurde zum Dank für seine Dienste von Psammetichos I. (656–610 v. Chr.) reich beschenkt, was er stolz vermerkte – eingraviert in einem Würfelhocker aus Stein ([195] SEG 37, 994; vgl. 39, 1266). Der Bruder des Dichters Alkaios von Lesbos, Antimeneidas, war Söldner in Babylon (Fr. 50 Diehl). Die Erinnerung an die weit zurückliegende Entsendung einer Tochteraus ihrer Mutterstadt hat in den späteren Urkunden ebenso wie in der antiken Literatur reichen Ausdruck gefunden. So hat man zum Beispiel in der Stadt Abdera an der thrakischen Küste im 2. Jh. v. Chr. offiziell bekundet, daß die Bürger von Teos in Ionien die «Väter» der Stadt seien ([195] SEG 47, 1646). Gewiß sind manche Genealogien in späterer Zeit erst ‹gestrickt› worden. Die moderne Forschung versucht, durch die Bodenfunde, die epigraphischen und literarischen Bezeugungen von Ämtern, Kulten und Festen, Kalendern, Phy-

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len- und Personennamen diese Verwandtschaftsverhältnisse zu überprüfen. Die vielen milesischen Tochterstädte waren, was ihre Institutionen betrifft, höchst konservativ, sie haben ihre Mutterstadt in fast jeder Hinsicht kopiert und lassen sich deshalb in den meisten Fällen als solche Abkömmlinge klar nachweisen. Alphabetschrift und Homer Wenn wir auf die älteste Kultur der Griechen in Kleinasien zurückblicken, bildet etwa die Mitte des 7. Jh.s quellenmäßig eine Scheidelinie. Was davor liegt, muß, wo uns die Archäologie im Stich läßt, fast immer aus späteren Angaben erschlossen werden. Danach setzt, stetig anwachsend, sowohl die inschriftliche als auch die literarische Überlieferung ein. Ein Sonderfall ist Homer. Die Ilias in der vorliegenden Form scheint in Kleinasien entstanden zu sein. Eine Datierung ins 8. Jh. v. Chr. findet sich zwar in den meisten Büchern, wird aber doch durch gute Argumente zu Gunsten einer späteren auch in Zweifel gezogen. Der englische Philologe Martin West hat prägnant und ­etwas provokant formuliert: «Ich habe den Verdacht, daß die meisten derer, die eine Datierung in das 8. Jh. vertreten, dies tun, weil es die meisten anderen tun.»95 Als ein terminus post quem hat jedenfalls für ihre vollendete Gestalt der Gebrauch der Alphabetschrift zu gelten, deren griechische Übernahme selbst freilich problematisch ist: Wann, von wo, wie und auf welchen Wegen ist sie zu den Griechen gelangt? Beim Studium des Homertextes geraten zugleich mit den Fragen nach der Transmission der Schrift eine Vielzahl weiterer Kultureinflüsse aus dem Osten in Sprache, Literatur, Kunst, Handwerk und anderen in der Ilias erwähnten Realia in den Blick; und dies gilt nicht nur für dieses Epos: Eine in dieser Hinsicht ebenso reiche Schöpfung ist die archaische Epik des Boioters Hesiod. Für beide liegt längst der Nachweis unmittelbarer Vorbilder in ‹Klassikern› der Keilschriftliteraturen vor – für Hesiods Theogonie der Sukzessionsmythos hurritisch-hethitischer Provenienz, für Ilias und Odyssee etwa die im Orient geradezu als Schullektüre kanonischen Epen wie Gilgameš, Atrahasis und Enuˉma Eliš. ˘ Der kulturgeographische Rahmen dieser Problematik überschreitet die Grenzen unseres Themas,96 und doch rückt Kleinasien in den Mittelpunkt, ja es drängt sich die Metapher von der Halbinsel als «Brücke», über die der Kulturtransfer erfolgte, geradezu auf. Von Interesse ist der Anteil, den die anatolischen Kulturen der Bronzezeit und ihre Nachkommen davon beanspruchen können, insbesondere, wieviel von der hethiterzeitlichen Kultur durch eine im ganzen anatolischen Raum zwischen Dardanellen und Euphrat verbreitete, ­luwische Kulturgemeinschaft – sogenannte Koine – der nachfolgenden Jahrhunderte über die Luwier West- und Südanatoliens in die frühgriechische Kultur eingegangen ist. Das frühe Griechisch hat Wörter, die aus dem anatoli-

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schen Sprachgut entlehnt sein können (beispielsweise kyanos Lapislazuli, dunkelblau, hethitisch kuwanna oder kymbachos Helm, hethitisch kubahi). Entgegen der Auffassung, die Ilias schildere auch auf dem asiatischen Schauplatz eine im wesent­lichen griechische Welt, sucht man in Sitten, Kleidung und Institutionen der Troianer bei Homer ‹Anatolismen› nachzuweisen, doch sind die Ergebnisse umstritten. Schließlich ist darüber nachzuforschen, ob die semitische Buchstabenschrift nicht etwa durch einen anatolischen Vermittler (wie die Phryger) zu den Griechen gelangt ist. Diese Fragen sind nicht neu, sie wurden bereits durch Ernst Loewys «Typenwanderung» (1909) und Santo Mazzarinos Antithese (1947) von der «via del mare» (Seeweg) und der «via di terra» (Landweg) aufgeworfen.97 Allein, der Löwenanteil an Orientalischem in der frühgriechischen Kultur ist semitisch. Lehnwörter semitischen Ursprungs gibt es mehr als hundert in der mykenischen und archaisch-griechischen Sprache. Die Erzählstoffe in literarischer, verschriftlichter Form, aus denen die Dichter der Theogonie, Ilias und Odyssee schöpften, können nicht aus Keilschriftbibliotheken der Hethiter zu den Griechen der Bronzezeit gelangt sein. Die Bedingungen, unter denen Dichter solche Anleihen bei fremdsprachigen Literaturen nehmen konnten, passen demgegenüber in die Blütezeit des neoassyrischen Reiches, das heißt ins 8. und 7. Jh. v. Chr. Zu dieser Zeit können die Klassiker ins Aramäische übersetzt, in Buchstabenschrift aufgeschrieben und an mehreren Orten Griechen zugänglich gewesen sein, die zweisprachig waren. Zweisprachige Milieus muß es auf Zypern, in Kilikien und an der Levanteküste damals gegeben haben. Die Deportationen der Assyrer können einzelne oder Gruppen von Griechen sogar bis ins Innere des Zweistromlandes geführt haben. Unter den von Ost nach West wandernden Ideen, Fertigkeiten, Gewohnheiten und materiellen Gütern muß die Übermittlung der Schrift als Prüfstein dafür von besonderer Bedeutung sein, wo die Kontakte zwischen Geber und Nehmer intensiv waren. Gegenstände und handwerkliche Fertigkeiten wandern leicht von Land zu Land, aber das Schreibenlernen der semitischen Zeichen mit Hilfe des semitischen Merkspruchs: Ochse-Haus etc., eben Alphabet …, setzt ebenso wie das Aufnehmen und Umformen von Dichtung doch eher ein Zusammenleben mit denen voraus, die diese Kunst schon lange und gut beherrschten. Die archäologischen Funde von Trägern archaischer griechischer Alphabetschrift in Kleinasien, die bisher veröffentlicht wurden, sind zeitlich um gut hundert Jahre jünger als die ältesten Exemplare aus Griechenland und Italien – die Dipylonkanne und der Nestorbecher (750–720 v. Chr.) [Abb. 29]. Ein mit wenigen Buchstaben beschriftetes Gefäß aus einem Grab in Gabii (Osteria dell’Osa, Italien) ist noch um mindestens zwei Jahrzehnte älter als diese, wenn die Datierung nach dem archäologischen Befund richtig ist.98 Die den

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Abb. 29:  Nestorbecher aus Pithekussai

(Ischia)

griechischen sehr ähnlichen Buchstabenformen altphrygischer Inschriften auf einer Handvoll Scherben sind etwa genauso hoch datiert worden. Die Bildung einer Doublette aus dem semitischen waw in beiden Alphabeten, dem griechischen und dem phrygischen, spricht für Abhängigkeit des einen vom anderen, das heißt, der einmal erfolgte Eingriff ist an die das Alphabet empfangende Seite weitergegeben worden. Dieses Zeichen ähnelt einem Ypsilon, kommt aber auch in Formvarianten besonders einem F ähnelnd vor: In dieser Form verwenden es griechische Regionalalphabete an seinem Platz in der semitischen Reihe, und es repräsentiert dort wie im Semitischen den Lautwert w (sogenanntes digamma, zum Beispiel in wanax, wanassa – Herr, Herrin); in jener (Y-)Form indes wird es doppelt verwendet und am Ende der Buchstabenreihe angehängt, um den u-Vokal wiederzugeben. Die (schon früher geäußerte) Theorie einer Vermittlung des Alphabets durch Phryger an die Griechen Kleinasiens bleibt beim heutigen Kenntnisstand unwahrscheinlich.99 Es gilt die wissenschaftliche Publikation neuer Forschungen in Gordion abzuwarten. Andere kleinasiatische Alphabete hohen Alters müssen die karischen und ­lykischen sein, wenn auch die überlieferten Inschriften später als die ältesten phrygischen sind. Doch stehen diese Zeichensysteme den griechischen weniger nah und können unabhängig von den Griechen adaptiert und erst sekundär griechisch beeinflußt sein. Wie bei der Dichtung so scheinen auch bei der Schreibkunst Griechen, die sich in einem semitischen Milieu aufhielten  – ­direkt bei Aramäern oder Phöniziern in der Levante, in Kilikien oder auf Zypern –, das Alphabet um 800 v. Chr. gelernt und sehr rasch in den Ägäisraum, vor allem nach Euboia und nach Italien weitergegeben zu haben. Die Hauptstraße des Kulturtransfers nach Westen in der orientalisierenden Epoche war mit Sicherheit der Seeweg und nicht der Landweg über Anatolien. Was immer man sich unter einer ‹Königsstraße› zu Gyges’ Zeiten vor-

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stellen mag, der lange und beschwerliche Weg über die karge Hochfläche war für Boten und Soldaten gemacht und führte wohl kaum von einem dicht besiedelten Ort zum nächsten (vgl. zur persischen Königsstraße S.  213). Selbst wenn man Händlern eine führende Rolle im Transfer zumessen wollte: Warentransport über solche Distanzen zu Land wurde aus Kostengründen eher vermieden. Strabon sagt, daß der sinopische Rötel (miltos) so bezeichnet wurde, weil die Kaufleute ihn aus den kappadokischen Bergen in den Hafen von ­Sinope hinabzubringen pflegten, bevor der Handel der Ephesier (zu Lande) überhaupt in Kontakt mit den Bewohnern Kappadokiens kam (12, 2, 10). Ein Straßennetz, in das Stadt um Stadt in Anatolien eingewoben wurde, lag im 7. Jh. v. Chr. noch in ferner Zukunft. Kleinasien und die Anfänge griechischer Literatur und Wissenschaften Am Rande des Lyderreiches lehrten, dichteten, forschten und philosophierten viele der prominentesten Geistesgrößen der frühgriechischen Literatur.100 Machtkämpfe des Adels und persische Eroberungen drängten einige von ­ihnen, die ionische Heimat zu verlassen, und diese haben ihre Wirkung auch weit außerhalb Asiens entfaltet. Anatolien und die Inseln vor der Küste hatten vom frühen 7. bis mindestens ins 6. Jh. hinein eine kulturelle Führungsposition gegenüber dem Mutterland inne. Auch bei wachsender Dominanz Athens im 5.  und 4. Jh. bleibt diese Tradition durchaus lebendig. Wir werden unsere Darstel­lung deshalb im Vorgriff auf das folgende Kapitel bis in die persische Epoche hineinreichen lassen. Es ist zu Beginn unseres Jahrtausends kaum noch nötig zu betonen, daß die moderne Forschung das «griechische Wunder» aus seiner jahrhundertelangen Isolation der Einzigartigkeit und Voraussetzungslosigkeit befreit und die Kontinuitäten der orientalischen Geisteswelt aufgezeigt hat, und doch ist insbesondere mit Blick auf Ionien von ganz eigentümlichen Leistungen zu sprechen, die sich wohl nicht zuletzt einer seltenen Durchlässigkeit und Freiheit für Anschauungen aus fremden, und eben hier sich berührenden, konvergierenden Kulturen verdanken. Hinzu kommt, daß zur selben Zeit die in unbekannte Weltgegenden vorgestoßene, milesische und phokaiische Kolonisation mit Gütertausch und Rückwanderungen den Zufluß fremder Erfahrungen noch gesteigert hat. Schließlich sind materielle Faktoren nicht von der Hand zu weisen, denn die Höfe des Lyderkönigs, der Satrapen und Dynasten unter den Persern und einiger Tyrannen in Asien und auf den Inseln boten mit der Aura orientalischer Macht und Pracht mehr Aussicht auf Geld, Rang und Ruhm in den Künsten und Wissenschaften als Adel und Tyrannen in Griechenland – vorerst. Man ging nach Osten wie der Europäer heute nach Amerika geht. Der Osten war einfach reicher, und Reichtum zieht nicht nur Men-

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schen an, sondern seine Besitzer schmücken sich auch gern mit Exzellenz! Polykrates von Samos empfing den persischen Gesandten des Satrapen während er liegend dem Dichter Anakreon lauschte (Herodot 3, 121). Der Großkönig und die Satrapen übernahmen die lydisch-ionische Erfindung der Münzprägung in weiten Teilen des Reiches, zogen Wissenschaftler und Spezialisten in ihre Dienste. Skylax von Karyanda, ein Grieche aus Karien, unternahm im Auftrag des Dareios eine Erkundung der Küsten weiter Teile des persischen Weltreiches und verfaßte darüber einen griechischen Bericht. Gelehrte wie Hekataios waren ebenso geschätzt wie Brückenbauer und Söldnerführer, Admirale und Diplomaten. Auf Grund der Sprache werden Ilias und Odyssee als Dichtungen eines Ioniers angesehen. Für nachhomerische, epische Dichtung in Ionien, oder genauer: im südlichen Vorfeld Ioniens, steht der Onkel Herodots, Panyassis von Halikarnassos, der 460 v. Chr. im Kampf gegen den Tyrannen Lygdamis fiel. Seine Ionika handelten von der ionischen Kolonisation. Im epischen Versmaß des Hexameters soll schon viel früher, möglicherweise in der ersten Hälfte des 6. Jh.s, der Milesier Phokylides nach Hesiods Vorbild seine Lehrsprüche ge­dich­ ­tet haben. Weit entfernt von Ionien indessen steht ein Außenseiter, der, wenn er denn als Person überhaupt historisch ist, von der Propontisinsel Prokonnesos stammte: Aristeas. Er soll unter Kroisos und Kyros gelebt haben, und sein Name wird mit der in Hexametern gedichteten, märchenhaften Erzählung über die Völker des Nordens, Issedonen, Arimaspier, Hyperboreer, verbunden. Anfänge in der dunklen, vieldiskutierten Vorgeschichte auch anderer griechischer Literaturgattungen scheinen in Anatolien zu liegen, so in der Lyrik. Auf die Rolle der Musik bei den Phrygern wurde oben schon hingewiesen (S. 156). Vielleicht hat die Elegie wie das ihr eigene Instrument, die Flöte, asiatische Wurzeln, auch der Iambos «dürfte ein genuin ionisches Gewächs sein».101 Von den neun Lyrikern der Griechen, die die Alexandriner zu einem Kanon zusammenstellten, stammen vier aus Asien, Alkman, Sappho, Alkaios und Anakreon. Die frühesten bekannten Namen mit fragmentarisch überlieferten Texten gehen ins 7. Jh. v. Chr. zurück; Kallinos von Ephesos, dessen Gedichte vielleicht die Kimmeriergefahr für seine Heimat widerspiegelten, und Mimnermos von Kolophon, dessen Elegienbuch nach einer Flötenspielerin Nanno hieß, treten als die ältesten Elegiker in Ionien auf, der Iambendichter Semonides übersiedelte von Samos nach Amorgos, Alkman von Sardeis (Fr. 16 Page) – er war vielleicht ein Ionier – nach Sparta, wo er mit seinen «Mädchenliedern» (partheneia) berühmt wurde. Dem 6. Jh. v. Chr. gehört Hipponax aus Ephesos an, in dessen erotischen Gedichten und Schmähversen in Iamben lydische und phrygische Lehnwörter vorkommen. Mit seinen Schmähungen vernichtete er angeblich den Bildhauer Bupalos, den er wegen des Streits um eine Frau haßte. Hipponax wurde in den Kämpfen um die ­Tyrannis aus Ephe-

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184 IV.  Spätbronze- und Eisenzeit

sos nach Klazomenai vertrieben, wo er in bitterer Armut lebte (Suda-Lexikon s. v.). Eine Schlüsselrolle spielte die Aiolis. Bereits in der 26. Olympiade (676– 673) soll ein gewisser Terpander aus Antissa auf Lesbos beim Agon für Apollon Karneios in Sparta gesiegt haben. In der Entwicklung des Dithyrambos zum Chorlied hat der Überlieferung zufolge Arion von Methymna den entscheidenden Schritt gemacht. Die Lebenswelt des aiolischen Hochadels auf Lesbos vor der Küste der Troas ist das Milieu, das durch die Fragmente eines Großteils der lesbischen Lyrik zu uns durchscheint. Das trifft besonders auf die Dichtungen des Alkaios von Mytilene zu, durch die wir die Tyrannen Melanchros, Myrsilos und Pittakos kennenlernen, aber auch auf die Lieder der großen Sappho, die wohl in Eresos geboren wurde, in Mytilene aber gelebt hat. Im Ausdruck persönlicher Empfindung von Glück, Schmerz, Einsamkeit, erotischer Spannung und Eifersucht, die sie als göttliche Einwirkung begreift, stellen Verse dieser Frau den Höhepunkt einer zuvor nie geäußerten Seelenkunde des Menschen dar: «Wenn ich Dich erblicke, geschieht es mit einmal, daß ich verstumme. Denn bewegungslos liegt die Zunge, feines Feuer hat im Nu meine Haut durchrieselt, mit den Augen sehe ich nichts, ein Dröhnen braust in den Ohren, und der Schweiß bricht aus, mich befällt ein Zittern aller Glieder, bleicher als dürre Gräser bin ich, dem Gestorbensein kaum mehr ferne schein ich mir selber.» (Fr. 2 Diehl, Übers. Treu). Ionien zieht in der Lyrik gleich. Anakreon aus Teos, der für ihr Dionysosheiligtum berühmten Hafenstadt im Süden Smyrnas, gehört zu denen, die bei Ankunft der Perser Asien fluchtartig verließen (546–530). Von der Toch­ ter­stadt der Teier, Abdera an der Küste Thrakiens, wechselte er zuerst zu Polykrates nach Samos, nach dessen Tod (ca. 522) zu Hipparchos nach Athen. Die Athener haben dem Meister ein Standbild auf der Akropolis aufgestellt (Pausanias 1, 25, 1); es gibt auch Vasenbilder von ihm. Als der Lyriker Ioniens hat er eine ungeheure Nachwirkung. Noch Synesios von Kyrene eröffnet im späten 4. Jh. n. Chr. seinen 9. Hymnus in Anklang an die großen Dialektgruppen der lyrischen Kunstsprache: ionisch, aiolisch, dorisch, wobei für ionische Lyrik das «Lied von Teos» steht. Von den homerischen abgesehen, hat die Überlieferung Verse der frühgriechischen Dichterinnen und Dichter in nur wenigen Zitaten und Fragmenten auf Papyrus bewahrt, und doch geht von diesen spärlichen Resten eine Wirkungsgeschichte aus, die über die abendländische bis in die Weltliteratur der Gegenwart reicht, Literaturtheorie und Ästhetik mitprägt. Von welthistorischer Bedeutung sind die Anfänge der griechischen Wissenschaften in Ionien. Der Name der Stadt Milet übertönt den aller anderen. Wir vermögen uns von ihrem Aussehen im 7. und 6. Jh. kaum noch Vorstellungen zu machen, doch dürften ihre Häfen, Hallen und Heiligtümer als ein

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Kleinstaaten,Völker und neue Reiche (ca. 1000 bis ca. 550 v. Chr. und später) 185

Zentrum der Zivilisation des orientalischen Westens gegolten haben: Über das Wasser trafen dort Menschen und Waren aus den Mittelmeer- und Schwarzmeerländern ein; das Maiandrostal auf der Landseite ebnete den Zugang zu den Fernstraßen Anatoliens. Wenn wir in der Archaik von einer lydisch-ionischen und karisch-ionischen Mischkultur in Westkleinasien sprechen dürfen, so ist die Stadt Milet selbst in noch höherem Grad international multikulturell gewesen. Von Thales sagt eine Überlieferung, er stamme mütterlicherseits aus einer phoinikischen Familie. Weite Auslandsreisen, Aufenthalte, ja Niederlassung außerhalb Ioniens werden ihm und anderen nachgesagt: Er selbst soll Ägypten besucht und die Höhe der Pyramiden nach ihrem Schattenwurf gemessen haben. Anaximandros soll an der Kolonisation von Apollonia am Schwarzen Meer beteiligt gewesen sein. Xenophanes von Kolophon floh vor Harpagos und gelangte nach Elea in Unteritalien. Er schrieb über die «Gründung» (ktisis) seiner Heimatstadt wie über den apoikismos Eleas. Pythagoras, von dem vielleicht das Wort Philosophos geprägt wurde,102 verließ Samos unter der Tyrannis des Polykrates, lebte und wirkte in Kroton. Heraklit dagegen, der Ephesier, starb zu Hause. Wir wissen nicht, aus welchen Vorlagen, über welche Überlieferungswege und in welchem Umfang ein Thales, Anaximandros, Anaximenes von Milet mit orientalischem Schrifttum vertraut wurden. Keilschriftsprachliche Klassiker waren in dieser Zeit längst umgeschrieben auf  Tierhaut und Papyrus und lagen sicher auch in Übersetzung vor. ‹Bücher› aus diesem Material waren gewiß nicht allein an den Königs- oder Satrapenresidenzen vorhanden, sondern im Besitz von Tyrannen, Adeligen und auch anderen Individuen in den Städten. Daß die Vorstellungen der ionischen Philosophen recht genaue Entsprechungen in älterer mesopotamischer und auch iranischer Literatur besitzen, ist längst aufgezeigt worden. Babylonische Wissenschaft nimmt die Erkenntnis des Satzes des Samiers Pythagoras um fast ein Jahrtausend vorweg. Göttliche Urstoffe wie Wasser, Teile und Stockwerke des Kosmos mit ‹Oben›, ‹Mitte›, ‹Unten›, die auf Wasser schwimmende Erde, darunter die Unterwelt, darüber der bzw. die Himmel (wie die drei übereinanderliegenden Himmel des Anaximandros), finden sich in orientalischer Mythologie älterer wie etwa derselben Zeit. In assyrischen Texten sind bereits Bestrebungen erkennbar, das mythisch-religiöse Weltbild mit beobachteten Eigenschaften der Natur zu harmonisieren. In die tradierten, mythischen Erzählungen drängen sich Gedanken und Bilder zur Struktur der Realität, in der diese Geschichten spielen, greifen explizierend und korrigierend ein: «Auf dem Hintergrund dieses Gedankenguts experimentierend suchten die antiken Philosophen nach Wegen, die vorhandene Theologie präziser mit den Beobachtungen der realen Welt in Übereinstimmung zu bringen.»103 Den Schritt zur Anschauung eines in sich geschlossenen, autonomen kosmos aber hat man in Ionien vollzogen. «Die

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e­ igentliche Grundlegung der griechischen Naturphilosophie [wird] bei Anaxi­ mandros faßbar.»104 Zu diesem Milesier scheinen, wie der Zürcher Gräzist Walter Burkert gezeigt hat, auch iranische Vorstellungen vom «unendlichen Licht» vorgedrungen zu sein, wie sie in der Überlieferung der Yašts vorhanden sind. Sein «Grenzenlos-Unbestimmbares» (apeiron) ist zugleich Ursprung und Ganzheit der Welt. Anaximandros ist der einzige unter den ionischen Kosmologen der Archaik, von dem ein mit einiger Sicherheit wörtliches Zitat – bei dem Aristoteleskommentator des 6. Jh.s n. Chr., Simplikios – überliefert ist: «Anfang und Ursprung der seienden Dinge ist das Apeiron. Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Notwendigkeit; denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.» (Fr. 1, Übers. Diels). Wie die Kosmologen durch Nachforschung und Umbau am Korsett der Mythen teils empirisch, teils spekultativ die plastische Gestalt der Natur schlechthin entwickelten, so griffen andere in die Struktur und den Inhalt ­alter Erzählung über weit zurückliegende Vergangenheit ein, um ihr raumzeitliche Ordnung und Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Für diese Forschung, historie, steht an der Spitze der Name des Milesiers Hekataios. Aus mythischen Ungeheuern werden bei ihm reale Menschen oder Tiere, gewaltige Distanzen werden zurechtgestutzt, einem Mann keine fünfzig, sondern höchstens bis zu zwanzig Söhne zugestanden. Sein Reduktionismus, Mythisches zu entblättern bis auf einen Stamm vermeintlich realistischer, glaubwürdiger Angaben, muß von heute aus betrachtet als naiv erscheinen. Und doch liegt ihm dasselbe Bestre­ben zugrunde, das bei den gleichzeitigen Naturwissenschaftlern festzustellen ist – nämlich jedwede Phänomene mit der Erfahrungswelt zu harmonisieren, und zwar nicht praktischer Zwecke wegen, sondern um des Erkenntnisgewinns willen. Neben den Genealogien, den Reihenfolgen von Götter-, Halbgötter- und Menschengeschlechtern längst vergangener Zeiten, galt sein Interesse Ländern, Orten und Völkern der bewohnten Welt. Wie sein Zeitgenosse und Landsmann Anaximandros hat er den kühnen Versuch unternommen, eine Weltkarte zu zeichnen. Nachfolger konzentrierten sich auf bestimmte Völker: Xanthos der Lyder, vermutlich aus Sardeis stammend, schrieb auf Griechisch über sein eigenes Volk. Abhorreszierendes, wie es Mythen über ferne Götter- und Heroengeschlechter verbreiteten, dichtete er lydischen Königen an: Einer habe in einem Anfall von Freßgier seine Frau in Stücke gehauen und verschlungen, danach sich selbst getötet, ein anderer habe als erster Frauen ‹entmannt› und anstelle von männlichen Eunuchen verwendet. Ion von Chios, der auch Tragödien, Komödien, Dithyramben, Paiane, Hymnen, Epigramme und Trinklieder dichtete, verfaßte in Prosa eine Gründungsgeschichte seiner Stadt und ein Werk mit dem Titel «Anwesenheiten an verschiedenen Orten» (epidemiai), das offenbar hauptsächlich von bedeutenden

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Kleinstaaten,Völker und neue Reiche (ca. 1000 bis ca. 550 v. Chr. und später) 187

Zeitgenossen des Autors handelte, allen voran von dem athenischen Politiker und Feldherrn Kimon. Von all diesen Schriftstellern sind nur mehr Fragmente auf uns gekommen. Das in etwa vollständig erhaltene Werk eines Ioniers in dieser Tradition wird bis heute als der eigentliche Beginn der Geschichtsschreibung angesehen: die historiai des Herodot von Halikarnassos. Er stammt aus einer gemischt karisch-griechischen Familie dieser alten Mitgliedsgemeinde des dorischen Sechs-Städtebundes, zu seiner Zeit längst ionisiert, in der sein Onkel bereits literari­schen Ruhm gewann. Die Flucht der Familie vor dem Tyrannen und die Rückkehr, ausgedehnte Reisen, Athenaufenthalt und Auswanderung nach Thurioi in Unteritalien sind die wichtigsten Stationen seines Lebensweges. Zahlreiche Bäche und Ströme literarischer und wissenschaftlicher Vorbilder aus der hellenisch-vorderorientalischen Welt fließen in seinem Werk zusammen. Als Forscher auf den Spuren eines Hekataios, vereinigt er eine das seinerzeitige Perserreich umfassende Völker- und Länderkunde mit der Geschichte des gewaltigen Kampfes zwischen Persern und Griechen. Die künstlerischen Mittel seiner Darstellung sind vielfältig: breites episches Erzählen, pointierte, witzige Kurzgeschichten, Monologe und Dialoge, Szenen.105 Seine Erzählkunst und Erzählkraft sind außerordentlich und faszinieren bis heute: Da leuchten viele Farben in dem – aus unmittelbarer Nähe betrachtet – unübersichtlichen historischen Kolossalgemälde, von den phantastischen Grenzen der bekannten Welt bis zur Pracht der Städte und Paläste, von Völkern und Personen, von ihren Sitten, Religionen, Eßgewohnheiten, Werkzeugen und Kleidern, von Tieren und Pflanzen, von Charakter und Lebensart der Menschen, deren Geschick, Leistung, Erfolg, Aufstieg, Überheblichkeit, Sturz und Vernichtung. Die Späteren – so unter anderem in einer langen hellenistischen Versinschrift von Salmakis (Kaplan Kalesi) über die mythischen Anfänge der Stadt Halikarnassos und ihre großen Söhne – gedenken seiner als eines «Homer» der Historie ([146] MS I 39). Herodot scheint mit Ausnahme vielleicht des einheimischen Karisch keine orientalischen Sprachen beherrscht zu haben. Bei aller notwendigen kritischen Distanz des modernen Wissenschaftlers gegenüber der Zuverlässigkeit seiner Informationen im einzelnen findet man doch ein ungeheuer wertvolles und in vielem korrektes Überlieferungsgut über die Welt des 8. bis 5. Jh. v. Chr. in seinem Werk. Einen substantiellen Anteil darin hat er der Geschichte und den Verhältnissen Kleinasiens gewidmet.

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V. DER WESTEN DES PERSERREICHES UND DIE WELT DER ­K LEINASIATISCHEN GRIECHEN (547/6 BIS 333 V. CHR.)

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Einleitung Strabon, der Grieche mit iranischer Verwandtschaft aus Amaseia, schrieb bald nach der Zeitenwende (15, 3, 23): «Von den Barbaren haben sich die Perser bei den Griechen den größten Ruhm erworben, da von allen anderen Beherrschern Asiens keiner die Griechen regiert hat, auch kannte man einander nicht, weder jene die Griechen, noch die Griechen die Barbaren, außer nur für kurze Zeit vom entfernten Hörensagen. Homer wußte weder von der Herrschaft der Assyrer noch der Meder (…). Die Perser waren die ersten, die über Griechen herrschten. Die Lyder hatten sie zwar regiert, waren aber nicht Herrscher ganz Asiens, sondern nur eines kleinen Teils.» Seit den Zeiten der Hethiter – von denen Strabon nichts wußte – hat sich in der Tat kein anderes Volk einen so großen Teil der kleinasiatischen Halbinsel dauerhaft unterworfen, doch im Gegensatz zu den Hethitern sind die neuen Herren Auswärtige. Die Zentren ihres Reiches liegen fernab. Abgesandte untertäniger Völker aller Länder legten große Distanzen zurück, um dorthin zu gelangen und an einer exotischen Parade von Geschenkebringern Abb. 30:  «Tributzugsrelief» von der Treppenwange der Audienzhalle des Großkönigs in

Persepolis. In der mittleren Zone vorn (d. h. rechts) eine Delegation der Armenier; ­unten die Delegation der Ionier (?)

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192 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

vor dem König teilzunehmen (Abb. 30). Zum ersten Mal wird ganz Asien Mitte des 6. Jh.s Besitz einer fremden Macht, wie es späterhin wieder und wieder geschehen wird – von jetzt an bis zu der Zeit, als Konstantins Imperium Romanum (330 n. Chr.) seine Hauptstadt an die Schwelle des Kontinents, ans europäische Ufer (!) des Bosporus verlegte. Wir wollen zunächst die Ereignisabfolge skizzieren und in einem zweiten Schritt Struktur und Eigenart der persischen Herrschaft in Kleinasien betrachten.

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1. POLITISCHE GESCHICHTE VON DER EROBERUNG DES KYROS BIS ZUM ALEXANDERZUG

1.1.  Von Kyros zu Dareios: Die Unterwerfung Kleinasiens Ursprungsland der neuen Macht ist Iran. Noch zur Zeit des lydischen Reiches müssen die iranischen Meder bis weit nach Westen einen klingenden Ruf besessen haben, so daß ihr Volksname im Griechischen einfach auf die ihnen als Eroberer und Eindringlinge nachfolgenden Perser übertragen wurde. Die Heimat des Stammes, der die persischen Weltherrscher hervorbrachte, liegt im alten Reich Elam, dessen politische Macht seit 639 (Zerstörung Susas) gebrochen war, wie kurz darauf die der Assyrer im benachbarten Zweistromland gebrochen wurde, so daß, außer für das Meder- und das neubabylonische Reich, weiteren expandierenden Kräften in dieser Region ein Spielraum entstanden war. Ein gewisser Kyros von Anšan rebellierte gegen den Meder Astyages, brachte ihn zu Fall und besetzte Ekbatana (554/3 oder 550/40 v. Chr.). Dann fallen die Länder wie Dominosteine. Im 9. Jahr des Nabonidos (547/6) marschierte Kyros ins ostanatolische Hochland und eroberte Urartu (?), Babylon ergab sich kampflos 539 v. Chr. Der Krieg gegen Kroisos von Lydien, der Fall der Stadt Sardeis, ist nicht sicher zu datieren (S. 160). Die Griechenstädte Westkleinasiens sahen sich damals vor eine Wahl gestellt, als sie zum Abfall von Kroisos aufgefordert wurden: Doch nur Milet ging darauf ein, unterstützte den Perser und wurde belohnt. Dagegen wurden die anderen kalt abgewiesen, als sie nach dem persischen Erfolg um maßvolle Bedingungen nachsuchten. Im Panionion hielten die Ionier (ohne die Milesier) Rat und beschlossen, Sparta, die stärkste Macht im Mutterland, um Hilfe zu ersuchen. Doch die Spartaner ließen es bei einer Warnung an Kyros bewenden, keine Griechenstädte zu zerstören. Der Eroberer selbst hat sich nach dem Sieg über Kroisos nicht viel länger in Anatolien aufgehalten und Sardeis einem persischen Statthalter übergeben, während der Königsschatz einem gewissen Paktyas anvertraut wurde. Dieser war Lyder und empfahl sich offenbar als in Geldsachen kundig. Er nutzte je-

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194 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

doch die Mittel, um das Land im Rücken des abziehenden Königs aufzuwiegeln. Zwei medische Feldherren, Mazares und Harpagos, unterwarfen sukzessive den Westen und Süden und brachen überall den Widerstand, unter anderem in Priene, Phokaia,Teos, dessen Bewohner in die Tochterstadt Abdera an der thrakischen Küste flohen. Des Paktyas Flucht endete in Chios, das ihn auslieferte. Auf Harpagos’ Vorstoß in den Süden hin ergaben sich die dortigen Griechen und Karer, nur die Kaunier und die Lykier von Xanthos kämpften erbittert und zogen (nach Herodot 1, 176) den kollektiven Selbstmord der Unterwerfung vor. Der Sohn des Kyros und Eroberer Ägyptens, Kambyses II., hat Kleinasien anscheinend nicht betreten. Sein Nachfolger Dareios I., der sich in die Genealogie vom Stammvater Haxamaniš (Achaimenes) einreihend als «Achaimenide» bezeichnete, erweiterte die Perserherrschaft nicht nur auf Gebiete des heutigen Pakistan und der Kyrenaika. Er führte Expeditionen bis auf die der kleinasiatischen Küste vorgelagerten Inseln, nach Thrakien und in den Raum der unteren Donau. Der Strom wurde mit einer Schiffsbrücke überquert. Personelle und logistische Ressourcen lieferten zu einem gut Teil die in den griechischen Städten Asiens und an den Meerengen regierenden, dem König persönlich verpflichteten Häupter von Adelsfamilien, die die Überlieferung (sie selbst taten das nicht) als Tyrannen bezeichnet. Milet besaß in Histiaios einen dem König ergebenen und sehr vertrauten Mann. Er soll beim Skythenfeldzug im Donauraum die übrigen Griechen vom Plan des Atheners Miltiades abgebracht haben, abtrünnig zu werden und Ionien von der Perserherrschaft zu befreien. Bei Gelegenheit der Beratungen darüber nennt uns Herodot (4, 138) eine ganze Reihe von Tyrannen, die am Marmarameer und an den Meerengen in Abydos, Lampsakos, Parion, Prokonnesos, Kyzikos und Byzantion, in der Aiolis in Kyme sowie in Ionien in Chios, Samos, Phokaia und Milet herrschten. Den Brückenschlag über den Bosporus besorgte der Architekt Mandrokles von Samos an einer Stelle halbwegs zwischen Byzantion und dem nördlichen Ausgang der Meerenge, wohl an der Engstelle des neuzeitlichen Sperrforts Rumeli Hisarı (Abb. 1). Wenn Herodot schreibt, die kleinasiatischen Griechenstädte unter Da­ reios hätten lieber «demokratisch» statt «tyrannisch» regiert werden wollen (4, 137), so hat er diese Antithese sicher aus Erfahrungen zu seiner Zeit, gut 80 Jahre später, auf die Situation im späten 6. Jh. zurückgespiegelt; man vergleiche etwa seine Behauptung, zu Beginn des ionischen Aufstands sei in Milet und nach dessen Ende in ganz Ionien die «Demokratie» eingeführt worden (5, 37; 6, 43). Immerhin gibt es bereits damals in griechischen Städten die Macht des Adels beschränkende Gemeindeverfassungen, ist in Chios vor der ionischen Küste schon etwa fünfzig Jahre zuvor (575–550 v. Chr.) ein zweiter Rat, eine bule demosie, neben dem Adelsrat geschaffen worden, und äußert sich

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Von der Eroberung des Kyros bis zum Alexanderzug 195

in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts in Teos der Wille der Bürgerschaft, ein durch seine Machtfülle verrufenes Führungsamt zu verbieten, in ­einer feierlichen Staatsurkunde.1 Jedenfalls gab es dauernd Spannungen innerhalb der Poleis, und aus der Sicht der Perser war die Königstreue und Zuverlässigkeit der Tyrannen von Fall zu Fall prekär, wohl insbesondere dann, wenn sie mit ihrer Hilfe an die Macht gekommen waren und zu Hause unter Druck standen. Byzantion sagte sich vom eigenen Tyrannen Ariston los, während dieser im Skythenland Heeresfolge leistete; so mied Dareios den Rückweg über den Bosporus und setzte über den Hellespont. Erst sein Feldherr Otanes brach bald darauf den antipersischen Widerstand in der Stadt. Das war nur ein Vorspiel. Der König und seine Satrapen mußten mißtrauisch und hellhörig sein. Den Milesier Histiaios nahm er mit sich an den Hof nach Susa, an seine Stelle trat in Milet ein gewisser Aristagoras.

1.2.  Vom ionischen Aufstand zum Reich der Athener Die Geschichte von der Erhebung der Ionier gegen die Perserherrschaft im Jahr 500/499 v. Chr. liest sich nach Herodot wie ein Drama um Gier, Wut und Eifersucht prominenter Antagonisten vor dem Hintergrund des elenden Gezänks der Faktionen in und zwischen den Städten. Tieferliegende Gründe für das allgemeine Umsichgreifen des Aufstandes werden nicht recht deutlich; ob man in den Hafenstädten an der Ägäis und an den Meerengen wirklich litt oder fürchten mußte, die Expansion des Riesenreiches nach Ägypten und Europa würde den Seehandel beeinträchtigen und wirtschaftliche Rückschläge bringen, läßt sich kaum beweisen. Milet war nach wie vor eine blühende und reiche Stadt, mit einem riesigen Hort kostbarer Weihgeschenke im Didymaion. Den Anfang machte, wie sollte es anders sein, eine Gruppe Exulanten. Sie kamen von der Kykladeninsel Naxos nach Milet, fanden als Freunde des Histiaios Aufnahme und stachelten ihre Gastgeber an, mit ihnen gemeinsam gegen die Widersacher in der Heimat loszuschlagen, um dabei Gewinn zu machen. Aristagoras weckte das Interesse des Satrapen in Sardeis, Artaphernes, an der Beute und erhielt militärische Unterstützung. Doch das Unternehmen scheiterte, nicht zuletzt am Zank in der Koalition der Angreifer. Der Milesier entschloß sich daraufhin plötzlich zur Agitation gegen die Perser in Ionien – angeblich soll auch Histiaios von Susa aus im geheimen dazu aufgerufen haben – und er fand Gehör. Man wußte zwar von der Größe und militärischen Stärke des Reiches, und der angesehene Gelehrte Hekataios aus Milet warnte. Aber die Hoffnung auf Erfolg obsiegte: Eine Polis nach der anderen wagte den Aufstand und packte die Gelegenheit beim Schopf, die Perserfreunde in der

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196 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

eigenen Gemeinde zu Fall zu bringen. Da war außerdem noch die Aussicht auf das Mutterland, vor allem die Spartaner, die man schon gegen Kyros hatte mobilisieren wollen. Mit den asiatischen Verhältnissen nur wenig vertraut, mochten diese der ihnen von den Ioniern suggerierten Geringschätzung Glauben geschenkt haben, daß die Perser in Hosen und mit Hüten auf dem Kopf in den Kampf zu gehen pflegen. Aber die Auskunft, von der Ägäisküste bis zur Zentrale des Perserreiches sei es ein Weg von drei Monaten, schreckte. Der spartanische König lehnte ab. Sparta hatte andere Sorgen. Mit den Athenern ging es nicht sehr viel besser: Ihre Unterstützung der Ionier mit gerade einmal 20 Schiffen (fünf aus Eretria kamen hinzu) war eine Enttäuschung, und beim ersten militärischen Rückschlag in Asien fuhren sie heim. Der Satrap in Sardeis war unvorbereitet, als ein Heer der Griechen von der Küste bei Ephesos den Kaystros aufwärts marschierte, das Tmolosgebirge überquerte und seine Stadt von Süden her einnahm. In die Burg zurückgezogen, sah er die Häuser und das Kybebe-Heiligtum in Flammen aufgehen. Gegenwehr der Lyder und Perser zwang die Ionier zwar zum Abzug. Doch traten die Karer, auch die Kaunier und zyprische Könige dem Aufstand bei, und es gelang, am Hellespont und Bosporus Städte zu gewinnen, darunter Byzantion. Der Krieg zog sich vier Jahre hin. Um Zypern wurde zu Wasser und zu Lande erbittert gerungen; durch die Ausgrabungen des Zürcher Althistorikers Franz Georg Maier in Alt-Paphos konnte die Belagerungsrampe der Perser rekonstruiert werden.2 Die rasch im Kleinasien westlich des Halys mobilisierten persischen Truppen unter der Führung von drei Schwiegersöhnen des Großkönigs verfolgten das ionische Landheer und schlugen es bei Ephesos (498 v. Chr.). Ihre Operationen an den Meerengen im Norden und gegen die Karer im Süden waren nur teilweise erfolgreich, zwei der persischen Heerführer starben. Der dritte, Otanes, und der Satrap von Sardeis, Artaphernes, stießen ins Herz Ioniens vor und setzten einen großen, kombinierten Angriff zu Wasser und zu Lande auf Milet ins Werk. Am Endkampf der Ionier waren weder Aristagoras noch Histiaios beteiligt. Jener hatte sich nach Thrakien abgesetzt und fiel dort auf einem Feldzug ins Landesinnere. Dieser, von Susa nach Sardeis gelangt, fand bei Artaphernes keine freundliche Aufnahme, sondern wurde verdächtigt und zur Rede gestellt. Es gelang ihm, rechtzeitig an die Küste zu fliehen, doch in Ionien stieß er auf Ablehnung, besonders in der Heimat Milet. Mytilene endlich rüstete ihn mit Schiffen aus, die er für Kaperfahrten am Bosporus einsetzte. Nach dem Untergang Milets vermochte er noch einmal Chios einzunehmen, fiel aber beim Versuch, auf dem Festland im Kaikostal zu furagieren, in persische Hände und wurde getötet. Im Panionion beschlossen die versammelten Ionier, Milet auf der Seeseite abzuschirmen. Das Oberkommando führte der Phokaier Dionysios. Mit

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Von der Eroberung des Kyros bis zum Alexanderzug 197

353 Schiffen war die ionische Flotte mit Kontingenten der Milesier selbst, von Priene, Samos, Myus, Teos, Erythrai, Chios, Phokaia und Lesbos nur etwas mehr als halb so stark wie die persische, deren Besatzungen vor allem aus Phoinikiern bestanden. Die vernichtende Niederlage der Griechen bei der Insel Lade vor Milet (496 v.  Chr.), die man heute als flachen Hügel aus der Schwemmlandebene herausragen sieht, zog ein bitteres Los für die blühendste Ionierstadt nach sich. Frauen und Kinder wurden versklavt, die meisten Männer getötet, ein Teil ins Zweistromland deportiert. Das Didymaion wurde aus Rache für den Brand von Sardeis geplündert und eingeäschert (Herodot 6, 19, 3), allerdings spricht der archäologische Befund sowohl gegen eine «extensive Aus­legung» dieser Nachricht als auch gegen eine Gleichzeitigkeit mit dem Zerstörungsdatum Milets.3 Von den entführten Beutestücken ist ein bronzener Astragal (Spielstein), Weihgeschenk eines Aristolochos und Thrason an Apoll, bei Ausgrabungen in Susa gefunden worden ([109] Syll.3 3g). Nach und nach eroberten die Perser die übrigen Städte zurück, die sie zunächst ebenso hart behandelten. Hekataios, der bei den Persern in Ansehen stand, soll sich für Gnade gegenüber den Ioniern eingesetzt haben. Eine allgemeine Erhöhung der Tribute fand nicht statt. Die vormals vertriebenen Tyrannen, die auf persischer Seite am Zug gegen Milet teilgenommen hatten, wurden nicht alle wieder eingesetzt. Auf Griechenland machte die Katastrophe einen nachhaltigen Eindruck. Der Athener Phrynichos inszenierte mit dem Schauspiel «Die Einnahme Milets» erstmals zeitgeschichtlichen Stoff auf der Bühne in Athen und erzeugte einen Theaterskandal: Das Publikum weinte, die Wiederaufführung wurde verboten und der Dichter zu einer Strafzahlung verurteilt. Doch Erhebung und Fall der Ionier in den Jahren 499 bis 494 v. Chr. stellen sich aus der Rückschau nur als ein Auftakt zu der weit größeren Auseinandersetzung zwischen Persern und Griechen dar, die im Angriff des Dareiosnachfolgers Xerxes auf Griechenland gipfelte. Ein persisches Expeditionscorps unter den kommandierenden Datis und Artaphernes war 490 bei Marathon von dem athenischplataiischen Aufgebot unter Miltiades geschlagen worden; zehn Jahre später führte der König selbst das Heer von einem großen Sammelplatz in Kappadokien über Kelainai in Phrygien nach Sardeis. Er überwinterte dort und überschritt im nächsten Jahr Anfang Juni den Hellespont zwischen Abydos und Sestos. Konstrukteur der Schiffsbrücke war wieder ein Grieche. Der ganz unerwartete Zusammenbruch dieser Invasion in Griechenland bei Salamis und Plataiai und der unmittelbar folgende, schwere Überfall auf die persische Flotte an der Mykale (479 v.  Chr.) veränderte schlagartig die ­Situation der kleinasiatischen Griechen. Die ionischen Städte fielen erneut von den Persern ab. Diesmal fanden sie einen aktiven und offensiven Anführer in der strahlenden Siegermacht Athen, die im folgenden den Seekrieg organi-

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sierte und die persischen Streitkräfte auf der ganzen Länge der Küsten Klein­ asiens im Westen und im Süden in die Defensive drängte, bis unter der Verhandlungsführung des Atheners Kallias um die Jahrhundertmitte ein Frieden zustande kam. An bilaterale Verhandlungen mit ionischen Städten anknüpfend hatten die Athener schon 478/7 v. Chr. den Ersten Seebund geschaffen. Als Anfang der sechziger Jahre eine große phoinikische Flotte von Pamphylien aus die Initiative übernehmen sollte, vernichtete sie der Athener Kimon mit einem Überraschungsangriff in der Doppelschlacht am Eurymedon in Pamphylien (beim heutigen Manavgat). Zug um Zug baute die Führungsmacht Athen den Seebund aus. Sie herrschte an den Meerengen über ca. 40, an der Ägäisküste über ca. 35, in Teilen Kariens, Lykiens und Pamphyliens bis hin zu der Stadt Aspendos über ca. 65 Städte. Von der anfangs gleichberechtigten Mitbestimmung der Bundes­ angelegenheiten am Versammlungsort Delos und den freiwilligen Kontributionen zur Fortführung des Krieges konnte bald keine Rede mehr sein. Athen verwandelte das Finanzierungssystem einer Eidgenossenschaft in eine Besteuerung von Untertanen und riß im Jahre 454 alle Entscheidungsgewalt an sich. Als 440/39 v. Chr. Samos vom Seebund abfiel, zog dies den Abfall zahlreicher karischer Städte nach sich. Der von Aristeides auf 460 Talente insgesamt festgesetzte Tribut wurde je nach ökonomischen Ressourcen für jedes Mitglied verschieden hoch veranschlagt und war zunächst eher mäßig. Er belief sich zum Beispiel für die kleine karische Küstenstadt Kaunos auf ein halbes Talent; zum Vergleich: Telandros, in der Nachbarschaft, zahlte (443/2) 600 Drachmen mehr, Halikarnassos fast zwei und Lindos auf Rhodos sechs Talente. Die drastische Erhöhung mit der Neuschatzung des athenischen Staatsmanns Kleon 425/4 brachte im Durchschnitt eine Verdoppelung bis Verdreifachung. Für Kaunos etwa bedeutete sie eine Steigerung der Abgabe von einem halben auf 10 Talente. Zum endgültigen Zusammenbruch des Seebundes kam es im letzten Drittel des Peloponnesischen Krieges (431–404). Dynasten und Städte in Karien und Lykien wechselten auf die persische Seite, deren Oberfeldherr Tissaphernes sich spartanischer Militärhilfe bediente. Ein gemeinsamer Überfall auf Iasos machte der Herrschaft des vom Großkönig abgefallenen Dynasten Amorges ein Ende. Seit 412/11 v. Chr. konnten die Perser von den ionischen Städten wieder Tribut fordern (Thukydides 8, 5, 5). Für den Großkönig und seine Satrapen in Kleinasien verschob sich die Perspektive nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta. Für Jahrzehnte war Athen der Feind gewesen, dem man die empfindlichsten Verluste an der westlichen Peripherie verdankte. Man unterstützte Sparta, das als Gegenleistung schon in den letzten Kriegsjahren die kleinasiatischen Griechen dem Herrschaftsanspruch der Perser überließ (Thukydides 8, 5 f.). Die Verhandlungen führte der Oberbefehlshaber (karanos) von Klein­

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asien, Tissaphernes. Doch diesem begann Sparta suspekt zu werden, und nur wenige Jahre später sollte sich der Sieger des Peloponnesischen Krieges zum neuen Gegner wandeln. Geprägt von einem wechselhaften Schicksal während der letzten Kriegsjahre ging eine der prominentesten Figuren der athenischen Geschichte unter, der mehrfache Überläufer Alkibiades. Wie einst Histiaios von Milet fand er ein grausiges Ende im Landesinnern Kleinasiens, in dem kleinen Dorf Melissa in Phrygien (unweit von Kütahya), durch Mordbefehl des Satrapen Pharnabazos in Daskyleion.

1.3.  Der Marsch der Zehntausend durch Anatolien Ein Bruder des 404 inthronisierten persischen Königs Artaxerxes II., Kyros der Jüngere, hatte Tissaphernes aus seiner Position verdrängt und regierte seit 408 seinerseits als karanos in Kleinasien, während sich dieser mit Karien begnügen mußte. Allerdings hielt Tissaphernes an Milet fest, was Kyros dazu bewog, die Stadt zu belagern und umfangreiche Rüstungen zu betreiben, in Wahrheit (so Xenophon) bereits in der Absicht, sich der Königsherrschaft seines Bruders im fernen Susa zu bemächtigen. Zahlreiche griechische Söldner wurden angeworben, Sparta schickte Verstärkung nach Kilikien für den Vorstoß ins Zweistromland. Das Heer errang in der Entscheidungsschlacht bei Kunaxa (in der Nähe von Bagdad) zwar die Oberhand, doch Kyros selbst fiel. Die Expedition war gescheitert, und die Griechen schlugen sich durch Feindesland bis an das Schwarze Meer durch. Es war ein nahezu 1500 km langer Marsch quer durch Ostanatolien hinab zur Küste bei der milesischen Sekundärkolonie ­Trapezus. Der Athener Xenophon, einer der Anführer, überliefert uns einen authentischen Augenzeugenbericht, der reiche Informationen über den sonst wenig bekannten Osten und Norden Anatoliens in dieser Zeit bietet.4 Nicht weit von Hasankeyf (Abb. 50) verließ die Armee das Tigristal und gelangte auf das Plateau westlich des Vansees. In Westarmenien herrschte der Satrap Tiribazos, in Ostarmenien Orontes (Aroandes), ein Baktrier und Schwiegersohn des Großkönigs. Wir werden ihm später in Mysien begegnen. Zur Zeit des Durchzugs des Griechenheeres gebot er über ein Gebiet, das vor allem durch seine Pferdezucht berühmt war. Von den Einheimischen wurden erlesene Füllen für den Tribut an den König aufgezogen, nach Strabon (11, 14, 9) pflegte der Satrap Armeniens, seinem Herrn Jahr für Jahr 2000 Fohlen zu schenken. Die Griechen betraten dort eine fremde Welt, in der dörfliches und nomadisches Leben vorherrschte. Der gefährliche Vormarsch mußte im voraus erkundet und abgesichert werden: Beim jeweils ersten Kontakt mit einer grö-

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Zug Xenophons und der Zehntausend

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Karte 5:  Anabasis der Zehntausend (ungefähre Marschroute)

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200 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

Chaboras (Araxes)

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Von der Eroberung des Kyros bis zum Alexanderzug 201

Abb. 31 a:  Erdhäuser in einem Dorf bei Ardahan, Nordosttürkei

ßeren, dörflichen Siedlung bemühte man sich, den Dorfvorsteher (komarches) festzunehmen. Xenophon plädierte für die sanfte Methode: Gegen die Führerschaft bis zu den Grenzen des nächsten Stammes erhielt der Gefangene das Versprechen auf Belohnung und gute Behandlung. Andere Offiziere ließen plündern, wandten Repressalien an und führten Einheimische in Fesseln mit. Auch das Aussehen der Dörfer wird von Xenophon beschrieben (An. 4, 5, 25 f.): «Die Wohnungen waren unterirdisch, unten geräumig, während der Zugang der Öffnung einer Zisterne glich. Für die Zugtiere waren Eingänge ausgehoben. Die Menschen stiegen auf einer Leiter hinunter. In diesen Häusern befanden sich Ziegen, Schafe, Rinder, Geflügel mitsamt ihren Jungen. Das Vieh wurde ohne Ausnahme drinnen mit Heu gefüttert. Ferner fanden sich da Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte und Gerstenbier in Gefäßen.» Wir können die antiken Berichte (vgl. Diodor 14, 28, 5) über diese unterirdischen oder halb in die Erde gebauten Häuser durch Beobachtungen der voyageurs des 19. Jh.s ergänzen. Der Wohnraum wird ausgehoben, die Räume durch Baumstämme unterteilt, die Grube mit Balken, Ästen und Reisig abgedeckt, darauf Erde verteilt und schließlich mit Rasenstücken versiegelt. Auf dem Dach spielende Kinder oder grasende Lämmer fielen gelegentlich durch den Rauchfang; Carl Friedrich Lehmann-Haupt berichtet, eines ihrer Reitpferde sei plötzlich mit einem Bein durch ein Dach gebrochen, und das Erscheinen des Pferdefußes an der Decke habe im Innern lautes Entsetzen hervorgerufen (vgl. Abb. 31a).5

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202 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

Abb. 31 b:  Landschaft in Armenien

Unter schweren Kämpfen mit den Bergvölkern stiegen die Griechen schließlich in das ostpontische Küstengebirge auf. Die wildesten Gegner waren die Chalyber, die beim Anblick der Feinde sangen und tanzten und die abgehauenen Köpfe ihrer Opfer beim Marsch mit sich führten. Auf einer Paßhöhe unweit des Ziganapasses (südlich von Trabzon) ereignete sich die bewegende Szene: In lautes Rufen der Vordersten stimmten die Nachrückenden in immer größerer Zahl ein, bis alle angekommen sich unter Tränen umarmten, auch die Feldherren und Hauptleute, denn was sie in der Ferne unter sich sahen, war – das Meer. Noch Heinrich Heine ließ sich von dem Ruf der Griechen beflügeln: «Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, Du ewiges Meer! Sei mir gegrüßt, zehntausendmal! Aus jauchzendem Herzen, wie einst dich begrüßten zehntausend Griechenherzen.»6 Neuzeitliche Reisende haben sich auf intensive Suche nach dem von den Soldaten an der Stelle errichteten Steinhaufen begeben, doch die genaue Position ließ sich nicht sicher ermitteln. Auf der Nordseite des Randgebirges betraten die Griechen das Land der Makronen (bei Hekataios die Sanner) und des größeren Volkes der Kolcher, die die ganze Küste und das Gebirge östlich von Trapezus besiedelten. Klima und Vegetation unterschieden sich vom mediterranen Charakter der Herkunftsländer der meisten Griechen. Viele Soldaten Xenophons vergifteten sich am Honig einer hier beheimateten orangefarbigen Azaleenart (Azalea Pontica), erlitten Rauschzustände, Durchfall und Erbrechen; dasselbe wider-

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fuhr mehr als dreihundert Jahre später den Legionären des Pompeius und widerfährt noch heute gelegentlich Menschen, die von diesem Honig essen.7 In Trapezus war das griechische Söldnerheer noch nicht am Ziel, aber in Sicherheit; die Mehrzahl hat von hier aus auf dem Seeweg in die Heimat zurückgefunden. Von ca. 13 000 hatten ca. 8000 überlebt. Xenophons Marsch durch Kleinasien fand hier noch nicht sein Ende. Von Herakleia Pontike aus erfolgte eine Durchquerung Bithyniens bis an den Bosporus und ein Aufenthalt in Byzantion. Nach ständigem Mangel, Meutereien und einem thrakischen Abenteuer in Diensten des Fürsten Seuthes setzte das stark geschrumpfte Söldnerheer über die Propontis nach Lampsakos und marschierte durch die Troas hinab nach Pergamon, um das Heer daselbst an den Spartaner Thibron zu übergeben. Diese Stadt wird später ins Zentrum kleinasiatischer Geschichte rücken. Damals regierte sie eine Frau namens Hellas, Witwe eines Griechen namens Gongylos, des Sohnes eines gleichnamigen Mannes aus Eretria, der wegen Medismos (Perserfreundlichkeit) – nach den Perserkriegen in Griechenland ein anrüchiges Vergehen – aus der Heimat verbannt, vom Großkönig indessen mit den Städten Gambrion, Palaigambrion, Gryneion und Myrina in Asien beschenkt worden war. Hellas nutzte die Gelegenheit, sich mit Hilfe des Söldnerheeres eines lästigen persischen Konkurrenten im Kaikostal zu entledigen, und dieser letzte Plünderungszug der griechischen Soldaten brachte noch einmal reiche Beute.

1.4.  Der Königsfrieden 387/6 v. Chr. In Sardeis trat Tissaphernes wieder in seine alte Machtstellung als Karanos zurück und erhielt sogar die Hand einer Tochter des Königs (Diodor 14, 26, 4). Er führte den Krieg gegen die jetzt offensiv vorgehenden Spartaner. Auf spartanischer Seite hatte den Oberbefehl in Asien der Eurypontide Agesilaos inne, dem Xenophon eine Lobrede und Plutarch eine Biographie gewidmet haben. Zwischen 396 und 394 stieß er mehrmals ins Innere Kleinasiens vor, zunächst, einen Angriff auf Karien vortäuschend, nach Phrygien. Als er in der folgenden Saison ankündigte, Lydien zu überfallen, glaubte Tissaphernes an einen erneuten Trick und erwartete ihn in Karien, mußte aber, seinen Irrtum erkennend, in höchster Eile nach Sardeis aufbrechen. Am Paktolos kam es 395 zur Schlacht, die der Spartaner gewann. Tissaphernes fiel nach der Niederlage den Intrigen seiner Widersacher zum Opfer und wurde in Kolossai hingerichtet (Xenophon, HG 3, 4, 24 f.). Agesilaos durchstreifte nun das Land des Pharnabazos, des Satrapen von Daskyleion, der eine Schlacht mit ihm ängstlich vermied. Spithridates, ein per-

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sischer Feldherr, der noch gegen Xenophons Zehntausend zu Felde gezogen war, kam in sein Lager und überredete ihn zu einem Marsch bis nach Paphlagonien, um dieses Volk zum Abfall zu bringen; Agesilaos gab Spithridates’ schöne Tochter – auf den ebenso schönen Sohn Megabates hatte er selbst ein Auge geworfen – dem Dynasten der Paphlagonier, Kotys (bei Xenophon, HG 4, 1, 3 Otys), zur Frau, um seine Truppen von diesem mit Reitern und Schildträgern verstärken zu lassen. Aus Paphlagonien zurückgekehrt, ließen es sich die Spartaner in der an Jagd- und Fischgründen reichen Umgebung der Satrapenresidenz Daskyleion gutgehen. Eine sorglos furagierende Abteilung wurde von Pharnabazos’ Reitern angegriffen und in die Flucht geschlagen. Im Gegenzug nahmen die Griechen das Lager des Satrapen ein und machten reiche Beute, über deren Aufteilung es indessen zu so heftigem Streit kam, daß Spithridates und die Paphlagonier auf die persische Seite wechselten. Auf Vermittlung eines Kyzikeners kam ein Treffen zwischen Agesilaos und dem Satrapen zustande: Der Spartaner erwartete den von seinem Gefolge mit Kissen und Teppichen ausgerüsteten Perser auf nacktem Boden im Gras liegend. Am Ende der Unterredung soll Agesilaos angekündigt haben, was er dann, im Hinblick auf Verhältnisse in Griechenland, auch wahr machte: aus dem Land abzuziehen (Xenophon, HG 4, 1, 38). An den Süd- und Westküsten Kleinasiens erlitten die Lakedaimonier vor und nach der Schlacht am Paktolos Niederlagen. Das Kommando der persischen Flottenverbände im Ostmittelmeerraum hatte ein Mann aus Athen, der am Ende des Peloponnesischen Krieges nach Zypern geflohen und in persische Dienste getreten war: Konon, «das Werkzeug des Großkönigs».8 Nach Vertreibung der Spartaner von Rhodos und der Ermordung des Damagetos, des Königs von Ialysos, bezog Konon auf der Insel Stellung, fuhr mehrmals zwischen Rhodos und dem Festland hin und her. Ein Angriff der Lakedaimonier auf Kaunos wurde abgewehrt (396 v. Chr.). Knapp zwei Jahre später gelang ihm mit dem historisch bedeutenden Seesieg bei Knidos sein größter ­Erfolg, der entscheidende Schlag gegen Sparta. Dem Sieger wurden höchste Ehren zuteil. Erythrai verlieh ihm das Ehrenbürgerrecht und schmückte die Stadt mit seinem vergoldeten Bronzestandbild. Im zentralen Heiligtum der Karerstadt Kaunos hat man seine Bildsäule auf einer in griechischer Sprache beschrifteten Marmorbasis befestigt. Die Athener errichteten seine Statue und die seines Freundes Euagoras auf der Agora, die Ephesier stellten sie im Artemision, die Samier im Heraion auf. ­ siens Die spartanischen Ambitionen im Hinblick auf die Griechenstädte A waren damit abgekühlt. In Tissaphernes’ Residenz Sardeis zog ein neuer Satrap, Tiribazos, ein. Dieser scheiterte vorerst bei Friedensverhandlungen d­ aselbst mit dem Ansinnen, bei den Griechen des Mutterlandes die Preisgabe ihrer Verwandten in Asien zu erwirken, wozu sich jetzt zwar die Spartaner, aber

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ganz und gar nicht die Athener bereit zeigten. Konon, der zwischenzeitlich in seiner Heimatstadt Athen mit persischer Unterstützung gegen Sparta agitiert hatte, begleitete eine vierköpfige Delegation seiner Landsleute nach Asien (Xenophon, HG 4, 8, 12 f.). Hier ließ der spartafreundliche Tiribazos den prominenten Athener unter Vorwänden festnehmen. Konon starb auf der Flucht in Zypern. Tiribazos indessen wurde vom Großkönig abberufen (Herbst 392). Dieser setzte Struthas als neuen Satrapen Ioniens ein, das bis dahin von Tiribazos mitregiert worden war. Struthas änderte die Politik, indem er wieder die Athener begünstigte. Ein spartanischer Vorstoß gegen ihn nach Ionien endete mit einer empfindlichen Niederlage im Maiandrostal. Als ein ‹neuer Konon› trumpfte der Athener Thrasybulos mit erfolgreichen Flottenoperationen an der ganzen West- und Südküste zwischen Byzantion und Aspendos auf. Zur Logistik seiner Art Kriegführung gehörte ausgiebiges Plündern von Städten, die sich ihm nicht gänzlich fügen wollten. Die erbosten Aspendier überfielen sein Lager und erschlugen ihn. Wieder wendete sich das Blatt für die asiatischen Griechen, als nunmehr Struthas abberufen und Tiribazos wiedereingesetzt wurde. Mit diesem im Einvernehmen, setzte sich jetzt der Spartaner Antialkidas endgültig durch, nachdem er in Susa mit dem Großkönig verhandelt und ein Abkommen vorbereitet hatte. Es wurde auf dem entscheidenden Kongreß in Sardeis 387/6 v. Chr. verkündet mit dem bei Xenophon (HG 5, 1, 31) wiedergegebenen Wortlaut: «Der König Artaxerxes hält es für gerecht, daß die Städte Asiens ihm gehören und von den Inseln Klazomenai und Kypros, und daß die übrigen griechischen Städte, kleine wie große, in Unabhängigkeit gelassen werden, ausgenommen Lemnos, Imbros und Skyros; diese sollen wie in der Vergangenheit den Athenern gehören. Wer aber diese Friedensbedingungen nicht annehmen will, gegen den werde ich Krieg führen mit denen zusammen, die diesen Frieden wollen, zu Lande und zu Wasser, mit meiner Flotte und meinem Gelde.» (Übers. Gisela Strasburger). Die Historiographie pflegt diesen Friedensschluß als «Königs-» oder auch als «Antialkidasfrieden» zu bezeichnen. Damit ging ein hin- und herwogender Kampf auf diplomatischem wie auf kriegerischem Felde zu Ende, der um das nach der Niederlage im Peloponnesischen Krieg (404) zerbrochene athenische Reich auf asiatischem Boden geführt worden war. Die Perserkriege und die sich anschließende jahrzehntelange Epoche athenischer Suprematie im Westen und Süden Kleinasiens hatte für das Land mehr als nur einen vorübergehenden Herrscherwechsel bedeutet. Vom gigantischen Sieg des vereinten Mutterlandes und dem erstmals bewußt stilisierten Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren empfingen die Bewohner Asiens einen tiefen Eindruck, auch solche, die sich in keiner engeren Verwandtschaft mit den Siegern wußten. Besonders die mächtigen Athener haben dann in den kleinasiatischen Poleis und deren Hinterland das

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206 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

Vorbild abgegeben für Satzungen, Institutionen und Sitten, hellenische Künste und Literaturen, hellenische Sprache und Schreibweise. Die Hellenisierung von Lydern, Karern und Lykiern nahm jetzt ihren eigentlichen Anfang. Im politischen und militärischen Zusammenwirken gegen die Weltmacht der Perser indessen geben die Griechen Asiens und des Mutterlandes kein erbauliches Beispiel. Die griechische Antithese von Freiheit und Knechtschaft, mit der diese Auseinandersetzung noch in neuzeitlichen Geschichtswerken begriffen wurde, entspricht nicht der Wirklichkeit – die Griechen knechteten sich gegenseitig: Machtkämpfe innerhalb der Poleis und zwischen ihnen bestimmten zu oft das weitere Handeln. Einzelschicksale prominenter Figuren wie Histiaios und Aristagoras von Milet, Dionysios von Phokaia, ­Alkibiades, Konon und Thrasybulos von Athen spiegeln die Zerissenheit der Griechen, wo sich mächtige Akteure in freibeuterische Privatkriege stürzten und gelegentlich auch die Seiten wechselten. Eine gewisse Korsarenmentalität scheint der seefahrende Adel seit den Zeiten, als Griechen gegen die Küsten des Assyrerreichs fuhren, nie mehr verloren zu haben. So dürfte manche griechische, gemischt oder von Einheimischen besiedelte Küstenstadt Asiens die Regierung der Satrapen im eigenen Lande den Gewalttaten, Plünderungen und Besatzungen von ‹Befreiern› aus Griechenland vorgezogen haben. Aber den Gedanken, den Krieg gegen das Perserreich fortzusetzen und die Poleis in Asien zu ‹befreien›, hegte man in Griechenland weiterhin, bis ihn etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später ein anderer in die Tat umsetzen sollte.

1.5.  Der Satrapenaufstand Das für ganz Kleinasien einschneidendste Ereignis nach dem Königsfrieden ist der sogannte Satrapenaufstand, der um 368 v. Chr. begann und ca. 362 endete. Die Vorgänge im einzelnen bleiben indes schemenhaft, und die Überlieferung scheint die Dimensionen des Aufstandes insofern zu übertreiben, als sie das Bild einer konzertierten Aktion entstehen läßt, während bei genauerem Hinsehen einzelne ungleichzeitige, verschiedenartige und nur sporadisch verbundene Rebellionen stattgefunden haben. Die beiden Hauptquellen sind eine Vita des Satrapen Datames von Cornelius Nepos und eine Passage bei Diodor (15, 90, 1–3). Auslöser der offenen Abkehr vom Großkönig war eine schillernde Figur, Datames: Er war der Sohn eines Karers oder in Karien heimischen Iraners und einer Paphlagonierin. Als junger Mann zunächst in der Palastgarde des Großkönigs dienend, wurde er darauf mit dem an Kappadokien grenzenden Teil Kilikiens belehnt, von wo aus er Aktivitäten in weitem Umkreis entfaltete. Die im einzelnen schwer zu datierende Ereignisabfolge gehört

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Von der Eroberung des Kyros bis zum Alexanderzug 207

etwa in die achtziger bis sechziger Jahre des 4. Jh.s. Auf Feld­zügen gegen den renitenten Dynasten der Paphlagonier Thys, während denen er die Stadt Sinope einnahm, und einem weiteren siegreichen Feldzug gegen den Dynasten Kataoniens, Aspis, intrigierten seine Gegner und machten ihn am Hof in Susa suspekt. Daraufhin sagte er sich vom Großkönig los und verbündete sich insgeheim mit Ariobarzanes, der seit 387 v. Chr. als Satrap von Phrygien in Daskyleion herrschte. Ein zweites Mal wurde Sinope angegriffen. Reliefdarstellungen der persischen Ahnen des Königs Antiochos von Kommagene auf dem Nemrud Dag˘ (1. Jh. v. Chr.) zeigen einen Mann, den die Inschriften auf den Basen «Aroandes Sohn des Artasuras, verheiratet mit Prinzessin Rhodogune, der Tochter des Artaxerxes» nennen.9 Wir kennen diesen Aroandes bzw. Orontes aus Xenophons Anabasis als den Satrapen Armeniens zur Zeit des Marsches der Zehntausend. Ein gleichnamiger, der später die anstelle Yaunas (mit Magnesia am Maiandros als Sitz) neugebildete Küstensatrapie Mysien regieren (Diodor 15, 90, 3) und auf dem Burgberg von Pergamon residieren sollte, ist wohl mit ihm identisch. Dieser Satrap brach seinerseits mit dem Großkönig und stellte sich an die Spitze der Rebellion. Kaum mehr als Sympathisanten und Nutznießer scheinen dagegen der Satrap von Sardeis, Autophradates, und der mächtige Fürst Maussollos, der in Karien seit 377 herrschte, geworden zu sein. Orontes wechselte rasch die Seiten: Dem armenischen Satrapen versprach der Großkönig die neue Satrapie an der Westküste und erwirkte so die Übergabe von Geld, Städten und Söldnertruppen. Die Verbündeten Datames und Ariobarzanes standen nun allein. Mit großem Geschick verteidigte Datames seine Position an der kilikischen Pforte und in Kappadokien, als die Zentralmacht nacheinander Heeresaufgebote unter Autophradates und Artabazos gegen ihn sandte. Erst ein Mordanschlag brachte ihn schließlich zu Fall. Auch Ariobarzanes wurde getötet. Den übrigen verzieh der König. Orontes hat sich einige Jahre später noch einmal vom nachfolgenden Großkönig, Artaxerxes III., losgesagt (vgl. [106] OGIS 264a) und ist von Autophradates bekämpft worden (Polyainos 7, 14, 2–4), doch beugte er sich erneut und behielt seine Stellung in Pergamon.

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2.  DAS ZEITALTER DER PERSER IN KLEINASIEN

Einleitung Struktur und Eigenart der persischen Herrschaft in Kleinasien haben das Land geprägt und eine über das Bestehen des Achaimenidenreiches weit hinaus fortwirkende Tradition begründet. Eine große Diaspora von Iranern ist im Lande heimisch geworden, die über Generationen bis in die römische Kaiserzeit in den schriftlichen Quellen vorkommen.10 In den Kanzleien der Satrapensitze wird Reichsaramäisch geschrieben. Allerdings ist das Griechische bereits im 5. Jh. v.  Chr. auf dem Vormarsch, nicht nur als Literatursprache: Gebildete Lykier, Karer, Lyder schreiben Griechisch, wie der Epiker Panyassis von Halikarnassos oder Xanthos der Lyder, die lykischen Dynasten Xeriga und Arbinas. Unter den Karern Maussollos und Pixodaros, im 4. Jh. v. Chr., hat das Griechische den Rang als offizielle Verkehrssprache vor den Landessprachen erreicht.10a Der Gemeindebeschluß aus dem Letoon von Xanthos über die Einrichtung eines Staatskultes wird in drei Sprachen aufgezeichnet: Die reichsaramäische Übersetzung, die auf bestimmte Details verzichtet, schließt mit der Autorisation durch den Satrapen. Diese Sprache repräsentiert die persische Oberherrschaft. Das Griechische in der Parallelversion des Lykischen indessen besitzt geradezu die Funktion einer lingua franca, die weit über den Bereich der Landessprache hinaus verbreitet ist. Lange bevor Griechen und Römer den Versuch unternahmen, derart riesige Landstriche unter ihre Aufsicht zu stellen, zu erschließen und die Ressourcen zu verwalten, schufen die Iraner eine Administration und Infrastruktur in Kleinasien, errichteten ein System der Loyalitäts- und Besitzverhältnisse, an denen man sich bis hinab in Hellenismus und Kaiserzeit orientierte. Noch in der frühen Kaiserzeit gebrauchte man in Pisidien persische Entfernungsmaße, schoinos oder parasange.11 Dabei ließ die persische Obrigkeit den klein­ asiatischen Völkern, Stämmen und Städten viel von ihrer Eigenständigkeit in religiöser, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Von den harten Maßnahmen gegen Aufständische abgesehen, hat es Massendeportationen wie bei den Assyrern nicht gegeben. Die Sozialstrukturen in den Regionen blieben intakt

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 209

und die einheimischen Kulte wurden eher gefördert als bedrängt. Zwar dringt auch in Kunst und Handwerk das Griechische immer weiter vor, vermischt sich aber mit Lokalem und Persischem. Auf geistigem Gebiet dürfte über Klein­asien Zarathustrisches an die Griechen vermittelt worden sein, insbesondere durch das Wirken iranischer magoi (S. 219) im Westen.

2.1.  Die Satrapienordnung Die alte, schon vor Dareios übliche Form der Beaufsichtigung und Verwaltung eroberten Territoriums bestand darin, eine Art Unterkönig über zum Teil ­riesige Gebiete einzusetzen. Das Wort für dessen Titel ist im Altpersischen xšaçapa¯ va¯ , das heißt «Schützer der Herrschaft». Das griechische Wort satrapes (zuerst bei Isokrates bezeugt, der Herrschaftsbereich, satrapeie, schon bei Herodot) kann etymologisch nicht direkt auf diese Form zurückgehen; dahinter steht vielleicht eine medische Form, die wiederum über eine kleinasiatische Sprache an das Griechische vermittelt wurde.12 Satrapen werden gelegent­lich auch mit anderen Ausdrücken wie zum Beispiel hyparchos in griechischen oder mit ñtawata (König) in lykischen Texten bezeichnet.13 In der Frage, wie die Satrapienordnung des Reiches in der Perserzeit aussah, herrscht in der Wissenschaft großes Durcheinander, wo beinahe jedes von jedem bestritten wird. Wir besitzen aus der achaimenidischen Epoche kein eindeutiges Originaldokument einer Satrapienliste. Herodots Aufstellung von zwanzig archai oder nomoi (3, 89–97) – Verwaltungsdistrikte –, «die die Perser Satrapien nannten» und in denen mehrere benachbarte Stämme zusammengefaßt waren, ist hinsichtlich ihrer Herkunft und Zusammensetzung umstritten, während die «Länder» oder «Völkerschaften» in der großen Felsinschrift des Dareios von Behistun und in anderen Inschriften nicht nach einhelliger Auffassung Satrapien entsprechen, jedenfalls mit Herodot nicht übereinstimmen. Die Lösung, Herodot «als historische Quelle auszumustern»,14 ist zu einfach. Wir brauchen das Problem hier nicht weiter zu verfolgen und beschränken uns auf die Angaben zu Kleinasien. In der Liste von Behistun ist Kleinasien nur mit Sparda (Lydien), Yauna (Ionien), Katpatuka (Nord- und Mittelanatolien) und Armina (vormals Urartu) vertreten. Inschriften an der Südfassade der Persepolisterrasse, vom Grab des Dareios in Naqš-i-Rustem und von Susa, unterscheiden bei Yauna die Ionier der Ebene, der Küste und der Inseln (bzw. «schildtragende Ionier») und nennen auch die Karer. Neuerdings ist die Frage aufgeworfen worden, ob das in Inschriften aus Persepolis und Susa zur Zeit des Dareios I. genannte Volk der Skudra nicht in Kleinasien zu suchen sei, doch ist eine entsprechende Beweisführung nicht gelungen.15

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Herodot (3, 90–94) läßt in der ersten Satrapie Völker West- und Süd­ west­ anatoliens aufgehen: Ionier, Magneter, Aioler, Karer, Lykier, Milyer,16 ­Pamphylier. Tribut: 400 Talente Silber. In der zweiten sind zusammengefaßt: Myser, Lyder, Lasonier, Kabalier,17 Hytenner (im südlichen Pisidien, zwischen Beys¸ehirsee und Küste). Tribut: 500 Talente. In der dritten vereinen sich: ­Hellespontier, Phryger, Thraker, Paphlagonier, Mariandyner,18 Syrer,19 Tribut: 360 Talente. Die vierte umfaßt allein die Kilikier, Tribut: 500 Talente und 360 Pferde. In der dreizehnten Satrapie befinden sich die Armenier und deren Nachbarn bis zum Pontos Euxeinos, ihr Verhältnis zu den in der 18. Satrapie genannten Alarodiern am Vansee ist nicht ganz klar. Die 19. Satrapie bilden die nordwestlichen Nachbarn der Armenier, die Bergstämme oberhalb von Trapezus: Moschoi, Tibarenoi, Makrones, Mossynoikoi und Marder; sie zahlen 300 Talente. Vergleiche lassen sich nicht nur mit den oben genannten persischen Versionen der Völker- bzw. Ländernamen in den Steininschriften, sondern auch mit einzelnen Angaben auf Tontäfelchen aus Persepolis ziehen, die in der Zeit zwischen 509 und 494 v. Chr. beschriftet wurden. In diesen Texten wird Bezug genommen auf Personen, die mit königlicher Erlaubnis persische Reichsstraßen und Stationen (eine Art Vorläufer des römischen cursus publicus, S. 475) benutzen dürfen, beispielsweise in P(ersepolis) F(ortification Tablets) 1404 ein gewisser Dauma, der in staatlicher Mission von Sardeis nach Persepolis unterwegs war. Es heißt, er habe ein versiegeltes Dokument von Irdapirna mit sich geführt. Der Name entspricht griechisch Artaphernes und bezieht sich wohl auf den bekannten Stiefbruder des Dareios und Satrapen von Sardeis (Herodot 5, 25, 1).19a Sicher ist, daß es in den beiden Jahrhunderten persischer Herrschaft über Kleinasien Erweiterungen, Teilungen und Arrondierungen von Satrapien gegeben hat. Wir wollen sie nicht in allen Einzelheiten verfolgen.20 Sardeis (Sparda) behielt wohl auf Grund seiner Lage eine herausragende Bedeutung und war Ende des 5. Jh.s Sitz des vom Großkönig mit besonderen Kompetenzen ausgestatteten Oberbefehlshabers (karanos) über weite Teile West- und Mittelanatoliens. Im 4. Jh. v. Chr. wird die Satrapie Karien seit den Tagen des Maussollos von Halikarnassos aus regiert. Kilikien ist eine Satrapie mit Residenz in Tarsos. Kappadokien ist geteilt in einen südlichen Teil am Tauros und einen nördlichen am Schwarzen Meer. Über Großphrygien gebietet ein Satrap in Kelainai (bei Dinar), während von Daskyleion aus das hellespontische oder Kleinphrygien regiert wird. Iranische wie auch nichtiranische Funktionäre unterhalb des Satrapen mit verschiedenen Aufgaben erscheinen in den Quellen. Wohl der Satrap Spardas ließ Ende des 5. Jh.s Lykien von zwei Befehlshabern, Artembares und Mithrapates, regieren, und als im 4. Jh. Pixodaros Satrap von Lykien wurde

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 211

(S. 213), setzte er zwei Griechen als Oberbeamte (archontes) des Landes und ­einen Lykier als Aufseher über Xanthos ein. Die griechischen Herrschertitel sind ambivalent gebraucht und die Hierarchien im einzelnen nicht immer klar. Vor allem aber regierten unter persischer Aufsicht einheimische Dynasten oft über Gebiete von großer Ausdehnung und an den Küsten geboten griechische Tyrannen über einzelne oder mehrere Städte. Ihre Loyalität manifestierte sich in bestimmten Pflichten und Zeremonien; es bestand eine enge persönliche Bindung an den Satrapen. Auch Frauen konnten in diese Position gelangen. Ein sinnfälliges Zeugnis dafür liegt bei Xenophon (HG 3, 1, 10 ff.) mit der Geschichte der Griechin Mania vor. Verheiratet mit Zenis von Dardanos, erhielt sie nach dem Tod ihres Mannes die Anerkennung als Regentin über Teile der Aiolis durch den Satrapen Pharnabazos. Wie ihr Mann durfte sie über die Ressourcen des Landes verfügen und eigene Einkünfte erzielen, genoß das Vertrauen und den Schutz des Satrapen. Dieser erwartete dafür die pünktliche Zahlung der Abgaben, die Darbietung von Geschenken und vorzügliche Ehrerbietung auch, im Falle seines Besuchs, durch einen festlichen Empfang. Wenn der Satrap gegen unbotmäßige Stämme im Landesinnern zu Felde zog, hatte sie Heeresfolge zu leisten, indessen setzte sie auch selbständig militärische Operationen gegen noch nicht unterworfene Küstenstädte (Larisa, Hamaxitos, Kolonai) ins Werk, um sie der Satrapenherrschaft hinzuzugewinnen. Diesem Beispiel loyalen Vasallentums stehen andere gegenüber, die Untreue und Verrat bezeugen: Nicht weit von Manias Domizil, in Atarneus, regierte später der berüchtigte Tyrann Hermeias, ein Schüler Platons und Mitschüler des Aristoteles von Stageira, den er zu sich nach Kleinasien holte und dem er seine Nichte Pythias zur Frau gab. Auf Grund seiner konspirativen Beziehung zu Philipp II. von Makedonien geriet er in Verdacht, wurde gefangengenommen und hingerichtet.21 Charakteristisch ist die von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort unterschiedliche Dichte persischer Herrschaft. Völkerschaften wie die Thyner, Bebryker, Mariandyner, Kaukonen und die paphlagonischen Heneter (Strabon 12, 3, 3 ff.) dienten in den Reiterkontingenten. Bergbewohner in Ostpontos wie die Moschoi, Mossynoikoi, Chalybes, Makrones oder Sannoi entzogen sich wohl zumeist einer Kontrolle durch die Großmacht, aber auch andere, Dyna­ sten und Städte, haben dies bisweilen versucht. Manche Städte durften Verträge schließen. Die Ionier erneuerten um die Mitte des 4. Jh.s ihren alten Bund (Strabon 8, 7, 2). Ein vor wenigen Jahren in Sinope am Schwarzen Meer gefundener Stein enthält in griechischer Sprache die Aufzeichnung eines Bündnisvertrages zwischen dieser Stadt und der Tyrannenfamilie von Herakleia Pontike. Die Vertragspartner verpflichten sich, einander gegen Angreifer Beistand zu leisten, indem sie dem Bedrängten ein Söldnerheer senden. Ausgenommen ist der Fall, daß der Großkönig selbst Angreifer einer der

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Städte war. Griff jemand im Namen des Königs an, wurde die Symmachie wirksam, wenn dieser sich weigerte, eine gemeinsame Gesandtschaft an den König zu schicken und das Territorium bis zu einem Entscheid von höchster Stelle zu räumen. Es könnte sein, daß Erfahrungen der Sinopier mit den unautorisierten Attacken des Datames auf ihre Stadt der Initiative zugrunde liegen. Die Zulassung derartiger Bündnisse jedenfalls ist eine bemerkenswerte Konzession des Perserkönigs an die ihm untertänigen Gemeinwesen. Die Römer haben später in ihren anatolischen Provinzen vergleichbare Staatsverträge der freien Städte gar nicht erlaubt. Noch ein Detail verdient Beachtung: Der Bündnisfall trat auch ein bei Angriffen von innen; ist dies in Herakleia gleichbedeutend mit einem Versuch, die Tyrannenherrschaft zu stürzen, so bedeutete es in ­Sinope die «Auflösung des Volkes» (katalysis des Demos). Dem Wortlaut nach kann in Sinope zu dieser Zeit nichts anderes als eine Demokratie bestanden haben. Am besten erforscht sind die politischen Verhältnisse im perserzeitlichen Lykien, weil hier die literarische Überlieferung mit verhältnismäßig reichen epigraphischen Quellen, Münzen und archäologischen Befunden zu verbinden ist. Für die Münzprägung der Dynasten ist ein im 4. Jh. vergrabener und 1957 am Ufer des Avlan Gölü entdeckter Hort von herausragender Bedeutung.22 Der Athener Isokrates meinte (4, 161 f.), die Perser hätten Lykien nie beherrscht. Nachdem zwischen ca. 485 und 440 ein Fürst namens Kuprlli eine überregional bedeutende Rolle gespielt hatte,23 konkurrierten seit Ende des 5. Jh.s einheimische Herrscher in verschiedenen Kompartimenten des Landes: im äußersten Westen am Golf von Fethiye (Telmessos), im Xanthostal (Patara, Xanthos, Pinara, Tlos), wo die Nachkommen des Harpagos Xeriga, Xere˜i und Erbbina herrschten, in der Mitte in Tymnessos, Kandyba, Phellos, Zagaba und Myra, im Osten in Limyra (lykisch: Zemuri, vielleicht identisch mit dem schon hethiterzeitlichen Zumarri), Rhodiapolis und Korydalla.24 Um 380 v. Chr. trat in Zemuri ein ñtawata (König) in Erscheinung, der sich merkwürdigerweise mit Namen nach dem athenischen Staatsmann des 5. Jh.s Perikles nannte. Mit den iranischen Befehlshabern über sein Land geriet er in Streit, vermochte einen Angriff des westlykischen, den Persern gehorsamen Dynasten Artembares abzuwehren und sich auf seinen Kriegszügen bis nach Telmessos im Westen auszubreiten. Auf diese Weise emporgekommene Dynasten waren natürlich gefährlich und drohten die iranischen Repräsentanten der großköniglichen Macht in Kleinasien zu überragen. Das bekannteste Beispiel einer über längere Zeit herrschenden einheimischen Dynastie bietet die Familie der Hekatomniden im benachbarten ­Karien.25 Als Einheit namens Karka ist das Land in persischen Quellen bereits auf dem Dareiosgrab in Naqš-i-Rustem genannt. Ihr Zentrum war Mylasa (Milas), wo sie auf Burgen residierte. Auf den Stammvater Hyssaldomos folgt

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 213

der Sohn Hekatomnos (392/1–377/6). Dessen fünf Kinder wechselten ­einander ab, zunächst die Geschwisterehepaare Maussollos (377/6–353/2) mit Artemisia (353/2–351/0) und Idrieus (351/0–344/3) mit Ada (344/3–341/0), dann Pixodaros (341/0–336/5), nach ihm seine Tochter Ada mit dem Iraner Orontobates (336/5–334), die von Alexander dem Großen durch die ältere Ada, Maussollos’ Schwester, ersetzt werden. Pixodaros führte offiziell den Satrapentitel. Griechischen Inschriften aus Mylasa zufolge trifft dies schon auf Hekatomnos und Maussollos zu, doch geht in der Forschung eine Auffassung dahin, daß die Hekatomniden vor Pixodaros eben nicht Satrapen waren. Die herausragende Figur in dieser Familiengeschichte ist Maussollos. Diodor nennt ihn «Dynast», spätere Schriftsteller, darunter Strabon, «König». Nach dem Verschwinden des Perikles dehnte er seine Herrschaft auf  Teile oder gar auf ganz Lykien aus, womit man in der Erforschung dieser Landschaft die eigentliche «Dynastische Periode» enden und die «karische Herrschaft» bis zur Ankunft Alexanders ­beginnen läßt. Nach der Herrschaft des Perikles hörte die Münzprägung der lykischen Dynasten auf. Der Karer Maussollos seinerseits führte griechische Institutionen ein und verkehrte mit den Poleis außerhalb seines Landes in den diplomatischen Formen der Griechen: So verlieh er die Proxenie (eine dem Ehrenbürgerrecht vergleichbare Auszeichnung Fremder) an die kretische Gemeinde der Knossier. Vor 362 v. Chr. verlegte er seine Residenz von Mylasa an die Küste, nach Halikarnassos, baute die Stadt aus und engagierte griechische Künstler und Baufachleute.

