Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert: Teil 2 9783110232370, 9783598248092

Publishing and book trading between hyperinflation and global economic crisis, between the foundation of the republic an

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Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert: Teil 2
 9783110232370, 9783598248092

Table of contents :
5.2 Verlagswesen / Programmbereiche (Fortsetzung)
5.2.5 Belletristische Verlage
5.2.6 Literarische Zeitschriften und Publikumszeitschriften
5.2.7 Weltanschauungsverlage
5.2.8 Konfessionelle Verlage
5.2.9 Kinder- und Jugendbuchverlage
5.2.10 Der Schulbuchverlag
5.2.11 Sachbuch- und Ratgeberverlage
5.3 Verlagsorganisation: Lektorat
6 Der Zwischenbuchhandel
6.1 Der Kommissionsbuchhandel
6.2 Das Barsortiment
7 Verbreitender Buchhandel
7.1 Der Sortimentsbuchhandel
7.2 Der Antiquariatsbuchhandel
7.3 Der Reise- und Versandbuchhandel
7.4 Der Bahnhofs- und Verkehrsbuchhandel
7.5 Der Warenhausbuchhandel
7.6 Gewerbliche Leihbüchereien und Lesezirkel
7.7 Sonderformen des verbreitenden Buchhandels
8 Buchgemeinschaften
9 Buchexport und deutscher Auslandsbuchhandel
Die Autoren des Bandes
Gesamtregister zu den Bänden 2/1 und 2/2

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Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert

Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert Im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels herausgegeben von der Historischen Kommission

Band 2: Die Weimarer Republik 1918 – 1933

De Gruyter

Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert Die Weimarer Republik 1918 – 1933 Teil 2 Im Auftrag der Historischen Kommission herausgegeben von Ernst Fischer und Stephan Füssel

De Gruyter

Herausgeber: Historische Kommission Ordentliche Mitglieder der Historischen Kommission: Prof. Dr. h.c. mult. Klaus G. Saur, München, Vorsitzender; Prof. Dr. Reinhard Wittmann, Fischbachau, Stellv. Vorsitzender; Prof. Dr. Ernst Fischer, Mainz; Prof. Dr. Stephan Füssel, Mainz; Dr. Roland Jaeger, Hamburg; Prof. Dr. Siegfried Lokatis, Leipzig; Prof. Dr. Wulf D. v. Lucius, Stuttgart; Prof. Dr. Ursula Rautenberg, Erlangen; Thedel v. Wallmoden, Göttingen. Korrespondierende Mitglieder der Historischen Kommission: Prof. Dr. Hans Altenhein, Bickenbach; Dr. Werner Arnold, Wolfenbüttel; Dr. Jan-Pieter Barbian, Duisburg; Prof. Dr. Frédéric Barbier, Paris; Thomas Bez, BietigheimBissingen; Dr. Hans-Erich Bödeker, Göttingen; Dr. Monika Estermann, Berlin; Prof. Dr. Bernhard Fabian, Münster; Dr. Bernhard Fischer, Weimar; Prof. Dr. John L. Flood, Amersham; Prof. Dr. Christine Haug, München; Dr. Stephanie Jacobs, Leipzig; Prof. Dr. Georg Jäger, München; Graham Jefcoate, Nimwegen; Dr. Thomas Keiderling, Leipzig; Dr. Michael Knoche, Weimar; Prof. Dr. Hans-Joachim Koppitz, Mainz; Dr. Mark Lehmstedt, Leipzig; Dr. Christoph Links, Berlin; Prof. Dr. Alberto Martino, Wien; Dr. Helen Müller, Gütersloh; Prof. Dr. Ulrich Ott, Öhningen; Prof. Dr. Dr. h.c. Paul Raabe, Wolfenbüttel; Bernd Rolle, Jena; Prof. Dr. Patrick Rössler, Erfurt; Prof. Dr. Helmut Rötzsch, Leipzig; Prof. Dr. Walter Rüegg, Villette/Lauvaux; Prof. Dr. Wolfgang Schmitz, Köln; Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Leipzig; Prof. Dr. Ute Schneider, Mainz; Dr. Volker Titel, Erlangen; Prof. Dr. Peter Vodosek, Stuttgart; Clara Waldrich, München. Redaktion und Satz: Dr. Anke Vogel

ISBN 978-3-598-24809-2 e-ISBN 978-3-11-023237-0 Library of Congress Control Number: 2001449588 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. Einbandillustration: George Grosz: Bertolt Brecht vor dem Ullsteinhaus. © Estate of George Grosz, Princeton, N.J. / VG Bild-Kunst, Bonn 2012 © 2012 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/Boston Druck: Strauss GmbH, Mörlenbach ∞ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com

Inhalt 5.2

Verlagswesen / Programmbereiche (Fortsetzung)

5.2.5

Belletristische Verlage (Stephan Füssel)........................................................ 1 Die Kulturverleger in der Weimarer Republik: S. Fischer – Exkurs: Filmnebenrechte am Beispiel von Gerhart Hauptmann – Bemerkungen zur Bücherkrise – Eugen Diederichs Verlag – Insel-Verlag – Die zweite Generation von Kulturverlegern: Gustav Kiepenheuer – Der Verlag »Die Schmiede« – Rowohlt – Historienroman und Tatsachenliteratur – Kurt Wolff Verlag – Drei Masken Verlag – Verlage der Avantgarde: Paul Steegemann Verlag – Malik Verlag – Alternative Marketing- und Vertriebsformen: Knaur Verlag – Vom Vertrieb her gedacht… Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig – Die ideale Vermarktungskette: Der UllsteinVerlag – Exkurs: Propyläen – Gelbe Ullstein Bücher und die BestsellerPolitik – Arcadia Bühnenvertrieb – Preiswerte Literatur in Reihen: Der Reclam-Verlag im Umbruch – Auf dem Weg ins Dritte Reich: Piper-Verlag – Deutsche Verlags-Anstalt – Langewiesche-Brandt – Georg Müller Verlag – Albert Langen Verlag – Carl Hanser Verlag – Die Anfänge des belletristischen Verlags C. Bertelsmann in den 1920er Jahren – Belletristik als Vertriebsmotor bei Bertelsmann

5.2.6

Literarische Zeitschriften und Publikumszeitschriften (Corinna Norrick).......................................................................................... 91 Expressionistische Zeitschriften – Die Weltbühne, Das Tagebuch und Die literarische Welt – Publikums- und Rundschauzeitschriften – Film und Zeitschriften – Populärwissenschaftliche Zeitschriften

5.2.7

Weltanschauungsverlage (Siegfried Lokatis) ............................................ 111 Politische Richtungsverlage in einer zerrissenen Gesellschaft – Linke Verlage in der revolutionären Nachkriegszeit – Der zentrale KPD-Verlag – Illegale Verlagstätigkeit der Komintern – Vertriebsprobleme – Abweichler von der »Linie« – Politische Verlage der rechten Szene – Verlage der bündischen Jugendbewegung: Erich Röth und Erich Matthes – Rhetorik völkischen Marketings – Julius F. Lehmann und die Anfänge eines nationalsozialistischen Verlagswesens – Der Verlagskonzern des DHV

5.2.8

Konfessionelle Verlage (Olaf Blaschke und Wiebke Wiede).................... 139 Konfessionen und konfessionelle Verlage in der ungeliebten Republik – Protestanten in der Defensive – Katholiken nach der Gettozeit – Konfessionalismus und Konfession – Konfessionelle Verlage: Nebeneinander, Gegeneinander und Miteinander – Protestantische Verlage – Theologie im Umbruch: die traditionellen Verlage wissenschaftlicher Theologie – Neue Konkurrenzlage – Katholische Verlage – Der Herderverlag: Dachverlag für viele Positionen – Lagerkämpfe und Positionsverlage – Das Profil des Matthias-Grünewald Verlags im katholischen Verlagsfeld – Jüdische Verlage – Prekäre Existenzen: Jüdische Kleinverlage – Verlage mit organisatorischem Rückhalt

VI 5.2.9

Inh alt Kinder- und Jugendbuchverlage (Helga Karrenbrock) ........................... 183 Statistiken zum Jugendbuchverlag – Titelproduktion, Verhältnis der Ersterscheinungen zu Neuauflagen, Anteil an der Gesamtproduktion – Vergleich mit dem belletristischen Verlag – Die Jugendschriftenbewegung und deren Programmatik – Verwissenschaftlichung der Jugendschriftenfrage: die neue Jungleserpsychologie – Tendenzen der Kinder- und Jugendliteratur: Märchenkinder und Zeitgenossen – Der Jugendbuchverlag zwischen Tradition, Innovation und Moderne – »Altbewährte« Jugendbuchverlage – Herder, Freiburg – Ensslin & Laiblin, Reutlingen – Schaffstein, Köln – Neue Verlagsprofile eingeführter Verlage – Stalling, Oldenburg – Gundert, Stuttgart – Neue Kinder- und Jugendbuchverlage der Weimarer Republik: Franz Schneider – Innovative Neue Kinderund Jugendbuchverlage: Stuffer, Müller und Kiepenheuer, Williams – Proletarische/sozialistische Gegenöffentlichkeit im Jugendbuchverlag: Der Malik Verlag und der Verlag der Jugendinternationale – Die ›Not des Jugendbuchs‹

5.2.10 Der Schulbuchverlag (Julia Kreusch) ........................................................ 219 Entwicklungstendenzen – Bildungspolitik und Schulreform – Das Schulbuchzulassungsverfahren – Schulbuchverlage und Schulbuchproduktion – Beispiele für Programmentwicklung in Schulbuchverlagen – Ausstattungsprobleme – Der Schulbuchmarkt und das Sortiment – Schulbuchmonopol – Lernmittelfreiheit – Teuerungszuschlag und Schlüsselzahl – Verlag und Sortiment – Sortiment und Schule, Auchbuchhandel, Altbuchhandel – Freiexemplare und Ausstattung von Hilfsbüchereien 5.2.11 Sachbuch- und Ratgeberverlage (Brit Voges) ........................................... 241 Das Lesepublikum – Der Julius Springer-Verlag – Die Franckh’sche Verlagshandlung – Ullstein AG – Der Rowohlt Verlag – Sachbücher von links – Der Malik Verlag – Der Langenscheidt Verlag – Das Sachbuch in den Buchgemeinschaften – Kaufhausbuchhandel – Die Schwabachersche Verlagsbuchhandlung 5.3

Verlagsorganisation: Lektorat (Ute Schneider) ........................................ 271 Steigende Bedeutung des Lektors im literarischen Verlag – Aufgabengebiete des Lektors – Anforderungsprofil ›Enzyklopädische Bildung‹ – Kompetenzen und Status des Lektors

6

Der Zwischenbuchhandel

6.1

Der Kommissionsbuchhandel (Thomas Keiderling) ................................. 283 Grundlegende Entwicklungen – Die Geschäftsgeografie des Kommissionsbuchhandels – Leipzig – Stuttgart – Berlin – Vernetzung der Kommissionsplätze: Sammelbezug und Bücherwagendienste – Die weitere Umgestaltung des Leipziger Kommissionsplatzes durch den Verein Leipziger Kommissionäre – Der Konzentrationsprozess – Betriebswirtschaftliche Aspekte: Ausgewählte Bilanzen – Die personale Ebene: Die Unternehmer und leitenden Angestellten – Die Angestellten – Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz: Streikbewegung und Gewerkschaft

Inh alt

VII

6.2

Das Barsortiment (Thomas Keiderling)..................................................... 316 Grundlegende Entwicklungen – Werbung für das Barsortiment: Katalogarbeit und Ausstellungen – Vereinssortimente – Bilanzen und Spezialisierungen ausgewählter Vereinssortimente – Das Schlesische Vereinssortiment in Breslau (gegr. 1879) – Die Münchner Kommissionsbuchhandlung e. GmbH (gegr. 1915) – Die Genossenschaft der Hamburger Buchhändler e. GmbH (gegr. 1919) – Der Grossobuchhandel – Bilanzen und Spezialisierungen des Kommissionshauses deutscher Buchund Zeitschriftenhändler e. GmbH in Leipzig – Interessenvertretungen des Grossobuchhandels

7

Verbreitender Buchhandel

7.1

Der Sortimentsbuchhandel (Ernst Fischer)............................................... 335 Divergierende Interessen: das Verhältnis von Sortiment und Verlag – Die wirtschaftliche Lage im Sortimentsbuchhandel – Der Sortimentsbuchhandel in der Firmenstatistik – Die Erneuerung des buchhändlerischen Berufsethos: Der »Jungbuchhandel« – Die »Bücherstube«: Siegeszug eines neuen Einrichtungstyps – Schaufenstergestaltung – Das neue Werbebewusstsein im Buchhandel – Politischer Buchhandel: Der sozialdemokratische Parteibuchhandel – Der kommunistische Buchhandel – Buchhandlungen im Bereich rechtsextremer Strömungen – Konfessioneller Buchhandel: Der evangelische Buchhandel – Der katholische Buchhandel – Jüdischer Buchhandel – Konkurrierende Distributionswege des Buches: der »Auchbuchhandel« – Vereinsbuchhandel

7.2

Der Antiquariatsbuchhandel (Ernst Fischer)............................................ 413 Die Situation nach Ende des Ersten Weltkriegs – Die Luxussteuer – Auswirkungen der Inflation – Die Einkaufsgenossenschaft Löwen – Organisationsbestrebungen – Das Verhältnis zum Börsenverein – Bemühungen um ein eigenes Organ – Firmenstatistik – Das wissenschaftliche Antiquariat – Das bibliophile Antiquariat – Der Auktionsbuchhandel – Modernes Antiquariat

7.3

Der Reise- und Versandbuchhandel (Christine Haug)............................. 449 Fortschreitende Professionalisierung des Reise- und Versandbuchhandels in den Vorkriegsjahren – Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe im Versandbuchhandel – Leistungsmerkmale des Postbetriebs und ihre Auswirkungen auf die Werbestrategien im Versandbuchhandel – Die Entwicklung des Reise- und Versandbuchhandels im Ersten Weltkrieg – Die Einführung des Teuerungszuschlags im Reise- und Versandbuchhandel – Der wissenschaftliche Reise- und Versandbuchhandel in den zwanziger Jahren – Die Vereinigung der am Reisebuchhandel interessierten Verleger – Ratgeber und Haushaltsliteratur – Programmschwerpunkte des Versandbuchhandels während der Weltwirtschaftskrise

VIII

Inh alt

7.4

Der Bahnhofs- und Verkehrsbuchhandel (Christine Haug) .................... 465 Die Einführung des Teuerungszuschlags für Zeitungen und Zeitschriften – Pläne zur Sozialisierung des Verkehrsbuchhandels in den Jahren 1918/1919 – Die »Allgemeinen Bedingungen für die Zulassung der Bahnhofsbuchhandlungen« 1922 – Der Verkehrsbuchhandel und seine gewerberechtliche Sonderstellung – Auswirkungen der Ruhrbesetzung 1923/1924 auf den Verkehrsbuchhandel – Die Wiederbelebung des Tourismus und die Kooperation des Verkehrsbuchhandels mit anderen Reiseanbietern – Der Schiffsbuchhandel – Reiselektüre für Schiffsreisende – Der Hotelbuchhandel – Reiselektüre für Hotelgäste – Der Luftschiff- und Flughafenbuchhandel – Reiselektüre für Flugreisende

7.5

Der Warenhausbuchhandel (Christine Haug)........................................... 491 Professionalisierung des Warenhausbuchhandels nach dem Ersten Weltkrieg – Sukzessive Anerkennung der Warenhäuser durch den Börsenverein – Die Einführung des Teuerungszuschlags für Warenhausbuchhändler – Die Buchabteilung im Warenhaus – Verlagsanstalten von Warenhäusern – Die Einheitspreisgeschäfte der Warenhäuser seit den 1930er Jahren – Die Leihbüchereien in den Warenhäusern – Werbemaßnahmen im Warenhaus

7.6

Gewerbliche Leihbüchereien und Lesezirkel (Ernst Fischer).................. 515 Im »alten Geiste«: Das Leihbibliothekswesen in den Zwanzigerjahren – Der Umbruch um 1930 – Wandel in Organisation, Bücherangebot und Funktion: die »neuzeitliche Leihbücherei« – Das Verhältnis zum Volksbildungs- und Volksbüchereiwesen – Organisatorische Bestrebungen – Verhältnis zum Buchhandel – Lesezirkel

7.7

Sonderformen des verbreitenden Buchhandels (Christine Haug) ........... 535 »Fliegender Buchhandel«, Straßen- und Kioskhandel, Schreib- und Papierwarenhandel – Gewerberechtliche Stellung des Straßen- und Kioskhandels – Professionalisierungstendenzen im Straßen- und Kioskhandel – Bezugsquellen und literarische Qualität der Kioskware – Untergrundbahnen und die Ausbildung einer literarischen Subkultur – Gründung von Kioskgesellschaften – Die Pressekonzerne Hermann Stilke und Leopold Ullstein – Die Gründung von Pressevertriebsstellen – Das Geschäft mit den Automaten – Theater- und Kinobuchhandel – Schreibwaren- und Papierhandel, Schulbuchhandel

8

Buchgemeinschaften (Urban van Melis) .................................................... 553 Bedeutung der Buchgemeinschaften – Buchgemeinschaften mit bürgerlichem Lesepublikum – Buchgemeinschaften mit speziellen Zielgruppen – Religiöse Buchgemeinschaften – Konservative und nationalistische Buchgemeinschaften – Linke Arbeiterbuchgemeinschaften – Buchgemeinschaften des Buchhandels – Der traditionelle Buchhandel und die Buchgemeinschaften

Inh alt 9

IX Buchexport und deutscher Auslandsbuchhandel (Ernst Fischer)........... 589 Der Zusammenbruch der deutschen Buchausfuhr im Ersten Weltkrieg – Krisenmanagement: Die »Deutsche Gesellschaft für Auslandsbuchhandel« – Die Auslandsabteilung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler – Der Verein der Deutschen Antiquariats- und ExportBuchhändler und die Vereinigung Hamburg-Bremer Exportbuchhändler – Auslandsschleuderei und Valutagewinne: Die Bücherausfuhr im Zeichen der Mark-Inflation 1919 – 1923 – Die Außenhandelsnebenstelle für das Buchgewerbe – Die »Verkaufsordnung für Auslandslieferungen« des Börsenvereins – Änderungen in den Bestimmungen der »Verkaufsordnung für den Auslandsbuchhandel« – Zwischen »relativer Stabilisierung« und Weltwirtschaftskrise: Der Buchexport 1924 – 1933 – Zu hohe Bücherpreise? Der Einbruch im Buchexport am Beginn der dreißiger Jahre – Probleme der Rückeroberung und Erschließung von Auslandsmärkten – Enttäuschte Hoffnungen: Auslandsbuchhandel in den Vereinigten Staaten von Amerika – Buchexport und Auslandsbuchhandel in Mittel- und Südamerika – Zur Firmenstruktur des Export- und Auslandsbuchhandels: Das Auslandssortiment – Das Exportsortiment – die Firma Halem in Bremen

Die Autoren des Bandes............................................................................................ 639 Gesamtregister zu den Bänden 2/1 und 2/2............................................................. 641

2

1 Einleitung

Stephan Füssel 5.2.5 Belletristische Verlage Es handelt sich bei dem billigen Buch gar nicht um eine Umgestaltung, sondern um eine Erweiterung des Büchermarktes. Das billige Buch wird, wenn es die große Zukunft bekommt, die mir vorschwebt, das Sortiment auf eine breite und gesunde Basis stellen. Ein neuer großer Käuferkreis kann dem Buchhandel erschlossen werden. Heute ist es das billige Buch; aber morgen kann der Leser dieses Buch schon in die Reihe der verwöhnteren Bücherkäufer einrücken, denn wer einmal Bücher in sein Haus geschafft hat, ist in die Kulturschicht der Bücherkäufer eingetreten.1 Samuel Fischer betonte in seinem grundlegenden Aufsatz Der Verleger und der Büchermarkt die Rolle des Verlegers als die eines Kulturvermittlers – auch für das 20. Jahrhundert. Gleichzeitig akzeptierte er, dass sich das Buch neuen Publikumsschichten öffnete und sich damit von einem exklusiven Gut zu einem Massenprodukt wandelte. Auch die Rezeptionsbedingungen von Literatur änderten sich: Nicht wenige Autoren drängten darauf, ihre Texte vorab in illustrierten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen zu können; Titel wurden in preiswerten Buchreihen oder in den aufblühenden Buchgemeinschaften mehrfach verwertet, daneben gewannen die neuen Nebenrechte Hörfunk und Film zunehmend an Bedeutung. Auch literarisch anspruchsvolle Texte erschienen in günstigen Reihen in Massenauflagen. Die Verleger mussten sich auf diesen neuen Markt und auf ein verändertes Rezeptionsverhalten der Leser, die das Buch nur noch als eine von mehreren Unterhaltungsoder Bildungsmöglichkeiten ansahen, einstellen. Neben das klassische Sortiment rückten neue Vertriebsformen einer mobiler werdenden Gesellschaft, die preiswerten Buchreihen fanden vor allem im Bahnhofs- und Warenhausbuchhandel steigenden Absatz. Auf diese Weise sank gleichzeitig die Hemmschwelle bildungsferner Schichten, Bücher zu konsumieren. Die Zeitschriften wurden zu wichtigen Partnern der literarischen Verlage, da in den deutschsprachigen Ländern jedes Jahr etwa 20.000 Zeitschriftenromane publiziert wurden.2 Die führende Verlagsstadt belletristischer Verlage in der Weimarer Republik war mit 7.545 Veröffentlichungen im Jahr (1927) eindeutig Berlin, gefolgt von Leipzig mit 4.569 Titeln und, mit großem Abstand, München mit 1.662 sowie Stuttgart mit 1.602 Titeln.3 Insgesamt setzte die Schöne Literatur ihren im Ersten Weltkrieg begonnenen Siegeszug auch in der Weimarer Republik auf beeindruckende Weise fort.4 Die 15 Jahre der Weimarer Republik waren zu Beginn von dem Versuch der großen Verlegerpersönlichkeiten der Kaiserzeit gekennzeichnet, ihre Erfolgskonzepte unter 1 S. Fischer: Der Verleger und der Büchermarkt. In: [Almanach] Das XXVte Jahr, S. 24 – 33. 2 Vgl. Fischer/Füssel: Signaturen der Epoche in Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 5 – 28. Diese Einleitung enthält bereits zahlreiche Hinweise auf die Veränderung des Buchmarktes im Zeichen der neuen Mediensymbiose; vgl. ebenso grundsätzlich: Füssel: Medienverbund. 3 Wittmann: 100 Jahre Buchkultur, S. 117 – 119, hier S. 119. 4 Vgl. Kastner: Statistik und Topographie des Verlagswesens. Die Weimarer Republik. Teil 1, S. 341 – 378, hier S. 343.

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veränderten Rezeptionsbedingungen fortzuschreiben. Der Typus des Kulturverlegers der Kaiserzeit musste sich jedoch bald den veränderten Interessen des Publikums und den wirtschaftlichen Verhältnissen anpassen, zum Teil durch eine erheblich stärkere Ausrichtung auf zeitgenössische Literatur (Insel-Verlag/Reclam-Verlag). Samuel Fischer war gefordert, sich der Medienkonkurrenz zu Film und Hörfunk und neuen Vertriebsformen zu öffnen, bei Rowohlt rückte neben die deutschsprachigen Autoren Übersetzungsliteratur aus dem Französischen und auch aus dem amerikanischen Englisch. Ferner verstärkte sich die in der Kaiserzeit zunehmend wichtiger gewordene Stellung der Lektoren weiter.5 Innerhalb der einzelnen Verlage kam es – oft durch Generationenwechsel – zu flexibleren Geschäftsmodellen sowie zur Bevorzugung innovativer Autoren und aktueller Themen. Gottfried Bermann Fischer veränderte z. B. das Verlagsprofil seit 1928 behutsam aber stetig, die Erben Nils und Peter Diederichs konsolidierten den Diederichs-Verlag wirtschaftlich, rückten ihn allerdings zugleich weiter nach rechts. Parallel dazu traten die für einzelne Verlegerpersönlichkeiten typischen patriarchalische Entscheidungsstrukturen immer mehr in den Hintergrund, da es die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen häufig notwendig machten, Fremdkapital auf dem Markt aufzunehmen: Die Verlage von Georg Müller und Kiepenheuer wurden 1920 in Aktiengesellschaften umgewandelt, Ullstein und Kurt Wolff 1921, S. Fischer 1922 und Die Schmiede 1924. Insgesamt lässt sich eine zunehmende Tendenz zur vertriebsorientierten Verlagsführung beobachten. Zu den innovativen Kräften gehörte der Th. Knaur-Verlag mit seinen Buchserien für 2,85 Mark, die neue Käuferschichten für den Buchhandel hinzu gewannen und das »Denken in Reihen« professionalisierten. Vergleichbar absatzbezogen agierte Goldmann mit einem klaren Profil von Abenteuerromanen und Krimis und vor allem der Ullstein-Verlag, der eine geschlossene Vermarktungskette vom Zeitungsvorabdruck über gebundene Bücher, die Taschenbuchverwertung und die Verfilmung im eigenen Konzern anbieten konnte. Neben den signifikanten wirtschaftlichen Veränderungen ist das vermehrte Aufkommen völkisch-nationaler Literatur bemerkenswert, die mit unterschiedlichem Gewicht in viele Verlagsprogramme aufgenommen wurde und den ideologischen Wandel vorbereitete. Im Zuge dieser Entwicklung brach der Bertelsmann-Verlag mit seiner fast 100-jährigen Tradition und orientierte sich von einem theologisch geprägten Universalverlag zu einem belletristischen Verlag mit völkischem Schrifttum um, wobei die Konzentration auf den Vertrieb auch hier das Erfolgsgeheimnis war. Im Folgenden werden wichtige belletristische Verlage der Weimarer Republik exemplarisch mit ihrem Programmprofil und ihren marktpolitischen Veränderungen vorgestellt, wobei versucht wird, einerseits die Kontinuität der literarischen Verlage der Kaiserzeit6 zu würdigen und andererseits die wirtschaftlichen und ideologischen Veränderungen der 1920er Jahre und den Übergang zum Buchhandel im Nationalsozialismus aufzuzeigen. Verlage, die bisher nicht im Mittelpunkt verlagshistorischer Untersuchungen standen wie Rowohlt oder Th. Knaur, werden ausführlicher behandelt als andere, 5 Vgl. Schneider: Verlagsorganisation: Lektorat, in diesem Band S. 271 – 281. 6 Vgl. Estermann/Füssel: Literarische Verlage, Kaiserreich, Bd. 1/2 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 164 – 299.

5.2 .5 Be lletr istische Verlage

3

die bereits mehrfach beschrieben wurden. Einige Verlage veränderten in dieser kurzen Phase von 15 Jahren ihr Profil7 und nahmen neue Programmbereiche auf, so dass es sich empfiehlt, die Kapitel über die Sachbuch-,8 die konfessionellen9 und die Weltanschauungsverlage10 parallel hierzu heranzuziehen.

Die Kulturverleger in der Weimarer Republik S. Fischer Die äußeren Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit, die dramatische Inflation bis 1923, die wirtschaftliche Stagnation um 1925 und die Weltwirtschaftskrise 1929 erforderten neben ungewöhnlichen Maßnahmen wirtschaftliches Geschick sowie Feinfühligkeit und Urteilsvermögen bei der Autorenbetreuung. Auch für S. Fischer waren die Jahre 1920 bis 1923 schwierig: die Produktion sank unter die der Vorkriegsjahre, 1920 erschienen dreißig Titel, 1921 fünfundzwanzig, 1922 einunddreißig und 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation nur neunzehn Titel. 1919 konnten noch zahlreiche neue Autoren in das Programm aufgenommen werden (u. a. Yvan Goll, Hans Henny Jahnn, Marta Karlweis und Adrien Turel, Walt Whitman und Friderike Maria Winternitz). Nachdem 1920 kein neuer Autor hinzu kam, folgte 1921 bis 1923 jeweils nur einer.11 Der Vertrieb von S. Fischer konzentrierte sich daher auf die Verwertung der vorhandenen Rechte durch die Herausgabe von Gesammelten Werken und den Verkauf in preiswerten, populären Buchreihen. Für einen Verlag mit einer umfangreichen Backlist von Titeln, die traditionsgemäß lange vorgehalten und oft erst nach Jahren verkauft werden konnten, ergab sich in der Inflationszeit das Problem, dass Bücher, die noch mit »gutem« Geld hergestellt worden waren, zu entwerteten Geldkursen verkauft wurden und auf Grund explodierender Satz-, Herstellungs-, Papier-, Druck- und Vertriebskosten nicht mehr kostengünstig nachgedruckt werden konnten. Diese gestiegenen Kosten bedingten, dass für drei verkaufte Exemplare lediglich die Möglichkeit des Nachdrucks von nur einem Exemplar bestand. Ein solches Vorgehen führte selbstverständlich zu großen Problemen bei der Honorierung von Autoren, da oft nicht mehr ausgerechnet werden konnte, welcher Titel zu welchem Tageskurs verkauft worden war. Immerhin zogen diese ungewöhnlichen Zeiten auch ungewöhnliche Maßnahmen nach sich: 1923 verständigten sich die führenden literarischen Verlage (Georg Bondi, Bruno Cassirer, J. G. Cotta, Deutsche VerlagsAnstalt, Eugen Diederichs, S. Fischer, Insel-Verlag, Alfred Kröner, Ernst Rowohlt und Kurt Wolff) auf eine gemeinsame »Richtlinie für die Honorierung schönwissenschaftlicher Bücher«,12 in der sie ihren Autoren die Geldentwertung erläuterten: »Um den Au7 Der Kunstverleger Bruno Cassirer z. B. wandte sich seit 1928 wieder mehr der Literatur zu, vor allem durch seinen rührigen Lektor Max Tau, vgl. dazu Abele: Zur Geschichte des Verlages Bruno Cassirer 1928 – 1932. 8 Vgl. Voges: Sachbuch- und Ratgeberverlage in diesem Band S. 241 – 270. 9 Vgl. Blaschke/Wiede: Konfessionelle Verlage in diesem Band S. 139 – 182. 10 Vgl. Lokatis: Weltanschauungsverlage in diesem Band S. 111 – 138. 11 S. Fischer, Verlag, S. 340 f. 12 DLA Marbach: Rowohlt Archiv; vgl. S. Fischer, Verlag, S. 344 – 346.

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tor nicht unbillig unter der Entwertung seines Honorars leiden zu lassen, ist es erforderlich, in kürzeren Zeiträumen (halbjährlich oder vierteljährlich) mit ihm abzurechnen oder ihm zwischendurch Teilzahlungen nach Maßgabe des erzielten Absatzes zu leisten.« Im weiteren Verlauf führten die Verleger Musterkalkulationen der gegenwärtigen Druckkosten vor und schlussfolgerten: »Angesichts dieser unbestreitbaren Tatsache erscheint es nicht nur als ein Gebot der Billigkeit, sondern auch als ein solches der Selbsterhaltung, dass auch der Autor sich mit einem niedrigeren Anteil, als er vielleicht früher gewohnt war, bescheidet.« Trotz dieses Appells an die wirtschaftliche Notwendigkeit und die faktische Unmöglichkeit einer tagesgenauen geldwert-entsprechenden Abrechnung bestanden die meisten Autoren darauf, an den in finanziell sichereren Zeiten gemachten Verabredungen fest zu halten. In dieser wirtschaftlich bedrängenden Phase fanden lebhafte Diskussionen über Verlagsfusionen und die Umwandlung der Gesellschaftsformen statt. Samuel Fischer überlegte zwei Jahre lang, ob er ggf. mit einem der jüngeren Verleger in einer Aktiengesellschaft zusammenarbeiten sollte. Am 22. Januar 1921 schrieb Fischer an Gerhart Hauptmann, um die Planungen für das Jubiläumsjahr zu dessen 60. Geburtstag 1922 voran zu bringen: Unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit möchte ich dir anvertrauen, daß eine Kombination besteht, wonach diese Aktiengesellschaft in Gemeinschaft mit dem Verlag Kurt Wolff gegründet wird. Ich glaube, damit mein Werk auch für die Zukunft sowohl kapitalistisch wie verlegerisch so gefestigt zu haben, daß allen kommenden Evolutionen eine feste und zielsichere Verlagspolitik gegenübersteht. Die beiden Verlage sollen miteinander und nebeneinander bei vollkommener Interessengemeinschaft arbeiten, und es soll, wie ich schon erwähnte, eine gemeinsame Vertriebsabteilung errichtet werden, die imstande ist, auf breiter Grundlage auf die weitesten Volkskreise einzuwirken.13 S. Fischer sah durchaus die Konkurrenzsituation zu Kurt Wolff oder zum 1919 wiedergegründeten Rowohlt Verlag, aber auch zu Piper. Er bewunderte u. a. ihre offensive Werbung und ihre neuen Vertriebswege, sodass es ihm plausibel erschien, mit einem von ihnen im Vertrieb zusammenzuarbeiten. Sein langjähriger Lektor Heimann warnte allerdings vor einer zu engen Bindung: Eine Verbindung zwischen diesem Verlag und uns […] erscheint mir günstig und vorteilhaft, wenn sie ganz lose bleibt und nicht etwa zu einer Fusion wird. Die Letztere hielte ich für ein großes Unglück. […] Eine Fusion mit Wolff wäre nur möglich, wenn der eine oder der andere der beiden Kontrahenten sich ganz aufgäbe und resignierte, und so weit sind beide doch wohl nicht. […] Nur die Herstellung einer gewissen praktischen Courtoisie ist möglich und wünschenswert: Annäherung der geschäftlichen modi, kein Abjagen der Autoren, sondern, wo es allen Teilen nütz-

13 Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag, S. 848.

5.2 .5 Be lletr istische Verlage

5

lich ist, Austausch; Preis- und Tantiemenpolitik; von Fall zu Fall gemeinsame Unternehmungen.14 Obwohl diese Pläne von S. Fischer mit der Bitte um strengste Verschwiegenheit an Gerhart Hauptmann weitergegeben worden waren, sprach er Kurt Wolff sogleich darauf an und zeigte unverhohlene Sympathie, von Wolff verlegt zu werden. Wolff teilte Hauptmann allerdings am 25. Mai 1921 mit, dass die Fusion gescheitert sei, aus seiner Sicht »verursacht durch Unentschlossenheit, begründet mit mangelndem Vertrauen« auf der Seite von S. Fischer. Den zweiten Schritt vollzog S. Fischer dann aber 1922: die Gründung einer Aktiengesellschaft. In einem Brief an Arthur Schnitzler vom 25. Dezember 1922 erläuterte er seine damit verbundenen Absichten: Ich habe soeben meinen Verlag in eine Aktiengesellschaft umwandeln müssen, um meinen Verlagsbetrieb leistungsfähig zu erhalten. Die Form der Aktiengesellschaft bietet leichter wie der Privatbetrieb die Möglichkeit einer breiteren finanziellen Basis. Nach innen wird sich damit nichts an dem Verlag und seinen Geschäftsprinzipien ändern, denn selbstverständlich bleibe ich mit allen meinen Mitarbeitern in voller Unabhängigkeit und Verantwortung am Werk.15 Das Aktienkapital von 15 Millionen Mark wurde in 15.000 Inhaberaktien zu je 1.000 Mark aufgeteilt, von denen Samuel Fischer 14.900.000 Mark selbst zeichnete, lediglich 100.000 Mark gingen an die vier weiteren Aktionäre, die Schriftsteller Julius MeierGraefe und Dr. Konrad Maril, den Dozenten Dr. Paul Gerstner und den Buchhändler Otto Roblack, die jeweils 25 Aktien erwarben. Eine Aktiengesellschaft bietet generell die Möglichkeit, relativ leicht Fremdkapital zu akquirieren. Dieses war zwar für den Notfall angedacht, konnte von Samuel Fischer aber über die Inflationszeit hinaus vermieden werden. Wenn es nötig wurde, setzte er weiter privates Kapital für seinen Verlag ein. Einige Autoren waren in diesen Umbruchjahren nicht zu halten, so ging der originellste expressionistische Dramatiker Georg Kaiser 1920 zu Kiepenheuer (vgl. dort), wobei Kiepenheuer allerdings gleichzeitig seine Gesamtschulden von 500.000 Mark [!] übernehmen musste. Sowohl Arnolt Bronnen, Paul Kornfeld und Carl Ludwig Schleich als auch Emil Ludwig, der für die 1920er Jahre einer seiner Erfolgsautoren wurde, wechselten zu Rowohlt.

Exkurs: Die Filmnebenrechte am Beispiel von Gerhart Hauptmann Der Hintergrund des Bucherfolges von Gerhart Hauptmann liegt zu einem großen Teil an der regen Präsentation seiner Dramen im Theater, im neu aufblühenden Hörfunk, im Stummfilm und im Tonfilm der 1920er Jahre. Dabei dominierten interessanterweise Hauptmanns Frühwerke (bis 1906). Als Beispiel können die Inszenierungen des Jubiläumsjahres 1922 mit eigenen Gerhart-Hauptmann-Festspielen herangezogen werden. Es wurden dort die Stücke Einsame Menschen (Uraufführung 1891), Die Weber (1891/92), Kollege Crampton (1892), Der Biberpelz (1893), Hanneles Himmelfahrt 14 Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag, S. 850. 15 Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag, Zitat S. 912.

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(1893), Die versunkene Glocke (1896), Florian Geyer (1896), Fuhrmann Henschel (1898), Schluck und Jau (1899), Rose Bernd (1903) und Elga (1905) aufgeführt. Das einzige später verfasste Stück war Die Ratten aus dem Jahr 1910. Die neueren Stücke von Hauptmann, wie sein Drama Dorothea Angermann (Uraufführung 1926), wurden dagegen von der Kritik verrissen.16 Selbst im Jubiläumsjahr 1932 wurde in erster Linie der frühe Kanon gespielt, zusätzlich allerdings auch die Uraufführung von Vor Sonnenuntergang. Auffällig ist, dass in den 1920er Jahren besonders seine Traumstücke Hanneles Himmelfahrt (auch in der Opernfassung) und Elga eine gesteigerte öffentliche Beachtung erfuhren. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich die Buchverkäufe nicht immer an der Rezeption auf der Bühne orientierten, sondern in der Regel als Einzelausgaben eine erhebliche Nachfrage und vier bis zehn Auflagen im Erscheinungsjahr erreichten.17 Erst die (zu häufigen) Gesamtausgaben ließen sich nicht mehr in vergleichbarem Maß absetzen, die Ausgabe von 10.000 Exemplaren der »ergänzten Jubiläumsausgabe« im Jahr 1925 fand nur 3.300 Käufer, der Rest musste verramscht werden.18 Einen riesigen Erfolg hatte S. Fischer allerdings mit den seit 1926 herausgegebenen Schulausgaben: Die Schulausgabe der Weber erreichte 1932 das 216. Tausend.19 Obwohl Gerhart Hauptmann erst zu seinem 70. Geburtstag 1932 ein Radio geschenkt bekam, das er dann intensiv nutzte und sogar in seinen Tagebüchern kommentierte,20 wusste er frühzeitig die Wirkung von Hörfunk und Film für seine Werke einzuschätzen. Er begrüßte die Verbreitung dramatischer Werke an »Millionen Menschen […], die sie sonst nie zu sehen bekommen haben würden, weil sie nicht Zeit noch Geld genug haben, ins Theater zu gehen oder Bücher zu kaufen und zu lesen«. Er verband damit die Hoffnung, dass dies »sie vielleicht veranlassen würde, sich für die Kunst des ernsten Theaters oder für das Buch zu interessieren«.21 In der Einleitung zu seiner Phantom-Verfilmung äußert sich Hauptmann ausgesprochen euphorisch, indem er die Wirkung des Kinos mit einem »Volksnahrungsmittel« vergleicht, gleichzeitig aber die Produzenten ermahnt, dass damit »die Last höchster Verantwortung [auf ihnen liege]: wenn Volksnahrungsmittel minderwertig, gefälscht oder sonst verdorben sind, so sind ihre Wirkungen im Volke verheerend«.22 Im Hörfunk waren Hauptmanns Texte mit einer Lesung aus Die versunkene Glocke am 30. November 1923 in der Berliner Funk-Stunde gleich in den ersten Monaten zu hören.23 Am 6. August 1924 wurde der erste Gerhart Hauptmann-Abend von der Süddeutschen Rundfunk AG gesendet.24 Für die Zeit der Weimarer Republik weist Schaudig 66 Sendetermine von Rundfunkrezitationen Hauptmanns nach.25 Eines der vollständi16 17 18 19 20 21 22 23 24 25

Mendelssohn: S. Fischer, S. 1074. Mendelssohn: S. Fischer, S. 549. Mendelssohn: S. Fischer, S. 1016. Mendelssohn: S. Fischer, S. 1017. Sprengel: »Das ungeheure Wunder des Radio«, S. 61 – 74. Hauptmann: Bühne und Film. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. XI, S. 926 – 928. Hauptmann: Über das Kino. In: Ders.: Sämtliche Werke. Bd. IX, S. 975. Leppmann: Gerhart Hauptmann, S. 348. Schaudig: Des Meisters Werk und Stimme, S. 31. Schaudig: Des Meisters Werk und Stimme, S. 50 f.

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gen Werke, die besonders gut im Rundfunk angenommen wurden, war u. a. seine Traumdichtung Hanneles Himmelfahrt, die fünfmal in unterschiedlichen Sendern bearbeitet und ausgestrahlt wurde.26 Ebenso erfolgreich war Hauptmanns dramatische Version Elga der Grillparzer-Novelle Das Kloster von Sendomir. Eine besonders interessante Symbiose zwischen Bühnenaufführung und Hörfunkversion brachte Der arme Heinrich: Zum Auftakt einer neuen Sendereihe mit dem Titel Berliner Theater wurde das Drama in der Bühneninszenierung des Deutschen Volkstheaters gesendet. Eine Veränderung der Bühnenproduktion brachte das Hörspiel-Neuarrangement Mutter Wolffen, bei dem es sich um eine Synthese der Hauptmann’schen Komödien Der Biberpelz und Der rote Hahn handelte, das im Juli 1930 von Alfred Braun produziert und in den Sendeanstalten von Berlin, Magdeburg und Stettin ausgestrahlt wurde. In der Rundfunkgeschichte gilt dieses Stück als eine der besten Bearbeitungen für den Rundfunk in dieser frühen Zeit und eine der besten Sprechregieleistungen des Regisseurs.27 Darüber hinaus verfasste Hauptmann zwei Rundfunkessays, die eigens für dieses neue Medium geschrieben wurden, die Rede Von den Möglichkeiten des Theaters, die am 9. Oktober 1930 in der Berliner Funk-Stunde gesendet wurde,28 und seine Rede Über Deutschland, die sowohl in der Berliner Funk-Stunde als auch in der Mitteldeutschen Sendegruppe am 25. Juni 1931 zu hören war.29 Hauptmanns Roman Atlantis (1912) war bereits 1913 verfilmt worden, von 1919 bis 1922 folgten sechs weitere Werke, wobei ihm Rose Bernd (1919) und Die Ratten (1921) mit 40.000 bzw. 100.000 Mark (trotz der beginnenden Inflationszeit) ein phänomenales Honorar einbrachten.30 Der Verlag wickelte diese Nebenrechte für seine Autoren ab, ohne selbst eine Provision für sich einzubehalten. So vermittelte S. Fischer beispielsweise die Verfilmung von Hauptmanns Die Weber 1926 an den Regisseur Friedrich Zelnik.31 Bei der Verfilmung von Der Biberpelz (1928) gelang der Schauspielerin Lucie Höflich der Brückenschlag zwischen Theater-, Film- und Hörspielfassung, da sie bereits 1925 an der Theaterinszenierung von Edgar Licho und dann an der Verfilmung 1928 beteiligt war und schließlich 1930 beim »Sendespiel« mitwirkte.32 Nach dem Roman Atlantis wurde auch der Roman Phantom bereits im Erscheinungsjahr 1922 verfilmt. Hauptmann schrieb nicht nur ein Geleitwort für das Programmheft, sondern trat auch selbst im Vorspann des Films auf. Damit nutzte der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau im Jahr von Hauptmanns 60. Geburtstag die Popularität des Autors für die Literaturverfilmung.

26 Schaudig: Des Meisters Werk und Stimme, S. 50, Tabelle 2. 27 Schaudig: Des Meisters Werk und Stimme, S. 53. 28 Hauptmann: Von den Möglichkeiten des Theaters. In: ders.: Sämtliche Werke, Bd. VI, S. 812 – 815. 29 Hauptmann: Sursumcorda! In: Ders.: Sämtliche Werke, Bd. VI, S. 820 – 826. 30 Schaudig: Des Meisters Werk und Stimme, S. 17. 31 Mendelssohn: S. Fischer Verlag, S. 1044 f. 32 Leppmann: Hauptmann, S. 347.

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Bemerkungen zur Bücherkrise Bei Samuel Fischers Bemerkungen zur Bücherkrise 1926 in seinem Almanach Das 40. Jahr spielen die wirtschaftlichen Belastungen der Jahre 1919 bis 1924 und der schwierige Umgang mit einigen seiner Stammautoren eine erhebliche Rolle. In seinen Ausführungen schwingt neben guter Marktkenntnis auch ein Stück Kulturpessimismus des alternden Verlegers mit, da er die tiefer sitzenden Symptome hinter der allgemeinen Wirtschaftskrise hervorhebt: Eine umso größere Bedeutung kommt der Bücherkrise als Barometer für unseren kulturellen Lebensstand zu. Da ist es nun sehr bezeichnend, dass das Buch augenblicklich zu den entbehrlichsten Gegenständen des täglichen Lebens gehört. Man treibt Sport, man tanzt, man verbringt die Abendstunden am Radioapparat, im Kino, man ist neben der Berufsarbeit vollkommen in Anspruch genommen und findet keine Zeit, ein Buch zu lesen. […] Der verlorene Krieg und die amerikanische Welle haben unsere Lebensauffassung umgeformt, unseren Geschmack verändert. Unsere bürgerliche Welt, die sehr schnell geneigt ist, sich jeder zur Mode gewordenen Lebensform anzupassen, kann sich nicht genug tun in der Abkehr von alter bürgerlicher Tradition. Und so sind wir Zeuge einer Verflachung und Veräußerlichung des geistigen und seelischen Lebens, das im Begriff ist, zu einer bedenklichen Bedürfnislosigkeit herabzusinken. Bleibt dieser Zustand eine Weile bestehen, so führt er zu einer Verrohung des Geschmackes, zu einem Versiegen der geistigen und moralischen Kräfte unseres Landes.33 Aufgrund dieser eher pessimistischen Diagnose äußert er sich über den wahren Charakter der Literatur: »Das neue Buch – es ist hier nur vom künstlerischen Werk die Rede – ist ein Ereignis. Der Öffentlichkeit müsste das ganze Gewicht eines solchen Ereignisses zum Bewusstsein gebracht werden.« Darüber hinaus fordert er, dass die Feuilletons in viel stärkerem Maße als in der Gegenwart die Rolle und Bedeutung der Literatur hervorheben müssten. Er wendet sich gegen die vordergründige Aktualität, die von Literatur neuerdings gefordert würde: Für den Dichter gibt es keine »Aktualität«. Jeder Stoff, den er lebendig machen kann, trägt seine Aktualität, sein Zeitgefühl, seine Gegenwärtigkeit in sich. […] Ein Roman ist nicht deshalb aktuell, weil darin Auto und Flugapparat eine Rolle spielen, entscheidend dafür bleibt, ob das Zeitgefühl in alle Poren des Werkes eingedrungen ist. Probleme können veralten, durch die Entwicklung überholt, also unmodern werden, menschliche Schicksale bleiben die gleichen, und so kann eine Novelle von Kleist im Kostüm oder in sozialer Anschauung an eine bestimmte Zeit historisch gebunden sein, nicht aber in Hinsicht auf das menschliche Erlebnis, das durch die Lebendigkeit der Darstellung unsere Teilnahme unvermindert hervorruft.

33 S. Fischer: Bemerkungen zur Bücherkrise. In: Das 40. Jahr, S. 83.

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Seine Bemerkungen schließen mit einem verhaltenen Optimismus: Neben der Generation, deren Werke im In- und Auslande zu starker Wirkung gekommen sind, reift eine Schar junger und jüngster Talente heran. Die Aussicht besteht, dass die Kontinuität des Schaffens trotz der Lücke, die der Krieg gerissen hat, nicht unterbrochen wird. […] Der deutsche Leser, der hingebungsvollste Leser, braucht das Buch, das gute Buch, das ihm das Wort des Dichters vermittelt, ihn mit des Dichters Phantasie und Gefühlswelt durchdringt, an seiner Seele rührt.34 Bei dieser Gemütslage des Altverlegers Samuel Fischer war es sicherlich wichtig, dass im Jahr 1926 nicht nur ein verzagter Blick zurück geworfen wurde, sondern dass – nach Einschätzung seines Lektors Oskar Loerke – »im Hause ein erfreulich frischer Luftzug«35 zu spüren war: Im Herbst 1925 war der Chirurg Gottfried Bermann (1897 – 1995), der im Februar 1926 die Tochter Brigitte Fischer heiratete, in die Verlagsleitung eingetreten. Bis er 1928 offiziell zum Geschäftsführer bestellt wurde, hatte er bereits durch diverse innovative Entscheidungen für den »frischen Wind« gesorgt, von dem Loerke sprach. Er eröffnete dem Verlag zahlreiche Kontakte zu neuen Autoren, unter ihnen Klaus und Erika Mann, Siegfried Kracauer, René Schickele und Manfred Hausmann. Daneben verstärkte er den Sachbuchbereich und richtete ein Fremdsprachenlektorat ein. Bereits 1926 erschienen die ersten vier Bände des englischsprachigen Erzählers Joseph Conrad, der in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt war. Noch im selben Jahr begann S. Fischer in bewährter Tradition eine Gesamtausgabe seiner Werke zu veröffentlichen, nachdem zuvor einzelne Bände bei Albert Langen in München oder bei Rütten & Loening in Frankfurt erschienen waren. Bermann Fischer erwarb die Rechte von diesen Verlagen und bemühte sich um weitere neue Übersetzungsrechte. Daneben wurden bereits bestehende Beziehungen zu ausländischen Autoren weiter gepflegt: von George Bernard Shaw, der schon seit 1903 Autor bei Fischer war, erschien 1924 die Heilige Johanna, die sein größter Erfolg wurde; seit 1923 publizierte S. Fischer außerdem die Werke des Dramatikers Eugene O’Neill Kaiser Jones (1923), Der haarige Affe (1924) und Unterm karibischen Mond (1924).36 Aber auch moderne französische Literatur erschien auf Anregung von Gottfried Bermann Fischer, u. a. die Erzählung Die Kumpane von Jules Romain und 1932 sein Roman Jemand stirbt. Jean Giono machte den deutschen Leser mit dem modernen französischen Roman vertraut, auf Ernte folgten der Kriegsroman Die große Herde sowie Der Berg der Stummen, Einsamkeit des Mitleids und sein autobiografischer Roman Der Träumer. Antoine de Saint-Exupéry wurde vor allen Dingen mit seinem Roman Nachtflug (1932) populär. Direkt auf Bermanns Vermittlung ging die Herausgabe einer schon seit Jahren geplanten S. Fischer Schulausgabe moderner Autoren zurück, die gleich in seinem ersten Jahr im Verlag realisiert wurde und die eine neue Zusatzverwertung bereits erfolgreicher Autoren mit sich brachte.

34 In: [S. Fischer Almanach] Das 40. Jahr, S. 85. 35 So Oskar Loerke in seinem Tagebuch zum 4. Juni 1926 nach einem literarischen Abend mit Gottfried Bermann Fischer und Alfred Döblin. Zitiert nach S. Fischer, Verlag, S. 361. 36 Stach: 100 Jahre S. Fischer Verlag, S. 99.

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Zwei weitere Entscheidungen kennzeichnen paradigmatisch den »neuen Wind«: die Sonderausgabe der Buddenbrooks für 2,85 Mark und die Annahme von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Seit 1902 waren Thomas Manns Buddenbrooks in zahlreichen Ausgaben bei S. Fischer erhältlich, durchschnittlich 6.000 Exemplare wurden im Jahr verkauft. Der Verlag Th. Knaur, bekannt geAbb. 1: Auslieferungsanzeige für die Sonderausgabe der »Buddenbrooks«. In: Börsenblatt 96 worden für seine Romane der Welt zum Preis von 2,85 Mark wollte sei(1929) 300 vom 30. Dezember. nen Herausgeber Thomas Mann dafür gewinnen, seine schon klassisch gewordene Familiengeschichte ebenfalls zu diesem Sonderpreis herauszugeben. Droemer bot Thomas Mann ein Honorar von 100.000 Mark für eine Million verkaufte Exemplare an. Thomas Mann wollte das Angebot – unter anderem aus finanziellen Gründen – nicht ablehnen und bat S. Fischer um Zustimmung zu diesem Projekt. Während Samuel Fischer von den Massenauflagen generell nichts hielt, hatte Bermann Fischer Kalkulationen in Auftrag gegeben, um die Frage beantworten zu können, ob man eine solche Sonderausgabe für 2,85 Mark selbst realisieren könnte. Diese Debatten führten wohl zu den schärfsten Auseinandersetzungen, die S. Fischer und sein Schwiegersohn je in einer verlegerischen Angelegenheit führten.37 Samuel Fischer fürchtete, dass ein solcher Dumpingpreis den »Handel in seinen Grundlagen erschüttern müsse«.38 Nur äußerst widerwillig gab er seinem Schwiegersohn die Zustimmung zu einer Sonderausgabe von 150.000 Exemplaren, die am 7. November 1929 erschien und durch die Vorbestellungen bereits am Erscheinungstag ausverkauft war. Als am 12. November die Nachricht eintraf, dass Thomas Mann den Literaturnobelpreis erhalten werde, erhöhte sich die Nachfrage sprunghaft, sodass bis zum Jahresende 900.000 Exemplare vertrieben werden konnten. 1932 wurde die letzte Auflage dieser Ausgabe mit insgesamt 1.165.000 Exemplaren verkauft. Thomas Mann unterstützte die Entscheidung des Verlages, […] weil solche Massenauflagen nur in Ausnahmefällen erreicht werden können und dieser Sonderfall deshalb die normale Preisbindung anderer Verlagswerke nicht zu erschüttern vermag […], und weil erfahrungsgemäß mit dem Preis von 2,85 Mark die zahlenmäßig größte Käuferschicht erfasst wird. Und weil dieses in Massen verkäufliche Werk dem Sortiment nicht nur auf Jahre hinaus Verdienstmöglichkeiten bieten, sondern auch durch seine Werbekraft neue Käuferschichten erschließen soll.39

37 S. Fischer, Verlag, S. 368. 38 Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag, S. 1183. 39 Börsenblatt 96 (1929) 235, doppelseitige Anzeige: »Ein Sonderfall im Deutschen Buchhandel«.

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Gottfried Bermann Fischer äußerte sich in den nachfolgenden Jahren mehrfach ausgesprochen positiv über die »billigen Sonderausgaben moderner Autoren«. Bei einem Vortrag vor dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller am 8. Oktober 1930 führte er aus: Ich halte es für überflüssig, vor Ihnen den ethischen und kulturellen Wert der billigen Ausgaben zu erörtern. Es ist eine allzu beliebte Methode, Notwendigkeiten, die die Wirtschaft und die soziale Lage erfordern, nach außen hin mit dem Kulturgewand zu behängen und unter dem Signum ›kulturelle Fragen‹ zu beantworten oder zu bekämpfen. Wir halten das moderne billige Buch in der Form, in der wir es herausbringen, für eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit, die gefordert wird einerseits durch die stark herabgeminderte Kaufkraft weiter Volkskreise, andererseits durch das starke und immer mehr wachsende Interesse gerade minderbemittelter Schichten am modernen Buch.40

Abb. 2: Verlagsprospekt für die Fischer-Sonderausgaben vom April 1932. Ex: Marbach: S. Fischer, Verlagsarchiv.

Er schloss mit dem zum geflügelten Wort gewordenen Satz, der regelmäßig zur Charakterisierung der Umbruchsituation des Verlagswesens in den 1920er Jahre Verwendung findet: »Neben dem speziell Verlegerischen liegt in dem Organisatorischen und Vertriebsmäßigen eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Verlegers.« An die Erfolge des Th. Knaur Verlages mit den Büchern zu 2,85 Mark anknüpfend, bot S. Fischer anschließend die Werke von Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Johannes V. Jensen, Bernhard Kellermann, Arthur Schnitzler und Jakob Wassermann zum ebenso günstigen Preis an. Mit Unterstützung des Lektors Oskar Loerke konnte Gottfried Bermann Fischer sich gegenüber seinem Schwiegervater durchsetzen und Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz publizieren. Bermann Fischer gewann auf diese Art einen der wichtigsten Großstadtromane für den Verlag. Diese Symphonie der Großstadt mit sehr harten erzählerischen Schnitten, die der Filmtechnik entlehnt waren und die einen Eindruck von dem rasanten Leben Berlins in den 20er Jahren vermittelten, hatte eine eigene neue literarische Qualität, die u. a. an John Dos Passos’ Manhattan Transfer im eigenen Verlag anschloss. In kongenialer Weise erhielt der 1929 erschienene Roman einen Schutzumschlag mit einer Collage von Georg Salter, die die erzählerische Collagetechnik bereits außen sichtbar machte (vgl. Abb. 3). Innerhalb von nur zwei Monaten wurden 20.000 Exemplare verkauft – und dies parallel zu der Massenauflage der Buddenbrooks. Bis Dezember 1932 konnten 50.000 Exemplare vertrieben werden. Ebenfalls im Bereich der Großauflagen reüssierten die 40 DLA Marbach: S. Fischer Verlagsarchiv. Zitiert nach S. Fischer, Verlag, S. 371 f.

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S. Fischers Schulausgaben von Dichtern unserer Zeit, in denen zwischen 1926 und 1933 Hermann Hesse, Thomas Mann, Manfred Hausmann, Jakob Wassermann und Gerhart Hauptmann publiziert wurden. Im Rekordjahr 1929/30 mit Thomas Manns Buddenbrooks-Sonderausgabe und Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz wurden 3,86 Millionen Mark umgesetzt, 1933/34 waren es dann nur noch 833.000 Mark.41 Vertreter der nationalsozialistischen Literaturpolitik verargten es Samuel Fischer, dass er der führende Verlag zeitgenössischer deutscher Dichtung war. Auf der ersten amtlichen schwarzen Liste standen u. a. Alfred Döblin und Alfred Kerr, Klaus Mann, Arthur Schnitzler und Jakob Wassermann. Der Verlag blieb aber auch nach dem 30. Januar 1933 in Berlin und konnte 1933/34 u. a. die ersten beiden Bände von Thomas Manns Joseph-Roman publizieren. Samuel Fischer verstarb am 15. Oktober 1934 Abb. 3: Georg Salter: Schutzumschlag als Bild- kurz vor seinem 75. Geburtstag. Thound Textcollage für Alfred Döblins Roman mas Mann veröffentlichte am 28. Ok»Berlin Alexanderplatz«, Oktober 1929. tober in den Basler Nachrichten einen Nachruf In Memoriam S. Fischer mit dem Wunsch: »Mögen die Erben Deines Werkes es mit Klugheit und ohne schimpfliche Nachgiebigkeit hinüber retten in Zeiten, die von großen humanen Ideen wieder etwas verstehen werden.«42

Eugen Diederichs Verlag Eugen Diederichs wurde auch von den Zeitgenossen als »Kulturverleger« gefeiert, der versuche, alle Erscheinungsformen des Lebens zu thematisieren. Er wollte mit seinem Verlag nach eigenem Bekunden einen »Versammlungsort moderner Geister« schaffen.43 Solche schillernden Bezeichnungen verdecken jedoch nur das Fehlen eines klaren Verlagsprofils, das sich häufig in Einzelthemen verlor. Irmgard Heidler, die überaus akribisch alle zur Verfügung stehenden persönlichen, wirtschaftlichen, buchkünstlerischen

41 Deutscher Reichsanzeiger vom 5. Januar 1934: Bilanz der S. Fischer Verlag Aktiengesellschaft. 42 Zitiert nach Mendelssohn: S. Fischer, S. 1312. 43 Hübinger: Versammlungsort moderner Geister, S. 509.

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und literarischen Quellen des Verlages ausgewertet hat,44 resümiert daher die Verlagsgeschichte Diederichs für den Zeitraum der Weimarer Republik: Die Anpassung an die Zeitläufe gelang dem Kulturverlag nur teilweise. Schien es Anfang der 20er Jahre, als wäre die Synthese einschließlich des literarischen Verlags möglich, war zu Ende des Jahrzehnts die programmatische Zersplitterung unübersehbar und führte zu Versuchen von Neuansätzen in Literatur oder Soziologie. Der Begriff der Kultur wurde allmählich durch den des Volkstums, später der Volksgemeinschaft, überlagert, was der Verlagstendenz einen neuen Zug von Irrationalismus eintrug.45 In den Verlagskatalogen der 1920er Jahre werden die Bücher nach folgenden Sachkategorien angeboten, die die Bandbreite der Interessen aufzeigen: í Schriften der Antike (Aristoteles, Platon, Plotin) í die deutsche Mystik (Meister Eckehart) í die italienische Renaissance (Machiavelli) í die deutsche Klassik (Goethe) und Romantik (u. a. Friedrich Hölderlin, Friedrich von Schlegel, Friedrich Schleiermacher, Bettina von Arnim) í Bücher zu Friedrich Nietzsche í Einzeltitel kulturtheoretischer oder lebensphilosophischer Ausrichtung.

»Werke der Weltliteratur als Bezugspunkte für die deutsche Kultur« Strukturbildend für den Verlag wirkten die zahlreichen Reihen, so z. B. Das Zeitalter der Renaissance oder die von dem Germanisten Richard Benz herausgegebene Reihe Die deutschen Volksbücher oder Die Märchen der Weltliteratur oder Die religiösen Stimmen der Völker (1912 – 1925), Atlantis. Volksmärchen und Volksdichtungen Afrikas (1921 – 1927), Zeitwende. Schriften zum Aufbau neuer Erziehung (1921 – 1929) und vor allen Dingen die Deutsche Volkheit (1925 – 1935) in 79 Bänden. Diederichs’ volkspädagogische Absicht mit der Reihe Deutsche Volkheit wurde schon im Verlagsprospekt deutlich, der plakativ die Überschrift trägt: »Was der Verleger dem Publikum zu sagen hat!« Er hoffte, damit die sogenannte Bücherkrise im wirtschaftlichen und im inhaltlichen Sinne überwinden und eine große Anzahl von kulturhistorisch interessierten Lesern zurückgewinnen zu können. Er plante zehn Bände im Jahr, die in hohen Auflagen von 10.000 Exemplaren und zum günstigen Preis von 2 Mark angeboten werden sollten. Damit bewegte er sich zwar im unteren Preissegment, wurde aber von der Insel-Bücherei mit 90 Pf. pro Band noch deutlich unterboten. Auch waren die Themen, die in der Reihe angesprochen wurden, wie meist in seinem Verlag, viel zu bunt. Neben zahlreichen vorbildlichen Lebensgeschichten (Das Leben von Albrecht Dürer; Turnvater Jahn; Das Leben der heiligen Elisabeth; Königin Luise) standen Sagen und Legenden (Rübezahl; Marienlegenden), historische Milieustudien (Altgermanisches Frauenleben) oder historische Topographien (Sanssouci und 44 Heidler: Der Verleger Eugen Diederichs und seine Welt. 45 Heidler: Der Verleger Eugen Diederichs und seine Welt, S. 877.

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Friedrich der Große). Die Absatzzahlen betrugen 1925 lediglich 2.200 bis 3.600 Exemplare, 1926 nur noch 1.500 bis 2.600 Exemplare, 1928 schließlich 1.500 Exemplare, sodass eine Deckungsauflage nur in den seltensten Fällen erreicht werden konnte. Trotz seiner Produktwerbung im großen Stil, ganzseitigen Börsenblattanzeigen, sehr guten, auch typografisch ansprechend gestalteten Prospekten und guter Ausstattung der Bücher war der zahlenmäßige Erfolg der 1910er Jahre in den 1920ern nicht mehr zu erreichen. Seine historischen Bücher stießen auf wenig Interesse im Publikum und Neuausgaben ließen sich kaum noch realisieren.46 Zu den erfolgreichsten Titeln gehörten seine frühen Autoren, Carl Spitteler, Hermann Löns, Alfons Paquet und Karl Lieblich. Umsatzbringer waren daneben die Tierbücher des dänischen Autors Svend Fleuron (1874 – 1966), der sich als vermögender Gutsbesitzer vor allem der Naturbeobachtung und der Tierschriftstellerei widmete, in die er allgemeine Betrachtungen zur Welt und zum Leben einflocht. Sein erster Titel Ein Winter im Jägerhofe (deutsch 1912) wurde bis in die 1920er Jahre immer wieder neu aufgelegt, 1919 erschien Strix. Geschichte eines Uhus, 1922 Die rote Koppel und Schnipp Fidelius Adelzahn. Ein Dackelroman (Erstauflage 10.000 Exemplare), 1925 Die Schwäne vom Wildsee (Erstauflage 10.500 Exemplare), Die Färse vom Odinhof (6.600 Exemplare) und Flax Ädilius – das bunte Leben eines Schäferhundes 1929 (11.000 Exemplare). Fleuron wurde in Rezensionen häufig wegen seiner Naturschilderungen als »dänischer Löns«47 bezeichnet. Die verlegerische Arbeit von Eugen Diederichs in den 1920er Jahren war durch drei sehr unterschiedliche Faktoren bestimmt: Einmal seine zahlreichen psychischen und physischen Gesundheitsprobleme, dann die speziellen wirtschaftlichen Probleme der Inflationszeit und der Weltwirtschaftskrise und schließlich drittens durch seine alternativen Reformbewegungen der »Lauensteiner Buchhandelstagungen« und den Bemühungen um den »Jungbuchhandel«, die ihn erhebliche Kraft kosteten. Wie auch andere Verleger ging er 1919 mit einigem Pessimismus über die künftige politische und gesellschaftliche Entwicklung an den Wiederaufbau: am Ende des Jahres 1920 litt er nach einem schwierigen Geschäftsjahr an einer chronischen Erschöpfung. Dem folgten in den nächsten Jahren depressive Phasen im Sommer, zahlreiche Kuraufenthalte, aber auch schwere Erkrankungen und Operationen zwischen Lungenembolie und Verdacht auf Zungenkrebs, chronischem Rheuma und ständigen Erkältungen und Erschöpfungszuständen. Gerade seine letzten Lebensjahre 1929 und 1930 wurden von seinen gesundheitlichen Problemen dominiert.48 Dass er mit diesen Belastungen den eigenen Verlag noch führen, am gesellschaftlichen Leben mit Vorträgen, Tagungen, engagierten Artikeln etc. noch teilnehmen und zumindest im theoretischen Felde zu einem führenden Buchhandelsreformer werden konnte, brachte ihm in der Branche einige Anerkennung. Er war getrieben von seiner grundsätzlichen missionarischen Einstellung von der Aufgabe des Verlegers: »Das Buch ist nicht des Verlegers und nicht des Sortimenters wegen da, sondern damit der Geist des Verfassers auf möglichst gute und billige Weise seinen Weg zum Volke finde.

46 Heidler: Eugen Diederichs, S. 192 – 194. 47 Börsenblatt 86 (1919) 242, S. 11378. 48 Vgl. Heidler: Eugen Diederichs, S. 109 – 117.

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Alle zukünftigen Organisationsfragen lassen sich nur unter dem Gesichtspunkt lösen: Wie weit wird der Buchhandel seiner Aufgabe als Volkserzieher gerecht?«49 Mit seiner zugespitzten Formulierung »der Buchhandel schläft« lud er seit 1922 zu Gesprächsgruppen im kleinen Kreis in die Idylle nach Lauenstein ein und beschäftigte sich dort mit Reorganisationsfragen des Börsenvereins nach dem Modell eines Industriekonzerns, er regte einheitliche Reklame für das Buch an, was mit zur Gründung des Werbeausschusses des Börsenvereins führte, er kritisierte als Verleger die Majorisierung des Börsenvereins durch das Sortiment. Auf dem Höhepunkt der Inflation diskutierte Diederichs die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Verleger mit praktischen Ratschlägen zur Bewältigung auch von Währungskrisen, er empfahl Diskussionsrunden über Führungskonzepte innerhalb einer Firma, und immer wieder über Grundthemen der Berufsethik des Buchhandels, 1925 z. B. mit einer 4. Lauensteiner Tagung zum Thema: »Die Bildungs- und Kulturmöglichkeiten des deutschen Volkes von der Gegenwart aus gesehen«.50 Derartige populäre und weit über die Branche hinaus reichende Aktivitäten brachten ihm verschiedene Anerkennungen ein, u. a. die Verleihung eines Ehrendoktortitels der Universität Köln: »[…] weil er unermüdlich und freudig für das deutsche Buch gearbeitet hat, in der festen Überzeugung, daß unser deutsches Buch der beste Bürge deutscher Bildung und Gesittung sein und bleiben müsse.«51 Mit Blick auf die eigenen Finanzen polemisierte er gegen die »trustmäßig« hochgehaltenen Preise der Papierfabrikanten, nachdem die Papierpreise innerhalb von sechs Wochen 1920 um das Vierfache gestiegen waren.52 Ihm machte natürlich, wie allen Verlagen, die Geldentwertung zu schaffen, da sich das investierte Kapital erst nach einigen Jahren wieder hereinholen ließ. Ebenso wie S. Fischer beanstandete Diederichs öffentlich, dass sich der Nachdruck von Büchern bei der galoppierender Entwertung kaum noch rechne, da die Herstellung etwa das 2.000-fache des Vorkriegspreises betrage, die Preise für Bücher aber nur das 600-fache.53 Mitte der 1920er Jahre wandte er sich nachdrücklich gegen eine Verschleuderung von Büchern und plädierte für einen Durchschnittspreis von 8 Mark. »Volksausgaben« für 5 oder 6 Mark seien erst ab einer Auflagenhöhe von 10.000 Exemplaren möglich (wie z. B. bei Hermann Löns’ Wehrwolf, 292. bis 341. Tsd. 1925). 1925 kam es noch einmal zu einer Blütezeit der Produktion: es wurden 65 neue Bücher gedruckt und 75 Auflagen nachgedruckt, aber schon ab 1926 gingen die Auflagen der bisher umsatzstärksten Autoren, Wilhelm Bölsche, Charles de Coster, Svend Fleuron oder Ricarda Huch, deutlich zurück. Eine neue Gesamtausgabe wurde in den 1920er Jahren verwirklicht, die der Werke des belgischen Schriftstellers und Philosophen Maurice Maeterlinck (1862 – 1949), der bereits seit 1900 im Verlag vertreten war und der 1911 den Literaturnobelpreis erhalten hatte. Durch seine politischen Stellungnahmen als Belgier gegen Deutschland im Welt49 Diederichs, Eugen: Zur inneren Krise aller Buchhändlerorganisationen. In: Zopfabschneider Heft 5, Februar 1924, S. 24 – 26. 50 Vgl. Heidler: Eugen Diederichs, Lauensteiner Buchhandelstagungen und Jungbuchhandel, S. 117 – 129. 51 Verleihungsurkunde vom 15. April 1924, vgl. DLA Marbach: A: Diederichs/Ehrendoktor. 52 Diederichs, Eugen: Sintflut. In: Tat XII, Dezember 1920, S. 716. 53 Eugen Diederichs: Buchhandel, Buchpreis und Buchkäufer. In: Zeitstimmen. Literarische Beilage der »Zeit« vom 23. März 1923, Nr. 203; zitiert nach Heidler: Eugen Diederichs, S. 188 – 190.

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krieg verlor Maeterlinck zwar zunächst im deutschsprachigen Bereich seine Unterstützung, zwischen 1924 und 1929 gab Diederichs aber eine neu gestaltete Gesamtausgabe in neun Bänden heraus. Seine Nachkriegsdramen wurden allerdings nicht aufgenommen; offiziell wegen »organisatorischer Nachlässigkeit«54 wechselte Maeterlinck dann 1927 zur Deutschen Verlags-Anstalt. Gute Auflagenzahlen bescherte Diederichs in den 1920er Jahren der Heimatschriftsteller Hermann Löns (1866 – 1914). Eine besondere Rezeption erreichte seine »Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg« Der Wehrwolf von 1910. Diese Erzählung von wehrlosen Bauern aus dem Dreißigjährigen Krieg, die sich gegen marodierende Banden zu einem Bund zusammenschließen, wurde seit 1910 gut verkauft, avancierte in den 1920er Jahren (und dann in den 1930er Jahren) zu einem Bestseller, der 1918 über 50.000, 1919 knapp 90.000, 1920 etwa 70.000 und 1924 über 100.000 verkaufte Exemplare brachte, sodass Diederichs 1926/27 eine zusätzliche Volksausgabe für drei Mark auflegte. Nach dem Tod von Eugen Diederichs am 10. September 1930 bestand kurzzeitig die Gefahr, dass dieser rechte Kulturverlag in das neu zu gründende Konglomerat völkisch-nationaler Verlage und Buchgemeinschaften im Rahmen der Hanseatischen Verlagsanstalt (HAVA) aufgenommen werden könnte.55 Bereits am 18. November 1930 schrieb Erwin Guido Kolbenheyer der grauen Eminenz der HAVA, Wilhelm Stapel. Er spielte auf die Übernahme des Verlages Georg Müller 1928 und die bevorstehende Übernahme des Verlages von Albert Langen an und gab der HAVA den eindeutigen Hinweis: »[…] daß der Verlag Diederichs demnächst fällig werde.« Allerdings gab er zu bedenken, dass man damit ein Sammelsurium unterschiedlicher Titel einkaufe, »da neben guten Ziffern eine große Anzahl von ungangbaren Büchern« im Verlagsprogramm zu finden seien.56 Eugen Diederichs hatte die Nachfolgeregelung aber bereits seit Mitte der 1920er Jahre geplant und seine Söhne Nils (*1901) und Peter (*1904) zu Buchhändlern ausbilden lassen und ein geistesgeschichtliches Studium ermöglicht. Beide traten im Herbst 1930 als gleichberechtigte Geschäftsführer auf.57 Die Kontinuität wurde gewahrt durch den Prokuristen Max Linke, der bereits seit 1913 mitarbeitete und 1920 Prokura erhalten hatte. Dr. Cornelius Bergmann führte seit 1927 das Lektorat und die Verlagswerbung (bis 1945).58 Für Kontinuität sorgten außerdem der Vertriebsleiter Otto Noack und auch die Witwe Lulu von Strauß und Torney, die selbst als Autorin und als Bindeglied zu weiteren Autoren fungierte. Im Januar 1931 wurde der Verlag in eine FamilienKommanditgesellschaft umgewandelt, mit Nils und Peter Diederichs als persönlich haftende Gesellschafter und Geschäftsführer. Die großen Linien des Verlagsprogramms wurden zwar beibehalten, die betriebswirtschaftlichen Rahmendaten jedoch kritisch analysiert und konsolidiert, sodass der Verlag nach der ausufernden Produktion im letzten Drittel der 1920er Jahre wieder zu solideren Mittel- und Auflagenzahlen kam und die für viele Verlage schwierige Situati-

54 Heidler: Eugen Diederichs, S. 478. 55 Lokatis: Hanseatische Verlagsanstalt, S. 14 – 16. 56 Der Brief von Kolbenheyer an Stapel vom 18. November 1930 im Deutschen Literaturarchiv Marbach: Nl Wilhelm Stapel; hier zitiert nach Triebel: Eugen Diederichs, S. 35 f. 57 Vgl. die differenzierte Arbeit von Triebel: Eugen Diederichs, S. 37 – 41. 58 Heidler: Verleger, S. 635 f.

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on kaufmännisch meisterte.59 Waren zwischen 1927 und 1929 50 – 80 Titel pro Jahr mit bis zu 400.000 Exemplaren erschienen, so kamen 1931 und 1932 24 bzw. 28 neue Titel und 14 bzw. 25 Nachauflagen bei einer Gesamtauflage von gut 200.000 Exemplaren auf den Markt. Die Söhne wollten das Erbe des Vaters fortsetzen und »dem Aufbau einer deutschen Kultur dienen, einer Kultur, die im eigenen Volke wurzelt und sich doch stark genug fühlt, auch die anderen Völker zu verstehen«.60 Daneben betonten sie, dass sie mit aktuelleren, auch politischeren Themen auf dem Markt bestehen wollten: »Das Traditionelle organisch verjüngend, wird der Verlag in den nächsten Jahren mit neuen, der Zeit unmittelbar zugewandten Unternehmungen hervorgehen.« Auffallend war, dass keine religiösen Themen mehr in das Verlagsprogramm aufgenommen wurden, dafür aber aktuelle Themen der Zeit in den politischen und den literarischen Publikationen. Dazu wurde zunächst die Monatsschrift Die TAT von einer kulturwissenschaftlichen zu einer politischen Zeitschrift unter der Leitung von Hans Zehrer (der von der Vossischen Zeitung des Ullstein-Konzerns abgeworben wurde) umgewandelt. Durch die Veränderung des inhaltlichen Schwerpunktes konnte die Zahl der frei verkauften Exemplare von 1.000 auf 10.000 Exemplare innerhalb von zwei Jahren gesteigert werden. Die in der Zeitschrift angesprochenen Themen wurden durch die Buchserie TAT-Schriften ergänzt, die in der Zeitschrift beworben und thematisch angerissen wurden, wie etwa Das Ende des Kapitalismus (1931) von Ferdinand Fried oder Martin Holzers Kapitalismus und Technik (1932) oder Carl Rothes Die Front der Gewerkschaften (1932). Aktuelle zeithistorische Themen, die gleichzeitig Strukturen und Zustände in der Weimarer Republik kritisierten, nahm z. B. der Roman Der Fall Bunthund. Ein Arbeitslosenroman (1930) von Bruno Nelissen-Haken auf, ein Schlüsselroman zur Situation der Arbeitslosen am Ende der Weimarer Republik und ihrer mangelnden, fehlerhaften Betreuung durch die Arbeitsämter. Vom selben Autor erschien ein aufrüttelnder Roman Angeklagter Schleppegrell (1932), der Kritik an den Arbeitsgerichten und generell an der Justiz in der Weimarer Republik übte. Daneben wurden die bisherigen Themen fortgesetzt, Hermann Löns blieb Umsatzbringer, Hans Friedrich Blunck stellte den Gedichtband Erwartungen und eine Sammlung Neuer Balladen (1931) vor, daneben gab es die Gedichte von Agnes Miegel Herbstgesang (1932) und einen neuen Erfolgsautor, Edwin Erich Dwinger, der seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und vor allen Dingen in der russischen Gefangenschaft in einer Trilogie Die deutsche Passion vorstellte: Armee hinter Stacheldraht, Zwischen Weiß und Rot und schließlich Wir rufen Deutschland (1930 – 1932). Die Romane waren eine Anklage gegen die russische Kriegsgefangenschaft und das »Bolschewikentum«, vor allen Dingen aber auch ein Aufruf, näher zusammenzurücken und das deutsche Volk neu auszurichten. Der Verlag wurde in den Jahren 1930 bis 1933 wirtschaftlich konsolidiert, das schwammige kulturverlegerische Profil geschärft, aber auch die politische Aussage deutlich konturiert. Nils Diederichs hatte bereits im November 1930 einen Eindruck von Hans 59 Es ist der Arbeit von Triebel zu verdanken, dass diese betriebswirtschaftlichen Rahmendaten präziser als in anderen Fällen in der Verlagsgeschichtsschreibung von Eugen Diederichs berücksichtigt werden. 60 Diederichs, Nils und Peter: Eugen Diederichs †. In: Der Diederichs-Löwe. 4. Jg. Heft 3 (1930), S. 129.

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Friedrich Blunck bestätigt: »[…], daß manches von dem, was Vater plante, und vorbereitete, erst in den kommenden Jahren zu vollen Auswirkungen kommen wird, so vor allem der große Strom des deutschen Volkstums, der jetzt eigentlich nur unterirdisch fließt.«61

Insel-Verlag »Der Weltliteratur im Goethischen Sinne zu dienen, dem Gehalt des Buches die Form anzupassen, den Sinn für Buchkunst und auch für Bücherluxus immer mehr zu heben und von der zeitgenössischen Literatur wenig, aber dafür nach Möglichkeit das Dauer Versprechende zu bringen«,62 war das Credo von Anton Kippenberg (1874 – 1950), der über 45 Jahre lang gemeinsam mit seiner Frau Katharina (1876 – 1947) das Profil und die Geschicke des Insel-Verlags bestimmte. Der Verlag konnte in der Weimarer Republik auf die Erfahrungen in der Kaiserzeit bei der Bildung von Reihen (namentlich der Insel-Bücherei) und auf Hausautoren wie Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Hans Carossa oder Ricarda Huch zurückgreifen, ebenso auf die bewährten Schwerpunkte der Klassikerausgaben, die herausragenden Faksimiles und Gesamtausgaben fremdsprachiger Literatur. Auch wenn Samuel Fischer lästerte, dass die Insel einer »Toteninsel«63 gleiche, so nahm der Anteil zeitgenössischer Autoren in den 1920er Jahren, zum Teil auch als Lizenzausgaben, deutlich zu. Daneben erschienen von 1919 bis 1921 u. a. Sämtliche Romane und Novellen von Dostojewski, von 1921 bis 1927 Sämtliche Romane und Erzählungen von Tolstoi in zwölf Bänden. 1923 – 1925 wurde die BalzacAusgabe in 16 Bänden (Erstveröffentlichung 1908 – 1913) wieder aufgelegt, 1920 – 1927 die Werke Stendhals in acht Bänden 1920 – 1927, Shakespeares Meisterdramen in sechs Bänden 1927. Zu den Meisterwerken der Buchkunst gehörten die Faksimile-Ausgaben des InselVerlages. Mit dem Faksimile der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel in den Jahren 1913 – 1914 waren Maßstäbe gesetzt worden, die zeitgenössisch von keinem anderen Verlag eingehalten werden konnten. 1922 und 1924 erschienen Faksimiles von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion und seiner Hohen Messe in h-Moll. Beide Musikautografen schützten auf einmalige Art und Weise die maroden Handschriften und bilden für die Musikgeschichte bis heute ein wichtiges Dokument. Von der Lichtdruckerei Albert Frisch, die bereits die Gutenberg-Bibel hergestellt hatte, wurden die Lieferungen der Manessischen Liederhandschrift in den Jahren 1925 – 1927 gefertigt. Parallel dazu begannen die Planungen der Faksimile-Ausgabe des Evangeliars Heinrichs des Löwen. Die wirtschaftliche Lage ließ aber diese umfangreiche Faksimilierung nicht mehr zu, diese konnte erst 1988 (!) verwirklicht werden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Plan, die 16 Kupfer der Carceri (1750) von Piranesi zu faksimilieren, was Stefan Zweig 1927 vorgeschlagen hatte. Die Realisierung erfolgte dann 1965.64 Die enge Autoren-Verleger-Beziehung von Rainer Maria Rilke zu Katharina und Anton Kippenberg ist vielfältig dokumentiert worden; ein sehr wichtiger Ausweis da61 Nils Diederichs an Hans Friedrich Blunck vom 17. November 1930, zitiert nach Triebel: Eugen Diederichs Verlag, S. 75. 62 Kippenberg am 1. Dezember 1906 im Brief an Hugo von Hofmannsthal, zitiert nach 100 Jahre Insel Verlag, S. 22. 63 Hoffmeister: S. Fischer, der Verleger; S. 375. 64 Sarkowski: Der Insel-Verlag 1899 – 1999, S. 296.

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von ist auch die Edition der Verlagskorrespondenz.65 So hielten die Kippenbergs ihrem Autor auch in einer fast zehnjährigen Schaffenskrise die Treue. Von Band 1 der InselBücherei vom Juli 1912 mit der Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke waren im ersten Jahrzehnt bereits 100.000 Exemplare verkauft worden. 1922 stellte Rilke dem Verleger dann seine Duineser Elegien zur Verfügung, die 1923 gedruckt wurden. In der Zwischenzeit hatte Kippenberg seinem Autor als Vorschuss auf künftige Schriften mit Monatswechseln unterstützt. Rilke dankte mit den Worten: »Daß Sie mirs gewährt haben, geduldet haben: zehn Jahre! Dank! Und immer geglaubt: Dank!«66 Zu Lebzeiten hatte Rilke immer eine Gesamtausgabe abgelehnt, nach seinem Tod am 29. Dezember 1926 fasste sie der Verlag sogleich ins Auge und lieferte sie schon 1927 in 5.000 Exemplaren in 6 Bänden aus – bald danach eine Nachauflage in gleicher Höhe.67 1929 wurden seine Briefe ediert und die Gesammelten Gedichte von der Cranach-Presse in Weimar unter Leitung von Harry Graf Kessler bibliophil herausgegeben. Als weiteren wichtigen zeitgenössischen Autor publizierte die Insel Erzählungen und Lyrik von Hugo von Hofmannsthal, der aber auch S. Fischer verbunden blieb. Fast ein Buch pro Jahr erschien von Stefan Zweig bei Insel,68 u. a. 1920 Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski, 1922 die Novellensammlung Amok, dann Die Augen des ewigen Bruders (IB 349) und 1927 Sternstunden der Menschheit (IB 165), 1928 Drei Dichter ihres Lebens: Casanova, Stendhal, Tolstoi. Seine Biografien über Joseph Fouché und Marie Antoinette (1929/1932), die mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren gedruckt wurden, verkauften sich extrem gut. Zum Kreis der Erfolgsautoren gehörte auch Albrecht Schaeffer (1885 – 1950), nachdem er seinen kunstvoll komponierten Roman Helianth 1920 im Insel-Verlag herausgeben konnte. Bis 1932 erschien fast jährlich ein neuer Titel, 1922 Der Reiter mit dem Mandelbaum, 1925 Der verlorene Sohn und Das Prisma, 1928 Mitternacht. 1932 wurde die Verbindung aufgelöst und Schaeffer publizierte weiter bei Rütten & Loening. Während der positive äußere Eindruck mit den Ausgaben der Klassiker und der Klassiker der Moderne, der Weltliteratur und der Faksimiles in den 1920er Jahren anhielt, war jedoch der wirtschaftliche Druck im Insel-Verlag deutlich zu spüren. Auch wuchs die Konkurrenz auf dem Klassiker-Markt zusehends. Zwar war der Tempel-Verlag in Insolvenz gegangen, der sich 1910 auf Initiative der vier Verleger Samuel Fischer, Eugen Diederichs, Julius Zeitler und Hans von Weber gegründet hatte und mit Goethe-, Kleistund Heine-Ausgaben die »Tempel-Klassiker« in hohen Auflagen auf den Markt brachten,69 doch erwarb die Deutsche Buch-Gemeinschaft 1925 die Klassiker-Ausgaben und verbreitete sie noch einmal verbilligt.70 Die Buchgemeinschaften hatten generell ein hohes Interesse an der Ausgabe von urheberrechtsfreien Titeln.71 Ein solider Umsatzbringer in all den Jahren war die Insel-Bücherei, die konkurrenzlos preiswert war und durch hohe Auflagenziffern und gediegene Ausstattung immer 65 66 67 68 69 70 71

Rilke: Briefwechsel mit Anton Kippenberg 1906 bis 1926. Frankfurt a. M. und Leipzig 1995. Rilke an Kippenberg vom 9. Februar 1922. In: Rilke-Briefwechsel, 2. Bd. S. 255 f. 100 Jahre Insel-Verlag, Begleitbuch zur Ausstellung, S. 34 f. Vgl. Buchinger: Stefan Zweig. Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, S. 254 f. Sarkowski: Insel, S. 291. Melis: Die Buchgemeinschaften in der Weimarer Republik und den Artikel in diesem Band, S. 533 – 588.

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wieder bestach. Das Publikum verlangte deutlich mehr zeitgenössische Autoren, sodass hier auch Titel von Isolde Kurz, Selma Lagerlöf, Hermann Löns, Jack London, Wilhelm Schaefer oder Arnold Ulitz erschienen, häufig als Lizenzausgaben anderer Verlage. Da nur ein geringer Anteil von 5 % für Honorare zur Verfügung stand, erwiesen sich solche Lizenzausgaben aber als schwierig. Die 1911 eingeführte Reihe Bibliothek der Romane wurde weiter fortgeführt, präsentierte sich mit stark holzhaltigem Papier jedoch nicht in der gewohnten InselQualität. Ihr Preis von 4,50 Mark ließ sich bei der Konkurrenz von 2,00- bzw. 2,85Mark-Editionen nicht weiter halten. Die Umsatzzahlen des Verlages gingen ab 1925 jährlich kontinuierlich auf etwa die Hälfte zurück:72 Jahr

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1925

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1928

1929

1930

1931

1932

Mio. Mark

2,4

1,8

1,7

1,9

1,8

1,8

1,6

1,4

1,2

Parallel dazu wurde die Produktion auf durchschnittlich 90 Titel im Jahr reduziert. Kippenberg reagierte natürlich auf diese Situation, lehnte allerdings lange »Volksausgaben« für 2,85 Mark ab, bis er schließlich 1931 doch 2,50 Mark-Bücher anbot, u. a. Stefan Zweigs Amok oder Maxim Gorkis Erzählungen oder Ricarda Huchs Der große Krieg in Deutschland, von denen Auflagen von 20.000 bis 30.000 Exemplaren gedruckt wurden. Auch versuchte Kippenberg mit Lizenzen für Buchgemeinschaften Geld zu verdienen, so verkaufte er u. a. Andersen Nexös Pelle, der Eroberer 1931 an die Büchergilde Gutenberg oder an den Deutschen Buch-Club in Hamburg Hans Carossas Verwandlungen einer Jugend oder Stefan Zweigs Drei Dichter ihres Lebens. Die wirtschaftlichen Belastungen zeigten sich auch dadurch, dass Insel zum 1. Juli 1932 den Auslieferungsvertrag mit der Firma Carl Fr. Fleischer kündigte und danach mit seinem Personal wieder selbst auslieferte. Die Zahl der Verlagsvertreter wurde auf zwei reduziert.73 1932 stand im Zeichen des Goethe-Jahres. Bereits 1930 war eine zweibändige Goethe-Biografie von Eugen Kühnemann erschienen, 1931 Goethe im Bildnis und 1932 der großartige Bildband Goethe und seine Welt, der Beispiele aus der Goethe-Sammlung von Anton Kippenberg neben Exponaten aus dem Goethe-Nationalmuseum, dem Goethe-Schiller-Archiv in Weimar und dem Frankfurter Goethe-Museum enthielt. Mit 580 Bildern war der Preis von 4,80 Mark knapp kalkuliert und konnte daher trotz einer Auflage von 30.000 Exemplaren keinen hohen Gewinn erzielen. Der Tradition des Verlages entsprechend produzierte man auch eine bibliophile Ausgabe, das Faksimile von Dreißig Handzeichnungen Goethes im Lichtdruck zu 225 Mark. Ein weiteres Vorhaben wurde aus der Taufe gehoben: die Welt-Goethe-Ausgabe der Gutenberg-Stadt Mainz und des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, herausgegeben von Anton Kippenberg, Julius Petersen und Hans Wahl. In der von Christian Heinrich Kleukens extra geschaffenen Goethe-Grotesk und hergestellt auf der Mainzer Presse erschienen zwei Bände (Urfaust/Faust I, Faust II) zum Preis von 10 Mark bei einer Auflage von 1.200 Exemplaren. Die Ausgabe wurde aber vom Publikum nicht goutiert, es gab Beschwerden über den Gesamtpreis (projektiert 500 Mark) und die ungeeignete Typografie. Erschwerend kam hinzu, dass sich das Papier beim Aufschlagen sperrte – 72 Sarkowski: Insel, S. 289. 73 Sarkowski: Insel, S. 289 – 296.

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da es offensichtlich in der falschen Laufrichtung eingelegt worden war. Diese Art rückwärtsgewandter und wenig gefälliger Buchausstattung wurde dem in den 1920er Jahren neugeschaffenen modernen Image des Verlags nicht gerecht.

Die zweite Generation von Kulturverlegern Gustav Kiepenheuer Es gilt, eine zweite Generation von Kulturverlegern (nach Samuel Fischer, Eugen Diederichs und Anton Kippenberg) zu betrachten, die sich, so wie Ernst Rowohlt oder Kurt Wolff, der expressionistischen und avantgardistischen Literatur verschrieben hatten. Auch sie kennzeichnet eine enge Bindung an ihre Autoren, das Bekenntnis zu einer literarischen Strömung, die weitgehend geringen wirtschaftlichen Interessen, die subtile Vermittlung durch literarisch geschulte Lektoren und der eigene Anspruch, selbst gestaltend an der Literatur und der Kultur teilzuhaben.74 Gustav Kiepenheuer (1880 – 1949) ging zusammen mit Ernst Rowohlt und Kurt Wolff in Bremen zur Schule und übernahm zum 1. Juni 1909 in Weimar die Sortimentsbuchhandlung von Ludwig Thelemann, mit dem erklärten Ziel, einen Verlag zu gründen, was er schon am 1. April 1910 mit dem »Gustav Kiepenheuer Verlag« umsetzen konnte.75 Am Anfang des Verlagsprogramms stand mit den Publikationen von Wilhelm Bode (1862 – 1922) die geistige Bedeutung Weimars, jenem »Goethe-Bode«, der sich in zahlreichen Briefeditionen und biografischen Publikationen als anerkannter Goethe-Forscher ausgewiesen hatte.76 Sein im repräsentativen Querformat gedruckter, 96 Seiten umfassender Bildband Damals in Weimar erschien 1910 und wurde im nächsten Jahrzehnt immer wieder aufgelegt. Neben weiterer Goethe-Literatur, Kinderbuchklassikern und Kriegsliteratur machte ab 1917 vor allem die von Paul Westheim herausgegebene kunsthistorische Zeitschrift Das Kunstblatt von sich reden,77 die inhaltlich eine neue Orientierung bedeutete. Die 1910er Jahre waren ansonsten geprägt durch eine Parallelentwicklung zum Insel-Verlag. Sowohl Buchkunst und Faksimiles als auch eine preiswerte, aber dennoch gut gedruckte Reihe wurde herausgegeben, die Liebhaberbibliothek für 1,50 Mark im Hardcover, »elegant gebunden«, von der bis 1918 56 Bände mit insgesamt etwa 600.000 Exemplaren erschienen.78 Rechtefreie Titel, etwa von Honoré de Balzac, von Charles De Coster oder Hans Christian Andersens Märchen wurden in buchkünstlerischer Gestaltung mit Originalkupferstichen herausgegeben und – wie bei Rowohlt – von Drugulin in Leipzig gedruckt. Liebhaberausgaben mit großformatigen Holzschnitten u. a. von Cervantes Don Quixote, von Goethes Reineke Fuchs oder des Simplicius Simplicissimus sowie das Faksimile der niederdeutschen Lübecker Bibel (1494), eine Art Seitenstück zum berühmten Faksimile der Gutenberg-Bibel bei Insel, 74 Schneider: Profilierung auf dem Markt, S. 349 – 362; Hübinger: Versammlungsort moderner Geister. 1996. 75 Vgl. 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage, hier Wahl: Gustav Kiepenheuers Anfänge, S. 34 – 43. 76 Vgl. vor allem Bode, Wilhelm: »Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen 1749 – 1832«, 3 Bände, heute als Taschenbuch im Aufbau-Verlag, Berlin 1999. 77 Windhöfel: Paul Westheim und das Kunstblatt. 1995. 78 Vgl. Merker: Die neue Buchkunst im Gustav Kiepenheuer Verlag Weimar, hier S. 44.

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wurden publiziert. Dieses insgesamt buchkünstlerische und konservative Programm fand seine Nachfolge in der Zeitschrift Das Kunstblatt und der neuen literarischen Reihe Die graphischen Bücher, in der u. a. Oscar Wildes Der junge König mit Lithografien von Charlotte Christine Engelhorn, einer expressionistischen jungen Künstlerin, erschien.79 1918 zog der Verlag von Weimar nach Potsdam. Gustav Kiepenheuer, unterstützt durch seine Berater und Lektoren Ludwig Rubiner (1881 – 1920), Hermann Kasack (1896 – 1966) und den Teilhaber ab 1926, Fritz H. Landshoff (1901 – 1988) sowie Hermann Kesten (1900 – 1996), der seit 1928 als Lektor tätig war, strukturierten das Programm grundsätzlich um und öffneten es für expressionistische, avantgardistische zeitgenössische Literatur. Von der Parallelentwicklung zum Insel-Verlag wurde abgerückt, gleichzeitig ließen sich nun Parallelen zu seinen ehemaligen Mitschülern Kurt Wolff und Ernst Rowohlt konstatieren, die ebenfalls die späten Expressionisten verlegten. Georg Kaiser und Ernst Toller rückten, besonders von Ludwig Rubiner gefördert, in das Programm.80 Rubiner, selbst expressionistischer Autor, begriff sich als politischer Schriftsteller, der u. a. einem radikalen Pazifismus verpflichtet war. So publizierte er eine »Bibliothek junger dramatischer Dichter« mit dem programmatischen Titel Der dramatische Wille, die er mit seinem eigenen Drama Die Gewaltlosen (1919) eröffnete und mit André Gide, Yvan Goll, Georg Kaiser und Ernst Toller fortführte. Parallel zur Anthologie Menschheitsdämmerung bei Rowohlt gab er die Anthologie Kameraden der Menschheit. Dichtungen zur Weltrevolution (1919) heraus, in der u. a. Johannes R. Becher, Carl Einstein, Yvan Goll, Walter Hasenclever und Ernst Toller vertreten waren. Neben Kaiser gehörte Toller zu den Stammautoren des nachfolgenden Jahrzehnts, dessen Wandlung (1919), Masse Mensch (1920), Der deutsche Hinkemann (1923) und Hoppla, wir leben! (1927) bei Kiepenheuer erschienen. Nach dem frühen Tod von Rubiner 1920 kümmerte sich der Lektor Hermann Kasack um die weitere Publikation expressionistischer Lyrik und Dramatik. Kasack förderte den jungen, noch unbekannten Bertolt Brecht, dessen bei Georg Müller abgelehntes Manuskript des Baal 1922 bei Kiepenheuer erschien, gefolgt von seinem Drama Trommeln in der Nacht. Die finanziellen Forderungen von Brecht waren – nicht nur im Hause Kiepenheuer – exorbitant: so bekam er (allerdings im Inflationsjahr 1922) 50.000 Mark Vorschuss für den Baal; 1923 unterschrieb er einen Vertrag für die Gedichtsammlung Hauspostille, für die er bis April 1925 Ratenzahlungen erhielt. Die Hauspostille erschien jedoch letztlich 1927 im Propyläen-Verlag (siehe dort). Zu den neuen Autoren Mitte der 1920er Jahre gehörten Lion Feuchtwanger, Hans Henny Jahnn, Walter Mehring, Carl Sternheim und Carl Zuckmayer. Menschlich und finanziell dramatisch war das Zusammenspiel mit dem expressionistischen Dramatiker Georg Kaiser (1878 – 1945). Seine ersten Werke waren seit 1911 bei S. Fischer erschienen, so z. B. Die Bürger von Calais (1914) und Von morgens bis mitternachts (1919). Im Juli 1919 schloss Kiepenheuer einen Generalvertrag mit ihm ab und übernahm sämtliche bisher bei S. Fischer erschienenen Dramen.81 Kaiser war sowohl in der Theater- als auch in der Buchproduktion im In- und im Ausland erfolgreich. Trotzdem führte ihn sein überaus exzentrischer und luxuriöser Lebensstil an den Rand der privaten Insolvenz und dies, 79 Merker, S. 49. 80 Vgl. Kaufmann: Die geistigen Geburtshelfer – Kiepenheuer und seine Lektoren, S. 58 – 75. 81 Hoffmeister: S. Fischer, S. 366 f.

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obwohl ihm Kiepenheuer 1919/20 Vorschüsse in Höhe von 180.000 Mark gewährte, denen allerdings persönliche Verpflichtungen von etwa 500.000 Mark entgegenstanden. Im Oktober 1920 wurde Kaiser wegen Unterschlagung und Betrugs festgenommen – der Verlag bürgte für alle seine Schulden. Dies führte dazu, dass Kiepenheuer selbst einen Kredit von 150.000 Mark aufnehmen musste und zur Sicherheit den Geldgeber Fritz Schayer als Leiter des Bühnenvertriebs mit einer Gewinnbeteiligung von 20 % in die Verlagsführung aufnahm.82 Kiepenheuer war ohnehin sehr kreativ bei der Gewinnung neuer Geldgeber und im Ausprobieren verschiedener Gesellschaftsformen.83 Das Gründungskapital mit dem er die Buchhandlung Thelemann kaufen konnte, erhielt er von seiner ersten Frau Irmgard. Gleich in den nächsten Jahren nahm er allerdings weitere Kredite von Privatpersonen in erheblichem Umfang auf, denen er dafür z. B. einen Ausbildungsplatz für ihren Sohn anbot, seine Lebensversicherung als Sicherheit überschrieb oder Gesellschaftsanteile aushändigte. Als diese Einzelkredite – vor allem bedingt durch das finanziell desaströse Engagement für Georg Kaiser – nicht mehr ausreichten, gründete Kiepenheuer 1921 eine Aktiengesellschaft, um den drohenden Konkurs zu vermeiden. Es wurden 2.200 Aktien zu je 1.000 Mark herausgegeben.84 Die übertragbaren Inhaberaktien wurden zum überwiegenden Teil gegen Forderungen verrechnet, sodass wenig neues Kapital zur Geschäftserweiterung generiert werden konnte. Kiepenheuer selbst besaß nur vier (!) Aktien, den größten Teil hielt das Bankhaus Levy & Co. Kiepenheuer wurde Vorstandsmitglied für alle literarischen Angelegenheiten,85 der Lektor Hermann Kasack zweiter Verlagsdirektor mit dem Schwerpunkt Finanzen. Obwohl der Aufsichtsrat immer wieder einer Erhöhung des Aktienkapitals zustimmte, reichten die Mittel bei den legendären Vorschüssen und Rentenzahlungen für Kaiser, Toller, Brecht u. a. kaum aus. Nachdem sich trotz Überwindung der Inflation und der allgemeinen Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage die Bilanzen im Hause Kiepenheuer nicht verbessert hatten, wurde mehrfach eine Herabsetzung des Grundkapitals beschlossen, so z. B. im August 1925 von 80.000 auf 20.000 RM.86 In dieser wirtschaftlich schlechten Lage schreckte der Verlag nicht vor einer Anzeige im Börsenblatt zurück, in der ein neuer Teilhaber mit Kapital von 60.000 bis 100.000 Mark gesucht wurde.87 Der neue Teilhaber erwies sich mit seinem verlegerischen und literarischen Geschick als ein weiterer Glücksfall für den Verlag: der erst 25-jährige promovierte Germanist Fritz Helmut Landshoff, der nach dem Studium bei Rütten & Loening und im Kunstverlag E. A. Seemann gearbeitet hatte, investierte 1927 63.500 RM und wurde Mitdirektor der Aktiengesellschaft.88 Landshoff gelang es u. a., Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig für den Verlag zurück zu gewinnen und nicht nur neue Verträge abzuschließen, sondern auch die Verwertungsrechte älterer Titel zu erwerben. So wurde von Arnold Zweig u. a. Der Spiegel des großen Kaisers in der Liebhaber-Bibliothek aufge82 Vgl. Funke: »Man braucht gar kein Geld; was man braucht, ist Kredit!«, S. 51 – 56. 83 Funke: Im Verleger verkörpert sich das Gesicht seiner Zeit; vgl. auch Fischer: Verlegen à fonds perdu, S. 129 – 145. 84 Funke: Im Verleger, S. 81 – 85. 85 Funke: Im Verleger, S. 83. 86 Funke: Im Verleger, S. 86. 87 Börsenblatt 93 (1926) 38, S. 219. 88 Funke: Im Verleger, S. 138 – 140.

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nommen und 1927 sein Erfolgstitel Der Streit um den Sergeanten Grischa veröffentlicht. Wie viele Verleger in den 1920er Jahre bemühte sich Kiepenheuer um eine möglichst gute Verwertung der Texte und konnte den Sergeanten Grischa schließlich in der Frankfurter Zeitung als Vorabdruck bringen. Mit diesem Anti-Kriegsroman eröffnete Zweig nach zehn Jahren das brisante Thema der Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges, dem sich Ernst Glaesers 1928 bei Kiepenheuer erschienener Roman Jahrgang 1902 mit 200.000 verkauften Exemplaren anschloss. Als dann Remarques Im Westen nichts Neues bei Ullstein erschien, steigerte sich das allgemeine Interesse gegenseitig, sodass Kiepenheuer bis 1933 etwa 300.000 Exemplare vom Sergeanten Grischa auflegen konnte.89 1929 musste erneut Kapital nachgeschossen werden, Richard Einstein, der Vetter Albert Einsteins, brachte 100.000 RM ein und rückte dafür in den Aufsichtsrat vor. Durch diese Kapitalerhöhung auf 180.000 RM war es möglich, den Verlagsumsatz zu verzehnfachen und dies in einem Jahr, in dem sich die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Deutschland in erheblichem Maße zeigten. Im Unterschied zu dem inzwischen erkennbaren Rechtsruck der Parteien in der Weimarer Republik, waren in diesem Verlag zahlreiche linksbürgerliche Autoren versammelt, zu denen am Ende des Jahrzehnts auch noch Joseph Roth, Ernst Glaeser und Anna Seghers hinzukamen. Ein Grund für diese bemerkenswerte Autoren-Akkumulation lag in den exorbitanten Vorschuss- und Rentenzahlungen, die Kiepenheuer seinen Autoren gewährte, z. B. 60.000 RM für Lion Feuchtwangers Roman Erfolg oder 25.000 RM für Heinrich Manns Die große Sache, die in beiden Fällen nicht erwirtschaftet werden konnten. Ein großer Teil des Umsatzes ab 1930 bezog sich auf preiswerte Volksausgaben, deren Reinerlös jedoch relativ gering war.90 Durch steigende Kosten für Druck und Vertrieb, die viel zu hohen Autorenvorschüsse und die zunehmende Absatzproblematik für linksbürgerliche Schriften, wies die Bilanz des Jahres 1932 einen deutlichen Verlust auf.91 Am 23. März 1933 schrieb Fritz Landshoff an Arnold Zweig: Ohne […] von der augenblicklichen Situation allzu stark beeindruckt zu sein, glaube ich allerdings doch, dass gerade auf den uns interessierenden Gebieten eine sehr nachhaltige Wirkung spürbar sein wird. […] Ich übersehe keineswegs, dass die Menschen, die das kaufen, was für uns Literatur ist und bleibt, nicht auf einen Schlag ausgestorben sind; ein erheblicher Teil von ihnen aber wird bekriegt, geht seiner Stellung verlustig oder ist in seiner Berufsarbeit beengt, sodass die Kaufkraft gerade in diesen Kreisen außerordentlich sinken wird. Zudem ist der gesamte Mittelsapparat (!), auf den Lektor und Verlag nun einmal angewiesen sind, durchaus gegnerisch eingestellt.92 Der Verlag war schon im April zahlungsunfähig und stellte am 26. Mai 1933 einen Insolvenzantrag. Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 war nicht nur für die gesamte Literatur und Kultur in Deutschland, sondern auch für den Verlag zu einem Fanal geworden: 89 Vgl. Vogt-Praclik: Bestseller in der Weimarer Republik 1925 – 1930, S. 58 f. 90 Funke: Im Verleger, S. 181 – 183; Fischer: Gustav Kiepenheuer, S. 139. 91 Funke: Im Verleger, S. 184 – 188 und Dies.: Kiepenheuers wirtschaftliche Situation am Ende der Weimarer Republik. In: 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage, S. 110 – 114. 92 Zitiert nach Funke: Kiepenheuers wirtschaftliche Situation, S. 112.

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25 der 131 indizierten Namen der sogenannten »Schwarzen Liste« waren von Kiepenheuer verlegt worden. Bei der Bewertung des Bücherlagers wurden die Bücher der indizierten Autoren mit nur noch einem symbolischen Pfennig angesetzt.93 Auf der Strecke blieben die Papierlieferanten, Buchbinder und die Forderungen des Barsortiments Köhler & Volckmar.

Der Verlag »Die Schmiede« Die Verlagsgeschichte von Kiepenheuer weist in verschiedener Hinsicht Schnittmengen zu dem heute weitgehend unbekannten Verlag »Die Schmiede« auf, sowohl im Bezug auf das Verlagsprogramm, die dort publizierten Autoren, die Lektoren und den parallel arbeitenden Bühnenvertrieb als auch auf die Rechtsform der Aktiengesellschaft sowie die zum Teil diffizile und auf den wirtschaftlichen Schwankungen der 1920er Jahre beruhende finanzielle Lage. Unter der ironischen Überschrift »Schmiede und Schmiedegesellen« lieferte Kurt Tucholsky 1929 auf sechs Seiten in der Weltbühne94 eine Abrechnung mit den Verlagsgründern, ihrem unklaren Verlagsprofil und vor allem ihrem aus seiner Sicht unfairen Umgang mit den Autoren: Was mich bei der Lektüre der Schmiede-Akten so empört hat, ist die Gewissenlosigkeit, mit der hier Kaufleute die Interessen der Autoren mit Füßen getreten haben. Wer ist Herr Doktor Mohn? Wer ist Herr Salter? Da kommen also zwei junge Herren zusammen, die ein vages Interesse für die »Kunst« haben, nicht mehr als jeder gebildete Getreidekaufmann auch, Papa gibt etwas Geld, und sie gründen eine Aktiengesellschaft. Er wirft ihnen ihre Unerfahrenheit in Verlagsgeschäften, im Umgang mit nicht selbst erwirtschaftetem Geld und insbesondere auch Unkenntnis in der Beurteilung von Manuskripten vor: Sie fingen Serien an und ließen sie wieder fallen; sie hatten Manuskripte in ihren Schubladen liegen, die um die entscheidenden Monate zu spät herauskamen; sie waren mit einem Wort, von jener typischen, wilden Betriebsseligkeit der Berliner erfasst, die heute einen Vergnügungspark ›ganz groß aufziehen‹, um ihn übermorgen in ein Theater zu verwandeln und nach einer Woche gänzlich zu vergessen. Traffic must be. […] Heute Georg Kaiser und morgen Albert Daudistel, und wenn das nicht sofort einschlägt, und wenn das nicht gleich ›der‹ große Erfolg ist, dann grapschen sie nach etwas Neuem. Treue ist nicht. Beständigkeit ist nicht. Linie ist nicht. Kurt Tucholsky glaubte wegen der mangelnden »Propaganda« für seinen Reisebericht Pyrenäenbuch 1927 selbst Kritik an den Verlegern üben zu müssen. Vor allen Dingen aber hatte er aus den Akten entnommen, wie oft beim Schutzverband Deutscher Schriftsteller Beschwerden über die Verleger der Schmiede eingegangen waren und wie oft Notmaßnahmen beschlossen werden mussten. 93 Funke: Kiepenheuers wirtschaftliche Situation, S. 133. 94 Weltbühne Nr. 34 vom 20. August 1929, S. 284 – 289.

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Durch die Bibliografie und die Hinweise auf die Verlagsgeschichte von Frank Hermann und Heinke Schmitz ergibt sich die gute Lage, das Verlagsprogramm der Schmiede und des angeschlossenen Theatervertriebs einordnen und damit auch die zentralen Strukturen des Verlagswesens in der Weimarer Republik in einigen bezeichnenden Grundlinien nachzeichnen zu können.95 Der Verlag wurde am 23. November 1921 von Julius Berthold Salter, dem Sohn des Theateragenten Norbert Salter und dem National-Ökonom Dr. jur. Fritz Wurm als GmbH gegründet. Mit beteiligt waren sein Bruder Georg Salter, einer der wichtigsten Buchgestalter der 1920er Jahre, der Schwester Lilly Salter und Heinz Wendriner, der im Theatervertrieb mitwirkte. Alle verfügten über keinerlei Verlagserfahrung, waren jedoch vermögend und konnten auf diese Weise in den ersten zwei Jahren einen erheblichen Autorenstamm aufbauen. Sie begannen im Frühjahr 1922 mit der Übernahme des Roland-Verlages von Dr. Albert Mundt aus München. Durch die Fortsetzung seiner Neuen Reihe (1918 – 1921) versammelten sich nun führende zeitgenössische Autoren und Expressionisten im Verlag, u. a. Yvan Goll, Georg Kaiser, Max Herrmann, Oskar Loerke, Otto Flake, Hermann Kasack und Rudolf Leonhard. Die ersten Bücher wurden nur mit einem neuen Etikett überklebt und das Verlagsarchiv von Mundt verwertet, nur wenige eigene Titel kamen hinzu, so von Johannes R. Becher Verjährung, von Flake Deutsche Reden und von Kasack Die Heimsuchung. Wie bei Fischer, Rowohlt oder Kiepenheuer gelang es auch Salter und Wurm, das literarische Lektorat mit Schriftstellern zu besetzen, in diesem Falle mit Rudolf Leonhard, der seit Ende 1922 als Lektor mitwirkte und 1923 von Walter Landauer unterstützt wurde (der mit Salter sieben Semester Jura studiert hatte). Landauer lernte hier das Verlagsgeschäft kennen, wechselte nach der Insolvenz 1928 zum Gustav Kiepenheuer Verlag und prägte dann seit den 1930er Jahren den Verlag Allert de Lange, den Amsterdamer Exilverlag, entscheidend.96 1922 markierten drei Aktivitäten den Aufbruch des Verlages. Zunächst gelang es, den meistgespielten Dramatiker Georg Kaiser vom Kiepenheuer Verlag abzuwerben, Ernst Weiss konnte mit einem grandiosen Honorar von 70.000 Mark (auch in der stark anziehenden Inflation ein erheblicher Betrag) für die bibliophile neu gegründete Officina Fabri gewonnen werden und unter dem Reihentitel Der unbekannte Balzac konnten bisher unveröffentlichte Texte Honoré de Balzacs veröffentlicht werden. In allen drei Fällen war man aber nicht allein auf dem Markt. Auch wenn die Schmiede damit punkten wollte, bisher in Deutschland völlig unbekannte Texte Balzacs zu publizieren, kam man nicht gegen die Gesammelten Werke in 44 Bänden bei Ernst Rowohlt an, die dort in unterschiedlichen Ausstattungs- und Preiskategorien angeboten und in der Taschenausgabe sogar für nur 2 Mark verkauft wurden. Als die bibliophilen Pressendrucke mit Ernst Weiss’ Feuerprobe mit jeweils fünf Originalradierungen von Ludwig Meidner, hergestellt bei Poeschel & Trepte, erschienen, war der Höhepunkt der Pressendrucke weitgehend überschritten, die gerade in der frühen Inflationsphase als interessante Anlage nicht nur bei Bibliophilen gedient hatten. Die Officina Fabri erschien auf dem Höhepunkt der Hyperinflation. 1924, im grundlegend konsolidierten Markt der Rentenmark, erschien nur noch ein zweiter Titel, Carl Sternheims Erzählung Gauguin und van Gogh. Und Kaisers Honorarwünsche waren ein 95 Hermann/Schmitz: Avantgarde und Kommerz; Dies.: Der Verlag Die Schmiede 1921 – 1929. 96 Hermann/Schmitz: Der Verlag Die Schmiede, S. 15 f.; Schoor: Verlagsarbeit im Exil.

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Fass ohne Boden, wie bereits bei Kiepenheuer dokumentiert wurde. Kaiser schloss am 5. Juli 1922 für sein Drama Die Flucht nach Venedig einen Vertrag mit der Schmiede, obwohl er seit 1918 an Kiepenheuer gebunden war.97 Kaiser bestand darauf, den Auslandsvertrieb dem Bühnenvertrieb der Schmiede zu übereignen, und in den nachfolgenden Jahren erschienen fünf Dramen bei Kiepenheuer und drei bei der Schmiede. Als sich alle Unternehmungen der Schmiede als finanziell riskant erwiesen hatten und offensichtlich das familiäre Vermögen aufgebraucht war, wurde am 16. April 1924 der Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, während der angeschlossene Bühnenvertrieb als selbstständige GmbH fortbestand. Die künftige noch engere Verbindung mit dem Kiepenheuer Verlag wurde dadurch sichtbar, dass die Aktiengesellschaft Hauptaktionär des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs wurde. Während sich in der Fachpresse und den literarischen Zirkeln die schlechte Zahlungsmoral der Verleger der Schmiede herumsprach, kam es aber am 7. März 1924 zum Vertrag mit Franz Kafka für dessen Hungerkünstler.98 Unmittelbar nach Kafkas Tod am 3. Juni 1924 bemühten sie sich bei Max Brod um die Werke aus seinem Nachlass. Kurt Tucholsky, Kurt Wolff und auch Arnold Zweig warnten Brod: Heute will ich Sie nur schleunigst warnen: Ich las in der Weltbühne, welcher Verlag die Nachlasswerke Kafkas erworben hat. Ich habe mit diesem Verlag Erfahrungen gemacht, die alles übertreffen, was ich irgendeinem anderen nachsagen kann; es ging bis zum klaren Erpressungsmanöver und nur durch die allzu große Gier der Leute, die sie blind drauflos pirschen ließ, entging ich der Falle. […] Sie werden nur Ärger und Kafkas Erben keine Prämien haben, aber mit seinem Namen und Oeuvre diesen Gentlemen zu neuem Ansehen verhelfen. Ich habe natürlich für jedes meiner Worte volle Beweise. In Eile Ihr Zweig.99 Fürs Erste konnten Salter und Wurm S. Fischer, Rowohlt, Kurt Wolff und Zsolnay ausstechen. 1925 erschien noch Kafkas Prozess, als aber vier Raten ausblieben, kündigte Max Brod den Vertrag und übergab die Rechte Kurt Wolff, der im September 1926 das Schloss im gleichen Format und Ausstattung wie die Schmiede herausgab.100 Der Lektor Leonhard versuchte das Geschäft mit interessanten Reihen zu beleben: unter dem Motto Außenseiter der Gesellschaft sollten z. B. bedeutende Kriminalfälle analysiert werden. Dort erschienen u. a. Alfred Döblins Giftmörderinnen, Egon Erwin Kisch schrieb über einen Spionagefall101 und Theodor Lessing eine psychologische Studie über den Massenmörder Haarmann.102 Daneben wurde versucht, eine Reihe Die Romane des XX. Jahrhunderts aufzulegen und damit nichts Weniger als »die beste Epik der jüngsten Generation in einer einheitlichen Sammlung herauszugeben«.103 In den von Georg Salter gestalteten Bänden waren Henri Barbusse, Marcel Proust, Gilbert Keith 97 98 99 100 101 102 103

Hermann/Schmitz: Der Verlag Die Schmiede, S. 18 f. Unseld: Franz Kafka, S. 220 – 232. Zitiert nach Unseld: Kafka, S. 238. Hermann/Schmitz: Der Verlag Die Schmiede, S. 26 f. Kisch, Egon Erwin: Der Fall des Generalstabschefs Redl. Berlin: Die Schmiede 1924. Lessing, Theodor: Haarmann – Die Geschichte eines Werwolfs. Berlin: Die Schmiede 1925. Zitiert nach Hermann/Schmitz: Avantgarde und Kommerz, S. B 138.

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Chesterton und, besonders erfolgreich, Joseph Roth mit seinen Romanen Hotel Savoy und Die Rebellion vertreten. Bis zur Insolvenz 1927 erschienen immerhin 19 Romane. Mit einer dritten Reihe sollte ein sicherer Verkaufserfolg eintreten, mit der Serie der Klassiker der erotischen Literatur, zu denen Diderot, Crebillon, Aretino und Petronius zählten. Gerade diese Reihe wurde jedoch nicht vom Markt angenommen. So erschien im Verlag zwar wichtige in- und ausländische Literatur, zum Teil in herausragender Gestaltung von Georg Salter (Typografie, Layout, Illustrationen und die Schutzumschlaggestaltung), dem standen aber die überhand nehmenden Klagen der Autoren über ausbleibende Tantiemen und die der Zulieferfirmen gegenüber. Insgesamt erwies sich der vom Vater, Professor Norbert Salter, übernommene Bühnenvertrieb als die sicherste Finanzierungsquelle, da dieser auch in den Jahren bis 1927 Gewinne abwarf. Im Oktober 1927 wurden der Bühnenvertrieb des Gustav Kiepenheuer Verlages und der Bühnenvertrieb der Schmiede vereinigt.104 Der Verlag geriet Anfang 1928 in die Insolvenz, 1929 fand ein gerichtlicher Vergleich statt und 1930 die Liquidierung der Aktiengesellschaft. Die Verlagsrechte wurden an Piper und an Kiepenheuer weitergegeben, der Bühnenvertrieb ebenfalls bei Kiepenheuer weitergeführt. Die Leitung hatte seit 1924 Julius Berstl inne, der dann 1930 auch die Leitung des Bühnenvertriebs des Kiepenheuer Verlags übernahm. Aus dem Lektorat wechselte 1928 Landauer zum Gustav Kiepenheuer Verlag. Auch zahlreiche Autoren wechselten zu Kiepenheuer: u. a. gab Joseph Roth 1929 Rechts und Links zu Kiepenheuer, dem folgten 1930 sein Erfolgsroman Hiob und 1932 Radetzkymarsch.105 Diese Kontinuität setzte sich ebenfalls in der buchkünstlerischen Gestaltung fort: seit 1928 entwarf Georg Salter zahlreiche Einbände und Schutzumschläge für Kiepenheuer.

Rowohlt Eine zeitgenössische Einschätzung über Ernst Rowohlt sandte Rudolf Borchardt am 19. März 1919 an Hugo von Hofmannsthal: Der Verleger ist der mir bekannte Ernst Rowohlt, schon einmal, aber mit dem damals unzureichenden Kapitale, selbstständig gewesen, vorher von allen Piken des Handwerks auf geschult, Sortimenter, Volontär in der Insel, Setzer bei Drugulin, Papiermacher bei Enschede Zoonen, dann nach der Liquidation der eigenen Firma S. Fischers rechte Hand, von ihm hoch geschätzt und bei seinem Austritt lebhaft vermisst, übrigens in allen urteilsfähigen Verlagskreisen besonders angesehen und appreciiert.106 Nur wenige Wochen nach der zweiten Verlagsgründung Ernst Rowohlts am 7. Januar 1919107 fasst der neue Verlagsautor Borchardt die ihm bekannten Fakten über den Verleger zusammen, die vor allen Dingen deutlich machen, auf welchen Schultern er steht: 104 105 106 107

Hermann/Schmitz: Der Verlag Die Schmiede, S. 19. Wonneberger: Joseph Roth bei Kiepenheuer, S. 84 – 88. Zitiert nach Gieselbusch: 100 Jahre Rowohlt, S. 34. Vgl. die Anzeige im Börsenblatt 86 (1919) 46 und Rowohlts Geschäftsrundschreiben in: Deutsches Buch- und Schriftmuseum Leipzig, Archiv des Börsenvereins: Rowohlts Geschäftsrundschreiben, Sign. Bö-GR/H/202.

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»Rowohlt ist durch die Schule von Anton Kippenberg (Insel) und S. Fischer gegangen und hat alle Phasen des Verlagswesens von der Herstellung bis zum Vertrieb kennen gelernt. Sein sicheres Urteil in der Akquise von Autoren wird immer wieder lobend hervorgehoben.« Erfahrungen aus seiner ersten Zeit als Verleger (gemeinsam mit Kurt Wolff zwischen 1909 bis 1912) und seine Geschäftsführertätigkeit im Hyperion-Verlag (1913/14) bilden die Grundlage für die rasche Etablierung des zweiten Rowohlt Verlages 1919. Er konnte dabei auf ein Netzwerk von Autoren, Lektoren und Verlegerkollegen aufbauen und zwei seiner Arbeitsschwerpunkte ausbauen, bibliophile Drucke und zeitgenössische Literatur. Ernst Rowohlt und sein Teilhaber Kurt Wolff hatten an die Tradition der anderen Kulturverleger nach 1900 angeknüpft. Sie setzten auf bibliophile Luxusdrucke von Meisterwerken der Weltliteratur (Drugulin-Drucke), versuchten durch sinnvolle Reihenbildung dem Verlag eine Struktur und ein »Gesicht« zu geben und wandten sich durchaus modernen, aber nicht avantgardistischen Autoren zu, so Paul Scheerbart, Max Dauthendey oder Herbert Eulenberg. Der expressionistischen Erzählkunst trugen sie mit Carl Hauptmann und seinen Novellen Nächte sowie seinem Roman Einhart, der Lächler (2. Auflage 1912 bei Rowohlt) ebenso Rechnung wie mit dem führenden expressionistischen Lyriker Georg Heym, dessen Der ewige Tag und der Nachlassband Umbra Vitae (1912) den Beginn der expressionistischen Literatur im Hause Rowohlt markierten. Auch dass im Sommer 1912 Franz Kafka mit seiner bibliophil gedruckten Betrachtung für den Verlag gewonnen werden konnte, zeichnet diese Frühphase aus.108 Mit Walter Hasenclever, Kurt Pinthus und Franz Werfel waren 1912 drei Literaten als Lektoren im Verlag tätig, die die divergierenden zeitgenössischen literarischen Strömungen kannten und zu exzellenten Beratern der beiden Verleger wurden. Für Rowohlts weiteren Verlegerweg wurde nach der Trennung von Wolff am 2. November 1912 besonders wichtig, dass er sich von Leipzig ab- und Berlin zuwandte. In seinem Jahr bei S. Fischer durchlief er die unterschiedlichen Stationen im Verlag bis hin zu einer Geschäftsführertätigkeit und konnte daneben das reiche Berliner Kulturleben der Vorkriegszeit erleben. Hans von Weber (1872 – 1924), für dessen bibliophile Interessen Rowohlt bereits seit 1908 Sympathien gezeigt hatte, vermittelte ihn 1913 als Geschäftsführer in den neu gegründeten Hyperion-Verlag, der aus den Buchprogrammen Hans von Webers und des Zeitler-Verlags in Leipzig hervorgegangen war. Neben Walter de Gruyter war der Großindustriellensohn Julius Schröder weiterer Geschäftsführer. Der Verlag publizierte Klassiker und literarische Avantgarde und gab ebenfalls bibliophile Drucke heraus. Rowohlt lernte dort seinen späteren Lektor Paul Mayer (mit seinem Gedichtband Masken und Martern) kennen, ebenso Arnold Zweig und Johannes R. Becher. Als Julius Schröder und Ernst Rowohlt 1914 sich als Freiwillige zum Kriegsdienst meldeten, lag der Hyperion-Verlag zunächst darnieder, bis Kurt Wolff ihn 1917 erwarb.109 Der 1919

108 Zum ersten Rowohlt-Verlag vgl. Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, S. 266 – 272; Der erste Rowohlt-Verlag ist sehr gut aufgearbeitet von Göbel: Der Ernst Rowohlt Verlag 1910 – 1913. In: AGB XIV, 1974, S. 465 – 564; Ders.: Der Kurt Wolff Verlag 1913 – 1930. Expressionismus als verlegerische Aufgabe. In: AGB XV (1975), S. 521 – 962; Ders.: Ernst Rowohlt und Kurt Wolff. In: Buchhandelsgeschichte 3 (1987), S. 118 – 122. 109 Göbel: Kurt Wolff Verlag, S. 817 f.

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gegründete zweite Rowohlt-Verlag konnte an diese Personenkonstellationen und literarischen Vorlieben anknüpfen.110 Das erste Verlagsjahr 1919 zeigt paradigmatisch die enge Anbindung an die bisherigen Kontakte. Die mit Georg Heym begonnene Beschäftigung mit dem Expressionismus wurde im November 1919 durch die von Kurt Pinthus herausgegebene Anthologie Menschheitsdämmerung – Symphonie jüngster Dichtung gekrönt, die von 1920 bis 1922 in einer 20.000er Auflage vertrieben werden konnte und bis heute als ein Referenzwerk des literarischen Expressionismus gilt. Während in anderen Verlagen (so z. B. bei Kurt Wolff) noch auf den Expressionismus als künftige literarische Epoche gesetzt wurde, schrieb Kurt Pinthus bereits in seinem Vorwort mit dem bezeichnenden Titel »Nachklang«, dass die Menschheitsdämmerung ein »abgeschlossenes, abschließendes Dokument dieser Epoche« sei. Auch in einem zweiten verlegerischen Experiment, der Herausgabe einer links orientierten Flugschriftenreihe Umsturz und Aufbau vertraute Rowohlt dem verlegerischen und zeitpolitischen Instinkt von Kurt Pinthus, der in der Umbruchsituation der neuen Republik mit Georg Büchners Friede den Hütten! Krieg den Palästen! und mit den hochaktuellen Schriften des Wiener Publizisten Stefan Großmanns Der Hochverräter Ernst Toller. Die Geschichte eines Prozesses. Mit der Verteidigungsrede von Hugo Haasem (Umsturz und Aufbau 5, 1919) sowie Walter Hasenclevers Der politische Dichter (Umsturz und Aufbau 2, 1919) fortgeführt wurde. Die 46 Seiten-Broschur zum Preis von 1,20 Mark konnte zwar nur achtmal herausgegeben werden, charakterisierte aber ein neues, politisch aktives Verlagsprofil. Für die weitere Entwicklung wurden die Lektoren Paul Mayer (1879 – 1970) und Franz Hessel (1880 – 1941) entscheidend, die bis 1934 das literarische Programm prägten. Rowohlt war dem Lyriker Paul Mayer bereits im Hyperion-Verlag begegnet und vertraute ihm in den nachfolgenden Jahren weitestgehend die literarischen Entscheidungen an. Mayer war gelernter Jurist, Hessel Literaturwissenschaftler.111 Dass im ersten Jahr bereits zehn Titel und im Jahr 1920 48 Novitäten erscheinen konnten, lag an der glücklichen Konstellation, dass es durch Vermittlung guter Freunde gelang, mehrere Kommanditisten hinzuzugewinnen. Ernst Rowohlt hatte als persönlich haftender Gesellschafter 1919 eine Kommanditgesellschaft mit dem Erben der Münchner Verlegerfamilie Hans C. Thieme, der 250.000 Mark einbrachte, sowie dem Pächter aller Bahnhofsbuchhandlungen in Sachsen, Kommerzienrat Jacques Bettenhausen aus Dresden, der weitere 60.000 Mark zur Verfügung stellte, gegründet.112 1920 kam Rittmeister a. D. Hugo von Lustig mit weiteren 700.000 Mark Kommanditeinlage dazu. Rowohlts 110 Der Rowohlt-Verlag in der Weimarer Republik ist bis heute noch nicht differenziert wissenschaftlich aufgearbeitet worden und wird daher hier ausführlicher gewürdigt. Als Vorarbeit konnte die fundierte Mainzer Magisterarbeit (masch.) von Michael Schneider: Der RowohltVerlag in den 20er Jahren, 2004, herangezogen werden. Für das Ende der 1920er Jahre und die 1930er Jahre finden sich nun wichtige Erkenntnisse in der Berliner Diss. phil. masch. von David Oels: RowohltsRotationsRoutine, 2008 (Publikation für 2012 vorgesehen); vgl. ferner die Festschrift von Gieselbusch u. a.: 100 Jahre Rowohlt. 2008; mit subjektiver Färbung daneben u. a. Kiaulehn: Mein Freund der Verleger 1967; Mayer: Lebendige Schatten, 1966; Ernst Rowohlt zum Gedächtnis 1961; Mayer: Ernst Rowohlt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, 1967. 111 Schneider: Der unsichtbare Zweite, S. 108 u. 119 – 121. 112 Zu Bettenhausen vgl. Haug: Reisen und Lesen, 2007, bes. S. 155 f.

