Geschichte der römischen Literatur: Teil 2 [2., verb. und erw. Aufl. Reprint 2014] 9783111572062, 9783111200231

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Geschichte der römischen Literatur: Teil 2 [2., verb. und erw. Aufl. Reprint 2014]
 9783111572062, 9783111200231

Table of contents :
VIERTES KAPITEL: LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT
I. LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT IM ÜBERBLICK
Historischer Rahmen
Entstehungsbedingungen der Literatur
Lateinische und griechische Literatur
Gattungen
Sprache und Stil
Gedankenwelt I: Literarische Reflexion
Gedankenwelt II
II. POESIE
A. Epos
Lucan
Valerius Flaccus
Statius
Silius Italicus
B. Lehrdichtung
Manilius
Germanicus
C. Bukolik
Calpurnius
Anhang: Die Einsiedler Gedichte
D. Drama
E. Fabel
Römische Fabeldichtung
Phaedrus
F. Satura
Persius
Iuvenal
G. Epigramm
Martial
Die Priapea
III. PROSA
A. Geschichtsschreibung und Verwandtes
Velleius Paterculus
Valerius Maximus
Curtius
Tacitus
B. Rede und Brief
Plinius der Jüngere
C. Philosophie (und Drama)
Seneca
Anhang: Die Praetexta Octavia
D. Roman
Der römische Roman
Petronius
E. Fach- und Bildungsautoren
Fachschriftsteller der frühen Kaiserzeit
Seneca der Ältere
Quintilian
Plinius der Ältere
Die juristische Literatur der frühen Kaiserzeit
FÜNFTES KAPITEL: LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN KAISERZEIT
I. LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN KAISERZEIT IM ÜBERBLICK
Vorbemerkung
Historischer Rahmen
Entstehungsbedingungen der Literatur
Lateinische und griechische Literatur
Gattungen
Sprache und Stil
Gedankenwelt I: Literarische Reflexion
Gedankenwelt II
II. POESIE
Poesie der mittleren und späten Kaiserzeit
Ausonius
Avianus
Rutilius Namatianus
Claudian
Iuvencus
Sedulius
Prudentius
IIII. PROSA
A. Geschichtsschreibung und Verwandtes
Die Geschichtsschreiber der mittleren und späten Kaiserzeit
Sueton
Florus
Ammian
B. Rede und Brief
Fronto
Die Panegyrici Latini
Symmachus
C. Roman
Fiktionale Prosa der mittleren und späten Kaiserzeit
Apuleius
D. Fach- und Bildungsautoren
1. Die Autoritäten der Schule
Fachschriftsteller der mittleren und späten Kaiserzeit
Gellius
Macrobius
Martianus Capella
Cassiodor
2. Die Stifter des Rechts
Die juristische Literatur der mittleren und späten Kaiserzeit
3. Die Väter des christlichen Europa
Die Anfänge der christlichen lateinischen Prosa
Tertullian
Minucius Felix
Cyprian
Anhang: Die Cyprianvita des Pontius
Novatian
Arnobius
Laktanz
Firmicus Maternus
Marius Victorinus
Hilarius von Poitiers
Ambrosius
Hieronymus
Rufin und andere Übersetzer
Augustinus
Boethius
SECHSTES KAPITEL: ÜBERLIEFERUNGSBEDINGUNGEN DER RÖMISCHEN LITERATUR
ZEITSCHRIFTEN UND ABGEKÜRZT ZITIERTE BÜCHER. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
NAMEN- UND SACHREGISTER (Nicola Krüger)
ZEITTAFEL

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MICHAEL VON ALBRECHT GESCHICHTE DER RÖMISCHEN LITERATUR

MICHAEL VON ALBRECHT

GESCHICHTE DER RÖMISCHEN LITERATUR VON ANDRONICUS BIS BOETHIUS MIT BERÜCKSICHTIGUNG IHRER BEDEUTUNG FÜR DIE NEUZEIT II Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage

K G · SAUR MÜNCHEN · NEW PROVIDENCE · LONDON PARIS 1994

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Albrecht, Michael von: Geschichte der römischen Literatur : von Andronicus bis Boethius ; mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung fur die Neuzeit / Michael von Albrecht. - München ; N e w Providence ; London ; Paris : Saur. 2, ι. Aufl. im Francke-Verl., Bern, und im Saur-Verl., München I S B N 3 - 3 1 7 - 0 1 7 6 5 - 1 (i. Aufl.) I S B N 3-598-11198-3 (2. Aufl.) 2 . - 2 . , verb, und erw. Aufl. - 1994

© Gedruckt auf säurefreiem Papier / Printed on acid-free paper Alle Rechte vorbehalten / All Rights Strictly Reserved Κ . G. Saur Verlag G m b H & C o . K G , München 1994 A Reed Reference Publishing Company Printed in the Federal Republic of Germany Gesamtherstellung: Friedrich Pustet, Regensburg 3-598-11198-3 (Set)

HINWEISE ZUR BENUTZUNG DES BUCHES Das Buch ist als Einheit konzipiert; die Teilung in zwei Bände ist rein äußerlich bedingt. Die vier Epochenkapitel (ζ. B. >Literatur der republikanischen Zeit im Überblick^, die jeweils die Großkapitel II-V eröflnen, bieten Querschnitte durch das literarische Leben einer Epoche. Im Anschluß daran wird jeweils die Poesie, dann die Prosa im einzelnen nach Gattungen und Autoren vorgestellt. Innerhalb jeder Epoche werden Werke gleicher Gattung möglichst zusammen besprochen, doch erscheinen Autoren, die in mehreren Genera tätig waren, nur an einer Stelle. Als Längsschnitte sind die Gattungskapitel angelegt (ζ. B. >Römisches EposGedankenwelt I 4 1 - 8 8 . * R. HÄUSSLER, Das historische Epos von Lucan bis Silius und seine Theorie, Heidelberg 1 9 7 8 . * A. HARDIE, Statius and the Silvae. Poets, Patrons and Epideixis in the Graeco-Roman World, Liverpool 1 9 8 3 . * K. HELDMANN, Dekadenz und literarischer Fortschritt bei Quintilian und bei Tacitus. Ein Beitrag zum römischen Klassizismus, Poetica 12, 1980, 1-23. * H. JuHNKE, Homerisches in römischer Epik flavischer Zeit. Untersuchungen zu Szenen-Nachbildungen und Strukturentsprechungen in Statius' Thebais und Achiiieis und in Silius' Punica, München 1 9 7 2 . * W. KISSEL, Hg., Die römische Literatur in Text und Darstellung, Band 4 : Kaiserzeit I , Stuttgart 1 9 8 $ (Lit.). * R. K L E I N , Hg., Prinzipat und Freiheit, Darmstadt 1 9 6 9 (WdF 1 3 5 ) . * W. D. L E B E K , Lucans Pharsalia. Dichtungsstruktur und Zeitbezug, Göttingen 1 9 7 6 . * E. LEFÈVRE, Die Bedeutung des Paradoxen in der römischen Literatur der frühen Kaiserzeit, Poetica 3 , 1 9 7 0 , $ 9 - 8 2 . * L E O , Biogr., bes. Kap. 1 2 - 1 5 . * S. M R A T S C H E K - H A L F M A N N , Divites et praepotentes. Reichtum und soziale Stellung in der Literatur der Prinzipatszeit, Stuttgart 1 9 9 3 , bes. I 4 - 4 0 . * N O R D E N , Kunstprosa 1 , 2 5 1 - 3 4 3 . * S Y M E , Tacitus. * G . T H I E L E , Die Poesie unter Domitian, Hermes 5 1 , 1 9 1 6 , 2 3 3 - 2 6 0 . * G. WILLIAMS, Change and Decline. Roman Literature in the Early Empire, Berkeley 1978.

II.

POESIE

A.

EPOS

LUCAN Leben, Datierung M. Annaeus Lucanus wird am 3. November 39 in Corduba geboren; sein Vater ist M. Annaeus Mela, der Bruder des Philosophen Seneca. Lucan kommt jung nach Rom, w o er eine sorgfaltige Ausbildung als Redner genießt. Der Stoiker Cornutus zählt zu seinen Lehrern; Persius, dessen Dichtungen er bewundert (vita Persii 5), ist sein Freund. Von einem Studienaufenthalt in Athen beruft ihn Nero an seinen Hof. Vor dem vorgeschriebenen Alter wird er Quaestor; er erhält auch das A m t eines Augurs. Sein Debüt als Dichter erlebt er im Jahre 60 bei den Neronia. Nach einer Reihe von Werken, die nicht auf uns gekommen sind1, veröffentlicht er die ersten drei Bücher der Pharsalia. Da trifft ihn ein Publikationsverbot des neidischen Poetasters auf dem Kaiserthron und dazu ein Berufsverbot als Anwalt. Lucan nimmt an der Pisonischen Verschwörung teil; nach der Entdeckung nennt er Namen und beschuldigt sogar seine Mutter. A m 30.4. 65 muß er sich die Adern öffnen lassen (Tac. antt. 15, 70). Seine Gattin Polla Argentaría hält sein Andenken in Ehren (vgl. Mart. 7, 21-23; Stat. silv. 2, η)2. Die ersten drei Bücher gibt er nach den ersten Neronia heraus, also nicht vor 61. Das ganze Werk dürfte demnach zwischen etwa 59 und 65 entstanden sein. Berührungen mit den Naturales quaestiones Senecas (verfaßt 62 und 63) in den 1 Verlorenes: Macon, Catachthonion, Laudes Neronis, Orpheus, De ¡«tendió urbis, Adlocutio ad Pollam (oder ad uxorem), Saturnalia, Silvarum X, Medea (unvollendete Tragödie), Salticae fabulae XIV (Texte fiir Pantomimen), Epigrammata, ein Redenpaar für und gegen Octavius Sagitta, Epistulae ex Campania, ein Schmähgedicht auf Nero; zu FPL 130 MOREL vgl. M . J. MCGANN, The Authenticity o f Lucan, C Q 51. 1957. 126-128. 2 Von den Vitae ist die z. T. verstümmelte (suetonische) im Ton kritisch; mit ihr setzt sich die dem Dichter freundliche, einem Vacca zugeschriebene Biographie auseinander, die am Anfang der Scholien (Adnotationes super Lucanum) überliefert ist. Für von Sueton unabhängigen Ursprung der sog. VaccaVita jetzt : M.MARTINA, Le vite antiche di Lucano e di Persio, C C C 5, 1984, 155-189. Im codex Bemensis 370 findet sich außer der Vacca-Vita ein fragmentarischer Lebensabriß, der sich ebenfalls auf Sueton stützt.

724

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

frühen B ü c h e r n können auf Gesprächen z w i s c h e n O n k e l und N e f f e n beruhen, e r z w i n g e n also k e i n e spätere D a t i e r u n g der Pharsalia. N o c h g r ö ß e r e S c h n e l l i g k e i t der P r o d u k t i o n , m i t der m a n c h e Forscher 1 r e c h n e n (8 M o n a t e f ü r 10 B ü c h e r ! ) , ist i m a n t i k e n R o m bei e i n e m E p i k e r a u s g e s c h l o s s e n . D e r T i t e l v o n L u c a n s H a u p t w e r k lautet in der besten Ü b e r l i e f e r u n g Belìi civilis libri X. E r selbst n e n n t es 9, 985

Pharsalia2.

Werkübersicht 1: A u f die Ankündigung des Themas, die Widmung an Nero, die Aufzählung der Kriegsursachen und die Charakterisierung von Pompeius und Caesar folgen der Übergang über den Rubicon, ein Truppenkatalog, die Panik des Pompeius und der Bewohner Roms und schließlich eine Reihe Prodigien und Prophezeiungen. 2: In das Stimmungsbild der Hauptstadt ist ein Rückblick auf die Zeit von Marius und Sulla eingefügt. C a t o stärkt Brutus und erlaubt seiner früheren Gattin Marcia die Rückkehr. Nach einem Exkurs über die Appenninen und die Stimmung in Italien hören wir von Caesars Milde gegenüber Domitius vor Corfinium. Pompeius flüchtet nach Brundisium; als Caesar den dortigen Hafen durch eine schwimmende Holzkonstruktion zu blockieren droht, verläßt Pompeius Italien. 3: A u f der Fahrt träumt Pompeius von seiner früheren Gattin, Caesars Tochter lulia, die ihn wie ein böser Geist verfolgt. Caesar tritt in R o m mit Entschlossenheit auf und eignet sich trotz Metellus' Protest die Staatskasse an. Pompeius sammelt um sich die Völker des Ostens. Caesar belagert Massilia; dort k o m m t es zur Seeschlacht. 4: In Spanien verhindert Petreius eine Verbrüderung der Heere. V o m Wasser abgeschnitten, ergeben sich die Pompeianer und werden entlassen. Verzweifelt geben sich bei Salona der Caesarianer Vulteius und die Seinen gegenseitig den Tod. In die Erzählung von Curios Untergang in Afrika ist die Antaeus-Sage eingelegt. y Der >Senat< beratschlagt in Epirus; Appius erzwingt ein Apollon-Orakel, das jedoch doppeldeutig ausfallt. Caesar beschwichtigt eine Meuterei und wird Consul und Diktator in Rom. Eine tollkühne Seefahrt bestätigt Caesars Glück. Pompeius nimmt Abschied von Cornelia. 6: Bei Dyrrhachium von Caesar eingeschlossen, versuchen die Pompeianer auszubrechen; der tapfere Scaeva verhindert dies. Thessalien wird beschrieben; die Hexe Erictho ruft einen Toten ins Leben zurück und läßt ihn weissagen. 7: Im Traum sieht sich Pompeius nochmals im alten Glanz; dann erleben wir die Schlacht bei Pharsalus mit. Pompeius flieht. Caesar bleibt Sieger. 8: Pompeius flüchtet weiter; auf Lesbos sieht er Cornelia wieder. Vor Ä g y p t e n wird er ermordet. Ein Unbekannter bestattet den enthaupteten Leib. 9: Pompeius' Seele nimmt in Brutus und Cato Wohnung. Catos Charakterbild. In Afrika stößt Cornelia zu ihren Söhnen und Cato, der die Truppen zum Weiterkämpfen überredet und mit ihnen durch schlangenverseuchte Wüsten nach Leptis zieht. Der Perseus-Mythos erklärt die Entstehung der Schlangen. Anläßlich von Caesars Besuch in Troia vergleicht Lucan seine Pharsalia mit der Ilias. In Ägypten angekommen, >trauert< Caesar um Pompeius. 1 2

K. F. C. ROSE, Problems of Chronology in Lucan's Career, TAPhA 97, 1966, 379-396. Für Pharsalia als Werktitel: F. AHL 1976, 326-332; dagegen J. P. POSTGATE, Ausg. von Buch 7,

C a m b r i d g e 1917, S. X C ; A . E. HOUSMAN, A u s g . 296.

POESIE:

LUCAN

725

10: C a e s a r besucht A l e x a n d e r s G r a b u n d w e i l t d a n n bei C l e o p a t r a . N a c h e i n e m E x k u r s über die N i l q u e l l e n sehen w i r C a e s a r v o n den treulosen Ä g y p t e r n bedroht. D a s Werk bricht unvollendet a b 1 .

Quellen, Vorbilder, Gattungen Schon der älteste Dichter von Lucans Heimatstadt Corduba, Sextilius Ena, hat ebenso wie Cornelius Severus — ein Epos über Roms Zeitgeschichte geschrieben; ob Lucan sich durch derartige Werke anregen ließ, wissen wir nicht. Den Stoff liefern nach Angabe der Scholiasten die verlorenen Bücher 109-112 des Livius, dessen Parteinahme fur Pompeius bekannt ist. Daneben denkt man an eine Exempla-Sammlung. Direkte Benutzung der Commentant Caesars ist kaum wahrscheinlich. Die einleitende Analyse der Kriegsursachen läßt an Asinius Pollio oder allgemein an die pragmatische Geschichtsschreibung denken, deren Impulse Lucan in einem spezifisch römischen Sinne neu formuliert2. Geht diese Einfuhrung letztlich auf Poseidonios zurück? Ist der Gewährsmann wiederum Livius? Pompeiusfreundlich waren auch die verlorenen Annalen des Cremutius Cordus und die Historiae ab initio bellorum civilium von Lucans Großvater, dem älteren Seneca. Stellenweise mag Lucan auch Briefe Ciceros3 frei adaptiert haben. Für die geographischen und ethnographischen Exkurse hat man mancherlei Quellen vermutet; das zehnte Buch stimmt mit Senecas Naturales quaestiones zum Teil wörtlich überein4. Auch in sonstigen Realien—bis hin zu Schlangenkunde und Magie - zeigt sich Lucan beschlagen, wie es seiner Vorstellung von einer Universaldichtung entspricht; seine Kenntnisse scheint er freilich eher aus Zwischenquellen wie Licinius Macer (Schlangenkatalog5) und Ovid als direkt aus Poseidonios zu schöpfen. Lucan verändert die Gattung Epos. Er beseitigt die bisher obligatorischen Götterszenen; Mythisches erscheint nur noch am Rande; dafür betont er Geographie und Naturwissenschaft. Er gibt die bisher übliche Zurückhaltung des Epikers auf: Fast aufjeder Seite finden sich leidenschaftliche persönliche Stellungnahmen und Kommentare des Autors. Was römische Leser an Lucans Dichtung befremdete, kann man an Petrons Bürgerkriegs-Epos sehen, das wohl als Gegenbeispiel gedacht ist. Homer selbst und seine Deuter sind jedoch fur die Erfindung der Pharsalia wichtiger als man zunächst erwartet6. Neben Vergils Aeneis — die weniger 1 Aus 10, 525-529 hat man Caesars Ermordung als geplanten Endpunkt erschlossen. Es wurde sogar angenommen, Lucan habe auch die Kämpfe Octavians mit Brutus, Cassius und Antonius noch behandeln wollen. Buch 10 ist jedenfalls unvollständig, und eine Planung auf 1 2 Bücher ist wahrscheinlich. Weniger überzeugend B . M . MARTI 1968 (16 Bücher). Bei 18 Büchern würde die tetradische Struktur durchbrochen. 2

3

R . HAUSSLER 1 9 7 8 , 2 , 8 5 ; 8 7 , v g l .

104.

E. MALCOVATI, Lucano e Cicerone, Athenaeum 31 (Studi FRACCARO) 1953, 288-297. 4 H. DIELS, Seneca und Lucan, Abh. Akad. Berlin 1885, 1-54. 5 Vgl. dazu I. CAZZANIGA, L'episodio dei serpi libici in Lucano e la tradizione dei Theriaka Nicandrei, Acme 10, 1957, 2 7 - 4 1 . 6 M. LAUSBERG, Lucan und Homer, A N R W 2, 32, 3, 1985, 1565-1622; C . M . C . GREENE, Stimulos dedit aemula virtus: Lucan and Homer Reconsidered, Phoenix 45, 1991, 230-254.

726

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

bekämpft als überboten werden soll - sind auch die Geórgica als kosmische Poesie, die einem Herrscher gewidmet ist, wichtig. Ein Vergleich zwischen Lucan und dem didaktischen >Weltdichter< Lukrez wäre lohnend. Ovids 1 Metamorphosen leisten nicht nur für das Mythische, sondern auch für das Naturwissenschaftliche Patendienste. Als rhetorische Epiker vor Lucan sind Cornelius Severus und Albinovanus Pedo zu nennen. Der Pointenstil ist an Ovid und Seneca - auch an dessen Tragödien - geschult. Literarische Technik Lucanus magis oratoribus quam poetis imitandus? Bevor man Quintilians bequeme Formel wiederholt (inst, ίο, i , 90), ist zu fragen, was Lucan als Dichter seiner rhetorischen Schulung verdankt. Beginnen wir mit der sogenannten evidential Begleitet doch Lucan seine Ausführungen durch eine strukturierte Reihe anschaulicher Bilder: So kann man im ersten Buch an den Gleichnissen Gang und Bedeutung des Geschehens ablesen: Das erste Gleichnis expliziert das Gesamtthema >Weltuntergang< (72-82); das zweite offenbart den Wegfall der letzten hemmenden Schwelle zwischen den Kontrahenten: Beim Tod des Crassus verschwindet, bildlich gesprochen, die Landenge zwischen den beiden Meeren, die nun aufeinanderprallen (100-106). Dann sehen wir Pompeius als ehrwürdige, aber morsche Eiche ( 1 3 5 - 1 4 3 ) und Caesar als Blitz, der in sie fahrt ( 1 5 1 - 1 5 7 ) . Die durchgehende Parallelisierung des realen Geschehens mit einer konsequent aufgebauten symbolischen Bilderfolge vereinigt rhetorische Meditation und epische Gleichnistradition in einer poetischen Neuschöpfung. Z u m anderen begleitet Lucan - ardens und concitatus (Quint, inst. 10, 1, 90) - das Geschehen mit emotionalen Kommentaren, die vielfach Appellcharakter besitzen. Die Rhetorik liefert also weit mehr als nur das rationale Rüstzeug zur Entschlüsselung komplexer psychologischer Sachverhalte. Vielmehr zeigt sich Lucan hier als Redner von Rang; die Erzählung bleibt nicht im trockenen >Rezitativ< stecken, sondern erhebt sich zu >arioser< Beseelung. Die schulmäßige Antithese von Poesie und Rhetorik wird Lügen gestraft: Was äußerlich als >Rhetorisierung< erscheint, ist bei Lucan oft eine >LyrisierungWeltkrieg< eine >Götterdämmerung< werden. Kataloge und Exkurse werden beibehalten, um den Reichtum einer schrecklichschönen Welt, die Weite des Imperiums und die Größe der Katastrophe zu dokumentieren. Die Kataloge, die das Reale zugleich universal und poetisch erscheinen lassen, verbinden ein quasi didaktisches Anliegen mit >wissenschaftlicher < Erklärung. Die Sturmschilderung (5, 541-702) benützt und berichtigt Seneca (Agam. 460—578). Zugleich stellen sich Szenen w i e Lucans Seesturm oder seine Scaeva-Aristie in die epische Tradition und erobern sie neu im Zeichen der Rhetorik. Wichtige Einzelmotive stehen sogar an dem der Aeneis entsprechenden Platz: So wird die Rückschau auf Sulla und seine Zeit im zweiten Buch zu einem Seitenstück zu Vergils Iliupersis; Ähnliches gilt von der Nekyomantie in Buch 6 im Verhältnis zum sechsten Buch der Aeneis. Geschichte wird hier als >AntimythosTrauer< um Pompeius (9, 1035—1108). Er stilisiert Caesar zu einem neuen Hannibal (ι, 303-305), einem quasi orientalischen Despoten (vgl. 10, 169)2, einem dämonischen Tyrannen von geradezu satanischem Format (ζ. B. 3, 437). Ira,fitror, einsame Größe und Fortunaglaube sind fur ihn bezeichnend3. Wie bei Seneca wird fiiror zum bewußt herbeigeführten Wahnsinn, der latente Kräfte freimacht, wird die Untat zur freudig auf sich genommenen Verpflichtung 4 . Lucan projiziert Senecas rte/öi-Tragik ins epische Großformat, fuhrt sie aus dem Privaten ins Welthistorische. Doch ist das Porträt Caesars so wenig wie das des Pompeius in sich geschlossen; je nach der Situation verwirren einzelne Z ü g e das Gesamtbild, aber sie beleben es auch5. Eine kontinuierliche Verdüsterung ist in der Darstellung Caesars schwer nachzuweisen; unbestreitbar ist eine gewisse Faszination des Bösen, der auch der Autor unterliegt. Die Sympathiebeteuerungen fur den gealterten, stets auf der Flucht befindlichen, etwas larmoyanten Pompeius stehen demgegenüber im Zeichen eines romantischen Umsonst 6 ; ohne Zweifel ist Pompeius die >menschlichste< Gestalt in der Pharsalia7. Sein Verbündeter, Brutus, ist weitgehend positiv dargestellt, und Cato übersteigt in seiner Vollkommenheit - die aber schon im zweiten Buch einem schweren Gewissenskonflikt ausgesetzt ist - am Ende alles Menschenmaß. Kein Wunder, daß man in Cato eine Verkörperung des stoischen Weisen hat sehen wollen; allerdings gleicht Cato in seiner glühenden Leidenschaft fur Freiheit, Opfer und Tod mehr einem heiligen Asketen und Märtyrer als einem gleichmütigen Philosophen.

1 2

Alle drei Hauptgestalten zeigen Berührungen mit Alexander: W. RUTZ, G n o m o n 39, 1967, 793. Manfred Gerhard SCHMIDT 1986, 251.

3

W . RUTZ 1950, 1 2 9 - 1 6 3 = 1989,

4

R . GLAESSER 1 9 8 4 , 1 5 1 f .

5

W . R U T Z 19JO, 1 6 3 - 1 6 7 = 1989,

6

Dies alles macht ihn ungeeignet für die Rolle eines stoischen proficiens. B. M . MARTI, T h e Meaning o f the Pharsalia, AJPh 66, 1945, 352-376.

7

122-152. 153-156.

732

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

C a t o ist ein guter Ersatz für die ausgeblendeten Götter'. Ist er nicht den unmoralischen Wesen der epischen Tradition oder auch den Mächten der Geschichte, m ö g e n sie nunfata, fortuna oder superi heißen, sittlich weit überlegen? Ein sublimiertes und zugleich eigentümlich römisches Daseinsgefuhl, das den Gott in der eigenen Brust findet, k o m m t hier zu seinem edelsten Ausdruck. A u f seine Weise trägt auch Caesar - zugleich Exponent und Zerrbild des neuen Gottmenschentums - ein starkes numen in sich, besiegt er doch die alten Götter des heiligen Haines v o n Massilia aus eigener Vollmacht (3, 399-452). In dieser Beziehung sind Theologie und Anthropologie Lucans erstaunlich modern. Z w a r läßt sich am G a n g des Geschehens nichts ändern, aber der Weise, Cato 2 , bezieht dennoch Stellung - und macht erst dadurch eigentlich die >pompeianische< Seite zur »republikanischen« und damit zur besseren. Solches Handeln ohne rechte H o f f n u n g mutet geradezu existentialistisch an. Im Wüstenmarsch sucht C a t o Schwierigkeit u m der Schwierigkeit willen. Scaeva vollbringt übermenschliche Heldentaten - doch w o z u ? (quanta dominum virtute parasti 6, 262). Die fata haben kein unmittelbar positives Ziel, lassen sich also schwerlich mit dem λ ό γ ο ς und der ειμαρμένη der Stoiker in Einklang bringen, es sei denn, man habe die beneidenswerte Glaubensstärke, fur das ganze Werk die Nero-Verheißung des Anfangs aufrechtzuerhalten. Fortuna ist in ihrer Wandelbarkeit der Widerpart des Menschen und seiner virtus, seiner Entschlossenheit, die eigene Freiheit nicht aufzugeben, sondern, w e n n nötig, im Tode zu bewähren 3 . Lucans Götter, die sich für Caesar entschieden haben, stehen der Fortuna nahe. Stoisch-philosophische Ansätze sind also spürbar, aber Übersteigerungen (>Todesliebekosmische< Gleichnisse) eine bedeutsame Funktion; bringen sie doch (auch nach dem Glauben der Stoiker) das Schicksal sichtbar zum Ausdruck 5 . 1

Spuren der Götter:

F. M .

AHL,

T h e Shadows of a Divine Presence in the

Pharsalia,

Hermes 102,

1974, 566-590. 2

Z u Cato als dem stoischen Weisen: J. M . ADATTE, Catón ou l'engagement du sage dans la guerre

civile, EL 8, 1965, 232-240; P. PECCHIURA, La figura di Catone Uticense nella letteratura latina, Torino 1965. 3

G . PFLIGERSDORFFER, Lucan als Dichter des geistigen Widerstandes, Hermes 87, 1959, 344-377

erkennt das Werk als Cato-Tragödie. 4

L. ECKARDT, Exkurse und Ekphraseis bei Lucan, Diss. Heidelberg 1936; M . LAPIDGE, Lucan's

Imagery of Cosmic Dissolution, Hermes 107, 1979, 344-370. 5

Stoisches bei Lucan: P. GRIMAL, Quelques aspects du stoïcisme de Lucain dans la Pharsale, B A B 69,

1983, 401-416; D . B. GEORGE, T h e Stoic Poet Lucan. Lucan's Bellum civile and Stoic Ethical Theory, Diss. Columbus, O h i o 1985; vgl. D A 46, 1985, 1616 A .

POESIE:

LUCAN

733

Überlieferung Aus der reichen Überlieferung pflegt man sechs Handschriften und zwei Fragmente auszuwählen: Parisinus Lat. 10314 (Z; s. IX), Montepessulanus bibl. med. H 113 (M; s. IX-X), Parisinus Lat. 7J02 (P; s. X), Gemblacensis = Bruxellensis, bibl. Burgund. 5330 (G; s. X-XI), Leidensis Vossianus Lat. X I X f. 63 (U; s. X), Leidensis Vossianus Lat. X I X f. 51 (V; s. X), fragmenta librorum VI et VII in cod. Palatino Vaticano 24 (Π; s. I V - V ) , fragmenta librorum V et VI in cod. Bobiensi (s. IV—V) extantia, cuius discerpti particulae sunt cod. Vindobonensis 16 et Neapolitanus IV A 8. HOUSMAN wendet sich gegen die Oberschätzung von M . Stehen Z P gegen G U V , so haben G U V oft die bessere Lesart. Z G haben oft gegen P U V recht. Ρ und U kann man »durchschnittlich« nennen, Z , G und V sind »exzentrisch«. Ζ ist relativ am wenigsten interpoliert, G am meisten; und doch steht G den antiken Palimpsesten besonders nahe. Ein Stemma stellt HOUSMAN nicht auf. Seine Ansichten müssen jetzt durch die Forschungen von GOTOFF, EHLERS, H A K A N S O N u n d L U C K e r g ä n z t

werden1.

Fortwirken2 Lucan rechnet mit der Unsterblichkeit seines Werkes (9, 985 f.). A u f Kritik stößt es bei Petron (118-125), und Quintilian empfiehlt es mehr den Rednern als den Dichtern zur Nachahmung (inst. 10, 1, 90). Martial bezeugt hohe Verkaufsziffern (14, 194). Statius bewundert Lucan (silv. 2, 7; vgl. Martial 7, 21-23 und 10, 64), Silius ahmt ihn nach, Florus benutzt ihn3. Ehe christliche Spätantike findet Gefallen an Lucan, sicherlich nicht nur, weil er die Rolle der heidnischen Götter reduziert; doch entfallt so zumindest eine Rezeptionsbarriere. Ebenso wichtig ist die Funktion seiner Gestalten als exemplä. Prudentius, der z. B. für die Darstellung von Martyrien manches von ihm gelernt hat, eröffnet die Reihe großer Lyriker, die Roms modernster, düsterster und subjektivster Epiker anziehen wird. Vor der Mitte des 6. Jh. preist Arator diefelix culpa des Sündenfalles mit Lucans Worten aus dem Nero-Elogium (Lucan. 1, 37; Arator, act. 1,62 scelera ipsa nefasque / hacpotius mercede placent, mundoque redempto / sors melior de clade venit). Der große Grammatiker Priscianus, der in Konstantinopel lehrt (ca. 6. Jh.), belegt seine Regeln häufig aus der Pharsalia, was auf Vertrautheit seiner Leser mit diesem Werk schließen läßt. Den Lucan-Kommentator Vacca setzt man meist in dasselbe Jahrhundert, zumal er Martianus Capeila und Boethius zitiert und wohl von Isidor benützt wird; er ist wahrscheinlich die Quelle der Adnotationes super Lucattum4. 1

W. RUTZ, Lustrum 26, 1984, i i 4 f . ; ders., A N R W 2, 32, 3, 198$, 1459f.

2

M . CYTOWSKA, L u c a i n e n P o l o g n e , E o s 60, 1972, 1 3 7 - 1 4 8 ; W. FISCHLI, S t u d i e n z u m F o r t l e b e n d e r

Pharsalia des M. Annaeus Lucanus, Luzern o.J., zuerst Beilage zum Jahresbericht der kantonalen höheren Lehranstalten in Luzern 1943/44; V.-J. HERRERO-LLORENTE, Lucano en la literatura hispanolatina, Emerita 27, 1959, 19-52; O. SCHÖNBERGER, Eine Nachwirkung Lucans bei Heinrich von Kleist, G R M S N F 12, 1962, 318-321; O. ZWIERLEIN, Cäsar und Kleopatra bei Lucan und in späterer Dichtung, A & A 20, 1974, 5 4 - 7 3 . 3 Vgl. z. B. H.-D. LEIDIG, Das Historiengedicht in der englischen Literaturtheorie. Die Rezeption von Lucans Pharsalia von der Renaissance bis zum Ausgang des 18. Jh., Bern 1975, 7 (zu Mart. 14, 194) und 12-16 (Abriß der antiken Lucankritik). 4 Ausgabe: J. ENDT, Lipsiae 1909; neue Ausgabe von H. SZELEST ZU erwarten.

734

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

Im Mittelalter ist Lucan ein vielgelesener Klassiker 1 . Abaelards Héloïse betet in ihrer Verzweiflung mit Worten unseres Dichters (2, 1 4 Γ ; hist, calarti., epist. 4), sie nimmt den Schleier mit Abschiedsversen der Cornelia aus Lucan (8, 94-98; Abael. epist. 1). Wie Cornelia die Intentionsethik der reinen uneigennützigen Liebe verkörpert 2 , so zeigt Catos Verweigerung des Wassertrunkes (9, 500-510; Abael., epist. 83), daß Vorgesetzte nicht für sich selbst zu leben haben. Der vermeintlich republikanische Dichter liefert auch die Grundverse über die Unteilbarkeit der Herrschaft (1, 89—93; epist. 8). Oberhaupt wird er vielfach als Historiker (oder Naturphilosoph) gelesen. Englische Autoren (Geoffrey von Monmouth und Richard von Cirencester) zitieren gerne Lucans ironische Bemerkung über Caesars Flucht vor den Briten (2, 572)* Anklänge finden sich außerdem in der Lebensbeschreibung des hl. Willibrord von Thiofrid von Echternach (12. Jh.) 5 . Für Dante zählt Lucan mit Homer, Vergil, Horaz und Ovid zu den größten Dichtern (inf. 4, 90). In der Göttlichen Komödie kehren Iulia, Marcia, Cornelia wieder (inf. 4, 128; purg. ι , 78f.), ebenso Curio (inf. 28, 100-102), Nasidius und Sabellus (inf. 25, 94f.), sogar der pauper Amyclas (parad. 1 1 , 67-69), vor allem aber Cato Uticensis, dessen Wüstenmarsch Dante bewundert (inf. 14, 1 3 - 1 5 ) und den er zum Hüter des Purgatoriums erhebt. Im Convivio (4, 28) spielt Cato eine noch sublimere Rolle: Marcias Rückkehr zu ihm bedeutet die Rückkehr der Seele zu Gott. Abseits von solcher Vergeistigung, aber etwa um dieselbe Zeit - und den Regelfall bezeichnend - läßt sich rein stoffliches Fortwirken beobachten: So überträgt Jehan de Tuim die Pharsalia frei ins Altfranzösische; Ende des 13. Jh. setzt Jacot de Forest dieses Werk in Alexandriner mit Tiradenreim um; es entsteht eine höfische Ritter- und Liebesnovelle. Im 14. Jh. läßt Charles V. (>der Weisemanieristische< Züge erkannt hat, läßt sich im 13. und 18. Gesang der Gerusalemme Liberata von der denkwürdigen Szene im Hain von Massilia anregen (Lucan. 3, 399-452). Eine kastilische Prosa-Übersetzung veröffentlicht Martín Laso de Oropesa in Lissabon 1541. Spanische Epiker begeistern 1

Th. A . CREIZENACH, Die Aeneis, die Vierte Ekloge und die Pharsalia im Mittelalter, Progr. Frankfurt 1864; s. jetzt auch: A . S. BERNARDO, S. LEVIN, Hg. The Classics in the Middle Ages, Binghamton 1990, Index s. v. Lucan, bes. 1 6 5 - 1 7 3 (J. G . HAAHR, William ofMalmesbury's Roman Models: Suetonius and Lucan). 2 P. VON M o o s , Lucan und Abaelard, in: G . CAMBIER, H g . , Hommages à A . BOUTEMY, Bruxelles

1976. 413-443· 3

Daß sich die Verweigerung des Wassertrunkes auf den jüngeren Cato und Lucan bezieht, wird oft übersehen. 4 HICHET, Class. Trad. 577, Anm. 30. 5 Κ . ROSSBERG, R h M 38, 1883, 152; Lucanzitate in mittelalterlichen Biographien und Geschichtswerken: J . G . HAAHR, zit. oben Anm. 1 , bes. 170. 6 C . SCHLAYER, Spuren Lucans in der spanischen Dichtung, Diss. Heidelberg 1927.

POESIE:

LUCAN

735 1

sich für ihren antiken Landsmann und Geistesverwandten . Juan de Jáuregui y Aguilar (f 1641) leiht durch seine brillante Lucan-Nachdichtung dem barocken Concettismo der Góngora-Schule eine >klassische< Autorität. Zwei Menschenalter zuvor (1561) hatte der Vergil-Verehrer J. C. Scaliger Lucan taedii pater2 genannt und an Beispielen gezeigt, wie sich der Dichter hätte kürzer fassen können. Ganz anders ist Montaignes Zugang. Er liest unseren Autor gerne, aber »nicht so sehr wegen seines Stils als vielmehr wegen seines persönlichen Wertes und wegen der Wahrheit seiner Ansichten und Urteile« (Essais 2, 10). In England schreiben im 16. Jh. Samuel Daniel und Michael Drayton zeitgenössische englische Bürgerkriegsepen in der Nachfolge Lucans (und Homers). Ende des 16. Jh. übersetzt Marlowe das erste Buch ins Englische; vollständige Übertragungen verfassen Sir A. Gorges (1614) und Thomas May (1627), der außerdem ein lateinisches Supplement bis zu Caesars Tod dichtet (zugänglich in O U D E N D O R P S Lucan-Ausgabe); Caesar gerät ihm dabei zum Helden. Miltons Satan trägt einige Züge von Lucans Caesar. Paradise Lost legt hier einen wesentlichen Aspekt der Pharsalia offen. Veit Ludwig von Seckendorf? (f 1692), Kanzler der Universität Halle, Rechtsgelehrter und Kirchenhistoriker, wird in seiner Lucan-Übersetzung zum Erfinder des reimlosen Alexandriners: eine kühne Neuerung innerhalb der Opitzschen Poeterei. In der Diskussion der Neuzeit um das historische Epos behauptet die Pharsalia eine Schlüsselstellung. Voltaire erkennt Lucans »Originalgenie«; die Szene 3, 399-452 zeigt ihm, »wie die wahre Größe eines realen Helden derjenigen eines erfundenen überlegen ist«4. Zu Catos stolzem Verzicht auf Befragung des Orakels (9. 544-618) bemerkt er: »Alles, was die antiken Dichter über die Götter gesagt haben, sind kindliche Reden im Vergleich mit diesem Stück aus Lucan«5. Friedrich der Große hingegen nennt die Pharsalia eine »schwülstige Gazette«6. Alle Römerdramen von Shakespeare und seinen englischen Zeitgenossen zeigen Spuren der Pharsalia, auch das zeitgeschichtliche Theater nimmt auf Lucan Bezug7. Aus etwas späterer Zeit sei Chapmans Caesar and Pompey (1631) genannt. In Frankreich ist der Einfluß noch stärker: Man denke an Robert Garniers Tragödie Comélie (1574), La mort de Pompée von Charles Chaulmer (1638) und Corneilles Pompée (1641); Corneille liebt an Lucan die »Kraft seiner Gedanken« und die »Majestät seiner Denkart« (Pompée: Au lecteur) und scheint ihn sogar Vergil vorgezogen zu haben. Goethes 8 Klassische Walpurgisnacht (Faust, II. Teil, 2. Akt) 1

Lit. bei HIGHET, Class. Trad. 602 f. J . C . SCALICER, Poetices libri Septem, Lyon (1561), Ndr. Stuttgart 1964, 1 1 4 ; A. R. BACA, A Mordant Judgement. J . C . Scaliger's Criticism of Lucan, in: Pacific Coast Philology 8, 1973, 5—9. 1 F. GUNDOLF, Seckendorfs Lucan, SHAW 1 9 3 0 - 1 9 3 1 , 2. 4 Essai sur la poesie épique, ch. 4. 5 Dictionnaire philosophique, s. v. Epopée. 6 Th. A . CREIZENACH (zit. oben Anm. 1 auf S. 734), 36. 7 W. VON KOPPENFELS, Our Swords into our Proper Entrails. Aspekte der Lucanrezeption im elisabethanischen Bürgerkriegsdrama, A & A 2 1 , 1975, 58-84. 8 O . SCHÖNBERGER, Goethe und Lucan, Gymnasium 65, 1958, 450-452. 2

736

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

beginnt auf den Pharsalischen Feldern mit dem Auftritt der uns aus Lucan bekannten Hexe Erichtho. Nicht zufällig wird Lucan immer wieder von Lyrikern entdeckt: Der große Neulateiner Conrad Celtis 1 und der kosmische Romantiker Shelley 2 huldigen ihm, der junge Hölderlin dichtet mit Sprachgewalt einen großen Teil des ersten Buches der Pharsalia nach, Baudelaire bekennt, daß die Pharsalia, »stets funkelnd, melancholisch, herzzerreißend, stoisch« ihn seit seiner Jugend tröste 3 , u n d C . F . M e y e r ( f i 8 9 8 ) gestaltet seine Ballade Das Heiligtum nach der schon von Voltaire bewunderten Szene (3. 399-452). Ein Vers (4, 579), der zur Revolutionszeit in die Säbel der französischen Nationalgarde der ersten Republik eingraviert wurde, inspiriert Ernst Moritz Arndt (f i860): »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. « Aus dem tragischen Erleben des Bürgerkriegs in unserem Jahrhundert übersetzt der sonst als Lyriker bekannte russische Dichter Lev Ostroumov die Pharsalia. Ausgaben: Roma 1469. * F. O U D E N D O R P (TK, mit den adnotationes super Lucanum), Lugduni Batavorum 1728. * C. F. WEBER (TK, mit Scholiasten), 3 Bde., Lipsiae 1 8 2 1 - 1 8 3 1 . * C . E. H A S K I N S (TK), London 1 8 8 7 . * C. M. F R A N C K E N (TK), Lugduni Batavorum 1896-1897. * C . Hosius, Lipsiae Ί 9 1 3 . * R. B A D A L I , Torino 1988. * A . E. H O U S M A N (editorum in usum), Oxford '1927. * D . R. S H A C K L E T O N B A I L E Y , Stutgardiae 1988. * R. B A D A L Ì , Roma 1992. * S . H . B R A U N D ( O A ) , Oxford 1992. * W . E H L E R S (TÜ), München Ί978. * G . L U C K (TÜ), Berlin 1985. * J . D . D U F F (TÜ), London 1928. * Buch ι: R . J . G E T T Y (TK), Cambridge '1955. * P. W U R L E U M I E R , H . L E B O N N I E C (TK), Paris 1962. * Buch 2: E. F A N T H A M (TK), Cambridge 1992. * Buch j: V. H U N I N K (K), Amsterdam 1992. * Buch 6, ¡18-260: G . Β . C O N T E (TK) 1988 (s. unten) 4 3 - 1 1 2 . * Buch 7:0. A . W . D I L K E (TK), Cambridge i960. * Buch 8: J . P. POSTGATE (TK), Cambridge 1917. * Buch 10, 1 - J 7 1 : M. G . S C H M I D T ( Κ ) 1986 (s. unten). * Antike Vitae: C . B R A I D O T T I , Bologna 1972. * Scholien: Commenta Bernensia, ed. H . U S E N E R , Lipsiae 1869. * Adnotationes super Lucanum, ed. J. E N D T , Lipsiae 1909. * Supplementum adnotationum super Lucanum I (libri I - V ) , ed. G . A. C A V A J O N I , Milano 1979; II (libri VI-VII) 1984. * Arnulfi Aurelianensis glosule super Lucanum, ed. Β . M. M A R T I , Roma 1958. * * Indices, Konkordanz: G . W. M O O N E Y , Hermathena44, 1, Dublin 1927. * R . J . DEFERRARI, M. W . F A N N I N G und A . S . S U L L I V A N , Washington 1940. * M. W A C H T , Hildesheim 1992. * * Bibl.: W . R U T Z , Lustrum 9, 1964, 243-340; 10, 1965, 246-259; 26, 1984, 105-203; 27, 1985, 149-166. * W. R U T Z , Lucans Pharsalia im Lichte der neuesten Forschung (mit einem bibl. Nachtrag 1980—1985 von H. T U I T J E ) , A N R W 2, 32, 3, 1985, 1457-1537. * Andreas W. S C H M I T T in: R U T Z 1989. K. A B E L , Sen. dial. 12, 18, 4ff. Ein Zeugnis für die Biographie Lucans?, RhM 1 1 5 , 1972, 3 2 5 - 3 2 9 . * F. M . A H L , Lucan. An Introduction, Ithaca/London 1 9 7 6 . * F . A R N A L D I , Lucano, Vichiana N S 3, 1974, 40-49. * F. A R R E D O N D O , Un episodio de magia negra en Lucano. La Bruja de Tesalia, Helmantica 3, 1952, 347-362. * J . A Y M A R D , Quelques séries de comparaisons chez Lucain, Montpellier 1951. * J . B É R A N G E R , Idéologie impériale et épopée latine, in: Mélanges J. C A R C O P I N O , Paris 1966, 9 7 - 1 1 2 . * H . B E R T H O L D , Virtui temeraria bei Lucan, 5, 682. Ein Beitrag zum Verständnis der politischen Terminologie dei Kaiserzeit, WZHalle 19, 1970, G., H 2, 51-58. * H . B E R T H O L D , Beobachtungen zu der 1

O. SCHÖNBERGER, Aneignungen antiker Gedanken in deutscher Literatur, Gymnasium 91, 1984, 496-506. 2 R. ACKERMANN, Lucans Pharsalia in den Dichtungen Shelleys; mit einer Übersicht ihres Einflüsse« auf die englische Literatur, Zweibrücken 1896. 3 An Sainte-Beuve 15. 1. 1866 (Correspondance générale 5, 216).

POESIE:

LUCAN

737

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VALERIUS FLACCUS Leben, Datierung C . Valerius Flaccus Setinus Baibus1 gehört dem Senatorenstand an und ist quittdecimvir sacris faciundis (i, S~7)2· Dieser hochangesehenen Priesterschaft, die dem Apollo dient, obliegt die Befragung der Sibyllinischen Bücher und die Aufsicht über in Rom eingeführte fremde Kulte. In der Dichtung des Valerius spielt die Religion wohl nicht zufallig eine bedeutende Rolle. Falls er aus dem latinischen Weinort Seria stammt, ist er nicht identisch mit dem bei Martial (ι, 76; vgl. 1, 61) erwähnten Flaccus aus Patavium. Er ist vor dem Erscheinen von Quintilians Institutio (10, ι, 90) gestorben, also vor çô 3 . Die Argonautica umfaßten wohl nicht mehr als acht Bücher4; das letzte ist unvollständig erhalten5. Das Prooemium entstand nach der Eroberung Jerusalems (70) und noch unter Vespasian (1, 12—18), Teile des dritten (3, 208f.) und vierten Buches (4, 5 0 7 - 5 1 1 ) nach dem Vesuvausbruch von 79. Das Werk wird von Statius benützt, ist also vor der Thebais erschienen. Werkübersicht 1: Auf ein Gebet Iasons, der fur Pellas das Goldene Vließ gewinnen soll, veranlaßt Minerva den Bau der Argo, und Iuno sucht tüchtige Helden fur die Fahrt. Zu ihrem Ärger meldet sich auch ihr Stiefsohn Hercules. Durch ein Adlerprodigium gestärkt, überredet Iason Pelias' Sohn Acastus zur Teilnahme; dann errichtet er Altäre, betet zu Neptun und lauscht zwei Propheten. Bei der Abschiedsfeier singt Orpheus von Phrixus und Helle. Im Traum von der Schutzgottheit des Schiffes getröstet, nimmt Iason am Morgen Abschied von seinen Eltern. Kaum sind die Haltetaue gekappt, beantwortet luppiter eine Beschwerde Sols mit einer Weissagung und ermutigt die Argonauten durch einen Blitz. Nach einem Seesturm, den Neptun beschwichtigt, betet Iason und bringt ein Opfer dar. Inzwischen werden seine Eltern von dem wütenden Pelias in den Tod getrieben. 2: Nach einer nächtlichen Fahrt nähert sich die Argo der Insel Lemnos. Die Erzählung vom Männermord der Amazonen und von der Rettung von Hypsipyles Vater wird hier eingeschaltet. Die Amazonen nehmen die Argonauten bei sich auf. Iason verweilt bei Hypsipyle. Hercules mahnt zur Weiterfahrt und befreit vor Troia Hesione. Unterwegs erscheint Helles Geist mit einer Prophetie. Landung bei König Cyzicus. 3: Die Argonauten brechen auf, doch werden sie nachts wieder zu Cyzicus verschlagen, ohne den Ort zu erkennen. Auf blutigen nächtlichen Kampf folgen am Morgen verspätete 1

W.-W. EHLERS, Lustrum 16, 1971-72, 106-108; ders., Rez. zu J.STRAND 1972, Gymnasium 82,

1 9 7 5 . 4 8 7 ; W . - W . EHLERS 1 9 8 5 . 2

P. BOYANCÉ, La science d'un quindécimvir au I" siècle après J . - C . , REL 42, 1964, 334-346. Daß er trotz seiner vornehmen Herkunft nicht Consul wurde, ist natürlich kein Beweis fur frühen Tod (und für eine Spätdatierung des Werkes); anders SYME, Tacitus, 1, 69 und ders., 1929; R. J . GETTY, The Date of Composition of the Argomutiai ofValerius Flaccus, CPh 31, 1936, 53-61. Anspielungen auf historische Ereignisse nach 79 (R. PREIS WERK, Zeitgeschichtliches bei Valerius Flaccus, Philologus 89, 1934, 433-442) sind unsicher. 3

4

5

W. SCHETTER 1959; J . ADAMIETZ 1976, 1 0 7 - 1 1 3 mit Diskussion der Gegenthese.

Anders E. COURTNEY, Ausg. S. V., der mit Nichtvollendung durch Tod des Verfassers rechnet.

POESIE: VALERIUS

FLACCUS

739

Erkenntnis, Trauer, Bestattung und rituelle Reinigung. Beim nächsten Halt geht der junge Hylas verloren; Hercules, der ihn sucht, wird treulos zurückgelassen. 4: Eine Erscheinung des Hylas tröstet Hercules, der nunmehr Prometheus befreien soll. Orpheus singt fur die Argonauten. Pollux besiegt den wilden Amycus im Faustkampf. Zur Erklärung des Namens Bosporos wird die Sage von Io eingeschoben. Nach Landung bei Phineus vertreiben Boreas' Söhne die Harpyien, und Phineus weissagt den Argonauten. Die Argo passiert die Symplegaden und landet bei den Mariandynern. Eine Erwähnung des Amycus rundet das Buch ab. 5: Der Prophet Idmon und der Steuermann Tiphys werden von einer Krankheit hingerafft. In Sinope schließen sich unseren Helden neue Gefährten an. Landung in Kolchis. Iuno und Pallas beraten. Iason, der eine Abordnung zum König Aeetes anfuhrt, begegnet Medea, die durch einen schweren Traum beunruhigt ist. Wie die homerische Nausikaa erklärt sie ihm den Weg, den er, in einer Wolke verborgen, fortsetzt. Die Palasttüren sind mit Bildern geschmückt. Aeetes gibt sich milde und bittet um Waffenhilfe gegen Perses. Ein Gespräch zwischen Mars, Iuppiter und Pallas gipfelt in einer Prophezeiung des obersten Gottes und einem Fest der Olympier. 6: Mars kommt herab zur Erde, um die Minyer zu vernichten. Während die Schlacht tobt (Musenanrufungen 33 f. und 516), erbittet Iuno Venus' Hilfe, um Medeas Liebe zu Iason zu erwecken. Dann erscheint Iuno der Medea in Gestalt ihrer Schwester Chalciope und beobachtet mit ihr von der Mauer aus die Heldentaten Iasons. Kampfhandlung und MedeaHandlung sind ineinander verschränkt. 7: Während die von Liebe ergriffene Medea mit sich Zwiesprache hält, stellt der wütende Aeetes Iason neue, schwierige Aufgaben. Iuno entsendet Venus, die Circes Gestalt annimmt und Medea gewaltsam zu Iason fuhrt. Mit Hilfe der Zaubermittel der Kolcherin bezähmt Iason die feurigen Stiere und besiegt die Erdgeborenen. 8: Medea schläfert den Drachen ein, Iason raubt das Goldene Vließ und flüchtet mit ihr. Medeas Bruder Absyrtus holt die Argonauten an der Donaumündung ein. Iuno erregt einen Seesturm gegen die Kolcher. Iason denkt daran, Medea auszuliefern.

Quellen, Vorbilder, Gattungen Die wichtigen Vorlagen sind erhalten: Homer, Pindar (Pyth. 4), Apollonios Rhodios, Vergil (auch die Geórgica),

O v i d und Lucan. N u r Varrò Ätacinus ist

verloren. Es ist reizvoll zu beobachten, wie Flaccus den Apollonios durch Hinzufiigung von Götterszenen, Ritualen, Träumen und Prophezeiungen ins Vergilische und zum Teil ins Homerische überträgt. Dafür gibt er vieles von der Gelehrsamkeit des Apollonios a u f - nicht ohne erkennen zu lassen, daß er sogar die Scholien zu Apollonios studiert hat 1 . Literarische T e c h n i k Man kann die Argonautica

als einen Triumph der >epischen Technik< bezeichnen.

Dies gilt im ganzen wie im einzelnen. Aus vier überlangen Büchern des Apollonios macht Valerius acht, ohne die Gesamtzahl der Verse zu vermehren. Einerseits fugt er Reden, Götterszenen und neue Episoden ein, andererseits kürzt er die ermüdende Gelehrsamkeit der Reisebeschreibung. Dadurch verschieben sich die Pro1

Wilamowitz,

K o m m e n t a r zu Euripides' Herakles

1, 1071".

740

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

portionen im ganzen: A u f Kosten des gleichmäßigen Flusses der Erzählung treten einzelne Szenen und Bilder hervor 1 . Valerius strebt nach lebendiger Vergegenwärtigung. Dennoch herrscht bei ihm keine Planlosigkeit. Wie Apollonios ruft Valerius in der Einleitung Phoebus an, wie seine römischen Vorgänger - seit Vergil in den Geórgica — wendet er sich an den Kaiser. Die Aeneisnachfolge hat vom ersten Buch an strukturbildende Bedeutung: Seesturm, Iuppiterprophetie, vorausweisende Beschreibung eines Kunstwerks, Gastmahl mit Gesang. Ebenso wird die Eröffnung der zweiten Werkhälfte (im fünften Buch) durch literarische Signale markiert: Musenanrufung mit Vorschau und Rückblick (5, 217-224; Arn. 7, 37; Apoll. 3, 1). Abweichend von Apollonios und im Einklang mit Vergil zeichnet Valerius die zweite Werkhälfte durch eine Kriegshandlung aus. Schon im ersten Buch deutet die Malerei an der A r g o (1, 130-148) das Thema des letzten Buches an: eine Heirat mit tödlichem Nachspiel (ähnlich wies im ersten Aenmbuch der Bildschmuck der Tempeltüren auf Ereignisse der zweiten Werkhälfte voraus). Im ersten Buch raubt Iason dem Tyrannen Pelias den Sohn, im letzten raubt er Aeetes die Tochter 2 . Wie die scheidende Dido ihre Großtaten (Aen. 4, 653-656), so faßt im letzten Buch der Argottautica Medea nach dem Abschied vom Drachen ihre bisherigen Sünden (oder vielmehr: ihre Verdienste um den dort angeredeten Iason) zusammen (8, 106-108). So sind vergilische Techniken kühn verwendet, um Strukturhinweise zu geben. Wie bei Ovid werden jedoch die Buchgrenzen meist überspielt, und wie in Vergils Aeneis (7, 37) fallt der Beginn der zweiten Werkhälfte nicht genau mit dem Buchanfang zusammen (5, 217-224). Innerhalb eines Buches lösen sich verschiedene Perspektiven mehrfach ab: so im sechsten Gesang die männliche der Kämpfer und die weibliche der zuschauenden Medea. Ähnliches gilt von Teilen des fünften und siebten Buches. Im ersten Gesang wechseln menschliche und göttliche Ebene miteinander ab. Zusammengehöriges wird oft gewaltsam auseinandergerissen (man denke an die Sprünge zwischen Iason- und Medeahandlung am Anfang des siebten Buches), und der Leser soll dies empfinden. Die Neigung des Valerius zum stilistischen Hyperbaton führt ihm auch bei der Gestaltung von Großstrukturen die Hand. Der einzelne Teil soll nicht für sich bestehen, sondern durch seine Knappheit oder Unvollständigkeit im Leser eine Erwartung erzeugen, die später von dem Dichter aufgegriffen und erfüllt wird. Wer die großartige psychologische Entwicklung von Medeas Liebe bei Apollonios kennt, ist von der Kürze von 7, 1-25 enttäuscht; was er vermißt, wird - nach der Aeetes-Szene - in Vers 103-140 folgen. Der Leser ist gezwungen, sich zwei Vorgänge oder auch zwei Gefühls-

1

F. MEHMEL 1934.

2J.

ADAMIETZ 1976, 28.

POESIE:

VALERIUS

FLACCUS

74I

ebenen gleichzeitig gegenwärtig zu halten. Solche Mehrplanigkeit könnte man als >Bitonalität< bezeichnen. Das Nebeneinander kontrastierender Blöcke oder Stimmungen wird oft geschickt überbrückt. So bildet lasons Sorge oder auch sein Nichtwissen den Übergang zu der Erzählung vom Tode seiner Eltern und wieder zurück zu Iason (1, 696-699; 2, 1-5). Wichtige Themen werden durch Kunstmittel der literarischen Technik hervorgehoben: Vor Kämpfen, die fur Valerius stets Realisationen des fitror sind, steht regelmäßig eine Musenanrufung 1 . Bildhafte Elemente vermitteln Sinnbezüge; außer der erwähnten Malerei auf der Argo seien die Türen am Palast des Aeetes genannt (5, 408-414): Sie zeigen Bilder aus der kolchischen Geschichte, aber auch Phaëthon und anderes Unheilvolle, das den Kolchern noch nicht verständlich ist. Dabei vernachlässigt Valerius auch nicht den Motivzusammenhang mit dem unmittelbaren Kontext: die Darstellungen ι , 130—148 haben mit dem Argonauten Peleus zu tun, 2, 409—417 mit Hypsipyle. Gleichnisse sind besonders zahlreich und manchmal so gesucht, daß sie den Gegenstand eher verdunkeln als erhellen. Wenn Iason und Medea sich bei Apollonios wie zwei Bäume gegenüberstehen, so werden sie bei Valerius zu »wandelnden Bäumen« 2 . Sehr viele Gleichnisse haben psychologische Funktion; dabei spielen das Bacchantische und die Furien eine wichtige Rolle 3 . Die Nähe der vergilischen Dido zur Tragödie (Pentheus, Orestes: Aen. 4, 469-473) bot einen Ansatzpunkt für diese Entwicklung. Furor ist zweifellos ein wichtiges Thema der Argonautica; hierher gehört das Io-Gleichnis (7, i n ) , das die Brücke von der liebeskranken Medea zu der Io-Episode (4, 346-421) schlägt, einer Geschichte, die nicht umsonst innerhalb des Epos eine Schwellenposition innehat. Für die Einheit des Epos nicht weniger wichtig sind die Hercules-Gleichnisse, halten sie doch die Erinnerung an diesen Lieblingshelden des Valerius wach, auch nachdem er äußerlich die Szene verlassen hat4. Mit Glück erhebt der Dichter römische Erfahrungen - so den Bürgerkrieg (6, 402—406) oder den Vesuvausbruch (4, 507-509) — zum Gleichnis. In anderen Fällen wird man, wie auch bei so mancher Götterszene, trotz subtiler Abwandlung und Überbietung der Vorbilder nicht ganz das Gefühl los, daß hier ein leidenschaftlicher Tüftler manchmal des Guten zu viel getan hat, so daß die letzte Drehung der Schraube statt Spannung Gequältheit erzeugte. Seine Stärke liegt im kühnen, oft fremdartigen Bild; daher wirkt er auf den 1 S, 217-219, vgl. 520furias; 6, 33-35, ebd.fitrores;3, 14-16, vgl. 19 Erinttys; 3, 212-219, vgl. 214 Tisiphoneti, 215 rabie.

2 Eine feinsinnige Erklärung: W. SCHUBERT, Von Bäumen und Menschen, Arcadia 19, 1984, 225-243. 3 Dionysisches: 3, 260; 5, 80; 6, 755; 7, 301; 8, 446; Ino: 8, 21; Furien: 2, 192; 227; 7, 1 1 2 ; Typhon: 3, 130; 4, 236; 6, 169. 4 7, 623; 8, 125.

742

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

modernen Leser >poetischer< als etwa Lucan oder Silius. Die erste nächtliche Seefahrt hat er denn auch wirklich mit der Intensität einer >ersten Erfahrung< dichterisch gestaltet (2, 38-47). Sprache und Stil Valerius hat weder die feurige Beredsamkeit Lucans noch die ruhige Trockenheit des Silius noch den flüssigen Stil des Statius. Seine Sprache ist unausgeglichen, bald abundant, bald bis zur Dunkelheit verdichtet 1 : mixta périt virtus (6, 200; gemeint ist: viri fortes mixti aliis pereunt) oder: mediarti moriens descendit in hastam (6, 244; etwa: corporis pondere usque ad mediam hastam qua perfossus est delabitur). Eine klare und einprägsame Sentenz wie nullus adempii regis amor (4, 315 f.) ist die Ausnahme. Bezeichnend sind Hyperbata; ein einfaches Beispiel wäre: fingit placidis fera pectora dictis (5, 33). Es überrascht daher nicht, Zeugma und Parenthese (8, 159 f.) zu finden. Besonders liebt unser Autor Partizipien, da ihre enge Verbindung mit dem Hauptverb erlaubt, die Gleichzeitigkeit zweier verschiedener Handlungen oder Empfindungen auszudrücken2. Im sprachlichen Ausloten psychologischer Feinheiten leistet der gedrängte, unruhig flackernde Stil des Valerius Vorarbeit fur Tacitus. Auch in der Metrik herrscht mehr Abwechslung als man erwartet 3 . Gedankenwelt I Literarische Reflexion Für Valerius sind schon am Anfang seines Epos Priestertum und Dichtertum eng verflochten. Als quindecimvir sacris faciundis ist er Apollo-Priester, und in dieser Eigenschaft ruft er für seine Dichtung diesen Gott an. Als Autor verspricht er nicht etwa Medea, sondern der pietätvollen Hypsipyle die Unsterblichkeit (2, 242-246). Sie, die Ehrenretterin ihres Vaterlandes, soll leben, solange Latium, die Laren liions und das Palatium bestehen. Dichtung verleiht der staatserhaltenden pietas Dauer, und umgekehrt sichern die Institutionen des Römerreiches das Fortleben von Literatur. Rückblickend wird die Anrufung des Kaisers im ersten Buch verständlich. Da er durch die weitergeführte Eroberung Britanniens das Meer eröffnet hat, ist er der Leitstern des Argonautenepos. Wie er durch seine Siege die Gültigkeit des Mythos verbürgt, so durch sein Regiment den Fortbestand der Dichtung. Das Dichtertum des Valerius wurzelt in der theologia civilis.

1

2

P. LANGEN, K o m m e n t a r 1896, 5 - 9 .

M. VON ALBRECHT, Die Erzählung von Io bei Ovid und Valerius Flaccus, WJA 3, 1977, 139-148. H. C. R. VELLA, Enjambement: A Bibliography and a Discussion of Common Passages in Apollonius of Rhodes and Valerius Flaccus, in: FS E. COLEIRO, Amsterdam 1987, 152-165; H. C. R. VELLA, Lack of Metrical Variety in Valerius Flaccus' Hexameters?, Helmantica 34, 1982-1983, 23-42. 3

POESIE: VALERIUS

FLACCUS

743

Gedankenwelt II Es ist gewiß nicht abwegig, die römischen Bezüge in den Argonautica ernst zu nehmen. Schmerzliche Erfahrungen - Bürgerkrieg, Vesuvausbruch - prägen die Stimmung des Valerius. Packend gestaltet er die Hybris des Tyrannen, die dumpfe Angst der Untergebenen, den Stolz der Todgeweihten, das allgemeine Aufatmen beim Fall des Zwingherrn. Den Untergang von Iasons Eltern formt Valerius aus Erfahrung der Zeitgeschichte als Drama des Widerstandes. Trotz aller Schatten glaubt Valerius an den Sinn der Geschichte. Iuppiter prophezeit ( ι, 542-560) den Niedergang Asiens und den Aufstieg Griechenlands; die schuldbeladenen Griechen sollen ihrerseits abgelöst werden, und zwar von den Römern (2, 574). Rom soll ein besseres Troia werden. Diese Verheißung wird in Troia gegeben, und zwar im Zusammenhang mit Hercules, dem Valerius hier eine zusätzliche Episode widmet (Hesione: 2, 445—578) und überhaupt eine weit bedeutendere Rolle zubilligt als sein griechischer Vorgänger1. Man muß die Gestalt des Hercules auch im Zusammenhang mit der Romanisierung der Argonautica sehen: Schon in der Aeneis präfiguriert dieser Heros den Lenker des römischen Staates. Iason muß es sich gefallen lassen, an Hercules gemessen zu werden. Iuppiter fordert seine Söhne Hercules, Castor und Pollux auf, nach den Sternen zu streben (1, 563). Die Helden erwartet ein Lohn in den Gefilden der Sehgen (1, 835-851). Gloria ist ein wichtiges Stichwort (Valerius hebt es durch Apostrophe hervor). Der Anführer der Argonautenfahrt zeigt mehr Überlegenheit als bei Apollonios; um dem römischen Publikum Iasons Heldentum - virtus — glaubwürdiger zu machen, schaltet Valerius den Krieg gegen Perses ein. Eroberungen erscheinen, wie später bei Tacitus, als materia virtutis. Religio ist wichtiger als bei Apollonios: Viel öfter, als die Forschung wahrhaben will, sehen wir Iason opfern, beten, Prophezeiungen oder Offenbarungen empfangen; wie Aeneas und wie Pindars Iason steht der Held unter göttlicher Führung - und in dieser Beziehung zeigt er sich durchaus gewissenhaft. In diesem Sinne wollen die Argonautica ein Sakralgedicht in der Nachfolge der Aeneis sein; die moralische Fehlbarkeit des Helden ist kein Hindernis, sie bringt ihn dem Leser menschlich näher. Iason darf gar kein Ausbund an Vollkommenheit sein; ist er doch weder Göttersohn noch Römer. Nachdem das otium der Saturnzeit beseitigt ist (1, 500), eröffnet die Argonautenfahrt eine neue historische Epoche (zunächst mit größerer Zuversicht als es bei Catull im Peleus-Epos angeklungen war). Menschlicher Tatendrang ist nunmehr gottgefällig (1, 498-502). Als Vollstrecker des Götterwillens zeigen sich die Argonauten und Hercules bei der Erlösung von Hesione, Phineus, Prometheus. Die Öffnung der Meere (1, 246f.)2 - mehr als den Griechen galt den Römern die Argo für das erste Schiff - ist ein Hauptthema für Valerius und ihm viel wichtiger als das Goldene Vließ des alten Mythos. 1 J . ADAMIETZ, Iason und Hercules in den Epen des Apollonios Rhodios und Valerius Flaccus, A & A 16, 1970, 29-38. 2 J . ADAMIETZ 1976, 2 1 , Anni. 52; vgl. Eratosth. Katast. 35.

744

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

Historischer Fortschritt, Sieg über Barbarei, Erfüllung des Götterwillens: Diese T h e m e n bleiben nicht ohne Kontrapunkt. Mehr als Apollonios betont Valerius die Grenzen der menschlichen Freiheit, das Verfallensein an die Leidenschaft, die tragische Verkettung von Tun und Leiden. Das Tragische, das im zweiten Werkteil dominiert, kündigt sich im ersten ζ. B. in der Cyzicus-Episode an: Unwissentlich vollstrecken die Argonauten ein grauenhaftes Strafgericht der Götter. Hier konkretisiert sich die Erfahrung der »Ohnmacht der Menschen und der Rache der Götter« 1 . Medea selbst wird von Venus-Circe mit Gewalt gezwungen, Iason zu helfen; trotz all ihrer Zauberkraft nur eine Marionette in der Hand der Göttin, wirkt sie geradezu unschuldig. Man hat die Argonautica »ein Lehrstück über die fata farorum« genannt 2 . Im zweiten Werkteil fallen Schatten auf Iason, o b w o h l sein Verrat an Medea als Aufopferung privater Interessen fur die Gemeinschaft beschönigt werden kann. Valerius verschweigt nicht, daß es ein Bruderkrieg ist, in dem Iason seine virtus bewährt, und gerade im sechsten B u c h wird auf die Bürgerkriege angespielt. In der zweiten Werkhälfte treten wir zunehmend in den Bannkreis Lucans und der Tragödien Senecas. Die wiederholten mahnenden Hinweise auf Hercules lassen erkennen: Iason, der sich - zu Unrecht - v o n ihm getrennt hat, wird zum Vertreter einer tragischen griechischen Sonderentwicklung, während für Valerius die eigentliche historische Linie v o n Hercules über Troia nach R o m führt. Iasons Verdienst um die Ö f f n u n g der Meere - ein Hauptthema des Valerius - bleibt davon ungeschmälert. Im Götterhimmel herrschen Iuppiter und die Iason freundlichen Göttinnen Iuno und Pallas 3 . Die Gegenseite wird v o n Göttern nicht ständig, sondern nur punktuell vertreten (Sol, Mars, den Meeresgöttern). Iuppiter ist weit mehr als nur ein Handlanger der fata, er räumt aus dem Weg, was den Gang des Geschehens hemmen könnte; oft fällt ihm die dankbare Rolle zu, die O r d n u n g wiederherzustellen und für Rehabilitation zu sorgen 4 . Seine Gerechtigkeit wird kaum angezweifelt (5, 627); burleske Z ü g e fehlen. Man könnte ihn als Idealbild eines Gottes beinahe der theologia naturalis - oder eines Herrschers bezeichnen 5 , g e w i ß aber als großen Erzieher des Menschengeschlechts. Valerius hat den Argonautenstoff mit römischer Empfindung durchdrungen. Er hat gezeigt, was jener vielbehandelte M y t h o s einem Römer seiner Zeit zu sagen hat. D i e Kategorien der Gestaltung sind bezeichnend genug: aktives Heldentum, Streben nach Ruhm, Sinn für Macht und Schrecken, Mut und Unabhängigkeit im Angesicht des Todes; daneben religio und das Gefühl, Glied eines Weltreichs zu sein. Das Raum- und Zeitempfinden des Imperiums war v o n Vergil für eine

1

E . BURCK 1969, bes. 197.

2

E . LÜTHJE 1972, 375.

3 Pallas und Iuno sind zusammen anwesend bei der Vorbereitung der Expedition, bei der Durchfahrt durch die Symplegaden und bei der Ankunft in Kolchis. 4

2, 356f.; 3, 249-253; 4, 1-37; 38s; 391; 4 i 4 f .

5

W . SCHUBERT, 1 9 8 4 , 260F.; 2 9 5 .

POESIE:

VALERIUS

FLACCUS

745

frühere Generation formuliert worden. Der Versuch, die Argonautensage als ein Stück Vorgeschichte, als >PräfigurationAltes Testament< der griechisch-römischen Kultur zu deuten, muß dazu fuhren, den Argonautenmythos an der Aeneis zu messen. Nicht die >Nachahmung< ist also das Entscheidende, sondern der Bezug auf das gegenwärtige Weltreich als räumliches und zeitliches Kontinuum sowie der dadurch bedingte Guckkasteneffekt einer perspektivischen Staffelung: Die Argonauten werden ein Glied in der auf Rom zufuhrenden weltgeschichtlichen Entwicklung. Mehr als nur ein Arsenal fur epische Technik, liefert die Aeneis dem Dichter das Rüstzeug zu einem römischen und zeitgenössischen Verständnis von Mythos und Geschichte. Überlieferung 1 Von den Argonautica gelangt nur eine Handschrift ins Mittelalter; sie wird am Anfang des 9. Jh. abgeschrieben (α). Von dieser (verlorenen) Abschrift stammen der (ziemlich vollständige) Vaticanus Latinus 3277 (V; a. 830-850, in Fulda geschrieben) und der verlorene Sangallensis (S; s. ΓΧ/Χ), der 1416 von Poggio und seinen Gefährten entdeckt wurde und aus Abschriften rekonstruiert werden muß; er enthielt 1, 1-4, 317 mit Auslassungen. Der Laurentianus plut. 39, 38 (L; a. 1429, von Nicolaus Niccoli geschrieben) repräsentiert eine von α unabhängige Handschriftenklasse; er ist die Quelle aller vollständigen späteren Handschriften. Die hier zusätzlich überlieferten Verse sind also echt. Fortwirken Erwähnt wird Valerius Flaccus in der Antike nur von Quintilian. Ihn benützen Statius, Silius, Terentianus Maurus, Claudian, Dracontius, Marius Victor 2 . Im Mittelalter wird Valerius in Florilegien zitiert. Im 13. und 14. Jh. lesen ihn Joseph Iscanus3, Lovati, Mussato 4 und vielleicht Chaucer 5 . Ein lateinisches Supplement schreibt später Pius Bononiensis 6 im Anschluß an Apollonios. J . C . Scaliger billigt Flaccus Talent, Geschmack, Sorgfalt und Kunstverstand zu, doch er vermißt Geschmeidigkeit und Anmut 7 . Burmann rechtfertigt mit Flaccus die Dichterlektüre fur künftige Staatsmänner8. Z u der Feststellung, daß Valerius bei den

1 G . CABIER, Un manuscrit inconnu des Argonautiques de Valérius Flaccus, Latomus 29, 1970, 913-918; F. T. COULSON, New Evidence for the Circulation of the Text of Valerius Flaccus?, CPh 81, 1986, 58-60. 2

C . SCHENKL, S A W W 6 8 , 1 8 7 1 , 3 0 3 .

3

W . - W . EHLERS, L u s t r u m 1 6 , 1 9 7 1 - 7 2 ,

140.

G. BILLANOVICH, Veterum vestigia vatum nei carmi dei preumanisti Padovani, IMU 1, 1958, 178 f. s HICHET, Class. Trad. 101; 593, A. 70; E. F. SHANNON, Chaucer and the Roman Poets, Cambridge, Mass. 1927, bes. 340-355. 6 Zugänglich in der Valerius-Flaccus-Ausgabe von P. BURMANN, Leiden 1724, 684—721. 7 Poetices libri Septem, Lyon 1561, 323. Sonstige Urteile aus Renaissance und Barockzeit bei 4

BURMANN e b d . v o r S . 1 ( L a g e 1 8 , 3 f f . ) . 8

Gedicht am Anfang der Ausgabe.

746

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

Zeitgenossen wenig Anklang fand, bemerkt der große Wilamowitz trocken: »mit Recht« 1 . Ausgaben: Bononiae 1474. * E. C. F. WUNDERLICH (Ü), Erfurt 1805. * P. L A N G E N (TK), 2 Bde., Berlin 1896-1897, Ndr. 1964. * J . H. M O Z L E Y (TÜ), Cambridge, Mass. 1934, Ndr. 1963. * E . C O U R T N E Y , Lipsiae 1970. * W . - W . E H L E R S , Stutgardiae 1980. * H . RUPPRECHT (TÜ), Mitterfels 1987. * M. K O R N ( K ZU 4, 1-343), Hildesheim 1989. Buch 2: H. M. POORTVLIFT (K), Amsterdam 1991. * * Index: W . H. S C H U L T E , Index verborum Valerianus, Diss. Columbia College, Dubuque, Iowa 1931, Scottdale 1935, Ndr. 1965. * M. W A C H T , Lemmatischer Index zu Valerius Flaccus mit statistischen Anhängen zu Sprache und Metrik, Regensburg 1982. * M. K O R N , W . A. S L A B Y , Concordantia in Valerii Fiacri Argonautica, Hildesheim 1988. * * Bibl. : W . - W . E H L E R S , Valerius Flaccus 1940-1971, Lustrum 16, 1971-72, 105-142; 306-308. * M. SCAFFAI, Rassegna di studi su Valerio Fiacco (1938-1982), ANRW 2, 32, 4, 1986, 2359-2447. J . A D A M I E T Z , Zur Komposition der Argonautica des Valerius Flaccus, München 1976. * W. R. B A R N E S , The Trojan War in Valerius Flaccus* Argonautica, Hermes 109, 1981, 360-370. * M. B I L L E R B E C K , Stoizismus in der römischen Epik neronischer und flavischer Zeit, ANRW 2, 32, 5, 1986, 3 1 1 6 - 3 1 5 1 . * Ε. B U R C K , Die Argonautica des Valerius Flaccus, in: E. B U R C K , Hg., Das römische Epos, Darmstadt 1979, 208-253. * E. B U R C K , Kampfund Tod des Cyzicus bei Valerius Flaccus, REL 47 b B , 1969, 173-198. * E. B U R C K , Die Befreiung der Andromeda bei Ovid und der Hesione bei Valerius Flaccus (Met. 4, 663-764; Argon. 2, 451-578), WS 89, 1976, 221-238. * S. C O N T I N O , Lingua e stile in Valerio Fiacco, Bologna 1973. * W.-W. E H L E R S , Untersuchungen zur handschriftlichen Oberlieferung der Argonautica des C. Valerius Flaccus, München 1970. * W.-W. E H L E R S , Valerius-Probleme, M H 42, 1985, 334-350. * J . G . F I T C H , Aspects of Valerius Flaccus' Use of Similes, TAPhA 106, 1976, 113-124. * R. W. G A R S O N , Valerius Flaccus the Poet, C Q 20, 1970, 181-187. * K. W. D. H U L L , The Hero-Concept in Valerius Flaccus' Argonautica, in: C. D E R O U X , Hg., Studies in Latin Literature and Roman History, Bd. 1, Bruxelles 1979, 379-409. * G . J A C H M A N N , Properz und Valerius Flaccus, RhM 84, 1935,228-240. * H . J U H N K E , s. Epos. * A . J . K L E Y W E G T , Die Dichtersprache des Valerius Flaccus, ANRW 2, 32, 4, 1986, 2448-2490. * M. K O R N , H. J . T S C H I E D E L , Hg., Ratis omnia vincet. Untersuchungen zu den Argonautica des Valerius Flaccus, Hildesheim 1991. * H.-O. K R Ö N E R , Z U den künstlerischen Absichten des Valerius Flaccus, Hermes 96, 1968, 733-754. * E. LEFÈVRE, Das Prooemium der Argonautica des Valerius Flaccus. Ein Beitrag zur Typik epischer Prooemien der römischen Kaiserzeit, AAWM 1971, 6. * E. L Ü T H J E , Gehalt und Aufriß der Argonautica des Valerius Flaccus, Diss. Kiel 1972. * F. M E H M E L , Valerius Flaccus, Diss. Hamburg 1934. * O. P E D E R Z A N I , Curiositas e classicismo nelle Argonautiche di Valerio Fiacco, M D 18, 1987, 101-129. * A. PERUTELLI, Pluralità di modelli e discontinuità narrativa. L'episodio della morte di Esone in Valerio Fiacco (1, 747 sgg.), M D 7, 1982, 123-140. * P. S C H E N K , Die Zurücklassung des Herakles. Ein Beispiel der epischen Kunst des Valerius Flaccus (Arg. 3, 598-725), AAWM 1986, 1. * W. S C H E T T E R , Die Buchzahl der Argonautica des Valerius Flaccus, Philologus 103, 1959, 297-308. * W. S C H U B E R T , Jupiter in den Epen der Flavierzeit, Frankfurt 1984. * J. S T R A N D , Notes on Valerius Flaccus' Argonautica, Göteborg 1972. * J. S T R O U X , Valerius Flaccus und Horaz, Philologus 90, 1935, 305-330. * R. S Y M E , The Argonautica of Valerius Flaccus, CQ 23, 1929, 129-137. * A. T R A G L I A , Valerio Fiacco, Apollonio Rodio e Virgilio. Gli episodi di Hylas e di Giasone e Medea, Vichiana 12, 1983, 304-325. * V. U S S A N I jr., Studio su Valerio Fiacco, Roma 1955. * P. V E N I N I , Valerio Fiacco e l'erudizione Apolloniana: note stilistiche, RIL 105, 1971, 582-596. * P. V E N I N I , Sulla struttura delle Argonautiche di Valerio Fiacco, ebd. 597-620. * P. V E N I N I , S U alcuni motivi delle Argonautiche di Valerio Fiacco, 1

Hellenistische Dichtung 2, 165, 2.

POESIE:

STATIUS

747

BStudLat 2, 1972, 10-19. * D. W . T. V E S S E Y , Lemnos Revisited. Some Aspects of Valerius Flaccus, Argonautica, 2, 77-305, CJ 80, 1985, 326-339. * M. W A C H T , Juppiters Weltenplan im Epos des Valerius Flaccus, Stuttgart 1991.

STATIUS Leben, Datierung P. Papinius Statius ist in Neapel geboren1, wohl um 40 oder 50 n. Chr. Sein Vater (gest. um 80), ein römischer Ritter (silv. 5, 3, 116) aus Velia, ist Lehrer der griechischen Literatur und verfaßt epische Verse über den Bürgerkrieg vom Jahre 69 zu Ehren der flavischen Dynastie (silv. 5, 3, 203 f.). So wird Statius frühzeitig von griechischer Kultur geprägt und an den Kaiserhof herangeführt. Noch zu Lebzeiten des Vaters erringt er bei den Augustalien den Preis; später (wohl 90 n. Chr.) gewinnt er den albanischen Wettkampf mit einem Panegyricus auf Domitians Siege über Germanen und Daker (silv. 4, 2, 66). In Rom lebt er in glücklicher Ehe mit Claudia, der Witwe eines Sängers. Sie erlebt die zwölf Jahre lange (Theb. 12, 811) Arbeit an der Thebais mit (etwa 80-92); Dichterlesungen bringen Statius Ruhm, aber keine Reichtümer (luv. 7, 82). So muß er fur den Pantomimen Paris einen Text zu seiner Agaue verfassen2. Doch ist er kein »armer PoetSieben gegen ThebenNachtstück< (nach Art des zehnten Buches der ¡lias und des neunten der Aeneis) folgt der Opfertod von Créons Sohn Menoeceus fur Theben. Capaneus wird vom Blitz erschlagen. 11: Von Iocasta und Antigone vergeblich gewarnt, ziehen die Brüder in den tödlichen Zweikampf. Selbstmord der Mutter. Creon verbietet die Bestattung der Feinde. 12: Nach nächtlicher Wanderung (vgl. Buch 1) begegnen sich Argia und Antigone bei dem toten Polynices. Von den Frauen der Argiver um Hilfe gebeten, tötet Theseus Creon im Kampf und erzwingt die Bestattung. Achilleis U m ihren Sohn Achill vor dem troianischen Krieg zu bewahren, entfuhrt ihn Thetis seinem Erzieher Chiron und versteckt ihn, als Mädchen verkleidet, bei den Töchtern des Königs Lycomedes auf Scyros. Dem Liebesbund von Achill und Deidamia entspringt Neoptolemos. Diomedes und Ulixes entdecken den Helden und nehmen ihn mit in den Krieg. Silvae Es handelt sich um 32 Gelegenheitsgedichte in fünf Büchern, größtenteils in Hexametern

1

4 . 4, 93; 7,

23;

5. 5,

36,

vgl.

5, 2, 163.

POESIE: STATIUS

749

abgefaßt 1 . Ein Widmungsbrief in Prosa 2 eröffiiet jedes Buch; Adressaten der Bücher 1 - 4 sind der Dichterfreund Stella, Atedius Melior, Pollius und Marcellus. Der Kaiser tritt im ersten und im vierten Buch besonders hervor 3 .

Quellen, Vorbilder, Gattungen Den Stoff verdankt die Thebais der großen Tradition der griechischen Tragödie und auch des Epos. Leider wissen wir nicht genug über den griechischen Epiker Antimachos, von dem Statius, soweit wir vergleichen können, mehrfach abweicht. Die kyklische Thebais und andere Epen sind fur uns bloße Namen; in augusteischer Zeit hatte ein Ponticus eine Thebais geschrieben. Hellenistische Dichtung zählt zu den Unterrichtsgegenständen von Statius' Vater: Kallimachos ist für unseren Dichter kein entlegener Autor; Statius setzt immer wieder hellenistische Details ein, um zum hochepischen Pathos anmutige Kontraste zu schaffen4. Auch mit dem Einfluß von Mythographen und von gelehrter Literatur (Euripides-Kommentaren) ist zu rechnen; bei dem Augenmenschen Statius darf man zudem die bildliche Überlieferung nicht vergessen. Der Dichter, dessen Bildung völlig zweisprachig ist, verfugt über die gesamten Schätze der Vergangenheit; er hat wohl - wie Vergil - lange Vorstudien betrieben. Eine Einquellentheorie ist daher abzulehnen. Die Achilleis schöpft ebenfalls aus mythographischer Tradition; vermutlich haben auch Euripides' Skyrioi eingewirkt5. Hauptvorbilder der epischen Dichtungen sind Vergil und Homer. Wie in der Aeneis beginnt der Krieg in der zweiten Hälfte des Epos, also mit dem siebten Gesang. Doch stehen die Spiele nicht im fünften, sondern im sechsten Buch, und die Nekyia nicht im sechsten, sondern im vierten. Von einer mechanischen Übertragung von Strukturen kann also keine Rede sein. Unmittelbare Einwirkung Homers findet sich nicht nur in Szenen, die Vergil übergangen oder nur flüchtig behandelt hat, z. B. dem Flußkampf (Buch 9), sondern auch in von Vergil behandelten Partien. So steht das >Nachtstück< nicht wie bei Vergil im neunten, sondern - wie bei Homer - im zehnten Gesang. Der Endkampf bildet - anders als bei Vergil - nicht das letzte Buch, vielmehr kann die Handlung - wie in der Was — ausschwingen; wie dort wird der letzte Gesang zu einem Triumph der Humanität. Ovid tritt als Vorbild allenthalben, besonders aber in der Achilleis hervor; Valerius Flaccus ist in der Hypsipyle-Handlung gegenwärtig; Lucan und Seneca stehen hinter so mancher grausigen und unheimlichen Szene der Thebais. Doch fern allem Neutönertum Lucans hält sich Statius an die Traditionen der Gattung, ja, er genießt die Möglichkeiten, die sie ihm bietet - bis hin zur Vermenschlichung

' Ausnahmen: Hendekasyllaben 2, 7; 4, 3; sapphische Strophen 4, 7; alkäische Strophen 4, 5. In dem wohl postum edierten fünften Buch bezieht sich der Brief nur auf das erste Gedicht.

2 3

S. T . NEWMYER

4

C . REITZ, Hellenistische Züge in Statius' Thebais, WJA N F 1 1 , 198$, 129-134. A. KÖRTE, Euripides' Skyrier, Hermes 69, 1934, 8.

S

1979.

750

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

der Götter: Diese Form des Epos ist für Statius ein Weg, das Poetische zu realisieren. Umgekehrt lockt es ihn in den Silvae, das Reale zu poetisieren. Die Quelle dieser Gelegenheitsgedichte1 ist die Wirklichkeit des damaligen Lebens. Wir erfahren nicht wenig über Häuser, Denkmäler, Straßen, Bäder, Leben und Tod, Liebe und Freundschaft der Menschen jener Tage. Die formalen Muster für die poetischen Impromptus sind trotzdem durch literarische Traditionen geprägt: rhetorisches Enkomion bei Lobgedichten, Prunkrede bei Festgedichten, epische (und rhetorische) Ekphrasis in den Beschreibungen, Consolatio bei Trauergedichten, Catullisches in den Hendekasyllaben und Tier-Epikedien, Horazisches in den seltenen Lyrica, Sakrales in Rettungs- und Weihegedichten, und immer wieder Epigrammatisches und Elegisches. Dem Epiker macht es Freude, in spielerischem Anschluß an den Stil archaischer Lyrik eine Mythenerzählung einzuflechten, bei der dann freilich Ovids Metamorphosen Pate stehen. So entsteht das Aition für Atedius Meliors Baum (2, 3); ein anderes Aition erklärt, wie der Hercules-Tempel auf dem Landgut des Pollius Felix in so kurzer Zeit errichtet wurde (3, 1). Epithalamien und Epikedien haben lange eigene Traditionen, die jeweils eine poetische und eine rhetorische Linie erkennen lassen. Beides läuft bei Statius zusammen. Immer wieder vermischen sich die literarischen Genera: Ein Epithalamium wird durch Elegisches angereichert (1, 2), ein Propemptikon an eine Haarlocke gerichtet (3, 4). Epische Techniken und Gestalten werden >verbürgerlichtSachlyrik< kann man als unabhängig gewordene Ekphrasis beschreiben. Das Schlafgedicht ist die geglückte Individualisierung eines Motivs, das seit dem homerischen Epos eine feste Tradition hat: >Alles schläft, einer wacht 3 . < Wenn Statius Elemente, die im Epos als >Digressionen< oder tragende Teile integriert waren, verselbständigt, so zieht er diese Konsequenz aus der Neigung der damaligen Poesie zum purpureus pannus, aber auch aus den Ansätzen zu einer >Lyrisierung< des Epos, wie wir sie bei Lucan feststellten.

1 Lucans Silvae sind verloren; wir wissen nichts über Form und Inhalt dieses Werkes. Es gibt sonst keine vergleichbare Sammlung. 2 Man muß hier mit der Masse des Verlorenen rechnen. Ovids getisches Augustus-Lob war wohl ein selbständiges Gedicht. 3 Vgl. A . D. LEEMAN, The Lonely Vigil. A >Topos< in Ancient and Modern Literature, in: LEEMAN, Form 213-230.

POESIE: STATIUS

751

Literarische Technik Epische Dichtungen. Ein wesentlicher Unterschied zu Valerius Flaccus und Silius Italicus ist die geringere Stoffülle bei Statius. Die einzelne Episode kann breit angelegt werden. Obwohl auch Statius in Szenen und Bildern denkt und die Handlung zwischen zwei Parteien hin- und herpendeln läßt, wirkt die Bewegung bei ihm nie abgerissen oder abgehackt, sie kann vielmehr voll ausschwingen. Der Dichter versteht es, dem Leser alles Erzählte anschaulich vor Augen zu stellen; diese Begabung verbindet ihn mit Ovid und Claudian. Überdies weiß er durch Parallelen und Kontraste größere Zusammenhänge zu schaffen. Die beiden Werkhälften der Thebais zeigen innere Entsprechungen: Im fünften und sechsten Buch wird Hypsipyle - ironischerweise durch die Erzählung von ihrer Kindesliebe - am Tod des ihr anvertrauten Knaben schuldig; die nemeischen Spiele sühnen das Unheil. Eine ähnliche Linie von Verfehlung und Versöhnung wird in den letzten beiden Büchern durchlaufen. Im Rückblick gibt sich die Hypsipyle-Episode als Präfiguration zu erkennen. Tydeus, eingeführt als der »Ebergleiche« (vgl. 1, 488-490), bewährt sich im zweiten Buch vorzüglich im Kampf mit den feindlichen Schergen; dieses Bravourstück kann später nur noch durch (wohl an Lucan geschulte) Grausamkeit übertrumpft werden (Buch 8); die Parallelität zwischen den beiden Werkhälften (Buch 2 und 8) und die Überbietung sind beabsichtigt. Die Todesszenen der Helden sind in einer aufsteigenden Linie angeordnet: Amphiaraus versinkt in der Erde (Buch 7), Hippomedon wird vom Wasser überwältigt (Buch 9), Menoeceus stürzt durch die Luft, Capaneus wird vom himmlischen Feuer verzehrt (Buch 10). Dazwischen schieben sich Geschehnisse von extremer Härte oder Zartheit: hier die unmenschliche Grausamkeit des Tydeus (Buch 8), dort die Pietät des sterbenden Parthenopaeus (Buch 9, Ende). Vielfach lösen sich rührende und schaurige Partien ab; wirkungsvolle Buchschlüsse werden erstrebt, doch ist es für Statius bezeichnend, daß dramatische Schlußszenen im folgenden Buch noch ausschwingen. So reiht sich an den wilden Zweikampf des elften das ruhigere zwölfte Buch. Die düsteren Auftritte von Oedipus und Laius bilden ein festes Gerüst: Für eine Tragödie des Brudermordes ist Oedipus mit seinem Fluch der geeignete Prologsprecher (x, 46-87), ja, er setzt mit seinem Fluch das ganze Geschehen in Gang. Auf Weisung Iuppiters ist es dann Laius, der Eteocles veranlaßt, unrechtmäßig auf dem Thron zu beharren (1, 295-302; 2, 1 - 1 3 3 , bes. 122). Vor dem Schluß des ersten Werkdrittels wird Laius aus dem Totenreich heraufbeschworen, um die Zukunft zu verkünden (4, 604-645). Mit Laius' Schwert wird sich Iocaste töten ( 1 1 , 636). Auch Oedipus wird wieder erscheinen, angesichts der toten Söhne seinem Haß und Fluch - zu spät - entsagen (11, 605 f. pietas; dementia) und die mit Laius verbundene Verwünschung auf Creon übertragen (11, 701-705); er bereitet so die abschließende Rache des Theseus und das Ende des Unheils vor. Da somit die

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KAISERZEIT

Thebais eine eigene innere Struktur besitzt, kann Nachahmung von Vorbildern nicht der eigentliche Grund für die Einfuhrung von Szenen sein. Die Charaktere ergänzen sich wechselseitig; auch in sich selbst sind sie nuanciert und gelegentlich sogar wandlungsfahig. Mit dem milden Schwiegervater Adrastus 1 kontrastiert der harte Vater Oedipus, der jedoch am Ende aus seinem Leid lernt. Z u den feindlichen Brüdern Eteocles und Polynices bildet das Freundespaar Polynices-Tydeus einen Gegensatz. Polynices selbst ist nicht unempfindlich gegenüber dem Flehen Antigones. Die stolze Antigone wird, u m ihren Vater vor C r e o n zu schützen, unerwartet sanft und versöhnlich. So leiht Statius seinen Gestalten menschliche Z ü g e , die sie dem Leser näherbringen. W o dies nicht der Fall ist, wie bei dem Tyrannen C r e o n (ζ. Β . 11, 661), tritt eine positive Gestalt als Gegenbeispiel auf: Theseus. M i t Figuren treibt Statius eine gewisse Verschwendung: U m Eteocles zum Beharren auf dem T h r o n zu veranlassen, wird Laius auf Iuppiters Befehl von Mercur abgeordnet, und Laius nimmt seinerseits die Gestalt des Sehers Tiresias an. Das erinnert ein w e n i g an die Verzwicktheiten der Götterverwandlungen bei Valerius Flaccus. Die sorgfaltige Personendarstellung erstreckt sich auch auf Nebenfiguren. M a n denke an den Unglücksboten, der sich im Angesicht des Tyrannen Eteocles nach A r t römischer >Republikaner< selbst den Tod gibt (3, S9f.)· Viele phantasievolle Gleichnisse sind dem Alltag, viele dem M y t h o s abgelauscht. U m Deidamia zu kennzeichnen, werden gleich drei Göttinnen aufgeboten: Venus, Diana und Minerva (Ach. 1, 293-300). D o c h verkennt süffisantes Nachzählen - etwa v o n 16 Stier- und 13 Löwengleichnissen - die Feinheit statianischer Kunst, die sich besonders an der konsequenten Spiegelung der feindlichen Brüder und des Freundespaares Polynices-Tydeus in der Bilderwelt aufzeigen läßt 2 . N e b e n den Göttern, v o n denen im Zusammenhang mit dem gedanklichen Gehalt die Rede sein soll, spielen bei Statius Allegorien eine wichtige Rolle. In der Tradition von Vergils Fama (Aen. 4, 173-188) und O v i d s >Haus des Schlafes< (met. I i , 592-615) finden wir bei Statius bedeutende allegorische Gestalten (Pietas, d e m e n t i a und zahlreiche kleinere Personifikationen) und allegorische Ortsbeschreibungen (Haus des Mars 7, 40-63). Der Streit zwischen Pietas und der Furie Tisiphone (11, 457-496) bereitet den Boden für Prudentius' Psychomachie, und die Personifikation der Pietas wird als Ersatz für Venus bei christlichen Dichtern Schule machen (Coripp. lust. 1, 33-65). Silvae: Die literarische Technik der Silvae ist an der Rhetorik geschult und ohne sie ganz undenkbar, doch vermag die Rhetorik nicht die Qualität der Gedichte zu erklären. In den Einleitungen seiner Bücher rechtfertigt Statius, daß er diese 1

Er gemahnt (1, 557) an Vergils Euander.

2

H . - A . LUIPOLD 1970.

POESIE: STATIUS

753

Erzeugnisse der flüchtigen Muse veröffentlicht. Er ist wohl einer der ersten, die solches in großem Maßstab tun, denn Gelegenheitsgedichte gab es schon immer, nur hat man sie selten für überliefernswert gehalten. Statius erhebt bestimmte private Typen des Gelegenheitsgedichts zum Kunstwerk. Die vier vom Dichter selbst herausgegebenen Bücher sind so angeordnet, daß zwei Domitian-Bücher zwei persönliche Bücher umgeben. Dieser Rahmenstruktur im großen ähnelt auch im kleinen der Aufbau des einzelnen Gedichts. Bei der Anordnung im Buch wie auch innerhalb des Einzelgedichts achtet Statius >manieristischen< Erwartungen zum Trotz - auf Ausgewogenheit. Will man - zumindest fur einige der Silvae — an der raschen Entstehung festhalten, so bleibt der Weg, die Kunst des Statius, durch Übung zur Selbstverständlichkeit geworden und daher oft in ihrer Schwierigkeit unterschätzt, mit derjenigen eines chinesischen Tuschzeichners zu vergleichen, der Auge und Hand jahrelang schult, um dann in wenigen Minuten scheinbar mühelos ein Werk zu Papier zu bringen, bei dem jeder Strich sitzt. Daß Statius vor der Herausgabe dennoch gefeilt und verbessert hat, dürfen wir stillschweigend voraussetzen davon redete man nicht. Eine sensationelle Neuheit auf dem Büchermarkt war die Sammlung dennoch. Und sie bleibt eine Herausforderung. Sprache und Stil Die Sprache ist elegant und gewählt: retexere fur das Entschleiern des Himmels ist ein bezeichnendes Beispiel 1 . Der vergilischen Tradition folgt Statius im Auslassen der Kopula und in der vorsichtigen Verwendung von Archaismen; er ist also kein Wegbereiter des Archaismus. Sein sprachlicher Reichtum wetteifert mit Ovid; doch teilt er nicht dessen Neigung zum Selbstzitat. Der Stil ist in beiden Werkgruppen ohne Kenntnis der epideiktischen Rhetorik nicht vorzustellen, die freilich das poetische Talent nicht erdrückt, sondern beflügelt. Der Erzählstil im Epos ist auf emotionale Wirkung bedacht; das Publikum der Rezitationen soll innerlich mitgehen. Dazu dienen Apostrophen, kurze Reflexionen; auch leblose Gegenstände können affektische Attribute erhalten (Theb. 9, 94 miserae ... carinae); das historische Präsens als dominierendes Erzähltempus ist freilich keine Entdeckung des Statius, sondern gehört zum Grundbestand des lateinischen Epos. Die Pointen sind nicht so gesucht wie bei Lucan; Sentenzen springen nicht aus dem Kontext hervor, sondern ergeben sich gleichsam ungewollt: quid numina contra / tendere fas homini? (Theb. 6, 692f.). dementia mentes habitare et pectora gaudet (12, 494). Der Versbau ist gewandt und flüssig2. 1

W. SCHEITER, Statius, Thebais

296, R h M 122, 1979, 344-347; Lit. zu Sprache und Stil: bei

H. CANCIK 1986, 2 6 8 6 - 2 6 8 9 ; H . - J . VAN DAM 1986, 2 7 3 3 - 2 7 3 5 ; s. auch S. VON MOISY 1 9 7 1 ; A . HARDIE 1 9 8 3 ; D . W . T . VESSEY 1 9 8 6 l u n d I I . 2 Erwähnenswert die Kürzung von auslautendem -0 bei Verbalformen der ersten Person; zur Metrik: O.MÜLLER, Quaestiones Statianae, Programm Berlin 1861; J . A . RICHMOND, Zur Elision

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KAISERZEIT

In den Silvae können sogenannte unpoetische Wörter und prosaische Konstruktionen eine Nähe zum Leser herstellen, der sich als Gesprächspartner des >improvisierenden< Dichters fühlen soll; doch hat die lyrische Kunst des Statius auch ihre >pindarische< Seite; man sollte den Stilunterschied zum Epos nicht verabsolutieren. Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Im Epilog der Thebais huldigt Statius Vergil mit einer Bescheidenheit, die manche dazu verfuhrt, das ganze Epos als Vergil-Imitation abzutun. Der Römer betont an seiner Thebais das >Altemanieristisch< oder typisch römisch nennen - auf guter Kenntnis der Rhetorik und ihrer Terminologie. Gedankenwelt II Das Thema >Bruderkrieg< ist für die Römer seit Romulus und Remus aktuell. Lucan hatte es in einem historischen Epos gestaltet, und Valerius Flaccus hatte es ohne N o t in seine Argonautica als breite Episode eingeführt. Wer das Vierkaiserjahr erlebt hatte, kannte die Selbstzerstörung des Weltreichs als Gegenwartsproblem; und war unter Domitian das Thema >Bruderhaß< nicht beinahe gefahrlich? Die Betonung der dementia3 und die Erwähnung der reges (ζ. B. 11, 579) erinnert an Fürstenspiegel. Bedeutsamer als die vielberedeten Huldigungen an den Kaiser - Erfüllung einer Form - ist das Herrscherbild in der Thebais. Eteocles (3, 82) und Creon (11, 661) sind Tyrannen, wie sie im Buche stehen. Oedipus wandelt sich von Grausamkeit zur Milde (11, 605 f.), Adrastus ist ein gütiger König, Theseus eine Lichtgestalt. Iuppiter, Projektion eines irdischen Herrschers, zeigt menschliche Schwächen und anapästischer Wörter bei Vergil und Statius, Glotta 50, 1972, 97-120; Weiteres in den Forschungsberichten: H . C A N C K 1986, bes. 2689-2697; H.-J. VAN DAM 1986, 2733-2735. 1

Stat. sili/. 3, 5; 4, 3 und 4; 5, 3 und 5.

Briefe als Einleitungen von Gedichtbüchern offenbar erstmals hier und bei Martial; dann z. B . bei Ausonius und Sidonius. 3 I I , 606; 12, 175; 481-505. 2

POESIE:

STATIUS

755

handelt nicht immer ganz konsequent. Er will den Krieg, sendet aber so grausige Prodigien, daß die Menschen eigentlich vom Krieg abgeschreckt werden müßten - wären sie nicht ebenso irrational wie der Herr des Himmels. Trotz seines Kriegswillens ist er persönlich nicht grausam. Der Lästerer Capaneus fordert ihn so unverschämt heraus, daß er nicht umhin kann, den Blitz auf ihn zu schleudern. Er tut es ausgesprochen lustlos: Soll er nach so vielen Giganten diesen Wicht zermalmen (10, 910)? Götter müssen ihm zureden, Donner, Regen und Wolken ihm zuvorkommen, bis er sich endlich entschließt. Dieser anthropomorphe Gott der >DichtertheologieFeindseitc< und zur Übernahme des >Traummotivs< und des >Katalogs< aus dem 2. Buch der ¡lias (Sil. 3, 163-216; 222-405). 7 Zwischen Silius und Homer steht in diesem Falle Ennius, wie aus A en. 10, 1 1 - 1 5 zu schließen ist 3

( M . VON A L B R E C H T 1 9 6 4 ,

152).

" M . VON A L B R E C H T 1 9 6 4 , 1 4 8 ; H . J U H N K E 1 9 7 2 , 2 2 2 .

7Ó2

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vor allem in Verbindung mit der Position der Wettkämpfe, die wie in der Ilias auch in den Punica im vorletzten Buch stehen 1 . Charakteristisch für Silius ist jedoch, wie z. B. die Vereinigimg von Homerischem und Vergilischem in der Nekyia 2 zeigt, daß er die Ilias, o b w o h l er sie direkt benützt, im allgemeinen durch das Prisma der Aeneis sieht. Daneben wirkt in den zarter gestimmten Partien Hellenistisches herein 3 vielfach, aber nicht ausschließlich in der Brechung durch Vergils Eklogen und Geórgica. Entspannte Miniaturen, wie die Falernus-Episode und kleinere an B u k o lisches anklingende Einlagen, haben unaufdringlichen poetischen Reiz, wie er dem stillen Naturell des zurückgezogen Lebenden entspricht 4 . A n Ennius, der weitgehend denselben Stoff behandelte, konnte Silius nicht vorübergehen. O b und in welchem U m f a n g Ennius direkt benützt ist, läßt sich jedoch mit unseren Mitteln kaum feststellen, da Silius fur uns erkennbare EnniusReminiszenzen ebenso aus Cicero oder aus Vergilkommentaren geschöpft haben kann w i e wir 5 . Die Aeneis hat auf die Gesamtstruktur stark eingewirkt: Prooemium und IunoRede sind der Aeneis nachgestaltet; im letzten B u c h bereitet w i e bei Vergil das Gespräch zwischen Iuppiter und Iuno das Ende des Krieges v o r (Sil. 17, 341-384; Arn. 12, 791-842). Der Seesturm (Aett. 1, 50-156) ist v o n Silius bewußt aus dem ersten ins letzte Buch versetzt und auf den Gegner bezogen: doppelte Umkehrung! (Sil. 17, 218-289) 6 . Die Klage der Venus und die Iuppiter-Prophetie (Aen. 1, 223-296) sind sinngemäß auf den Augenblick übertragen, da Hannibal die Alpenhöhe erreicht hat und die Bedrohung R o m s ganz offenkundig geworden ist (Sil. 3, 557-629). Wie in der Aeneis wird auch in den Punica i m zweiten Buch eine Stadt zerstört 7 . Sagunt ist ein neues Troia (Silius geht so weit, die Bezugnahme auf die Zerstörung am Anfang des folgenden 3. Buches w i e Vergil mit postquam einzuleiten). Die römischen Helden werden in verschiedenen Situationen zu Spiegelungen des Aeneas, Hannibal zu einem mit Turnus vergleichbaren >GegenheldenDekane< unterteilt, die ihrerseits verschiedenen Tierkreiszeichen zugeordnet sind. Dann behandelt Manilius die unglückbringenden Grade der Ekliptik und jeweils einen bestimmten Grad jedes Tierkreiszeichens. Erholen kann sich der Leser bei einer astrologischen Geographie und einer schwungvollen Würdigung des Menschen als Mikrokosmos. 1 Tac. atm. 6, 20; Suet. Tib. 69; Cass. Dio 55, 11; F. H. CRAMER, Astrology in Roman Law and Politics, Philadelphia 1954. 2 Anders E. GEBHARDT, Zur Datierungsfrage des Manilius, RhM 104, 1961, 278-286 (alles unter Tiberius).

77°

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5: Das letzte Buch ist den Paranatellonten gewidmet: Sternbilder außerhalb des Tierkreises werden in der Reihenfolge ihres Aufganges in ihrer Bedeutung fur den Menschen gewürdigt. Einbezogen sind sogar Bilder, die in unseren Breiten nicht auf- und untergehen. Das Ende des Buches kehrt mit der Einteilung der Sterne nach ihrer Größe bzw. Helligkeit zur Astronomie zurück. Nicht behandelt sind (trotz der Ankündigung in 5, 28) die Untergänge der Sternbilder; auch auf die Planeten geht Manilius entgegen seiner ursprünglichen Absicht 1 nicht ausfuhrlich ein: Man muß mit NichtVollendung, Oberlieferungslücken und Änderungen des Planes rechnen. Die Auslassung der Planeten entschuldigt der Dichter möglicherweise am Anfang des fünften Buches. Literarische Indizien (ζ. B. Parallelen zwischen Buch 1 und 5) sprechen fur eine gewisse Geschlossenheit des Überlieferten.

Quellen, Vorbilder, Gattungen Lange Zeit war Manilius für uns der früheste astrologische Autor des griechischrömischen Kulturkreises; heute kennt man Älteres2. Die eigentliche astrologische Lehre (die Manilius erstmals poetisch bearbeitet: Prooemium 1 und 2) beruft sich auf Merkur, das heißt die Hermetik (vgl. 1, 30); die ägyptisch beeinflußte Vorlage des Manilius war griechisch geschrieben (oft erwähnt er Übersetzungsschwierigkeiten). Firmicus Maternus (4.Jh.; math. 8, 6-17) folgt unserem Dichter (5, 32-709), doch schöpft er zugleich aus einer Quelle, die deqenigen des Manilius ähnelt3. Prooemien, Exkurse und Epiloge wurden vielfach auf den Stoiker Poseidonios zurückgeführt4; heute ist man vorsichtiger. Manilius scheint Nigidius Figulus' Sphaera Graecanica et barbarica und das sechste Buch der Disciplittae Varros nicht zu kennen. Zugleich Quelle und Vorbild sind Aratos' (1. Hälfte 3. Jh. v. Chr.) Phainomena in Buch 1, das von Astronomischem handelt, und auch in Buch 5. Da er Ciceros Aratübersetzung ignoriert und die des Germanicus nicht kennt, fühlt sich Manilius innerhalb der Tradition der belehrenden Epik als >originaler< Dichter (Prooemium des zweiten Buches). Dieser hohe Anspruch des Autors stiftet trotz des Unterschiedes der Lehren eine Wahlverwandtschaft mit Lukrez, die weit über den Gebrauch didaktischer Formeln (wie nunc age 3, 43) hinausgeht5; freilich argumentiert Manilius seltener. Die Astronomica gehören nicht zu den ausschließlich stoffbezogenen Lehrgedichten. Wegweisend für Manilius (1, 7-10) sind Vergils Geórgica (1, 24-42) als 1

2, 750; 965; 3, 156-158; 587; 5, 4-7Catalogus codicum astrologorum Graecorum (CCAG) 1-12, Brüssel 1898-1953; Nechepsonis et Petosiridis frg. magica, ed. E. RIESS, Philologus Suppl. 6, 1891-1893, 325-394; W. GUNDEL und H . G . GUNDEL, Astrologumena. Die astrologische Literatur in der Antike und ihre Geschichte, ZWG, Beiheft 6, 1966, 27-36. Zu Asklepiades von Myrlea: F. B O L L 1950, i2f. 3 A . £ . HOUSMAN (ed.), Astronomicon liber quin tus, praef. p. xliiif. 4 Poseidonios-verdächtige Partien: Entstehung der Welt 1, 118-146; Sympathie im Kosmos 2, 63-86; Verwandtschaft der menschlichen Seele mit dem Allgott 4, 866-935; das Leben der Urmenschen I, 66-78; ewiger Wechsel des Irdischen 1, 817-834; auch Astronomisches und Geographisches wurde Poseidonios zugeschrieben. s H. RÖSCH 1911; Beispiele fur color Luaetianus: 1,69-74; I 4 9 - ' 5 i ; 172; 236; 483-486; 3, 652-656; 4, 892. 2

POESIE:

MANILIUS

77I

kosmische Dichtung, die vom Weltherrscher inspiriert ist; die Inspiration durch den Kaiser - so verbreitet sie unter Tiberius ist1 - kann also nicht als Indiz für Spätdatierung gelten. Wie Vergil läßt Manilius in seinem Werk auch Politisches und Allgemein-Menschliches mitschwingen und verleiht seinem Stoff dadurch Transparenz und umfassende Resonanz; vor allem Buchanfange und -schlüsse zeigen sprechende Berührungen mit den Geórgica2. Der Titel Astronomicon ist - wie z. B. auch Georgicon - nach einem griechischen Genetiv Plural gebildet; wie bei Vergil - und auch Arat - enthält bei Manilius das letzte Buch eine mythologische Erzählung als Einlage (5, 538-618). Die Lehre von der Weltseele (1, 247-254) und die Heldenschau (1, 750-804) beschwören die erhabensten Augenblicke der Aeneis (6, 724-892) und des Somnium Scipionis (Cic. rep. 6, i6) 3 -ist doch Manilius von der Größe seines Gegenstandes durchdrungen. Zeitlich und stilistisch steht Manilius Ovid nahe4; auf das Prooemium der Metamorphosen spielt er zu Beginn des dritten Buches an, und in der Andromeda-Erzählung (5, 540-618) wetteifert er nach dem Prinzip der Kontrast-Imitation mit dem Verwandlungsdichter (met. 4, 663—739). Nicht zufallig klingen Kosmologie und Anthropologie mehrfach an Ovid an (1, 118-214; 4, 866-935; Ov. met. i, 5-88)5. Scheint es auch, als sei die Hauptdimension bei Ovid die Zeit, bei Manilius der Raum6, so ist doch festzuhalten, daß gerade Manilius die Himmelsbewegung als >Lebensuhr< fur den Menschen versteht (3, 510-559)· Raum und Zeit lassen sich also gerade bei ihm nicht voneinander trennen; die Bilder, die er vom ständigen Wechsel im Kosmos (4, 818-865) und vom Wandel der Jahreszeiten entwirft (3, 618—682), erinnern denn auch an Ovid (met. 15, 176-478). Literarische Technik Die Bücher besitzen (wie man es in Lehrdichtung erwartet) längere kunstvolle Prooemien7 (relativ kurz ist nur die Einleitung zum fünften Buch). Das erste Prooemium schließt eine Widmung an den Kaiser ein, dem eine inspirierende Rolle zugewiesen wird (vgl. Quellen, Vorbilder, Gattungen). Es umfaßt weiter an die >Archäologien< der Historiker erinnernd - einen Rückblick auf die Entstehung der Astrologie. Oberhaupt greifen die Prooemien weit aus und enthalten philosophische und Uterarische Reflexionen (s. Gedankenwelt I und II). Wie im Lehrgedicht üblich, erheben sich auch die Schlüsse der Bücher (mit Ausnahme des zweiten) über das rein Fachliche. Das erste Buch mündet in eine 1

Germanicus, praef.\ Val. Max. praef., Veil. 2, 126, 3.

2

W . HÜBNER 1 9 8 4 , 1 2 6 - 3 2 0 , z. B . 2 5 0 ; 2 6 2 .

3

Z u m pythagoreisch-platonischen Hintergrund W. GUNDEL, R E 7, 1, 1910 s. v. Galaxias, bes. j 6 4 f . Z . B. 5, 554 supplicia ipsa decent; vgl. Ο ν . met. 4, 230; 7, 733; Β . R. Voss, Die Andromeda-Episode

4

d e s M a n i l i u s , H e r m e s 1 0 0 , 1 9 7 2 , 4 1 3 - 4 3 4 , b e s . 4 2 J ; w e i t e r f ü h r e n d F. PASCHOUD 1 9 8 2 . 5

S. ζ. Β. discordia concors ι, 142; vgl. Ο ν . met. ι, 433 (dazu die K o m m . ) .

6

W . HÜBNER 1 9 8 4 ,

7

A . MARCHI, Struttura dei proemi degli Astronomica di Manilio, Anazetesis 6 - 7 , 1983, 8 - 1 7 .

228-231.

772

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Besprechung der Kometen; daran schließen sich Pestilenz und Krieg bis hin zu Varusschlacht, Bürgerkriegen und Weltfrieden. Der dritte Gesang endet mit einer anmutigen Darstellung der vier Jahreszeiten, ausgehend von den beim Wechsel der Jahreszeiten dominierenden Tierkreiszeichen. Das Finale des vierten Buches - nnd den Höhepunkt des ganzen Werkes - bildet ein anthropologischer Exkurs, der die Würde des Menschen daraus herleitet, daß er ein Kosmos im kleinen ist. Der Ausklang des fünften Gesanges schließlich vergleicht die Rangordnung der Sterne mit den Abstufungen in der menschlichen Gesellschaft. So wird der Zusammenhang zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos jeweils am Ende der Bücher evident. Literarisch gehören die Buchanfange und Schlüsse teils in die Tradition der Lehrdichtung (Lukrez, Vergils Geórgica, auch Ovids Metamorphosen), teils überschneiden sie sich wegen der moralphilosophischen Thematik (vgl. das vierte Prooemium) mit der Satire. Diatribenhaftes gibt es allerdings auch bei Lukrez. Die entsprechenden Passagen des Manilius bereiten dem rhetorisch-meditativen Epos Lucans und der Satire Iuvenals den Weg. Z w a r ist Manilius' menandrische (vgl. 5, 475) Heiterkeit weit von Iuvenals Strenge entfernt, doch ist sein fünftes Buch mit den farbigen Bildern aus dem Menschenleben eine Welt im kleinen. Als Epos des Mikrokosmos ist es ein bisher unbeachtetes Bindeglied zwischen Epik und Satire. Die Exkurse stehen teils im Dienste der Botschaft des Dichters (so etwa der Gottesbeweis 1, 474-531), teils erhellen sie die Methode, teils dienen sie der Entspannung. Der gemeinsame Nenner hierfür ist die Rezeptionssteuerung. Das didaktisch fruchtbare Prinzip, von einem Gesamtüberblick stufenweise zu immer feineren Differenzierungen fortzuschreiten, wird in einem eigenen Exkurs eingehend begründet (2, 750-787). Weitere Digressionen verweisen auf die Notwendigkeit, das Ganze zu sehen (2, 643-692) und tiefer zu forschen, um grobe Klischees zu überwinden und zu einem individuellen Bild zu gelangen (4, 363-442). Andere Exkurse schlagen die Brücke zum Publikum - so der Heldenkatalog bei der Besprechung der Milchstraße (1, 750-804) und der historische >Exkurs im Prooemium< (4, 23-68). Ruhepunkte bilden die Weltkarte als Auftakt zur astrologischen Geographie (4, 5 8 5-695)1 und die berühmte Erzählung von Perseus und Andromeda (5, 538-618), in der sich >Episches< mit >Elegischem< mischt. 2 Im Laufe des Werkes nehmen die schmückenden Einlagen zu. Dabei verhält sich Manilius zum Mythos »so zwiespältig wie Plato zur Dichtung, Lukrez zu den Göttern und Arat zu den Katasterismen«3. Im didaktischen Epos kommt den Gleichnissen sacherhellende Funktion zu. 1

Zur astrologischen Geographie vgl. F. BOLL, Kl. Sehr. 39; 343.

2

B . R . V o s s , zit. o b e n S . 7 7 1 , A n m . 4 ; W . HÜBNER 1984, 1 9 3 - 2 0 1 ; z o o l o g i s c h K . M . COLEMAN,

Manilius' Monster, Hermes i n , 1983, 226-232. 3

W . HÜBNER 1984, 237.