2.2.  Die Königsstraße Da die Loyalität der verschiedenen Ethnien und einzelnen Regenten Anato­ liens gegenüber der Zentralmacht stets auf der Probe stand, kam viel auf eine gut funktionierende, möglichst rasche Nachrichtenübermittlung zwischen dieser und den weit entfernten Reichsteilen im Westen an. Eingehend ist geforscht worden über den mutmaßlichen Verlauf der persischen Königsstraße von Sardeis nach Susa, nahezu 3000 km Wegstrecke, die nur ein Teil eines verzweigten Routensystems im gesamten Reich war. Immerhin gäbe ein genaues Bild des Straßenverlaufs Aufschluß über das älteste bekannte Fernverkehrsnetz quer über die anatolische Landbrücke. Um uns ein Bild davon zu machen, müssen wir wieder den Historiker Herodot aus Halikarnassos heranziehen (5,  52 ff.). Er scheint ein offizielles Dokument benutzt zu haben. Herodot spricht von 111 Stationen auf einer Gesamtstrecke von 450 Parasangen. Seine Beschreibung gibt den Abschnitten und Entfernungsmessungen als räumliches Bezugssystem allein die Landschaftsnamen – Lydien, Kappadokien, Kilikien,

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Karte 6:  Mögliche, ungefähre Routen der persischen Königsstraße

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214 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 215

Armenien – und erwähnt zusätzlich zwei Flußüberschreitungen, Halys und Euphrat. Mit dem Längenmaß der Parasange (5–6 km) lassen sich indes keine präzisen Strecken errechnen, und die im Herodottext überlieferten Zahlen sind wahrscheinlich an mehr als einer Stelle korrupt. Denn die Summen der einzeln genannten Stationen und der Entfernungen zwischen ihnen stimmen mit den Gesamtzahlen nicht überein: Es fehlen 30 Stationen und 137 Parasangen. Zwischen Sardeis und dem Tigristal stehen verschiedene Routen zur Diskussion. Wegen der Halysüberschreitung muß die Straße den Salzsee nördlich passiert haben. Danach lief sie durch «Kappadokien» und durch «Kilikien» an den Euphrat. Doch was genau ist damit gemeint? Überwand sie die «Kilikischen Tore», querte die Ebene bei Tarsos, stieg über den Amanos und erreichte den Euphrat bei Zeugma, um jenseits des Flusses durch die nordmesopotamische Ebene dem Tigris zuzustreben? Oder nahm sie von Kappadokien aus ihre Fortsetzung auf dem Plateau, indem sie, vermutlich der alten Handelsroute der Assyrer nach Kaˉrum Kaneš folgend, in die Ebene von Melitene hinabführte und den Euphrat bei Tomisa überschritt, schließlich bei Amida (Diyarbakır) zum Tigris gelangte? Gibt man dieser zuletzt genannten Strecke den Vorzug, so heißt das, den geographischen Begriff «Kilikien» bei Herodot auf das Land im Nordosten der Kilikischen Tore auszudehnen. Gegen die Alternative spricht, daß Herodot mit der Euphratpassage die Grenze zwischen «Kilikien» und «Armenien» ansetzt. Die Landschaft Nordmesopotamiens zwischen Zeugma und Nisibis aber wurde niemals «Armenien» genannt.26 Für einzelne Sektoren der Straße weiter ins Detail zu gehen, scheitert an grundsätzlichen Unsicherheiten. So ist ganz und gar nicht ausgemacht, daß die Reise der persischen Boten durch Städte wie Gordion führen mußte und alte Zentralorte wie Hattusa oder gar bedeutende Heiligtümer wie die Felsmonu˘ mente von Midasstadt berührte.

2.3.  Landbesitz und Tribut Das von den Persern eroberte Land in Kleinasien war unter verschiedene Besitzer aufgeteilt, die teils tributpflichtig, teils von Abgaben freigestellt waren.27 Was das Eigentumsverhältnis betrifft, so herrschen verschiedene Ansichten. 28 Die Problematik bringt ein einzelner Text zum Ausdruck, der Dareiosbrief an den Satrapen Gadatas, dessen Authentizität allerdings angezweifelt wird.29 Der König bestätigt den Priestern («heiligen Gärtnern») eines Apollonheiligtums, Erträge aus einer Gemarkung ziehen zu dürfen, spricht aber zugleich von «meinem Land». Was meint er damit? Eine moderne Theorie geht davon aus,

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daß alles Land, also ganz Kleinasien, Eigentum des Großkönigs war. Persischen Adeligen, einheimischen Priestern, Königen, Dynasten, Tyrannen, Stammoder Stadtgemeinden sei es lediglich zur Ertragsgewinnung überlassen geblieben, jederzeit aber habe der König in diesen Besitz eingreifen und andere Günstlinge, Fremde oder Iraner, mit ihm belehnen können. Schon Kyros schenkte dem Pytharchos von Kyzikos, seinem Gefolgsmann, sieben Städte. Prominenter Empfänger einer Gabe (dorea) von mehreren Städten war Themistokles, der Sieger von Salamis, der später aus Athen verbannt, zu den Persern geflohen und in Magnesia am Maiandros heimisch geworden war.30 Wir erinnern uns an ähnliche Lehensverhältnisse unter der Bezeichnung ishiul bei den ˘ Hethitern (S. 116 f.). Dagegen steht die Auffassung, daß die Perser das Landeigentum der Untertanen vor Ort respektierten. Der Großkönig sei demnach keineswegs Eigentümer allen Landes gewesen, und der Ausdruck «mein Land» im Dareiosbrief beziehe sich auf – allerdings zahlreiche – Ländereien und Grundstücke, die durch Eroberung oder Konfiskation in den persönlichen Besitz seiner Vorgänger oder seiner selbst übergegangen waren. Schenkungen (doreai) an Günstlinge jeder Art seien ausschließlich von diesem abgezweigt worden. Nur dieses Land sei frei von Tribut gewesen.31 Die beschenkten Empfänger konnten aus Anbau, Fischerei, Jagd, Forst- und Handwerksbetrieb eigene Einkünfte erzielen. Von allem übrigen Land mußten Abgaben geleistet werden. Welches der beiden Modelle richtig ist, läßt sich kaum entscheiden. Der Unterschied ist in diesem Fall jedoch eher theoretisch. Ob die Tributfreiheit daraus resultiert, daß dem einheimischen Gott Apollon das Land vom König einst geschenkt worden war oder ob es sich schon immer im Besitz des Gottes befand und als solches privilegiert wurde, führt in der Sache zu demselben Ergebnis. Als erklärungsbedürftig erweist sich die Problematik besonders im Hinblick auf die griechischen Poleis, verträgt sich doch ein königlicher Anspruch auf Eigentum des ganzen Landes Kleinasien nicht mit der klassischen griechischen Auffassung der Polisautonomie. Unter den Persern indessen machten die griechischen Poleis – anders als später unter den Diadochen und Epigonen – zweifellos keine Ausnahme, was die Zugehörigkeit ihrer Gebiete zum Reich des Königs betrifft. Eigentliches Staatsland hatten sie nicht! Unterscheidungen zwischen poleis und chora basileos (Königsland) bei griechischen Historikern sind für die Auffassung der Achaimeniden von ihrem Reich nicht repräsentativ, und Äußerungen, die deren Sicht der Dinge wiedergeben, lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig.32 Herodot (6, 42, 2) berichtet, daß der Satrap Artaphernes 493/2 v. Chr. die Territorien der ionischen Poleis vermessen ließ, um daraufhin die Tribute zu veranschlagen. Das würde bedeuten, daß sich in den Kanzleien der Satrapen Kataster befanden, die eine individuelle Bemessungsgrundlage für die Besteuerung vor Ort boten.

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 217

Der perserzeitliche Autor der pseudoaristotelischen Oikonomika skizziert sechs Kategorien von Einnahmequellen in der Satrapenverwaltung: Die erste und mit Abstand wichtigste und größte ist die Abgabe auf landwirtschaftliche Produkte, der Zehnte oder das ekphorion. An zweiter Stelle folgen Einkünfte aus spezifischen Bodenschätzen, Gold, Silber, Kupfer etc., an dritter die Einnahmen aus Warenumschlag (emporia), Marktsteuern, Zölle, Mautgebühren, an vierter Grundstücks- und Verkaufssteuern, an fünfter Steuern auf Vieh, an sechster alle übrigen Arten.33 Die bisher genaueste Spezifikation einzelner Abgaben im vorrömischen Kleinasien bietet eine Urkunde aus Aigai in der Aiolis, die mit großer Wahrscheinlichkeit noch perserzeitlich ist.34 In der Einzahl und in der Mehrzahl sind Personen genannt, die «nehmen» und «geben». Für Hand- und Spanndienste und andere Arbeiten soll den Dienstpflichtigen (oder deren Sklaven) Verpflegung aus der königlichen Kasse gezahlt werden. Ganz oben auf der Liste dessen, was «genommen» wird, steht auch hier der Zehnte – offenbar auf Getreide. Von Baumfrüchten und wohl auch Weinreben beträgt die Abgabe 1/8 der Ernte, bei Schafen und Ziegen zwei von hundert, zusätzlich ein Lamm und ein Zicklein, von Bienenstöcken 1/8. Von der Jagdbeute ist pro Wildschwein und Hirsch je eine Keule abzuliefern. Der «Nehmende» ist ohne Zweifel ein vor Ort bei der Steuereinziehung tätiger königlicher Funktionär.

2.4. Münzprägung Die Perserkönige haben schon im 6. Jh. v. Chr. die lydisch-ionische Münzprägung kennengelernt und nachgeahmt, sich dabei lydischer Stempelschneider bedient. In Silber- und Goldmünzen unter Dareios (Dareiken) sind Halb- oder Ganzkörperdarstellungen des Königs mit Bogen eingestempelt; die Rückseite enthielt, anders als bei den griechischen Münzen, nur eine Markierung. Sehr wahrscheinlich war Sardeis die Prägestätte der Dareiken. Unabhängig davon prägten die griechischen Poleis unter den Achaimeniden ihre eigenen Münzen.35 Überhaupt blieb das Münzwesen im Perserreich beschränkt auf den griechischen Einflüssen nächstgelegenen Westen. Außer den zahlreichen Dynasten wie Perikles oder Maussollos (S. 212 f.) emittierten einzelne Satrapen ­ihrerseits Silbermünzen mit Götterdarstellungen, Portrait oder Figur auf den Vorderseiten, wobei allerdings fraglich ist, ob abgebildete Personen mit persischer Kopfbedeckung oder Tracht sie selbst darstellen. Auf den Rückseiten finden sich neben persischen, einheimischen oder griechischen Gottheiten und Heroen vermischte Motive gräko-persischer oder lokaler Provenienz sowie lykische, griechische oder aramäische Legenden.36

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218 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

Gemünztes Gold oder Silber war wohl überwiegend als Tempeldeposit und in Horten an den Satrapenresidenzen akkumuliert. Über seine Zirkulation als Zahlungsmittel ist nur schwer eine Vorstellung zu gewinnen. Auf ­unterster Ebene, vom Kleinbauern zum Grundherrn, müssen die Abgaben im allgemeinen in Naturalien und nicht in Geld geflossen sein. Die Münze ­(nomisma) ist nach Pseudo-Aristoteles (Oec. 2, 2 – 1345 b 21) im Bereich der königlichen oikonomia als eine von vier Abteilungen angesiedelt, die anderen drei sind: Einfuhren, Ausfuhren (als Einnahmequellen) und Ausgaben. Abgesehen vom ‹Kleingeld› im städtischen Bereich scheint sich Geldverkehr insbesondere auf Kreditnahme von Notablen bei Tempeln, Pauschalzahlungen an den König oder königlichen Zuwendungen an Höflinge und Günstlinge aller Art, auch Städte, sicher auch auf Söldneranwerbungen und Soldzahlungen erstreckt zu haben.37

2.5.  Religion, Kunst und Kultur Der Historiker Eduard Meyer bescheinigte den Persern religiöse Toleranz: «Überall haben sie ihre Herrschaft auf die Religion der Untertanen zu stützen gesucht und dieser und ihrer Vertretung, der Priesterschaft, weitgehende Konzessionen gemacht.»38 Bei näherem Hinsehen zeigt sich in Kleinasien ein gemischtes Bild. Von der Zerstörung aller Tempel Ioniens durch Xerxes blieb nur das prominente Artemision von Ephesos verschont. Es genoß besonderen Schutz, nachdem die Ephesier einst dem Priester als Zeichen ihrer Verbundenheit einen iranischen Titel gegeben hatten: Megabyxos. Darin erkennt man das iranische Wort bagabuxša, was «durch Gott befreit» oder «den Gott erfreuend» heißt. Die Eroberer brachten ihre Religion und Götter mit in das Land; der Zoroastrismus geht auf den Begründer einer dualistischen Lehre von Gut und Böse, den Iraner Zarathustra, zurück, dessen Lebenszeit schwer zu bestimmen, jedenfalls früher als das 5. Jh. v. Chr. ist. Auf den zoroastrischen Hauptgott Ahura Mazda¯ beruft sich Dareios I. in der Felsinschrift von Be­histun. Eine weitere uralte Gottheit namens Mithras – das Wort bedeutet im Persischen «Vertrag» – wurde ebenfalls von den Achaimeniden verehrt und ­erlangte als Sonnengott im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit weite Verbreitung.39 Iraner haben in Kleinasien auch den am jeweiligen Ort traditionell verehrten Göttern geopfert. Besonderes Interesse scheinen die Einwanderer griechischen oder einheimischen als Zeus, Artemis und Men benannten Gottheiten entgegengebracht zu haben, denen ihre Götter Ahura Mazda¯ , Ana¯ hita¯ und Ma¯ h nahestanden.40 An mehreren Orten Lydiens, in Hierakome, Hypaipa, Phil­ adelpheia, kennen wir aus der nachklassischen Epoche über­regional bedeu-

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tende Heiligtümer einer persischen Artemis, der in der Kaiserzeit auch heilige Wettkämpfe gewidmet waren.41 Ein Iraner namens Baradates stiftete den Kult eines Gottes, der mit Zeus gleichgesetzt und als «Zeus des ­Baradates» im 5. oder 4. Jh. v. Chr. vom Satrapen in Sardeis gepflegt wurde. Desgleichen geht ein «Men des Pharnakes» vermutlich auf die Kultstiftung des gegen Ende des 5. Jh.s in Daskyleion residierenden, gleichnamigen Satrapen zurück. Im Jahr 321 v. Chr. wird auf Vorschlag des Satrapen Asandros ein Iraner, der Bagadates hieß, neokoros (Tempelpfleger) des einheimischen Artemisheiligtums von Amyzon in Karien.42 Auf die iranischen Heiligtümer im Pontos werden wir noch zu sprechen kommen. Offenbar konnte in allen diesen Fällen eine synkretistische Verbindung mitgebrachter religiöser Vorstellungen mit verwandten einheimischen bzw. griechischen zwanglos vonstatten gehen. Immerhin verbot in der Baradates-Inschrift von Sardeis der Satrap den das Heilig­tum betretenden Tempeldienern, an Mysterien des Sabazios, Agdistis und der Ma teilzunehmen und sich dadurch zu verunreinigen. Aus iranischer Sicht war demnach die Einstellung zu den einheimischen Kulten nicht völlig indifferent. Die Religion der Iraner hat sich nicht nur mit Heiligtümern in Anatolien etabliert, sondern über Kleinasien auch Einfluß auf die Griechen ausgeübt. Die Verbindungswege und Wandlungsprozesse des Ideenguts sind in der literarischen Tradition nicht leicht zu fassen. Man hat bemerkt, daß die Vorstellung von der Seele (psyche), die nach dem Tod des Menschen «in den Himmel kommt», und zwar stufenweise zu den Sternen, dann zum Mond, zur Sonne und schließlich zu den anfangslosen Lichtern, dem Sitz Ahura Mazda¯ s, dem Modell der Himmelsräder bei Anaximandros von Milet zugrunde liegen muß, ja die Himmelfahrt der Seele seit dem 5. Jh. überhaupt in die Jenseitsvorstellung der Griechen eingedrungen ist. Die lykischen Mischwesen am Pfeilergrab von Xanthos, geflügelte Frauen, die mit kleinen Kindern im Arm davonschweben (von Charles Fellows fälschlich als «Harpyien» bezeichnet), scheinen das ins Bild zu setzen. Walter Burkert hat des weiteren auf die bedeutende Rolle der magoi hingewiesen.43 Das iranische Wort maguš, das als Lehnwort in mehrere antike Sprachen aufgenommen wurde, bezeichnet wohl hochgestellte Priester-Theologen. In den griechischen Quellen kommt daneben eine andere Bedeutung auf, die auf wandernde Spezialisten, Zauberkünstler, Heiler und Magier deutet. Das von den Zoroastriern bekannte Bestattungs­ ritual der Aussetzung des Leichnams auf erhöhter Fläche läßt sich archäologisch nur an sehr wenigen Orten Kleinasiens nachweisen.44 In den Resten antiker Architektur und Kunst Kleinasiens der Perserzeit haben sich Spuren der persischen Dominanz mit einheimischer Tradition und griechischem Einfluß vermischt. Es entspricht der persischen Herrschaft, die Ähnlichkeiten mit feudalistischen Strukturen aufweist, daß wir Zeugnisse von Repräsentationskunst vornehmlich von den Sitzen der Satrapen und Dyna-

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Abb. 32:  Reliefplatte vom Harpyienmonument in Xanthos, Lykien, heute im Britischen

Museum

sten bis hinab zu den lokalen Adeligen, wenn auch nur trümmerhaft erhalten, kennen. Wo Abbildungen und Figuren persische Zeremonien, persische Kleidung, persische Gegenstände zeigen, schließt das nicht aus, daß sie von griechischen oder lydischen Handwerkern gefertigt wurden. Rein Persisches in Handwerk und Kunst Anatoliens festzumachen ist schwierig. Es geht uns also nicht um persische Kunst, sondern um einige Aspekte künstlerischer Werke im Kleinasien des 5. und 4. Jh.s v. Chr. Daneben sind auch die ganz wenigen Zeugnisse in den epichorischen kleinasiatischen Sprachen in ihrem regionalen, kulturellen Kontext zu verstehen. Blicken wir zunächst auf die nördlichen Regionen. Sogenannte gräkopersische Reliefstelen mit aramäischen Inschriften ragen unter den Funden von Daskyleion hervor.45 Sie wurden auch in Sinope und im Landesinnern Paphlagoniens gefunden.46 Die aus mehreren ‹Registern› aufgebauten Stockwerkstelen erzählen in einzelnen Szenen aus dem Leben der Verstorbenen. Kleidung und Gegenstände sind persisch bzw. orientalisch, doch fehlen Merkmale griechischen Stils nicht. Das trifft auch auf die im Kaystrostal (Küçük Menderes) gefundene Stele mit lydischer Inschrift zu, wo die Datierung nach einem Artaxerxes und die Erwähnung eines Satrapen Rasakas´ (Rhoisakes?) auf das Jahr 342/1 v. Chr. weisen; unterhalb der für lydische Grabdenkmäler auch sonst bezeugten Anthemion-Dekoration mit Voluten und Palmette sind in dem einzigen vertieften Bildfeld eine sitzende Frau und ein Knabe, der ihr ­einen Gegenstand reicht, in einheimischer Tracht dargestellt. Dringt man von den von Griechen besiedelten Plätzen an der Südküste des Schwarzen Meeres ins Landesinnere vor, so lassen sich Phänomene kulturellen Austauschs archäologisch nachweisen, und zwar bereits seit spätarchai-

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scher Zeit in den Keramikfunden und der Verwendung von Dachziegeln griechischen Typs durch die Einheimischen in der kappadokischen Küstenregion.47 Aufmerksamkeit verdienen die paphlagonischen Felsgräber in den schluchtenreichen Flußtälern des Halys, Amnias und Billaios.48 Der paphlagonische (auch außerhalb Paphlagoniens anzutreffende) Typus definiert sich durch die ganz aus dem Fels geschnittenen Anlagen mit einer oder mehreren Grabkammern hinter einer offenen, mit Säulen geschmückten Vorhalle. Charakteristisch sind die aus Steinwülsten (Tori) gebildeten Säulenbasen. Man findet sie nicht nur in Fels geschnitten, sondern auch separat als Relikte perserzeitlicher Großbauten. Würfel- oder quaderförmige Kapitelle krönen die massigen, unkannelierten – also ohne Schmuckrillen gearbeiteten – Säulen. Die rückwärtigen Grabkammern ­– bisweilen mit Laternen- oder Zeltdachimitationen in Stein ­– liegen parallel zueinander oder verteilen sich kleeblattförmig um die Vorhalle. Hausform mit Giebel, Balken an Decken und Gesimsen deuten auf eine Tradition einheimischer Holzkonstruktionen, die ähnlich wie in Lykien in der Felskunst nachgeahmt wird. Zugleich macht sich bei den mehr als zweisäuligen Grabfassaden der Einfluß der griechischen Tempelfront bemerkbar. Zweifellos die repräsentativsten Anlagen in ganz Paphlagonien sind die im Amniastal gelegenen Gräber bei Salar- und bei Donalarköy. Beide vereinen in ihrer Achitektur und ihrem Bildschmuck Elemente aus verschiedenen ­Traditionen – einheimischer, phrygischer, persischer und griechischer. Beim Felsgrab von Donalar, «Kalekapı», ist in den 17 m hohen und 15 m breiten, geAbb. 33:  Felsgrab bei Donalar-Suleymanköy

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glätteten Felsen der Umriß einer hausförmigen Fassade mit Giebeldach eingeschnitten. Zu beiden Seiten und oberhalb der Vorhallenöffnung befinden sich Flachreliefs von außergewöhnlicher Qualität, die wiederum auf Vorbilder der griechischen ebenso wie der persischen Kunst hinweisen. Zuunterst links und rechts der Öffnung sind drei gerahmte Reliefs deutlich von den übrigen frei aus der Fläche geschnittenen abgetrennt, links der angreifende Stier, rechts der geduckte Löwe, unter dem Löwen das merkwürdige ‹Einhorn›. Es handelt sich bei dieser in der antiken Kunst einzigartigen Tierdarstellung entweder um ein mythologisches Wesen (vgl. Ktesias, FGrHist 688 F 45 f.; Plinius d. Ä., nat. 8, 76) oder um den mißratenen Versuch, ein Nashorn abzubilden. Im Zwickel unter der Giebelspitze breitet ein Adler die Schwingen aus, darunter springen zwei Panther aufeinander zu. Unterhalb der beiden Tierkörper befindet sich ein weiteres, etwa ebenso großes Relief, dessen linke Hälfte bis zur Mitte stark zerstört ist, während rechts noch der hintere Teil eines Löwenkörpers klar auszumachen ist. Den Umrissen zufolge dürfte hier (wie bei Salarköy) der nackte Heros abgebildet gewesen sein, der einen Löwen niederringt. Zusammen mit den beiden riesigen gehörnten Löwengreifen zu beiden Seiten der Kampf­ szene ergibt sich für das obere Bildensemble eine dem potnia theron-Motiv – der Abbildung einer göttlichen Herrin der Tiere – eng verwandte Funktion: Die das Grab umringenden Tiere sind demnach als dessen Wächter aufzufassen. Ebenso bewachten die in Paphlagonien in großer Zahl gefundenen Löwenskulpturen die Tumulusgräber. Im westlichen Anatolien sind perserzeitliche Felsgräber rar. Rätselhaft ist der sogenannte «Steinturm» (Tas¸ Kule) bei Phokaia (Foca), den man, freilich nicht unumstritten, in das 6. Jh. v. Chr. datiert: Der obere Teil des massiven Felsmonuments mit dem würfelförmigen Block auf gestufter Plattform assoziiert entfernt die Gestalt des Kyrosgrabes in Pasargadai. Es finden sich sonst nur ­einige schlichte Exemplare am Paktolosfluß bei Sardeis, die keinerlei vergleichbare architektonische Gestaltungselemente aufweisen. Die Grablegen der Vornehmen und Dynastenfamilien bergen die schon von den altanatolischen ­Kulturen her vertrauten Kammern der Tumuli. Intakte Befunde von deren Innen­ausstattung sind kostbare Raritäten: Fürstliche Repräsentationskunst in der sonst weitgehend verlorenen Gattung der Malerei gibt es an ganz wenigen Orten: So hat man vorzüglich erhaltene Fresken des 5. Jh.s in dem Grab e­ ines Adeligen in Elmalı (Karaburun II, Nordlykien) gefunden; die Kammer aus großen, sorgfältig verklammerten Kalksteinblöcken, war an der Nordwand mit einer Schlachtszene zwischen Griechen (?) und (siegreichen) Persern bemalt. Ihr gegenüber an der Südwand befand sich die Darstellung einer Prozession mit dem Grabherrn auf einem Wagen, während das Gemälde über der steinernen Kline (d.i. eine Art Sofa) denselben Mann bei einem Bankett zeigt. Malerei auf Holz, naturgemäß etwas noch seltener Konserviertes, stammt aus einem

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Tumulusgrab in Tatarlı bei Kelainai (Dinar), dessen Kammer an Decke und Wänden mit geglättetem und bemaltem Zedernholz ganz verkleidet war.49 Dargestellt sind zum einen eine Begräbnisprozession, zum anderen Perser in der Schlacht mit spitzmützigen Skythen. Die Mitte nimmt eine Zweikampf­ szene ein: Der persische Anführer mit zylinderförmiger Krone (kidaris) in reich verzierter, perso-elamitischer Tracht packt den Skythen mit der Linken an seinem Kinnbart und rammt ihm mit der Rechten den Dolch in den Unterleib. Das Motiv der Skythenschlacht kommt auch in der Kleinkunst vor. Es ist deshalb historisch bemerkenswert in Kleinasien, weil sich in ihm der Vorläufer ­einer Barbarentopik darstellt, die in den Kampfbildern Griechen gegen Perser und später in denen der Griechen gegen Galater Entsprechungen findet. Ein nicht minder kostbarer Einzelfund bemalter Steinmetzkunst stammt aus der Raubgrabung eines Tumulus bei Çan in der Troas, nicht allzuweit westlich des Satrapensitzes Daskyleion: Auf zwei Seiten des dort zutage gekommenen Marmorsarkophags sind Reliefs teilweise erhalten, die ihre bunte Farbgebung fast vollständig bewahrt haben. Sie zeigen den Grabherrn zu Pferde reitend – auf der Längsseite bei der Jagd, wo er speerschwingend gegen einen von Hunden gefaßten Eber angaloppiert, auf der Schmalseite in einer Kampfszene, wo er einem schildbewehrten, schon einknickenden Fußsoldaten vom Pferde her­ab den Speer ins rechte Auge stößt. Kleidung und Rüstung weisen den Jäger und Krieger als einheimischen Dynasten aus, Stil und Ikonographie legen eine Datierung in das frühe 4. Jh. nahe, etwa die Zeit, in der in der Gegend der Satrap von Daskyleion, Pharnabazos, gegen die Spartaner des Agesilaos kämpfte. Eine spektakuläre Entdeckung wurde 2010 im Stadtzentrum von Milas (dem antiken Mylasa) gemacht: die prachtvoll ausgemalte Grabkammer mit dem an allen Seiten reliefgeschmückten Marmorsarkophag in ihrer Mitte. Das Grab war sicher für ein Mitglied der in Karien und Lykien unter persischer Hoheit im 4. Jh. v. Chr. regierenden Familie der Hekatomniden bestimmt. Über ihm wurde mit dem Bau eines riesigen Mausoleums begonnen, dessen erhaltene Reste große Ähnlichkeiten mit dem berühmten Bau in Halikarnassos aufweisen. Die Forschungen zu Architektur, Malerei und Kleinfunden, des weiteren zu einer in der Nähe des Grabes gefundenen metrischen Inschrift mit 123 Versen des Dichters Hyssaldomos sind noch im Gange. Das Gedicht enthält eine lange Erzählung über das Schicksal eines Mannes namens Pytheas, der mit göttlicher Hilfe den Verfolgungen von «Feinden» entkam. Erhebliche Konzentration dynastischer Denkmäler ist in Karien und noch mehr in Lykien zu konstatieren, wo den erhaltenen Befunden bereits eine lange und intensive Erforschung zuteil wurde. Macht und Glanz der vornehmen lykischen Clans entfalten sich auch hier vor allem in der Grabkunst, in Text, Bild und Form.50 In den Formen in Lykien ist einheimische Tradition unübersehbar: Bei den dort wieder zahlreichen Felsgräbern dominiert die Fas-

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sadengestaltung nach Art der Fachwerkbauweise, mit Rahmenwerk senkrechter und waagrechter Balken, Ausfachung mit glatten Wänden oder gestuften Kassetten und (meistens) einem Flachdach auf einer Lage von (in Stein nachgebildeten) Rundhölzern. Auch an den teils komplett aus dem Fels heraus­ gearbeiteten,teils zusammengesetzten,mehrgeschossigen Sarkophagmonumen­ ten und blockförmigen Grabhäusern ist Fachwerkbauweise nachgeahmt. Die charakteristischen Pfeiler, bereits im 6. Jh. v. Chr. vorhanden, kommen in der repräsentativen Architektur Lykiens und Ostkariens bis in die Kaiserzeit vor. Alle diese Steinmonumente waren ursprünglich bemalt. Andere Formen sind weniger landestypisch und lassen besonders starken griechischen Einfluß erkennen, ohne daß damit allein schon ein sicheres Kriterium für ihre zeitliche Einordnung vorläge. Über die griechischen Vorbilder ist viel geschrieben worden. Nicht nur an den Heroa, auch an Felsgräbergruppen wie in Telmessos und noch weiter westlich im benachbarten Kaunos finden sich Architekturen, die griechische Tempelfassaden nachbilden. Die griechische Klassik, Parthenon und Erechtheion Athens im besonderen, scheinen jene, die die Bilderfriese und Baudekoration entwarfen, inspiriert zu haben. Die Auftraggeber lassen an den Außenflächen erzählende Bilder in den Stein meißeln. Diese aus Lykien in großer Zahl bekannten Bilder, in einigen wenigen Fällen auch Inschriften, spiegeln eine einheimische Adelsperspek­ tive auf die eigene Lebenswelt, die in einem lykisch-griechischen Akkul­tu­ra­ tions­prozeß zu verstehen ist. Oft stellen sie den Dynasten selbst ideal­typisch in ‹königlichen› Kontexten dar: Krieg (Kampf-, Rüstungs- und Paradeszenen), Jagd, Bankett, Audienz, Familie und Dienerschaft, mythische Vergangenheit. Wir wollen nur wenige Aspekte vertiefen. Das nach London abtransportierte, größte lykische Grabmal, das ein unbekannter Dynast in Xanthos bauen ließ, ist ein Tempelgrab mit ionischer Säulenordnung, dessen Bilderschmuck – Jagdund Kampfszenen einschließlich einer Stadtbelagerung – sich auf zwei übereinanderliegende Frieszonen am Sockel, eine weitere auf den Architraven und eine vierte im dreieckigen Giebelfeld verteilen, während zwischen den Säulen rundplastische Marmorfiguren, tanzende Mädchen mit Fischen, Schildkröten und Vögeln, aufgestellt sind. Ihrem Vergleich mit den Nereustöchtern, den mythischen Meernymphen bei Homer, verdankt das Bauwerk seinen modernen Namen: «Nereidenmonument». In Limyra verewigte sich der Dynast ­Perikles mit einem Heroon in Tempelform, an dessen Zellawänden Relieffriese angebracht waren. Sie bilden eine Heeresprozession ab, zuvorderst das Viergespann mit dem Grabherren selbst und seinen Begleitern direkt dahinter, gefolgt von Reiterei und Phalanx. Ein weiteres großes Heroon des 4. Jh.s stand im zentrallykischen Trysa. Das reiche Bildprogramm befand sich an der Innenund Außenseite der Umfassungsmauer, die das Familiengrab, einen zweigeschossigen Sarkophag, umgab. Der in zwei Zonen geteilte Mauerfries ist voll

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Abb. 34:  Felsrelief der Nekropole von Myra

von kriegerischen Szenen, allesamt aus dem Themenkreis griechischer Mythen: Taten des Theseus, Kentauren gegen Lapithen, Griechen gegen Amazonen (Thema auch auf den Relieffriesen, die den Sockel des Maussolleion ringsum schmückten), Bellerophontes auf dem Flügelpferd Pegasos im Kampf mit der Chimaira. Kampf und Audienz thematisiert der aus Xanthos nach London verschleppte Payava-Sarkophag auf den Giebelwölbungen und am Sockel ([105] TAM I 40), und an den Außenseiten der Grabkammer des «Harpyienmonuments» von Xanthos sind zwischen den geflügelten Frauen thronende, Geschenke empfangende Männer und Frauen abgebildet (Abb. 32). In der Meernekropole von Myra vereinigt ein künstlerisch bedeutendes Relief verschiedene Szenen: Der Verstorbene ist in einer Mahlszene auf der Kline liegend abgebildet, umringt von Dienerinnen und Dienern, seine Frau am Kopfende auf einem Sessel sitzend. Links daneben stehen zwei nackte Kämpfer, der rechte auf eine Lanze gestützt, und ein Gepanzerter, dem der Knappe Schild und Helm reicht (Abb. 34). Einige Denkmäler sprechen zum Betrachter. So schmückte der Dynast Xeriga den Pfeiler auf der «Lykischen Akropolis» von Xanthos – Grabmal und Tropaion zugleich – mit einer Art Tatenbericht in seiner lykischen Muttersprache.51 Dazwischen jedoch ließ er auf dem Stein griechische Verse den unvergänglichen Ruhm seiner Kriegstaten und Wettkampfsiege verkünden. Er redet vom Aufstellungsort seiner stele als dem temenos (Heiligtumsbezirk) der Zwölfgötter, der zu einer agora (Hauptplatz) gehört, von seiner eigenen Herrschaft als basileia (Königsherrschaft). Auf Griechisch äußert sich auch Arbinas (Erbbina) ca. 400 v. Chr., der sich auf Weihungen an Artemis und Leto seiner

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Eroberungen in Westlykien rühmt. Und der Herr eines Felsgrabes bei Olympos, abgebildet auf der Kline liegend mit Trinkhorn neben der sitzenden Frau, fügt mit dem in den Stein geschnittenen griechischen Versepigramm der fürst­ lichen Selbstdarstellung ein bemerkenswertes Element der Rückbesinnung hinzu: «Hier liege ich, der Verstorbene, Apollonios, Sohn des Hella­philos. Ich habe gerecht gehandelt, im Leben jederzeit Genuß gehabt, beim Essen, Trinken und Scherzen. Aber geh jetzt, frohgemut!» Bereits der Name Apollonios, noch mehr der des Vaters Hellaphilos (bisher einmalig) evozieren eine ostentative Griechenbegeisterung dieses Lykiers. Ob in seiner Lebensbilanz die Auszeichnung jener Trias irdischer Genüsse von klassischer griechischer Dichtung inspiriert war, etwa der Heraklesrede in Euripides’ ­Alkestis (788–791), oder von orientalischer Tradition, läßt sich nicht entscheiden. Die Worte ­«Essen, Trinken, Scherzen» erinnern an die Figur des Assyrers Sardanapallos; sein Epigramm war von Begleitern Alexanders des Großen «in assyrischer Schrift» auf der steinernen Statue seines Grabmals in Kilikien gelesen, an die griechische Bildungselite vermittelt und seither wiederholt kommentiert worden. Man übersetzte gern dezent «Iss, trink, scherze (paize)», bemerkte aber hinsichtlich des dritten Gliedes der Trias die sexuelle Konnotation, interpretierte und tadelte den Spruch zusammen mit der Geste des Standbildes – Sardanapallos schnalzte mit den Fingern – als Zote eines orientalischen Weichlings und Wüstlings. Die Tradition solcher Sinnsprüche über das Leben an der Schwelle des Todes führt bis in die kaiserzeitlichen Grabepigramme auf Steinen verschiedener Regionen Kleinasiens hinab.52 Während keines dieser Monumente Lykiens von einem antiken Schriftsteller erwähnt wird, brachte es das Grabmal des karischen Dynasten Maussollos, von dem sich seit dem 4. Jh. v. Chr. der Grabbautyp unter seinem Namen Mausoleum ableitet, bereits in der Antike zu Weltruhm. Das Original entstand in der neuen Residenz Halikarnassos an der Ägäisküste. Von ihm begonnen, wurde es erst nach seinem Tod unter der Herrschaft seines Bruders Idrieus abgeschlossen. Das Maussolleion stand unversehrt bis ins Mittelalter, erst die Johanniter zerlegten es im 15. und 16. Jh., um Material für ihre Festungswerke zu gewinnen. Aus diesen wieder herausgelöst, gelangten im 19. Jh. Reliefplatten ins Britische Museum, und Charles Newton fand bei seinen Ausgrabungen Marmorstandbilder, möglicherweise Maussollos und Artemisia darstellend. Die Namen der griechischen Bildhauer und die Beschreibung des Bauwerks inklusive Maße gibt der Römer Plinius der Ältere (nat. 36, 30), doch können einige der überlieferten Zahlen nicht stimmen, und moderne Rekonstruktionen bleiben in den Details problematisch. Besondere Aufmerksamkeit gebührt antiken Bauten ähnlichen Typs in Kleinasien, die zwar viel später entstanden, aber noch besser erhalten sind, so das hellenistische Mausoleum von Belevi bei Selçuk und ein kleinerer Grabbau aus der r­ömischen Kaiserzeit namens

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«Gümüs¸kesen» (türkisch: Silberkästchen) östlich des Stadtzentrums von Milas in Karien. Die dynastische Repräsentationskunst ist nicht auf die Grabarchitektur und Dekoration beschränkt, sondern findet mit zahlreichen Gegenständen, Kleinfunden wie zum Beispiel Siegeln, vor allem aber in der Münzprägung vielfältigen Ausdruck. Wir können dem an dieser Stelle nicht nachgehen, sondern wollen über Aspekte des einzelnen Bau- und Bildwerkes hinausgehend noch einen Blick auf das relativ junge Forschungsfeld werfen, das den Siedlungsstrukturen jenseits der griechischen Polis in der Perserzeit gilt. Ausgrabungen an eigentlichen Satrapenresidenzen haben in Kleinasien außer in Sardeis und Halikarnassos nur in Daskyleion (Hisartepe/Ergili) stattgefunden, wo man auf Grund der Terrassenmauern und marmornen Architekturteile den klassischen Satrapensitz lokalisiert hat. Dort, am Ostufer des «Vogelsees» (Kus¸ Gölü), sind auch die bei Xenophon erwähnten paradeisoi zu suchen (HG 4, 1, 15 f.), wo noch heute über 250 Vogelarten vorkommen sollen.53 Der paradeisos ist ein von den Persern ins Land gebrachter Typ von Kulturlandschaft; er bestand sowohl aus umzäunten, aber sehr ausgedehnten Wildparks zu Jagdzwecken als auch aus großen, parkähnlichen Gärten. Über binnenländische Siedlungstypen im achaimenidischen Kleinasien weiß man noch sehr wenig. Es geht sicher in die Irre, sich etwa im 4. Jh. die Binnenlandschaften Nord-, Süd-, Mittel- und Ostanatoliens als ausschließlich mit dörflichen Siedlungen bedeckt bzw. von nomadischem Leben geprägt vorzustellen. Größere Siedlungen nicht nur bei den Heiligtümern, sondern auch an verkehrsgünstigen Knotenpunkten und ertragreichen Fruchtflächen müssen existiert haben, lange bevor die griechisch-römische Überlieferung deren alten oder neuen Namen in späteren Epochen erwähnt. Orte wie Mylasa in Karien, Etenna, Laranda und Isaura im Tauros, Gaziura, Mazaka, Tyana, ­Ankyra, Gangra auf dem Plateau und viele andere sind unter siedlungstypo­ logischem Aspekt zweifellos bereits Keimzellen von Städten.54 Am besten untersucht sind Strukturen wiederum an den Dynastensitzen in West- und Zentrallykien – auch diese verhältnismäßig nahe an der Küste gelegen und daher für Anatolien insgesamt nur bedingt repräsentativ.55 Auf die kürzeste Formel gebracht, zeichnet sich im lykischen Binnenland bereits in der späten klassischen Epoche der Übergang von der Burgsiedlung zur Polis ab. Dabei ist charakteristisch für die frühe Dynastenzeit ein geringes Interesse an Hafenlagen. Die Zentralsitze der Dynasten im Hochland suchen steile Hanglagen mit Felsterrassen und Gipfelplateaus und umgeben sich mit starken Befestigungen. Monumentale Paläste finden darin keinen Platz. Der fürstliche Wohnbezirk, meist auf einem erhöhten, in sich geschlossenen und von der übrigen Siedlung durch eine Mauer getrennten Areal am Rand oder am höchsten Punkt einer Burganlage, besaß in der Regel eine eng begrenzte

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Fläche. Auf einigen Reliefs sind, sicher idealtypisch, Stadtanlagen dargestellt mit Mauerpartien, Flachdachhäusern und hoch aufragenden Türmen.56 Kultbauten und Heroa wie in Trysa, Phellos, Limyra und anderswo standen in der unmittelbaren oder weiteren Nachbarschaft der Residenz, jedenfalls im Siedlungszentrum: Wie Maussollos in der Polis Halikarnassos, so hat schon im 5. Jh. Xeriga auf der «Lykischen Akropolis» von Xanthos sein Denkmal auf die agora gesetzt. Überhaupt ist schon die Konzentration aufwendiger Grabarchitektur und die Häufung von Inschriften ein Hinweis auf Dynastensitze. An diese angelehnt, finden sich mehr oder weniger ausgedehnte Wohn- und Wirtschaftskomplexe. Und auch deren Umland war erstaunlich dicht bebaut. Dörfliche Siedlungen, kleinere Burganlagen, Gehöfte und einzelne Wohntürme, freistehend und befestigt, verteilen sich über die ganze Hochfläche Zentrallykiens. Auf der «Lykischen Akropolis» mit ihrer Bebauung vom 7. Jh. v. Chr. bis in byzantinische Zeit ist keine Residenz nachgewiesen; innerhalb der klassischen Befestigungsanlage hat sich aus dieser frühen Zeit nur kultische und sepul­krale Architektur erhalten. Die Enceinte (Umwallung) umschließt etwa ein Gebiet von 25 ha, ebensoviel die ummauerte Siedlung von Zemuri ­(Limyra) im 4. Jh. mit ihren agglutinierenden Terrassenanlagen. Etwa 15 bis 20 ha bebaute Fläche besitzt Hisarlık (ummauert), etwa 16 ha die Anlage des Avs¸ar-Tepesi im zentrallykischen Yavu-Bergland ungefähr 8 km nördlich der Küste bei Aperlai. Hier hat man einen von späterer Überbauung ungestörten Befund aufnehmen können, da die Siedlung bereits im 4. Jh. verlassen worden ist: Mehr als die Hälfte der bebauten Fläche lag innerhalb der Ringmauer. Die ihrerseits ummauerte und durch aufwendige Terrassierungsarbeiten gegliederte Akropolis auf dem Berggipfel diente nicht als Wohnsitz, sondern besaß religiöse und herrschaftlich repräsentative Funktionen, diente mit Wasserspeichern und mehreren als Arsenale und Magazine gedeuteten Räumen entlang den Kurtinen (Hauptwällen) auch der Vorratshaltung. Unter der Burganlage dehnen sich aneinandergereihte Raumkomplexe aus, die im südwestlichen Teil einen öffentlichen Bereich mit großer Freifläche (agora) umsäumen. Den etwa 2000 m2 einnehmenden Platz besetzen das langrechteckige Podium e­ ines Kultbaus (?), Fundamente weiterer, als Kultbauten interpretierter Gebäude und zwei Pfeilergräber. Außer der am Hang gelegenen Wohnarchitektur sind an der Peripherie gewerblich genutzte Raumeinheiten und ein Viehgehege (?) identifiziert worden. Insgesamt zeichnet sich eine großflächige Bebauung von beachtlicher Dichte ab, auf deren Grundlage die Schätzung der Einwohnerschaft mit 800 bis 1000 Menschen beruht.57 Im Hochland des mittleren Lykien übernahm später, noch vor dem Übergang zum Hellenismus, das wenige Kilometer nordöstlich des Avs¸ar ­Tepesi gelegene Kyaneai die Funktion eines Polis-Zentralortes, während die umliegenden Burgen und Siedlungen, soweit sie nicht, wie Avs¸ar Tepesi, auf-

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 229

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230 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

gegeben waren, zu Kyaneai politisch untergeordneten Gemeinden gehörten. Signifi­kante Verlagerungen fanden schon in der Dynastenzeit statt: Hisarlık im Binnenland wird zu Gunsten von Telmessos an der Küste verlassen. Phellos erhält einen Hafenort Antiphellos, auf dem Gebiet von Tyberissos entsteht die Hafenanlage von Teimiusa, auf dem von Apollonia der Hafen Aperlai. In Xanthos läßt das Formular der dreisprachigen Staatsurkunde aus der Hekatomnidenzeit auf die Existenz einer beschlußfähigen Gemeinde nach Art der griechischen Polis schließen, wobei «Xanthier» und «Umwohner» anscheinend zwei gleichgestellte Gruppen sind. [ [ [

Überblickt man die persische Epoche in Kleinasien vom 6. bis zum 4. Jh. v. Chr., so kann man nur sehr eingeschränkt von einer persischen Kultur in diesem Land sprechen. Die Zahl der in Anatolien siedelnden Soldaten und Grundherren iranischer Abstammung war sicher nicht klein, doch die Religion, Architektur, Kunst und Lebensweise der alteingesessenen Bevölkerung haben diese Einwanderer nur wenig beeinflußt. Gewiß, Hofhaltung und Prachtentfaltung persischer Art, die in das Land einzog, faszinierte die einheimischen Potentaten. Und doch geraten besonders mit den Siegen der Athener zumindest der Westen, Ionien und Lydien, und der Süden, insbesondere Lykien, immer stärker in den Sog der Polis-Kultur an den Küsten, in deren Gefolge griechische Mythologie, Literatur, Handwerkskunst und Wissenschaften nach Anatolien eingeschleust werden – soweit sie nicht dort selbst ihre Wurzeln und Traditionen haben. Es lag den Persern und ihren Vasallen ganz fern, sich dem zu verschließen, profitierten sie doch in vielfältiger Weise davon und holten sich manches Wissen und Können in ihre weit entfernten Zentren nach Babylon, Susa und Persepolis. Umgekehrt sind, wie wir gesehen haben, einzelne religiöse Vorstellungen von den Persern verbreitet worden. Was vor allem noch nach der Zeit ihres Weltreiches in Kleinasien lange fortlebte ist die pyramidal strukturierte Landesherrschaft und daraus resultierende Wirtschaftsformen, das System von Tribut und Geschenken, Lehen und Heeresfolge. Über die Diadochen und Epigonen hinaus ist es bis hin zu dem Triumvirn Marcus Antonius in großem Stil praktiziert worden.

2.6.  Das Ende der persischen Herrschaft Während Artaxerxes III. auf dem Thron des Großkönigs gut 20 Jahre lang regierte (359–338 v. Chr.), vollzogen sich in Europa folgenschwere Umwälzun-

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Das Zeitalter der Perser in Kleinasien 231

gen. Eine neue Großmacht richtete ihre Suprematie über Griechenland auf. Es ist der energische König der Makedonen, Philipp II., dem nach der siegreichen Schlacht von Chaironeia (338), gleichbedeutend mit der Überwindung seines stärksten Gegners, Athen – das in der Frage, wie es sich zu ihm stellen sollte, gespalten war –, der Zusammenschluß eines Hellenenbundes unter seiner Führung gelang. Als raison d’être dieser Symmachie wurde der Krieg gegen die Perser proklamiert, um den Frevel an den griechischen Heiligtümern zu vergelten (Diodor 16, 89, 1). Alles deutet darauf hin, daß der König der Makedonen und Hegemon des sogenannten Korinthischen Bundes nicht mehr erreichen wollte, als die Schaffung eines Staatensystems zu beiden Seiten der Ägäis. Doch es kam anders. Nach seiner Ermordung (336) setzte der Sohn, Alexandros III., den Krieg ins Werk – anfangs in Konsequenz der Pläne des Vaters. In den folgenden nur zehn Jahren indessen entfesselte er eine jedes Maß sprengende, von Ziel zu Ziel sich steigernde Eroberungsdynamik, die über Kleinasien hinwegrollte und zu den Rändern der bekannten Welt strebte, bis sie im Punjab zum Stehen kam. Das seit 338 von Dareios III. regierte Achaimenidenreich brach unter den Schlägen der verwegenen Makedonen zusammen. Alexanders früher Tod in Babylon 323 v. Chr. mitten in andauernden Feldzugsvorbereitungen läßt den Historiker weitgehend im Ungewissen darüber, wie der König ein Reich vom Indus bis an die Adria organisiert hätte. Während er in Asien unterwegs war, ließ er von den Strukturen des Achaimenidenreiches das meiste intakt.58 Daß er sich auch in der Auswahl seiner Personalressourcen sowie im Hofzeremoniell um seine Person orientalisierte, hat Pierre Briant veranlaßt, von Alexander als dem letzten Achaimeniden zu sprechen.59 Was damals in Kleinasien geschah, wollen wir etwas genauer betrachten.

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3.  ALEXANDER IN KLEINASIEN

Aus der Zeit der Offensive Philipps hielten die Makedonen am Hellespont ­einen Brückenkopf auf asiatischem Boden: Abydos, gegenüber von Sestos. Hier ging im Frühjahr 334 v. Chr. die Streitmacht an Land, über 30 000 Fußsoldaten und über 5000 Reiter. Alexander selber setzte an der Südspitze der Halbinsel über, zwischen Elaius und dem Achaierhafen. Er weihte seine Rüstung an die Athena von Ilion, besuchte das ‹Achillesgrab› und schenkte der Stadt Ilion, die sich ihm als die Nachfolgerin des homerischen Troia präsentierte, demonstrativ die Freiheit. Auf persischer Seite machten die Satrapen mobil, in deren Aufgebot griechische Söldner unter dem Rhodier Memnon das stärkste Element waren. Der Ankunft des Heeres auf asiatischem Boden am nächsten von den Satrapensitzen lag Daskyleion. In der Nähe Zeleias, östlich des Flüßchens Granikos, zogen Arsites, Satrap des hellespontischen Phrygien, und Spithridates, Satrap von Lydien und Ionien, ihre Verbände zusammen. Den Rat Memnons, keine Schlacht anzunehmen, haben die Perser aus dem Gefühl der Überlegenheit heraus nicht akzeptiert. Am Granikos schlug Alexander die erste Perserschlacht siegreich auf kleinasiatischem Boden. Damit stand den Invasoren Westkleinasien zunächst einmal offen. Nach Osten, auf den Satrapensitz Daskyleion, rückte Parmenion, einer der alten makedonischen Generäle, vor. Hier wurde der Makedone Kalas als Satrap eingesetzt, der denselben Tribut wie sein Vorgänger erheben und abführen sollte. Alexander selber marschierte nach Sardeis, wo ihm Burg und Schatz kampflos übergeben wurden. Den Lydern ­sicherte er Autonomie und Freiheit zu, legte aber eine Besatzung in die Burg, ernannte einen Steuereintreiber und setzte auch als Regenten der Satrapie des Spithridates wieder einen Makedonen, Asandros, Sohn des Philotas, ein. Über die Königsstraße nach Westen erreichte der Makedone Ephesos, nach Ilion die erste größere Polis der kleinasiatischen Griechen, deren ‹Befreiung› das propagandistisch geschickt gewählte Ziel des Feldzugs war. Die Garnison in persischen Diensten war zu schwach und ergriff die Flucht. Die von Memnon frisch installierte Oligarchie ging in einem Volksaufstand unter. Die

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Alexander in Kleinasien 233

Abb. 35:  Alexander der

Große. Ausschnitt aus dem Mosaik von Pompeji, heute im Museum Neapel

wirklichen und vermeintlichen Perserfreunde wurden gesteinigt, bis Alexander dem Morden ein Ende machte. Er befahl die Rückführung der Verbannten und proklamierte eine Maßgabe, die kurz darauf gegenüber Gesandtschaften aus anderen Städten geäußert und allgemein in der Aiolis und Ionien verbreitet wurde: «daß die Oligarchien überall aufzulösen und Demokratien einzurichten seien, und daß allen ihre eigenen Gesetze zurückzugeben und die Tribute aufzuheben seien, die sie an die Barbaren abführten» (Arrian, An. 1, 18, 2; Übers. Wirth und von Hinüber). ‹Demokratie› einzurichten scheint auf den ersten Blick ein Paradoxon, wenn man an die Erfahrungen seiner selbst und seines Vaters mit Athen denkt. Doch war das wohlüberlegt mit Blick auf die Verhältnisse in den Poleis, denn von einem von Stadt zu Stadt ­eilenden, allgemeinen Jubel über die Ankunft der Invasoren konnte keine Rede sein. Die Proklamation mobilisierte in den notorisch gärenden Bürgerschaften die zurzeit Unterlegenen, Zukurzgekommenen, Verbannten. Hier in Asien lagen rund vierzig Griechenstädte, die ja seit 387/6 v. Chr. vertraglich zugesicherte Untertanen des persischen Großkönigs waren (S. 205). Wie sich Alexander ihre politische Existenz für die Zukunft dachte, ist unklar. Ein Text nimmt in der Forschungsdiskussion um Kontinuität oder Diskontinuität von der Achaimeniden- zur Diadochenherrschaft eine Schlüsselstellung ein: die Verfügungen Alexanders in der Steininschrift auf einer vorspringenden Mauer (Ante) des Athenatempels von Priene, die von Landeigentum bei Priene sprechen. Sie sind Teil eines Dossiers, das erst nach Alexanders Tod, als

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234 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

der Diadoche Lysimachos herrschte, in den Stein gemeißelt wurde.60 Die Frage, ob sie bereits 334 oder mehr als ein Jahr später getroffen wurden,61 soll uns hier nicht beschäftigen – wie übrigens auch nicht das Problem der Bau­ inschrift: «König Alexandros hat den Naos der Athena Polias errichtet» (I. Priene 156) an dem erst sehr viel später vollendeten Tempel. Alexander gewährte den Bürgern von Priene, die in der Stadt selbst oder dem Hafenort Naulochos wohnten, außer Freiheit, Autonomie und Landbesitz die Befreiung von syntaxis. Die in Ionien allgemein verkündete Tributaufhebung, die ja auch für Priene gelten mußte, spricht dafür, daß damit eine Sondersteuer gemeint war. Von großer Bedeutung ist Alexanders Satz: «das Land der Myrseloi und Pedieis --- soll, so entscheide ich, mir gehören, und die Bewohner in diesen Dörfern sollen die Tribute (phoroi) zahlen» (I. Priene 1). Es ist dieselbe Bestimmung «mein Land», die Dareios in der Gadatas-Inschrift zum Ausdruck brachte, und die in diesem Kontext, bezogen auf die offensichtlich von einheimischen Karern bewohnten Dörfer in der Umgebung von Priene, nur bedeuten kann, daß Alexander den Anspruch der Achaimeniden auf Land und Tribut für sich übernimmt. Im Gegensatz zur Perserzeit wird aber auch schon in diesem Text, am Vorabend des Hellenismus, die Trennung zwischen städtischer chora (Stadtterritorium) und tributpflichtigem Land deutlich, die ja die Freiheits­erklärung impliziert. Die Schlagwörter Freiheit, Abgabenbefreiung, Autono­mie und Demokratie haben, wiederaufgenommen und erneuert, künftighin ihren Appeal behalten, solange Städte und Könige miteinander in Beziehung standen.62 Alexander marschierte von Ephesos aus vermutlich direkt nach Milet, während nach Priene sein General Antigonos Monophthalmos beordert wurde. Um die alte ionische Metropole Milet entbrannte ein erbittertes Ringen. Sie wurde von griechischen Söldnern gehalten, die die Ankunft des persischen Geschwaders von ca. 400 mit Phoinikiern und Kyprern bemannten Schiffen erwarteten. Drei Tage bevor dieses an der Mykale aufkreuzte, waren bereits 160 griechische Trieren unter Nikanor von Lesbos und Chios aus eingelaufen und hatten die Hafeneinfahrt abgeriegelt, die Insel Lade wurde besetzt. Im Gegensatz zu Parmenions Ansicht wollte Alexander indessen gegen die überlegene persische Flotte keine Niederlage riskieren, die den Siegernimbus seit der Schlacht am Granikos hätte zunichte machen können. Der Belagerung mit schwerem Gerät von der Landseite hielt die Stadt nicht lange stand. Den Milesiern gegenüber ließ der Sieger Milde walten, schenkte auch ihnen die Freiheit und nahm die geschlagenen Söldner in sein Heer auf. Auf dem Landweg weiter nach Süden vor der Hekatomnidenresidenz Halikarnassos angekommen, traf man auf harten Widerstand; Memnon von Rhodos, der inzwischen offiziell den Oberbefehl auf persischer Seite in Westkleinasien führte, war persönlich zugegen, bei ihm der Satrap von Karien Orontobates. Dieser Iraner war mit der Tochter des Hekatomniden Pixodaros,

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Alexander in Kleinasien 235

der jüngeren Ada, verheiratet und regierte Karien seit 336/5 v. Chr., während die ältere Ada, die Schwester des Pixodaros, Idrieus, Maussollos und der Artemisia, von der Herrschaft verdrängt worden war. Nach schwerer Belagerung fielen den Makedonen zwar Stadt und Hafen in die Hand, der Satrap Orontobates indessen hielt sich in der Hafenburg Salmakis noch ein ganzes Jahr, und Memnon entkam mit der Flotte nach Kos. Der junge Makedonenkönig hatte einen besonderen Einfall, sich dem Volk der Karer mindestens so freundlich zu erweisen wie den Lydern: Er ließ sich von der älteren Ada symbolisch adoptieren und setzte die verdrängte Landesfürstin über die Satrapie Karien wieder ein, allerdings nicht in Halikarnassos, sondern in Alinda im Innern des Landes. Parmenion machte sich mit dem Wagenpark und dem Bundesgenossenheer auf nach Sardeis und traf dort Vorbereitungen für den Marsch auf der Königsstraße nach Inneranatolien. Das Hauptheer suchte auf dem Winterfeldzug in Südwestkleinasien, der Flottenüberlegenheit des Gegners Zug um Zug mit der Besetzung der Küstenplätze zu begegnen. Das war eine bereits in Milet wohlüberlegt getroffene Entscheidung, wo Alexander sogar die gänzliche Auflösung seiner Flotte verfügt hatte, um jegliche Verluste im Seekrieg zu vermeiden. Diesen Fehler korrigierte er wenige Monate später, doch auch bis dahin konnten die persischen Seestreitkräfte kaum Nutzen daraus ziehen. Auf den Ägäisinseln mußten sich zwar Mytilene auf Lesbos und Tenedos von Memnon in das Bündnis mit den Persern zwingen lassen und die Stelen umstürzen, auf denen ihre Verträge mit Alexander eingraviert waren. Als das Alexanderheer jedoch statt den Winter untätig verstreichen zu lassen, über Xanthos und Patara durch die binnenländische Milyas hinab zur ostlykischen Küste bei Phaselis und von hier in die pamphylische Ebene nach Perge, Aspendos und Side vorgerückt war, hatte man mit der Strategie einen bedeutenden Teilerfolg erzielt. Die restlichen, in Myndos, Halikarnassos und Kaunos noch eingeigelten persischen Besatzungen kontrollierten nicht die Häfen. Von Küsten, die Anschluß an gute Verbindungswege nach Anatolien besaßen, blieb den Persern jetzt nur noch Kilikien ohne weiteres zugänglich. Nachdem er die renitenten Aspendier gefügig gemacht hatte, vereinigte Alexander Lykien und Pamphylien zu einer Satrapie, die er seinem Jugendfreund und späteren Flottenkommandeur Nearchos unterstellte, und marschierte selbst von der pamphylischen Küste auf schwierigem und von Widerstand behindertem Weg durch das Hochland Pisidiens nach Norden. Die Belagerung der Bergfestung von Termessos mußte er aufgeben, die Riegelstellung der pisidischen Barbaren bei Sagalassos nahm er im Sturm. Bei den Ausgrabungen ist dort in einem augusteischen Heroon ein marmorner Alexanderkopf ans Licht gekommen, vielleicht die frühkaiserzeitliche Kopie von einer zum Siegesdenkmal gehörenden Bronzeplastik.

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236 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

Als das Heer am Askaniossee vorüber vor die phrygische Satrapenresidenz Kelainai gelangte, hoffte der die Burg mit 1000 Karern und 100 griechischen Söldnern verteidigende Satrap Atizyes noch auf Entsatz. Man vereinbarte eine Frist (nach Curtius 3, 1, 8 sechzig Tage). Alexander wartete sie nicht ab, sondern überließ die Belagerung dem über Phrygien eingesetzten Antigonos dem «Einäugigen» (Monophthalmos) – einem Mann, von dem später noch viel die Rede sein wird – und zog weiter nach Gordion. Dort, ca. 80 km westlich von Ankara, vereinigten sich im Frühjahr 333 v. Chr. die Heeresgruppen Alexanders, Parmenions und beträchtliche Verstärkungen aus Makedonien. Vor dem Aufbruch aus Gordion wird uns besonders ausführlich bei Arrian (An. 2, 3) die Geschichte vom Gordischen Knoten erzählt (S. 153). Um den im Hauptheiligtum der Stadt ausgestellten, schlichten Bauernwagen rankte sich die Legende von den Anfängen des phrygischen Königsgeschlechts, die auf Gordios und seinen Sohn Midas zurückgingen. Auch war jenem, der den aus dem Bast des Kornelkirschbaums kunstvoll geflochtenen Knoten zu lösen vermochte, welcher das Joch des Wagens mit der Deichsel verband, die Herrschaft über Asien verheißen. Den Historikern der Kaiserzeit lagen verschiedene Berichte darüber vor, wie Alexander den Wagen löste: auf die eher pfiffige Art, indem er einfach den Holzpflock herauszog, der durch die Deichsel ging, oder eher rustikal mit einem Schwerthieb. Wieder verrät sich sein Gespür für die Öffentlichkeitswirksamkeit, die ihn ein Scheitern seines Versuchs jedenfalls unter allen Umständen ausschließen ließ. Über Ankyra rückte Alexander ins südliche Kappadokien vor, wo er den Einheimischen Sabiktas einsetzte.63 Nach Memnons plötzlichem Tod im Früh­ sommer 333 v. Chr. erlosch die Bedrohung der kleinasiatischen Stützpunkte der Makedonen von der Seeseite ganz. Der Großkönig Dareios hielt sich noch immer in Susa auf (Plutarch, Alex. 18, 6) und ergriff die Initiative, ein Heer bei Babylon zusammenzustellen, um den Makedonen entgegenzuziehen und die Entscheidung zu Lande zu suchen. Griechen oder Persern, die die Geschichte kannten, muß die damalige militärische Gesamtlage grotesk vorgekommen sein. Die Athener hatten einst mit ihrer Bundesflotte den ganzen Ring der kleinasiatischen Küstenstädte beherrscht und diese jahrzehntelang gegen die Satrapen im Landesinnern gehalten; jetzt saßen Makedonen und Griechen in den Satrapenburgen Daskyleion und Sardeis sowie vor der Burg von Kelainai und kontrollierten die Straßen durch Anatolien, während die Schiffe der Perser in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer kreuzten, ohne etwas Nachhaltiges ausrichten zu können. Gewiß, Anatolien war noch nicht fest im Griff der Invasoren. Paphlagonier und Kappadokier, die bei Issos (333) im Heer des Großkönigs kämpften, versuchten noch nach der Schlacht, in Anatolien Terrain mit Waffengewalt zurückzuer-

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Alexander in Kleinasien 237

obern (Curtius 4, 1, 34; 5, 13). Nach Paphlagonien, dem Alexander Steuerfreiheit gewährt (Curtius 3, 1, 23), aber Gehorsam gegenüber Kalas abverlangt hatte, reichte der Arm des neuen makedonischen Satrapen vorerst nicht – Sinope emittierte weiter Münzen mit aramäischer Legende.64 Das südliche Kappadokien blieb unruhig, und der Fürst Ariarathes im nördlichen Teil verharrte unbedrängt in seiner Stellung bis über Alexanders Tod hinaus,65 desgleichen noch weiter östlich der Fürst Orontes in Armenien. Aber die Makedonen Kalas und vor allem der spätere Diadoche Antigonos in Mittelanatolien hielten nicht nur die Stellung, sondern unterwarfen Landschaft um Landschaft. Der «Einäugige», dem sich die Burg von Kelainai dann doch ergeben mußte, eroberte bald darauf Lykaonien, konnte nach des Nearchos Abberufung seine Satrapie um Lykien, Pamphylien und Pisidien erweitern (331 v.  Chr.?) und sich den Grundstein seiner späteren Machtstellung in den Diadochenkämpfen schaffen. Als Alexander schon ins Ebene Kilikien hinabgestiegen war, wurde gemeldet, daß die Festungen Myndos, Halikarnassos und Kaunos endlich erobert seien. Von den Hethitern bis zu den Kreuzfahrern besaß die kilikische Ebene die Schlüsselposition für einen Vormarsch von Landstreitkräften nach Syrien, Ägypten und ins Zweistromland. Das Alexanderheer bewegte sich auf den Taurospaß, die «Kilikische Pforte» zu (Abb. 67). Die Engstelle war nur bewacht, nicht besetzt, und der Vormarsch hinab nach Tarsos rasch erzwungen. Der Perser Arsames räumte die Stadt in großer Hast und flüchtete zu Dareios. Als Alexander kurz darauf erkrankte, trat eine Zwangspause ein. Nach seiner Genesung unternahm er eine Expedition gegen aufsässige Bewohner des kilikischen Tauros. Die kilikischen Poleis waren in ihrem Kern griechischer Abstammung, und es bedurfte nur weniger Anstrengungen, sie auf die makedonische Seite zu bringen. In Soloi feierte das Heer ein großes Fest. Als Satrap Kilikiens hat Alexander erst Ende 333, nach der Schlacht bei Issos, den Makedonen Balakros eingesetzt. Von diesen sich hinziehenden Verzögerungen muß Dareios, der inzwischen Troß, Harem und Schätze in Damaskos einquartiert hatte und mit dem Heer nach Nordsyrien eingerückt war, Kunde erhalten haben. Gegen den Rat eines Überläufers entschloß er sich, das für die Verteidigungsschlacht vorgesehene Gebiet zu verlassen und nach Kilikien aufzubrechen. Die Küstenebene auf der Ostseite der Iskenderun-Bucht riegelt landeinwärts der in Nord-Süd-Richtung streichende Höhenzug des Amanos ab. Hier war das makedonische Heer nach Süden unterwegs in Richtung auf den Belenpaß, den Parmenion schon besetzt hielt, als man erfuhr, daß die Perser den Amanos weiter nördlich in der Gegenrichtung überquert hatten und in die Ebene hinabgestiegen waren. So kam es mit verkehrten Fronten, Alexander im Süden, Dareios im Norden, auf dem schmalen Landstreifen zwischen

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238 V.  Westen des Perserreiches und kleinasiatische Griechen (547/6 bis 333 v. Chr.)

Küste und Amanos zu der jedem Schüler aus dem Geschichtsunterricht bekannten Schlacht bei Issos, die über das künftige Schicksal Kleinasiens entschied. Der makedonischen Phalanx gegenüber im Zentrum der Schlachtordnung standen auf persischer Seite 30 000 griechische Söldner, «das größte Aufgebot an griechischer Infanterie, das jemals in einer Schlacht gekämpft hatte».66 Moderne Schätzungen gehen von einer Gesamtstärke des Perserheeres von ca. 100 000, des Makedonenheeres von ca. 30 000 aus. Dareios wurde vernichtend geschlagen, entkam jedoch über den Euphrat. Zwei Jahrhunderte nachdem der Iraner Kyros die kleinasiatische Landmasse von Osten nach Westen erobert hatte, vollendete dasselbe in umgekehrter Richtung ein ungezügelter warrior king vom Balkan an der Spitze seiner makedonischen Bauernsoldaten und verbündeter Griechen. Welche langfristigen Folgen dieser Siegeszug haben sollte, konnte damals niemand ahnen. In den staseis – den bürgerkriegsähnlichen Unruhen – der ‹befreiten› Poleis der Griechen hatte ja nur wieder einmal die eine Seite Oberwasser, die von den persischen Landesherren zuvor nicht eben begünstigte. Und im Landesinnern? Mit dem Absetzen und Wiedereinsetzen der Regenten durch den persischen Großkönig war es vorbei, die Fäden liefen nicht mehr in Susa zusammen, aber Satrapien existierten weiter und mit ihnen das pyramidale Herrschaftssystem der Satrapen und Vasallen, der landfremden Lords und Vertreter des einheimischen Adels, sowie mit persischen und einheimischen Institutionen. Und doch war ein Tor aufgestoßen für eine sich in das Binnenland Kleinasiens hinein fortsetzende Entwicklung, die mit den griechischen Niederlassungen an den Küsten mehr als sieben Jahrhunderte zuvor begonnen hatte. Es kamen immer mehr griechischsprachige Siedler, Soldaten zunächst. Neue Ortsgemeinden bildeten sich, die bald nach Autonomie strebten und Gravitationszentren der Hellenisierung wurden. Es trifft sicher nicht zu, daß Alexanders Eroberung Kleinasiens die achaimenidischen Traditionen gebrochen und genuin makedonische an ihrer Stelle eingepflanzt hat.67 Aber unter den Makedonen verstärkte sich das städtische Element nach und nach in einem Umfang, den das persische Kleinasien nicht kannte.

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VI. MONARCHIEN, VASALLEN UND STÄDTE ZWISCHEN ALEXANDERREICH UND PAX ROMANA (333 BIS 31 V. CHR.)

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Einleitung An dieser Stelle scheint eine kurze Darlegung der Quellenlage angebracht: Für die Zusammenhänge hellenistischer Geschichte im allgemeinen und der Geschichte Kleinasiens im besonderen fehlen uns ein Herodot, ein Thukydides, ein Xenophon. Dabei hat es Darstellungen großen Umfangs durchaus gegeben. Davon sind jedoch nur Fragmente erhalten. Mit dem Werk des Hieronymos von Kardia ist uns die Diadochengeschichte eines Zeitgenossen weitgehend verloren. Der Bithynier Arrian aus Nikomedeia, Senator und Provinzgouverneur in Cappadocia von 132 bis 137 n. Chr., hat zehn Bücher über die Ereignisse nach Alexander verfaßt.1 Unter den Biographien des kaiserzeitlichen Autors Plutarch sind für Kleinasien besonders zwei Diadochenviten hervorzuheben, jene des Eumenes und die des Demetrios, des Sohnes des schon erwähnten «Einäugigen» Antigonos. Und da es bei den Diadochen sehr kriegerisch zuging, findet sich manches Ergänzende in den Kriegshand­ büchern eines Frontin (1. Jh. n. Chr.) und Polyainos (2. Jh. n. Chr.). Pompeius Trogus, Zeitgenosse des augusteischen Historikers Livius, schrieb Historiae Philippicae in 44 Büchern, von denen – außer den prologi (Inhaltsangaben der Bücher) – nur eine kaiserzeitliche Epitome (Kurzfassung) des Justinus erhalten ist. Für die Geschichte der Epigonen – der auf die Generation der Diadochen folgenden späteren Machthaber im einstigen Alexanderreich – ist der Verlust der Historiai des Phylarchos von Athen zu beklagen, aus denen Polybios und Plutarch schöpften. Das zu etwa einem Drittel erhaltene Geschichtswerk des Achaiers Polybios behandelt kleinasiatische Schauplätze abwechselnd mit anderen für das 2. Jh. v. Chr. In den Büchern 2 bis 4 der ­Historien Sallusts sowie in vielen Briefen und einigen Reden Ciceros (bes. für Murena und für Flaccus), der selbst die Provinz Cilicia regiert hat, finden sich wichtige Zeugnisse zu den Mithradatischen Kriegen und der auf sie unmittelbar folgenden Epoche. Eine Quelle ersten Ranges sind Strabons Geographika für unser Wissen über die antike Landeskunde Kleinasiens, durchsetzt mit historischen Exkursen zu Ereignissen bis hinab in das frühe 1. Jh. n. Chr. Plutarch lenkt den Blick auf das späthellenistische Kleinasien in seinen Biographien von Sulla, Lucullus, Pompeius, Antonius. Zahlreiche weitere Schriftsteller der römischen Kaiserzeit sind heranzuziehen, unter ihnen der Alexandriner Appian (besonders Mithradateios) und der Nikaier Cassius Dio. Eine Ausnahmestellung nimmt das größere Textfragment eines weiteren Kleinasiaten namens Memnon ein. Über seine Person wissen wir fast nichts,

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242 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

außer daß er Bürger von Herakleia Pontike war und dort lange Zeit gelebt hat. Seine Chronik, die er auf (verlorene) Schriften von Chronisten seiner Heimatstadt namens Nymphis, Promathidas und Domitius Kallistratos stützt, führte von der Frühgeschichte Herakleias über Blüte und Niedergang der ­Tyrannis, die Diadochenkämpfe und die wechselvollen Beziehungen der Stadt zu den hellenistischen Groß- und Mittelmächten – mit Exkursen zur bithynischen Geschichte (FGrHist 434 F, 1, 12) und zu den Römern (FGrHist 434 F, 1, 18, 1–5) – ins Zeitalter der Mithradatischen Kriege und bricht 47 v. Chr. (Caesars Rückkehr aus dem Orient) ab. Die große Weltgeschichte ist darin mit Lokalgeschichte verwoben. Vom Neu- und Ausbau der Städte mit Steinarchitektur, von Tempeln, Altären, Grabmälern und Sarkophagen mit Bauornamentik und Bildschmuck, Felsbildern, Rundplastik, Keramik, Gegenständen und Münzen zieht sich eine breite Spur an Relikten aus der Zeit des Hellenismus quer durch Kleinasien bis nach Ostanatolien. Als einzelnes Bauwerk an der Westküste steht zweifellos das Didymaion auf der obersten Stufe erhaltener Architekturreste aus jener Epoche. Komplexe, von späterer relativ wenig gestörte, hellenistische Stadtarchitektur einschließlich Wohnbauten bietet an erster Stelle Priene. Von römischer Überbauung stärker geprägt ist ein Ort, der gleichwohl auch archäologisch für die Epoche als das Zentrum gelten kann: Was die Ruinen von Hattusa ˘ für das anatolische Großreich des 2. Jt.s v. Chr. und was die Ruinen von Ephesos für die asiatische Provinz des römischen Weltreiches waren, das ist Pergamon für das hellenistische Kleinasien. Pergamons Bau- und Kunstwerke am Westrand Anatoliens stehen für eine erfolgreiche Macht- und Kulturpolitik bei gleichzeitiger Integration Asiens in den Westen, während weit hinten im Osten die Bergheiligtümer des Antiochos von Kommagene die ­eigentümliche Verbindung hellenischer Götter mit iranischer Religion versinnbildlichen (S. 638 ff.). Von außergewöhnlicher Bedeutung für den Historiker des hellenistischen und frühkaiserzeitlichen Kleinasien sind die Steininschriften. Dagegen ist die Zahl griechischer und lateinischer Inschriften auf Bronzeplatten gering: Bereits im 19. Jh. gelangte ein hellenistisches Dekret aus Kappadokien in den Antikenhandel, übertroffen an Textumfang nur von dem neuerdings ebenfalls im Handel aufgetauchten Staatsvertrag zwischen Rom und den Lykiern; die jüngsten Funde stammen aus Sagalassos in Pisidien und Amaseia in Pontos. Allgemein haben weder das klassische Athen noch die großen Heiligtümer Delphi und Delos mit ­ihren Tausenden von griechischen Inschriften einen so schillernden Schatz epigraphischer Quellen hervorgebracht wie Kleinasien. Die Bandbreite der Gattungen, die Länge der Texte, die differenzierte Vielfalt ihrer Informationen und der anhaltende Zustrom von Funden haben ihresgleichen nicht: Königin der Inschriften nannte Mommsen den Tatenbericht

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VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.) 243

des Weltherrschers Augustus auf Tempelwänden in Ankara. Die Lehre Epikurs ist eingemeißelt an einer Wand in der lykischen Kleinstadt Oinoanda. Ein Dossier von Staatsurkunden schmückt in Aphrodisias die Parodosmauer des Theaters. Iulius Caesars Staatsvertrag mit dem Bund der Lykier stammt wohl aus einem Heiligtum in Lykien. Unzählige Stelen mit Königsbriefen und Gemeindebeschlüssen berichten über das Schicksal der Städte und ihrer Bürger, über die Absichten und Taten der Könige und Dynasten, über Götter und Feste usw. Von der groben Ereignisabfolge bis zur Feinchronologie stützen die Steine Rekonstruktionen politischer Geschichte, wo in der antiken Historiographie Lücken klaffen. Und die Ausbreitung des epigraphic habit gibt die Basis für das Studium der Hellenisierung und Romanisierung des Vorderen Orients. Es ist eigentlich das persische, von den Makedonen (mit Veränderungen) übernommene Satrapensystem in Kleinasien, das mit seiner eigenen Schwerkraft den Zerfall gesamtanatolischer Reichsbildungen präfiguriert und am Ende in die regionalen Königreiche mündet, die sich Rom nach und nach gehorsamspflichtig macht und schließlich provinzialisiert. Im auseinanderbrechenden Alexanderreich ist die anatolische Landmasse zunächst nur eines von mehreren großen Fragmenten, Europa, Ägypten, Babylonien, Iran. Durch seine mittlere Lage und geographische Brückenfunktion wie selbstverständlich, zugleich aber auch wegen des Reservoirs an Personalressourcen für militärische und zivile Aufgaben, wegen der administrativen und kulturellen Schlüsselrolle der Städte und wegen des wirtschaftlichen Reichtums der Landschaften zog Kleinasien mehr als andere Weltteile die miteinander ringenden Kräfte auf sich. Aus diesem Ringen ging zunächst die Dynastie der Seleukiden als Besitzerin Asiens – wenn auch niemals ganz Asiens – hervor. Es ist hier nicht der Ort, in die Diskussion über die strukturelle Schwäche einerseits oder die Kohärenz und Dauer des Seleukidenreiches andererseits einzugreifen.2 Während Iran immerhin 183 Jahre (von 312 bis 129 v. Chr.) zu großen Teilen in seleukidischem Besitz blieb, Nordsyrien sogar fast 250 Jahre (bis 63 v. Chr.), ging der größte Teil Anatoliens nach nur 92 Jahren (281 bis 189 v. Chr.) verloren. In dem gewaltigen Länderkonglomerat, das die beiden ersten Könige regierten, hat sich auf dem Gebiet der heutigen Türkei doch schon früh die Emanzi­ pation der Lokal- und Regionalherrschaft verbreitet, wie die des Eumenes I. von Pergamon, des Nikomedes in Bithynien, des Mithradates in Pontos, des Ariaramnes in Kappadokien. Mit eigenen Truppen, Städtegründungen und Münzemissionen agierten zudem schon in der Diadochenzeit und danach auch kleinere oder ephemere Dynasten und Tyrannen wie die Söhne des Klearchos in Herakleia Pontike, Eupolemos, Pleistarchos, Olympichos in Südwestkleinasien, Lysias in Phrygien, die Teukriden in Kilikien und die Stammesfürsten der Galater westlich und östlich von Ankyra.3

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1.  KLEINASIEN UND DIE DIADOCHEN

Über vier Jahrzehnte stehen wie in kaum einer anderen Epoche für die Historiographie Personen im Brennpunkt; die Zahl der Biographien über ­einen Eumenes, Lysimachos, Antigonos, Seleukos wächst ständig. In der Bewertung ihrer Taten gibt es Differenzen, je nachdem, aus wessen Akteursperspektive die Ereignisse dargestellt werden. Das Karussel der Schauplätze, der rasante Besitzerwechsel ganzer Landschaften und Städte im Auf und Ab von Machterwerb und Eroberung, Niederlagen, Meuterei, Verrat und Intrige, erscheint als verwirrend und lenkt von ordnenden und aufbauenden Maßnahmen innerhalb der Herrschaftsbereiche ab. Wir wollen zunächst die Hauptlinien der Kriegsgeschichte nachzeichnen, lenken unser Augenmerk indessen auf Geschehnisse außerhalb Kleinasiens nur, soweit dies unbedingt notwendig ist. Ansätze für langfristige Entwicklungen in Kleinasien, die in der Diadochenzeit zu erkennen sind, werden anschließend besprochen.