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neuer Autor, der Mediziner Carl Ludwig Schleich, dessen Autobiografie Besonnte Vergangenheit im Oktober 1920 erschien und zu einem Bestseller des Hauses wurde, hatte Rowohlt mit von Lustig bekannt gemacht. Schleich hat Hugo von Lustig in seiner Autobiografie ein Denkmal der Freundschaft errichtet.113 Die stürmische Expansion des Verlages (1921: 29, 1922: 36, 1923: 52 Novitäten) führte dazu, dass Rowohlt die Geschäftsform einer »Kommanditgesellschaft auf Aktien« (KGaA) wählte und damit weiteres frisches Kapital in den Verlag holte. Großaktionär wurde u. a. das mährische Verlagshaus Julius Kittl Nachf., Keller & Co. mit einer Einlage von 3 Millionen Mark. Kittl wurde im Laufe der Zeit aber nicht nur sein Finanzier und bevorzugter Drucker, sondern auch ein Verlagspartner, der in Mährisch-Ostrau noch bis 1938 Bücher vertrieb, die bei Rowohlt nicht mehr erscheinen konnten, wie Ernst Salomon in seinem Fragebogen berichtet.114 Dieses Geschäftsmodell bestand nach Ausweis der im Börsenblatt erschienenen Bilanzen115 bis 1931 mit einem jeweils ausgeglichenen Haushalt von ca. 500.000 Mark Umsatz bis 1929; 1930 endete mit einem Verlust von 168.133 Mark (s. u.). Die prosperierende Phase von 1921 bis 1929 beruhte auf mehreren Stützpfeilern: den Reihen und Zeitschriften des Hauses, dem bibliophilen Programm mit der Officina Serpentis, dem Erfolg der preiswerten Klassikerausgaben von Balzac und Casanova, den Historienromanen von Emil Ludwig und der von Ernst Rowohlt gepflegten »Tatsachen-Literatur«, die Ratgeber und künftige Sachbuchliteratur einschloss. Der literarische Verlag profilierte sich u. a. mit Rudolf Borchardt, Kurt Tucholsky oder Alfred Polgar und ab 1929 mit der Übersetzung US-amerikanischer Literatur von Ernest Hemingway, Sinclair Lewis und Thomas Wolfe. 1910 hatten Rowohlt und Wolff mit den Drugulin-Drucken versucht, die Klassiker der Weltliteratur in Prachtausgaben herauszugeben, damals durchaus in Konkurrenz zu Handpressendrucken. An diese Tradition knüpfte Rowohlt zwischen 1920 und 1924 an, indem er einige Werke allein, andere wiederum mit der Officina Serpentis und der Bremer Presse zusammen herausgab, in einigen Fällen auch gemeinsam mit den Verlagen Buchenau & Reichert sowie mit dem Mauritius-Verlag.116 So publizierte er u. a. bereits 1920 Hans Bethges Pfirsichblüten aus China mit 10 Lithografien von Bernhard Hassler auf Büttenpapier in einer Vorzugsausgabe mit 50 Exemplaren und Sammlerstücken in 200 Exemplaren. Dem folgten Rudolf Borchardts Der Durant in 680 nummerierten Exemplaren sowie 1922 Franz Bleis Das große Bestiarium der modernen Litera113 Schleich, Carl Ludwig: Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen, Berlin 1921, S. 317. 114 Salomon: Fragebogen S. 276, vgl. dazu Will Vesper in: Die Neue Literatur 1938, 3, S. 150 – 152, hier S. 151: »Andererseits hat sich der Berliner Rowohlt-Verlag mit der Verlagsfirma Julius Kittl in der Tschechoslowakei zusammengetan, um seine unerwünschten deutschen Bücher loszuwerden […]. Auf diese Weise können die Firmen ein kleines Versteckspiel mit den deutschen Autoritäten machen. Es ist aber nicht so, als ob die hohen deutschen Autoritäten nichts von diesen Heimlichkeiten wüssten. Jeder Buchhändler und Verleger in Zentraleuropa ist über diese Dinge informiert«, zitiert nach Oels: RowohltsRotationsRoutine, S. 62 f. 115 Vgl. Börsenblatt 92 (1925) 130, S. 9250; Börsenblatt 93 (1926) 286, S. 1375; Börsenblatt 94 (1927) 224, S. 1155; Börsenblatt 95 (1928) 128, S. 613; Börsenblatt 97 (1930) 231, S. 962. 116 Ludwig Foerster: Deutschland im Spiegel seiner Verlage II: Ein Verlag zwischen den Fronten: Ernst Rowohlt Kommanditgesellschaft auf Aktien. In: Die neue Bücherschau 4. Jg. (1926), S. 130 f.

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tur, Rudolf Borchardts Dantes Vita Nuova und in der Officina Serpentis von Johann Wolfgang von Goethe Achilles, Helena, Pandora und Prometheus. Dazu auch Walter Hasenclevers Gedichte an Frauen und Carl Hauptmanns Die arme Marie. Gerade in der Zeit der Inflation erwiesen sich die Pressendrucke als eine gute Investition, da sie von den Käufern als Geldanlage genutzt wurden und dem Verlag mittel- und langfristige Verkaufserfolge einbrachten. Ab 1925 nahmen die Pressendrucke jedoch signifikant ab. Die alte Verlegerweisheit, mit Zeitschriften für regelmäßige Einnahmen zu sorgen und darin neue Autoren zu erproben, befolgte Rowohlt mehrfach, allerdings mit keinem bleibenden finanziellen Erfolg. Sein Freund, der Wiener Publizist Stefan Großmann, zu dem er bereits im Ersten Weltkrieg engen Kontakt hielt, gab ab dem 10. Januar 1920 eine linksintellektuelle Wochenschrift Das Tage-Buch bei ihm heraus, in dem u. a. Richard Dehmel, Alfred Döblin, Moritz Heimann, Robert Musil, Joseph Roth oder Ernst Toller publizierten. Da sich für die aufwändige Wochenschrift im Buchformat aber nur 10.000 Abonnenten fanden, nahm sie Rowohlt im April 1923 aus dem Verlagsprogramm, blieb jedoch weiterhin an der Zeitschrift beteiligt, die Großmann bis 1933 im Eigenverlag mit der finanziellen Unterstützung Hugo von Lustigs herausgab.117 1924 experimentierte Rowohlt mit einer Literatur-Zeitschrift Vers und Prosa, die von Franz Hessel herausgegeben wurde. Es blieb allerdings bei den 12 Nummern dieses einen Jahrgangs, da sich in dem wirtschaftlich schwierigen Jahr 1924 für eine anspruchsvolle Zeitschrift mit Gedichten, Werkfragmenten und Novellen keine genügende Zahl an Abonnenten fand. Ein weiteres Experiment war die Herausgabe der Literarischen Welt, die die französische Literaturzeitung Nouvelle Littéraire imitieren wollte. Der Herausgeber Willy Haas (1891 – 1973), den Rowohlt über Franz Kafka, Max Brod und Franz Werfel kennen gelernt hatte, war in den 1920er Jahren als Kritiker und Drehbuchautor bekannt geworden. Willy Haas begründete ein Netzwerk von Publizisten, Literaten, Dramatikern und Kulturschaffenden, die mit der Literarischen Welt118 eine innovative publizistische Plattform mit Vorbildcharakter schufen. Trotz der unbestrittenen Bedeutung für die Literaturszene der 1920er Jahre gelang es Rowohlt nicht, mehr als 13.000 Abonnenten zu gewinnen (kalkuliert waren 30.000 Bezieher). Der Verlust der Literarischen Welt minderte sogar die hohen Gewinne dieses Jahres im Buchverlag, sodass die Bilanz für 1926 verzeichnete: Das Geschäftsjahr 1926 weist einen Verlust, wie aus oben stehender Bilanz zu ersehen ist, von M 35.476,67 aus. Dieser Verlust ist trotz guten Absatzes unseres Buchverlages durch das Zeitschriftenunternehmen ›Die Literarische Welt‹ hervorgerufen worden. ›Die Literarische Welt‹ ist vom 1. April 1927 vom Verlag losgelöst und an eine selbstständige GmbH abgegeben worden. Die Aussichten für das Geschäftsjahr 1927 werden vom Vorstand als günstig beurteilt.119 Rowohlt blieb an der Herausgabe der Literarischen Welt beteiligt und nutzte sein Privileg, dort Werbeanzeigen zu schalten, vielfältig. Zwei grundlegende verlegerische Ideen führten zu stabilisierenden Einnahmen in den Jahren 1923 bis 1926, einmal die Idee, einen – rechtefreien – französischen Klassi117 Gieselbusch: 100 Jahre Rowohlt, S. 46 f. 118 Vgl. den Artikel von Corinna Norrick: Literaturzeitschriften in diesem Band S. 91 – 110. 119 Deutscher Reichsanzeiger Nr. 190 vom 16. August 1927, wieder abgedruckt im Börsenblatt 94 (1927) 224, S. 1155.

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ker durch Neuübersetzung zu publizieren, und zum anderen der Trend der 1920er Jahre, »billige Bücher« zu einem Mitnahmepreis anzubieten. Seinen Lektor Franz Hessel überzeugte Rowohlt von der Idee einer Neuübersetzung von Balzac.120 Die Ausgabe wurde mit einem hohen »Propagandaeinsatz« im 1. Quartal 1923 beworben, den der Geschäftsbericht des Jahres 1923 mit 55.000 Mark beziffert: »Die Ausgaben stellen im Druck und Einband ein Novum dar. Bei großer Billigkeit beste Qualität.«121 Hessel engagierte gleich zwanzig erstrangige Übersetzer, die dieser Ausgabe ihr besonderes Gepräge gaben. Unter anderem gelang es ihm, Walter Benjamin, Otto Flake, Heinrich Eduard Jacob, Hugo Kaatz, Max Krell, Walter Mehring und Paul Zech für eine Übersetzung zu gewinnen. Die Texte, gesetzt in Walbaum-Antiqua, wurden sorgfältig auf unterschiedlichem Papier gedruckt, sodass die in klein-oktav gebundenen Heftchen mit einem bemerkenswerten blauen Einband für 2 RM verkauft werden konnten. Die innerhalb von drei Jahren erschienenen 44 Titel waren sowohl einzeln als auch als Gesamtwerk zu erstehen. Bis 1924 wurden bereits 200.000 Exemplare abgesetzt und das geflügelte Wort im Verlagskorridor immer wieder zitiert: »Balzac zahlt alles.«122 Der Versuch, mit den Memoiren Casanovas diesen Erfolg zu wiederholen, gelang in diesem Umfang jedoch nicht.

Historienroman und Tatsachenliteratur Das divergierende Verlagsprofil Rowohlts in den 1920er Jahren lässt sich in vier große Linien einteilen: die kalkulierten Bestseller-Erzählungen von Carl Ludwig Schleich und Emil Ludwig, zweitens die Neuentdeckungen von Hans Fallada und Kurt Tucholsky, drittens das politisch orientierte Sachbuch und schließlich den Glücksgriff mit den Übersetzungen US-amerikanischer Autoren.123 Allen diesen Bereichen liegt die Einschätzung von Ernst Rowohlt zugrunde, »dass das Bücher kaufende Publikum […] an der Wirklichkeitsdarstellung besonders großes Interesse« hat.124 An einer anderen Stelle125 formuliert Rowohlt: »Meine Aufgabe ist es, wichtige Bücher dem Publikum zugänglich zu machen, Bücher, von denen der Leser einen Gewinn hat.« Und er fährt fort: »Ich verlege und werde weiter verlegen, was nach meiner Überzeugung in sich sauber und als literarische Leistung oder Tatsachendarstellung belangvoll ist.« Am Beginn der Publikation von »Tatsachenliteratur« steht 1920 die Zeitschrift Das Tage-Buch, die nicht nur schriftstellerische, sondern auch journalistische Beiträge über das aktuelle Geschehen im In- und Ausland enthalten sollte (s. o.). Eine erste Symbiose journalistischer Erzählliteratur in der Zeitschrift und in Buchform gelang, als Rowohlt den Arzt Carl Ludwig Schleich überzeugte, seine Lebenserinnerungen als Fortsetzung im Tage-Buch und anschließend überarbeitet als Buchpublikation herauszugeben. Der Autor wurde auf diese Art und Weise zweimal honoriert und das Publikum auf die Buchpublikation aufmerksam gemacht. Schleichs Lebenserinnerungen erschienen nach der Vorabpublikation 1921 unter dem 120 121 122 123 124 125

Vgl. Mayer: Lebendige Schatten, S. 22. Börsenblatt 90 (1923) 27. Kiaulehn: Mein Freund der Verleger, S. 115 f. Schneider: Rowohlt-Verlag in den zwanziger Jahren, S. 32 – 76. Memoiren oder Belletristik? Eine Rundfrage an die Verleger, S. 49. Konkret bei der Verteidigung der Publikation von Arnolt Bronnen, der sich offen zum Nationalsozialismus bekannte. In: Das Tage-Buch vom 1. November 1930, Heft 44, S. 1762 f.

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Buchtitel Besonnte Vergangenheit und stießen auf großes Interesse, sodass im nächsten Jahrzehnt eine Auflage von 255.000 Exemplaren realisiert werden konnte; bis in die Gegenwart sind über 1,2 Millionen Exemplare vertrieben worden.126 Einen ähnlichen Erfolg errang Rowohlt mit den Memoiren des bekannten Opernsängers Leo Slezak, die unter dem Titel Meine sämtlichen Werke 1922 erschienen. Die Romane von Emil Ludwig (1881 – 1946), die historische Erzählung und Gegenwartsdeutung geschickt miteinander verbanden, trafen ebenfalls auf ein großes Publikumsinteresse. Ludwig hatte 1920 eine angesehene Goethe-Biographie im CottaVerlag vorgelegt; Rowohlt pokerte hoch und bot dem Schnellschreiber 20 % vom Ladenpreis und als Vorauszahlung die Honorierung von 20.000 Exemplaren an.127 Mit seinen Biografien Napoleon und Wilhelm der Zweite im Jahr 1925 gelang Ludwig der Durchbruch. Zwar waren beide Werke bei Historikern und politisch Interessierten umstritten, allerdings förderte dies durchaus auch den Absatz. Rowohlt nutzte sogar diese Diskussion zur Werbung im Börsenblatt.128 Im Erscheinungsjahr wurden von Napoleon 189.000 Exemplare und von Wilhelm dem Zweiten 200.000 Exemplare vertrieben.129 Auf Grund dieses Erfolgs bemühte sich Rowohlt, Ludwig ganz an sich zu binden, und verhandelte mit dem Cotta-Verlag um die Übernahme der Goethe-Biografie. Bereits am 1. September 1925 konnte im Börsenblatt der Verlagswechsel angezeigt werden. Offensichtlich subsumierte Ernst Rowohlt auch diese historischen Romane unter seinem weiten Begriff der »Tatsachenliteratur«, also Biografien von Persönlichkeiten und der Zeit, in der sie lebten und agierten. Rowohlt verließ sich aber nicht nur auf den sich selbst tragenden Erfolg, sondern warb mit Vorabdrucken und ganzseitigen Anzeigen. So ließ er z. B. am 12. Oktober 1926 eine vierseitige Anzeige mit Pressestimmen zu Wilhelm dem Zweiten erscheinen, die die Debatte um das Buch weiter anheizte. Kiaulehn fasst die Werbestrategien so zusammen: »Er hat es als Verleger gewagt, in ganzseitigen Inseraten und auf Plakaten so zu werben, wie für Markenartikel, für Waschpulver oder Bouillonwürfel.« Werbung wurde aktiv geplant, und im Falle von Kurt Tucholsky und der Weltbühne sogar Gegenstand des Verlagsvertrages, in dem vereinbart wurde: »Die Firma Rowohlt Verlag GmbH verpflichtet sich ab 1. Dezember 1931, für die nächsten 12 Monate in jeder Nummer der ›Weltbühne‹, also im Ganzen 26 Mal, ein Textstreifen-Inserat im gewissen Turnus abwechselnd über die obigen Bücher zu veröffentlichen.«130 Darüber hinaus inserierte er im Tage-Buch und in der Literarischen Welt. Im Falle von Ludwig gab er mehrseitige Werbebroschüren heraus, so 1926 »Emil Ludwig im Urteil der Deutschen Presse« und »Emil Ludwig im Urteil der Weltpresse«. Wiederum griff Rowohlt Kritik geschickt auf: als die renommierte Historische Zeitschrift einen kritischen Sonderband über die sogenannte »Historische Belletristik« 1928 herausgab, ließ Rowohlt eine Replik Ludwigs, die in der Neuen Rundschau erschienen war, nachdrucken und kostenlos an Universitäten verteilen.131 Im Falle seines Bestsellerautors 126 »Mit der ›Besonnten Vergangenheit‹ hat sich der Rowohlt-Verlag einen Rückhalt geschaffen, der es Rowohlt erlaubte, viel Geld auszugeben«, vgl. Kiaulehn: Mein Freund der Verleger, S. 105. 127 Kiaulehn: Mein Freund der Verleger, S. 108. 128 Vogt-Praclik: Bestseller in der Weimarer Republik, S. 73. 129 Mayer: Ernst Rowohlt, S. 197. 130 Marbach, DLA, A: Tucholsky, 86.2307/1 – 5. 131 Emil Ludwig: Historie und Dichtung. In: Die Neue Rundschau. 20. Jg. 1929, 1. Bd., S. 358 –381.

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Ludwig organisierte Rowohlt für das Antikriegs-Stück Juli 14 eine neuartige Werbung mit einer Diaprojektion in den Lichtspielhäusern Berlins.132 Mit einer solchen und ähnlich offensiver Werbung beschäftigte sich seit 1923 der Börsenverein der Deutschen Buchhändler, der eine eigene Werbestelle eingerichtet hatte.133 Ein sozialer Zeitroman mit deutlichen Gegenwartsbezügen war Hans Falladas Bauern, Bonzen und Bomben, der werbewirksam von der Kölner Illustrierten vorabgedruckt worden war und der 9.000 Mark Lizenzgebühren einbrachte, von denen der Autor 4.000 Mark erhielt. Die Kölner Illustrierte warb für ihren Vorabdruck auf Plakaten, was eine zusätzliche Unterstützung für den Buchabsatz bedeutete.134 Von dem Cheflektor des Ullstein-Verlags, Max Krell, hat sich ein überaus positives Votum für einen möglichen Vorabdruck in der Vossischen Zeitung erhalten: Auf ›Bauern, Bonzen und Bomben‹ von Fallada passt wirklich das Modewort ›stark‹. Er ist stark durch seine Echtheit, durch Intensität der Anschauungen und Darstellungen, durch seinen Umweg und schonungsloses Berichten, durch sachliche Klarheit im Kleinen und leidenschaftliche Anteilnahme im Großen, durch seine Offenheit, die das Groteske nicht scheut, durch Präzision der Sprache, des Details, prachtvolle Straffheit und Steigerung im Aufbau, vollkommene Bewältigung des Stoffes, der bei seiner Vielseitigkeit, Weite und Tiefe leicht hätte ins Uferlose locken können.135 Die gute Aufnahme in der Literaturkritik und der ordentliche Absatz im Verlag (3.000 Exemplare nach einem Jahr)136 führten zu einer psychischen Stabilisierung von Fallada, der bereits seit 1920 mit seinem ersten Roman Der junge Goedeschal im Hause Rowohlt bekannt war. Auch sein zweiter Roman Anton und Gerda wurde 1923 bei Rowohlt publiziert, wobei beide Romane nicht über 3.000 Exemplare hinaus kamen. Durch seine Drogenabhängigkeit mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten, nahm Fallada erst 1928 wieder Kontakt mit Rowohlt auf und kündigte einen neuen Roman an. Um ihm ein kontinuierliches Einkommen zu verschaffen, stellte Rowohlt Fallada mit einer halben Stelle als Mitarbeiter im Verlag ein, wo er für den Rezensionenversand und für die Archivierung der eingegangenen Belege zuständig wurde. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich erneut, dass Rowohlt zahlreiche Autoren als Mitarbeiter im Verlag beschäftigte und sie damit unterstützte. Unter dem symbolhaften Titel Kleiner Mann – was nun? legte Fallada 1932 einen literarisch überaus gelungenen, die Wirklichkeit breiter Schichten des Angestelltenmilieus in der Weimarer Republik nachzeichnenden Roman vor. In diesem Falle kam es zu einer produktiven Zusammenarbeit mit dem Ullstein-Verlag und der Vossischen Zeitung, die den Roman in Fortsetzungen vorabdruckte. Die Vossische Zeitung zahlte 7.000 RM und beendete den Abdruck am 15. Juli, das Buch erschien passgenau am 10. Juli. Rowohlt zog wiederum alle Werberegister und verließ sich nicht allein auf den Vorab132 Vogt-Praclik: Bestseller, S. 67 ff. 133 Stefan Wangert: Die Presse als Werbefaktor für den Sortimentsbuchhandel. In: Börsenblatt (1926) 98, S. 1101 – 1104. 134 Kiaulehn: Mein Freund, S. 127. 135 Vgl. den Brief Krells an Rowohlt vom 18. Juni 1931 im Hans Fallada Archiv: Rowohlt 1931, zitiert nach Schneider: Rowohlt Verlag, S. 63. 136 Vgl. Williams: Mehr Leben als eins, S. 151.

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druck. Er versandte an 75 ausgewählte Sortimenter eine Leseprobe und bat um ihre Meinung zu diesem Roman. Zentrale Passagen aus diesen Briefen publizierte Rowohlt in einer vierseitigen Broschüre unter dem Titel Der Leser hat das Wort! Aus Briefen an den Dichter Hans Fallada über seinen neuen Roman ›Kleiner Mann – was nun?‹ und legte diese Broschur im Börsenblatt137 bei. Bereits Ende Juli waren die ersten 4.000 Exemplare verkauft und weitere 4.000 zum Aufbinden bestellt.138 Der Roman traf offensichtlich durch seine ebenso emotionale Schilderung der Situation wie auch die in dieser Art und Weise ungewohnte schonungslose Schilderung vielfachen Schicksals dieser Jahre auf ein gesteigertes Leserinteresse. In einem Vierteljahr wurden 23.000 Exemplare ausgeliefert und im ersten Halbjahr 1933 erschien das 58. Tausend. Gleichzeitig konnte Rowohlt Lizenzen nach Großbritannien, Frankreich, Schweden, Dänemark, Norwegen, Tschechien und in die USA verkaufen. Während Fallada sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum reüssierte, schwankten die Erfolge von Emil Ludwig, die lange Jahre sicheren Gewinn für den RowohltVerlag bedeutet hatten. Sein Roman Der Menschensohn (eine Jesus-Biografie) stieß auf energische Kritik, in der ihm u. a. billige religiöse Verbrämung vorgeworfen wurde. Der Verlag hatte wie üblich mit einer hohen Startauflage von 30.000 Exemplaren kalkuliert139 und auch den Vorschuss für die ersten 20.000 Exemplare bezahlt, auf denen der Verleger nun sitzen blieb. 1929 konnte Ludwig allerdings mit seinem Roman zum Ersten Weltkrieg Juli 14 noch einmal punkten, in dem er gegen die im Versailler Friedensvertrag aufoktroyierte Alleinschuld Deutschlands argumentierte und auf der Welle der Kriegsliteratur zum Ersten Weltkrieg schwamm. In den ersten zwei Monaten wurden bereits 120.000 Exemplare abgesetzt. Dagegen fielen seine Lincoln-Biografie (1930) und seine Autobiografie Geschenke des Lebens (1931) kläglich aus, sie wurden nur zum geringen Teil verkauft. Auch für seine Autobiografie hatte Ludwig erneut für 20.000 Exemplare Vorschuss erhalten, lediglich 6.000 wurden verkauft.140 Sowohl diese großen Vorschüsse, die sich nicht amortisierten, als auch die Wirtschaftskrise des Jahres 1929, brachten den Verlag zunehmend in eine finanzielle Schieflage. Äußerer Anlass war, dass die Hausbank Rowohlts, die DANAT-Bank, 1931 zahlungsunfähig wurde. Rowohlt bemühte sich um einen Vergleich mit seinen Autoren und Teilhabern, die er, wie schon in den Jahren zuvor, mit Aktien befrieden wollte. Vor allem jedoch Emil Ludwig, der eine gewisse Mitschuld an der Finanzkrise besaß, lehnte dies ab. Der Verlag wurde in eine GmbH umgewandelt, die Kommanditgesellschaft in den nächsten Jahren abgewickelt. Möglich wurden dieser Vergleich und die Abwendung der Insolvenz durch die Brüder Ullstein, die den Verlag zu zwei Drittel übernahmen, ohne aber offensichtlich in den nachfolgenden Jahren direkt auf das Verlagsprogramm Einfluss zu nehmen. Exakte Daten sind nicht zu ermitteln, die üblichen verschleiernden und anekdotischen Formulierungen gipfeln im Rückblick von LedigRowohlt: »Damals, wenn ein Verlag pleite ging, mein Vater war ja manchmal dicht 137 Börsenblatt 99 (1932) 151, S. 2945 – 2948. 138 Hans Fallada Archiv: Rowohlt 1932, Brief Rowohlts an Fallada vom 30. Juli 1932; zitiert nach Schneider: Der Rowohlt Verlag, S. 66. Vgl. auch: Hans Fallada: Ewig auf der Rutschbahn 2008; Töteberg: »Ich will nie einen anderen Verleger als Sie«, S. 191 – 205. 139 Vogt-Praclik: Bestseller, S. 74. 140 Mayer: Ernst Rowohlt, S. 107.

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dran, da waren die Ullsteins und sagten: ›Na, macht ihr wundervolle Bücher, hier hast Du das Geld, mach mal wieder!‹«141 Nachfolgend kam es aber häufiger zu Vorabdrucken in den Ullstein-Zeitungen und Zeitschriften und mehrere der Ullstein-Autoren und Journalisten publizierten auch im Rowohlt-Verlag. Die finanzielle Krise war dadurch augenscheinlich überwunden, 1931 partizipierte Rowohlt offenbar sogar kurzfristig am Gustav Kiepenheuer Verlag.142 Am Ende der 1920er Jahre nahm die Internationalisierung des Verlagsprogrammes zu. Rowohlt war von einem amerikanischen Korrespondenten auf Ernest Hemingways The sun also rises aufmerksam gemacht worden,143 der das Buch unter dem Titel Fiesta in Deutschland publizierte. Als zweiter amerikanischer Autor wurde Sinclair Lewis mit Elmer Gantry und Mantrap (übersetzt von Franz Fein) 1928 veröffentlicht. Als Sinclair Lewis 1930 den Literaturnobelpreis bekam, konnte Rowohlt sehr gute deutschsprachige Übersetzungen vorweisen. Er folgte dem Hinweis von Lewis, der mit Understatement gesagt hatte, nicht ihm, sondern Thomas Wolfe mit Schau heimwärts, Engel hätte eigentlich der Nobelpreis zugesprochen werden sollen. Rowohlt übernahm diesen Titel daraufhin ungesehen, ließ ihn in der Vossischen Zeitung 1932 abdrucken und im gleichen Jahr als Buchausgabe bei Rowohlt erscheinen. Dies erwies sich als ein doppeltes Risiko, da Wolfe selbst in den Vereinigten Staaten noch nicht sehr bekannt war und sich US-amerikanische Literatur nach 1933 in Deutschland nur sehr schwer verkaufte. Die Bedeutung des zweiten Verlages, an den Rowohlt 1946 wieder anknüpfen konnte, bezog sich einerseits auf die Vermittlung englischer und amerikanischer Literatur in Deutschland, andererseits auf junge deutsche Autoren der 1920er Jahre, wie Hans Fallada oder Kurt Tucholsky, dessen Schloss Gripsholm 1931 erschien, und die Unterstützung von Robert Musil, dessen Mann ohne Eigenschaften 1930 und 1933 erschien. Das politische Sachbuch, das die politische Landschaft kritisch reflektierte, z. B. Hubert Knickerbockers Morgen wieder Krieg, Hitler-Wilhelm III. oder Die Volkswirtschaftslehre der UdSSR, rundeten das breite Spektrum des Verlags ab. So vereinigte der Verlag Expressionisten und Feuilletonisten, populäre Bestsellerautoren und niveauvolle Essayisten, verbunden durch einen Trend zur selbst definierten »Tatsachenliteratur«, die den weiten Bogen vom historischen Roman bis zum Sachbuch modernen Stils schlugen. Seit 1931 arbeitete der uneheliche Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt zunächst weitgehend inkognito im Verlag mit. Ullstein rettete Rowohlt 1931 finanziell, 1934 wurde die Ullstein AG arisiert und gehörte unmittelbar zum Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher Nachf. Offensichtlich konnte sich Rowohlt weitgehend selbstständig halten, 1938 wurde er in die DVA, Stuttgart, integriert. Rowohlts Verlagspolitik im Dritten Reich, den Kontext zu Ullstein, Eher und der DVA gilt es weiter aufzuarbeiten. Aufbauend auf dem breiten und interessanten Spektrum der 1920er Jahre war es Ernst Rowohlt und seinem Sohn jedoch möglich, 1946 wieder einen bald prosperierenden Verlag zu gründen.

141 Heinrich Maria Ledig-Rowohlt: Prince Henry. Gespräch mit Alexander U. Martens. Göttingen 1992, S. 98. 142 Vgl. Sabine Röttig: »… bleiben Sie wie bisher getrost in Dichters Landen und nähren Sie sich redlich«. Der Gustav Kiepenheuer Verlag 1933 – 49. In: AGB 58 (2004), S. 25. 143 Heinrich Maria Ledig-Rowohlt: Der Tod am Morgen. In: Thomas Wolfe – Ernest Hemingway. Reinbek: Rowohlt 1965, S. 31 – 73, hier S. 32.

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Kurt Wolff Verlag Der Versuch einer Charakteristik der verlegerischen Tätigkeiten von Kurt Wolff in der Weimarer Republik muss die ganze Bandbreite seiner wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten in das Blickfeld nehmen, die seit der Verlagsgründung 1912 literarische (mit einem deutlichen Schwerpunkt auf expressionistische) Vorlieben mit bibliophilen, kunsthistorischen und zeithistorisch-philosophischen Interessen umfassten, ebenso sprunghafte wirtschaftliche Engagements, Verlagszukäufe und diverse Fusionsabsichten.144 Wolff wollte immer mehr sein als nur Verleger des Expressionismus und sprach offen von einem »verfluchten, verhassten Ruhm«,145 in der öffentlichen Wahrnehmung oft nur als Expressionismusverleger wahrgenommen zu werden. Es ist ihm aber tatsächlich zu verdanken, dass diese in sich widersprüchliche literarische Strömung durch seine Reihe Der jüngste Tag von 1913 bis 1921 einen nach außen hin homogenen Gesamteindruck machte.146 Während Kurt Wolff 1914 bis 1916 als Soldat einberufen worden war, sorgten seine Mitarbeiter, vor allen Dingen der Prokurist Georg Heinrich Meyer und der Lektor Kurt Pinthus für die Kontinuität in der Verlagsführung. In diese Zeit fällt die Übernahme des Gesamtwerkes von Max Brod, das Bestsellergeschäft des Romans Der Golem von Gustav Meyrink und die Vermarktung von Rabindranath Tagores Gitanjali, den Kurt Wolff noch kurz vor der Verleihung des Nobelpreises 1913 in den Verlag genommen hatte. Mit der geschickt lancierten Reihe Der neue Roman wurden neu für den Verlag gewonnene Autoren neben älteren Titeln zum günstigen Preis von 3,50 Mark angeboten, darunter sieben Romane von Heinrich Mann, Max Brods Tycho Brahes Weg zu Gott oder Carl Hauptmanns Einhart, der Lächler. Die verlegerische Differenzierung des Programms begann schon 1916, als Kurt Wolff einen eigenen »Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff)« gründete, da Kraus mit keinem anderen Schriftsteller in einem Verlag erscheinen wollte.147 Als Kurt Wolff energiegeladen 1917 in den Verlag zurückkehren konnte, gründete er mehrere neue Zweigunternehmen, so den Verlag »Der Neue Geist« für kulturpolitische und zeitgeschichtliche Themen und den Hyperion-Verlag für Bibliophilie. 1917 kaufte Wolff auch den »Verlag der Weißen Bücher«, mit dem er bisher in enger finanzieller Verbindung gestanden hatte und führte ihn als Imprint-Verlag weiter. Kurzfristig soll auch 1918 in München der Musarion-Verlag zu Wolff gehört haben,148 1919 gab es Verhandlungen mit Georg Bondi zu einer Verlagsübernahme, die allerdings scheiterte, und 1921 Fusionsgespräche mit Samuel Fischer. 1918 kaufte er die Leipziger Offizin Drugulin, die er aber 1919, zusammen mit dem Verlag »Der Neue Geist«, an seinen Schwager Peter Reinhold weitergab. Nach der Rückkehr aus dem Krieg wurde der Verlagssitz von Leipzig nach Darmstadt, in die Heimatstadt seiner Frau Elisabeth verlegt, 144 Vgl. dazu die ausgezeichnete Dissertation von Göbel: Der Kurt Wolff Verlag und den informativen Begleitband zur Ausstellung, Weidle: Kurt Wolff. Ein Literat und Gentleman. 1910 – 1930. 145 Wolff: Vom Verlegen, S. 902. 146 Vgl. Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, S. 268 – 272. 147 Brief von Kurt Wolff an Georg Heinrich Meyer 1916, zitiert nach Goebel: Der Kurt Wolff Verlag (1910 – 1939). In: Weidle: Kurt Wolff, S. 11 – 42, hier S. 31. 148 Goebel: Der Kurt Wolff Verlag (1910 – 1939). In: Weidle: Kurt Wolff, S. 11 – 42, hier S. 31; Wittmann: Buchkultur in München, S. 125 – 128.

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im Herbst 1919 dann nach München (bis 1930) in das Haus des verstorbenen Verlegers Georg Hirth. In seinem nach ihm selbst benannten literarischen Verlag wurden zunächst noch die letzten expressionistischen Texte von Yvan Goll, René Schickele oder Kasimir Edschmid verlegt, die Reihe des Jüngsten Tags wurde allerdings mit den Schriften von Ernst Toller, Ferdinand Hardekopf und Rudolf Kayser abgeschlossen. Das Werk des Literaturnobelpreisträgers Tagore sorgte weiterhin für Umsatz, auch die Bücher von Franz Werfel und bibliophile Ausgaben im Hyperion-Verlag – Luxusdrucke waren als Geldanlage gerade in Zeiten der Inflation beim Publikum begehrt, wie sich mehrfach zeigte. Während sich Kurt Wolff 1924 darauf konzentrierte, einen internationalen Kunstverlag, die Pantheon Casa Editrice, in Florenz zu gründen und Bücher in exquisiter Aufmachung und hochpreisigen Kleinauflagen in fünf Sprachen, Italienisch, Französisch, Spanisch, Englisch und Deutsch, zu vertreiben, konnte der Literaturverlag sowohl bei Engagements für neuere Literatur als auch im wirtschaftlichen Kontext nicht mehr mithalten. Zwar erschienen Gesamtausgaben von Guy de Maupassant, Émile Zola und Charles-Louis Philippe und erste Romane von Sinclair Lewis, Babbitt und Dr. med. Arrowsmith, doch gab es Konkurrenzausgaben anderer Verlage: Sinclair Lewis wanderte z. B. zum Rowohlt Verlag ab. In der Neuen Bücherschau erschien 1928 ein Portrait des Verlags, das bemängelte, dass Wolff in den unmittelbar zurückliegenden Jahren Bücher herausgebracht habe, deren Notwendigkeit nicht zu erkennen ist: Neuausgaben von de Coster, nicht immer gut gemachter Unterhaltungskitsch, Kunstpublikationen, die aus dem Rahmen dieses in der Hauptsache literarischen Verlages fallen. Dafür sind zwei junge Autoren vertreten, Joseph Roth und Paula Schlier, die den Willen des Verlages erkennen lassen, nach dem Abflauen des Expressionismus […] mitzuhelfen an dem Aufbau einer neuen, wirklichkeitsnahen Dichtung.149 Noch immer erschienen literarische Perlen im Programm, so die Nachlassromane von Franz Kafka 1926/27, die Unterhaltungsliteratur prägte aber stärker als je zuvor das Bild. Die Publikationszahlen nahmen deutlich ab, 1928 erschienen nur noch neun Bücher, 1929 ein einziges. Danach beschränkte sich der Verlag auf die Auslieferung. 1930 schrieb Wolff an Werfel: »Mag ichs nun lediglich durch eigenes Verschulden falsch angefaßt haben, mag ich Pech gehabt haben […], Tatsache ist, daß ich mich in den letzten sechs Jahren praktisch und materiell an diesem Verlag aufgerieben, verblutet habe.«150 Sein Schwager Peter Reinhold kaufte den Wolff Verlag, den Hyperion-Verlag und den Verlag der Weißen Bücher und führte sie fusioniert 1933 in Berlin weiter. 1933 verließ Kurt Wolff Deutschland und floh über Italien und Frankreich mit seiner zweiten Frau Helen nach New York, wo sie 1942 den Verlag Pantheon Books Inc. eröffneten. Wolff starb 1963 auf dem Weg zur Expressionismus-Ausstellung in Marbach a. N.

149 Zitiert nach Göbel: Kurt Wolff Verlag. In: Weidle, S. 39. 150 Zitiert nach Göbel: Kurt Wolff Verlag. In: Weidle, S. 40.

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Drei Masken Verlag Nach den Titelzahlen von 1927 führte in München der Verlag Georg Müller mit 60 Titeln, gefolgt von Kurt Wolff mit 30 Titeln, Albert Langen mit 29 Titeln, R. Piper mit 28 Titeln und dem Drei Masken Verlag mit 24 Titeln. Der Drei Masken Verlag in München gehörte zu den kleineren Verlagen mit einem interessanten literarischen Programm. Er war am 24. November 1910 in München als Bühnen- und Theaterverlag von Ludwig Friedmann gegründet worden und verwaltete u. a. die Theaterlizenzen von Georg Müller. 1917 übernahm er den Bühnenvertrieb des 1909 in Berlin gegründeten Erich Reiß Verlags151 und damit Werke von Kasimir Edschmid, Maximilian Harden oder Klabund und im gleichen Jahr den Bühnenvertrieb des Kurt Wolff Verlags.152 Die »Vereinigten Bühnenvertriebe Drei Masken/Georg Müller/Erich Reiß/Kurt Wolff Verlag« wurden am 21. September 1917 in Berlin gegründet. Über Kurt Wolff kamen die Dramen z. B. von Herbert Alberti, Fritz von Unruh und Carl Zuckmayer hinzu. Ab 1920 erschienen im Münchener Drei Masken Buchverlag Musikliteratur und wichtige philosophische, soziologische und historische Werke, u. a. von Max Weber, Georg Simmel, Leopold von Ranke oder Johan Huizinga. 1922 wurde das Münchner Unternehmen in eine Aktiengesellschaft verwandelt: Drei Masken Verlags AG.153 Dort erschienen zu Beginn der 1920er Jahre zwanzig expressionistische Titel, u. a. von dem Essayisten Otto Flake, dem Dramatiker Carl Sternheim und Bertolt Brechts Trommeln in der Nacht (1923). Lion Feuchtwanger wechselte 1925 von Georg Müller zum Drei Masken Verlag und publizierte dort seinen Roman Jud Süß in hoher Auflage. 1925 erschien der Dorfroman Die Chronik von Flechting von Oskar Maria Graf und 1927 dessen Autobiografie und Zeitreflexion Wir sind Gefangene, die auf erhebliche Resonanz stieß.154 1931 wurden der Buchverlag und der Bühnenvertrieb nach Berlin zurückverlegt; 1934 wurde das jüdische Unternehmen liquidiert.155

Verlage der Avantgarde Kunst und Literatur der Avantgarde kritisieren in der Regel die Traditionen, eröffnen neue Sichtweisen und brechen meist bewusst die Normen von Form und Inhalt.156 Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts förderten jeweils engagierte Verleger die avantgardistischen Tendenzen des Naturalismus, des Expressionismus oder des Dadaismus und identifizierten sich über weite Strecken mit ihnen. Wilhelm Friedrich ist ein Beispiel für die bedingungslose Förderung des Naturalismus, Kurt Wolff kann als ein führender Verleger des Expressionismus angesprochen werden (neben etwa 450 meist kleineren Verlagen, die die 2.300 Bücher des Expressionismus herausgaben).157 151 Halbey: Der Erich Reiß Verlag 1908 – 1936. In: AGB 21 (1980), Sp. 1127 – 1256; Raabe: Autoren und Bücher des literarischen Expressionismus, 2. Auflage 1992, S. 778 – 780. 152 Göbel: Der Kurt Wolff Verlag, Sp. 767 f. 153 www.dreimaskenverlag.de/verlag/verlagsgeschichte (eingesehen 20.05.2011). 154 Wittmann: Hundert Jahre Buchkultur, S. 127 f. 155 www.dreimaskenverlag.de/verlag/verlagsgeschichte (eingesehen 20.05.2011). 156 Vgl. u. a. Plumpe: Avantgarde. In: Text und Kritik, S. 7 – 16. 157 Zu den Verlegern des Naturalismus und des Expressionismus vgl. Estermann/Füssel, Belletristische Verlage, Kaiserreich, bes. S. 211 – 214 und 266 – 273.

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In den 1920er Jahren fand die Dada-Bewegung Unterstützung durch die Verlage von Paul Steegemann in Hannover und den Malik-Verlag in Berlin. Die Drucke der DadaBewegung sind in ihrem Erscheinungsbild durch eine völlige Auflösung der klassischen Regeln der Typografie und der Gestaltung gekennzeichnet. Die Bewegung, die seit 1916 von Zürich ausging, verkündete eine inhaltliche und gestalterische Kunstanarchie. Die Montage völlig unterschiedlicher Schriftarten und -größen und ein kollagenartiger Aufbau, der fotografische und typografische Elemente mischte, waren für diese Richtung bezeichnend. Mit ihrer Aufhebung der überkommenen Kunst- und Gattungsgrenzen sowie eines organischen Kunstwerk-Begriffs erfüllten die Dadaisten alle Voraussetzungen für Avantgarde-Kunst. Viele Publikationen der Dada-Bewegung erschienen an entlegenen Orten in Ein-Mann-Verlagen, aber eben auch in zwei engagierten künstlerischen Verlagen, die sich 1919 gegen den Muff der bürgerlichen Kultur der Kaiserzeit wandten.

Paul Steegemann Verlag Eine Verbindung von spätexpressionistischer Literatur und Tendenzen des Dada findet sich in der Buchreihe Die Silbergäule von 1919–1921 in dem 1919 in Hannover gegründeten Verlag von Paul Steegemann.158 Der erst 24-jährige Steegemann knüpfte an die Erfolgsgeschichte der zahlreichen expressionistischen Buchreihen an, und es gelang ihm, mit Kasimir Edschmid, Carl Hauptmann, Heinrich Mann oder Otto Flake bereits eingeführte Autoren für die Reihe zu gewinnen; neu hinzu kam der Hannoveraner Kurt Schwitters. Im Unterschied zu Kurt Wolffs Reihe Der jüngste Tag wurden allerdings nicht nur zeitgenössische Texte aufgenommen, sondern auch eine Auswahl von Hölderlin und Flaubert. Steegemann selbst kokettierte damit, dass er unbekanntere Spätexpressionisten und Vertreter der provinziellen Literatur und Kunst zum ersten Mal in den Silbergäulen publiziert habe.159 Er erregte auch beim etablierten Buchhandel Anstoß, etwa durch einen Privatdruck der Gedichtsammlung Frauen von Paul Verlaine, in der Übersetzung von Curt Moreck. Das Börsenblatt weigerte sich sogar, eine Anzeige dafür zu drucken. Kurt Tucholsky kommentierte dies in der Weltbühne am 12. August 1920: Der Verleger gefällt den Reaktionären in Leipzig nicht. Paul Steegemann hat mit anerkennenswertem Fleiß eine große Reihe junger Autoren oder politischer Radikaler herausgebracht, und weil Kurt Hiller oder Heinrich Vogeler-Worpswede oder Heinrich Mann oder Rudolf Leonhard nicht auf den deutschen Krieger-Verein eingeschworen sind, bekommt es Leipzig mit der Angst vor dem Bolschewismus und hat nun ein Ausschlussverfahren gegen den politisch unbequemen Verleger in die Wege geleitet.160 Mit »Leipzig« wird der etablierte, im Börsenverein zusammengeschlossene Buchhandel angesprochen, der 1920 den Ausschluss des Verlegers Paul Steegemann aus der Standesorganisation betrieb. Steegemann musste sich auch mit der Zensur in der Weimarer Republik immer wieder auseinandersetzen, seine Autoren, darunter besonders Walter 158 Meyer: Paul Steegemann Verlag 1994. 159 Paul Steegemann Verlag, Katalog, S. 29. 160 Zitiert nach Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke, Bd. 1, 1960, S. 719.

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Serner, wurden wiederholt wegen des Verstoßes gegen das »Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schmutz- und Schundschriften« (1926) angeklagt.161 Die Auflagen der Bände der Silbergäule, in denen z. B. Kurt Schwitters’ Lithografiefolge Die Kathedrale, Richard Huelsenbecks Geschichte des Dadaismus En avant Dada, Hans Arps Versband die wolkenpumpe oder Walter Serners dadaistisches Manifest Letzte Lockerung erschienen, sind durchaus beachtlich – sie reichen von 1.000 bis über 10.000 Exemplare. Alle 59 Titel zusammen haben eine Gesamtauflage von etwa 200.000 Exemplaren erreicht. Man darf diese Zahlen nicht mit der bewusst satirisch überhöhten Anzeigenwerbung Steegemanns verwechseln, in der er die Gigantomanie der Bestsellerzahlen der Weimarer Republik parodierte. Bereits nach zwei Monaten meldete er, die Serie habe »über 100.000 Bände« verkauft, und in der Anzeige im Börsenblatt kündigte er die Startauflage von Melchior Vischers Sekunde durch Hirn mit »über 400.000 Bänden« an.162 Insgesamt treffen in den Silbergäulen avantgardistische Tendenzen mit dem Bestreben zum Ausgleichenden, Gefälligen zusammen, was für die Situation des Buchmarktes in der Weimarer Republik bezeichnend wird. Wilhelm Michel beschreibt den Erfolg der Reihe am 11. Januar 1921 in der Frankfurter Zeitung: Der wesentliche Zug der Sammlung ist die grenzenlose Bereitschaft zu allem Neuen und Erregenden, zu den Wichtigkeiten des Jahrzehnts, des Tages, selbst der Minute. Ein kecker, unruhiger Geist, ein rasch zugreifender, etwas flatternder vorfühlender Geschmack zeichnet sich ab, deutlich verliebt in alles, was irgendwie Grenzen überspringt, keineswegs ohne geistigen Ehrgeiz, doch auch gebannt in die Empfindung für das Marktgängige des Gegenwärtigen und der kommenden Stunde.163

Malik Verlag Der Malik Verlag (benannt nach dem Roman von Else Lasker-Schüler), der am 1. März 1916 von Wieland Herzfelde gegründet worden war, zählt durchaus zu den repräsentativen Unternehmen der Weimarer Republik mit einem hohen künstlerischen, literarischen und politischen Profil. Er setzte sich besonders für die jüngsten Schriftsteller ein, »die noch keinen Platz in der heutigen Literatur gefunden haben«.164 Herzfelde forderte alle europäischen Künstler und Intellektuellen, die »nicht greisenhaft, nüchtern und unterwürfig sind«, auf, hier zu publizieren. In der Zeitschrift Neue Jugend (eine fortgeführte Schülerzeitschrift, die die Verlagsgründung formal recht einfach ermöglichte) finden sich in den nachfolgenden Jahren Werke von George Grosz, Theodor Däubler, Salomon Friedländer (Ps. Mynona), Johannes R. Becher, Else Lasker-Schüler und Richard Huelsenbeck, die auch das weitere Verlagsprogramm prägten. Schon 1917 wurde die Zeitschrift von der Kriegszensur verboten. Nachdem Herzfelde und weitere Mitglieder des Malik-Kreises 1918 in die Kommunistische Partei Deutschlands eingetreten waren, setzte sich der Verlag nach eigenem Bekunden mit »aufklärenden Broschüren

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Füssel: Vom Schaufenstergesetz zur Bücherverbrennung, S. B 55 – B 65. Paul Steegemann Verlag, Katalog, S. 34 – 38. Paul Steegemann Verlag, Katalog, S. 32. Nachwort in: Neue Jugend, Heft 7, Juli 1916, S. 146.

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und satirischen Zeitschriften« dafür ein, in Deutschland eine proletarische Revolution zu entfalten.165 Herzfelde engagierte sich besonders für die Berliner Dadaisten, so z. B. durch die Publikation von drei Schriften von Richard Huelsenbeck: Dada siegt, Deutschland muß untergehen und Phantastische Gebete. Daneben übernahm er die von Raoul Hausmann bisher im Selbstverlag herausgegebene Zeitschrift dada und 1921 dessen Satireband Hurra! Hurra! Hurra! Hohen Bekanntheitsgrad erreichte seit Februar 1919 Herzfeldes satirische Zeitschrift Jedermann sein eigener Fußball, eine vierseitige Illustrierte im Zeitungsformat, die Herzfeldes Motto mit anderen Worten wiedergab: »Lasst euch nicht treten, bewegt euch selbst!«166 Da in dieser Ausgabe aber nicht nur satirisch überhöht die Erfolglosigkeit der kommunistischen Parolen kommentiert wurde, sondern auch massiv gegen die junge Republik, die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheide- Abb. 4: Malik-Verlagsanzeige 1924. In: Der mann polemisiert und zur Fortsetzung Malik-Verlag 1916 – 47. Chronik, S. 64. der Revolution aufgerufen wurde, wurde die Zeitschrift gleich am Erscheinungstag verboten. Die Auflage von 7.000 Exemplaren war da aber bereits vollständig verkauft worden. Eine Fortsetzung fand die Agitation in der Zeitschrift Die Pleite, von der jede Ausgabe beschlagnahmt wurde. Mit ihr bekannte sich Herzfelde als Parteigänger der revolutionären Bewegung in der Sowjetunion. Als die KPD die Dada-Strömung als einen »dekadenten Unsinn« bezeichnete, verließ Herzfelde die ohnehin im Abflauen begriffene Bewegung. Seit 1920 gingen daher auch die Zeitschriftentitel zurück und der Buchverlag etablierte sich, im Umfang durchaus vergleichbar mit der Rowohlt-Produktion. Im Mittelpunkt stehen etwa 80 Autoren aus der Sowjetunion, 1924 z. B. Wladimir Majakowskis 150 Millionen in der Übersetzung von Johannes R. Becher, es folgten einzelne Werke und Ausgaben von Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Sergej Tretjakow, daneben zwischen 1926 und 30 eine 17-bändige Gesamtausgabe von Maxim Gorki, die Gesamtausgabe von Ehrenburg und ab 1928 auch die Gesamtausgabe von Tolstoi.167 165 Stucki-Volz: Malik-Verlag, S. 21. 166 Wieland Herzfelde: Dada und die Folgen. In: Sinn und Form 1961, Heft 6, S. 1239. 167 Stucki-Volz: Malik, S. 228 – 231.

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Mit überaus großem Erfolg wurde der sozialkritische US-amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair (1878–1968) erstmals in Übersetzungen vertrieben, die extrem hohe Auflagen erreichten. Seine Anprangerung sozialer Missstände im Gefolge der Arbeitslosigkeit, von Alkoholismus und familiärer Verelendung, wurden als schlagende Beispiele der Kapitalismuskritik verstanden. Zu seinen auflagestärksten Titeln bei Malik gehörten Petroleum mit 125.000, Boston mit 90.000 oder Der Sumpf mit 80.000 verkauften Exemplaren. Petroleum stand fünf Monate lang auf der Bestsellerliste der Zeitschrift Die literarische Welt.168 Von mehrsprachigen Autoren dominieren am Anfang der 1920er Jahre zehn Erzählungen, Romane oder Dramen von Franz Jung und acht Texte von Karl August Wittfogel. Während zu Beginn der zwanziger Jahre theoretische Schriften überwogen, wurden ab 1926 wieder stärker literarische Texte in das Programm aufgenommen, u. a. von Johannes R. Becher oder Theodor Plievier. Die Wirtschaftsstruktur des Verlages war durchaus kapitalistisch organisiert: 1924 wurde der Malik-Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und musste seit diesem Zeitpunkt eine öffentliche Bilanz vorlegen. Die im Börsenblatt von 1926 bis 1931 publizierten Bilanzen zeigen, dass nur im Jahr 1929 ein Gewinn erreicht wurde, dass aber die Aktionäre in allen Jahren auf eine Dividende verzichten mussten. Da parallel dazu auch die Schulden stiegen, musste immer wieder Fremdkapital zugeschossen werden. Herzfelde zahlte sich selbst nur ein Honorar von 250 Mark im Monat aus und lag damit bei dem Durchschnittsverdienst eines Verlagsmitarbeiters. Sein Bemühen war, durch Verzicht auf einen hohen Verlegergewinn (was er in der Debatte, die Kurt Tucholsky »Ist das deutsche Buch zu teuer?« 1928 in der Weltbühne169angezettelt hatte, auch immer wieder betonte) die Bücher preiswerter anzubieten. Es gelang ihm tatsächlich, seine Bücher im Schnitt etwa 30 % billiger zu verkaufen als die anderen großen literarischen Verlage.170 Er dachte dabei genau wie die anderen in Reihen und gab z. B. die Kleine revolutionäre Bibliothek, die Rote Roman-Serie, die Sammlung revolutionärer Bühnenwerke oder – besonders erfolgreich – die Malik-Bücherei heraus. Die Bände der Malik-Bücherei kosteten je eine Mark, die der Roten Roman-Serie im Durchschnitt 2,20 Mark. Darüber hinaus bemühte sich Herzfelde, die von ihm vertriebene Literatur weiteren Kreisen zugänglich zu machen, indem er sie in unterschiedlichen Ausstattungsvarianten zu deutlich unterschiedlichen Preisen herausgab, in Einzelfällen zwei Ausgaben auf holzhaltigem Papier, eine broschierte und eine mit Pappeinband, mehrere Ausgaben auf holzfreiem Papier, eine Halbleinen-, eine Ganzleinen-, eine Halblederund eine Ganzleder-Ausgabe. Obwohl er sich polemisch von den »Volksausgaben« von Knaur oder S. Fischer absetzte, gab es auch in seinem Verlag ab 1925 die Preisstufen 2,85 oder 3,85 Mark, sie wurden nur nicht als »Volksausgaben«, sondern als »Propaganda-Ausgaben« bezeichnet. So publizierte er etwa die Anthologie 30 neue Erzähler des neuen Deutschlands mit einer Startauflage von 12.000 Exemplaren für 3,75 Mark oder in einer Startauflage von 25.000 Exemplaren Maxim Gorkis Drei Menschen. Das Bild des Verlags wurde sowohl von dem Buchkünstler George Grosz (1893– 1959) als auch von dem Bruder des Verlegers, John Heartfield (Helmut Herzfeld, 1891– 1968), geprägt. George Grosz illustrierte einen großen Teil der Verlagsproduktion, 168 Stucki-Volz: Malik, S. 78. 169 Peter Panter: »Ist das deutsche Buch zu teuer?« In: Die Weltbühne Jg. 24, Nr. 6, S. 208 – 212. 170 Stucki-Volz: Malik, S. 112 – 117.

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gestaltete verschiedene Buchumschläge und publizierte in den Malik-Zeitschriften. Im Unterschied zur sonstigen Verlagspolitik brachte Wieland Herzfelde seine Zeichnungen bibliophil zwischen 1919 und 1923 heraus, vom Künstler signiert, auf Japanpapier oder Bütten, in Mappen aus Halbpergament, Leder oder Seide, mit dem stolzen Preis von 500 bis zu 2.000 Mark. Herzfelde betonte, dass diese Mischkalkulation ihm erst andere Verlagsproduktionen ermöglichte. John Heartfield hatte zusammen mit seinem Bruder Wieland den Malik-Verlag 1917 gegründet und gestaltete gemeinsam mit George Grosz die Typografie der Verlagszeitschriften und der ersten Bücher. Zu seinem Markenzeichen wurden die seit 1921 in der Fotomontagetechnik gestalteten Schutzumschläge und die Bucheinbände, die oft fotorealistisch den Inhalt des Bandes plakativ umsetzten, namentlich bei den sozialkritischen Romanen von Upton Sinclair. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand 1933 floh Wieland Herzfelde nach Prag, wo er z. B. seit März 1933 die Schriften von Ehrenburg, Plievier, Sinclair u. a. publizierte. 1938 musste er in die USA ausweichen, wo er 1944 in New York den Aurora-Verlag gründete, von dem einige Titel 1948 vom Aufbau-Verlag als Aurora-Bücherei weiter fortgeführt wurden.

Alternative Marketing- und Vertriebsformen Knaur Verlag »Wir haben uns alle beide, Verleger und Sortimenter, in erster Linie den Kopf zu zerbrechen, wie bringen wir unsere Bücher ›preiswert‹ und ›in richtiger Weise‹ unter das Volk, und dann erst kommt die Frage des Bestehens des Einzelnen.«171 Mit solchen zugespitzten Bemerkungen bei der Tagung des Lauensteiner Kreises sorgte Eugen Diederichs dafür, dass sich Verlag und Sortiment nicht in relativ kleinlichen Rabattdiskussionen gegenseitig aufrieben, sondern sich gemeinsam den Aufgaben der zunächst wirtschaftlich angespannten Situation in den frühen 1920er Jahren annahmen. Es mussten neue Produktions- und vor allem Vertriebswege diskutiert und die Konkurrenz zum Warenhausbuchhandel sowie zu den Buchgemeinschaften in das Blickfeld genommen werden. Außerdem mussten die neuen Zielgruppen bewusst angesprochen werden, da nicht mehr das klassische Bildungsbürgertum der Kaiserzeit, sondern jetzt neue Käuferund Leserschichten aus der Arbeiter- und der neuen Angestelltenschicht den Käufermarkt bestimmten. Samuel Fischer bedauerte, dass das Gemeinschaftsgefühl der Kaiserzeit mit seiner »bürgerlichen Abgegrenztheit« vorbei sei: »Man denke etwa an die Zeit vor dem Krieg zurück, damals, als es noch einen bürgerlichen Kreis gab, der eine Atmosphäre von Kultur und Sitte verbreitete und all jene Elemente anzog, die in Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst Ansehen und Einfluss gewonnen hatten.«172 Der Hintergrund dieser Bemerkung des 67-jährigen Verlegers war die Beobachtung, dass nicht mehr allein Verlass auf die alten, bewährten Autoren war, die einem festen Kanon angehörten: »Das Publikum interessiert sich nur noch für neue Bücher.«173 Fischer klagt 171 Eugen Diederichs: Die Lauensteiner Zusammenkunft, S. 1363. 172 Samuel Fischer: Bemerkungen zur Bücherkrise. In: Das vierzigste Jahr, S. 80 – 85. 173 Zitiert nach de Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag, S. 939.

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weiter, es gäbe »keine bestimmte und verlässliche Leserschicht mehr, keine literarische Atmosphäre, in der das Lesen wertvoller Bücher eine selbstverständliche und ununterbrochene Beschäftigung ist«.174 Diese Diskussion spitzte sich zu, als der Schriftsteller Rudolf Borchardt (1877– 1945) am 8. Februar 1929 bei der Bremer Export- und Verlagsbuchhandlung G. A. von Halem einen Vortrag über die »Aufgaben der Zeit gegenüber der Literatur« hielt und darin den zeitgenössischen Buchhandel scharf kritisierte. Der Buchhandel produziere an den aktuellen Bedürfnissen des Publikums vorbei, er zahle die Autoren nicht mehr angemessen, die festen Wertmaßstäbe für »gute« Literatur seien zerbrochen, sodass es keine verbindliche Übereinkunft zwischen Käufern und Verlagen mehr gäbe, was man lesen solle. Bedingt durch die Krise seien die Verlage in große Abhängigkeit von den »Produzenten«, also in erster Linie den Großdruckereien und anderen Kapitalgebern gekommen.175 Gerade die Vorwürfe Borchardts, dass der Buchhandel sich einseitig an literarischen Moden orientiere und damit der Literatur insgesamt schade und darüber hinaus zu viel produziere, wurde vonseiten des Buchhandels zurückgewiesen, am entschiedensten von Gerhard Menz, Professor für Buchhandelsbetriebslehre an der Handelshochschule in Leipzig. Er konstatierte, dass die »Lebensdauer« von Verlagswerken in der Tat deutlich zurückgegangen sei und Verlag und Sortiment darauf reagieren müssten. Eine der Folgen sei das vermehrte Aufkommen von Buchreihen, die dem Kunden eine gewisse Orientierung bieten könnten. Menz beschreibt damit den bereits seit 1900 festzustellenden Trend zur Reihenbildung.176 Noch deutlicher auf die ökonomischen Grundbedingungen eingehend, reagierte Wilhelm Stapel als offizieller Vertreter der Verlags- und Literaturpolitik des Deutschnationalen HandlungsgehilfenVerbandes (DHV) und Mitherausgeber der Zeitung Deutsches Volkstum. Er sah die Forderung Borchardts zum Zusammenschluss einzelner Verlage als bereits gegeben an und hob die neue Ausrichtung auf aktuelle Vertriebsstrukturen hervor. Erstaunlich liberal sprach Stapel über die wachsende Konzentration und vor allen Dingen über den zunehmenden Warencharakter der Literatur: Wir befinden uns zurzeit in einer »Aufspaltung des Verlagswesens« in große Betriebe, die vom Absatz aus denken, und in kleine Unternehmungen, die von der Qualität der Produktion aus denken… Wenn der Anpassungssturm dieser Jahre durchkämpft sein wird, so wird man dort die großen, rationalisierten Buchwarenhäuser sehen, die gute Geschäfte machen, hier aber den vornehmen Kreis kleiner Verleger, deren Arbeit die Geistesgeschichte verzeichnen wird. Ihr kleineres Geschäft wird kompensiert durch die größere Ehre, durch den höheren sozialen Rang.177 Zu den wichtigen Verlagen, die auf diese Herausforderung reagierten, gehörte u. a. der S. Fischer Verlag, der mit Samuel Fischer einen erfahrenen Kaufmann und mit Gottfried Bermann Fischer einen innovativen neuen Verleger in seiner Geschäftsführung 174 Börsenblatt 94 (1927) 279, S. 1402. 175 Eine gute Übersicht über die Ideen Borchardts und die Reaktionen bei Brohm: Das Buch in der Krise, S. 280 – 290. 176 Vgl. dazu Bry: Buchreihen. Fortschritt oder Gefahr für den Buchhandel? 177 Stapel: Rudolf Borchardts Anklage, S. 287.

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hatte. Fischer hatte bereits vor 1900 reagiert und Literatur in Reihen herausgegeben, so 1889 eine Nordische Bibliothek, 1894 die Collection Fischer und 1908 die populäre Reihe Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane, in der monatlich ein Roman mit 15.000 bis 30.000 Exemplaren erschien und zu einem kaum zu unterbietenden Preis für 1 Mark (in Leinen 1,25 Mark) verkauft wurde. In Wilhelm Langewiesche-Brandts Reihe Die Blauen Bücher erschienen zeitgenössische Lyrik und Klassiker zum Preis von 1,80 Mark, Anton Kippenberg gab ab 1912 die Insel-Bücherei nach dem Vorbild Fischers mit festem Einband (und geringerem Umfang) für nur 50 Pfennige heraus, die Ullstein-Bücher ab 1910 in leuchtend gelben Pappbänden wurden ebenfalls für 1 Mark wie Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane herausgegeben und bis 1914 in großer Zahl vertrieben. Fischer setzte auch in der Weimarer Republik diese Politik mit preisgünstigen Reihen fort.178 Vor allem setzte aber der Knaur Verlag neue Maßstäbe mit seinem Preis von 2,85 Mark, der zu einem Markenzeichen wurde. Adalbert Droemer war 1902 als Verlagsvertreter zum Verlag Th. Knaur Nachf. gekommen, wurde 1919 Teilhaber (1934 Alleininhaber) und drängte mit der Sichtweise des Vertriebsleiters auf hohe Auflagenziffern zum günstigen Ladenverkaufspreis. Der Knaursche Standardband kostete ab 1920 2,85 Mark und lag damit deutlich günstiger als der Durchschnittspreis von 6,30 Mark für ein gebundenes Buch. Er verlegte zunächst sichere Titel des 19. Jahrhunderts, wie die Erzählungen und Romane von Theodor Fontane, Gottfried Keller oder Theodor Storm, aber auch Klassiker der Kulturgeschichte, wie Jacob Burckhardts Kultur der Renaissance in Italien oder erzählende Biografien, wie die von Richard Wagner, Leonardo da Vinci oder Dimitri Mereschkowski. Daneben publizierte er Rudyard Kiplings Dschungelbuch, die Romane von Selma Lagerlöf und Knut Hamsun, schließlich sogar Bismarcks Gedanken und Erinnerungen.179 Zu den Brotartikeln des Verlags gehörten die vollständigen Werke in Einzelausgaben von Ludwig Ganghofer, der 1920 verstorben war und dessen Rechte die Stuttgarter Verlagsbuchhandlung Adolf Bonz & Co. besessen hatte. Droemer übernahm die Rechte Ganghofers, der sich als bester Umsatzbringer erwies, vor allem, als seine Romane nacheinander verfilmt wurden.180 Mit dem Markenzeichen von 2,85 Mark schuf Knaur ein echtes Gegengewicht zum Absatzmarkt von Buchgemeinschaften und weitete das Erfolgsrezept über die gängige Belletristik aus. Droemer schuf eine eigene Wissenschaftsredaktion, die 1931 das Knaur-Lexikon mit überaus großer Resonanz auf den Markt brachte, daneben einen Atlas und eine eigene Geschichte der Kunst des Marburger Kunsthistorikers Richard Hamann, die mit über 1.000 Abbildungen und farbigen Tafeln zu einem in dieser Kategorie wieder einmaligen Preis von 6,50 Mark 1934 erschien.

178 Siehe oben S. 10. 179 Es fehlt bis heute eine aus den Quellen erarbeitete, wissenschaftliche Verlagsgeschichte von Droemer-Knaur. Zum 50-jährigen Jubiläum 1951 erschien eine Festschrift »50 Jahre Knaur Bücher«. München 1951, vgl. hier den Artikel von Karl Rosner: Neue Wege und Aufstieg des Verlages, S. 33 – 44, hier S. 35. 180 1921 Der Mann im Salz, Regie Peter Ostermayr; 1924: Sklaven der Liebe, Regie Carl Boese; 1924: Die Bacchantin, Regie William Karfiol; 1926: Der Jäger von Fall, Regie Franz Seitz sen.; 1929: Das Schweigen im Walde, Regie William Dieterle; 1933 Die blonde Christl, Regie Franz Seitz sen.

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Vorbild für andere Verlage und Stein des Anstoßes zugleich war aber die KnaurBuchreihe Romane der Welt, die 1927 mit dem Versprechen erschien, jeden Freitag (!) einen Roman in Ganzleinen auf bestem holzfreien Papier mit einem vierfarbigen Schutzumschlag und bis zu 600 Seiten Umfang zum Preis von 2,85 Mark zu liefern. Herausgeber war niemand Geringeres als Thomas Mann, zusammen mit Hermann Georg Scheffauer (1878–1927), einem deutsch-amerikanischen Schriftsteller und Übersetzer. Neben seinen eigenen Dichtungen in englischer Sprache übersetzte er zahlreiche Werke von Georg Kaiser oder Klabund ins Englische, darunter auch verschiedene Erzählungen von Thomas Mann, wie Herr und Hund oder Unordnung und frühes Leid. Mann und Scheffauer hatten ein sehr ausgeglichenes, von gegenseitiger Wertschätzung getragenes Verhältnis, sodass Thomas Mann ihm sogar die Übersetzung seines Zauberberg anvertrauen wollte; sein amerikanischer Verleger Alfred A. Knopf bevorzugte dann jedoch Helen Tracy Lowe-Porter. Ihre Gemeinschaftsarbeit war die Herausgabe der Romane der Weltliteratur, von denen im ersten Jahr von April 1927 bis März 1928 58 einzelne Bände erschienen. Knaur unterstützte die neue Reihe durch die großflächige Ankündigung mit dem neuen Signet RdW und versuchte, die Marke allein durch das Logo und die Namen der Herausgeber zu etablieren, noch bevor die ersten Titel bekannt gegeben wurden.181 Knaur warb neben dem Preis mit der guten Ausstattung: Bestes, holzfreies, federleichtes Papier. Druck erster Leipziger Offizinen. Jeder Band in andersfarbigem Ganzleinen mit Titel- und Silhouetten-Aufdruck. Vierfarben-Bildumschläge von ersten Künstlern. Von der Schönheit der Ausstattung, der Güte des Papiers, den farbenfreudigen Einbänden, den eindrucksvollen, packenden Bildumschlägen werden Sie sich am besten durch Augenschein überzeugen können. Nehmen Sie einen Band der Serie zur Hand, dann werden Sie von dem unfassbar niedrigen Preis verblüfft sein und die unerhörten Verkaufsmöglichkeiten ermessen. In Amerika und in England z. B. würden diese Bände nicht nur das Doppelte, sondern zumeist mehr als das Dreifache kosten. Jeder Band bringt dem deutschen Leser einen – nicht nachdruckfreien – berühmten oder völlig neuen Meister der modernen Erzählung. Werke bester deutscher Autoren sind in Vorbereitung. Alle Völker und Kulturen kommen zu Worte. Das Vorwort von Thomas Mann, das auch im ersten Band der Reihe, in Hugh Walpoles Bildnis eines Rothaarigen (1927), vorangestellt wurde, erschien in Auszügen im Börsenblatt: Romane der Welt – das ist ein weiträumiger Titel und ein Unternehmen, dem Geist massenfreundlicher Großzügigkeit entsprungen. Etwas wild und demokratisch atmet es her aus dieser Welt abenteuerlicher Modernität. Gut denn, tun wir mit! Stel-

181 Vgl. Börsenblatt 94 (1927) 66, S. 2721 und 2723.

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len wir uns an die Spitze! Helfen wir und machen wir uns nützlich, indem wir der Zeit dienen! Für ein derzeit armes, eingeengtes und auf sich selbst zurückgeworfenes Volk gab es gestaute Wünsche zu befreien. Sehnsucht zu befriedigen nach Welt und Weite, nach Entrückung aus der Alltäglichkeit, aus sich selbst, nach Abenteuer in fremden Ländern und Zeiten. Wie wäre es, ein solches Volk mit Welt nur so zu überschütten? […] Jede Woche ein Buch, geschleudert zwar, doch durchaus nicht Schleuderware, sondern gut gemacht außen und innen. Was wird nicht folgen an Bildern und Geschichten aus allen Gebieten des Daseins, an bunter Außenwelt, an kräftig gestalteter Wirklichkeit! Unterhaltung? Sagt dafür: »Steigerung des Lebensgefühls!«182 Jeder einzelne Band wurde großformatig im Börsenblatt beworben, die Bände zusätzlich zum Ganzleinen für 2,85 Mark auch als Halbleder für 3,75 Mark und als Ganzleder für 4,80 Mark angeboten. Weitere große Werbeaktionen förderten einen Schaufensterwettbewerb, der z. B. am 23. Juni 1927183 angekündigt wurde. Die Beteiligung an diesem Wettbewerb, für den 15 Einzeltitel vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden, war überwältigend: Insgesamt 10.000 Mark an Preisgeldern wurden ausgeschüttet; der 1. Preis ging an die Amelangsche Buchhandlung in Berlin Charlottenburg, es folgten Buchhandlungen aus Dortmund, Magdeburg, Stuttgart, Prag, Dresden, Frankfurt am Main und München.184 Zu den bekannten ersten Autoren gehörte Herman Melville (1819–1891), der in den Jahren 1839 bis 1844 auf unterschiedlichen Walfängern und Fregatten unterwegs war. 1846 erschien sein Roman Typee, in dem er seine Flucht von einem menschenverachtenden Walfangschiff beschrieb, und der jetzt erstmals auf Deutsch unter dem Titel Taipi herauskam. Er gibt einen subjektiven Eindruck von der polynesischen Gesellschaft, die er oft mit der nordamerikanischen und der europäischen vergleicht. Hugh Seymour Walpoles (1884–1941) Erzählungen werden gern mit der ForsytheSaga von John Galsworthy verglichen, aber auch mit Schauergeschichten von Edgar Allan Poe, wie im Falle von dem bei Knaur übersetzten Portrait of a man with red hair. Von John Galsworthy (1867–1933), der 1932 »for his distinguished art of narration which takes its highest form in The Forsyte Saga«185 den Literaturnobelpreis erhielt, erschien bei Knaur sein früher Roman Beyond (1917) unter dem Titel Jenseits, in einer neuen Übersetzung von Hermynia zur Mühlen (1883–1951). Zur Mühlen publizierte ihre Kurzgeschichten und Romane mit sozialistischen und zeitkritischen Tendenzen vor allem beim Malik-Verlag und bei S. Fischer. Bekannt wurde sie durch ihre kongenialen Übersetzungen von 148 Romanen und Erzählungen aus dem Englischen, dem Französischen und dem Russischen, u. a. übersetzte sie das Gesamtwerk von Upton Sinclair. Sie galt als eine der bekanntesten kommunistischen Publizistinnen in der Weimarer Republik und wurde wegen ihrer adligen Herkunft als »rote Gräfin« tituliert.186 182 183 184 185

Börsenblatt 94 (1927) 66. Börsenblatt 94 (1927) 144, S. 5859. Börsenblatt 94 (1927) 180, S. 6859. The nobel prize in literature 1932. http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1932. 186 Vgl. u. a. Altner: Hermynia zur Mühlen 1997.

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Der Roman Jenseits wurde mehrfach ganzseitig im Börsenblatt beworben, darunter am 29. Juli, am 1., 5. und 8. August 1927 mit dem zusätzlichen Verkaufsargument, dass der Roman zum »60. Geburtstag des Dichters« erhältlich sei. Knaur versprach dem Handel, dass er davon »Hunderte von Exemplaren« verkaufen werde, und bezeichnete ihn als »Neuschöpfung«. Dieses brachte dem Verlag öffentliche Kritik ein, da für die Übersetzung lediglich auf eine überarbeitete Version zurückgegriffen wurde. Um ein breites Publikum anzusprechen, wurde mit der Inhaltsangabe geworben: Der große, repräsentative Erzähler Englands behandelt in diesem Roman das Schicksal einer Frau, deren Leben die Liebe ist. Mit tiefstem Sinn für echte Menschlichkeit und meisterhafter Kenntnis des menschlichen Herzens hat der Dichter eine der schönsten und seltensten Frauengestalten geschaffen, die wir in der Literatur unserer Tage kennen. Nie ist die große Liebende ergreifender gesehen worden; durch sie wird ›Jenseits‹ zum unvergeßlichen Erlebnis.187 Jeder einzelne Band der Romane der Welt wurde nicht nur langfristig vorangekündigt und zum Erscheinungstermin zweimal vorgestellt, sondern auch unmittelbar nach Erscheinen mit Rezensionen weiter beworben, so z. B. Galsworthys Jenseits mit dem Zitat von Otto Flake aus der Frankfurter Zeitung: »Die Tragödie einer Frauenseele« oder dem Kommentar der Züricher Post: Von John Galsworthy liegt, sehr schön übertragen, der große Roman ›Jenseits‹ vor. Ein Buch von tiefster Menschlichkeit und meisterlicher Seelenkenntnis erfüllt; jene beherrschte, nie sentimentale und doch sehr zarte englische Erzählungskunst, die in John Galsworthy einen Meister gefunden hat, macht diesen Roman zu einem der wertvollsten Bücher der Romanreihe.188 Aber nicht nur bedeutende amerikanische Erzähler standen auf dem Programm, sondern auch leichte Kriminal- und Abenteuerromane aus Frankreich, so mehrfach die Romane von Maurice Leblanc (1864–1941), der zwischen 1907 bis 1935 zwanzig Romane über den von ihm geschaffenen Meisterdieb Arsène Lupin schrieb. Bereits der zweite und der achte Band der Romane der Welt stammten aus seiner Feder, am 8. April 1927 erschien dann Die Dame mit den grünen Augen und am 20. Mai Die Insel der dreißig Särge. Erhebliche Resonanz fand auch im Feuilleton die rasche Herausgabe des (erst 1926 im Original bei Knopf in den USA erschienenen) zeitkritischen Gesellschaftsromans von Joseph Hergesheimer (1880–1954) Tampico, der nun nach weniger als einem Jahr in der Übersetzung von Paul Baudisch und mit einer Einleitung des Herausgebers Herman Georg Scheffauer am 17. Juni 1927 erschien. Es gelang der Knaur-Werbung, die Dreiecksgeschichte als ein Spiegelbild des Kampfs um das Öl zwischen USA und Mexiko zu zeichnen, mit den kurz gefassten Werbestichworten: »Das Mexiko von heute und Wall Streets Ölinteressen«.189

187 Börsenblatt 94 (1927) 177, S. 6789. 188 Börsenblatt 94 (1927) 183, S. 6944. 189 Börsenblatt 94 (1927) 160, S. 6375.

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Als weiterer renommierter Autor war George Bernard Shaw (1856–1950), der 1925 gerade den Nobelpreis für Literatur »für seine sowohl vom Idealismus als auch von Humanität getragene Verfasserschaft, deren frische Satire sich oft mit einer eigenartigen poetischen Schönheit vereint«190 erhalten hatte, im Programm. Aber nicht mit seinen populären Theaterstücken, sondern mit seinem Frühwerk Cashel Byron’s Profession von 1882, unter dem Titel Cashel Byrons Beruf, in der Übersetzung von Alfred Brieger. Scheffauer gab wiederum eine informative Einführung bei, die besonders die einzigartige Zeichnung der Charaktere von Shaw hervorhebt. Die Kritik des Feuilletons richtete sich natürlich nicht gegen Autoren wie Galsworthy, Melville, Hergesheimer oder gar Shaw, sondern gegen die Wildwestromane von Zane Grey (1872–1939), der in den 1910er und 1920er Jahren in den Vereinigten Staaten bereits mit seinen jährlich erscheinenden Romanen Millionenauflagen erreichte und der durch Knaur ab 1927 auch in Deutschland in der Übersetzung von Otto Ebstein bekannt und beliebt wurde. Am 8. Juli 1927 erschien Der Texasreiter, danach Die Grenzlegion.191 Der Texasreiter war zuerst 1915 unter dem Titel The Lone Star Ranger erschienen, Die Grenzlegion 1916 als The Border Legion. Seit dieser Zeit brachten Harper & Brothers in New York jedes Jahr einen Zane Grey-Western heraus. Zu dem Erfolg trugen nicht zuletzt die Verfilmungen bei, die als Stummfilme kontinuierlich seit 1916 beim Produzenten William Fox (Fox Film Corp.) erschienen. Zane Grey war davon so angetan, dass er 1919 zusammen mit Benjamin H. Hampton selbst eine Filmfirma, die Zane Grey Productions, gründete. Seine Firma ging in die Paramount Pictures auf, die zwischen 1922 und 1929 54 Filme nach Grey-Romanen produzierten.192 Während die Knaur Romane der Welt im Buchhandel boomten und sich der Preis von 2,85 Mark durchzusetzen begann, nahm das Feuilleton langsam, bald aber stetig Anstoß an der Herausgeberschaft der Reihe von Thomas Mann. So fragte Stefan Großmann im Tagebuch193 vom 7. Mai 1927: Was aber verdankt die Sammlung Thomas Mann als Herausgeber? Bis zum heutigen Tag ist kein deutscher Roman bei Knaur erschienen und unseres Wissens ist auch keiner angekündigt. Es könnte also sein, daß Thomas Manns verdienstvolle Wirksamkeit darin besteht, daß er das Erscheinen von deutschem Schund energisch verhindert. Auch für diese unsichtbare Tätigkeit müßte man ihm dankbar sein. Ist es aber wirklich unmöglich, die Sammlung Knaur dann und wann durch einen deutschen Roman zu ergänzen? Gewiß, ein Verleger muß kalkulieren, Uebersetzungen sind billig, Originalarbeiten kosten größere Honorare. Aber wird sich eine deutsche Buchsammlung durchsetzen können, in der nur englische und französische Autoren erscheinen? Macht denn eine solche Bücherreihe ohne Deutsche Thomas Mann Freude? Die Reihe insgesamt wird von Großmann gelobt, aber darauf hingewiesen, dass offensichtlich »Scheffauer der fleißigere und entscheidendere von den Herausgebern« sei. Die 190 The nobel prize in literature. http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature. 191 Stephen J. May: Zane Grey. Athens: Ohio University Press 1997. 192 Pauly, Thomas H.: Zane Grey. His life, his adventures, his women. Urbana and Chicago: University of Illinois Press 2005, hier S. 117 – 139. 193 Das Tagebuch, Berlin vom 7. Mai 1927, Heft 19, Jg. 8, S. 753 f.

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Schriften von Walpole, Leblanc, Shaw und Melville wurden durchaus gelobt, ebenso die Preispolitik, die bei Ullstein und Knaur vorbildlich sei. Er fragt aber: »… kann das billige Buch in Deutschland nur durch den Ausschluß der deutschen Autoren erreicht werden? Und ist dies ein Ziel für den Präsidenten der deutschen Literaturrepublik?«194 Hans Sochaczewer klagt im Berliner Tageblatt vom 12. Juni 1927 noch deutlicher: Nun, nichts lässt sich dagegen einwenden, dass die Firma Th. Knaur Nachf. hofft, durch mäßige Preisfestsetzung Romane, die nichts mit Kunst, und nur einiges mit Unterhaltung zu tun haben, zu Abertausenden absetzen zu können. Aber zuckt nicht Thomas Mann zusammen, wenn er die entsetzlichen Umschlagbilder sieht, mit denen man die Deckel dieser Erzählung bedruckt? […] Würde Romain Rolland eine derartige Reihe mit seinem Namen schmücken lassen? Ich kenne nicht den Vertrag zwischen Knaur und Mann. Aber wenn es geht, dann trenne sich Thomas Mann von einem Plan, dessen Schwäche keineswegs darin besteht, daß er »demokratisch« ist, sondern darin vielmehr, daß er den Namen Thomas Mann nicht verdient. Es handelt sich keineswegs um Schundliteratur, es handelt sich um gewichtlose Unterhaltungsware. Thomas Mann dabei? Aber! Romane der Welt? Nun, die Uebertreibung eines wagelustigen Verlegers. Noch deutlicher geht Dr. Werner Mahrholz in der Literarischen Umschau mit den Romanen der Welt und der Herausgeberschaft von Thomas Mann um. Er lässt an den meisten Romanen kein gutes Haar: Was aber dann kommt, ist zwischen Nick Carter und den Indianerschmökern seliger Jugendzeiten. Da ist das Flibustierbuch von George Challis, »Der Teufelskerl«, da ist der Goldgräber- und Banditenroman »Die Grenzlegion« von Zane Grey, da ist das sadistische, dafür literarisch aufgeschminkte »Portrait eines Rothaarigen« von Walpole, da ist endlich ein Arsène Lupin Abenteuer, »Die Dame mit den grünen Augen«. In all diesen Romanen wird Erregung von Sensation um jeden Preis, am liebsten mit sadistischem Einschlag, angestrebt. Ist das der Verantwortung geistiger Menschen würdig gegenüber einem Volk, wie es an Aufnahmefähigkeit und -willigkeit gegenüber guter Literatur trotz allem heute kein zweites in der Welt gibt? … Und noch einmal: Thomas Mann, wissen Sie, was sich unter dem Deckmantel Ihres guten literarischen Namens zuträgt?195 Diese Philippika nimmt der Jesuit Friedrich Muckermann in Der Gral auf und scheut sich nicht, Thomas Mann vorzuwerfen, dass er wohl einen »Judaslohn à la 30 Silberlinge« in seinem Vertrag stehen habe, und, so schätzt er, ca. 15.000 Mark pro Band (!) erhalten werde. Muckermann lobt dagegen Buchgemeinschaften wie den Volksverband der Bücherfreunde, die »teilweise ausgezeichnete Sachen, die darum ja auch nicht langweilig zu sein brauchen«, anböten. Man träfe schließlich auch »Arbeiter, die Kant und Schiller lesen.« Und er ruft Thomas Mann zu: 194 Das Tagebuch, Berlin vom 7. Mai 1927, Heft 19, Jg. 8, S. 754. 195 Zitiert nach Friedrich Muckermann, S. J.: Trau, schau, wem… In: Der Gral. Monatsschrift für schöne Literatur. 21. Jg., Heft 10, Essen 1927 (Juli), S. 603 – 607, hier S. 605.

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Hören Sie doch auf, in Zukunft noch zu behaupten, es sei das, was Ihr Mund spreche, nur der Ausdruck der Allgemeinheit. Keine drei Pfennige werden wir für eine Weisheit noch geben, die am Tage vom Wunderbrunnen der Kunst spricht, den sie bei Nacht vergiftet. […] Objektiv gesehen… handelt es sich doch hier um eine geradezu abgründige moralische Verlogenheit.196 Thomas Mann musste auf diese Kritik reagieren und wandte sich, wiederum im Tagebuch, an Stefan Großmann, der die Kritik drei Wochen vorher eröffnet hatte. Er dankt ihm für seinen »vernünftigen Ton« – und verwehrt sich gegen die »wilde Lust«, die ein anderer Teil der Presse gegen ihn aufgefahren habe: »Wie in Deutschland heute gehaßt wird, das ist gräßlich.« Er schreibt, dass er weiterhin Knaurs Idee für »gut und lustig finde«. Die Verwirklichung sei »schon nicht übel gelungen«. Er selbst sei aber auch angetreten, passende deutschsprachige Titel mit aufzunehmen: Daß es nicht leicht sein werde, solche Bücher aus Deutschland selbst zu erhalten, hat man sich unter den Veranstaltern der Serie vorausgesagt. […] In Deutschland gedeiht das Hohe und dann viel Gemeines. Das brauchbar Mittlere ist in »Europa« viel mehr zu Hause. Nichts Neues übrigens, was ich da sage. Bei Stefan George kommt etwas Ähnliches auch schon vor. […] Ist es aber einmal da, das »gut gemacht Mittlere«, dies »Massengerechte von unlächerlicher Qualität«; ist er einmal vorhanden, der Autor, der mit schon bewährter Begabung das im besseren Sinn Abenteuerliche und Unterhaltende pflegt, so ist er gewöhnlich in festen Verlegerhänden, und für ein junges Unternehmen ist es sehr schwer, ihn zu gewinnen. Wollen Sie nicht auch das zu unserer Entlastung in Anschlag bringen? Und er nennt einige Namen, die aus seiner Sicht in Betracht kommen: Norbert Jacques, Walter Mehring, Lion Feuchtwanger, auch Georg Engel, Hans Friedrich Blunck, Rolf Lauckner und F. R. Nord. Schließlich schlägt er als »stimulierendes Mittel« für die deutschsprachige Autoren-Akquise ein Preisausschreiben vor. Er schließt mit einem Versprechen, dass in nächster Zeit deutsche Autoren erscheinen werden, andernfalls werde »sein Name vom Titelblatt der Romanreihe verschwinden«.197 Von den angekündigten Autoren wurde Walter Mehrings (1896–1981) historische Satire Paris in Brand 1927 bei Knaur publiziert. Norbert Jacques erschien dagegen zunächst bei S. Fischer und dann bei Ullstein, auch im Drei Masken Verlag in München, aber nicht bei Knaur. Ebenfalls beim Drei Masken Verlag in München erschien zunächst Lion Feuchtwangers Roman Jud Süß von 1925 bis 1931, bis er danach in einer hohen Auflage von 1931 bis 1933 mit etwa 200.000 Exemplaren bei Knaur verlegt wurde, allerdings in einer stark gekürzten Version. Zu den deutschsprachigen Autoren der Reihe gehörten neben Walter Mehring noch Oskar Maurus Fontana und Walther Harich. Von dem österreichischen Erzähler und Dramatiker Oskar Maurus Fontana (1889–1969) erschien 1928 bei Knaur Gefangene der Erde als Erstausgabe und von Walther Harich (1888–1931) 1928 Der Schatten der Susette.

196 Muckermann, S. 606 f. 197 Thomas Mann: Die Romane der Welt. In: Das Tagebuch. Berlin vom 28. Mai 1927, Heft 22, Jg. 8, S. 856 – 858.

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Nach dem Selbstmord von Hermann Georg Scheffauer am 7. Oktober 1927 in Berlin änderte sich für Thomas Mann seine Rolle als Herausgeber, die er formal nur noch bis zum 58. Band im März 1928 wahrnahm. Der Verlag selbst war mit diesem fulminanten Start der Reihe, die mit zwölf Bänden im Jahr noch bis 1935 weiter fortgeführt wurde, mehr als zufrieden. Nach dem ersten Jahr pries sich der Verlag in einer 7seitigen (!) Anzeige im Börsenblatt198 damit, dass es ihm gelungen sei, einen »Buchtyp für das große Publikum« neu zu schaffen und Woche um Woche das »beste, billigste und schönste Buch der Woche« […] in »vielen, vielen Hunderttausenden abgesetzt« zu haben. Zahlreiche Pressestimmen lobten 1928 das Unterfangen, und als eine späte Erwiderung auf die zunächst vernichtende Kritik im Mai 1927 wurde in einer zweiten Anzeige berichtet:199 Qualität und Absatz steigen von Band zu Band. – Wir haben […] die Werke dreier neuer deutscher Romanschriftsteller verlegt: Oskar Maurus Fontana, Walther Harich und Walter Mehring. Wir haben berühmte ausländische Dichter […] gebracht. Wir haben die Kenntnis von bisher in Deutschland unbekannten, im Ausland außerordentlich geschätzten Autoren […] dem deutschen Publikum vermittelt. Wir haben unseren deutschen Autoren Auflagenziffern verschafft, wie sie im Durchschnitt selten vom deutschen Verlagsbuchhandel erreicht werden. Hunderttausende von Bänden sind verkauft! Wir haben damit bewiesen, dass unser Preis und unsere Ausstattung beim Publikum großen Anklang finden. In der Tat ist es Knaur gelungen, mit den Romanen der Welt eine neue Marke zu kreieren, die gehobene Unterhaltungsliteratur in guter Ausstattung zu einem Maßstab gebenden Preis anbot. Mit dem markanten, oft marktschreierischen Schutzumschlag und massiver Werbung war der Reihe die Aufmerksamkeit sicher. Ab der zweiten Reihe (April 1928) der Romane der Welt wurden keine Herausgeber mehr genannt, dafür stand auf dem Umschlag der programmatische Hinweis: »Gegenwarts-Werke der besten Autoren«.200 Eines der interessantesten Vorhaben der zweiten Reihe war der Vorschlag von Adalbert Droemer an Thomas Mann, 1929 seinen im dritten Jahrzehnt erfolgreichen Familienroman Buddenbrooks auch in einer Sonderausgabe für 2,85 Mark zu verlegen. Dass eine solche Ausgabe dann bei S. Fischer selbst erschien, kann die hohe Akzeptanz dieses Vertriebsmodells zeigen. Auch die zahlreichen anderen Nachahmungen in der Branche, die sich bis in die Parallelität der Verlagsanzeigen dokumentieren lassen, zeigen die erfolgreiche Verlagsstrategie von Knaur, so z. B. der Roman des Tages vom Georg Müller Verlag in München (1928) oder der Roman der Wirklichkeit vom S. Fischer Verlag in Berlin, bei denen ja schon die Reihenformulierungen an die Romane der Welt anknüpfen. Sowohl von der Auswahl, der Preisgestaltung, der Ausstattung und der werbemäßigen Durchsetzung sind die Romane der Welt von Knaur beispielgebend, in vielfacher Hinsicht musterhaft für die Bestsellerkultur der Weimarer Republik.

198 Börsenblatt 95 (1928) 72. 199 Börsenblatt 95 (1928) 104. 200 Vgl. die Werbeanzeige vom 5. Mai 1928 im Börsenblatt 95 (1928) 104, S. 35.

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Vom Vertrieb her gedacht… Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig »Du mußt möglichst viele Buchhandlungen kennenlernen, denn denen verkauft ja ein Verleger seine Bücher.«201 Mit diesen stilisierten Worten beschreibt Wilhelm Goldmann (1897–1974) in seinen autobiografischen Erinnerungen an seinen Verlag den Ausgangspunkt seines geschäftlichen Erfolges. Der Lehrersohn hatte vor dem Ersten Weltkrieg eine Buchhändlerlehre absolviert und war 1919 bei der Franckh’schen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart in verschiedenen Positionen tätig, vor allen Dingen als Verlagsvertreter. 1921 übernahm er Auslandsvertretungen von 25 Verlagen, darunter Rowohlt, Kiepenheuer und Staackmann, in ganz Mitteleuropa. Am 21. Juni 1922 eröffnete er einen Verlag mit seinem Namen in Leipzig. Nach einem unklaren Verlagsprofil in den Wirren der Inflationszeit fand er schließlich 1924/25 zu seinen Hauptautoren, zu seiner bevorzugten Buchausstattung und zu einem ganz eigenen Vertriebssystem: Seit 1924 gab er mit großem Erfolg die Indianer-Abenteuerromane von Emil Droonberg (1864–1934) heraus, die als Seitenstücke zu Karl May oder als »deutscher Jack London« in der Werbung angepriesen wurden. 1924 erschien bei Goldmann Droonbergs erster Roman Das Gold der Nebelberge als Halbleinen für 4,80 Mark, 1925 schon der zweite Roman Die Goldwäscher am Klondike und noch im gleichen Jahr Die Trapper am Swift Creek. Mit dem dritten Roman in diesem Jahr Das Siwash-Mädchen. Erzählungen aus dem kanadischen Felsengebirge und von der Küste des Stillen Ozeans gründete Goldmann eine eigene Reihe, die Wigwam-Bücher. Die Feuilletonkritik nahm diese Bücher als Abenteuerbücher eines Weltreisenden meist freundlich auf; und Goldmann sorgte für die Verbreitung in der richtigen Zielgruppe. Neben dem Halbleinenband gab er zugleich eine preiswerte Ausgabe für 3,00 Mark heraus und zwar mit einer »blinden Kartonage«, also einem Kartonumschlag ohne Aufdruck, um die er den farbigen und mit der Hardcoverausgabe identischen Schutzumschlag legte.202 Der Vertrieb dieser »Paperbackausgabe« richtete sich vor allen Dingen an die Kunden im Bahnhofs- und Warenhausbuchhandel. So konnten die populären Abenteuerromane neben dem klassischen Sortiment auch neue Käuferschichten erreichen. Mit diesen Erfahrungen übernahm Goldmann dann seinen zweiten Bestsellerautor, der mit dem Namen des Verlages bis heute verbunden ist: Edgar Wallace (1875–1932). Wallace war bereits seit 1905 als Autor von Kriminalromanen im englischsprachigen Bereich sehr erfolgreich, in Deutschland aber kaum bekannt. Er wurde von seinem Übersetzer Richard Küas auch nicht mit seinen Krimis, sondern mit seinen Afrikaromanen – die Küas als Seitenstücke zu Droonberg anpries – bei Goldmann eingeführt. Bereits zu Weihnachten 1925 erschien 15 Jahre bei den Kannibalen in Zentralafrika (später unter dem Titel Sanders vom Strom) und im Jahr darauf die nächste Geschichte um den »Amtmann Sanders« mit dem Titel Bosambo von Monrovia. Von 1925 bis 1930 war Goldmann durch die Mittel des Teilhabers Dr. Erich Auckenthaler aus Zürich finanziell sehr liquide. Daher beschlossen beide, sich die deutschen Übersetzungsrechte von Edgar Wallace Kriminalromanen zu sichern und reisten dazu nach London. Wallace überließ ihnen die Rechte von 20 Romanen, die nun in kurzen

201 Goldmann: Kleine Geschichte, S. 10. 202 Goldmann: Kleine Geschichte, S. 14.

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Abständen in deutscher Übersetzung folgen konnten. Wieder griffen sie auf ihr Erfolgsgeheimnis zurück, gleichzeitig eine Halbleinenausgabe und eine Kartonage mit identischem Umschlag herauszubringen. Auch der Umschlag und die damit verbundene »Propaganda« wurden zum Markenzeichen: ein rot-schwarzer Einband, der bis in die Taschenbuchausgaben der Bundesrepublik fortgeführt wurde und in vielen Fällen noch heute als Erkennungszeichen für Krimi-Reihen steht. Dem zeitgenössischen Trend folgend bot 1925 Goldmann den ersten Krimi Die Bande des Schreckens der Münchner Illustrierten Presse zum Vorabdruck an, die gleich ein hohes Honorar von 8.500 Mark zahlte. Neben dem stilisierten Porträt von Edgar Wallace mit seinem Namenszug auf dem Titelblatt wurde aus dem englischen Vertrieb ebenfalls der bis heute bekannte Slogan übernommen: »Es ist unmöglich, Abb. 5: Wallace-Schutzumschlag 1927 vom von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein« Grafiker Heinrich Hussmann, der sich in (»It’s impossible not to be thrilled by Eddieser Fotocollage mit Pelzmütze selbst gar Wallace«). Die Wallace-Romane erschienen in rascher Folge, manchmal mit abbildete. nur sechs bis acht Wochen Abstand, darunter der besonders beliebte Roman Der Hexer (The Ringer) im Jahre 1927. Die mediale Wirkung wurde dadurch unterstützt, dass Der Hexer von Max Reinhardt im Berliner Deutschen Theater uraufgeführt und von dem bedeutendsten Theaterkritiker der Weimarer Republik, Alfred Kerr, im Berliner Tageblatt positiv rezensiert wurde.203 Wallace selbst hatte diesen Weg vorgezeichnet und ließ in einem von ihm angemieteten Theater in London seine Stücke aufführen. Im Herbst 1928 pachtete Wallace dann in Berlin das Deutsche Künstlertheater, wo u. a. Der Zinker am 22. Dezember Premiere hatte. Quer durch das Land wurde vor allem Der Hexer immer wieder aufgeführt, aber auch Der Mann, der seinen Namen änderte von Max Reinhardt in der Komödie am Kurfürstendamm. Als dann noch vereinzelte Werke verfilmt wurden, so Der rote Kreis (1926) im Jahre 1929 von Regisseur Friedrich Zelnik (1885–1950, der u. a. 1927 Die Weber nach Gerhart Hauptmann verfilmt hatte), stieg die Buchnachfrage beträchtlich. Die Erfolge mit Edgar Wallace führten zur Gründung des Kriminal-Magazins, das von 1928 bis 1931 monatlich erschien und nicht zuletzt auch die Krimis des eigenen Hauses nachdrücklich bewarb. Insgesamt musste aber dieser Ausflug in den Zeitschriftenverkauf 1931 mit Verlust eingestellt werden.

203 Goldmann: Kleine Geschichte, S. 21.

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Mit seinem für die Zeit ungewöhnlichen Werbemagazin im Direktvertrieb, den Goldmanns Hausmitteilungen, die monatlich mit 16 Seiten im vierfarbigen Offsetumschlag erschienen und an alle Buchhandlungen im In- und Ausland verschickt wurden, stieß der Verlag allerdings auf sehr gute Resonanz im Sortiment. Der Verlag dachte ausschließlich in Reihen und schuf u. a. die Blauen GoldmannBücher, Goldmanns Abenteuer-Romane oder die Heiteren Goldmann-Bücher. Nach dem Tod von Edgar Wallace am 10. Februar 1932 hoffte man auf eine weitere Belebung des Absatzes und versprach im Börsenblatt vierzig weitere Romane des Autors in deutscher Sprache. Da aber mit dem 10. Mai 1933 »seichte fremdländische Romane« geächtet und vielerorts aus den Bibliotheken entfernt wurden,204 brach dieses Verlagssegment deutlich ein. Wie fast alle anderen Verlage musste man seit Sommer 1932 im Rahmen der internationalen Wirtschaftskrise die Produktion ohnehin zurückfahren. Die Umstellung auf Titel der Weltwirtschaft und Weltpolitik gehört dann in die Zeit nach 1933, die Wiederaufnahme des populären Unterhaltungs- und Kriminalromans in die Zeit nach 1945.

Die ideale Vermarktungskette: Der Ullstein-Verlag Für den Buch- und Zeitschriftenverlag besteht […] eine gemeinsame Herstellungsabteilung. Sie ist notwendig, weil neben den periodischen Erscheinungen viele Einzelwerke herauskommen, die individuell zu behandeln sind. Hier werden die technischen und rechnerischen Grundlagen zur Durchführung des Verlagsprogramms geschaffen. […] Bei der Vielfältigkeit der Produktion, die sich vom einfachen Ullsteinbuch über die Reihen der Romane, Sonderhefte, Musikalien, wissenschaftlichen Werke bis zu den erlesenen bibliophilen Ausgaben des Propyläen-Verlages erstreckt, ist hier ein sehr interessantes Arbeitsfeld gegeben, das täglich neue Aufgaben stellt.205 Das Vorstandsmitglied der Ullstein AG, Gustav Willner, beschrieb 1927 in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum die enge Verzahnung aller Geschäftsbereiche des Hauses Ullstein und damit die äußerst intensive Zusammenarbeit der Abteilungen für Zeitung, Zeitschrift, Buch, Fotoagentur, Verfilmung, Werbung, Vertrieb, Pressearbeit, Anzeigen und Herstellung. Nicht nur für die Herstellungsabteilung sondern auch für den kombinierten »Buch- und Zeitschriften-Vertrieb« betonte er die Synergieeffekte: Da das Absatzgebiet das ganze Reich ist, bedarf er [der Vertrieb] viel stärkerer Mitwirkung des gesamten Zwischenhandels, der aus dem Sortiments-Buchhandel, Zeitschriften-Handel, Bahnhofs-Buchhandel, Papier- und Straßenhandel besteht. Das Fühlunghalten mit allen diesen Stellen erfordert ein Netz von Vertretern. Ihre Aufgabe ist es, die Abnehmer über die Neuerscheinungen des Buch- und Zeitschrif-

204 Die Schriften von Edgar Wallace wurden z. B. bei der »Säuberung« im November 1934 in der Volksbücherei Göttingen zusammen mit den Werken von Jack London oder Canon Doyle entfernt, wie die Streichungen im Erwerbskatalog belegen, vgl. Stephan Füssel: Die Geschichte der Volksbibliothek Göttingen. Göttingen: Göttinger Hochschulschriften-Verlag 1977, S. 64. 205 Willner: Das Tagewerk der Abteilungen, S. 343.

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5 V er lagsw es en tenverlages zu unterrichten, die Bedürfnisse des Zwischenhandels zu erforschen und an die Vertriebs-Zentrale weiterzugeben.206

Ebenso wie die technischen Abteilungen arbeiteten die Redaktionen eng zusammen: Die Redaktion eines Buchverlags ist enger als die von Zeitungen und Zeitschriften mit der eigentlichen Verlagsarbeit verknüpft. Denn die Verhandlungen über den geistigen Inhalt eines Buches müssen Hand in Hand gehen mit der Verständigung über die Gestaltung des Werkes und die vertraglichen Abmachungen jeglicher Art. [Der Prokurist…] führt auch die Honorarabrechnungen mit den Autoren und betreut außerdem die Filminteressen, die in wachsendem Maße gleichzeitig mit den Verlags- und Übersetzungsrechten wahrzunehmen sind.207 Diese zeitgenössische Analyse des Arbeitsablaufes macht deutlich, wie der UllsteinKonzern von vornherein auf eine Mehrfachverwertung von Rechten setzte und wie er gleichzeitig die Synergien zwischen den unterschiedlichen Geschäftsbereichen produktiv einplante. Hier wird nicht mehr in der Tradition der Kulturverleger zunächst an das einzelne Buch in einer begrenzten Auflage gedacht, sondern an Unterhaltungsliteratur in hohen Auflagen, die auf unterschiedlichen und innovativen Verkaufswegen nicht nur im Sortiment angeboten wurde. Das »Denken in Reihen« brachte es gleichzeitig mit sich, dass einzelne Titel der Gesamtidee unterworfen und durch das Abonnement von Reihen jeweils hohe Startauflagen möglich wurden. Attraktive Preise von einer oder drei Mark unterstützten diese Strategie zusätzlich. Zugespitzt formulierte Christoph Stölzl zum 125-jährigen Jubiläum von Ullstein die These vom ersten integrierten Medienkonzern mit folgenden Worten: »Wer sich in das Phänomen Ullstein vertieft, der findet wie im Brennglas gebündelt, idealtypisch ausgeformt, nicht ein historisches Stück Verlagswesen, sondern den Vorschein einer Zukunft, der erst in unseren Tagen zur Wirklichkeit wird.«208 In den 1920er Jahren wurde der Ullstein-Verlag zu einem regelrechten Medienkonzern, der Zeitung und Zeitschrift, Buch, Theater und Film, Rechteverwertung und Herstellung, Vertrieb und Marketing nach modernen ökonomischen Prinzipien untereinander vernetzte. Damit schuf er eine ideale Verwertungskette der Autorenrechte, die ihm anfangs Kritik und Spott des etablierten Handels, später aber erhebliches Ansehen und Respekt einbrachte.209 Leopold Ullstein hatte 1877 seine Papiergroßhandlung um eine Buchdruckerei und einen Zeitungsverlag erweitert. Er gründete die führenden Berliner Tageszeitungen der nächsten Jahrzehnte: die Berliner Zeitung, die Berliner Abendzeitung, die Berliner Morgenpost und schließlich die Berliner Illustrirte Zeitung, die durch die aufsehenerregende Verwendung von Fotografien im Direktdruck (statt mit dem teuren und langsamen Umweg über den Holzschnitt)210 zum Markenzeichen für den Fortschritt der aktuellen Dokumentation und Information wurde. 206 207 208 209

Willner: Tagewerk, S. 342. Willner: Tagewerk, S. 334. Stölzl: Der Ullstein-Geist, S. 8. Schneider: Der Buchverlag, S. 46 – 53; Lange: Der deutsche Buchhandel und der Siegeszug der Kinematographie, S. 84 – 115. 210 Korff: Die Berliner Illustrierte, S. 286 – 288; von Lucius: Buchgestaltung und Buchkunst. In: Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte, bes. S. 324 – 328.

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Die Geschäftsidee des Buchverlages 1903 war eine konsequente Weiterentwicklung der verlegerischen Aktivitäten, da man nun durch »Beigaben« von Büchern das Zeitungs- und Zeitschriftenpublikum an sich binden wollte.211 Mit der 6-bändigen UllsteinWeltgeschichte oder mit der Noten-Bibliothek Musik für alle. Für Klavier und Singstimme arrangierte leicht spielbare und singbare Musik gewann Ullstein rasch ein neues Publikum.212 Eine zweite Verwertungsmöglichkeit der zahlreichen Fortsetzungsromane in den eigenen Zeitungen und Zeitschriften ermöglichte die Reihe der in rotes Leinen gebundenen Ullstein-Bücher ab Mai 1910. Durch die günstige Herstellung in Komplettmaschinen, zunächst in England, später im eigenen Hause, konnte bei guter technischer Ausstattung der Preis von einer Mark konkurrenzlos im Sortiment und am Kiosk um das Publikum werben. Dieser doppelte Vertriebskanal war innovativ: Ullstein setzte parallel zu seinem Zeitungsvertrieb auf den Verkauf in Bahnhöfen und an Kiosken und erreichte gerade hier in diesem Preissegment zahlreiche Kunden einer mobiler werdenden Gesellschaft. Im Unterschied zum Konzept der Weltliteratur in der InselBücherei (seit 1912) oder der Gegenwartsliteratur bei den Zwei-Mark-Bänden von S. Fischer setzte das Rote Ullstein-Buch konsequent auf Unterhaltung. Der Buchverlag wurde von Beginn an von dem Germanisten Emil Herz (1877– 1971) geleitet, der mit seinem weiten kulturhistorischen Verständnis für die kontinuierliche Qualität des Verlagsprogramms sorgte, bis er 1934 entlassen wurde. Bereits 1913 wurde die Reihe der 3-Mark-Romane publiziert, die als umfangreichere Ausgaben beim Publikum ebenfalls auf eine verstärkte Nachfrage stießen. Zwischen 1911 und 1914 gab es zudem die Reihe Ullstein-Jugendbücher, die 1914 durch Ullstein-Kriegsbücher ersetzt wurde. Noch während des Krieges gründete der Verlag die neue Reihe Die Fünfzig Bücher (bis 1921) mit zumeist rechtefreien Werken und Übersetzungen wie z. B. von Herodot, Hölderlin oder E. T. A. Hoffmann. Dank der Druckerei und des Zeitungsverlags, durchaus aber auch des Buchverlags, dessen Umsatz 1918 bei über sechs Millionen Mark lag, überstand Ullstein die Kriegsjahre wirtschaftlich recht gut.213 Zu den erfolgreichen Unterhaltungsschriftstellern dieser Zeit gehörte Ludwig Wolff (1876– 1958), von dem 1918 Die Spieler, 1921 Die Kwannon von Okadera oder 1926 Kopf hoch, Charlie! jeweils in hohen fünfstelligen Auflagen erschienen. Von dem Journalisten und Feuilleton-Redakteur Richard Skowronnek (1862–1932), der schon seit 1895 volkstümliche »Forsthaus«-Romane schrieb, folgten u. a. Der weiße Adler (1919) und Pommerland (1926). Zumeist wurden die Texte dieser erfolgreichen Unterhaltungsschriftsteller zunächst in der Berliner Illustrirten Zeitung vorabgedruckt und erschienen dann in Buchform. Von der Ehefrau des Regisseurs Fritz Lang, Thea von Harbou (1888 –1954), war 1918 der Roman Das Indische Grabmal verlegt worden, der schließlich nach dem ebenfalls von ihr verfassten Drehbuch 1921 von dem Regisseur Joe May in zwei Folgen (Die Sendung des Yoghi und Der Tiger von Eschnapur) verfilmt wurde. Nach diesem Bestseller erschienen bei Ullstein u. a. noch Harbous Romane Das Haus ohne Tür und Fenster (1920) und Die nach uns kommen (1929).214 211 Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, in Band 1/2 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 281 – 283. 212 Schneider: Lektüre für die Metropole, S. 41. 213 Schneider: Lektüre für die Metropole, S. 62. 214 Schütz: Ullstein-Buchabteilung 1918 bis 1933, S. 102.

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Exkurs: Propyläen Unmittelbar nach dem Krieg im Jahr 1919 kaufte Ullstein zahlreiche Klassikerausgaben, genau gesagt 162 Titel mit 36.177 Bänden, vom Verlag Georg Müller.215 Darunter befand sich die »Propyläen-Ausgabe« der Sämtlichen Werke Goethes, von der bereits 17 (von 45) Bänden erschienen waren. Auch die begonnene Schiller-Ausgabe wurde übernommen und fortgeführt, Eichendorff lag bereits in 6 Bänden vollständig vor. Dazu kamen die Klassiker des griechischen und römischen Altertums: Aristophanes, Cicero, Homer, Platon, Pindar, Tacitus. Boccaccio, Manzoni, Molière, Montaigne oder Turgenjew wurden ebenso übernommen wie Brentano, Hölderlin oder Tieck. Neben den preiswerten Reihen mit Unterhaltungsliteratur, beheimatete der Ullstein Verlag nun auch klassische europäische Literatur, die er in einer gediegenen typografischen, buchgestalterischen und herstellerischen Qualität anbot. Als »Verlag im Verlag« wurde die Abteilung »Propyläen Verlag GmbH« geführt, was den besonderen Anstrich des Programms und der Ausstattung unterstrich. Von 1923 bis 1929 wurde als eine eigene Entwicklung dann die legendäre PropyläenKunstgeschichte in 16 Bänden und gegen Ende des Jahrzehnts eine auf 10 Bände angelegte Propyläen-Weltgeschichte herausgegeben. Insbesondere in den Jahren der Inflation schuf der Propyläen-Verlag bibliophile Kostbarkeiten.216 Luxusdrucke in limitierten Auflagen mit Vorzugsgrafiken stellte u. a. Max Slevogt zur Mappe Alte Märchen vor, Lovis Corinth fügte eine Mappe mit Kaltnadelradierungen unter dem Titel Kompositionen zusammen, Max Pechstein gab Illustrationen zum Vaterunser bei, 1929 erschien Swifts Gullivers Reisen zu den Riesen mit Originallithografien von Lovis Corinth u. a. Wie auch in den anderen Verlagen wurden diese Luxusausgaben mit der Stabilisierung der Rentenmark 1924/25 eingestellt.

Gelbe Ullstein Bücher und die Bestseller-Politik 1927 brachte eine weitere Reihe eine erneute Umsatz- und Bekanntheitssteigerung für den Verlag mit sich, wiederum mit dem eingeführten Markenzeichen von einer oder drei Mark, je nach Umfang: die Gelben Ullstein-Bücher. Ullstein konnte deren Rechte mehrfach verwerten, da er als einer der größten »Romanvertriebe« in Deutschland die Provinzpresse mit Fortsetzungsmaterial belieferte.217 Seit 1926 erschienen daneben die Gelben Romane zum Preis von drei Mark, von denen sich bis 1933 insgesamt rund 45 Titel mit einer Gesamtauflage von 7,5 Millionen Exemplaren verkauften. Von den Gelben Ullstein-Bücher kamen zu dem weiterhin unschlagbaren Preis von einer Mark zwischen 1927 und 1933 169 Bände mit einer Gesamtauflage von 9,5 Millionen Exemplaren auf den Markt.218 In der bunten Reihe der Autoren fanden sich Vicki Baum, Theodor Fontane, Heinrich Mann, Ludwig Thoma oder Peter Rosegger, Vladimir Nabokov und Edgar Wallace neben dem Bestseller von Gaston Leroux Das Geheimnis des Opernhauses (i. e. Das Phantom der Oper). 215 216 217 218

Vgl. Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, S. 258. Vgl. Laabs: … eine Fülle schönster Werke, S. 167 – 176. Schütz: Ullstein-Buchabteilung1918 bis 1933, S. 108. Göbel: Was tu ich jetzt am Stölpchen-See, S. 194.

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Eine besondere Erfolgsgeschichte erlebten die Romane von Vicki Baum (1888–1960). Die Musikerin und Schriftstellerin hatte bereits zwei Romane – 1920 Der Eingang zur Bühne und 1921 Die Tänze der Ina Raffay –, die aber zunächst nur auf geringe Resonanz stießen, als Ullstein-Buch veröffentlicht. In den folgenden Jahren erschienen ihre Werke bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart, bis sie 1926 als Zeitschriften-Redakteurin bei Ullstein in Berlin eingestellt wurde. So war sie in den folgenden Jahren nicht nur als Redakteurin, sondern auch als Buchautorin präsent. Die Vorabdrucke ihrer Romane prägten u. a. die Berliner Illustrirte Zeitung, ihre erfolgreichen journalistischen Texte die Ullstein-Zeitschriften Die Dame und Uhu. Vicki Baum wurde vom Verlag mit einer regelrechten Imagekampagne als selbstbewusste und engagierte Frau »aufgebaut«.219 Zu großen Publikumserfolgen entwickelten sich ihr Emanzipationsroman stud. chem. Helene Willfuer (1928) und vor allem ihr Episodenroman Menschen im Hotel, der gleichzeitig ein großartiger Spiegel der Zeit, ein Großstadtroman, ein Blick Abb. 6: Reklame für Ullstein-Bücher. In: in die Seele von Künstlern, Kaufleuten 125 Jahre Ullstein-Bücher, S. 48. und identitätssuchenden Mitmenschen ist. Nachdem der Roman als Vorabdruck in der Berliner Illustrirten Zeitung erschienen war, wurde eine gebundene Ausgabe mit einer Startauflage von 25.000 Exemplaren herausgebracht. Anfang Januar 1930 hatte eine von der Autorin redigierte Bühnenfassung unter der Regie von Gustaf Gründgens im Theater am Nollendorfplatz Premiere. Über diesen Bühnenerfolg sowie über einen internationalen Broadwayerfolg der englischen Überarbeitung berichteten wiederum Ullstein-Medien breitflächig. Die Verfilmung mit Greta Garbo und Joan Crawford unter der Regie von Edmund Goulding 1932 unter dem Titel Grand Hotel sorgte erneut für eine erhebliche Nachfrage, für die eine Sonderausgabe zu drei Mark über 100.000-mal verkauft wurde. Darüber hinaus wurden Baums frühere Romane in der Gelben Reihe neu aufgelegt, seit 1931 erschien schließlich eine UllsteinWerkausgabe.220 Auch der absolute Bestseller dieses Jahrzehnts, Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque (der zuvor von S. Fischer abgelehnt worden war), wurde in der Vossi219 Vgl. Gruber: Was wird mein Roman einst sein, S. 181 – 183. 220 Göbel: Was tu ich jetzt am Stölpchen-See, S. 194 f.

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schen Zeitung im November 1928 vorabgedruckt und mit 3,5 Millionen verkauften Exemplaren bei Ullstein bis 1932 zum größten Bucherfolg aller Zeiten. Der Roman wurde nach der Verfilmung von Lewis Milestone für ein internationales Publikum in 28 Sprachen übertragen.221 Zu den großen Erfolgen im Buch und im Film, hervorgerufen durch das einmalige Marketing von Ullstein, ist ferner Heinrich Manns Roman Professor Unrat zu rechnen, der zuerst 1905 bei Albert Langen in einer Auflage von nur 1.500 Exemplaren erschienen war. Erheblich besser verkaufte sich diese kritische Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftssystem der Kaiserzeit seit 1916 im Kurt Wolff-Verlag in der Buchreihe Der neue Roman zum günstigen Preis von drei Mark und in einem attraktiven Themenumfeld. 1927 wurde der Roman in die Gelben Ullstein-Bücher aufgenommen und bis 1930 etwa 100.000-mal verkauft. Die Verfilmung 1930 durch den Regisseur Josef von Sternberg setzte dann eigene Akzente,222 nahm wesentliche Elemente der Kritik an der Kaiserzeit heraus und schilderte im zweiten Teil eine Eifersuchtstragödie. Die Besetzung mit Marlene Dietrich als Lola und Emil Jannings als Professor Unrat ließ diesen Film zu einem der ganz frühen Erfolge des deutschen Tonfilms werden. Am 1. April 1930 fand im Gloriapalast in Berlin die glanzvolle Uraufführung des Blauen Engel statt. Zum Filmstart wurde der Roman von Heinrich Mann bei Ullstein neu aufgelegt und durch die Wirkung des Films international rezipiert: 1930 erschienen u. a. polnische und tschechische Übersetzungen. In den englischsprachigen Ländern wurde ab 1931 für den Roman der Filmtitel The Blue Angel übernommen. Die Stummfilme hatten sich von vornherein an ein internationales Publikum gewandt, die Tonfilme Im Westen nichts Neues und Der blaue Engel zeigten aber, dass auch synchronisierte Filme den internationalen Absatz von Buchpublikationen förderten; in beiden Fällen verhalf die Verfilmung den Autoren zu erheblichem Ansehen im Ausland. Im Falle von Professor Unrat dominierte künftig der Filmtitel Der Blaue Engel, trotz aller inhaltlichen Differenzen zwischen Buch und Film wurde der Mythos von Marlene Dietrich auch zur Buchwerbung herangezogen. Ullstein engagierte sich sehr früh im Filmgeschäft: seit 1919 gab es eine eigene Filmabteilung im Konzern, die der juristischen Abteilung unterstand.223 Im Juli 1920 wurde im Börsenblatt die Beteiligung Ullsteins an der Decla-Bioscop-Filmgesellschaft bekannt gegeben.224 Gemeinsam beteiligte man sich an der UCO-Film GmbH. Als die DeclaBioscop 1921 von der UFA übernommen wurde, kam es dadurch zu einer direkten Beziehung zwischen dem Ullstein Verlag und dem größten Filmunternehmen der 1920er Jahre, der UFA. In der UCO-Film GmbH wurden zwischen 1920 und 1923 bereits die ersten fünf Ullstein-Romane verfilmt: Die Kwannon von Okadera (1920) nach dem Roman von Ludwig Wolff in der Regie von Carl Froelich; Schloß Vogelöd (1921) nach dem Roman von Rudolph Stratz in der Regie von F. W. Murnau; Dr. Mabuse, der Spieler – Ein Bild der Zeit (1922) nach dem Roman von Norbert Jacques in der Regie von Fritz Lang; Phantom (1922) nach dem Roman von Gerhart Hauptmann in der Regie von Johannes Guter, nach einem Drehbuch von Thea von Harbou sowie ebenfalls von Guter und von Harbou 221 222 223 224

Vogt-Praclik: Bestseller in der Weimarer Republik, S. 45. Sternberg: Ich, Josef von Sternberg. Erinnerungen; Dirscherl/Nickel: Der Blaue Engel. Lange: Siegeszug der Kinematographie, S. 115. Thielemann, Walter: Fusion Decla-Bioscop und Ullstein. In: Börsenblatt 87 (1920) 168, S. 872.

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Prinzessin Suwarin (1924) nach einem Roman von Ludwig Wolff.225 Die optimale Nutzung aller Stufen der Verwertungskette wird dadurch besonders sichtbar, dass alle fünf Texte vorher als Vorabdruck in den verlagseigenen Zeitungen erschienen und – parallel zur Verfilmung – erfolgreiche Bestseller im Buchgeschäft waren. Ullstein beteiligte sich auch an der Berliner Terra-Film AG, die u. a. 1923 Der Mann mit der eisernen Maske oder 1926 Es blasen die Trompeten mit Hans Albers in der Hauptrolle drehte.

Arcadia Bühnenvertrieb Der Verwertungskette wurde 1923 ein weiteres wichtiges Bindeglied beigefügt, das parallel zum Propyläen-Verlag arbeitete: der Arcadia-Bühnenvertrieb. Als Leiter konnte Julias Elias (1861–1927) gewonnen werden, der bereits seit 1921 im Propyläen-Verlag tätig war und vorher erfolgreich bei S. Fischer u. a. die Ibsen-Ausgabe betreut hatte. Julias Elias hatte gute Beziehungen namentlich zu den Berliner Bühnen, sodass ihm in zahlreichen Fällen die erfolgreiche Vermittlung zu verdanken war. So zum Beispiel bei der Wiener Kritikerin Gina Kaus (geborene Regina Wiener, 1893–1985), deren Komödie Diebe im Haus 1917 im Burgtheater uraufgeführt und deren Erzählungen bereits in der Vossischen Zeitung veröffentlicht worden waren. Elias übernahm ihr Theaterstück Toni, für das Gina Kaus kurze Zeit später in Bremen mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet wurde. Bald danach wurde diese Komödie in Berlin durch Heinz Hilpert und anschließend in Prag inszeniert.226 Zu den anderen Erfolgsautoren des Theatervertriebs gehörte Carl Zuckmayer (1896–1977), dessen Fröhlicher Weinberg unmittelbar nach der Uraufführung in Berlin mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde. Wichtig war für Ullstein auch hier die Mehrfachverwertung, der Fröhliche Weinberg, zunächst als Manuskript für Bühnen gedruckt, wurde 1925 im Propyläen-Verlag publiziert und brachte etwa 20.000 verkaufte Exemplare. Andere erfolgreich verwertete Dramen schlossen sich an, etwa von Ludwig Berger (1892–1969), dem Theater- und Filmregisseur, der 1926 sein Schauspiel Luise, Kronprinzessin von Preußen und sein Drama Königin Luise im Propyläen-Verlag veröffentlichte. Nach seinem Drehbuch wurde der Historienroman im Jahr 1927 unter der Regie von Karl Grune durch die Terra-Film AG in Berlin erfolgreich verfilmt. Ein weiterer Umsatzbringer war in der Mitte der 1920er Jahre Bertolt Brecht, den Julius Elias 1925 für den Verlag gewinnen konnte. Brecht schrieb erfreut an seine Frau Marianne Zoff: »Ich habe mit Ullstein abgeschlossen, das ist der sicherste Verlag, ein großes Glück«.227 1926 übernahm Ullstein Trommeln in der Nacht vom Drei Masken Verlag, im Propyläen-Verlag erschienen 1927 die Hauspostille sowie die Stücke Im Dickicht der Städte, Mann ist Mann und die Neuauflage von Trommeln in der Nacht.228 Zu den weiteren gutgängigen Dramatikern gehört der Lustspielautor Walter Hasenclever, der sowohl im Theater- als auch im Buchverlag gute Erfolgszahlen brachte. Nach dem Tod von Julius Elias 1927 wirkte Ernst Rudolf Sulzbach (1887–1954) als Lektor im Arcadia-Verlag, der u. a. Ödön von Horváth 1929 für sich gewinnen konnte.

225 Vgl. Lange: Kinematographie, S. 88 und demnächst Schüler: Der Ullstein Verlag und der Stummfilm. Diss. phil. masch. Mainz 2012. 226 Völker: Arcadia Verlag, S. 133. 227 Zitiert nach Völker: Arcadia Verlag, S. 135. 228 Völker: Arcadia Verlag, S. 137.

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Abb. 7: Bertolt Brecht vor dem Ullsteinhaus. Tuschfederzeichnung von George Grosz, um 1927. (Estate of George Grosz, Princeton, N. J.) Absolute Rekordeinnahmen erzielte der Verlag 1926 und 1931 mit Carl Zuckmayer, dessen Hauptmann von Köpenick am 5. März 1931 im Deutschen Theater in Berlin unter der Regie von Heinz Hilpert uraufgeführt wurde. Noch im selben Jahr wurde das Stück mit Max Adalbert in der Hauptrolle, die er auch auf der Bühne spielte, verfilmt. Der Verlag gewährte Zuckmayer zwischen 1926 und 1931 monatliche Ratenzahlungen,

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die von 600 zunächst auf 1.600, dann auf 2.000 und schließlich Anfang 1932 sogar auf 3.500 RM angehoben wurden.229 Als die Ullsteins 1934 ihr Unternehmen verkauften, wurde auch der Vertrag mit Zuckmayer gelöst, der zu S. Fischer zurückwechselte. Der Bühnenvertrieb war für die 1920er Jahre ein weiterer entscheidender Baustein in Ullsteins beinahe lückenloser Verwertungskette. So schrieb der Lektor Max Krell in seinen Erinnerungen: »Es gab bald keinen Zweig des Verlagswesens und der Publizistik, den Ullstein nicht gepflegt hätte.«230

Preiswerte Literatur in Reihen: Der Reclam-Verlag im Umbruch Seit Herbst 1923 bekam das Buch mediale Konkurrenz: zunächst in Berlin und dann in weiteren neun Rundfunkanstalten wurde fast flächendeckend Hörfunk übertragen. In aufgeklärten Kreisen sah man das Radio als eine Bildungsinstitution an, als eine Art Volkshochschule über den Äther. Der künstlerische Leiter des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg formulierte z. B.: »Es gilt, jeder Generation als Ergänzung zur Literaturstunde Kenntnis der deutschen Dramatiker zu vermitteln und die Jugend für den Theaterbesuch vorzubereiten; es gilt weiter, der jungen Kunst den Weg in die Masse zu ebnen und diese Masse anzuregen, auch das Neue zu betrachten und zu beachten.«231 Stefan Zweig plädierte für die Schaffung von Rundfunkschulen und Rundfunkuniversitäten;232 Thomas Mann forderte gar, der »Staat müsse dem Rundfunk seine Kulturmission zuweisen.«233 Zunächst schien es so, als würde der Rundfunk das Buch verdrängen, nach kurzer Zeit sah man aber, dass die Medien sich auch untereinander stützen konnten.234 Innovative Verleger nutzten sogar die Chance, den flüchtig über den Äther verbreiteten Worten gedruckte Texte nachfolgen zu lassen. Bereits 1924 finden sich Werbebeilagen des Reclam-Verlages für eine Rundfunk-Bibliothek mit dem Hinweis: »Opern und Theaterstücke sind viel besser verständlich, und Sie hören mit größerem Genuss, wenn Sie vorher das Textbuch lesen. Aber verlangen Sie nur die bekannten vollständigen Reclam-Texte. 40 Pf.«235 Im besonderen Maße entwickelte sich der Rundfunk zum direkten Werbeträger für das Buch. Titel, die in den Bücherstunden im Rundfunk rezitiert und vorgestellt wurden, waren oft am nächsten Tag Verkaufsschlager im Sortiment, sodass die Verleger in ihren Anzeigen und auf ihren Plakaten bald bekannt gaben, welche Titel in der Funk-Stunde besprochen wurden.236 Eine ähnliche Wechselwirkung gab es zwischen dem Buch und dem Stummfilm. Besonders deutlich wird dies an der Faust-Verfilmung. Der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau nahm sich 1926 dieses Stoffes an, mit Emil Jannings als Mephisto, Gösta 229 230 231 232 233 234 235 236

Völker: Arcadia Verlag, S. 148. Zitiert nach Völker: Arcadia Verlag, S. 129. Zitiert nach Hay: Literatur und Rundfunk 1923 – 33, S. 141. Zweig: Schafft Rundfunkuniversitäten. In: Radiowelt 1930, Nr. 20. Mann: Eine Osterbotschaft. In: Radiowelt 1932, Heft 13. Füssel: Das Buch in der Medienkonkurrenz der 20er Jahre, S. 322 – 340. Vgl. die Abb. in Füssel: Das Buch in der Medienkonkurrenz der 20er Jahre, S. 324. Schiller/Kutsch: Literatur im Rundfunkprogramm. In: Rundfunk und Politik 1923 – 1973, S. 87 – 118.

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Eckmann als Faust und Camilla Horn als Gretchen.237 Sein Faust-Stummfilm lebt von einzigartiger Mimik und bis dahin unbekannten Trickszenen. Der Plot war allerdings näher am Volksbuch und am Puppenspiel als an den Versionen von Lessing oder Goethe. Murnau nutzte den Stoff lediglich als »kinematographische Visionen und Attraktionen, einschließlich Fausts Flug über die Alpen«.238 Die Zwischentexte waren von Gerhart Hauptmann in Knittelversen verfasst worden, wobei nicht nur das Versmaß dazu führte, dass sie parodistisch verstanden wurden. Diese Art der Darbietung führte aber auf der anderen Seite zu einer erheblichen Steigerung der verkauften Auflage von Goethes Faust beim Reclam Verlag, der 1925 und 1926 je eine 50.000er Auflage in der Universal-Bibliothek drucken konnte.239 Interessanterweise nutzte Reclam die Popularität der Verfilmung auch dadurch, dass er für seine Druckausgabe mit einem Szenenfoto des Filmes mit Gösta Eckmann und Emil Jannings warb. Reclam hatte ohnehin die Zeichen der Zeit verstanden und seine Universal-Bibliothek (RUB) einem äußerli- Abb. 8: Werbebeilage in Reclams Universalchen und innerlichen Relaunch unter- bibliothek für die »Rundfunkbibliothek«. zogen, d. h. Typografie und Ausstattung verändert und sich neben den rechtefreien Klassikerausgaben auch der zeitgenössischen Literatur zugewandt. 1917 hatte Fritz Helmuth Ehmcke bereits einen neuen Umschlag für die RUB entworfen, der bis 1923 verwendet wurde. Er ist gekennzeichnet durch ein sachlichneutrales architektonisches Grundmuster, das vor allen Dingen den Serientitel betont und das neue typografische Logo: RUB.240 Nach dem Tode Hans Heinrich Reclams am 30. März 1920 übernahmen seine Söhne Dr. Ernst Reclam und Hans Emil Reclam die Geschäftsführung und setzten zahlreiche Neuerungen durch, die der Vater bereits angeregt hatte. Selbstverständlich verfolg237 238 239 240

Prinzler: Murnau, S. 183 – 190. Kaes: Film in der Weimarer Republik, S. 91. Freundliche Auskunft von Dr. Dietrich Bode, Reclam-Verlag. Haefs: Reclams Universal-Bibliothek in der Epoche des schönen Buches, S. 224 – 226.