POESIE: M A N I L I U S

773

Manilius, der weniger argumentiert als Lukrez, greift seltener zu Vergleichen; dafür häuft er sie an bestimmten Stellen, z. B., wo es darum geht, Methodisches zu veranschaulichen (2, 751-787). Das uns aus Lukrez vertraute Buchstabengleichnis beschreibt hier freilich nicht den Aufbau der Welt; vielmehr illustriert der Aufstieg vom Buchstaben über die Silbe zum Wort und schließlich zum Satz den Lehr- und Lernprozeß. Ebenso kann der Bau einer Stadt erst in Angriff genommen werden, wenn das Material bereitgestellt ist. Ehrwürdige Bilder illustrieren poetologische und philosophische Sachverhalte: Homer ist ein Strom, aus dem die Nachfolger ihre Rinnsale ableiten (2, 8—11). Im Unterschied zu all diesen Nachbetern hat Manilius eine unmittelbare Beziehung zum Kosmos und damit zu Gott: Die kosmische Fahrt (1, 13-19; 5, 8 - 1 1 ) 1 fuhrt den inspirierten Dichter, der sich hier in der Rolle eines neuen Lukrez gefallt, durch poetisches Neuland (i, 4f.; 1 1 3 f.; 2, 49-59; 5, 27). Konstitutiv fur die Anlage des Gedichts ist die sinnträchtige Bewegung von oben nach unten ( 1 , 1 1 8 caelo descendit carmen ab alto; zum feierlichen Klang: Verg. ecl. 4, 7): Manilius fuhrt die himmlische Kunst zur Erde herab2. Das Graben nach Gold und die endlosen Reisen auf der Suche nach kostbaren Perlen (4, 396-407) veranschaulichen die Schwierigkeit der Erforschung der Gottheit (denn keine andere Bezeichnung ist Manilius für seinen Gegenstand erhaben genug). Charakterisierungskunst und feine Beobachtung des Lebens zeigt sich z. B. in der Schilderung der Berufe (4, 122-293) und zahlreicher Charaktertypen im 5. Buch. Sprache und Stil Kleine sprachliche Besonderheiten reichen nicht aus, Manilius zum Nichtrömer zu stempeln; nur vereinzelt erinnern Konstruktionen an Umgangssprachliches, das sie sublimieren; auch der Versbau ist sorgfaltig 3 . Für unvermeidbare griechische Fachausdrücke entschuldigt sich der Poet4. Wegen der sogenannten >Armut< des sermo patrius (vgl. Lucr. 1, 832) stößt die Latinisierung, das flectere, an Grenzen; letztlich hat für unseren Dichter der eigentliche, treffende Ausdruck, die vox propria (3, 40—42), den Vorrang. Einzelnen Vokabeln gibt Manilius neue Bedeutungen; so bezieht er census metaphorisch auf die Geheimnisse des Weltalls und ihre rechnerische Erfassung (1, 12 aetherios per carmina pandere census) oder sagt corda und pectora fur >Menschen< (in Fortentwicklung von Lucr. 2, 14). Hier aktiviert der Dichter schlummernde Kräfte der lateinischen Sprache: Die Identifikation des Menschen mit seinem 1 Vgl. Parmenides 1 - 2 1 ; außerdem F. BOLL, KL. Sehr. 143-1 $5; W. BOUSSET, Die Himmelsreise der Seele, Darmstadt i960 (Ndr. 1971; zuerst in: ARW 4, 1901, 136-169 und 229-273). 2

3

W. HÜBNER 1984, 242-268.

Zu Sprache und Stil: J. VAN WAGENINGEN, R E 14, 1, 1928 s. v. Manilius, bes. 1 1 2 9 f . ; A. CRAMER, De Manilii qui dicitur elocutione, Straßburg 1882 (immer noch wichtig). 4 Vgl. 2, 694; 909; 4, 8 1 8 Í ; 5, 6 4 j f .

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LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

Bewußtsein entspricht römischer Innerlichkeit, wie sie sich in der Kaiserzeit verstärkt entwickelt, und die Vergeistigung von Begriffen des Verwaltungs- und Geschäftslebens liegt dem Römer ohnehin nahe. Lohnend wäre eine Untersuchung des Wortfeldes »harmonische Ordnung«, das zwischen Sternkunde und Dichtung eine Verbindung herstellt. Typisch fur Lehrdichtung sind formelhafte Ermahnungen zur Aufmerksamkeit (3, 36-39) oder die Ankündigung eines neuen Hauptgedankens mit nunc age (3,43). Rhetorische Stilmittel verwendet Manilius im Dienste der Sache, so die Wiederaufnahme gewichtiger Wörter: Sagt er, man könne den Himmel (caelum) nur erkennen, wenn es einem der Himmel schenke (caeli muñere 2, 115), oder die Erkenntnis des Schicksalsgesetzes sei auch eine Gabe des Schicksals (2, 149), so enthüllt die paradoxe Formulierung eine paradoxe Wahrheit. Das Paradoxon ist übrigens eine stoische Denkform (vgl. Ciceros paradoxa Stoicorum), die auch eine religiöse Tiefendimension besitzt 1 . Auch weiß Manilius zwischen scheinbaren Synonymen mit geradezu dialektischer Schärfe zu differenzieren: so gleich am Anfang zwischen mundus (Kosmos, All) und orbis (Erdkreis 1, 8f.) oder später zwischen fata und fortuna (4, 49). Die Stoiker hielten brevitas für einen stilistischen Wert; dementsprechend wird das wechselvolle Schicksal des Marius in knapper Antithese umschrieben: quod, consul totiens, exul; quod de exule consul (4, 46). Ein Grundgedanke benötigt manchmal nur wenige Wörter: penitusque deus, non fronte notandus (4, 309). Oder noch knapper: ratio omnia vincit (4, 932). Nur angedeutet sei, daß Manilius auch mit dem astrologischen Gehalt sprachlicher Figuren spielt2. Manilius beherrscht den ovidischen Pointenstil (die Prägung »den Verstand im Becher ertränken« 5, 246 wird noch bei Puschkin fortwirken), doch adelt er das Spiel oft durch stoische Strenge. Daß Manilius freilich auch weitschweifig sein kann, sei nicht verschwiegen 3 . Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Der Sprache und Literatur kommt in einem Lehrgedicht zunächst dienende Funktion zu. Der erhabene Kosmos braucht und duldet keine Ausschmückung durch schöne Worte (4, 440). Die vox propria ist letztlich die beste (3, 40-42). Lehre kann ohnedies nur ein Hinweis sein (ostendisse deum nimis est 4, 439). Solche Äußerungen lassen eine durchweg dürre und trockene Darstellung erwarten. Da dies nicht der Fall ist, wird zu fragen sein, ob Manilius seinen Prinzipien untreu wird oder ob diese nur für eng auf das Fach bezogene Abschnitte gelten. Als didaktischer Poet muß Manilius, wie er bekennt, zwei Herren dienen: Er steht zwischen carmen und res (1, 22). Carmen bedeutet eine zusätzliche Schwierig1

H. LEWY, Sobria ebrietas. Gießen 1929.

2

W . HÜBNER 1984, 2 1 4 - 2 2 7 .

3

KROLL, Studien 198.

POESIE:

MANILIUS

775

keit. Denn das laute Geräusch der Sphärenmusik hindert ihn am Schreiben; kaum Prosa läßt sich daneben zustandebringen, von Versen ganz zu schweigen (ι, 22-24)· Im >Hören< der Sphärenmusik ist eine große Nähe zum Gegenstand vorausgesetzt. Diese Unmittelbarkeit zum göttlichen Kosmos, das (an Kallimachos, Lukrez und die Satiriker erinnernde) Gefühl, auf Neuland zu stehen, unterscheidet Manilius in seinen Augen von den Vertretern der traditionellen Literatur, die immerfort Homers Wasser auf ihre Mühlen leiten (2, 1-149). Nicht der Mythos (dessen Dominanz er theoretisch ablehnt, den er aber praktisch als Chiffre für Menschliches beibehält) ist für Manilius primär, sondern das Weltall. Der Dichter singt im Angesicht des Kosmos: nicht für die Menge, sondern einsam 1 , so daß die Gestirne staunen und der Kosmos sich freut (2, 141 f.: Sed cáelo noscenda canam, mirantibus astris / et gaudente sui mundo per carmina vatis). Damit erfüllt er speziell als Poet, was er allgemein als Bestimmung des Menschen umrissen hat, und trägt in seiner besonderen Weise zur Selbsterkenntnis der Gottheit bei. Das Dichterische ist also für Manilius letztlich doch kein ornamentaler Zusatz, sondern es hängt mit seinem persönlichen, geradezu religiösen Verhältnis zum Stoff zusammen. Die >störende< Sphärenmusik erweist sich nachträglich als ironische Spiegelung zweier Tatsachen: Manilius ist von seinem Gegenstand überwältigt, und dieses Überwältigtsein vollzieht sich im Akustischen, der eigentlichen Sphäre des Dichters. Neuland also - in programmatischer Umdeutung des ovidischen in nova (3, 1; O v . met. ι , 1). Kein heroisches Epos, aber doch maiora, im dritten Buch verbunden mit einer Musenanrufung, wie man es aus dem dritten Buch des Apollonios und aus dem siebten der Aeneis kennt. Der Bereich der Dichtung soll erweitert werden. Maiora heißt hier Schwierigeres, das poetischer Ausschmückung spottet. Höheres erfordert Sachlichkeit. Wahrheit für Fortgeschrittene ist technisch, ihre Sprache einfach. Eine ähnliche Absage an die mythologische Epik wird Martial und Iuvenal veranlassen, sich das menschliche Leben in all seiner Vielfalt und Farbigkeit zum Gegenstand zu wählen. Diese Wendung bereitet Manilius im letzten Buch vor. Dabei steht Menander als Spiegel des Lebens (5,475) Pate. Das dritte Buch verweilt aber noch in den Sphären des Fachspezifischen, es behandelt den schwierigsten und zugleich den entscheidenden Teil der Lehre. Hier sind die voces propriae angebracht. Bereitet sich hier die >neue Schlichtheit etwa eines Persius vor, der freilich alles andere als leicht verständlich ist? Hört man hier schon die Vorboten des Auetor Περί υψους, für den Erhabenheit und Einfachheit zusammengehen? A u f die Ankündigung schlichter Rede folgen allerdings so funkelnde Zeilen wie 3» 54; 57; 63. Überhaupt ist die Besprechung des Einflusses des Makrokosmos auf den Menschen besonders sorgfaltig stilisiert (3, 43-95). Kunstvoll wird das fünfte 1 Die Einsamkeit des Dichters unter den Sternen (vgl. Lucr. 1, 142) wird von Manilius aufs engste mit seinem Thema verflochten und erhält so einen neuen Sinn. Zur Einsamkeit des Dichters vgl. auch 5. 334-338·

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LITERATUR

DER

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KAISERZEIT

Buch im heiteren Reigen der Charaktertypen die >Freude< des Kosmos verkörpern. Aber auch in den technischen Passagen und gerade in den propria steckt mehr Poesie als man zunächst erwartet. Präzise informierende Zeilen gewinnen oft eine geradezu mathematische Schönheit (3, 290-293): nam, per quot creverat astrum / Lanigeri stadia aut horas, tot Libra recedit; / occiduusque Aries spatium tempusque cadendi / quod tenet, in tantum Chelae consurgere persiani. Der Widerspruch zwischen verum und dulce, ornare und docere scheint aufgehoben. G e d a n k e n w e l t II Stoisch sind die Sympathielehre im zweiten Prooemium, der Schluß des vierten Buches mit dem Preis des Menschen als Mikrokosmos und überhaupt die Gleichsetzung von deus und ratio. Gelegentlich wird auch natura in gleichem Sinne verwendet (z. B. 3,47; vgl. O v . met. 1 , 2 1 deus et melior... natura; Spinozas deus sive natura). Die Ordnung in der Welt gilt als Gottesbeweis. Auch der Kosmos (mundus) ist deus und erscheint gelegentlich als handelndes Subjekt (1, 1 1 ) , ähnlich diefata, welche nach Auffassung des Manilius die Welt regieren (4, 14). In diesem Sinne ist das ganze Sujet >Astrologie< stoisch. Den Gegensatz zur epikureischen Philosophie des Lukrez, der zufolge alles durch Zufall entstanden sei, sollte man nicht herunterspielen'. Ebenfalls im Gegensatz zum Epikureismus bleibt bei Manilius für die Freiheit des Menschen kein Raum. Kein Prometheus kann das Feuer rauben, ohne daß der Kosmos diesen Raub will (1, 26-37). Alles ist Geschenk. Gott oder der Kosmos läßt sich nicht zwingen, er offenbart sich, wenn er die Zeit fur gekommen hält (1, I i f.; 40; 2, 1 1 5 - 1 3 6 ) . In dem ernsten Engagement, mit dem Manilius diese Gedanken vorträgt, ringt er mit dem Titanen Lukrez und verfehlt — trotz des spürbaren Unterschiedes der Kräfte - seinen Eindruck auf den Leser nicht. Ein Vorzug dieser Betrachtungsweise liegt in der Steigerung der Erhabenheit des Göttlichen und in der hohen Auffassung v o m Menschen: Gott wohnt in ihm durch die ratio und erkennt sich in ihm. Die anthropologischen Exkurse zählen zu den edelsten Äußerungen der römischen Literatur (4, 387-407; 866-935); dabei nimmt die aus dem aufrechten Gang des Menschen 2 abgeleitete Forderung geistiger Arbeit, gründlicher Erforschung des Himmels unter Einsatz des ganzen Menschen (4, 407 impendendus homo est, deus esse ut possit in ipso) Senecas Preis der reinen Erkenntnis (nat. praef.) vorweg (4, 368 altius est acies animi mittenda sagacis). Freilich besteht die Gefahr, daß durch die Vorherbestimmung jede Moral aufgehoben wird. Manilius kennt den Vorwurf und widerspricht ihm, doch m. E. ohne Erfolg (4, 1 0 8 - 1 1 7 ) . ' »Ein stoisches Gegengedicht gegen Lukrez« F. BOLL, Studien über Claudius Ptolemäus. Ein Beitrag zur Geschichte der griechischen Philosophie und Astrologie, 1894, 136, 3; »ein positiver AntiLukrez« W. HÜBNER 1984, 236; deutlich nur Manil. 1, 485-491. 2 Vgl. OV. met. Ι, 84-86; A. WLOSOK, Laktanz und die philosophische Gnosis, AHAW i960, 2.

POESIE: MANILIUS

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Der kosmische Charakter des Werkes hat auch politische Resonanz. Die römischem Exkurse sind ebenso mit Bedacht eingefügt wie umgekehrt das Astronomische in Ciceros De re publica. Der römische Weltherrscher, ein Kosmokrator, erhält das Gedicht über die Himmelskugel als eine Art >poetischen Reichsapfel·1. Didaktik und Methodik des Manilius können insofern mutatis mutandis als wissenschaftlich bezeichnet werden, als er seinen Lesern ars (τέχνη) vermitteln will (3. 394). also keine isolierten Einzelfakten oder Handgriffe, sondern die geistige Beherrschung eines Systems. Diesem Prinzip bleibt der Verfasser treu: Er liefert zunächst Grundlagen, Koordinaten und eine allgemeine Übersicht. In diese geistige >Landkarte< werden dann in zunehmender Differenzierung Einzelheiten eingetragen. Auf diese Weise verliert der Leser nie den Oberblick und behält im Bewußtsein, daß es auf Koordination und Zusammenschau ankommt, da das Einzelne nur vom Ganzen her seinen Sinn erhält. Die astrologische Sachkenntnis des Manilius ist begrenzt, mitunter aber besser als die seiner Herausgeber2. Uberlieferung Der Text ist schlecht überliefert. Von den gemeinsamen Fehlern aller Handschriften (G. P. Goold nennt 6 codices primarii und 26 codices secundaria ist einer der bedauerlichsten die LScke nach 5, 709. Ihr Umfang und vermutlicher Inhalt sind umstritten. Unsere gesamte Überlieferung geht auf den (verlorenen) Speyrer Codex (wohl s. X ineunt.) zurück, den Poggio nach Italien bringt. Unmittelbare Abschriften (und daher trotz ihres späten Datums besonders wertvoll) sind der Matritensis (M 31, Bibl. Nat. 3678, s. X V ) 3 und der jüngst von M. REEVE neuentdeckte Londiniensis (N; Bibl. Brit. Add. 22 808, s. X V ) . Von demselben Archetypus, aber über einen Hyparchetypus, stammen die älteren Handschriften: der Lipsiensis (L; Bibl. Univ. 1465, s. XI ineunt.), der Gemblacensis (jetzt Bruxellensis, Bibl. Reg. 10 012, s. XI) und der vermutlich 1687 verbrannte Venetus (V; s. XI); Bendey kannte diesen durch Kollationen von J. F. Gronovius (F 1671), die M. REEVE jüngst in Leiden wiedergefunden hat. In dieser Gruppe sind die Verse 4, 1 0 - 3 1 3 fälsch eingeordnet (nach 3, 399); zwei Zeilen (3, 188; 4, 731) und Halbverse ($, I2f.) sind ausgelassen.

Fortwirken Manilius erhofft sich keinen großen Leserkreis (2, 138); erwähnt wird er in der Antike nicht, doch nimmt man an, er habe als Schulautor gedient; insbesondere benützen ihn Germanicus, der /leína-Dichter, Lucan, Iuvenal. Die beiden zuletzt Genannten verdanken ihm wohl wichtige Anstöße zu ihrer Erneuerung der ' W . HÜBNER 1 9 8 4 , 2 3 5 .

2

Fehler des Manilius: W. HÜBNER 1984, 147 f. mit Anm.; Fehler seiner Herausgeber: W. HÜBNER 1987. 3 Der im Matritensis fehlende Anfang findet sich in den Urbinates 667 und 668, die aus ihm abgeschrieben sind.

778

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

Literaturgattungen Epos und Satire. Zu geflügelten Worten werden die Sprüche nascentes morimur (4, 1 6 ; C E 2, 1 4 8 9 B Ü C H E L E R ) und fata regunt orbem (4, 1 4 ; vgl. luv. 9 , 32) 1 . Im 4. Jh. paraphrasiert Firmicus Maternus in seinem 8. Buch die Lehre des Manilius von den Paranatellonten. Im Unterschied zu Arat (Germanicus) ist Manilius im Mittelalter kaum bekannt. Im Jahr 1417 entdeckt Poggio unseren Autor. Obwohl man auch weiterhin astrologische Kenntnisse überwiegend aus Ptolemaios, Firmicus und arabischen Quellen bezieht, fallt der Höhepunkt seines Fortwirkens in die Renaissance; Manilius ist eine Alternative zu dem gleichzeitig entdeckten, aber wegen seiner Weltanschauung >gefahrlichen< Lukrez. Dichterische Nachfolge findet unser Astrologe sogleich bei L. Bonincontri und G. Pontano, die seine universale Tendenz kongenial erfassen2. Manilius' erster Herausgeber ist der große Mathematiker Regiomontanus; ihm folgen später die berühmtesten Philologen (Scaliger, Bentley, Housman). Scaliger stellt Manilius über Ovid (Ovidio suavitate par, maiestate superior)3, fur Wilamowitz ist er ein »Poet, und ein wirklicher Poet«4. Am 2. September 1784 trägt Goethe ins Brockenbuch folgende Worte des Manilius ein (2, u s f . ) : Quis caelum possit ttisi caeli muñere twsse, / et reperire deum, nisi qui pars ipse deorum est? Auch Polens größter Dichter, Mickiewicz (f 1 8 5 5 ) , kennt unseren Autor 5 . Zur Hälfte aus Manilius (1, 104) stammt die Inschrift auf der Büste Franklins: eripuit caelo fiilmen, mox sceptra tyrannis. Ausgaben: loh. REGIOMONTANUS (der berühmte Mathematiker und Astronom Johannes MÜLLER von Königsberg) Nürnberg o.J., wohl 1 4 7 3 / 7 4 . * ed. Bononiensis 1 4 7 4 (anonym). * L. BONINCONTRI, Rom 1484. * J . SCALIGER, Parisüs 1 5 7 9 . * R. BENTLEY, London 1 7 3 9 (von seinem Neffen veröffentlicht). * A. E . HOUSMAN (TK), London 1 9 0 3 - 1 9 3 0 (Ndr.: 2 Bde. 1972); ed. minor 1 9 3 2 . * J. VAN WAGENINGEN, Lipsiae 1 9 1 5 . * J. VAN WAGENINGEN (K), Amsterdam 1 9 2 1 . * G . P. GOOLD (TÜ), London 1 9 7 7 . * G . P. GOOLD, Leipzig 1 9 8 5 . * W. FELS (TÜA), Stuttgart 1990. * Buch 1: J. MERKEL (Ü), Aschaffenburg 1 8 4 4 ; Ί 8 5 7 . * * Indices: Vollständiger Wortindex in der Ausgabe von Μ . FAYUS (DUFAY) in usum Delphini, Paris 1 6 7 9 und bei N. E . LEMAIRE, Poetae Latini minores. De re astronomica, Paris 1 8 2 6 . * M. WACHT, Hildesheim 1990. * * Bibl.: R . H E L M , Nachaugusteische nichtchristliche Dichter. Manilius, Lustrum 1 , 1 9 5 6 , 1 2 9 - 1 5 8 . * W. HÜBNER 1984. F. BOLL, Sphaera. Neue griechische Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Sternbilder, Leipzig 1 9 0 3 (Ndr. 1967). * F. BOLL, Kleine Schriften zur Sternenkunde des Altertums, hg. V . STEGEMANN, Leipzig 1 9 5 0 . * S. COSTANZA, Ci fu un sesto libro degli Astronomica di Manilio?, in: Filologia e forme letterarie. Studi offerti a F. DELLA CORTE, 1 Sichere Spuren auch bei Nemesian, Claudian, Dracontius, weniger sichere bei Arnobius und Martianus Capella. 2 W. HÜBNER, Die Rezeption des astrologischen Lehrgedichts des Manilius in der italienischen Renaissance, in: R. SCHMITZ, F. KRAFFT, Hg., Humanismus und Naturwissenschaften, Beiträge zur Humanismusforschung 6, Boppard 1980, 39-67. 3 J . SCALIGER, 3. Ausgabe des Manilius, Straßburg 1655, proleg. 18. 4 Brief vom 2.7. 1894, zit. von V. STEGEMANN in seiner Einleitung zu F. BOLL 1950, S. X V I . 5 T. SINKO, Manilius i Mickiewicz, Eos 20, 1914, 165-169.

POESIE:

GERMANICUS

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Bde., Bd. 3 , Urbino 1987, 223-263. * P. D A M S , Dichtungskritik bei nachaugusteischen Dichtern, Diss. Marburg 1970, 15-37. * B. EFFE, Labor improbus - ein Grundgedanke der Geórgica in der Sicht des Manilius, Gymnasium 78,1971, 393-399. * E. FLORES, Contributi di filologia maniliana, Napoli 1966. * G . P. GOOLD, The Great Lacuna in Manilius, PACA 17, 1983, 64-68. * W. HÜBNER, Die Eigenschaften der Tierkreiszeichen in der Antike. Ihre Darstellung und Verwendung unter besonderer Berücksichtigung des Manilius, ZWG, Beiheft 22, Wiesbaden 1982, bes. 453-634. * W. HÜBNER, Manilius als Astrologe und Dichter, ANRW 2, 32, 1, 1984, 126-320. * W. HÜBNER, Rezension der Ausg. von G. P. GOOLD (S. o.), Gnomon 59, 1987, 21-32. * F.-F. LÜHR, Ratio und Fatum. Dichtung und Lehre bei Manilius. Diss. Frankfurt 1969. * F. PASCHOUD, Deux études sur Manilius, in: G . WIRTH, Κ . - H . SCHWARTE, J . H E N R I C H S , Hg., Romanitas-Christianitas. Untersuchungen zur Geschichte und Literatur der römischen Kaiserzeit, FS J. STRAUB, Berlin 1982, 125-153. * A . REEH, Interpretationen zu den Astronomica des Manilius mit besonderer Berücksichtigung der philosophischen Partien, Diss. Marburg 1973. * M. D. REEVE, Some Astronomical Manuscripts, C Q 74, NS 30, 1980, 508-522, bes. 519-522. * E. ROMANO, Struttura degli Astronomica di Manilio, Accademia di scienze, lettere ed arti di Palermo, classe di scienze morali e filologiche, memorie 2, Palermo 1979. * H. RÖSCH, Manilius und Lucrez. Diss. Kiel 1911. * C. SALEMME, Introduzione agli Astronomica di Manilio, Napoli 1983. * B. SOLDATI, La poesia astrologica nel Quattrocento. Ricerche e studi, Firenze 1906. * H. WEMPE, Die literarischen Beziehungen und das chronologische Verhältnis zwischen Germanicus und Manilius, RhM 84,1935, 89-96. * G. VAIXAURI, Gli Astronomica di Manilio e le fonti ermetiche, RFIC 32, 1954, 133-167. * J. V A N WAGENINGEN, Manilius, RE 14, 1928, 1 1 1 5 - 1 1 3 3 . * A. M. WILSON, The Prologue to Manilius 1, in: PLLS 5, 1985, ersch. 1986, 283-298. 5

GERMANICUS

Leben, Datierung Germanicus Iulius Caesar, Sohn des Nero Claudius Drusus und der Antonia, Neffe des Tiberius und Großneffe des Augustus, ist am 24.Mai 15 v.Chr. geboren. Den Beinamen Germanicus erhält er erst nach dem Tode seines Vaters. Augustus veranlaßt die Adoption durch Tiberius und die Heirat mit seiner Enkelin Agrippina. Germanicus schlägt den Aufstand in Pannonien nieder (7 und 8 n. Chr.), nimmt am dalmatinischen Feldzug teil (9 n. Chr.) und kann fur seine Siege in Germanien den Triumph feiern (17 n. Chr.). Das Consulat hat er schon im Jahre 12 bekleidet. Nach kurzem Aufenthalt in Rom wird er in den Orient abkommandiert; am 10. Oktober 19 stirbt er in Antiochia unter rätselhaften Umständen. Seine Asche wird in Rom feierlich bestattet. Er ist wohl der glänzendste und beliebteste Prinz des julisch-claudischen Hauses. Klug und gebildet, erregt er nicht nur durch seine militärischen Erfolge, sondern auch durch sein rednerisches und poetisches Talent Bewunderung (Ov. Pont. 2, 5, 41-56; 4, 8, 65-78; fast. 1, 21-25; Tac. ann. 2, 83, 4). Von seinen

780

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Dichtungen (Plin., nat. 8, 155) ist die lateinische Bearbeitung der Phaenomena des Aratos erhalten 1 . Das Werk ist nach 14 entstanden: Augustus ist bereits konsekriert (558), Manilius wird benützt. Adressat ist also Tiberius oder - wenn man die Gottheit des Kaisers wörtlich nimmt - der verewigte Augustus, der aber hinwiederum nicht als »Vater« {pater) gelten kann. Da Germanicus in einem Edikt betont, nur Tiberius (und nicht ihm selbst) kämen göttliche Ehren zu, neige ich dazu, Tiberius fur den Adressaten zu halten2. Obwohl Tiberius fur sich göttliche Ehren ablehnte, mußte Germanicus daran gelegen sein, in dieser Form seine eigene Loyalität zu unterstreichen. Werkübersicht Wir besitzen eine vollständige Arat-Bearbeitung: Auf das Prooemium folgt die Besprechung der Sternbilder des Nord- und Südhimmels, der Himmelskreise und der Synchronismen von Auf- und Untergängen. Außerdem haben wir noch Fragmente, die sich überwiegend auf Planeten und Wetterzeichen beziehen; vielleicht handelt es sich um Reste oder Entwürfe eines anderen, von den Phaenomena verschiedenen Werkes des Germanicus. Quellen, Vorbilder, Gattungen Im Hauptteil (1-725) sind die Phainomena des Aratos (1. H. 3. Jh. v. Chr.) frei nachgestaltet; anders als sein Vorgänger Cicero (und der Spätling Avienus) berichtigt Germanicus die Angaben des griechischen Dichters mit Hilfe von Hipparchs Arat-Kommentar (Mitte 2. Jh. v. Chr.) oder daraus abgeleitetem Material. Auch aus sonstiger Lektüre (z. B . Katasterismen-Literatur) ergänzt er seine Vorlage, ohne ihren Umfang zu überschreiten. Natürlich muß er auch Globen und Arat-Illustrationen gekannt haben. Die Fragmente schöpfen aus unbekannter, wohl prosaischer Quelle. Gelegentlich spürt man den Einfluß des Manilius 3 . Durch gründliche formale und inhaltliche Modernisierung ist der Vorgänger Cicero ersetzt.

' D i e Vermutung D. G. GAINS (Ausg., 17fr.), Tiberius sei der Verfasser, überzeugt nicht; s. B. BALDWIN, The Authorship of the Aratus Ascribed to Germanicus, Q U C C 36 N S 7, 1981, 1 6 3 - 1 7 2 . 2 U . v. WILAMOWITZ-MOELLENDORFF - F. ZUCKER, Hg., Zwei Edikte des Germanicus auf einem Papyrus des Berliner Museums, SPAW 1 9 1 1 , 794-821, bes. 796, Z . 27. 3

387; 562 (Manil. I, 272); 71 (Manil. 5, 253); 184 (Manil. 5, 23).

POESIE: G E R M A N I C U S

781

Literarische T e c h n i k Literarisch will Germanicus sein Werk den gehobenen Ansprüchen der nachaugusteischen Zeit anpassen. Er bindet sich nicht sklavisch an sein Muster. N e u hinzugekommen sind manche Beschreibungen 1 und Sternsagen 2 , die Anrufung der Virgo Astraea (96ff.) und die Schilderung des Tierkreises (531-564). Das Prooemium ist stark verändert. Der Text besteht aus einer größeren Anzahl in sich geschlossener Teile, die sich durch Ringkomposition und ähnliche Mittel klar von ihrer U m g e b u n g abheben. Im ganzen ist der lateinische Text pathetischer und weniger anschaulich als sein griechisches Muster.

Sprache und Stil Sprache und Metrik halten sich an die Normen der augusteischen Poesie; doch sind direkte Nachahmungen der lateinischen Klassiker relativ selten. Dies mag mit der Eigenart des Stoffes zusammenhängen. Hauptvorzug der Diktion des Germanicus ist die Dichte des Ausdrucks. Trotz zahlreicher Zusätze hat er den U m f a n g der Vorlage sogar etwas unterschritten.

Gedankenwelt I und II Germanicus ist Didaktiker aus Oberzeugung; er akzentuiert die Fiktion des Lehrens. Im Einklang mit der Stoa faßt Germanicus die Gestirne als Götter auP. Dieser Gedanke ist in jener Zeit freilich Allgemeingut. Ebenso vertritt Germanicus in seiner Darstellung des Goldenen Zeitalters (103—119) die übliche Version — hier ( i i 7 f . ) im Gegensatz zu Arat 4 . Germanicus nimmt die Sternenwelt ernst; dort regieren fides und iustitia. Die bei Arat spürbaren Anflüge von Skepsis werden unterdrückt. Den Mythen liegt eine moralische Weltauffassung zugrunde.

Überlieferung Die reiche Überlieferung zerfallt in zwei Familien ( O und Z); O , das sich in zwei Traditionszweige gliedert, ist lückenhaft, enthält aber Scholien. Ζ ist stärker verderbt, aber nicht in jedem Falle schlechter als O . In Handschriften beider Klassen finden sich Abbildungen, die aus illustrierten Arat-Handschriften stammen; die besten stehen im Leidensis (s. IX).

1 Wagen 26f.; Schwan 275-283; O r i o n 328-332; A r g o 344—355; Südlicher Kranz 391 (erstmals hier erwähnt). 2 70-72; 90-92; 157-173; 184-186; 235f.; 264; 275; 315-320; 363. 3 165; 180; 234; 440f.; 563; 601. 4 E. NORDEN, Beiträge zur Geschichte der griechischen Philosophie, Leipzig 1892 (= Jahrbücher fur dassische Philologie Suppl. 19), 427.

782

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

Fortwirken Lactantius hat das Werk benutzt; er kennt auch schon Germanicus-Scholien; diese fußen auf den Arat-Erklärern (hg. A . B R E Y S I G 1867). Priscian zitiert anderthalb Verse, die uns sonst nicht überliefert sind (frg. 6). Das Mittelalter lernt aus Germanicus Astronomie. In der Neuzeit hat sich kein Geringerer als Hugo Grotius (Syntagma Arateorum, Lugduni Β atavo rum 1600) schon mit 17 Jahren um unseren Autor besonders verdient gemacht. Ausgaben: U G O R U G E R I U S , Bononiae 1474. * A . B R E Y S I G , Lipsiae '1899. * D . B. G A I N ( T Ü K ) , London 1976. * A . L E BOEUFFLE ( T O ) , Paris 197$. * * Vollständiger Index: in der Ausg. von A. B R E Y S I G ' , 62-92. * * Bibl. : A . T R A G L I A ; W . H Ü B N E R ( S . U . ) ; D . B . G A I N ( S . Ausg.). L. Cicu, La data dei Phaenomena di Germanico, Maia 31, 1979, 139-144. * E. C O U R T N E Y , Some Passages of the Aratea of Germanicus, C R 83 N S 19, 1969, 138-141. * Α. E. H O U S M A N , The Aratea of Germanicus, C R 14, 1900, 26-39, Ndr. in: J . D I G G L E , F. R. D. G O O D Y E A R , Hg., The Classical Papers of Α . E. H O U S M A N , Cambridge 1972, 2, 495-515. * W. H O B N E R , Die Astrologie der Antike, Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 8, 1985, 7-24. * W. K R O L L , Randbemerkungen, RhM N F 60, 1905, 555-557. * Ders., Zu den Fragmenten des Germanicus, WKPh 35, 1918, 306-309. * A . L E BOEUFFLE, Notes critiques aux Aratea de Germanicus, RPh 47, 1973, 61-67. * A. L E G N E R , Hg., Sternenhimmel in Antike und Mittelalter, Köln 1987. * W. L U D W I G , Anfang und Schluß der Aratea des Germanicus, Philologus 112, 1968, 217-221. * T. M A N T E R O , Aemulatio ed espressività in alcuni excursus originali di Germanico, in: Filologia e forme letterarie. Studi offerti a F. D E L L A C O R T E , Bd. 3, Urbino 1987, 201-221. * G. M A U R A C H , Aratos und Germanicus über den Schlangenträger, Gymnasium 84, 1977, 339-348. * Ders., Aratus and Germanicus on Altar and Centaur, AClass 20, 1977, 121-139. * Ders., Germanicus und sein Arat. Eine vergleichende Auslegung von V. 1-327 der Phaenomena, Heidelberg 1978. * W. M O R E L , Germanicus' Aratea, C R 57, 1943, 106-107. * C. S A N T I N I , Il segno e la tradizione in Germanico scrittore, Roma 1977. * P. S T E I N M E T Z , Germanicus, der römische Arat, Hermes 94, 1966, 450-482. * A. THIERFELDER, Adnotationes in poetas Latinos minores. 2. In Germanicum, RhM NF 91, 1942, 209-216. * A . T R A G L I A , Germanico e il suo poema astronomico, ANRW 2, 32,1, 1984, 321-343. * L. V O I T , Arat und Germanicus über Lyra, Engonasin und Kranz, WJA NF 10, 1984, 135-144. * Ders., Kassiopeia bei Arat und Germanicus, in: W. S U E R B A U M , F. M A I E R , G. T H O M E , Hg., FS F. E G E R M A N N , München 1985, 81-88. * Ders., Die geteilte Welt. Zu Germanicus und den augusteischen Dichtern, Gymnasium 94, 1987, 498-524.

C.

BUKOLIK

CALPURNIUS Leben, Datierung Der Eklogendichter Calpurnius lebt zur Zeit Neros 1 . Bezieht sich das Cognomen Siculus auf seine Herkunft oder auf die sizilische Muse Theokrits, in dessen Nachfolge er sich stellt? In seinen Gedichten tritt er unter der Maske Corydons auf. Dieser föhrt, von der höheren Gesellschaft ausgeschlossen, ein entbehrungsreiches Leben, er sitzt im Amphitheater in den obersten Rängen bei den armen Leuten (7, 26f.; 79-82), ja, ihm droht eine Verbannung nach Spanien, bis sein Gönner Meliboeus, der Zugang zum Kaiserhof hat, sich seiner erbarmt (4, 29-49). Von ihm erhofft sich Corydon jetzt ein Häuschen (4, 152-159). Falls Meliboeus mit Piso gleichzusetzen ist, käme Calpurnius als Autor der Laus Pisonis in Frage. Die erste Ekloge ist Ende 54 oder Anfang 55 anzusetzen. Sie rühmt den Regierungsantritt des jugendlichen Kaisers, der mütterlicherseits von den Iuliern stammt (1, 45), als Wiederkehr des Goldenen Zeitalters (vgl. Sen. apocol. 4). Der Komet des Jahres 54 ist Zeichen einer neuen Zeit (1, 77-88). Auch kehren Gedanken aus Neros Thronrede wieder (1, 69-73; Tac. antt. 13, 4, 2-4; Cass. Dio 61, 3, 1). Der Kaiser wird, ganz im Sinne von Neros Selbstverständnis, mit Apollon gleichgesetzt (4, 87; 159; 7, 84). Für die siebte Ekloge haben wir einen terminus post quem: Corydon sieht die Spiele des Kaisers in dessen hölzernem Amphitheater2; dieses ist im Jahr 57 erbaut. Werkübersicht 1: Die Hirten Corydon und Ornytus entdecken eine Weissagung des Faunus, die in eine Buche eingeritzt ist: Mit dem Regierungsantritt des neuen Herrschers soll ein goldenes Zeitalter beginnen. Corydon wünscht, Meliboeus möge diese Verse dem Kaiser zu Gehör bringen. 2: Der Gärtner Astacus und der Schafhirt Idas, die beide hoffnungslos in Crocale verliebt sind, singen um die Wette. Im Wechsel preist jeder seinen Beruf und seine Liebe. A m Ende erklärt der Schiedsrichter Thyrsis beide Sänger fur gleich gut und ermahnt sie zur Friedfertigkeit. 3: Auf der Suche nach einer verlorenen Kuh trifft Iollas den Lycidas. Dieser ist verzweifelt, weil ihn sein Mädchen im Zorn verlassen hat. Iollas rät ihm, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und zeichnet die von Lycidas gesungene Abbitte auf Kirschbaumrinde auf. Inzwischen hat - ein gutes Omen - der ausgesandte Tityrus die vermißte Kuh wiedergefunden. 1 Zur Datierung: G. B. TOWNEND, Calpurnius Siculus and the munus Neronis, JRS 70, 1980, 166-174; T. P. WISEMAN, Calpurnius Siculus and the Claudian Civil War, JRS 72, 1982, 57-67; anders (unter Severus Alexander): E. CHAMPLIN, History and the Date of Calpurnius Siculus, Philologus 130, 1986, 104-112. 2 ed. 7; vgl. Su et. Nero 12, 1; Tac. ariti. 13, 31, ι; Aur. Vict. epil. 5, 3.

784

LITERATUR

DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

4: N a c h e i n e m einleitenden G e s p r ä c h m i t M e l i b o e u s b e s i n g t C o r y d o n - i m Wechsel mit seinem B r u d e r A m y n t a s - das neue G o l d e n e Zeitalter u n d seinen >GottRückkehr aus Rom< auf Vergils erste Ekloge zurück. Neben solcher Vertauschung und Überlagerung von Elementen aus Vergils Bukolik beobachten wir auch die Behandlung von Zügen, die Vergil in den Eklogen übergangen hat: ζ. B. die Lehre von der Ziegen- und Schafzucht (Calp. 5), ein >georgisches< Element (vgl. Verg. georg. 3, 295-477), das aber zum Hirtenleben gehört. Die sechste Ekloge überträgt die Beschreibung eines Hirsches aus Aen. 7 zurück in den idyllischen Bereich, in den sie paßt. Im dritten Idyll finden wir einen erotischen Brief, der aber im bukolischen Gesang wurzelt (vgl. Theokr. 3; 11; 14; Verg. ecl. 2), im letzten Gedicht eine Ekphrasis des Amphitheaters und der Spiele (Calp. 7), allerdings gesehen mit den Augen eines Hirten. So erweitert Calpurnius die bukolische Gattung - doch ohne ihren Rahmen zu sprengen. Er beachtet durchweg die Bedeutung der singenden Hirten für die Bestimmung des literarischen Genos. Literarische Technik Das Gedichtbuch ist ein Zyklus. Anfang, Mitte und Ende der Sammlung beziehen sich auf den Kaiser (ecl. 1; 4; 7). Das zweite und das zweitletzte Gedicht haben agonalen Charakter (2 und 6). Das dritte und fünfte sind didaktisch (Liebe bzw. Viehzucht). In der Mitte steht das längste Gedicht. Die geraden Nummern sind durchgehend dialogisch, die ungeraden enthalten längere Monologe. Der Gestaltung des Rahmens ist jeweils besondere Sorgfalt gewidmet. Mit wenigen Strichen wird eine konkrete Situation gezeichnet. Die Glaubwürdigkeit der Inszenierung wird durch sprechendes Detail (z. B. Schreiben auf Rinde) erhöht.

POESIE: C A L P U R N I U S

785

Die Charakterzeichnung ist ziemlich differenziert: Die Personen der zweiten Ekloge sind von Ethos, die der sechsten von Pathos bestimmt. Der Dichter macht kein Hehl daraus, daß die milden und edlen Affekte ihm näher liegen. Corydon wirkt durch seine relative Einfalt sympathisch, wenn auch manchmal klientenhafte Berechnung mitschwingt. Die Verehrung fur Vergil ist glaubwürdig; die Zartheit der Empfindungen und der Diktion bestätigt dies. Der Realismus der letzten beiden Stücke bietet zu den sonst vorherrschenden gedämpften Pastelltönen einen belebenden Kontrast. Sprache und Stil Die Sprache ist gewählt, aber nicht übermäßig manieriert. Das vergilische Vorbild wirkt sich in geschmacklicher Beziehung wohltuend aus. Sentenzen werden maßvoll angewandt (z. B. mobilior ventis, 0 /emina 3, 10). Rhetorisches ist nicht immer so aufdringlich wie folgende Hyperbel: te sine... mihi lilia nigra videntur (3, 51). Zu der Tradition der Schäferdichtung hat Calpurnius ein Element der Sanftheit und Süße beigesteuert, das bis in die neuzeitliche Poesie fortgewirkt hat. Die Behandlung der Metrik1 ist sorgfaltig: Calpurnius bewahrt die Länge des auslautenden 0; er elidiert nur kurze Vokale und fast nur im ersten Fuß (insgesamt finden sich höchstens 11 Elisionen in 758 Hexametern). Gedankenwelt I Literarische Reflexion Die Selbstdarstellung des Dichters ist weniger unaufdringlich als bei Vergil und Horaz. Der arme, schutzbedürftige Klient Calpurnius bereitet schon Martials Bettelpoesie vor. Im vierten Gedicht steht die Apotheose Vergils (4, 70) vor derjenigen des Kaisers (84-146). Vergil erscheint als neuer Orpheus (4,64—69). Corydons Vorhaben, auf einem ehedem von Tityrus gespielten Instrument zu blasen (4, 58-63), schließt also einen hohen Anspruch ein. Selbstkritisch bemerkt Calpurnius: magna petis, Corydon, si Tityrus esse laboras (4, 64). Auch ist sich Calpurnius der Stildifferenzen innerhalb der vergilischen Eklogensammlung bewußt: Kaiser-Eklogen dürfen nicht so zärtlich klingen wie Vergils Alexis-Gedicht (ecl. 2), sie sollten sich vielmehr an Vergils vierter Ekloge orientieren. Stilgefühl kann man Calpurnius nicht absprechen.

1

Vgl. auch J . M. BAÑOS, La punctuación bucólica y el género literario: Calpurnio y las Églogas de Virgilio, Emérita 54, 1986, 338-344.

786

LITERATUR DER FRÜHEN K A I S E R Z E I T

Gedankenwelt II Charakteristisch ist ein gütiges, menandrisches Menschentum: In der zweiten Ekloge empfiehlt der Schiedsrichter den beiden Kontrahenten, das Wettsingen ohne Einsatz von Sachwerten, als reines Spiel auszutragen; er erklärt beide für gleich gut und mahnt sie zur Verträglichkeit. Im dritten Gedicht wird Ritterlichkeit empfohlen, und Lycidas findet sich bereit, durch ein Reuebekenntnis den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun (3, 36-41). In der vorletzten Ekloge mißlingt freilich der Ausgleich, und der ehrenwerte Schiedsrichter tritt von seinem Amt zurück. Was das Kaiserbild betrifft, so hegt in der ersten Ekloge der Akzent auf Frieden und Milde (1, 54 und 59, vgl. Senecas Schrift De dementia). Das Spiel mit dem Namen Augustus (1, 94) weist in dieselbe Richtung. In dem Mittelstück (ecl. 4) ist der Name des Herrschers mit Apollo und Iuppiter verbunden; im Schlußgedicht freilich wird der Kaiser mit Mars und Apollo gleichgesetzt (7, 84). Die Distanz zu dem Gott, die Corydon durch Meliboeus zu überbrücken hoffte, ist am Ende der Sammlung nicht aufgehoben (7, 79-84). Wie Vergil in der ersten Ekloge gibt Calpumius hier zu verstehen, daß das neue Regime nicht alle Probleme beseitigt hat. Corydon ist nach wie vor arm, und wer armselig gekleidet ist, hat keinen Zugang zum Kaiser. Überlieferung Alle Handschriften haben dieselben Lücken (nach 4, 1 1 6 und i j 2 ) , gehen also auf einen gemeinsamen Archetypus zurück. Die bessere Überlieferung bietet die erste Klasse, vertreten durch den Neapolitanus V A 8 ( Ν ; s. X V ineunt.) und den Gaddianus Laurentianus plut. 90, 1 2 inf. (G; s. X V ineunt.). Die zweite Klasse ( V ) besteht aus schlechteren Handschriften; für 1, 1 bis 4, 1 2 ist der Parisinus 8049 wertvoll (P; s. X I vel XII). Die Scheidung der Eklogen Nemesians (s. diesen) von denjenigen des Calpumius hat erst M . HAUPT vollzogen 1 .

Fortwirken Nicht wenige Autoren sind von Calpumius beeinflußt: Nemesianus (letztes Viertel 3. Jh.), Modoinus, Bischof von Autun (in karolingischer Zeit), Marcus Valerius (12. Jh.), Petrarca (14. Jh.), Ronsard (16. Jh.). Calpumius inspiriert Sannazaros (f 1530) Arcadia und Guarinis (f 1612) Pastor fido sowie Werke neulateinischer Dichter2. Fontenelle (f 1757) gibt Calpumius' erster Ekloge den Vorzug vor der vierten Ekloge Vergils (Discours sur la nature de l'églogue). Geßner (f 1788) ahmt die zweite und fünfte Ekloge in Lycos und Milon und Tityrus, Menalcas nach.

1

M. HAUPT, De carminibus bucolicis Calpurnii et Nemesiani, Berlin 1854 (= Opuscula 1, Leipzig >87$. 358-406). 2 W. P. MUSTARD, Later Echoes of Calpumius and Nemesianus, AJPh 37, 1916, 73-83.

POESIE: E I N S I E D L E R

Ausgaben:

GEDICHTE

787

Bischof von ALERIA (zusammen mit Silius Italicus), Romae apud et A . PANNARTZ 1471. * H . SCHENKL, Calpurnii et Nemesiani Bucolica, Leipzig 1883, Neuausg. in: J. P. POSTGATE, Corpus Poetarum Latinorum, Bd. 2, London 1905. * C. H . K E E N E ( T K , mit Nemesian), London 1887, Ndr. 1969. * D . KORZENŒWSKI (TOA, zusammen mit den Einsiedler Gedichten), Hirtengedichte aus Neronischer Zeit, Darmstadt 1971. * J. A M A T (TÜ), Paris 1991. * ecl. 4: B . S C H R Ö D E R (K), s. unten. * * Index: Vollständiger Index in SCHENKLS Ausgabe. * * Bibl. : R. VERDIÈRE, Le genre bucolique à l'époque de Néron: Les Bucolica de T. Calpurnius Siculus et les Carmina Einsidlensia. Eut de la question et prospectives, ANRW 2, 32, 3, 1985, 1843-1924. G . B I N D E R , in: B . E F F E , G . B I N D E R , Die antike Bukolik, München 1989, 112-130. * W . FRIEDRICH, Nachahmung und eigene Gestaltung in der bukolischen Dichtung des T . Calpurnius Siculus, Diss. Frankfurt 1976. * D. KORZENŒWSKI (S. Ausg.; dort die weitere Literatur). * J. KÜPPERS, Die Faunus-Prophezeiung in der ersten Ekloge des Calpurnius Siculus, Hermes 113, 1985, 340-361. * C. M E S S I N A , T. Calpurnio Siculo, Padova 197$. * G . SCHEDA, Studien zur bukolischen Dichtung der neronischen Epoche, Diss. Bonn 1969. * B. SCHRÖDER, Carmina non quae nemorale résultent. Ein Kommentar zur 4. Ekloge des Calpurnius, Frankfurt 1991 (Lit.). * G. SoRA ci, Echi virgiliani in Calpurnio Siculo, in: Atti del Convegno di Studi virgiliani, Pescara (1981) 1982, Bd. 2, 114-118. ANDREAS,

C . SWEYNHEIM

Anhang: Die Einsiedler Gedichte Die beiden anonymen bukolischen Gedichte aus dem Codex 266 des Klosters Einsiedeln (s. X) sind wohl nach dem Brand Roms (64) entstanden. Man vermutet zwei verschiedene Verfasser. Die Nero-Panegyrik ist so übertrieben, daß man an Parodie gedacht hat (wohl zu Unrecht). Ausgaben: H . H A G E N , Philologus 28,1869, 338-341 (ed. princeps). * S. L Ö S C H , Die Einsiedler Gedichte, Diss. Tübingen 1909. * D. KORZENŒWSKI (TO, Lit.), s. Calpurnius. ** Bibl.: s. Calpurnius. G. B I N D E R (s. Calpurnius) 130-143. * W. SCHMID, Panegyrik und Bukolik in der neronischen Epoche. Ein Beitrag zur Erklärung der Carmina Einsidlensia, BJ 133, 1933, 63-96.

D. D R A M A SENECA Siehe hierzu Kapitel III. C, S. 918-954.

E. F A B E L RÖMISCHE

FABELDICHTUNG Allgemeines

Die Fabel1 ist eine alte volkstümliche Gattung. Ihr Medium ist die Prosa. Ganze Sammlungen von Versfabeln kennen wir erst seit Phaedrus2. Theon (progymn. 3) definiert die Fabel als λόγος ψευδής εικονίζουν άλήθειαν. In diesem allgemeinen Sinne (μΰθος, fabula) kann man auch von der >Fabel< einer Tragödie sprechen. Im engeren Sinne versteht man unter einer Fabel die kurze Erzählung einer Handlung, aus der ein Stück Lebensklugheit gewonnen werden soll. »Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen, diesem besonderen Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel«3. Diese Definition Lessings ist treffend, doch läuft er (auch in seinen eigenen Fabeln) Gefahr, das Moralische zu stark zu betonen; die Lebensweisheit der Fabeln ist meist realistisch-nüchtern. In der älteren Zeit entstehen Fabeln aus einem vorliegenden speziellen Anlaß (Aristot. rhet. 20; 1393a 22—1394b 18; zu dieser Kernstelle s. Literarische Technik).

1 Fabula heißt >ErzählungAugustana< ist wohl erst im 4. J h . n. Chr. entstanden 2 , doch mag sie in einzelnen Fällen die von einem Fabeldichter benutzte Vorlage getreu wiedergeben. Es fragt sich, ob Phaedrus und Babrios aus der gleichen oder aus verschiedenen Quellen schöpfen. Zuweilen stimmen beide gegen die uns sonst bekannte Fabelversion überein: Das beweist, daß es mehr Quellen gab, als wir kennen. Literarische Technik Da in der Fabel meist von Tieren die Rede ist, aber Menschen gemeint sind, kann man diese Gattung mit der Allegorie in Verbindung bringen. So wäre ζ. B. >Fuchs< eine im ganzen Text >durchgehaltene Metapher< (also nach antiker Theorie eine Allegorie) für den Typus des schlauen Menschen. Die Transposition des Geschehens in ein fremdes, niedrigeres Milieu macht die Lehre für den Leser annehmbar, ohne ihn zu verletzen. Weiter in die Tiefe der Texte fuhrt eine rhetorische Analyse, wie sie schon Aristoteles angestellt hat: Fabeln verbinden im aristotelischen 3 Sinne παράδειγμα und ένθύμημα: Die Erzählung (der narrative Kern) dient als Beispiel; ein Enthymema hebt am Anfang (als Promythion) oder besser am Ende (als Epimythion) die Folgerung (das fabula docet) hervor. In der Praxis zeigt sich die Kunst der Fabeldichter nun darin, wie sie diese beiden unterschiedlichen Elemente aufeinander beziehen und ineinander verschränken: Die Lehre braucht nicht immer außerhalb der Erzählung explizit gemacht zu werden; sie kann auch in einer Rede eines Mitspielers 4 enthalten sein. Zuweilen genügt allein die Wahl der Protagonisten, um im Leser Vorerfahrungen wachzurufen, die ein Epimythion überflüssig machen. Promythien und E p i m y thien sind bei Phaedrus innerlich mit der Erzählung verflochten: Sie bilden Orientierungspunkte für die Darstellung der Handlung. 1

Quintilian läßt im Rhetorikunterricht versifizierte Fabeln (also Phaedrus) in Prosa auflösen (inst. 1 ,

9, 2)· 2

3 4

F. R . ADRADOS, G n o m o n 42, 1 9 7 0 , 46 f. m i t Lit.

Aristot. rhel. 20; 1393a 2 2 - i 3 9 4 b 18. Phaedr. 1, 26; 4, 18; E. PERRY 1940, 401.

POESIE:

FABEL

7ÇI

Die Komposition der Fabeln ist vielfaltig, sie läßt sich nicht auf mechanische Formeln reduzieren. Ein wichtiges Prinzip ist brevitas, ein Zug, der übrigens in der Rhetorik traditionell zur narratio gehört. So ist Phaedrus vor allem darauf bedacht, die Handlung zu vereinheitlichen, unnötige Verzögerungen zu vermeiden. Ä u ßere Angaben werden auf das Nötigste beschränkt 1 : Alles steht im Dienste der Darstellung des moralischen Konflikts, bereitet also unmittelbar das Epimythion vor. Der einzelnen Fabel fehlt es nicht an Komposition; sie bildet eine synthetische Einheit. In der komplexen Form spiegelt sich ein differenzierter Inhalt2. Der brevitas dient in der Fabel allgemein die Verwendung von Tiernamen: So evoziert z. B. allein schon das Wort >Fuchs< beim Leser eine bestimmte Rollenerwartung fiir die betreffende Figur. Durch Zusammenstellungen von Tieren wird der Rahmen fur die Handlung von vornherein abgesteckt. Zur antiken Fabel gehört die Konstanz der Charaktere: Daher die Wahl der Tiere, deren Verhaltensmuster ja festliegen. Natürlich können außer Tieren auch bestimmte ausgeprägte Menschentypen, Pflanzen oder leblose Gegenstände Handlungsträger sein. Verwandte Textsorten, die hereinwirken, sind z. B. Aition (Aristoph. av. 471; Platon Phaed. 60 b), Novelle, Schwank, Satire, Anekdote, Parodie (vgl. den Froschmäusekrieg), mythologisches Tiermärchen; bezeichnende Untergattungen sind das Rangstreitgespräch von Tieren (Phaedr. 4, 24) oder Pflanzen (Babr. 64p.

Sprache und Stil Die Fabel stellt Sprache und Stil in den Dienst der Herausarbeitung der moralischen Konflikte (s. Phaedrus). Ellipse und Brachylogie dienen der Beschleunigung des Erzähltempos. Sprachliche Abbreviaturen sind bereits die Tiernamen, die man als physiognomische Zeichen zu entziffern hat. Phaedrus tut ein übriges durch seine Vorliebe für Abstrakta, die das Wesentliche zum Vorschein bringen (z. B. corvi deceptus stupor; s. Phaedrus). Die Spannung zwischen narrativer Oberflächenstruktur und psychologisch-abstrakter Tiefenstruktur läßt sich an der Sprachbehandlung ablesen: Hierin liegt die >Bitonalität< der phaedrianischen Fabel. Zur Kürze gehört auch die sententiöse Formulierung. Daher die Neigung zum Wortwitz und allgemein die Nähe der Fabel zum Sprichwort 4 .

1 Einige Mißgriffe des Phaedrus prangert Lessing in seinen Abhandlungen über die Fabel IV in: grotesk der >sch wimmende« Hund, der sich im (von ihm aufgewühlten, also gewiß nicht spiegelglatten) Wasser spiegeln soll. 2

F. R. ADRADOS, G n o m o n 42, 1970, 4$.

3

E. LEIBFRIED 1967, 27-33.

4

Β . E . PERRY 1 9 5 9 , 2 5 .

792

LITERATUR

DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Nach Phaedrus (3 prol. 33-37) wurde die Gattung Fabel erfunden, weil die servitus obnoxia nicht zu sagen wagte, was sie wollte 1 . Eine besondere Zielrichtung gewinnt die Fabel in einer Zeit allgemeiner Sklaverei wie der Kaiserzeit. Die soziologische Herleitung paßt bereits auf die frühe bei Hesiod bezeugte Fabel und auf den angeblichen Sklavenstand Aesops; dennoch erklärt sie nicht alles an dem Genos. Phaedrus kennt noch einen weiteren Aspekt, der das O b i g e nicht aufhebt, aber doch leicht relativiert: Die Fabel soll zugleich >erfreuen< und >belehrenAppendixinspirierter< Dichter v o n der Hippokrene, sondern ein

semipaganus

(>Halbdichter< oder >HalbbauerEigenbau< herbei (carmen . . . nostrum).

Er

identifiziert sich weder mit lebensfremdem Literatentum noch mit verlogener Klientenpoesie. 1: Persius distanziert sich v o n der verweichlichten Modepoesie und stellt sich in die N a c h f o l g e der römischen Satiriker und der Alten K o m ö d i e . 2: Die Götter lassen sich nicht durch Gaben bestechen, sie sehen das Herz des Beters an. 3: O b e r w i n d e die innere Trägheit und w i d m e dich der Philosophie! Sie ist der wahre Weg zur geistigen Gesundheit. 4: Mahnung zur Selbsterkenntnis an angehende Politiker, die der Staatskunst unkundig sind und ein lockeres Leben fuhren. 5: Dank an den Lehrer Cornutus. N u r der Weise ist frei. 6: Gebrauche deinen Reichtum, statt ihn für deine Erben zu horten. 1 Vita aus dem K o m m e n t a r des Valerius Probus; in dem vorliegenden Kapitel verdankt der Verfasser Wesentliches der großen Sachkenntnis W. KISSELS. 2 Verfehlt F. BALLOTTO, C r o n o l o g i a ed evoluzione spirituale nelle satire di Persio, Messina 1964.

POESIE:

PERSIUS

799

Die Satiren 5 und ι sind die umfangreichsten. Die sechste Satire ist unvollendet. Cornutus hat um der Geschlossenheit willen am Ende einiges gestrichen.

Quellen, Vorbilder, Gattungen Die unmittelbare philosophische Quelle ist der Lehrer Cornutus. Er vermittelt Persius das nötige Wissen, erzieht ihn aber auch durch sein persönliches Beispiel. Dies gilt von dem stoischen Zentralsatz, nur der Weise sei frei (sat. 5). Cornutus vertritt hier mehr als nur die stoische Schule (5, 64): Hinter diesem sokratischen Lehrer (vgl. 5, 37) steht der wahre Weise, Sokrates, der fur die Wahrheit in den Tod ging (sat. 4). Dieser Sokrates spiegelt sich im platonischen Dialog — vgl. die Heranziehung des pseudo-platonischen Alkibiades I in sat. 4. Damit kommen wir von den Quellen zu den Vorbildern. Der dialogische Charakter der Satiren ist genuin sokratisch. Der platonische Dialog steht dabei ebenso Pate wie die kynisch-stoische Diatribe, die bei Persius Form und Inhalt noch mehr bestimmt als bei Horaz. Auch Einfluß des Mimus wird vermutet. Persius selbst beruft sich auf die alte attische Komödie in ihrer gesellschaftskritischen Funktion (1, 123 f.), doch ersetzt er ihre politische Aktualität durch ein Streben nach Allgemeingültigkeit. Als bedeutsamer literarisch-poetischer Hintergrund ist natürlich die römische Satire zu nennen mit Lucilius (Pers. 1 , i i 4 f . ; vita Pers. 10) als Archegeten und Horaz als dem klassischen Vorgänger. Lucilius wird zwar als Inspirator genannt, aber seine direkten Angriffe auf Lebende ahmt Persius nicht nach. Horaz ist fur ihn ein viel wichtigerer Lehrmeister. Horaz hatte die Satire theoretisch nicht als Poesie bezeichnet, aber praktisch zu einer Poesiegattung erhoben, in der das Wort einem höheren Wahrheitsanspruch genügen muß. Dies gilt auch von Persius insofern als er der innerlich unwahren mythologischen Modepoesie Bilder aus dem Leben gegenüberstellt und anstelle von Geldgebern den Spender geistiger Nahrung rühmt. Im einzelnen sind zahlreiche Entlehnungen aus Horaz festzustellen; sie können programmatische Bedeutung haben (5, 14, vgl. Hör. ars 47f.) und sind meist originell abgewandelt. Eine gewisse Häufung horazischer Brocken weist die sechste Satire auf (Pers. 6, 65folgequaerere, vgl. Hör. carm. 1 , 9 , 13; Pers. 6, 76 ne sit praestantior alter, vgl. Hör. sat. 1, χ, 40). Doch ist das Lachen des Persius - wenn es überhaupt erscheint - nicht das entspannte Lächeln des Horaz. Literarische Technik Die Satiren sind als Gespräche - oder als eine Montage von Gesprächsfetzen (>KurzszenenWerkübersichtRezipientenschlichten< Genus: »Wer große Worte machen will, gehe am Helikon Nebel sammeln« (5, 7). Auf unbedingte Ehrlichkeit bedacht, bemüht sich Persius, im höchsten Sinne sachgerecht zu sprechen. Voraussetzung für dichterische Qualität (wie sie Lucan 2 den Werken des Persius zuerkennt) ist, daß beim »Abklopfen« (vgl. sat. 5, 24f.) nichts »hohl« klingt, daß also die Wörter ihren guten und vollen Sinn bewahren (oder wiedergewinnen). Vokabeln, die uns fremd sind, entstammen sehr oft der Alltagssprache (verba togae 5, 14). Der Wortschatz unseres Autors ist nur für den modernen, nicht für den antiken Leser schwierig 3 . Aber die kunstsprachliche Fügung klang auch antiken Ohren fremd. Spannt doch Persius seine Alltagswörter zu ungewohnten Junkturen zusammen: verba togae sequeris, iunctura callidus acri, / ore teres modico (5, 14f.). Die >schneidende< Junktur soll den Leser aufrütteln und zu geistiger Anstrengung anspornen. Den zugleich anschaulichen und schwierigen Stil des Persius illustriert folgende Stelle: Disce, sed ira cadat naso rugosaque satina, / dum veteres avias tibi de pulmone 1

2 3

Z . B . Tod (sat. 3), Homosexualität (sat. 4), Land und Meer (sat. 6).

Vita Persii 5.

Vgl. W. KISSEL, Kommentar 1990, Einleitung.

POESIE:

PERSIUS

801

revello (5, 91 f.). Um seine Gedanken, soweit irgend möglich, mit Fleisch und Blut zu umkleiden, wählt Persius - hierin Horaz ähnlich - kühne Metonymien. Auch hat er die spezifisch poetische Fähigkeit, Metaphern wörtlich zu nehmen und dadurch der Sprache neue Lebendigkeit zu verleihen1. Bei den >Bildercollagen< wird dem Leser einiges an geistiger Beweglichkeit abverlangt. Zu den Mitteln der Verstärkung gehört auch die Hypallage und der gedrängte, sinnschwere Ausdruck. Persius prägt unvergeßliche Sentenzen: o curas hominum, o quantum est in rebus inane! (1, 1); 0 curvae in terris animae, o caelestium inanes! (2, 61); dicite, pontífices: in sancto quidfacit aurum? (2, 69). Dabei erfüllt er zugleich das stoische Stilideal der Kürze: tecum habita (4, 52); quis leget haec? (1, 2); vel duo vel nemo (1, 3); vive memor leti: fiigit hora: hoc, quod loquor, inde est (5, 153). Metrisch schließt sich Persius, wie es der Gattung entspricht, an die Hexametertechnik der Horazischen Satiren an; man sieht dies an der Behandlung der Synaloephen und an der Duldung von Monosyllaba am Versende. Der Einfluß der Normierung des Hexameters seit Ovid zeigt sich in der Bevorzugung der Penthemimeres. Gedankenwelt I Literarische Reflexion Die Theorie der Wortwahl wurde bereits unter Sprache und Stil behandelt. Die poetische Theorie offenbart der Prolog: Die >Wahrheit< der Poesie des Persius steht zwischen zwei Fronten, bedroht von zwei gegensätzlichen Arten der Lüge: hier der phantastischen mythologischen Dichtung, dort der verlogenen Klientenpoesie. Der traditionelle Trunk des Dichters an der Hippokrene - Persius nennt sie verächtlich den »Gaulsquell« - wird im Prolog stolz-bescheiden verschmäht; aber in der fünften Satire ist dennoch die Muse gegenwärtig. Sie ermahnt Persius, dem Lehrer sein Innerstes zu offenbaren, der seine Worte auf ihre Echtheit prüfen soll (5, 25). Das kallimacheische Gespräch mit dem Mahner Apollo (hymn. Apoll. 105-112) ist entmythologisiert zu einem inneren Dialog mit dem Lehrmeister. Um angemessen auszudrücken, was er Cornutus verdankt, greift Persius freilich auch nach Mitteln des theoretisch von ihm gemiedenen hohen Stils. Oberste Richtschnur seines Schreibens ist also nicht Stiltheorie, sondern Sachgerechtigkeit. Für Persius ist der Dichter ein Lehrer der Gesellschaft. Doch wie verträgt sich diese Auffassung mit seinem Verzicht auf Breitenwirkung? Es geht ihm zunächst um die klare Bestimmung des eigenen Standorts. Die persönliche Ehrlichkeit hat den Vorrang vor Kompromissen mit dem Publikum. Sein Verhältnis zu Sprache und Literatur läßt sich nicht von seiner ethischen Haltung trennen. 1

W. KuGLER

I94O.

802

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Gedankenwelt II Persius ist ein Sohn seiner Zeit und lebt nicht im elfenbeinernen Turm, sondern im Kreise gebildeter Männer, darunter auch oppositioneller Senatoren. Das Vergraben des Geheimnisses von Midas' Eselsohren (i, 121) könnte eine Anspielung auf Nero sein (in den carmina Einsidlensia wird Nero als neuer Midas gefeiert). Auch mag die an Alkibiades gerichtete Predigt (sat. 4) Nero meinen. Aber Persius ist vorsichtig - er legt sich nicht fest; seine Deuter sollten dies respektieren. Philosophie ist fur Persius fast eine Religion; in dieser Beziehung erinnert er an Marc Aurel oder Epiktet. Eine ganze Satire (sat. 2) handelt vom unrechten Beten als Folge moralischer Dekadenz des Menschen. In der Warme persönlichen Bekennens scheinen sich augustinische Töne anzukündigen: quod latet arcana non enarrabile fibra (5, 29). Seine Bekehrung verdankt Persius dem Lehrer Cornutus, den er tiefer verehrt als Alkibiades den Sokrates. Der große griechische Weise wird geradezu gegenwärtig vorgestellt (vgl. 4, if.): »Nimm an, dies sage Sokrates.« Die Ernsthaftigkeit persianischen Bekennens und Predigens ist nicht mit schulmäßiger Enge zu verwechseln; die Gestalt des Sokrates beschwört die Atmosphäre des platonischen Dialogs. Die stoische Deutung der Beziehung zum Lehrer als Sternenfreundschaft (5, 45-51; vgl. Hör. carm. 2, 17) ist zu ergänzen durch eigenes Erleben und die Erinnerung an Horazens Dankbarkeit gegenüber seinem Vater, der sich um seine Erziehung persönlich kümmerte. Weisheit (sat. 5), Selbsterkenntnis (sat. 4) und Freiheit (sat. 5) sind wichtige Themen. Es überrascht, bei einem jungen Menschen so viel Altersweisheit zu finden, die manchmal weniger an den Horaz der Satiren als an den der Episteln gemahnt - allerdings ohne den verzeihenden Humor des Venusiners. Freilich bedarf alt und jung der Philosophie (5, 64; Hör. epist. 1, 1, 24f.), ein Gedanke, der letztlich auf Epikurs Brief an Menoikeus zurückgeht. In der unvollendeten sechsten Satire spricht Persius vom rechten Gebrauch der Glücksgüter. Hier steht er dem horazischen carpe diem nahe und entfernt sich von der Stoa. Er ist weniger dogmatisch, als man manchmal behauptet hat. Überlieferung Die Oberlieferung ist zugleich breit - es gibt zahlreiche Handschriften - und sehr gut; blieb doch der Text dank seiner Schwierigkeit vor Eingriffen verschont. Wegen seines Alters ist ein Palimpsestfragment (folia Bobiensia) erwähnenswert: Vaticanus Latinus 5750 (s. VI). Die Kritik stützt sich auf drei vorzügliche Handschriften: Montepessulanus Pithoeanus, bibl. med. 125 (P; s. I X , eine Iuvenal-Handschrift); Montepessulanus (A; bibl. med. 2 1 2 , s. X ) ; Vaticanus tabularli basilicae H 36 (Β; s. X ) . Die beiden letzteren sind Abschriften eines Archetypus und gehen auf die sog. Rezension des Sabinus (von 402) zurück. Die Choliamben sind in Ρ erst von späterer Hand nachgetragen; in A und Β stehen sie am Ende, doch zeigt ihre subscriptio, daß die Einordnung an dieser Stelle nur zufällig erfolgt ist. Es spricht also nichts dagegen, die Choliamben als Prolog zu betrachten.

POESIE: PERSIUS

803

Fortwirken Das Werk des Persius findet sogleich ein starkes Echo. Autoren wie Lucan (s. o.), Martial (4, 29, 7f.), Quintilian (10, 1, 94) schätzen ihn; die Schule weiß - in Antike und Mittelalter - ständig seinen erzieherischen Wert zu nützen (vgl. z. B. Hieronymus, adv. Rufin. 1, 16). Schon früh wenden Editoren (Probus inflavischerZeit und Sabinus 402) und Erklärer ihm ihren Fleiß zu - seine >Dunkelheit< (vgl. loh. Lydus, de mag. 1, 41) mag ein zusätzlicher Anreiz gewesen sein. Die Marginal- und Interlinearscholien der älteren Handschriften haben einen antiken Kern. Seit dem 9. Jh. gibt es außerdem zusammenhängende Kommentare, von denen das Commentum Leidense genannt sei. Das sog. Commentant Cornuti (9-Jh.) schreibt man neuerdings Heiric von Auxerre zu; im 10. Jh. kommentiert Remigius unseren Autor, im 14. Jh. Paolo da Perugia. Nicht nur lernt man einzelne Sentenzen des Persius im Unterricht, sondern man schätzt ihn überhaupt als aureus auctor. Bernhard von Clairvaux, der den Sinn der Menschen auf innere Werte lenken will, verwendet Pers. 2, 69: Dicite, pontífices: in sancto quidfacit aurum? (De mor. et off. 2, 7 = PL 182, col. 815 D). Iohannes von Auville freilich (letztes Viertel des 12. Jh.) stellt im Architrenius (Buch 5) Persius - als Nachbeter des Horaz - auf dem »Hügel der Anmaßung« dar. Luther, der die Satiriker aus den Schulen verbannen möchte, fuhrt immerhin das denkwürdige Wort über die zur Erde gebeugten Seelen an (2, 6i)'. Wie einst Bernhard von Clairvaux zieht Calvin die Verse 2, 69 f. heran2: ein weiterer Beweis dafür, wie tief die Reformatoren in spätmittelalterlichen Traditionen verwurzelt sind. Petrarca, Skelton und wohl auch Spenser kennen unseren Dichter. Die Satiren von Sir Thomas Wyat ("{" 1542) zeugen von Persius-Lektüre. Der Nachruf auf Ophelia in Shakespeares Hamlet (»Lay her i' the earth, / And from her fair and unpolluted flesh / May violets spring!«) ist eine Persius-Reminiszenz (1, 38f.), vermittelt durch die erklärenden Anmerkungen zu Mantuanus' Elegien. Michel de Montaigne zitiert Persius immerhin 23 mal. Der schwierige Autor findet in der frühen Neuzeit zunächst nur wenige Übersetzer: zwei französische (Abel Foulon 1544 und Guillaume Durand 1575), einen italienischen (Giovanni Antonio Vallone 1576); mit Abstand folgen Engländer (Barten Holyday 1616) und Deutsche: Kein Geringerer als Martin Opitz verschafft dem Persius-Prolog durch eine Nachdichtung in eleganten Alexandrinern (1639) bei uns ein selbständiges Nachleben; die erste vollständige Verdeutschung ist von Johann Samuel Adami (1674); ihm folgt als Tadler der GottschedAnhänger Johann Daniel Hey de (Leipzig 1738).

1 Luther, Op. ex. 17, 297; mitgeteilt bei O . G . SCHMIDT, Luthers Bekanntschaft mit den antiken Klassikern, Leipzig 1883, 36. 2

G . F. HERING 1 9 3 5 , 2 9 ;

17s.

804

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

1

J . C. Scaliger warnt angehende Poeten davor, in der Art des Persius mit abstruser Gelehrsamkeit zu prunken, statt sich verständlich zu machen. In kritischer Auseinandersetzung mit ihm fördert Isaac Casaubonus das Verständnis für Persius und die Satire überhaupt durch eine Abhandlung, die er seiner epochemachenden Persius-Ausgabe von 1605 anfügt. Eine wahre Auferstehung feiert unser Autor in einem Dreigestirn junger Dichter: John Donne (f 1631), Joseph Hall (t 1656) und John Marston (f 1634). Den »klassischem Satirikern der sogenannten Barockzeit freilich (Boileau2, Pope) bleibt — trotz aller Kenntnis, ja Bewunderung - die bunte und kräftige Sprache unseres Dichters eher fremd. John Dryden übersetzt und würdigt Persius (1693): Kanzelredner, so meint er, sollten sich Persius zum Muster nehmen, statt über Dogmen zu streiten. Die zweite Satire wird in Deutschland von Rachel (f 1669) und Moscherosch (t 1669) nachgeahmt; letzterer wendet sie gegen die »Heuchel- und Maul-Christen«; Persius' dritte Sarire inspiriert Giuseppe Panni (f 1799) zu dem Meisterwerk II giorno. Von J. G. Herder ("j" 1803) besitzen wir einfühlsame Nachdichtungen des Prologs und der Satiren 1, 3 und 5. F. H. Bothe veröffentlicht in seinen Vermischten satirischen Schriften (Leipzig 1803) einen humoristisch Modernisierten Persius. In seiner Universalhistorischen Übersicht der Geschichte der alten Welt (3, 1, Frankfurt/M. 1830, 419-421) stellt Friedrich Christoph Schlosser Persius dem Rang nach neben Tacitus und läßt sich von ihm sagen, das Bewußtsein, recht und treu gelebt zu haben, verleihe höhere Seligkeit als alle Künste und Üppigkeiten. Dagegen erneuert Theodor Mommsen in seiner Römischen Geschichte ( 4 i, 236) das moralisierende Verdikt des mittelalterlichen Architrenius und würzt es mit einem Schuß Poesiefeindlichkeit: Persius ist für ihn »das rechte Ideal eines hofifartigen und mattherzigen, der Poesie beflissenen Jimgen«. In A Rebours (Kap. 3) spricht JorisKarl Huysmans (f 1907) von den »geheimnisvollen Einflüsterungen« des Persius, die jedoch den Leser kalt lassen. Neuerdings stellt man zur Debatte, ob Kafka der moderne Persius sei3; denkt man dabei an die Kompromißlosigkeit im Sprachlichen wie im Ethischen? Ausgaben: Ulrich H A N ( G A L L U S ) , Romae 1469 oder 1470. * I. C A S A U B O N U S (TK), Paris 1605. * O . J A H N (T und Scholien), Leipzig 1843, Ndr. 1967. * J . C O N I N G T O N (TÜK), Überarb. H. NETTLESHIP, Oxford '1893, Ndr. 1967. * F. VILLENEUVE (TK), Paris 1918. * G . G . R A M S A Y (TO, mit Iuvenal), London 1918. * O. SEEL (TÜ), München 1950, '1974. * W. V. C L A U S E N , Oxford 1956. * Ders., Oxford 1992 (rev.) (mit Iuvenal). * D. B o (TA, Index, Bibl.), Torino 1969. * Ν . R U D D ( Ü ) , Harmondsworth 1973. * A. L A P E N N A , E . B A R E L L I , F. B E L L A N D I (TOA), Milano 1979. * J . R. JENKINSON (TÜA), Warminster 1980. * L. G U Y , W. B A R R (TÜK), Liverpool 1987. * W. KISSEL ( T Ü K , Bibl.), Heidelberg 1990. * * Index, Lexikon, Konkordanz: L. B E R K O W I T Z , T. F. B R U N N E R , Index verborum quae in saturis Auli Persi Flacci reperiuntur, Hildesheim 1967. * D. B o , Persii Lexicon, 1 2

Poetices libri VII, Lyon 1561, Ndr. 1964, 149. Perse en ses vers obscurs, mais serrés et pressons, / Affecta d'enfermer moins de mots que de sens (L'art

2, 155 f.). 3

O. SEEL, Ausgabe τ iç.

poétique

POESIE:

PERSIUS

805

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8o6

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IUVENAL Leben, Datierung D. Iunius Iuvenalis wird von Martial als Deklamator erwähnt (Mart. 7, 24; 91). Er fuhrt in der Hauptstadt zunächst ein Klientendasein (Mart. 12, 18). Die erste Satire datiert man nach ioo 1 , die sechste nach 115 2 , die siebte bald nach Hadrians Amtsantritt, die letzten (vgl. 13, i6f.; 15, 27) nach 127. Er besitzt immerhin einen agerTiburtinus(ii, 65), Lares paterni und Sklaven(i2, 83-85). Aquinum ist ein Ort, der ihm persönlich etwas bedeutet (3, 318-322) 3 . Ägypten kennt er aus eigener Anschauung (15, 45).

1 Die Verurteilung des Marius Priscus (99/100) ist 1, 49 erwähnt; natürlich braucht die Satire nichl sofort nach diesem Datum entstanden zu sein. 2 In jenem Jahr wird in R o m ein Komet, in Antiochia ein Erdbeben beobachtet (6, 398). 3 Aus Aquinum gibt es eine Inschrift eines Iuvenalis (CIL 5, 5382 = DESSAU 2926), doch ist dessen Identität mit dem Dichter zweifelhaft. Von den zahlreichen Vitae hat nur eine einen antiken Kern; auch ihre Angaben sind verdächtig, einschließlich der angeblich von einem histrio veranlaßten Verbannung nach Ägypten.

POESIE:

IUVENAL

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Wcrkiibcrsicht 1 (Vom Satirenschreiben): Die quälenden Rezitationen der Pseudopoeten fordern zur Rache heraus: Iuvenal will selbst schreiben (1-21). Zur Satire zwingt die Unnatur der sozialen Verhältnisse (22-30), der Verfall der Sitten (30-62) und die Unverschämtheit, mit der er sich zur Schau stellt (63-80). Gegenstand der Satire ist alles, was Menschen tun; nie war der Stoff reicher als zu Iuvenals Zeit (81-146). Satiriker leben gefahrlich; daher sollen nur Verstorbene genannt werden (147-171). 2 (Erste Männersatire): In einer aufsteigenden Reihe werden zunächst Kinäden angeprangert, die sich als Moralprediger tarnen (1-65), dann Cretiens, der transparente Kleider trägt (65-83), weiter männliche Verehrer der Frauengöttin Bona Dea (83-116), schließlich der altadlige Gracchus, der sich von einem Mann in aller Form heiraten läßt (117-148). Was sollen die ruhmreichen Vorfahren und die besiegten >Barbaren< von solchen > römischen Sitten< denken (149-170)? 3 (Romsatire): Umbricius hat recht, Rom zu verlassen; dort herrschen viele - griechischorientalische - Mißbräuche, und man findet keine Rechtschaffenheit (1-189). Außerdem bedrohen den armen Poeten in der Großstadt z. B. Feuersbrünste, einstürzende Häuser, auf die Straße geleerte Töpfe, nächtlicher Verkehrslärm (3, 236-238) und sogar Räuber (190-322). 4 (Der große Fisch): Erst wird der Schwelger Crispinus, eine Kreatur Domitians, verspottet (1-33), dann der Kaiser selbst (34-154). Nach der Schwere der erwähnten Vergehen läßt sich die Satire auch folgendermaßen gliedern: scelera (1-10); leviora (11-33); nugae (34-149); scelera (150-154). 5 (Leiden eines Klienten beim Gastmahl): Der Patron läßt dem Klienten schlechtere Speisen vorsetzen - nicht etwa aus Geiz, sondern um ihn zu demütigen. 6 (Frauensatire): Wer der lex Iulia gehorcht und heiraten will, findet keine sittenstrenge Frau mehr (1-59). Römerinnen lieben Schauspieler und Gladiatoren (60-113); die Kaiserin macht den Dirnen Konkurrenz (114-135). Wer seiner Gattin ein gutes Zeugnis ausstellt, ist durch Reichtum oder Schönheit bestochen (136—160). Die wenigen anständigen Frauen haben andere Fehler, z. B. Hochmut oder Gräkomanie (161-199). Der brave Ehemann verliert jegliche Freiheit (200-230); die Schwiegermutter gibt ihrer Tochter böse Ratschläge (231-241). Frauen agieren als Advokaten, ja sogar als Gladiatoren (242-267); erwiesene Untreue überspielen sie durch Unverfrorenheit (268-285). Wohlstand ist die Wurzel des Sittenverfalls (286-365). Frauen schwärmen fur Eunuchen oder Musikanten, mischen sich in die Tagespolitik ein, schikanieren arme Nachbarn oder prunken mit Gelehrsamkeit (366-456). Ehe Dame aus guter Familie nimmt nur Rücksicht auf ihren Hausfreund, nicht auf ihren Gemahl; sie quält ihre Dienerinnen. Priestern und Wahrsagerinnen bringt sie jedes Opfer; aber Kinder und Mann bringt sie um (457-661). 7 (Intellektuelle in Rom): Trostlos ist die Lage der EHchter (1-97), Historiker (98-104), Anwälte (105-149), Rhetoren (150-214) und Grammatiker (215-243). 8 (Von wahrem Adel): Es ist widersinnig, mit Ahnenbildern zu prunken und selbst ein unsittliches Leben zu fuhren wie z. B. Rubellius Blandus (1—70). Nur eigenes Verdienst sichert den Adel: Charakterfestigkeit im Privatleben, Ehrlichkeit und Milde in der Amtsführung (71-145). Negative Beispiele (146-268). Besser ist es, von bescheidener Herkunft und tüchtig zu sein, wie dies ja auch von Roms Stammvätern gilt (269—275). ρ (Zweite Männersatire): Gegen die unnatürliche Neigung der Männer auf das eigene Geschlecht. Naevolus soll unbewußt sich selbst verurteilen. 10 (Worum soll man die Götter bitten?): Nur Unheil bringt uns der Wunsch nach äußeren Gütern (1-55) wie Macht (56-113), Beredsamkeit (114-132), Kriegsruhm (133-187), langem Leben (188-288), Schönheit (289-345). Die Götter wissen besser, was fur uns gut

8o8

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

ist; wir müssen um gesundes Denken und Charakterstärke bitten; wenn wir klug sind, hat Fortuna keine Macht über uns (346-364). 11 (Vom Glück des einfachen Lebens): A u f ein Bild der Luxusgesellschaft, die über ihre Verhältnisse lebt ( 1 - 5 5 ) , folgt die Vorfreude auf ein frugales Mahl, zu dem Persicus zu k o m m e n versprach; so sollen die Genüsse wieder kostbar werden (56-208). 12 (Erbschleichersatire): lu venais Opferfest aus Anlaß der Rettung des Catullus ist über den V o r w u r f der Erbschleicherei erhaben, da der Freund natürliche Erben hat. 13 (Vom bösen Gewissen): Calvinus hat einem Freund zehntausend Sesterzen geliehen (71); dieser leugnet die Schuld ab. Iuvenal versucht, Calvinus über den Verlust zu trösten und v o m Streben nach Vergeltung abzubringen. Gewissensqualen sind die schlimmste Strafe. 14 ( Ü b e r Erziehung): Schlechtes Verhalten der Eltern reizt die J u g e n d zur Nachahmung (1-58). M a n sollte den eigenen Kindern zuliebe sich so zusammennehmen, w i e man es zu Ehren eines Gastes tut (59—69). Das K i n d wird unsere Handlungsweise übernehmen; Beispiele (70—106). Wir erziehen unsere J u g e n d zur Habgier (107-209). Unglückselige Folgen des Wohlstandsdenkens ( 2 1 0 - 3 1 4 ) . Notwendigkeit einer Selbstbeschränkung (315-331)· 15 (Kannibalismus in Ägypten): Die Satire schildert einen Religionskrieg zwischen zwei Ortschaften, w o b e i der Fanatismus in Kannibalismus ausartet ( 1 2 7 n. Chr.). 16 (Militärsatire): Die unvollständig erhaltene Satire handelt von der bevorzugten Stellung des Soldaten und der Rechtlosigkeit des Zivilisten. Quellen, Vorbilder, Gattungen Iuvenal steht in der Tradition der römischen Satire. E r beruft sich, w i e zu erwarten, auf die A l t e K o m ö d i e der Griechen, Lucilius und Horaz. Persius und Martial kennt er, ohne sie zu nennen; v o n dem letzteren verwertet er zuweilen ganze E p i g r a m m g r u p p e n 1 . I m ganzen sind die B e r ü h r u n g e n mit Martial w o h l wichtiger als die Parallelen zu H o r a z . V o n Untergattungen w i e dem E i n l a d u n g s gedicht finden sich R e f l e x e in der elften Satire; der T y p u s des Dankopfergedichts w i r k t in der z w ö l f t e n herein. N i c h t lange vor Iuvenal lebte ein Satiriker Turnus, der vielleicht der E r f i n d e r der >deklamatorischen< Satire ist 2 . D i e Eigenart v o n Iuvenals Satiren bringt es mit sich, daß der Kreis der Quellen und Vorbilder sehr w e i t g e z o g e n w e r d e n muß. D e r >pathetische< Charakter deutet auf den Bereich der hohen D i c h t u n g hin - Tragödie und E p o s ; hierauf w e r d e n w i r zurückkommen.

D a s Erotische ergibt A n k l ä n g e an die Elegie; so w i r f t die

Schilderung des obsequium (luv. 3 , 1 0 0 - 1 0 8 ; Ο ν . , ars 2, 1 9 9 - 2 1 4 ) im Rückblick einiges Licht auf den >Satiriker< O v i d . V o r allem aber bestehen B e r ü h r u n g e n mit der Deklamation, die Iuvenal als j u n g e r M a n n gepflegt hat. E r b e w u n d e r t C i c e r o als Redner und Staatsmann (ζ. B . 8, 2 4 4 ; 1 0 , 1 1 4 ) ; auch Quintilian nennt er mit Respekt. C i c e r o s Schicksal ist ein beliebter Deklamationsstoff, ebenso das T o l s t o j - T h e m a »Wieviel E r d e braucht der M e n s c h ? « ; man exemplifiziert es gern an A l e x a n d e r dem Großen (vgl. 1 4 ,

1

2

J . ADAMIETZ 1 9 7 2 .

Vgl. Joh. Lydus, De magistratibus 1, 41; M.

S. xxviii.

COFFEY

1979, gegen A. E.

HOUSMAN,

Ausg. Ί 9 3 1 ,

POESIE: I U V E N A L

809

311), dem die Welt zu klein ist und doch ein Grab genügen muß. Iuvenals Satiren kann man als deklamatorische Invektiven< betrachten 1 . Als »Predigen kann Iuvenal an Seneca und besonders an dem pathetischen Lukrez nicht vorbeigehen. In der dreizehnten Satire sind Elemente der Konsolationsliteratur verwendet. Z u Tacitus besteht eine innere Verwandtschaft 2 .

Literarische Technik Iuvenals schriftstellerische Grundhaltung ist rhetorisch. Seine Satiren bieten umfassende Zusammenstellungen sprechender Fakten unter einem mehr oder weniger einheitlichen Gesichtspunkt, meist im Hinblick auf ein >ÜberredungszielUnordnung< wohl den Eindruck inspirierter Fülle erwecken. Geglückt ist der Rahmen der zwölften Satire: Die Opferfeier anläßlich der Rettung des Freundes aus Seenot erlaubt, das Thema >Erbschleicherei< mit Anmut zu behandeln. Die achte Satire beginnt und endet mit der Herausarbeitung des Widerspruchs zwischen edler Herkunft und unedlem Verhalten. Die vierte Satire, die oberflächlich betrachtet aus zwei aneinandergereihten Teilen besteht, erhält dadurch eine Rahmenstruktur, daß am Anfang und am Ende schwerere Vergehen {scelerà), dazwischen leichtere Verfehlungen behandelt werden. Reizvoll ist die dialogische Inszenierung der neunten Satire: Im Gespräch mit einem Vertrauten soll Naevolus, ohne es zu bemerken, sich selbst verurteilen. Freilich finden sich auch Themenüberschneidungen und -Verschiebungen, wie sie Horaz liebt (z. B. sind in der zweiten Satire Sittenverfall, Heuchelei und Homosexualität miteinander verknüpft). Die Form, die viele Leser verwirrt, ergibt sich aus der Verbindung einer stofflichen Gliederung mit dem Streben nach lebhaften Antithesen in der Ausfuhrung: In der dritten, fünften und elften Satire erscheinen in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder Gegensätze wie »Stadt und Landarm und reichhohen< Literaturgattungen. Nach Iuvenals Definition ist die Satire v o m Gegenstand her allumfassend (1, 85 f.) - in diesem Sinne ist sie ein zeitgemäßer Ersatz für das angestaubte Epos. Die Berufung auf den sophokleischen K o t h u r n (6, 634-636) schließt einen Wetteifer mit der Tragödie ein. luvenal hat das Wesen der Gattung >Satire< verändert. Schon Persius hatte manchmal - z. B. sat. 5 - einen feierlichen Ton angeschlagen. Von der Indignation hat sich luvenal nie prinzipiell losgesagt; das >demokritische< Lachen in den späteren Satiren ist kein >Gegenprogrammweise< luvenal der späteren Satiren seine früheren Positionen nicht auf. 1 S c h w a r z e und weiße V ö g e l stehen stellvertretend für große und kleine Sünder: Dal vetiiam corvis, vexat censura columbas (2, 63). 2 E . COURTNEY, K o m m . 1980, 4 9 - 5 5 . 1 Auslautendes -0 kann gekürzt werden (3, 232; 1 1 , 1 1 ) ; anlautendes fr- bildet keine Position (14, 5).

POESIE: I U V E N A L

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Hellsichtig erkennt der Autor die Gefahren, die der römischen Literatur ein Ende machen: Rückgang des Mäzenatentums und modische Bevorzugung des Griechischen. Im Unterschied zu Kaiser Hadrian - dem Exponenten einer philhellenischen Epoche - ist der Dichter ein Parteigänger des Lateins; zwar streut auch er gelegentlich Griechisches ein, so den göttlichen Ruf γ ν ώ θ ι σεαυτόν (ι 1, 27); doch verabscheut er die affektierte Vorliebe der Damenwelt fur griechische Floskeln (6, 184-199). Immerhin läßt er zu Hause beim Mahl auch Homer vorlesen (11, 180). Doch da er keine teuren orientalischen Sklaven hat, rät er seinem Gast: »Bestelle auf lateinisch« (11, 148). Iuvenal sieht im Kaiser die letzte Hoffnung fur die römische Literatur (7,1 ). Trotz der Stiftung von Bibliotheken unter den >guten Kaisern< ist der Warnruf des letzten Dichters der silbernen Zeit ungehört verhallt. Im glücklichstenJahrhundert< R o m s sind lebende lateinische Autoren zumeist weder glücklich noch überhaupt gefragt.

Gedankenwelt II Angriffe auf Zeitgenossen sind in R o m weniger üblich als in Griechenland; zuletzt hat Domitian Spottschriften auflebende Standespersonen verboten (Suet. Dom. 8, 3). Deshalb ist Iuvenal gezwungen, seine Beispiele in der Vergangenheit zu suchen. Seinen Lesern ist der aktuelle Bezug trotzdem klar. A u f Grund dieser sozialen Voraussetzungen darf man Iuvenal den V o r w u r f der Fixierung auf die Vergangenheit nicht machen. Iuvenals ethische Kategorien sind altrömisch. Manchmal greift er noch weiter zurück: auf die Urmenschen (6, 1—13). Da sich — mit zunehmendem Wohlstand (6, 292-300) - die Wirklichkeit denkbar weit v o n den Anfangen entfernt hat, sind Iuvenals Aussagen von Paradoxien geprägt. Dabei will er nicht etwa vorgegebene ethische Begriffe illustrieren, sondern konkrete soziale und moralische Erscheinungen beschreiben. Der ethnischen Veränderung der Bevölkerung R o m s entspricht ein Wandel der religiösen Überzeugungen. Isis, unter Augustus und Tiberius noch nicht geduldet, erhält jetzt zahllose Votivtafeln von dankbaren Gläubigen (12, 28); so gibt sie den Malern Brot. Man schwört bei ihr-natürlich auch Meineide (13,93); an ihrem Tempel blüht die Prostitution (9, 22; 6, 489); dennoch übt diese Göttin auf das Leben der Matronen einen tiefgehenden Einfluß aus (6, 522-541). Auch ist es Mode, sich von Jüdinnen fur ein paar Münzen wahrsagen und Träume deuten zu lassen (6, 542-547). Felsenfest glaubt man an Astrologie (6, 553-556), wie wir dies bereits bei Tiberius beobachten konnten. Die Orientalen herrschen in R o m , das eine Griechenstadt geworden ist (3, 60f.). Diesen Bürschchen, die in allen Sätteln gerecht sind (natio comoeda est 3, 100), ist nichts heilig (3, 109-112). Das hat seine Rückwirkungen auf die Enkel des Romulus: Man läuft in griechischen Gewändern herum und treibt so unrömische Dinge wie Ringsport; die Toga trägt mancher erst im Tode (3, 172).

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L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

Iuvenal übt auch Kritik an der römischen Plutokratie: quantum quisque sua nummorum servai in arca, / tantum habet et ßdei

(3, 143 f.)· Kredit, w e m Kredit

gebührt! Der Patron, der seinen Klienten einlädt, ist knauserig und behält sich selbst die besten Dinge vor (dives tibi, pauper amicis 5, 113). Dabei will er seine Macht beweisen und den >Freund< demütigen. Ein Schwelger läßt die für Rom lebensnotwendige Landwirtschaft verkommen, nur damit er Trüffel genießen kann (5, 116-119). Wer arm ist, braucht fur den Spott nicht zu sorgen (3, 147-163). Im Unterschied zu solcher Kritik handelt die zwölfte Satire nicht v o m mercator avarus, sondern v o m Umdenken, der Bereitschaft, das wahre Leben durch den Verzicht auf materielle Güter zu erkaufen 1 . Der Kaiserhof befaßt sich mit unwesentlichen Dingen - zum Beispiel einem großen gefangenen Fisch — unnötig lange; Domitian ist erst gefallen, nachdem er sich beim Volk unbeliebt gemacht hatte (luv. 4). Die Frauensatire zeigt Iuvenal insofern von einer typischen Seite, als er grobe Verfehlungen und kleine, fast liebenswerte Schwächen mit gleicher Unerbittlichkeit geißelt. Grundsätzlich streifen die Lösungen, die er anbietet, - mit Ausnahme der philosophischen — alle ans Absurde: Die Ehe ist für alle Römer abzulehnen, weil alle Frauen schlecht sind (Satire 6); alle armen Römer sollten längst aufs Land gezogen sein (3, ió2f.); Trebius sollte lieber unter Tiberbrücken schlafen als sich von Virro einladen lassen (5, 8f.). Da Iuvenals Satire im Laufe der Zeit aufs ganze gesehen milder zu werden scheint, hat man vermutet, nur die früheren - angriffslustigen - Satiren seien von ihm verfaßt, die späteren von einem Nachahmer 2 . Z w a r geht diese Annahme zu weit, doch muß man sich fragen: Ist der Satiriker altersschwach geworden? Wählt er für sich jeweils eine andere persona? Hat sich sein Zugang zum Gegenstand wirklich verändert? Immerhin besteht ein gewisser Gegensatz zwischen der >versemachenden Indignation< in den früheren (1, 79) und dem >Geist, der nicht zu zürnen weißjungen< Iuvenal zum Sozialrevolutionär zu stempeln - denn sein Zorn gilt nicht nur Reichen, sondern auch Homosexuellen, Frauen, Pseudopropheten, und seine moralischen Kriterien sind konservativ von Anbeginn - , so ist doch die Stellung gegenüber den Reichen am Anfang seiner Karriere für einen antiken Autor ungewöhnlich anklagend; auch gilt materieller Wohlstand noch für erstrebenswert; später wird — dem Geist der Diatribe entsprechend — Reichtum als Obel und A r m u t als Gut behandelt 3 . Weicht also die Indignation (z. B. der ersten, 1 V g l . H o r . carm. 3, 29 und Berichte über Krates und Aristipp ( G n o m . Vat., ed. L. STERNBACH, Berlin 1963, N r . 39 und 387). 2 O . RIBBECK, D e r echte und der unechte Juvenal, Berlin 1865. 3 Bei N a c h t auf der Straße ist in 3, 283-28S der Reiche sicher, in 10, 69 der A r m e ; in 3, 235 kann der Reiche ruhig schlafen, in 10, I9f. hat gerade er keine Ruhe.

POESIE: IU VEN AL

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dritten und fünften Satire) dem >demokritischen< Spott? Aber Demokrit hat in der zehnten Satire nicht die programmatische Funktion, die man ihm manchmal zuschreibt. Iuvenal mag »philosophischen geworden sein (vielleicht weil er nun selbst Haus und H o f besitzt: n , 65; 12, 83—92); und in der Tat werden in den Satiren 10, 13, 14 und 15 Ansichten von Philosophen herangezogen, um die ethische Paränese zu stützen; auch richtet sich die Kritik jetzt weniger auf einzelne soziale Mißstände (Zerstörung der Klientel: sat. 5, wirtschaftliche N o t der Literaten: sat. 7, sexuelle Korruption der führenden Schicht: sat. 2) als vielmehr auf jeweils ein bestimmtes Vitium (Verkehrtheit der Wünsche: sat. 10, Schlemmerei: sat. I i , Erbschleicherei: sat. 12). Doch bedeutet dies keinen grundsätzlichen Wandel: Das Feuer der Indignation ist noch keineswegs erloschen, wie die Satiren 13, 14 und 15 zeigen; die vierzehnte prangert einen konkreten Fall an; die späte Soldatensatire ist nicht weniger sozialkritisch als die relativ frühe Frauensatire. Von dem gelösten Lachen eines Demokrit ist auch der gealterte Iuvenal weit entfernt. Iuvenals Ansichten berühren sich nur zum Teil mit denen der Stoa. Der Mensch steht, sofern ihm die Götter auf seine Bitte mens sana (vgl. Sen. epist. 10, 4) und prudentia schenken, höher als Fortuna, der somit keine göttliche Macht zukommt 1 . Eine gewisse Distanz zu den Philosophenschulen - Kynikern, Stoikern und Epikureern - ist zu spüren (13, 120-123). Andererseits steht in einer Aufzählung von Weisen der Stoiker Chrysipp vor Thaies und Sokrates (13, 184f.). Stellenweise hören wir bei Iuvenal fast christliche Klänge, so daß man seine Beliebtheit im Mittelalter versteht. In der Lehre v o m Gewissen berührt er sich mit Seneca 2 und Epikur: se / iudice nemo nocens absolvitor (13, 2f.). Rache wird abgelehnt, denn sie ist die Lust schwacher und kleiner Geister: minuti / semper et infirmi est animi exiguique voluptas /ultio( 1 3 , 1 8 9 - 1 9 1 ) . Die in Gedanken begangene Sünde wiegt so schwer wie die Tat: nam scelus intra se taciturn qui cogitai uílum, /facti crimen habet (13, 209f.). Iuvenal ist zwar ein moralisierender Satiriker, aber kein absoluter Feind der voluptas. Von ihm stammt der weise Spruch voluptates commendai rarior usus (11, 208). Gerade die elfte Satire mit der Einladung an Persicus zu einem frugalen Mahl zeigt uns Iuvenal von einer menschlichen Seite, die an Horaz und Epikur erinnert. Das Prinzip des Angemessenen (aptum) spielt bei ihm eine wichtige Rolle. Es kommt auf Selbsterkenntnis an (11, 27), um zu sehen, was zum eigenen Wesen paßt (noscenda est mensura sui 11, 35); der Gedanke gemahnt an Panaitios. Den Topos »der Geist adelt«, der seit der Sophistik, Euripides, Aristoteles (rhet. 10, 346-366; vgl. 13, 20; 14, 315f.; Hör. sat. 2, η, 83-88. Die ältere Stoa betrachtet Gewissensbisse als Schwäche (vgl. S V F 3, $48 v. ARNIM); die Epikureer erkennen die Realität der Gewissensqualen an {jtg. 532 Us.; sent. 34; 3$; 37; Lucr. 5, 11 $1-1160; 3, 1014-1022); ihre allzu äußerliche Herleitung des bösen Gewissens aus der Furcht vor Entdeckung und irdischer Bestrafung lehnt Seneca ab (epist. 27, 2; vgl. 87, 2$; 97, 15; 10s, 7f.); vgl. auch Cic.fin. 1, 50; Plut. De sera numittis vindicta l o f . ; H.CHADWICK, Gewissen R L A C 10, 1978, 1025-1107. 1

2

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2, 15, 3), Menander (frg. 533 KOCK), Cicero, Sallust, den Rhetoren und Seneca (epist. 44, 5) verbreitet ist, entwickelt Iuvenal in der achten Satire 1 . Iuvenal schlägt im Vergleich mit früheren Autoren neue Töne an: Horaz denkt weniger an materielle Güter und sozialen Ausgleich, und Martial ist in seiner Kritik nicht so konsequent wie Iuvenal, der die N o t einer Gesellschaftsschicht darstellt. Der Satiriker greift aktuelle Probleme einer Zeit auf, die als Auftakt des glücklichsten Jahrhunderts der Menschheit gilt. Er ist scharfsichtig genug, alarmierende Anzeichen des Verfalls zu beobachten: das sinkende Prestige der Literatur und der Intellektuellen, den Verfall der Erziehung infolge des einseitigen Wohlstandsdenkens der Eltern, das Aufkommen religiöser Intoleranz und des Fanatismus, die Allmacht des Militärs, das zu einer neuen herrschenden Kaste wird, und die Ohnmacht des Staatsbürgers. Dies alles hat das Wesen Roms und der >Römer< verändert. Zugleich lenkt er den Blick auf innere Werte, die zukunftsträchtig sind. Iuvenal erweist sich im Bösen wie im Guten oft als Prophet.

Überlieferung Iuvenal ist schlecht überliefert. Anfangs ist er kein Schulautor; lebhaftes Interesse fur ihn erwacht erst gegen Ende des 4. Jh. Nach U . KNOCHE 2 gehen die zahlreichen Handschriften auf eine spätantike Ausgabe aus der Schule des Servius zurück. Es gibt zwei Klassen: auf der einen Seite stehen die Π-Codices. Die wichtigste Handschrift, der Pithoeanus (P; Montepessulanus, med. 125, s. IX exeunt., aus Lorsch), ist oft schwer zu entziffern; etwas spätere Korrekturen in P, bezeichnet als p, sind mit Mißtrauen zu benützen. Mit Ρ verwandt sind die Schidae Arovienses (s. X vel XI), das Florilegium Sangallense (im cod. Sangallensis 870, s. IX) und die wichtigen Lemmata (S) der alten Scholien (erhalten sowohl im Sangallensis als auch in P, abgedruckt in O.JAHNS Ausgabe von 1851); diese Lemmata weichen oft von den Scholien ab, stimmen mit Ρ überein oder sind sogar Ρ überlegen. Übereinstimmung der Scholienlemmata, des Sangallensis oder des Aroviensis mit Ρ ergibt die Lesung einer älteren Handschrift, von der Ρ stammt. Auf der anderen Seite steht die (geglättete) Vulgata Ω oder Ψ, die sich schon gegen 400 bildete (ihr stehen drei erhaltene antike Fragmente bereits nahe). Ein Beispiel fiir den verwässerten Text von Ω ist 7, 139, wo Priscians Zeugnis die Richtigkeit von Ρ bestätigt. Ρ ist den anderen Handschriften dadurch überlegen, daß dieser Codex nicht interpoliert ist. Doch überall, wo Ρ korrupt ist, sind wir auf Handschriften der anderen Klasse angewiesen. Mit der Interpolation von Versen ist an vielen Stellen zu rechnen; die Annahme von Autorvarianten wird heute meist abgelehnt. 1899 wurden zwei neue Fragmente aus der sechsten Satire gefunden3. Die Scholien des Codex P, zu deren Gruppe auch die des Codex Vallae gehören, sind gehaltvoller als die von Ω. Die P-Scholien schreibt man seit Valla einem Probus zu, die ΩScholien heißen in einigen Handschriften Comutus-Scholien (der Name stammt wohl aus 1

CURTIUS, Europäische Lit. 188. Ausg. München 1950; man versucht neuerdings, der Masse der Handschriften taxonoihisch beizukommen (s. unten die modernen Ausgaben); E. COURTNEY, The Progress of Emendation in the Text of Juvenal since the Renaissance A N R W 2, 33, 1, 1989, 824-847. 3 S. zuletzt G. LAUDIZI (zit. bei den Ausgaben) 1982; das 1899 wiederentdeckte und nach Ε. O. WINSTEDT benannte Fragment fugt sich hinter Vers 365 in die sechste Satire ein; die Verse 346-348 erweisen sich als interpoliert. 2

POESIE: I U V E N A L

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der Persius-Vita). Aus den Scholien sind die zahlreichen luvenal-Glossen exzerpiert worden.

Fortwirken Der erste, der unsern Autor viel zitiert, ist Servius. Im 4. und 5. Jh. wird Iuvenal gern gelesen; dies bezeugen Nachahmungen, z. B. bei Ausonius, Claudianus, und Erwähnungen bei Rutilius Namatianus (1, 603) und Sidonius Apollinaris (9, 269). Ammianus Marcellinus teilt mit, daß zu den Liebhabern auch Ungebildete zählen (28, 4, 14). Im griechischen Osten ist gerade dieser lateinische Autor bekannt (Lydus, De magistratibus 1, 41), ja er wird zur Erlernung des Lateinischen benützt und erscheint in zweisprachigen Glossaren. Spuren lu venais finden sich bei den Kirchenvätern, so bei Gregor dem Großen 1 . Im Mittelalter ist Iuvenal als poeta ethicus ein beliebter Schulautor; der Grammatiker Aimericus weist ihm in seinem Schriftstellerkanon die erste Rangstufe zu (1086). A n Iuvenal lernt man die prosodischen Regeln, und Gerbert, der spätere Papst Silvester II. fl" 1003), berücksichtigt ihn im rhetorischen Unterricht. Man exzerpiert Iuvenal eifrig fur moralische Florilegien. Jean de Meung entlehnt um 1280 im Roman de la rose frauenfeindliche Z ü g e aus der sechsten Satire. Der arme Schlucker Codrus aus 3, 203-211 dient bei Bernardus Silvestris (Mitte 12. Jh.) als Gegenbild zu Krösus. Dante (f 1321) kennt die römische Satire nur wenig; immerhin erfahrt im Purgatorio Vergil von Iuvenal, wie sehr Statius die Aeneis bewundert (Purg. 22, 13f.; vgl. luv. 7, 82f.). Petrarca (f 1374) ist mit Iuvenal vertraut. Chaucer ( f u n i 1400) nimmt zweimal aus zweiter Hand auf die zehnte Satire Bezug 2 . Luther 3 (f 1546) zitiert neben anderen Stellen gerne den auf den Papst anwendbaren Spruch: hoc volo, sic iubeo, sit pro ratione voluntas (6, 223). Montaigne (f 1592) fuhrt Iuvenal 50 mal an. Shakespeare (•f 1616) spielt im Hamlet 2, 2, 200f. auf Bemerkungen des Satirikers über das Alter an (10, 190-245). Z w a r wird Iuvenal im 16. Jh. gelesen, doch sind Übersetzungen zunächst selten: 1519 überträgt Jerónimo de Villegas ihn ins Spanische. C . B r u n o verdeutscht einige Stücke aus der sechsten Satire; die zehnte wird 1617 von >W. B.< ins Englische übersetzt. Die europäische Verssatire beginnt in Italien mit Antonio Vinciguerra (f 1502). Luigi Alamanni ( f i 5 5 ö ) verfaßt dreizehn juvenalische Satiren; es folgen Ariost (-J· 1533) und Lodovico Paterno. In England mischt Thomas W y a t (f 1542) Reminiszenzen aus den römischen Satirikern - darunter Iuvenal — mit Elementen aus ' Simiam leonem vocas;... scabiosos saepe catulos pardos uel tigres vocamus: epist. ad Narsem 1, 6; v g l . epist. ad Theoclistam 1, 5; luv. 8, 30-37; P. COURCELIE, G r é g o i r e le Grand à l'école d e j u v é n a l , S M S R 38, 1967, 170-174· 2 Troilus and Criseide 4, 197-201; luv. 10, 2-4; The Tale of the Wife of Bath 1 1 9 2 - 1 1 9 4 ; l u v . 10, 22. 3 Beispielsweise W. A . 30, 2, 483; weitere Belege in: Luther-Studienausgabe, hg. H . - U . DELIUS u. a., B d . 3, Berlin 1983, 483, A n m . 5 1 : 4 , 1986, 417, A n m . 221 (Hinweise v o n H. SCHEIBLE, mdl.).

818

LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT

Alamanni; Joseph Hall (Î1656) läßt auf seine »Zahnlosen Satiren« (im Stil des Horaz und Persius) »bissige Satiren« im Geiste Iuvenals folgen (1597-1620) - mit dem Erfolg, daß im Jahr 1599 der Erzbischof von Canterbury den Druck von Satiren und Epigrammen verbietet. Der erste französische Verssatiriker, Mathurin Régnier (j"i6i3), wandelt auf den Spuren von Horaz und Iuvenal und verbindet - wie einst Jean de Meung satirische und erotische Thematik. Ihm folgen Furetière, Gilles Boileau und vor allem der große Nicolas Boileau-Despréaux ( f i 7 1 1 ) , der Horaz und Iuvenal huldigt, dem letzteren besonders in der Darstellung von Paris (Boileau 6, luv. 3) und der Satire auf die Frauen (Boileau 10, luv. 6); im Unterschied zu den Römern vermeidet Boileau Vulgarismen. Dryden (Î1700), selbst ein großer Satiriker, schenkt seinem Land einen englischen Iuvenal (1693); Samuel Johnson (t 1784) wetteifert glänzend mit der dritten und der zehnten Satire (London und The Vanity of Human Wishes). Auf deutsch ahmt Joachim Rachel (f 1669) die 14. Satire nach (Die dritte Satyra oder die Kinderzucht). Der unklassische Prediger Abraham a Sancta Clara (f 1709) steht in anderer Weise fest in der Tradition der römischen Satire. Jonathan Swift (f 1745) verewigt auf seinem Grabstein die Indignation als ärgste seiner Qualen - so greift er noch im Tode auf Iuvenals Inspirationsquelle zurück. Tobias Smollett (·{• 1771) verwendet als Motto fur Count Fathom die Stelle über den lachenden Demokrit (luv. 1, 47f.; 51 f.) und schreibt ihm entgegen dem Original auch Tränen zu - so den eigenen zwiespältigen Humor charakterisierend. Giuseppe Parini (f 1799) läßt sich zu seinem genialen II Giorno von Iuvenal und Persius anregen. Henry Fielding (j - 1754) beginnt seine literarische Laufbahn mit einer Übersetzung aus Iuvenals Weibersatire (All the Revenge Taken by an Injured Louer). Kurz vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zitiert Burke (f 1797) in einer Parlamentsrede luv. 8, 124, um seine englischen Landsleute vor tyrannischem Vorgehen zu warnen (On Conciliation with the Colonies, 22. März 1775): »Beggared, they still have weapons. « Wordsworth (f 1850), der sonst Horaz näher steht, plant eine Nachgestaltung von Iuvenals achter Satire (über wahren und falschen Adel) 1 . Rousseau (f 1778) und Schopenhauer (f i860) wählen den Satz vitam impendere vero (luv. 4, 91) zu ihrer Maxime. Nietzsche (f 1900) - unter den Iuvenal-Lesern ein »schwarzer Schwan« (6, 165) oder »weißer Rabe« (7, 202) — liest die Satiriker nicht vom moralischen, sondern vom ästhetischen Standpunkt; so nimmt er sich vor, »das Poetische in der Satire nachzuweisen, gerade an Persius und Iuvenal«2. Eine genuin poetische Spiegelung von luv. 10, 157f. findet sich in dem Sonett

1 U . V. TUCKERMAN, Wordsworth's Plan for his Imitation of Juvenal, Modern Language Notes 45, 1930, 4, 209-21 J . 2 Autobiographisches: Für die Ferien; Werke, hg. K . SCHLECHTA, Darmstadt 1973, 3, 106.

POESIE:

819

IUVENAL

Après Cannes v o n José-Maria de Heredia (f 1905). Ein lateinisches Supplement zur 16. Satire dichtet in unserem Jahrhundert H. C . Schnur'. Zahlreiche sprichwörtliche Redensarten gehen aufluvenal zurück, z. B. panem et circenses (10, 81) und »aufgewärmter Kohl« (7, 154). Iuvenal hat verschiedenen Personengruppen Kernsprüche beschert, manchmal mit Akzentverschiebungen: so den Turnern (mens sana in corpore sano 10, 3 56, o b w o h l bei Iuvenal die Betonung auf dem Geist liegt), den Pädagogen (maxima debetur puero reverentia 14, 47), den Geheimpolizisten (quis custodiet ipsos /custodes? 6, 347f.) und den Managern (propter vitam vivendi perdere causas 8, 84). Ausgaben:

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ZINN,

Tübingen

820

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G.

EPIGRAMM

MARTIAL Leben, Datierung Im zehnten Buch, das Gedichte aus den Jahren 95-98 umfaßt, erwähnt M. Valerius Martialis seinen 57. Geburtstag, den er am ersten März 1 feiert (10, 24); er hat also um 40 n. Chr. das Licht der Welt erblickt. Seine Heimat ist Bilbilis (heute Bambola) in Spanien. Nach der Ausbildung beim Grammati cus und Rhetor kommt er im Jahre 64 nach Rom. Die Anwaltstätigkeit, zu der ihn vielleicht Quintilian ermuntert, sagt ihm nicht zu (2, 90). Er verkehrt in den Häusern bedeutender Männer, die Sinn fur Poesie haben; bei diesem aufreibenden >KlientenBettelpoetenAufsteiger virtus im engeren Sinne< (>Handlungsmodelle virtus im weiteren Sinne« (>Lebensklugheitglückliche Gegenw a r t unter Nerva und Traian darzustellen (Agr. 3; hist. 1, 1), nicht einlöst, so braucht dies nicht unbedingt auf zunehmende Abneigung gegenüber Traian und Hadrian hinzudeuten. Einsicht in die generelle Schwierigkeit und Undankbarkeit der Materie ist ein ausreichendes Motiv. Denn einmal gibt es, schriftstellerisch gesehen, keinen langweiligeren Stoff als glückliche Zeiten und gute Herrscher. Zum anderen wäre eine nuanciertere Darstellung, wie man sie von einem tiefschürfenden Historiker erwarten durfte, nicht unproblematisch gewesen; mußten doch die undurchschaubaren Nebenumstände der Thronfolge Nerva-TraianHadrian, das blutige Debüt des philhellenischen Kaisers und der anhaltende Niedergang der Senatsautorität - bis hin zur Ausstellung eines Blankoschecks fur beliebige Triumphe an Traian4 - selbst einen wohlwollenden Tacitus befürchten lassen, wider Willen in den gewohnten bitteren Ton zu verfallen. Die eigentlichen Schwierigkeiten lagen jedoch nach dem ausdrücklichen Zeugnis des Historikers anderswo: bei seinen werten Standesgenossen. Hatte Tacitus schon bei der Darstellung von längst Vergangenem (ann. 4, 32f.) mit Anfeindungen von Senatoren zu kämpfen, die sich irgendwie getroffen fühlten, so mußte dies bei der Zeitgeschichte erst recht der Fall sein (vgl. Plin. epist. 5, 8, 12). Nicht anders als sein Schwiegervater Agricola und viele Senatoren, die Traian 1

Typisch die Frage eines Unbekannten: »Sind Sie Plinius oder Tacitus?« (Plin. epist. 9, 23, 2). C I L 6, 10229 = DESSAU 8379a. 3 Inschrift aus Mylasa; in: Orientis Graecae Inscriptiones selectae, hg. W. DITTENBERGER, Bd. 2, Leipzig 1905, N r . 487; R. SYME 1958, 664 f. 4 Cass. Dio 68, 29, 2; vgl. die Parallele ann. 1 3 , 4 1 , 4. 2

PROSA: TACITUS

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nahestehen, verzichtet Tacitus unter Domitian auf lautstarke Opposition - um wieviel mehr unter humaneren Herrschern! Er bewegt sich damit auf dem Grat zwischen schweigend protestierender virtus und leicht republikanisch verbrämtem Opportunismus. Für einen geborenen Politiker und vielleicht mit Nachkommen gesegneten pater familias gab es in jener Zeit auch kaum eine andere vernünftige Wahl. Das Zeitalter Traians bringt zweifellos ein Aufatmen (hist. 1, 1,4). Tacitus ist wohl erst in der Regierungszeit Hadrians gestorben. Während der Lebensspanne des Tacitus wandelt sich das Bild des Princeps von Nero zu Hadrian, von der wahnhaften Euphorie allmächtigen Künstlertums zum rastlosen Managertum. Auch die Rolle Italiens verändert sich: Aus dem Zentrum der Oikumene, dem Sitz des Goldenen Hauses oder des Domitianspalastes, der das All abbildet, wird allmählich eine Provinz unter anderen, die immer länger darauf warten muß, daß der Kaiser in >seine< Stadt kommt — kaum mehr Hausherr, nur noch Besucher. Auch wirtschaftlich bedarf Italien zusehends stützender Maßnahmen. Noch erlebt Tacitus Rom als Zentrum lateinischer Geisteskultur, den regen Gedankenaustausch mit einem Plinius, die musischen Ambitionen Domitians; aber trotz Traians Stiftung der Bibliotheca Ulpia sind die Tage der großen römischen Literatur gezählt, und mit dem Tod des Tacitus und dem geringen Widerhall auf Iuvenals Ruf nach Förderung lebender lateinischer Autoren durch den Kaiser (der sich statt dessen dem Archaismus und dem Griechentum verschreiben wird) verklingt das Silberne Zeitalter. Tacitus' historische Schriftstellerei ist von dem Wandel der Zeiten mitgeprägt: Einerseits erweist er sich als römischer Senator (daher die Republikanermentalität, der Antagonismus zwischen virtus und Prinzipat, das Unverständnis fur nichtexpansive Außenpolitik), andererseits zeigt er sich als Senator neuen Zuschnitts aus dem Umkreis der Flavier und Traians (daher die partielle Anerkennimg der Überlegenheit der Gegenwart, das faktische Hinnehmen der Monarchie, die Ansätze zu einer Entwicklung einer neuen politischen Ethik der Anpassung). Schließlich ist Tacitus' Sicht durch zwei tiefreichende historische Erfahrungen geprägt: einmal das Domitian-Erlebnis - verbunden mit der Empfindung einer Kollektiven Schampositive< Vokabeln im letzten Teil der Annale» entfallen, so mag dies auch am S t o f f Nero! - liegen. Moralismus und Realismus bis hin zum Verismus schließen sich nicht aus; das Verbrechen will benannt und gebrandmarkt sein. Der innere Widerspruch zwischen scharfer Verurteilung des Bösen und dem U n v e r m ö g e n , sich seiner Faszination zu entziehen, sind keine >ObsessionenPessimist< unserer Handbücher erscheint in einem B r i e f des Plinius - entgegen unseren E r w a r t u n g e n - bei Zirkusspielen und lüftet im Gespräch mit einem Sitznachbarn ironischkokett sein Inkognito (Plin. episl. 9, 23, 2). Plinius traut d e m Freund zu, über eine harmlose Jagdgeschichte lachen zu können (episl. 1, 6). M a n ahnt, w e l c h eine Wohltat das so andersartige Naturell des Freundes - der ebenfalls nicht seltene T y p des entspannten, aufgeschlossenen, toleranten R ö m e r s - fur Tacitus manchmal gewesen sein m a g . D o c h übertreiben w i r nicht! D e r >Besessene< hat genügend Lebenswillen, u m seine schwärzesten Gedanken nicht allzu laut zu äußern. 1

2

3 Grundsätzlich gibt es vier Kriterien für die Datierung des Dialogus: die Person des Adressaten, das Verhältnis zu Quintilians Institutio, das zu Plinius' Panegyricus s o w i e zu weiteren Zeitgenossen. Für 102 n . C h r . : A . KAPPELMACHER, Z u r Abfassungszeit v o n Tacitus' Dialogus de oratoribus, W S j o , 1932, 121-129, bes. 127. N a c h 105: K . BARWICK, D e r Dialogus de oratoribus des Tacitus, M o t i v e und Zeit seiner Entstehung, Ber. Sachs. A k . Wiss., 1954, 31 f.; ähnlich (105/6) R . SYME, T h e Senator as Historian, Entretiens (Fondation Hardt) 4, 1956, i 8 $ - 2 i 2 , bes. 203. 4 Taciteische Provenienz der beiden Werktitel läßt sich nicht z w i n g e n d erweisen; zum T i t e l Historiae immerhin Tert. apol. 16, 1 in Verbindung mit Plin. epist. 7, 33, 1.