1.1.  Kampf um Anatolien Nachdem Alexander seinen Eroberungszug durch das Perserreich beendet hatte und nach Babylon zurückgekehrt war, starb er daselbst im Juni 323 v. Chr., ohne einen Nachfolger bestimmt zu haben. Am Anfang machten die Generäle unter sich Kompromisse. Die Zweikönigslösung mit Philipp Arrhidaios, Alexanders geistesschwachem Bruder, und Roxanes, der Gattin Alexanders, neugeborenem Sohn bedeutete, daß auch Kleinasien formal zu einem makedonischen Königreich gehörte. Karische Gemeinden im Landesinnern wie die Koarendeis, Amyzon und Mylasa setzten die Form ihrer Urkunden­ datierung fort, die sie schon im Perserreich praktiziert hatten, indem sie nunmehr die Regierungsjahre des Königs Philipp zählten. Aber weder Philipp Arrhidaios (er wurde 317 getötet) noch das Kind Alexander, das 310 in Makedonien ermordet wurde, spielten eine nennenswerte Rolle in Kleinasien. Alexanders Schwestern Kynane und Kleopatra in Sardeis sowie ein illegitimer

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Kleinasien und die Diadochen 245

Alexandersohn Herakles in Pergamon verloren ihr Leben, als sie für politische Zwecke ins Spiel gebracht und den Gegnern gefährlich wurden. Ausgangslage für die Entwicklung der anatolischen Machtverhältnisse war die in Babylon vorgenommene Aufteilung der Satrapien.4 Lydien und Karien hatten schon zuvor die Besitzer gewechselt, in Lydien war auf Asandros Menandros, in Karien auf Ada zuerst ein gewisser Philoxenos, der zugleich für Finanz- und Nachschubwesen in ganz Kleinasien zuständig gewesen ist,5 dann Asandros gefolgt. Desgleichen hatte Philotas – nicht jener der Verschwörung beschuldigte und hingerichtete Vertraute, sondern ein sonst kaum bekannter Truppenführer Alexanders – in Kilikien den auf Expeditionen in Isaurien getöteten Balakros ersetzt, in Phrygien am Hellespont ein Offizier namens Demarchos den getöteten Kalas. Die Riesensatrapie Lykien-Pamphylien-Großphrygien hielt nach wie vor Antigonos der «Einäugige». Neulinge zogen nur im Norden ein: Leonnatos – gleichfalls ein früherer Feldherr Alexanders – ­löste Demarchos in Daskyleion ab, und der Grieche Eumenes erhielt die noch zu erobernden Landschaften Paphlagonien und Kappadokien am Meer. Die Kräfteverlagerungen in Kleinasien liefen sehr bald auf eine Konfrontation zweier ganz unterschiedlicher Figuren zu, Antigonos und Eumenes. Der an die sechzig Jahre alte Antigonos, der jetzt die stärkste Satrapie des Alexanderreiches in Anatolien hielt, war von den in Babylon getroffenen Verfügungen des Siegelbewahrers Alexanders und ‹Reichsverwesers› Perdikkas über Kleinasien nicht begeistert.6 Eumenes, der aus Kardia stammte (wie sein Freund, der Historiker Hieronymos) und als ganz junger Mann zum Sekretär schon unter Philipp und Kanzleichef unter Alexander avancierte, war damals Ende Dreißig.7 Als er mit Geld und Truppen von Perdikkas ausgestattet in seine S­ atrapie einrückte, verweigerte der «Einäugige» dem «homme de bureau»8 die Unterstützung. Doch Eumenes erhielt diese bald darauf von Perdikkas selbst. Dessen Heeresmacht beendete die noch immer bestehende Herrschaft des Iraners Ariarathes im nördlichen Teil Kappadokiens. Eumenes konnte sich jetzt daselbst gründlich etablieren und seinerseits eine Armee aus einheimischen Kappadokern aufbauen. Perdikkas zog ins Ebene Kilikien hinab und weiter an den nördlichen Taurosrand, wo er die Städte Laranda und Isaura zerstörte ­(Dio­dor 18, 22, 1). Als der Führer des Reichsheeres von Antigonos Rechenschaft forderte, wurde dem «Einäugigen» der Boden in Asien zu heiß. Mit seinem Sohn Demetrios setzte er sich auf athenischen Schiffen nach Griechenland ab. Doch während noch Eumenes in Sardeis die Schwester Alexanders, Kleopatra, zur Heirat mit Perdikkas bewegen wollte, um bei den Makedonen die Autorität des Reichsverwesers als Sachwalter des Alexandererbes zu stärken, landete Antigonos mit frischen Truppen aus Europa, zog die ionischen Städte und die Satrapen Lydiens (Menandros) und Kariens (Asandros) auf seine Seite und marschierte nach Sardeis. Eumenes entkam gerade noch rechtzeitig.

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246 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

Der Kardianer und sein Protektor Perdikkas waren mit einmal in die Zange einer europäisch-ägyptischen Interessengemeinschaft geraten. Denn die beiden Machthaber in Europa zu dieser Zeit, Antipatros und Krateros, wollten sich nicht damit begnügen, das Stammland Makedonien unter sich zu teilen, sondern suchten einen Anteil an Asien für Krateros, den sie mit Antigonos’ willkommener Hilfe den Perdikkanern wegzunehmen hofften. Ägypten beherrschte ein weiterer Diadoche aus dem engsten Kreis der Gefolgsleute des toten Herrschers: Ptolemaios, Sohn des Lagos, Begründer der langlebigsten hellenistischen Dynastie, die erst mit dem Selbstmord der Königin Kleopatra im Jahre 31 v. Chr. erlöschen sollte; er hatte sich mit dem Raub des Leichnams Alexanders aus dem Gewahrsam der Perdikkasarmee den Zorn des Oberkommandierenden zugezogen: Als dieser sich zur Invasion des Nillandes aufmachte, nahm Eumenes den Oberbefehl in Kleinasien in seine Hand, mußte indessen erfahren, daß der soeben noch von Perdikkas als Satrap Kilikiens eingesetzte Philoxenos (vermutlich derselbe wie der oben erwähnte Satrap Kariens) die Seite wechselte. Die Dinge spitzten sich weiter gegen ihn zu, denn mit dem Übersetzen der Machthaber Europas, Antipatros und Krateros, über den Hellespont beging auch der in Armenien eingesetzte Offizier Neoptolemos Verrat an den Perdikkanern. Doch Eumenes bewährte sich. Bei Ankara schlug er Neoptolemos in die Flucht, und als dieser den ins Innere Anatoliens vorstoßenden Krateros begleitete, empfing er das gegnerische Heer an der Grenze seiner Satrapie. Krateros fiel in der Schlacht, und den Neoptolemos – immerhin ein makedonischer Elitesoldat, der einst als erster die Mauern von Gaza erstiegen hatte – tötete Eumenes eigenhändig im Zwei­ ­kampf. Mit Perdikkas’ gleichzeitigem Untergang in Ägypten wendete sich jedoch erneut das Blatt zu seinen Ungunsten. Die makedonische Heeresversammlung in Ägypten verurteilt ihn als Mörder des Krateros zum Tode. In Tripara­deisos (Herbst 321)9 wird seine Satrapie Kappadokien einem gewissen Nikanor zugesprochen, Lydien erhält Kleitos, ein erfolgreicher Flottenkommandant, das hellespontische Phrygien Arrhidaios (ein anderer als der gleichnamige Alexanderbruder). Antigonos aber bekommt das Oberkommando als «Stratege Asiens zur Bekämpfung des Eumenes». Dieses Mal vermag der Einäugige seine Kräfte in Anatolien wirksam zu entfalten. Eumenes wird in Kappadokien bei einem Ort namens Orkynia10 geschlagen und in der Festung Nora (vermutlich südöstlich des Salzsees zwischen Aksaray und Nig˘de) monatelang belagert. In Gewaltmärschen eilt Antigonos nach Pisidien und schaltet die letzten Perdikkaner aus. Den Perdikkasbruder Alketas beschließen die Bewohner von Termessos, jener Bergstadt, die Alexander nicht einzunehmen vermochte, auszuliefern. Alketas nimmt sich zuvor das Leben. Das makedonische Felsgrab bei Termessos mit dem leider stark zerstörten, doch immer noch

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Kleinasien und die Diadochen 247

Abb. 36:  Relief am

­sogenannten Alketasgrab in Termessos, Pisidien

hohe Qualität verratenden Relief eines angreifenden Kavalleristen in voller Rüstung könnte das Alketasgrab sein (Abb. 36). Dem noch in Nora eingeschlossenen Eumenes bietet Antigonos, auf außerasiatische Konstellationen Rücksicht nehmend, ein Arrangement und läßt ihn ziehen. Den geforderten Treueeid indessen schwört der Grieche statt auf den Strategen von Asien auf Alexanders Mutter Olympias und die (unmündigen) Könige. Aus Europa – von Antipatros’ Nachfolger Polyperchon und der von diesem aus Epirus nach Pella zurückgeholten Olympias – wird ihm Unterstützung zuteil. Mit dem makedonischen Königsschatz im gazophylakion (einer als Schatzkammer dienenden Festung) Kyinda in Kilikien und der Elitetruppe der argyraspides (Silber-Schildträger) erwarten ihn Geldmittel zur Söldneranwerbung und Verstärkung. Doch seine weiteren Feldzüge außerhalb Kleinasiens enden nach Verlust von Schatz und Flotte, Marsch nach Babylonien und Iran endlich mit Niederlage und Auslieferung an Antigonos, der ihn sofort töten läßt. Antigonos steht danach als mächtigste Figur zwischen Europa, Mesopotamien und Ägypten im Zenit seiner Laufbahn. Der in Triparadeisos mit Babylonien betraute Seleukos wird von ihm aus seiner Satrapie vertrieben und flieht zu Ptolemaios (315 v. Chr.). Der Einäugige verfügt jetzt über gigantische Geldressourcen des transeuphratenischen Alexanderreiches. Zwar scheitert sein Sohn Demetrios in der Schlacht bei Gaza gegen die Verbündeten Seleu-

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kos und Ptolemaios im Winter 312 v. Chr. Doch die Antigoniden erhalten im Friedensschluß vom Spätsommer 311, der den Status quo der Reichsteilung bis zur Reife des noch unmündigen Alexander IV. anerkennt, von seiten der Dynasten in Europa und auch von Ptolemaios noch einmal die Bestätigung ihrer Herrschaft über «Asien». Nicht beteiligt und offenbar der Unterordnung unter ihre Hoheitsansprüche anheimgegeben ist Seleukos. In der Person des Makedonen Seleukos, auch er ein ehemaliger hetairos Alexanders und ebenso bedeutender Dynastiegründer wie Antigonos und Ptolemaios, wächst den Beherrschern Kleinasiens ihr letzter und größter Gegner heran, der seine starke Stellung in dem folgenden Jahrzehnt in den öst­ lichen Reichsteilen bis nach Afghanistan ausbaut, ja noch einmal bis nach Indien ins Reich des Königs Chandragupta vordringt. Seleukos hatte schon im Frühjahr 311 Babylonien zurückerobert; seine Erfolge veranlassen Ptolemaios, den Frieden zu brechen und Garnisonen des Antigonos im Rauhen Kilikien angreifen zu lassen. Demetrios gewinnt diese zwar rasch zurück und dringt seinerseits tief in die Domäne des Gegners ein. Die Expedition bis ins südliche Mesopotamien und eine weitere seines Vaters zeitigen jedoch keine dauer­ haften Ergebnisse. In Kleinasien zurück, sieht Demetrios sich 309 mit ptolemaiischen Stützpunkten an der Süd- und Westküste konfrontiert: Auf einer Flottenfahrt hatte der Lagide Phaselis, Xanthos, Kaunos, Myndos und Iasos gewonnen, erst die Belagerung von Halikarnassos mußte er abbrechen und sich nach Kos, dann nach Ägypten zurückziehen. Als Ptolemaios wie zuvor Perdikkas versuchte, zur Schwester Alexanders, Kleopatra, in Sardeis Verbindung aufzunehmen, veranlaßt Antigonos deren Ermordung. Die antigonidischen Positionen in Asien werden durch Stadtgründungen an der Propontis, in der Troas und am Orontes in Syrien gefestigt, der Sohn macht die Verluste in Karien und Lykien wieder wett. Man nimmt nunmehr die ptolemaiische Außenbesitzung Zypern, ein lästiger Störenfried vor der Haustür Kilikiens, ins Visier. Demetrios’ glänzender Seesieg bei Salamis 306 v. Chr. motiviert die Antigoniden als erste, sich den Königstitel zuzulegen, und ihrem Beispiel machen es kurz darauf (304) die Dynasten im Osten, Ptolemaios und Seleukos, sowie im Westen Lysimachos und Kassandros nach. Ein kombinierter Angriff von Vater und Sohn auf Ägypten zu Wasser und zu Lande scheitert ebenso wie die Belagerung von Rhodos (305/4) durch den Sohn, der daraufhin den Beinamen poliorketes (Städtebelagerer) erhält. Von Demetrios’ nachfolgenden Aktivitäten in Griechenland alarmiert, verbünden sich Kassandros und Lysimachos und bilden schließlich die entscheidende ­Koalition mit Ptolemaios und Seleukos gegen den «Einäugigen» und den «Städtebelagerer» in Asien. Die Vorgänge bis kurz vor der Entscheidungsschlacht sind uns im 20. Buch Diodors geschildert. Aus drei verschiedenen Richtungen ziehen Ar-

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meen in Kleinasien ein. Lysimachos, König über Thrakien, setzt im Frühjahr 302 über den Hellespont und teilt das Heer in zwei Kolonnen, deren eine – wie seinerzeit Alexander – die Städte an der Westküste einnehmen, während die andere, unter Führung des Königs, auf die stark garnisonierten Festungen der Antigoniden in Phrygien vorstoßen sollte. Der ersten hält Sardeis stand, der anderen öffnet Synnada die Tore. Antigonos bricht auf die Nachricht von dieser Invasion ein großes Fest in seiner neugegründeten Stadt am Orontes ab, überquert den Tauros und erreicht Zentralphrygien von Süden, wo die lysimachischen Heereskolonnen wieder vereinigt waren. Aus Mesopotamien war Seleukos aufgebrochen mit 480 indischen Elefanten, 12 000 Reitern und 20 000 Fußsoldaten. Ptolemaios, durch Gerüchte von einem Sieg des Antigonos getäuscht, zog es vor, in Ägypten zu bleiben. Die Streitmacht des achtzigjährigen Greises schneidet dem Lysimachos den Weg nach Osten zu seinem Verbündeten ab, vermag den Feind aber nicht zum Kampf zu stellen. Der König von Thrakien weicht nach Norden aus und igelt sich in Herakleia Pontike ein, wo er die Witwe des Tyrannen Dionysios, die Iranerin Amastris, heiratet. Noch im selben Jahr setzt Demetrios nach Ephesos über und bringt die Städte bis hinauf an den Hellespont und Bosporus wieder in den Besitz der Könige Asiens. Zu einem Debakel gerät der Versuch des Kassandrosbruders Pleistarchos, Verstärkungen über das Schwarze Meer nach Herakleia einzuschiffen, und Meuterei droht sich im Heer des Lysi­machos auszubreiten. Im Frühjahr 301 vereinigen Antigonos und Demetrios ihre Truppen im hellespontischen Phrygien. Weiter östlich, vielleicht im Raum Ankyra, treffen endlich die lysimachische und die seleukidische Streitmacht zusammen und marschieren auf der Königsstraße nach Südwesten. Bei Ipsos, ca. 10 km nördlich von Afyon in Phrygien, fällt die Entscheidung. Der alte Antigonos Mon­ ophthalmos fällt im Geschoßhagel, und die Sieger zerstückeln die Beute. Es war die erste tiefe Zäsur der Diadochengeschichte, die zu einer neuen Aufteilung der ‹Welt› führte. Lysimachos beanspruchte die kleinasiatischen ­Satrapien der Antigoniden diesseits des Tauros, Seleukos den Osten des Alexan­ derreiches von der Küste Syriens bis zum Indus sowie in Anatolien das süd­ liche Kappadokien und Armenien.11 Pleistarchos bekam Kilikien zugeteilt, konnte sich aber nicht lange halten. Was die kleinasiatische Landmasse betrifft, so stand davon manches nur auf dem Papier, anderes ging schnell verloren. Denn dem vom Schlachtfeld bei Ipsos entkommenen Demetrios waren in den Küstenstädten noch antigonidische Stützpunkte verblieben bzw. wurden von ihm zurückgewonnen. Zudem spaltete sich die Koalition der Ipsossieger sofort wieder auf: Als Seleukos von der Allianz zwischen Ptolemaios und Lysimachos, der die älteste Tochter des Lagiden Arsinoe heiratete, erfuhr, arrangierte er sich mit Demetrios und nahm dessen Tochter Stratonike zur Frau (299).

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250 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

Mit dem Untergang des Antigonos, dessen ‹Reich› aus einem Konglomerat von Satrapien in der Mitte Anatoliens erwachsen war und der sich Anatolien von innen heraus erobert hatte, begannen sich die Kräfte, die auf Klein­ asien einwirkten, nach außen zu verlagern. Mit der wachsenden Bedeutung des syro-palästinischen Schauplatzes einerseits und des europäischen andererseits ging einher, daß am Orontes und in Thrakien neue Zentren entstanden. Zugleich wurde Alexandreias Einfluß auf Vorgänge in Kleinasien immer ­stärker. Des Lysimachos Reich in Kleinasien blieb ein löchriges Gebilde: Der Schwerpunkt lag dem europäischen Reichsteil gegenüber im Norden, am Hellespont und in Herakleia Pontike. Auf der thrakischen Chersonnesos gründete er in unmittelbarer Nähe Kardias, der Heimatstadt des Eumenes, seine Residenz Lysimacheia. Zu Ilion pflegte er auf Grund seiner propagandistisch stilisierten Alexandernachfolge ein besonderes Verhältnis und kümmerte sich um den Neubau des Athenatempels. Abydos und Parion haben nach Ipsos seine Münzen mit dem Portrait Alexanders geprägt, vermutlich haben sich auch in Lampsakos die Demetrianer nicht halten können. Seine Exfrau Amastris, von der er sich ca. 300 in Sardeis hatte scheiden lassen, regierte als seine Vasallin am Schwarzen Meer. Nach ihrer Ermordung durch die eigenen Söhne übergab Lysimachos einen Teil ihres Besitzes einem Mann namens Eumenes. Dieser war der ältere Bruder seines Offiziers und Kommandanten von Pergamon namens Philetairos, die Heimat der Familie war die Stadt Tieion am Schwarzen Meer, östlich von Herakleia. Als Lysimachos’ neue Frau Arsinoe – eine hellenistische femme fatale ersten Ranges – die von Amastris regierten Schwarzmeerstädte für sich forderte und der König ihr nachgab, hat dies die Loyalität dieser Brüder sicher nicht gefördert. Die Herakleioten widersetzten sich Arsinoe sogar erfolgreich, und Eumenes regierte die Stadt Amastris noch nach Lysimachos’ Tod. In den weiter östlich gelegenen Schwarzmeerregionen, in Paphlagonien und Kappadokien am Meer, wo ein iranischer Offizier des Antigonos eine Dynastie begründete, entzogen sich die Machtverhältnisse der Aufsicht des Diadochen ganz (Diodor 20, 111, 4; Appian, Mith. 9 [28] ). In Sinope gab es um 300 eine Tyrannis. Bithynien war faktisch zweigeteilt. Kios mußte der König 289 unterwerfen. In Küstennähe konnte er sich auf Städte stützen, deren Netzwerk er durch Neugründung festigte. Doch nahebei, in den Bergen östlich des Flusses Sangarios, war Feindesland. Hier herrschte ein thrakisches Fürstengeschlecht; der Dynast Zipoites konnte es wagen, Vorstöße in die Ebene bis an den astakenischen Golf zu unternehmen und sogar Astakos zu besetzen. Es war der Keim eines unabhängigen Reiches. Mysien mit dem gazophylakion in Pergamon unter Philetairos und Lydien mit dem Satrapensitz Sardeis, das Landesinnere des westlichen Kleinasien mit

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den ausgedehnten Satrapien Phrygien am Hellespont und Großphrygien scheinen sich dem Lysimachos loyal untergeordnet zu haben.12 Dagegen sind die Verhältnisse in den ionischen Städten uneinheitlich. Dort blieben die ­Könige Demetrios und Ptolemaios seine Konkurrenten, die über den Seeweg der Ägäis Beziehungen mit den Poleis anzuknüpfen suchten, wo immer sich Gelegenheit dazu bot. Besonders von Erfolg oder Mißerfolg des ‹Seekönigs› Demetrios in den ersten Jahren nach Ipsos hing es ab, wo er seine Machtpositionen hielt und wo er sie verlor. An der Küste sind Smyrna, auf der ionischen Halbinsel Erythrai, Teos und Lebedos, nicht dagegen Klazomenai in seiner Hand, das nach 301 zu Demetrios steht ([106] OGIS 9). So verhält sich zunächst auch Ephesos, bis es sich Lysimachos 294 v. Chr. beugen muß. Die Ephesier hatten damals harte Zeiten hinter sich. Ein Volksbeschluß (ca. 300) regelte die Konditionen, unter denen Bürger, die in finanzieller Not durch Kriegsfolgen ihre Grundstücke verpfändet hatten, die Rückzahlung der Kredite an ihre Gläubiger zu leisten hatten ([109] Syll.3 364).13 Jetzt wurde die ganze Gemeinde gegen ihren Willen umgesiedelt. Noch härter traf es die Kolo­phonier, ihre Nachbarn. Sie hatten Widerstand geleistet, der von den Make­donen gebrochen wurde, und einen hohen Blutzoll entrichtet. Die Stadt wurde zerstört, mit der Umsiedelung der Überlebenden nach ArsinoeiaEphesos ihre politische Existenz vollends vernichtet. Doch Prepelaos, der General des Lysimachos, hat wenig später erwirkt, daß den Kolophoniern verziehen wurde und sie ihre Stadt neu gründen durften. Dafür erhielt dieser Wohltäter kultische Verehrung in einem Prepelaion benannten Heiligtum. Anders als Priene,14 wo wie in Ephesos ebenfalls ein Königskult eingerichtet wurde, kann man Milet nach 301 zunächst nicht als Verbündeten des Lysimachos bezeichnen, sonst hätten die Milesier im Jahr 295/4 nicht Demetrios in ihre Stephanephorenliste eingetragen ([167] Milet I 3, 123 Z. 22). Die Amtsjahre der obersten Staatsbeamten der Stadt, «Kranzträger» (stephanephoroi) genannt und aus dem Kreis der finanzkräftigen Bürgerelite stammend, wurden mit ihrem Namen auf einer großen Marmorstele im Heiligtum des Apollon Delphinios eingeschrieben. Es war eine Geste extravaganter Devotion, einen fremden Herrscher ehrenhalber in das Jahresamt einzusetzen, das übrigens in nicht wenigen Jahren symbolisch der Gott Apollon bekleidete – dann nämlich, wenn sich die Gemeinde für den damit verbundenen finanziellen Aufwand an die Tempelkasse wenden mußte.15 Demetrios war nicht der erste König in der Liste: Im Jahr 334/3 schmückte sie Alexander. Bei seiner erneuten Invasion Asiens (S. 252) hielt Demetrios, der «Städtebelagerer», in Milet Hochzeit mit Ptolemais, einer Tochter des Lagiden aus seiner Ehe mit Eurydike. Beziehungen pflegte die ionische Metropole zur selben Zeit freilich auch mit Seleukos; dieser spendete Weihgeschenke an Apollon, und sein Bronzestandbild war von der Gemeinde in der Stadt aufgestellt worden. Seleukos’ Sohn

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Antiochos versprach den Bau einer Halle. Seine Frau Apame half milesischen Söldnern, die fern im Osten für die Seleukiden kämpften, und zeigte sich um den Fortgang der Arbeit am Didymaion besorgt ([171] I. Didyma 479.480). Nach 294 scheint eine kurze Phase ptolemaiischer Allianz mit Milet zu beginnen, auf die sich später Ptolemaios II. in seinem Brief an Milet bezieht ([111] Welles, RC 14). Bereits 289/8 indessen stehen nicht nur die Milesier, sondern die 13 Städte des neuen ionischen Bundes unter der Aufsicht eines lysimachischen Strategos ([109] Syll.3 368). In Karien kreuzen sich der Anspruch des Lysimachos mit faktischer Kontrolle des Ptolemaios über mehrere Plätze einerseits und Wiedereroberungen des Demetrios andererseits. Halikarnassos hält zu Lysimachos, nicht aber Myndos und Iasos, die zusammen mit Teilen Innerkariens (sicher Amyzon) dem Lagiden gehorchen. Ein Königsbrief an Kaunos belegt, daß die Hafenstadt seit der im Jahre 309 erfolgten Flottenfahrt des Ptolemaios wieder auf die Seite des Demetrios gewechselt war. Im Binnenland entstehen undurchsichtige Verhältnisse mit dem Auftreten zweier dynastai. Den einen kennen wir als den vor Demetrios aus seiner Satrapie Kilikien geflohenen Kassandrosbruder Pleistarchos. Er regiert mindestens sieben Jahre lang in Karien. Die Gemeinde am Berg Latmos nennt ihre Stadt «Pleistarcheia», das Heiligtum von Sinuri, Hyllarima und Euromos datieren Urkunden nach seinen Regierungsjahren. Ein weiterer Makedone und Offizier des Kassandros, Eupolemos, regiert in Mylasa und läßt zum Zeichen seiner Souveränität Münzen prägen.16 Das zeitliche Verhältnis beider ist nicht klar. In der Forschung umstritten ist auch die ursprüngliche Ausdehnung der pleistarchischen Gebietsansprüche, insbesondere die Frage, ob dieser Mann nach der Schlacht bei Ipsos außer Kilikien auch Karien zugeteilt erhalten habe.17 In Lykien sind vielleicht Lissa, sicher Limyra schon 288 v.  Chr. ptolemaiisch (S.  276). Keine klaren Erkenntnisse besitzen wir für die lysimachische Epoche in Pamphylien.18 Als nach Kassanders Tod (Mai 297) Demetrios der «Städtebelagerer» 294 den Königsthron in Makedonien gewonnen und seine Herrschaft in Griechenland gegen Lysimachos, Ptolemaios und Pyrrhos verteidigt hatte, streckte er im Jahr 287 seine Hand erneut nach Asien aus. Allein, sein Feldzug quer durch Anatolien, der mit der Einnahme von Sardeis hoffnungsvoll begonnen hatte, endete in einem Desaster. Nach Überschreiten des Tauros und Amanos erlitt er im Frühjahr 285 bei Kyrrhos in Nordsyrien eine Niederlage, wurde als Gefangener seines Exschwiegersohnes Seleukos19 interniert und starb zwei Jahre später im Alter von 54 Jahren, nachdem er der Trägheit, Völlerei und dem Trunk, die meiste Zeit mit Würfelspiel hinbringend, verfallen war (Plutarch, Demetr. 52). Nun traten die hochbetagten Alexandergeneräle, Lysimachos und Seleukos, zum Kampf um Kleinasien gegeneinander an. Voraus ging die dynastische

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Intrige am Hof des Lysimachos, die in der Ermordung seines ältesten Sohnes Agathokles gipfelte. Als Kronprinz hatte dieser in Arsinoe, der neuen Ehefrau seines Vaters, eine energische Gegnerin erhalten, der es gelang, ihn des Verrats beim König verdächtig zu machen. Wahrscheinlich hat die Empörung darüber damals, neben anderen Absetzbewegungen, den erneuten Seitenwechsel des Offiziers Philetairos in der Festung Pergamon provoziert. Für seinen künftigen Herrn Seleukos und dessen Sohn Antiochos hielt Philetairos Stadt und Festung eine Zeitlang treu, prägte Münzen mit dem Bild des Königs und ließ von seiner Kanzlei Urkunden nach seleukidischen Königsjahren datieren. Das Schicksal des Seleukos begünstigte ihn, so daß er faktisch ungestört seine eigenen Kreise ziehen konnte. Die Entscheidungsschlacht der Diadochen fand in der Ebene (Korupedion) bei Magnesia am Sipylos (heute Manisa) statt und endete mit dem Tod des Königs Lysimachos und dem Untergang seines Reiches. Die bithynischen Städte, darunter seine schon vor der Schlacht von ihm abgefallene Gründung Nikaia, feierten das Ereignis, indem sie eine Ära der Befreiung ausriefen. Seleukos «der Sieger» (Nikator) hatte die großen Beherrscher Anatoliens nacheinander niedergerungen. Für einen Moment schien sein Reich, von Ägypten einmal abgesehen, die Dimensionen des Achaimenidenreiches auszufüllen. Der Siebenundsiebzigjährige hatte die Heimat Makedonien seit 53 Jahren nicht gesehen und machte sich jetzt auf, nach Europa überzusetzen. Im Lager bei Lysimacheia erstach ihn ein Sohn des Ptolemaios.

1.2.  Die Struktur der Diadochenherrschaft Die Diadochen in Kleinasien waren Landfremde wie vor ihnen die Perser. Sie übernahmen das Satrapiensystem. Zugleich aber kündigt sich bereits in dem Antigonos verliehenen Sondertitel «Oberbefehlshaber Asiens» (strategos tes Asias) eine Satrapien übergreifende Gebietsherrschaft an, die in ein vorderasiatisches Teilreich überging. Antigonos hat sich denn auch nicht auf Anatolien beschränkt, und der Schwerpunkt verlagerte sich von seinem Satrapensitz Kelainai in Phrygien (ab 306) nach der neuen Residenz Antigoneia am Orontes, in die Nähe der Front gegenüber seinen Gegenspielern Seleukos und Ptolemaios. Satrapien in Kleinasien bildeten das hellespontische Phrygien,20 Großphrygien (Phrygia megale, auch ano Phrygia),21 Lydia, Karia, Lykia, Pamphylia, Pisidike, Kilikia, Kappadokia am Tauros (Appian, Syr. 55 [281]: sogenannte Seleu­kis), Kappadokia am Pontos, Paphlagonia. Das Satrapiensystem wurde teilweise durch Strategien ergänzt bzw. ersetzt. An Stelle des Satrapentitels kann

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im Griechischen strategos (wörtlich: Heerführer) treten.22 Die Erhebung von Steuern, um Armeen aufzustellen und zu versorgen, die Sicherung von Festungen, Städten und Häfen sind die prioritären Aufgaben des in den Gliederungseinheiten eingesetzten Führungspersonals, makedonische und griechische philoi (wörtlich: Freunde), strategoi und Funktionäre mit einfachen Titeln wie «Präfekt von» (tetagmenos epi) oder «Vorsteher» (epistates), die einen lokalen Geltungsbereich militärischer wie ziviler Kompetenzen definieren. Macht­ zentrum ist das Heer. Makedonische Kerntruppen müssen durch Söld­ner­­an­ wer­bun­gen verstärkt werden. Die Rekrutierung der Truppen erstreckt sich auch auf Einheimische, wie wir es insbesondere bei Eumenes in Kappadokien gesehen haben. Alle ordnungs- und steuerpolitischen Konzepte stehen unter dem Primat des Militärischen. So wurde zum Beispiel ein Teil der Einkünfte eines von Antigonos in der Nähe von Sardeis mit Land beschenkten Gefolgsmannes, Mnesimachos, direkt an chiliarchiai abgeführt, offensichtlich in der Nähe bestehende, militärische Kommandostellen (I. Sardeis 1). An den Küsten sind die Städte mit befestigten Akropoleis und Häfen, in Anatolien die Festungen (Kelainai, Synnada, Ankyra, Gaziura), die die Verbindungswege der Truppenbewegungen sichern, Rückgrat der militärischen Macht. In einigen dieser Burgen verwahrten die Generäle Depots von Gold und Silber zur Finanzierung ihrer Kriegszüge, sie werden «bewachte Schatzdepots» genannt (gazophylakia). Eines der frühesten und bedeutendsten – und natürlich heftig umkämpften – war das gazophylakion Kyinda in Kilikien, wo offenbar ein Teil der auf dem Alexanderzug im Osten erbeuteten Schätze eingelagert und scharf bewacht wurde (Diodor 18, 62, 2; Strabon 14, 5, 10). Erst vor wenigen Jahren ist 12 km nordöstlich der Provinzstadt Kozan im Taurosgebirge oberhalb der kilikischen Ebene eine bis dahin völlig unbekannte, ca. einen Quadratkilometer große Festungsanlage entdeckt worden.23 Auf der Ostseite hat sich bis zu 10 m hoch polygonales Mauerwerk mit mehreren, nach innen gelegenen Kammern erhalten, und über einem Tor ist das Relief eines indischen Elefanten zu sehen – eindeutiger Hinweis auf die seleukidische Armee. Die ­Festung thront hoch über dem Tal, das Zugang von der ostkilikischen Ebene auf das kappadokische Plateau gewährt. Pergamon ist als gazophylakion in die Diadochengeschichte eingegangen, weil ein faktisch herrenloser Wächter des Schatzes hier seinen Nachfolgern die Grundlagen einer unabhängigen Herrschaft legte. Das wußte man noch sehr viel später, als die pergamenische Monarchie über sich längst die Ideologie eines heroischen Königsgeschlechtes griechischer Abkunft etabliert hatte. Attalos III. ließ den Grammatiker Daphidas von Telmessos auf dem Berg Thorax bei Magnesia am Maiandros kreuzigen, weil dieser in einem Zweizeiler die Könige von Pergamon beleidigt hatte: «Purpurstriemen, Abfallspäne des Schatzes von Lysimachos, herrscht Ihr über Lyder und Phrygien.» (Strabon 14, 1, 39).

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In weiten Teilen des anatolischen Binnenlandes setzte sich das an feudalistische Verhältnisse erinnernde System des Landbesitzes fort, wie es unter den Satrapen funktioniert hatte. Auch die Diadochen belohnten und verpflichteten ihre Gefolgschaft mit Landschenkungen. Anschauliches Beispiel sowohl der sozialen Komponenten als auch der rechtlichen Verhältnisse gibt die schon erwähnte Mnesimachos-Inschrift.24 Das Artemisheiligtum bei Sardeis verfügte über ein Tempeldepositum, von dem dieser Günstling des Antigonos Monophthalmos einen Betrag zur treuhänderischen Aufbewahrung (parakatatheke) erhielt. Als er das Geld nicht zurückzahlen konnte, mußte er das ihm vom König gegebene Land (ge en dorea) verpfänden, wobei bestimmte, der Verpfändung nicht unterliegende Besitzverhältnisse ausgenommen und spezifiziert sind. Jedenfalls handelt es sich um mehrere, ausgedehnte Ländereien, zu denen Dörfer und Einzelgehöfte, Behausungen und Gärten, die daselbst wirtschaftenden Bauern, ihr Gerät, ihr gesamtes Hab und Gut einschließlich ihrer Sklaven wie ihrer Arbeitsleistung in Form von Hand- und Spanndiensten für den Grundherren gehörten. Die Zeit der hellenistischen Königreiche gerade in Asien ist alles andere als eine Zeit der Dekadenz der Polis.25 Wenn man berücksichtigt, daß die Diadochenkämpfe drei Erdteile erfaßten, geraten die griechischen Poleis dank ­ihrer geographischen Lage an den Küsten Kleinasiens zunehmend in eine strategische Schlüsselposition, die sich von ihrer peripheren Lage im Perserreich deutlich unterscheidet. Das verlieh den Poleis politisches Gewicht. Allein, hier kreuzten sich nicht nur die militärischen Verbindungslinien zu Wasser und zu Lande, lagen nicht nur Truppenstandorte und Häfen für Kriegsschiffe. Sich die Poleis zu öffnen und ihre innere Stabilität zu fördern, lag auch sonst im vitalen Interesse der griechischsprachigen Diadochen. Dort fanden sie – sit venia verbo – erstklassiges ‹Humankapital› in Gestalt von Sachverständigen auf den Gebieten der Bautechnik, Administration, Finanzwirtschaft, des Kult- und Festwesens vor, dort waren zugleich Geld und Naturalien deponiert, die von zivilen Behörden erwirtschaftet und verwaltet wurden, dort gab es Handelsplätze, renommierte Heiligtümer, die das Ansehen mächtiger Stifter und Verehrer der Gottheit weithin ausstrahlten und – nicht zuletzt – Stätten für Tempel, Altäre und Feste ihres eigenen Kultes, die von vielen Menschen besucht wurden und bestens geeignet waren, sich die Einwohnerschaft zu verpflichten. Alexander war nach Asien gekommen, um die griechischen Städte zu befreien. Mit ihm ­ olis und Reichshielt Einzug die grundsätzliche Unterscheidung zwischen P gebiet. Auch seine Nachfolger hielten sich an die Unterscheidung. Propagandistische Erneuerungen der Freiheitserklärung Alexanders an die Städte kehrten bei den Diadochen wieder. Schon Antigonos der «Einäugige» wußte, daß er mit dieser Waffe in zwei Richtungen drohte. Sie erschien, so paradox es klingen mag, den Griechen als Geschenk, das ihre Bereitschaft förderte, sich

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von ihrem Gönner beherrschen zu lassen, und sie fügte den Gegnern einen Legitimationsverlust bei dem Versuch zu, Städte auf ihre Seite zu zwingen. Der Übergang vorwiegend einheimischer Siedlungseinheiten zu nach griechischem Muster organisierten Gemeinden war in verschiedenen Regionen längst im Gange. Wir haben gesehen, daß schon vor Ankunft Alexanders im 4. Jh. Gemeinden wie etwa Kaunos in Karien oder Laranda im Tauros – zweifellos von ihrer Symbiose mit bzw. Nachbarschaft zu den Griechen angeregt – Polisinstitutionen adaptierten bzw. imitierten. In Lykien bildeten sich im einstigen Herrschaftsgebiet der Dynasten Polisterritorien heraus; der Vorgang ist hier insofern besonders gut erforscht, als sich die epigraphischen Quellen mit der durch die Intensivsurveys ermittelten Siedlungsentwicklung koordinieren lassen: Die Xanthier traten im 4. Jh. als Gemeinde auf; sie faßten Beschlüsse zusammen mit den perioikoi («Umwohner»), die auch in Telmessos und Limyra bezeugt sind.26 Kleinere und mittlere Herrensitze der klassischen Zeit, deren Ortslage hauptsächlich vom Gesichtspunkt der Wehrhaftigkeit ­bestimmt war, ordneten sich neuen, in der Ebene entstehenden Poliszentren unter und figurieren in den (späteren) hellenistischen Inschriften als deren Vororte (demoi, komai, peripolia); sie drängten ihrerseits mit ihrer Bebauung in die Ebene und entfalteten pulsierende, kommunale Aktivitäten mit eigenen, beschlußfassenden Versammlungen, Beamten, Festen und öffentlichen Bauten. Der multipolaren, dezentralen Siedlungsstruktur des Stadtterritoriums entspricht eine klare Hierarchie der Ortsgemeinden in einem durch das gemeinsame Polisbürgerrecht zusammengehaltenen Verbund, in dem ein Gegensatz zwischen Stadt und Land nicht Platz greifen konnte.27 Die zumeist an den Küsten gelegenen «Griechenstädte» (poleis hellenides) bieten, was ihre innere Verfassung, Alter, Größe, Bevölkerungszusammensetzung, Ansehen betrifft, in der Diadochenzeit kein einheitliches Erscheinungsbild. Dennoch ist in ihnen zunächst eine distinkte Gruppe zu erkennen, deren Spektrum durch die Neugründungen tiefer im Landesinnern erst nach und nach erweitert wurde. Den Herrschern lag daran, in den vorhandenen Städten Ordnung zu schaffen und sie an sich zu binden. Sie gingen dabei so weit, kleinere Poleis der Griechen untereinander oder mit größeren zu einem Staatswesen zusammenzuschließen, mit oder ohne Umsiedelung der Bürger (synoikismos);28 unter diese Kategorie kann man beispielsweise die Vereinigung von Kebren, Skepsis, Larisa, Kolonai, Hamaxitos und Neandreia in der Troas, die (nicht ausgeführte) von Teos und Lebedos in Ionien unter Antigonos sowie diejenigen von Tieion, Sesamos, Kromna und Kytoros am Schwarzen Meer oder von Ephesos, Kolophon und Lebedos an der Ägäis unter Lysimachos einordnen. Mit dem Antigonosbrief an Teos in einer Steininschrift ([111] Welles, RC 3) ist uns ein königlicher Synoikismos-Plan bis in alle Einzelheiten bekannt. Zwei Städte, eine große und eine kleine, sollten zu einer verschmolzen

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Kleinasien und die Diadochen 257

Abb. 37:  Lysimachosmauer in Ephesos

werden. Antigonos ordnete eine Übergangslösung und eine endgültige Regelung an. So sollten die Bürger der kleineren Stadt Lebedos provisorisch in Teos untergebracht werden, nach maximal drei Jahren müssen sie auf den ­ihnen zugewiesenen Grundstücken von mindestens der Größe, die sie in Lebedos besessen hatten, Häuser gebaut haben. Prozesse sind befristet einem einvernehmlichen Verfahren zu unterziehen, bis ein paritätisch besetztes Wahl­gremium ein neues Gesetzeswerk entworfen hat, das dem König zur Prüfung vorzulegen ist. Bemerkenswert ist die beabsichtigte Anwendung der Gesetze einer dritten, fremden Stadt, Kos, für die Übergangszeit. Darauf hatten sich beide Parteien geeinigt, nachdem Antigonos den Vorschlag der Teier, ihre Gesetze sollten übergangsweise weiter gelten, zu Gunsten des Begehrens der Lebedier, auf das Gesetzeswerk der Koer zurückzugreifen, verworfen hatte. In einer Reihe von Punkten ähnelt dieser synoikismos einem früheren, im Jahrzehnt nach Alexanders Tod unter dem Satrapen Asandros in Karien durchgeführten, der ebenfalls inschriftlich dokumentiert ist. In diesem Text findet sich übrigens – mit der mutmaßlichen Ausnahme von Ilion und Alexander29 – die älteste Benennung einer städtischen Bürgerabteilung nach einem Herrscher in Kleinasien, eben dem Satrapen Asandros. Mit dieser Geste devoter Verehrung anerkennen in der Folgezeit zahlreiche Gemeinden ihre «Gründer» (ktistai), bis Namengebung von Phylen nach römischen Kaisern ganz allgemein Verbreitung findet. Auch hier geht es um die physische Umsiedlung und

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Eingemeindung einer kleineren Gemeinde Pidasa in eine größere namens Latmos – das vorübergehend Pleistarcheia und sonst Herakleia benannte Gemeinwesen – und die Organisation des Übergangs: Zusammenführung der Einkünfte, Schuldentilgung, provisorische Einquartierung der Pidaseis in Latmos. Bisher einzigartig ist folgende Klausel: Sechs Jahre lang dürfen Töchter aus Familien beider Gemeinden nur in Ehen mit Männern der jeweils anderen gegeben werden. Der für eine einzelne Stadtentwicklung folgenreichste Umzug mit Neuund Ausbau, Ummauerung und Gründerkult betraf die Artemisstadt Ephesos unter Lysimachos.30 Das Gesamtareal von ca. 280 ha sollte ein über die Gipfel der benachbarten Hügel laufender Mauerring aus massivem Quaderwerk von ca. 9 km Länge, bewehrt mit mehr als 50 rechteckigen Türmen, umgeben. Seine Ruinen sind noch heute im Gelände zu verfolgen (Abb. 37). Aus ihrer hellenistischen Anlage erblühte später die römische Weltstadt. Hinter diesem aufwendigen Verfahren stehen verschiedene konkrete, auf allgemeine wie auf jeweils ortsabhängige Vorteile zielende Absichten: Je nach Topographie profitierte von einer Umsiedelung die Verkehrslage und die militärische Infrastruktur, was besonders bei Ephesos deutlich wird. Kleinstaaterei auf engstem Raum war aus der Sicht der Regenten ein notorischer Unruheherd, etwa bei Grenzkonflikten, sie verkomplizierte die juristische und fiskalische Adminstration. Verschleppte Prozesse der Bürger untereinander oder zwischen denen der Nachbarstädte konnten Gemeinwesen lahmlegen. Ein Synoikismos, wo möglich, bot die Chance, das Prozeßwesen von Grund auf zu reformieren. Diesem aufkeimenden Problem begegnete Antigonos Mono­phthalmos wahrscheinlich als erster mit der Maßgabe, städtefremde, aus ­einer anderen Stadt herbeigerufene Richter einsetzen zu lassen. Die mit Synoikismen regional einhergehende, zahlenmäßige Reduktion der Poleis wurde – abgesehen von späteren Wiederauslösungen – durch die Gründung neuer mehr als wettgemacht. 31 Soldaten mit Landbesitz zu versorgen und seßhaft zu machen, wo man sie brauchen konnte, versprach Vorteile, wobei die Ortswahl wiederum unter ganz ähnlichen Gesichtspunkten erfolgte. Die Forschung spricht bei dieser Kategorie von «Militärkolonien». Ein starkes makedonisches Bevölkerungselement ist denn auch späterhin an Eigennamen und anderen Indizien im Binnenland Anatoliens vielerorts zu erkennen, zum Beispiel «Dokimeier Makedonen» oder «Peltener Makedonen» in Phrygien. Aus einer anfänglichen Apartheid im Verhältnis zur überwiegend einheimischen Bevölkerung traten die Makedonen oder Griechen alsbald in eine Gemeinschaft ein, die aus den Siedlungsinseln (katoikiai) hellenistische Städte machten. Anders als bei den nicht überlebensfähigen Alexanderstädten im fernsten Orient ging die Saat der Diadochen in Anatolien an vielen Stellen auf, und das hat die politische Landkarte Kleinasiens nachhaltig verändert. Die

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100

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Antiocheia am Pyramos Seleukeia am Kalykadnos

Antiocheia am Kydnos

Laodikeia Katakekaumene

Seleukeia in Pamphylien

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Seleukeia in Pisidien

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Nysa Arsinoeia Seleukeia am Maiandros

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Karte 8:  Diadochen- und frühe Epigonenkolonien

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Ägäisches Meer

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Kleinasien und die Diadochen 259

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wichtigsten Vorgänge seien hier genannt: Unter Antigonos soll Smyrna aus ­einem Verbund dörflicher Siedlungen neu gegründet worden sein. Außer der durch den Synoikismos aus sechs Orten vollzogenen Gründung in der Troas entstanden nach ihm Antigoneia benannte bei Kyzikos, bei Daskyleion (wahrscheinlich dem Hafenort, nicht dem Satrapensitz), am Askaniasee in Bithynien und vielleicht auch in Dorylaion in Phrygien. Sein General Dokimos, der 302 zu Lysimachos überlief, gründete die später für ihre Marmorproduktion bekannte Stadt Dokimeion in Phrygien. Lysimachos gab dem bithynischen Antigoneia den Namen seiner ersten Frau Nikaia, einer Stadt, die sich glänzend entwickelte und über 600 Jahre später mit dem dort abgehaltenen ökumenischen Konzil (Kirchen-) Geschichte machen sollte. Seine zweite Frau Amastris durfte mit ihrem Namen den erwähnten Synoikismos am Schwarzen Meer schmücken. Die Gründung des Antigonos in der Troas machte Lysimachos zu Alexandreia. In Mysien gab es ein nach seinem ältesten Sohn benanntes ­Agathokleia. Smyrna dachte er den Namen seiner Tochter zu und nannte es Eurydikeia, der freilich ebensowenig Bestand hatte wie der nach seiner dritten Frau Ephesos gegebene Name Arsinoeia. Seleukos der «Sieger» hatte weniger Zeit zu Städtegründungen in Anatolien als die von ihm daselbst besiegten Vorgänger. Die Städte Seleukeia am Maiandros (Tralleis), Seleukeia in Pamphylien und Seleukeia in Pisidien sind vermutlich, Stratonikeia am Kaikos sicher erst von seinem Sohn gegründet worden. Dasselbe trifft, wenn auch Seleukos’ Urheberschaft nicht völlig ausgeschlossen ist, auf die Neubesiedelung der alten lydischen Stadt Thyateira mit makedonischen Offizieren und Soldaten zu, des weiteren auf Nysa (zuvor Athymbra) und Apollonia Salbake in Karien, auf Laodikeia Katakekaumene in Pisidien, das nach Seleukos’ Mutter Laodike, und auf Apameia (bei Kelainai) in Phrygien, das nach der Baktrierin Apama benannt ist, mit der Seleukos bei der Massenhochzeit von Susa 324 vermählt worden war. Immerhin haben von den seleu­kidischen Gründungen in Kilikien, das er 295 v.  Chr. in Besitz nahm, zwei, Antiocheia am Pyramos (Magarsos) und Antiocheia am Kydnos (Tarsos),32 die Chance, bis auf ihn zurückzugehen, während Seleukeia am Kalykadnos, das heutige Silifke, explizit ihm zugeschrieben wird (Ammianus 14, 8, 2; Stephanos von Byzanz p. 560, 3–9 s. v.). Die Ptolemaier treten in Kleinasien als Gründer erst mit ihrem zweiten Dynasten, der den Beinamen Philadelphos trug und von 282–246 v. Chr. regierte, in Erscheinung. Anatolien besaß viel Fläche, die sich, bei nicht allzuweiten Entfernungen von einer Zone schon lebensfähiger Städte, für neue Niederlassungen anbot. Wenig wissen wir über die unmittelbaren Auswirkungen solcher Vorgänge auf die Besitzverhältnisse der Alteingesessenen. Das Neusiedlern zugedachte Land dürfte nicht überall herrenlos gewesen sein. Synoikismen trafen durchaus auf zähen Widerstand, und nicht wenige von ihnen waren zum Scheitern verur-

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Kleinasien und die Diadochen 261

teilt. Als brachiale Versuche, die «sehr introvertierte Gemeindeidentität» zu überwinden, sind die Maßnahmen folglich in der Forschung durchaus negativ bewertet worden. Dem Lob der Stärkung städtischer Entwicklung sind die Epigraphiker Robert und Wörrle, der von «ganz selbstherrlich-brutaler Diadochenmanier»33 spricht, mit Tadel entgegengetreten. Doch läßt sich nach Durchsicht der verschiedenen Beispiele ein Pauschalurteil nicht fällen. Trotz einzelner Härtefälle wie der Behandlung Kolophons durch Lysimachos sind die Pläne und Maßnahmen der Herrscher von der Brutalität etwa assyrischer Massendeportationen weit entfernt. Vielmehr findet man auch eingehende und differenzierte Berücksichtigung der Wünsche und Vorschläge der Bürger sowie das Bemühen, vorhandene Institutionen und Traditionen zugrunde zu legen und zu nutzen. Wo Widerstand und Mißmut im Spiel waren, richtete Abb. 38:  Restaurierter Apollontempel von Didyma bei Milet, Freitreppe zum «Zwei-

säulensaal»

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sich die Frontstellung wohl nicht immer geschlossen gegen den Herrscher, sondern auch gegeneinander. Denn auf seiten der Poleis gibt es den latenten Appetit des größeren Nachbarn, sich den kleineren einzuverleiben, und es kommt vor, daß der Monarch den schwächeren schützen muß. Zu den Strukturveränderungen der Diadochenzeit gehört auch ein neues Aussehen mancher Stadtzentren. In die Phase der Synoikismen und Neugründungen hinein setzt sich eine in der Alexanderzeit begonnene baugeschichtliche «Renaissance» einiger Städte fort, vor allem durch ihre in Marmor ausgeführten Tempel. Die völlig neue Gesamtanlage der Stadt Priene – zu Initiatoren und Gründen ist nichts überliefert – fällt zwar schon in die zweite Hälfte des 4. Jh.s, zieht sich aber bis in die frühhellenistische Zeit hinein. Das ganze, über eine Hanglage sich erstreckende Wohngelände war nach einem schachbrettartigen Gesamtplan in etwa gleichgroße rechteckige Grundstücke aufgeteilt. Seit der spätklassischen Epoche wurde hier an dem von Pytheos ­(einer der beiden Architekten des Maussolleion) entworfenen Athenatempel weitergebaut, zur selben Zeit nahm die Arbeit an dem neuen Artemision bei Ephesos ihren Fortgang, noch bevor Lysimachos die Neustadt anlegte. In der Alexanderzeit entstand der Marmortempel für Athena auf dem Burgberg von Pergamon und unter Lysimachos in Ilion der einfache Ringhallentempel mit dorischer Ordnung. Etwa gleichzeitig mit dem Beginn des riesigen Artemi­ sion von Sardeis ging man im Heiligtum des Apollon von Didyma bei Milet um 300 v. Chr. daran, ein ganz neues Bauwerk in ionischer Tradition zu entwerfen, das – nie vollendet – in verschiedener Hinsicht als Unikum zu beschreiben ist. Der heute sichtbare, ausgegrabene und restaurierte Baukörper ist die größte Tempelruine Kleinasiens (Abb. 38). Auf dem Stylobat, der obersten Standfläche (51  × 109 m) eines siebenstufigen Fundaments (krepis), erheben sich Vorhalle (pronaos) und doppelte Ringhalle mit insgesamt 120 Säulen, jede von ihnen 19,7 m hoch und 2 m im Durchmesser. Der Weg vom Pronaos ins Innere führte durch zwei Tunnel mit Tonnengewölbe zu beiden Seiten eines rechteckigen Raumes, des «Zweisäulensaales». Die große ‹Tür› in der Mitte lag über einer hohen, von außen nicht besteigbaren Schwelle, zu der man nur über die monumentale Freitreppe aus dem Innern hinaufgelangen konnte. Das Innerste – ein für die Öffentlichkeit unzugänglicher Bereich (adyton) – ist ein unter freiem Himmel («hypaithral») gelegener, langrechteckiger Hof, 21,7 × 53,6 m, wo sich mit der heiligen Quelle die Orakelstätte des Gottes und in ­einem kleinen Schrein sein Kultbild befanden. Das Gehniveau dieses Innenhofes lag erheblich tiefer als das Bodenniveau des um ihn herum gebauten Tempelpodiums; eingefaßt wurde der Hof von einer glatten, marmornen So­ ckelmauer, auf der man die feinen Ritzzeichnungen der Baukonstrukteure entdeckt hat, und darüber einer durch Pilaster gegliederten Wandzone bis hinauf zum Dach der Ringhalle.

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2. EPIGONENZEIT

Mit dem Untergang des Lysimachos 281 v. Chr. und der kurz darauf erfolgten Ermordung des Seleukos verblieb der gewichtigste Anspruch auf die Herrschaft über Anatolien bei den Erben des Seleukos, zunächst seinem Sohn Antiochos I. Er war in den neunziger Jahren zum Mitregenten erhoben und in die oberen Satrapien geschickt worden. Antiochos, so heißt es bei Memnon von Herakleia, «bewahrte in vielen Kriegen, wenn auch mit Mühe und nicht vollständig, gleichwohl die väterliche Herrschaft». (FGrHist 434 F 1, 9, 1). Eine kohärente arche im ganzen Land sollte jedoch bis zur Unterwerfung durch Rom nicht zustande kommen. Noch während das Reich der Seleukiden Bestand hatte, erst recht nach seiner 189 v. Chr. von den Römern erzwungenen Auflösung im größten Teil Kleinasiens, zerfiel die politische Landkarte in immer neue Aktionsfelder, entstanden kleine und große, vorübergehende oder dauerhafte Sonderreiche von Königen und Usurpatoren, Dynasten, Bünden und Städten; aus diesem Grund fällt es nicht immer leicht, in der sogenannten Epigonenzeit den Überblick über die Entwicklung in Kleinasien zu behalten. Wir werden im folgenden neben den großen Linien auch regionale Schwerpunkte in die Betrachtung einbeziehen, wo sich wichtige Veränderungen vollzogen haben.

2.1.  Das Seleukidenreich in Anatolien In dem gigantischen Reich von Afghanistan bis an die Ägäis hießen die anatolischen Besitzungen – naturgemäß aus der Perspektive der Zentrallandschaften Babylonien und Syrien – das Land «jenseits» (he epekeina) des Tauros. Sie waren später, unter Antiochos III., als Ganzes einem Regenten anvertraut, dessen Stellung der eines Vizekönigs gleichkam. Unter diesem König tritt neu auch ein «Erzpriester aller Heiligtümer im Land jenseits des Tauros» in Erscheinung. Er ist zugleich Erzpriester des Herrscherkultes im ganzen transtau-

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Abb. 39:  Stammbaum der frühen Seleukiden

Tochter   Antiochis ∞ Xerxes von   Seleukos III.   Euboia von ∞  Antiochos III. Megas ∞  Laodike T. des   Achaios d. J. ∞  Laodike ? ∞  Heliokles ?                    Armenien    Soter         Chalikis                            Mithradates II.                                                                               von Pontos

Seleukos II. Kallinikos ∞ Laodike II.   Antiochos Hierax ∞  T. des Ziaelas von   Apames   Stratonike ∞  Ariarathes III. von   Laodike ∞  Mithradates II.                                                  Bithynien                              Kappadokien                von Pontos

                                     Antiochos (246 beseitigt)

Seleukos   Laodike I. T. des ∞ Antiochos II. Theos ∞ Berenike I., T des   Apama ∞ Magas von Kyrene   Stratonike ∞ Demetrios II. von Makedonien            Achaios d. Ä.                         Ptolemaios II.

                      Attalos I. von Pergamon

                       Antiochis ∞ Attalos

Antiochos I. Soter         Achaios der Ältere           Phila II. ∞ Antigonos Gonatas von Makedonien ∞  Stratonike (Stiefmutter)

             Apama     ∞     Seleukos I. Nikator     ∞     Stratonike (T. des Demetrios Poliorketes)

                             Antiochos ∞ Laodike

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Epigonenzeit 265

rischen Gebiet, und nach seinem Vorbild befahl der Seleukide 193 v. Chr. die reichsweite Einsetzung von Erzpriestertümern (archiereiai) für den Kult der Königin Laodike.34 Anscheinend haben die Könige auch eine Art Reichs­ finanzminister, wie er schon in der Alexanderzeit bezeugt ist, übernommen – den «Eineinhalber» (hemiolios).35 Der wichtigste seleukidische Sitz in Anatolien wurde Sardeis, wo die Könige residierten, wenn sie «jenseits» des Tauros verweilten. An ein Verweilen war jedoch selten zu denken, da sie in andauernden Mehrfrontenkriegen von Land zu Land zogen, weniger, um neue Gebiete zu erobern, als vielmehr um das bestehende Beziehungssystem aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Die Seleukiden waren zur Hälfte iranischer Abkunft (Antiochos’ Mutter war die Iranerin Apama). Von allen Königen in Kleinasien der Epigonenzeit dürften sie der vom Achaimenidenreich vorgeprägten und von Alexander übernommenen Form der Landesherrschaft am nächsten gestanden haben. Mit Ausnahme der zusätzlich gebildeten Satrapie Lykaonia bestand das oben skizzierte Satrapiensystem der Diadochenzeit in Kleinasien fort. Die Festungen und gazophylakia behielten ihren Stellenwert im strategischen Netzwerk und sind sicher noch weiter ausgebaut worden. Das System der Untergliederungen der Satrapien bildet eine schwierige Thematik, die wir hier nicht ausbreiten können. Eine stringent einheitliche Ordnung im ganzen Kleinasien scheint unter den Seleukiden zu keiner Zeit existiert zu haben, was bei den großen landschaftlichen und historischen Unterschieden nicht verwunderlich ist. Unter den Regenten einer Satrapie standen Oberbeamte, hyparchoi ([111] Welles, RC 20 Z. 5, vgl. 37 Z. 1). Der Titel eines königlichen Repräsentanten aus der Zeit Antiochos’ I. «Fürsorger des Ortes» (epimeletes tu topu) hat zu der Überlegung Anlaß gegeben, daß wie im ptolemaiischen Ägypten auch in Anatolien die sogenannte Toparchie als administrative Einheit unter einem zivilen Funktionär verbreitet gewesen ist. Dieser epimeletes entspräche dann den aus Ägypten und Syrien bekannten toparchai.36 Die administrative Tätigkeit königlicher «Verwalter» (dioiketai) erstreckt sich auf Satrapienebene, die der «Haushälter» und «Steuerabrechner» (oikonomoi und eklogistai) auch auf Untereinheiten der Satrapie. Beide Bezeichnungen, dioiketai und oikonomoi, beziehen sich auch auf Verwalter privater Landgüter der Könige und Höflinge – eine begriffliche Ambivalenz, die später bei den römischen procuratores, kaiserzeit­ lichen Domanial- oder Fiskalprokuratoren (S. 462), eine Entsprechung hat. Das Reich war «speergewonnen» und Königsland (basileia, he tu basileos). Die Ansiedelung von Makedonen und Griechen auf Landlosen (kleroi) und Zusammensiedelung mit Einheimischen nahm in der Seleukidenzeit ihren Fortgang.37 Jenseits der Küstenzonen in der Weite Anatoliens sind mit Aus-

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nahme der Burgen und Residenzen noch immer nur wenige Orte urbanen Charakters mit öffentlichen Gebäuden in Steinarchitektur zu finden. Es herrschen verschiedene Abstufungen dörflicher Siedlungsformen vor, bewohnt von tributpflichtigen Bauern (laoi).38 Abgesehen von meist um ein religiöses Zentrum herum vereinigten Dorf- bzw. Clanverbänden ist die größte Einheit das Dorf (kome), das nicht nur als Siedlungstyp, sondern auch als beschlußfähiger Personenverband in Erscheinung tritt. Verschiedene Termini, deren Wortsinn oft schwankend ist, verweisen auf noch kleinere Siedlungseinheiten als Dörfer wie Ortschaften oder Gehöfte (chorion, topos, baris, epaulia).39 Ihre Streuung muß man sich je nach Landschaftstyp ganz unterschiedlich vorstellen. Die archäologischen Surveys im lykischen Yavu-Bergland haben eine relativ hohe Dichte von Einzelgehöften ergeben. Die fruchtbaren Hochbecken von Kappadokia am Meer beispielsweise scheinen, wie der Regionenname Chiliokomon sagt, Tausende von Dörfern besessen zu haben. Von diesem Königsland zu trennen sind das Staatsland einer griechischen Polis (politike chora) und das Tempelland, das – wie schon in älteren Epochen – als Land der Gottheit gilt und der Verwaltung und Nutznießung eines Priestertums überlassen ist. Soweit wir wissen, hat man im allgemeinen diese beiden Kategorien von Land nicht als «tributpflichtig» betrachtet, was freilich nicht bedeutet, daß von Poleis keine Steuern (syntaxeis) erhoben wurden. Ein diesbezüglich aufschlußreicher Vorgang wird aus einer zwischen Antiochos I., seinem Satrapen im hellespontischen Phrygien, Meleagros, und der Stadt Ilion geführten Korrespondenz deutlich ([111] Welles, RC 10–12).40 Sie war in Steininschriften publiziert worden, die Heinrich Schliemann 1873 in Troia gefunden hat. Es geht um ein Landgeschenk an den Günstling des Königs und illustren Bürger der Stadt Assos in der Troas, Aristodikides: «König Antiochos grüßt Meleagros! Wir haben dem Aristodikides von Assos 2000 Plethren (Flächenmaß, ca. 27–35 m2) kultivierbares Land gegeben, damit es mit dem Stadtgebiet von Ilion oder Skepsis vereinigt wird. Gib deshalb Befehl, daß Aristodikides von dem Land, das dem Territorium von Gergis oder Skepsis benachbart ist, wo auch immer dir am besten geeignet erscheint, die besagten 2000 Plethren Land zugewiesen werden, und erweitere um diese Grundstücke die Landesgrenzen von Ilion oder Skepsis.» Die Zuordnung der Ländereien zu einem Stadtterritorium, das heißt die Ausgliederung aus der basileia und Aufnahme in die Kategorie der ge politike (Staatsgebiet der Polis), ist Aristodikides gemäß einem früheren Brief als Privileg gestattet worden. Nach den topographischen Gegebenheiten der Nachbarschaften standen verschiedene angrenzende Poleis zur Wahl. Nachdem sich auch andere mit Geschenken bei ihm beworben hatten, bevorzugte Aristodikides Ilion. Ein ähnlicher Vorgang ist die Landschenkung – genauer: der Verkauf – von Antiochos II. an seine Exfrau Laodike im Dossier einer Königskorrespondenz von 254/3 v. Chr. ([111] Welles,

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RC 18–20). Die an die Städte Zeleia und Kyzikos angrenzenden Ländereien mitsamt ­einem größeren Dorf und kleineren Weilern oder Gehöften (topoi) sowie den dort lebenden Kleinbauern und ihrer Habe erwirbt Laodike zugleich mit der Erlaubnis, das Land dem Stadtterritorium ihrer Wahl einzuverleiben. Künftige Käufer des Landes von Laodike dürfen, sofern dies nicht schon von der Vorbesitzerin getan worden ist, es ihrerseits einem Stadtgebiet zuschlagen. In der umfangreichen Diskussion dieser Zeugnisse stehen verschiedene Auffassungen über das Eigentumsrecht am Boden gegeneinander; wir haben die Problematik bereits bei der Auslegung des Begriffes «mein Land» im Brief des Perserkönigs Dareios an Gadatas angeschnitten: War grundsätzlich alles Land der basileia Eigentum des Königs? Blieb dem Monarchen ungeachtet ­aller Besitzverhältnisse die alleinige Verfügungsgewalt, das heißt, konzedierte er anderen bloß den Landbesitz auf Widerruf? Oder respektierte der König fremdes Eigentumsrecht an Land? Beschränkte sich mithin der Begriff «Königsland» (basilike chora) eigentumsrechtlich auf das, zweifellos sehr ausgedehnte, Privatland des Königs? Gewiß ist: Nicht nur fest definierte Einheiten von Land wie die politike chora von Ilion, das als «Polis in unserer Symmachia» sicher außerhalb des Reichsgebietes lag, hat der König respektiert, sondern auch die vielfältig gewachsenen Besitzverhältnisse in der basileia selbst, bis hin zu den Landlosen der von ihm neugegründeten Siedlungen. Über diese jederzeit als Reservoir einer beliebigen Umverteilungsmasse zu verfügen wäre, wie der Historiker Christof Schuler überzeugend dargelegt hat, zum Scheitern verurteilt und nicht im Interesse des Königs gewesen.41 Andererseits zeigen die Eingriffe der Herrscher, daß sie Besitz an Wohlverhalten knüpften und sich für berechtigt hielten, Illoyali­tät mit Konfiskation zu bestrafen (IG XII 6, 1, 11). Land, das der König an Privatleute ‹verschenkt› (ge en dorea) und damit ein besonderes Loyalitätsverhältnis auf territorialer Basis begründet hatte, konnte er auch wieder einziehen.42 In einzelnen Fällen zögerten Monarchen nicht einmal, ganze Poleis zu ‹verschenken›: Aus dem 2. Makkabäerbuch (4, 30 f.) erfahren wir, daß in den kilikischen Städten Tarsos und Mallos Aufstände losbrachen, als Antiochos IV. sie seiner Geliebten zum Geschenk machen wollte. Sein Vorgänger Antiochos III. bot Eumenes von Pergamon die Hand seiner Tochter und die dem Pergamener früher entrissenen Städte. Dieser selbst schenkte Tieion am Schwarzen Meer, nachdem er es von Pharnakes erhalten hatte, an Prusias von Bithynien (Polybios 25, 2, 7). Und der rhodische Gesandte Astymedes bat im Jahre 165/4 v. Chr. den römischen Senat, er möge von der Befreiung der Festlandsbesitzungen seines Staates wenigstens folgende ausnehmen: «Kaunos haben wir doch für 200 Talente von den Strategoi des Ptolemaios gekauft, und Stratonikeia erhielten wir in großer Dankbarkeit von Antiochos und Seleukos» (Polybios 30, 31, 3–8).

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Zurück zur Landschenkung an Aristodikides in der Troas. Bemerkenswert ist vor allem dies: Nicht nur für die ihr Territorium erweiternde Polis, sondern für Aristodikides (und, im anderen Fall, Laodike) als Landbesitzer mußte die Überführung des Besitzes in den Bereich der Stadt, also der politike chora, eine Besserstellung bedeuten – gewiß nicht in erster Linie wegen der ihnen von der begünstigten Stadt erwiesenen Ehrerbietung und der dargebrachten Geschenke. Der Vorteil muß sich unseres Erachtens in einer anderen Besteuerungspraxis materialisiert haben, die eben auf die klare Abgrenzung des Polislandes vom Königsland Rücksicht nimmt. Wie einst der bei Sardeis beschenkte Mnesimachos so muß auch Aristodikides dem königlichen Fiskus steuerpflichtig geblieben sein, solange sein Land zur basileia gehörte. Als Teil eines Stadtterritoriums dagegen war es zwar vermutlich auch nicht völlig steuerfrei,43 aber anscheinend steuergünstiger veranlagt.

2.2. Ankunft und Ansiedelung der Galater in Kleinasien, die frühen Attaliden von Pergamon Ereignisse von großer Tragweite bahnten sich nach der Schlacht auf dem Koru­ pedion 281 v. Chr. im Nordwesten Kleinasiens, in Bithynien an. Das von Lysimachos dort hinterlassene Machtvakuum machte sich Zipoites, der an Seleukos’ Seite in der Schlacht gekämpft, den Königstitel angenommen und eine Stadt Zipoition gegründet hatte, zunutze und entriß der Polis Herakleia Pontike Teile ihres Territoriums: Kieros – das spätere Prusias am Hypios –, Tieion und die Thynias. Die Herakleoten am Schwarzen Meer ihrerseits suchten sich königlicher Oberhoheit noch unter Seleukos Nikator zu entziehen. Antiochos I. – er hielt sich in Syrien auf – entsandte zuerst eine Armee nach Klein­ asien, doch der in Bithynien operierende Offizier Hermogenes von Aspendos fiel in einem Hinterhalt der Bithyner. Jetzt faßte der König den Entschluß, selber gegen Bithynien zu marschieren.44 Inzwischen war dem Zipoites sein ­ältester Sohn Nikomedes I. nachgefolgt. Dieser erwarb sich gegen die Zusicherung der Rückgabe der entrissenen Gebiete mit der Stadt Herakleia einen Verbündeten, sah sich jedoch zugleich von seinem gegen ihn rebellierenden jüngeren Bruder Zipoites II. bedrängt. Nikomedes lud daraufhin die Kelten ein, nach Kleinasien überzusetzen und sich mit ihm gegen Zipoites und zugleich gegen Antiochos I. zu verbünden. Die bis an das thrakische Ufer des Bosporus vorgedrungenen Kelten bestanden aus zwei Gruppen. Da die Byzantier sich deren Einschiffung zunächst widersetzten, marschierten beide zum Hellespont, wo der Abteilung unter Führung des Lutatios im Winterhalbjahr 278/7 v. Chr. die Überfahrt gelang,

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während Leonnorios seine Abteilung an den Bosporus zurückführte. Hier verhalf ihm Nikomedes zur Überfahrt, und beide Gruppen vereinigten sich auf asiatischem Boden noch im selben Jahr, wohingegen eine dritte Gruppe ein Jahr später nachfolgte. Die Gesamtzahl wird etwa auf 30 000 bis 35 000 Menschen geschätzt. Der Fortgang der Ereignisse ist äußerst lückenhaft dokumentiert. Nikomedes vermag sich jedenfalls mit ihrer Hilfe seines Bruders ­Zipoites zu entledigen. Im folgenden ergriffen die Kelten wohl selbst die Initiative und wanderten teilweise bis weit in den Süden. Noch im Jahr 277/6 v.  Chr. überfielen sie das Heiligtum von Didyma, plünderten den Tempelschatz und wüteten im Territorium von Milet. Ein mutiger Bürger organisierte in Priene Streitkräfte zur Landesverteidigung. Andere Orte folgten. Der wenige Jahre zuvor von Lysimachos zu Seleukos übergetretene, jetzt relativ eigenständige und vor allem reiche Philetairos von Pergamon half den Bürgern von Kyzikos zur Verteidigung ihres Territoriums mit Geld und Getreide. An die ihn um Waffenlieferung bittende Gemeinde von Kyme in der Aiolis schickte er 600 Schilde ([195] SEG 50, 1195). Volksbeschlüsse der Erythraier reden von «vielen Schrecken und Gefahren», Geiselstellungen und Tributzahlungen, eine Votivstele von Thyateira in Lydien von der Errettung eines Mannes aus keltischer Gefangenschaft. Einzelne Keltengruppen stießen bis in das phrygo-pisidische Grenzgebiet, nach Sagalassos und sogar nach Tlos in Lykien vor. Zehn Jahre nach ihrem Übertritt nach Asien, im Jahr 268/7 v. Chr., dankten die Dorfbewohner von Neonteichos und Kiddiukome in Phrygien, wo später die Stadt Laodikeia am Lykos entstand, zwei Funktionären der seleukidischen Administration dafür, daß diese eine große Zahl von Gefangenen freigekauft hatten.45 Antiochos I. errang einen für sein Ansehen in ganz Kleinasien wichtigen Sieg, als er die Kelten irgendwo im Raum Ankyra in der sogenannten «Elefantenschlacht» schlug. Der Anblick von Elefanten muß den Kelten einen Schock versetzt haben, wie es sonst nur der Anblick moderner Kunst vermag – diesen Vergleich jedenfalls zieht der Schriftsteller Lukian, wenn er der Wirkung des weiblichen Hippokentauros, eines Gemäldes von dem berühmten Künstler Zeuxis, auf zeitgenössische Betrachter die Schilderung von Antiochos’ Elefantenschlacht gegenüberstellt: «Weder die Galater selbst noch ihre Pferde hatten jemals zuvor einen Elefanten gesehen, und so wurden sie auf den unerwarteten Anblick hin so erschüttert, daß sie noch bei einiger Entfernung der Tiere, als sie nur ihr Trompeten hörten und die Stoßzähne vom Schwarz ihres ganzen Körpers um so deutlicher hervorglänzen und die Rüssel sichelförmig sich aufbiegen sahen, bevor diese auf Pfeilschußweite herankamen, sich umwandten und ohne jede Ordnung die Flucht ergriffen.» (Lukian, Zeux. 8–11). Das von Antiochos aufgerichtete Siegesmal soll einen Elefanten dargestellt haben, der einen keltischen Krieger zertrampelt.