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ten sie auch weiterhin die Strategie, unmittelbar nach Ablauf der Schutzfristen rechtefreie Autoren in die RUB aufzunehmen: auf diese Weise kam z. B. 1921 Gottfried Keller mit 18 Werken in die Universal-Bibliothek.241 Daneben setzten sie aber auch auf zeitgenössische Autoren, denen zwar ein Honorar gezahlt werden musste, was die knappe Kalkulation dieser Buchreihe erheblich belastete, auf der anderen Seite ermöglichten es moderne Erzähler aber auch, neue Publikumsschichten anzusprechen. Seit 1920 erschienen z. B. Novellen und Gedichte des expressionistischen Lyrikers und Erzählers Albert Ehrenstein unter dem Titel Dem ewigen Olymp (RUB 6235), die Novellen Clara Viebigs West und Ost (RUB 6129/30), Geschichten und Skizzen Hinterm Gartenbusch (RUB 6141) von Ludwig Finckh oder 1921 die Rheinischen Novellen von Wilhelm Schäfer (RUB 6200) oder das Schauspiel Das grüne Haus von Herbert Eulenberg (RUB 6215). Finckh und Schäfer waren nationalkonservativ orientiert, während Albert Ehrenstein, jüdisch-ungarischer Abstammung, Expressionist und Pazifist war und Unterstützer der Revolution von 1919 und zu den Autoren gehörte, deren Schriften 1933 geächtet wurden. Nicht nur durch die Aufnahme von zeitgenössischer Literatur änderte sich das Erscheinungsbild der Universal-Bibliothek, sondern auch durch eine verstärkte Hinwendung zu Schwerpunktthemen in der Werbung und durch die Herausgabe von kartonierten und gebundenen Sonderausgaben, die die Reihe nun nicht nur als Schullektüre, sondern auch für Geschenkzwecke attraktiv machte. So erschien bereits ab Dezember 1917 die Serie Moderne deutsche Erzähler, die z. B. Wilhelm Raabes Zum wilden Mann oder Peter Roseggers Geschichten und Gestalten aus den Alpen als RUB-Bändchen für 25 Pf., daneben gebunden für 60 Pf. und als Geschenkband für 1,50 Mark. Besondere Werbeprospekte gab es für den Schönen Reclam-Band, mit farbigem Pappband und mit aufgeklebtem Titelschild. Sie erreichten zwar nicht die Qualität der Insel-Bücherei, waren aber durchaus als Geschenkbände geeignet. Seit 1926 wurden sie für 80 Pf. angeboten und in verschiedenen Gruppen zusammengefasst, so z. B. in eine Bücherei des Großstädters oder eine Bücherei des Musikliebhabers.242 Zu solchen »Musterbüchereien« zählte auch die Bücherei des politisch tätigen Staatsbürgers oder die Bücherei der gebildeten Frau. Besonders beliebte Titel der RUB waren Thomas Manns Tristan, Arthur Schnitzlers Die dreifache Warnung, Ricarda Huchs Der neue Heilige oder Arnold Zweigs Novellensammlung Gerufene Schatten.243 Ab 1922/23 wurde eine Werbeoffensive zur Neuetablierung der Marke Reclam gestartet und dieses Mal nicht nur die Umschläge, sondern auch der Satz reformiert. In größeren Schriftgraden mit einem größeren Durchschuss wurden nun die Breitkopfoder die Walbaumfraktur verwendet und nur noch 31, in manchen Fällen 27 Zeilen pro Seite gesetzt.244 Wie Rezensenten bemerkten, hätten jetzt auch Kurzsichtige keinen Grund mehr zur Klage. Aber auch die Leinenbände wurden durch einen Entwurf von Emil Rudolf Weiß neu gestaltet und mit einem zusätzlichen Schutzumschlag versehen. In den Werbemaßnahmen wurde der allgemeine Buchmarkt angesprochen:

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Koch: Gegenwartsliteratur, S. 285. Ewald: Werbebeilagen in Reclams Universal-Bibliothek, S. 252 – 255. Koch: Gegenwartsliteratur, S. 292. Haefs: Reclams Universal-Bibliothek in der Epoche des schönen Buches, S. 234.

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5 V er lagsw es en Bitte kaufen Sie kein Buch, ohne vorher den Katalog »Der schöne Reclam-Band« durchgeblättert zu haben. Sie finden dort eine Auswahl aus den besten Werken moderner Romanschriftsteller, Dichter und Denker der Weltliteratur vereinigt. Der Reclam-Band ist schön, elegant gebunden, in farbenfrohen, künstlerischen, festen Einbänden, große moderne Schrift, blütenweißes holzfreies Papier. Die Auswahl wird in rascher Folge ergänzt und umfasst schon heute Hunderte der bekanntesten, literarisch wertvollen Bücher. Ein eigens gebauter Bücherschrank – der ReclamSchrank –, der den modernen Wohnverhältnissen entspricht und möglichste Platzersparnis mit vornehmem Aussehen verbindet, ist bei der Bücherschrankfabrik Heinrich Zeiß, Frankfurt a. M, Kaiserstraße 36, erhältlich.245

Die gute Ausstattung der Universal-Bibliothek und das zunehmende Angebot an kartonierten und gebundenen Büchern veränderte das Bild des Verlages im Bewusstsein des Publikums, der nun durchaus als wichtiger zeitgenössischer Literaturverlag wahrgenommen wurde.

Auf dem Weg ins Dritte Reich Piper-Verlag Im Almanach zum 20. Verlagsjubiläum von Piper 1924 wird die Kontinuität der Produktion betont: »In dem Vorwort unseres ersten Almanachs hatten wir drei Namen aufgestellt, die beherrschend über unserer Tätigkeit standen: Dostojewski, Marées, Schopenhauer. Sie stehen auch heute noch im Mittelpunkt.«246 Damit waren die drei Verlagsschwerpunkte Literatur, Kunst und Philosophie mit ihren bedeutendsten Repräsentanten im Verlag beschrieben. Die von Moeller van den Bruck herausgegebene Dostojewski-Ausgabe war seit 1906 kontinuierlich erschienen und hatte zu einer Entdeckung Dostojewskis in Deutschland geführt, der anders als z. B. Tolstoi vorher weniger bekannt gewesen war. Die Philosophie wurde schwerpunktmäßig durch die Sämtlichen Werke des Vertreters des deutschen Idealismus Arthur Schopenhauer (1788–1816) repräsentiert, dessen Werke zwischen 1911 und 1926 erschienen, sein Briefwechsel dann von 1928 bis 1942. Schopenhauers Interesse am Buddhismus, den er als einen Gegenentwurf zur abendländischen Metaphysik verstand, führte zeitgenössisch zu einem verstärkten Interesse deutscher Intellektueller an dieser Religion. Folgerichtig erschienen auch bei Piper ab 1907 Die Reden Gotamo Buddhos (bis 1924). Die dreibändige Würdigung Hans von Marées (1837–1887), dem deutschen Zeichner, Grafiker und Maler des Idealismus, durch den Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe (1867–1935) steht wiederum paradigmatisch für die Beschäftigung mit der Kunst und die Herausgabe von Kunstbüchern im Piper-Verlag. Mit der Gründung der MaréesGesellschaft 1917 wurde dieser Programmbereich deutlich gestärkt, der ab 1918 kontinuierlich bis 1929 47 Drucke der Marées-Gesellschaft von Julius Meier-Graefe herausgab. Darunter waren illustrierte Ausgaben der klassischen europäischen Literatur (Goe245 Werbebeilage vom September 1924, reproduziert bei Haefs: Reclams Universal-Bibliothek in der Epoche des schönen Buches, S. 232. 246 Almanach 1904 – 1924 des Verlages R. Piper & Co. München 1923, S. 177.

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the: Clavigo; Flaubert, Gustave: Die Legende von St. Julian dem Gastfreundlichen; Friedrich Schlegel: Lucinde; Hugo von Hofmannsthal: Ariadne auf Naxos u. a.) oder einzigartige Faksimiles von Delacroix oder Vincent van Gogh, Albrecht Dürer oder Rembrandt, Max Slevogt oder Peter Bruegel d. Ä.247 Diese Kunstbücher bildeten zusammen mit anderen Mappenwerken zwischen 1919 und 1924 das Standbein des Verkaufes, da sich das gut gestaltete Kunstbuch in Inflationsjahren als Geldanlage, wie man u. a. auch bei Kurt Wolff sehen konnte, anbot. Der Verleger Reinhard Piper setzte 1923 gegenüber seinem führenden kunsthistorischen Herausgeber Meier-Graefe eine neue Buchreihe durch, die Piperdrucke, die in erster Linie Ölgemälde reproduzierten und auf eine erhebliche Nachfrage im Publikum stießen. Bereits im ersten Jahr 1923 wurden 23 Piperdrucke herausgegeben, die Arbeiten von Dürer, Rembrandt, Goya, Manet, Cranach, Rubens, Renoir, Cézanne u. a. umfassten. Bis 1932 erschienen 88 Piperdrucke, die das äußere Erscheinungsbild des Verlages prägten.248 Das eigene literarische Programm trat in der ersten Hälfte der 20er Jahre deutlich hinter das Kunstprogramm zurück, erwähnenswert ist eine dreibändige Auswahl von Jean Paul im Jahre 1924 Blumen-, Frucht- und Dornenstücke aus Jean Pauls Werk, gesammelt von Richard Benz. Als 1926 der Wiener Verleger Robert Freund als neuer Teilhaber bei Piper eintrat, wurde besonders die internationale Literatur verstärkt, p.e. mit André Maurois (1885– 1967), mit seiner Biografie Don Juan oder das Leben Lord Byrons (1930), mit seinem Roman Im Kreis der Familie (1932) oder mit seiner Geschichtsdarstellung Eduard VII. und seine Zeit (1933). Durch Freunds Vermittlung konnten auch die Rechte am Gesamtwerk von Marcel Proust für den Verlag gewonnen werden, allerdings erschien 1930 nur ein einziger Band Auf den Spuren der verlorenen Zeit: die Herzogin von Guermantes in der Übersetzung von Walter Benjamin und Franz Hessel. Auf den Teilhaber Freund gehen auch andere kreative, kostengünstige und im Unterhaltungssektor angesiedelte erfolgreiche Verlagsprojekte zurück, so eine Sprachführerreihe von MacCallum, T. W.: Englisch lernen ein Vergnügen! (1928) sowie ein ungewöhnlicher Reiseführer im neuen, journalistischen Stil Was nicht im ›Baedeker‹ steht, der von 1927 bis 1933 in 16 Bänden einen neuen, unterhaltenden Blick auf Berlin, Wien, Budapest, Paris, Mainz, London, die Riviera oder die Schweiz bot. Trotz dieser deutlichen Erfolge war das Verhältnis zwischen dem Verleger Reinhard Piper und dem jüdischen Intellektuellen Dr. Robert Freund recht gespannt, wie Pipers handschriftliche Aufzeichnungen aus dem Jahr 1943 belegen: Fortwährend brachte er [Freund] neue Projekte und Varianten. Konnte er bei solchen Gelegenheiten doch durch einen einzigen Coup mehr verdienen als in einem Jahr normaler Arbeit. […] Was schließlich aber doch alle negativen Seiten wettmachte, war seine persönliche Geschäftstüchtigkeit und die mancherlei Verbindungen, die er dem Verlag zuführte. […] Er war von der täglichen Kleinarbeit des Verlags, die an mir hängenblieb, nicht belastet, sondern konnte sich freizügig umtun. Viele seiner Reisen brachten dem Verlag nur Unkosten, auf anderen aber heimste er gewisse Zufallstreffer ein, die die ergebnislosen Reisen bei weitem wieder wett247 Vgl. 75 Jahre Piper, Bibliographie und Verlagsgeschichte, Die Reihen des Verlages, S. 585 f. 248 Reifenberg: Die Piperdrucke, 1956. – Seit 1932 firmierte der »Verlag Die Piperdrucke« selbstständig.

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5 V er lagsw es en machten. […] So hat tatsächlich der Jude Robert Freund die erste Verbindung des Verlags mit dem späteren Nationalpreisträger Bruno Brehm hergestellt.249

Tatsächlich erschienen ab 1928 in rascher Folge die Romane des Wiener Verlagsbuchhändlers und freien Schriftstellers Bruno Brehm (1892–1974), so zunächst seine Romane Der lachende Gott (1928), Susanne und Marie (1929) und sein humoristischer Roman Wir alle wollen zur Opernredoute, mit Zeichnungen von Olaf Gulbransson (1930). Auf der Welle der Kriegsromane zur Bewältigung des Ersten Weltkrieges wurde auch seine Trilogie über den Weltkrieg Apis und Este (1931), Das war das Ende (1932) und Weder Kaiser noch König (1933) publiziert. Von der Trilogie wurden mehrere hunderttausend Exemplare verkauft. Seine deutschnationale Tendenz zeigte sich bereits in dieser Weltkriegsliteratur, die später in die Nationalsozialistische Kernbücherei und als Sonderausgabe im Frontbuchhandel aufgenommen wurde.250 Neben Brehm erschienen auch noch die deutschnationalen, an den Blut und Boden-Mythos erinnernden Erzählungen und Romane von Josef Martin Bauer, der 1930 den »Jugendpreis deutscher Erzähler« für seinen Siedlerroman Acht Siedel erhielt, daneben seine Romane Die Notthafften und schließlich Die Salzstraße. Im Krieg beim nationalsozialistischen Eher-Verlag tätig und mit dem Ehrenpreis für bäuerliches Schrifttum 1942 ausgezeichnet, wurde er dann in der Bundesrepublik Deutschland mit seinem Roman So weit die Füße tragen weit bekannt. Da von den am 10. Mai 1933 verbrannten Büchern keines aus dem Piper Verlag stammte und mit Brehm und Bauer dem Nationalsozialismus zugeneigte Autoren erschienen, konnte der Verlag zunächst unbehelligt im Dritten Reich agieren. Dr. Freund war bis 1938 tätig.

Deutsche Verlags-Anstalt Die 1831 gegründete Hallberger’sche Verlagsbuchhandlung (Belletristik und populäre Zeitschriften) firmierte nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft 1881 als »Deutsche Verlags-Anstalt« (DVA). Zu den bekanntesten journalistischen Verlagsobjekten gehörten die Berliner Deutsche Illustrirte Zeitung und die Wiener Neue Illustrirte Zeitung seit 1887 und vor allen Dingen die Zeitschrift Über Land und Meer (1858 bis 1923), in der u. a. Fontanes Stechlin 1897 als Vorabdruck veröffentlicht wurde. Das Unternehmen stand auf einem soliden Fundament, zu dem drei Papierfabriken, eine Druckerei und ein Xylographie-Atelier gehörten. 1910 trat Gustav Kilpper (1879–1963) als Generaldirektor in die AG ein, die seit 1920 von Robert Bosch als Mehrheitsaktionär mit 54,6 % der Aktien dominiert wurde. Unter Kilpper expandierte der Verlag. 1921 kamen die Verlage Schuster & Löffler und Egon Fleischel & Co. hinzu, 1922 die Friedrich Andreas Perthes AG. Neben der »Schönen Literatur« wurden unter seiner Leitung die Abteilungen »Geschichte und Politik«, »Zeitdiagnose« und »Kunst« eingerichtet.251 Durch die Verlagsübernahmen Anfang der 1920er Jahre kamen u. a. Waldemar Bonsels, Börries Freiherr von Münchhausen, Ina 249 Aufzeichnungen von Reinhard Piper über Dr. Freund 1943 im Deutschen Literaturarchiv Marbach: Piper. Hier zitiert nach Ziegler: 100 Jahre Piper, S. 136 f. 250 Ziegler: 100 Jahre Piper, S. 129. 251 Berner: Zur Geschichte der DVA, S. 23 f.

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Seidel und Clara Viebig in den Verlag, ebenso die Rechte der verstorbenen Autoren Cäsar Flaischlen und Detlef von Liliencron. Zu den aus den Jahrzehnten vorher stammenden Erfolgsautoren gehörten die Volkserzähler Rudolf Presber, Josef Ponten oder Auguste Supper, aber auch Jakob Wassermann mit Caspar Hauser und Ricarda Huch. In den 20er Jahren wurden mehr und mehr zeitgenössische Autoren verlegt, die mit aktuelleren Stoffen aufwarteten, u. a. der Arbeiterdichter Heinrich Lersch oder Gottfried Benn und Erich Kästner.252 Die um 1900 noch vorhandenen ausländischen Erzähler verschwanden nach und nach aus der Autorenliste: 1923 wird im Almanach unter der Sparte »Schöne Literatur« kein einziger Ausländer mehr erwähnt, dafür 123 deutsche Erzähler mit rund 600 Titeln. Wie zahlreiche andere literarische Verlage auch versuchte die DVA, Käufer und Leser durch Buchreihen an sich zu binden, und gründete 1923 die Reihe Der Falke. Bücherei zeitgenössischer Novellen, in die u. a. Peter Doerfler oder Wilhelm Lehmann aufgenommen wurden oder das Fragment Felix Krull von Thomas Mann, die Keimzelle für den späteren Roman. 1930 dominierten historische Romane wie Alfred Neumanns Teufel und Der Patriot oder von Otto Rombach Adrian, der Tulpendieb oder Der junge Herr Alexius. Nach 1930 verlegte die DVA wieder fremdsprachige Erzähler, u. a. Charles Morgan, André Gide oder Tania Blixen.253 Parallel dazu wurde die (von Fleischel & Co. übernommene) Zeitschrift Das literarische Echo weiter ausgebaut und in Die Literatur umbenannt. Die Zeitschrift wurde zu einem wichtigen Bindeglied zwischen der Literaturkritik und der Literaturvermittlung.254

Langewiesche-Brandt 1926 wandte sich Wilhelm Langewiesche-Brandt (1866–1934) in einem Rundschreiben an das Sortiment und forderte in der wirtschaftlich schwierigen Situation den Handel um weitere Solidarität auf, die er zuvor dem Sortiment auch immer entgegengebracht habe: Das Sortiment hat gehalten, was ich mir von ihm versprach, und meinen Büchern der Rose zu ihrem durchschlagenden Erfolg verholfen. Andererseits hat meine starke Bejahung des Sortiments im Verlagsbuchhandel Schule gemacht. […] Ich habe in diesen 20 Jahren [1906–1926] fünfzig Bücher verlegt, was man gewiß nicht Überproduktion nennen kann. Bitte versuchen Sie einmal ernstlich, jeden Tag mindestens eines dieser Bücher zu verkaufen, deren Werte noch lebendig sein werden, wenn von dem Geschwätz der Tagesbücher, die sich so verwirrend in Ihre Arbeit drängen, längst der letzte Ton verhallt ist.255 Der gelernte Buchhändler Wilhelm Langewiesche-Brandt hatte sich 1906 in Düsseldorf mit einer Verlagsbuchhandlung selbstständig gemacht und war 1907 nach Ebenhausen bei München gezogen. Um sich von dem 1902 in Düsseldorf gegründeten Verlag seines Bruders Karl Robert Langewiesche (1874–1931) zu unterscheiden, teilte Wilhelm im »Etablierungsrundschreiben« im April 1906 mit, dass Karl Robert die Themen »Welt252 253 254 255

Berner: Zur Geschichte der DVA, S. 40 f. Berner: Zur Geschichte der DVA, S. 42. Eine Verlagsgeschichte der DVA ist noch zu schreiben. Zitiert nach Fünfzig Jahre, S. 28.

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anschauung, Lebensführung und vor allen Dingen bildende Kunst« verlege: Dessen Bücher erschienen in lateinischer Schrift und mit blauen Schutzumschlägen (ab 1909 unter der Markenbezeichnung Die Blauen Bücher).256 Wilhelm dagegen hatte sich der Schönen Literatur/Biografien/Briefwechsel und Jugendschriften verschrieben, die bei ihm in »deutscher Schrift« publiziert wurden. Bereits in diesem ersten Geschäftsrundschreiben legte er Wert darauf, dass seine Bücher nur über den Buchhandel und nicht im Direktvertrieb zu erhalten seien, und zwar über F. Volckmar in Leipzig. Zum Markenzeichen für den Verlag Wilhelm Langewiesche-Brandt wurde seine Buchreihe Die Bücher der Rose.257 Als Band 1 erschien Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik, gesammelt von Will Vesper. Der Germanist und Übersetzer Will Vesper (1882–1962), der später ein führender Repräsentant der nationalsozialistischen Literaturpolitik wurde, hat mit dieser Erstpublikation des Verlages das Profil geprägt, das in erster Linie aus »wertvoller« deutscher Literatur der vergangenen Jahrhunderte in gediegenen Editionen und Anthologien bestand, die vom Publikum sehr goutiert und von Lehrern sehr empfohlen wurden.258 Die Ernte der deutschen Lyrik stieß auf einen solchen Erfolg, dass 1937 das 314. bis 317. Tausend gedruckt wurde. Zu den Longsellern des Verlages gehörten Feuertrunken. Schillers Briefe bis zu seiner Verlobung, herausgegeben von Hans Brandenburg (Bücher der Rose Bd. 11), Die Droste. Annette Freiin von Droste-Hülshoff: Briefe-Gedichte-Erzählungen, Der Heilige Krieg. Friedrich Hebbel in seinen Briefen, Tagebüchern, Gedichten und Wilhelm von Kügelgens (1802–1867) Jugenderinnerungen eines alten Mannes, von denen 1920 bereits das 210. Tausend gedruckt wurde; bei Startauflagen i. d. R. von 50.000 Exemplaren. 1917 erschien Joseph Viktor von Scheffels Ekkehard. Eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert, einer der meist gelesenen historischen Romane (geschrieben 1857) der Kaiserzeit. 1917/18 konnten keine neuen Titel erscheinen, 1919 dann zwei Erzählungen unter dem Pseudonym »Wolfs«: Im Schatten Napoleons und Vor Bismarcks Aufgang. Der Autor beider historischen Romane war Langewiesche-Brandt selbst, der einen nicht geringen Teil seiner Verlagsproduktion selbst unter Pseudonymen herausbrachte: Zuvor bereits die Anthologien Goethes Alles um Liebe, Vom tätigen Leben und Über allen Gipfeln unter dem Pseudonym Ernst Hartung, Gottfried Kellers Briefe und Gedichte unter demselben Pseudonym oder Das Unerkannte auf seinem Weg durch die Jahrtausende unter dem Pseudonym Enno Nielsen (1922), die Biografie über Georg Forster unter dem Pseudonym Peter Kurz. 1922 erschienen alle drei Neuausgaben aus der Feder von Wilhelm Langewiesche: Moltkes Briefe, Schriften und Reden (unter dem Pseudonym Peter Kurz) und zwei Sammelbände über den Okkultismus unter dem Pseudonym von Enno Nielsen Das Unerkannte auf seinem Weg durch die Jahrtausende und Das große Geheimnis. Das Ziel des Verlegers war es, »eine gediegene und anziehende Ausstattung mit wohlfeilen Preisen zu verbinden«, um »der wachsenden Freude des Publikums an guten

256 Stamm: Von den »Blauen Büchern« zum Coffee-table-book, S. B 49 – B 54. 257 Voss: Vom schöpferischen Verleger, S. 55 f. 258 Vgl. den Leserbrief von Josef Hofmiller in den Münchner Neuesten Nachrichten vom 22. Dezember 1926, der »seinen Abiturienten« empfahl, sich jeden Monat einen Titel der beiden Langewiesche-Brüder zu kaufen. Vgl. Fünfzig Jahre, S. 28.

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und schönen Büchern entgegenzukommen«.259 So bot er seine Titel bis zum Ende des Ersten Weltkriegs für 1,80 M an und nach der Inflation zunächst bis höchstens 4,50 M. Der Verlagshersteller Hans Köster schrieb an den Verleger Wilhelm Langewiesche am 19. Februar 1931: Gewiss sind heute im Sortiment einige Stimmen gegen das billige Buch laut geworden. Aber wohl noch mehr Sortimenter sind für das billige Buch. Und die allgemeine Entwicklung zeigt doch deutlich […], daß die Welle des billigen Buches – angefangen mit den Buchgemeinschaften – breite neue Käuferschichten zum Buch geführt hat, und daß […] die gute billige Ware immer mehr in den Vordergrund der Produktion tritt. – Für mich steht also fest, daß billige Bücher eine unbedingte Notwendigkeit für die Rosenbücher sind. […] Die äusserste Grenze des billigen Buches scheint mir 4,50 Mark zu sein.260 Um die wirtschaftliche Krise in der zweiten Hälfte der 20er Jahre überwinden zu können, richtete Wilhelm Langewiesche zu den Büchern der Rose eine neue Unterserie Bunte Reihe für dich und dein Kind ein. Während 1930 und 1932 keine neuen Titel aufgenommen wurden, verkaufte sich die Backlist ordentlich. 1927 erschien eine stark nachgefragte Biografie Der junge Beethoven (kartoniert 3,50 M, in Leinen 5,50 M) von dem Arzt Felix Huch. Geschickt stellte Langewiesche diesen Autor dem Sortiment in einem Rundschreiben vor, in dem er seine verwandtschaftlichen Beziehungen enthüllte: »Er ist ein Bruder von Friedrich Huch, ein Vetter von Ricarda und Rudolf Huch, ein Enkel von Friedrich Gerstäcker.«261 Wilhelm Langewiesche bemühte sich, Bücher zu günstigen Preisen mit gediegener Buchausstattung, gutem Papier, zurückhaltender Ornamentik und mit zweifarbigen Auszeichnungen auf den Markt zu bringen.262 1934 starb Wilhelm Langewiesche, in diesem Jahr erschien das letzte von ihm noch angeregte Verlagswerk Hindenburg: Briefe, Reden, Berichte über den zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, der ebenfalls 1934 starb. Das Verlagsprogramm, das ausschließlich deutsche Literatur bzw. Themen der deutschen Geschichte enthielt, wurde in den 30er Jahren weitgehend ungeschmälert fortgeführt und mit nationalsozialistisch geförderter Literatur angereichert, wie dem erfolgreichen ersten Titel des Verlagsprogrammes Die Ernte, nun neu herausgegeben von Will Vesper unter dem Titel Die Ernte der Gegenwart. Deutsche Lyrik von heute, u. a. mit Will Vespers Widmungsgedicht Dem Führer.

259 Etablierungsrundschreiben des Verlegers von 1906. In: Fünfzig Jahre, S. 8 f. 260 Briefwechsel Langewiesche im Archiv des Börsenvereins in der Deutschen Nationalbibliothek, hier zitiert nach Schneider (Hrsg.): Der Verlag, S. 19. 261 Fünfzig Jahre, S. 29. 262 Eine fast vollständige Sammlung der Belegexemplare des Verlags Langewiesche-Brandt bis zum Tod des Verlagsgründers 1934 befindet sich in der Institutsbibliothek des Instituts für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

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Georg Müller Verlag »Es gibt kaum ein Gebiet literarischen Schaffens, das im Verlag Georg Müller nicht vertreten wäre. Ohne sich an ein äußerliches Programm oder an eine bestimmte literarische Richtung zu binden, sammelte seine Firma Dokumente großer literarhistorischer Epochen aller Kulturnationen – die ausländischen in gediegenster Übersetzung –, Werke der jüngsten Vergangenheit, der bekanntesten modernen Autoren, die Erstlinge aussichtsreicher junger Talente.« Im Nachruf der Münchner Neueste Nachrichten vom 30. Dezember 1917 zum Tode des erst 40-jährigen Verlegers Georg Müller263 wurde das breite Spektrum von Weltliteratur und Klassikerausgaben für das bürgerliche Publikum gewürdigt, das Georg Müller seit 1903 in München mit gediegenen Ausgaben in bibliophiler Aufmachung versorgt hatte. Es erschienen die Klassiker des Altertums, die Bibliothek der Philosophen oder die Perlen älterer romanischer Prosa, eine 40-bändige Propyläen-Ausgabe Goethes oder Schillers Horen-Ausgabe in 16 Bänden.264 Die Bücher wurden von Paul Renner gestaltet,265 der das Gesicht des Verlages über viele Jahre prägte.266 Der Verlag war in den ersten zehn Jahren zu rasch gewachsen, sodass die Kapitaldecke bald nicht mehr ausreichte und 1907 und 1911 Fremdkapital aufgenommen werden musste.267 Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten kumulierten beim plötzlichen Tod von Georg Müller 1917. Über 400 vorgesehene Titel waren noch nicht realisiert, zahlreiche bereits mit Vorschuss honorierte Manuskripte warteten auf die Umsetzung.268 Besonders schwierig gestaltete sich die Rolle des Teilhabers Arthur Kauffmann, der bis zu 600.000 M eingebracht hatte, aber während der Kriegszeit durch sein Geschäftsgebaren »Hunderttausende« in den Sand setzte.269 »Ein anderer, während des Krieges als stiller Teilhaber angenommen, betrog, kurz nach Georg Müllers Tode, den Verlag um Hunderttausende«,270 vermerkte dazu die Verlagsfestschrift. Sigfried Neuhöfer erwarb den Verlag von den Erben Georg Müllers und überführte ihn in eine Kommanditgesellschaft mit einem eingetragenen Kapital von 1,2 Mio. Mark und mit nur einem Kommanditisten Hans Müller, den Bruder von Georg Müller, der 80.000 Mark einlegte.271 Ein geschickter wirtschaftlicher Befreiungsschlag gelang zunächst durch den Verkauf der Klassikerbestände an den Ullstein-Verlag in der zweiten Hälfte des Jahres 1919. Ullstein übernahm 162 Titel in über 360.000 Bänden, darunter die Klassiker des Altertums, aber auch die noch nicht abgeschlossenen Werkausgaben von Brentano, Hölderlin oder Turgenjew, die Horen-Ausgabe Schillers und die noch nicht vollendete Propyläen-Ausgabe Goethes.272 Während Ullstein mit diesen Klassikern 1920 den »Propyläen« Verlag und damit einen hochinteressanten, angesehenen Verlagszweig 263 Münchner Neueste Nachrichten vom 30. Dezember 1917, Nachruf, zitiert nach: Sein Dämon war das Buch. Hrsg. v. Eva von Freeden und Rainer Schmidt, S. 197 f. 264 Vgl. 25 Jahre Georg Müller Verlag. München 1928. 265 Renner: Erinnerung aus meiner Georg-Müller-Zeit. In: Imprimatur IX (1940). 266 Renner: Vom Georg-Müller-Buch bis zur Futura und Meisterschule. In: Imprimatur IX (1940). 267 Meyer: Verlagsfusion Langen-Müller, S. 26 f. 268 Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, S. 258. 269 Meyer: Verlagsfusion Langen-Müller S. 28. 270 Floerke: 25 Jahre Georg-Müller-Verlag, S. 11. 271 Meyer: Verlagsfusion Langen-Müller, S. 27. 272 Laabs: Bibliophiles aus dem Propyläen-Verlag, S. 169 und oben S. 60.

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begründete, verlor der Müller-Verlag das Herzstück der eigenen Produktion. Die späteren Verlagsinhaber Gottfried Kümpel und Hans Winand versuchten zwar, einige Klassiker zurück zu erwerben und eine neue Sammlung aufzubauen (u. a. Briefe Jean Pauls und Werke von Annette von Droste-Hülshoff, Heine, Shakespeare, Stendhal, Machiavelli und Baudelaire), sie konnten damit aber nicht an die einstige Bedeutung anknüpfen. 1920 wurde der Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, was die Aufnahme von Kapital erleichterte, gleichzeitig aber die Abhängigkeit von fremden Interessen vermehrte. Von den zeitgenössischen Autoren sind zu erwähnen: Paul Ernst (1866– 1933) mit Romanen und Essays, Erwin Guido Kolbenheyer (1878–1962) mit seiner Romantriologie Paracelsus (1917, 1922, 1926), Isolde Kurz (1853–1944) mit ihrem Roman Der Despot (1925) und ihren Gesammelten Werken in sechs Bänden oder Frank Wedekinds Schauspiele König Nicolo oder So ist das Leben (1920), Herakles (1920), Der Kammersänger (1920) und schließlich seine Ausgewählten Werke (hrsg. v. Fritz Strich in 5 Bänden) 1924. Hinzu kamen rechtsgerichtete, völkische Autoren, unter ihnen der spätere Präsident der Reichsschrifttumskammer Hans Friedrich Blunck (1888– 1961), mit seinen Romanen Hein Hoyer (1922), Stelling Rotkinnsohn (1924) und Streit mit den Göttern. Die Geschichte Welands des Fliegers (1926). Trotz der wirtschaftlich bedrängten Lage erhielt Paul Renner 1925 wieder einen Exklusivvertrag als Gestalter; Renner hielt in seinen Erinnerungen fest: »Da fügte es sich glücklich, daß jetzt die Leitung des Verlages Georg Müller der sympathische und kultivierte Rheinländer Gottfried Kümpel übernommen hatte […]. Die Stabilisierung der Mark und die Auslandsanleihen hatten alle Wirtschaftskreise mit großer Zuversicht erfüllt, und so hoffte auch Kümpel, er könne dem Verlag seinen alten Glanz wiedergeben«.273 Es erschienen die Sämtlichen Werke von Annette von Droste-Hülshoff in vier Bänden zwischen 1925 und 1930, die Gesammelten Werke in fünf Bänden von Alfred D. Musset, 1925, und die Sämtlichen Werke Shakespeares (in der Übersetzung von Schlegel/Tieck) in zehn Bänden von 1925 bis 1929. 1927 übernahm der Kunsthistoriker und Schriftsteller Dr. Hanns Floerke (1875– 1944) die Verlagsleitung, der bereits 1907 Hagia Hybris. Ein Buch des Zorns und der Weltliebe und 1927 seine Untersuchung Böcklin und das Wesen der Kunst im Verlag publiziert hatte. Auch die zweite Reihe der Klassiker des Altertums war von ihm herausgegeben worden. Die Festschrift 25 Jahre Georg-Müller-Verlag dokumentiert, dass »der Verlag anfangs 1928 eine Interessengemeinschaft mit der Hanseatischen Verlagsanstalt in Hamburg einging«,274 und gab sich optimistisch, dass dadurch »die literarische Basis des Verlages eine erfreuliche Verbreiterung«, u. a. durch die neuen Autoren Magnus Wehner und Julius Zerzer, erhalten habe. Von Josef Magnus Wehner (1891–1973), einem Redakteur der Münchner Zeitung, wurde 1930 Sieben vor Verdun publiziert, eine einzige Verherrlichung des deutschen Soldatentums, die bewusst gegen Erich Maria Remarques pazifistischen Roman Im Westen nichts Neues geschrieben worden war. Wehner wurde 1933 in die Preußische Akademie der Künste, Sektion für Dichtkunst, berufen und gehörte zu den 88 Schriftstellern, die im Oktober 1933 das »Gelöbnis treu273 Renner: Vom Georg-Müller-Buch bis zur Futura und Meisterschule. In: Imprimatur IX, 1940, zitiert nach: Sein Dämon war das Buch, S. 77. 274 25 Jahre Georg-Müller-Verlag, S. 13.

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Abb. 9: Geschäftsrundschreiben Langen-Müller Verlag 1932. In: DLA Marbach. Verlagsarchiv Langen-Müller. ester Gefolgschaft« zu Adolf Hitler unterzeichneten. Sein Roman wurde im Erscheinungsjahr 1930 130.000-mal verkauft. Der österreichische Schriftsteller Julius Zerzer (1889–1971) schrieb historische Romane, wie den Stifter in Kirchschlag (1929) oder Die Heimsuchung (1931). Zerzer gehört zu den österreichischen Schriftstellern, die in einem Bekenntnis österreichischer Dichter 1938 den Anschluss an das Deutsche Reich begeistert begrüßten. Mit diesen Autoren wird der direkte Einfluss des völkisch orientierten Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes (DHV) über seine Hanseatische Verlagsanstalt (HAVA) sichtbar, der zunehmend zu einem Gegenkonzern zum liberalen Ullstein-Haus in dieser Zeit aufgebaut wurde. Nach der Übernahme des renommierten Georg Müller Verlags 1928 folgte 1931 die Übernahme des Albert Langen Verlages und dann die Zusammenführung zum LangenMüller-Verlag.275 275 Meyer: Die Verlagsfusion Langen-Müller, 1989. Vgl. auch Lokatis: Weltanschauungsverlage, in diesem Band S. 111 – 138.

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Albert Langen Verlag Der andere Münchner Kulturverlag, Albert Langen, hatte sich zu einem renommierten Verlag skandinavischer Belletristik entwickelt, der auch zeitgenössische deutsche und französische Autoren in soliden Editionen und guter typografischer sowie buchkünstlerischer Gestaltung herausgab.276 Zur Erfolgsgeschichte gehörte seit 1896 die satirische Wochenschrift Simplicissimus, die seit 1906 in einem selbständigen SimplicissimusVerlag von Reinhold Geheb geführt wurde. Der Schriftsteller Korfiz Holm (1872–1942) wirkte bereits seit 1896 im Verlag mit und erhielt ab 1902 Prokura. Ihm ist u. a. zu verdanken, dass Heinrich Mann mit seinem Roman Im Schlaraffenland im Jahr 1900 für den Verlag gewonnen werden konnte.277 Albert Langen hatte testamentarisch Geheb und Holm sowie Otto Friedrich und August Gommel als »Kuratoren« eingesetzt, die nach seinem Tod den Verlag bis zum 24. Lebensjahr seiner Söhne führen sollten. Als Langen 1909 starb, verließen wichtige Autoren den Verlag: Heinrich Mann wandte sich an den Insel-Verlag, der Literaturnobelpreisträger Bjørnstjerne Bjørnson ging zu S. Fischer. Dafür kam 1916 der Erzähler Hans Grimm (1875–1959) mit Der Gang durch den Sand und andere Geschichten aus afrikanischer Not hinzu. Die vier Kuratoren hatten sich bereits 1913 mit Eigenkapital am Verlag beteiligt und erwarben ihn im Juli 1918 von den Erben zu einem Preis von 417.000 Mark vollständig.278 Geheb und Holm führten den Verlag dann bis zur Übernahme 1931. Die skandinavischen Autoren Selma Lagerlöf (1858–1940) und Knut Hamsun (1859–1952), der 1920 den Literaturnobelpreis für seinen bei Langen in deutscher Sprache erschienenen Roman Segen der Erde erhalten hatte, gehörten weiterhin zum Hauptprogramm. Hamsun hat mehrfach Position für die deutsche Politik ergriffen, sowohl im Ersten Weltkrieg und auch in der Zeit des Nationalsozialismus. Im Verlagsprogramm sind in den 1920er Jahren zunehmend national gesinnte Dichter vertreten, neben Hans Grimm auch Hanns Johst (1890 –1978), der 1935 Präsident der Reichsschrifttumskammer wurde. Völkische Tendenzen finden sich schon in seinem Roman Kreuzweg (1922) und in seinem Schauspiel Propheten (1923). Einer der größten Bucherfolge in der Weimarer Republik wurde der Auswanderer- und Kolonialroman von Hans Grimm Volk ohne Raum im Jahr 1926, dessen Titel paradigmatisch für die »Lebensraumpolitik« des Nationalsozialismus und ihre Expansionspolitik stand; bis 1933 wurden etwa 200.000 Exemplare verkauft. In einem merkwürdigen Kontrast dazu stehen die Bauhaus-Bücher (1925–1930), die von Walter Gropius und Laszlo Moholy-Nagy herausgegeben wurden. In monografischer Form setzen sich diese herausragend illustrierten 14 Bände mit dem künstlerischen Schaffen des Staatlichen Bauhauses in Weimar auseinander, das bis heute als Avantgarde der Klassischen Moderne auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst gilt. Darunter waren die Werke der Künstler, Architekten, Typografen, Gestalter und Maler Paul Klee, Oskar Schlemmer, Piet Mondrian, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch oder der Herausgeber selbst.279 276 Estermann/Füssel: Belletristische Verlage, Kaiserreich, in Band 1/2 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 226 – 233. 277 Abret/Kehl: Das Kopierbuch Korfiz Holm, S. 141. 278 Meyer: Der Verleger des »Simplicissimus«, S. B 100. 279 Vgl. den Beitrag von Lucius: Buchgestaltung und Buchkunst in Bd. 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 315 – 340, hier S. 319 f.

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Zu den Erfolgstiteln gehörte die Neuauflage der Illustrierten Sittengeschichte: »Der weiterhin anhaltende Erfolg der sehr teuren bibliophil-erotischen Abbildungswerke von Eduard Fuchs (die auch in Hitlers Büchersammlung in der Prinzregentenstraße standen) brachte nach wie vor Ärger mit sich: Obgleich der Verlag die Illustrierte Sittengeschichte gegen Verpflichtungsschein nur an volljährige männliche Käufer abgab, wurde sie mehrfach von eifrigen Staatsanwälten beschlagnahmt.«280 Die Sittengeschichte in sechs Bänden war bereits von 1902 bis 1912 bei Langen erschienen. In den 20er Jahren wurde den Büchern eine gedruckte Mitteilung des Verlages beigebunden, dass es sich um Privatdrucke handele und damit nur an gelehrte Sammler oder Bibliotheken abgegeben werden dürften. Fuchs ging 1933 ins französische Exil, seine bedeutende Kunstsammlung und sein gesamter Besitz wurden beschlagnahmt. 1931 übernahm der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband den Albert Langen Verlag und fusioniert ihn mit dem drei Jahre zuvor übernommenen Georg Müller Verlag zum Langen-Müller-Verlag. Der DHV verstand sich als »Kampfmittel gegen den jüdischen und undeutschen Geschäftemachergeist in der Verwaltung des geistigen Gutes des deutschen Volkes«.281 Geradezu symbolisch ist die erste große Verkaufsaktion der fusionierten Verlage, die Grimms umfangreichen Roman Volk ohne Raum als »Volksausgabe« für 8,50 Mark neu herausgaben und im Börsenblatt marktschreierisch bewarben: »Werfen Sie die ersten Hunderttausend des billigen ›Volk ohne Raum‹ noch zu diesem Herbst in die Buchläden. Nicht ein Stück davon wird liegen bleiben – und gemeinsam mit Grimm erfüllen Sie eine nationale Pflicht, die hinauszuzögern oder zu unterlassen bei der ins Übermaß gesteigerten äußeren und geistigen Not unseres Volkes nicht mehr statthaft ist.«282 Die 100.000 Exemplare waren tatsächlich nach zwei Monaten ausverkauft. Der Verlag Langen-Müller führte nach 1933 das Programm ohne Veränderung fort und wurde zum führenden Literaturverlag des Dritten Reiches.

Carl Hanser Verlag Zu den Münchner Neugründungen in den wirtschaftlich turbulenten Jahren am Ende der Weimarer Republik gehört der Carl Hanser Verlag, der hier eine kurze Erwähnung finden soll, da er als Belletristik- und Fachverlag in den nachfolgenden Jahrzehnten eine erhebliche Bedeutung besitzt. Carl Hanser, geboren 1901 in Rastatt, hatte 1922/23 in der angesehenen Münchner Buchhandlung bei Ackermanns Nachf. Severing & Güldner ein einjähriges Praktikum absolviert und danach Philosophie und Literaturgeschichte studiert und nach dem 10. Semester mit einer philosophischen Dissertation abgeschlossen. In der sich anschließenden zweijährigen Verlagslehre bei Julius Friedrich Lehmann lernte er einen fachkundig geführten medizinischen Fachverlag kennen, der mit umsatzstarken Fachzeitschriften, wie der Münchner Medizinischen Wochenschrift, ein wichtiges finanzielles Standbein besaß, das Lehmann allerdings nutzte, um seine nationalistischen und antisemitischen Schriften zur Rassenkunde verlegen zu können.283

280 281 282 283

Wittmann: Hundert Jahre Buchkultur in München, S. 122. Meyer: Verlagsfusion, S. 220 nach einer DHV-Absichtserklärung aus dem Jahr 1924. Börsenblatt 98 (1931) 214. Vgl. Wittmann: Hanser, S. 11 – 15.

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Alles in allem lernte Carl Hanser hier, wie ein durch Abonnements und verlässliche Absatzzahlen gesicherter Fachverlag es ermöglicht, einen Literaturverlag zu unterhalten. Seine eigene diesbezügliche Einschätzung ist überliefert: »Von Anfang an war es meine Absicht, neben die belletristische Produktion einen Fachverlag zu stellen, um auf dem schöngeistigen Gebiet wirtschaftlich einigermaßen abgesichert und nicht der Gefahr des Produktionszwangs ausgeliefert zu sein.«284 Am 6. Juli 1928 trat Hanser als Gesellschafter in den »Verlag der Deutschen Polytechnischen Gesellschaft« ein, der das Verbandsorgan dieser Gesellschaft, Betriebstechnik, 14-tägig herausgab. Die wenigen ersten literarischen Titel seit dem Weihnachtsgeschäft 1928 lassen noch kein stringentes Verlagsprofil erkennen. Es handelte sich um den Briefroman des russischen Emigranten Feodor Stepun (1884–1965) Die Liebe des Nikolai Pereslegin, der im zaristischen Russland spielt und zuerst in einer Pariser Emigrantenzeitung erschienen war. Von Stepun erschien dann eine Ausgabe seiner Briefe eines russischen Offiziers Wie war es möglich?, die aber ebenfalls nicht zu einem großen Absatzerfolg führten.285 Daneben findet sich Stepuns Essaysammlung Tragikomödie der Geschlechter. Die Entfremdung von Mann und Weib und dann 1932 (posthum) seine fünf Märchen aus dem Unbewussten, mit Zeichnungen von seinem Schwager Alfred Kubin. Neben den Berichten und Essays Eine unsentimentale Reise. Begegnungen und Erlebnisse im heutigen Europa des ebenfalls emigrierten russischen Autors Marc Aldanov (1886–1957) mit überaus kritischen Bemerkungen zum Aufbruch des Nationalsozialismus in Deutschland kamen zwei Lyrikbändchen des nationalsozialistischen Sympathisanten Herbert Böhme (1907–1971) heraus, die nach Ausweis der Verträge jeweils mit einem relativ hohen Druckkostenzuschuss und mit Garantieabnahmen des Autors finanziert wurden. Wittmann schätzt die Gedichte pointiert ein: »Der Inhalt dieses Anfang 1933 ausgelieferten Bändchens freilich war nicht mehr nur von kitschiger Epigonalität geprägt, sondern schon von tiefbraunem Bardentum.«286 Der Band Morgenrot, der Anfang 1933 erschien, wurde bald danach an den Langen-Müller Verlag weitergegeben, Böhme selbst wurde in seiner NS-Karriere u. a. »Reichsleiter der Fachschaft Lyrik in der Reichsschrifttumskammer«. Mit diesem ebenso desperaten wie kontrastiven Verlagsprogramm verabschiedete sich Hanser für fast zwei Jahrzehnte aus der Literaturproduktion, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit verschiedenen literarischen Lektoren wiederaufgenommen wurde; Carl Hanser entwickelte im nachfolgenden Jahrzehnt planmäßig den Fachverlag weiter.

Die Anfänge des belletristischen Verlags C. Bertelsmann in den 1920er Jahren Der Verleger Heinrich Mohn (1885–1955) bildet die personelle und ideologische Konstante von den Anfängen des belletristischen Verlagsbereiches in der Weimarer Republik bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Als er 1921 in vierter Generation in das Familienunternehmen Bertelsmann eintrat, war er nicht zuletzt wegen den Wirren der Inflation 1921–1923 gezwungen, die Bereiche Autorenakquise, Herstellung, Buch-

284 Zitiert nach Göpfert: Geschichtlicher Überblick, S. 12. 285 Wittmann: Hanser, S. 17. 286 Wittmann: Hanser, S. 20.

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haltung und Vertrieb auf eine neue Grundlage zu stellen.287 Die Verlagsarbeit hatte sich bisher eng an evangelische kirchliche Strukturen und Organisationen angeschlossen, die einen weitgehend sicheren Absatz für die Themenfelder Theologie und Gemeindearbeit versprachen.288 Das wirtschaftliche Standbein in den 20er Jahren bildeten die Ratgeberzeitschriften des Pfarrers Johannes Zauleck (1877–1942), der mit seinen zielgruppenspezifischen Zeitschriften Für unsere Kinder. Ein Sonntagsblatt für die christliche Kinderwelt oder Für alte Augen. Evangelischer Sonntagsgruß ins Altersstübchen oder den unterhaltenden Heften Acht Seiten / Freude zu bereiten die praktische Gemeindearbeit stützte und – vermittelt durch die Vertriebskooperation mit den Gemeinden – viele hunderttausend Exemplare absetzte. Der Vertrieb der Zeitschriften und Bücher wurde von Mohns Mitarbeiter Fritz Wixforth (1897–1976)289 konzipiert. Gemeinsam konzentrierten Mohn und Wixforth in den 20er Jahren den bisher kleinteilig arbeitenden Universalverlag auf die beiden Bereiche protestantische Theologie und Schriften zur Gemeindearbeit. Im Mittelpunkt der Neukonzeption stand die belletristische Zeitschrift Der christliche Erzähler (1927). Dieses christliche Unterhaltungsblatt im Stile der Familienzeitschriften vom Ende des 19. Jahrhunderts vereinigte Kurzerzählungen und Fortsetzungsromane, die »dem Leben nacherzählt« waren. Es bewährte sich die alte Verlegererfahrung, dass über eine Zeitschrift neue Autoren und neue Themen am Markt erprobt und anschließend bei Erfolg mit Monografien weitergeführt werden konnten. Diese Idee ging auch beim Christlichen Erzähler bestens auf, denn durch sie gewann man z. B. Autoren wie Wilhelm KotzdeKottenrodt (1878–1948) für den Verlag, dessen Luther-Roman Die wittenbergisch Nachtigall und dessen Deutschordensritter-Roman Die Burg im Osten zunächst im Christlichen Erzähler publiziert wurden. Er eröffnete dann das Belletristik-BuchProgramm 1928 mit dem Roman Die liebe Frau von der Geduld.290

Belletristik als Vertriebsmotor bei Bertelsmann Aber auch neue Vertriebswege wurden erprobt: Fritz Wixforth reiste selbst mit seinem Motorrad durch die Lande und warb bei Buchhändlern, Pfarrgemeinden und Endkunden für die neue christliche Zeitschrift, und die Verlagsvertreter Otto Oeltze und Wilhelm Beindiek nutzten die Werbemöglichkeit, mit einem eigenen Firmenwagen mit Werbeaufschrift direkt die Kunden aufzusuchen. Gemeinsam hatten sie nach einem halben Jahr 13.221 Abonnenten geworben, bis 1929 sogar 21.769, zu denen sich weitere 5.000 Bezieher über den Buchhandel gesellten. Dieses »von Tür zu Tür«-Geschäft mit dem 287 Dieser Überblick zum Bertelsmann Buchverlag konnte für die frühen Jahre neben zahlreichen Firmenpublikationen auf der fundierten Arbeit der Unabhängigen Historikerkommission aufbauen, die 1998 – 2002 durch die Erstellung von Zeitzeugeninterviews und durch die großangelegte Sammlung von Archivalien den Grundstock zu einem Firmen- und Unternehmensarchiv Bertelsmann gelegt haben; vgl. Friedländer/Frei/Rendtorff/Wittmann: Bertelsmann im Dritten Reich. 288 Vgl. in diesem Band Blaschke/Wiede: Konfessionelle Verlage, S. 139 –182, hier bes. S. 154 f. 289 Vgl. Gööck: Bücher für Millionen; Mohn erteilte Wixforth 1935 Prokura. 290 Vgl. die vorbildliche Verlagsbibliografie: Bertelsmann 1921 – 1951. Gesamtverzeichnis. Hrsg. v. Saul Friedländer/Norbert Frei/Trutz Rendtorff/Reinhard Wittmann. München 2002.

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neu erworbenen Auto bildet den Hintergrund der Erfolge der »Bücherbusse« in den 1950er Jahren und festigte ebenfalls Bertelsmanns Vorliebe für den Direktvertrieb. Ein Ergebnis dieser Vor-OrtRecherchen war auch die Idee von Wixforth, neben der Zeitschrift dann die erfolgreichsten Titel als Monografien herauszugeben. Heinrich Mohn kommentierte diese Entwicklung später (1941), dass die Zeitschrift Der christliche Erzähler »schließlich die Autorenbeziehungen erbrachte, die zur Aufrichtung eines erzählenden Buchverlages führten, dessen Leitung keine spezialwissenschaftlichen Kenntnisse, sondern nur gute Allgemeinbildung erforderte«.291 Bei dieser Einstellung des Verlegers zum Belletristik-Lektorat verwundert es nicht, dass für diesen Bereich erst 1935 ein hauptamtlicher Lektor, Gustav Dessin292 (1902–1985), eingestellt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde das Programm ausschließlich von Mohn selbst und der Ver- Abb. 10: Titelbild: Der Christliche Erzähler. Bd. 1 (1927). triebsabteilung geplant und verhandelt. Am 10. September 1928 startete mit einer Anzeige im Börsenblatt das neue belletristische Teilsegment des Bertelsmann Verlages: mit Wilhelm Kotzde-Kottenrodts Die liebe Frau von der Geduld, Else Feissels Das Opfer, die beide im Christlichen Erzähler vorpubliziert worden waren, dazu Marie Diers’ (1867–1949) Der Teufelspate und Käthe Papkes (1872–1945) Im Unterliegen gesiegt, alle vier als »Frauenromane« gekennzeichnet, die auf einem national-konservativen bis völkischen (Kotzde-Kottenrodt) Hintergrund erzählten. Die Preise schwankten je nach Umfang von 3,50 bis 7,50 M mit einer Auflage von 3.000–5.000 Exemplaren und bewegten sich damit auf dem allgemeinen Preis- und Auflagenniveau typischer Romane am Ende der Weimarer Republik. Ein zahlenmäßiger Durchbruch kam mit Gustav Schröers (1876–1949) völkischem Roman Heimat wider Heimat, der von 1929 bis 1931 einen Absatz von 20.000 Exemplaren erreichte, bis 1943 wurden 644.000 Exemplare verkauft, 1955 vertrieb Bertelsmann das 778. Tausend.293 Der Erfolg lag in den 20er und 30er Jahren sicher in der »Heimat-Thematik«, an der Schilderung der »Blutsverbundenheit« mit der Landschaft, aber auch die Verlagswerbung und die Vertriebsmethoden taten ein Übriges. Der Schutzumschlag des Hausgrafikers Siegfried Kortemeier zeigte einen anheimelnden Blick auf einen friedlich im Tal 291 Heinrich Mohn vom 29. April 1941, Sammlung Unabhängige Historikerkommission, Verlagsarchiv Bertelsmann, Gütersloh I.2/1010. 292 Zu Dessin vgl. Bertelsmann im Dritten Reich, S. 137 ff. et passim. 293 Vgl. die detaillierten Darstellungen im Kapitel »Bekenntnis zum deutschen Menschen«. Bertelsmann entdeckt die »Schöne Literatur«. In: Bertelsmann im Dritten Reich S. 119 – 172, hier besonders S. 140 – 146.

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schlummernden, von Tannen umgebenen Ort. Wixforth erkannte darin die für die gesamte Reihe typische Atmosphäre und ließ von Kortemeier passende Plakate für die Schaufensterdekoration entwerfen. Die seit den zwanziger Jahren im Buchhandel eingeführte Schaufensterwerbung wurde auf diese Art und Weise für die Präsentation der einzelnen Bände, aber auch für die gesamte Reihe genutzt. Detailreiche Vorschläge erläuterten dem Sortimenter die Schaufenstergestaltung und führten dazu, dass diese Bücher stapelweise zum Verkauf angeboten wurden; allein durch die Art der Präsentation empfahlen sie sich als Bestseller. Parallel dazu kam Wixforth auf die Idee, durch ein erweitertes Remissionsrecht die Sortimenter zur Abnahme größerer Mengen zu veranlassen: er gestattete eine Rückgabe der Hälfte (!) aller abgenommenen Exemplare. Diese überaus großzügige, bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Regelung verhalf ihm dazu, die Buchhändler zur Abnahme größerer Partien zu bewegen. Auch die weiteren Experimente auf dem Belletristiksektor hatten für die Verlagspolitik der nachfolgenden Jahrzehnte wegweisenden Charakter. Es wurde eine Serie Das kleine Buch mit 72 Seiten Umfang zum kostengünstigen Ladenverkaufspreis von 1,10 bis 1,80 RM angeboten, die von vornherein als Geschenkbuch konzipiert war, und daneben das »Schmuckbuch«, für das beim Buchhandel geworben wurde: »Als Mitbringsel für allerlei Gelegenheiten. Wenn sich ein Käufer nicht entschließen kann, so legen Sie ihm Schmuckbücher vor.«294 Als viertes Marktsegment wurden die Stapel der »billigen Volksausgaben« von 2,85 M auf den Markt geworfen. Mit diesen vier Reihenkonzepten gelang Bertelsmann ein Durchbruch auf dem allgemeinen Publikumsmarkt, sie prägten aber auch das Bild einer völkisch-nationalen Ausrichtung der Erzählliteratur. Nicht zuletzt durch die Serie Das kleine Buch und durch die »Volksausgaben« wurde Will Vesper (1882–1962) noch stärker an den Verlag gebunden. Vesper war bereits am Ende der 1920er Jahre als Verlagsberater tätig. Seit seinem Eintritt in die NSDAP 1931 galt Vesper als ein Wegbereiter nationalsozialistischer Literaturpolitik, u. a. als Festredner bei der Bücherverbrennung in Dresden am 8. Mai 1933 und als Mitglied der Preußischen Akademie für Dichtkunst. 1933 gab er u. a. in der Reihe »Volksausgaben für 2,85 M« Aus 1000 Jahren. Deutsche Balladen und historische Lieder heraus, danach in der Serie Das kleine Buch u. a. Martin Luthers Jugendjahre. Neben dem theologischen Fachverlag bildete zunehmend die Belletristik einen erheblichen Schwerpunkt im Verlagsprogramm und sorgte durch die sich rasch steigernden Auflagen auch für eine gute Auslastung der eigenen Herstellung und Druckerei. 1934 kamen »Kriegserlebnisbücher« in hohen Auflagen hinzu, die durch die Betonung von »Mannestugenden« und Gemeinschaftserlebnissen zur Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie beitrugen. Die erfolgreichen belletristischen Reihen wurden ab 1939 durch »Wehrmachtsausgaben« ergänzt, die zwischen 1939 und 1944 über 90 % des Umsatzes ausmachten.295 Die »Vertriebs-Dominanz« des Verlagsgeschäftes bei Bertelsmann entwickelte sich in den 1920er Jahren, und wurde beim Wiederaufbau nach 1945 konsequent befolgt und erklärt weite Teile der Verlagsentwicklung bis in die Gegenwart. Reinhard Mohn 294 Börsenblatt 100 (1933) 351, Beiblatt zur Weihnachtsnummer. 295 Friedländer/Frei/Rendtorff/Wittmann: Bertelsmann im Dritten Reich; für die Zeit nach 1945 vgl. Füssel: Die Bertelsmann Buchverlage 1945 bis 2010.

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knüpfte in seinem Geschäftsbericht von 1954 bewusst an die Erfahrungen seines Vaters und dessen Berater seit den 20er Jahren an: »In unserer heutigen Zeit hat die Werbung und die Vertriebsarbeit eine entscheidende Stelle innerhalb der Gesamtarbeit eines Verlages eingenommen. Es genügt nicht mehr, gute Bücher auszuwählen und zu veröffentlichen und dann darauf zu vertrauen, dass sich das Gute von selbst durchsetzt. Nur mithilfe eines gut arbeitenden Vertriebsapparates kann heute noch erfolgreich verlegerische Arbeit geleistet werden.«296 Die Zunahme völkisch-nationaler Literatur im Programm und die eindeutige Vertriebsorientierung kennzeichnen den Wandel Bertelsmanns am Ende der zwanziger Jahre, wobei diese Entwicklung – wie wir gesehen haben – nicht untypisch ist für zahlreiche belletristische Verlage in der Weimarer Republik.

Literatur Quellen Frankfurt am Main: Die Deutsche Nationalbibliothek: Archiv des Börsenvereins – Briefwechsel Karl Robert Langewiesche und Wilhelm Langewiesche. Gütersloh: Bertelsmann Verlagsarchiv – Sammlung Unabhängige Historikerkommission Leipzig: Deutsches Buch- und Schriftmuseum – Sammlung Geschäftsrundschreiben Marbach a. N.: Deutsches Literaturarchiv (DLA) – A: Diederichs/Ehrendoktor – A: Piper – A: Rowohlt – A: Tucholsky – NL Wilhelm Stapel – S. Fischer Verlagsarchiv

Zeitgenössische Literatur und Briefe BRY, Karl Christian: Buchreihen. Fortschritt oder Gefahr für den Buchhandel? Gotha: F. A. Perthes 1917. DIEDERICHS, Eugen: Selbstzeugnisse und Briefe von Zeitgenossen. Zusammengestellt von Ulf Diederichs. Düsseldorf/Köln: Diederichs 1967. Eugen Diederichs Leben und Werk. Ausgewählte Briefe und Aufzeichnungen. Hrsg. v. Lulu von Strauß und Torney-Diederichs. Jena: Eugen Diederichs Verlag 1936. PIPER, Reinhard: Briefwechsel mit Autoren und Künstlern 1903–1953. Hrsg. v. Ulrike BuergelGoodwin und Wolfram Göbel. München/Zürich: Piper 1979. RILKE, Rainer Maria: Briefwechsel mit Anton Kippenberg 1906–1926. Hrsg. v. Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg. 2 Bände. Frankfurt a. M. und Leipzig 1995. SCHULZE, Friedrich: Der deutsche Buchhandel und die geistigen Strömungen der letzten hundert Jahre. Leipzig: Im Verlage des Börsenvereins der deutschen Buchhändler 1925. WOLFF, Kurt. Briefwechsel eines Verlegers 1911–1963. Hrsg. v. Bernhard Zeller und Ellen Otten. Frankfurt: S. Fischer 1966, ergänzte Ausgabe 1980. 296 Zitiert nach: Lehning: Das Medienhaus 2004, S. 4.

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Verlagsgeschichten, Verlagskataloge und Firmenfestschriften Bertelsmann Bertelsmann im Dritten Reich. Saul Friedländer, Norbert Frei, Trutz Rendtorff und Reinhard Wittmann. München: C. Bertelsmann 2002. FÜSSEL, Stephan: Die Bertelsmann Buchverlage. In: 175 Jahre Bertelsmann. Eine Zukunftsgeschichte. Hrsg. von Helen Müller und Thorsten Strauß. München: Bertelsmann 2010, S. 84–129. GÖÖCK, Roland: Bücher für Millionen. Fritz Wixforth und die Geschichte des Hauses Bertelsmann. Gütersloh: Bertelsmann Sachbuchverlag 1968. LEHNING, Thomas: Das Medienhaus – Geschichte und Gegenwart des Bertelsmann-Konzerns. München: Wilhelm Fink 2004.

Deutsche Verlags-Anstalt 125 Jahre Deutsche Verlags-Anstalt. Pressemappe zum 175-jährigen Jubiläum. Stuttgart: DVA 1973. BERNER, Felix: Zur Geschichte der Deutschen Verlags-Anstalt. In: Im 110. Jahr. Almanach der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart im Jahre der Wiedererrichtung ihres Verlagshauses. Stuttgart: DVA 1958. BERNER, Felix: Die Verlegerfamilie Hallberger. In: Lebensbilder aus Schwaben und Franken. Bd. 15. Stuttgart 1983, S. 280–315. Deutsche Verlags-Anstalt 1848–1923. 92 Handschriften von Autoren des Verlags mit einer geschichtlichen Einleitung und einem Bücherverzeichnis. Stuttgart/Berlin/Leipzig: DVA 1923. Im 110. Jahr. Almanach der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart im Jahr der Wiedererrichtung ihres Verlagshauses. Stuttgart: DVA 1958.

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S. Fischer Verlag HOFFMEISTER, Barbara: S. Fischer, der Verleger. Eine Lebensbeschreibung. Frankfurt a. M: S. Fischer 2009. MENDELSSOHN, Peter de: S. Fischer und sein Verlag. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1970. STACH, Rainer: 100 Jahre S. Fischer Verlag. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1986. S. Fischer, Verlag. Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil. Ausstellung und Katalog: Friedrich Pfäfflin und Ingrid Kussmaul. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft 1985 (Marbacher Katalog 40).

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5.2 .5 Be lletr istische Verlage

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Corinna Norrick 5.2.6 Literarische Zeitschriften und Publikumszeitschriften Alfred Döblin, immer schon ein aufmerksamer Beobachter seiner Epoche, kommentierte 1919 das Gründungsfieber, das unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt ausgebrochen war, mit deutlicher Lust an der rhetorischen Zuspitzung: Jeder Verlag, der etwas auf sich hält, ist genötigt für seine Bekannten eine besondere Zeitschrift herauszugeben, um sie auf dem Laufenden zu halten. Der Geltungsbereich einer Zeitschrift kann […] bis auf ein, zwei Häuserblocks eingeschränkt werden. Es ist begreiflich, daß sie alle dieselbe Zeitschrift schreiben. Sie hat verschiedene Namen […]. Auch die Umschlagseiten sind verschieden, ebenso das Format.1 Auch wenn auf den ersten Blick das Moment der Übertreibung überwiegt: ein zweiter Blick lohnt sich. Denn in der Tat entstanden damals vor allem im Bereich der literarischen Zeitschriften zahllose neue Blätter2 – eine Hochkonjunktur, die eng mit der Gründungswelle avantgardistischer Zeitschriften vor dem Ersten Weltkrieg zusammenhängt: Bereits dem Frühexpressionismus, von 1910 bis 1914, waren bedeutende Periodika entsprungen, wie Herwarth Waldens Der Sturm (1910 – 1932) oder Franz Pfemferts Die Aktion (1911 – 1932). Am Beginn der Weimarer Republik setzte nun eine weitere Gründungswelle ein, für die als Beispiel Das junge Deutschland. Monatsschrift für Theater und Literatur (1918 – 1920) genannt werden kann. In diesen Jahren formierten sich unzählige literarisch ambitionierte Projekte, die teilweise unabhängige, teilweise parteioder vereinsgebundene Gruppen oder Personen, nicht selten aber auch namhafte belletristische Buchverlage zum Ausgangspunkt hatten. Wenn als eine Hauptsignatur der Weimarer Zeit die Tendenz zur Politisierung der Gesellschaft gelten kann,3 so lässt sich diese Beobachtung auch auf den Bereich der literarischen bzw. Unterhaltungszeitschriften übertragen. Parallel zu einer deutlichen Konsolidierung des Zeitschriftenmarkts nach Überwindung der Hyperinflation fand eine klare Politisierung – mit der Neigung zur Radikalisierung – statt. So machten in den zwanziger Jahren viele linksbürgerliche und linksdemokratische Zeitschriften von sich reden, zum Ende der Republik überwogen aber doch die rechtsgerichteten Blätter, mit Inhalten, die alle Spielarten des völkisch-nationalen Denkens abdeckten. Das gesamte Themenspektrum verschob sich zunehmend zugunsten der Weltanschauungsproduktion; 1 Döblin: Neue Zeitschriften. In: Die neue Rundschau (1919) 5, S. 623. 2 Für einen allgemeinen Überblick über die Zeitschriftenproduktion der Weimarer Republik vgl. den Artikel von Barbara Kastner in Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte. Kastner: Statistik, S. 374 –376. Einige weitere Hinweise zum Thema der Autoren und Leserschaft in der Weimarer Republik mit Bezug auf Zeitschriften befinden sich in Band 2/1 im Artikel von Ute Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, S. 149 –196, hier S. 178 –182. – Auskunft über die Bandbreite der Zeitschriftenproduktion im literarischen Bereich geben einige hilfreiche Repertorien. Verwiesen sei etwa auf Dietzel, Thomas und Otto Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880 –1945. Ein Repertorium. München: K. G. Saur 1988. 3 Vgl. Fischer/Füssel: Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen, S. 8.

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literarische Texte und sogar lyrische Beiträge passten sich durch politische Bezugnahme an oder wurden zu Gunsten der politischen Auseinandersetzung »abgedrängt«.4 Während diese inhaltlichen Tendenzen naturgemäß nur schwer messbar sind, kann die zahlenmäßige Entwicklung der literarischen Zeitschriften (anteilig an der gesamten Zeitschriftenproduktion gemessen) durch die Angaben in Sperlings Zeitschriftenadreßbuch nachvollzogen werden – selbst wenn deren Aussagekraft durch schwankende oder nicht eindeutige Einteilungsprinzipien relativiert wird. Tabelle 1: Statistische Übersicht der Anteile »Literaturblätter und Revuen« sowie »Buchhandel« an der Gesamtzeitschriftenproduktion Jahr 1914 1923 1925 1926 1927 1928 1929 1930 1931 1933

Anzahl Zeitschriften insgesamt5 66897 3734 6127 6739 6860 7116 7303 7303 7563 7652

Anzahl von Zeitschriften in der Gruppe »Literaturblätter und Revuen«6 183 191 102 194 102 131 102 101 103 165

Prozentsatz Anteil »Literaturblätter und Revuen« 2,7 % 2,4 % 1,6 % 1,3 % 1,4 % 1,8 % 1,3 % 1,3 % 1,3 % 0,8 %

Die Zeitschriftenvielfalt in der unmittelbaren Vor- und Nachkriegszeit konnte nicht durchgehend aufrechterhalten werden; eine Konsolidierung namentlich auf dem Markt für literarische Zeitschriften ist auch quantitativ belegbar. Im Bereich »Buchhandel« nimmt die Anzahl der Blätter zwischen 1914 und 1915 leicht ab, bleibt aber in der Folge überwiegend konstant. Allerdings verzeichnet Sperlings Zeitschriftenadreßbuch keinerlei Auflagenzahlen, was eine Beurteilung der Resonanz und Verbreitung von literarischen Zeitschriften erschwert. Doch hat Gerhard Menz für das Jahr 1928 für einen Großteil der Zeitschriften in Sperlings Kategorie »Literarische Zeitschriften und Revuen« die Auflagenhöhen ermittelt. Für 8 % der Titel stellte er sehr niedrige oder niedrige Auflagen (1 bis 500 Exemplare) fest, der Großteil – 85,7 % – wies mittlere Auflagenhöhen (500 bis 5.000 Exemplare) auf und 6,3 % hatten hohe Auflagen (5.000 bis 20.000 Exemplare). Für keine der erfassten Zeitschriften wurde eine sehr hohe Auflage (über 20.000 Exemplare) ermittelt. Zum Vergleich: 15,6 % der »Frauen-, Haus- und Modeblätter« erzielten 1928 Auflagen von über 50.000 Exemplaren; bei den Unterhaltungszeitschriften waren es 13,3 %.8 4 Paschek: Zeitschriften und Verlage, S. 62. 5 Wenn keine weitere Quelle angegeben ist, nach Kastner: Statistik, S. 375. 6 In der Ausgabe 1914 hieß die entsprechende Abteilung in Sperlings Zeitschriftenadreßbuch noch »Literaturblätter, Revuen und akademische Blätter«. 7 Jäger: Zeitschriften, S. 369. 8 Menz: Die Zeitschrift, S. 50.

5.2 .6 Liter ar isch e Zeitschr if ten und Pub liku mszeitschr if ten

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Niedrige Auflagen waren also für die literarischen Blätter jener Zeit typisch. Im Besonderen galt diese Problematik jedoch für die expressionistischen Zeitschriften – nur die bedeutendsten unter ihnen erreichten überhaupt »[b]uchmarktrelevante Auflagen«.9

Expressionistische Zeitschriften Im Vorwort zu seinem Repertorium der Zeitschriften und Sammlungen des literarischen Expressionismus10 charakterisiert Paul Raabe die besondere Funktion der (literarischen) Zeitschriften jener Epoche in wenigen Sätzen: Zeitschriften waren in einem heute nicht mehr nachzuvollziehenden Maße Schauplätze und Zentren der literarischen und künstlerischen, der geistigen und politischen Auseinandersetzung. Dort erschienen die neuen Werke der Literatur und Kunst, dort wurden die neuen Autoren und Künstler vorgestellt, diskutiert und kritisiert, die Ideen expressionistischer Literatur und Kunst entwickelt, verfochten und verteidigt; dort wurden alle Phasen eines künstlerischen Prozesses seismographisch registriert.11 Raabes Repertorium stellt zusammen mit seiner Standardbibliografie zum Expressionismus – dem Index Expressionismus12 – die Bandbreite und Inhalte der expressionistischen Zeitschriften auf beeindruckende Weise dar. Auch beschreibt er die auffällig entwickelte Motivation der Expressionisten, solche Periodika zu gründen und an ihnen mitzuarbeiten: Die »psychologische Voraussetzung« sei »Ehrgeiz und der naive Stolz, sich gedruckt zu sehen«.13 Die große Anzahl der Publikationen – zwischen einhundert und zweihundert expressionistische Zeitschriften, Jahrbücher und Almanache entstanden im Zeitraum von 1910 bis 1930 – beweist diesen Ehrgeiz, ebenso die anspruchsvolle kulturpolitische Ausrichtung vieler dieser Blätter. Die Zeitschriften des Expressionismus haben einige Gemeinsamkeiten, etwa in der Abkehr von der bürgerlichen Kultur und Literatur. Dennoch differieren die Projekte in der Ausführung, im Erfolg, inhaltlich und auch äußerlich zum Teil beträchtlich.14 Als eine der wichtigsten Publikationen dieser Art sind Die weißen Blätter (1913 bis 1920, ab 1915 von René Schickele herausgegeben, Auflage 3.000 bis 5.000 Exemplare15) zu nennen, deren Titel auf einen bedingungslosen Neuanfang deuten sollte. Unter Schickele nahmen Die weißen Blätter eine radikal expressionistische Haltung ein; der für Zeitschriften überdurchschnittliche Umfang (anfangs ca. 1.350 Seiten pro Jahrgang) ließ auch den Abdruck längerer Beiträge zu. Diese Publikation übernahm eine Vorbildrolle für weitere expressio9 Schneider: Artikulationsort Zeitschrift, S. 180. 10 Die Zeitschriften und Sammlungen des literarischen Expressionismus: Repertorium der Zeitschriften, Jahrbücher, Anthologien, Sammelwerke, Schriftenreihen und Almanache 1910 – 1921. Stuttgart: Metzler 1964. 11 Raabe: Einleitung, S. VII. 12 Index Expressionismus. Bibliographie der Beiträge in den Zeitschriften und Jahrbüchern des literarischen Expressionismus 1910 –1925. Hrsg. von Paul Raabe. 18 Bde. Nendeln (Liechtenstein): Kraus-Thomson 1972. 13 Raabe: Zeitschriften und Sammlungen, S. 6. 14 Schneider: Artikulationsort Zeitschrift, S. 172. 15 Schneider: Artikulationsort Zeitschrift, S. 180.

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nistische Projekte und ist auch insofern als typisch zu bewerten, da sie mit dem Ende der expressionistischen Bewegung um 1920 von der Bildfläche verschwand. Bei vielen expressionistischen Zeitschriften spielte das Erscheinungsbild eine genauso wichtige Rolle wie die antibürgerliche Konzeption; es »symbolisierte die Spontaneität und die Dynamik des avantgardistischen Literaturbetriebs. Waren ihre Inhalte progressiv, sprengten auch die Typographie und Gestaltung der Zeitschriften die traditionellen Vorstellungen.«16 Je avantgardistischer im Auftreten, desto weniger konnten sie ein großes Publikum erreichen; dazu kamen die oft fehlende Verlagserfahrung der Herausgeber sowie das bewusste Ignorieren jener Merkmale, die dem Medium Zeitschrift ureigen sind: Regelmäßigkeit des Erscheinens, Einheitlichkeit in Preisen und Umfang oder Homogenität der Leserschaft.17 So konnte bei vielen der publizistischen Projekte kein Wiedererkennungswert entstehen; folgerichtig blieb auch ein regelmäßiges zahlendes Publikum aus. Raabe resümiert: »Die meisten [Zeitschriften] kamen über einen Jahrgang nicht hinaus, und das gehörte zu ihrem Wesen. Der erste Impuls war der stärkste, und meist reichte auch das Geld nicht, die Arbeit durchzuhalten.«18 Ausnahmen waren dabei die bereits erwähnte Zeitschrift Der Sturm mit einer Auflage von bis zu 30.000 Exemplaren19 und Die Aktion mit anfangs (1913) zwischen 5.000 und 8.000 Exemplaren und später (1925 bzw. 1930) mit der bemerkenswerten Auflagenhöhe von 20.000 Exemplaren.20 Die Aktion und Der Sturm – untereinander stark rivalisierend – bildeten den Mittelpunkt des Frühexpressionismus im Literaturbetrieb; sie waren für die Mitglieder der Bewegung zentrale Foren für die Herausbildung eines ästhetischen Selbstverständnisses sowie für die Kommunikation untereinander.21 Insofern ist ein Blick auf das Eigenbild dieser Zeitschriften auch aussagekräftig für die gesamte avantgardistische Bewegung. Die Aktion lobte sich selbst als die einzige Zeitschrift in deutscher Sprache, die wirklich keine mehr oder minder verkappte Kapitalisten- und Bürgerangelegenheit ist, sondern die makellose Tribüne eines radikal verantwortungswilligen Geistes. Eine Zeitschrift ohne Kompromiß, ohne geschäftlichen oder sonstwie abhängigen Ehrgeiz, geleitet allein nach dem einen unerschütterlichen Ziel der Beseitigung jeglicher Welt- und Menschenausbeutung. Wenn man sich diese ersten zehn Jahrgänge Aktion vergegenwärtigt, erkennt man, wie konsequent gradlinig und einheitlich sie nur auf den sicheren Grund gestellt ist: auf das Gewissen ihres Herausgebers.22 16 Schneider: Artikulationsort Zeitschrift, S. 176. – Zur äußeren Gestalt avantgardistischer Bücher und Zeitschriften sei auf das Kapitel Buchgestaltung und Buchkunst von Wulf D. v. Lucius in Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte verwiesen, S. 315 –340. 17 Vgl. Schneider: Artikulationsort Zeitschrift, S. 178 f. 18 Raabe: Das literarische Leben, S. 8. 19 Schneider: Artikulationsort Zeitschrift, S. 180. 20 Vgl. Schlawe: Literarische Zeitschriften 1910 –1933. Wenn nicht anders angezeigt, gehen die Auflagenzahlen auf Schlawes Nachschlagewerk zurück. 21 Vgl. Raabe: Das literarische Leben, S. 7. 22 Zitiert nach: Rietzschel: Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Eine Einführung in die Aktion, Sp. 2. Diese kurze manifestartige Charakterisierung der Aktion wurde zum 10-jährigen Jubiläum der Aktion von dem Schriftsteller und langjährigen Mitarbeiter der Aktion Max Herrmann-Neiße verfasst.

5.2 .6 Liter ar isch e Zeitschr if ten und Pub liku mszeitschr if ten

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Die Weltbühne, Das Tagebuch und Die literarische Welt Unter den zwischen 1919 und 1931 etwa 100 verbliebenen literarischen Blättern gab es auch sehr erfolgreiche und langlebige Publikationen, die mit Debatten und regelmäßigen Rezensionen maßgeblich zum Kulturund Literaturbetrieb der Weimarer Republik beitragen konnten. Insbesondere müssen in diesem Zusammenhang die Zeitschriften Die Weltbühne (ursprünglich, von 1905 bis 1918, als Theaterzeitschrift unter dem Titel Die Schaubühne verlegt; unter dem Titel Die Weltbühne bis zu ihrem Verbot am 13. März 193323 in Berlin erschienen; 1933 bis 1939 als Die neue Weltbühne in Prag) und Die literarische Welt (1925 – 1933) hervorgehoben werden. Die Weltbühne war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein bedeutendes Organ des linken Intellektuellenmilieus. Diese Ausrichtung galt auch für die Epoche der Weimarer Republik, nicht zuletzt weil Kurt Tucholsky hier regelmäßig publizierte und nach dem Tod des Gründers Siegfried Ja- Abb. 1: Titelblatt der Weltbühne vom 14. cobsohn die Chefredaktion übernahm (be- Februar 1923 (Nr. 7, XXIV. Jahrgang). vor er bald darauf von Carl von Ossietzky Der rötliche Umschlag wurde zusätzlich abgelöst wurde). Um den engen Bezug der mit einer weißen Bauchbinde versehen, Weltbühne zum Buchmarkt darzustellen, ist die den Inhalt ankündigte und den Preis wohl die von Kurt Tucholsky (wie so oft (bei dieser Ausgabe 60 Pfennige) angab. unter dem Pseudonym Peter Panter) mit seinem Artikel »Ist das deutsche Buch zu teuer?« ausgelöste Preisdebatte im Jahre 1928 das beste Beispiel.24 Doch auch die wirtschaftliche Lage deutscher Schriftsteller (1924) oder die Entstehung der Buchgemeinschaften (1925) wurden von der Zeitschrift kritisch begleitet und von ihren Lesern in Leserbriefen diskutiert, wobei zahlreiche Zusendungen aus der Feder von Schriftstellerund Verlegerpersönlichkeiten der Weimarer Republik stammten.25 Die Verquickung zwischen der Weltbühne und dem Buchmarkt beschränkte sich jedoch keineswegs auf kritische Betrachtungen zum Literaturbetrieb. In dieser Zeit wurde die Zeitschrift auch von Siegfried Jacobsohns Witwe, Edith Jacobsohn, unterstützt. Edith Jacobsohn hatte 1924 mit Anni Williams und Edith Weinreich (geb. Williams) den Kinder- und Jugendbuchverlag Williams & Co. gegründet – den Vorgänger des heutigen Cecilie Dressler 23 Madrasch-Groschopp: Die Weltbühne, S. 310. 24 Siehe hierzu genauer in Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte, insbesondere Fischer: Marktorganisation, hier S. 289 –294. 25 Siehe hierzu im Detail in Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, hier S. 179 –181.

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Verlags – und leitete ihn ab 1925 allein. Aus der fruchtbaren Zusammenarbeit der Verlegerin Edith Jacobsohn mit den linksintellektuellen Weltbühne-Autoren entstanden Bestseller und Kinderbuchklassiker, die das Verständnis des Kinder- und Jugendbuchs in Deutschland bis heute nachhaltig verändert haben. Das prominenteste Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist der Fall von Erich Kästner, der auf Anregung Edith Jacobsohns Emil und die Detektive (1929) und später Pünktchen und Anton (1931) verfasste.26 Das Ehepaar Jacobsohn stand Kurt Tucholsky nicht nur in der Weltbühne nahe: Edith Jacobsohn verfasste gelegentlich Beiträge für das Satire-Magazin Ulk27 (1872 – 1933), dessen Chefredakteur Kurt Tucholsky von 1918 bis 1920 war. Der Ulk wurde 1872 von dem Berliner Verleger Rudolf Mosse gegründet und lag bis 1933 dem Berliner Tageblatt bei. Im Zeitraum von 1910 bis 1930 wurde der Ulk zusätzlich der Berliner Volks-Zeitung beigelegt; so konnte die Zeitschrift circa eine Viertelmillion Leser erreichen. In einem scherzhaften Briefwechsel mit Kurt Tucholsky bezeichnete Siegfried Jacobsohn seine Frau 1919 sogar als »Hauptmitarbeiterin Ihres bourgeoisen Witzblattes«.28 Andere satirisch-humoristische Zeitschriften der Zeit, wie beispielsweise das Stachelschwein, dessen Herausgeber der Schriftsteller und Kabarettist Hans Reimann war, konnten eine solche Reichweite nie entfalten. Dennoch ist gerade Das Stachelschwein exemplarisch für die Variation der verschiedensten Diskussions- und Dokumentationsformen, die als »größtes Verdienst der Neuen Sachlichkeit angesehen wird«.29 Die Tatsache, dass Siegfried Jacobsohn die einleitenden Worte für die erste Ausgabe des Stachelschweins am 20. September 1924 schrieb und dass Erich Kästners erster Stachelschwein-Beitrag (»Die Hungermayonnäse«) bereits im elften Heft vom 29. November 1924 erschien, unterstreicht den regen gedanklichen Austausch, in dem die prominenten Linksintellektuellen der Zeit standen.30 1919 gründete Stefan Großmann im Rowohlt Verlag Das Tagebuch (1920 – 1933; Auflage 1930: 14.000 Exemplare), ein nach dem Vorbild der Weltbühne fortschrittlich ausgerichtetes, gesellschaftskritisches Diskussionsorgan. So ist es nicht verwunderlich, dass Golo Mann die kleinen grünen Hefte des Tagebuchs als »sonderbar verbündet und kontrastierend mit den kleinen roten [Heften] der ›Weltbühne‹« charakterisierte.31 Es wurde zunächst von Stefan Großmann, ab 1922 gemeinsam mit Leopold Schwarzschild und ab 1927 in alleiniger Chefredaktion von Schwarzschild wöchentlich herausgegeben und enthielt Aufsätze über eine Reihe von Themen – Politik, Geschichte, Wirtschaft, Kultur – wie auch literarische Originalbeiträge (hauptsächlich Prosa). Golo Manns damalige präferierte Zeitschriftenlektüre Das Tagebuch »entsprach dem Stil der Zeit« so sehr, dass er sie 1966 mit dem Spiegel zu vergleichen suchte: »Damals verschlangen wir in akademischen Lesehallen die Artikel Leopold Schwarzschilds, wie man heute dort die Artikel etwa Rudolf Augsteins verschlingt.«32 Das Tagebuch, das zusammen mit Jacobsohns Blatt im Zentrum der öffentlichen Diskussion stand, war im deutlichen Gegensatz 26 Für genauere Informationen sei auf das Kapitel Kinder- und Jugendbuch in der Weimarer Republik von Helga Karrenbrock im vorliegenden Teilband, S. 183 – 218, verwiesen. 27 Zur Vorgeschichte des Ulks vgl. Graf/Pellatz: Familien- und Unterhaltungszeitschriften, S. 491 f. 28 Vgl. Oswalt: Siegfried Jacobsohn, S. 170 mit Anm. 54. 29 Görzel: Rundfunk in der Weimarer Republik, S. 10. 30 Reimann: Mein blaues Wunder, S. 373. 31 Mann: Vorwort, S. 7. 32 Mann, S. 7.

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zur eher linksliberalen Weltbühne »konsequent antimilitärisch, pazifistisch und mit einer […] verstärkten Tendenz zur grundsätzlichen Opposition, zum aggressiven […] unerbitterlichen Angriff«.33 In den ersten drei Jahren, in denen die Zeitschrift bei Rowohlt erschien, spürte der Rowohlt Verlag deutlich, wie eine literarische Zeitschrift im eigenen Haus auch die Verlagsproduktion ankurbeln konnte. So erschien schon im zweiten Heft des Tagebuchs (vom 17. Januar 1920) ein erster Auszug aus Carl Ludwig Schleichs Lebenserinnerungen Besonnte Vergangenheit, die sich zum ersten Bestseller des Rowohlt Verlags entwickeln sollten.34 Da jedoch die Auflage 1923 um 10.000 stagnierte, sah sich der Verlag gezwungen, die Zeitschrift im eigenen Haus einzustellen. Jedoch blieb der Verlag an dem Eigenverlag des Tagebuchs noch einige Zeit beteiligt.35 An dem Eigenverlag waren ferner Leopold Schwarzschild selbst und der Literaturmäzen Hugo von Listig beteiligt, sodass die wirtschaftliche Grundlage für das Tagebuch bis 1933 konstant blieb. Schwarzschilds politische Einstellung und seine jüdische Herkunft führten dazu, dass er auf der ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933 stand. So emigrierte er unmittelbar nach dem Verbot des Tagebuchs nach Paris, wo er von 1933 bis 1940 die Exilzeitschrift Das neue Tagebuch betreute, bis er 1940 in die USA flüchten musste. Den zweiten Versuch einer literarischen Zeitschrift wagte Ernst Rowohlt 1924 mit der Monatsschrift Vers und Prosa. Herausgeber war der Rowohlt-Autor und -Lektor Franz Hessel, der mit einem hohen Anspruch an Inhalte und Leserschaft Beiträge von Rainer Maria Rilke, Walter Benjamin, Franz Blei, Robert Musil oder Robert Walser vorstellte. Verleger und Redakteur gestanden in der Ankündigung: »Das ist ein Versuch und ein Wagnis.«36 Im gesamten Jahrgang sind Anzeigen nur für Rowohlt-Bücher zu finden; einleitende Worte des Herausgebers fehlen ganz. In der Tat musste die Zeitschrift aus wirtschaftlichen Gründen am 15. Dezember 1924 eingestellt werden – das erste, gelb eingebundene Heft war erst zum 15. Januar 1924 erschienen. Ernst Rowohlt versuchte weiter, eine anspruchsvolle aber wirtschaftlich tragbare literarische Zeitschrift in seinem Hause anzusiedeln. Nach dem Vorbild der französischen Nouvelles Littéraires gründete er gemeinsam mit Willy Haas Die literarische Welt (1925 – 1934, verkaufte Auflage 1926: 13.000 Exemplare,37 Auflage 1930: 20.000 Exemplare). In Bezugnahme auf das Vorbild bezeichnete der Herausgeber Haas die Publikation durchweg als Zeitung und nicht als Zeitschrift und füllte den »größte[n] Teil jeder Nummer […] mit aktuellen […] literarischen Neuigkeiten, [und] Neuigkeiten aus dem Theater- und Kunstleben«.38 Die Zeitung sollte als Plattform für Kontakt zu Autoren des Rowohlt Verlags (aber auch anderer Verlage) dienen, dort sollten zahllose Essays, Novellen und Gedichte ihren Platz finden. Ein enger Bezug zum Buchmarkt durchzog die Zeitschrift von Anfang an. 1926 wurden in zahlreichen »Gesprächen mit deutschen Dichtern« die Antworten u. a. von Franz Werfel, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Thomas Mann oder Bertolt Brecht auf die Frage »Was arbeiten Sie?« zusammengetragen.39 Im 33 34 35 36 37 38 39

Holly: Die Weltbühne 1918 bis 1933, S. 8. Vgl. Moldenhauer: Fixsterne, S. 47. Vgl. Moldenhauer, S. 47. Zitiert nach: Moldenhauer: Fixsterne, S. 48. Vgl. Moldenhauer, S. 49. Haas: Die literarische Welt, S. 164. Vgl. Zeitgemäßes aus der »Literarischen Welt«, S. 33 –55.

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Herbst des gleichen Jahres veranstaltete Die literarische Welt einen Literaturwettbewerb mit dem Titel »Geschenk an die Jugend«. Circa 4.300 junge Dichter und freie Künstler nahmen teil; die Gewinner erhielten Verträge mit dem Rowohlt Verlag.40 Trotz der klaren Vorteile einer solchen Publikation musste der Rowohlt Verlag Ende 1926 einsehen, dass die Literarische Welt mit der anvisierten Auflage von 30.000 Exemplaren ein Verlustgeschäft war; so wurde sie 1927 zu einer GmbH unter der Leitung von Willy Haas (mit Hauptbeteiligung durch den Rowohlt Verlag, der danach zunehmend in dem Blatt inserierte).41 Zu diesem Anlass schrieb Haas über die Ausrichtung des Blatts: »Wir haben einsehen müssen, daß die bloße literarische Information, Analyse oder Darstellung heute immer nur Stückwerk bleibt; und wir müssen bestrebt sein, diese Fragmente zu einer Totalität der Zeitbetrachtung auszubauen. […] Dieses Programm bedeutet und soll bedeuten eine deutliche Absage an die bloße Literatenliteratur.«42 Mit dieser Ansage begann eine Öffnung der Zeitschrift zu anderen Themen hin, insbesondere durch gezielte Sondernummern wie die zur Internationalen Buchkunstausstellung in Leipzig im Jahr 1927, in der u. a. Paul Renners Abhandlung über die alte und neue Buchkunst publiziert wurde – typografisch vom restlichen Heft abgehoben durch den Satz des Artikels in Renners Futura-Schrift.43 Immer wieder nahm die Zeitschrift aktuell Bezug auf den Buchmarkt und seine Akteure. 1927 untersuchte die Zeitschrift ferner die Grenzen und Möglichkeiten des Dichters in einer Reportage über »die Diskretion und Freiheit des Schriftstellers« unter der Leitfrage »Darf der Dichter in seinem Werk Privatpersonen porträtieren?«.44 Die breite Rezeption und Akzeptanz der Zeitschrift ist u. a. daran abzulesen, dass Persönlichkeiten des literarischen Lebens wie Heinrich Mann, Emil Ludwig, Max Brod oder Stefan Zweig auf solche Rundfragen antworteten. Lob erntete die Zeitschrift zum dreijährigen Jubiläum im Oktober 1927: »Sie haben nicht die Zahl der bestehenden Zeitschriften um eine vermehrt. Sie haben, im Gegenteil, den Typus einer allwöchentlich erscheinenden literarischen Tageszeitung geschaffen; und mit ihr eine neuartige Verbindung zwischen Tiefe und Breite, zwischen Inhalt und Wirkung hergestellt.«45 Kurz darauf, im Oktober 1927, erschien in der Literarischen Welt die erste Bestsellerliste Deutschlands – angeführt von Hermann Hesses Steppenwolf (1927 bei S. Fischer erschienen); darunter ein Preisausschreiben von RM 100,– für »die beste, kürzeste und prägnanteste deutsche Übertragung der englischen Bezeichnung ›Best-seller‹«.46

40 Vgl. Moldenhauer, S. 50. 41 Vgl. Der Herausgeber [Haas]: An unsere Leser und Freunde! In: Die literarische Welt (1927) 13, S. 1. 42 Der Herausgeber [Haas]: An unsere Leser und Freunde! In: Die literarische Welt (1927) 13, S. 1. – Hervorhebung im Original. 43 Vgl. Internationale Buchkunst-Ausstellung Leipzig 1927. Sondernummer der Literarischen Welt, Nr. 24 vom 17. Juni 1927. – Weitere Beispiele der Bezugnahme auf den Buchmarkt diskutiert Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, S. 181 f. 44 Vgl. Darf der Dichter in seinem Werk Privatpersonen porträtieren? In: Die literarische Welt (1927) 36, S. 1 f. 45 Jacob: Drei Jahre Literarische Welt. In: Die literarische Welt (1927) 40, S. 1 f. – Hervorhebung im Original. 46 Vgl. Best-Seller-Liste September 1927. In: Die literarische Welt (1927) 41, S. 10.

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Willy Haas hatte sich die Liste als eine Institution vorgestellt, deren statistischer und kulturhistorischer Wert für alle Beteiligten der Buchbranche offenkundig sei. Allerdings entbrannte an der Liste eine regelrechte Bestseller-Debatte; der Börsenverein kritisierte die Bestsellerliste im Dezember 1927 als »Verengung und Verflachung des geistigen Lebens«.47 Bald darauf, mit der »Best-Seller-Liste Januar 1928«, stellte Haas den Abdruck ein.48 Ein weiteres Indiz für die enge Verflechtung der Literarischen Welt mit der Buchbranche ist die Tatsache, dass der Th. Knaur Verlag regelmäßig in dieser Zeitschrift zur Bewerbung seiner preiswerten Reihe »Romane der Welt« (2,85 Mark) inserierte. Dabei erschienen die Bände der Reihe wie die Literarische Welt jeweils wöchentlich freitags. Zwar betrug die Auflage 1930 noch um 20.000 Exemplare, doch konnte auch diese Zeitschrift die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht Abb. 2: Recht unscheinbar erschien am überdauern. Entgegen der Behauptung der 14. Oktober 1927 die erste »Best-SellerRedaktion im Januar 1933 »[d]as Politi- Liste« in Deutschland in der Literarischen Welt (Nr. 41, S. 10). Die Auffordesche geht uns hier nur soweit an, als es rung erging an alle Sortimenter, bei der Voraussetzung der kulturellen Lebensfor- Statistik mitzuwirken. men ist«,49 hatten sich die Inhalte zunehmend politisiert. Haas sah sich aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen und finanzieller Schwierigkeiten 1933 gezwungen, die Zeitschrift zu verkaufen. Unter dem neuen Herausgeber Karl Rauch überlebte die Zeitschrift nur noch ein Jahr; danach wurde sie unter neuen Herausgebern und neuem Namen als völlig veränderte Publikation fortgeführt (Das Deutsche Wort, 1934–1941).50 Willy Haas hingegen versuchte eine Fortsetzung in Prag nach dem Beispiel der Neuen Weltbühne, blieb jedoch erfolglos. Dem linken Spektrum sind noch zahlreiche weitere literarische Zeitschriften zuzuordnen, die aber nicht eine derartige Wirkung auf den Buchmarkt entfalten konnten. Ein Beispiel ist Die Linkskurve (1929 – 1932), eine literaturpolitische Zeitschrift, die als Organ des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller mit einer Auflage von 15.000 Ex47 48 49 50

Kubczak: Best-Seller-Listen – eine Gefahr. In: Börsenblatt 94 (1927) 285, S. 1432. Vgl. Best-Seller-Liste Januar 1928. In: Die literarische Welt (1928) 6, S. 9. Einführung in diese Nummer. In: Die literarische Welt (1933) 1/2, S. 1. Vgl. Minte-König: Die Literarische Welt, S. 405. Die wöchentliche Literaturbeilage der Tageszeitung Die Welt unter dem Titel Die literarische Welt erscheint seit November 1998 und sieht sich nach Information des Springer-Archivs in der Tradition von Willy Haas.

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emplaren (1929) gegründet wurde und zielgerichtet die Herausbildung einer proletarischrevolutionären Dichtung fördern wollte. Im Blatt wurde Literatur auf marxistischtheoretischer Basis diskutiert und in den Kontext des Klassenkampfs gestellt.51 In seiner Vorrede zur Bibliografie der Linkskurve erklärt Otto Gotsche: »Es gibt keine Grundfrage der Literatur, die hier nicht ihre Antwort in ganz offenkundiger Abhängigkeit von der Zuspitzung des Klassenkampfes in Deutschlands angesichts der wachsenden faschistischen Gefahr einerseits und der mächtig sich entfaltenden revolutionären Bewegung andererseits erfahren hätte.«52 Ihre Aufgabe sah die Linkskurve jedoch auch darin, die Arbeiter zum Schreiben und zur literarischen Reflexion zu bewegen. Ein Preisausschreiben im Jahr 1930 prämierte Arbeiten von Autoren, die den Weg »vom Arbeiterkorrespondenten zum Schriftsteller«53 gegangen waren; auch wurden zahlreiche Beiträge abgedruckt, die »Anfängerfehler« und »Unbeholfenheiten« aufwiesen.54 Die Dominanz literarischer Texte von Arbeiterschriftstellern war durchaus Absicht, denn das Blatt verstand sich als Gegenbewegung zu den bürgerlichen Blättern: »[W]ir sind kein bürgerlicher Verein von Prominenten, die ›Linkskurve‹ ist kein Literatenblatt.«55 Ende 1932 wurde die Linkskurve, von der zuletzt nur noch 3.500 Exemplare gedruckt worden waren, eingestellt. Die Gründe dürften in innerparteilichen Problemen, sowie in einer neuen literaturpolitischen Ausrichtung seitens der KPdSU bzw. der Komintern Mitte des Jahres 1932 zu sehen sein.56 »Literatur als solche, in Absonderung von den anderen Künsten, losgelöst von der Willensregung und Schicksalsfügung des Volkes zu betrachten, ist beinahe eine Unmöglichkeit«, konstatierte Ernst Heilborn zum 25-jährigen Jubiläum des Literarischen Echos (1898 – 1942, ab 1923 Die Literatur; gegründet bei Egon Fleischel & Co., 1922 aufgegangen in der Deutschen Verlagsanstalt).57 Das Literarische Echo gehört wie Die schöne Literatur (1900 – 1943, ab 1931 Die neue Literatur) und Die Dichtung (1918 – 1923) zu den Zeitschriften, die politisch bzw. ideologisch unabhängig in ihrer Ausrichtung waren. Im Literarischen Echo fanden Informationen und Artikel rund um den Literaturbetrieb ihren Platz: u. a. Buchbesprechungen, Aufsätze über Autoren, literarische Nachrichten, Autoren-Charakteristiken.58 Die zahlreichen literarischen Beiträge spiegelten in ihrer Gesamtheit die volle Bandbreite der bekannteren zeitgenössischen Dichter wider. Beim Literarischen Echo handelte es sich dabei meist um Zweitdrucke, von denen viele zusätzlich noch in das Jahrbuch Ernte (1919 – 1921) aufgenommen wurden. In der Literaturkritik strebte das Blatt einen neutralen Standpunkt an. Zwar war die Zeitschrift eher konservativ ausgerichtet, doch versuchte sie durch einen großen Mitarbeiterkreis und durch Sichtung möglichst vieler zeitgenössischer Werke ein um51 52 53 54 55 56 57 58

Vgl. insbesondere hierzu: Gallas: Die Linkskurve, passim. Gotsche: Vorwort S. 9. Gotsche: Vorwort, S. 16. Das Redaktionskollektiv der »Linkskurve«: Zum Preisausschreiben. In: Die Linkskurve (1930) 6, S. 12. Das Redaktionskollektiv der »Linkskurve«: Zum Preisausschreiben. In: Die Linkskurve (1930) 6, S. 13. Vgl. Gallas: Die Linkskurve, S. 74 f. Heilborn: Fünfundzwanzig Jahre »Literarisches Echo«, Sp. 4. Zur Thematik der Lektürelenkung durch Das literarische Echo vgl. Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, S. 178 f.

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fassendes Abbild des literarischen Geschehens zu vermitteln. Ferner beachtete die regelmäßige Zeitschriftenschau auch nicht-konservative Blätter wie die bereits erwähnte expressionistische Aktion. Die langlebige Zeitschrift, von der nur die vergleichsweise geringe Auflage im Jahr 1912 bekannt ist (3.600 Exemplare), existierte fast 45 Jahre, bevor sie 1942 in der Zeitschrift Europäische Literatur aufging. Die schöne Literatur konnte 1930, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs und vor der Umbenennung zu Die neue Literatur im Jahre 1931, eine Auflage von 6.000 Exemplaren erreichen. Sie entstand als Beilage zum sogenannten Literarischen Centralblatt für Deutschland und orientierte sich im Hinblick auf den Anspruch, objektive Kritik zu bieten, am angesehenen Hauptblatt, dessen Fokus auf wissenschaftlichen Neuerscheinungen lag. Bis 1922 enthielt die Zeitschrift hauptsächlich Rezensionen; ab 1923 entwickelte sie sich inhaltlich weiter und bot biografische Aufsätze rund um zeitgenössische Dichterpersönlichkeiten (mit Bildnissen oder auch Faksimilebeilagen) sowie Leseproben aus Neuerscheinungen. Inhaltlich wurde sie so zu einem Sammelbecken, das »dem gebildeten Leser Material zusammen[trug]«; kritisch lässt sich jedoch vermerken, dass in dem »Bestreben […], mit wenigen Worten viel zu sagen […] die Standpunktlosigkeit […] nicht vermieden werden« konnte.59 Jährlich wurden diese Leseproben dann in dem Sammelband Die Jahresernte zusammengestellt. Die Neutralität nahm stetig ab; die Zeitschrift distanzierte sich von internationaler Literatur und favorisierte die deutschbetonte Literatur. Zuletzt wurde die kulturpolitisch ausgerichtete Rubrik »Unsere Meinung« zur antisemitischen Polemik missbraucht.60 Insofern verwundert es nicht, dass diese Zeitschrift bis 1943 bestand, mit einer gleichbleibenden Auflage von 3.500 Exemplaren zwischen 1933 und 1943.

Publikums- und Rundschauzeitschriften Rundschauzeitschriften, die dem (meist bürgerlichen) Lesepublikum mit konservativer oder auch liberaler Ausrichtung zur Verfügung standen, existierten bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Als Beispiele zu nennen sind z. B. die Neue Rundschau (seit 1890) und die Deutsche Rundschau (1874 – 1964). Zudem sind noch zu nennen Die Grenzboten (1841 – 1922), Der Türmer. Monatsschrift für Gemüt und Geist (1898 – 1943), die Süddeutschen Monatshefte (1904 – 1936), Der Neue Merkur (1914 – 1916, 1919 – 1925) und das Hochland. Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens der Literatur und Kunst (1903 – 1941, wieder ab 1946). Eine wichtige Rolle spielten darin die Rezensionen, ferner auch Originalabhandlungen und Beiträge zu allgemein-kulturellen Themen. Zu den beliebtesten Rundschauzeitschriften, die in der Regel monatlich erschienen, gehörte die »Hauszeitschrift« von S. Fischer, die »für die Entwicklung des Verlages […] wichtig geworden ist« und in der viele »Autoren, die später das Gesicht des Verlages prägen halfen, […] mit Beiträgen vertreten« waren:61 die fortschrittliche Neue Rundschau (1890 bis heute; 1944 von den Nationalsozialisten eingestellt, 1945 in Stockholm durch Gottfried Bermann Fischer neu gegründet). Die Auflage lag 1911 um 7.000, steigerte sich jedoch in der Weimarer Republik auf 12.000 (1920) und lag zwi59 Stappenbacher: Die deutschen literarischen Zeitschriften, S. 130. 60 Schlawe: Literarische Zeitschriften, S. 27. 61 Kurzgefaßte Verlagsgeschichte, S. 19.

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schen 1930 und 1933 bei 10.000. Als »heimlichen Chefredakteur« der Neuen Rundschau bezeichnet Grothe Samuel Fischer wegen seiner aktiven Mitarbeit an der Konzeption und Umsetzung der Zeitschrift; als Mitherausgeber wurde Fischer seit 1922 genannt.62 Das »Dasein und Sosein«63 der Zeitschrift wurde in der Tat stark vom Verleger bis zu seinem Tode im Jahr 1934 mitgeprägt. Mit einer liberal-weltbürgerlichen Ausrichtung setzte sich diese Zeitschrift, deren Chefredakteur ab 1921 Rudolf Kayser war (bis 1932, danach u. a. Peter Suhrkamp), langfristig durch. Der Verbreitung förderlich war sicherlich auch die Tatsache, dass in der Zeitschrift renommierte (S. Fischer-) Autoren veröffentlichten, wie beispielsweise Thomas Mann, Gerhart Hauptmann sowie Hugo von Hofmannsthal. Ziel war aber nicht nur die Förderung (hauseigener) deutscher Schriftsteller; der Fokus lag zusätzlich auf der modernen Weltliteratur, wie S. Fischers Erklärung von 1925 unterstreicht: »Die ›Neue Rundschau‹ ist das anerkannt führende Organ für das künstlerische und geistige Schaffen der deutsch sprechenden Länder wie für ihre großen politischen und soziologischen Probleme und in Gesinnung und Einstellung eine wahrhaft europäische Revue.«64 In bewusster Abgrenzung zur Deutschen Rundschau (1874 – 1964; Auflage 1933: 4.000 Exemplare) veröffentlichte die Neue Rundschau hauptsächlich Beiträge freier Mitarbeiter, die das gesamte Spektrum des europäischen und amerikanischen Schriftstellertums repräsentierten (von deutscher Seite beispielsweise Carl Zuckmayer, Gottfried Benn, Bert Brecht, international Marcel Proust, Paul Claudel, Eugene O’Neill, George Bernard Shaw, Joseph Conrad, Ortega y Gasset und Maxim Gorki).65 Die Deutsche Rundschau hingegen fokussierte das gesamte geistige und öffentliche Leben und setzte auf die Mitarbeit bekannter (vor allem germanistischer) Universitätsprofessoren. Für die Neue Rundschau gab es neben den literaturprogrammatischen durchaus auch weltanschauliche Gründe, sich von der Deutschen Rundschau zu distanzieren. Ihr Herausgeber seit 1919, Rudolf Pechel, hatte 1921 die Arbeitsgemeinschaft deutscher Zeitschriften für die Interessen des Grenz- und Auslandsdeutschtums gegründet. Seit 1921 entwickelte sich die beliebte Rundschauzeitschrift zu einem wichtigen, wenn auch offiziell geheimen Propagandaorgan des aufkeimenden nationalsozialistischen Gedankenguts. Strategisches Ziel der Arbeitsgemeinschaft, die bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zunehmend weitere Kreise in der Zeitschriftenlandschaft zog, war es, »die brennenden Fragen des Grenz- und Auslandsdeutschtums in gemeinsamer Aktion mit verteilten Rollen möglichst gleichzeitig zu behandeln, so daß der Eindruck entsteht, daß die Erregung über diese Fragen in der deutschen Öffentlichkeit so stark ist, daß die Zeitschriften spontan die Fragen behandeln«.66 So sollte das Blatt, wie auch die anderen Mitgliedsblätter, zu einer Publikation werden, »die ganz im Sinne der normativen Funktion einer politischen Zeitschrift die ›öffentliche Meinung machen‹ wollte, statt nur deren Echo zu sein«.67 Die Gründung einer solchen rechtsgerichteten Arbeitsgemeinschaft zur politi62 63 64 65 66

Grothe: Die neue Rundschau, Sp. 816. Suhrkamp: Zueignung, S. 561. Die Neue Rundschau. Anzeige. Almanach 1925, S. 287. Vgl. insbesondere Stein: Die Neue Rundschau, S. 237. Rudolf Pechel an Hofrat Keller, Bundesarchiv Koblenz, Mappe 131. Zitiert nach: Wolter: Deutsche Rundschau, S. 195. 67 Mauersberger: Rudolf Pechel und die »Deutsche Rundschau«, S. 2.

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schen Meinungsmache in deutschen Zeitschriften aller Art illustriert, dass die allgemeine Tendenz zur Ideologisierung sich analog auch im Bereich der Unterhaltungs- und Publikumszeitschriften geltend machte. Trotz dieses Primats der Politik entwickelte sich in den Publikumszeitschriften der Weimarer Republik eine zuvor nicht gekannte thematische Bandbreite. Daran hatten auch Special-Interest-Blätter wie Sport im Bild (1895 bis 1929) oder explizite Frauen- und Modezeitschriften wie Die Dame (im Ullstein Verlag, 1912 bis 1943),68 Elegante Welt (1912 bis 1943), Die praktische Berlinerin (1905 bis 1927), Frauenwelt (1924 bis 1933) oder der Modenspiegel (1921 bis 1933) beträchtlichen Anteil.69 Drei Beispiele aus dem Hause Ullstein können aufzeigen, wie Zeitschriften- und Buchproduktion einander positiv beeinflussten. Als erstes ist die Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin. Halbmonatszeitschrift für Sport, Spiel und Abenteuer zu nennen, die 1921 vom Ullstein Verlag gegründet wurde (bis 1928). Sie bildete die damals einzige »periodische Druckschrift für die Jugend, die auch die Jungen bereits verstehen können, und an der trotzdem die Älteren Gefallen finden.«70 Im Heiteren Fridolin wurde 1924 als Fortsetzungsroman einer der herausragenden Bestseller der Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik, Wolf Durians Kai aus der Kiste (1926 als Buch erschienen) abgedruckt. Wolf Durian war zeitweilig Chefredakteur der Ullstein’schen Jugendzeitschrift. Der heitere Fridolin war in ein umfassendes Werbekonzept eingebunden, es erschienen parallel Fridolin-Spiele in der Tüte sowie Fridolin-Spielzeugbücher zum Ausschneiden und Aufstellen.71 Nicht zuletzt hatte der Fridolin-Verlag mit den Fridolin-Bilderbüchern (ab 1926, Texte von Wilhelm Meyer, Illustrationen von Walter Trier) herausragenden Erfolg. Obwohl in der Festschrift zum 50jährigen Ullstein-Jubiläum (1927) das Konzept einer Zeitschrift für die Jugend bemängelt wurde – »gerade dieses Unternehmen [hat] einen schweren Stand, weil es seiner Bestimmung nach ganz auf ein Anzeigenteil verzichten mußte, und weil ihm der ›langjährige‹ Abonnent fehlt«72 –, erreichte Der heitere Fridolin durchgängig eine Auflage von 350.000 Exemplaren. Zweitens brachte Ullstein – u. a. aufbauend auf den weitgehend positiven Erfahrungen mit dem Heiteren Fridolin – im Oktober 1924 die universelle Publikumszeitschrift Uhu (1924 – 1933; Auflage 1926: 168.000; 1929: 210.000; 1933: 111.000) auf den Markt.73 Unter der Leitung von Chefredakteur Friedrich Kroner arbeiteten daran u. a. wieder Kurt Tucholsky (als Peter Panter und Theobald Tiger) sowie Vicki Baum mit (bis 1930 sogar als beratende Redakteurin).74 Der Uhu wollte mehr sein als eine bloße »Lesefuttersammlung«; inhaltlich richtete er sich nach amerikanischen Vorbildern – das »Grundkonzept war auf Zeitvertrieb mit Lesegewinn gerichtet«.75 Diesen Lesegewinn erreichte der Uhu mitunter durch Umfragen und Interviews über Literatur bzw. mit Literaten. In einer Umfrage im Mai 1930 eruierte man einen »Querschnitt durch die 68 69 70 71 72 73 74 75

Seegers: Uhu, Koralle, die Damen und das Blatt der Hausfrau, S. 65 –67. Vgl. Schader: Virile, Vamps und wilde Veilchen, S. 60 f. 50 Jahre Ullstein, S. 115. Vgl. Neuner-Warthorst: Der heitere Fridolin, S. 75. 50 Jahre Ullstein, S. 115. Uhu. Das Magazin der 20er Jahre, S. 353. Seegers: Uhu, Koralle, die Dame und das Blatt der Hausfrau, S. 63. Uhu. Das Magazin der 20er Jahre, S. 351.

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Lektüre von Kleinstadt und Großstadt« oder die meistgelesenen Autoren und Bücher in öffentlichen Bibliotheken. Die bekanntesten Schriftsteller der Zeit kamen hier zu Wort – oft auf ungewöhnliche und sehr persönliche Weise. So konnte Hans Fallada bei einer Autoren-Umfrage darlegen, »Was mir in dieser Zeit als Wichtigstes am Herzen liegt« (nämlich, »daß wir über der Kompliziertheit des heutigen Lebens den Boden der Wirklichkeit verlieren könnten«).76 Die Zeitschrift beschrieb sich selbst sogar in direktem Vergleich mit dem Medium Buch: Der ›Uhu‹ will nicht ›das Buch ersetzen‹ […], sondern eine Zeitschrift sein, die kraft ihres größeren Umfangs jedes angeschnittene Thema gründlicher behandeln kann als jede Wochenschrift. […] Aus dem bunten Durcheinander der lustigen Erzählungen und Anregungen soll der Leser wählen und selbst […] bestimmen, [wie] er je nach Laune und Seelenzustand die Beiträge des ›Uhu‹-Heftes genießen will.77 Ein Erfolgsfaktor des Uhus ist wohl auch darin zu sehen, dass »weder der erhobene lesepädagogische Zeigefinger noch bildungsbürgerliche Ambitionen« regierten, sondern stattdessen der Unterhaltungsjournalismus dominierte.78 Die charakteristischen Merkmale des Uhu verschwanden mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten; unter einem neuen Titel (Neue Monatshefte – Uhu) sollte das Magazin ab 1933 fortgeführt werden, das Erscheinen wurde ohne jede Vorankündigung im September 1934 eingestellt.79 Drittens ist die Berliner Illustrirte Zeitung zu nennen. Mit einer Auflage von über 1,8 Millionen Exemplaren (1928) liefert sie das beste Beispiel für die konsequente Mehrfachverwertung literarischer Stoffe in Zeitungen und Zeitschriften sowie im Buch- und Filmgeschäft.80 Das Blatt diente als Ort der Erstpublikation für Zeitungsromane; hier wurden Stoffe ohne großes Risiko auf den Marktwert getestet. Ein Beispiel für das gelungene Zusammenspiel ist das Buch Doktor Mabuse, der Spieler von Norbert Jacques, das zunächst seriell in der Berliner Illustrirten Zeitung abgedruckt (1921), dann als Buch publiziert wurde und 1922 als Stummfilm von Fritz Lang bei der hauseigenen Filmverlagsgesellschaft, der UCO, Premiere feierte. Die letzten Folgen des Vorabdrucks in der Berliner Illustrirten konnten mit exklusiven Fotos vom Filmdreh erscheinen.81 Ullstein rekrutierte auch Autoren aus den Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen für geplante Bucherfolge. Dieses bewährte Konzept lässt sich am Beispiel von Vicki Baum veranschaulichen, die als Mitarbeiterin des Uhus, der Berliner Illustrirten Zeitung und als spätere Redakteurin der Modezeitschrift Die Dame u. a. die Bestseller stud. chem. Helene Willfüer (1928) und Menschen im Hotel (1929) schrieb. Bereits im Vorfeld der Publikation dieser beiden Bücher hatte der Ullstein Verlag mit gezielten Marketingmaßnahmen die Fundamente für Vicki Baums große Erfolge gelegt. Während stud. chem. Helene Willfüer in der Berliner Illustrirten Zeitung in Fortsetzungen abgedruckt 76 Uhu. Das Magazin der 20er Jahre, S. 345 –348. Für weitere Beispiele unter dem Aspekt Buch und Autor als Unterhaltungsfaktor vgl. Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, S. 179. 77 50 Jahre Ullstein, S. 115. 78 Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, S. 179. 79 Seegers: Uhu, Koralle, die Dame und das Blatt der Hausfrau, S. 64. 80 Fischer/Füssel: Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen, S. 16. 81 Vgl. Schneider: Eine Stadt liest, S. 76.

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wurde, schnellte die Auflage der Zeitung um weitere 200.000 Exemplare in die Höhe.82 Menschen im Hotel erschien ebenfalls als Vorabdruck in der Berliner Illustrirten Zeitung, wurde außerdem groß in der Vossischen Zeitung beworben und fand auch als Buch reißenden Absatz:83 zunächst im Sommer 1929 mit einer Startauflage von 25.000 Exemplaren, bis 1931 dann mit 56.000 verkauften Exemplaren im Hardcover und schließlich anlässlich der Verfilmung mit Greta Garbo 1932 als Sonderausgabe zu drei Mark, die allein über 100.000-mal verkauft wurde.84

Film und Zeitschriften Wenn die »Verbindung aller Printmedien mit dem neuen Medium Film […] zu den herausragenden Signaturen dieser Epoche« gehört,85 so verwundert es wenig, dass Publikumszeitschriften mit einem Fokus auf das neue Medium Film als Konkurrenz zu literarischen und anderen publikumsorientierten Zeitschriften auf den Markt traten. Es gab jedoch Fachblätter, die sich nicht an das breite Publikum, sondern an den Filmtheaterbesitzer wandten. Aber auch solche Blätter waren mit dem Buch- und Verlagswesen mannigfach verflochten. Ein gutes Beispiel dafür bietet das älteste Filmblatt Deutschlands, Der Kinematograph, gegründet 1907. Mit ihrer vergleichsweise langen Laufzeit von 29 Jahren hat diese Fachzeitschrift die Filmentwicklung streckenweise selbst aktiv mitgestaltet.86 Der Kinematograph, der zunächst im Eduard-Lintz-Verlag erschienen war, ging 1923 an den Scherl Verlag. Für den Scherl Verlag stellte diese Übernahme eine »Ausnahme dar, weil hier eine Zeitschrift direkt an das Stammhaus und nicht wie üblich an Tochterfirmen gebunden wurde«.87 Schorr geht davon aus, dass diese enge Bindung bereits vor der Übernahme entstanden war, worauf auch das überdurchschnittlich hohe Inseratenaufkommen hinweist. Der Kinematograph war im Zeitraum von 1923 bis 1935 ein fester publizistischer Bestandteil des Scherl Verlags, jedoch das deutlich auflagenschwächste Blatt. Schorr vermutet daher, dass die Übernahme 1923 »primär politisch motiviert war«, weil die Hugenberg-Gruppe sich stark in der Filmwirtschaft engagierte.88 So vervollständigte der Scherl Verlag sein Engagement bezüglich des neuen aufstrebenden Mediums, denn er gehörte auch im Bereich der Buchproduktion zu den Verlagen, die sich »relativ rasch auf diese Mediensymbiose ein[stellten]« und das sogenannte Buch zum Film produzierten – erstmals mit dem Druck von Monica Vogelsang im Jahre 1920.89 82 King: Bestsellers, S. 12. 83 Lynda J. King beschreibt in Detail die Erfolgsgeschichte des Hauses Ullstein in Bezug auf die Vermarktung von Vicki Baum in: Lynda J. King: Best-Sellers by Design. Vicki Baum and the House of Ullstein. Detroit: Wayne State UP 1988. 84 Vgl. Fischer/Füssel: Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen, S. 22. 85 Fischer/Füssel: Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen, S. 16. 86 Vgl. Schorr: Die Film- und Kinoreformbewegung, S. 1. 87 Schorr: Die Film- und Kinoreformbewegung, S. 40. 88 Vgl. Schorr: Die Film- und Kinoreformbewegung, S. 40. 89 Zu den Verbindungen des August Scherl Verlags mit der Filmbranche siehe auch den Beitrag Fischer/Füssel: Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen, S. 21 f. in dieser Buchhandelsgeschichte. Zu weiteren Wechselwirkungen zwischen der Zeitschrift Der Kinematograph und der Buchbranche siehe insbesondere Schneider: Buchkäufer und Leserschaft, Unterkapitel

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Populärwissenschaftliche Zeitschriften Eine beachtliche Angebotsvielfalt entwickelte sich auch im Bereich der populärwissenschaftlich ausgerichteten Zeitschriften. In naturkundlicher Richtung taten sich im Untersuchungszeitraum vor allem die Zeitschriften Die Umschau, Der Kosmos und Die Koralle hervor. Die Zeitschrift Der Kosmos erreichte im Jahr 1925 die höchste Auflage ihres fast das ganze Jahrhundert umfassenden Erscheinens (über 200.000 Exemplare); den Vorkriegsstand der Auflagenhöhe hatte sie bereits 1922 erreicht. Doch damit war Der Kosmos kein Ausreißer im Bereich der populären Wissenschaftsvermittlung: Es gab in der Weimarer Republik zahlreiche populärwissenschaftliche Zeitschriften unterschiedlichster Ausrichtung, die im Verlauf der 1920er Jahre Auflagen von mehreren 10.000 Exemplaren erreichten. Während Zeitschriften, die speziell für eine Fachöffentlichkeit produziert wurden wie Die Naturwissenschaften (gegründet 1913), wöchentlich mit einer Auflage zwischen nur 2.000 und 3.000 Exemplaren erschienen, konnten die populärwissenschaftlichen Zeitschriften Naturwissenschaftliche Wochenschrift und Umschau bereits Auflagen von 15.000 bis 20.000 Exemplaren erzielen. Die Umschau beispielsweise »verpflichtete sich […] alle wichtigen Entwicklungen der Naturwissenschaften und Technik […] zu behandeln, wobei auf Fachbegriffe möglichst verzichtet, die Ergebnisse in einen weltanschaulichen Rahmen eingeordnet und graphisch illustriert werden sollten«.90 Noch populärer und einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich waren Die Koralle (Ullstein; 1925 bis 1944) sowie Technik für Alle und Wissen und Fortschritt. Diese drei Zeitschriften erreichten in den Jahren nach 1927 zusammen eine Auflagenhöhe von über 100.000 Verkaufsexemplaren. Die Koralle, die von der Gründung bis 1933 von dem Schriftsteller Maximilian Kern geleitet wurde – der übrigens einige Abenteuerromane für Jugendliche in der Kamerad-Bibliothek91 (Union) veröffentlicht hatte –, erweiterte ihr Angebot inhaltlich hin zu einer themenungebundenen Publikumszeitschrift und wurde mit einer Auflage von 800.000 Exemplaren im nationalsozialistischen Deutschland zu einem Massenmedium. Eine weitere Besonderheit der Koralle war, dass der Ullstein Verlag sie nutzte, um einerseits Sachbuchautoren zu rekrutieren und andererseits seine Sachbuchproduktion gezielt zu bewerben – eingebettet in thematische Bezüge innerhalb der Zeitschrift sowie durch Anzeigen.92 Die Bandbreite der Zeitschriften, die in der Weimarer Republik als Elemente einer sich stetig ausdifferenzierenden Verwertungskette den Literatur- und Buchmarkt nachhaltig beeinflussten, war mithin beachtlich groß. Die kurzlebigen expressionistischen Zeitschriften der Anfangszeit spielten dabei ebenso eine Rolle wie massenwirksame publikumsorientierte Zeitschriften, die vor allem vom Ullstein Verlag zielstrebig eingesetzt wurden, um das Gesamtkonzept seines Medienimperiums voranzubringen. Ob unabhängig oder parteigebunden, literarisch oder publikumsorientiert: Die Zeitschriften Buch und Film, S. 182 –189, mit S. 188, Abb. 5 (Inserat des Scherl Verlags in der Zeitschrift Der Kinematograph (Nr. 1050, 1927) mit Romanangeboten zur Verfilmung). 90 Schirrmacher: Kosmos, Koralle und Kultur-Milieu, S. 358. 91 Näheres zur Kamerad-Bibliothek im Kapitel Kinder- und Jugendbuch in der Weimarer Republik von Helga Karrenbrock im vorliegenden Teilband. 92 Vgl. 50 Jahre Ullstein. 1877 –1927. Berlin 1927, S. 65. Siehe dazu auch Oels: Mit hundert Sachen erzählt, S. 92 mit Anm. 47.

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waren mehr als ein weiteres wirtschaftliches Standbein für Verlage – manchmal wurden sie den Verlagen wirtschaftlich zum Verhängnis, auch wenn sie zu dessen Imagepflege und zur Autorengewinnung und -förderung einen positiven Beitrag liefern konnten, wie Die literarische Welt. Im Bereich der Unterhaltungszeitschriften wurden Marketingkonzepte immer wichtiger, die das Buch im Konzert der Medien neu platzierten, aber auch von innovativen Verwertungs- und Verkaufsmöglichkeiten Gebrauch machten – wie etwa vom Buchverkauf im Vorraum eines Kinos im Anschluss an den Film. Doch spielten in der Weimarer Republik nicht ausschließlich die Vermarktungsmöglichkeiten und die Wirtschaftlichkeit der Zeitschriften eine Rolle, was nicht zuletzt an den Gründungswellen kleiner, unabhängiger literarischer Zeitschriften zu Beginn der Epoche abgelesen werden kann. Zeitschriften waren in dieser Epoche zentrale Organe der Buchvermittlung – als Prestigeprojekte und wirtschaftliche Standbeine von Verlagen, durch die Anzeige und Rezension von Neuerscheinung, vor allem aber als »Testgelände« für junge Autoren und aktuelle Themen auf dem Buchmarkt, denn: »Zeitungen sind die Chronisten der Zeitereignisse, Zeitschriften sind die Labors und Werkstätten des Geistes einer Zeit und im Buch wird deren Summe gezogen.«93

Literatur Zeitgenössische Fachliteratur und weitere Quellen 50 Jahre Ullstein. 1877 –1927. Hrsg. vom Ullstein-Verlag. Berlin 1927. Best-Seller-Liste Januar 1928. In: Die literarische Welt (1928) 6, S. 9. Nachdruck. Nendeln (Liechtenstein): Kraus Reprint 1973. Best-Seller-Liste September 1927. In: Die literarische Welt (1927) 41, S. 10. Nachdruck. Nendeln (Liechtenstein): Kraus Reprint 1973. Darf der Dichter in seinem Werk Privatpersonen porträtieren? In: Die literarische Welt (1927) 36, S. 1 f. Nachdruck. Nendeln (Liechtenstein): Kraus Reprint 1973. Das Redaktionskollektiv der »Linkskurve«: Zum Preisausschreiben. In: Die Linkskurve (1930) 6, S. 12 f. Nachdruck (Materialismus-Programm 10). Frankfurt am Main: Materialismusverlag, 1978. Der Herausgeber [Haas, Willy]: An unsere Leser und Freunde! In: Die literarische Welt (1927) 13, S. 1. Nachdruck. Nendeln (Liechtenstein): Kraus Reprint 1973. Die Linkskurve: eine literarisch-kritische Zeitschrift. Hrsg. vom Bund Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller Deutschlands. Vollständiges Reprint der Jahrgänge 1 (1929) bis 4 (1932). Glashütten (Taunus): Auvermann 1970. Die Literarische Welt. Auswahl. Zeitgemäßes aus der Literarischen Welt. Hrsg. von Willy Haas. Stuttgart: Cotta 1963. Die Neue Rundschau. Anzeige. Almanach 1925. Berlin: S. Fischer Verlag, S. 287. DÖBLIN, Alfred: Neue Zeitschriften. In: Die neue Rundschau (1919) 5, S. 621 –632. Einführung in diese Nummer. In: Die literarische Welt (1933) 1/2, S. 1. Nachdruck. Nendeln (Liechtenstein): Kraus Reprint, 1973. HAAS, Willy: Die literarische Welt. Erinnerungen. München: List 1960. HEILBORN, Ernst: Fünfundzwanzig Jahre »Literarisches Echo«. In: Das literarische Echo (1922) 1, Sp. 1 –5.

93 Dietzel/Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880 –1945. Ein Repertorium, S. 9.

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HENSKE, Werner: Überblick über die Entwicklung der Filmzeitschriften. In: Zeitungswissenschaft (1936) 5, S. 233 –238. Internationale Buchkunst-Ausstellung Leipzig 1927. Sondernummer der Literarischen Welt (1927) 24. JACOB, Heinrich Eduard: Drei Jahre Literarische Welt. In: Die literarische Welt (1927) 40, S. 1 f. KUBCZAK, Viktor: Best-Seller-Listen – eine Gefahr. In: Börsenblatt (1927) 285, S. 1432. Kurzgefaßte Verlagsgeschichte. In: Almanach. Das 48. Jahr. Berlin: S. Fischer Verlag, S. 15 –26. LUTHER, Arthur: Deutschlands literarische Zeitschriften. In: Das deutsche Buch 6 (1926) 7/8, S. 217 –221. MANN, Golo: Vorwort. In: Die letzten Jahre vor Hitler. Aus dem »Tagebuch« 1929 –1933. Hrsg. von Valerie Schwarzschild. Hamburg: Christian Wegner Verlag 1966. MENZ, Gerhard: Die Zeitschrift. Ihre Entwicklung und ihre Lebensbedingungen. Eine wirtschaftsgeschichtliche Studie. Stuttgart: Poeschel 1928. MOLDENHAUER, Dirk: Fixsterne am literarischen Himmel. In: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik. Hrsg. von Hermann Gieselbusch, Dirk Moldenhauer, Uwe Naumann und Michael Töteberg. Reinbek: Rowohlt 2008, S. 46 –50. RANG, Bernhard: Literarische Zeitschriften. In: Hefte für Büchereiwesen (Band 11), (1927) 4/5, S. 241 –253. REIMANN, Hans: Mein blaues Wunder. Autobiographie. München: List 1959. RIETZSCHEL, Thomas: Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Eine Einführung in die Aktion. In: Die Aktion 1911 bis 1918. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Köln: Dumont 1986, Sp. 1 –38. SEEGERS, Lu: Uhu, Koralle, Die Dame und das Blatt der Hausfrau. In: 125 Jahre Ullstein. Presseund Verlagsgeschichte im Zeichen der Eule. Hamburg: Axel Springer 2002, S. 62 –69. Sperlings Zeitschriftenadreßbuch. Hrsg. vom Börsenverein der Deutschen Buchhändler. Bearb. Von der Adressbücher-Redaktion des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler. Stuttgart: Sperling. Jahrgänge 1914, 1915, 1923, 1925 –1931, 1933. SUHRKAMP, Peter: Zueignung. In: Neue Rundschau (1934) 12, S. 561 f. UHU. Das Magazin der 20er Jahre. Zusammengestellt und hrsg. von Christian Ferber. Frankfurt am Main/Berlin: Ullstein 1979. Zeitgemäßes aus der »Literarischen Welt« von 1925 –1932. Hrsg. von Willy Haas. Stuttgart: Cotta 1963.