V g l . Plin. epist. 6, 16; 20; 7, 20; 7, 33; 8, 7; 9, 14. Datierung der Annalen: SYME, Tacitus 473: zwischen 115 (117) und 120 (123); R . HAUSSLER 1965, 277 mit A n m . 79; zwischen 109 und 120; dann bezieht sich ann. 2, 6 1 , 2 auf das Jahr 106; an Anspielungen auf die Zeit Hadrians glaubt HAUSSLER nicht. 5

6

PROSA:

TACITUS

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B e w e g u n g v o n der Zeitgeschichte zurück in die Vergangenheit erkennen: Er beginnt mit einer Biographie seines Schwiegervaters (Agricola) und plant, die Herrschaft D o m i t i a n s und das Glück der G e g e n w a r t darzustellen (Agr. 3). Bald erkennt er, daß D o m i t i a n im Rahmen einer Geschichte der flavischen Dynastie verstanden w e r d e n m u ß . S o entstehen die Historien, die mit d e m Jahr 69 einsetzen. A m A n f a n g dieses Werkes erklärt er, die Darstellung der G e g e n w a r t habe er auf sein Alter verschoben (hist. 1, 1). N a c h A b s c h l u ß dieser Schrift greift er j e d o c h noch weiter zurück: D i e Wurzeln der G e g e n w a r t sollen v o n der Zeit des frühen Prinzipats her erhellt w e r d e n (und er rechnet mit Lesern, die solche Parallelen ziehen). Später äußert Tacitus sogar die Absicht, über die augusteische Z e i t zu schreiben (ann. 3, 24). M a n kann beobachten, w i e sich i h m im Laufe der Arbeit Präzedenzfalle aus der frühen Kaiserzeit und der spätrepublikanischen Epoche aufdrängen. S o ist die Zeitgeschichte in ihrem >glücklichen< Teil ungeschrieben geblieben.

Werkübersicht1 Agricola2 (De vita et moribus lulii Agricolae) Das Kernstück des Werkes bilden Agrícolas Taten in Britannien (18-38) mit dem krönenden Schlachtenpanorama (29—37). Als Rahmen dienen die Berichte von Agrícolas j üngeren Jahren (4-9) und seiner letzten Zeit (39-46). Zwischen die Darstellung der Anfange und den Hauptteil schiebt sich als Exkurs die Beschreibung von Britanniens Natur und Geschichte (10—17). Zu dem das Werk eröffnenden Vorwort bildet am Ende der Nachruf auf Agricola ein Pendant. Der Aufbau des Werkchens ist somit symmetrisch. Germania (De origine et situ Germanorum) Nach der eigenen Angabe des Tacitus (Germ. 27) gliedert sich die Germania in einen allgemeinen und einen stammeskundlichen Teil. Ein solcher Aufbau ist in geographischen bzw. ethnographischen Texten nicht selten3. Der erste Teil erläutert die Lage des Landes, die Herkunft seiner Bewohner, ihre Religion sowie die Sitten und Bräuche, die allen Germanen gemeinsam sind. Bei der Darstellung der einzelnen Stämme im zweiten Teil achtet Tacitus besonders auf Unterschiede. Aufbau und ThemenVerknüpfung sind auch im einzelnen sorgfaltig 4 . 1

Allgemein: F. GIANCOTTI, Strutture delle monografie di Sallustio e di Tacito, Messina-Firenze

1 9 7 1 ; G . WILLE 1 9 8 3 . 2 Z u m Agricola: A . G . WOODHEAD, Tacitus and Agricola, Phoenix 2, 1947-1948, 45-JS; W. LIEBESCHUETZ, T h e T h e m e o f Liberty in the Agricola o f Tacitus, C Q 60, 1966, 126-139; G . M . STHENC, Agricola - Das Vorbild römischer Statthalterschaft nach dem Urteil des Tacitus, Diss. Bonn 1970; H. STORCH, Tacitus' Agricola als Maßstab fur Geltung und Zerfall des römischen Tugendkanons, A U 29, 4, 1986, 36-49. 3 K . TRÜDINGER, Studien zur Geschichte der griechisch-römischen Ethnographie, Basel 1918; E. NORDEN, Die germanische Urgeschichte in Tacitus' Germania, Stuttgart Ί923, Ndr. 1971. 4 G . BIELEFELD, Der kompositioneile Aufbau der Germania des Tacitus, FS M . WEGNER, Münster 1962, 44-54. Weitere wichtige Literatur zur Germania: E. WOLFF, Das geschichtliche Verstehen in Tacitus' Germania, Hermes 69, 1934, 121-166, wh. in: H. OPPERMANN, Hg., Römertum (WdF 18), Darmstadt 1970, 299-358 und in: V . PÖSCHL, Hg., '1986, 252-308; H. JANKUHN, Die Glaubwürdigkeit des Tacitus in seiner Germania im Spiegel archäologischer Beobachtungen, in: G. RADKE, Hg., 1971, 142-151; G. PERL, Die Germania des Tacitus. Historisch-politische Aktualität und ethnographische

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L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

Dialogus de oratoribus^ Nach der Widmung und der Ankündigung des Themas (Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit: i) und der Einfährung der Personen, darunter des später als Schiedsrichter fungierenden Iulius Secundus (2), beginnt das Gespräch (3-4). In einem ersten Redenpaar verteidigt der feurige Redner M. Aper den Rednerberuf (j-io), der nachdenkliche Poet Curiatius Maternus das Dichterdasein (11-13). Da tritt der ernste Vipstanus Messalla hinzu und lenkt das Gespräch auf den Gegensatz zwischen >alter< und >neuer< Beredsamkeit (14-15). Nachdem Aper die >Modernen< verteidigt hat (16-23), bittet Maternus Messalla, nicht die Alten in Schutz zu nehmen (da sie keiner Fürsprache bedürften), sondern die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit aufzuzeigen (24). Nach einer kurzen Gegenrede zu Aper (25-26) beginnt Messalla, abermals gedrängt, zur Sache zu kommen (27), mit einer Kritik der modernen Erziehung und dem Lob eines umfassenden (>ciceronischenideale< politische Verhältnisse machen offenbar die Redekunst überflüssig (36-41). So verklingt das Gespräch in Resignation (42). Der Aufbau ist voller Überraschungen - die Themen verschieben sich allmählich wie in einem wirklichen Gespräch. Diese perspektivisch differenzierte dreiteilige Form des Dialogus, eine Art >ScheinarchitekturBürgerkriegRevolten im Norden und Osten«. Ober den Aufbau der verlorenen Bücher lassen sich nur Vermutungen anstellen. Annalen1 Von den Annalen besitzen wir knapp zwei Drittel: genauer die Bücher 1-4, den Eingang des fünften, Buch 6 ohne den Anfang, dazu die Bücher 11-16 mit Lücken zu Beginn und am Ende. Die Tacitusüberlieferung läßt uns also fur die Jahre 29-31, 37-47, 66-68 teilweise oder ganz im Stich. Die ersten sechs Bücher reichen vom Tod des Augustus bis zum Ende des Tiberius (das Schlußkapitel des 6. Buches gibt Hinweise zur Gliederung der Hexade). Das zwölfte Buch endet mit dem Tod des Claudius; dieser Umstand legt die Annahme einer >zweiten HexadeHexade< nicht vollendet.

1 Dieser Titel wird hier der Bequemlichkeit halber beibehalten. C . W. MENDELL, Dramatic C o n struction o f Tacitus' Annals, Y C 1 S s, 1935, 3~53> dt. in: V. PÖSCHL, Hg., Ί986, 449-512; Β. WALKES 1952; H. Y . MCCULLOCH jr., Narrative Cause in the Annals o f Tacitus, Königstein 1984. 2 Vgl. E. WÖLFFLIN, Die hexadische Composition des Tacitus, Hermes 21, 1886, 157-159; SYME, Tacitus 686f.; E. KOESTERMANN, Ann.-Komm. 1, 22; zur Problematik der Hexadentheorie und fur 14 Bücher Historien und 16 Bücher Annalen: C . POCHIRC, Sur la répartition des livres de Tacite entre Annales et Histoires, StudClas 6, 1964, 149-154; vgl. auch F. R. D . GOODYEAR 1970, i 7 f .

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L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Q u e l l e n , Vorbilder, G a t t u n g e n Rhetorisches. Tacitus ist von Haus aus Redner, und er hat diese Ursprünge nie verleugnet. Als junger Mann bewundert er den aus Gallien stammenden M. Aper und den auch von Quintilian geschätzten Iulius Secundus. Wie früher im republikanischen Rom allgemein üblich, hört er ihnen zu, wenn sie vor Gericht plädieren, und versucht auch, im persönlichen Gespräch von ihnen zu lernen. Später setzt er ihnen im Dialogus ein Denkmal. Die Gattung des Dialogs beruht auf ciceronischer Tradition (De oratore, De re publica, De natura deorum, ferner Brutus). Tacitus kennt Ciceros 1 rhetorische Schriften und ahmt sie im Dialogus und schon im Agricola nach. Für die Stildifferenz zu den übrigen Schriften des Tacitus ist nicht die Entstehungszeit, sondern das literarische Genos maßgebend: Das Bewußtsein des Unterschiedes zwischen sermo (dem Gesprächston) 2 und historia ist bei den Römern sehr ausgeprägt. Die Entwicklung v o m Redner zum Geschichtsschreiber ist bruchlos. Die verlorene Leichenrede auf den Amtsvorgänger gehört zeitlich und literarisch in die Nähe des Agricola. In die Geschichtswerke eingestreute Reden bezeugen sogar im Rhythmus 3 die Beherrschung der oratorischen Technik. Im einzelnen klingt manches Cicero-Echo ironisch (so, wenn der servile Q . Haterius ann. 1 , 1 3 sich das quo usque aus der ersten Catilinarischen Rede zu eigen macht). Seit seinem Studium bewundert Tacitus Cicero (und überhaupt die Redner der republikanischen Zeit) diese Einstellung (die sich von dem Modernismus der Epoche Senecas absetzt) ist in domitianischer Zeit die herrschende, nicht zuletzt dank Quintilians Einfluß. >Philosophische< Quellen,

einschließlich der Ethnographie. D a m a n c h e Philosophen

tyrannenfeindlich sind, gilt es in der Kaiserzeit für gefährlich, sich allzu gründlich mit Philosophie zu befassen. Domitian vertreibt Philosophen aus Rom (Suet. Dom. 10). Darüber hinaus sind immer noch die altrömischen Vorurteile gegenüber der Philosophie lebendig (die fast nur Männer wie Cicero und Seneca überwanden): Man solle zwar philosophieren, aber mit Maßen (Enn. scaen. 95 J.). A n Agricola hebt Tacitus besonders seine ausgeprägten philosophischen Neigungen hervor (ultra quam concessum Romano ac senatori 4, 3), von denen ihn seine treusorgende Mutter jedoch rechtzeitig geheilt habe. Die eigene philosophische Bildung des Tacitus hält sich in den Schranken seines Standes. Immerhin setzt er sich im Dialogus kritisch mit Ciceros De re publica auseinander4. Auch sollte man Tacitus

1 O b e r Ciceros Einfluß auf Tacitus s. R. KLAIBER, Die Beziehungen des Rednerdialogs von Tacitus zu Ciceros rhetorischen Schriften, 2 Teile, Programm Bamberg 1914; 1916; A . MICHEL, Le Dialogue des orateurs de Tacite et la philosophie de Cicerón, Paris 1962; I. BORZSAK, Le Dialogue de Tacite et le Brutus de Cicéron, B A G B 198s, 3, 289-298. 2 Z u Plin. epist. j , 5, 3 verfehlt SYME, Tacitus 125 »oratory«. Sermo und ausgearbeitete Rede sind scharf zu trennen. 3 1 . BORZSAK, 1970 II, 58: ann. 1, 22; i j , 63 (Senecas letzte Worte). 4 E. KOESTERMANN, Der taciteische Dialogus und Ciceros Schrift De re publica, Hermes 65, 1930, 396-421.

PROSA:

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TACITUS

absprechen1.

nicht die Kenntnis der Kugelgestalt der Erde Seneca wirkt in geographischem Zusammenhang ein (man denke an die Germania und an den Britannien-Exkurs im Agricola) und liefert auch das Vorbild für die Gegenüberstellung eloquentia - libertas2. In seiner Psychologie hat man u. a. Einfluß von Physiognomikern vermutet 3 . (Zur Ethik und Geschichtsauffassung s. Gedankenwelt). Inhalt und Aufbau ordnen die Germania der Tradition ethnographischer Schriften zu. Die (manchmal überbetonte, aber unbestreitbar vorhandene) Bezugnahme auf römische Perspektive und Moralvorstellungen widerspricht nicht dieser Einordnung; pflegt man doch >Naturvölker< zu idealisieren. Agricola: Gattungskreuzung. Eine Kreuzung der Gattungen läßt sich besonders im Agricola beobachten 4 . Er enthält Elemente der Biographie 5 (Agr. 1 f.), zitiert römische Biographien und spricht von vitam narrare u. ä. (Agr. 1; 46); an Nepos und Sallust6 erinnert der Abriß der Jugendjahre. Daneben finden sich auch Elemente der laudatio funebris7 und der enkomiastischen Lebensbeschreibung8; dabei sind auch die rhetorischen Vorschriften fur den λόγος βασιλικός zu vergleichen. Ein biographisches Enkomion darf sich Freiheiten herausnehmen, die der eigentlichen Geschichtsschreibung nicht gestattet sind9. Dennoch trägt das Buch auch Züge der historischen Monographie: Der Exkurs über Land und Leute steht an ähnlicher Stelle wie in Sallusts Bellum Iugurthinum10, die Schlachtendarstellung entspricht der historiographischen Technik 11 . Die Darstellung der Statthalterschaft ist zum Teil annalistisch. Die >romfeindliche< Calgacusrede erinnert an die Rede des Critognatus bei Caesar (Gall. 7, 77) und Sallusts Mithridatesbrief (hist. 4, 69). Das Redenpaar Calgacus-Agricola steht im ganzen wie im Detail auch in der Richtig P. STEINMETZ, Tacitus und die Kugelgestalt der Erde, Philologus i n , 1967, 233-241. Tac. hist, ι , ι; dial. 27; Sen. cons. Marc, ι , 4; C i c . de oral, i , 30; Brut. 4$ (anders Tac. dial. 40). 3 J. COUSIN, Rhetorik und Psychologie bei Tacitus im Hinblick auf seine δείνωσις, in: V . PÖSCHL, H g . , Ί986, 8J-110, bes. i o ç f . 4 P. STEINMETZ, Die literarische Form des Agricola des Tacitus, in: G . RADICE, H g . , 1971, 129-141; 1

2

R . HAUSSLER b e i K . BÜCHNER ( Ü ) >1983, 2 8 s F . ; A . DIHLE 1 9 8 8 . 3 Biographien neronischer Zeit: P. Anteius über Ostorius Scapula, Thrasea Paetus über C a t o Uticensis. 6 Anklänge an Sallusts Beschreibung der Jugend Catilinas im Agricola: R. GUERRINI, La giovinezza di Agricola, Tecnica allusiva e narrazione storica in Tacito, R A L ser. 8, 32, 1977, 481-503. 7 Agr. 2 laudare; ciceronisch der N a c h r u f Agr. 45 f.; Cic. de orai. 3, 1-8; Brut. 1-6; vgl. auch Tacitus' Leichenrede auf Verginius Rufus, in der auch von historischen Ereignissen zu berichten war; paradigmatisch der Einfluß von Titinius Capito, Exitus inlustrium virorum (Plin. epist. 8, 12, 4f.). 8 V g l . Isokrates' Euagoras, Xenophons Agesilaos, Polybios' Bemerkungen über seine PhilopoimenBiographie im Unterschied zur Geschichtsdarstellung (10, 21), die lobenden Caesar-Biographien von Cornelius Baibus und C . O p p i u s und besonders Ciceros Cato, schließlich die nur ihrem hehren Programm nach unparteiische Augustus-Biographie des Nikolaos von Damaskos (FGrHist 90); K. KUMANIECKI, Ciceros Cato, in: Forschungen zur römischen Literatur, FS K . BÜCHNER, Wiesbaden 1970, 168-188; vgl. bes. Agr. 1 mit C i c . orat. 35; Att. 12, 4, 2. 9 Cicero an Lucceius, fam. 5, 12, 3; Polyb. 10, 21, bes. 8; Nep. Pel. 1; Plut. Alex. 1. 10 V g l . auch Agr. 37 mit Sali. lug. 101. 11 V g l . auch grundsätzlich posteris tradere (Agr. 46 und 1 mit der Anspielung auf Catos Origines, 2 P. und 118 P.).

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LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT

Nachfolge des Livius. Hinzu treten Anklänge an Caesar und Seneca im Britannien-Exkurs, der in ethnographische Tradition gehört 1 . Über den Agricola als >Tendenzschrift< s. unten. Tacitus hat in diesem Erstlingswerk, das alle Aspekte seines Schaffens in nuce präfiguriert, Elemente vieler Gattungen produktiv vereinigt. Stofflich schöpft Tacitus aus den Erzählungen seines Schwiegervaters. Wir besitzen als Paralleltext über Britannien Plutarch, De defectu oraculorum. Hier sind Berichte des Scribonius Demetrius aus Tarsos bewahrt, der zu Agrícolas Stab gehört und in York das Erziehungsprogramm des Statthalters leitet2. Die Geschichtswerke: Stoffliche Quellen. Es ist nicht die Absicht des Tacitus, exakte Quellenstudien zu betreiben. Auch nennt er nicht alles, was er gelesen hat. Mit Namen kennzeichnet er vor allem Sondermeinungen, fur die er die Verantwortung nicht selbst übernehmen will 3 . Für Annalen und Historient ist die Quellenlage unterschiedlich; in den Historien, die zeitgeschichtlichen Charakter haben, kann Tacitus in höherem Maße auf Autopsie oder Augenzeugenberichte (z. B. Plin. epist. 6, 16 und 7, 33) zurückgreifen. Früher nahm man an5, die Charakterbilder des Augustus, Tiberius und Germanicus seien das einheitliche Werk eines (merkwürdigerweise unbekannt gebliebenen) >großen SchriftstellersEinquellenhypothese< ist heute aufgegeben: Zum einen zeigen Inkonsequenzen bei Tacitus, daß das Bild des Tiberius (und sogar das des Germanicus) nicht aus einem Guß sein kann; zum anderen nennt Tacitus selbst mehrere Gewährsleute und spiegelt verschiedene Urteile der höheren Stände wider. Dagegen bleibt der Tiberius freundliche Vellerns - ob wirklich nur wegen seiner niederen Herkunft? - außer Betracht. Der Tatenbericht des Augustus ist verwertet. Tacitus behauptet im Prooemium der Annalen, die iulisch-claudische Zeit habe noch keine angemessene Darstellung gefunden (ob metum und recentibus odiis)6; in den Tiberius-Büchern hat Tacitus nachweislich7 die bei anderen überlieferten sachlichen Kausalzusammenhänge zugunsten seiner psychologischen Deutung zerrissen oder verschwiegen. Wenn Tacitus auch in den Annalen zuweilen gehäsTacitus zitiert Fabius Rus ti cus zur Gestalt Britanniens, Agr. 10. R. M. OcttViE, The Date of the De defectu oraculorum, Phoenix 21, 1967, 108-121. 3 E. MENSCHINC, ZU den namentlichen Zitaten in Tacitus' Historien und Annalen, Hermes 95, 1967, 457-469. 4 Die beiden Titel gehen nicht mit Sicherheit auf Tacitus zurück. Die übliche Unterscheidung zwischen annales (ältere jahrweise gegliederte Geschichte) und historiae (Zeitgeschichte) gilt nicht ohne Ausnahmen. 5 E. SCHWARTZ, Cassius Dio, R E 3, 2, 1899, I7i6f. = Griechische Geschichtsschreiber, Leipzig I9S7, 441-4436 E. KOESTERMANN, Kommentar 1, 60; R. HAUSSLER, Das historische Epos von Lucan bis Silius und seine Theorie, Heidelberg 1978, 256f. Exkurs »Sine ira et studio«. 1 F. KLLNGNBR, Tacitus fiber Augustus und Tiberius, SBAW 1953, 7, wh. in: KIINGNER, Studien 624-658 und in: V. PÖSCHL, Hg., Ί986, 513-556. 1

1

PROSA: TACITUS

879

sige Interpretationen, wie sie nach dem Tod der betreffenden Kaiser aufkamen, zurückweist, folgt er solchen doch fast regelmäßig'. In den Historien sollte man andererseits das Ausmaß der Kritik des Tacitus an der flavierfreundlichen Geschichtsschreibung nicht überschätzen2. Jedoch dürfte feststehen, daß Tacitus' negatives Domitianbild zumindest teilweise eine solche Kritik voraussetzt3. Ausdrücklich wendet sich Tacitus z. B. 2, 101 gegen allzu edle Motivationsversuche flavischer Historiker. Tacitus zieht immerhin manchmal Senatsakten der neronischen Zeit 4 (ann. 1$, 74) und die stadtrömische Amtszeitung (ann. 3, 3) heran, auch bemüht er Memoirenwerke wie die der Mutter Neros, Agrippina (ann. 4, 53), und des Cn. Domitius Corbulo (ann. 1$, 16). Für den ersten Teil der Annalen denkt man an Servilius Nonianus 5 , die Schriften des epikureisch orientierten Historikers Aufidius Bassus (Sen. epist. 30) und an die >Germanenkriege< des älteren Plinius. Im letzten Teil der Annalen nennt Tacitus (13, 20) die (nerofreundlichen) zeitgeschichtlichen Werke von Cluvius Rufus, dem älteren Plinius (verschieden von den Bella Germanica) und Fabius Rustíais, einem Freund Senecas. Schwerlich sind jedoch diese drei Autoren vom 13. Buche an die einzigen Quellen der Annaletfi. Auch ist keiner von ihnen sicher mit den Vorlagen Dios und Suetons zu identifizieren. Für die Historien benutzt Tacitus u. a. Plinius (hist. 3, 28) und Vipstanus Messalla (hist. 3, 25, 2). Die oft engen Berührungen mit Plutarchs Biographien von Galba und O t h o werden auf gemeinsame Quellen zurückgeführt, da Plutarch mehr bietet. N u n zur Art der Verarbeitung! Z w a r gibt es unleugbar Spuren verschiedener Quellen und Traditionen (z. B. fehlen im ersten Annalentcä Prodigien, da sie in den Vorlagen nicht überliefert waren) 7 und auch das Schwanken in der Beurteilung einzelner Gestalten (z. B. Otho - vgl. hist. 1, 13 mit ann. 13, 46 - , Antonius Primus8, Cornelius Fuscus hist. 2, 86, Vespasian und natürlich Seneca, vgl. ann. 13, 42 mit 15, 60—64) kann durch die Quellenlage mitbedingt, aber auch Absicht sein; gilt doch die besondere Sorgfalt des Tacitus der inneren Verbindung zwischen dem Handeln des Einzelnen und der gesamten politischen Entwicklung, wobei Wechselwirkungen verändernd oder entlarvend auf das Charakterbild zurückwirken können.

1 F. KLINGNER, Tacitus und die Geschichtsschreiber des ersten Jh. n. C h r . , M H 15, 1958, 194-206, wh. in: KLINGNER, Geisteswelt·, 483-503; D . FLACH 1973. 2 H. HEUBNER, Gymnasium 68, 1961, 80-82 gegen A . BRIESSMANN, Tacitus und das flavische Geschichtsbild, Wiesbaden 1955; richtig D . FLACH 1973. 3 Zögernde Zustimmung zu A . BRIESSMANN bei R. URBAN 1971, 122 f. 4 Z u r direkten Benutzung der Senatsakten F. A . MARX, Untersuchungen zur Komposition und zu den Quellen v o n Tacitus' Annalen, Hermes 60, 1925, 74—93, bes. 82-90. 5 Tac. ann. 6, 31; 14, 19; dial. 23; Quint, inst. 10, 1, 102; Plin. epist. 1, 13. 6 Richtig J. TRESCH 1965; s. auch C . QUESTA, Studi sulle fonti degli Annali di Tacito, Roma '1963. 7 R. VON PÖHLMANN, Die Weltanschauung des Tacitus, S B A W 1910; Ί 9 1 3 . 8 M . TREU, M . Antonius Primus in der taciteischen Darstellung, WJA 3, 1948, 241-262.

88ο

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Im ganzen k o m m t man in der Quellenfrage ohne Berücksichtigung der literarischen Gestaltungsprinzipien nicht weiter. Diese sind zum Teil gattungsbedingt. Dabei spielen auch Historiker eine Rolle - aber mehr als Vorbilder denn als Quellen. Die Geschichtswerke: Gattung und Vorbilder. Generell steht im Hintergrund der Taciteischen Werke das römische Prinzip der >annalistischen< Darstellung. Tacitus übernimmt es im allgemeinen nicht, ohne sich dagegen aufzulehnen oder es sogar zu durchbrechen (was er j e d o c h jeweils seinen Lesern ankündigt). Er tut dies in den späteren Annalenbüchem öfter als vorher. Für Tacitus sind die Gattungsgesetze der Historiographie v o r allem durch die großen Vorgänger Sallust und Livius geprägt. Den ersteren ahmt er vielfach nach schon seit dem Agricola - , und auch auf Livius nimmt er des öfteren Bezug, nicht ohne ihn u m seinen bedeutenden republikanischen S t o f f zu beneiden. Der Agricola-Exkurs erinnert durch seine Stellung und Funktion an den Afrika-Exkurs im Bellum Iugurthinum. Besonders bezeichnend ist die Vergegenwärtigung historischer Vorbilder und Traditionen bei der Personengestaltung. D i e Alexandertopik bestimmt die Darstellung Agrícolas und des Germanicus 1 . Sie kreuzt sich z u m Teil mit der CaesarTypologie. Auch die Polarität Caesar - C a t o aus Sallusts Catilina hat man als Hintergrund für Agricola gedeutet, dessen virtus beide Aspekte vereinige 2 . O b e r haupt erinnern literarische Porträts an Sallust: so Seian (ann. 4, 1) an Catilina (Sali. Catil. 5), Poppaea (ann. 13, 45) an Sempronia (Sali. Catil. 2s)3. Hauptvertreter einer hochstilisierten, der Poesie nahekommenden Geschichtsschreibung sind nach Quintilians Zeugnis (vgl. inst. 10, 1, 102-104) Servilius Nonianus, Aufidius Bassus und Cremutius C o r d u s , dem Tacitus (ann. 4, 34) ein literarisches Denkmal setzt. Einfluß von Dichtem. Der sogenannte Hexameter am A n f a n g der Annalen ist kein Ennius-Zitat, sondern kaum mehr als ein vager A n k l a n g an den daktylischen R h y t h m u s der epischen Poesie (wie er für den Beginn des livianischen Werkes schon v o n Quintilian inst. 9, 4, 74 notiert w o r d e n ist), g e w i ß aber eine Verbesserung gegenüber Sallust, Catil. 6 und in j e d e m Fall ein Element des von Tacitus sogar in seinen Reden - erstrebten σεμνόν. Zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der Sprache augusteischer Dichter sind nicht unbedingt >ZitateHexade< der Annalett steht im Zeichen des Tiberius, dessen Charakter sich nicht >entwickeltMinister< s c h o n 55 e n d e n z u lassen. D a s a n d e r e E x t r e m b i l d e t Traians Ä u ß e r u n g ü b e r das g u t e quinquennium 4

Neronis ( A u r . V i c t . Caes.

W . SUERBAUM, Z u r B e h a n d l u n g der P i s o n i s c h e n V e r s c h w ö r u n g

(Tac. ann.

5, 2).

15, 4 8 - 7 4 ) ,

H a n d r e i c h u n g e n f u r d e n Lateinunterricht in d e r K o l l e g s t u f e , 3. F o l g e , B d . 1, 1976, 1 6 7 - 2 2 9 . 5 6

J. TRESCH 1965, 84; 89. In annales nostros (4, 32) liegt k e i n e D e f i n i t i o n der literarischen S p e z i f i k a .

aus:

882

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

71 ; 12, 40). Er befreit sich von diesem Schema im ersten Teil der Annalen nur selten (ζ. B. am Ende des zweiten Buches), öfter im zweiten Teil, so bei der Zusammenfassung der Kämpfe in Britannien (12, 40) und der Pisonischen Verschwörung (15, 48; $0). In den Historien tritt das annalistische Element weniger hervor - nicht allein, weil wir nur zwei Jahre überblicken können, sondern weil der Schauplatz so häufig wechselt und die Ereignisse so oft parallel verlaufen, daß der Autor seinen Stoff ziemlich frei anordnen kann 1 . Doch auch fur die Disposition der Annalen ist der Hinweis auf das annalistische Schema kein zureichender Schlüssel. Überzeugend sind Strukturhinweise, die nicht auf Zahlenspekulation beruhen, sondern dem Werk selbst entnommen sind. So gibt der Epilog der ersten >Hexade< (6, 51) einen Hinweis auf Phasen der Entfaltung von Tiberius' Charakter, die der Bucheinteilung entsprechen 2 . Die >Epochengrenzen< fallen mit Buchgrenzen zusammen: Tod des Germanicus (Ende des 2. Buches), Tod des Drusus (Anfang des 4. Buches), Tod Seians (Übergang Buch 5/6). Überhaupt finden sich am Anfang, am Ende und in der Mitte der Bücher wichtige Hinweise zum Aufbau: Die in hist. 1, 4 - 1 1 festgelegte Reihenfolge der Krisenherde (Rom, Germanien, der Osten) entspricht der Gliederung der ersten drei Bücher 3 . Abschnitte in Zentralstellung oder Randposition betonen die Kompositionsfugen: Die Mittelpartie hist. 1, 50-51 bildet den Übergang von Rom zur Rheingrenze; der Buchanfang hist. 2, 1 eröffnet die Behandlung des Ostens. Im Herzstück des dritten Buches (hist. 3, 36-48) wird das im ersten Buch zugrundegelegte Orbis-Schema (West-Nord-Ost-Süd-West) wiederkehren; hier überblickt der Autor die Folgen des Sieges der Flavier. Auch steht am Anfang des ersten wie des zweiten Historien-Buches die Frage nach ratio (bzw. initia) und causae (hist, ι , 4; 2, 1). Symbolträchtige Ereignisse dienen als >EckpfeilerShakespeare< unter den römischen Historikern, besticht durch szenische Suggestivkraft2. Anschaulichkeit und Theatralik der Darstellung bei Tacitus fuhrt man ζ. T. auf die Alexander-Tradition zurück3. Vermittlerdienste könnten hier Livius und die rhetorische evidentia-Lehie geleistet haben. Die >Tragödie< des Vierkaiseijahres ist bühnenreif inszeniert: Gaffer beäugen die Leichen römischer Bürger auf dem Schlachtfeld von Bedriacum (hist. 2, 70); es gibt einen spektakulären Einzug in die Hauptstadt (2, 89) und eine Abdankungsszene (3, όγί.); das Volk erlebt den Krieg als Zuschauer mit (3, 83), und der Kaiser wird zu einem foedum spectaculum (3, 84); Germanenstämme bieten den Römern die Augenweide gegenseitiger Vernichtung (Germ. 33). Dennoch wäre es einseitig, das Interesse unseres Autors etwa fur Meutereien als vorwiegend rhetorisch zu bezeichnen; es geht ihm auch um die Dynamik des Machtwechsels und die Erfassung irrationaler Elemente, vor allem, was die Psychologie der Truppe betrifft. Dies aber ist in jener Zeit ein eminent historischpolitischer Faktor. Die künstlerischen Akzente sind also nicht Selbstzweck, sondern dienen der Darstellung der Sache. Wie in der Komposition im großen sind auch im kleinen die Elemente kunstvoll miteinander verwoben und ineinander verzahnt; besonders hat man dies an der Gedankenfuhrung der Germania beobachtet4. Sprache und Stil 5 Der Wortschatz des Tacitus ist erlesen. Insbesondere meidet unser Autor Griechisches -sogar Zitate bringt er nur in lateinischer Paraphrase (ann. 3, 6516, 6; 15, 71). Dies entspricht der Würde des historischen Stils, aber auch der römischen Perspektive unseres Autors. Analoges gilt fur germanische Wörter. Mit verschwindenden Ausnahmen (framea »Speer« undglesum »Bernstein«) geht der Historiker ihnen aus dem Wege, selbst wenn er Fragen des barbarischen Wortschatzes bespricht (Germ. 43). Den Aufbau der germanischen Gesellschaft beschreibt er mit lateinischen 1 Die Formel Juerunt qui credere»! gehört zu dieser Topik und ist nicht auf unbekannte Historiker zu beziehen: F.-F. LOHR, Zur Darstellung und Bewertung von Massenreaktionen in der lateinischen Literatur, Hermes 107, 1979, 9 2 - 1 1 4 ; H. G. SEILER, Die Masse bei Tacitus, Diss. Erlangen 1936

(Materialsammlung); W. RIES 1969. 2 3

H . HOMMEL, Die Bildkunst des Tacitus, Stuttgart 1936; U . RADEMACHER 1 9 7 s . 1 . BORZSAK 1 9 7 0 II, S3.

4 Nach dem Exkurs über Metalle (5, 2 f.) leitet ferrum zu einem neuen Abschnitt über, der von Waffen und militärischer Taktik handelt (eine Art >ÜberschriftManierKleidung< zu >Ehepraetor< statt proconsul, ivirgines Vestati statt virgines Vestales, >sedes curulisi statt sella curulis, isacerdotio XV virali praeditusi statt XV vir sacris fadunáis. 3 C . BECKER, WertbegrifFe im antiken Rom - ihre Geltung und ihr Absinken zum Schlagwort, Münchener Universitätsreden, N F 44, 1967, 4f. (über ann. 14, 53-J6). 4 A. KOHL, Der Satznachtrag bei Tacitus, Diss. W&rzburg I960; R. ENGHOFER, Der Ablativus absolutus bei Tacitus, Diss. Würzburg 1 9 6 1 ; F. KUNTZ, Die Sprache des Tacitus und die Tradition der lateinischen Historikersprache, Heidelberg 1962; B.-R. Voss 1963; H. WALTER, Versuch der Rückführung des taciteischen Stils auf eine formelhafte Grundeinheit, in: Antike Historiographie in literaturwissenschaftlicher Sicht = Universität Mannheim, Materialien zur wiss. Weiterbildung 2, Mannheim Ί 9 8 1 , 7 2 - 9 7 ; A . KUNZ, Sprache und Politik bei Cicero und den römischen Historikern, A U 1986, 4, 59-64; N . W. BRUUN, Der Anakoluth bei Tacitus, Maia N S 39, 1987, 1 3 7 - 1 3 8 . 5

P. S T E I N M E T Z 1 9 6 8 ; v g l . a u c h W . H A R T K E 1 9 5 9 , b e s .

6

SYME, Tacitus 2, 725.

193.

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ursprünglich Beziehungslosem: mutuo metu aut montibus (Germ, ι, i) 1 . So walten stilistisch im kleinen ähnliche Gesetzmäßigkeiten wie bei der Disposition der Stoffmassen im großen. Entsprechendes gilt auf der >mittleren< Ebene der >Textsyntaxzielenden Sprechen< der klassischen Prosa entgegengesetzt3. Freilich steht der Periodenbau bei Tacitus >gezielt< im Dienste der Aufdeckung der Motivation 4 . Solcher Stil folgt in erster Linie psychologischen Gesetzen, allein schon die Art der Darstellung vermittelt eine Wertung und lenkt das Urteil des Lesers5. Gibt es Stildifferenzen zwischen den Werken und auch innerhalb der einzelnen Schrift? Am farbigsten ist die stilistische Palette im Erstlingswerk, dem Agricola: Der >historische< Hauptteil schließt sich auch stilistisch an Sallust und Livius an, der biographische Vorbericht über die Anfange erinnert an Nepos 6 , der Nachruf am Ende ist ciceronisch. In der Germania, deren knappe, pointierte Schreibart sich manchmal der Diktion Senecas nähert, lösen je nach dem Stoff nüchterne und geradezu poetische Passagen einander ab. Um einen ethnographischen Gattungsstil - falls es ihn gab sprachlich exakt zu definieren, fehlen leider lateinische Vorlagen (etwa Senecas Schriften über Inder und Ägypter) 7 . Der Dialogus unterscheidet sich von den übrigen Werken durch seinen ciceronischen Stil: Dieses Problem läßt sich weder dadurch lösen, daß man den Dialogus für unecht erklärt, noch durch eine Frühdatierung unter Annahme einer Entwicklung der Schreibart des Tacitus von ciceronischen Anfangen zum >taciteischen< Historikerstil. Vielmehr muß man die Strenge der Gattungsgesetze beachten. Der rhetorische Dialog ist durch Cicero geprägt, die Geschichtsschreibung folgt andersartigen Traditionen. 1 P. WÜLFING, Prägnante Wortverbindungen bei Tacitus. Interpretationen zu Agr. 4-9, in: Dialogos, FS H.PATZER, Wiesbaden 1975, 233-242; B . - R . Voss 1963. 2 P. STEINMETZ 1968, 262; vgl. 258. 3 F. KLINGNER, Beobachtungen über Sprache und Stil des Tacitus am Anfang des 13. Annalenbuches, Hermes 83, 1955, 187-200; wh. in: V. PÖSCHL, Hg., '1986, 5J7-574. 4 W. KLUG, Stil als inhaltliche Verdichtung (zu Tac. am. 1 3 , 1-2), Glotta 57, 1979, 267-281. 5 H. HEUBNER, Sprache, Stil und Sache bei Tacitus, Gymnasium Beiheft 4, Heidelberg 1964, bes. 133 f.; Ν . Ρ. MILLER, Style and Content in Tacitus, in: T. A . DOREY, Hg., 1969, 9 9 - 1 1 6 . 6 Einschränkend R. HÄUSSLER bei K. BÜCHNER (Ü) '198$, 282, A . 6. 7 Formgeschichtlich K . TRÜDINGER, Studien zur Geschichte der griechisch-römischen Ethnographie, Diss. Basel 1918; NORDEN, Urgeschichte 181 f.; 195F.; 457-466; kritisch D. FLACH, Die Germania des Tacitus in ihrem literaturgeschichtlichen Zusammenhang, in: H. JANKUHN, D. TIMPE, Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus 1, Göttingen 1989, 27-58, bes. 46; 54f.

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Auch innerhalb des Dialogs differenziert Tacitus die Redeweise der Sprecher (wie es schon Cicero in De oratore tat). Der temperamentvolle Modernist Aper neigt zur Parataxe, er verwendet ungern Partizipial-, Infinitiv- und Gerundivkonstruktionen; der bedächtigere Messalla verkörpert das andere Extrem'. In den Historien finden wir den Stil der taciteischen Geschichtsschreibung voll ausgeprägt. Die Eigentümlichkeiten steigern sich z. T. weiter bis zur ersten Hexade der Annalen, um in den späteren Büchern einer etwas entspannteren Diktion zu weichen. Insgesamt läßt sich gegen Ende die Abnahme einiger Manierismen beobachten: So zählt man in den Historien dreimal so oft forem wie essem, in den ersten Büchern der Annalen doppelt so oft, in den letzten überhaupt nur einmal2. Dennoch fehlt es auch nicht an Verschärfungen: Eine symmetrische Korresponsion wie neque - neque nimmt in den letzten Annalenbüchern sogar noch ab3. Ganz unbestreitbar schwinden >wohlwollende< und >hoffnungsvolle< Vokabeln in den Annalen*: Pietas und Providentia erscheinen nur j e einmal, und zwar ironisch, felicitas (das früher nicht selten ist), steht in den Annalen nur zweimal, integritas und humanitas fehlen in diesem Werk ganz, prudentia und Veritas in dem späteren Teil.

Gedankenwelt I Literarische Reflexion Für das Literaturverständnis unseres Autors ist der Dialoguss eine Hauptquelle. Dem Werk liegt ein eminent historischer Gedanke zugrunde: Der Verfall der Beredsamkeit hat seine Ursache im Wandel der politischen Verhältnisse; insofern steht der Dialogus in innerem Zusammenhang mit dem übrigen Schaffen des Tacitus. Auch in den anderen Werken ist Literarisches berücksichtigt: Tacitus würdigt bei der Nennung verstorbener Senatoren auch deren Leistungen als Redner, so daß die Annalen als Quelle fur die Geschichte der Redekunst gelten können. Vor allem aber läßt er den Historiker Cremutius Cordus eine Rede halten, in der das Problem der Freiheit des Wortes zur Sprache kommt 6 . Man darf diesen Text, dem der

1 H. GUGEL, Untersuchungen zu Stil und Aufbau des Rednerdialogs des Tacitus, Innsbruck 1969; C . KLÄHR, Quaestiones Tacitinae de Dialogi genere dicendi personis accommodate, Diss. Leipzig 1927. 2 H. C . NUTTING, T h e Use o f forem in Tacitus, U C P P h 7, 1923, 209-219; weitere Beispiele bei SYME, Tacitus 340—363; E. WÖLFFLIN, Tacitus. I. Schriften fiber den taciteischen Stil und genetische entwicklung desselben, Philologus 25, 1867, 92-134 (wh. in: E. W., Ausgewählte Schriften, hg. G.MEYER, Leipzig 1933, 22-45). 3 F. R. D. GOODYEAR zu atin. 1 , 1 . 4 SYME, Tacitus 2, Appendix 66. 5 Z u r Terminologie: P. SANTINI, Terminologia retorica e critica del Dialogus de oratoribus, Firenze 1968. 6 W. SUERBAUM, Der Historiker und die Freiheit des Wortes. Die Rede des Cremutius Cordus bei Tacitus, arm. 4, 34-35, in: G. RADKE, H g . , 1971, 61-99.

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Autor persönliche Bemerkungen vorausschickt, als Äußerung des Tacitus interpretieren 1 . Die Auffassung des Tacitus von der Aufgabe der Geschichtsschreibung geht aus den Prooemien der Werke und persönlichen Zwischenbemerkungen an anderen Stellen hervor. Als indirekte Zeugnisse kommen ζ. B . einzelne Reden (etwa ann. 4, 34-35) hinzu. Z u m Ethos des Historikers gehören die Prinzipien der Wahrheitsliebe und der Unparteilichkeit (hist. 1, 1; ann. 1 , 1 ) . Beide Grundsätze sind alte Tradition (vgl. Sali. Catil. 4, 2 f.). So wird der Geschichtsschreiber zum Richter 2 , v o r dem sich die Menschen der Vergangenheit zu verantworten haben. Wie auch Tacitus andeutet, erleichtert zeitliche Distanz ein objektives Urteil 3 . Z w a r ist es nicht immer möglich, die Wahrheit zu ergründen (ann. 3, 19), und völlige Unparteilichkeit ist fur einen Menschen kaum erreichbar; doch hegt darin kein Grund, die subjektive Aufrichtigkeit des taciteischen Bemühens um Wahrheit und Objektivität anzuzweifeln. In vielen Dingen ist und bleibt Tacitus Senator; gerade kraft dieser Stellung glaubt er wohl, die Unabhängigkeit zu besitzen, u m sine ira et studio zu schreiben (anders die dankbaren oder enttäuschten Kreaturen kaiserlicher Willkür!). D a ß ein Schriftsteller dennoch der Faszination eines großen Entwurfes erliegen kann, zeigt die Deutung der Tiberiusgestalt nach dem Prinzip der dissimulatio: zweifellos auf Kosten der Objektivität, aber nicht der subjektiven Redlichkeit des Autors (ist es etwa einem Gelehrten wie T h e o d o r MOMMSEN mit Caesar und Cicero anders ergangen?). Da Tacitus die >Wahrheit< nicht so sehr in Institutionen als vielmehr im Inneren der Menschen sucht, muß ihm seine psychologische Methode als die wahrheitsgemäße erscheinen. N a c h Lukian (hist, conscr. 53) soll das historische Prooemium Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft erwecken. Entgegen Lukians Empfehlung versucht Tacitus, auch noch Wohlwollen zu gewinnen. Darüber hinaus sind die Bemerkungen über Wahrheitsliebe und Unparteilichkeit durch die Sache bedingt. Der Bezug auf die Zuhörer betont das exemplarische Prinzip. Virtus soll nicht verschwiegen werden. 1 SYME, Tacitus 2, 517; ob allerdings Tacitus hier gegen Hadrian Stellung bezieht, muß offen bleiben. 2 Nach Lukian (hist, conscr. 38-41) soll der Historiker nicht den schlechten Richtern gleichen, die ihr Urteil nach Gunst oder Feindschaft (allen (vgl. Cic. Plane. 7 iniquus iudex est qui aut invidet aut favet; Material bei C . WEYMAN, Sine ira et studio, A L L G 15, 1908, 278-279;]. VOGT 1936, 1-20, bes. 5 f.; wh. in: V . PÖSCHL, Hg., '1986, 49-69, bes. 53—55; G . AVENARIUS, Lukians Schrift zur Geschichtsschreibung, Meisenheim 1956, 49-54; zum Anfang der Annaleη auch B . WITTE, Tacitus über Augustus, Diss. Münster 1963, 3-25; C.-J. CLASSEN, Z u m Anfang der Annalen des Tacitus, A U 29, 4, 1986, 4-15; R. URBAN, Tacitus und die Res gestae Divi Augusti, Gymnasium 86, 1979, 59—74. 3 V g l . schon Cic. Marceil. 29: Die Nachwelt urteilt et sine amore et sine cupiditate et rursus sine odio et sine invidia; vgl. auch Plin. epist. 8, 12, 5; eine Nähe der Objektivität des Historikers zur Haltung des Epikureers vermutet A . DIHLE, Sine ira et studio, R h M 114, 1971, 27-43; dagegen R.HXUSSLER, Das historische Epos von Lucan bis Silius . . . . Heidelberg 1978, 265f. und W.KIERDORF 1978; der Ausdruck ist vor dem Hintergrund der römischen Prozeßordnung zu sehen: R. SCHOTTLAENDER, Sine ira et studio. Ein Tacituswort im Lichte der römischen Prozeßordnung, Klio 57, 1975, 217-226.

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Mit seinem Sirius-Denken tritt Tacitus in die Nachfolge des Sallust'. Entsprechendes gilt von vitia. Von einer solchen Darstellung (mag auch die Zeit dem Lob der virtus nicht günstig sein: Agr. 1) erhofft man sich traditionellerweise Ermunterung bzw. Abschreckung 2 . Dies gilt fur die Annales wie fur den Agricola. Dessen einleitende Partie gehört insofern noch zu den allgemeinen Äußerungen zur Geschichtsschreibung, als die Taten der clari viri (Agr. 1) eben nicht nur Stoff von Biographien sind, sondern auch in der Geschichtsschreibung Raum finden sollen (Polyb. 10, 21, 3 f.). Die Absicht, clari viri zu rühmen3, erhält bei Tacitus dadurch einen besonderen Akzent, daß Größe unter den Kaisern nicht mehr in gleicher Weise erreichbar ist wie in der Republik 4 und daß der Historiker auf Grund der Erfahrungen unter Domitian aus einem kollektiven Schuldgefühl 5 heraus schreibt. Er kann dabei an die Stimmung der spätrepublikanischen Geschichtsschreibung anknüpfen, darüber hinaus nennt er jedoch ausdrücklich Namen von Männern, an deren Untergang der Senat (und er selbst) mitschuldig geworden ist (Agr. 4$). Schriftstellerisches Selbstbewußtsein äußert Tacitus schon im Agricola (46): Er weiß, daß sein Werk fortdauern wird 6 . Die unterschiedliche Ausprägung der Gedanken in den Prooemien seiner verschiedenen Werke hat zu entwicklungsgeschichtlichen Hypothesen Anlaß gegeben; der Kontext und das Hauptziel der jeweiligen Argumentation erklären jedoch die Verschiedenheit zur Genüge. Im Agricola gilt es, eine Biographie zu rechtfertigen, die Elemente einer historischen Monographie enthält. Daher treten hier clari viri und virtus in den Vordergrund. Ebenso muß zu der noch nicht weit zurückliegenden domitianischen Zeit Stellung genommen werden. Im Prooemium der Historien rechnet Tacitus mit dem Einwand, er habe nicht genügend zeitlichen Abstand zu den Ereignissen, sei also nicht objektiv. Daher muß er hier seine Karriere erwähnen, die ihn vor dem Vorwurf schützt, er hege persönlichen Groll gegen Domitian. Hinzu kommt die Abgrenzung gegenüber

1 Und letztlich des alten Cato; vgl. Agr. 1 clarorum uirorum facta moresque posteris trajere (und H. HEUBNER Z. St.); 3, 3; Sali. Catil. 3, 2 dt magna virtute atque gloria bonorum memorare; lug. 4 memorie rerum gestarum earnflammamegregiis viris in pectore crescere ñeque prius seáari, quam virtus eorum famam atque gloriam adaequaverit. 2 Ne virtutessileanturutquepravisâictisfactisque exposteritate et infamia metus sit (ann. 3, 6 j , vgl. Diod. 1, 2, 2; II, 46, 1; 37, 4 wohl nach Poseidonios): R. HÄUSSLER 1965, 163. 3 Vgl. auch C i c . f a m . 5, 12; Je orat. 2, 341. 4 Vgl. Agr. 17f.; 42. 5 Ober Schuldgefühl als Charakterzug der römischen Geschichtsschreibung: V. PÖSCHI, Die römische Auffassung der Geschichte, Gymnasium 63, 1956, 20jf.; F. KLINGNER, Die Geschichte Kaiser Othos bei Tacitus, Ber. Sachs. Akad. Wiss. 92, Leipzig 1940, 1, 17Î. 6 »Thukydides sowohl wie Tacitus - beide haben beim Ausarbeiten ihrer Werke an eine unsterbliche Dauer gedacht: dies würde, wenn man es nicht wüßte, schon aus ihrem Stile zu erraten sein. Der eine glaubte, seinen Gedanken durch Einsalzen, der andere durch Einkochen Dauerhaftigkeit zu geben; und beide, scheint es, haben sich nicht verrechnet« Nietzsche, Werke, hg. R. SCHLECHTA I, 933.

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LITERATUR

DER FRÜHEN

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der flavischen Geschichtsschreibung: keine Begabungen, nur bedingtes Wahrheitsstreben, Unkenntnis der Politik, Eindringen persönlicher Motive. Bei den Annalen ist der wunde Punkt die Tatsache, daß der Stoff bereits von anderen mehrfach behandelt worden ist. Daher tritt hier die Kritik an den vielfach befangenen - Vorgängern in den Vordergrund. So entfaltet Tacitus verschiedene Gesichtspunkte in jeweils unterschiedlichem Argumentationszusammenhang. In den Prooemien wie auch in der Stoffauswahl manifestiert sich kein Gesinnungswandel, keine subjektive >Verdüsterung distanziert sich aber nicht von ihm und zweifelt nicht an dessen Regierungsfahigkeit 2 . Nicht immer gelingt es ihm, die Perspektive der Hauptstadt zu überwinden, obwohl er weiß, daß die Entscheidungen immer häufiger anderswo fallen. Wenn er sagt, in Germanien spielten die Freigelassenen keine große Rolle (Germ. 25), so denkt er an Rom, w o spätestens seit Claudius das Gegenteil der Fall ist. Mit der Behauptung, der Brand des Kapitols habe die Gallier so bewegt, daß sie Roms Ende gekommen glaubten (hist. 4, 54), werden Barbaren die Ängste der Stadtrömer zugeschrieben. Die Perspektive des römischen Senators prägt auch das Tiberius-Bild. Vor dem Hintergrund der Senatsprozesse der letzten Regierungsjahre dieses Kaisers 3 kann Tacitus die >republikanischen< Tendenzen des >frühen< Tiberius nur als Heuchelei empfinden. Im Einklang mit dem Denken seines Standes, der fur virtus und gloria keine Schranken kennt (Agr. 23), hat der Historiker auch kein Verständnis fur die Friedenspolitik des Augustus und Tiberius und ihren Verzicht auf Erweiterung der Reichsgrenzen (Agr. 13; ann. 1, 11). Als typischer Senator befürwortet er im Umgang mit anderen Völkern eiserne Disziplin, drakonische Strafen, ja Terror und Völkermord (z. B. Agr. 18; ann. 1, 1 Irrtümer des Tacitus: I. BORZSAK 1968, 434f.; SYME, Tacitus 3 7 8 - 3 9 6 (nachsichtig) und Appendix 61. Magische Praktiken werden ungenau dargestellt: A.-M. TUPET, Les pratiques magiques à la mort de Germanicus, in: Hommages à la mémoire de P. WUILLEUMIER, Paris 1980, 345—352. Das fiktive Datum des Dialogus scheint in sich nicht stimmig (SCHANZ-HOSIUS, LG 2, 608); fur 76 η. Chr. : C. LETTA, La data fittizia del Dialogus de oratoribus, in: Xenia. Scritti in onore di P. TREVES, Roma 1985, 1 0 3 - 1 0 9 ; fur

75 ζ . Β . R . HÄUSSLER b e i Κ . BÜCHNER Ί 9 8 5 , 3 2 0 - 3 2 2 . 2 Anders als Sallust stellt er malus und nobilis nicht zusammen; dies hängt mit dem Wandel des politischen Systems und auch des Senatorenstandes zusammen. Das erfreuliche Lob von Frauen (hist. 1, 3; 3. 69). sogar einer tapferen Libertine (ann. 15, 57; vgl. 51), soll die Senatoren beschämen. 3 W. KIERDORF, Die Einleitung des Piso-Prozesses (Tac. ann. 3, 10), Hermes 97, 1969, 2 4 6 - 2 5 1 .

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56; 2, 62). Obwohl er im Prinzip Gerechtigkeit fordert, scheinen ihm milde1 Provinzverwalter träge und kraftlos. Überhaupt glaubt er, andere Völker seien den Römern unterlegen (ann. 13, 56): prahlerisch und hochmütig die Parther, treulos Araber und Armenier, borniert in ihrem Aberglauben (ann. 2, 85) die Juden (und Christen2), unzuverlässig, dünkelhaft und servil die Griechen. Germanen haben abgesehen von ihrer Langschläferei und Trunksucht zwar auch gute Eigenschaften, aber gerade deswegen sind ihre selbstmörderischen Bruderkriege zu begrüßen (Germ. 33). Tacitus fühlt: Es gibt Zeiten, die der virtus feind sind (Agr. 1), und gerade den Besten droht die größte Gefahr (hist. 1, 2; vgl. ann. 4, 33). So erweckt der erfolgreiche Agricola den Neid Domitians (Agr. 39-43; bes. 41), wie sich schon sein tüchtiger Vater den Haß Caligulas zuzog (Agr. 4). Ganz im Sinne altrömischen i>«rtwi-Denkens steht das Schicksal eines Agricola, Germanicus oder Corbulo zeichenhaft fur die Beschneidung der politischen Entfaltungsmöglichkeiten von Senatoren unter dem Prinzipat3: Gewiß ist Agrícolas Los individuell und zum Teil atypisch4, aber die Erfahrung, sich um den Höhepunkt einer republikanischen Karriere betrogen zu fühlen, mußte jedem Senator vertraut sein. Mit der Vorherrschaft der >römischen< Sehweise hängt auch der >Moralismus< unseres Autors zusammen (z. B. ann. 3, 65). In der Germania werden zahlreiche für die römische Gesellschaft ungünstige Parallelen gezogen, andere schwingen unausgesprochen mit. Gelegentlich deutet Tacitus im Agricola die Fragwürdigkeit der Zivilisation und der Romanisierung an (Agr. 21) oder macht eine bissige Randbemerkung über avaritia5. Die Darstellung unzivilisierter Völker konvergiert romantisch mit der Idee der altrömischen Republik, deren überlieferte Moralvorstellungen Tacitus in der Theorie übernimmt6. Sein Verständnis für die Unterlegenen äußert sich darin, daß er diesen altrömische Wertmaßstäbe zuschreibt: So verbindet sich in der Calgacusrede7 virtus mit libertas; natürlich hat die Freiheit bei dem Barbaren eine veränderte Stoßrichtung. Positive Aspekte der neuen Zeit. Trotz alledem läßt sich die Haltung des Tacitus nicht auf verkrampftes Altrömertum reduzieren; verkennt er doch keineswegs die 1 Anders (leichtes Abrücken vom harten mos antiquus): E. AUBRION, Tacite et la misericordia, Latomiis 48, 1989, 383-391; zu liberalilas und comitas: R. HAUSSLER 1965, 280-284. 2 H. FUCHS, Tacitus über die Christen (ann. 15, 44), V C h r 4, 1950, 65-93; wh. in: V. PÖSCHL, Hg., '1986, 575-607; H. FUCHS, Tacitus in der Editio Helvetica, M H 20, 1963, 205-229, bes. 221-228, diese Seiten unter dem Titel »Nochmals: Tacitus über die Christen« wh. in: V. PÖSCHL, Hg., '1986, 608-621. 3

I. BORZSÁK 1 9 8 2 .

4

Κ . Η. SCHWARTE, Traians Regierungsbeginn und der Agrícola des Tacitus, BJ 179, 1979, 1 3 9 - 1 7 5 · bes. 1 4 1 . 5 Ego Jacilius crediderim naturam margaritis deesse quam nobis avaritiam (Agr. 12). 6 Vera bona, quae in virtutibus sita sunt (Agr. 44). 7 Agr. 30-32 (vgl. auch Agr. 1 1 , 4); außerdem Arminius (ann. 1, 59); Caratacus (ann. 12, 37), Boudicca (ann. 14, 35): W. EDELMAIER 1964; H. FUCHS, Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt, Berlin 1938, bes. 17 und 47; G. WALSER 1 9 5 1 , 154-160; H. VOLKMANN, Antike Romkritik. Topik und historische Wirklichkeit, in: Interpretationen, Gymnasium Beiheft 4, 1964, 1-20; W. FAUTH, Die Mißgunst Roms, Anregung 5, 1967, 3 0 3 - 3 1 5 .

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guten Seiten der eigenen Epoche. Als Angehöriger der >neuenepikureischkriminalistisch< vor. In manchem ist er ein Nachfolger des Thukydides und Polybios, doch ohne ihren Wissenschaftsoptimismus zu teilen. Tacitus erkennt, daß der Mensch sich verändert, wenn er in ein Kollektiv gerät. Unter dem Einfluß der Macht des Einzelnen entwickeln sich im Staat patientia (Fügsamkeit), keine Tugend mehr, sondern servitus (Sklavengesinnung). Also hängen virtus und libertas miteinander zusammen (Agr. n ) . Des weiteren zeigt Tacitus die psychologischen Mechanismen auf, die aus Unterlegenen postum Märtyrer und Sieger machen: punitis ingeniisgliscit auctoritas (ann. 4, 35). Überhaupt sieht Tacitus in der Geschichte »einen rätselhaften Hang zum Nichtigen und Absurden«2. Bei ihm steht nicht so sehr die Persönlichkeit als solche im Vordergrund als vielmehr der Mensch im Spannungsfeld von Mächten und Gruppen, von Kollektivreaktionen. Der Historiker erkennt die Rolle der >Atmosphäre< im politischen Geschehen. Daher ist fur ihn die Psychologie der Masse von Bedeutung, besonders diejenige des Heeres3. Schon in hist. 1, 4 nennt er an prominenter Stelle die Stimmung in der Truppe als wesentlichen Faktor historischer Kausalität - gleich nach den Zuständen in der Hauptstadt (die fur den römischen Senator immer noch an erster Stelle stehen). Die Feststellung der Tatsache, daß das Heer alles entscheidet (hist. 1, 46), ist ein rationales Element, aber die Truppe als solche ist von Stimmungen beherrscht, die irrational sind. Auch in den Annalen wird das Heer als realer Machtfaktor gewürdigt. Schon Tiberius kennt - so Tacitus — bei der Übernahme des Oberbefehls über die Truppen keinerlei republikanische Skrupel; diese spart er sich fur Senatssitzungen auf (ann. 1 , 7 ) . Galba scheitert, weil er seine Abhängigkeit vom Militär verkennt (vgl. hist. 1, 5 und 1, 7) und in altrömischem Geiste Strenge und Sparsamkeit walten läßt - ja sogar den angeblichen Mörder 1 M . FUHRMANN I 9 6 0 , bes. 2 5 4 , Anm. 1 ; generell R . KOSELLECK, Der Zufall als Motivationsrest in der Geschichtsschreibung, in: Die nicht mehr schönen Künste. Poetik und Hermeneutik 3, 1968,

129-141. 2

V . PÖSCHL 1 9 6 2 , b e s . 7 ; w h . i n : V . PÖSCHL, H g . , Ί 9 8 6 , b e s .

3

I. KAJANTO, Tacitus' Attitude on War and the Soldier, L a t o m u s 29, 1970, 699-718; E. OLSHAUSEN,

120.

Tacitus zu Krieg und Frieden, Chiron 17, 1987, 299-312; Interpretation der Soldatenmeuterei in Pannonien bei E. AUERBACH, Mimesis, Kapitel 2: »Fortunata«, ann. 1, 16ff., Bern 1 9 4 6 , 4 0 - 4 6 ; " 1 9 7 7 , 37-43. v gl· Anm. 1 zu S. 886.

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seines Konkurrenten Otho nur rügt, statt ihn zu belohnen (hist. 1, 35). Otho ist in dieser Beziehung >modernerMonarchisten< zum >Republikaner< gewandelt 3 ; denn diese Polarität ist in ihm als römischem Senator angelegt und besteht unaufgelöst fort. Verbreitet ist dagegen noch die Anschauung, seine Stimmung habe sich zunehmend verdüstert 4 . D o c h gibt es schon in Historien und Agricola Dunkel genug, und die Bejahung der Monarchie im Dialogus kann kaum von dem Sprecher Maternus abgetrennt werden: Ist sie eine Äußerung von Illusion oder Resignation 5 ? Wenn sich die Prooemien der verschiedenen Werke hinsichtlich ihrer Stimmung unterscheiden, so braucht dies nicht im Sinne eines wachsenden Pessimismus 6 erklärt zu werden; denn es ist mit zunehmender historischer Einsicht zu rechnen 7 . Auch die Struktur der Texte und ihre argumentative Zielsetzung erklären den Unterschied zur Genüge 8 . Vergleicht man allerdings Agricola mit Paetus Thrasea, Piso oder Arulenus Rusticus, die ihre M ä ß i g u n g 1 P. SCHUNCK, Römisches Sterben. Studien zu Sterbeszenen in der kaiserzeitlichen Literatur, insbesondere bei Tacitus, Diss. Heidelberg 1955. 2 Ph. FABIA, L'irréligion de Tacite, JS 12, 1914, 2 j o - 2 6 s (Glaube - Unglaube - Glaube - Unglaube); ähnlich Ν . ERIKSSON, Religiositet och irreligiositet hos Tacitus, Lund 1935; R. REITZENSTEIN 1927 (Vom Glauben zur Skepsis). 3 So R . REITZENSTEIN 1927; ders. 1914-1915, 173-276, bes. 235-241, w h . in: Aufsätze zu Tacitus, Darmstadt 1967, 17-120, bes. 79-85; wesentlich zutreffender dagegen F. KLINGNER 1932. 4 K . HOFFMEISTER, D i e Weltanschauung des Tacitus, Essen 1831; A . GUDEMAN, Ausgabe des Dialogus, Leipzig '1914, N d r . 1967, 47; F. KLINGNER 1932, bes. 164, w h . in: KLINGNER, Geisteswelt, Ί965, bes. 521. 5 SYME, Tacitus ι , 220; es ist verlockend, aber w o h l zu einfach, in der Maternus-Rede bloße Ironie zu sehen (A. KÖHNKEN, Das Problem der Ironie bei Tacitus, Μ Η 30, 1973, 32-50). 6 So KLINGNER, Geisteswelt 521; 513; W.JENS 1956, bes. 346-348 (von R . REITZENSTEIN 1927 beeinflußt); W . WIMMEL, R o m s Schicksal im Eingang der taciteischen Annalett, A & A 10, 1961, 35-52. 7 Richtig W. STEIDLE 1965, bes. 1 i 2 f . 8 A . D . LEEMAN 1973, 169-208; w h . in: LEEMAN, Form 317-348.

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nicht schützt, so kann man doch zumindest vermuten, Tacitus sei noch nachdenklicher, grüblerischer geworden 1 . Der Autor scheut direkte Stellungnahmen. Oft glaubt man, seine Stimme aus den Reden seiner Gestalten herauszuhören, aber wer gibt uns da letzte Gewißheit? Das Problem stellt sich ähnlich wie für Thukydides. Zu wichtigen Themen nehmen folgende Reden Stellung: Adoptivkaisertum (Galbarede hist. 1, 15 f.), Herrscherverehrung (Tiberiusrede antt. 4, 37f.), Provinzialverwaltung: Rechtsnormen (Tiberiusrede antt. 3, 69), Luxus und Wirtschaft (Tiberiusbrief ann. 3, S3 f·). Aufschlußreich ist die Übertragung von Denkmodellen der republikanischen Geschichte auf die Kaiserzeit, etwa der Hinweis auf den Wegfall von Furcht als Pervertierung der Herrschaft: Erklärten die republikanischen Historiker, besonders Sallust, den Sittenverfall daraus, daß die Römer Karthago nicht mehr zu furchten brauchten, so deutet Tacitus die Biographie (und damit den Wandel der Herrschaft) des Tiberius (ann. 1-6) nach demselben Prinzip2. Diese Auslegung wird durch Parallelen aus Sallust unterstrichen3; dabei hebt Tacitus die Verantwortung des Einzelnen hervor, von dessen sittlicher Entscheidung das Schicksal des Reiches abhängt - ein Gedanke, der sich in domitianischer Zeit auch anderen aufdrängt (Sil. 13, 504). So wichtig der Charakter der Kaiser, so wenig ist er doch der einzige Gesichtspunkt der Darstellung. Nicht minder bedeutsam sind die Veränderungen, die bei den Untergebenen vor sich gehen. Die politischen Wechselwirkungen zwischen Kaiser, Truppe und Senat, zwischen Macht und Charakter, sind das eigentliche Thema: So ist Vitelüus ein Beispiel dafür, wie ein schwacher Charakter durch die Macht korrumpiert wird. Tacitus präsentiert in den ersten drei Historien-Büchern die Rolle von Persönlichkeit und Masse in beiden Reichshälften jeweils verschieden: Im Westen regiert nicht die Persönlichkeit eines Otho oder Vitellius, sondern die Laune der Truppe, hier geht es um Stimmungen und Gesinnungen der Kollektive, im Osten sind dagegen die Befehlshaber - Vespasian und Mucian (der Statthalter Syriens) - die handelnden Subjekte4. Die Entartung des Herrschers fuhrt in Wechselwirkung mit der Servilität des Senats und der Hybris des Heeres zu den typischen Veränderungen im menschlichen Wesen, die Tacitus aufzeigen will. Sein Werk ist gedeutete Wirklichkeit, eine Studie zur korrumpierenden Wirkung der Macht auf den Einzelnen und ganze Gruppen - samt den weltgeschichtlichen Folgen, wie sie bei der Größe des Römerreiches nicht ausbleiben. Somit bedürfen einige geläufige Meinungen über Tacitus der Modifikation: 1

R . HAUSSLER 1 9 7 0 - 1 9 7 1 ,

398.

F. KLINGNER, Tacitus über A u g u s t u s und Tiberius (1953), in: KLINGNER, Studien 624-658; w h . in: V . PÖSCHL, H g . , Ί 9 8 6 , 513-556, bes. 547-549; zur Tradition: R. HAUSSLER 1965, 322-324. 2

3 V g l . Sali. Catil. 10 saeuire Fortuna ac miscere omnia coepit; Tac. ann. 4, 1 turbare fortuna coepit, saevire ipse; Sali. hist. 1, 12 M . postquam remoto metu Punico ...; Tac. ann. 6, 51, 3 postquam remoto pudore et metu. 4 M . FUHRMANN i960, 257-260 mit Lit.

Ç02

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

ι. Seine Perspektive ist nicht auf die Stadt R o m beschränkt, wenngleich auf ihr weiterhin sein besonderes Augenmerk ruht. 2. Weder sein historisches noch sein anthropologisches Denken ist rein statisch oder nur rückwärtsgewandt. 3. Seine moralische Sicht und seine Konzentration auf Herrscherpersönlichkeiten sind insofern in der Kaiserzeit fast unvermeidlich, als die hohe Machtkonzentration in den Händen des Einzelnen strenge moralische Maßstäbe setzen muß. Vor allem aber bietet die Perspektive des Tacitus eine ernsthafte Ergänzung zur modernen Sicht der Geschichte. Heute sucht man bald nach >biologischenchallenge< und >response< gestellt. So belebt er eine Perspektive der antiken Historiographie wieder, erinnert den Einzelnen an seine Verantwortung vor der Geschichte und macht ihn frei, nach neuen schöpferischen Lösungen zu suchen. Überlieferung N u r ein Exemplar v o n jedem Werk gelangt ins Mittelalter: ann. 1—6: nur Mediceus I = Laurentianus plut. 68, 1 (s. IX). ann. 1 1 - 1 6 und hist. 1-5: nur Mediceus Π = Laurentianus plut. 68, 2 (s. XI), in Montecassino geschrieben und u m 1370 von Boccaccio entdeckt. Kleine Schriften (Germ., Agr., Dial, und Suet. gramm.): D e n verlorenen Hersfeldensis m u ß man weitgehend aus Abschriften rekonstruieren. Das 1902 in Iesi bei Ancona 1 gefundene Textstück gehört nach neuesten Untersuchungen doch wieder in die Nähe des Hersfeldensis 2 . Einzelnes: ι. Die Handschriften von ann. 1 1 - 1 6 und hist. 1 - 5 bilden drei Gruppen (je nach der Stelle, an welcher der Text in hist. 5 abbricht). Der Mediceus II, der die Gruppe mit dem längsten Text anfuhrt, ist wahrscheinlich die Quelle aller übrigen Handschriften, die somit zu eliminieren wären. Gute Lesarten in diesen späten Codices haben den Wert von Konjekturen. Der Leidensis (Facsimile: C . W. M E N D E L L , Leiden 1966) ist trotz des Versuches einer Ehrenrettung (E. K O E S T E R M A N N , A u s g . , Leipzig 1960-1961) w o h l wertlos. R. HANSLIK hält die >Genueser Gruppe< v o n Handschriften (V 58 und Β 05) fur eigenständig, ohne sich mit dieser Auffassung durchgesetzt zu haben (s. z . B . H . HEUBNER, G n o m o n 51, 1979, 65). Unter R. HANSLDCS Aufsicht wird das gesamte Material aus den deteriores in Einzelausgaben aufgearbeitet: ann. 1 1 - 1 2 , ed. H. WEISKOPF, Wien 1973; ann. 15-16, ed. F . R Ö M E R , ebd. 1976. 1 R. TILL, Handschriftliche Untersuchungen zu Tacitus' Agricola und Germania. Mit einer Photokopie des Codex Aesinas, Berlin 1943. 2 H. MERKLIN, >Dia/O£MÍÍ-Probleme in der neueren Forschung. Überlieferungsgeschichte, Echtheitsbeweis und Umfang der Lücke, A N R W 2, 33, 3, 1991, 2255-2283. Ein Minuskel-Codex des 9. Jh. enthielt Dictys, Germania und Agricola; ein anderer Minuskel-Codex enthielt unter anderem den Dialogus und das Suetonfragment. Aus diesen beiden wurden zu einem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt die drei Tacitus-Schriften im Hersfeldensis (H) zusammengefaßt. Im Aesinas müssen zwischen 1456 und 1473 das alte Bellum Troianum und der alte Agricola-Rest wieder zusammengekommen sein.

PROSA:

TACITUS

903

2. Die Titel Annales und Historiae sind unsicher. Tertullian (apol. 16) zitiert zwei Stellen aus dem >vierten< (eigentlich fünften) Buch der Historiae; er hat wohl die Ausgabe in Rollen vor sich. Hieronymus (in Zach. 3, 14 = PL Migne 25, 1522) benutzt eine Ausgabe, in der die Annalen vor den Historien stehen (also nach dem Stoff, nicht nach der Entstehungszeit geordnet): Cornelius ... Tacitus qui post Augustum usque ad mortem Domitiani vitas Caesarum XXX voluminibus exaravit. Im Mediceus II heißt das 1. Buch der Historien: liber decimus séptimas ab excessu divi Augusti. Also waren es wohl 16 Bücher Annalen und 14 Bûcher Historien1. 3. O b der Dialogus de oratoribus in der (ältesten) Hersfelder Handschrift als Werk des Tacitus gekennzeichnet war, läßt sich nicht ganz eindeutig entscheiden2. Die Werke in der Handschrift hatten folgende Reihenfolge: Germania, Agricola, Dialogus, Suet. gramm.; auch der Kontext der Oberlieferung zwingt also nicht unbedingt dazu, Tacitus als Verfasser anzunehmen. Die Autorschaft des Tacitus wurde von Beatus Rhenanus bezweifelt (TacitusAusgabe, Basel 1319). Man hat die Schrift Quintilian (so lustus Lipsius, der aber diese Vermutung wieder zurücknahm) und Plinius d. J. (soj. J. H. Nast in seiner Obersetzung des Dialogus, Halle 1787) zuzuschreiben versucht. Für die Autorschaft des Tacitus spricht das Zitat bei Plin. epist. 9, 10, 2 aus dial. 12, falls man es nicht auf einen Brief des Tacitus beziehen muß. Der >untaciteische< Stil des Dialogus läßt sich nicht gegen die Echtheit ins Feld fuhren; denn fur das oratorische Thema war ein Stil, der sich Cicero nähert, angemessen; für die Historiographie galten andere Maßstäbe. Die Stildifferenz ist, wenn man einmal die Echtheit annimmt, also auch kein Argument fur eine sehr frühe Datierung 3 ; der Dialogus ist wohl nach Domitians Tod, möglicherweise aber erst zum Consulat des Fabius Iustus 102 n. Chr. geschrieben4, wohl etwas später als Agricola und Germania15. Im Dialogus nahm man früher eine Lücke in Kapitel 40 an. Dies wird heute nicht mehr geglaubt. Dagegen gibt es in Kapitel 36 zweifellos eine Lücke. Ihr Umfang ist umstritten: 1) >Kleine< Lücke (1 + Ά fol.): Secundus hält keine Rede 6 . 2) >Große< Lücke (6 fol.): Secundus hat gesprochen 7 . Die >kleine LückeSchweiger< (hier nicht ohne Grund) mendaciorum loquacissimus (apol. 16). Ptolemaios liest in komischem Mißverständnis aus ann. 4, 73 {ad sua tutanda degressis) einen Ortsnamen Σιατουτάνδα heraus. Der berühmte Geograph eröffnet damit die Reihe großer Gelehrter, die bei Tacitus vergeblich nach exakter Information suchen. Kein Grammatiker zitiert Tacitus, da sein Stil für den Unterricht nicht geeignet scheint. Kaiser Tacitus (Hist. Aug. Tac. 10, 3) soll befohlen haben, die Werke des Historikers jährlich in allen Bibliotheken zehn Mal abschreiben zu lassen; leider regiert dieser Kaiser nur ein halbes Jahr. U m 400 wird Tacitus im Symmachuskreis gelesen. Ammianus Marcellinus beginnt seine Geschichte mit Nerva, setzt also das Werk unseres Historikers fort und läßt sich auch stilistisch von ihm inspirieren, wiewohl man die Nähe zu dem Vorgänger nicht überbetonen sollte2. Sidonius Apollinaris erwähnt Tacitus mehrfach, Orosius zitiert ihn, überhaupt wirkt unser Autor im 4. und 5. Jh. in Gallien nach3. Das Fortwirken im Mittelalter entspricht der schmalen Überlieferung. Einhart (t 840) kennt Germania und Historien. Fulda bildet (wie die benachbarten Benediktinerklöster Corvey und Hersfeld) ein Zentrum seines Fortwirkens. Schon im 9. Jh. liest man hier in Germania und Annalen. Dasselbe Geschichtswerk ist auch Anfang des 12. Jh. in der vita Heinrici IV benützt. - Der andere Überlieferungszweig (derjenige des Mediceus II) kommt in Italien bei Boccaccio ("J" 1375), Leonardo Bruni (f 1444) und anderen zur Geltung. In der Renaissance gelangt Tacitus zu starker Wirkung. Der Humanismus entdeckt den Menschenbeobachter. So schreibt Vico (f 1744) in seiner Autobiographie: »Tacito contempla l'uomo quai è, Platone quai dee essere«4. Vielfaltig ist die Wirkung des >Moralisten< Tacitus von Montaigne bis hin zu Lichtenberg5 und Nietzsche (den Tacitus' Seitenhiebe gegen die Christen ebenso erfreuen wie seine Bemerkung über die Eitelkeit der Weisen)6. Voltaire sieht in Tacitus den Satiriker, Boissier den Moralisten und Künstler 7 . 1 E. CORNELIUS, Quomodo Tacitus ... in hominum memoria versatus sit usque ad renascentes litteras saec. X I V et X V , Wetzlar 1888; J . VON STACKELBERC, Tacitus in der Romania. 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W e r k e , h g . K . SCHLECHTA, 2 ,

192.

J . H E L L E G O U A R C ' H , T a c i t e , V o l t a i r e et G . B o i s s i e r , i n : R . C H E V A L L I E R , R . P O I C N A U L T , H g .

oben Anm. 1), 141-149.

(zit.

PROSA:

TACITUS

905

Unübersehbar groß ist der gedankliche und formale Einfluß des Tacitus auf die Geschichtsschreibung des 16.-17. Jh., nicht nur in der Romania, sondern auch im übrigen Europa (H. Grotius, P. C . Hooft 1 ). Die politische Literatur Italiens und Frankreichs ist zunächst vom Machiavellismus, dann vom >TacitismusTacitismus< wird zu einer Pseudomorphose des Machiavellismus, Tiberius tritt an die Stelle des principe. Das Erzählertalent des Tacitus regt auch viele Bühnenwerke an: Man denke an Corneilles Othott (uraufgeführt 1664), Racines Britannicus (1669), Alfieris Ottavia (1780-1782), Marie-Joseph Chéniers Tibère (um 1807). Der verbannte Arnault schreibt einen Germanicus (1817). Einzelne Zitate haben ein eigenes Nachleben 3 ; z. B. Tac. Agr. 30, 4 ubi solitudinemfaciunt, pacem appellant. Byron (The Bride ofAbydos 2, 20,431) bezieht das Zitat nicht auf den Imperialismus, sondern auf das Verhalten des Mannes: He makes a solitude and calls it peace. Ausgaben4: ann. 11-16, hist. 1-5, Germ., dial.: Bononiae 1472; Vindelinus DE SPIRA, Venetiis (wohl 1473). * Agr. : F. PUTEOLANUS, Mediolani um 1477. * Erste Gesamtausgabe: Ph. BEROALDUS, P. Cornelii Taciti libri quinqué noviter inventi atque cum reliquis eius operibus editi, Romae 151$. * Die frühen Drucke findet man bei M . VALENTI, Saggio di una bibliografia delle edizioni di Tacito nei secoli X V - X V n , Roma 1953. * ann. : H. FURNEAUX (TK), Bd. 1, O x f o r d Ί 8 9 6 , B d . 2 , Ί 9 1 6 , N d r . 1 9 5 1 . * K . NIPPERDEY, G . ANDRESEN ( T K ) , B d . 1 , B e r l i n " 1 9 1 5 , B d . 2 , ' 1 9 0 8 . * E . KOESTERMANN ( K ) , 4 B d e . , H e i d e l b e r g 1 9 6 3 - 1 9 6 8 . * A . H O R N E F FER ( Ü ) ,

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PROSA:

TACITUS

907

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9o8

LITERATUR

DER FRÜHEN

KAISERZEIT

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Β. R E D E U N D B R I E F

PLINIUS DER J Ü N G E R E Leben, D a t i e r u n g C . Plinius Caecilius Secundus1 steht beim Vesuvausbruch (79) im 18. Lebensjahr (epist. 6, 20, 5), ist also 61 oder 62 geboren; seine Heimatstadt ist C o m u m , das er später mit einer Bibliothek (epist. 1, 8) und einer Stiftung fur freigeborene Kinder beschenkt (epist. 7, 18). Nach dem Tod des Vaters erzieht ihn sein Oheim mütterlicherseits, der Altere Plinius, der ihn testamentarisch adoptiert. In Rom studiert unser Autor bei Quintilian und Nicetes Sacerdos (epist. 2, 14, 9; 6, 6, 3). Früh beginnt seine Anwaltstätigkeit. Als Militärtribun kommt er nach Syrien; dort hört er die Philosophen Euphrates und Artemidoros (epist. 1, 10, 1-2; 3, 11, 5). Zahlreiche Ämter, die er innehat, machen sein Leben alles andere als beschaulich2: Im Jahr 100 ist er consul suffectus, 111—1x2 (oder 112—113) kaiserlicher Legat in Bithynien. Er hält sich etwas darauf zugute, wie Cicero Augur zu sein (4, 8,4). Die späteste Nachricht über ihn bezieht sich auf seine Verwaltungstätigkeit in Bithynien. Als Beamter kommt er auch mit Christen in Berührung, fur deren Behandlung ihm Traian ziemlich humane Verhaltensmaßregeln gibt 3 . Z u den Freunden des Plinius zählt Tacitus, mit dessen Gedankenwelt zahlreiche Berührungen bestehen4. Wie für den in sich gekehrten Sueton so setzt er sich auch fur den gealterten Martial mit großer Hilfsbereitschaft ein; sonst scheint er zu den Kreisen, in denen dieser und Statius verkehren, weniger Kontakt zu haben 5 . Von seinen Werken besitzen wir den Panegyricus auf Traian (am 1. 9. 100 gehalten und ein Jahr später in erweiterter Form veröffentlicht) und die Briefe; davon sind neun Bücher an verschiedene Adressaten gerichtet, die teilweise dem

1

Inschriften: C I L j , 5262-J264; Suppl. z u s, 745; 5667; 11, 5272; E . MARINONI, U n a n u o v a dedica a

Plinio il Giovane, C R D A C 9, 1977-1978, 75-89. 2 Außerdem: Praefectura aerarti militons, praefectura aerarii Saturni, cura alvei Tiberis et riparum et cloacarum urbis. 3 Plin. epist. 10, 96 und 97; R. FREUDENBERGER, Das Verhalten der römischen Behörden gegen die Christen im 2.Jh., dargestellt am Briefe des Plinius an Trajan und den Reskripten Trajans und Hadrians, München 1967; vgl. auch J. E. A . CRAKE, Early Christians and R o m a n L a w , Phoenix 19, 1 9 6 5 , 6 1 - 7 0 ; P. WINTER, T a c i t u s a n d P l i n y o n C h r i s t i a n i t y , K l i o 52, 1 9 7 0 , 4 9 8 - J 0 2 ; R . F. CLAVELLE,

Problems Contained in Pliny's Letter on the Christians, Diss. Urbana 1971, vgl. D A 32, 1972, 5758 Α . ; P. V . COVA, Plinio il Giovane e il problema delle persecuzioni: BStudLat J, 1975, 293-314 (zum Forschungsstand); U . SCHILLINGER-HAEFELE, Plinius, epist. 96 und 97, C h i r o n 9, 1979, 383-392; A. WLOSOK, Z u r Auseinandersetzung zwischen Christentum und römischem Staat, A U , R. 13, Beiheft 1, Stuttgart 1970. 4 M . VIELBERG, Bemerkungen zu Plinius d. J. und Tacitus, WJA 14, 1988, 171-183. 5 P. WHITE, T h e Friends o f Martial, Statius and Pliny and the Dispersal o f Patronage, H S P h 79, 1975, 26S-300; Plinius schätzt Martial: T. ADAMIK, Pliny and Martial. Epist. 3, 21, A U B 4, 1976, 63-72.

9IO

LITERATUR DER F R Ü H E N KAISERZEIT

Kreis um Traían angehören 1 ; das zehnte - wohl postum ediert - enthält Schreiben an den Kaiser, zum Teil mit dessen Antworten. Verloren sind kleinere Dichtungen und zahlreiche Reden, sowie eine rhetorische Biographie des Vestricius Cottius 2 . Von diesen Werken wissen wir nur aus den Briefen des Plinius. Die Datierung der Briefe ist schwierig 3 . 2, 1 1 berichtet von der Verurteilung des Marius Priscus (100 n. Chr.); 3, 4 hingegen ist schon etwa Ende 98 verfaßt. Buch 4 erschien nicht vor 106, Buch 5 - 9 nicht vor 109. In den späteren Büchern sind auch ältere Briefe enthalten. Die Chronologie ist fur die Anordnung nicht maßgebend. Daß Plinius sein Werk in >Triaden< herausgegeben hätte, läßt sich nicht beweisen 4 . Die Briefe wurden, ebenso wie der Panegyricus, vor der Veröffentlichung überarbeitet. Werkübersicht Epistulae Anstelle einer Inhaltsübersicht der Briefsammlung seien einige Themen mit wenigen Beispielen genannt: Widmung (1, 1), Glückwunsch (10, 1), Empfehlung (1, 24), Dank (4, 8), Bitte um Nachrichten (1, 11), Tageslauf und Wunsch nach Muße (3, 1), Landleben und literarische Studien (1, 9; vgl. auch 1, 6), Rezitationswesen (1, 13), Stil (1, 20), Leben und Tod von Bekannten (2, 1 und passim), Politisches (2, 11 f.), Wohltaten des Plinius (1, 8; 1, I9;2,4;2,5), Anerkennung anderer ( 1, 16; 1, 17), Träume ( 1, 18), Gespenster (7, 27), Reisen (4, 1), Naturerscheinungen (4, 30), Gerechtigkeit gegenüber Niedriggestellten (2, 6), Scherzhaftes (1, 6; 1, 15). Panegyricus Plinius hat seine gratiarum actio umgearbeitet und erweitert. Er rühmt Leben, militärische Fähigkeiten und Herrschertugenden des durch göttlichen Willen erwählten optimus princeps. Vor dem düsteren Hintergrund der domitianischen Zeit stellt er Traians Werdegang und Taten bis zu seinem Einzug in Rom dar (23). Es folgen seine Maßnahmen als Herrscher (24—80), ein kurzer Blick auf sein Privatleben (81-89), der Dank fur die Verleihung des Consulats (90-95) und ein Gebet an Iuppiter. Quellen, Vorbilder, Gattungen Die Gattung des Briefes ist in besonderem Maße dem Leben verbunden. Ihre Literarisierung ist eine >späte< Erscheinung. Plinius* Briefe sind in dieser Beziehung ein Seitenstück zu Horazens Episteln. Ein schriftstellerischer Reiz des Briefes als Genos liegt in den vielfaltigen Möglichkeiten, literarische Gattungen zu kreuzen: 1

G . G . TissONi, Sul consilium principis in età traianea, SDHI 3 1 , 1965, 222-245, Appendix. Nicht von Plinius ist die ihm zuweilen zugeschriebene Schrift De t'iris illustribus; vgl. dazu W. K . S h e r w i n , The Title and Manuscript Tradition of the De viris illustribus, R h M 102, 1969, 284-286 (Lit.). 3 Z u r Chronologie grundlegend A . N . S h e r w i n - W h i t e (K 1966), Einfuhrung; R. Syme, The Dating of Pliny's Latest Letters, C Q 35, 198$, 1 7 6 - 1 8 5 . 4 G . M e b w a l d 1964 rechnet mit gruppenweiser Herausgabe: Buch 1-3, 4-5, 6-7, 8-9; er nimmt an, jedes Buch zerfalle in zwei weitgehend symmetrische Hälften; die Briefe seien teils sukzessiv, teils zyklisch (triadisch) angeordnet. 2

PROSA: PLINIUS DER JÜNGERE

911

Die Skala reicht v o n den hohen Formen der Geschichtsschreibung und Rede bis hin zur Behandlung landwirtschaftlicher 1 Probleme und alltäglichem scherzhaften Geplauder. Die Nachrufe lassen sich mit der laudatio funebris2 illustrium

virorum3

und mit dem T e x t t y p u s

exitus

vergleichen. Einfluß der Historiographie als Gattung ist z. B . in

dem berühmten Brief über den T o d des O n k e l s ( e p i s t . 6, 16) beobachtet w o r d e n ; dort gibt Plinius vor, dem Historiker Tacitus eine Materialsammlung zu liefern, verfaßt aber de facto selbst einen Bericht, der sich der Geschichtsschreibung nähert 4 . Prinzipien der epideiktischen Beredsamkeit befolgt der Panegyricus.

Stofflich

steht hinter dieser so wichtigen Rede die Tradition des Fürstenspiegels, w i e sie sich in der römischen Literatur bei C i c e r o (z. B . Pro Marcello Seneca (De dementia)

und Pro Ligario)

fassen läßt. E s bestehen auch Parallelen zu D i o s

(um 100) und der Galbarede bei Tacitus (hist,

und

Königsrede?

i, I 5 f . ) .

Unter den Rednern verdient C i c e r o als Vorbild einen Ehrenplatz 6 . D e r E i n f l u ß der epideiktischen Beredsamkeit auf das Gesamtschafifen des Plinius kann k a u m überschätzt werden 7 . V o n stoischen Autoritäten ist neben Paetus Thrasea (6, 2 9 , 1 - 3 ) auch Musonius R u f u s zu nennen 8 . Dichterworte schmücken die Briefe; m i t Vorliebe zitiert Plinius H o m e r , zuweilen i m griechischen Original 9 , auch V e r g i liana sind nicht selten.

1 In den Partien, die sich auf Wirtschaftliches beziehen, hat man Berührungen mit Columella festgestellt: R. MARTIN 1981. 2 Eine ironische laudatio ßmebris: epist. 6, 2. 3 F. A. MARX, Tacitus und die Literatur der exitus illustrium virorum, Philologus 92, 1937, 83-103; A. RONCONI, Exitus illustrium virorum, SIFC 17, 1940, 3-32. 4 M. BARATTA, La fatale escursione Vesuviana di Plinio, Athenaeum N S 9, 1931, 71-108; S. HERRLICH, Die antike Oberlieferung über den Vesuvausbruch im Jahre 79, Klio 4, 1904, 209-226; F. LILICE, Die literarische Form der Briefe Plinius' d.J. fiber den Ausbruch des Vesuvs, Sokrates 6, 1918, 209-234; 273-297; F. A. SULLIVAN, Pliny epist. 6, 16 and 20 and Modem Vulcanology, C P h 63, 1968, 196-200; L. BESSONE, Sulla morte di Plinio il Vecchio, R S C 17, 1969, 166-179; D . PASQUALETTI, N . (= K.) SAILMANN, R. SCHILLING, De Vesuvii igni um eruptione, de Pompeiorum interitu, de morte Plini, Romae 1980; K. SALLMANN, Quo venus tradere posteris possis (Plin. epist. 6, 16), WJA N F J, 1979, 209-218; H. W. TRAUB 1955; vgl. auch Literarische Technik; Pompeii and the Vesuvian Landscape. Papers of a Symposium by the Archaeological Institute of America Washington Society and the Smithsonian Institution, Washington 1979; R. MARTIN, La mort étrange de Pline l'Ancien ou l'art de la déformation historique chez Pline le Jeune, V L 73, 1979, 13-21; M . D . GRMEK, Les circonstances de la mort de Pline. Commentaire médical d'une lettre destinée aux historiens, Helm an tica 37, 1986, 25-43; R. CopoNY, Fortes fortuna iuvat. Fiktion und Realität im ι. Vesuvbrief des jüngeren Plinius (6, 16), G B 14, 1987, 215-228. 5 F. TRISOGLIO, Le idee politiche di Plinio il Giovane e di Dione Cristostomo, PPol 5, 1972, 3-43. 6

H . PFLIPS 1 9 7 3 ; A . WEISCHE 1 9 8 9 .

Die Behandlung des Themas >Adoption< im Panegyricus zeigt vielleicht Berührungen mit verwandten (allerdings unpolitischen) Gedanken in den Deklamationen (G. CALBOLI 1985, 366); näher liegen freilich taciteische Parallelen. 7

8

H . - P . BUTLER 1 9 7 0 , 5 6 f .

' Z. B. epist. I, 20, 22; 5, 19, 2.

912

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

Literarische Technik Die Episteln sind an reale Personen gerichtet und gehen vielfach v o n konkreten Anlässen aus 1 ; dies spricht dafür, daß es sich um echte briefliche Mitteilungen handelt. A n literarische Ausgestaltung lassen andererseits v o r allem zwei Tatsachen denken: die feine stilistische Ausarbeitung und die Beschränkung jedes Briefes auf ein T h e m a . Beides kann man freilich bei einem gebildeten Autor auch in wirklichen Briefen nicht ausschließen. A m wahrscheinlichsten ist die Annahme, Plinius habe aus seiner tatsächlichen Korrespondenz eine Auswahl getroffen und in überarbeiteter Form herausgegeben. D a ß einzelne Stücke erst für die Edition geschrieben wurden, ist möglich. Die Sammlung möchte den Eindruck des Zufalligen erwecken, ist aber in Wahrheit künstlerisch angeordnet 2 . Bunte A b w e c h s l u n g ist ein Stilprinzip; doch gibt es auch die Technik der Fortsetzung 3 v o n Brief zu Brief. Die Vermutung ist nicht v o n der Hand zu weisen, daß Plinius — wie Horaz in seinen Episteln - ein bestimmtes literarisches >Programm< verfolgt. Die Praxis, Reden nachträglich zu publizieren, finden w i r bereits bei Cicero. Plinius geht in doppelter Beziehung über C i c e r o hinaus: Einmal überarbeitet er seine Reden in der Regel stärker als wir dies v o n Cicero vermuten, zum anderen fuhrt er die Praxis ein, bereits gehaltene Reden nachträglich in erweiterter Form zu rezitieren. So tritt das Epideiktische deutlicher hervor als bei Cicero. Die Präsenz Domitians i m Panegyricus (90, 5 carnifex; vgl. epist. 4, 11, 6 - 1 3 ) und des Denunzianten Aquilius Regulus in den Briefen (ζ. B . 1, 5) erklärt sich aus dem Bedürfiiis, die positiven Lehren durch Gegenbeispiele zu unterstreichen. Der Kontrast ist ein bevorzugtes Mittel plinianischer Darstellung, die man jedoch nicht auf >Rhetorik der Afìfìrmation< reduzieren sollte 4 . Plinius belebt seine brillante Erzähltechnik durch kühne >Kamerafuhrung< 5 . Naturbilder werden subtil verwendet, u m menschliche Reaktionen zu kennzeichnen 6 . V o n den Personen, mit denen er in Berührung k o m m t , läßt Plinius, abgesehen v o n wenigen klischeehaften Karikaturen, glaubwürdige und einprägsame literarische Porträts entstehen 7 . 1 K . ZELZER, Z u r Frage des Charakters der Briefsammlung des jüngeren Plinius, W S 77, 1964, 144-161 (betont den nicht fiktiven Charakter der Briefe und den literarischen Wetteifer im Freundeskreis); zu den Personen: R. SYME 1968 und 1985; A . A . BELL, Jr., A N o t e on Revision and Authenticity in Pliny's Letters, AJPh 110, 1989, 460-466.

G . MERWALD 1964. E. LEFÉVRE, Plinius-Studien II. Diana und Minerva. D i e beiden Jagdbillette an Tacitus (1, 6; 9, 10), G y m n a s i u m 8$, 1978, 37-47. 4 E. AUBRION, Pline le Jeune et la rhétorique de l'affirmation, Latomus 34, 1975, 90-130. 5 J . A . MARITZ, T h e Eruption o f Vesuvius. Technicolour and Cinemascope?, Akroterion 19, 3, 1974, 1 2 - 1 5 (zu epist. 6, 16). 6 W. E . FOREHAND, Natural Phenomena as Images in Pliny, epist. 6, 20, C B 47, 1971, 33-39; einschränkend, aber nicht z w i n g e n d D . S. BARRETT, Pliny, epist. 6, 20 again, C B 48, 1972, 38-40. 7 A . MANIET, Pline le Jeune et Calpurnia. Etude sémantique et psychologique, A C 35, 1966, 149-185. 2 3

PROSA:

PLINIUS

DER

913

JÜNGERE

Sprache u n d Stil »Er liebte erstens das Volle, ja bis zum Obermaß Volle ... Er liebte zweitens die zierlich geputzte Diktion ... Drittens hat er Vergnügen an scharf zugespitzten Sentenzen« 1 . Dieser widersprüchliche Befund erklärt sich aus Gattungsunterschieden. Sprache und Stil der Briefe des Plinius erfreuen durch Klarheit, oft auch durch Kürze. Als Redner hingegen huldigt er dem Prinzip der Fülle. Die epigrammatische Zuspitzung der Episteln erinnert manchmal an Plinius' Zeitgenossen Martial. Manche Briefe möchte man »Epigramme in Prosa«2 nennen. Vor allem Schlußsätze können pointiert auf den Anfang zurückgreifen 3 . Als Stilist will Plinius gleichzeitig Attizisten und Asianer zufriedenstellen 4 . D e m asianischen Stil entsprechen die dulcía - Klauseln, Poetisches, Grandiloquenz dem attischen die severa, knappe Sätze. Gedankenwelt 1 Literarische Reflexion Das stilistische Verhalten des Plinius beruht auf festen literaturtheoretischen Überzeugungen. Daß brevitas zum Briefstil gehört, versteht sich fur ihn von selbst; weicht er von diesem Prinzip ab, so gibt er jeweils gewichtige Gründe an. Für Reden gilt bei Plinius auch theoretisch das Gegenteil: Wenn er sein Plädoyer fur Breite ausgerechnet an Tacitus richtet (epist. 1, 20), so braucht dies kein Nadelstich zu sein: Unser Autor weiß um GattungsdifFerenzen, wie auch seine Unterscheidung von oratorischer und historischer 5 Erzählung zeigt (epist. 5, 8). Bedeutsam ist die Auffassung v o m Schriftsteller: Aus den Briefen geht ein ethisch geprägtes Bild des Redners "hervor. Plinius ist kein Mann der reinen Kontemplation, kein bloßer Ästhet oder scholasticus. Schöpferische Pausen werden bejaht, aber die Meditation steht im Dienste rechten Handelns 6 . Der U m g a n g mit dem Wort ist eine Frage der sittlichen Haltung, die Vervollkommnung der studia und scripta ein Weg zur Unsterblichkeit; aber beides läßt sich für Plinius nicht von einer ethischen Lebenspraxis trennen. Die Moralisierung der Beredsamkeit zeigt sich u. a. in der Liste 7 der Motive zur Übernahme eines Falles. In bezeichnender Umkehrung der catonischen Rednerdefinition heißt es von einem Denunzianten, er sei ein vir malus dicendi imperitus (epist. 4, 7, 5). Die Briefe des Plinius dokumentieren durch konkrete Beispiele den am alten C a t o geschulten Gedanken Quinti' NORDEN, K u n s t p r o s a 3I9F. 2

A . - M . GUILLEMIN 1929, 150; M . SCHUSTER 1 9 5 1 , 449Í. (Lit.).

3

L. WiNNiczuK,

4

S o M . DURRY, A u s g . B d . 4, Paris 1948, 89Í.

5

J. HEURGON, Pline le J e u n e tenté par l'histoire, R E L

RCCM 6

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USSANI,

Oralio-historia,

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V . D'AGOSTINO, T o r i n o 7

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1971, 413-444.

P l i n i u s epist. 6, 29, 1 - 3 zitiert T h r a s e a f u r die ersten drei M o t i v e u n d f u g t die claras et illustres h i n z u .

ÇI4

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

1

lians, der Redner habe ein vir bonus zu sein. In Plinius gelangt ein Mann des Wortes und der Tat und mit ihm die römische Literatur zu einem harmonischen und gefestigten literarischen Selbstbewußtsein. In diesem Sinne sind die Episteln weit mehr als nur ein idealisiertes Selbstporträt2. Gedankenwelt II Plinius entwirft im Panegyricus ein Herrscherbild, das bis in die Spätantike und weit darüber hinaus Beachtung finden wird. Die Gegenüberstellung von princeps bonus und princeps malus wird die Historia Augusta beherrschen. Auch der - selten verwirklichte - Gedanke, der Princeps unterwerfe sich freiwillig dem Gesetz (paneg. 65, 1) und behandle die Consuln als »Kollegen« (ibid. 78, 4) wird programmatisch formuliert; das Korrelat auf Seiten der Untertanen ist concordia, die sich von der salus principis nicht trennen läßt. Stoische Werte findet man z. B. in den Briefen über den Vesuvausbruch: Furchtlosigkeit, Gelassenheit, Todesbereitschaft, ratio3. Im Bericht über den Tod des Oheims liefert die bedrohliche Natur die für die moralische Bewährung notwendigen Situationen. Die Natur hat allerdings für Plinius, der kein Philosoph ist, nicht nur diesen ethischen Aspekt, sondern auch ästhetische und handfeste wirtschaftliche Komponenten. Die römische Rolle des dominus tritt in der Baugesinnung 4 hervor; in dieser Beziehung fuhrt eine kontinuierliche Entwicklung vom dominierenden Platz des Hausherrn im altrömischen Tablinum zu den die Landschaft beherrschenden Villen des Plinius. Man hat Plinius einerseits das >sentimentalische< Naturempfinden des Städters zugesprochen, andererseits aber auch ein ausgesprochenes »Gefühl fur das Land«5 bei ihm festgestellt. Das Desinteresse an Landwirtschaft, das Plinius manchmal zur Schau trägt, wird durch die Tatsachen widerlegt. Plinius ist kein Latifundienbesitzer, vielmehr ein Gutsherr: Er läßt kein umfangreiches einheitliches Gebiet von Sklaven bearbeiten, sondern mehrere voneinander unabhängige kleinere Höfe durch freie Pächter bewirtschaften. Als assiduus dominus kümmert er sich persönlich um seine Besitztümer - vermutlich sogar mehr als der alte Cato. In dieser Beziehung ist er ein Vorläufer der Gutsherren des 4. Jahrhunderts. Dies ist nur einer der Aspekte, welche einen Autor der Silbernen Latinität mit der Spätantike verbinden - Berührungen auf dem Gebiet der Literaturgattungen sind uns wiederholt aufgefallen (Panegyrik, Gelegenheitsgedicht, Epigrammatik, Briefliteratur u. a. m.). 1

G . PicoNE 1978, 1 4 3 - 1 4 8 .

2

Anders J.-A. SHELTON, Pliny's Letter 3, 11. Rhetoric and Autobiography, C & M 38, 1987,

1 2 1 - 1 3 9 ; E . LEFÈVRE 1969; p o s i t i v e r E . BURY, H u m a n i t a s als L e b e n s a u f g a b e . ... L e k t ü r e d e r P l i n i u s b r i e f e , A U 3 2 , 1, 1989, 4 2 - 6 4 . 3

K. SALLMANN, 1979, 2 '4ί vgl. allgemein P. V. COVA, LO stoico imperfetto. Un'immagine minore dell'uomo nella letteratura latina del principato, Napoli 1978. 4

5

E . LEFÈVRE 1977.

R. MARTIN, Recherches sur les agronomes latins et leurs conceptions économiques et sociales, Paris 1971, 344f. (Lit.).

P R O S A : P L I N I U S DER J Ü N G E R E

915

Von der Spätantike trennt unseren Autor hinwiederum seine Diesseitigkeit. Nicht Philosophie und Religion garantieren ihm die Unsterblichkeit, sondern - an Epikur erinnernd - das Gedächtnis seiner Freunde (und Leser)1. Die Briefe des Plinius malen die Welt und Gesellschaft, in der er lebt; weder Geschichtswerk noch Biographie, sind sie ein lebendiger Bericht von kostbaren Augenblicken. Die durchgehende ethische Orientierung sollte man nicht als Pharisäertum abtun. Wenn Plinius für unseren Geschmack von seinen Wohltaten und Stiftungen zu viel Wesens macht, so liegt dies daran, daß er in einer Krisenzeit das Bild eines Bürgers entwerfen will, der Talent und Vermögen in den Dienst der amici und der patria stellt: des »homme de lettres«, der zugleich Redner, Politiker und vir bonus ist2. Überlieferung 3 Die Oberlieferung der Briefe kennt zwei Corpora: 1. Die von Plinius zusammengestellten Privatbriefe in 9 Volumina, 2. eine Sammlung in 10 Büchern, die auch die Korrespondenz mit Traian einschließt. Hauptrepräsentanten der ersten Gruppe sind der Mediceo-Laurentianus plut. 47. 36 (M; s. IX), der alle 9 Bücher umfaßt, und - fur die ersten vier Bücher - der mit ihm nah verwandte Vaticanus lat. 3864 (V; s. DC). M V bieten einen zuverlässigen Text. Hinzu kommt fur die Bücher 1 - 7 und 9 die spät überlieferte sog. Acht-Bücher-Familie (γ, s. X V ) . Die späten Zeugen fur Buch 8 faßt man mit der Sigle θ zusammen. Die zweite Gruppe - die alle 10 Bücher enthielt - hat als ältesten Repräsentanten den Codex Sancti Victoris Parisiensis, heute New York, Morgan Library M 462 (Π; s. VI ineunt.), von dem nur 2, 2 0 , 1 3 - 3 , 5,4 erhalten sind. Der Text ist trotz des hohen Alters der Handschrift nicht besonders vertrauenerweckend. Von einer Kopie dieser Handschrift stammen: Florentinus Laurentianus Ashburnham. 98, olim Beluacensis (B; s. IX, nur 1 - $ , 6, 22 mit Lücken)4, Florentinus Mediceo-Laurentianus olim S. Marci 284 (F; s. X I exeunt., mit genau 100 Briefen: bis $, 6 Ende, interpoliert). Keinen selbständigen Wert haben einige mit dieser Handschrift verwandte Codices französischer Herkunft (s. XII-XIII). Die Korrespondenz mit Traian stand in einem verlorenen Parisinus (der wohl mit Π identisch ist), als Ersatz dienen die frühen Ausgaben und das heute in der Bodleiana (Auct. L.4.3.) befindliche Exemplar des Budaeus (G. Budé), der sich - nach der Auffindung des damals vollständigen Parisinus durch den Architekten Ioannes Iucundus - um die Textherstellung verdient gemacht hat. Der Panegyricus ist im Corpus der Panegyriker überliefert.

1

C . G N I L K A , T r a u e r u n d T r o s t in P l i n i u s ' Briefen,

2

G . CALBOLI 1985,

3

R . Α . B . MYNORS, A u s g .

Lund 4

S O 49, 1 9 7 3 ,

105-125.

372. 1 9 6 3 , P r a e f a t i o ( L i t . ) ; G . CARLSSON, Z u r T e x t k r i t i k der Pliniusbriefe,

1922.

Β w a r u r s p r ü n g l i c h ein T e i l s t ü c k des R i c c a r d i a n u s 4 8 8 , der heute nur n o c h die Naturgeschichte

älteren Plinius e n t h ä l t .

des

9I6

LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT

Fortwirken Der Panegyricus wird zum maßgeblichen Muster seiner Gattung; die Briefe finden in der Spätantike - auch was die Anlage der Sammlung betrifft - vielfaltige Nachfolge'. Die Rede für Attia Viriola (epist. 6, 33, 1) erwähnt Apollinaris (epist. 8, 10, 3). Seit Petrarcas Briefen wirkt Plinius auf die humanistische Epistolographie und über sie auf die nationalsprachliche ein. Auch dem Lebensphilosophen Montaigne sagt das heitere Menschentum unseres Autors zu. Die plinianischen Beschreibungen von Villen und Gärten befruchten die Phantasie der Renaissance2. Noch Th. Jeffersons (f 1826) Monticello, ein Juwel geistvoller Architektur und Lebenskunst, ist eine Villa im Geiste des Plinius und Cicero. Chr. M. Wieland übersetzt und erläutert etliche Pliniusbriefe; unser Autor beschäftigt auch Annette von Droste-Hülshoff und Gustav Freytag3. Ausgaben: epist. 1-7, 9: L. CARBO, Venetiis: VALDARFER 1471. * paneg.: F. PUTEOLANUS, Mediolani 1482. * epist., paneg. (mit vir. ill.): Venetiis 1485. * epist. 10, 41-121: Hieronymus AVANTIUS, Venetiis 1502. * Vollst. Text: Aldus MANUTIUS, Venetiis ijo8. * H. KEIL (T), Th. MOMMSEN (erklärender Index nominum), Lipsiae 1870. * M.SCHUSTER, recogn. R. HANSLIK, Lipsiae 1958. * B. RADICE (TÜ), 2 Bde., Cambridge, Mass. 1969. * F. TRISOGLIO (TK, Glossare, Indices), 2 Bde., Torino 1973. * epist.: R. Α . B. MYNORS, Oxonii 1963. * A. N . SHERWIN-WHITE (hist. Κ), Oxford 1966. * Η. KASTEN ( T Ü ) , München 1968, Ί974 (verb.). * Α . LAMBERT (OA), Zürich 1969. * W. KRENKEL (Ü), Berlin 1984. * Buch 1: H. PHILIPS (TÜ), Stuttgart 1987; 2: 1988; * Buch 6: J. D. DUFF (Τ), Cambridge 1906. * Buch 10: E.G. HARDY (TK), London 1889. * M.GIEBEL (TÜ), Stuttgart 1985. * Teilkomm. s. auch H. PFLIPS 1973. * paneg.: M . DURRY (TK), Paris 1938. * W. KÜHN (TÜA), Darmstadt 1985. * * Index: X.JACQUES, J. VAN OOTEGHEM, Bruxelles 1965. * Th. MOMMSEN, Index nominum cum rerum enarratione, in: H. KEIL, Ausg. (s. o.): ergänzend R. SYME 1968; 1985; C.J. REAGAN, Laterculum prosopographicum Plinianum, RIL 104, 1970, 414-436. * * Bibl.: J. BEAUJEU, Lustrum 6, 1961, 272-303. * M. DURRY, Travaux récents sur Pline le Jeune, JE 37, 1964-1965, 5-8. * R. HANSLIK, AAHG 17-18, 1964-65, 1-16. *

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P R O S A : PLINIUS DER J Ü N G E R E

917

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C. PHILOSOPHIE ( U N D D R A M A )

SENECA Leben, D a t i e r u n g Lucius Annaeus Seneca - man nennt ihn den >Philosophen< im Unterschied zu seinem Vater, dem sog. >Rhetor< - ist wohl gegen Ende des Jahres ι v. Chr. geboren 1 . Er ist der zweite von drei Söhnen aus der Ehe des älteren Seneca mit Hei via; der jüngste ist übrigens der Vater des Dichters Lucan. Die Annaei sind im spanischen Corduba eine alteingesessene, begüterte Ritterfamilie. Wie es häufig in Kolonien zu beobachten ist, hat sich dort die Sprache der Gründer besonders rein erhalten, und man pflegt traditionsbewußt den Glauben an die Republik und das Andenken des Pompeius. Seneca kommt frühzeitig nach R o m . Den Unterricht beim Grammaticus behält er in unangenehmer Erinnerung (epist. 58, 5). Von dem neupythagoreischen Philosophen Sotion hingegen, den auch der alternde Ovid gehört haben dürfte, läßt sich der junge Seneca bekehren und verzichtet ein Jahr lang auf Fleischgenuß (epist. 108, 17-22). Sein Vater, der gegenüber der Philosophie das überkommene Mißtrauen des Römers hegt, stellt ihm mit Erfolg die durchaus reale Gefahr vor Augen, als Anhänger fremdländischer Kulte verfolgt zu werden. Der Sohn begnügt sich daraufhin mit der stoischen Lehre, die in weniger auffalliger Form die Sehnsucht einer übersättigten Zeit nach Askese erfüllt (epist. 1 1 0 , 19). Von Attalus, der wohl aus Pergamon kommt, der Hochburg der Stoa, lernt er, daß Bildung etwas anderes ist als Anhäufung von Wissen. So gewinnt Seneca einen überraschend freien Standpunkt gegenüber der Tradition, den ihm manche Hüter des Alten übelnehmen werden (Gell. 12, 2). Papirius Fabianus, der bedeutende Gedanken in unauffälligen Worten verbirgt und - entgegen dem Zeitgeist - seine Zuhörer mehr durch den Gehalt als durch die Form seiner Reden überzeugt, macht Seneca mit der Lehre der Sextii bekannt: Hier lernt er die Praxis der täglichen Gewissensprüfung kennen; hier findet er aber auch - was bei einem Römer ungewöhnlich ist - die Anregung zur Beschäftigung mit Naturwissenschaft. Das früh hervortretende wissenschaftliche Interesse ist überhaupt ein Grundzug dieses ungewöhnlichen Lebensweges. Nach der Entscheidung für die Senatorenlaufbahn studiert der Zwanzigjährige mit Begeisterung Rhetorik, liest augusteische Dichter und schreibt Epigramme. Doch häufige Erkrankungen der Atemwege treiben ihn fast in den Selbstmord (vgl. epist. 78, 1); wieder ist es die Rücksicht auf den Vater, die ihn vor einem unüberlegten Schritt bewahrt. Der ärztlich empfohlene Klimawechsel fuhrt ihn nach Ägypten. Die Schwester seiner Mutter, die Gattin des Präfekten von 1

F. PRÉCHAC, La date de naissance de Sénèque, R E L 12, 1934, 360-375; K.ABEL, ZU Senecas Geburtsdatum, Hermes 109, 1981, 123-126.

PROSA:

SENECA

9 1 9

Ägypten, nimmt den Genesenden in ihre Obhut. Sie war es auch gewesen, die einst den Knaben von Spanien nach Rom brachte (dial, i i [Helv.] 19, 2). Die Frucht dieses Aufenthaltes ist eine Schrift über Land und Religion der Ägypter 1 . Mit der Rückkehr nach Italien (31 n.Chr.) beginnen elf Jahre politischer Tätigkeit, um derentwillen die Philosophie zurücktreten muß. Immerhin entstehen in dieser Zeit die Trostschriß an Marcia, drei Bücher Über den Zorn und naturwissenschaftliche Schriften über Steine, Fische und Erdbeben. Seneca wird Quaestor - wiederum auf Fürsprache seiner Tante. Der gefeierte Redner erweckt durch ein glänzendes Plädoyer den Neid des Kaisers Caligula. Vor der Hinrichtung bewahrt den Philosophen eine Favoritin des Tyrannen, die diesem geistesgegenwärtig zu bedenken gibt, der kränkliche Gelehrte werde ohnehin bald sterben (Cass. Dio $9, 19, 7). Kein Wunder, daß in Senecas Leben eine Phase eintritt, in der er alle Lust am Plädieren verloren hat (epist. 49, 2). Diese schmerzliche Erfahrung muß im Rückblick als ein Wink des Schicksals gelten: Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes zum Schweigen verurteilt, wird Seneca von nun an noch entschiedener seine rhetorische Kunst in den Dienst der Erforschung und Erziehung der menschlichen Seele stellen und damit innerhalb der römischen Literatur einen historischen Auftrag erfüllen. Im Jahre 41 wird Seneca des Ehebruchs mit Iulia Livilla, einer Schwester Caligulas, bezichtigt (Cass. Dio 60, 8) und geht nach Korsika ins Exil, wo er bis 49 bleibt. Der wahre Grund fur seine Verbannung ist seine fuhrende Stellung in der Senatsopposition. Seine >augusteische< Herrscheridee ist den Anhängern des Claudius, die einem absolutistischen Regierungsstil zuneigen, ein Dorn im Auge. Drahtzieherin von Senecas Verbannung ist Messalina. Im Exil deutet der Philosoph in der Trostschrift an Helvia zwei Helden der Senatsopposition in stoischem Geist, obwohl Marcellus dem Peripatos, Brutus der akademischen Skepsis zuneigt. Die Trostschrift an Polybius, den Günstling des Claudius, beschwört das Idealbild des milden Kaisers (also eines Herrschers, der nicht dem >herculischen< Antonius, sondern dem >apollinischen< Augustus gleicht). Der Appell verfehlt seine Wirkung nicht; denn Messalinas Nachfolgerin, Agrippina, braucht Seneca fur ihre weiteren Pläne. Als Erzieher des jungen Nero und nach dessen Thronbesteigung 54 als sein Berater beschert der Denker dem Imperium einige glückliche Jahre. Nero verspricht in seiner ersten Senatsrede eine stärkere Berücksichtigung des Senats, also eine Rückkehr zu der von Augustus gewünschten Dyarchie. Gleichzeitig mit der offiziellen Grabrede auf Claudius verfaßt Seneca eine Spottschrift auf den verstorbenen Kaiser, in der Augustus als Ankläger auftritt und Hercules, das Symbol der Gegenpartei, der Antonii, lächerlich gemacht wird2. Die an Augustus anknüpfende Ideologie des Prinzipats wird in 1 2

Serv. Aen. 6, IS4; Sen. nat. 4, 2, 7. A n d e r s S. WOLF 1986.

920

LITERATUR

DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

der Nero gewidmeten Schrift Über die Milde (55/56) entfaltet. Der Gedanke des optimus princeps aus Ciceros Staatsschrift verbindet sich hier mit der Idee der dementia (vgl. Ciceros Rede für Marcellus) und wird zu einer monarchischen Ideologie fortentwickelt, die auf die >Philosophenkaiser< des 2. Jh. vorausweist. In der Praxis fuhren Seneca und der Praetorianerpraefekt Burrus gemeinsam Änderungen in der Verwaltung durch, während sie gleichzeitig Nero erlauben, seinen Neigungen zu leben. Durch tatkräftiges Eingreifen der Römer werden die Parther veranlaßt, Armenien zu räumen, ohne daß ein Krieg notwendig wird. Auch in Germanien und Britannien ist Seneca um Ausgleich bemüht. Innenpolitisch wird der Senat aufgewertet, gegenüber den Provinzbewohnern waltet mehr Gerechtigkeit, und die Bindung der Bevölkerung an den Kaiser erhält einen neuen, emotionalen Charakter. Nach Neros Muttermord (59) sinkt Senecas Stern. Der Kaiser gerät unter den Einfluß übler Ratgeber. Nachdem auch Burrus gestorben ist, bleibt dem Denker nur noch der Rückzug aus dem öffentlichen Leben (62; Tac. ann. 14, 52-56). Zahlreiche Schriften entstehen, darunter die Moralischen Briefe an Lucilius und die Naturales quaestiones, deren Vorrede die reine Erkenntnis preist. Schließlich beschuldigt der Kaiser den Philosophen der Teilnahme an der Pisonischen Verschwörung und befiehlt ihm, Selbstmord zu verüben. Mit seinem unerschrockenen Sterben, das von philosophischen Reden begleitet ist, stellt sich Seneca in die Nachfolge des Sokrates (Tac. ann. 15, 60-63)'. Senecas Leben ist von schweren Erfahrungen geprägt: Seine Begabung bringt ihn in größte Gefahr, sie ist aber auch seine Rettung, und die bitteren Enttäuschungen unter Caligula, Claudius und Nero fuhren Seneca geradezu zwangsläufig auf seine eigentliche Berufung zu: die Entdeckung einer inneren Welt. Ungewöhnlich für einen Römer ist das früh entwickelte und nie aufgegebene wissenschaftliche Interesse. Was die chronologische Verteilung der Werke auf das Leben betrifft, so drängen sich drei grundsätzliche Feststellungen auf: In der Jugend beschäftigt sich unser Autor überwiegend mit naturwissenschaftlichen Problemen und kehrt zu diesen im Alter zurück. Seine mittleren Jahre beginnen mit einer Epoche politischen Wirkens: Seneca ist Redner und verfaßt die Consolatio ad Marciam. Der erzwungene Abbruch der Anwaltskarriere unter Caligula bringt ein erstes philosophisches Werk - De ira als Rat an den neuen Herrscher Claudius hervor. Der zweite Abschnitt der mittleren Phase umfaßt das Exil. Seneca schreibt wieder Consolationes, vielleicht De forma mundi und Tragödien. Auf diese Zeit der Besinnung folgt die fruchtbarste Periode seines Schaffens, die ' Vgl. I. OPELT, Senecas Tod, in: E. OLSHAUSEN, Hg., Der Mensch in Grenzsituationen, Stuttgart 1984, 29-48.