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Noch immer ist ganz unsicher, wann genau diese bedeutende Wende erfolgte. Zwischen 276/5 und 274 residierte Antiochos I. in Sardeis (Keilschrifttafel B. M. 62689). Im Laufe der sechziger Jahre muß der Erfolg gefeiert worden sein, denn aus Urkunden der Zeit zwischen 267 und 262 erfahren wir von der Einrichtung eines Antiochos Soter («Retter»)-Kultes in den Städten des ­ionischen Bundes. Wohl kurz darauf erließ der König der Stadt Erythrai die Galater-Syntaxis, eine Steuer, die offenbar alle Städte zur Kriegführung gegen die Kelten beitragen mußten. Zu berücksichtigen ist ferner, daß Antiochos in dem Zeitraum 274 bis 271 einen Krieg außerhalb Kleinasiens führen mußte, den «Ersten Syrischen Krieg» gegen Ptolemaios II. Philadelphos.46 Die Galater in Kleinasien Einige Zeit nach den raumgreifenden Kriegs- und Plünderungszügen – als Hauptanführer hatte sich Leonnorios einen Namen gemacht – ließen sich die Kelten nach den drei großen Stämmen getrennt in Mittelanatolien ansiedeln: die mit Namen Tolistoagier (so die Inschriften von Pergamon) oder Tolistobogier benannten im Westen um ein altphrygisches Heiligtum in Pessinus (nicht weit von Gordion), das zu einem bedeutenden Handelsplatz heranwuchs. Ihre Wohnsitze im Sangariosbogen bedeckten einen Teil Großphrygiens und wohl auch den gebirgigen Südrand Bithyniens. Festungen namens Blukion und Peion sicherten später das Land.47 Die zweite, geographisch mittlere Gruppe, die Tektosagen, siedelte um die Burg und das Men-Heiligtum von Ankyra. Die dritte östliche, Trokmer, ließ sich jenseits des Halys nieder, um Tavium (Büyük Nefes Köy bei Yozgat), wo sich ebenfalls ein Heiligtum befand und ein Emporion (Handelsstützpunkt) entwickelte. In dieser bereits zu Kappadokien am Meer gehörenden Landschaft entstanden weitere Festungen, zu denen die ­Galater später noch die Burgen Mithridation und Danala hinzugewannen. Es ist wahrscheinlich, daß die Ansiedelung der westlichen Gruppe schon sehr früh nach dem Übertritt über den Bosporus und im Einvernehmen mit Nikomedes erfolgte. Die mittleren und östlichen Wohnsitze könnten den Tektosagen und Trokmern von Antiochos nach der Elefantenschlacht zugewiesen worden sein. Demgegenüber kann die offizielle pergamenische Version, die Ansiedelung sei auf den Sieg des Attalos I. hin erfolgt (S. 280), weniger Glaubwürdigkeit beanspruchen (Pausanias 1, 4, 5; 1, 8, 1). Der byzantinische Schriftsteller Stephanos von Byzanz zitiert einen hellenistischen Autor, Apollonios von Aphrodisias, demzufolge der Stadtname Ankyra (griech. für Anker) auf folgende Weise mit der Stadtgründung durch die Kelten zusammenhinge: Im Bund mit Mithradates und Ariobarzanes hätten diese eine von Ptolemaios von Ägypten ausgesandte Invasionsarmee zurückgeschlagen und bis an die Küste verfolgt. Die von den Fliehenden zurückgelassenen Anker ihrer Schiffe hätten

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die Kelten in ihre Ansiedlung mitgenommen und diese danach benannt. Ankyra ist jedoch sicher keine keltische Gründung. Auch steht die Invasion einer ptolemaiischen Flotte an der Schwarzmeerküste in dieser Zeit ganz isoliert in unserer Überlieferung.48 Die erst später sich verfestigende Organisation der Galater skizziert Strabon (12, 5, 1) folgendermaßen: «Die drei Stämme sprachen dieselbe Sprache und unterschieden sich voneinander in keiner Weise. Jeder war geteilt in vier Teile, welche sie «Tetrarchien» (Vierherrschaften) nannten. Jede Tetrarchie besaß ihren eigenen «Tetrarchen» (Häuptling), ebenso einen Richter und einen Heereskommandeur (stratophylax), beide dem Tetrarchen unterstellt, des weiteren zwei Unterkommandeure (hypostratophylakes). Der Rat der zwölf Tetrarchen bestand aus 300 Männern, die sich an einem Ort namens Drynemeton versammelten. Der Rat saß zu Gericht über Mordfälle, die Tetrarchen und Richter über die anderen Rechtsfälle.» Der Tetrarchentitel ist inschriftlich und bei Schriftstellern nicht vor dem 1. Jh. v. Chr. bezeugt, und man hat erwogen, daß die Vierherrschaft überhaupt erst von Pompeius eingerichtet worden sei.49 Zu den altanatolischen, thrako-balkanischen, griechischen, iranischen und semitischen Bevölkerungselementen Kleinasiens haben die Galater auf Dauer ein weiteres hinzugefügt, das nicht verstreut wurde, sondern in einem relativ klar umrissenen Gebiet Mittelanatoliens beheimatet blieb. Strabon bemerkt zu Beginn des 1. Jh.s n. Chr., daß das ganze von den Kelten besiedelte Land zu seiner Zeit Galatia oder Gallograikia genannt wird.50 Zu seiner Zeit bestand eine nach diesem Landschaftsnamen gebildete Provinz, an die zahl­ reiche Gebiete außerhalb der Wohnsitze der Kelten angegliedert wurden. Die am besten vertraute Assoziation des Namens der kleinasiatischen Kelten, Galater, im neuzeitlichen Europa ist zweifellos der Brief des Apostels Paulus, und es herrscht eine alte Kontroverse darüber, wer denn eigentlich als Adressat gemeint war, das um Ankyra siedelnde Volk oder Bewohner der (weiter süd­ lichen Teile der) Provinz. Stammstaatliche Institutionen und Adelstradition bestanden noch in der Kaiserzeit, wo sich einzelne in Inschriften stolz auf ihre Abstammung von Tetrarchen beziehen. Ihre Sprache war bis in die Spätantike lebendig, wenn auch nichts Schriftliches überliefert ist. Sprachgut liegt nur mehr zertrümmert, im Namenmaterial sowie in Lehnwörtern, vor. Der durch eine Schmähschrift des zeitgenössischen Literaten Lukian bekannte Priester Alexandros, der im benachbarten Paphlagonien des 2. Jh.s n. Chr. Orakelsprüche ausgab, erhielt Anfragen auch in Keltisch, konnte sie aber selber nicht beantworten und mußte sich bei Landsmännern (homoethneis) dieser Kunden Übersetzungen einholen (Lukian, Alex. 51). Im 4. Jh. n. Chr. bemerkt der heilige Hieronymus, daß die Galater in der Umgebung von Ankyra beinahe dieselbe Sprache sprechen wie

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die Trierer (in Gal. PL 26, 382c). Wenn noch Schriftsteller der Kaiserzeit und Spätantike mit Verachtung von Galatern als dummen und rohen Barbaren sprechen, so ist dies kein Antikeltismus, sondern Teil ihres negativen Bildes aller indigenen, nicht oder wenig hellenisierten und gebildeten Bevölkerung Anatoliens. Trotzdem ist schon im Hellenismus, insbesondere von Pergamon ausgehend, das spezifische Image des plündernden und mordenden Barbarenhaufens, mit dessen Erscheinen kindynos (Gefahr) und phobos (Schrecken) ausbrechen, den Galatern angeheftet worden und hat von der Ikonographie hellenistischer Bildkunst bis in die Geschichtsbücher der Neuzeit fortgewirkt. Was Morden und Plündern betrifft, standen andere Armeen im hellenistischen Kleinasien den Galatern in nichts nach. Interessant ist, wie Polybios es bewertet, daß der König Prusias von Bithynien nach einem Sieg über die Galater am Hellespont in deren Lager eindrang und fast alle Kinder und Frauen niedermetzeln und ihre Habe plündern ließ: «Indem er dies tat, erlöste er die Städte am Hellespont von großem Schrecken und großer Gefahr, und er hinterließ den künftigen ein schönes Exempel, daß sich die Barbaren aus Europa den Übergang nach Asien nicht leicht machen sollten.» (Polybios 5, 111). Bei den kleinasiatischen Galatern gibt es Hinweise auf Menschenopfer. Entgegen manchen modernen Versuchen, diese Äußerungen als Barbaren­ topik zu entkräften, sind sie zweifellos historisch. Mit Abscheu spricht Diodor (31, 13) von der Praxis, unter den Kriegsgefangenen die schönsten und im besten Alter stehenden auszuwählen und den Göttern zu opfern, «wenn es einen Gott gibt, der solche Ehren annimmt», die übrigen mit dem Speer niedermachen zu lassen. Livius (38, 47, 12) läßt in seiner Verteidigungsrede 187 v. Chr. den römischen Feldherrn Gnaeus Manlius Vulso (S. 292 f.) sagen, daß es ihm die Städte Asiens dankten, von den Heimsuchungen der Galater befreit worden zu sein, die es mit sich brachten, daß ihre Kinder als Menschenopfer geschlachtet wurden: mactatas humanas hostias immolatosque liberos suos. Bei den Ausgrabungen von Gordion, im Gebiet der Tektosagen, sind Skelettfunde von Frauen und Kindern ans Licht gekommen, die gewaltsam getötet, wahrscheinlich geopfert worden sind.51 Gewissermaßen die positive Kehrseite des Galaterbildes in den antiken Texten ist ihre Kriegstüchtigkeit, Härte und Ehrbarkeit. Unter den Galaterinnen, die Plutarch in seiner Schrift Über die Tugenden der Frauen aufführt, sind Kamma und Chiomara (mor. 257e – 258c; 258e – f ). Die eine, Priesterin der Kybele, Ehefrau eines Tetrarchen und Objekt der Begierde eines zweiten, widerstand dessen Trachten. Nach seinem Meuchelmord an ihrem Mann ruhte sie nicht, bis sie sich und ihn vergiftet hatte. Die andere, ebenfalls Frau eines Häuptlings, war bei der Expedition des Manlius in Kriegsgefangenschaft geraten, von einem römischen Offizier vergewaltigt, dann ihrem Stamm zum Freikauf angeboten worden. Sie arrangierte es, daß der Römer bei der Übergabe

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niedergemacht wurde, und überbrachte den Kopf ihrem Ehemann mit der Bemer­kung, schöner noch als Treue sei die Gewißheit, daß von Männern, die sie jemals berührt hätten, nur einer am Leben sei. Plutarch fügt hinzu, daß ­Polybios mit dieser Frau in Sardeis ein Gespräch geführt, ihre Klugheit und Gewandtheit bewundert habe. Machtentfaltung der Attaliden von Pergamon Die Schwächen der Seleukidenherrschaft in Kleinasien sollten von anderer Seite bald nachhaltiger aufgedeckt werden als von Bithynern und Galatern. Die Dynastie von Pergamon wandelte sich vom Vasallen zum Gegner. Der steile Hügel über dem Kaikostal im südlichen Mysien (Abb. 41), wo der Offizier Philetairos mit einem Schatz von ca. 9000 Talenten von Lysimachos eingesetzt und von Seleukos bestätigt worden war, liegt weit im Westen Anatoliens, den Griechenstädten an der Ägäisküste benachbart. Hier befand sich jene Stadt, in der wir bereits im frühen 4. Jh. v. Chr. mit der Familie des Gongylos griechische Adelige als Vasallen des Perserkönigs über eine wohl größtenteils nichtgriechische Bevölkerung herrschen sahen. Die Regierungszeit des Phil­ etairos selbst bis zur Nachfolge durch seinen Neffen Eumenes 263 v. Chr. liegt noch im dunkeln, welches sich nur an manchen Punkten durch epigraphische und archäologische Neufunde aufhellen läßt. Strabon (13, 4, 1 f.) bezeichnet ihn als Eunuchen von Kindheit an: «Denn es hatte sich bei irgendeiner Begräbnisfeier zugetragen, bei der eine große Menschenmenge anwesend war, daß die Amme mit dem kleinen Philetairos im Arm so hart gedrückt wurde, daß das Kind entmannt wurde. Seither also war er ein Eunuche (…). Während der folgenden Wirrnisse blieb der Eunuch im Besitz dieser Festung und verstand es, sich an der Macht zu halten durch Versprechungen und Gefälligkeiten, sei es gegenüber dem jeweils Starken, sei es gegenüber dem am nächsten Anwesenden. So brachte er es auf eine zwanzigjährige Herrschaft über Festung und Schatz. Er hatte zwei Brüder, der ältere war Eumenes, der jüngere Attalos. Eumenes hatte einen Sohn desselben Namens, der in der Herrschaft über Pergamon nachfolgte.» Im frühen 3. Jh. erscheint Pergamon als eine griechische Polis mit den üblichen Institutionen, worauf später noch ausführlich einzugehen sein wird (S. 315). Der Dynast nutzte seinen Reichtum, um sich in Pergamon selbst und in anderen Städten Westkleinasiens Beliebtheit und Autorität zu verschaffen. Das damals noch vor der Stadtmauer gelegene Demeterheiligtum ist seine Stiftung, offenbar an der Stelle eines altanatolischen Mutterkultes. Der etwa gleichzeitige Ausbau des 30 km von der Stadt entfernten Heiligtums der Meter Aspordene von Mamurt Kale auf dem Jünd Dag˘ bestätigt, daß Philetairos die einheimischen, schon lange Zeit bestehenden Kulte der weiblichen Gott-

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Abb. 40:  Stammbaum der Attaliden von Pergamon

Adoption

                             Attalos III. Philometor Euergetes                              (138–133)                                                                     Aristonikos (Eumenes III.)

                       Eumenes II. Soter   ∞  Stratonike   ∞  Attalos II. Philadelphos ∞ Konkubine    Philetairos     Athenaios                        (197–158/7)            Tochter des                                             Ariarathes IV.                                             v. Kappadokien

                                                 Attalos I. Soter  ∞  Apollonis von Kyzikos                                                  (241–197)

Antiochos II. Theos ∞ Laodike I.                       Antiochis ∞ Attalos          Eumenes (?)          Eumenes I.            Philetairos (?)                                                                                               (263–241)

Antiochos I. Soter               Achaios (?)           Philetairos         Attalos                             Eumenes ∞ Satyra                                                  (282–263)

            Seleukos Nikator ∞ Apama                             Attalos von Tieion ∞ Boa (Paphlagonierin)

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heiten förderte. Ein neuer Mauerring umschloß die Oberstadt, die vermutlich Philetaireia benannt wurde. Die Anfänge eines Gymnasium-Kultes für ihn in Pergamon liegen wohl ebenfalls noch in seiner Lebenszeit, jedenfalls stand seit Eumenes I. der städtische Prytanis zugleich als Priester an der Spitze eines Staatskultes für Philetairos. Außerhalb Pergamons half der Dynast Pitane, einer Stadt in unmittel­ barer Nähe, aus finanziellen Schwierigkeiten. Die Gemeinden Kyme in der Aiolis und Kyzikos an der Propontis, denen er in den Galaterkriegen geholfen hatte, verehrten ihn mit der Feier eines Festes Philetaireia. Beziehungen pflegte er mit Thespiai in Boiotien, für dessen Heiligtümer der Musen des Helikon und des Hermes er «heiliges» Land stiftete, sowie mit den großen Heilig­ tümern Delos, das ebenfalls Philetaireia feierte, und Delphi, das ihm, seinem Bruder Eumenes und seinem Neffen Attalos die Proxenie verlieh. Aber sein ‹Reich› war noch eng begrenzt auf das mittlere Kaikostal, und einen Bruch mit König Antiochos wagte er nicht. Genau das tat sein Neffe Eumenes, der ihm 263 nachfolgte. Die Gründe dafür sind unbekannt. In der Position des Verteidigers war er wohl nicht, denn er marschierte gegen den Seleukiden und schlug ihn in einer Schlacht bei Sardeis. Seinen Sieg und die Weihung seines Standbildes an Athena Polias feiert Abb. 41:  Pergamon, Burgberg

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eine Versinschrift in Pergamon ([163] I. Pergamon 15). Die Münzen ersetzen von da an das Seleukosportrait durch das des heroisierten Philetairos (Abb. 45). Eumenes scheint gerade wegen seiner Zugewinne unter den Druck der eigenen Söldner geraten zu sein. Die Truppen der Festungen Philetaireia am Ida und Attaleia meuterten. Ein Vertrag sicherte ihnen eine Besserstellung hinsichtlich Besoldung, Dienstzeiten und Versorgung zu; Inschriften mit den Vereinbarungen sollten außer in Pergamon und Gryneion auch in Delos und Mytilene aufgestellt werden.

2.3.  Ägyptens Griff nach Kleinasien Bevor und während Eumenes von Pergamon expandierte, erwuchs dem Seleukiden Antiochos I. in Kleinasien ein starker Konkurrent in Ptolemaios II. Philadelphos, der vorwiegend an den Küsten, in Karien aber auch tief im Landesinnern auftrat. Der Lagide – so benannt nach seinem Ahnherrn Lagos – setzte mit unverminderter Energie die gegen die antigonidischen wie die ­lysimachischen Ansprüche gerichtete Politik seines Vaters fort, in Kleinasien Boden zu gewinnen. Stützpunkte, die dieser in der Flottenfahrt von 309 an der Süd- und Westküste erobert hatte, waren zwar zum Teil wieder verlorengegangen. Doch seit den frühen 80er Jahren ist ptolemaiische Präsenz in ­Lykien und Karien nachweisbar, seit den frühen 70ern in Pamphylien, wo Philadelphos eine Stadt Arsinoe gründete und einen Verwaltungschef über Pamphylien (pamphyliarches) einsetzte. Zwischen Side und Korakesion war ein Militärstützpunkt, Ptolemais, angelegt worden. Ein Pfahl im Fleische ptolemai­ ischer Territorialpolitik dagegen blieb Side selbst, das zu den Seleukiden hielt; zwischen der Stadt und der Eurymedonmündung legten diese den Stützpunkt Seleukeia an.52 Im folgenden Zeitraum von 20 Jahren entstanden im Rauhen Kilikien ein weiteres Arsinoe – so benannt nach der Frau und Schwester Ptole­ maios II. – bei Nagidos sowie eine Stadt Berenike – benannt nach der Tochter des Königs. Vom kilikischen Tauros zu den Vorgebirgen der Westküste spannte sich die Klammer: Aus Aspendos, Limyra und Arykanda, Araxa, Tlos, Xanthos und Patara, Telmessos, Lissa, Kaunos, Mylasa, Amyzon, Kildara, Halikarnassos, Theangela, Myndos, Bargylia, Iasos, Euromos und Herakleia am Latmos sind Zeugnisse bekannt, die auf die Oberhoheit des Ptolemaios Philadelphos schließen lassen. In Karien sind strategoi epi Karias – Oberbefehlshaber über Karien – und oikonomoi als königliche Funktionäre aktiv.53 Ein Athener namens Kallias hatte eine Zeitlang als ptolemaiischer Offizier in Halikarnassos Dienst getan. Königliche Funktionäre linderten wirtschaftliche Not wie in Theangela, oder sie

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waren mit der Ausführung von Landschenkungen beauftragt wie in Telmessos; auf die Bitte der Stadt hin konzedierte Ptolemaios II., daß ihr Gebiet nicht verschenkt wird. Später aber gab sie sein Nachfolger an einen Sohn des Lysimachos, und die Gemeinde dankte es diesem, daß er die offenbar unter direkter königlicher Verwaltung ziemlich drückenden Steuern reduzierte. Die Nachbarstadt Kaunos gründete einen Kult der Königin Arsinoe und – vielleicht schon zu dieser Zeit – einen Kult des Königs mit einem nach ihm benannten Wettkampf (agon); sie gab einem Demos den Namen Ptolemais. Im Stadtzentrum wurde ein Sarapis-Isis-Heiligtum ausgebaut. Aus seiner umfangreichen Korrespondenz auf Papyrus lernen wir den Verwaltungsbeamten Zenon von Kaunos am Lagidenhof mit seinen Verbindungen zur Heimatstadt kennen.Philokles, Stadtkönig von Sidon und hochrangiger Gefolgsmann (philos) des Königs, beorderte Richter aus Halikarnassos nach Samos ([195] SEG 1, 363), Iasos schickte auf schriftlichen Befehl des Königs Richter nach Kalymna; diese Stadt scheint, nachdem Philadelphos’ Vater sie eingenommen und vertraglich fest an sich gebunden hatte, ununterbrochen dem Lagidenhof verpflichtet geblieben zu sein.54 Von besonderer Bedeutung sind die Beziehungen der beiden ersten Ptolemaier mit der altionischen Perle unter den Griechenstädten: Milet.55 Aus ­einer Allianz mit Ptolomaios I. Soter, die wohl nach 294 zustande kam, war die Stadt zunächst 289/8 zu Lysimachos gewechselt, 280/79 steht Antiochos I. in der Stephanephorenliste (vgl. S. 251). Doch unmittelbar darauf ist eine Landschenkung des Ptolemaios II. Philadelphos an die Gemeinde verzeichnet. Mit dem Brief des zweiten Ptolemaiers an die Milesier befinden wir uns in einer Zeit, in der zwischen ihm und dem in Europa mächtigen König der Makedonen Antigonos Gonatas zu Wasser und zu Lande Krieg herrscht und von der Seeseite her Angriffe auf die Stadt drohen (um 262?). Dem König Ptolemaios antworten die Milesier mit einem Dekret des Rates und der Volksversammlung ([167] Milet I 3, 139 C Z. 23 ff.): «Unsere Gemeinde hat ja schon in der Vergangenheit die Freundschaft und die Bündnisverpflichtung gegenüber dem Gott und Retter (theos kai soter) Ptolemaios angenommen, und die Folge war, daß die Stadt zu Glück und Glanz gelangte und die Bürgerschaft zahlreicher und beträchtlicher Vorteile für würdig gehalten wurde, weswegen das Volk ihn ja auch mit den größten und schönsten Ehren bedacht hat. Dann ist sein Sohn, König Ptolemaios, ihm in der Königsherrschaft nachgefolgt und hat die Freundschaft und den Bündnisvertrag mit der Stadt erneuert, und er hat sich jede erdenkliche Mühe gegeben, den Interessen der Bürger von Milet dienlich zu sein, er hat zusätzliches Land gegeben und dem Volk den Frieden gesichert, ja überhaupt ist er Urheber vieler anderer Vorteile für die Gemeinde gewesen. Und jetzt, in einer Zeit, in der die Stadt in zahlreiche und schwere Kriegshandlungen hineingezogen wird, zu Wasser und zu Lande, und die Gegner

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Flottenoperationen gegen die Stadt durchführen, schickt der König, wohl wissend, daß die Gemeinde aufrecht an der Freundschaft und dem Bündnis festhält, einen Brief mit dem Gesandten Hegestratos. Er lobt die Gemeinde für ihren Entschluß und meldet, jede erdenkliche Fürsorge der Stadt zuzuwenden und sie auch fernerhin durch seine Wohltaten zu belohnen. Er äußert die Bitte, das Volk möge auch in Zukunft die Freundschaft mit ihm bewahren, und ganz in diesem Sinne hat auch der Gesandte, Hegestratos, das Wohlwollen des Königs gegenüber der Stadt deutlich gemacht.» Der seleukidische ‹roll-back› erfolgte unter Antiochos II., der von 261 bis 246 – ungefähr zeitgleich mit Eumenes I. von Pergamon – regierte. Ptolemaios «der Sohn» (Mitregent des Ptolemaios II. Philadelphos zwischen 267/6 und 259) rebellierte gegen den Vater kurz nach Ausbruch des sogenannten «Zweiten Syrischen Krieges» (Pompeius Trogus, prol. 26).56 Diese Situation nutzte Antiochos zu raschen Vorstößen in Südwestkleinasien. Sicher ist, daß sich Milet 260 mit Antiochos’ Hilfe eines Tyrannen namens Timarchos entledigte, Demokratie und Freiheit empfing und ihn als theos verehrte (Appian, Syr. 65 [344]; [106] OGIS 226). Zudem errang der Makedonenkönig Antigonos Gonatas über die ptolemaiische Flotte 255/4 v. Chr. bei Kos «den Seesieg seines Lebens».57 Sicher sind des weiteren empfindliche Verluste der Lagidenherrschaft im binnenländischen Karien, wo vielleicht schon von Antiochos II. ein strategos namens Olympichos eingesetzt wurde. Im Marsyastal gründete der Seleukide Stratonikeia, am Fluß Lykos in Phrygien durch Zusammenschluß von Dörfern das nach seiner Frau benannte Laodikeia, beide später blühende Städte.58 Möglicherweise gingen auch Ägyptens Besitzungen in Pamphylien und Kilikien verloren, da sie im Katalog der von Philadelphos an den Sohn und Nachfolger Ptolemaios III. Euergetes ‹vererbten› Landschaften nicht mehr erwähnt sind ([106] OGIS 54). Krieg zwischen dem Ptolemaier- und Seleukidenreich (Laodikekrieg) Das erbitterte Ringen um die Mittelmeerküsten Anatoliens ging in die nächste Runde, als beim Tode des Antiochos II. im Sommer 246 v. Chr. der so­ genannte «Laodikekrieg» (auch: «Dritter Syrischer Krieg») ausbrach. Die Exgattin des verstorbenen Königs, Laodike, die sich mit dem Sohn Seleukos in Ephesos aufhielt, handelte blitzschnell und ließ Antiochos’ zweite Frau Berenike mit dem jüngeren Antiochos in Seleukeia, dem Hafenort der Residenzstadt Antiocheia am Orontes, umgehend beseitigen. Berenikes Bruder, der soeben inthronisierte Ptolemaios III. Euergetes (der «Wohltäter»), kam in einer dramatischen Flottenfahrt – sein Bericht ist uns in einem Papyrusfragment überliefert – zu spät. Daraufhin ging er zum Angriff über. Die durch eine Abschrift des Indienfahrers Kosmas aus dem 6. Jh. n. Chr. überlieferte Inschrift des

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Ptolemaios Euergetes aus Adulis in Äthiopien ([106] OGIS 54) verkündet weit­­ausgreifende Kriegszüge nach «Asien» sowohl mit Schiffen als auch mit Infanterie, Reitern, trogodytischen (südlibyschen) und aithiopischen Elefanten und behauptet, das ganze Land diesseits des Euphrat, Kilikien, Pamphylien, ­Ionien, das hellespontische Gebiet und Thrakien hinzugewonnen zu haben, ja bis in die Persis, nach Medien und Baktrien vorgestoßen zu sein (vgl. Polyb. 5, 34, 7).Tatsächliche Ausdehnung und Dauer des Feldzuges indessen sind unklar. Der Laodikesohn Seleukos ist, nachdem er noch von milesischen Gesandten einen Kranz erhalten und die Loyalität der Stadt angemahnt hatte, aus Klein­ asien aufgebrochen und bereits im Juli 245 v. Chr. in Babylon als König belegt. In Ionien liefen keineswegs alle Städte zu Ptolemaios über, wie die Formulierung in der Adulis-Inschrift glauben macht. Ein interessantes Dokument zeigt uns, daß die Gemeinde von Smyrna aktiv für Seleukos eintrat, indem sie die im Nachbarort Magnesia am Sipylos stationierten Söldner und die dort wohnhaften Zivilisten gegen Verleihung des Bürgerrechtes vertraglich zur Treue verpflichtete. In Ephesos harrte 246 eine seleukidische Garnison unter Sophron aus (Phylarchos, FGrHist 81 F 24). Über die Stellung Milets und Prienes (vgl. [166] I. Priene 37) läßt sich nichts Sicheres sagen.

2.4.  Die Seleukiden in der Krise Während Seleukos II. die östlichen Satrapien rasch zurückgewann, verdüsterten sich seine Aussichten jenseits des Tauros, das heißt in Anatolien. Der hier als Vizekönig eingesetzte jüngere Bruder Antiochos Hierax tat ihm dasselbe an, was Ptolemaios «der Sohn» seinem Vater Philadelphos angetan: Er machte sich selbständig. Im Bruderkrieg gewann der jüngere mit Hilfe von Galatern in einer Schlacht bei Ankyra die Oberhand und errichtete sein unabhängiges Königtum. Die Städte Sardeis in Lydien, Alexandreia und Ilion in der Troas, Abydos, Lampsakos, Parion und Lysimacheia an den Meerengen prägten Münzen mit seinem Portrait. Die Chronologie dieses Bruderkrieges und des im folgenden skizzierten Krieges gegen Pergamon, ihr zeitliches Verhältnis zueinander, sind nicht klar. Attalos’ von Pergamon Erfolge gegen die Galater, den Usurpator Antiochos Hierax und Seleukos III. Antiochos Hierax attackierte mit seinen galatischen Verbündeten den mächtigsten Dynasten in der Nachbarschaft von Sardeis: Attalos von Pergamon. Dieser Sohn des gleichnamigen Neffen und Adoptivsohns des Reichsgrün-

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ders Philetairos war dem kinderlosen Eumenes 241 nachgefolgt (Abb. 40). Er nannte sich seinerseits «König» mit dem Beinamen «Retter» (soter), nachdem er bald nach Antritt seiner Herrschaft an den Quellen des Kaikos eine Schlacht gegen die Tolistoagier gewonnen und damit von den Bewohnern Westklein­ asiens eine drückende Bürde genommen hatte, denn: «Sie [die Galater] erhoben Tribut in allen Gebieten diesseits des Tauros (…) und die Furcht vor ihnen war so groß, daß sogar die Könige von Syrien sich nicht weigerten, den Tribut zu zahlen. Der erste von allen Bewohnern Asiens, der es wagte, die Zahlung zu verweigern, war Attalos.» (Livius 38, 16, 12–14; vgl. Polybios 18, 41, 7–8; Strabon 13, 4, 2). Hierax und Verbände der Tolistoagier und Tektosagen, also der westlichen und mittleren Keltenstämme in Anatolien, vermochten jedenfalls nichts gegen den Pergamener auszurichten. Nach Ausweis der in Pergamon errichteten Triumphmonumente schlug dieser in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren mehrere Schlachten gegen sie: bei Pergamon selbst (Aphrodision), im hellespontischen Phrygien, bei Sardeis in Lydien (nahe dem See Koloe) und in Karien. Allein die Lokalisierung der Schlachtorte macht deutlich, daß Attalos aus der Defensive bei Pergamon spätestens nach dem Sieg im hellespontischen Phrygien in die Offensive ging und Antiochos Hierax bis zur Residenz Sardeis und weiter nach Süden verfolgte. Die Frage, warum dieser nach Karien ging, ist insofern interessant, als hier, in Mylasa, der seleukidische Vasall Olympichos inzwischen ziemlich eigenmächtig schaltete und waltete. Über seine Haltung in diesem Krieg ist indessen nichts bekannt. Antiochos Hierax verließ Kleinasien und wurde 227 v. Chr. erschlagen, sein Bruder Seleukos starb im Jahr darauf. Der Nachfolger auf dem Seleu­ kidenthron, Seleukos III., schickte zunächst mehrere Strategen sowie den in Phrygien residierenden Vasallen Lysias gegen Pergamon und marschierte dann (223 v. Chr.) selbst nach Anatolien. Doch auch diese scheiterten: Beider Namen sind auf dem Schlachtenanathem des Siegers Attalos – einem Weihgeschenk an die Stadtgöttin Athene – eingeschrieben. Die genaue Rekonstruktion der mehrteiligen Siegesmale in Pergamon ist problematisch. Auf der neu ausgebauten Terrasse des Athenaheiligtums auf dem Burgberg stand ein Rundmonument mit der Inschrift «König Attalos, der in einer Schlacht die keltischen Tolistoagier bei den Quellen des Flusses Kaikos besiegt hat, (weiht dies) als Dankesgabe der Athena.» ([163] I. Pergamon 20). Das hier aufgerichtete Weihgeschenk bestand nicht in einer Gallierskulptur, sondern einem kolossalen Standbild der Athena Promachos.59 Fragmente von Sockelblöcken und passende Fundamentierungsreste vor der Südstoa (Wandelhalle) bildeten offenbar ein weiteres, mehrgliedriges Denkmal für Attalos’ Sieg über Galater und Antiochos Hierax. Stifter der Weihgeschenke an Zeus und Athene waren der König, ein General Epigenes, seine Offiziere und Soldaten; eine Signatur weist den Künstler, der die Bronzen

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Abb. 42: Marmor­

skulptur eines Galliers, der seiner Frau und sich den Tod gibt, heute im Thermenmuseum Rom

goß, als einen Mann namens Epigonos aus ([163] I. Pergamon 29). Was die auf den Sockeln aufgestellten Bronzen darstellten, ist unsicher. Man hat damit die in römischen Marmorkopien überlieferten Kunstwerke des liegenden, sterbenden Galliers (Kapitolinische Museen) und des Galliers und seiner Frau, der diese und sich selbst tötet (Thermenmuseum, Abb. 42), in Verbindung ­gebracht. Möglicherweise standen diese jedoch auf einem dritten, langrecht­ eckigen Monument vor der Südmauer des Athenaheiligtums ([163] I. Pergamon 21–28). Hier sind die königlichen Weihgeschenke an Athena als Dan­ kes­gaben für Siege bei den verschiedenen Schlachtorten ausgezeichnet, wobei der älteste Sieg an den Kaikosquellen erneut auch diese Basis schmückt. Hinzu kommen Monumente außerhalb von Pergamon: zwei Anatheme vor der Südhalle des Apollonion in Delos sowie eine Halle, Skulpturen und Pfeilermonument in Delphi.

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Zur Interpretation der Siegesmonumente ist viel geschrieben worden.60 Ob schon Attalos selbst die Glorie dieser Erfolge nutzen wollte, um sich als Kulturschützer und Befreier der Griechen von einem barbarischen Volk zu stilisieren, sei dahingestellt. Das Wort barbaroi kommt in den Inschriften nicht vor. Der Pergamener, dessen Urgroßmutter eine Paphlagonierin war, hat wie sein Gegner Antiochos Hierax Kelten jedenfalls gern in seine Armee aufgenommen. Die Frucht dieser Kampagnen war für den Augenblick ein sich über das ganze westliche Plateau erstreckender Machtbereich des Dynasten im Kaikostal. Kein Wunder, daß Städte an den Meerengen und der Westküste sich ihm ergeben zeigten. Der Usurpator Achaios Zum Heer des Seleukos III. gehörte der jüngere Achaios, Sohn des Andromachos. Nach der Ermordung des Königs übernahm dieser das Kommando über die Truppen. Der Thronfolger Antiochos III., ein jüngerer Bruder des Seleukos, ernannte ihn, seinen Cousin, zum Statthalter in Asien jenseits des Tauros (223 v. Chr.). Mit einem raschen Vorstoß ins Gebiet Pergamons verschafft sich Achaios Respekt und wirft Attalos auf sein Kerngebiet zurück. Vom Erfolg beflügelt, verrät er Antiochos III. und läßt sich in Laodikeia am Lykos, wohl auf den großväterlichen Landgütern,61 zum König ausrufen (221). Aber es gelingt ihm in den folgenden fünf Jahren nicht, die Abwesenheit des legitimen Seleukidenherschers zu nutzen, um zunächst Attalos ganz auszuschalten und Anatolien fest in seinen Besitz zu bringen. Vielleicht wurde Attalos vom Hof in Alexandreia unterstützt.62 Als der Inselstaat Rhodos sich mit Prusias – König von Bithynien seit ca. 230 – zu einem Krieg gegen Byzantion verbündete, weil die Stadt am Bosporus Durchfahrtzölle erhoben hatte, um ihre Tribute an die Kelten zu finanzieren, standen die vormaligen Gegner zur Unterstützung von Byzantion sogar auf derselben Seite. Die Feindseligkeiten indessen wieder­ aufnehmend, versuchen Attalos mit Feldzügen in der Aiolis und in Mysien, Achai­­­os mit Expeditionen in Pisidien und der Landschaft Milyas, sich gegensei­ tig auszumanövrieren, bis endlich im Frühjahr 216 der Seleukide Antiochos III. mit einem Heer in Anatolien einmarschiert und gegen den abtrünnigen Verwandten Achaios vorgeht. Mit Attalos trifft er eine Vereinbarung (Polybios 5, 107, 4). Zum Inhalt dieses nicht überlieferten Vertrages scheint eine Konzession des Seleukiden zu gehören, daß Attalos seinem Reich das an Mysien angrenzende phrygische Gebiet bis in das Tembristal angliedern darf.63 Der anatolische Gegenkönig Achaios ist im Handumdrehen isoliert: Nach Belagerung und Einnahme von Sardeis 214 läßt Antiochos seinen Cousin nach achaimenidischem Ritual als Königsverräter grausam verstümmeln und hinrichten.

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Die Stadt Sardeis wird geplündert. Die Ausschreitungen der Soldaten waren so fürchterlich, daß Antiochos sich bald darauf entschloß, Maßnahmen des Wiederaufbaus (Holzlieferung) und die Reduktion der harten Strafen brieflich zuzugestehen. Anweisungen dafür erhielt ein Offizier namens Zeuxis, dem der König so viel Vertrauen entgegenbrachte, daß er ihn allen schlechten Erfahrungen zum Trotz in die Position des Statthalters über die Gebiete jenseits des Tauros einsetzte. Neue Reichsbildungen aus dem Seleukidenreich heraus Als Antiochos im Winter 213/2 in die oberen Satrapien aufbrach, wo er auf seinem als anabasis in die Geschichtsschreibung eingegangenen Orientfeldzug die Seleukidenherrschaft wiederherstellte und erweiterte (212–205 v.  Chr.), ließ er ein Kleinasien zurück, das sich zu großen Teilen in den Händen faktisch unabhängiger Machthaber befand: In Armenien regierte ein König aus der Dynastie der Orontiden, wahrscheinlich Xerxes. In Kappadokien hatte in den sechziger Jahren ein Enkel des von dem Diadochen Perdikkas hingerichteten Ariarathes (S. 245) namens Ariaramnes den südlichen Landesteil, das Gebiet um Tyana, erobert. Sein Sohn, Ariarathes III., vertrieb die Seleukidenbesatzungen und nahm, etwa in derselben Zeit wie Attalos im Westen, den Königstitel an. Seit ca. 220 v. Chr. trug das Diadem dessen Sohn, Ariarathes IV. Eusebes (der «Fromme»). In seiner nördlichen Nachbarschaft hatte sich längst die pontische Dynastie der Mithradatiden etabliert, im Nordwesten festigte Prusias von ­Bithynien seine Herrschaft mit Stadtgründungen. An der Süd­küste erstreckte sich die seleukidische Macht nur auf die Ebenen Kilikiens und Pamphyliens. Auch in den von Zeuxis regierten Gebieten Mittelanatoliens gab es Probleme. Es müssen Unruhen ausgebrochen sein, als Antiochos im Osten weilte. In dem von Flavius Josephos überlieferten Brief an seinen Gouverneur befiehlt er eine in ihren Einzelheiten interessante Übersiedelung babylonischer Juden nach Anatolien: «Als ich von den Rebellen in Lydien und Phrygien erfuhr, meinte ich, sie erfordere eine scharfe Reaktion, und nach Beratschlagung mit meinen philoi, was zu tun sei, beschloß ich, zu den Festungen und zu den neuralgischen Punkten 2000 jüdische Familien mitsamt Aus­ rüstung aus Mesopotamien und Babylonien übersiedeln zu lassen. Ich bin nämlich überzeugt, daß sie loyale Wächter unserer Angelegenheiten sein werden, einmal wegen ihrer Frömmigkeit, aber auch in dem Wissen, daß meine Vorfahren ihrer Treue und ihrem ­Eifer für das, worum sie gebeten werden, Zeugnis ausstellen. Ich will nun, daß sie trotz der Schwierigkeit der Übersiedelung wie versprochen ihre eigenen Gesetze gebrauchen dürfen. Wenn du sie zu den angegebenen Orten geführt hast, sollst du einem jeden von ihnen zum Hausbau ein Grundstück und Land zum Ackerbau und zum Anbau von Wein

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geben, und sie sollen auf die Feldfrüchte zehn Jahre Abgabenfreiheit genießen. Bis sie die Früchte von ihrer Erde ernten, sollen sie Getreide für den Lebensunterhalt ihrer Diener zugeteilt erhalten. Alle, die ihnen für das Notwendige helfen, sollen das Erforderliche erhalten, damit sie sich durch Empfang unserer Wohltaten noch eifriger für unsere Angelegenheiten einsetzen. Trage Sorge, daß das Volk von niemandem bedrängt wird.» (Josephos, AJ 12, 147–153).

2.5.  Karien, Rhodos, Pergamon und die Ägais In den Brennpunkt der kleinasiatischen Geschichte des letzten Viertels des 3. Jh.s rückt das im Südwesten gelegene Karien in zweierlei Hinsicht. Zum ­einen erhalten wir auf Grund einer vergleichsweise dichten epigraphischen Überlieferung tieferen Einblick als anderswo in lokale Vorgänge und Verhältnisse, deren chronologische Verzahnung mit den großen Ereignissen der Königsgeschichte freilich im einzelnen schwierig ist. Zum anderen befinden wir uns hier in einer Konfliktzone der Großmächte, in der weit über die Region hinaus bedeutende Entscheidungen fallen. Makedonische Ambitionen in Karien, der Dynast Olympichos Die seit nahezu einhundert Jahren bestehende ptolemaiische Hegemonie über Karien schmilzt. Rhodos besaß seit langem auf der gegenüberliegenden karischen Chersonnesos Festland (die sogenannte peraia).64 Jetzt vermochte es der Inselstaat, diesen Besitz über den Golf von Keramos hinaus nach Norden auszudehnen. Die Rhodier erhalten von Seleukos II. die seleukidische Gründung im Marsyastal, Stratonikeia, zugeeignet.65 Doch für die Region interessieren sich noch andere, auswärtige Mächte: Im Jahr 227 v.  Chr. greift der Make­ donenkönig Antigonos III. Doson mit einer Flottenexpedition in Karien ein. Über Motive, Allianzen, Ziele hüllen sich die Quellen in Schweigen. Unter den damaligen Lokaldynasten Kleinasiens, so Polybios, befand sich der bereits erwähnte Olympichos. Vielleicht schon von Antiochos II. in Karien als strategos eingesetzt, ist er sicher in dieser Stellung bezeugt unter Seleukos II. Er fungiert als Mittler zwischen dem König und der Stadt Mylasa im Streit um das Zeusheiligtum von Labraunda. Zu Zeiten des seleukidischen Bruderkrieges und der Auseinandersetzung zwischen Antiochos Hierax und Attalos muß Olympichos sich unabhängig gemacht haben; in seiner Korrespondenz findet sich kein Hinweis auf eine dem König untergeordnete Stellung. Etwa Anfang der zwanziger Jahre belegt ein Urkundentext von Alinda, daß der strategos am Ort eine Kanzlei besaß. In Antigonos Doson 227 scheint er einen willkomme-

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nen Verbündeten gegen Störenfriede in seiner Nähe erblickt zu haben, namentlich Rhodos und den König von Pergamon.66 Die Flottenexpedition des Antigoniden bleibt zwar Episode einer einzigen Saison, hat aber offensichtlich den Ambitionen seines Nachfolgers Philipp, sich seinerseits in Karien festzusetzen, eine Tür geöffnet. Wir sehen Olympichos um 220 mit diesem König wegen des alten Streits um Mylasa und Labraunda korrespondieren, und in ­einer Inschrift aus Iasos lesen wir, daß diese karische Küstenstadt von einem seiner Untergebenen bedrängt worden war und sich daraufhin um Hilfe an Rhodos gewandt hatte. Möglicherweise nimmt die Gemeinde von Euromos schon in dieser Phase den Namen des Makedonenkönigs an, Philippeis. Olympichos verschwindet nach 220 aus unseren Quellen. In seiner Hinterlassenschaft liegt schon ein Keim des Gegensatzes zwischen Philipp V. und Rhodos in Karien. Doch das ist lediglich die Südflanke eines weit bedeutungsschwereren Gegensatzes mit Philipp, in den sich zuerst Attalos von Pergamon begab und in den die Rhodier an Attalos’ Seite nachfolgten. Attalos von Pergamon wird zum Verbündeten Roms Der seit 221 herrschende, junge Makedonenkönig Philipp V. befand sich mit dem damals auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung stehenden Aitolerbund im Krieg, als Attalos von Pergamon sich entschloß, den Aitolern – ihr Stammgebiet liegt in Griechenland westlich von Delphi – bei einem Festungsausbau zu helfen (Polybios 4, 65, 6). Was ihn dazu bewogen hat, überhaupt sein Interesse auf die Vorgänge in Griechenland zu richten, ist unklar, jedenfalls erschien es ihm notwendig, sich in den Besitz einer Kriegsflotte zu bringen. Als der König Philipp dann 215 v. Chr. ein Bündnis mit dem im Zweiten Punischen Krieg (218–201) erfolgreich in Italien operierenden Hannibal schloß, reagierten die Römer, indem sie 212 eine Allianz mit den Makedonenfeinden bildeten. Ihr Vertrag mit den Aitolern enthielt die Zusatzklausel, daß, «wenn sie wollten und es beschlössen, Eleer, Lakedaimonier, Attalos, Pleuratos und Skerdilaidas in das Rechtsverhältnis der ‹Freundschaft› (amicitia) mit aufgenommen würden, Attalos der König Asiens, diese Könige der Thraker und ­Illyrer» (StV 536; Livius 26, 24, 9 f. [beide sind Illyrer, C.M.]). Bemerkenswert ist die Bezeichnung von Attalos als König Asiens, wenn sie tatsächlich im Originaltext des Bündnisses stand und nicht eine den späteren Verhältnissen angepaßte Formulierung des Livius ist. Attalos greift nicht persönlich ein, schickt aber Truppen zur Unterstützung der Koalition. Nachdem es dieser gelungen war, die Insel Aigina zu erobern und sie gemäß dem Beuteteilungsvertrag an die Aitoler zu übergeben, erwirbt Attalos die Insel gegen eine Summe von 30 Talenten, um sie als Flottenbasis zu nutzen. Sie bleibt der wichtigste Marinestützpunkt der Dynastie

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außerhalb Asiens bis an ihr Ende. Hier treffen im Winter 209/8 Publius Sulpicius Galba und der König zusammen und schließen anscheinend einen ähn­ lichen Beuteteilungsvertrag wie der römisch-aitolische. Nach Operationen am Nordufer der Insel Euboia muß Attalos sich zurückziehen, denn zu Hause droht Krieg. Philipp war nicht untätig geblieben, wie man es ja gegen ihn vorgemacht hatte, seinerseits Feinde seiner Feinde zu mobilisieren, namentlich seinen Schwager Prusias, den König von Bithynien. Der Friede von Phoinike im Jahr 205 (StV 543) beendete mit dem sogenannten Ersten Makedonischen Krieg auch den Konflikt zwischen Attalos und Prusias. Freilich sollten zwischen beiden Königreichen in Zukunft noch mehrere harte Auseinandersetzungen folgen. Roms erstes Auftreten in Asien Bald darauf wurde eine fünfköpfige römische Abordnung in Pergamon empfangen. Sie hatte nach Befragung der Sibyllinischen Bücher und des Orakels von Delphi den Auftrag erhalten, den Kult der Magna Mater (griechisch: ­Meter) – in Kleinasien wurden verschiedene weibliche Gottheiten als ‹Große Mutter› verehrt – nach Rom zu bringen. Nach der bei Livius (29, 10–11) vorliegenden Version soll Attalos die in Fünfruderern angelandete Delegation zu dem Meterheiligtum nach Pessinus in Galatien geleitet und ihr dort den heiligen schwarzen Stein übergeben haben: «Das römische Volk hatte in Klein­ asien noch keine verbündeten Gemeinden; man erinnerte sich jedoch daran, daß man auch Aesculap einstmals wegen des Gesundheitszustandes des Volkes aus Griechenland herbeigeholt hatte, als man mit ihm noch nicht durch einen Vertrag verbunden war, und daß sich jetzt schon mit König Attalos wegen des gemeinsamen Krieges gegen Philipp Freundschaft angebahnt habe.» (Übers. Hillen). Wenn es sich tatsächlich um die Muttergöttin Kybele von Pessinus und nicht stattdessen um ein Heiligtum in der Nähe Pergamons handelte, setzt das voraus, daß die keltischen Tolistoagier damals mit dem König von Pergamon auf freundlichem Fuß standen und mithin eine solche Unternehmung problemlos arrangiert werden konnte. Einer bei dem Schriftsteller Herodian (1, 11, 3) wiedergegebenen Version zufolge hätten die Römer bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, sie seien mit den Phrygern verwandt. Das ist wenig glaubwürdig. Freilich existierte zu dieser Zeit, was die Beziehung Roms zu Asien betrifft, eine andere Legende, die damals sicher schon in Kreisen römischer Eliten gepflegt wurde: die Abstammung der Römer von den Troianern. Wann und wie genau sie entstanden ist, wissen wir nicht. Zwar stehen verschiedene in das 3. Jh. v. Chr. hinaufreichende Verweise auf eine solche Genealogie unter dem Verdacht, daß sie erst später ihrem Kontext hinzugedichtet worden sind. So hat schon der römische

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Historiker der Kaiserzeit Tacitus bezweifelt, daß der vom jungen Nero vor dem Senat in griechischer Sprache verlesene «alte Brief» echt sei, worin Senat und römisches Volk dem König Seleukos II. Freundschaft und Bündnis unter der Bedingung versprochen hätten, daß er ihren troianischen Verwandten Abgabenfreiheit zugestehe (Sueton, Claud. 25, 3; Tacitus, ann. 12, 58, 1). Desgleichen ist zweifelhaft, ob im 3. Jh. v. Chr. die Akarnanen den Römern schutzwürdig erschienen, weil sie «als einzige einst den Griechen keine Hilfe gegen die Troianer, ihre Ahnherren, geleistet hätten». (Justin 28, 1, 5 f.). Auch die Wahrsprüche eines Sehers Marcius, in denen vor der Cannae-Katastrophe im Hannibalischen Krieg (216 v. Chr.) gewarnt wird, sind wohl erst im 2. Jh. in Verse gefaßt worden: «Abkömmling Troias, meide den Fluß Canna, damit dich nicht Fremdstämmige dazu zwingen, auf dem Feld des Diomedes zu kämpfen.» (Livius 25, 12, 5). Allein, daß ein Aeneas-Kult bereits im 5. Jh. v. Chr. in Mittelitalien verbreitet war, zeigen zahlreiche Terrakottenfunde, die den troianischen Helden mit seinem Vater Anchises auf der Schulter abbilden. Die Legende muß in welcher Form auch immer im Westen lange Zeit ein bescheidenes Dasein geführt haben. Doch mit dem ersten Übertritt Roms nach Asien in unserer Epoche gewinnt sie verständlicherweise an Ausstrahlung und erhält schlagartig politisches Gewicht. Pergamon und Rhodos gegen Philipp V. von Makedonien und Antiochos III. Um dieselbe Zeit, im Jahre 204 v. Chr., überquert Antiochos III., jetzt mit dem Beinamen «der Große» auf Grund seiner siegreichen Orientexpedition, den Tauros und zieht nach Sardeis. Von dort aus werden Eroberungen in Karien ins Werk gesetzt, zunächst durch Zeuxis im Auftrag des Königs. Zeuxis marschiert ins Marsyastal, gewinnt Alabanda, Alinda und Amyzon und arrangiert sich mit Mylasa. Wegen des Namens der Kultvereinigung der Chrysaoreis um den Tempel von Sinuri bei Mylasa, der diese Städte angehörten, spricht John Ma von einem «Chrysaorischen Karien» des Seleukiden.67 Ebenfalls um dieselbe Zeit kreuzt Philipp von Makedonien vor den Küsten Asiens auf. Nachdem er mit seinen ägäischen und kretischen Aktivitäten bereits die Rhodier nervös gemacht hatte, operierte er 202 erfolgreich zunächst an den Meerengen gegen Verbündete der Aitoler: Lysimacheia und Kalchedon werden eingenommen, Kios an der Propontis, das gerade von seinem Schwager Prusias von Bithynien belagert wurde, erstürmt, geplündert und zerstört, die Bewohner in die Sklaverei verkauft (Polybios 15, 23, 1 ff.). Diese Schandtat brachte die Rhodier auf. Als Philipp die ptolemaiische Flottenbasis Samos angreift, eröffnen sie im Sommer 201 den Krieg gegen ihn bei der Insel Lade vor Milet, an dem Ort, wo einst in jener großen Seeschlacht der ionische Aufstand gegen die Perser zusammenbrach. Die Rhodier unterliegen,

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und Attalos von Pergamon schließt sich in der Not mit ihnen zum Seekrieg gegen Philipp zusammen. Es kommt in der Meerenge zwischen Chios und dem Festland zu einer großen, im Ergebnis unentschiedenen Seeschlacht, in deren Verlauf Attalos beinahe in Philipps Gefangenschaft gerät. Im Hafen ­Milets an Land gegangen, nimmt Philipp die Glückwünsche der Milesier entgegen, bedankt sich dafür aber, indem er Myus und sein Territorium an die verfeindete nördliche Nachbarin Magnesia verschenkt.68 Dann marschiert er nach Norden, verwüstet die Umgebung von Pergamon (die Burg zu belagern versucht er erst gar nicht) und wendet sich anschließend wieder nach Süden. Von der Belagerung von Knidos ablassend, nimmt er sich den rhodischen Festlandbesitz vor. Stratonikeia fällt, Euromos wird zurückerobert (aus rhodischem Besitz?) und Herakleia am Latmos eingenommen. Weiter südlich gewinnt er die Küstenstädte Iasos und Bargylia, des weiteren Theangela, das er Antiochos übergibt.69 Zunehmend gerät Philipp in eine schwierige Versorgungslage, da die Geschwader der Gegner jetzt die Küsten nahezu lückenlos kontrollieren. Im Herbst 201 trat die folgenreiche Gesandtschaft der Rhodier und Pergamener vor den römischen Senat, um Beschwerde über Philipp zu führen. Der Hinweis auf Verbindungen des Makedonen mit Antiochos dem Großen und eine von den beiden Königen beabsichtigte Aufteilung Ägyptens soll geholfen haben, den Entschluß des Senates zum Krieg herbeizuführen. Dieser Entschluß führte, wie sich bald herausstellte, zu einem «Wendepunkt in der Geschichte des griechisch-römischen Altertums»70 – und damit auch Klein­ asiens.

2.6.  Antiochos III. und Rom Antiochos III. ist der am besten dokumentierte König in Kleinasien. Die erhalte­ nen Werke der den Aufstieg Roms zur Weltherrschaft thematisierenden Schriftsteller – Polybios, Livius und andere – beschäftigen sich eingehend mit ihm. Es liegen mittlerweile über 40 Inschriften vor, die direkt oder indirekt auf seine Herrschaft in Anatolien Bezug nehmen: Königsbriefe an Städte, Funktionäre und Soldaten, städtische Dekrete, Weihungen und Kultvorschriften. Die mit Abstand meisten dieser Steininschriften sind in Karien gefunden worden, in Amyzon, Kildara, Iasos, Euromos, Herakleia am Latmos. Zeitlich konzentrieren sich diese Urkunden in der Epoche nach 203 v. Chr. und zeugen von dem Bestreben, während seiner großen Westoffensive die Städte an sich zu ziehen. In dieser sich etwa über sieben Jahre erstreckenden Offensive gelingt es dem Seleukiden, bis auf wenige Einschränkungen eine Herrschaft in Klein­

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asien wiederaufzurichten, wie es sie seit Antigonos Monophthalmos und, für kurze Zeit, Seleukos Nikator nicht mehr gegeben hat. Die Schnelligkeit und die Ausdehnung seiner Operationen, militärisch und diplomatisch, müssen im Konzert der damaligen Großmächte weithin beunruhigend geklungen haben. Für Antiochos selbst waren sie zunächst nichts weiter als die erfolgreiche Exekution lange Zeit verwahrloster seleukidischer Besitzansprüche, zu der er sich selbstverständlich berechtigt fühlte. Eine ausführlich dokumentierte diplomatische Offensive im Jahr 203 liegt in der königlichen Privilegierung der Stadt Teos vor, welcher als Hüterin des international bedeutenden Dionysosheiligtums auch als Stadtgemeinde der Status «heilig und unverletzlich» (hiera kai asylos) zuerkannt wird.71 Als Philipp im Frühjahr 200 der Flottenblockade seiner Gegner entkam und in Thrakien Krieg zu führen begann, startete der Seleukidenkönig ein kombiniertes Land- und Seeunternehmen gegen die ptolemaiischen Besitzungen an der kleinasiatischen Südküste. In Kilikien erstreckte sich kurz darauf seine Kontrolle außer über einige castella auf die Städte Mallos, Zephyrion, Soloi, Aphrodisias, Korykos, Anemurion, Selinus und Korakesion; nur letztere hatte nennenswerten Widerstand geleistet (Livius 33, 20, 4 f.). Nach Philipps Abgang versuchten die Rhodier, die Rückeroberung ihrer Besitzungen in Karien voranzutreiben. Die Verhältnisse dort verkomplizierte ein Krieg, den die Milesier gemeinsam mit Herakleia gegen Magnesia am Maiandros und Priene führten; man stritt um die Grenze zum Territorium der Nachbarin Myus, die Philipp Milet weggenommen und Magnesia gegeben hatte. Der Lokalkonflikt ist insofern Spiegel eines Umbruchs im Großen, als er in der Umgebung eines sich auflösenden makedonischen Karien stattfindet. Mit Philipps Niederlage gegen die Römer im Juni 197 bei den Kynoskephalai – einem Ort in Griechenland – ist dieser Prozeß besiegelt, und eine neue Aufteilung steht an. ­Attalos hat die Katastrophe seines Gegners nicht mehr erlebt, er ist kurz vor dieser Schlacht gestorben. Die Rhodier hatten Antiochos vergeblich gewarnt, seine Flottenfahrt westlich Pamphyliens über die Chelidonischen Inseln hinaus fortzusetzen. Nacheinander fallen Andriake, Limyra, Patara, Xanthos und Telmessos, schließlich Iasos, Herakleia am Latmos und Euromos unter die Kontrolle des Seleukiden. Dazwischen allerdings verbleiben Kaunos und die an den westlichen Vorgebirgen Kariens situierten Küstenstädte Halikarnassos und Myndos als ptolemaiische Verbündete unter dem Schutz von Rhodos, das auch seinen Festlandbesitz (Peraia) hält. Im Binnenland trifft man ein Arrangement: Das ihnen dereinst von Seleukos überlassene, von Philipp kurz zuvor aber entrissene Stratonikeia nehmen die Rhodier dankbar von Antiochos entgegen. Antiochos verbringt den Winter 197/6 in Ephesos. Die ionischen Städte sind bereits auf seiner Seite, mit der (bald darauf sehr störenden) Ausnahme

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Smyrnas. Diese Stadt leistet ihm Widerstand und bewirbt sich erfolgreich um diplomatische Rückendeckung in Rom. Als die erste Stadt Kleinasiens richten die Smyrnaier bald darauf einen Kult für die Göttin Roma bei sich ein (Tacitus, ann. 4, 56, 1). Die Milesier haben Myus wieder in ihren Besitz gebracht und schließen, vermutlich in dieser Zeit, Frieden mit Magnesia. Im folgenden Frühjahr operieren königliche Schiffe am Hellespont und an der Propontis. Auch hier widersteht eine Stadt: Lampsakos. Ihre Gesandtschaft mit der Bitte um Roms Hilfe beruft sich auf asiatische Urgeschichte – als Mitglied des Städtebundes der Troas seien die Lampsakener mit den Römern verwandt. Im Jahr 196 erfolgen erstmals tiefe Vorstöße des Seleukiden nach Thrakien, die sich in den nächsten Jahren mehrmals wiederholen. Ansonsten ist 195/4 der Ring der mediterranen Küstenstädte Kleinasiens so gut wie vollständig in Antiochos’ Hand. Im Binnenland bleibt nur das Kerngebiet des Reiches Pergamon unangetastet; quer durch Lydien, Großphrygien bis über den Tauros dominieren die seleukidischen Garnisonen. Hinzu kommt, daß Bündnisse mit den Galatern und den Königen von Kappadokien und Pontos dem «Großen» das Rückgrat stärken.72 Prusias von Bithynien wird von ihm umworben, bleibt aber neutral. Derweil empfängt sein Sohn und Mitregent, Antiochos, in Daphne einen prominenten Flüchtling: den Karthager Hannibal (195). Nach 140 Jahren der Fesselung durch die auswärtige Großmacht Makedonien befand sich Griechenland seit 197 im Begeisterungstaumel der Freiheitserklärung des Titus Quinctius Flamininus, des Siegers über Philipp V. Der römische Senatsbeschluß von 196 (Polybios 18, 44) versicherte den Poleis ­Asiens Befreiung von Philipp, zu einer Zeit, als einige von diesen längst in den Besitz des Antiochos übergegangen waren. Gesandte des Königs in Korinth mußten sich daher von Flamininus die Forderung anhören, er solle sie wieder räumen und sich im übrigen von Europa fernhalten. In den seither an verschiedenen Orten geführten römisch-seleukidischen Verhandlungen stand zunächst als römische Forderung neben dem sofortigen Rückzug des Königs aus Europa die Freiheit (libertas) auch der Griechenstädte Asiens auf der Agenda. Lampsakos und Smyrna wurden exemplarisch in den Vordergrund gerückt. Der König verwahrte sich gegen die Einmischung in die seiner Auffassung nach traditionell seleukidische Sphäre. Eine merkwürdige Relativierung erhält indessen die römische libertas-Garantie in der Antwort des Senats an griechische Gesandte 193: Ebenso wie gegen Philipp, so werde man deren Freiheit gegen Antiochos schützen, nisi decedat Europa («falls er Europa nicht verlasse», Livius 34, 59, 4 f.).73 Wenn dies den römischen Standpunkt korrekt wiedergibt, lag den Senatoren wenig an einer Freiheit der asiatischen Griechen. Im diplomatischen Umgang bediente man sich ungewohnt brüsker Formeln – wenigstens in der griechischen Übersetzung der lateinischen Vorlage: Als ein Ge-

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sandter des Antiochos beim Senat um Anerkennung der Asylie von Teos nachsuchte, erhielten die Teier vom Prätor Marcus Valerius Messalla eine positive Antwort und das Versprechen freundlicher Behandlung unter dem Vorbehalt, «wenn ihr auch in Zukunft die Loyalität uns gegenüber aufrecht haltet». (Sherk, RDGE 34 Z. 23 f.). Tatsächlich wurde das Gebiet von Teos im Krieg bald darauf von römischen Soldaten geplündert (Livius 37, 28, 4 f.). Im Jahre 192 weilte Attalos, der Bruder des neuen Königs Eumenes II. von Pergamon, in Rom. Er meldete «Antiochos habe mit seinem Heer den Hellespont überschritten und die Aitoler träfen solche Vorbereitungen, daß sie bei seiner Ankunft in Waffen ständen. Man sprach dem abwesenden Eumenes und dem anwesenden Attalos seinen Dank aus und bewilligte ein freies Haus, Quartier und Bewirtung und machte ihnen Geschenke.» (Livius 35, 23, 10; Übers. Hillen). Antiochos landete im selben Jahr in Demetrias in Thessalien und rückte nach Lamia vor, wo ihn die Versammlung der Aitoler zum Oberbefehlshaber mit unumschränkter Vollmacht (strategos autokrator) berief. Im Spätherbst begann der erste Krieg Roms gegen einen König Asiens. Auf griechischem Boden, an den Thermopylen, erlitt der König eine Niederlage und mußte sich nach Kleinasien zurückziehen. Von seinem Flottenstützpunkt Aigina aus hatte sich Eumenes von Pergamon aktiv am Krieg gegen Antiochos beteiligt. Rhodos tritt in den Krieg ein. Eine zweite Niederlage zur See, beim Berg Korykos an der Südspitze der Erythraiischen Chersonnesos, folgt im Herbst 191. Das Hauptquartier der römischen Flotte wird im folgenden Frühjahr in Samos eingerichtet. Auf dem Festland schließt Antiochos den König von Pergamon in seiner Hauptstadt ein, galatische Söldner plündern das Umland, zur See bedroht eine von Hannibal ausgerüstete Flotte die Rhodier. Doch im Sommer vernichten die Alliierten in zwei Seeschlachten bei Side und bei Myonnesos die seleukidische Seestreitmacht. Antiochos ist auf die Verteidigung zu Lande beschränkt, als der römische Konsul Lucius Cornelius Scipio mit zwei Legionen und italischen Bundesgenossen in die thrakische Chersonnesos einrückt. In dessen Stab befindet sich der Sieger über Hannibal bei Zama, Publius Scipio Africanus. Das voll verproviantierte Lysimacheia war von den Seleukiden verlassen worden – ein unbegreiflicher strategischer Fehler. Ungehindert kann die römische Armee auf von Eumenes bereitgestellten Fahrzeugen über den Hellespont setzen. Zum ersten Mal in der Geschichte stehen Legionen auf asiatischem Boden. Im Lager daselbst überbrachte ein königlicher Gesandter das Angebot weitgehender Konzessionen des Königs: Er sei bereit, auf Europa zu verzichten, würde auch die Städte Ioniens und der Aiolis, deren Freiheit die Römer wünschten, räumen und zudem die Hälfte der Kriegskosten tragen. Doch jetzt forderte die römische Seite außer der Erstattung der gesamten Kriegskosten den Rückzug des Seleukiden hinter den Tauros. Der Zufall wollte es, daß der Sohn des Scipio Africanus in

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Feindeshand gefallen war, und der Unterhändler versuchte, daraus Kapital zu schlagen, blitzte bei Scipio aber ab. Über Dardanos, Rhoiteion und Ilion marschierten die Legionen an die Kaikosmündung und vereinigten sich daselbst mit Eumenes. Als Publius Scipio krank in Elaius darniederlag, schickte ihm Antiochos großmütig den Sohn. Der König verlegte sein Heer von Thyateira weiter nach Süden und befestigte ein großes Lager bei Magnesia am Sipylos. Dort kommt es Ende Dezember des Jahres 190 zur Schlacht zweier ungleicher Heere. Die von Eumenes verstärkten römischen Kräfte bestanden aus ca. 15 000 Infanteristen, 3000 Reitern und 16 afrikanischen Elefanten (Livius 37, 39, 7–13). Auf der anderen Seite versammelte sich in ungleich größerer Zahl alles, was der Orient zu bieten hatte um das Kernstück der makedonischen Phalanx und die Leibwache des Königs, die Silberschildträger: Iraner aus der Elymais, Meder, Syrer, Pisidier, Phryger, Lyder, Kilikier und Karer, Kappadokier und Galater, Myser und Kreter. Leichtbewaffnete standen neben Panzerreitern (Kataphrakten), vierspännigen Sichelwagen und Kamelen mit arabischen Bogenschützen, dazwischen 54 indische Elefanten mit hölzernen Türmen auf dem Rücken, deren jeder vier Bewaffnete barg. Die Schlacht endete mit einer Katastrophe für Antiochos, 53 000 fielen angeblich auf seleukidischer Seite, ca. 350 auf der römischen. Eumenes’ Reiterei hatte entscheidenden Anteil am Sieg. Antiochos entkam über Sardeis nach Apameia zu seiner Familie, von wo er sich über den Tauros zurückzog. Fast anderthalb Jahrhunderte, nachdem die Makedonen in Asien einmarschiert und ein Satrapenheer am Granikos geschlagen hatten, war ihnen Anatolien diesseits des Tauros für immer verloren. Nach einem Waffenstillstand und Vorverhandlungen Anfang des Jahres 189 fand erst im Frühsommer 188 in Apameia in Phrygien – einem Ort in der Nähe der einstigen Residenz des Antigonos Monophthalmos Kelainai – die Friedenskonferenz statt.

2.7. Die Expedition des Gnaeus Manlius Vulso und der Friede von Apameia Über die Zukunft Kleinasiens wurde teils in Rom, teils im Lande selbst verhandelt. Für Antiochos blieb es bei den von den Scipionen bereits aufgestellten Bedingungen: Neben einem abgestuften Zahlungsmodell hatte er Klein­ asien nördlich des Tauros zu räumen. Bedingung für die Waffenruhe, um die wenige Wochen nach der Schlacht gebeten wurde, war die Nahrungsmittelversorgung der römischen Armee. Die siegreichen Kommandeure verließen Kleinasien, und etwa im März traf der neue Konsul Gnaeus Manlius Vulso,

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dem der Losentscheid das asiatische Oberkommando zugeteilt hatte, in Ephesos ein. Während König Eumenes von Pergamon Rom für den Ort hält, wo jetzt seine Anwesenheit am dringendsten erforderlich ist, stoßen seine Brüder Attalos und Athenaios mit ihren Truppen zum Konsul. Motive und Ziele der Expedition des Gnaeus Manlius ins Innere Klein­ asiens sind in der Forschung umstritten.74 Über seine Untaten in Asien hat Hannibal ein Buch in griechischer Sprache verfaßt, das er den Rhodiern widmete (Cornelius Nepos, Hann. 13, 2). Viele Forscher schließen sich den Spuren der negativen Beurteilung des Konsuls als eines Beutejägers in der livianischen Darstellung an. Der englische Historiker John Grainger bemüht sich, den Aktionen des Jahres 189 ein strategisches rationale abzugewinnen, das darauf gerichtet war, die Position der römischen Armee in Asien zu stärken und die noch immer bedrohliche seleukidische Macht in Schach zu halten. Der Marsch des Manlius führte zunächst über das Maiandrostal aufwärts ins nördliche Karien nach Antiocheia, wo er den Co-Regenten Seleukos traf und ihn zwang, außer der römischen auch die pergamenische Armee mit Proviant zu versorgen. Durch die Kibyratis nach Termessos gelangt, erpreßte er Schutzgeld und wandte sich dann gegen Sagalassos, dessen Territorium er verwüstete. Einem neuen Inschriftenfund zufolge hat Kibyra zu dieser Zeit ein Bündnis mit Rom stipuliert ([106] OGIS 762 = [162] IK Kibyra 1). Über Apameia, wo er erneut mit Seleukos zusammentraf, und Synnada drang er dann ins Gebiet der Tolistoagier ein und schlug, bei Gordion und bei Ankyra, zwei Schlachten gegen die Galater, die von Kontingenten des paphlagonischen Dynasten Morzios und des Ariarathes von Kappadokien unterstützt wurden. Eine zweite Expedition führte von Ephesos im Frühjahr 188 nach Perge, wo er die von Antiochos geforderte Rate von 2500 Talenten entgegennahm. Inzwischen war eine Zehnerkommission des römischen Senates eingetroffen, und die Friedensbedingungen wurden ausgearbeitet. Neben den klaren Forderungen an Antiochos stand die Frage, was mit den von den Seleukiden evakuierten Gebieten Kleinasiens geschehen solle. Bei einer Audienz im Sommer des Vorjahres in Rom hatte bereits Eumenes hinter verschlossenen Türen die Senatoren gedrängt, nicht auf rhodische Parolen, die die Freiheit für die Griechenstädte zum Gegenstand hatten, einzugehen. Sich als Sachwalter römischer Interessen in Asien andienend, empfahl er, die Städte ihm zu überlassen. Im Ergebnis ging Eumenes denn auch als klarer Sieger aus den Verhandlungen hervor. Er stieg von einem regionalen Dynasten zum stärksten Herrscher Kleinasiens auf: Was im (aus römischer Sicht) cis-taurischen – das heißt diesseits, nördlich und westlich des Taurus sich erstreckenden – Asien bis zum Fluß Halys, der die Westgrenze Kappadokiens markiert, vormals seleukidisch war: die Landschaften Lykaonien, Großphrygien, Phrygien am Helles­ pont, Mysien, Lydien und Ionien, mit Ausnahme von Karien und Lykien süd-

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lich des Maiandros (S. 295 ff.), wurde Pergamon zugeschlagen. Im Süden bekam Eumenes zusätzlich die Milyas und Telmessos (letzteres unter Abzug der Landschenkung des Ptolemaios). Pamphylien, seiner Ansicht nach ebenfalls cis-taurisch, blieb ihm zunächst verwehrt; zwei Jahre später sollte er auf Scipios Entscheid hin dessen westlichen Abschnitt erhalten, die Städte Aspendos und Side dagegen bewahrten ihre Unabhängigkeit.75 Kilikien blieb seleukidisch. Was nun die übrigen Griechenstädte im attalidischen Königreich angeht, so fand man folgende Formel: Diejenigen, die am Tage der Schlacht frei waren, sollten es weiterhin sein. Von den untertänigen Städten sollten diejenigen, die schon an Attalos I. (bis 197) Tribut zahlten, dies auch künftig an Eumenes tun müssen; diejenigen, die 197 Antiochos tributpflichtig gemacht wurden, zuvor jedoch frei waren, sollten wieder tributfrei werden. Natürlich erhielt Lampsakos die Freiheit zugesprochen, von dem Städtebund in der Troas auch Alexandreia, Kyme, Dardanos und Ilion, letzteres noch belohnt mit der Zugabe von Rhoiteion und Gergitha, weniger wegen seines Verhaltens als wegen der den Römern gegenüber geschickt propagierten Romverwandtschaft. Eumenes untertänig, das heißt tributpflichtig dagegen wurden Priapos, Parion, Skepsis und Abydos. Weiter südlich jubelten Phokaia, Smyrna, Erythrai und Notion, nicht jedoch Magnesia am Sipylos, Teos, Lebedos, Ephesos und Tralleis. Den Magnesiern am Maiandros scheint Scipio die Freiheit geschenkt zu haben ([109] Syll.3 679 Z. 54; Tacitus, ann. 3, 62, 1).

2.8.  Rhodos, Lykien und die Königreiche Anatoliens nach Apameia Das Land südlich des Maiandros wurde verteilt, nicht ohne daß auch hier Städten die Freiheit blieb. Dazu gehörten in Karien außer Mylasa und Alabanda, das aus Dankbarkeit den Kult der Göttin Roma einführte, die Poleis Milet und Herakleia am Latmos; zwischen diesen beiden brach Streit um ein gebirgiges Grenzgebiet aus, der zwischen 186 und 181 ausgefochten und mit einem Vertrag beendet wurde. Unklar ist, wie Knidos, Halikarnassos, Myndos und Iasos davonkamen. Der rhodische Festlandbesitz umfaßte bis dahin im wesentlichen die karische Chersonnesos und das den Rhodiern von Antiochos überlassene Stratonikeia. Künftighin bestand das rhodische Karien aus drei großen Teilen. Die einem strategos unterstellte alte Peraia («das Festland und Physkos und die Chersonnesos») bekam einen Aufsichtsbeamten zusätzlich, der den Titel hagemon führte. Ein weiterer hagemon beaufsichtigte das nördlich davon gelegene Karien. Ein dritter trat an die Spitze des ausgedehnten Territoriums von Kaunos, das geographisch und auch sprachlich-kulturell vom übrigen Karien abgesondert eine eigene Einheit bildete. Wenn die An-

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gabe Appians richtig ist, dann fällt der schon erwähnte Kauf von Kaunos durch die Rhodier in die Zeit unmittelbar nach der Schlacht bei Magnesia, aber noch vor dem Frieden von Apameia (Appian, Mith. 23 [89] ). In einzelnen Städten setzten die Rhodier zusätzlich als zivile und militärische Funktionäre Vorsteher (epistatai) ein. Lykien Hinsichtlich des Status von Lykien entwickelten sich die Dinge sehr zum Ärger der Rhodier. Für das Verständnis von Genese und Eigenart der politischen Verhältnisse in diesem Land, das erst unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) dem römischen Reich einverleibt wurde, ist es hilfreich, diese Situation einmal genauer zu betrachten. Zunächst einmal zeichnet sich neuerdings immer deutlicher ab, daß wie in Karien Herakleia und Milet auch hier in Lykien einzelne Städte autonom und Vertragspartner der Rhodier wurden. Das trifft auf Xanthos zu, das sich auf Grund seiner bei Homer verbürgten ‹urgeschichtlichen› Verwandtschaft mit den Troianern in Apameia der wärmsten Empfehlung einer Gesandtschaft der Ilier erfreute. Epigraphische Quellen legen eine Partnerschaft mit Rhodos auch für Phaselis nahe und sichern eine solche für die kleine ostlykische Stadt Melanippion, die auf Fürsprache eines Phaseliten in Bündnis und Freundschaft mit den Rhodiern aufgenommen wurde und ihre Einkünfte selbst verwalten durfte.76 Das waren freilich keine Bündnispartner auf Augenhöhe mit dem Inselstaat. Auf die Bitte der ilischen Gesandten in Apameia, den Lykiern allgemein Verzeihung dafür zu gewähren, daß eine Reihe ihrer Städte auf Antiochos’ Seite getreten waren, antworteten die römischen Kommissionäre ausweichend, man wolle sein Möglichstes tun. Tatsächlich war den Rhodiern schon bei Verhandlungen in Rom Lykien versprochen und in Apameia dann auch zugeteilt worden. Während sie darangingen, ihren neuen Besitz auf ihre Weise zu organisieren, kam es zum Konflikt mit lykischen Abgesandten, denen keine direkte Herrschaft rhodischer Exekutivbeamter in Städten oder Bezirken, sondern Autonomie, Freundschaft und Bundesgenossenschaft vorschwebten. Die Lykier traten als Gruppe auf, nicht mit Delegationen einzelner Poleis. Was der brüsken Ablehnung solcher Ansinnen durch Rhodos folgte, war ein für die Inselrepublik kostspieliger Guerillakrieg. Als auch das freie Xanthos auf seiten der gequälten Lykier in den Krieg eintrat und lykische Gesandte in Rom von ihrer Knechtschaft berichteten, hat der Senat mit einem Beschluß reagiert, der in Rhodos Lärm und Schrecken machte: Von einem Geschenk sei nie die Rede gewesen, sondern von einem Bündnis. Über vermeintliche Widersprüche in der Darstellung bei Polybios und Livius ist sich die Forschung bis heute nicht einig geworden.77 Polybios verwendet für die Zuteilung Lykiens an Rhodos den Ausdruck en dorea – als Ge-

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schenk –, der von den perserzeitlichen und hellenistischen Königsschenkungen her vertraut ist.78 Das polybianische en dorea gibt wohl eine von der rhodosfreundlichen Geschichtsschreibung gepflegte Auffassung der Rhodier wieder, während die senatorische Version sich in den Worten bei Livius (41, 6, 12) ausdrückt: «Wie die Lykier unter dem Imperium und dem Schutz der Rhodier stünden, so seien sie auch verbündete Gemeinden unter der Gerichtsbarkeit des römischen Volkes.» Die Römer dachten für das rhodisch-­ lykische Verhältnis wohl an das Vorbild ihrer eigenen Beziehung zu den italischen Bundesgenossen. In den Köpfen der Rhodier dagegen dürfte derartiges eher auf die Einzelbündnisse à la Melanippion passen, während sie für Lykien in der Tat eine im Osten traditionelle Form der Schenkung exekutieren wollten, die dem römischen Verständnis fremd war. Im gemeinsamen Auftreten und Zusammenschluß gegen Rhodos scheinen die Anfänge des lykischen Bundes zutage zu treten. In der Forschung sind zwar verschiedene Indizien für die These herangezogen worden, ein solcher Bund bzw. ein Vorgänger habe bereits im 3. Jh. v. Chr. unter den Ptolemaiern – etwa in Analogie zum Bund der Nesioten, der Inselbewohner aus dem Kykladengebiet – bestanden.79 Doch fehlen dafür bislang eindeutige Beweise. Die älteste sichere Erwähnung des Bundes ist die Ehrung eines ptolemaiischen Diplomaten etwa aus der Zeit 182/180 v. Chr., deren Hintergrund möglicherweise darin zu erblicken ist, daß die Lykier in ihrer Position durch den Lagidenhof unterstützt wurden ([106] OGIS 99). Dagegen ist ein die Existenz des Bundes voraussetzendes, längeres Dekret der Stadt Araxa (im nörd­lichen Xanthostal) für ihren Bürger Orthagoras, desgleichen die Gründung einer Art Imitat des lykischen Bundes, der Tetrapolis Bubon, Balbura, Oinoanda und Kibyra – Städte mit pisidischem Bevölkerungsanteil – unsicher und umstritten.80 Ein zweiter lykischer Aufstand nach 178 folgte dem ersten. Während in diesem Eumenes von Pergamon noch auf Rhodos’ Seite stand, unterstützte er im späteren die Lykier. Verschiedene Irritationen hatten das Verhältnis der beiden westkleinasiatischen Vormächte verschlechtert, bis hin zu dem diplomatischen Skandal, daß eine rhodische Richterdelegation den Achaierbund veranlaßte, dem König von Pergamon seine Ehrungen abzuerkennen (Polybios 28, 7, 8). Die politische Interessenlage der beiden asiatischen Romverbündeten im bellum Antiochicum spaltete sich nach dem Sieg, nicht nur wegen der Reibungsflächen auf dem eigenen Kontinent. Während Eumenes mit Blick auf mögliche Zugewinne in Thrakien die Römer zum Krieg gegen den Makedonenkönig Perseus geradezu drängte, lösten die lykischen Erfahrungen bei den Rhodiern eine interne Debatte über ihre Haltung zu Makedonien aus. Dabei dürfte sich ihnen die Frage aufgedrängt haben, ob eine uneingeschränkte Dominanz Roms in Griechenland nicht ihre eigenen inselägäischen Hege-

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monieansprüche zunichte machen müßte. Als sich in der heißen Phase römischer Kriegsvorbereitungen gegen Perseus eine promakedonische Faktion soweit durchsetzte, daß Rhodos sich der römischen Gehorsamserwartung zuwider eine Vermittlerrolle anmaßte, war die Katastrophe vorprogrammiert. Todesurteile gegen ihre eigenen Politiker nach dem römischen Sieg bei Pydna (Juni 168) und mehrere Gesandtschaften mit ausgesuchten Gesten der Unterwürfigkeit verhinderten nicht, daß der Senat Karien und Lykien, soweit sie der Inselrepublik nach dem Antiochoskrieg zugesprochen worden waren, für frei erklärte (Polybios 30, 5, 12). Kurz zuvor waren von den Rhodiern noch Aufstände der Kaunier unterdrückt und ein Angriff Mylasas auf das Gebiet von Euromos abgewehrt worden. Kibyra und Alabanda traten in den Widerstand gegen Rhodos ein. Ein weiterer Spruch aus Rom befahl die Räumung von Stratonikeia und Kaunos. Das zwanzigjährige rhodische Zwischenspiel als asiatische Landmacht war beendet. In weiten Teilen Kleinasiens ist eine Welle von Ehrungen für Rom ausgebrochen.81 Auch der lykische Bund führte damals, wenn die in der Forschung vertretene Spätdatierung die richtige ist, den Romakult mit einem dazugehörigen Fest ein und weihte eine Statue der Göttin auf dem Kapitol. Ein fragmentarisch erhaltener Bündnisvertrag mit Rom, gefunden in Tyberissos, könnte in diese Zeit gehören (vgl. jedoch S. 354).82 Die Kaunier stellten am Rande ihrer Agora ein hohes Pfeilermonument mit dem Standbild des populus Romanus auf, und sie gründeten einen penteterischen Kranzagon – einen alle vier Jahre auszutragenden Wettkampf, bei dem die Sieger feierlich bekränzt wurden – für Leto und die Göttin Roma. Der Kult der dea Roma, ein untrügliches Kriterium der Dankbarkeit für Wohltaten, ist in der Zeit nach 167 des weiteren in Antiocheia am Maiandros, Plarasa/Aphrodisias, Tabai und Kibyra nachgewiesen. In den befreiten Territorien kommt es sogleich – offenbar unter römischer Regie – zu neuen Gebietsformationen: Antiocheia am Maiandros vermag sich ein benachbartes Gemeinwesen einzuverleiben, aus dem Synoikismos – der Vereinigung der Gemeinwesen – zwischen Plarasa und Aphrodisias geht eine neue, später blühende Polis hervor. Kaunos erweitert sein Gebiet um zahlreiche Landgemeinden (Demen), muß sich aber einem römischen Entscheid beugen und auf einen Teil des Territoriums der renitenten Kalyndier verzichten. Damit war hier, im südlichen Kleinasien nach 167, eine ganz ungewohnte Situation entstanden. Zum ersten Mal seit Kyros dem Großen war der auswärtige Beherrscher im Lande selbst nicht vertreten: kein Satrap, kein strategos, kein dioiketes oder oikonomos, kein hagemon oder epistates. Jetzt kam alles auf gute bilaterale Beziehungen mit der weit entfernten Tiberstadt an, und die Poleis überboten sich darin, Verträge oder wenigstens das Patronatsverhältnis zu einem römischen Senator anzustreben. Mit Lykiens Freiheit blühte die einzige

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bundesstaatliche Organisation Kleinasiens auf, die noch Montesquieu in seinem Werk «De l’Esprit des lois» IX. Buch, Kapitel 3, als Modell einer föderativen Republik gerühmt hat. Der Bund prägte Silberdrachmen nach rhodischem Muster, plinthophoroi (Münzen, die eine quadratische Platte zeigen).83 Die ausführlichste Beschreibung der inneren Organisation des Bundes gibt Strabon, der sich auf den am Ende des 2. Jh.s v. Chr. schreibenden Artemidoros von Ephesos bezieht (14, 3, 3): «Es gibt 23 Städte, die am Stimmrecht Anteil haben. Aus jeder Stadt kommen die Delegierten zusammen zu einer allgemeinen Versammlung, nachdem sie eine Stadt mit Billigung aller als Versammlungsort ausgewählt haben. Die größten der Städte verfügen über je drei Stimmen, die mittleren über zwei, die restlichen über eine. Nach derselben Maßgabe leisten sie Beiträge und Aufwendungen seitens der Bürger. Nach Artemidoros sind die größten: Xanthos, Patara, Pinara, Olympos, Myra und Tlos. Auf dem Kongreß wählen sie zuerst einen Lykiarchen [Oberbeamten von ganz Lykien] und dann andere Bundesbeamte. Auch Bundesgerichtshöfe werden eingerichtet. In der Vergangenheit entschieden sie über Krieg und Frieden und über Bündnisse, jetzt aber tun sie dies natürlich nicht mehr, da diese Angelegenheiten notwendigerweise bei den Römern liegen.» Über die genannten sechs Städte hinaus kennen wir mindestens neun weitere Mitglieder aus der Münzprägung: Antiphellos, Apollonia, Arykanda, Kyaneai, Gagai, Limyra, Phellos, Rhodiapolis und Sidyma. Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich nahm Lykien einen enormen Aufschwung, den die Archäologie auch für ländliche Gebiete nachweisen kann. Rivalisierende Königreiche König Eumenes II., Regent von Pergamon seit 197 v. Chr., orientierte unterdessen das im Windschatten der römischen Kriege gegen Philipp von Makedonien und Antiochos von Asien beträchtlich erweiterte Reich konsequent nach Westen. In 37 Jahren Regierungszeit hat er die 44 Jahre dauernde Regierung seines Vorgängers Attalos I. darin fortgesetzt, mit Stiftungen und Weihgaben, Bauten und Festen, Mythen und Siegen auf dem Felde und der Rennbahn seine Dynastie und seine Stadt in die griechische Welt zu integrieren. In Athen, Olympia und Milet stehen seine Standbilder; Festbesucher aus Hellas kommen nach Pergamon, und Pergamon seinerseits beschickt die großen Kultfeste der Poleis. Aus römischer Perspektive werden Asia und das Königreich (regnum) des Pergameners nahezu eins. Darin liegt der Same einer Gefahr, da Pergamon dem Senat, dem neuen Hegemon des gesamten Mittelmeer­ raumes, auch ohne einen faux pas wie den rhodischen verdächtig wird. Dies um so mehr, als es an Rivalen und Neidern in Kleinasien nicht fehlte, von ­denen die erbittertsten die Könige von Bithynien waren.

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Prusias I. von Bithynien hatte sein Reich durch eine aggressive Eroberungspolitik erweitert und mit Städtegründungen gefestigt.84 Tieion am Meer und Kieros im Binnenland hatte er den Herakleoten entrissen und daselbst die Stadt Prusias am Hypios gegründet. Herakleia blieb ihm ein Dorn im Auge. Zu einer nicht näher bestimmten Zeit nach der Schlacht bei Magnesia, vermutlich in den 80er Jahren des 2. Jh.s, schloß die Stadt ein Bündnis mit Rom. Dem von Philipp V. zerstörten Kios am Golf des Marmarameeres gab der König nach dem Wiederaufbau den Namen Prusias am Meer; desgleichen baute er das ruinierte Myrleia, ca. 20 km westlich von Kios, auf und nannte es Apameia. Von zwei Plätzen, die er frisch besiedelte, kennen wir keine früheren Namen, Bithynion in der Bolu Ovası und Prusa unterhalb des 2543 m hohen Olympos (Ulu Dag˘), das heutige Bursa. Die Gründungen dienten vornehmlich militärischen Zwecken. Die älteren Griechenstädte und jüngeren Diadochenkolonien wurden wahrscheinlich mit Einheimischen und Söldnern aufgefüllt. Die Städte besaßen keine eigene Münzprägung und offenbar kein Territorium. Ein hellenistisches Dekret aus Prusa bezeugt Polisinstitutionen. Noch in der Kaiserzeit hieß eine der Phylen von Prusias am Hypios nach dem Gründer, und der König wurde als Heros Ktistes kultisch verehrt. Ein besonderes Beutestück an Land muß sich Prusias etwa in der Zeit, als Eumenes II. König wurde, angeeignet haben: den an ­Mysien grenzenden Teil Phrygiens, dereinst von Antiochos dem Attalos I. über­lassen (S. 282). Prusias hatte sich von den Scipionen gerade noch rechtzeitig davon abbringen lassen, auf die Seite des Antiochos zu treten; gegen Zusicherung territorialer Integrität blieb er neutral, mußte aber nach dem römischen Sieg gewahr werden, daß ihm «Mysien» (womit jener nordwestliche Teil Phrygiens gemeint sein muß) genommen und als rechtmäßiger Besitz dem König von Pergamon zurückgegeben werden sollte. Dieser Entscheidung widersetzte sich Prusias, und Eumenes mußte Krieg führen, um sich zu holen, was ihm zugesichert war. Auf seiner Seite treten Herakleia und Kyzikos, die Heimat seiner Mutter Apollonis, in den Krieg ein. Prusias dagegen nimmt den Flüchtling Hannibal an seinem Hof auf – eine Provokation für die Römer. Der Punier hatte nach seiner Flucht an der Propontis bereits das dritte Asyl bei asiatischen Herrschern gefunden: Von Antiocheia in Syrien war er zu Artaxias von Armenien gegangen, bevor er zu Prusias gelangte. Wiederholt spielte er nicht nur eine aktive Rolle als Kommandeur im See- und Landkrieg, sondern auch als Berater und Städtegründer: Auf ihn sollen die königlichen Gründungen der Städte Artaxata am Araxes (Strabon 11, 14, 6) und Prusa am Olympos zurückgehen (Plinius d. Ä., nat. 5, 148). Eumenes, der König von Pergamon, indessen gewinnt, trotz eines erfolgreichen Manövers Hannibals gegen seine Schiffe, militärisch die Oberhand.