Forschungsliteratur DIETZEL, Thomas und Otto Hügel: Deutsche literarische Zeitschriften 1880 –1945. Ein Repertorium. München: K. G. Saur 1988. FISCHER, Ernst und Stephan Füssel: Voraussetzungen und Entwicklungstendenzen. In: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 2. Weimarer Republik. Teil 1. Hrsg. von Ernst Fischer und Stephan Füssel. München: K. G. Saur 2007, S. 5 –28. FISCHER, Ernst: Marktorganisation. In: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 2. Weimarer Republik. Teil 1. Hrsg. von Ernst Fischer und Stephan Füssel. München: K. G. Saur 2007, S. 265 –304. GALLAS, Helga: Die Linkskurve (1929 –32). Ausarbeitung einer proletarisch-revolutionären Literaturtheorie in Deutschland. Diss. phil. Freie Universität Berlin 1969. GÖRZEL, Christian: Rundfunk in der Weimarer Republik. Reaktionen in der Zeitschrift »Das Stachelschwein«. Siegen: Fachbereich 3 Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität-Gesamthochschule-Siegen 1992 (Veröffentlichungen zum Forschungsschwerpunkt Massenmedien und Kommunikation an der Universität Siegen).

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SCHADER, Heike: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Zugl.: Hamburg, Univ., Diss., 2004. Königstein/Taunus: Helmer 2004. SCHARF, Wilfried: Nationalsozialistische Monatshefte (1930 –1944). In: Deutsche Zeitschriften des 17. bis 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans-Dietrich Fischer. Pullach bei München: Verlag Dokumentation 1973, S. 229 –239 SCHIRRMACHER, Arne: Kosmos, Koralle und Kultur-Milieu. Zur Bedeutung der populären Wissenschaftsvermittlung im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 31 (2008) 4, S. 353 –371. SCHLAWE, Fritz: Literarische Zeitschriften 1910 –1933. 2., durchges. und erg. Auflage. Stuttgart: Metzler 1973. SCHNEIDER, Ute: Artikulationsort Zeitschrift. In: Aufbruch ins 20. Jahrhundert. Über Avantgarden. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: Ed. Text und Kritik 2001, S. 171 –181. SCHNEIDER, Ute: Buchkäufer und Leserschaft. In: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 2. Weimarer Republik. Teil 1. Hrsg. von Ernst Fischer und Stephan Füssel. München: K. G. Saur 2007, S. 149 –196. SCHNEIDER, Ute: Eine Stadt liest – Berliner Buchhandel und Verlagswesen. In: Berlin – Medien und Kulturgeschichte einer Hauptstadt. Hrsg. von Matthias Bauer. Tübingen: attempo 2007, S. 73 –88. SCHNEIDER, Ute: Der wissenschaftliche Verlag. In: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 2. Weimarer Republik. Teil 1. Hrsg. von Ernst Fischer und Stephan Füssel. München: K. G. Saur 2007, S. 379 –440. SCHORR, Thomas: Die Film- und Kinoreformbewegung und die Deutsche Filmwirtschaft. Eine Analyse des Fachblatts »Der Kinematograph« (1907 –1935) unter pädagogischen und publizistischen Aspekten. Diss. phil. München 1990. STAPPENBACHER, Susi: Die deutschen literarischen Zeitschriften in den Jahren 1918 – 1925 als Ausdruck geistiger Strömungen der Zeit. Masch. Diss. phil. Universität Erlangen-Nürnberg 1962. STEIN, Dieter: Die Neue Rundschau (1890 –1944). In: Deutsche Zeitschriften des 17. bis 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans-Dietrich Fischer. Pullach bei München: Verlag Dokumentation 1973, S. 229 –239. WOLTER, Hans-Wolfgang: Deutsche Rundschau (1874 –1964). In: Deutsche Zeitschriften des 17. bis 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Hans-Dietrich Fischer. Pullach bei München: Verlag Dokumentation 1973, S. 183 –200.

Siegfried Lokatis 5.2.7 Weltanschauungsverlage Politische Richtungsverlage in einer zerrissenen Gesellschaft Es ist auffällig, dass sich seit dem Ersten Weltkrieg bei der nationalistischen Rechten wie bei der revolutionären Linken, unabhängig also von deren politischen Vorzeichen, ähnliche oder jedenfalls vergleichbare Strukturen der Buchproduktion und -verbreitung entwickelten. Der politischen Radikalisierung und Zersplitterung der Gesellschaft in eine Vielzahl von Parteien, Verbänden, Gewerkschaften und Gesinnungsgemeinschaften entsprach eine Vielfalt von Verlagen von höchst unterschiedlicher Größe und Bedeutung. Diesen politisch antagonistischen Verlagen waren bei aller Verschiedenheit in der vertretenen Programmatik idealtypisch einige interessante Charakteristika gemeinsam. Bücher waren für diese Verlage Botschaften, Träger der jeweiligen Ideologie und Mittel der Propaganda und Schulung. Sie fungierten latent auch als erschwingliches Statussymbol, das Geltungsansprüche aufstrebender Schichten dokumentierte, des Proletariats wie der Angestelltenschaft. Sie bestätigten die alten Mitglieder in ihrer Weltanschauung, sie sollten neue anlocken und überzeugen. Missionarischer Eifer und idealistischer Opfermut erinnern im Gestus gelegentlich an die Praxis religiöser Sekten. Wie bei diesen ist im Einzelfall manchmal schwer zu entscheiden, ob Geschäftsinteresse oder Sendungsbewusstsein dominiert. Insgesamt ist unverkennbar, dass jenseits der etablierten buchhändlerischen Strukturen neue Leserschichten und breite Märkte erschlossen und bewirtschaftet werden konnten. Politische Organisationen, aber auch charismatische Sektenführer entdeckten, dass im Zeitalter der Buchindustrie mit der Verbreitung von Ideologie ein Geschäft zu machen war und sich unter günstigen Umständen gleichsam zwei Fliegen (propagandistische Wirkung verknüpft mit finanzieller Konsolidierung) mit einer Klappe schlagen ließen. Dabei war das politische Verlagsgeschäft, wo es gelang, in der Regel untrennbar verbunden mit eigenständigen Vertriebsstrukturen, allen voran der neuartigen Form der Buchgemeinschaft, die die Abschöpfung der eigenen Klientel in eine kontinuierliche und effiziente Form zu gießen versuchte. Typisch war aber auch die Verbundenheit mit nahe stehenden Zeitungen und Zeitschriften, die Ausnutzung von Mitgliederkarteien und Gemeinschaftsveranstaltungen zu Werbezwecken. So entstanden und stabilisierten sich konkurrierende Milieus, voneinander nach allen Kräften abgeschottete publizistische Verbünde, die häufig politische Borniertheit züchteten und das antirepublikanische Ressentiment festigten. Hier fanden Bücher wie Volk ohne Raum von Hans Grimm oder In Stahlgewittern von Ernst Jünger ihren Absatz, denen auf der Linken die Bücher von Hans Marchwitza oder Willi Bredel entsprachen. Im historischen Rückblick wird klar, dass wir es mit der Entstehung und Ausprägung jener intellektuellen Szenen und buchhändlerischen Strukturen zu tun haben, die später sukzessiv die beiden deutschen Diktaturen prägen sollten: die Verlage der politischen Rechten gehören bei allen »konservativ-revolutionären« Differenzen zur unmittelbaren Vorgeschichte des »Dritten Reiches«, während die hier zunächst in den Mittelpunkt gestellten Verlage der kommunistischen Linken als erfahrungsprägende Vorläufer des DDR-Buchhandels und seines Zensursystems anzusehen sind.

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Linke Verlage in der revolutionären Nachkriegszeit Die linken Verlage der Weimarer Republik entziehen sich dem Versuch eines auf überlieferte Statistiken gestützten Überblicks, denn viele von ihnen agierten außerhalb des organisierten Buchhandels; sie waren weder Mitglied im Börsenverein noch im Adressbuch des Deutschen Buchhandels eingetragen, verweigerten die Abgabe der Pflichtexemplare an die Deutsche Bücherei oder publizierten gar mit fiktiver Verlagsangabe. Sie entziehen sich aber auch weitgehend dem Versuch einer systematischen Ordnung, insofern eine solche nicht nur komplizierte – und wandelbare – politische Zuordnungen (SPD, USPD, SAP, KPD, KAPD, KPO, Anarchosyndikalisten, Freidenker, Pazifisten usw.) zu berücksichtigen hätte, sondern auch eine Vielfalt von Spezialisierungen, etwa die in die Jugendbewegung ausgreifenden Verlage der Nachwuchsorganisationen (Junge Garde, Verlag der Kommunistischen Jugend-Internationale, Arbeiterjugendverlag1), der Roten Hilfe (Mopr-Verlag), Gewerkschaftsverlage (Phönix-Verlag, bzw. Führer Verlag der RGI Rote Gewerkschafts-Internationale, Büchergilde Gutenberg2), Theaterverlage (Arbeiter-Theater-Verlag Alfred Jahn3), Pädagogik- (Das neue Ufer) und Abstinenzlerverlage (Neuland-Verlag). Auch fällt es keineswegs leicht zu definieren, was unter einem linken Verlag zu verstehen sei. So wurden seinerzeit Gustav Kiepenheuer (immerhin der Hausverlag von Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Ernst Toller und Arnold Zweig)4, S. Fischer, Rowohlt, Erich Reiss,5 Elena Gottschalk6 und der Verlag die Schmiede AG,7 ja sogar der Malik-Verlag aus proletarischer Sicht entsprechend der Eigentumsform als bürgerlich-kapitalistische Verlage verortet, obwohl doch die meisten links engagierten Autoren und späterhin »verbrannten Dichter« unter diesen Dächern zu finden waren. Die großen Verlage der Massenorganisationen mit eigenem Vertriebsapparat sind deutlich abzugrenzen von der Vielzahl engagierter Kleinstbetriebe mit allenfalls regionaler Bedeutung. Die für alle Phasen der Republik typischen politischen Wirrnisse (Parteiausschlüsse- und Abspaltungen, Aktionseinheiten und Bündnis-Bestrebungen, die sich unfehlbar in Verlags- und Zeitschriftengründungen zu spiegeln pflegten, die Kurzlebigkeit der meisten Verlage auf der einen und die Vielfalt immer neuer Verlagsgründungen auf der anderen Seite) vereiteln jeden Versuch einer vollständigen Verlagstopographie. Zugleich waren die politischen Differenzen in der Regel so ausgeprägt, dass sich kommunistische Verleger nicht ohne weiteres mit Trotzkisten, Anarchosyndikalisten oder gar den als »Sozialfaschisten« bekämpften Sozialdemokraten auf einer Stufe behandeln lassen.

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Altner: Arbeiterjugend-Verlag. Dreßler: Erfüllte Träume. Schütte: Der rote Jahn. Funke: Im Verleger verkörpert sich das Gesicht seiner Zeit, sowie Thema-Stil-Gestalt. 1917 – 1932. Katalog zur Ausstellung anlässlich des 75jährigen Bestehens des Gustav Kiepenheuer Verlages. 5 Halbey: Der Erich Reiss Verlag. 6 Der Elena Gottschalk Verlag. 7 Herrmann/Schmitz: Der Verlag Die Schmiede.

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Vielmehr spiegelten sich die ideologischen Differenzen der linken Verlage tendenziell in deren verlegerischer Organisationsform. So erweist sich ganz im Gegensatz zum Münzenberg-Konzern und der kommunistischen Peuvag (PapierErzeugungs- und Verwertungs-AG) oder zu dem ehrwürdig gewachsenen, seit 1924 in der Holding »Konzentration« gebündelten Medienimperium der SPD mit seinen Druckereien, Verlagen und Buchgemeinschaften das auf den ersten Blick durchaus eindrucksvolle, vom FAUD/S (Freie Arbeiter-Union Deutschlands/Syndikalisten) 1919 gegründete anarchosyndikalistische Publikationssystem des »Kater Konzerns« (Verlag Der Syndikalist, Fritz Kater-Verlag, ASY-Verlag und Gilde freiheitlicher Bücherfreunde) bei näherem Hinsehen mehr oder weniger als ein unerhört produktiver Ein-Mann-Betrieb.8 Während aber die SPD-Unternehmen, allen voran J. H. W. Dietz, der Vorwärts-Verlag und die sozialdemokratische Buchgemeinschaft Der Bücherkreis,9 sich wenigstens Abb. 1: Zusammenstellung linksgerichteter, anarbis 1930 als geradezu staatstra- chistischer und freidenkerischer Verlage, aus: Kulgend betrachten konnten und Zen- turschau. Allgemeiner Anzeiger für die linksgesurmaßnahmen kaum zu fürchten richtete Literatur 1 (1925), Ausgabe A, Nr. 3, S. 63. hatten, operierten Kommunisten und Linksradikale über weite Strecken unter Bedingungen der Illegalität. Für sie war die Zensurfreiheit der Weimarer Verfassung nicht mehr als eine bürgerliche Propaganda-Chimäre. Die Beschlagnahme nicht nur von Büchern, sondern ganzer Druckereien durch die Polizei, die Möglichkeit gerichtlicher Nachzensur, der Ausnahmezustand und das mit dem Verbot einer Organisation einhergehende Verbot ihrer Publikationen sind Erfahrungen, die verbinden. So kam es nicht nur regelmäßig zu Solidaritätsbekundungen freiheitlich gesinnter Schrift-

8 Vgl. Kaiser: Der »Kater Konzern«. 9 Emig/Schwarz/Zimmermann: Literatur für eine neue Wirklichkeit; zum Bücherkreis vgl. van Melis: Die Buchgemeinschaften in der Weimarer Republik.

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gesinnter Schriftsteller, die, wie Rudolf Leonhards »Gruppe 25«,10 oft in der Weltbühne ihre Plattform fanden, sondern auch zu den Protestmanifestationen einer 22 Mitglieder umfassenden, vom Ernst-Oldenburg-Verlag initiierten »Vereinigung linksgerichteter Verleger«,11ein kurzlebiger Zusammenschluss, dessen Bedeutung sich 1925/26 in einer Kampagne gegen das Schmutz- und Schundgesetz12 sowie in dem Versuch erschöpfte, der »Bevormundungsanmaßung des Leipziger Börsenblattes« eine alternative Plattform entgegen zu setzen.13 Einige Verlage repräsentieren streng abgegrenzte politische Milieus, andere bewegen sich in einer fluktuierenden Szene von Independent-Verlagen. Inwiefern der proletarische Leser sich dessen beim Bücherkauf bewusst war und seine Präferenzen äußerte, muss dahingestellt bleiben. In der Summe produzierten die Verlage einen Kanon von Büchern, dem ein hoher politischer Identifikationswert beigemessen wurde. Einen Eindruck davon vermittelt Peter Weiss in der Ästhetik des Widerstands: Wir besaßen eine Auswahl von Majakowskis Gedichten, ein paar Schriften von Mehring, Kautsky, Luxemburg, Zetkin, Lafargue, einige Romane von Gorki, Arnold Zweig und Heinrich Mann, von Rolland, Barbusse, Bredel und Döblin. Statt einer Spitzendecke, einer Porzellanvase hatten meine Eltern immer diese kleinen Blöcke aus dicht geschichtetem, eng mit Kenntnissen, Vorschlägen, Anleitungen bedrucktem Papier gekauft, und auch als das Geld knapp war, konnte es geschehen, daß mein Vater oder meine Mutter mit einem neuen Buch von Toller oder Tucholsky, von Kisch, Ehrenburg oder Nexö nach Hause kam, und wir saßen abends unter der Küchenlampe, lasen abwechselnd draus vor und besprachen untereinander den Inhalt. Von welcher Bedeutung diese Bücher waren und mit welchen Kräften sie uns verbanden, zeigte sich während der Zeit, da immer wieder beim einen oder andern von uns die Polizei einbrach und die Autorennamen als Beweis gegen uns benutzte, und da kam der Besitz von einem Band Lenin Hochverrat gleich.14 Die Autoren, Bücher und Verlage dieser Szene sollten 1933 ausgegrenzt oder vernichtet werden. Besonders in der späten DDR wurde ihrer Erforschung große Aufmerksamkeit gewidmet, wobei umstritten war, was, wie der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller,15 zur eigenen kommunistischen Tradition und was »nur« zum humanistischen Erbe gehörte. Die Diskussion war verzerrt, weil die erst 1935 auf der »Brüsseler Konferenz« in Moskau beschlossene (und mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 bis 1941 zwischenzeitlich wieder preisgegebene) antifaschistische Bündnispolitik der KPD von der SED-Geschichtsschreibung als Maß der Dinge gesetzt und unhistorisch zurückprojiziert wurde. Der 1940 vermutlich durch Agenten Stalins ermordete Verleger Willi Münzenberg galt in der DDR lange als Unperson. Wieland Herzfelde und John Heartfield vom 10 Petersen: Die »Gruppe 25«. 11 Schütte: Linke Verlage im Leipzig der Weimarer Republik, S. 29 –39 und ders.: Der Verlag »Die Wölfe«, S. 15 ff.; siehe auch Publikationen der Vereinigung linksgerichteter Verleger. 12 Vgl. Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 2/1, S. 80 f. 13 Vgl. Stucki-Volz: Der Malik-Verlag und der Buchmarkt der Weimarer Republik, S. 171 –177. 14 Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands, S. 43. 15 Vgl. das der Gründung des BPRS am 19. Oktober 1928 gewidmete Heft der ndl 10/1978.

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Malik-Verlag wurden hingegen als Westemigranten mit dem »Agenten« Noel Field in Verbindung gebracht und diskriminiert. Auch Autoren wie Erich Mühsam, Ernst Toller, B. Traven und Kurt Tucholsky konnten anfangs kaum unzensiert publiziert werden. In der Spätphase der DDR konzentrierte sich die Aufmerksamkeit von Germanisten und Literaturhistorikern verständlicherweise auf solche verschüttete Traditionen. Der Kernbereich des KPD-Verlagswesens, von dem eine deutliche Traditionslinie zum Verlagssystem der DDR führte, musste hingegen im Dunkeln bleiben. Die Dissertation von Karl-Heinz Hädicke Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Verlag der Kommunistischen Internationale in Deutschland von 1919 bis 1923, die den folgenden Ausführungen zugrunde liegt, lag aus guten Gründen bis zum Fall der Mauer fest verschlossen und unzugänglich im Berliner Institut für MarxismusLeninismus (IML).

Der zentrale KPD-Verlag Marxistisch-leninistisch betrachtet hat es immer nur einen einzigen offiziellen Parteiverlag der KPD gegeben, Sprachrohr des Zentralkomitees in seiner prinzipiellen Unfehlbarkeit. Von diesem parteilichen Standpunkt aus betrachtet, war der legendenumwobene Münzenberg-Konzern,16 die Kosmos-Verlag GmbH mit ihren Presse- und Filmunternehmen, mit dem Neuen Deutschen Verlag und der Buchgemeinschaft Universum kein echtes Parteiunternehmen, sondern der zweifelhafte, schwer kontrollierbare Ableger einer Hilfsorganisation der Kommunistischen Internationale, »ein peripherer Verlag der Komintern«17 – ganz zu schweigen von einem bündnispolitischen Kompromiss wie dem berühmten Malik-Verlag Wieland Herzfeldes mit seinen parteioffiziell perhorreszierten dadaistisch-expressionistischen Wurzeln und den »formalistischen« Exzessen eines George Grosz und John Heartfield.18 Diese Unternehmen mochten als Propagandainstrumente und Leimruten für Intellektuelle taugen, aber nicht als Garanten von Parteidisziplin und Linientreue und schon gar nicht als gut verborgene, hochkonspirative Zentren des illegalen Untergrundkampfes. Es gab eine Reihe der KPD nahe stehende Verlage, etwa den Verlag Junge Garde, den RGI Verlag Phönix (später Führer Verlag), vermutlich den Taifun-Verlag in Frankfurt oder den Verlag der Kommunistischen Jugendinternationale, dessen Verleger Fritz Schälike, der spätere Leiter des parteioffiziellen Dietz-Verlages der SED, 1927 wegen der Verbreitung »hochverräterischer« Druckschriften wie Kurt Kläbers Barrikaden an der Ruhr zu einjähriger Festungshaft verurteilt wurde.19 Tatsächlich war der offizielle KPD-Verlag so vorzüglich getarnt, dass seine genaue Identität immer noch keineswegs leicht zu greifen ist. Besonders in der illegalen revolutionären Frühzeit galt die Faustregel, dass Drucksachen, Broschüren und Bücher eines als kommunistisch deklarierten Verlages ganz unabhängig von ihrem Inhalt beschlagnahmt wurden. Der Verlag der Roten Fahne hatte schon während der Kämpfe im Dezember 1918 Broschüren produziert, und auch die Spartakus Buchdruckerei und Verlag in Stutt16 17 18 19

Gross: Willi Münzenberg; Surmann: Die Münzenberg-Legende. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 102. Faure: Im Knotenpunkt des Weltverkehrs. Vgl. Kaul: Imperialistische Gesinnungsverfolgung und Gesinnungsbegünstigung, S. 37 –48.

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gart-Degerloch war eine einschlägig bekannte Adresse. Daher erklärt sich die Praxis, getarnt unter bürgerlichem Dach zu publizieren, wobei zur Verunklarung des Profils hin und wieder auch relativ unpolitische Literatur herausgebracht wurde. Deshalb wechselte der Parteiverlag mehrfach den Namen. Als erster Buchverlag der KPD wurde die VulkanVerlagsgesellschaft mbH von dem »ständigen Begleiter Karl Liebknechts« Otto Franke20 in Leipzig gegründet (16. Mai 1919). Daraus entstanden Frankes Verlag (29. September 1919) und die Vereinigung internationaler Verlagsanstalten (VIVA), die 1921 aus dem Zusammenschluss von Frankes Verlag mit dem 1922 wieder ausgeschiedenen Verlag A. Seehof & Co. in Berlin gebildet wurde, schließlich der Internationale Arbeiterverlag21 (1927 – 1933) mit dem Agis-Verlag (1924 – 1932), einem 1926 separierten Literaturvertrieb, bei dem die KPD »bewusst im Hintergrund blieb«, um ein bürgerliches Publikum zu erreichen.22 Bei genauerem Hinsehen erweisen sich schon die frühesten Erscheinungsformen des Verlages, der Leipziger Vulkan-Verlag wie dessen Nachfolger Frankes Verlag als reine Auslieferungsfirmen, deren Personal sich weitgehend aus Expedienten, Packern und Vertriebsfachleuten zusammensetzte. Die verlegerischen Entscheidungen fielen hingegen unmittelbar im ZK, wo sie zunächst in dessen auch als »Literaturabteilung« bezeichnetem »Literaturbüro« getroffen wurden, seit 1922 in der »Abteilung Bildung« als »kollektivem Lektor«. Dabei galt die konspirative Grundregel, dass die zuständigen Parteiführer – und um Verlagsdinge kümmerten sich mit Clara Zetkin, Edwin Hoernle, Hugo Eberlein, Wilhelm Pieck und Ernst Schneller durchaus Politiker der ersten Garnitur – nicht als verantwortlich für den Verlag in Erscheinung treten durften, um den strafrechtlichen Risiken auszuweichen. Aber auch die Namen der funktionstragenden Verlagsleiter wurden als Geheimsache gehandelt: Paul Frassek und Wilhelm Firnhaber, Rosi Wolfstein, J. Deutsch (1924/1925), Robert Siewert, die drei späteren DDR-Verleger Hans Holm (Zentrag und Urania-Verlag), Bernward Gabelin (Akademie-Verlag), Bruno Peterson (Neues Leben) sowie Kurt Kläber (d. i. Kurt Held, der Autor der Roten Zora), der als künstlerischer Leiter des Internationalen Arbeiterverlages für die Reihen »Der internationale Roman« und »Der Rote 1-Mark-Roman« zuständig war.23 Trotz aller Vorsicht war der KPD-Buchhandel immer wieder verheerenden Rückschlägen ausgesetzt, etwa wenn »Noske-Truppen« im Februar 1919 die von der ROSTA (Rossiskoje telegrafnoje agentstwo) geschickten Druckmaschinen in der Zentrale in der Friedrichstrasse mit Handgranaten gesprengt hatten.24 Am 17. September 1919 wurde in der Wohnung Rosi Wolfsteins neben den Kassenbüchern und Stempeln das gesamte Adressenmaterial der KPD mit den Adressen der Druckereien beschlagnahmt, worauf eine reichsweite Hausdurchsuchungs- und Verhaftungswelle einsetzte.25 Man machte gute Erfahrungen damit, private Druckereien wie Maurer & Dimmick in die Produktion einzubeziehen, und hilfreich war auch, dass die USPD 1920 einige 20 21 22 23 24 25

Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, S. 136 f. Hädicke: Internationaler Arbeiter-Verlag, S. 227 f. Schütte: Agis-Verlag, S. 2; siehe auch ders.: Der Agis-Verlag Berlin und Wien. Vgl. Barck: Kurt Kläber, S. 254 –256. Vgl. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 39. Vgl. Hädicke, S. 56.

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ihrer insgesamt angeblich 55, allerdings hauptsächlich auf Zeitungsdruck (Hamburger Volkszeitung, Ruhr-Echo usw.) eingestellten Druckereien als Mitgift bei der Vereinigung zur VKPD mitbrachte. Als deren Dachgesellschaft wurde dafür 1920 die SternDruckerei-GmbH eingerichtet (19. Mai 1921), aus der später die Peuvag hervorging; doch verfügte die Partei über keine eigene Buchbinderei.26 Die zunehmende Inflation machte sich vor allem beim Papierpreis bemerkbar: in der verschlüsselten Korrespondenz Clara Zetkins wurde »Papier« als »Platin« codiert.27 Der Komintern-Beauftragte Karl Retzlaw erfuhr durch seine Tätigkeit bei der VIVA mit ihren »ungefähr fünfzehn Angestellten praktisch die Plagen eines kleinen Unternehmens in der Inflation. Wenn die Rechnungsbeträge für gelieferte Bücher nach einigen Wochen beim Verlag eingingen, reichten sie kaum für das verauslagte Porto aus.«28

Illegale Verlagstätigkeit der Komintern Der Verlag der Kommunistischen Internationale operierte womöglich noch diskreter als der KPD-Verlag. Der Verlag war der führenden Lenin-Übersetzerin Frida Rubiner zufolge aus dem Berner Promachos-Verlag hervorgegangen, der seit 1917 Schriften über die Zimmerwalder Konferenz, von Bucharin, Lenin und Trotzki von der Schweiz aus in Deutschland verbreitet hatte. 1919 operierte der KI-Verlag von St. Petersburg (Petrograd) aus und verschiffte seine in Säcke verpackte subversive Literatur unter BlockadeBedingungen über Norwegen nach Hamburg, wo die Fracht von den Genossen im Hafen bei Nacht gelöscht wurde. Seit 1920 fungierte die Verlagsbuchhandlung Carl Hoym Nachf. Louis Cahnbley in Hamburg als Verlag der KI, bzw. als Auslieferung eines Verlags der Kommunistischen Internationale, um deren Literatur einen legalen Zugang zum Buchhandel zu schaffen, allerdings unter Benutzung verwirrender und teilweise fiktiver Verlagsangaben. Geleitet wurde der Verlag im unmittelbaren Auftrag Lenins von dessen Geldboten James Thomas (Reich) im Westeuropäischen Sekretariat (WES) des Exekutivkomitees der KI, das 1919 in der Berliner Leibniz-Buchhandlung residierte. Durch die Buchhandlung ließ Thomas wichtige Bücher und Zeitschriften für einige Mitglieder der russischen Regierung einkaufen. Die Bücherpakete für Lenin, Trotzki, Radek, Bucharin und Sinowjew stellte Thomas selbst zusammen. […] Thomas war ein begabter Verleger. Er bestimmte Satz, Druck und Einband der Bücher und Broschüren. Wie es bei kommunistischen Druckaufträgen üblich war, mußte die fertige Auflage sofort abgeholt und sichergestellt werden, sie wurde auf mehrere Lager verteilt. Auch in ›legalen‹ Zeiten war die Verbreitung verschiedener kommunistischer Schriften verboten. Ein Lagerkeller war ungefähr 500 Meter vom Polizeipräsidium entfernt, nach der Bemerkung Lichtenbergs, dass die Fliege am sichersten auf der Nase des Mannes mit der Klappe ist. Von den Kellern aus wurden 26 Vgl. Hädicke, S. 137, 165. 27 Vgl. Hädicke, S. 42. In einem Schlüsselverzeichnis vom 23. März 1919 wurden ferner die KPD als »Subdirektion« und der Bezirk als »Filiale« bezeichnet. Weiter hieß es u. a. Buchhandlung = Tombak, Druckerei = Messingspäne und Verlag = Feingold. 28 Retzlaw: Spartacus, Aufstieg und Niedergang, S. 221 f.

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5 V er lagsw es en die Schriften an die Buchhandlungen und Büros der Partei geschickt. Keines unserer Lager ist jemals von der Polizei ausgehoben worden.29

Nach dem KPD-Verbot im Herbst 1923 wich der KI Verlag vorübergehend nach Wien (dort verantwortlich: Dr. Johannes Wertheim) aus und firmierte seit 1924 als Verlag für Literatur und Politik Wien-Berlin.30 James Thomas gab auch eine berühmte Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution heraus. Nachdem er sich später weigerte, Bilder Stalins dort hineinzumontieren, galt er als Trotzkist.31 Über die Komintern wurde die junge KPD mit Geldkoffern und Juwelen subventioniert. Allerdings wusste nicht einmal Hans Holm als Verlagsleiter, welche Mittel die Komintern eigentlich zur Verfügung stellen würde. »Er wußte nur, dass er das notwendige Geld zur Begleichung der Rechnungen erhalten würde und hatte danach zu streben, dass bei Einhaltung von Termin – dem wichtigsten Punkt – und Qualität dem Herstellungsbetrieb der günstigste Preis abgerungen werden mußte.«32 Eile war im Parteiverlag oberstes Gebot: »Immer wieder mußten wir hören, hier liegen die vielen unverkauften Exemplare. Sie sind viel zu spät eingetroffen. Versammlungen der Partei waren vorbei.« Um Massenumsatz zu erreichen, musste »der Vertrieb mit der geplanten Kampagne der Partei, den vorgesehenen Versammlungen und Demonstrationen koordiniert« werden. »Die Matern eines Buches gingen gleichzeitig an verschiedene Bezirksdruckereien, um die Auslieferung zu beschleunigen. […] Es gab manchen aufregenden Tag oder mehrere, wenn ein Wechsel bis mittags 13 Uhr eingelöst werden mußte und die fällige Summe nicht verfügbar war. […] Eine geeignete Methode, der Beschlagnahme von Büchern zu entgehen war, die einkommenden Sendungen sofort an die vielen Litobleute zu versenden.«33 Schnellstmögliche Produktion möglichst hoher Auflagen und rasche Verteilung in den Bezirken schien der beste Schutz vor Beschlagnahmung. Die Subventionswirtschaft hatte eine Überproduktion an Literatur zur Folge, dem das weitgehend im Untergrund operierende, stets durch Konfiskation gefährdete Vertriebssystem zumindest anfangs in keiner Weise gewachsen war. Zwischen November 1918 und Oktober 1919 gab die Zentrale 1,77 Millionen Broschüren heraus und hatte weitere 558.000 in der Herstellung. Die erste Broschüre Was will der Spartakus-Bund war schon vor der Gründung der KPD beim Zentralorgan Rote Fahne erschienen (14. Dezember 1918) und hielt im Sommer 1920 mit 613.500 Exemplaren den Auflagenrekord. Bis dahin waren insgesamt 72 Titel in einer Gesamtauflage von 2,7 Millionen Exemplaren erschienen.34 Es handelte sich vorwiegend um »Dokumente« der Partei, Parteitagsprotokolle und Programmschriften, um einzelne Arbeiten Rosa Luxemburgs, Agitprop und Kampfschriften von Parteiführern wie Paul Frölich (Die bayrische Räterepublik) oder Edwin Hoernle, um Zeitschriften wie Die Internationale und die Russische Korrespondenz sowie um Arbeiten Lenins, Bucharins und Trotzkis. 29 30 31 32 33 34

Retzlaw, S. 197 f. Hädicke: Verlag für Literatur und Politik, S. 484 f. Vgl. Retzlaw: Spartacus, Aufstieg und Niedergang, S. 197. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 103. BA DY 63, 2010, Hans Holm, Vereinigung internationaler Verlagsanstalten (o.D., 1969). Vgl. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 124.

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Die Werke von Marx und Engels überließ die KPD zunächst weitgehend der SPD und dem J. H. W. Dietz Verlag. Erst Ende der zwanziger Jahre begann die Edition der ersten, von David Rjasanow am Moskauer Marx-Engels-Institut herausgegebenen Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) im Marx-Engels-Verlag GmbH. Belletristische Werke und Reportageliteratur kommunistischer Autoren, eher die Domäne von Verlagen wie Malik und Kiepenheuer, fehlten im frühen Programm des KPDVerlages. Erst 1922 erschienen ein Roman und vier Märchen Hermynia zur Mühlens bei der VIVA. Man druckte trotz vieler Vorbehalte Schriften über den Bandenführer und politischen Märtyrer Max Hölz, der beim Besuch der überwachten Buchhandlung Franz Pfemferts verhaftet worden war,35 aber auch polnische und französische Texte zur Agitation in Oberschlesien und gegen die Besatzung im Ruhrgebiet. Die Buchproduktion eines KPD-Verlages blieb letztlich »eher dem Zufall, den Wünschen Moskaus oder den jeweiligen Kampagnen der Komintern überlassen.«36

Vertriebsprobleme Bei Ausgaben von 1,4 Millionen Mark im dritten Quartal 1919 betrugen die Einnahmen des ausschließlich über die Bezirkssekretariate abgewickelten Literaturvertriebs trotz einer »Überschwemmung der Provinz mit Broschüren« (Paul Levi)37 und hohen Rabatten von 50 % im selben Zeitraum nicht mehr als 5.525,51 Mark.38 Ein Hauptgrund dafür dürfte, abgesehen von den konspirativen, noch unausgereiften Vertriebsmethoden, in der schwach ausgeprägten Zahlungsmoral der Genossen zu sehen sein. Bezeichnend ist aber wohl auch die folgende von dem Untergrund-Organisator und Parteiverleger Karl Retzlaw überlieferte Episode: Einige Wochen später traf ich den Drucker unserer illegalen Blätter. Er fragte mich entrüstet: ›Warum wurden die 50.000 Flugblätter nicht abgeholt, die Ihr Nachfolger bestellt hatte?‹ Ich wußte von nichts, doch prüfte ich die Sache nach und stellte fest, dass Heinz Neumann anstelle der unterzubringenden Menge 2 – 3000 Blätter gleich 50.000 bestellt hatte und damit Brandler, dem er vorgehalten hatte, dass ich ›zu kleinlich arbeite‹, beeindruckte. Die 50.000 Flugblätter waren zwar sofort bezahlt, aber nicht zum vereinbarten Termin abgeholt worden. Der beunruhigte Drucker hatte sie dann in Paketen verpackt in die Spree geworfen.39 In einem von Hugo Eberlein gegebenen Geschäftsbericht für den III. Parteitag (25./26. Februar 1920) heißt es: Die größten Summen unserer Ausgaben sind allgemein in unsere Literatur gesteckt worden. Und Sie werden zugeben müssen, dass wir im Laufe eines Jahres Literatur geschaffen haben wie keine andere Partei. […] wir haben eine umfangreiche Literatur, und wir können uns in der Herstellung weiterer literarischer Erzeugnisse einschränken. Diese Einschränkung dachten wir uns so, dass wir die Gelder, die wir 35 36 37 38 39

Vgl. Retzlaw: Spartacus, Aufstieg und Niedergang, S. 203. Gross: Willi Münzenberg, S. 166. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 50. Vgl. Hädicke, S. 82 f. Retzlaw: Spartacus, Aufstieg und Niedergang, S. 244.

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5 V er lagsw es en durch Verkauf von Literatur einbekommen, lediglich verbrauchen zur Herstellung neuer Literatur und keine Zuschüsse mehr dazu verwenden. […] wir haben ungeheure Mengen von Literatur lagern; ihr braucht euch nur zu bemühen um Leute, die die Literatur absetzen.40

Doch auch 1921 erhielt die VIVA bzw. Frankes Verlag 2,9 Millionen Mark an Zuschüssen, während das gesamte Beitragsaufkommen der KPD in diesem Jahr 720.593,97 betrug41, und in dem Quartal von Juni bis August 1922 lagen die Subventionen durch die Zentrale immer noch dreimal so hoch wie die Einnahmen.42 Im August 1922 verfügte die VIVA über 19 Ladengeschäfte, hinzu kamen auf dem Papier 25 Literaturvertriebsstellen der Bezirke und 5 zentrale Literaturvertriebsstellen.43 Aber kurz zuvor hatte ein Verlagsvertreter 11 Bezirksleitungen besucht, um festzustellen, dass nur in Jena, Gera und Frankfurt ein befriedigender Literaturvertrieb existiere: »Ansonsten hieß es immer wieder, daß jetzt die Voraussetzungen geschaffen seien oder alles liege derzeit am Boden bzw. sei die Lage trostlos.«44 Als Gegenmaßnahme gegen den »lächerlich geringen« Literaturumsatz45 wurde die Leipziger Zweigstelle der VIVA aufgelöst und deren Leipziger Vertretung dem Kommissionär Fa. Otto Klemm (geführt von dem Lyriker und späteren Mitgründer des westdeutschen Börsenvereins Wilhelm Klemm) übertragen, der zusätzlich auch die Kommission für den Komintern-Verlag übernahm. Der Buchhandel sollte fortan regelmäßig kontrolliert werden, um der kommunistischen Literatur auch in den Buchhandlungen der SPD, der USPD und der Gewerkschaften zum Durchbruch zu verhelfen. »Wir wollen versuchen, für diese Reisetätigkeit ein Kartellverhältnis mit dem Phöbus Verlag, dem Verlag Carl Hoym, dem Verlag der kommunistischen Fraueninternationale, dem Verlag der Jugendinternationale und dem Verlag Junge Garde herzustellen.«46 Während der Inflation orientierte man sich bei der Preisfestsetzung an den SPDVerlagen und versuchte diese grundsätzlich zu unterbieten.47 Ein wichtiges Aushilfsmittel wurde ferner die reichsweite Anlage illegaler Literaturlager, wovon auffällig oft die Rede war, etwa zur Vorbereitung des Ruhrkampfes.48 Es wurden auch drei Eisenbahnwaggons mit originalverpackter kommunistischer Literatur über den III. Weltkongreß 1921 entdeckt, die als Makulatur für eine Papierfabrik in Waldheim bestimmt war, was man in Moskau dem verantwortlichen Verleger Frassek als politische Sabotage ankreidete.49 Im Oktober 1923 wurden nach einer Buchhändlerkonferenz weitere Maßnahmen festgelegt. Demnach hatten z. B. der »Ortsliteraturobmann« und die »Abteilungsliteraturobleute« der Großbetriebe regelmäßig alle Versammlungen »der Partei, der Gewerk40 41 42 43 44 45 46 47 48 49

Retzlaw, S. 117 (Bericht über den 3.Parteitag der KPD am 25. und 26.Februar 1920, S. 43). Vgl. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 230. Vgl. Hädicke, S. 257. Vgl. Hädicke, S. 263. Hädicke, S. 245. Hädicke, S. 244. Rosi Wolfstein setzte auf einer Bezirkssekretärkonferenz am 25. Mai 1922 den monatlichen Umsatz auf 80.000 –90.000 Mark an. Die monatlichen Subventionen durch die Zentrale erreichten hingegen längst die Millionengrenze. Hädicke, S. 251. Vgl. Hädicke, S. 242. Vgl. Hädicke, S. 292. Vgl. Hädicke, S. 199 ff.

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schaften, der Genossenschaften, der Sportorganisationen, der gegnerischen Parteien usw.« durch ihre Literaturverkäufer zu beliefern. Die Agitationsabteilung sollte die Buchwerbung mit Prospekt- und Werbematerial unterstützen, Arbeitslose und Zeitungsausträger zum Literaturvertrieb heranziehen, sowie die Adressen der Zeitungsabonnenten den Buchwerbern zur Verfügung stellen. Als Literaturverkäufer waren »vor allem Genossen zu wählen, die ein freundliches Auftreten haben, sich nicht so leicht abweisen lassen und nicht gleich beleidigt sind.« Diese hatten die Parteineulinge systematisch mit dem Kanon zu bearbeiten und sollten jedes sonst noch gewünschte Buch »auskundschaften« und beschaffen. Besondere Akzente galten dem Straßenverkauf und dem Massenvertrieb bei Demonstrationen.50 Einem Erinnerungsbericht zufolge trafen sich in den Städten die KPD-Ortsgruppen tatsächlich »wenigstens einmal im Monat« zur sogenannten Haus- und Hofpropaganda. »Die ganze Partei wurde mobilisiert. Der Literaturobmann beschaffte die Broschüren und das Material, und dann wurde der Bezirk, in dem diese Gruppe existierten, auf alle Genossen aufgeteilt. Jeder ging los, und keiner durfte mit der Broschüre wiederkommen. […] da wurden Genossen Referenten aufs Land geschickt, einzeln oder zu zweit. Die bekamen kein Geld und keine Tagesspesen, sondern kriegten Fahrgeld. […] und dann bekamen sie ein Paket Literatur mit, und von dem Verkauf dieser Literatur mußten sie leben.«51 Als nach dem KPD-Verbot von 1923 Willi Münzenberg und Babette Gross den Neuen Deutschen Verlag »ohne Verteilerapparat, ohne Beziehungen zum Buchhandel, aber voller Enthusiasmus und Verbissenheit« aufbauten, kümmerten sie sich zunächst um den Vertrieb: »Wir reisten von Bezirk zu Bezirk, verhandelten mit den Bezirksleitungen der Partei, saßen in rauchigen Parteilokalen mit Kolporteuren und schufen langsam ein Netz von eigenen Vertriebsstellen, die ihre festen Abnehmer durch eigene Austräger belieferten.«52 1926 gründete Münzenberg mit der Universum-Bücherei für Alle sogar eine kommunistische Buchgemeinschaft, die trotz Wirtschaftskrise 1932 mehr als 20.000 Mitglieder umfasst haben soll.53 Der Malik-Verlag betrieb eine eigene, das Programm von 23 linken und »progressiven bürgerlichen Verlagen« repräsentierende Buchhandlung mit angeschlossener Kunstgalerie, denn, so Wieland Herzfelde: Wir wurden uns klar darüber, dass dem Malik-Verlag wie überhaupt allen linken Verlagen, etwas fehlte, nämlich eine zentrale, moderne Buchhandlung, die kein mehr oder minder gepflegter Kram- und Luxusladen war, sondern ein politisch wie künstlerisch tonangebendes Unternehmen. Wenn bisher die bürgerlichen Buchhandlungen unsere und erst recht die Parteiliteratur boykottierten oder nur als Randerscheinungen 50 Vgl. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 364 –371; Siehe auch Die revolutionäre Literatur. Richtlinien für den Literaturbetrieb. In: Der Parteiarbeiter. 1. Jg., Berlin, 15. Oktober 1923, Nr. 13). 51 Sozialistische Verleger und Buchhändler berichten über ihre Arbeit vor 1933. Stenografisches Protokoll, S. 21. 52 Gross: Willi Münzenberg, S. 163. 53 Lorenz: Die Universum-Bücherei; Lorenz: Universum-Bücherei für Alle, S. 1 –31; Lorenz/ Sommer: Universum-Bücherei für Alle. Ein Nachtrag, S. 22 –32.

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5 V er lagsw es en behandelten, so sollte eine noch nie dagewesene Buchhandlung beweisen, dass eine solche Haltung nicht nur unwürdig, sondern geschäftlich überholt sei.54

In der DDR schwärmten die Veteranen vor den Volksbuchhändlern von den guten alten, heroischen Zeiten, als die KPD »eine große Armee von Literaturverkaufsleuten« mobilisieren konnte und im Sportpalast »100 Genossen Bücherstapel unter den Arm gedrückt bekamen«, die durch die Reihen gingen, um Sacco und Vanzetti zu verkaufen:55 Wir haben im Jahre 1928 im Sportpalast in Berlin, der 80.000 Menschen faßt, eine Veranstaltung für die Freunde der Universum-Bücherei gemacht und sooo einem Programm für Berlin. Willi Münzenberg hat das Referat gehalten, Autoren haben gesprochen, Marlene Dietrich hat rezitiert; dann war von Weil (sic) der große Arbeiter-Sängerchor, dann ein Drei-Sekunden-Funk, bei dem Otto Heller, Egon Erwin Kisch, fünf, sechs Autoren auf der Bühne eine Funkszene über die Bücher, sauber zurechtgelegt, brachten. Das war sehr groß getrommelt. […] Der Sportpalast war proppenvoll. Im Parterre war am Eingang ein Buch in Türgröße aufgestellt. Jeder mußte es aufmachen und sich den Schutzumschlag anschauen. Jeder Eingang war mit einem Buch verkleidet, auch im Rang. Die Tribüne, die es im Sportpalast nicht gibt, mußten wir aufbauen. John Heartfield und andere Künstler haben in ungeheuren Ausmaßen Büchertitel als Rückwand dargestellt.56 Das war aber erst Ende der zwanziger Jahre, während der frühe Parteibuchhandel in besonderem Maße einer alten Forderung Lenins entsprach, dass »die literarische Tätigkeit keine Quelle des Gewinns von Einzelpersonen oder Gruppen sein« dürfe.57

Abweichler von der »Linie« Lenin hatte jedoch vor allem auch ideologische Homogenität mit dem Programm und den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale gefordert. Die Verlage, »Rädchen und Schräubchen« des von der Avantgarde bewegten Mechanismus, dürften »keine Politik treiben, die nicht vollständig der Politik der Partei« entspräche. Das war in den 21 Punkten der Komintern von 1920 sogar die allererste Aufnahmebedingung für linke Parteien.58 Nach dem II. Parteitag im Oktober 1919 wurde in Rundschreiben der KPDZentrale politische Klarheit als bildungspolitisches Ziel eingefordert.59 Kein Titel durfte mehr ohne Beschluss der Zentrale erscheinen, ja, jedes einzelne Manuskript musste wie ein Beschluss behandelt werden, der vom Verlag nicht verändert werden durfte.60 54 Nössig/Rosenberg/Schrader: Literaturdebatten in der Weimarer Republik, S. 386. 55 BA DY 30, 42666 (Dietz-Bestand), Aussprache des Dietz-Verlags mit Bezirksbuchhändlern am 10. Juli 1956. 56 Sozialistische Verleger und Buchhändler berichten über ihre Arbeit vor 1933. Stenografisches Protokoll, S. 30 f. 57 Lenin: Parteiorganisation und Parteiliteratur. In: Werke, Bd. 10, S. 30 f. 58 Lenin, S. 30 f. und 197. 59 Lenin, S. 106. 60 Lenin, S. 102 und 104.

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Die notorischen Richtungskämpfe in der Parteiführung spiegelten sich in den Auseinandersetzungen um einzelne »richtungsweisende« Publikationen. So musste die KPZentrale Brandlers Verteidigung der Märzoffensive von 1921 (»War die Märzoffensive ein Bakunin-Putsch?«), die sie trotz einer »unter Mitwirkung von W. I. Lenin getroffenen Vereinbarung zwischen der Mehrheit der Zentrale und der Opposition«, auf die Herausgabe zu verzichten, publiziert hatte, wieder zurückziehen: »Am 1. August 1921 beschloß die Zentrale: Broschüre ›Märzoffensive‹ ist sofort wieder einzuziehen und einzustampfen.«61 Paul Levi publizierte seine Kritik an der Offensivtheorie, wegen der er im April 1921 aus der KPD ausgeschlossen wurde, Unser Weg – Wider den Putschismus gar nicht erst im Parteiverlag, sondern bei A. Seehof & Co., dessen von dem nächsten »Renegaten« Ernst Reuter-Friesland ohne schriftlichen Vertrag betriebene Fusion mit Frankes Verlag zur VIVA bald darauf in einem grotesken Intrigenkampf scheiterte, wobei die KPD-Führung nicht einmal davor zurückschreckte, die Polizei zu holen. »Durch Levis Verrat wurde zugleich aber eines der bedeutendsten verlegerischen Ziele der Zentrale der KPD in Frage gestellt: die Herausgabe des unveröffentlichten Teils des Nachlasses von Rosa Luxemburg.«62 Stattdessen publizierte Levi aus dem Nachlass Rosa Luxemburgs am 7. Dezember 1921 ihre für die KPD schwer verdauliche Lenin-Kritik Die russische Revolution in dem Verlag Gesellschaft und Erziehung (Berlin-Fichtenau).63 Von Moskau eingeforderte Selbstdemontagen wie die Vorbereitung des bewaffneten Aufstands im Herbst 1923 oder die Sozialfaschismuskonzeption, die bis 1935 nicht die NSDAP, sondern die SPD zum Hauptfeind erklärte, hatten weitere erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den Rechten, Linken, Ultralinken, USPD-lern, Offensivtheoretikern, Versöhnlern der Mittelgruppe, Luxemburgisten usw. in der Parteiführung nebst resultierenden Absetzbewegungen, Ausschlüssen, Sezessionen und Gegengründungen zur Folge. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass praktisch alle notorischen Absplitterungen von der KAPD bis zur KP-Opposition (KPO) sich in der kommunistischen Verlagsgeschichte gespiegelt haben. Der Kampf um die Macht in der Partei war immer auch zugleich eine Auseinandersetzung um den Zugriff auf Publikationschancen. Zu den wichtigsten Autoren des KPD-Verlages, deren Schriften nach ihrer Trennung von der Partei aus dem Kanon verbannt wurden, zählten u. v. a. Heinrich Brandler, Paul Frölich, Karl Korsch und August Thalheimer. Eine ganze Reihe kleinerer linker Verlage und Zeitschriften dienten oder entstanden sogar als publizistische Plattformen solcher »Abweichler«. So publizierte die nach dem Heidelberger Parteitag abgesonderte KAPD (u. a. Franz Jung, Otto Rühle, Heinrich Vogeler) fortan in der berühmten expressionistischen Aktion Franz Pfemferts, wo sich früher die Gründer des Malik-Verlages gesammelt hatten und Lenins Staat und Revolution erschienen war, oder, wie Adam Scharrer, im Proletarier und im Verlag der KAPD. Otto Rühle betrieb seit 1924 den »Verlag am anderen Ufer« in Dresden.64 Paul Levi gab nach seinem Ausschluss die Zeitschrift Unser Weg in der Internationalen Verlagsanstalt (Berlin) heraus.65 Heinrich 61 62 63 64 65

Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 147. Hädicke, S. 151. Vgl. Hädicke, S. 189. Vgl. Drust: Alice Rühle-Gerstel, S. 407 f. Vgl. Hädicke: Der Parteiverlag der Kommunistischen Partei Deutschlands, S. 150.

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Brandler, Paul Frölich, August Thalheimer und Jacob Walcher von der KPO stützten sich seit 1928 auf die Zeitschrift Gegen den Strom der KPD-Ortsgruppe Breslau im Berliner Junius-Verlag,66 Robert Siewert (KPO) auf die Arbeiterstimme, der Leninbund um Ruth Fischer auf den Volkswillen. Der ausgeschlossene Wilhelm Herzog brachte 1929 sein Forum gegen den »kommunistischen Hugenberg« Willi Münzenberg in Stellung.67 Karl Plättner finanzierte 1921 die Broschüre Der organisierte rote Schrecken! Die kommunistischen Paradearmeen oder organisierter Bandenkampf im Bürgerkrieg gar durch einen Banküberfall und verpasste ihr den seltsamen Verlagsort »Druck der Hausdruckerei des Ministeriums für öffentliche Unsicherheit (Gustav Noske Nachfolger, Inhaber Hörsing)«.68 Auch die meisten leitenden Mitarbeiter der frühen KPD-Verlage (Paul Frassek, Babette Gross, Julian Gumperz, James Thomas, Emmanuel Laub, Karl Retzlaw, Arthur Seehof, Robert Siewert, Rosi Wolfstein) galten später, zu DDR-Zeiten, ähnlich wie die ermordeten Otto Katz und Willi Münzenberg mehr oder weniger als »Abweichler« und »Unpersonen«. Felix Halle, der Münzenberg den Neuen Deutschen Verlag geschenkt hatte, und der Lektor der Universum-Bücherei Albert Hotopp69 wurden in der Sowjetunion unter »falschen Anschuldigungen« verhaftet und erschossen.

Politische Verlage der rechten Szene Auch eine Skizze des rechten Verlagswesens in der Weimarer Republik sieht sich in gravierender Weise vor das Problem der Abgrenzung gestellt, allein schon durch die Beobachtung, dass einige der wichtigsten Bücher der Vordenker der Konservativen Revolution in bürgerlichen Traditionsverlagen erschienen sind. So finden sich Gobineau bei de Gruyter, Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes bei C. H. Beck (1920/ 1922) und Arthur Moeller van den Brucks Der preussische Stil bei R. Piper (1922). Der völkische Literaturpapst Adolf Bartels schrieb für den Reclam-Verlag einen Führer durch die Universal-Bibliothek (Weltliteratur, 1918/1919). Bei List erschien u. a. eine faschistische Mussolini-Vita, und der Putschist August Winnig war Hausautor bei Cotta, bevor er zur Hanseatischen Verlagsanstalt ins völkische Lager wechselte. Nun macht ein Buch kein Programm, und Die Geächteten des Rathenau-Mörders Ernst von Salomon (1930) bildeten im Umfeld des Rowohlt-Verlags kaum mehr als eine auffällige Randerscheinung. Doch hat eine neuere, auf die Verlagsarchive von Gustav Fischer, Vandenhoeck & Ruprecht und Georg Westermann gestützte Untersuchung gezeigt, dass die Bereitschaft zur Produktion von Literatursorten, die bislang als typisch für eine randständige Szene galten, bei gegebener bzw. erhoffter Marktgängigkeit schon vor 1933 keineswegs ein Tabu war. So spielte der auch mit dem StändestaatTheoretiker Othmar Spann hervorgetretene Wissenschaftsverlag Gustav Fischer in Konkurrenz zu dem offen mit der NSDAP sympathisierenden Marktführer J. F. Lehmann eine unglückliche Rolle bei der wissenschaftlichen Etablierung der Rassenkunde und Rassenhygiene, in einem Diskurs, an dem auch Verlage wie S. Hirzel, Julius Sprin66 67 68 69

Vgl. Bergmann: »Gegen den Strom«. Vgl. Nössig/Rosenberg/Schrader: Literaturdebatten in der Weimarer Republik, S. 277 f. Ullrich: Der ruhelose Rebell, S. 105. Vgl. Albrecht: Albert Hotopp, S. 210 –211.

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ger, Georg Thieme und Urban & Schwarzenberg partizipierten. Bei Vandenhoeck & Ruprecht findet sich neben Max Hildebert Boehms Das eigenständige Volk (1932) auch Max Maurenbrechers Heiland der Deutschen (1930), ein trotz der Einwände des Verlagsteilhabers Günther Ruprecht erschienener Titel, der verdeutlicht, »inwiefern das verlegerische Tagesgeschäft von sorgfältiger Kalkulation und Absatzpolitik, von Werbe- und Vertriebsmaßnahmen den Verlag, trotz inhaltlicher Differenzen, zur Verbreitung rassistischer und antisemitischer Codierungen beitragen konnte.«70 Das Programm des Georg Westermann-Verlages bekam besonders mit dem Erwerb des reformpädagogischen Alfred Janssen Verlages (1917) eine starke völkische Komponente, die durch die Übernahme von Adolf Bartels’ antisemitischer einbändiger Geschichte der deutschen Literatur (1919), den nationalistischen Geografen Ewald Banse und die Rasse-Reihe Otto Hausers gekennzeichnet sei. Allerdings war Banses wie Hausers Titeln »neben ihren rassistischen Inhalten der schlechte Absatz gemeinsam.«71 Blendend verkauften sich hingegen die historischen Romane Werner Jansens wie vor allen Robert der Teufel (1924, Auflage: 205.000) oder der Gudrun-Roman Das Buch Liebe, ein Lieblingsbuch Heinrich Himmlers.72 Hier geht es jedoch nicht um einzelne Programmsegmente fachlich breit profilierter Verlage, sondern um jene politischen Richtungsverlage und Gesinnungsverlage der Rechten, die ein typisches Phänomen der Weimarer Republik darstellen: um die Verlage der bündischen Jugendbewegung, völkische und jungkonservative Verlage, wobei die Grenzen zu den verschiedensten weltanschaulichen ariosophischen, deutschgläubigen, radikalantisemitischen usw. Verlagen fließend und eine Vermischung mit so bizarren Spezialisierungen wie der Runengymnastik typisch sind. Sie bildeten mit ihren Büchern, Broschüren und Zeitschriften in ihrer unübersichtlichen und kaum zu ordnenden Vielzahl das institutionelle Rückgrat, das identitätsstiftende Kommunikationsorgan, die Finanzierungsquelle, oft genug allerdings auch den Ruin all jener oder doch der meisten brodelnden, subversiven intellektuellen Strömungen und verschworenen Zirkel mit ihren völkischen, jungkonservativen, bündischen und nationalrevolutionären Vordenkern, die von Armin Mohler unter der so paradoxen wie schwammigen Bezeichnung »Konservative Revolution«73 zusammengefasst worden sind: Diese Verlage sind nicht akzidentieller Teil der Bewegung, sondern bringen diese selber mit hervor. Sie sind Knoten im sozialen Netzwerk der Bewegung; sie formulieren bewegungskonstitutive Normen und Werte aus und um; sie spielen mit Sammelwerken und Zeitschriften eine wichtige integrative Rolle gegenüber den zentrifugalen Tendenzen wenig formierter, informeller Bewegungen; sie arbeiten mit am distinktiven Wertekanon, mithin am Selbstbild der Bewegung, einzelner Gruppen und deren Mitglieder, mit dem man sich abgrenzt gegen andere Organisationen.74

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Wiede: Fluktuierende Codierungen, S. 269 (zitiert nach Manuskriptfassung). Wiede, S. 105. Vgl. Wiede, S. 81 f. Mohler: Die konservative Revolution. Ulbricht: »Lebensbücher sind nicht Lesebücher!«, S. 146 f.

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Die meisten dieser vielen Hundert (Justus Ulbricht zählt für die Zeit zwischen der Jahrhundertwende und 1933 nicht weniger als tausend75) z. T. recht kurzlebigen, über das ganze Land verstreuten Verlage stellten kaum mehr als Einmannbetriebe dar, die außerhalb des Börsenvereins agierten und Vertriebswege abseits des Sortiments zu organisieren verstanden: über den Büchertisch bei bündischen Festen – die wandernde Jugend schleppte ihre Bücher im Rucksack bis Siebenbürgen mit – und neuartige Versandsysteme: so erfanden die Buchhändler des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes (DHV) 1916 die erste Buchgemeinschaft der Welt, die Deutschnationale bzw. Deutsche Hausbücherei. Eugen Diederichs war Motor und Vorbild dieser Bewegung. Die Mitgliederlisten der Gesinnungsgemeinschaften und Karteikarten der Verbände lieferten die Abonnenten der Zeitschriften, in denen zielgenau für die Bücher geworben werden konnte: Sie hießen Asgard und Arische Lebenskunst-Revue, Bartelsbund und Baltische Blätter, Christdeutsche Stimmen, Deutschlands Erneuerung, Eiserne Blätter, Führerzeitung, Die Geusen, Heimdall, Ideal und Leben, Jung-Roland, Die Kommenden, Leuchtturm, Memelland, Die Nornen, Orplid, Preußenbund, Quickborn, Reiter gen Osten, Sonnenwende, Türmer, Unser Bund, Völkische Bücherschau, Wehrwolf und Zeitschrift für Menschenkenntnis und Schicksalsforschung. Nur einige wenige der wichtigsten, damals dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund nahestehende Verlage sammelten sich 1921 in einer »Vereinigung völkischer Verleger«, der Alfred Roths Deutschvölkische Verlagsanstalt A. Goetting, der Hammer Verlag, J. F. Lehmann, Theodor Weicher, Erich Matthes, der Hakenkreuz-Verlag, der Verlag Deutschordensland in Sontra, der Verlag Gesundes Leben in Rudolstadt, Oskar Laube (Dresden) und der fränkische Heimatverlag Lorenz Spindler (Nürnberg) angehörten.76 Das Spektrum war aber durchaus breiter: In völkischen Kreisen wurde gestritten, ob eine der gängigen Edda-Ausgaben, das ›Deutsche Buch‹ der Germanischen-Glaubens-Gemeinschaft oder Wilhelm Schwaners ›Germanen-Bibel‹ aus dem Volkserzieher-Verlag das neue Religionsbuch der Deutschen werden solle. Anderen galt Nietzsches Zarathustra als Bibel. Bei Hugo Vollrath in Leipzig bestellte man Theosophisches; Ariosophen kauften bei Paul Zillmann aus Lichterfelde.77 Welche »ernsten Bücher für Führer« empfahl man gegen Ende des Kaiserreiches? Die Führerzeitung des Wandervogels stellte für das »Julfest« 1916 einen solchen Kanon zusammen. Er beginnt mit Chamberlains Grundlagen des 19. Jahrhunderts und preist Otto Siegfried Reuters Siegfried oder Christus (Xenien Verlag 1,50 M) als eine »flammende Fanfare«: »Mir scheint, daß wir da am germanischen Grundwesen sitzen.« Er empfiehlt die Trojaburgen Nordeuropas von Carus Sterne und Das Geheimnis der Runen von Guido von List. »Beweiskräftig, klar und widerspruchslos« sei das Geschichtsbild des Rassekundlers Ludwig Wilser, und Kossinnas Die deutsche Vorgeschichte (Kabitzsch, Leipzig, 8 M) wird als ein Buch gelobt, »das sich bei aller Wissenschaftlichkeit durch eine große Wärme deutschen Empfindens« auszeichnet. Natürlich dürfe 75 Vgl. Ulbricht: Agenturen deutscher Wiedergeburt, S. 235–244. 76 Vgl. Ulbricht: »Die Quellen das Lebens rauschen«, S. 195. 77 Ulbricht: »Lebensbücher sind nicht Lesebücher!«, S. 150.

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man weder an Woltmann, dem Begründer der Typenforschung, noch an Willibald Hentschels Hauptwerk Varuna (Matthes, Leipzig, 3,40 M) vorbeigehen.78 Die Wurzeln sprossen also bereits üppig im Kaiserreich. Was kommt durch die Erfahrung des Weltkriegs und der Niederlage hinzu? Heinrich Beenken, der neue Besitzer der Fr. Zillesen Verlagsbuchhandlung in Berlin, »sagte sich, daß gerade jetzt, in den Wirnissen der Zerstörungen und des Umsturzes, die Weckung aller vaterländischen Kräfte höchste Aufgabe eines deutschen Verlegers sein müsse. Und so begann er gleich nach dem Kriege mit jenen aufsehenerregenden Werken, die über das ganze deutsche Volk und weit darüber hinaus sich rasch verbreiteten.«79 So erschien im Juli 1919 Erzberger – der Totengräber des Deutschen Reiches, eine, so der Untertitel »schonungslose Abrechnung mit diesem Reichsschädling«, der 1921 einem Attentat zum Opfer fallen sollte – ein klarer Fall verlegerischer Pogromhetze! Den »größten Verlagserfolg unter den Broschüren« hat, mit dem Untertitel »Die Grundursache der deutschen Not« eine »gemeinsam mit dem Arbeitsausschuß deutscher Verbände herausgegebene Volksausgabe des Versailler Vertrages. Dieses Schanddokument müßte, so erklärte der Verleger im Besitze eines jeden Deutschen sein, damit immer wieder die Schmach in jedem brenne und der Gedanken Raum fasse: Los von Versailles!«80 Der »berüchtigte Artikel 231«, der Kriegsschuldparagraph, war in Rotdruck hervorgehoben. Der Massenvertrieb dieser Broschüre, die eine Auflage von 4,5 Millionen erreichte, erfolgte allerdings erst nach 1933. »Ein ganz hervorragendes Buch, das den Verlag im ganzen Vaterlande und bei den Deutschen im Auslande bekannt gemacht hat, war das im Jahre 1920 erschienene und in über 100 000 Stück verbreitete Buch ›Was wir verloren haben – Entrissenes, doch nie vergessenes deutsches Land‹. Dieses Werk wurde von dem Verleger selbst herausgegeben.«81 1921 folgte »›Und was der Feind uns angetan […]‹. Das Buch vom Raubfrieden«, aus der Sicht von 1938 »das wohl erschütterndste Buch des Verlages«. Solche im »Dritten Reich« gern vorgezeigten revanchistischen Kampfschriften sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Titel des Beenken-Verlages biedere historische Heimatromane darstellten und der Verlag des Türmers daher kaum in die erste Reihe der rechten Verlage gestellt werden kann.82 Die publizistische Nachbereitung des Weltkriegs politisierte auch den Gerhard Stalling Verlag in Oldenburg. Der Verlag betrieb zunächst eine wichtige Offizierszeitung und hatte es den guten Beziehungen des Verlegers zu Hindenburg aus dessen Oldenburger Zeit zu verdanken, dass der Verlag trotz der übermächtigen Konkurrenz des Militärverlags E. S. Mittler 1915 mit der Reihe »Der große Krieg in Einzeldarstellungen« in eine offizielle Kriegsberichterstatter-Funktion einrücken konnte. Nach 1918 übernahm das Potsdamer Reichsarchiv die Rolle des offiziellen Verhandlungspartners und dank des Engagements des Verlages konnte Major Soldan die Schlachten des Weltkriegs und die Erinnerungsblätter deutscher Regimenter publizieren, die »den Namen des Olden78 79 80 81 82

Vgl. Gerlach: Entwicklung und Bücher, S. 162 –168. Ein deutscher Verlag, S. 64. Ein deutscher Verlag, S. 72. Ein deutscher Verlag, S. 87. Zum Heinrich Beenken Verlag siehe auch Stark: Entrepreneurs of Ideology. Dieses grundlegende Werk behandelt außerdem die Verlage Eugen Diederichs, J. F. Lehmann, Hanseatische Verlagsanstalt und Gerhard Stalling.

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burger Hauses in alle deutschen Gaue« hinaustrugen.83 Im Hinblick auf die mit der 100.000 Mann-Armee geschrumpfte Zielgruppe der aktiven Offiziere richtete sich Stallings Militärzeitschrift Deutsche Wehr bald an ein breiteres Publikum: Die kleine Wehrmacht allein konnte die Zeitschrift nicht tragen. Es entsprach aber u. a. der neuen Zielsetzung, vor allem zunächst einmal den Wehrwillen und die Wehrfreudigkeit in weitesten Teilen des Volkes anzufachen. Dazu war es notwendig, sich an die jüngere Generation zu wenden, die in verschiedenen nationalen Verbänden im gleichen Sinne zu arbeiten suchte. Vor allem trat über solche Bestrebungen eine immer mehr sich festigende Verbindung mit der SA ein, die damals neben dem Stahlhelm wesentlichster Träger des Wehrgedankens war.84 Auch wenn aus der Sicht von 1939 die Verbindungen Stallings zur SA deutlich überbetont wurden, ist eine zielgruppengemäße Politisierung des Programms nicht zu übersehen. Sie lief im Kern auf die Popularisierung des heroischen Bildes vom Weltkrieg hinaus, das der neue Starautor Werner Beumelburg vor allem mit dem Bestseller Sperrfeuer um Deutschland kreiert hatte, wovon gleich im Erscheinungsjahr 1929 100.000 Stück und bis 1939 nicht weniger als 378.000 Exemplare erscheinen konnten.85 Die politische Zielrichtung des Verlages verdeutlicht die von Heinrich Stallings Schwiegersohn Martin Venzky 1931 herausgebrachte »Stalling-Bücherei Schriften an die Nation« u. a. mit Titeln von Oswald Spengler, Ernst Krieck, Hjalmar Schacht, Arthur Moeller van den Bruck und Franz von Papen. Ein benachbartes Produktionsprofil zeigt vor allem der nach dem LandsknechtsFührer benannte Frundsberg-Verlag des Stahlhelm, wo beispielsweise Bücher von Franz Schauwecker (So war der Krieg, 1928; Aufbruch der Nation, 1930) und von Friedrich Wilhelm Heinz86 (Sprengstoff, 1930), aber auch frühe Titel Ernst Jüngers (Feuer und Blut, 1926; Das abenteuerliche Herz, 1929) erschienen. Im zänkischen Milieu der Freikorps und Wehrverbände waren Zeitschriften wie der Arminius umkämpfte Bastionen, in denen nationalistische Schriftsteller wie Ernst Jünger und Friedrich Hielscher ein Auskommen suchten.87 Später fand Ernst Jünger Kontakt zu der bündischen Zeitschrift Die Kommenden und wurde 1930 deren Herausgeber. Sie erschien im Verlag Erich Röths.

Verlage der bündischen Jugendbewegung: Erich Röth und Erich Matthes Erich Röth hatte 1920 eine Buchhandlung in Mühlhausen gegründet: »Seine Bücherkarren stehen auf den Wochenmärkten, mit einem fahrbaren Lager läßt er die Dörfer bereisen.«88 Daraus ging 1921 zunächst der Urquell-Verlag für »neu- und jungdeutsches Schrifttum« hervor, aber auch Wertarbeit und Wanderausrüstung wurden vertrieben – der Verlag machte seinem Namen als agiles Zentrum aller möglichen Bünde und Sekten Ehre. In Mühlhausen, später in Eisenach und seit 1926 auf einem Bauernhof in seinem Geburtsdorf Flarchheim, erschienen neben thüringischen Heimatbüchern Bücher über 83 84 85 86 87 88

Roth: Einhundertfünfzig Jahre Gerhard Stalling. Roth, S. 132. Vgl. Roth, S. 150 f. Meinl: Nationalsozialisten gegen Hitler. Vgl. Jünger – Hielscher. Briefe 1927 –1985, S. 14 –16. Erich Röth-Verlag 1921 –1981.

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Runendenkmäler oder auch, unter dem Titel Kann uns die Edda Religionsbuch werden?, 52 Edda-Andachten sowie die Worte an eine Schar von Georg Stammler, einem »richtunggebenden Führer zu einer das ganze deutsche Menschentum durchwirkenden und wesenhaft bestimmenden Deutschheit«.89 Röth erwarb den 1919 in München gegründeten Linda-Verlag, in dem beispielsweise Der goldene Schnitt in der Ehe, eine Naturgemässe Zarathustrische Temperamentslehre und ein Buch über Chiromantie erschienen. Er lieferte das Programm dreier weiterer Szene-Verlage aus: des Stuttgarter MimirVerlages »für Deutsche Kultur und soziale Hygiene«, des dem Werk des Ariosophen Ellegard Ellerbeck gewidmeten Drei-Adler-Verlages in Mühlhausen und des auf Lebensreform und Körperkultur spezialisierten Lichtkampf-Verlages in Heilbronn, später Kettwig.90 Röth betrieb eine undurchsichtige Kooperation mit dem 1919 gegründeten Hakenkreuz-Verlag Bruno Tanzmanns,91 schon im Kaiserreich einer der rührigsten völkischen Propagandisten aus der Gartenstadt Hellerau bei Dresden: »Dort gründete er eine ›deutschbewußte Wanderschriftenzentrale‹, einen Lesering zur Verbreitung der Schriften Theodor Fritschs und im Kriege eine Feldbücherei mit ausschließlich ›arischem Schrifttum‹.«92 1921 musste Röth die Junge Volksgemeinde eingehen lassen, wollte aber die 300 Leser für eine neue, nach dem Sylter Freiheitshelden Pidder Lyng (»Lewwer duad üs Slaaw!«) benannte Halbmonatszeitschrift retten. Um die Leser an Pidder Lyng zu binden, sollte die erste Nummer mit den dem Leser der Jungen Volksgemeinde vertrauten völkischen Wahrsprüchen Georg Stammlers gespickt werden, Röth selbst wollte einen Aufsatz über seinen Autor beisteuern. Zugleich plante Röth, eine Bauern- und Führerhochschule einzurichten, für die Pidder Lyng dann als Mitteilungsblatt fungieren könnte. »Die rein deutschgläubigen Aufsätze hättest Du in Beiheften zu sammeln, die wir dann gesondert herausgeben würden.«93 So wuchs um die Zeitschrift ein kleines Buchprogramm. 1929 wurde Röth zum Verleger der bündischen Zeitschrift Die Kommenden, die, redigiert von Karl O. Paetel, die NSDAP von nationalrevolutionären, auch mit der KPD liebäugelnden »nationalbolschewistischen« Positionen aus kritisierte. Hier debattierten die Adler und Falken, die Geusen, die Freischar Schill, Wandervögel und Fahrenden Gesellen am Abgrund ihres geliebten Reiches im Geiste idealistischen FrontkämpferOpfermutes bis 1933 über die letzten Fragen – tatsächlich wurde hier eine Startrampe für nachhaltige Widerstandsaktivitäten geschaffen. Die wichtigsten im engeren Sinne bündischen Verlage der Jugendbewegung waren – neben dem Urquell-Verlag Erich Röths – der aus der Bundeskanzlei des Wandervogels hervorgegangene Greifenverlag in Rudolstadt,94 der Karl Rauch Verlag, der Verlag Der weiße Ritter Ludwig Habbels und Ludwig Voggenreiters und der Erich Matthes Verlag in Leipzig. 89 90 91 92 93

Werbeprospekt des Erich Röth-Verlags. Vgl. Ulbricht: »Die Quellen das Lebens rauschen«, S. 184. Piefel: Bruno Tanzmann, S. 255 –280. Ulbricht: »Die Quellen das Lebens rauschen«, S. 185. Erich Röth (Urquell-Haus) an Guntram Erich Pohl, 1. im Jul (d. i. Dezember) 1921, Privatarchiv Justus Ulbricht. 94 Wurm/Henkel/Ballon: Der Greifenverlag zu Rudolstadt.

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Von diesen Verlagen besaß vor allen Erich Matthes ein extrem völkisches, auf die ganze Szene ausstrahlendes Profil. Der Verlag wurde zunächst als Einmannbetrieb geführt, wobei der Hofmeister-Verlag, dem Matthes den Liederbuchklassiker der Jugendbewegung Zupfgeigenhansl vermittelt hatte, die Kommission übernahm. Der 1913 gegründete Verlag agierte von Beginn an nicht nur als Zentrum des »deutschbewußten« Flügels des Wandervogels, dessen Führerzeitung er herausgab, sondern ähnlich wie der Hammer-Verlag des befreundeten Theodor Fritsch95 auch als Plattform radikalantisemitischer Bestrebungen.96 Hierfür standen die Rassezuchtphantasien Varuna und Mittgart. Ein Weg zur Erneuerung der germanischen Rasse Willibald Hentschels, deren Bedeutung der sendungsbewußte Autor erläuterte: Soll dies nun das Ende sein? Nein und wieder nein; dieselbe Zeit, die uns so tief erniedrigt sah, sie ist auch die Zeugin neuer und kühner Entwürfe. Diese sind dem jungen Deutschen in Schriften vorgezeichnet, die der Verlag von Erich Matthes herausgab: die Einführungsschrift des Mittgartbundes und das neuverlegte Werk ›Varuna‹. Darin werden die tieferen Zusammenhänge des Lebens aufgedeckt und seine verschütteten Quellen […].97 Zum größten, das Verlagsprogramm tragenden Erfolg wurde 1921 Artur Dinters Die Sünde wider das Blut, wovon über 200.000 Stück gedruckt worden sind. Allerdings betrieb Dinter seit 1928 als geschäftstüchtiges Haupt einer Religionsgemeinschaft »zur Vollendung der Reformation durch Wiederherstellung der reinen Heilandslehre« einen eigenen Verlag in Patschkau, die Geistchristliche Verlagsanstalt, und führte dort zur Tilgung der hohen Schulden eine »Lutherspende« ein.98

Rhetorik völkischen Marketings Matthes, das gehörte geradezu zum Credo dieses völkischen Verlegers, ermahnte seine Zielgruppe immer wieder zur Pflege der Werke des »Verlagsheiligen« Gobineau, den er aus der »Büchergruft« erweckt habe, um der deutsch-völkischen Leserwelt Werke in die Hand zu geben, die ihrer Lebensanschauung Worte leihen. Möchten sie ihre Aufgabe erfüllen, empfänglich gestimmte Seelen im Sinne des Weltbildes, das sie durchblutet, dauernd zu beeinflussen; möchten sie die Einsicht befördern, daß jeder Weltanschauung ihre stärksten Hilfen großen Kunstwerken verdankt und es daher im höchsten Interesse des nationalen Gedankens ist, wenn die Kreise, die sich um ihn scharen, so lange unermüdet für die Verbreitung der drei Bücher wirken, als sie noch nicht ihre Sendung erfüllt haben, allen ernsten Deutschen die Elemente germanischen Fühlens in ewigen Sinnbildern vor die Augen zu stellen […].99 95 96 97 98

Herzog: Theodor Fritschs Zeitschrift Hammer, S. 153 –182. Vgl. Ulbricht: »Lebensbücher sind nicht Lesebücher!«, S. 141 –143. Hentschel: Der junge Deutsche am Scheideweg, S. 249. Bundespfarrer Günter Niemack, Bericht über die 3. Hauptversammlung der Geistchristlichen Religionsgemeinschaft. In: Das Geistchristentum, Heft 46, Gilbhardt (Oktober) 1931, S. 439 und 444 (Privatarchiv Justus Ulbricht, a.a.O.). 99 Verlagsprospekt Erich Matthes.

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Im völkischen Gesinnungsbuchhandel wurde typischerweise starker moralischer Druck auf den Leser ausgeübt. Nicht viel anders warb der antisemitische Hammer-Verlag 1926: »Die Verwirklichung ideeller Ziele setzt den Beistand der Gesinnungsfreunde voraus. Der seiner Verantwortung gegenüber der Nation sich bewußte Verlag bedarf der Mithilfe des deutsch fühlenden und wollenden Publikums, die sich in Kauf und Verbreitung seiner Schriften bestätigt. Nur dann können sie ihre hohe Sendung erfüllen, die Sehnsucht nach dem Dritten Reiche sozialer Gerechtigkeit in immer mehr Herzen zu lichter Lohe zu entfalten.«100 Die Betonung eines geschäftsfernen idealistischen Opfermuts gehörte zu den Spezifika des rechten Verlagsspektrums, wie ein weiteres Beispiel für offensichtliche Bauernfängerei aus den Nordischen Stimmen. Zeitschrift für deutsche Rassen- und Seelenkunde demonstriert. Dort wurde Anfang 1933 für Bücher des Adolf Klein Verlags wie Midgards Untergang geworben: Haben Sie schon bedacht: daß ringsum alles zerfällt, daß es keine Rettung mehr gibt, wenn wir untätig die Hände in den Schoß legen, daß die nordische Front so ziemlich allein steht … Haben Sie schon etwas getan, unser Fähnlein durchzukämpfen? Haben Sie schon neue Leser für die ›Nordischen Stimmen‹geworben? Haben Sie schon unser gemeinsames nordisches Schrifttum gelesen? Haben Sie schon für die Verbreitung dieses Schrifttums gesorgt? Nicht? – Aus Geldmangel? Unser nord. Schrifttum ist von solcher Wichtigkeit, daß Sie es lesen müssen, daß Sie verbreiten helfen müssen.101 Womöglich noch nachdrücklicher wirkte der folgende Lesetipp: »Von der Verbreitung des Inhalts dieses Werkes hängt die Befreiung des einzelnen Deutschen, des deutschen Volkes und aller Völker ab.« Mit diesen Worten empfahl Erich Ludendorff, der Sieger von Tannenberg, seiner Frau Mathilde das Buch Erlösung von Jesu Christo, das 1931 im eigenen Volkswarte Verlag erscheint.102 Ludendorffs Verlag verkaufte die Bilder und Kupferstiche des Feldherrn, seine militärischen Werke (Wie der Weltkrieg 1914 ›gemacht‹ wurde, Tannenberg, Urkunden der Obersten Heeresleitung), die Werke seiner deutschgottgläubigen Frau (Induziertes Irresein durch Okkultlehren, Christliche Grausamkeit an deutschen Frauen und Deutsche Mahnworte als Wandschmuck) sowie eine breite Palette von Werken »gegen die überstaatlichen Volksverderber«, Freimaurer, die »jüdisch-römische« Kirche (Judengeständnis: Völkerzerstörung durch Christentum), »Juda« (Martin Luther: Von den Jüden und ihren Lügen) und Nationalsozialismus (Heraus aus dem braunen Sumpf, Hitlers Verrat der deutschen an den römischen Papst, Die Maske herunter!), um das wahre Gesicht des Nationalsozialismus zu zeigen: »Hitler, der Jurisdiktion des römischen Papstes unterworfen – täuscht den protestantischen Norden – bekämpft das völkische Freiheitsringen des Hauses Ludendorff in niedrigster Weise – und duldet ›Röhmische Führung‹ der deutschen männlichen Jugend.«103 100 101 102 103

Verlagsverzeichnis Hammer-Verlag 1926. Nordische Stimmen 1933, Heft 1, S. 17. Werbeprospekt Ludendorffs Volkswarte Verlag, S. 15. Werbeprospekt Ludendorffs Volkswarte Verlag, S. 21.

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Völkischer Gesinnungsbuchhandel war kein Selbstläufer, die pathetischen Appelle an die nationale Pflicht zum Bücherkauf lassen sich gelegentlich auch als Zeichen der Resignation deuten. So stand der Hakenkreuz-Verlag Bruno Tanzmanns 1926 vor dem Ruin und ging wie der Erich Matthes Verlag 1929 bankrott. Neben Verlagen wie Curt Kabitzsch, wo Gustaf Kossinna zur germanischen Vorgeschichte publiziert, klagte zwischen 1927 und 1929 selbst der einschlägige Marktführer J. F. Lehmann über das nachlassende Interesse für Rassenanthropologie.104

Julius F. Lehmann und die Anfänge eines nationalsozialistischen Verlagswesens Julius F. Lehmann (1864–1935) war schon im Kaiserreich die dominierende Verlegerpersönlichkeit der radikal deutschbewussten Szene. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Spitzenfunktionär des Alldeutschen Verbandes in München zum Zentrum, Mäzen und Motor unterschiedlichster nationalistischer Zirkel, der Thule-Gesellschaft, des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes, sowie der aufsprießenden Wehrverbände und Freikorps und nicht zuletzt der NSDAP. Er verlegte Houston Stewart Chamberlain und die Zeitschrift Deutschlands Erneuerung. Seine Leidenschaft gehörte jedoch der Rassentheorie, als deren Vorkämpfer er systematisch H. F. K. Günther105aufbaute. Lehmann machte den Rassegedanken populär, um die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit bestimmter Maßnahmen zu überzeugen (Zuchtauswahl, Rassenzeugnis vor der Ehe usw.), welche die deutsche Rasse vor ›Entartung‹und Niedergang bewahren sollten. So war Lehmann der Auffassung, ›Minderwertige‹ seien grundsätzlich zu sterilisieren. Er hoffte, mit Hilfe seiner Autoren könne »ein klares Programm aufgestellt werden, das dann bei Schaffung einer Diktatur zum Gesetz erhoben wird.«106 Kennzeichnend für Lehmann war, dass die Initiative zu dieser Literatur häufig nicht mehr vom Autor ausging: »Auch im Fall von Lenz’ rassenhygienischen Schriften spielte Lehmann eine entscheidende Rolle; er regte Lenz nicht nur zum Schreiben an, sondern spornte ihn direkt zum Verfassen von Büchern und Artikeln über rassische Fragen an.«107 Auch H. F. K Günther hatte er zunächst mit Hilfe des Rasseforschers Alfred Ploetz und des Eugenikers Eugen Fischer gründlich examiniert, bevor er ihm die Durchführung seiner verlegerischen Pläne anvertraute: »Lehmann war so überzeugt von der Wichtigkeit des Buches, daß er Günther dazu überredete, den Lehrerberuf aufzugeben. Während der nächsten beiden Jahre wurde Günther vom Hause Lehmann finanziell unterstützt, während er Forschungen anstellte und schrieb.«108 Die 1922 erschienene Rassenkunde des deutschen Volkes erreichte bis 1933 16 Auflagen bei 50.000 verkauften Exemplaren, bis 1943 kam eine Kurzfassung auf 272.000 Exemplare.109 Im April 1919 gründete J. F. Lehmann den Deutschen Volksverlag unter Leitung von Dr. Ernst Boepple, um antisemitische Hetzschriften wie Wilhelm Meisters (d. i. Paul Bang) Judas Schuldbuch zu verlegen. Dieser Verlag wurde zum Hausverlag der 104 Vgl. Wiede: Rasse im Buch, S. 50 f. 105 Lutzhöft: Der nordische Gedanke in Deutschland. 106 Stark: Der Verleger als Kulturunternehmer, S. 310; siehe auch Die »rechte Nation« und ihr Verleger. 107 Stark: Der Verleger als Kulturunternehmer, S. 310, Fn 70. 108 Stark, S. 301. 109 Vgl. Wiede: Rasse im Buch, S. 49.

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DAP, in dem der Parteigründer Anton Drexler (Mein politisches Erwachen) und Alfred Rosenberg (Die Spur des Juden, Unmoral im Talmud) ihre ersten Schriften verlegten. Neben dem 1915 gegründeten Hoheneichen-Verlag Dietrich Eckarts, der 1929 im Franz Eher Nachf.-Verlag aufging und zum Hausverlag Rosenbergs wurde, war Boepple der Buchverlag der NSDAP, in dem zwar nicht Mein Kampf, aber Hitlers Reden erschienen. Der Verlag Franz Eher Nachf. nahm seine Tätigkeit als Buchverlag erst 1923 auf, anfangs als »Deutschvölkische Verlagsbuchhandlung« bzw. »Verlag der Deutschvölkischen Buchhandlung«, wo zunächst eine Schlageter-Broschüre erschien. Während der Verbotszeit des Völkischen Beobachters nach dem Hitler-Putsch wuchs dem Buchverlag eine wichtige Finanzierungsfunktion zu, und Gottfried Feders »Nationalsozialistische Bibliothek« erlangte programmatische Bedeutung. Die Editionsgeschichte von Mein Kampf im Verlag Franz Eher Nachf. ist inzwischen ausführlich dokumentiert.110 Bekannt ist auch die für Hitlers Karriere bedeutsame Rolle Hugo und Elsa Bruckmanns: das Verlegerehepaar öffnete Hitler den Weg in den bürgerlichen Salon und reiche Geldquellen. Ihr Verlag selbst behielt, vom Hausautor Houston Stewart Chamberlain einmal abgesehen, bis 1933 jedoch sein bürgerliches Profil.111 Ein genuin nationalsozialistisches Verlagswesen war in der Weimarer Republik insgesamt relativ schwach entwickelt. Der Wilhelm Andermann Verlag beispielsweise, aus dem im »Dritten Reich« die Buchgemeinschaft Der Braune Buch-Ring hervor wuchs, ist trotz Schenzingers Klassiker Der Hitlerjunge Quex von 1932 vorher kaum als nationalsozialistischer Verlag anzusprechen, sondern verlegte in den zwanziger Jahren Bücher im Auftrag des Zentrums und der DNVP.

Der Verlagskonzern des DHV Bemerkenswert sind dagegen die Aktivitäten, die der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband (DHV)112 entfaltete, mit 400.000 nichtjüdischen männlichen Mitgliedern die größte Angestelltengewerkschaft der Welt; Anfang der 1930er Jahre schienen sie in ihrer Summe auf eine »literarische Diktatur der Handlungsgehilfen« hinauszulaufen. Motor der Expansion waren 1926 der Bau einer Großdruckerei in Wandsbek und vor allem die vielumrätselte Bereitschaft der Verbandsführung, Riesenbeträge in marode Prestigeverlage wie Georg Müller und Albert Langen zu investieren, die 1931 zum Langen-Müller Verlag zusammengeschlossen wurden.113 Der geistige Kopf dieser Bestrebungen war Wilhelm Stapel, zwischen 1918 und 1938 mit seiner gefürchteten spitzen Feder Herausgeber der Zeitschrift Deutsches Volkstum. Stapel repräsentierte als vormaliger Geschäftsführer des Dürerbundes ein kulturkritisches, christlich geprägtes Volkstumskonzept mit antisemitischen Akzenten und begriff den verlorenen Krieg im Sinne der Fichte-Gesellschaft als Verpflichtung zu einer vertieften Volksbildung, die auf die systematische buchhändlerische Erschließung des rechtefrei gewordenen spätromantischen Erbes, der »Schatzkammer des deutschen Volkes«, hinaus110 Plöckinger: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers »Mein Kampf«. 111 Vgl. Martynkewicz: Salon Deutschland; zur Geschichte des Verlags siehe auch: Die Welt neu entdecken. 150 Jahre Bruckmann. 112 Hamel: Völkischer Verband und nationale Gewerkschaft. 113 Vgl. Meyer: Die Verlagsfusion Langen-Müller.

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lief. Damit wurde er Berater der um bürgerliche Reputation besorgten Bildungspolitiker der DHV-Führung, die wie der spätere Widerstandskämpfer Max Habermann, der Erfinder der Buchgemeinschaft Albert Zimmermann und Stapel selbst gelernte Buchhändler waren. Ihre Angestellten sollten das Erbe des Bildungsbürgertums antreten, der Besitz gebundener Bücher wurde zum Fetisch, um Proletarisierungsängste zu verscheuchen. Allerdings eignete sich dafür nicht jedes Buch. 1921 klagte das Jahrbuch des DHV: Ja. Das ist das große Elend, die fremde undeutsche Literatur überschwemmt förmlich den deutschen Buchmarkt. Die Erzeugnisse von Heinrich Mann und Georg Hermann, Meyrink, Buber, Edschmidt[!] und Wassermann liegen in allen Schaufenstern der Buchläden, auf allen Ladentischen und daneben stehen Tolstoi und Dostojewski, Laotse und Buddha. Sozialistische Schriften aus den Verlagen von Cassirer und Dietz fehlen nirgends […]. Wo der deutsche Buchhandel aus Bequemlichkeit und Lauheit versagt, da heißt es für unsere Buch- und Schriftenvertriebsstellen auf dem Plan sein. Mithelfen an ihrem Aufbau wäre Pflicht jedes denkenden deutschnationalen Handlungsgehilfen, und so schwer ist doch die Arbeit nicht, wo wir in mehr denn hundert Städten in Ortsgruppen- und Gaugeschäftsstellen den besten Rückhalt besitzen. Ausbau und Verbreitung dieses Schrifttums bedeutet Sieg des deutschen Geistes.114 Antisemitismus wurde von den ›Hanseaten‹ systematisch als Marketinghebel gegen die Konkurrenz genutzt. So wurden die Buchgemeinschaftswerber 1931 im Stil Adolf Bartels aufgeputscht: »Wußten Sie schon, daß in einem Auswahlband der Deutschen Buchgemeinschaft Die deutsche Novelle der Gegenwart neben 11 jüdischen Schriftstellern sogar 9 deutsche Autoren enthalten sind, von denen auch nur 4 wirklich einwandfreie Deutsche sind? Auch der Herausgeber selbst ist Jude.« 115 Im Feld der kleinen rechten Verlage der zwanziger Jahre wirkte der reiche DHV mit seiner Hanseatischen Verlagsanstalt, gestützt auf die zunehmend lukrative Buchgemeinschaft »Deutschnationale Hausbücherei« und das Zahlstellennetz seiner Krankenkasse wie ein Magnet. Der Verband verfügte über eine Versicherung (Deutscher Ring), eine Wohnungsbaugesellschaft (Gagfah), eine Bank und ein Dutzend Zeitschriften, und er nutzte seine verlegerischen Mittel für eine Politik der Querverbindungen zu allen Parteien und Verbänden rechts von der SPD. Über seine Wanderorganisation, die »Fahrenden Gesellen«, unterhielt der DHV Beziehungen zur bündischen Jugendbewegung und ihren Verlagen, die er mit Anzeigen und Buchabkäufen subventionierte. Der DHV unterstützte Die Kommenden, den Greifenverlag und den Widerstands-Verlag Ernst Niekischs. Albrecht Erich Günther (nicht zu verwechseln mit dem »Rassegünther«), nationalistischer Freikorpskämpfer und Mitherausgeber des Deutschen Volkstums, nahm Kontakt zu Carl Schmitt und Ernst Jünger auf, dessen Arbeiter 1931 in der Hanseatischen Verlagsanstalt Furore machte. Brüning zuliebe wurden eine Pressefront aufgebaut und der katholische Kunstverlag Benno Filser vor der Pleite gerettet. Der Eduard Avenarius-Verlag mit der Schönen Literatur (später: Die Neue Literatur) Will Vespers wurde gekauft. Die Drückerkolonnen des DHV machten Hans Grimms Volk ohne Raum zum Bestseller. Die über 114 Werner Finger: Um’s deutsche Schrifttum, S. 148 f. 115 Der Mitarbeiter, Januar/Februar 1932.

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seine Fichte-Hochschule laufenden Beziehungen Stapels zum Netzwerk des jungkonservativen Juni-Klubs116 verdichteten sich im Erwerb des Ring-Verlages mit dem ominösen Buch Das dritte Reich von Arthur Moeller van den Bruck.117 Die ganze Bedeutung dieser Umtriebigkeit zeigte sich erst 1933, als Langen-Müller mit seinen beiden der Reichsschrifttumskammer präsidierenden Hausautoren HansFriedrich Blunck und Hanns Johst, mit den neuen Olympiern Hans Grimm, Knut Hamsun und Erwin Guido Kolbenheyer zum führenden Dichterverlag avancierte – die DHVAutoren dominierten mit Blunck, Claudius, Ernst, Griese, Grimm, Rudolf Huch, Johst, Kolbenheyer, Schäfer, Schaffner, Strauß, Vesper, Wehner trotz der Absage Ernst Jüngers klar die neue Deutsche Akademie der Dichtung.118 Der Lektor der Hanseatischen Verlagsanstalt Gunter Haupt wurde Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer, Hellmuth Langenbucher von Langen-Müller übernahm als Nachfolger von Gerhard Menz das Börsenblatt und Will Vesper schwang sich zum antisemitischen Literaturpapst auf. Das von den DHV-Buchhändlern in den zwanziger Jahren über die Szene der rechten Verlage gewobene Netz präformierte eine neue Buchkultur, die im Gegensatz zu den wenigen im engeren Sinn nationalsozialistischen Verlagen auch bei dem damaligen bürgerlichen deutschen Lesepublikum einer gewissen Akzeptanz rechnen konnte.

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Olaf Blaschke und Wiebke Wiede 5.2.8 Konfessionelle Verlage Konfessionen und konfessionelle Verlage in der ungeliebten Republik Deutschland blieb auch nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution ein konfessionell zutiefst gespaltenes Land. Der 1914 ausgerufene »Burgfriede« hatte zwar »die Milderung der konfessionellen Gegensätze«1 und in den letzten Kriegsjahren das Ideal der geeinten »Volksgemeinschaft«2 hervorgebracht, es vermochte jedoch die subkulturellen Sollbruchstellen nicht zu kitten. Vielmehr kam es in der Weimarer Republik erneut zu einer »Verschärfung des konfessionellen Gegensatzes«.3 Er sollte sich als Sand im Getriebe der Republik auswirken und verstärkte nur die Sehnsucht nach sozialer Harmonie. Ein Ausdruck und zugleich ein Antrieb dieses konfessionellen Antagonismus war – neben den Parteien, dem Vereins- und Schulwesen sowie sozialen und kulturellen Praktiken – der »konfessionelle Verlag«, ein Begriff, der sich erst unter den Nationalsozialisten verbreitete. Große Teile des Verlagswesens, Buchgemeinschaften und Sortimenter leisteten einen erheblichen Beitrag zur konfessionellen Identitätsstiftung und zur Dramatisierung der Konfessionsgrenzen.

Protestanten in der Defensive Die konfessionellen Verhältnisse des Kaiserreichs schienen in der Weimarer Republik auf den Kopf gestellt: Protestanten fühlten sich nicht mehr oben, sondern als Opfer des erstarkenden Katholizismus. Über die tiefe Zäsur des Krieges und des Zusammenbruchs der Monarchien sollte man jedoch nicht übersehen, dass wesentliche Kontinuitätslinien fortbestanden. Der politische Umbruch am 9. und 11. November 1918 bildete keine »Stunde Null«. Dennoch durchlebten die Kirchen und ihre Gläubigen die Erfahrung radikaler Veränderung. Über den Protestanten brach das schützende Dach ihrer Fürstenhäuser zusammen. Sie verloren nicht nur ihren Landesherren, sondern ihren Summus Episcopus, ihren Kirchenherren und ihre Kirchenorganisation. Tatsächlich aber dominierten in den 28 Landeskirchen konservative Vertreter des Kaiserreichs, während liberale und republikanische Akteure geschnitten wurden. Der Neuanfang wurde verpasst, bewährte Netzwerke und überkommene Mentalitätsstrukturen überlebten. Zugleich wuchsen die Ängste vor den »Roten« und den »Schwarzen«, obwohl der Anteil der Katholiken spürbar zurückgegangen war. Während sie 1910 noch eine Minderheit von 36,4 % gebildet hatten (Protestanten: 61,4 %, Juden: 0,95 %), war ihr Anteil durch die Abtrennung der mehrheitlich katholisch besiedelten Gebiete auf 32,4 % gesunken (Protestanten: 64,1 %). Hatten Protestanten im Kaiserreich selbstbewusst die hegemoniale Leitkultur gebildet, als Bismarck die Katholiken im Kulturkampf und die Sozialisten durch die 1 So 1916 die Diagnose von Mausbach: Der konfessionelle Friede, S. 474. 2 Vgl. Verhey: Der »Geist von 1914«. 3 Büttner: Weimar, S. 280.

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Sozialistengesetze in Schach zu halten versuchte, so schien sich der Wind plötzlich gedreht zu haben. Der Preußische USPD-Kultusminister Adolph Hoffmann kündigte am 16. November 1918 an, sämtliche staatlichen Zuschüsse für die Kirchen zu streichen. Die Trennung von Staat und Kirche und die Abschaffung des Religionsunterrichts konnten zwar im Januar 1919 gestoppt werden. Die Weimarer Reichsverfassung beließ den Kirchen ihren Status als öffentlich-rechtliche Körperschaften. Doch die HoffmannEpisode und die Räteexperimente in Russland, Ungarn und Deutschland traumatisierten konservative Protestanten dauerhaft und bestätigten sie in ihrer Aversion gegen Sozialismus und Bolschewismus. Neben die rote schob sich jedoch nun immer stärker die schwarze Gefahr. Noch 1932 sah das Evangelisch-protestantische Gemeindeblatt für Neustadt nur die »Unterdrückung der Evangelischen und Beschneidung ihrer Lebensrechte durch regierende kath. Parteien«. Man müsse sich wehren, »der ultramontanen Sturmflut einen Damm entgegensetzen«.4 Längst lockte – ein verheerendes Resultat der konfessionellen Ängste – die NSDAP als »evangelisch-ländliche Milieupartei«.5

Katholiken nach der Gettozeit Die bewährte Milieupartei des Katholizismus war das Zentrum mit seinen neuen bayerischen Schwesterpartei, der Bayerischen Volkspartei. Dank des Frauenwahlrechts startete der politische Katholizismus relativ erfolgreich. Immerhin 60 % der wahlberechtigten Katholiken gaben dem Zentrum ihre Stimme, doch der Anteil schrumpfte. Zwischen 1920 und 1932 erlebte es einen Stimmenrückgang von 13,6 % auf 11,8 %. Dennoch stellte die Zentrumspartei, im Kaiserreich noch als reichsfeindlich diskreditiert, in der Republik in neun von zwanzig Reichskabinetten den Kanzler. Sie war von 1919 bis zum Sturz des Kabinetts Heinrich Brünings an sämtlichen Regierungen beteiligt. Daran konnten sich viele Protestanten nur schwer gewöhnen. Ihre Ressentiments wurden geschürt durch triumphalistische Töne im »Sieg-Katholizismus« mit Parolen wie: »Deutsche Katholiken, eure Stunde ist gekommen«.6 Tatsächlich entwickelten sie ein neues Selbstbewusstsein. Ihr notorisches Bildungs- und Karrieredefizit sank. Im Kontrast zur erodierenden politischen Geschlossenheit blühte der vorpolitische Katholizismus mit seinem Vereins- und Verlagswesen.7 An bestimmten Punkten zeigte der Katholizismus immer wieder seine Binnensolidarität, etwa als das Parlament 1923 ein Reichsschulgesetz diskutierte. Die vom Episkopat initiierte Unterschriftenaktion ergab, dass von 11 Millionen wahlberechtigten Katholiken über 78 % die Beibehaltung der konfessionellen Volksschule verlangten.8 Auch die katholische Amtskirche erweiterte ihre Einflusssphäre. Ihre Strukturen waren durch den Umbruch 1918/1919 nicht tangiert worden, im Gegenteil: Durch die Weimarer Verfassung und anschließende Konkordate mit Bayern (1924), Preußen (1929) und Baden (1932) festigte sie manche Privilegien. Ihr Wirkungsradius wurde durch die Tendenz der Klerikalisierung noch verstärkt. Die Katholische Aktion, die von 4 5 6 7 8

Fandel: Konfession und Nationalsozialismus, S. 107 Pyta: Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918–1933, S. 324 f. Peter Wust 1924 zit. n. Hürten: Deutsche Katholiken, S. 65. Vgl. Weichlein: Sozialmilieus und politische Kultur in der Weimarer Republik. Hoeber: Franz Xaver Bachem, S. 324 f.

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Pius XI. 1922 ausgerufene Laienmobilisierung, sollte unter klerikaler Anleitung agieren, auch wenn sie in Deutschland wegen des schon vorhandenen reichhaltigen Vereinsangebots recht schwach ausgeprägt blieb. Auch die Zentrumspartei geriet auf Ortsebene, in den Ländern und 1928 mit der Einsetzung von Prälat Ludwig Kaas zum Parteivorsitzenden unter stärkeren klerikalen Einfluss. Obwohl unter rechtskatholischem Einfluss seit der Kanzlerschaft Brünings die Republik zunehmend ausgehöhlt wurde, verstand sich das Zentrum als »Verfassungspartei«. Die Republikloyalität des Wahlvolkes fußte weniger auf Überzeugung als vielmehr auf Vernunftrepublikanismus. Die ungeliebte Republik trug den Geburtsmakel der Revolution und schien angesichts der ökonomischen, sozialen und politischen Belastungen überfordert. »Diese negative Monarchie, die nur deshalb keine ist, weil ihr der Monarch ausgekniffen ist, hat nicht einmal das eine von ihrem Vorgänger übernommen, dessen Konkursmasse sie verwaltet: nicht einmal den Selbsterhaltungstrieb«, diagnostizierte Kurt Tucholsky 1922. Es sei in der deutschen Republik ein Hindernis, Republikaner zu sein.9 In demselben Jahr offenbarte sich auf dem Deutschen Katholikentag in München der Konflikt zwischen Republikgegnern und -anhängern. Während Kardinal Michael von Faulhaber die Revolution als Hochverrat geißelte, verteidigte der Präsident des Katholikentages, Konrad Adenauer, die Verfassung, die man für die heutigen Zustände nicht verantwortlich machen dürfe. Noch 1926 klagte Faulhaber, die Verfassung verstoße gegen das erste Gebot.10 Für viele Gläubige war es nicht leicht zu akzeptieren, dass alle Staatsgewalt nun vom Volk statt von Gott ausgehen sollte. Seit den Lateranverträgen 1929 breitete sich im Katholizismus sogar ein gewisser Philofaschismus aus, der das italienische Modell als Alternative zur Weimarer Republik und zum drohenden Nationalsozialismus ansah.11

Konfessionalismus und Konfession Der Konfessionalismus war ein wichtiger Teil der Weltanschauungskämpfe jener Jahre. Allenthalben verschärften sich Anti-Haltungen wie Antirepublikanismus, Antiparlamentarismus und Antikapitalismus, Antibolschewismus, Antisemitismus und Rassismus,12 aber auch Antilaizismus, Antiprotestantismus bzw. Antikatholizismus. In der katholischen Kirche war der Glaube an die Alleinvertretung der Wahrheit kaum zu hinterfragen. Protestanten, im Alltagsjargon gerne als »Ketzer« bezeichnet, sollten eines Tages in die Arme der Mutter Kirche zurückfinden. Wie Protestanten 1871 die Gründung des Kaiserreiches als Erfüllung von Luthers Reformation gefeiert hatten, konnten Katholiken nun den Untergang des Kaiserreichs als Gottes Verwerfung der Reformation deuten. Insgesamt wurden Protestanten aber eher bedauert als attackiert. Ganz anders erging es dem Papst, den Klerikern, den Jesuiten, den Kirchenfrommen, kurz: dem

9 Tucholsky: Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 993 f. 10 Vgl. Hürten: Deutsche Katholiken, S. 58 –61. 11 Schieder: Das italienische Experiment; vgl. Schreiner: »Wann kommt der Retter Deutschlands?«. 12 Vgl. Blaschke: Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich; Walter: Antisemitische Kriminalität und Gewalt.

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römischen Katholizismus. Er erwies sich als attraktive Zielscheibe völkischer Kreise, aber auch im heterogenen Protestantismus diente der Antikatholizismus als Bindemittel. Um zu verstehen, wie konfessionelle Verlage daran mitwirkten, ist es wichtig, zwei Phänomene voneinander zu unterscheiden: den Konfessionalismus und Konfession als geschichtsmächtigen Faktor. Konfessionalismus ist die Überbewertung des eigenen konfessionellen Erbes bei Hervorhebung von Differenz. Deshalb erging er sich in antikatholischer, antiprotestantischer und antijüdischer Polemik. Auch die antikonfessionelle Agitation von Sozialdemokraten und Nationalsozialisten zeugt von der Virulenz des Konfessionalismus.13 Er manifestierte sich auf vielen Ebenen, etwa im Vereinswesen, an vorderster Front der 1887 gegründete Evangelische Bund, der sich im »permanenten Kriegszustand« mit dem Katholizismus befand und 1926 immerhin noch 300.000 Mitglieder zählte.14 Auch Politik und Alltag waren von konfessionellen Konfliktlinien durchzogen. Stereotypen wurden im »Kulturkampf von unten« auf beiden Seiten ausgetauscht. Katholische Predigten schärften den Gläubigen ein, ihr ewiges Seelenheil nicht aufs Spiel zu setzen und folglich näheren Kontakt zu Andersgläubigen zu vermeiden, was Protestanten wiederum als Beleidigung empfanden.15 Der Konfessionalismus machte sich breit in der höheren wie niederen Kultur, in der Literatur und im Buchhandel. Vom Konfessionalismus zu unterscheiden ist der Faktor Konfession: die konfessionelle Prägung der Gesellschaft, der Alltagspraxis und der Mentalitäten. Katholiken waren in den höheren Rängen besonders in Preußen unterrepräsentiert. Gegen die »instinktmäßige Bevorzugung der andern Konfession« müssten »durch bewußtes ›Darandenken‹ die berechtigten Forderungen der Katholiken berücksichtigt werden«.16 Katholiken holten in der Weimarer Republik auf, doch der konfessionelle Faktor wirkte bis in die 1960er Jahre hinein zumindest unterbewusst auf die Berufswelt, die Vergesellschaftung und die Politik ein. Die meisten Katholiken kamen gar nicht auf die Idee, SPD oder NSDAP zu wählen, einfach weil sie katholisch waren und schon die Zentrumspartei hatten, wie auch umgekehrt den meisten Protestanten nicht eingefallen wäre, die Zentrumspartei zu wählen, obwohl sie sich stets als überkonfessionell ausgab. Konfession war mehr als ein Gruppenmerkmal, sie war ein entscheidender Faktor in Gesellschaft, Kultur und Politik. Nicht einmal der Aufstieg des Nationalsozialismus lässt sich ohne sie erklären. »Maßgeblich über die Wahlentscheidung entschied nämlich die Konfession«, sie war die »einzig ›harte‹ Variable«, die dazu führte, dass Protestanten überdurchschnittlich, Katholiken unterdurchschnittlich NS-Wähler wurden.17 Außerdem vervielfältigten sich die binnenkonfessionellen Unterscheidungen und Zerwürfnisse. Rechte, vernunftrepublikanische und linke Katholiken hielten sich mühsam zusammen, vor allem aber stoben im Protestantismus abweichende politische und theologische Positionen auseinander. Schon im Kaiserreich konnte man anhand der Verlage erkennen, wer der religionsgeschichtlichen, der vermittelnden oder der konservativ-lutherischen Theologengruppe zugehörte.18 13 Vgl. Ahlbrecht: Konfessionalismus; Probleme des Konfessionalismus in Deutschland seit 1800. 14 Vgl. zum Evangelischen Bund: Müller-Dreier: Konfession und Politik, S. 333; zum Konfessionalismus vgl. Konfessionen im Konflikt. 15 Fandel: Konfession und Nationalsozialismus, S. 100. 16 Mausbach: Der konfessionelle Friede in Deutschland (1916), S. 493. 17 Wirsching: Die Weimarer Republik, S. 103. 18 Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage im Kaiserreich, S. 378.

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Konfessionelle Verlage: Nebeneinander, Gegeneinander und Miteinander Was sind konfessionelle Verlage, und was bedeutet dieser Begriff für die Zwischenkriegszeit? Wer sich auf die Suche nach einer historisch informierten Definition begibt, wendet sich an Vertreter der Buchbranche und Buchwissenschaftler, an Verlagshistoriker und Medienwissenschaftler. Sie verwenden den Begriff, historisieren ihn aber nicht. Zu den fragwürdigen Definitionsversuchen gehört die Feststellung, konfessionelle Verlage beschränkten sich darauf, »vornehmlich religiöse und theologische Schriften« zu drucken. Tatsächlich produzierten auch nicht-konfessionelle und wissenschaftliche Verlage theologische Literatur.19 Auch die Verbandsmitgliedschaft kann nur ein Indiz für die Identifikation konfessioneller Verlage sein. Soviel lässt sich sagen: »Konfessionel- Abb. 1: Dekorationsvorschlag für ein Schaule Verlage« ist ein jüngerer Dachbe- fenster . Aus: Reinecke: Das gute Buchfensgriff, der die im 19. und 20. Jahr- ter. Leipzig 1926. hundert gebräuchliche Unterscheidung von katholischen und evangelischen Verlagen einschließt, die auch das Lexikon Religion in Geschichte und Gegenwart 1957 wieder aufgriff, ohne von konfessionellen Verlagen zu reden.20 Jüdische Verlage sind nur dann als konfessionelle anzusehen, wenn das Judentum im Sinne eines religiöskulturellen Bekenntnisses verteidigt wurde, wie es seit 1893 der »Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens« vormachte. Deshalb sollen im Folgenden diejenigen Verlage als »jüdisch« gelten, die sich als spezifische Vertreter jüdischer Interessen verstanden und demnach »ausdrücklich die jüdische Kultur und Religion zu ihrem Verlagsschwerpunkt gemacht haben.«21 Ein Verlag ist nicht deshalb konfessionell – katholisch, evangelisch oder jüdisch –, nur weil sein Inhaber katholisch, evangelisch oder jüdisch war. 19 Vgl. die vagen Ausführungen bei Heinold: Bücher und Büchermacher, S. 54 f. Völlige Fehlanzeige auch in: Das BuchMarktBuch; die Klassifizierung »religiöser Verlag […], der in der Regel nur als konfessioneller Verlag bestehen kann«, im: Handbuch des Buchhandels, S. 96. 20 Matthias: Buchhandel, christlicher. (Dort: I. In Antike und Mittelalter, II. Evangelischer Buchhandel in Deutschland; III. Katholischer Buchhandel in Deutschland). 21 Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage, S. 384.

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Abb. 2: Karte zu den konfessionellen Verhältnissen in Mitteleuropa. Aus: Der Große Brockhaus, 15., völlig neubearbeitete Aufl., Bd. 15, Leipzig.

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Unter konfessionellen Verlagen sollen kommerzielle und nichtkommerzielle Zeitungs- und Buchverlage verstanden werden, deren Produkte nicht notwendig auf Religion und Theologie beschränkt blieben, sondern in weltanschaulicher Hinsicht ausschließlich oder vorwiegend, ausgewiesenermaßen oder nicht ausgewiesenermaßen einer Konfession verbunden waren, zu der auch ihre Akteure sowie Kunden überwiegend zählten, wobei die Vernetzung (bzw. auch produktive Auseinandersetzung) mit den jeweiligen religiösen Institutionen (Amtskirche, Kloster, Verein) die Regel blieb und sich die horizontale Verbindung untereinander (Verbandsgründungen) bei den Presseverlagen erst im späten 19. Jahrhundert, bei der Buchverlagen schließlich im frühen 20. Jahrhundert durchsetzte. Diese Definition bedeutet im Einzelnen: Das konfessionelle Verlagswesen teilte sich in kommerzielle und solche Verlage, die mit selbstlosem Gesinnungsengagement aus einer religiösen Institution heraus etwa missionarisches Schrifttum verbreiteten. Kleinere und mittlere konfessionelle Verlage beschränkten sich oft auf kirchenfrommes Schrifttum, auf religiöse Erbauung und theologische Literatur, soweit sie von Autoren der eigenen Anschauung stammte. Die größeren kommerziellen konfessionellen Verlage wie Herder konnten es sich leisten, auch Schriften von Andersgläubigen zu vertreiben, wenn es der eigenen Linie nicht zu sehr widersprach. Ein konfessioneller Verlag musste sich nicht als katholisch oder lutherisch ausweisen, sondern konnte sich auch »christlich« nennen oder, wie die meisten, selbst auf dieses Etikett im Verlagsnamen verzichten. Die Unternehmer sowie die Zielgruppe des anvisierten Marktsegments gehörten derselben Konfession an. Vielfach gab es enge personale und institutionelle Verbindungen mit der Amtskirche, zumal in der katholischen Kirche für religiöse Werke und solche von Priestern überdies ein Imprimatur des Ortsbischofs nötig war. Die horizontale Institutionalisierung der protestantischen und evangelischen Verlage erfolgte, nach Vorläufern im späten 19. Jahrhundert, im Jahre 1906. Von den dezidiert konfessionellen Verlagen lassen sich tendenziell konfessionelle, einer bestimmten Religionsgemeinschaft zuneigende Verlage unterscheiden. Während konfessionelle Verlage schlicht konfessionseigene Werke (den katholischen Katechismus, lutherische Gesangbücher) oder gesinnungstreu konfessionalistische Literatur vorlegten, fiel die Produktpalette konfessioneller Sympathisantenverlage breiter aus. Freilich lagen beide Verlagstypen auf einem Spektrum vom kompromisslos kirchenfrommen Verlag bis zur Firma, die vage zu einer Konfession tendierte. Übergänge und historische Wandlungsprozesse etwa vom evangelischen Theologenverlag zum Universalverlag sind zu beobachten. Der R. Oldenbourg Verlag zum Beispiel war kein konfessioneller Verlag im engeren Sinne. Trotzdem gilt er als »protestantisch orientierter Wissenschaftsverlag«.22 Er zog seit seiner Gründung 1858 vor allem protestantische Autoren an sich. Die 1859 gegründete Historische Zeitschrift wurde vom Katholikenjäger Heinrich von Sybel geführt und ließ kaum katholische Autoren zu. Andererseits verlegten die protestantischen Verlagsinhaber mitten im katholischen München seit 1913 die Bayerische Staatszeitung. Das von Zentrumsleuten redigierte Regierungsorgan war seit 1919 der Bayerischen Volkspartei verbunden. Aus dieser Liaison konstruierten die in Konfessionsfragen empfindlichen Nationalsozialisten später den Vorwurf, Oldenbourg habe »während

22 Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage, S. 376.

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der Kampfzeit wesentlich mehr, als es eigentlich einer protestantischen Firma zukommt, in aller Öffentlichkeit zu den ›Schwarzen‹ gehalten.«23 In solchen Fällen sollte nicht von konfessionellen, sondern von tendenziell konfessionellen Verlagen gesprochen werden. Hier wirkte der Faktor Konfession oft unbewusst. Die Zeitgenossen in der Weimarer Republik, auch die Buchhändler, benutzten nicht den Begriff »konfessionelle Verlage«. Sie unterschieden die Presse, die Verlage und Buchhandlungen nach katholisch, evangelisch oder neutral (farblos). Zwar waren Begriffe wie »Confessionalismus« und konfessioneller Konflikt, Konfessionsschule und »konfessionelle Partei« seit dem 19. Jahrhundert längst eingeführt im Sinne der Einschränkung auf eine Konfession oder des konfessionellen Konfliktpotentials.24 Dass der Begriff »konfessionelle Verlage« üblich wurde, verdankt sich vermutlich erst dem Antikatholizismus und der rigiden Entkonfessionalisierungspolitik des NS-Regimes. Reichsinnenminister Wilhelm Frick verurteilte 1935 die Konfessionen als »Spaltpilze« im »Volkskörper« und blies zur »völligen Entkonfessionalisierung des gesamten öffentlichen Lebens«. Damit war nicht mehr nur der konfessionelle Zwiespalt gemeint, der zugunsten der »Volksgemeinschaft« endlich zu überwinden sei, sondern alles Kirchliche sollte als Konkurrenz zum Weltanschauungsmonopol des Nationalsozialismus ausgeschaltet werden.25 In diesem Kontext vermehrte sich das Adjektiv »konfessionell« und wurde auf »konfessionelle Zeitungen« und »konfessionelle Lieder« etc. ausgeweitet. Unter konfessionell verstanden die Nationalsozialisten kirchlich. Der Präsident der im Dezember 1933 bei der Reichspressekammer eingerichteten »Hauptfachschaft der kirchlich-konfessionellen« Presse verschärfte 1935 die Anweisungen, dass die »kirchlich-konfessionelle Presse« sich nur auf religiöse Angelegenheiten zu konzentrieren und jede Vermischung mit den Aufgaben der Tagespresse peinlich zu vermeiden habe. Sicher nachweisbar ist der Begriff »konfessionelle Verlage« seit 1937. Damals wollte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die politisch und weltanschaulich unliebsamen Verlage identifizieren. Die Politisierung abweichender Haltungen und die Zuweisung von politischen und konfessionellen Eigenschaften auf die Verlage gipfelte in der Klassifizierung des geheimen Leithefts Verlagswesen des RSHA.26 Das für die Verlagsüberwachung konzipierte Schema zeigt deutlich, wie ernst es mit der horizontalen Fragmentierung der Verlagslandschaft war. Bemerkenswerterweise werden für die Zeit ab 1918 neben marxistischen, bürgerlichen, weltanschaulichen, jüdischen und nationalsozialistischen nur katholische und evangelische Verlage identifiziert, während im feingliedrigeren Schema für die Zeit ab 1933 die Kategorie »konfessionelle Verlage« eingeführt wird. Jüdische Verlage bildeten jeweils eine eigene Kategorie und wurden nicht als konfessionelle anerkannt. Obwohl mithin der Begriff »konfessionelle Verlage« von den Nationalsozialisten seit der Mitte der 1930er Jahre als diskreditierender Kampfbegriff verwendet wurde und damit die im 19. Jahrhundert entstandene Bedeutung von konfessionell als Oppositionsbegriff zwischen katholisch, lutherisch und reformiert ablösen sollte, wird im Folgenden der Konfessionsbegriff mit Rückgriff auf seine Bedeutung im 19. Jahrhundert und in dem Sinne, wie er nach 1945 wieder geläufig wurde, gebraucht. Seine Doppelbedeutung 23 Heinz Ottstadt (DAF) an A. Oldenbourg, 3. April 1939, Bayerisches Wirtschaftsarchiv F5/v644, zit. n. Wesolowski: Verlagspolitik und Wissenschaft, S. 328. 24 Hölscher: Konfessionspolitik in Deutschland. 25 Nicolaisen: Dokumente zur Kirchenpolitik des Dritten Reiches, Bd. 2, S. 331 f. 26 Vgl. Reichsführer der SS. Vgl. dazu ausführlich Blaschke: Verleger, S. 281 f.

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jedoch – als interkonfessioneller Oppositionsbegriff und als separatistischer Gegenbegriff zu Staat und Religion – wurde er seitdem nie wieder los. Die begriffsgeschichtliche Methode zeigt nicht nur den Wandel konfessioneller Phänomene im Buchhandel als solchen, sondern führt auch vor Augen, wie unbefangen der heutige Begriffsgebrauch ist, wenn unter »konfessionellen Verlagen« nicht mehr als ein Oberbegriff für evangelische und katholische Verlage verstanden wird, ohne die Spitze des Konfessionalismus zu sehen. Die Zunahme des Konfessionalismus lässt sich auch in Friedrich Schulzes Buchhandelsgeschichte 1925 erkennen. »Der Schulze« war durch die Historische Kommission des Börsenvereins zu dessen 100-jährigem Jubiläum angeregt und vom Vorstand des Börsenvereins in Auftrag gegeben worden. Darin schrieb der damalige Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig: Nicht nur die Politisierung, auch die Konfessionalisierung des Buchhandels wuchs seit 1870 in ungeheurem Maße. Jährlich werden Buchhandlungen mit ausgesprochen evangelischem Charakter in größerer Zahl gegründet, ein Verein von Verlegern christlicher Literatur tritt 1886 zusammen, ein katholisches Zentrum für geistige Bestrebungen, wie München-Gladbach, bildet sich seit 1890 heraus, dessen konzentriertem Willen wieder die evangelische Kirche nichts Gleichartiges gegenüberzustellen hatte, trotz Gütersloh und anderer evangelisch betonter Verlagsorte.« Die »Trennung der Konfessionen« stand Schulze noch 1925 lebhaft vor Augen: »Es mutet wie ein längst entschwundenes Idyll an, wenn noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Klöster wichtige Kunden des Protestanten Carl Heinrich Beck […] gewesen sind. Jetzt wird selbst auf den außertheologischen Gebieten eine nur selten unbeachtete Grenzlinie gezogen.27 Die konfessionellen Verlage bedienten ihre je eigene Klientel und stellten sich häufig gegeneinander auf, sie reagierten aufeinander, konnten in Krisenzeiten aber auch miteinander kooperieren. Zwei Tage, nachdem am 12. Mai 1906 in Leipzig der »Verband der evangelischen Buchhändler« (VEB) gegründet worden war, taten sich katholische Kollegen in der »Vereinigung der Vertreter des katholischen Buchhandels« (VKB) zusammen.28 Aber einig wurden sie sich, sobald es gegen »Schmutz und Schund« ging.29 Das Gegeneinander machte sich in der Weimarer Republik in vorher nicht gekannter Weise auch auf dem Feld der Buchgemeinschaften bemerkbar. Damals blühten ideologisch und konfessionell ausgerichtete Buchgemeinschaften. Die richtige Weltanschauung bildete noch vor der Gewinnmaximierung das zentrale Selektionskriterium für Mitglieder und für die Literaturauswahl. Das dominant protestantische nationalkonservative Lager etwa wurde angesprochen durch den 1919 gegründeten »Volksverband der Bücherfreunde«. Er zählte 1931 rund 750.000 Mitglieder. Als sich jedoch 1925 in klerikalen Kreisen der Verdacht erhärtete, dass sich unter dessen Mitgliedern auch 80.000 Katholiken befänden, und nachdem 1924 die Evangelische Buchgemeinschaft gegründet worden war, entschloss sich der schon seit 1844 volksbildend wirkende Borromäusverein 27 Schulze: Der deutsche Buchhandel und die geistigen Strömungen der letzten hundert Jahre, S. 244, 145. 28 Vgl. Spael: Die Geschichte der Vereinigung des katholischen Buchhandels, S. 98; Titel: Vereine und Verbände, S. 249 f. Der VEB schloss sich 1925 mit dem schon 1886 gegründeten »Verein von Verlegern christlicher [!] Literatur« zusammen. 29 Spael: Die Geschichte der Vereinigung des katholischen Buchhandels, S. 137.

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zu einer Gegengründung. Seine Bonner Buchgemeinde konnte bald 53.000 Mitglieder anwerben. Fritz Tillmann erklärte vor dem um Schleuderpreise besorgten VKB ausdrücklich, die Buchgemeinde solle »eine Gegenbewegung gegen die acht schon bestehenden nichtkatholischen Buchgemeinden sein.«30 Die 1926 gegründete Katholische Buchgemeinde kam nach wenigen Monaten auf 43.000 Beitritte, da zählte die Sankt Josephus Bücherbruderschaft aus Rosenheim schon 180.000 Mitglieder. Dagegen wiederum wurde 1931 der Verlag evangelischer Bücherfreunde ins Leben gerufen, der bewusst dem katholischen Buchhandel und der Schundliteratur Paroli bieten wollte. Daneben gab es, für jüdische Leser, den Heine Bund sowie den kurzlebigen Zionistischen Bücherbund. Die Fieberkurve des literarischen Konfessionalismus schlug in der Weimarer Republik besonders auf dem heiß umkämpften Bereich der Buchgemeinschaften aus.31 Auch die Literaturempfehlungen, in seriellen Publikationen institutionalisiert, sind ein Indiz dafür, dass Protestanten weiterhin nichts Katholisches lasen (»Catholica non leguntur«) und Katholiken alles Glaubensgefährdende und Fremdkonfessionelle vermeiden sollten, was in der Praxis jedoch nicht eingehalten wurde, sonst wären die notorischen Ermahnungen und etwa der Literarische Handweiser für das katholische Deutschland nicht notwendig gewesen.32 Diese Gattung der konfessionellen Empfehlungsbücher, die auf Leserlenkung und Abwehr schlechten Schrifttums zielten, entstand in gegenseitigen Reaktionen aufeinander. 1899 hatte der Philosoph und Verleger Ferdinand Avenarius den Kunstwart gegründet, dessen Vorweihnachtsheft dem bürgerlichprotestantischen Publikum »gute« Bücher empfahl. Darauf reagierte Anton Lohr 1902 mit dem Literarischen Ratgeber, der unter dem Priester Josef Popp 1905 in Literarischer Ratgeber für die Katholiken Deutschlands umbenannt wurde. 1908 zog Paul Huber den Ratgeber in den Kösel Verlag, der dort bis 1931 im Auftrag der Vereinigung des Katholischen Buchhandels von Wilhelm Spael herausgegeben wurde. 1934 wechselte der Ratgeber den Verlag (Arbeitsgemeinschaft der Katholischen Buchhändler, Köln, der ehem. VKB) und erschien von 1938 bis 1941 in der Bonifatius Druckerei, Paderborn.33 Aufwendiger noch war der Literarische Handweiser zunächst für das katholische Deutschland, der bereits 1862 von Franz Hülskamp begründet wurde. Der Dominanz nicht-katholischer oder gar den Protestantismus bevorzugender Enzyklopädien und Lexika (Brockhaus und Meyer) hatte der Katholizismus schon im 19. Jahrhundert mit Herders Konversationslexikon und dem Staatslexikon entgegenzusteuern versucht. Auch protestantischen Kirchenlexika setzte man katholische gegenüber. Auf das monumentale kulturprotestantische Die Religion in Geschichte und Gegenwart (1. Aufl. 1909 – 1913, 2. Aufl. 1927 – 1931) folgte das Lexikon für Theologie und Kirche (1. Aufl. 1930 – 1938). Die konfessionellen Verlagsprodukte, die Lexika, die Buchgemeinschaften und die Kreise der Institutionalisierung zeugen davon, wie stark die Weimarer Republik noch vom konfessionalistischen Geiste durchdrungen war. Andererseits war der Anteil des konfessionellen Buchhandels im engeren Sinne am Gesamtbuchmarkt gering, lässt man die vielen bloß tendenziell konfessionellen Verlage 30 Spael, S. 126. 31 Vgl. van Melis: Die Buchgemeinschaften in der Weimarer Republik, S. 92 –107, 140 –148; vgl. auch seinen Artikel in diesem Band. 32 Vgl. Brenner: Catholica non leguntur. 33 Köhler: Bücher als Wegmarken des deutschen Katholizismus, S. 114 f.

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wie C. H. Beck und Oldenbourg außer Acht. Das lässt sich jedoch nur schätzen. Wenn die Vereinigung Evangelischer Buchhändler 1925 etwa 400 Mitglieder (Verleger und Einzelhändler) umfasste und der VKB 200 Mitgliedsfirmen (1932 sogar 251), während der Börsenverein rund 5.000 Mitglieder zählte, jedoch in allen drei Zweigen,34 dann lag das Volumen des konfessionellen Buchhandels bei deutlich unter 20 % des Gesamtbuchhandels. Auf diesen Anteil käme man auch im Pressewesen: 1932 machte die Auflage (3 Millionen) allein der 603 verschiedenen Tageszeitungen der katholischen Bevölkerungsminderheit 12,5 % der gesamten Tagespresse aus, wobei die Zahlen mit dem Protestantismus kaum vergleichbar sind. Hier war das Zeitschriftenwesen ausgeprägter: Im Jahre 1928 übertraf die Zahl von 1.928 evangelischen Zeitschriften sogar die Marke von 20 %.35

Protestantische Verlage Auch in der Weimarer Republik lasen die Protestanten in der Bibel. Zumindest wurde das Buch der Bücher weiterhin über die deutschen und internationalen Bibelgesellschaften im Deutschen Reich vertrieben.36 Nachdem im Ersten Weltkrieg das Neue Testament und kleinere Bibelheftchen zu Tausenden an die Soldaten verteilt worden waren, kam es in den Nachkriegsjahren zu Absatzeinbußen im In- und Ausland. Insbesondere fielen mit den deutschen Kolonien die Absatzgebiete für deutschsprachige Bibelausgaben im Ausland weg. Einzig die Württembergische Bibelanstalt, die 1912 die Stuttgarter Jubiläumsbibel, den Luthertext mit knappen Erläuterungen versehen, herausgebracht hatte, konnte ihren Absatz steigern: von 621.775 verkauften Bibeln im Jahre 1913 auf 716.079 Exemplare, die 1925 abgesetzt wurden. Die Württembergische Bibelanstalt war nunmehr die führende Organisation innerhalb der Bibelgesellschaften, die seit 1918 in dem »Ausschuß der deutschen Bibelgesellschaften« zusammengefasst waren. Generell war das Produktionsvolumen religiöser und theologischer Literatur während der gesamten Weimarer Republik überdurchschnittlich hoch.37 Zu Beginn der dreißiger Jahre wurde dieser Trend noch durch die Sonderkonjunktur weltanschaulicher Literatur verstärkt. Allerdings täuscht dieser oberflächliche Befund über die prekäre Lage und programmatischen Umstrukturierungen des protestantischen Verlagsbuchhandels hinweg. Die traditionellen protestantischen Verlage, die sich im expandierenden Buchmarkt des ausgehenden 19. Jahrhundert auf die theologische Wissenschaft und Praxis speziali34 Titel: Vereine und Verbände, S. 223, 250. Zahlen zum VKB: Spael: Die Geschichte der Vereinigung des katholischen Buchhandels, S. 131. 35 1923 gab es 3.700 Zeitschriften, 1932 7.650. Vgl. Pürer/Raabe: Presse in Deutschland, S. 73 f. In Westdeutschland lag 1956 der Anteil katholischer und evangelischer Buchhandelsunternehmen jeweils bei 3 % am Gesamtbuchhandel, der mithin zu 94 % als »neutral« galt. Spael: Die Geschichte der Vereinigung des katholischen Buchhandels, S. 154. 36 Vgl. Nestler: Bibelgesellschaften, Sp. 1021 –1028. 37 Zur Sonderkonjunktur theologischer bzw. religiöser Literatur vgl. Umlauff: Beiträge zur Statistik des Deutschen Buchhandels, S. 73; zur Konkurrenz: Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage; von Miquel/Rendtorff: Theologie für die Praxis, S. 75 f.; Kastner: Statistik und Topographie des Verlagswesens, S. 344 f.; zur ersten Einführung in das protestantische Verlagswesen: Matthias: Buchhandel, christlicher, spez. Sp. 1461 –1465; Fick: Der Evangelische Buchhandel.