PROSA:

92I

SENECA 1

späte. Sie gliedert sich in das Wirken als Mentor Neros und die Zeit des Rückzugs aus der Öffentlichkeit, in der Seneca - wie einst Cicero am Ende seines Lebens - ein ganzes Corpus protreptischer Schriften verfaßt. Die Datierung der einzelnen Werke2 wird innerhalb der nun folgenden Werkübersicht mitbehandelt. Werkübersicht 3

CoMolatio ad Marciarti (= dial. 6)

Marcia verzehrt sich schon drei Jahre in Trauer um ihren Sohn Metilius; ihr Vater, der Historiker Cremutius Cordus, hatte sich vorher das Leben genommen (Prooemium: 1-3). Beispiele belegen, daß endlose Trauer unnatürlich ist (3-8). Alles Unglück ist voraus zu bedenken (9). Was wir unser nennen, ist nur geliehen (10). Selbsterkenntnis heißt: Erkenne, daß du sterblich bist (11). Bedauerst du den Toten oder dich selbst? Sei dankbar für das Glück, das er dir gab. Beispiele (12—16). Die Natur kennt keine Unterschiede (17). In der Geburt ist der Tod mit eingeschlossen (18). Trauer kann durch rechte Überlegung geheilt werden (19). Der Tod ist die beste Erfindung der Natur. Er ist auch der Weg zur Freiheit. Wie lange man lebt, ist unwichtig, da das Leben ohnehin kurz ist. Wer weiß, ob ein längeres Erdenleben fur den Verstorbenen gut gewesen wäre? (20-22). Seiner Reife entsprechend hat er lang genug gelebt (23-24). Drüben empfangen ihn die Weisen und Freien, darunter sein Vater, der das Schlußwort spricht (23-26). De ira* Buch 1 (= dial. 3): Der Zorn, dessen Anzeichen (1-2), Wesen und Arten (3-4) beschrieben werden, ist nicht der Menschennatur gemäß (5-6), bringt keinen Nutzen und verträgt sich mit keiner Tugend, nicht einmal - wie die Feripatetiker wähnen - der kriegerischen (7-12); auch ein Richter darf nicht zornig sein (13-16). Buch 2 (= dial. 4): Damit Zorn entsteht, bedarf es nicht allein der spontanen Regung (für die man nichts kann), sondern auch der (in unserer Macht stehenden) bewußten Zustimmung; er ist ein voluntarium Vitium (1—4). Zorn ist von crudelitas und fiiror zu unterschei1

brev., const., tranq., dem., vita beata, benef. Allgemein P. GRIMAL 1978, 262-323; vgl. K. ABEL 1967, 135-170; M. T. GRIFFIN 1976, 39J-411. 3 Dieses früheste uns erhaltene Werk entsteht unter der Herrschaft Caligulas (37-41), der die Neuherausgabe der unter Tiberius verbrannten Schriften von Marcias Vater, Cremutius Cordus, erlaubt (1, 3); Diskussion der Datierungsfrage: M. T. GRIFFIN 1976, 397 (Lit.); I. BELLBMORE, The Dating of Seneca's Ad Marciata de amsolatione, C Q 42, 1992, 219-234; zu AdMarciam: C. C. GROLUOS, Seneca's Ad Marciam. Tradition and Originality, Athens 19J6; K . ABEL 1967, 15-47; C. E . MANNING, On Seneca's Ad Marciam, Leiden 1981; J . FILLION-LAHILLE, La production littéraire de Sénèque sous les règnes de Caligula et de Claude, sens philosophique et portée politique: Les Consolationes et le De ira, ANRW 2, 36, 3, 1989, 1606-1638. 4 Die Widmung an Senecas Brader Novatus liefert den terminus ante quem; fuhrt doch der Adressat spätestens seit 52 durch Adoption einen anderen Namen (Gallio). Terminus post quem ist Caligulas Tod: Das Bild des >Tyrannen< trägt Züge dieses Kaisers. In der Darstellung des >guten Richters< (einer Vorstufe von De dementia) dürften sich die Hoffnungen Senecas während der ersten Monate der Regierungszeit des Claudius (41) spiegeln; fur »by 52«: M. T. GRIFFIN 1976, 396 und 398. Die frühere Annahme, das dritte Buch sei viel später verfaßt als die übrigen, ist durch Sprach- und Stilanalysen widerlegt; Lit.: M. COCCIA, I problemi del De ira di Seneca alla luce dell' analisi stilistica, Roma 1958; R. HUBER, Senecas Schrift De ira. Untersuchungen zum Aufbau und zu den Quellen, Diss. München 1973; G. CUPAIUOLO, Introduzione al De ira di Seneca, Napoli 1975; P. GRIMAL, Rhétorique, politique et philosophie dans le De ira de Sénèque, REL 53, 1975, 57-61; A. BÄUMER 1982, bes. 72-129; J. FILLION-LAHILLE 1989, zit. oben zur Consolatio ad Marciam. 2

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LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT

den (5). Der Weise soll überhaupt nicht zürnen, auch nicht über böse Taten, denn sie sind eine allgemeine Erscheinung (6-10). Zorn ist nicht nützlich; wer Schrecken erregt, muß auch vor anderen zittern. Der Affekt kann durch Übung überwunden werden. Kulturvölker herrschen nicht, weil sie zornig, sondern weil sie milde sind; Redner erschüttern nicht durch Zorn, sondern durch seine Darstellung im Wort (11-17). Es gibt Vorbeugungs- und Heilmittel: Kenntnis der Temperamente und ihrer rechten Mischung (18-22), abwartende Skepsis (23-24), gründliche Prüfung der Anlässe (25-28), Beherzigung mildernder Umstände (29-36). Buch 3 (= dial, j): Der Zorn hat große Macht (1-4). Es geht nun darum, 1. nicht zornig zu werden, 2. sich vom Zorn zu befreien, 3. andere zu besänftigen ($, 2). Zorn entsteht aus Schwäche. Meide den Umgang mit Menschen, die dich zum Zorne reizen (5-8); kenne deine Schwäche und laß dir Zeit; bedenke positive und negative Beispiele (9-23). Sei milde (24-28); entschuldige den Gegner, es ist edler, den Zorn zu besiegen (29-37). Oberwinde Verdacht, Neid, übertriebene Erwartungen (38). Besänftige den Zornigen; die Kürze des Lebens mahnt zur Friedfertigkeit (39-43). Consolatio ad Helviami

(= dial. 11; al. 12)

Traure nicht um meinetwillen: Mir geht es nicht schlecht: Ortsveränderung, Armut, Schande sind nur vermeintliche Obel (4-13). Traure auch nicht deinetwegen (14-17): Du hast in mir keinen Beschützer oder Fürsprecher verloren, denn du bist frei von Ehrgeiz. Die Sehnsucht nach mir ist auch nicht unerträglich, denn du bist stets tapfer gewesen. Wende dich der Philosophie, deinen übrigen Kindern und den Enkeln, besonders aber deiner Schwester zu. Mit dem Lob dieser Frau endet das Werk. Consolatio ad Polybium2 (= dial. 12; al. 11)

(Der Anfang ist verloren). Alles ist vergänglich; diese Ausnahmslosigkeit ist tröstlich; Schmerz nützt nichts. Fortuna hat Polybius alles Glück beschert; nur durch den Tod des Bruders konnte sie Polybius treffen (20-22); maßvolle Trauer ist auch im Sinne des Toten, niemand freut sich an deinen Tränen. Tröste deine Brüder durch dein Vorbild (23-24), Trauer ist plebeisch. Alle schauen auf dich; der Caesar gehört der Welt, du ihm. Lenke dich durch Schriftstellerei ab! Frage dich, ob deine Trauer egoistisch ist (25-27). Dem Toten geht es gut; wer weiß, ob der Tod nicht zu seinem Besten war. Gedenke vergangenen Glückes (28-29); sei dir der Vergänglichkeit bewußt und lenke deine Gedanken auf den Kaiser und deine Studien (30-37).

1 Die Zählung der Dialogi 11 und 12 wechselt in den Ausgaben; an erster Stelle ist die Zählung des Thesaurus genannt. Seneca wartet mit der Abfassung der Trostschrift, bis seine Mutter und auch er selbst den ersten Schmerz über sein Exil überwunden haben (1). Er hat sich inzwischen auf Korsika häuslich eingerichtet. Die Anspielung auf die übliche Trauerzeit von 10 Monaten (16, 1) fuhrt etwa auf den Sommer 43; Lit. : Κ. ABEL 1967, 47-69; P. MEINEL, Seneca über seine Verbannung (Trostschrift an die Mutter Heivia), Bonn 1972; J. FILLION-LAHILLE 1989, zit. zur Consolatio ad Marciam. 2 Dieses Werk fallt ebenfalls in die Zeit des Exils (zwischen Ende 41 und Anfang 49). Claudius ist schon pater patriae (16, 4 = 3j, 3), also ist der Januar 42 terminus post quem. Der Triumph des Kaisers über die Britanner (Anfang 44) liegt noch in der Zukunft, aber »Taten Caesars« werden vorausgesetzt, und Claudius weilt schon wieder in Rom; so ist die Schrift auf Ende 43 datiert. Ein früherer Ansatz empfiehlt sich nicht, da Polybius schon »lange« im A m t ist (6, 2 — 2$, 2) und Seneca inzwischen sein Latein verlernt haben will (extr.); Lit. : Κ . ABEL 1967, 70-96; J. E. ATKINSON, Seneca's Consolatio ad Polybium, A N R W 2, 32, 2, 1985, 860-884; J· FILLION-LAHILLE 1989, zit. zur Consolatw ad Marciam.

PROSA:

SENECA

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De brevitate vitae1 (= dial. 10) An der vielbeklagten Kürze des Lebens sind wir selbst schuld; wir frönen unseren Leidenschaften (1-2) und verschwenden überhaupt Zeit (3-4)· Wir sind nicht konsequent genug, unsere Zeit fur uns zu beanspruchen, wie sogar Äußerungen von Augustus und anderen beweisen (5-6). Klagen fruchten nichts; rührt doch unser Unglück daher, daß wir den Wert der Zeit verkennen (6—9). Vielbeschäftigte sind stets vom folgenden Tag abhängig (9-10), sie legen ihre Zeit schlecht an ( 1 0 - 1 1 ) . In der Freizeit rauben uns Zerstreuungen und Liebhabereien den inneren Frieden ( 1 4 - 1 5 ) ; nur der Weise, nicht der Geschäftige kennt wahre Ruhe, wahres Leben ( 1 6 - 1 7 ) . Ziehe dich, Paulinus, nach deiner erfolgreichen Laufbahn aus dem öffentlichen Leben zurück und widme dich erhabeneren Dingen. De tranquillitate animi1 (= dial. 9) Der Adressat des Werkes, Serenus (Neros praefcctus vigilum), stellt einleitend seinen Seelenzustand dar (1). Seneca diagnostiziert diesen als Überdruß und empfiehlt tranquillitas, Demokrits εύθυμία (2). Heilmittel sind Tätigkeit und philosophische Muße in geregelter Abwechslung (3). Obernimmst du eine Verpflichtung, so prüfe dich selbst, die Aufgabe, die Mitmenschen (4-6). Freundschaft trägt zur Seelenruhe bei; ein zu großes Vermögen stört sie (7-9). Beschränke deine Bedürfnisse (10). Der Weise verachtet den Tod und ist auf alles gefaßt (11). Meide Betriebsamkeit und begegne Widrigkeiten mit heiterem Sinn ( 1 2 - 1 4 ) . Sei kein Menschenfeind, lächle über die landläufigen Fehler; vergiß nicht die notwendigen Besinnungspausen (15). Apocolocyntosis3 Die zwar witzige, aber zuweilen überschätzte Schmähschrift auf den verstorbenen Kaiser Claudius mischt Prosa und Verse in der Weise der menippeischen Satire. Claudius gelangt 1 Das Werk entsteht zwischen Mitte 48 und Mitte 55: Μ. T. GUFRN 1976, 396; 398; 401-407 (für 55, mit Lit.); Caligula ist tot (18, 5); also ist 41 terminus post quem. Da vorausgesetzt wird, Sulla sei der letzte gewesen, der das Pomerium erweitert habe (13, 8 - 14, 2), entstand der Dialog vor der Erweiterung des Pomeriums durch Claudius, also vor dem 24. Mai 49 (P. GUMAL, La date du De brevitate vitae, R E L 25, 1947, 164-177); ein dritter Ansatz (auf 62) stellt nicht mehr zur Diskussion. De brevitate ist wohl älter als De tranquillitate (vgl. tranq. 1 , it); Lit.: M . T . GRIFFIN, De brevitate vitae, J R S 5 2 , 1 9 6 2 , 1 0 4 - 1 1 3 ; B . HAMBOCHEN, Die Datierung von Senecas Schrift Ad Paulimim de brevitate vitae, Diss. Köln 1966; J.-M. ANDRÉ, Sénèque, De brevitate vitae, De constantia sapientis, De tranquillitate,

De olio, 2

A N R W 2, 36, 3, 1989,

1724-1778.

Das Werk ist mit Sicherheit nach Caligulas Tod abgefaßt (vgl. 1 1 , 10; 14, 4-6). Die positive Einschätzung politischer Tätigkeit des Weisen (5, 3) deutet auf die Zeit nach dem Exil, etwa zwischen 5 1 und 5 4 , in jedem Fall vor 6 3 ; fur Abfassung nach De constantia sapientis: M. T. GRIFFIN 1 9 7 6 , 3 9 6 und 3i6f.; Lit.: J.-M. A N D R É 1 9 8 9 , zit. zu De brevitate vitae. 3 Geschrieben gleich nach dem Tod des Claudius ( 5 4 ) ; Lit.: O . WEINREICH 1 9 2 3 , s. Ausg.; R. H Ö N Z E , Z U Senecas Apocolocyntosis, Hermes 6 1 , 1 9 2 6 , 4 9 - 7 8 ; U. KNOCHE, Das Bild des Kaisers Augustus in Senecas Apocolocyntosis, WZRostock 1 j , 1 9 6 6 , 4 6 3 - 4 7 0 ; K . K R A F T , Der politische Hintergrund von Senecas Apocolocyntosis, Historia 1 5 , 1 9 6 6 , 9 6 - 1 2 2 ; G. B I N D E R , Hercules und Claudius. Eine Szene in Senecas Apocolocyntosis auf dem Hintergrund der Aeneis, RhM 117, 1974, 288-317; ders., Catilina und Kaiser Claudius als ewige Büßer in der Unterwelt. Eine typologische Verbindung zwischen Vergils Aeneis und Senecas Apocolocyntosis, A C D 1 0 - 1 1 , 1 9 7 4 - 1 9 7 5 , 7 5 - 9 3 ; D. K O R Z E NIEWSKI, Senecas Kunst der dramatischen Komposition in seiner Apocolocyntosis, Mnemosyne 3 5 , 1 9 8 2 , 1 0 3 - 1 1 4 ; O. ZWIERLEIN, Die Rede des Augustus in der Apocolocyntosis, RhM NF 1 2 5 , 1 9 8 2 , 1 6 2 - 1 7 $ ; H. HORSTKOTTE, Die politische Zielsetzung von Senecas Apocolocyntosis, Athenaeum 7 3 , 1 9 8 5 , 3 3 7 _ 3 5 8 ; Κ . BRINGMANN, Senecas Apocolocyntosis und die politische Satire in Rom, A & A 1 7 , 1 9 7 1 , 56-69; K. BRINCMANN 1 9 8 5 (s. Bibl.)·, R. C. TOVAR, Teoría de la sátira. Análisis de Apocolocyntosis de Séneca, Cárceres 1 9 8 6 ; S. WOLF, Die Augustusrede in Senecas Apocolocyntosis, Meisenheim 1 9 8 6 ; L. F. VAN R Y N E F E L D , On the Authorship of the Apocolocyntosis, L C M 1 3 , 1 9 8 8 , 8 3 - 8 5 (fur die Echtheit).

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L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

nach dem Tode in den Olymp. Er wird zunächst von Hercules verhört; der himmlische Senat lehnt schließlich auf Antrag des vergöttlichten Augustus, der von den Schandtaten des Claudius berichtet, seine Aufnahme ab. Merkur fuhrt ihn, vorbei an seinem Leichenzug, in die Unterwelt. Der Totenrichter macht ihm wegen seiner Morde den Prozeß und verurteilt ihn, mit einem durchlöcherten Würfelbecher zu spielen. Da reklamiert ihn Caligula als Sklaven; am Ende unseres Textes dient Claudius einem Freigelassenen als Knecht in Untersuchungssachen. De constantia sapientis1 (= dial. 2) Der Weise kann weder durch iniuria noch durch contumelia gekränkt werden (1-2). Er ist unverletzlich und kann nichts verlieren. Ungerechtigkeit, Furcht und Hoffnung rühren ihn nicht an, Unrechtleiden nützt ihm (3-9). Schmähung und Verleumdung fühlt er nicht, er lacht darüber wie über Reden von Kindern oder Verrückten. Denn wahnsinnig sind alle, die kein philosophisches Leben fuhren. Am Ende stehen Ratschläge zum Ertragen von Kränkungen (10-19). De dementia2 Buch 1: Die auf das Lob von Neros Milde (1-2) folgende Gliederung greift über den uns vorliegenden Text hinaus: Das erste Buch ist als Einfuhrung gedacht, das zweite soll das Wesen der Milde darlegen, das dritte (das ganz fehlt) zeigen, wie man sich zur Milde erziehen kann (3-4). Milde ziemt dem Herrscher; seine Grausamkeit kann mehr Schaden anrichten als die eines Privatmanns. Sie gehört zur Größe (5). Wenn Strenge waltete, könnte in Rom niemand seines Lebens sicher sein (6). Der Herrscher soll Bürger so behandeln, wie er von den Göttern behandelt werden möchte. Da er in der Öffentlichkeit steht, gelten fur ihn strengere Maßstäbe als fur andere (7-8). Augustus war im Alter milde, Nero kann es schon in der Jugend sein (9-11). Grausamkeit ist Merkmal des Tyrannen und gibt ihm doch keine Sicherheit (12-13). Der Herrscher ist Vater (14-16) und Arzt seiner Untergebenen (17). Milde übt man sogar an Sklaven, um wieviel mehr an Freien (18). Die Liebe der Bürger ist der beste Schutz für den Herrscher; er gehört dem Staat, nicht umgekehrt (19). Grausame und häufige Strafen stiften mehr Schaden als Nutzen (20-26). Buch 2: Möge die Milde des jungen Nero Schule machen (1-2)! Das Wesen der Milde (3) bildet den Gegenpol zur Grausamkeit (4); es unterscheidet sich auch vom Erbarmen {misericordia), das nach stoischer Auffassung ein Laster ist (5-7). 1 M a n datiert diese von stoischen Paradoxa geprägte Schrift meist vor De tranquillitate, und z w a r auf G r u n d einer vermuteten E n t w i c k l u n g des angeredeten Serenus v o m Epikureer (De constantia sapientis) zum Stoiker (De tranquillitate animi). D o c h beweisen die angeführten Stellen (bes. const. 1 5 , 4 ) nichts für die Weltanschauung des Serenus; vielmehr scheint dieser in De tranquillitate an der Schwelle seiner Laufbahn zu stehen und in De constantia über mehr Erfahrung zu verfugen. Mit Sicherheit entstand De constantia sapientis nach dem T o d Caligulas (41) und auch nach dem des Valerius Asiaticus (47). P. GRIMAL 1978, 292 datiert die Schrift in das J a h r 55; Lit.: P. GRIMAL, La composition dans les dialogues d e S é n è q u e , I: Le De constantia sapientis, R E A 5 1 , 1949, 2 4 6 - 2 6 1 ; Κ . ABEL 1967, 1 2 4 - 1 4 7 ^ . - M . ANDRÉ 1989, zit. zu De brevitate vitae. 2 Entstanden zwischen 1 5 . 1 2 . 55 und 14. 1 2 . 56 (M. T . GRIFFIN 1976, 4 0 7 - 4 1 1 ) ; N e r o ist i 8 J a h r e alt. Seneca scheint das Werk später erweitert und überarbeitet zu haben. E s ist unvollständig auf uns g e k o m m e n ; Lit. : M . FUHRMANN, D i e Alleinherrschaft und das Problem der Gerechtigkeit, G y m n a sium 70, 1963, 4 8 1 - 5 1 4 ; T . ADAM, d e m e n t i a Principis. Der Einfluß hellenistischer Fürstenspiegel auf den Versuch einer rechtlichen Fundierung des Principals durch Seneca, Stuttgart 1970; K . BÜCHNER, A u f b a u und Sinn von Senecas Schrift über die d e m e n t i a , Hermes 98, 1970, 2 0 3 - 2 2 3 ; A . BORGO, Questioni ideologiche e lessico politico nel De dementia di Seneca, Vichiana 14, 1985, 1 7 9 - 2 9 7 ; B . MORTUREUX, Les idéaux stoïciens et premières responsabilités politiques: Le De dementia, A N R W 2, 36, 3, 1989, 1 6 3 9 - 1 6 8 5 .

PROSA: SENECA

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De vita beata' (= dial. 7) Falsche Güter locken die Menge an; wahre Güter sind geistiger Natur (1-2). Das Wesen des glückseligen Lebens ist sana mens; aus ihr ergibt sich alles übrige (3-4). Gib Lust und Schmerz nicht nach; wahres Glück besteht nicht, wie Vulgär-Epikureer wähnen, in der Lust (5-15), sondern in der Tugend (16). Man wirft Seneca - wie so manchem anderen Denker - seinen Wohlstand vor: Er freilich hält sich nicht fur einen Weisen. Zwar tun Philosophen nicht alles, was sie lehren, aber immerhin einen Teil davon. Reichtum ist bei Tugendhaften gut aufgehoben. Der Weise gebietet über sein Eigentum, Toren sind vom Besitz besessen. Zum rechten Schenken bedarf es der Weisheit. Sokrates spricht das letzte Wort (17-27). De olio2 (= dial. 8) Das Werk schließt sich an De vita beata an, dessen Ende ebenso wie der Anfang von De otto verloren ist. Nur im otium können wir uns den besten Männern zuwenden - bewußt nimmt Seneca hier einen epikureischen Gedanken auf (28). Es gibt verschiedene Lebensstufen; dem Alter ist Zurückgezogenheit angemessen (29). Epikur meint, der Weise solle sich nicht der Politik widmen, außer wenn etwas dazwischen kommt, Zenon, er solle es tun, außer wenn etwas dazwischen kommt. Seneca erklärt: Wenn dem Staat nicht mehr geholfen werden kann, soll der Weise versuchen, wenigen zu helfen; wenn auch das nicht geht, wenigstens sich selbst (30). Der >große Staat< (Makrokosmos) verbindet Menschen und Götter. Ihm können wir auch in der Muße dienen. Die Natur hat uns zu Aktion und Kontemplation geschaffen (31). Sie will in ihren Ursachen erkannt werden. Im otium möchte der Weise der Nachwelt nützen (32). De providential (= dial, ι) Es gibt eine Vorsehung; Gott liebt die Guten und züchtigt sie darum (1). Sie besiegen die Übel und erringen Ruhm, wie z. B. Cato (2). Die sogenannten Obel gleichen Arzneien: Sie fuhren zu wahren Gütern (3). Daher nehmen gute Menschen Übel gerne hin und stellen sich Gott und dem Fatum zur Verfugung (4). Freud und Leid sind von Ewigkeit vorherbestimmt (5). Was den Guten widerfahrt, ist kein Übel. Gott ermahnt uns zur Tapferkeit (6).

1 Den terminus post quem liefert der Name des Adressaten Gallio, der fur Senecas Bruder erst seit 52 bezeugt ist. Das Werk entstand also später als De ira. In De vita beata spricht Seneca als reicher und angesehener Mann. Dies schließt eine Entstehung vor 50 und nach 62 aus. Die sorgenvolle Unruhe am Ende des Dialogs paßt vielleicht in das Jahr 58; Lit.: W. STROH, De disposinone libelli, quem De vita beata Seneca scripsit, in: W. SUERBAUM U. a., Hg., FS F. ECERMANN, München 1985, 1 4 1 - 1 4 5 ; F.-R. CHAUMARTIN, Les désillusions de Sénèque devant l'évolution de la politique néronienne et l'aspiration à la retraite: Le De vita beata et le De beneficiis, A N R W 2, 36, 3, 1989, 1686-1723. 2 Der schwer zu datierende Traktat wird allgemein in das Jahr 62 (oder kurz danach) gesetzt; das Thema paßt in die Zeit unmittelbar vor Senecas Rückzug aus dem öffentlichen Leben; Lit.: J . - M . ANDRÉ 1989, zit. zu De brevitate vitae. 3 Diese Lucilius gewidmete Schrift wird von manchen in die Zeit des Exils, von anderen in die Spätzeit datiert. Terminus post quem ist der Tod des Tiberius (4, 4), terminus ante quem die (ebenfalls an Lucilius gerichteten) Naturales quaestiones, in denen De Providentia verwendet ist; Lit. : Κ . ABEL 1967, 97-124; I. DIONIGI, Il De Providentia di Seneca fra lingua e filosofia, A N R W 2, 36, 3, 1878 (angek.).

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LITERATUR DER FRÜHEN KAISERZEIT

quaestiones1

Naturales Der Stoff ordnet sich nach Elementen: Buch ι und 2 (Feuer), 3 und 4 a (Wasser), 4b und 5 (Luft), 6 (Erde) 2 . Buch 1: Die bedeutende Einleitung zeigt, daß die Naturphilosophie der Gipfel des menschlichen Wissens ist, auch der Ethik überlegen. Das erste Buch ist den feurigen Lichterscheinungen, insbesondere dem Regenbogen, gewidmet. Buch 2: Seneca unterscheidet caelestia (Astronomie), sublimia (Meteorologie), und terrena (Geographie). Thema des Buches ist das Gewitter. Buch 3 handelt v o m Wasser (einschließlich der Sintflut). Buch 4 bespricht Nilschwelle, Hagel und Schnee. Buch 5 wendet sich ohne Einleitung den Winden zu. Buch 6 handelt von Erdbeben, Buch 7 v o n Kometen. Epistulae morales3 Die 124 ethischen Briefe - Senecas wohl bedeutendstes Werk - sind in 20 Bücher eingeteilt, wir kennen aber auch Zitate aus einem 22. Buch (Gell. 12, 2, 3). Die ersten drei B ü cher (1-29) weisen eine besondere Geschlossenheit auf. Der Schlußbrief ist deutlich als solcher markiert (29, 10). Die Episteln dieser Gruppe schmückt Seneca mit Sprüchen weiser Männer (oft Epikurs). Später wird der Wunsch des Adressaten nach weiteren Zitaten mit der Begründung zurückgewiesen, die stoische Schule fordere keinen Autoritätsglauben (33, i). Die Themenfölle und Farbigkeit der Briefe sucht ihresgleichen. Der Autor berührt, besonders in den späteren Briefen, auch schwierige Gebiete wie Logik und Dialektik. Eindrucksvoll ist der erste Z y k l u s , der viele Grundthemen aufklingen läßt: Zeitersparnis (1), Seßhaftigkeit und Stetigkeit (2), Freundschaft und rechter U m g a n g mit Begriffen (3), Tod und wahrer Reichtum (4), unauffälliges Verhalten (5), Philosophie als Wandlung (6), Zurückgezogenheit (7), wahre Freiheit (8), Tugend, die ihren Lohn in sich trägt (9). Thematische Kontraste bestehen etwa zwischen 7 einerseits und 5 und 10 andererseits.

1 Das 6. Buch ist durch das Erdbeben in Pompei ($. Februar 62) datiert; Lit.: Κ. W. RINGSHAUSEN, Asklepiodot, Seneca und ihre Anschauungen über Erdbeben und Vulkane, Diss. München 1929; G. STAHL, Aufbau, Darstellungsform und philosophischer Gehalt der Naturales quaestiones des L. Annaeus Seneca, Diss. Kiel I960; G. STAHL, Die Naturales quaestiones Senecas, Hermes 92, 1964, 425-454; F. P. WAIBLINCER, Senecas Naturales quaestiones. Griechische Wissenschaft und römische Form, München 1977; R. CODOÑER, La physique de Sénèque: Ordonnance et structure des Naturales quaestiones, A N R W 2, 36, 3, 1989, 1779-1822; zu Buch 6: A. DE VIVO, Le parole della scienza. Sul trattato De terrae motu di Seneca, Salerno 1992. 2 F. P. WAIBLINGER, S. die vorige Anm.; die Kometen (Buch 7) passen freilich nicht in dieses Schema, es sei denn, man nehme eine (in stoischem Zusammenhang beziehungsreiche) Ringkomposition an (Rückkehr zum Feuer, dem Ausgangspunkt). 3 Die Briefe und die Naturales quaestiones begleiten Seneca seine letzten Jahre hindurch; dramatisches Datum der Briefe: Winter 62 (oder eher 63) bis Herbst 64; Publikation 64-65 (M. T. GRIFFIN 1976, 400); Lit. : W. H. ALEXANDER, Notes and Emendations to the Epistulae morales of L. Annaeus Seneca,

Edmonton

1932; K . A B E L

1967

(Lit.); G . MÄURACH

1 9 7 0 ; VON ALBRECHT,

Prosa

138-151;

Β . L.

HIJMANS, jr., Inlaboratusetfacilis. Aspects of Structure in Some Letters of Seneca, Leiden 1976; K. ABEL, Das Problem der Faktizität der Senecanischen Korrespondenz, Hermes 109, 1981, 472-499; E. LEFÈVRE, Der Mensch und das Schicksal in stoischer Sicht (Sen. epist. 51 und 107), A U 26, 3, 1983, 61-73; M. WILSON, Seneca's Epistles to Lucilius. A Revaluation, Ramus 16, 1987, 102-121; G. MAZZOLI, Le Epistulae morales ad Lucilium di Seneca. Valore letterario e filosofico, A N R W 2, 36, 3, 1989, 1823-1877.

PROSA:

SENECA

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De beneftciis1 Buch 1: Undankbarkeit ist verbreitet. Wohltaten sind nach der Gesinnung des Gebers, nicht nach dem materiellen Wert einzuschätzen. Welche Wohltaten soll man erweisen? Buch 2: Wie soll man sie erteilen? Geme, schnell, ohne Zögern. Manche öffentlich, manche heimlich, alle ohne Prahlerei. Verweigern soll man Schädliches und Schändliches. Die Wohltat muß der Person des Gebers und des Empfangers angemessen sein. Wie soll man Wohltaten empfangen? Dankbar, ohne Hochmut, Geiz, Mißgunst. Buch j: Undankbare Menschen soll man nicht anklagen. Sie strafen sich selbst durch ihre Gesinnung. Herren müssen auch Sklaven dankbar sein, Väter können auch von Söhnen Wohltaten empfangen. Buch 4: Wohltaten und Dank sind um ihrer selbst willen, nicht um der Nützlichkeit willen zu erstreben. Der Dank bezieht sich nur auf das sittlich Gute, nicht auf das Nützliche. Bei vorauszusehendem Undank muß man oft dennoch Wohltaten erweisen. Buch y Nun wendet sich Seneca Einzelproblemen zu: Ist es eine Schande, im Wohltun besiegt zu werden? Kann man sich selbst Wohltaten erweisen? Kann man jemanden im stoischen Sinne undankbar nennen? Sind alle undankbar? Verpflichten Wohltaten auch Angehörige? Kann man jemandem auch gegen dessen Willen eine Wohltat erweisen? Kann man eine Wohltat zurückfordern? Buch 6: Kann man einem Menschen Wohltaten entreißen? Sind wir dem verpflichtet, der uns wider Willen oder unwissentlich oder aus Eigennutz Gutes tut? Darf man einem anderen Unglück wünschen, um ihm dann Dank abstatten zu können? Glücklichen und Königen kann man durch Rat und Belehrung danken. Buch 7; Die Wißbegier muß gezügelt werden: Tugend und Weisheit sind die Hauptsache. Kann man einem Weisen, dem doch alles gehört, etwas schenken? Genügt der Versuch, eine Wohltat zu erwidern? Muß man eine Gabe zurückerstatten, deren Geber sich vom Guten zum Schlechten gewandelt hat? Soll ein Wohltäter seine Tat vergessen? Wie soll man Undank ertragen? Tragödien1 Hercules (furens)3 Hercules kehrt mit Theseus aus der Unterwelt zurück. Er bestraft den Tyrannen Lycus, der Hercules' Gattin und Vater gequält hat. Doch da versetzt Iuno den Helden durch eine Furie in Wahnsinn, und er tötet Frau und Kinder. Nach dem Erwachen denkt er an Selbstmord; sein Vater überredet ihn, das Leben dennoch auf sich zu nehmen.

' Diese der spitzfindigen Schulphilosophie am nächsten stehende Schrift ist Liberalis gewidmet; nach d e m Tod des Claudius (1, i j , 6) und dem des Rebilus ( j 6 n. C h r . : 2, 21, 6) verfaßt (M. T . GBIFFIN '976, 399), auf jeden Fall nach De vita beala; Lit.: F.-R. CHAUMARTIN, Le De beneficiti de Sénèque. Sa signification philosophique, politique et sociale, Paris 1985; F. R. CHAUMARTIN 1989, zit. zu De vita beata. 2 Z w i s c h e n dem Winter 43/44 und 49 lassen sich keine Werke datieren. Schrieb Seneca damals seine Tragödien? Für diese verbreitete Annahme läßt sich anfuhren, daß er hierfür keine große Bibliothek benötigte. Es gibt j e d o c h eine Vielzahl sonstiger Datierungsvorschläge; Obersicht bei SCHANZ-HOSIUS, L G 2, 458 und F. NIETO MESA, Cronologia de las tragedias de Séneca, N o v a Tellus 3, 1985, 91-109; neue Beobachtungen zur Erstellung einer relativen Chronologie der Dramen bei J. G . FITSCH, SensePauses and Relative Daring in Seneca, Sophocles and Shakespeare, A j P h 102, 1981, 289-307. 3 Κ . HELDMANN 1974, I-J6; J . - A . SHELTON, Problems o f T i m e in Seneca's Hercules fiirens and Thyestes, C S C A 8, 1975, 257-269; J . - A . SHELTON, Seneca's Hercules Furens. T h e m e , Structure, and Style, Göttingen 1978; C . - E . AUVRAY 1989 (mit Bibl.).

928

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

1

Troades

Ein Herold verkündet, der tote Achilles fordere die Opferung von Priamus' Tochtcr Polyxena. Achills Sohn Pyrrhus besteht gegen Agamemnons Widerstand auf deim Menschenopfer. Der Seher Kalchas fordert außerdem zur Erlangung günstigen Windes diie Tötung von Hektors Sohn Astyanax, dessen Versteck der listige Odysseus von Andromache erfahrt. Ein Bote berichtet vom unerschrockenen Sterben der Opfer, und die Flotte kann sich zur Abfahrt rüsten. Phoenissae2

Es handelt sich um zwei Szenenpaare: Oedipus will sich auf den Cithaeron zurückziehen und dort sterben. Antigone widerspricht dem Gedanken an Selbstmord. - Inzwischen auf dem Cithaeron angelangt, bittet sie den Vater, dem Streit zwischen seinen Söhnen ein Ende zu setzen, doch dieser weigert sich, den Cithaeron zu verlassen. Die Heere der feindlichen Brüder sind aufmarschiert. Ein Diener und Antigone bitten Iocaste, den Streit zu schlichten. - Sie kommt ihrem Wunsche nach und tritt zwischen die Kämpfenden. Medea*

Medea hört den Hochzeitsgesang fur Iason und Creusa. Creon, König von Korinth, verweist Medea des Landes; auf ihre Bitte gewährt er ihr jedoch einen Tag Aufschub. Vergeblich versucht sie, Iason zu erweichen. Doch erkennt sie, daß sie ihn in seiner Liebe zu den Kindern am schmerzlichsten treffen kann. Medea braut Zaubermittel und schickt durch ihre Kinder ein vergiftetes Gewand an die Rivalin, von deren schrecklichem Ende ein Bote berichtet. Es folgt der Kindermord; Iason muß den Tod seines zweiten Sohnes mit ansehen. PhaedrO*

Phaedra bekennt ihrem Stiefsohn, dem sittenreinen Hippolytus, ihre Liebe, wird von ihm zurückgewiesen und verleumdet ihn daraufhin bei seinem Vater Theseus. Dieser bewirkt durch Anrufung der göttlichen Macht den Untergang seines Sohnes. Zu spät erkennt der Vater seinen Irrtum: Phaedra bekennt ihre Schuld und nimmt sich das Leben. W . SCHETTER, Z u m A u f b a u v o n Senecas Troerinnen, in: E. LEFÈVRE, H g . , 1972, 230-271. S. die A u s g . ; außerdem A.PAUL, Untersuchungen zur Eigenart von Senecas Phoenissen, Diss. Erlangen: B o n n 1953; I. OPELT, Z u Senecas Phoenissen (1969), in E. LEFÈVRE, H g . , 272-285; W . - L . 1

2

LIEBERMANN 1 9 7 4 , b e s . u s f . ; 2 3 6 , A n m . 1 8 . 3 A . HEMPELMANN, Senecas Medea als eigenständiges K u n s t w e r k , Diss. Kiel i960; D. HENRY, B.WALKER, Loss o f Identity: Medea superest? A Study o f Seneca's Medea, C P h 62, 1967, 169-181; W. KULLMANN, Medeas E n t w i c k l u n g bei Seneca, in: W. WIMMEL, H g . , Forschungen zur römischen

L i t e r a t u r . F S Κ . B Ü C H N E R , W i e s b a d e n 1 9 7 0 , 1 5 8 - 1 6 7 ; W . - L . LIEBERMANN 1 9 7 4 , 1 5 5 - 2 0 6 ; C . B L I T Z E N ,

T h e Senecan and Euripidean Medea. A C o m p a r i s o n , C B 52, 1976, 86-90; J . - A . SHELTON, Seneca's Medea as Mannerist Literature, Poetica 11, 1979, 38-82; Α . BÄUMER 1982, bes. 130-165; A . ARCELLASCHI, M é d é e dans le théâtre latin. D ' E n n i u s à Sénèque, R o m e 1990. 4 L. SPITZER, T h e Récit de Théramène, in: ders., Linguistics and Literary History. Essays in Stylistics, Princeton 1948, 87-134; C . ZINTZEN, Analytisches H y p o m n e m a zu Senecas Phaedra, Meisenheim i960 (u. a. zur Beziehung z u m verlorenen 'Ιππόλυτος καλυπτόμενος des Euripides); P. G R I M A L , L'originalité de Sénèque dans la tragédie de Phèdre, R E L 41, 1963, 297-304, dt. in: E. LEFÈVRE, H g . , 321-342; K . HELDMANN, Senecas Phaedra und ihre griechischen Vorbilder, Hermes 96, 1968, 8 8 - 1 1 7 ; E. LEFÈVRE, Q u i d ratio possit? Senecas Phaedra als stoisches Drama, W S 82, N F 3, 1969, 131-160, w h . in: E. LEFÈVRE, H g . , 343-375; J . D I N G E L , 'Ιππόλυτος ξιφουλκός. Z u Senecas Phaedra und dem ersten Hippolytos des Euripides, Hermes 98, 1970, 44-56; A . D. LEEMAN, Seneca's Phaedra as a Stoic Tragedy (1976), in: LEEMAN, Form 269-280; G . PETRONE, La scrittura tragica dell'irrazionale. N o t e di lettura ai teatro di Seneca, Palermo 1984, zur Phaedra: 6 5 - 1 1 4 ; A . J . BOYLE, In Nature's Bonds. A Study o f Seneca's Phaedra, A N R W 2, 32, 2, 1985, 1284-1347.

PROSA:

SENECA

929

1

Oedipus In Theben wütet die Pest. Creon berichtet, das Orakel von Delphi gebiete, den Mörder des Laius aus der Stadt zu veijagen. Oedipus befiehlt dem Seher Tiresias, den Täter ausfindig zu machen. Creon berichtet, bei einer daraufhin veranstalteten Totenbeschwörung sei Laius erschienen und habe Oedipus als seinen Mörder benannt. Oedipus glaubt zunächst an ein Komplott und läßt Creon festnehmen. Doch Gespräche mit locasta, einem Greis aus Korinth und dem alten Phorbas bringen die Wahrheit an den Tag. Oedipus blendet sich, locasta gibt sich mit dem Schwert den Tod. Agamemnon2 Thyests Schatten verkündet das nahende Unheil. Aegis thus überredet Clytaemestra zu dem gemeinsamen Mord an Agamemnon, dessen Heimkehr ein Krieger meldet. Cassandra, die mit dem Chor der Troerinnen auftritt, sieht sich prophetisch zusammen mit dem Sieger in einem Totenkahn (753). In einer zweiten Vision beschreibt sie die Ermordung des Königs im Palast. Electra übergibt den jungen Orestes einem Phoker zur Rettung. Cassandra wird von Clytaemestra zum Tode verurteilt. Thyestes1 Tantalus erscheint als Schatten. Die Furie stachelt ihn auf, das Haus der Pelopiden in neues Unheil zu stürzen. Atreus entwickelt seinen Plan, die Kinder seines Bruder Thyest zu ermorden und dem Vater als Speise vorzusetzen, und fuhrt ihn aus. Hercules (Oetaeus)4 Hercules beauftragt Lichas, seinen Sieg über Eurytus nach Trachis zu melden. Im Gespräch mit der Amme zeigt Hercules' Gattin Deianira ihre Eifersucht auf die Gefangene Iole. Sie bestreicht ein fur Hercules bestimmtes Gewand mit dem Blut des Nessus, das sie fur einen Liebeszauber hält, und schickt es ihrem Gemahl durch Lichas. Ihr Sohn Hyllus berichtet von 1 J . DINGEL, Der Sohn des Polybos und die Sphinx. Z u den Oidipustragödien des Euripides und des Seneca, Μ Η 27, 1970, 90-96; E . LEFÈVRE, Die politische Bedeutung der römischen Tragödie und Senecas Oedipus, A N R W 2, 32, 2, 198$, 1 2 4 2 - 1 2 6 2 ; K . SCHÖPSDAU, Z u r dramatischen Struktur von Senecas Oedipus, Hermes 1 1 3 , 1985, 84-100; G . PADUANO, Sofocle, Seneca e la colpa di Edipo, R F I C 116, 1988, 2 9 8 - 3 1 7 . 2 D . HENRY, B . WALKES, Seneca and the Agamemnon: Some Thoughts on Tragic Doom, C P h 58, 1963, 1 - 1 0 , dt. in E. LEPÈVUE, H g . , 7 4 - 9 1 ; J . M . CBOISILLE, Le personnage de Clytemnestre dans 1 'Agamemnon de Sénèque, Latomus 23, 1964, 464-472; E. LEFÈVRK, Schicksal und Selbstverschuldung in Senecas Agamemnon, Hermes 94, 1966, 482-496, wh. in: E . LEFÈVRE, H g . , 4 5 7 - 4 7 6 ; W. H. FRIEDRICH, Schuld, Reue und Sühne der Klytämnestra, A & A 12, 1966, 3 - 2 8 , wh. in: W. H. F., Vorbild und Neugestaltung. Sechs Kapitel zur Geschichte der Tragödie, Göttingen 1967, 3 7 - 8 7 ; E. LEFÈVRE, Die Schuld des Agamemnon. Das Schicksal des Troja-Siegers in stoischer Sicht, Hermes 1 0 1 , 1 9 7 3 , 6 4 - 9 1 . } A . LESKY, Die griechischen Pelopidendramen und Senecas Thyestes, W S 43, 1 9 2 2 - 1 9 2 3 , 1 7 2 - 1 9 8 ; U. KNOCHE, Senecas Atreus. Ein Beispiel, Antike 17, 1 9 4 1 , 6 0 - 7 6 , wh. in: E. LEFÈVRE, H g . , 477-489; I. LANA, V Atreo di Accio e la leggenda di Atreo e Tieste nel teatro tragico romano, A A T 9 3 , 1 9 5 8 - 1 9 $ 9 , 293-383; A . LA PENNA, Atreo e Tieste sulle scene romane (il tiranno e l'atteggiamento verso il tiranno), in: Studi in onore di Q . CATAUDELLA, Catania 1972, 1, 3 5 7 - 3 7 1 , wh. in: A . LA PENNA, Fra teatro, poesia e politica romana, Torino 1979, 1 2 7 - 1 4 1 ; E. LEFÈVRE, Der Thyestes des L. Varius Rufiis. Zehn Überlegungen zu seiner Rekonstruktion, Mainz 1976 (Lit.); G. PI CONE, La fabula e il regno. Studi sul Thyestes di Seneca, Palermo 1984; E. LEFÈVRE, Die philosophische Bedeutung der Seneca-Tragôdie am Beispiel des Thyestes, A N R W 2, 32, 2, 1985, 1 2 6 3 - 1 2 8 3 ; C . MONTELEONE, II Thy stes di Seneca. Sentieri ermeneutici, Fasano 1991; I. FRINGS, Odiafraternaals manieristisches Motiv. Betrachtungen zu Senecas Thyest und Statius' Thebais, Stuttgart 1992. 4 Die Echtheit des Stückes ist umstritten; Lit.: W. H. FRIEDRICH, Sprache und Stil des Hercules Oetaeus, Hermes 82, 1954, 5 1 - 8 4 ; wh. in: E. LEFÈVRE, Hg., 500-544; M . ROZELAAR, Neue Studien zur Tragödie Hercules Oetaeus, A N R W 2, 32, 2, 1985, 1 3 4 8 - 1 4 1 9 ; C . - E . AUVRAY 1989 (mit Bibl.); C. WALDE, Herculeus labor. Studien zum pseudosenecanischen Hercules Oetaeus, Frankfurt 1992.

930

LITERATUR DER F R Ü H E N KAISERZEIT

den Q u a l e n des Hercules, der in seiner Wut den Ü b e r b r i n g e r getötet habe. Deianira beschließt zu sterben. D e r leidende H e l d tritt auf; seine M u t t e r A l c m e n c versucht, ihn z u trösten. H y l l u s meldet Deianiras T o d , erklärt ihre U n s c h u l d und wird v o n seinem Vater aufgefordert. Iole zu heiraten. V o m T o d des Hercules auf d e m Scheiterhaufen berichtet ein Bote. Eine Erscheinung des Vergöttlichten tröstet die klagende Mutter. Verlorenes: De situ et sacris Aegyptiorum und De situ Indine (während des Aufenthaltes in A l e x a n d r i e n entstanden, w o wahrscheinlich auch Senecas Interesse fur Naturwissenschaft g e f ö r d e r t w u r d e ) . De motu terrarum (zwischen 31 u n d 49?). De lapidum natura, De piscium natura (unter d e m Einfluß des Fabianus und der Sextii, w o h l k u r z v o r d e m Exil oder w ä h r e n d desselben). De forma mundi (vielleicht in den späteren Jahren des Exils geschrieben). De superstitione (später als De vita beata, w o h l v o r 62). Moralis philosophise libri, De immatura morte, Exhortationes (ein Protreptikos, v g l . epist. 89): aus der Spätzeit (64). Zweifelhaftes und Unechtes: M a n schreibt Seneca eine A n z a h l Epigramme z u ' ; in ihrer Echtheit angezweifelt w i r d die T r a g ö d i e Hercules Oetaeus; unecht sind die Praetexta Octavia (s. A n h a n g zu diesem K a p i t e l S. 951) und der Briefwechsel mit Paulus2.

Quellen, Vorbilder, Gattungen 3 Seneca unterscheidet sich von den augusteischen Klassikern und überhaupt von vielen römischen Autoren dadurch, daß er sowohl die Prosa als auch die Poesie pflegt. Die Abfassung jeweils selbständiger Werke in gebundener bzw. ungebundener Rede läßt sich bei Ennius, Aerius und Cicero nachweisen; dann findet sie sich erst wieder bei Laktanz (falls der Phoenix echt ist) und etwa bei Sidonius Apollinaris. Etwas anderes ist die Mischung von Prosa und Versen in der menippeischen Satire, so bei Varrò, Petron und Seneca selbst in der Apocolocyntosis. Hiervon wiederum zu trennen ist das Schreiben prosaischer Vorreden zu Gedichtsammlungen, so bei Martial, Statius, Ausonius. Seneca schmückt seine philosophischen Schriften zwar gerne mit Dichterzitaten, sonst aber trennt er Prosa und Dichtung klar voneinander. Von den übrigen römischen Tragikern unterscheidet er sich durch seine philosophische Schriftstellerei: Ennius ist wieder der einzige Parallelfall; doch schrieb dieser Dichter außerdem Epen und (wie die meisten lateinischen Tragiker) auch Komödien. Mit Aerius verbindet Seneca die Konzentration auf die Tragödie bei gleichzeitiger Neigung zu wissenschaftlicher Schriftstellerei, die aber bei Accius eher philologisch orientiert ist. Der augusteische Tragiker Varius verfaßt außerdem Epen, Ovid auch Elegien. Im Unterschied 1

S. A u s g a b e n ; M . COFFEY, G n o m o n 37, 1965, 9 8 - 1 0 0 .

Ausgaben: D. ERASMUS, Basileae 1515; C . W. BARLOW (TÜ), Epistulae Senecae ad Paulum et Pauli ad Senecam (quae vocantur), American Academy in Rome 1938; L. BOCCIOLINI PALAGI (TK), II carteggio apocrifo di Seneca e San Paolo, Firenze 1978; Lit. : Κ. DEISSNER, Paulus und Seneca, Gütersloh I9I7;J. Ν. SEVENSTER, Paul and Seneca, Leiden 1961; K. ABEL, Gnomon 35, 1963, 38-43; grundlegend 2

j e t z t J. DIVJAK, H L L J, 1989, § 5 7 1 . 1 (Lit.). 3

U m f a s s e n d A . SETAIOLI 1988.

PROSA: SENECA

931

zu Ennius, der mit der Vielseitigkeit des Pioniers mancherlei Äcker pflügt, handelt es sich bei Seneca um disziplinierte und ausgereifte schriftstellerische Leistungen auf völlig verschiedenen Gebieten. Die Prosagattungen, denen sich Seneca widmet, sind recht unterschiedlich: Die Apocolocyntosis ist eine menippeische Satire, in die jedoch auch dramatische Elemente eingegangen sind1; ganz andersartig ist trotz fast gleichzeitigem Erscheinen der Fürstenspiegel De dementia (stilistische Kriterien bieten daher bei Seneca keine Datierungshilfe). Wieder anders ist der traditionell rhetorische Duktus der Trostschriften. So hat die Consolatio ad Helviam einen besonders eloquenten Stil und ist auffallend klar aufgebaut, weshalb Iustus Lipsius2 diese Schrift fur Senecas bestes Werk hält. Die Consolationes sind nicht deswegen anders stilisiert als die späteren Schriften, weil sie älter, sondern weil sie Suasorien sind. Mehr didaktisch als rednerisch ist das Genos der philosophischen Abhandlungen (De constantia, De vita beata). In den Briefen an Lucilius kreuzen sich zwei Gattungen: die philosophische Schrift und die Briefform. Auffallig ist, daß von den zwölf unter dem Titel Dialogi vereinigten Büchern nur ein einziges Dialogform hat (De tranquillitate animt). Seneca selbst bezeichnet die Auseinandersetzung mit einem fingierten Gesprächspartner als dialogus (vgl. benef. 19, 8). Bei Quintilian (9, 2, 30) bedeutet dialogus auch das Selbstgespräch und das philosophische Raisonnement. Seneca dürfte sich bei der Ausbildung seiner philosophischen Schriften zu einer literarischen Gattung an die Tradition der Diatribe anlehnen. Diese seit Bion von Borysthenes bekannte Form der philosophischen Predigt hat vor Seneca unter anderem auf Horaz ausgestrahlt. Diatribencharakter haben auch viele der Briefe an Lucilius. Auf die Grenzen der Zuordnung zur Diatribe werden wir noch zurückkommen. Senecas Quellen sind nicht so leicht namhaft zu machen wie die Autoren, auf die er sich beruft, und auch hier gibt es Überraschungen: So zitiert der Stoiker in den ersten drei Büchern der Briefe an Lucilius mit Vorliebe und Beharrlichkeit epikureische Autoren - vielleicht mit Rücksicht auf den Adressaten. Als Lucilius ihn schließlich auffordert, diese Praxis mit Stoikerzitaten fortzusetzen, weigert sich Seneca mit dem bemerkenswerten Hinweis, ein reifer Mensch müsse auch einmal wagen, etwas in eigener Verantwortung zu sagen (epist. 33, bes. 7). Dennoch ist es lohnend, Senecas Bildungshorizont aus seinem Werk zu rekonstruieren. Die Denker, unter deren Einfluß er steht, lassen sich - chronologisch rückläufig - nach Generationen anordnen: Der innerste Kreis besteht aus Philosophen, denen Seneca persönlich begegnet ist. Wir erwähnten bereits den Stoiker Attalus, der ihn vom Buchwissen zur praktischen Lebensgestaltung fuhrt3, ihm 1 D . KORZENIEWSKI, Senecas Kunst der dramatischen Komposition in seiner Apocolocyntosis, M n e m o s y n e 35, 1982, 103-114; s. auch J. BLÄNSDORF, Senecas Apocolocyntosis und die Intertextualitätstheorie, Poetica 18, 1986, 1-26. 2 Seneca-Ausgabe, Antwerpen '1652, 67. ·' Epist. 9; 63; 67; 72; 81; 10X; 110.

932

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

aber auch naturphilosophisches Gedankengut vermittelt1. Ein Jünger der Sextii, Papirius Fabianus - auch er ein zur Philosophie bekehrter Redner - (etwa 35 v · - 35 n. Chr.) befruchtet Senecas Schaffen auf den verschiedensten Gebieten: dem der Konsolationsliteratur (Ad Marciarti), des philosophischen Traktats (De brevitate vitae), der naturwissenschaftlichen Schriften und der Briefe (z. B. epist. ioo zur Staatsphilosophie). Dem Neupythagoreer Sotion verdankt Seneca nicht nur die Bekehrung zur vegetarischen Lebensweise, sondern vermutlich auch wichtige Anregungen zum dritten Buch Über den Zorn. Zu Senecas bewunderten Freunden gehört auch der bedürfnislose Kyniker Demetrios, der gleich Sokrates keine Schriften hinterlassen hat. In der nächstälteren Generation hebt Seneca - neben Dichtern wie Vergil und Ovid 2 - besonders die Lehrer des Augustus hervor: Areios Didymos aus Alexandria, Verfasser einer Trostrede an Livia nach dem Tode des Drusus, ein stoischer Eklektiker, der auch von dem Platoniker Antiochos von Askalon beeinflußt ist, wird in der Consolatio ad Marciam (4-5) ausfuhrlich zitiert. Athenodoros (etwa 75 v. - 7 n. Chr.), ein anderer Lehrer des Augustus und Bewunderer des Poseidonios, dürfte in De tranquillitate animi benützt sein; Seneca zitiert ihn in epist. 10, 5. Ebenfalls von Poseidonios abhängig ist der naturphilosophische Autor Asklepiodot 3 . Wiederum eine Generation älter ist Ciceros Zeitgenosse Poseidonios, von dessen Lehre man bei Seneca zahlreiche Reflexe gefunden hat, so im zweiten Buch De ira, in den Naturales quaestiones (vermittelt durch Asklepiodot) und in den Luciliusbriefen. Ciceros Lehrer Antiochos von Askalon wirkt in den Luciliusbriefen fort und vielleicht im ersten Buch Über den Zorn. Der Einfluß Ciceros selbst ist durch Zitate belegt, so in De brevitate vitae, und in den Luciliusbriefen; in den späteren dieser Episteln wird Cicero freilich harter Kritik unterzogen; die Beziehung Senecas zu Cicero (die auch in De dementia zu greifen ist) verdient eingehendes Studium; zunächst Exemplum (bis hin zur Verbannung), scheint Cicero später zu einer Art Gegenbeispiel zu werden: Er bleibt Gefangener der Politik und kann sich nicht zur Freiheit erheben4. In der Trostschrift an Helvia (8) werden Brutus und Varrò zitiert. Aus dem Scipionenkreis, der etwa der vierten bis fünften Generation vor Seneca entspricht, ist der Stoiker Hekaton zu nennen (160-90 v. Chr.). Er ist in De beneßciis und in den Luciliusbriefen gegenwärtig, sein Lehrer Panaitios vielleicht in De tranquillitate animi und mit Sicherheit in Senecas humaner, seelsorgerlicher Haltung insgesamt. Mindestens fünf Philosophengenerationen in Rom stehen also zwischen Seneca 1

Ζ. Β. die Theorie zur Vorbedeutung der Blitze nat. 2, 48; 50. Wichtig, doch weniger offenkundig, ist der Einfluß des Horaz, vgl. J. F. BERTHET, Sénèque, lecteur d'Horace d'après ses Lettres à Lucilius, Latomus 38, 1979, 940-954. 3 Sen. nat. 2, 26, 6; 6, 17, 3. 4 Vgl. D. G. GAMBET, Cicero in the Works of Seneca Philosophus, TAPhA 101, 1970, 171-183; C. MORBSCHINI, Cicerone filosofo fonte di Seneca?, R C C M 19, 1977, 527-534; P. GRIMAL, Sénèque, juge de Cicéron, MEFR 96, 1984, 655-670. 2

PROSA:

SENECA

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und den Klassikern der hellenistischen Schulen. Überraschend hoch ist bei ihm der Anteil der Sprüche Epikurs, besonders in den ersten drei Büchern der Moralischen Briefe, aber auch z. B. in der Schrift Über die Statthaftigkeit des Weisen. Für die Gattung des philosophischen Briefes ist ebenfalls Epikur ein Vorbild, wenn auch der literarische und didaktische Anspruch des Römers andersartig ist. Wohl aus zweiter Hand zitiert Seneca in den Luciliusbriefen Zenon 1 und dessen selbständigen Schüler Aristón von Chios. Als Gewährsmann für De ira hat man unter anderem Chrysipp, für De providentia Kleanthes vermutet. Die Königs-Topik in De dementia geht über hellenistische Zwischenstufen letztlich auf Xenophon und Isokrates zurück. Damit sind wir in Piatons Generation, der unter Senecas Gewährsmännern auch nicht fehlt. Von den Vorsokratikern, die den äußersten Kreis bilden, wird Demokrit als Beispiel fur das Wegwerfen des Reichtums zitiert2 (prov. 6, 2). Eigene Lektüre ist hier ausgeschlossen. Folgende Grundlinien treten hervor: Die >praktisch-ethische< fuhrt von den stoischen Lehrern Senecas über Poseidonios und Panaitios zurück zur alten Stoa, die >dialektisch-religiöse< über Sotion, Poseidonios und Antiochos zu Piaton und den Pythagoreern, die >naturwissenschaftliche< schließlich über Papirius Fabianus zu Poseidonios und der Schule des Aristoteles. Zu der erstgenannten Linie muß man noch den epikureischen Einschlag und das Beispiel des Kynikers Demetrios hinzunehmen; dieses verweist Seneca auf die Schlüsselfigur Sokrates zurück, der fur die römische Lebensphilosophie überhaupt ein kaum zu überschätzendes Leitbild ist. Lästiger philologischer Vielwisserei stellt Seneca im Traktat De brevitate vitae (14) den lebendigen Umgang des Philosophen mit dem Erbe der Vergangenheit gegenüber: Er darf mit Sokrates disputieren, mit Karneades zweifeln, mit Epikur innerlich ruhig sein, mit den Stoikern die Menschennatur besiegen und sie mit den Kynikern unter sich lassen. Sokrates ist fur Seneca übrigens nicht erst im Angesicht des Todes ein wichtiges Vorbild, sondern schon in der Verbannung, also am Anfang seiner schriftstellerischen Laufbahn. Insbesondere denkt Seneca daran, daß Sokrates durch sein Verhalten dem Aufenthalt im Gefängnis das Schmachvolle genommen hat (neque enim poterai career videri, in quo Socrates erat: Helv. 13, 4). Hier wird die befreiende Rolle der Gestalt des Sokrates fur Seneca deutlich. Die Apocolocyntosis gehört zur Gattung der menippeischen Satire. Im dritten Jahrhundert v. Chr. hatte Menippos von Gadara Prosa mit Verseinlagen durchsetzt. In Rom ist die Menippea durch Varrò heimisch geworden. Von dem gesellschaftskritischen Inhalt und der phantastischen Einkleidung der Menippea vermitteln uns auch die Schriften Lukians (2. Jh. n. Chr.) eine Vorstellung. Innerhalb des dramatischen Oeuvres finden sich Tragödien, aber auch eine Prae1 2

A. SETAIOLI, Citazioni da Zenone nelle opere morali di Seneca, Prometheus 12, 1986, 72-84. Vgl. A. SETAIOLI, Citazioni da Democrito ed Eraclito nelle opere morali di Seneca, in: Scritti

RONCONI, F i r e n z e 1 9 8 6 ,

299-318.

934

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

texta, die Octavia. O b w o h l dieses Stück nicht von Seneca geschrieben ist, verdient es als einziges vollständig erhaltenes Beispiel seines Genos Beachtung 1 . Die Tragödien unterscheiden sich erheblich von den vergleichbaren griechischen Stücken 2 . Mit Euripides konkurrieren Hercules, Troades, Medea, Phaedra, Phoenissae, Thyestes, mit Sophokles Oedipus, Hercules Oetaeus, Troades, Thyestes, mit Aischylos Agamemnon und Phoenissae. Viele der Abweichungen dürften auf verlorene hellenistische und lateinische Dramen zurückgehen. So sind >Neuerungen< in Senecas Agamemnon zum Teil von Livius Andronicus in dessen Aegisthus v o r w e g genommen; zum Thyestes ist mit Ennius, Aerius und Varius, für Medea mit O v i d zu rechnen, der auch durch seine übrigen Werke, besonders Heroiden und Metamorphosen, Senecas Dichtungen mitprägt 3 . Bei der Entscheidung für diese oder jene Vorlage oder Sagenversion läßt sich Seneca freilich von seinen eigenen Kunstprinzipien leiten (vgl. Literarische Technik). Literarische T e c h n i k In allen philosophischen Schriften ist Seneca der literarischen Technik der sogenannten Diatribe 4 verpflichtet. Diese stoisch-kynische Form der Moralpredigt ist durch häufigen Gebrauch der Anrede - sei es an einen wirklichen Adressaten oder an einen fingierten Gesprächspartner - gekennzeichnet; der Verlebendigung dienen weiterhin dialogische Z ü g e wie z. B. gedachte Einwände des Gegenübers, Sprichwörter, Sentenzen, Vergleiche aus dem Alltag oder - besonders wertvoll (epist. 95, 72) - Beispiele aus der Geschichte; dabei bevorzugt Seneca römische exempta aus der späten Republik und der frühen Kaiserzeit. All diese Z ü g e finden sich sowohl in den moralischen Briefen als auch in den Trostschriften und den Abhandlungen. Freilich ist mit der Etikettierung >Diatribe< Senecas Kunst nicht zureichend erklärt. Der Rhetorik ist z. B . die Methode abgelauscht, Ermahnung als Lob einzukleiden, so in De dementia5. D o c h folgt die Gruppierung der Gedanken überhaupt rhetorischen Gesichtspunkten. Argumente werden in Form einer Steigerung (gradatio) angeordnet, sinnverwandte Wörter so gereiht, daß das ausdrucksstärkste an letzter Stelle steht. Ein Gedanke wird oft dreifach variiert, die letzte Variation so gestaltet, daß sich der nächste Gedanke mühelos anschließen läßt. So entsteht eine Kettenform: Nebenthemen eines Paragraphen können im folgenden zum Haupt1

Z u r Octavia

2

D i e Bedeutung der einzelnen Epochen der Literaturgeschichte

s. den A n h a n g zu dem vorliegenden Kapitel (S. 951). fur Senecas Tragödien

wird

unterschiedlich beurteilt: v g l . R . J . TARRANT, Seneca's D r a m a and its Antecedents, H S P h 82, 1978, 2 1 3 - 2 6 3 ; G . A R I C Ó , Seneca e la tragedia latina arcaica, D i o n i s o 52, 1981 (1985), 339-356; u n d j . DINGEL, Senecas Tragödien. Vorbilder und poetische Aspekte, A N R W 2, 32, 2, 1985, 1052-1099. 3

R . J A K O B I , D e r Einfluß O v i d s auf den Tragiker Seneca, Berlin 1988.

4

Z u m Verhältnis des philosophischen Briefs zur Diatribe bei Seneca: A . STÜCKELBERGER, D e r Brief

als Mittel der persönlichen Auseinandersetzung mit der Philosophie, Didactica classica Gandensia 20, 1980, 1 3 3 - 1 4 8 , bes. 1 3 3 - 1 3 6 ; allgemein zur literarischen Technik in den Traktaten: K . A B E L G . M A U R A C H 1970; v g l . auch zu Sprache und Stil und die allgemeine Bibliographie zu Seneca. 5

V g l . Arist., rhet. 1 , 9 = 1 3 6 7 b 23 f. und auch Ciceros Redefiir

Marcellus.

1967;

PROSA:

SENECA

935

thema werden oder auch nach längerer Unterbrechung wieder auftauchen. Entsprechendes beobachtet man nicht nur innerhalb eines Textes, sondern - im Corpus der Moralischen Episteln - auch zwischen einzelnen Briefen. Metaphern, Gleichnisse und Bilder sind sorgfältig auf den Inhalt abgestimmt. In den Moralischen Briefen, in denen es um eine organische und stetige innere Entwicklung des Adressaten geht, werden Bilder aus dem Bereich des natürlichen Wachstums', der Ernährung und der Medizin bevorzugt. Ähnliches gilt von der Consolationsliteratur, die sich psychologischen Gesetzen fugen muß: In der Trostschrift an Helvia erläutern medizinische Bilder, warum Seneca in diesem Falle erst so spät zur Feder greift. Militärisches und Medizinisches verbindet sich in der Vorstellung leicht verwundeter Rekruten, die den Arzt mehr furchten als das Schwert. Seneca stellt ihnen die Veteranen gegenüber, die, auch wenn sie schwer verletzt sind, sich mutig und ohne Klage der Operation unterziehen (cons. Helv. 3). Zur strukturbildenden Funktion der Metaphorik ein Beispiel: Das Bild vom Meer und der Seefahrt durchzieht den ganzen Traktat De brevitate vitae: A m Anfang dient das Meer als Bild fur ein unbeständiges und ruheloses Dasein (2); in der Mitte wird zielbewußtes Segeln dem passiven Geworfensein gegenübergestellt (8), schließlich der Rückzug aus den >Fluten< des Lebens in den sicheren >Hafen< der Philosophie empfohlen (18). Die Metaphorik entwickelt sich also konsequent und begleitet den Text durch einen sinnvollen Ablauf visueller Vorstellungen. So ist die ursprünglich eher nach Volkstümlichkeit strebende Diatribe in Senecas Brief-Essay zu urbaner Feinheit veredelt. Eine Parallele allerdings aus dem Bereich der Poesie - wären Horazens Episteln. Auch die Kunst, gleitende Obergänge zu schaffen, erinnert an Horaz. Zur literarischen Technik zählt auch die Verwendung von Zitaten. Der Leser erhält eine Anleitung, solche Sprüche—überwiegend mit den Mitteln rhetorischer Amplifikation - gedanklich zu entfalten und auf seine eigene Existenz anzuwenden. Die Rhetorik - froher dazu bestimmt, öffentlich zu wirken - dient jetzt dem inneren Dialog, dem Umgang des Menschen mit sich selbst. Es ist grotesk, daß man diese meditative Prosa mit ihrem geschliffenen Stil auf eine Stufe mit den marktschreierischen Produkten hellenistischer Straßenphilosophen gestellt hat. Seneca selbst ist sich bewußt, daß die Philosophie keinen Verkäufer (institor), sondern einen Priester (antistes) verlangt (epist. 52, 15). Ein künstlerischer Aufbau in größerem Rahmen läßt sich an den umfangreicheren Werken beobachten: so den Epistulae morales2. In den Naturales quaestiones kontrastiert z. B. der anmutige Anfang des vierten Buches (Nilschilderung) mit dem erschütternden Schluß des dritten (Sintflut); doch sollte man bei der Aufbauanalyse eines sachbezogenen Werkes das Formalästhetische nicht absolut setzen3. ' Z u solchen Bildern in bezug auf Philosophisches vgl. auch Z e n o n bei D i o g . Laert. 7, 40; Sextus 7, 17; vgl. A . BONHÖFFES, Epictet und die Stoa, Stuttgart 1890, 16-18. 2 S. hierzu die Monographien, bes. G. MAURACH 1970. 3 Gut G . STAHL, G n o m o n 52, 1980, 620-626.

936

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KAISERZEIT

Die Apocolocyntosis verwendet in parodistischer Absicht Elemente der Geschichtsschreibung (Unparteilichkeits- und Wahrheitsbeteuerung), der epischen Technik (feierlich-umständliche Zeitangabe) und Dichterzitate (ζ. B. aus Vergil). Sogar die Totenklage wird parodiert. Was die dramatische Technik1 betrifft, so bevorzugt Seneca direkte statt indirekter Darstellung. Auf offener Szene sterben Medeas Kinder 2 , die Gemahlin des rasenden Hercules und die Mutter des Oedipus. Im Hippolytus-Drama wählt Seneca eine Fassung, in der Phaedra dem Helden ihre Liebe persönlich gesteht und ihn auch selbst bei ihrem Gemahl verleumdet (ohne der Vermittlung durch die Amme bzw. durch einen Brief zu bedürfen). Vor den Augen der Zuschauer setzt Theseus den zerstückelten Leichnam seines Sohnes wieder zusammen. Sieht man von der zuletzt genannten Entgleisung ab, so läßt sich bei den genannten Besonderheiten von Senecas dramatischer Technik der Gewinn nicht bestreiten. Phaedras abschließendes Schuldbekenntnis ist ohne Zweifel ein dramatischer Höhepunkt, und durch das Hinauszögern von Medeas Kindermord bleibt die Spannung bis zum Ende des Stückes erhalten. Szenen, die Seneca hinzufugt, verstärken oft die Empfindung des Schaurigen: In der Medea-Tragödie wird Giftmischerei in Szene gesetzt, im Oedipus beschwört Tiresias die Unterwelt, im Rasenden Hercules berichtet Theseus von seiner Fahrt ins Schattenreich. Überhaupt tritt das Rituelle stärker hervor als bei Euripides. Gebete sind häufig, und bei Medeas Kindermord betont der Römer den Gedanken des Totenopfers und die Furienvorstellung. Die Entfaltung des Affekts vollzieht sich in langen Monologen: Die Entstehung von Hercules' Wahnsinn stellt Seneca auf der Bühne dar, während Euripides sie indirekt durch den Auftritt zweier übermenschlicher Wesen vorbereitet. Pathetisch exponieren die Anfange der Dramen die dominierende Emotion: Mit Phaedras und Medeas Affekt konfrontiert Seneca den Zuschauer von Anfang an in längeren Selbstgesprächen, während Euripides die Leidenschaft dieser Frauen zuerst in ihrer Umwelt spiegelt. Doch wird in anderen Fällen der Kern des Tragödiengeschehens im Empfinden eines πρόσωπον προτατικόν vorausgeahnt3. Reizvoll sind auch kommentierende Partien, in denen eine Nebenfigur Reaktionen und Bewegungen des Helden oder der Heldin beschreibt4. Das Handeln der Helden Senecas, auf deren Charakter wir im Zusammenhang mit der Gedankenwelt zurückkommen, hat einen Bewußtheitsgrad, den man geradezu >literarisch< nennen könnte: Medea hegt und pflegt ihren Affekt mit rhetorischen Mitteln. Der Name Medea ist für sie gleichsam ein Programm, das es 1

Z u den Dramen: M . LANDFESTER, Funktion und Tradition bildlicher Rede in den Tragödien

Senecas,

Poetica 6,

1974,

179-204;

Β . SEIDENSTICKER

1970;

A . L.

M O T T O , J. R .

CLARK,

Senecan

Tragedy. Patterns o f Irony and Art, C B 48, 1972, 69-76; V . WURNIC 1982; Ν . T . PRATT 1983; Literatur zu den einzelnen Stücken: s. Werkübersicht. 2 Horazens diesbezügliches Verbot (ars 185) könnte ein Seitenhieb auf O v i d s Medea sein. 3 V . W U R N I G 1982, 73, w i c h t i g fur das Verständnis des Thyestes. 4 Diese Technik finden wir in R o m schon bei Plautus.

P R O S A : SENECA

937

zu erfüllen gilt (Medeafìam 171; Medea nunc sum 910). Dem entspricht, daß die - von starkem Affekt getragenen - Prologe im Interesse der möglichst umfassenden Exposition der Charaktere spätere Handlungsstadien und Verhaltensweisen vorwegnehmen1. Formal ist - außer in dem umstrittenen Hercules Oetaeus — ein Streben nach Straffung und Geschlossenheit festzustellen. Entbehrliche Gestalten (wie Aigeus in der Medea) entfallen, am Ende der Phaedra löst keine dea ex machina, sondern Phaedra selbst den Knoten, und im Medea-Drzma wird die Spannung dadurch bis zum Ende aufrecht erhalten, daß beim letzten Erscheinen Iasons eines der Kinder noch lebt, fur das sich der Vater einsetzen kann, während sich bei Euripides seine Rolle in verspäteten Vorwürfen erschöpft. Die angebliche >Grausamkeit< bringt also einen entscheidenden dramatischen Gewinn. Zur inneren Einheit der Stücke trägt auch bei, daß Seneca die Chorlieder inhaltlich sorgfaltig auf ihre Umgebung abstimmt2. Bei der Frage, ob es sich um Bühnenstücke oder Rezitationsdramen3 handelt, geht es weniger um Grundsätzliches, als es vielleicht den Anschein hat. In beiden Fällen wurde der Text antiken Lesegewohnheiten entsprechend laut vorgetragen. Wir besitzen keine Belege über Aufführungen; doch ist dies ein argumentum ex silentio. Andererseits weiß man zumindest, daß es üblich war, einzelne Szenen aus Dramen zu spielen4. Behauptet man mit manchen wohlerzogenen Forschern des 19. Jh., Senecas Stücke seien >unspielbargräßlich, also unaufführbar< durch die Bühnenkunst des 20. Jh. längst widerlegt). Für die Bühnenwirksamkeit spricht vieles in Senecas Text: Neben Worten spielen Dinge eine wichtige Rolle: Das Schwert des Hippolytus steht im Mittelpunkt der Liebes- wie der Sterbeszene; die Kostümierung Phaedras als Jägerin dokumentiert sichtbar ihre Verfallenheit an den Jünger Dianas; Medea erscheint als Zauberin auf der Szene in Aktion. So entfalten sich die Stücke erst auf dem Theater in vollem Maße. Es ist kein Zufall, daß in Racines Phèdre die beiden effektvollsten Auftritte - die Liebeserklärung und der Selbstmord - aus Seneca stammen. Die Renaissance hat noch gewußt, daß diese Stücke fur die Bühne wie geschaffen sind.

' J . - A . SHELTON, Seneca's Herculesfitrens. Theme, Structure, and Style, Göttingen 1978. G. ARROYO Α., Die Chorlieder in Senecas Tragödien. Eine Untersuchung zu Senecas Philosophie und Chorthemen, Diss. Köln 1979. 3 O. ZWIERLEIN, Die Rezitationsdramen Senecas, Meisenheim 1966; dagegen überzeugend L. BRAUN, Sind Senecas Tragödien Bühnenstücke oder Rezitationsdramen?, RPL 5, 1, 1982, 43-52; vgl. D. F. SUTTON, Seneca on the Stage, Leiden 1986. 4 A. DIHLE, Seneca und die Auffuhrungspraxis der römischen Tragödie, A & A 29, 1983, 1 6 2 - 1 7 1 . 2

938

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KAISERZEIT

Sprache u n d Stil 1 Senecas Prosa stempelt ihn zum Exponenten einer >Moderneerhabenen< Stil, wie ihn - wahrscheinlich zur selben Zeit — der Auetor Περί δ ψ ο υ ς vertritt (vgl. epist. 41 zum animus magnus). Der Eindruck des Sublimen entsteht durch die Verbindung gewichtiger Gedanken und scheinbar einfacher Form. Doch ist Senecas Prosastil nicht einförmig, sondern jeweils der Gattung entsprechend abgewandelt. Die Einleitung der Consolatio ad Helviam ist in wohlabgerundeten Perioden geschrieben, die sich spürbar von dem in anderen Werken bevorzugten Staccato-Stil unterscheiden. Freilich liebt Seneca auch in dieser Schrift zugespitzte Formulierungen: Z w a n z i g Tage nach dem Tod des Enkels muß Helvia

1 R. FISCHER, De usu vocabulorum apud Ciceronem et Senecam Graecae philosophise interpretes, Diss. Freiburg 1914; A. P u i t i , Vocabulaire philosophique de Sénèque, I: A-computatio, Paris 1937; A. M . GUILLEMIN 1957; R. WESTMAN, Das Futurpartizip als Ausdrucksmittel Senecas, Helsinki 1961; N . T. PRATT, Major Systems o f Figurative Language in Senecan Melodrama, TAPhA 94, 1963, 199-234; J. D. BISHOP, The Meaning of the Choral Meters in Senecan Tragedy, RhM i n , 1968,

1 9 7 - 2 1 9 ; N . CATONE, M e t r o e l i n g u a nella Phaedra

d i Seneca, A & R

N S 16,

1971,

1 9 - 2 9 ; VON

ALBRECHT, Prosa 1 3 8 - i s i ; W . - L . LIEBERMANN 1 9 7 4 , 8 5 - 1 4 2 (Gleichnisse u n d T r o p e n ) ; A . TRAINA, LO

stile >drammatico< del filosofo Seneca, Bologna Ί978; A . SETAIOLI, Seneca e lo stile, A N R W 2, 32, 2, 1985, 776-858; M . BILLERBECK, Senecas Tragödien. Sprachliche und stilistische Untersuchungen, Leiden 1988; M . HILLEN, Studien zur Dichtersprache Senecas. Abundanz. Explikativer Ablativ. Hypallage, Berlin 1989; M . ARMISEN-MARCHETTI, Sapiendae facies. Étude sur les images de Sénèque, Paris 1989. 2 Vgl. A. SETAIOLI, Elementi di sermo cotidianas nella lingua di Seneca prosatore, SIFC 52, 1980, 5-47.

PROSA:

SENECA

939

die Verbannung ihres Sohnes erleben: hoc adhuc defuerat tibi: lugere vivos (cons. Helv. 2, 5). Bei Durchsicht der Consolationsliteratur findet Seneca keinen, der die Seinen tröstet, während er von ihnen betrauert wird (cons. Helv. 1). Auch innerhalb ein und desselben Werkes gibt es beträchtliche StildifFerenzen: Das erste Buch De dementia ist in seinem Charakter rhetorisch, das zweite philosophisch-abstrakt. Dementsprechend besteht ein Unterschied zwischen gewöhnlichem Sprachgebrauch und terminologischer Verwendung der Begriffe 1 . Die Ausdrucksweise der Tragödien knüpft an die augusteische Dichtersprache an. In der Wortwahl hält sich Seneca weitgehend an seine Vorbilder, ohne jedoch den Zeitgeschmack zu vernachlässigen, der zu Leidenschaft, Zielstrebigkeit, Impulsivität drängt. Epochengerecht ist der rhetorische Stil der Tragödien; verwischen sich doch die Grenzen zwischen Prosa und Poesie. Der Freude am A t m o sphärischen, an Glanzeffekten und Materialluxus in Baukunst und Malerei entspricht ein Streben nach blendender Wirkung auf den Betrachter in der Literatur. Wie in den Prosaschriften zeigt Seneca eine Vorliebe fur kurze, einfache Sätze und pointierte Aussagen, von denen sich thematische Variation und gedankliche Abundanz eindrucksvoll abheben. In ihrer Eigenart können Sprache und Stil der Tragödien nur vor dem Hintergrund der Prosaschriften verstanden werden. Die Behandlung des iambischen Trimeters ist streng. In der Chorlyrik dominieren Anapaeste, doch finden sich auch andere Metren 2 .

Gedankenwelt I Literarische Reflexion3 Verlacht die Apocolocyntosis die Neigung des Claudius zu novi poetae, so folgt daraus nicht, daß Seneca in literarischen Dingen ein Traditionalist gewesen wäre. Weit gefehlt! Er schockiert Klassizisten und Archaisten durch einen unbefangenen Standpunkt4. Sein Modernismus ist nicht ahistorisch: Er erkennt vielmehr den Wandel des Sprachgebrauchs und findet recht vernünftige Begründungen fur die 1 Im ersten Buch stehen misericordia, venia, ignoscere als S y n o n y m e fur dementia; i m zweiten B u c h werden begriffliche Unterscheidungen getroffen. Severitas steht i m ersten B u c h im Widerspruch zu dementia, im zweiten B u c h sind beide als Tugenden letztlich miteinander identisch. 2 W . MARX, Funktion und Form der Chorlieder in den Seneca-Tragödien, Diss. Heidelberg 1932; R. GIOMINI, D e canticis polymetris in Agamemnone et Oedipode Annaeanis, R o m a 1959; J. D . BISHOP, T h e Meaning o f the Choral Meters in Senecan Tragedy, R h M 1 1 1 , 1 9 6 8 , 1 9 7 - 2 1 9 ; N . CATONE, M e t r o e lingua nella Phaedra di Seneca, A & R N S 16, 1971, 19-29; J. G . FITCH, Seneca's Anapaests, Metre, C o l o m e t r y , Text and Artistry in the Anapaests o f Seneca's Tragedies, Atlanta 1987. 3 F. I. MERCHANT, Seneca the Philosopher and his T h e o r y o f Style, A J P h 26, 1905, 44-59; Ph. DE LACY, Stoic V i e w s o f Poetry, AJPh 69, 1948, 2 4 1 - 2 7 1 ; A . STÜCKELBEBCER, Senecas 88. Brief. O b e r Wert und U n w e r t der freien Künste ( Τ θ Κ ) , Heidelberg 1965; A . MICHEL, Rhétorique, tragédie, philosophie: Sénèque et le sublime, GIF 21, 1969, 245-257; I. OPELT, Senecas Konzeption des

T r a g i s c h e n , i n E . LEFÈVRE, H g . ,

1 9 7 2 , 9 2 - 1 2 8 ; J . DINGEL 1 9 7 4 ; A . STÜCKELBERGER 1 9 8 0 ; G . ROSATI,

Seneca sulla lettera filosofica. U n genere letterario nel c a m m i n o verso la saggezza, Maia 13, 1981, 3 - 1 5 ; K . ABEL 4

1981.

Q u i n t , inst. 10, 1, 125-131; Gell. 12, 2; W. TRILLITZSCH 1971.

940

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zeit- und bildungsbedingte Verwendung archaischer Ausdrücke bei den Klassikern: Er sieht richtig, daß man in Texten einer Generation, die noch Ennius las, auf Ennianismen gefaßt sein muß 1 . In der inneren Freiheit, den eigenen Standpunkt zu vertreten und vor Klassikern nicht blind in den Staub zu sinken, ist die Zeit von Caligula bis Nero - Senecas Epoche - ohne Beispiel. Sie ist getragen vom Hochgefühl des ingenium2. Senecas lebendiger Umgang mit der Tradition dokumentiert sich in seiner Verwendung poetischer Zitate 3 . Theoretisch äußert er sich darüber in einem Brief (epist. 108, 24-38), der die Sicht des Philosophen der des Philologen gegenüberstellt: Dem Vergilwort vom Riehen der Zeit (Verg. georg. 3, 284) entnimmt der Philosoph eine Motivation zu bewußterem und tätigerem Leben, der Philologe dagegen bemerkt, Vergil drücke eine rasche Bewegung durch das Verb fugere aus. Vom Sammeln und Nachbeten fremder Zitate kommt man zu einer eigenen Aussage, indem man tut, was man sagt (epist. 108, 38)4. Die Rhetorik greift er nicht direkt an; er verwendet sie systematisch in seiner Praxis der Selbsterziehung und Seelenleitung5. Zuweilen zerreißt er bewußt die Ketten der Schule: Die Frage nach dem >hohen< oder >großen< Stil ist für ihn keine rein technische, sie hat mit der geistigen Freiheit des Sprechers zu tun; es kommt auf den inneren Aufschwung, den Höhenflug an (tranq. 17). Bei einem so souveränen Autor befugt uns die pädagogische Verwendung von Literatur und literarischen Elementen in den Traktaten keineswegs, fur die Tragödien auf eine vordergründig didaktische Poetik zurückzuschließen. Gedankenwelt II Senecas philosophisches Interesse gilt überwiegend der Ethik und - in geringerem Maße - der Naturphilosophie (Physik). Die Logik fesselt ihn weniger, doch wendet er sich auch ihr in den späten Briefen zu6. Es ist Senecas Bestreben, ein Gesamtbild der Philosophie zu entwerfen. An erster Stelle ist die Bedeutung der stoischen Philosophie für Seneca zu würdigen, denn dieser Schule rechnet er sich zu. Besonders umfassend sind in 1 Z u Ciceros Ennianismen: Non foil hoc Ciceronis Vitium, sed temporis; tiecesse erat haec dici, cum illa legerentur; Vergil verwendet Ennianismen, ut Ennianus populus adgnosceret in novo Carmine aliquid antiquitatis (bei Gell. 12, 2, 8 - 1 0 ) ; Seneca schätzt Cicero als Schriftsteller, doch hat er eine andere StilaufFassung, s. auch D. G. GAMBET, Cicero in the Works of Seneca Philosophus, T A P h A 1 0 1 , 1970, 1 7 1 - 1 8 3 ; P. GRIMAL, Sénèque j u g e de Cicéron, M E F R 96, 1984, 655-670. 2 Man datiert auch den Auetor Περί ΰ ψ ο υ ς in dieselbe Epoche. 3 Vgl. H. KRAUSS, Die Vergilzitate in Senecas Briefen an Lucilius, Diss. Hamburg 1957. 4 Vgl. talis hominum oratio qualis vita (epist. 1 1 4 , 16); weitere Belege zur Literaturkritik bei Seneca: epist. 59, 5; 84, 1 - 7 ; 1 1 4 , 1 1 ; tranq. (= dial. 9) 17, 10. 5 Weiterfuhrende Zusammenfassung bei G . REINHARDT, E. SCHIROK, Senecas Epistulae morales. Z w e i Wege ihrer Vermittlung, Bamberg 1988, passim, bes. 90-94. 6 Trotz der unsystematischen Darlegung kommt im Streben nach intellektueller Redlichkeit in der Verwendung der Begriffe (ζ. B . epist. 3 >FreundschaftWelt< der Politik zu verlassen - im Gegenteil, die Verpflichtung, in ihr auszuharren; so wird er zum Ahnherrn derjenigen Denker der Neuzeit, die an die Stelle mittelalterlicher Weltflucht eine >innerweltliche Askese« setzen (z. B . die Reformatoren oder Franz von Sales). Seneca ist, auch wenn er im politischen Leben steht, darauf bedacht, sich innerlich v o m Irdischen zu lösen; er ist auch bereit, wenn nötig, seine Freiheit und Würde durch Selbstmord zu wahren. Seine philosophische Schriftstellerei, die so wenig über sein Dasein als Politiker verrät, kann nur verstanden werden, wenn man sie als ein Gegengewicht zu dem aufreibenden Alltag begreift, dem Seneca ausgesetzt ist, als ein Mittel, Abstand und innere Ruhe zu gewinnen. Sie liefert eine Handreichung zur Selbstprüfung und Besinnung. Ihr verhältnismäßig geringer >politischer< Gehalt ergibt sich aus dieser Kontrastfunktion, nicht etwa aus staatsbürgerlichem Desinteresse des Autors. A u f den genannten Qualitäten, die einem weiten Leserkreis Identifikationsmöglichkeiten bieten, beruht auch ihre bis heute fortdauernde Aktualität. Es ist nicht einfach, den gedanklichen Gehalt der Dramen zu würdigen. Stehen

1

M . T . GRIFFIN 1 9 7 6 ,

2

Epist. 90, 45; 95, 33.

256-28$.

944

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sie in ihrem Pessimismus, ihrer Grausamkeit und ihrem Wühlen im Schmerz völlig unverbunden neben den philosophischen Schriften? Oder handelt es sich umgekehrt um Lehrstücke? Beide Antworten machen es sich zu einfach. Die Charaktere haben sich entsprechend den Werten gewandelt. Schonungslos wird das Bild des Menschen in einer weitgehend entgötterten Welt gezeichnet. Man sieht dies an dem rasenden Hercules: Seine höchsten Leistungen wie sein Wahnsinn entspringen letztlich derselben Wurzel: seinem kämpferischen Wesen. Nach so großen Erfolgen findet er schließlich nur in sich selbst einen ebenbürtigen Gegner (bella iam secum gerat 85); auf seine äußeren Heldentaten soll die schmerzlich errungene Einsicht folgen, daß virtus in der Selbstüberwindung liegt. Es geht um nichts Geringeres als die Vergeistigung eines in Rom meist äußerlich verstandenen Wesenszuges: der Siegeskraft. Das Stück vermittelt keine dogmatische Lehre, sondern stellt eine subtile Beobachtung zur Diskussion: In römischer Zeit fühlt sich der Mensch weniger von Göttern geleitet, ist zunehmend auf sich selbst gestellt; alle Möglichkeiten scheinen ihm offenzustehen. Wird er sein Maß in sich selbst finden? In diesem zutiefst geschichts- und wirklichkeitsbezogenen Fragen liegt übrigens der tiefere Grund fur Senecas hyperbolische, paradoxe Sprache, die mehr ist als bloße Manier. Auch die römische Umwelt wirkt herein1. Der Chor steht nicht mehr aufseiten Medeas, sondern Iasons, dessen Liebe zu seinen Kindern hervorgehoben wird; römische pietas veredelt auch den Charakter des Theseus, der nicht über den grausamen Untergang seines Sohnes jubelt (Phaedra). Creo tritt nicht mit der Ängstlichkeit des euripideischen Herrschers auf, sondern mit der Würde des römischen Beamten (Medea). Euripides' Phaidra ist Königin; sie denkt an ihre Ehre und an die ihrer Söhne. Senecas Phaedra2 ist Liebende; ihr Charakter entspricht der freieren Stellung der römischen Frau und der Auffassung Senecas, der das persönliche Gewissen höher achtet als gesellschaftliche Rücksichten. So ist es für den römischen Dichter unerträglich, Phaedra mit einer Lüge sterben zu lassen. Ihr abschließendes Schuldbekenntnis bedeutet dramatisch einen Gewinn. Medea freilich kann weniger auf das Mitgefühl des Zuschauers rechnen. Ihr Handeln hat einen höheren Bewußtheitsgrad, so daß bestimmte >mildernde Umstände< entfallen. Viele Geschöpfe Senecas empfinden eine perverse >Lust am BösenGrieche 365-3792

9SO

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Roger Bacon behauptet, die Dialogi 1266 wiederentdeckt zu haben und benützt sie in seiner Moralis philosophia. Chaucer verwertet die Moralischen Briefe, vielleicht aus zweiter Hand. In der Renaissance liest man Senecas Briefe und Traktate im Original; Erasmus* Ausgabe von 1555 steigert noch die Beliebtheit. Ins Französische wird der Philosoph im 14. Jh. übersetzt. Ein deutsches Kompendium schreibt Michael Herr (1536). Die Consolatio ad Marciam verdeutscht Dietrich von Pleningen 1519. Arthur Golding überträgt De beneficiis ins Englische (ersch. 1578); eine Gesamtübersetzung der Prosawerke veröffentlicht Lodge 1614. Der Beginn des Briefromans bei S. Richardson steht im Zeichen der in den Epistulae morales verwirklichten Literaturauffassung 1 . Die nachhaltige Wirkung von De dementia reicht von Cinzio über Corneille (Cinna) bis zu Mozarts Oper La clemenza di Tito2. Seneca ist fur die Menschen der frühen Neuzeit ein Führer zu innerer Unabhängigkeit; zugleich erlöst er die neueren Sprachen vom Periodenstil. Michel de Montaigne (f 1592), der Schöpfer des modernen Essays, macht Senecas Gedanken zu einem Bestandteil seines eigenen Wesens3. Seneca ermöglicht überhaupt die lebendige Prosa der großen europäischen Moralisten: Gradan, Francis Bacon, La Rochefoucauld, La Bruyère, Pascal, Nietzsche4. Im Zeichen der Lebensphilosophie wird Seneca in unserem Jahrhundert neu entdeckt5. Heute würdigt man auch seine philosophische Religiosität, den Mut zur »Hingabe des persönlichen Zentrums an den Logos des Seins«6, eine Beschreibung, die freilich der befreienden Rolle dieses Erziehers Europas nicht ganz gerecht wird.

1 Wolfg. G. MÜLLER, Der Brief als Spiegel der Seele. Zur Geschichte eines Topos der Epistolartheorie von der Antike bis zu S. Richardson, A & A 26, 1980, 1 3 8 - 1 5 7 . 2 G . SOLIMANO, Per la fortuna del De dementia nel cinquecento. La Cleopatra di G. Β . Giraldi Cinzio, Rassegna della letteratura italiana (Firenze) 88, 3, 1984, 399-419; W. SEIDEL, Seneca-Corneille-Mozart, in: M . VON ALBRECHT, W.SCHUBERT, Hg., Musik in Antike und Neuzeit, Frankfurt 1987, 109-128. 3 P. VILLEY, Les sources et l'évolution des Essais de Montaigne, Paris 1908; C . H. HAY, Montaigne lecteur et imitateur de Sénèque, Poitiers 1938; M . VON ALBRECHT, Montaigne und Seneca, in: Filologia e forme letterarie. Studi offerti a F. DELLA CORTE, Urbino 1987, Bd. 5, $43-559. 4 Z u m 19. Jh. vgl. auch F. HAHNE, Raabe und Seneca, in: Mitteilungen fur die Gesellschaft der Freunde W. Raabes, Der Raabefreund 34, 2, Wolfenbüttel 1944, 18-33. 5 Für die europäische Bedeutung der lateinischen Philosophie grundlegend: GROETHUYSEN, Anthropologie. 6 P. TILLICH, Der Mut zum Sein (1952, engl.), in: Gesammelte Werke, Bd. 1 1 , Stuttgart 1969, 20-23; G . Grass nennt ihn »einen Philosophen, der uns auch heute noch einiges sagen könnte«: W. RUTZ, Stoa und Stahlbeton. Bemerkungen zur Seneca-Rezeption in G . Grass' Roman Örtlich betäubt, Gymnasium 89, 1982, 122-134.

PROSA:

SENECA

Anhang: Die Praetexta Octavia

951 1

Unter Senecas Werken ist die Praetexta Octavia überliefert. Es handelt sich um die einzige vollständig auf uns gekommene Tragödie mit römischem Stoff (Praetexta). Seneca tritt in dem Stück auf; Neros Ende wird mit treffenden Einzelheiten - also ex even tu - prophezeit. Die Kenntnis der Zeitgeschichte legt eine Datierung bald nach Neros Tod nahe; die Parallelen mit Tacitus können auf gemeinsamen Quellen beruhen, zwingen also nicht unbedingt zur Datierung ins 2. Jh. Der Verfasser ist unbekannt. Nero will seine Gattin Octavia verstoßen und Poppaea heiraten. Das Volk erhebt sich, um Octavia zu unterstützen. Nero schlägt den Aufstand blutig nieder und verurteilt Octavia zum Tode. Ausgaben: Opera: Matth. MORAVUS, Neapoli 147$. * D . ESASMUS, Basileae 1515, verbessert 1529 u. ö. * M . A . MUKETUS, Romae 1585. * I. LIPSIUS, Antverpiae (1605), '1642. *

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952

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

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PROSA:

SENECA

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954

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

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D. ROMAN

DER RÖMISCHE

ROMAN

Allgemeines Nach der Art der Erfindung und der Unterhaltungsabsicht ordnet Macrobius (somrt. 2, 8) Petron und Apuleius mit ihren argumentafiaisamatorum casibus refería neben Menanders Komödien ein. Eine eigene Theorie des Romans gibt es in der Antike nicht. Der Begriff stammt aus dem Mittelalter und bezeichnet (in Frankreich) längere Vers- oder Prosaerzählungen, die in der romanischen Sprache des Volkes geschrieben waren. Die klassische Philologie verwendet den Terminus zur Bezeichnung längerer fiktionaler Prosaerzählungen. Es ist zweckmäßig, zwischen Romanen im engeren und im weiteren Sinne zu unterscheiden. Romane im engeren Sinne sind ernstgemeinte Liebesromane1 - wir kennen zahlreiche griechische Texte — und eher scherzhafte Formen, wie sie uns überwiegend auf lateinisch erhalten sind. Beide Romantypen haben gewisse Gemeinsamkeiten (s. Literarische Technik). Im weiteren Sinne gehören zu der Gattung: der Reiseroman2, der biographische Roman3 - oft mit paränetischer Tendenz4, z. B. als Fürstenspiegel, der mythologische Roman5, der sich schwer vom historischen6 trennen läßt; insbesondere verbindet der Alexanderroman7 Züge des Reiseromans mit solchen der Biographie und des Fürstenspiegels. Schließlich kann der Roman auch zum Träger aufklärerischer Entmythologisierung8 oder utopischer Entwürfe9 werden. Andererseits gibt es auch Unterhaltungsliteratur mit religiöser Tendenz, etwa im Dienste der Isis-Religion (Apuleius) oder des Christentums10, zum Teil in Annäherung an Biographie und Reiseroman. 1

i.Jh. v.Chr.: Chariton; Parthenope-Metiochos-Roman; Chione-Roman; i.Jh. n.Chr.: Kalligone-Roman; 2.Jh. n. Chr.: Herpyllis-Roman; Lollianos; Xenophon von Ephesos; Achilleus Tatios; Iamblichos; 3. Jh. n. Chr.: Longos (Hirten-Roman); Heliodor, j.-ó.Jh.: Historia Apollonii regis Tyri. Ein Roman im engeren Sinne ist »eine längere Prosaerzählung, in der erotische Motive und eine Serie von meist auf Reisen erlebten Abenteuern, bei denen sich bestimmte feste Typen unterscheiden lassen, das Geschehen beherrschen« (N. HOLZBERC 1986, 33); der Ausgang ist glücklich. 2 Antonios Diogenes, i.-2.Jh. n. Chr.; Lukian, 2.Jh., Wahre Geschichten (Parodie). 3 Asop-Roman, i.Jh. n.Chr., nach älteren Quellen; Philostrat; 2.-3. Jh., Vita Apollonii Tyanei, Porphyrios, Vita Pythagorae. * $.-4. Jh. v. Chr.: Antisthenes, Kyros; Xenophon, Kyrupädie; 4.-3. Jh. v. Chr. Onesikritos, Erziehung Alexanders; etwa 3. Jh. v. Chr.: der Briefroman der Sieben Weisen; i.Jh. v. Chr. : Briefroman des Ps.Chion; 4.-5.Jh. n. Chr.: Synesios, Osiris und Typhos. 5 2. Jh. v. Chr. Hegesianax; Dionysios Skytobrachion; 4. Jh. n. Chr. Ps.-Dictys; 6. Jh. n. Chr. Ps.Dares. 6 Ninos-Roman: i.Jh. v.Chr.; Sesonchosis-Roman: i.Jh. n.Chr. 7 Ps.-Kallisthenes, 3. Jh. n. Chr.; lateinisch von Iulius Valerius, 3.-4. Jh. n. Chr. 8 4.-3.Jh. v.Chr.: Euhemeros. ' 3. oder 2. Jh. v. Chr.: Iambulos. 10 Z. B. 2. Jh. n. Chr.: Paulus- und Theklaakten; 3.-4.Jh.: die griechisch-lateinischen Pseudo-Cle-

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L I T E R A T U R DER FRÜHEN K A I S E R Z E I T

In den Typen, die dem Roman im weiteren Sinne zugerechnet werden, sind die literarischen Formen nicht so fest geprägt wie im Liebes- und Schelmenroman. Die Menippeische Satire berührt sich mit Petrons Satyrica in der prosimetrischen Form. Doch hat die Menippeische Satire im allgemeinen einen festen philosophischen Standpunkt; so ist in ihr die satirische Absicht deutlicher als etwa in Petrons Roman. Der Roman besitzt auch die Fähigkeit, kleinere Formen in sich aufzunehmen: etwa Anekdoten, Fabeln, Märchen, Novellen. Griechischer Hintergrund Der griechische Liebesroman ist der Neuen Komödie nicht nur stofflich verwandt, er entsteht auch in einem ähnlichen gesellschaftlichen Milieu: Im Zeitalter des Hellenismus wendet sich auf Grund der gewandelten politischen Verhältnisse das Interesse dem Privaten zu. Der in Rom durch zwei bedeutende Werke belegte Typus des komischen Romans hat wohl eine griechische Vorstufe im IolaosRoman. Die Quellenproblematik des Esels-Romans wird im Apuleius-Kapitel behandelt. Für die lateinische Literatur sind im übrigen die Traditionen des mythologischen Romans, des Alexanderromans, des Liebesromans (Historia Apollottii regis Tyri) und der Hagiographie von Bedeutung. Römische Entwicklung Petrons Satyrica und Apuleius' Metamorphosen sind für uns Gipfel des antiken Romans. Wichtige Vorläufer sind Sisenna mit seinen Milesiae und Varrò mit seinen Menippeae, doch gab es bei Varrò keine durchgehende Handlung. Der lateinische Roman ordnet sich nicht nur in die gemeinantike Tradition des Romans, sondern auch in die spezifisch lateinische Literaturentwicklung ein. Auch spiegeln seine bedeutenden Ausprägungen jeweils die geistige und gesellschaftliche Situation ihrer Zeit. Es ist bezeichnend, daß zur selben Zeit, als in Lucans Werk das Epos sich zu höchstem Pathos entwickelt und zugleich an seiner Aufgabe, einen sinnvollen natürlichen und historisch-politischen Kosmos darzustellen, zu verzweifeln beginnt, der Roman als weniger anspruchsvolles Genos erzählender Literatur einen Aufschwung erlebt: Zeugnis einer überfeinerten Gesellschaft, die den Verfall der alten Aristokratie, der Schule, der Bildung und den Aufstieg der reichen Freigelassenen als Problem erfahrt, aber innerlich frei genug ist, souverän darüber zu spotten. Etwas andersartig, aber nicht weniger bezeichnend sind die Entwicklungsbedingungen des lateinischen Romans im 2.Jh.: Nach dem Ende des politischen mentinen; seit dem 4.Jh. gibt es auch hagiographische Romane; diese berühren sich mit dem biographisch-paränetischen Roman.

PROSA: ROMAN

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Epos unter Domitian und mit der beginnenden Verlagerung des Schwerpunkts von Rom an die Peripherie des Reiches in einer Zeit, da Barbaren den Weltfrieden immer empfindlicher zu stören beginnen und Marc Aurel als letzter Adoptivkaiser noch einmal im stoischen Denken Halt findet, bevor die Ratio endgültig der Religio weicht, wird der Roman des Apuleius von vielen Lesern nach Form und Inhalt als zeitgemäß empfunden: die farbige und schwer zu koordinierende Erfahrung des Einzelnen in einer kaleidoskopartig wechselnden, kaum mehr berechenbaren Welt, lose hineingestellt in einen keineswegs anspruchslosen, aber nicht mehr auf Staat und Gesellschaft, sondern auf das Individuum ausgerichteten philosophischreligiösen Rahmen, der in seiner platonischen Ausrichtung zukunftweisend ist. Literarische Technik Im Roman laufen verschiedene literarische Techniken zusammen: Sie stammen aus Epos, Geschichtsschreibung, Novelle, Märchen, Deklamation, Drama. Der Liebesroman wird zuweilen als δράμα, σύνταγμα δραματικό/ν, fabula oder mimus bezeichnet. Ähnlich wie in der Komödie steht ein Liebespaar im Mittelpunkt, die Handlung spielt in der bürgerlichen Welt - die in der antiken Komödientheorie beliebte Verbindung mit der Lebenswirklichkeit gilt fur den Roman noch weniger als fur die Komödie, denn die Handlung ist oft >romanhaitpetronischen Frage< sogar eine Spätdatierung (ins 2.-3. Jh.) vertreten6. Freilich weisen allein schon wirtschaftsgeschichtliche 7 Überlegungen auf claudische Zeit hin: Der Freigelassene erscheint als Parvenu, ja geradezu als Inbegriff des reichen Mannes. Der Neureiche dieser sozialen Herkunft ist in der bei Petron vorliegenden Ausprägung nur im 1. Jh. n. Chr. eine auffällige neue Erscheinung, der man eben deswegen literarische Aufmerksamkeit zuwendet — ähnlich wird Molière den bourgeois gentilhomme zu einer Zeit darstellen, in der dieses gesellschaftliche Phänomen den Reiz der Neuheit hat, und Artur Landsberger 1924 den »Rafflee«. Trimalchio macht mit kampanischem Wein ein Vermögen; das wäre schon in der zweiten Hälfte des i.Jh. wegen der gallischen und spanischen Konkurrenz in diesem Ausmaß nicht mehr denkbar - v o m 2. und 3.Jh. zu schweigen. Er und Lichas sind als Schifisherren freie Unternehmer; im 2. Jh. herischen auf diesem Gebiet straffere staatliche Organisationsformen. Die Latifundienwirtschaft (48, 3; 77, 3) ist auch bei den Zeitgenossen ein beliebtes Thema 8 ; die großen Sklavenheere, von denen bei Petron die Rede ist (53, 2), sprechen ebenfalls fur eine Datierimg ins 1. Jh., an dessen Ende sie schon weitgehend durch die rentableren Kleinpächter ersetzt sind. Auch die bei Petron vorausgesetzte 1

Richtig C . GILL, T h e Sexual Episodes in the Satyricon, C P h 68, 1973, 172-18$ (gegen J. P.

SULLIVAN). 2

Α . COLLICNON 1892, 335.

3

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( Κ ) 1975,

213-214;

W . E C K , Z P E 42, 1981, 227-256, bes. 227-230 zitiert ein neues D o k u m e n t , das das Consulat v o n P. Petronius N i g e r auf Juli 62 datiert; zum sozialen Hintergrund: J. BODEL 1984. 4 G . C. GIARDINA, Augusto patri patriae feliciter (Petronio 60, 7), Maia 24, 1972, 67-68. 5 G . Puzis 1966 (Lit.). 6 E . MARMORALE 1948, 315-323; nach 180 η. C h r . ; ders., Storia della letteratura latina, Napoli '1954, 261 (»48 n. Chr.). 7 H . C SCHNUR, T h e Economic Background o f the Satyricon, Latomus 18, 1959, 790-799; z u m Typus des Neureichen: C h . STÖCKER 1969, 62-64; Aristot. rhet. 2, 16, Lukian hist, conscr. 20; G. SCHMILINC, Trimalchio's Menu and Wine List, C P h 65, 1970, 248-251; B . BALDWIN, Trimalchio'S Coriiithiin Plate, C P h 68, 1973, 46f.; Streben nach ökonomischem Realismus bezweifelt R. DUNCANJONESI. H e E c o n o m y o f the Roman Empire, Cambridge '1982, 238-248. 8 Sen. episl.Sj, 7; 89, 20; 90, 39; vgl. Plin. nat. 18, 4, 19-21; C o l u m . 1 praef. I2f.; 1, 1, 18-20; 1, 7, 3.

9Ó2

LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

Macht des Herrn über Leben und Tod des Sklaven (53, 3) deutet auf die Zeit vor Hadrian (Hist. Aug. Hadr. 18, 7); das an anderer Stelle vorausgesetzte Recht, Sklaven in der Arena den wilden Tieren vorzuwerfen (45, 8) spiegelt den Zustand vor der lex Petronio de servis, die vermutlich aus dem Jahr 61 n. Chr. stammt. Hat unser Autor, der sich zum Sklavenproblem1 human äußert, das genannte Gesetz eingebracht? Für das 1. Jh. n. Chr. bezeichnend sind auch bestimmte literarische Themen: der Verfall der Beredsamkeit (1-5), über den vorher der ältere Seneca und später Quintilian und Tacitus klagen, die Kritik am Mißbrauch der Rede in der Schuldeklamation in engem Anschluß an den großen augusteischen Redner Cassius Severus (Sen. contr. 3 praef.) sowie das Problem des >erhabenen Stils< (2,6; 4, 3), das zwar in etwas anderer Akzentuierung, aber mit ähnlicher ethisch-ästhetischer Strenge von dem fur gewöhnlich in die erste Hälfte des 1. Jh. n. Chr. datierten Anonymus Περί δψους behandelt wird. Für ihn gehören, wie für Petron, Poesie und Rhetorik zusammen; im Sinne der neronischen Zeit schätzt er das ingenium2. Die zahlreichen (wenn auch oft topischen) Berührungen mit Seneca3, vor allem aber die ausfuhrliche Kritik an Lucan (118), die nur sinnvoll erscheint, wenn sie sich gegen einen jungen Zeitgenossen richtet, tragen den Stempel ihrer Epoche ebenso wie die historisch-biographischen Anspielungen auf die Zeit des Claudius und Nero4, die zwar nicht immer zwingend, aber zu zahlreich sind, um auf Zufall zu beruhen; freilich war es ein Abweg, die Satyrica als eine Art Schlüsselroman mit dem von Tacitus erwähnten Sündenregister des Kaisers zu identifizieren. Ebenso zeittypisch ist die dominierende Rolle des Sexualgotts Priapus, dem in jenem Jahrhundert auch der Kranz der Carmina Priapea huldigt. So erscheint es vernünftig, das fiktive Datum des Romans etwa in die Regierungszeit des Claudius (vielleicht nach Tiberius' Reformen im Anschluß an die Finanzkrise von 33) zu setzen und mit Abfassung in den sechziger Jahren frühestens nach Erscheinen von Lucans ersten drei Büchern - zu rechnen5.

1 2

7 1 , 1 ; vgl. Sen. dial, η (vit. beat.), 24, 3; benef. 3, 18, 2; 3, 22, 3. Das zeittypische Schlagwort (vgl. NORDEN, Kunstprosa 2, 892) auch Petron. 2, 4; 83, 9.

3

A . COLLIGNON, 1 8 9 2 , 2 9 1 - 3 0 3 ; K . F . C . ROSE 1 9 7 1 , 6 9 - 7 4 ; E . C I Z E K , L ' é p o q u e d e N é r o n et ses

controverses idéologiques, Leiden 1972, 408f.; J. P. SULLIVAN 1968, 465f. 4 G. BOISSIER, L'opposition sous les Césars, Paris 1875, Kap. 5; K. F. C. ROSE 1971, 75-86; P. G. WALSH 1 9 7 0 , 2 4 4 - 2 4 7 .

5 Κ. F. C. ROSE 1971, 60-68; 87-94 (fur die Jahre 64-65). Der Versuch, jede Beziehung zu Lucan zu leugnen, ist wohl nicht mehr als ein Gedankenexperiment: P. A. GEORGE, Petronius and Lucan De Bello Civili, C Q 68, 1974, 119—133.

PROSA:

PETRONIUS

963

Werkübersicht Der Teil des Werkes, den wir einigermaßen überblicken können, umfaßt, soweit wir wissen, Stücke aus dem 14. bis 16. Buch; das Verlorene ist also höchstwahrscheinlich ein Vielfaches des Überlieferten'. Der fragmentarische Erhaltungszustand erlaubt keine vollständige Rekonstruktion der Handlung; doch ist bei dem häufigen Wechsel der Schauplätze und der relativen Abgeschlossenheit der Episoden der Verlust wohl weniger störend, als er es bei einem anders gefugten Werk wäre2. Kaleidoskopartig wechseln fïir uns die Situationen. ι—11 : In einem kampanischen Griechenstädtchen (Puteoli?)3 spricht der Ich-Erzähler Encolp, ein Student, mit dem Rhetor Agamemnon über Rhetorik und Bildung. Auf der Suche nach seinem Gefährten Ascylt verirrt sich Encolp. Er fragt eine Gemüsefrau: »Mütterchen, weißt du, wo ich wohne?« »Natürlich«, sagt sie und fuhrt ihn ins Bordell. Er flüchtet und trifft den gesuchten Ascylt, mit dem es bald wegen des Knaben Giton zu Reibereien kommt. 12-15: Auf dem Markt tauschen die Freunde Diebesgut gegen Diebesgut. 16—26,6: In ihrem Quartier werden sie von der mannstollen Quartilla4 überrascht und zur Strafe fur eine frühere Störung von Priapusmysterien zu höchst zermürbenden Orgien abkommandiert. 26,7-78: Am dritten Tage ergreifen die drei Freunde die Gelegenheit, mit dem Rhetor Agamemnon an einem Gelage bei dem neureichen Freigelassenen Tritnalchio teilzunehmen. Die Schilderung des Gastmahls bildet ein Hauptstück des erhaltenen Textes; es endet mit der gespielten Bestattung des Hausherrn5. 79-82: Bald darauf entbrennt zwischen Ascylt und Encolp aufs neue die Eifersucht. Vor die Wahl gestellt, entscheidet sich Giton für Ascylt. Der verlassene Encolp schließt sich drei Tage lang ein6, begibt sich dann bewaffnet auf die Straße, um den Nebenbuhler zu ermorden, wird aber schließlich — zu seiner eigenen Erleichterung — von einem Soldaten entwaffnet. 83-99: In einer Bildergalerie lernt Encolp den verkommenen Dichter Eumolp kennen, der ihm vielerlei mitzuteilen weiß: Liebeserlebnisse mit einem Schüler in Pergamon, eine hochmoralische Rede über den Verfall der Malerei und ein Gedicht über die Zerstörung Troias, eine Rezitation, der die Umstehenden schließlich durch Steinwürfe ein Ende machen. Encolp lädt den Dichter unter der Bedingung zum Abendessen ein, daß er heute keine Verse mehr vortrage - scherzhafte Umkehrung der sonst üblichen Belohnung von Rhapsoden und Erzählern durch eine Mahlzeit. Zuvor entdeckt jedoch Encolp im Bade seinen geliebten Giton und entfuhrt ihn zu sich ins Gasthaus. Doch schon beim gemeinsamen Abendessen beginnt Eumolp, dem Knaben den Hof zu machen und - entgegen der Vereinbarung - in Versen zu sprechen. Encolp erinnert ihn an die Abmachung; aber Giton nimmt den Dichter in Schutz. Aus Scheu vor einem Konflikt flüchtet zunächst Giton, dann auch Eumolp - nicht ohne die Zimmertür von außen abzuschließen. Schon ist der arme Μ . BROÍEK 1968; H. VAN THIEL 1971, 2 1 - 2 4 (Lit.). T h . SINICO, D e famis et libidinis in fabula Petroniana m o m e n t o , E o s 36, 1935, 385-412; V . ClAFFl, Struttura del Satyricon, Torino 1955; H . VAN THIEL 1971, 26-65 (Lit.). 3 A . DAVIAULT, La destination d'EncoIpe et la structure du Satiricon. Conjectures, C E A 15, 1983, 29-46; F. SBORDONE, C o n t r i b u t o epigrafico e onomastico alla questione petroniana, in: La regione sotterrata dal Vesuvio — Studi e prospettive. Atti del C o n v e g n o intemazionale, 1 1 - 1 5 n o v e m b r e 1979, Napoli 1982, 255-264; vgl. a u c h j . BODEL 1984. 4 A . ARAGOSTA, Petronio: L'episodio di Quartilla (Satyr. 16-26, 6), B o l o g n a 1988. 5 Ähnliches berichtet Seneca (epist. 12, 8) über einen Pacuvius. 6 H. VAN THIEL 1971, 37 setzt S i , 1 f. erst nach Χ2, fi (psychologisch weniger wahrscheinlich). 1

2

964

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

Encolp im Begriffe, sich zu erhängen, als die beiden wieder eintreten, um ihm ihrerseits einen Selbstmordversuch Gitons mit einem - allerdings stumpfen - Rasiermesser vorzuführen (94). Da erscheint der Wirt, mit dem sich der Poet auf ein Handgemenge einläßt, während Encolp die Gelegenheit nutzt, sich mit Giton einzuschließen. Auf der Suche nach Giton dringt jedoch Ascylt ins Zimmer, freilich ohne den Knaben zu finden, der sich unter dem Bett versteckt. Eumolp, Encolp und Giton versöhnen sich und begeben sich gemeinsam auf eine Schiffsreise. 1 0 0 - 1 1 5 : Einem Gespräch, das er belauscht, entnimmt Encolp, daß er sich auf dem Schiffe seines früheren Feindes, Lichas aus Tarent, befindet. Eumolp tarnt ihn und Giton als Sträflinge; ein Passagier beobachtet sie jedoch. Lichas und seine Begleiterin Tryphaena, die es von früher her auf Giton abgesehen hat, träumen gleichzeitig, die beiden seien an Bord. Die Denunziation durch den Fahrgast fuhrt zur Bestrafung der Verkleideten. Der weinende Giton wird von Tryphaena und ihren Dienerinnen an seiner Stimme erkannt; auch Encolp entgeht nicht dem prüfenden Zugriff des Lichas. Es folgt eine Prozeßszene mit zwei formvollendeten Plädoyers des Eumolp, die eine schroffe Gegenrede des Lichas umrahmen. Bald nimmt die Auseinandersetzung handgreifliche Formen an, und wie in einem Epos oder einem Geschichtswerk kommt es zu Schlacht, Waffenstillstand und Vertragsabschluß. Eumolp würzt die Versöhnungsfeier durch Nänien auf die verschwundene Haarpracht und durch die Novellette von der Witwe in Ephesus ( i n f . ) . Inzwischen zieht ein Seesturm herauf, der den Kapitän vom Schiffe fegt. Während Tryphaena im Rettungsboot verschwindet, bereiten sich Encolp und Giton engumschlungen auf den Tod in den Wellen vor. Plündernde Fischer verwandeln sich in Lebensretter; im letzten Augenblick entdeckt man in der Kajüte den dichtenden Eumolp, der über die Störung höchst ungehalten ist. Tags darauf wird der Leichnam des Lichas an den Strand getrieben und - nicht ohne eine erbauliche rhetorische Meditation Encolps - von seinen Feinden gerne (libenter) bestattet. 1 1 6 - 1 4 1 : Von einem Gutsverwalter erfahren die Freunde, daß die nahegelegene Stadt Kroton von lauter Erbschleichern bevölkert sei. Daraufhin gibt sich Eumolp fur einen kinderlosen reichen Mann und die beiden andern für seine Sklaven aus. Unterwegs zur Stadt hält der Dichter einen Vortrag über historische Epik (118) und trägt 295 Verse über den Bürgerkrieg vor (119-124). Die Hochstapler lassen es sich gut gehen; in den >Sklaven< Encolp verliebt sich eine vornehme Dame namens Circe 1 , doch spielt ihm dabei der Zorn des Gottes Priap - oder Circes 2 entmannender Zauber? - einen Streich. Zur Wiederherstellung seiner Manneskraft unterzieht er sich recht strapaziösen Kuren bei verschiedenen Hexen; Hilfe kommt aber - wie in der Odyssee - von Merkur ( 140, 12). Weit glücklicher in der Liebe ist Eumolp, dem eine vornehme Dame aus Berechnung ihre beiden halbwüchsigen Kinder selbst ins Haus fährt (140). A m Ende des erhaltenen Textes vermacht Eumolp seine Güter den Erbschleichern unter der Bedingung, daß sie seinen Leichnam verzehren. Weitere Fragmente, die sich nicht in den uns bekannten Kontext einfügen, verdanken ihre Erhaltung teils grammatischen Besonderheiten, teils ihrem poetischen Reiz. Vieles bleibt uns unklar: In welcher Beziehung steht Encolp zu Massilia 3 ? Spielen Ausdrücke wie »Mörder«, »Gladiator« auf tatsächliche Ereignisse an, oder handelt es sich nur um Schimpfwörter 4 ? Z u wenig wissen wir über Doris, Encolps große Liebe ( 126, 18); allein schon dieses 1

Rekonstruktion dieser Partie: H. VAN THIEL 1971, 5 1 - 6 1 . K . MÜLLER, W. EHLERS, Ausg. 439; W. B . STANFORD, The Ulysses Theme, Oxford 1954; B. PAETZ, Kirke und Odysseus - Überlieferung und Deutung von Homer bis Calderón, Berlin 1970; F. M . FRÖHLKE 1977, 17-36 (Lit.); D. BLICKMANN, The Romance of Encolpius and Circe, A & R N S 33, 1988, 7 - 1 6 . 3 CICHORIUS, Studien 438-442; dagegen R. WALTZ, Le lieu et la scène dans le Satiricon, RPh 36, 1912, 2

209-212. 4

D. D. MULROY, Petronius 81, 3, CPh 65, 1970, 254-256.

PROSA:

PETRONIUS

965

Motiv verbietet es, den ganzen Roman aus der homosexuellen Bindung an Giton zu erklären, sei es, daß man darin psychologisierend die Ursache von Encolps Versagen bei Circe sucht, oder daß man in einer literarhistorischen Konstruktion annimmt, die homosexuelle Bindung parodiere die bräutliche Liebe des griechischen Romans.