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Abb. 43:  Pharnakes I. von Pontos

Eine Inschrift von Telmessos vom Dezember 184, das früheste Zeugnis des Beinamens soter («Retter») für Eumenes, feiert einen großen Sieg des Königs über Prusias und die mit ihm verbündeten Galater.85 Wie es sich noch oft wiederholen soll, wenden sich die asiatischen Kombattanten mit gegenseitigen Beschuldigungen an Rom. Der Senat schickt 183 v. Chr. keinen geringeren als Titus Quinctius Flamininus, dessen vordringlichste Aufgabe es ist, Frieden zwischen den Königen herzustellen. Der von ihm geforderten Auslieferung Hannibals kommt der Punier durch Selbstmord zuvor. Eumenes erhält das umstrittene Gebiet Phrygia epiktetos («das hinzuerworbene») zurück. Noch im selben Jahr entsteht ein Konflikt mit dem König von Pontos, Pharnakes. Es ist längst an der Zeit, dieser Dynastie der Mithradatiden am Schwarzen Meer Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir müssen daher einen Blick zurück in die Diadochenzeit werfen. Wenn man dem Historiker Hieronymos von Kardia glauben darf (Diodor 19, 40, 2; vgl. Polybios 5, 43, 2), stammte Mithradates, der Stammvater dieser Dynastie, aus einer Familie, deren Ahnherr einer der sechs Mitverschworenen des Perserkönigs Dareios I. (549– 486) war, und seine Nachkommen sollen die höchsten Hof- und Reichsämter bekleidet haben. Der Iraner befand sich zunächst im Gefolge des Eumenes von Kardia, dann trat er zu dessen Gegner, dem Diadochen Antigonos Mon­ ophthalmos, über und erhielt von diesem die Stadt Kios an der Propontis. Als er ca. 302 erneut die Seite zu wechseln versuchte, wurde der Verrat aufgedeckt; Antigonos ließ ihn in seiner Stadt hinrichten. Doch sein gleichnamiger Sohn, ein Jugendfreund des Monophthalmos-Sohnes Demetrios, entkam nach ­Paph­lagonien – ein Vorgang, den Théodore Reinach als die «Hedschra» der Mith­radatidengeschichte bezeichnete.86 Er wurde der Gründer (ktistes) einer

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Dynastie. Irgendwo im Gebirge Olgassys (Ilgaz Dag˘ları) schuf er sich eine ­Basis für Raubzüge und Wegelagerei.87 Als Lysimachos auf dem Korupedion 281 fiel, kontrollierte er das Amniastal im Zentrum Paphlagoniens und das Irisbecken östlich davon, beides fruchtbare und verkehrsgünstige Landschaften. Die Situation schien ihm geeignet, sich den Königstitel zuzulegen. Allmählich wuchs sein Reich zu einer von der kappadokischen Herrschaft des jüngeren Ariarathes klar zu trennenden Einheit. Damals begann man den «Kappadokien am Meer» (Polybios 5, 43, 1) bezeichneten Teil Kappadokiens einfach als «Pontos» zu benennen. Bereits 279 fiel die Küstenstadt Amastris in pontischen Besitz, wenige Jahre später Amisos (Memnon, FGrHist 434 F 1, 16). Nach Diodor (20, 111, 4) regierte der «Gründer» 36 Jahre (d. h. man käme – von 302 an gerechnet, nicht von 281! – auf 266 als Todesdatum). Die Reihenfolge und Chronologie der Nachfolger ist unsicher. Appian (Mith. 112 [540] ) zählt einmal wie Plutarch (Demetr. 4, 4) acht, an einer anderen Stelle (9 [29] ) sechs Mithradatiden, Synkellos (Ecloga chronographica p. 523 CSHB) sogar zehn; Verwechslungen mit Gleichnamigen in der Arsakidendynastie oder der Dynastie von Kommagene sind nicht ausgeschlossen. Der übernächste Nachfolger, Mithradates II., drohte ca. 220 v. Chr., e­ inen Angriff auf die bedeutendste Küstenstadt der Griechen, Sinope, durchzuführen, die sich darauf mit rhodischer Hilfe vorbereitete (Polybios 4, 56). Mit den östlichen Galatern vermochte er sich ebenso zu arrangieren wie mit den ­Seleukiden fest zu verbinden: Je eine Tochter namens Laodike vermählte er mit Antiochos Hierax (nach dessen Tod mit Achaios) und mit Antiochos III.; später sollten auch Pharnakes I. und Mithradates V. seleukidische Prinzessinnen heiraten. Als die Seleukiden aus Anatolien verbannt wurden, regierte im Pontos der bereits erwähnte Pharnakes (Abb. 43). Neuere Forschungen verschieben seine Regierungszeit nach oben, zwischen ca. 195 und 171 v. Chr.88 Seine offensive, ja aggressive Politik erregt Mißfallen: Polybios tadelt ihn als den gesetzeswidrigsten aller bisherigen Könige. Ende 183 gelang ihm ein Überraschungs­ angriff auf Sinope, in das möglicherweise schon damals die Residenz verlegt wurde. Mit dieser Eroberung waren alle griechischen Küstenstädte östlich von Tieion in pontischem Besitz, und auch Tieion sah sich zwei Jahre später von Pharnakes’ Feldherrn Leokritos angegriffen und fiel. Durch Synoikismos gründet der König östlich von Amisos Pharnakeia (vormals die milesische Sekundärkolonie Kerasus, das heutige Giresun). Verwüstungen und Plünderungen in Kappadokien rufen endlich eine Koalition gegen ihn auf den Plan: Angeführt von Eumenes, schließen sich Ariarathes von Kappadokien, Morzios von Gangra und der Galater Gezatorix zusammen, auch Prusias II. kommt hinzu. Wegen Sinope, dem großen Handelspartner, führt Rhodos Beschwerde beim Senat. Mehrmals hintereinander begeben sich senatorische Kommissionen

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nach Asien. Als Eumenes den Hellespont sperrt, um Pharnakes vom Seeverkehr abzuschneiden, bringt er die Rhodier gegen sich auf. Am Ende scheint der Pontiker doch in Bedrängnis geraten zu sein, denn im Friedensschluß von 179 muß er sich zu schmerzlichen Zugeständnissen bequemen. Polybios überliefert die Bedingungen (25, 2, 3–10): «Es soll ewiger Frieden herrschen zwischen Eumenes, Prusias, Ariarathes einerseits und Pharnakes und Mithradates [dem König von Kleinarmenien] andererseits. Galatien soll Pharnakes auf keinerlei Weise betreten. Die Verträge, die früher zwischen Pharnakes und den Galatern bestanden haben, sollen ungültig sein. In gleicher Weise soll er Paph­ lagonien räumen, nachdem er die Einwohner, welche er früher daraus weggeschleppt, zurückgeführt hat. Er soll auch dem Ariarathes alle Burgen, die er erobert hat, in ihrem früheren Zustand zurückgeben, und auch die Geiseln. Auch Tieion am Pontos soll er zurückgeben. Die Gefangenen soll er ohne Lösegeld freilassen und die Überläufer ausliefern. Außerdem soll er als Ersatz für das Geld und den Schatz, welchen er dem Morzios und Ariarathes geraubt hat, diesen Königen 900 Talente zahlen, sowie dem Eumenes 300 Talente Kriegskosten.»89 Römisch-attalidische Eiszeit Schon in der frühen Phase des Krieges, 182, hatte Eumenes militärische Erfolge zum Anlaß genommen, einen im Vierjahresrhythmus auszurichtenden Wettkampf für die Göttin Athena zu gründen: die Nikephoria. Das Athenaheiligtum außerhalb der Stadt, das Nikephorion, wurde erweitert, für heilig und unverletzlich erklärt – was sich allerdings als schwacher Schutz erweisen sollte. Epigraphisch überlieferte Beschlüsse bezüglich der internationalen Anerkennung stammen von der sakralen Bundesorganisation mehrerer Staaten um das Heiligtum von Delphi (delphische Amphiktyonie), dem Aitolerbund, Kos und einer unbekannten Stadt in Karien. Im übrigen zeigen die 70er Jahre, nach dem Frieden mit Pharnakes, Pergamon in guten Beziehungen mit Athen. In der geistigen Metropole der griechischen Welt besaßen Eumenes und seine Brüder das Bürgerrecht, waren in die nach ihrem Vater benannte Phyle Attalis eingeschrieben und empfingen als Wohltäter der Stadt öffentliche Ehren. Aber Hellas im allgemeinen war Eumenes nicht gewogen und be­geisterte sich, kaum zwei Jahrzehnte nach dem Jubel über den Makedonen­besieger und Griechenlandbefreier Flamininus, für den neuen König von Makedonien, Perseus, den Sohn Philipps. Auch das Verhältnis zu den Rhodiern war, wie dargelegt, auf dem Tiefstpunkt. In deren Augen und in den Augen von Perseus erschien Eumenes’ Regiment in Asien tyrannischer, als es das des Antiochos jemals war. Im Jahr 172 kommt es in Griechenland zu einem Anschlag auf Eumenes’ Leben: Der König von Pergamon hatte bei seinem Auftritt in Rom als Agita-

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tor gegen Perseus Gehör bei den Senatoren gefunden – mit Ausnahme des ­alten Cato, der ihn nicht mochte. Als er auf der Rückreise das delphische Apollonheiligtum besuchen wollte, trafen ihn an einer Engstelle der Straße, die zum temenos hinaufführte, Steinwürfe. Schwerverletzt konnte er zu Schiff getragen und nach Aigina gebracht werden. Nach Rom und Pergamon verbreitete sich in Windeseile die falsche Nachricht von seinem Tod. Daraufhin machte der Bruder Attalos in der Residenz Anstalten, das Diadem anzulegen und die ‹Witwe› Stratonike zu heiraten.90 Zu einem Bruch zwischen den Brüdern ist es, als der Irrtum sich aufklärte, nicht gekommen. Am Perseuskrieg beteiligten sich die Brüder aus Pergamon aktiv an der Seite Roms. Eumenes dirigierte die Flotte, Attalos und Athenaios waren in der Entscheidungsschlacht des Aemilius Paullus bei Pydna (168) mit dabei. Im Stab des Siegers auf seiner Tour durch Griechenland scheinen pergamenische Offiziere beratend mitgewirkt zu haben, als über das Wohl oder Wehe vieler Poleis verhandelt wurde.91 Doch der pergamenische König mußte nach dem Sieg von Pydna eine bittere Ernte seiner Westpolitik einbringen: Der Senat brauchte ihn nicht mehr und begann, ihn zu demütigen. Ein Affront bestand darin, die thrakischen Städte Ainos und Maroneia eben nach der Zusage, sie ihm zu überlassen, für frei zu erklären. Um Vermittlung und Hilfe im Kampf gegen die an der Ostgrenze des Reiches unruhigen Galater gebeten, spielen die römischen Diplomaten ein hinhaltendes Doppelspiel. Der Höhepunkt der Kränkungen ereignete sich, als der alte König selbst in Italien landete, um an den Tiber zu reisen und vor den Senat zu treten. Ein Quästor erklärte ihm kühl, daß kein König Rom betreten dürfe, und fragte ihn, ob er etwas vom ­Senat begehre; falls nicht, solle er das Land binnen einer kurzen Frist verlassen. Eumenes antwortete, er begehre nichts, und kehrte Italien den Rücken. Weitere Kämpfe mit den Galatern waren ausgebrochen, während er sich, als der Perseuskrieg ausbrach, in Griechenland aufhielt. Die pisidische Stadt Amlada schloß sich den Insurgenten an, wurde aber zurückerobert und mußte hohe Tribute zahlen und Geiseln stellen. Eumenes schlägt die Galater so erfolgreich zurück, daß Sardeis und Tralleis Wettkämpfe zu seinen Ehren, Pan­ athenaia und Eumeneia einrichten, und in Pergamon selbst werden auf Grund königlicher Stiftungen die Kranzagone Soteria und Herakleia gegründet.92 In den Chor der Beschwerden gegen ihn, die die Galater in Rom vorbringen, stimmt der Erzfeind Bithynien ein. Prusias II. übernimmt Rom gegenüber jetzt eine Rolle, die einst Eumenes selbst hinsichtlich des Antiochos und des Perseus gespielt hat. Die Brüder Attalos und Athenaios werden in Rom zwar empfangen, um sich zu verteidigen, doch eine neue Demütigung ist die Entsendung der Kommission unter C. Sulpicius, der von Sardeis aus verkündet, jeder, der will, solle ihm jedwede Klagen gegen Eumenes zu Gehör bringen.

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Die letzten Attaliden König Eumenes starb 159 v. Chr. Polybios zollt ihm seine Hochachtung, besonders, weil er drei seiner Brüder zu loyalen Mitkämpfern habe machen können, wofür es wenige Beispiele in der Geschichte gebe. Attalos trat plangemäß und reibungslos die Nachfolge an und heiratete als 61jähriger die Königin Stratonike. In den letzten Jahren des Eumenes und in der Zeit des Übergangs der Herrschaft an seinen Bruder war es zu Turbulenzen in Kappadokien gekommen. Etwa 163 war Ariarathes IV. gestorben. Sein Sohn und Nachfolger Ariarathes V. Eusebes Philopator pflegte wie sein Vater ausgezeichnete Beziehungen zu den Römern.93 Gegenüber dem aus römischer Geiselhaft entflohenen und in Antiocheia in Syrien an die Macht gekommenen Seleukiden Demetrios, seinem Cousin, zeigte er sich ablehnend und wies das Angebot, dessen Schwester zur Frau zu nehmen, zurück. Demetrios revanchierte sich für diese Erniedrigung, indem er gegen ihn marschierte, ihn vom Thron stürzte und einen älteren Bruder Orophernes, der in Priene aufgewachsen war, zum König machte. Nach Rom geflohen, erhielt der kappadokische amicus (Freund) keineswegs die erhoffte Unterstützung, mußte sogar erleben, daß Gesandte seiner Widersacher Orophernes und Demetrios vor den Senat gelassen wurden. Dieser trifft eine Entscheidung, die er bei Gelegenheit am liebsten auch für Pergamon getroffen hätte: Er teilt das Reich zwischen Orophernes und Ariarathes auf (158), was nur dazu führt, daß beide wiederum aneinandergeraten und Ariarathes nach gescheiterten Mordanschlägen erneut fliehen muß – diesmal nach Pergamon. Attalos II. wagt es gegen den Schiedsspruch Roms, seinen Schwager und Jugendfreund als alleinigen Herrscher in Kappadokien wiedereinzusetzen. Orophernes, dessen Regiment bei den Landesbewohnern unbeliebt geworden war, kann sich nicht halten und muß das Land 156/5 verlassen. Im Athenatempel von Priene besaß er ein Depositum von 400 Talenten, das Ariarathes als rechtmäßiger König jetzt für sich forderte. Doch die Stadt weigerte sich, das Geld irgendjemand anderem als Orophernes auszuzahlen, erduldete Belagerung und Plünderungen auf ihrem Territorium durch Attalos und Ariarathes, bis sie durch den Spruch des Senats Recht bekam. Ein Brief des Orophernes mit dankbarer Anerkennung der loyalen Haltung Prienes ist inschriftlich erhalten. Orophernes ging zu Demetrios nach Syrien, wo ihn statt freundlicher Aufnahme die Internierung erwartete. Er spielte keine Rolle mehr. Gegen den syrischen Thron des Demetrios intrigierte Pergamon mit der Präsentation eines falschen Königssohns, in Wahrheit ein einfacher Smyrnaier, der seinem angeblichen Vater Antiochos IV. ähnlich sah; er sollte mit römischem Segen

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und ägyptischer Hilfe als Alexander Balas 150 v. Chr. tatsächlich König werden. Attalos, den Rom schon zu Lebzeiten des Bruders bevorzugte, erfuhr von seiten der Herren am Tiber keine vergleichbar demütigende Behandlung wie dieser. Dennoch war er sich wohl bewußt, daß sein Verhältnis als Herrscher des größten Reiches in Kleinasien zu den Römern eine Gratwanderung erforderte. In diesen Kontext führt eine der interessantesten Urkunden der antiken Welt überhaupt ein. Sie gehört zu einem mehrteiligen Dossier von Briefen, die zwischen 163 und 156 von Eumenes und Attalos an den Priester Attis in Pessinus gerichtet wurden. In die Blöcke, die vermutlich zur Wand des Kybeletempels von Pessinus gehörten, eingemeißelt worden sind die Briefe erst im späten 1. Jh. v. Chr., mehr als 100 Jahre nach den Ereignissen. Attalos war in Apameia mit Attis zusammengetroffen, um ein gemeinsames Vorgehen gegen einen nicht genannten Feind zu besprechen; nach Pergamon zurückgekehrt schrieb er an den Priester ([111] Welles, RC 61): «Als ich nach Pergamon kam und eine Zusammenkunft einberief nicht nur von Athenaios, Sosandros und Menogenes, sondern auch zahlreicher anderer von meinen Verwandten, und als ich ihnen vortrug, was wir in Apameia beraten hatten und ihnen unsere Entscheidung mitteilte, da entstand eine lange Diskussion. Zuerst neigten alle dazu, mit uns einer Meinung zu sein. Chloros aber war überaus hartnäckig darin, die römische Perpektive in den Vordergrund zu stellen und riet mit Nachdruck davon ab, irgendetwas ohne sie [die Römer] zu unternehmen. Nur wenige stimmten dem anfangs zu, später aber, nach weiteren Beratungen, Tag für Tag, ergriff es uns immer mehr, und wir sahen ein, daß es gefährlich sei, ohne jene irgendwie tätig zu werden. Denn wenn wir erfolgreich wären, würden sie uns Neid, Mißgunst und üblen Verdacht entgegenbringen, wie sie ihn gegen meinen Bruder [i. e. Eumenes] hegten, hätten wir dagegen keinen Erfolg, wäre unser Ruin nur eine Frage der Zeit. Denn sie würden sich uns nicht hilfsbereit zuwenden, sondern freudig zuschauen, da wir ohne sie solches in Bewegung gesetzt haben. Wie wir es aber jetzt vorhaben, wenn auch – was nicht geschehen möge – irgendetwas schiefgeht, so haben wir es doch mit ­ihrem Wissen getan und könnten von ihnen Hilfe bekommen und unsere Verluste ausgleichen. Ich habe mich daher entschlossen, nach Rom bei jeder Gelegenheit, in der wir in Zweifel sind, Gesandtschaften zu schicken, die berichten sollen.» Es gibt selbst in den archivierten Memoranda aus der neueren Geschichte wenige Beispiele, die sich einer vergleichbar direkten Aufzeichnung von ­Debatten aus dem innersten Zirkel politischer Entscheidungsträger verdanken. Kaum zu bezweifeln ist der ursprünglich geheime Charakter dieser Korrespondenz. Man fragt sich, warum und auf welchem Wege sie überhaupt ver­ öffentlicht wurde. Für den antiken Zeitgenossen, der sich für die Geschichte

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interessierte und diesen Text aufmerksam las, mußte Rom in einem ungünstigen Licht erscheinen. Der Brief zeigt einen klaren Scharfblick des königlichen Ratgebers auf die wahre Haltung der Römer gegenüber dem asiatischen Verbündeten, und er steht damit in Einklang mit dem von anderen Beobachtungen untermauerten Urteil des modernen Historikers. Der römische Senat hat über die Zerschlagung seiner großen Gegner im Osten hinaus bis zu dieser Zeit nicht zu einer konstruktiven Politik gegenüber Asien gefunden, jedenfalls nicht aus der pergamenischen Perspektive. Das ständige Gegeneinanderausspielen der Könige und Städte als einzige Konstante gegenüber den sonst nur reaktiven und oft verzögerten Maß- und Stellungnahmen erzeugte Abneigung und Mißtrauen gegen Rom, die sich irgendwann entladen sollten. Im Sommer des Jahres 156 fiel Prusias II. ins pergamenische Reich ein. Derselbe König, der ein Jahrzehnt zuvor nach dem Untergang des Perseus in italischer Kleidung und mit dem pilleus auf dem Kopf – einer Kappe, die Sklaven und Freigelassene zu tragen pflegten – vor die Römer getreten war und sie auf Lateinisch angeredet hatte: «Ich bin ein libertus der Römer» (Appian, Mith. 2 [5] ), ließ jetzt jede Rücksicht auf römische Einwände fallen. Attalos wandte sich an Rom, und eine Dreierkommission veranlaßte, daß beide Könige sich in Begleitung von nur 1000 Reitern begegnen und einen Frieden aushandeln sollten. Der Bithynier täuschte seine Zustimmung vor und rückte mit seinem ganzen Heer an. Mit Mühe und Not entkam Attalos und wurde zusammen mit den römischen Vermittlern in seiner Hauptstadt eingeschlossen. Prusias, der nach Polybios’ Urteil außer Rand und Band geriet, indem er nicht nur die Menschen, sondern auch die Götter mit Krieg überzog (32, 15, 13), verging sich brennend und raubend an den pergamenischen Heiligtümern vor den Mauern der Stadt – dem Nikephorion und dem Asklepieion –, belagerte vergeblich Elaia, verwüstete die Territorien von Aigai und Kyme, wandte sich dann landeinwärts, wo er das persische Heiligtum der Artemis von Hie­ rakome, das Gebiet von Temnos und einer kleinen Stadt namens Herakleia plünderte, um sich schließlich nach Prusa zurückzuziehen. Das war selbst für den Senat zuviel, um hier nicht eindeutig auf Pergamons Seite einzuschreiten. Prusias wird als Aggressor verurteilt und zu hohen Schadenersatzzahlungen an mehrere Gemeinden verpflichtet. Auf die Öffentlichkeit hat seine Raserei großen Eindruck gemacht, und seinen unmittelbar darauf folgenden Untergang hat man als göttliche Strafe verstanden: Als er in einem unglaublichen Ränkespiel den eigenen Sohn Nikomedes mit dem Tode bedrohte, wenn dieser es in Rom nicht erreichen sollte, die Strafzahlungen von ihm abzuwenden, trat der Sohn auf die Gegenseite und verbündete sich mit Attalos zum Coup auf den Thron in Nikomedeia. Die beiden marschierten in Bithynien ein und belagerten die Stadt. In letzter Verzweiflung wandte sich Prusias noch einmal an den Senat, doch die von diesem bestellte Gesandtschaft – vom alten Cato

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als lahm, kopflos und dumm verspottet – ließ auf sich warten. Durch Verrat erhielten Nikomedes und Attalos Eingang in die Stadt, und Prusias wurde im Zeusheiligtum erstochen. Von der Siegerweihung an Athena Nikephoros in Pergamon ist die beschriftete Marmorbasis erhalten ([106] OGIS 327). Attalos II. erwies sich in seinem letzten Regierungsjahrzehnt als treuer Verbündeter der Römer. Den aus seinem Königreich, aus Adramyttion, stammenden Andriskos, der sich als falscher Philipp, Sohn des Perseus, in Make­ donien Zulauf verschaffte, half er zu bekämpfen. Auch bei der Einnahme ­Korinths durch Mummius wirkte er mit seiner Flotte mit. Ein Besuch des jüngeren Scipio Africanus in Pergamon adelte seine guten Beziehungen zu Rom, kurz bevor er im Alter von 82 Jahren 139 v. Chr. starb. Über seinen Nachfolger Attalos III. ist wenig bekannt. Man hat in der neuzeitlichen Forschung den Verdacht geweckt, daß er nicht der Sohn des Eumenes und der Stratonike, sondern vielmehr Sohn aus jener Verbindung sei, die Attalos mit Stratonike eingegangen war, als dieser die falsche Nachricht vom Tod seines Bruders erhalten hatte.94 Diodor (34, 3) beschreibt ihn als grausamen und mißtrauischen Menschen. Seine Experimente mit Giften (pharmaka), deren Wirkung er an Gefangenen ausprobiert haben soll, beschäftigten Jahrhunderte später seinen Landsmann, den berühmten Mediziner Galen. Er soll auch einen Traktat über Landwirtschaft verfaßt haben. Inschriften verkünden ihn als Wohltäter verschiedener Heiligtümer im Hinterland von Pergamon. Als er nach nur sechs Jahren Regierung starb, hinterließ er ein ­Testament, das die Römer zu seinen Erben einsetzte. Es sollte sich als ein Akt von welthistorischer Bedeutung erweisen. Gegner Roms haben es später als Fälschung verdächtigt (Sallust, epist. Mithr. 8), Inschriftenfunde indessen seine Existenz zweifelsfrei erwiesen. Was die genauen inhaltlichen Bestimmungen des Testaments, ihre Auslegung und Exekution durch die Römer betrifft, so liegt in unseren Quellen eine komplexe Problematik vor. Wir werden darauf später noch eingehen (S. 324 ff.).

2.9.  Pergamon: Residenz, Reich und Städte Die Stadt Pergamon erlebte unter Eumenes II. und Attalos II. starke Aus- und Umbauten, auf die Strabon (13, 4, 2) mit folgenden Worten eingeht: «Dieser [Eumenes II.] hat die Stadt ausgebaut und das Nikephorion mit einem Hain bepflanzt, und auf ihn geht die noch zusätzliche Verschönerung der schon so weit gediehenen Siedlung Pergamons mit Weihgeschenken und Bibliotheken, wie sie jetzt besteht, zurück.» Die Grabungsbefunde bestätigen, daß in der ersten Hälfte des 2. Jh.s v. Chr. die gesamte Oberstadt einer Neugestaltung un-

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terzogen wurde, die erst in der römischen Kaiserzeit wieder ihr Aussehen veränderte. Charakteristisch für das Erscheinungsbild der von einer neuen, 4 km langen Stadtmauer («Eumenische») umgebenen Stadt ist die Kaskade von Terrassen am Burgberg, an dessen Rändern im Osten ein schmaler, im Südwesten und Westen ein breiter, bis an den Fluß Selinos sich erstreckender Siedlungsgürtel, die Eumenische Neustadt, entstand. Um die untere Agora lagen besonders prächtige Wohnbauten. Darüber verteilen sich auf vier Terrassen das Demeter­heiligtum und die wohl im 2. Jh. (vor 146/5 v. Chr.) begonnene, vielgliedrige Anlage des Gymnasiums, überragt noch vom Heiligtum der Zeusgattin Hera. Die heute sichtbaren Reste auf den Terrassen gehen auf eine römische Bauphase mit An- und Umbauten zurück, in der wohl auch erst die prachtvolle Marmorausstattung Einzug hielt; ungeachtet dessen ist schon die ursprüngliche Anlage einer der gewaltigsten Gymnasienbauten, die aus der Zeit des Hellenismus bekannt sind. Der gesamte Komplex besitzt eine Grundfläche von 210 × 150 m. Davon nimmt die unterste Terrasse in der Form eines Dreiecks den kleinsten, die mittlere, im Norden mit einem langen Hallenbau abgeschlossene einen etwa 150 × 36 m großen und die oberste, an drei Seiten von zweigeschossigen Hallen umgebene einen ca. 210 × 80 m großen Anteil ein. An drei Seiten der Palaistra befanden sich hier die für das Umkleiden, die Ölung und das Bad sowie für verschiedene Übungen (etwa ein sphairisterion – Ballspielraum) bestimmten Raumkomplexe. Die Terrassen waren mit kleineren Tempeln, zahlreichen Weihgeschenken und Standbildern – unter anderem eine ganze Serie von Vorstehern des Gymnasiums (Gymnasiarchen) – geschmückt, an Wandflächen die Listen der wehrpflichtigen Jungmannschaften (Epheben) eingeschrieben. Die sogenannte Oberstadt umschloß ein nicht minder kühn in das steile Gelände mit aufwendigen Stützmauern eingefügtes Terrassenensemble. Die abschüssige Westkante des Hügels beherrschte die langgezogene Theaterterrasse mit dem Tempel des Theatergottes Dionysos und darüber einem in der griechischen Welt ungewöhnlichen Theaterbau, der vermutlich ebenfalls in der Epoche des Eumenes II. entstanden war. In seiner Nähe befand sich ein Attaleion, das der Gründer eines Vereins von Attalistai, einer pergamenischen Variante der dionysischen Künstlervereinigung (Dionysostechnitai) wohl zur regelmäßigen Abhaltung von Trinkgelagen gestiftet hatte. Den zentralen Platz in der Oberstadt, nördlich des Gymnasiumkomplexes, nahm das Heiligtum der Athena ein. Der Kult der Göttin Athena ist erst in der Zeit der Attaliden zum alle anderen überstrahlenden Hauptkult geworden. Verschiedene Indizien sprechen dafür, daß im 5. und 4. Jh. ein Apollon Pasparios prominent war. Der älteste Tempel der Athena Polias auf der Akropolis entstand wahrscheinlich zur Zeit der Anwesenheit des Alexandersohnes

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Peristylhaus

Hofhaus

Heilig

e Stra

ße

Therme?

Römisches Theater

Grabbau

Amphitheater

Rundbau Odeion?

Rote Halle

Untere Agora Eum. Tor

Therme? Tor?

Tor

Tor

Gymnasium

Tor

Großer Altar Tor Tor Philetair. Tor Stadt Obere phil. spätröm. Agora Mauer Mauer Eum. Mauer

Athena Tempel

Akropolis

Demeter Heiligtum

phil. u. spätröm. Mauer

Gurnellia

traße? Forum?

eS Heilig

Stadion

Gymnasium?

Theater

Traianeum

Tor

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Karte 9:  Pergamon Gesamtplan

Asklepieion

nos

Therme

Seli

Kolumbarium

Tor Eum. Mauer

Tor

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s

ino s

310 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

Abb. 44:  Pergamonaltar in Berlin, Athena

Herakles, damals ein Kleinkind, und seiner Mutter Barsine in Pergamon in den Jahren 330 bis 325, wofür Bauform und Bautechnik sowie numismatische Argumente angeführt werden: Diese beziehen sich auf die ältesten Goldstatere Pergamons mit dem Palladion, der stehenden Göttin in Vorderansicht.95 Die früheste inschriftliche Weihung ([163] I. Pergamon 1) ist in griechischer und lydischer Sprache verfaßt. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Göttin von Athen, deren Tempel sich ebenfalls auf der Akropolis befand, das Vorbild abgab und schon Eumenes und Attalos I. mit der Idee liebäugelten, in ­ihrer Residenz ein zweites Athen entstehen zu lassen. Möglicherweise gab es von Anfang an auch ein Fest Panathenaia ([163] I. Pergamon 18 Z. 17). In der Ebene vor der Stadt hat ein Dynast ein zweites Athenaheiligtum errichtet und dieser Göttin den Beinamen Nikephoros gegeben, der gewiß in erster Linie an den sich auch sonst als Sieger und Retter stilisierenden Attalos I. als Erbauer denken läßt. Der Beiname ist dann auch auf die Göttin auf der Akropolis übertragen worden, und bei manchen schriftlichen Zeugnissen kann man gar nicht entscheiden, welches Heiligtum sie meinen. Das Nikephorion außerhalb der Stadtmauer, das mehrere Tempel und Altäre sowie einen heiligen Hain und eine Temenosmauer besaß, ist von Philipp V. und erneut von Prusias II. zerstört und jedesmal wiederaufgebaut worden. Es ist bis heute nicht gelungen, es im Gelände ausfindig zu machen. Weihungen im Athena-

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heiligtum der Oberstadt beziehen sich oft auch auf Zeus, den Vater der Göttin. Zum «Mit-Tempelherrn» der Athena (synnaos) hat Attalos III. den Zeus Sabazios, den von seiner Mutter nach Pergamon eingeführten Gott des kappadokischen Herrscherhauses, gemacht. Wenig unterhalb des Athenatempels in der Oberstadt errichtete man in eumenischer Zeit auf einer neu ausgebauten Terrasse in Ausrichtung auf das Athenaheiligtum den großen Altar. Der 10 m hohe Bau mißt in der Grund­ fläche 35,64 × 33,4 m. Wie die Haupt-Göttergruppe des Frieses vermuten läßt, war er Athene und ihrem Vater Zeus geweiht. Seine marmornen Glieder wurden im 19. Jh. nach Berlin transportiert (S.  56). Der kunsthistorisch bedeutende, umlaufende Bilderfries der Götter- und Gigantenschlacht, 120 m lang und 2,30 m hoch, bildete die Sockelzone über den Orthostaten (aufrecht stehenden Quadern). Dargestellt sind der Sonnengott mit Schwester Eos, gefolgt von Selene, ferner Nyx, Eris, und die Moiren, Poseidon und Amphitrite, Okeanos und Tethys, Zeus mit Herakles, Athene, Nike, Ares, Hera, Leto, Artemis, Apollon und Hekate. Auf der Altarplattform darüber steht eine Halle in ionischer Ordnung, zwischen deren Säulen sich rundplastische Standbilder befanden. Eine Mauer bis zur Decke trennt das Altarinnere, wo sich der ­eigentliche Opferalter befand, von der äußeren Säulenhalle. Auf der Innenseite dieser Mauer war eine weitere narrative Bildersequenz angebracht, der Telephosfries. Schon darüber, was letztlich zu diesem Bauwerk, das zu den bedeutendsten Kunstwerken Kleinasiens zählt, Veranlassung gab, kann nur spekuliert werden. Auch sonst sind viele Fragen offen. Die Auswertung der Keramikfunde in den Fundamenten des Altars durch den Archäologen Wolfgang Radt läßt darauf schließen, daß mit dem Bau ca. 170 v. Chr. begonnen wurde – das heißt zu dem späteren der in der Forschung diskutierten zeitlichen Ansätze (entgegen ca. 190–180).96 Reichtum und Qualität des plastischen Bilderschmucks müssen dem Betrachter zweifellos den Vergleich mit dem Parthenon in Athen aufgedrängt und die Assoziation Pergamons als der neuen Stätte eines Vorbilds von Hellas, der tes hellados paideusis, erweckt haben. Mit dem Thema der Gigantenschlacht ist ein Höhepunkt der hesiodischen Theogonie in eine neue Bildersprache übersetzt: Die junge Göttergeneration des Kroniden Zeus kämpft die schlangenbeinigen Unterweltsdämonen nieder (Abb. 44). Die Wucht der massigen Skulpturen inspiriert einen Schriftsteller unserer Zeit: «Diese eben geschaffenen, wieder erlöschenden Gesichter, diese mächtigen und zerstückelten Hände, diese weit geschwungenen, im stumpfen Fels ertrinkenden Flügel, dieser steinerne Blick, diese zum Schrei aufgerissenen Lippen, dieses Schreiten, Stampfen, diese Hiebe schwerer Waffen (…), dieses Zertreten, dieses Sichaufbäumen und Zusammenbrechen, diese unendliche Anstrengung, sich emporzuwühlen aus körnigen Blöcken».97

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Die Forschung will in dieser Bearbeitung des mythischen Stoffes die verschlüsselte Selbstdarstellung der historischen Rolle des Attalidengeschlechtes erkennen, das als jüngstes unter den alten hellenistischen Monarchengeschlechtern zur Macht kommt, indem es die Barbaren besiegt und, die Griechen von diesen befreiend, zur Heimstätte von Kunst und Kultur wird. Während über den historischen Bezug der Gigantomachie zu den Galatersiegen der Attaliden Konsens verbreitet ist,98 sind Anspielungen auf andere Feinde Pergamons in den Bildern nicht einhellig erkannt worden. Wenn sich auch keine direkte Verbindung herstellen läßt, so hat doch die Barbarentopik im allgemeinen sowie der Gründungsakt eines Heiligtums in Verbindung mit dem Mythos eines Sieges über Barbaren im besonderen Vorläufer in Kleinasien: Von einem der drei großen Heiligtümer des Pontos in Zela erzählt uns Strabon (11, 8, 4) die Gründungsgeschichte: Nachdem das asiatische Nomadenvolk der Saken tief auf das (damals) kappadokische Territorium vorgedrungen war, feierten sie eines Nachts ihre Beute. Dabei wurden sie durch einen Überfall der Perser vollkommen vernichtet. Am Ort ihres Sieges, über einem Felsen in der Ebene, ließen die iranischen Heerführer einen künstlichen Hügel aufschütten – Strabon nennt ihn an anderer Stelle (12, 3, 37) den «Hügel der Semiramis» –, eine Umfassungsmauer bauen und ein Heiligtum auf ihm errichten für die Gemeinschaft der Götter Ana¯ hita¯ , Anadatos und Omanos; sie gründeten ein jährliches Fest, die Sakaia, das bis in seine Zeit gefeiert wurde. Der Telephosfries hat ein anderes Thema: Erzählt wird das Leben des ­mythischen Stadtgründers, Sohnes des Herakles und der Priesterin der Athena Alea im arkadischen Tegea, Auge. Es ist einer jener zahlreichen Mythen, in denen verwickelte Schicksale Halbgötter und Menschen von Griechenland nach Asien verschlagen, wo sie, oft nach Teilnahme am Argonautenzug oder an den Kämpfen vor Troia, auf asiatischem Boden schließlich eine Familie und eine Stadt gründen (vgl. dazu S. 590). Dabei sind ortsansässige Geschlechter, wie in unserem Fall der mythische König Teuthras, mit einbezogen, so daß eine doppelte Verwurzelung im Lande selbst und in griechischer Urheimat besiegelt wird. Diese Verflechtungen in die griechische Mythologie sind älter als der Hellenismus, doch beginnen jetzt auf dem Boden Asiens immer mehr Gemeinwesen, sich mit literarisch ausgefeilten und schriftlich verbreiteten Versio­ nen einen Platz in diesem Netzwerk zu sichern (S. 589 ff.). Noch für die Dichter der Kaiserzeit sind die Pergamener «Nachkommen des Telephos» (Telephidai) und bewohnen teuthranisches Land. Man hat darauf hingewiesen, daß Herakles, und nicht etwa sein Vater Zeus, in der Gründungsideologie mit Wort und Bild insbesondere auch deswegen die prominente Rolle spielt, weil dieser Heros als der «destructeur ou dompteur des monstres» par excellence bekannt ist.99 Es gibt, mit Ausnahme einer kurzen Notiz bei einem kaiserzeitlichen Schriftsteller,100 keinerlei eindeutige Bezugnahme auf diesen Altar und sein

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Bildprogramm in der antiken Literatur. Möglicherweise enthält die gegen Ende des 1. Jh.s n. Chr. verfaßte Johannesapokalypse eine Anspielung auf das Bauwerk als ‹Satansthron›: «Und dem Engel der Gemeinde in Pergamon schreibe: Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert: Ich weiß, wo Du wohnst: da, wo der Thron des Satans ist; und Du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei Euch getötet wurde, da, wo der Satan wohnt.» (Offb. 2,12 f.).101 Vermutungsweise ebenfalls im Zug des Bebauungsplanes unter Eumenes II. entstand die Bibliothek von Pergamon. Mit der am Bildprogramm des Altars erkannten Absicht der Attaliden, sich als Kulturmetropole der Griechen in Asien zu stilisieren, paßt ein königliches Zentrum der Gelehrsamkeit und des Wissens zusammen. Das unmittelbare Vorbild ist natürlich das ägyptische Alexandreia, mittelbar aber auch Athen. Zu beiden trat man in Konkurrenz. Die Tradition der königlichen Bibliothek ist freilich noch viel älter und hat ­ihren Archetyp in der Bibliothek des neoassyrischen Königs Assurbanipal im 7. Jh. v. Chr. Wie vor ihnen die Ptolemaier, so gingen die Attaliden bei der Akquisition möglichst zahlreicher Bücher ziemlich rabiat vor. Um dem Zugriff aus Pergamon zu entgehen, hat man in Skepsis die Bibliothek des Theophrast, eines Freundes und Nachfolgers des Aristoteles, der von ca. 371/0 bis 287/6 gelebt hat, einschließlich der Werke des Aristoteles, die der Aristoteles- und Theophrastschüler Neleus in die Stadt gebracht und seinen Nachkommen vererbt hatte, vergraben (Strabon 13, 1, 54). Wir wissen, daß die pergamenische Bibliothek, als Marcus Antonius sie 41/40 v.  Chr. der Kleopatra schenkte, 200 000 Rollen besaß, weniger als die Hälfte der alexandrinischen vor dem Brand. Derartige Buchrollen bestanden aus Papyrus. In Pergamon hat ein anderer Beschreibstoff Bedeutung erlangt, das Pergament. Nach der Version bei dem römischen Gelehrten Varro (116–27) (Plinius d. Ä., nat. 13, 70) begann Eumenes II. mit der Herstellung dieses Beschreibstoffes aus Tierhaut, nachdem die Ptolemaier die Papyruszufuhr gesperrt hatten, weil sie die Konkurrenz der pergamenischen Bibliothek nicht länger hinnehmen wollten. Der große Gelehrte an der Bibliothek, Krates von Mallos, Verfasser umfangreicher Homerkommentare, soll den Pergamentexport nach Rom veranlaßt haben, wo der Stoff dann unter dem Namen membrana Pergamena bekannt wurde.102 Über eine Organisation der Bibliothek als Gelehrtenschule, analog zum Museion in Alexandreia, ist so gut wie nichts bekannt. Von den mehr oder weniger prominenten Geistesgrößen außer Krates von Mallos, deren Wirken in Pergamon verbürgt ist, hat sich kein Werk vollständig erhalten: Antigonos von Karystos verfaßte ein Buch über Künstler, das später Plinius der Ältere für seine naturalis historia (Naturgeschichte) exzerpierte. Polemon von Ilion war ein Autor, der Reisebeschreibungen verfaßte; er hat viele Regionen Grie-

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chenlands bereist und auch Inschriften gesammelt. Musaios und Leschides dichteten Epen, Apollodoros verfaßte eine Chronik von der Zerstörung Troias bis ins Jahr 144. Biton, Sudines, Apollonios von Perge waren Techniker, Astronomen, Mathematiker, während Neanthes von Kyzikos Biographien von Philosophen schrieb. Eine sehr bedeutende Persönlichkeit war der Schüler des Krates von Mallos, Panaitios von Rhodos, der die griechische Philosophie in die Kreise der römischen Aristokratie vermittelte. Auf die Frage, wo genau sich die Bibliothek befand, hat die Archäologie noch keine unstrittige Antwort gefunden. Ausgangspunkt für die meisten Theorien sind Befunde an den Resten der Architektur unmittelbar hinter der Nordhalle des Athenaheiligtums, wo sie schon Alexander Conze vermutete.103 Zum Athenaheiligtum gehörte auch eine königliche Kunstsammlung mit ­älteren Werken aus Griechenland, die Attalos I., Eumenes II. und sein Bruder Attalos II. – dieser aus dem von Mummius zerstörten Korinth – nach Pergamon brachten, archaische und klassische Plastik der Künstler Bupalos von Chios, Onatas von Aigina, Theron von Boiotien oder Silanion von Athen. Eine verkleinerte Marmorkopie der Athena Parthenos aus Pergamon steht heute im Pergamonmuseum in Berlin. Die attalidische Sammlung schmückten auch erlesene Gemälde des 5. und 4. Jh.s v. Chr. Wie bei den Büchern, so waren die Akquisiteure auch hier nicht immer erfolgreich. Das Tafelbild des Dionysos von Aristeides hat Mummius dem Attalos vor der Nase weggeschnappt, als dieser dafür 100 Talente bot (Strabon 8, 6, 23; Plinius d. Ä., nat. 35, 24). Freilich zog das mächtig gewordene Pergamon auch Künstler an, die in der Stadt selbst arbeiteten, wie beispielsweise Epigonos, Nikeratos, Phyromachos. Wenn wir bemerkt haben, daß der große Altar in der antiken Literatur so gut wie keine Erwähnung findet, so steht demgegenüber ein anderer Baukomplex des antiken Pergamon in hellstem Licht zahlreicher Zeugnisse: das Asklepieion. Die Anfänge des etwa 2 km südwestlich der Stadt gelegenen und mit dieser durch eine Straße verbundenen Kultplatzes gehen weit vor die Zeit der Attaliden zurück. Auf felsigem Untergrund um mehrere Wasserstellen entstand ein Heiligtum des Heilgottes. Die Gründung ist in der Überlieferung an einen Pergamener des Namens Archias geknüpft. Pausanias (2, 26, 8) läßt ihn aus Dankbarkeit für Heilung nach einem Jagdunfall den Kult aus Epidauros nach Pergamon bringen. Diese Herkunft sichert ein epidaurisches Ehrendekret für den pergamenischen Asklepiospriester mit der Begründung, seine Vorfahren hätten den Kult von hier aus in Pergamon eingeführt (IG IV 12 60). Datieren kann man den erwähnten Archias leider nicht. Ob er mit dem Archias in der pergamenischen Stadtchronik identisch ist, der in der ersten Hälfte des 4. Jh.s angeblich das hohe Staatsamt der Prytanie einführte und erster Amtsinhaber (prytanis) war, bleibt unsicher.

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Residenz und Polis Die Stadt Pergamon hat in sich, ganz ähnlich wie Alexandreia am Nil, die Organisationsform einer Polis und einer Königsresidenz vereint. An der Ostseite der Oberstadt, zwischen den Quartieren der Torwache am Burgtor und Kasernen mit Arsenalen, in denen Getreidevorräte und Kriegsmaterial gelagert ­waren, sind eine Reihe von Räumen verschiedener Größen jeweils um einen Innenhof mit umlaufender Säulenhalle gruppiert. Man deutet sie als Wohnsitze der Könige in der Zeit zwischen 281 und 160 v. Chr. An Ort und Stelle befinden sich heute nurmehr Fundamente; die meisten Relikte gehören zum sogenannten «Palast V». Die Räume besaßen Fußbodenmosaiken von hoher Qualität sowie teils marmorne, teils stuckierte und bemalte Wände. Um den König versammelte sich ein enger Beraterstab, dem seine Brüder, nahe Verwandte und erlesene Höflinge – üblicherweise «Freunde» (philoi) genannt – angehörten. Nach makedonischem Brauch wurden aus den vornehmen Familien Jungen (Pagen) in die Umgebung des Königs geholt und zusammen mit dessen Söhnen erzogen (syntrophoi). Die königliche Korrespondenz führte eine Kanzlei, für deren Personal uns allerdings kein direktes Zeugnis vorliegt. Es gab zudem Leibwächter, einen Siegelverwalter, einen «Wächter» des königlichen Privatvermögens (rhiskophylax). Ein «für die heiligen Einkünfte» zuständiger Funktionär hatte wohl ein Amt in der Stadt inne. Schließlich beaufsichtigte ein schlicht «Stadtpräfekt» (epi tes poleos) betitelter Königsbeamter anscheinend die Administration der Residenzstadt.104 Ansonsten übte der König seinen Einfluß auf die Beschlüsse der städtischen Organe direkt durch Verordnungen und Briefe aus: So hat Attalos III. seine Anordnungen (prostagmata) in die heiligen Gesetze aufnehmen lassen ([111] Welles, RC 67 Z. 15 f.). Die Polis verwaltete ihre Einkünfte selber, getrennt nach ihrer sakralen oder profanen Natur. Der eponyme, dem Jahr seinen Namen gebende Beamte war der Prytanis und Priester des Philetairos, der an der Spitze des städtischen Herrscherkultes stand. Beschlüsse der Volksversammlung konnten mit oder ohne Vorberatung im Rat (probuleuma) erfolgen. Sehr oft (nicht immer) lag ­ihnen jedoch ein Votum der fünf Strategen voraus, einem Kollegium, von dem man lange Zeit annahm, es sei nicht vom Volk gewählt, sondern – seit Eumenes I. – vom Dynasten bzw. König eingesetzt worden. Doch hat dieser Annahme der Althistoriker Helmut Müller die Grundlage entzogen und aufgezeigt, daß es sich bei den pergamenischen Strategen um normalerweise wie üblich vom Volk bestellte Beamte handelte, was allerdings königliche Eingriffe in ihre Bestellung nicht ausschließt. Diese Beamten scheinen unter sich bestimmte Zuständigkeiten geteilt zu haben, von denen eine die «Stadt» betraf.

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Die Bürgerschaft war in zwölf Phylen untergliedert, von denen einige nach den Königen benannt waren: Philetairis, Eumenis, Attalis. Ungewöhnlich reiche Informationen über die Alltagsprobleme der dicht bebauten Stadt bietet die sogenannte Astynomeninschrift, eine in der Kaiserzeit auf Stein veröffentlichte Urkunde, deren gesetzliche Bestimmungen indes auf die, vermutlich späte, Königszeit zurückgehen. Das Kollegium der astynomoi und ihnen unterstellte Ordnungskräfte sind für die Instand- und Sauberhaltung der Straßen, öffentlichen und privaten Mauern, Brunnen usw. verantwortlich und ahnden jedwede Ordnungswidrigkeit mit saftigen Strafzahlungen; interessant ist die auch andernorts aus der Kaiserzeit überlieferte Bestimmung, daß die jeweiligen Eigentümer unmittelbar angrenzender Grundstücke für die Reinigung ihres Abschnitts einer öffentlichen Straße sorgen müssen ([106] OGIS 483 Z. 29 ff.). In dieser Hauptstadt des größten kleinasiatischen Reiches nach der Schlacht bei Magnesia floß aus Tributen, Steuern und Zöllen erheblicher Reichtum zusammen. «Anerbietungen, wie sie ein Attalos machen konnte» (carm. 1, 1, 12: Attalici condiciones, Übers. Kiessling – Heinze), galten noch dem Dichter Horaz als synonym für verlockende Pracht, wie einst dem Archilochos das Gold der Lyder. Die Steuern (der phoros und das telesma) einer einzigen, weit entfernten Kleinstadt Phrygiens – Amlada –, die hauptsächlich vom Weinbau lebte (Strabon 12, 7, 2), betrug unter Eumenes II. zwei Talente jährlich, ein Viertel davon erließ Attalos II. der Gemeinde in schwerer Notzeit. Die königlichen Domänen, die Tempelländereien und die tributpflichtigen Stamm- und Stadtgemeinden produzierten Getreide, Wein, Oliven in großen Mengen. Weidewirtschaft spielte in bestimmten Gebieten wie etwa der Troas oder bei Laodikeia in Phrygien eine große Rolle, von hier stammte Abb. 45:  Münzportrait des Philetairos

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die besonders hochwertige schwarze Wolle einer bekannten Schafzucht. Schiffbauholz lieferten die Abhänge des mysischen Olympos und des Idagebirges. Die Verbindung Pergamons mit der Außenwelt zur See war die Hafenstadt Elaia an der Kaikosmündung, die neuerdings Gegenstand genauerer Erforschung ist. Um die Verbesserung der vom Verlandungsprozeß bedrohten Hafenanlage von Ephesos bemühte sich Attalos II. ohne Erfolg. In Pericharaxis, östlich des Golfes von Adramyttion befanden sich Blei-, bei Perperene und Trarion nordwestlich von Pergamon Kupfer- und im Tmolos- und Sipylosgebirge Goldminen, Marmorsteinbrüche bei Synnada in Phrygien, zwischen Parion und Priapos in der Troas sowie in den Bergen nördlich des Kaikos bei Pergamon. Die Hauptstadt war ein Zentrum für Töpferei, deren Produkte bis in die westliche Mittelmeer- und nördliche Schwarzmeerregion Verbreitung fanden. Der Dynast bzw. König besaß Handwerksbetriebe wie Webereien und Waffenfabriken, in denen ein Heer von seinen Sklaven beschäftigt wurde. Das Reich und die Stadt Pergamon weisen eine sehr rege Münzemission auf, die sicher mit der wirtschaftlichen Blüte des Landes zusammenhängt. Wie in den Küstenstädten, so geht die städtische Münzprägung auch in der Hauptstadt weit in vorattalidische Zeit zurück und wird in die attalidische hinein fortgesetzt, wenn auch fortan ausschließlich in Bronze. Das beherrschende Motiv ist der Kopf der Stadtgöttin Athena. Königsprägungen nach Philetairos in Silber und Bronze haben fast immer das bullige Portrait des Dynastiegründers (Abb. 45), mit Ausnahme einer Prägung unter Eumenes II. Die Rückseiten schmückt meistens das Bild der sitzenden Athena. Sowohl die freien als auch die tributpflichtigen Städte prägten ihre eigenen Münzen, auch in Silber, und im 2. Jh. v. Chr. gesellten sich zu ihnen einige ländliche Gemeinschaften Abb. 46: Cistophorus-Münze

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wie die Abbaitai oder die Kaystrianoi. Von besonderer Bedeutung ist eine von den Attaliden nach einem ephesischen Standard geschaffene, reichseinheit­ liche Münze. Nach dem dionysischen Bildmotiv der cista (Kasten), aus dem heraus sich eine Schlange emporwindet, werden diese Münzen «cista-Träger» (cistophori) genannt (Abb. 46). Auf die verschiedenen Städte als Prägeorte verweisen an ihnen nur Markierungen. Sie sollten sich als eine der erfolgreichsten Währungen der antiken Welt erweisen. Ihren Reichtum verwendeten die Könige auf zahlreiche Bauten, Stiftungen und Wohltaten in der griechischen Welt, und es sei nur an einige erinnert: an die Anatheme Attalos I. in Delphi und auf Delos, die Benennung einer attischen Phyle nach ihm und die Aufstellung seines Bildnisses auf dem Phylenheroenmonument der athenischen Agora, an den von dem Brüderpaar Eumenes II. und Attalos in der Heimatstadt der Mutter erbauten Tempel in Kyzikos, an des Eumenes II. Halle in Athen beim Dionysostheater, den Poseidontempel auf Kalaureia, das Gymnasium in Milet, an des Attalos II. Halle in Termessos und besonders die große zweigeschossige Halle an der Ostseite der Agora in Athen. Reich In welcher Weise die Attaliden ihre administrative Organisation des Königreiches gegenüber der seleukidischen veränderten, ist im einzelnen noch unklar. Der Althistoriker Hermann Bengtson ging davon aus, daß die Gliederungseinheiten, wie sie unter den Seleukiden bestanden, weitgehend übernommen und jeweils königlichen Strategen unterstellt wurden. Die Kompetenzbereiche dieser Strategen schlossen anscheinend die Polisterritorien mit ein: So kennen wir einen Strategos, der für Ephesos und Umgebung, das Kaystrostal und das Gebiet der Kilbianoi zuständig war ([162] IK Ephesos 201 + Add. p. 6). Wie wir aus der schriftlichen Korrespondenz verschiedener Funktionäre in der Gegend des antiken Gygaiasees in Lydien wissen, hatten die Attaliden nicht nur die Einsetzung von lokalen «Verwaltern» (oikonomoi), sondern auch das reichsweite Erzpriestertum und die Oberaufsicht über alle «heiligen» Einkünfte im Reich fortgeführt. Hinzu kommt, daß der Titel eines pergamenischen «Herrn der Angelegenheiten» (epi ton pragmaton) an die Titulatur des seleu­kidischen ‹Vize› im cis-taurischen Anatolien erinnert und mithin als eine Art königlicher Reichskanzler verstanden werden kann. Ein für das Steueraufkommen des Reiches zuständiger Funktionär mit dem Titel «Eineinhalber» (hemiolios) scheint ebenfalls aus der Alexanderzeit über die Seleukiden zur pergamenischen Monarchie tradiert worden zu sein. Fehlen noch der dioiketes und der eklogistes. Beide stehen in einer erst kürzlich veröffentlichten Inschrift aus der Zeit Eumenes’ II. mit einer hierarchischen Reihung der Königsfamilie

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und königlichen Funktionären genau an den Stellen, wo sie auch nach Kenntnis der seleukidischen Beamtenhierarchie hingehören: Der dioiketes besaß ­einen regionalen Kompetenzbereich, der dem einer Satrapie bzw. Strategie entsprach. Man ist längst auf den Verdacht gekommen, daß die dioikeseis der römischen Provinz Asia (S.  334), das heißt die späteren Gerichtsbezirke der Proconsuln (lateinisch conventus), auf diese attalidischen Verwaltungseinheiten zurückgehen.105 Gleich nach dem Dioiketen folgt ein – bei den Seleukiden (noch) nicht, indessen in Kappadokien nachgewiesener – archeklogistes und unterhalb des Oikonomos ein eklogistes, beides mit der Steuerfestsetzung und -abrechnung betraute Funktionäre. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, daß zumindest im attalidischen Westanatolien eine stringente und ausdifferenzierte Administration bestand, für die wir sonst nur in den Papyri des ptolemaiischen Ägypten vergleichbare Verhältnisse greifen können. Das militärische Sicherungsnetz war, wie unter den früheren Beherrschern Anatoliens, an städtische Garnisonen und ländliche Burgen bei wich­ tigen Verbindungswegen geknüpft und durch überall im Land angesiedelte Soldatenkolonien erweitert. In der attalidischen Armee dienten außer den Makedonen und Söldnern aus aller Welt in erheblicher Anzahl Bürger von Pergamon. Die Proxenieverleihung der Stadt Lilaia an ein Soldatenkollektiv aus Pergamon, das die kleine phokische Stadt 209 v.  Chr. gegen Truppen Philipps V. verteidigt hatte, gibt einen interessanten Querschnitt der Zusammensetzung der Truppe (FD 4, 132–135); Söldnern aus so entfernten Städten wie Massalia stehen Kleinasiaten aus Kilikien, Lykien, Karien, Ionien, Mysien und der Aiolis an der Seite. Kreta ist selbstverständlich ein bevorzugtes Gebiet attalidischer Söldnerwerbung gewesen, und im Heer stellten auch galatische Verbände einen wichtigen Truppenteil. Nach dem Frieden von Apameia unterschieden sich die tributpflichtigen und garnisonierten von den tributfreien und nicht garnisonierten Poleis. Königliche Präfekten, epi tes poleos, kommen wie in Pergamon so auch in anderen Städten vor. Es waren Zivilbeamte mit administrativen Kompetenzen. Das Land bestand außer aus städtischen Territorien und königlichen Domänen aus Tempelland, Land der Militärkolonisten und Land von Stammes- oder Clangruppen, die sich oft um einheimische Heiligtümer herum bildeten, wie beispielsweise die Mokkadenoi, Kilbianoi, Milatai, Moxeanoi, Poimanenoi. Von großer historischer Bedeutung ist die Fortsetzung der von den Diadochen und Epigonen begonnenen Kolonisierung, Synoikisierung und Urbanisierung Inneranatoliens. Herausragend sind einerseits Attaleia am äußersten Westrand der pamphylischen Ebene, dessen Gründung wir leider nicht datieren können: Dort suchte sich Pergamon einen Kriegs- und Handelshafen zu bauen, der die Verweigerung des Besitzes von Aspendos und Side nach Apameia wettmachen sollte; andererseits Philadelpheia am Nordrand des Tmo-

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Schwarzes Meer

Mar

itza

Marmara-M. s

Ha

Sangario

lys

Limnos

Lesbos

Ägäisches Meer

Pergamon Apollonis Eumeneia

Mernuphyta

Philadelpheia

Chios

s

dro

ian Ma

Toriaion

Eumeneia in Phrygien

Hermos

Dionysopolis Hierapolis

Samos

Attaleia Kos

Rhodos

Mittelmeer Zypern 0

Kreta

50

100

150 km

Karte 10:  Attalidische Kolonisation

los-Gebirges unweit des Flusses Kogamos, das an einer Fernstraßenverbindung zwischen der Residenz und dem Süden Kleinasiens lag. Gründer dieser Stadt ist Attalos II. Philadelphos. Obwohl Strabon berichtet (12, 8, 18), daß wiederholte Erdbeben viele ihrer Bewohner in ständige Alarmbereitschaft versetzten, hat sich hier doch eine bedeutende urbane Polis entwickelt. Nach Herakles, dem Vater des Gründungsheros Telephos, nannten sich die von Attalos I. und Eumenes II. in Mernuphyta bei Thyateira angesiedelten Kolonisten Herakleastai. Zwischen Pergamon und Sardeis entstand aus einem Synoikismos einheimischer Siedlungen und Ansiedelung von Makedonen Apollonis, benannt von ­einem der Eumenesbrüder nach der Mutter. Um in Lydien zu bleiben: In der einstmals von persischen Kolonisten besiedelten Ebene nördlich des mittleren Hermos, die nach der Landschaft am Kaspischen Meer Hyrkania benannt wurde, gründete Eumenes II. (?) Eumeneia in Hyrkania (Stephanos von Byzanz

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Epigonenzeit 321

p. 286,1–3 Meineke s. v.). Im Falle eines weiteren Eumeneia gelangen wir nach Phrygien. Es wurde von Attalos II. angelegt und nach seinem Bruder benannt. Nur wenig westlich davon lag Dionysopolis, das seine Gründung dem Umstand verdankt haben soll, daß die Brüder Attalos und Eumenes an der Stelle ein hölzernes Dionysosbild entdeckten. Unter Eumenes II. soll in dieser Gegend auch Hierapolis, vielleicht benannt nach Hiera, der Frau des mythischen Pergamongründers Telephos, neu gegründet worden sein. Der Name mag jedoch auf eine ältere «heilige Stadt» zurückgehen, die ihren Polisstatus bereits einem Seleukiden verdankt.106 Diese in der Kaiserzeit blühende Stadt ist wegen ihrer beeindruckenden Ruinen am Rande malerischer Kalksinterterrassen mit dem türkischen Namen «Baumwollschloß» (Pamukkale) heute ein Magnet des Tourismus in Westanatolien. Der Vorgang solcher Gründungen von Poleis unterscheidet sich, wo wir auf Grund der Quellenlage vergleichen können, nicht wesentlich von Vorgängen unter früheren Königen: Typisch ist die Zusammenbindung makedonischer und/oder griechischer Siedler (bzw. hellenisierter Ortsansässiger) mit einheimischen Landbewohnern in einem neuen Staatswesen; gelegentlich kommt es vor, wie zum Beispiel bei einer unter Eumenes II. nahe Sardeis durchgeführten Neuansiedelung ([159] Herrmann – Malay, 2007, Nr. 32), daß Einheimische verdrängt wurden. Ein Dokument von seltener Ausführlichkeit gibt Einblick in die Stadtwerdung einer ländlichen Gemeinde in Phrygia Paroreios, einer Landschaft im phrygisch-lykaonischen Grenzgebiet, die gerade nach dem Frieden von Apameia in den Besitz Eumenes II. gelangt war. Gesandte der Toriaitai, Bewohner einer schon bei Xenophon erwähnten Siedlung, die im Hellenismus durch makedonische oder griechische Soldaten aufgefüllt worden war, waren an Eumenes herangetreten, hatten auf Beweise ihrer Loyalität hingewiesen und darum gebeten, er möge ihnen dafür den Status einer Bürgergemeinde (politeia) zugestehen, die eigene Gesetze, ein Gymnasium und alles, was sonst noch dazugehört, besitzt. Der König gewährt dies nicht ohne Hinweis darauf, daß ihm damit kein geringes Zugeständnis abverlangt werde, seine Großzügigkeit indessen mehr Gewicht und Bestand habe, als die irgendeines anderen, da er ihr Land von den siegreichen Römern erhalten habe. Die Griechen dürfen sich zusammen mit den bei ihnen wohnenden Einheimischen zu einer Bürgerschaft konstituieren, Rat und Ämter schaffen, die Bürgerschaft in Phylen gliedern, ein Gymnasium organisieren und das dort für die Jungen benötigte Salböl finanzieren, wobei alles weitere von der zu schaffenden Gesetzesgrundlage abhängt. Diese neuen Gesetze dürfen von den Toriaitai ausgewählt oder entworfen werden, doch behält der König sich vor, diese daraufhin anzuschauen, daß sie nichts Schädliches enthalten. Sollte man sich jedoch über vorliegende Gesetze nicht einig sein, bietet der König an, selbst welche zu geben.

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In einem zweiten Brief an die bereits bestehende Polisgemeinde wird dem dringenden Finanzbedarf für die Versorgung des Gymnasiums mit Öl dadurch Abhilfe geschaffen, daß vorübergehend die Regie über die Marktsteuern an die Stadt abgetreten wird, bis der königliche hemiolios eine geeignetere Finanzierungsgrundlage zur Regel gemacht hat.107 Dieser monarchische Dirigismus gegenüber einer zur Polis erhobenen Gemeinde wirft ein altes, vieldiskutiertes Problem auf: Waren alle «Städte» frei, oder unterscheiden sie sich im Grad der ihnen zugestandenen Freiheit? Ist es möglich, sie hinsichtlich ihres Anspruchs auf Freiheit nach verschiedenen Gruppen zu klassifizieren? Zur Unterscheidung der Neugründungen wie Toriaion von den alteingesessenen,  freien Griechenstädten bedient sich die Forschung ihrer Klassifikation als untertänige, «villes sujettes», «subordinate or subject cities».108 Allerdings ist diese schwankend. Denn auch das Markenzeichen der genuin griechischen Polis (polis hellenis) vermochte einer Stadt per definitionem die Freiheit nicht zu sichern und sie vor dem königlichen Zugriff grundsätzlich wirksamer zu schützen als die neu gegründete Polis. Ein von der jeweiligen Beziehung zwischen Stadt und Herrscher zu abstrahierendes, absolutes Freiheitskriterium gibt es nicht. Wo die Machtverhältnisse es zuließen, konnte auch sonst der königliche Dirigismus jeden Bereich selbst innerstädtischer Angelegenheiten (Finanzen, Recht) erfassen. Trotzdem blieben Initiative und Mechanismen städtischer Politik ungebrochen. Die Könige haben sie nicht abgeschafft, um sie durch etwas anderes zu ersetzen, oder wesentlich verändert. Sie haben Volksbeschlüsse nie in ein Reichs- oder Königsrecht integriert. Sie haben auch außenpolitische und diplomatische Aktivitäten der Städte nicht systematisch verhindert. Der Prozeß der Förderung der Polis erklärt sich am besten aus ihrer Attraktivität für Herrscher und Beherrschte zugleich. Das Modell entfaltete seine Anziehungskraft rasch auch außerhalb des exklusiven Verhältnisses der Griechen zu den Monarchen, zuvorderst bei den gemischten Siedlergruppen, die die Ansiedelungspolitik der Diadochen und Epigonen zwangsläufig hervorbrachte. Auf seiten dieser zusammengewürfelten Untertanen oder der in anderen Formen bestehenden, um Dorfzentren oder Tempel gruppierten Gemeinschaften stiftete das Konzept von ‹Freiheit› und ‹Autonomie› neue Identität. Sie durften sich organisieren, sich territorial definieren, sich als privilegiert betrachten und dem Herrscher und seinen Stellvertretern als ‹Staat› gegenübertreten, nicht als Sklaven (vgl. S. 255 f.).

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3. VON RÖMISCHER HEGEMONIE ZUM RÖMISCHEN REICH

Eine in der neueren Forschung auch im Hinblick auf Kleinasien diskutierte Frage ist, ab wann ein konsequent stabilisierendes, systematisch ordnendes und langfristig aufbauendes Regiment in Gang kam und jene römische Vorfeldpolitik ablöste, die im wesentlichen bloß auf die Schwächung des jeweils Stärksten unter den autonomen Staaten und die Abschöpfung der benötigten oder verfügbaren Reichtümer aus dem untertänigen Gebiet zielte. Mit anderen Worten: Ab wann ging Asia im römischen Reich auf? Die sich unmittelbar aufdrängende Antwort: Mit Antritt der pergamenischen Erbschaft und dem Beschluß, eine römische provincia auf asiatischem Boden einzurichten,109 wird nicht einhellig akzeptiert; einen späteren Ansatz sucht man im Zeitalter der Mithradatischen Kriege.110 Tatsächlich fällt für sich genommen nicht entscheidend ins Gewicht gegen diese Auffassung, daß die Römer schon gleich nach 133 das Königreich in die juristischen Rahmenbedingungen einer Provinz des römischen Volkes überführten. Ob die frühe Provinz Asia mehr war, als etwa das, was im 19. Jh. eine überseeische Kolonie bedeutete, bemißt sich an den einzelnen, zu betrachtenden Maßnahmen und Entwicklungen. Ein Teil der Forschung hat das Interesse auf die Definition einer römischen Orientpolitik konzentriert und versucht, deren Prinzipien und Mechanismen herauszuarbeiten.111 Wir können das Problem in diesem Rahmen nicht diskutieren und beschränken uns auf die kleinasiatische Perspektive; von ihr aus gesehen, fällt freilich kein günstiges Licht auf die Anfänge des römischen Wirkens in Anatolien.

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3.1. Vom Königreich Pergamon zu den römischen Provinzen Asia, Lycaonia, Cilicia Der Zeitpunkt des Todes Attalos’ III. liegt wahrscheinlich im Mai 133 v. Chr. Unmittelbar darauf erfolgt ein Volksbeschluß in der Hauptstadt ([106] OGIS 338). Wie in der Königszeit üblich, geht auch diesem Beschluß ein Votum der Strategen voraus, die alten Instanzen funktionieren also weiter. Attalos habe, so heißt es, nach seinem Ableben die Vaterstadt (patris) «frei» hinterlassen und ihr auch Staatsgebiet (politike chora) in einem bestimmten Umfang zugeschlagen. Es sei notwendig, daß das Testament von den Römern bestätigt werde. Mit der allgemeinen Sicherheitslage wird dann begründet, daß den loyalen Landbewohnern und den in Stadt, Land und Festung angesiedelten bzw. stationierten Soldaten und militärischem Hilfspersonal das Bürgerrecht sowie den Freigelassenen und königlichen Sklaven der Status der Landbewohner verliehen werde und daß diejenigen, die das Land nach dem Ableben des Königs verlassen haben oder noch verlassen, zu bestrafen seien. Das ist ein klarer Reflex auf eine sich unmittelbar abzeichnende Konfliktsituation, in der es wohl schon Überläufer zu einer (hier nicht genannten) Gegenseite gab. Den Pergamenern steht jetzt die Konstituierung einer Polisverfassung vor dem geistigen Auge, die – des Überbaus der königlichen Aufsichtsbehörden entkleidet – nur demokratia heißen kann. Für Hoffnungen auf eine solche Zukunft gab es Vorbilder in der Vergangenheit, etwa für die karischen und ­lykischen Städte nach 167 v. Chr. Sie sollte sich hier jedoch nicht in gleicher Weise erfüllen. Bekanntlich erfährt die Botschaft vom Testament aus Pergamon in Rom sofort Aufnahme in die Pläne des Volkstribunen Tiberius Gracchus, der sich mittels Volksbeschlüssen den Königsschatz und die zu erwartenden Steuereinnahmen für seine Agrarreformen sichern will, damit aber auf den Widerstand der Senatoren stößt. Zur gleichen Zeit in Pergamon beginnt mit der Rebellion eines gewissen Aristonikos der Bürgerkrieg.112 Es handelt sich um einen unehelichen Sohn des Attalos II., der offenbar sofort gegen die Verwendung des Testamentes aufgestanden war und für sich die legitime Thronfolge beanspruchte. Nach Strabon (14, 1, 38) sollen die Städte des Königreiches und die Könige von Bithynien und Kappadokien sogleich reagiert und gegen ihn mobil gemacht haben. Erst im Winter 133/2 v.  Chr. trifft eine fünfköpfige Kommission aus Rom ein, darunter Publius Cornelius Scipio Nasica, der kurz darauf in Pergamon verstarb. Die Kommissionäre leiten eine als «Römische Gesetzgebung»

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Von römischer Hegemonie zum römischen Reich 325

wahrgenommene Tätigkeit ein; mit ihr setzte sich als neues städtisches Gremium eine Art Sonderrat auseinander, das buleuterion. Wie es scheint, traten schon jetzt zwischen den Römern und den pergamenischen Delegierten Differenzen auf, die diesen ein behutsames und von Umsicht geleitetes Verhandlungsgeschick abverlangten. Aus der Retrospektive unserer Quellentexte werden die Schwierigkeiten immer nur angedeutet. Die Ergebnisse der römischen Kommission gingen in das sogenannte Senatusconsultum Popillianum ein (Sherk, RDGE 11), das jetzt, dank einer Lesung am Stein durch den Epigraphiker ­Michael Wörrle, in das Jahr 132 v. Chr. (Herbst/Winter) sicher datiert ist. Es liegt in leider ganz trümmerhafter Form vor, aus Exemplaren von Pergamon und Synnada. Bezug genommen wurde jedenfalls auf das ganze attalidische Erbe und die asiatischen Angelegenheiten, und im einzelnen ist die Bestimmung faßbar, daß die nach Asien gehenden römischen Befehlshaber ihre Kompetenzen nicht überschreiten und die Verfügungen des Testamentes respektieren sollen.113 Eine weitere Urkunde reflektiert die Situation, in der dieser erste römische Beschluß bereits vorlag. Sie stammt diesmal nicht aus der Stadt Pergamon, sondern einer der untertänigen Städte des Königreiches: Metropolis. Das Ehrendekret für einen Bürger Apollonios fügt unseren Informationen die Neuigkeit hinzu, Aristonikos sei gekommen, um ihnen die vom Senat zugesicherte Freiheit zu entreißen, da die Römer allen die Freiheit zurückgegeben hätten, die früher Untertanen im Königreich des Attalos gewesen waren. Demzufolge wären die Römer über das aus dem pergamenischen Beschluß ([106] OGIS 338) bekannte Freiheitsgeschenk des Königs an die patris Pergamon hinausgegangen, offenbar in Einklang mit nichtüberlieferten Freiheitserklärungen auch für die Städte, wie Metropolis eine war. Was darüber hinaus «alle früheren Untertanen des Attalos» präzise bedeutet, ist bis auf weiteres schwer zu bestimmen. Außer den Städten gab es im Reich noch andere Gemeinwesen, so daß bei weitestmöglicher Auslegung dieses Wortlautes eigentlich nur die königlichen Domänen der Erbschaft unterfielen ([195] SEG 53, 1312). Zu Beginn des Krieges vermochten die Städte allein der Lage nicht Herr zu werden, und wann Kontingente der Könige Nikomedes II. von Bithynien, Pylaimenes von Paphlagonien, Ariarathes V. von Kappadokien und Mithradates V. von Pontos eintrafen, ist unklar. Aristonikos schaffte es, sich in den Besitz einer Flotte zu setzen, machte Leukai (in der Nähe von Smyrna) zu ihrer ­Basis und begann, Plätze an der Westküste einzunehmen, darunter Kolophon, S­ amos und Myndos. Smyrna widerstand trotz Belagerung. Unterstützung erhielt der Insurgent von Phokaia, was der römische Senat später mit der Zerstörung dieser Stadt vergelten wollte, indessen auf Vermittlung der Tochterstadt Massalia davon Abstand nahm. Bei Kyme erlitt er eine Niederlage gegen die Schiffe der

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Ephesier und zog sich daraufhin ins Landesinnere zurück, wo er die ärmere Landbevölkerung und Sklaven zum Freiheitskampf hinter sich scharte und eine Gemeinde von «Heliopolitai» ausrief. Die Römer ließen auf sich warten. Die Stadt Kyzikos an der Propontis geriet in Gefahr und wandte sich in der Not an den Gouverneur von Makedonien, danach an den Senat. Im Jahr 131 übernahm der Konsul Publius Licinius Crassus das Oberkommando. In den folgenden Kriegshandlungen, an denen verbündete Städte und Truppen der Könige beteiligt waren, fielen auf römischer Seite Ariarathes V. und, in einer Offensive gegen das von Aristonikos besetzte Thyateira, der erwähnte Apollonios aus Metropolis, nachdem er ein Aufgebot junger Bürger in den Kampf geführt hatte. Der Insurgent gewann Apollonis, einige weitere ­Festungen und Stratonikeia am Kaikos. In diesen Städten Mysiens ließ er cistophori mit dem Königsnamen Eumenes (III.) prägen. Anfang 130 fügte er dem Konsul eine katastrophale Niederlage bei Leukai zu, bei der dieser getötet wurde. Erst sein Nachfolger Marcus Perperna vermochte den Krieg im Sommer mit der Einschließung und Gefangennahme des Aristonikos bei Stratonikeia am Kaikos zu beenden. Der Gefangene und der Königsschatz von Pergamon wurden nach Italien transportiert. Aristonikos endete im Kerker in Rom. Im Herbst des Jahres, bei den Vorbereitungen zu den Siegesfeierlichkeiten in Pergamon, starb Perperna. Das Jahr darauf, 129 v. Chr., beginnt eine Zehnerkommission unter dem neuen Konsul Manius Aquillius die Dinge vor Ort abschließend zu regeln. Provinz Asia In Pergamon muß es damals sogleich zu Differenzen über die «römische Gesetzgebung» gekommen sein; der Pergamener Menodoros trat mit kühner Freimütigkeit vor die Römer, um Argumente zu Gunsten der Vaterstadt geltend zu machen. Die Polis glaubte, das Recht auf ihrer Seite zu haben. Um was es in der Auseinandersetzung gegangen ist, wissen wir nicht. Zeugnisse aus anderen Städten berichten ebenfalls von Problemen, und manche geben konkrete Hinweise. Bereits im Krieg hatten Städte Härten und Übergriffe der Römer zu spüren bekommen: Einquartierungen, Zwangsrekrutierungen und Erhebung von Kontributionen. Den Bürgern der Küstenstadt Bargylia wurde von einem römischen Offizier die Stellung von Hilfstruppen aufgezwungen, was sie unter erheblichen Druck setzte. Der Gemeinde drohte die Gefahr des Verlustes ihrer autonomia. Bürger anderer freier Städte wurden auf römischen Urteilsspruch zum Tode verurteilt, Verordnungen von römischen Offizieren liefen den städtischen Gesetzen zuwider. Mit derartigen Klagen mußte sich wieder und wieder der Senat befassen. Wir erfahren davon meist nur dann, wenn die Dinge einen für die betroffene Stadt günstigen Ausgang nahmen,

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weil dies städtische Ehrenbeschlüsse für die erfolgreichen Unterhändler nach sich zog. Hier bewährte sich in kritischer Lage die rhetorische und philosophische Bildung der griechischen Bürgerelite. Denn es kam darauf an, die Römer zu überzeugen, daß ihre Vertreter vor Ort nicht rechtens handelten. Unter all diesen Texten ragen zwei lange Lobeshymnen für Wohltäter der Stadt Kolophon hervor, die im Apollonheiligtum von Klaros auf Stein aufgezeichnet waren: Polemaios und Menippos.114 Geschildert werden ihre Laufbahnen als Jungbürger und Bürger in verschiedenen Ämtern und Tätigkeiten, nicht nur als Gesandte. Polemaios erreichte in mutigen Verhandlungen vom römischen Senat Kompensationen für erlittene Plünderungen seiner Stadt durch römische Truppen und erwirkte eine senatorische Verordnung (epitagma, vermutlich lateinisch mandatum), daß die im Lande tätigen Römer der Stadt kein Unrecht zufügen dürfen. Römern, die sich in der Stadt einquartierten, hat er aus seinen privaten Mitteln Unterkunft und Unterhalt verschafft, und die, zu denen er guten Kontakt pflegte, zu patroni der Stadt gemacht. Auch dies sind in Asien erstmals auftretende Phänomene, die sich bis tief in die Kaiserzeit zu institutionellen Formen auswachsen: Sie stellen eine dem Patronat in der römischen Gesellschaft ähnliche Beziehung zwischen römischen Amtsträgern und Autoritäten auf der einen und griechischen Poleis sowie insbesondere, sozusagen stellvertretend für diese und zu ihrem Nutzen, deren reichen, angesehenen und hochgebildeten Eliten auf der anderen Seite her.115 Menippos’ Diplomatenkarriere wirkt noch imposanter. Begonnen hat sie schon unter den Königen. In der Phase der Provinzwerdung verhandelte er sowohl vor dem Senat in Rom als auch vor den Amtsträgern in der Provinz. An den Senat wandte er sich insgesamt fünfmal, im Zeitraum von ca. 129 bis 120 v. Chr. Es stand viel auf dem Spiel, zunächst der Status der Polis, nach Zusicherung ihrer Freiheit und Autonomie die Grenzen ihres Territoriums. Die

Abb. 47:  Plakette für den Bürger Me-

nippos an einer Ehrensäule beim Apollontempel von Klaros: «Das Volk ehrt Menippos, Adoptivsohn des Apollonides, leiblicher Sohn des Eumedes, als seinen Wohltäter, der sich als ein unerschütterlicher und tugendliebender Mann um den Staat verdient gemacht hat und an der Spitze des Vaterlandes stand, als schwierige Zeiten herrschten.» ([195] SEG 37, 957)

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gesetzliche und jurisdiktionelle Kompetenz der Polis erscheint als prekär und muß von Römern wiederholt mißachtet oder verletzt worden sein. Dabei läßt der Text, wie kein anderer aus dieser Frühphase der Provinz, nicht die geringste Unklarheit darüber, daß Polis (civitas libera) und Provinz (eparcheia) zwei strikt zu trennende Bereiche sind. Anklagen des Provinzgouverneurs gegen Bürger und die Einziehung von Kautionen auf Grund dieser Anklagen werden als Übergriff in die Polissphäre und deren Gesetzeskraft vom Senat mißbilligt; außerhalb des Provinzgebietes darf der Proconsul keine richterliche Tätigkeit ausüben (krinein) und keine ihm nicht zustehenden Anordnungen treffen (polyprag­monein). Die städtischen Gesetze und die Zuständigkeit der städtischen Gerichte gelten auch, wenn Polisbürger von Römern oder Römer von Polisbürgern angeklagt werden. Der Fall eines Kolophoniers, der als Ankläger oder Richter das Todesurteil gegen einen römischen Bürger erwirkt hatte, führte offenbar erneut zu einer scharfen Kontroverse über die juristischen Kompetenzen, in deren Verlauf der Grieche in Arrest und die Stadt selbst unter Anklage kam.116 Menippos erreichte auch diesmal vor dem Senat eine günstige Entscheidung. Man wird kaum fehlgehen zu vermuten, daß solche Vorgänge in den ersten Jahren der Provinz keine Einzelfälle waren und nicht überall zu einer für die Gemeinde freundlichen Lösung führten. Die Epigraphiker Jeanne und Louis Robert beschrieben diese Auseinandersetzungen treffend als «résistance» gegen den Machtmißbrauch der ersten römischen Befehlshaber in Asia.117 Den Mut ihrer Protagonisten im Streit mit den neuen Herren Asiens belohnten die dankbaren Gemeinden mit Denkmälern an prominenten Plätzen der Stadt (Abb. 47). Manius Aquillius blieb zwei weitere Jahre. Pergamon selbst zollte ihm späterhin als außerordentlichem Wohltäter kultische Verehrung (IGR IV 292 Z. 39; 293 col. II Z. 23). Einer der bislang elf Meilensteine mit seinem Namen, der 5 km westlich von Side gefunden wurde, zeigt, daß mit der Fernstraße über Thyateira, Sardeis, Philadelpheia, Laodikeia und Termessos sogleich der Hafenort Attaleia in Westpamphylien als attalidisches Erbe in Besitz genommen wurde. Auch wenn die Straße durch die pamphylische Ebene bis nach Side weiterführte, ist keineswegs ausgemacht, daß auch diese Stadt annektiert wurde. Attalidisches Erbe war sie sicher nicht. Sie war beim Tode des Attalos eine freie Stadt in Pamphylien. Der Seleukide Antiochos VII. hatte sich vor seiner Thronbesteigung 138 v. Chr. lange Zeit in ihr aufgehalten.118 Mit der Instandsetzung und Sicherung von Straßen im Königreich markiert die Tätigkeit des Aquillius den Beginn eines sich über Jahrhunderte erstreckenden römischen Ausbaus gepflasterter Fern- und Verbindungsstraßen durch Anatolien (S.  467 ff.).119 In der Provinz unter Aquillius waren Pergamon und Ephesos Ausgangspunkte der auf den Steinen angegebenen Distanzen.