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siert hatten, repräsentierten eindeutig die Hauptrichtungen protestantischer Theologie des späten Kaiserreichs. Vandenhoeck & Ruprecht, J. C. Hinrichs, J. C. B. Mohr (Siebeck) waren Publikationsforen für Veröffentlichungen der liberalen Theologie, verstanden als eine methodisch an historischer Wissenschaft geschulte, theologische Kulturwissenschaft. C. Bertelsmann und die A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung befestigten dagegen das konservative Luthertum in seinen theologischen Standpunkten. Nach dem Ersten Weltkrieg veränderten sich zum einen die Anbieterschaft populärer religiöser Literatur und zum anderen die Produktionsprofile der etablierten Verlage. Zusätzlich zur nachlassenden Kaufkraft ihrer Kernkundschaft, den protestantischen Pfarrern, hatten insbesondere die akademischen protestantischen Verlage gleichzeitig den theologischen Umbruch der Weimarer protestantischen Theologie in Rechnung zu stellen.38 Sie sahen sich gezwungen, ihre Produktionsprofile erheblich zu verändern. Die theologischen Verwerfungen der Nachkriegszeit und der zwanziger Jahre ließen die theologischen Verlagstraditionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts obsolet werden. Die liberale historistische Theologie büßte ihre führende Rolle in der theologischen Lehre und Forschung zugunsten neuer theologischer Strömungen, wie der dialektischen Theologie, der so genannten »Lutherrenaissance« oder der religiös-sozialistischen Theologie ein. Den wissenschaftlichen, historisch-kritischen Anspruch liberaler Theologie als sklerotisch verwerfend, setzten alle neuen Theologien mit existentieller Kompromisslosigkeit auf religiöse Authentizität.39 Die protestantischen Verlage mussten sich in ihrer Programmpolitik auf die neuen theologischen Strömungen einlassen. Dabei verloren die Programmtraditionen des Kaiserreichs an Gewicht; es bildeten sich aber noch keine neuen Schwerpunkte heraus. Vielmehr lässt sich für die protestantisch-theologischen Verlage verlagsübergreifend spätestens seit Mitte der zwanziger Jahre eine neue, offene Konkurrenzsituation theologischer Lehrkonzepte feststellen.40 Aufgrund eines überschaubaren Marktes theologischer Fachautoren näherten sich die Verlage programmatisch einander an. Theologische Lehrkonzepte waren nicht mehr eindeutig mit Verlagsnamen zu identifizieren. Eine zwingende Relation zwischen theologischer Verlagsmarke und theologischem Lehrkonzept war nicht mehr gegeben. Die protestantisch-theologischen Verlage, speziell in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik, repräsentierten allenfalls im Rückgriff auf Teile ihrer Traditionen theologisch eindeutige Sinnkonzepte.

Theologie im Umbruch: die traditionellen Verlage wissenschaftlicher Theologie Vandenhoeck & Ruprecht (gegr. 1735 in Göttingen) war seit 1787 im Besitz der Familie Ruprecht.41 Die vierte Generation, die Brüder Dr. Wilhelm und Gustav Ruprecht, hatte die seit 1887 erfolgte Spezialisierung des Verlags auf protestantisch-wissenschaftliche Theologie zu verantworten. 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, trat mit Günther Ruprecht, 38 39 40 41

Vgl. auch: Müller/Rendtorff: Theologie für die Praxis, S. 77. Vgl. Graf: Die »antihistoristische Revolution«. Für Mohr (Siebeck) vgl. Knappenberger-Jans: Verlagspolitik und Wissenschaft, S. 222 f. Zur Verlagsgeschichte vgl. Ruprecht: Väter und Söhne; für die zwanziger Jahre: Wiede: Rasse im Buch, S. 194 –247.

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Sohn Gustav Ruprechts, die fünfte Generation in den Verlag ein. Gemeinsam mit Hellmuth Ruprecht, Sohn Wilhelm Ruprechts, übernahm er in den dreißiger Jahren die Verlagsleitung. In den zwanziger Jahren prägten jedoch noch ältere und jüngere Generation gemeinsam die theologische Wende in der Programmpolitik. Der Verlag war einer der »Hausverlage« liberaler Theologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts gewesen. Unter dem Eindruck nachlassenden Absatzes des liberaltheologischen Produktkerns wurde seit Mitte der zwanziger Jahre das Verlagsprogramm für Theologen der »Lutherrenaissance« geöffnet. Maßgebliche Autoren waren die nationalen Neulutheraner Paul Althaus, Emanuel Hirsch und Erich Seeberg. Im traditionell liberalen, religionsgeschichtlichen Verlag Vandenhoeck & Ruprecht hielt die »antihistoristische Revolution« der Weimarer Theologie Einzug.42 Daneben blieb der Verlag offen für theologische Alternativen, zu denen der religiöse Sozialist Paul Tillich oder weiterhin liberale Theologen gehörten. Paul Althaus hatte bereits als Göttinger Privatdozent das Lodzer Kriegsbüchlein von 1916 und Um Glauben und Vaterland von 1917 von Vandenhoeck & Ruprecht verlegen lassen. 1932 eröffnete der Erlanger Systematiker dann mit einer Auslegung des Römerbriefs das Neue Testament. Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk, das er zusammen mit Johannes Behm, mit Althaus befreundeter konservativer lutherischer Theologe und seit 1923 ordentlicher Professor für Neues Testament in Göttingen, herausgab. Im Dezember 1928 unterzeichnete Paul Althaus den Herausgebervertrag über einen exegetischen Kommentar »nicht nur für Theologen, sondern für weiteste Kreise«.43 Die Reihe sollte »über die Grenzen der liberalen Bearbeitung des Neuen Testaments [...] wesentlich hinausführen« und demgegenüber »wirklich in die Sache« einführen.44 Emanuel Hirsch war seit seiner 1914 bei Arthur Titius in Göttingen angefertigten Dissertation Fichtes Religionsphilosophie im Rahmen der philosophischen Gesamtentwicklung Fichtes Verlagsautor bei Vandenhoeck & Ruprecht und hatte dort u. a. das Lutherbrevier. Von Gottesfurcht und Gottvertrauen. Betrachtungen Martin Luthers (1917) herausgegeben. Auch er war ein Vertreter der nationalen »Lutherrenaissance«. Nach seiner Habilitation 1915 in Bonn bei Otto Ritschl war Hirsch seit dem Wintersemester 1920/21 Ordinarius für Kirchengeschichte an der Göttinger Universität. In den zwanziger Jahren wurde er zu einem Hauptautor von Vandenhoeck & Ruprecht. In seinen Büchern Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht (1920), Die Reich-Gottes-Begriffe des neueren europäischen Denkens (1921) und Der Sinn des Gebets. Fragen und Antworten (1921), Jesus Christus, der Herr (1926), Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert (1929) sowie Fichtes, Hegels und Schleiermachers Verhältnis zur Reformation (1930) sprach er einer Gewissensethik des Einzelnen zu, die Grundlage nationaler Erneuerung werden sollte.45 Paul Tillich, dazumal Privatdozent an der Theologischen Fakultät in Berlin, entwickelte in Das System der Wissenschaften nach Gegenständen und Methoden (1923) eine eigene Wissenschaftslehre mit dem Ziel, der Theologie einen zentralen Platz innerhalb der wissenschaftlichen Disziplinen zu sichern. Neben den theologischen Neuerungen be42 43 44 45

Graf: Die »antihistoristische Revolution« in der protestantischen Theologie der zwanziger Jahre. Althaus/Behm: Nachwort zum Gesamtwerke, S. 119. Althaus/Behm, S. 120. Hirsch: Deutschlands Schicksal, S. 32; Assel: Der andere Aufbruch, S. 164 –166.

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wahrte Vandenhoeck & Ruprecht den traditionellen Programmbereich der liberalen Theologie, wie das 1929 postum veröffentlichte Werk Der Messias von Hugo Greßmann oder die Abhandlung Altes Testament und völkische Frage von Johannes Hempel. Allgemein zeichnete sich im Buchverlag Vandenhoeck & Ruprecht mit Beginn der zwanziger Jahre eine Verbreiterung der Tätigkeiten ab.46 Zu nennen sind die verfassungskundlichen Lehrbücher von Friedrich Ehringhaus oder die Reihe Gesundheit und Kraft. Flugschriften für Deutschlands Jugend, die 1919 begann und deren Einzelbände Sportthemen, Ernährung oder Hygiene behandelten. Von Friedrich Ernst August Krause wurde 1925 eine schwergewichtige, dreibändige Geschichte Ostasiens veröffentlicht. Im gleichen Jahr begann die Reihe Aus Naturwissenschaft und Technik. Die Konjunktur religiös-politischer Literatur zu Beginn der dreißiger Jahre schlug sich bei Vandenhoeck & Ruprecht in der Verpflichtung zweier Autoren nieder, die dem Verlagsprogramm deutschnationalistische Gemeinschaftskonzepte beifügten: Max Maurenbrechers antisemitischdeutschchristlicher Religionsentwurf Der Heiland der Deutschen. Der Weg der Volkstum schaffenden Kirche (1930) und Max Hildebert Boehm mit dem geo- und grenzpolitischen Titel Das eigenständige Volk. Volkstheoretische Grundlagen der Ethnopolitik und Geisteswissenschaften (1932).47 Der Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) war aufgrund seiner familial geprägten Unternehmensstruktur und seiner theologisch liberalen Programmtradition des Kaiserreichs so etwas wie das württembergische Schwesterunternehmen von Vandenhoeck & Ruprecht.48 Seine Familientradition war allerdings beträchtlich kürzer als die des Göttinger Verlags. Paul Siebeck hatte 1878 den J. C. B. Mohr Verlag aufgekauft und zunächst in Freiburg (Breisgau) und seit 1899 in Tübingen betrieben. Sein plötzlicher Tod 1920 machte seine Söhne Oskar und Werner zu alleinig verantwortlichen Geschäftsführern. Auch in diesem Unternehmen schlug sich die Absatzkrise liberaler Theologie nieder, die man mit einer programmatischen Mischkalkulation von lutherischer und dialektischer Theologie sowie dem liberal-historistischen Erbe zu beantworten suchte. Der führende Lutherforscher Karl Holl war bereits zum Reformationsjubiläum 1917 mit Was verstand Luther unter Religion? Verlagsautor geworden, 1921 folgte sein Initialwerk der »Lutherrenaissance« Luther in der ersten Auflage. Desgleichen war der Nachfolger Holls auf dem Berliner Lehrstuhl für Kirchen- und Dogmengeschichte, Erich Seeberg, Autor. Daneben publizierte aber auch der Schweizer Dialektiker Emil Brunner seit 1914 parallel seine wichtigsten Bücher bei Mohr (Siebeck), darunter Erlebnis, Erkenntnis und Glaube (1921), Die Mystik und das Wort (1924) sowie Philosophie und Offenbarung (1925). Flaggschiff des theologischen Programms war das Lexikonprojekt Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). Seine erste Vorkriegsauflage bündelte auf einzigartige Weise den kulturliberalen, protestantischen Bildungsanspruch des Kaiserreichs. Seit 1924 forcierten Oskar und Werner Siebeck im Zuge des theologischen Umbruchs eine Neuauflage des Lexikons, die einen umfassenden Querschnitt protestan-

46 Ruprecht: Väter und Söhne, S. 287. 47 Zum Heiland der Deutschen: Wiede: Rasse im Buch, S. 247 –263. 48 Vgl. Knappenberger-Jans: Verlagspolitik und Wissenschaft, zum theologischen Programm speziell S. 200 –224; Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage, S. 378 –380.

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tischen Wissens bieten sollte.49 Die Herausgeber Hermann Gunkel und Leopold Zscharnack, rückten vom Ideal einheitlicher theologischer Auslegung ab und präsentierten in der 1927 – 1932 erschienenen zweiten Auflage der RGG ein Wissenspanorama aus protestantischer Perspektive in objektivierendem Zuschnitt. Zugleich erfolgte die Abkehr von populären Vermittlungsambitionen liberaler Theologie. Der Untertitel der ersten Auflage Handwörterbuch in gemeinverständlicher Darstellung lautete nun Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft und signalisierte dadurch bereits den Rückzug auf wissenschaftliche Deutungsarenen. Im philosophischen Programm konnte der Verlag an Vorkriegszeiten anknüpfen. Um die Jahrhundertwende zum verlegerischen Zentrum des südwestdeutschen Neukantianismus avanciert, wurden in den zwanziger Jahren Schriften von Heinrich Rickert oder Ernst Lask in Tübingen veröffentlicht. Eingebunden in die Kulturdiskurse des Neukantianismus arbeitete Ernst Troeltsch, der im Rahmen seiner in Göttingen verbrachten Studienjahre sowie ersten Lehrjahre der Religionsgeschichtlichen Schule angehört hatte.50 Seine Gesammelten Schriften (1912 – 25), in denen Troeltsch historistische Relativität und den kulturbildenden Absolutheitsanspruch christlicher Glaubensgewissheiten synthetisierte, waren herausragendes Verlagsprojekt der zwanziger Jahre. Seinen eigentlichen Programmschwerpunkt, und hier lag ein entscheidender Unterschied zu Vandenhoeck & Ruprecht, hatte J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) jedoch nicht in der Theologie. Die rechts- und staatswissenschaftlichen Disziplinen sowie die Nationalökonomie waren mit einem erheblich höheren Produktionsausstoß die tragenden Programmteile des Verlags. Einflussreichster Verlagsautor, der das Verlagsprogramm in vieler Hinsicht formte, war Max Weber. Seine Gesammelten Aufsätze 1922 – 1924 sowie Wirtschaft und Gesellschaft wurden innerhalb des Sammelwerks Grundriss der Sozialökonomik 1922 bei J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) veröffentlicht. Der einzige traditionelle, bereits auf dem liberalen theologischen Buchmarkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts etablierte Verlag, der im Wettbewerb der theologischen Sinnkonzepte Teile seines Profils bewahren konnte, war der J. C. Hinrichs Verlag (gegr. 1796 in Leipzig).51 1900 veröffentlichte Adolf von Harnack dort sein Standardwerk Das Wesen des Christentums, dessen Auflagenhöhe bis 1929 auf 72.000 Stück anwuchs. Nach dem Krieg wurde Hinrichs in der fünften Familiengeneration von Gustav Rost geleitet. Die Theologischen Blätter, seit 1922 bestehend, standen mit ihrem Herausgeber, dem Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt politisch den dialektischen Theologen nahe, wissenschaftsmethodisch jedoch für philologische Präzision. Avancierten die Theologischen Blätter zu einem einflussreichen, meinungsbildenden Organ der Weimarer Republik, so bestand die Theologische Literaturzeitung, die älteste und umfangreichste Rezensionszeitschrift für die wissenschaftliche Theologie und die Religionswissenschaften, im Verlag weiterhin fort. Von den liberalen Theologen Adolf von Harnack und Emil Schürer gegründet und geprägt, zeichnete nunmehr der Neulutheraner Emanuel Hirsch für die Herausgabe verantwortlich. An dieser Stelle wurde im Verlagsprogramm von J. C. Hinrichs der theologische Umbruch greifbar.

49 Zur Neuauflage: Conrad: Lexikonpolitik, S. 347 –446. 50 Vgl. Graf: Troeltsch, Ernst. 51 Vgl. Geist: Ein Geschäft recht geistiger Natur, spez. S. 41 –57; Schmidt: J. C. Hinrichs Verlag.

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Der Verlag C. Bertelsmann (gegr. 1835 in Gütersloh) war aus der Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung hervorgegangen und demnach traditionell populärer in seinem Programm angelegt als die Universitätsverlage Vandenhoeck & Ruprecht oder J. C. B. Mohr (Siebeck). Der erbaulich-religiöse Charakter des Verlagsprogramms blieb zunächst erhalten, als mit Heinrich Mohn im Sommer 1921 die vierte Familiengeneration die Verlagsleitung übernahm. Gesangbücher, Kalender, Missionstraktate und Notenbücher für Posaunenchöre sorgten weiterhin für Massenabsatz an der kirchlichen Basis. Daneben bekräftigten akademische Reihenprojekte, wie die Beiträge zur Förderung christlicher Theologie das Verlagsimage in konservativen kirchlichen Kreisen. Noch stärker als Vandenhoeck & Ruprecht setzte Heinrich Mohn, der Mitglied der 1917 gegründeten LutherGesellschaft sowie der älteren Lutherischen Konferenz Westfalens war, im theologischen Verlagsprogramm der zwanziger Jahre auf die Neubelebung der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Paul Althaus war bereits seit 1915, wie sein Vater Paul Althaus d. Ä, Autor.52 Bis 1945 publizierte Althaus (d. J.) an die sechzig Einzeltitel bei Bertelsmann, darunter die populären politisch-theologischen Schriften Kirche und Volkstum (1928) und Theologie der Ordnungen (1934).53 Neben Althaus war der konservative Göttinger Systematiker Carl Stange, Nachfolger von Paul Althaus d. Ä., wichtigster Vertreter der »Lutherrenaissance« im Bertelsmann Verlag. Stange war einer der herausragenden Organisatoren der neulutherischen Bewegung. Seit 1920 war er Leiter des Apologetischen Seminars in Wernigerode, einer 1909 gegründeten Tagungsstätte der protestantischen Erwachsenenbildung, und veröffentlichte deren Vortragsreihe Studien des Apologetischen Seminars Wernigerode im Bertelsmann Verlag. 1932 wurde das Apologetische Seminar in die von Stange begründete Luther-Akademie Sondershausen integriert und eine zusätzliche Schriftenreihe, die Studien der Luther-Akademie in Sondershausen, von Bertelsmann produziert. Entscheidend für die Profilierung des Verlags in der Weimarer Theologie war jedoch, dass Stange das zentrale Publikationsorgan der »Lutherrenaissance« bei Bertelsmann herausgab, die Zeitschrift für systematische Theologie. Doch auch Bertelsmann war theologisch nicht mehr eindeutig zu klassifizieren und erweiterte sein Programmspektrum in den theologischen Subdisziplinen. 1931 veröffentlichte sowohl der Neulutheraner Emanuel Hirsch seine Kierkegaardstudien als auch Dietrich Bonhoeffer seine Habilitationsschrift Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie. Neben die lutherische Studie des Schweden Arvid Runestam Liebe, Glaube, Nachfolge. Von der Anpassung der Moral an die Wirklichkeit trat das Amtstagebuch für evangelische Geistliche oder Hans Ehrenbergs Der Mann ohne Arbeit. Ein Wort der Kirche an die Arbeitslosen. Im gesamten Verlagsprogramm verlor die Theologie allmählich ihr Gewicht zugunsten der bei Bertelsmann 1927 eingeführten Belletristik. Ausgehend von christlicher Erbauungsprosa, die im Periodikum Der christliche Erzähler im Abonnementsystem an den Leser verkauft werden konnte, driftete Bertelsmann seit 1928 mit Romanen von Marie Diers oder Wilhelm Kotzde und vor allem Gustav Schröers Bestseller Heimat wider Hei-

52 Vgl. Müller/Rendtorff: Theologie für die Praxis; Wittmann/Haas/Simons: »Bekenntnis zum deutschen Menschen«; Pautler/Rendtorff: »Dort wird in allen Sätteln geritten«; Pautler/Rendtorff: »Volksgemeinschaft« als Schöpfungsordnung, S. 208 –216. 53 Vgl. Pautler/Rendtorff: »Volksgemeinschaft« als Schöpfungsordnung.

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mat in die Segmente völkisch-national-konservativer Trivialliteratur ab.54 Sowohl Herstellungskompetenzen – Bertelsmann verfügte über eine unternehmenseigene leistungsfähige Druckerei und Buchbinderei – als auch Erfahrungen in einer ausdifferenzierten und innovativen Vertriebs- und Werbearbeit erleichterten die folgende Expansion des Verlags in der Belletristik. Bertelsmann konnte am belletristischen Massenmarkt, der sich seit dem Ersten Weltkrieg rasant entwickelte, partizipieren und produzierte schließlich in den dreißiger Jahren »Großverbrauchsliteratur« in hohen Auflagen.55 Die Transformation des Konfessionsverlags erweckungsbewegter Erbauungsliteratur in der Provinz zu einem Großunternehmen der Massenunterhaltung kündigte sich an.

Neue Konkurrenzlage Für die Zeit um die Jahrhundertwende prägte Nipperdey den Begriff der »vagierenden Religiosität«, um das Phänomen zunehmender außerkirchlicher Religiosität zu bezeichnen.56 Nach dem Ersten Weltkrieg indizieren eine Vielzahl populärer, religionskundlicher Einführungsbände oder religiös-theologischer Bestseller die Konjunktur religiöser Sinnsuche auf dem Buchmarkt. Das Vagierende setzte sich fort und betraf nunmehr auch den Verlagsbuchhandel. Die religiösen oder theologischen Bestseller sowie die populären, religionskundlichen Einführungsbände wurden vorrangig von Verlagen produziert, die relative »Newcomer« auf den theologischen Teilmärkten waren. Zu nennen ist der traditionsreiche Breslauer Schulbuchverlag Trewendt & Granier, der 1917 den sakralkundlichen Klassiker Das Heilige des Religionswissenschaftlers Rudolf Otto verlegte, sowie die theologischen Kleinverlage Chr. Kaiser und Furche. Im Chr. Kaiser Verlag (gegr. 1845 in München), anfangs vor allem Verlag für die Veröffentlichungen der protestantischen Gemeinde Münchens, erweiterte sich seit der Verlagsübernahme von Albert Lempp 1911 der programmatische Horizont.57 Wichtige Verlagsautoren waren die Nürnberger Pfarrer Christian Geyer und Friedrich Rittelmeyer sowie der spätere NS-nahe Theologe Georg Schott, deren freisinnige Interpretation von Bibel und Bekenntnis zu Auseinandersetzungen mit dem evangelisch-lutherischen Oberkonsistorium in München geführt hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Verlag mit der Übernahme des Römerbriefs des damals noch unbekannten Schweizer Pfarrers Karl Barth 1920 zum Verlagszentrum der antiliberalen, so genannten »dialektischen Theologie«. Die »zweite Auflage in neuer Bearbeitung« des Römerbriefs von 1922 wurde ein überragender Verlagserfolg. Karl Barth tätigte in den folgenden Jahren seine Veröffentlichungen fast ausschließlich bei Chr. Kaiser, so die Sammelbände Das Wort Gottes und die Theologie (1924) und Die Theologie und die Kirche (1928), Die 54 Ketelsen: Völkisch-nationale und nationalsozialistische Literatur in Deutschland 1890 –1945, S. 72 f.; zur Belletristik bei Bertelsmann: Wittmann/Haas/Simons: »Bekenntnis zum deutschen Menschen«. 55 Der Begriff »Großverbrauchsliteratur« bei: Dohnke: Völkische Literatur und Heimatliteratur 1870–1918, S. 671; zur Statistik der Schönen Literatur in der Weimarer Republik: Kastner: Statistik und Topographie des Verlagswesens, S. 343; Umlauff: Beiträge zur Statistik des Deutschen Buchhandels, S. 78 f. 56 Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918, S. 521. 57 Vgl. Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage, S. 383; Graf/ Waschbüsch: Christian Kaiser Verlag; 125 Jahre Chr. Kaiser Verlag München.

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Auferstehung der Toten (1924), Vom christlichen Leben (1926), Fides quaerum intellectum (1931) sowie der erste Band der Kirchlichen Dogmatik (1932). Die Akquise von Karl Barth ging maßgeblich auf den theologischen Berater des Verlags Georg Merz, damals Pfarrer in München, zurück. Er war zusammen mit Friedrich Gogarten, Karl Barth und Eduard Thurneysen gleichfalls Gründer sowie Herausgeber der Zeitschrift Zwischen den Zeiten, die seit 1923 bei Chr. Kaiser erschien und, ihrem Namen gemäß, der »dialektischen Theologie«, der Theologie der sich zeitenlos wähnenden Frontgeneration, Raum bot.58 Unbeeinflusst vom Verlagsstandbein in der »dialektischen Theologie« verfügte Chr. Kaiser über ein verlegerisches Spielbein bei den Neulutheranern Paul Althaus und Emanuel Hirsch. Ersterer gab bei Chr. Kaiser zumindest 1927 – 1935 gemeinsam mit seinem theologischen Antipoden Karl Barth die Reihe Forschungen zur Geschichte und Lehre des Protestantismus heraus. Beide waren neben dem Dialektiker Emil Brunner Autoren in der Reihe Veröffentlichungen der Luther-Gesellschaft (1925 – 1928). Emanuel Hirsch steuerte Luthers deutsche Bibel. Ein Beitrag zu ihrer Durchsicht (1928), Paul Althaus Der Geist der lutherischen Ethik im Augsburgischen Bekenntnis (1930) und Die lutherische Abendmahlslehre in der Gegenwart (1931) zu der Reihe bei. Eine Auswahl von Luthers Schriften wurde daneben in den Klassischen Erbauungsschriften des Protestantismus (seit 1929) neu herausgegeben. Auf den ersten Blick kurios und unpassend zum theologischen Programm wirken die zahlreichen Veröffentlichungen der volkstümlichen Münchner Laien-, Kasperl- und Marionettenspielszene im Chr. Kaiser Verlag. Otto Salomon, Mitarbeiter Albert Lempps, betreute das Verlagsgebiet und verfasste selbst zahlreiche Laienspiele. Maßgeblicher Autor war Rudolf Mirbt, der Leiter der Münchner Laienspieler und Begründer der Laienspielbewegung der zwanziger Jahre. Zu bedenken ist, dass Salomon und Mirbt, wie auch die Rezipienten der Weimarer Theologie, der Frontgeneration angehörten, für die das Kriegserlebnis, aber auch die WandervogelBewegung mit ihren Geselligkeitsformen prägend waren. Jugendliche Begeisterung für lebensvoll bewegte Theologie und das Erleben einer verbindenden Gemeinschaft im gemeinsamen Schauspiel bildete das gemeinsame Thema der theologischen und theaterbezogenen Verlagsrichtungen des Chr. Kaiser Verlags. Der Berliner Furche Verlag (gegr. 1910) verlegte ursprünglich die Zeitschrift Furche der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung. 1914 wurde das Verlagsunternehmen ausgeweitet und produzierte nun auch Belletristik für kriegsteilnehmende Studenten. Seit 1916 kamen weltanschauliche und schöngeistige Titel für ein breites Publikum hinzu. 1926 landete der Furche Verlag mit Das Jahrhundert der Kirche des Berliner Generalsuperintendenten Otto Dibelius einen Bestseller. Dibelius Behandlung der neuen organisatorischen und ideellen Probleme der protestantischen Kirchen stieß auf enorme öffentliche Beachtung. Der Furche Verlag ergänzte sein Verlagsprogramm dennoch um theologisch alternative Titel. Paul Althaus war mit Die Krisis der Ethik und das Evangelium (1926) und Heinrich Rendtorff mit dem volksmissionarischen Traktat Ich weiß, an wen ich glaube (1930) im Verlagsprogramm vertreten. Paul Tillich hatte bereits 1929 mit dem Titel Religiöse Verwirklichung religiös-soziale Akzente gesetzt.

58 Vgl. Graf/Waschbüsch: Zwischen den Zeiten.

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Katholische Verlage Gemessen an den 4.300 Verlagen, die es laut einer Umfrage 1925 in Deutschland gegeben haben soll, nahm sich das Feld der rund 100 dezidiert katholischen Verlage recht bescheiden aus.59 Die folgende Tabelle führt katholische Verlage, die in der Weimarer Republik existierten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit in der Reihenfolge ihres Alters auf.

Buchverlage des deutschsprachigen Katholizismus 1918–1933 Verlag

Gründg. Ort 1591 Münster

Kurzprofil Mitglied im VKB

Pustet

1592 München

Mitglied im VKB

Kösel

1593 München

Belletristik; ZS: Hochland; Mitglied im VKB

Junfermannsche Verlagsbuchhandlung

1659 Paderborn

Fürstbischöfliche Gründung; Mitglied im VKB

Aschendorff

1720 Münster

Kirchheim

1736 Mainz

Münsterischer Anzeiger; Schulbücher; Mitglied im VKB Schulbücher

Verlagsanstalt Benziger & Co

1792 Einsiedeln/CH ZS Alte und Neue Welt; Hugo Ball; Gertrud v. Le u. Köln (1894) Fort; Mitglied im VKB

Herder

1801 Freiburg

J. P. Bachem

1818 Köln

Schwann

1821 Düsseldorf

Verlagshaus B. Kühlen

1825 MönchenGladb.

Paul Pattloch

1827 Würzburg

Mitglied im VKB

G. J. Manz

MonatsZS: Prediger und Katechet; Übernahme der »Vereinigten Druckereien« 1929; Mitglied im VKB

G. P. Aderholz

1830 Regensburg / München 183? Breslau

Räber

1832 Luzern

Schweizerische Kirchenzeitung

Regensbergsche Verlagsbuchhandlung

Verlag J. Schnellsche 1834 Warendorf Buchhandlung Laumann Verlag

1842 Dülmen

Borromäusverein

1844 Bonn

Lexikon für Theologie und Kirche; Initiator des VKB Karl Bachem, Geschichte der Zentrumspartei, Mitglied im VKB Theologie, Schulbücher; übernimmt 1933 Mosella Verlag Mitglied im VKB

Tageszeitung Neuer Embote; religiöses Schrifttum; Augustin Wibbelt, Hermann Löns; Mitglied im VKB Devotionalien Sonderfall, da primär verbreitender Buchhandel; Mitglied im VKB

59 Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 330. Hübinger/Müller: Politische, konfessionelle und weltanschauliche Verlage, S. 370, schreiben zu Recht: »Literatur oder Überblicksdarstellungen zum katholischen Verlagswesen gibt es, mit Ausnahme der entsprechenden Selbstdarstellungen der Firmen, kaum.«

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Verlag

Gründg. Ort

Kurzprofil

Schöningh

1847 Paderborn

ZS Theologie und Glaube; Wissenschaft; Mitglied im VKB Mitglied im VKB

Verlagsbuchhandlung 1849 Hildesheim August Lax 1848 Stuttgart Schwabenverlag Don Bosco

1925 München

Katholischer Volks- und Hauskalender; Mitglied im VKB Verlag der Salesianer, 1938 verboten

Waldstatt

1865 Einsiedeln

Devotionalien, Gebetbücher

Fredebeul & Koenen

1866 Essen

A. Fromm Verlag

1868 Osnabrück

F. H. Kerle Verlag

1868 Heidelberg

Apologetische Schriften wie Keiter, Konfessionelle Brunnenvergiftung, 1908. ZS: Der Gral (1925/26); Mitglied im VKB Zeitungen u. Bücher. Ordo Socialis, Hg. Carl Sonnenschein Kreis; Mitglied im VKB Mitglied im VKB

van Acken

1868 Lingen

Bonifacius-Druckerei 1869 Paderborn 1869 Graz, Köln Styria

wenige Gebiete, klein Sehr einflussreicher Verlag; Mitglied im VKB

Josef Habbel

1870 Regensburg

Butzon & Bercker

1870 Kevelaer

Thomas-Druckerei und Verlag

1871 Kempen

Weltgeschichte (22 Bde.) von Joh. B. v. Weiß u. Richard v. Kralik Literatur und Kunst; Eichendorff; W. Kosch; Mitglied im VKB Kath. Handlexikon; Kirchengeschichte; Mitglied im VKB Mitglied im VKB

Badenia Verlag und Druckerei

1874 Karlsruhe

Mitglied im VKB

Verlag der Germania 1874 Berlin 1874 Fulda Parzeller & Co Paulinus Verlag

1875 Trier

Auer (Ludwig Auer/ Cassianeum)

1875 Donauwörth

Hanstein

1878 Bonn

Peter Hanstein Verlag 1880 Bonn 1881 Hamm Breer & Thiemann Verlag J. Pfeiffer

1882 München

Politische Literatur Bonifatiusbote, Gotteslob; Mitglied im VKB Gründer: »Presskaplan« und Judenfeind Georg Friedrich Dasbach; Trierer Theol. ZS; Mitglied im VKB Pädagogische Literatur, Zeitschriften (Monika); Mitglied im VKB Bonner Bibelwerk, AT: Fritz Tillmann, 1912 Mitglied im VKB Frankfurter zeitgemäße Broschüren Andacht; Mitglied im VKB

1890 Köln u. Stein- Mitglied im VKB feld 1896 München Mitglied im VKB Verlag Ars sacra Josef Müller Konzentriert auf Kunst Beuroner Kunstverlag 1898 Beuron Salvator-Verlag

Kolping Verlag

19?? Köln

5.2 .8 Konf ession elle Ver lage Verlag Bucher, F.X.

Gründg. Ort Würzburg

159 Kurzprofil Kath. Kanzelstimmen

Lambertus-Verlag

1898 Freiburg

Mitglied im VKB

Alsatia Verlag

1898 Freiburg

Mitglied im VKB

Lahn Verlag

1900 Limburg

Echter Verlag

1900 Würzburg

Theodor Lampart

1901 Augsburg

Gründer: Pallottiner; ZS: Rosenkranz; Mitglied im VKB Echterbibel; Berichte der Kath. Akad. i. Bayern; Belletristik; Mitglied im VKB ZS: Das Zwanzigste Jahrhundert; Reformkatholiken

Volksvereins Verlag

1905 Mönchen-Glb. Volksverein

Verlag Ferdinand Kamp

1909 Bochum

Mitglied im VKB

Sebaldus-Druck und Verlag

1910 Nürnberg

Mitglied im VKB

Bodenseeverlag Karl 1910 Ravensburg u. ZS: HJB d. Görres Ges; Philosophisches Jb, Hg: Freiburg Max Müller, Michael Schmaus; Der Gral; 1935 von Alber Herder übernommen; Mitglied im VKB 1910 Dillingen Aufsichtsratsvorsitzender: Dr. Georg Heim, der Vereinigte Druckereibayerische »Bauerndoktor«; 1929 mit J. G. Manz en, Kunst- u. Verlagsfusioniert anstalten AG Mosella Verlag

1910 Trier

Betreuung der Eckerschen Schulbibel, 1933 von Schwann übernommen Religionsunterricht an Höheren Schulen; Mitglied im VKB Bruce Marshall, Edzard Schaper, Reinhold Schneider, Martin Buber, Georges Bernanos, Francis Jammes Schöne Literatur; ZS: Die Bergstadt

Patmos

1910 Düsseld.

Jakob Hegner

1912 Hellerau

Bergstadtverlag

1914 Breslau

Edition Cron

1914 Luzern/CH

Kyrios Verlag

Walter Verlag

1916 Graz; 1927: Mitglied im VKB Meitingen (bei Augsburg) 1916 Olten Ursprünglich kathol. Pressehaus

Hoheneck-Verlag

1917 Hamm

Mitglied im VKB

Neugründungen in der Weimarer Republik Ars liturgica, Buch- 1918 Maria Laach Abteiverlag; Mitglied im VKB und Kunstverlag Liturgische Bewegung; Romano Guardini Matthias-Grünewald 1918 Mainz Bühnenvolksbund

1919 Frankfurt

Kunst, Theater; ZS: Der Bühnenvolksbund

Pilger Druckerei

1919 Speyer

Mitglied im VKB

Pilger

1919 Speyer

Der Pilger, Speyerer Bistumsblatt

Johannes-Verlag

1920 Leutesdorf

Gründer: Pater Johannes Maria Haw; Religiöses Kleinschrifttum; Mitglied im VKB

160

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Kanisiuswerk

1921 Konstanz

Mitglied im VKB

Max Hueber

1921 München

Paulus Verlag K. Bitter

1922 Recklinghausen

Sprachen und Theologie Hb. der Moraltheologie, 15 Bde.; Münchner Theologische ZS, Hg. M. Schmaus Mitglied im VKB

Dietrich Coelde Ver- 1922 Werl lag 1922 Würzburg Augustinus Verlag

Mitglied im VKB Inh.: Augustinuskloster; Mitglied im VKB

Berglandverlag

1922 Elberfeld

Wissenschaft u. Musik

St. Otto

1922 Bamberg

St. Heinrichsblatt; Mitglied im VKB

Verlag katholisches Bibelwerk

1923 Stuttgart

Mitglied im VKB

Glock u. Lutz

1923 Nürnberg

Verlag Kepplerhaus

1924 Stuttgart

Verlegte auch evangel. Lit., verstand sich nicht explizit als »kath.«, sondern ausdrücklich als humanistisch; Autoren: Karl Muth, ZS: Besinnung. Mitglied im VKB

Verlag Otto Walter

1924 Konstanz, Zweigniederlassung von Walter, Olten; Mitglied im 1937: Freiburg VKB 1925 Bonn Mitglied im VKB

Verlag bibliotheca christiana

Brentanoverlag Viktor 1925 Stuttgart Kubczak 1926 Bonn Hofbauer

Gegr. in Breslau. Tochterunternehmen der Schlesischen Volkszeitung; Heimatthemen

Steyler Verlagsbuch- 1927 St. Augustin handlung 1928 Ettal Buch-Kunstverlag Ettal 1929 Friedberg (bei Pallotti Verlag Augsburg) 1931 Eichstätt Franz-Sales-Verlag

Verlag der Steyler Missionare; Mitglied im VKB

Schwerpunkt: Alfons von Liguori

Klosterverlag mit christlicher Kunst; Mitglied im VKB Verlag des Pallottiner-Ordens; Mitglied im VKB Gründung der Kongregation der Oblaten des hl. Franz von Sales; Mitglied im VKB

Die Angabe »Mitglied im VKB« bedeutet in der Verlegerkammer, bezieht sich aber auf die Angaben in Der katholische Buchhandel Deutschlands, 1967, S. 175 –181. Daten aus ebd., aus Vinz u. Olzog, 1962 sowie zahlreichen anderen Quellen.

Im Folgenden soll, statt Einzelverlagsgeschichten nachzuerzählen, eine Herangehensweise gewählt werden, die das Feld katholischer Verlage nach Positionen unterteilt. Eine solche Analyse kann zugleich der anhaltenden Debatte über das katholische Milieu dienen. Denn eine »starke, eng geschlossene Phalanx« wie im Kulturkampf war der politische Katholizismus mit seinem vorpolitischen Milieu längst nicht mehr.60 So sehr Katholiken in manchen Fragen noch zusammenstanden, etwa bei der Abwehr der Si60 Weber: Eine starke, enggeschlossene Phalanx.

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multanschule, so sehr bröckelte das Milieu an den Rändern. Aber auch innerhalb des Milieus und des politischen Katholizismus reichte das Spektrum von philofaschistischen, spätultramontan-monarchistisch-demokratiefeindlichen über ständestaatliche und vernunftrepublikanische bis hin zu christlich-sozialistischen Positionen. Diese Vielfalt spiegelte sich auch im Verlagswesen wider.

Der Herderverlag: Dachverlag für viele Positionen Große Verlage wie Herder in Freiburg konnten unter ihrem weiten Mantel divergierende Positionen beherbergen. Allein die unüberschaubar vielen Mitarbeiter an den diversen katholischen Lexika, die nur der Herder Verlag unter der Leitung von Hermann Herder zu schultern in der Lage war, ließen eine stromlinienförmige ideologische Ausrichtung nicht zu. Die fünfte Auflage des Staatslexikons. Recht, Wirtschaft, Gesellschaft, erschien 1926 – 1932 in fünf Bänden im Auftrag der Görres Gesellschaft. Selbst die von Anhängern der Weimarer Republik verfassten Artikel waren noch von Indifferenz gegenüber der Demokratie geprägt.61 Das Lexikon für Theologie und Kirche gab in 10 Bänden zwischen 1930 bis 1938 Michael Buchberger als Nachfolger seines zweibändigen Kirchlichen Handlexikons (1907/1912) und des zwölfbändigen Kirchenlexikons von Wetzer und Welte heraus. Herders Konversationslexikon erschien als Der Große Herder zwischen 1931 und 1935 in einer Auflage von 40.000. Zwischen 1930 und 1932 produzierte Herder schließlich das Lexikon der Pädagogik der Gegenwart.62 Herder betreute seit 1918 auch Hülskamps 1862 gegründete Empfehlungsserie, nun unter dem Titel Literarischer Handweiser. Kritische Monatsschrift, ohne den Arbeitsaufwand für dieses Werk zu scheuen. Zwischen 1918 und 1925 machten sich 396 Mitarbeiter Gedanken darüber, was ein guter Katholik lesen dürfe. Die Werbeanzeigen vermitteln ein Bild davon, welche Firmen die Finanzkraft und Bereitschaft aufbrachten, sich den Multiplikatoren ihres Milieus und dessen Lesern in Erinnerung zu rufen. Neben Herder selber, der an der Spitze stand und der das Blatt ja selber verlegte, gehörten zu den regelmäßigen Anzeigenkunden Aschendorff, J. P. Bachem, der Berglandverlag, der Bühnenvolksbund, Fredebeul & Koenen, der in den frühen 1920er Jahren gegründete Führer-Verlag in Mönchengladbach, Matthias-Grünewald, Kösel & Pustet, Schwann, die Tyrolia Verlagsanstalt und der Volksvereinsverlag, mithin ein wichtiger Ausschnitt des katholischen Verlagsspektrums.63 Bei Herder erschienen Großausgaben entschieden katholischer Literatur wie zum Beispiel Ludwig Pastors 22-bändige Geschichte der Päpste (1886 – 1932).64 Charakteristisch für Herder ist aber auch, dass er sich neben diesem papsttreuen Modernistende-

61 Vgl. Bauer: Staatslexikon der Görres-Gesellschaft; Köhler: Bücher als Wegmarken des deutschen Katholizismus, S. 43. 62 Spieler, Josef: Lexikon der Pädagogik der Gegenwart. Hrsg. vom Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik Münster in Westfalen. Freiburg: Herder, 2 Bde., 1930 –32. 63 Vgl. die Dissertation von Bonnery: Les revues catholiques, S. 145, 125 f. 64 Pastor, Ludwig: Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters (1305 –1799), 16 in 22 Bden. Freiburg: 1886 –1933.

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nunzianten zugleich seines liberalen Kollegen Franz Schnabel und dessen innovativer Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert (1929 – 1937) annahm.65

Lagerkämpfe und Positionsverlage Rechts von Herder standen Verlage wie Karl Alber, Kösel & Pustet sowie besonders Manz in Regensburg, links davon etwa der Verlag des Volksvereins in MönchenGladbach (VKD), und zwar in politischer und gesellschaftlicher, literarischer, theologischer und religiöser Hinsicht. Im »Verfassungsstreit« verteilten sich die beteiligten Autoren insbesondere auf diese Verlage. Der Streit entzündete sich an Artikel 2 des ersten, die Republik erklärenden Artikels: »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus«. Zahlreiche Katholiken monierten das Fehlen einer nominatio Dei (die es übrigens in den Verfassungen 1849 und 1871 auch nicht gab). Rechtsstehende Katholiken behaupteten, die Volkssouveränität sei mit katholischen Grundsätzen unvereinbar. Pfarrer Philipp Haeuser sprach der Verfassung 1922 den nationalen Charakter ab.66 Weil sie dem neuen Reich die Verfassung gegeben hätten, warf der Leiter des Verlags Kösel & Pustet, Paul Siebertz, Zentrum und Sozialdemokratie 1923 »ein einziges verbrecherisches Abgehen von jeder historischen Denkweise« und die »Eliminierung Gottes aus der Verfassung« vor.67 Noch 1932 wetterte Clemens August Graf von Galen, der spätere »Löwe von Münster«, gegen die unbeschränkte Auslieferung der Gesetzgebung an den Volkswillen. Galens Schrift Die Pest des Laizismus erschien in der traditionsreichen Aschendorffschen Buchhandlung in Münster.68 Die republikfeindlichsten Schriften kamen jedoch bei Manz in Regensburg heraus. Dort ließ der Hauptprotagonist der intransigenten Richtung, Franz Xaver Kiefl, seine Attacken gegen die Verfassung publizieren, was bis heute als Kiefl-Tischleder Kontroverse bekannt ist. Der Regensburger Domdekan und Würzburger Dogmatikprofessor konnte sich die Herrschergewalt nur von oben, von Gott gegeben vorstellen. Die Massen dürften, wie schon Leo XIII. erkannt habe, nicht zur Herrschaft gelangen. Umso schlimmer war es, dass die Verfassung aus der Revolution von 1918 hervorgegangen war, die von Freimaurern, Juden und Sozialisten verantwortet worden sei. Auch Walter Rathenau geriet ins Fadenkreuz seiner antisemitischen Angriffe.69 Hauptgegner von Kiefls Schriften waren der Münsteraner Theologe Tischleder und dessen Lehrer Joseph Mausbach, die beteuerten, Artikel 2 bedeute für den gläubigen Christen nicht, die göttliche Führung des Volkes zu leugnen.70 Ihre Schriften erschienen im VKD; auch der Zentrumspolitiker Karl Bachem stellte sich in seiner im Bachem-Verlag 1931 publizierten Zentrumsgeschichte ganz auf

65 66 67 68

Vgl. Hertfelder: Franz Schnabel und die deutsche Geschichtswissenschaft. Haeuser: Wir Deutsche Katholiken und die moderne revolutionäre Bewegung, S. 50. Siebertz: Deutschland zur Zeit seiner größten Schmach, S. 25 f. Clemens August Graf von Galen: Die »Pest des Laizismus« und ihre Erscheinungsformen – Erwägungen und Besorgnisse eines Seelsorgers über die religiös-sittliche Lage der deutschen Katholiken. Münster: 1932. 69 Kiefl: Die Staatsphilosophie der katholischen Kirche, S. 9 f., 32 f., 90. 70 Zum Verfassungsstreit grundlegend: Morsey: Die deutsche Zentrumspartei, S. 236 –242; Hürten: Deutsche Katholiken 1918 bis 1945, S. 58 –62; Otten: Die »Rettung des Politischen«, S. 88 –99.

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die Seite von Mausbach und Tischleder.71 Der Manz Verlag schärfte sein Profil, indem er katholisch-republikfeindliche Schriften verbreitete, darunter die antisemitische Hetzschrift des Wolfsberger Stadtpfarrers Robert Klimsch, die 1920 endlich die »vollständige Lösung der Judenfrage« forderte.72 Manz verlegte auch mehrere Publikationen von Pfarrer Haeuser, etwa 1923 Jud und Christ oder Wem gehört die Weltherrschaft, solange sie rechtskatholisch waren, bevor Haeuser seine Texte, eine Mixtur aus Nationalsozialismus und Katholizismus, 1931 direkt im Eher-Parteiverlag in München unterbrachte.73 Dennoch war Manz 1925 mit 25 Millionen Reichsmark verschuldet. Erst die Fusion mit den Vereinigten Druckereien in Dillingen (Veduka) rettete den Verlag 1929 vor dem Konkurs.74 Schon im sogenannten »Literaturstreit« zeichneten sich die zerstrittenen Abb. 3: Karl Muth (1867–1944), Hochland 39 Lager zwischen Modernisten und Inte(1946). gralisten in den passenden Verlagen ab. Er begann 1898 mit Karl Muths Aufruf, die katholische Unterhaltungsliteratur müsse sich auf die Höhe der Zeit begeben.75 Vor dem Hintergrund der »Inferioritätsdebatte« (über Ursachen und Auswege aus der katholischen Rückständigkeit) wollte Muth nicht weniger, als dass sich die rückständige katholische Dichtung an das höhere protestantische Niveau assimilierte, dabei aber zugleich stets das »Menschlich-Bedeutungsvolle«, das Verhältnis zu Gott, authentisch empfindend ausdrücke. Dieses Literaturprogramm bedeutete zwar einen Fortschritt, war aber letztlich nicht modern, sondern »epigonal«,76 allerdings nicht so rückwärts gewandt wie die Gegengründung Richard 71 Tischleder: Die Staatslehre Leos XIII.; Bachem: Vorgeschichte, Geschichte und Politik der Deutschen Zentrumspartei, Bd. 8, S. 311 –320. 72 Klimsch: Die Juden, S. 55. 73 Haeuser, Philipp: Jud und Christ oder Wem gebührt die Weltherrschaft? Regensburg: Manz 1923; ders.: Kampfgeist gegen Pharisäertum: national-sozialistische Weihnachtsrede eines katholischen Geistlichen. München: Eher 1931. 74 Vgl. Flemmer: Verlage in Bayern, S. 167. 75 Veremundus [= Karl Muth]: Steht die Katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit? 76 Brenner: Catholica non leguntur, S. 296 –298; Osinski: Katholizismus und deutsche Literatur im 19. Jahrhundert, S. 367, urteilt, Muth habe mit seinen »antimodernen, antistädtischen, anti-

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von Kraliks, der die katholische Literatur statt am modernen protestantischen Bürgertum lieber am Barock ausrichten wollte. »Die einen neigten mehr als zulässig zur Emanzipation, die andern zu einer Fesselung, welche die freie Bewegung, […], bedrohte. […] Im Ganzen aber behaupten wohl diejenigen das Feld, welche gegen die Extremen von rechts und links Stellung nahmen«.77 Der damals noch unbedeutende Kösel Verlag gab die 1903 von Muth gegründete Zeitschrift Hochland mit wachsender Auflage (1939: 12.000) bis zu ihrer Einstellung 1941 heraus. Der Kemptener Verlag verteidigte Muths Stellung im Literaturstreit, der 1923 und 1927 kleinere Nachwehen hatte.78 Verlagsleiter Paul Huber war selbst aktiv an der Profilierung von Hochland beteiligt.79 Nach seinem Tod 1911 übernahm sein Bruder Hermann Huber die Verlagsleitung. Sein Verlagsmitarbeiter Phillip Funk diente von 1920 bis 1926 als Berater der Zeitschrift. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation gab Kösel & Pustet – eine Kommanditgesellschaft mit den Verlagen Kösel, Pustet, Isaria und Lentner, die von 1918 bis 1927 hielt – politisch rückwärts gewandte Schriften wie die von Siebertz heraus. Pustet scherte aus und widmete sich seit 1927 verstärkt liturgischen Werken. Die Gegenposition im Literaturstreit wurde in Verlagen wie Alphonsus und Habbel, einem streitbaren Kulturkampfverlag, vertreten. Hier erschienen Kraliks Schriften, der den Katholizismus aus dem Geist der mittelalterlichen Mystik und des Barock auf ständischer Grundlage erneuern wollte.80 Er sah nicht ein, weshalb man sich seiner Inferiorität zu schämen hätte, im Gegenteil sei der Katholizismus dem Protestantismus überlegen und bräuchte sich ihm nicht andienen. Der Gral, 1906 von Kralik ausdrücklich als Gegenblatt zum Hochland lanciert, erschien daher (neben dem Historischen Jahrbuch der Görres Gesellschaft) bis 1925 in dem entschieden katholischen Verlag Karl Alber in Ravensburg, bevor er 1925 zum Verlag Fredebeul & Koenen in Essen kam, der apologetisches Schrifttum produzierte (darunter Heinrich Keiters Schriften). Von 1928 bis 1937 erschien Der Gral bei Regensberg in Münster. Wer die Verlagslandschaft lesen konnte, vermochte die Feldlogiken und Zuordnungen zu verstehen. Reformkatholische Publikationen konnten schlecht in einem kirchennahen Verlag erscheinen, so dass sich dafür der risikobereite Katholik und Sohn eines Buchhändlers Theodor Lampart bereit zeigte. Sein 1901 gegründeter Verlag übernahm 1902 die modernistische Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert (1909 bis 1916: Das Neue Jahrhundert). Mit liberal- und reformkatholischen, ökumenischen und vom Papst verworfenen Schriften profilierte sich der Augsburger Verlag und überlebte bis weit in die 1920er Jahre hinein. Dagegen engagierte sich der protestantische Verlag Eugen Diederichs Anfang des 20. Jahrhunderts aus ökonomischem Kalkül für reformkatholi-

77 78 79 80

technischen, antiwissenschaftlichen-kulturkritischen Position« die modernen literarischen Entwicklungen blockiert. Zum Literaturstreit vgl. Hanisch: Der katholische Literaturstreit, S. 125 – 160; Köhler: Bücher als Wegmarken des deutschen Katholizismus, S. 50 f.; Diersch: Das »Hochland«. Cardauns: Das literarische Schaffen, S. 384. Vgl. Thormann: Die Aufgabe des katholischen Dichters in der Zeit; vgl. dazu und zur Festschrift für Muth 1927 Brenner: Catholica non leguntur, S. 287 –292, 295, 309 f. Vgl. Flemmer: Verlage in Bayern, S. 164 f. Vgl. Köhler: Bücher als Wegmarken des deutschen Katholizismus, S. 53; zu Habbel vgl. Flemmer: Verlage in Bayern, S. 127. Vgl. Brenner: Catholica non leguntur, S. 301 f.

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sche Publikationen und zielte konzentriert auf ein am Katholizismus interessiertes bürgerlich-protestantisches Publikum.81 Mit rein ökonomischen Gründen kommt eine Feldanalyse jedoch nicht aus. Zwar litt die Weimarer Republik an starken Krisen der Nachkriegsjahre, der Inflation und seit 1929 an der Weltwirtschaftskrise, was jeweils massive Auswirkungen auf den Buchhandel nach sich zog. Dazu kamen die vermeintliche Novitätensucht und die hohe Fluktuation von Neugründungen, Konkursen und Fusionen in der Verlagsbranche. Was lag für Verlage da näher, aus ökonomischen statt Gesinnungsgründen zu handeln und Positionswechsel je nach kommerzieller Lage vorzunehmen? Dem VKD war angesichts des Mitgliederschwundes des Volksvereins sogar die Rolle zugedacht, als »Schwungrad« des Vereins zu dienen.82 Paradoxerweise wurde jedoch gerade in der Weimarer Republik, etwa bei den Buchgemeinschaften, Gesinnungsliteratur auch um den Preis kommerzieller Einbußen verlegt. In einem Feld verschiedener, zueinander stets in Relation stehender Positionen war es wichtig, dass die Verlage, auch wenn sie einen gemeinsamen katholischen Absatzmarkt bedienten, jeweils ein eigenes »Verlagsprofil« aufwiesen, dass sie Nischen besetzten, sich auf spezifische Genres konzentrierten und erkennbare Versammlungsorte moderner bzw. unmoderner Geister wurden.83 Erst das kulturelle Kapital, der identifizierbare Standort in einem Geflecht von Feldpositionen, zog entsprechende Autoren an einen Verlag, fand die gewünschten Abnehmer im Feld und konturierte so das »Verlagsgesicht«, dank dessen sich in der schwierigen Marktposition ökonomisches Kapital sichern ließ.84 Kleinere Verlage wie Pattloch oder der Mosella Verlag beschränkten sich etwa auf ihr Spezialgebiet (Andachtsbücher, Hagiographien, Bibeln), mittelgroße Verlage konzentrierten sich häufig auf ausgesuchte Genres und Fachgebiete, wie etwa Kirchheim in Mainz vor allem Schulbücher produzierte.

Das Profil des Matthias-Grünewald Verlags im katholischen Verlagsfeld Ein besonders profilstarkes Verlagsprogramm baute der Matthias-Grünewald Verlag (MGV) auf. Ende 1918 gründete der katholische Landvermesser der Stadt Mainz, Richard Knies (1886 – 1957), einen Verlag, weil das »Versinken« der Kultur gebremst werden müsse und neue Orientierungsangebote notwendig seien. Für den Wiederaufbau einer deutschen Kultur versprach Knies sich Halt in der deutschen Gotik. Ein »neues Münster« solle errichtet werden. Als Vorbild diente das Werk von Matthias Grünewald († 1528), wo Gotik und Glaube des Volkes ihren »stärksten synthetischen Ausdruck« gefunden hätten. Deshalb avancierte Grünewald zum Namensgeber des Verlags. Knies war eng mit seinem Altersgenossen Romano Guardini befreundet, der 1910 in Mainz zum Priester geweiht worden war. Beide gehörten zum Gesprächskreis um Josefine und Wilhelm Schleussner (Schleussnerkreis) und waren der liturgischen Bewegung sowie der katholischen Jugend- und Erneuerungsbewegung verbunden. Der Verlag griff diese Impulse auf, verstand sich nicht als amtskirchenhörig, sondern suchte die lebendige Erneuerung von unten. Dem breiten Zielpublikum entsprechend, sollte das 81 82 83 84

Vgl. Haustein: Liberal-katholische Publizistik im späten Kaiserreich, S. 67 f., 115 –117. Vgl. Klein: Der Volksverein für das katholische Deutschland, S. 180 f. Vgl. Hübinger: Versammlungsort moderner Geister. Vgl. Bourdieu: Die Regeln der Kunst.

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Neuerscheinungen im Grünewald-Verlag (jeweils mit Folgejahr kumuliert) im Trend Neuerscheinungen im–Grünewald-Verlag (jeweils mit Folgejahr Deutschland/BRD gesamt 1919 1991 kumuliert) im Trend Deutschland/BRD gesamt 1919 – 1991 80000 Deutschland/BRD Grünewald

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Berechnung gem. den Angaben in: 75 Jahre Grünewald. Anspruchsniveau seiner Produkte nicht von »akademisch-professoraler Gelehrsamkeit« und »Wissenschaftlichkeit«, sondern von Allgemeinverständlichkeit geprägt sein. So wie die 1917 vom Verein der Quickbornfreunde gekaufte Burg Rothenfels zum geographischen Zentrum der katholischen Jugendbewegung wurde, fungierte der MGV für rund ein Jahrzehnt als ihr publizistisches Zentrum, aber auch als Sammelpunkt der Bibel- und der liturgischen Bewegung, aufgeschlossen gegenüber Anregungen von anderen Konfessionen und aus dem Ausland.85 Die erste Publikation 1919 stammte von John Henry Kardinal Newman, später verlegte der MGV die Gesamtausgabe seiner Werke. Seit 1920 erschienen fast alle Werke Guardinis beim MGV, später seine Gesamtausgabe. Grünewald war neben dem Werkbundverlag quasi Guardinis Hausverlag. Auch Schriften der Tübinger Schule (Scheeben) wurden neu aufgelegt. Doch dem Druck der Inflation war der in Knies eigener Wohnung betriebene Kleinverlag nicht gewachsen. Er gab seine Selbstständigkeit auf und begab sich beim Verlag Hermann Rauch (Wiesbaden), der seit 1921 für Druck und Auslieferung zuständig war, in ein Angestelltenverhältnis bei garantierter verlegerischer Entscheidungsfreiheit. In der kurzen Prosperitätsphase des Verlags konnte Knies 1925 die Bestände und Rechte vom Verlag Deutsches Quickbornhaus erwerben. Wie fast den gesamten Buchhandel erfasste 1929 die Weltwirtschaftskrise auch den MGV. Zwar

85 Knies, Richard: Vorwort. In: Das neue Münster – Baurisse zu einer deutschen Kultur. Mainz: 1918; Laubach: Zur Geschichte des Matthias-Grünewald-Verlags, S. 5 –28; Laubach: Soviel Glück im Leben.

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erschien 1934 noch die dreibändige Rießler-Storr-Bibel, und gegen den Trend in der deutschen Titelproduktion insgesamt stieg die Titelzahl beim MGV weiter. Doch neben wirtschaftliche Schwierigkeiten gesellte sich nun der Druck durch das NS-Regime. Die Reichsschrifttumskammer verlangte in einem Brief an »Herrn Matthias Grünewald« dessen Ariernachweis, worauf Knies antwortete, er wisse nicht, ob der bedeutendste deutsche Maler des Mittelalters arisch gewesen sei.86 Den Autoren Elisabeth Langgässer und Dietrich von Hildebrand im belletristischen Segment des Verlags wurde ein Schreibverbot auferlegt. 1937 meldete der MGV Konkurs an. Konkurrierende katholische Verlage lauerten bereits auf die Verlagsrechte an den Erfolgsautoren, doch fand sich der Schwann Verlag in Düsseldorf bereit, den MGV zu übernehmen. An der Nahtstelle der Konfessionen gab es schließlich auch Verlage, die christlich waren, aber nicht ganz eindeutig konfessionsfixiert. Der Hellerauer Verlag Jakob Hegner gilt bis heute als katholischer Verlag, zumal er nach 1949 unter der Inhaberschaft Benno und Franz Bachems und der Verlagsleitung Jakob Hegners im Bachemhaus in Köln seine Heimstatt fand. Hegner (1882–1962) stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, konvertierte aber 1919 zum Protestantismus. Seit 1912 lebte er in der Künstlerkolonie Hellerau bei Dresden, wo er seinen Verlag gründete, der durch zwei Dinge bekannt wurde: Hegner prägte einen neuen Buchstil, der »alle zum Kauf anreizende Illustration und Ausstattung ignorierte« und seine Wirkung aus der Druckkunst bezog.87 Zweitens förderte der Protestant jüdischer Herkunft vor allem katholische Autoren. Er übersetzte selber Paul Claudel und Georges Bernanos aus dem Französischen. 1935 konvertierte Hegner zum Katholizismus und setzte sich auch über 1933 hinaus für seine Autoren wie Theodor Haecker, Josef Pieper und Romano Guardini ein, bis er 1936 aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wurde und in die Emigration ging.88

Jüdische Verlage »Grund, Mitte und Umfang seines Daseins ist für den jüdischen Menschen seit drei Jahrtausenden das Buch.«89 Was Karl Wolfskehl nach dem Zweiten Weltkrieg formulierte, fasst auch den kulturpolitischen Anspruch jüdischer Verlagspolitik in der Weimarer Republik wie ein Menetekel zusammen. Verknüpfte man jüdische Identität traditionell mit Schriftlichkeit, so wurde jüdische Verlagsarbeit, die sich im Bemühen um die Verschriftlichung jüdischer Identität befand, zu einer tragenden Säule ebendieser Identitätspolitik. Anspruchsvoll, um nicht zu sagen gewagt, war ein solches Vorhaben in der Weimarer Republik. Die Einführung der republikanischen Verfassung hatte vordergründig zwar die Vollendung der jüdischen Emanzipation gebracht, gleichzeitig jedoch nahmen innerjüdische Differenzen zu, und die Konfrontationslinien gegenüber den

86 Vgl. Laubach: Zur Geschichte des Matthias-Grünewald-Verlags, S. 11. 87 Kipphoff, Petra/Hegner, Jakob: In: Die Zeit, 5. Okt. 1962. 88 Halder: Hegner, Jakob; vgl. Sarfert: Metaphysischer Unruhestifter; Vinz/Olzog: Dokumentation deutschsprachiger Verlage, S. 91 f. 89 Wolfskehl: Die Juden und das Buch, S. 1.

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Antisemiten verschoben sich.90 Das Selbstverständnis des deutschen Judentums brach in mehrfacher Hinsicht auf. Die aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Assimilations- und Akkulturationsbestrebungen führten zu einem schleichenden quantitativen Rückgang des jüdischen Bevölkerungsanteils. Dagegen setzten Orthodoxie und Zionismus ihre jeweils eigenen Lösungsstrategien, die zusätzlich von zahlreichen jüdischen Migranten aus Osteuropa in eigener Lesart gedeutet wurden. Die Zuwanderung aus Osteuropa war daneben Folie antisemitischer Polemik und Übergriffe, wie dem Pogrom im Berliner Scheunenviertel im November 1923. Für die innerjüdischen Debatten und Tendenzen existiert der Begriff »Renaissance jüdischer Kultur«, der die Bemühungen, eine jüdische Erfahrungsgemeinschaft mittels religiöser und kultureller Traditionen neu zu beleben oder neu zu erfinden, bezeichnet.91 In Folge der »Renaissance jüdischer Kultur« wurden Stimmen nach einem neuen »jüdischen Kanon« laut, bestehend aus hebräischer oder deutscher theologisch-wissenschaftlicher Werke oder religiöser Gebrauchsliteratur, jiddischer oder deutscher Literatur sowie zionistischen Programmschriften.92 Wesentliche Mediatoren der »Renaissance jüdischer Kultur« sollten die jüdischen Verlage in der Weimarer Republik sein. Deren Geschichte stellt sich jedoch vorwiegend als eine diffus anmutende Folge von Neugründungen, Pleiten und Fusionen dar. Wie das Verlagswesen allgemein von den prekären ökonomischen Rahmenbedingungen betroffen, war die Mehrzahl der circa 40 jüdischen Verlage in Deutschland, die sich 1928 als solche jüdische Verlage definierten, in ihren wenigen Bestandsjahren von ständigen Umstrukturierungen betroffen.93 Einige wenige Verlagsunternehmungen des 19. Jahrhunderts, wie M. Poppelauer (gegr. 1860 in Berlin), C. Boas Nachf. (gegr. 1863 in Berlin) oder I. Kauffmann (gegr. 1838 in Frankfurt a. M.), bestanden fort, überwiegend waren »jüdische Verlage« aber kleinere und kleinste Unternehmen, zum Teil Buchhandlungen mit angegliedertem Gelegenheitsverlag, die insbesondere in den Inflationsjahren eine kurze Blütezeit erlebten. Andere Überlebenschancen in der prekären jüdischen Verlagsnische bestanden für Verlage mit dem Rückhalt einer jüdischen Organisation oder eines Konzerns. So gehörte der Philo-Verlag dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an, und der Jüdische Verlag genoss in den Anfangsjahren den Rückhalt der zionistischen Exekutive. Die Verlage Schocken und Klal waren Subunternehmen des Schockenkonzerns bzw. Ullstein und konnten mit dem Kapitalrückhalt dieser Großunternehmen verlegerische Spezialgebiete finanzieren. Der Verlag I. Kauffmann gehörte zu den jüdischen Verlagen mit einer bis in das 19. Jahrhundert zurückreichenden Tradition. 1832 von Isaac Kauffmann in Frankfurt am Main gegründet, von seinem Sohn Ignatz Kauffmann mit der Übernahme des Lehrberg90 Vgl. Jüdisches Leben in Deutschland; Maurer: Ostjuden in Deutschland 1918–1933; Knütter: Die Juden und die deutsche Linke in der Weimarer Republik 1918–1933; Peukert: Die Weimarer Republik, S. 161 –163; Büttner: Weimar, S. 283 –295. 91 Zur »Renaissance jüdischer Kultur«: Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik. 92 Vgl. Bialik: Das hebräische Buch, S. 25 –35. 93 Allgemein einführend: Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich, S. 285 f.; einführend auch: Kaznelson/Lamm: Verlagswesen, jüdisches; Kayser: Publishing in Germany and Austria; eine Aufzählung des jüdischen Verlagsbuchhandels bei: Kaznelson: Verlag und Buchhandel; Zählung der Verlagsunternehmen nach Adressbuch für den jüdischen Buchhandel; vgl. auch Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich, S. 285.

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schen Gebetbuchverlags 1899 wesentlich erweitert, wurde das Unternehmen seit 1909 in dritter Generation von Felix Kauffmann geführt. Nach wie vor wurde jüdische »Grundlagenliteratur« verlegt: hebräische Schul- und Wörterbücher, Kochbücher für die rituelle jüdische Küche sowie grundlegende Werke von Vertretern der »Wissenschaft des Judentums«.94 Sich um die Fortsetzung der liberalen Traditionen bemühend, legte Kauffmann 1922 Leo Baecks Wesen des Judentums, das, in Auseinandersetzung mit Harnacks Wesen des Christentums (1900, J. C. Hinrichs Verlag) entstanden und 1905 erstmals im Berliner Verlag Nathanson & Lamm erschienen war, erfolgreich neu auf. Sicherlich unterstützt vom Inflationsboom erreichte das Standardwerk 1926 die vierte Auflage.

Prekäre Existenzen: Jüdische Kleinverlage Kleinverlage, die hebräische oder jiddische Bücher produzierten, siedelten sich in den frühen zwanziger Jahren vor allem in Berlin an.95 Ihre Betreiber waren in der Regel aus politischen Gründen aus Osteuropa geflohen und nutzten oft die Inflationsjahre, um in günstigen Valutaverhältnissen außergewöhnlich preiswert Bücher zu verlegen und nach Osteuropa oder Palästina zu exportieren. Nach Einführung der Rentenmark wurde ein Großteil dieser Verlage wieder geschlossen oder nach Palästina überführt. Der Dewir-Verlag wurde von dem Dichter und Verleger Chajim Nachman Bialik und dem zionistischen Politiker Schmarja Levin im Herbst 1921 in Berlin als Fortführung des bekannten hebräischen Verlagshauses Moriah in Odessa begründet.96 Der Verlag war auf Genossenschaftsbasis organisiert. Eine seiner ersten Publikationen war eine gleichfalls Dewir benannte wissenschaftliche hebräische Zeitschrift, die von den bekanntesten Vertretern der Wissenschaft des Judentums am liberalen Berliner Rabbinerseminar, Ismar Elbogen, Harry Torczyner und Jacob Nahum, herausgegeben wurde. Sprachpolitisch stellte sie eine eindeutige Abkehr von der deutschsprachigen Wissenschaft des Judentums dar. Konsequenterweise war Berlin nur eine Zwischenstation für den Verlag, der 1924 nach Tel Aviv übersiedelte. Weitere hebräische Verlage waren in jenen Jahren Wostok, Rimon, Jalkut, Jiwne, Choreb für religiöse Literatur sowie Juwal, der jüdische Musicalia produzierte. Die russisch-jüdische Verlegerin Schoschanna Persitz baute zusammen mit ihrem Mann in Bad Homburg den ursprünglich 1917 in Moskau gegründeten Omanut-Verlag für hebräische Kinderliteratur wieder auf. 1925 wurde das Unternehmen nach Tel Aviv transferiert. Das wichtigste hebräische Verlagshaus, der Stybel Verlag von Abraham J. Stybel in Warschau, residierte 1926 bis 1930 ebenfalls in Berlin. Der Philosoph Jacob Klatzkin gründete gemeinsam mit dem späteren Präsidenten des jüdischen Weltkongresses Nahum Goldmann 1925 den Eschkol-Verlag, der, neben preiswerten hebräischen Leseheften und Lehrbüchern eine der beiden deutsch-jüdischen Enzyklopädien der Zwischenkriegszeit, die Encyclopaedia Judaica (erschienen in zehn

94 Vgl. 100 Jahre I. Kauffmann, S. 234. 95 Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, S. 219 –226; Levine: Yiddish Publishing in Berlin; Fuks/Fuks: Yiddish Publishing Activities in the Weimar Republic; Kühn-Ludewig: Jiddische Bücher aus Berlin; Kühn-Ludewig: Verlage jiddischer Bücher. 96 Zu Dewir: Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, S. 222 f.

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Bänden, A – Lyra, 1928 – 34) herausgab.97 Ihr Untertitel Das Judentum in Geschichte und Gegenwart gemahnt nicht zufällig an das protestantische Pendant Religion in Geschichte und Gegenwart und verdeutlicht den Anspruch der Enzyklopädie, deren Beirat Schriftsteller und Gelehrte wie Achad Ha’am, Leo Baeck, Simon Dubnow, Ismar Elbogen oder Gotthold Weil angehörten, einen repräsentativen Kanon jüdischen Wissens an Juden wie an Nichtjuden, Laien und Fachleute, vermitteln zu wollen. Anders als das populärer ausgelegte Jüdische Lexikon des Jüdischen Verlags wurde die Encyclopaedia Judaica als umfassende, »gesamtjüdische« Nationalenzyklopädie geplant. Aus diesem Grund waren englische und hebräische Ausgaben anvisiert worden, von denen wegen Finanzierungsnöten lediglich die hebräische Ausgabe in zwei Bänden 1929–1930 in Tel Aviv erscheinen konnte.

Verlage mit organisatorischem Rückhalt Der Klal-Farlag war 1919 von den Zionisten Zeev Wolf Latzki-Bertoldi und Pinkas Dubenski unter dem Namen Folks-Farlag gegründet worden.98 Das Unternehmen wurde 1920 nach Berlin verlegt und 1921 dem Ullstein-Verlag angegliedert. 1924 übernahm der Ullstein-Redakteur Julius Kaliski die Verlagsleitung. Expandierte der Mutterverlag in den Inflationsjahren quantitativ, so versorgte Klal das Segment jiddischer Originalliteratur sowie Übersetzungen aus dem Jiddischen und Hebräischen in den Jahren 1922 und 1923 mit über siebzig Titeln, vornehmlich in den kleinen Taschenbuchreihen KlalBibliothek, Klal-Bicher und Historische Jugent-Bibliotek oder der hebräischen Reihe Sifriah Klalit. Der Klal-Verlag produzierte Bücher bis 1924 hauptsächlich für den Export nach Osteuropa. Spätestens 1930 wurde der Verlag aufgelöst. Angesichts des in der deutschen Gesellschaft während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg offener verhandelten Antisemitismus wurde 1919 vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) der Philo-Verlag (benannt nach Philo von Alexandria) gegründet.99 War das Organ des C.V.s, die Zeitschrift Im deutschen Reich (1922 umbenannt in Central-Verein-Zeitung) bis dahin im Eigenverlag sowie die Schriften des C.V.s in verschiedenen Verlagen verstreut erschienen, so wurde der Philo-Verlag nun zur Publikationszentrale des C.V. Gemäß dessen Intentionen veröffentlichte der Philo-Verlag programmatische Literatur über und gegen den Antisemitismus. Sowohl wissenschaftlich korrekt, als auch populär und allgemein verständlich, sollte daneben das Wissen über das Judentum bei Juden und Nicht-Juden vergrößert werden, insbesondere das Wissen über den jüdischen Beitrag zur deutschen Kultur. Darüber hinaus oblag dem Philo-Verlag die gesamte schriftliche Wahlagitation des C.V. Zu den Reichstagswahlen 1924 wurden acht Millionen Flugblätter und Klebezettel, eine Million Exemplare der Wahlzeitung des C.V. sowie 100.000 Exemplare der Broschüre 97 Vgl. Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, S. 126 –135; Engelhardt: Die ›Encyclopaedia Judaica‹. 98 Vgl. Levine: Yiddish Publishing in Berlin, S. 88; Fuks/Fuks: Yiddish Publishing Activities in the Weimar Republic 1920–1933, S. 423; Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, S. 220; Krüger: Buchproduktion im Exil. 99 Zum Philo-Verlag: Urban-Fahr: Philo-Verlag 1919–1938; Braun: Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V. und der Philo-Verlag.

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Schlaglichter versandt. Von 1919 bis 1922 war der Direktor des C.V., Ludwig Holländer, Verlagsleiter, seit 1922 die vormalige Redaktionssekretärin Lucia Jacoby. Zu den zahlreichen, überwiegend in hoher Auflage produzierten Veröffentlichungen, gehörte das 1924 erstmals erschienene Handbuch und von Pastor Emil Felden anonym herausgegebene Anti-Anti: Tatsachen zur Judenfrage, das eine Gegenpublikation zum von Theodor Fritsch im Leipziger Hammer-Verlag publizierten antisemitischen Machwerk Handbuch der Judenfrage darstellte. Neben der Aufklärungsliteratur erschienen u. a. Zweistromland. Kleinere Schriften zur Religion und Philosophie (1926) von Franz Rosenzweig, der Palästina-Reisebericht von Bruno Weil und H. Cohn (1927) sowie einige belletristische Titel. Der Fünfte Zionistische Kongress gab den Anstoß, 1902 in Berlin den Jüdischen Verlag ins Leben zu ruAbb. 4: Verlagsanzeige »Jüdisches Lexikon«. fen.100 Im Rahmen des konjunkturell günstigen Klimas für kulturpolitische Initiativen der Jahrhundertwende, das unter anderem zahlreiche Neugründungen von Individualverlagen beförderte, begründeten die Schriftsteller Berthold Feiwel und Davis Trietsch sowie der Grafiker Ephraim Mose Lilien, die zur »Demokratischen Fraktion« der zionistischen Bewegung um Martin Buber zählten, das von Chaim Waizmann unterstützte Unternehmen. Als zentrale Publikationsinstanz deutschsprachiger zionistischer Schriften brachte der Jüdische Verlag bis 1922 die Protokolle der Zionistenkongresse sowie die zionistischen Schriften Theodor Herzls, die für die kulturzionistische Bewegung einschlägige Aufsatzsammlung von Achad Ha’am Am Scheidewege und den gleich als zweite Publikation des Verlags großes Aufsehen erregenden Jüdischen Almanach heraus. Die erste Nachkriegszeit bedeutete organisatorische Umstrukturierungen für den Verlag. Die zionistische Bewegung verlegte ihr Zentrum von Mitteleuropa nach London, und die finanzielle Unterstützung für den Verlag wurde dünner. Nach kurzzeitiger Fusion mit dem 1918 gegründeten Welt-Verlag übernahm der Prager Autor Siegmund Kaznelson in Nachfolge von Ahron Eliasberg 1921 die Leitung des Verlags. 1924 wurde er auf Drängen der zionistischen Exekutive Verlagsinhaber und alleiniger Geschäftsführer. Unter Kaznelsons Leitung erschien eine Reihe der bedeutendsten Verlagspublikationen, u. a. das 100 Zum Jüdischen Verlag: Schenker: Der Jüdische Verlag 1902–1938; Almanach 1902 –1964; Eliasberg: Das Werden des jüdischen Verlags.

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Jüdische Lexikon (1927–1929), die zehn Bände der Weltgeschichte des jüdischen Volkes (1925–1929) von Simon Dubnow, Theodor Lessings Jüdischer Selbsthass (1930) oder die Tagebücher Theodor Herzls (1922–1923). Wie kein anderer jüdischer Verlag bemühte sich der Jüdische Verlag mit diesen Verlagsprojekten um Definition und Verbreitung jüdischer Religions- und Kulturwerte. Die beiden Initiatoren des Lexikonprojekts, Georg Herlitz und Bruno Kirschner, waren ehemalige Studenten der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die nicht Rabbiner wurden oder die akademische Laufbahn einschlugen, sondern, als Leiter des neu gegründeten Archivs der Zionistischen Organisation in Berlin bzw. als Versicherungsangestellter, dem Laien eine verständliche Einführung in den aktuellen jüdischen Wissensbestand anbieten wollten.101 Demzufolge war das Jüdische Lexikon zionistisch ausgerichtet und an aktuellen Strömungen der Wissenschaft des Judentums orientiert. In vier Bänden bzw. fünf Teilbänden, mit insgesamt viertausend Seiten und mit rund fünfzehntausend Einträgen, bot es ein umfassendes, aber relativ knappes Kondensat jüdischen Wissens. Als ein Individualverlag der besonderen Art betrieb der 1931 offiziell gegründete Salman Schocken Verlag jüdische Identitätspolitik. Salman Schocken, der »Kaufmann, Bibliophile und Zionist«,102 plante seit 1928 dem Schocken Kaufhauskonzern einen Verlag für jüdische Literatur anzugliedern. Der jüdische Buchhandel war nach Auffassung Schockens in einer desolaten Verfassung und nicht in der Lage, das deutschsprachige Judentum und seine literarischen, kulturellen und religiösen Erfolge hinreichend sichtbar zu machen. Abhilfe sollte ein eigenes Verlagsunternehmen schaffen. Schocken unterstützte anfangs Lambert Schneider und seinen 1925 gegründeten Verlag in der Herausgabe der Bibelübersetzung Martin Bubers und Franz Rosenzweigs mit einem Darlehen. 1931 gingen die bei Lambert Schneider verlegten Werke Bubers und Rosenzweigs an Schocken über und bildeten den Grundstock der Verlagsproduktion. 1931 wurde das Programm um die im Jakob Hegner Verlag veröffentlichten Publikationen Bubers ergänzt. Im Folgejahr blieben weitergehende Programminnovationen jedoch aus. Ausgerechnet seit 1933 expandierte der Verlag rasch und popularisierte sein Programm. Buchprojekte, wie die 1933 begonnene Reihe Bücherei des Schocken Verlags, die »in sorgfältiger Auswahl dasjenige darbieten [will], was den suchenden Leser unserer Tage unmittelbar anzusprechen vermag«, wie es im Werbeprospekt der Bücherei aus dem Jahr 1935 hieß, dienten der Erziehung des jüdischen Lesers zur kulturpolitischen Wachsamkeit.103 Die ambitionierten Versuche jüdischer Selbstbehauptung setzte der Schocken Verlag bei wachsender Diskriminierung stetig bis zur zwangsweisen Schließung des Unternehmens 1938 fort. In der Zusammenschau protestantischer, katholischer und jüdischer Verlage spiegelt das konfessionelle Verlagswesen der Weimarer Republik nicht nur die Kontroverskultur zwischen den Konfessionen und nicht nur die innerjüdischen, innerkatholischen und innerprotestantischen Debatten wider, sondern anhand des jeweiligen »Verlagsgesichts« ließen sich auch je unterschiedliche Positionen in ihren Relationen zueinander erkennen, die sich innerhalb der schwierigen Rahmenbedingungen des Weimarer Buchmarkts behaupten mussten. 101 Vgl. Brenner: Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, S. 126 –135. 102 Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich, S. 220; zum Schocken Verlag: Dahm, S. 266 – 472; Der Schocken Verlag, Berlin; zu Salman Schocken: David: The Patron. 103 Zitiert nach: Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich, S. 322.

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Anhang Protestantische Buchverlage im Deutschen Reich 1925104 Verlag F. W. Gadow & Sohn Buchhandlung des Waisenhauses Abt. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung J. F. Steinkopf Hinrich’s Verlag Friedrich Andreas Perthes J. C. B. Mohr Unitäts-Buchhandlung Enßlin & Laiblin Quell-Verlag der Evangelischen Gesellschaft Alfred Töpelmann Dörffling & Franke C. Bertelsmann Chr. Belser Calwer Vereinsbuchhandlung Gustav Gensel Buchhandlung der Diakonissen-Anstalt Justus Naumann Verlag Agentur des Rauhen Hauses J. P. Peter, Gebr. Holstein August Neumann’s Verlag Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland Buchhandlung des Erziehungs-Vereins Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft Chr. Kaiser Deichert’sche Verlagsbuchhandlung R. Brockhaus Missionshandlung zu Hermannsburg F. W. Bergemann C. Ed. Müller’s Verlagsbuchhandlung Buchhandlung und Verlag des Traktathauses Holland & Josenhans E. Biermann Heinsius Nachfolger, Eger & M. Sievers

Ort Hildburghausen Halle (Saale) Göttingen München Stuttgart Leipzig Gotha/Stuttgart Tübingen Gnadau Reutlingen Stuttgart Gießen Leipzig Gütersloh Stuttgart Stuttgart Grimma Kaiserswerth Leipzig Hamburg Rothenburg o. d. Tauber Leipzig Elberfeld

Gründung 1693 1698 1735 1763 1782 1791 1796 1801 1809 1818 1830 1832 1834 1835 1835 1836 1838 1839 1840 1842 1844 1847 1848

Elberfeld Bern München Leipzig Elberfeld Hermannsburg Neuruppin Halle (Saale) Bremen Stuttgart Barmen Leipzig

1848 1850 1850 1852 1852 1856 1858 1859 1860 1861 1864 1866

104 Ermittelt nach: Schramm: Deutschlands Verlagsbuchhandel.

174 Gustav Schloessmann’s Verlagsbuchhandel Eugen Strien Verlag, Nachf. Niederlage des Vereins zur Verbreitung christlicher Schriften Verlagsanstalt der Anstalt Bethel J. Fink G. Strübigs Verlag Theodor Kordt D. Gundert Hellmuth Wollermann Verlagsbuchhandlung Evangelischer Schriftenverein H. H. Nölker Georg Bratfisch Theophil Biller’s Verlag C. Ludwig Ungelenk Geschwister Dönges Stephan Geibel Verlag Franz Sturm & Co., Verlagsbuchhandlung Buchhandlung der Berliner evangelischen Missions-Gesellschaft Lutherischer Bücherverein Eugen Salzer Friedrich Bahn Krüger & Co. Buchhandlung des evangelischen Brudervereins (Haarhaus & Co.) Buchhandlung des Norddeutschen Männer- und Jünglingsbundes Buchhandlung des Vereins für Innere Mission Vereinsbuchhandlung G. Ihloff & Co. Evangelische Buchhandlung GmbH Paul Christiansen Verlag B.W. Gebel’s Verlag Missionshaus Knechtsteden, Abt. Verlag St. Johannis-Druckerei Zinzendorfhaus Evangelischer Verlag Verlag »Des Königs Botschaft« Verlag der evangelisch-lutherischen Mission Evangelische Buchhandlung P. Ott Jugendbund-Buchhandlung Deutsche Orient-Mission

5 V er lagsw es en Leipzig Groß-Salze Dresden

1867 1871 1871

Bethel bei Bielefeld Stuttgart Leipzig Flensburg Stuttgart Braunschweig Karlsruhe Bordesholm Frankfurt/Oder Berlin Dresden Dillenburg Altenburg Dresden

1874 1875 1876 1877 1878 1879 1883 1883 1884 1886 1887 1888 1888 1889 1890

Berlin Breslau Heilbronn Schwerin Leipzig Elberfeld

1890 1891 1891 1891 1892

Hamburg

1892

Nürnberg Neumünster Königsberg Wolgast (Pommern) Leipzig Knechtsteden (Bez. Düsseldorf) Dinglingen Dresden Heidelberg Barmen Leipzig Gotha Berlin Potsdam

1892 1892 1893 1893 1894 1895 1896 1896 1897 1897 1897 1898 1898 1900

5.2 .8 Konf ession elle Ver lage Maximilian Koeltz Verlag der norddeutschen Missions-Gesellschaft Deutsche Bibelgesellschaft Stiftungsverlag Verlagsbuchhandlung »Bethel« Emil Müllers Verlag Deutsche Landbuchhandlung Christlicher Gewerkschafts-Verlag Der Tempelverlag in Potsdam Gottlob Koezle Buch- und Kunstverlag Carl Hirsch Evangelische Vereinsbuchhandlung Hutten-Verlag J. Meincke Verlagsbuchhandlung E. W. Püschels Verlag Leonhard Ströbel Westdeutscher Lutherverlag GmbH Furche-Verlag Evangelischer Verlag Hildegard Pfennigsdorf Deutsche Evangelische Verlagsgesellschaft M. Augustin Brunnen-Verlag Greifen-Verlag P. A. Collrepp Verlag »Die Aue« Karl Wallmüller Deutscher Verband für Gemeinschaftspflege und Evangelisation Evangelischer Missionsverlag Richard Walther Verlagsbuchhandlung Eberhard Arnold-Verlag Osiander’sche Buchhandlung (Verlag) Buchhandlung des Missionshauses Jerusalem Christliches Verlagshaus Wiegand & Co. Evangelische Buchhandlung von Fr. Trümpler Lesch & Irmer Verlag (C. Schaffnit Nachf.) Otto Fleig Richard Mühlmann Verlagsbuchhandlung Verlag des evangelischen Bundes

175 Leipzig Bremen Leipzig Potsdam Wandsbek Barmen Berlin Berlin Potsdam Wernigerode Konstanz Posen Berlin Neuwied Neudietendorf Leipzig Witten Berlin Dessau Barmen Kassel Gießen Rudolstadt Drossen Wernigerode Leipzig Bethel bei Bielefeld

1900 1901 1902 1902 1902 1903 1904 1906 1906 1906 1907 1909 1909 1910 1911 1911 1911 1916 1917 1918 1918 1919 1919 1919 1919 1920 1921

Stuttgart Konstanz Sannerz Tübingen Hamburg Bad Homburg Hamburg Düsseldorf Freiburg/Breisgau Clausthal-Zellerfeld Berlin

1921 1922 1924 um 1600

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Jüdische Buchverlage im Deutschen Reich 1928105 Verlag M. W. Kaufmann I. Kauffmann M. Poppelauer C. Boas George Kramer Otto Harassowitz Gustav Engel Jakob B. Brandeis Jüdischer Verlag Louis Lamm Benjamin Harz Jüdischer Volksschriften-Verlag Isaak Bulka Klal-Verlag Menorah Welt-Verlag Jalkut Philo-Verlag Wostok Ajanoth Eschkol. Verlagsgesellschaft für hebräische Literatur Hermon Choreb Gustav Fock Hazoref M. Gonzer Hatikwah A. J. Hofmann Israelitische Verlagsanstalt Jüdischer Literarischer Verlag Juwal S. Marcus Ophir Rimon L. Sänger Sänger & Friedberg

Ort Leipzig Frankfurt/Main Berlin Berlin Hamburg Leipzig Leipzig Breslau Berlin Berlin Berlin Berlin Nürnberg Berlin Berlin Berlin Berlin Berlin Berlin Berlin Berlin Frankfurt/Main Berlin Leipzig Hamburg Berlin Berlin Frankfurt/Main Stuttgart Berlin Berlin Harburg a. d. E. Berlin Berlin Frankfurt/Main Frankfurt/Main

Gründung 1828 1838 1860 1863 1869 1872 1888 1899 1902 1903 1911 1912 1919 1919 1919 1919 1920 1920 1920 1922 1923 1923

105 Ermittelt nach: Adressbuch für den jüdischen Buchhandel; ergänzende Daten nach: Schramm: Deutschlands Verlagsbuchhandel.

5.2 .8 Konf ession elle Ver lage Sefarim Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches M. A. Wahrmann Ost und West Ferdinand Ostertag

177 Berlin Berlin Frankfurt/Main Berlin Berlin

Literatur Quellen 100 Jahre I. Kauffmann. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 99 (1932) S. 234. 125 Jahre Chr. Kaiser Verlag München. München: Chr. Kaiser 1970. Adressbuch für den jüdischen Buchhandel. Berlin: Jalkut 1928. Almanach 1902 –1964. Jüdischer Verlag Berlin. Berlin: Jüdischer Verlag 1964. ALTHAUS, Paul/BEHM, Johannes: Nachwort zum Gesamtwerke. In: Namen- und Sachweiser zum Gesamtwerk. Hrsg. v. Gotthold Holzhey. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1938, S. 119 – 122. BACHEM, Karl: Vorgeschichte, Geschichte und Politik der Deutschen Zentrumspartei, Bd. 8. ND der Ausgabe Köln 1931. Aalen: Scientia Verlag 1968. BIALIK, Chajim Nachmann: Das hebräische Buch. In: Neue Jüdische Monatshefte 4 (1919) Heft 2/4. Sonderheft: Das jüdische Buch, S. 25 –35. CARDAUNS, Hermann: Das literarische Schaffen. In: Deutschland und der Katholizismus. Gedanken zur Neugestaltung des deutschen Geistes- und Gesellschaftslebens. Hrsg. v. Max Meinertz und Hermann Sacher, Bd. 1. Freiburg: Herder 1918, S. 371 –390. Dokumentation deutschsprachiger Verlage. Hrsg. v. Curt Vinz und Günter Olzog. München: Olzog 1962. ELIASBERG, Ahron: Das Werden des jüdischen Verlags. In: Neue jüdische Monatshefte 4 (1919) Heft 2/4. Sonderheft: Das jüdische Buch, S. 81 –85. FICK, Gustav: Der evangelische Buchhandel. Bausteine zu seiner Geschichte. Leipzig: H. G. Wallmann 1921. GEIST, Lucie: Ein Geschäft recht geistiger Natur. Zum 200. Jahrestag der Gründung des J. C. Hinrichs Verlags. Leipzig: Neuer Sachsenverlag Leipzig & Sachsenbuch Verlagsgesellschaft 1991. HAEUSER, Philipp: Wir deutsche Katholiken und die moderne revolutionäre Bewegung – oder los vom Opportunismus und zurück zur Prinzipientreue! Regensburg: Manz 1922. HIRSCH, Emanuel: Deutschlands Schicksal. Staat, Volk und Menschheit im Lichte einer ethischen Geschichtsansicht. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1921. HOEBER, Karl: Franz Xaver Bachem. Ein deutsches Verlegerleben. Köln: Bachem 1939. KAZNELSON, Siegmund: Verlag und Buchhandel. In: Juden im deutschen Kulturbereich. Ein Sammelwerk. Hrsg. v. Siegmund Kaznelson. Berlin: Jüdischer Verlag 1962, S. 131 –146. KAZNELSON, Siegmund/LAMM, Louis: Verlagswesen, jüdisches. In: Jüdisches Lexikon. Bd. V, 1930, Sp. 1188 –1192. KIEFL, Franz Xaver: Die Staatsphilosophie der katholischen Kirche und die Frage der Legitimität in der Erbmonarchie. Regensburg: Manz 1928. KLIMSCH, Robert: Die Juden. Ein Beweis für die Gottheit Jesu und ein Mahnruf für die Christen der Gegenwart. Regensburg: Manz 1920. LAUBACH, Jakob: Zur Geschichte des Matthias-Grünewald-Verlags, in: ders. 75 Jahre Grünewald Bücher. Ein Almanach. Mainz: Grünewald 1993, S. 5 –28. LAUBACH, Jakob: Soviel Glück im Leben. Streiflichter 1917 –1997. Mainz: Grünewald 1997. MAUSBACH, Joseph: Der konfessionelle Friede in Deutschland (1916). In: Ders.: Aus katholischer Ideenwelt. Gesammelte Aufsätze und Vorträge. Münster: Aschendorff 1921, S. 474 –499.

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Helga Karrenbrock 5.2.9 Kinder- und Jugendbuchverlage* Statistiken zum Jugendbuchverlag Schon im Kaiserreich hatte das Geschäft mit den Lesestoffen für Kinder und Jugendliche »zu den blühendsten im Rahmen des gesamten Buchhandels« gehört.1 Diese Tendenz setzte sich in der Weimarer Republik fort; der Sektor »Jugendschriften und Bilderbücher« gehörte zu den aufstrebenden und insgesamt erfolgreichsten Sparten.2 Von 1916 bis 1922 verdoppelte sich die Verlagsproduktion in diesem Bereich: der Titelzuwachs betrug zwischen 1916 und 1922 beinahe 150 Titel im Jahr, zwischen 1922 und 1927 über 200 Titel im Jahr.3 Kinder- und Jugendbuchverlage erlebten einen »wahren Boom«,4 der nur von den Schulbuchverlagen geteilt wurde. Umso erstaunlicher ist es, dass diesem wichtigen Segment des Buchmarkts noch nicht die entsprechende Aufmerksamkeit der Forschung zuteil geworden ist. Trotz einiger Überblicke und Detailstudien ist eine Geschichte der Weimarer Kinder- und Jugendliteratur immer noch Desiderat.5 Dabei wäre die jugendliterarische Landschaft sowie ihr materieller und ideologischer Unterbau nicht nur als äußerst disparate Gemengelage unterschiedlichster ökonomischer, literarästhetischer, pädagogischer und politischer Interessen zu beschreiben, sondern auch als Schnittmenge von Diskursen zu analysieren, die den Krisenerfahrungen und manifesten Modernisierungsschüben der Weimarer Republik auf spezifische Weise Rechnung trägt.

* Mein Dank gilt Corinna Norrick M.A., Mainz, die bei der Erstellung der Druckversion dieses Beitrages konstruktiv mitgewirkt hat. 1 Schenda: Die Lesestoffe der kleinen Leute, S. 89. 2 Vgl. Kastner: Statistik und Topographie des Verlagswesens, S. 347. 3 Vgl. Kastner: Der Buchverlag der Weimarer Republik, S. 161. Die von Kastner 2005 angefertigte, umfassende statistische Analyse des Buchverlags in der Weimarer Republik erlaubt es, den Jugendbuchverlag im Gesamtspektrum des Buchmarkts der Weimarer Republik genauer zu positionieren. 4 Kastner, Statistik und Topographie des Verlagswesens, S. 347. 5 Altners Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik bietet wenig mehr als eine erste Übersicht über Titel und Genres; die Pionierarbeit von Bernd Dolle-Weinkauff Das Märchen in der proletarisch-revolutionären Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik erschließt dieses Teilgenre exemplarisch. Roland Starks chronologische Titelauflistung, die auf der Durchsicht des Börsenblatts beruht, gibt Einblick in die beeindruckenden Aktivitäten des Jugendbuchverlags der Zeit. Vgl. Stark: Vom ›Herzblättchen‹ zum ›Hitlerjungen‹, S. 167 – 183. Karrenbrocks Märchenkinder-Zeitgenossen orientiert sich an den Parametern Antimoderne und Modernisierung – ein Ansatz, der von Birte Tosts Moderne und Modernisierung in der Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik fortgesetzt wird. Zuletzt erschienen zahlreiche Detailstudien zum Thema in: »Laboratorium Vielseitigkeit«. Zur Literatur der Weimarer Republik. Siehe auch: Karrenbrock: Weimarer Republik.

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Erst ab 1916 wurde dieser Bereich, für den heute die Bezeichnung ›Kinder- und Jugendliteratur‹ mit der Abkürzung KJL üblich ist6 und den die systematischen Bücherverzeichnisse des Wilhelminismus noch der pädagogischen Fachgruppe zurechneten, von der Bücherstatistik gesondert erfasst, zunächst unter der Sparte ›Jugendschriften und Bilderbücher‹, ab 1924 dann nur noch unter ›Jugendschriften‹. In dieser veränderten Fächersystematik spiegelt sich die zunehmende Emanzipation des Jugendbuchverlags von der (Schul-)Pädagogik und seine wachsende Orientierung auf die Freizeitlektüre von Kindern und Jugendlichen, allerdings noch nicht die erst in der späteren Weimarer Republik erfolgte Differenzierung der avancierteren Jugendbuch-Verlagsprogramme im Hinblick auf die unterschiedlichen Altersphasen ihrer Leser. Überhaupt bleibt während der zwanziger Jahre im gesamten KJL-Diskurs die Terminologie unscharf. Die Bezeichnung ›Kind‹/ ›Jugendlicher‹ wird sehr oft synonym gebraucht und scheint nach heutigen Maßstäben, die strenger zwischen Kindheit, Latenz, Pubertät und Adoleszenz trennen, oftmals nach Gutdünken gesetzt zu sein. Neben der traditionellen Subsumption des gesamten Spektrums unter der Bezeichnung ›Jugendschriften‹ kommt es durchaus auch vor, dass unter Kinderbüchern nur Bilderbücher verstanden werden, nicht aber die neuen ›Romane für Kinder‹ nach dem Kästner-Modell. Dieser etwas verwirrende Sprachgebrauch hat aber Methode: Er verweist auf die seit der Jahrhundertwende virulent gewordene Verschränkung des Mythos Jugend mit dem der ›Kindertümlichkeit‹. Die Entmythologisierung und Verwissenschaftlichung von Kindheit, weniger die von Jugend, ist eine wesentliche Errungenschaft der Weimarer Republik, die auch den Jugendbuchverlag direkt betrifft.

Titelproduktion, Verhältnis der Ersterscheinungen zu Neuauflagen, Anteil an der Gesamtproduktion Im Wesentlichen spiegelt sich hier die wirtschaftliche Gesamtsituation der Republik: einem raschen Aufschwung folgt ein merklicher Einbruch während der Inflationszeit; mit der Stabilisierungsphase und der Einführung der Reichsmark beginnen die Glanzjahre des Weimarer Buchhandels, auch und gerade im Jugendbuchsektor. Die ökonomische Krise macht sich hier aber früher und stärker bemerkbar als in anderen Bereichen, sie führt zu einer manifesten Talfahrt der Produktion. Auffällig ist allerdings das merkliche Anwachsen der Jugendbuchproduktion im Jahr 1933 – eine antizyklische Bewegung, die der zeitgenössische Buchhandelsstatistiker Ernst Umlauff so kommentierte: »Reges Werben um die jugendlichen Leser und die Erschließung mancher neuer Gebiete als Lesestoffe für die Jugend, aber auch ein rascher Wechsel der Richtungen sind als Ursachen der dargestellten Entwicklung anzusehen«.7 Laut Statistik hat die Gesamtproduktion des Jugendbuchverlags schon relativ kurz nach dem Krieg mit ca. 900 Titeln den Stand der Vorkriegsproduktion erreicht (wobei die veränderte Fächersystematik ab 1916 mitzubedenken ist). Ihr Maximum erreicht sie 1927 mit 2.034 Titeln. Unerwartet kommt 1928 ein Rückgang, der nur auf den extrem 6 Zur Frage von Terminologie und Definition siehe Ewers: Literatur für Kinder und Jugendliche, S. 15 –40. 7 Umlauff: Beiträge zur Statistik des Deutschen Buchhandels, S. 81; zitiert bei Kastner: Buchverlag, S. 161.

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steilen Aufstieg zurückgeführt werden kann. Darauf folgt ein leichter Rückgang, der auch in der Wirtschaftskrise keine Besonderheiten aufweist. Am Ende der Republik kann die Sparte mit 1.480 Titeln bei wachsender Konkurrenz und Verlagskonzentration, aber auch wachsender Binnendifferenzierung des Kinder- und Jugendbuchmarkts immer noch eine Produktion vorlegen, die um 50 % höher ist als 1918. Tabelle 1: Jugendschriften und Bilderbücher in Zahlen8 Titelproduktion im Fachgebiet (FG Jugendschriften, Bilderbücher), differenziert nach Ersterscheinungen und Neuauflagen, und ihrem relativen Anteil an der Gesamtproduktion Jahr Ersterscheinungen Neuauflagen Titel gesamt Titel Anteil Anteil Titel Anteil Anteil Titel Anteil FG FG G.-Prod. FG FG G.-Prod. FG G.-Prod. 1919 542 59,8 % 3,4 % 365 40,2 % 5,7 % 907 4,1 % 1920 879 64,9 % 4,6 % 475 35,1 % 5,5 % 1354 4,9 % 1921 966 68,3 % 4,4 % 448 31,7 % 6,3 % 1414 4,8 % 1922 941 66,0 % 4,2 % 484 34,0 % 5,9 % 1425 4,6 % 1923 944 75,8 % 4,6 % 302 24,2 % 5,2 % 1246 4,7 % 1924 1038 76,5 % 5,8 % 319 23,5 % 6,3 % 1357 5,9 % 1925 1312 69,6 % 5,4 % 574 30,4 % 7,8 % 1886 6,0 % 1926 1288 69,8 % 5,4 % 558 30,2 % 8,8 % 1846 6,1 % 1927 1577 77,5 % 6,3 % 457 22,5 % 7,4 % 2034 6,6 % 1928 1189 76,8 % 5,2 % 359 23,2 % 7,4 % 1548 5,6 % 1929 1112 74,3 % 5,0 % 384 25,7 % 7,9 % 1496 5,5 % 1930 984 73,3 % 4,4 % 358 26,7 % 7,4 % 1342 5,0 % 1931 1019 74,7 % 5,1 % 346 25,3 % 8,4 % 1365 5,7 % 1932 857 70,2 % 4,7 % 364 29,8 % 10,8 % 1221 5,7 % 1933 1117 75,5 % 6,1 % 363 24,5 % 11,0 % 1480 6,9 % 1919 – 15765 71,9 % 5,0 % 6156 28,1 % 7,1 % 21921 5,5 % 1933 Arith. 1051,0 410,4 1461,4 Mittel

Die monatlichen Erhebungen der Jugendbuchproduktion zeigen dieselben saisonalen Schwankungen wie der Gesamtbuchhandel; so bilden die Frühjahrsmonate eine Art Konstante, die sich, bedingt durch die Oster(messe)produktion, im März leicht erhöht, mit einem Zwischenhoch vor den Ferien ihren Tiefpunkt in den Ferienmonaten August/ September erreicht, um dann im Weihnachtsgeschäft schlagartig hochzuschnellen.9 Dabei ist zu berücksichtigen, dass vor allem Kinderbücher Geschenkwaren sind, mit denen Verlag und Sortiment sich zu den entsprechenden Anlässen rechtzeitig einzudecken haben. Das zeigt sich deutlich in den Werbeanzeigen der Jugendbuchverleger,

8 Nach Kastner: Der Buchverlag der Weimarer Republik 1918–1933, S. 161. 9 Vgl. Kastner: Der Buchverlag der Weimarer Republik 1918–1933, S. 18.

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die sich kaum kontinuierlich wie bei anderen Sparten, sondern vor allem zu den genannten Terminen im Börsenblatt konzentrieren.

Vergleich mit dem belletristischen Verlag Hinsichtlich des durchschnittlichen Umfangs und des Ladenpreises der KJL ist ein Vergleich mit dem belletristischen Verlag aufschlussreich. Beim letzteren ist der Anteil an Veröffentlichungen von über 50 Seiten mit ca. 82 % im Vergleich zu den anderen Sparten überdurchschnittlich hoch,10 dagegen hält sich im Jugendbuchverlag das Verhältnis von Publikationen mittleren Umfangs (5 – 48 Seiten) – schon wegen des großen Anteils an Bilderbüchern – mit denen von mehr als 50 Seiten die Waage. Während der durchschnittliche Ladenpreis für ein belletristisches Buch, der schon bedeutend niedriger ist als der anderer Sparten, 1925 bei 3,50 RM liegt und in der Endphase der Republik auf 2,85 RM sinkt, beträgt er für das Kinder- und Jugendbuch 1925 gerade 2 RM und sinkt 1927 sogar auf 1,38 RM.11 Die Tatsache, dass es hier – wie im belletristischen Bereich – durchaus auch hochwertig gebundene und, besonders bei den Bilderbüchern, sehr viel teurere Ausgaben gibt, lässt auf einen besonders großen Anteil an broschierten Exemplaren mit hohen Auflagen schließen. Aufschlussreich sind aber auch Vergleiche zur Titelproduktion und zum Verhältnis der Neuauflagen und Erstausgaben. Der durchschnittliche Anteil der Belletristik an der Gesamtproduktion des Buchhandels beläuft sich auf 18,3 %, der der Jugendschriften dagegen nur auf 5,5 %.12 Im Vergleich mit der Situation im jugendliterarischen Verlagssegment (siehe Tabelle 1) ergeben sich gravierende Unterschiede in der Höhe der Neuauflagen. Während bei der Belletristik der Höhepunkt der Ersterscheinungen schon in die revolutionäre Nachkriegskrise fällt (mit Einbrüchen in der Inflationszeit und leichter Erholung um 1925), danach aber kontinuierlich abfällt und 1933 nur knapp über dem Stand von 1918 liegt, manifestiert er sich im jugendliterarischen Bereich erst in der Stabilisierungsphase, um dann rasant abzustürzen und erst 1933 mit erheblichem Tempo die Titelhöhe von 1918 zu verdoppeln. Die Neuauflagenproduktion ist im Gegensatz zur Belletristik (mit nur etwa 19 %) unerwartet hoch; sie liegt nach dem Krieg bei den Jugendschriften bei 40 % und pendelt sich mit einigen Schwankungen zwischen 25 und 30 % ein. Die angeführten statistischen Daten geben eine erste Orientierung über die Positionierung des Jugendbuchs im Gesamtspektrum des Weimarer Buchhandels; die auffälligen Abweichungen (Produktionsboom 1933) sowie die markant hohe Zahl von Neuauflagen und das Hoch von Erstauflagen 1925 – 1927 bleiben interpretationsbedürftig. Sie lassen sich nur aus den spezifischen Bedingungen des Feldes der KJL in der Weimarer Republik erklären.

Die Jugendschriftenbewegung und deren Programmatik KJL, eine spezifische Kommunikationsform von Erwachsenen mit Heranwachsenden, wird heute übereinstimmend als Subsystem der allgemeinen Literatur aufgefasst – als ein 10 Vgl. Kastner: Der Buchverlag der Weimarer Republik 1918–1933, S. 152. 11 Vgl. Kastner: Der Buchverlag der Weimarer Republik 1918–1933, S. 168. 12 Vgl. Kastner: Der Buchverlag der Weimarer Republik 1918–1933, S. 360.

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besonderes Subsystem allerdings, das zuallererst abhängig ist von den gesellschaftlich geprägten Vorstellungen, die sich ihre Verfasser, Verleger und erwachsene Rezipienten von Kindheit und Jugend machen. Am vorherrschenden Kindheitsbild des Wilhelminismus, dem einer zeitlosen ›heilen Kinderwelt‹, hatten Krieg und revolutionäre Nachkriegskrise der jungen Republik nicht zu rütteln vermocht, sie hatten es im Gegenteil zunächst noch verstärkt. Für das traditionsorientierte Jugendbuchgewerbe bedeutete 1918 weniger – wie in der Belletristik – einen Einschnitt als den willkommenen Anlass, die Zeit vor dem Krieg, die vielen Zeitgenossen als das »goldene Zeitalter der Sicherheit« (Stefan Zweig)13 erscheinen musste, lebendig zu halten. Des Weiteren schlugen sich die Inflation und die ›Bücherkrise‹ der 1920er Jahre im Jugendbuchverlag anders nieder als im belletristischen Sektor insgesamt. Die KJL der Kaiserzeit war ja nicht nur Ausdruck von Erwachsenennostalgie, sie hatte sich als ausgesprochener Longseller-Bereich erwiesen und neben eingeführten Klassikern wie Robinson bzw. Robinsonaden auch überaus erfolgreiche neue Genres mit Lieblingsautorinnen und -autoren (wie etwa Emmy von Rhoden, Henny Koch, Else Ury für die Backfisch-Serien; Karl May, Friedrich Gerstäcker für die Abenteuer- und Indianerromane) produziert, deren Neuauflagen und Neuproduktionen kaum ein kalkulatorisches Risiko bedeuteten. Sie galten als Markenzeichen und als Garanten für den Verkaufserfolg, dementsprechend wurden ihre Autorinnen und Autoren von zahlreichen Jugendbuchverlagen umworben. Anders als in der allgemeinen literarischen Öffentlichkeit spielt für das Kinder- und Jugendbuch, aufgrund seiner spezifischen Adressatenbezogenheit, die pädagogische und literaturdidaktische Vermittlungsebene eine historisch gesehen immer größere Rolle. Mit der Jugendschriftenbewegung (JSB) hatte sich eine solche zwischen den Buchhandel und die Käufer geschobene Instanz schon im Kaiserreich herausgebildet. Als Sachwalterin des ›guten Jugendbuchs‹ prägte sie bis in die 1950er Jahre hinein das Feld der KJL entscheidend; in der Weimarer Republik verstand sie sich als die Institution für den Kinder- und Jugendbuchsektor. Angesichts des expandierenden Jugendschriftenmarkts konnte kurz vor 1900 einer der Stammväter der JSB, Heinrich Wolgast, in seiner programmatischen Streitschrift nur das Elend unserer Jugendliteratur (1896) konstatieren und heftig zum Gegenschlag gegen die massenhaft verbreiteten und verschlungenen Lesestoffe aufrufen. Mit der Forderung, die Jugendschrift in dichterischer Form müsse ein Kunstwerk sein, hatte Wolgast den Anspruch der JSB formuliert, die KJL aus dem unmittelbaren Verwertungszusammenhang des Marktes, aus ihrer Funktionalisierung für patriotische und religiöse Zwecke sowie aus dem Dunstkreis der trivialen Lesestoffe ›für Jugend und Volk‹ zu lösen. Allerdings befand er aus eben diesem Grund spezifische Jugendschriften für überflüssig und sah die Hauptaufgabe der sich schnell verbreitenden, hauptsächlich von Volksschullehrern getragenen Jugendschriftenausschüsse darin, in der zeitgenössischen ›großen‹ Literatur nach Alternativen zu suchen und sich im Übrigen auf die Sichtung des immer unübersichtlicher werdenden Jugendliteraturangebotes auf geeignete Texte hin zu beschränken. Die reformpädagogische ›Wendung zum Kind‹ um 1900 führte zu einer entscheidenden Korrektur der bislang vorherrschenden Wolgast’schen Positionen. »Dichtung vom Kinde aus« hieß das neue Schlagwort, mit dem nun auch die Schaffung neuer, spezifischer 13 Zweig: Die Welt von Gestern, S. 15.

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Kinderliteratur anvisiert wurde, wenn sie nur »künstlerisch wertvoll« und »kindertümlich« zugleich war. Das führte zu einer wachsenden Akzeptanz der Bewegung bei den Jugendbuchverlegern – besonders denen von künstlerischen Bilderbüchern – und entsprach auch den Erwartungen der Schulpraktiker, wie der rasante Zuwachs von Prüfungsausschüssen nach 1900 vermuten lässt (1900: 21; 1910: 114; 1920: 128; 1932: 276).14 Die Auflage der JSB-Zeitschrift Die Jugendschriften-Warte, die 1893 mit zunächst 8.400 Exemplaren erschienen war, betrug in der Weimarer Republik im Durchschnitt um die 200.000 und lag fast allen Lehrerzeitungen bei. In ihr dokumentiert sich die Arbeit der Prüfungsausschüsse, die in der Dachorganisation der ›Vereinigten deutschen Prüfungsausschüsse‹ (VDPA) mit Sitz in Hamburg zusammengeführt wurden. 1930 existierte die Abb. 1: Anzeige für die Deutsche Jugend- stattliche Anzahl von 279 Ortsausschüsbücherei. In: Börsenblatt 94 (1927) 91. sen, gegliedert in 13 Landesverbände. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich in der kritischen Überprüfung und Bewertung des gesamten Angebots von KJL in Form von Auswahllisten, die außerdem in allgemeinen Verzeichnissen empfehlenswerter Bücher und in zahlreichen Sonderverzeichnissen veröffentlicht wurden. Deren Gesamtauflage betrug um 1927 um die 500.000 Exemplare.15 Diese Auswahllisten der VDPA und die regelmäßigen Beurteilungen der Neuerscheinungen konnten aufgrund ihrer hohen Verbreitung vom Jugendbuchhandel nicht ignoriert werden, nahmen sie doch auf Nachfrage, Verteilung und letztendlich auf das Angebot von KJL beträchtlichen Einfluss. Andererseits lenkte das Engagement der JSB für die ›wertvolle Jugendschrift‹ die Aufmerksamkeit nicht nur der Fachöffentlichkeiten auf Qualitätsfragen und ließ sich durchaus auch für die Eigenwerbung verwenden. So lässt sich seit etwa 1910 auch die direkte Zusammenarbeit von eher traditionell ausgerichteten Jugendbuchverlagen mit Wortführern der JSB, vor allem im Segment der billigen Reihen guter Literatur (zum Preis von 10 – 35 Pf.), beobachten. Ein namhaftes Beispiel ist die seit 1911 bis in die 1960er Jahre erschienene Deutsche Jugendbücherei. Begründet von den Vereinigten Prüfungsausschüssen für Jugendschriften, herausgegeben vom Dürerbund bei Hillger, Berlin, die 1933 nahezu 500 Bändchen erreicht hatte; die Freie Lehrervereinigung für Kunstpflege, Berlin betreute die Bunten Jugendbücher von Ensslin & Laiblin, Reutlingen (von 1911–1914 erschie14 Azegami: Die Jugendschriften-Warte, S. 15. 15 Vgl. Azegami: Jugendschriften-Warte. Siehe hierzu auch: Wilkending: Volksbildung und Pädagogik »vom Kinde aus«.

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nen allein 80 Hefte). Bei diesen Reihen handelte es sich vor allem um die klassische Palette von ›gediegenen‹ und eingeführten Lesestoffen wie Märchen, Sagen, Gedichten sowie Auszügen aus ›für die Jugend bearbeiteten‹ Klassikern wie dem Robinson, Onkel Toms Hütte u. a. Der im kinderliterarischen Diskurs der Weimarer Republik omnipräsente völkische Literaturpädagoge Wilhelm Fronemann warb in seiner Schrift Der Unterricht ohne Lesebuch (1921)16 für die beiden Reihen Schaffsteins Blaue bzw. Grüne Bändchen; er publizierte u. a. auch bei Loewes, Perthes, Ensslin & Laiblin. Sein Kollege Severin Rüttgers beriet und veröffentlichte bei Schaffstein und Herder, der dem Charon-Kreis nahestehende Franz Lichtenberger gab ab 1921 Marholds Jugendbücher heraus, die sich insbesondere der »kindertümlichen Kunst für das Kind« widmeten.17 Solche ›krisenfesten‹ Reihen, die vor allem in dem von der JSB der Weimarer Zeit propagierten ›Unterricht ohne Lesebuch‹ einsetzbar waren, konnten massenhaft abgesetzt werden und zudem die von den auf Jugendliteratur spezialisierten Verlagen wie Meidinger, Schreiber, Spemann, Thienemann, Hillger und Scholz produzierte kriegsbegeisterte, aber nun nicht mehr opportune KJL ersetzen.18 Der Rückzug auf das scheinbar unverdächtige »Volk« und die deutsche Volksliteratur bildet eine Konstante in der Literaturpolitik der Weimarer JSB insgesamt – mit weitreichenden Folgen. Ein weiterer Grund für die oben erwähnte, gegenüber den Ersterscheinungen immens hohe Zahl der Neuauflagen nach dem Krieg liegt sicher auch in der Langlebigkeit dieses im Wesentlichen aus der volksliterarischen Tradition stammenden Fundus, mit dem sich so etwas wie ein pädagogisch sanktionierter Kanon wertvoller Jugendschriften rekonstruieren ließe.19 Die Erfahrungen des Weltkriegs hatten das pädagogische Wunschbild von der heilen Kinderwelt, das die Folie für das ›Jahrhundert des Kindes‹ und die Bewegung ›vom Kinde aus‹ seit der Jahrhundertwende abgegeben hatte, obsolet gemacht und damit die JSB weitgehend einer wichtigen Argumentationsgrundlage beraubt. Um ihre führende Position im kinderliterarischen Diskurs zu behaupten, musste sie sich modernisieren. Dazu boten sich die Ergebnisse der jungen Entwicklungspsychologie an, die für die JSB nach 1918 zunehmend zum Bezugspunkt wurde. Neues Paradigma der Bewegung wurde jetzt die von Charlotte Bühler in ihrer einflussreichen Arbeit Das Märchen und die Phantasie des Kindes (1918) entwickelte Theorie der ›Lesealter‹, die, ausgehend von den Lesebedürfnissen und der Lieblingslektüre eines bestimmten Alters, im Zirkelschluss ganz spezifische Entwicklungsbedingungen eben dieses Alters konstruierte. Bühler gliederte bekanntlich die Kindheitsphase in das »Struwwelpeteralter«, das »Märchenalter« und das »Robinsonalter«; ihr schließe sich die jugendliche »Reifezeit« 16 Fronemann: Der Unterricht ohne Lesebuch. 17 Zu den in der Weimarer Republik existierenden Reihen und Reihentitel siehe Deutsches Bücherverzeichnis (DBV 1926 –1930, »Jugendschriften«). 18 Schenda erwähnt das »äußerst rührige Geschäft dieser Verlage mit dem Krieg«, das z. B. selbst der Nesthäkchen-Serie von Else Ury einen Band mit dem Titel Nesthäkchen und der Weltkrieg bescherte. Vgl. Schenda: Lesestoffe, S. 100 –102. 19 Der Hamburger Jugendschriftler John Barfaut berichtet von Versuchen auf der Ebene des Reichsministerium des Innern unter Heinrich Schulz, einen Kanon der »100 besten Jugendschriften einzurichten, die jedes Kind gelesen haben sollte«. Die Initiative sei allerdings daran gescheitert, dass man sich nicht über die endgültigen Titel habe einigen können. Vgl. Barfaut: Die Not des Jugendbuchs.

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an, für die der Übergang zur »großen Dichtung« typisch sei. Mit der Übernahme der Bühler’schen Kategorien der Lesealter schienen sich die literaturpädagogischen Vorstellungen der JSB auf eine rationale Grundlage zu stützen. Die »psychologische Wende« wertete denn auch einer der maßgeblichen Wortführer der Weimarer JSB, Wilhelm Fronemann, als »Verwissenschaftlichung der Jugendschriftenfrage«. Was aber bei Bühler eine Beschreibung des Ist-Zustandes aufgrund des um 1918 vorhandenen KJLAngebots war, wandelte sich bei Fronemann umgehend in das Dogma, dass notwendigerweise gerade diese Lesestoffe den verschiedenen Altersphasen ›gemäß‹ seien. In seiner für die JSB folgenreichen Interpretation wird die Bühler’sche Phasenlehre zur anthropologischen Konstante. Mit Fronemanns Befürwortung der Lesealter-Einteilung und der Konstruktion von ›Märchenkindern‹ kommt die Ideologie der heilen Kinderwelt quasi durch die Hintertür zurück. Zudem wird in der Einschränkung der Lesestoffe auf die deutsche (bzw. nordisch-germanische) volksliterarische Tradition ein Konzept von Leseerziehung sichtbar, die deutlich völkische Konturen hat, ist für Fronemann wie für viele andere Weimarer Literaturpädagogen doch »das Schrifttum eines Volkes, aus den Urtiefen der Schöpferkraft hervorgebrochen, der festeste und dauerhafteste Kitt der Volksgemeinschaft«20 und als solcher geeignet, das »Echte«, »Wesentliche« und »Kernhafte« der deutschen Seele durch ihre Dichtung vor dem »Ungeist« der republikanischen neuen Zeit zu retten. Das Engagement der JSB in der Weimarer Republik für die ›wertvolle Jugendschrift‹ war also nicht nur ein ideeller, sondern durchaus auch ein ideologischer Kampf, der im Kontext von Modernisierung und Gegenmoderne anzusiedeln ist. Spätestens mit der maßgeblichen Beteiligung an dem 1926 gegen den Widerstand bürgerlich-republikanischer Kräfte eingeführten »Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften« wurde die regressive, politisch reaktionäre Ausrichtung eines majoritären Flügels der JSB deutlich,21 der sogar kritisierte, dass das Gesetz nicht konsequent genug angewendet wurde. Im Rückblick lässt sich dieser völkisch-nationale Antimodernismus von großen Teilen der literaturpädagogischen Intelligenz und auch des Verlagswesens durchaus als Verarbeitungsform der gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche jener Epoche lesen; Kritiker des Gesetzes waren u. a. Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Bertolt Brecht. Freilich gab es innerhalb der Weimarer JSB auch andere, fortschrittlichere Positionen, insbesondere ihres Hamburger Flügels, wie die in der Jugendschriften-Warte ausgetragenen Diskussionen zeigen. Während sich insgesamt die Beurteilungen der Prüfungsausschüsse eher am ›Echten‹ und ›Lebenswahren‹ des traditionellen kinderliterarischen Kanons orientierten als an den tatsächlichen Erfahrungen und Leseinteressen ihrer Adressaten – und schon deshalb in der Regel aktuelle, zeitgenössische, nur unterhaltende Kinder- und Jugendbücher als »geschriebene Abenteuerfilme«22 ablehnten –, stellten sich die ›Hamburger‹ immer öfter gegen den Mainstream, so z. B. durch Widerspruch zur Ablehnung von Durians Kai aus der Kiste oder Kästners Emil und die Detektive, zwei

20 Fronemann: Lesende Jugend, S. 152. 21 Vgl. Josting: Jugendschriftenbewegung und Jugendschriften-Warte im Kampf gegen »Schmutz und Schund«, S. 90 – 99. 22 So Josef Prestel über Kästners Emil und Matthiessens Das Rote U; Prestel: Geschichte des deutschen Jugendschrifttums, S. 234.

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der erfolgreichsten Titel aus der Sparte der neuen Kinderromane.23 Sie forderten die Reflexion über die »neue Wirklichkeit« des Kinderlebens und seiner Lektüre in Zeiten der Republik ein, gaben 1930 schließlich eine Sonderliste »gegenwartsnaher Jugendbücher« heraus, mussten sich aber dafür in der folgenden »Debatte über die Gegenwärtigkeit« (Jugendschriften-Warte 1930/1931)24 einen »marxistisch-liberalistischen« Standpunkt vorwerfen lassen. Grundsätzlich galt die Lesealtertheorie (bis weit in die 1960er Jahre hinein) mehrheitlich unhinterfragt als wissenschaftlich begründete und feststehende Tatsache. Sie bildete nicht nur die Grundlage für die Beurteilungspraxis der Prüfungsausschüsse und die Empfehlungslisten, die nicht zuletzt für das Sortiment und die Bibliothekare der schnell wachsenden Zahl von ›Kinderlesehallen‹ von großer Bedeutung bei der Auswahl ihres Angebots waren, sondern lieferte die Richtschnur für das ›Gute Jugendbuch‹ im gesamten Feld der KJL – die Jugendbuchverlage eingeschlossen. Die Vorstellung, dass es »sozusagen ganze jugendliche Leserkolonnen gäbe, die im Gleichschritt durch die Kinderliteratur marschierten und vom gleichen Genre, Figurenarsenal, Sprachduktus und Themengehalt in der jeweiligen Entwicklungsphase affiziert würden«,25 machte auch aus ganz pragmatischen Gründen Schule. Mit und ohne ideologische Aufladung vereinfachte die Theorie der Lesealter die Planung, Sortierung und Bewertung des Lektüreangebots für junge Leser. Dass die Theorie der Lesealter in der Praxis mit den widersprüchlichsten ästhetischen, erziehungspraktischen und politischen Vorstellungen kombiniert wurde, verweist einmal mehr auf die Gemengelage von Krisenbewusstsein und Reformorientierung, wie sie nicht nur für die kinderliterarischen Verhältnisse der Weimarer Republik typisch ist.

Verwissenschaftlichung der Jugendschriftenfrage: die neue Jungleserpsychologie Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie gaben aber auch den Anstoß für eine erste Form von Rezeptions- oder Leserforschung, die in Konkurrenz zur JSB trat: So formierte sich seit Mitte der 1920er Jahre eine äußerst rührige Jungleserpsychologie,26 die ihre Aufmerksamkeit weniger auf das ›Lesegut‹ als auf die Lektüreinteressen der jungen Leser richtete. Denn, so Charlotte Bühler, bevor sich dem Jugendlichen »das eigentlich Künstlerische der Dichtung« erschließe, »liegt, noch oft lange und unausgeglichen neben diesem, das Lesen aus Neugier, Spannung, Sehnsucht und Sensation«.27 Die empirischen, teils auf Ausleihstatistiken aus Kinderlesehallen und Volksbüchereien, teils auf Leserbefragungen gestützten Untersuchungen der Jungleserpsychologie (»Jungleserkunde«) ergeben einen beeindruckenden Katalog der tatsächlichen Kinderund Jugendlektüre der 1920er Jahre und belegen, dass auch junge Leser eben nicht nur aus Gründen der Unbildung oder gar Verwahrlosung von anderen als künstlerischen 23 24 25 26

Mennerich: Pik, Kai und Emil, S. 7f. Vgl. zuletzt Tost: »Kennwort Gegenwärtigkeit«, S. 43 –60. Doderer: Die umzäunte Phantasie, S. 59. Eine noch immer ergiebige Übersicht gibt der Forschungsbericht von Wölfel: Der junge Leser, S. 683 –695. 27 Bühler: Das Seelenleben des Jugendlichen (1921), S. 228.

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Bedürfnissen gelenkt werden. Diese neue Richtung beschrieb Albert Rumpf folgendermaßen: »Ihr Bestreben ist, zunächst mit Hilfe des mit Vorliebe gelesenen Buches auf […] die vorherrschenden Beobachtungskategorien der Wahrnehmung in einem bestimmten Stadium geistiger Entwicklung zu schließen, ohne darauf zu achten, ob das mit Vorliebe gelesene Buch literarische Qualitäten im Sinne des gebildeten Erwachsenen hat oder nicht«.28 In der Konsequenz bedeutete diese Neubestimmung der Funktionen des Lesens auch die wissenschaftliche Legitimation des ›Lesefutters‹, das zumindest als Durchgangsstadium ernstgenommen und so aus der im Umkreis der JSB üblichen engen Konnotation mit »Schmutz und Schund« gelöst wird. Allerdings wird auch hier die Vorstellung vom ›Hinauflesen‹ nicht ganz aufgegeben; die Orientierung an der (idealtypischen) Lesealterkonstruktion bleibt transparent. Demnach stellt sich insgesamt der Entwicklungsgang der kindlichen Buchinteressen folgendermaßen dar: Im Märchenalter beschäftigt sich das Kind mit einer weder orts- noch zeitgebundenen Phantasiewelt, im Abenteueralter mit einer räumlichen und zeitlichen Fernwelt (exotisches und historisches Abenteuerbuch), in den Jungen- und Mädchengeschichten mit einer Nahwelt, in der darauf folgenden Zeit mit der realen Umwelt der Erwachsenen. Das Märchen ist das […] Wirklichkeitsfremde, das Abenteuerbuch (und auch die Jungen- und Mädchengeschichte) das Wirklichkeitsnahe, der realistische Roman das Wirklichkeitsgetreue.29 Die statistische Aufschlüsselung ergibt: Für das 8. und 9. Lebensjahr ist bei Jungen mit 59 % der Gesamtlektüre das Märchen dominierend, daneben mit 24,5 % »wirklichkeitsgetreue« Erzählungen, die dem Märchenlesen teils vorausgehen, teils parallel dazu gelesen werden. Im 10. und 11. Lebensjahr halten sich Märchen und Abenteuerbuch die Waage; bei 12- bis 14jährigen nimmt die Abenteuerliteratur die beherrschende Stellung ein, wobei in wachsendem Maße die fiktionalen Geschichten von ›wirklichen‹ Erzählungen (über geschichtliche Persönlichkeiten, Entdeckungen u. a.) verdrängt werden. Märchen werden in diesem Alter strikt abgelehnt. Nur wenige Jungen dieser Altersstufe finden den Anschluss an die Erwachsenenliteratur (3,9 %). Bei den Mädchen sieht es etwas anders aus: Sie haben ein stärkeres Interesse an Märchen als die Jungen (72,8 % bis zu 59 % bei den Jungen), bei den 10- bis 11-jährigen dominiert immer noch das Märchen, daneben Umwelterzählungen, (31,6 % zu 6,5 % bei den Jungen). Bei den 12- bis 14-jährigen nimmt das Märchen immer noch 21 % der Gesamtlektüre ein, den Großteil machen Jungmädchenbücher/Backfischgeschichten aus (31,1 %). Abenteuerbücher liegen bei den Mädchen bei 3,9 %, während die Jungen am spezifischen Mädchenbuch überhaupt kein Interesse zeigen. Erheblich mehr Mädchen als Jungen lesen realistische Erwachsenenliteratur (14,2 % zu 3,9 %). Die Jungen bevorzugen demgegenüber Sachbücher, Bastelbücher u. ä. Der Anteil von Lyrik ist durchweg gering.30 Bezüglich des »Märchenalters« wird ersichtlich, dass Märchen statistisch zwar eine dominierende Rolle spielen, aber keineswegs ausschließlich gelesen werden. 28 Rumpf: Vom Kinde aus, S. 8. 29 Rumpf: Vom Kinde aus, S. 13. 30 Vgl. die Zusammenfassung der maßgeblichen Statistiken in Engl: Die Kinderlesehalle.