Quellen, Vorbilder, Gattungen Das Werk ist seinem literarischen Charakter nach höchst vielfältig1. Da es sich um eine Erzählung von (meist erotischen) Abenteuern alltäglicher Menschen handelt, scheint es sinnvoll, von einem >Roman< zu sprechen, obwohl der Terminus nicht antik ist und das Genos im Altertum zwar besteht, aber keine ausgeformte Theorie besitzt. Immerhin beschreibt Macrobius die Gattung: argumentafictiscasibus amatorum refería, quibus vei multum se Arbiter exercuit vel Apuleium nonnumquam lusisse miramur (somrt. 1, 2, 8). Petron ist fur ihn der typische Vertreter des Romans wie Menander derjenige der Komödie. Der Roman hat wie die Neue Komödie vom Autor erfundene Sujets (im Unterschied zu den mythischen oder historischen Stoffen von Epos und Tragödie). Fictis casibus: Petron ist der maßgebende lateinische Schriftsteller >fiktiver< Prosa (engl.fiction), der heute fuhrenden Literaturgattung. Schon darum verdient er unser Interesse. Nicht nur Fiktivität und erotischer Stoff machen Petrons Werk der Komödie vergleichbar, sondern auch die Alleinherrschaft der indirekten Charakteristik, die es von vielen Romanen der Neuzeit unterscheidet. Auch die Parallele zu Apuleius, die Macrobius zieht, ist instruktiv. Apuleius nennt die Gattung »Milesische Geschichten< und betont ausdrücklich die Unterhaltungsabsicht (obwohl er sie durch den religiösen Schluß transzendiert). Auch fur Macrobius hat der Roman die Funktion tantum conciliandae aurium voluptatis. Die >Milesischen Geschichten< hat Cornelius Sisenna (t 67 v. Chr.) durch seine lateinische Nachgestaltung der Milesiaka des Aristeides von Milet (um 100 v. Chr.) in Rom eingebürgert. Diese Lieblingslektüre der bei Carrhae gefallenen Soldaten bestand aus Novelletten, von denen uns Petrons Einlagen - die Witwe von Ephesus ( i n f . ) 2 , der Ephebe von Pergamon (85-87) - oder Episoden, die sich leicht herauslösen lassen - die Matrone von Kroton (140) - , einen lebendigen Eindruck vermitteln. Die Gattung, die später in Boccaccios Decamerone Wiederaufleben wird, legt das Schwergewicht auf straffe, geistreich zugespitzte und in sich geschlossene Einzelerzählungen mehr oder weniger zeitlosen Charakters; eine Rahmenhandlung ist entbehrlich; soweit sie hinzukommt, dient sie dem äußeren ' G. SCHMELING, The Satyricon. Forms in Search of a Genre, C B 47, 1971, 49-53; Gattungsvielfalt ist nicht etwa identisch mit Orientierungslosigkeit: richtig F. M. FRÖHLKE 1977, 131 gegen F. I. ZEITLIN 1971, 645. 2 E. GRISEBACH, Die Wanderung der Novelle von der treulosen Witwe durch die Weltliteratur, Berlin 1886, '1889; O. PECERE, Petronio. La novella della matrona di Efeso, Padova 1975; C . W. MÜLLER, Die Witwe von Ephesos. Petrons Novelle und die Milesiaka des Aristeides, A & A 26, 1980, 1 0 3 - 1 2 1 ; F. BÖMER, Die Witwe von Ephesus. Petron i n , i f f . und die 877. von Tausendundeiner Nacht, Gymnasium 93, 1986, 138-140; L. Cicu, La matrona di Efeso di Petronio, SIFC 79, 1986, 249-271.

966

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

Zusammenhalt'. Bei Petron hingegen haben die Abenteuer der Haupthelden entscheidende Bedeutung. Außerdem setzt die streng funktionale Struktur der Novellette der realistischen Ausmalung enge Grenzen. Daher heben sich die entsprechenden Einlagen bei Petron wie geschliffene Edelsteine von der farbenreichen Haupterzählung stilistisch ab. Die zweifellos vorhandene Nähe zu den Milesiae2 ist also eine wichtige Teilwahrheit, aber keine Erklärung des ganzen Petron, solange nicht erwiesen ist, daß Sisenna Prosa mit Versen mischte und seine Novellen in eine durchgehende Haupthandlung einfugte. Ein vollkommenes Analogon zu Petrons Werk fehlt, doch liegen in Gestalt der Fragmente eines griechischen ¡oíaos-Romans* nun beachtliche Reste eines zum Teil obszönen prosimetrischen Textes vor. Der - v o n den Milesiaka zu unterscheidende — seriöse griechische Liebesroman besaß natürlich eine fortlaufende Handlung. Petron zeigt, daß er die dort entwickelten Erzähltechniken beherrscht - am deutlichsten ist dies w o h l in pathetischen und sentimentalen Szenen, so dem Selbstmordversuch (94) oder der Vorbereitung auf den gemeinsamen Tod in den Fluten (114, 8-12). Freilich schlägt bei dem Römer das Erhabene ins Lächerliche um; an die Stelle einer etwas überspannten Ernsthaftigkeit treten H u m o r und Realismus. Die tugendhafte, in schweren Prüfungen bewährte Liebe weicht recht offenherzigen Sittenbildern. Encolps Beziehung zu Giton läßt sich nicht ohne weiteres mit den festen und ausschließlichen Liebes- und Ehebündnissen griechischer Romane vergleichen; die Unterschiede sind so groß, daß nicht einmal eine Parodie wahrscheinlich ist4. Andererseits gab es, wie erwähnt, für Encolp schon eine große Liebe zu einer Frau, v o n der er getrennt ist; doch hier, w o man am ehesten die Nähe zum Liebesroman spürt, läßt uns die Überlieferung im Stich. Mit höheren Formen des Erzählens - Epos und Geschichtsschreibung - ist der Roman ebenso vertraut wie mit der Tragödie (vgl. 80, 3). So haben Petrons Schlachtenparodien (108f.; 134-136) romanhafte, aber auch historiographische und epische Parallelen. Je größer der stilistische oder inhaltliche Höhenunterschied, desto wirkungsvoller die Parodie: Ascylt überfällt den Knaben Giton mit den Worten: Si Lucretia es, Tarquinium invenisti (9, 5). Odyssee (97, 4f.; 132) und Aeneis5 sind allgegenwärtig - freilich ohne Pedanterie. 6 Der Z o r n Poseidons bzw. Iunos ist durch denjenigen des Priapus 7 abgelöst; natürlich steht dieses M o t i v nicht

1

M i t fortlaufender E r z ä h l u n g bei Sisenna rechnet Μ . Β κ ο έ ε κ 1968, 66, da es d o r t keine Ü b e r s c h r i f -

ten g i b t w i e bei V a r r ò u n d da Sisennas W e r k in B ü c h e r eingeteilt ist. A b e r w a r e n nicht einfach Sisennas E r z ä h l u n g e n z u k u r z u n d z u zahlreich, u m anders als b u c h w e i s e zitiert z u w e r d e n ? 2

NORDEN, L G 89 f.

3

P. PARSONS, A

G r e e k Satyricon?,

BICS

18, 1 9 7 1 , 5 3 - 6 8 ; R . MERKELBACH, A u f f o r d e r u n g z u r

B e i c h t e , Z P E 1 1 , 1973, 8 1 - 1 0 0 . 4

A n d e r s R . HEINZE 1899.

5

39. 3; m , 12; 1 1 2 , 2. M . H . MCDERMOTT, T h e Satyricon as a P a r o d y o f the O d y s s e y and G r e e k R o m a n c e , L C M 8, 1983,

6

82-85. 7

E i n s c h r ä n k e n d Β . BALDWIN, ¡ra Priapi, C P h 68, 1973, 294-296.

PROSA:

PETRONIUS

967

hinter jedem Ereignis - ebensowenig wie in der OdysseeWie Odysseus an der Narbe, wird Encolp an der Beschaffenheit eines gewissen Körperteils erkannt ( 105, 9 f.), mit dem er an anderer Stelle erfolglos Zwiesprache hält, wie Aeneas mit der toten Dido (132, 11). Travestie - gewiß, aber auch heimliche Liebeserklärung an die Großen und Ausdruck eines Urvertrauens in ihre Unverwüstlichkeit. In der Verbindung formaler Vertrautheit und inhaltlicher Verfremdung haben die Anspielungen auf hohe Literatur eine manchen Verseinlagen verwandte Funktion: Sie steigern die Illusion des handelnd träumenden Encolp, bis sie zerstiebt. Noch mehr: Die Gestalten und Szenen aus Epos, Tragödie und Geschichte sind archetypisch und heben das Geschehen auf das Niveau des Allgemeingültigen - bei der Trivialität des Stoffes eine der wichtigsten künstlerischen Aufgaben. Das von Petron punktuell angewandte Verfahren, durch Beschwörung großer Vorbilder den Kunst- und Bühnencharakter der Erzählung zu unterstreichen und das Alltägliche auf Bleibendes zu beziehen, wird Joyce in seinem Ulysses systematisch anwenden. Ein wichtiges Strukturmodell fur die Certa ist die Symposion-Literatur2 mit ihren Peripetien - z. B. dem Unglücksfall (54; vgl. Hör. sat. 2, 8) oder dem Auftreten des späten, ungebetenen Gastes (vgl. Plat. Symp. 2 1 2 D - 2 1 3 A) - und auch mit ihren intellektuellen Ansprüchen (oportet et inter cenam philologiam ttosse 39, 3), die Trimalchios Ignoranz entlarven (vgl. seine Bemerkungen zur Astrologie, Mythologie, Geschichte, Literatur sowie seine kläglichen Verse und die vulgären Erzähleinlagen). Hier (und auch 128, 7) lebt vieles vom Kontrast zu Piatons Symposion - wiederum, ohne daß an Spott über Piaton zu denken wäre. Petrons Gastmahl ist gewissermaßen ein >Anti-SymposionRealismusDutzendlump< in sonderbarer Weise abgeschwächt hat. Encolp ist ein ohnmächtiger Intellektueller, mehr reagierend als agierend - eine moderne Abwandlung des leidenden Heiden« vieler Märchen3 und auch mit Odysseus vergleichbar, doch ohne den unbedingten Willen zur Heimkehr und grundsätzlich frei von der Fron eines bürgerlichen Rennens nach Reichtum und Status - aber doch mit schlechtem Gewissen: quam male est extra legem viventibus: quicquid meruerunt, semper exspectant (125, 4). Trotz seiner moralischen Vorurteilslosigkeit ist er kein blasierter Zyniker; für alles, was ihm entgegenkommt, höchst aufgeschlossen, hat er sich eine beinahe naive Fähigkeit des Staunens - und Liebens bewahrt. Er ist bereit, sich in Träumen zu wiegen, so daß Enttäuschungen nicht ausbleiben können. So manche poetische Einlage oder Anspielung auf hohe Dichtung drückt die Illusionen Encolps über sich selbst oder über seine Umwelt in gesteigerter Form aus - beim traurigen Erwachen tritt die Prosa wieder in ihre Rechte. Wenn auch der ganze Roman mit dieser Figur steht und fallt, so handelt es sich bei den übrigen dennoch nicht um bloße Chargen oder Karikaturen. So ist Trimalchio nicht etwa nach einem einzigen Charakterbild aus irgendeinem nachtheophrastischen Handbuch geformt, auch nicht etwa nur mit typenhaften Zügen ausgestattet, sondern eine differenzierte Studie, in der sich einander widersprechende Eigenschaften zu einem lebensnahen Gesamtbild vereinigen, das uns Petron nicht ohne künstlerisches Wohlgefallen vor Augen stellt. Daß hier das Leben selbst Pate stand, beweist die sprachliche und inhaltliche Nähe zu Freigelasseneninschriften4. Trimalchios Kreis ist ein klares und festes gesellschaftliches ' R. BECK, Some Observations on the Narrative Technique of Petronius, Phoenix 27, 1973, 42-61; zur >fiktiven< Inspiration des Autors G . SCHMELING, The Authority of the Author. From Muse to Aesthetics, M C S N 3, 1981, 369-377. 2

3

R . HEINZE 1 8 9 9 , 506, A n m . 1 .

V. PBOPP, Morphologie des Märchens, München 1972, J2. 4 E. DOBROIU, Pour une édition du Satiricon, StudClas 10, 1968, 1 5 9 - 1 7 0 (bes. zu 43, 6: C I L 6, 2, S.994f.).

PROSA: PETRONIUS

971

Gefüge; dementsprechend hält Trimalchio sich für das Zentrum der Welt, und er ist auch in dem Mikrokosmos der Cena die Hauptfigur. Jene Epoche war ja auch in der Tat die Zeit der >TrimalchionenRealism i ^ lauern vielfach literarische Klischees - etwa die Symposien-Literatur und die antike Praxis, Alltägliches überwiegend in komischer Verzerrung zu zeigen. Dennoch hat unser Autor Sinn für Realität - auch die römische Landschaftsmalerei berücksichtigt die Naturbeobachtung4 - ; vor allem aber will er Menschen zeichnen, und hier gelingen ihm Skizzen, die zuweilen an römische Porträtköpfe erinnern. Die eingeschalteten Bildbeschreibungen (83; 89) brauchen nicht auf Entstehung in der Zeit der Zweiten Sophistik hinzuweisen, da es solche deskriptiven Partien schon viel früher gibt5. Sie sind auf Personen und Situationen bezogen: Bildhaft sichtbar wird die Inkongruenz zwischen Anspruch und Realität bei Trimalchio in der Zusammenstellung seiner Wandfresken: »Ilias und Odyssee und das Gladiatorenspiel des Laenas« (29, 9). Die Gemälde, die Encolp betrachtet, 1 R. DIMUNDO, La novella del fanciullo di Pergamo. Strutture narrative e tecnica del racconto, AFLB 25-26, 1982-83, 133-178, vgl. ders., La novella dell' Efebo di Pergamo. Struttura del racconto, M C S N 4, 1986, 83-94. 2

V g l . F. WEHRM 1965, bes. 1 3 8 ; zu E u m o l p F. M . FRÖHLKE 1977, 6 1 - 1 1 0 , bes. 1 0 4 - 1 0 6 ; R . BECK

1979 3

4

F. I. ZETTLIN

1971.

H. HERTEN, Bacchus am Vesuv, RhM 100, 1957, 1 0 1 - 1 1 4 . 5 Zur Geschichte der Bildbeschreibung: P. FRIEDLÄNDER, Johannes von Gaza und Paulus Silentiarius, Leipzig 1912; zu Beschreibungen bei Petron: F. M. FRÖHLKE 1977, 71-85.

97 2

L I T E R A T U R DER FRÜHEN

KAISERZEIT

stehen thematisch mit seiner unglücklichen Liebe zu Giton in Beziehung, was Petron den Erzähler selbst aussprechen läßt (83, 4-6). Das Mythologische hilft, Illusionen aufzubauen; es wird also ähnlich eingeschätzt wie bei Martial (10, 4) und Iuvenal (1, 1 - 1 4 ) . Die Religion 1 ist zu Magie oder Literatur verblaßt. Elemente der Folklore — Sprichwörter, Redensarten, Bräuche, Gespenstergeschichten - dienen als zusätzliche Würze 2 . Die Kunst der Rahmenerzählung, ebenso alt wie die Ich-Erzählung, gehört zu Epos, Dialog und Reiseroman: Antonios Diogenes' Wunder jenseits von Thüle wiesen Rahmentechnik auP. Beliebt sind Einschaltungen zur Unterhaltung beim Gastmahl (61-63; m f.) oder zur Verkürzung des Weges ( 1 1 8 - 1 2 4 ) . Petron stellt innere Beziehungen zwischen Haupthandlung und Einlage her; so dienen die eingefügten Erzählungen der Charakterisierung des Sprechers: Eumolp fuhrt sich schon in seinem Histörchen vom pergamenischen Epheben als Heuchler ein; zugleich soll der >Erlebnisbericht< den verliebten Encolp trösten. Die in die Cena eingelegten populären Geschichten über Werwölfe und striges kennzeichnen das bescheidene geistige Niveau der Sprecher. Die kunstvolle Konzeption größerer Erzähleinheiten läßt sich z. B. an der Schiffsreise aufzeigen: Einheit des Ortes, klar gegliederte Handlungsabschnitte. Bis zur Versöhnungsszene herrschen übergreifende Spannungsbögen, danach lösen sich aneinandergereihte Einzelbilder ab. Auch in der Erzähltechnik ist Abwechslung erstrebt 4 . Die Subtilität der Erzählkunst zeigt sich im Detail der Cena: Der Auftritt des Grabbildhauers Habinnas und das breit ausgeführte Todesmotiv (71, 3 - 7 2 , 3; 78, 5) bereiten das Ende des Festes vor; das durchgehende Thema »Vergänglichkeit< wird schon vor Beginn angeschlagen: sprechend das Symbol des Trompeters und - in der Antike auffällig - der Uhr. Proben rhetorischen Könnens sind Encolps Deklamation angesichts des toten Lichas und Eumolps Verteidigungsreden für seine Schützlinge. Wem derartiges frostig erscheint, der möge bedenken, mit welchem geradezu sportlichen Interesse das antike Publikum jede Feinheit der Argumentation oder Phrasierung verfolgte. Für seine Zeit verwendet Petron Rhetorisches eher sparsam und konzentriert es auf Partien, in denen es eine Funktion hat.

1 M. GRONDONA, La religione e la superstizione nella Cena Trimalchionis, Coli. Latomus 171, Bruxelles 1980; T. PINNA, Magia e religione nella Cena Trimalchionis, Studi di filos, e di storia della cultura, pubbl. dall' 1st. di filos, della Fac. di lett. dell' Univ. di Cagliari 1978, 449-500. 2 H.JACOBSON, A Note on Petronius, sat. 31, 2, CPh 66, 1971, 183-186; M. HADAS, Oriental Elements in Petronius, AJPh 50, 1929, 378-385; J. B. BAUER, Semitisches bei Petron, FS R. MUTH,

Innsbruck 1 9 8 3 , 1 7 - 2 3 ; M ä r c h e n h a f t e s bei Petron: C h . STÖCKER 1969, 7 7 - 8 8 .

3 Ν. SANDY, Petronius and the Tradition of the Interpolated Narrative, TAPhA 101, 1970, 463-476 (Lit.). 4

F. M . FRÖHLKE 1 9 7 7 , 3 7 - 6 0 .

PROSA:

PETRONIUS

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Sprache und Stil Sprache und Stil sind außergewöhnlich differenziert. Die oberste Schicht ist die poetische, die niedrigste die vulgäre. Die vulgärlateinisch getönten Reden der halbgebildeten Freigelassenen sind fur den Sprachwissenschaftler eine Kostbarkeit 1 ; hier lassen sich >romanische< Züge wie das Zurücktreten des Neutrums (vinus, fatus) oder das Schwinden der Deponentien in statu nascendi beobachten. Doch sollte man sich über die künstlerische Durchformung auch dieser Abschnitte nicht täuschen. Handelt es sich doch nicht etwa um >Tonbandaufzeichnungenvulgärer< Wendungen; Petron mag sie auf nächtlichen Streifereien mit Nero, der sich gern unerkannt unter das Volk mischte (Suet. Nero 26, 2), gesammelt haben. Übrigens können diese Partien nicht als Begründung fur eine Spätdatierung dienen; sind doch die auftretenden sprachlichen Eigentümlichkeiten weniger zeit- als schichtenspezifisch. Damit kontrastiert in den Satyrica die gepflegte Umgangssprache der höheren Stände. Der Ich-Erzähler spricht reines Latein und verwendet die treffendsten Vokabeln. Diese unaufdringlich vornehme Redeweise bestimmt mit ihrer elegantia den Gesamteindruck. Petrons erzählende Prosa verbindet caesarische - ja manchmal medizinisch anmutende - Sachlichkeit mit urbaner Grazie; sie ist deutlich, ohne schwerfallig, und leicht, ohne verschwommen zu sein. Die Vielfalt der Sprachebenen hat ihren künstlerischen Sinn; ironische Wirkungen entstehen: Beim Übergang von Poesie zur Prosa stoßen Illusion und Wirklichkeit zusammen, beim Wechsel von vulgärer zu urbaner Sprache verschiedene Bildungsebenen. Wer lautstarke ethische Programmatik vermißt, wird allein schon aus Petrons Stil einen Gradmesser seiner schriftstellerischen Wahrhaftigkeit und Selbstdisziplin gewinnen können.

Gedankenwelt I Literarische Reflexion In diesem Sinne darf man auch Petrons theoretische Äußerungen über die N o t wendigkeit jahrelanger strenger Schulung an den Klassikern (bes. Homer, D e mosthenes, Cicero, Vergil, Horaz), über die grandis et... pudica oratio (2, 6) und über die nova simplicitas2 - das zugleich ethische und ästhetische Prinzip, die Dinge beim Namen zu nennen - ernst nehmen: sermonispuri non tristisgratta ridet (132, 15). 1 Α. MARBACH, Wortbildung, Wortwahl und Wortbedeutung als Mittel der Characterzeichnung bei Petron, Diss. Gießen 1931; J. FEIX, Wortstellung und Satzbau in Petrons R o m a n , Diss. Breslau 193 J, ersch. 1934; A . STEFFEN ELLI, Die Volkssprache im Werk des Petron im Hinblick auf die romanischen Sprachen, Wien 1962; VON ALBRECHT, Prosa 152-163; H. PETERSMANN 1977 (grundlegend); Juristenlatein bei Petron: A . COLLICNON 1892, 354 (mit A n m . 1); B . BOUCE, T h e Language o f the Freedmen in Petronius' Cena Trimalchioms, Leiden 1991.

2 Verschiedene Deutungen der simplicitas bei E. MARMORALE 1948, Kap. IV; Α . M . FERRERÒ, La simplicitas nell'età giulio-daudia, A A T 114, 1980, 127-154; zu Petrons Poetik F. M . FRÖHLKE 1977

974

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

Doch wäre es übereilt, ihn als >Klassizisten< abzustempeln; fast gleichlautende Ausfuhrungen stehen schon bei dem augusteischen Rhetor Cassius Severus (Sen. contr. 3 praef.) - und dieser war der anerkannte Archeget der damaligen Moderne und doch ein aufrichtiger Verehrer Ciceros. Petron schätzt nicht nur den Fleiß, sondern auch das ingenium (2, 4). Er hat nicht diesen oder jenen Geschmack - er hat Geschmack. Verwendet Petron vulgäre Ausdrücke, obwohl er empfiehlt, sie zu vermeiden? Seine Ausfuhrungen (118, 4) beziehen sich auf das Epos, nicht auf den Roman! Und wenn die >Totenklage< über Lichas (115, 12-19) voller Sentenzen ist, so zeigt dies, daß es ihn reizte, einmal den modischen Stil zu erproben. Das Hauptgesetz ist fur ihn das >AngemesseneHandschrift< des Autors. Sein Sinn fur das purum und proprium setzt sich in jeder Stilart durch. Die simplicitas ist das Gegenstück zu der angeprangerten Multiplikation, Selbsttäuschung und Künstlichkeit. Petron ist (wie der große Humorist Horaz) antidogmatisch: Nihil est hominum inepta persuasione falsius nec ficta severitate ineptius (132, 16). Wenn er wichtige Ausführungen unseriösen Personen in den Mund legt, so bedeutet dies nicht unbedingt eine Einschränkung. Läßt nicht auch Shakespeare seine Narren ernste Wahrheiten aussprechen? Und bei Petron kommt nicht einmal eine seriöse Figur vor. Er hat also gar keine Wahl. Nicht minder wichtig ist ein Stilprinzip urbaner Literatur: das understatement. Im Anschluß an die poetischen Einlagen desavouiert der Autor gerne sich selbst so, wenn Eumolp nach seiner Rezitation mit Steinen beworfen wird. Selbstverkleinerung gehört auch als sokratisch-kynischer Zug zum Gattungsstil der Menippea. Solche Äußerungen sind ebensowenig wörtlich zu nehmen wie etwa die zur Briefgestaltung gehörenden Hinweise auf den Mangel an Feile. Die Selbstironie des Schriftstellers kann recht weit gehen. So verspottet Petron seine eigene mangelhafte Motivierung der Einschiffung der Freunde, indem er Eumolp sagen läßt (107, 2): »Jeder Fahrgast erkundigt sich vor Antritt der Reise nach der Zuverlässigkeit des Kapitäns.« War die Petronforschung hier immer hellhörig genug? Dennoch soll das bellum civile nicht etwa zeigen, wie ein Poetaster den Stoff behandeln würde, sondern was die Erfordernisse des Genos sind; es ist keine Parodie, sondern eine Skizze als Studienmodell. passim; M. C O C C I A , Novae simplicitatis opus (Petronio 132, 15, 2), Studi di poesia latina in onore di A . T R A C L I A , Storia e lett. Race, di studi e testi 141/142, Roma 1979, 789-799; K . H E L D M A N N , Antike Theorien über Entwicklung und Verfall der Redekunst, München 1982, 244-246; A . B A R B I E R I , Poetica Petroniana, sat. 132, 15, Quad, della RCCM 16, Roma 1983, 1-68. 1 K . M Ü L L E R , Ausg.', 4 4 9 - 4 7 0 . 2 J . D R E W S , in: Kindlers Literatur-Lexikon (dtv) 22, München 1974, 9716.

PROSA:

PETRONIUS

975

Als Schulbeispiel dient ihm gerade die durch Konvention am schwersten vorbelastete Poesiegattung: das Epos (118-124). Hier hatte Lucans schulfremdes Werk das Stilgefühl des arbiter elegantiae verletzt und ihn zum Wetteifer herausgefordert 1 . Ist Eumolp auch sonst in Ernst und Scherz eine Schlüsselfigur fur die Poetik des Autors 2 ? G e d a n k e n w e l t II Petrons Lebensweisheit steht vielleicht derjenigen Epikurs am nächsten, doch sollte man ihn, der noch im Angesicht des Todes jeden philosophischen Trost ablehnt, auf keine Sekte festlegen, zumal seine Äußerungen über Epikur ja kaum mehr als das landläufige Mißverständnis des Hedonismus erkennen lassen (132, 15)3. Kann Petron auch im strengen Sinne weder als Philosoph noch als Satiriker gelten, so wäre es doch verfehlt, seinem Werk eine geistige Mitte abzusprechen. Er lebt als nüchterner Beobachter in einer Epoche rauschhaften Lebensgefuhls, die auf allen Gebieten ins Oberdimensionale strebt. Wahrzeichen der Zeit ist das Goldene Haus des Nero, das ein ganzes Stadtviertel füllt. Der finanzielle Aufstieg der Freigelassenen, der nicht immer von geistigem Höhenflug begleitet ist, gibt einem Manne von Geschmack Anlaß, zu beobachten, wie selbst die erlesensten Gaumenfreuden, sinnlos vervielfacht, nur Ekel und innere Leere erzeugen (bezeichnend am Ende des Gastmahls 78, 5 1 bat res ad summam nauseam). Gleiches gilt von einem Hauptthema des Romans, dem Sexuellen, dessen Problematik zwischen Oberangebot und Unfähigkeit 4 zum Genuß in allen Variationen durchgespielt wird. Die dritte wichtige Lebensfunktion ist das Sprechen: hier der innerlich unwahre Schulbetrieb der Rhetorik ( i - j ) 5 , dort das kunstlose, aber nicht weniger leere Gewäsche der Freigelassenen! Die Extreme berühren sich, wenn der Schwätzer dem Rhetor zuruft: videris mihi, Agamemnon, dicere: >quid iste argutat molestus?< quia tu, qui potes loquere, non ¡oquis (46, ι). Die Ungebildeten fuhren das große Wort, die Gebildeten schweigen oder deklamieren, wer aber sagt etwas? Ahnliches gilt von der Religion: Einerseits ein B o o m - man trifft überall Götter - leichter als 1 F. I. ZEITLIN, Romanus Petronius. A Study o f the Troiae Halosis and the Bellum Civile, Latomus 30, 1971, 56-82; P. Λ. GEORGE, Petronius and Lucan De Bello Civili, C Q 6 8 , 1 9 7 4 , 1 1 9 - 1 3 3 ; £. BUSCK, Das Bellum civile Petrons, in: E. BURCK, H g . , Das römische Epos, Darmstade 1979, 200-207; Ρ· GRIMAL, Le Bellum civile de Pétrone dans ses rapports avec la Pharsale, in: J. M . CROISILLE, P. M . FAUCHÈRE, H g . , Neronia 1977. Actes du 2' colloque de la Société int. des études néroniennes, Clermont-Ferrand 1982, 117-124; J. P. SULLIVAN, Petronius' Bellum civile and Lucan's Pharsalia. A Political Reconsideration, in: Neronia (s. o.), 151—155; A . C . HUTCHINSON, Petronius and Lucan, L C M 7, 1982,46-47; A . LA PENNA 1985. 2 F. M. FRÖHLKE 1977, 61-110; R. BECK 1979. 3 Übertrieben O . RAITH 1963; richtig C.J. CASTNER, Prosopography o f Roman Epicureans from the 2™1 C e n t u r y B. C . to the 2nd Century A . D . t Frankfurt 1988, 104. 4 Impotenzmotiv: Odyss. 10, 301; 341; Epigramme Philodems in der Anthologie Palatina; Ο ν . am. 3, 7; Ariost, Orlandofitrioso 8, 49F.; B. KYTZLER, Neues Hdb. der Literaturwiss. 3, Frankfurt 1974, 302. 5 W. KISSEL, Petrons Kritik an der Rhetorik (sat. i - j ) , R h M 121, 1978, 311-328.

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

976

KAISERZEIT

Menschen ( 1 7 , 5), die man offenbar w i e Diogenes mit der Laterne suchen muß. Andererseits ist alles käuflich - Götter w i e Gänse ( 1 3 7 , 5). Kein Hahn kräht mehr nach Iuppiter (44, 17): M a g i e als Rest-Religion taugt nur noch, die gestörte Manneskraft wieder herzustellen ( 1 3 5 , 3 ; 1 3 6 , 3; 1 3 7 , 5). Z w e i f e l l o s gehört Petrons Werk w e n i g e r zur >heilenden< als zur diagnostizierendem Literatur. A u f einem Gebiet zumindest enthält sich Petron dennoch nicht der persönlichen Stellungnahme. E s ist die eigentliche D o m ä n e des arbiter elegantiae: der gute Geschmack in Literatur und Kunst. Literaturkritische Reflexion ist der Satire seit Lucilius nicht f r e m d - ausdrücklich knüpft Petron 4 f. an ihn an (wobei T o n und Versmaß allerdings an Persius gemahnen). In der N e i g u n g , derartige Ü b e r l e g u n g e n anzustellen und sie auch auf das Gebiet der bildenden K u n s t auszudehnen, m a g Petron durch den Personenkreis bestärkt werden, für den er schreibt 1 , eine dünne Schicht v o n glücklichen - oder vielmehr gefährdeten Menschen, die dem H o f e nahestehen und viel auf das Geschmacksurteil unseres Autors geben. O b e r die Ernsthaftigkeit der Ansichten, die er auf diesem Gebiet seinen Figuren in den M u n d legt, ist viel nachgedacht worden. Petrons eigenes Verhalten als Stilist und die angedeuteten Konstanten seiner Gedankenwelt weisen den W e g z u m Verständnis.

Überlieferung 2 Den gesamten uns vorliegenden Textbestand (141 Kapitel in der seit Burmann üblichen Zählung) überliefert keiner unserer Zeugen. Die erste Klasse ( 0 = >kurze Exzerptelange Hxzerptemodernsten< aller antiken Autoren, steht vielleicht erst in ihren A n f a n g e n . Ausgaben:

Mediolani 1482 (nur die Kurz-Exzerpte O). * J E A N DE und D E N I S L E B E Y DE B A T I L L Y , Lugduni (Lyon) 1575 (erste Ausgabe des L-Textes). * Patavii 1664 (erste Ausgabe der Cena Trimalchionis). * * P. B U R M A N N (TK), Amstelaedami 1743, Ndr. 1974. * F . B Ü C H E L E R , Berolini 1862 (ed. mai.), '1922 (erweitert von G. H E R A E U S ) . * E. T. S A G E (TA), New York 1929, Ί969. * K O N R . M Ü L L E R , München 1961; K O N R . M Ü L L E R und W . E H L E R S , (bester krit. T , ÜA) München 1965, M983 (Überarb.). * O. SCHÖNBERGER (TÜ), Berlin 1992. * G. L. SCHMELING, J . P. SULLIVAN (Κ) in Vorbereitung. * Certa: L. FRIEDLÄNDER ( K ) , Leipzig 1891, Ί906, Ndr. i960. * M . S . S M I T H , Oxford 1975 ( T K ) . * Verseinlagen: H . S T U B B E ( K ) , Leipzig 1933. * Bellum civile: G . G U I D O (Κ), Bologna 1976. * * Lexikon, Konkordanz: J . SEGEBADE und Ε. L O M M A T Z S C H , Lexicon Petronianum, Leipzig 1898, Ndr. 1962. * M . K O R N , S . R E I T Z E R , Concordanza Petroniana, Hildesheim 1986. * * Bibl.: G. L. SCHMELING, J . H. S T U C K E Y , A Bibliography of Petronius, Leiden 1977. * M. S . S M I T H , A Bibliography of Petronius (1945-1982), A N R W 2, 32, 3, 1985, 1624-1665. * Wichtig der von G. L. SCHMELING (The University of Florida, Gainesville) regelmäßig herausgegebene Petronian Newsletter. FRANCISCUS PUTEOLANUS,

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PROSA:

PETRONIUS

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E. F A C H - U N D

BILDUNGSAUTOREN

FACHSCHRIFTSTELLER DER FRÜHEN KAISERZEIT Fachschriftsteller und Bildungsautoren werden im folgenden aus praktischen Gründen zusammen besprochen. Z u m Grundsätzlichen s. oben S. 450-456. Seneca der Altere, Quintilian und Plinius der Altere erhalten eigene Kapitel. Medizin Celsus A . Cornelius Celsus 1 , wahrscheinlich ein umfassend gebildeter Vertreter der Aristokratie, schreibt seine Enzyklopädie wohl unter Tiberius. Das Werk umfaßte Landwirtschaft, Medizin, Kriegskunst, Rhetorik, Philosophie und Recht (Quint, ittst. 12, 11, 24). Erhalten ist nur der medizinische Teil in acht Büchern. Das Fach wie das Werk gliedern sich in Diätetik (Buch 1-4), Pharmazeutik (Buch 5-6) und Chirurgie (7—8). Die Diätetik zerfallt wiederum in einen Teil für Gesunde (Buch 1) und Kranke (Buch 2-4). Jeweils ist das Allgemeine (commune) dem Besonderen (proprium) vorgeschaltet, so steht die generelle Diätetik (Buch 1 und 2) vor der auf bestimmte Teile des Körpers bezogenen (Buch 3 und 4), die Lehre von den Arzneimitteln (Buch 5) vor deren Anwendung auf die einzelnen Körperteile (Buch 6), die Chirurgie (Buch 7) vor der Knochenheilkunde (Buch 8). Innerhalb einzelner auf den menschlichen Körper bezogener Teile wird der Stoff a capite ad calcem angeordnet. Quellen sind unter anderem: das Corpus Hippocraticum, Asklepiades von Bithynien, Herakleides von Tarent, Erasistratos, Philoxenos, Meges von Sidon, Varrò. Es scheint, daß Celsus für sein systematisches Lehrbuch keine genau entsprechende Vorlage ähnlichen Umfangs vorfindet, sondern auf die monographische Literatur der Griechen zurückgreifen muß 2 . Somit ist seine Selbständigkeit relativ hoch zu veranschlagen. Z u r literarischen Technik gehören: Vorreden (1 pr. 1 - 1 1 zum Gesamtwerk; ι pr. 12-75 z u m ersten Teil: zur Diätetik), zwischengeschaltete Überleitungsphrasen und Dispositionen (z. B . 2, 9; 5 pr. 3), die den meist ohnehin leicht durchschaubaren 3 Aufbau des Werkes noch unterstreichen. Sprache und Stil sind präzis und kultiviert, ohne j e in Geschwätzigkeit abzugleiten. Celsus ist der Klassiker unter den Fachschriftstellern. Soweit es das Streben nach Klarheit erlaubt, meidet er Monotonie und doktrinäre Steifheit; Ausdruck 1

Ausgaben und Lit.: s. Römische Fachschriftsteller, oben

Lehrbuch 86-98;

S.

461 f.; zum obigen s.

173-181.

2

FUHRMANN, e b d . , bes.

3

Zu Schwierigkeiten im ersten Prooemium gut FUHRMANN ebd. 86-88.

180-181.

FUHRMANN,

PROSA: COLUMELLA

983

und Satzbau sind abwechslungsreich. Wohltuend ist das Fehlen aufdringlicher Rhetorik. In der Auseinandersetzung zwischen Theoretikern, die nach Ursachen der Krankheiten fragen, und Empirikern, die sich mit Erfahrungswerten über die Wirksamkeit von Heilmitteln begnügen, zeigt er sich als gemäßigter Theoretiker. Er selbst schreibt wohl als interessierter Laie, aber mit fachlicher Präzision. Als erster medizinischer Schriftsteller von Rang im lateinischen Westen erfüllt Celsus eine wichtige Aufgabe. Auch die verlorenen Teile von Celsus' Werk wirken stark nach: die landwirtschaftlichen auf Columella und Plinius, die rhetorischen auf Quintilian. Das medizinische Werk erscheint seit der editio princeps (1478) in zahlreichen Ausgaben und entfaltet auch als Lehrbuch eine starke Wirkung. Celsus gilt als Cicero medicorum. Sein Prooemium ist die erste Medizingeschichte. Für die Heilkunst der hellenistischen Zeit und überhaupt fur viele Erkrankungen und Behandlungsmethoden ist Celsus ein früher und zuverlässiger Zeuge. Scribonius Largus Scribonius Largus wirkt unter Claudius als Arzt. Seine Rezeptsammlung ist im Hauptteil nach dem Prinzip a capite ad calcetti angeordnet. Der Arzt verläßt sich mehr auf Medikation als auf Diät und räumt der Erfahrung einen hohen Stellenwert ein. Das Vorwort fesselt durch die römische Färbung der medizinischen Ethik·. Landwirtschaft

Columella2 L. Iunius Moderatus Columella aus Gades ist ein Zeitgenosse Senecas. Er besitzt Güter in Italien. Sein Werk über Landwirtschaft umfaßt 12 Bücher: 1 Allgemeines; 2 Ackerbau; 3-5 Weinbau und Baumpflanzungen; 6—g Viehzucht; 10 Gartenbau (in Hexametern geschrieben). Ergänzend folgt eine prosaische Behandlung des Gartenbaus mit einer vorausgehenden Beschreibung der Pflichten des vilicus (11) sowie eine Darstellung der Aufgaben der vilica (12). Irrtümlicherweise wurde in der Überlieferung nach Buch 2 ein Liber de arboribus eingefugt; es ist der zweite Teil eines anderen (wohl früheren) Werkes von Columella. Columella kennt seine Vorgänger: Cato, Varrò, Vergil; in den letzten beiden Büchern benützt er auch Ciceros Übersetzung von Xenophons Oikottomikos. Hauptquelle ist die Enzyklopädie des Celsus, doch schöpft Columella außerdem 1

Ausgaben und Lit. (bes. K. D E J C H G R Ä B E R 1950), s. Römische Fachschriftsteller, oben S. 461. Sehr gut M. F U H R M A N N , K1P s. v. (Lit.); s. auch unsere Bibl. Römische Fachschriftsteller, oben S. 460 f. 2

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L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

aus eigener Erfahrung, was er gebührend betont. Sprache und Stil sind überall gepflegt, in den sachlichen Teilen präzis, in den Vorreden eloquent. Wie der alte Cato ist Columella vom sittlichen Wert der Landwirtschaft durchdrungen. Er weiß freilich, daß dieser Glaube nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Geographie Plinius (unten S. 1003—1011) hat zwar Zugang zu Agrippas Karte und übernimmt immerhin Entfernungsangaben, doch bleibt er im ganzen dem alten PeriplusSchema treu. Trotz eigener Erfahrungen - z. B. im Bereich Germaniens - ist er der Perspektive seiner hellenistischen Vorlagen verhaftet. Älter ist Pomponius Melas1 unter Claudius entstandenes Werk De chorographia, das früheste lateinische Geographiebuch. Es liefert nach einem Prooemium und einer allgemein geographischen Einleitung einen perihegetischen Abriß, der oft einem Periplus gleicht. Für den Westen und Norden verwendet Mela jüngere Quellen als für den Osten. Belebend wirken Abstecher zur Mythologie, Geschichte, Völker- und Naturkunde und Blüten aus griechisch-römischer Literatur. Der rhetorische Stil kennt rhythmische Klauseln. Gelesen wird Mela wohl von Plinius dem Älteren, gewiß von Solin, Einhart, Heiric von Auxerre (Vat. Lat. 4929), Boccaccio. Die Verbreitung in der Renaissance sichert Petrarca. Philologie2 Die Philologie nimmt einen beachtlichen Aufschwung. Asconius Pedianus Q . Asconius Pedianus (wohl 9 v. bis 76 n. Chr.) stammt vermutlich aus Patavium. Von seinen gelehrten Kommentaren zu Ciceros Reden sind fünf erhalten (Pis., Scaur., Mil., Comel. und in toga cand.). Die beiden zuletzt genannten sind wertvolle Hilfsmittel für die Rekonstruktion der verlorenen Cicero-Texte. Asconius stützt sich bei seinen sachlichen Erläuterungen auf zuverlässige Quellen (z. B. Acta populi Romani); seine Schriften sind daher von besonderem historischen Wert. Die Tatsache, daß Asconius seine Kommentare als Seitenstück zum DemosthenesKommentar des Didymos verfaßt, ist ein Beweis für das steigende Selbstbewußtsein der römischen Literatur und Literaturwissenschaft3. 1

Ausgaben: Mediolani 1471; C . FRJCK, Lipsiae 1880, N d r . 1935; H. PHILIPP ( Ü K ) , 2 Bde., Leipzig

1912; G . RANSTRAND (T, Index), G ö t e b o r g 1 9 7 1 ; P. PARRONI ( T K ) , R o m a 1984; A . SILBERMAN ( T Ü A ) ,

Paris 1988 (Lit.); Konkordanz: C . GUZMÁN, Μ . E. PÉREZ, Hildesheim 1989. 2 Grammatiker tiberianischer Zeit: Iulius Modestus (ein Freigelassener des Hyginus) und P o m p o nius Marcellus; Caesius Bassus w i d m e t N e r o seine Schrift De metris (GL 6, 243 KEIL; G R F 127 MAZZARINO), die alle Metra aus dem daktylischen Hexameter und dem iambischen Trimeter herleitet (Varrò). 3 Unecht sind die Kommentare zu div. Caecil. und Verr.i und 2 (bis §33); verloren: Contra obtrectatores Vergilii; Vita Sailustii; Symposion; Ausgaben und Lit.: s. Römische Fachschriftsteller, oben S. 458 f.

PROSA: PROBUS

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Probus M. Valerius Probus1 aus Berytos (Beirut) lebt in der zweiten Hälfte des i.Jh. n. Chr. Als Berufssoldat bemüht er sich vergebens um eine Offiziersstelle; der Literatur wendet sich der vermögende Mann endgültig erst in reiferen Jahren zu, gelangt aber zu höchstem Ansehen. Aus der im Lehrplan >rückständigen< Schule seiner Heimat bringt er die Kenntnis republikanischer Autoren mit, die inzwischen in der Hauptstadt weniger beachtet werden. Damit leistet er Vorarbeit fur die Archaisten des 2. Jh. Probus hat wenig veröffentlicht. Seine Einzeluntersuchungen zu Detailfragen sind meist verloren2. Seine Handexemplare republikanischer Autoren (Ter., Lucr., Hör., Verg., wohl auch Plaut., Sali.) beruhten auf eigenen Kollationen und waren von ihm interpungiert3 und mit kritischen und exegetischen Noten versehen. Doch sollte man nicht von kritischen Editionen im vollen Sinne sprechen. Sein Interesse fur die Anomalie im Sprachgebrauch bringt ihn in Gegensatz zum Klassizismus der flavischen Zeit und läßt ihn seiner Zeit vorauseilen. Einfluß auf die Terenz- und Vergilscholien ist erwiesen, doch ist es kaum möglich, eine der überlieferten Klassikerrezensionen auf ihn zurückzufuhren. Von seinem Ruhm in Spätantike und Mittelalter zeugen zahlreiche unterschobene Schriften4. Rhetorik Rutilius Lupus Zu den von Quintilian benutzten Rhetoren5 des 1. Jh. n. Chr. zählt P. Rutilius Lupus. Er latinisiert die Figurenlehre von Ciceros Lehrer Gorgias (1. Jh. v. Chr.). Die Übersetzung der Beispiele aus attischen Rednern ist elegant, den Definitionen fehlt es leider an begrifflicher Schärfe. Quintilian wird von uns in einem eigenen Kapitel behandelt.

1 Sehr gut P. L. SCHMIDT, K1P s. v. (Lit.); vgl. auch unsere Bibl.: Römische Fachschriftsteller, oben S. 458 f. 2 Erhalten: De nolis iuris (über Abkürzungen in Dokumenten); verloren: Epistola ad Marceilum (zur Prosodie); Degenetivo Graeco; De temporum conexione; sein Nachlaß mit Beobachtungen zum altlateinischen Sprachgebrauch wird als De inaequalitate consuetudine zitiert; man hört auch von einem Commentarius über die Geheimschrift Caesars. 3 R. W. MÜLLER, Rhetorische und syntaktische Interpunktion, Diss. Tübingen 1964. * Catholica (von Plotius Sacerdos); De nomine; Instituto artium (Formenlehre: Afrika, 4. Jh.), Kommentare zu Verg. ed., georg., zur Vergilvita und zu Persius (daraus die Vita erhalten). Aus dem Mittelalter stammt unter anderem die Appendix Probi. 5

SCHANZ-HOSIUS, L G 2, 1 9 3 5 , 7 4 1 - 7 4 5 .

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LITERATUR

DER

Andere

FRÜHEN

KAISERZEIT

Fachgebiete

Frontinus 1 S. Iulius Frontinus ist 70 n. Chr. praetor urbanus, 100 zum dritten Mal Consul. Als Schriftsteller betätigt er sich auf drei Gebieten: Seine Werke zur Kriegskunst umfassen drei - aus der Geschichte geschöpfte Bücher über Kriegslisten (Strategemata), geordnet nach ihrer Anwendung vor, während und nach der Schlacht sowie bei der Belagerung, und ein viertes über Kriegstaten (Strategica)2, gruppiert nach Verhaltensweisen (z. B . disciplina, continentia, iustitia, constantia). Diese vier Bücher stehen der Exempla-Literatur nahe. Verloren ist ein früher verfaßtes Handbuch De re militari (Frontin. strat. 1 praef. ; Veg. mil. ι , 8; 2, 3). Frontin ist außerdem der älteste erhaltene lateinische Agrimensor. Die einschlägige - durchaus sachkundige — Schrift, von der wir Auszüge besitzen, verfaßt er unter Domitian. Schließlich schreibt Frontin als curator aquarum (97 n. Chr.) den wertvollen, zunächst zur eigenen Belehrung bestimmten Commentarius de aquis urbis Romae. Weitere A g r i m e n s o r e n Unter Traian schreiben über Feldmeßkunst Hyginus - zu unterscheiden von dem Augusteer - , Baibus und Siculus Flaccus. Auch M. Iunius Nipsus wird ins 2. Jh. datiert. Bibl. s. Römische Fachschriftsteller, oben S. 4S6-464.

1 Ausgaben und Bibl. s. Römische Fachschriftsteller, oben S. 456-460 (Agrimensoren; Architektur; Kriegskunst). 2 Die Echtheit des lange verdächtigten vierten Buches beweist G. BENDZ, Die Echtheit des vierten Buches der Frontinischen Strategemata, Diss. Lund 1938.

S E N E C A DER ÄLTERE Leben, Datierung L. Annaeus Seneca der Ältere stammt aus einer begüterten und angesehenen Ritterfamilie (Tac. atrn. 14, 53). In Corduba wohl um 55 v. Chr. geboren, bringt er sein Leben teils in Rom, teils in Spanien auf seinen Gütern zu. Selbst kein Rhetor und wohl auch kein Anwalt - , besucht er als Freund regelmäßig die öffentlichen Deklamationen der Rhetoren, Erfahrungen, von denen uns sein Werk einen lebendigen Eindruck vermittelt. Seine gebildete Gattin, Helvia, wahrscheinlich ebenfalls Spanierin, schenkt ihm drei Söhne. Der älteste, Novatus, später durch Adoption I uni us Gallio benannt, begegnet als Proconsul in Achaia dem Apostel Paulus (act. 18,12) und weigert sich, ihn abzuurteilen. Die jüngeren Söhne sind der Philosoph Seneca und Mela, der Vater des Dichters Lucan. Da unser Autor den Historiker Cremutius Cordus zitiert, dessen Werk unter Tiberius verboten ist und erst unter Caligula wieder erscheinen darf, schreibt er unter dem letztgenannten Kaiser (37-41)1. Die Verbannung seines zweiten Sohnes durch Claudius erlebt er nicht mehr (Sen. Helv. 2, 4). Werkübersicht Verloren ist Senecas Geschichte der Bürgerkriege2. Sie entsteht wohl unter Kaiser Gaius, dessen Regierung anfangs den Historikern neue Freiheit beschert. Daß Senecas Geschichtswerk publiziert wurde, sollte man nicht bestreiten. Sein Hauptwerk Oratorum et rhetorum sententiae divisiones colores, im Alter für die Söhne verfaßt, besteht aus zehn Büchern controversiae und einem Buch suasoriae. Insgesamt will die Schrift auf den ersten Blick den Eindruck der Zufälligkeit erwecken; doch hält Seneca eine gewisse Ordnung ein. Die controversiae behandeln in zehn Büchern 74 Themen. Zu jedem von ihnen werden zuerst sententiae mitgeteilt, aus denen hervorgeht, wie die einzelnen Rhetoren das Für und Wider des jeweiligen Falles auffaßten. Dann zeigt der Autor unter dem Titel divisto, wie die einzelnen Redelehrer einen Rechtsfall in verschiedene quaestiones zerlegten. Der dritte Teil (colores) belegt jeweils die Kunst, schwierige Fälle von einer ungewöhnlichen Seite zu beleuchten und gegebenenfalls durch >Schönfärberei« aus Schwarz Weiß zu machen. So wandelt sich die Bedeutung von color (»allgemeine Tönung des Stils«) zum Individuellen hin3. Die sieben Suasorien bilden ein eigenes Buch, das man zweiteilen kann (1-3; 6-7). Der einfacheren Thematik entsprechend gibt es hier nur sententiae und divisto, aber keine colores. Im Unterricht wurden die Suasorien vor den Kontroversien behandelt; aus contr. 2, 4, 8 ergibt sich jedoch, daß das Buch der Suasoriae nach Senecas Willen auf die Controversiae folgen sollte; ein Beweis fur spätere Entstehung der Suasoriae ist die Stelle freilich nicht4. Erwähnt wird auch (suas. 2, 22) der Tod des Scaurus Mamercus (34 n. Chr.). Sen. (phil.) vita patr., ed. Gu. (= W.) Studemund, p. x x x i f . , in: O . ROSSBACH, D e Senecae philosophi recensione et emendatione ... Praemissae sunt Senecae librorum Quomodo amicitia continenda sit et De vita patris reliquiae, ed. Gu. (= W.) STUDEMUND, Breslauer phil. Abh. 2, 3, 1888; zu den Historien L. A . SUSSMAN 1978, 137-152. 3 Colores treten meist in der argumentatio, aber auch in der narratio auf. 4 Auch der Einfall, die beiden Teile der Suasoriae ( i - j und 6 - 7 ) sollten jeweils als Anhänge auf das zweite und vierte Buch der Controversiae folgen (}. FAIRWEATHER 1984), ist bloße Vermutung. 1

2

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L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

Quellen, Vorbilder, Gattungen Nach Angabe Senecas wäre sein Gedächtnis seine einzige Quelle (contr. ι praej. 2-5). Zweifellos besitzt er auf diesem Gebiet ungewöhnliche Fähigkeiten, aber sein Text läßt auch auf schriftliche Vorlagen zurückschließen1. Von Cassius Severus, Votienus Montanus und Scaurus kennt Seneca publizierte Reden. Deklamationen von Cestius, Montanus, Scaurus, Menestratus gab es als Manuskripte. Iunius Otho hatte ein Werk über Deklamationen verfaßt. Aus der Schrift eines Gorgias (1. Jh. v. Chr.) über Redefiguren könnten Senecas Zitate aus griechischen Rednern stammen, die nie in Rom waren. Es mag auch Aufzeichnungen (commentarti) von Rhetoren (trotz contr. 1 praef. 1 1 ) und Schülern gegeben haben, und zumindest fur die Reden seines Lehrers Marullus wird sich Seneca auf eigene Notizen stützen. Calvus, der spätestens um 47 v. Chr. gestorben ist, kann von Seneca kaum mit Bewußtsein gehört worden sein. Sind Erzählungen Pollios die Zwischenquelle? Die Tatsache freilich, daß Seneca eine niedergeschriebene Rede mit der von ihm tatsächlich gehörten Fassung vergleicht (contr. 9, 5, 15-16), setzt dennoch jenes untrügliche Gedächtnis voraus, fur das es übrigens auch in der Neuzeit Parallelen gibt - es genüge, an die Gedächtnisleistungen von Musikern zu erinnern2. Seneca ist auch sonst in der Literatur beschlagen. Wir verdanken ihm unter anderem kostbare längere Fragmente von Albinovanus Pedo und Cornelius Severus, Asinius Pollio und Livius, ja sogar - aus dem Schatz seines Gedächtnisses - ein Stück Prosa vom jungen Ovid. Die Schuldeklamation, die nach dem Zeugnis unseres Autors zu seinen Lebzeiten aufkommt, hat viel ältere Wurzeln. Doch sind die Vorformen dem Stoffe nach weniger phantastisch und in der Darbietung weniger theatralisch, da die Übungen ursprünglich nicht fur die Öffentlichkeit bestimmt sind. Bereits zur Zeit des Demetrios von Phaleron (4. Jh. v. Chr.) kennt man Schulübungen über bestimmte Rechtsfalle. Noch weiter zurück - bis in die Zeit der Sophisten - reicht die Praxis, allgemeine Themen (Theseis) zu Übungszwecken auszuarbeiten. In Ciceros Frühschrift De inuentione und in der anonymen Rhetorik an Herennius finden wir Hinweise auf Deklamationsübungen über forensische und politische Themen; Cicero selbst macht griechische und lateinische Deklamationsübungen (Suet. gramm. 25, 3). In den Paradoxa Stoicorum3 behandelt er allgemeine Themen (Theseis). Im Jahr 49 erinnert er sich an verschiedene Theseis, die auf seine verzweifelte Lage passen, und verwendet sie, um sich zu trösten (Cic. Att. 9, 4, 1). Vielleicht kommt Cicero das Verdienst zu, eine philosophische Übungstradition in die 1

2

L . A . SUSSMAN 1 9 7 8 , 7 9 i m A n s c h l u ß an C . W .

LOCKYER.

Beispiele aus der Antike sind Latro (Sen. contr. 1 praef. 1 8 - 1 9 ) , Themistokles, Mithridates, Crassus, Hortensius; vgl. auch A . R. LURIA, The Mind of a Mnemonist. A Little Book about a Vast Memory, London 1969; F. A . YATES, Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare, Weinheim 1990. 3 M . V. RONNICK, Cicero's Paradoxa Stoicorum, Frankfurt 1991.

P R O S A : S E N E C A DER Ä L T E R E

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rhetorische eingebracht zu haben. A u f Behandlung spezieller Deklamationsthemen durch Cicero scheint Seneca (contr. ι, 4, 7) hinzudeuten; dennoch betont unser Rhetor (contr. praej. 12), daß die Übungen seiner Zeit andersartig sind. Nachdem in Senecas Jugend Blandus der lateinischen Rhetorenschule zu Ansehen verholfen hat, weichen die früheren progymnasmata (die man durch Übersetzungsübungen aus dem Griechischen ergänzt hatte) den suasoriae und controversiae1. Die ersteren gelten fur leichter; sie gestalten einen pplitischen Ratschlag im Sinne eines λόγος προτρεπτικός oder άποτρεπτικός und ähneln der Thesis. Sie können auch Beschreibungen (descriptions) enthalten. Die controversiae behandeln das Für und Wider in Rechtsfallen, die entweder erdacht oder aus dem Leben gegriffen sein können. Die wachsende Bedeutung und zunehmende Verselbständigung der Schuldeklamation hängt indirekt mit dem politischen Wandel zusammen, der >große< politische Reden nicht mehr zuläßt. Auch Verteidigungsreden verlieren seit der Gerichtsreform des Pompeius an allgemeinem Interesse. Dennoch hat es auch nach der Schlacht bei Actium noch wichtige Prozesse und sogar einige politische Debatten gegeben. An Hand der Deklamation schult der junge Römer seine Erfindungsgabe, sein sprachliches Ausdrucksvermögen und sein Stilgefühl. Z w a r erkennt man die Mängel des Deklamations wesens, aber die rhetorische Erziehung im ganzen wird nie in Frage gestellt. Immer mehr wird die Deklamation aber auch zu einer Form gepflegter Unterhaltung der Gesellschaft. Die Entwicklung dürfte folgendermaßen vonstatten gegangen sein: Lehrer deklamieren in den Schulen fur ihre Schüler (contr. 3 praef. 16; η praej. 1), Redner zu Hause im Freundeskreis (4 praef. 2; 10 praef. 3, 4). Manche Lehrer halten ihren Unterricht öffentlich ab (3 praef. 10), andere laden nur zu bestimmten Anlässen Zuhörer in ihre Schulen ein (3 praef. 1), ζ. B. die Eltern ihrer Schüler (Pers. 3, 44-47; Quint, inst. 2, 7, 1; 10, 5, 21). Schließlich fuhrt man Veranstaltungen ein, bei denen vor Kollegen und Gästen um die Wette deklamiert wird. Literarische Technik Daß Seneca mehr schaffen will als nur ein Kompendium, zeigt sich an den Vorreden zu den Büchern 2 . Im Mittelpunkt jeder Vorrede steht — durch anekdotische Erzählungen belebt - das Porträt eines bedeutenden Redners (der außerdem in dem jeweiligen Buch besonders berücksichtigt wird 3 ). Auch Übergänge zwischen den Büchern werden hergestellt. In den Suasoriae scheint Seneca noch mehr nach 1 D i e Termini declamare, controversia und suasoria bilden sich in der zweiten Hälfte des 1. Jh. v. C h r . heraus. 2 Es fehlen die Vorreden zu contr. 5, 6, 8 und zu suas.; contr. 9 praej'. ist unvollständig. 3 L. A . SUSSMAN 1978, 4 6 - j i ; Arellius Fuscus, der in den suasoriae hervortritt, könnte in der verlorenen Vorrede vorgestellt worden sein.

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innerer Geschlossenheit der einzelnen Bücher zu streben; ein einigendes Band im ersten Buch ist die kontrastierende Synkrisis zwischen der Deklamation und bedeutenderen Gattungen oder zwischen bestimmten Deklamatoren und berühmten Autoren. Alle Vorreden haben Briefform - in dieser Ausdrücklichkeit eine Ausnahme im rhetorischen Schrifttum der Römer. Die Prooemientopik - die an Geschichtswerke erinnert - wird von Seneca mit persönlicher Empfindung durchdrungen. Die Anrede an die Söhne und die Erwähnung der imitatio als Ziel, sowie die Anfuhrung positiver und negativer Beispiele stellen eine Verbindung zwischen den praefationes her; die letzte Vorrede greift thematisch auf die erste zurück - man denke an die Erwähnung der Jugendjahre Senecas. So rundet der Autor sein Werk ab. Was die Einzeldarstellung betrifft, so widmet Seneca den sententiae, für die sich seine Söhne besonders interessieren, fast die Hälfte des Raumes. Besonders knapp ist die divisto behandelt; hier streut der Autor gern kurze kommentierende Bemerkungen ein. Die colores schließlich umfassen ein Drittel des Werkes. Zahlreiche Zitate und Anekdoten machen diese Teile fur den Leser besonders reizvoll. In den suasoriae fehlen die colores, dafür sind die divisiones ausfuhrlicher behandelt. Ohne eigene Überschrift kommen hier descriptiones (Beschreibungen) hinzu. Als >deskriptiver Kritiken gehört Seneca auch in die Geschichte der Biographie.

Sprache und Stil Sprache und Stil der praefationes - hier sehen wir den Schriftsteller an der Arbeit sind korrekt und unaufdringlich, doch wirken sie - ein Signum guten Stils entspannt und persönlich. Seine Cicero-Verehrung (contr. 10 praef. 7) hindert ihn nicht, mit poetischem Vokabular, Pointen, Antithesen und zuweilen auch mit deklamatorischem Pathos (contr. 10 praef. 6) zeitgemäße Register zu ziehen 1 ; da Gewaltsamkeit vermieden wird, ist die Wirkung nicht ungünstig - Nachfolger wie Ben Jonson haben mit Erfolg gerade von Seneca den >persönlichen Ton< gelernt. Die Differenziertheit des Vokabulars zeigt sich besonders in der Literaturkritik, der wir uns nun zuwenden.

Gedankenwelt I Literarische Reflexion Bei den Controversiae und Suasoriae handelt es sich im wesentlichen um Werke der Literaturkritik. Was das geschichtliche Bild der Beredsamkeit betrifft, so beschreibt Seneca den Wandel der Redekunst zu seinen Lebzeiten. Die Auswahl der Stellen dokumentiert den Verfall, den er als erster feststellt. 1

NORDEN, Kunstprosa 1 , 300.

P R O S A : SENECA DER ALTERE

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Senecas eigene Maßstäbe sind von Cicero geprägt. Die imitatio ist für ihn ein wichtiges Prinzip (contr. ι praef. 6), doch ist er als Literaturkritiker undogmatisch und weitherzig. Wo ihm ein Talent begegnet, ist er bereit, es anzuerkennen. Dabei sucht er schematische Etikettierungen zu vermeiden. Labienus ist fur ihn homo mentis quam linguae amarioris (contr. 4 praef. 2). Sparsus nennt er hominem inter scholasticos sanum, inter sanos scholasticum (contr. 1, 7, 15). Z w a r läßt sich Seneca als Literaturkritiker von Ciceros Brutus anregen, strebt aber noch mehr danach, jeden Redner individuell zu charakterisieren. Dabei bevorzugt er anschauliche, deskriptive Termini: lascivus, inaequaliter,facundus, decenter, culte, mordax, nasutus, praedulcis, vigor orationis. Im Falle von Pollio und Haterius wendet er die Form der Synkrisis an. Die Vorrede zum dritten Buch handelt von der Kluft zwischen forensischer Rede und Schuldeklamation. Der berühmte Redner Cassius Severus beklagt hier die Verschiebung der Maßstäbe. Seneca d. A . überschätzt die Deklamationen nicht und versucht, in den Suasoriae die Aufmerksamkeit seiner Söhne auf bedeutendere Literaturgattungen zu lenken, wie auch die Zitate aus Epos und Geschichtsschreibung beweisen (vgl. auch suas. 6, 16). Wegen seiner seltenen Fähigkeit zu nuancierter Würdigung individueller Autoren hat man unseren Seneca den »Horaz der augusteischen Prosakritik« genannt 1 .

Gedankenwelt II Den Verfall der Beredsamkeit fuhrt Seneca auf drei Ursachen zurück: den Sittenverfall, die Tatsache, daß politische und forensische Beredsamkeit keinen erstrebenswerten Lohn mehr findet - hier ist der Wandel der politischen Verhältnisse als eigentlicher Grund erkannt - , und schließlich eine quasi biologische Gesetzmäßigkeit: Der Höhepunkt ist überschritten. Das zuletzt genannte Denkmodell berührt sich mit dem Lebensaltervergleich, den Laktanz (inst. 7, 15, 14-16) einem Seneca zuschreibt - vielleicht meint er unseren Autor 2 , der auch Historiker ist. Der Lebensaltervergleich erfordert ja keinerlei philosophischen Höhenflug; er steht auch einem römischen Empiriker nicht übel an. Als römischer paterfamilias von echtem Schrot und Korn (Sen. Helv. 17, 3; epist. 108, 22) scheint Seneca unphilosophisch; doch wendet er sich nicht so sehr gegen die Philosophie schlechthin als vielmehr gegen gesellschaftlich auffälliges Verhalten (z. B. Vegetarismus). Praktische Lebensphilosophie achtet er nicht nur beim alten Cato (contr. 1 praef. 9); spricht er doch von stoischen Lehren als tarn sanctis fortibusque praeceptis (contr. 2 praef. 1). Sein römischer Sinn für das Wirkliche, verbunden mit Sinn für Humor, macht aus ihm einen guten Psychologen und 1

S . F. BONNER 1 9 4 9 ,

2

L. A .

148.

SUSSMAN 1 9 7 8 ,

141; anders z . B .

M.GRIFFIN

1 9 7 2 , 1 - 1 9 (der L e b e n s a l t e r v e r g l e i c h sei z u

philosophisch für den unspekulativen Rhetor; der Zusammenhang klinge nach einem moralischen exemplum; nicht zwingend). Vielleicht ist der Streit gegenstandslos, und Laktanz hat Annaeus Seneca mit Annaeus (Annius) Florus verwechselt.

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L I T E R A T U R DER F R Ü H E N K A I S E R Z E I T

feinen Porträtisten; man bedauert, daß von seinem Geschichtswerk kaum etwas erhalten ist. Politisch gehören die Sympathien der Annaei vielleicht zunächst den Pompeianern (vgl. Senecas Vorliebe für Labienus, contr. 10 praef. 4—5). Doch müssen über Asinius Pollio (der im Jahr 43 in Corduba lebte) auch enge Verbindungen mit Caesarianern bestanden haben. Außerdem ist Seneca mit C . Galerius, dem einflußreichen Präfekten von Ägypten, verschwägert und mit den vornehmen Vinicii bekannt. Z w a r hat Seneca die schwersten Jahre der Republik und die glücklichsten des Prinzipats erlebt. Dennoch ist sein Urteil über den Prinzipat nicht enthusiastisch. Er verehrt Cicero zu einer Zeit, als dies nicht ganz opportun ist. Die Ursachen des Verfalls der Beredsamkeit erkennt er, und er kritisiert Bücherverbrennungen. Aber seine Familie macht unter den Kaisern Karriere. Der Zwiespalt erinnert an Tacitus. Überlieferung Die Oberlieferung zerfallt in zwei ganz verschiedene Traditionen: ι. Die erste Gruppe bezeugt einen ungekürzten Text der Cotttroversiae (Buch 1, 2, 7, g und ¡0, einschließlich der Vorreden zu 7, g und 10) und Suasoriae. Die wichtigsten Handschriften sind Antverpiensis 411 (A; s. X), Bruxellensis 9594 (B; s. IX) und Vaticanus Latinus 3872 (V; s. X). In dem Archetypus der drei Handschriften standen, der rhetorischen Unterrichtspraxis entsprechend, die Suasoriae vor den Cotttroversiae. V enthält viele Konjekturen und Interpolationen; daher verdienen A und B, die über einen Hyparchetypus zusammengehören, oft den Vorzug. Die jüngeren Handschriften sind von V abhängig. Der Anfang der Suasoriae sowie die Vorreden zu contr. 5, 6 und 8 sind ganz verloren. 2. Den anderen selbständigen Oberlieferungsstrang bilden die schon früh (etwa im 4. Jh.) fur Schulzwecke hergestellten Exzerpte (E) aus den Cotttroversiae. Die wichtigste der etwa 90 Handschriften ist der Montepessulanus (Montpellier, Univ., Section de Médecine) 126 (M; s. X). Wo wir vergleichen können, sehen wir, daß der Epitomator den Text nicht nur gekürzt, sondern verändert hat, etwa um einen glatteren Rhythmus herzustellen. Auf die Exzerpte sind wir in den Cotttroversiae vor allem fur das in A B V Fehlende angewiesen: die Bücher 3-6 und 8, sowie die - zum Glück sogar ungekürzten - Vorreden der Bücher 1-4 1 . Für die Textkritik weniger interessant als fur die Wirkungsgeschichte sind etwa 30 Handschriften, die mittelalterliche Kommentare zu den Exzerpten enthalten. Fortwirken Der ältere Seneca äußert als erster Kritik am Deklamationswesen und am Verfall der Beredsamkeit; hierin folgen ihm zahlreiche Autoren der neronischen und flavischen Zeit. Seine an Cicero orientierten Maßstäbe bahnen Quintilian den Weg. Trotz seines Modernismus lehnt sich auch der Philosoph Seneca in literarischen Fragen manchmal an den Vater an. Die Cotttroversiae und Suasoriae finden Parallelen bei dem kaiserzeitlichen Dekla1

Die Vorreden zu 7 und 10 sind hier ebenfalls enthalten.

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mator Calpumius Fl accus und in den Quinrilian zugeschriebenen Declamationes2. Die frühzeitige Epitomierung der Controversiae zeugt von regem schulischem Interesse. Seneca repräsentiert für uns die Praxis der Deklamation, die im Bereich der Erziehung lange eine unbestrittene Stelle behält. Anonym strahlen solche Übungen auf die verschiedensten Gebiete der antiken Literatur aus: nicht nur - wie zu erwarten - auf den Roman, sondern sogar auf das römische Recht, mit dem sie in Wechselwirkung stehen3. Auch Kirchenväter wie Tertullian und Augustin zeigen sich mit der declamatio vertraut; noch Ennodius (f 521) verfaßt fur seine Schüler Musterdeklamationen, ehe er sich von der Welt abwendet. Im 9.Jh., dem wir die handschriftliche Grundlage unserer Überlieferung verdanken, unterscheidet Walahfrid Strabo (j" 849) - als erster nach langer Zeit - die beiden Senecae voneinander4. Florilegien zitieren unseren Autor, Gelehrte wie Gerbert von Aurillac (f 1003), Gilbert de la Poirée (f 1154) und natürlich Iohannes von Salisbury (f 1180) kennen seine Werke. Die Exzerpte werden im Mittelalter kommentiert (Nicolaus de Treveth, Ende 13.Jh.). Die phantastischen Stoffe der Controversiae liefern der Novellistik Material. Wie beim älteren Seneca erscheint z. B. in der spätantiken Historia Apollonii regis Tyri ein Mädchen, das im Bordell Jungfrau bleibt. Weitere Spuren finden sich in der mittelalterlichen Novellensammlung Gesta Romanorum, in Boccaccios ( f i 3 7 S ) Decamerone und bei Leonardo Bruni ("f 1444; Antioco e S tratonica). Erasmus ( f i 536) gibt einen interpolierten Text unseres Autors heraus (in der bei Froben erschienenen Seneca-Ausgabe, Basel 1529) und fuhrt mit Überzeugung die Deklamationsübungen wieder ein; noch Milton (f 1674) muß sich damit beschäftigen. Die erste (französische) Übersetzung ist von Mathieu de Chaluet (Paris 1604). Auf contr. 1 , 6 stützt sich Madeleine de Scudéry (f 1701) in Ibrahim ou ¡'illustre Bassa. Ben Jonson (j~ 1637) überträgt in den Discoveries (sec. 64) die Würdigung des Haterius contr. 4 praef. 6-11 geistreich-wortgetreu auf Shakespeare und die des Cassius Severus (contr. 3 praef. 1—4) auf Bacon (sec. 71) 5 . Der lebendigste autobiographische Passus< des Werkes (sec. 56) handelt von der Wirkung des Alters auf den Verfall des Gedächtnisses und stammt ebenfalls aus Seneca (contr. 1 praef. 2-$). Seneca d. Ä. ist für Rhetorenschule, Deklamationswesen und Mnemonik eine unserer wichtigsten Quellen. Sein Werk ist ein lange vernachlässigtes Hilfsmittel, 1 Ed. PiTHOu (mit Ps.-Quintilian), Paris i$8o; P. BURMANN (ebenso), Leiden 1720; G. LEHNEST, Lipsiae 1903. - S. jetzt L. A. SUSSMAN, The Major Declamations Ascribed to Quintilian. A Translation, Frankfürt 1987. 3 J . STROUX 1949. Man denke an die ita/us-Lehre und Polaritäten wie ius-aequitas; verba-voluntas. Die Realitätsferne der Gesetze in den declamationes hat man übertrieben. 4 Aus der Neuzeit nennt man hierfür Raphael von Volterra ("fi 522) und Iustus Lipsius (f 1606); doch scheint schon die Seneca-Ausgabe von 1490 zwischen Lucius (dem Philosophen) und >Marcus< (dem >Rhetorspanisch< ab4. Quintilians prägnante Äußerungen über bestimmte Autoren haben eine eigene Wirkungsgeschichte5. Er bildet den Geschmack, formt den Lektürekanon und prägt die Theorie aller Künste mit, bis hin zur Musik. Erasmus hat Quintilian gründlich studiert, Luther zieht ihn fast allen Autoren vor, Melanchthon empfiehlt ihn zum Studium. In der Schule Quintilians hat das moderne Europa selbständig denken und reden gelernt. In der Barockzeit kann man von einer Wiedergeburt Quintilians sprechen; auf seinen Spuren schreibt z. B. J . Matth. Meyfart (j* 1642) die erste bedeutende Teutsche Rhetorica (Coburg 1634). Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wird Quintilians System in der Schule gelehrt - zum Teil in gekürzten Ausgaben (z. B . C . Rollin, Paris 1715). J- S. Bach, selbst Lateinlehrer und Kollege des QuintiliankennersJ. M . Gesner (f 1761), hat Quintilian in ungewöhnlicher Weise musikalisch gehuldigt6. Der junge Goethe notiert sich in seinen Ephemerides (1770-1771) neunzehn Lesefrüchte aus dem ersten, zweiten und zehnten Buch der Institutio7. Zum Rückgang von Quintilians Einfluß trägt sein Ausscheiden aus dem Lektürekanon der Jesuitenkollegien bei, sowie die seit der Romantik Mode gewordene Verachtung der Rhetorik. Mommsen (RG 5, 70) hält die Institutio für »eine der vorzüglichsten Schriften, die wir aus dem römischen Alterthum besitzen«. Noch im 20.Jahrhundert wünscht Luciano Albini (Papst Johannes Paul I.) in einem Sendschreiben an 1

P. LEHMANN, Die Institutio oratoria des Quintiiianus im Mittelalter, Philologus 89, 1934, 349-383, bes. 354-359· 2

3 4 5

O . SEEL 1977, 2 5 9 - 2 6 5 .

M. WEGNER, Altertumskunde, Mönchen 1951, 30. G. VOIGT, Die Wiederbelebung des classischen Alterthums, Berlin 1893, I', 464. F. QUADLBAUER, Livi ladea ubertas. Bemerkungen zu einer quintilianischen Formel und ihrer

N a c h w i r k u n g , in: E . LEFÈVRE, E . OLSHAUSEN, H g . , Livius, W e r k u n d R e z e p t i o n , F S E . BURCK, M ü n c h e n 1983, 3 4 7 - 3 6 6 . 6

U. KIRKENDALE, Bach und Quintilian. Die Institutio oratoria als Modell des Musikalischen Opfers, in:

M . VON ALBRECHT, W.SCHUBERT, H g . , M u s i k in A n t i k e u n d N e u z e i t , F r a n k f u r t 1987, 8 5 - 1 0 7 . 7 O . SEEL 1977, 2 8 8 - 3 1 3 .

I002

LITERATUR

DER

FRÜHEN

KAISERZEIT

Quintilian, seine Methoden und Lehrinhalte mögen nicht der Vergessenheit anheimfallen1. Ausgaben: Bei Phil, D E L I G U A M I N E , mit Brief von Io. Ant. C A M P A N U S , Romae 1470. * IO. A N D R E A S (Bischof von Aleria), Romae 1470. * G. L. S P A L D I N G (TK), 4 Bde., Lipsiae 1798-1816, Bd. 5: textkrit. Supplementbd. von C . T . Z U M P T I U S , Lipsiae 1829, Bd. 6: s. Lexikon. * C. H A L M , Lipsiae 1868-1869. * L. R A D E R M A C H E R , 2 Bde., Lipsiae 1907, '1959, rev. V . B U C H H E I T . * H . E . B U T L E R ( T Ü ) , 4 Bde., London 1921-1922. * M . W I N T E R B O T T O M , 2 Bde., Oxford 1970. * J. C O U S I N (TÜ), 7 Bde. (vollst.), Paris 1975-1980.* H . R A H N ( T O ) , 2 Bde., Darmstadt 1972; '1988 (durchges.). * Buch 1 ; F. H . C O L S O N ( T K ) , Cambridge 1924. * Buch 3: J . A D A M Œ T Z ( T K ) , München 1966. * Buch 6, Kap. 3 (De risu): G. M O N A C O , Palermo 1967. * Buch 8: G. A. K E N N E D Y , Diss. Harvard 1954. * Buch ¡0: E . B O N N E L L ( T K ) , Berlin'1912. * W . P E T E R S O N ( T K ) , Oxford 1891, Ndr. 1967. * Buch 11, 3, 84-124: U . M A I E R - E I C H H O R N ( K ) , s. Sekundärliteratur. * Buch 12: R. G. A U S T I N ( T K ) , Oxford 1948; verb. '1965. * * Ps.-Quintilian, Declamatiottes maiores: G. L E H N E R T , Lipsiae 1905. * L. H A K A N S O N , Stutgardiae 1982. * L. A. S U S S M A N (Ü), Frankfurt 1987. * minores: C . R I T T E R , Lipsiae 1884. * Μ . W I N T E R B O T T O M ( T K ) , Berlin 1984. * D. R . S H A C K L E T O N B A I L E Y ( Τ , Index), Stutgardiae 1989. * * Lexikon: E . B O N N E L L , Lipsiae 1834 (Supplementbd. zur Ausgabe von G. L. S P A L D I N G ) . * E. Z U N D E L , Clavis Quintili anea, Quintilians Institutio oratoria aufgeschlüsselt nach rhetorischen Begriffen, Darmstadt 1989. * * Bibl.. J . A D A M Œ T Z , Quintilians Institutio oratoria, A N R W 32, 4, Berlin 1986, 2226-2271, Bibliographie 2266—2271. * L. H A K A N S O N , Die quintilianischen Deklamationen in der neueren Forschung, A N R W 32, 4, 1986, 2272-2306, Bibliographie 2301-2306. J . A D A M Œ T Z , S . Bibl. * F. A H L H E I D , Quintilian, The Preface to Book VIII and Comparable Passages in the Institutio oratoria, Amsterdam 1 9 8 3 . * Β . A P P E L , Das Bildungs- und Erziehungsideal Quintilians nach der Institutio oratoria, Diss. München 1914. * Κ. BARW I C K , Remmius Palaemon und die römische ars grammatica, Philologus Suppl. 15,2, Leipzig 1 9 2 2 . * E. B O L A F F I , La critica filosofica e letteraria in Quintiliano, Latomus 1 5 , 1 9 3 6 , 5 3 2 - 5 4 3 . * J. F. D ' A L T O N , Roman Literary Theory and Criticism, London 1 9 3 1 . * M. L. C L A R K E , Quintilian on Education, in: T. A. D O R E Y , Hg., Silver Latin II: Empire and Aftermath, London 1 9 7 5 , 9 8 - 1 1 8 . * J . C O U S I N , Etudes sur Quintilien, 2 Bde., Paris 1 9 3 6 , Ndr. (unveränd. mit Zus.) 1 9 6 7 . * J. C O U S I N , Recherches sur Quintilien. Manuscrits et éditions, Paris 1 9 7 5 . * J . D I N G E L , Scholastica materia. Untersuchungen zu den Declamationes minores und der Institutio oratoria Quintilians, Berlin 1 9 8 8 . * E. F A N T H A M , Quintilian on Performance: Traditional and Personal Elements in Institutio, Phoenix 3 6 , 1 9 8 2 , 2 4 3 - 2 6 3 . * K. H E L D M A N N , Antike Theorien über Entwicklung und Verfall der Redekunst, München 1 9 8 2 . * K. H E L D M A N N , Dekadenz und Uterarischer Fortschritt bei Quintilian und bei Tacitus, Poetica 1 2 , 1 9 8 0 , 1 - 2 3 . * J. H . H E N D E R S O N , Quintilian and the Progymnasmata, A & A 3 7 , 1 9 9 1 , 8 2 - 9 9 . * L. H A K A N S O N , Textkritische Studien zu den größeren pseudoquintilianischen Deklamationen, Lund 1 9 7 4 . * G. K E N N E D Y , Quintilian, New York 1 9 6 9 . * J . K O P P E R S C H M I D T , Quintilian De argumentis. Oder: Versuch einer argumentationstheoretischen Rekonstruktion der antiken Rhetorik, in: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch 2, 1 9 8 1 , 5 9 - 7 4 . * W. K R O L L , Rhetorik, R E Suppl. 7 , 1 9 4 0 , 1 0 3 9 - 1 1 3 8 . * F. K Ü H N E R T , Quintilians Erörterung über den Witz (inst. 6 , 3 ) , Philologus 1 0 6 , 1 9 6 2 , 2 9 - 5 9 ; 305-314. * U. M A T E R - E I C H H O R N , Die Gestikulation in Quintilians Rhetorik, Frankfurt 1 9 8 9 . * O. S E E L , Quintilian oder die Kunst des Redens und Schweigens, Stuttgart 1 9 7 7 . * F. R. V A R W I G , Der rhetorische Naturbegriffbei Quintilian. Studien zu einem Argumentationstopos in der rhetorischen Bildung der Antike, Heidelberg 1 9 7 6 . * M. W I N T E R B O T T O M , Quintilian and the vir bonus, J R S 5 4 , 1 9 6 4 , 9 0 - 9 7 . * M. W I N T E R B O T T O M , Quintilian and 1

VON ALBRECHT, R o m 3 1 7 f . , A n m . 86.

P R O S A : PLINIUS DER ALTERE

1003

Rhetoric, in: T. A. DOREY, Hg., Silver Latin II: Empire and Aftermath, London 1975, 7 9 - 9 7 . * M . WINTERBOTTOM, Problems in Quintilian, London 1970. * G. WÖHRLE, Actio. Das fünfte officium des antiken Redners, Gymnasium 97, 1990, 31-46, bes. 43-45.

PLINIUS DER Ä L T E R E Leben, Datierung C. Plinius Secundus aus Novum Comum 1 ist Transpadaner wie Catull (nat. praef. 1). Das Geburtsjahr 23/24 n. Chr. ergibt sich aus Plin. epist. 3, 5, 7. Früh kommt er nach Rom und schließt sich dem Feldherrn und Tragödiendichter P. Pomponius Secundus an, dessen Leben er später beschreiben wird. Kriegsdienst bei der Reiterei fuhrt ihn nach Germanien. Eine Zeitlang wirkt er als Anwalt (Plin. epist. 3, 5, 7). In der zweiten Hälfte der Regierungszeit Neros scheint er sich absichtlich von jeder öffentlichen Tätigkeit fernzuhalten. Später zieht ihn Vespasian täglich zu Amtsgeschäften heran (Plin. epist. 3, 5,9). Als kaiserlicher Procurator weilt er unter anderem in Spanien (Plin. epist. 3, 5, 17). Auch Gallien (nat. 2, ι $0) und Afrika (nat. 7, 36) kennt er aus eigener Anschauung. Als Befehlshaber der Flotte bei Misenum findet er bei dem Vesuvausbruch im Jahre 79 den Tod (Plin. epist. 6, 16). Sein Verhalten bei der Katastrophe zeugt von Forscherdrang, Mut und Hilfsbereitschaft. Neben seinen Amtsgeschäften ist er rastlos wissenschaftlich tätig. Er läßt sich vorlesen und ist ständig von einem Stenographen begleitet. Sein Neffe erbt eine Exzerptensammlung auf 160 beidseitig eng beschriebenen Buchrollen (Plin. epist. 3, 5, 1 7 ) .

Werkübersicht Verloren sind folgende Schriften: De iaculatione equestri; De vita Pomparli Secondi; Bellorum Germaniae libri XX2 (von Tacitus arm. ι, 69, 3 zitiert); Studiosus (drei Bûcher vom Studium der Beredsamkeit-, von Quintilian, inst. 1 1 , 3 , 1 4 3 , als pedantisch bezeichnet); Dubii sermonis libri VIII (s. Literarische Reflexion); A fine Aufidii Bassi libri XXXI (ein von seinem Neffen postum herausgegebenes stoffreiches Geschichtswerk mit nerofeindlicher und flavierfreundlicher Tendenz). Erhalten ist die Naturgeschichte in 37 Büchern. A n ihrem Anfang steht ein Widmungsbrief an Titus, den Sohn und Mitregenten Vespasians, aus der Zeit seines sechsten Consulats (77 oder 78). Werkübersicht der Naturgeschichte (nach Büchern) 1 Widmungsbrief an Titus; allgemeines Inhalts- und Quellenverzeichnis; 2 Kosmologie;

1 Suet.frg. p. 92 REIFFERSCHEID. Die wichtigsten Angaben zum Leben macht sein Neffe in epist. 3, 5; 5, 8; 6, 16 und 6, 20; R. COPONY, Fortes Fortuna iuvat. Fiktion und Realität im ersten Vesuv-Brief des jüngeren Plinius (6, 16), G B 14, 1987, 215-228. 2 Κ. SALLMANN, Der Traum des Historikers: Zu den Bella Germaniae des Plinius und zur julischclaudischen Geschichtsschreibung, A N R W 2, 32, 1, 1984, $78-601.

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LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

3-6 Geographie; 7 Anthropologie; 8-11 Zoologie; 12-19 Botanik; 20-27 medizinische Botanik; 28-32 medizinische Zoologie; 33-37 Mineralogie (und ihre Anwendung in der Kunst). Zieht man die Kosmologie mit der Geographie zusammen und die Anthropologie mit der Zoologie, so gibt sich der Gesamtaufbau als Ringkomposition aus Blöcken von viermal fünf und zweimal acht Büchern zu erkennen1: Unbelebte Materie (2-6 und 33-37); Mensch und Tier (7-11 und 28-32), Pflanzenwelt (12-19 und 20-27). Quellen, Vorbilder, Gattungen Im Unterschied zu den meisten antiken Autoren, die ihre Quellen verschweigen oder ungenau angeben, liefert Plinius im ersten Buch zu jedem der folgenden Bücher eine Autorenliste. Im Prinzip - aber nur im Prinzip — sind die Autoren in derselben Reihenfolge angeführt, wie sie im Text des Buches erscheinen. Ausnahmen sind wohl durch nachträgliche Zusätze des Verfassers bedingt. Plinius nennt weit über 400 Autoren, davon 146 römische. In der Vorrede spricht er von hundert ausgewählten Schriftstellern, die er exzerpiert habe. Vermutlich hat Plinius einen aus relativ wenigen, vorzugsweise römischen Autoren — ζ. B. Varrò - gewonnenen Grundstock laufend durch Exzerpte aus anderen Quellen ergänzt. Bei vereinfachenden Quellenhypothesen ist größte Vorsicht geboten; erklärt doch Plinius: auctorum neminem unum sequar, sed ut quemque verissimum in quaque parte arbitrabor (3, 1). Für die Kosmologie (Buch 2) kommen vor allem Poseidonios, Fabianus (auch Nigidius Figulus), Nechepso-Petosiris, Epigenes und Thrasyllos in Frage. Die Geographie (Buch 3-6) verwendet als Gerüst vielleicht die geographischen Bücher von Varros Antiquitates, ergänzt nach den censorischen Listen des Augustus {formulae) und der Weltkarte Agrippas, dessen Sorgfalt Plinius 3, 17 lobt. Eigene Erkundung ist in den Kapiteln über Germanien anzunehmen. Hinzu kommen Nepos (dessen Leichtgläubigkeit hart getadelt wird: 5, 4), Licinius Mucianus (fur Armenien), Statius Sebosus (besonders für Afrika). Griechische Quellen sind Iuba, Isidor von Charax und eine gelehrte Schrift über Inseln und ihre Umbenennungen. Für die Anthropologie (Buch 7) ist Varrò Hauptquelle, erweitert u. a. aus Exemplasammlungen und Tragus (als Vermittler für Aristoteles) sowie dem (hier im Index fehlenden) Iuba. Die Zoologie (Buch 8 - 1 1 ) stammt aus aristotelisch-theophrastischem Material bei Tragus; dazu liefert Iuba Nachrichten über afrikanische und orientalische Tiere. Notizen aus Varrò, Mucianus, Fenestella u. a. vervollständigen das Mosaik. Die Botanik (Buch 12-19) i s t a u s Theophrast und landwirtschaftlichen Schriftstellern geschöpft, besonders aus Varrò und Celsus. Berührungen mit Dioskorides deuten auf Sextius Niger hin. Einiges wissenschaftlich-botanische Material, das nicht bei Theophrast steht, geht auf unbekannte Quellen zurück. 1

F. RÖMER 1983.

P R O S A : P L I N I U S DER Ä L T E R E

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Die Medizin stammt im botanischen Teil (Buch 20-27) überwiegend aus Sextius Niger, wie die ständige Berührung mit Dioskorides zeigt, und aus Bassus. Plinius kennt auch Theoprast, Antonius Castor (bei dem er Botanik studiert hat), Celsus und andere. Varrò, der viel Material vermittelt, wird nicht immer genannt. Die medizinische Verwendung von tierischen Substanzen (Buch 28-32), eine wahre Fundgrube für antiken Aberglauben, wird vor allem nach Xenokrates, Anaxiiaos und Varrò (gelegentlich nach Verrius Flaccus) dargestellt. Die A b schnitte über das Salz als Heilmittel (31, 96-105) gehen auf eine seriöse griechische Quelle zurück. Die Mineralogie (Buch 33-37) stammt wohl aus Xenokrates, Archelaos, Iuba, Theophrast und Varrò. Unter den Quellen der kunsthistorischen Abschnitte spielt Pasiteles eine Rolle. Das Werk des Plinius ist kein Lehrbuch; man würde es heute der Gattung der Enzyklopädie zurechnen, die sich an den gebildeten Leser wendet 1 . In dieser Beziehung ist Varrò das wichtigste Vorbild des Plinius. Man hält von dem Genre gegenwärtig nicht allzuviel, fallt doch das Auftreten von Enzyklopädien oft mit dem Ende wissenschaftlich interessierter Epochen zusammen; Plinius hat freilich - auch hierin ein Nachfahr Varros - von seiner Aufgabe, wie wir sehen werden, eine hohe Meinung. Literarische Technik Die Naturgeschichte ist, wenn man Plinius glauben darf, nicht in erster Linie als sprachliches Kunstwerk konzipiert, sie will nützlich sein2. Doch ist sie weit mehr als nur ein commentarius: Der Autor denkt sehr wohl an seine Leser; in der Tat gewinnt sein Werk immer wieder nicht nur als Faktensammlung, sondern auch als Erfassung der gesamten Umwelt des Menschen in lateinischer Sprache große Bedeutung, vor allem in Mittelalter und Renaissance. Der Gesamtaufbau des Werkes ist axialsymmetrisch (s. Werkübersicht). Daß die Tiere vor den Pflanzen, die pflanzlichen Heilmittel jedoch vor den tierischen behandelt sind, ist also kein Fehler, sondern eine Folge des Grundkonzepts. Es verwundert den modernen Leser, daß in einer Naturgeschichte auf künstlerische und wissenschaftliche Tätigkeiten des Menschen so ausfuhrlich eingegangen wird. Überhaupt versucht Plinius auf Schritt und Tritt, einen Zusammenhang zwischen Natur und Menschen herzustellen. Das hat Folgen für seine schriftstellerische Eigenart: Es ist ein Grundzug seiner Uterarischen Kunst, die Aufzählung von Fakten durch eingestreute Anekdoten und Paradoxa, vor allem aber durch moralische Betrachtungen zu beleben3, die dem Leser die Möglichkeit bieten, die

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N . P. H O W E 1 9 8 5 .

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G . A . SEECK 1 9 8 5 .

3 A . LOCHER, T h e Structure o f Pliny the Elder's Natural History, in: R. FRENCH, F. GREENAWAY, H g . , 1986, 20-29.

ιοο6

L I T E R A T U R DER F R Ü H E N

KAISERZEIT

behandelten Gegenstände nicht nur rational zu erfassen, sondern zu ihnen innerlich Stellung zu beziehen. Dabei beweist der Autor didaktische Fähigkeiten. Vor allem die Bucheingänge werden sorgfältig gestaltet. Das Vorwort zum Gesamtwerk ist ein Brief an Titus. Die Epistel ist, wie zu erwarten, mit Fakten und Zitaten vollgestopft, aber alles andere als geist- und planlos. Sie vermittelt von dem Schriftsteller Plinius ein bezeichnendes Bild. Rhetorisch geschickt wertet er zunächst sein Werk ab und den Adressaten auf, dessen Glanz dann seinerseits der Naturalis historia Weihe verleiht 1 . Plinius ist - auch als Naturschriftsteller - Römer und Moralist. Zugleich strebt er danach, seine Leser zu verblüffen, und hat seine Freude an paradoxen Feststellungen. A l s echter Romane will er nicht nur belehren, sondern auch gefallen. Trotzdem gibt es in der Naturgeschichte große Stildifferenzen: von der trockenen Aufzählung bis zur leidenschaftlichen Diatribe. S p r a c h e u n d Stil Die Sprache 2 des Plinius enthält viele fremde - meist griechische - Fachausdrücke. Er entschuldigt sich bei seinen Lesern dafür ebenso wie fur die Behandlung bestimmter Stoffe, die alles andere als erhaben sind (quarundam rerum humilitas 14, 7; aut rusticis uocabulis aut extemis, nat. praef. 13). Streben nach gedrängtem Ausdruck fuhrt z. B . zur Ellipse v o n Wörtern, zur Substantivierung adjektivischer Neutra und zum freien Gebrauch v o n Partizipialkonstruktionen. Trockene Register wechseln mit rhetorisch geschmückter Darstellung. Hier findet man die Merkmale silberner Latinität: Antithesen, Ausrufe, artifizielle Wortstellung. Zweifellos schreiben Columella und Celsus klassischeres und flüssigeres Latein; dennoch bleibt die sprachliche Bewältigung des gesamten damaligen naturwissenschaftlichen Wissens eine Leistung. Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Plinius erklärt zwar, er schreibe fur das humile vulgus, Bauern, Handwerker und studiorum otiosi (nat. praef. 6), doch steht dies im Zusammenhang mit einer Schmeichelei an Titus. Er nennt die Naturalis historia Bücher levions operae (nat. praef. 12), da sie dem ingenium keinen Raum bieten und keine rhetorische Ausschmückung zulassen, vielmehr bäurische und barbarische Wörter erfordern. Er zitiert den Wunsch des Lucilius, nicht v o n den Allergelehrtesten gelesen zu werden (nat. praef. 7). All dies sind Bescheidenheitsformeln. Plinius betreibt ein »Versteckspiel zwischen Fachwissenschaft und Literatur« 3 . Im Grunde will er ein anspruchsvolles 1

T h . KÖVES-ZULAUP, D i e Vorrede der plinianischen Naturgeschichte, W S 86, N F 7, 1973, 134-184.

2

P . V . C O V A , R . G A Z I C H , G . E . M A N Z O N I , G . M E L Z A N I , S t u d i s u l l a l i n g u a d i P l i n i o il V e c c h i o ,

Milano 1986; P. V . COVA, La lingua di Plinio il Vecchio. Studi e problemi, BStudLat 16, 1986, 47-54. 3

G . A . SEECK 1 9 8 5 , 4 3 1 .

P R O S A : PLINIUS DER ÄLTERE

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Werk verfassen: Als erster unternimmt er es, in lateinischer Sprache die ganze Natur und den Menschen zu beschreiben. Daß er damit einem großen Publikum nützen und dem öffentlichen Wohl dienen will, wird man ihm glauben dürfen. Die Form ist leserfreundlich: Von der Aufgabe, Prosa zu schreiben, hat er eine hohe Meinung; als Römer schätzt er diese Gattung im Grunde höher ein als die Poesie1. In den verlorenen acht Büchern Dubii sermonis erkennt Plinius (wie einst Varrò) neben der Analogie die Bedeutung des lebendigen Sprachgebrauchs; im Unterschied zu dem Klassizisten Remmius Palaemon zitiert er auch altlateinische Autoren. Er denkt sogar - was sonst selten geschieht - über sprachlichen Wohlklang nach. Gedankenwelt II In einem Exkurs über Gottheit und Vorsehung (2, 14-27) lehnt Plinius den Polytheismus ab und versteht Gott als zwischenmenschliches Geschehen, ja beinahe als Funktionsbegriff: Deus est mortati iuvare mortalem et haec ad aetemam gloriarti via (2, 18)2. So beschreibt Plinius die altrömische Haltung, so begründet er die Kaiserapotheose. Daneben steht unvermittelt das epikureische Dogma, die Götter kümmerten sich nicht um sterbliche Dinge (2, 20), eine Behauptung, die später - nach einem Exkurs über den Glauben an Fortuna und Fatum - wieder aufgehoben wird (2, 26). Schließlich erscheint Gott als naturaepotentia (2, 27). Wie eine Gottheit wird die parens rerum omnium natura denn auch angeredet und gegrüßt (37, 205). Sie spielt die Rolle der Vorsehung (15, 7; 9, 20; 22, i6f.); die Sicht ist anthropozentrisch: Sympathie und Antipathie sind in der Natur um der Menschen willen da (20, 1). Die Gleichsetzung von Welt, Natur und Gott (2 pr.) ist stoisch. Plinius deutet auch die stoische Lehre vom Weltbrand an (7, 73). Gleich den Anhängern jener Schule bejaht er den Selbstmord (2, 27; 156; 28, 9). Die Ausführungen über die Kleinheit der Erde (2, 174) mit der Schelte der menschlichen Eitelkeit gehen wohl letztlich auf Poseidonios zurück. Stoisch ist auch, daß Plinius aus der theoretischen Überwindung des Polytheismus keine Konsequenzen zieht; Mythos, Volks- und Staatsreligion werden nicht angetastet. Anderes entfernt sich vom stoischen Optimismus: Ist die Natur nicht doch nur eine Stiefmutter (vgl. 7, 1)? Das Los des Menschen ist beklagenswert (25, 23); durch Naturerkenntnis kann er es verbessern. Der Kulturfortschritt ist vom Übel, weil er eine Abwendung von der Natur bedeutet (33, 3; 36, 3). An unzähligen Stellen zeigt sich Plinius als altrömisch empfindender Moralist, der den Sittenverfall geißelt und die alte Zeit verherrlicht. Solche an die Satire erinnernden N . P. HOWE 198$. V g l . auch nat. praef. 3 (an Titus): Nec quicquam in te mutavit fortunae amplitude*, nisi ut prodesse tantundem posses et velles. D e n Wunsch, nützlich zu sein, erklärt Plinius auch für die Triebfeder seiner Schriftstellerei (praef. 16). 1

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LITERATUR DER FRÜHEN

KAISERZEIT

Predigten sind von der kynisierenden Popularphilosophie abhängig. Manchmal freilich findet Plinius geradezu prophetische Töne: Er geht soweit, den Krieg zu verdammen (34, 138), gewiß kein altrömischer Gedanke. U n d er bedauert, daß unter der pax Romana die Wissenschaft verfallt (2, 1 1 7 f . ; 14, 1 - 6 ) . Trotzdem bezeichnet er astronomische Forschung als furor (2, 3; vgl. 87). Im Unterschied zu Seneca, der im V o r w o r t der Naturales quaestiones die reine Erkenntnis lobt, ist Plinius kein Philosoph. Als Mensch seiner Zeit überschätzt er Buchwissen und Autoritäten. Auch was ihm unglaublich scheint, meint er weiter überliefern zu müssen, weil es überliefert ist (2, 85; 30, 137). Bei ihm gehen denn auch rational-mathematische und astrologisch-mystische Auffassung des Kosmos durcheinander. Immerhin verdanken w i r ihm Reste der >heliodynamischen< (wohl chaldäischen) Lehre: Die Sonne beeinflußt die B e w e g u n g der Planeten; diese wirken aufeinander ein (auch in ihren Farben); sie erzeugen Winde, während Kometen Blitze senden. Es gibt 72 Sternbilder 1 . Ein grundsätzlicher Unterschied zur modernen Naturwissenschaft ist, daß Plinius die Natur nicht um ihrer selbst willen, sondern stets in ihrer Bezogenheit auf den Menschen und das praktische Leben betrachtet. Überlieferung Die etwa 200 Handschriften verteilen sich auf zwei Gruppen: Unter den sog. vetustiores ragen der codex Moneus rescriptus (s. V: nat. 1 1 , 6-1 j , 77 mit Lücken), der Leidensis Vossianus fol. η. 4 (s. IX: nat. 2, 196 - 6, 51 mit Lücken) und der Bambergensis (s. IX: nat. 32-37) hervor. Der Text der vetustiores ist auch in spätantiken Fragmenten (s. V/VI), in mittelalterlichen Exzerpten (ζ. B. im Parisinus Salmasianus 10318, um 800) und in Form von Korrekturen und Zusätzen in Handschriften der anderen Klasse erhalten2. Die sog. recentiores gehen auf einen Archetypus zurück; dort war mitten in 2, 187 der Abschnitt 4, 6 7 - 5 , 34 eingeschoben. Hauptvertreter dieser Gruppe ist eine heute als recht alt erkannte Handschrift, deren Teile über drei Länder verstreut sind: Vaticanus 3861, Parisinus 6796, Leidensis Vossianus fol. η. 61. Viele Codices stammen von dem Parisinus 6795 ab (s. IX/X). Die sog. recefiííor«-Überlieferung ist zwar älter, als man ehedem glaubte, aber nicht besser3.

1

Die >plinianische< Astronomie erlebt in Mitteleuropa eine Nachblüte: B. S. EASTWOOD, Plinian

A s t r o n o m y in the M i d d l e A g e s and Renaissance, in: R . FRENCH, F. GREENAWAY, H g . , 1986, 1 9 7 - 2 5 1 . 2

B.J. CAMPBELL, TWO Manuscripts of the Elder Pliny, AJPh 57, 1936, 113-123 (zum Cheltenhamensis). 3 J. DESANCES, Le manuscrit (CH) et la classe des >recentiores< de l'Histoire Naturelle de Pline l'Ancien, Latomus 2$, 1966, 508-J2J; J. DESANGES, Note complémentaire sur trois manuscrits >recentiores< de l'Histoire Naturelle de Pline l'Ancien, ebd. 895-899; H. WALTER, Studien zur Handschriftengeschichte der Naturalis historia des Alteren Plinius. Ein Erfahrungsbericht, in: Forschungsbericht der Universität M a n n h e i m 1 9 7 8 - 1 9 8 2 , M a n n h e i m 1 9 8 3 , 2 2 7 - 2 3 9 ; L . D . REYNOLDS, Texts and Transmission, O x f o r d

1983, 307-316 (überzeugend); G. BALLAIRA, Plinio il Vecchio, in: Dizionario degli Scrittori Greci e

Latini 1988, 1 7 0 9 - 1 7 2 6 , bes. 1 7 2 4 .

P R O S A : P L I N I U S DER

Fortwirken

ÄLTERE

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1

Als Historiker hat Plinius auf Tacitus, als Rhetor auf Quintilian eingewirkt. Kaum zu ermessen ist die Ausstrahlung der Naturgeschichte; Gellius, Apuleius und Tcrtullian sind die ersten Zeugen. Gargilius Martialis (3. Jh.) und C. Iulius Solinus (Collectanea rerum memorabilium, Mitte 3. Jh.) exzerpieren Plinius; auf ihn stützen sich im 4. Jh. die sog. Medicina Plinti und der versifizierte Liber medicinalis des Q. Serenus. Martianus Capella und Isidor lernen von unserem Autor. Zu Beginn des 8. Jh. besitzt Beda eine gute Pliniushandschrift; aus Plinius und Vergil schöpft er seine klassische Bildung. In einem angelsächsischen Kloster entsteht ein astronomisch-komputistisches Sammelwerk mit Auszügen aus Plinius (>northumbrische Enzyklopädierecht< oder >unrecht< hatte; weniger fragte man nach der historischen Stellung des Autors in seiner Zeit und nach seinen literarischen Methoden. Für die Literaturwissenschaft fruchtbarer war die Frage: Wie zitiert und wie versteht der betreffende christliche Autor die Bibel? Dieser Ansatz verbindet Theologie und Philologie: Die Rekonstruktion der verwendeten alten lateinischen Bibelübersetzungen ist eine philologische Aufgabe; die auslegungsgeschichtliche Aufarbeitung verbindet Philologie und Theologie. Das aus solchen Fragestellungen erwachsene Werk Vetus Latina ist ein unschätzbares Hilfsmittel zur Geschichte der Interpretation. Die Literaturgeschichte stellt an die patristischen Texte Fragen, die nicht weniger dringend sind. Für wen schreiben jene Autoren? Mit welchen Vorkenntnissen und Vorurteilen müssen sie rechnen? Bald sprechen die Verfasser kirchliche, bald heidnische, bald häretische, bald jüdische Leser an. Wie beeinflußt das jeweilige Publikum Form und Inhalt der Werke? Welche neuen Literaturgattungen entstehen, welche alten erhalten einen neuen Sinn? Wie prägen sich etwaige >Zeitstile< in der Literatur aus? Gibt es Grundvorstellungen, welche Christen und 1

SCHANZ-HOSIUS, L G , Bd. 3, S. V .

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Heiden miteinander verbinden, und wie werden sie von den Autoren ausgewertet? Erinnert sei etwa an den Monotheismus der Philosophen oder an rhetorische und hermeneutische Denkstrukturen. Und - ein Kernproblem - wie nehmen jene Schriftsteller auf Heidnisches Bezug? Wie spiegelt sich Roms klassische Literatur in ihrem Bewußtsein? Wie wird sie verwandelt? Welche Seiten des Römertums kommen in der betrachteten Periode durch die Begegnung mit der christlichjüdischen Tradition vielleicht sogar stärker als bisher zur Geltung? HISTORISCHER RAHMEN Die letzte von uns zu betrachtende Epoche der lateinischen Literatur gliedert sich in zwei Großteile: die Zeit von Hadrian (117) bis Diokletian (305) und von Constantin bis Iustinian (56$). Die Einteilung ist kirchengeschichtlich sinnvoll: vor bzw. nach dem Sieg des Christentums. Auch allgemein historisch ist sie zweckmäßig: In der zweiten Hälfte fuhrt die Völkerwanderung zum Untergang des Westreiches, während sich das Ostreich von Byzanz aus konsolidiert. So kann man die erste Hälfte des betrachteten Zeitraums die mittlere Kaiserzeit, die zweite die spätrömische oder frühbyzantinische Zeit nennen. Zwischen dem 2. und 4. Jh. liegt eine Krise, die sich an Schwere mit derjenigen der Bürgerkriege durchaus messen kann: die Katastrophe des 3.Jh. Während freilich die Bürgerkriege die lateinische Literatur nicht lähmen konnten, bringt die Not des 3.Jh. sie beinahe zum Erliegen. Literarhistorisch ergibt sich ein Einschnitt. Dies gilt nicht nur äußerlich. Das Antlitz der vorausgehenden und nachfolgenden Epoche - des 2. bzw. des 4. Jh. - ist jeweils von einer Wende geprägt, einer geistigen Revolution von oben: Zu Beginn des 2. Jh. wird die stoische Philosophie - die bisher in der Opposition war - von den Kaisern anerkannt und zunehmend übernommen'. A m Anfang des 4. Jh. geschieht Entsprechendes mit dem neuplatonisch geprägten Christentum. Die Veränderung der geistigen Grundlagen hat jeweils einschneidende Folgen für die Entwicklung der lateinischen Literatur. Die Epoche von Hadrian bis Constantin ist die Abenddämmerung einer alten und das Morgenrot einer neuen Zeit. Kaiser Hadrian (117-138) vollzieht in der Außenpolitik die endgültige Wende von der Expansion zur Begrenzung. Entsprechend wandelt sich die Architektur: Es beginnt das Zeitalter der großen Grenzbefestigungen. Auch geistig gilt es, ein großes Erbe zu verwalten: Man baut Bibliotheken, gründet Hochschulen, wendet sich im >Archaismus< liebevoll der Vergangenheit zu. Innenpolitisch entspannt sich mit dem Adoptivkaisertum das Verhältnis zwischen Kaiser und Senat. Die Herrscher, die durch Weisheit und zunehmend 1 In der zweiten Hälfte des 2. Jh. k o m m t außerdem mit Sextas Empiricus die Skepsis, mit Apuleius der Piatonismus zu Wort, eine Lehre, die zu Beginn des Jahrhunderts schon von Plutarch vertreten worden war.

HISTORISCHER RAHMEN

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philosophische Haltung der sogenannten stoischen Senatsopposition den Wind aus den Segeln nehmen, werden als Principes nun auch von der Aristokratie voll akzeptiert; der Senat hat sich in seiner Zusammensetzung stark verändert und neue Ideale der Anpassung entwickelt. Jetzt entfallt in der lateinischen Literatur ein Movens fur senatorische Geschichtsschreibung; an ihre Stelle tritt die Kaiserbiographie. Die große literarische Einöde des 3. Jh. - zwischen 235 und 284 kennen wir kaum heidnische lateinische Literatur - ist eine Folge der allgemeinen Unsicherheit unter den Soldatenkaisern. Mit Maximinus (23 s) wird ein Thraker, der sich emporgedient hat, römischer Kaiser. Das nun folgende halbe Jahrhundert der Wirren sieht 26 römische Kaiser, von denen nur einer eines natürlichen Todes stirbt. Wahrend Roms äußere Feinde Mut schöpfen - Sachsen, Franken, Alemannen, Markomannen, Goten, Sassaniden bedrängen das Reich - , streiten sich Illyrer und Orientalen um den Thron. Die Herkunft der Kaiser spiegelt nur die veränderte Zusammensetzung des Heeres. Italiker und gebildete Provinzbürger sind dem Militärdienst entfremdet. Seit Hadrian werden die Truppen aus den Kreisen der Landarbeiter in den Provinzen aufgestellt; dort entstehen Dauerlager, und das Kriegshandwerk wird erblich. Die Soldaten, Vertreter der kulturell tiefstehenden Landbevölkerung aus den Grenzgebieten, werden seit Septimius Severus in ihrem Argwohn gegenüber den Städtern bestärkt und plündern feindliche und römische Siedlungen ohne Unterschied; gebildete Offiziere werden selten. Der Aufstieg von Soldaten in Beamtenstellungen fuhrt - wenn auch in begrenztem Umfang - zu einer Barbarisierung der höheren Stände. Immer drückender ist die Besteuerung; unter ihr leiden zunächst Pächter und Kleinbauern; Steuerflucht ist eine alltägliche Erscheinung und fuhrt zum Mangel an Arbeitskräften und zum Brachliegen wertvollen Landes. Die Gegenmaßnahmen - Münzverschlechterung und Zwangswirtschaft bis hin zur Fesselung der Bauernschaft an die Scholle - erschüttern das Vertrauen der Bürger zum Staat. Unter anderem infolge der Schuldenlast entwickeln sich private Grundherrschaften auf Kosten des Kleingrundbesitzes und auch der Staatsdomänen, denn der verschuldeten Landbevölkerung bleibt vielfach nichts anderes übrig, als sich in den >Schutz< eines Grundherrn zu begeben. Doch noch mehr: Das Fundament der antiken Kultur, die Polis, wird geschwächt. Die Triebfeder ihrer wirtschaftlichen Blüte erlahmt; denn der erfreuliche Ehrgeiz der Bürger wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft: Stadträte (decuriones) müssen für unbezahlte Steuern ihres Bezirks persönlich haften. Die Folge ist, daß gerade die Tüchtigsten ihr Einkommen künstlich niedrig halten, um nicht Stadtrat zu werden. Das Prinzip, begüterte Bürger zu Ehrenämtern zu zwingen, die sie wegen der öffentlichen Verpflichtungen um ihr Vermögen bringen, lähmt den Unternehmergeist: Es lohnt sich nicht mehr, sich anzustrengen1. Die volkswirtschaftlichen Folgen bleiben nicht aus: 1

Mit dem städtischen Bürgersinn verfällt das private Mäzenatentum.

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

Gewerbe und Handel gehen zurück. A r m und reich, Stadt und Land sinken in den Ruin. Der wirtschaftliche Niedergang trifft die sich rascher entvölkernde westliche Reichshälfte besonders schwer. Italien, dessen Wirtschaft die Römer nie auf eine gesunde Grundlage zu stellen vermochten, verfallt, da es seine Privilegien einbüßt, die ihm bisher ein Scheinleben ermöglichten; es rächt sich, daß die Römer stets nur nach Vermehrung ihrer Hilfsquellen gesucht hatten, statt das Vorhandene auszunützen. Die einschneidenden Reformen Diokletians ziehen die Konsequenzen aus der Lage: Das Zentrum des Reiches wird nach Osten verlagert, es herrscht Zwangswirtschaft, Italien wird gleichgeschaltet. Constantin gründet im Osten die nach ihm benannte Hauptstadt mit einem neuen Senat, der 339 dem römischen gleichgestellt wird und ihn bald überflügelt. Derselbe Kaiser vermehrt die Zahl und das Ansehen der Senatoren. Seit Diokletian und Constantin lebt die lateinische Literatur wieder auf. Die letzte Phase des von uns noch betrachteten Zeitraums steht im Zeichen der politischen Trennung der beiden Reichshälften und der Ansiedlung der Germanen im Westen. Die Westgoten erobern R o m (410) und lassen sich in Italien und Spanien nieder, die Vandalen ziehen durch Spanien nach Nordafrika, Sardinien und Korsika. Im Jahr 455 plündern sie Rom. Besonders reiches literarisches Leben entfaltet sich im Ausgang des Altertums in Gallien. Mit Boethius und Cassiodor, die in Italien am Hofe Theoderichs wirken, ist der Endpunkt unserer Wanderung durch die römische Literatur erreicht. E N T S T E H U N G S B E D I N G U N G E N DER LITERATUR Kulturlandschaften. Seit dem 2. Jh. sinkt die Bedeutung der Stadt Rom als Machtzentrum; die Kaiser sind immer öfter gezwungen, ihr Leben an den gefährdeten Reichsgrenzen zuzubringen, und sind zunehmend von der Truppe abhängig. Schon unter Marc Aurel (161-180) beginnen schwere Barbaren-Einfalle in Norditalien; die kaiserliche Gemmensammlung wird verkauft, um die Kriege gegen die Markomannen zu finanzieren. Septimius Severus gibt seinen Söhnen - außer einer Mahnung zur Einigkeit - nur den Rat mit, die Soldaten zu bereichern. Nach der Mitte des dritten Jahrhunderts strömen Germanen im Westen über den Limes, im Osten bis nach Athen (267), Dakien geht verloren; die seit den zwanziger Jahren neuerstarkten Perser erobern Antiochia (256) und nehmen Kaiser Valerian gefangen (wohl schon 259). Unter Aurelian (270-275) wird es für notwendig erachtet, Rom mit einer gewaltigen Stadtmauer zu schützen. Die Herkunft der Kaiser spiegelt die wachsende Bedeutung der Provinzen und der dort in den Städten ansässigen Grundbesitzer. Nach Spanien, das im zweiten Jahrhundert eine Anzahl vorbildlicher Herrscher stellt, kommt mit Septimius Severus ( 1 9 3 - 2 1 1 ) Afrika an die Reihe, ein Gebiet, das längst romanisiert ist und nun seiner wirtschaftlichen Kraft entsprechend an Einfluß gewinnt. Afrika, eine

ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN

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Hochburg des Lateins, hat schon im 2. Jh. spätestens mit Fronto und Apuleius auch literarisch einen neuen Führungsanspruch angemeldet, den eine Reihe großer Autoren von Tertullian bis Augustinus erfüllen werden. So erheben nun die Provinzen unüberhörbar ihre Stimme; unter Caracalla erhalten alle freien Bewohner des Reiches das römische Bürgerrecht (212). Dieser Schritt offenbart die ökonomische Schwäche Italiens, das, jahrhundertelang gewohnt, alles Wertvolle der Welt an sich zu ziehen, nie gelernt hat, auf eigenen Füßen zu stehen. Alte und neue geistige Zentren erheben ihr Haupt: Im Westen ist Karthago zu nennen - dort macht Apuleius Karriere, wohl der erste große Lateiner, der nicht mehr auf Rom als Forum angewiesen ist. Während die Provinzen aufsteigen und sich zu eigenen Kulturlandschaften zu verselbständigen beginnen, verblaßt die Hauptstadt der Welt - langsam, aber unaufhaltsam - zu einem Museum ihrer großen Vergangenheit. Mit der Zeit bröckeln auch die wirtschaftlichen Privilegien Italiens ab, bis es schließlich von Diokletian wie alle anderen Gebiete in Provinzen unterteilt wird. Herrscher halten Rom noch in Ehren und verschönern es weiterhin, aber es ist nicht mehr das Zentrum weltgeschichtlicher Entscheidungen. In der spätesten Phase der Antike werden einzelne Provinzen jeweils ein ziemlich selbständiges Uterarisches Leben entfalten. Italien. Die alte Hauptstadt gewinnt neuen Glanz durch den Aufstieg ihrer Bischöfe und den Patriotismus ihrer Senatoren. In Rom erhält Hieronymus den epochemachenden Auftrag, die neue lateinische Bibel zu schaffen. Im Gedanken an Rom dichtet Rurilius Namatianus sein Gedicht De reditu. Rom bleibt auch ein wichtiges Zentrum fur die Bewahrung des klassischen Erbes: Die Senatsaristokratie setzt sich hierfür ein. Sie bildet auch das Publikum für aus den östlichen Provinzen kommende Autoren wie Claudian und Ammianus Marcellinus. Eine fuhrende Gestalt des traditionsbewußten Senats ist Symmachus. Daß er von dem Mailänder Bischof Ambrosius überwunden wird, zeugt von der Verschiebung der Gewichte: Nicht nur gewinnt das Christentum die Oberhand über das Heidentum, sondern auch der geistig und wirtschaftlich rege Norden Italiens über die Mitte. Schon seit Ende des 3.Jh. ist Mailand kaiserliche Residenz. Das 5. Jh. mit seinen Barbareneinfallen läßt die Literatur in Italien verstummen2. Anfang des 6. Jh. leuchtet an Theoderichs Hofe das Zweigestirn Boethius und Cassiodor auf: Jener wird zu einer Säule der mittelalterlichen Philosophie, dieser der Schule. Mit Ravenna steht auch der maßgebliche Grammatiker Priscian in Verbindung, der in Byzanz wirkt. Diakon in Mailand (später Bischof von Pavia) ist der aus Arles stammende Ennodius3 (f52i), der Antikes und Christliches, Prosa und Poesie mit der Virtuosität des gallischen Rhetors mischt. Interessanter 1 2 5

Sueton ist vermutlich auch schon Afrikaner. In Noricum entsteht gegen Ende des Jh. die Vita Severini des Eugippius. Ausgabe: F.VOGEL, M G H A A 7, Berolini 1885; Bibl. : J . FONTAINE, R A C h r 5, 1962, 3 9 8 - 4 2 1 .

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als die Gedichtchen und Briefchen im Stil von Symmachus oder Sidonius sind seine Biographie des Bischofs Epiphanius von Pavia und sein Panegyricus auf Theoderich. Afrika. Afrika, eine ökonomisch und kulturell blühende Provinz, spielt vor allem im 2. und 3. Jh. eine geistig und bald auch politisch führende Rolle. Es stellt gegen Ende des 2. Jh. die Dynastie der Severer. Hier wird Latein als Muttersprache gepflegt und - lange Zeit kaum weniger intensiv - das Griechische: Man sieht dies an der Zweisprachigkeit von Apuleius und Tertullian. Afrika schickt tüchtige Anwälte nach Rom. Viele der bedeutendsten lateinischen Kirchenschriftsteller stammen aus diesem Gebiet: Tertullian, Minucius, Cyprian, Arnobius, Laktanz, Augustin. Weltliche Autoren von kaum geringerem Einfluß sind Apuleius und Marti anus Capeila. Noch unter den Vandalen tauchen hier poetische Talente auf, die sich in lateinischen Epigrammen über die neuen Herren mokieren. Spanien. Früher als Afrika entfaltet sich Spanien: Im ersten Jh. schenkt es der Ewigen Stadt große Autoren, zu Beginn des zweiten vorzügliche Kaiser. Dann scheint es sich lange auf seinen Lorbeeren auszuruhen1. Erst gegen 400 kehrt es mit Kaiser Theodosius und dem großen christlichen Dichter Prudentius auf die Weltbühne zurück. Auch hier bringt die Germanenherrschaft eine Nachblüte, wenn auch erst nach dem Übertritt der arianischen Westgoten zur katholischen Kirche (586). In Toledo, Saragossa und Sevilla versuchen Bischöfe, den Verfall der Bildung aufzuhalten und schreiben Abhandlungen über Philosophie, Grammatik und Geschichte. Der bedeutendste von ihnen ist Isidor von Sevilla2 (tum 640), Verfasser theologischer und historischer Werke. Als einer der größten Kompilatoren zeigt er sich in seinem materialreichen Sachwörterbuch (Originum sive etymologiarum libri XX). Es ist nicht aus erster Hand geschöpft, bewahrt aber unersetzliche Informationen zu Sprache, Literatur und Kultur der Römer und behält dadurch auch über das Mittelalter hinaus seine Bedeutung. 1

£ . NORDEN, L G 127 macht fur die geistige Stagnation (zu seiner Zeit mutig) die fehlende Rassenmischung in diesem rein römischen Kolonialgebiet und den geringen Kontakt mit dem griechischen Orient verantwortlich. 2 Ausgaben: F. AREVAIO, 7 Bde., Romae 1797-1803 (= PL 81-84); epist.: G. B . FORD ( 0 ) , Amsterdam '1970; etym: W. M . LINDSAY, 2 Bde., O x f o r d 1 9 1 1 , Ndr. 1985; etyrn. Buch 2: P. K. MARSHALL (TK), Paris 1983; etym. Buch 9: M . REYDELLET ( T Ü K ) , Paris 1984; etym. Buch 12: J. ANDRÍ ( T Ü K ) , Paris 1 9 8 6 ; Goth.:

T h . MOMMSEN, M G H A A

I I , 2 , 2 6 7 - 2 9 $ ; G . DONINI, G . B . FORD ( O ) , L e i d e n 1 9 7 0 ;

nal.:

]. FONTAINE (T, Index verborum), Bordeaux i960; art. et obit.: C . CHAPARRO GÓMEZ (TO), Paris 1985; Bibl.: ALTANER* 494-497; Lit.: J. FONTAINE, Isidore de Seville et la culture classique dans l'Espagne wisigothique, 2 Bde., Paris 1959; J . FONTAINE, VChr 14, i960, 6 s - i o i ; Isidoriana, Colección de estudios sobre San Isidro de Sevilla en el 14 centenario de su nacimiento, Sevilla 1961; H.-J. DIESNER, Isidor von Sevilla und seine Zeit, Berlin 1973; H.-J. DIESNER, Isidor von Sevilla und das westgotische Spanien, Trier 1978 (= Berlin 1977); K. N . MACFARLANE, Isidore of Seville on the Pagan Gods (orig. 8, 11), Philadelphia 1980; M. MARTINA, Isidoro de poetis (orig. 8, 7), C C C 4, 1983, 299-322; C . CORDOÑER, La >etimología< en Isidoro de Sevilla, in: Symbolae L. MITXELENA septuagenario oblatae, hg. J . L. MELENA, Gasteiz 1985, 27J-286; U . SCHINDEL, Zur frühen Oberlieferungsgeschichte der Etymologiae Isidors von Sevilla, StudMed, ser. 3, 29, 2, 1988, 587-605.