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Nicht alle von den Attaliden beherrschten Teile Anatoliens wurden in die neue Provinz aufgenommen. Einen östlichen Teil Großphrygiens über­ ließen die Römer, angeblich durch Bestechung veranlaßt, dem Verbündeten Mithradates V. von Pontos.120 Die Söhne des gefallenen Ariarathes von Kappadokien wurden mit einem Teil Lykaoniens belohnt. Nicht in die neue Provinz integriert hat man des weiteren die europäischen Besitzungen der Attaliden in Thrakien sowie die Insel Aigina. Das Land südlich des Maiandros, 168/7 für frei erklärt und abgesehen von den bekannten Exklaven nicht zu Pergamon gehörig, blieb außerhalb.121 Steuern Die Erforschung der Besteuerung der frühen Provinz Asia ist ein wissenschaftliches Minenfeld. Wir wollen trotzdem versuchen, eine nach unserer Auffassung wahrscheinliche Darstellung zu geben, wohl wissend, daß ein neuer Inschriftenfund diese auch wieder als falsch erweisen kann: Gewiß hat man das aus dem Erbe des Attalos erhaltene Königsland sofort besteuert. Es war in römisches Staatseigentum übergegangen (ager publicus). Damit stellten sich beinahe zwangsläufig Abgrenzungsfragen, denn unter den Königen als frei und nicht abgabepflichtig privilegierte Städte sollten ja diesen Status behalten, und der ager publicus war in jedem Fall städtischem Territorium benachbart. Daß die neuen Herren der Provinz nicht immer geneigt waren, sich die genauen Grenzen ihres eben gewonnenen Besitzes von den Griechen definieren zu lassen, leuchtet ein. Auf welche Weise das ehemalige Königsland in den frühen 20er Jahren besteuert wurde, wissen wir nicht. Es scheint von vornherein plausibel, daß die Römer ein bestehendes und funktionierendes Besteuerungssystem von den Attaliden einfach übernahmen, wie es auch in Sizilien nach dem Tod des Königs Hieron (275–214) geschah. Ein Indiz dafür findet sich immerhin in einem Passus des kaiserzeitlichen Zollgesetzes der Provinz Asia, bei dem es sich in der Substanz um ein später sukzessive erweitertes Gesetz aus dem Jahr 75 v. Chr. handelt: Einige Zollstationen von Attalos sollen übernommen werden. Zölle wurden in Münze eingezogen und der Ertrag nach Italien weitertransportiert; die Bodensteuer dagegen führten die Bauern auf dem ager publicus in Naturalien ab, und zwar an den Statthalter. Ähnliches haben die voyageurs noch im osmanischen Inneranatolien des 19. Jh.s beobachtet, wie der Premierleutnant von Flottwell schreibt: «In Jalym hatten wir Gelegenheit, einer türkischen Steuereintreibung beizuwohnen. Der Zehnte, die wichtigste türkische Steuer, ist hier meist verpachtet und wird mit der größten Strenge in natura beigetrieben. Der Bauer darf die Frucht nicht eher von seinen Feldern nehmen, bis die Steuerbeamten im Dorf gewesen sind und den Ertrag abgeschätzt

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haben. Da diese Beamten es sich in den Dörfern recht gutgehen lassen, beeilen sie sich keineswegs, in ihrem Kreis schnell herumzukommen.»122 Unter Manius und auch noch später waren in der Provinz stehende Truppen zu versorgen, ansonsten wurde wohl der Verkauf des eingetriebenen Getreides in der Provinz organisiert. Italische Steuerpächter (publicani) mögen schon aktiv gewesen sein, sicher ist das aber nicht, denn die Datierung einer wichtigen, sie erwähnenden Urkunde, auf die wir kurz eingehen müssen, gehört vermutlich erst in eine spätere Phase. Der Senatsbeschluß über das pergamenische Gebiet (Senatusconsultum de agro Pergameno, [162] IK Smyrna 589) existiert in drei Ausführungen, von Adramytteion, Smyrna und Ephesos. Die Datierung ist in der Forschung kontrovers diskutiert, Argumente sind für sein Zustandekommen im Jahr 129 oder 101 v. Chr. ins Feld geführt worden. Der teilweise erhaltene Name eines Konsuls, Aquillius, schränkt die Möglichkeiten auf diese beiden Jahre ein; es handelt sich also entweder um den Organisator der Provinz Asia oder den jüngeren Manius Aquillius, der zusammen mit Gaius Marius Konsul war. Die erhaltenen Textpartien sprechen von einem Disput zwischen den Pergamenern und den Steuerpächtern darüber, welches Land abgabenpflichtig sei. Über die genaue Abgrenzung des Landes zu entscheiden lag bei einem römischen Magistrat und seinem 57köpfigen Beirat. Wenn das Datum 129 zutrifft, wäre dies die früheste Bezeugung von publicani in Asien. Ein erster Zensus (Steuerschätzung) hätte dann unmittelbar nach Einrichtung der Provinz stattgefunden. Für das Jahr 101 dagegen spricht, freilich wiederum nicht mit letzter Sicherheit, besonders die Zeitstellung einer im Text unter den Kommissionären genannten Person. Die Frage, die dieses Datum aufwirft, besteht darin, weshalb fast 30 Jahre nach der Inbesitznahme des attalidischen Erbes noch Abgrenzungsprobleme zwischen tributpflichtigem und befreitem Land auftreten konnten. Nur sechs Jahre nach dem Ende des Aristonikoskrieges, im Jahr 123 v. Chr., kam es gemäß der lex Sempronia des jüngeren Gracchus zu der Verpachtung der asiatischen Steuer durch die Zensoren in Rom (censoria locatio; Cicero, Verr. II 3, 12). Von den Steuerarten Asiens wurden auf jeden Fall die ­decuma (Bodensteuer) und möglicherweise auch damals schon die Weidesteuer und die Zölle getrennt in Rom periodisch, das heißt bei den alle fünf Jahre (quinquennium) stattfindenden Auktionen der Zensoren, verkauft, und zwar an den Meistbietenden. Hier kamen die großen Pachtgesellschaften zum Zug.123 Zur Zeit Ciceros finden wir Weidesteuer (scriptura) und Zölle (portoria) der Provinz Asia sogar in der Hand einer einzigen Gesellschaft vereint, die überdies auch noch die scriptura der Provinz Bithynia besaß (Cicero, fam. 13, 65, 1; Att. 11, 10, 1). In dieser Zeit haben die Einkünfte aus der Provinz Asia den Großteil der römischen Staatseinkünfte überhaupt ausgemacht. Geschätzter Richtwert für das Mindestgebot bei der Verpachtung in Rom dürften die

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Einkünfte der jüngeren Vergangenheit gewesen sein. Der anstelle des Chefs (magister) vor Ort – das Hauptquartier war Ephesos – verantwortliche Funktionär (pro magistro) verpflichtete sich gegenüber dem Quästor der Provinz zur pünktlichen Zahlung der vertraglich vereinbarten Raten. Er und seine Agenten schlossen Verträge auf Jahresbasis mit Städten und Gemeinden. Den Profit­ erwartungen der Pachtgesellschaft entsprechende Quoten sind auf diese Weise festgelegt worden, und es lag naturgemäß im Bestreben der römischen entrepreneurs, diese möglichst hoch anzusetzen. Gesetzliche Obergrenzen lagen zwar fest. So durfte bei der Bodensteuer nicht mehr als der «Zehnte», beim Zoll nicht mehr als die üblichen 2,5 % auf den Warenwert bei Grenzüberschreitung eingezogen werden. Doch weder die gesetzwidrige Überschreitung dieser Grenze noch der Erfindungsreichtum bei der Einführung von verschiedenen Gebühren ist konsequent von den Statthaltern gestoppt worden, erst recht nicht, nachdem diese, heimgekehrt aus der Provinz, auf Grund der Gracchischen Gesetzgebung vor Gerichte gezogen werden konnten, die von Standesgenossen der publicani präsidiert wurden. Hinzu kommt, daß sich publicani um die ihnen in Aussicht stehenden Einkünfte betrogen sahen, wenn Gemeinden mitten in der Pachtperiode das Privileg einer Steuerbefreiung geltend machten.124 Zahlreiche Zeugnisse über Konflikte der Gemeinden mit den publicani liegen vor allem aus dem 1. Jh. v. Chr. vor: in Priene, wo es um die Erträge aus Salinen ging, in Ephesos, das sein Artemis- und in Ilion, das sein Athenaheiligtum wichtiger Einkünfte beraubt sah, ferner in Mytilene und, außerhalb Asias, 73 v. Chr. in Herakleia Pontike.125 Hinter der Durchsetzung der als rechtmäßig anerkannten Forderungen stand die Staatsmacht. Konnten die Gemeinden nicht termingerecht zahlen, mußten sie Kredite aufnehmen, und es ist bekannt, daß in solchen Fällen römische Bankiers bereitstanden, um aus dieser Not eine weitere Quelle für Profite zu machen. Dem Althistoriker Ernst Badian zufolge war es das Ziel dieser zentralen Verpachtung in Rom, die Einziehung der Bodensteuer durch die Steuerpachtgesellschaften effektiver und vom Provinzgouverneur unabhängig zu gestalten, insofern als die societates in sehr viel größerem Umfang über Personal, Transport- und Lagerraum verfügten als der Statthalterstab. Für die Städte muß sie eine dramatische Verschlechterung ihrer Ausgangslage mit sich gebracht haben, und wohl darauf hebt fast 90 Jahre später Marcus Antonius ab, als er einmal die Griechen der Provinz Asia daran erinnerte: «Attalos, euer König, hat euch uns testamentarisch vermacht, und wir waren sogleich für euch besser als Attalos; denn dem habt ihr Tribute zahlen müssen, die wir euch erlassen haben, bis demagogische Politiker bei uns daherkamen und ebenfalls Tribute forderten.» (Appian, BC 5, 1, 4). Man hat das immer wieder als Mißverständnis beiseite geschoben. Aber die Überlieferungslage zwingt uns nicht dazu, eine Besteuerung der Städte vor 123/2 v. Chr. anzunehmen, dem Jahr

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der Gesetzgebung des Gaius Gracchus, auf den mit «demagogische Politiker» hier angespielt ist. Und es fügt sich eigentlich sehr gut ins Bild, daß mit der Ankunft der großen Pachtgesellschaften nach diesem Datum die Abgrenzungsprobleme und überhaupt die Statusprobleme von neuem begannen und sich gerade zu Beginn ­eines jeden Quinquenniums der Steuerpacht wiederholen konnten. In den Kriegen des 1. Jh.s v. Chr. sollte sich die Auspressung mit Sonder- und en bloc-Abgaben noch steigern. Eine dauerhafte Systemveränderung hat erst Caesar 49 oder 48 v. Chr. eingeführt, indem er den Steuerpachtgesellschaften die Boden­ertragssteuer, den Zehnten, entzog.126 Die Römer ließen in Asia die silbernen cistophori nicht nur weiter zirkulieren, sie setzten deren Prägung ihrerseits fort. In großen Mengen tat dies der Triumvir Marcus Antonius. Geprägt wurden sie in Ephesos, Pergamon, Tralleis, Laodikeia, Apameia (CIL I2 p. 761–764), doch gelangte dieses Geld auch nach Rom. In einem Brief Ciceros an Atticus im April 59 wird deutlich, daß man der verlustfreien Konvertibilität in römische Denare freilich nicht sonderlich traute: «In der Angelegenheit meines Bruders Quintus habe ich an die Stadtquästoren geschrieben, sieh einmal zu, was sie dazu sagen, ob wir auf Zahlung in Denaren hoffen dürfen oder ob wir mit der Pompeius-Cistophore hängenbleiben.» (Cicero, Att. 2, 6, 2, Übers. Kasten). In Asia hätte ein radikaler Schnitt der Abschaffung des cistophorus verschiedene Probleme aufgeworfen, zum einen, das große, städtereiche Gebiet sofort mit ausreichend Silbergeld zu versorgen, zum anderen, die Akzeptanz des Denars zu erzwingen. Außer am Anfang durch Manius Aquillius und in den Mithradatischen Kriegen durch Cornelius Sulla (87–84), Lucius Valerius Flaccus und Lucius Licinius Lucullus, die Konsuln waren, wurde Asia in der Republik normalerweise auf ein Jahr von Prätoren regiert.127 In Inschriften erscheinen sie abgekürzt als anthypatos (lateinisch pro consule). Nach dem Weggang des Aquillius 126 regierte möglicherweise der auf Delos geehrte Cornelius Lentulus (125), im Jahr 122/1 sicher nachweisbar durch seine cistophori-Münzprägung Gaius Atinius Labeo, vielleicht gefolgt von Valerius Messalla und, ca. 120, dem älteren Quintus Mucius Scaevola. Die Anwesenheit von Militärtribunen bei mehreren seiner Aufenthalte in Kolophon, die von dem Bürger Menippos (S. 327) finanziert wurden, kann als Indiz dafür genommen werden, daß dem Statthalter anders als später in der Kaiserzeit eine Legion mitgegeben wurde.128 Das Begleitpersonal setzte sich wohl von Anfang an aus einem für die Besteuerung zuständigen Quästor und drei Legaten zusammen, deren jeder den Proconsul vor Ort vertreten konnte. Die wichtigsten Aufgaben der Gouverneure bestanden darin, in der Provinz Gericht zu halten und die Steuererhebung zu beaufsichtigen. Als Richter fungierten sie in allen zivilen Streitsachen der Peregrinen (Fremden) und bei minderen Delikten bloß als Appellationsinstanz; das alltägliche Gerichtswesen

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auch in den untertänigen Städten und Gemeinden funktionierte weiter, wie es unter den Königen funktioniert hatte. Manche Statthalter, wie Mucius Scaevola und nach seinem Vorbild Cicero, versagten sich jede Einmischung in diese Sphäre. Allerdings bleibt eine Ausnahme fraglich: Ob auch noch nach der frühesten Phase der Provinz (S. 328) von den städtischen Gerichten Todesurteile verhängt werden konnten oder dieses «Schwertrecht» (ius gladii) genannte Recht schon bald allein beim Gouverneur lag, auch wenn es um Nichtrömer ging. Römer, die Bürger und/oder Bewohner der freien griechischen Poleis waren, unterlagen, wie wir gesehen haben, der Polisjurisdiktion. Als Stadtbürger waren sie selbstverständlich in städtische Ämter wählbar; wir kennen Amtsträger der Polis mit römischen Namen aus Priene im 1. Jh. v. Chr. Die in der Provinz wohnenden Römer unter­standen der Jurisdiktion des Proconsuls. Bei Kapitalverbrechen mußte dieser den beschuldigten römischen Bürger nach Rom vor die Konsuln überstellen. Auch andere jurisdiktionelle Kompetenzen blieben zunächst bei Magistraten in Rom und gingen erst nach und nach an die Provinzgouverneure über.129 Lycaonia, Cilicia Nach der Ermordung des Mithradates V. von Pontos, der unmündige Söhne hinterließ, wurde im Jahre 119 oder 116 Großphrygien als autonomes Gebiet bezeichnet, de facto zu der Provinz Asia hinzugenommen, und noch vor der Jahrhundertwende des weiteren eine provincia Lycaonia angegliedert, die vom Statthalter Asias mitregiert werden konnte. Dieses, den Kappadokiern nach 129 zunächst überlassene Gebiet wurde ihnen – vielleicht beim Tode des Ariarathes VI. (111?) – mithin wieder weggenommen. Seit dem Jahre 102 kennt man eine weitere römische Provinz auf asiatischem Boden: Cilicia. Sie verdankt ihr Entstehen dem in diesem Jahr an den Prätor Marcus Antonius (den Großvater des späteren Triumvirn) übertragenen Kommandos gegen die Piraten an der Südküste Kleinasiens. Ein in Kopien aus Knidos und Delphi bekanntes, in griechischer Sprache verfaßtes Gesetz über die Provinzen der Prätoren (lex de provinciis praetoriis) des Jahres 100 v. Chr. sagt ausdrücklich, daß das Volk von Rom Cilicia zu einer prätorischen provincia gemacht habe.130 Sulla hat diese Provinz nach seinem Amtsjahr als Prätor in Rom (97) regiert und in dieser Eigenschaft den Ariobarzanes I. auf dem Thron in Kappadokien etabliert (S. 347). Unklar und umstritten ist die Ausdehnung dessen, was in dieser Zeit mit Cilicia gemeint war. Gemäß der Argumentation des Althistorikers Jean-Louis Ferrary, der wir hier folgen, hat man das vom Statthalter Asias zunächst mitregierte Lykaonien zusammen mit Pamphylien erstmals 102 Antonius und später wiederholt seinen Nachfolgern als eigene Provinz unterstellt, bis Pompeius im Jahre 64/3 v. Chr. eine neue, geographisch

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ganz anders gelagerte Provinz Cilicia organisierte.131 Vielleicht ist das nichtattalidische Pamphylien überhaupt erst zur Zeit des Kommandos des Antonius Provinzgebiet geworden. Karien und ein Teil der Kibyratis kamen noch später hinzu (S. 354). Diözesen, Provinziallandtag Auf der Basis dieses kleinasiatischen Provinzsystems mit drei Provinzen (Asia, Lycaonia, Cilicia), wie es sich um 80 v. Chr. darstellt, kennen wir ein System der Untergliederung des Provinzgebietes in Bezirke, griechisch dioikeseis, lateinisch conventus.132 Bezeugt ist es erstmals im Jahre 62 v. Chr. Darüber, daß es schon früher eingeführt wurde, herrscht jedoch Konsens. Strabon schreibt am Beginn der Kaiserzeit an einer Stelle, daß Manius Aquillius die Provinz in ­einer noch zu seiner Zeit gültigen Staatsform organisiert habe (14, 1, 38), an einer anderen, daß das römische Gliederungsprinzip nicht nach den Wohn­ orten der Stämme (kata phyla) ausgerichtet war, sondern auf andere Weise ­dioikeseis organisiert worden seien, in denen die Versammlungen und die Gerichtsverhandlungen abgehalten wurden (13, 4, 12). Man muß diese Sätze nicht so verstehen, daß die Römer etwas vollkommen Neues erfunden hätten. Wir haben weiter oben schon die auffällige Beziehung des Begriffs dioikesis zu dem seleukidischen und attalidischen Funktionärstitel dioiketes angesprochen. Vorerst bleiben uns konkrete Zusammenhänge indes verborgen. Insgesamt kann man 18 solcher Bezirke aufzählen, davon sind aber drei erst kaiserzeitlich (Thyateira, Philadelpheia und Aizanoi), und auch die übrigen 15 bestanden nicht durchweg gleichzeitig: Manche Bezirke, wie Halikarnassos, sind erst spät gebildet, andere, wie Mylasa und Tralleis, spät aufgehoben worden. Momentaufnahmen kompletter Befunde zeigen elf bzw. zwölf solcher Bezirke. Die ­meisten sind nach den in ihnen liegenden Hauptorten benannt: Adramyttion, Pergamon, Smyrna, Sardeis, Ephesos, Milet, Tralleis, Alabanda, Mylasa, Halikarnassos, Apameia, Synnada. Von dieser Namengebung weicht der hellespontische Bezirk (dioikesis Hellespontia) mit dem Hauptort Kyzikos ab. Auch das ist ein auffälliges Indiz für den Rückgriff auf Älteres. Wenn dagegen die dioikesis Kibyratike als Hauptort nicht etwa Kibyra, sondern Laodikeia am Lykos nennt, so hat das rein praktische Gründe – die zuletzt genannte Stadt lag sehr viel verkehrsgünstiger. Bei einer dritten Ausnahme, einem Bezirk mit der Stadt Philomelion als Hauptort, darf man ursprünglich gar nicht von einer dioikesis sprechen. Es handelt sich um eine Provinz Lycaonia (eparcheia Lycaonia), die, dem Gouverneur Asias unterstellt, die Funktion einer einzigen dioikesis übernommen hat (Karte 11). Während die seleukidischen und attalidischen Verwalter (dioiketai) sicher mit der Besteuerung der ihnen zugewiesenen Bezirke zu tun hatten, können

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Von römischer Hegemonie zum römischen Reich 335

Schwarzes Meer

M

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Marmara-M. s

Sangario

Thasos

Kyzikos Ha

lys

Limnos

Adramyttion Ägäisches Meer

Lesbos

Hermos

Chios

Salzsee

Pergamon

Smyrna Ephesos Samos

Milet

Synnada

Sardeis

Tralleis s

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Philomelion

Apameia Laodikeia

Alabanda Mylasa

Kibyra

Halikarnassos Oron

Kos

tes

Rhodos Zypern

Mittelmeer Kreta

0

50

100

150 km

Karte 11:  Conventus Asiae (Gerichtsbezirke des Statthalters)

wir, zumindest ursprünglich, nicht von einem fiskalischen Charakter des römischen Systems sprechen.133 Ein solcher wird, soviel wir wissen, erst später dem schon bestehenden Kontext hinzugefügt, als unter Sulla die elf dioikeseis zu Besteuerungszwecken in 44, das heißt, jede in vier Regionen unterteilt wurden. Der offensichtlich dominierende Zweck der Gliederung von Anfang an war, wie sich besonders aus der lateinischen Bezeichnung conventus (convenire – zusammenkommen) ergibt, Gerichtsbezirke zu schaffen, in deren Hauptorten die Statthalter regelmäßig zu Gericht sitzen konnten. Diese Orte mußten vor allem für sie selbst, aber auch für die Untertanen der umliegenden kleineren Orte gut erreichbar sein. Anhand der schon unter Manius Aquillius bezeugten Hauptstraßen hat man die Rundreisen der Magistrate zu ihren Gerichtstagen rekonstruiert. Eine nördliche Tour ging von Ephesos über Pergamon nach Adramyttion und wei-

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ter nach Kyzikos, eine südliche von Ephesos über Milet, Halikarnassos und Alabanda zurück in die Hafenstadt am Kaystros. Städte, die an der Hauptstraße über Sardeis, Laodikeia, Apameia und Synnada nach Philomelion lagen, wurden vom Statthalter Cilicias auf seinem Weg in die Provinz besucht. Auch ohne diese gewaltige Route durch das Landesinnere Kleinasiens blieb dem Proconsul Asiae während seines Amtsjahres eine erhebliche Strecke zu bewältigen, und es ist fraglich, ob jede conventus-Hauptstadt von jedem Statthalter besucht wurde, oder ob es, von wichtigen Orten wie Ephesos, Smyrna, Pergamon abgesehen, einen bestimmten Zyklus gab. Amtsgebäude des Statthalters, Quästors oder der Legaten sind nicht nachgewiesen, nicht einmal am mutmaßlichen Hauptsitz Ephesos. Auf ihren Reisen wurden die Magistrate von den Gemeinden bzw. reichen Bürgern angemessen untergebracht und bewirtet. Allerdings waren der Verpflichtung der Untertanen auch in dieser Hinsicht Grenzen gesetzt (Cicero, Verr. II 1, 65). Neben ihrer wichtigsten Funktion als Gerichtsorte fehlen Hinweise auf andere Zweckbestimmungen dieser Knotenpunkte nicht. Öffentliche Bekanntmachungen der römischen Autoritäten, Senatsbeschlüsse oder Statt­ halteredikte wurden dort durchgeführt. Sie sind zudem Münzstätten für die unter den Römern fortgesetzten cistophori-Prägungen. Vielleicht wurden in diesen Hauptorten auch Rekrutierungen vorgenommen. Die Landesbewohner ihrerseits bedienten sich des Systems für provinzweite Aktionen, wie etwa die Juden zur Sammlung des Goldes für den Tempelbau in Jerusalem (Cicero, Flacc. 68 f.). Im Jahre 94 v. Chr. wirkte der jüngere Quintus Mucius Scaevola segensreich in der Provinz, so daß sein Regiment als vorbildlich dargestellt wurde (Valerius Maximus 8, 15, 16). So schlichtete er etwa einen erbitterten Streit zwischen Ephesos und Sardeis ([106] OGIS 437). Zu seinen Ehren wurden in diesen Städten Wettkämpfe namens Mucia mit Bühnendarstellungen und sportlichen Disziplinen eingerichtet. Ein in diesem Zusammenhang tätiges Gremium (synedrion) hat sicher nichts mit der ebenfalls schon in hellenistischer Zeit gegründeten Vereinigung der Provinzialen, dem sogenannten Provinziallandtag, zu tun. Die frühesten Zeugnisse für eine derartige Organisation sind nur ungefähr in die Mitte des 1. Jh.s v. Chr. zu datieren. Ein römischer Statthalter schreibt in dieser Zeit an das koinon «der Hellenen» (Sherk, RDGE 52 Z. 42 f.). Das koinon «der Hellenen Asias» ehrt zwei Bürger von Aphrodisias ([179] Reynolds, Aphrodisias, 1982, Doc. 5). Aus dem offiziellen Titel ergibt sich hier wie später in anderen Provinzen mit ähnlichen Titeln klar, daß diese Versammlung nicht alle Provinzbewohner, sondern exklusiv die Griechen (das heißt die Polisbürger) repräsentierte, auch wenn ihre Gesandten an die römischen Autoritäten Ergebnisse zum Nutzen von Städten und Völkern (ethne) erzielten. Hintergrund des Ehrendekretes sind wieder die in der ganzen Pro-

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vinz die Städte und Gemeinden drangsalierenden Steuerpächter, und erneut versucht man mit Appellationen an den Senat und die Magistrate, den Provinzialen zu ihrem Recht zu verhelfen. Die Delegiertenversammlung, die den beiden Aphrodisiern – sie waren gleichzeitig Bürger von Tralleis – goldene Ehrenkränze zuerkannte, tagte in Ephesos. Ebenfalls ein Repräsentant dieses frühesten für uns faßbaren koinon könnte der bei Strabon (13, 4, 9) genannte Rhetor Diodoros aus Sardeis gewesen sein, ein Mann, der viele Konflikte «für Asia» austrug. Ob das Koinon der Hellenen in Asia überhaupt den sich perpetuierenden Streitigkeiten mit den Steuerpächtern seine Entstehung verdankt, ist vorläufig nicht zu klären. Die Vertretung der Angelegenheiten der Provinzialen vor dem Senat und später vor dem Kaiser blieb eine seiner Hauptauf­ gaben. [ [ [

In diesem Zustand befand sich die römische Herrschaft in Kleinasien, als sie daselbst angegriffen und in einem Jahrzehnte sich hinziehenden Konflikt in Frage gestellt wurde. Ihr großer Gegner wurde ein König aus dem Hause der schon mit den Pergamenern und Rhodiern in Streit geratenen Dynastie der Mithradatiden von Pontos. Die Vorstöße der Römer zu seiner Bekämpfung tief ins Landesinnere sollten für die Zukunft Kleinasiens ähnlich fol­genreich sein, wie dies einst die Invasionen des Perserkönigs Kyros und des Makedonen Alexander waren. Den inneren Verhältnissen der Königreiche gilt zunächst unsere folgende Betrachtung.

3.2.  Die Königreiche Pontos und Kappadokien Anders als im Reich Pergamon sind die Erträge aus Archäologie und Epi­ graphik von Pontos mager. Die auf der Grundlage der literarischen Überlie­ ferung im 19. Jh. verfaßten Überblicksdarstellungen der Geschichte dieses Reiches sind durch neuere Werke nur zum Teil ersetzt. Wichtige Erkenntnisfortschritte bringt seither vor allem die Numismatik.134 Vieles von dem, was wir über die Zustände im hellenistischen Pontos wissen, verdanken wir dem Pontiker Strabon aus Amaseia, der uns auch eine genaue Beschreibung seiner Heimatstadt einschließlich Palast und Monumenten der Könige liefert (Abb. 48): «Meine Stadt liegt in einem tiefen und weiten Tal, durch das der Iris-Fluß strömt. Sowohl von ihrer Natur als auch durch menschliche Planung ist die Anlage der Stadt bewundernswert, vermag sie doch die Vorzüge einer städtischen Siedlung und einer Festung in einem zu bieten. Es gibt nämlich

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Abb. 48: Amasya

e­ inen hohen und steilen Felsen, der zum Fluß hin direkt abfällt. Er trägt eine Stadtmauer, die auf einer Seite ans Flußufer grenzt, wo das Stadtgebiet liegt, auf der anderen aus beiden Richtungen zu den Gipfeln hinaufläuft. Es gibt zwei miteinander verbundene Gipfel, von prächtigen Türmen bekrönt. Innerhalb dieses Mauerrings liegen die Paläste und die Gräber der Könige. Die Gipfel aber sind durch einen äußerst schmalen Grat verbunden und erreichen auf beiden Seiten eine Höhe von fünf bis sechs Stadien, wenn man von den Flußufern und Vorstädten hinaufsteigt.» (12, 3, 39). Eine genauere Untersuchung der Königsmonumente hat jüngst der Archäologe Robert Fleischer vorgenommen.135 Im Gegensatz zu den überaus zahlreichen paphlagonischen Felsgräbern (S. 221) sind von denen des pontischen Typs nur wenige bekannt – neben einigen kleineren sechs monumentale aus Amaseia und ein weiteres, das größte, in einer Schlucht bei Lâçin, zwischen Çorum und Osmancik. Für sie ist charakteristisch, daß es sich um allseitig ganz bzw. nahezu vollständig aus dem Fels herausgeschlagene Hausformen handelt. Mangels klarer Kriterien ist ihre Datierung schwierig. An den nach Strabons Beschreibung als Königsgräber anzusprechenden fünf Cavernen im Burgfelsen von Amaseia – einer Dreiergruppe im Osten (A– C) und einer Zweiergruppe im Westen (D, E) – ist keine Besitzerinschrift auszumachen. Unmittelbar unterhalb der Festung auf dem Gipfel des Burgfel-

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sens hat ein Kommandant der Garnison namens Metrodoros einen kleinen Altar und eine Terrasse mit Blumenbeet für den König Pharnakes I. eingerichtet. Da wahrscheinlich schon dieser König nach Sinope umzog, vermutet Fleischer, daß das späteste und unvollendet gebliebene Grab E, das linke der westlichen Zweiergruppe, ihm gehört. Sowohl beim Nachbargrab als auch bei zweien der älteren Dreiergruppe unmittelbar über den Ruinen der Palastanlage läßt sich an den im Fels sichtbaren Spuren ablesen, daß ihre Fassaden das Aussehen griechischer Tempelfronten mit Säulenstellung zu je vier bzw. sechs ionischen Säulen besaßen. Von diesem Typ weichen außer dem mutmaßlichen Pharnakesgrab und dem Grab C, dem linken in der Dreiergruppe, auch das am nördlichen Stadtrand von Amasya gelegene Grab des Erzpriesters Tes (später wiederbelegt von einem Egatheos, Sohn des Menandros) und das gewaltige Grab bei Lâçin mit der Besitzerinschrift «Hikesios» als die Fleischer zufolge späteren Formen ab. Die typologische Entwicklung geht demnach von der griechischen weg zu ­einer unverwechselbar pontischen Form. Das Hikesiosgrab übertrifft nicht nur mit seiner Höhe von 13 m die Königsgräber und das Priestergrab in Amaseia, sondern zeichnet sich auch durch eine ungewöhnlich großzügige Terrassen­ anlage mit Treppenaufgängen aus, die an kultische Zeremonien denken ­lassen. Von der Königsresidenz Amaseia abgesehen, besaßen im Binnenland bedeutendere Ansiedelungen nur die alten Heiligtümer. Zwei von ihnen waren persische Gründungen (S.  312. 640), das Heiligtum der Göttin Ana¯ hita¯ von Zela und das Heiligtum des Mondgottes (Men) mit der «Dorfstadt» (komopolis) Ameria, wo sich zur Zeit des Mithradates Eupator auch ein Königspalast, eine Wassermühle, ein zoologischer Garten und, in der Nähe, die königlichen Jagdgründe und Minen befanden. Der Name dieses Königsgutes (basileion) «Kabeira» geht anscheinend auf ein hellenistisches Kabirenheiligtum zurück. Der Mondgott genoß die höchste Verehrung der Monarchie, bei ihm und der Tyche («Glück», «Schicksal») des Königs wurde der Königseid geschworen. Sein Tempel beherbergte zugleich die Mondgöttin Selene. Ein Priester verwaltete die Einkünfte aus dem Tempelland, die es bestellenden Tempeldiener (Hierodulen) machten einen Teil der Einwohnerschaft Amerias aus. Daß dieses Kabeira mit seinen Heiligtümern an der Stelle des späteren Neokaisareia und heutigen Niksar lag, ist nicht über jeden Zweifel erhaben.136 Der Ana¯ hita¯ tempel von Zela kann mit den Angaben Strabons (11, 8, 4) auf dem Burghügel von Zile lokalisiert werden. Hier strömten Pilger aus ganz Pontos zur Verehrung einer Göttergemeinschaft Ana¯ hita¯ mit Anadatos und Omanos (vermutlich persisch Vahu-manah, «guter Sinn») zusammen. Ana¯ hita¯ , «die Reine», ist eine Göttin, die nach dem Vorbild der semitischen Isˇtar von den Iranern mit dem Erscheinen des Planeten Venus verehrt wurde; die Griechen sahen in ihr die «persische Artemis». Für Anadatos und Omanos hingegen, über die sonst we-

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nig bekannt ist, sind keinerlei griechische Entsprechungen überliefert. Strabon selbst wohnte einer der Prozessionen von höchster Heiligkeit bei, bei der das hölzerne Kultbild des Omanos aus dem Tempel getragen wurde. Auch die Lage des wohl ältesten der großen pontischen Heiligtümer, Komana, beim Dorf Gümenek, wenige Kilometer nordöstlich von Tokat, ist gesichert. Der Kult der Muttergöttin Ma-Enyo hat eine gleichnamige Stätte in Kataonien, das hethiterzeitliche Kumani. Zweimal im Jahr fanden sogenannte ‹Ausflüge› der Göttin statt, und bei diesen Anlässen durfte der Priester ein Diadem tragen. Wie Kabeira und Zela, so wurde Komanas Land im grünen, fruchtbaren Tal des Iris wie ein Tempelstaat verwaltet und von sehr zahlreichen Hierodulen bewirtschaftet, wobei dem Weinbau besondere Bedeutung zukam. Frauen prostituierten sich im Dienste der Gottheit. Ein weiteres basileion der Mithradatiden lokalisiert Strabon in Gaziura, dem heutigen Turhal. Auf Grund der Münzen des Satrapen Datames (ca. 362 v. Chr.) und des Ariarathes I. (vor 322 v. Chr.) ist dieser Ort mit einem Heiligtum des Gottes Baal-Gazur ([199] Head, HN2 749) und einem Festungshügel bereits im 4. Jh. v. Chr. Herrschersitz gewesen. Über die Anfänge des Heiligtums läßt sich nichts Genaueres sagen. Baal ist die semitische, besonders im syrisch-phönizischen Raum verbreitete Bezeichnung «Herr», «Herrscher», ­ «Besitzer» für die einen Ort beherrschende, lokale Gottheit. Hier in Gaziura hatte sich nach Alexanders Tod der Diadoche Eumenes von Kardia seine militärische Machtbasis geschaffen. Von zwei hellenistischen Felsinschriften in griechischer Sprache lautet die eine, deren schlechter Erhaltungszustand eine Lesung behindert, dahingehend, daß es an diesem Ort einen griechischen Agon und ein Gymnasium gegeben habe; sie wird als Zeugnis dafür interpretiert, daß die Hellenisierung des Königreichs Pontos fortgeschritten war.137 Auf den zahlreichen Burghügeln im Innern des Pontos residierten die adeligen Landesherren; sie herrschten über abhängige Bauern, Hirten, Handwerker und Händler verschiedener einheimischer Ethnien, die in Dörfern und Gehöften wohnten. Angeblich wurden im Reich Mithradates VI. bis zu 27 verschiedene Sprachen gesprochen, und der König soll die meisten von ihnen beherrscht haben. Das Reich der Mithradatiden umfaßte sehr fruchtbare Landstriche. Das Königshaus zog seine Einkünfte aus großen Domänen und Monopolen wie den Bergwerken, Zöllen und Kriegsbeute. Regelmäßige ­Tribute (abgesehen von Kriegssteuern) scheinen nur von den unter Eupator hinzueroberten, nichtpontischen Reichsteilen erhoben worden zu sein; von Tributen der Städte an der Küste wissen wir nichts. Immerhin wählt Strabon für das Verhältnis Sinopes zu Pharnakes und allen seinen Nachfolgern bis ­Eupator das Wort duleuein, «Sklave sein» (12, 3, 11). Von den über 70 Burgen im Königreich (etwa zehn kennt man namentlich) dienten viele als Schatzkammern (gazophylakia), wo Gerätschaften, Edel-

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metallbarren und Münzen lagerten, scharf bewacht von Garnisonen unter dem Kommando der phrurarchoi. Den kostbarsten Hort unter Mithradates Eupator trug ein steiler, uneinnehmbarer Felsen nahe bei Kabeira, Kainon Chorion genannt (Strabon 12, 3, 31). Die königliche Münzprägung in Gold, Silber und Bronze diente vor allem der Bezahlung der Garnisonen und der Söldner im Krieg. Wir kennen nicht weniger als zwölf Prägestätten im kleinasiatischen Reichsgebiet: Amastris, Sinope, Amisos und Pharnakeia an der Küste, Amaseia, Kabeira, Chabakta, Komana, Gaziura, Taulara, Laodikeia und Pimolisa im Binnen­land.138 Über Polisstatus oder eine «Autonomie» dieser Orte sagen die Münzprägungen hingegen nichts aus. Vom Synoikismos Pharnakeias abgesehen, haben pontische Könige keine Urbanisierungspolitik betrieben, schon gar keine Polisgründungen nach Art von Toriaion in Phrygien unter Eumenes II. Darüber dürfen ein paar Neubenennungen von Orten wie «Eupatoria» und «Laodikeia» im Pontos nicht hinwegtäuschen.139 Es verwundert nicht, daß Königshof, Reich und Militär, soweit sie sich uns zu erkennen geben, die Züge hellenistischer Monarchien tragen, wie wir sie bei den Seleukiden und Attaliden beobachtet haben. In der Umgebung des Königs und in Funktionen verschiedener Art dominierte griechisches bzw. hellenisiertes Personal, am Hof die Verwandten (syngeneis) und «engsten Freun­ d­ e» (protoi philoi) sowie die Präfekten (tetagmenoi) über Ressorts wie das Rechtswesen (epi tes dikaiodosias) oder den Geheimdienst (epi tu aporrhetu), in den ­Festungen und Städten die phrurarchoi und strategoi.140 Nicht immer hielten die Griechen dem iranischen Königshaus die Treue. Strabon erinnert stolz an die Dissidenten in seiner eigenen Familie und vermerkt zerknirscht, daß die Feindschaft des Pompeius gegenüber Lucullus ihre Anerkennung durch den Senat als prorömische Widerständler zunichte gemacht habe (12, 3, 33). Über die Organisation des Reiches bestehen viele Unklarheiten. Der Titel «Erzpriester» jenes Tes, dessen Grab in Amaseia an Größe den königlichen gleichkommt, erinnert an die Einrichtung eines solchen Amtes durch den Seleu­kiden Antiochos III. und seine Fortführung durch die Attaliden. Seleukidische Traditionen reflektieren auch der Satrapen-, Hyparchen-, Strategenund Dioiketentitel. Wie das Innere des pergamenischen Reiches, so haben die Beckenlandschaften Paphlagoniens und Pontos’ viele Namen mit den Endungen -ene und -itis, wie zum Beispiel Pimolisene, Gazakene, Kulupene, Kamisene, Saramene, Domanitis, Karanitis, Dazimonitis, Gadilonitis. Handelt es sich um Gliederungseinheiten des pontischen Reiches? Der Gebrauch des Begriffs epar­ cheia bei Strabon ist ambivalent: Mal bezeichnet er die römische Provinz, mal eine Landschaft oder einen Bezirk, von denen Pompeius dem Territorium Zelas «viele» zuteilte (12, 3, 37). Vor der Erweiterung des Reiches durch Eupators Eroberungen gehörten die Küste im Westen bis Amastris (das heißt bis an den Parthenios) und im Osten bis in die Gegend von Kerasus-Pharnakeia, im

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Binnenland westlich des Halys nur ein am Meer gelegener Streifen Paphlagoniens zum Reich. Östlich des Stroms umrahmten  das pontische Kerngebiet die Stammsitze der Trokmer, das kappadokische und das kleinarmenische König­reich. Erst für die unter Eupator hinzueroberten Länder jenseits davon, wie etwa Kolchis im Osten, Phrygien und Bithynien im Westen, kommt der Begriff Satrapien vor. Kriegshandwerk, Belagerungstechnik und Flottenbau, entwickelte besonders der Oberfeldherr des Mithradates V., ein Grieche aus Amisos namens Dorylaos. Bis dahin bestand das Heer fast ausschließlich aus Söldnern: Thrakern, Galatern und Griechen. Eupator ergänzte die Soldtruppen um eine ständig unter Waffen gehaltene, königliche Armee. Deren Infanterie formierte sich nach makedonischem Vorbild aus einer Hoplitenphalanx von Sarissa (Langlanze)- und Schwertträgern sowie Leichtbewaffneten mit Lederhelm, Dolch und Wurfspieß. Im Krieg gegen Lucullus stellte der König auf Manipeltaktik – das Operieren mit kleineren Kampfverbänden – nach römischem Vorbild um. Ergänzt wurde die Linie durch Bogenschützen und Schleuderer, eine kleine Einheit mit Sichelwagen und die leicht bewaffnete Reiterei. Panzerreiter (Kataphrakten) wie bei den Armeniern und Parthern gab es nicht.141 Die Außenbeziehungen142 und die Selbstdarstellung der Monarchie erfolgten in hellenistischen Formen und Medien, die Münzserien des Mithradates VI. Eupator verzichteten aber nicht auf den Hinweis auf persische Abstammung. Schon Mithradates II. wollte in der griechischen Öffentlichkeit hinter anderen nicht zurückstehen, als es darum ging, der vom Erdbeben des Jahres 227/6 v. Chr. hart getroffenen Stadt Rhodos zu helfen (Polybios 5, 90, 1). Wegen großzügiger Versprechen ehrten die Athener im Frühjahr 195 v.  Chr. Pharnakes I., seine Statue und die seiner Gattin Nysa sollten in Delos aufgestellt werden. Mithradates IV. könnte der König mit den Beinamen Philopator und Philadelphos gewesen sein, der ein Standbild des populus Romanus auf dem Kapitol in Rom weihte (Moretti, IGUR 9). Des «Wohltäters» Mithradates’ V.  Standbilder errichteten Griechen in Delos. Und der guten Beziehungen des Mithradates VI. Eupator zu Athen gedachte ein athenischer Priester, indem er ebenda ein Tempelchen an die Front des von ihm errichteten Kabirenheiligtums anbaute und es den Göttern und dem Pontiker weihte; das Gebäude war mit Reliefbüsten dieses Königs und seiner Nachbarn, Ariarathes’ VII. und Antiochos’ VIII. Grypos sowie von Notablen seines Hofes und der anderen Höfe reich geschmückt.143 Er selbst, dessen Statue auch in Rhodos «an prominentester Stelle der Stadt» aufgestellt war (in celeberrimo urbis loco, ­Cicero, Verr. II 2, 159), weihte seine Waffen nach Nemea und Delphi (Appian, Mith. 112 [549] ). Eupator führte als zweiten Beinamen den des Gottes Dionysos. Am Hof in Sinope gewährte er griechischen Gelehrten wie dem Akademiker Diodo-

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Abb. 49:  Münzportrait des Mithradates

Eupator, Münzkabinett Winterthur

ros von Adramyttion oder dem jüngeren Metrodoros, dem «Römerhasser», hohe Vertrauensstellungen. Wissenschaft, Kunst und Handwerk auf höchstem Niveau fehlten an seinem Hofe nicht. Gäbe es in Sinope oder anderen Städten an der Südküste des Schwarzen Meeres eine Archäologie unter Voraussetzungen, wie sie Pergamon besitzt, wären wir nicht allein auf die Bewunderung der Münzbilder und die vereinzelten Zeugnisse zu Meisterwerken am Pontos Euxeinos angewiesen, wie etwa Plinius’ des Älteren Bemerkung über die beste Gemmensammlung (nat. 37, 11) und Strabons Hinweis auf den Autolykos des Sthennis und die sphaira des Billaros von Sinope (12, 3, 11). Über diesen Billaros weiß man nichts. Bei seiner sphaira muß es sich um eine Art Globus wie jenen des Archimedes gehandelt haben, den Marcellus nach der Einnahme von Syrakus nach Rom brachte. Wenn nicht alles täuscht, wurde ein Teil dieses Werkes aus Sinope in dem Anfang des 20. Jh.s bei Antikythera entdeckten, in die Zeit zwischen 80 und 70 v. Chr. datierten Schiffswrack geborgen: ein kompliziertes, 31teiliges Zahnräderwerk, das dazu diente, die Bewegungen von Himmelskörpern zu berechnen.144 Kappadokien, das dem Pontos im Süden benachbarte, ausgedehnte mittelanatolische Hochland war nach Strabon (12, 1–2) unter den Königen in zehn Strategien unterteilt in einen nördlichen und einen südlichen Bereich.145 Im Süden grenzte die am weitesten westlich gelegene, die Garsauritis, an den Salzsee, nach Osten hin erstreckten sich in ihrer Nachbarschaft die Tyanitis (bei Nig˘de), Kilikia, Kataonia und Melitene. Vom Nordostufer des Salzsees reihten sich nach Osten hin aneinander die Morimene, Chamanene, Saravene und Laviasene (südlich von Sivas). Wie im Pontos waren auch hier bedeutende Tempelstaaten beheimatet: das Heiligtum des Zeus in Venasa in der Morimene und der Tempel der Enyo in Komana in Kataonien, der noch zu Strabons Zeit mit 6000 Hierodulen be-

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wirtschaftet wurde; an der im Gebirge entlegenen Stätte beim heutigen Dorf S¸arköy steht heute nur noch die Fassade eines römischen Grabbaus aufrecht. Die beiden Zentren des Reiches waren Tyana, seit Ariarathes V. Eusebes Philopator Eusebeia am Tauros genannt, und der Königssitz Mazaka, am waldreichen Nordabhang des schneebedeckten Viertausenders Argaios (Erciyas Dag˘), der seitdem ebenfalls Eusebeia hieß.146 Dieser Ort in der Strategie Kilikia liegt nur wenige Kilometer westlich der alten assyrischen Kaufmannsstadt Ka¯ rumKaneš entfernt. Archäologische Reste aus der Zeit der Ariarathiden besitzt er nicht, dagegen stammt aus Kaneš selbst die schon erwähnte Bronzeplatte mit einem Dekret der Gemeinde von Hanisa.147 In der in perfektem Kanzleistil verfaßten Urkunde präsentiert sich Hanisa als hellenisiertes Gemeinwesen mit Rat, Volksversammlung, Festen für Zeus Soter und Herakles (das Hauptheiligtum gehörte der altorientalischen Kriegs- und Liebesgöttin Astarte); dieses eindeutige Zeugnis einer Polisverfassung unter der Monarchie an einem Ort, bei dem es sich nicht um die Niederlassung makedonischer und/oder griechischer Militärkolonisten handelt, unterscheidet das kappadokische vom Reich der Mithradatiden – ähnelten auch sonst Königtum, Bevölkerung und Siedlungsstruktur derjenigen des inneren Pontos. Das iranische Herrschergeschlecht adaptierte seinerseits hellenistische Formen, am Hof wurde Griechisch gesprochen. Es hat den Anschein, daß besonders Ariarathes V., der Freund Attalos’ II., die Hellenisierung förderte. Er korrespondierte mit dem Vorsteher der Akademie in Athen, Karneades. Eine Inschrift aus der Zeit Ariarathes’ VI. attestiert Tyana ein Gymnasium und einen Agon zu Ehren von Hermes und Herakles ([162] IK Tyana 29). Das Reich ist auch von dieser Dynastie offensichtlich nach seleukidischem Vorbild organisiert worden (vgl. den archidioiketes in Mazaka-Eusebeia). Ihre Münzen, mit dem Königsportrait mit Diadem auf der Vorder- und (zumeist) der stehenden Athena «der Siegbringerin» (Nikephoros) auf der Rückseite tragen seit dem ersten König Ariarathes III. durchgehend griechische Legenden. Außer den üblichen Beinamen: Philopator, Philometor, Eusebes erscheint bei Orophernes «Siegbringer» (Nikephoros) und bei dem von Sulla inthronisierten Ariobarzanes (S. 347) «Römerfreund» (Philorhomaios). Griechisches Handwerk und griechische Bildung verbreiteten sich; ein Kappadokier signierte um 100 v.  Chr. eine Marmorstatue auf der Agora von Samos, und ein Rhetor aus Mazaka erhielt das Bürgerrecht in Athen und Ehren in Delphi für seine Verdienste um die Bildung und die Kunst der Rede. Der fortgeschrittene Hellenismus im königlichen Kappadokien straft die Spötter Lügen, die im Zeitalter der Zweiten Sophistik auf den Provinzialismus dieses Landes verächtlich herabschauen.148

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3.3. Der Aufstieg des Mithradates Eupator und die Eroberung ­Kleinasiens Die Jugend des Königs ist durch Legenden verklärt. Er muß etwa Ende der 130er Jahre geboren worden sein und war gerade elf Jahre alt, als sein Vater von Höflingen in Sinope ermordet wurde. Die Mutter, die die Zügel der Regierung in die eigenen Hände nahm, scheint den jüngeren Bruder favorisiert zu haben. Durch Giftmord entledigte sich der Knabe beider (Sallust, hist. Fr. 2, 75 f. Maurenbrecher). Das von Manius Aquillius nach dem Aristonikoskrieg seinem Vater zugesprochene Gebiet Phrygiens wurde ihm 119 oder 116 v. Chr. vom Senat wieder weggenommen (S. 333), eine erste bittere Erfahrung mit der Herrin des Westens. In den folgenden Jahren dehnte er seine Herrschaft nach Norden und Osten aus und richtete erstmals in der Geschichte der Dynastie eine arche auf, die das pontische zum mächtigsten Königreich des Vorderen Orients diesseits des Euphrat machte. Zunächst unterstellte sich ihm der Fürst von Kleinarmenien Antipatros, der eine an Burgen reiche Beckenlandschaft am Oberlauf des Lykos, zwischen Paryadresgebirge und Euphrat, regierte. Dann unterwarf er sich die kleineren Dynastien im südöstlichen Küstenbogen des Schwarzen Meeres und annektierte die Trapezusia, das sagenhafte Kolchis am unteren Phasis und die Ostküste bis jenseits der Kaukasuskette. Von besonderer Be­ deutung indessen sollte der mit der Flotte ins Werk gesetzte Zuerwerb von Gebieten am Nordufer des Meeres sein. Die Gelegenheit ergab sich aus der notorischen Bedrängnis der dortigen Griechenstädte durch die Skythen des Hinterlandes. Diophantos von Sinope, sein Feldherr, führte mit Unterstützung der Bürger von Chersonnesos mehrere Feldzüge durch, nach denen es gelang, das ganze Gebiet auf der und um die Krim zu kontrollieren. Die Gemeinde ehrte ihn mit einem Bronzestandbild auf der Akropolis ([109] Syll.3 709). Aus dem neuerworbenen Land flossen der Krone Abgaben an Silber und Getreide zu. Die Stämme wurden verpflichtet, für den Dienst im königlichen Heer zu rekrutieren. Verdiente Söldner empfingen auf Befehl des Königs von griechischen Städten wie Phanagoreia das Bürgerrecht.149 Ob diese Erfolge Mithradates bereits veranlaßt haben könnten, eine Unterwerfung ganz Kleinasiens ins Auge zu fassen, darf bezweifelt werden. Angeblich soll er sich in Begleitung weniger Getreuer inkognito auf eine ausgedehnte Erkundungsreise durch das Land begeben haben. Seine nächsten Handlungen indessen zielen darauf, die Oberhand in dem von den Vätern überkommenen Konflikt mit den Nachbardynastien, namentlich dem bithyni-

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schen und kappadokischen Königshaus, zu gewinnen. Die gewalttätigen Ranküne in der Familie der kappadokischen Thronanwärter haben wir im Verdrängungskampf zwischen Orophernes und Ariarathes V.  bereits kennengelernt. Die Witwe dieses im Aristonikoskrieg gefallenen Ariarathes indessen übertraf alles bisherige: Nicht weniger als fünf ältere Brüder ließ sie umbringen, um dem jüngsten, Ariarathes VI. Epiphanes Philopator, das Diadem zu sichern. Der im Pontos noch regierende Mithradates V. gab ihm seine Tochter Laodike, die Schwester Eupators, zur Frau, die ihm drei Söhne gebar. Mithradates Eupator schien die Möglichkeit eines Zugriffs verbessern zu wollen, indem er Ariarathes VI. durch einen Agenten namens Gordios ermorden ließ. Das aber mochte der König Nikomedes III. von Bithynien, der zur damaligen Zeit einzigen noch übrigen Monarchie von etwa gleicher Statur in Kleinasien, nicht hinnehmen. Nach Gordios’ Vertreibung marschierte er in Kappadokien ein und heiratete Laodike. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten: Der König von Pontos vertrieb nun seinerseits den Rivalen und die eigene Schwester. ­Ihren ältesten Sohn setzte er als Ariarathes VII. auf den Thron – jenen, dessen Büste das Mithradatesmonument auf Delos ziert. Der aber ließ sich nicht lenken und widersetzte sich erst recht dem Vorhaben seines Onkels, den Mörder seines Vaters Gordios aus dem Exil zurückzuholen. Mithradates stürzte ihn kurzerhand vom Thron (ca. 100 v. Chr.) und machte statt seiner den eigenen, achtjährigen Sohn als Ariarathes IX. unter der Vormundschaft des Gordios zum König. Währenddessen setzte sich Nikomedes an einer zweiten Front, in Paphlagonien, durch: Die gleichzeitige Usurpation beider Rivalen im Jahre 108/7 v. Chr. mißbilligte zwar der Senat. Doch während Mithradates den römischen Gesandten gegenüber einen ererbten Anspruch geltend zu machen versuchte, gelang Nikomedes mit seinem Verzicht eine findige Täuschung: Der von ihm als rechtmäßiger König anerkannte Jüngling mit dem landesüblichen Dynastennamen Pylaimenes entpuppte sich als sein eigener Sohn. Gegen den fait accompli einzuschreiten, vernachlässigte indessen der Senat. Man stand im Banne der Kriege gegen Jugurtha in Nordafrika, gegen die Kimbern und Teutonen in Norditalien und der Konflikte in den eigenen Reihen um die Gesetzesvorschläge der Marianer. Wieder einmal begnügte sich Rom damit, von den Streitenden den augenscheinlich schwächeren auf Unkosten des stärkeren gewähren zu lassen, eine – nach der Wegnahme Phrygiens – weitere Demütigung für den Pontiker Mithradates. Kurze Zeit nachdem der Sieger über Kimbern und Teutonen Gaius ­Marius das Heiligtum der Meter in Pessinus, anschließend auch Kappadokien besucht hatte und mit Mithradates zusammengetroffen war (ca. 99/8 v. Chr.), brach dort der Aufstand gegen die Fremdherrschaft des Mithradatessohnes los (Justin 38, 2, 1–3, 4): Man will einen Bruder von Ariarathes VII., einen Sohn

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der Laodike, aus dem Exil holen und die Herrschaft der Ariarathiden wiedergewinnen. Doch Mithradates von Pontos und Gordios obsiegen in einer Schlacht. Nikomedes indessen macht den dritten Sohn des Ariarathes VI. und der Laodike ausfindig. Er schickt Laodike nach Rom, um für diesen Sproß die legitime Thronfolge zu beanspruchen. Dort antichambrieren außer ihr auch Gordios und eine dritte Partei kappadokischer Adeliger. Der Senat lehnt ­sowohl die Ansprüche des Bithyniers als auch des Königs von Pontos ab und erklärt Kappadokien für frei, gibt dann aber einem Begehren der Adelspartei nach, sich einen König wählen zu dürfen. Die Wahl fällt auf einen Mann namens Ariobarzanes. Über die Chronologie der weiteren Ereignisse herrschen unterschied­ liche Ansichten.150 Wahrscheinlich spielte sich Folgendes ab: Unter dem Schutz des Proprätors von Cilicia, Lucius Cornelius Sulla, setzt Rom diesen Ario­ barzanes 96/5 v.  Chr. auf den Thron Kappadokiens. Mithradates beugt sich und nimmt seinen Sohn mit sich zurück nach Pontos. In Ostanatolien findet damals in einer denkwürdigen Szene die erste Begegnung zwischen den Antipoden der Zukunft, der mediterranen Weltmacht und dem Großreich der Parther, statt: Auf dem Westufer des Euphrat bei Melitene trifft der Römer Sulla mit Orobazes, dem Abgesandten des Arsakiden Mithradates II., zusammen. Auch Ariobarzanes ist anwesend. Sulla arrangierte die Sitzordnung so, daß er als Audienzgeber zwischen den Orientalen thronte.151 Mithradates Eupator lauerte auf seine Chance zurückzuschlagen. Er suchte in dem soeben auf den Thron des Königreiches Armenien gelangten Artaxiaden Tigranes II. einen Verbündeten und gab ihm die Hand seiner noch jugendlichen Tochter Kleopatra. Als in Bithynien Nikomedes III. 94 v. Chr. starb, bot sich neuerlich die Gelegenheit, sich einzumischen: Um den Königssohn Nikomedes IV. zu verdrängen, benutzte er dessen Halbbruder Sokrates Chrestos. Fast gleichzeitig vertrieben mit Gordios’ Hilfe Agenten des Tigranes den Ariobarzanes aus Mazaka (Justin 38, 3, 2) und setzten Eupators Sohn, Ariarathes IX., wieder ein. Die Reaktion des Senats – Italien befand sich im Bundesgenossenkrieg – entsprach dem üblichen Verhalten. Im Jahre 91 oder 90 traf eine Kommission unter Führung des jüngeren Manius Aquillius in Kleinasien mit dem Auftrag ein, die beiden rechtmäßigen Könige, Nikomedes und Ariobarzanes, wiedereinzusetzen. Erneut weicht Mithradates zurück. Sein Sohn wird aus Mazaka abgezogen, Ariobarzanes kehrt zurück, Sokrates Chrestos wird getötet. Doch in Überschreitung ihrer Kompetenzen nehmen es sich die römischen Gesandten vor Ort jetzt heraus, den bei italischen Kreditgebern verschuldeten Nikomedes zur Plünderung pontischer Schwarzmeerstädte an der Küste Paphlagoniens anzustacheln. Als Mithradates sich beschwert und fordert, sich verteidigen zu dürfen, antworten die Kommissionäre: Wir wünschen zwar nicht, daß

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Mith­radates irgendein Unrecht durch Nikomedes erleide, aber auch nicht, daß gegen Nikomedes Krieg begonnen werde. Denn es sei nicht in römischem Interesse, wenn Nikomedes geschädigt werde. Der Konflikt spitzte sich weiter zu, als Mithradates den Kappadokier Ariobarzanes erneut aus dem Lande jagte und seinen Sohn als Ariarathes IX. abermals zum König machte. Die römische Seite reagierte mit ultimativen Forderungen und verweigerte jeden Kontakt vor ihrer Erfüllung. Zugleich traf sie Kriegsvorbereitungen, die Manius Aquillius später den Vorwurf einbringen sollten, er habe ohne Autorisation des Senates und Volkes von Rom einen Krieg vom Zaun gebrochen. Der Proconsul von Asia, Gaius Cassius, verfügte nicht über ausreichend Truppen, um das Königreich Pontos anzugreifen. Doch setzte sich Nikomedes IV. mit einem großen Söldnerheer durch das Amniastal Richtung Pontos in Marsch. Die römischen Kontingente wurden im Rücken des Bithynierheeres postiert, eine Abteilung unter Cassius an der Grenze zwischen Bithynien und Galatien und, noch weiter vorn (vermutlich im Becken von Karabük) eine weitere unter Manius Aquillius. Bei Byzantion bewachte eine römische Flotte den Bosporus. An den Statthalter von Cilicia, Quintus Oppius, ging der Auftrag, den Ariobarzanes nach Mazaka zurückzuführen. Was das Heer des Bithynierkönigs bewirken sollte – ob an eine Invasion des Pontos gedacht war oder nur daran, Mithradates von Kappadokien abzulenken –, ist nicht klar. Des Mithradates Flotte – wichtigster Hafen war Sinope – bestand aus ca. 300 Schiffen. Drei Abteilungen des Hauptheeres wurden vom König selbst und den beiden griechischen Feldherren Neoptolemos und Archelaos befehligt. Der Grieche Dorylaos kommandierte die Phalanx der Schwerbewaffneten, während ein gewisser Krateros (ein Makedone?) 130 Streitwagen ins Feld führte. Die Reiterei stellten die verbündeten Clanfürsten von Armenia Minor. Anfang des Jahres 89 v. Chr. kam es am Ufer des Amnias (im heutigen Vilayet Kastamonu) zur Eröffnungsschlacht der Mithradatischen Kriege. Nach Appians Darstellung (18 [66 f.]) erzielte die furchtbare Wirkung der pontischen Sichelstreitwagen den entscheidenden Durchbruch. Diese Wagen wurden mit großer Geschwindigkeit in die bithynischen Truppen hineingetrieben, dabei wurden Männer in zwei Hälften, andere in kleine Stücke zerschnitten, die auf den Sicheln staken. Im Rücken des völlig aufgeriebenen Heeres räumten die römischen Abteilungen eiligst ihre Positionen. Mithradates stieß in die Flußniederung bei Karabük vor, bestieg den Skorobas (vermutlich der Keltepe) und verfolgte die Gegner in südlicher Richtung. Cassius und Nikomedes ­zogen sich auf die phrygische Festung «Löwenkopf» zurück, zweifelsfrei der 226 m hohe Felsen in der heutigen Stadt Afyon, in dessen Nähe die Königsstraße aus dem Hermostal heraufkommend mit der Straße nach Apameia zu-

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sammentraf. Von dieser wiederum zweigte weiter südlich die Hauptroute durch das Lykos- und Maiandrostal an die Küste nach Ephesos ab. Cassius verlängerte den Rückzug bis nach Apameia. Hier bot ein reicher Bürger der Stadt Nysa, Chairemon, Sohn des Pythodoros, Getreideversorgung und Hilfe an. Als Kollaborateure der Römer handelten Chairemon und seine Söhne so erfolgreich, daß Mithradates selbst Anweisungen zu ihrer Ergreifung erteilte. Zuletzt agitierte Chairemon vom Asyl des Artemision in Ephesos aus gegen die Pontiker, bevor sich seine Spur verliert. Mithradates trifft zur Belagerung vor Laodikeia ein, das von dem aus dem Osten herbeigeeilten Quintus Oppius mit den restlichen Truppen nur kurze Zeit gehalten wird, während sich Cassius nach Rhodos, Manius Aquillius und der Bithynierkönig Nikomedes sich hingegen nach Pergamon absetzen. Aus der Verfolgung der geschlagenen und sich wieder formierenden Feinde ist das pontische Heer zum Angriff auf das Herz der römischen Provinz Asia übergegangen, deren Eroberung jetzt offensichtlich in Mithradates’ Absicht lag. Konnte er damit rechnen, in dem an Städten reichen Land, von den vielen Bürgerschaften der griechischen Poleis, als ein erobernd vordringender Monarch mit offenen Armen empfangen zu werden? In den Augen der späteren Sieger, die auf die Ereignisse zurückblickten, begingen die Griechen Asiens fast ausnahmslos Verrat – fast: Als rühmliche Ausnahme hervorgehoben wird außer Rhodos, der Zufluchtsstätte der Römer und ihrer Getreuen, die Stadt Magnesia am Sipylos, über deren Rolle wir jedoch nichts Genaueres erfahren. Der pauschale Vorwurf der Treulosigkeit kann sich indessen nur auf die provincia Asia beziehen, nicht auf die Städte West- und Süd­ klein­asiens insgesamt. Denn der Forschung sind durch Inschriftenfunde eine Reihe von Fällen pro-römischen Widerstands gegen Mithradates bekannt geworden. Zentrum dieses Widerstands wurde das – zu jener Zeit noch nicht der römischen Provinz angehörende – binnenländische Karien. Als eine der ersten hatte die Gemeinde Plarasa/Aphrodisias dem Quintus Oppius ein militärisches Aufgebot zu Hilfe geschickt.152 Daß sie sich in ähnlicher Weise mit militärischem Beistand verdient gemacht haben, bescheinigt später Sulla den Gemeinden von Tabai und Stratonikeia. Gegen diese Stadt, die einen Bündnisvertrag mit Rom geschlossen hatte, unternahm der König selbst eine Straf­ expedition von Ionien aus und brach ihren Widerstand. Zudem läßt ein ­Dekret von Alabanda durchblicken, daß auch diese Polis für das Heer der ­Römer Leistungen erbracht hatte und einige ihrer Bürger in Kriegsgefangenschaft geraten waren.153 Als im weiteren Kriegsverlauf die pontische Flotte Rhodos angriff, mobilisierte der lykische Bund seine Streitkräfte unter einem bevollmächtigten Strategen und kam der Inselrepublik zu Hilfe, während in Ostlykien gleichzeitig gegen die offenbar mit Piraten gemeinsame Sache machenden pontischen Kräfte zu Wasser und zu Lande gekämpft werden mußte

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([106] OGIS 552–554).154 An der Motivation für den Widerstand in dieser Gegend gibt es nichts zu rätseln: Karien und Lykien, seit 167 von Rhodos befreit und den Römern nicht steuerpflichtig, hatten keinen Grund, sich über einen neuen hellenistischen Herrscher zu freuen. Anders in der Provinz: Schon beim Vormarsch im Maiandrostal wurde der König enthusiastisch begrüßt, so in Tralleis und Magnesia am Maiandros. In vorauseilendem Gehorsam stürzten die Ephesier die Standbilder der rö­ mischen Proconsuln vom Sockel. Über den Seeweg besuchte der König die Küsten- und Inselstädte; Mytilene auf Lesbos lieferte ihm den dorthin von Pergamon geflohenen Manius Aquillius aus. Im Gegensatz zu Oppius ließ der Pontiker diesem Senator ein grausames Ende bereiten. Anscheinend anerkannte er in ihm keinen Gegner, sondern strafte einen korrupten Verräter. Es könnte sein, daß die bei Appian (Mith. 21 [80] ) überlieferte Todesart, wonach ihm flüssiges Gold in die Kehle gegossen wurde, einem persischen Hinrichtungsritual entspricht, das besonders bei Bestechung und Geldgier zur Anwendung kam: In dem Gruselkabinett der verschiedensten Hinrichtungen, das uns Plutarchs Artaxerxes-Vita aus Ktesias übermittelt, läßt die Mutter des Königs jenen Karer bestrafen, der beanspruchte, Kyros getötet zu haben, sich indessen mit einer kleinen Belohnung nicht abfinden wollte; ihm wurde flüssiges Erz in die Ohren gegossen (Plutarch, Art. 14, 5). Bald darauf, 88 v. Chr., ereignete sich in der Provinz und vereinzelt auch außerhalb derselben das, was in die Geschichte als «Ephesische Vesper» eingegangen ist.155 Mithradates übersandte den Satrapen und Oberbeamten in den Städten durch geheime Emissäre schriftliche Anweisung, an einem Stichtag die Ermordung aller Römer und Italiker, ihrer Frauen, Kinder und Freigelassenen durchführen zu lassen (Appian, Mith. 22 f. [85–91] ). Hilfeleistungen für den Feind sollten bestraft, Anzeigen oder Morde seitens ihrer Sklaven mit der Freiheit, seitens ihrer Schuldner mit dem Erlaß der Hälfte der Schuld belohnt werden. In Ephesos, Tralleis, Pergamon, Adramyttion und besonders in der Hafenstadt Kaunos spielten sich Szenen unbeschreiblicher Grausamkeit ab. Ein im übrigen nicht weiter bedeutender Philosoph namens Demetrios hat in seiner Heimatstadt Adramyttion den ganzen Stadtrat hinrichten lassen. Die Zahlenangaben der Getöteten schwanken zwischen 80 000 und 150 000. Auf einem internationalen wissenschaftlichen Kongreß des Jahres 2007 wurde die Frage erörtert, ob es sich um einen Genozid handelte. Tatsächlich definiert Appian, daß die zu Verfolgenden aus dem genos Italikon stammen, also nicht etwa nur Inhaber des römischen Bürgerrechtes seien. Diese größtenteils als Steuerpächter, Agenten, Händler, Geschäftsleute und Kreditgeber tätigen Männer lebten mit ihren Familien in den asiatischen Städten in Gemeinschaften, die sich von den Polisbürgern absonderten.156 Sie waren daher leicht lokalisierbar und auch sonst an Kleidung (tebennophoruntes = «Togaträger» genannt)

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und Auftreten – nicht unbedingt sogleich an der Sprache – erkennbar. Der Mordaufruf fiel auf einen fruchtbaren Boden latenten Hasses, der sich in den drei Jahrzehnten seit Einrichtung der Provinz Asia angestaut hatte und jetzt überall zum Ausbruch kam. Wenigstens die Koer machten später geltend, sie hätten im Asklepieion außerhalb der Stadt römische Bürger gerettet (Tacitus, ann. 4, 14, 2). Was der König, wenn dem überhaupt etwas Rationales innewohnte, für einen Zweck mit dem Massaker verfolgte, ist nicht unumstritten. Sein neuzeitlicher Biograph Theodore Reinach unterstellt, daß er in diesen Bewohnern Asiens gefährliche Kreise von Spionen, Verrätern und Verschwörern im Dienste des Feindes erkennen mußte und daß er die unwiderstehliche Strömung des Volkshasses zu lenken verstand, um seinen Schatz aufzufüllen. Die eigentliche Triebkraft nach Reinach aber war die Gier und der Haß der kleinen Leute auf die Reichen: «Die asianische Demokratie hätte gar zu gern in den Untergang der Italer alle Reichen, nach deren Schätzen ihr gelüstete, eingeschlossen; dem Eingreifen des Mithradates war es zu verdanken, daß dieses Morden auf die römischen Bürger beschränkt blieb. Wer vermag zu leugnen, daß im Vergleich zu einem sozialen Blutbade, dessen einziger Zweck Raub und Plünderung ist, die Verbrechen des Rassenfanatismus nicht einer gewissen Größe entbehren?»157 Dieses 1895 niedergeschriebene, vor dem Hintergrund der Erfahrungen des 20. Jh.s verstörende Urteil unterscheidet sich deutlich von dem des Historikers Theodor Mommsen insofern, als es dessen Stereotyp des orientalischen Barbarentums negiert. Für Mommsen verkörperte dieser iranische König den «Sultanismus», der sich darin äußert, daß er den zwecklosen Akt tierisch blinder Rache zu kolossalen Proportionen steigert.158 Flottenoperationen des Mithradates gegen Rhodos begannen mit der Überfahrt nach Kos. Die Koer öffneten ihm die Tore und lieferten den bei ­ihnen weilenden Sohn des Ptolemaios IX., nebst einem reichen Schatz aus, der von dessen Mutter, Kleopatra III., auf der Insel deponiert worden war. Auf Rhodos wurde der Feind längst erwartet: Bei zahlenmäßiger Unterlegenheit bewährt sich die rhodische Erfahrung im Seekrieg. Nach dem Debakel mit der sambyke, einer zu Schiff an die Stadtmauer herangeführten Enterbrücke, bricht Mithradates das Unternehmen ab und zieht die Streitkräfte von der Belagerung zurück. Ein Angriff auf die lykische Hafenstadt ­Patara scheitert ebenfalls. Trotz dieser Rückschläge weitet der König seine Offensive aus. Auf ein aktives Eingreifen zur Unterstützung der Romgegner im italischen Bundes­ genossenkrieg läßt er sich zwar nicht ein. Doch in die Fußstapfen eines Antiochos III. tretend, erblickt er seine Mission auch außerhalb Asiens in der Wieder­aufrichtung einer hellenistischen Monarchie in Griechenland. Dabei kommt ihm die allgemeine Stimmung, besonders aber die innere Verfassung

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der ersten und reichsten Stadt in Hellas, Athens, entgegen:159 Unfaßbare Illusionen über die wahren Machtverhältnisse wie über die Unwiederbringlichkeit vergangener Größe lassen blitzschnell den Damm brechen, der vor etwas mehr als einhundert Jahren bei der Invasion des Seleukiden Antiochos III. noch gehalten hatte. Nachdem noch in den 90er Jahren athenische Urkunden die Römer als Wohltäter des Volkes bezeichnet hatten, fällt das ‹Volk› jetzt der Agitation eines Philosophen der aristotelischen Schule, Athenion, anheim, der von einer Gesandtschaftsreise zum König zurückkehrend, mit Schönfärberei und Versprechungen triumphiert (Poseidonios, FGrHist 87 F 36). Die Römerfreunde verlassen die Stadt, der Philosoph wird zum Hoplitenstrategen gewählt. Im Jahr 88/7 figuriert Mithradates selbst als eponymer Archon der stolzen Stadt – in der steinernen Chronik später korrigiert durch den Eintrag: «Anarchie».160 Die kleine Inselgemeinde im Zentrum der Kykladen, Delos, seit 166 in athenischem Besitz, sieht den Augenblick gekommen, sich gegen Athen und für Rom zu erklären. Aus Hoffnung, sich zu befreien? Oder haben die zahlreichen Italiker, die zudem möglicherweise schon Kunde von der Ephesischen Vesper erhalten hatten, den Ausschlag gegeben? Nachdem die von Athenion entsandte Expedition gegen Delos kläglich scheiterte, eroberte Archelaos die Insel des Apollon mit der pontischen Flotte, ließ alle Italiker niedermachen und die Schätze des Tempels nach Athen verschiffen. Dort eingetroffen, setzte er Athenion ab und einen Philosophen der Epikureischen Schule, der Aristion hieß, zum Tyrannen ein. Vom Hauptquartier im Piräus aus unternahmen es Archelaos und sein Feldherr Metrophanes sodann, weitere Teile Griechenlands auf die Seite des Königs zu ziehen: Die Peloponnesos, Euboia, Boiotien, wo ­allein Thespiai sich widersetzte, traten über. Römische Präsenz vermochte keinen militärischen Widerstand zu mobilisieren. Der Statthalter von Makedonien, Sentius Saturninus, war durch Vorstöße der Thraker im Norden ge­ bunden. Mithradates stand auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung. Über das pontische Kernreich, Kolchis und die Krim ließ er den gleichnamigen Sohn, über die benachbarten Kappadokien und Kleinarmenien den Sohn mit Namen Ariarathes regieren. Das übrige Anatolien beherrschten seine Satrapen und Offiziere, er selbst residierte – bezeichnenderweise – in Pergamon. Hier feierte er seine Hochzeit mit der Griechin Monime aus Stratonikeia, die unter den zahlreichen Frauen seines Harems eine herausragende Stellung einnehmen sollte. Ihrem Vater Philopoimen gab der König die Aufsicht über Ephesos. Man mußte als Zeitgenosse ein unbestechliches Auge haben, um der Blendkraft des nahezu vollständigen römischen Verlustes dessen, was seit Beginn des 2. Jh.s v. Chr. mit den Feldzügen eines Titus Quinctius Flamininus,

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Aemilius Paullus, Cornelius Scipio, Manius Aquillius erworben worden war, zu widerstehen und zu erkennen, daß die Römer aus der hellenistischen Welt nicht mehr zu verdrängen sein würden und daß ihre Fähigkeit, militärisch auf die pontischen Eroberungen zu antworten, vorhanden, wenn auch nicht zum wenigsten durch das innere Zerwürfnis in der Frage gehemmt war, wer sie umsetzen durfte. Im Jahre 87 v. Chr. traf Cornelius Sulla mit fünf Legionen in Griechenland ein. Athen wird zum Brennpunkt des Geschehens. Mit dem Fall der Stadt, der Räumung des Piräus, den Niederlagen der Pontiker bei Chaironeia und Orchomenos wendete sich das Blatt, wenn auch Sulla noch immer der dringend benötigten Schiffe entbehrte, um dem Gegner nach- und auf asiatisches Gebiet überzusetzen. Hier war die Begeisterung über Mithradates längst gewichen, Opposition und Verschwörung war mit Terror und Geschenken begegnet worden. Als erstes hatte der König die «Tetrarchen» (Vierherrscher) der Galater, bis auf drei, die ihm entkamen, gewaltsam beseitigt und einen Satrapen eingesetzt; eine Strafaktion gegen Chios eskalierte bis zur Deportation der gesamten Bürgerschaft. Nachdem in Ephesos, Tralleis, Hypaipa und Metropolis Revolten niedergeschlagen worden waren (Appian, Mith. 48 [189 f.] ), sollte in den Städten eine allgemeine Freiheitserklärung, Schuldenerlaß, Einbürgerung der ­Metöken und Freilassung der Sklaven die Spannungen abbauen. Sulla, der vor seinem Aufbruch aus Italien den ihm streitig gemachten Oberbefehl mit dem Marsch auf Rom hatte erzwingen müssen, war unter dem Regiment des Konsuls Cinna – eines Weggefährten des Marius – geächtet und seines Kommandos enthoben, sein Haus in Brand gesteckt worden. Während er beim Delion Verhandlungen mit Archelaos aufnahm, traf am Bos­ porus der statt seiner mit dem Krieg gegen Mithradates beauftragte Konsul Lucius Valerius Flaccus ein, um sein Heer von den Byzantiern auf asiatischen Boden übersetzen zu lassen und gegen den König zu Felde zu ziehen. Doch eine Meuterei unter Führung seines Legaten Gaius Flavius Fimbria kostete ihn das Leben. Fimbria übernahm die beiden Legionen und trug die römischen Waffen nach Asien zurück, wo sie beinahe fünf Jahre zuvor hinausgeworfen worden waren. Sein Vorgehen wurde für Sulla eine ernste Gefahr, nicht nur, weil er den König vor ihm zu besiegen drohte, sondern auch, weil Mithradates ihn als Trumpfkarte in seine Verhandlungen über einen Frieden einzubringen verstand. Nachdem Fimbria Bithynien mit Mord und Plünderungen überzog, vertrieb er den König selbst aus Pergamon nach Pitane und schlug in Mysien den Königssohn. Lucullus, dessen Flotte vor der Westküste operierte, hätte im Zusammenwirken mit Fimbrias Landarmee dem König in Pitane ein Ende bereiten können, zeigte aber dem Meuterer die kalte Schulter. So konnte Mithradates nach Mytilene auf Lesbos entkommen.