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Interessant an diesem den Statistiken unterlegten idealtypischen Modell sind nicht so sehr die jeweiligen Zuschreibungen von Leseerwartungen und Motivationen, die es ermöglichen soll, als vielmehr die Abweichung von den Annahmen des Modells, die mit ihm beobachtbar und greifbar werden: so die sich in unterschiedlichen Leseinteressen plötzlich offenbarende Differenzierung der ›Kindesnatur‹ in männliche und weibliche, bürgerliche und proletarische, städtische und ländliche – und sozusagen modellimmanent, ein sich wandelndes Heldenbild in der Latenzperiode und der Pubertät. So weist z. B. Busse 1927 ein wachsendes Interesse der 12- bis 14-jährigen Jugendlichen an Detektivgeschichten nach, das das Interesse an traditionellen Abenteuerbüchern und Heldensagen weit übersteige.31 Zumindest bei Großstadtkindern steht der listenreiche, großstädtische Detektiv höher im Kurs als die »weniger kluge als edle« (Ch. Bühler) völkische Lichtgestalt Siegfried. Die Statistiken der Jungleserpsychologie über die Lieblingslektüre stellen erste Versuche von Marktforschung dar und waren deshalb für den Jugendbuchmarkt durchaus von Interesse. Gleichsam als Nebenprodukt tritt bei den Befragungen über die private Lieblingslektüre von Heranwachsenden zu Tage, wie sehr die Postulate der literarischen Jugendschriftenschützer an der tatsächlichen Lektüre ihrer Adressaten vorbeigehen. Gerade die von ihnen als minderwertig angesehenen Literaturformen (Zeitungsromane, Witzblätter u. ä.) erfreuen sich größter Beliebtheit. Die Zeitungslektüre ist überhaupt wesentlich stärker verbreitet als angenommen (75 % der 14-jährigen lesen täglich eine Zeitung!); quantitativ rangiert sie bei den 10- bis 14-jährigen neben »Schundlektüre« an der Spitze, qualitativ zeigen Jungen vor den Mädchen eine größere Bandbreite von Interessen.32 Von daher ist es kein Wunder, dass Vertreter der JSB gegen die Jungleserforschung oftmals recht heftig zu Felde ziehen – oder, auf der anderen Seite, sich bemühen, das »literarisch wertvolle Lesegut« noch ausschließlicher zu propagieren. Gegen diese Tendenz der Verwissenschaftlichung der Jugendschriftenfrage, die in den Augen mancher Jugendschriftler eine Propaganda fürs »Lesefutter« und nicht fürs »Lesegut« darstellte, also letztlich dem »Schmutz und Schund« das Wort redete, regte sich erheblicher Widerspruch. So startete die konservative Zeitschrift Die Scholle, Blätter für Kunst und Leben in Erziehung und Unterricht 1925 eine Umfrage bei den »Dichtern der Gegenwart«, welches Buch ihnen in früher Jugend besonderen Eindruck gemacht habe und welche Bücher sie ihren Kindern am liebsten schenken würden. Hier soll der gefragte ›Dichter‹ im Vergleich zu den anonymen Statistiken die Werthaltigkeit der Aussagen garantieren. Die tendenziöse Auswahl der Autoren – etwa Hans Friedrich Blunck, Paul Ernst, Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel und Börries von Münchhausen – ist bezeichnend für die ideologische Richtung, die hier vertreten werden soll. An der Umfragenmode über die Buchinteressen beteiligten sich auch die vom Börsenverein der Deutschen Buchhändler unterstützten Buchwochen, u. a. in München 1926 mit dem Schülerpreisausschreiben »Was ich las und wie ich lese«, das an unterschiedlichen Münchener Schulstufen durchgeführt wurde33 und interessante Zeugnisse erster lesebiografischer Ansätze bietet. Die Preisverleihungspolitik ist erwartungsgemäß 31 Vgl. Busse: Die häusliche Lektüre der Volksschulkinder, S. 418f. 32 Vgl. Wölfel: Der junge Leser. 33 Vgl. die Dokumentation in Fr. Pollin: Was ich las und wie ich lese. In: Börsenblatt 93 (1926) 130, S. 739 –742.

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buchhandelsspezifisch, obwohl durchaus eine Reverenz an den Jugendschriftendiskurs sichtbar wird: prämiert wurden Aufsätze, die weniger mit ›wertvoller Literatur‹ als mit vorbildlichem Lesen oder mit Viellesen zu tun haben.

Abb. 2: »Das neue Jugendbuchplakat!«. In: Börsenblatt 98 (1931) 295, Umschlag. Für Verlage und Buchhandel bedeuten die als Preisausschreiben auftretenden Umfragen fortan ein nicht zu unterschätzendes Element ihrer Marketingstrategien, so etwa in dem großangelegten Preisausschreiben des Börsenvereins »Kannst Du ein Buch empfehlen« im Jahr 1927. Drei Jahre später startete der Börsenverein eine ähnliche Unternehmung mit der Lehrerumfrage: »Kann die Volksschule zum guten Buch erziehen«.34

Tendenzen der Kinder- und Jugendliteratur: Märchenkinder und Zeitgenossen Märchen waren im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die am weitesten verbreitete kinderliterarische Gattung auf dem Buchmarkt. Eine seit der Kunsterziehungsbewegung so hoch bewertete und in ihrer Eignung für »das Kind« auch noch wissenschaftlich abgestützte Ware zu führen, ließ sich in den 1920er Jahren kaum ein Verlag nehmen. Einerseits veröffentlichten Verlage wie Cassirer, Diederichs oder der Insel Verlag solide Märchensammlungen in hochwertiger künstlerischer Ausstattung, auf der anderen Seite wurde eine Lawine von sentimentalen Varianten der Volksmärchen in billigen Massenproduktionen auf den Markt geworfen. Beides sicherte der Gattung ein immer breiteres 34 Dokumentiert in: Kann die Volksschule zum guten Buch erziehen? Preisausschreiben des Börsenvereins an die Lehrerschaft. Leipzig: Börsenverein 1930.

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Publikum: Märchen waren Mode, und das garantierte wiederum ihren Verkaufserfolg. Nicht nur die Grimm’schen, sondern in den 1920er Jahren verstärkt auch die nachGrimm’schen (z. B. Hauff, Bechstein, Andersen) und exotischen Märchen (z. B. 1001 Nacht) erschienen in immer neuen Ausgaben und in mancherlei Bearbeitungen. Bei Diederichs gab Friedrich von der Leyen, der auch die Märchenausgaben von »Bongs Jugendbüchern« betreute, die Märchen der Weltliteratur heraus; Severin Rüttgers sammelte in der Reihe »Der Burgring« Zeugnisse deutscher Volksseele und deutschen Volkstums; Wilhelm Fronemann veröffentlichte Märchen in Reclams Universalbibliothek und bei Ensslin & Laiblin. Bei Stalling erschien Die Märchentruhe von Wilma Mönckeberg-Volmar, und nicht zuletzt bei Diederichs Lisa Tetzners Märchensammlung Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag (ab 1926). Neben diesem als klassisch geltenden ›Märchenschatz‹ wurden viele neue Kindermärchen geschrieben. Interessant sind aber weniger diese neuen Kindermärchen selbst mit ihrer diffusen Mischung von konventionellem Märchenerzählen und angestrengter Kindertümlichkeit als die ungebrochene Popularität des Märchenmusters. Die regressive Märchenbegeisterung ist durchaus zeittypisch, verdankt sie sich doch auch dem Erschrecken über eine ungeliebte Gegenwart. Dem kulturpessimistischen und modernisierungsfeindlichen Blick erschienen die deutschen Volksmärchen als Urbild echten und wiederzuerlangenden Volkstums, dem auch die neuen Märchen nachzueifern hatten. Sie waren in der gesamten Weimarer Zeit die bevorzugte Erzählform für Kinder, vor allem in bürgerlich-konservativen bis völkischen Kreisen: »Je mehr die neuen Kunstmärchen dem völkischen und deutsch-sittlichen Gestus entsprachen oder zu entsprechen schienen, desto mehr wurden sie gefördert und verkauft«.35 Etwa ab 1925 beginnt sich im Zeichen des Modernisierungsprinzips ›Sachlichkeit‹ in der Kinderliteratur ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen, der ihre überkommenen Muster gründlich durcheinanderbringt. Weit über die Modernisierung des äußeren Erscheinungsbildes, mit dem Erfolgstitel des Wilhelminismus nun unter dem Etikett »Friedensqualität« oder »Neuausstattung« auftraten, hinausgehend, hat es den Anschein, als werde die Kinderliteratur selbst förmlich entmottet und ausgelüftet: Die Märchenwelle der unmittelbaren Nachkriegszeit, an der so gut wie alle Jugendbuchverlage teilhatten, wird von einer Flut realistischer Kindergeschichten abgelöst; erfolgreiche kinder- und jugendliterarische Genres wie Abenteuerbücher, Backfischbücher, selbst Tiergeschichten werden zeitgemäß umgebaut; neue Genres wie Kinderromane und Kinderdetektivgeschichten entstehen; neue, urbane Motive schieben sich in den Vordergrund. Zum bevorzugten Sujet avanciert das Kinderleben in der Großstadt. Der Produktionsboom von Ersterscheinungen kinderliterarischer Titel um 1927 legt, ebenso wie die wachsende Zahl von Übersetzungen aktueller KJL vor allem aus dem skandinavischen, englischsprachigen und sowjetrussischem Raum, davon Zeugnis ab. Die neuen, modernen ›Romane für Kinder‹ synchronisieren ihre literarischen Bilder mit den veränderten Alltagswahrnehmungen der 1920er Jahre. Deutlich beeinflusst von den Erzählweisen in Kino und Rundfunk bieten sie alles, was die traditionelle Kinderliteratur aussparte: Tempo, Aktualität, Abenteuer des Alltags. Sie verändern die tradierten

35 Zipes/Dolle: Aus alten Mären da klinget es, S. 176.

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Rollenbilder vom ›wissenden Erwachsenen‹ und vom ›unwissenden Kind‹36 und trumpfen auf mit der Informiertheit über die Welt, indem sie ein neues kinderliterarisches Subjekt als Handlungsträger entwerfen, für das die neue Wirklichkeit, mit der die Erwachsenen sich noch schwer tun, schon Selbstverständlichkeit ist. Dessen Handlungsund Wahrnehmungsraum ist nicht mehr bei einem ländlichen Wirte wundermild angesiedelt, sondern im gleichzeitigen Hier und Jetzt der Metropole, mit Vorliebe Berlins. Ein neuer, urbaner Blick sieht sie nicht länger als defizitären, krankmachenden Ort von Nicht-Natur (wie noch in Johanna Spyris Heidi), als Ort fortgesetzter Irritationen im Rahmen von Ferien-Visiten (Josefine Siebes Die Sternbuben in der Großstadt, 1918), allenfalls als an der Hand des Kindermädchens zu durcheilende Gefahrenzone (etwa in Else Urys Nesthäkchen, 1918); das »stabile Trottoir der Großstadt« (Rudolf Arnheim) steht nun auch in der KJL ein für die Lust an Mobilität, für den angstfreien Umgang mit Phänomenen wie Masse, Beschleunigung, Zeitökonomie und fair play.

Abb. 3: Ede und Unku, Malik Verlag. In: Börsenblatt 98 (1931) 275. Die neuen Helden, die Kais, Emils und Edes, sind ebenso wie die neuen Mädchen, Nesthäkchens freche Schwestern,37 durchaus in der Lage, sich im ›Dschungel der Großstadt‹ souverän zu bewegen und es nicht nur darin mit den Erwachsenen aufzunehmen. Sie treten in Wettbewerb mit ihnen (Wolf Durian: Kai aus der Kiste, 1926), schlüpfen in Rollen, die bisher den Erwachsenen vorbehalten waren (Erich Kästner: Emil und die 36 Vgl. Karrenbrock: Das stabile Trottoir der Großstadt, S. 176 –194; Dies.: »Revolution im Bücherschrank der Kinder«, S. 124 –139. 37 Vgl. Tost: Moderne und Modernisierung, S. 273 –305.

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Detektive, 1929), organisieren das »Große Umgekehrt-Spiel«, in dem sie die Rolle der Eltern, die Eltern die Rolle der Kinder übernehmen (Marianne Bruns: Jau und Trine laden ein, 1933), engagieren sich gar politisch links (Alex Wedding: Ede und Unku, 1931). »Die alte Jugendschrift, die über die Köpfe der Kinder hinwegpredigte, oft in einem kindlich sein wollenden und darum albernen Stil, verschwindet aus dem Bord: das ist die Revolution im Bücherschrank der Kinder«,38 kommentiert ein zeitgenössischer Beobachter diese Entwicklung halb erschrocken und halb erfreut. Über die Fortschrittlichkeit dieser neuen Kinderliteratur ist damit allerdings noch kein Urteil gefällt, wohl aber ihr Bemühen um Gleichzeitigkeit konstatiert. Festzustehen scheint aber, dass der neusachliche Habitus beiträgt zur Entmythologisierung von Kindheit. Er entlässt die Kinder aus einem zeitlosen Arkadien direkt in die Metropole des 20. Jahrhunderts. Unübersehbar zum Ausdruck kommt der Bruch mit den herkömmlichen Vorstellungen in der Auseinandersetzung über das erwähnte »Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften« von 1926.39 Der auch in der Presse mit großem Aufwand geführte Kampf für oder gegen das Gesetz stellt einen Meilenstein in der Modernisierungsdebatte dar; nicht zuletzt fokussierte er die Aufmerksamkeit einer breiteren literarischen Öffentlichkeit auf die Fragen von Kindheit, Jugend, Lektüre und Zensur. In der Opposition gegen das Gesetz formulierte sich im weitesten Sinne nicht nur ein ganz unbildungsbürgerliches Einverständnis mit der Massenkultur, sondern auch ein neues, verändertes Interesse an der Kindheit. Beispielhaft beweist das die Sondernummer Kinderbücher und Jugendschriften der Literarischen Welt vom Dezember 1926, in der die Avantgarde der republikanischen Intelligenz sich zum Thema äußert. »Wenn diese Nummer erscheint«, heißt es dort, »ist das unehrlichste Gesetz der Republik vielleicht schon angenommen. Unser Kampf dagegen, und der Kampf aller anständigen Menschen, wird trotzdem nicht aufhören.«40 Unter der provokativen Überschrift des Leitartikels Das Kind braucht keinen Schutz vor Schund! Es schützt sich selbst! zieht der Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld mit seiner berühmt gewordenen Polemik gegen die literarischen Kinderschützer zu Felde, ebenso wie Ernst Bloch, der in seinem gleichermaßen bekannt gewordenen Essay Die Silberbüchse Winnetous eine flammende Verteidigung der Kolportage unternimmt. Walter Benjamin ist gleich mit drei Beiträgen vertreten; mit seiner Aussicht ins Kinderbuch, drei kleinen Skizzen mit dem Titel »Kinder« (später unverändert in den Band Einbahnstraße aufgenommen) und Phantasiesätzen von Kindern, die er später in das Denkbild Brezel, Feder, Pause, Klage, Firlefanz41 fasst. Das dichte Niveau von Benjamins Reflexionen über Kinderliteratur und Kindheit ist bis heute unerreicht; in diesen hochkarätigen Rahmen fügen sich die anderen Beiträge eher schlicht, aber dennoch informativ ein. So der Aufsatz des bekannten Kinderbuchsammlers Karl Hobrecker über alte Kinderbücher, ein Bericht über moderne Bilderbücher, die österreichische Kinderliteratur und nicht zuletzt der praktikable Vorschlag von Gina Kaus Wie ein Mädchenbuch aussehen sollte – ein radikaler Gegen38 Paulsen: Revolution im Bücherschrank der Kinder, S. 234. 39 Vgl. Jäger: Der Kampf gegen Schmutz und Schund: die Reaktion der Gebildeten auf die Unterhaltungsindustrie, S. 161 –191; Peukert: Der Schund- und Schmutzkampf als »Sozialpolitik der Seele«. 40 Die Literarische Welt 2 (1926), Nr. 49 v. 3.12.1926, S. 369. 41 Benjamin: Gesammelte Schriften IV, 1.

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entwurf zum traditionellen Backfischbuch, der von der neuen Mädchenliteratur der späten 1920er Jahre bald eingelöst wurde. Die Bedeutung dieser Sondernummer ist bislang noch nicht adäquat gewürdigt worden, setzte sie doch Maßstäbe für eine Kinderliteraturkritik. Überdies begründete sie eine Tradition der seriösen Beschäftigung mit Fragen der Kinder- und Jugendliteratur in den Feuilletons der großen Weimarer Zeitungen und Zeitschriften, wie sie beispielsweise von Benjamin selbst, von Alice Rühle-Gerstel in der Literarischen Welt, von Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung, von Rudolf Arnheim in der Weltbühne fortgeführt wird. Offensichtlich löste sich das Schreiben über und von Kinderliteratur von seinem bisher minderen Status; von daher nimmt es kein Wunder, dass nun auch anerkannte Erwachsenenautoren anfangen für Kinder zu schreiben, wie Wilhelm Speyer bei Rowohlt mit dem Kampf der Tertia (1927) und Die goldene Horde (1931), vor allem aber Erich Kästner im Williams-Verlag. Die Umbruchsituation spiegelt sich auch in den Anzeigen der Jugendbuchverlage, die in dieser Sondernummer der Literarischen Welt inserieren. Sie entsprechen dem avantgardistischen Konzept der Zeitschrift keineswegs passgenau, dafür bieten sie ein buntscheckiges Panorama des zeitgenössischen Jugendbuchverlags, in dem von konservativen bis fortschrittlichen Positionen alles vertreten ist: So werben für den Bereich des Bilderbuchs Schaffstein und Stalling mit bewährten Titeln, daneben präsentieren Stuffer, die UllsteinTochter Fridolin-Verlag mit Walter Triers Fridolin-Bilderbüchern und der Mauritius Verlag mit Tom Seidmann-Freud aber auch experimentelle Versuche; die konservativen ›Münchner Jugendbücher‹ des Verlags Kösel und Pustet, Abel und Müllers ›gediegene Jugendschriften‹ oder der Diederichs Verlag mit Lisa Tetzners Märchen teilen sich die Seiten mit dem sozialdemokratischen Dietz Nachf. oder dem Arbeiterjugendverlag. Mit vorsichtiger Modernisierung des Programms stellt sich das ›neue Kinderbuch‹ von Kaden, Dresden vor, ebenso Rütten & Loening und der Stuttgarter Union-Verlag. »Gegenwartsbetonte Zeitnähe« als Verkaufsargument – diese Strategie lässt sich in den Programmen der traditionellen Jugendbuchverlage in der Endphase der Weimarer Republik durchweg verfolgen. Herkömmlicherweise vor allem in den spezifischen Lektüren für Jungen wie die auf das Interesse an technischen Innovationen zielenden Jahrbücher (wie im Neuen Universum des Union-Verlags) verortet, setzt sie sich allmählich auch in der fiktionalen Erzählliteratur durch – beflügelt von dem Erfolg von Erich Kästners Großstadtromanen für Kinder. So erscheint bei Levy & Müller Erika Manns amerikabegeisterter Ausreißerroman Stoffel fliegt über das Meer (1932), auch in der Mädchenliteratur löst die Stadt das Pensionat als neuen Lernort ab (Else Hinzelmann: Bärbel kommt in die Stadt, Union 1932; Clara Horath: Hannelore erlebt die Großstadt, Thienemann 1932).

Der Jugendbuchverlag zwischen Tradition, Innovation und Moderne Der Kinder- und Jugendbuchmarkt der Weimarer Republik ist im Wesentlichen von zwei differierenden Strömungen geprägt. Den konservativen Mainstream vertreten hauptsächlich die schon vor 1914 auf das Jugendbuch spezialisierten Verlage mit ihren bewährten Lesestoffen und Genres: also dem pädagogisch sanktionierten ›Volksgut‹ (Märchen, Epen, Sagen, Fabeln, Volksbüchern, Kinderlieder) und den ›für die Jugend bearbeiteten‹ Klassikern der Weltliteratur – Texten, die größtenteils honorarfrei geworden waren und

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immer wieder von verschiedenen Jugendbuchverlagen aufgelegt wurden – sowie den Longsellern der schon im Kaiserreich produzierten konservativen KJL respektive neuen Titeln von Erfolgsautoren oder Erfolgsserien, die ihren jeweiligen Verlagen weiterhin Verkaufsgarantien boten. So erschien z. B. Spyris Heidi kann brauchen, was es gelernt hat (1881) 1932 bei Perthes im 305. Tsd.; Henny Kochs Papas Junge (1900) lag im Stuttgarter Verlag Union 1934 in der 88. Auflage vor. Else Ury, die bei Meidinger mit ihrer Nesthäkchen-Serie (1918 – 1925) die Tradition der Backfischbücher nahtlos fortsetzte, gehörte zu den beliebtesten Mädchenbuchautorinnen der Weimarer Republik. Nesthäkchens erstes Schuljahr, der zweite Band der Serie, ist 1928 schon im 165. – 178. Tsd. angekommen. Die Erfolgsgeschichte von Waldemar Bonsels’ Biene Maja (1912) ist geradezu legendär: 1920 erAbb. 4: Anzeige für die Jugendbücher des scheint sie schon im 318. Tsd; 1925 im Stuttgarter Union-Verlags. In: Börsenblatt 535. – 584. Tsd; 1934 im 751. – 755. Tsd. 99 (1932) 45. Der Karl-May-Verlag Radebeul legte allein Winnetou I 1934 im 273. Tsd. vor, dabei war er bei Weitem nicht der einzige Verlag, der die einschlägigen May-Titel im Programm hatte.42 Die Liste ließe sich fortsetzen mit Titeln von Agnes Sapper, Tony Schumacher, Josefine Siebe, Friedrich Gerstäcker, Hermann Löns, Ludwig Thoma u. a. Ein weiterer sicherer Posten war die Herausgabe der bewährten Jahrbücher bei Union, so das bereits erwähnte Neue Universum (seit 1880) und Der Gute Kamerad (seit 1887); für die Mädchen Das Kränzchen (seit 1889). Die dort abgedruckten Fortsetzungsromane wurden weiterhin nachträglich in der florierenden Kamerad-Bibliothek und der noch erfolgreicheren Kränzchen-Bibliothek in Buchform verwertet. Auch Kinderkalender liefen wie von selbst, Marktführer waren auf diesem Sektor während der gesamten Weimarer Republik Auerbachs Kinderkalender und Meidingers Kinderkalender. Innovationen sind in der unmittelbaren Nachkriegsphase dagegen rar, allenfalls im hochklassigeren Bilderbuchbereich lässt sich eine vorsichtige Annäherung an die Ausdrucksformen der modernen Kunst verfolgen. Die verschärfte Konkurrenz, Konzentration und Spezialisierung seit der Stabilisierung führte aber auch im erzählenden Kinder- und Jugendbuchsektor zu einer Veränderung der Verlagslandschaft. Neue Verleger mit Elan und Engagement ließen Raum für innovative Experimente, die durchaus auch mit finan42 Für alle genannten Daten, vgl. Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1911 – 1965 (München 1976 – 1981).

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ziellen Risiken verbunden waren; sie reagierten flexibler auf die Konkurrenz durch die Massenmedien als die eingeführten konservativen Verlage und wussten die durch die veränderten Lesegewohnheiten entstandenen Marktlücken zu nutzen. Es waren vor allem die Verlagsneugründungen der Weimarer Republik wie etwa Franz Schneider, Stuffer oder Williams, die sich seit etwa 1925 zunehmend dem Aufbau eines »gegenwartsfrohen«,43 zeitgenössischen Programms mit jungen Autoren und Autorinnen widmeten und so Bewegung in die KJL brachten, damit aber auch die traditionelleren Verlage in Zugzwang setzten. Darüber hinaus begannen die Verlage der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung das Desiderat einer proletarischen KJL44 einzulösen.

»Altbewährte« Jugendbuchverlage Die Verlage, die sich schon im Kaiserreich in der Sparte Jugendschriften hervorgetan bzw. sich ganz auf diesen Sektor spezialisiert hatten, also etwa Ensslin & Laiblin, Herder, Loewes oder Thienemann,45 bedienten in den 1920er Jahren in der Regel das gesamte Spektrum des klassischen Jugendschriftenangebots, wenn sie sich nicht, wie beispielsweise Meidinger mit Else Ury, Weichert mit Clara Nast u. a. und Weise (Der Trotzkopf und seine Nachfolger) vorrangig auf die Herausgabe der konservativen, aber überaus beliebten Mädchenbuchserien konzentrierten. Mehr oder weniger der JSB verbunden bzw. sich auf deren Positionen berufend, zeigten sie sich modernisierungsresistent, machten allenfalls gegen Ende der Weimarer Republik Zugeständnisse an die veränderten Vorstellungen von Kindheit, Jugend und Lektüre. Für die genannten Verlage mag gelten, was in der Firmenzeitschrift des Loewes-Verlags ausgeführt wird: Der Verlag hat sich […] immer bemüht, die Sprünge ins Extreme zu vermeiden und eine konstante Linie in Darstellung und künstlerischer Gestaltung zu wahren […]. Er hat ganz bewusst am Konservativen festgehalten, ohne sich jedoch darin zu verlieren, weil er davon überzeugt ist, daß das Kinder- und Jugendbuch ein denkbar schlechtes Versuchsobjekt für avantgardistische Pläne darstellt.46

Herder, Freiburg So führte auch der Traditionsverlag Herder, »des lieben Gottes eigener Verlag«,47 neben seinen Bestsellern wie der Pinocchio- Bearbeitung Geschichte vom hölzernen Bengele (1913, 1974 in der 89. Aufl.) die Nonni-Reihe des Jesuitenpaters Jón Svensson weiter und gab mit Das alte Haus (1923), Engelkind (1928) und Die grüne Schule (1931) Märchen des talentierten, in kindertümlichen Kreisen hochgelobten Vielschreibers Wilhelm 43 So Rudolf Frank in seiner Rezension von Erika Manns Stoffel von 1931, zitiert nach Murken: Gedanken zu Erika Manns Kinderbüchern, S. 8. 44 Vgl. Wegehaupt: Deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur der Arbeiterklasse von den Anfängen bis 1945. 45 Vgl. das Kapitel Kinder- und Jugendbuchverlag, Kaiserzeit, in Band 1/2 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 103 – 163. 46 Hundert Jahre Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart: 1863 –1963, S. 57. 47 175 Jahre Herder. Kleines Alphabet der Verlagsarbeit. Freiburg: Herder 1976, S. 44.

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Matthiessen heraus – Märchen, in denen die notwendige Arbeit ausschließlich und gerne von Zwergen erledigt wird, während die kindlichen Protagonisten in ›Mythikon‹, dem geheimen Wurzelgrund der Szenerie, unterwegs sind. Zum ›Tag des Kindes‹ 1932 informierte der Verlag das Sortiment über sein Programm mit dem Hinweis: »Es ist bekannt, daß unsere Jugendschriften […] im Sinne einer Bücherei der Lebensalter aufgebaut sind, zusammengenommen also eine innerlich geschlossene Eigenbücherei ausmachen«. »Was Sie führen sollten«, heißt es weiter, sollte sein: í í í í í

Bilderbücher und Bildergeschichten neuzeitlicher Art Märchen und Erzählungen in der Altersmundart der Kinder Abenteuer – Helden – Sagen und Legenden als Künder Deutschen Wesens Erzählerisch wertvolle Sachbücher Unsere neusten Jugendbücher.48

Als Letztere werden angekündigt: Herbert Alexander: Fritzi und sein Zirkus, »ein treffliches Jugendbuch, besonders für unsere Großstadtkinder«; Theodor Seidenfaden: Deutsches Schicksalsbuch I. Das Reich, das »im Spiegel der geschichtlichen Sagen das mythische Bild unseres Volksschicksals«49 zeige, und nicht zuletzt Wilhelm Straub: Die Geschichte vom Jesuskind.

Ensslin & Laiblin, Reutlingen Ensslin & Laiblin setzte seine älteren Erfolge mit Buschiaden von Pommerhanz, Bilderbüchern von Adolf Holst mit den Illustrationen von Ernst Kutzer und der von der JSB beeinflussten Heftreihe Bunte Jugendbücher fort, entwickelte seit 1930 aber auch die Reihe Erlebte Weltgeschichte und Erlebte Geographie, nicht ohne nationalistische Untertöne. Auf der Leipziger Buchmesse von 1930 konnte der Verlag mit 193 Neuerscheinungen und 243 Neuauflagen antreten.50 Einen großen Teil davon machten sicher Johanna Spyris Werke aus; so kündigte der Verlag 1932 deren »mustergültige, ungekürzte Ausgabe, textlich durchgesehen und mit den wundervollen, an Ort und Stelle gesammelten farbigen Bildern von Ernst Mühlmeister«51 an. Spyri wird gleich »gewichtweise gehandelt […]: 5 Kilo = 10 Titel zu 110 Stück«.52

Schaffstein, Köln Am besten erschlossen ist das Profil des Schaffstein-Verlags, Köln.53 Gegründet 1894 von den Brüdern Hermann und Friedrich Schaffstein, galt er im ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende als der eigentliche Verlag des neuen künstlerischen Bilderbuchs. Vor allem auf die Initiative von Hermann Schaffstein hin gelang mit Richard und Paula Dehmel und dem Bilderbuchkünstler Ernst Kreidolf der Anschluss an die stilkünstleri48 49 50 51 52 53

Börsenblatt 99 (1932) 130. Börsenblatt 99 (1932) 130. Vgl. Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, Bd. I. Börsenblatt 99 (1932) 50. Künnemann: Von Campe bis Caravelle, S. 183. Vgl. Stark: Der Schaffstein-Verlag.

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sche Moderne; bis 1909 lagen bereits 26 Titel in der Verlagsabteilung Künstlerische Bilderbücher vor, darunter Richard Dehmel/Ernst Kreidolfs epochemachender Fitzebutze und, in Zusammenarbeit mit Karl Hofer, K. F. von Freyhold und E. R. Weiß, der Buntscheck. Aufgrund der aufwendigen Herstellung waren die von den Künstlern kolorierten oder in 7 – 8 Farben gedruckten Bilderbücher teuer; sie errangen zwar große Anerkennung (so wurden für die »Deutsche Unterrichtsausstellung« auf der Brüsseler Weltausstellung zehn Schaffstein-Bilderbücher ausgewählt und mit einem Ehrendiplom geehrt), brachten aber nicht die großen Verkaufserfolge. Die breiten Käuferschichten versorgten sich bei der billiger produzierenden Konkurrenz, etwa bei Loewes, der Elsa Beskows Verkaufsschlager wie Hänschen im Blaubeerwald (EA 1903) führte, bei Schreiber mit seinen »gangbaren« Bilderbüchern von Sybille von Olfers (Etwas von den Wurzelkindern, 1906) und Alfred Hahn, der mit gefälligeren Titeln von Gertrud Caspari und Ernst Kutzer aufwartete. Schaffstein musste seine anspruchsvolle BilderbuchAbteilung einschränken, denn »Konzessionen an den breiten Publikumsgeschmack lagen Hermann Schaffstein zu keiner Zeit«.54 Erst mit den Reihen Schaffsteins Volksbücher (bis 1915), und vor allem seit 1910 mit Schaffsteins Blauen Bändchen (literarische Texte) und den Grünen Bändchen (historische und geografische Texte) gelang der Durchbruch. Bis 1918/19 war die Zahl der Grünen auf 73, die der Blauen auf 99 gestiegen – bis zum Ende der Republik erschienen 112 Grüne und 210 Blaue Bändchen55, die vor allem in Volksschulen und den unteren Stufen der Höheren Schulen Verwendung fanden. Es handelte sich um billige Hefte im Umfang von 4 – 5 Druckbogen zum Preis von 30 Pf. (Geschenkausgabe in Leinen 60 Pf.), die dennoch (im Fall der Blauen) von namhaften Künstlern wie Arpad Schmidhammer, Max Slevogt oder Otto Ubbelohde illustriert wurden und die von Schaffstein schon mit seiner Volksbücherreihe verfolgten Prinzipien vertraten: »1. Ablehnung aller Tendenzschriften. 2. Bei der Auswahl der für die Jugend geeigneten Stoffe die Berücksichtigung der gesamten Literatur, der älteren wie der neueren, 3. Die dichterische Jugendschrift muss ein Kunstwerk sein, das Erwachsene mit ebenso großem Interesse lesen können wie Kinder«.56 Die Nähe zu den Wolgast’schen Positionen der frühen JSB und Kunsterziehungsbewegung ist unübersehbar. Als sich der Verlag 1918 im Börsenblatt mit seinen ›Künstlerischen Bilderbüchern‹, den ›Grünen und Blauen Bändchen‹ und der Sparte ›Jugendschriften und Geschenkwerke‹ zurückmeldete, war die Konkurrenz im Bilderbücherbereich nicht geringer geworden. So erwuchs mit dem sich auf die Bilderbuchsparte spezialisierenden Oldenburger Verlag Gerhard Stalling ein neuer Kontrahent, der 1920 eine Reihe »vornehmer, künstlerischer Bilderbücher« unter dem Label »Nürnberger Bilderbücher« ankündigte. Auch der alte Konkurrent Hahn konnte 1924 mit der unglaublich erfolgreichen Häschenschule von Fritz Koch-Gotha und Albert Sixtus einen Dauerbrenner landen (1928 erschien sie bereits im 133. – 152. Tsd.). Seine frühere Avantgardeposition bei den Künstlerbilderbüchern musste Schaffstein nun an kleine Verlage wie den Rotapfel-Verlag, der die Veröffentlichung der KreidolfBücher übernahm, oder den Peregrin-Verlag (später Mauritius Verlag), in denen die Bücher von Tom Seidmann-Freud (etwa: Das Buch der Dinge, 1923; Die Fischreise, 54 Eisenreich: 75 Jahre Hermann Schaffstein-Verlag, S. 6. 55 Titelauflistung bei Stark: Der Schaffstein-Verlag, S. 204 –213. Absatzzahlen S. 168. 56 H. Schaffstein, zitiert bei Eisenreich: 75 Jahre Hermann Schaffstein-Verlag, S. 6.

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1923) erschienen, abgeben. In Reaktion darauf wurde in enger Zusammenarbeit mit der JSB und den Volksbüchereien der Ausbau der ›Bändchen‹ verstärkt und für höhere Alterstufen abgerundet – erfolgreich, aber mit der Wahl der konservativ-völkischen Berater Fronemann und Rüttgers nicht mit so glücklicher Hand wie bei den exquisiten Künstlern aus der Hochzeit des Verlags. Unter deren Einfluss und besonders seit dem Eintritt von Schaffsteins Schwiegersohn Anton Eisenreich in die Firma (1920, seit 1926 neben ihm persönlich haftender Gesellschafter, ab 1928, nach dem Ausscheiden von H. Schaffstein, alleiniger Gesellschafter) nahm das Profil des Programms bei aller Betonung der Tendenzfreiheit zunehmend gegenmoderne Züge an. Schaffstein und Eisenreich traten 1922 dem ›Lauensteiner Kreis‹ um Eugen Diederichs bei, der in einer eigentümlichen Verbindung von Reformbewusstsein und Deutschtümelei versuchte, dem Jungbuchhandel ein neues Berufsverständnis einzupflanzen. Offenbar als Konzession an das wachsende Interesse an unterhaltender Freizeitlektüre erweiterte der Verlag um 1930 sein Programm um Jugendbücher, die mit ihren bunten Schutzumschlägen nicht nur zeitgemäßer daherkamen, sondern sich auch aktuellerer Themen annahmen: so etwa moderat modernisierte ›Jungmädchenbücher‹ wie Käthe Miethes So ist Lieselotte (1931) oder spannende Detektivgeschichten wie W. Matthiessens noch heute erfolgreiches Das Rote U (1932). Diese Freiläufer hatten sich aber alsbald in einen konzeptuellen Rahmen zu fügen: Als »Bücher der Lebensgestaltung für die reifende Jugend – Stoffe aus den Problemen unserer Zeit« kündigte der Verlag eine Reihe an, die sich nun auch speziell an adoleszente Leser wendete. Im Verlagsprospekt heißt es: In der Jugend wächst vor den ungeheuren Schwierigkeiten unserer Zeit der Mut, auch den unerfreulichen Tatsachen ins Gesicht zu schauen, und der Wille, sie zu überwinden. Für diese Jugend […] ist eine Literatur im Werden, die eine Mittlerstellung einnimmt. Sie steht auf der Grenze zwischen schönem und nützlichem Schrifttum. Und es schneidet sich in ihr das Jugendbuch mit dem Roman.57 Diese tendenziöse Absage an politische Tendenzen verfolgte durchaus eine Strategie: Neben Helene Voigt-Diederichs erschienen in dieser Reihe vor allem ›nordische‹ Autoren. Sie konnte bis 1939 unbehelligt fortgesetzt werden.

Neue Verlagsprofile eingeführter Verlage Stalling, Oldenburg Der 1789 gegründete Stalling-Verlag gehörte schon im 19. Jahrhundert zu den Verlagen, die sich zügig industrialisierten und im Kaiserreich mit modernsten Druckmethoden und patriotischem Programm expandierten. 1920 eröffnete er unter der Leitung von Martin Venzky, dem Schwiegersohn des Verlagsinhabers Heinrich Stalling, eine neue Verlagsabteilung, den »Nürnberger Bilderbücher-Verlag Gerhard Stalling«. Die »Nürnberger Bilderbücher«, später umbenannt in »Stalling Bilderbücher«, krempelten den Bilderbuchmarkt der Zeit vollständig um – und das nicht etwa mit einer Revision des her-

57 Zitiert nach Stark: Der Schaffstein-Verlag, S. 124.

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kömmlichen Kindheitsbilds, sondern gerade durch seine Perpetuierung mittels modernster Produktionsmethoden und einer offensiven Marketingstrategie. Unterstützt durch eigene Druckwerkstätten mit neuen Offsetmaschinen konnten Stalling/Venzky von Anfang an auf Qualität und relativ niedrige Preise setzen; die zur Kostenminimierung notwendige Auflagenhöhe wurde durch ausgefeilte Werbekampagnen, mehrseitige Anzeigen im Börsenblatt, günstige Abnahmekonditionen für den Sortimentsbuchhandel und Preisausschreiben erzielt. So startete der Verlag sein Bilderbuchprogramm mit der Ankündigung: »Ich werde auf der Frühjahrs-Bugra-Messe mit nicht weniger als 12 neuen, eigenartig schönen Künstlerbilderbüchern vertreten sein. […] Jedes meiner Bilderbücher enthält an besonders sichtbarer Stelle die Schaukelpferd WertAbb. 5: Anzeige des Stalling Verlags. In: Börmarke, auf die die Käuferschaft in senblatt 94 (1927) 48. meinen Werbedrucksachen ständig aufmerksam gemacht werden wird«58. Für ihre beweglichen Spielbilderbücher, Bilderbücher zu Märchen, Kinderliedern und Rätseln sowie Leporellos konnte der Verlag eingeführte Autorinnen und Autoren wie Frida Schanz, Sophie Reinheimer oder Adolf Holst verpflichten und bewährte Bilderbuchillustratoren und -illustratorinnen wie z. B. Else Wenz-Viëtor und Elsa Eisgruber gewinnen, führte aber auch junge, unbekannte Künstlerinnen wie z. B. Elsa Moeschlin ein. Bis 1933 produzierte die »große Bilderbuchfabrik«59 Stalling 86 Reihentitel60 in einer »ungewöhnlich leuchtenden und geschmackssicheren Farbigkeit« (Stark); die bis heute bekanntesten sind neben Storms Der kleine Häwelmann wohl Sonnenkinderstuben von Max Dingler, mit Illustrationen von Wenz-Viëtor, das schon ein Jahr nach der Erstausgabe in der 7. Auflage mit 27.000 Exemplaren vorlag, sowie Reinheimer/Wenz-Viëtors Im Blumenhimmel, das eine Stückzahl von weit über 100.000 erreichte. Daneben veröffentlichte der Verlag aber auch Reklameschriften wie Osterkaffee bei Mümmelmanns (1930) für die ›Eduscho Kaffee-Import Rösterei Bremen‹, eine lukrative Unternehmung, von der beide Firmen profitieren konnten. 58 Zitiert nach Stark: Gerhard Stalling Verlag, S. 2. 59 So Emil Rorniger, der Inhaber des Zürcher Rotapfel-Verlags, der seit den 1920er Jahren die Kreidolf-Bilderbücher verlegte; zitiert nach Stark: Gerhard Stalling Verlag, S. 3. 60 Vgl. Liebert: Bibliographie der Bilderbücher des Verlags Gerhard Stalling.

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Ab 1921 erfolgte zudem eine Erweiterung des Programms auf Lesestoffe für etwas ältere Leser unter dem Reihentitel »Der Blumengarten«, herausgegeben von dem später überzeugten Nationalsozialisten Will Vesper, der hier die völkische Perspektive mit Epen, Sagen und Volksbüchern vorbereitete – eine ideologische Signatur, die der Verlag mit seiner an Erwachsene adressierten Reihe »Schriften an die Nation« ausbaute, in der sich schon vor 1933 die Wortführer des Nationalsozialismus von Beumelburg über Euringer und Möller van den Bruck bis zu Krieck äußerten. Die Reihe »Der Blumengarten« wurde später in »Stallings Jugendschriften« umbenannt, sie führte gegen Ende der 1920er Jahre außerdem Titel aus der Sparte Tierbücher, etwa von Svend Fleuron, sowie mehr oder weniger epigonale Kästner-Imitationen (Katrin Holland: Wie macht man das nur?, 1931).Auf die Krisenzeiten der Republik reagierte Stalling mit immer ausgefeilteren aggressiven Werbemethoden, um sich eine führende Marktposition zu sichern. Für das Ostergeschäft von 1924 kündigte Stalling beispielsweise im Börsenblatt ein Preisausschreiben für die originellste Schaufenstergestaltung durch Stalling-Bücher an. Die Gewinne: »Ein erstklassiges Markenfahrrad oder eine tadellose Schallplattensprechmaschine oder 30 Flaschen guten Rheinweins«.61 Der Text ist in Sütterlin gedruckt, angefügt für die Sortimenter ist der in Fraktur gehaltene Hinweis: »Unsere der geschwächten Kaufkraft der Eltern und Kinderfreunde angepassten billigen Gruppentarife (RM 0,90, 1,40, 1,80, 2,50, 2,80, 3,80) ermöglichen Ihnen ein großes Geschäft. Ausführliche Liste auf dem Beizettel.«62 Auch der Stalling-Verlag hatte keine Veranlassung, sein kinder- und jugendliterarisches Programm nach 1933 umzustellen.

Gundert, Stuttgart Wie kaum ein anderer mit Jugendschriften befasster Verlag steht Gundert in den zwanziger Jahren für eine Position zwischen Tradition und Moderne. 1878 vom Verlegerund Missionarssohn David Gundert als Ableger des theologischen Calwer Verlagsvereins gegründet, blieb die theologische Literatur zunächst der Hauptverlagszweig, daneben veröffentlichte er in der Sonntagsbibliothek ab 1895 aber auch Jugendschriften – Hauptautorinnen waren Anna Schieber und Agnes Sapper, deren Familie Pfäffling (1907) bis in die Gegenwart immer wieder neu aufgelegt wurde. Sappers rührenderbauliche Geschichten über durchaus nicht immer nur ungetrübtes FamilienKinderleben lagen nach einer Verlagsanzeige von 1935 bei einer Auflage von über einer Million. Der Verlag blieb auch in den zwanziger Jahren bei steigendem Umsatz ein reiner Familienbetrieb mit einem minimalen Aufwand an Personal, das sich kannte und engagiert zu Werke ging. Die »kleine Welt der Hohen Straße«63 wurde ab 1919 vom zweiten Sohn des Verlagsgründers, Friedrich Gundert, geleitet, der sich, wie sein Vetter Hermann Hesse, durchaus als Vertreter einer anderen Zeit sah, »einer neuen Zeit, und doch nicht in revolutionärem Ungestüm die Verbindung mit der alten Zeit lösend, sondern sie schonsam weiterentwickelnd und pflegend«.64 61 62 63 64

Zitiert bei Stark: Der Schaffstein-Verlag, S. 8. Börsenblatt 98 (1931) 296. Friedrich Gundert zum Gedächtnis, S. 23. Friedrich Gundert zum Gedächtnis, S. 24.

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Diese Haltung prägte auch sein Engagement für das Kinder- und Jugendliteraturprogramm des Verlags, das er entscheidend ausbaute und dem er vor allem mit der Reihe Sonne und Regen im Kinderland (seit 1922) ein ganz eigenes, unverwechselbares Profil verschaffte: Die Reihe »Bunte Geschichten für kleine und große Leute« zum Preis von 85 Pf. erreichte bis 1932 die stattliche Anzahl von 40 Bändchen, mit einer Auflagenzahl von insgesamt 1,3 Millionen. Hier erschienen »nur Geschichten und Märchen guter Autoren […], keine alten freigewordenen Stücke, die schon in Dutzenden von Ausgaben vorliegen; dazu Originalillustrationen namhafter Künstler« (Verlagsanzeige). Neben Qualitätsanspruch und günstigem Preis war der Reihentitel Programm. Gleichzeitig setzte man sich vom Stuttgarter Konkurrenten in Sachen Kinderbuch, dem Verlag Levy & Müller ab; Levy & Müller lieferten mit ihren erfolgreichen Hausautorinnen Josefine Siebe und Tony Schumacher immer neue, gemütvoll-betuliche »bürgerliche Geborgenheitsbilder« (M. Altner), so etwa Siebe mit ihren sieben KasperleBänden, einer sentimentalisiert-komischen Pinocchio-Variante, und die »deutsche Spyri« Schuhmacher mit ihren alljährlich erscheinenden Mädchenbüchern. Denn bei Gundert kam eine neue Generation vor allem von Autorinnen zu Wort, der die ›Sonnige Kinderwelt‹ der Familienkindheit schon als gefährdetes Terrain erschien, in dem eher Kinder-Kümmernisse als Kinderglück den Ton angeben. Freilich besteht auch die Reihe auf dem Prinzip des guten Ausgangs, der jedoch nur durch warmherzige Fürsorge, Mut und gegenseitiges Vertrauen erreicht wird. Eingeteilt ist die Reihe ab Mitte der zwanziger Jahre in unterschiedliche Alters- bzw. Adressatenkategorien: »Für Kinder ab 5 Jahren« (hier erscheinen neben Märchen auch realistische Geschichten wie Sappers Frieder oder Schiebers Bille Hasenfuß – ein Prinzip, was auch in den folgenden Sparten durchgehalten wird): »Für Kinder von 7 Jahren an«; »Für Mädchen von 8 Jahren an«; »Für Kinder von 9 Jahren an und für große Leute«. Die letzte Abteilung ist sicher die interessanteste, sie öffnete sich unter dem Lektorat von Anni Geiger-Gog [Ps. Hanne Menken] zunehmend dem modernen Alltag von Arbeiterkindern und bekam entschieden sozialkritische Konturen, so etwa in den Großstadterzählungen Ruth Rewalds (Rudi und sein Radio, 1931; Müllerstraße, 1932); Geiger-Gogs Fiete, Paul & Kompanie (1932) und Lisa Tetzners Erwin und Paul (1933). Geiger-Gog, die in der Endphase der Republik der proletarisch-revolutionären Literaturbewegung angehörte und auch mit der Vagabundenbewegung um Gregor Gog verbunden war, veröffentlichte im Kinderbuchprogramm außerhalb der Reihe ihr wegen seiner bitteren sozialen Anklage kontrovers diskutiertes Hauptwerk, Heini Jermann (1929); sie initiierte wohl auch die Veröffentlichung von Jo Mihalys ›Zigeuner‹-Geschichte Michael Arpad und sein Kind. Ein Kinderschicksal auf der Landstraße (1930) und dem zuvor bei Weiß erschienenen sozialkritisch-phantastischen Kinderroman Hans Urian. Die Geschichte einer Weltreise (1931) von Lisa Tetzner.

Neue Kinder- und Jugendbuchverlage der Weimarer Republik: Franz Schneider Hatte der Stalling-Verlag mustergültig vorgeführt, wie erfolgreich traditionelle Kindheitsmuster mit moderner marktwirtschaftlicher Orientierung zu verkaufen waren, so gelang es dem Franz Schneider Verlag, der heute zu den umsatzstärksten Kinderbuchverlagen gehört, mit einer eben solchen Orientierung die Verkaufsstrategien Stallings noch zu überbieten, dabei aber Prototypen eines modernen, unterhaltenden Kinderbuchs in den Mittelpunkt seines Programms zu stellen. Der ursprünglich nicht ausschließlich

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auf Kinderbücher spezialisierte Verlag wurde 1913 von Franz Schneider sen. mit der Starthilfe des liberalen Reichstagsabgeordneten Friedrich Naumann in Berlin gegründet, seine erste Veröffentlichung war aber dennoch ein Kinderbuch: Sophie Reinheimers Von Sonne, Regen, Schnee und Wind. Anfang 1927 verlegte Schneider seinen Sitz wegen finanzieller Schwierigkeiten nach Leipzig; von da ab lag der Schwerpunkt des Programms auf dem unterhaltenden Kinderbuch mit kindlichen Handlungsträgern und Sujets aus ihrer modernen Lebenswirklichkeit. Seine wichtigste Aufgabe sah der Verlag fortan darin, Kinder überhaupt zum Lesen zu bringen. Die Schneider-Bücher, so Franz Schneider im Rückblick, hätten sich von Anfang an »als Einstiegsliteratur verstanden. Man wollte solche Bücher herstellen, die ein Kind, das in seiner Freizeit liest – schon vom Umfang her – gut bewältigen und verstehen kann«.65 Reinheimer blieb die Erfolgsautorin des Verlags; ihre Vorlesegeschichten und Erstlesebücher, eine bunte Mixtur von »Einfalt, Frische, rosa Brillen und fröhlicher Märchengläubigkeit« (Reinheimer)66 hatten einer ganzseitigen Verlagsanzeige zufolge bereits Ende 1927 eine Auflage von einer Million,67 darunter Von Sonne, Regen, Schnee und Wind und Aus Tannenwalds Kinderstube, die ebenso wie die Anthologie Das kleine Reinheimerbuch, die Puppengeschichte Rösel weiterhin als Bücher von »größter Absatzfähigkeit« angepriesen wurden. Einen durchschlagenden Erfolg hatte auch Wolf Durians bereits erwähnter innovativer Kinderroman Kai aus der Kiste (1926), die in rasantem Tempo erzählte Erfolgsstory eines pfiffigen Berliner Straßenjungen, der mit seiner Bande die erwachsenen Mitbewerber im Wettkampf um den Posten eines »Reklamekönigs« übertrumpft. Durians Buch wurde zum Paradigma des Markenzeichens »Schneider-Bücher«, einer auf den Geschmack des großstädtischen Kinder-Massenpublikums zielenden aktuellen, spannenden Kinderunterhaltung. Deren Erfolgsrezept hatte Durian schon als Redakteur des Ullstein-Kinderblatts Der Heitere Fridolin, Halbmonatszeitschrift für Sport, Spiel und Abenteuer erproben können, das von 1921 – 1927 zum Preis von 15 Pf. mit einer Auflage von 350.000 erschienen war – und in der auch Kai 1925 als Fortsetzungsgeschichte erstmals veröffentlicht wurde. Der Schneider-Verlag wusste die Position geschickt zu besetzen, die mit der Einstellung der Kinderzeitschrift vakant geworden war. Als Hauptattraktionen lieferte er zeitgenössische Kinderhelden und zeitgenössische Sujets, großstädtische Vergnügungen, mehr oder weniger flott geschrieben und – mit Blick auf die Medienkonkurrenz – durchaus auch mit ›filmischen‹ Schreibweisen experimentierend (wie Durians Kai) – oder den Höhepunkt der Handlung als Rundfunkreportage darbietend (Otto Bernhard Wendler: Peter macht das Rennen, 1931). Auch im Bereich der Mädchenlektüre brach der Verlag mit den liebgewordenen Backfisch-Traditionen der überversorgten Nesthäkchen, Hummelchen und Goldköpfchen; so startete er mit Margarete Hallers Gisel und Ursel (1932) eine Serie über die von gleichzeitigen Sensationen und lustigen Streichen vollkommen ausgefüllten Großstadterlebnisse ›moderner‹ Mädchen, als Zwillinge gleich im Doppelpack, die äußerst erfolgreich das Oberflächenbild der Weimarer ›neuen Frau‹ auch in 65 Vgl. Zwischen Trümmern und Wohlstand 1945 –1960, S. 248. 66 Reinheimer: Autobiographisches Manuskript (1924); zitiert nach Blumenhimmel – Alltagsfreunde. Sophie Reinheimer 1874 – 1935. Hofheim a. Ts.: Stadtmuseum 1995. Ausstellungskatalog. S. 12. 67 Börsenblatt 94 (1927) vom 18. März 1927.

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Abb. 6: Anzeige des Franz Schneider Verlags. In: Börsenblatt 94 (1927) 52.

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die Mädchenliteratur transportierte und die noch in den fünfziger Jahren zu den aktuellsten und beliebtesten Mädchenbüchern zählte. Die verlagstypische Werbung ist mit der Parole »Ran an die Kinder« bestens charakterisiert. Mit regelmäßigen, umtriebigen Anzeigenkampagnen wurde im Börsenblatt auf die Neuerscheinungen aufmerksam gemacht. Dem Buchhandel empfahl man überdies die Ausweitung der üblichen Verkaufszeiten für Kinderbücher und Jugendschriften über die Oster- und Weihnachtsphase hinaus. Auch die Kinder als Käufer wurden mit eingängigen Reklamesprüchen zunehmend ins Visier genommen. Seine »neue, billige und faszinierende 1.30 RM-Reihe« mit abwaschbarem Einband bewarb der Verlag 1932 mit eingängiger Alltagslyrik wie »Schneiderbücher – nie genug – jeden Tag ein Schneiderbuch!«, oder »Fragt die Mädchen, fragt die Knaben: Schneiderbücher woll’n sie haben!« Die Pädagogen waren allerdings alles andere als entzückt: »Geschriebene Filme«, lautete das kulturkritische Verdikt über das von den Kindern offenbar begeistert aufgenommene Lesefutter. Dessen Rezeptur scheint nahtlos vom Ullstein-Konzept des Heiteren Fridolin übernommen, ein Konzept, das schon die kommunistische Reporterin Larissa Reissner als Mixtur von »Backpulver, Margarine und Sirup« kritisiert hatte, als ein »Gemisch von Sherlock Holmes, Zirkus, Chronik der Verbrechen und Sentimentalität«.68 Aber auch der Jugendschriften-Warte galt diese neue Form der Kinder-Massenunterhaltung als verdächtig: »Wollen wir unsere Kinder amerikanisieren, daß sie nur auf Sentimentalität und Sensation reagieren?«69 Insgesamt verweist das Programm des Schneider-Verlags durchaus auf die Veränderung und Modernisierung von Kindheitsbildern und Kinderlektüre in der späteren Weimarer Republik. Dennoch bleibt im ›Schneider-Buch‹ das Neue bis auf wenige Ausnahmen beschränkt auf die vordergründige Aktualisierung der Kinderfiguren, ihrer Handlungsräume und Requisiten. Sie prägt noch nicht einmal das Schriftbild: alle Schneiderbücher sind durchgängig in Fraktur gesetzt. Eine wirkliche Innovation der Kinderliteratur gelang erst den linksdemokratischen Verlagen wie Stuffer, Müller & Kiepenheuer und vor allem dem Williams-Verlag.

Innovative Neue Kinder- und Jugendbuchverlage: Stuffer, Müller & Kiepenheuer, Williams Geprägt von einer neuen, linksbürgerlich republikanischen Verlegergeneration, gehören die Verlage Stuffer, Müller & Kiepenheuer und Williams zu den Weimarer Neugründungen, von denen die bedeutsamsten Innovationen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur ausging: angefangen bei der funktionalen, sachlichen Typographie über den Einsatz von Fotos und Fotomontagen bis zur Erzählung zeitgenössischer Kinderwirklichkeit entstehen hier die eigentlichen Prototypen der modernen Kinderliteratur. Die Berliner Börsenzeitung spricht wie gesagt von der »Revolution im Bücherschrank der Kinder«.70 Herbert Stuffer erlernte sein Verlegerhandwerk – nach dem Studium von Philologie und Philosophie und einer kaufmännischen Ausbildung – beim ›Struwwelpeter-Verlag‹ 68 Reissner: Der heitere Fridolin, S. 225. 69 Rezension zu Hans Bodenstedts: Funkheinzelmann, in: Jugendschriften-Warte 32 (1927) 10. 70 Paulsen: Revolution im Bücherschrank der Kinder, S. 234.

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Rütten und Loening; 1926 gründete er seinen eigenen Kinder- und Jugendbuchverlag mit Kapital aus dem Familienvermögen. Sitz des Verlags, der schnell zu einem der führenden deutschen Kinder- und Jugendbuchverlage avancierte,71 war zunächst Frankfurt am Main, dann Berlin. Einen vielversprechenden Auftakt hatte Stuffer mit gleich zwei bedeutenden Bilderbüchern: Sause, Kreisel, sause. Kinderspiele in Bildern (1926), für das es ihm gelang, der ›Bilderbuchfabrik‹ Stalling die hochgeschätzte Illustratorin Elsa Eisgruber für ein Honorar von 1.600 RM abzuwerben, obwohl er ihr mit 5.000 gedruckten Exemplaren (zum Preis von 3.80 RM) die bei Stalling übliche doppelt so hohe Auflage nicht garantieren konnte, und Das Männchen (1926) der Bilderbuchavantgardistin Conny Meissen. Besonders mit letzterem ging Stuffer in Distanz zu den herkömmlichen Bilderbüchern, »wo es nicht abgeht ohne Maikäfer, die Bassgeige spielen und Hunde und Hasen, die Brillen und Hosenträger tragen«.72 Gemäß seiner Devise »Kinderbücher sind die entscheidenden Bücher im Leben«73 machte Stuffer es sich zum Prinzip, keine Dutzendware, sondern nur besondere Kinderbücher zu verlegen. Seine »unkonventionelle, oft mutige Auswahl nur einiger weniger Neuerscheinungen und ihre weitere Pflege über Jahrzehnte« (Murken) prägten die Verlagspolitik. Stuffer war bekannt für seine fairen Konditionen, seine intensive Zusammenarbeit mit den Autoren und den pflegsamen Umgang mit seinen Projekten, bis hin zu den sorgfältig gestalteten Verlagsprospekten. Mit einem sicheren Gefühl für Originalität und künstlerische Leistung verpflichtete er vor allem zeitgenössische Autoren und Illustratoren, so neben Conny Meissen Elsa Moeschlin (Das rote Pferd, 1927) und vor allem die Bilderbuchkünstlerin Tom Seidmann-Freud, deren Spielbilderbücher (etwa Das Wunderhaus und Das Zauberboot) und die von Walter Benjamin hochgelobten Spielfibeln (Hurra, hurra, wir lesen! Hurra, wir schreiben) und Spielrechenbücher ab 1927 bei Stuffer erschienen. Sie gehörten zu den »50 bestgedruckten Büchern« des Jahrgangs 1930.74 Interessiert an der neuen Formen- und Bildsprache der Zeit, war Stuffer auch einer der ersten Verleger, die Kinderbücher mit Fotomontagen veröffentlichten, so Friedrich Böers Klaus, der Herr der Eisenbahnen (1932) und 3 Jungen erforschen eine Stadt (1933). Neben diesen neuartigen »Bilderbuchkunstwerken« (Murken) spielte Stuffer auch eine Vorreiterrolle im Bereich der Mädchenbücher: Adressiert an die klassische Zielgruppe der 10 – 14jährigen Mädchen erschienen von 1928 bis 1933 als Kontrastprogramm zu den Serien der Erfolgsschriftstellerinnen wie Ury bei Stuffer vier Bände der Bibi-Serie von Karin Michaelis, einer der Leitfiguren der Frauenemanzipationsbewegung. Die Geschichten von der eigenständigen und selbstbestimmt handelnden Bibi, einer Vorläuferin von Pippi Langstrumpf, fand rasch viele Leserinnen, so lag der erste Band Bibi - Leben eines kleinen Mädchens, 1928 mit einer Auflage von 7.000 gestartet, 1931 schon beim 22. – 27. Tausend; ähnliches gilt für die Folgebände Bibis große Reise (1929), Bibi und Ole (1930) und Bibi und die Verschworenen (1932). Unangepasst blieb auch Stuffer selbst, der es sich zur Ehre anrechnete, zu den wenigen Verlegern zu gehören, die auch nach 1933 die Bücher ihrer jüdischen Autorinnen (wie Tom Seidmann71 Der Herbert Stuffer Verlag existierte bis 1966. Alle wichtigen Hinweise finden sich bei Murken: Herbert Stuffer (1892 –1966). 72 Murken: Herbert Stuffer (1892 –1966), Teil I, S. 58. 73 Murken, S. 58. 74 Vgl. Börsenblatt 98 (1931) 72.

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Freud) im Programm zu haben, und der noch 1935 Was am See geschah der exilierten linken Autorin Lisa Tetzner zu veröffentlichen wagte (das Buch wurde 1936 verboten). Neben Stuffer waren es vor allem zwei Verlegerinnen, die sich der Veröffentlichung neuartiger Kinderliteratur widmeten: Irmgard Kiepenheuer und Edith Jacobsohn. Irmgard Kiepenheuer (1887 – 1971), die erste Frau Gustav Kiepenheuers, trat nach ihrer Scheidung 1921 offiziell in den 1919 gegründeten Verlag Müller & Co., Potsdam, ein, der fortan unter dem Namen Müller & (I.) Kiepenheuer firmierte.75 Schon während der Ehe hatte sie in den Verlag ihres Mannes Mitgift und Arbeitskraft eingebracht, sie war dort für Buchhaltung und Herstellung zuständig und zudem als Übersetzerin tätig. Unter ihrem Mädchennamen Irmgard Funke war die Übersetzung von James Matthew Barries Peter Pan bereits 1911 bei Kiepenheuer erschienen (Peter Pan im Wildpark, mit den Illustrationen von Arthur Rackham). Wiewohl kein spezifischer Kinderbuchverlag, sondern zunächst spezialisiert auf Belletristik wie die von Franz Blei herausgegebenen Sanssouci-Bücher und bibliophile, hochwertig ausgestattete Bände wie die Bauhausdrucke mit neuer europäischer Graphik, erschienen immer wieder Bücher für Kinder. Die von Irmgard Kiepenheuer initiierte Kinderbuchsparte des Verlags zeichnet sich weniger durch ihre Quantität als durch die Qualität aus:76 Ein Inserat des Verlags im Börsenblatt zum ›Tag des Kindes‹ von 193277 führt gleich drei preisgekrönte Bilderbücher auf: Tom Seidmann-Freuds Buch der Erfüllten Wünsche (1929), Unterm Tisch und auf der Schaukel (1929) von Erwin Redslob78 und Conny Meissens In die weite Welt (1928); weiterhin Irmgard Faber Du Faurs völlig unpädagogische Sammlung von Kindergeschichten Kind und Welt (1931), die mit Fotomontagen von Fe Spemann illustrierte Geschichte Nickelmann erlebt Berlin. Ein Großstadt-Roman für Kinder und deren Freunde (1931), aus Kinderperspektive erzählt von der libertären Reformpädagogin Tami Oelfken; und nicht zuletzt Lisa Tetzners Der Fußball. Eine Kindergeschichte aus Großstadt und Gegenwart (1932), der Auftakt zu ihrer im Exil fortgeführten Kinderodyssee Die Kinder von Nr. 67 sowie den ersten antimilitaristischen und antikolonialistischen Kinderroman Der Kopf des Negerhäuptlings Makaua von Rudolf Frank (mit Einband von László Moholy-Nagy, 1931). Diese Bücher sind neben den Sachbüchern für Kinder wie Cläre Withs von 1930 bis 1934 erschienener Bilderatlas in 32 Einzelheften allesamt Wegbereiter für die heutige moderne Kinderliteratur. Edith Jacobsohn (1891 – 1935) führte gleich zwei erfolgreiche verlegerische Unternehmen: Sie leitete nach dem Tod ihres Mannes Siegfried Jacobsohn (1926) dessen berühmte Weltbühne, und sie gründete 1924, zunächst zusammen mit ihren Freundinnen Anni Williams und Edith Weinreich, geb. Williams, den Verlag Williams & Co; ab 1925 übernahm sie die alleinige Leitung.79 Mit E. Weinreich hatte sie neben der Mitarbeit an 75 Ab 1927 dann laut Börsenblatt und Handelsregister unter Müller & Kiepenheuer; vgl. Tripmacher: Frauen um Gustav Kiepenheuer, S. 174; zur Verlagsarbeit auch Tripmacher: Die Verlegerin Irmgard Kiepenheuer, S. 37 –47. 76 Sie ist weitgehend unerforscht und nur noch Spezialisten und Sammlern bekannt. 77 Börsenblatt 99 (1932) 130. 78 Redslob (geboren 1884 in Weimar) war ab 1920 Generaldirektor aller württembergischen Museen und ›Reichskunstwart‹, der für alle staatlichen Kunst- und Kulturfragen der Weimarer Republik zuständig war. 79 Vgl. Flechtmann: »Mein schöner Verlag, Williams & Co«, S. 247 –274.

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der Weltbühne schon eine Internationale Übersetzungs-Agentur geführt und sich unter ihrem Geburtsnamen E. L. Schiffer vor allem mit Übersetzungen englischer und amerikanischer Gegenwartsliteratur beschäftigt. Ihre Versuche, über die Beziehungen von Tucholsky Autoren aus diesem Sprachraum an den Ullstein-Konzern zu vermitteln, scheiterten. Doch gelang es ihr durch Tucholskys Vermittlung, die Rechte für einen der Hauptautoren des Williams-Verlags zu erwerben: von 1926 bis 1933 erschienen hier die überaus erfolgreichen Doktor Dolittle-Bände von Hugh Lofting (Bd. 1: Doktor Dolittle und seine Tiere – Bd. 11: Göb-Göbs Buch) in der Übersetzung von E. L. Schiffer, teilweise beigelegt war ein ›Dolittle-Quartett‹ der Scherenschnittkünstlerin Lotte Reiniger, die 1928, zeitgleich mit den ersten Mickey-Mouse-Filmen, auch den Trickfilm Dr. Dolittles Tiere herstellte. 1928 gelang Edith Jacobsohn ein zweiter, ebenfalls von ihr übersetzter folgenreicher Import englischer Kinderliteratur: Pu der Bär von A. A. Milne. Die Öffnung zur internationalen Kinderliteratur setzte sich fort mit Bela Szenes’ Schulroman Der Schandfleck der Klasse (1930) und Karel Capeks Post, Polizei, Hunde und Räuberei (1932). Weltoffenheit, Antimilitarismus, Erziehung zur Demokratie sind die Leitideen der beiden Jahrbücher Jugend und Welt (1928; 1929), sie belegen eindrucksvoll, wie die Verlegerin es verstand, die Autoren aus dem linksbürgerlichen bis linken Spektrum der Weltbühne für ihre kinderliterarischen Unternehmungen zu interessieren. Sie hielt überdies dazu an, Williams-Produkte in der Weltbühne zu besprechen: die Liste der Beiträger für die beiden Jahrbücher reicht von Rudolf Arnheim über Bert Brecht, Arthur Holitscher, Egon Erwin Kisch bis zu Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky – ein für die Zeit singuläres Projekt. Der Anregung Edith Jacobsohns sind vor allem auch die von Walter Trier illustrierten frühen Kinderromane des Weltbühnen-Mitarbeiters Erich Kästner zu verdanken, so Emil und die Detektive (1929), Pünktchen und Anton (1931), Der 35. Mai (1932) sowie die Versgeschichten Arthur mit dem langen Arm und Das verhexte Telefon (beide 1930). Kästners epochemachender Emil-Roman erlebte nicht zuletzt aufgrund der offensiven Verkaufsstrategien Edith Jacobsohns eine beispiellose Medienkarriere: die mit 10.000 Exemplaren angesetzte, zum Weihnachtsgeschäft 1929 erschienene Auflage war bereits im Januar 1930 vergriffen; für die Volksausgabe 1934 ist das 100. Tausend nachgewiesen. Kurz nach der Veröffentlichung kam er auf die Bühne, die Filmrechte konnten an die UFA verkauft werden, Emil wurde unter der Regie von Gerhard Lamprecht 1931 zu einem der ersten und vielbeachteten Kinderfilme. Wie kaum ein anderer steht der Williams-Verlag ein für eine urbane, zeitgenössische Kinderliteratur – viele seiner Produkte sind heute Kinderbuchklassiker. Seine Erfinderin Edith Jacobsohn floh 1933 in der Nacht des Reichstagsbrands über Wien in die Schweiz; sie starb verarmt im Londoner Exil. Ihre beiden Verlage musste sie verkaufen; der Williams-Verlag ging an den Verleger Kurt Maschler. Die Geschäftsführung von Williams in Deutschland übertrug er Cecilie Dressler, die 1929 dort als Volontärin eingestiegen war; sie erwarb 1936 die Williams-Anteile zurück,80 während sich Maschler in der Schweiz mit seinem 1935 gegründeten Atrium-Verlag vor allem um die Wahrung der Rechte des ›verbrannten Dichters‹ Kästner kümmerte. 1941 erfolgte auf staatlichen Druck die Umbenennung in Cecilie Dressler Verlag.

80 Flechtmann: »Mein schöner Verlag, Williams & Co«, S. 12.

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Insgesamt zeigen sich bei den letztgenannten Verlagen mancherlei Überschneidungen bei Autoren und Illustratoren, was auf eine relativ einheitliche innovative Kinderbuchszene schließen lässt. So erscheinen Tom Seidmann-Freud und Conny Meissen bei Stuffer und Müller & Kiepenheuer; Cläre With, die Sachbuchautorin von Müller & Kiepenheuer, ist zugleich Mitherausgeberin des ersten Jahrbuchs Jugend und Welt bei Williams, und nicht zuletzt erlernte Cecilie Dressler ihr Verlegerhandwerk bei Irmgard Kiepenheuer. Gemeinsam sind ihnen vor allem ein verändertes Kindheitsbild: Mit ihren Märchen der Wirklichkeit und ihren Abenteuern des Alltags behandeln sie Kinder und Jugendliche nicht mehr ausschließlich als Märchenkinder in einem magischen Universum, sondern als vernünftige Zeitgenossen. Davon zeugen nicht zuletzt Erich Kästners demokratische Kinderöffentlichkeiten.

Proletarische/sozialistische Gegenöffentlichkeit im Jugendbuchverlag: Der Malik Verlag und der Verlag der Jugendinternationale81 In der Weimarer Republik konnte die sozialistische beziehungsweise proletarische KJL »ihren gesellschaftlichen Wirkungsradius beträchtlich«82 erweitern. Der wichtigste Unterschied bei der Betrachtung des proletarischen Kinder- und Jugendbuchs besteht darin, dass diese KJL – im Gegensatz zu der bisher erwähnten – nicht getrennt von der geistigen Kommunikation der Erwachsenen auftritt. Nicht umsonst propagierten die »sozialistischen Buchgemeinschaften der Weimarer Republik, wie der ›Bücherkreis‹, die ›Büchergilde Gutenberg‹ und die ›Universum-Bücherei‹ […] stets auch die Kinderund Jugendbücher als ›gutes Buch für alle‹«.83 Wichtige Kulturtheoretiker, die sozialistische KJL als eigene Gattung förderten, griffen auf Ideen der JSB um Wolgast zurück, denn auch sie strebten eine Abkehr von u. a. sentimentalen und religiösen Elementen in der KJL an. Während jedoch Wolgast literarische Qualität im Kinderbuch einzuführen suchte, setzten sich u. a. Clara Zetkin und Edwin Hoernle zum Ziel, »die Wirkungspotenzen der Kinder- und Jugendliteratur als Faktor der ideologischen und weltanschaulichen Erziehung zu erhöhen«.84 Dieser Ansatz ergänzte die Grundlagen der kommunistischen Jugendpolitik, die Karl Liebknecht beispielhaft formulierte, als er erklärte: »Die Jugend den Regierungssozialisten und ihrem korrumpierenden, verrottenden Einfluß überlassen, wäre schlimmer als der Verlust der parlamentarischen Mandate. Die Jugend ist für uns […] die Lebensfrage.«85 Dabei traten einige sozialistische Verlage besonders in den Vordergrund, die sich der Verbreitung der proletarischen Ideen im Kinderbuch verpflichtet fühlten. Stellvertretend sollen an dieser Stelle der Malik Verlag und der Verlag der Jugendinternationale 81 Dem Thema der deutschen proletarisch-revolutionären Kinder und Jugendliteratur in der Weimarer Republik nähern sich zahlreiche Studien, sodass an dieser Stelle ein Überblick über die entsprechende Verlagslandschaft ausreichen soll. So zum Beispiel Dreher: Die deutsche proletarisch-revolutionäre Kinder- und Jugendliteratur zwischen 1918 und 1933, oder die bereits erwähnte Studie von Bernd Dolle-Weinkauff (siehe Anm. 5). 82 Altner: Einleitung, S. 5. 83 Altner, S. 7. 84 Altner, S. 9. 85 Liebknecht: Notizen vom April 1918 über »Unsere Aufgaben«, S. 6 –7; Gesammelte Schriften, Band IX, Berlin 1968, S. 496 –497. Zitiert nach Altner: Einleitung, S. 10.

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stehen, die neben dem Dietz Verlag und verschiedenen parteinahen Pressen (u. a. dem Internationalen Jugendverlag und dem Arbeiter-Jugendverlag) die jüngeren sozialistischen Leserschichten mit Jugendzeitschriften und Büchern versorgte. Der noch während des Ersten Weltkriegs 1917 gegründete Berliner Malik-Verlag war von Anfang an ein Sammelbecken oppositioneller, revolutionärer Literatur. Der Verleger und alleinige Leiter Wieland Herzfelde war zwar Mitglied der KPD, führte seinen Verlag aber bis in die Emigration weitgehend parteiunabhängig – mit einem dezidiert linken, aber über die KPD-Politik hinausreichenden revolutionären Konzept von Literatur und Kunst. In diesem Zusammenhang ist auch die Verlagsreihe Märchen der Armen zu sehen, mit der sich der Verlag bereits nach dem Krieg auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur engagierte. Von 1921 – 1924 erschienen vier Titel: Hermynia zur Mühlen: Was Peterchens Freunde erzählen (1921; 2. veränderte Auflage 1924); Eugen Lewin-Dorsch: Die Dollarmännchen (1924); Hermynia zur Mühlen: Ali, der Teppichweber (1923) und Maria Szucisch: Silavus (1924). Insbesondere die Märchen von Hermynia zur Mühlen bilden im reichhaltigen Traditionszusammenhang der Märchenliteratur eine Pionierleistung. Der Versuch, den Märchenboom für eine proletarisch-revolutionäre Perspektive im Kinderbuch zu nutzen, kann als direktes parteiliches Gegenprogramm zum vorherrschenden Märchenmuster gelesen werden. Werbewirksam hieß es in der Wochenzeitschrift Die Weltbühne: »Was ist der Kinder schönster Traum? Ein Malik-Märchen unterm Weihnachtsbaum!«86 Der Reihe Märchen der Armen folgte im Verlagsspektrum zunächst keine Fortsetzung im Bereich der Kinderliteratur. Erst 1931 erschien ein ebenfalls singulärer »Roman für Jungen und Mädchen« (Untertitel), Ede und Unku von Alex Wedding [d. i. Grete Weiskopf], der einen proletarisch-revolutionären Gegenentwurf zu linksbürgerlichen Kinderromanen wie Kästners Pünktchen und Anton darstellte. Noch im Exil publizierte der Verlag weitere Kinderbücher Weddings, so Das Eismeer ruft (London 1937). Der in Berlin ansässige Verlag der Jugendinternationale (die Jugendinternationale erschien seit 1915 als Zeitschrift für die Verbindung sozialistischer Jugendorganisationen) war von Hause aus auf den jüngeren Leser spezialisiert und konnte maßgeblich den Prozess der Internationalisierung im Bereich der deutschsprachigen sozialistischen KJL in die Wege leiten.87 Thema im proletarischen Kinder- und Jugendbuch waren die konkreten Erlebniswelten von Kindern und Jugendlichen, die in den zwanziger Jahren in der kommunistischen Kinder- und Jugendbewegung engagiert waren. Zwei Kinderromane, die die Pionierorganisationen zum Thema haben, sind Die Pioniere von Helga Bobinska (1926) und Die Pioniere sind da von Olga Gurjan. Durch zahlreiche Übernahmen aus dem Ausland verstärkte der Verlag der Jugendinternationale seinen Anspruch, übernational zu wirken; dabei gab er der sozialistischen KJL »inhaltlich und formal entscheidende Impulse«88 durch die Übersetzung von sowjetischen Kinder- und Jugendbüchern wie Schkid, die Republik der Strolche (1929) von Grigroij Belych und Leonid Pantelejew oder Das Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew von Nikolai Ognjew (1929) (mit Folgeband Kosta Rjabzew auf der Universität, ebenfalls 1929). In diese Reihe gehört auch das Jugendbuch

86 Zitiert nach: Stucki-Volz: Der Malik-Verlag und der Buchmarkt der Weimarer Republik, S. 188. 87 Vgl. Altner: Einleitung, S. 11. 88 Vgl. Altner, S. 13.

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über junge Frauen in dem Komsomol (der Jugendorganisation der KPdSU) und deren Rolle bei der Revolution: Das erste Mädel von Nikolai Bogdanow (1930). Insgesamt erreichte die sozialistische KJL während der Weimarer Republik einen hohen Grad der Internationalität, von dem nach 1933 sowohl Verlage im Exil als auch exilierte Schriftsteller profitierten. Denn Kinder- und Jugendbuchverlage der UdSSR druckten zahllose Bücher lebender, exilierter Schriftsteller und gaben sowjetische KJL in deutschen Ausgaben heraus (besonders engagiert waren beispielsweise die Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR oder der Staatsverlag der nationalen Minderheiten in der UdSSR89).

Die ›Not des Jugendbuchs‹ Das Festhalten an den alten, bildungsbürgerlich ausgerichteten Konzepten lag in der Weimarer Republik im allgemeinen kulturkritischen Trend. Im Bereich der Jugendschriften führte es in der Folge zu – bisher noch wenig bekannten – Initiativen und Bündnisversuchen. So beispielsweise 1930, als auf dem Gebiet des Jugendschriftenverlags ein Novum zu konstatieren war: Die Traditionsverlage Frankh, Gundert, Alfred Hahn, Levy & Müller, F. A. Perthes, Schaffstein, J. F. Schreiber, J. Scholz, Stalling und K. Thienemanns schlossen sich unter dem Vorsitz von Dr. Beck, dem Inhaber des Stuttgarter UnionVerlags, zu einer ›Arbeitsgemeinschaft der Jugendschriftenverleger‹ zusammen – einer Notgemeinschaft, die sich weniger der Einsicht in die veränderte Kindheit als dem Erfolg der Konkurrenz selbst in Zeiten der Krise verdankt. In ihrem gemeinsamen Weihnachtskatalog Der Jugend Bücherschrein wollte die Arbeitsgemeinschaft die Auswahl von verlässlich guten Jugendschriften und Bilderbüchern all denen erleichtern, die Wert darauf legen, der Jugend nur Gediegenes in die Hand zu geben. Er verzeichnet keine Dutzendware, sondern bringt aus den neueren und neuesten Erscheinungen sorgfältig gesichtet eine Fülle des Besten, was den deutschen Eltern empfohlen werden kann […].90 Neu an dieser Initiative ist nicht nur das Bündnis von Jugendbuchverlagen vor allem aus dem süddeutschen Raum; neu ist auch, dass man sich nicht mehr, wie die Auswahlverzeichnisse der Jugendschriftenausschüsse, an die pädagogischen Vermittler oder die Sortimenter wendet, sondern ausdrücklich an die Eltern als Käufer. Büchergeschenke aus diesem ›Schrein‹ garantieren den Eltern »verantwortungsvolle Erziehungsarbeit«, wie ihnen der Verfasser des Vorworts, Wilhelm Fronemann, bescheinigt: »Ein Buch ist das vollkommenste Geschenk, das es gibt. Im Buch verschenken wir führende Geister der Menschheit. Gibt es Höheres, als den göttlichen Funken an liebe Menschen weiterzugeben, damit er zünde und den uns verbundenen Geist heller und größer werden lasse?«.91

89 Vgl. Altner, S. 27. 90 Der Jugend Bücherschrein, S. 1. 91 Fronemann: Vorwort. In: Der Jugend Bücherschrein, S. 1.

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Julia Kreusch 5.2.10 Der Schulbuchverlag Entwicklungstendenzen Schulbuchherstellung und Schulbuchmarkt waren seit der Gründung des Deutschen Reiches durch eine ausgeprägte Dynamik gekennzeichnet, bedingt vor allem durch die in immer kürzeren Intervallen reformierten Lehrpläne für höhere Schulen.1 Auf dem heftig umkämpften Markt hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein fester Kern spezialisierter Schulbuchverlage herauskristallisiert. Die überwiegende Zahl der diesen Kern bildenden Verlage produzierte ein breites Spektrum an Schulbüchern. Einige Verlage konzentrierten sich dagegen auf Schulbücher einiger weniger Unterrichtsfächer; vereinzelt konnte auch von Schulbuchmonopolen gesprochen werden, insbesondere bei den Volksschullesebüchern.2 Die Entwicklung weg von einer kaum überschaubaren Zahl regionaler, oft nur ein oder zwei Titel herstellender Schulbuchverlage hin zu landesweit agierenden Verlagen hing auch mit einer verbesserten Distribution durch den Leipziger Zwischenbuchhandel zusammen. Unterstützt wurde diese Marktkonzentration sowie der Abbau der verwirrenden Schulbuchvielfalt in Preußen durch die ab 1880 im Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung und später im Verlag Teubner publizierten Listen zugelassener und ausschließlich einzuführender Schulbücher.3 Die preußische Unterrichtsverwaltung unternahm zudem deutliche Vereinheitlichungsbestrebungen hinsichtlich der Schulbuchzulassung und -einführung. Noch kurz vor dem Ersten Weltkrieg, am 31. Oktober 1913, war eine Ordnung für die Einführung von Lehrbüchern an den höheren Lehranstalten4 in Kraft getreten, die erstmalig ein exaktes Verfahren für die Schulbuchzulassung vorschrieb und durch genau definierte Anforderungen an die Schulbücher und das Zulassungsverfahren bereits eine Einschränkung der Vielfalt mit sich brachte. Die Interessen der führenden Schulbuchverlage waren in dieser Ordnung nachweislich berücksichtigt worden.5 Die Situation auf dem Schulbuchmarkt nach dem Ersten Weltkrieg war durch eine allseitige Verunsicherung gekennzeichnet. Der Wechsel des politischen Systems ging mit einer Neuorientierung auf demokratische und der Völkerverständigung dienende 1 Die Zuständigkeit für das Schul(buch)wesen lag bei den einzelnen Ländern. Da die unterschiedlichen Verhältnisse hier nicht flächendeckend dargestellt werden können, bezieht sich die Ausführungen schwerpunktmäßig auf die Situation in Preußen. 2 Hier sind vor allem die Verlage Ferdinand Hirt in Breslau und Velhagen & Klasing in Bielefeld zu nennen, die ganze Regionen monopolartig mit Lesebüchern versorgten. Vgl. Jäger: Der Schulbuchverlag, S. 85. 3 Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung. Berlin: Hertz 1880, S. 1–107; Zentralblatt (1890), S. 339–466; Verzeichnis der an den höheren Lehranstalten Preussens eingeführten Schulbücher. Hrsg. von Ewald Horn. Berlin u. Leipzig: Teubner 1901; Verzeichnis der an den höheren Lehranstalten Preussens eingeführten Schulbücher. Hrsg. von Ewald Horn. 2. Ausg. Berlin u. Leipzig: Teubner 1906. 4 Zentralblatt (1913), S. 781. 5 Vgl. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. Hauptabteilung, Repertorium 76 Kultusministerium, VI Sekt. 1 z Nr. 72 Vol. VII, Bl. 153.

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Erziehungsziele und einer entsprechenden Veränderung der Unterrichtsinhalte einher. Die Propagierung nationalistisch-chauvinistischen Gedankenguts und die Verherrlichung des Herrscherhauses der Hohenzollern sollte abgelöst werden von einer republikanischen Erziehung unter Vermittlung »sittlicher Bildung, staatsbürgerlicher Gesinnung, persönlicher und beruflicher Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung«6. Die Umsetzung dieses Erziehungsziels in neu zu entwerfenden Lehrplänen, an denen sich die Schulbuchverlage hätten orientieren können, ließ jedoch auf sich warten. Erst 1924/1925 wurden die neuen Lehrpläne für die höheren Lehranstalten veröffentlicht und in Kraft gesetzt. Bis dahin behalf man sich im Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung mit Erlassen, die die inhaltlichen Veränderungen und Zulassungsfragen regelten. Zu den Problemen der politisch-weltanschaulichen und pädagogischen Neuausrichtung hinzu kam die wirtschaftlich angespannte Lage. Während des Krieges und auch noch in den Jahren danach herrschte großer Papiermangel, so dass an eine reguläre Schulbuchproduktion, was Qualität, Umfang und Preisgestaltung der Schulbücher betraf, nicht zu denken war. Die progressive Inflation, die 1923 ihren Höhepunkt erreichte, sowie die am Ende des Jahrzehnts einsetzende Wirtschaftskrise waren weitere, die Schulbuchproduktion und ihren Absatz hemmende Begleitumstände.

Bildungspolitik und Schulreform Der wesentlichste Einflussfaktor auf die Schulbuchproduktion in Ländern mit staatlichem Bildungswesen ist die Schul- und Bildungspolitik. Die von ihr festgelegten Schulformen, Bildungsgänge und die dazugehörigen Lehrpläne wirken sich direkt auf Inhalte und Vielfalt der Schulbücher aus. Die Schulpolitik der Weimarer Zeit wurde hauptsächlich von zwei Strömungen in der Schulreformdiskussion bestimmt, die bereits vor, während und unmittelbar nach dem Krieg aktuell waren: die Diskussion um die Einheitsschule sowie die Leitvorstellungen der pädagogischen Reformbewegung.7 Als ein weiteres schulpolitisches Debattenthema wäre die Frage der Trennung von Staat und Kirche und damit der Befreiung der Schule von jeglicher kirchlicher Einflussnahme zu nennen.8 Ein Forum für die Diskussion dieser bildungspolitischen Handlungsfelder war auf der Reichsschulkonferenz vom 11.–19. Juni 1920 geboten. Die Ergebnisse der Konferenz erfüllten zwar nicht die an sie gestellten hohen reformerischen Erwartungen, doch war mit dem im gleichen Jahr verabschiedeten Grundschulgesetz bereits ein wesentlicher Schritt in Richtung einer Erneuerung der Volksschule und der Demokratisierung des Schulwesens getan worden. Die vierjährige Grundschule war von da an für alle Kinder ab dem sechsten Lebensjahr verpflichtend und sollte die bisherigen – meist privaten und somit kostenpflichtigen – Vorschulen der verschiedenen weiterführenden

6 Artikel 148 der Reichsverfassung vom 11. August 1919. Zitiert nach: Führ: Schulpolitik, S. 158. 7 Vgl. Zymek: Schulen, S. 159 f. 8 Vgl. Zymek, S. 162.

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Schulen nach und nach ersetzen.9 Die Allgemeine Schulpflicht wurde durch Artikel 145 der Reichsverfassung über die achtjährige Volksschule hinaus auf die Fortbildungsoder Berufsschule bis zum 18. Lebensjahr ausgedehnt.10 Bei den mittleren und höheren Schulen setzte sich die Tendenz zur fortschreitenden Ausdifferenzierung der Schulformen und Bildungsgänge weiter fort. Die Mittelschule war in Preußen bereits seit 1910 ein fest etablierter Schultyp; die Zahl dieser Schulen hatte innerhalb von zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen.11 1925 wurde neue Bestimmungen erlassen: Die Mittelschule bot in der Regel einen sechsjährigen Kurs, der nun auf der Grundschule aufbaute; ihre Absolventen traten entweder direkt ins Berufsleben ein oder besuchten eine weiterführende Fachschule. Der Übertritt auf höhere Schulen erfolgte eher selten.12 Der Ausbau des Höheren Schulwesens und die Zunahme der Schülerzahlen hatten ihre Voraussetzungen in der Reform der Volksschullehrerbildung. Die Präparandenanstalten wurden abgeschafft und die Volksschullehrerausbildung in eine akademische Ausbildung überführt, was einen Abiturabschluss voraussetzte. Die Umwandlung der früheren Lehrerbildungsanstalten geschah in Form der so genannten Aufbauschulen, die einen sechsjährigen Kurs im Anschluss an den siebenjährigen Volksschulbesuch anboten und als Abschluss die allgemeine Hochschulreife vermittelten. Parallel dazu vollzog sich die Umwandlung der bisher für die Lehrerinnenausbildung zuständigen höheren Mädchenschulen zu Oberlyzeen mit Abiturabschluss. Die Differenziertheit des höheren Schulwesens erreichte Mitte der 1920er Jahre ihren Höhepunkt. Die Schultypen unterschieden sich oft nur geringfügig in den Stundentafeln, auch wurden zahlreiche Ausnahmeregelungen zugelassen. Reinformen dieser höheren Schultypen existierten fast nur in den Großstädten. Neben der Aufbauschule wurde ein weiterer neuer Schultyp, die Deutsche Oberschule, eingeführt, deren curricularer Schwerpunkt auf der Vermittlung der deutschen Kultur lag. Die mit der preußischen Lehrplanreform von 1924/1925 zugrunde gelegte Programmatik und bildungstheoretische Begründung der Schultypenvielfalt ließ sich jedoch in der Realität nicht durchsetzen. Zu sehr musste sich die tatsächliche Schulentwicklung der Dynamik des regionalen und sozialen Umfelds anpassen sowie auf die demographischen Entwicklungen reagieren.13 Grundlage für die Bildungspolitik des Reiches war zunächst die Reichsverfassung. Die in Artikel 146 Absatz 2 angesprochene Regelung der Bekenntnisschulen sollte im Grundsatz durch ein Reichsgesetz (vgl. Artikel 174 der Reichsverfassung) bestimmt werden. Bis dahin galt die bestehende Rechtslage. Das Reichsschulgesetz ist jedoch über einen Entwurf im Jahr 1922 nicht hinausgekommen. In Bezug auf Schulbuchfragen legte die Verfassung in Artikel 145 fest: »Der Unterricht und die Lernmittel in den Volksschulen und Fortbildungsschulen sind unentgeltlich«.14 Nach Artikel 146 waren »für den 9 Artikel 146 der Reichsverfassung hatte bereits die Schaffung einer »für alle gemeinsamen Grundschule« festgelegt. Das Grundschulgesetz vom 28. April 1920 setzte diesen Verfassungsauftrag um. 10 Vgl. Zymek: Schulen, S. 165. 11 Vgl. Zymek, S. 169. 12 Vgl. Zymek, S. 169. 13 Vgl. Zymek, S. 175. 14 Zitiert nach: Führ: Schulpolitik, S. 159.

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Zugang Minderbemittelter zu den mittleren und höheren Schulen durch Reich, Länder und Gemeinden öffentliche Mittel bereitzustellen, insbesondere Erziehungshilfen für die Eltern von Kindern, die zur Ausbildung auf mittleren und höheren Schulen für geeignet erachtet werden, bis zur Beendigung der Ausbildung«.15 Ausführungsgesetze auf Reichsoder Länderebene (etwa in Preußen) sind jedoch nicht erlassen worden.16 Die politisch angestrebte Reform des Bildungswesens ließ sich aufgrund der unterschiedlichen »schulpolitischen Zielvorstellungen der drei Verfassungsparteien« in der gedachten Einheitlichkeit nicht realisieren. Die Kompetenzverteilung zwischen Reich und Ländern im Bildungswesen sowie die damit in Zusammenhang stehende Frage nach der Finanzierung der Bildungsreform blieben bis zum Ende der Republik ungeklärt.17 Verbindliche Rechtsgrundlagen für die Schulbuchherstellung wurden nach dem politischen Systemwechsel erst allmählich und partiell geschaffen; auch gerieten sie durch die politischen und ökonomischen Umstände schon bald wieder unter Druck, so dass sich ein unter stabilen und verlässlichen Bedingungen entwickelnder Schulbuchmarkt nicht entfalten konnte.

Das Schulbuchzulassungsverfahren Für die Zulassung von Schulbüchern an den höheren Schulen behielt in Preußen die erwähnte Ordnung für die Einführung von Lehrbüchern an den höheren Lehranstalten aus dem Jahr 1913 auch nach dem Krieg zunächst weitgehend Gültigkeit. Schulbücher mussten vor ihrer Einführung in den Schulen durch das Ministerium zugelassen werden. Die Anträge auf Erstzulassung eines Schulbuches wurden von den Schulen – nicht den Verlagen – gestellt, deren Fachlehrer sich zuvor auf die einzuführenden Schulbücher verständigt hatten. Kurz vor Ende des Krieges hatte sich das Zulassungsverfahren – zunächst beschränkt auf Religions- und Geschichtslehrbücher – auf Wunsch der Schulbuchverlage wegen der materiellen Notlage dahingehend verändert, dass auch Druckfahnenabzüge zur Zulassung eingereicht werden konnten. Die komplette Herstellung einer ersten Auflage konnte so auf den Zeitpunkt nach der Approbation und nach Ausführung eventueller Nachbesserungen verschoben werden. Erste inhaltlich verändernde Maßnahmen, die der erforderlichen Verfassungskonformität geschuldet waren, wurden im Jahr 1919 ergriffen. Im Erlass vom 18. September 1919 wurde angeordnet, dass »bei notwendig werdenden Neudrucken der Lesebücher Bilder des früheren Kaisers und seiner Familie auszuschalten sind, da sie nur der Verherrlichung der Dynastie und zur Pflege des bisherigen Staatsgedankens bestimmt waren. Auch sind alle Lesestücke zu entfernen, die sich zum gleichen Endziel meist in anekdotischer Weise mit der bisherigen Kaiserfamilie beschäftigten«18. Erstaunlicherweise wurde diese Maßnahme nicht gleichmäßig auch auf die »geschichtlich bedeutungsvollen Bilder und Erzählungen« in den Lesebüchern ausgeweitet. Ein Ersatz der »betreffenden Lesestücke erschien zunächst nicht notwendig«.19 15 16 17 18 19

Zitiert nach: Führ: Schulpolitik, S. 159. Vgl. W. Müller: Schulbuchzulassung, S. 177. Vgl. Führ: Schulpolitik, S. 120 f. Zitiert nach: Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern 1926, S. 65. Zitiert nach: Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern, S. 65.

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Ganz anders entschied der damalige Minister Konrad Haenisch jedoch in Bezug auf die Geschichtslehrbücher. Er erließ am 6. Dezember 1919 ein Verbot der Benutzung der »bisher gebrauchten Lehrbücher für Geschichte« im Klassenunterricht, da sie »den jetzt zu stellenden Anforderungen nicht entsprechen«. Von den Schülerinnen und Schülern sollte die Anschaffung dieser Lehrbücher »nicht mehr verlangt werden dürfen«20. Dieser Erlass vom Dezember 1919 löste eine Lawine von Protesten sowohl bei der Lehrerschaft, den Schulen und den Provinzialschulkollegien als auch in Schulbuchverlegerkreisen aus. Die Vereinigung der Schulbuchverleger (gegr. 1912) war bereits am 25. November 1918 an das Ministerium der Wissenschaft, Kunst und Volksbildung herangetreten und hatte um verbindliche Zusagen hinsichtlich der Termine für die Einführung neuer Lehrpläne und der Neugestaltung der Lehrbücher gebeten. Als Termin wurde Ostern 1922 vorgeschlagen. Das Ministerium antwortete am 2. Januar 1919,21 »daß vor dem Jahre 1922 die Forderung auf Einführung neuer Lehrbücher, welche den Weltkrieg und die veränderten staatlichen Verhältnisse berücksichtigten, oder auf die entsprechende Umarbeitung der eingeführten Bücher von hier aus nicht gestellt werden wird«.22 Diese Aussage wurde von den Schulbuchverlagen als Versicherung dafür genommen, dass weiterhin Auflagen der bisher eingeführten Schulbücher nachgedruckt werden konnten. Die sicher vorschnell getroffene Entscheidung des Ministers ließ zudem unterschiedliche Interpretationen zu, nämlich ob die Bücher nur »in der Klasse« nicht mehr benutzt werden sollten oder ob ihre Anschaffung »weder für den Klassenunterricht noch für die häusliche Nacharbeit« gefordert werden durfte. Die zahlreichen Proteste der Lehrerschaft und der Schulverwaltungen,23 die dem Minister neben der Beeinträchtigung des Unterrichts auch den schweren materiellen Schaden für den Schulbuchhandel vor Augen führen wollten, veranlassten ihn lediglich dazu, im April 1920 festzustellen, dass »ein Kaufverbot […] mit dem Erlass nicht ausgesprochen« und »der Gebrauch der Bücher bei der häuslichen Vorbereitung nicht untersagt« sei. Zu einer Rücknahme des Erlasses sah er sich »nicht in der Lage«24. Die Auswirkungen des Erlasses vom 6. Dezember 1919 waren insgesamt jedoch sehr unterschiedlich. Von den verschiedenen Ausgaben des Lehrbuchs der Geschichte für höhere Lehranstalten von Friedrich Neubauer aus dem Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a. d. S., die bis zum Kriegsende weit verbreitet waren, wurden bis 1922 weiterhin hohe Auflagen gedruckt und offensichtlich auch abgesetzt. Der Verlag Kunze’s Nachfolger in Wiesbaden, der die ebenfalls sehr erfolgreichen Geschichtslehrbücher von Oskar Jäger und Wilhelm Herbst sowie Gottfried Eckertz verlegt hatte, wurde durch den Erlass schwer geschä20 Zitiert nach: Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern 1926, S. 53. 21 Die Antwort erfolgte allerdings erst auf nochmalige Nachfrage der Vereinigung der Schulbuchverleger, die bis dahin Buchdruckereien und Buchbindereien mit neuen Aufträgen hinhalten musste. Vgl. GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. VIII, Bl. 228. 22 GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. VIII, Bl. 447. 23 Vgl. u. a. GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. VIII, Bl. 441f. (Philologenkammer der Provinz Westfalen), Bl. 447 (Deutscher Verlegerverein), Bl. 487 (der Abgeordnete der Preußischen Landesversammlung Boelitz), Bl. 491ff. (Verband Deutscher Geschichtslehrer), Bl. 498f. (Provinzial-Schulkollegium der Provinz Sachsen), Bl. 500 (Provinzialschulkollegium der Provinz Westfalen). 24 Zitiert nach: Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern 1926: Bestimmungen, S. 54, Ministerial-Erlass vom 8. April 1920.

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digt, wenn nicht sogar ruiniert: »Im Vertrauen auf die Zusage des Herrn Kultusministers betr. eine Uebergangszeit bis zum Jahre 1922 habe ich zwei neue Auflagen herstellen lassen, die bei den theuren Herstellungskosten mehr als mein ganzes Betriebskapital beansprucht haben. Sollte daher die Verordnung in Kraft bleiben, sind meine sämtlichen Verlagswerke samt den theuren neuen Auflagen Makulatur und mein ganzes Betriebskapital verloren!«25 Der ausschließlich auf Geschichtslehrbücher spezialisierte Verlag behielt sich einen Anspruch auf Entschädigung vor. Tatsächlich ist der Verlag mit neuen Geschichtslehrbüchern nach 1923 nicht mehr in Erscheinung getreten. Zu einer Neuregelung des Schulbuchzulassungsverfahrens kam es mit dem Erlass vom 15. September 1923. Die wesentlichen Änderungen gegenüber der Ordnung von 1913 bestanden darin, dass die erstmalige Beantragung der Zulassung eines Schulbuches jetzt von den Verlagen ausgehen sollte.26 Die Einreichung bloß eines Korrekturabzuges war nun für alle Arten von Schulbüchern zulässig; für die Einreichung wurde der der 1. April eines Jahres festgelegt. Die neu zugelassenen Schulbücher wurden fortlaufend im Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung veröffentlicht.27 Aus diesen Verzeichnissen konnten die Fachlehrer ihre Bücher auswählen; die Einführung wurde auf den Fachkonferenzen beschlossen und die Schulen mussten dann bei den ProvinzialSchulkollegien bis zum 1. Dezember eines Jahres die Genehmigung zur Einführung einholen. Jedes Jahr im Juni meldeten die Schulen an die Provinzial-Schulkollegien die im Verlauf eines Jahres stattgefundenen Schulbuchveränderungen. Ein unnötiger Wechsel der Schulbücher sollte jedoch möglichst vermieden werden.28 Die ProvinzialSchulkollegien ihrerseits leiteten die Schulbuchlisten der Schulen an die Staatliche Auskunftstelle für Schulwesen weiter, die seit 1899 die Statistik über die genehmigten Schulbücher führte. Im Jahr 1928 wurde zur »endgültigen Regelung« des Verfahrens der Schulbuchzulassung eine Prüfstelle beim Ministerium eingerichtet.29 Der Prüfstelle gehörten »hervorragende Vertreter [und Vertreterinnen] der verschiedenen Fachgebiete« an, die in Fachausschüssen organisiert waren. Ihnen wurden die Vorgutachten der Provinzialschul-Kollegien zugeleitet und sie erteilten das abschließende Gutachten, das dem Minister als Entscheidungsgrundlage diente. Erstmals wurden die Namen der Gutachter und Gutachterinnen öffentlich gemacht und im Zentralblatt bekannt gegeben. Die 25 GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. VIII, Bl. 494 f. 26 Für bereits erschienene Lehrbücher galt das alte Zulassungsverfahren nach dem Erlass vom 31.10.1913, das Schulbücher genehmigte, wenn von den Schulen ein Antrag auf Einführung in ihrer Einrichtung gestellt wurde. 27 1931 erschien dann erstmals seit 1906 wieder eine Gesamtliste der zugelassenen Lehrbücher. Im Unterschied zu den zwischen 1880 und 1906 veröffentlichten Verzeichnissen, die die Titel der an den Schulen eingeführten Lehrbücher enthielten, waren im Verzeichnis von 1931 nur die seit der Neuordnung des Zulassungsverfahren zugelassenen Lehrbücher aufgenommen worden. Vgl. Verzeichnis der auf Grund der Ordnung für die Einführung von Lehrbüchern vom 15. September 1923 genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen. Berlin: Weidmann 1931. 28 Schulbücher, die bereits ein Zulassungsverfahren nach der alten Ordnung von 1913 durchlaufen hatten, konnten weiter in Gebrauch bleiben, wenn es gegen sie keine inhaltlichen Bedenken im Sinne der Erlasse vom 18.09.1919 bzw. 06.12.1919 gab. 29 Vgl. Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern. Nachtrag 1930, S. 13 f., Erlass vom 14. März 1928 »Prüfstelle für Lehrbücher«.

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Vorsitzenden und Mitglieder der Fachausschüsse wurden für eine Dauer von drei Jahren berufen.30 Für die Prüfung der Schulbücher wurde nun eine Gebühr erhoben, die im Jahr 1929 noch das 100-fache des Ladenpreises betrug.31 Außerdem mussten der Prüfstelle jetzt acht Exemplare eines Schulbuchs vorgelegt werden.

Schulbuchverlage und Schulbuchproduktion Während die allgemeine Fluktuation in der Verlags- und Buchhandelsbranche nach dem Ersten Weltkrieg groß war,32 hatte sich im Bereich der Schulbuchverlage schon bald wieder ein fester Kern herausgebildet. Ab 1925, nachdem die Neugestaltung der Schulen und der Lehrpläne in Preußen abgeschlossen war, teilten sich ungefähr 80 Verlage den Schulbuchmarkt für die mittleren und höheren Schulen untereinander auf. Nach dem 1931 veröffentlichten Verzeichnis der […] genehmigten Lehrbücher an höheren und mittleren Schulen produzierten 80 Verlage 476 Schulbuchtitel für 18 Schulfächer der höheren Schulen. Für die mittleren Schulen waren es 48 Verlage mit 188 Titeln für 13 Schulfächer.33 Vergleicht man diese Zahlen mit denen des Verzeichnisses von 1906, so verringerte sich die Anzahl der Schulbuchverlage um den Faktor 3,6, die Anzahl der Schulbuchtitel um den Faktor 2,2. Von den 288 Verlagen, die noch 1906 auf dem Schulbuchmarkt vertreten gewesen waren, hatte die Hälfte nur einen Schulbuchtitel produziert. Dies waren häufig Bücher für den Religions- oder Gesangsunterricht, die überwiegend im unmittelbaren regionalen Einzugsbereich Verwendung gefunden hatten. Dieses Verhältnis bestand auch in den 1920er Jahren fort, doch waren die EinSchulbuch-Verlage (45 von 80 Verlagen) nicht mehr so deutlich auf diese beiden Schulfächer konzentriert. Es lässt sich außerdem eine Verschiebung der Fächerwertigkeit erkennen, eine Tendenz, die bereits an den Zahlen von 1906 abzulesen war. Die Anzahl der Schulbücher für die Fächer der Naturwissenschaften, für Mathematik und für die neueren Sprachen – einschließlich des Faches Deutsch – übertraf nun die Zahl der Religions- und Gesangsbücher, die im 19. Jahrhundert die Mehrheit gestellt hatten. Die Realienfächer hatten einen höheren Stellenwert bekommen, was den verstärkt auf Naturwissenschaften und auf moderne Fremdsprachen ausgerichteten Bildungsgängen entsprach, die einen verstärkten Zulauf erlebten.34

30 Vgl. Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern. Nachtrag 1930, S. 16–20. 31 Vgl. Börsenblatt 96 (1929) 122, S. 583. 32 Vgl. Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 301 f., sowie zur Firmenstatistik Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 169. 33 Vgl. Verzeichnis der […] genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen, 1931. Die Zählung der Schulbuchtitel wurde nach der Nummerierung in den Verzeichnissen vorgenommen. Allerdings würden die Zahlen um ein Vielfaches höher liegen, zählte man die Unmenge an Regional- oder Einzelheftausgaben der Lesebücher für den Deutschunterricht oder Ausgaben für die unterschiedlichen Schultypen gesondert. 34 Vgl. die statistischen Angaben in: Sozialgeschichte und Statistik des Schulsystems in den Staaten des Deutschen Reiches, 1800–1945, S. 160.

226

5 V er lagsw es en Bis 1931 genehmigte Schulbücher für höhere Schulen und deren Verteilung auf die Schulfächer

100 90

89

84

80 70 44 35

40

31

31

30

27

21

20

10

10

7

2

1

1 Russisch

45

Schwedisch

48

50

Hebräisch

60

Spanisch

Griechisch

Latein

Geschichte

Geografie

Gesang

Französisch

Deutsch

Religion

Englisch

Mathematik

Naturgeschichte

0

Abb. 1: Bis 1931 genehmigte Schulbücher für höhere Schulen und deren Verteilung auf die Schulfächer.35 Die Mehrheit der erfolgreichen Schulbuchverlage der Weimarer Zeit hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg eine starke Marktposition eingenommen. Dazu zählten Verlage wie B. G. Teubner, Aschendorff, Weidmann, Freytag, Velhagen & Klasing, Schöningh, Hirt, Herder, Vieweg und Oldenbourg. Neu hinzu kamen die Verlage Diesterweg (Frankfurt am Main), Quelle & Meyer (Leipzig) sowie Schroedel (Halle a. d. S.). Alle drei waren bereits im 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet worden, entfalteten ihre volle Aktivität auf dem Schulbuchmarkt aber erst nach dem Krieg. Insbesondere der Verlag von Moritz Diesterweg fällt durch eine enorme Titelexpansion auf; dabei bediente er sämtliche Schulfächer und Schularten.36 Aber auch die anderen titelstarken Verlage wie Teubner, Quelle & Meyer, Weidmann und Schöningh deckten ein weites Fächerspektrum ab. Die folgende Grafik macht sowohl die fachliche Spezialisierung der Verlage als auch die Produktion eines breiten Schulbuchspektrums deutlich:

35 Quelle: Verzeichnis der […] genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen, 1931. 36 Zum Verlag Moritz Diesterweg vgl. auch Jäger: Der Schulbuchverlag, S. 85.

5.2 .10 D er Schu lbu chver lag

227

Abb. 2: Schulbuchproduktion der 15 titelstärksten Verlage und die Abdeckung der einzelnen Schulfächer37 Am prozentualen Verhältnis der Produktionsbereiche lässt sich ablesen, dass der Schwerpunkt bei Freytag auf den naturwissenschaftlichen Fächern lag, bei Velhagen & Klasing im Bereich der modernen Fremdsprachen und bei Vieweg im Bereich der Mathematik und der Naturwissenschaften. Wagner & Debes war ausschließlich auf die Produktion von Atlanten für den Geografieunterricht spezialisiert. Es gab jedoch auch Verlage, die an ihre erfolgreiche Schulbuchproduktion vor dem Ersten Weltkrieg nicht anknüpfen konnten. Dazu zählen u. a. die Buchhandlung des Waisenhauses in Halle a. S., der Verlag Hahn in Hannover, Bädeker in Essen, Springer in Berlin und Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Sie alle waren bislang mit zahlreichen Schulbuchtiteln – zum Teil fachlich spezialisiert – auf dem Markt vertreten gewesen, lassen sich nach dem Krieg jedoch nur noch mit wenigen oder sogar nur ei37 Quelle: Verzeichnis der […] genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen, 1931.

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5 V er lagsw es en

nem Titel in den Schulbuchverzeichnissen finden. Mancher Schulbuchverlag wird, wie der Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, an den Folgen der Inflation bankrott gegangen sein; andere konnten sich aufgrund der schulpolitischen Unsicherheit und des starken Konkurrenzkampfes in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre nicht mehr auf dem Markt behaupten. Die meisten Verlage produzierten sowohl für die höheren als auch für die mittleren Schulen, doch lässt sich feststellen, dass beispielsweise Schöningh nur einen Titel für die mittleren Schulen anbot, dagegen zwölf Titel für höhere Schulen. Der Verlag Schroedel produzierte ausschließlich Schulbücher für die Mittelschulen. Tabelle 1: Schulbuchverlage und ihre Schulbuchtitelproduktion für höhere bzw. mittlere Schulen.38 Verlage für höhere Schulen

Titel

Verlage für Mittlere Schulen

Titel

Diesterweg, Frankfurt a. M. Teubner, Leipzig Quelle & Meyer, Leipzig Aschendorff, Münster i.W. Weidmann, Berlin Freytag, Leipzig Velhagen & Klasing, Bielefeld Hirt, Breslau Schöningh, Paderborn Westermann, Braunschweig Wagner & Debes, Leipzig Vieweg & Sohn, Braunschweig Oldenbourg, München Schwann, Düsseldorf Herder, Freiburg i. Br. Kesselring, Frankfurt a. M. Meyer, C. (G. Prior), Hannover Salle, Berlin Ehlermann, Dresden Grote, Berlin Herbig, Berlin List und von Bressensdorf, Leipzig Müller, Berlin/München Coppenrath, Münster i. W. Schauenburg, Lahr i. Baden Trowitzsch & Sohn, Berlin

76 61 31 25 23 22 20 19 12 11 10 9 8 8 7 6 6 6 5 5 5 5 5 4 4 4

Diesterweg, Frankfurt a. M. Teubner, Leipzig Schroedel, Halle a. d. S. Meyer, C. (G. Prior), Hannover Hirt, Breslau Beltz, Langensalza Velhagen & Klasing, Bielefeld Quelle & Meyer, Leipzig Herder, Freiburg i. Br. Oldenbourg, München Westphalen, Flensburg Aschendorff, Münster i. W. Hanstein, Bonn Klinkhardt, Leipzig Limbarth, Wiesbaden List und von Bressensdorf, Leipzig Schwann, Düsseldorf Trowitzsch & Sohn, Berlin Westermann, Braunschweig Baedeker, Essen Kesselring, Frankfurt a. M. Merseburger, Leipzig Wagner & Debes, Leipzig

35 19 15 14 11 10 8 7 4 4 4 3 3 3 3 3 3 3 3 2 2 2 2

38 Quelle: Verzeichnis der […] genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen, 1931.

5.2 .10 D er Schu lbu chver lag

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Beispiele für Programmentwicklung in Schulbuchverlagen Zu den Verlagen, die sich durch kluge Programmentwicklung in den Umbrüchen der Zeit behaupten konnten, gehörte der liberal ausgerichtete Julius Beltz Verlag (gegr. 1841). Er hatte sich von Anfang an auf die Veröffentlichung von pädagogischer Literatur und (reform)pädagogischen Zeitschriften konzentriert; seit 1904, (seit 1909 als Halbmonatsschrift) erschien dort Die Volksschule, in der Weimarer Zeit die führende deutsche Lehrerzeitung.39 Außerdem brachte der Verlag preiswerte Klassenlesestoffe heraus; 1932 erschien der Beltz Lesebogen der den Preis von 112 Pfennig. Die 1909 in Bochum gegründete »Westfälische Verlags- und Lehrmittel-Anstalt« (später als Ferdinand Kamp Verlag bekannt geworden) entwickelte, vor allem nach ihrer 1919 erfolgten Umbenennung in »Verlags- und Lehrmittel-Anstalt (Verla)«, ein breites Programm an Lehr- und Lernmitteln.40 Ein in den 1920er Jahren angebotener Wegweiser für Lehrmittel und Bücher umfasste mehr als 300 großformatige Seiten, das zugehörige Register fast 1700 Stichwörter. Das Unternehmen verstand sich auch als Jugendschriftenvertrieb; geliefert wurden außerdem Schulmöbel. Einen Programmschwerpunkt des eigenen Verlags bildeten die »Ganzschriften« oder »Einzelschriften« – der integrale Abdruck von Lesetexten für die Jugend (Reihen »Jugendperlen« und »Deutsche Gaben«) wurde bewusst der Lektüre von Ausschnitten gegenübergestellt. Eine besondere, über den Schulgebrauch hinaus reichende Bedeutung gewann das bereits vor dem Ersten Weltkrieg eingeführte Neue Realienbuch41, das in der von Kamp angebotenen Ausformung dem Grundgedanken der ›Arbeitsschule‹ entgegenkam. Der Georg Westermann Verlag, gegründet 1838, hatte nach der Reichsgründung mit einem belletristischen Programm sowie der Produktion von Wörterbüchern und Atlanten expandiert, war aber auch ins Schulbuchgeschäft eingestiegen.42 Der heute noch in Schulen gebräuchliche Atlas von Diercke war erstmals 1883 bei Westermann erschienen; seit 1914 war der Verlag im Marktsegment der Leselernbücher erfolgreich auch mit der zunächst für den Raum Hamburg herausgegebenen Hansa-Fibel von Otto Zimmermann, in der damals hochmodernen, farbenfrohen, nach kinderpsychologischen Gesichtspunkten vorgenommenen Gestaltung durch den Münchner Illustrator Eugen Osswald.43 Bis 1933 ist die Fibel in 14 Auflagen erschienen, bis 1930 außerdem in rund 50 regionalen Ausgaben (z. B. Harz-Fibel, Glück auf für Schüler aus den rheinischen Gebieten), zudem gab es Lesebücher, die auf den Fibeln aufbauten. Bis zum Beginn der 1930er Jahren entwickelten sich die Lehr- und Lernmittel, neben der Belletristik und den kartografischen Werken, zu einer Hauptsparte des Westermann Verlags.

39 Vgl. Holm: Anfänge. 150 Julius Beltz 1841–1991. 40 Vgl. Baumgärtner: Im Lauf der Zeit. Ferdinand Kamp Bochum . Bochum: Kamp 1984. – Der Name Ferdinand Kamp Verlag existiert erst seit 1952. 41 Kamps neues Realienbuch für Schule und Haus. Mit zahlreichen Bildern, Karten und Plänen, unter Berücksichtigung des Arbeitsschul- und Heimatgedankens ist in zahlreichen Ausgaben und Auflagen erschienen, so 1929 in der 19. Auflage und dem 161.–163. Tausend. 42 Vgl. Hundert Jahre Georg Westermann; Westermann. Profil eines Verlages. 1838–1963.; »und beehre ich Ihnen anzuzeigen«. 150 Jahre Westermann 1838–1988. 43 Zur Gattung Fibel vgl. Teistler, Gisela: Deutsche Fibeln; sowie dies.: Fibel-Findbuch.

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Als ein weiteres Beispiel soll der Oldenbourg Verlag in München Erwähnung finden,44 der – 1858 gegründet – bereits in den 1870er Jahren mit einer Fibel, einem Rechenbuch und einer Rechtschreibelehre in der Schulbuchproduktion engagiert war. Rasch hatte sich aber ein vielfältiges Schulbuchprogramm entwickelt mit Leselernbüchern, Lesebüchern, geschichtlichen Unterrichtswerken und naturwissenschaftlichen, v. a. erdkundlichen Schulbüchern, Physiklehrbüchern sowie Fremdsprachenlehrbüchern; zwischen 1909 und 1945 sind 726 Neuerscheinungen auf dem Schulbuchsektor bei Oldenbourg erschienen. In der firmeneigenen Druckerei standen 1924 auf 3.800 m2 Betriebsfläche 22 Schnellpressen und 3 Tiegeldruckpressen, 9 Monotype Tast- und 6 Monotype Gießmaschinen, die zusammen von 222 Arbeitern bedient wurden. Wie Oldenbourg unterhielten auch andere Schulbuchverlage wie Julius Beltz eigene Druckereien, in denen sie auch Aufträge für andere Verlage ausführten, um für eine gleichmäßige Auslastung der Kapazitäten zu sorgen. Mithilfe dieses zusätzlichen wirtschaftlichen Standbeins konnte, kaufmännisches Geschick vorausgesetzt, ein Unternehmen auch in schwierigeren Zeiten stabilisiert werden. Stabilisierend wirkte allerdings auch die beachtliche Zahl von Steadysellern unter den Schulbüchern, so die GeografieLehrbücher der Gebrüder Geistbeck, die in der Kaiserzeit zunächst für den Volksschulunterricht, dann auch für die Mittelschule und höhere Schulen erstellt wurden und die Zeiten überdauerten. Es gab allerdings auch Neuentwicklungen wie das von dem deutschnationalen Historiker Arnold Reimann betreute Geschichtswerk für höhere Schulen in insgesamt 14 Bänden, ein Mathematisches Unterrichtswerk für höhere Schulen Bayerns von Hans Degenhart, Emil Fick und Ewald Sellien oder Lehrbücher und Textausgaben für den Lateinunterricht. Hervorhebung verdient auch die Herausgabe des von Alfred Bäumler, Richard Seyfert und Oskar Vogelhuber herausgegebenen Handbuchs der deutschen Lehrerbildung in drei Bänden 1930–1933. Eine bedeutsame Rolle spielte Oldenbourg auch in der (bayerischen) Fibelproduktion, schon seit der Pachtübernahme des Königlich Bayerischen Schulbücherverlags 1874. Das erste eigene Erstlesebuch hat der Verlag 1892 vorgelegt (Christoph Herings Fibel für den grundlegenden Unterricht im Lesen und Rechtschreiben); als Deutsche Fibel brachte es der Titel bis 1925 auf 125 Auflagen. Mehr oder minder gescheitert ist Oldenbourg mit der von dem Münchner Lehrer Hans Brückl entwickelten »Brückl-Fibel« Mein Buch. Damit hatte man ein neues, methodisch fortschrittliches Konzept verwirklicht – und sich Widerstände beim zuständigen Ministerium und bei der Lehrerschaft eingehandelt. Anstoß erregten die Illustrationen (sie wurden deshalb zweimal neu gemacht), aber auch die Einbeziehung der Antiqua-Schrift in die Leselernanfänge (wie das zuvor auch schon die Hansa-Fibel getan hatte). Da es bis 1933 nicht gelang, die Approbation zu erhalten, endeten die Bemühungen in einem geschäftlichen Fehlschlag.45

44 Wittmann: Wissen für die Zukunft; Werden und Wesen des Hauses R. Oldenbourg. 45 1941 erlebte die Brückl-Fibel eine plötzliche Wiederbelebung im nationalsozialistischen Geist. Zu diesem in vielerlei Hinsicht exemplarischen Fall vgl. Wittmann, S. 282–299, 304– 314.

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Ausstattungsprobleme Die Ausstattung der Schulbücher war bereits während des Krieges sowohl aus Ersparnisgründen als auch aus Papiermangel auf das Allernotwendigste beschränkt worden.46 Die während des Krieges produzierten Schulbücher und vor allem die ersten Nachkriegsausgaben hatten zumeist eine wenig solide Machart und auch ein wenig attraktives Äußeres. Das Papier war stark holzhaltig, die Bindung schlecht und wenig haltbar, so dass diese Schulbücher kaum einen Schülerjahrgang überlebten; die meist schmalen Bände waren überwiegend broschiert. Erst die neuen, nach 1923 hergestellten Schulbücher bekamen dauerhaftere Einbände, waren auf besserem Papier gedruckt und wurden endlich auch angemessen mit anschaulichen – die Fibeln sogar häufig mit farbigen – Abbildungen ausgestattet. Diese Phase dauerte allerdings nicht lange an, denn mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise wurden erneut Klagen darüber laut, welche Belastungen den Familien durch die Schulbuchbeschaffung entstünden, so dass das Ministerium per Erlass verfügte, »die äußere Ausstattung [der] Lehrbücher (Papier, Einband, Zahl der Abbildungen und der Karten usw.) […] der jetzigen Notzeit entsprechend zu vereinfachen«.47 1932 konnte die Reichsregierung im Rahmen der Notverordnungen sogar eine 10 %-ige Preissenkung für Schulbücher vorschreiben.48

Abb. 3: Broschur aus dem Jahr 1921, Halle a. d. Saale: Buchhandlung des Waisenhauses Abb. 4: Bucheinband aus dem Jahr 1925, Berlin: Grote’sche Verlagsbuchhandlung, E. S. Mittler & Sohn. 46 Vgl. den entsprechenden Erlass vom 4. September 1915, Zentralblatt (1915), S. 685. 47 Börsenblatt 99 (1932) 25, S. 79. 48 Vgl. Börsenblatt 99 (1932) 25, S. 79.

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Der Schulbuchmarkt und das Sortiment Die spezifischen Probleme, mit denen sich der Sortimentsbuchhandel beim Schulbuchgeschäft konfrontiert sah, wurden – im Grunde über Jahrzehnte hindurch – in steter Wiederkehr im Börsenblatt diskutiert: die Anstrengungen des intensiven und heftigen Saisongeschäfts zu Beginn eines jeden Schuljahres; die Ausgaben- und Neuauflagenvielfalt und die damit verbundenen Beschaffungsprobleme; die immer wieder überraschend herausgegebenen Neuauflagen der Verlage kurz vor Schuljahresbeginn; der verspätet oder gar nicht gemeldete Schulbuchbedarf der Schulen; die niedrige Rabattierung von höchstens 25 % durch die Verlage; die weit verbreitete Weigerung der Verlage, überzählige oder irrtümlich bestellte Schulbuchtitel zurückzunehmen; der Handel mit gebrauchten Schulbüchern; die Konkurrenz durch den Auchbuchhandel sowie die Vereinheitlichungs- und Monopolisierungsbestrebungen der Regierungen. Als neue Gefahr und Erschwernis kam nach dem Ersten Weltkrieg die durch die Verfassung geforderte Lernmittelfreiheit für die Volks- und Fortbildungsschulen hinzu, die – soweit eingeführt – für das Sortiment unweigerlich zu Absatzeinbußen führen musste. Weitere Schwierigkeiten ergaben sich für den Sortimentsbuchhandel in der Inflationszeit aus der der de facto-Aufhebung des festen Ladenpreises sowie in den letzten Jahren der Weimarer Republik aus dem Kaufkraftverlust der Bevölkerung im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftkrise.

Schulbuchmonopol Eines der beherrschenden Themen des Schulbuchmarktes nach dem Ersten Weltkrieg war die Diskussion um die Errichtung eines staatlichen Schulbuchmonopols. Die Sozialisierungstendenzen und Versuche genossenschaftlicher Organisierung der Produktion und Distribution hatten wie in anderen Wirtschaftszweigen auch im Buchhandel nach dem Krieg Konjunktur.49 Die von Regierungsseite in Gang gebrachte Diskussion um die Einrichtung eines staatlichen Schulbuchmonopols – zumindest für die Volksschulbücher – löste eine heftige Debatte aus. Vehementer Gegenredner und Sprecher auf Seiten der Schulbuchverlage war Erich Ehlermann, Vorsitzender des Verbandes der Schulbuchverleger, der 1919 eine Denkschrift veröffentlichte.50 In dieser suchte er die von der Regierung angeführten positiven Argumente für ein Schulbuchmonopol zu widerlegen, indem er die negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen vor Augen führte, vor allem die »Vernichtung des Schulbuchverlags« und »Schädigung der von ihm abhängigen Industrien«, ebenso die unweigerlich eintretende qualitative »Verschlechterung des Schulbuchs«. Durch Beispiele aus der Praxis in Bayern, Österreich und der Schweiz belegte er die wirtschaftlichen Nachteile solcher Monopole, insbesondere durch Vergleich der Bücherpreise, die deutlich höher seien als im Privatverlag. Der Widerstand ging so weit, dass Ehlermanns Schrift als »Waffe gegen Pläne des Schulbuch-Monopols«51 eingesetzt und an Abgeordnete des Reichstages verteilt wurde. Der Staat erhoffte sich von der Er49 Vgl. Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels, S. 305, und Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 41. 50 Ehlermann: Das Staatsmonopol für Schulbücher. 51 Börsenblatt 87 (1920) 44, S. 183.

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richtung eines Schulbuchmonopols und der Umgehung des Zwischenbuchhandels eine Verbilligung der Schulbücher, was wiederum der beabsichtigten Lernmittelfreiheit und damit den staatlichen Ausgaben entgegenkommen sollte. Die latente »Bedrohung« durch die Konkurrenz eines staatlichen Schulbuchmonopols ließ sich jedenfalls als wirksames Druckmittel gegen den Buchhandel einsetzen, um Preissteigerungen im Handel mit Schulbüchern entgegenzuwirken und die Preise niedrig zu halten.52 Die Diskussion um das Schulbuchmonopol ebbte erst 1922 ab, so dass die Vereinigung der Schulbuchverleger das Thema als »vom Tisch« bezeichnen konnte.53 Parallel zur Frage des Schulbuchmonopols – und streckenweise auch synonym verwendet – wurde das Thema der Schulbuchvereinheitlichung diskutiert. Versuche, die Schulbuchvielfalt einzuschränken, hatte es bereits im 19. Jahrhundert wiederholt gegeben. Dabei standen sich die Argumente der vermeintlichen Kontrolle der Schulbuchinhalte bzw. deren Egalisierung auf der einen Seite und die der Vermeidung unnötiger Kosten für Eltern mit mehreren Schulkindern (keine Weitergabe der Schulbücher an die nächst jüngeren) und bei Wohnortwechsel (jede Schule hat andere Schulbücher eingeführt) sowie die angespannte wirtschaftliche Lage während und nach dem Krieg auf der anderen Seite gegenüber. Dass es weder zu einem staatlichen Schulbuchmonopol noch zu einer drastischen Vereinheitlichung gekommen ist, war wohl dem Umstand zu verdanken, dass das 1921 im Entwurf vorgelegte Reichsschulgesetz niemals verabschiedet worden ist. Ehlermann, der den Entwurf in seinen Unzulänglichkeiten bzw. Verklausulierungen hinsichtlich der Schulbuchfrage penibel und auch etwas spitzfindig analysierte, kam zu dem Schluss, dass er »einwandfrei nachgewiesen habe: das Gesetz zielt auf das Schulbuchmonopol ab.«54

Lernmittelfreiheit Während die Diskussion um das Schulbuchmonopol sowohl die Verlage als auch das Sortiment in Unruhe versetzte, bereitete die Lernmittelfreiheit vor allem dem Sortimentsbuchhandel große Sorge. Insbesondere im neu gegründeten Staat Thüringen machte sich die Regierung für die Lernmittelfreiheit stark und startete auch den Versuch eines staatlichen Schulbuchmonopols.55 Die Lernmittelfreiheit stellte insofern eine Gefahr für das Sortiment dar, als die Schulbehörden versuchten, die Schulbücher direkt von den Verlagen zu erwerben, in der Annahme, dort zu günstigeren Preisen einkaufen zu können. Viele Verlage nutzten die entsprechenden Anfragen aus und lieferten direkt, ohne an das Sortiment zu verweisen; andere erkannten, dass ihnen diese Praxis nur kurzfristigen Vorteil brachte und verwiesen die Besteller mit einem entsprechenden Aufklärungsschreiben an den örtlichen Sortimentsbuchhandel.56 Die Umgehung des Sortiments bei Sammelbestellungen und der direkte Bezug von Klassensätzen entzog dem Sortiment nicht nur den ohnehin geringen Verdienst, sondern musste langfristig 52 53 54 55 56

Vgl. Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 41 f. Vgl. Grieser, S. 42 und S. 137. Ehlermann: Das Schulbuchmonopol vor den Toren, S. 1139. Vgl. Börsenblatt 88 (1921) 234, S. 1478–1480. Der Buchhändler Paul Eugen Schuh in Hildesheim berichtet darüber und zitiert ein solches Schreiben der Fa. Teubner. Vgl. Börsenblatt 94 (1927) 66, S. 316.

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dazu führen, dass Schulkinder dem Besuch einer Buchhandlung entfremdet wurden. Das Schulbuchgeschäft diente dem Sortiment von jeher dazu – und dies wurde als Kulturauftrag wahrgenommen –, mit den Schulkindern als zukünftiger Kundschaft ersten Kontakt aufzunehmen. Diese Gelegenheit bot Gestaltungsmöglichkeiten, wozu v.a. die Herstellung von Kundenzufriedenheit zu zählen ist, indem die verlangten Schulbücher auf Lager gehalten wurden.57 Der Hinweis des Buchhandels darauf, dass die Kinder die zur Verfügung gestellten Lehrbücher »nicht mit der [gleichen] Sorgfalt behandelten, als wenn die Eltern die Kosten dafür getragen hätten«,58 und dass dies einen höheren Verschleiß zur Folge habe, gehörte zu seiner Rolle als Kulturvermittler und war gleichzeitig als ein Einwand gegen die Lernmittelfreiheit zu verstehen. Der Vorschlag der Sortimenter für die Abwicklung des Schulbuchgeschäfts unter den Bedingungen der Lernmittelfreiheit lief darauf hinaus, den Schülern Gutscheine oder Bons zum Erwerb der öffentlich finanzierten Schulbücher auszuhändigen, die dann bei den Buchhandlungen eingelöst werden konnten.59 Die in der Reichsverfassung festgelegte Lernmittelfreiheit hätte allerdings erst durch ein Ausführungsgesetz auf Reichsebene Rechtsgültigkeit erlangen können.60 Da jedoch, wie bereits angedeutet, ein solches Reichsgesetz nicht verabschiedet wurde, ist die Umsetzung der Lernmittelfreiheit in den Ländern nicht einheitlich durchgeführt worden. Dort, wo sie eingeführt worden war, musste sie häufig mangels ausreichender finanzieller Ressourcen der Kommunen bald wieder eingestellt werden.61 Das Sortiment musste sich daher nicht überall um das Ausbleiben der Schülerkundschaft sorgen.