ENTSTEHUNGSBEDINGUNGEN

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Gallien. Eine Hochburg des kulturellen Lebens der Spätantike ist Gallien, das von Lyon aus romanisiert wurde. Geistige Zentren sind die Schulen in Marseille, Arles, Nîmes, Toulouse, Narbonne, Vienne, Poitiers und vor allem Bordeaux, die Heimat des vielseitigen, aber etwas oberflächlichen Dichters Ausonius. Man ist in Gallien stolz auf das kulturelle Niveau und läßt es sich etwas kosten: In unserem Rednerkapitel erwähnen wir die hochherzige Stiftung eines Rhetors fur den Wiederaufbau seiner Schule (298 n. Chr.). Anfang des 4. Jh. wird Trier als Kaiserstadt zu einem zweiten Rom. Neben Schule und Kaiserhof steht als Träger der Literatur der grundbesitzende Adel, der auch vielfach die Bischöfe stellt: so einen Weltmann wie Sidonius (f um 486) und den Poeten Alcimus Avitus (f 518). Das Christentum, das in Südfrankreich griechisch geprägt ist, trägt dazu bei, daß in dieser Provinz die Griechischkenntnisse etwas länger erhalten bleiben als in Afrika. Aus dem Kloster von Lerinum (um 410 von dem vornehmen Aristokraten Honoratus gegründet) kommen zahlreiche Autoren: Hilarius von Arles (f 410), Vincentius von Lerinum (f vor 450), Eucherius von Lyon (fum 450), Salvian (f um 480), Faustus von Riez f f um 490). Caesarius von Arles1 steht mit seinem bewußten Streben nach einem volkstümlichen Predigtstil im aristokratischen Gallien eher isoliert da. Aus Aquitanien stammt Sulpicius Severus2, der Verfasser der berühmten Martinsvita. Seine 403 verfaßte Chronik zeichnet sich durch sachliche Zuverlässigkeit und klare Sprache aus (s. unten S. I097f.). Im $.Jh. verlieren die Römer Gallien. Germanen und Hunnen besorgen ein gründliches Zerstörungswerk. In der Geborgenheit der Kloster- und Bischofsschulen, bald auch an den Hofschulen der Merovinger, blüht freilich eine kultivierte christliche Literatur. Hier läßt sich Sidonius Apollinaris (fum 486; unten S. io44f.) durch seine Bischofstiara nicht hindern, die literarischen Spielereien des Ausonius fortzusetzen. Man darf indessen vermuten, daß hinter diesen inhaltsarmen Produkten die gute pädagogische Absicht steht, das Gefühl für Form und Stil zu schulen - fur den antiken Menschen weit mehr als eine Äußerlichkeit. Bedeutender ist Venantius Fortunatus (f um 600 in Poitiers; unten S. 1045), ein aus Italien stammender Dichter, der letzte Meister der antiken lateinischen Poesie und ein früher Hymnendichter der Kirche. Die Prosa ist eindrucksvoll durch Salvian von Marseille vertreten, dessen Schrift De gubematione Dei (zwischen 429 und 451) in bester antiker Tradition den Erben 1

Ausgaben: G. MOWN, Maredsous 1937; C . LAMBOT, 2 Bde., Turnholti 1953 (= C C 103-104).

2

Ausgaben:

C . HALM, C S E L I , 1866; Bibl.:

AITANER 2 3 1 ; Lit.:

NORDEN, K u n s t p r o s a 2 ,

$83;

A. KAPPELMACHER, R E 2, 4, ι , 1931, 863-871; P. HYLTÉN, Studien zu Sulpicius Severus, Lund 1940; N . K . CHADWICK, Poetry and Letters in Early Christian Gaul, London 1955, 8 9 - 1 2 1 ; G. K . VAN ANDEL, Sulpicius Severus and Origenism, VChr 34, 1980, 278-287; G . AUGELLO, La tradizione manoscritta ed editoriale delle opere martiniane di Sulpicio Severo, Orpheus N S 4, 1983, 413-426.

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KAISERZEIT

des Römerreiches die ihnen sittlich überlegenen Barbaren gegenüberstellt. Claudianus Mamertus (f um 474), ein mit Sidonius befreundeter Rhetor, schreibt als Presbyter in Vienne De statu animae, das einflußreichste philosophische Werk zwischen Augustin und Boethius. Er verteidigt gegen Faustus von Riez das nichträumliche, quantitativ nicht faßbare Wesen der Seele. Sein Neuplatonismus beeinflußt das Mittelalter und noch Descartes. In einem Brief an den Rhetor Sapaudus tritt Mamertus dem Bildungsverfall entgegen und ruft zu klassischen Studien auf. Die unaufhaltsame Entwicklung der Sprache zum Romanischen hin dokumentiert andererseits das Kochbuch des Anthimus (um 520). Den Verfall der Metrik kann man an den Versen König Chilperichs (f 584) studieren. In seiner historisch wertvollen Frankengeschichte kokettiert der Bischof Gregor von Tours ( t 593) noch mit dem Unvermögen, bei Substantiven Maskulin und Neutrum zu unterscheiden und die Präpositionen mit den richtigen Kasus zu verbinden; sein Fortsetzer - man kennt ihn als Fredegar - steht in dieser Beziehung bereits jenseits von Gut und Böse. Irland und England. Irland und England werden zu Zukunftsträgern: Die folgenreiche Mission der irischen und angelsächsischen Mönche und die karolingische Renaissance hegen außerhalb der Grenzen unserer Betrachtung. Mäzenatentum. Das Hinschwinden der römischen Literatur seit Hadrian beruht nicht unbedingt auf einem Versiegen der Schöpferkraft. Die Ursachen sind vielfaltig. Personen, Institutionen und Gesellschaftsschichten, die das Entstehen von Literatur fordern - oder auch hemmen, sind in der betrachteten Epoche vor allem Kaiser, Senat, Schule, Kirche, Juristen. Der Blutzoll, den Bürgerkrieg und Caesarenwahnwitz fordern, hat im ersten Jh. keinen Verfall der Literatur zur Folge, da Schriftsteller von Stande selbständig existieren können und auch ein privates Mäzenatentum besteht - wir kennen es aus Martial und Statius. Der jüngere Plinius ist nicht nur selbst Schriftsteller, er fördert Dichter und Prosaiker in seiner Umgebung durch tatkräftige Unterstützung. Der Typ des ehrgeizigen italischen Senators, der aus seiner kleinstädtischen Heimat den Drang mitbringt, sich durch Wohltaten unsterblich zu machen, und zugleich Geschmack genug besitzt, diese nicht an Unwürdige zu verschwenden, ist eine entscheidende Stütze der Literatur. Mit der Herkunft der Senatoren ändert sich natürlich auch der Kreis der Geförderten. Unter griechenfreundlichen Monarchen und Senatoren, die teils selbst aus dem griechisch sprechenden Orient kommen, teils sich nach der Mode richten, steht lateinische Literatur nicht mehr hoch im Kurs. Fronto fördert den griechisch schreibenden Historiker Appian, der römischer Ritter ist. Senatoren, die römische Geschichte in ihrer griechischen Muttersprache darstellen, sind Arrian (2. Jh.) und Cassius Dio (3. Jh.). Immerhin sucht man Erworbenes zu bewahren: Kaiser bauen Bibliotheken; Hadrian gründet das Athenaeum in Rom, die erste staatliche Hochschule (Aur.

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Vict. Caes. 14, 2); tüchtige Grammatiker 1 pflegen die Sprache, Archaisten2 das gute alte Latein. Ihrerseits defensiv und auf keine neuen Eroberungen mehr bedacht, wendet sich die lateinische Literatur der Erhaltung und Pflege des bewährten Alten zu, in der Hoffnung, sich am Born der eigenen Kindheit zu veijüngen. Lebendig entwickelt sich nur ein aktueller Z w e i g der Literatur: Mit der Perfektionierung der Verwaltung bricht jetzt die hohe Zeit der Juristen an — sie sind die einzigen >Klassikerschönen< Literatur durch Klarheit und Präzision. Jetzt findet das römische Recht seine spätklassische Vollendung; der gewaltsame Tod eines seiner Hauptvertreter, Ulpianus (wohl schon 223, nicht 228), von den Händen der ihm unterstellten Garde markiert das Ende einer Kulturepoche. Von Hadrian bis Alexander Severus zeigt gerade das Aufblühen der juristischen Literatur, welch entscheidenden Einfluß Förderung durch den Kaiser aufSein oder Nichtsein von Literatur haben kann. Als Iuvenal den Gedanken äußerte, nur ein großzügiges Eingreifen des Kaisers könne die römische Literatur noch retten, war er ein Prophet. Leider verhallte seine Stimme ungehört. Im 3. Jh. verliert der Senat an Einfluß, die ständig wechselnden Kaiser haben keine Muße für Kultur. Die Oberforderung der Städter durch Steuerlasten und der dadurch bedingte Verfall des Bürgersinns ist auch privatem Mäzenatentum abträglich. In dieser Zeit scheint die lateinische Literatur - öffentlichkeitsorientiert und seismographisch empfindlich fur gesellschaftliche Veränderungen wie sie ist fur fast ein halbes Jahrhundert (23 $-284) zu verstummen 4 . Die Schriften Cyprians, dessen Gedankenwelt um eine neue Gemeinschaft, die Kirche, kreist, bilden eine der leuchtenden, zukunftweisenden Ausnahmen. Noch heller strahlt in jener dunklen Stunde des römischen Imperiums das Licht der griechischen Philosophie: In Alexandrien lehrt der tiefsinnige Orígenes (f spätestens 2$3), in Rom der erhabene Plotin (f 270 in Minturnae). Christ und Heide, erscheinen sie doch im Rückblick wie Brüder. In einer Zeit des Umbruchs schmieden sie die geistigen Waffen für spätere Geschlechter. 1 Q . Terentius Scaurus (Hadrians grammatikalischer Berater), Velius Longus (benutzt Scaurus und wird v o n Gellius zitiert, also auch hadrianisch), C . Sulpicius Apollinaris (aus Karthago, Lehrer des Gellius), Aemilius Asper (vielleicht Ende des 2. Jh., Verfasser wichtiger Kommentare zu Terenz, Sallust und Vergil, v o n Späteren — Donat, Servi us - benutzt), Helenius A c r o (Kommentator, lebte später als Gellius), Porphyrio (Schulkommentar zu Horaz; 2.-3.Jh., nach Apuleius und v o r Iulius Romanus, der seinerseits u m 362 v o n Charisius benützt wird).

Fronto, Gellius, Apuleius. P. Iuventius Celsus filius (zum zweitenmal cos. 129), Salvius Iulianus (Afrikaner, unter Hadrian), S. Pomponius (unter Hadrian), Volusius Maecianus (unter Pius), Gaius (unter Pius und Marc Aurel), Cervidius Scaevola (unter M a r c Aurel), Aemilius Papinianus (wohl der berühmteste Jurist unter Septimius und Caracalla, von diesem ermordet), Domitius Ulpianus aus Tyrus (unter Alexander Severus, v o n den Prätorianern ermordet), Iulius Paulus (unter Alexander Severus). 2 3

4 Genannt seien Censorinus, De die natali (238), eine Untersuchung über Zeitrechnung, Solinus (vielleicht um 250), der Bukoliker Nemesian (gegen Ende des betrachteten Zeitraums).

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LITERATUR DER MITTLEREN U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

Selbst jetzt noch gibt es Herrscher, die ihre kulturellen Verpflichtungen erkennen. Kaiser Gallienus gibt dem Philosophen Plotin die Möglichkeit, ungestört zu arbeiten, und Kaiser Tacitus soll sich um die Verbreitung der Werke seines Namensvetters verdient gemacht haben. Beide Monarchen haben - aus welchen Gründen auch immer - keinen schlechten Geschmack bewiesen. Mit der neuen Konsolidierung des Reiches unter Diokletian und Constantin blüht die lateinische Literatur wieder auf - wie in Zeiten der Wiederherstellung zu erwarten, in klassizistischer Form: ein Beweis mehr dafür, daß Literatur nicht nur immanenten Entwicklungsgesetzen folgt. Das Latein wird von den Kaisern trotz ihrer Entscheidung fur die östliche Hauptstadt gefordert. Es ist eben nicht nur Soldaten- und Juristensprache, sondern ein Stück staatlicher und geistiger Identität und Kontinuität. Der abtrünnige Iulian, der griechisch schreibt, fallt dreifach aus dem Rahmen: religiös, philosophisch und sprachlich. Tüchtige Grammatiker und Rhetoren sorgen fur eine gute Schultradition, die ein Weitergeben der Kultur von Generation zu Generation ermöglicht. Es wächst allmählich eine neue Bildungsaristokratie heran; die Mitglieder des römischen Senats, denen politisch keine große Bedeutung mehr zukommt, machen sich um die Erhaltung der lateinischen Literatur in zuverlässigen Ausgaben verdient; in dieser Beziehung liegt ein Segen in der Entmachtung Roms. Der Aristokratie entstammt ein Redner wie Symmachus. Sie ist das Publikum fur das Geschichtswerk Ammians. Die christliche Literatur und die philosophischen Übersetzungen nehmen einen gewaltigen Aufschwung. Der christliche Humanismus eines Hieronymus und der Piatonismus Augustins stellen Gipfelpunkte dar. Unter Theodosius erlebt auch die Dichtung eine Renaissance in doppelter Gestalt: Claudian, der die Antike nochmals in plastischer Schönheit aufleuchten läßt, und Prudentius, der die alten Literaturformen so verwandelt, daß sie zum Gefäß fur christliche Inhalte werden. Schule und Kirche. Die lateinische Literatur verdankt ihren Fortbestand - außer den wechselnden Einflüssen von Kaiser und Senat - zwei Institutionen: Die Bedürfnisse von Schule und Kirche bestimmen die Pflege und Erhaltung bestimmter Literaturformen. Die antike Schule besitzt eine große Stetigkeit, die sogar dem Christentum letztlich widerstanden hat und von diesem mit Selbstverständlichkeit übernommen worden ist: Der fuhrende lateinische Repräsentant des gelehrten Mönchtums, Hieronymus, ist Schüler des Grammatikers Donatus. Während die römische Literatur der Republik und Kaiserzeit an res publica, Senat und Ritterschaft gebunden ist und mit dem Zusammenbruch der alten Gesellschaft und ihrer Wertvorstellungen verstummt, entsteht eine neue lateinische Literatur im Rahmen der afrikanischen Kirche. An die Stelle der politischen tritt eine geistige Gemeinschaft. Daher das unerhörte Hochgefühl der Freiheit bei

LATEINISCHE U N D GRIECHISCHE LITERATUR

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Tertullian. In der betrachteten Epoche hat die Kirche fiir die Literatur am Anfang eine revolutionäre, am Ende eine bewahrende Funktion. Nach Constantin wird die Literatur zunehmend von der Kirche beherrscht werden. Der Aufschwung der Kirche und des Lateins unter der Herrschaft der christlichen Kaiser gibt der christlichen lateinischen Literatur einen kräftigen Impuls. Der Schöpfer der maßgebenden lateinischen Bibelübersetzung, Hieronymus, steht als klassisch gebildeter Gelehrter, päpstlicher Sekretär, Mönch und Kenner des Hebräischen im Schnittpunkt aller wichtigen Zeitströmungen (mit Ausnahme der Philosophie). Nach dem Untergang des Westreichs werden sich nur die Juristen zum Teil eine gewisse Unabhängigkeit von der Kirche bewahren; Spuren davon reichen bis ins späte Mittelalter. LATEINISCHE U N D GRIECHISCHE LITERATUR Etwa drei Jahrhunderte lang war die lateinische Literatur führend gewesen: Den großen Autoren von Plautus bis Tacitus hatte die gleichzeitige griechische Literatur kaum Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Seit Hadrian ändert sich das Bild. Jetzt gewinnen erstrangige lateinische Schriftsteller wie Apuleius oder Tertullian Seltenheitswert. Der Poesie ist das Zeitalter der Philosophie ohnehin nicht günstig. Auf griechischer Seite erscheint - neben Gelehrten wie dem großen Arzt Galen von Pergamon (f 199), dem Astronomen Ptolemaios von Alexandria (unter Antoninus Pius und Marc Aurel), dem Erkenntniskritiker Sextus Empiricus (f um 200), dem Periegeten Pausanias (f um 180) - eine Fülle bekannter Namen; darunter der Redner Ailios Aristeides (f um 187), die Historiker Arrian (130 cos. suffectus, fnach 170) und Appian (Ritter und Procurator unter Marc Aurel, fnach 165) sowie mindestens zwei Schriftsteller, die zur Weltliteratur zählen: Plutarch (f nach 120) und Lukian (fnach 180). Im dritten Jahrhundert ist die lateinische Literatur fast ganz verstummt, die griechische hat - um nur zwei Namen zu nennen - mit Orígenes einen der bedeutendsten Theologen und mit Plotin einen Philosophen ersten Ranges aufzuweisen. Symptomatisch für die Notwendigkeit, das geistige und wirtschaftliche Gewicht des griechisch sprechenden Ostens ernst zu nehmen, ist bereits die Griechenschwärmerei Kaiser Hadrians, gewiß nicht nur eine persönliche Marotte des großen Organisators. Hat nicht bereits Caesar die Verlegung der Hauptstadt nach Osten erwogen? Diokletian wird Nikomedia wählen, Constantin das benachbarte Byzanz. Der Zustrom von Griechen und Orientalen nach Rom - schon Iuvenal hat ihn bejammert - hält im zweiten Jahrhundert unvermindert an. Er spiegelt nur das tatsächliche ökonomische und kulturelle Kräfteverhältnis, und Hadrian ist Politiker genug, sich an die Spitze dieser Entwicklung zu stellen. Die Weltkultur wird völlig zweisprachig. Die Folgen für die römische Literatur bleiben nicht aus: Im Osten beschränkt sich die >Latinisierung< auf die Ausbreitung

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LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN

KAISERZEIT

der lateinischen Verwaltungssprache, deren Entwicklung der Kaiserja fördert, auf die Entstehung von Schulen des römischen Rechts1 und auf eine ehrgeizige wissenschaftliche Pflege des Lateins als Orchideenfach; im Westen - vor allem im kosmopolitischen Rom - ziehen viele Gebildete der steifen Toga das bequeme Pallium vor und ersparen sich - vor allem bei den jetzt so beliebten philosophischen Themen - den Umweg über das stilistisch anspruchsvolle Latein. Marc Aurel wird - zum Leidwesen seines treuen Rhetoriklehrers, des afrikanischen Lateiners Fronto - immer mehr zum Philosophen auf dem Kaiserthron und schreibt seine innersten Gedanken auf griechisch nieder. Mit dem Sieg der Philosophie über die Rhetorik hat das Latein, öffentlichkeitsbezogen wie es ist, ausgespielt. Öffentlichkeit im alten Sinne gibt es ohnehin immer weniger; der Frieden des 2. Jh. ist ihr ebensowenig forderlich wie das Chaos des dritten. Und die neue Redekunst der griechischen Sophisten schlägt das Latein auch auf seinem eigensten Gebiet aus dem Felde. Mit solchen Virtuosen der Rede kann ein vornehmer Amateur kaum mehr konkurrieren. Das Lob Roms erklingt nun in griechischer Sprache. Nur in überwiegend lateinisch geprägten Gebieten zum Beispiel um Karthago - vermag sich der moderne rhetorische Stil auch in der Sprache der Römer zu entfalten: so bei Apuleius. Er und Tertullian, die beiden größten Lateiner der Zeit, sind - wie beinahe zu erwarten - zweisprachig; ihr Thema ist - zeitgemäß - Philosophie bzw. Religion. Daß es im Zeitalter der Philosophie mit der Dichtung so gut wie ganz zu Ende ist, versteht sich ohnehin. Das anmutige Pervigilium Veneris, dessen Datierung übrigens unsicher ist, zählt zu den Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Das Latein scheint dazu verurteilt, nur noch auf Schul-, Militär- und Rechtswesen beschränkt zu sein. Unter Constantin erfahrt das Latein eine neue Stärkung - der griechisch schreibende Kaiser Iulian ist eine Ausnahme. In der nachconstantinischen Zeit entfaltet sich eine beachtliche lateinische Literatur, teils von westlichen Senatoren, teils von Männern der Kirche, teils von Soldaten oder Poeten aus dem Osten getragen. Mit dem Rückgang der Zweisprachigkeit fuhrt die Notwendigkeit, griechische Schriften dem Westen auf lateinisch zugänglich zu machen, zu einer Bereicherung der philosophischen Literatur in lateinischer Sprache. Mit Hieronymus, Augustinus, Prudentius, Claudianus, Ammianus bricht eine neue Blütezeit der lateinischen Literatur an, die unter Theodosius d. Gr. (379-395) und seinen Nachfolgern ihren Höhepunkt erreicht. Es handelt sich nicht etwa um eine rückwärtsgewandte Nachblüte, sondern um eine wirkliche Wiedergeburt: Die beiden zuerst Genannten zählen zu den zukunftsreichsten Autoren lateinischer Zunge. Hieronymus trägt das Latein auch in den Osten - nach Bethlehem. Ende des 4. Jh. schreiben sogar Griechen - wie Ammian und Claudian - lateinisch: ein Beweis für das Ansehen der Sprache. Die römische Senatsaristokratie - politisch 1 Außer Rom (der Wirkungsstätte der Klassiker) und Karthago sind Alexandria, Caesarea, Antiochia, Athen und vor allem Berytos (Blütezeit bes. im 4. Jh.) zu nennen; Constantinopel kommt seit 425 hinzu.

GATTUNGEN

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entmachtet wie sie ist - wendet ihre Kraft der Erhaltung der lateinischen Literatur zu. Kurz, aber folgenreich ist schließlich die kleinere Renaissance zu Iustinians Zeit mit Boethius1 und Cassiodor in Italien und dem Grammatiker Priscian, der in Constantinopel wirkt. Zusammen mit Iustinians Sammlung der Rechtsquellen legen diese Autoren den Grund fur Schulbildung, Recht und philosophisches Denken des Mittelalters. GATTUNGEN Die Genera wandeln sich; es entstehen neue Gattungskreuzungen, bedingt durch die veränderte Situation der Autoren und ihren jeweiligen Rezipientenkreis: Kaiserhof, Aristokratie, Schule und Kirche. Dank kaiserlichen Initiativen findet das römische Recht jetzt seine endgültige Form. Der Kaiserhof fordert auch die Entstehung von Panegyrik in prosaischer und später in epischer Gestalt. Der Einfluß von Schule und Kirche verändert die Geschichtsschreibung: Kurze Abrisse und Obersichten sind fur die Jugend und als Schnellkurs fur Aufsteiger bestimmt. Der römische Sinn für eine lineare historische Entwicklung gelangt erst jetzt - in einer eminent fruchtbaren Verbindung mit biblischen Ansätzen - zu einer ausformulierten Geschichtsphilosophie, gipfelnd in Augustins Lehrschrift De civitate Dei. Später sind die Historiker meist Geistliche. O f t begnügen sie sich damit, allgemeine Obersichten oder Beispielsammlungen zu bieten. Exsuperantius exzerpiert Sallust, Iulius Paris den Valerius Maximus, Cassiodor knüpft an Eusebios an. Fulgentius schreibt 14 Bücher De aetatibus mundi. A u f heidnischer Seite sind von Symmachus sieben Bücher Historia Romana verloren. Der einzige Vollbluthistoriker, Ammianus Marcellinus, schreibt als NichtSenator und ehemaliger Soldat für die römische Senatsaristokratie. Infolge der politischen Situation und des Unterhaitungsbedürfnisses der Leser wird die Geschichtsschreibung auf lateinischer Seite weitgehend durch die Kaiserbiographie verdrängt; genannt seien Marius Maximus, die Historia Augusta und Aurelius Victor. Die Freude eines breiteren Publikums an Biographien machen sich auch christliche Autoren zunutze, zumal fur die christliche Religion zentrale Themen wie Bekehrung und Martyrium zu einer biographischen Behandlung geradezu herausfordern. Die christliche Biographie entwickelt sich aus bescheidenen Vorstufen - Märtyrerakten - zu beachtlicher Höhe. So beschreibt Pontius das Leben Cyprians, Paulinus von Mailand das des Ambrosius, Possidius das Augustins, Eugippius verfaßt eine Biographie Severins, Sulpicius Severus die Martinsvita. Gerne läse man eine kaiserliche Autobiographie wie die Hadrians oder des Septimius Severus. Eine neuartige, zukunftsreiche Mischform ist die psychologi1

Theoderich hat um Boethius keine höheren Verdienste als Caligula und Nero um Seneca.

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KAISERZEIT

sehe Autobiographie mit philosophischem und exegetischem Einschlag, wie sie Augustinus - Ansätze des Apuleius fortentwickelnd - in seinen Confessiones geschaffen hat. Der römische Sinn für Psychologie, für das Individuelle, für persönliche Erfahrung bringt erst jetzt die psychologische Autobiographie als neue Literaturgattung hervor. Der Biographie steht der Roman nahe: Neben heidnischen Romanen - von den hochstilisierten Metamorphosen des Apuleius bis zu der volkstümlichen Historia Apollonii regis Tyri, den Troiaromanen von Dictys und Dares und den Alexanderromanen - gibt es auch christliche Romane, die der Erbauung und Unterhaltung dienen sollen 1 . Die Form des philosophischen Dialogs wird schon durch Minucius Felix christianisiert: Im Unterschied zu Cicero, in dessen philosophischen Schriften jeder Gesprächspartner bei seiner Meinung bleiben darf, wird hier am Ende der Heide v o n der Wahrheit des Christentums überzeugt. Lehrschrift und Plädoyer mischen sich in den gegen Nichtchristen gerichteten apologetischen Schriften - einer Gattung, die in Augustins De civitate Dei ihren Gipfel und Abschluß findet; später gilt es nur noch, ungebildete Heiden zu überzeugen, und das geschieht leider nicht immer nur mit Worten. Schon bei dem frühesten bedeutenden Lateiner, Tertullian, ist ein anderer, weniger zeitgebundener Typus der Kampfschrifi reichlich vertreten: die Polemik gegen Juden und andersgläubige Christen. Die innerchristlichen Richtungskämpfe verschärfen sich nach der konstantinischen Wende, w o b e i auch die Politik eine Rolle spielt: Die Arianer haben bei den Germanen, die Monophysiten in Syrien und Ägypten, die Donatisten in Afrika einen starken Anhang. Diese manchmal recht aggressiven Texte bilden eine Mischform aus Lehrschrift und Invektive. Aus den Bedürfnissen der Kirche ergibt sich die Zunahme der Bibelerklärungen und -kommentare. Eine Kreuzung von Rede und Exegese ist die christliche Predigt: Ihre Stilisierung kann - j e nach Autor und Zuhörerschaft - kunstvoll oder betont volkstümlich sein. Die v o n Seneca geprägte Form des moralischen Briefes wird v o n Hieronymus übernommen und erweitert. Seine Briefe dienen der Erbauung, sie enthalten aber auch Nachrufe und theologische Belehrung, so daß die Grenzen zur Lehrschrift fließend sind. Solche Episteln sind für eine breite Leserschaft gedacht. A u c h der traditionelle Typus der plinianischen Briefsammlung - mit privaten und politischen Akzenten - wird natürlich von Heiden und Christen reichlich gepflegt. Es ist eine schreibselige Zeit. Die Schule pflegt weiterhin die antike Grammatik - einschließlich der Autorener1 S o gleichen die Paulus- und Thekla-Akten (innerhalb der apokryphen Apostelakten) einem P e u schen LiebesromanKomödien< in diesem Metron. Das Epigramm wird bis in die späteste Zeit gepflegt, es erscheint auch in lyrischen Maßen. Das Drama, das ganz zu Mimus und Show-Business verflacht ist, hat kaum noch literarische Bedeutung; die Vorbehalte der Christen gegen das Theater sind durchaus begreiflich. Nachfolge findet Plautus erst ganz spät in sogenannten Komödien, an denen nicht nur die Wahl des elegischen Versmaßes verwundert. Ganz neue Impulse erhält die Lyrik durch die christliche Hymnendichtung, die in akzentuierenden Rhythmen fur die lateinische Dichtung ganz neue Gebiete erobert. Daneben gibt es auch in traditionellen Formen christliche lyrische Poesie. Prudentius ist neben Catull und Horaz der dritte große lateinische Lyriker. Hochzeitslieder1 sind fur Überbleibsel aus der heidnischen Vergangenheit recht empfanglich. Von Mischformen wie akzentuierenden Hexametern - z. B. Commodian (3. oder - eher - 5. Jh.) - die weder klassischen noch mittelalterlichen Maßstäben genügen, ist man bald wieder abgekommen. S P R A C H E U N D STIL Die Weltkultur ist zweisprachig: Iuvenal klagt, Rom sei eine griechische Stadt geworden. Kaiser Hadrian besiegelt durch sein - auch politisch bedeutsames Philhellenentum diese Entwicklung. Als Literatursprache etwas zurückgedrängt, sucht das Latein nach Quellen der Erneuerung, teils im Rückgriff auf ältere Sprachstufen, teils in einer gekünstelten Rhetorisierung. Neue Impulse erhält das Latein vor allem durch die Philosophie und durch das Christentum. Auf die starke Herausforderung durch die Philosophie reagiert die lateinische Literatur langsam, aber gründlich. Von Apuleius über Tertullian und Marius Victorinus bis zu Augustinus und Boethius wird die lateinische Sprache zu einem Präzisionsinstrument auch auf diesem Gebiet, das im 2. Jh. immer noch eine Domäne des Griechischen zu sein scheint. Die allmähliche Eroberung der abstrakten Begriffswelt hängt mit der wachsenden Notwendigkeit zusammen, philosophische und dogmatische Themen in der Muttersprache zu erörtern, sei es für Laien oder - in der Spätantike zunehmend - auch fur Gebildete, die nicht mehr genügend Griechisch können. Etwas länger sei bei dem christlichen Latein« verweilt; denn es bereichert die Sprache - wenn auch oft indirekt - aus einer neuen Quelle: dem Semitischen. 1

Eine christliche Ausnahme: Paulinus von Nola. Dagegen ist die statianische Tradition bei Dracontius, Sidonius, Luxurius, Patricius wieder gegenwärtig.

SPRACHE

U N D

STIL

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Zunächst verwendet die Kirche, ihrer Herkunft aus dem Osten des Reiches entsprechend, die griechische Gemeinsprache (κοινή) - sogar in Rom. Wie in der Anfangszeit der römischen Literatur hat das Griechische die Priorität vor dem Latein. Nochmals wird die lateinische Sprache aus fremdem Vorrat gespeist, als frühe Bibelübersetzer und Prediger, zum Teil nach dem Beispiel lateinisch sprechender Juden, das christliche Latein zu formen beginnen. Das Problem der Bibelübersetzung ist in der lateinischen Literatur ein N o v u m . Das Übersetzen war zwar von Anbeginn ihr Lebenselement gewesen, doch meist als freies künstlerisches Nachgestalten. Dokumentarische Treue war Römern zwar aus dem Alltag durchaus nicht unbekannt, aber bei literarischen Texten in solchem Umfang nie vonnöten gewesen. Die enge Bindung an einen geheiligten Wortlaut schafft eine neue Situation. Sogar die Syntax wird zum Teil von den Originalsprachen - dem Hebräischen bzw. Griechischen - beeinflußt 1 , wenn auch selten ohne innersprachliche Rückendeckung. Doch aufs Ganze gesehen ändert sich die Struktur der Literatursprache nicht in gleichem Maße wie das Vokabular. Hebraismen, Gräzismen, Lehnübersetzungen ergeben sich aus dem Prinzip der Wörtlichkeit. Durch die Autorität des Evangeliums sanktioniert, gelangen sie zum Teil sekundär in die Literatursprache und manchmal erst spät in die Völkssprache. Z w e i Beispiele hebräischen Einflusses: Bei dem Verb confiteri haben die Bedeutungen »Sünden bekennen« und »den Glauben bekennen« eine Grundlage im antiken Sprachgebrauch; aus ihnen entwickeln sich als christliche Termini confiteri (ohne Objekt) »beichten« und confessio »Märtyrergrab«. Ein reiner Hebraismus aber ist die Verwendung von confiteri im Sinne von »rühmen«2; sie ist künstlich und findet keine Nachfolge in den romanischen Sprachen; aber ihre Kenntnis erschließt ζ. B. den vollen Sinn von Augustins Werktitel Confessiones. Ein Hebraismus, der stark fortgewirkt hat, ist parabola, das Obersetzungswort der Septuaginta und der Vulgata fur hebr. mâshâl. In der Bedeutung »Gleichnisrede« oder »Spruch« kann diese Vokabel manchmal als Synonym fur »Wort« verstanden werden 3 . So entstehen franz. parole, it. parola, span, palabra. Man könnte erwarten, mit dem Christentum sei die Stunde der Volkssprache gekommen. Lateinisch sprechende Gemeinden entstehen zunächst vor allem in Nordafrika. Die sprachliche Schlichtheit früher lateinischer Zeugnisse wie der Akten der Scillitanischen Märtyrer (um 180)4 hat soziale Gründe, aber auch religiöse. Die schmucklose Diktion der Evangelien, die im Widerspruch zu der rhetorischen Kultur des Heidentums steht, fuhrt zu einer gewissen, wenn auch bald von der unausrottbaren Rhetorik aufgefangenen, Auffrischung der Sprache.

1 Vivit Dominus, quia ... (»so w a h r G o t t lebt«; z. B . 1. Sam. 28, 10); danach engl. »The Lord liveth that ...«; span. »Vive D i o s que ...«. 2 3

Ζ . Β . Matth, i l , 25; Ps. 144, 10, vermittelt durch griech. έ ξ ο μ ο λ ο γ ε ΐ σ θ α ι . Ζ. B. Hiob 27, ι ; 29, 1; Jes. 14, 4.

4 Z u Spuren literarischer F o r m u n g in diesen Acta: Η. A . GAKTNER, D i e Acta Scillitanorum literarischer Interpretation, W S 102, 1989, 149-167.

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KAISERZEIT

Ein Einlaßtor fur Vulgarismen ist die Predigt, die, will sie das Volk erreichen, sich volkstümlich zu geben hat 1 . Populäre Anschaulichkeit und hochrhetorische Stilisierung schließen sich jedoch keineswegs aus2. So sind die Predigten der Väter keine verläßlichen Zeugnisse der Volkssprache. G e w i ß - die Schmucklosigkeit des Evangeliums verpflichtet seine Bekenner; doch wird dieser schlichte Gedanke von Generation zu Generation in immer kunstvolleren Perioden ausgedrückt werden gilt es doch, auch gebildete Leser 3 zu überzeugen. So setzt die christliche Predigt die Tradition der griechisch-römischen Rhetorik fort. Z u den Elementen, die alles andere als volkssprachlich sind, zählen zahlreiche Neologismen. Sie entstehen im Zusammenhang mit den sich ausbreitenden theologischen Diskussionen, die ohne abstrakte Begriffe nicht gefuhrt werden können. Schon bei dem ersten lateinisch schreibenden Autor von Rang, Tertullian, wimmelt es von Abstrakta. Seit alle Welt über Dogmen streitet, beginnen solche Vokabeln auch fur den Laien lebensnotwendig zu werden. Man mag es begrüßen oder nicht: In sprachlicher Beziehung ist dies der Anfang der Neuzeit. Kulturhistorisch besonders fesselnd ist die christliche Fortentwicklung von Ansätzen, die bereits im heidnischen Vokabular angelegt sind: Orare (>betenZivilist< noch bei Tert. pali. 4, 8; cor. 11, j ; eine andere Deutung: »bäurisch, unerleuchtet« (Oros. prol. 9; Pers. prol. 6; Plin. epist. 7, 25, 5 f.). 2 S o MOHRMANN (S. Bibl.); zurückhaltender LÖPSTEDT, Late Latin 68-87. 3 B . SCHWEITZER, Die spätantiken Grundlagen der mittelalterlichen Kunst, Leipzig 1949, 17; dazu E. DINKLER, Gnomon 22, 1950, 412Γ 4 LIEBEKG, Poeta creator; die Erfahrung menschlichen Schöpfertums, römischen Dichtern nicht fremd (vgl. O v . met. 6, 1-145), wird philosophisch erst seit dem Neuplatonismus stärker beachtet.

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KAISERZEIT

Christen >gebrauchen< die heidnischen Literaturgattungen und machen etwas Neues daraus: Kreative Versuche, bestimmte Genera zu christianisieren, fuhren ζ. B. zur Entstehung der Bibelepik und zu der systematischen Verwandlung zahlreicher Textsorten im Werk des Prudentius. Fast noch wichtiger sind die hermeneutischen Ansätze: Man wendet die Kategorien griechischen Literaturverständnisses auf biblische Texte an. Auf dem Gebiet der Rezeption des Alten Testaments folgt man den Prinzipien der antiken Homerdeutung, wie sie in Alexandrien der Jude Philon und viele Christen bis hin zu Orígenes fur die Bibelauslegung fruchtbar gemacht haben. A m folgenreichsten ist wohl die >Umkehrung< der (>produktivenrezeptivenPhilosophen< anreden. Hadrian gewährt den Weisheitslehrern sogar Immunität (eine Maßnahme, die freilich schon unter Antoninus Pius aufgehoben wird). Eine geistige Revolution von oben verheißt ein Zeitalter der Vernunft, Weisheit und Mäßigung. Dafür ist der stoischen Opposition und damit der senatorischen Geschichtsschreibung taciteischen Stils der Wind aus den Segeln genommen. Wird Senecas Traum vom idealen Herrscher stoischer Prägung wahr? Aber sein Versuch, philosophische Innerlichkeit in lateinische Worte zu fassen, scheint zunächst keine Nachfolge mehr zu finden. Der philosophische Zeitgeist eröffnet der christlichen Verkündigung neue Wege: Das Christentum stellt sich als eine Art Philosophie vor (Tert. apol. 46). Z u den Berührungspunkten zählen: einige Grundvorstellungen der natürlichen Theologie (so der Monotheismus) und der Ethik, weiter die Bekehrungsidee, das Wahrheitspathos, die Wahrnehmung eines moralischen Wächteramtes in der Gesellschaft, der Mut zur Auflehnung aus innerer Freiheit, die Verachtung des Todes und die Bereitschaft zum Martyrium (so können Christen eine Gestalt wie Sokrates bejahen). Es wird möglich, das Christentum den Gebildeten als Vollendung der antiken Philosophie nahezubringen. Zunächst steht dabei die Stoa im Vordergrund, später der Neuplatonismus.

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Der Dialog mit der heidnischen Philosophie hat auch Rückwirkungen auf die gedankliche Durchdringung der Glaubensinhalte. Spätantike und frühchristliche Philosophie können nicht getrennt behandelt werden. Die Theologie bedient sich zunehmend des Instrumentariums, das von der Philosophie bereitgestellt ist: Ein frühes Beispiel ist die Lehre vom Logos, in der sich - spätestens seit Philon jüdische Weisheitstradition und griechische Philosophie verbunden hatten. Durch das Christentum wird der Logosgedanke zum Angelpunkt zwischen Altem und Neuem: Die unerhörte Feststellung des Iohannesprologs, daß der schöpferische göttliche Logos in Jesus Christus Fleisch geworden ist, ermöglicht den Schritt von der alten Philosophie der natürlichen Schöpfung zu einer neuen Philosophie der Geschichte. Eine Geschichtsphilosophie großen Stiles wird jetzt möglich, da ein neuer Standort gewonnen ist, von dem aus zwei Oberlieferungsströme - der antike und der alttestamentliche - überblickt, aufgenommen und mit neuem Sinn erfüllt werden können. Die lateinische Literatur der mittleren und späteren Kaiserzeit erschließt fur sich neu die jüdisch-christliche Tradition. Diese tritt nunmehr zu der griechischen, welche die republikanische Literatur gespeist hatte, und der nationalrömischen Klassik, wie man sie seit der augusteischen Zeit besaß, als dritte geistige Quelle hinzu. Damit legt die Literatur der mittleren und späten Kaiserzeit das Fundament fur das spätere Europa. Innerhalb dieses Prozesses spielt die römische Tradition eine bedeutende, leider oft übersehene Rolle, kommen doch mehrere typisch römische Züge erst jetzt literarisch voll zum Leuchten: Das juristische Denken findet nunmehr seine endgültige Form. Ahnliches gilt von der Psychologie, in der sich lateinische Kirchenväter besonders auszeichnen. Als praktischer Seeborger, aber auch als Vermittler stoischer und römischer Gedanken, die Christliches vorwegzunehmen scheinen, hat hier Seneca eine Schlüsselposition. NichtumsonstsagtTertullian: Senecasaepenoster(anim. 20,1). Die Betonung des Psychologischen und der Konversionsgedanke bei Augustinus knüpfen an die praktisch-psychologische Mentalität der Römer an. Das römische Interesse fur das Individuelle, fur persönliche Erfährung bringt nun die psychologische Autobiographie als neue Literaturgattung hervor (Augustins Confessiones). Der römische Sinn für eine lineare historische Entwicklung gelangt erst jetzt - in Verbindung mit biblischen Ansätzen - zu einer ausformulierten Geschichtsphilosophie (gipfelnd in Augustins Lehrschrift De civitate Dei). Vergils und Ciceros auf das römische Weltreich bezogene Geschichtsauffassung bereiten in vielen Punkten die christliche Reflexion vor oder bilden einen Bezugspunkt fur Kritik; untrennbar davon ist das römische Staatsgefiihl, von dem vieles in das Selbstverständnis der Kirche einfließt (z. B. Vorstellungen wie populus für die Christen, gentes für die Außenstehenden). Vergil und Cicero sind für die christlichen Autoren nicht bloß Literatur; sie verkörpern eine Geistesmacht, sie werden - sei es als Gegner oder als Vorläufer - inhaltlich ernst genommen.

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KAISERZEIT

Der römische Zug zum Enzyklopädischen und Didaktischen findet seinen Niederschlag in traditionellen und neuen literarischen Formen, in denen Männer wie Martianus Capeila das Wissen der Antike dem Mittelalter weitergeben. Römisches Denken bildet auch ein Gegengift gegen die Gefahr eines Überhandnehmens des griechischen Hanges zur reinen Kontemplation und einer Absorption des Christentums durch die geistige Umwelt eines mythisch gefärbten Platonismus oder allgemeinen Synkretismus. In der Polemik eines Tertullian gegen die Gnostiker sieht man einen römischen Advokaten und Aktivisten am Werk, der mit Leidenschaft die einmalige Bedeutung des diesseitigen Lebens und des historisch Wirklichen verficht. Diese Konvergenz von römischer und jüdischer Praxisnähe - der Vorrang des Existentiellen vor dem Philosophisch-Spekulativen — trägt wesentlich dazu bei, das Christentum gegenüber der hellenisierten Umwelt abzugrenzen und lebensfähig zu erhalten. Das ausgeprägte Streben nach Breitenwirkung, das Mißtrauen gegen ein Obermaß an Esoterik und die Freude an juristischen Festlegungen sind ebenfalls typisch römische Erbstücke der abendländischen Kirchengeschichte. Man darf daher die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts und den Anfang des fünften als eine erste Renaissance bezeichnen. Vom Studium dieser Epoche fallt im Rückblick neues Licht auf die klassische römische Literatur, und es wird etwas von ihrer befreienden Wirkung und ihrer Fähigkeit zur Wiedergeburt deutlich. ALFÖLDY, Sozialgeschichte. * ALTANER. * R. H. AYERS, Language, Logic and Reason in the Church Fathers. A Study o f Tertullian, Augustine, and Aquinas, Hildesheim 1979. * BARDENHEWER, L G . * BERSCHIN, B i o g r a p h i e . * BERSCHJN, M e d i o e v o . * C . BLÖNNIGEN,

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GEDANKENWELT

II

IO39

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II. POESIE

POESIE DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N KAISERZEIT1

Ausklang der antiken Dichtung Von Kaiser Hadrian besitzen wir einige wenige Verse, in denen seine innere Unrast und Einsamkeit fast modern zum Ausdruck kommt; sie lassen erahnen, wohin die lateinische Kleinpoesie sich hätte entwickeln können, wenn sie nicht in Belanglosigkeit und Formspielerei abgestürzt wäre. Die poetae novelli knüpfen an griechische Technik 2 und an den affektierten Laevius an. Dem Schmieden von Versinschriften3, die am Rande der Literatur stehen, widmet sich der Mittelstand; daran beteiligen sich seit Ende des 3. Jh. auch Vertreter der neuen Aristokratie und Christen. Die Gebrauchspoesie, die in S tatius' Gelegenheitsgedichten und Martials Epigrammen höchstes künstlerisches Niveau und weltliterarischen Rang erreicht hat, kann diesen Standard nicht halten. Selbst Ausonius, der unter seinen Zeitgenossen hervorragt und deswegen hier in einem eigenen Kapitel behandelt wird, wirkt im Vergleich mit jenen Meistern der Silbernen Latinität belanglos und zufallig. Zur Kleinpoesie zählen auch4: P. Optadanus Porfyrius, Pentadius, Ablabius, Flavius Afranius Syagrius, Alcimus, Paulus quaestor, Reposianus, Symphosius, Tiberian, ein Gebet an Oceanus, ein ebenfalls anonymes Ruderlied. Einen eigenen Hinweis verdient die in Barcelona entdeckte recht anmutige Alcestiss in Hexametern aus unbekannter Zeit und von unbekanntem Verfasser. Vespas Streit zwischen Bäcker und Koch6 ist frühestens Ende des 3. Jh. n. Chr. entstanden. Der Agon der Berufe steht in der Tradition volkstümlicher Streitgedichte - wie sie von Theokrit, Vergil und Catull (62) literarisiert wurden - sowie der in der Rhetorenschule gepflegten Synkrisis. Der Texttypus hat eine große literarische Zukunft 7 . 1

A l l g e m e i n v g l . P. STEINMETZ, L y r i s c h e D i c h t u n g i m 2. Jh. n . C h r . ,

A N R W 2, 33, 1,

1989,

259-302. 2

NORDEN, L G 92.

3

W . SCHETTER, K . SMOLAK, H L L J, 224-236.

4

Ü b e r diese A u t o r e n : K . SMOLAK, H L L 5, 1989, § § 5 4 4 - 5 5 3 . Z u R e p o s i a n n o c h GÄRTNER, L G 1988,

1 9 2 - 1 9 9 ; 569; 582. 5

Ausgabe: M . MARCOVICH ( T K ) , Leiden 1988; Lit.: GÄRTNER, L G 1988, 1 7 0 - 1 7 8 ; 568; K . SMOLAK,

H L L 5, 1989, § 5 4 9 . 6

M . SCHUSTER, V e s p a , R E 8 A 2, 1958, 1 7 0 S - 1 7 1 0 ; Κ . SMOLAK, H L L j , 1989, 2 3 5 - 2 5 6 .

7

Η . WALTHER, D a s Streitgedicht in der lateinischen Literatur des Mittelalters, M ü n c h e n 1920.

I042

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

Mit Recht berühmt ist das kostbare Pervigilium Veneris' (wohl Anfang des 4. Jh.). Die Einprägsamkeit der Versus quadrati wird durch einen klangvollen Refrain unterstrichen. Die Nachtfeier ist kultischen Anlässen nachempfunden. Die sehr weltliche Frömmigkeit, aber auch der am Ende betonte schmerzliche Kontrast zwischen Mensch und Natur rührt in modernen Lesern verwandte Saiten an. Genannt seien Jacob Balde (Philomela), G. Α . Bürger, Chateaubriand, Walter Pater, T. S. Eliot. Die Kleinformen gipfeln im Werk des Ausonius (s. selbständiges Kapitel). In Gallien findet der Stil des Ausonius Fortsetzer in C . Apollinaris Sidonius, einem Formtalent ohne Tiefgang, und seinem Zeitgenossen Merobaudes, einem B e w u n derer des Aëtius. Z u den Verfassern kleiner Gedichte zählt Ennodius (f 521), der wie Sidonius auch als Prosaiker hervortritt. Im von Vandalen beherrschten Afrika entstehen christliche und >altrömische< Gedichte von Dracontius (Ende 5. Jh.) 2 und einige Epigramme der Anthologia Latina, unter denen die des Luxurius (1. Drittel 6. Jh.) besonders gut erforscht sind. 3 Avianus schreibt Fabeln in dem dafür wenig geeigneten elegischen Versmaß (um 400), ein Zeichen fur die Verwischung der Gattungsgrenzen. Auch das bekannte Reisegedicht des Rutilius (s. d.) hat elegische Form. Die Elegie im eigentlichen Sinne ist im 6. Jh. durch Maximianus 4 vertreten. Der alternde Poet, der als junger Mann den weisen Boëthius konsultiert haben will (3, 48), gewinnt der erschöpften Gattung (deren Hauptvertreter ihm ebenso wie Vergil vertraut sind) durch die greisenhafte Perspektive neue Aspekte ab (Nr. 1, 2 und 5); nur zwei von sechs Gedichten spielen in der Jugend (3 und 4): Mit der Erreichbarkeit der Geliebten schwindet auch hier die Begierde (3). Impotenz (3 und 5) ist ein Thema, das wir aus O v i d und Petron kennen; die Anrede des Mädchens an den untauglichen Körperteil schwingt sich in philosophische Höhen empor (5). Hinter der scheinbaren Freizügigkeit stehen bei dem w o h l christlichen Verfasser asketische Gedanken. Im Mittelalter ist Maximian als ethicus Schulautor. Die Bukolik wird von Nemesianus gepflegt (s. Römische Bukolik, oben s. 525-531)· In der Lehrdichtung versucht sich derselbe Verfasser. Von seinem Werk über die 1

Ausgaben:

P . P I T H O U , P a r i s 1 5 7 7 ( m i t A n m . v o n J . SCALIGER; e d . p r i n c . ) ; R . SCHILLING

(TOA),

Paris 1944; L. CATLOW ( T Ü K ) , Bruxelles 1980; Lit.: Grundlegend Κ . SMOLAK, H L L 5, 1989, § 5 5 1 (Lit.); R . SCHILLING, Le refrain dans la poésie latine, in: Musik und Dichtung, FS V . PÖSCHL, hg. M . VON A L B R E C H T u n d W . SCHUBERT, H e i d e l b e r g 1 9 9 0 ,

117-131.

D i e Laudes Dei sind kein Epos, sondern Lobpreis der Gnade Gottes in drei Büchern. Im ersten Buch wird auf die Schöpfung eingegangen, im zweiten auf die Tat Christi. Im dritten B u c h , das unter anderem v o m Gehorsam der Menschen handelt, ist die Erwähnung opferbereiter Heiden bemerkenswert. 3 H . HAPP, Luxurius. Text, Untersuchungen, K o m m e n t a r , 2 B d e . , Stutgardiae 1986. 4 Ausgaben: A e . BAEHRENS, Poetae Latini minores, B d . j , Lipsiae 1883, 313-348; R. WEBSTER (TK), Princeton 1900; F. SPALTENSTEIN ( T K ) , R o m e 1983; Lit.: W. SCHETTER, Studien zur Oberlieferung und Kritik, Wiesbaden 1970; C . RATKOWITSCH, Maximianus amat, Wien 1986 (Datierung ins 9. Jh.); dies., W S 103, 1990, 207-239; A . Fo, Significato ... della raccolta ... di Massimiano, Hermes 115, 1987, 2

348-371·

POESIE

IO43

Jagd sind nur 325 Hexameter auf uns gekommen. Q. Serenus verfaßt ein medizinisches Lehrgedicht, eine Rezeptsammlung in Hexametern. Rufius Festus Avienus schreibt in Versen eine Descriptio orbis terrae, ein Werk De ora maritima und eine Arat-Übersetzung. Ein ungewöhnlicher Didaktiker ist Terentianus Maurus 1 (wohl 2.-3. Jh.); er baut in virtuosen Versen unterschiedlicher Maße ein Lehrgedicht der Metrik, das aus drei Teilen besteht: De litteris (85-278), De sytlabis (279-1299) und De metris (1300-2981). Sie sind zusammen überliefert; die Vorrede (1-84) gehörte ursprünglich nur zu De syllabis. U m 400 entstehen das Carmen de figuris und das Carmen de pottderibus et mensuris. Beide sind in Hexametern verfaßt. Das Epos erhält eine neue panegyrische Ausformung durch Claudian; diesem geborenen Dichter widmen wir ein eigenes Kapitel. Eine späte Nachblüte hat die altehrwürdige Gattung bei Corippus 2 . D i e A n f a n g e der christlichen Poesie Die christliche lateinische Dichtung hat dreierlei Wurzeln: den an Volkstümliches anknüpfenden Gesang, besonders der östlichen Kirche, die gehobene Prosa der ins Lateinische übersetzten Psalmen, der liturgischen Gebete und dogmatischen Bekenntnisse sowie - an dritter Stelle - die römische Kunstpoesie. Von christlicher Gebrauchslyrik — »Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern« - ist im Neuen Testament die Rede (Eph. 5, 19; Col. 3, 16). Anfang des 2. Jh. bezeugt Plinius (epist. 10, 96/97, 7), daß die Christen regelmäßig an einem bestimmten Tag vor Sonnenaufgang zusammenkommen und Christus wie einem Gott im Wechselgesang einen Hymnus singen (carmen dicere). In griechischen und syrischen Gemeinden muß eine große Zahl von Gesängen existiert haben; die Musik der Ostkirche strahlt bei Hilarius und schon vor ihm auf den Westen aus. Von Einzelnen - oft gegen anfangliches Unverständnis der Gemeinden - eingeführt, sind frühe lateinische Hymnen meist literarisch relativ anspruchsvoll, zuweilen geradezu impopulär; dieses Bild verändert der neuentdeckte abecedarische Psalmus responsorius3 (auf einem Papyrus des 4. Jh.). Er ist ein frühes Zeugnis volkstümlichen Kirchengesangs aus der sonst klassizistischen Zeit Constantins. Antikisierende bzw. unklassische Gestaltung sind eben nicht nur epochen-, sondern auch schichtenbedingt. Kompromißformen - >nichtquan ti tierende Hexameter< - haben keine Zukunft 4 . Ambrosius findet in seiner neuartigen, zugleich schlichten und vornehmen Hymnendichtung zwischen dem strengen Geschmack der Gebildeten und der Volksfrömmigkeit einen für mehr als anderthalb Jahrtausende wegweisenden Ausgleich. 1

P. L . SCHMIDT, K 1 P

591.

2

Maßgebend E. BURCK, in: E. BURCK, Hg., Das römische Epos, Darmstadt 1979, 379-399; 4 1 8 - 4 1 9 (Lit.)· 3

R . HERZOG, H L L 5, 1989, § 5 5 9 .

Commodian dichtet akzentuierend und >vulgärlateinisch< (Ausgabe: I . M A R T I N , Tumholti i960 = C C 128); Zeit umstritten (3.-5.Jh.). Auch von Augustinus kennt man ähnliche Versuche. 4

1044

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

In der Anfangszeit der christlichen Dichtung ist der Einfluß der lateinischen Prosa auf die Poesie wieder ziemlich stark, wenn auch aus ganz anderen Gründen als in der Frühzeit und unter Augustus. Die Psalmen - von der Kirche als Gebetbuch übernommen - haben in der Übersetzung prosaische Form 1 ; dogmatisch geprägte Hymnen (wie die des Hilarius oder Victorin) orientieren sich an der Kunstprosa kirchlicher Bekenntnisse. Die in gehobener Prosa bevorzugten parallelen Bauformen lassen Assonanz und Reim allmählich zu prägenden Gestaltungselementen werden. Mit dem Verfall der klassischen quantitierenden Metrik werden rhythmische Kola in paralleler Reihung zu einem neuen Medium volksnaher Lyrik. Überraschend konvergieren in formaler Beziehung zwei verschiedene Traditionen: Die in den hebräischen Psalmen herrschende Vorliebe fur Parallelismus stößt im Lateinischen auf ein spontanes Echo: Die Kunstprosa hat dergleichen seit langem kultiviert. In die sich neu bildende christliche lateinische Lyrik beginnen gleichzeitig Strukturprinzipien einzudringen, die bisher in Rom nicht heimisch waren: etwa der Abecedarius nach Psalm 1 1 9 ( 1 1 8 ) , dem sogenannten >güldenen ABCHymnen< Te Deum laudamus (vielleicht aus dem Griechischen), Te decet laus (aus dem Griechischen) und Magna et mirabilia (apocal. 15, 3-4); vgl. W. BULST, Hymni Latini antiquissimi L X X V , Psalmi III, Heidelberg 1956, 7-8. 2 S. unser Laktanz-Kapitel, S. 1264; 1270. 3 Traditioneller Formen bedienen sich auch die hexametrischen Laudes Domini (R. HERZOG, HLL 5, § 560), die in eine Fürbitte fur Constantin münden. 4 Ausgabe: A. LOYEN (TOA), 3 Bde., Paris i960 und 1970.

POESIE

IO45

tum verdammen; wahrscheinlich treffen alle drei Verdikte, so schief sie sind, etwas Richtiges. Das Aufblühen einer mit der autobiographischen Prosa Augustins vergleichbaren Persönlichkeitsdichtung, wie sie durch die christliche Sicht prinzipiell möglich geworden wäre, wird durch die dreifache Bindung eines Sidonius an aristokratische Gesellschaft, Schule und Kirche nicht gefördert. Nur äußerlich erinnert die Situation an Horaz, der seine Wendung von der Poesie zur Philosophie in vollendeten Versen besingt. So >entsagen< gebildete Autoren nach ihrer Bischofsweihe poetischem Tand, um dennoch weiterzudichten, wenn auch leider nicht auf horazischem Niveau. Poeten, denen wie Ausonius der gesamte Formenschatz der Antike zu Gebote steht, mögen ihr Gesamtwerk als >Bruchstücke einer großen Konfession« angelegt haben; aber - im Unterschied zur Prosa des Augustinus - erstickt bei diesen Verskünstlern die Konfession allzu oft in Konvention, und es gibt wohl auch nicht viel Großes zu bekennen. Trotzdem bahnt hier die Spätantike - wenn auch schwach und zögernd — einen Weg zur Persönlichkeitsdichtung der Neuzeit. Andeutungsweise erkennt man dies bei Paulinus von Nola 1 , für den seit seiner Bekehrung Christus die Stelle der Muse einnimmt. Seinem Lehrer Ausonius sucht er - mit der Härte des Eiferers, aber in klassischen Versen zu erklären, wieso er den Hitter der humanistischen Bildung abgestreift habe. Der epische Eucharisticus des Paulinus von Pella2, um 459 verfaßt, ist als Lebensbeichte anrührend, aber als Dichtung ungelenk. Venantius Fortunatus3 (6. Jh.) erhebt sich durch sein Talent über die Dichter seiner Zeit; seine Werke spiegeln in gleichsam spielend beherrschten alten und neuen Formen den Jubel der ecclesia trìumphans. Die Elegie De partu virginis erfüllt formal antike Normen, die großartigen Weihnachts- und Passionshymnen legen einen Grund fur die mittelalterliche Dichtung und setzen ihr hohe Maßstäbe. Geschliffene Verse über Kämpfe und Wunder verewigen einzelne Personen in ihrer tätigen Christusnachfolge. Die Beschreibung der Freuden des ewigen Lebens gleicht einem barocken Deckenfresko. Der Riß zwischen antikisierender Form und christlichem Inhalt ist noch einmal überwunden. Die Stimme des Individuums mag im konventionellen Gelegenheitsgedicht erklingen, doch will sie letztlich im Chor untergehen. Hauptthema der christlichen Poesie ist das Lob Gottes. Dafür ist die lyrische Form nur eine von mehreren Möglichkeiten. Zur Verherrlichung Gottes gehört auch die Verkündigung. Diese kann in doppelter Weise geschehen: entweder direkt durch Paraphrasen der Evangelien und Erläuterung der kirchlichen Dogmen in epischer und didaktischer Poesie oder indirekt durch Beschreibung des Lebens - und Martertodes - bekehrter Christen. Auf das Drama und die Biographie weisen Erzählungen von Martyrien; an philosophische Texte erinnern manche Bekehrungsberichte. 1 2 3

Ausgabe: G. DE (= VON) HÄRTEL, 2 Bde., Vindobonae 1894 (= C S E L 29-30). Ausgabe: W.BRANDES, Vindobonae 1888 (= C S E L 16, 263-334). Ausgabe: F. LEO, B. KRUSCH, M G H A A 4, 1 und 2, Berolini 1881—1885.

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LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Die eigentliche Bibelepik beginnt mit Iuvencus; er christianisiert das Epos und die Selbstauffassung des Epikers, setzt die Bibel in das kultivierte Latein der Poesie um, findet aber noch nicht zu einer selbständigen Anordnung, Auswahl und Formung des Stoffes. Wegen seiner Bedeutung als Neuanfang werden wir ihn in einem eigenen Abschnitt kurz vorstellen. Proba 1 (4. Jh.) kleidet in ihrem Cento ausgewählte christliche Inhalte in ein Mosaik aus Vergilzitaten. Ist dies ein Symptom des seit Constantin anbrechenden >Klassizismus< oder nur ein weiterer Beweis für das Abgleiten der Poesie in Schulmeisterei? Angesichts von Probas Behauptung, Vergil habe Christus besungen, sträuben sich strengen Theologen wie Philologen die Haare: Hieronymus, der beides ist, sieht in Probas Cento eine Herabwürdigung der Bibel wie auch Vergils. Historisch richtiger ist es wohl, von einem durch die Verschmelzung der römischen Kultur und des Christentums geforderten neuen, >hermeneutischen< Lesen zu sprechen, das den römischen Klassiker als eine Art >Altes Testament< typologisch auf die jetzt in Christus verwirklichte Wahrheit bezieht und dann - ähnlich wie es beim Constantinsbogen geschieht - aus Spolien eine neue Architektur aufbaut. Nach dem talentierten Sedulius, dem ein eigener Abschnitt gewidmet wird (s. u.), sei sein bis ins 16. J h . viel bewunderter Nachahmer Arator genannt, dessen Apostelgeschichte im Jahr $44 die von den arianischen Goten bedrohten Römer begeistert: Trinitarische Exegese offenbart die hohe Berufung der Kirche Petri2. Die Technik der isolierten Bilder und der poetischen Meditation gemahnt an Sedulius, von dem auch Rusticius Helpidius in seinem Carmen de Christi Iesu benefìciis beeinflußt ist. Die Genesis wird in Verse gebracht von Claudius Marius Victor (Alethia), besonders aber von Avitus. Alcimus Ecdicius Avitus wird 494 als Bischof von Vienne genannt und ist der rhetorisch geprägten Kultur des späten Gallien zuzurechnen. Sein dichterisches Hauptwerk, De spiritalis historiae gestis, umfaßt 5 Bücher: 1 De mundi initio, 2 De originali peccato, 3 De sententia Dei, 4 De diluvio mundi, 5 De transitu maris. Anders als in Cyprians Hexateuch, einer Nacherzählung, handelt es sich hier um eine selbständig konzipierte Dichtung. Avitus läßt sich nicht von der Stoffülle erdrükken, sondern wählt nach dem Brauch guter Epiker einige wenige Episoden von zentraler Bedeutung aus. Er weiß das Paradies poetisch zu schildern und das Geschehen mit psychologischem Geschick zu erzählen. Erstmals fuhrt er die Gestalt Lucifere ins Epos ein. Milton, der in seine umfassenden Studien auch Avitus gründlich einbezieht3, wird das Thema des Verlorenen Paradieses autoritativ gestalten. Man erkennt: Auch in der antiken Bibelepik deuten sich beachtliche Möglichkeiten an, die erst in der Neuzeit voll zur Wirkung gelangen. 1 2

R . HERZOG, H L L 5, 1989, § 562. Ausgaben: A n u s BARBOSA, Helmanticae 1 5 1 6 ; A . P. MCKINLAY, Vindobonae 1951 (= C S E L 72);

J. SCHWIND, Arator-Studien, Güttingen 1990. 3 G . KRÖGER, in: SCHANZ-HOSIUS, L G 4, 2, §§1153-1159.

1920, 632, A n m . 3; allgemein zu Avitus ebd.

AUSONIUS Leben, Datierung D. Magnus Ausonius, der erste Franzose der Weltliteratur, ist um 310 als Sohn eines Arztes in Bordeaux geboren. Nach Studien in seiner Heimatstadt und in Toulouse bei seinem Onkel Arborius lehrt er drei Jahrzehnte lang an berühmten Schulen in Bordeaux, erst als Grammaticus, dann als Rhetor 1 . Seine unvergeßliche Gattin Sabina, von der er drei Kinder hat, stirbt mit 28 Jahren. Kaiser Valentinian I. beruft ihn (um 365) nach Trier als Erzieher Gratians und erhebt ihn zum comes (371) und quaestor sacri palatii (37s) 2 · Dort wird er mit der berühmten Mosella3, einem Lob der Mosellandschaft in 483 Hexametern, zum ersten deutschen Heimatdichter und mit der Bissula zum Entdecker der Vorzüge des Schwabenmädchens. Die blauäugige Blondine ist ihm auf dem Alamannenfeldzug unter Valentinian als Kriegsbeute zugefallen, hat aber bald die Herrschaftsverhältnisse umgekehrt. Gratían macht ihn 378 zum praefectus praetorio trium Galliarum und 379 zum Consul. Der Dichter bestimmt den Herrscher zu einer Stärkimg der Position des Senats und zu einer Politik der Milde, die sich bewußt von Valentinians Haltung absetzt. Nach dem gewaltsamen Ende Gratians (383) kehrt Ausonius auf seine Güter an die Garonne zurück, um der Literatur und der Freundschaft zu leben. Seine letzten Lebensjahre sind von der Enttäuschung über den religiösen Fanatismus seines Schülers Paulinus überschattet, fur dessen Abkehr v o m behaglichen Literatendasein Ausonius, dem das tägliche Morgengebet genügt, kein Verständnis aufzubringen vermag. Werkübersicht 4 Poetische Vorreden (>Buch κ) sind an den Leser, an Syagrius und an den Kaiser Theodosius gerichtet, von dem ein Brief an Ausonius beigefugt ist5. Die Ephemeris (>Buch 2Kenner< annimmt. In einem Kabinettstück wie dem Brief art den Sohn ist Ausonius ein würdiger Fortsetzer der rhetorischen Lyrik von Statius' Gedicht An den Schlaf. S p r a c h e u n d Stil 2 Wie einst Lucilius mischt Ausonius Lateinisches und Griechisches in maccaronischer Poesie, ein Vorgehen, das beiden Sprachen Gewalt antut und für halbgebildete Epochen typisch zu sein scheint. Auffallig ist die schlampige Silbenmessung bei vielen griechischen Wörtern - er ist mit dieser Sprache nicht übermäßig gut vertraut. Aber auch im Lateinischen kürzt er das a in contra. Da er Gallien nie verlassen hat, ist sein Latein fur das damalige Sprachgefühl in jener Gegend ein Beleg. Dennoch verraten seine Epigramme Sprachbewußtsein: Rufus sagt reminisco statt reminiscor — cor (Verstand) hat er also nicht (epigr. 8). Die gedankenlose Übertragung schulmäßiger Suchschemata auf unpassende Gegenstände entlarvt epigr. 61: Derselbe Rufus wünscht einem Brautpaar Kinder masculini,feminini und neutri generis. So verharrt der H u m o r vielfach im Rahmen der Schulstube. Die Verwendung der Adjektive in der Mosella trägt wesentlich zur poetischen Wirkung bei: Farbkontraste - Grün, Rot, Weiß (69f.) - , die Durchsichtigkeit des Wassers (55) und das Spiel des Lichtes bezaubern den Leser. Auch die Beobachtung der Blau- und Grüntöne der Landschaft entspricht einem verstärkten Interesse für Farb wirkungen bei späten lateinischen Dichtern 3 . Es verdient jedoch Erwähnung, daß Ausonius sich hierin mit Ennius berührt. In der Commemoratio Professorum ist die Anrede an die Verstorbenen ein wichtiges Stilmittel. H. SZELEST ( Z A n t ) 1976, bes. 433. R. E. COLTON, Some Unusual Words U s e d by Martial and Ausonius, C B 54, 1977, 8-10; V . CRISI, D e re metrica et prosodiaca D . M a g n i Ausonii, I. D e hexametris et pentametris, Urini 1938; P. TORDEUR, Etude des élisions dans la Moselle d'Ausone, Latomus 29, 1970, 966-987. 3 H. SZELEST 1987 (Lit.). 1

2

POESIE: AUSONIUS

105 i

Lyrische Wirkung verbindet sich mit rhetorischer Wiederholung in dem Briefan den Sohn: Durch das beharrliche Einhämmern von solus (7-9) und sie (17-19) überträgt sich die traurige Stimmung des verlassenen Vaters unmittelbar auf den Leser. Gedankenwelt I Literarische Reflexion Die rhetorischen Kriterien des Ausonius entsprechen seiner Praxis: perite, concinne, modulate, dulciter (epist. 23, prosa); seine Liebe zur Literatur ist mit der Vorstellung

des otium verbunden: Im Alter will er mit dem Enkel die Klassiker aufs neue lesen: Horaz, Vergil, Terenz, Sallust (auch die Historien: epist. 22, 55-65). Sein Zugang zu Literarischem ist, wie der Protrepticus an den Enkel zeigt (epist. 22), stark von pädagogischen Rücksichten geprägt. Solche - kaum anders zu erwartenden Äußerungen treffen jedoch nicht den Kern. Das wichtigste Zeugnis fur das literarische Selbstverständnis des Ausonius ist der in jeder Beziehung umfassende Charakter seiner Gedichtsammlung. Dem Poeten scheint alles der Verewigung wert: seine Familienverhältnisse, die Professoren von Bordeaux und vieles andere mehr. Wie bei Lucilius ist man versucht zu sagen, das Leben des alten Herin liege uns wie auf einer Votivtafel vor Augen. Auch hat man wie bei den Altlateinern das Gefühl, daß die Person mehr ist als die doch oft recht zufalligen Verslein. Die >enzyklopädische< Thematik der Opuscula läßt ein römisches Streben nach dem Ganzen erkennen. Im Wust des scheinbar Belanglosen ahnt man den Versuch eines Individuums, zum Spiegel der Welt zu werden. Ein gewisser Ansatz zur Persönlichkeitsdichtung findet sich — zumindest der Intention nach und andeutungsweise - in den Liebesgedichten auf die Suebin Bissula. Es ist aufschlußreich, daß Ausonius den persönlichen Charakter dieser Gedichte in einer Vorrede entschuldigen zu müssen glaubt. In ihnen kommt etwas zum Vorschein, das in der römischen Literatur immer wieder an die Oberfläche drängt, oft aber durch literarische und gesellschaftliche Zwänge verschüttet wird. Daß dies ausgerechnet bei einem sonst so konventionellen und schulmäßigen Poeten wie Ausonius der Fall ist, muß als bewegendes Zeitsymptom gelten1. Ausonius selbst hat offenbar das Gefühl, in seinen Gedichten nicht alles gesagt zu haben, denn er versieht sie oft mit prosaischen Vor-, Zwischen- und Nachworten. Er ist eben ein Literat, und er lebt in einer Zeit, die aber auch wirklich alles zu verbalisieren sucht, wenn auch in festen, konventionalisierten Formen. Wenig später werden die Confessiones Augustins eine neue Art persönlicher Literatur begründen. Bei Ausonius, dem erklärten Freund der Oberfläche, bleibt es bei mehr als bescheidenen, aber dennoch nicht ganz zu verachtenden Ansätzen. 1 Immerhin bescheinigt Symmachus dem Mosella-Dichter, er bleibe auch in der Poesie bei der Wahrheit (epist. i, 14, 3). Allerdings gilt dies mit Einschränkungen, vgl. z. B. Ch.-M. HERNES 1970.

1052

LITERATUR DER MITTLEREN U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

G e d a n k e n w e l t II Die Gedankenwelt des Ausonius kreist um die ihm nahestehenden Menschen, die heimatliche Landschaft und seinen B e r u f als Rhetor. An diesen Personen und Dingen, so unbedeutend sie im einzelnen auch sein mögen, hängt sein Herz. Darin ist er ein echter Römer. In der Mosella meint man trotz aller Rhetorik stellenweise modernes Naturgefuhl zu spüren. Mehr als die idealisierende und typisierende Darstellung der Mosel vermitteln uns die Städtebilder einen Eindruck von den Verhältnissen zur Zeit des Ausonius; nicht immer ist es in der Antike selbstverständlich, in solcher Weise das Reale zu poetisieren. Die Professoren von B o r deaux werden vielfach zwar mit Sympathie, aber ohne übermäßiges Lob dargestellt. Mit seinem poetischen Sinn furs Individuelle und Konkrete steht Ausonius schon an der Schwelle zur Neuzeit. Eine durchaus >antike< - aber auch romanische - Seite ist hingegen die Vorliebe fur Rhetorik und sprachliche Spielereien. Freilich fehlt auch nicht der persönliche Kern. Dprch die verspielten Floskeln der Gratiarum actio klingt als Vermächtnis des Lehrers an den Kaiser die Mahnung zur Milde. Z u r natürlichen U m w e l t des Literaten gehören auch das geliebte Latein - Griechisch ist nicht seine Stärke - und seine Klassiker. Ein geborener Pädagoge, vermittelt er mit Wonne - und oft ohne geschmackliche Hemmungen - das Behagen an der Bildung, die fur ihn kein ehrwürdiger Popanz, sondern ein unverwüstliches Stück seines Hausrats ist, das man - wie im Cento nuptialis - auch einmal nach Herzenslust zausen darf. Dabei ist es ihm mit den Spielereien der Rhetorik und der hausgemachten Kleinpoesie wider Erwarten so heilig ernst, daß er die Hinwendung seines Schülers Paulinus zu einem entschiedenen Christentum als Verrat empfindet. Die Worte des Bekehrten (Paulin. carm. 10, 39f.) gegen die Rhetoren, die das Herz mit Falschem und Eitlem durchtränken und nur die Zunge belehren, müssen ihn in der Tat tief getroffen haben (qui corda falsis atque vanis imbuunt / tantumque linguas instruunt). Überlieferung1 Die Ausonius-Überlieferung zählt zu den verwickeltsten Problemen der Klassischen Philologie; hier müssen Andeutungen genügen. Ausonius schickt seine Gedichte in Voraus-Exemplaren2 an Freunde; die eigentliche Publikation erfolgt dann mit einem Begleitschreiben, in dem ein Bekannter - phraseolo-

1

S. PRFTE, Ricerche sulla storia del testo di Ausonio, R o m a 1960; weitere Lit. in S. PRETE, A u s g . 1978; M . D . REEVE, S o m e Manuscripts o f Ausonius, Prometheus 3, 1977, 1 1 2 - 1 2 0 ; vgl. ders., in: REYNOLDS, Texts and Transmission 2 6 - 2 8 ; hilfreich der Forschungsüberblick bei W . - L . LIEBERMANN 1989, 270-277. 2 V g l . S y m m a c h u s bei A u s o n . , epist. 1.

POESIE:

AUSONIUS

1053

gisch - aufgefordert wird, das beiliegende Gedicht zu »verbessern«. Manche Gedichte sind auch mit zwei derartigen Schreiben überliefert, also zweimal veröffentlicht 1 . Wir kennen drei auf die Spätantike zurückgehende Traditionsstränge: x: Der Strang χ verläuft über Spanien, sein Hauptvertreter ist der Leidensis Vossianus Lat. F. 1 1 1 , s. IX (= V): dies ist die umfangreichste Ausonius-Sammlung; den Kürzungen fielen Epigramme zum Opfer. y: Der zweite Oberlieferungsstrang geht wohl auf einen Bobiensis zurück; den Anfang repräsentiert Paris. Lat. 8500, s. X I V (= P). Prete hält den Harleianus 2613 (h) fur den besten Vertreter. Diese Tradition enthielt auch die heute verschollenen Histórica. Y ist etwas kürzer als x; Streichungen gibt es vor allem im persönlichen Bereich. z: Die dritte und kürzeste Auswahl übergeht Autobiographisches und Historisches, bringt aber die Dankrede und die erotischen Gedichte. Die Varianten von ζ hält man heute nicht mehr fur Autorvarianten (einer >Erstausgabe< von etwa 383), sondern fur eine interpolierte, aber noch spätantike Fassung. Der Tilianus (Leidensis Vossianus Lat. Q 107), s. X I V oder X V (= T) ist als Hauptvertreter von ζ entthront.

Fortwirken 2 Ausonius wird von Endelechius, Prudentius, Paulinus von Pella, Sidonius, Ennodius und Venantius Fortunatus gelesen; in den Epigrammata Bobiensia ist sein Einfluß zu spüren. Sein entspanntes Geplauder gibt in mancher Hinsicht im spätantiken Gallien den Ton an. Im Mittelalter strahlt die Moseila auf Walahfrid Strabo, Ermenrich (beide 9. Jh.) und die Gesta Treverorum (12.Jh.) aus. Weise Sprüche unseres Poeten werden durch die Schule weitertradiert, im ganzen aber ist das Echo zurückhaltend, wohl nicht nur wegen des Briefwechsels mit Paulinus. In der Frührenaissance3 nimmt das Interesse seit Benzo und Petrarca zu. Boccaccio besitzt einen vollständigen Ausonius. Montaigne liest den Poeten, »weil er von Bordeaux kam«. Erasmus zitiert ihn gern in den Adagiorum Collectanea, J. C. Scaliger in der Poetik, die Dichter der Pléiade - Ronsard, DuBellay, B a ï f - sind mit ihm vertraut. Ähnliches gilt in Deutschland von C. Celtis und M. Opitz. Als Epigrammatiker steht er freilich etwas im Schatten Martials und der griechischen Anthologie. Immerhin rühmt B. Gradan (f 1658), ein Hauptträger des Conceptismo, die Brillanz des Ausonius. Auch fur Pope (j" 1744) und Richardson (f 1761) ist unser Autor kein Unbekannter. Lessing (f 1781) geht auf Ausonius ein; Goethe beschäftigt sich im Jahre 1812 intensiv mit dem zehnten Epigramm, bittet Knebel um eine Obersetzung und J. W. 1 Z. B. das Technopaegnion. Bei den Fasti wurde das ursprünglich an Hesperius gerichtete Begleitgedicht einem Gregorius umgewidmet. 2 Spätantike: J. L. CHARLET, L'influence d'Ausone sur la poésie de Prudence, Paris 1980; Mittelalter und Neuzeit: R. WEISS, Ausonius in the Fourteenth Century, in: R. R. BOLGAR, Hg., Classical Influences on European Culture A. D. 500-1500. Proceedings of an International Conference Held at

K i n g ' s C o l l e g e ( C a m b r i d g e , April 1969), C a m b r i d g e 1 9 7 1 , 6 7 - 7 2 ; H . L . FELBER, S . PRETE, D . M a g n u s

Ausonius, in: P. O. KRISTELLER, Hg., Catalogus translationum et commentariorum. Mediaeval and Renaissance Latin Translations and Commentaries. Annotated Lists and Guides, Bd. 4, Washington 1980, 1 9 3 - 2 2 2 . 3

HIGHET, Class. Trad. 188; zum Folgenden auch W . - L . LIEBERMANN 1989, 306-308.

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

Döbereiner u m A u s k u n f t , w e l c h e s G i f t in d e m Text g e m e i n t sei 1 ; er liest also Ausonius nicht primär aus poetischem Interesse. Herder ( f 1803) w u n d e r t sich über die N a c h w i r k u n g , die unserem D i c h t e r beschieden w a r . Felix D a h n ( ΐ 1912) porträtiert ihn in seinem B i s s u l a - R o m a n . Ausgaben: Bartholomaeus GIRARDINUS, Venetiis 1472. * K. SCHENKL, Berlin 1883 (MGH, A A 5, 2). * R. PHPER, Leipzig 1886. * H. G. E. WHITE (TÜ), 2 Bde., London, Cambridge, Mass. 1919-1921 u. ö. * S. PRETE (probi.), Leipzig 1978. * Mosella: C . Hosius (TA), Marburg '1926, Ndr. 1967. * Ch.-M. TERNES (TK), Paris 1972. * W.JOHN ( T Ü A ) , W. BINSFELD (überarb.), W. ABEL (Lit.), Berlin 1980. * B. K. WEIS (TÜK), Darmstadt 1 9 8 9 . * * Konkordanz:

L . J . B O L C H A Z Y , J. A . M . SWEENEY, M . G . Α Ν Τ Ο Ν Ε Τ Π , C o n c o r d a n -

tia in Ausonium. With Indices to Proper Nouns and Greek Forms, Hildesheim 1982; s. auch Indices der Ausgaben. * * Bibl.: C h . - M . TERNES, Ausone. Bibliographie objective et subjective, Bulletin des antiquités luxembourgoises 14, 1983 (1984), 3-126. F. BENEDETTI, La tecnica del vettere negli Epigrammi di Ausonio, Firenze 1980. * A . DELACHAUX, La latinité d'Ausone. Etude lexicographique et grammaticale, thèse Lausanne: Neuchâtel 1909. * F. DELLA CORTE, L'ordinamento degli Opuscula di Ausonio, R C C M 2, i960, 21-29. * F· DELLA CORTE, I Fasti di Ausonio, in: Studi di storiografia antica in memoria di L. FERRERÒ, Torino 1971, 203-208. * F. DELLA CORTE, I Caesares di Ausonio e Mario Massimo, in: Atti del Convegno Cli storiografi latini trammandati inframmenti(Urbino 1974) = StudUrb 49, ι , 1975, 483-491. * F. DELLA CORTE, Bissula, RomBarb 2, 1977, 17-25. *J. FONTAINE, Etudes sur la poésie latine tardive d'Ausone à Prudence, Paris 1980. * W. FAUTH, Cupido cruciatur, G B 2, 1974, 39-60. * H. FUCHS, Textgestaltungen in der Mosella des Ausonius, ΜΗ 32, 1975, 173-182. * Μ. Κ. HOPKINS, Social Mobility in the Later Roman Empire. The Evidence o f Ausonius, C Q 11, 1961, 239-249. * C . Hosius, Die literarische Stellung von Ausons Mosellied, Philologus 81, 1926, 192-201. * E.J. KENNEY, The Mosella of Ausonius, G & R 31, 1984, 190-202. * D. KORZENŒWSKJ, Aufbau und Struktur der Mosella des Ausonius, R h M 106, 1963, 80-9$. * P. DE LABRIOLLE, Ausonius, R L A C I, 1950, 1020-1023. * W. D. LEBEK, Das Versepitaph ΞγΙΙ. Ein. 2 (ZPE 63, 1986, 83-100) und Ausonius, besonders Epitaphia heroum 35, Z P E 69, 1987, 101-105. * W.-L. LIEBERMANN, D. Magnus Ausonius, in: HLL 5, München 1989, 268-308. * J. MARTIN, Textes chrétiens d'Ausone, B A G B 4, 1972, 503-512. * F. MARX, Ausonius' Lied von der Mosel, R h M 80, 1931, 368-392. * F. MARX, Ausonius, RE 2, 2, 1896, 2562-2580. * Ε. Κ. RAND, Ausonius. The First French Poet, P C A 24, 1927, 28-41. * M. D. REEVE, Some Manuscripts of Ausonius, Prometheus 3, 1977, 112-120. * M.ROBERTS, The Mosella of Ausonius. An Interpretation, T A P h A 114, 1984, 343-353. * E. SÁNCHEZ SALOR, Hacia una poética de Ausonio, Habis 7, 1976, 159-186. * E . G . SCHMIDT, Bemerkungen zu den Gedichten des Ausonius, StudClas 3, 1961, 413-420. * H. SZELEST, Die Sammlung Ordo urbium nobilium des Ausonius und ihre literarische Tradition, Eos 61, 1973, 109-122. * H. SZELEST, Valete manes inclitorum rhetorum. Ausonius' Commemoratio professorum Burdigalensium, Eos 63, 1975, 75-87. * H. SZELEST, Ausonius und Suetonius, Ζ Ant 26, 1976, 433-442. * Η. SZELEST, Die Spottepigramme des Ausonius, Eos 64, 1976, 33-42. * H. SZELEST, Die Moseila des Ausonius und ihre literarische Traditon, Eos 75, 1987, 95-105. * C h . M. TERNES, Paysage réel et coulisse idyllique dans la Mosella d'Ausone, REL 48, 1970, 376-397·

1

GRUMACH 398-400.

AVIANUS Avianus (oder -ius, nicht Avienus) lebt wohl nicht im 2. Jh., sondern Anfang des 5. Jh. Er widmet seine in elegischen Distichen geschriebenen Fabeln einem Theodosius (vielleicht Macrobius). Seine Identität mit dem in Macrobius' Satumalien (1, 4) auftretenden Aristokraten Avienus ist ungewiß. Einige der 42 Fabeln wurden in ihrer Echtheit angezweifelt (23; 35; 38). Ähnliches gilt von vielen Promythien und Epimythien, die in einem Teil der Handschriften fehlen. Heute glaubt man meist an die Echtheit. Die Überschriften, die nur in einigen Codices und in unterschiedlicher Form überliefert sind, stammen nicht von Avian. Berührungen mit dem griechischen Fabeldichter Babrios sind (in 31 Fabeln) sehr eng. Aus der Vorrede hat man geschlossen, Avians Vorlage sei eine Prosaparaphrase der Babrios-Fabeln (wohl von Titianus, die >äsopischen TrimeterSachlyrik< erinnern die beschreibenden carmina minora (ζ. Β. 2; 4; ι Τ, 26). Inwieweit sich Claudian von bildender Kunst anregen läßt, verdient untersucht zu werden 1 . Die Epigramme spielen mit griechischer Tradition; bezeichnend sind Reihen von Epigrammen über ein und dasselbe Thema (min. 7a, b; 15-16; 33-39; 43-44). Der Anschluß an Vorbilder ist bei Claudian frei, selbständig und geistreich. Literarische Technik Die Darstellungskunst Claudians beruht auf der Fähigkeit, einzelne Bilder zu verselbständigen und dem Leser mit visueller Suggestivkraft zu vermitteln. Damit vollendet Claudian eine Entwicklung, die sich im römischen Epos seit Vergil, Ovid und den Epikern des Silbernen Zeitalters2 anbahnt. Die äußeren Handlungsmechanismen werden dabei abbreviaturhaft auf das Nötigste reduziert. Diese Bilder sind in sich abgerundet, aber nicht völlig voneinander isoliert. Leitmotivartige Stichworte verbinden sie untereinander und tragen so zur inneren Einheit des Ganzen bei. Eindringende Interpretation hat die innere Geschlossenheit der claudianischen Texte ergeben3. Wird der Mythos breit ausgeführt, so inszeniert er die seelisch-geistige Seite des Geschehens. In knapper Form wird er als Exemplum oder Vergleich herangezogen. Serenas Lob (min. 30) schmücken zahlreiche Frauennamen aus der Sagenwelt. Bezeichnend fur die Einzelausführung sind Reden, die als Ethopoüen konzipiert sind. Auch in anderen Fällen sind die Sprecher mit Bedacht ausgewählt: Wenn Alarich selbst erklärt, Italien sei für ihn verloren, so ist er hierfür die zwingendste Ein Anfang: F.-F. S C H W A R Z , Nigra maiestas. Bryaxis-Sarapis-Claudian, in: Classica et Provincialia, FS E. DIEZ, Graz 1978, 189-210. 2 F. MEHMEL, Valerius Flaccus, Diss. Hamburg 1934; F. MEHMEL, Virgil und Apollonius Rhodius, Hamburg 1940. 3 Vgl. M . B A L Z E R T 1974; zu In Rußnum: S. K O S T E R 1980, 298-314. 1

POESIE:

CLAUDIAN

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Autorität (VIcons. Hon. 274-329). Ebenso ist der Vater Theodosius das geeignete Sprachrohr für einen Fürstenspiegel. Die poetische Wirkung beruht vor allem auf Beschreibungen, die unter anderem durch Umsetzung in Bewegung und durch starke Farbwirkungen - Gold, Purpur, Weiß, Grün - belebt werden (z. B. min. 30, 89-93). Bezeichnend sind Schilderungen allegorischer Personen - man denke z. B. an den Streit zwischen Megaera und Iustitia (Ruf. ι, 354-387). Allegorische Ortsbeschreibungen - wie das denkwürdige Heim der Venus - zeigen, daß rhetorische Schulung auch eine genuin poetische Erfindungsgabe freizusetzen vermag. Das zweite Buch De consulate Stilichonis vereinigt in konzentrierter Form verschiedene Techniken allegorischer Gestaltung. Neu ist auch, daß Claudian seine Werke regelmäßig mit poetischen Vorreden versieht - man denkt an seinen Zeitgenossen Prudentius, der damit freilich etwas andere Ziele verfolgt 1 . Der Adlervergleich in III cons. Hon. praef. drückt ein gereiftes dichterisches Selbstbewußtsein aus. Zum Flüggewerden der Kunst Claudiana hat auch die rhetorische Theorie beigetragen - fur uns vor allem in Menander von Laodikeia (3. Jh.) greifbar2. Der Aufbau der enkomiastischen Gedichte sollte freilich nicht allzu schematisch auf die Vorschriften der Schule bezogen werden3, denn das Talent des Dichters zeigt sich immer wieder darin, wie er das Schema belebt und manchmal auch durchbricht4. Gekonnt z. B. die Rückkehr zur Ausgangssituation der Vorrede gegen Ende des Panegyricus auf das vierte Consulat des Honorius. Dennoch ist das literarisch anspruchsvolle Lobgedicht, das nach dem Schema der Lobrede abgefaßt wird, im Lateinischen eine Neuerung Claudians5. Sprache und Stil Stil und Versbau sind elegant und halten dem Vergleich mit den besten Dichtern des i.Jh. n. Chr. stand. Kunstvolle Antithesen ergeben sich wie von selbst: Von der Römerart heißt es: virtute decet, non sanguine niti (IV cons. Hon. 220). Ein stilistisch ergiebiges Thema ist z. B. der Phoenix: Dieser Vogel stirbt mit Freuden, weil er es eilig hat, geboren zu werden (min. 27, 58); nur das Alter stirbt, der Phoenix bleibt (103). Er ist »sein eigener Erbe« (101), sein Sterbenein »fruchtbarer Tod« (25). Kunstvoll wird der Hexameter manchmal in kleinste Einheiten zergliedert (Ruf. ι, 300): eruit: instauras; accenditproelia: vincis. Die häufigsten Versmaße sind der Hexameter und das elegische Distichon; 1

R. HERZOC, Die allegorische Dichtkunst des Prudentius, München 1966, 1 2 7 - 1 3 5 (zum Unterschied zwischen panegyrischer und religiöser Allegorie). 2 RhetGr 3, 329-446. 3 Vorrede, Herkunft, Geburt, Jugend, Taten in Krieg und Frieden (nach Kardinaltugenden), Vergleich (meist fehlend), Epilog. 4

S. DÖPP 1980.

5

H. SZELEST 1977.

Ιθ66

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

dieses bevorzugt Claudian in Epigrammen, kleineren Werken und auch in den Vorreden zu den größeren Gedichten. D o c h gibt es auch kurze hexametrische Stücke. Metrisch abwechslungsreich sind die Fescennina: Das erste Stück verwendet den alkäischen Elfsilbler stichisch; das zweite besteht aus reizvollen fünfzeiligen Strophen: drei Anakreonteen, einem choriambischen Dimeter und einem Pherecrateus. Die dritte N u m m e r ist anapästisch, die vierte asklepiadeisch. Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Claudian fühlt sich als geborener Dichter, verba communia kann er nicht aussprechen, vor allem, wenn ihn sein Gönner (meus Apollo) inspiriert (min. 3). Einen Schnelldichter sollte man dennoch nicht aus ihm machen; Bemerkungen wie min. 25, ι sind situations- und gattungsgebunden. Seine Auffassung v o m Dichtertum dokumentiert Claudian besonders in den Vorreden. Schon in der Jugend drängt es ihn zu großen Gegenständen: Man denke an die griechische Gigantomachie. Dort vergleicht er denn auch zu Beginn (1—15) sein Dichten über dieses erhabene Thema mit der Fahrt auf hoher See. Auch sonst spricht er v o n der einschüchternden Wirkung der großen Stoffe und des bedeutenden Auditoriums (ζ. B. Mani. Theod. praef.). Andererseits läßt er den Leser auch sein Gefühl zunehmender innerer Sicherheit miterleben, so im Bilde des Seemannes, der sich allmählich immer weiter hinauswagt (rapt. 1 praef.) oder im Gleichnis von den jungen Adlern, für die es eine Prüfung ist, in die Sonne zu schauen (III cons. Hon. praef.). In der Vorrede des Bellum Geticum hören wir, daß der Dichter Anerkennung gefunden hat und zu hohem Ansehen gelangt ist. Gerade dies empfindet er aber als zusätzlichen Leistungsdruck. Eine Auseinandersetzung mit Kritikern - die er hübsch als Zentauren und Faune verfremdet (3) - finden wir im Vorwort zum Epithalamium für Honorius und Maria. In De raptu Proserpinae 2praef. erscheint Florentinus als neuer Hercules, Claudian als neuer Orpheus. Das Wechselverhältnis zwischen mythischem und zeitgeschichtlichem Stoff kennzeichnet Claudian treffend durch die Beziehung zwischen Traum und Wirklichkeit (VI cons. Hon. praef). Er hat von einer GigantomachieDichtung geträumt, die er Iuppiter zu Füßen legte; nun soll er das Consulat des Kaisers besingen. Wie schon O v i d sieht er nach Römerart im realen Princeps (der in der Tat die höchste irdische Macht verkörpert) eine Überbietung des Mythos. Das Traum-Motiv ist zugleich seit Ciceros Somnium mit dem Thema >Staat< eng verbunden. In der Vorrede zum dritten Buch De consulatu Stilichonis vergleicht Claudian seine Beziehung zu Stilicho mit der des Ennius zu Scipio. Daß er auf Befehl schreibt (cons. Stil. 3 praef. 24), deutet er positiv: Der Feldherr legt Wert auf das begleitende Zeugnis der Musen (5) und kümmert sich besonders um den Dichter, der nach dem Sieg R o m wiedersehen darf und den kriegerischen Lorbeer empfangt

POESIE:

CLAUDIAN

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(20). So wird Stilicho musischen Herrschern wie Scipio oder Augustus angenähert. Die historischen Ereignisse, zweifellos bedeutender als etwa zur Zeit des Statius, sind für Claudian eine Inspiration; sie sind carmine digna (6). Und ihrerseits finden die Gedichte die Wertschätzung des Gepriesenen (6). In Claudians Sicht ist diese Situation eine Sternstunde der Geschichte; durch seine Dichtung hat er sie dazu gemacht. Gedankenwelt II Man sieht auf den ersten Blick, daß Claudian seinen Helden Stilicho idealisiert und dessen Gegner verteufelt. Zweifellos entstellt er die Wahrheit; wie weit er in der Geschichtsklitterung geht, ist oft schwer zu entscheiden1. Der Terminus >Propaganda< ist nicht eindeutig: Gute Propaganda verwendet Fakten, wenn auch in tendenziöser Auswahl; ein Propagandist ist also nicht in jedem Falle ein Lügner. Auch pflegen bloße Propagandisten kein solch umfassendes Nachleben zu haben wie Claudian. Die gewissenhafte Strukturierung und Stilisierung der Texte spricht dafür, daß es sich um mehr handelt als um bloße Flugschriften fur den Augenblick2. Die poetische Konzeption erschöpft sich nicht in aktueller Parteinahme. Ebenso ist evident, daß die Götter der theologia fabulosa bei Claudian eine gestalthafte Plastizität gewinnen, wie nur selten in römischer Dichtung. Aber darf man daraus schließen, er sei ein gläubiger Heide? Sind doch die Allegorien, die niemand buchstäblich nimmt, ebenso anschaulich geschildert. Und ist nicht der Mythos schon bei Ovid Literatur und seine Verwendung keine Glaubens-, sondern eine Stilirage? Ein Gedicht belegt, daß Claudian - zumindest dem Namen nach - Christ gewesen sein muß (mitt. 32)3; umgekehrt ist das Gebet an Victoria (Stil. 3, 205-216) ein Stück patriotischer Rhetorik und beweist nichts fur heidnische Oberzeugungen. Angesichts der damals verbreiteten religiösen Gleichgültigkeit ist die Frage fur das Verständnis der Gedichte vielleicht nicht ganz so wichtig, wie man zuweilen annimmt. Für uns ist Claudian einer der letzten Vertreter der römischen Literatur im antiken Sinne. Vor allem paßt er sich geschickt den in der damaligen Senatsaristokratie herrschenden Anschauungen an und verleiht ihnen zwingende, symbolkräftige Gestalt. Stolz ist er auf die große römische Vergangenheit4. Am gegenwärtigen Rom ist ihm besonders der Schutz der universalen Kultur vor inneren und äußeren Feinden

1 Entlarvend, kenntnisreich und anregend A . CAMERON 1970; einschränkend z. B . C . GNILKA, G n o m o n 49, 1977, 2 6 - 5 1 . 2 V g l . S. DÖPP 1980 gegen A . CAMERON 1970. 3 D a z u J. L. SEBESTA 1980; J. VANDERSPOEL, Claudian, Christ, and the C u l t o f Saints, C Q N S 36, 1986, 244-255. 4 V g l . ζ. Β . den berühmten Lobpreis R o m s cons. Stil. 3, 130-181.

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wichtig . Wie einst der ihm auch sonst vergleichbare Ennius 2 spiegelt er in seinen Dichtungen die Ideale der Gesellschaft seiner Zeit. Natürlich versucht er daneben seine Leser zu beeinflussen, und wir dürfen ihm glauben, daß er den Fortbestand des römischen Imperiums wünscht und Stilicho fur den berufenen Retter hält. Der Intention nach ist Claudian der Sprecher Roms und römischer Gesinnung. Der ernsten Paränese an den Herrscher (IV Hon. 2 1 4 - 3 5 2 ) liegt ein ethisches Herrscherideal zugrunde, das weit über die propagandistischen Bedürfnisse des Augenblicks hinausgreift 3 . Honorius soll nicht nur als der Herrscher erscheinen, der das Imperium im Geiste seines Vaters würdig verwaltet; vielmehr hält der Dichter dem Herrscher und der Gesellschaft seiner Zeit einen Spiegel vor und zeigt Analogien zwischen M a k r o - und Mikrokosmos auf. Oberhaupt aktualisiert Claudian als Dichter noch einmal die Einheit von griechischer und römischer Kultur, wie sie sich der gebildeten Senatsaristokratie, seinem Publikum, darstellt.

Überlieferung Wir haben etwa 300 Claudian-Handschriften. In den ältesten sind die Werke in selbständigen Gruppen überliefert: Die politischen Gedichte ohne das Consulatsgedicht fìir Probinus und Olybrius wurden früh - vielleicht noch auf Veranlassung Stilichos - zu einer Sammlung vereinigt. Diese hat zusammen mit den ebenfalls gesammelten kleineren Gedichten seit dem frühen Mittelalter eine gemeinsame Oberlieferung als sogenannter Claudianus maior 4 . Hauptvertreter sind der Bruxellensis 5381 (Gemblacensis, s. XI), der Vaticanus 2809, s. XII, der Parisinus 18552, s. XII-XIII. Für die Carmina minora gibt es weitere Codices; der bedeutendste ist der Veronensis 163, s. VIII exeunt. Nur die lateinische Gigantomachie (min. 53) enthält der Sangallensis 273, s. I X . Die griechische Gigantomachie steht im Matritensis Graecus 4691, a. 1465 und im Laurentianus, conv. soppr. 164, s. X V , die griechischen Epigramme im Heidelberger Palatinus 23, s. XI. Selbständig überliefert sind folgende größere Werke, die sich nicht auf Stilicho beziehen: der Panegyricus dictus Olybrio et Probino und - wiederum unabhängig - De raptu Proserpinae; das letztere Werk nannte man den Claudianus minor. Diese beiden Dichtungen tauchen für uns im 12. Jh. auf. Überhaupt nehmen die Claudian-Handschriften im 12., 13. und 15. Jh. zu, wie es der steigenden Beliebtheit unseres Dichters entspricht. Die getrennten Traditionsstränge werden, soweit wir sehen können, erst im 1 2 . - 1 3 . Jh. miteinander verbunden. Doch zeigen mittelalterliche Bibliothekskataloge, daß es auch andere Zusammenstellungen gab. Alle Handschriften sind kontaminiert. Neuere Herausgeber haben es aufgegeben, ein Stemma herzustellen.

1

Anders liegt der Akzent in der Romrede des Aelius Aristides (2.Jh.): Rechtssicherheit und Bürgerrecht. 2 Vgl. cons. Stil. 3 praef. 3 Z u dem Fürstenspiegel ist an Synesios' (f vor 41 j ) De regno und an die Kaiserreden von Themistios ( t u m 388) und Libanios ("funi 393) zu erinnern. 4 Die Terminologie der Claudianforschung ist wie geschaffen, um Verwirrung zu stiften: Man verwechsle nicht Claudianus maior und minor mit carmina maiora und minora.

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Fortwirken Claudian hat vielseitig fortgewirkt: als Versifikator, als Dichter archetypischer mythischer Bilder sowie allegorischer Gestalten und Orte, als Quelle für bildende Künstler, als Naturphilosoph, als politischer Philosoph, als Moralist. Das Verhältnis zwischen Claudian und Prudentius ist ungeklärt1. Die lateinischen Dichter in Afrika, Gallien und Italien kennen Claudian und treten in seine Nachfolge. Man vergleiche das Epithalamium (mai. 9-10) mit den entsprechenden Gedichten des Venantius Fortunatus (carni. 6, 1) und Sidonius Apollinaris (carm. 10-11), der überhaupt versucht, ein zweiter Claudian zu sein. Auch Claudians Landsmann Nonnos von Panopolis (5. Jh.) scheint von ihm Notiz zu nehmen2; in Konstantinopel lesen ihn Priscian und Iohannes Lydus (6. Jh.). Einen neuen Aufschwung nimmt die Kenntnis unseres Dichters seit dem 12. Jh. Iohannes de Altavilla verweist in seinem Architrenius (1184) ausdrücklich auf ihn3. Claudians Schilderung von Venus* Wohnsitz (ro, 49-96) hat die verbreitete Vorstellung des >Venusberges< wohl mitgeprägt. Alexander Neckam (f 1217) zitiert in seinem Werk De naturis rerum (1, 35) 53 Verse aus Claudians Phoenix; das lange Zitat hat fur uns den Wert einer Handschrift. Alanus ab Insulis (f um 1203) schreibt seinen Anticlaudianus de Antirufitio in Auseinandersetzung mit In Rußnum4. Er stellt dem Unmenschen Rufinus sein Bild des wahren himmlischen Menschen gegenüber. Die Höllenversammlung (Rufin. ι, 25-67) wirkt über Alanus (8, 147-316) auf Vida (Christias), Petrus Martyr de Angleria (Pluto furens) und Milton (Paradise Lost). Chaucer (ΐ 1400) verwendet5 - wohl über eine Schulauswahl - die Laus Serenae, den Prolog zu VI cons. Hon. und besonders De raptu Proserpinae, ein Werk, das seine Beliebtheit seit dem 12. Jh. wohl auch seinen naturphilosophischen Untertönen verdankt6. Im Bunde mit Statius und Lucan macht Claudian den Augusteern ernsthaft Konkurrenz. Der Übergang zur Renaissance ist bei diesem Autor bruchlos. Petrarca kennt ihn gut. Claudians Lobgedichte werden zum Muster fur die panegyrische Literatur, die seit dem 14. Jh. wieder auflebt. Später droht er gelegentlich Vergil und Ovid in den Schatten zu stellen. In Degenealogiis deorum gentilium (11,4) gibt Boccaccio (f 1375) eine Biographie der Venus; dabei zitiert er ausfuhrlich das Epithalamium, nennt es aber De laudibus 1 Vgl. A. CAMERON 1970, 469-473 (meist Priorität Claudians); anders C . GNILKA, Gnomon 49, 1977, 43 f.; zum folgenden: A . CAMERON 1970, 4 1 9 - 4 5 1 . 2 Zur griechischen Gigantomachie bei Nonnos: A . CAMERON 1970, 15 f. 3

4

Architrenius 1 , p. 2 5 2 WRIGHT.

Vgl. auch die allegorische Ortsbeschreibung Anticl. 1, 107fr. mit Claud, nupt. Hon. 49; j 6 f . The House of Fame 1507f.; The Merchant's Tale, E. 2227f.; HIGHET, Class. Trad. $92f. 6 Z u einem mittelalterlichen Kommentar s. jetzt A. K . CLARKE, P. M . GILES, Hg., The Commentary of Geoffrey of Vitry on Claudian, De raptu Proserpinae. Transcribed ... with an Introduction and Notes, Leiden 1973. 5

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KAISERZEIT

Stylliconis. Das Epithalamium (min. 10) strahlt auch auf Polizianos (f 1494) Stanzen Per la giostra aus. Der Court of Venus (ebd.) ruft noch im 18. Jh. zahlreiche englische Nachdichtungen hervor 1 . Noch Coleridge (f 1834) empfiehlt den phantasievollen Claudian und läßt Silius ungelesen2. Die Meerfahrt der Venus (Claud, mai. 10, 144-179) prägt in der Kunstgeschichte eine ganze Tradition, die zu Poussins (f 1665) Vénus manne fuhrt3. Zusammen mit Ovid und Statius hat Claudian das Bild, das man sich bis weit ins 18. Jh. vom Mythos und von der Antike überhaupt machte, wesentlich mitgeprägt. In den Fürstenspiegeln4 vom Policraticus (1159) des Iohannes von Salisbury (t 1180) 5 bis hin zu Philipps von Leiden De cura reipublicae (einige Zeit nach 1355) sind die Worte des Theodosius zu Honorius (IVcons. Hon., bes. 299-302) der am häufigsten zitierte Passus. Die Tradition setzt sich in der Renaissance fort, so in Thomas Elyots Boke Named the Gouemour (1531). Bis weit in die Neuzeit beeinflußt Claudians Rufinus das Tyrannenklischee. Kernsprüche Claudians wandern seit dem neunten Jahrhundert in Florilegien. Noch die Neuzeit kennt und liebt die Sätze über das mobile vulgus (IV cons. Hon. 302; daraus engl, mob), über die Freiheit, einem guten Herrn zu dienen (numquam libertas gratior extat /quam sub rege pio; cons. Stil. 3, ii4f.) und über das unleidliche Wesen der Aufsteiger: asperius nihil est humili cum surgit in altum (Eutr. 1, 181). Claudian fehlt nicht auf Montaignes (f 1592) Lektüreliste. Montesquieu (f 1755) überschreibt seine Considérations über den Niedergang Roms mit Worten aus Ruf. ι, 22f.: tolluntur in altum, ut lapsu graviore ruant. Noch 1966 beschäftigt Claudian Hella S. Haasse in ihrer Novelle Een nieuwer testament. Treffend nennt Hermann Sudermann in dem Drama Die Lobgesänge des Claudian (Stuttgart, Berlin 1914) unseren Dichter den »Götterliebling, dem selbst das Taufwasser den Abglanz des Olymps nicht von den Federn wusch« (1. Aufzug, 4. Szene). Ausgaben: B. CELSANUS, Vicentiae 1493 etc. * N . HEINSIUS, Lugduni Batavorum 1650; Amstelodami 1665. * Th. Βπ»τ (krit., mit ausf. Einl. und Wortindex), Berolini 1892, Ndr. 1 9 6 1 (= M G H A A Get.:

1 0 ) . * M . PLATNAUER ( T Ü ) , L o n d o n 1 9 2 2 . * J . B . H A L L , L e i p z i g 1 9 8 5 .

Η . SCHROFF ( T K ) , B e r l i n 1 9 2 7 . * D . D E VENUTO ( T K ) , R o m a 1 9 6 8 . *

*

G.GARUTI,

Introd., Bologna 1979; T Ü K angekündigt. * Gild.: M. OLECHOWSKA (TÜK), Leiden 1978. * A.CAMERON (Κ in Vorb.). * Eutrop.: A . C . ANDREWS (K), Diss. Philadelphia 1 9 3 1 . * P. FARGUES ( T K ) , Paris 1 9 3 3 . * H . SCHWECKENDIEK ( Ü K ) , H i l d e s h e i m 1 9 9 2 . * Hon.:

J . LEHNER ( K in V o r b . ) . * IV

( K ) , Königstein 1984. *

VI Hon.:

Hon.:

III

W . B A R R ( T Ü K ) , L i v e r p o o l 1 9 8 1 . * J . LEHNER

Κ . Α . M Ü L L E R ( T K ) , B e r l i n 1 9 3 8 . * W . ERNEST ( Κ in

Vorb.). * Mani. Theod.: W.SIMON (TÜK), Berlin 1975. * nupt. Hon.: U.FRINGS (K), Meisenheim 1975. * Ol. Prob.: W. TAEGERT (TÜK), München 1988. * rapt.: J . B . HALL 1 2 3 4

5

A. A. C. A.

CAMERON 1970, 439. CAMERON 1970, S. V I I . DEMPSEY, The Textual Sources of Poussin's CAMERON 1970, 431-433 (materialreich).

Dieser Autor ist in Claudian sehr belesen.

Vénus marine, JWI 29, 1966, bes. 441.

POESIE: CLAUDIAN

107 I

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IUVENCUS Leben, Datierung C . Vettius Aquilinus Iuvencus, aus vornehmer spanischer Familie, ist Presbyter. E r schreibt seine Evangelienharmonie (Euangeliorum libri IV) unter Constantin, wohl 329/30. Werkübersicht Die Kindheitsgeschichte (1, 1-306) ist eine Synopse aus Matthäus und Lukas (vgl. Tatians Diatessaron); danach schließt sich Iuvencus an Matthäus an, den er aus Iohannes ergänzt. Quellen, Vorbilder, Gattungen Die Gattung >Bibelepik< läßt sich einerseits aus der Schulübung der poetischen Paraphrase herleiten, andererseits aus dem Wunsch gebildeter Zuhörer nach einer stilistisch akzeptablen Version der biblischen Berichte. Iuvencus harmonisiert die Evangelien wohl selbständig; er zieht außer einer lateinischen Fassung auch das griechische Original heran. Literarische Technik Im Prinzip herrscht fast wörtliche Wiedergabe, wie sie der Dichter dem heiligen Text schuldig zu sein glaubt. Gleichzeitig jedoch ist omatus (4, 808) das erklärte Ziel; nur die höchste literarische Form, die epische, ist fur den erhabenen G e g e n stand gut genug. Die Arbeitsweise des Iuvencus läßt sich durch folgende Stichworte kennzeichnen: Umschreibung, Verkürzung, Erweiterung, Enthistorisierung, Entjudaisierung, Romanisierung. S p r a c h e u n d Stil Wie bei dem klassizistischen Autor zu erwarten, sind Sprache und Metron korrekt behandelt. Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Das Prooemium legt das Literaturverständnis des Iuvencus dar: Es gibt nichts Unsterbliches auf der Welt, auch R o m nicht. Dennoch begleitet der Tatenruhm den Menschen lange Zeit, wenn er von einem H o m e r oder Vergil besungen wird. Ebenso dauerhaft ist der R u h m der Dichter. Wenn schon Gesänge, die auf menschlicher Lüge beruhen, dem Dichter so langes Fortleben schenken, so wird Iuvencus gewiß unsterblichen R u h m und ewiges Leben ernten, wenn er die göttliche Wahrheit der lebenschaffenden Taten Christi verkündigt. Dann braucht

POESIE: IUVENCUS

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1

er den Weltuntergang nicht zu furchten . Christliche Poesie kann ihren Verfasser im Endgericht retten. Er will sie dennoch nicht zum Gnadenmittel erklären; denn Iuvencus erbittet für seinen Geist die Jordanstaufe des Heiligen Geistes - ähnlich wie später Milton - , stellt also sein Schreiben in den Dienst eines Höheren und ist sich noch im Epilog dessen voll bewußt, daß er sein Werk der gratia Christi (4, 806) und seiner pax verdankt. Damit tut er den ersten Schritt zu einer Poetik des christlichen Epos. Es handelt sich bei dem vorliegenden Werk der Absicht nach um die >Taufe< (d. h. Christianisierung und Spiritualisierung) des antiken Epos. Leistung und Lebensdauer Homers und Vergils sollen übertrofFen werden (ein ähnlicher Gedanke wird in verweltlichter Form bei Camöes auftreten): Iuvencus schreibt das erste nicht mehr >lügenhafte< Epos. Gedankenwelt II Die übliche Huldigung an den Herrscher wird christianisiert: Der Friedeförst Constantin ist der einzige Monarch, der nicht als Gott bezeichnet werden will; ihm wird die Gnade Christi das ewige Leben verleihen (4, 809—815). Der Kaiser garantiert den weltlichen Frieden, und dieser ist eine Voraussetzung fur die Entstehung von Iuvencus' Werk (4, 809f.); dies erinnert indirekt an die pax Augusta, die Vergils Schaffen ermöglicht (die Buchzahl bei Iuvencus gemahnt nicht nur an die vier Evangelien, sondern auch an Vergils Geórgica). Die Verbindung von Klassizismus und Christentum hat auch einen römisch-politischen Akzent. In constantinischer Zeit steht neben dem »christlichen Cicero< Laktanz der »christliche Vergil· Iuvencus. Überlieferung Sechs Handschriften sind vorkarolingisch; am verbreitetsten ist Iuvencus im 9.-10. Jh. (30 Handschriften); die Textgeschichte ist noch nicht geschrieben.

Fortwirken Iuvencus wird sofort als Archeget der christlichen Poesie anerkannt. Proba und Paulinus von Nola kennen ihn. Hieronymus räumt ihm in seiner Literaturgeschichte einen bedeutenden Platz ein. Die Spätantike zitiert Iuvencus oft anstelle der Heiligen Schrift. Bis zum 11. Jh. ist er Schulautor und wieder seit der Renaissance, obwohl der weniger starre Sedulius beliebter ist.

1

Der Dichter rechnet — für uns etwas zu römisch-geradlinig - mit Christi Lohn fur sein Werk. Den Verdienstcharakter seines Opus schränkt der Poet freilich, was nicht immer beachtet wird, durchforsan ein; zur Invocatio vgl. auch F. QUADLBAUER, Zur Invocatio des Iuvencus {praef'. 25-27), G B 2, 1974, 189-212.

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

Ausgaben: Ed. princ. 1490. * J . HUEMER, CSEL 24, 1891. * * Dazu N . HANSSON, Textkritisches zu Juvencus mit vollständigem Index verborum, Lund 1950. R. HERZOG, Die Bibelepik der lateinischen Spätantike 1, München 1975. * R. HERZOG, HLL 5, 1989, §561 (Lit.)·

SEDULIUS Leben, Datierung Eine erfreuliche Erscheinung innerhalb der Bibelepik ist das Carmen Paschale des Sedulius (2. Viertel des 5. Jh.). Der Autor stammt wohl aus Italien, sucht aber später Griechenland auf. Werkübersicht Da Sedulius der vierteiligen Evangelienharmonie ein Buch über das Alte Testament vorausschickt, umfaßt das Carmen Paschale fünf Bücher. Von diesem Werk gibt es auch eine hochrhetorische Prosaversion (Opus Paschale). Eine Elegie mit kunstvollen Halbverswiederaufnahmen parallelisiert Ereignisse des Alten und des Neuen Testaments. Abecedarisch gestaltet ist der berühmte Christus-Hymnus A solis ortus cardine. Quellen, Vorbilder, Gattungen Sedulius folgt als Bibelepiker Iuvencus, doch geht er in der Vergilianisierung viel weiter als sein Vorgänger und entnimmt dem Klassiker stellenweise ganze Verse. Erfreulicherweise gibt er den künstlerisch wenig fruchtbaren sklavischen A n schluß an die biblische Vorlage auf. Literarische T e c h n i k Sedulius ist ein begabter Dichter, der seinen Stoff selbständig disponiert. Mit Sinn für das Wesentliche stellt er das Ostergeschehen thematisch in den Vordergrund. Wunder des Alten und des Neuen Testaments weisen daraufhin; sie sind typologisch zu verstehen. D e m Sündenfall tritt am Anfang des zweiten Buches die Menschwerdung gegenüber; die Frauengestalten E v a und Maria werden in poetischen Bildern gewürdigt. Die Konzentration auf die Taten Christi bietet den künstlerischen Vorteil, daß weniger Lehren referiert als Handlungen dargestellt werden. Zusätzlich belebt der Autor (ein feuriger Redner wie Lucan) die Erzählung durch Gebete, Ermahnungen und Polemik. Der zur Meditation bestimmte Text könnte als >gedichtete Ikonostase< avant la lettre bezeichnet werden.

POESIE:

SEDULIUS

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Sprache und Stil Die kunstreiche Diktion des Autors wirkt in der Dichtung vorteilhafter als in der gequälten Prosa. Gedankenwelt I Literarische Reflexion In der Absicht, die Wunder Christi zu besingen (carm. pasch. 1, 1), stellt sich Sedulius wie einst Iuvencus in Gegensatz zu der lügnerischen Dichtung der Heiden. Die Versform wählt er, weil sie den Gebildeten zusagt (epist. 1, p. 5, 1 HUEMER); ähnlich wie Lukrez vertritt er eine bescheidene Poetik, die hinter seiner eigentlichen Leistung zurückbleibt. Gedankenwelt II Der Autor muß fur sein Talent büßen: Seine selbständige Behandlung biblischer Stoffe bringt ihm Schwierigkeiten ein; daher die Umarbeitung in Prosa. Überlieferung Die Dichtungen des Sedulius werden 495 aus dem Nachlaß herausgegeben. Alle Handschriften des Carmen Paschale gehen auf einen Archetypus zurück. Die ältesten sind Ambrosianus R 57 (s. VII), Taurinensis E I V 44 (s. VU), Gothanus I 75 (s. Vili), Basileensis Ο IV 17 (s. VIII). Die Handschriften seit dem 9. Jh. sind zahlreich; manche Klosterbibliotheken besaßen das beliebte Werk gleich in zwei Exemplaren. Fortwirken Sedulius wird viel gelesen und gerühmt. Arator (Apostelgeschichte, 544) tritt in der Allegorese wie in der sprachlichen Ausgestaltung in seine Fußstapfen. Auf den begabten Avitus (Anf. 6. Jh.) wurde bereits verwiesen. U m 900 schreibt Remigius von Auxerre einen Kommentar zu Sedulius; Strophen des Christianissimus poeta bereichern Missale und Brevier und durch Luthers Obersetzungen den evangelischen Kirchengesang. Ausgaben: Io. HUEMER, Vindobonae 1885 ( = C S E L 10). * N . SCHEPS ( Ü K ) , Delft 1938. * F. CORSARO ( Ü K ) , Catania 1948. * * Index verborum et locutionum (Ausw.) bei Io. HUEMER, Ausg. * * Bibl. A I T A N E R § 1 0 1 . G . KRÖGER in: SCHANZ-HOSIUS, L G 4, 2, 1920, § 1146-1149. * I. F . CORSARO, Sedulio poeta, Catania 1955. * HERZOG, S. Iuvencus. * I. O P E L T , Die Szenerie bei Sedulius, JbAC 19, 1976, 109-119. * C. RATKOWITSCH, Vergils Seesturm bei Iuvencus und Sedulius, JbAC 29, 1986, 40-58.

PRUDENTIUS Leben, D a t i e r u n g Im Jahr 348 in Spanien geboren, studiert Aurelius Prudentius Clemens Rhetorik, betätigt sich als Anwalt, ist zweimal Statthalter einer Provinz und zählt schließlich zu den Beratern des Kaisers Theodosius. In reiferem Alter entschließt er sich, allein der christlichen Dichtung zu leben. Als Siebenundfunfzigjähriger gibt er seine Werke selbst heraus. Das Dittochaeum

ist in der Vorrede nicht genannt: War es dem

Dichter nicht bedeutend genug, oder nahm er es erst später auf? Die Nichterwähnung der Psychomachia

in der Praefatio

wird anders erklärt (s. u. A n m . 2).