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Während Fimbria in der Troas wütete und Ilion brandschatzte, gelangte das sullanische Heer an den Hellespont und traf daselbst mit den Schiffen des Lucullus zusammen. Die Waage neigte sich gerade rechtzeitig zu Sullas Gunsten; jetzt stellte er die stärkste römische Militärmacht auf dem Boden Asiens. Zugleich aber verlangten es die Verhältnisse in Rom, den Krieg möglichst rasch zum Abschluß zu bringen und nach Italien zurückzukehren. Im Sommer 85 v. Chr. trafen Sulla und Mithradates in Dardanos in der Troas zusammen. Der Römer bestand auf seinen bereits in den Vorverhandlungen mit ­Archelaos gestellten Forderungen und konterte des Königs Schweigen mit den Worten: «Bittsteller sprechen als erste, Siegern genügt es, zu schweigen.» (Plutarch, Sull. 24, 1). Mithradates verpflichtete sich, alle seit Anfang 89 in ­Europa und Asien gemachten Eroberungen aufzugeben, eine Kriegsentschädi­ gung von 2000 Talenten zu zahlen, 70 gepanzerte Kriegsschiffe mit Besatzung sowie 500 Bogenschützen zu übergeben und die Kriegsgefangenen freizulassen. Dafür blieb ihm der Besitz seines angestammten Königreiches einschließlich der vor 89 hinzueroberten Gebiete im Norden und Südosten des Schwarzen Meeres, und er wurde wieder unter die Freunde und Bundesgenossen der Römer aufgenommen. Fimbria nahm sich das Leben, als Sulla gegen sein Lager bei Thyateira in Lydien vorrückte und viele seiner Soldaten überliefen. Asien lag dem Sieger zu Füßen. Amnestie und Freiheitserklärungen vermochten nicht darüber hinwegzutäuschen: Die meisten Städte, deren zahlreiche Gesandte zu ihm nach Ephesos eilten, wurden hart bestraft. Sulla auferlegte ihnen einen Fünfjahrestribut und zusätzlich eine Zahlung von 20 000 Talenten. Die einquartierten römischen Soldaten erhielten auf Kosten der Bürger einen Tagessold von 16 Drachmen (das Vierzigfache ihres normalen Soldes), die Zenturionen 50 Drachmen, hinzu kamen Verköstigung und Kleidung. Asien wurde in 44 Steuerbezirke unterteilt (Cassiodor, chron. II p. 132, 484 Mommsen), jede Diözese in vier. Möglicherweise hat damals Sulla oder bald darauf Licinius Murena, der auch einen Teil der Kibyratis annektierte und die Städte Oinoanda, Balbura und Bubon dem lykischen Städtebund hinzufügte, die Landschaft Karien in die römische Provinz einbezogen.161 Verhandlungen mit Sulla vor Ort folgten zahlreiche Missionen städtischer Gesandter nach Rom. Wie er Ilion, Chios, Magnesia und Rhodos die Freiheit und die Freundschaft Roms für ihre Loyalität zusicherte (Appian, Mith. 61 [250] ), so belohnte er Tabai, Stratonikeia und die Lykier.162 Die Fragmente eines Senatusconsultum, das in einer kleinen ostlykischen Gemeinde gefunden wurde (Sherk, RDGE 19), und des schon erwähnten Vertrags zwischen Rom und dem lykischen Bund aus Tyberissos (S. 297) gehören möglicherweise in diesen historischen Kontext. Wieder sind es prominente Bürger, die für ihre Gemeinde mutig eintraten, manche, um harte Bestimmungen zu mildern, andere, um über Verstöße gegen die ihnen zugesicherten Bedingungen Beschwerde

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zu führen. Zu ihnen ist auch der Pergamener Diodoros Pasparos zu zählen, der wahrscheinlich zwischen 85 und 73 v. Chr. vor den Senat reiste. Eine Serie von Ehrungen für ihn ist –  leider sehr fragmentarisch –  auf Stein erhalten und zeigt einen unter den kleinasiatischen Wohltätern ganz herausragenden Mann, dem noch zu Lebzeiten kultische Ehren beschlossen und nach seinem Tod in der Stadt ein Heroon errichtet wurden, das die Archäologen wiederentdeckt haben.163 Die Schuldigen an der «Ephesischen Vesper» ließ Sulla, soweit er ihrer habhaft werden konnte, hinrichten. Mytilene, das den Manius Aquillius ausgeliefert hatte, widersetzte sich noch bis 79 v. Chr. erfolgreich Angriffen der römische Flotte und wurde dann völlig zerstört. Kaunos, wo viele Italiker umgebracht worden waren, gab Sulla in den Besitz von Rhodos zurück. Doch die Kaunier vermochten den in Asien nach Sulla kommandierenden Proprätor Lucius Licinius Murena anscheinend dazu zu überreden, sie den Römern statt den Rhodiern Steuern zahlen zu lassen. Als ihrem «Retter und Wohltäter» setzten sie ihm ein Reiterstandbild am Rande der Agora.164 Auf rhodischen Protest in Rom hin hat Sulla das wohl wieder rückgängig gemacht, doch spätestens Anfang der 60er Jahre gehört auch Kaunos zur Provinz Asia, nicht zu Rhodos. Den Friedensschluß von Dardanos, das Ende der Herrschaft des Mithradates und die sullanische Neuorganisation der Provinz empfanden zahlreiche Städte als tiefe Zäsur. Inschriften und Münzen der asiatischen Gemeinden noch bis weit hinab in die Kaiserzeit datieren nach einer Ära, als deren Ausgangspunkt das Jahr 85/4 v. Chr. errechnet werden kann.165

3.4.  Vom Krieg Murenas bis zum Tode des Mithradates Der sogenannte Zweite Mithradatische Krieg ist ein ausgedehnter Feldzug des Licinius Murena, der in mancherlei Hinsicht dem des Gnaeus Manlius Vulso nach dem römischen Sieg über Antiochos III. glich. Nachdem der pontische Feldherr Archelaos sich mit seinem König überworfen hatte und von Sinope zu Murena geflüchtet war, nahm dieser die Warnungen des Überläufers zum Anlaß, mit seinen Legionen nach Kappadokien und Pontos vorzustoßen und das Heiligtum von Komana zu plündern (83 v. Chr.). Gegen die Weisung des Senats setzte er im folgenden Jahr zum Angriff auf Sinope an, wurde aber von königlichen Truppen zurückgeschlagen und aus Kappadokien hinausgeworfen. Auf Sullas Befehl ließ er von weiteren Kriegshandlungen ab. Mithradates war an Krieg nicht gelegen. Die Verhältnisse in seinem Kernreich und auf der Krim hatte er bei seiner Rückkehr aus Westkleinasien

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instabil vorgefunden; der Statthalter des bosporanischen Reiches drohte, sich selbständig zu machen, und mußte in einem Feldzug niedergeworfen werden, woraufhin Mithradates seinen Sohn Machares daselbst als König einsetzte; der andere Sohn, Mithradates, der Kolchis regieren sollte, wurde ihm verdächtig, kam in Arrest und starb kurz darauf. In Kolchis zogen wieder Satrapen ein. Dem Ariobarzanes in Mazaka, mit dessen Sohn er eine minderjährige Tochter verheiratete, war er noch die Räumung einiger Gebiete schuldig geblieben. Als dieser sich in Rom beschwerte, weigerte sich Sulla, den schriftlichen Friedensvertrag ausfertigen zu lassen, bevor Mithradates sich nicht gänzlich aus Kappadokien zurückgezogen hatte. Obgleich der König dieser Forderung endlich nachkam, blieb sein Wunsch, einen Vertrag zu erhalten, unerfüllt. Sulla war 78 v. Chr. verstorben, und der Senat griff das Anliegen nicht auf. Während das Königreich Pontos im nachsullanischen Rom zunehmend als Bedrohung der Provinz Asia empfunden wurde, entfaltete sich im äußersten Osten Anatoliens eine weitere Macht zu beunruhigender Größe und stieß in das Vakuum, welches das geschrumpfte und desolate Restreich der Seleu­kiden hinterlassen hatte. Innerhalb eines Jahrzehnts eroberte Tigranes II. nicht nur die von den Parthern annektierten Teile Armeniens zurück, sondern richtete zwischen Georgien, Aserbeidschan und dem nördlichen Zweistromland seine Oberhoheit über benachbarte Kleinkönige auf. Sodann drang er in Nordsyrien ein und bemächtigte sich der Residenz Antiocheia, wo er seine Münzen prägen ließ. Der Seleukide Philippos II. floh nach Kilikien, doch auch dorthin streckte Tigranes seine Hand aus. Schließlich fiel er erneut in Kappadokien ein und besetzte Mazaka. Von den Kriegszügen in die kilikische Schwemmlandebene und nach Kappadokien führte der armenische König nach Art der Assyrer Tausende von Landesbewohnern mit sich, um sie in seinem Reich anzusiedeln. Vor allem lag ihm an der Bevölkerung einer neu gegründeten Residenz, Tigranokerta. Von dieser Stadt, die bis weit in die Spät­ antike Bestand hatte, ist nichts erhalten geblieben, das über ihre genaue Lage Auskunft geben könnte, und die schriftlichen Zeugnisse widersprechen sich. Sie wird am wahrscheinlichsten beim heutigen Silvan (nordöstlich von Diyarbakir) lokalisiert.166 Anfang der 70er Jahre hatte sich also mit der Allianz der Könige von Pontos und Armenien ein Machtblock im Osten entwickelt, der die von Alexanders Nachfolgern geschaffenen hellenistischen Monarchien Ägyptens und Syriens in den Schatten stellte. Allerdings verfolgte Tigranes ­eigene Ambitionen, und von Anfang an mangelte es dem Bündnis an Zusammenhalt. Unter Murena und seinen Nachfolgern besserte sich die wirtschaftliche Not der Städte Asiens nicht. Die Wiederkehr der Steuerpächter trieb die Gemeinwesen an den Rand des Ruins. Das Interesse der römischen Magistrate an ordnungspolitischen Maßnahmen war äußerst gering, noch immer galt Asia

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Von römischer Hegemonie zum römischen Reich 357

hauptsächlich als eine Gelegenheit zur Selbstbereicherung. Der Prätor Aulus Terentius Varro trieb es so weit, daß er von den Provinzbewohnern auf Herausgabe ungerechtfertigt erhobener Abgaben (de repetundis) angeklagt wurde (Broughton, MRR II 97). Arroganz und Verachtung gegenüber den Provinzbewohnern kommen bei einem Zwischenfall zum Ausdruck, der sich in Lampsakos 80/79 v. Chr. ereignet hatte (Cicero, Verr. II 1, 64–69). Diese Stadt auf der thrakischen Chersonnes wurde damals vom Gouverneur Macedonias, Gnaeus Dolabella, verwaltet, dessen Legat Verres sich mit seinem Gefolge dort einquartiert hatte. Die Römer hatten es auf die schöne junge Tochter eines angesehenen Griechen, Philodamos, abgesehen und trugen zum Entsetzen ­ihres Gastgebers unverhohlen ihr Verlangen vor. Als es im Hause zu Gewalt­ anwendung kam, eilten aufgebrachte Lampsakener herbei und erschlugen ­einen Liktor; die Lage beruhigte sich nicht, nachdem Verres und die Seinen abgezogen waren: Am nächsten Morgen wäre man in das Quartier des Legaten mit Steinen, Eisenstangen und Feuer eingedrungen, hätten nicht römische Geschäftsleute die Menge beruhigen und damit eine große Gefahr von der Stadt abwenden können: «Sie bitten die Lampsakener, sie möchten dem Legatentitel größeres Gewicht beimessen als dem Unrecht eines einzelnen Legaten.» Piraterie Es war beim herrschenden Regierungsstil der Römer kein Wunder, daß sich das von früheren Zeiten her wohlbekannte Übel, die Piraterie, in den gebirgigen Zonen Ostlykiens und des Rauhen Kilikien ungestört ausbreitete. Daß dies für viele Küstenstädte schwere Verluste bedeutete, war nichts Neues und wird bereits in Inschriften aus früheren Epochen, dem 3. und 2. Jh. v. Chr., in Einzelheiten erkennbar.167 Nach Einrichtung der Provinz Asia ließen sich in den Städten nicht ­wenige Italiker nieder, an deren Schutz Rom gelegen sein168 und für deren Ge­­ schäfte sich eine Bedrohung des Seeverkehrs mehr als störend auswirken mußte. An der kleinasiatischen Südküste war die Piraterie am Ende des 2. Jh.s so stark geworden, daß man zu ihrer Bekämpfung eine eigene Provinz Cilicia eingerichtet hatte (S. 333). Doch im Zeitalter der Mithradatischen Kriege erhielten die Schlupfwinkel der Korsaren durch den Zulauf entwurzelter Existenzen erneut ein bedrohliches Potential. Nachdem Murena einen Moaphernes in der Kibyratis ausgeschaltet hatte, kontrollierte der Piratenfürst Zeniketes, der den nahegelegenen Olympos als Angriffsbasis und Rückzugsort nutzte, die ostlykischen Städte Korykos und Phaselis (Strabon 14, 5, 7) sowie verschiedene Plätze im flachen Pamphylien, dem Zentrum der neuen römischen Provinz. Hier raubten römische Amtsträger wie der Legat Verres die Städte Perge und Aspendos gleichermaßen rücksichtslos aus. Die kleine Stadt Syedra an der Grenze

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Ostpamphyliens schickte in ihrer Verzweiflung Gesandte zum Apollonorakel nach Klaros, und die in 13 Versen erteilte Antwort rät, außer der Durchführung eines Abwehrritus, «gleichzeitig den mühsamen, starken Kampf auf(zu)­ nehmen, indem ihr sie entweder verjagt oder in unlöslichen Fesseln bindet». ([146] MS IV 168 f.). In einer Kampagne zwischen den Jahren 78 und 75 v. Chr. konnte der Prätor Publius Servilius Vatia Isauricus zahlreiche Stützpunkte und auch die Hauptfestung des Zeniketes auf dem Olympos erobern.169 Kurz darauf, wahrscheinlich im Jahr 75/4 v. Chr., geriet ein junger Römer auf der Insel Pharmakusa vor der Westküste südlich von Didyma in Piratenhand, aus der er sich nur durch Lösegeldzahlung zu befreien vermochte. Sein Name war Gaius Iulius Caesar. Obgleich Privatmann, ruhte er nicht eher, bis er der meisten dieser Piraten mit bewaffneter Macht habhaft geworden war und sie ans Kreuz hatte schlagen lassen (Velleius 2, 41, 3–42, 3). Der Dritte Mithradatische Krieg war längst im Gange, als 67 v. Chr. mit der Lex Gabinia ein Sonderkommando gegen die Piraterie im gesamten Mittelmeerraum geschaffen und dem Gnaeus Pompeius übertragen wurde. Es umfaßte ein dreijähriges proconsularisches imperium aequum in omnibus provinciis usque ad quinquagesimum miliarium (Velleius 2, 31, 2), das heißt eine Befehlshoheit an allen Küsten bis 50 Meilen landeinwärts. Ausgestattet wurde Pompeius mit 24 Legaten, 120 000 Infanteristen, 5000 Reitern, 500 Schiffen und 36 Millionen Denaren, das größte Potential, das Rom bis dahin einem einzelnen in die Hände gab. In nur 40 Tagen bewältigte der General die Aufgabe im Westen, dann wandte er sich der kilikischen Küste zu, wo er nicht weniger erfolgreich durchgriff. Die Festungen wurden eingenommen, die Schiffe konfisziert, die Baumaterialien verbrannt. Viele von denen, die Krieg und Not in die Freibeuterei gedrängt hatten, wurden zum Teil in jenen Orten angesiedelt, die von Tigranes entvölkert worden waren. Die Piraterie im östlichen Mittelmeerraum hat sich von diesem Schlag nicht mehr erholt. Für die Küstenstädte Kleinasiens konnte – nach Beendigung der Kriege – eine Epoche blühender Handelsaktivitäten beginnen, die sich über die gesamte Kaiserzeit erstreckte. Der Dritte Mithradatische Krieg Der Ausbruch des Dritten Mithradatischen Krieges 73 v. Chr. gleicht in der Konstellation der politischen Interessen in Asien dem Ausbruch des Aristo­ nikosaufstandes 60 Jahre früher. Der Senat beanspruchte das Königreich Bithynien als Erbe des Nikomedes IV., der Ende 75 oder 74 v. Chr. verstorben war.170 Mithradates von Pontos machte sich die Sache eines übergangenen Königssohnes zu eigen. Er wußte, daß ein römisches Bithynien seinem Schwarzmeerreich keine Zukunft lassen würde, und er reagierte augenblicklich mit Krieg. Die beiden Konsuln des Jahres 74 – der uns schon als Sullas Legat be-

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kannte Lucius Licinius Lucullus und Marcus Aurelius Cotta – erhielten den Befehl auf dem Kriegsschauplatz: Lucullus als Proconsul von Asia und Cilicia, Cotta als Proconsul über das zu besetzende Bithynien. Der König von Pontos war hoch gerüstet, verfügte über Infanterie, Reiter, Sichelwagen und eine Flotte mit mehreren hundert Schiffen. Er unterhielt Beziehungen zu den Piraten und zu dem römischen Dissidenten Quintus Sertorius in Spanien. Sertorius –  ein außergewöhnlicher Mann, dem Plutarch eine Parallelbiographie mit Eumenes von Kardia widmete – lehnte es ab, Mithradates im Falle eines Sieges über die gemeinsamen Gegner ganz Kleinasien zu versprechen. Für den Römer war, gleichgültig unter welchem Regiment, an eine Aufgabe der asiatischen Provinzen Asia und Cilicia nicht mehr zu denken. So akzeptierte Mithradates einen Vertrag, der ihm Bithynien, Paphlagonien und Kappadokien zusicherte und ihn verpflichtete, Geld und Schiffe zum Kampf in Spanien zur Verfügung zu stellen.171 Doch die spanische Insurrektion scheiterte rasch mit der Ermordung des Sertorius 72 v. Chr., ein Jahr nach der Eröffnung des Krieges in Kleinasien. Der König ging in die Offensive. Eine pontische Heeresgruppe fiel in Kappadokien ein und vertrieb wieder einmal den unglücklichen Ariobarzanes, er selbst dirigierte Heer und Flotte gegen Bithynien. Das römische Oberkommando dort führte Cotta, der jedoch die meiste Zeit während der Kampfhandlungen krank war. Es entbrannte eine Schlacht um Kalchedon, das der Flottenpräfekt Publius Rutilius Nudus nicht zu halten vermochte. Daraufhin gingen die pontischen Streitkräfte gegen Kyzikos vor, während von Süden her, aus dem mittleren Sangariostal, Lucullus in Bithynien einrückte. Aus dem Belagerer Mithradates wurde durch Lucullus’ Geschick und Energie bald der Belagerte. Im Winterkrieg rieben die Legionäre das pontische Heer völlig auf. Der König entkam nach Lampsakos am Hellespont. Nur ein Teil seiner Flotte in der Propontis war ihm noch verblieben. Sein Vertrauter, der Philosoph Metrodoros von Skepsis, begab sich nach Artaxata, um Beistand von Seiten des Tigranes zu erhalten. Er soll dem Armenier gesagt haben, als Gesandter müsse er seinen Beistand erbitten, als Freund aber rate er ihm, denselben zu verweigern (Plutarch, Luc. 29; Strabon 13, 1, 55). Vor Lucullus stand zunächst die Aufgabe, an der Schwarzmeerküste Richtung Osten Stadt für Stadt zu bezwingen. Herakleia Pontike, deren Belagerung Cotta übernahm, stand nicht eigentlich auf Mithradates’ Seite, doch der Strategos Lamachos hatte den Pontikern die Tore geöffnet und eine Besatzung von 4000 Söldnern unter dem Kelten Konnakorex eingelassen. Lucullus selbst fuhr mit der Flotte gegen Amisos, wagte dann im Frühjahr 71 v. Chr. den Vorstoß ins Innere des Pontos. Er gelingt vollständig: Die Verteidigung des Kultzentrums Kabeira und der «neuen Burg» mit den königlichen Schätzen, dem Archiv und dem Harem bricht zusammen, zahlreiche Frauen läßt

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Abb. 50:  Der Tigris bei Hasankeyf

Mithradates töten, bevor er selbst nur deshalb knapp entkommt, weil die Legionäre, statt sich um ihn zu kümmern, ihr Interesse auf mit Gold beladene Packtiere wenden. In Armenien läßt den Flüchtigen sein Schwiegersohn Tigranes internieren. Für anderthalb Jahre bleibt er außer Gefecht (Herbst 71 bis Frühjahr 69). Tigranes beabsichtigte keineswegs, den Römern zu Gefallen zu sein, und lehnte ein Auslieferungsersuchen ab. Er wollte die Option erhalten, selbst den Pontos zu beherrschen. Im Jahr 70 fallen die Küstenstädte am Schwarzen Meer: Cotta läßt Herakleia plündern und niederbrennen. Amastris nimmt der Legat C. Valerius Triarius ein; Sinope endlich ergibt sich dem Lucullus selbst. Dieser bricht im Frühjahr 69 mit 20 000 Mann erneut ins Landesinnere auf und marschiert durch das Lykostal und Kleinarmenien an den Oberlauf des Euphrat bei Erzincan. Die äußerst gewagte, dem Marsch der Zehntausend Xenophons vergleichbare Expedition gegen Armenien führt durch das ostanatolische Hochland an den oberen Tigris nach Tigranokerta, wo ihn der König mit einer großen Streitmacht erwartet. Die Legionen erringen im Oktober 69 einen vollständigen Sieg, Lucullus erbeutet eine große Geldsumme und das ganze Inventar der Königsresidenz. Viele von Tigranes deportierte Griechen werden in ihre Heimat zurückgeschickt (Plutarch, Luc. 29). Kleinere Vasallen fallen nun von dem Armenier ab, darunter Antiochos von Kommagene. Mithradates kommt frei und versöhnt sich mit seinem Schwiegersohn.

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Während die beiden Könige eiligst Truppen ausheben, die Mithradates nach römischer Art ausrüstet und trainiert, führt Lucullus die Legionen im Jahr 68 durch das Arsaniastal nach Osten in Richtung auf die alte Königsresidenz Artaxata im Araxestal, am Fuße des Ararat (Abb. 3). Die enormen Entfernungen und die herbstlichen Witterungsbedingungen verbrauchen die Kräfte der Soldaten, die sich endlich weigern, den Marsch fortzusetzen. An einen winterlichen Rückmarsch an das Schwarze Meer ist nicht zu denken. Lucullus schlägt den Weg nach Süden ein, in wärmere Regionen, steigt aus dem Hochland ins Tigristal (Abb. 50) hinab und erreicht Nisibis im nördlichen Mesopotamien – heute Nusaybin an der türkisch-irakischen Grenze –, das er nach kurzer Belagerung einnimmt. Auf Betreiben seiner Gegner in Rom unterdessen wird ihm der Oberbefehl entzogen. Nicht erst die Nachrichten zur militärischen Lage, sondern bereits die Maßnahmen, die Lucullus in der Provinz Asia gegen die Interessen der Steuerpächter und zum Wohle der Provinzialen durchgeführt hatte, waren ihm in der Hauptstadt übelgenommen worden. Als neuen Statthalter Asias schickt der Senat den Prätor Publius Cornelius Dolabella unmittelbar nach seinem Amtsjahr in Rom, degradiert diese Provinz also zu einer prätorischen (68 v.  Chr.); ihm folgt 67 der Neffe des Diktators Sulla, Publius Cornelius Sulla.172 Quintus Marcius Rex übernimmt die Statthalterschaft Cilicias und Manius Acilius Glabrio wird Proconsul von Bithynia mit dem Anspruch auf den Oberbefehl im Krieg gegen Mithradates. Glabrio indessen verweilt untätig in Bithynien. Die Besatzung des Pontos unter Lucullus’ Legaten Triarius erweist sich als zu schwach, die Rückeroberung durch die königlichen Heere im Frühjahr 67 zu verhindern, sie wird bei Zela vernichtet. Lucullus selbst ist zu weit entfernt, um eingreifen zu können, eine von Marcius Rex erbetene Verstärkung von zwei Legionen wird ihm verweigert. Als eine zehnköpfige Senatskommission eintrifft, um eine Provinz Pontus einzurichten, muß sie feststellen, daß das Land zum größten Teil in Feindeshand ist. Zur gleichen Zeit aber – Lucullus befindet sich am mittleren Halys – löst Pompeius faktisch den Marcius Rex in Kilikien ab und zieht dort seine Streitkräfte zusammen. Trotz der empfindlichen Rückschläge, trotz der Intrigen und der Meuterei im Heer und im Offizierskorps hinterließ Lucullus eine militärische Lage, auf der ein Nachfolger mit ungleich größeren Käften aufbauen konnte. Seine Operationen waren von anderer Art als die Feldzüge eines Manlius Vulso und Licinius Murena, legte Lucullus doch den Grundstein für die vollständige ­römische Beherrschung der kleinasiatischen Halbinsel. Bithynien war erobert, beide Meerengen unter römischer Kontrolle, die pontischen Hafenstädte fest in römischer Hand. Den im Zenit seiner Macht stehenden Armenierkönig hatte er durch seinen kühnen Vormarsch auf Tigranokerta und Nisibis ge-

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zwungen, sich aus dem nördlichen Zweistromland, aus Nordsyrien und dem Ebenen Kilikien zurückzuziehen. Als letzter Seleukidenkönig bestieg Antiochos XIII. Asiatikos, der sich in Lucullus’ Gefolge befand, in Antiocheia den Thron. Der gesamte mittelanatolische Raum war somit von zwei Küstenabschnitten aus ungehindert zugänglich, und künftige römische Vormärsche ins Landesinnere waren im Rücken sehr viel besser abgedeckt. Auf Grund der Lex Manilia trat Gnaeus Pompeius die Rechtsnachfolge als Statthalter von Cilicia, Bithynia et Pontus mit dem Oberkommando gegen Mithradates im Jahr 66 v. Chr. an. Er traf mit Lucullus in Danala zusammen, einer Festung im Gebiet der galatischen Trokmer. Es kam zum Streit. Der Neue erklärte alle Verfügungen des Vorgängers für ungültig und unterstellte dessen Truppen seinem Befehl. Lucullus begab sich mit knapp 1000 Mann auf den Heimweg. Pompeius nahm sofort die Wiedereroberung des Pontos in Angriff. Von hier wich Mithradates nach Osten in die Hochbeckenlandschaft Kleinarmeniens aus. Nachdem Pompeius zwei Legionen Verstärkung aus Kilikien erhalten hatte, verfolgte er ihn und schloß ihn mit einem 22 km langen Belagerungsring aus Wällen und Palisaden ein, doch Mithradates entkam erneut. Schnelligkeit und Disziplin der Legionen bewährten sich, so daß ihn Pompeius nicht weit davon, im oberen Lykostal bei der heutigen Kleinstadt Sus¸ehri, erneut stellen und sein Heer vernichten konnte. Im Hochland unweit des Schlachtfeldes ließ der Sieger später die Stadt Nikopolis gründen. Da man dort antikes Baumaterial fand, wird ihre Ortslage bei dem Dorf Yes¸ilyayla (früher: Pürk) vermutet. Das Schicksal des Königs nimmt fortan abenteuerliche Züge an: Er entkam mit einer kleinen Schar von Freunden, am Ende soll er sich allein in Beglei­tung seiner Geliebten Hypsikrateia durchgeschlagen haben. Solange es bewachte Depots mit Geldmitteln und Kostbarkeiten im Lande gab, die die Römer vermutlich nicht einmal alle ausfindig machen, geschweige denn im Handumdrehen besetzen konnten, vermochte der Flüchtige auf Mittel zurückzugreifen, mit denen er sich Unterstützung und Unterschlupf erkaufte. Außerdem waren ihm das Land, die Leute und die Sprache vertraut. Ihn aufzuspüren schien aussichtslos. Für Pompeius galt es vorderhand zu verhindern, daß sich Mithradates erneut zum König von Armenien durchschlagen konnte. An dessen Hof waren Verwicklungen eingetreten, die ihn um so mehr zum Aufbruch nach Armenien drängten: Der alte Tigranes, tief zerstritten mit seinem gleichnamigen Sohn am Arsakidenhof, einem Schwiegersohn des Partherkönigs Phraates, sah sich einer unerwarteten Bedrohung ausgesetzt. Der Junge hatte nicht gezögert, mit den Parthern zusammen gegen die väterliche Residenz Artaxata zu ziehen, doch eine Belagerung war gescheitert und Phraates wieder abgezogen.

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Auf der Suche nach einem Verbündeten nahm der renitente Königssohn Kontakt mit Pompeius auf, begab sich zu ihm und geleitete die Legionen nach Artaxata. 15 Meilen vor der Stadt traf Tigranes, ihnen entgegenziehend, im römischen Lager ein und warf sich Pompeius zu Füßen. Pompeius trat instinktiv auf die Gegenseite einer armenisch-parthischen Liaison, das heißt an die Seite des alten Tigranes, und nahm damit eine Grundposition römischer Orient­ politik über die kommenden Jahrhunderte vorweg. Bereits von Kilikien aus hatte er durch Gesandte Verbindung mit dem Partherkönig aufgenommen und die alte Absprache mit Sulla, der Euphrat solle die Grenze der beiderseitigen Interessensphären sein, erneuert. Was bei Sulla noch kaum durchsetzungsfähig und von parthischer Seite eher eine unbedachte Geste der Höflichkeit war, die den Unterhändler denn auch den Kopf kostete (Plutarch, Sull. 5, 5), dämmerte jetzt, 30 Jahre später, als eine Realität herauf. Mit dem absehbaren Untergang des pontischen Königreiches gab es im Raum Anatolien, Syrien, nördliches Zweistromland keinen organisierten Großstaat mehr. Das benachbarte Armenien war ethnisch, sprachlich, kulturell am engsten mit Iran verflochten und blieb über die Jahrhunderte, bis in das Mittelalter, ein Vorposten, von dem aus die iranische Kultur in diesen Raum hinein ausstrahlte. Wollte Rom ihn beherrschen, durfte Armenien nicht sich selber und schon gar nicht den Parthern (und später den Sasaniden) überlassen bleiben. Pompeius, der damals diese Problematik höchstens erahnen konnte, bestätigte dem König von Armenien sein altes Stammreich, hieß ihn aber, auf die Eroberungen im Zweistromland, Syrien und Kilikien zu verzichten und eine Buße von 60 000 Talenten zu zahlen. Der junge Tigranes erhielt nur einen Teil, Sophene, eine Landschaft am Zusammenfluß von Arsanias und Euphrat. Seine Reaktion darauf fiel so schroff aus, daß Pompeius ihn festnehmen ließ. Er sollte später mit seiner ganzen Familie im Triumphzug durch Rom mitgeführt werden. Das römische Feldlager ist in der Folgezeit Anziehungspunkt einer Reihe von Gesandtschaften parthischer Vasallen, die sich der Oberhoheit des Arsakidenthrones mit römischer Hilfe zu entwinden trachteten, so die Könige von Elymais und Medien. Legaten des Pompeius unternahmen Rekognoszierungsfeldzüge nach Mesopotamien. An der Schwelle des Oriens Romanus zeigt sich die römische Politik als das, was sie während der nächsten 600 Jahre bleiben sollte: offensiv bis aggressiv. Von Mithradates, auf dessen Kopf der alte Tigranes einen Preis ausgesetzt hatte, wußte man inzwischen, daß er etwa im Raum des heutigen Erzurum die Berge überschritten, ins Çoruhtal hinabgestiegen und an die Phasismündung in Kolchis gelangt war. Von hier aus ging er nach Dioskurias (heute ­Suchumi). Die römische Flotte kontrollierte zwar auch die Südostausbuchtung des Schwarzen Meeres, vermochte aber keine Truppen an Land zu setzen, mit ­denen eine Verfolgung des Pontikers hätte aufgenommen werden können.

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364 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

Abb. 51:  Mzcheta am Zusammenfluß von Kura und Aragwi, Ortslage von Harmozika und Seusamora

Zweifellos zu diesem Zweck wandte sich Pompeius nach Norden, das Araxes­ tal flußaufwärts, und stieg in die Kyrosebene hinab, ins heutige Georgien. Die Könige von Albania, Oroizes, und Iberia, Artokes, sicherten den Römern freien Durchzug zu, doch ein Überfall ließ rasch ihre wahren Absichten hervortreten. Die Armee traf im Sommer 65 v. Chr. an jener Stelle ein, wo die Flüsse Kyros und Aragos (Kura und Aragwi) zusammenfließen und wo sich das Zentrum des iberischen Königreiches befand, das Artokes jetzt zu verteidigen gedachte. Oberhalb der iberischen Hauptstadt lagen zwei Festungen, die Strabon Harmozika und Seusamora nennt (Abb. 51). Auf dem kegelförmigen Berg über dem Fluß befand sich vermutlich eine Kultstätte für die oberste persische Gottheit Ahura Mazda¯ , von deren ­Namen die griechische Form Harmozika abgeleitet ist. In der Ebene am anderen Ufer entstanden im Mittelalter die bedeutendsten Kultstätten des christ­ lichen Georgien (Sweti Zchoweli). Nur wenig flußaufwärts haben Ausgrabungen Reste von Palast- und Badanlagen, einer Befestigungsmauer und Gräber aus dem 1. Jh. v. Chr. nachgewiesen. Die Festung ist später unter Vespasian (69–79 n. Chr.) repariert worden, worauf eine Bauinschrift deutet ([195] SEG 20, 112). Pompeius’ Legionären gelang es, die Stellung zu erobern. Der Iberer­ könig zog sich nach Westen von Flußübergang zu Flußübergang, der jeweils auf Holzbrücken erfolgte, zurück. Das römische Heer erreichte durch das Pha-

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sistal die Küste von Kolchis und nahm, vermutlich in der Nähe des heutigen Batumi, Kontakt mit der Flotte auf. Doch ebensowenig wie Lucullus es verhindern konnte, daß Mithradates nach Armenien floh, vermochte es jetzt Pompeius, die Flucht nach Norden zu vereiteln. Das bosporanische Königreich unter dem Königssohn Machares war längst auf die Seite des Siegers getreten. Aber um die Verhältnisse auf der Krim und in den umliegenden Städten wirklich in den Griff zu bekommen, hätte es eines Einmarsches römischer Landtruppen bedurft. Einen Truppentransport auf die andere Seite des Schwarzen Meeres wagte Pompeius nicht, vermutlich war etwas derartiges auch gar nicht möglich. Der Landweg an der Ostküste entlang durch schwierigstes Terrain, eben der Fluchtweg des Königs, schied als zu riskant ebenfalls aus. Mithradates hatte sich hier, wo die dicht bewaldeten Südabhänge des Kaukasus teilweise senkrecht zum Meer abfielen und nur auf engen Pfaden Durchgang durch die fremden Stammesgebiete gewährten, mit Gewalt und Geschenken durchgeschlagen (Appian, Mith. 102 [469] ). Es gelang ihm, die Bevölkerung des bosporanischen Vizekönigreiches noch einmal für sich zu mobilisieren und den Sohn Machares aus Phanagoreia nach Pantikapaion, auf die Krim, zu vertreiben. Die Erhebung für den König griff sogar auf das andere Ufer über, Mithradates setzte nach und vermochte Pantikapaion zu stürmen, sein Sohn beging Selbstmord. Die Ereignisse südlich des Kaukasus sind nach unseren erzählenden Quellen nicht eindeutig zeitlich und räumlich einzuordnen. Pompeius soll vom Schwarzen Meer aus erneut hinauf an die Kura und gegen die Albaner marschiert sein, um eine Erhebung niederzuwerfen. Dabei münden die sicherlich von der Nachahmung Alexanders des Großen inspirierten Berichte über eine weitere Anabasis in Richtung auf das Kaspische Meer ins Phantastische.173 Realistischer klingt, daß die Römer in Pontos und Kleinarmenien sich daranmachten, systematisch die Brunnen der Festungen mit Felsbrocken zu verschließen. Im Frühjahr 64 v. Chr. versammelten sich Legaten und Heer, Klientel­ könige und Abordnungen der Städte in Amisos, wo Pompeius die Neuordnung des Pontos in Angriff nahm (dazu S. 368 ff.). Auch jetzt nahm er von dem Abenteuer Abstand, den kimmerischen Bosporus anzugreifen, ordnete aber eine Seeblockade an. Während seine Legaten Gabinius und Afranius schon südlich des Tauros operierten, wandte er selbst sich nach Süden, um Ordnung in den von Tigranes evakuierten Gebieten Syriens zu schaffen mit der klaren Absicht, diese reichen und fruchtbaren Küstenlandschaften des östlichen Mittelmeeres an verkehrsmäßig bedeutender Schlüsselposition fest in römischen Besitz zu bringen. Zunächst erreichte er von der Schwarzmeer­ küste aus das Schlachtfeld des Triarius bei Gaziura (Dio 36, 12 f.). Auf dem weiteren Weg durchquerte er das östliche Kappadokien und drang vermut-

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lich bei dieser Gelegenheit in das Königreich Kommagene zwischen Tauros und Euphrat ein, wo jener Antiochos I. herrschte (Appian, Mith. 106 [497], vgl. 117 [576] ), dessen gewaltige Grabheiligtümer in den Bergen noch heute zu sehen sind (S. 638 ff.). Wie immer die Begegnung verlief, Pompeius erweiterte das Königreich um das am Euphrat­übergang gelegene Seleukeia (Strabon 16, 2, 3), und schon wenige Jahre später galt der König als Verbündeter Roms (Cicero, ad Q. fr. 2, 11 (10), 2). Nachdem der Generalissimus in Syrien die Herrschaft des von Lucullus inthronisierten, letzten Seleukiden Antiochos XIII. beendet und das Land annektiert hatte, marschierte er nach Palästina weiter. Vor Jericho oder auf der Straße von Damaskus nach Petra erreichte ihn unvermutet die Nachricht vom Tode des Mithradates (Plutarch, Pomp. 41, 3–5). Der König von Pontos hatte seine Autorität in Pantikapaion soweit hergestellt, daß er daran denken konnte, erneut ein großes Heer und eine Flotte auszurüsten. Im Hinblick darauf ergehen sich die römischen Schriftsteller, Appian, Plutarch und Cassius Dio, in Spekulationen über seine Pläne und Ziele: ein Marsch an die Donau, über die Alpen nach Italien. Der Historiker und Mithradates-Biograph Theodore Reinach überlegte: «Wer vermag zu ­sagen, ob nicht Rom schon damals das Schicksal erlitten hätte, das ihm fünf Jahrhunderte später Alarich, Geiserich und Totila bereiteten.»174 Stattdessen bereiteten jetzt dem Mithradates der Verrat in seiner eigenen Familie und die Berechnungen der Überlebenskünstler ein schnelles Ende. Im Gegensatz zur Bevölkerung dürften die Eliten am Hof und in den Städten des bosporanischen Reiches die Machtübernahme des alten Herrschers von Pontos eher mit Furcht als mit Begeisterung begleitet haben, drohten doch auf vielen Vertrauensposten Personalwechsel. Demgegenüber schien die Aussicht, in einem römischen Klientelreich seine Stellung zu behalten, verlockend. In Phanagoreia brach ein Aufstand los, und nach und nach fielen Theodosia, Nymphaion und Chersonnesos ab. Die Mithradatestochter Kleopatra, die Söhne Dareios, Xerxes, Oxathres und Artaphernes fallen in die Hände der Aufständischen und werden römischen Flottenoffizieren ausgeliefert. Der Mithradatessohn Pharnakes, später der bekannte Caesargegner, ist zum Verrat bereit und läßt sich zum König ausrufen. Seine Soldaten dringen in die Residenz des fast siebzigjährigen Vaters ein; der befiehlt seinem Leibwächter, dem Kelten Bitokos, ihm das Schwert in den Leib zu stoßen. Auf die Nachricht vom Tode des Mithradates hin schreibt Pompeius an den Senat, daß der Krieg beendet sei. Der Konsul Marcus Tullius Cicero ordnet in Rom eine zehntägige Dankesfeier an. Gesandte des Pharnakes bringen den Leichnam nach Amisos, wo Pompeius, aus Palästina zurückgekehrt, 63 v. Chr. erneut sein Hauptquartier aufschlägt. Pharnakes wird als Klientelkönig über das Reich am Bosporus bestätigt. Die Beisetzung der Lei-

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che des großen Gegners Roms erfolgt in Sinope oder Amaseia. Sein Grab ist bis auf den heutigen Tag nicht entdeckt worden.175 Die Bilanz dieses kleinasiatischen Königs ist eindrucksvoll. 26 Jahre hielt er sich gegen die größte Macht der antiken Mittelmeerwelt, sechs Feldherren konsularischen Ranges, Cassius, Sulla, Murena, Cotta, Lucullus und Pompeius, zogen gegen ihn aus; er verdaute eine Kette schwerster Niederlagen von Rhodos über Chaironeia, Orchomenos, Kyzikos, Kabeira bis Nikopolis ebenso wie eine zwanzigmonatige Internierung in Armenien und besaß, scheinbar letztgültig besiegt, als Endsechziger noch die Zähigkeit, sich mit einem Marsch durch schwieriges Gelände über mehrere hundert Kilometer zu retten und eine neue Front aufzubauen. Ebensowenig wie von einem seleukidischen oder attalidischen König existiert von Mithradates eine antike Biographie. Es ist schwer, sich seiner Gestalt biographisch anzunähern, obgleich er in den griechischen und römischen Quellen ausführlich geschildert wird. Aus deren Optik ist er vornehmlich Gegner, in feindseliger Absicht zu einem Ausbund an Despotie und Grausamkeit verzeichnet. Demgemäß orientieren sich moderne Bewertungen des Phänomens Mithradates weniger an der Leistung als an der Wirkung. So urteilt Mommsen im dritten Band seiner Römischen Geschichte: «Bedeutungsvoller noch als durch seine Individualität ward er durch den Platz, auf den die Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorläufer der nationalen Reaktion des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens gegen den Westen eröffnet; und das Gefühl, daß man mit seinem Tode nicht am Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den Siegern.»176 Im Vorfeld der jungen römischen Provinz Asia zeigt sich noch am Ende des 2. Jh.s eine Schwelle: diesseits die hellenistische Poliskultur, jenseits die von den älteren östlichen Hochkulturen des Zweistromlandes, ­Syriens und Irans durch und durch geprägten Landschaften. Die Stadtgründungen der Diadochen, der Epigonen, der bithynischen Könige und der Attaliden hatten diese Schwelle von der Küstennähe tiefer ins Landesinnere und erheblich weiter nach Osten, bis etwa an den Halysbogen verschoben. Doch die anatolischen Reiche von Kappadokien, Pontos und Armenien blieben trotz ihres hellenisierten Hofpersonals, der griechischen philoi, Offiziere und Soldaten, der Titel «Griechenfreund» (philhellen) und «Römerfreund» (philorhomaios) ihrer Könige auf der anderen Seite. Bevor Mithradates auftrat, sah es nicht danach aus, daß der Senat in Rom gewillt war, diese Schwelle zu überschreiten. Mithradates seinerseits war kein Hannibal und kein Gegen-Alexander – getrieben von dem Vorsatz, Italien und den Westen zu erobern. Der Begriff des Widerstands gegen ein römisches Asien dürfte seine Motive, die ihn mehrmals zum Angriff übergehen ließen, besser beschreiben.177 Bewirkt hat er insofern das Gegenteil, als seine Siege Rom ebenso schlagartig wie brutal deutlich machten, daß mit

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dem bisherigen Einsatz nicht einmal Griechenland sicher zu halten war. Spätestens mit den Rückschlägen während der lucullischen Feldzüge verfestigte sich die Einsicht, daß man Kleinasien entweder aufgeben oder mit einem erheblich höheren Aufwand ordnen und beherrschen müsse. Den entscheidenden Schritt in diese Richtung sollte Gnaeus Pompeius vollziehen und damit die Grundlagen des Oriens Romanus schaffen. Die Schicksale des Alten vom Pontos haben Europa noch Jahrhunderte später fasziniert.178 Der vierzehnjährige Mozart komponierte 1770 für Mailand seine erste ernsthafte Oper: Mitridate re di Ponto. Der Stoff hatte Tradition, und Mozarts Ausarbeitung einer dramatisch-wechselvollen Liebesgeschichte zwischen Mithradates, seinen Söhnen und seiner Verlobten baute auf der bis heute bekanntesten literarischen Fassung auf, die Jean Baptiste Racine (1639–1699) ihm hatte angedeihen lassen, und zwar in Gestalt der Tragödie Mithridate in fünf Akten, uraufgeführt im Hotel de Bourgogne in Paris am 12. 1. 1673. Racine trat mit dem Anspruch auf, die historische Überlieferung gewissenhaft zu berücksichtigen und stellte dem Leser im Vorwort seine Quellen vor – Florus, Plutarch, Cassius Dio, Appian. Das Stück bezieht seine Spannung aus dem Vierecksverhältnis der Hauptcharaktere: Der alte Mithradates, der Römerfeind, voller Haß, mit Scharfsinn und Verstellungskunst begabt, von Leidenschaft und Liebe zu seiner Sklavin Monime getrieben, besitzt zwei Söhne, Pharnakes, den Schlechten, der mit den Römern gemeinsame Sache macht, und Xiphares, den Guten, einen aufrichtigen, tapferen und loyalen Jüngling (Vorbild für den Jungadel zur Zeit Ludwigs XIV.). Monime wird außer vom König zugleich von beiden Söhnen begehrt, während sie ihrerseits dem edlen Xiphares leidenschaftlich zugetan ist. Mithradates, der sich in der letzten Schlacht mit den Römern besiegt glaubt, stürzt sich in sein Schwert. Sterbend überwindet er die Eifersucht und billigt die Vereinigung der Liebenden.

3.5.  Die Neuordnung Kleinasiens durch Pompeius Die Neugestaltung der Gebietsherrschaft Roms in Kleinasien vollzog sich zwischen 67 und 63 v. Chr. Schon während seines Imperiums gegen die Seeräuber vollendete Pompeius die von Lucullus begonnene Wiederbevölkerung der verelendeten Städte des Ebenen Kilikien, indem er in Soloi, Adana, Epiphaneia und Mallos einen Teil der resozialisierten Piraten ansiedelte (Plutarch, Pomp. 28; Appian, Mith. 96 [444]). Der Stadt Soloi, die ihn später als Stadtgründer (ktistes) und Patron feierte (IGR III 869), gab er seinen Namen, Pompeiopolis, das früheste sichere Beispiel einer Polisgründung in Kleinasien durch einen Römer. Wie Soloi-Pompeiopolis (66/5), Epiphaneia (67) und Mallos

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(67/6), so dokumentieren auch Mopsuhestia (67) und Alexandreia am Issos (67) den Beginn ihrer Ären mit den Jahren der pompeianischen Imperien gegen Seeräuber und Mithradates 67 bis 65 durch ihre Münzprägung, sahen mithin ihre Anfänge als Poleis unter Pompeius ([199] Head, HN2 716, 724 f.).179 Schon ­damals wurde eine faktische Eingliederung der Kilikia Pedias in den römischen Herrschaftsbereich vollzogen, der die rechtliche Neuordnung der provincia ­Cilicia bald folgen sollte. Nachdem der Generalissimus den Seleukiden Antiochos XIII. in Syrien abgesetzt und damit auch eine noch auf dem Papier stehende seleukidische Hoheit über das Ebene Kilikien beseitigt hatte, wurde diese Landschaft Teil der erheblich vergrößerten Provinz Cilicia an der kleinasiatischen Südküste. Die neue Provinz umfaßte jenseits von Pamphylien nunmehr zusätzlich das Ufer des Rauhen Kilikien und die große Schwemmlandebene der Flüsse Pyramos und Kydnos sowie die Ostküste des Issischen Golfes, erstreckte sich indessen wahrscheinlich nicht weiter landeinwärts als die nach der Lex Gabinia definierte Fünfzigmeilenzone. Pompeius ließ Dynastien im Landesinnern als kleine Vasallenstaaten bestehen – so anscheinend im Westen oberhalb von Seleukeia am Kalykadnos den Tempelstaat der Teukriden mit dem Heiligtum des Zeus Olbios (Uzuncaburc). Hierapolis-Kastabala in Ostkilikien (und vielleicht noch anderen Städte wie Elaiussa und Korykos im Westen, Anazarbos und Aigai im Osten?) übergab er einem ehemaligen Freibeuter namens Tarkondimotos zur Herrschaft, den bald darauf Antonius zum König erhob. Tarsos wurde Konventsstadt für die Gerichtstage des Provinzgouverneurs (Cicero, Att. 5, 16, 4). Die Lage bei Kriegsende im Norden Kleinasiens stellt sich komplizierter dar. Zur Verteilung standen drei hinsichtlich ihrer Vergangenheit, ihrer Lage und Kohärenz verschiedene Gebietskomplexe: erstens das von Rom als Erbe des Nikomedes IV. beanspruchte Königreich Bithynien, zweitens das pontische Kernreich ohne die von Mithradates im Westen, Osten und Norden hinzueroberten Gebiete, drittens die von Mithradates Eupator unterworfenen Länder. Letztere übergab Pompeius an Klientelfürsten. Die Besitzungen auf der Krim und am kimmerischen Bosporus verblieben in der Hand des Mith­ra­ datessohnes Pharnakes, mit Ausnahme der zuerst von Mithradates abgefal­le­ nen Stadt Phanagoreia, die mit der Freiheit belohnt wurde. Kolchis wurde ­einem gewissen Aristarchos zugesprochen. In Kappadokien stieg noch einmal der treue «Römerfreund» Ariobarzanes auf seinen Thron in Mazaka, von dem er so oft vertrieben worden war, und regierte dort bis 62 v.  Chr. An sein Reich wurden Teile Lykaoniens im Westen und Armeniens im Osten – so die dem jüngeren Tigranes zugedachte Sophene – angegliedert. Der am reichsten ausgestattete Potentat sollte der Galater Deiotaros werden. Pompeius setzte ihn nicht nur als Tetrarch über die Tolistoagier ein. Ob ein zu dieser Zeit beste-

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hender Tetrarchenrat abgeschafft, ob in Galatien je ein Herrscher über die drei Stammesgruppen ernannt oder vier Tetrarchen bestätigt wurden (Appian, Syr. 50 [254] ), ist unklar und umstritten.180 Die Küste jenseits des Territoriums der Stadt Amisos bis nach Kolchis – also auch die Städte Pharnakeia (Kerasus) und Trapezus – sowie den größeren Teil Kleinarmeniens erhielt Deiotaros ebenfalls, und zusätzlich ein Gebiet mitten im pontischen Reich, nämlich einen Teil der Schwemmlandebene namens Gadilonitis zwischen Halysmündung und Amisos. Damit nicht genug. Der Fürst erhob sich bald darauf über die Stammeshäupter der anderen Teile Galatiens, so daß er mit den Wohnsitzen der Tolistoagier, Tektosagen und Trokmer riesige Gebiete Mittelanatoliens kontrollierte.181 Nur Paphlagonien südlich des Olgassys (Ilgaz Dag˘ları) mit der alten Königsburg Gangra als Zentrum kam in den Besitz eines Sprosses der Pylaimenidendynastie namens Attalos. Die fruchtbarsten Landstriche wie das Amniastal und die Becken an ­Halys, Iris und Lykos, vor allem auch die Küste selbst behielt Pompeius wie in Kilikien einer von Städten getragenen Provinzordnung vor. Zum pontischen Reich gehörten die Griechenstädte Amastris, Sinope und Amisos am Meer. Ihnen, und wahrscheinlich auch Abonuteichos (zwischen Amastris und ­Sinope), wurde nun Polis-Status zuerkannt. Nur das Tempelland um Komana im Pontos sollte, wie die Gadilonitis, eine Enklave bleiben. Dieses älteste – noch vor-iranische – der drei großen Heiligtümer hat Pompeius als einziges nicht nur nicht angetastet, sondern sogar noch vergrößert. Oberpriester wurde Archelaos. Die beiden anderen wurden in Städte der neuen Provinz umgewan­ delt: Zela, durch Gebietszuweisungen (vermutlich einschließlich Amaseias) erheblich erweitert, und Kabeira, jetzt als Polis «Zeusstadt» (Diospolis) benannt. Vier Gründungen im Landesinnern sollten mit ihren Stadtnamen an Pompeius «den Großen» bzw. seinen Sieg über Mithradates erinnern: Nikopolis im Becken des oberen Lykos, das vom kleinarmenischen Besitz des Deiotaros abgetrennt und zur Provinz Pontus gezogen wurde, Megalopolis am Oberlauf des Halys, Magnopolis bei der Burg Eupatoria am Zusammenfluß von Iris und ­Lykos und, nach der Stadt in Kilikien, ein zweites Pompeiopolis im fruchtbaren Amniastal in Zentralpaphlagonien, nördlich des Olgassys. Der Zentralort der noch zu Paphlagonien gehörigen Landschaft Phazemonitis auf dem rechten Halysufer wurde als Polis mit Namen Neapolis («Neustadt», heute Vezirköprü) eingerichtet. Für Nikopolis und Pompeiopolis kann als sicher gelten, daß Pompeius darin römische Legionäre ansiedelte; in den übrigen Neugründungen dürften Einheimische mit Griechen zusammengesiedelt worden sein. Von außerordentlicher Bedeutung ist die hier erstmals von einem Römer vor­ genommene Unterteilung des gesamten Provinzgebietes in Stadtterritorien, und zwar – bezogen auf das pontische Kernreich plus Nikopolis – elf an der Zahl.

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So entstand die Provinz Pontus. Sie wurde um zwei Küstenstädte erweitert, die auf bithynischem Gebiet lagen: Tieion und Herakleia Pontike. Von Maßnahmen des Pompeius in Bithynien, das auch im Binnenland Poleis besaß, ist nichts bekannt. Bithynische Städte prägten den Beginn einer Ära auf ihren Münzen, die 282/1 v.  Chr. – offensichtlich mit der Befreiung von Lysimachos – begann. Diese Ära verschwand nach dem Ende der Königsherrschaft nicht sogleich. Unter zwei römischen Statthaltern, die die Provinz zwischen 61 und 58 sowie 46 v. Chr. regierten, sind die nach dem Ende der Königsherrschaft gezählten Jahre mit den Statthalternamen in die Münzen von Nikaia, Nikomedeia, Tieion, Prusa, Bithynion, Apameia eingestempelt. Aber in der kaiserzeitlichen Provinz haben dieselben Städte überhaupt keine Ära mehr verwendet – ganz im Gegensatz zu den im Mithradateskrieg durchweg befreiten bzw. erst gegründeten Poleis in Paphlagonien und Pontos, die darauf eine bis in die Spätantike gültige Jahreszählung gründeten. Das bedeutet, daß die bithynischen Städte hinsichtlich ihrer Vergangenheit sich von diesen unterscheiden wollten. Denn sie beanspruchten alle, Polis-Status schon unter den bithynischen Königen oder sogar noch früher besessen zu haben. Sie sahen keinen Grund, mit der Einrichtung der römischen Provinz einen Neubeginn ihrer politischen Existenz zu verbinden – so wenig wie das Milet, Smyrna oder Ephesos in Asien taten. Herakleia und Tieion, obgleich von Pompeius der Provinz Pontus zugeschlagen, haben in dieser Hinsicht mit den bithynischen Poleis gleichgezogen: Da sie der Auffassung waren, schon lange, bevor Nikomedes IV. sein Reich an Rom vererbte, als Poleis existiert und –  von kurzfristiger Besatzung im Krieg abgesehen – nie zum Reich des Mithradates gehört zu haben, führten sie auch keine Ära ein, die mit der römischen Befreiung begann. Pompeius hat beide in Stadtterritorien unterteilte Gebiete zwischen Marmarameer und Kleinarmenien zu der Doppelprovinz Pontus et Bithynia vereint. Wahrscheinlich geht auf ihn die Erlaubnis zurück, daß die Städte ­einen Landtag bilden und einen Präsidenten wählen durften. Eine lex provinciae ­unter seinem Namen kennen wir aus wenigen Erwähnungen in der späteren Literatur, sie war noch im 3. Jh. gültig. Sie etablierte die Rolle der städtischen Räte nach westlichem Vorbild der ordines decurionum, die lebenslange Ratsmitgliedschaft der durch einen Zensus gemäß ihrem Mindestvermögen konstituierten Bürgerelite. Sie erleichterte die Einbürgerung der ländlichen Bevölkerung, verbot aber Doppelbürgerrechte.182 Über den Norden und Süden der kleinasiatischen Halbinsel war somit vor der Mitte des 1. Jh.s v. Chr. eine Revitalisierung bzw. Neugründung städtischer Zellen hellenischer Prägung ins Werk gesetzt, wie sie seit den Attaliden in Anatolien kein Herrscher in gleichem Umfang betrieben hatte. Als besonders zukunftsweisend stellt sich die Organisation auf der Grundlage von Polis­

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territorien heraus – hat das Prinzip doch später auf vielen Stufen der Erweiterung und Arrondierung der Provinzen Anatoliens Anwendung gefunden. Zweifellos brachte Pompeius aus Spanien Erfahrung und Sensibilität dafür mit, wie im Krieg eroberte Landstriche zu sichern, die Bewohner durch Milde und Wohltaten zu binden waren. In seinem Philhellenismus nach dem Vorbild der Diadochen und Epigonen dürften ihn die prominenten Griechen in seiner engsten Umgebung bestärkt haben. Ausgerechnet aus dem von Rom schwer bestraften Mytilene auf Lesbos stammt ein Mann, der – als Prytanis seiner Heimatstadt zur griechischen Bürgerelite gehörend – mit Pompeius in freundschaftliche Beziehung trat und als Historiker seine östlichen Feldzüge begleitete. Seine Stadt erhielt seinetwegen die Freiheit, er selbst das römische Bürgerrecht, und er ist uns als Gnaeus Pompeius, Sohn des Hieroitas, Theophanes auch aus mehreren Inschriften bekannt.183 Wie Theophanes von Mytilene, so gehörte der Freigelassene Demetrios aus Gadara in Syrien sicher zu den Ratgebern im engsten Kreis. Auf dem Weg Richtung Heimat durchquerte Pompeius Kleinasien wie in einem Festzug, «sehr panegyrisch», wie Plutarch schreibt (Pomp. 42, 4).184 An der Westküste schiffte er sich in Ephesos nach Griechenland ein. Am 28. September 61 v. Chr. begann die Feier seines Triumphes in Rom. Die Tafeln, auf denen die unterworfenen Nationen aufgeschrieben waren, zeigten: Pontos, Armenia, Kappadokia, Paphlagonia, Media, Kolchis, Iberer, Albaner, Syria, Kilikia, Mesopotamia, die Länder Phoinikiens und Palaistinas, Judaia, Arabia und das ganze Freibeuterwesen zu Wasser und zu Lande, von eroberten Festungen 1000, von Städten nicht weniger als 900, erbeutete Piratenschiffe 800, gegründete Städte 39. Riesige Summen wurden an die Soldaten ausgeschüttet oder landeten im Staatsschatz. Unter den Gefangenen wurden mitgeführt der junge Tigranes mit Frau und Tochter, Zosime, eine Frau des älteren Tigranes, eine Schwester und fünf Kinder des Mithradates, skythische Frauen, Geiseln der Könige von Iberien, Albanien und Kommagene. Die Stadt Rom hatte bis dahin noch nie einen derartigen Schaufensterblick auf den Orient erhalten. Pompeius, obgleich schon in den Vierzigern, ließ sich mit Alexander vergleichen (ebenda 46, 1). Aber der Senat anerkannte seine Verfügungen nicht, und so schloß Pompeius mit Caesar und Crassus, ehrgeizigen und r­ eichen Politikern, den als erstes Triumvirat bekannten Dreierbund. Erst 59 v.  Chr. wurden seine acta bestätigt.

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3.6.  Kleinasien nach Pompeius Drei große kleinasiatische Provinzen, Asia, Pontus et Bithynia, Cilicia, gingen nach dem Ende der Mithradatischen Kriege mit ihren außerordentlichen Kommanden in eine geregelte Administration über. Deren Grundlage war unter anderem die Gesetzgebung Sullas (leges Corneliae) des Jahres 81 v. Chr., derzufolge die beiden Konsuln und die (jetzt erstmals) acht Prätoren nicht während, sondern im Anschluß an ihr Amtsjahr in Rom eine Provinz regieren durften.185 Diese Bestimmung ist 52 v.  Chr. auf Initiative des Pompeius (lex Pompeia de provinciis) dahingehend geändert worden, daß die Magistrate nicht im Anschluß an ihr Amtsjahr, sondern frühestens fünf Jahre danach für eine Statthalterschaft ausgewählt werden konnten. Die Vergabe erfolgte durch Losen (sortitio) und Absprache (comparatio), die normale Amtsdauer von einem Jahr konnte verlängert (prorogiert) werden, was in der folgenden Epoche nicht selten vorkam.186 Nachdem in Asia Lucullus von Publius Dolabella abgelöst und diesem bis 63 fünf weitere Exprätoren gefolgt waren, übernahm das Jahr darauf Lucius Valerius Flaccus die Provinz. Wir kennen ihn sowohl aus der Korrespondenz als auch aus der für ihn im August/September 59 v. Chr. von Cicero gehaltenen Verteidigungsrede. Denn Flaccus wurde auf Herausgabe zu Unrecht erhobener Abgaben (de repetundis) angeklagt. Obgleich die Verteidigung erfolgreich war, lassen die Zeugnisse Ciceros durchblicken, daß sein Regiment das Elend der Provinzialen vergrößerte. Unter anderem zog der Gouverneur von den Städten außerordentliche Geldbeträge ein, um eine Flotte gegen die Piraten aufzustellen, die indessen nie zum Einsatz kam. Sein Nachfolger war Ciceros Bruder Quintus, der nach Ablauf seines ersten Amtsjahres noch zwei weitere Jahre prorogiert wurde und erst im Frühjahr 58 die Provinz wieder verließ. Cicero fürchtete, daß auch er der Anklage unterfiel. Bei der Feinchronologie der folgenden Gouverneure sind die in den Städten Asias emittierten cistophori ein wichtige Quelle. Der nächste, Titus Ampius, wechselte von Asia nach Cilicia; unter seinen Nachfolgern ist der dritte, C. Claudius (55–53) nach seiner Rückkehr 51 v. Chr. wieder einmal de repetundis angeklagt und verurteilt worden. Q. Minucius Thermus regierte Asia während Ciceros Statthalterschaft in Cilicia. Der erste bekannte Gouverneur von Cilicia nach Pompeius war Marcus Porcius Cato im Jahr 58 v. Chr. mit dem Auftrag, Zypern zu annektieren, ein Vorhaben, das ursprünglich – zusammen mit der Provinz – dem ranghöheren Proconsul Aulus Gabinius zugedacht war. Doch dieser ehemalige Legat des

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großen Pompeius ließ sich die Statthalterschaft Syrias zuschanzen, und Cato wurde von Titus Ampius ersetzt. In der vierjährigen Amtszeit seines Nachfolgers P. Cornelius Lentulus Spinther (56–53) hat man dem Gouverneur Cilicias nicht nur Zypern, sondern auch Phrygien mit den Diözesen Synnada, Apameia und Laodikeia unterstellt. Bevor wir mit Cicero auf den übernächsten nach Appius Claudius Pulcher zu sprechen kommen, ist ein Ereignis zu erwähnen, dessen Folgen aus römischer Sicht Anatolien beunruhigen sollten: Im Mai 53 v. Chr. war Licinius Crassus mit einem über 40 000 Mann starken Heer im nördlichen Mesopotamien eingefallen und bei Carrhae von den Reiterscharen der Parther völlig aufgerieben worden. Crassus selbst fiel. Artaxata, die ­armenische Residenz am Araxes, wurde Schauplatz eines grausigen Nachspiels: Der Armenierkönig Artavasdes bewirtete in seinem Palast den Partherkönig Orodes II., als ein Bote den abgeschlagenen Kopf des Crassus hereinbrachte. Zur Unterhaltung der Hofgesellschaft lief gerade das Schauspiel der Bakchen des Euripides auf der Bühne ab, und ein Schauspieler namens Iason von Tralleis schlüpfte in die Rolle der Agaue, ergriff den Kopf und sprach die Verse: «Wir tragen herab vom Berge zum Palast eine frisch geschnittene Locke als glückliche Beute.» Dies, so Plutarch, «erfreute alle» (Plutarch, Crass. 33, 3 f.). Von ihrem Sieg ermutigt, überschritten die Parther unter dem Königssohn Pakoros bald darauf den Euphrat und bedrohten Antiocheia. Zum ersten Mal stemmte sich die iranische Großmacht mit Gewalt der Orientexpansion des werdenden Weltreiches entgegen.

3.7.  Ciceros Statthalterschaft in Kilikien Marcus Tullius Cicero ist durch sein umfangreiches Schrifttum eine der bekanntesten Einzelpersönlichkeiten der Antike. Der nach seinem Exil rehabilitierte Konsul des Jahres 63 v. Chr., der vom 31. Juli 51 bis zum Spätherbst des folgenden Jahres die Provinz Cilicia regierte, hat aus dieser Zeit allein eine Korrespondenz von über 100 Briefen hinterlassen. Wir verdanken ihr, ähnlich wie dem späteren Briefwechsel Plinius’ des Jüngeren mit Traian, tiefen Einblick in die Verhältnisse Kleinasiens unter dem Regiment Roms. Cicero wünschte sich die lästige Statthalterschaft auf keinen Fall verlängert, was ihm eine beständige Sorge bereitete (fam. 2, 7, 4 u. ö.), und er sehnte sich gleich nach der Ankunft in Anatolien nach «Licht, Forum, Stadt und Haus» (lux, ­forum, urbs, domus) in Italien zurück (Att. 5, 15, 1). Das Itinerar des 55jährigen während der wenigen Monate in seinem riesige Gebiete Südkleinasiens umfassenden Amtsbereich kann sich sehen lassen. Er betrat asiatischen Boden in Ephesos, wo ihn eine große Menschenmenge

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Abb. 52:  Laodikeia am Lykos

empfing, darunter eine Abordnung der Steuerpächter; man habe ihn wie ­einen Imperiumsträger begrüßt (Att. 5, 13, 1). Sein eigentliches Hauptquartier und das erste Ziel innerhalb seiner Provinz war Laodikeia am Lykos (Abb. 52). Hier erwartete ihn sein Personal, Legaten, Tribune, Präfekten (der Quästor war abwesend) sowie zwei Legionen und hieß ihn herzlich willkommen (Att. 5, 15, 1). In Laodikeia hat er sich mehrmals längere Zeit aufgehalten und die meisten Briefe geschrieben; dort fanden auch Gladiatorenspiele statt (Att. 6, 3, 9). Für den Ädil, der in Rom Spiele veranstaltete, wollte er Panther fangen lassen, die im lykischen Tauros vorkamen. Die seltenen Tiere, schreibt er auf die Milde seines Regiments anspielend, seien die einzigen Lebewesen in seiner Provinz, die nicht unbehelligt blieben (fam. 2, 11, 2). Dem – wie er mit Selbstironie bekennt – eher unmilitärischen Gouverneur drängen sich militärische Pflichten auf: die Bekämpfung von Räubern im Tauros und die Sicherung der Provinz hinter der damals durch Syrien verlaufenden Front gegen die Parther. Cicero beabsichtigt bei seiner Ankunft, die Sommermonate dem Feldzug, die Wintermonate der Jurisdiktion zu widmen. Nach Aufenthalten in Apameia, Synnada und Philomelion geht er im Hochsommer 51 nach Ikonion (Konya). Eine Gesandtschaft des Königs von Kommagene trifft in seinem Lager ein und meldet, die Parther seien nach Syrien hinübergegangen. Während sein Quästor Appius in Tarsos Gericht hält, be-

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kämpft er selbst im lykaonischen Tauros den Räuberhauptmann Moiragenes und schlägt dann sein Lager bei Kybistra am Nordrand des Gebirges auf (westlich von Konya-Ereg˘li). Auch im Feldlager reißt die stetige Korrespondenz mit seinen Briefpartnern in Rom nicht ab; in Rekordzeit benötigte ein Schreiben aus der Hauptstadt nach Kybistra 46 Tage (Att. 5, 19, 1) – ein Brief von Deutschland in die Schweiz braucht heute gelegentlich neun Tage. Die drohende Parthergefahr bereitet ihm Sorge, denn er weiß um die Schwäche seiner Streitmacht und sehnt die Verstärkung des vom Senat inzwischen zum König erhobenen Fürsten Deiotaros herbei, derweil er selbst noch römische Bürger ausheben und Getreide an sicheren Plätzen horten läßt (Att. 5, 18). Gesandte des Deiotaros versprechen, daß der König mit seiner ganzen Streitmacht zu ihm stoßen werde. Dann wird die Ankunft des Ariobarzanes III., den der Senat als rechtmäßigen Thronfolger in Kappadokien ansah, gemeldet. Es kommt Cicero zu Ohren, daß ein Aufbegehren Unzufriedener gegen den König im Gange ist, welches der Priester des kappadokischen Komana offen unterstützt. Cicero erteilt Anweisungen, die Roms Rückendeckung des Thronfolgers unmißverständlich deutlich machen, und läßt den Priester von Komana außer Landes weisen. Dem König, so behauptet er, habe er das Leben gerettet. Weitere Meldungen veranlassen ihn, den Tauros durch die Kilikische Pforte zu überschreiten. Er besucht Tarsos, Mopsuhestia und marschiert zum Amanos, jenem Gebirgszug, der seine Provinz von Syria trennte und auf dessen östlicher Seite der Statthalter von Syria, Bibulus, die in der Kyrrhestike aufmarschierten Parther erwartete. «Ein paar Tage hatten wir genau an der Stelle unser Lager, wo Alexander bei Issos gegen Dareios gestanden hat.» (Att. 5, 20, 3).187 Cicero unternimmt Plünderungszüge in den Amanos, von denen er siegreich und – in Issos zum Imperator ausgerufen – mit Stolz erfüllt zurückkehrt: «Unser Name erfreute sich in Syrien der Wertschätzung» (erat in Syria nostrum nomen in gratia, Att. 5, 20, 3). Schadenfreude erfüllt ihn, als Bibulus es ihm nachzumachen sucht und Verluste erleidet. Das Verhältnis der beiden zueinander war wenig herzlich. Als die Parther für kurze Zeit vor den Toren der syrischen Hauptstadt Antiocheia erscheinen und man auf Ciceros Armee rechnet, soll Bibulus mehrfach erklärt haben, lieber alles über sich ergehen lassen zu wollen, als den Eindruck zu erwecken, seiner Hilfe zu bedürfen (fam. 2, 17, 6). Die nächste Station ist Pindenissos, eine Bergfeste außerhalb der Provinzgrenze in Kilikien. Ciceros Soldaten erstürmen sie nach achtwöchiger Belagerung, sie wird geplündert, die Einwohner werden in die Sklaverei verkauft. Während Bruder Quintus das Kommando in den Winterquartieren in Kilikien übernimmt, geht der Statthalter über den Tauros zurück nach Laodikeia. Nach Aufenthalten in Synnada und Pamphylien führt ihn der Weg im nächsten Frühjahr noch einmal nach Kilikien, wo er am 5. Juni Quartier in Tarsos nimmt.

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Die Zentren von Ciceros nichtmilitärischer Tätigkeit waren die Städte. Seine Hauptaufgaben galten der Kontrolle der Rechnungsführung, der Aufsicht über das Kreditwesen und die Vertragsabschlüsse der Gemeinden, der Aufsicht über die Einkünfte aus der Steuerpacht, Erbschaftsangelegenheiten, Inbesitznahme und Verkauf von Gütern. Mit den Steuerpächtern legte er sich nicht an: «Ich lobe sie, zeichne sie aus, wirke darauf hin, daß sie niemandem zur Last fallen.» (Att. 6, 1, 16). Bemüht, die kommunalen Schulden abzubauen, stieß er auf Unterschlagungen der Beamten in den Städten. Für sich selbst und sein Personal übte er Verzicht (Att. 6, 2, 4); in den sechs Monaten seiner Statthalterschaft hätten die Diözesen Asias keinen Zahlungsauftrag von ihm erhalten, niemals Einquartierung erdulden müssen – eine Last, deren Vermeidung wohlhabenderen Gemeinden große Bestechungssummen wert war. Tatsächlich beeindruckte ihn der elende Zustand der Provinz in der Epoche nach den Mithradatischen Kriegen zutiefst, und seine Haltung klingt aufrichtig. Bald nach seiner Ankunft schon schreibt er: «Drei Tage weilte ich in Laodicea, drei in Apamea und ebensolange in Synnada. Was ich hörte, war immer wieder dasselbe Lied; unmöglich, die auferlegte Kopfsteuer zu zahlen: alle hätten ihre letzte Habe verkauft; die Gemeinden jammern und stöhnen: Ungeheuerlichkeiten, wie sie kein Mensch, höchstens ein sagenhaftes Untier begehen kann. Und die Folge? Die Leute haben einfach keine Lust mehr zu leben. Indessen suche ich, den verelendeten Städten ihr Los zu erleichtern: kein Aufwand für mich, meine Legaten, den Quästor oder sonst jemanden! Selbst Heu und was mir sonst nach dem iulischen Gesetz zusteht, fordere ich nicht, ja nicht einmal Holz, überhaupt nichts außer vier Lagerstätten und ein Dach über dem Kopfe, manchmal auch das nicht, und wir schlafen meist im Zelt. Kaum zu glauben, wie sie da von den Feldern, aus den Dörfern, aus allen Städten zusammen­ strömen. Wahrhaftig, schon bei meinem Kommen atmen sie auf, da sie von der Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung und Milde Deines Cicero gehört haben, die aller Erwartungen übertrifft.» (Att. 5, 16, 2 f. Übers. Kasten). Als er die teuren Aufwendungen der Gemeinden für Gesandtschaftsreisen nach Rom unterband, zog er sich den Zorn seines Vorgängers Claudius Pulcher zu, der eben diese angeordnet hatte (fam. 3, 7, 2). Vom Ausmaß der städtischen Verschuldung auch außerhalb der Provinz gibt der Fall des Titus Pinnius eine Vorstellung, bei dem die Stadt Nikaia in Bithynien mit acht Millionen Sesterzen in der Kreide stand (fam. 13, 61). Die römischen Magistrate selber und die Mitglieder ihrer entourage waren nicht selten die Kreditgeber und Zinsnehmer, oder sie waren mit diesen freundschaftlich verbunden. So hat auch Cicero die Interessen römischer Gläubiger vertreten, etwa die seines Freundes Cluvius, eines Bankiers in Puteoli, bei dem die Bürger von Bargylia, Herakleia, Mylasa, Alabanda und Kaunos in Karien Schulden hatten (fam. 13, 56). Nachdem er – wie vor ihm in Asia schon Lucullus – ein Edikt erlassen

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hatte, das den Zinsfuß auf 12 % per annum festsetzte, setzte ihm ein römischer Geschäftsmann als Gläubiger der Gemeinde von Salamis auf Zypern hart zu: Dieser Marcus Scaptius verlangte, die Vollstreckung in die Gemeinde mit Gewalt durchzusetzen. Doch diese fand sich zur Rückzahlung der Schuld zum festgesetzten Zinssatz von 12 % bereit; man sei, dank Ciceros großzügigem Verzicht, die den Prätoren üblicherweise zustehenden Ehrengaben anzunehmen, voll zahlungsfähig! Doch Scaptius forderte unverschämterweise sage und schreibe 48 % Zinsen. Die damaligen scheinen in ihrer Gier von manchen heutigen ‹Bankern› nicht sehr verschieden gewesen zu sein. Seiner Milde und Zuvorkommenheit gegenüber den griechischen Gemeinden hielt Cicero viel zugute, bisweilen überzieht er das Eigenlob. In der Gerichtsbarkeit nahm er sich den einstigen Wohltäter Asias, Mucius Scaevola, zum Vorbild und gestattete den Griechen, nicht nur nach eigenem Recht untereinander zu prozessieren, sondern auch, wenn diese Interpretation richtig ist, fremde Richter zu berufen – «Schwätzer», wie er Atticus im Geiste entgegnen läßt (Att. 6, 1, 15).188 Die Befürchtung, prorogiert zu werden, bestätigt sich nicht. Gemäß Senatsbeschluß soll er, der schon seiner Heimreise entgegenfiebert, einen Vertreter einsetzen. Er denkt zunächst an den Bruder Quintus, doch die Wahl fällt dann auf den Quästor Coelius Calvus. Von Side aus, vielleicht bei einem sommerlichen Sonnenuntergang am Meer, schreibt er: «Die Briefe der Freunde ­rufen mich heim zum Triumph.» (Amicorum litterae me ad triumphum vocant, Att. 6, 6, 4). Im Herbst geht es über Rhodos, Ephesos und Athen heimwärts.

3.8.  Caesar in Kleinasien Über Gouverneure der neuen Provinz Pontus-Bithynia nach der Heimkehr des Pompeius ist wenig bekannt.189 Gaius Papirius Carbo, der schon unter Aurelius Cotta in Bithynien das Amt des Quästors innehatte, war unter ihnen der erste reguläre Amtsinhaber. Er blieb drei bis vier Jahre (ca. 61–58). Der Nachfolger Gaius Memmius, der Patron der berühmten Dichter Lukrez und Catull, verließ die Provinz nach Ablauf eines Jahres. Auf unbestimmte Zeit folgte ihm ein von den Münzen aus Amisos bekannter Statthalter, Gaius Caecilius Cornutus; während Ciceros Amtsperiode in Kilikien regierte die nördlichen Provinzen ein gewisser Publius Silius, gefolgt von dem Pompeianer Aulus Plautius (Cicero, fam. 13, 29, 4) und jenem Gaius Vibius Pansa (47/6 v. Chr.), der nach Caesars Ermordung zusammen mit Aulus Hirtius in Rom das Konsulat bekleiden sollte. Jeder von diesen ist nach Bekleidung einer Prätur in die Provinz geschickt worden.

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Dunkle Wolken zogen erneut am Horizont der kleinasiatischen Städte und Dynasten auf, als im Jahre 49 v. Chr. der Bürgerkrieg zwischen Pompeius, der in Asien viele Freunde und Klienten besaß, und dem Eroberer Galliens, Gaius Iulius Caesar, ausbrach. Pompeius zog die unter Cicero vom Statthalter Kilikiens verwalteten Diözesen Phrygiens und die Landschaft Pamphylien zur Provinz Asia.190 Während er selbst in Griechenland weilte, hat sein Schwiegervater Quintus Caecilius Metellus Scipio Nasica die Städte Asiens in einer Weise heimgesucht, wie vor ihm nur Sulla und nach ihm die Caesarmörder: Er verlangte Kopfsteuer für jeden Sklaven, Säulen- (columnaria) und Türsteuern (ostiaria), Getreide, Soldaten, Waffen, Ruderer, Wurfmaschinen, Spanndienste. Die römischen Offiziere und ihre Agenten erklärten den Griechen kühl, sie seien aus ihrem Vaterland vertrieben und es fehle ihnen am Nötigsten. Zwangsanleihen bei den Städten, den römischen Geschäftsleuten und den Steuerpächtern kamen hinzu. Nur die rasche Inmarschsetzung von Caesars Heer nach Griechenland verhinderte, daß Scipio das Tempeldepositum des Artemision von Ephesos plünderte (Caesar, civ. 3, 33, 1). Als ein großer Überlebenskünstler, der mehrfach zum richtigen Zeitpunkt die Seite wechselte, sollte sich der rex Deiotaros erweisen. Am 9. August des folgenden Jahres unterlag der große Pompeius, sein Gönner, in der Schlacht bei Pharsalos in Thessalien. Er floh nach Alexandreia und wurde dort ermordet. Der ihm nachsetzende Sieger, Iulius Caesar, durchquerte Thrakien, überschritt den Hellespont, wo er Ilion besuchte und der Stadt Privilegien erteilte (Strabon 13, 1, 27), und marschierte nach Pergamon (IGR IV 1677). Ein gewisser Mithradates, Sohn des Menodotos, gewann hier sein Vertrauen und erwirkte die freundliche Behandlung seiner Stadt. Auch die Gesandtschaft eines Potamon, Sohnes des Lesbonax, kam von Lesbos herüber, um Freundschaft und Allianz der Mytilener mit Rom zu erbitten.191 Ehrungen sind des weiteren von seiten der Phokaier, Chier und Samier erfolgt.192 In der Oberstadt von Pergamon hat man an verschiedenen Stellen Fragmente von Basen entdeckt, die Standbilder Caesars trugen. Schließlich machte der Pharsalossieger Station in Ephesos und Rhodos. Bei der Gelegenheit beeilte sich nicht nur der Bund der ionischen Städte, ihn als «leibhaftigen Gott, von Ares und Aphrodite abstammend» und «Retter des menschlichen Lebens» zu preisen ([109] Syll.3 760). Die Ephesier führten eine Ära ein, die Caesars Sieg bei Pharsalos zum Ausgangspunkt nahm ([195] SEG 26, 1241).193 Gesandtschaften von Stratonikeia, Aphrodisias und Milet nahmen Zusicherungen der «Unverletzlichkeit» (asylia) ihrer Städte mit nach Hause.194 Zweifellos auf dieser Reise, vermutlich in Rhodos, kam der Vertrag mit dem lykischen Bund zustande. Das kürzlich publizierte, in Bronze gegossene Exemplar ist eine der ganz seltenen Bronzeinschriften Kleinasiens. Die Tafel gelangte von Raubgrabungen in der Türkei in Privatbesitz. Es handelt sich of-

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fenbar um die in einem lykischen Heiligtum aufbewahrte Urkunde griechischer Ausfertigung nach dem lateinischen Original auf dem Kapitol in Rom. Sie enthält den längsten bekannten Text eines Vertrages zwischen Rom und einer Gemeinde des Ostens, beschworen am 24. Juli 46 v. Chr.195 Dem lykischen Bund und Rhodos kam als den Staatswesen im Süden Kleinasiens, die von römischer Verwaltung unabhängig und militärisch potent waren, für e­ inen sich möglicherweise weiter hinziehenden Bürgerkrieg im Ostmittelmeerraum große Bedeutung zu. Die Römer mußten infolge ihrer Erfahrung besonders aus dem Ersten Mithradatischen Krieg ein lykisches Engagement zu schätzen wissen. Auf der Basis des Freundschaftsversprechens für alle Zeit wird in e­ inem Beschluß bekräftigt, daß Römer wie Lykier ihren jeweiligen Feinden keine Unterstützung gewähren und sich und ihren Verbündeten im Falle eines Angriffs gegenseitig Hilfe leisten. Weitere Vereinbarungen betreffen Verbote und Verfahrensweisen bei Verfehlungen einzelner Lykier oder Römer, zu denen sich beide Parteien ausdrücklich verpflichten, sowie die Verpflichtung zur Freilassung und Übergabe von gefangenen und versklavten Lykiern oder Römern, von entführten Pferden und Schiffen an den Vertragspartner. Eine Reihe von Orten ist aufgelistet, klassifiziert nach Städten (poleis), Dörfern ­(komai), Festungen, Territorien und Häfen innerhalb der Grenzen Lykiens, die den Lykiern von Caesar zusätzlich zugesichert werden. Letzteres ist offensichtlich die Gegenleistung, mit der der Römer die Beistandsverpflichtung belohnte, die sicherlich auf den aktuellen Kriegsschauplatz im Osten gemünzt war. Immerhin fünf Schiffe der Lykier nahmen dann auch am Kampf in Alexandreia teil (Bellum Alexandrinum 13, 5). Caesar hatte seinen Legaten Gnaeus Domitius Calvinus mit drei Legionen in Asien zurückgelassen, von denen zwei zu seiner Unterstützung nach Ägypten in Marsch gesetzt wurden. Calvinus erhielt nun beunruhigende Nachricht von König Deiotaros: Pharnakes, der von Pompeius im bosporanischen Reich eingesetzte Sohn des Mithradates Eupator, bedrohe nicht nur seinen Besitz Kleinarmeniens, sondern auch das benachbarte Kappadokien, wo Ariobarzanes III. Eusebes Philorhomaios regierte. Selbst Städte im Gebiet der römischen Provinz Pontus soll er sich unterworfen haben. Das war ein klarer Affront gegen die römische Orientordnung des Pompeius, zu deren Ratifizierung Caesar selbst beigetragen hatte; aber noch störender nach Lage der Dinge mußte die Versicherung des Deiotaros wirken, er sehe sich bei Verlust seines kleinarmenischen Besitzes außerstande, Kontributionen zu Caesars Krieg zu leisten. Domitius handelte. Er verstärkte die eine ihm verbliebene Legion mit zwei Legionen, die Deiotaros nach römischer Art trainiert und formiert hatte, und zog diese Streitkräfte im pontischen Komana zusammen. Pharnakes, mit dem er Kontakt aufnahm, zeigte sich vorderhand unwillig, zumindest auf Kleinarmenien zu verzichten: Er entdeckte sich selbst jetzt als rechtmäßigen

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Erben des Königs von Pontos, seines Vaters, den er verraten und gestürzt hatte. Domitius Calvinus ließ sich auf keine Verhandlungen ein, rückte auf Nikopolis vor, jene von Pompeius gegründete Stadt am westlichen Rand Kleinarmeniens, und erzwang die Schlacht. Sie endete mit seiner Niederlage; offensichtlich spielten insbesondere die Legionen des Deiotaros keine rühmliche Rolle (Bellum Alexandrinum 40). In Zela hat man einen Altar aus Stein mit Weih­ inschrift an «Calvinus, den Gott» gefunden ([108] Studia Pontica 260); der Römer scheint der Gemeinde oder dem Land insgesamt außerordentliche Wohltaten erwiesen zu haben, die nicht näher bekannt sind. Er zog sich in die Provinz Asia zurück und nahm das darauffolgende Jahr am Afrikanischen Feldzug teil.196 Pharnakes triumphierte. In Kenntnis von Caesars höchst prekärer Lage weit außerhalb Kleinasiens wähnte er sich sicher genug, nunmehr gleich das Stammland seines Vaters, die römische Provinz Pontus zu besetzen. Das Widerstand leistende Amisos wurde geplündert, die waffenfähigen Männer ermordet. Den folgenden Angriff auf Bithynien und Asien brach er auf die Kunde von der Erhebung des Asandros am kimmerischen Bosporus ab (Dio 42, 45 f.). Im Mai/Juni 47 verließ Caesar Ägypten und gelangte über Syrien zunächst nach Tarsos in Kilikien, wo er Hof hielt und die Angelegenheiten der Städte regelte. Die Stadt Aigai läßt ihre Ära auf den Münzen im Jahr 47/6 v. Chr. beginnen, was sicherlich mit Caesars Wirken in Verbindung steht; vielleicht hat der Diktator sie der Herrschaft des Tarkondimotos entzogen. Sodann rückte er über den Tauros durch Kappadokien auf das pontische Komana vor, wo er Deiotaros persönlich begegnete, und traf hier erste Regelungen. Der Galater kam in demütiger Haltung und Kleidung und fand gewundene Erklärungen, warum er Caesar gegen Pompeius nicht habe unterstützen können (bei Pharsalos hatte er Pompeius’ Seite verstärkt). Caesar erinnerte ihn kühl an seinen Beitrag zur Bestätigung seiner Besitzungen. Deiotaros, der von den übrigen galatischen Fürsten ob seiner Vorrangstellung angefeindet wurde, mußte sich Kleinarmenien nunmehr mit Ariobarzanes teilen und verlor wenig später auch die ostgalatische Tetrarchie der Trokmer (um die heutige Stadt Yozgat), behielt aber wohl die Gadilonitis in Pontos – jene Schwemmland­ ebene am Unterlauf des Halys. Als Priester von Komana setzte Caesar den Archelaos ab und einen gewissen Lykomedes ein. Mit seiner Streitmacht zog er dann gegen Pharnakes, der ihn in den Hügeln oberhalb von Zela erwartete. Caesar hatte außer der einen deiotarianischen zwei weitere kampfunerprobte Legionen; einzig die von Alexandreia herangeführte VI. Legion war zwar durch alle erdenklichen Kriegshärten gestählt, aber durch enorme Verluste auf etwa ein Fünftel ihrer Sollstärke geschrumpft. Dennoch gelang dem Iulier bei Zela – ebenda, wo Mithradates zwei Jahrzehnte zuvor die römische Armee des Triarius aufgerieben hatte – der berühmte Sieg, den er brieflich an den Freund

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Matius in Rom mit den Worten vermeldete: veni vidi vici (Plutarch, Caes. 50, 2; Sueton, Iul. 37, 2). Das geflügelte Wort ist heute in der Kleinstadt Zile und den umliegenden Dörfern (fast) jedem Einwohner geläufig. Bevor Caesar Kleinasien verließ, traf er in Nikaia weitere Anordnungen. Der schon erwähnte Mithradates von Pergamon wurde als König über das bosporanische Reich anstelle des Pharnakes eingesetzt und erhielt in Anatolien das Gebiet der galatischen Trokmer. Wahrscheinlich in oder auf dem Weg nach Nikaia verfügte Caesar auch die Entsendung von italischen Siedlern nach Herakleia Pontike, Sinope und Apameia197 –  von den pompeianischen Ansiedelungen abgesehen die ersten römischen coloniae Asiens. In Sinope beginnt den Münzen zufolge im Jahre 46/5 v. Chr. die Ära der colonia Iulia Felix, die sich noch zu Strabons Zeit Stadt und Territorium mit der griechischen Gemeinde teilte. Auch in Herakleia und Sinope ist von dieser merkwürdigen Teilung die Rede (Strabon 12, 3, 6.11; 4, 3), wie sie später unter Augustus auch in Ikonion in Lykaonien (heute Konya) entstand. Für die Gemeinden der Provinz Asia gewährte Caesar Steuererleichterungen; vor allem aber nahm er den Steuerpachtgesellschaften den «Zehnten» (decuma) und ließ die an den Fiskus abzuführende Steuer auf Bodenerträge (tributum soli) künftighin die Provinzialen selbst erheben (Appian, BC 5, 1, 4; vgl. Plutarch, Caes. 48, 1; Dio 42, 6, 3).198 Im November 45 v.  Chr. sollten sich Deiotaros und Caesar wiedersehen – in Caesars Haus in Rom, wo der Diktator persönlich dem Prozeß hinter verschlossenen Türen präsidierte, den die Ankläger Kastor, ein Enkel des Königs, und sein Sklave und Leibarzt gegen Deiotaros angestrengt hatten: Er soll geplant haben, Caesar zu ermorden. Die Rede des Verteidigers, Marcus Tullius Cicero, ist in voller Länge erhalten. Zwar dürfte Deiotaros dem Römer gegenüber, der seine kleinasiatischen Besitzungen empfindlich beschnitten hatte, wenig Sympathien gehegt haben. Doch die Mordabsichten waren gewiß erlogen. Über eine Entscheidung Caesars ist nichts bekannt. Deiotaros besetzte wenige Monate nach der Ermordung des Diktators an den Iden des März 44 v. Chr. sofort wieder die Tetrarchie der Trokmer, die er hatte aufgeben müssen. Mithradates von Pergamon war im Kampf gefallen und konnte ihm das Land nicht streitig machen. Marcus Antonius aber beeilte sich, den betagten Dynasten Anatoliens auf seine Seite zu ziehen und anerkannte dessen Ge­biets­ ansprüche – seine Gattin Fulvia soll bestochen worden sein (Cicero, Att. 14, 12, 1). Deiotaros dankte es ihm, indem er gleich darauf auf die Seite der Caesar­ mörder wechselte, nur um nach deren Untergang bei Philippoi, 42 v. Chr., erneut zu den Siegern überzutreten. Er starb 40 v. Chr. friedlich in seinem Bett.