Teuerungszuschlag und Schlüsselzahl Verführerisch war für die Schulbuchkundschaft der Direktkauf bei den Verlagen, weil das Sortiment gemäß der »Notstandsordnung«, die der Börsenverein noch im Krieg erlassen hatte, einen Teuerungszuschlag von zunächst 10 %, ab Januar 1920 von 20 % auf den Ladenpreis erhob.62 Dieser Zuschlag entfiel im Direktbezug.63 Die besondere 57 Im Börsenblatt finden sich zahlreiche Berichte von Sortimentern über das Schulbuchgeschäft und die damit verbundenen Ärgernisse, etwa wenn Schulbücher nicht rechtzeitig oder falsche Ausgaben geliefert wurden und die Schüler so vergeblich immer wieder im Geschäft erschienen, um nach ihren Schulbüchern zu fragen. Dies waren dann die ersten Eindrücke und Kontakte mit dem Sortiment, die sie mitnahmen. 58 Börsenblatt 88 (1921) 234, S. 1479. 59 Vgl. Börsenblatt 87 (1920) 99, S. 460, und 89 (1922) 242, S. 1445. 60 Vgl. Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern 1926, S. 66, Erlass vom 7. Mai 1921. 61 Vgl. Börsenblatt 87 (1920) 99, S. 459, Jahresbericht 1919/1920 der Vereinigung der Schulbuchverleger. 62 Zu der Notstandsordnung und Wirtschaftsordnung vgl. Fischer: Marktorganisation, S. 265– 267. 63 Vgl. ebd. sowie Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 180, »Notstandsordnung des Börsenvereins (1. Fassung beschlossen auf der Hauptversammlung des Börsenvereins am 28.4.1918)«. Diese Ordnung sollte bis zwei Jahre nach einem Friedensschluss gültig bleiben. Trotz der Verpflichtung zum Teuerungszuschlag setzten die Verlage die Sortimenter jedoch unter Druck, indem sie sie aufforderten, den Zuschlag auszusetzen, da sie sonst den Anfragen

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Abhängigkeit des Schulbuchverlags von den Herstellungskosten durch die generell höheren Auflagen führten in der Inflationszeit dazu, dass die Verkaufspreise nicht mehr die Herstellungskosten deckten und durch den von den Zulassungsstellen ausgeübten Preisdruck ein ruinöser Preiskampf zu befürchten war. Um diese Situation zu vermeiden, beschloss die Vereinigung der Schulbuchverleger in einer außerordentlichen Hauptversammlung am 25. September 1922, gemeinsame Mindestpreise festzulegen. Die Schulbuchverlage hatten sich nämlich bislang dem vom Börsenverein in Nachfolge des Teuerungszuschlags festgelegten Grund- und Schlüsselzahlsystem64 zunächst nicht angeschlossen. Die Mindestverkaufspreise – sie orientierten sich an Umfang, Ausstattung und Einband – boten allerdings keine vergleichbare Preistransparenz, so dass die Schulbuchverleger ihren Sonderweg aufgaben und im April 1923 ebenfalls das Schlüsselzahlsystem des Börsenvereins übernahmen.65

Verlag und Sortiment Traditionell herrschte beim Schulbuchgeschäft ein gespanntes Verhältnis zwischen Schulbuchverlag und Sortiment. Durch die niedrig gehaltenen Ladenpreise der Schulbücher gewährten die Verlage im Durchschnitt nur einen Rabatt von 25 %, der den Sortimenter nach Abzug seiner Kosten nur mit wenig Gewinn, meist sogar mit Verlust abschließen ließ.66 Ein weiterer Nachteil für das Sortiment entstand durch den Festbezug der Schulbücher. Die Mehrheit der Verlage weigerte sich, überzählige Exemplare oder Falschbestellungen zurückzunehmen. Auch kam es immer wieder vor, dass die Verlage den Sortimentern alte Auflagen lieferten, obwohl die Neuauflage bereits gedruckt war. Hatte die Konkurrenz am Ort die Neuauflage, war die alte praktisch unverkäuflich. Die Remissionsverweigerung konnte den Sortimenter, je nach Auftragsvolumen, schwer schädigen. Die Sortimenter griffen häufig zu Selbsthilfemaßnahmen und richteten Einkaufsgenossenschaften oder Schulbuchbörsen ein, über die sie gemeinsam bestellte Titel untereinander aufteilten bzw. einander im Bedarfsfalle gegenseitig die benötigten Schulbuchexemplare zur Verfügung stellten oder austauschten. Ein positiver Versuch, das Sortiment zu entlasten, ging aber von der Firma B. G. Teubner aus, die gemeinsam mit der Firma Weidmann eine Zentralauslieferungsstelle einrichtete. Vier Wochen nach Schulanfang wurde abgerechnet, Rücknahmen wurden akzeptiert. Das Experiment hielt jedoch nur zwei Jahre, da Gewinnerwartungen auf beiden Seiten nicht erfüllt wurden.67

64 65 66

67

nach Direktlieferung nachkommen würden. Vgl. Appell des Vorsitzenden der Vereinigung der Schulbuchverleger Ehlermann an das Sortiment. In: Börsenblatt 88 (1921) 43, S. 209. Zum Grund- und Schlüsselzahlsystem vgl. Fischer: Marktorganisation, S. 267–269, sowie Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 78 ff. Vgl. Grieser, S. 82, sowie »Kleine Mitteilungen« der Arbeitsgemeinschaft der rheinischwestfälischen Verleger. In: Börsenblatt 89 (1922) 244, S. 1453. Vgl. Bericht von Hans Hermann-Chemnitz auf der 48. Hauptversammlung des BuchhändlerVerbandes für das (ehem.) Königreich Sachsen am 4. September 1927 in Plauen i. V. In: Börsenblatt 94 (1927) 234, S. 1198. Vgl. Börsenblatt 94 (1927) 234, S. 1200.

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Die sich zuspitzenden Konflikte zwischen Sortimentern und Verlegern im Schulbuchhandel führten dazu, dass sich Vertreter beider Lager am 14. November 1928 zu einer Aussprache trafen, die aber damals noch zu keinem greifbaren Ergebnis führte.68 Auf beiden Seiten wuchs jedoch die Einsicht, dass sich mit der Bildung einer »Einheitsfront« am besten den »dem Schulbuch von außen drohenden Gefahren zu begegnen« sei.69 Erst im März 1931 verständigten sich die Vereinigung der Schulbuchverleger und die Fachgruppe Schulbuchsortiment in der Deutschen Buchhändlergilde auf Richtlinien zur Durchführung des Schulbuchgeschäfts. Die Richtlinien bezogen sich auf die Behandlung des Bezugs der Freiexemplare, auf die regelmäßige Belieferung der Schulen mit Schulbüchern durch das Sortiment, auf das Rückgaberecht des Sortiments sowie die rechtzeitige Benachrichtigung des Sortiments durch die Schulen über die zu gebrauchenden Lehrbücher.70

Sortiment und Schule, Auchbuchhandel, Altbuchhandel In der Ordnung über die Einführung von Lehrbüchern von 1923 war vorgesehen, dass die Schulen den Buchhandlungen »möglichst frühzeitig, jedenfalls bis zum 1. März jedes Jahres die Lehrbücher und Schriftwerke bezeichnen, die im nächsten Schuljahr in den einzelnen Klassen benutzt werden«71. Dies sollte die Buchhandlungen in die Lage versetzen, den Bedarf möglichst genau einzuschätzen und die Bücher rechtzeitig zum Schuljahresbeginn zur Verfügung stellen zu können. Die Säumigkeit der Schulen, diese Listen zu liefern oder sie den Schulkindern rechtzeitig vor Schuljahresschluss auszuhändigen, war jedoch ein ständiges Ärgernis für den Buchhandel. Wusste der Buchhändler nicht rechtzeitig, welche Schulbücher er zu Beginn eines Schuljahres vorrätig haben sollte, so wurde der Schulbuchhandel zu einem sehr aufwändigen und teuren Geschäft (Einzellieferungen) und schaffte nicht selten unzufriedene Kundschaft, wenn die Lieferung erst nach Schulbeginn eintraf.72 Immer wieder wurden Beschwerden laut über die ungenauen Angaben seitens der Schulen über die benötigte Menge von Schulbüchern oder über die Angabe von Titeln, die später gar nicht benutzt wurden. Hatte der Buchhändler sie dann bestellt, blieb er auf den nicht nachgefragten Büchern sitzen. Der Handel mit Volksschulbüchern dagegen war auf dem Land traditionell in den Händen der Buchbinder und Schreibwarenhändler, die sich damit ein zusätzliches Standbein verschafften. Sie erhielten die Schulbücher zwar zu geringeren Rabatten als der reguläre Buchhandel, konnten aber durch Aufnahme ins Adressbuch auch zu Vollbuchhändlern aufsteigen und dem Sortiment zur unangenehmen Konkurrenz werden. Unter dem Druck der Wirtschaftskrise sah sich der Bund Deutscher BuchbinderInnungen 1929 sogar versucht, das Ministerium für die Auftragsbeschaffung zu gewinnen. Vorgeschlagen wurde, den Verlagen vorzuschreiben, die Bindeaufträge an lokale Buchbindereien zu vergeben, die dann auch gleich den Verkauf übernehmen sollten.73 68 69 70 71 72 73

Vgl. Börsenblatt 96 (1929) 122, S. 584. Vgl. Börsenblatt 96 (1929) 85, S. 399. Vgl. Börsenblatt 98 (1931) 62, S. 245. Zitiert nach: Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern 1926, S. 24. Vgl. Börsenblatt 92 (1925) 106, S. 7591. Vgl. GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. XI, Bl. 62 und 65.

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Große Sorge bereitete Verlagen wie Sortiment der durch Schüler oder Eltern organisierte Handel mit gebrauchten Schulbüchern. Der Altschulbuchhandel erschwerte dem Verleger die Kalkulation von Auflagenhöhen und dem Sortimenter den Einkauf eines Schulbuchlagers. Beide bemühten sich zudem darum, dem Altschulbuchhandel zum einen das Etikett mangelnder Hygiene74 anzuhängen, zum anderen moralische Bedenken geltend zu machen, wie die Beschreibung des Gebrauchtbuchhandels durch einen Buchhändler deutlich macht: »Auch hier regelte Angebot und Nachfrage alles, und wenn einzelne Bücher bei den Verlegern oder in Buchhandlungen nicht zu haben waren, so wurden Phantasiepreise für alte Bücher gezahlt, die teilweise den Neupreis um das Doppelte oder Dreifache übertrafen. Die alten eigenen Bücher oder die Bücher der älteren oder jüngeren Geschwister wurden zu möglichst hohen Preisen veräußert – oder ›verkloppt‹, wie die ›Fachleute‹ sagen. Einzelne gerissene Jungen haben aus der Sucht, ›alte Bücher billig‹ zu kaufen, ein Gewerbe gemacht, haben neue Bücher in den Buchhandlungen gekauft und sie dann als alte Bücher zu höheren als Neupreisen wieder verkauft! Die erzielten Gewinne wurden vielfach für eigene Zwecke verwandt, die je nach dem Geschmack des Börsengewinners verschieden waren (Conditoreien, Kinos, Kahnfahrten) […]. Eltern und Erzieher seien wiederholt auf diese neue Börse aufmerksam gemacht; ein Hang zu Leichtsinn und schnellem Geldausgeben ist wohl rasch zu entwickeln, aber schwer fällt es, ihn wieder auszurotten«.75 Zu Beginn der 1930er Jahre stieg jedoch das Sortiment selbst in den Handel mit gebrauchten Schulbüchern ein. Der Kundschaft mangelte es zunehmend an Kaufkraft und die Verlage setzten die Preise zu hoch an. Das Sortiment kaufte daher alte Schulbücher auf und verkaufte sie weiter, woran es sogar manchmal mehr verdiente als an neuen Schulbüchern.76

Freiexemplare und Ausstattung von Hilfsbüchereien Im Konkurrenzkampf um die Einführung der eigenen Schulbücher an den Schulen griffen die Verlage zu den bewährten Mitteln, die Schulleitungen und Fachlehrer für sich zu gewinnen. Die Gewährung von Freiexemplaren für die Lehrer, die sich einen Eindruck von der Qualität und Brauchbarkeit eines Lehrbuches verschaffen wollten – und sich damit gleichzeitig ein eigenes kostenfreies Exemplar verschafften –, war sicherlich die aussichtsreichste Maßnahme. Gut eingeführte Verlage konnten großzügiger mit der Vergabe von Freiexemplaren umgehen, obwohl sich diese Praxis letztlich bei allen 74 Der Verlag Teubner legte seinen Schulbüchern ein Flugblatt bei, das auf die hygienischen Gefahren der Nutzung gebrauchter Schulbücher hinwies. Der Buchhändler Otto Mark aus Rudolstadt warnte 1932 im Börsenblatt: »Der Kauf und Verkauf von alten Schulbüchern hat in den Schulräumen schon einen derartigen Aufschwung genommen, daß der Verkauf von neuen Schulbüchern darunter leidet. Da muß also alles geschehen, um in erster Linie im Interesse der Gesundheit der Schulkinder und dann auch im Interesse des Buchhandels zu arbeiten.« Börsenblatt (1932) 82, S. 248. Die Vereinigung der Schulbuchverleger startete sogar eine Plakataktion »Zur Hygiene des Schulbuchs« und warb damit für den Kauf neuer Schulbücher. Vgl. Börsenblatt 99 (1932) 114. 75 Börsenblatt 90 (1923) 118, S. 727. 76 Vgl. Börsenblatt 99 (1932) 114, S. 405–407.

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Verlagen auf die Schulbuchpreise auswirken musste. Zunächst wurden im Zuge der Neuaufteilung des Schulbuchmarktes nach dem Krieg, verstärkt aber nach den Lehrplanreformen um 1925 Freiexemplarabgaben zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor bei der Neueinführung von Schulbüchern. Aber nicht nur die Lehrer waren Zielgruppe der Bemühungen, auch die Schüler und vor allem die die Schulbücher zahlenden Eltern waren in Zeiten »schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse« Adressaten der Verlagswerbung. So boten die Verlage Velhagen & Klasing (Bielefeld) sowie Carl Meyer (Gustav Prior) Hannover umfangreiche »Einführungserleichterungen« an, um die Schulbücher ihres Verlages an den Schulen zur Einführung zu bringen. Sie stellten in Aussicht, genügend Freiexemplare für »Schülerinnen und Schüler, denen die Anschaffung schwer fällt«, für die »Unterstützungsbüchereien« zu liefern. Nicht versetzten Schülerinnen und Schülern sollte kostenfrei ein Exemplar des neu einzuführenden Buches geliefert werden, ebenso Kindern, die sonst Bücher älterer Geschwister benutzt hätten. Die Verlage gaben damit ihrer Hoffnung Ausdruck, »alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die der Einführung eines neuen Buches unserer Verlage etwa entgegenstehen sollten, beseitigt zu haben«.77 Um sowohl die mittlerweile als Gewohnheitsrecht wahrgenommenen Forderungen der Lehrer nach Freiexemplaren als auch die willkürliche Verteilung von Freiexemplaren durch die Verlage auf ein erträgliches Maß zu bringen,78 wurden bereits 1923 Empfehlungen zwischen dem Philologenverband und der Vereinigung der Schulbuchverleger formuliert. In ihnen wurden Grundsätze für die »Lieferung von Hand- und Freiexemplaren« aufgestellt.79 Die Zahl der zu liefernden Freiexemplare richtete sich danach, ob ein Buch neu eingeführt wurde oder bereits eingeführt war. Traf letzteres zu, so wurde nur gegen Zahlung eines verminderten Ladenpreises geliefert. Auch den erst in der Weimarer Zeit eingeführten Hilfsbüchereien an den Schulen lieferten die Verlage verbilligte Exemplare unter bestimmten Bedingungen. An den Hilfsbüchereien wurde immer wieder die Kritik geübt, dass sie nicht nur den unbemittelten Schülern Bücher zur Verfügung stellten, sondern auch Schülern aus durchaus wohlhabenden Elternhäusern. Jedes der Hilfsbücherei als Freiexemplar gelieferte Buch war ein nicht verkauftes neues Schulbuch für den Sortimentsbuchhandel. In einem neuen Abkommen über die Lieferung von Freiexemplaren von Schulbüchern vom 17. März 1927 wurden die Grundsätze und Bedingungen für ihren Bezug noch einmal klarer gefasst und es wurde ausdrücklich auch auf den Sortimentsbuchhandel hingewiesen. Die Freiexemplarabgabe wurde eindeutig dem Verlag zugewiesen, und eine Verquickung von Festlieferung durch das Sortiment und Freiexemplarbestellung sollte zukünftig abgestellt und durch strenge Kontrolle unmöglich gemacht werden.80 77 GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. XI, Bl. 188. Die Verlage Velhagen & Klasing und Carl Meyer (Gustav Prior) wandten sich 1927 mit diesem Schreiben an die Provinzialschulkollegien mit der Bitte, »etwaige Anträge auf Einführung freundlichst genehmigen zu wollen«. 78 Es wird von Lehrern berichtet, die in ihren Freiexemplarforderungen die Verlage gegeneinander ausspielten und bei Nichtbelieferung mit Abschaffung des betreffenden Schulbuchs drohten. Vgl. Börsenblatt 90 (1923) 115, S. 712. 79 Vgl. GStA HA I Rep. 76 Kultusministerium VI Sekt. 1 z No. 72, Bd. XI, Bl. 197. Dort sind die am 26. März 1923 vereinbarten Grundsätze wiedergegeben. 80 Vgl. Börsenblatt 95 (1928) 78, S. 353–355.

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Literatur Archivalische Quellen Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. Hauptabteilung, Repertorium 76 Kultusministerium, VI Sekt. 1 z Nr. 72, Vol. VII, VIII, XI.

Gedruckte Quellen Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern. Ges. u. erl. von Wilhelm Schellberg und Erich Hylla. Berlin: Weidmann 1926 (Weidmannsche Taschenausgaben von Verfügungen der Preußischen Unterrichtsverwaltung, Heft 40a). Die Bestimmungen über Einführung von Lehrbüchern. Nachtrag. Ges. u. erl. von Wilhelm Schellberg und Erich Hylla. Berlin: Weidmann 1930 (Weidmannsche Taschenausgaben von Verfügungen der Preußischen Unterrichtsverwaltung, Heft 40a). EHLERMANN, Erich: Das Schulbuchmonopol vor den Toren – videant consules. Börsenblatt (1921) 176, S. 1137–1139. EHLERMANN, Erich: Das Staatsmonopol für Schulbücher. Eine Denkschrift. Im Auftrage der Vereinigung der Schulbuchverleger. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1919. Verzeichnis der an den höheren Lehranstalten Preussens eingeführten Schulbücher. Hrsg. von Ewald Horn. Berlin u. Leipzig: Teubner 1901; 2. Ausg. 1906. Verzeichnis der auf Grund der Ordnung für die Einführung von Lehrbüchern vom 15. September 1923 vom Jahre 1924 ab genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen. Zusammengestellt von Wilhelm Schellberg und Erich Hylla. Berlin: Weidmann 1926 (Weidmannsche Taschenausgaben von Verfügungen der Preußischen Unterrichtsverwaltung, Heft 40b). Verzeichnis der auf Grund der Ordnung für die Einführung von Lehrbüchern vom 15. September 1923 genehmigten Lehrbücher für die höheren und mittleren Schulen. Berlin: Weidmann 1931. Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen. Berlin: 1859–1934. (URL: www.bbf.dipf.de/cgi-opac/catalog.pl?t_digishow=x&zid=2a1811 (12.03.2009).

Firmengeschichten und Firmenschriften BAUMGÄRTNER, Alfred Clemens: Im Lauf der Zeit. Festschrift zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen des Verlages Ferdinand Kamp Bochum. Bochum: Kamp 1984. HOLM, Günther: Anfänge. 150 Julius Beltz 1841–1991. Weinheim, Basel: Beltz 1991. Hundert Jahre Georg Westermann. Braunschweig 1938. »und beehre ich Ihnen anzuzeigen«. Eine Firmengeschichte durch anderthalb Jahrhunderte. 150 Jahre Westermann 1838–1988. Braunschweig: Westermann 1988. Westermann. Profil eines Verlages. 1838–1963. Ein Jubiläumsbericht. Braunschweig 1963. Werden und Wesen des Hauses R. Oldenbourg. Ein geschichtlicher Überblick 1858–1958. München: Oldenbourg 1958. WITTMANN, Reinhard: Wissen für die Zukunft. 150 Jahre Oldenbourg Verlag. München: Oldenbourg 2008.

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Forschungsliteratur FISCHER, Ernst: Marktorganisation. In: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 2: Die Weimarer Republik 1918–1933. Hrsg. von Ernst Fischer und Stephan Füssel. Teil 1. München: K. G. Saur 2007, S. 265–304. FÜHR, Christoph: Zur Schulpolitik der Weimarer Republik. Darstellungen und Quellen. Weinheim u. a.: Beltz 1970. GRIESER, Thorsten: Buchhandel und Verlag in der Inflation. Studien zu den wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen des deutschen Buchhandels in der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 51(1999), S. 1–187. JÄGER, Georg: Der Schulbuchverlag. In: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1: Das Kaiserreich 1871–1918, Teil 2. Frankfurt a. M.: MBV 2003, S. 62– 102. MÜLLER, Walter: Schulbuchzulassung. Zur Geschichte und Problematik staatlicher Bevormundung von Unterricht und Erziehung. Kastellaun: Henn 1976 (Grundfragen systematischer Pädagogik). Sozialgeschichte und Statistik des Schulsystems in den Staaten des Deutschen Reiches, 1800– 1945. Hrsg. von Detlef K. Müller und Bernd Zymek. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1987 (Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte: Bd. II, Höhere und mittlere Schulen; Teil 1). WITTMANN, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. München: Beck 1991. TEISTLER, Gisela: Deutsche Fibeln vom 16.Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik. In: Lesen lernen in Diktaturen der 1930er und 1940er Jahre. Hannover: Hahn 2006, S. 13–37. TEISTLER, Gisela: Fibel-Findbuch ›Fi-Fi‹. Deutschsprachige Fibeln von den Anfängen bis 1944. Eine Bibliographie. Osnabrück: Wenner 2003 (Bibliographien des Antiquariats H. Th. Wenner, 5). ZYMEK, Bernd: Schulen. In: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. V 1918–1945: Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische Diktatur. München: Beck 1989, S. 155– 208.

Brit Voges 5.2.11 Sachbuch- und Ratgeberverlage1 Der1Gedanke, Wissen und Informationen für einen größeren, nicht speziell vorgebildeten Bevölkerungskreis verständlich aufzubereiten, ist spätestens seit der Aufklärung vertraut.2 Nach dem Ersten Weltkrieg setzte aber eine Entwicklung ein, die dieser Idee der Popularisierung eine neue Qualität gab: »Der Buchmarkt wurde in den zwanziger Jahren geprägt durch neue, populärwissenschaftliche Büchertypen. So sind es vor allem die Sachbücher, die damals aus dem Interesse an sachlicher Information entstanden. Das Sachbuch war die wesentliche neue literarische Form in diesen Jahren«, konstatierte Paul Raabe für die Weimarer Republik.3 Diese Entwicklung resultierte in erster Linie aus der Veränderung des Lesepublikums4 und der allgemeinen bildungsgeschichtlichen Voraussetzungen.5 Neben den Sachbüchern kam auch die Ratgeberliteratur zu einer neuen Blüte, in der praktisches Wissen für konkrete Anwendungsbereiche aufbereitet wurde.6 Der Begriff »Sachbuch« stand in der Weimarer Republik noch nicht explizit für eine bestimmte Gattung oder einen Buchtyp. Nur innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur war »Sachbuch« spätestens seit 1927 ein häufig verwendeter Ausdruck.7 Der Allgemeine Deutsche Sprachverein empfahl 1918 im Zuge der angestrebten »Entwelschung«, die schulischen »Realienbücher« fortan »Sachbücher« zu nennen.8 Die Idee setzte sich in der Schule zwar nur beim Realienunterricht durch, der bis heute tatsächlich Sachunterricht heißt, doch wurde zum Ende der zwanziger Jahre bspw. in der Jugendschriftenwarte durchaus über »Sachbücher« geschrieben. Man verstand darunter die außerschulische bildende und wissenvermittelnde Jugendlektüre. Die uneinheitliche Begriffsverwendung macht eine genauere Definition der behandelten Literatur notwendig; die intendierte Wissensvermittlung ging in den zwanziger Jahren eher aus den Titelformulierungen hervor, u. a. wurden Bücher mit populärwissenschaftlichem Inhalt als »Roman einer Wissenschaft«, als »Allbuch«, als »Bildungsbuch« und als »Laienbuch« 1 Vorliegender Beitrag geht zurück auf meine Magisterarbeit: Brit Voges: »Die Ratgeber- und Sachbuchliteratur in der Weimarer Republik« am Mainzer Institut für Buchwissenschaft aus dem Jahre 2002 zurück; für Aktualisierung und Ergänzung danke ich David Oels (Mainz) und Stephan Füssel (Mainz). 2 Vgl. Elke Maar: Bildung durch Unterhaltung. Die Entdeckung des Infotainment in der Aufklärung. Hallenser und Wiener Moralische Wochenschriften in der Blütezeit des Moraljournalismus, 1748 – 1782. Pfaffenweiler: Centaurus-Verl.-Ges. 1995; Sandra Wiesinger-Stock: Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung. Geschichte, Terminologie, Zukunftsperspektiven. Innsbruck u. a.: Studien-Verl. 2002, S. 28 – 32; Wissenspopularisierung. Konzepte der Wissensverbreitung im Wandel. Hrsg. von Carsten Kretschmann. Berlin: Akademie Verlag 2002. 3 Raabe: Das Buch in den zwanziger Jahren, S. 19. 4 Vgl. den Beitrag von Ute Schneider, Buchkäufer und Leserschaft, im Teilbd. 1, S. 149 – 196. 5 Vgl. die Einleitung von Fischer/Füssel im Teilbd. 1, S. 5 – 28. 6 Vgl. Breuss: Praktische Texte. Ratgeberliteratur für die alltägliche Lebensführung, S. 73; vgl. auch Jäger: Sachbuch- und Ratgeberverlage. 7 Vgl. Fronemann: Das Erbe Wolgasts, S. 27. 8 Vgl. dazu Diederichs: Die Verwendung des Begriffs »Sachbuch«, S. 48; Oels/Hahnemann: Einleitung, S. 14.

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bezeichnet oder mit Zusätzen wie »volkstümliche Wissenschaft« oder »Wissenschaft für Jedermann« versehen. Wenn auch die Bezeichnung »Sachbuch« nicht üblich war, so waren doch Begriffe wie »Sachlichkeit«, »Sache«, »Gebrauch«, »nützlich« oder »Zweckgebundenheit« in der Weimarer Republik in allen Lebensbereichen sehr präsent – die »Neue Sachlichkeit« im Bereich der ernsten Literatur und Kunst ist mithin nur ein Teilbereich dieser Versachlichung. Es fanden sich bereits Titelergänzungen wie »Tatsachenroman«, »Sachroman« oder »Sachbiographie«. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich die Gattung »Sachbuch«. Zu einem festen buchhändlerischen Terminus wurde sie erst in den 1960er Jahren, nachdem die 1961 eingeführte Spiegel-Bestsellerliste das Titelangebot in Belletristik und Sachbücher zweiteilte.9 Sachbücher gehören zu den Gebrauchsbücher, deren erklärter Zweck in der Vermittlung von »Realienwissen« liegt und die sich insofern von fiktionalen Texten deutlich abheben – auch wenn sie unterhaltende und literarische Elemente aufnehmen können. Im Unterschied zum aus privatem Interesse rezipierten Sachbuch dient das »Fachbuch« der Ausbildung, der Fortbildung und dem Unterricht, es ist zumeist mit der beruflichen Sphäre eng verbunden und verwendet entsprechende Fachtermini. Ein »wissenschaftliches Buch« geht noch darüber hinaus, denn es enthält theoretische Erörterungen und Hypothesen.10 Lexika und Nachschlagewerke fallen in der Regel nicht unter diese Rubrik, da beim Sachbuch Allgemeinbildung und Praxis mit erzählerischen Elementen vermittelt werden, was eine bloße lexikalische Auflistung nicht bieten kann. Das Handbuch Lesen definierte 1999, beim Sachbuch handele es sich um einen »epischen« »geschlossenen Langtext«.11 Wie das Beispiel des Langenscheidt Verlags zeigt, sind die Grenzen jedoch fließend, und mit den »Tatsachenromanen«, den populären Biografien Emil Ludwigs oder Werner Hegemanns und vor allem der Reportageliteratur etablierten sich während der Weimarer Republik gleich mehrere Mischformen, die fiktionale und faktionale, literarische und »sachliche« Elemente vermengten.12 Ratgeber sind eine bestimmte Art von Sachbüchern, die sich als »Anleitung zur Lösung von Problemen oder praktischen Tätigkeiten anbieten.«13 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Begriff »Ratgeber« im Unterschied zum Sachbuch bereits weit verbreitet, es finden sich auch synonyme Formulierungen wie »Anweisung«, »Führer«, »Rat«, »Unterweisung« oder personalisierte Formen wie »Berater«, »Freund und Berater« oder »Lehrmeister«. Mit dem Sachbuch gemeinsam hat die Ratgeberliteratur die allgemein verständliche Darstellung und die fachliche Information zu einem klar umrissenen Themengebiet. Die explizierte Funktion eines Ratgebers liegt im praktischen 9 Vgl. Diederichs: Annäherungen an das Sachbuch, S. 1 – 37 – abrufbar auch unter http:// www2.hu-berlin.de/sachbuchforschung/MEDIA/abfdsbf/Arbeitsblaetter_Sachbuchforschung_ 18.pdf; Oels/Hahnemann: Einleitung, S. 7 – 17. 10 Vgl. Pollitz: Sachbuch und Fachbuch, S. 5; vgl. auch Ewert: Der Begriff Fachbuch, S. 454. 11 Dietrich Kerlen: Druckmedien In: Handbuch Lesen: Im Auftrag der Stiftung Lesen und der Deutschen Literaturkonferenz hrsg. von Bodo Franzmann u. a. München: Saur 1999, S. 240 – 280, hier S. 261 f. 12 Vgl. dazu Uecker, Matthias: Wirklichkeit und Literatur. Strategien dokumentarischen Schreibens in der Weimarer Republik. Oxford u. a.: Lang 2007; Kittstein, Ulrich: Mit Geschichte will man etwas. Historisches Erzählen in der Weimarer Republik und im Exil. Würzburg: Königshausen und Neumann 2006; Füssel: Belletristische Verlage, in diesem Band, S. 1 – 90. 13 So die Definition im Lexikon des gesamten Buchwesens, 2. Aufl., Bd. 6, S. 182.

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Nutzcharakter, d. h. er gibt Handlungsempfehlungen in konkreten Anwendungs- oder Alltagszusammenhängen. So werden häufig Sachbücher als Vermittler populärwissenschaftlicher Inhalte und Ratgeber als Anleitungsliteratur im stärker häuslichen und privaten Bereich definiert. Wobei auch hier festzuhalten ist, dass die Übergänge fließend sind und gleichzeitig die Art des Buchs wenig über seine tatsächliche Rezeption aussagt. So wie die Rezepte in Kochbüchern nur zum geringen Teil nachgekocht werden, führte die Selbstvervollkommnungsliteratur für Frauen (z. B. Der neue Haushalt 1926) und Männer (z. B. Sich selbst rationalisieren 1927) nicht zwangsläufig zu einer rationell geregelten Lebensführung.14

Das Lesepublikum Die Kriegsfolgen und die Inflationsjahre 1919 – 1923 veränderten vor allen Dingen die Lebensumstände des mittleren und unteren Bürgertums. Der industrielle Rationalisierungsprozess bevorzugte die großen finanzstarken Unternehmen und führte zu einem Rückgang der Selbständigen zugunsten der abhängig Beschäftigten. Für sie wurde das Festhalten an traditionellen bürgerlichen Werten und Bildungsmodellen durch die anwachsenden finanziellen Probleme zunehmend schwieriger oder musste sogar ganz aufgegeben werden. So entstand ein »neuer Mittelstand« mit dem Kern derer, die einst den Stand der »Gebildeten« ausgemacht hatten.15 Repräsentativ für diesen »neuen Mittelstand« waren die Angestellten, die gleichzeitig auch das erste Zielpublikum für Sachbücher und Ratgeber waren, da sie sich in der Hoffnung auf beruflichen Aufstieg durchaus mit Weiterbildungsliteratur, Schriften zur Selbstbildung, mit dem Sprachenerwerb bis hin zu Benimmregeln beschäftigten. Verlage, Sortimenter und Schriftsteller sahen sich einem neuen, potenziell populärwissenschaftlich interessierten Publikum gegenüber, das durchaus als »Massenpublikum« bezeichnet werden kann. Hinzu kamen die traditionellen Bildungsinteressen der Arbeiterbewegung selbst und der philanthropischen verbrämten »Volksbildung« des Bürgertums, die auch während der Weimarer Republik mit eigenen Verlagen, Bibliotheken und Institutionen einen bedeutenden Markt darstellten.16 Ebenso wie in der Belletristik die »Novitätensucht« beklagt wurde, so gab es bald auch auf dem Sachbuch-Markt zahlreiche Schnelldreher, die in hohen Startauflagen publiziert wurden.17 Populäre Biografien z. B. erreichten Auflagen von 100.000 bis 200.000 Exemplaren und gerade während der Inflation wurden auch hochwertige Sachbücher – Bildbände, Enzyklopädien, Atlanten, aufwändige wissenschaftliche Bücher oder bibliophile Ausgaben massenhaft gekauft – als wertbeständige Anlageobjekte. Zum Ende der Weimarer Republik experimentierten Verlage ebenso wie bei der Belletristik mit niedrigpreisigen Auflagen, die ihr Publikum als Masse erreichen sollten. Bezeichnend hierfür ist eine Bemerkung im Vorwort des Juristischen Konversa14 Vgl. Heimerdinger: Der gelebte Konjunktiv, S. 97 – 108. 15 Der Terminus »neuer Mittelstand« stammt von dem Soziologen D. Schmoller, der sich bereits um 1900 mit den Angestellten auseinandersetzte. Vgl. Bramke: Die Angestellten in der Weimarer Republik, S. 797. 16 Vgl. Langewiesche: Freizeit und »Massenbildung«, S. 223 – 247. 17 Brohm: Das Buch in der Krise, S. 263. Vgl. auch Gideon Reuveni: Reading Germany. Literature and Consumer Culture in Germany before 1933. New York, Oxford: Berghahn Books 2006.

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tionslexikons der Schwabacherschen Verlagsbuchhandlung, derzufolge das Buch »mit seinem Preise (2,85 RM) wirklich für alle Bevölkerungskreise erschwingbar sein solle«.18 Damit hatte auch das Sachbuch Anschluss gefunden an die Entwicklung, die in der schönen Literatur mit Knaurs Romanen der Welt zu 2,85 RM »in vornehmem Ganzleinenband und glänzender Austattung« 1927 wirkmächtig seinen Anfang genommen hatte.19 1931 brachte Knaur gar ein Konversationslexikon mit 35.000 Stichwörtern und 2.600 Abbildungen in knapp 1.900 Spalten erfolgreich zum gleichen Preis heraus.20 Verbunden mit diesem Anstieg der Titel- und Auflagenzahlen war die Notwendigkeit, Werbung für Bücher zu betreiben.21 Ein Verleger, der strategischer Verlagswerbung besondere Impulse gab, war Hermann Ullstein. Er vertrat die These, dass sich der Name eines Buches, einer Reihe, eines Verlages u. ä. durch massive Werbung im Unterbewusstsein festsetze.22 Die Sachbuchreihen des Ullstein Verlages wurden durch einen für die Zeit beispiellosen Werbeaufwand unterstützt, wobei sich das amerikanische Konzept der gereimten, meist humorvollen Werbesprüche als besonders erfolgreich erwies: wie z. B. »Selberschneidern – der Weg zu billigen Kleidern«, »Vom ObstEinmachen zu anderen guten Sachen« oder »Macht Euch endlich frei – von der Haushalt-Sklaverei!« Auch die persönliche Ansprache in Werbeanzeigen wurde zu einem Merkmal der Ullstein Reklame-Strategie: »Liebling lauf doch rasch und hole mir ein Ullstein-Buch. Du weißt, wie preiswert sie sind!«23 Die neuen Medien Film und Rundfunk wurden schnell als Werbekanäle für das Buch entdeckt, sei es durch Werbung auf der Leinwand oder durch das neuartige »Buch zum Film« oder den neuen Büchern über die Film-Stars.24 Auch bei den Sachbüchern bildete sich rasch ein Werbeverbund. So wurde in Kurt Floerickes »Wundertiere des Meeres« (1925) darauf hingewiesen, dass die Inhalte des Bandes auch als ein »packender« Lichtbildvortrag erhältlich seien.25 Und im Nachwort zu E. Aisbergs »Jetzt hab’ ich’s verstanden!« (1932) heißt es, dass der eigentliche Zweck des Buches darin besteht, neue Leser für die Zeitschrift Radio für alle zu werben.26 Die Werbeaktivitäten machen noch einmal deutlich, dass die zwanziger Jahre geprägt sind durch den Verlust der traditionellen Bücherkundschaft. Die allgemein den Buchmarkt verändernden Effekte wie Massenproduktion und »billige Bü18 Lehmann, Helmuth: Juristisches Konversationslexikon. Ein Nachschlagebuch des Deutschen Rechtes für alle Kreise. Berlin: Schwabachersche Verlagsbuchhandlung o.J. (1931), S. 1. 19 Füssel: Belletristische Verlage, in diesem Band, S. 1 – 90, hier S. 45 – 54. 20 Vgl. Fischer, Ernst: Marktorganisation. In Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte, S. 265 – 304, hier S. 295 f.; Keiderling, Thomas: Der Lexikonverlag. Ebd., S. 441 – 462, hier S. 451. 21 Vgl. Füssel: Das Buch in der Medienkonkurrenz, S. 333 f.; Reuveni: Reading Germany, S. 123 – 135. 22 Vgl. Ullstein: Aus Ullsteins großer Zeit, S. 140. 23 Ullstein: Aus Ullsteins großer Zeit, S. 140; Vgl. auch »Sei sparsam Brigitte, nimm UllsteinSchnitte!«. In: 125 Jahre Ullstein. Presse und Verlagsgeschichte im Zeichen der Eule. Hrsg. vom Axel Springer Verlag. Berlin: 2002, S. 54 – 61. 24 Füssel: Das Buch in der Medienkonkurrenz, S. 333. 25 Floericke, Kurt: Wundertiere des Meeres. Stuttgart: Cosmos, Gesellschaft der Naturfreunde 1925, S. 78. 26 Leser des Buchs bekamen bei einem Abonnement 2,00 RM auf den Bezugspreis gutgeschrieben, vgl. E. Aisberg: Jetzt hab’ ich’s verstanden! Was der Anfänger vom Radio wissen muß. 13. Auflage. Stuttgart: Franckh’sche Verlagshandlung 1932, S. 79.

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cher« wurden auch bei den Sachbüchern und Ratgebern erkennbar. Es verstärkte sich das Bedürfnis nach leicht konsumierbarer Unterhaltung, das von Radio und Film leichter befriedigt werden konnte als durch Bücher. Die Sachbuchverlage mussten sich auch auf diese Konkurrenzsituation einstellen, da sie mit anderen Medien und Aktivitäten um die knappe Freizeit der Menschen konkurrierten. Anhand einiger Beispiele lässt sich demonstrieren, wie sich die Verlagsarbeit auf diesem veränderten Sachbuch- und Ratgebermarkt gestaltete und welche Strategien verfolgt wurden.

Der Julius Springer-Verlag Der Julius Springer-Verlag war in den 1920er Jahren der führende Wissenschaftsverlag.27 Seine Schwerpunkte lagen in den Bereichen Medizin, Biologie, Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen, Rechts-, Staats- und Wirtschaftswissenschaften. Der Verlag wurde seit 1907 von den Enkeln des Firmengründers Ferdinand (1881 – 1965) und Julius Springer (1880 – 1968) geleitet. Die Cousins teilten die Zuständigkeitsbereiche; Ferdinand widmete sich vornehmlich der Medizin und den Naturwissenschaften und Julius betreute den ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Während andere wissenschaftliche Verlage ihre Produktion in der Inflationszeit 1918 bis 1923 um mindestens 60 % drosseln mussten, konnte der Springer-Verlag als einziger seine Produktion sogar noch ausweiten.28 Angesichts dieser expansiven Entwicklung erschien es nur folgerichtig, dass der auf vielen Gebieten führende wissenschaftliche Verlag der Weimarer Republik das Fachwissen seiner Autoren nicht nur in wissenschaftlichen Publikationen verbreiten, sondern auch in populärwissenschaftlichen Werken weiterverwerten und für ein breiteres Publikum zugänglich machen wollte. Der Verlag befasste sich jedoch nur in Einzelfällen mit populärwissenschaftlicher Literatur. Als erstes Sachbuch der Weimarer Zeit erschien 1920 im Verantwortungsbereich Julius Springers Die Relativitätstheorie Einsteins und ihre physikalischen Grundlagen. Gemeinverständlich dargestellt29 von Max Born. Damit machte sich der Verlag die seit 1919 einsetzende »Einsteineuphorie« zunutze. 30 Der Physiker Born (1882 – 1970) hatte an der Universität Göttingen gegen eine geringe Gebühr allgemeinverständliche Vorträge über Einsteins Theorie angeboten und da diese immer überfüllt waren, beschloss er – nicht zuletzt aus eigenem finanziellen Interesse – die Vorträge in Buchform zu veröffentlichen.31 Da man den Höhepunkt der Nachfrage nutzen wollte, erschien das Buch im September 1920 unter enormem Zeitdruck als 27 Vgl. den Artikel von Ute Schneider: Der wissenschaftliche Verlag, in Teilbd.1, S. 379 – 440, hier S. 394 – 396. 28 Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 243. 29 Max Born: Die Relativitätstheorie Einsteins und ihre physikalischen Grundlagen. Gemeinverständlich [ab 2. Auflage Elementar] dargestellt. Berlin: Springer 1920 (Nachauflagen: 1921, 1922, 1964, 1969, mehrfach nachgedruckt bis 1988). 30 Holl: Produktion und Distribution wissenschaftlicher Literatur, S. 70; vgl. Walter Wetzels: Relativitätstheorie gemeinverständlich: Techniken populärwissenschaftlicher Didaktik am Beispiel Albert Einsteins. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 10 (1980), S. 14 – 23. 31 Vgl. Holl: Produktion und Distribution wissenschaftlicher Literatur, S. 83.

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dritter Band einer Monografiensammlung zur Fachzeitschrift Die Naturwissenschaften. Deren Herausgeber, der Physiker Arnold Berliner (1862 – 1942), hatte es sich ursprünglich zur Aufgabe gemacht, dem Forscher außerhalb seines eigenen Fachgebiets einen Überblick über die Naturwissenschaften zu geben. Das Zielpublikum waren also Wissenschaftler, die sich mit einer Nachbardisziplin auseinandersetzen wollten.32 Die Produktion für nicht universitär vorgebildete Leser war Neuland für den Springer-Verlag. Das Buch erwies sich als sehr erfolgreich; wenige Monate nach seinem Erscheinen war es bereits vergriffen. Eine neue Auflage erschien im Sommer 1921, die dritte 1922. Parallel dazu gab es bereits Lizenzausgaben in französischer, englischer und italienischer Sprache.33 Trotz des Erfolgs unternahm Julius Springer erst nach der Inflation mit der Reihe »Verständliche Wissenschaft« einen Anlauf zur regelmäßigen Publikation populärwissenschaftlicher Werke, für die er den Zoologen und Springer-Autor Richard Goldschmidt (1878 – 1958) als Herausgeber gewinnen konnte. Goldschmidt hatte neben anerkannten wissenschaftlichen Erfolgen auch ein Talent dafür, komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen. 34 Ende Oktober 1927 erschien Karl von Frischs (1886 – 1982) Aus dem Leben der Bienen als erster Band der Reihe, dem folgten zwei Schriften Goldschmidts als Bände zwei und drei.35 1928 konnte nur ein Titel veröffentlicht werden. Aufgrund des Umfangs und der hohen Ausstattungskosten musste der Preis für 160 Seiten auf 4,80 RM statt der ursprünglich kalkulierten 4,50 RM erhöht werden. Bei der angesetzten 5.000er Auflage wurden damit gerade die Herstellungskosten gedeckt. Einen Verlagsgewinn hätte nur eine zweite Auflage bringen können, doch diese erreichten von den bis 1943 verlegten 48 Bänden nur vier.36 Problematisch für die Verbreitung von Sachbüchern war die besondere Vertriebsstruktur des Springer-Verlags. Die Erfordernisse der Distribution populärwissenschaftlicher Literatur standen dem allgemeinen Buchmarkt näher als dem wissenschaftlichen. Denn im Gegensatz zum allgemeinen war der wissenschaftliche Buchmarkt genau umrissen. Dadurch, dass Autoren und Leser sich in demselben wissenschaftlichen Netzwerk bewegten, waren persönliche Bindungen entscheidend. Die Verleger hatten oft engeren Kontakt zu den Lesern als zum Sortiment. Springer erreichte 40 % seines Umsatzes im Direktvertrieb.37 Da sich der Kundenkreis weitgehend in den Universitätsstädten sammelte, war für den Handel mit wissenschaftlichen Werken kein feinmaschiges Netz von Buchhandlungen notwendig. Springer z. B. wickelte zu dieser Zeit 90 % seines Umsatzes mit 319 Firmen ab, während Publikumsverlage in der Regel ein Vielfaches davon zu ihrem Abnehmerkreis zählten.38 Mit besseren Rabatten und Lieferbedingungen für die Sortimenter, die sich für Springer einsetzten, und

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Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 192. Vgl. Sarkowski, S. 268. Vgl. Sarkowski, S. 189. Die Lehre der Vererbung und Einführung in die Wissenschaft vom Leben; vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 291. 36 1952 wurde die Reihe wieder aufgenommen, 1991 lag der 118. Band vor; vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag S. 290 – 293. 37 Vgl. Holl: Produktion und Distribution wissenschaftlicher Literatur, S. 41. 38 Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 288 – 289.

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durch die Nutzung wissenschaftlicher Vereinigungen für zielgerichtete Werbung konnte Springer seinen Absatz im wissenschaftlichen Bereich effizient steuern.39 Wenn ein wissenschaftlicher Verlag ein Buch für den allgemeinen Markt produzieren wollte, hatte er, wie das Beispiel Springer zeigt, gravierende Schwierigkeiten zu überwinden: Der allgemeine Buchmarkt war für Springer relativ fremd, er hatte vorher nahezu keine Kontakte zum allgemeinen Publikum und er konnte nicht auf sein effizientes Werbe- und Verbreitungssystem zurückgreifen. Publikumsverlage hatten ihre Kunden nicht wie der wissenschaftliche Verlag in wenigen Städten gesammelt, sondern über den ganzen deutschsprachigen Raum verteilt.40 Der Verlag musste anders kalkulieren. Während er auf den wissenschaftlichen Buchhandel aufgrund seiner Marktstellung einen gewissen Einfluss ausüben konnte, existierten im allgemeinen Buchhandel andere Usancen. Hier waren die Buchhändler Rabatte von 40 – 50 % gewohnt, die auf dem wissenschaftlichen Markt nicht durchzuhalten gewesen wären.41 Außerdem war das allgemeine Publikum passiver als der wissenschaftliche Leser, was sein Engagement betraf, sich über Neuerscheinungen auf dem Laufenden zu halten. Publikumsverlage mussten daher viel stärker mit Werbung und Vertriebsförderung – z. B. durch Vertreter – arbeiten, um dieses Publikum auf sich aufmerksam zu machen.42 Dagegen war es für den einzelnen Wissenschaftler unerlässlich, der aktuellen Fachdiskussion zu folgen. Das Fachpublikum eines streng wissenschaftlichen Verlegers brachte folglich eine gewisse Erwartungshaltung und Eigeninitiative mit, sich regelmäßig über die aktuellen Publikationen zu informieren. Ein weiteres Problem ergab sich aus dem zusätzlichen Arbeitsaufwand, der im Verlag anfiel. Die allgemein verständliche Aufbereitung wissenschaftlicher Themen war eine anspruchsvolle Tätigkeit, die die intensive Mitarbeit eines Lektorats erforderte. Neben der didaktischen Aufbereitung der Inhalte standen auch die Anforderungen an Abbildungsquantität und -qualität, Format, Papier, Typografie und nicht zuletzt an die Titelgestaltung unter anderen Gesichtspunkten als bei einem wissenschaftlichen Werk.43 Denn im Gegensatz zum wissenschaftlichen Fachbuch, an dem in erster Linie der wissenschaftliche Erkenntnisgehalt interessiert44, musste das allgemeine Publikum erst zum Kauf eines Sachbuchs animiert werden, d. h. neben dem Inhalt mussten auch die Ausstattung und ein »griffiger« Titel einen Kaufanreiz bieten. Julius Springer versuchte dies zu berücksichtigen und plante für die Reihe »Verständliche Wissenschaft« ein kleineres, handlicheres Format als das der übrigen Springer-Titel, allerdings auf Kosten der 39 Vgl. Holl: Produktion und Distribution wissenschaftlicher Literatur, S. 41 u. 138. 40 Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 289. 41 Daher kalkulierte Julius Springer 1927 für die Reihe »Verständliche Wissenschaft« ein niedrigeres Autorenhonorar ein, als sonst bei ihm üblich war, um dafür einen Sortimentsrabatt von mindestens 40 % zu ermöglichen. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 290. 42 Vgl. Sarkowski, S. 289. 43 Vgl. Sarkowski, S. 289. 44 Sicher gab es auch bei Fachbüchern hohe Anforderungen an die Qualität der Ausstattung, z. B. eine gewisse Robustheit und Langlebigkeit, da die Bücher vielfach im Lehrbetrieb eingesetzt wurden, doch war die bei Springer übliche Ausstattung zwar solide, aber standardisiert, zweckmäßig und in der Gestaltung reduziert auf das Wesentliche. Die Typografie folgte den für wissenschaftliche Werke der Zeit üblichen Modellen und war weitgehend einheitlich. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 307 – 309.

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Schriftgröße. Den durchaus relevanten Aspekt der Lesefreundlichkeit bei Sachbüchern vernachlässigte er damit. Der Verleger las nun auch die eingehenden Manuskripte, was er vorher selten getan hatte, er nahm zu jedem Manuskript Stellung, korrigierte – wenn nötig – den Schreibstil des Autors und achtete auf die für Wissenschaftler nebensächliche »Modernität« der Sprache. Heinz Sarkowski stellt heraus, dass sich in diesem Vorgehen das persönliche Interesse Julius Springers an der Herausgabe einer populärwissenschaftlichen Reihe spiegelte.45 Aber dessen ungewohnt weitgehende Eingriffe in die Werke zeigen auch, dass der Verleger fürchtete, in der Fachwelt seinen Ruf als renommierter Wissenschaftsverlag zu verlieren und dass der Balanceakt zwischen wissenschaftlichem Niveau und Gemeinverständlichkeit großen verlegerisch lenkenden Aufwand erforderte. Das offensichtlichste Problem war die Schwierigkeit der Wissenschaftler, für komplizierte Sachverhalte eine allgemein verständliche Form zu finden. Trotz intensiver Bemühungen des Verlegers und des Herausgebers konnten daher kaum »typische« Springer-Autoren zur Mitarbeit gewonnen werden.46 Sarkowski betont, dass sich in der Weimarer Republik nicht viele Wissenschaftler der zeitintensiven Herausforderung stellten, komplizierte Sachverhalte einem größeren Publikum zugänglich zu machen,47 und überhaupt Bedenken hatten, an Akzeptanz in der Fachwelt zu verlieren, wenn sie sich auf das Niveau einer breiteren Leserschaft stellten. Diese Problematik trat im Verlagsbereich der technischen Wissenschaften verstärkt auf, denn Ingenieure waren noch seltener zum Abfassen wissenschaftlicher Arbeiten zu bewegen als Naturwissenschaftler; und selten auch bedienten sie sich eines flüssigen, gut lesbaren Schreibstils. Unkenntnis oder Fehleinschätzung der Honorarmöglichkeiten hatten zusätzlich negativen Einfluss auf ihre Bereitschaft zur Veröffentlichung von Sachliteratur. Eine Ausnahme bildete der Diplomingenieur Eugen Nesper.48 Er bot dem Verlag im Februar 1923 ein gemeinverständliches Werk zur Radiotechnik an, das sich nach Angaben des Autors von den zahllosen bereits erschienenen Schriften durch seine »wissenschaftliche Zuverlässigkeit«49 unterschied. Der Autor konnte Ferdinand Springer sogar dazu überreden, am Ende des Buchs Fremdanzeigen von »Radiogesellschaften« zu platzieren, um durch die Einnahmen den Verkaufspreis niedrig zu halten; ein bis dahin im Springer-Verlag noch nicht geübtes Verfahren. Damit reagierte der Verlag auf die Werbeflächen in anderen Titeln zu diesem Thema. Bei Verlagen mit mehr Erfahrung im populärwissenschaftlichen Markt wie der Franckh’schen Verlagshandlung war diese Vorgangsweise bereits üblich. Im Konkurrenzprodukt zu Springers Werk, dem Prakti-

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Vgl. Sarkowski, S. 291. Vgl. Sarkowski, S. 292 f. Vgl. Sarkowski, S. 289. Nesper hatte seine erste Arbeit bereits 1905 mit mäßigem Erfolg bei Springer veröffentlicht. Das im Juni 1921 erschienene, aufwendig ausgestattete Handbuch der Drahtlosen Telegraphie und Telephonie von Eugen Nesper mit über 1.000 Seiten war bereits nach 18 Monaten in einer Auflage von 2.000 Exemplaren ausverkauft. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 300, 398, Anm. 60. 49 Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 300.

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schen Radioamateur,50 finden sich im Anhang 20 Fremdanzeigen von Rundfunkzubehör-Herstellern. Nespers gemeinverständliche Darstellung Der Radio-Amateur war anfangs ein großer Erfolg: Das Werk erschien am 10. August 1923 in einer Auflage von 3.000 Exemplaren rechtzeitig, bevor im Oktober der Berliner Radiosender im Vox-Haus in der Potsdamer Straße sein Programm aufnahm. Ende des Monats waren 1.600 Exemplare verkauft, eine 2. Auflage aus dem Dezember war im Januar 1924 vergriffen. Mit der dritten und der im Mai 1924 vergriffenen vierten Auflage waren 20.000 Exemplare innerhalb kürzester Zeit abgesetzt. Dies war für Springer absoluter Absatzrekord. Außerdem konnten allein durch die Anzeigenerlöse zwischen 40 – 50 % der Herstellungskosten gedeckt werden.51 Aber schnell machte sich Springers mangelhafte Ausstattung für den Sachbuchmarkt auch hier bemerkbar: Als die Konkurrenz innerhalb kürzester Zeit mit ähnlichen Publikationen nachzog,52 forderte Nesper nachdrücklich weitere Werbemaßnahmen sowie die Platzierung der parallel zum Buch erscheinenden Zeitschrift Der RadioAmateur im Straßenverkauf. Dem Aufwand war Springer nicht gewachsen; ab Mai 1924 ging der Verkauf des Radio-Amateur-Buchs zurück und wurde für den Verlag unrentabel.53 Lieferschwierigkeiten bei der sechsten Auflage und eine erneut notwendig gewordene Preiserhöhung ließen den Absatz gegen Null tendieren. Auch weitere Aktivitäten54 zur Veröffentlichung von Literatur für Radioamateure waren nicht erfolgreich, da durch die seit 1925 immer preisgünstiger und perfekter werdenden serienmäßig hergestellten Radios die »Bastlerwelle« allmählich abebbte. In der Tat bedurfte es zur Veröffentlichung populärwissenschaftlicher Bücher neben eingehendem Fachwissen auch eines hohen Aufwands und didaktischer Fähigkeiten, um ein heterogenes Massenpublikum zu erreichen. Dieses konnten Verlage wie der Springer Verlag, deren Werbestrategien und Absatzmethoden traditionell auf gut überschaubare Abnehmerkreise gerichtet waren, nicht leisten. Genau genommen ist Springer nur bei aktuellen Themen, an denen sowieso großes Interesse herrschte, erfolgreich in den Markt für Sachliteratur eingestiegen, nämlich bei der Relativitätstheorie und bei der Radiotechnik. Außerdem kamen die Anreize eher von außen, von engagierten und

50 Hanns Günther [W. de Haas] und Franz Fuchs: Der praktische Radioamateur. Das ABC des Radiosports zum praktischen Gebrauch für Jedermann. 56. – 75. Tsd. Stuttgart: Franckh’sche Verlagshandlung 1924 (Wege zur Praxis). 51 Ebenfalls unter der Regie von Nesper erschien parallel zum Buch eine Zeitschrift mit dem gleichen Titel, die im Januar 1924 bereits 10.000 Abonnenten hatte. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 301. 52 Kurz hintereinander veröffentlichten Ullstein, Scherl, die Franckh’sche Verlagshandlung und die Deutsche Verlags-Anstalt Rundfunkbücher, die einander in Ausstattung und Preisgünstigkeit überboten. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 301. 53 Die fünfte Auflage kostete nur noch 8 statt 11 Mark, der Autor erhielt inzwischen 12,5 % Honorar, die Wiederverkaufsrabatte lagen bei 40 % und der Werbeetat war außerordentlich hoch. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 302. 54 1925 gründete Nesper die Bibliothek des Radio-Amateurs, die es in kürzester Zeit auf 32 Hefte brachte. Der anfangs gute Vertrieb erfolgte auch über Radiogeschäfte, wo man die Bastler am ehesten erreichte. 1927 wurde die Bibliothek an die Weidmann’sche Buchhandlung verkauft. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 303.

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schreibbegabten Autoren wie Max Born und Eugen Nesper, welche die Anforderungen an ein Buch für den Massenbedarf deutlicher sahen als ihre Verleger.55 Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass wissenschaftliche Autoren mit einem populärwissenschaftlichen Manuskript nicht zu einem Wissenschaftsverlag gingen, sondern die Veröffentlichung in einem Publikumsverlag vorzogen. Wie erfolgreich diese Strategie war, zeigte sich z. B. bei Karl von Frischs Du und das Leben. Eine moderne Biologie für Jedermann, die ab 1936 bei Ullstein in schließlich mehreren hunderttausend Exemplaren verkauft wurde56, während sein bereits erwähntes Buch Aus dem Leben der Bienen bei Springer nur mäßigen Erfolg hatte.

Die Franckh’sche Verlagshandlung Schon seit längerem erfolgreich auf dem Markt für Sachbuch- und Ratgeberliteratur tätig war die Franckh’sche Verlagshandlung in Stuttgart. Diese Erfolgsgeschichte hatte bereits 1904 mit der Gründung der Buchgemeinschaft Kosmos. Gesellschaft der Naturfreunde57 eingesetzt. Deren populärwissenschaftliches Sachbuchprogramm wurde in der Weimarer Republik sehr erfolgreich weitergeführt und ausgebaut. Mit der Buchgemeinschaft hatte der Verlag Anfang des 20. Jahrhunderts auf den »Nachholbedarf in naturwissenschaftlicher Allgemeinbildung«58 reagiert. Das Konzept des Abonnements des Kosmos. Handweiser für Naturfreunde,59 einer in Preis und Inhalt für jedermann zugänglichen, populärwissenschaftlichen Zeitschrift, in Verbindung mit weiteren Vergünstigungen und »gemeinschaftsstiftenden Veranstaltungen«,60 erwies sich als so erfolgreich61, dass der Verlag in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts seinen Schwerpunkt von schöngeistiger Literatur und enzyklopädischen Wissenschaften auf die populären Wissenschaften, Jugendschriften, Tierbücher und Reisewerke verlagerte.62 Damals entstand auch der Gedanke von Buchbeigaben. Erst wurden mit der Zeitschrift fünf, später vier Kosmos-Bändchen63 jährlich ausgeliefert, an denen führende Naturwissenschaftler und Forscher mitgearbeitet hatten. In der Weimarer Republik 55 Nesper hatte auch schon versucht, Springer zur Verlegung der Hirschwald’schen Buchhandlung Unter den Linden auf die andere Seite zu überreden, da dort die bessere Laufseite sei. Dieses kundenorientierte Denken war Springer fremd. Vgl. Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 301. 56 Vgl. Sarkowski, S. 288. 57 Vgl. Jäger: Sachbuch- und Ratgeberverlage, S. 509. 58 Vgl. Jäger, S. 509. 59 Vgl. 50 Jahre Kosmos, S. 49; vgl. auch Martin Kersting: Kosmosbändchen. In: Aus dem Antiquariat (2000) H. 8, S. A 503 – A 509. 60 Jäger: Sachbuch- und Ratgeberverlage, S. 511. 61 Das erfolgreiche Konzept wurde auch auf andere Themenkomplexe übertragen. So etwa wurde 1905 der Verein der Geschichtsfreunde mit der Zeitschrift Der Geschichtsfreund und eigener Buchgemeinschaft gegründet. In der Folge entstanden weitere Zeitschriften zur Geschichte, Natur und Erziehung. Vgl. 50 Jahre Kosmos 1953, S. 55. 62 Vgl. Franck’sche Verlagshandlung Stuttgart, S. 23. 63 Da das Firmenarchiv im Zweiten Weltkrieg weitgehend vernichtet wurde, lässt sich heute nur noch feststellen, dass zwischen 1907 und 1957 3.088 verschiedene Werke erschienen, eine Schätzung über die genaue Anzahl der Exemplare ist nicht möglich. Vgl. Franck’sche Verlagshandlung Stuttgart, S. 34.

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verfügte die Gemeinschaft über 200.000 Mitglieder.64 Nach dem Ersten Weltkrieg ergänzte eine eigene Lehrmittelabteilung die Literatur durch Kosmos-Baukästen, Lernspielzeuge und -arbeitskästen zu den verschiedensten Themen sowie durch weitere preisgünstige Forschungsmittel wie Sternkarten, Globen, Fernrohre, Mikroskope usw. Neben den Kosmos-Bändchen erschien im Verlag eine Reihe weiterer »volkstümlich« geschriebener, naturwissenschaftlicher Handbücher und Monografien, die zum Teil auch in der Fachwelt als Standardwerke akzeptiert wurden.65 Nachdem sich bereits einzelne Themengebiete mit zunehmender Bedeutung von der Kosmos-Reihe abgespalten und verselbständigt hatten, wurden in der Weimarer Republik vor allem die Radiotechnik, die Automobil- und Motorentechnik und die Fotografie zu den maßgeblichen Themen der populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen. Der Titel Photographieren leicht gemacht! Für Anfänger66 beispielsweise erreichte 1930 seine 145. Auflage. Vielfach lag die Startauflage der Titel des Verlags bei 5.000 Exemplaren.67 Selbst wenn man nur eine Anzahl von 1.000 Exemplaren pro Folgeauflage annimmt, ergibt sich ein beeindruckender Verkaufserfolg. Neben der 1924 gegründeten Zeitschrift Radio für Alle entwickelte sich die Monografie Der praktische Radioamateur68 zu einem Standardwerk für interessierte Laien.69 Im Oktober 1923 wurden die ersten 10.000 Stück des Buchs abgesetzt, im März 1924 waren 55.000 Exemplare vergriffen.70 1925 wurde das Buch in den Wöchentlichen Verzeichnissen mit dem Zusatz »76. – 85. Tausend« angezeigt.71 Insgesamt erschienen 1925 in der Franckh’schen Verlagshandlung allein 24 Titel zur Radiotechnik. Parallel zum populärwissenschaftlichen Sachbuch kam ab 1926 auch Ratgeberliteratur zur Haushaltsführung heraus.72 Gemeinsam mit den praktischen Ratgebern zu Haustieren und zur Pflanzenzucht und -pflege wurde damit ein breites Spektrum häuslicher Aktivitäten abgedeckt. Auch diese Titel erwiesen sich als außerordentlich erfolgreich: Erna Meyers Der neue Haushalt. Ein Wegweiser zu wirtschaftlicher Hausführung erschien 1930 bereits in 38. Auflage73 und Hilde Zimmermanns Haus und Hausrat. Ihre Entstehung, Bewertung und Erhaltung. Ein Leitfaden für hauswirtschaftliche Schulen und Hausfrauen im selben Jahr in 22. Auflage.74 Wie sehr sich der Verlag darüber hinaus »am Puls der Zeit« orientierte, zeigt ein weiterer Programmschwerpunkt, der auf den ersten Blick nicht ins thematische Spektrum des Verlags passte: die Sportliteratur.75 Ab 64 Vgl. 50 Jahre Kosmos, S. 50. 65 Vgl. 50 Jahre Kosmos, S. 53 f. 66 A. Stühler und K. Wagner: Photographieren leicht gemacht! Für Anfänger. 145. Auflage. Stuttgart: Franckh 1930. 67 In den Wöchentlichen Verzeichnissen ist den Auflagenangaben vielfach der Zusatz »1. – 5. Tausend«, »6. – 10. Tausend« usw. beigefügt. 68 Günther, Fuchs: Der praktische Radioamateur. 69 Vgl. 50 Jahre Kosmos 1953, S. 53. 70 Vgl. Günther, Fuchs: Der praktische Radioamateur, S. 5. 71 Zitiert nach den Wöchentlichen Verzeichnissen 1925, S. 1114. 72 Vgl. 50 Jahre Kosmos, S. 54. 73 Nach den Wöchentlichen Verzeichnissen, 1930, S. 396. 74 Nach den Wöchentlichen Verzeichnissen, 1930, S. 26; vgl. dazu auch Ulrike Baureithel: Die geistige Selbstbehauptung der Hausfrau. Haushaltsratgeber und die Rationalisierung des Privaten in der Weimarer Republik. In: Non Fiktion 2 (2007) 1, S. 20 – 33. 75 Vgl. 50 Jahre Kosmos, S. 54.

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1919 dehnte sich die Franckh’sche Verlagshandlung durch Kauf, Gründung von Tochterverlagen und Beteiligungen weiter aus. 1922 startete die Tochterfirma Dieck & Co. mit den Schwerpunkten Sport, Technik, Geschichte, Länder- und Völkerkunde.76 Von den 284 Sportbüchern in den Wöchentlichen Verzeichnissen des Jahres 1925 stammen allein 94 Publikationen aus dem Dieck-Verlag.77 Die Themenvielfalt der Franckh’schen Verlagshandlung belegt, dass hinter dem Programm das Konzept stand, möglichst viele Lebensbereiche des Publikums mit Ratgebern und Sachbüchern abzudecken. Dabei orientierte sich der Verlag an den zeitaktuellen Bedürfnissen seiner Leser und suchte darauf aufbauend »lohnende« Themen; im Kaiserreich war das vorwiegend die populäre Vermittlung wissenschaftlicher Sachverhalte, in der Weimarer Republik vor allem Technik und Sport.78 Dass der Verlag mit dieser Strategie ein Massenpublikum erreichte, beweisen die Auflagenzahlen. Die hohen Auflagen der populärwissenschaftlichen Titel zur Tier- und Pflanzenwelt, zur Astronomie, zum Menschen in seiner Umwelt, zur Heimatkunde und zur Umwelt79 zeigen aber auch, dass viele der in der Kaiserzeit populären Themen auch dem Geschmack des gewandelten Lesepublikums der Weimarer Republik entsprachen. Die bürgerlichen Präferenzen für Sachliteraturthemen übertrugen sich folglich auf die »neuen« Leser. Daher ist es wahrscheinlich, dass die meisten Kunden dieses Verlags aus dem »neuen Mittelstand« kamen. Doch darauf beschränkte sich die Franckh’sche Verlagshandlung nicht. Sie verfolgte die großen kulturellen und gesellschaftlichen Bewegungen der Zeit wie Sport und Radiotechnik und erkannte den Erklärungs- und Vertiefungsbedarf, der daraus entstand. Um den praktischen Nutzen und die Anwendbarkeit des vermittelten Wissens zu erhöhen, erstellte der Verlag die Sachliteratur begleitende Lehrmaterialien. Dadurch wurde der vermittelte Sachverhalt noch anschaulicher, Buch und Arbeitsmaterial beförderten einander wechselseitig in ihren Absatzmöglichkeiten.

Ullstein AG Einen völlig anderen Zugang zur Sachliteratur hatte die Ullstein AG in Berlin, da ihr originäres Arbeitsumfeld nicht der Buchmarkt, sondern der Markt für Tagespresse, Wochenillustrierte und Zeitschriften war. Das Unternehmen hatte sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu einem gewaltigen Pressekonzern entwickelt, der sehr erfolgreich Tages- und Wochenzeitungen im ganzen Reichsgebiet verbreitete.80 1927, zum fünfzigjährigen Jubi76 Vgl. ebd., S. 66. 77 Inkl. Neuauflagen. Dazu kamen noch zahlreiche Anschauungsbilder, die aufgrund ihrer geringen Seitenzahl nicht zu den Büchern gezählt wurden. 78 Vgl. zum 19. Jahrhundert: Andreas W. Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848 – 1914. München: Oldenbourg 1998. 79 Z. B. Francé, Raoul H.: Das Liebesleben der Pflanzen. 30. Auflage. Stuttgart: Franckh 1930.; Meyer, Max W.: Kometen und Meteore. 28. Auflage. Stuttgart: Franckh 1925; Teichmann, Ernst: Vom Leben und vom Tode. Ein Kapitel aus der Lebenskunde. 24. Auflage. Stuttgart: Franckh 1925 (Auflagenzahlen sämtlich nach den Wöchentlichen Verzeichnissen). 80 Mit der B. Z. am Mittag brachte der Verlag 1904 das erste deutsche Boulevardblatt heraus, 1911 erschien z. B. die Berliner Illustrirte Zeitung in einer Auflage von einer Mio. Exemplaren. Vgl. Das Verlagshaus Ullstein & Co., S. 648.

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läum, konnte der Konzern das damals größte und modernste Druck- und Verlagsgebäude Europas einweihen. Mit 12.000 Angestellten und einem Aktienwert von 60 Millionen RM stand das Unternehmen auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung.81 Im 1903 gegründeten Ullstein Buchverlag war anfangs ausschließlich Sachliteratur erschienen, erst 1910 wurden auch belletristische Titel in das Programm aufgenommen.82 Dieser Verlag war also bereits als Ratgeber- und Sachbuch-Verlag entstanden, während sowohl der Springer-Verlag als auch die Franckh’sche Verlagshandlung erst wissenschaftliche bzw. belletristische Buchtitel publiziert und ihr Programm dann um die Sachliteratur erweitert hatten. Die Motive für die Gründung des Buchverlags waren kommerzieller Natur. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht schien es sinnvoll, die in den hauseigenen Periodika erscheinenden Fortsetzungsromane, populärwissenschaftlichen Artikelserien und diversen Ratgeber-Rubriken in Buchform weiterzuverwerten und vorhandene Produktions-, Distributions- und Werbekapazitäten noch besser auszulasten.83 Die Buchproduktion bei Ullstein spielte daher innerhalb des Hauses eine Rolle nur im Rahmen der Verwertungskette. In jedem Fall musste sie einen Bezug zu den Periodika des Verlags aufweisen, war also in erster Linie auf den Interessentenkreis der Zeitungsleser ausgerichtet. Gleichzeitig nobilitierte die Dauerhaftigkeit des Buchs die für die Tages- und Wochenpresse entstandenen Texte. Autoren und Publikum gleichermaßen gelangten durch das Buch in die Nähe der legitimen Kultur. Der wohl wichtigste Unterschied zu den bisher vorgestellten Verlagen war ein im Vergleich zu den reinen Buchverlagen »entspanntes« Verhältnis der Ullstein AG zum Buch als »Ware«. Der Charakter des Buchs als Kulturgut und -träger, von dem die meist bürgerlichen Verleger und Buchhändler ihr berufliches Selbstverständnis ableiteten, blieb in der Ullstein AG außen vor. Ein Anhaltspunkt für diesen in den Augen der meisten Buchverleger »respektlosen« Umgang mit dem Buch ist die Tatsache, dass mit Otto Krüger ein Vertriebsleiter eingestellt wurde, der vorher als Verkaufsleiter für Maggi-Suppen tätig gewesen war.84 Daneben war auch der Umgang mit den im Buchverlag eher seltenen hohen Auflagen für den Pressekonzern weniger ungewöhnlich, da selbst die späteren 100.000er Auflagen der Ullstein-Reihen verglichen mit den Auflagenzahlen der hauseigenen Zeitungen85 relativ klein erschienen. Ullstein veröffentlichte den größten Teil seiner Buchpublikationen in Reihen. Diese Idee war nicht neu, bereits 1910 hatten »mehrere hundert erfolgreiche Reihen auf dem deutschen Buchmarkt, populärwissenschaftlicher wie literarischer Art«, existiert.86 Statt für einen Einzeltitel wurde immer für die ganze Reihe geworben, was zu einer erheblichen Kostenersparnis führte; nicht das einzelne Buch, sondern die Reihe wurde zum »Markenartikel«. Die Bände der Ullstein-Reihen waren einheitlich ausgestattet, so dass 81 Vgl. Davidis: Bertolt Brecht und der Ullstein Verlag, S. B148. Zu den Ursprüngen der Sachbuchproduktion bei Ullstein vgl. auch Oels: Von Eulen und Enten. 82 Schneider: Die »Romanabteilung« im Ullstein Konzern der 20er und 30er Jahre, S. 97; vgl. auch dies.: Der Buchverlag in der perfektionierten Verwertungskette. In: 125 Jahre Ullstein, S. 46 – 53; vgl. den Beitrag Füssel: Belletristische Verlage, in diesem Band, S. 57 – 65. 83 Vgl. Davidis: Bertolt Brecht und der Ullstein Verlag, S. B148. 84 Vgl. Ullstein: Aus Ullsteins großer Zeit, S. 141. 85 Pro Jahr erschienen 350 Mio. Exemplare Zeitungen und 115 Mio. Exemplare Zeitschriften. Vgl. Schneider: Die »Romanabteilung« im Ullstein Konzern der 20er und 30er Jahre, S. 93. 86 Schneider, S. 97.

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die Rüstzeiten der Druckmaschinen und damit die Produktionskosten auf ein Minimum reduziert werden konnten. Nur bei Auslastung der Druckkapazitäten und der Verteilung der fixen Herstellungskosten auf eine möglichst große Zahl gleich ausgestatteter Titel konnten die günstigen Verkaufspreise, die das Hauptcharakteristikum der UllsteinReihen waren, realisiert werden. Die einheitliche Ausstattung erhöhte nicht nur den Wiedererkennungseffekt beim Kunden und veranlasste ihn zum regelmäßigen Kauf von Reihen-Titeln87, sondern war auch mit erheblichen Kostenvorteilen verbunden. Bereits vor der Gründung des Buchverlags war »Ullstein’s Sammlung praktischer Hausbücher« erschienen, die Themen aus den hauseigenen Zeitungen und Zeitschriften aufgriff und deren Inhalte vertiefte. Die preiswerten Bände behandelten in allgemeinverständlicher Weise vor allem Rechtsfragen, daneben aber auch Wirtschafts- und Finanzfragen, Berufswahl, Elektrizität, Fotografie, Haustier- und Pflanzenzucht, ebenso Kinderund Schönheitspflege. Durch die hauseigenen Zeitschriften für Hausfrauen und das gehobene weibliche Publikum der städtischen Gesellschaft (Die Dame88) war ein enger Bezug zur Haushaltsratgeber-Literatur entstanden. Für Das Blatt der Hausfrau unterhielt der Verlag eine eigene Moden-Abteilung mit 50 Schneiderinnen.89 Ein großer Erfolg wurde die Einführung von Standardschnittmustern in den Stoffabteilungen der Kaufhäuser. Denn erst die Schnittmuster machten den Kauf von Stoffen attraktiv für die Kundinnen. Mit mehreren Reihen bediente der Verlag im Folgenden auch den Bedarf an Ratgeberliteratur für (Haus-)Frauen: Von den Handarbeits- und Schneiderbüchern erschienen bis 1922 vier Titel. Ab 1923 erschienen die Ullstein-Schneiderbücher, die sich auch durch ihre einheitliche Titelwahl (Wie schneidere ich …?, Wie lerne ich …?, Wie nähe ich…?) als Marke herausbilden konnten, und die Ullstein-Handarbeitsbücher (Das Häkeln, Das Stricken, Kreuzstichstrickerei, Filet- und Tüllarbeiten u. a.) als separate Reihen. Ab 1924 veröffentlichte Ullstein sehr erfolgreich die Sprachführer »1000 Worte …«, u. a. für die englische, spanische, französische und italienische Sprache. Zuerst erschienen die einzelnen Folgen im Format einer halben Zeitung und wurden über den Zeitschriftenhandel vertrieben, bevor sie im Schuber in den regulären Buchhandel kamen. Ab 1925 versuchte der Verlag, sich mit den »Stadion-Büchern« im Bereich der Sportratgeber zu etablieren.90 Die erschienenen fünf Bände behandelten die Themen Paddeln, Radfahren, Schwimmen, Fußball und Boxen,91 Sportarten, die zu den beliebtesten in der Weimarer Republik gehörten. Trotzdem wurde die Reihe, die sich sowohl an Laien als auch an Fachleute wandte, schnell wieder eingestellt. Die Ansprüche der beiden Zielgruppen waren offensichtlich doch zu verschieden.92 87 Vgl. Schneider, S. 97. 88 Der Mode- und Hausfrauenverlag wurde 1905 mit dem Aufkauf der Zeitschrift Dies Blatt gehört der Hausfrau begründet, zu der bald weitere »Frauenzeitschriften« kamen. 1911 wurde der Lipperheidische Modenverlag mit der Modenwelt, und der Illustrirten Frauenzeitung übernommen, woraus sich später das sehr erfolgreiche Blatt Die Dame entwickelte. Vgl. Das Verlagshaus Ullstein & Co, S. 650. 89 Vgl. Ullstein: Aus Ullsteins großer Zeit, S. 134 – 136. 90 In seinen Periodika beschäftigte sich der Verlag schon früh mit diesen später so populär werdenden Sachthemen. Die B. Z. am Mittag war 1904 die erste deutsche Tageszeitung mit einem umfangreichen Sportteil. Vgl. Das Verlagshaus Ullstein & Co, S. 650. 91 Zitiert nach den Wöchentlichen Verzeichnissen 1925, S. 1393 – 1394. 92 Vgl. Oels: Von Eulen und Enten.

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Abb. 1: Das Erfolgsprinzip der Ullstein-Sprachführer bestand in der humorvollen Aufbereitung der Inhalte – und im Vertrieb über den Zeitschriftenhandel. Seit 1920 erschienen im Ullstein Buchverlag diverse populärwissenschaftliche Werke, die keine Reihenzugehörigkeit aufwiesen, z. B. Albert Neuburgers Erfinder und Erfindungen (23.–29. Tsd. 1921), Artur Fürst Das Weltreich der Technik (1923–1927), Max Dessoirs Geschichte der Philosophie (1925) oder Roald Amundsens Nordpol (1925). Besonders Fürsts monumentales, in vier reichbebilderten Foliobänden erschienenes Werk dürfte sich (drei der Bände erschienen 1923) der Hausse der Sachwerte während der Inflation verdanken. Eine Reihe außer der Reihe bildeten – hausintern und in den Verlagsvorschauen – die Bücher Bruno H. Bürgels (1875–1948), eines Mitarbeiters am Feuilleton der Berliner Morgenpost. Bürgels »volkstümliche Himmelskunde« Aus fernen Welten (1910) erreichte eine Auflage von über 150.000 und in den zwanziger Jahren publizierte er neben seiner überaus erfolgreichen Autobiografie Vom Arbeiter zum Astronomen (1919, 157.–161. Tausend 1952) diverse Bücher, die zwischen Wissensvermittlung und Erbauungslektüre changierten und in der Regel gute bis sehr gute Auflagen erreichten.93 Eine erste rein populärwissenschaftliche Reihe bildeten die 1924 ins Leben gerufenen »Wege zum Wissen«. Stellvertretend sollen an ihrem Beispiel die Sachbuchreihen des Ullstein Verlags näher vorgestellt werden. Ein Verlagsprospekt benennt die Intentionen der Reihe: Diese neue Sammlung will weitesten Kreisen alles Wissenswerte und Interessante in gemeinverständlicher Form zugänglich machen. Sie bringt von anerkannten Gelehrten verfasste Einzeldarstellungen aus Naturwissenschaft, Technik, Erd- und Völkerkunde, Literatur, Kunst und Philosophie. – Gutes weißes Papier und sauberer Druck sind die besonderen Vorzüge der farbigen Bände im Taschenformat. Der wohlfeile Preis erleichtert jedem geistig Interessierten die Anschaffung.94 93 Vgl. Georg Eichinger: Der Kosmos so groß und der Mensch – ach – so klein. Bruno H. Bürgels volkstümliche Himmelskunde Aus fernen Welten. In: Non Fiktion 1 (2006) 1, S. 23 – 32. 94 Der Preis betrug 85 Pf., die Ausstattung in Halbleinen 1,35 M. Vgl. Oels: Von Eulen und Enten.

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Dieses Zitat enthält die wesentlichen Merkmale einer Ullstein-Sachbuchreihe: eine möglichst breite Zielgruppe, renommierte Autoren, eine gute Ausstattungsqualität und den günstigen Preis. Die Probleme, die ein zu weit gefasstes Zielpublikum mit sich brachte, wurden bereits am Beispiel der »Stadion-Bücher« deutlich. Auch die Gewährleistung der drei anderen Vorgaben erforderte großen Bearbeitungsaufwand im Lektorat. Die Autoren der »Wege zum Wissen« waren meist Universitätsdozenten. Sie erhielten konkrete Umfangsvorgaben, 50 bis 75.000 Silben, und wurden vertraglich verpflichtet, ihre Werke allgemeinverständlich zu gestalten, nach 1925 hieß es stets: »ganz allgemeinverständlich«. In dem Autorenvertrag mit Professor Dr. Siegfried Marck (1889 – 1957), seit 1924 als Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Breslau, ist von »Vorverhandlungen«95 die Rede, durch die das Lektorat wohl versuchte, dem Problem entgegenzuwirken, das in der Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern häufig auftrat: der mangelnden Gemeinverständlichkeit. Aus der auf den Vertrag folgenden Korrespondenz geht hervor, dass das Manuskript von Professor Marck aus diesen Gründen schließlich abgelehnt wurde. Die vergleichsweise gute Ausstattung zu einem geringen Preis konnte kostendeckend nur erreicht werden durch eine hohe Auflage und eine größtmögliche Reduzierung der Satzkosten, z. B. durch eine sparsame Illustrierung. Hier sicherte sich der Verlag das alleinige Entscheidungsrecht. Unter §7 desselben Vertrags heißt es: »Eine etwaige Illustrierung des Buches erfolgt durch den Verlag, jedoch macht der Herr Verfasser das ihm bekannte Illustrationsmaterial dem Verlage namhaft, bzw. stellt es dem Verlage zur Verfügung.«96 Die Dominanz der Kostenminimierung bei der Planung der Reihe ging sogar so weit, dass die Autoren dem Verlag die Erlaubnis erteilen mussten, ihre Werke ohne Rücksprache zu kürzen, um sie den Reihen- und Produktionserfordernissen anzupassen. Im Verlagsvertrag zwischen Dr. Bertold Schidlof und der Ullstein AG über die Sprachbriefe, die später als Reihe »1000 Worte …« erschienen, heißt es dazu: Herr Dr. Schidlof stellt der Firma Ullstein A.-G. die oben genannten Sprachbriefe, an denen er das alleinige Urheber- und Verlagsrecht besitzt, mit allen Rechten zur alleinigen Ausnutzung zur Verfügung. Der Verlag ist berechtigt, dieses Material nach seinem Belieben zu verwerten, es abzuändern, zu erweitern oder zu verkürzen. […] Die Tätigkeit von Herrn Dr. Schidlof wird in einer vom Verlag zu wählenden Form nach aussen hin kenntlich gemacht.97 In ähnlicher Form galt die Vorgabe auch für die Reihe »Wege zum Wissen«. Der Versuch, den Verkaufserfolg einer Reihe über die formale Angleichung der einzelnen Reihentitel zu erreichen, gelang zumindest in diesem Fall nicht: Mit annähernd 100 Titeln98 hatte die Reihe zwar einen großen Anteil an den Neuerscheinungen 95 Verlagsvertrag zwischen Professor Dr. Marck/Breslau und der Ullstein Verlags AG/Berlin über das Werk Einführung in die Philosophie. Berlin, den 24. November 1926. Berlin, Ullstein [Archiv], ohne Zugangsnummer). 96 Ebd. 97 Verlagsvertrag zwischen Dr. Bertold Schidlof und der Ullstein AG, 12. Februar 1923. Berlin, Ullstein [Archiv], ohne Zugangsnummer. 98 Brief Felizitas Bender an die Rechtsabteilung (Hoheisel) vom 28. Oktober 1966. Berlin, Ullstein [Archiv], ohne Zugangsnummer.

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des Verlags zwischen 1924 und 1928, aber die Auflagenhöhen gingen in diesem Zeitraum stark zurück. Erschienen die ersten Titel 1924 noch in einer Auflage von 16.000 bis 22.000 Exemplaren, so erreichten die letzten im Jahr der Einstellung nur noch 5.000 – eine Zahl, die bedeutend unterhalb der Deckungsauflage gelegen haben dürfte.99 Renommierprojekte des Verlags, die ebenfalls kaum ihre Kosten gedeckt haben dürften, aber immerhin auf der symbolischen Seite zu Buche schlugen, waren die Propyläen Kunstgeschichte (1923 – 1944, in 16 Bänden und sieben Ergänzungsbänden) und die Propyläen Weltgeschichte (1929 – 1933, in zehn Bänden). Der Propyläen Verlag war 1919 als Imprint gegründet worden und galt hausintern als feine »Weinabteilung«, während man bei Ullstein selbst bodenständig Bier braute. Die Kunst- und die Weltgeschichte bildeten auf angemessenem wissenschaftlichen Niveau und vor allem in sehr guter und teurer Ausstattung Kompendien, die durch die hohe Auflage und den langen Atem, den die Sicherung durch ein Großunternehmen zuließ, trotzdem erschwinglich für größere Teile des »Neuen Mittelstands« seien sollten. Im Falle der Kunstgeschichte mag das auch ökonomisch einigermaßen gelungen sein, die Weltgeschichte jedoch hat nach der »Machtübernahme« der Nazis um- und neugeschrieben werden müssen.100 Die Autoren für die Sachbücher rekrutierte der Verlag vielfach aus den Reihen der eigenen Mitarbeiter.101 Auch die Redaktion der Sachbuch- und Ratgeberreihen übernahmen meist im Hause beschäftigte Redakteure, für die Reihe »1000 Worte …« z. B. Ernst Wallenberg (1878 – 1948), Chefredakteur der Auslandsausgabe der Vossischen Zeitung und der B.Z. am Mittag.102 Die meisten der »Stadion-Bücher« schrieb der Sportchef der Vossischen Zeitung, Willy Meisl, und für die Reihe »Wege zum Wissen« war zunächst der Cheflektor der sogenannten »Romanabteilung« Paul Wiegler, später Adolf Heilborn, Feuilleton-Redakteur der Morgenpost, verantwortlich.103 Dieses Vorgehen hatte den Vorteil, dass die Autoren sowohl einen unterhaltenden als auch einen sachlich-präzisen Schreibstil mitbrachten, der auf das Verständnisniveau des avisierten Massenpublikums abgestellt war. Da sie sich das zu behandelnde Thema erst aneignen mussten, waren sie dem Leser zudem näher als die Wissenschaftler; es fand quasi eine Vermittlung vom Laien für den Laien statt, die Sprache war nicht »wissenschaftlich codiert«. Für den entschieden profitorientierten Ullstein-Verlag hatte dies außerdem den Vorteil, dass die Ausnutzung schriftstellerischen Potenzials im eigenen Unternehmen Zeit und Kosten für die Suche externer Autoren sparte. Das galt ganz besonders für eine Reihe, die am Ende der Weimarer Republik ihren Anfang nahm, zur Reihe und zu einem der ganz großen und nachhaltigen Erfolge des Verlags aber erst im »Dritten Reich« und den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik werden sollte: die als »Du und …«Reihe bekannt gewordene »Unterhaltsame Wissenschaft«. Denn erst hier verband sich das Reihenkonzept mit einer guten Ausstattung, die nicht nur Wert und Dauerhaftigkeit signalisierte, sondern der auflockernden Unterhaltung diente. Statt schematischer wissenschaftlicher Abbildungen finden sich, teilweise farbige, Cartoons, bunte Klappkarten und Grafiken dienen eher der Illustration als dazu, einen bestimmten Sachverhalt zu 99 100 101 102 103

Vgl. Oels: Von Eulen und Enten. Vgl. Schwab-Felisch: Bücher bei Ullstein, S. 186 – 207. Vgl. 50 Jahre Ullstein 1887 – 1927, S. 65. Vgl. Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd. 10, S. 310. Vgl. Oels: Von Eulen und Enten.

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veranschaulichen, und der Schutzumschlag zweier Bände ließ sich sogar zu einer Karte entfalten. Vor allem aber war die Vermittlungshaltung nicht mehr wissenschaftlichbelehrend, sondern journalistisch-reportierend. Bezeichnend hierfür schon der Titel des ersten Bands der Reihe: Du und die Erde. Eine moderne Geographie für Jedermann (1932) von Henrik Willem van Loon.104 Waren die ersten Bände noch Übersetzungen aus dem Amerikanischen und schrieben auch einige namhafte Gelehrte für die Reihe – wie schon erwähnt etwa Karl von Frisch –, steuerten die meisten Bände die im Hause beschäftigten Redakteure und Journalisten bei – Walter Kiaulehn, Eduard Rhein, Paul Karlson oder Wolfgang Goetz.105 Ein weiterer Vorteil für die Kostenkalkulation war, dass die Sachbuch-Autoren bei weitem nicht so gut bezahlt waren wie die Autoren der Fortsetzungsromane in den großen Zeitungen. Ute Schneider belegt für die Romanautoren bei Ullstein – natürlich abhängig vom Bekanntheitsgrad der Autoren – Spitzenhonorare bis zu 45.000 RM. Diese Summe erhielt z. B. Heinrich Mann 1930 für einen noch zu schreibenden Fortsetzungsroman.106 Aus zahlreichen Vertragsunterlagen des Hauses Ullstein geht hervor, dass die Autoren der Reihe »Wege zum Wissen« in der Regel eine Pauschalzahlung von 1.000,- bis 1.500,- RM erhielten und damit sämtliche Rechte an dem Buch für alle Auflagen und Ausgaben an den Verlag abtraten. Dies entspricht eher der Summe, die Mitarbeiter des Hauses für die Überarbeitung der belletristischen Manuskripte und Anpassung an die Vorabdruck-Vorgaben der Zeitungen erhielten.107 Die Ullstein-Redakteure, die für die Reihe schrieben, erhielten das gleiche Honorar.108 Allerdings gab es auch hier Ausnahmen. Als besonders erfolgreicher populärwissenschaftlicher Autor erhielt Bruno H. Bürgel für den Band Weltall und Weltgefühl (1925) 10.000 Mark – allerdings war dies ein Ganzleinenband im Umfang von 343 Seiten.109 Die thematische Auswahl im Ratgeberbereich zeigte große Ähnlichkeit mit dem Angebot der Franckh’schen Verlagshandlung und erstreckte sich von Handarbeitsanleitungen über Sportratgeber bis zu naturwissenschaftlichen Themen. Die übereinstimmende Themenwahl deutet bereits darauf hin, dass diese Bereiche in der Weimarer Republik eine große Popularität genossen. Noch stärker als bei den Romanen110 stand also bei den Sachbüchern das Gespür für populäre Strömungen und aktuelle Themen im Vordergrund. Wie der Springer Verlag nutzte Ullstein für seine Sachbuchreihen die Kompetenzen, die im Haus bereits vorhanden waren. Allerdings beruhte hier die Kompetenz nicht auf dem Fachwissen der Autoren, sondern auf der Nähe der journalistischen Schreibweise zu dem für Sachliteratur notwendigen Schreibstil. Es hat den An104 Vgl. zum Titel: Stephan Porombka: Wie man ein (verdammt gutes) Sachbuch schreibt. In: Non Fiktion 1 (2006) 1, S. 61 – 82, hier S. 79. 105 Vgl. Ebd. 106 Der Roman ist nie erschienen. Heinrich Mann erhielt aber eine Anzahlung von 15.000 Mark. Vgl. Schneider: Die »Romanabteilung« im Ullstein Konzern der 20er und 30er Jahre, S. 109. 107 Als »vertraglich freier Mitarbeiter« erhielt Wolfgang Weyrauch vierteljährlich einen Betrag von 1.200 Mark. Vgl. Schneider: Die »Romanabteilung« im Ullstein Konzern der 20er und 30er Jahre, S. 109. 108 Vgl. Brief an Dr. Monty Jacobs, 3.7.1924. Berlin, Ullstein [Archiv], ohne Zugangsnummer. 109 Vgl. dazu die Vertragsvereinbarung mit Bürgel, Berlin, den 29.10.1925. Berlin, Ullstein [Archiv], ohne Zugangsnummer. 110 Vgl. Schneider: Die »Romanabteilung« im Ullstein Konzern der 20er und 30er Jahre, S. 105 f.

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schein, als seien ebenso wie die inhaltlich-thematischen Substanzen auch die Talente der Mitarbeiter »zweitverwertet« worden.

Der Rowohlt Verlag Nicht nur Wissenschaftsverlage und Großunternehmen publizierten während der Weimarer Republik verstärkt Sachbücher, auch ein »Kulturverlag« wie der 1908 gegründete Rowohlt Verlag,111 der zunächst vor allem bibliophile Ausgaben hochliterarischer Preziosen vertrieben hatte, orientierte sein Programm zunehmend an den als Wachstumsmarkt wahrgenommenen Bereichen jenseits der Belletristik. »Cashcow-TatsachenLiteratur« heißt es in der zum hundertjährigen Jubiläum 2008 erschienenen VerlagsChronik.112 In der Tat lassen sich die Bestseller des Rowohlt Verlags in den zwanziger Jahren zumeist der nicht-fiktionalen Literatur zuzurechnen. Nach den großen Erfolgen der Lebenserinnerungen des bekannten Arztes Carl Ludwig Schleich (Besonnte Vergangenheit 1920, Auflage bis 1943 500.000 Exemplare, 1961 eine Million) und der Memoiren des Operntenors Leo Slezak (Meine sämtlichen Werke 1922, Auflage bis 1943 160 000) wurde die Verbindung mit einem weiteren Autor geradezu schicksalhaft für den Verlag: Emil Ludwig, einem der populärsten Schriftsteller der Weimarer Republik überhaupt. Ludwigs beispielloser Aufstieg begann 1925 mit der historischen Biografie Wilhelm der Zweite (1927 erschien das 151. – 200. Tausend) und setzte sich über fünf Jahre mit immer neuen Biografien und historischen Darstellungen fort. Im In- und Ausland verkauften Ludwig und seine Verleger bis 1930 zwei Millionen Bücher. »Als er im Frühjahr 1928 für eine Lesereise in die USA kam, wurde ihm als führendem Repräsentanten des ›neuen Deutschland‹ ein triumphaler Empfang bereitet. Allein sein ›Napoleon‹ verkaufte sich dort bis 1931 über 500.000mal.«113 Ludwig verstand seine dezidiert anti-akademischen historischen Biografien als »Bastard gezeugt aus Historie und Dichtung« und belegt damit die Popularität von Mischformen zwischen Sachbuch und Belletristik während der Weimarer Republik. Als die zünftigen, meist deutschnationalen Historiker gegen Ludwig und andere Vertreter des Genres zu Felde zogen, lautete der Vorwurf denn auch »historische Belletristik«.114 Ob die Angriffe der Historiker schuld, ob der mittlerweile von verschiedenen Biografisten bediente Markt gesättigt, ob die Wirtschaftskrise verantwortlich war, lässt sich nicht mehr klar bestimmen, jedenfalls brachen um 1930 die Umsätze mit Ludwigs Büchern ein. Für den Rowohlt Verlag war das eine Katastrophe. »Bereits 1926 wurde fast die Hälfte des Gesamtumsatzes, nämlich 600 000 RM, mit Ludwig-Büchern erzielt.« Der Verlag »zahlte dem erfolgsverwöhnten Autor bald horrende Honorare. Mit 20 Prozent auf den Ladenpreis erhielt dieser das Doppelte des sonst üblichen Satzes, hinzu kam eine ›Tantiemen-Garantie‹ […] für 20 000 Exemplare«. Doch trotz eines »bislang beispiellosen Reklamefeldzugs« 111 Vgl. Füssel: Belletristische Verlage, in diesem Band, S. 28 –37. 112 Hermann Gieselbusch u. a.: 100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik. Reinbek 2008, S. 40 – 45. 113 Sebastian Ullrich: »Der Fesselndste unter den Biographen ist heute nicht der Historiker«. Emil Ludwig und seine historischen Biographien. In: Geschichte für Leser. Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Wolfgang Hardtwig und Erhard Schütz. Stuttgart: Steiner 2005, S. 35 – 56, hier S. 36. 114 Ebd., S. 36, 45.

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und »Volksausgaben« von Ludwigs Napoleon zum Preis von 3,85 RM ließen sich die Verkäufe nicht wieder steigern.115 – Im Sommer 1931 war der Rowohlt Verlag bankrott. Rowohlt hatte Ludwig wie einen belletristischen Starautor bezahlen müssen und damit eine neue Entwicklung augenscheinlich gemacht: waren Sachbücher und ihre Marktchancen bislang im Allgemeinen an ein bestimmtes Thema: Radiotechnik, Relativitätstheorie oder Haushalt gebunden und der Autor daher mehr oder weniger austauschbar, galt bei Ludwigs Biografien das Gegenteil. Nach dem ersten Erfolg war Ludwig eine Marke, die man als Versprechen gleichbleibend attraktiver Produkte kaufte. Diese Bedeutung des Autors schlug sich auch in seinem Preis nieder. Trotz des letztlichen Misserfolgs mit den Büchern Ludwigs bekannte sich Rowohlt, nachdem sein Verlag mit Unterstützung der Familie Ullstein gerettet worden war, weiterhin zur »politisch-dokumentarische[n] Richtung« seines Verlags und zur »TatsachenLiteratur«. Neben den neusachlichen Reportage-Romanen Erik Regers, diversen Büchern Kurt Tucholskys und Hans Falladas verlegte er in der Spätphase der Weimarer Republik leidlich erfolgreich politische Broschüren verschiedenster Couleur sowie wirtschaftspolitische und weltanschauliche Sachbücher.116

Sachbücher von links – Der Malik Verlag Mit einem emphatischen Bekenntnis zum »Tempo des modernen Lebens« und der daraus folgenden notwendigen Veränderungen der Literatur, die die »Zusammenhanglosigkeit zwischen Wirklichkeit und Geistesleben« beheben sollte, hatte Wieland Herzfelde seinen Malik Verlag 1917 gegründet.117 Vergleichsweise vorsichtig konstatierte Herzfelde, dass die Literatur sich »von der absoluten Dichtung, vom L’art-pour-l’art-Standpunkte« löste und schließlich im »Journalismus, also in ihrer praktischen Verwendung für die Anforderungen des Tages enden« werde.118 Herzfeldes engste Mitarbeiter, sein Bruder John Heartfield und sein Freund George Grosz, begrüßten 1920 in der verlagseigenen Zeitschrift Der Gegner sogar »mit Freude, daß die Kugeln in Galerien und Paläste, in die Meisterbilder der Rubens sausen, statt in die Häuser der Armen in den Armenvierteln!« Die bürgerliche Kunst und Kultur, die »bösartigsten Dichterphrasen«, hätten bislang als »Beruhigungspillen«, als »ethisches Gleichgewicht« gedient, »dessen man bedurfte im Kampf für Raub, Unterdrückung und rücksichtslose Ausbeutung des anderen bis aufs Hemd«.119 Die traditionelle (Kunst-)Literatur geriet damit pauschal unter Ideologieverdacht. Dagegen suchte der Malik Verlag mit einigen aufklärerischen politischen Buchreihen, wie der »Kleinen revolutionären Bibliothek« (1920 – 1922, zwölf Bände), die »das Wissen um den Klassenkampf […] bereichern« sollte, »Unten und Oben« (1922/23, zwei Bände), »Wissenschaft und Gesellschaft« (1923/24, vier Bände) und der 1924 gestarteten »Malik Bücherei« (bis 1926, 20 Bände) anzugehen.120 Hinzu kamen sehr populäre 115 Vgl. Gieselbusch: 100 Jahre Rowohlt, S. 32, 44 f. 116 Vgl. dazu: David Oels: Rowohlts Rotationsroutine. 117 Wieland Herzfelde: Ein Verlagsprogramm. In: Der Malik-Verlag 1916 –1947. Chronik eines Verlages, S. 50 f. und Füssel: Belletristische Verlage, in diesem Band, S. 42 –45. 118 Wieland Herzfelde, S. 50 f. 119 George Grosz und John Heartfield: Der Kunstlump. In: Der Malik-Verlag, S. 41 f. 120 Vgl. Stucki-Volz: Der Malik-Verlag, S. 65 – 68.

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und kontroverse Dokumentationen zur politischen Justiz der Weimarer Republik von Emil Julius Gumbel (Vier Jahre politischer Mord, 1922, 13.–18. Tausend).121 Besonders erfolgreich war allerdings avantgardistische und engagierte Literatur, die sich dem Sachbuch von der Literatur her annäherte. Upton Sinclair, einer der meist verkauften Autoren des Verlags überhaupt (Petroleum, 1927, 125.000, Boston, 1929, 90.000, Der Sumpf, 1923, 80.000, Hundert Prozent, 1921, und Jimmie Higgins, 1924, je 50.000 Exemplare), formulierte in einem Manifest, was mehr oder weniger auch für andere Autoren des Verlags galt: »Kunst ist die Wiedergabe des Lebens, begrenzt durch die Persönlichkeit des Künstlers. Sie bezweckt die Veränderung anderer Persönlichkeiten, erweckt in ihnen eine Veränderung der Gefühle, der Überzeugungen und des Handelns.« Jede Kunst sei notwendig »Propaganda«, deren Wert »durch die Erfahrung der Menschheit bestimmt werde[…]«.122 Um den Anspruch auf »Wiedergabe des Lebens« umzusetzen und gleichzeitig zu belegen, dass die betriebene Propaganda zeitgemäß und menschheitlich berechtigt sei, betonte Sinclair wie etwa auch Ilja Ehrenburg oder Theodor Plievier die Tatsächlichkeit des von ihm Dargestellten. Ernst Ottwalt bat im Vorwort seines Justizromans Denn sie wissen, was sie tun (1931, 7.–10. Tausend 1932) die Leser, sich bei Zweifeln »an dem dokumentarischen Charakter dieser oder jener Darstellung« über den Verlag an ihn zu wenden. »Alle derartigen Anfragen werden beantwortet durch Offenlegung des Tatsachenmaterials, auf das sich die fraglichen Stellen stützen.«123 Diese betonte Sachlichkeit diente jedoch nicht nur dem »agitatorischen« Zweck jener Literatur, sondern war, was oft übersehen wird, eine Konzession an den marktgängigen Zeitgeschmack. Den Brief eines Staatsanwalts, der sich nach den näheren Umständen eines von Ottwalt erwähnten Falls erkundigte, nebst Antwort des Autors verwendete der Verlag in seiner Werbung. Ebenso hatten Kulturverlage wie Rowohlt oder Großunternehmen wie Ullstein stets mit der Tatsächlichkeit und Zuverlässigkeit der feilgebotenen Bücher geworben.124 Schließlich wendeten sich auch bürgerliche Verlage, die keineswegs von vornherein die politischen Ambitionen des Malik-Verlags teilten, erfolgreich ganz ähnlichen Autoren und Büchern zu. Der Erich-Reiss-Verlag etwa, vom Namensgeber 1908 mit der Aussicht auf das väterliche Erbe gegründet und kaufmännisch stets nur mäßig effektiv geleitet, verlegte ab 1920 die Bücher des »rasenden Reporters« Egon Erwin Kisch, und der bekannte Avantgarde-Verlag Die Schmiede, der 1924 den ersten Generalvertrag über die Werke Kafkas abgeschlossen hatte, startete als Rettungsversuch für das hochverschuldete Unternehmen 1927 die Reihe »Berichte aus der Wirklichkeit«, für die wiederum Kisch sowie der bekannte Journalist Leo Lania, Joseph Roth oder Hans Siemsen Bände beisteuerten.125 Die wechselweise Annäherung von Literatur, Journalismus und 121 Vgl. Stucki-Volz, S. 72 – 75. 122 Upton Sinclair: Wem gehört der Künstler? In: Der Malik-Verlag, S. 101 f. Vgl. Stucki-Volz: Der Malik-Verlag, S. 78 f. 123 Ernst Ottwalt: Denn sie wissen, was sie tun. Ein deutscher Justizroman. Berlin 1977, S. 7. 124 In: Der Malik-Verlag, S. 160. 125 Vgl. dazu Hans Adolf Halbey: Der Erich-Reiss-Verlag 1908-1936. Frankfurt a. M.: Buchhändler-Vereinigung 1981; Matthias Uecker: Leitbild Reporter. Egon Erwin Kischs Medienstrategien. In: Berlin – Wien – Prag. Moderne, Minderheiten und Migration in der Zwischenkriegszeit. Hrsg. von Susanne Marten-Finnis und Matthias Uecker. Frankfurt a. M. u. a.: Lang 2001, S. 143 – 157; Hermann/Schmitz: Der Verlag Die Schmiede 1921 – 1929.

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Populärwissenschaft im Bereich des Sachbuchs, die auch Verlage mit ergriff, die sich nicht wie Ullstein als Zeitungsverlage verstanden, lässt sich als wesentliche Entwicklung der zwanziger und dreißiger Jahre bestimmen. Auch die Preispolitik und die Ausstattung sowie die daraus folgenden Auflagenkalkulationen erwiesen sich als zukunftsweisend, obgleich sie zunächst nur den Notwendigkeiten eines engagierten sozialistischen Verlags geschuldet waren. In der bekannten Diskussion mit Ernst Rowohlt und Kurt Tucholsky 1928 in der Weltbühne, »Ist das deutsche Buch zu teuer?«, forderte Herzfelde, einen möglichst niedrigen Ladenpreis für politisch, gesellschaftlich oder kulturell wünschenswerte Literatur.126 Besonders für seinen Verlag war der niedrige Preis eine Überlebensfrage, weil das avisierte Publikum seiner Bücher, der Idee nach vor allem Arbeiter, nur wenig zahlungskräftig war. Tatsächlich waren die im Malik-Verlag erschienenen Bücher »im Durchschnitt bis zu dreissig Prozent billiger […] als diejenigen seiner Verlagskollegen.«127 Da Herzfelde gleichzeitig ein Mindesteinkommen für die Autoren vorschlug, und zudem schon in den zwanziger Jahren sich vertraglich verpflichtete »an die gesamte in Frage kommende Presse Rezensionsexemplare zu verbreiten, gleichfalls an die Rundfunkrezensenten etc.«, war der einzige Weg eine Erhöhung der Auflagen und damit die Orientierung am Massenmarkt.128 Dass diese Strategie zunächst aufging, dürfte nicht zuletzt an der trotz der niedrigen Preise annehmbaren Ausstattung gelegen haben, die zudem bei vielen Titeln variabel war: vom holzhaltigen Papier in Broschur bis zum Ganzleder- oder Halbpergamenteinband.129 Ein Glücksfall war für Malik zweifellos die Mitarbeit von Heartfield und Grosz, deren oft mit Fotomontagen arbeitenden Buchumschläge in den zwanziger Jahren zum kopierten Vorbild wurden. Tucholsky glossierte in der Weltbühne: »Wenn ich nicht Peter Panter wäre, möchte ich Buchumschlag im Malik-Verlag sein. Dieser John Heartfield ist wirklich ein kleines Weltwunder. Was fällt ihm alles ein! Was macht er für bezaubernde Dinge. […] Da sich die deutschen Bücher noch nicht wie die französischen zu einem einheitlichen Gewande aufgeschwungen haben, muß gesagt werden: bei Maliks werden sie am besten angezogen.«130 Erst Anfang der dreißiger Jahre »begann der Umsatz rasch zu sinken«. Neben der politischen Polarisierung in Deutschland und der Arbeitslosigkeit in Folge der Weltwirtschaftskrise war dafür auch die sich ändernde Preisstruktur im Buchhandel verantwortlich, die der Malik Verlag teilweise vorweg genommen hatte. Wieland Herzfelde erinnert sich: »Billige Reihen hatte es schon immer gegeben. Neu war, daß Erstauflagen von berühmten wie auch Erstlingswerke von Unbekannten zu diesen ›Schleuderpreisen‹ auf den Markt kamen. Die beispielhaft niedrigen Preise für unsere Bücher wurden auf einmal zu hohen.«131 Auch flächendeckende Preissenkungen und »Propagandaausgaben« zu 3,75 RM konnten daran nichts ändern.132 126 Die Diskussion ist vollständig dokumentiert in: Der Malik-Verlag, S. 114 – 119. 127 Stucki-Volz: Der Malik-Verlag, S. 129; Vgl. Frank Hermann: Der Malik-Verlag als »Wirtschaftsunternehmen«. In: Marginalien (1988) H. 112, S. 1 – 26. 128 Vgl. Stucki-Volz: Der Malik-Verlag, S. 125. 129 Vgl. Stucki-Volz, S. 131. 130 Kurt Tucholsky: Auf dem Nachttisch. In: ders.: Gesammelte Werke. Bd. 10: 1932. Hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Reinbek1975, S. 24 – 29, hier S. 24. 131 Wieland Herzfelde: Über den Malik-Verlag, S. 42. 132 Vgl. Stucki-Volz: Der Malik-Verlag, S. 133.

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Der Langenscheidt Verlag Die Firma Langenscheidt behauptete sich in der Weimarer Republik als führender Produzent von praxisgerechten Wörterbüchern für den privaten und den beruflichen Bereich, für die Ausbildung und die Weiterbildung. Carl Gustav Felix Langenscheidt, der jüngste Sohn des Verlagsgründers Gustav Langenscheidt, hatte im Alter von 25 Jahren am 1. November 1895 von seinem Vater das bereits gut eingeführte Geschäft übernommen und die Zielgruppe von den Philologen hin zu den Kaufleuten und den Reisenden ausgeweitet. 1903 gab er das höchst erfolgreiche Taschenwörterbuch für Englisch und Französisch, Altgriechisch, Latein und Spanisch heraus. Innovativ zeigte sich der Verlag nicht nur in Typografie und Gestaltung, sondern auch im Umgang mit der neuen Audio-Technik. Bereits 1905 nahm er Grammophonplatten ins Programm auf, in den zwanziger Jahren arbeitete er an deren Weiterentwicklung. Ebenfalls passte er in den schnelllebigen zwanziger Jahren seine 36 Unterrichtsbriefe an das neue Lesepublikum an und reduzierte sie deutlich auf einen verkürzten, zehnteiligen Sprachkurs: Der kleine Toussaint-Langenscheidt erschien zuerst für Englisch, dann für Französisch. Als der vorgesehene Erbe 1924 bei einem Motorradunfall ums Leben kam, verwandelte Carl Langenscheidt die Firma in eine GmbH und ernannte Verlagsleiter Franz Dudzik und Hauptbuchhalter Reinhold Thieme zu weiteren Geschäftsführern.133 Als dauerhaft erfolgreich erwies sich die Kooperation des Verlags mit der Deutschen Grammophon, die bereits 1904 als Partner gewonnen worden war und mit der die »Phonotoula-Buchplatten« herausgegeben wurden. In einem Werbeprospekt von 1928 wurde der didaktische Wert der Platten betont: Schreiben, lesen und sprechen können unsere Schüler besser als alle andern, jetzt wollen wir ihnen noch das Hören beibringen, wir wollen sie an den Sprachton gewöhnen, damit sie die fremdsprachliche Rede ohne weiteres verstehen, sobald sie den Fuß ins fremde Land setzen. Denn dem Lernenden, der noch niemals einen anderen Menschen außer sich selbst in der fremden Sprache hat sprechen hören, wird das Verstehen der fremden Wörter in der ersten Zeit Schwierigkeiten bereiten. Und diese Schwierigkeiten vollständig aus der Welt zu schaffen, ist der Hauptzweck unserer mit fremdem Text versehenen Platten. Im Weiteren wird der Vorteil gegenüber dem Rundfunk angesprochen: Gegenüber dem Anhören der fremdsprachlichen Reden durch Rundfunk hat die Wiedergabe mittels Sprechmaschine zunächst den großen Vorzug, dass alle Störungen, wie sie der heute noch unvollkommene Rundfunk in reichlichem Maße aufweist, in Wegfall kommen. Dann braucht sich der Hörer bei der Sprechmaschine an keine bestimmte Stunde des Tages zu binden, er kann sich die Texte, wenn er sie, wie es gewöhnlich der Fall ist, beim ersten Anhören nicht vollständig verstanden hat, vorsprechen lassen, wann und so oft er will.134 Der Verlag ging so weit, die Sprechplatten gegenüber einem persönlichen Lehrer zu bevorzugen, der gegebenenfalls »dialektische Eigentümlichkeiten oder persönliche Un133 Zur Verlagsgeschichte vgl. Ebert: 150 Jahre Langenscheidt, hier S. 46 – 49. 134 Zit. nach Ebert: 150 Jahre Langenscheidt, S. 85.

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arten« habe, wogegen auf der Sprechplatte »die dialektfreie und durch phonetische Studien geschulte Aussprache eines gebildeten Ausländers« zu hören sei. Solche Platten lagen in den zwanziger Jahren für Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Spanisch vor, durchaus zum hohen Preis von 5 Mark, wobei ein Französischkurs 14 Platten umfasste. Langenscheidt bot parallel dazu sogar Grammophone in verschiedenen Größen und Preislagen an.135 Für die angestrebte Verwendung in der Freizeit modernisierte der Verlag das Erscheinungsbild seiner Bücher, bei den Sprachkursen wurden zeittypisch immer mehr Illustrationen zur Auflockerung der Textseiten eingesetzt, in die Unterrichtsbriefe Der kleine Toussaint-Langenscheidt wurden Stahlstiche landestypischer Szenen aufgenommen. In den Lektüretexten verwendete der Verlag bereits unterhaltsame, manchmal humoristische Darstellungen. Der Verlag warb in seinen Katalogen mit dem Hinweis, dass er besonders haltbares Papier verwende, das selbst nach jahrzehntelangem Gebrauch nicht vergilbe. 1929 wurden Dünndruckausgaben im Börsenblatt angezeigt, die »biegsam in Ganzleder gebunden« waren und als eine Luxusvariante 9,00 Mark kosteten, im Unterschied zum Ganzleinenband von 7,50 Mark. Die Grenzen zum Fachbuch waren fließend: Den veränderten Ausbildungsverhältnissen entsprang die 1924 gegründete Reihe »Langenscheidts Handbücher der Handelskorrespondenz« und die Zunahme vom kaufmännischen Schriftwechsel mit ausländischen Firmen die Reihe »Langenscheidts Handelswörterbuch«, von dem 1926 der Band Französisch und 1930 der Band Englisch erschien. Diese Wörterbücher ergänzten die Briefsteller, die in verschiedenen Sprachen in das Programm aufgenommen wurden. Zur »Auffrischung und Erweiterung vorhandener Sprachkenntnisse« erschienen die ersten Bändchen Langenscheidts fremdsprachliche Lektüre. Sie enthielten fremdsprachliche Originaltexte aus Tageszeitungen und aus Zeitschriften, die mit Erläuterungen zum sprachlichen Verständnis versehen waren. 1930 kam die populäre Reihe Langenscheidts Miniaturwörterbücher in den Handel im Format 3,5 x 5,0 cm, die Platz in jeder Westentasche und im kleinsten Handtäschchen finden sollte, sicher auch in so manchem Schulranzen. Die Ausrichtung auf ein Handelspublikum wurde 1932 durch die Einrichtung der Reihe Langenscheidts Musterbriefe in Englisch, Französisch und Spanisch belebt. Der Langenscheidt Verlag verstand es, auf der einen Seite für Schule und Ausbildung, für Industrie, Handel und Gewerbe zur Verfügung zu stehen, andererseits auch durch die pädagogisch zum Selbststudium geeignete Unterrichts-Briefserie und die humorvoll und unterhaltend aufgemachten Selbstlern-Programme mit Sprechplatten ein interessiertes, breites Publikum in der Weimarer Republik zu erreichen.

Das Sachbuch in den Buchgemeinschaften Die Buchgemeinschaften der Weimarer Republik136 richteten sich an ein gut bestimmbares Zielpublikum, das sie sowohl in der Arbeiterschaft als auch in bürgerlichen Schichten, konkret auch in politisch-weltanschaulich und christlich-konfessionell ausgerichteten Gruppen fanden. Hervorstechendes Merkmal war das Angebot solide ausge135 Vgl. Ebert, S. 85. 136 Vgl. den Beitrag von Urban van Melis in diesem Band, S. 553 – 588. Ferner van Melis: Die Buchgemeinschaften in der Weimarer Republik.

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statteter Bücher zu einem deutlich günstigeren Preis als im Sortiment. Buchgemeinschaften kamen dem Bedürfnis nach preiswerter Unterhaltungslektüre entgegen, aber auch dem Bedürfnis nach Bildung und Wissen, besonders im Bereich der Gründungen, die – wie die Büchergilde Gutenberg oder Der Bücherkreis – dem Umkreis der Arbeiterbewegung entstammten. Die Büchergilde Gutenberg wurde am 24. August 1924 durch den Bildungsverband der deutschen Buchdrucker gegründet.137 Sie war eine genossenschaftliche Vereinigung, die keinen Gewinn anstrebte. Da sie sich direkt an die Druckergewerkschaft anlehnte, konnte sie rasch ihre Mitgliederzahlen bis 1928 auf 45.000 erhöhen, die pro Jahr 125.000 Bücher abnahmen.138 Die Büchergilde brachte bis 1933 174 Bücher heraus, die in 2,5 Millionen Exemplaren an zuletzt 85.000 Mitglieder versandt wurden. Im Vordergrund der Produktion der zwanziger Jahre standen zeitgenössische erzählende Werke »junger aufstrebender Dichter«.139 Wie die Bibliografie in der Festschrift zum 30-jährigen Bestehen zeigt, gehörten aber bereits seit dem zweiten Jahr auch Sachbücher dazu, vor allen Dingen Reiseliteratur und Titel zu populärwissenschaftlich aufbereiteten Themen wie Naturwunder, Tiere, Geschichte, Physik, Sport, Kunst, Tanz und Künstlerprofile. Von 168 zwischen 1925 und 1932 erschienenen Titeln sind 32 zu den Sachbüchern zu zählen. Die Deutsche Buch-Gemeinschaft (DBG) wurde ebenso wie die Büchergilde Gutenberg im April 1924 gegründet.140 1929 hatte die DBG 500.000 Mitglieder, darunter etwa 100.000 im Ausland, und lieferte pro Jahr etwa 14 Millionen Bücher aus. Im Rahmen eines professionellen Werbekonzeptes wurden in den dreißiger Jahren bereits Sonderprodukte wie Schallplatten, Plattenspieler und Radioapparate zu günstigen Preisen und mit besonderen Zahlungskonditionen angeboten, daneben aber auch verbilligte Eintrittskarten für Kino, Theater und Konzerte, ja sogar Urlaubsreisen.141 Im Sachbuchangebot finden sich Bücher zu Themen wie »Das Leben der Tiere«, »Volk und Staat«, Reisen und Kunstgeschichte.

Kaufhausbuchhandel – Die Schwabachersche Verlagsbuchhandlung Eine weitere Facette des Sachbuchmarktes in der Weimarer Zeit repräsentiert der Warenhausbuchhandel.142 Hierbei handelte es sich zwar in erster Linie um eine Form des verbreitenden Buchhandels, aber eine Reihe von Warenhäusern, z. B. Wertheim, verfügte auch über eigene Verlage,143 die streng ausgerichtet am Bedarf der Warenhäuser Bücher 137 138 139 140

Vgl. Bücher voll guten Geistes, S. 11. Vgl. ebd. S. 30. Dressler: Werden und Wirken der Büchergilde Gutenberg, S. 48. Die Vorläufer der Buch-Gemeinschaft waren die Deutschnationale Hausbücherei und der Volksverband der Bücherfreunde, der 1924 bereits 300.000 Mitglieder zählte. Vgl. 50 Jahre Deutsche Buch-Gemeinschaft 1924 – 1974, S. 9 f. 141 Die DBG wurde dadurch zu einer der wichtigsten Organisationen für den Verkauf von Theaterkarten und zu einer der Hauptstützen der deutschen Bühnen. 142 Vgl. hierzu den Beitrag von Christine Haug in diesem Band, S. 491 – 514. 143 Diese Verlagsgründungen wurden aus der Sicht der Warenhäuser notwendig, als sich der Börsenverein der deutschen Buchhändler zu Leipzig durch Boykotte gegen die von den Kaufhäusern vielfach praktizierte Umgehung der Buchpreisbindung wehrte. Den ersten eigenen Verlag, die Globus-Verlag G.m.b.H,. gründete die A. Wertheim G.m.b.H. 1898. Die

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produzierten.144 Während die Warenhäuser anfangs meist nur Bilder- und Jugendbücher führten, bauten sie dieses Handelssegment Anfang des 20. Jahrhunderts aus und kauften bei den Verlagen in großen Auflagen alle Arten von Literatur, die sie als Billigexemplare aus dem modernen Antiquariat oder zum Vorzugspreis erhielten. Durch Extrarabatte konnten sie 15 – 20 % unter dem Buchhändlernettopreis bleiben.145 Obwohl in jedem der insgesamt sechs Wertheim-Verlage der Weimarer Republik Sachbücher erschienen, weisen die Titel, die Rudi Klotzbach als typisch für die Schwabachersche Verlagsbuchhandlung anführt, diese als reinen »Sachbuch-Verlag« aus.146 Der Verlag berief sich auf seine »Volkstümlichkeit«, die sich in inhaltlicher sowie preislicher Gestaltung der Werke zeigte. Wie groß die Akzeptanz dieser vornehmlich juristischen Sachbücher und ihres Verlags beim Publikum war, spiegelt sich in den Auflagenzahlen und den Absatzwegen. In den ersten vier Monaten nach Erscheinen ihres für Laien gedachten Bürgerlichen Gesetzbuchs (1932) setzte die Schwabachersche Verlagsbuchhandlung 70.000 Exemplare des Werks ab, wobei allerdings nur 5.000 – 6.000 über den Warenhaus-Buchhandel und der Rest über den regulären Sortimentsbuchhandel verkauft wurde.147 D.h. die Sachliteratur dieses Verlags fand auch über die Kaufhäuser hinaus den Weg zu den Käufern. Sie war daher aus der Kundenperspektive der Produktion der renommierten Verlage gleichwertig. Während populärwissenschaftliche Sachbücher in den Warenhäusern wohl nur geführt wurden, wenn sie besonders preiswert von den Verlagen erworben werden konnten, stellten Ratgeber, ähnlich wie beim Ullstein-Verlag, für die Kaufhäuser eine sinnvolle Ergänzung der Angebotspalette dar.148 Bei Ullstein resultierte die Produktion von Ratgeberliteratur aus der Erfahrung, dass Rubriken oder Berichte zu aktuellen Themen der Tagespresse und Zeitschriften sich gesammelt in Buchform verkaufen oder durch vertiefende Anleitungen ergänzen ließen. Der Verkauf von Ratgebern in Warenhäusern lag dagegen nahe, weil sie einen inhaltlichen Bezug zu den dort erhältlichen Waren des täglichen Bedarfs hatten, diese erläuterten oder sogar Kaufanreize für bestimmte Waren boten. So etwa ergänzten sich der Kauf einer Saftpresse und eines Ratgebers über Fruchtsaftbereitung hervorragend, zumal beides bequem an einem Ort erhältlich war. Hätte der Kunde zwei verschiedene Geschäfte aufsuchen müssen, hätte er auf den Ratgeber wohl verzichtet. Genauso ergänzten Kochbücher das Angebot an Küchengeräten

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Gründungs- bzw. Kaufdaten der anderen Wertheim-Verlage gibt Rudi Klotzbach leider nicht an. Vgl. Klotzbach: Deutsche Warenhäuser als Buchhändler, S. 84. Daneben handelten diese Verlage aber auch immer in großem Umfang mit Restauflagen und modernem Antiquariat anderer Verlage. Vgl. Klotzbach: Deutsche Warenhäuser als Buchhändler, S. 85. Klotzbach führt für das Jahr 1932 insgesamt 98 deutsche Kaufhausbuchhandlungen (14 in Berlin) und 7 Warenhaus-Verlage (ausschließlich in Berlin) an. (Anhang, S. 1 – 4).. Vgl. Grünert: Die Professionalisierung des Buchhandels im Kaiserreich, S. 293. Anstand bei Tisch, Deutsches Sportlexikon sowie als Hauptwerk 1932 die 10-bändige »volkstümliche« Reihe Deutsches Recht. Vgl. Klotzbach: Deutsche Warenhäuser als Buchhändler, S. 86. Vgl. Klotzbach: Deutsche Warenhäuser als Buchhändler, S. 86. Zu besonderen Anlässen – z. B. Weihnachten – wurden wohl schon bald nach dem Entstehen der Warenhäuser Mitte des 19. Jahrhunderts Bilder-, Jugend- und die zu den Ratgebern zählenden Kochbücher verkauft. Vgl. Stöckle: Der Buchabsatz im Warenhaus, S. 14.

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und -möbeln, und das Auslegen von Kleidungs-Schnittmustern in den Stoffabteilungen der Kaufhäuser animierte zum Kauf von Stoffen. Den größten Teil der Bücher der Buchabteilungen in Kaufhäusern machten gangbare Titel der Schönen Literatur und künstlerische Werke im mittleren, meist sogar unteren Preissegment aus, aber immerhin bis zu 6 % des Gesamtumsatzes der Buchabteilungen entfiel auf populärwissenschaftliche Werke »aller Wissensgebiete, die in billigen Angeboten, Restauflagen usw. von der Laufkundschaft gern genommen wurden.«149 Das an Sachbüchern und Ratgebern interessierte Publikum der Weimarer Republik umfasste vornehmlich die Personenkreise mit geringerer Bildung und wenig Einkommen, aber vielseitigen »modernen« Interessen, in erster Linie die Angestellten. Trotz oder gerade wegen ihrer rein kommerziellen Orientierung trugen die Warenhausbuchhandlungen in beträchtlichem Maße zur Verbreitung der Sachliteratur in der Weimarer Republik bei, da sie genau diese Zielgruppe ansprachen.150 Die Warenhäuser kamen folglich – wie die Buchgemeinschaften auch – den Bevölkerungsschichten entgegen, die zwar an Literatur und Bucherwerb interessiert waren, aber aufgrund der oft beschworenen »Schwellenangst« das Betreten einer Buchhandlung vermieden. Dagegen konnte man sich in den Buchabteilungen der Warenhäuser anonym und unverbindlich umsehen, da die Werke auf Tischen auslagen und ungehindert eingesehen werden konnten. Zudem hatten die Warenhäuser trotz ihrer zum Teil vornehmen Ausstattung auch in den 1920er Jahren den Ruf der besonderen Preisgünstigkeit, dies galt auch für ihre Buchabteilungen im Vergleich zum regulären Sortiment.151 Dies sprach vor allem die weniger kaufkräftigen Bevölkerungsschichten an: »Selbst in den großen Warenhaus-Buchabteilungen [entfiel] ein erheblicher Teil des Umsatzes auf die Gelegenheitskäufe von Angehörigen unterer Bevölkerungsschichten«.152 Wie die Buchgemeinschaften nahmen auch die Warenhäuser für sich in Anspruch, zur Verbilligung der Bücher beizutragen und manche Schichten überhaupt erst dem Buchkonsum zuzuführen.153 Allerdings bestand ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Einrichtungen: Während Buchgemeinschaften vielfach eine Bildungsidee verfolgten, betrachtete der Kaufhausbuchhandel Bücher als Ware wie jede andere. Mit Recht wurden die Kaufhäuser der Weimarer Republik bezogen auf den Buchhandel als »Vorreiterorganisationen des neuen Handlungsstils«154 charakterisiert. Aus dieser rein wirtschaftlichen Orientierung lässt sich einmal mehr ein objektiv vorhandenes Publikumsinteresse an Sachbüchern und Ratgebern ablesen, denn die Kaufhäuser reagierten in der Zusammenstellung ihres Warenangebots direkt auf die Wünsche des Publikums: Für die Zusammensetzung des Bücherlagers ist »in erster Linie das Publikum maßgebend«, d.h. es wurden nur solche Werke ins Sortiment genommen, die auf Absatz rechnen können und deren leich149 Klotzbach: Deutsche Warenhäuser als Buchhändler, S. 97 f. 150 Vgl. Klotzbach, S. 94. 151 Vgl. Klotzbach, S. 93/119. 152 Klotzbach, S. 97. 153 Vgl. Klotzbach, S. 121. 154 Kaube, Jürgen: Feldgrau schafft Dividende. Neue Vertriebsideen mit Stahlhelm-Deko: Der Bericht der Bertelsmann-Kommission als exemplarische Buchhandelsgeschichte des Dritten Reichs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 239 vom 15. Oktober 2002, S. 40.

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te Verkäuflichkeit sich möglichst schon erwiesen hat.155 Erklärtes Ziel der WarenhausVerlage war es, nur solche Werke herauszubringen, »deren Vertrieb in den Warenhäusern erfahrungsgemäß gesichert war«.156 Sachbücher und Ratgeber wurden auf diese Weise zu Massenartikeln; am Ende der Weimarer Epoche bildeten sie ein anerkanntes Segment des allgemeinen Buchmarkts.

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Ute Schneider 5.3

Verlagsorganisation: Lektorat

Steigende Bedeutung des Lektors im literarischen Verlag Die Ausdifferenzierung unterschiedlicher Aufgabengebiete innerhalb der Verlagsorganisation hatte schon um die Jahrhundertwende die Einrichtung von Lektoratsabteilungen in einigen literarischen und wissenschaftlichen Verlagen hervorgebracht. Vor allem der um 1900 auf den Buchmarkt tretende Typ des Kulturverlegers, wie er beispielsweise durch Samuel Fischer, Bruno Cassirer, Albert Langen, Georg Müller und Kurt Wolff repräsentiert wurde, stellte schon früh literarische Berater zu seiner Unterstützung bei der Programmprofilierung und zur Autorenbetreuung ein.1 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Beschäftigung eines festangestellten Lektors noch nicht in allen Verlagen üblich, aber nach dem Ersten Weltkrieg gewann seine Position an Gewicht, und die meisten großen literarischen Verlage arbeiteten mit einem festangestellten Lektor. Ein Indiz für die steigende Bedeutung des Lektors liefert die Tatsache, dass Mitte der zwanziger Jahre erstmals die Position des Verlagslektors in den Lehrbüchern für die Ausbildung des buchhändlerischen Nachwuchses Erwähnung fand. Ein detailliertes Berufsbild mit Beschreibung konkreter Tätigkeitsbereiche und Aufgabenfelder existierte allerdings noch nicht. Meist handelt es sich um sehr knapp formulierte Darstellungen, in denen dem Lektor in erster Linie eine Funktion bei der Manuskriptbeurteilung und -bearbeitung zugewiesen wurde, doch lässt sich aus der Einbindung in die Fachliteratur folgern, dass die Anzahl der Lektorenstellen im Wachstum begriffen war und Lektoratsabteilungen in literarischen wie Fachverlagen dauerhaft verankert wurden. Die personelle Besetzung der Lektoratsabteilungen blieb sowohl in den rein literarischen Verlagen als auch in wissenschaftlichen Verlagen oft auf einen einzigen Lektor, manchmal zwei Lektoren beschränkt. Der Verleger der Deutschen Verlags-Anstalt, Gustav Kilpper, schätzte 1922 die Stellenanzahl für Verlagsredakteure oder Lektoren in ganz Deutschland auf kaum ein halbes Hundert fest honorierte Posten.2 Statistisches Zahlenmaterial, woraus die genaue Anzahl von Lektorenstellen in deutschen Verlagen abgeleitet werden könnte, existiert nicht. Bei der Berufszählung, die 1925 im Deutschen Reich durchgeführt wurde, wurden die Lektoren nicht als eigene Berufsgruppe aufgeführt: Entweder wurden sie den Schriftstellern zugeordnet oder den Redakteuren in Zeitschriften- oder Zeitungsredaktionen. Beide Berufsgruppen zählten zu den Freien Berufen.3 Auch in den zwanziger Jahren beschäftigten noch nicht alle Verlage festangestellte Lektoren, teilweise wurden externe Berater vom Verleger projektweise herangezogen, aber die Institutionalisierung der Lektorenrolle im literarischen wie auch im wissenschaftlichen oder Sachbuch-Verlag schritt nach dem Ersten Weltkrieg weiter voran. Der Schriftsteller Hermann Kasack, 1920 bis 1925 zunächst Lektor im Gustav Kiepenheuer Verlag, danach 1926/27 im S. Fischer Verlag, später auch bei Peter Suhrkamp, sah 1927 in seiner Rundfunksendung zur Verlagsorganisation den recht neuen Beruf schon als 1 Vgl. Schneider: Der unsichtbare Zweite, S. 49 –186. 2 Vgl. Gustav Kilpper an Ina Seidel am 7.9.1922 (Marbach, DLA, A: Seidel, 74.1898/9). 3 Vgl. Wirtschaft und Statistik (Hrsg. vom Statistischen Reichsamt) 6 (1926), S. 735.