Die Varianten in cath. 10, 9 - 1 6 lassen an eine zweite Auflage denken, fur die es freilich sonst kaum Anhaltspunkte gibt. Das Todesjahr des Dichters ist unbekannt. Die Ausgabe umfaßt: Praefatio Psychomachia,

Contra Symmachum

(405), Cathemerinon,

Apotheosis,

(402-404), Peristephanon,

erscheint in manchen Handschriften hinter Cathemerinon, ferung aber nach Contra Symmachum.

Epilogus.

Hamartigenia, Peristephanon

in der besseren Überlie-

Stellung und Funktion des sog. Epilogus sind

nicht ganz sicher, ebenso die Reihenfolge der Gedichte im Buch

Peristephanon

Alle Werke sind zwischen 392 und 405 entstanden. Werkübersicht Im Mittelpunkt der Sammlung steht die Psychomachia2, umgeben von zweimal zwei didaktischen Epen. Das vor der Psychomachia stehende Buchpaar, Apotheosis und Hamartigenia, ist gegen Ketzer, das ihr nachfolgende, Contra Symmachum I und II, gegen Heiden gerichtet. Jede Zweiergruppe gewinnt durch einen Prolog und Epilog an Geschlossenheit. Die Psychomachia hat einen eigenen Prolog. Den epischen Mittelteil der Sammlung umrahmen die lyrischen Werke Cathemerinon und Peristephanon. Die symmetrische Tektonik wird ergänzt durch die fortschreitende Entwicklung der Thematik. Das Buch Cathemerinon (»Tageslieder«) begleitet den Christen im Tages- und Jahreslauf. Es enthält j e sechs H y m n e n fur bestimmte Tages- 3 und Jahreszeiten. A m Ende in den beiden letzten H y m n e n - tritt der Bezug zu Christus am deutlichsten hervor. Die im Z e n t r u m stehenden Epen wenden sich zunächst von der Praxis ab und der Theologie zu. Das Mittelstück, die Psychomachia, flankieren Dichtungen, die Irrtümer - Ketzerei und Heidentum - abwehren. Die Apotheosis bekämpft Patripassianer, Sabellianer, Juden, Ebioniten u n d Manichäer und entfaltet dann die orthodoxe Trinitätslehre. Prudentius ist vorsichtig genug, Arianer und Priscillianisten nicht ausdrücklich anzugreifen. Die Hamartigenia richtet sich gegen dualistische Auffassungen v o m U r s p r u n g der Sünde. Markion wird häufig genannt; die eigentliche Zielscheibe ist wohl Priscillian, vielleicht auch Pelagius. Das Herzstück, die Psychomachia, ist wiederum praxisorientiert: Die Erbauung des 1

Hiezu W. LUDWIG 1977, 3 2 1 - 3 3 8 . Die Nichterwähnung der Psychomachia in der allgemeinen Praefatio erschwert die Deutung der Sammlung als Einheit, schließt sie aber nicht aus (W. LUDWIG 314 mit Diskussion 364 f.). 3 Die ersten sechs Hymnen beziehen sich auf die Gebetszeiten, die Ambrosius, virg. 3, 18 empfiehlt: 2

J . BERGMAN 1 9 2 1 ,

62.

POESIE:

PRUDENTIUS

1077

Tempels der Weisheit ist erst nach dem Sieg der Tugenden möglich. Auf die Anrufung Christi folgen sechs Kämpfe: Die allegorischen Gestalten Glaube, Keuschheit, Geduld, Demut, Hoffnung, Nüchternheit, Vernunft und Werktätigkeit überwinden die jeweils entsprechenden Laster. Der siebente Kampf findet bei der Rückkehr des siegreichen Tugendheeres statt. Die Zwietracht (Ketzerei) unterliegt der Eintracht. Die Tugenden erbauen einen Tempel, in dem die Weisheit wohnt. Ein Seitenstück zur Abwehr der Häresien bildet die Bekämpfung des Heidentums. Die beiden Bücher Contra Symmachum greifen - wohl ohne aktuellen Anlaß - auf den bekannten Streit um den Altar der Victoria von 384 zurück. Das erste Buch ist eine Kritik des Polytheismus; das zweite widerlegt die damalige Relatio des Symmachus, indem es die Gegenargumente des Ambrosius (epist. 17 f.) erweitert. Das letzte Buch (Peristephatum: »Ober die Kränze«) zeigt die Krönung christlicher Existenz im Martyrium. Es besteht aus 14 Gedichten, die Lyrisches, Episches und Dramatisches verbinden. Prudentius besingt überwiegend spanische und - anläßlich eines Romaufenthalts (401-403) - römische Märtyrer. Im Wechsel von Praxis und Theorie, Kontemplation und Kampf, ergibt sich für die Sammlung als Ganzes ein sinnvoller Ablauf der Themen. Ein selbständiges Werk bildet das kunstgeschichtlich interessante Dittochaeum (»Doppelte Speise«). 49 hexametrische Vierzeiler sind als Inschriften zu Wandmalereien einer Basilika in Rom gedacht, die biblische Szenen darstellen. Quellen, Vorbilder, Gattungen Die Psychomachia wetteifert in besonderer Weise mit Vergil und seinen Nachfolgern, deren Ansätze zu allegorischer Gestaltung konsequent fortentwickelt werden. Daraus ergibt sich christliche Buchdichtung als Gegenschöpfung zur heidnischen Literatur. Trotz des Vorhandenseins von Kontrastimitationen sollte man nicht ausschließlich das Antivergilische in den Vordergrund stellen, sondern die Auseinandersetzung mit Vergil als Zeichen des Strebens nach einer bedeutenden, allgemeingültigen Aussage werten - ähnlich wie sich einst die Vorsokratiker und Lukrez mit den großen Epikern maßen. Vergil soll ebensowenig >ersetzt< werden, wie die erste Schöpfung, die Natur, durch die zweite, die Kirche, ersetzt werden kann. Neben dem allgegenwärtigen Vergil verdient Lukrez besondere Beachtung1 - eine eher überraschende Konvergenz, die man aber bei frühchristlichen Autoren immer wieder findet, da sie die geistige Freiheit dieses Dichters zu schätzen wissen. Zur Beschreibung der altrömischen Religion liefert die römische Satire die Farben. 1 C . BRAKMAN, Quae ratio intercedat inter Lucretium et Prüdentium, Mnemosyne N S 48, 1920, 434-448; £ . RAPISARDA, Influssi lucreziani in Prudenzio. U n suo poema lucreziano e antìepicureo, V C h r 4, 1950,46-60. Lit. zu Quellen und Vorbildern: zur Bibel: N . GRASSO 1972; zu antiken Vorlagen: S. M . HANLEY 1959; C . WmtE 1968; A . MAHONEY, Vergil in the Works of Prudentius, Diss. Washington 1934; Ch. SCHWEN, Vergil bei Prudentius, Diss. Leipzig 1937; I. OPELT, Prudentius und Horaz, in: Forschungen zur römischen Literatur, FS K.BÜCHNER, Wiesbaden 1970, 206-213; F.ALEXANDER, Beziehungen des Prudentius zu Ovid, WS 54, 1936, 1 6 6 - 1 7 3 ; M . L. EWALD, Ovid in the Contra Symmachum of Prudentius, Washington 1942; A . SALVATORE, Echi ovidiani nella poesia di Prudenzio, in: Atti del Convegno internazionale ovidiano (Sulmona 1958), Roma 1959, 257-272; R . HENKE, Die Nutzung von Senecas (Ps.-Senecas) Tragödien im Romanus-Hymnus des Prudentius, WJA N F 1 1 , 1985, 1 3 5 - 1 5 0 ; zu Ausonius: J . - L . CHARLET I98O;J. M . POINSOTTE, La présence des poèmes antipaïens anonymes dans l'œuvre de Prudence, R E A u g 28, 1982, 33-58.

IO78

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KAISERZEIT

Horaz ist ein Bezugspunkt für die lyrischen Gedichte - Formen und Inhalte seiner Lyrik werden christianisiert. Die breite Streuung und systematische« Darbietung der Versmaße läßt freilich auch an Benützung von Handbüchern 1 denken. Als >Siegesgesänge< haben die Märtyrergedichte auch einen pindarischen Hintergrund, der jedoch verschwommen bleibt. Das Martyrium des Romanus (perist. 10) ist mit 1 1 4 0 iambischen Trimetern ein christliches Pendant zur Tragödie. Die Darstellung von Martyrien im Buch Peristephanon beutet im Anschluß an die Tragödien Senecas und die Epik Lucans den Sinn der Römer furs Schauerliche aus. Entsprechendes gilt von der Freude an glanzvollem Materialluxus: Beschreibungen wie die des Baptisteriums {perist. 12, 3 1 - 4 4 ) transponieren die Villenschilderungen des Statius ins Geistliche. Die rhetorische Ekphrasis wird in der Tempelbeschreibung (psych. 8 2 3 - 8 8 7 ) durch den Bezug zur Apokalypse geadelt. Bezeichnend für Prudentius sind Gattungsmischungen im kleinen - Bukolisches erscheint in einem Hymnus, Satirisches in einem Lehrepos 2 - wie im großen. Prudentius vereint in einer Gedichtsammlung - abweichend v o m klassischen Usus - Werke ganz verschiedener Gattungen 3 . Von zeitgenössischen weltlichen Genera seien genannt: Epigramm (perist. 8), Reisegedicht (perist. 9), carmen tragicum (perist. 10), Elegie als Brief (perist. 1 1 ) , Mimus (perist. 12) und natürlich die Epik Claudians. Somit kennt und berücksichtigt Prudentius den Geschmack des zeitgenössischen Publikums; doch wäre es entschieden zu eng, sein Werk allein als Reaktion auf bestimmte aktuelle literarische Ereignisse zu sehen, sein Ziel ist es, die Poesie überhaupt zu christianisieren. Die Bibel liest Prudentius in einer vorhieronymianischen Übersetzung, der es, falls er sie nicht verschönert, nicht an Eleganz fehlte. Sonst sind ihm Tertullian, Cyprian, Arnobius, Laktanz, Ambrosius und die Märtyrerakten gegenwärtig. Die Hamartigenia greift auf Tertullians Adversus Marcionem zurück. Quellen in Contra Symmachum sind die Relatio des Symmachus und die Entgegnungen des Ambrosius, dazu noch die apologetische Tradition der Götterkritik. Das Verhältnis zu Augustinus ist umstritten. Das Oeuvre des Prudentius ist nach Themen und Literaturgattungen »enzyklopädische Man denkt an Gesamtentwürfe wie die philosophischen Schriften Ciceros oder das Corpus der Werke Senecas; auch an das Corpus iuris hat man erinnert 4 . Der Versuch, tägliches Leben des Christen (im Cathemerinon), christliche Lehre (in den epischen Gedichten) und Vollendung christlichen Daseins (Peristephanon) in einem Zyklus zu umfassen, gemahnt - mehr im ganzen als im Detail - an das dreigeteilte Hauptwerk des Klemens (Protreptikos, Paidagogos, Stromateis). Nahe liegt es wohl auch, an römische Dichtungen zu denken, die - wie Ovids Metamor1

W. LUDWIG 1977, 3 1 8 - 3 2 1 . J.FONTAINE 1975. 3 W. LUDWIC 1977 mit Diskussion. 4 Vgl. M . FUHRMANN, Entretiens (Fondation Hardt) 23, 1977, 368f. 2

POESIE:

PRUDENTIUS

1079

phosen - als Enzyklopädie gedacht waren. Das Großgedicht des Prudentius ist das »erste christlich-lateinische Weltgedicht« 1 . Die Zusammenstellung gattungsmäßig heterogener Elemente in einem symmetrisch gegliederten großen Ganzen ist ungewöhnlich; sie erinnert an die Catull-Sammlung, deren uns überlieferte Gestalt ebenfalls auf die Spätantike zurückgeht; solche Großformen setzen den Codex als Publikationsweise voraus 2 . Die Vergil-Philologie der Zeit des Prudentius betrachtete Eklogen, Geórgica und Aeneis als ein einziges großes Universalgedicht, das sukzessive verschiedene Zeitalter der Menschheit — Hirtendasein, Ackerbau, Kriegertum — entfalte3. Im Bestreben, mit den klassischen Dichtern zu wetteifern, schaßt Prudentius in seiner bewußt vielfaltigen Gedichtsammlung et\fras Unklassisches4. Vergil - der Sakraldichter des vorchristlichen Rom - kündigt in den Geórgica (3, 1-39) einen Tempelbau fur Augustus an - ein Versprechen, als dessen Erfüllung die Aeneis gilt; ähnlich hat man die Gedichtsammlung des Prudentius, deren Zentralstück im Bau des Weisheitstempels gipfelt, mit Sakralbauten jener Zeit verglichen 5 , die Prudentius ja mit Bewunderung erwähnt. Ein Triptychon von Epigrammen ist perist. 86. Literarische Technik Der Psychomachia geht eine hymnenartige Anrufung Christi voraus. Äußerlich läßt sie sich mit epischen Musenanrufungen vergleichen, doch ist Christus keine Literaturgottheit, sondern in besonderer Weise fur den Gegenstand selbst zuständig. Dieser Aspekt seiner invocado verbindet Prudentius mit Didaktikern: den Dichtern von De rerum natura, Geórgica und Metamorphosen. Insbesondere denkt man an Ovids nam vos mutastis (met. ι, 2). Prudentius selbst bekennt sich zum didaktischen Z w e c k seiner Dichtung (psych. 18 f. und psych, praef. 50-68). Das fur römische Dichtung bezeichnende >allegorische Erfinden< fuhrt Prudentius zur Vollendung. Die Psychomachia ist das erste vollständig allegorische Großgedicht der europäischen Literatm. Jede Einzelheit der Erscheinung seiner Personifikationen steht in engster Beziehung zu ihrem Wesen. Ansätze der Epiker — etwa Vergils Fama, Ovids allegorische Personen- und Ortsbeschreibungen, Fides und Roma bei Silius Italicus - werden von Prudentius konsequent fortentwickelt, eine kühne Neuerimg; hier verhilft das Christentum einer typisch römischen Gestaltungstendenz zum endgültigen Durchbruch. Es entsteht das >moralischallegorische< Epos. Poetische Allegorie erscheint im Cathemerinon als Umkehrung von Allegoresen, die aus der Tradition der altchristlichen Theologie stammen. Die 1 E. ZINN, Die Dichter des alten Rom und die Anfange des Weltgedichts, A&A 5, 1936, bes. 25; jetzt in: H. OPPERMANN, Hg., Römertum, Darmstadt 1962, 185. 2 P. L. SCHMIDT, Entretiens (Fondation Hardt) 23, 1977, 372. 3 Don., vita Verg. 57-59; W. LUDWIG 1977, 356, vgl. 306. * Mit anderer Begründung W. LUDWIG 1977, 350-353; 355. 5 Perist. 12, 31-66; C. GNILKA 1963, 89. 6 W. SCHETTER, Prudentius, Peristephanon 8, Hermes 110, 1982, 110-117.

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KAISERZEIT

daraus resultierende Mischung von abstrakten und anschaulichen Elementen macht modernen Lesern, die nach >reinen< Bildern suchen, Schwierigkeiten 1 . Insbesondere vergeistigt Prudentius in der Psychomachia die typisch epischen Elemente der Schlachtenschilderung (zum Kampf zwischen Tugenden und Lastern) und der Ekphrasis (zur Beschreibung des zukünftigen Tempels der Weisheit). Die Bilder schmiegen sich eng den Themen an. Im Buch Cathemerinon herrscht die Symbolik von Licht und Dunkel. In der Psychomachia werden die Todesarten der einzelnen Laster ihrem Wesen angepaßt. Erstaunlich genug ist bei der Überwindung der heidnischen Religion durch Fides (psych. 21-38) die geistige Nähe zu Lukrez (1, 78f.). Das schreckliche Haupt der alten Religion wird mit Füßen getreten; die Sieger fühlen sich zum Himmel erhoben. Es handelt sich nicht um Zufall, sondern um eine geistesgeschichtliche Parallele. Wie Lukrez hier eine innere Befreiung geschildert hat, so markiert Prudentius durch die Reminiszenz die neue Stufe, auf der das Christentum eine ähnliche Erfahrung vermittelt. Dem konzentrischen Aufbau des Ganzen entspricht eine ausgewogene Feinstruktur; so findet im Cathemerinon der einzelne Hymnus oft sein Gravitationszentrum in einer biblischen Geschichte - Stellung und Funktion der Erzählung lassen an Horazens viertes Odenbach denken. Sprache und Stil Durchweg herrscht die poetische Form. Die in einigen Handschriften in Contra Symmachum eingeblendeten Prosastücke aus Symmachus sind von einem spätantiken Redaktor hinzugefugt worden 2 . Sprache und Stil sind anspruchsvoll, stellenweise hochpoetisch und künstlich. Archaismen wie olii für Uli sind schon zu Vergils Zeit längst nicht mehr lebendig; Prudentius baut sie in seine Dichtersprache ein. Der Kontrast zu den bewußt schlichten Hymnen des Ambrosius könnte kaum größer sein. Für seine christliche Vorstellungswelt schafft Prudentius viele neue Wörter, die zum festen Bestand der mittellateinischen Literatur werden 3 . Er beherrscht alle Techniken der antiken Rhetorik. Als Metriker 4 ist er geschmackvoll und vielseitig. Er verwendet nicht nur horazische Versmaße, sondern fuhrt auch andere lyrische Strophen ein, doch verharrt er streng im Rahmen der quantitierenden Dichtung. Ambrosianisch ist die Strophenform in cath. 1; 2; 1 1 ; 12. 1 2 3

Z . B . epil. 25-30; zu cath. gut R . HERZOG 1966, 52-60. Anders M . P. CUNNINGHAM, Ausg. praef. (verfehlt). M . MANITIUS, Z u Juvencus und Prudentius, R h M 45, 1890, 485-491, bes. 487; zur Sprache:

M . LAVARENNE 1 9 3 3 . 4 M . MANITIUS ebd. 49of.; A. KURFESS 1957, 1065f.; L. STRZELECKI, D e Horatio rei metricae Prudentianae auctore, in: Commentationes Horatianae 1, K r a k o w 1935, 36-49; P. TORDEUR, Essai d'analyse statistique de la métrique de Prudence, R E L O 1972, 2, 19-37; J . LUQUE MORENO 1978.

POESIE: PRUDENTIUS

1081

Gedankenwelt I Literarische Reflexion Es ist verfehlt, bei Prudentius von einer christlichen Rechtfertigung der heidnischen Poesie zu sprechen; richtig ist, daß er die Formen und die Sprache der lateinischen Poesie im Zeichen Christi neu erstehen läßt - ähnlich wie einst Lukrez sein Dichten in den Dienst der epikureischen Botschaft gestellt hatte und damit eine Wiedergeburt der Lehrdichtung großen Stils einleitete. Der - typisch römischen - didaktischen Zielsetzung entspricht der Wunsch, etwas Nützliches1 - oder für Gott Brauchbares - zu leisten (praef. 28-46; epil. 21-3 5). Prudentius erkennt die Aufgabe des christlichen Dichters im Lob Gottes (praef. 36). Hinzu kommt das Bemühen um die eigene Heiligung, die Belehrung und Hinfuhrung der Menschen zu Gott und die Verteidigung des Christentums: Die Poesie dient überirdischen Zielen2. >Bescheidenheitsformeln< sind vor dem Hintergrund der christlichen Demut zu lesen; christliche und Uterarische Inspirationstopik verbinden sich in perist. 10, 1-25, bes. 19 zu einem recht kühnen dichterischen Anspruch. Natur und klassische Tradition werden als Zeichensystem verwendet und vergeistigt. So kann man bei Prudentius von einer systematischen christlichen Metamorphose fast aller Formen der Dichtung sprechen3. In jeder von ihnen sucht und findet er, was »der Wahrheit verwandt«4 ist, und bringt es zum Leuchten. Die antike Hochschätzimg des Epos zeigt sich darin, daß die Psychomachia in der Mitte der Sammlung steht. Gedankenwelt II In der Psychomachia wendet sich Prudentius nach dem Schöpfer dem Geschöpf zu. Die geistige Schlacht spielt auf drei Ebenen: Es gibt den inneren Kampf in jedem einzelnen Menschen, das Ringen der Kirche in der Geschichte und schließlich den eschatologischen Sieg, auf den die Weihung des Schwertes der Pudicitia (io7f.) und der Tempelbau am Ende hindeuten. Der Zusammenhang von biblischer und irdischer Welt wird im Peristephanon anders sichtbar als im Cathemerinon: Hier ist der Zugang der Gegenwart zur Heilsgeschichte sakramental, dort stehen die Märtyrer der Vergangenheit immittelbar im Heilsgeschehen5. Prudentius übernimmt und christianisiert auch die Vorstellung der Roma aetema; man denke an den Laurentius-Hymnus und vor allem an Contra Symmachum

(1, 542; Verg. Aen. 1, 279). Die virtutes der Römer haben das Imperium geschaffen, 1 Nützlich ist, was der Vorbereitung auf das künftige Leben dient (Basileios, An die jungen Männer vom Nutzen der griechischen Literatur 2, çf.). 2 J. RODRICUEZ-HERRERA 1936, 142. 3 W. LUD wie 1977. 4 Basileios, ebd. 4, 36-54. 5 R. HERZOG 1966, 13-92.

io82

LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN KAISERZEIT

s o d a ß unter e i n e m christlichen K a i s e r ein christliches W e l t r e i c h m ö g l i c h w i r d . I m U n t e r s c h i e d z u a n d e r e n g l a u b t P r u d e n t i u s also nicht an d e n U n t e r g a n g

des

(christianisierten) A b e n d l a n d e s ; ist er aber d e s h a l b s c h o n ein R e i c h s t h e o l o g e i m S i n n e E u s e b s ? E s g e h t i h m v i e l m e h r u m die V e r ä n d e r u n g der G e s c h i c h t e R o m s i m Zeichen Christi. Überlieferung Z u der reichen Oberlieferung - es handelt sich um etwa 320 Codices - können hier nur Andeutungen gegeben werden. Die älteste erhaltene Handschrift, der Putean(e)us (A, Paris, lat. 8084, s. VI) ist in Kapitalschrift geschrieben und trägt die Subscriptio eines Vettius Agorius Basilius, der sich auch um die Horaz-Überlieferung verdient gemacht hat; man war sich in jener Zeit der inneren Einheit des antiken Erbes bewußt. N u r wenig jünger ist der Ambrosianus D 36, sup. (Β), dessen ältere Teile wahrscheinlich in Bobbio um 620 entstanden. A u f diesen beiden ältesten Handschriften beruht die Recensio; da sie lückenhaft sind, müssen weitere Codices herangezogen werden. Die Handschriften insgesamt zerfallen in zwei Klassen'. Die erste - bessere - Gruppe bietet die Werke in der oben (S. 1076f.) vorausgesetzten Reihenfolge. In der zweiten Gruppe folgt auf cath. 10 das Buch perist.; daran schließen sich cath. 11 und 12 an. Das Verhältnis der Klassen zueinander bedarf weiterer Klärung. Spuren von Autorenvarianten vermutete man in cath. 10, 9 - 1 6 ; 3, 100; psych. 727-729. Wir besitzen illustrierte Prudentiushandschriften, die auf eine verlorene illustrierte Psychomachia-Ausgibe w o h l noch des 5. Jh. zurückgehen. Der spätantike Zeichner christianisiert Bildtypen, die den historischen Reliefs auf der Traians- und Markussäule ähnlich waren. Es vollzieht sich also in der Kunstgeschichte eine Übertragung, die der allegorischen Umgestaltung epischer Schlachtenszenen bei Prudentius völlig analog ist.

1 Kurioserweise bezeichnet man diese Klassen ebenfalls mit A und B. So kommt es, daß die Handschrift Β in ihren ältesten Teilen der Gruppe A zugehört. Zur Oberlieferung: R. STETTINER, Die illustrierten Prudentiushandschriften, Berlin 189$, dazu Tafelband 190$; C. MENGIS, Fragmente einer Freiburger Prudentíushandschrift, Philologus 83, 1928, 89-ioj; H. WOODRUFF, The Illustrated Manuscripts of Prudentius, Art Studies 7, 1929, 12-49; G. LAZZATTI, Osservazioni intomo alla doppia redazione delle opere di Prudenzio, AIV 101, 1941-1942, 217-233; W. SCHMID, Die Darstellung der Menschheitsstufen bei Prudentius und das Problem seiner doppelten Redaktion, VChr 7, 1953, 171-186; M. P. C U N N I N G H A M , A Preliminary Recension of the Older Manuscripts of the Cathemerinon, Apotheosis, and Hamartigenia of Prudentius, SEJG 13, 1962, 5-59; E. PIANEZZOLA, Sulla doppia redazione in Prudenzio cath. 10, 9-16, in: Miscellanea critica, FS Β. G. Teubner, Leipzig 1965, 2, 269-286; M. P. CUNNINGHAM, The Problem of Interpolation in the Textual Tradition of Prudentius, TAPhA 99, 1968, 119-141; E.J. BEER, Überlegungen zu Stil und Herkunft des Berner PrudentiusCodex 264, in: Florilegium Sangallense, FSJ. DUFT, Sigmaringen 1980, 15-70; C. GNIIKA, Theologie und Textgeschichte. Zwei Doppelfassungen bei Prudentius, WS NF 19, 1985, 179-203; C. GNILKA, Zwei Binneninterpolamente und ihre Bedeutung für die Geschichte des Prudentiustexts, Hermes 114, 1986, 88-98.

POESIE:

1083

PRUDENTIUS

Fortwirken

1

Von Augustinus und Hieronymus wird Prudentius nicht beachtet. Ist ihnen seine klassizistische Poesie oder seine Romideologie suspekt? Oder bleiben seine Gedichte einfach zunächst auf einen engen Kreis beschränkt, der nach 410 weiter zusammenschmilzt? Um so lebhafter ist das Echo in späteren Generationen. Sidonius Apollinaris (epist. 2, 9, 4) stellt Prudentius dem Horaz an die Seite; eine Parallele dazu bietet die Überlieferungsgeschichte (s. den vorigen Abschnitt). Gennadius (vir. ill. 13) nennt ihn einen Kenner der heidnischen Literatur, Alcimus Avitus (carm. 6, 372) prägt das später beliebte Wortspiel von der prudens ars des Prudentius. Im Mittelalter ist Prudentius der am meisten gelesene und nachgeahmte Dichter. Aus seinen heute als > uniiturgisch< eingestuften Hymnen sind immerhin ganze Strophen2 ins römische Brevier eingegangen. Seine Hymnen und Märtyrergesänge werden schon früh mit althochdeutschen Glossen versehen. Das Begräbnislied iam maesta quiesce querella (aus cath. 10) überlebt den Bruch der Zeiten in Babsts Gesangbuch (1545) und steht noch im Psalmbuch der Schwedischen Kirche3. Der Einfluß der Psychomachia auf die Kunst und Literatur des Mittelalters läßt sich kaum ermessen4. Dante freilich, der Prudentius als Weltdichter weit übertroffen hat, scheint ihn und andere spätantike Poeten zu ignorieren5. In der Neuzeit verblaßt sein Stern allmählich. Erasmus erkennt ihn in seiner einzigartigen Vielseitigkeit als unum inter Christianos fecundum poetam und weiß besser als die Späteren, daß seine kulturelle Leistung dem Wechsel der Zeiten und Moden standzuhalten vermag: virum quovis etiam saeculo inter doctos numerandunfi. Das Buch Peristephanonfindetmit seiner anschaulichen Darstellung von Martyrien in der Barockzeit7 Widerhall. Richard Bentley nennt Prudentius den Vergil und Horaz der Christen (Christianorum Maro et Flaccus)9. Noch in Samuel Richardsons Pamela, or Virtue Rewarded (1740) hat man Einwirkungen des Prudentius entdeckt9. Innerhalb der spätantiken Metamorphose der römischen Literatur vollendet Prudentius die von Laktanz und Hilarius angebahnte Christianisierung des Asthe1

Z u m F o r t w i r k e n : H . R . J A U S S I 9 6 0 ; A . KATZENELLENBOGEN 1 9 3 3 u n d 1 9 3 9 ; R . E . M E S S E N G E R , T h e

Mozarabic Hymnal, T A P h A 7$, 1944, 103-126, bes. 105; H. SILVESTRE, Aperçu sur les commentaires carolingiens de Prudence, S E J G 9, 1957, $0-74; H. SILVESTRE, Jean Scot Erigène commentateur de Prudence, Scriptorium 10, 1956,90-92; G. R. WIELAND, The Latin Glosses on Arator and Prudentius in Cambridge University Library, M S Gg. 5.35. Toronto, Ontario 1983; H. D. MERITT, Hg., The Old English Prudentius Glosses at Boulogne-sur-Mer, Stanford 1959; K . L. SCHMIDT, Prudentius und Erasmus über die Christuskrippe mit Ochs und Esel, T h Z 5, 1949, 469-471. 2 Aus cath. ι , 2 und 12 und ein verkürzter Hymnus aus perist. 3

J . BERGMAN 1 9 2 2 ,

15.

4

S . LAVARENNE, A u s g . B d . 3 , 2 J - 4 J ; A . KATZENELLENBOGEN

5

HICHET, Class. Trad. 80.

6 7

J . BERGMAN 1 9 2 2 ,

14.

ALTANER '407.

8

Horazausgabe, Cambridge 1 7 1 1 , zu Hör. carm. 2, 2, 15.

9

HICHET, ebd. 340.

193.3.

1084

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

tischen im Reich der Poesie. Er ist der erste Christ, für den Dichten zum Beruf zur Berufung - wird. Die Poetik des >Lobes< ist für die Literatur des christlichen Europa zukunftweisend, ebenso diejenige der >Wandlung (zit. hier Anm. 2) 90-99; color Sallustianus: E. WÖLFFLIN, Aurelius Victor, RHM 29, 1874, 282-308; bes. 285-288; R . J . PENELLA, A Sallustian Reminiscence in Aurelius Victor, C P h 78, 1983, 234. 5 Dum oblectantur otio simulque divitiis pavent, quorum usum affluentiamque aeternitate maius putant, munivere militaribus et paene barbaris viam in se ac posteros dominandi. 6 J . M . ALONSO-NÛNEZ, Aurelius Victor et la Péninsule Ibérique, Latomus 4 1 , 1982, 362-364.

PROSA: GESCHICHTSSCHREIBER

IOÇI

ÜberlieferungDie drei Schriften des Corpus sind im Bruxellensis 9755-63 (s. XV) und Oxoniensis Canonicianus 131 (A. D. 1453) überliefert, die auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen. Das Werk De viris illustribus urbis Romae hat außerdem noch eine selbständige Überlieferung. Die Epitome, ein Parallelwerk zu den Caesares, ist in zwei Handschriftenfamilien auf uns gekommen; die Kurzfassung ist von Interpolationen verschont geblieben. Fortwirken. Die Caesares sind in der Historia Augusta verwendet (s. Datierung mit Anm.). Aurelius Victor wird von Hieronymus in seiner Bearbeitung des Eusebius benutzt. Auf das oben erwähnte (unechte) Kleopatra-Kapitel greift Puschkin (t ^37) in seiner bedeutenden Erzählung Ägyptische Nächte zurück2. Eutropius3 Leben, Datierung. Eutropius nimmt am Perserfeldzug Iulians des Abtrünnigen (t 363) teil. Als persönlicher Referent (magister memoriae) des mäßig gebildeten Kaisers Valens (364-378) erhält er den Auftrag, eine Kurzfassung der römischen Geschichte herzustellen. Höchstwahrscheinlich ist er der Senator Eutropius, der 387 mit Valentinian das Consulat bekleidet. Werkübersicht. Das Breviarium Ab urbe condita, in 10 kurzen Büchern, ist dem Kaiser gewidmet. Das erste Buch reicht von Romulus bis zum Sieg des Camillus über die Gallier. Das zweite Buch endet mit dem ersten, das dritte mit dem zweiten Punischen Krieg. Weitere Einschnitte sind der Sieg über Iugurtha (Buch 4), das Ende des Bürgerkrieges zwischen Marius und Sulla (Buch 5), der Tod Caesars (Buch 6), das Ende von Domitian (Buch 7), Alexander Severus (Buch 8), Diokletian (Buch 9) und lovian (Buch 10). Das Jahr 364 bildet also den Schlußpunkt. Das Versprechen, die Gegenwart zu behandeln (10, 18, 3), ist ein leerer Topos. Quellen. Für die republikanische Zeit sind Floras und ein Auszug aus Livius benutzt, fur die ersten zwölf Caesaren Sueton, danach die viel berufene unbekannte Kaisergeschichte und eine ebenfalls fur uns nicht greifbare Familiengeschichte des constantinischen Hauses. Die Zeit Iulians und Iovians schildert Eutrop aus eigener Anschauung. Für geographische und chronologische Angaben dürften Handbücher herangezogen worden sein; die Chronologie ist zuverlässiger als bei Eutrops Zeitgenossen. Literarische Technik. Bei der Darstellung der republikanischen Zeit beachtet unser Autor nur Kriege und Schlachten; erst in der Kaiserzeit treten die Persönlichkeiten stärker hervor, wobei auch Anekdotisches einfließt (7, 18). Mit zunehmen1

S. D'ELIA, Studi sulla tradizione manoscritta di Aurelio Vittore: I. la tradizione diretta, Napoli 1965· 2

VON A L B R E C H T , R o m 2 4 2 m i t A n m .

3

Ausgabe: C . SANTINI, Leipzig 1979; Lit.: M . CAPOZZA, Roma fra monarchia e decemvirato nell' interpretazione di Eutropio, Roma 1973 (Lit. dort 163-173); G. BONAMENTE, Giuliano l'Apostata e il »Breviario« di Eutropio, Roma 1986 (umfangreiche Lit. 177-217); Datierung des Breviarium 369/70: A . CHASTACNOL, zit. S. 1 0 8 9 , A n m . 5.

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

der Nähe zu der eigenen Zeit werden die Charakterschilderungen differenzierter. Die Erzählweise ist kontinuierlich, weniger sprunghaft als bei Aurelius Victor. Sprache und Stil sind flüssig und klar, etwas nüchtern, ebenso weit entfernt von Gesuchtheit wie von Formlosigkeit. Als Schriftsteller ist Eutrop in seiner Zeit zweifellos eine erfreuliche Erscheinung. Gedankenwelt. Der senatsfreundliche Eutrop (6, 25) hält Caesar für einen Tyrannen (während Aurelius Victor ihn bewundert). Er sieht einen Bruch in der römischen Geschichte: Die Herrschaft des rohen Soldaten Maximinus (235) beendet die Zusammenarbeit zwischen Kaiser und Senat, die fur das Staatswohl ausschlaggebend ist. Gegenüber dem Christentum bewahrt Eutrop Neutralität; Constantins Bekehrung erwähnt er nicht, doch prangert er Iulian als nimius religionis Christianae insectator an (10, 16, 3). ÜberlieferungDie älteste Handschrift ist der Gothanus 1 1 0 1 (s. IX); eine andere Gruppe bilden der Bertinianus Audomarensis (St. Omer) 697 (s. XI) und der Leidensis B. P. L. 141 (s. X). Besondere Bedeutung hat der Text, den der griechische Übersetzer Paianios, ein Zeitgenosse Eutrops, benutzt hat; freilich wird sein hoher Zeugenwert dadurch eingeschränkt, daß er frei übersetzt und auch vor Zusätzen (aus Cassius Dio) nicht zurückschreckt. Fortwirken. Eutrop wird viel gelesen und zweimal ins Griechische übersetzt2 eine Ehre, die kaum einem römischen Schriftsteller zuteil geworden ist: Nicht nur die durch Angehörige der Provinzarmeen verstärkte Elite Roms bedarf der Nachhilfe in römischer Geschichte, sondern auch der Senatorenstand Constantinopels, der sich aus der munizipalen Oberschicht rekrutiert. Spuren Eutrops finden sich bei Hieronymus, Orosius und in der Epitome des Pseudo-Aurelius Victor (falls hier nicht eine gemeinsame Quelle vorliegt). Im Mittelalter wirkt Eutrop stark nach. Paulus Diaconus (um 720-799) schöpft aus ihm und setzt die Geschichtsdarstellung in sechs weiteren Büchern bis 553 fort. Um 1000 schließt sich Landolfus Sagax (wieder mit eigenen Ergänzungen) an. Die editio princeps erscheint 1471. Die Neuzeit hat Eutrop als Historiker entthront, aber gelegentlich als Schulautor benützt. Fes tus 3 Leben, Datierung. Das Breviarium des Festus ist, wie dasjenige Eutrops, von Kaiser Valens (364-378) angeregt. Festus wird im Bambergensis als vir clarissimus und magister memoriae bezeichnet. Die Schrift ist nach 369 verfaßt. Die Identifikation mit sonst bekannten Persönlichkeiten namens Festus ist unsicher. 1

N . SCIVOLETTO, La tradizione manoscritta di Eutropio, GIF 14, 1961, 129-162. U m 380 von Paianios, um 600 von Capito. 3 Meist (fälschlich) Rufius Festus genannt. Ausgaben: Sixtus RUESINGER, Romae 1468; J . W. EADIE (TK), London 1967; Lexikon: M . L. FELE, Hildesheim 1988; Lit.: R. C . BLOCKLEY, Festus' Source on Julian's Persian Expedition, C P h 68, 1973, J 4 f . ; J . M. ALONSO-NÚÑEZ, Festus et la péninsule ibérique, Latomus 39, 1980, 1 6 1 - 1 6 4 . 2

PROSA: GESCHICHTSSCHREIBER

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Werkübersicht. Auf eine Übersicht des Wachstums des römischen Reiches bis zu seinem gegenwärtigen Bestand (3-14) folgt eine Darlegung der römischen Kämpfe im Osten bis Iovian (15-29). Der Aufbau ist uneinheitlich und sprunghaft, was z. T. durch die Tendenz bedingt sein mag (s. unten). Quellen sind die Epitome Liviana, Floras, Sueton sowie die von manchen Forschern erschlossene Kaisergeschichte. Literarische Technik. Von einer literarischen Technik kann man kaum sprechen, da das Werk äußerst kurz gefaßt ist und die strenge, klare Linie Eutrops gänzlich vermissen läßt. Es findet sich keine fortlaufende historische Erzählung. Immerhin ist das Werk absichtlich zweigeteilt, um die früheren Siege der Römer ihren weniger erfolgreichen Ostfeldzügen gegenüberzustellen. Das Wachstum des römischen Reiches wird unter regionalen Gesichtspunkten dargestellt. Die Geschichte der Kaiserzeit betont die Kämpfe an der Ostgrenze von Pompeius und Crassus bis Iovian. Sprache und Stil. Auch stilistisch läßt sich Festus mit Eutrop nicht vergleichen. In der Einleitung sagt er nicht unzutreffend, der Kaiser habe ihm befohlen, sich kurz zu fassen - ein Wunsch, den er gerne erfülle, da es ihm ohnehin an Beredsamkeit fehle. In der Praxis versucht er dann allerdings - ein kleiner Florus - der Dürftigkeit des Inhalts durch gewählte Redeweise aufzuhelfen. Gedankenwelt. Das Kompendium wirbt fur die Ostfeldzüge des Valens. Das Leitmotiv - die besondere Schwierigkeit jeglichen Krieges im Orient - soll im Falle eines Erfolges den Ruhm erhöhen, im Falle der Niederlage als Entschuldigung dienen. Sein Wert liegt in der Liste der Diözesen und Provinzen unter Kaiser Valens und einigen Einzelheiten über die Kriege Aurelians und Diokletians im Osten. Überlieferung. Die Handschriften zerfallen in zwei Gruppen. Innerhalb der ersten (die den Vorzug verdient) ragen der Gothanus 101 1 (s. IX) und der Bambergensis E III, 22 (s. IX) hervor. Fortwirken. Festus wird von Ammian, Iordanes und Isidor gelesen. Iordanes (6. Jh.) ist stellenweise für die Textherstellung von Nutzen.

1

M.

PEACHIN,

The Purpose of Festus'

Breviarium, Mnemosyne ser. 4, 38, 1985, 158-161.

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

Iulius O b s e q u e n s 1 Der Uberprodigiorum des Iulius Obsequens ist eine Prodigiensammlung, die sich auf die Jahre 190-11 v. Chr. bezieht. Quellen. Iulius Obsequens fußt wie Eutrop auf einem Chronicott, das seinerseits eine Livius-Epitome verkürzt hat. Gedankenwelt. Der Verfasser ist ein Heide, der an Prodigien glaubt, Sühne für notwendig hält und sich v o n ihr Erfolg verspricht. Diese Haltung paßt in die Zeit der Rückzugsgefechte der heidnischen Religion im 4. Jh. Mommsens Annahme, Obsequens sei Christ gewesen, wird heute abgelehnt. Überlieferung. Handschriften sind nicht erhalten; Textgrundlage ist die Aldina v o n 1508. Manchmal helfen Paralleltexte bei Schriftstellern weiter, die aus denselben Quellen schöpfen. L. Septimius2 (der lateinische Übersetzer des Diktys) Leben, Datierung. L. Septimius ist ein Grammatiker, der die griechische Ephemeris belli Troiani des Diktys ins Lateinische übersetzt. Man datiert ihn meist ins 4. Jh. 3 . Werkübersicht. Die einleitende Epistel an Q . Aradius Rufinus teilt mit, es handle sich u m eine Obersetzung eines griechischen Werkes über den troianischen Krieg aus der Feder eines Augenzeugen. Der Kreter Diktys habe seine Tagebücher in phönizischer Schrift in Lindenholz geritzt und in einem Kästchen aus Zinn in sein Grab legen lassen. Im 13. Regierungsjahr Neros hätten Hirten das Buch gefunden; ihr Herr habe es dem Kaiser überreicht, der es ins Griechische habe übertragen lassen. Der lateinische Übersetzer erklärt, er habe die ersten fünf Bücher, die den Krieg darstellten, in gleichem U m f a n g wiedergegeben, die übrigen vier, in denen von der Rückfahrt der Helden die Rede war, zu einem Buch verkürzt. 1 Ausgabe: A. MANUTIUS, Venetiis i$o8; O . ROSSBACH, Tiri Livi periochae, in seiner Livius-Ausgabe, Bd. 4, Lipsiae 1910 (Ndr. 1973), 149-181; A . C . SCHLESINGER (TU), Livius-Ausgabe, Bd. 14, Cambridge, Mass. Ί967, 237-319; Lexikon: S. ROCCA, Iulii Obsequentis lexicon, Genova 1978; Lit.: P. G. SCHMIDT, Supplemente lateinischer Prosa in der Neuzeit. Rekonstruktionen zu lateinischen Autoren von der Renaissance bis zur Aufklärung, Göttingen 1964, 11-13; R. FREI-STOLBA, Klimadaten aus der römischen Republik, M H 44, 1987, 101-117; C . SANTINI, Letteratura prodigiale e isermo prodigialis< in Giulio Ossequente, Philologus 132, 1988, 210-226. 2 Ausgaben: U . ZELL, Coloniae 1470-1475; W. EISENHUT (zusammen mit den Resten der griech. Vorlage) Lipsiae 1958, '1973; Lit.: A.CAMERON, Poetae Novelli, HSPh 84, 1980, 127-175 (zur Ephemeris)·, E. CHAMPLIN, Serenus Sammonicus, HSPh 85, 1981, 189-212; W. EISENHUT, Spätantike Troia-Erzählungen - mit einem Ausblick auf die mittelalterliche Troia-Literatur, MLatJb 18, 1983, 1-28; A . CAMERON, The Latín Revival of the Fourth Century, in: W. TREADGOLD, Renaissances before the Renaissance, Stanford 1984, 42-58; S. TIMPANARO, Sulla composizione e la tecnica narrativa dell' Ephemeris di Ditti-Settimio, in: Filologia e forme letterarie. Studi offerti a F. DELLA CORTE, Urbino 1987, 4, 169-215; A. GRILLO, Tra filologia e narratologia. Dai poemi omerici ad Apollonio Rodio, Iìias Latina, Ditti-Settimio, Darete Frigio, Draconzio, Roma 1988; S. MERKLE, Die Ephemeris belli Troiani des Diktys von Kreta, Frankfurt 1989 (Lit.). 3

S o z u l e t z t w i e d e r S . MERKLE 1 9 8 9 ; a n d e r s A . CAMERON 1 9 8 0 u n d E . CHAMPLIN 1981 (3. J h . ) .

PROSA:

GESCHICHTSSCHREIBER

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Quellen. Der Bericht von der Entdeckung des Originals ist erfunden; doch beweist ein Papyrus, daß eine griechische Vorlage tatsächlich existiert hat. Das Werk steht selbständig zwischen der besonders stark hereinwirkenden Geschichtsschreibung - zu den wichtigen Vorbildern zählt Sallust1 - und dem Alexander-, Abenteuer- und Liebesroman. Literarische Technik. Die Geschichte von der Ausgrabung erinnert an ältere Legenden, wie sie in Rom verbreitet waren. An den Stellen, die wir mit der griechischen Vorlage vergleichen können, ist die Obersetzung frei und weniger trocken als das Original. Die narrative Technik trägt historiographische und romanhafte Züge; im Unterschied zu den antiken Romanen fehlt es aber an einem zentralen Helden. Die Liebe spielt eine große Rolle, aber im Gegensatz zu der Perspektive der Romane erscheint sie als eine zerstörerische Macht. Diese Sicht erinnert an die Tragödie. Sprache und Stil. In sprachlicher und stilistischer Beziehung zeigt sich der Autor als ein Sohn seines Jahrhunderts; doch hat er sich sorgfältig an Sallust und Vergil geschult. Sprache und Stil der lateinischen Obersetzung sind literarisch anspruchsvoller als die der griechischen Vorlage. Gedankenwelt. Im Unterschied zu Vergil - und zu Homer - ist die Tendenz troiafeindlich. Der Verfasser des griechischen Originals, Diktys - wohl 2. Jh. - , steht als Grieche den Römern distanziert gegenüber. Der troianische Krieg zeigt aber zugleich den moralischen Verfall der Griechen, die von den Barbaren zum Krieg gezwungen werden. Für die troiafeindliche Haltung des Autors ist noch eine andere Erklärung denkbar. Es wäre zu erwägen, ob Diktys den troianischen Krieg als Muster fur einen Kampf der antiken Kulturwelt gegen die im 2. Viertel des 3.Jh. neu erstarkten Perser verwendet. Dient ihm Achill als Typos fur den neuen Alexander (Severus)? Überlieferung. Die beste Handschrift ist der Sangallensis 205 (s. I X - X ) . Eine 1902 in Iesi gefundene Handschrift enthält auch den lateinischen Dictys (teils s. X , teils s. XV). Fortwirken. Der lateinische Dictys dient dem Mittelalter als Ersatz fur Homer und hat eine entsprechend starke Ausstrahlung. Virius Nicomachus Flavianus 2 Virius Nicomachus Flavianus erhält unter Theodosius die quaestura sacri palatii und widmet dem Kaiser seine Annalen; unter dem Usurpator Eugenius wird er 394 Consul, muß aber noch im selben Jahr seinen Verrat mit dem Tode bezahlen. Sein 1

Sallust stößt im 4. Jh. auf besonderes Interesse: S. MERKLE 1989, 276. BARDON, Litt. lat. inc. 291-293; J . SCHLUMBERGER, Die verlorenen Annalen des Nicomachus Flavianus. Ein Werk über Geschichte der römischen Republik oder Kaiserzeit, in: J . STRAUB, Hg., Bonner Historia-Augusta-Colloquium 1982-1983, Bonn 198s, 305-329. 2

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

Sohn und sein Enkel haben sich um die Erhaltung des Livius verdient gemacht. Der Historiker Nicomachus hat auch das Leben des Apollonius von Tyana übersetzt. Die Anonymi Valesiani1 In einem mittelalterlichen Florilegium findet sich eine kurze Geschichte des römischen Reiches unter Constantin (Excerptum Valesianum Γ). Das Werk ist klar und präzis; der Autor, der bald nach Constantins Tod (337) schreibt, ist offenbar Heide (die wenigen Hinweise auf Christliches sind aus Orosius eingefugt). Das Fragment stellt uns eindrücklich vor Augen, wie wenig uns von der spätantiken Geschichtsschreibung erhalten ist und wie vorsichtig wir mit unseren Urteilen sein müssen. Das mit der Zeit Odoakers und Theoderichs befaßte Excerptum Valesianum II geht auf einen antiarianisch gesinnten Christen zurück (wohl 6. Jh.). Ammianus Marcellinus Dem bedeutendsten Geschichtsschreiber der Spätantike, Ammianus Marcellinus, haben wir ein eigenes Kapitel gewidmet. In der Zeit nach Ammianus ist die Geschichtsschreibung fest in christlicher Hand. Epochemachend ist: Hieronymus 2 Er übersetzt und bearbeitet das zweite Buch der Chronik des Eusebios. Das römische Material seiner Chronik ergänzt Hieronymus aus Eutrop, Suetons De viris illustribus und römischen Magistratslisten. Den Stoff fur die Jahre 325-378 fugt er selbständig hinzu. Die Zusammenstellung erfolgt eilfertig. Kaum ein Werk der römischen Literatur ist für den Literarhistoriker zugleich so unentbehrlich und so verwirrend wie das des Hieronymus. Um so größere Sorgfalt verwendet der Kirchenvater auf rhythmische Klauseln. Das zweite Geschichtswerk des Hieronymus (De viris illustribus) entsteht 392. Es handelt von 135 christlichen Schriftstellern von Petrus bis Hieronymus. Hauptquelle ist Eusebius* Kirchengeschichte, aber Hieronymus schließt auch zum großen Mißfallen Augustins - Ketzer und Juden ein. Von den Heiden hat nur Seneca die Ehre, aufgenommen zu werden - aufgrund seines (unterschobenen) 1 Ausgabe: J. Moreau, V. Velkov, Excerpta Valesiana, Lipsiae Ί968; Lit.: S . J . B . Barnish, The Anonymus Valesianus II as a Source for the Last Years of Theoderic, Latomus 42, 1983, 572-596; N. Baglivi, Su Anonymus Valesianus 1, 3, 7, Orpheus 9, 1988, 312-324; weitere Lit.: HLL 5, 1989, 195f. (= §535) und demnächst HLL 6, §725. 2 Hier, eh rati, a Ahr.: Einzelausgabe: I. Knight Fotheringham, Londinii 1923; P. Nautin, La liste des œuvres de Jérôme dans le De uiris illustribus, Orpheus NS 5, 1984, 319-334; vgl. auch unser Hieronymus-Kapitel, unten S. 1305-1317.

PROSA: GESCHICHTSSCHREIBER

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Briefwechsels mit Paulus. Dies ist ein wichtiges Zeichen der Zeit: Die römische Literatur erlebt unter christlichem Vorzeichen eine erste große Renaissance, und man darf vermuten, daß Hieronymus (falls die Chronologie ihn nicht gehindert hätte) auch seinen geliebten Cicero unter die christlichen Klassiker aufgenommen haben würde. Die Schreibart ist schlicht; auch in diesem Werk finden sich zahlreiche Irrtümer, doch ist es ebenso bahnbrechend und unentbehrlich wie das vorhergehende. Tyrannius Rufinus 1 Tyrannius Rufinus aus Concordia bei Aquileia - Freund, später Feind des Hieronymus - geht 371 mit Melania nach Ägypten, wird Schüler des Didymos und lebt etwa seit 378 in Jerusalem als Mönch. In seinen letzten Lebensjahren, die er in der Heimat verbringt, überträgt er Werke von Orígenes, Basileios und Gregor von Nazianz ins Lateinische. Auf Anregung des Bischofs von Aquileia, Chromatius, übersetzt er Eusebs Kirchengeschichte. Seinen Streichungen fallen vor allem die von Euseb zitierten Dokumente zum Opfer. Er fugt zwei Bücher hinzu, welche die Geschichte von 324-395 umfassen. Die Gattung ist fur die römische Literatur eine Neuheit. Außer auf Euseb stützt sich Rufinus auch auf eigene Erinnerungen und auf Kirchenväter des 4. Jh. Sprache und Stil sind schlicht und unrhetorisch. A n kritischem Vermögen steht Rufin hinter Euseb zurück. Sulpicius Severus 2 Sulpicius Severus (etwa 363-400) gehört dem gebildeten Adel Galliens an, studiert in Bordeaux und ist mit Paulinus von Nola befreundet. A b asketischer Christ eifert er Martin von Tours nach, den er auch literarisch verherrlicht. Die zwei Bücher seiner Chronik reichen von der Weltschöpfung bis 400 n. Chr. Er konzentriert sich dabei im wesentlichen auf Biblisches und Kirchengeschichte. Sulpicius ist belesen und legt Wert auf Dokumente; er schöpft hauptsächlich aus Euseb, aber auch aus heidnischen Historikern (z. B. Tacitus). Der unter anderem an Sallust geschulte Stil ist korrekt, erreicht aber nicht die Eleganz des Hierony1 Ausgaben: PL 21; P G 17, 615-632 (Verteidigung seiner Origenes-Übersetzung); M . SIMONETTI, Tumholti 1961 (= C C 20; mit Bibl.); K . ZELZER, Wien 1986 (Basili Regula a Rufino Latine versa = C S E L

86). 2 Ausgabe: C.HALM, C S E L 1, Vindobonae 1866; Mart.: J.FONTAINE ( T Ü R ) , 3 Bde., Paris 1967-1969; P. HYLTÉN, Studien zu Sulpicius Severus, Diss. Lund 1940 (bes. zu Sprache und Stil); G . K . VAN ANDEL, T h e Christian Concept o f History in the Chronicle o f Sulpicius Severus, Amsterdam 1976; F. MURRU, La concezione della storia nei Chronica di Sulpicio Severo: alcune linee di studio, Latomus 38, 1979, 961-981; S. COSTANZA, I Chronica di Sulpicio Severo e le Historiae di T r o g o Giustino, in: La storiografìa ecclesiastica nella u r d a antichità. Atti del convegno tenuto in Erice (1978), Messina 1980, 275-312; F. GHIZZONI, Sulpicio Severo, R o m a 1983; R. KLEIN, D i e Praefatio der Martinsvita des Sulpicius Severus. Form, Inhalt und überzeitliche Bedeutung, A U 3 1 , 4 , 1988, 5-32; zu Sulpicius Severus s. auch S. 378 und 1023.

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LITERATUR

DER MITTLEREN

UND

SPÄTEN

KAISERZEIT

mus. Besonders wertvoll sind die Nachrichten, die der Autor uns über seine eigene Zeit übermittelt. Augustinus Augustinus kommt auch für das Verständnis der römischen Geschichte eine Schlüsselstellung zu. E r ist an anderer Stelle ausfuhrlich behandelt 1 . Orosius2 Leben, Datierung. Orosius (der Vorname Paulus ist nicht gesichert) stammt wohl aus Bracara in Portugal, doch fühlt er sich auch mit Tarraco verbunden (hist. 7, 22, 8). Nach einer gründlichen rhetorischen und theologischen Ausbildung verläßt er seine Heimat und stellt sich in Afrika bei Augustinus vor, der ihn nach Bethlehem zu Hieronymus schickt (Aug. epist. 166, 2). Dort greift er (im augustinischen Sinne) in den pelagianischen Streit ein. Spätestens 4 1 8 hat Orosius sein von Augustinus angeregtes (hist. 1 prol. 1 - 8 ; 7, 4 3 , 20) Geschichtswerk vollendet. Werkübersicht 1. Commonitorium de errore Priscillianistarum et Origenistarum. Für Augustinus verfaßt. 2. Liber apologeticus contra Pelagianos. In seiner antipelagianischen Polemik hat sich Orosius zu dem Satz verstiegen, selbst mit Gottes Hilfe könne ein Mensch 1 Einige seiner Hauptgedanken zur römischen Geschichte: 1) Die römische Geschichte ist nicht nur voller moralischer Exempta. 2) Die Vergangenheit kennt ebenso große Katastrophen wie die Gegenwart. 3) Der Fall Roms ist ein Symptom des sündigen Wesens der Menschen überhaupt und hat nichts mit den Tugenden oder Lastern der Römer zu tun, die nicht besser und schlechter sind als andere Völker. 4) Das römische Imperium war nicht notwendig fur die Erlösung, sondern eine vergängliche Erscheinung; zu Augustinus unten S. 1318-1353. 2

Ausgaben: apol.: G . SCHEPSS, C S E L 1 8 , V i n d o b o n a e 1 8 8 9 ; apol.; hist.: C. ZANGEMEISTER, C S E L 5,

Vindobonae 1882 (ed. maior), Ndr. 1966; Lipsiae 1889 (ed. minor); comm.: K.-D. DAUR, CC 49, T u r n h o l t i 1 9 8 5 , 1 3 3 - 1 6 3 ; hist.: A . LIPPOLD ( T K ) . A . BARTALUCCI, G . CHIARINI ( Ü ) , 2 B d e . ,

Firenze

1 9 7 6 ; R . J . DEFERRARI ( Ü ) , W a s h i n g t o n 1 9 6 4 ; A . LIPPOLD ( O A ) , e i n g e l . C . ANDRESEN, 2 B d e . , Z ü r i c h

1985-1986; M.-P. ARNAUD-LINDET (TO), 3 Bde., Paris 1990-1991; Lit.: J. SVENNUNG, Orosiana. Syntaktische, semasiographische und kritische Studien zu Orosius, Uppsala 1922; F. WOTKE, Orosius, RE 18, Ι, Stuttgart 1939, 1185-1195; H. HAGENDAHL, Orosius und Iustinus, Göteborg 1941; A. LIPPOLD, Rom und die Barbaren in der Beurteilung des Orosius, Diss. Erlangen 1952; H.J. DIESNER, Orosius und Augustinus, AAntHung 11, 1963, 89-102; B. LACROIX, Oróse et ses idées, Montreal 1965; T. E. MOMMSEN, Aponius and Orosius on the Significance of the Epiphany, in: E. RICE, Hg., Medieval and Renaissance Studies, New York 1966, 299-324; F. PASCHOUD, Roma aeterna, Neuchâtel 1967; E. CORSINI, Introduzione alle Storie di Orosio, Torino 1968; S. KARRER, Der gallische Krieg bei Orosius, Zürich 1969; A. LIPPOLD, Orosius, christlicher Apologet und römischer Bürger, Philologus 113, 1969, 92-105; W. SUERBAUM, Vom antiken zum frühmittelalterlichen Staats begriff, Münster Ί977; T. M. GREEN, Zosimus, Orosius and their Tradition. Comparative Studies in Pagan and Christian Historiography, New York 1974; F. FABBRINI, Paolo Orosio - uno storico, Roma 1979; H.W. Go ETZ, Die Geschichtstheologie des Orosius, Darmstadt 1980; Y. JANVIER, La géographie d'Orose, Paris 1982; D. KOCH-PETERS, Ansichten des Orosius zur Geschichte seiner Zeit, Frankfurt 1984; P. A. ONICA, Orosius, Diss. Toronto 1987; R. AMPIO, La concezione orosiana della storia, attraverso le metafore del fuoco e del sangue, CCC 9, 1988, 217-236.

PROSA:

GESCHICHTSSCHREIBER

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nicht ohne Sünde sein (apol. 7, 2) und muß sich nun gegenüber dem Papst rechtfertigen; er zieht sich auf Obersetzungs- und Hörfehler zurück. 3. Besonders interessieren uns die Historiarum adversos paganos libri VII. Sie sind im Jahr 417 abgeschlossen (7, 43, 19; vgl. 7, 41, 2). Das erste Buch reicht von der Weltschöpfung bis zur Gründung Roms, das zweite bis zum Galliereinfall, das dritte bis etwa 280 v. Chr., das vierte behandelt die Kriege gegen Pyrrhus und Karthago. Das fünfte Buch fuhrt von der Zerstörung Korinths (146) bis zum Sklavenkrieg (73-71 v. Chr.), das sechste etwa bis zur Zeitenwende, das siebte bis 417 n. Chr. Orosius stellt griechische und römische Geschichte parallel dar. Quellen. Als erster schafft Sextus Iulius Africanus Anfang des dritten Jahrhunderts Chronographien, die alttestamentliche und profane Geschichte synchron zusammenstellen. Von ihm ist Hippolytos von Rom abhängig (t 235). Maßgebend sind die darauf aufbauenden Χρονικοί κανόνες des Eusebios, die von Hieronymus übersetzt und erweitert werden. Augustinus und Orosius stützen sich auf Hieronymus. Orosius scheint Sulpicius Severus nicht benützt zu haben. Die Gründung Roms setzt Orosius nach der catonischen Ara ins Jahr 752 v. Chr. Für seine geographische Einleitung dürfte er ein Handbuch benützt haben. Die Quellenautoren, die Orosius nennt, zitiert er vielfach aus zweiter Hand, ζ. B. Palaiphatos und Phanokles1. Seine unmittelbaren Vorlagen kennen wir großenteils noch heute: Horns, Eutrop, lustin und die Periochae zu Livius. Für die Iivianische Darstellung der Zeit von 146 v. Chr. bis zum ersten Bürgerkrieg und später fur einige Stellen der Historien des Tacitus hat Orosius Zeugenwert, besonders aber für die Zeit seit 378. Außerdem kennt Orosius Suetons Caesaren-Viten, er exzerpiert Caesars Commentant (Orosius 6, 7 - 1 1 ) , hält sie aber fur ein Werk Suetons (ebenso Apollinaris Sidonius epist. 9, 14, 7) und benützt gelegentlich auch die Historien des Tacitus. Dagegen ist er mit Sallusts Historien nicht vertraut. Natürlich verwertet er auch Eusebs Kirchengeschichte in der Obersetzung des Rufinus. Neben den erzählenden dürfte Orosius auch chronographische Quellen verwendet haben2. Seine Quellenbenutzung ist ziemlich sorgfaltig. Literarische Technik. Als Rhetor beabsichtigt Orosius zu beweisen, daß die Leiden der Menschheit in vergangenen Zeiten mindestens ebenso groß waren wie in der Gegenwart (hist. 1, prol. 13-14). Diesem Zweck dient die Erzählung der Weltgeschichte. Die Forderung nach Klarheit der narratio erfüllt Orosius durch übersichtliche Gliederung des Stoffes. Innerhalb der Bücher schiebt er nach zusammenhängenden Partien Reflexionen ein, die als Ruhepausen die Gliederung unterstreichen. Sprache und Stil. Die Darstellung des geographischen Weltbildes (hist. 1, 2, 1

An einer Stelle stützt er sich - verräterisch genug - auf Valerius et Antias (hist, j , 3, 3). Λ . LIPPOLD, Die Darstellung des ersten punischen Krieges in den Historiarum adversum paganos libri VII des Orosius, R h M N F 97, 1954, 2J4-286, bes. 261. 2

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

1-106) unterscheidet sich von dem übrigen Text durch trockenen Stil. Mit Ausnahme der geographischen Einleitung ist das Werk in einer gepflegten Diktion abgefaßt, reich an Pointen und Antithesen, preziös, ja schwierig. Die Darstellung strebt nach Eindringlichkeit (hist. 3: praef. 3 vim rerum, non imaginem) und Einfühlung. Gedankenwelt. Im Unterschied zu Augustinus beschränkt sich Orosius ausschließlich auf die Profangeschichte. Grundlegend für eine christliche Deutung der Weltgeschichte sind die Weissagungen im Buch Daniel 2, 31-45. Man deutete sie auf die vier Weltreiche1. Fest lag die Identifikation des ersten mit dem assyrischen und die des vierten mit dem römischen Imperium (vgl. auch Aug. civ. 20, 23; 18, 2). Die beiden mittleren Reiche sind fur Orosius das makedonische und das karthagische (hist. 2, 1, 4—6; vgl. 7, 2, 1-7). Neben dieser Einteilung in vier Weltreiche gab es auch die Gliederung nach sechs bis sieben Lebensaltern (vgl. Aug. civ. 22, 30); Orosius scheint sie nicht zu beachten. Im übrigen versucht er, die Offenbarung beiseite zu lassen und von einem philosophischen Vorsehungsglauben auszugehen (7, 1, 1). Dies mag damit zusammenhängen, daß er für die Öffentlichkeit schreibt. Wahrend Augustinus auch die Schwächen des christlichen Kaisertums erkennt und nicht den Erfolg, sondern die Gerechtigkeit zum Maßstab erklärt (Aug. civ. 5, 24), verherrlicht Orosius die Gegenwart (z. B. hist. 7, 35, 6) und glaubt, die römische Geschichte habe sich seit dem Auftreten des Christentums zum Besseren gewandelt (7, 5, 3 f.). In die römisch-christliche Zivilisation möchte er die Germanen eingliedern (7, 41, 7-9) und ist im ganzen viel optimistischer eingestellt als Augustinus2. Römerstolz spricht aus dem Gedanken, Gott habe nicht einfach Mensch, sondern civis Romanus werden wollen, und Octavian sei prädestiniert gewesen, durch die pax Augusta der Menschwerdung Gottes den Boden zu bereiten (hist. 6, 22, 5~8)3. Überlieferung. Die Überlieferung ist sehr reich; die älteste der fast 200 Handschriften, der Codex Laurentianus pl. 65, 1, stammt aus dem 6. Jh. 4 . Fortwirken. Die Chorographie des Orosius wird vom sog. Aethicus und von Isidor (f 636) benutzt. Das übersichtliche und lesbare Werk ist im Mittelalter weit verbreitet, besonders sei auf das Chronicon Ottos von Freising (f 1158) hingewiesen. Im 9. Jh. verfaßt König Alfred eine gekürzte angelsächsische Übersetzung mit geographischen Zusätzen. Orosius wird auch ins Arabische übertragen. Der 1

Z u r Weltreichslehre H.-W. G o ETZ, Die Geschichtstheologie des Orosius, Darmstadt 1980, 7 1 - 7 9 . Die Unterschiede zu Augustinus (und die Nähe zu Euseb und Hieronymus) betont stark P. A . ONICA, Orosius, Diss. Toronto 1987, vgl. DA 48, 1 1 , 1988, 2864 A - 2865 Α . 3 Κ . SCHÖNDORF, Von der augusteischen zur christlichen Romideologie, Anregung 28, 1982, 2

305-311· 4

D . J . A . Ross, Illuminated Manuscripts of Orosius, Scriptorium 9, 1955, 35—56; A . D . VON BRINCKEN, Studien zur lateinischen Weltchronistik bis in das Zeitalter Ottos von Freising, Düsseldorf '957; J · M . BATELEY, D . J . A. ROSS, A Check List of Manuscripts of Orosius, Hist. adv. pag. I. VII, Scriptorium 15, 1961, 329-334.

PROSA:

GESCHICHTSSCHREIBER

IIOI

Glaube dieses vielgelesenen Autors an den christlich verbürgten Fortbestand des römischen Reiches hat die mittelalterliche Vorstellung der translatio imperii hervorgerufen'. Die Erstausgabe erscheint 1471 in Augsburg, bis zum Ende des 17. Jh. folgen weitere 24 Editionen. Die Autorität des Orosius schwindet erst im Zeitalter der Aufklärung, als man die Lehre von den vier Weltreichen endgültig aufgibt.

1

D . KOCH-PETERS 1 9 8 4 (zit. S . 1 0 9 8 , A n m . 2) 2 2 3 .

1102

LITERATUR DER MITTLEREN U N D SPÄTEN KAISERZEIT D i e Historia A u g u s t a 1

Datierung.

Historia

Augusta

nennt man seit Isaac Casaubonus, der 1603 das Werk

gesondert herausgibt, eine S a m m l u n g v o n dreißig Kaiserbiographien v o n Hadrian bis Numerianus (117-285). Es fehlen die Kaiser von 244-253; vielleicht ist auch der A n f a n g verloren, falls nämlich das Werk als Fortsetzung Suetons gedacht war. A l s angebliche Verfasser sind überliefert: Aelius Spartianus, Iulius Capitolinus, V u l c a nius Gallicanus, Aelius Lampridius, Trebellius Pollio und Flavius Vopiscus. In sieben Biographien wird Diokletian angeredet, in sechs Constantinus; andere sind an Privatpersonen gerichtet. Heute n i m m t man meist an, es handle sich u m eine Fälschung eines einzigen Verfassers aus späterer Zeit. Teils denkt man an die

1 Ausgaben: B. ACCURSIUS, Mediolani 1475; D. ERASMUS, Basileae 1518; I. CASAUBONUS, Paris 1603; D. MAGIE (TO), 3 Bde., London 1922-1932, Ndr. 1954; E. HOHL, Bd. 1, 1927 ('196$), Bd. 2, 1927, mit Zusätzen von W. SEYTAKTH und Ch. SAMBERGER, Lipsiae 1965; A. BIRLEY (Teil-Ü), Harmondsworth 1976; E. HOHL, E. MERTEN, A. RÖSGER(OA), mit Vorwort vonj. STRAUB, Bd. 1, Zürich 1976, Bd. 2, i98j;H. W. BENARIO (Vita Hadriani: K), Chico 1980; P. SOVERINI (TÜA), Torino 1983; A. LIPPOLD ( Vita Maximini: K), Bonn 1991J.-P. CALLU, A. GADEN, O . DESBORDES ( Vita Hadriani, VttaAelii, Vita Antonini: T O ) , Paris 1992; Lexileon.C. LESSING,Lipsiae 1901-1906;B/M..-A. F.BELLEZZA,^letteraturadegliSiripforoHij/oriaeAu^iisiae oggi, A A L i g 4 i , 1984(1986), 253-273 (mit einer Appendix von P. SOVERINI über sprachliche Probleme der Historia Augusta 273-27 j);E. W. MERTEN, Stellenbibliographiezur Hiif. Aug., 4 Bde., AntiquitasR. 4, Ser. 2, 1-4, Bonn 1985-1987; A. SCHETTHAUER 1987, bes. 13-18; 211-224; v gl· die Bonner Historia-Augus taKoUoquien (seit 1963 in der Reihe Antiquitas, Bonn, erscheinend, hg. J. STRAUB). J. A. STRAUB, Heidnische Geschichtsapologetik in der christlichen Spätantike. Untersuchungen über Zeit und Tendenz der HútorúMugurta, Bonn 1963; P. WHITE, IlieAuthorshipoftheHútorüMugiu&i.JRS 57,1967, 115-133; R. SYME, Ammianus and the Historia Augusta, Oxford 1968; G. KERLER, Die Außenpolitik in der Historia Augusta, Bonn 1970; H. W. BIRD, Suetonian Influence in the Later Lives of the Historia Augusta, Hermes 99,1971,12-134; R. SYME, Emperors and Biography. Studies in the Historia Augusta, Oxford 1971; R. SYME, The Historia Augusta. A Call of Clarity, Bonn 1971; F. KOLB, Literarische Beziehungen zwischen Cassius Dio, Herodian und der Historia Augusta, Bonn 1972; R. SYME, The Composition of the Historia Augusta. Recent Theories, JRS 62, 1972, 123-133; B. MOUCHOVA, Untersuchungen über die Scriptores Historiae Augustae, Praha 1975 (1978); K.-P. JOHNE, Kaiserbiographie und Senatsaristokratie. Untersuchungen zur Datierung und sozialen Herkunft der Historia Augusta, Berlin 1976; J. BURIAN, Fides histórica als methodologischer Grundsatz der Historia Augusta, Klio 14, 1977, 285-298; I. HAHN, Das >goldene Jahrhunderte des Aurelius Probus, Klio 59,1977,223-236; Η. SZELEST, Die Historia Augusta und die frühere römische Geschichte, Eos 65, 1977, 139-150; T. D. BARNES, The Sources of the Historia Augusta, Bruxelles 1978; R. SYME, Propaganda in the Historia Augusta, Latomus 37,1978,173-192; A. F. BELLEZZA, Prospettive del testo della Historia Augusta, Brescia 1979; I. MARRIOT, The Authorship of the Historia Augusta. Two Computer Studies, JRS69,1979,65-77; B. BALDWIN, Tacitus, thePanegyrici Latini, and the Historia Augusta, Eranos 78,1980,175-178; D. DEN HENGST, The Prefaces in the Historia Augusta, Diss. Amsterdam 1981; K.H. STUBENRAUCH, Kompositionsprobleme der Historia Augusta. Einleitungen, der verlorene Anfang, Diss. Göttingen 1982; R. SYME, Historia Augusta fcpers, Oxford 1983; H. SZELEST, Die Historia Augusta und die frühere antike Literatur, Eos 71,1983,3 5-42; K.-P. JOHNE, Zum Geschichtsbild der Historia Augusta, Klio 66, 1984,631-640(Lit.);G. MARASCO, Ricerchesulla Historia Augusta, Prometheus 12,1986,159-18 i;J. BURIAN, Die Darstellung der Markomannenkriege in den Scriptores Historiae Augustae ( Vita Marci) und ihre Glaubwürdigkeit, LF110,1986,114-118; T. HONORÉ, Scriptor Historiae Augustae, JRS 77,1987,156-176; F. KOLB, Untersuchungen zur Historia Augusta, Bonn 1987; Α. SCHEITHAUER, Kaiserbild und Uterarisches Programm. Untersuchungen zur Tendenz der Historia Augusta, Frankfurt 1987; Α. SCHETTHAUER, Die Bautätigkeit der Kaiser in der Historia Augusta, WJA14,1988,225-240; D. BAHARAL, Portraits ofthe Emperor L. Septümius Severus, Latomus 48, 1989, 566-580; J. B. LEANING, Didius Julianus and His Biographers, Latomus 48,1989, 548-565; C . BERTRAND-DAGENBACH, Alexandre Sévère et l'Histoire Auguste, Bruxelles 1990; E. WALLINGER, Die Frauen in der Historia Augusta, Wien 1990.

PROSA: 1

GESCHICHTSSCHREIBER

1103

2

Epoche Iulians , teils an die Wende vom 4. zum 5.Jh. , teils an den Zeitraum zwischen 405 und 525. Die späte Abfassungszeit würde die Tatsache der Fälschung erklären: Heidnische Propaganda ist unter dem christlichen Kaisertum nicht mehr unmittelbar möglich, sondern nur noch in literarischer Rückprojektion (diese Auffassung wird im folgenden vertreten). Quellen3. Der Gattung nach stellt sich der Verfasser in die Nachfolge Suetons (Maxim, et Balb. 4, 5; Prob. 2, 7). Die Forschung stellt sechs Hauptquellen fest: Die erste, die nicht namentlich bekannt ist, reicht bis 217. Marius Maximus liefert farbiges Detail über Macrinus und dient in der Heliogabalus-Vita als Hauptquelle; Herodian ist der wichtigste Gewährsmann fur 238 (und schon früher); seine Angaben werden aus Dexippos ergänzt, der im folgenden bis 270 Vorlage ist. Für die Zeit nach 260 (wie schon fur den Rahmen der Alexandervita) wird die >Kaisergeschichte< benutzt; nach 270 ist Verwendung des Eunapios nachgewiesen. Hinzu kommen Aurelius Victor und Eutrop, vielleicht auch Fes tus und Ammian. Mit Neugier hört man von Autobiographien Hadrians und des Septimius Severus, Schriften von Aelius Cordus und Phlegon. Leider werden—vor allem in den Viten wenig bekannter Kaiser - auch frei erfundene Dokumente und Quellen zitiert, so daß sich der Leser vor ein ärgerliches Konglomerat aus wertvollen Nachrichten und schamlosen Lügen gestellt sieht. Literarische Technik. Die literarische Technik schließt sich nur im Prinzip an Sueton an (vgl. oben), so der Aufbau der Lebensbeschreibung des Pius. Doch werden anders als bei Sueton die meisten Biographien weder streng chronologisch noch nach Eigenschaften (per species) gegliedert. Der mangelhaften Information wird durch Anekdoten, Wundergeschichten und novellistische Elemente abgeholfen, die an die Romanliteratur erinnern. Zwar gibt der Autor vor, unbedeutenden oder unanständigen Klatsch abzulehnen (vgl. Aur. 3, 1; 6, 6; Heliog. 18, 4), doch gibt es genug Belege fur das Gegenteil. Es ist ein starkes Stück, wenn der Verfasser behauptet, er strebe nach Wahrhaftigkeit und historischer Treue (Trig. tyr. 1, 2; 1 1 , 6f.); doch ist er ehrlich genug, anderwärts bescheidener an die curiositas zu appellieren (Aur. 10, 1). Das Werk will zugleich unterhalten und belehren. Sprache und Stil4. Zwischen den einzelnen >Autoren< bestehen kaum stilistische Unterschiede; »Flavius Vopiscus< und >Trebellius Pollio< zeichnen sich durch stärkere rhetorische Färbung aus. Es wäre erneut zu prüfen, ob die Unterschiede groß genug sind, um die These der >Unitarier< zu widerlegen. Gedankenwelt. Die senatorische Einstellung des Verfassers läßt keine Rückschlüsse auf seine gesellschaftliche Stellung zu. Man hat in dem Werk heidnische Geschichtsapologetik erkannt; gelobt wird die Toleranz, die unter den guten 1

N . H. BAYNES, The Historia Augusta. Its Date and Purpose, Oxford 1926. So mit Entschiedenheit (»spätestens«) D. FLACH, Einfuhrung in die römische Geschichtsschreibung, Darmstadt 198$, 278. 3 T. D. BARNES, The Sources of the Historia Augusta, Bruxelles 1978. 4 J. Ν . ADAMS, The Linguistic Unity of the Historia Augusta, Antichthon 1 1 , 1977, 93-102. 2

II04

LITERATUR DER MITTLEREN U N D SPÄTEN K A I S E R Z E I T

Kaisern geherrscht habe - vermutlich, um den christlichen Kaisern ihre Intoleranz vor Augen zu fuhren. ÜberlieferungDie gesamte (zweisträngige) Überlieferung hängt von dem Vaticanus Palatinus 899 (s. IX) ab. Fortwirken. Die Historia Augusta findet bis ins Mittelalter Leser2. BARDON, Litt. lat. inc., Bd. 2, 270-277; 291-293. * H. W. BIRD, Sextus Aurelius Victor. A

Historiographical Study, Liverpool 1984 (auch zu Eutrop und zur Historia Augusta). * R. BROWNING, CHLL 732-7J4 (grundlegend). * A. CHASTAGNOL, Emprunts de l'Histoire Auguste aux Caesares d'Aurelius Victor, RPh 41, 1967, 8J-97. * W . DEN BOER, Rome à travers trois auteurs du quatrième siècle, Mnemosyne 4, 21, 1968, 254-282 (zu Aurelius Victor, Eutrop und Festus). * W . DEN BOER, Some Minor Roman Historians, Leiden 1972 (zu Floros, Aurelius Victor I und II, Eutrop und Festus). * D. FLACH, Einführung in die römische Geschichtsschreibung, Darmstadt 1985, 257-311. * W . HARTKE, De saeculi quarti exeuntis historiarum scriptoribus quaestiones, Lipsiae 1932. * F. HEINZBERGER, Heidnische und christliche Reaktionen auf die Krisen des weströmischen Reiches in den Jahren 395-410 n. Chr., Diss. Bonn 1976. * E. MALCOVATI, I breviari del IV secolo, Ann. Univ. Cagliari 12, 1942. * A. MOMIGLIANO, Pagan and Christian Historiography in the Fourth Century A . D . , in: ders., Hg., The Conflict between Paganism and Christianity in the Fourth Century, Oxford 1963, 77-99. * J. SCHLUMBERGER, Die Epitome de Caesaribus. Untersuchungen zur heidnischen Geschichtsschreibung des 4. Jh. n. Chr., München 1974 (auch zu Eutrop und zur Historia Augusta). * S. WILLIAMS, Diocletian and the Roman Recovery, London 1985.

SUETON Leben, Datierung C . Suetonius Tranquillus, wahrscheinlich in Hippo Regius 3 (Nordafrika) um 70 geboren, stammt aus dem Ritterstande. So gehört er geographisch und sozial zwei zukunftsreichen Personengruppen an. Er widmet sein Werk dem Stadtpräfekten C . Septicius Claras (Lydus, de magistr. 2, 6), den auch der hochangesehene Plinius durch eine Dedikation ehrt. Der Autor der Briefe und des Panegyricus nimmt Sueton als >SchülerFrühzeit< (vor der Alleinherrschaft) besonders lang; m u ß sich doch Caesar seine Vormachtstellung erst erkämpfen. Das >Porträt< des Herrschers steht in vielen Biographien am Ende; ein Teil der species wird erst nach dem Hinscheiden genannt 4 . Bei Vitellius (17) ist das Porträt der äußeren Erscheinung mit dem Bericht v o m Tode verschmolzen. Die Titus- Vita ist eigentümlich komponiert: Das Gesamtbild steht am Anfang; es folgen zwei entgegengesetzte Darstellungen: die seines Lebens vor und nach der Thronbesteigung. Während Sueton sonst die Laster nach den Tugenden bespricht, steht hier - durch die Wirklichkeit bedingt - ein Teil mit gewissen negativen Z ü g e n vor einem r u n d w e g positiven Teil. Die Claudius-Vita ist am wenigsten klar in Aufbau und Beurteilung. Diese Struktur paßt - o b gewollt oder ungewollt - zu Claudius' unstetem Charakter (Claud. 15, 1). Sueton zeigt seine Kompositionskunst eher an kleinen als an großen Einheiten. Gelegentlich ist der Stoff effektvoll und dramatisch gruppiert 5 ; z. B. sind die letzten Stunden N e r o s packend erzählt. D e r Stoff wird so angeordnet, daß er seinen Z w e c k erfüllt: ein typisch römisches Stilprinzip. >Feste Elemente< in den Kaiserbiographien 6 bilden auch die Vorzeichen, die Erwähnung der Erotika und die ultima verba. Die Nennung von ostenta, omina und prodigio steht im Einklang mit dem Aberglauben der Zeit (vgl. Plin. epist. 1, 18), ihre Placierung dient aber literarischen Zwecken: Sie unterstreicht bestimmte Motivketten - so im Divus Iulius: einerseits Caesars Streben nach der Königswürde (1, 3; 7, 2; 61), andererseits seine Mißachtung kultischer Bräuche, die zu seinem Tode führt (30, 3; 59; 77; 81, 4). 1 2 3 4 5 6

G . L u c k , Ü b e r Suetons Divus Titus, R h M 107, 1964, 63-75; H. G u c e i 1970. Z u r Vorgeschichte des Liber pontificalis (6. Jh.): B e r s c h i n , Biogr. 1, 270-277; 2, 115-138. B . M o u c h o v á 1968. Ner. 51-56; Cal. 21-22; Otho 12; Dom. 18-22. B . M o u c h o v ä 1968, 15 und I05f. H. G u c e l 1977, 23-103.

PROSA: SUETON

1109

Besonders geschickt handhabt Sueton die Kunst des Zitierens; haben doch Zitate bei ihm thematisch-interpretatorische Bedeutung1: so Sullas Äußerung, in Caesar steckten viele Mariusse, Caesars eigener Hinweis auf seine königliche und göttliche Herkunft (Suet. lui. 1, 3; 6, 1), sein Selbstvergleich mit Alexander (7, 1) und sein Lieblingszitat aus den Phoinissen (»Muß Unrecht sein, so sei's um eine Krone . . . « lui. 30, 5; Eur. Phoen. 524f.; Cic. off. 3, 82). Auch in der Domitian- Vita (21) findet sich ein bedeutungsvoller Ausspruch, der das Schicksal des Kaisers beleuchtet: Cortdicionem principum miserrimatn aiebat, quibus de coniuratione comperta non crederetur nisi occisis. Man hat in der Caesar-Vita Leitmotive und eine kunstvolle > Schürzung des Knotens< entdeckt2. Ebenso ließ sich die Funktionsbedingtheit der Einzelzüge in der Augustus- Vita nachweisen3. Die Anordnung der Tatsachen wird dem Gradationsprinzip unterworfen4; z. B. fuhrt Sueton die erotischen Nachrichten in konsequenter Steigerung vor5. Die ultima verba der Kaiser bringen ein Grundthema der jeweiligen Biographie zum Abschluß6. Man spricht von einer zunehmend düsteren Einfarbung (noircissement progressif), die den Leser allmählich zu einer bestimmten Meinung führe. Ein wichtiges Problem, das noch der konsequenten Untersuchung harrt, ist die Bezogenheit der verschiedenen Lebensbeschreibungen aufeinander8. Die Vitae von Galba und Otho greifen ineinander und wahren die historische Folge. In solchen Fällen vereinigt Sueton die Biographie mit einer fortlaufenden historischen Darstellung9. Lebensbild und Geschichtsschreibung verbanden sich schon im Agricola des Tacitus, allerdings in viel stärker literarisierter Form als bei Sueton. Die Biographie wird in der Kaiserzeit mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit zum Ersatz fur die Geschichtsschreibung. Doch kann man Sueton nicht als Historiker im antiken Sinne des Wortes bezeichnen; unterscheiden sich doch Historiographie und Lebensbeschreibung schon durch die Blickrichtung. Da Sueton der sachlichen Zusammenfassung den Vorzug vor einer dramatischen und in sich geschlossenen Erzählung gibt10, steht er in prinzipiellem Gegensatz zu den Zielen antiker Geschichtsschreibung.

1

U . LAMBRECHT 1984, 3 7 - 4 3 ; W. MOLLER 1 9 7 2 , 9 5 - 1 0 8 .

2

H . GUCEL 1970, bes. 22.

3

R . HANSLIK 1954, 9 9 - 1 4 4 .

4

B . MOUCHOVA 1 9 6 8 , 4 3 - 4 7 ; 1 0 5 ; A . PENNACINI

1984.

5

H . GUCEL 1977, 7 3 - 9 5 , bes. 76. '· H . GUGEI 1977, 9 5 - 1 0 3 .

Sur la composition des

Vitae Caesarum de Suétone,

7

E . CIZEK,

8

H i n w e i s e bei H . GUCEL 1977, 1 4 3 ; B . MOUCHOVA 1968, 6 5 - 7 7 .

9

H . GUCEL 1977,

1,1

144.

B . MOUCHOVA 1968,

105.

StudClas 3, 1961, 355-360, bes. 360.

Ilio

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

Sprache und Stil Suetons Stil ist nicht einheitlich 1 . Die Vorzüge einiger Glanzstellen hat man seinen Quellenautoren zugeschrieben; doch beruhen Stildifferenzen eher auf unterschiedlichem Inhalt (Rubriken bzw. Erzählung). Während antike Geschichtsschreibung - außer politisch-militärischem Stoff und chronologischer Anordnung - auch rhetorische Stilisierung erfordert, beabsichtigt Sueton nicht, ein Werk der >Kunstprosa« hervorzubringen. Stilistisch gehört er in die Nähe der Fachschriftsteller. Sueton zählt zu den Autoren, die das mot juste suchen; er strebt nicht nach rhetorischem Pomp, sondern nach cäsarischer elegantia, allerdings ohne Purismus. Suetons Neigung gilt der klassischen Zeit (Cicero und Augustus). Sein eigener Stil ist nicht archaisierend, er pflegt die anspruchslose Schreibart des antiken Gelehrten. Plinius nennt Sueton einen scholasticus (epist. i, 24, 4), Ioannes Laurentius Lydus einen Philologos (Lyd. de mag. 1, 34, p. 35 Wü.), die Suda (4, 581, 18 ADLER) einen Grammatikos 2 . Die Historia Augusta lobt Sueton dafür, daß er »nicht so sehr beredt als vielmehr wahrheitsgemäß« (non tarn diserte quam vere) schreibe3; zwar ist der Zeuge schlecht, aber der Gedanke richtig. Der zünftigen antiken Geschichtsschreibung fremd und fur Sueton bezeichnend sind >gelehrtenhafte< Z ü g e wie Fachwörter 4 , griechische Vokabeln und recht umfangreiche wörtliche Zitate aus Dokumenten. Ein typisches Verfahren Suetons ist die divisio, die Ankündigung im folgenden zu behandelnder Punkte. Die Methode stammt aus der Rhetorik und wird auch von Enkomiasten angewandt. Leider erfüllt sie bei Sueton nicht immer ihren Zweck, den Aufbau zu klären 5 . Sueton ist kein großer Stilist. Er bemüht sich, klar, knapp und präzise zu schreiben. Auf die Dauer entsteht der Eindruck der Kühle und Farblosigkeit. Andererseits entspricht die Satzgliederung z. B . in Suetons Iulius stellenweise bis ins Detail dem Inhalt6. Suetons Schreibart ist also doch kein bloßer salopper Notizenstil 7 .

1

G. D'ANNA 1954, 1 7 9 - 1 9 0 vergleicht Nero 9 und 35 (kurze Sätze) mit 47-49 (kunstvoller). F. DELLA CORTE Ί 9 6 7 , 29 f. warnt vor einer Überschätzung dieser Zeugnisse; doch geht er von einem zu engen Begriff des grammaticiis aus. 1 Script, hist. Aug. Prob. 2, 7. 2

4

5

A . WALLACE-HADRILL 1 9 8 3 , 2 o f . m i t Lit.

G. Β . TOWNEND 1967, 84-87. W. STEIDLE '1963, LAS f.; zum Wortschatz auch B . MOUCHOVÁ 1966, 55-63. 7 Dies glaubte LEO, Biogr. 134, in bezug auf die alexandrinische wissenschaftliche Biographie feststellen zu können. 6

PROSA: S U E T O N

M I

Gedankenwelt I Literarische Reflexion Sueton äußert sich selten über seine schriftstellerischen Absichten, am deutlichsten, wenn es um den Aufbau einzelner Biographien geht (z. B. Aug. 9; 61, 1). Ergiebiger sind seine stilistischen und literatursoziologischen Beobachtungen. Der Archaismus, wie er im zweiten Jahrhundert Mode wird, ist fur Sueton noch nicht maßgebend. Wie seine lobenden Äußerungen über den Stil Caesars (Jul. 56, 2) und des Augustus (Aug. 86) zeigen1, ist sein Stilideal notus civilisque et proprius sermo ohne obscuritas und audacia in translationibus (gramm. 10, 7). So zählt er mit Quintilian und Plinius noch zu den Vertretern des flavisch-traianischen Klassizismus2. Er teilt also auch in dieser Beziehung nicht die Vorlieben Hadrians, der Cicero, Vergil und Sallust tiefer als Cato, Ennius und Coelius gestellt haben soll (Script, hist. Aug. Hadr. 16, 6). Ein Vorläufer dieser Richtung war in flavischer Zeit Valerius Probus - in der Provinz (z. B. in Syrien) hatten sich die altlateinischen Autoren länger gehalten, die in römischen Schulen von den Klassikern verdrängt worden waren, was Suetons Scharfblick nicht entgeht (Suet. gramm. 24, 2); entsprechend der wirtschaftlichen Gewichtsverlagerung beginnt der Geschmack der Provinzen auf die Hauptstadt zurückzustrahlen. In stilistischen Detailfragen ist Suetons Urteil sicherer als in Fragen der literarischen Gesamtwertung: Die Diktion des Augustus gilt ihm als elegatts, temperatum und frei von modischen Mätzchen; Kaiser Claudius schreibt seiner Ansidit nach magis inepte quam ineleganter (Claud. 41, 3)3; der Stil dieses Kaisers läßt sich kaum treffender kennzeichnen4. Gut begründet Sueton die Unechtheit gewisser Horaz zugeschriebener Werke (elegi pulgares, epistula etiam obscura, quo vitio minime tenebatur: vita Hör. 5). Bei den Vergiliana ist er allerdings, falls die Vita wirklich von ihm stammen sollte5, weniger kritisch. In De grammatici et rhetoribus gar sind die Proportionen manchmal erschreckend schief: Der große Gelehrte Varrò fehlt ganz, und sein bedeutender Lehrer Aelius Stilo wird allzu knapp behandelt. Kritisch und nüchtern ist Suetons Auffassung von der Dichterpatronage (vita Hör. 2f.). Ob wegen eigener schlechter Erfahrungen mit Hadrian? Sueton ist sich darüber im klaren, welch entscheidenden Einfluß der Kaiser kraft seiner Stellung auf die Literatur hat. So betont er die literaturfreundliche Politik des Augustus (vgl. Aug. 89, 3 ingenia saeculi sui omnibus modisfovit) und das Interesse des Tiberius für Literatur (Tib. 70). Domitian wird dagegen - wohl im Gegensatz zum Selbstverständnis gerade dieses Kaisers - als amusisch stilisiert. Andererseits hat 1

2

F. D E L L A C O R T E Ί 9 6 7 , 3 5 f.

Man sollte Klassizismus und starke Zentralgewalt nicht zu eng miteinander in Verbindung bringen; auch das >neronische Barock< und der >antoninische Archaismus< entstehen unter Monarchen. 3 D. h. er ist um korrektes Latein bemüht, wenn auch nicht frei von gelehrtenhafter άκαιρία. 4 VON ALBRECHT, Prosa 164-189. 5 Für Autorschaft Suetons H. NAUMANN 1985.

11 1 2

LITERATUR DER MITTLEREN U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

Sueton kein Verständnis für Neros Philhellenentum. In der Geringschätzung der Graeculi zeigt er sich als typischer Römer (z. B. Tib. 1 1 , ι; 56). So macht er keine Verbeugungen vor Hadrians Gräkophilie. Gedankenwelt II Sueton steht Mysterienreligionen und Philosophenschulcn mit der Kühle des römischen Beamten gegenüber. Er sieht ein, daß Philosophen aus Rom ausgewiesen werden, und vermag kein Verständnis für Christen aufzubringen. Vom Epikureismus hat er keine hohe Meinung (gramrtt. 8, 1): Pompilius Andronicus, so meint er, sei als echter Epikureer zu faul zum Unterrichten. Bemüht man sich, an Sueton Züge eines >Intellektuellen< zu entdecken, so fühlt man sich am ehesten noch an den akademischen Probabilismus eines Karneades erinnert', wie ihn Sueton bei dem von ihm bewunderten Cicero und auch bei Plinius finden konnte. Als Biograph sucht er gewissermaßen das probabile e vita. Die Gegenüberstellung von virtutes und vitia ähnelt entfernt dem in utramque partem disserere der skeptischen Akademie. Wenn Sueton überhaupt ein Prinzip hat, ist es der Zweifel; so entwikkelt er unter der Maske eines subtilen Behaviorismus eine zeitgemäße Vorstellung vom Prinzipat. Doch gilt es, in diesen Fragen die nötige Zurückhaltung zu wahren. Sueton ist letztlich zu römisch, als daß er sich auf eine bestimmte Philosophenschule festlegen ließe. Das Gefühl, alles sei vorherbestimmt, entspricht der Mentalität der Kaiserzeit2; Vorzeichen werden ernst genommen; Astrologie, Traumdeutung und Physiognomik gelten als Wissenschaften; so verachtet ein Tiberius die religio, glaubt aber an Astrologie (19; 69; 72, if.). Während bei den Historikern Prodigien die Dramatik des Berichts steigern, zeigen sie bei Sueton eher an, daß das Unheil vorausgesehen werden konnte. Sie beziehen sich auf den Aufstieg zur Kaiser würde und auf ihren Verlust3. Die Vorzeichen beschäftigen Sueton also zunächst nicht als Elemente der altrömischen Staatsreligion, sondern als private Vorausdeutungen individuellen Schicksals. Doch bleibt das Schicksal des Kaisers für das Ganze bestimmend. In politischer Beziehung ergänzt Sueton die übliche senatorische Sicht durch die des eques. >Gute< Herrscher sind für ihn solche, die Senatoren und Ritter achten4. Von Otho, dem gemäßigten Neronianer, der alle Stände in Eintracht verbinden will und den équités zugetan ist, zeichnet Sueton ein freundlicheres Bild als Tacitus. Dieser schreibt aus der Sicht des Senators, Sueton mehr aus der des Ritters. Auch Vespasian, der beide Stände fördert (9, 2), und Titus haben seine Sympathie. Gegenüber Claudius, der den Rittern gewogen ist, zeigt sich unser Autor 1 2 3 4

8. 3-

E. CIZEK 1977, bes. 178; 192; I 9 6 f . A . WALLACE-HADRILL 1983, 192Ϊ. mit Lit. Α . WALLACE-HADRILL 1983, 1 9 1 f. Positiv: lui. 4 1 , 2; Aug. 40, 1; Vesp. 9, 2; negativ: Tib. j i , 2; Cal. 26, 4; 30, 2; vgl. aber Dom. 7, 2;

PROSA:

SUETON

1113

aufgeschlossen; doch ergibt sich aufgrund der Senatsfeindlichkeit dieses Kaisers ein zwiespältiges Bild. Überhaupt betont der Biograph die besondere Tüchtigkeit der Ritter (Tit. 8, 4); auch Frauen, Freigelassene und die Plebs behandelt er weniger verächtlich als Tacitus (was freilich nicht viel besagen will). Zu Suetons Lebzeiten erfahrt das Reich seine größte Ausdehnung; Verwaltung und Ordnung werden großgeschrieben. Die Tatsache, daß Caesar - und nicht etwa erst Augustus - die Reihe der Biographien eröffnet, entspricht auch der Situation unter Traian; fuhrt doch dieser seit langem als erster Kaiser wieder Eroberungskriege und legt so den Vergleich mit Alexander und Caesar nahe. Zeitkritik 1 läßt sich bei Sueton bestenfalls indirekt fassen, und zwar in den >späteren< Viten: Da wird der Tod des Vorgängers geheimgehalten, um den Thronwechsel zu erleichtern (Claud. 45; viel vorsichtiger Aug. 98, 5; Tib. 22). Da ist ein Kaiser bei seiner Thronbesteigung wegen willkürlicher Hinrichtung angesehener Bürger unbeliebt (Tit. 6). Kritik an der Rückverlegung von Reichsgrenzen (Nero 18), an der Allmacht der Freigelassenen - natürlich unter Claudius - und an der Bürokratisierung des Imperiums wird laut. Damit sind Hadrians wunde Punkte fast vollzählig genannt. Ist dies nur Zufall? Allgemein hütet sich Sueton vor Schwarz-Weiß-Malerei, und das Urteil über die Principes ist ziemlich nuanciert. Zwar lassen sich oberflächlich vier Gruppen von Kaisern unterscheiden: Fast ganz positiv sieht er Augustus, Vespasian und Titus, überwiegend positiv Caesar und Otho, negativ Tiberius, Galba, Domitian, völlig negativ Caligula, Nero, Vitellius; das Bild des Claudius ist differenziert, doch eher ungünstig. Aber im Detail gibt es zahlreiche Feinheiten: Schon in Caesar koexistieren verschiedene Schichten. Einerseits wird er unter Traian >hoffahig< als Stifter der römischen Monarchie und als römischer Eroberer. Obwohl Caesars moderatio und dementia anerkannt werden (lui. 75), rechtfertigen andererseits impotentia und arrogantia (ebd.) die Ermordung des allzu ehrgeizigen Diktators. Z u den honores nimii zählen der continuus consulatus und die perpetua dictatura, Ehrungen, die Augustus für unnötig hielt. Z u Caesars Alleinherrschaft fuhrt neben dem >göttlichen< Aspekt seines Wesens auch ambitio. Er muß es sich gefallen lassen, an der Prinzipatsidee gemessen zu werden. Es ist freilich schwierig, bei Sueton von einer >Prinzipatsideemonarchische< Topik (λόγος βασιλικός) bedingt die 1

E . CIZEK 1 9 7 7 , 1 8 2 m i t Lit.; a n d e r s K . R . BRADLEY

2

U . LAMBRECHT 1 9 8 4 , b e s . 7 8 - 8 3 ;

3

lui. 29, Ι difficilius se principan civitatis a primo ordine in secundum quam ex secundo in novissimum detrudi.

1976.

147-IJ5.

1114

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

Herausarbeitung von Herrschertugenden und -lästern, wie sie dem Zeitempfinden entsprechen (dementia - crudelitas, liberalitas-avaritia, civ ilitas-superbia). Ähnlich hat Plinius(panef. 3,4) Herrschereigenschaften einander gegenübergestellt. Will Sueton dem Kaiser Hadrian ein bestimmtes Bild des Prinzipats vermitteln1 ? Die Darstellung nach >Tugenden< und >Lasternkönigliche< Tiere wie Löwen und Adler erinnern sollen (Aug. 79); die Schönheit Caligulas wird verzerrt: Für Sueton gleicht er einer Ziege (Cal. 50, 1); Vespasian ist und bleibt ein Fuchs (Vesp. 16, 3). Sueton teilt nicht den Pessimismus des Tacitus. Während dieser zeigt, wie Menschen durch die Macht korrumpiert werden, gibt es bei Sueton Gegenbeispiele: Augustus, Otho, Titus. Es ist eine Hauptabsicht unseres Autors, die Vielschichtigkeit des Lebens und der Kaiserpersönlichkeiten bestehen zu lassen. Zwar will Sueton nicht primär ein geschichtliches Panorama entwerfen, doch erfaßt er richtig die große Gliederung in historische Epochen; er beginnt nicht mit Augustus, sondern mit Caesar, denn unter diesem endet die Republik; des weiteren sieht er die Bedeutung des Jahres 69 innerhalb der römischen Geschichte und erkennt treffend die Rolle der Flavier bei der Konsolidierung des Reiches (Vesp. ι, 1). Er unterscheidet auch gut zwischen Vorwand und Ursache: (lui. 30, 2 und 31, 1). Den Übergang über den Rubikon ordnet er als άρχή (initium) im Sinne des Polybios richtig ein (lui. 31-33). 1 2

Ζ . Β . E. CizEK 1977. P. HADOT, Fürstenspiegel, R L A C 8, 1972, 555-632, bes. 568-610.

3

U . LAMBRECHT 1984, 158.

4

Anders Domitian (Dom. 13, 1-2).

5

U . LAMBRECHT 1984, 3 6 - 4 3 .

6

E. C . EVANS, Roman Descriptions of Personal Appearance in History and Biography, HSPh 46,

>935, 4 3 - 8 4 , bes. 6 1 - 7 0 und 7 7 - 7 9 ; J . COUISSIN 1 9 5 3 .

PROSA: SUETON

1115

Bedenklich ist, daß in den Viten ermordeter Kaiser die Umstände des Todes objektiver geschildert werden als in der unmittelbar anschließenden Vita des Nachfolgers, dem jeweils der Mord zugetraut wird (Tiberius /Caligula; Claudius/ Nero). Inkonsistenzen finden sich auch in De viris illustribus1. Ein gewisser Mangel an gedanklicher Durchdringimg kann wohl nicht bestritten werden. Trotz all seiner Fehler zeichnet sich Sueton jedoch durch gesunden Menschenverstand aus. Anders als manche neuzeitlichen Historiker sieht er, daß Menschen sehr wohl Ideologien und Institutionen überwinden und umgestalten können2. Ein Grundzug von Suetons Schaffen ist sein römischer Realismus3. Der Autor will die Fakten sprechen lassen und verzichtet auf rhetorisch-philosophischen Aufputz. Allerdings läßt in den späteren Viten seine Forschungsintensität nach. Es finden sich auch Fehlurteile: So trifft die Behauptung nicht zu, Tiberius habe die Verteidigimg der Landesgrenzen vernachlässigt4. Auch unterlaufen dem Biographen Widersprüche5, die freilich nicht immer nur auf Unachtsamkeit zu beruhen brauchen; will er doch ein komplexes Bild des Daseins vermitteln. Sueton ist grammaticus und sorgfaltig registrierender Beamter. Die Auswahl des Materials richtet sich nicht nach der historischen, sondern nach der biographischen Bedeutsamkeit. Seine unkritische Vorliebe furs Anekdotische folgt dem Zeitgeschmack, der das Sensationelle sucht; doch meidet er die rhetorische Aufmachung. Da Suetons Klatsch auf zeitgenössischen Quellen beruht, sind viele bereit, ihm größere Glaubwürdigkeit zuzugestehen als z. B. der Historia Augusta, die Wissenslücken durch Fälschungen ausfüllt. Vor allem gewährt uns Sueton Einblick in die Zustände am Kaiserhofe. Das Leben des Herrschers wird bei ihm zum Gradmesser einer Gesellschaft. Steht doch der Princeps nicht isoliert da; er ist umgeben von vornehmen Römern, die (oft zusammen mit ihren Familien) an den Mahlzeiten des Kaisers teilnehmen. Viele spätere Kaiser verkehren schon in der Jugend bei Hofe: so Galba und Titus. In Suetons Vitae spiegelt sich die Hellenisierung der römischen Gesellschaft: Augustus schart griechische Gelehrte um sich, Tiberius Astrologen und Grammatiker; selbst sein >Sündenregister< spiegelt sein Interesse fur hellenistische Kultur. Die Musik hat gegenüber den Zeiten des Nepos (vgl. Nep. praef. 1) an Terrain gewonnen: Nero ist ein Extremfall, aber keine Ausnahme; auch Caligula und Britannicus sind musikalisch gebildet. Das Philhellenentum weicht in flavischer Zeit einer römischen Reaktion. Ist der alte Adel der Träger der Hellenisierung und des Sittenverfalls gewesen, so zieht nun mit den Neusenatoren aus Munizipien und Provinzen ein strengerer Geist in Rom ein. Dennoch fordern schon Vespasian und noch mehr Domitian Rhetorik, 1

B . BALDWIN 1 9 8 3 ,

391.

2

Β . BALDWIN 1983,

339.

3

W. STEIDLE '1963. Tib. 4 1 ; D.FLACH 1972, 280f.

4 5

E . C I Z E K 1 9 7 7 , 39; D . FLACH 1 9 7 2 p a s s i m .

1116

LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN KAISERZEIT

D i c h t u n g , bildende Kunst, Schauspiel, M u s i k , Bibliothekswesen ( Vesp. 1 8 - 1 9 ,

1

;

Dom. 4, 4; 20). S o beachtet Sueton an seinen Caesaren nicht nur die politische und private, sondern auch die kulturelle Seite. Suetons B e w e r t u n g der Fakten k o m m t indirekt in der A n o r d n u n g des Stoffes z u m A u s d r u c k , w o b e i die synchrone Sicht gegenüber der diachronischen überw i e g t . Einzelzüge werden in Gradationen angeordnet und wirken so auf den Leser: A l s geschickter P s y c h o l o g e suggeriert der Biograph Urteile, statt sie auszusprechen. S o läßt er dem Leser den Schein der Freiheit. Insofern ist die >Gedankenwelt< des A u t o r s in der problematischen F o r m seines Werkes versteckt und unauflöslich in sie v e r w o b e n .

Überlieferung Da alle erhaltenen Handschriften der Vilae Caesarum gemeinsame Fehler aufweisen (vor allem die Lücke am Anfang), gehen sie auf einen einzigen Archetypus zurück: vielleicht den Codex, den sich Lupus von Ferrières (f 862) aus Fulda schicken lassen wollte (844 n. Chr. ; epist. 91, 4, ed. P. K. MARSHALL, Leipzig 1984); er bekam jedoch nur eine Kopie, die später ebenfalls verloren ging. Die älteste erhaltene Handschrift ist der Memmianus (M; um 840 in Tours geschrieben) = Paris, lat. 6 1 1 5 (aus dem Besitz von Henri de Mesmes) 1 ; die Verbindung dieser Handschrift mit dem Lupus-Brief ist umstritten. Jedenfalls ist Fulda, dessen Klosterschule von Einhard und zeitweise auch von Lupus besucht wird, fur die karolingische Sueton-Rezeption von Bedeutung. Daneben sind vor allem der (von G. BECKER freilich überschätzte) Gudianus 268 Guelferbytanus (G; s. XI) und der Vaticanus 1904 (V; s. X I - X I I ) zu nennen. Die Kapitelanordnung der Ausgaben geht (in ihrer endgültigen Form) auf Erasmus (Basel 1518) zurück; der Memmianus hat eine andere Einteilung. Suetons Schrift De grammatici! et rhetoribus wird um 1450 von Henoch d'Ascoli entdeckt. Sie ist zusammen mit den kleinen Schriften des Tacitus überliefert (s. d.). Unser Text beruht hier auf Abschriften der Renaissance. Z u der Überlieferung der Dichterviten s. die Ausgaben der entsprechenden Dichter.

Fortwirken Sueton gehört zu den römischen Autoren, die am stärksten fortgewirkt haben. D i e Kaiserbiographien machen E p o c h e ; ein wirkliches Geschichtswerk w i r d erst wieder A m m i a n u s Marcellinus schreiben. In Suetons Fahrwasser segeln u. a. Marius M a x i m u s , der sogenannte Aurelius V i c t o r (2. H . 4. J h . ) , E u t r o p im Breviarium und die Historia Augusta, die ihn emendatissimus et candidissimus scriptor nennt 2 . Possidius gliedert seine Vita S. Augustini (um 4 3 2 ) nach suetonischem Vorbild per species\ 1

Vgl. W. BERSCHIN, Medioevo greco-latino, Napoli 1989, 56 und 165. Script, hist. Aug., Quadr. Tyr. (Firm.) 1, 1. 3 G. LUCK, Die Form der suetonischen Biographie und die frühen Heiligenviten, in: Mullus. FS Th. KLAUSER, Münster 1964, 230-241, bes. 240; BERSCHIN Biogr. 1, 226-235; J. G. HAAHR, William of Malmesbury's Roman Models: Suetonius and Lucan, in: A. S. BERNARDO, S. LEVIN, The Classics in the Middle Ages, Binghamton, N . Y . 1990, 165-173; zu Sueton im Mittelalter s. ebd.: Index s. v. Suetonius. 2

PROSA: SUETON

1117

Von Fulda aus wirkt Sueton auf Einhart (f 840; Vita Karoli Magni) und Lupus von Ferneres (t nach 862). Von Einhart ist Asser in seiner der suetonischen Form verpflichteten Vita Alfredi beeinflußt. William von Malmesbury (f r 142) folgt unserem Autor in den Gesta Regum IV. Suetons Schriftsteller- Viten sind in die heidnische Grammatiker- und Dichterüberlieferung eingegangen. Als Werk sind sie (De viris illustribus) fur Hieronymus ebenso maßgebend wie später für Gennadius von Massilia (5. Jh.), Isidor von Sevilla (+636) und Ildefons von Toledo (7. Jh.). Die Gattung der Biographie ist von Sueton ein für allemal geprägt. Seine Schriften - auch die enzyklopädischen bieten, besonders im christlichen Altertum und Mittelalter, den verschiedenartigsten Autoren Belehrung. Eine byzantinische Epitome seiner Werke über Schimpfwörter und über Spiele wird in den sechziger Jahren des 19. Jh. auf dem Athos entdeckt2. Dante (f 1321) entwickelt aus Sueton (lui. 45 nigris vegetisque oculis) seine packende Vision von Caesars >Geierblick< (occhi grifagni: Inf. 4, 123). Seit der Renaissance wird unser Autor viel gelesen, aetas Suetoniana und Plutarchiana lösen sich ab. Für Petrarca (f 1374), der drei Sueton-Codices besitzt, ist er auctor certissimus, curiosissimus rerum scriptor, freilich mehr Quelle als Vorbild; wollen doch seine Lebensbeschreibungen berühmter Römer 3 Geschichte vermitteln, keine Biographie im Sinne Suetons. Kurz vor seinem Tod verfaßt Geronimo Cardano (f 1576), Arzt und Naturwissenschaftler, eine Autobiographie in lateinischer Sprache. Er geht wie Sueton per species vor, dabei betont er ausdrücklich seine Verbesserungen gegenüber dem Vorgänger. Zu den berühmten Herausgebern und Kommentatoren Suetons in der Neuzeit zählen Ph. Beroaldus (Bononiae 1493; 1506); I. Casaubonus (Genavae 1595; Paris 1610), A. Reifferscheid (Lipsiae i860). Der Name Suetons bezeichnet den Höhepunkt der römischen Biographie an der Schwelle zwischen dem Zeitalter der Literatur und dem der Wissenschaft. Als Polyhistor ist er der erste unter den römischen und griechischen Gelehrten seiner Zeit. Römisch ist die Anhäufung der Erfahrungsmasse. »In jedem Fall ist die gesamte Erfahrung auf einem Gebiet, nicht der Überblick und die Gesamtanschauung das Endziel «4. Die Vitae bieten ein Arsenal von Konventionen; darin liegt ihr Zeugniswert für das Leben der römischen Gesellschaft. Dies entschädigt etwas fur die bekannten Schwächen des Biographen: Ungenauigkeit im Sachlichen, Mißachtung des historischen Kontexts, Trennung von Zusammenhängendem, falsche geschichtliche Einordnung. 1

G . B . TOWNEND 1967, 107 mit Lit.; allg. vgl. L.TRAUBE, Vorlesungen und Abhandlungen 2,

München 1 9 1 1 , 133 f.; 3, München 1920, 12; 231-233; 271-273; s. auch die Ausgabe der Reliquiae von REIFFERSCHEID, der jedoch manchmal zu optimistisch ist. 2 Neue Ausgabe von J . TAILLARDAT, Paris 1967. 3 Edizione Nazionale delle Opere di F. Petrarca, ed. G. MARTELLOTTI, Bd. 2, Firenze 1964. 4 H. KORNHARDT, Exemplum, Diss. Göttingen 1936, 87.

1118

L I T E R A T U R DER MITTLEREN U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

Falls Sueton aus Hippo stammt, ist er einer der ersten A f r i k a n e r unter den lateinischen Autoren. M i t Sicherheit ist er aber der erste, der anhand aufeinanderfolgender Kaiserviten das Geschehen dieser Zeit in der Form v o n Biographien als durchgehende Einheit 1 darstellt. Die Bedeutung der Herrscherpersönlichkeiten hat auch die annalistische Geschichtsschreibung in die Nähe der Biographie gefuhrt, w i e sich an Tacitus erkennen läßt. Doch liegt es Sueton fern, die Grenzen zwischen Geschichte und Biographie zu verwischen. Er folgt dem »Prinzip der Charakterisierung durch Fakten« 2 , hat also einen spezifisch römischen Sinn f u r das Einzelereignis in seiner konkreten Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit 3 . Sueton läßt dem Leser m e h r Freiheit des Urteils als Tacitus, der ihn stärker fährt und der Suggestion seiner künstlerischen Gestaltungskraft unterwirft 4 . Ausgaben: I. A. CAMPANUS, Romae, August 1470. * Io. ANDREAS, Bischof von Aleria, Romae, Dezember 1470. * F. A. WOLF (mit den Animadversiones von Io. A. ERNESTI und dem Kommentar von I. CASAUBONUS), 4 Bde., Lipsiae 1802. * D . C . W. (= Gu.) BAUMGARTENCRUSIUS (TK, gute Indices), 3 Bde., Lipsiae 1816-1818. ** Quae supersunt omnia: C . L. R O T H , Lipsiae 1858. * Vitae Caesarum, De viris ill.: A. STAHR, W . KRENKEL (OA), Berlin

'1985. * Vit. Caes.: M. IHM, Lipsiae 1907 (ed. mai.). * M. IHM, Lipsiae 1908 (ed. min.), Ndr. 1958. * H. AILLOUD (TÜA), 3 Bde., Paris 1931-1932 u. ö. * J. C . ROLFE (TÜA), London (1914) 1951. * R . G R A V E S ( Ü ) , M . G R A N T (Einl.), Harmondsworth 1980. * A . L A M B E R T (ÜA), München 1955, '1983. * M. HEINEMANN (Ü), R. TILL (Einl.), Stuttgart 1957, bearb. R. HAUSSLER '1986. * O. WiTTSTOCK (TO), Berlin 1993. * Galba, Otho, Vit., Vesp., Tit., Dom.: G. W. M O O N E Y (TÜK), Dublin 1930, New York 1979. * Claud., Nero: W. KIERDORF (TK), Paderborn 1992. * Aug.:). M. CARTER (K), Bristol 1982. * Tib.: K.W. VOGT (K), Diss. Würzburg 1975. * Nero: B. H . WARMINGTON (TA), Bristol 1977. * K. R. BRADLEY ( Κ ) , Bruxelles 1978. * Tit.: H . MARTINET ( Κ ) , Königstein 1981. * Dom.: F. GALLI (ÜK), Roma 1991. * gramm., rhet.: F. DELLA CORTE (TÜK) 4, Genova 1947, Torino Ί968. * G. B r u GNOLi, Lipsiae i960, Ί972. * Reliquiae (ohne Vitae Caesarum): A. REIFFERSCHEID (enthält auch vita Ter., ed. F. RITSCHL), Lipsiae i860. * * Index: A. A . HOWARD, C . N . JACKSON, Index

verborum C. Suetonii Tranquilli stilique eius proprietatum nonnullarum, Cambridge, Mass. 1922, Ndr. 1963. * Clavis Suetoniana (in der Ausgabe von BAUMGARTEN-CRUSIUS, Bd. 3, 1816-1818). ** Bibl.: P. GALAND-HALLYN, Bibliographie suétonienne (Les Vies des XII Césars) 1950-1988, ANRW 2, 33, j, 1991, 3576-3622. G. ALFÖLDY, Römisches Staats- und Gesellschaftsdenken bei Sueton, Ancient Society 11-12, 1980-1981, 349-385 = Die römische Gesellschaft, Wiesbaden 1986, 396-433. * B . BALDWIN, Suetonius, Amsterdam 1983. * Κ . BAYER, Der Stil Suetons, in: Der Suetonische Kern und die späteren Zusätze der Vergilvita, Diss. München 1952, 5-74. * K. R. BRADLEY, Imperial Virtues in Suetonius' Caesares, JIES 4, 1976, 245-253. * K. R. BRADLEY, The Rediscovery of Suetonius, CPh 80, 1985, 254-265. * Κ . R. BRADLEY, The Significance of the Spectacula in Suetonius' Caesares, RSA n , 1981, 129-137. * K. R. BRADLEY, The Imperial Ideal in Suetonius' Caesares, ANRW 2, 33, 5, 1991, 3701-3732. * K. BRINGMANN, Zur Tiberiusbiographie Suetons, RhM 114, 1971, 268-285. * C. BRUTSCHER, Analysen zu Suetons Divus lulius und der Parallelüberlieferung, Bern 1958. * E. CIZEK, Structures et idéologie dans Les vies des douze Césars de Suétone, Bucureçti und Paris 1977. * J. COUISSIN, 1

H.GUCEL 1977, 144-146.

2

W . STEIDLE '1963, 102. W . STEIDLE Ί963, 47 und 69 m i t Lit. »There is something solidly authentic about Suetonius' emperors« G . B. TOWNEND 1967, 93.

3 4

PROSA:

SUETON

ι 119

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FLORUS1 Leben, D a t i e r u n g Ein Lebenslauf >des< Florus läßt sich schlechterdings nicht rekonstruieren, da unklar ist, ob der Dichter, der Rhetor und der Historiker identisch sind. Im Falle der Gleichsetzung ergibt sich ein farbiges - vielleicht allzu buntes - Bild. Doch finden sich unter den Forschern auch zahlreiche >UnitarierEroberergeistesZaudern< des Cunctator erst nach der Schlacht bei Cannae an (so auch Ampelius, nicht aber Eutrop, Orosius und die Periochae). Restlos sollte man eine Abhängigkeit von Livius dennoch nicht bestreiten2. Vielmehr scheint Florus an manchen Stellen eine retractatio des Livius zu beabsichtigen 3 . Er gruppiert seinen Stoff anders und steht Augustus freundlicher gegenüber als Livius. Die inhaltlichen Berührungen mit De viris illustribus und Ampelius legen die A n nahme einer gemeinsamen Quelle nahe (Hygin, Exempta; De vita rebusque illustrium virorum). Florus benutzt aber auch Caesar (i, 45 = 3,10) und Sallust (1, 36 = 3, 1; 2, 12 = 4 , 1 ) der überhaupt seine Geschichtsauffassung prägt; Tacitus ist ihm bekannt 4 . Übereinstimmungen mit Lucan hat man früher auf das Geschichtswerk des älteren Seneca zurückgeführt 5 . O b die Periodisierung der Geschichte nach >Lebensaltern< auf den älteren6 oder den jüngeren 7 Seneca zurückgeht, ist umstritten (s. Lact. inst. 7, 15, 14—16). Z w a r zitiert Laktanz sonst immer nur den jüngeren Seneca, doch hat der Philosoph kein historisches Werk geschrieben. Also ist nicht ganz auszuschließen, daß es sich u m den Rhetor Seneca handelt 8 . Möglicherweise hat aber der Kirchenvater lediglich Annaeus Seneca mit Annaeus Florus verwechselt. Vor Florus könnte Varrò in De vita populi Romani den Lebensaltervergleich angewandt haben. Was die Gattungszugehörigkeit betrifft, so handelt es sich nicht um ein bloßes Schulbuch - obwohl das Werk später diesem Z w e c k diente. Dagegen spricht zum Beispiel die Nichterwähnung einer ganzen Reihe bedeutender Schlachten und Feldherren und die unscharfe Chronologie. Florus schreibt fur das Publikum der rhetorischen Deklamationen. D e m Panegyriker des römischen Volkes kommt es weniger auf Fakten als auf emotionale Kommentierung an. Über eine mögliche Tendenz der Schrift s. Gedankenwelt. Das Buch Vergilius orator an poeta, dessen verlorener Hauptteil wohl von der Beziehung zwischen Poesie und Redekunst handelte, gehört zu derselben Gattung

1

L . BESSONE 1 9 7 8 , b e s . 4 2 2 - 4 2 6 .