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3.9.  Unter den Caesarmördern und Marcus Antonius Die flüchtigen Caesarmörder Brutus und Cassius suchten sich im Osten eine Plattform zu schaffen für die Eroberung Italiens. Was schon der geschlagene Pompeius erwogen hatte, bevor er sich nach Alexandreia wandte, strebten nun diese beiden an: ein Bündnis mit den Parthern. Cassius schickte Quintus Labie­ nus, den Sohn jenes zu Pompeius übergelaufenen Legaten Caesars, der zuletzt bei Munda gegen den Diktator kämpfend gefallen war, an den Arsakidenhof. In Kleinasien ging es drunter und drüber. Parteigänger der Verschwörer regierten die nordkleinasiatischen Provinzen Pontus et Bithynia, zuerst der Proconsul Marcius Crispus, gefolgt von Lucius Tillius Cimber. Brutus rüstete in Nikomedeia und Kyzikos eine Flotte aus und marschierte in Ionien ein. Asia erhielt zum Statthalter einen schon von Caesar ernannten Proconsul, der zum Kreis der Verschwörer gehörte und sogleich nach seiner Ankunft für die Caesarmörder Ressourcen erschloß: Gaius Trebonius. Doch der wurde im selben Jahr von Publius Cornelius Dolabella, der sich auf dem Weg in seine Provinz Syria befand, in Smyrna hingerichtet. Trebonius’ Quästor Publius Cornelius Lentulus Spinther übernahm die Statthalterschaft, nachdem Dolabella nach Syrien weitergezogen war, wo ihn Cassius bekämpfte. Die Provinz Asia erlitt, was ihr schon einmal unter Sulla widerfahren war – sie mußte Tribut für zehn Jahre im voraus entrichten. Brutus und Cassius, die bei ihren Treffen in Smyrna und Sardeis alles andere als ein Herz und eine Seele waren, teilten sich die Aufgabe einer militärischen Unterwerfung der Südwestküste Kleinasiens, eben jener für die Kontrolle der Seewege so wichtigen Freistaaten Rhodos und lykischer Bund, um deren Unterstützung sich auch Caesar im Bürgerkrieg nach Pharsalos und im bellum Alexandrinum gesorgt hatte. Es verwundert nicht, daß sie hier nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden. Cassius nahm Rhodos nach kurzer Belagerung ein. Als ihn einige Leute in der Stadt als «König» und «Herr» begrüßten, erwiderte er sarkastisch: «Weder König noch Herr, sondern dessen Züchtiger und Henker!» (Plutarch, Brut. 30, 3). Von den Rhodiern ließ er eine Summe von 8000 Talenten plus 500 Talenten Strafzahlung aus dem Gemeindeschatz eintreiben. Brutus unternahm es derweil, den Widerstand der Lykier zu brechen. Die überlieferte Korrespondenz zwischen ihm und den Kauniern und Lykiern wird, zumindest teilweise, für ­unecht erklärt – nicht unbedingt zwingend.199 Die Lykier sollten in Kaunos ­altes Belagerungsgerät aufbewahrt haben, das Brutus für den Kampf gegen Rhodos forderte. Kaunos bekundete Loyalität, bedauerte jedoch, keine Hilfsmittel zur Verfügung stellen zu können, und handelte sich damit Drohungen

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ein. In kräftigen Farben malt Plutarch das Schicksal von Xanthos (Brut. 31, 7), zweifellos von Herodots Bericht über den kollektiven Selbstmord der Xanthier beim Angriff des Harpagos inspiriert (1, 176). Gegen den Willen des Be­ lage­rers zündeten auch deren Nachkommen damals ihre Stadt an, gaben Frau­ ­en, Kindern und sich selbst den Tod. Patara dagegen öffnete Brutus die Tore. Auch auf die Provinzen im Südosten erlangten sogleich die Caesarmörder, namentlich Cassius, den Zugriff. Anscheinend hatte zunächst Lucius Statius Murcus, nachdem er sich noch in Rom für die Verschwörer erklärt hatte (Appian, BC 2, 17, 119), die Provinz Syria übernommen. Sein Nachfolger Dolabella wurde von Cassius in Laodikeia (Lattakia) belagert und beging Selbstmord. Cassius übernahm ein imperium maius, in das sehr wahrscheinlich auch Cilicia einbezogen war. Der letzte bekannte Statthalter der von Pompeius geschaffenen Provinz Cilicia ist noch unter Caesar 45 v.  Chr. Lucius Volcatius Tullus; nach des Historikers Ronald Symes Ansicht hörte die Provinz auf zu existieren, und wurde erst unter Vespasian wieder hergestellt.200 Immerhin sprechen die Ären der Städte (S. 368 f.) dafür, daß diese zumindest keiner erneuten Dynastenherrschaft unterworfen wurden. Die Entscheidung, die den Untergang der beiden Caesarmörder in der Schlacht bei Philippoi in Thrakien 42 v. Chr. brachte, markiert auch für Klein­ asien einen erneuten Wendepunkt. Beinahe für ein Jahrzehnt sollte den Orient der ehemalige Reiteroffizier Caesars, Sieger von Philippoi und Triumvir Marcus Antonius regieren. Dabei rückte er von den von Pompeius begründeten Provinzordnungen und Klientelen weitgehend ab und knüpfte sich ein ganz um seine Person gesponnenes Netz von Beziehungen mit zahlreichen ihm verpflichteten Regional- und Lokaldynasten. Sie leisteten Heeresfolge unter seinem persönlichen Kommando oder unter dem seiner zahlreichen Legaten und Präfekten, die auf verschiedenen Schauplätzen des Orients zu Wasser und zu Lande agierten und auch in diplomatischen Missionen unterwegs waren. Dazu gehörten etwa Decidius Saxa, den die Parther in Kilikien töteten, der Sieger über die Parther Ventidius Bassus, der Historiker Quintus Dellius oder Marcus Titius, der den bei Naulochos geschlagenen und nach Kleinasien geflohenen Sextus Pompeius besiegte, gefangennahm, in Milet hinrichten ließ und dessen Armee in den Dienst des Antonius stellte. Zahlreiche weitere sind auch von den Münzen und von Inschriften Kleinasiens bekannt, so der Quaestor pro praetore Marcus Barbatius Pollio, der Legatus pro praetore Fonteius Capito, die Flottenpräfekten Lucius Caninius Gallus, Lucius Sempronius Atratinus, Marcus Oppius Capito, Lucius Bibulus und Marcus Aeficius Calvinus.201 Bevor wir dieses Beziehungsnetz näher beschreiben, müssen wir den ereignisgeschichtlichen Rahmen von Antonius’ Wirken im Osten, mit besonderer Berücksichtigung Kleinasiens, kurz nachzeichnen. Sein Handeln bestimmten zwei wesentliche Ziele: Das eine war der Erfolg eines geplanten Feldzugs ge-

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gen die Parther, das andere der Ausbau und die Behauptung seiner orientalischen arche in dem sich anbahnenden Konflikt mit dem jungen Caesar, dem Großneffen und Erben des ermordeten Iuliers. Asiatischen Boden betrat Antonius schon nach der Schlacht bei Philippoi zuerst in Bithynien im Frühjahr 41 v. Chr., wo ihm Herodes, der spätere König der Juden, entgegeneilte, um sich zu rechtfertigen. In Ephesos hielt er jene Rede an die Delegationen der asiatischen Poleis, in der er von ihnen – wie sollte es anders sein – einen Zehnjahrestribut forderte. Davon rückte er auch nach fußfällig vorgetragenem Jammern und Klagen der Griechen nur um weniges ab, und das obgleich, wie er an Hyrkanos schrieb (Josephos, AJ 14, 312), ihm daran lag, den kranken Körper Asiens endlich wiederaufzurichten. Es half auch nichts, ihn als ‹Gott› Dionysos zu feiern. Selbst Könige, Dynasten und freie Städte wurden zur Kasse gebeten. In Anerkennung ihrer Haltung gegenüber Brutus nahm er jedoch die Lykier von den Kontributionen ganz aus und kümmerte sich um den Wiederaufbau von Xanthos. Nach einer Rundreise durch Phrygien, Mysien, Galatien und Kappadokien stieg er in das Ebene Kilikien hinab, wo er die Königin von Ägypten erwartete. Seinen Legaten Quintus Dellius hatte er beauftragt, sie zu diesem Treffen herbeizuzitieren. Vermutlich hat die bescheidene Stadt Tarsos –  mit Ausnahme vielleicht eines feuchtfröhlichen Archäologenkongresses 1998 – nie wieder ein Fest gesehen wie die Ankunft der Königin Kleopatra VII. im Jahr 41 v. Chr. Antonius hielt im Stadtzentrum Gericht, als plötzlich alles davonlief und ihn allein sitzenließ; den Fluß Kydnos aufwärts näherte sich eine Barke mit vergoldetem Heck, purpurrot gefärbten Segeln, die versilberten Ruder schlugen das Wasser im Takt der Musik von Flöten, Schlag- und Zupfinstrumenten. Die Königin, als Aphrodite ausstaffiert, lagerte lasziv unter einem schattenspendenden Baldachin, umgeben von Knaben, die ihr Kühlung zu­ fächelten; die Szene umhüllte eine Wolke exotischer Wohlgerüche. An beiden Ufern lief die Bevölkerung entlang, die einen flußaufwärts, die anderen aus der Stadt entgegenströmend. Die ach so oft erzählte (und verfilmte) Liebesgeschichte Antonius’ und Kleopatras begann hier und endete erst mit dem Tod beider in Alexandreia nach der Schlacht bei Aktium 31 v. Chr. Antonius bestieg mit ihr in Tarsos ihr Schiff und verbrachte Herbst und Winter 41/0 in ihrer Residenzstadt am Nil, während die Parther unter Labienus und dem Königssohn Pakoros einen Großangriff auf Syrien ins Werk setzten. Als die Kunde kam, daß Labienus nach Kleinasien eingefallen und bis Karien, Lydien und Ionien vorgedrungen war, schiffte sich Antonius nach Tyros ein. Doch brach er seine Kriegsvorbereitungen auf die Nachricht hin von der Belagerung seines Bruders und seiner Gattin durch Octavian in Perusia wieder ab und eilte über Athen nach Italien. Mit Octavian versöhnt, erhielt er durch den Vertrag von Brundisium die öst-

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386 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

Abb. 53:  Antiochos I. von Kommagene

im Handschlag mit Herakles-Artagnes. Relief in Arsameia am Nymphaios

lichen Provinzen zugeteilt mit der Vorgabe, den Krieg gegen die Parther zu führen. Dieser Plan geht auf Caesar zurück, der sogar schon seinen Aufbruch in den Orient für den 18. März 44 v. Chr. vorgesehen hatte. Antonius schickte jetzt den Legaten Ventidius Bassus nach Asien voraus. Dieser fähige Offizier schlug die Parther, die später nie wieder so weit in das römische Reich eindringen sollten, aus Anatolien zurück, siegte an der kilikischen Pforte, am Amanos und bei Gindaros in Syrien (38 v. Chr.). Labienus und Pakoros fielen. Antonius hielt sich im Winter 39/8 in Athen auf und setzte von da aus erneut nach Asien über. Er traf seinen Legaten vor Samosata am Euphrat mit der Belage­rung des Königs Antiochos von Kommagene beschäftigt, der mit den Parthern gemeinsame Sache gemacht hatte und deren Flüchtige beherbergte (Dio 49, 20 ff.). Die Lage des Königreiches am Euphrat, wie die zahlreicher Kleinfürsten­ tümer im nordsyrisch-mesopotamischen Raum, war dem parthischen Druck unmittelbar ausgesetzt; auch war Antiochos mit dem Arsakidenhaus verwandtschaftlich verbunden, seine Tochter war mit dem damals noch regierenden Orodes verheiratet. So hat seine dem Pompeius und auch noch dem Cicero versprochene Romtreue nicht lange standgehalten. Jetzt befand er sich in ­einer äußerst gefährlichen Lage, aus der er sich durch das Angebot von Geldzahlun-

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gen herauszuwinden versuchte. Auf römischer Seite stand schon ein Thronprätendent bereit. Wohl auch, weil Antonius für eine lange Belagerung keine Zeit hatte, kam doch eine Vereinbarung zustande: Gegen Zahlung von 300 Talenten wurde dem Dynasten Frieden gewährt. Ventidius durfte heimkehren und einen Triumph über die Parther feiern. Antiochos selbst verweist in seinen kommagenischen Inschriften auf «Kämpfe» und «große Gefahren» und läßt sich auf verschiedenen Reliefplatten in der Handschlagszene ­(dexiosis) mit jeweils einem Gott darstellen, um zu zeigen, daß die hilfreiche Hand der Götter ihn alle Gefahren und Kämpfe (agones) hat bestehen lassen (Abb. 53).202 Sehr wahrscheinlich ist mit diesen in erster Linie die überstandene Belagerung durch Ventidius und Antonius gemeint. Der eigentliche Partherfeldzug, den Antonius selbst führte, fand dann erst 36 v. Chr., nach einem erneuten Italienaufenthalt, statt. Über die strategischen Ziele des Unternehmens, das wir aus einem bei Plutarch verwerteten Bericht des Augenzeugen Quintus Dellius in Einzelheiten kennen, herrscht in der modernen Forschung Unsicherheit. Auch in der späteren Geschichte Roms findet sich kaum ein anderer Feldzug von solchen Dimensionen: Offen­ bar den Plan Caesars wiederaufnehmend, die Parther, statt wie Crassus durch das flache Mesopotamien, im Norden aus Armenien heraus anzugreifen, delegierte er schon 37 v. Chr. Publius Canidius Crassus an den Kaukasus, um sich die Könige der Iberer und Albaner zu verpflichten. Zwar marschierte er, durch den Überläufer Monaises bestärkt, zunächst doch am mittleren ­Euphrat auf, folgte dann aber spontan der Einladung des Königs Artavasdes von Armenien, gemeinsam mit ihm in das Nachbarreich des Königs von Medien einzufallen. In Gewaltmärschen den Euphrat aufwärts führte Antonius nicht weniger als 16 Legionen und zusätzliche Hilfstruppen durch das ostanatolische Hochland. Einem Teil seines Heeres, das sich mit dem Belagerungsgerät nur schwerfällig bewegte, vorauseilend, griff er die medische Festung Phraata östlich des Urmiasees an. Was war sein Ziel? Sollte der Vormarsch über Media Atropatene hinaus von Norden her in das Kerngebiet der Parther führen?203 Die Römer erlebten ein Fiasko, das nahezu demjenigen des Crassus im Jahre 53 v.  Chr. gleichkam. Die Festung Phraata hielt stand, während die Legionen im Rücken des Antonius aufgerieben wurden; Artavasdes der Armenier hatte Verrat begangen. Auf dem Rückzug ging mehr als ein Drittel der Gesamtstreitmacht zugrunde, über 1000 Legionäre durch Hunger, Erschöpfung und Erfrierung, 20 000 in zermürbenden Rückzugsgefechten auf einem Teil des insgesamt ca. 3000 km sich hinziehenden Weges; das waren die höchsten Verlustzahlen, die – von Cannae abgesehen – einem römischen Heer in der antiken Literatur zugeschrieben wurden. Ein zweiter Feldzug nach Ostanatolien im Jahr 34 v. Chr. galt der Rache an Artavasdes, den Antonius schließlich in Ketten nach Alexandreia brachte

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und dort im Triumphzug mitführte. Das Jahr darauf ging er mit Kleopatra nach Ephesos, wo die Streitkräfte zum Krieg mit dem Westreich gesammelt, Hilfstruppen, -lieferungen und Geschenke der Vasallen des ganzen Orients in Empfang genommen wurden. Endlich feierte er mit der Königin Ägyptens, von der er bereits zwei Kinder hatte, Hochzeit auf Samos. In Ephesos empfing er zwei Funktionäre des Weltvereins der Sieger bei den Kranzagonen, die ihn baten, die Vereinsmitglieder vom Heeresdienst, weiteren Dienstverpflichtungen und Truppenstationierung zu befreien, ihnen Schutz und weitere Privilegien zu gewähren, dem er auch nachkam. Dem Verein der Dionysostechnitai sicherte er Priene als Hauptwohnsitz zu, bevor er Kleinasien verließ. Von den Veränderungen der Gebietsherrschaften in Anatolien, die auf sein Regiment zurückgehen, war die pompeianische Ordnung Nordklein­ asiens besonders betroffen.204 Nicht einmal Bithynien blieb verschont. Die Stadt Prusias am Meer schenkte Antonius einer Enkelin des Mithradates Eupa­ tor, die als «Königin Muse» dort Münzen prägte. Den von Griechen besiedelten Teil der Stadt Herakleia Pontike gab er dem Galater Adiatorix und ließ es angeblich sogar geschehen, daß dieser kurz darauf die römische Kolonie überfiel und die Italiker ermordete. Das von Pompeius in die Provinz Pontus einbezogene Amniastal und die im Osten benachbarte Phazemonitis des binnenländischen Paphlagonien, wo sich die Polisgründungen Pompeiopolis und Neapolis befanden, gab er dem Dynasten Kastor II., der es noch in den drei­ ßiger Jahren an Deiotaros Philadelphos verlor. Auch auf eine römische Ad­ ministration des gesamten pontischen Kernlandes mit den neuen Poleis des ­Pompeius verzichtete der Triumvir. Zela gab er den Status eines Tempelstaates zurück. Einen Teil des Territoriums der ehemaligen Stadt Megalopolis am Oberlauf des Halys erhielt ein gewisser Ateporix. Den Rest des binnenländischen Pontos, möglicherweise auch Amisos an der Küste, übereignete er dem Enkel des Mithradates, Dareios. Die römische Provinz Pontus war damit faktisch ausradiert. Nur ein schmaler Küstenstreifen nach Osten bis zum Halys ergänzte das noch übrige Provinzgebiet Bithyniens, in dem Antonius Gnaeus Domitius Ahenobarbus zum Statthalter einsetzte. Dessen Regiment währte mehrere Jahre, und der römische Gentilname einer Reihe von Domitii unter den späteren Provinzialen scheint auf ihn zurückzugehen. Als Dareios bei dem Triumvirn im Jahre 37/6 v. Chr. in Ungnade fiel, gab dieser dessen pontische Besitzungen und zusätzlich Kleinarmenien einem Griechen namens Polemon, Sohn des Rhetors Zenon, aus Laodikeia am ­Lykos. Der familiäre Hintergrund dieses Mannes ist interessant: Er war mit Pythodoris verheiratet, der Tochter aus der Ehe eines gewissen Pythodoros von Tralleis mit einer Antonia, die Theodor Mommsen wohl zu Unrecht als Marc Antons Tochter ansah.205 Und dieser Pythodoros, sein Schwiegervater, ist allem Anschein nach kein anderer als der Sohn oder Enkel jenes Chairemon, Sohn des Pytho-

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Von römischer Hegemonie zum römischen Reich 389

doros, von Nysa, den wir oben, bei der Darstellung des Überfalls von Mithrada­ tes auf die römische Provinz Asia im Jahre 89 v. Chr., als Freund der bedrängten Römer kennengelernt haben (S. 349). Polemon hatte sich für Antonius bereits im Partherkrieg des Ventidius Bassus ausgezeichnet, und ihm waren zur Belohnung Ikonion und ein Teil Kilikiens geschenkt worden, bevor er zum Herrscher von Pontos avancierte. Dieser Grieche aus einer romfreundlichen städtischen Bürgerelite der Provinz Asia besaß nicht die geringste Verbindung zum pontischen Königshaus der Mithradatiden oder irgendeiner anderen Königsoder Adelsfamilie der anatolischen Klientelreiche. Vielleicht gerade deswegen sollte sich sein Regiment bewähren. Mit seiner Frau Pythodoris, die ihm als Regentin folgte, begründete er eine zuverlässige Dynastie im Vorfeld der anatolischen Provinzen Roms, die ziemlich genau ein Jahrhundert bestand. Man fragt sich, ob nicht hinter der Auswahl landfremder Gebietsherrscher durch Antonius Methode zu erkennen ist, statt daß bloß zufällige persönliche Freundschaften und Sympathien zum Zuge kamen, denn der Fall ­Polemons steht nicht allein. In Kappadokien hatte der Caesarmörder Cassius, als es im Zuge der Kriegsvorbereitungen gegen die Caesarianer darauf ankam, die Klientelfürsten zu mobilisieren, den Ariobarzanes III. Philorhomaios ermorden lassen. Daraufhin besetzte zunächst der jüngere Ariarathes den Thron in Mazaka. Antonius aber favorisierte gegen diesen wiederum einen Mann, der außerhalb der Königsfamilie und des Landes stand, Archelaos Sisinnes; dieser war der Sohn des von Caesar abgesetzten Priesters von Komana im Pontos und erhielt im Jahre 37/6 die Königswürde. In Galatien regierte nach Deiotaros’ Tod (40 v. Chr.) noch eine Zeitlang sein Enkel Kastor. Wahrscheinlich zum selben Zeitpunkt wie Archelaos in Kappadokien und Deiotaros Philadelphos in Paphlagonien empfing auch hier ein Landfremder die Herrschaft über das ganze Reich: Amyntas. Dieser ehemalige Sekretär des Deiotaros – kurz vor Philippoi zu den Caesarianern übergelaufen – stammte aus dem phrygo-pisidischen Grenzgebiet der Provinz Asia und war von Antonius 39 v. Chr. zunächst als König von Pisidien eingesetzt worden (Strabon 12, 6, 3; Appian, BC 5, 8, 75). Seine Anerkennung in dem rebellischen Bergland mußte er sich erkämpfen, wobei ihn die Termessier unterstützten.206 Zusätzlich zum galatischen Stammesgebiet, in dem er sich offiziell nicht König, sondern «Tetrarch» nannte, sollte er jetzt Teile Lykaoniens und, mit dem östlichen Teil der Schwemmlandebene Pamphyliens einschließlich der Städte Aspendos und Side, ein Territorium besitzen, das vormals unter ­römischer Verwaltung stand (Dio 49, 32, 3). Dieser sich quer durch Mittel­ anatolien erstreckende Gebietsstreifen nimmt eine mit ihm weitgehend deckungs­gleiche, kaiserzeitliche Provinzformation vorweg. Aus Cilicia schnitt Antonius noch weitere Stücke für seine Vasallen heraus, zuvorderst an den waldreichen Taurosabhängen des Rauhen Kilikien, die

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390 VI.  Monarchien,Vasallen und Städte (333 bis 31 v. Chr.)

er als Reservoir für Schiffsbauholz der Königin von Ägypten übereignete. Kleopatra nahm spätestens jetzt von ihm, wenn nicht schon früher von Caesar, das unter ihren Vorfahren traditionell ptolemaiische Zypern in Empfang.207 Den schon erwähnten, ostkilikischen Dynasten Tarkondimotos von Hierapolis Kastabala machte er zum König über ein daselbst nicht präzise zu definierendes Herrschaftsgebiet. Außer Anazarbos im Hinterland mag dieser im Westen auch noch die Städte Elaiussa und Korykos besessen haben, die sein Sohn unter Augustus verlor.208 Die Münzprägungen weisen ihn mit dem Titel aus: ­basileus Tarkondimotos philantonios. Was von der dreißig Jahre zuvor unter Pompeius geordneten Provinz jetzt noch übrig war, unterstand dem Statthalter ­Syriens – zwischen 38 und 36 v. Chr. war das Gaius Sosius (Dio 49, 22, 3).209 Nach dem zweiten Partherfeldzug 34 v. Chr. soll Antonius seinen Söhnen von Kleopatra Alexandros Armenien, Medien und Parthien, dem Ptolemaios aber Phoinikien, Syrien und Kilikien zugeeignet haben (Plutarch, Ant. 54, 4). Vasallentümer des Antonius im Überblick: Prusias

Herak­leia Inneres Paphlagonien

Pontos

Muse

Adiatorix Kastor Dareios Deiotaros Polemon Philadelphos

Galatien KappaPamphy- dokien lien Kastor Amyntas

KleinKilikien armenien

AriaraPolemon thes Archelaos Sisinnes

Zypern

Kleopatra Kleo­patra Tarkondimotos

Dieser filigranen Organisation des Antonius hat die Kriegs- und Nachkriegspropaganda des Siegers bei Aktium das Stigma einer unrömischen arche aufgeprägt; ihr zufolge hatte der willenlose Weichling diese Herrschaft völlig einer Frau überlassen. Bei näherem Hinsehen ist darin aber vielleicht der nach Pompeius einzige Versuch eines Römers zu erkennen, in das Ganze eine wohldurchdachte Ordnung zu bringen, deren Prinzipien sich zum einen gewiß an den Notwendigkeiten aktueller Aufgaben, zum anderen an den längerfristigen Strukturen hellenistischer Herrschaft orientierten. Der britische Geschichtsschreiber der Römischen Revolution, Ronald Syme, hat dem Antonius denn auch ein positives Zeugnis ausgestellt: «Antonius, weise und mutig in seiner Großzügigkeit, überließ den Vasallen Roms Gebiete, die schwer zu kontrollieren und wenig ergiebig für eine Ausbeutung waren.»210 Das Modell der Zukunft war es freilich nicht. Pompeius’ Urbanisierung, die der Historiker Buchheim in seiner Studie über Antonius’ Orientpolitik zu Unrecht als gescheitert ansieht, hat überlebt. Im Jahre 31 nahte der Entscheidungskampf mit dem jungen Caesar. Wie einst bei Magnesia am Sipylos, so marschierte jetzt noch einmal – und für

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Von römischer Hegemonie zum römischen Reich 391

lange Zeit zum letzten Mal – in Griechenland der Orient gegen den Westen auf. Von Kleinasien waren im Heer des Antonius die Könige Tarkondimotos von Kilikien, Archelaos von Kappadokien, Deiotaros Philadelphos von Pa­­ phla­­gonien sowie Mithradates (der Sohn des Antiochos) von Kommagene zugegen; Truppenkontingente hatten geschickt Polemon von Pontos und Kleinarmenien, Amyntas von Galatien. Amyntas und Deiotaros gingen vor der Entscheidung zu Octavian über. Der Westen siegte, und der Osten vermochte dem Sieger kein starkes Königreich mehr entgegenzustellen, das ihm Klein­ asien hätte streitig machen können. Die neuzeitliche Geschichtsschreibung läßt mit dem Ausgang der Schlacht bei Aktium das Zeitalter des Hellenismus enden. Zwar zeichnet sich auch für die große kleinasiatische Halbinsel insofern eine Zäsur ab, als die über Jahrhunderte sich wiederholenden Angriffe fremder Heere und Flotten der Perser, der Griechen, Makedonen und Römer zu einem Ende gelangten und die fortwährenden Verteilungskämpfe auf dem Kontinent zur Ruhe kamen. In den bestehenden und neuen Provinzen breitete sich die Verrechtlichung der römischen Macht aus und setzte den dortigen Völkern und Gemeinwesen Rahmen und Grenzen, die auch auf ihre innere Struktur Einfluß hatten. Doch im wesentlichen entwickelte sich weiter, was im Hellenismus begonnen hatte: die Hellenisierung Anatoliens. «Es gibt sehr viele Städte, aber Hellas ist eins», sagt der Komödiendichter Poseidippos von Kassandreia (Fr. 30 PCG). Die Homogenität des universalgriechischen Modells der autonomen Polis steht der fortschreitenden Parzellierung in Polisterritorien scheinbar paradox gegenüber. Bei allen Unterschieden war man in Toriaion darauf fixiert wie in Ephesos, im lykischen Tyberissos ebenso wie im paphlagonischen Pompeiopolis.211 Vom Sieg des Westens bei Aktium profitierte das Modell in noch weiterem Umfang als bisher. Die längst erfolgreiche Konvergenz zu einer politischen Einheitskultur hat die Inkorporation Anatoliens und weiter Teile des Vorderen Orients in das römische Imperium erleichtert.

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VII. IMPERIUM ROMANUM: DIE PROVINZEN VON AUGUSTUS BIS AURELIAN

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Einleitung Bevor wir uns mit der Kaiserzeit befassen, sollen auch an dieser Stelle ein paar Bemerkungen zur Quellenlage vorangestellt werden, die das oben, eingangs von Kapitel VI, Gesagte ergänzen. Auf das Land, seine Bewohner, die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse unter den Kaisern wird in einer Fülle von Äußerungen in Dichtung und Prosa kaiserzeitlicher, spät­ antiker, byzantinischer, in geringerem Umfang auch syrischer und arabischer Schriftsteller Bezug genommen. Obgleich ganz am Anfang unserer Epoche stehend, liefern die Bücher 11 bis 14 von Strabons Geographika mit der einzigen zusammenhängenden Länderkunde auch die Grundlage für die kaiserzeitlichen Verhältnisse in den kleinasiatischen Regionen.1 Ergänzendes findet sich bei den Fachschriftstellern und Gelehrten wie Plinius dem Älteren, Galen und Athenaios, auch bei Plutarch und Pausanias. Räumliche und politische Geographie und Topographie legen die Städtelisten in der Naturalis Historia des älteren Plinius vor, die «Küstenbeschrei­bungen» (Peripli Ponti Euxini), darunter das Werk Arrians, die Geographie des Claudius Ptolemaios, das in den Ethnika des Byzantiners Stephanos gesammel­te Material zu Orten und Völkern, Ortsangaben bei weiteren früh- und mittelbyzantinischen sowie arabischen Schriftstellern und schließlich die Itinerare (spät­antike Wegebeschreibungen): das Itinerarium provinciarum Antonini Augusti (ursprünglich aus der Zeit Caracallas), das Itinerarium Burdigalense (die Beschreibung einer Pilgerreise von Bordeaux nach Jerusalem und zurück, 333 n. Chr.) sowie die in ihrer Art einmalige, nach dem Augsburger Stadtschreiber (1465–1547) «Peutingertafel» benannte Straßenkarte des römischen Weltreiches (Karte 12). Als ein besonderes, ja einzigartiges Dokument der Provinzgeschichte hervorzuheben ist das 10. Buch der Briefsammlung des jüngeren Plinius.2 Dieser Senator aus Comum war unter Traian (98–117) Statthalter der Provinz PontusBithynia. In knapp zwei Jahren hat er 61 Briefe an den Kaiser geschrieben und 48 Antworten erhalten. Sie handeln von der Problematik einzelner, vom Statthalter zu treffender Entscheidungen, zu deren Fundierung jedoch die Meinung des Kaisers eingeholt wird. Anders als bei den Briefen Ciceros aus der asiatischen Provinz besitzen wir mit ihnen Urkunden offiziellen Charakters. Städtische Angelegenheiten thematisiert auch der Sophist und Rhetor Dion von Prusa (ca. 40–120 n. Chr.), dem später der Beiname Chrysostomos («Goldmund») gegeben wurde. Außer kleineren Stücken und Fragmenten sind 80 Reden unter seinem Namen erhalten, darunter 14 (38–51) über Affären in Städten Bithyniens: Prusa, Nikomedeia, Nikaia und Apameia, in die er zum Teil selbst

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Karte 12:  Ausschnitt aus der Peutingertafel mit Galatien und Phrygien

396 VII.  Imperium Romanum: Die Provinzen von Augustus bis Aurelian

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VII.  Imperium Romanum: Die Provinzen von Augustus bis Aurelian 397

verwickelt war, so in Kelainai und in Tarsos.2a Die 55 Reden seines späteren Kollegen, des Sophisten und Konzertredners Aelius Aristeides aus dem mysischen Hadrianoi (ca. 117–187 n. Chr.), enthalten einen reichen Schatz an zeitgenössischen Impressionen aus dem hochkaiserzeitlichen Westkleinasien. Der Syrer Lukian aus Samosata lebte in der Epoche der Antonine (138–192); sein umfangreiches Œuvre eröffnet kritische, bisweilen spöttische Seitenblicke auf Religion, Philosophie, Sophistik, Rhetorik und Agonistik. Wie Dion, Aristeides und Lukian, so hat auch Philostratos im 3. Jh. n. Chr. mit seinen Lebensbeschreibungen der Sophisten nicht nur ein Kapitel der Geistesgeschichte aufgezeichnet, sondern darin auch zahlreiche Realia des täglichen Provinzlebens berührt. Demgegenüber steht die epochenübergreifende Geschichtsschreibung eher am Rande, zumal es für weite Teile des Landes in Friedenszeiten wenig zu erzählen gibt. Die Werke enthalten mehr oder weniger ausführliche Berichte zum Ereignisschauplatz Kleinasien im römisch-persischen Konflikt und im Krieg der Prätendenten um den Kaiserthron, weniges zu den Invasionen der Nordvölker und der Palmyrener im 3. Jh. An erster Stelle kommt die Römische Geschichte eines Kleinasiaten in Betracht: Cassius Dio, Senator aus Nikaia in Bithynien. Von seinen 80 Büchern, die Ereignisse bis ins Jahr 229 n. Chr. überliefern (dem Jahr seines zweiten und ordentlichen Konsulats), beginnt das 52. mit der Prinzipatszeit, setzt also mit der Herrschaft des Augustus ein (27 v. Chr. – 14 n. Chr.). Sein Werk führt als einziges den Historiker einigermaßen kontinuierlich durch die Geschichte der Provinzialisierung Anato­liens. Freilich sind diese Bücher zum größeren Teil gekürzt und lückenhaft auf uns gekommen, einige der Lücken werden durch die epitomai des Johannes Xiphilinos (11. Jh. n. Chr.) ausgefüllt. Die überlieferten Hauptwerke des Tacitus nehmen wiederholt Anatolien in den Blick und lenken den Fokus auf r­ ömische Magistraten, Klientelkönige, Provinzen und die Kriegsgeschichte; bis auf Nero (37– 68) führen die Bücher der Annalen hinab (1–4, Anfang von 5, 6, 11–16); der erhaltene Teil der Historien reicht vom Vierkaiserjahr (69 n. Chr.) bis zum Jahr 70. Bloß verstreute Einzelheiten bieten die Römischen Geschichten des Velleius Paterculus (1. Jh.), bis 30 n. Chr., und des Eutropius (4. Jh.), bis zum Tod Jovians 364 n. Chr., die Kaisergeschichte Herodians (3. Jh.) in acht Büchern, vom Tod des Marcus bis Gordian III. (180–238 n. Chr.) sowie die Lebensbeschreibungen der Caesaren, angefangen mit den vitae Suetons, die Iulius Caesar und alle Kaiser bis Domitian behandeln, gefolgt von den Biographien der sogenannten Historia Augusta, die freilich Lücken aufweist, von Hadrian bis Numerianus (117–285 n. Chr.) und schließlich den kurzen Kaiserbiographien des Sextus Aurelius Victor (4. Jh.), von Augustus bis Theodosius. Der «Jüdische Krieg» und die «Jüdischen Altertümer» des Flavius Josephos (37/38 bis nach 100 n. Chr.) sind für anatolische Verhältnisse und Vorgänge der iulisch-claudischen und flavischen Epoche streckenweise ergiebig. Die spätantike Krisenzeit

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398 VII.  Imperium Romanum: Die Provinzen von Augustus bis Aurelian

Abb. 54:  Elfenbeinrelief aus den Hanghäusern von Ephesos, Museum Selçuk

hat schließlich in Geschichtswerken byzantinischer Autoren, der Historia Nova des Hofbeamten und überzeugten Heiden Zosimos (um 500 entstanden, behandelt sie die Zeit von Augustus bis kurz vor der Einnahme Roms durch Alarich, 410), der Weltgeschichte des Mönchs Georgios Synkellos (9. Jh.; seine Darstellung reicht bis Diokletian) und der Weltchronik des Offiziers und Mönchs Zonaras (12. Jh.; die Chronik führt bis in seine Zeit) Niederschlag gefunden. Zum aufkommenden Christentum und den Verfolgun­gen in Klein­ asien enthält die Kirchengeschichte des Eusebius von Caesarea (in Palästina, Zeit Konstantins des Großen) umfangreiches Material, ergänzt durch die erhaltenen Schriften anderer christlicher Autoren wie besonders Tertullian (ca. 160 – nach 220), Lactantius’ «Über die Todesarten der Verfolger» (De mortibus persecutorum, entstanden ca. 313–316), das Martyrium Pionii (S. 667), den Briefwechsel des Karthagers Cyprian und einen Brief Gregors des «Wundertäters» (S. 445 f.). Seit dem 4. Jh. legt das christliche Schrifttum gewaltig zu und bietet zahlreiche Lebensbeschreibungen lokaler Märtyrer und Heiliger (mit wertvollem Material zu Realia, besonders Geographie und Topo­graphie), Traktate, Hymnen etc.; Kleinasien hat sich mit den als «die drei großen Kappadokier» bekannten Kirchenvätern, Basileios von Kaisareia, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa, Denkmäler in der christlichen Literaturgeschichte gesetzt.

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VII.  Imperium Romanum: Die Provinzen von Augustus bis Aurelian 399

Auf die archäologische Quellenlage zur Kaiserzeit im besonderen ist hier nicht einzugehen, wir werden weiter unten noch auf den Bauboom dieser Epoche zu sprechen kommen (S. 546 f.). Die moderne Grabungs- und Survey­ tätigkeit vorzüglich im Westen und Süden Kleinasiens hat eine materielle Hinterlassenschaft der Antike aufgedeckt, an der von allen Zeitaltern die ­römische Kaiserzeit den größten Anteil besitzt. Das gilt besonders für monumentale Architektur in Stein. Stadtanlagen wie jenen von Ephesos, Aphrodisias, Sagalassos, Hierapolis oder Perge kann man in den anderen Provinzen höchstens ­einige nordafrikanische oder syrische an die Seite stellen. Insbesondere gibt es in der Türkei eine große Zahl mittlerer und kleinerer Ruinenkomplexe aus der Römerzeit, die von der aufwendigen Ausstattung zweitrangiger, ja bescheidener Orte Zeugnis ablegen. Auch von der Bildkunst der Steinskulpturen, Rundplastik und Reliefs, hat Kleinasien unübertroffen reiche Zeugnisse bewahrt; diese Kunst belegt gleichermaßen den in der Prinzipatszeit bis in die ländlichen Regionen vordringenden Wohlstand der Bevölkerung und ist eine Quelle für das Studium der provinzialen Gesellschaft, ihrer Lebensformen, ­ihrer Anschauungen und Denkweisen. Vom Reichtum der Steininschriften haben wir oben (Einleitung Teil VI) bereits gesprochen. Die Kaiserzeit tritt in dieser Hinsicht hinter das hellenistische Zeitalter zunächst nicht zurück, und mit der hadrianischen Epoche steigt die Zahl auf das anhaltend höchste Niveau. Etwa ab dem zweiten Drittel des 3. Jh.s werden die Inschriften weniger zahlreich und ärmlicher, sowohl was die Qualität ihrer Ausfertigung als auch was ihren inhaltlichen Gehalt betrifft. Nach einem nochmaligen Aufschwung in der ersten Hälfte des 4. Jh.s gehen sie fortan in jeglicher Hinsicht stetig zurück. Ganz verschwinden sie auch im byzantinischen Zeitalter nicht, aber von einer «Inschriftenkultur» kann keine Rede mehr sein. Der Prinzipat ist die Blütezeit städtischen Münzgeldes in Kleinasien.3 Wir werden auf ökonomische Aspekte der Geldwirtschaft in Kapitel IX 2.5 eingehen. Typen und Legenden der Münzen bieten einen in vielerlei Hinsicht noch unausgeschöpften Quellenbestand für ein weites Spektrum historischer Themen: Götter und Heroen, Gründer der Städte, Anspielungen auf lokale Mythen und Feste, Darstellungen von Bauwerken, Gemeindenamen, Personennamen und Ärendaten, Geographie und Topographie, politische Titel und Ideale. Die Bildprogramme sind repräsentativ für den «Bürgerstolz»,4 die Religiosität, die Öffentlichkeitspropaganda einer Polis, Gelehrsamkeit und Geschichtsverständnis der Eliten. Sie kommunizieren mit denen der Nachbarn, verraten etwas über freundschaftliche Beziehungen oder Rivalitäten, ja Feindschaften zwischen den Städten, geben indes zugleich ein beeindruckendes Bild von der Identifikation der Provinzbewohner mit dem Kaiser und dem römischen Reich.5 Gerade in der Menge relativ gleichmäßig gestreuter ‹Miniatu-

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ren›, die von Punkt zu Punkt, von Stadt zu Stadt oft durch große Zeiträume hindurch Aspekte des antiken Lebens der Provinzen illustrieren, liegt ein Aussagepotential, das uns die Schriftsteller und die Inschriften in so hoher Dichte nicht bieten können.6 Hinzuweisen ist auf eine These des Historikers und Numismatikers Konrad Kraft,7 die, wenn sie zutrifft, die Eigenständigkeit der Städte in dieser Hinsicht stark eingeschränkt erscheinen läßt. Denn ihr zufolge gingen die Münztypen der kaiserzeitlichen Städte weniger auf den individuellen Gestaltungswillen der Einzelgemeinde (bzw. der in ihr dafür Verantwort­ lichen) zurück, sondern auf spezialisierte Werkstätten, die mit ihren Typenvorräten gleich mehrere Städte bedient haben sollen.8 [ [ [

Kleinasien durchlebte in den ersten drei Jahrhunderten nach der Schlacht bei Aktium (31 v. Chr.) eine nur mancherorts und für kurze Zeit gestörte Periode des Friedens. Wir werden von Phänomenen zu berichten haben, die einen in der vormodernen Geschichte des Landes nicht wiederholten Wohlstand vorauszusetzen scheinen. Dieses Urteil ist, wie die meisten Pauschalurteile, nicht unumstritten; es gibt Forscher, die demgegenüber Hunger, Armut und Elend, Ausbeutung und Zwangsarbeit vor allem in den ländlichen Gebieten Anato­ liens hervorheben. Derartiges ist in der Tat nicht zu übersehen, wir glauben aber, daß es für das Gesamtbild nicht charakteristisch ist. Die Ereignisgeschichte wird vor allem vom Antagonismus der beiden einzigen Großreiche des Okzidents und des Orients bestimmt, des Imperium Romanum und des Arsakiden- bzw. Sasanidenreiches, deren jeweilige Peripherien in Ostanatolien und Syrien zusammenstießen. Im Zuge dieses Antagonismus ist die Grenzregion zwischen Trapezus und dem Oberlauf des ­Tigris nach und nach zu einer stark besetzten und befestigten Militärgrenze, dem «anatolischen Limes», ausgebaut worden. Die schwersten Kämpfe auf klein­ asiatischem Gebiet fanden in neronischer Zeit unter den Kommanden des Caesennius Paetus und Domitius Corbulo statt. Auch in den Partherkriegen der Kaiser Traian (113–117 n. Chr.) und Lucius Verus (161–166 n. Chr.) sind ostanatolische Landschaften von den Kampfhandlungen der Legionen unter den Kommandos des M. Sedatius Severianus und M. Statius Priscus in Mitleidenschaft gezogen worden; zu berücksichtigen ist, daß die ganze Halbinsel in diesen Kriegen Durchgangsland im Rahmen großer Truppenbewegungen in West-Ost- und Ost-West-Richtung war. Der Bürgerkrieg um den Kaiserthron zwischen Pescennius Niger und Septimius Severus (196–211) wurde am Bosporus, in Bithynien und in Kilikien ausgetragen, bevor er in Nordsyrien endete. Weitere schwere Schläge trafen Kleinasien dann im 3. Jh. n. Chr. mit Invasionen der Goten und Sasaniden.

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1.  DER NEUBEGINN UNTER AUGUSTUS

Im Jahre 9 v. Chr. wird in der Provinz Asia auf Grund eines Statthalteredikts der offizielle asianische Kalender eingeführt, demgemäß der Jahresbeginn mit dem Geburtstag des Augustus, dem 23. September, zusammenfiel ([106] OGIS 458).9 Der erste Monat sollte den Namen Caesar tragen, und alle Monate sollten mit der Zählung ihrer Tage dem römischen Kalender angepaßt und synchron sein. Auch die bithynischen Städte nahmen den römischen Kalender an. Freilich setzte er sich nicht überall durch; große Städte wie Milet, das mit der Geste voranging, Augustus in die Stephanephorenliste einzutragen ([167] Milet I 3, 127 Z. 2; 17/6 v. Chr., vgl. Z. 13, 7/6 v. Chr.), Ephesos und Smyrna in Asia verwendeten auch weiterhin ihren jeweiligen alten Kalender.9a Amaseia in Pontos änderte seinen Kalender durch die Einführung der neuen Monats­ namen Agrippeios und Sebastos. Um ihrer Ergebenheit Ausdruck zu verleihen, hatten sich die Gemeinden von Anfang an traditioneller Mittel bedient; diese Gesten erfolgten nicht überall zugleich, wenn auch Augustus’ Aufenthalt in Asien im Sommer 20 v. Chr. zusätzlich Gelegenheit dafür bot. Münzprägungen, Dekrete und Standbilder, Stadtnamen, Phylennamen, Monatsnamen, Feste und Zeremonien, Kulte und Ären quer durch Kleinasien reflektieren den Beginn einer neuen Zeit. Im frühen Prinzipat entsteht in Asien der Herrscherkult. Kultische Verehrung der Machthaber und Wohltäter war jedoch nichts Neues in Anatolien. Nicht nur, daß Heiligtümer der Göttin Roma schon lange an mehreren Orten existierten. Auch Kulte für lebende Römer sind aus früherer Zeit bekannt: So hat man in Pergamon ein Priestertum für Manius Aquillius eingerichtet (IGR IV 292.293) und in Ephesos den Romakult mit der Verehrung des Publius Servilius Isauricus verbunden. Dieser Personenkult setzte sich sogar neben der neu hinzukommenden Kaiserverehrung noch in die Epoche des ersten Princeps hinein fort, in der Kulte für Statthalter wie M. Vinicius, Fabius ­Maximus und Marcius Censorinus belegt sind.10 Octavian ließ es 29 v. Chr. geschehen, daß in Nikaia und in Ephesos je ein heiliger Bezirk (temenos) für die Göttin Roma und den heroisierten Iulius

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Caesar eingerichtet wurden, und er trug den dort ansässigen Italikern auf, sich an deren Verehrung zu beteiligen. Der Bitte der in den Landtagen beider Provinzen organisierten «Griechen» entsprechend, erlaubte er den Provinzialen, Kultstätten für ihn selbst in Nikomedeia und Pergamon zu gründen (Dio 51, 20, 7). Die bemerkenswerte Trennung zwischen den Heiligtümern der in Kleinasien ansässigen Rhomaioi und der Asiaten kommt 14 Jahre später an anderer Stelle nicht mehr vor: In Gangra versammelten sich am 6. März des Jahres 3 v. Chr. Bewohner Paphlagoniens und im Lande einheimische Römer, um gemeinsam Augustus in einem Eid ihre Loyalität feierlich zu bekunden ([106] OGIS 532): «Ich schwöre bei Zeus, der Erdgöttin, dem Sonnengott, allen Göttern und Göttinnen und bei dem Augustus selbst, seinen Kindern und Nachkommen gegenüber mein ganzes Leben lang loyal bin in Wort,Tat und Gesinnung, daß ich dieselben als Freunde ansehe, die sie als Freunde, dieselben als Feinde, die sie als Feinde betrachten, und daß ich für die Wahrnehmung ihrer Interessen weder Leib, Seele, Leben noch Kinder schone, sondern in jeder erdenklichen Weise für das jenen Gebührende jede Gefahr auf mich nehme. Und was immer ich als gegen sie gerichtet wahrnehme – in Worten, Plänen oder Taten –, daß ich dies anzeige und dem, der so redet, plant oder handelt, Feind werde. Und wen sie selbst als Feinde betrachten, daß ich die zu Wasser und zu Lande mit Waffengewalt und Härte verfolge und abwehre. Wenn ich aber etwas diesem Eid zuwider tue oder ihn nicht, wie ich ihn geschworen habe, genau befolge, werde ich selbst gegen mich, meinen Leib, meine Seele, mein Leben, meine Kinder, meine ganze Sippe und meinen Nutzen Vernichtung und Verderbnis bis zur völligen Ablösung meiner selbst und dessen, was von mir stammt, herabbeschwören, und weder die Körper meiner Freunde noch die meiner Nachkommen mögen weder Erde noch Wasser aufnehmen, noch ihnen Früchte tragen.» Dieser Kaisereid wurde nicht nur hier, sondern im ganzen Lande an den Altären der Sebasteia – Heiligtümer des Kultes des Augustus – geleistet.11 Feierliche Gelübde (vota sollemnia) blieben eine regelmäßig zu Jahresbeginn unter Leitung des Statthalters durchgeführte Zeremonie, an der Soldaten und Zivilisten, commilitones cum provincialibus, teilnahmen (Plinius d. J., ep. 10, 100). Der Kaiserkult gab den Provinzialen Anlaß, Tempel zu errichten. Gemäß der auf den Anten eingravierten Liste von Spenden und Leistungen der Kaiserpriester der Provinz Galatia unter Tiberius (14–37 n. Chr.) hieß der dem «göttlichen» (divus) Augustus und der Göttin Roma geweihte, noch heute aufrecht stehende Tempel in Ankyra Sebasteion. Das Bauwerk scheint aus der auguste­ischen Epoche zu stammen (Abb. 55).12 Nach Augustus’ Tod wurde in seine Wände wohl auf Veranlassung eines Statthalters die Kopie der res gestae, des Tatenberichts des ersten Princeps, eingraviert, deren Original auf bronzene Pfeiler am Mausoleum des Augustus in Rom geschrieben war.13 In Pisidien,

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Abb. 55:  Monumentum Ancyranum: Tempel der Roma und des Augustus im Stadt­

zentrum von Ankara (rechts neben dem Minarett)

wo derselbe Statthalter zuständig war, fanden sich im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jh.s weitere Fragmente dieses Textes: zum einen in Apollonia – eine zerbrochene Basis mit Standbildern des Augustus und seiner Familie –, zum anderen in Antiocheia – Trümmer eines Torbaus, durch den man in den Tempelbezirk gelangte. Das Sebasteion in Aphrodisias in Karien entstand zwar erst in der Epoche von Tiberius bis Nero. Doch die imposanten, dreistöckigen Hallen mit Götter- und Kaiserstandbildern zwischen den Säulen ihrer Fronten, mythischen Szenen und Völkerdarstellungen besonders der Barbaren, die an den Rändern des Reiches wohnten, versinnbildlichen die neue Weltherrschaft des ersten Princeps an der Stätte seiner Verehrung im Verbund mit der Stadtgöttin und Ahnfrau der Iulier, Aphrodite. Auf Lesbos hat man der Augu­ stustochter Iulia Standbilder als Venus Genetrix errichtet (IGR IV 9); zu vergleichen sind die Standbilder der Eltern der als «Göttin» verehrten Augustusgattin Livia, M. Livius Drusus und Alfidia, auf Samos.14 Neben städtischen Freiheitsären in Kilikien (Anazarbos), Paphlagonien und Pontus verbreitete sich die Jahreszählung, die vom Sieg bei Aktium, am 2. September 31 v. Chr., an gerechnet und meist erst einige Jahre nach diesem Ereignis rückwirkend eingeführt wurde, in Städten der Provinz Asia.15 Nach Caesar Augustus wurde eine ganze Reihe von Städten benannt, und zwar nicht nur solche, die unter seinem Regiment als Polis entstanden waren, wie

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etwa alle drei Hauptorte der galatischen Stammesgebiete: Sebastenoi Tolistobogioi Pessinuntioi, Sebastenoi Tektosagoi Ankyranoi und Sebastenoi Trokmoi Tavianoi. Tralleis in der Provinz Asia und Anazarbos in Kilikien durften den Namen Kaisareia annehmen. In Phrygien etablierte sich ein Sebaste, im äußersten Südwesten Bithyniens Kaisareia (später Germanike), nicht weit davon in den Bergen, die Ostbithynien vom Tembristal trennen, Iuliopolis, das der Räuberhauptmann Kleon an der Stelle seines Heimatdorfes gründete; eine Gemeinde im Westen Paphlagoniens legte sich den Namen Kaisareis Proseilemmenitai (die «Hinzugenommenen») zu; die Bewohner der Region Karanitis in Pontos feierten den Polisstatus unter dem Namen Sebastopolis, und auch die Residenz der benachbarten Dynastie, von Pompeius einst zu «Diospolis» erhoben, wurde jetzt in Sebaste umbenannt, noch weiter östlich das pompeianische «Megalopolis» in Sebasteia (noch heute: Sivas). Ein ähnlicher Vorgang ist die Benennung der Königsresidenz des Archelaos I. Philopatris Ktistes bei Elaiussa, Kilikien (Strabon 12, 2, 7; 14, 5, 6), mit Sebaste. Eine Rarität ist Liviopolis, ein Städtchen an der pontischen Schwarzmeerküste zwischen Kerasus/Pharnakeia und Trapezus, das seinen Namen möglicherweise nach der Ehefrau des Augu­ stus, Livia, annahm (Plinius d.Ä, nat. 6, 4, 11).16 Die neuen kaiserlichen Städtenamen sind nicht allein für Kleinasien typisch, sondern fanden, besonders im Osten, weite Verbreitung. Auch Phylennamen Sebaste bzw. Sebastene, Sebasteïs und andere treten in Erscheinung – so in Ephesos, in Nysa, Laodikeia Katakekaumene, Kyzikos und Dorylaion, in Prusias, Nikaia, Bithynion, Amisos, ­Ankyra, Pessinus und Vasada.17 Derartiges geschah nicht auf Befehl von oben: Die Wende zu Frieden und Ordnung evozierte landauf, landab Dankbarkeit und Devotion. Der Beschluß der «Hellenen in Asien»18 zur Einführung des Kalenders faßte in Worte, was ihnen der Rückblick auf zwei Jahrzehnte des Prinzipats eingab ([106] OGIS 458 II): «Die in unserem Leben alles einrichtende Vorsehung hat mit Eifer und Freigebigkeit dem Dasein seine vollendetste Form gegeben, indem sie den Augustus brachte und ihn zum Segen der Menschen mit Tugend erfüllte, so daß sie uns und unseren Nachkommen den Retter schickte, der den Krieg beenden und alles ordnen wird; und als der Caesar erschien (…), übertraf er nicht nur die vor ihm geschehenen Wohltaten, sondern ließ nicht nach, auch die Hoffnung auf künftige noch zu übertreffen.» In der Gebietsordnung Asiens haben die 44 Jahre der Alleinherrschaft des Octavian/Augustus erhebliche Veränderungen mit sich gebracht. Es begann in den Bahnen, die Antonius vorgezeichnet hatte: Denn Octavian stand nach Aktium einem Teil des römischen Reiches gegenüber, den er aus eigener Anschauung nicht kannte, und in dem – auch unterhalb der hohen Machtund Spitzenpositionen, auf die wir gleich zu sprechen kommen – ein dichtes Netz von Klientelen der beiden Orientgeneräle Pompeius und Antonius noch

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intakt war. Ranghohe Römer mit Orienterfahrung – patroni kleinasiatischer Gemeinden von ihren Vorfahren her (dia progonon) standen zur Verfügung. Statthalterposten hatte das System des Antonius in Kleinasien nur zwei übriggelassen, den Asias und den Bithynias. Beide Provinzen gehörten nicht zu denen, deren Leitung auf Grund des 27 v. Chr. eingeführten Prinzips dem Princeps übertragen wurde und die er durch seine Delegatare (legati Augusti) führen ließ; sie wurden weiterhin – normalerweise auf ein Jahr – unter den Senatoren verlost, die nördliche, rangniedrigere, unter den Prätoren, die älteste und größte der asiatischen Provinzen dagegen unter den Konsuln. Zwischen 27 v. Chr. und 14 n. Chr. kennen wir die Namen von 19 Proconsuln Asias, und zu den frühesten gehört Marcus Tullius Cicero, der Sohn des großen, in den Proskriptionen ermordeten Redners, Philosophen und Staatsmanns. Als ­Augustus sich 21/20 v. Chr. in Asia und Bithynia aufhielt, griff er selbst mit ordnender Hand ein, machte Geldgeschenke an notleidende Gemeinden und verfügte einen allgemeinen Schuldenerlaß (Dion Chrys., or. 31, 66), erlegte aber einzelnen auch zusätzlich zu ihren Tributen Strafzahlungen auf (Dio 54, 7, 6). Ein Vorfall in Kyzikos, wo bei einem Volksaufstand dort ansässige Italiker gelyncht worden waren, veranlaßte ihn, der Stadt die Freiheitsrechte zu entziehen; doch wurden diese nur fünf Jahre später von Agrippa wiederhergestellt. Bithynien hatte von 27 v.  Chr. an wieder regelmäßig Proconsuln als Gouverneure. Unter Augustus und Tiberius sind fünf, möglicherweise sechs solcher Amtsträger bezeugt (siehe Farbkarte 2 im Tafelteil ). Jenseits dieser Provinzen warteten die Könige, die Aktium überlebt hatten, oder ihre Söhne darauf, was der neue Weltherrscher verfügte. Octavians Verhalten den Dynasten gegenüber – Absetzung oder Bestätigung, Bestrafung oder Belohnung – richtete sich keineswegs bloß nach der Frage ihrer Parteinahme für oder gegen ihn vor der Entscheidungsschlacht.19 Ägypten gegenüber, in Kilikien, lag ein Flickwerk von Kleopatras Besitzungen, kleineren ­Dynastien und autonomen Städten. Vom Ende ptolemaiischer Außenposten in Kilikien profitierte zunächst der Galaterkönig Amyntas; nach dessen Tod im Jahre 25 v. Chr. ist das Schicksal dieser Territorien unklar; vielleicht sind sie kurzfristig von Ankyra aus mitverwaltet worden, bis Augustus sie 20 v. Chr. an Archelaos von Kappadokien gab. Tarkondimotos philantonios war bei Aktium auf Antonius’ Seite gefallen. Sein dynastischer Besitz wurde seinem Sohn von Octavian zunächst verweigert,20 ihm jedoch zehn Jahre später (20 v.  Chr.), wenn auch mit Abzug der dem Archelaos von Kappadokien zugeschlagenen Küstenplätze, in vollem Umfang übereignet (Dio 54, 9, 2; vgl. Strabon 14, 5, 6). Es entbehrt nicht der Ironie, wenn der Sohn des «Antoniusfreundes», der selbst den Beinamen «vaterliebend» (philopator) trug, jetzt als römischer Bürger Gaius Iulius hieß – also die typische Namensfügung des neuen Herrschergeschlechts annahm.21 Auch das Priestertum der Teukriden in Olba bestand fort, wenn

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auch die ‹eingeheiratete› und nach ihrem coup d’état von Antonius und Kleopatra geduldete Tyrannin Aba abtreten und ihren Nachkommen Platz machen mußte (Strabon 14, 5, 10). Von einem Statthalter verlautet nichts, doch die autonomen Poleis, die ihre Jahreszählung teils von der pompeianischen, teils von der iulischen Ordnung an gerechnet in die Kaiserzeit fortsetzten, betrachteten sich jedenfalls nicht als dynastische Besitztümer und wurden vielleicht vom Gouverneur Syrias mit beaufsichtigt. Einen interessanten Einblick in die Verhältnisse der ehemaligen Konventsstadt Tarsos gewährt uns Strabon. Dort hatte sich ein Poet und Rhetor namens Boethos durch Gefälligkeiten beim Volk und durch Schmeicheleien bei Antonius beliebt gemacht, dann aber sich und die Seinen so unverschämt bereichert, daß er den Zorn des Römers erregte. Es gelang, diesen zu besänftigen, doch als nach Antonius’ Untergang aus Rom Octavians Rhetoriklehrer, der betagte Stoiker Athenodoros, in die Heimatstadt zurückkehrte und dort nach dem Rechten sah, war es mit seinen Machenschaften vorbei. Mit seiner Verbannung indessen wollte sich der Filz seiner Anhängerschaft nicht abfinden und schmierte folgende Parole gegen den Greis auf die Wände: «Tatkraft ist eine Sache der Jugend, Beratung eine Sache von Männern mittleren Alters, den Alten bleibt übrig, zu furzen.» Athenodoros ließ das letzte ‹korrigieren› durch: «Den Alten bleibt es, zu donnern!» Aus Tarsos vertrieben, könnte es den Bösewicht Boethos nach Telmessos in Lykien verschlagen haben, wo die Inschrift auf einem Sarkophag einen Mann dieses Namens, der einbalsamiert liege in süßem Honig, als «Ausfluß der Dichtkunst» bezeichnet ([146] MS IV 12). In Rom lebten damals nach Strabons Auskunft (14, 5, 15) viele gebildete Tarsier, und einer von ihnen, der Akademiker Nestor, Lehrer des Marcellus, folgte als Regent der Stadt dem Athenodoros nach. Solche Mitglieder der griechischen Geistesaristokratie haben auch anderswo im Auftrag des neuen Princeps gewirkt; den Sohn des Pompeiusfreundes Theophanes von Mytilene, Pompeius Macer, soll laut Strabon Augustus irgendwann einmal als Procurator in Asia eingesetzt haben (13, 2, 3). Am Schwarzen Meer galt es, einiges in Ordnung zu bringen. Der Galater Adiatorix, der in Herakleia am Pontos die italischen Siedler hatte ermorden lassen, entging seiner Bestrafung nicht. Der Sohn Dyteutos vermochte den Princeps so zu beeindrucken, daß er anstelle des verstorbenen Kleon – jenes von Augustus protegierten Brigandiers aus Bithynien – die Priesterschaft in Komana Pontike erhielt. An der Küste des ehemaligen mithradatischen Königreiches entledigte sich kurz nach Aktium die Stadt Amisos eines Tyrannen namens Straton und erhielt die Freiheit. Einer der mächtigsten Antonianer in Kleinasien, Polemon von Pontos, trat auf des Siegers Seite und wurde akzeptiert. Kleinarmenien wurde ihm zwar entzogen und an Artavasdes übergeben, aber der «König von Pontos» erhielt vermutlich dafür einen

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Ausgleich, nämlich das Gebiet von Zela, das aufhörte, als Tempelstaat zu exi­ stieren. Polemon errichtete seinem neuen Patron in dieser Stadt ein Standbild, auf dessen beschrifteter Basis er bemerkenswerterweise keinen Königstitel führt.22 Sich selbst wollte er noch einmal nach dem Vorbild der Diadochen und Epigonen ein Denkmal setzen, indem er eine Stadt Polemonion an der Küste östlich von Amisos gründete. Als Unruhen im bosporanischen Königreich ausbrachen, wo der mit einer Pharnakestochter verheiratete Klientel­ könig Asandros getötet worden war und Agrippa die römische Autorität wiederherzustellen trachtete, genoß Polemon hinreichend Vertrauen, um auch in die Herrschaft auf der Krim eingesetzt zu werden (14 v. Chr.). Seit Mithradates VI. entstand erstmals wieder eine arche an beiden gegenüberliegenden Ufern des Schwarzen Meeres. Sie hielt indes nur kurz. Polemon wurde des Widerstandes in diesem Lande nicht Herr und fand im Stammesgebiet der Aspurgianoi 8/7 v. Chr. den Tod. Was dann auf der Krim geschah, ist unklar. Ein Dynast namens Aspurgos regierte am kimmerischen Bosporus später mit Duldung Roms. In Pontos folgte auf Polemon sogleich seine Frau Pythodoris nach, die sich mit A ­ rchelaos vermählte. Strabon attestiert ihr das Format einer weisen Staatsfrau (12, 3, 29). Dem Archelaos von Kappadokien, Mitkämpfer auf Antonius’ Seite bei Aktium, blieb sein Reich, das 20 v. Chr. noch um Kleinarmenien und Plätze an der Küste des Rauhen Kilikien erweitert wurde; seine Regentschaft verlief jedoch nicht ohne Schwierigkeiten: Das eigene Volk begehrte gegen ihn auf und wäre ihn wohl losgeworden, wenn Tiberius ihn nicht verteidigt hätte; außerdem gab es mit dem Gouverneur von Syria, Titius, Streit, den Herodes von Judäa beizulegen half. An Stelle des Antonianers Mithradates von Kommagene wurde in dem Gebirgsland am Mittleren Euphrat zwar dessen Bruder Antiochos II. mit der Herrschaft betraut, wegen eines Mordanschlags auf den Emissär seines Bruders auf dem Weg nach Rom bald darauf jedoch von Octavian vor dem Senat angeklagt, verurteilt und hingerichtet (Dio 52, 43, 1). Der namentlich nicht bekannte Nachfolger beseitigte den Mithradates, nur um seinerseits von dem noch jugendlichen Sohn des Ermordeten ersetzt zu werden (Dio 54, 9, 3). Die wichtigste Entscheidung fiel bereits im Jahre 25 v. Chr. in Mittelanatolien: Zunächst war auch hier Amyntas bestätigt worden. Seine Vorstöße von Lykaonien und Isaurien aus – wo er an Stelle des von ihm zerstörten, alten Isaura eine Residenz errichtete – in den hohen Tauros kosteten ihn bei Kämpfen mit den Homonadeis das Leben (Strabon 12, 6, 3). Augustus schickte einen legatus pro praetore, Marcus Lollius, der die römische Annexion ins Werk setzte: Die Einrichtung der Provinz Galatia mit dem Zentrum Ankyra bildete das Scharnier für ein neues, augusteisches Provinzsystem Kleinasiens, das weit über den republikanischen Bestand hinausging. Die riesigen, von der pamphyli-

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schen Ebene bis ins zentralanatolische, tetrarchische Galatien, im Südosten bis an den Rand des kilikischen Tauros sich erstreckenden Besitztümer des Amyntas wurden größtenteils, aber nicht alle von Anfang an, vollständig der neuen Großprovinz einverleibt. Was die Randzonen betrifft, so ist noch manches unklar – etwa die Zuteilung Pamphyliens und der Plätze im Rauhen Kilikien. Amyntas’ Anteil an Pamphylien hatte auf jeden Fall Side eingeschlossen; er wurde jetzt Provinzgebiet.23 Zur Vereinigung ganz Pamphyliens mit Galatia kam es sicher schon bevor dieser Vorgang erstmals für uns im Jahr 69 unter Galba bezeugt wurde (Tacitus, hist. 2, 9, 1). Außerhalb der Provinz Galatia blieb anscheinend für kurze Zeit das östliche Gebiet des Tetrarchenlandes um den Ort Tavium mit ­einer Polis-Gemeinde der Sebastenoi Trokmoi, wo sich, im Gegensatz zu Pessinus und Ankyra, der lokale Ärenbeginn nicht auf 25, sondern erst auf 20 v. Chr. berechnen läßt.24 Ein Teil Lykaoniens, der wohl ebenfalls erst später eingegliedert wurde (Dio 49, 32, 3), hieß «das hinzugenommene [Land]». Und mit dem Landbesitz des Amyntas im Rauhen Kilikien schließlich hat Augustus erst 20 v. Chr. König Archelaos bedacht. Hier, im Tauros, gab es Rückzugsgebiete und Widerstandsnester einer rebellischen Bergbevölkerung. Gegen die Homonadeis ging der Konsular Sulpicius Quirinius ca. 9 bis 8 v. Chr. so erfolgreich vor, daß er sich die Triumphinsignien verdiente (Tacitus, ann. 3, 48, 2; vgl. Strabon 12, 6, 3).25 (Siehe Farbkarte 3 im Tafelteil ) Eine dauerhafte Besatzung mit römischen Legionen hat Galatia nicht erhalten; die noch von Deiotaros rekrutierte, später Deiotariana benannte Legion ging schon früh nach Ägypten; eine andere Legion mag noch eine Zeitlang im Lande gestanden haben, erhielt aber keine Nachfolge.26 Die Verbindungsstraßen zwischen dem Maiandrostal, Pamphylien und Lykaonien im Süden der Großprovinz sollte ein ganzes Nest von neu angelegten, römischen coloniae in Pisidien sichern – Olbasa, Komama, Kremna, Parlais und, die bedeutendste, Antiocheia.27 Es ist die massivste römische Kolonisierung in Kleinasien,28 ergänzt um vereinzelte augusteische Kolonien in anderen Gebieten: Germa im Gebiet der Tolistoagier, Lystra und Ikonion in Lykaonien sowie Alexandreia Troas an der Ägäisküste.29 Das Land des großen Heiligtums des Men Askaenos bei Antiocheia30 ging in den Besitz der angesiedelten Veteranen über. Vielleicht nach dem Vorbild des siebenhügeligen Rom richteten sich die Römer vici (Dörfer) mit stadtrömischen Namen ein;31 sie nannten die breite Haupt­ straße Augustea platea. Die Struktur des Gemeinwesens mit einem ZweiMann-Ausschuß (Duovirat) an der Spitze hatte sich, wie auch anderswo, nach dem Gesetz einer römischen Kolonie (lex coloniae) zu richten. Auf einen gewissen griechischen Lebensstil wie ihn das Gymnasium repräsentiert, verzichtete man hier nicht; desgleichen sind als Bürgerabteilungen tribus nach dem Vorbild der griechischen Phylen eingerichtet worden. Die Kolonien dienten

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vorwiegend der Sicherung wichtiger Verbindungswege und Küsten; eine von ihnen in das übrige Land ausstrahlende «Romanisierung» kann nach Lage und Anzahl weder beabsichtigt gewesen sein, noch ist etwas Derartiges auch nur ansatzweise erfolgt – im Gegenteil: Hellenische Sprache und Lebensweise ergriffen zum Teil nach relativ kurzer Zeit von ihnen Besitz; eine Ausnahme blieb für lange Zeit Antiocheia. Die galatische Provinz stieß im Norden und Nordosten an Gebiete, die einst Pompeius urbanisiert und der römischen Herrschaft unterstellt hatte. In diesen ehemaligen eparchiai des mithradatischen Reiches, Domanitis, Phazemonitis usw., hatten sich städtische Zentren etabliert. Gleichsam als potentielle Polisterritorien waren diese geradezu darauf vorprogrammiert, bei Gelegenheit mit der galatischen Großprovinz vereinigt zu werden, wenn es auch noch zwanzig Jahre dauerte, bis der nächste Schritt erfolgte: Als letzten Herrscher des binnenländischen Paphlagonien, das einst zur pompeianischen Provinz Pontus et Bithynia gehört hatte, bezeichnet Strabon (12, 3, 41) den Sohn des von Antonius belehnten Kastor; auf Münzen erscheint er als «König Deiotaros Philadelphos». Nach seinem Tod, im Jahre 5 v.  Chr., annektierte Rom sein Reich; Paphlagonia wird Provinzterritorium, und der Princeps unterstellte das Gebiet seinem Legaten in Ankyra. Im fruchtbaren Mittelland am Fluß Amnias lag die Gründung des großen Pompeius. Wie Pompeiopolis so feierten auch Gangra und Neapolis ihre endgültige Wiedererlangung des Polisstatus mit Ären. Ähnlich wie in Lykaonien gab es im Südwesten des Landes ein von der Urbanisierung noch gänzlich unberührtes Gebiet, das an Paphlagonia angegliedert wurde, und zwar unter dem Namen der Gemeinde Kaisareis Proseilemmenitai. Im Jahre 2 v. Chr. schließlich hat Augustus Gebiete des ehemals pontischen Kernlandes annektiert, die der Ostgrenze Galatias benachbart waren: das Tal des oberen Skylax – die Landschaft Karanitis mit dem Zentralort KaranaHerakleopolis, seit der Provinzialisierung Sebastopolis – und das fruchtbare Land Amaseias, Strabons Heimat (siehe Farbkarte 4 im Tafelteil ). Aus einem Konglomerat von Klientelreichen war ein römisches Anatolien erwachsen, das ca. zwei Drittel der heutigen Türkei abdeckte und nur noch das an Städten arme Hochplateau der Landschaften Kommagene, Kappadokien am Tauros und Kappadokien am Meer romtreuen Königen überließ, gleich einem Puffer vor den iranischen Vasallenreichen. Jenseits davon zwischen Kaukasus und kurdischem Tauros, am Arsanias, im Kura- und Araxestal, am Van- und Urmiasee erstreckten sich Länder, die auch politisch dem Einfluß der Parther unterlagen. Wir haben noch nicht von den römisch-parthischen Beziehungen unter Augustus gesprochen, die bestimmend ebenso für den augusteischen wie dann für den weiteren Ausbau der römischen provinciae unter den nachfolgenden Kaisern geworden sind: Die Katastrophe des Licinius Crassus sowie der von Caesar geplante und von Antonius ins Werk gesetzte,

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jedoch gescheiterte Feldzug gegen die Parther waren für Augustus eines der unangenehmsten Probleme aus dem Erbe der späten Republik.32 Augustus hat sicher keinen Feldzug in das parthische Zweistromland oder, per Armeniam minorem, nach Ekbatana geplant. Aber die Schmach des Crassus und jene des Antonius waren ungesühnt, die römischen Standarten aus diesen Niederlagen noch immer in Feindeshand. Schon Antonius hatte offiziell die Forderung einer Rückgabe der 53 v. Chr. verlorenen Feldzeichen (signa) erhoben. Man darf im allgemeinen Glückstaumel über das Ende der Bürgerkriege die Stimmen der prominenten Dichter nicht überhören, die die Erwartung eines Teils der senatorischen Führungsschicht spiegeln, daß der dux sich dieser ungelösten Aufgabe annehmen werde.33 Octavian/Augustus blieb auch nicht untätig. Doch zunächst ging alles schief: Verhandlungen Ende 30 v. Chr. mit Gesandten des Königs Phraates in Syrien scheitern. Ein Thronprätendent namens Tiridates wird von Rom unterstützt und vermag für kurze Zeit den Thron zu erobern; seine Münzen (26/5 v. Chr.) tragen die Aufschrift «Freund der Römer». Doch Phraates kehrt zurück, und Tiridates flieht zu Augustus nach Spanien, in seiner Begleitung der Königssohn. 25 v. Chr., im Jahr der Annexion Galatias, scheitert der Arabienfeldzug.34 In erneuten Verhandlungen findet die Forderung nach Rückgabe der Standarten keine Erfüllung, der Königssohn kommt ohne Gegenleistung frei. Wenige Jahre später gelingt ein diplomatischer Erfolg, der sich aus einer Krisensituation in Armenien entwickelt. Dem romfeindlichen Armenierkönig Artaxias erwächst eine Opposition im eigenen Lande, und es erschallt – wohl nicht ohne Roms Zutun – der Ruf nach Tigranes, Artaxias’ Bruder, der König werden solle. Dieser befindet sich in Gewahrsam in der Stadt am Tiber. ­Augustus schickt Tiberius 20 v. Chr. mit einer Armee nach Ostanatolien, wo die aufständische Partei jetzt den Artaxias ermordet. Tiberius schafft es nicht nur, Tigranes zu inthronisieren, sondern er nimmt an Ort und Stelle auch die Feldzeichen von den Parthern entgegen.35 Um das diplomatische Arrangement zu untermauern, schickt der Partherkönig Söhne als Geiseln nach Rom. Dort werden Münzen mit der Aufschrift «Armenien ist eingenommen» (Armenia capta) geprägt, und Augustus schreibt in seinen res gestae, er habe die Parther gezwungen, die Freundschaft des römischen Volkes anzustreben. Wenn der Princeps daselbst (27) des weiteren behauptet, er hätte Armenien zur provincia machen können und nur aus Gründen der Tradition darauf verzichtet, so läßt dies darauf schließen, daß damals verschiedene Optionen diskutiert wurden, bevor die grundsätzliche, im Senat verkündete Entscheidung fiel: Er wolle im Osten weder die Provinzen erweitern, noch das indirekt beherrschte Gebiet ausdehnen, sondern sich mit dem vorhandenen Besitz zufriedengeben (Dio 54, 9, 1). Schließlich legt auch die Errichtung eines großen Bogens auf dem Forum mit Augustus im Triumphalgespann nahe, daß er damals glaubte,

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Der Neubeginn unter Augustus 411

Abb. 56:  Euphratinsel bei Zeugma, mutmaßlicher Ort der Zusammenkunft von Gaius

Caesar und dem Partherkönig Phraatakes

für die politischen Verhältnisse im Osten eine befriedigende und dauerhafte Ordnung gefunden zu haben. Von weitreichender Bedeutung bleibt das römische Verhältnis zu Armenien. Die Entscheidung in der Thronfolge hat man künftighin als Prärogative in Anspruch genommen. Dieser Auffassung widersetzten sich jedoch die Parther, und die Monarchie im Lande selbst erwies sich als notorisch instabil. Dem Regiment des Tigranes III., der noch vor dem Jahr 6 v. Chr. gestorben war, folgte zunächst die Samtherrschaft seines Sohnes Tigranes IV. mit seiner Schwester Erato. Augustus wollte sie nicht anerkennen und versuchte, unter militärischem Schutz einen gewissen Artavasdes durchzusetzen, scheiterte ­jedoch an der Renitenz der Landesbewohner. Tigranes versicherte sich nun seinerseits des Schutzes parthischer Truppen, was die römisch-parthischen Bezie­hungen in eine neue Krise stürzte. Diese Entwicklung veranlaßte den Princeps 1 v. Chr. zu einer weiteren bewaffneten Mission in Ostanatolien.36 Sie wurde von seinem Enkel Gaius geführt, den als comes und rector unter anderen der erfahrene Konsular Marcus Lollius, der erste Gouverneur von Galatia, begleitete, bis er in Ungnade fiel und Selbstmord beging.37 Ersetzt hat ihn Sulpicius Quirinius, der Sieger über die Homonadeis. Bevor er nach Armenien kam, war Gaius Caesar auf einer Euphratinsel (vermutlich bei Zeugma, Abb. 56) mit dem soeben gewaltsam an

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die Macht gekommenen Partherkönig Phraatakes zusammengetroffen, der ihm Zugeständnisse gemacht und den Truppenabzug aus Armenien versprochen hatte. Tigranes suchte sich nun seinerseits mit den Römern zu arrangieren. Kurz darauf wurde er in Kämpfen gegen Aufständische getötet (Dio 55, 10, 20 f.; 10 a, 5). Eine Kette von Mißerfolgen schloß sich an: Ein neuer römischer Kandidat, der vormalige Mederkönig Ariobarzanes, stieß auf Ablehnung; während der militärischen Operationen in Armenien, die seine Inthronisierung durchsetzen sollten, kam es zu einem Attentat auf Gaius, der verwundet die Heimreise antrat und unterwegs in Limyra, Lykien, verstarb, wo noch heute die Ruine seines monumentalen Kenotaphs zu sehen ist. Ariobarzanes starb kurz darauf, und sein Sohn Artavasdes IV., der den Thron ca. 4 n. Chr. bestieg, wurde nur zwei Jahre später ermordet; ebenso erging es dem von Rom erkorenen Nachfolger Tigranes V., so daß um die Zeit von Augustus’Tod noch einmal die Witwe Erato die Regierung führte. Es endete schließlich damit, daß ein Sohn des Partherkönigs, Vonones, den Thron in Besitz nahm, als in Rom schon Tiberius herrschte. Die römische Prärogative, von diesem selbst 34  Jahre zuvor erstmals durchgesetzt, war gescheitert, Armenien bescherte dem neuen Princeps sogleich ein Problem.

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3.  KRIEG UM ARMENIEN

Als Claudius den Iberer Mithradates mit militärischer Eskorte nach Armenien zurückschickte, regte sich dort nur mäßiger Widerstand; die Parther waren durch einen Aufstand Seleukeias in ihrem Kernland gebunden, ein ‹Statthalter› in Armenien namens Demonax konnte rasch ausgeschaltet werden. Antonia Tryphainas Sohn Kotys, Herrscher in Kleinarmenien, meldete Ambitionen auf Armenien an, zog diese jedoch auf Grund eines Briefes des Kaisers zurück. Iberische Truppen und eine römische Garnison in Gorneae (Tacitus, ann. 12, 45, 3, d.i. das heutige Garni, 20 km östlich von Jerevan) vermochten die Monarchie des Mithradates indes nur kurzfristig zu stützen: Zu einem erneuten, ernsten Konflikt kam es, weil Pharasmanes es vorzog, statt seines Bruders seinen Sohn Rhadamistos mit der Königswürde Armeniens betraut zu sehen (Tacitus, ann. 12, 44–51). Ein Zerwürfnis mit dem Vater vortäuschend, flieht Rhadamistos an den Hof seines Onkels, um die Verhältnisse daselbst auszuspionieren, und kehrt unter dem Vorwand einer Aussöhnung nach Iberia zurück, um gemeinsam mit dem Vater die bewaffnete Invasion Armeniens durchzuführen. Der König flieht und verschanzt sich bei den Römern in Gorneae. Hier streiten sich der Präfekt Caelius Pollio und der Legionscenturio Casperius darüber, was zu tun sei.59 Mithradates muß die Festung schließlich verlassen. Entgegen ihren Versprechungen ermorden ihn die Iberer mitsamt Frau und Kindern. Der von Cappadocia mit Hilfstruppen herbeieilende Procurator Iulius Paelignus richtete nichts aus und ließ s