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feste Größe: »Die Persönlichkeit des Lektors ist […] für einen Verlag von ausschlaggebender Bedeutung und Sie finden auch in jedem modernen Verlage von einigem Rang wesentliche Literaturkritiker und -kenner auf diesem verantwortungsvollen Posten.«4 Fast alle Lektoren waren schon vor ihrem Eintritt in einen Verlag eng mit dem Literaturbetrieb verbunden. In der Regel traten sie selbst auch als literarische Autoren hervor; hinzu kamen oft literaturkritische Publikationen wie Rezensionen oder eine Übersetzertätigkeit. Expandierende Zahlen in der Buchproduktion, das erhöhte Produktionsvolumen sowie die nun drastisch spürbar werdende Unübersichtlichkeit der literarischen Stile, Inhalte und Formen in der zeitgenössischen Literatur unterstützten den Institutionalisierungsprozess. Besonders der literarische Verlag, der angesichts einer zunehmenden, ebenfalls stark expandierenden Anzahl von Konkurrenzunternehmen bestehen musste, reagierte mit Hektik und Nervosität auf die Entwicklung des Buchmarktes. Verleger sahen sich einem enormen Arbeitspensum ausgesetzt: zeitgemäßes marktstrategisches Denken und Handeln im Produktionsprozess sowie die Entwicklung neuer, effizienterer Verkaufs- und Werbestrategien wurde ebenso überlebenswichtig wie die genaue Beobachtung des Käuferpublikums. Wesentlich war darüber hinaus die Autorenpflege, denn noch immer arbeiteten die literarischen Individualverlage nach dem Prinzip, möglichst alle Werke eines Schriftstellers in ihr Programm aufzunehmen, um dem Verlag so sein unverwechselbares Gesicht zu verleihen. Daneben musste eine Fülle von Manuskripten, die die Verlage unaufgefordert erreichten, gelesen und beurteilt werden. Diese Manuskriptflut wurde in zeitgenössischen Schätzungen mit 5 bis 10 Manuskripten täglich oder 3.000 Manuskripten pro Jahr bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs angegeben. Hermann Kasack sprach von 40 bis 50 Manuskripten pro Woche, wobei er schätzte, dass etwa 1 bis 2 % zur Veröffentlichung gelangten.5 Der Lektor des Eugen Diederichs Verlags, Cornelius Bergmann, sprach von über 1.000 Manuskripten, die den Diederichs Verlag im Jahr 1929 erreichten, wovon allein 60 % Romane ausmachten.6 Die erforderliche arbeitstechnische Entlastung des Verlegers wurde durch die Einstellung von Lektoren realisiert. Die wiederholte Besetzung von freigewordenen Lektoratsstellen zeigt deren kontinuierliche Notwendigkeit, d. h. die »Position Lektor« im Verlag blieb nicht an eine individuelle Persönlichkeit gebunden, die einen Verleger aufgrund persönlicher Verbundenheit beriet, sondern ein Lektorat wurde dauerhaft eingerichtet. In dieser Praxis unterschieden sich die privaten Individualverlage nicht von den großen Konzernen. Als Paul Wiegler Mitte der zwanziger Jahre das Lektorat des Ullstein-Buchverlags verließ, folgte ihm sofort Max Krell.7 Im Verlag C. H. Beck in München ersetzte Horst Wiemer Anfang der dreißiger Jahre den verstorbenen Walther Eggert-Windegg.8 Auf Moritz Heimann und Oskar Loerke folgte im S. Fischer Verlag

4 Hermann Kasack: Rundfunkmanuskript »Das Buch. 1. Teil: Aus der Werkstatt eines Verlages«, gesendet am 15.12.1927 (Marbach, DLA, A: Kasack, 91.128.5297). 5 Kasack. 6 Bergmann: Ungedruckte Literatur von heute (Vom Schreibtisch eines Lektors), S. 992. 7 Vgl. Schwab-Felisch: Bücher bei Ullstein. 8 Vgl. Festschrift zum zweihundertjährigen Bestehen des Verlages C. H. Beck, S. 256 –259.

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Hermann Kasack.9 Im Gustav Kiepenheuer Verlag wurde nach dem Tod des ersten Lektors, Ludwig Rubiner, das Lektorat zwar über ein Jahr nicht besetzt, dann wurde jedoch Hermann Kasack eingestellt und nach ihm Hermann Kesten. Allein der Verleger Bruno Cassirer bildete eine Ausnahme; er holte erst 14 Jahre nach dem Tod seines ersten Lektors, Christian Morgenstern, 1928 wieder einen festen literarischen Lektor, Max Tau, in sein Haus. In dieser lektor-freien Zeitspanne wurde das literarische Programm jedoch nur zögerlich weitergeführt, der Verlagsschwerpunkt lag in dieser Zeit auf Werken zur bildenden Kunst.10 Im Frankfurter Rütten & Loening Verlag (vor 1926 noch »Literarische Anstalt«) gestalteten nach dem Ausscheiden des Lektors Martin Buber 1917 die beiden Geschäftsführer Wilhelm Ernst Oswalt und Adolf Neumann zunächst alleine das Programm. Mit einer erneuten Konzentration auf die belletristische Produktion wurde Hilda Westphal als Übersetzerin und Lektorin verpflichtet, 1937 trat Alfred Gerz als Cheflektor hinzu.11 In Verlagsneugründungen wurde die Einrichtung einer Lektoratsabteilung oft von Beginn an berücksichtigt, wie z. B. 1923 bei Paul Zsolnay,12 oder es wurden nur kurze Zeit später Lektoren eingestellt, wie z. B. 1921 im Berliner Verlag Die Schmiede.13 Ernst Rowohlt gründete 1919 seinen zweiten Verlag und verpflichtete Franz Hessel und Paul Mayer als Lektoren;14 Kurt Wolff, der den ersten Rowohlt Verlag weiterführte, arbeitete mit Kurt Pinthus, Franz Werfel und Walter Hasenclever zusammen.15 Eugen Diederichs holte, direkt nachdem Hans Tügel 1927 das Lektorat im Verlag verlassen hatte, den Lektor und Werbefachmann Cornelius Bergmann in sein Unternehmen.16 Als der Warenhausbesitzer Salman Schocken 1931 seinen Verlag gründete, verpflichtete er von Beginn an als Geschäftsführer Lambert Schneider, und im Sommer 1933 gewann Schocken Moritz Spitzer als weiteren Lektor.17 Im Insel Verlag Anton Kippenbergs waren Reinhard Buchwald, Fritz Adolf Hünich und Fritz Bergemann angestellt, ab 1933 Friedrich Michael.18 Diese Beispiele aus den literarischen Verlagen finden ihr Pendant in wissenschaftlichen und in Sachbuch-Verlagen. Im Bibliographischen Institut übernahm 1928 der bis dahin für den Klassikerverlag zuständige Lektor Richard Brodführer die programmplanerische Leitung des gesamten Buchverlags.19 Fehlte ein festangestellter Lektor, wurden in der Regel ein oder mehrere außenstehende Fachberater aus der Wissenschaft engagiert.20 9 Vgl. de Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag. 10 Vgl. Abele: Zur Geschichte des Verlages Bruno Cassirer. 11 Vgl. Wurm: 150 Jahre Rütten & Loening, S. 147, und Hundertfünfundzwanzig Jahre Rütten & Loening, S. 67. 12 Vgl. Hall: Der Paul Zsolnay Verlag. 13 Vgl. Hermann/Schmitz: Avantgarde und Kommerz. 14 Vgl. Kurt Wolff Verleger Ernst Rowohlt. Bearbeitet von Friedrich Pfäfflin. Marbacher Magazin 43/1987, S. 81 –83. 15 Vgl. Göbel: Der Kurt Wolff Verlag 1913 –1930. 16 Vgl. Heidler: Der Verleger Eugen Diederichs und seine Welt, S. 187. Bergmann kam vom Grethlein Verlag zu Diederichs. 17 Zur Verlagsgeschichte vgl. Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich sowie Der Schocken Verlag/Berlin. Jüdische Selbstbehauptung in Deutschland 1931 –1938. 18 Vgl. Der Insel Verlag 1899 –1999, S. 280 –284. 19 Vgl. Sarkowski: Das Bibliographische Institut, S. 142. 20 Vgl. exemplarisch Sarkowski: Der Springer-Verlag, S. 316.

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Aufgabengebiete des Lektors Das zeitgenössische Berufsbild ›Lektor‹ wurde erstmals Mitte der zwanziger Jahre auch in allgemeinen Nachschlagewerken skizziert, obwohl der Beruf zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 20 Jahren zumindest punktuell existierte. 1927 wurde in Meyers populärwissenschaftlichem Konversationslexikon unter dem Stichwort Lektor zum ersten Mal seine Bedeutung in der Verlagsbranche angesprochen: »L. heißt auch ein, meist akademisch gebildeter, Verlagsangestellter, der die eingehenden Manuskripte auf ihre Brauchbarkeit hin durchprüft; oft auch Nebenbeschäftigung von Hochschullehrern, Schriftstellern usw.«21 Zwei wesentliche Aspekte des Berufsbilds wurden hier genannt: Die Prüfung und Begutachtung der Manuskripte wurde zur primären Aufgabe des Lektors, und darüber hinaus handelte es sich oft noch um eine »Nebentätigkeit« von Schriftstellern oder Professoren. Für viele Autoren war diese Verlagstätigkeit ihre Haupteinnahmequelle, ihr Brotberuf, da sie von ihren Honoraren als Schriftsteller nicht existieren konnten. Die Begutachtung wissenschaftlicher Manuskripte durch hauptamtliche Universitätsprofessoren oder andere Universitätsangehörige hatte hingegen tatsächlich mehr den Charakter einer Nebenbeschäftigung mit Nebeneinkünften. Die Aufnahme des Berufsbilds Lektor in die buchhändlerischen Fachpublikationen der Verlagsbranche erfolgte etwa zur gleichen Zeit. Das erste systematische Lehrbuch, das dem buchhändlerischen Nachwuchs zur Verfügung stand, war das 1908 erstmals erschienene Lehrbuch des Deutschen Buchhandels von Max Paschke und Philipp Rath.22 Es avancierte zum Standardwerk für die buchhändlerische Ausbildung, erschien 1932 in seiner 7., erheblich erweiterten und überarbeiteten Auflage, und erst in dieser siebten Auflage findet der Verlagslektor erstmals Erwähnung: »Die Beobachtung des Buch- und Literaturmarktes kann der Verleger einem ihm verpflichteten Verlagsberater oder einem angestellten Lektor übertragen.«23 Kenntnisse des Buch- wie des Literaturmarktes, d. h. ökonomisches Wissen und ästhetisches Empfinden, wurden in diesem Lehrbuch als gleichermaßen relevant eingestuft. Über die nationalen Entwicklungen auf dem Buchmarkt hinaus musste in den zwanziger Jahren der außerdeutschen und außereuropäischen Literaturproduktion intensivere Aufmerksamkeit zuteil werden, da im Zuge der fortschreitenden Internationalisierung außerdeutsche Buchmärkte als Lizenznehmer wie -geber interessant wurden. Für die Arbeit des Verlegers oder auch des Lektors hieß dies, nicht nur den deutschen Buchmarkt einzuschätzen, sondern den Blick über die Landesgrenzen hinaus auf literarische Stoffe, auf Autoren und Verlage des Auslands zu richten, um sie dem deutschen Leser nahezubringen. Ernst Rowohlt beispielsweise setzte in den zwanziger Jahren amerikanische Autoren wie Ernest Hemingway und William Faulkner erfolgreich auf dem deutschen Buchmarkt durch. Mit der Internationalisierung änderte sich die Quantität wie auch die Qualität verlegerischer Arbeit. Eine Funktion bei der Be-

21 Meyers Lexikon. 7. Aufl. in vollständig neuer Bearbeitung. Bd. 1. 1924. Bd. 7. Leipzig 1927, S. 822. 22 Zur Geschichte der buchhändlerischen Lehrbücher ab 1900 vgl. Grünert: Die Professionalisierung des Buchhandels im Kaiserreich, S. 319 –326. 23 Paschke/Rath: Lehrbuch des Deutschen Buchhandels. 1. Band. 7. Auflage, S. 150.

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arbeitung bzw. Korrektur von Manuskripten wurde dem Lektor hier nicht zugesprochen. Auch ein differenziertes Berufsbild ›Lektor‹ formulierten Paschke und Rath noch nicht. Die Beobachtung des Literaturmarktes als eine charakteristische Funktion des Lektors kam auch in der Abhandlung Horst Kliemanns über Die Prüfung von Verlagsplänen zum Ausdruck. Kliemann sprach explizit vom »Bedarfsbeobachter«, der entweder in lockerer Verbindung zum Verlag stand, oder er konnte »als Lektor ausschließlich beim Verlag angestellt sein«.24 Kliemann sah in der Festanstellung des Lektors im Verlag jedoch die Gefahr, die »Fühlung mit seiner Wissenschaft, mit seiner Literaturgruppe zu verlieren.«25 Literarischer Berater und Bedarfsbeobachter wurden hier als bedeutend genannt, was nach Kliemann zur Folge haben musste, dass die Lektoren weder »überaltert sind« noch einer »einseitigen geistigen Festlegung«26 unterlagen. Kliemann räumte den Lektoren relativ große Bedeutung im Verlag ein, denn er wiederholte mehrfach seine Empfehlung an den Verleger, bei neuen Verlagsprojekten die Meinung der Lektoren einzuholen. In der deutschen Übersetzung einer englischen Fachpublikation wurde ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit der Lektoren und deren Aufgabengebiete erläutert. Schon 1927 konstatierte der englische Verleger und hervorragende Kenner des deutschen Literaturbetriebs Stanley Unwin: »Die Zahl der Manuskripte, die auf Anraten von Lektoren völlig umgestaltet oder bis zur Unkenntlichkeit verbessert wurden, ist viel größer, als man gewöhnlich annimmt.«27 Der Lektor wurde definiert als erste Instanz, die die im Verlag eingehenden Manuskripte prüfte und ein kurzes Gutachten für den Verleger verfasste. Der Verleger bestimmte als letzte entscheidungstragende Instanz über die endgültige Annahme oder Ablehnung eines Werkes. Die Funktionen des Lektors konzentrierten sich in diesem Lehrbuch auf die Manuskriptbearbeitung und die Einschätzung der Erfolgsaussichten eines Werkes beim Publikum unter literarischen und wirtschaftlichen Aspekten. Darüber hinaus wurde dem Lektor die Begleitung der technischen Herstellung eines Buches angetragen. Aber einschränkend wurde erklärt: »Es ist nicht leicht, genau zu erklären, was von einem Lektor verlangt wird.«28 Eine gewisse Unsicherheit, exakte Anforderungen zu formulieren, besondere Eigenschaften des Lektors zu benennen, zieht sich durch fast sämtliche Fachbücher. Wilhelm Olbrich publizierte 1932 seine populärwissenschaftlich gehaltene Einführung in die Verlagskunde und richtete sie in erster Linie an wissenschaftliche wie schöngeistige Autoren, um sie über die Gepflogenheiten der Buchherstellung in technischer wie juristischer und ökonomischer Hinsicht zu informieren. Er bezog sich in seinen allgemeinen Ausführungen sowohl auf die 6. Auflage des Lehrbuchs von Paschke und Rath aus dem Jahr 1922 als auch auf Unwins Abhandlung von 1927.29 Grundsätzlich siedelte Olbrich den Lektor eher im literarischen als im wissenschaftlichen Verlag an, da in letzterem der Verleger selbst über den Wert eines Manuskripts urteilen könne. Notwendiger war hiernach der Lektor im belletristischen Verlag. Die Begründung für diese Trennung 24 25 26 27 28 29

Kliemann: Die Prüfung von Verlagsplänen, S. 1189. Kliemann, S. 1189. Kliemann, S. 1189. Unwin: Das wahre Gesicht des Verlagsbuchhandels, S. 12. Unwin: Verlagsbuchhandel, S. 11. Olbrich: Verlagskunde, Vorwort.

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liefert das Argument, in der Wissenschaft bestehe ein Normensystem, anhand dessen Manuskripte auf ihre Brauchbarkeit überprüft werden können, was der Verleger selbst leisten könne, in der schönen Literatur jedoch nicht. Olbrich beschränkte die Funktion des Lektors im wesentlichen auf die Beurteilung der eingehenden Manuskripte.30 Auch der Große Brockhaus aus dem Jahr 1932 sah hierin die primäre Aufgabe des Lektors: »Im Verlagsgewerbe Bezeichnung für diejenigen Personen, die als Angestellte oder im Nebenberuf die angebotenen Manuskripte für den Verleger auf ihre Brauchbarkeit durchprüfen.«31 An Olbrichs Abhandlung lehnte sich dann auch das Lexikon des gesamten Buchwesens aus dem Jahr 1935 an, der Eintrag unter dem Stichwort »Lektor« lautet lapidar: »Mitarbeiter im Verlag, dem die Prüfung und Beurteilung eingereichter Mss., die Beratung bei der Produktionsauswahl u. ä. obliegt.«32 In der Deutschen Berufskunde von 1930 wurde der Lektor im Zusammenhang mit der allgemeinen Verlagsorganisation ähnlich kurz erwähnt: »Zwischen Verlag und Autor steht meist der Lektor, der, oft in nebenberuflicher Tätigkeit, nicht nur die wissenschaftliche und künstlerische Qualität zu prüfen hat, sondern häufig bei der Abfassung ein entscheidendes kritisches Wort in Bezug auf Anlage und Stil mitreden muß, ehe ein Manuskript druckreif ist.«33 Der Lektor steht somit ausschließlich in den Diensten kultureller Werte, denn es wurde explizit betont, dass für die Vermarktung eines Buches der Werbeleiter innerhalb des Verlags zuständig ist: »Die Sorge für den Absatz hilft dem Verleger der Werbeleiter tragen, der die Reklame der Waschzettel und Anzeigen für die verschiedenen Leserkreise entwirft.«34 Anzeigenformulierung und Waschzettel texten waren jedoch Arbeiten, die in der Realität von Lektoren durchgeführt wurden. Die Tätigkeitsfelder eines Lektors konnten von Verlag zu Verlag variieren, je nach inhaltlichem und organisatorischem Bedürfnis und Verlegerpersönlichkeit, daher findet sich auch keine einheitliche Charakteristik in den berufskundlichen Darstellungen. Konsens bestand allerdings in der dem Lektor zugewiesenen Funktion, Manuskripte zu bewerten. Neben der Begutachtung für den Verleger waren die Lektoren zuständig für die Kontaktpflege zu literarischen Zeitschriften und Tageszeitungen, für die Abfassung von Klappentexten, auch für herstellungstechnische Fragen wie Buchgestaltung, Typographie und Einband.

Anforderungsprofil ›Enzyklopädische Bildung‹ Zu Beginn der zwanziger Jahre wurden noch, wie schon um die Jahrhundertwende, die Bezeichnungen ›Verlagsredakteur‹, ›wissenschaftlicher Mitarbeiter im Verlag‹ und ›Verlagslektor‹ meist als Synonyme gebraucht. Dies änderte sich im Laufe des nächsten Jahrzehnts im Zuge der weiteren Ausdifferenzierung der Berufsbilder im Verlag. Zunächst wurde der ›Verlagsredakteur‹ vom Lektor unterschieden. Redakteure waren 30 Olbrich: Verlagskunde, S. 22. 31 Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden. 15., völlig neubearbeitete Aufl. Bd. 11. Leipzig 1932, S. 295. 32 Lexikon des gesamten Buchwesens, S. 318. 33 Deutsche Berufskunde, S. 244, Auszeichnung im Original gesperrt. 34 Deutsche Berufskunde, Auszeichnung im Original gesperrt.

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weniger programmbildend tätig, sondern standen vielmehr in Diensten einer Zeitschrift für die Beitragsbearbeitungen. Verlagsredakteure waren vor allem in Verlagen zu finden, die neben ihrer Buchproduktion eine literarische oder wissenschaftliche Zeitschrift herausgaben. Die synonyme Verwendung von ›Lektor‹ und ›wiss. Mitarbeiter‹ blieb jedoch bis in die dreißiger Jahre bestehen. Dies erklärt sich aus den Anforderungsprofilen, die für den Lektorenberuf formuliert wurden. Als vage Zugangsvoraussetzung für die Ausübung des Lektorenberufs bemerkte Wilhelm Olbrich in seinem Lehrbuch, es sei »im allgemeinen nicht erforderlich, daß der Lektor ausgedehnte Spezialkenntnisse auf jenen Gebieten besitzt, die das betreffende Werk inhaltlich berührt. […] er wird vielleicht der idealen Objektivität näher kommen, wenn er aus einem guten allgemeinen Bildungsniveau heraus an seine Aufgabe geht und nicht selbst durch Spezialstudium auf wissenschaftliche Doktrinen oder einseitige Betrachtungsweisen festgelegt ist, die ihn von der Einfühlung in neue Ideen und Stoffe abhalten.«35 Wesentlicher für die Qualifikation als Lektor war es, bei der Lektüre des Manuskriptes »nie das Publikum [zu] vergessen«,36 für das das Werk bestimmt sein könnte. Die realistische Einschätzung des Absatzes war ebenso entscheidend wie das Wissen um literarische Aspekte. Allgemeines Bildungsniveau und »geistige Beweglichkeit«, keineswegs »gute akademische Zeugnisse oder ein Doktorexamen summa cum laude«37 bildeten die Basis für die Qualifikation eines Lektors. Die Zurückweisung akademischen Expertentums und die Betonung der Allgemeinbildung waren insofern relevant, als dadurch deutlich gemacht wurde, dass die Position des Lektors durchaus mit bildungsbürgerlichen Werten besetzt war. Im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel häuften sich hingegen Anzeigen, in denen sich fast ausschließlich junge Akademiker auf einen Lektoratsposten im Verlag bewarben. Diese Stellengesuche lauteten beispielsweise: »Schriftsteller, Akademiker, mit umfassender Redakteur- u. Buchhändlerpraxis, ideenreicher Propagandist, mit guten Beziehungen zu bekannten Autoren, sucht Stellung als Lektor oder ähnlichen Wirkungskreis.«38 Andere Anzeigen lauteten ganz ähnlich: »Dr. phil. (Deutsch, Literaturgeschichte, Philosophie) […] sucht Tätigkeit in gröss. Verlag als Redakteur, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Propagandist«39 oder »Akademiker, Dr. rer. pol. […] sucht aus Liebe zur Sache in führendem Verlagshaus als wissenschaftl. Mitarbeiter einzutreten«40 oder »Studienassessorin Dr. phil. sucht […] Lektorenstelle in einem Verlag«41 oder »Dr. phil. […] sucht geeigneten Wirkungskreis in Verlag als Lektor oder Fach-Bearbeiter«.42 Auffallend ist auch hier der synonyme Gebrauch der Begriffe ›Lektor‹ und ›wissenschaftlicher Mitarbeiter‹. Vor allem für junge Akademiker und wie schon um die Jahrhundertwende

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Olbrich: Verlagskunde, S. 23. Olbrich, S. 23. Olbrich, S. 24. In: Börsenblatt 98 (1931) 36. In: Börsenblatt 93 (1926) 217. In: Börsenblatt 95 (1928) 1. In: Börsenblatt 105 (1938) 2. In: Börsenblatt 105 (1938) 2.

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noch immer für Autoren und Literaturkritiker, die sich neben ihrer literarischen Produktion ihr finanzielles Auskommen sichern wollten, war diese Position attraktiv. Richtungsweisend für die weitere Entwicklung des Berufsbilds Lektor im gesamten 20. Jahrhundert blieb folgendes Phänomen: Die Akademisierung des Berufs Lektor resultierte nicht aus den Bedürfnissen der Verlagsbranche, sondern wurde von außen, von denjenigen, die diese Tätigkeit nachsuchten, an ihn herangetragen. Der Beruf Lektor wurde mit Wertvorstellungen assoziiert, die während einer akademischen Ausbildung, während des Studiums auch im Hinblick auf die spätere Ausübung eines Berufs vermittelt wurden. 1923 erschien ebenfalls im Börsenblatt unter der Überschrift »Akademiker im Buchverlag« auf Wunsch der Akademischen Auskunftsstelle der Universität Leipzig eine kurze Notiz über die Berufsaussichten von Akademikern im Verlagsgewerbe.43 Es wurde erklärt, die Chancen für eine Einstellung im Verlag seien für Akademiker grundsätzlich nicht größer als für Nichtakademiker. Jedoch explizit die Position des Lektors wurde genannt, für die »selbstverständlich akademische Vorbildung nützlich, wenn nicht notwendig« sei. Insbesondere größere belletristische Verlage beschäftigten akademische Lektoren, denen die Prüfung und redaktionelle Bearbeitung von Manuskripten oblag. Für das Lektorat im literarischen Verlag wurde vor allem der Literaturhistoriker als geeignet angesehen, für wissenschaftliche Verlage diejenigen mit den der Verlagsdisziplin entsprechenden Studienabschlüssen. Stärker ins Gewicht fielen jedoch »verlegerische Ideen, kaufmännischer Weitblick, Organisationstalent, Energie, Geschmack, Propagandageschick«. Ein abgeschlossenes Studium wurde nicht zur Zugangsvoraussetzung für den Lektorenberuf. Die Nachfrage auf diese Position unter Akademikern wuchs jedoch während der zwanziger Jahre weiter an. Die Bemühungen der Universität Leipzig, ihre Studenten über die Berufsmöglichkeiten in der Verlagsbranche zu informieren, zeichnen diese Entwicklung schon vor. Erklärbar ist dieses Phänomen vor dem Hintergrund der Berufsaussichten von Hochschulabsolventen ab Mitte der zwanziger Jahre und während der Weltwirtschaftskrise.44 Eine Überfüllung der klassischen Akademikerberufe, wie Rechtsanwalt, Studienrat oder Ingenieur, und eine damit einhergehende materielle Verarmung ließen Jungakademiker in andere intellektuelle, in künstlerische Berufe drängen, deren Wurzeln ebenfalls im klassischen Bildungskonzept angesiedelt waren. Doch der Zugang zur Lektorenposition blieb auch in den zwanziger Jahren weiterhin ungeregelt. Es lässt sich realiter eine fortschreitende Akademisierung des Berufs feststellen, die durch den Versuch junger Akademiker, sich neue Arbeitsmärkte zu eröffnen, forciert wurde. Aus allen, noch vage formulierten Anforderungsprofilen geht unmissverständlich hervor, dass der Lektor als Bindeglied zwischen buchmarktrelevanten, ökonomischstrategischen Handlungserfordernissen und literarisch-kulturellen Wertmustern fungieren sollte. Die Vokabeln zur Definition eines berufsspezifischen Leistungskatalogs ähnelten sich: »(geistige) Beweglichkeit« (Olbrich), »allgemeines Bildungsniveau« (Olbrich), »Beobachtung des Buch- und Literaturmarktes« (Paschke und Rath), »kaufmännischer Weitblick« (Börsenblatt). Die Lektoren mussten sich in ihrer praktischen Arbeit jedoch in den zwanziger Jahren auf ein Publikum einstellen, dem diese umfassende Bildung nicht

43 Akademiker im Buchverlag. In: Börsenblatt 90 (1923) 133, S. 897. 44 Vgl. zur Situation arbeitsloser Jungakademiker während der Weimarer Republik: Jarausch: Krise des Bildungsbürgertums, S. 199.

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mehr selbstverständlich war und das in seinem Leseverhalten und in seiner Nachfrage nach Lektürestoffen nicht mehr vom humanistischen Bildungsanspruch geleitet wurde.

Kompetenzen und Status des Lektors In den Lehrbüchern, die zur Unterrichtung des buchhändlerischen und verlegerischen Nachwuchses herangezogen wurden, wurde der Lektor als feste Institution oder als externer, aber dauerhafter Berater charakterisiert. Die Aufgabengebiete des Lektors wurden jedoch differierend beurteilt. Von der Beschränkung auf die reine Manuskriptarbeit bis hin zur stetigen Beobachtung der Marktverhältnisse wurden dem Lektor vielseitige Funktionen zugeordnet. Im Wesentlichen dominierte innerhalb des Verlags die Funktion des literarischen Beraters des Verlegers, eigene Programmverantwortung ist nur in wenigen Fällen nachzuweisen. Die zunehmende Profilierung der Lektorenposition im traditionellen Kulturverlag führte nicht konsequenterweise zu einem Bedeutungsverlust des Privatverlegers. Er blieb die zentrale Integrationsfigur in seinem Verlag, die in der Regel noch in persönlichem Kontakt mit ihren Autoren stand und das Verlagsprogramm in der Öffentlichkeit vertrat. Dem Lektor wurde nur soviel Handlungsspielraum zugestanden wie es die Verlegerpersönlichkeit zuließ. Damit waren der aktiven Gestaltung des Programms unterschiedliche Grenzen gesetzt. Die Dominanz des Lektorats in Publikationsentscheidungen ließen nur wenige Verleger zu. Die Statuszuschreibung des Lektors im Verlag wurde im Lexikon des gesamten Buchwesens unter dem Eintrag »Verlagsbuchhandel« deutlich, in der es heißt: »Die Verlagsleitung wird sich […] die Bestimmung des Verlagsprogramms und den Verkehr mit den Autoren vorbehalten […].«45 Der Lektor sollte jedoch hierbei Unterstützungsfunktion leisten. Im Unterschied zum Lektor beschränkt sich die Tätigkeit der Verlagsredakteure auf die »Betreuung der im Verlag erscheinenden Zss. und Fortsetzungsoder Sammelwerke«.46 Autorenakquisition und Manuskriptbeurteilung oblagen ausschließlich dem Lektor. Die Lektoren hatten in den traditionellen Kulturverlagen keine autonome Entscheidungskompetenz. Im Privatverlag war der Verleger die zentrale Instanz, die letztlich über Annahme oder Ablehnung eines Manuskriptes urteilte. Der Verlagslektor wurde nicht als allein ausschlaggebender Experte anerkannt. Seinem Status entsprechend als Verlagsangestellter unterstand er der Weisung des Verlegers. Die beratende Funktion war gepaart mit organisatorischen Funktionen bis hin zur Mitsprache in herstellungstechnischen Fragen. Freier als im Individualverlag waren die Lektoren auch im großen Medienkonzern nicht. Das Lektorat im Ullstein Buchverlag beispielsweise war fest eingebettet in die Konzernstruktur, was die Lektoren als Angestellte in ihren Handlungsmöglichkeiten stark einschränkte. Ihre inhaltliche Arbeit wurde durch die Konzernstrategie ebenso stark reglementiert.47 Das strategische Vorgehen unter starker Berücksichtigung des Zeitungs- und Zeitschriftengeschäfts ersetzte hier den Einfluss der Verlegerpersönlichkeit im Individualverlag. 45 Lexikon des gesamten Buchwesens, S. 505. 46 Lexikon des gesamten Buchwesens, S. 505. 47 Vgl. Schneider: Die »Romanabteilung« im Ullstein Verlag, S. 100 f.

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In der literarischen Öffentlichkeit blieben Lektoren weitgehend anonym. Über ihre Entlohnung können nur vereinzelte Angaben getroffen werden. Das Gehalt der Lektorinnen Dora und Rosa Langewiesche im Verlag Karl Robert Langewiesche lag nach der Inflation 1923 bei etwa 100 Mark im Monat.48 Als mithelfende Familienangehörige des Verlegers erhielten sie eine eher niedrige Entlohnung. Die durchschnittliche Bezahlung der Lektoren im literarischen Verlag lag bei 300 bis 400 Mark im Monat.49 Mit dieser Verdienstspanne liegen die Lektorengehälter etwa auf dem Niveau durchschnittlicher, mittlerer Angestelltengehälter. Lektoren verdienten weniger als Studienräte an Gymnasien. Dennoch bildete für viele Lektoren der ›ersten Stunde‹ die Verlagstätigkeit die Basis zur Absicherung ihres Lebensunterhalts, die die Honorierung ihrer schriftstellerischen Arbeit nicht gewährleisten konnte. Allerdings ist festzustellen, dass Lektoren bei großem (durchaus auch ökonomischem) Erfolg ihrer Werke dem Lektorenberuf den Rücken kehrten und sich fortan ganz als Berufsschriftsteller etablierten.

Literatur Quellen BERGMANN, Cornelius: Ungedruckte Literatur von heute (Vom Schreibtisch eines Lektors). In: Börsenblatt 97 (1930) 239, S. 992. Deutsche Berufskunde. Ein Querschnitt durch die Berufe und Arbeitskreise der Gegenwart. Hrsg. von Ottoheinz v. d. Gablentz und Carl Mennicke unter Mitarbeit von Alfred Fritz, Walter Grau, Hans Harmsen und Peter Suhrkamp. Leipzig 1930. Festschrift zum zweihundertjährigen Bestehen des Verlages C. H. Beck 1753 –1963. München: C. H. Beck 1963. Hundertfünfundzwanzig Jahre Rütten & Loening. 1844 –1969. Ein Almanach. 1969. KASACK, Hermann: Rundfunkmanuskript Das Buch. 1. Teil: Aus der Werkstatt eines Verlages, gesendet am 15. Dezember 1927 (Marbach, DLA, A: Kasack, 91.128.5297). KLIEMANN, Horst: Die Prüfung von Verlagsplänen. Ein Beitrag zur Technik der Marktuntersuchung im Buchhandel. In: Börsenblatt 95 (1928) 252, S. 1189. Lexikon des gesamten Buchwesens. Leipzig 1935. OLBRICH, Walter: Einführung in die Verlagskunde. Leipzig 1932. PASCHKE, Max und Philipp Rath: Lehrbuch des Deutschen Buchhandels. 1. Band. 7. Auflage. Leipzig 1932. UNWIN, Stanley: Das wahre Gesicht des Verlagsbuchhandels. Stuttgart 1927.

Forschungsliteratur ABELE, Bernd: Zur Geschichte des Verlages Bruno Cassirer 1928 –1932. In: Buchhandelsgeschichte 4 (1989), S. B121 –B136. DAHM, Volker: Das jüdische Buch im Dritten Reich. 2., überarbeitete Auflage. München: C. H. Beck 1993. Der Insel Verlag 1899 –1999. Die Geschichte des Verlags. Frankfurt a. M. 1999. 48 Vgl. Archiv des Verlags Robert Langewiesche (Frankfurt a. M., Deutsche Nationalbibliothek, Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels). 49 Dies galt für die S. Fischer-Lektoren Heimann und Loerke, für Hermann Kesten bei Kiepenheuer ebenso wie für die freien Lektoren bei Ullstein, Wolfgang Weyrauch und Gregor von Rezzori.

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281

Der Schocken Verlag/Berlin. Jüdische Selbstbehauptung in Deutschland 1931 –1938. Essayband zur Ausstellung »Dem suchenden Leser unserer Tage« der Nationalbibliothek Luxemburg. Hrsg. von Saskia Schreuder und Claude Weber in Verbindung mit Silke Schaeper und Frank Grunert. Berlin 1994. GÖBEL, Wolfram: Der Kurt Wolff Verlag 1913 –1930. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 15 (1975), Sp. 521 –922. GRÜNERT, Alexandra-Henri: Die Professionalisierung des Buchhandels im Kaiserreich. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 49 (1998), S. 319 –326. HALL, Murray G.: Der Paul Zsolnay Verlag. Von der Gründung bis zur Rückkehr aus dem Exil. Tübingen: Niemeyer 1994. HEIDLER, Irmgard: Der Verleger Eugen Diederichs und seine Welt (Mainzer Studien zur Buchwissenschaft 8). Wiesbaden: Harrassowitz 1998. HERMANN, Franz und Heinke Schmitz: Avantgarde und Kommerz. Der Verlag Die Schmiede Berlin 1921 –1929. In: Buchhandelsgeschichte 4 (1991), S. B129 –B150. JARAUSCH, Konrad H.: Die Krise des Bildungsbürgertums. In: Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert. Bd. IV: Politischer Einfluß und gesellschaftliche Formation (Industrielle Welt 48). Hrsg. von Jürgen Kocka. Stuttgart 1989, S. 180 –205. MENDELSSOHN, Peter de: S. Fischer und sein Verlag. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1970. SARKOWSKI, Heinz: Das Bibliographische Institut. Verlagsgeschichte und Bibliographie 1926 –1976. Mannheim, Wien, Zürich: Bibliographisches Institut 1976. SARKOWSKI, Heinz: Der Springer-Verlag. Stationen seiner Geschichte. 1842 –1992. Teil I: 1842 – 1945. Heidelberg usw.: Springer 1992. SCHNEIDER, Ute: Der unsichtbare Zweite. Die Berufsgeschichte des Lektors im literarischen Verlag. Göttingen: Wallstein 2005. SCHNEIDER, Ute: Die »Romanabteilung« des Ullstein Verlags in den 20er und 30er Jahren. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 25 (2000) 2, S. 93 –114. SCHWAB-FELISCH, Hans: Bücher bei Ullstein. In: Hundert Jahre Ullstein 1877 –1977. Bd. 2. Berlin, Frankfurt a. M.: Ullstein 1977, S. 179 –216. WURM, Carsten: 150 Jahre Rütten & Loening. … mehr als eine Verlagsgeschichte 1844 –1994. Berlin 1994.

2

1 Einleitung

6

Der Zwischenbuchhandel Thomas Keiderling

6.1

Der Kommissionsbuchhandel

Grundlegende Entwicklungen Während des Ersten Weltkrieges geriet der Kommissionsbuchhandel in eine tiefe Krise. Absatzprobleme und eine allgemeine Teuerung ließen die Kosten, insbesondere die Ausgaben für Verpackungsmittel und Transportgebühren, überproportional ansteigen. Viele Unternehmensleitungen entschlossen sich, die entstandenen Mehraufwendungen auf ihre Kommittenten umzuschlagen. Sie erhöhten die Kommissionsgebühren, was fatale Folgen hatte. Zahlreiche Verlegerkommittenten gingen spätestens mit dem Jahr 1917 verstärkt oder vollständig zum direkten Verkehr mit den Sortimentern bzw. mit dem Publikum über. Hans Volckmar, der Seniorchef der 1918 gegründeten Koehler & Volckmar AG, sah den Rückgang des Leipziger Auslieferungsgeschäfts darin begründet, dass der »indirekte Verkehr über Leipzig« zu langsam und zu teuer geworden war im Vergleich zum direkten Verkehr zwischen Verlag und Sortiment.1 Wenn es den Kommissionären nicht gelang, dieses Verhältnis wieder umzukehren, drohte dem Zwischenbuchhandel innerhalb kurzer Zeit eine vollständige Demontage. Während einerseits die Kommittenten von den Kommissionären die Senkung der Gebühren verlangten, forderten die Angestellten im Zwischenbuchhandel eine deutliche Erhöhung ihrer Wochenlöhne. Das Gegensätzliche dieser beiden Tagesforderungen sorgte für ein enormes Konfliktpotenzial im Branchenzweig. Die unzufriedene Stimmung entlud sich im März 1919 in einem Generalstreik sowie in einer aus sozialer Not heraus entstandenen fünfwöchigen Arbeitsniederlegung der Buchhandlungsgehilfen und Markthelfer im August und September 1919.2 Der Arbeitgeberverband der Deutschen Buchhändler, Ortsgruppe Leipzig, ersuchte den Börsenverein am 22. August 1919 um eine Sondersitzung, auf der Gegenmaßnahmen beschlossen werden sollten. Auf der Versammlung, die am 27. August in Leipzig stattfand, wurde zunächst die Frage verneint, ob die AngestelltenGehälter anzuheben wären. Das hätte eine Erhöhung der Kommissionsgebühren und somit eine weitere Abwanderung von Kommittenten zur Folge. Die Anwesenden beschlossen die Einsetzung eines zwanzigköpfigen Ausschusses, der Mittel und Wege aus dem Konflikt finden sollte.3 Doch die Zwanziger-Kommission ging nach einem Tage erregter Diskussionen ergebnislos auseinander.4 1 Vgl. Schreiben von Hans Volckmar an Hofrat Dr. Meiner (im Unternehmen J. A. Barth) vom 24. Dezember 1919, Bl. 3, (DBSM Kasten 21, Nr. 155). 2 Vgl. Kapp: Streik der Angestellten. Vgl. ferner Staub: Ein vertrauliches Referat, S. B14. 3 Dem Ausschuss gehörten unter Vorsitz des Vorstands des Börsenvereins Vertreter des Verbandes der Kreis- und Ortsvereine, des Vereins der Buchhändler zu Leipzig, des Vereins Leipziger Kommissionäre, des Deutschen Verlegervereins sowie der Deutschen Buchhändlergilde an. Nach Beendigung des Streiks im Leipziger Buchhandel am 10. September 1919 wurden dem Ausschuss auch drei Mitglieder der Arbeitnehmerverbände hinzugewählt. Vgl. Geschäftsrundschreiben des Vereins Leipziger Kommissionäre vom 19. Dezember 1919, in: DBSM, Kasten 21, Nr. 154. 4 Vgl. Börsenblatt 90 (1923) 127, S. 771.

284

6 D er Zw isch enbuchh and e l

In dieser angespannten Situation unterbreiteten die Leipziger Verleger Richard Quelle5 und Robert Voigtländer6 zwei fast identische Reformvorschläge zu Verkehrsvereinfachungen im Buchhandel. Im Kern nahmen beide den alten Gedanken wieder auf, den Zwischenbuchhandel genossenschaftlich zu betreiben.7 Ihre Entwürfe orientierten sich weitgehend am Vorbild des bereits in Leipzig existierenden Kommissionshauses deutscher Buch- und Zeitschriftenhändler (gegr. 1905). Die bestehenden Geschäfte einschließlich der Marktführer Koehler & Volckmar sowie Fleischer sollten sukzessive aufgekauft und in die neue Unternehmung mit eingebracht werden. In der vorliegenden Form waren die Vorschläge einfach undurchführbar und wurden auch deshalb nicht weiter verfolgt, da die langwierigen Tarifverhandlungen mit den Angestellten bzw. die revolutionären Auseinandersetzungen auf den Straßen Leipzigs, bei denen mehrere Betriebe des Buchhandels in Mitleidenschaft gezogen wurden, die volle Aufmerksamkeit auf sich zogen.8 Nach zähen Verhandlungen zwischen dem Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverband wurde schließlich ein neuer Lohntarif ausgehandelt. Weitere Beratungen von Verlegern und Sortimentern mit dem Verein Leipziger Kommissionäre (VLK) führten am 8. Januar 1920 dazu, den »empfohlenen Verkehr« über Leipzig wieder einzuführen, der während des Weltkrieges hatte eingestellt werden müssen. Der empfohlene Verkehr sorgte im Verbund mit modifizierten »Platzbestimmungen« des VLK dafür, dass die Auslieferung über Leipzig attraktiver wurde.9 Aus der Krise war der Zwischenbuchhandel allerdings noch nicht heraus. Während der Inflationsjahre verschärften sich die Probleme des »Verkehrs über Leipzig« erneut. Im Vergleich zum Vorkriegsjahr ging die Leipziger Auslieferung bis zum Mai 1922 um etwa 40 bis 50 Prozent zurück.10 Weitgehende Dezentralisierungs-

5 Quelle schlug vor, dass alle über Leipzig verkehrenden Firmen (ca. 11.000) zuzüglich etwa 400 am Ort ansässige Betriebe über die Ausgabe von Aktien ein Kapital von 10,7 Mio. M anhäufen sollten, womit der genossenschaftliche Zusammenschluss zu bewerkstelligen sei. Vgl. Reformplan von Richard Quelle (Quelle & Meyer) vom 28.12.1919, in: DBSM, Kasten 21, Nr. 157–158. 6 Voigtländer schrieb: »Was kann geschehen? Vor allem scheint es nötig, das privatwirtschaftlich geführte Leipziger Kommissionsgeschäft, das Barsortiment und den Grossobuchhandel genossenschaftlich zu organisieren, unter einheitliche Leitung und diese mit dem Verein der Buchhändler zu Leipzig und mit dem Börsenverein in enges Einvernehmen zu bringen. […] Ich bin mir der ungeheuren Bedeutung eines solchen Schrittes bewusst. Es handelt sich um eine im Buchhandel noch nicht dagewesene, in Planung und Durchführung unendlich umfangreiche und schwierige Kapital-, Betriebs- und Menscheneinigung.« Vgl. Reformplan von Robert Voigtländer vom 29. Dezember 1919, Bl. 3, in: DBSM, Kasten 21, Nr. 159. 7 Nachweislich das erste Mal wurde diese Idee 1828 in einer anonymen Schrift mit dem Titel »Einladung an alle Buchhandlungen« formuliert. Vgl. Keiderling: Kommissionsbuchhandel, S. 138–143. 8 Verkehrs-Vereinfachungen im Buchhandel. Denkschrift vom 20. April 1920, in: DBSM, Kasten 21, 164a. 9 Platzbestimmungen siehe weiter unten den Abschnitt »Die Modernisierung des Leipziger Kommissionsplatzes«. 10 Vgl. Exposé zum Grossobuchhandel von 1923, S. 81. Vgl. SStAL, Börsenverein, 827.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

285

pläne des buchhändlerischen Verkehrs wurden diskutiert.11 Davon erhoffte man sich bedeutende Einsparungen an Kommissionsgebühren. 1921 und 1922 gründeten die Augsburger und Dresdner Buchhändler jeweils eine Art Bestellanstalt auf ihrem Platz, die im Dresdner Fall allerdings nur kurzen Bestand hatte.12 Ebenso gab es in diesen Jahren mehrere Versuche, einem einzigen Leipziger Kommissionär die Spedition für einen bestimmten Ort, etwa Breslau oder Dresden, zu übertragen.13 Die durch die Inflation hervorgerufenen Turbulenzen im Kommissionsbuchhandel wurden am 26. November 1923 durch die Rentenmark-Umstellung zunächst beendet.14 Die Ereignisse der frühen zwanziger Jahre stellten den Zwischenbuchhandel vor eine harte Zerreißprobe. Wieder einmal waren es einige Leipziger Unternehmer, die Auswege aus der Krise suchten und fanden. Auf Initiative des Vereins Leipziger Kommissionäre konnten mehrere Innovationen umgesetzt werden, welche die Geschäftsvermittlung vereinfachten und die Situation im Zwischenbuchhandel stabilisierten. Dazu gehörten die Einführung des Ibu-Schecks (Internationaler Buchhandels-Scheck) für internationale Transaktionen, die Eröffnung des Zahlungsverkehrs Leipziger Kommissionäre (Zalko) sowie einer Girokasse (Gilko) als Abrechnungsstelle für solche Firmen, die in Leipzig keinen Kommissionär unterhielten.15 Mit ihren Maßnahmen konnten die Leipziger Kommissionäre die Kommittenten-Fluktuation insgesamt aufhalten und der Verkehr über Leipzig nahm nach 1924 wieder zu.16 Dennoch ging die Zahl der in Leipzig unterhaltenen Verlags-Auslieferungslager zwischen 1918 und 1933 um ca. 25 Prozent zurück. Daraus lässt sich ableiten, dass die Auslieferung vom Verlagsstandort und somit der direkte Verkehr an Boden gewonnen hatte. Selbst nach interner Einschätzung der Zwischenbuchhändler war der »Verkehr über Leipzig« für den Verleger wie Sortimenter nur bedingt lohnenswert, da nur vergleichsweise wenig Gebühren gespart werden konnten. Die Sortimenter pflegten den Bezug über Leipzig vor allem deshalb, da ihnen der Kommissionär großzügige Kredite gewährte.17

11 Während dieser Zeit kam es innerhalb des Vereins Leipziger Kommissionäre zu großen Spannungen, da sich die Mitglieder über Auswege aus der Krisensituation nicht einig waren. Einige Kommissionäre traten sogar kurzzeitig aus dem Verein aus, da sie dessen Entscheidungen nicht mittragen wollten. Vgl. Unterlagen zum Verein Leipziger Kommissionäre aus dem Jahre 1921, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 11. 12 Vgl. Börsenblatt 88 (1921) 74, S. 410. Siehe auch Protokoll der 7. Betriebsbesprechung am 14.02.1922, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 24. Die Dresdner Anstalt wurde durch einen kleinen Kommissionär in Leipzig vertreten, vgl. Bericht über einen Besuch Frentzels in Dresden vom 22. Februar 1922, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 26. Die Augsburger Bestellanstalt liquidierte am 30. September 1929. Vgl. Börsenblatt 96 (1929) 259, S. 1191. 13 Vgl. Börsenblatt 89 (1922) 270, S. 1633. Vgl. ferner Börsenblatt 89 (1922) 292, S. 1750. 14 Vgl. Börsenblatt 90 (1923) 272, S. 7903. 15 Siehe hierzu weiter unten den Abschnitt »Die Modernisierung des Leipziger Kommissionsplatzes«. 16 Vgl. Bilanz des Auslieferungsverkehrs anhand des Protokolls der 17. Betriebsbesprechung der Koehler & Volckmar AG. vom 8.12.1925, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 29. 17 Im Oktober 1922 überstiegen die Kredite der Kommissionsgeschäfte von Koehler & Volckmar die Kommittentenguthaben um 5 bis 6 Mio. M. Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 24, 26.

286

6 D er Zw isch enbuchh and e l

Tabelle 1: Verlage mit einem Leipziger Lager 1918–1933 Jahr

1918

1919

1922

1925

1928

1933

Lager

2.886

3.114

3.154

2.553

2.484

2.179

Quelle: Adreßbuch des Deutschen Buchhandels.

Die Geschäftsgeografie des Kommissionsbuchhandels In der Weimarer Republik blieb Leipzig trotz aller Krisenerscheinungen nach wie vor das Zentrum des deutschen Buchhandels. Es verband sämtliche Wirtschaftsregionen des nationalen Marktes sowie den nationalen mit dem internationalen Buchhandel. Aufgrund der Tatsache, dass nicht alle Geschäfte, beispielsweise innerhalb Süddeutschlands, über Leipzig laufen konnten, bedienten Nebenkommissionsplätze regionale Submärkte. Ihre Bedeutung lag ausschließlich in der internen Geschäftsvermittlung ihres Einzugsfeldes, sie verkürzten interne Wege. Über regional begrenzte Geschäftskontakte hinaus besaßen die Nebenplätze kaum Bedeutung. Häufig kam es zu einer gegenseitigen Überlappung und Durchdringung von buchhändlerischen Submärkten.18 Nachdem die Nebenkommissionsplätze Berlin und Stuttgart kurz nach der Jahrhundertwende zu großen Teilen von den Leipziger Marktführern K. F. Koehler sowie F. Volckmar aufgekauft worden waren, bestand ihre Funktion in der Ergänzung des Leipziger Zentrums. Die strategische Koordinierung der drei Plätze wurde in den Vorstandssitzungen der 1918 vereinigten Leipziger Firmenleitung von Koehler & Volckmar vorgenommen, die monatlich und in Krisensituationen wöchentlich stattfanden.19 Die Zusammenfassung des Verkehrs über Leipzig brachte einen Kommunikationsvorteil mit sich, der am Beispiel der so genannten Geschäftsrundschreiben deutlich wurde. Geschäftsrundschreiben gehörten seit dem 18. Jahrhundert zu einem beliebten, da preiswerten brancheninternen Informationsmittel. Die kleinen Zettel, oftmals mit Informationen zu Inhaberwechseln und Veränderungen in den Geschäftsgepflogenheiten, wurden über den Leipziger Kommissionär den Ballen, Paketen und Beischlüssen aller am organisierten Buchhandel teilnehmenden Firmen mitgegeben. Somit war das System unabhängig von der Post und sparte Gebühren.20 1932 wurden vom Verein der Buchhändler zu Leipzig vorgedruckte Geschäftsrundschreiben bzw. Adressenlisten angeboten, die der Kommittent für dessen Prospektversand etc. erwerben konnte. Die Adressen waren bereits auf gummierten und geschnittenen Streifen aufgedruckt und konnten auch für einzelne Branchenspezialisierungen erworben werden, unter anderem für:

18 Vgl. Keiderling: Modernisierung des Leipziger Kommissionsbuchhandels, S. 219. 19 Siehe die erhaltenen Protokolle der Vorstandssitzungen im Leipziger Firmennachlass von Koehler & Volckmar. 20 Vgl. Keiderling: Modernisierung des Leipziger Kommissionsbuchhandels, S. 78 f. Vgl. ferner Staniek: Buchhändlerische Geschäftsrundschreiben als buchgeschichtliche Quelle.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

287

í sämtliche Buchsortimenter (7.820 Firmen, davon verkehrten 5.963 über Leipzig und 1.857 direkt) zum Preis von 25,00 M,

í sämtliche reine Musikalienhändler (1.188 Firmen, davon 771 Sortimenter und 417 Verleger, über Leipzig verkehrten 604 Sortimenter und 339 Verleger, während 167 und 78 im Direktverkehr standen) zum Preis von 6,00 M, í sämtliche Grossobuchhandlungen (153 Firmen, davon verkehrten 49 direkt) zum Preis von 2,00 M, í sämtliche deutsche und ausländische Export- und Importbuchhandlungen (245 Firmen, davon verkehrten 58 direkt) zum Preis von 3,00 M oder í sämtliche Firmen einer deutschen Region (beispielsweise Sachsen = 619 Firmen) zum Preis von 10,00 M.21 Eine weitere Einsparung an Porto ergab sich bei der Bestellzettelvermittlung durch die Leipziger Zettelbestellanstalt. Curt Fernau führte für das Jahr 1931 hierzu aus, die Gesamteinlieferung der Bestellanstalt betrage »täglich etwa 30 bis 36 Kilo, das Kilo hat etwa 2.500 Zettel, wovon der empfohlene Verkehr etwa 8–10 Kilo ausmacht. Wem die Bedeutung des Leipziger Platzes […] noch nicht klar geworden sein sollte, der multipliziere einmal die 35 Kilo Tagesdurchgang mit je 2.500 Zetteln, das ergibt 87.500 Zettel täglich. Multiplizieren Sie diese Zahl mit einem Mittel der Porti für Bücherzettel und Postkarten und nehmen Sie dieses Produkt mal 250 jährliche Arbeitstage, dann werden Sie leicht errechnen können, wie viel der Leipziger Platz dem Gesamtbuchhandel allein an dieser Stelle spart und damit die immense volkswirtschaftliche Bedeutung desselben erfassen können.«22 Der Standortvergleich ergibt, dass über Leipzig ein Gutteil aller deutschen Buchhandlungen vertreten waren, während die Nebenkommissionsplätze Berlin und Stuttgart – Anfang der 1930er Jahre fanden im Adreßbuch zusätzlich noch Hamburg und München Erwähnung23 – bei einer vergleichsweise geringen Kommittentenvertretung beachtliche Zuwächse zu verzeichnen hatten. Sieht man sich die Namen der Kommittentenfirmen genauer an, fällt auf, dass die Ernennung eines Kommissionärs auf einem Nebenplatz zumeist nicht alternativ, sondern additional zum Leipziger Kommissionär erfolgte.24 Hinzu kommt ein weiterer gravierender Unterschied: Während die Leipziger Kommissionäre aufgrund ihrer zentralen Stellung im System des deutschen Buchhandels ein umfangreiches Paket von Serviceleistungen anboten, waren die Möglichkeiten auf den Nebenkommissionsplätzen begrenzt. Dort konnte nur ein geringer Teil der Abrechnung erfolgen, Lagerhaltung war nur in Ausnahmefällen üblich, die Lieferbarkeit einge21 Weitere Beispiele siehe Adreßbuch des Deutschen Buchhandels, 1932, S. XXXVI f. 22 Fernau: Der Leipziger Platz, S. 9. 23 Hamburg war mit 11 und München mit 10 Kommissionsverbindungen ausgewiesen. Vgl. Adreßbuch des Deutschen Buchhandels, 1933, S. XXXVIII. 24 Als unzutreffend muss in diesem Zusammenhang die leider viel zu häufig zitierte Tabelle von Jordan bezeichnet werden, in der die Kommittentenzahlen der einzelnen Kommissionsplätze ohne Berücksichtigung von Mehrfacherwähnungen (also Kommittenten, die sowohl in Leipzig als auch in Berlin und Stuttgart Kommissionäre ernannt hatten) addiert wurden, um davon ausgehend Prozentzahlen zu erhalten. Siehe Tabelle V: Der Verkehr der Kommittenten über die einzelnen Kommissionsplätze (in Prozent), in: Jordan: Der Zentralisations- und Konzentrationsprozess im Kommissionsbuchhandel, S. 85.

288

6 D er Zw isch enbuchh and e l

schränkt. Punktuelle Vergleiche der Kommissionsgebühren von Koehler & Volckmar sowie Koch, Neff & Oetinger belegen, dass die Kommissionsgebühren auf den Nebenplätzen vergleichsweise gering ausfielen.25 Das Kräfteverhältnis zwischen den drei wichtigsten Kommissionsplätzen der Weimarer Republik Leipzig, Stuttgart und Berlin lässt sich am besten an der Firmenverteilungs- und Kommittentenstatistik erkennen. Die Tabellen 2 und 3 belegen zunächst einen Rückgang sowohl der Kommissions- als auch Kommittentenfirmen seit 1919 bzw. 1914. Diese Entwicklung war nicht auf Leipzig begrenzt, sondern betraf auch, wenngleich in unterschiedlichem Maße, die Nebenkommissionsplätze. Tabelle 2: Anzahl der Kommissionäre an bedeutenden Kommissionsplätzen Jahr

Leipzig

Stuttgart

Berlin

1919

97

9

11

1922

86





1928

54

3

326

1933

48

3

327

Quellen: Niewöhner: Konzentrationsprozeß im deutschen Kommissionsbuchhandel, S. 31. Adreßbuch des Deutschen Buchhandels. Tabelle 3: Kommittentenvertretungen über bedeutende Kommissionsplätze Jahr

Leipzig

Stuttgart

1914

10.980

715

Berlin

Firmen des Deutschen Buchhandels insgesamt (davon nur Direktverkehr)

261

12.156

1918







11.982

1924

7.369







1925

10.669

423

76

13.706 (1.512)

1928

9.152

496

71

11.619 (1.677)

1933

8.305

721

101

11.417

Quelle: Adreßbuch des Deutschen Buchhandels. Der Kommittentenrückgang hatte drei Ursachen. Zunächst war er einer so genannten Bereinigung des buchhändlerischen Adressbuches geschuldet, sodann gingen in den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegsjahren zahlreiche Firmen Bankrott, schließlich erhielt der direkte Verkehr einen Bedeutungsaufschwung. 1928 ließen sich von insgesamt 11.619 Kommittentenfirmen, die das Adreßbuch des Deutschen Buchhandels ver25 Vgl. auch den Abschnitt zum Kommissionsbuchhandel in Band 2 des ersten Teils der Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert, S. 641–667, besonders S. 661–664. 26 Bei den drei Kommissionären handelte es sich um Sortimenterkommissionäre. Der Verlag wurde in Berlin über Verlagsvertreter organisiert, die nur ansatzweise etwas mit Verlegerkommissionären zu tun hatten. Vgl. Berliner Adressbuch, 1930. 27 Vgl. Berliner Adressbuch, 1930.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

289

zeichnete, 9.719 (= 84 Prozent) über die drei großen Kommissionsplätze Leipzig, Stuttgart und Berlin vertreten. Im selben Jahr unterhielten 2.484 auswärtige Verleger Auslieferungslager bei ihren Leipziger Kommissionären und ließen von dort ausliefern.28 Vergleicht man die Geschäftsjahre 1910 und 1933, so erhöhte sich jeweils die durchschnittliche Anzahl der Kommittenten pro Betrieb beträchtlich, wie die folgende Tabelle veranschaulicht. Tabelle 4: Durchschnittszahl der Kommittenten auf einen Betrieb Jahr

Leipzig

Stuttgart

Berlin

1910

71,9

54,6

9,0

1933

167,6

238,0

31,0

Quelle: Niewöhner: Der Konzentrationsprozeß im Kommissionsbuchhandel, S. 39. Niewöhner hob hervor, dass die Adressbuchbereinigung für eine Verzerrung der Ergebnisse sorgte. Viele Klein- und Gelegenheitskommissionäre, die früher vielleicht noch Eingang in das Branchenverzeichnis gefunden hätten, seien nach 1918 nicht mehr mit aufgeführt worden. So sei die Zahl der Kommissionsgeschäfte zwischen 1910 und 1933 von 156 auf 48 (30 Prozent) vor allem deshalb zurückgegangen, weil im letztgenannten Jahr die Gelegenheitskommissionäre fehlten. Belief sich ihre Zahl 1910 auf 88, so wurde diese Kategorie 1933 nicht mehr berücksichtigt.29 Insofern war der Rückgang der Leipziger Firmenzahl zunächst kein Resultat eines Konzentrationsprozesses, sondern einer veränderten Branchenstatistik. Ebenso war die absolute Zahl der über Leipzig vertretenen Kommittenten von 1910 bis 1933 um ca. 29 Prozent zurückgegangen.30 Lässt man in der Tabelle 5 die Kategorie IV beiseite, wird deutlich, dass die Buchkommissionäre im Vergleich zu den anderen Kommissionärsarten nur einen vergleichsweise geringen Kommittentenverlust verzeichneten.31 Die Gruppe der kleineren Buchkommissionäre hatte eine deutliche Dezimierung erfahren, ihre durchschnittliche Auftragslage verringerte sich von 25 auf 9 Kommittenten. Während um 1910 die zehn bedeutendsten Grossobuchhandlungen 80 Prozent der Kommittenten betreuten, entfielen im Jahre 1933 fast 90 Prozent aller Kommittenten auf nur mehr vier Betriebe.32

28 Vgl. Friese: Leipzig als Bücherstadt, S. 3. 29 Vgl. Niewöhner: Konzentrationsprozeß im deutschen Kommissionsbuchhandel, S. 41. 30 Quellenkritisch soll hier angemerkt werden, dass nicht immer deutlich wird, woher die Zahlen von Niewöhner stammen. Zumindest nennt das Adreßbuch des Deutschen Buchhandels für 1933 8.305 über Leipzig vertretene Kommittenten – bei Niewöhner sind es hingegen 7.986. 31 Vgl. Niewöhner: Der Konzentrationsprozeß im deutschen Kommissionsbuchhandel, S. 42. 32 Vgl. Niewöhner, S. 48.

290

6 D er Zw isch enbuchh and e l

Tabelle 5: Firmengrößen und Spezialisierungen im Kommissionsbuchhandel 1910 und 1933

Jahr I. Buchkommissionäre a) Großbetriebe usf. b) Mittelbetrieb c) Kleinbetrieb II. Grossokommissionäre a) Großbetrieb b) Mittelbetrieb c) Kleinbetrieb III. Musikalienkommissionäre a) Großbetrieb b) Mittelbetrieb c) Kleinbetrieb IV. Gelegenheitskommissionäre nur a) Kleinbetrieb Insgesamt

Anzahl der Betriebe (Kommissionsgeschäfte) 1910 1933

Anzahl der Kommittenten

durchschnittl. Anzahl der Kommittenten

1910

1933

1910

1933

3 20 13

2 13 4

3.647 3.607 325

3.854 2.187 37

1.215,7 180,4 25

1.927 168,2 9

1 9 –

– 5 3

2.561*

– 1.271 139

256,1*

– 254,2 46,4

1 7 7

– 3 7

885*

– 498**

59*

88



194



2,2



156

48

11.219

7.986

71,9

166,3







– 49,8**



* Gilt für Klassifizierungen a) und b) zusammen. ** Gilt für Klassifizierungen b) und c) zusammen. Quellenkritischer Hinweis: Die in dieser Tabelle vorgenommene Einteilung nach der Betriebsgröße ist problematisch, da Jordan und Niewöhner die Kriterien hierfür nicht auswiesen.

Quellen: Vgl. Jordan: Der Zentralisations- und Konzentrationsprozeß, S. 122. Vgl. Niewöhner: Der Konzentrationsprozeß im deutschen Kommissionsbuchhandel, S. 42.

Leipzig Die räumliche Konzentration des Zwischenbuchhandels im Leipziger Kommissionsbuchhändlerviertel sorgte für einen rationellen Ablauf der Bestellung und Auslieferung. Das Zentrum bildeten das neue Buchhändlerhaus sowie das Buchgewerbehaus, wo die Zettelbestellanstalt und die Paketaustauschstelle untergebracht waren.33 Die Paketanstalt erfreute sich nach anfänglichen Problemen eines großen Zuspruchs. Nahezu sämtliche Leipziger Firmen ließen über sie ausliefern. Seit dem 1. Juli 1917 wurde der Zahlungs33 Die Paketaustauschstelle zog im Januar 1918 aus Platzgründen vom Buchhändlerhaus in das Buchgewerbehaus um. Vgl. Börsenblatt 85 (1918) 5, S. 15. Vgl. ferner Börsenblatt 85 (1918) 227, S. 582.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

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verkehr der Einrichtung durch die Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt in Leipzig bargeldlos geregelt. Das Personal bestand 1918 aus 22 Personen, von denen 10 halbtags arbeiteten.34 Der Paketaustauschstelle standen insgesamt 1.200 m2 Fläche zur Verfügung.

Abb. 1a/b: Die 1916 errichtete, genossenschaftliche Paket-Austauschstelle im Hof des Deutschen Buchhändlerhauses Leipzig. Aus: Hohlfeld, Johannes: Hundert Jahre Verein der Buchhändler zu Leipzig. Leipzig: Verlag des Vereins der Buchhändler zu Leipzig 1933, S. 31 und 115. Leider sind die Bilanzen der Leipziger Paketaustauschstelle nicht Jahr für Jahr – so wie beispielsweise für die Berliner Einrichtung – im Börsenblatt veröffentlicht worden. Anhand solcher Angaben wären Aussagen zum Auslieferungsverkehr35 möglich gewesen. Lediglich für 1918 und 1919 wurden Parameter bekannt gegeben. In diesen Jahren betrug die Anzahl der bargeldlos über die Anstalt verkehrenden Firmen 211 und 273. Der Jahresumsatz, über die Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt organisiert, wurde mit 17.154.263,15 M und 27.297.280,15 M angegeben. Die Zahlen belegen den wachsenden Zuspruch zur neuen Einrichtung.36 Zu Beginn der dreißiger Jahre vermittelte die Paketaustauschstelle wöchentlich etwa 50.000 bis 55.000 Bar- und Rechnungspakete.37 Der nahe dem Buchhändlerhaus gelegene Eilenburger Bahnhof war der Güterumschlagplatz des Leipziger Kommissionsbuchhandels. Unweit davon befand sich nördlich das Koehlerhaus (4.850 m2 Grundfläche) mit seinem gläsernen Packhof am Täubchenweg und südlich das fast doppelt so große Volckmarhaus an der Königstraße (8.700 m2 Grundfläche). Der zweitbedeutendste Leipziger Buchkommissionär Carl Friedrich Fleischer mit ca. 130 Angestellten (1930) residierte in der Salomonstraße 16. Weitere, kleinere Firmen wie G. Brauns, E. Bredt, F. A. Brockhaus, F. E. Fischer, R. Forberg, Fr. Foerster, H. Haessel, F. L. Herbig, Hermann & Schulze, Fr. Hofmeister, L. A. Kittler, O. Klemm, Ed. 34 Im Bericht von 1918 wurden aber auch einige Mängel der Paketanstalt aufgezeigt. So sorge das Abladen der Bücher im Freien für Beschädigungen, ebenso würden Wagen unbeaufsichtigt stehen gelassen. Ferner fehle es noch an motorisierten Transportwagen. Vgl. Börsenblatt 85 (1918) 29, S. 62. 35 Meist wurden für Berlin Gewichtsangaben zu den angenommenen und ausgelieferten Barpaketen (in kg) veröffentlicht. 36 Vgl. Börsenblatt 85 (1918) 29, S. 61 f. Vgl. ferner Börsenblatt 85 (1918) 227, S. 582. Vgl. ferner Börsenblatt 87 (1920) 81, S. 350 ff. 37 Vgl. Niewöhner: Der Konzentrationsprozeß im deutschen Kommissionsbuchhandel, S. 34.

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Kummer, C. F. Leede, L. Naumann, W. Opetz, M. Prager, Fr. Wagner, H. G. Wallmann oder Fr. Winter waren im Grafischen Viertel und im Buchhändlerviertel angesiedelt.

Stuttgart Die Bedeutung des Stuttgarter Zwischenbuchhandels war für den regionalen, d. i. süddeutschen Buchhandel nach dem Ersten Weltkrieg leicht zurückgegangen. ElsassLothringen gehörte nicht mehr zu Deutschland. Die Schweiz verkehrte über Olten oder direkt mit Leipzig. So kam Walter Weitbrecht in seiner Diplomarbeit, die er 1928 beim Lehrstuhl von Gerhard Menz an der Handelshochschule in Leipzig geschrieben hatte, zu dem Ergebnis: »Der Kommissionär in Württemberg oder für den süddeutschen Platz ist überflüssig geworden. Die zwei Betriebe in Stuttgart fallen prozentual nicht ins Gewicht. Deutschlands Kommissionsplatz ist jetzt Leipzig und fast alle Kommissionäre haben in Leipzig ihren Sitz.«38 Diese Einschätzung traf in dieser Konsequenz nicht zu. Das beweist die Entwicklung Stuttgarts im Untersuchungszeitraum, wo der Zwischenbuchhandel trotz wirtschaftlicher Engpässe vollkommen intakt blieb und weiterhin sämtliche Spezialisierungen wie Kommissionsgeschäft, Barsortiment bzw. Grossobuchhandlung aufwies.39 Da das Barsortiment in Stuttgart mit dem Kommissionsgeschäft, dem Zeitschriftengrossohandel sowie der Lehrmittelabteilung in einem Hause vereint war, konnte der süddeutsche Sortimentsbuchhändler seinen Gesamtbedarf – oftmals kleine Sendungen – auch aus einer Hand beziehen. Auf dem Stuttgarter Platz ließen sich vorrangig Sortimenterkommittenten vertreten.40 Im Zuge der Innenstadtsanierung entstand ab 1905 um den Wilhelmsbau herum ein Zwischenbuchhändlerviertel, das durch die räumliche Nähe der führenden Geschäfte interne Wege maßgeblich verkürzte. Hier hatte F. Volckmar für seine Stuttgarter Töchter den Graf-Eberhard-Bau errichtet, der bereits 1908 bezogen werden konnte. 1917 wurden dort alle zu K. F. Koehler und Fr. Volckmar gehörenden Stuttgarter Filialen zusammengeführt. Die Süddeutsche Grossobuchhandlung befand sich in der Calwer Straße, August Brettinger von 1913 bis zum Einzug in den Graf-Eberhard-Bau (1922) in der Immenhofer Straße, der Reise- und Verkehrsverlag Steinmetz & Daucher in der Gartenstraße 46 und die Süddeutsche Gross-Buchhandlung G. Umbreit & Co. in der Calwer Straße 33.41

38 Weitbrecht, zitiert in: Bez: Zwischenbuchhandel, S. 93. 39 Die Barsortimente belieferten die Regionen Baden, Württemberg, Bayern, Österreich und das Rheinland (bis etwa Bonn). Thomas Bez vermutete, dass lediglich die Süddeutsche Grossobuchhandlung auch nach Bayern auslieferte, das ansonsten von Leipzig aus bedient wurde. Vgl. Bez: Zwischenbuchhandel, S. 92. 40 Vgl. Pfeiffer: Der deutsche Buchhandel, S. 27 f. 41 Vgl. Bez: Zwischenbuchhandel, S. 95.

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Abb. 2: Der Graf-Eberhard-Bau in Stuttgart. Aus: Koehler & Volckmar Leipzig – Stuttgart – Berlin. Leipzig: Koehler & Volckmar o. D. [ca. 1935], S. 10. Zwei Versuche gab es, in Stuttgart nach Leipziger Vorbild eine moderne Bestellanstalt zu errichten.42 1921 wurde die Bestellanstalt Stuttgarter Buchhändler GmbH ins Leben gerufen, die bereits im nächsten Jahr nicht mehr im Adreßbuch des Deutschen Buchhandels verzeichnet wurde. Am 1. April 1922 gründete die Stuttgarter VerlegerVereinigung eine weitere Bestellanstalt, die bis 1925 Bestand hatte. Sie residierte im Graf-Eberhard-Bau und war eine Zettelkasteneinrichtung nach Art der Leipziger Zettelbestellanstalt. Das örtliche Barsortiment und Kommissionsgeschäft nutzte die Einrichtung als Mittlerin zwischen Verlag und Sortiment. Zum Teil erledigte sie auch den auswärtigen Zettelverkehr mit. Auf dem Gelände des Graf-Eberhard-Baus befand sich ebenfalls eine Paketaustauschstelle, an der sich einige Firmen beteiligten. Diese wurde nicht wie in Leipzig genossenschaftlich betrieben, sondern war eher eine Behelfseinrichtung. Sie war deshalb sinnvoll, weil ein großer Teil des buchhändlerischen Verkehrs über Stuttgart sowieso im genannten Gebäudekomplex abgewickelt wurde.43

42 Zum gescheiterten Transfer dieser zwischenbuchhändlerischen Einrichtung von Leipzig nach Stuttgart im 19. Jahrhundert siehe Keiderling: Modernisierung des Leipziger Kommissionsbuchhandels, S. 254–276. 43 Vgl. Pfeiffer: Der deutsche Buchhandel, S. 28. Zur Leipziger Paketaustauschstelle siehe Band 1/2, Kapitel zum Kommissionsbuchhandel.

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Die Kunden des Stuttgarter Zwischenbuchhandels wurden je nach Umsatz und Entfernung ein- bzw. mehrmals pro Woche beliefert. Alles, was im Kundenfach an Zeitschriften, Büchern und Beipaketen zusammenkam, ging per Bücherwagen der Reichsbahn, per Express, per Post, durch Boten oder mit der Straßenbahn an die Kunden. Boten waren Fuhrleute, die mit Pferdegespannen in der Hauptstätter Straße, also am Rande des Stuttgarter Zwischenbuchhändlerviertels, die Pakete in Empfang nahmen. Jeder Fuhrmann war in einer bestimmten Gastwirtschaft anzutreffen. Sie sammelten die Sendungen auch anderer Stuttgarter Firmen bis zum Mittag ein und gegen 14 Uhr fuhren sie mit ihren Gespannen los. Eine andere Möglichkeit war, die Pakete mit der Straßenbahn zu befördern. Auf die Sendungen nach bestimmten Stuttgarter Vororten klebte man eine Wertmarke und brachte sie zur Straßenbahn am Schloßplatz, den damals fast alle Linien überquerten. Die Schaffner luden die Pakete an den entsprechenden Haltestellen aus, wo sie von den Kunden abgeholt wurden. Nur in der Innenstadt wurden Eildienste eingerichtet, welche die Sendungen bereits mit Kraftwagen ausfuhren.44

Berlin Der Berliner Kommissionsbuchhandel besaß kein eigenes Geschäftsviertel. Die Nähe zu Leipzig, dem logistischen Zentrum des deutschen Buchhandels, hatte bislang dafür gesorgt, die zwischenbuchhändlerische Bedeutung Berlins in Grenzen zu halten. Nun setzte nach dem Ersten Weltkrieg ein rapider Bedeutungsverlust des Berliner Standorts ein. Begünstigt wurde dieser Prozess durch den Umstand, dass die Leipziger Großunternehmen einige Führungsunternehmen des Berliner Kommissionsbuchhandels und Barsortiments nach der Jahrhundertwende aufgekauft und in die eigene Geschäftsstruktur eingegliedert hatten.45 In der Stadt gab es nur wenige professionelle Zwischenbuchhändler. 1930 vertraten ganze drei Sortimenterkommissionäre 26 auswärtige Kommittenten, die vorrangig im norddeutschen Raum residierten. Zahlreicher waren die Berliner Buchhandlungen bzw. Vertreter, die von auswärtigen Verlagen Auslieferungslager unterhielten. Diese Vertreter waren mit einem vollwertigen Verlegerkommissionär Leipziger oder Stuttgarter Prägung nicht mehr zu vergleichen. Das Adreßbuch für den Berliner Buchhandel nannte 1930 115 Vertreter für insgesamt 495 Verlagsfirmen.46 Der Verkehr des Berliner Buchhandels wurde über die Bestellanstalt der Korporation der Berliner Buchhändler abgewickelt. Geregelt wurde diese Einrichtung durch die »Verkehrsordnung für den Berliner Platzverkehr«. Sie war in der Hauptversammlung von 1900 aufgestellt und 1922 revidiert worden. Nach § 4 der Berliner Verkehrsordnung waren die Mitglieder der Korporation und der Bestellanstalt verpflichtet, einander alle Lieferungen frei Bestellanstalt zu leisten. Die Einrichtung übernahm nicht nur den Bestellzettel-, Skripturen- und Drucksachenverkehr der Mitglieder und deren Kommittenten untereinander, sondern auch denjenigen mit den Leipziger Kommissionären bis zu einer Gewichtsgrenze von 200 gr. täglich. Drucksachenversendungen von und nach Leipzig wurden in täglichen Sendungen bis zu 500 gr., Beförderungen und Beischlüsse 44 Vgl. Bez: Zwischenbuchhandel, S. 95 f. 45 Siehe hierzu den Abschnitt Kommissionsbuchhandel in Band 1/2 dieser Buchhandelsgeschichte. 46 Vgl. Berliner Adreßbuch, 1930, S. 228 f.

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von und nach Leipzig bis zu einer Gewichtsgrenze von 25 kg im Monat erledigt. Ferner übernahm es die Bestellanstalt, die ihr übergebenen Beischlüsse auszufahren bzw. vermittelte die eingegangenen Geldbeträge an die angeschlossenen Berliner Firmen.47 Tabelle 6: Statistik der Berliner Bestellanstalt 1918–1932 Jahr 1918 1919 1920 1921 1922 1923 1924 1925 1926 1927

Paketausfuhr 1.047.655 kg 1.221.487 kg 1.189.402 kg 1.031.720 kg 1.173.623 kg 499.364 kg 522.748 kg 706.748 kg 668.718 kg 738.681 kg

1931 1932

875.922 kg 789.843 kg

Inkasso für Barpakete 1.688.473 M 4.413.729 M 8.326.817 M 10.418.640 M 156.523.196 M k.A.48 1.315.636 M 1.715.207 M 1.762.402 M 1.837.836 M

Versendungen nach Leipzig 10.140 kg 164.805 kg 192.422 kg 187.410 kg 197.297 kg 82.114 kg 116.806 kg 206.818 kg 239.194 kg 287.608 kg

1.557.125 M 1.242.285 M

247.477 kg 211.679 kg

Quelle: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Jahresberichte. Die Tabelle 6 erfasst nicht die vollständige Warenvermittlung des Berliner Buchhandels, denn prinzipiell war es jedem lokalen Verlag möglich, Direktlieferungen an Sortimentsbuchhandlungen und an das Publikum an der Bestellanstalt vorbei zu tätigen. Dennoch lassen sich anhand dieser Auflistung Trendaussagen für den Berliner Absatz treffen. Während die Angaben zum Inkasso (Barpakete) den bekannten Währungsschwankungen unterlagen, waren Gewichtsangaben zu tatsächlich ausgelieferten bzw. nach Leipzig versandten Paketen eine sehr verlässliche Größe, um die Tätigkeit der Berliner Bestellanstalt im zeitlichen Längsschnitt einschätzen zu können. Für die Paketausfuhr auffällig waren zwei Plateaus im Untersuchungszeitraum. Von 1918 bis 1922 lag die Ausfuhr im Mittel um 1,13 Mio. kg, während es von 1923 bis 1932 mit durchschnittlich 615.000 kg nur rund 54 Prozent der zuvor vermittelten Mengen waren. Anhand der erhalten Dokumente lässt sich dieser Einbruch nicht eindeutig erklären. Vielleicht war es ab 1924 dem Leipziger Zwischenbuchhandel, vor allem dem dortigen Barsortiment Koehler & Volckmar, stärker als zuvor gelungen, die Auslieferung über den eigenen Platz zu organisieren. Diese Vermutung wird dadurch gestützt, dass die Berliner Versendungen zum Leipziger Zentrum nach 1924 etwas zunahmen und zumeist über 200.000 kg lagen. Die Zahlen zum Inkasso (Barpakete) lassen hingegen nur wenige Rückschlüsse zu. Für die Jahre 1918 und 1924 bis 1932 pendelten sie zwischen 1.242.285 M und 1.837.836 M. Die Phase von 1919 bis 1923 eignet sich aufgrund der inflationsbedingten Geldentwertung nur wenig dazu, in die Untersuchung mit einbezogen zu werden. 47 Vgl. Pfeiffer: Der deutsche Buchhandel, S. 26 f. 48 Im Kassenbericht von 1924 wurde formuliert: »Einen Vergleich mit dem Inkasso des Vorjahres zu ziehen, ist angesichts der damaligen Inflation nicht möglich.« Börsenblatt 92 (1925) 86, S. 6160.

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Eine Auswertung der Bestellanstalt-Statistik ermöglicht auch Rückschlüsse auf bevorzugte Bestell- und Bezugsarten. Während noch vor dem Ersten Weltkrieg, bedingt durch den Konditionshandel, monatliche Schwankungen in den beförderten Buchmengen die Regel waren,49 nahmen diese in den zwanziger Jahren deutlich ab. Zwangsläufig erfolgte nun eine verstärkte Fest- und Barbestellung, da diese besser rabattiert waren und somit die Gewinnspanne der Sortimenter erhöhten.50

Vernetzung der Kommissionsplätze: Sammelbezug und Bücherwagendienste Ein Hauptvorteil des Kommissionsbuchhandels bestand im kostengünstigen Sammelbezug. Einerseits mussten die Kommissionäre darum bemüht sein, durch Sonderverträge mit nichtbuchhändlerischen Spediteuren (Post/Bahn) einen möglichst preiswerten Transport zu gewährleisten. Andererseits hatten sie darauf zu achten, dass das Zusammenfassen der Beischlüsse zu Sammelsendungen nicht zu lange dauerte, damit die Ware schnellstmöglich an die Sortimenter gelangte. Während der zwanziger Jahre wurden die meisten Bücherwagendienste über die Schiene organisiert. Es gab aber auch Pläne, den Verkehr auf die Straße zu verlagern. 1920 wurde von Richard Quelle ein Auto-Direktverkehr zwischen Berlin und Leipzig vorgeschlagen. Die Kraftverkehrsgesellschaft »Freistaat Sachsen« mbH zeigte bereits Interesse an dieser Dienstleistung für den Kommissionsbuchhandel und errechnete anhand von Kostenbeispielen allein für den Transport eine Einsparung von bis zu 45 Prozent. Die Leipziger Kommissionäre ließen sich von dieser Zahlenakrobatik nicht beeindrucken. Gerade beim Verkehr mit dem Berliner Buchhandel meinten sie, durch günstige Verträge mit der Bahn ein kaum noch zu unterbietendes gutes Preis-LeistungsVerhältnis erreicht zu haben. Sie lehnten das neue Projekt ab.51 Der Verein Leipziger Kommissionäre argumentierte wiederholt mit dem Kostenvorteil des Sammelbezugs gegenüber dem direkten. Da die Schriften des Vereins mit solchen programmatischen Titeln wie »Die Wirtschaftlichkeit des Verkehrs über Leipzig« (1922) oder »Weshalb verkehrt man über Leipzig« (1925, 1926, 1931) sämtlich einem Werbezweck dienten, müssen die dort genannten Zahlenbeispiele mit Vorsicht behandelt werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie zugunsten des Auslieferungsverkehrs über Leipzig geschönt wurden. Zusätzlich zu den Bücherwagendiensten wurden zur Beschleunigung des Eilgutverkehrs von Leipzig aus nach 266 deutschen Städten täglich durchlaufende »Kurswagen« abgefertigt, die von der Deutschen Reichsbahn zum Teil an Personenzüge angehängt wurden. Nach einigen Orten liefen die Kurswagen nicht direkt durch. Die Lieferungen mussten dann von Waggon zu Waggon umgeladen werden.52

49 Vor allem zur jährlichen Ostermesse flossen die Remittenden über die Bestellanstalt an die Verlage zurück. 50 Vgl. Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 21. 51 Vgl. Börsenblatt 87 (1920) 234, S. 1238. 52 Vgl. Weshalb verkehrt man über Leipzig? 1931, S. 20–22.

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Die weitere Umgestaltung des Leipziger Kommissionsplatzes durch den Verein Leipziger Kommissionäre Der Verein Leipziger Kommissionäre hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dem infolge der Kriegsjahre eingetretenen wirtschaftlichen Attraktivitätsverlust Leipzigs durch eine bessere Platzpolitik entgegenzuwirken. Im Vorstand agierten zumeist die Geschäftsführer der wichtigsten Kommissionsgeschäfte Leipzigs. Am 1. Januar 1919 traten neue Platzbestimmungen in Kraft, welche die Bedingungen für die Serviceleistungen und Gebühren der im VLK organisierten Firmen vereinheitlichte. Im Einzelnen legten diese »Allgemeine Bedingungen für die Berechnung der Leipziger Kommissionsgebühren« fest: a) Die Besorgung einer neu übernommenen Kommission gegen Berechnung einer Gesamtpauschale ist unzulässig.53 b) Die Kommissionsgebühr beträgt mindestens 75 M pro Jahr, bei jährlichen Umsätzen über 2.000 M mindestens 100 M pro Jahr und weiter im Verhältnis zum Umsatz steigend bis zu 400 M für Sortimenter und 1.000 M für Verleger, sofern nicht Sonderansprüche des Kommittenten noch höhere Kommissionsgebühren erforderlich machen. (Der bisherige berechnete Teuerungszuschlag von 30 Prozent kommt infolge der Erhöhung der Grundgebühr zum Wegfall). Die Teuerungspauschale beträgt monatlich 2 Prozent oder vierteljährlich 6 Prozent desjenigen Betrags, der dem Kommittenten innerhalb von 12 Monaten des vergangenen Kalenderjahres gemäß diesen Platzbestimmungen an Gebühren belastet worden ist. c) Für vereinbarten oder stillschweigend regelmäßig in Anspruch genommenen Kredit müssen Zinsen und Provision berechnet werden. Die Höhe der Zinsen und Provision richtet sich nach dem Risiko und nach den Grundsätzen, die im Bankgeschäft üblich sind. d) Für die Besorgung von Sortiment für Kommittenten wird eine Provision von 10 Prozent auf die Originalpreise der Verleger veranschlagt. Für die Erteilung bibliographischer Auskünfte beträgt diese 30 Pfennige. e) Die Beiträge, die der Kommissionär für die Bestellanstalt und die Paketaustauschstelle zu zahlen hat, sind anteilig auf die Kommittenten umzulegen. f) Für den Verkehr zwischen Kommissionär und Kommittenten sind die Bestimmungen der buchhändlerischen Verkehrsordnung maßgebend. Es ist nicht statthaft, dass ein Kommissionär mit seinen Kommittenten Vereinbarungen trifft, die diese Bestimmungen zum Nachteil des ersteren verändern. g) Der Kommissionär wird durch Übernahme und Beibehaltung einer Kommission dem Kommittenten gegenüber nur zum geschäftlichen Verkehr mit denjenigen Leipziger Kommissionären und den von ihnen vertretenen Firmen verpflichtet, welche die durch Beschluss einer Hauptversammlung des VLK jeweilig festgesetzten Platzbestimmungen einhalten. 53 Dies wurde mit folgendem Zusatz versehen: »Wo an Stelle einer Berechnung nach den Beträgen oder Gewichten eine Pauschalberechnung treten kann, ist dies in den einzelnen Positionen der nachfolgenden Gebührensätze stets besonders angegeben.« Geschäftsrundschreiben des VLK vom 12. Dezember 1919, in: DBSM, Kasten 21, Nr. 154.

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h) Für den Fall, dass ein Leipziger Kommissionär durch Streik oder ähnliche Maßnahmen seiner Angestellten bedroht ist, oder dass es durch höhere Gewalt, Krieg, Revolution und ähnliches an der ordnungsgemäßen Kommissionsbesorgung behindert ist, ruhen während der Dauer dieses Zustandes die von ihm dem Kommittenten gegenüber übernommenen Verpflichtungen, ohne dass letzterer Schadenersatz fordern kann. (Zusatzhinweis zum Beschluss der Hauptversammlung des Vereins der Buchhändler zu Leipzig vom 28. Januar 1907: Wer während eines Ausstandes Kunden eines vom Ausstand betroffenen Geschäfts annimmt oder zum Wechsel der Geschäftsverbindung [Kommissionsbeziehung, Th. K.] zu bestimmen sucht, begeht eine mit der Ehre eines Kaufmanns unvereinbare Handlung.)54 Diese Modifikationen der Kommissionsplatzbestimmungen zeigen, dass der VLK den Ernst der Stunde erkannt hatte. Die Gebühren wurden weitgehend gesenkt bei gleichzeitiger moderater Erhöhung der Kommissions-Grundgebühren. Aufschlussreich ist die Aussage bezüglich der Kreditfunktion des Kommissionärs (vgl. c). Der Kommissionär ließ sich gleich der Bank seine Vorfinanzierung (Inkasso) durch Zinsen und Provision vergüten – ein Ausdruck seiner Professionalität im Abrechnungsbereich. Die beiden Schlussbestimmungen spiegeln die Erfahrungen im Arbeitskampf zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider. Der Verein appellierte an den Ehrenkodex und Zusammenhalt der Zwischenbuchhändler: aus einer Streiksituation sollte kein Konkurrenzunternehmen Profit schlagen können. Die während der Inflation hinter der Geldentwertung zurückgebliebenen und daher niedrigen Tarife der staatlichen Verkehrseinrichtungen, allen voran der staatlich subventionierten Reichspost, verstärkten den Anreiz für den direkten Verkehr zwischen Verlag und Sortiment unter Ausschluss des Zwischenbuchhandels. Bereits 1922 erkannte der Vereinsvorstand des VLK, die Gebührenberechnung der Geldentwertung müssten gleitend angepasst werden. So entstand im April 1922 der Wertindex des VLK, welcher als Vorläufer der erst im Herbst 1922 eingeführten Schlüsselzahl des Börsenvereins gelten kann. Der Wertindex »Schlüsselzahl« wurde aufgrund statistischer Erhebungen des Kommissionärsvereins zunächst monatlich festgestellt, indem der Durchschnittswert von einem Kilogramm der durch Leipzig fließenden buchhändlerischen Sendungen ermittelt wurde. Diese gleitende Berechnungsform trug wesentlich dazu bei, den Kommissionsbuchhandel während der Inflationszeit zu stabilisieren.55 Am 1. März 1923 eröffnete der Verein Leipziger Kommissionäre nach schwierigen Vorbereitungen einen Währungsbarverkehr über Leipzig, indem er ein Clearing in 28 verschiedenen Währungen einrichtete. Mit Hilfe eines Netzes ausländischer Bankverbindungen ermöglichte der VLK dem deutschen Verlagsbuchhandel, seine Auslandsforderungen schnell einzuziehen. Dies war insbesondere in der Inflationszeit von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Die Verleger erhielten auf Wunsch ihr Guthaben in Form

54 Vgl. Geschäftsrundschreiben des VLK vom 12. Dezember 1919, in: DBSM, Kasten 21, Nr. 154. 55 Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 2 f.

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eines Auslandsschecks, für das der Verein den IBU-Scheck entworfen hatte. Im Devisengeschäft erlangte dieser eine gewisse Verbreitung.56 Zur weiteren Beschleunigung und Verbesserung des Zahlungsverkehrs über Leipzig wurde am 28. Mai 1923 das System der Börsenzahlung durch die Kommissionäre als Zalko (Zahlungsverkehr Leipziger Kommissionäre) zeitgemäß ausgebaut. Die Zalko war mit dem Ziel gegründet worden, die früheren, in bar erfolgten Börsenzahlungen zu vereinfachen.57

Abb. 3: Zalko-Zahlzettel. In: Wie verkehrt man über Leipzig? 1931, S. 31. Am 10. Dezember 1923 wurde ein Vertrag zwischen dem Leipziger Kommissionärsverein und der seit Juni 1923 bestehenden Buchhändler-Abrechnungsgenossenschaft (BAG)58 abgeschlossen, wonach der Abrechnungsverkehr fortan gemeinsam durchgeführt wurde und zwar in der Weise, dass die Abwicklung des Zahlungsverkehrs ausschließlich durch die Kommissionäre erfolgte. Ursprüngliches Ziel der BAG war es, für den Verlag Forderungen an das Sortiment zu festgelegten Terminen einzuziehen. Daraus ergab sich für den Verlag der Vorteil, dass er an einem bestimmten Tag mit dem Geldeingang rechnen konnte. 1926 waren 2.550 Firmen Mitglied der BAG. Für sie wurden in diesem Jahr 1.797.305 Einzelposten im Wert von etwa 17 Mio. M erledigt.59 Gleichzeitig wurde in der Girokasse des Vereins (Gilko) eine Abrechnungsstelle für solche Firmen geschaffen, die in Leipzig keinen Kommissionär unterhielten. Nach Dar56 Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 3. 57 Vgl. den Beitrag von Volker Titel zu Vereinen und Verbänden in Band 2/1 dieser Buchhandelsgeschichte, besonders S. 243. 58 Zur Entstehungsgeschichte, Arbeitsweise und Bedeutung der BAG während der Inflation, siehe Grieser: Buchhandel und Verlag in der Inflation, S. 138–144; sowie Titel: Vereine und Verbände, S. 243. 59 Vgl. Niewöhner: Der Konzentrationsprozeß im deutschen Kommissionsbuchhandel, S. 33. Vgl. ferner: Pfeiffer: Der deutsche Buchhandel, S. 8.

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stellung des VLK fand die letzte historische Ostermessabrechnung 1922 statt. Ein Jahr später, im Oktober 1923, hatte die Geldentwertung bei hohen täglichen Kursschwankungen ein derartiges Tempo erreicht, dass eine geordnete Geschäftsführung kaum noch möglich war. Während dieser Monate gab es eine spürbare Kommittentenabwanderung von Leipzig, Stuttgart und Wien. Die Talsohle war im Januar 1924 erreicht, als mit 6.500 Firmen nur etwa die Hälfte aller Buchhandlungen mit dem Leipziger Zentrum verbunden waren. Eine Stabilisierung der Währung war nur noch durch den Übergang zur Rentenmark zu erreichen, die für den Zahlungsverkehr in Leipzig im November 1923 stattfand.60 Tabelle 7: Über Leipzig verkehrende Firmen nach der Inflation Jahr 1924

1925 1926

Datum 1. Januar 1. April 1. September 1. Januar 1. Juli 1. Januar 1. Juli

Firmen 6.500 7.814 8.606 8.800 9.700 10.333 10.848

Quelle: Weshalb verkehrt man über Leipzig? 1926, S. 15. Um dem Kommittentenschwund entgegenzuwirken, entwickelte der Verein Leipziger Kommissionäre seit 1923 eine aufwendige Werbekampagne zur Erhaltung und Stärkung des Leipziger Kommissionsplatzes. In dieser Zeit erschienen mehrere Aufklärungsschriften, die heute hervorragende wirtschaftsgeschichtliche Quellen darstellen. Ihre Titel lauten: Wer verkehrt über Leipzig (mit einer Liste der über Leipzig beziehenden Sortimenter), Wer liefert über Leipzig aus (mit einer Liste der in Leipzig ausliefernden Verleger), Wie verkehrt man über Leipzig (eine Neubearbeitung des Memorandums von 1846 sowie der 1892 gedruckten Schrift Der buchhändlerische Verkehr über Leipzig61), Weshalb verkehrt man über Leipzig (eine Gegenüberstellung des Sammelverkehrs über Leipzig und des direkten Verkehrs) sowie Der Leipziger Platz und seine buchhändlerischen Einrichtungen (ein praktischer Leitfaden für die Benutzung der Leipziger Verkehrseinrichtungen). Daneben wurde in zahlreichen Rundschreiben, Börsenblatt-Artikeln, Handzetteln und Plakaten auf die Vorteile des Leipziger Kommissionsplatzes hingewiesen. Für Auszubildende sowie jüngere Buchhändler gab 1925 der Rechtsanwalt Dr. Albert Heß eine Broschüre heraus, die unter dem Titel Die weltwirtschaftliche Bedeutung Leipzigs als Zentrale des deutschen Buchhandels die historische Dimension des Standorts in Erinnerung rufen sollte.62

60 Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 3. 61 Vgl. hierzu: Keiderling: Modernisierung des Leipziger Kommissionsbuchhandels, S. 213– 215. Vgl. ferner: Das Memorandum der Leipziger Kommissionäre. 62 Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 4.

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Abb. 4: Aus der Werbung des VLK. In: Leipzig und Mitteldeutschland. Ein Beitrag zur Neugliederung des Reiches (Denkschrift). Leipzig: Hesse & Becker 1928, S. 318 f. Die weitreichenden Veränderungen am Leipziger Kommissionsplatz konnten nur durch das engagierte Auftreten einiger führender Protagonisten so rasch vonstatten gehen. Die zuvor erwähnte BAG wurde durch Robert Voigtländer ins Leben gerufen, der in einem Gutachten von 1920 für eine weitgehende Vergenossenschaftlichung und Vereinfachung des Leipziger Kommissionsbuchhandels plädierte.63 Wiederholt ist der persönliche Einsatz von Hans Volckmar hervorgehoben worden, der wesentlich zur Erhaltung der Leipziger Zentrale beigetragen hatte. Nach der Inflation wurde 1924 der empfohlene Verkehr erneut eingeführt.64 »Empfohlen bestellen« hieß zu diesem Zeitpunkt, dass nach Eingang einer Sortimenterbestellung in Leipzig das Bestellte bereits um 14 Uhr desselben Tages (wenn es sich um einen Posttag handelte) zur Abholung bei dessen Kommissionär bereitlag. Dies galt allerdings nur, wenn ein Buch in Leipzig vorrätig war. Anderenfalls musste es unter sofortiger Benachrichtigung des Bestellers vom auswärtigen Verleger angefordert werden.65 Im Jahre 1926 schloss der VLK mit dem Börsenverein einen Vertrag, der das Verhalten der Kommissionäre bei Neuaufnahme eines Kommittenten gegenüber Firmen regelte, die vom Börsenverein »gesperrt« worden waren.66 63 64 65 66

Vgl. DBSM, Kasten 21, Nr. 159. Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 3. Vgl. Weshalb verkehrt man über Leipzig? 1926, S. 6. Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 4.

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Tabelle 8: Mitglieder des Vereins Leipziger Kommissionäre (gegr. 1884) Jahr Mitglieder (Firma)

1922 6567

1926

1927

1930

1932

47

31

35

30

Quelle: Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 6; Wie verkehrt man über Leipzig? 1931, S. 5; Franz: Konzentrationsbewegung, S. 86; Adreßbuch des Deutschen Buchhandels. Alle 47 Mitglieder des Vereins Leipziger Kommissionäre im Jahre 1926 waren so genannte Vollkommissionäre. Daneben gab es am Leipziger Standort noch eine Anzahl kleinerer Firmen, die wenige, teilweise nur einen oder zwei Kommittenten vertraten und auf eine Mitgliedschaft im Lokalverein verzichteten.68 Als Curt Fernau 1928 den Vorsitz des VLK übernahm, gehörten dem Verein 42 Mitglieder (Unternehmer) an, die 968 buchhändlerische Angestellte, 238 Hilfsarbeiter und 55 Lehrlinge beschäftigten.69 Einer Mitteilung des Vereins Leipziger Kommissionäre zufolge betrugen die ausgehenden Gewichte der Kommissionäre und Grossisten im Jahre 1929 insgesamt ca. 11.857.000 kg, was bei einem Durchschnittswert der buchhändlerischen Sendungen von 6,00 M pro kg einem Gesamtwert von etwas mehr als 71 Mio. M entsprochen hätte. Der Barverkehr der Kommissionäre wurde für das selbe Jahr mit 25.135.000 M angegeben.70 Die Wirtschaftskrise der frühen 1930er Jahren brachte neue Unsicherheiten für den Kommissionsbuchhandel mit sich. Als am 31. Juli 1929 die Danatbank in Konkurs ging, erfolgte auch die Abrechnung der Leipziger Kommissionäre nur unter großen Schwierigkeiten. Die Verrechnungen der BAG-Lastzettel mussten mehrfach verschoben werden, da es dem Sortiment wegen der Bankfeiertage nicht möglich war, die für die Lastzettelpäckchen erforderliche Deckung zu beschaffen. Auch die Einlösung der Barpakete und Barfakturen war mit Problemen verbunden. Ebenso kam der Verkehr mit den ausländischen, insbesondere österreichischen und ungarischen Kommittenten ins Stocken. Die Zahlungen aus einer Reihe europäischer Länder blieben aus, woraus für den Kommissionsbuchhandel erhebliche Umsatzausfälle resultierten.71

Der Konzentrationsprozess Die Krise der 1920er Jahre sorgte im Kommissionsbuchhandel für eine fortschreitende Konzentration auf der Firmen- und Kommittentenebene. Die Vorteile der Konzentration lagen in einer erheblichen Beschleunigung und Vereinfachung des buchhändlerischen Verkehrs bei vergleichsweise geringen betriebswirtschaftlichen Kosten. Ein spezialisierter Großbetrieb konnte Serviceleistungen anbieten, die von kleineren Betrieben oder nichtbuchhändlerischen Spediteuren nur bedingt erbracht werden konnten. Beispielsweise sorgten Bücherwagendienste dafür, zusammengefasste Sendungen rasch an weitere Regionalzentren zu transportieren. 67 Davon betrieben 37 ausschließlich Kommissionsbuchhandel. Vgl. Franz: Die Konzentrationsbewegung im deutschen Buchhandel, S. 86. 68 Vgl. Franz, S. 87. 69 Vgl. Friese: Leipzig als Bücherstadt, S. 3. 70 Vgl. Umlauff: Beiträge zur Statistik des deutschen Buchhandels, S. 129. 71 Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 5.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

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Die Nachteile des Konzentrationsprozesses waren darin zu sehen, dass vor allem mittlere und kleinere Betriebe verschwanden und mit ihnen viele Unternehmer und Arbeitsplätze in den Angestelltenbereichen. Es wäre sozialgeschichtlich von hohem Interesse, die Lebenswege dieser Personen gruppenbiografisch nachzuskizzieren.72 Für den Angestelltenbereich ist wahrscheinlich, dass ein gewisser Teil der Hilfsarbeiter und gelernten Kräfte in anderen Betrieben und vor allem in den Großunternehmen des Zwischenbuchhandels unterkam. Allein die Zahl der Mitarbeiter der Koehler & Volckmar AG & Co. verdoppelte sich zwischen 1900 und 1928/29. Dieser Konzern gab Ende der zwanziger Jahre rund 1.400 Personen Arbeit. Im Unternehmen wurden jährlich eine Mio. Bestellungen bearbeitet sowie eine Mio. Kreuzbandsendungen, 370.000 Postpakete und 129.000 Bahnsendungen versandt.73 Ein weiterer Nachteil des konzentrierten Kommissionsbuchhandels konnte prinzipiell darin bestehen, dass wenige Großbetriebe der Branche ihre Geschäftsbedingungen diktierten und somit Kommissionsgebühren, Abrechnungsmodi und dergleichen bei teilweisem Ausschluss von Wettbewerb vorgaben. Derartige Befürchtungen wurden zumindest wiederholt in Branchenzeitschriften und in der Fachliteratur geäußert und fanden in der Gründung einiger genossenschaftlicher Unternehmungen mit zwischenbuchhändlerischem Charakter (Vereinssortimente, genossenschaftliche Kommissionshäuser) ihren Niederschlag. Angesichts der allgemeinen Krisensituation im Buchhandel und der Zunahme des konkurrierenden Direktverkehrs erlangten diese Befürchtungen jedoch kaum eine reale Bedeutung. Im Zentrum des Konzentrationsprozesses stand die Fusion einiger Großbetriebe, die in der Branche für Aufsehen sorgte. Die Vereinigung der beiden Firmen K. F. Koehler und F. Volckmar wurde bereits 1910 durch den gemeinschaftlichen Erwerb des Kommissionsgeschäfts R. Hoffmann (Leipzig) vorbereitet. Der Erste Weltkrieg verschlechterte die wirtschaftliche Lage beider Stammfirmen erheblich, so dass die eigentlichen Gründe des Zusammenschlusses in den Auswirkungen des Krieges zu suchen sind. Aus dem Vertrag über den Zusammenschluss der Barsortimente sowie der Filialen in Berlin und Leipzig aus dem Jahre 1917 geht hervor, dass die Firma K. F. Koehler mit je einem Drittel und Volckmar mit je zwei Dritteln beteiligt sein sollte.74 Trotz der unterschiedlich hohen Beteiligung musste Volckmar der anderen Seite gleiches Stimmrecht in der Gesellschaft zugestehen, ansonsten wäre ein Zusammengehen nicht möglich gewesen. Die eigentliche Fusion erfolgte am 1. Januar 1918. Die Verbindung beider Großbetriebe sah so aus, dass die bisherigen Firmen de facto separat bestehen blieben, wobei eine Dachgesellschaft (Kommanditistin) mit einem Stammkapital von 1,95 Mio. M gegründet wurde. Das Kapital wurde folgendermaßen aufgebracht: Volckmar zahlte 1,1 Mio. M, Koehler 700.000 M, Staackmann, Steinacker sowie Schultze je 50.000 M. Der Konzern schloss mit der Leipziger Bank Meyer & Co. – im Besitz von Oskar Meyer, dem Schwager von Hans Volckmar – ein günstiges Kreditabkommen ab. Allein die Kosten des Gründungsaufwandes betrugen 94.425 M.75 72 Einzelne Beispiele werden weiter unten bei der Charakterisierung der Unternehmer und Angestellten genannt. 73 Vgl. Verein Leipziger Kommissionäre 1934, S. 5. 74 Vgl. Fusionsvertrag in: SStAL, Koehler & Volckmar, 56. 75 Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 10.

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Noch im Dezember des Jahres 1917 fand eine Ausbietung des neuen Firmennamens statt. In einem verschlossenen Briefumschlag übergaben die Vertreter der beiden Stammfamilien Zahlungsangebote für den Fall, dass ihr Name in der neu zu gründenden Aktiengesellschaft zuerst genannt wurde. Koehler bot 30.000 M und Volckmar 20.000 M (jeweils in bar zu zahlen). Demzufolge hieß die fusionierte Firma Koehler & Volckmar.76 Die Umgründung in Koehler & Volckmar AG & Co. erfolgte auf Beschluss der Generalversammlung vom 21. November 1921 rückwirkend zum 1. Januar 1921. Die Hauptziele der Umgründung bestanden erstens in einer Haftungsbeschränkung, zweitens in einer umfangreichen Steuersenkung und drittens in der Tatsache, dass die umgegründete AG ihre vollständigen Bilanzen nicht mehr veröffentlichen brauchte. Denn in der Dachgesellschaft verblieben nunmehr lediglich die Grundstücke, Hypotheken und andere Verbindlichkeiten, während in den darunter liegenden Gesellschaften (als Kommanditisten wie Albert Koch & Co. und Neff & Koehler; beide auch als »Finanzbassins« bezeichnet) die eigentlichen Bilanzen des Geschäftsbetriebes verbucht werden konnten.77 Inzwischen wurde 1919 K. F. Koehler’s Antiquarium in das gemeinsame Unternehmen einbezogen, 1923 dann die Volckmarschen und Koehlerschen Kommissionsgeschäfte in Gemeinschaft mit der bereits gemeinschaftlich betriebenen Firma Robert Hoffmann vereinigt, um Kosten zu minimieren. Im Jahre 1924 und 1925 erfolgte die Verschmelzung der Verlage K. F. Koehler, L. Staackmann und C. F. Amelang. Die Vereinigung der Kommissionsgeschäfte wurde mit einer Beteiligung von 60 Prozent (Volckmar) zu 40 Prozent (Koehler) vorgenommen. 1931 kam die Firma L. Fernau als achtes Kommissionsgeschäft hinzu. Der Erwerb der Großbuchhandlungen R. Streller bereitete erhebliche Schwierigkeiten, was an der Länge der Verkaufsverhandlungen deutlich wird, die 1922 begannen und erst 1935 zu einem abschließenden Ergebnis gelangten. Die beschriebenen Fusionen der Kommissionsgeschäfte wurden sehr behutsam vorgenommen, da in Kommittentenkreisen eine allgemeine Angst vor einem vereinigten Konzern Koehler & Volckmar vorherrschte. So wurden auch die alten Firmennamen beibehalten und, nach interner Anweisung, die bisherigen Briefbögen und vertrauten Unterschriften weiter verwendet.78 Firmengeschichtliche Unterlagen zur Fusion der Volckmarschen und Koehlerschen Kommissionsgeschäfte verdeutlichen, welche immensen Kosten die Umstrukturierung und Zusammenlegung der Kommissionsgeschäfte verursachten. Andererseits waren die langfristigen Einsparungen an Betriebs- und Personalkosten absehbar. Durch das Zusammenlegen wurde zudem zusätzlicher Raum für andere Geschäftsbereiche des Unternehmens frei.79 Der Vergleich beider Kommissionsgeschäfte ergab, dass Volckmar bis zu 60 Prozent mehr Personal beschäftigte als Koehler und somit aus Sicht der hauseigenen Ratio-

76 Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 10. 77 Die Firma Albert Koch & Co. galt als Finanzgesellschaft der Unternehmerfamilien Volckmar, Voerster und Staackmann; die Firma Neff & Koehler war Finanzgesellschaft der Familien Koehler und Hase. Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 11. Vgl. auch Kästner: Zu einigen Problemen des deutschen Buchhandels, S. 43–49. 78 Vgl. technische Fragen zur Fusion der Kommissionsgeschäfte vom 23. Februar 1922, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 26. 79 Siehe hierzu die Gutachten in: SStAL, Koehler & Volckmar, 36, 38.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

305

nalisierungskommission betriebswirtschaftlich unrentabler arbeitete.80 Allein in den Kommissionsgeschäften von Volckmar sollte der Personalbestand im April 1923 von 392 Beschäftigten (308 Gehilfen und 84 Markthelfer) auf 335 Mitarbeiter (252 Gehilfen und 83 Markthelfer) gesenkt werden. Von Entlassung betroffen waren vor allem die besser verdienenden Gehilfen.81 Was die Kommittentenstruktur im Leipziger Führungsunternehmen anging, so ergab sich für das Jahr 1922 bei einem Verhältnis von einem Verlegerkommittenten zu zwei Sortimenterkommittenten ein relativ genaues Abbild der Firmenverteilung in den Branchenzweigen des deutschen Buchhandels. Daraus geht hervor, dass es im Zentrum des deutschen Buchhandels damals noch keine eindeutige Spezialisierung auf Verlegeroder Sortimenterkommittenten gegeben hat.82 Tabelle 9: Anzahl der Verleger- und Sortimenterkommittenten der Koehler & Volckmar AG & Co. 1922 Kommissionär Volckmar Staackmann Cnobloch Gesamt

Verlegerkommittenten 424 44 120 588

Sortimenterkommittenten 778 109 235 1.122

Gesamt 1.202 153 355 1.710

Quelle: SStAL, Koehler & Volckmar, 36. Die Koehler & Volckmar AG & Co. kaufte weitere Betriebe auf, um ihre Marktstellung zu verbessern. Hierzu gehörten auch Firmen anderer Branchen und Branchenzweige, wie Tabelle 10 zu entnehmen ist. Damit gehörte das Unternehmen zu Beginn der 1920er Jahre zu den größten im Buchhandel und Buchdruck.83 Die Besitzanteile der Aktiengesellschaft befanden sich zu über 90 Prozent in den Händen der Gründerfamilien wie von Hase, Koehler, Staackmann, Voerster oder Volckmar, die im Vorstand sowie Aufsichtsrat des Konzerns agierten. 17 Führungskräften standen um 1933 noch weitere 28 altbewährte Geschäftsführer und Prokuristen sowie 25 Bevollmächtigte zur Seite, die in verschiedenen Firmen und 80 Im Januar 1923 waren in den Kommissionsgeschäften von Volckmar mit 333 Angestellten (263 Gehilfen und 70 Markthelfer) 57 Prozent mehr Personal beschäftigt als bei Koehler mit 212 Angestellten (142 Gehilfen und 70 Markthelfer). An Gehältern und Löhnen bezahlte Volckmar im Januar 29,2 Mio. M und Koehler 16,4 Mio. Bei Volckmar war in dieser Zeit die Privatkasse mit enthalten, ebenso die anteilige Belastung für die Arbeiten in der Hauptbuchhaltung. Den Angaben konnte man entnehmen, dass Volckmar 77 Prozent mehr Gehalt verausgabte als Koehler. Im Verhältnis zur Gesamtspeseneinnahme betrugen die Gehaltsspesen bei Koehler rund 50 Prozent, bei Volckmar 64 Prozent. Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 14. 81 Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 14. 82 In Berlin war die Trennung der so genannten Vertreter und Sortimenterkommissionäre hingegen weit fortgeschritten. 83 Das Unternehmen besaß nach Aussagen von Jürgen Voerster während des Untersuchungszeitraums ca. 80 Prozent Marktanteile im Zwischenbuchhandel. Vgl. Interview mit Jürgen Voerster vom 21. September 1998 in Stuttgart.

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Filialen des Konzerns tätig waren. Im Unternehmen waren somit die geschultesten Fachkräfte des deutschen Zwischenbuchhandels konzentriert. Tabelle 10: Unternehmensaufkäufe der Koehler & Volckmar AG & Co. Jahr

Transaktion

1919

Aufkauf der Lehrmittelhandlung A. Müller-Fröbelhaus, Dresden und Leipzig

1921

Aufkauf der Großbuchbinderei Haaring & Schramm, Leipzig

1922/23

Aufkauf der Hoffmannschen Pappenfabrik GmbH, Jesuborn-Leibis (Thüringen)

1924

Aufkauf des Kommissionsgeschäfts von H. Kessler, Leipzig

1924

Aufkauf der Literaria GmbH, Leipzig

1924

Aufkauf der Buchhandlung Max Nössler & Co. GmbH in Schanghai (Wiederverkauf 1927)

1925

Aufkauf des Antiquariats Oscar Gerschel, Stuttgart

1930

Aufkauf der Druckerei Haag-Drugulin, Leipzig

1930

Aufkauf des Kommissionsgeschäfts von Theodor Thomas, Leipzig

1931

Aufkauf des Kommissionsgeschäfts L. Fernau, Leipzig

1932

Aufkauf der Buchbinderei Föste, Lüddecke, Böhnisch & Co., Leipzig (Zusammenschluss mit betriebseigener Binderei zu Haaring, Schramm, Föste und Lüddecke)

1935

Aufkauf des Kommissionsgeschäfts R. Streller, Leipzig

Quelle: SStAL; Koehler & Volckmar. Die Kommittentenzahl des Konzerns betrug im Jahre 1933 2.958. Das bedeutete eine deutliche Konzentrierung der nationalen Bestellung, Lagerhaltung und Auslieferung in einem Großbetrieb. Durch die Verzahnung von Kommissionsgeschäft und Barsortiment konnte der zuvor beschriebene Konzentrationsaspekt noch verstärkt werden. Besondere Bedeutung hatte der Leipziger Großbetrieb durch seine Vermittlungsfunktion für das Ausland gewonnen. Ein großer Teil der deutschen Buch- und Zeitschriftenauslieferung in das Ausland wurde über die Firma Koehler & Volckmar abgewickelt. Insofern gibt die folgende Tabelle aus dem Jahr 1922 einen Einblick, mit welchen Ländern der deutsche Buchhandel wirtschaftlich besonders verbunden war. Quellenkritisch muss hinzugefügt werden, dass die Angaben keineswegs als repräsentativ für das gesamte Außenhandelsvolumen des deutschen Buchhandels gelten können, denn es gab weitere Firmen des Verlags und des Zwischenbuchhandels, die mit dem Ausland in Verbindung standen. Zugleich war das Auslandsgeschäft deutscher Buchfirmen in den politisch turbulenten Nachkriegsjahren einigen Veränderungen unterworfen. Seit den frühen zwanziger Jahren erzielte das Unternehmen Koehler & Volckmar vor allem durch das so genannte Russlandgeschäft einen großen Umsatz. Die Leipziger Firma erhielt 1921 einen großen Auftrag, Lehrmittel – u. a. historische Anschauungsbilder, (Wand-)Karten, Atlanten und Globen – an russische Schulen im Wert von 25 Mio. M zu liefern.84 Mit Hilfe dieses Geschäfts, das nicht allein zwischenbuchhändleri84 Darüber hinaus fanden Lieferungen an estnische und ukrainische Schulen statt. Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 25.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

307

scher Art war, wurden die bedeutenden Verluste in anderen Bereichen, beispielsweise im Barsortiment, aufgefangen und die anstehende Fusion im Kommissionsbuchhandel mit finanziert. Im November 1922, während der Inflation, betrug der Umsatz der mit dem Russlandgeschäft beauftragten Auslandsabteilung 128 Mio. M (Inflationsgeld). Nach Meinung der Konzernleitung hätte dieses Ergebnis noch bedeutend verbessert werden können, »wenn für den europäischen Osten ein genügendes und gut eingearbeitetes Personal zur Verfügung gestanden hätte.«85 Im Jahre 1933 stand die Koehler & Volckmar AG & Co. nach eigenen Angaben mit ca. 2.000 ausländischen Kommittenten in »gelegentlichem Geschäftskontakt«.86 Tabelle 11: Bücherauslieferung nach dem Ausland zusammengestellt nach der BarpaketAusgabe der Koehler & Volckmar AG & Co., November 1922 Land (Großregion)

Ausfuhr in M

Polen Österreich Amerika Tschechien/Slowakei Schweiz Ungarn Rumänien Jugoslavien Schweden Niederlande Dänemark Estland England Frankreich Spanien Italien Finnland Luxemburg Afrika Insgesamt

7.594.007 5.945.099 4.179.348 3.583.968 2.423.188 2.302.195 1.799.853 1.630.644 1.548.793 1.146.187 608.195 559.840 479.783 308.711 82.804 56.480 45.290 30.868 30.612 35.555.859

Prozentualer Anteil am Handelsvolumen 12,2 9,9 7,1 5,8 4,1 3,7 2,4 2,3 2,3 1,8 1,0 0,9 0,8 0,5 0,5 0,3 0,4 0,3 0,3 56,9

Quelle: SStAL, Koehler & Volckmar, 37.

85 Vgl. Protokoll der 48. Betriebsbesprechung vom 12. Dezember 1922, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 24. 86 Vgl. Koehler & Volckmar 1933, S. 82.

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Betriebswirtschaftliche Aspekte: Ausgewählte Bilanzen Betriebliche Bilanzen sind nur bedingt verallgemeinerbar. Dennoch sollen die dank der guten Leipziger Quellenüberlieferung noch vorhandenen Bilanzen zweier Betriebe des Zwischenbuchhandels exemplarisch vorgestellt werden. Es handelt sich um die wirtschaftlichen Ergebnisse der Koehler & Volckmar AG & Co. sowie um jene der Abteilung Kommissionsgeschäft im Unternehmen F. A. Brockhaus. Für den Marktführer lässt sich abgesehen von inflationsbedingten Geldabwertungen im Zeitraum von 1918 bis 1924, die nicht aus der Tabelle herausgerechnet wurden, dessen Konsolidierung während der Weimarer Zeit erahnen. Die Umgründung der Aktiengesellschaft von 1921, die mit der Ausgliederung zahlreicher Betriebsteile einherging, ermöglichte es der Konzernleitung, die zu veröffentlichenden Bilanzen je nach Belieben zu manipulieren. Insbesondere muss für den Zeitraum nach 1924 angenommen werden, dass die tatsächlichen Umsätze und Gewinne deutlich über den hier angegebenen Werten lagen. Der Tabelle können jedoch Aussagen mit Trendcharakter entnommen werden. Tabelle 12: Bilanzen der Koehler & Volckmar AG & Co. Jahr 1918 1919 1920 1921 1922 1923 1925 1926 1927 1928 1929 1930 1931 1932 1933

Umsatz in M 14.911.321,55 16.537.032,70 28.604.010,24 8.160.177,64 94.889.333,15 – 2.793.700,00 3.184.830,45 3.168.845,08 3.159.441,68 3.155.180,22 3.149.286,98 3.189.552,81 3.445.846,96 3.760.668,05

Gewinn in M 2.888.781,41 4.145.799,80 10.399.936,11 461.994,89 1.481.070,73 – 110.303,43 152.166,87 127.063,74 120.302,58 131.023,07 185.012,65 73.005,68 72.461,15 92.698,69

Quelle: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel; SStAL, Koehler & Volckmar, 21. Für das Kommissionsgeschäft von F. A. Brockhaus mit schätzungsweise 200 Kommittenten, untergebracht in beengten Räumen des Firmensitzes an der Querstraße, sind ebenso einzelne Angaben zu Umsätzen und Gewinnen überliefert. Anhand der Kommittentenliste werden die Dominanz der Sortimenter und das Vorhandensein nur weniger großer Verlage augenfällig. Somit konnte auf eine ausgedehnte Lagerhaltung verzichtet werden; die Abteilung fungierte eher als eigene Verlagsauslieferung. Der Umsatz lag im Zeitraum von 1924 bis 1933 im Mittel um die 80.000 RM, wobei der Gewinn deutlich schwankte. 1925 lag letzterer noch bei Null, im Jahre 1926 erreichte er umsatzbezogen eine für den Zwischenbuchhandel bemerkenswerte Höchstmarke von knapp 16 Prozent.87

87 Vgl. Bilanzen, in: SStAL, Verlag F. A. Brockhaus, 95.

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Tabelle 13: Umsätze und Gewinne von Brockhaus Kommissionsgeschäft 1924–1933 Geschäftsjahr 1924 1925 1926 1927 1928 1929 1930 1931 1932 1933

Umsatz in M 69.024,94 72.610,70 73.669,02 81.546,00 84.250,50 90.454,20 82.219,70 93.065,70 91.012,96 66.975,03

Gewinn in M 747,40 0,00 11.777,16 11.702,66 12.424,00 5.219,68 k. A. k. A. k. A. k. A.

Quelle: SStAL, F. A. Brockhaus, 95.

Die personale Ebene Die Unternehmer und leitenden Angestellten Neben dem traditionellen Besitzer-Unternehmer nahm im Kommissionsbuchhandel, wie in anderen Wirtschaftszweigen auch, der Anteil der leitenden Angestellten und Manager bzw. der Typus des Angestellten-Unternehmers weiter zu.88 Gerade in den Großbetrieben wuchs deren Einfluss spürbar. Dabei handelte es sich zumeist um Buchhandlungsgehilfen, die sich von unteren Positionen nach oben gearbeitet hatten.89 Eine weitere Kategorie von Angestellten-Unternehmer rekrutierte sich aus ehemaligen Mittelstandskommissionären, die aufgrund von Aufkäufen oder Fusionen von größeren Betrieben übernommen und dort in Leitungspositionen gestellt wurden.90 Angestellten-Unternehmer brachten nicht selten Kapitaleinlagen mit in das Unternehmen ein und sie erhielten neben den Besitzer-Unternehmern stattliche Jahresgehälter. Daraus erhellte, welchen Stellenwert den Managern im Zwischenbuchhandel eingeräumt wurde.91 Den Geschäftsführern wurden zusätzliche Tantiemen vom Gewinn gezahlt. Unter Gewinn wurde die Dividende verstanden, welche die Gesellschafter (Inhaber von Koch, Neff & Oetinger) auf ihren Gesellschaftsanteil erhielten, ferner 88 Zu den Begrifflichkeiten vgl. Kocka: Unternehmer in der deutschen Industrialisierung. 89 Vgl. Keiderling/Titel: Hermann Pfeiffer, S. 9 f. Der Nachlass von Hermann Pfeiffer befindet sich im Besitz der Familie Steffens, Wuppertal. 90 Typisch für diese Gruppe sind die Lebenswege der Unternehmerfamilie Cyriacus, deren traditionsreiches Kommissionsgeschäft C. Cnobloch im Jahre 1908 im Kommissionsgeschäft Fr. Volckmar aufging. 91 Nach dem Gesellschaftervertrag der Koch, Neff & Oetinger GmbH vom 20. September 1917 erhielten ab dem 1. Oktober 1917 der Geschäftsführer Curt Hosemann 800 M monatlich (9.600 M jährlich), der neu ernannte Geschäftsführer Ernst Bennecke 400 M monatlich (4.800 M jährlich), der Prokurist Hermann Schnürle 360 M monatlich (4.320 M jährlich), der Prokurist Alfred Reinhardt 300 M monatlich (3.600 M jährlich) und der Prokurist Friedrich Golde 275 M monatlich (3.300 M jährlich). Vgl. SStAL, Koehler & Volckmar, 56.

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alles, was an Zinsen über den vertraglich festgelegten Zinsfluss von 8 Prozent hinaus auf die von ihnen errichteten Darlehenskonten gutgeschrieben wurde.92

Die Angestellten Das Arbeiten im Kommissionsbuchhandel war für gelernte wie ungelernte Arbeiter durch einfache und monotone Arbeiten gekennzeichnet, wobei der Anteil der körperlichen Belastung (Tragen von schweren Paketballen, Ziehen von Handwagen etc.) mit steigender Stellung im Unternehmen deutlich abnahm. Bei der Klassifizierung des Angestelltenpersonals lassen sich grundsätzlich vier Kategorien unterscheiden: 1. Gehilfen als gelernte Buchhändler in mittleren, höheren Angestelltenpositionen; 2. Markthelfer als unbefristet angestelltes, ungelerntes Personal in mittleren (Obermarkthelfer) und unteren Positionen; 3. (Lauf-)Burschen als befristet angestelltes, ungelerntes Personal in den unteren Bereichen (Teilzeit- bzw. Saisonarbeiter); 4. Lehrlinge als Auszubildende im Kommissionsbuchhandel mit wechselnden Aufgaben, vornehmlich Hilfstätigkeiten.93 Meist rekrutierte sich die Gehilfenschaft aus Ortsansässigen, da das Angebot von Fachkräften in Leipzig sehr hoch war. Für einen auswärtigen Gehilfen war es recht schwierig, in Leipzig Fuß zu fassen. Hermann Pfeiffer führte hierzu aus: »Das lebhafte Arbeitstempo des Leipziger Kommissionsgeschäfts [ist] einer exakten und schnellen Arbeitsleistung förderlich. Gehilfen, die durch die ›Leipziger Schule‹ gingen, werden in allen buchhändlerischen Berufszweigen geschätzt. Am ehesten hat der auswärtige Gehilfe Aussicht, in einem Leipziger Betrieb Anstellung zu erlangen, wenn er sich um eine der zahlreichen Aushilfsstellen bewirbt, die für die Schulbücherauslieferung, sowohl in den Kommissionsgeschäften wie auch bei Leipziger Verlegern mit Hilfskräften besetzt werden.«94 Vor allem in der Zeit von Mitte März bis Ende Mai wurden alljährlich zusätzliche Hilfskräfte benötigt. Über eine Aushilfstätigkeit konnte so mancher junger Gehilfe eine dauerhafte Anstellung im Leipziger Kommissionsbuchhandel erlangen. Die Stellenvermittlung wurde generell über Anzeigen im Börsenblatt organisiert. In größeren Kommissionsgeschäften gab es zusätzliche Stellenvermittlungsdienste. Arbeitssuchende füllten Fragebögen aus und reichten Bewerbungsschreiben sowie Zeugnisabschriften ein.95 Seit dem 1. Oktober 1918 bot zusätzlich noch der Börsenverein eine Stellenvermittlung an, die 1927 jedoch an das Arbeitsamt Leipzig abgegeben wurde.96 Während Frauen in früheren Jahrzehnten nur selten im Kommissionsbuchhandel beschäftigt wurden, änderte sich dies während des Ersten Weltkrieges. Zunächst arbeiteten sie als Stenotypistinnen und in der »gehobenen Stellung« einer Sekretärin, hin und wieder auch in den Kontoren, wie erhaltene Fotos belegen.

92 Vgl. Gesellschafter-Versammlung der Koch, Neff & Oetinger GmbH vom 20.9.1917 im Stuttgarter Geschäftslokal, in: SStAL, Koehler & Volckmar, 56. 93 Vgl. Keiderling: Modernisierung des Leipziger Kommissionsbuchhandels, S. 55. 94 Pfeiffer: Der deutsche Buchhandel, S. 41. 95 Vgl. Pfeiffer, S. 77. 96 Vgl. Exposé Stellenvermittlung, in: SStAL, Börsenverein, 770.

6.1 Der Kommissionsbu chhand el

311

Abb. 5: Im Zwischenbuchhandel werden zunehmend Frauen beschäftigt, hier im Rechenzimmer der Hauptbuchhaltung. In: Koehler & Volckmar Leipzig – Stuttgart – Berlin. Leipzig: Koehler & Volckmar o. D. [1935], S. 42. In den zwanziger Jahren bezeichnete Pfeiffer die Stellung der Frau im Angestelltenbereich des Zwischenbuchhandels als gleichberechtigt.97 So ganz kann man dieser Einschätzung allerdings nicht folgen. Frauen hatten beispielsweise keinen Zugang zur Buchhändlerlehranstalt. Hermann Pfeiffer schlug auf einer Betriebsbesprechung von Koehler & Volckmar am 4. April 1922 vor, weiblichen Buchhandelslehrlingen den Besuch der Buchhändlerlehranstalt erstmals zu ermöglichen. Hierfür waren vom Kommissionsgeschäft drei weibliche Lehrlinge in Aussicht genommen. Über den Erfolg seiner Initiative wurde nichts weiter bekannt.98 Frauen waren zu diesem Zeitpunkt Mitglieder in wichtigen Angestelltenvereinen wie der Allgemeinen Vereinigung der Angestellten des Buch-, Kunst- und Musikalienhandels, des Gewerkschaftsbundes der Angestellten, des Zentralverbandes der Angestellten und vor allem des Verbandes der weiblichen Handels- und Büroangestellten e.V., Fachgruppe Buchhandel.99 Schwere körperliche Arbeit führte im Kommissionsbuchhandel oftmals zu Unfällen. Zudem drohten krankheitsbedingte Arbeitsausfälle die ohnehin geringen Einkünfte der Markthelfer und Burschen nochmals zu mindern. Um dem zu begegnen, hatte sich die Arbeiterschaft seit jeher in eigenen betriebsübergreifenden Krankenkassen versichert.100 In den größeren Betr