Dies tut P. Z ANC an 1942, 61 f. P. JAL 1965, 367. 4 Z u Sallust: A. NORDH 1952, bes. I27f.; zu Tacitus: P.JAL, Ausg. S. X X X , Anm. 3. 5 O . ROSSBACH, De Senecae philosophi librorum recensione et emendatione, Breslauer Philol. Abh. 2, 3, 1888, 162-173, bes. I69F.; zu Vergil und Lucan: P.JAL, Ausg., S. X X I X , Anm. 8; X X X , Anm. 1. 6 L. CASTIGLIONE Lattanzio e le Storie di Seneca Padre, RFIC 56, 1928, 454-475, bes. 474 f. 7 R. HAUSSLER 1964, bes. 315-319; heute votiert HAUSSLER jedoch fur Seneca den Älteren. 2 3

8

J. M . A L O N S O - N Ú Ñ E Z 1982, 9 f.

1122

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

wie Ciceros De oratore, der Dialogus des Tacitus und der Octavius des Minucius Felix (vgl. auch Gell. 18, i , 2-3).

Literarische Technik Die Geschichtsdarstellung ist kein historisches Werk im eigentlichen Sinne, sondern eine A r t Panegyrikus auf das römische Volk. Floras will nicht eine chronikartige Erzählung geben, sondern aus einzelnen Abschnitten kleine Kunstwerke bilden 1 . Er bindet sich nicht streng an die Zeitfolge der Ereignisse und legt auf Vollständigkeit keinen Wert. U m der künstlerischen Wirkung willen nimmt er Entstellungen der geschichtlichen Tatsachen in Kauf 2 . Die Darstellung ist emotional gefärbt 3 . >Held< des Werkes ist das römische Volk. Feldherren sind nur ausführende Organe; ihre N a m e n kümmern den Autor weniger. Im zweiten Buch spielt der populus Romanus keine beherrschende Rolle mehr; dafür tritt am Ende Augustus als Lichtgestalt hervor. Bezeichnend sind Zusammenfassungen und Zwischenprooemien, die den j e weils erreichten historischen Stand auf den Lebensaltervergleich beziehen und so zur inneren Geschlossenheit des Werkchens beitragen.

Sprache und Stil Der Stil ist gepflegt; Floras gibt auch nicht der Tendenz zum Archaismus nach. Durchgehend strebt er nach Kürze, bevorzugt also z. B. den Ablativus absolutus. Der Klauselrhythmus steht rhetorischen, nicht historischen Texten nahe: Kretikus und Trochaeus sind sogar häufiger als bei Cicero, der Ditrochaeus allerdings seltener 4 . Floras weiß seine Leser durch Metaphern zu fesseln: Antonius fax et turbo sequentissaeculi (2, 14, 2 = 4, 3, 2); emptiofrumenti ipsos reipublicae nervös exhauriebat, aerarium (2, 1 , 7 = 3, 13, 7)· Seine etwas preziose Eleganz verwandelt das Bekannte ins Ungewöhnliche. Darin können zuweilen poetische Qualitäten 5 liegen. Floras entfernt sich stilistisch v o n Livius und nähert sich dem Pointenstil Senecas und der Kürze des Tacitus, ζ. Β. igitur breve idgaudium (2, 30, 30 = 4, 12, 30). Oder: cum ille - 0 securitas! - ad tribunal citaret (2, 30, 34 = 4, 12, 34). Antithesen handhabt er effektvoll: difficilius est provincias obtinere quam facere; viribus parantur, iure retinentur (2, 30, 29 = 4, 12, 29). Oder: Germani vieti magis quam domiti erant (2, 30, 30 = 4, 12, 30). Das Werk des Floras ist eine römische Geschichte »mise en pointes« 6 .

' Α . KLOTZ 1940. " S A . KLOTZ 1940, 116. 3 Man vergleiche Flor. 1, 38, 16 = 3, 3, 16 mit A p p i a n ò , 72; oder gar Flor. 2, 22 = 4, 12. 4 P.JAL, Ausg. L V I I - L X I X . 5 V g l . Fortwirken: Leopardi. 6 R. PICHÓN, Histoire de la littérature latine, Paris 1898, 701. 2

PROSA:

FLORUS

1123

Gedankenwelt I Literarische Reflexion Florus sieht seine literarische Aufgabe darin, die >Lebensgeschichte< Roms zu beschreiben und zum Ruhm seines Volkes beizutragen; für ihn verschmilzt somit die Aufgabe des Redners mit der des Biographen und des Historikers 1 . Dieses Selbstverständnis erklärt auch die Besonderheiten der Darstellungsweise. G e d a n k e n w e l t II Das Werk entwirft ein Gesamtbild der römischen Entwicklung, verrät also zumindest im Ansatz ein gewisses geschichtsphilosophisches Interesse. Wie A p pian, Plutarch und Aristeides preist Florus das Allumfassende'des römischen Reiches. Rom ist die Vollendung des historischen Prozesses. Eines der Hauptziele des Autors ist es, die magnitudo imperii darzustellen (1 praef. 1). Das Werk des Florus ist nach dem Schema der Lebensalter2 aufgebaut. Die inneren Widersprüche erklären sich daraus, daß er im Prooemium aus politischen Gründen unter Traían eine neue Jugend ansetzt. Der Lebensaltervergleich erhält tiefere Bedeutung durch die Antithese fortuna-virtus (1 praef. 2) und das libertasThema. Virtus schließt auch andere Tugenden ein: pietas, fides, modestia, iustitia, dementia. Die Griechen ziehen die Lehre der Weltreichsukzession3 hinzu, die bei Florus nicht zu finden ist. Im ersten Buch wird der Imperialismus, im zweiten der Friede verherrlicht. Doch darf man daraus keine analytischen Schlüsse4 ziehen; diese Polarität ist dem römischen Denken von jeher eigen. Roms Wachstum ist der virtus zu verdanken, sein Verfall dem Mangel an virtus; Fortuna wird in der Verfallszeit aktiver5. Verfall und senectus stehen unter ihrer Macht. Libertas war eng mit res publica verbunden (Annuität, Kollegialität, leges, auctoritas). Mit der virtus geht auch die libertas verloren. Die Kaiser vor Traian machten sich der inertia schuldig. Diese Eigenschaft ist ein Wesenszug des Greisenalters (Cic. off. 1, 123). Grundlage ist der Stoff des Livius. Darüber lagert sich sallustisches Denken. Doch ist Florus - im Unterschied zu Sallust - aristokratisch eingestellt. Für Livius 1 Sein Selbstverständnis als Schriftsteller läßt sich nicht von seinem Selbstverständnis als Historiker trennen. 2 Gegen Versuche, die überlieferten Zahlen im Prooem zu halten, hält R. HAUSSLER 1964 die Emendation für notwendig. Stellen zum Lebensaltervergleich: Flor, prooem. 4-6; Lact. inst. 7, 15, 15-16; Hist. Aug. Car. 2; A m m . 14, 6, 3; H. FUCHS, Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt, Berlin 1938, 88; vgl. auch J. SCHOLTEMEIJER 1974, bes. 82 und 92 f. 3 Herodot i, 95; 1, 130; Plut. mor. 3 1 7 F - 3 1 8 A ; App. praef. 8-12; Ael. Aristid., Preisrede auf Rom 15-27. 4 Anders O . HIRSCHFELD, Anlage und Abfassungszeit der Epitome des Florus, SPAW 1899, 542-554 (= Kl. Sehr., Berlin 1913, 867-880). 5 Z u fortuna und virtus bei Cicero, Sallust und Seneca: A . NORDH 1952; vgl. auch Liv. 9, 17-19; anders als Plutarch (Defortuna Romanorum 317 B - C ) , der den Erfolg der Römer mehr auf Tyche als auf Arete zurückfuhrt, betont Florus die 1 'irtns, vor allem in der expansiven Periode.

1124

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

steht die urbs im Mittelpunkt, für Florus das imperituri und der populus

RomanusSo

wird der Cunctator z u m >Schild des Reiches« (nicht R o m s , w i e Poseidonios und Plutarch sagten) und z u m E x e m p l u m der (hadrianischen) Defensivpolitik. D a s Unheil k o m m t aus dem Wohlstand: Causa tantae calamitatis eadem quae omnium, nimia felicitas (2, 13, 8 = 4, 2, 8). Das ist sallustisch gedacht. N a c h Cannae nützt Hannibal die C h a n c e nicht (1, 22, 20 = 2, 6, 20). Ursache ist die B e s t i m m u n g R o m s zur Weltherrschaft (fatum urbis imperaturae) oder M a n g e l an Initiative Hannibals (aut ipsius mens mala) in Verbindung mit der Feindschaft der Götter gegen K a r t h a g o (et aversi a Cartilagine dt). Florus rechnet (in F o r t e n t w i c k lung livianischer Tendenzen) mit einem auf göttlicher B e r u f u n g beruhenden Herrschaftsanspruch R o m s . >Philosophisches< findet sich nur andeutungsweise. D i e ά ρ μ ο ν ί α Alexanders wird zur pax Romana. Manche 2 entdecken bei ihm >stoische< Überparteilichkeit. In der Tat hat er Verständnis fur die besiegten Karthager, verurteilt den grausamen Sieg in N u m a n t i a und ist auch sonst bereit, Fehler der R ö m e r einzugestehen. D e n n o c h äußert er wiederholt seine Verachtung der Barbaren 3 . Im ganzen rationalistisch eingestellt, hält er nicht allzuviel v o n Prodigien 4 . Florus spiegelt die Mentalität der Senatoren und Equités; er ist ein Z e u g e für das Geschichtsbild des gebildeten Durchschnittsrömers 5 . Kulturgeschichtlich interessant ist, falls v o n demselben Verfasser, das achte Gedicht; zeigt es doch den Fortschritt der Hellenisierung: Das übliche Gerede v o m R ö m e r t u m w i r d als Heuchelei entlarvt. M a n w a g t es, sich zur griechischen K u l t u r zu bekennen. A u c h diese Haltung paßt in Hadrians Zeit. Das Geschichtswerk ist keine bloße Zusammenfassung des Livius. Es ist eine tabella (praef. 3) der Geschichte des römischen Volkes. Einerseits verherrlicht Florus die Eroberungen v o n R o m u l u s bis Augustus, andererseits zeigt er die großen Gefahren auf, die eine Fortsetzung der Expansion bringen könnte 6 . So ist das Werk auch ein Z e i t d o k u m e n t der Epoche Hadrians. Überlieferung7 Die wichtigste Handschrift ist der C o d e x Β = Bambergensis E III 22 (s. I X vel X), der einen selbständigen Überlieferungszweig repräsentiert (zusammen mit der aus Florus schöpfen-

den Schrift des Iordanes De summa temporum vel origine actibusque gentis Romanorum8). Die übrigen zahlreichen Handschriften bilden zusammen eine zweite Klasse, zu deren Hauptvertretern der Lorscher Nazarianus Ν = Palatinus Latinus Heidelbergensis 894 (s. IX) zählt. 1

2, 34, 61 = 4, 12, 61; Weltfriede 2, 34, 64 = 4, 12, 64.

2

V . ALBA 1953, 62; 7 1 .

3

2, 26, 13 = 4, 12, 13; 2, 27, 17 = 4, 12, 17; 2, 29, 20 = 4, 12, 20; 2, 30, 3of. = 4, 12, 3of.

4

V . ALBA 1953, s 6 f .

5

W . D E N BOER 1 9 6 5 , 367.

6

P. JAL, Ausg. X L I - X L I H . M . D . REEVE, T h e Transmission o f Florus, Epitome de Tito Livio and the Periochae, C Q N S 38,

7

1988, 4 7 7 - 4 9 1 · 8 Ausgabe von T h . MOMMSEN, M G H : Auetores antiquissimi 5, 1, Berlin 1882, Ndr. 1961.

1125

P R O S A : FLORUS

Die Qualität von Β (dem zuverlässigen Produkt eines ungebildeten Schreibers) ist nach seiner Entdeckung anfangs des 19. Jh. vielleicht etwas überschätzt worden (immerhin enthält er als einziger 2, 18, 2-6 = 4, 8, 2 - 6 ) ; die andere Klasse bietet einen glatteren Text, dessen Schönheit jedoch trügerisch sein kann. Gemeinsame Fehler der beiden Handschriftenklassen beweisen ihre Abstammung von einer einzigen (spätantiken) Kopie 1 .

Fortwirken Von Florus sind zahlreiche Autoren beeinflußt2: Ammianus Marcellinus, Festus (Breviarium rerum gestarum populi R.), Orosius, Iordanes, M al alas. Wahrscheinlich wurde er sogar ins Griechische übersetzt und hat in Byzanz fortgewirkt. Die historischen Exempla der Römer, mit denen sich die Christen auseinandersetzen, sind durch Florus mitgeprägt. Augustinus kämpft nicht nur gegen Livius, sondern auch gegen die kleineren Historiker, darunter Floras3. Im Mittelalter und noch bis ins 18. Jh. 4 ist Florus Schulautor und mit Recht um seiner brevitas willen bewundert. Petrarcas (f 1374) hohe Meinung vom Stil des Florus teilt Juan Luis Vives (f 1540): Fiori opusculum, quo nihil potest fingi in ilio genere vel acutius vel lepidius?. Ähnlich urteilt Iustus Lipsius (f 1606)6. Iosephus Scaliger (f 1609) nennt Florus »un très bel auteur«7. Zwischen 1638 und 1674 erscheinen allein in den Niederlanden sechs Ausgaben. F. N. Coeffeteau (f 1623) verfaßt eine französische Übersetzung. Auch in Spanien wird Florus rezipiert8. Cervantes (f 1616) benutzt unseren Autor als Quelle fur seine Numancia, Racine (f 1699) für Mithridate. Patriotische polnische Historiker ahmen Horas auf lateinisch nach9 und wenden seine Sentenzen mit Genuß auf ihre vaterländische Geschichte an. Montesquieu (j* 175 s) würdigt in seinem Essai sur le goût besonders die Kritik an Hannibal: cum victoria posset uti,fiui maluit (Hör. epit. 1, 22, 21 = 2 , 6,21). im Esprit des Lois erläutert er treffend den Satz hic erit Scipio qui in exitium Afiricae crescit (Hör. epit. ι, 2 2 , 1 1 = 2, 6, 11): »Vous croyez voir un enfant qui croît et s'élève comme un géant«10. Ego nolo Caesar esse / ambulare per Britannos. Diese Verse des Horas kennt Goethe ebenso wie Kaiser Hadrians Replik: Ego nolo Florus esse, / ambulare per tabernas. 1

2

P. Κ . MARSHALL in: REYNOLDS, Texts 1 6 4 - 1 6 6 .

W. DEN BOER 1965, 369f. Flor, ι , ι, 13 bei Aug. civ. 3, 13; Flor. 2, 9, 1 4 - 1 6 = 3 , 2 1 , 1 4 - 1 6 bei Aug. civ. 3, 2 7 f i n . ; an Autoren wie Florus denkt Augustinus tiv. 3, 19. 3

4

W . D E N BOER 1 9 6 5 , 3 6 7 ; J . S T R A U B 1 9 7 7 , 1 3 7 ; P . J A L , A u s g .

5

De tradendis disciplinis, zit. bei V. ALBA 1953, I$7.

6

V . ALBA 1 9 5 3 ,

7

Scaligerana, ed. DES MAIZEAUX, Amsterdam 1740, 2, 377.

8

V . ALBA 1 9 5 3 , i 6 o f .

9

XXXVII.

157.

So veröffentlicht Joachim Pastorius 1641 einen Florus Polotticus seu Polonicae Historiae epitome nova; dazu I. LEWANDOWSKI, Florus w Polsce, Warszawa 1970. 10 V. ALBA 1953, 161; vgl. auch die Anerkennung des Stils im Essai sur le goût, Ed. de la Pléiade 2, p. 1257; Flor. epit. 1 , 5 , 8 = 1 , 1 1 , 8 Idem tunc Faesulae quod Carrhae nuper, ... Tiberis quod Euphrates.

1126

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

M a n lese d e n E i n g a n g der 15. Römischen Elegie u n d danach aufs neue Auerbachs Keller (Faust 2095f.): »Ich halt es w e n i g s t e n s f ü r reichlichen G e w i n n , / daß ich nicht Kaiser oder Kanzler bin« 1 . Leopardi (f 1837) befaßt sich in den Pensieri mit Florus. Er sieht in dem Autor einen Dichter, der die Mittel der Rhetorik beherrscht2, und weiß die poetischen Qualitäten von Florus' Stil zu schätzen. Leopold von Ranke ( f i 8 8 6 ) bevorzugt Florus' Darstellung der Schlacht im Teutoburger Wald gegenüber anderen Berichten (heute gibt man Cassius Dio den Vorzug). Noch bis in die neueste Zeit hat das Marius-Porträt des Florus ebenso wie sein Spartakus-Bild stark nachgewirkt. Die moderne Vorstellung vom Elefanten als >Tank des Altertums< ist durch Florus bedingt. In Wirklichkeit dienten die Elefanten freilich eher der Verteidigung; hinter ihrem Rücken konnte sich die Kavallerie verstecken und auf Angriffe vorbereiten3. Im Werk des Florus wird die Geschichte als >Leben des römischen Volkes< Gegenstand einer rhetorisch gefärbten Darstellung von enkomiastischem Charakter. Der Lebensalter-Vergleich kann als bescheidener >geschichtsphilosophischer< Versuch gelten. Das Fortwirken zeigt, daß trotz sachlicher Fehler der Schwung des Schriftstellers und seine Fähigkeit zu bildhafter Konzentration ihren Eindruck nicht verfehlt haben. Ausgaben: R. GAGUIN, bei: U . GERING, M . GRANTS und M . FRIBURGER, Paris, Sorbonne, o. J . ( 1 4 7 1 ) . * H . ( = E . ) MALCOVATI, R o m a 1 9 3 8 ( Ί 9 7 2 ) . * P . J A L ( T Ü ) , 2 B d e . , P a r i s 1 9 6 7 . *

(TÜ), Turin 1 9 6 9 . * J . G . DEANGELI (T und fig.), Turin 1 9 6 9 . * Carm.: C . D I (TK), Bologna 1 9 8 8 . * * Lexikon: M . L. FELE, Lexicon Florianum, Hildesheim 1 9 7 5 (nach MALCOVATI Ί 9 7 2 ) . ** Bibl.: in der Ausg. von P . J A L , Bd. 1 , CLXIV-XIX. V. ALBA, La concepción historiográfica de Lucio Anneo Floro, Madrid 1953. * J. M. ALONSO-NÚÑEZ, The Ages of Rome, Amsterdam 1982. * J. M. ALONSO-NÚÑEZ, Die politische und soziale Ideologie des Geschichtsschreibers Florus, Bonn 1983. * J. M. ALONSO-NÚÑEZ, Les conceptions politiques de Florus, LEC 54, 1986, 178-180. * J. M. ALONSO-NÚÑEZ, Die Ideologie der Virtus und der Fortuna bei Florus im Lichte der Inschriften und Münzen, BJ 186, 291-298. * L. BESSONE, Di alcuni >errori< di Floro, RFIC 106, 1978, 421-431. * L. BESSONE, Floro: un retore storico e poeta, ANRW 2, 34, 1, 1993, 80-117. * F. CUPAIUOLO, Caso, fato e fortuna nel pensiero di alcuni storici latini. Spunti e appunti, BStudLat 14, 1984, 3-38. * W. DEN BOER, Florus und die römische Geschichte, Mnemosyne s. 4, 18, 1965, 366—387. * I. HAHN, Prooemium und Disposition der Epitome des Florus, Eirene 4, 1965, 21-38. * R. HÄUSSLER, Vom Ursprung und Wandel des Lebensaltervergleichs, Hermes 92, 1964, 313-341. * P.JAL, Nature et signification politique de l'œuvre de Florus, REL 43, 1965, 358—383. * A. KLOTZ, Der zweite Punische Krieg bei Florus, RhM 89, 1940, 114-127. * S. LILLIEDAHL, Florusstudien. Beiträge zur Kenntnis des rhetorischen Stils der Silbernen Latinität, Lund, Leipzig 1928. * E. MALCOVATI, Studi su Floro, Athenaeum NS 1 5 , 1 9 3 7 , 6 9 - 9 4 ; 2 8 9 - 3 0 7 ; I6, 1 9 3 8 , 4 6 - 6 4 . * A. NORDH, Virtus

L.AGNES GIOVINE

1 Hist. A u g . Hadr. 16, 3 f.; R.JAKOBI, Eine verkannte Reminiszenz an die Hadrian-Vita in Goethes Faust, Arcadia 24, 1989, 67-68. 2 V.ALBA 1953, 164 f. 3

W . D E N BOER 1 9 6 5 , 3 8 4 .

PROSA:

ΛΜΜΙΑΝ

1127

and Fortuna in Florus, Eranos 50, 1952, 1 1 1 - 1 2 8 . * E. PARATORE, Leopardi e la letteratura latina post-augustea, in: Leopardi e il mondo antico, Atti del $ C o n v e g n o Intemazionale di Studi Leopardiani (1980), Firenze 1982, 2 1 1 - 2 2 1 . * J . SCHOLTEMEIJER, L. Annaeus Florus: 'n analise van strukturele temas; 'Η n u w e perspektief, AClass 17, 1974, 8 1 - 1 0 0 . * R . SIEGER, Der Stil des Historikers Florus, W S 5 1 , 1933, 9 5 - 1 0 8 . * P. STEINMETZ, Untersuchungen zur römischen Literatur des 2. J h . nach Christi Geburt, Wiesbaden 1982, 1 2 1 - 1 6 4 . * J- STRAUB, Imperium-Pax-Libertas, G y m n a s i u m 84, 1977, 1 3 6 - 1 4 8 . * J . STRAUB, Reichsbe wußtsein und Nationalgefuhl in den römischen Provinzen. Spanien und das Imperium R o m a n u m in der Sicht des Florus, J R G Z 25, 1978, 1 7 3 - 1 9 5 . * P. ZANCAN, Floro e Livio, Padova 1942.

AMMIAN Leben, Datierung In der Epoche von Ammianus Marcellinus treten auch sonst Griechen als lateinische Autoren hervor (Claudius Claudianus). Dies ist nicht unbedingt ein Beweis für die geistige Unterlegenheit des Westens1 in jener Zeit; man kann darin auch umgekehrt ein Anzeichen dafür sehen, daß in den letzten Jahrzehnten des 4. Jh. das Latein die geistig-literarische Vorherrschaft, die im 2. Jh. verlorengegangen war, zurückgewonnen hat. Trotz der Herkunft der Autoren aus den Provinzen — ζ. B . wird die Rhetorik in Gallien und das Recht auch im Osten gepflegt - hat Rom als geistiges Zentrum immer noch nicht abgedankt. Ammians Geburtsstadt, Antiochia in Syrien, ist ein bedeutender Knotenpunkt fur Handel (14, 8, 8) und Verkehr. Hier entsteht auch die erste heidenchristliche Gemeinde (Apg. 1 1 , 26). Als Antiochener hegt Ammian keine besonderen Sympathien fur Konstantinopel; höher schätzt er Rom - nicht die Römer seiner Zeit. Geboren nicht lange vor 333, stammt Ammianus aus wohlhabender Familie (vgl. 19, 8, 6); er bedauert, daß Vornehme zwangsweise in den Ratsherrenstand aufgenommen werden (25, 4, 21; vgl. 21, 12, 23). Früh tritt er in die kaiserliche Leibgarde ein {protectores domestici) und untersteht seit 353 dem Befehlshaber der Reiterei im Osten, Ursicinus; diesen beruft Caesar Gallus aus Mesopotamien nach Antiochia, um Hochverratsprozesse zu leiten. Nach der Hinrichtung des Gallus begleitet Ammianus seinen Vorgesetzten Ursicinus weiter nach Mailand (354). Dort entgeht dieser einem Prozeß und wird von Constantius II. (337-361) beauftragt, den in Köln aufgetretenen Usurpator Silvanus zu beseitigen. Danach bleibt er in Gallien, um Iulian zu beschützen oder zu beobachten. Im Sommer 357 wird Ursicinus von Constantius nach Sirmium (Mitrovica) berufen und nach dem Osten entsandt; bei Amida in Armenien hat Ammianus Gelegenheit, auf einem kühnen Kundschafterritt den gesamten persischen Aufmarsch zu beobachten (18, 6, 20-22). Bald darauf erlebt er die Belagerung und den Fall der Stadt Amida als Augenzeuge (359). Er flüchtet über Melitene nach 1

NORDEN, Kunstprosa 2, 573.

1128

LITERATUR DER M I T T L E R E N UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Antiochia. Ursicinus erhält im Jahr 360 den Abschied (20, 2, 5); Ammianus nimmt danach an Iulians Perserfeldzug teil (Buch 23-25). Zwischen 363 und 380 lebt und schreibt er in Antiochia und macht von dort Reisen nach Ägypten, Griechenland und Thrakien. Schließlich läßt er sich in Rom nieder, w o er sein Geschichtswerk abschnittweise vorträgt und in den Senatorenkreisen Beifall erntet (Libanios, epist. 983). Die Verbindung mit den Symmachi und Nicomachi sollte man nicht überbetonen. Keiner zu seiner Zeit einflußreichen Gruppe ist er zuzurechnen: Er ist weder Christ noch Senator noch Germane. Von der Truppe, der er angehört, unterscheidet er sich durch seine Bildung, von der stadtrömischen Gesellschaft durch seinen sittlichen Ernst. Es ist ein Glücksfall, daß wir die Epoche Iulians mit den Augen dieses einsamen Beobachters sehen. Für die Datierung der Res gestae gibt es folgende Anhaltspunkte: Im 14. Buch (14, 6, 19) liegt die Ausweisung der Fremden aus Rom (383) noch nicht lange zurück. Das Lob des Serapeums in Alexandria (22, 16, 12) müßte vor der Zerstörung dieses Tempels (391) geschrieben sein, falls Ammian sie nicht aus Unkenntnis oder absichtlich verschweigt. Libanios (ebd.) bezeugt die Veröffentlichung der ersten Teile des Werkes fur etwa 391. Erwähnt werden auch (26, 5 , 1 4 ) das Consulat des Neoterius (390) und (27, 1 1 , 4) der Tod des Probus (mit Sicherheit nach 389). Von Theodosius ist die Rede als von dem >später sehr bewährten« Kaiser, nicht als von dem >jetzigen< Kaiser (29, 6, 15). Das Werk ist also vermutlich nach dessen Tod (395) abgeschlossen, sicherlich noch vor 400. Werkübersicht Die Res gestae bestanden aus 31 Büchern. In Fortsetzung der Historien des Tacitus behandelten sie die römische Geschichte von Nerva (96) bis zum Tod des Kaisers Valens in der Gotenschlacht bei Adrianopel (378). Die ersten dreizehn Bücher, welche die Jahre 96 bis 352 umfaßten, sind verloren. Die erhaltenen Bücher ( 1 4 - 3 1 ) behandeln nur die Jahre 353-378, also einen zehnmal kürzeren Zeitraum. Das Werk ist durch zahlreiche Exkurse aufgelockert und erhält dadurch enzyklopädischen« Charakter. Wichtige Einschnitte bilden der Anfang des 15. und des 26. Buches. So gliedert sich das Gesamtwerk in drei Teile: 1 - 1 4 (von 96 bis 354), 1 5 - 2 5 (von 354 bis 364), 2 6 - 3 1 (von 364 bis 378). Vor Buch 31 klafft eine Lücke von drei Jahren, ein kleineres Textstück fehlt in Buch 24, 7.

Quellen, Vorbilder, Gattungen Welche Geschichtswerke Ammian für die verlorene Darstellung der älteren Zeit benutzt hat, können wir nicht mehr erkennen. Die erhaltenen Bücher beruhen auf eigener Erfahrung des Autors. Er zieht Dokumente heran (16, 12, 70); auch der Briefwechsel zwischen Constantius und Sapor II. muß auf Originalbriefen beruhen (wenn sie auch umstilisiert sein mögen). Die oft recht genauen Daten müssen auf amtliche Tagebücher der Beamten zurückgehen. Auch hat der Historiker Zeugen befragt. Eine Denkschrift

PROSA:

ΛΜΜΙΛΝ

II2Ç

Iulians über seine Kämpfe gegen die Alemannen und andere Germanenstämme ist von Ammian und Libanios (or. 18) benützt. Zu den Quellen zählen auch Panegyriker, wie sie Ammian 31, 10, 5 ausdrücklich erwähnt. Anders als die Zeitgeschichte stammen die Exkurse aus zweiter Hand und sind daher nicht immer zuverlässig. Für die Geographica scheint der Historiker kein Handbuch, sondern die offiziellen römischen (und ptolemäischen) Distrikt- und Stadtlisten benutzt zu haben. Dem chorographisch angelegten Geschichtswerk des >Rufius< Festus entnimmt er wohl die historischen Notizen in den Exkursen, kennt auch die Chorographia PHniana und einzelne griechische Ortsbeschreibungen. Seine Vorlagen nennt Ammian nur zum Teil: So wird Cicero 34mal mit Namen zitiert. Einzelnes verdankt unser Autor Gellius, Valerius Maximus, Florus, Sallust. Ammian ist recht belesen; seine Liebe gilt der griechischen Literatur, besonders der Dichtung, auf die er sich recht oft beruft1. Doch wäre es einseitig, ihn als griechischen Geschichtsschreiber, der nur zufallig lateinisch schreibt, zu bezeichnen. Der Gattungscharakter des Werkes ist schwer zu bestimmen. Es schwankt zwischen Geschichtsschreibung, Biographie, Memoirenliteratur und Enzyklopädie. Ammian kennt Livius, Sallust und alle Schriften des Tacitus außer dem Dialogm. Der sprachliche Einfluß der Historien, die unser Geschichtsschreiber ja fortsetzt, macht sich besonders an den Buchanfangen bemerkbar. Zwar ist die geistige Auseinandersetzung mit Tacitus nicht so prononciert, daß man Ammian als >Taciteer< bezeichnen könnte2, doch bleibt die Anknüpfung an das historische Genos und an Schriften des großen Vorgängers eine Tatsache. Zweifellos hat Ammian von Tacitus gelernt, Charaktere zu zeichnen - in der Konzentration auf die Kaiser erinnert sein Werk an die Annalen. Die Exkurstechnik läßt an Sallusts Historien denken. Im Unterschied zu Tacitus und Dio ist Ammian kein Senator; das Problem der Freiheit ist ohnehin nicht mehr aktuell. Auch der Vergleich mit Zeitgenossen - Iulian, Libanios, Themistios - , den lateinischen Panegyrikern, sowie mit historischen Parallelberichten - so Zosimos (um 500) - ist fruchtbar3. Die Zeitkritik gemahnt an die Satire und noch mehr an Lukian. Tiefere Bedeutung hat vor allem Ammians Berufung auf Piaton und Cicero, die das ganze Werk durchzieht. Ammian ist wie Augustinus ein Leser, der Cicero nicht wegen der Form, sondern wegen des Gehaltes seiner Worte schätzt.

' 14, 6, 7 Simonides; 14, 6, 8 vates Ascraeus; 14, 6, 21 Homer; 25, 4, 19 Arat; Liste von »Sententiae in Form of Quotations« bei R . C . BLOCKLEY, Appendix G 19$. : Kritisch L. E. WILSHIRE, Did Ammianus Marcellinus Write a Continuation of Tacitus?, CJ 68, 1972/}, 221-227; H.TRÄNKLE 1962, bes. 2S-26; die Abhängigkeit von Tacitus betont L. R. ROSELLE, Tacitean Elements in Ammianus Marcellinus, Thesis Columbia Univ. 1976. 1

G - SABBAH 1978, 2 4 1 - 3 7 2 .

II30

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

Literarische Technik Die Wahl des Lateins als M e d i u m beruht w o h l auf Patriotismus; auch fehlte es an einer lateinischen Darstellung der Taten Iulians. Ammianus erhebt die römische Geschichtsschreibung, die sich in Anekdotischem und Kompendienschriftstellerei erschöpft hatte, zu ihrer alten, seit Tacitus verlorenen Würde, soweit die gewandelten Zeitverhältnisse und seine andersartige soziale Stellung dies gestatten. Durch die A r t seiner Information ergeben sich Verschiebungen des Gleichgewichts und der Perspektive. Die Verhältnisse, die der Autor persönlich kennt, nehmen größeren R a u m ein als es ihrer Bedeutung entspricht. In dieser Beziehung bestehen Ähnlichkeiten mit der Memoirenliteratur. Auch der Stoff macht Strukturveränderungen gegenüber der Tradition notwendig: Bei der Fülle der Schauplätze läßt sich das annalistische Einteilungsprinzip kaum aufrechterhalten. Die Stoffmassen werden - wie vielfach schon bei Tacitus - nach inhaltlichen und dramatischen Gesichtspunkten gegliedert. Prinzipiell gehören zur Historiographie auch Exkurse. Gesellschaftskritisch, stellenweise brillant satirisch sind die R o m - E x k u r s e (14, 6; 28, 4). Die große Zahl geographischer A b s c h w e i f u n g e n erinnert an die Historien Sallusts. Abweichend v o n der Historikertradition kennt A m m i a n auch Digressionen technischen und naturwissenschaftlichen Inhalts. Seine Exkurse folgen einem eigenen Aufbauschema 1 . A u c h die besonders reizvollen Wir-Erzählungen widersprechen der Historikertradition. M a n sucht ihre Wurzeln in der volkstümlichen Erzählkunst des griechischsprechenden Ostens. A b e r bei einem Augenzeugenbericht ergibt sich diese Form doch ganz natürlich, j a geradezu zwangsläufig. Diese Berichte, in denen A m m i a n die Affektation der xenophontischen Er-Form vermeidet, verleihen dem Werk eine persönliche N o t e . A m m i a n will Reichsgeschichte schreiben. Da sich diese für ihn schwer von der Person des jeweiligen Kaisers trennen läßt, wirkt außer der Historikertradition auch die Biographie herein. D o c h verweilt A m m i a n weniger bei unwesentlichem privatem Detail als die Biographen. Personencharakteristiken, die beim Tode 2 der Kaiser eingeschoben werden, sind - w i e wir es aus biographischer Tradition kennen - systematisch gegliedert - z. B . genus, forma, mores. Bei Iulian geht der Autor nach virtutes und vitia3 v o r (daran schließt sich das äußere Erscheinungsbild). Die Erwähnung der Fehler — sogar bei dem hochgepriesenen Iulian (25, 4, 16) bildet einen Unterschied zum Enkomion 4 , zu dem dennoch enge formale Bezie-

T h . MOMMSEN, Ammians Geographica, Hermes 16, 1881, 63 5 f. (= Ges. Sehr. 7, 424). So die Nachrufe auf Constantius, Iulian, Valentinian. Cassius Dio hatte solche Abschnitte vorangestellt; vgl. LEO, Biogr. 236-240. 3 Bei Valentinian stehen die vitia voran. * V g l . Xenophons Agesilaos, Nepos' Atticus. 1

2

PROSA:

Α Μ Μ Ι Λ Ν

II3I

hungen bestehen. Im Vergleich mit Sueton, der ebenfalls Lob und Tadel aufeinander folgen läßt, strafft und systematisiert Ammian die Form; zugleich beweist er Sinn für psychologische und stilistische Nuancen. Die historische Darstellung verbindet das chronologische Prinzip mit dem geographischen. Zwar datiert Ammian die Ereignisse meist nach Consuln. Doch macht die Weiträumigkeit des Imperiums ein streng chronologisches Berichten fast unmöglich und zwingt den Autor, nach Schauplätzen vorzugehen, wie dies schon Tacitus stellenweise getan hat. Die Schlachtenberichte sind sorgfaltig aufgebaut: Vorbereitung, Kampf, Flucht und Verfolgung, Ergebnis der Schlacht. Bei den Kampfschilderungen werden rhetorische und sogar epische1 Mittel nicht verschmäht. In dieser Beziehung stellt sich Ammian in die Tradition der römischen Geschichtsschreibung. Ein großes Gemälde ist ζ. B. die Schilderung der Schlacht bei Straßburg vom Jahr 3$7 (16, 12). Daneben stößt man auf kurze anekdotenhafte Einlagen2. Entsprechend der historiographischen Tradition — und im Einklang mit neuplatonischen Auflassungen3 - verwendet Ammian als literarisches Mittel Vorzeichen, Träume und Prophezeiungen; besonders dramatisch wirken die Todesprodigien. Kunstvoll - und, wie in der Antike üblich, weitgehend frei konzipiert - sind die Reden: So bietet Iulians letzte Ansprache (25, 3, 15—20) in synthetischer Form die Quintessenz seiner Leistung, unmittelbar vor der analytischen Würdigung des Kaisers, die nach Sparten aufgegliedert ist. Vom 28. Buche an fehlen Reden. Will Ammian zu Ende kommen? Der beredte Autor steigert die Bedeutung seiner Helden natürlich auch durch Berufung auf griechische (25, 3, 8) und römische Exempla (25, 3, 13). Doch verwendet er rhetorische Mittel nur, soweit sie der historischen Treue nicht ernsthaft Abbruch tun4. Sprache und Stil Ammian bedient sich der von Sallust und Tacitus geschaffenen Kunstsprache der Historiographie. Er schöpft die Möglichkeiten, die dieses hochartifizielle Latein ihm bietet, bis zum Äußersten aus und geizt nicht mit Neuerungen. Der Wortschatz ist reich und farbig. Daß die politische Terminologie5 unter diesen Umständen zwar interessant, aber ungenau sein muß, versteht sich beinahe von selbst. Die Sprache des Militärwesens verwendet der Soldat recht witzig auch zur Beschreibung ziviler Sachverhalte (14, 6, 17). Syntax und Stil sind am Griechischen geschult: Bezeichnend ist der hemmungslose Gebrauch aller Partizipien - auch 1 2 3 4 5

So in der Darstellung der Belagerung von Amida. Ζ . Β . i6, J, 1 1 ; 12; 16, 10, 16; 22, 4, 9; 29, 3, 3; 29, 3, 4. Und dem Glauben ζ. B . Iulians. G. CALBOLI 1976; eine Liste der exempla bietet R. C . BLOCKLEY 1975, Appendix F 191-194. W. SUEBBAUM Ί 9 7 7 .

1132

LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN

KAISERZEIT

solcher des Präsens und des Futurs - eines sprachlichen Mittels, das frühere Lateiner nur in feiner Dosierung angewandt hatten. Z w a r ist an schwierigen Stellen eine Rückübersetzung ins Griechische ausgesprochen hilfreich, doch sträubt sich der so edle und raffinierte Stil gegen eine mechanische Reduktion auf >Ausländer-LateinKäufer< eines Fasses betrügt. Der Esel wechselt von einem Müller zu einem Gärtner, der ihn an einen Soldaten verliert. 10: Episode von der enttäuschten Liebe einer Stiefmutter zum tugendhaften Stiefsohn. Der Esel fuhrt bei zwei Brüdern, einem Koch und einem Zuckerbäcker, ein Schlaraffenleben. Der Herr der beiden kauft ihn los und läßt ihm Tischmanieren beibringen. Eine Dame verliebt sich gar in ihn. Einer öffentlichen sodomitischen Schaustellung entzieht sich der Esel durch die Flucht. i 1 : U m Mitternacht erwacht er am Meeresstrand von Korinth, betet zur Himmelskönigin und findet schließlich Erlösung: Die rettenden Rosen (s. S. 1x55) empfangt er aus der Hand des Isis-Priesters und weiht sich dem Dienst der Göttin. 1

2

P. G . WALSH 1970, A p p e n d i x II.

G. W. BOWERSOCK, Zur Geschichte des römischen Thessalien, R h M 108, 1965, 277-289, bes. 282, Anm. 31. 3 Der Goldene Esel (Aug. civ. 18, 18, 1) ist wohl ein von Lesern geprägter lobender Titel, den Augustinus für authentisch hält.

11 52

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

In den ersten drei Büchern wird Lucius immer wieder vor möglichen Folgen seiner Neugier (curiositas) gewarnt; die Bücher 4-10 schildern seine Bestrafung, das elfte seine Erlösung. Die bedeutendste der zahlreichen erzählerischen Einlagen ist das Märchen von Amor und Psyche. Apologia oder De magia ist eine Verteidigungsrede gegen die Anklage der Magie. Nach einer Einleitung zeigt Apuleius, daß er keine magischen Handlungen vollzogen hat (29-65) und dafi kein Motiv fur Zauberei vorhanden war (66 bis zum Schluß). Die Rede ist eine Quelle fur das Leben des Apuleius und fur das antike Zauberwesen. Florida heißen 23 Prunkstücke aus den sophistischen Reden des Apuleius; vermutlich hat ein Epitomator diese Auszüge aus vier Büchern zusammengestellt. De Piatone et eius dogmate weist eine Verbindung platonischer und späterer Lehren auf, vielleicht nach Albinos oder dessen Lehrer Gaios. A u f einen Lebensabriß folgen Physik (Buch 1) und Ethik (Buch 2). Für die fehlende Darstellung der Logik ist die in ihrer Echtheit angezweifelte Schrift Peri hermeniae (Περί έρμηνείας), die getrennt überliefert ist, kaum ein Ersatz. Ihr Inhalt ist aristotelisch und stoisch. De deo Soaratis ist als Rede stilisiert. Es behandelt die Lehre von den guten Dämonen, Wesen, die zwischen Göttern und Menschen stehen 1 . De mundo ist eine kosmologisch-kosmographische Schrift, die auch die Frage nach dem Weltenlenker erörtert. Nicht ganz fehlerfrei übersetzt der Autor das pseudoaristotelische Buch Περί κόσμου. Augustinus (du. 4, 2) hält Apuleius fur den Verfasser 2 . Umstritten in ihrer Echtheit ist Peri hermeniae (s. zu De Piatone), ein Lehrbuch der formalen Logik, das die Theorie des assertorischen Syllogismus behandelt. Verloren sind Gedichte, darunter Hymnen auf Aesculap auf lateinisch und griechisch, ein Roman Hermagoras, Historisches, Reden, Schriften über Naturwissenschaft, Fische, Bäume, Landbau, Medizin, Astronomie, Arithmetik, Musik sowie eine Übersetzung von Piatons Phaidon. Z w a r ist ungewiß, ob Apuleius eine Enzyklopädie 3 verfaßt hat, aber der enzyklopädische Charakter seines Schaffens spricht fur sich. Unechtes Asclepius, die Obersetzung einer hermetischen Offenbarung, mischt griechische mit ägyptischen Vorstellungen und prophezeit den Untergang der heidnischen Religion. Augustinus kennt den Asclepius als Werk des Apuleius, Laktanz benützt das griechische Original 4 .

Quellen, Vorbilder, Gattungen Für die Gattung des komischen Romans größeren Umfangs kennen wir bisher fast nur lateinische Belege5. Die Metamorphosen sind der älteste vollständig erhaltene ausfuhrliche lateinische Roman. Der in Lukians Werken überlieferte weit kürzere griechische Paralleltext Lukios oder Der Esel geht aller Wahrscheinlichkeit nach auf

1 Z u m Stoff: Plutarch, De genio Socratis; A u g . civ. 8, 14-22; zur Darstellungsweise: M a x . Tyr. or. 8 f. HOBEIN. 2 Für die Echtheit: F. REGEN 1971; schwankend J. REDFORS i960. 3 O.JAHN, O b e r römische Encydopädien, B S G , 1850, phil.-hist. K l . 2, 263-287, bes. 282.

4

Unecht auch De herbarum medicaminibus (virtutibus), De remediis salutaribus, Physiognomonia. Doch

ist Apuleius mit Physiognomik vertraut (flor. 3; 15). 5 N e u e Perspektiven eröffnet das Iolaos-Fragment, s. jetzt N . HOLZBERG 1986, 75-77; 126; P. G . WALSH 1970, der den Lukios fur die Vorlage des Apuleius hält, zieht daraus fur die römische Originalität zu weitgehende Folgerungen.

PROSA:

APULEIUS

"53

zurück 1 ,

eine verlorene längere griechische Vorlage die auch von Apuleius benutzt und umgestaltet ist2. Diese hatte keinen religiösen Schluß. Angereichert ist dieser Grundstock aus dem Schatz der Milesischen Geschichten. Ein einschlägiges Werk eines Aristeides von Milet 3 (um 100 v. Chr.) hat seinerzeit Cornelius Sisenna ins Lateinische umgesetzt: Trivialliteratur, die man (53 v. Chr.) im Gepäck der Gefallenen von Carrhae fand (Plut. Crassus 32). Es handelt sich um schwankhafte Erzählungen, wie sie uns aus Boccaccios Decamerone und Poggios Facetiae vertraut sind. Die wichtigste Episode, das Märchen von Amor und Psyche, stammt vielleicht aus folkloristischer Oberlieferung. Allgemein beruht der antike Roman - wie die Komödie - auf erfundenen Stoffen, ist >fiction< (πλάσμα) im Unterschied zur sonstigen, überwiegend mythologischen antiken Literatur. Wesentliche Komponenten der Gattung sind - äußerlich gesprochen - eine wundersame Haupthandlung - hier der Esels-Roman - und als Episoden eingelegte kürzere Novellen vom Typus der >Milesischen Erzählungen < (vgl. met. ι, 1). Z u den Vorfahren des antiken Romans in bezug auf die narrative Bewältigung großer StofFmassen gehören auch Epos und Geschichtsschreibung, vor allem die Odyssee (met. 9, 13) und Herodot. Das satirische Element steht in kynischer Tradition, ist aber auch typisch römisch. Oberflächlich erscheint das Werk als Unterhaltungsroman mit einem aufgesetzten religiösen Schluß, doch wird ein Blick auf die literarische Technik ein differenzierteres Bild vermitteln. Die Polarität zwischen der magischen Eselsverwandlung und der religiösen Erlösung legt es nahe, die Metamorphosen als allegorische Wundererzählung im Dienste religiöser Propaganda und zugleich als allegorische Autobiographie aufzufassen; freilich erfaßt dies nur eine Seite des Werkes. Jedenfalls lassen sich die Metamorphosen trotz der autobiographischen Einkleidung nicht als Entwicklungsroman deuten, da der Esel keine sittliche Reife entwickelt 4 . Apuleius spielt auch auf juristische 5 Quellen an, befinden wir uns doch in der Blütezeit der römischen Jurisprudenz. Von Piaton hat Apuleius den Phaidon übersetzt; an die Apologie knüpft die Verteidigungsrede schon im Titel an; der Timaios steht letztlich hinter dem 1 iLukios von Patrai< (bei Photios, cod. 129); H . VAN THIEL (1971, 40-42) nimmt einen Autor der Z w e i t e n Sophistik aus der Mitte des 2. Jh. n. C h r . an (vielleicht Phoinix oder Phylax aus Hypata); an Lukian denkt in Β . E. PEKRYS Nachfolge N . HOLZBERG, Apuleius und der Verfasser des griechischen Eselsromans, WJA i o , 1984, 161-177. 2 D a ß der Titel des >Lukios von Patrai< Metamorphoseis lautete, besagt übrigens rein theoretisch nichts über die Richtung der Abhängigkeit. Im Lukios finden sich Unklarheiten, die nur durch Apuleius verständlich werden. Unkonventionell W. DILTHEY, Festrede U n i v . Göttingen 1879, 12 (Apuleius auch Verfasser des langen griechischen Romans). 3 Z u m Roman: Phot. (od. 166. 111 b; Macr. somtt. 1, 2, 8; aus Aristeides w o h l die vier Ehebruchsgeschichten in Buch 9. 4 Verfehlt E. PARATORE, La novella in Apuleio, Palermo 1928, sowie W. WITTMANN 1938 und H. RIEFSTAHL 1938, bes. 33-36 und 95-125. s Z u m scherzhaften Charakter solcher Elemente: H . MAEHLER 1981.

11 5 4

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N

UND SPÄTEN

KAISERZEIT

kosmologischen Teil der Schrift De Piatone, die freilich unmittelbar an mittelplatonische Schultradition anknüpft. Ahnlich steht es um De deo Socratis. De mundo ist frei aus Pseudo-Aristoteles übertragen. Schon die Vorlage hat einen stoisch-erbaulichen Einschlag, der an Poseidonios denken läßt. Die Kapitel 13-14 über die Winde sind aus Gellius (2, 22) eingefügt. Auch schmückt der Autor seine Obersetzung mit Vergil-Zitaten. Die in ihrer Echtheit umstrittene Schrift Peri hermeniae beruht letztlich auf Aristoteles, zeugt aber auch von Kenntnis späterer peripatetischer und stoischer Logik.

Literarische Technik Die Technik der >Ich-Erzählung< erweckt den Eindruck der Autopsie und steigert so die Überzeugungskraft. Darüber hinaus gibt sie dem Roman, dessen Autor mit dem Ich-Erzähler sympathisiert, jene >autobiographische< Note, die das seriöse Ende vorbereitet. Lucius wird mit Teilnahme geschildert; er soll nicht nur verlacht werden; seine Einfalt wird - im Unterschied zu derjenigen seiner veredelten Spiegelung Psyche - nicht explizit festgestellt, sie ist nur impliziert. Der Überzeugungskraft der Erzählung dienen weiterhin: die eingehende Selbstvorstellung des Erzählers, die Beglaubigung durch unabhängige Zeugen und allgemein die anschauliche Darstellung (ένάργεια), zu der auch die räumlichzeitliche Festlegung des Erzählten gehört. Element der evidentia, zugleich aber auch sinnreich auf die Handlung bezogen sind eingelegte Beschreibungen: A n der Actaeon-Gruppe ζ. B. (met. 2, 4f.) betont Apuleius (im Unterschied zu O v . met. 3, 138-252) das Leitmotiv curiositasWeitere eingelegte Schilderungen sind A m o r s Palast (met. 5, 1) und die Räuberhöhle (met. 4, 6): Der düstre O r t der Gefangenschaft und der göttliche Wohnsitz kontrastieren miteinander; dieser Gegensatz entspricht der Funktion des eingefugten Märchens von A m o r und Psyche, das die geraubte Charité trösten soll. Apuleius hat etwa zwanzig kürzere Erzählungen in seinen Roman eingelegt. Sie sind auf die Haupthandlung bezogen. Die längste, das Märchen von A m o r und Psyche, ist bis ins Detail so gestaltet, daß es Irrtum 2 , Leiden und Erlösung des Lucius widerspiegelt. Ein Leitmotiv, das verschiedene Szenen des Romans verbindet, ist das Mißlingen der Selbsterlösung: Die Bemühungen des Esels, sich aus eigener Kraft der rettenden Rosen zu bemächtigen, haben ebenso üble Folgen wie die erzwungene Gottesschau der Psyche (met. 5, 22-23). Der Kontrast zwischen erfolglosen Versuchen (wie met. 3, 27) und der wirklichen Erlösung (met. 11, 12-13) ist literarisch kalkuliert.

1

A . WLOSOK 1969, 73 f.

2

A u c h curiositas: met. 5, 6, 6; j , 19, 3; 6, 20, 5; 6, 21, 4.

PROSA: APULEIUS

"55 1

Ein durchgehendes bildhaftes Element ist das Rosenmotiv . Es hat zwei Seiten: eine erotische und eine mystische. Rosen sind ein Attribut der Liebesfeier (met. 2, 16, 2) und der Venus (met. 6, 1 1 , 2 ) , roseus bezieht sich auf körperliche Reize (met. 2, 8, 13; 2, 17, 5; 4, 3 1 , 2). Im Zeichen von Auroras Rosenarmen beginnt das dritte Buch, das die Verwandlung berichtet2. Andererseits muß Lucius Rosen verzehren, um erlöst zu werden. Zwischen dem mißlungenen Versuch, die Rosen mit Gewalt an sich zu reißen (3, 27), und der wirklichen Erlösung mit Hilfe des Priesters ( 1 1 , 12 f.) stehen Fälle, in denen der Esel freiwillig auf Rosen verzichtet, um sein Leben zu erhalten (3, 29, 16; 4, 2). Das subtil in die Geschichte verwobene Motiv findet auch in dem eingelegten Märchen seine Spiegelung: Man denke an Psyches Rosenblut (5, 23, 6) und die Rosen der himmlischen Hochzeit (6, 24, 7). Im einzelnen ist die Erzähltechnik mit Geschichtsschreibung und Epos vergleichbar. Köstlich die Parodie des traditionellen epischen Pferdegleichnisses (7, 16; vgl. bes. Verg. Aett. 1 1 , 492-497). Es streift an Travestie, wenn der Esel edlere mythische Tiere vertritt: Dirkes Stier, Phrixos' Widder, Arions Delphin und gar den Pegasus (6, 27-30). Bezeichnend für den lateinischen Roman ist die Zurückdrängung des Sentimentalen - das zur griechischen Gattung gehört - und die feine, leicht ironische Umbiegung traditioneller Motive. Solche Ironie meint nicht das Gegenteil des Gesagten, sondern stellt es nur ein klein wenig in Frage. Auch der Parodiebegriff wird oft allzu grob verstanden: Z w a r ist der Roman des Apuleius unter anderem auch ein Dialog mit der literarischen Tradition, aber er erschöpft sich nicht in Parodie. Die kunstvoll abgestufte Erzählweise, die zugleich der indirekten Porträtzeichnung dient, sei an Fotis erläutert. Erst wird der günstige Eindruck, den Lucius von dem Mädchen gewonnen hat, zusammengefaßt; die dunklen Vorahnungen sind kaum angedeutet (2,6). In einer zweiten Phase kommt die körperliche Anziehung, zwar immer noch indirekt, aber schon deutlicher zur Sprache; Fotis warnt Lucius in scherzhafter Form (2, 7). Darauf folgt die Beschreibung von Haupt und Haar und der Kuß auf die Stirn mit einer weiteren Warnung der Fotis; schließlich die Umarmung mit dem ominösen Wort perii und der Verabredung auf den Abend (2, 8-10). Die Beimischung unterhaltender, spannender und auch pikanter Szenen gehört zu der religiösen Unterhaltungs- und Propagandaliteratur der Spätantike; man kennt auch christliche Beispiele 3 . Apuleius erhebt diese triviale Gattung zu literarischer Höhe. In Apologie und Florida wird das Rhetorische souverän gehandhabt. Es fehlt nicht einmal in De deo Socratis, einem Werk, das man treffend als ein »Stück

1

VON ALBRECHT, P r o s a 2 0 3 , A n m . i x .

2

Zur Symbolik solcher Anfange: HI;IN/I , V. C. T. 366-370. Vgl. die Paulus- und Thekla-Akten.

3

IIJÓ

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

Rhetorik< bezeichnet hat 1 . Die Florida sind - gleichgültig, ob Apuleius selbst die Auswahl getroffen hat - ein wesentlicher Schritt auf dem Wege zur Literaturgattung des Essays. Sprache und Stil Latein ist für Apuleius Muttersprache; man darf die Bemerkung des Ich-Erzählers, er schreibe mit Mühe in der fremden Sprache, nicht wörtlich nehmen (met. 1, 1). Apuleius, dem eine plautinische Freude am Wort eigen ist, schafft eine hochdifferenzierte Kunstsprache mit einem besonders reichen Wortschatz - man zählt über 250 einmalige Neubildungen. Er verwendet neben Archaismen und Poetismen auch Elemente der Alltagssprache. Volkstümlich ist z . B . manduco (met. 6, 31 »Vielfraß«) oder corium crassum (met. 6, 26 »dickes Fell«). Vorstellungsgesättigt ist die Metapher examurcare (met. 4, 14): Für die Gewinnung guten Öles ist es wichtig, die Hefe zu entfernen. Metaphern aus Kriegsdienst (auffallig auf eine Matrone bezogen met. 7, 6 decimo partus stipendio) und Rechtsleben haben ihren vollen Klang: Bei der Wahl des Fluchtweges fuhrt der Esel mit dem Mädchen gewissermaßen einen Teilungsprozeß viae herciscundae (met. 6, 29). Aus dem Bereich der Epitheta sei morsicantes oculi (met. 2, 10) hervorgehoben. All dies wird künstlerisch auf verschiedenen Ebenen - in preziöser, ernsthafter oder komischer Absicht bestimmten literarischen Zwecken dienstbar gemacht. So erhält z. B. der Bericht von Psyches Begegnung mit Pan (met. 5, 25) durch Archaismen einen rustikalen Charakter 2 . Der Gebrauch der Wörter ist mehrplanig; Ironie ist allgegenwärtig. Nicht immer ist sie so leicht zu greifen wie bei der Bezeichnung der Räuber als mitissimi homines (met. 6, 26). Oft ist man gehalten, nach der platonischen Bedeutung einer Vokabel zu fragen; so meint permulcere (1, 1) vordergründig Unterhaltung (vgl. Macr. somn. 1, 2, 8); es geht vielleicht aber auch um beruhigende Beschwörung (έπφδειν) im Sinne von Phaidon 77 e 3 . Lucius und Fotis sind aufeinander bezogene redende Namen, die leicht ironisch auf die Lichtsymbolik der Initiation anspielen (dagegen heißt bei Pseudo-Lukian das Mädchen grob-sinnlich Palaistra). Im letzten Buch häufen sich Ausdrücke der Mysteriensprache (besonders dicht met. i l , 23). Traditionelle Begriffe werden religiös uminterpretiert: Dienst als wahre Freiheit (met. 1 1 , 15), äußeres und inneres Licht und Dunkel (met. 1 1 , 22 noctis obscurae non obscuris imperiis). ' J . TATUM 1 9 7 9 ,

130.

2

L. CALLEBAT, L'archaïsme dans les Métamorphoses d'Apulée, R E L 42, 1964, 346-361; C . RONCAIOLI. L'arcaismo nelle opere filosofiche di Apuleio, GIF 19, 1966, 322-356; zu Sprache und Stil s. auch P. NEUENSCHWANDER, Der bildliche Ausdruck des Apuleius von Madaura, Diss. Zürich 1913 ; P. MÉDAN, La latinité d'Apulée dans les Métamorphoses, Paris 1925; M . BERNHARD 1927; L. CALLEBAT, Sermo cotidianus dans les Métamorphoses d'Apulée, Caen 1968; VON ALBRECHT, Prosa 197-206; Κ . KRAUTTER 1 9 7 1 , 1 1 5 - 1 2 2 ; L. CALLEBAT, La prose d'Apulée dans le De magia. Eléments d'interprétation, W S N F 18, 1984, 1 4 3 - 1 6 7 ; C . STRUB 1985. 3

C . SCHLAM 1 9 7 0 .

PROSA:

APULEIUS

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Der Stil der Metamorphosen ist einheitlich; er zeichnet sich durch Bilderfülle und Klangreichtum aus 1 . Die zweite Sophistik 2 , jene eigentümliche Mischung aus Rhetorik und Philosophie, bringt hier einen besonders farbenfrohen, >asianischen< Stil hervor: nach dem domitianischen Klassizismus eine neue Phase der Entfaltung. Apuleius ist der »reimfreudigste Schriftsteller der Antike« 3 . Antithesen sind nicht selten; sie können auch in den Dienst religiöser Paränese treten: neque vocatus morari nec non iussusfestinare deberem (met. 1 1 , 2 1 , 5 ) . Der Klauselrhythmus ist ausgeprägt 4 . Viele Wesenszüge apuleianischen Stils konzentrieren sich in der Selbstprädikation der Isis (met. 1 1 , f) 5 . Im Vergleich mit Isis-Hymnen 6 erkennt man die Bedeutung der Formprinzipien der Kunstprosa für die apuleianische Umgestaltung. Von Werk zu Werk ist der Stil sehr verschieden 7 : Die klare Redeweise der Apologie erinnert zuweilen an Cicero; die gehobene Fachprosa der philosophischen Schriften erhebt sich nicht selten zu rhetorischem Schwung, ist aber im ganzen doch erheblich sachlicher als die Schreibart des Romans oder gar der Florida. Die Stilunterschiede erschweren die Echtheitskritik. Anzeichen einer Stilentwicklung von >unklassischen< akzentuierenden Klauseln in den Philosophischen Schriften - vorausgesetzt, daß sie früh sind - zu einer strengeren Handhabung in dem - gewiß späten - Roman hat man beobachtet8. Die Scheidung chronologischer und gattungsmäßiger Differenzen steckt noch in den Anfangen.

Gedankenwelt I Literarische Reflexion Apuleius ist als Schriftsteller ein Perfektionist aus Oberzeugung. Im neunten Stück der Florida spricht er von der Sorgfalt und der Gewissenhaftigkeit, die bei geistiger Produktion geboten sei, zumal er, Apuleius, mehr Geistiges hervorbringe als einst Hippias Mechanisches. Deshalb ist es eine grandiose Untertreibung, wenn er in der Einleitung der Metamorphosen an die >Milesischen Erzählungen< - Trivialliteratur - anknüpft 9 . Er denkt dabei an die Übertragung der griechischen Literaturgattung ins lateinische Sprachmedium. Sein Ziel ist freilich, nicht nur Erstaunen (εκπληξις), sondern Freude zu erregen (laetaberis: met. 1 , 1 ; ήδονή). Daß UnterhalM. BERNHARD 1927, 255-258. NORDEN, Kunstprosa 600-605. 3 K. POLHEIM, Lateinische Reimprosa, Berlin 1925, 206. 4 M.BERNHARD 1927, 249-255. 5 J . TATUM 1979, I56F. 6 W. PEEK, Der Isishymnus von Andros und verwandte Texte, Berlin 1930; V. F. VANDERIIP, The Four Greek Hymns of Isidorus and the Cult of Isis, Toronto 1972. 7 LÖFSTEDT, Syntactica 303-305. 8 F. REGEN, GGA 229, 1977, 186-227, bes. 188 mit Anm. 9f.; zu akzentuierenden« Aspekten des Prosarhythmus: Β. AXELSON, Akzentuierender Klauselrhythmus bei Apuleius, De Platone und De mundo, Lund 1952 (dort Lit.). 9 C . S. WRIGHT, »No Art at All«. A Note on the Prooemium of Apuleius' Metamorphoses, CPh 68, 1973, 2 1 7 - 2 1 9 . 1

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

tung nicht der einzige Zweck ist, wird erst im letzten Buch unmißverständlich klar. G e d a n k e n w e l t II Wie steht es um die innere Einheit im Denken unseres Autors? In der Apologie unterscheidet Apuleius zwei Arten der Liebe, die irdische und die himmlische: Die eine bindet, die andere erlöst. Dieser Gedanke eröffnet auch den Zugang zu den Metamorphosen. Freilich ist Apuleius kein Philosoph im vollen Sinne des Wortes. Seine philosophischen Schriften, die nicht streng wissenschaftlich sind, dokumentieren das Einströmen der Religion in die Philosophie. Der Autor erscheint als Vertreter der zweiten Sophistik, ein Mittelwesen zwischen einem >homo religiosus 335-^08; Sekundärliteratur: G. ROTONDI, Scritti giuridici, Bd. ι, Pavia 1922, Ndr. 1966, 410-432; C. FERRINI, Opere giuridiche II, Milano 1929, 307-419; P. NOAILLES, Les collections de novelles de l'Empereur Justinien, 2 Bde., Paris 1912-1914; N. VAN DER WAL, Manuale Novellarum Iustiniani, Groningen 1964 (zum sachlichen Gehalt); F. SCHULZ, Einfuhrung in das Studium der Digesten, Tübingen 1916 (Probleme der Digestenüberlieferung; Methoden der Interpolationskritik); SCHULZ, Law; allgemein: C. DIEHL, Justinien et la civilisation byzantine au VI' siècle, Paris 1901; B. BIONDI, Giustiniano I., principe e legislatore cattolico, Milano 1936; B. RUBIN, Das Zeitalter Justinians I.: Persönlichkeit, Ideenwelt, Ostpolitik, Berlin I960; G. OSTROGORSKY, Geschichte des byzantinischen Staates, München Ί963. 2 P.JÖRS, Codex Iustinianus, R E 4, 1, 1900, 167-170; P.JÖRS, Digesta, R E 5, 1, 1903, 484-543; KRÜGER, Quellen 365-405; W. VON KOTZ-DOBRÌ, Institutions, R E 9, 2, 1916, 1 5 6 6 - 1 5 8 7 ; H . KRÜGER,

Die Herstellung der Digesten Iustinians und der Gang der Exzerption, Münster 1922; SCHULZ, Prinzipien; W. SCHUBART, Iustinians Corpus Iuris, Antike 11, 1935, 255-273; A. STEINWENTER, Novellae, RE 17, ι, 1936, 1162-1171; F. WIEACKER, Das Corpus iuris Iustinians, Zeitschrift fur die gesamte

120Ó

LITERATUR

DER

MITTLEREN

UND

SPÄTEN

KAISERZEIT

Revision, der Codex repetitae praelectionis; jetzt steht das neu eingearbeitete Kirchenrecht an der Spitze. Diese zweite Fassung ist uns erhalten 1 . Die 12 Bücher sind nach (jeweils 40-80) Sachtiteln aufgegliedert; innerhalb der Bücher sind die Konstitutionen, die von Hadrian (reg. 1 1 7 - 1 3 8 ) bis Iustinian reichen, chronologisch aufgeführt; Urheber, Adressat und Datum sind angegeben. Auf Kirchenrecht und die Besprechung von Rechtsquellen und Beamten (Buch ι ) folgen Privatrecht (2-8), Strafrecht und Strafprozeß (9), Verwaltungsund Steuerrecht (10-12). Trotz der mehrfachen Redaktion bietet der Codex meist die Originaltexte. Die Sprache ist überwiegend lateinisch, erst später wird das Griechische vordringen. Auch der Stil zeigt die ursprünglichen Varianten: Vor Constantin (reg. 306-337) ist er präzis, später schwülstig. Die iustinianischen Konstitutionen sind nicht gekürzt. Trotz Bearbeitung und Raffung - die Bearbeiter versichern wiederholt, alles Oberflüssige sei getilgt, Wiederholungen seien vermieden - überschneiden sich zahlreiche Einzelentscheidungen, so daß auch hier keine straffe Kodifikation im modernen Sinne vorliegt. Bereits Theodosius II. hatte geplant, auch die Juristenschriften als zusammengefaßtes Gesetzgebungswerk zu edieren; über der Arbeit am C o d e x war es nicht dazu gekommen. Tribonian, inzwischen magister sacri palatii (Justizminister), gewinnt Iustinian für dieses Vorhaben. Der Kaiser läßt am 15. 12. 530 eine zweite Kommission zusammenstellen, die nach der Berufung durch Tribonian im wesentlichen aus Fachgelehrten (antecessores der Rechtsschulen von Berytos und Constantinopel) besteht (von den Mitgliedern gehören nur Tribonian selbst, Constantin und Theophilos der Codex-Kommission an), 17 Männern, aufgeteilt in drei Gruppen, welche die etwa 2000 Buchrollen von rund 40 Autoren - also das gesamte ius vetus seit dem Zwölftafelgesetz - zu einem Werk von höchstens 50 Büchern komprimieren sollen. Dabei beschränkt man sich weder auf die Zitieijuristen noch auf die durch das Zitiergesetz mittelbar anerkannten Autoren noch auf die vom Kaiser autorisierten Juristen. Zunächst behält sich Iustinian vor, Juristenkontroversen autoritär zu entscheiden, muß sich aber nach dem Nika-Aufstand und beim Bau der Hagia Sophia (s. Prokop 1 , 1 , 20-64) zurückziehen, so daß nach der Entlassung Tribonians aus allen öffentlichen Amtern die Kommission selbständig arbeitet: Kontroversen entscheidet sie in eigener Befugnis und nimmt Interpolationen vor. Staatswissenschaft 102, 1942, 444-479; erneut "unter dem Titel: Corpus iuris, in: F. WIEACKER, Vom römischen Recht, Stuttgart Ί 9 6 1 , 242-287; L. WENGER, Die Quellen des römischen Rechts, Wien 1953, $64-734; SCHULZ, Geschichte 384f. ; 401-408 (mit Bibl.); F. EBRARD, Die Entstehung des Corpus iuris nach den acht Einfuhrungsgesetzen des Kaisers Iustinian, in: Schweizer Beiträge zur Allgemeinen Geschichte 5, 1947, 28-76; H. PETERS, Die oströmischen Digestenkommentare und die Entstehung der Digesten, S S A L 65, 1, 1913; R. DANNENBRING, Arma el leges. Ober die justinianische Gesetzgebung im Rahmen ihrer eigenen Zeit, ACIass 15, 1972, 1 1 3 - 1 3 7 ; A. M. HONORÉ, Some Constitutions Composed by Justinian, J R S 6 j , 1975, 107-123; O. BEHRENDS, R. KNÜTTEL u. a., Corpus iuris civilis (TÜ), Bd. ι: Institutionen, Heidelberg 1990. 1 Von der ersten besitzen wir nur ein Bruchstück des Inhaltsverzeichnisses auf einem ägyptischen Papyrus.

PROSA: JURISTEN

1207

Nach dreijähriger Arbeit werden am 16. 12. $33 die Digesto1 oder Pattdectae Iustiniani publiziert und treten am 30. 12. als alleinige Fundgrube juristischer Erfahrung in Geltung. Gleichzeitig ergeht das Gesetz, daß die authentischen Juristenschriften nicht mehr benutzt werden dürfen; private Rechtsschulen werden verboten. Gemäß dem Kursus des Rechtsstudiums, dem die Digesten hauptsächlich dienen sollen, ist der Stoff auf sieben Gruppen verteilt (1-4; 5-11; 12-19; 20-27; 28-36; 37-44; 45-50); nur teilweise ist er mit Titeln versehen. Die Gruppen von Juristenschriften bestimmen die Ordnung der Exzerpte; die Sabinus-Masse (Libri ad Sabinum des Paulus und Ulpian), die Edikt-Masse (Libri ad edictum), die PapiniansMasse (nach den Responso Papinians). Ergänzende Schriften bilden die Appendixmasse2. Mit Veränderungen, hauptsächlich Interpolationen3, bei den klassischen Autoren muß man rechnen, da beim Kürzen das Verbleibende aktuellen Erfordernissen angepaßt wird. Zeitbedingtes entfallt; Änderungen stehen auch im Zeichen der Vereinfachung. Die Lebendigkeit des juristischen Erfahrungsschatzes bleibt erhalten. In einer Art Montagetechnik versucht man zunächst, die Exzerpte zu einem fortlaufenden Text zu verbinden (vgl. die theologischen Kettenkommentare). Im Verlauf des Digestenwerks geht jedoch diese Tendenz, abgesehen von einzelnen Fragmentketten, zurück. Wie im Codex wird auch in den Digesten die Rechtsquelle angegeben. Die Digesten überliefern einen nicht geringen Teil der klassischen römischen Rechtsliteratur. Für diejuristische Praxis im Osten spielen siejedoch eine geringere Rolle als der Codex, da sie nur zu einem Bruchteil aktuell sind und nur in ganz geringem Maße die zahlreichen spätantiken Elemente des byzantinischen Rechts berücksichtigen. Im wesentlichen umfassen die Digesten das Privatrecht, breit entwickeln sie das fur die Römer wichtige Erbrecht. Den Rest nehmen Verfahrensrecht, Verwaltungsrecht und Strafrecht ein; das Kirchenrecht ist ausgespart. Noch während der Arbeit an den Digesten läßt Iustinian ein neues Lehrbuch des Rechts verfassen, die Institutiones in vier Büchern, die vor allem auf den bisher immer noch gebräuchlichen Institutiones des Gaius, ergänzt durch die Langfassung, Res cottidianae, beruhen. Herangezogen sind aber auch die jüngeren Institutionenwerke von Ulpian, Marcian und Florentin. In der neuen Schrift finden sich weiter Fragmentketten aus den Digesten und jüngere Kaiserkonstitutionen, vor allem Iustinians. Ausfuhrende sind Tribonian und die beiden Professoren Theophilos und Doro1 V. ARANGIO-RUIZ, Memorie dell'Accademia di scienze morali e politiche, Napoli 1931; Precedenti scolastici del Digesto, in: Conferenze per il XIV centenario delle Pandette, Milano 1931, 287-319; Di alcune fonti postclassiche del Digesto, Atti Nap. 1954 ('31), 10-32. 2 >BLUHMEsche Massentheoriec F. BLUHME, Die Ordnung der Fragmente in den Pandektentiteln, Zeitschrift fur geschichtliche Rechtswissenschaft 4, 1820, 257-472; Ndr. in: Labeo 6, i960, 50-96; 235-277; 368-404 (immer noch gültig); KUNKEL, Rechtsgeschichte 151—153. 3 Zur Interpolationsforschung: KUNKEL, ebd. 153-155; M. KÄSER, Ein Jahrhundert Interpolationenforschung an den römischen Rechtsquellen, in: Μ. Κ., Römische Rechtsquellen und angewandte Juristenmethode, Wien 1986, 112-154.

I208

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

theos, die am 2 1 . 1 1 . $33 das Werk vorlegen. Da die Bücher 1 und 2 sowie 3 und 4 stilistisch variieren, schreibt man Dorotheos den 1. Teil, Theophilos den 2. Teil des Werkes zu. Die Sachtitel bilden einen fortlaufenden Text; anders als beim Codex und bei den Digesten findet man hier keine Inscriptionen. Die Reformgesetze, die insbesondere der Lösung von Kontroversen bei der Arbeit am Gesetzgebungswerk dienen, werden amtlich als L decisiones veröffentlicht. Die Erneuerungsbewegung läuft durch die späten 30er Jahre und verhilft der östlichen juristischen Praxis zum Durchbruch; dadurch werden Teile von Codex, Digesten und Institutionen überholt. Sprachlich trägt man den Adressaten Rechnung: Die Gesetze ergehen jetzt meist griechisch, z. T. auch zweisprachig. Die nachfolgenden Gesetze werden nicht mehr von Iustinian, sondern von Einzelpersonen in verschiedenen Fassungen - in lateinischer Obersetzung, im griechischen Urtext - unter dem Titel Novellae Constitutionesi dem dreiteiligen Gesetzeswerk als vierter Teil angehängt. Iustinian versucht, sein Gesetzgebungswerk - der treffende Titel Corpus iuris civilis stammt erst von dem Herausgeber Dionysius Godofredus (1583) - unangetastet zu erhalten. Der Kaiser verbietet deshalb bei der auf Fälschung stehenden Kapitalstrafe den Vergleich seiner Gesetzestexte mit dem Original, die Erforschung der Originale, die Verwendung von Abkürzungen und vor allem die Kommentierung 2 . Durch den Lehrbetrieb entstehen in Gestalt von Vorlesungsschriften trotzdem schon zur Zeit Iustinians mehrere griechische Kommentare: von Theophilos zu den Institutionen, von Dorotheos und Stephanos zu den Digesten, von Thalelaios zum Codex3. Durch Iustinian ist das römische Recht in einer dem klassischen angenäherten Form allgemein rezipierbar geworden; die Rechtswissenschaft der frühen Neuzeit kann an die Leistung seiner Juristen anknüpfen. Genauso wichtig wie eine durchschaubare Gesetzgebung ist für diesen Herrscher wohl auch die Präsentation seiner Machtfiille und der Nachweis seiner geistigen Ahnenreihe. In ihrer Brückenfunktion zwischen Antike, Mittelalter und Neuzeit lassen sich die von Iustinian veranlaßten juristischen Werke nur mit den gleichzeitigen philosophischen Schriften des Boethius vergleichen. G. G. ARCHI, L'»Epitome Gai«. Studio sul tardo diritto romano in occidente. Con una nota di lettura di C. A. CANNATA, Napoli 1991. * FUHRMANN, Lehrbuch, bes. 104-121; 183-188. * M . FUHRMANN, Interpretatio. Notizen zur Wortgeschichte, in: Sympotica F. WIEACKER, 1 R . SCHÖLL, W. KROLL (griech. Text, alte und moderne lat. Übersetzung), Bd. 3, " 1988 in der editio stereotypa des Corpus iuris civilis (MOMMSEN, KRUEGER); P. NOAILLES, Les collections de novelles de l'Empereur Justinien, Bd. 1, Paris 1912; Bd. 2, Bordeaux 1914; zum sachlichen Gehalt: N . VAN DER WAL, Manuale Novellarum Iustiniani, Groningen 1964; A . M . BARTOLETTI COLOMBO, Lessico delle Novellae di Giustiniano nella versione dell'Authenticum, 2 Bde. (Α-M), Roma 1983-1986. 2 Constitutio Tanta, Einfuhrungsgesetz zu den Digesten § 2 1 vom 16. 12. 533. 3 Κ . W. E. HEIMBACH, Prolegomena, in: G . E. HEIMBACH U. a., Hg., Basilicorum libri L X , Bd. 6, Leipzig 1870, 1 - 2 1 5 ; D. SIMON, Aus dem Kodexunterricht des Thalelaios, Z R G 86, 1969, 334-383 und Z R G 87, 1970, 315-394; RIDA 16, 1969, 283-308; 17, 1970, 2 7 3 - 3 1 1 .

PROSA:

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BIBELÜBERSETZUNGEN

Göttingen 1970, 80-110. * KÄSER, Privatrecht. * M. KÄSER, Das römische Zivilprozeßrecht, München 1966. * KRÜGER, Quellen. * W. KUNKEL, Das Wesen des ius respondent, Z R G 66, 1948, 4 2 3 - 4 5 7 . * KUNKEL, H e r k u n f t . * KUNKEL, R e c h t s g e s c h i c h t e . * R . M A R C I C ,

Geschichte der Rechtsphilosophie. Schwerpunkte - Kontrapunkte, Freiburg 1971. * E. LEVY, West Roman Vulgar Law. The Law of Property, Philadelphia 1951. * E. LEVY, Weströmisches Vulgarrecht. Das Obligationenrecht, Weimar 1956. * D. LIEBS, Die juristische Literatur, in: FUHRMANN, LG 195-208. * LIEBS, Recht. * D. LIEBS, Römische Provinzialjurisprudenz, A N R W 2, 15, 1976, 288-362. * D. LIEBS, Rechtsschulen und Rechtsunterricht im Prinzipat, A N R W 2, 15, 1976, 197-286. * D. LIEBS, Die Jurisprudenz im spätantiken Italien (260-640 n. Chr.), Berlin 1987. * D. LŒBS, Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, Darmstadt Ί991. * D.LIEBS, Recht und Rechtsliteratur, in: HLL 5, 1989, 55-73. * Th. MAYER-MALY, Römisches Privatrecht, Wien 1992. * L. MITTEIS, Reichsrecht und Volksrecht in den östlichen Provinzen des römischen Kaiserreiches, Leipzig 1891. * E. NARDI, Le istituzioni giuridiche romane. Gaio e Giustiniano, Milano 1991. * H. L. W. NELSON, Oberlieferung, Aufbau und Stil von Gai Institutiones (unter Mitwirkung von M. DAVID), Leiden 1981. * R. RJLINGER, Humiliates - Honestiores. Z u einer sozialen Dichotomie im Strafrecht der römischen Kaiserzeit. München 1988. * E. J. H. SCHRÄGE, Hg., Das römische Recht im Mittelalter (= WdF 635), Darmstadt 1987. * SCHULZ, Einführung. * SCHULZ,

Prinzipien. *

SCHULZ,

Geschichte. *

WIEACKER,

Textstufen.

*

F. WIEACKER,

Recht und Gesellschaft in der Spätantike, Stuttgart 1964. * F. WIEACKER, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung, Göttingen 21967. * WIEACKER, Rechtsgeschichte.

3. D I E V Ä T E R D E S C H R I S T L I C H E N

EUROPA

DIE A N F Ä N G E D E R CHRISTLICHEN LATEINISCHEN PROSA Frühe Bibelübersetzungen1 Die ältesten lateinischen Bibelübersetzungen lassen sich aus Zitaten bei Kirchenvätern und aus Palimpsesten rekonstruieren. E s handelt sich nicht u m eine bestimmte Version, sondern u m zahlreiche Varianten. Bei Autoren, die des Griechischen kundig sind, m u ß m a n außerdem mit eigenen ad-hoc-Obersetzungen rechnen. Das Material gestattet, verschiedene Textgruppen zu unterscheiden, z. B . einen karthagischen Text u m die Mitte des 3. J h . , einen afrikanischen v o m E n d e des 4. J h . und den italischen des 4. und 5. Jh. Die sehr schwierige Edition der Vetus Latina, die von den Benediktinern in Beuron betreut wird, kann also keineswegs die Herstellung eines einheitlichen Textes zum Ziel haben. Beachtlich ist der Gewinn für die Sprach- und Stilgeschichte: Im Vergleich mit der Vulgata - der im 4. Jh. v o n Hieronymus geschaffenen lateinischen Bibel der katholischen Kirche - weisen die älteren Übersetzungen zahlreiche volkssprachliche Elemente auf: z. B . manducare fur >essenSkorpionenstich< von Gnostikern, die das Bekenntnis in die geistige Welt verlegen wollen. Die Flucht wird jedoch noch nicht ausdrücklich verboten (anders in fitg.). Adversus Iudaeos: Auch die Heiden haben an Gottes Gnade Anteil. Mit dem Christentum ist das Gesetz der Vergeltung durch das der Liebe abgelöst. In Christus sind die alttestamentlichen Verheißungen erfüllt. Das Alte Testament muß also geistlich interpretiert werden. Die Kapitel 9-14 sind Exzerpte aus dem dritten Buch Adversus Marcionem oder ein Entwurf dafür. Praktisch-asketische Schriften Ad martyras: Ein Trostwort an Christen im Kerker1. De spectaculis: Jeder Besuch von Schauspielen ist verboten, sind sie doch unsittlich und mit der heidnischen Religion verknüpft. De baptismo: Diese einzige vornicaenische Abhandlung über ein Sakrament bildet zusammen mit den beiden folgenden eine Art Trilogie, die an Katechumenen gerichtet ist. Vorher hat Tertullian eine griechische Schrift über die Taufe veröffentlicht. De oratione: Die älteste Auslegung des Vaterunsers. De paenitentia: Von der Buße vor der Taufe und danach. De patientia: Lob einer Tugend, die der Verfasser, wie er selbst gesteht, nicht besitzt. De cultu feminarum (2 Bücher): Christinnen sollen sich nicht der heidnischen Mode unterwerfen. Ad uxorem (2 Bücher): Tertullian bittet seine Frau, nach seinem Tode Witwe zu bleiben oder einen Christen zu heiraten. 1 Wir wissen nicht, ob Perpetua und Felicitas zu dieser Gruppe gehörten und ob Tertullian der Herausgeber ihrer Passio ist.

I2I4

LITERATUR DER M I T T L E R E N UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Schärfer wird der Ton in den nun folgenden montanistischen Schriften: De exhortatione castitatis und De monogamia verwerfen die Wiederverheiratung Verwitweter. De virginibus velandis fordert die Verschleierung aller jungen Mädchen. De corona: Bekränzung von Soldaten und überhaupt Kriegsdienst sind mit dem Christentum unvereinbar. De idololatria: Berufe, die dem Götzenkult dienen, sind dem Christen verwehrt: Künstler, Lehrer, staatliche und militärische Beamte. De fiiga in persecutione: Flucht in Verfolgungszeiten ist gegen den Willen Gottes. De ieiunio: Verteidigung der montanistischen Fastenpraxis gegen die ungeistigen »Seelenchristen« (psychici) der Großkirche. De pudicitia: Gegen einen hohen Bischof, der auch fur Sünden des Fleisches die Absolution erteilte. De pallio: In diesem literarischen Kabinettstück erklärt Tertullian, warum er die Toga mit dem Philosophenkleid (pallium) vertauscht hat. Der Kleiderwechsel fallt mit seiner Bekehrung zum Christentum oder seinem Obertritt zum Montanismus zusammen. Dogmatisch-polemische Schriften De praesariptione haereticorum: Eine praescriptio ist die Berufung eines Beklagten auf eine gesetzliche Vorschrift, die den Kläger a limine abweist, so daß ein Prozeß nicht stattfinden kann. Da die Kirche vermöge ihres Alters rechtmäßige Besitzerin des Glaubens und der heiligen Schrift ist, sind die Ansprüche der Häretiker auf Grund ihres jüngeren Datums von vornherein ungültig. Adversus Marcionem (5 Bücher): Der Weltschöpfer ist nicht verschieden von dem guten Gott (Buch ι und 2). Jesus Christus ist der im Alten Testament verheißene Messias (Buch 3). Marcions >gereinigte< Fassung des Neuen Testaments (Teile aus Lukas und Paulus) ist verfehlt. Altes und Neues Testament widersprechen einander nicht (Buch 4 und 5). Erhalten ist uns die dritte Bearbeitung des Werkes, das unsere Hauptquelle für Marcions Lehre ist. Adversus Hermogenem: Die Materie ist nicht präexistent, sondern von Gott geschaffen. Adversus Valentinianos: Gegen die gnostische Schule Valentins, im Anschluß an Irenaeus. De came Christi: Gegen gnostischen Doketismus betont Tertullian, daß Christus keinen Scheinleib, sondern einen menschlichen Leib hatte, der sogar häßlich war (9, 6). De resurrectione camis: Im Gegensatz zu Heiden, Sadduzäern und Häretikern glaubt Tertullian an die Auferstehung des Fleisches. Adversus Praxean: Die bedeutendste Darlegung der Trinitätslehre vor dem Konzil von Nicaea (hier erscheint erstmals das Wort trinitas 3, 1). De anima: Tertullian hatte das Thema schon in der verlorenen Schrift De censu animae gegen Hermogenes - behandelt. Die Notwendigkeit, häretische Ansichten zu widerlegen, zwingt ihn, sich mit der heidnischen Philosophie auseinanderzusetzen: eine besonders wichtige Schrift (s. Gedankenwelt).

Quellen, Vorbilder, Gattungen Quellen: Im wesentlichen geht Tertullian von griechischem Gedankengut aus, vor allem von den griechischen christlichen Autoren seines Jahrhunderts. Die Z w e i sprachigkeit der damaligen Kultur ist ein entscheidendes Faktum. In den Jahrzehnten vor dem Auftreten Tertullians entwickeln Gnostiker ihre phantastischen, halbmythischen Systeme, und schlichtere Gemüter schreiben romanhafte A p o stelakten. Andererseits verfaßt zwischen 180 und 200 Sextus Empiricus die

PROSA: TERTULLIAN

1215

Grundschrift des Skeptizismus. Die Atmosphäre ist voller Spannungen: hier Religiosität, die zum Wunderglauben neigt, dort wissenschaftlich fundierte Gegenpositionen. Die Kirche läßt sich von beiden Seiten die Waffen schmieden. So kann sie gegen die Heiden Argumente verwenden, die bereits innerhalb des Heidentums entwickelt worden sind: Tatians Spott über die Philosophen erinnert an Lukian; Hippolyt achtet die heidnischen Philosophen - auch wenn er ihnen nur die Erkenntnis von Teilwahrheiten zubilligt - weit höher als ihre gnostischen Nachahmer; Irenaios entfaltet in der kritischen Auseinandersetzung mit der Gnosis tiefsinnige theologische Gedanken. Es ist also mehr als nur ein Scherz, wenn Tertullian die Toga mit dem Philosophenmantel vertauscht (Depallio). Die Christen betrachten sich als die eigentlichen Erben der griechischen Philosophie1. Tertullians Literaturkenntnis stammt vielfach aus zweiter Hand, doch darf man mit Piatonlektüre rechnen. Viel wichtiger aber sind stoische Quellen. Tertullians Gedanke einer natürlichen Gotteserkenntnis hat einen stoischen Hintergrund2. Die materialistische Vorstellung, Gott sei körperlich, wurde außer von Stoikern auch von Meliton, Bischof von Sardes ( f v o r 190), vertreten. Auch fur die Seelenlehre und Ethik ist die Stoa maßgebend. Hauptquelle fur De anima ist der heidnische Arzt Soranos von Ephesos, der um 100 in Rom wirkte. Die Traumlehre (anim. 46) ist von Hermippos von Berytos beeinflußt. Während sonst griechische Quellen dominieren, stammt der natürliche Gottesbeweis (De test, an.) aus Cicero (nat. deor. 1, 16, 43 f.; 2, 2, 4 f.); dieselbe Schrift Ciceros benutzen auch Arnobius und Laktanz. In De anima hingegen fehlt Cicero völlig. Wertvolle Nachrichten zur altrömischen Religion (besonders im zweiten Buch Ad nationes) überliefert uns Tertullian aus dem zweiten Teil von Varros Antiquitates (Rerum divinarum libri XVI). Ob eine satura Varros3 als Quelle für De pallio in Frage kommt, muß offen bleiben. Die Laberius-Zitate (pali. 1,3) sind wohl durch Grammatiker vermittelt. Das antiquarische Wissen über Kränze in De corona verdankt Tertullian dem kaiserzeitlichen Juristen Claudius Saturninus (De coronis), die euhemeristische Mythenkritik stammt aus Leon von Pella. Mit Lukrez, Vergil, Tacitus und Sueton ist unser Autor ebenfalls vertraut, vor allem aber mit Seneca, den er saepe noster (anim. 20, 1) nennt. Für den sentenzenreichen Stil ist dieser Autor zugleich Vorbild. Obwohl damals die Bibel bereits lateinisch vorliegt, liest Tertullian sie gern auf griechisch und übersetzt den Text selbst. Er zitiert mit Vorliebe Gesetzestexte, z. B. aus dem Deuteronomium. Von jüdischen Apokryphen kennt er Henoch und Esra4, von christlichen z.B. den Pastor Hermae, diesen bereits in lateinischer 1

W. KRAUSE, Die Stellung der frühchristlichen Autoren zur heidnischen Literatur, Wien 1958, 69;

7s; 78. 2 C . TIBILETTI, Tertulliano e la dottrina dell'anima naturaliter Christiana, A A T 88, 1953-54, 8 4 - 1 1 7 ; zur Bedeutung stoischer Quellen H. STEINER 1989, 200. 5 Vgl. auch A. CORTESI, Varrone e Tertulliano. Punti di continuità, Augustinianum 24, 1984, 349-365.

I2I6

LITERATUR

DER MITTLEREN

UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Übersetzung. Gegen die zum Teil judenchristlichen Anfänge der christlichen lateinischen Literatur reagiert er und stellt sich in die Tradition der griechisch schreibenden Apologeten. Er verwertet Iustins Apologien und Dialog mit Tryphon (letzteren in Adversus Marcionem 3 und Adversus Iudaeos), Tatian und vielleicht auch Athenagoras. Eine wichtige Quelle, vor allem für De praescriptione und Adversus Valentinianos, ist Irenaios, den Tertullian im Original liest. In der Schrift gegen Hermogenes benützt er wohl auch das gleichnamige Werk des Theophilos von Antiochien. Auch nimmt er den Montanistengegner Meliton von Sardes zur Kennntnis, dessen elegans et declamatorium ingenium er bespöttelt (Hier. vir. ili. 24). Mit Schriften der Häretiker Markion, Apelles und Hermogenes ist er aus erster Hand vertraut, so daß er hier für uns Quellenwert besitzt. Vorbilder: Die Umfunktionierung der Verteidigungsrede zu einer Aufforderung, den Angeklagten zu verurteilen, erinnert an Piatons Apologie. De pallio schließt sich literarisch an Dion von Prusa an. Die Traktate haben ein wichtiges Vorbild in Seneca. Der >asianische< Stil Tertullians findet einen griechischen Vorgänger in der Oster-Homilie Melitons von Sardes 1 . A l s lateinisches Stilmuster kann Apuleius gelten. Gattungen: Tertullian stiftet mit dem Apologeticum gewissermaßen eine neue Literaturgattung. Bei den Griechen traten Verteidigungsschrift und Werberede nur getrennt auf 2 . Mit den verschiedenen Traktat-Formen schafft Tertullian für die lateinische Literatur neue Gattungsdifferenzierungen, die sich aus den Zielsetzungen seines Wirkens ergeben: Schriften, die sich mit dem täglichen Leben des Christen befassen (idol.), katechetische Schriften, dogmatische Streitschriften; im Ansatz findet sich auch der Typus der exegetischen Schrift (orat.). Literarische T e c h n i k Tertullians juristische Kompetenz ist zwar umstritten 3 , aber seine Denk- und Argumentationsweise ist eindeutig advokatisch. Statt sachlich zu argumentieren und die Häretiker inhaltlich zu widerlegen, fragt Tertullian juristisch: Wer kann die wahre Lehre für sich beanspruchen? Wer besitzt die Schrift? Die A n t w o r t lautet: nur die Kirche. Er gebraucht gegen die Häretiker die juristische Einrede (praescriptio): »Eure Lehre ist später, also irrig« (adv. Marc. 1 , 1 , 6)4. Die gleiche Methode, die gegnerische Meinung >an der Wurzel zu packen< wendet er auch an, wenn er statt der Häretiker ihre Quelle, Piaton, widerlegt (anim. 23, 6).

' F . KENYON, Chester Beatty Biblical Papyri 8, 1941; M . TESTUZ, Papyrus Bodmer 13, i960; O . PERLER, S C 1966, 123; O . PERLER, Typologie der Leiden des Herrn in Melitons Peri Pascha, in: Kyriakon, FS J. QUASTEN, Bd. 1, Münster 1970, 256-26$. 2

Zum Apologeticum

3

Positiv P. DE LABRIOLLE, Tertullien jurisconsulte, N R D 30, 1906, 5-27; negativ S. SCHLOSSMANN,

als Gerichtsrede: H. STEINER 1989, 48-80.

Tertullian im Lichte der Jurisprudenz, Z K G 27, 1906, 251-275; 407-430; mit Recht gegen eine Identität mit dem Juristen: T. D . BARNES Ί985, 22-29; s · jedoch D. LIEBS, zit. oben S. 1196. 4

Vgl. Iren. adv. haer. 3, 4, 3.

PROSA:

TERTULLIAN

1217

Im Apologeticum vereinigt Tertullian Verteidigungsschrift und Werberede; bei den Griechen waren beide Formen getrennt aufgetreten. Er fingiert, es handle sich um eine öffentliche Rede vor dem Statthalter; will er doch die Gouverneure über den wahren Sachverhalt aufklären, der in einem Prozeß nicht zur Sprache kommen würde. Gewiß möchte er beim Kaiser Verständnis für die Christen, seine loyalsten Bürger, wecken, vor allem aber das Verhalten der Heiden in seinem ganzen Widersinn entlarven: Er rügt die ungleiche Behandlung der Christen, die um ihres Namens willen verfolgt werden (apol. 2, 18), und das in sich widersprüchliche Reskript Traians, man solle Christen nicht aufspüren, aber bestrafen (apol. 2, 8). Es genügt somit nicht, zu sagen, die Verteidigungsrede sei im Vergleich etwa mit lustin aus dem Deliberativen ins Epideiktische umgesetzt. Vielmehr finden sich im Apologeticum durchgehend forensische Techniken: Taktisch geht es darum, die Anklage auf den Ankläger »zurückzuschaudern« (retorsio criminis). Dafür ist der ununterbrochene Vergleich (comparatio) das geeignete Mittel. In großen Zügen lösen Apologie (7-16), Epideixis (17-27), Synkrisis (28-45) einander ab1. Eine Umkehrung des Üblichen bedeutet es, daß es sich um eine Gerichtsrede mit negativem Vorzeichen handelt: Man denkt an Piatons Apologie des Sokrates. Nicht Freispruch, sondern Verurteilung soll erreicht werden: »Das Blut der Christen ist ein Same« (apol. 50, 13). Die Argumentation ist auch in dieser Schrift juristisch. Künstlerisch gelungen ist die durchgehende symbolische Verwendung der Situation vor Gericht. Das göttliche Gericht - das auch die Heiden kennen - wird umgekehrt wie das irdische entscheiden. Die Lust des Advokaten, anderen innere Widersprüche nachzuweisen, triumphiert, wenn er Piaton gegen Piaton zitiert (anim. 24, 10), wenn er von Gegnern verwendete Gleichnisse sardonisch gegen sie kehrt (anim. 15, 6) oder die Inkonsequenz der Heiden mit spitzer Feder aufspießt: Im Theater ist alles erlaubt, was sonst verboten ist; Sportler sind sozial niedrigen Standes und werden doch von vornehmen Zuschauerinnen vergöttert (spect. 21 f.). Tertullian selbst ist freilich nur wenig um Widerspruchsfreiheit bemüht. In seinem Mehrfrontenkrieg gegen Juden, Gnostiker und Philosophen argumentiert er je nach dem Adressatenkreis verschieden: Gegen die Gnostiker rühmt er den Leib (resurr. 7-10) und nennt ihn mit dem Neuen Testament einen Tempel (anim. 53,5); er preist die Zuverlässigkeit der Sinne (anim. 17) und sieht in der Fortpflanzung einen status benedictus (anim.

27, 4): Die frühen Christen verschließen nicht, wie manche Platoniker, die Augen vor der Welt. Andererseits bezeichnet er in asketisch-moralisierendem Zusammenhang Leib und Welt platonisch als Kerker der Seele2. Vor Christen betont er mit Wonne das Vernunftwidrige, ja Absurde der Glaubensinhalte; das berüchtigte credo quia absurdum hat er nicht wörtlich ausgesprochen, er könnte es aber gesagt haben (s. Sprache und Stil). Wenn er sich jedoch 1

O . SCHÖNBERGER

2

anim. 53, 5; apol. 17, 5; mart. 2, 1.

19J7.

Iiis

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

an Heiden wendet, schätzt er die natürliche Vernunfterkenntnis der Seele hoch ein (testimonium attimae naturaliter Christianae: apol. 17, 6)1 und läßt in diesem Zusammenhang Kleanthes, Zenon, Sokrates und Piaton gelten (apol. 2 1 , 10; 22, 1-2). Kämpft er aber gegen Gnostiker, so sieht er in demselben Piaton den Gewürzkrämer aller Ketzer (anim. 23, 5), erklärt die Festigkeit des Sokrates für Pose (anim. 1) und leugnet alle Gemeinschaft zwischen Akademie und Kirche (praescr. 7, gì)2. J e nach dem Adressaten und dem Argumentationsziel schwankt auch die Beurteilung der Juden, die übrigens damals in Karthago eine starke und den Christen nicht freundlich gesonnene Gemeinde bildeten. Im Kampf gegen Polytheismus und Theater (idol, und spect.) sind sie die natürlichen Verbündeten der Christen. Gegenüber lauen Christen rühmt er die Traditionstreue der Juden (ieiun. 13, 6). In den Verteidigungsschriften hingegen (nat. und apol.)3, die auch nichtrömische Quellen der Verleumdung und Verfolgung nennen müssen, können entsprechende Aktivitäten der Juden nicht verschwiegen werden. Die Akzentverschiebungen der Bewertung sind jeweils taktisch bedingt. Exempel aus der römischen Geschichte und Literatur werden den christlichen Märtyrern als Vorbilder vor Augen gestellt: Lucretia, Regulus, sogar Dido (mart. 3-4). Der späte Tertullian hält gar den Christen die größere Frömmigkeit und Opferbereitschaft der Verehrer von Isis, Cybele und Mithras 4 vor (ieiun. 16, 7-8; coron. 15, 3). Auch die Auseinandersetzung mit den römischen Göttern im zweiten Buch Ad nationes ist unsachlich, d. h. auf rhetorische Wirkung bedacht und nach advokatischen Prinzipien aufgebaut: Varrò hatte im zweiten Teil der Antiquitates, der von den göttlichen Dingen handelte, zwischen physischen, mythischen und nationalen Gottheiten unterschieden (theologia tripertita). Die ersten beruhen auf Spekulation, die zweiten auf Mythen, die dritten auf Satzung. Tertullian, der meisterhaft die Technik des Zerpflückens beherrscht, hat leichtes Spiel zu zeigen, daß Spekulationen unsicher, Mythen unwürdig und Satzungen willkürlich und nicht allgemeingültig sind. Er verwendet dabei zum Teil Argumente, welche von antiken Philosophen in unterschiedlichen Zusammenhängen gegen einzelne Punkte vorgebracht worden sind. Gegen die physische Theologie erklärt er, daß die Elemente nur Werkzeuge in der Hand Gottes sind. Das sieht freilich nach einer petitio principii aus. Gegen die mythische Theologie muß die alte Theorie des Heiden Euhemeros herhalten, wonach Götter ursprünglich verstorbene Menschen waren. Damit wird zwar das Wesen des Mythos verfehlt, aber der momentane Z w e c k wird erreicht. Daß 1

Die nötige Einschränkung test. anim. 1, 7. Schon Paulus argumentiert auf dem Areopag anders als vor Christen. 3 Negativ auch scorp. 10, 10. 4 Vgl. S. Rossi, Minucio, Giustino e Tertulliano nei loro rapporti col culto di Mitra, GIF i6, 1963, 17-29. 2

PROSA: TERTULLIAN

1219

Nationalgötter jeweils partikulär sind und daher keine allgemeine Bedeutung beanspruchen dürfen, ergibt sich schon aus ihrem Wesen. Für seine Einteilung der Götter in certi, incerti und selecti erntet Varrò nur Spott. Tertullian bevorzugt eine Unterscheidung zwischen spezifisch römischen Göttern und solchen, die das römische Volk mit anderen gemeinsam hat. Es gelingt ihm mühelos, die vergötterte Hure Larentia und die altrömischen >abstrakten< Götter ins Lächerliche zu ziehen. Bei dem übernationalen Gott Saturn muß wieder der Euhemerismus herhalten: Saturn war nur ein Mensch, und seine Apotheose entbehrt der Realität. Die Römer sind nicht deshalb groß, weil sie zu ihrer althergebrachten Religion standen - denn sie taten es ja nicht - , sondern weil ihnen Gott jetzt die Macht verliehen hat; dies ist wieder eine petitio principii. Je nach Bedarf deutet Tertullian die heidnischen Götter als Idole, Menschen oder Dämonen. Bei aller technischen Gewandtheit und Vielfalt der Widerlegungstaktiken erkennt man doch klar, daß Tertullian nicht philosophisch v o m Wesen der Dinge ausgeht, sondern formaljuristische Argumente und suggestive rhetorische Mittel einsetzt. In seinen besten Schriften gelingt es ihm jedoch, das engere Thema auf eine höhere Ebene zu heben und dadurch mit Bedeutung zu durchdringen. Dieses Charisma wahrhaft großer Redner teilt er mit Cicero. Das Sujet von De corona gewinnt Weite und Tiefe durch den Gedanken, daß Christus die wahre Krone des Menschen ist. In De pallio spiegelt der Wechsel der Kleidung den Sinneswandel. Im Apologeticum steht Gottes Gerichtsurteil gegen das der Menschen: Im Verlust liegt der wahre Gewinn; wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Literarisch konkretisiert Tertullian diese U m w e r t u n g aller Werte in der vergeistigenden Metamorphose bildhafter Leitmotive: Ahnlich wie Cicero (rep. 6,23,25) zwischen irdischem Ruhm und wahrer Ehre unterscheidet, so Tertullian zwischen menschlichem und göttlichem Gericht, dem Kleid der Ehrsucht und dem der Weisheit, dem irdischen Kranz und der wahren Krone.

Sprache und Stil1 Z w a r ist Tertullian nicht der Schöpfer des christlichen Lateins, sehr wohl aber der christlichen lateinischen Literatursprache. Zahlreich sind die von ihm neu eingeführten Vokabeln. Den Widerstand gegen die Abstraktionen der griechischen Philosophensprache gibt das Latein endgültig auf: Mathesis und Anamnesis werden nun mühelos zu discentia und reminiscentia (anim. 23, 6); die platonischen Seelenteile kann man jetzt, ohne zu erröten, als indignativum und concupiscentivum bezeichnen (anim. 16, 3). Für theologisch-philosophische Begriffe verwendet 1 H. HOPPE, Syntax und Stil des Tertullian, Leipzig 1903; E. LÖFSTEDT, Zur Sprache Tertullians, Lund 1920; H . H O P P E , Beiträge zur Sprache und Kritik Tertullians, Lund 1932; F. S C I U T O , Ligradatio in Tertulliano. Studio stilistico, Catania 1966; C . J . CLASSEN, Der Stil Tertullians. Beobachtungen zum Αι>οΙοχαίαιιιι, in: Voccs (Univ. Caen/Univ. Salamanca) 3, 1992, 93-107.

I220

LITERATUR DER M I T T L E R E N UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Tertullian passende lateinische Termini, die an Juristisches anklingen, so für den folgenreichen Gedanken der Willensfreiheit: libera arbitrii potestas (anim. 2 1 , 6). Unter den nomina agentis auf -tor und -triχ finden sich kurioserweise auch baptizator und evangelizator anstelle der später geläufigen gräzisierenden Formen auf -isla. Griechische Vokabeln mit christlicher Sonderbedeutung, die ins Kirchenlatein übernommen wurden, erlangen bei Tertullian ein Heimatrecht in der Literatursprache: episcopus, baptisma, clerus, ecclesia, eleemosyna, evangelium. Für das später übliche confessio hat er noch das griechische Wort έξομολόγησις. Den Priester bezeichnet er durch eine lateinische Vokabel (sacerdos), wohl weil dem griechischen Christentum, als es in den Westen kam, ein entsprechender Terminus noch fehlte. Die götdiche οικονομία - der Plan des Wirkens in der Geschichte - wird oft mit dem rhetorischen Terminus dispositio wiedergegeben - in der Tat eine passende Metapher für die Planung eines Prozesses, der Schöpfung und Erlösung durch das Wort umschließt. Den römischen Begriff persona fuhrt er in die Trinitätslehre ein (adv. Prax. 12). Im Einklang mit dem Sprachgebrauch der afrikanischen Gemeinden verwendet Tertullian das lateinische Wort sacramentar» fur Christliches, mysterium für Heidnisches. Die Assoziation mit dem römischen Fahneneid liegt dem Sohn eines Hauptmanns nahe; das - schon paulinische - Thema militia Christi ist für Tertullian wichtig und bereichert seinen literarischen Metaphernschatz (mart. 3; orat. 29, 3)', zu dem übrigens auch bereits mater ecclesia (orat. 2, 6)2 gehört. Die Gleichnisse sind manchmal kühn: Gott ähnelt einem homöopathischen Arzt, denn er heilt Gleiches mit Gleichem: Tod durch Tod, Qualen durch Qualen (scorp. 5, 9). Das Einwohnen der ungeteilten Seele in einem gegliederten Körper veranschaulicht Tertullian an der Druckluft in einer Orgel (anim. 14, 4); an einer anderen Stelle ist Gott als Organist vorgestellt, der den menschlichen Leib als Instrument benützt (bapt. 8, i) 3 . Als Stilisten4 muß man Tertullian im Zusammenhang mit der >Zweiten Sophistik< und Schriftstellern wie Apuleius sehen. Die asianische Manier, die zu seiner Zeit Mode ist, bevorzugt kurze, pointierte Sätze und schmückt sie mit Stabreimen, Endreimen, Wortspielen. Dank solcher Besonderheiten ist er »ohne Frage der schwierigste Autor in lateinischer Sprache« 5 . Sein Stil hat eine ausgeprägte persönliche Note, ist prägnant und dicht bis zur Dunkelheit, stets kraftvoll und leidenschaftlich. Quot paene verba, tot sentential. Die Pointen erinnern manchmal an den Satiri1 A. HARNACK, Militia Christi, Tübingen 1905; Ndr. Darmstadt 1963; neuere Lit. bei A. WLOSOK, Laktanz und die philosophische Gnosis, AHAW i960, 2, 185, Anm. 12. 2 Nach Gal. 4, 26. 3 Vgl. noch Hier, tract, in psalm. I, p. 263, 21 - p. 264, 5; Β. LÖSCHHORN, Die Bedeutungsentwicklung von lat. Organum bis Isidor von Sevilla, MH 28, 1971, 193-226. 4 Vgl. auch J . FONTAINE, Aspects et problèmes de la prose d'art latine au III' siècle, Torino 1968. 5

NORDEN, K u n s t p r o s a 606.

6

Vincent. Ler. 18 (24).

PROSA:

TERTULLIAN

I22I

ker Iuvenal: Über die heidnischen Götter sagt Tertullian, nur der jeweils moralisch Verrufenste sei würdig gewesen, ein Gott zu werden 1 . Seine ausgeprägte Phantasie, die sich selbst Abstrakta wie Geist und Seele nur körperlich und sinnenhaft vorzustellen vermag, kommt ihm als Redner sehr zustatten. Unsichtbares wird belebt: Idololatrie ist die Schwester der Unzucht (scorp. 3, 5). Die Seele wird angeredet, als sei sie die Psyche aus dem Märchen des Apuleius, und in den Zeugenstand gerufen (test, attim. 1, 5). Selbst dem Philosophenmantel (pallium) schreibt unser Autor Gefühle zu: »Freue dich, Mantel, und frohlocke; denn eine bessere Philosophie hat dich ihrer Gegenwart gewürdigt, seit du einen Christen kleidest« (pali. 6, 2). Biblische Bilder werden in rhetorischer Spezifizierung ausgemalt. So spricht Tertullian zu dem lauen Kirchenchristen: »Dein Gott ist der Bauch (vgl. Phil. 3, 19), dein Tempel die Lunge, dein Altar der Magen, dein Priester der Koch, dein Heiliger Geist der Küchendunst, deine Gaben Gewürze und das Rülpsen deine Prophetie.« In solchen polemischen Passagen werden nicht selten die Grenzen des guten Geschmackes überschritten, und die verpönte Grausamkeit der heidnischen Gladiatorenspiele feiert fröhliche Urständ. So, wenn am Ende von De spectaculis (30, 5) die Gerechten sich am Schauspiel der Höllenqualen der Verdammten weiden: Sie hören, wie sündige Tragöden endlich eigenem Unglück ihre Stimme leihen, sehen, wie Schauspieler im ewigen Feuer ihre Gelenkigkeit beweisen, usw. Die beste Parodie auf Tertullians Stil ist Tertullians Stil. Doch spricht der abusus nicht gegen den usus: So fremdartig uns das Detail solcher Ausmalungen berührt, so bedeutsam ist andererseits die Tatsache, daß Tertullian hier als Römer und Redner erstmals die Möglichkeiten einer christlichen Literatur und Kunst entdeckt. Nicht genug, daß er bereits die Anfange christlicher Hymnenpoesie und Vokalmusik anerkennend erwähnt (spect. 29, 4). Der von Tertullian skizzierte allegorische Kampf von Tugenden und Lastern (spect. 29, 5) wird von Prudentius in der Psychomachie ausgestaltet werden, einem Autor, der in seiner Sammlung so gut wie alle Literaturgattungen christianisieren wird. Tertullians Betrachtung von Christi Erlösungswerk als grandiosem Schauspiel (spect. 29f.) wird in der Liturgie der Ostkirche sowie in Passions- und Osterspielen künstlerisch fruchtbar werden. Seine anschauliche Darstellung der Höllenqualen und des Weltgerichts schließlich (spect. 30) antizipiert mittelalterliche Totentänze und eine neue Art kosmischer Poesie, wie Dante sie verwirklichen wird. Mit der Inspiration des geborenen Redners umreißt hier Tertullian ein Programm, das die mittelalterliche Literatur und Kunst mit Leben erfüllen wird. Es überrascht bei dem Römer nicht, daß Wörter juristischer Herkunft - etwa damnare und absolvere - zu tragenden Begriffen werden; so bilden sie als Antithese den Schlußstein des Apologeticum (50, 16): »Indem ihr uns verurteilt, spricht Gott uns frei.« Zur Paradoxie steigert sich dasselbe Gegensatzpaar Scap. 1, 2: »Wir freuen uns mehr, wenn wir verurteilt als wenn wir freigesprochen werden. « In 1

Tert. nat. 2, 1 3 , 2 1 ; v g l . luv. 1 , 73 f.

1222

LITERATUR DER MITTLEREN U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

solchen Wendungen gewinnt das Wagnis des Glaubens unmittelbar sprachliche Gestalt; rhetorische Schulung und paulinischer Denkstil 1 werden mit persönlichem Feuer durchdrungen: »Gekreuzigt ist Gottes Sohn: Ich schäme mich nicht, weil es schandbar ist. U n d gestorben ist Gottes Sohn: durchaus glaublich, weil es unsinnig ist. U n d aus dem Grab auferstanden: das ist g e w i ß , weil es unmöglich ist« (cam. 5, 4). Tertullian lebt in einer permanenten Spannung zwischen seiner Existenz im Römerreich und der endzeitlichen Erwartung. In seinem zugleich brillierenden und dunklen Stil k o m m t etwas v o n dieser Situation mit innerer Notwendigkeit zum Ausdruck. Seine Vorliebe fur Paradoxien ist nicht nur rhetorische Pose; sie spiegelt die extreme Haltung, die er zunehmend bevorzugt. Ü b r i g ens könnten Beobachtungen zur Entwicklung unauffälliger Sprachund Stilmerkmale zur Datierung beitragen; so hat man beobachtet, daß in den Frühwerken Asyndeta bevorzugt werden und et relativ selten im Sinne v o n etiam und nach anderen Konjunktionen auftritt 2 . Kurz: Tertullian schöpft aus den Traditionen der antiken Philosophie, Rhetorik und Jurisprudenz; er transformiert ihre Begriffe. Damals entsteht die lateinische Sprache der Theologie; sie wird zur Mutter der Sprache der neueren Philosophie. Tertullians Stil, der aus seinem spannungsreichen Denken mit innerer Notwendigkeit entspringt, verbindet den Einfluß biblischer Vorlagen - u. a. der Paulusbriefe - mit der bei Apuleius vorliegenden Tradition der zweiten Sophistik. Befreiend mag auch die Schreibart Senecas gewirkt haben, eines Autors, der im >Mut zur Individualität« als ein Vorgänger Tertullians gelten muß. Gedankenwelt I Literarische R e f l e x i o n Durch seine christliche Position hat Tertullian den archimedischen Punkt gefunden, von dem aus er die bisherige Welt aus den Angeln heben kann. Er ist sich dessen bewußt, daß er sich grundsätzlich gegen die römischen Traditionen auflehnen muß. Die entsprechenden Sätze klingen erschreckend modern; sie machen den Bruch der Zeiten fühlbar 3 . Dies ist ein neuer Ton in der lateinischen Literatur. D o c h sei immerhin an Gestalten w i e Lukrez oder Catull erinnert, die sich in anderer Weise v o m Ü b e r k o m m e n e n distanzierten. Wird die Auflehnung zu einer Kulturrevolution fuhren? Nach Tertullian darf

1 Ζ . Β . 2 Cor. 6, 9 - 1 0 ; 12, 10; etwa 4 0 % der Zitate Tertullians aus dem N e u e n Testament stammen aus Paulus. 2

T . D . BARNES

1969.

Advenus haec igitur nobis negotium est, adversus institutiones maiorum, auctorilates receptorum, leges dominantium, argumentationes pruientium, adversus vetustatem consuetudinem necessitatem, adversus exempla prodigia miracula, quae omnia adulterinam istam divinitatem corroboraverant (nat. 2, i, 7). 3

PROSA: TERTULLIAN

1223 1

ein Christ heidnische Literatur zwar lesen, aber nicht lehren . Die Philosophen sind die Patriarchen der Häretiker (anim. 3 , 1 ) . Dichter und Redner sind Verräter der Wahrheit und Moral 2 . Seine eigene Verwendung von Rhetorik und Philosophie rechtfertigt Tertullian aus der Notwendigkeit, andere Menschen zu widerlegen und zu überzeugen: Ita nos rhetoricari quoque provocant haeretici sicut etiam philosophari philosophi (resurr. 5, 1). In seinem Verhältnis zu Literatur und Kunst muß er als eine janushafte Erscheinung gelten. Einerseits verurteilt er die heidnische Kultur; mit urchristlicher Strenge schlägt er vor, bekehrte Künstler mit der Ausbesserung von Dächern, dem Anstreichen von Wänden und Rechenbrettern oder mit Schreinerarbeiten zu beschäftigen (idol. 3, 2; 4 , 1 ; 8, 2). Andererseits weist er durch seine suggestiven, von rhetorischer Phantasie beschwingten Allegorien und Ausmalungen - etwa des Weltgerichts - der entstehenden christlich-mittelalterlichen Kultur neue Wege. In seiner Lehre vom »Zeugnis der Seele, die von Natur christlich ist« (test. anim. passim; apol. 17, 6) tut er schließlich sogar den ersten Schritt zu einer neuen Aufarbeitung der heidnischen Tradition, zu einer Rezeption der alten Dichter und Philosophen als Wegbereiter des Christentums (test. anim. 1, 1). Die Exempla und Zeugnisse aus antiker Literatur, die Tertullian auf Schritt und Tritt anfuhrt, können als Bestätigimg dieser Absicht gelten. So legt der erste christliche Autor in lateinischer Sprache auch schon den Grund fur eine erste Renaissance des Römertums und seiner Kultur unter christlichem Vorzeichen. In der Auseinandersetzung mit verschiedenen Traditionen ist seine Hermeneutik unsystematisch und jeweils zweckbedingt: Im Kampf mit den Heiden verwirft er die — unter anderem bei den Stoikern beliebte — Allegorese des Mythos und statuiert, sie beruhe auf unscharfem Denken: Entweder war Saturnus ein Mensch oder er war die Zeit. War er ein Mensch, so ist die Allegorese unsinnig (nat. 2, 12, 20). In seiner eigenen Auslegungspraxis beherzigt er diese Lektion nicht immer; er selbst deutet das Alte Testament geistlich, obwohl es sich doch auch dort um historische Menschen handelt3; gegenüber Judenchristen und Gnostikern schließlich beharrt er wiederum auf dem buchstäblichen Verständnis (z. B. scorp. 10). Kriterium fur die Zulassung der Allegorese scheint jeweils der Wille zu sein, eine Tradition zu akzeptieren. Für die erst langsam entstehende Theologie formuliert Tertullian das Prinzip der defensiven, konservativen Methode der Dogmenbildung: Die Lehre entwickelt sich in der Abwehr des Irrtums (praescr. 13, 6). Dies ist zugleich eine Rechtfertigung seines eigenen Vorgehens; als Schriftsteller geht Tertullian immer von einem 1 C . M . M. BAYER, Tertullian zur Schulbildung fur Christen..., R Q A 78, 1983, 1 8 6 - 1 9 1 ; R. BRAUN, Tertullien et la philosophie païenne. Essai de mise au point, B A G B 1971, 2 3 1 - 2 5 1 ; H. STEINER 1989. 2 Vgl. anim. 33, 8; G. L. ELLSPERMANN, O . S . B . , The Attitude of the Early Christian Latin Writers Toward Pagan Literature and Learning, Diss. Washington 1949. 3 Voluit enim deus et alias nihil sine exemplaribus in sua disposilione molitus paradigmate Platonico plenius humani vel maxime initii ac finis lineas cotidie agere nobiscum, manum porrigens fideifacilius adiuvandae per imagines et parabolas sicut sermonum ita et rerum (anim. 43, 11).

1224

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N

U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

konkreten Anlaß aus. Daher behandelt er die Probleme mehr punktuell und taktisch als systematisch. Beim Definieren und bei der Arbeit mit Texten verfahrt er oft nach dem Vorbild der Juristen. G e d a n k e n w e l t II A l l g e m e i n sind in Tertullians philosophischem 1 Denken stoische Einflüsse bestimmend: der Naturbegriff, die Z w e i t e i l u n g des Menschen in Leib und Seele (der Geist erhält keine selbständige Bedeutung), die materialistische Vorstellung, G o t t und die Seele seien körperlich, das Hervortreten des Praktisch-Ethischen. So verteidigt Tertullian die Einheit Gottes einerseits gegen Markion, der einen höheren Gott der G ü t e und einen niedrigeren Gott der Gerechtigkeit annimmt, andererseits gegen Hermogenes, der neben Gott als zweites Prinzip noch eine e w i g e Materie voraussetzt. Tertullians Lehre v o n der Dreieinigkeit (wie sie in der späten Schrift g e g e n Praxeas niedergelegt ist) wendet sich g e g e n die totale Verwischung der U n t e r schiede zwischen den drei Personen der Trinität: Praxeas »hat den Geist ausgetrieben und den Vater gekreuzigt« {adv. Prax.

i, 5). Tertullians Christologie ist

bedeutend, w e n n auch vielleicht nicht ganz frei v o n Subordinatianismus, und hat die spätere D o g m e n b i l d u n g (das N i c a e n u m 325 und Chalcedonense 451) beeinflußt. Dabei trägt Tertullians D e n k e n römische Z ü g e : D i e Einheit Gottes macht er an der Vorstellung einer Monarchie deutlich ( o b w o h l der Sohn Mitregent ist, bleibt die Monarchie unangetastet); der A u t o r denkt also mehr in M a c h t - als in Substanzbegriffen. Weiter betrachtet er die Gottheit in ihrer historischen Entfaltung ( ο ι κ ο ν ο μ ί α , dispensatio, dispositio), d. h. auf den Menschen und seine Erfahrung bezogen. Schließlich bestimmt er das Wesen einer Sache mit Vorliebe v o n ihrem U r s p r u n g her. Er verwendet dafür das charakteristische Wort status. A u c h sein Ursprungsdenken ist also nicht philosophisch, sondern juristisch. D e r status (oder census) eines Wesens ist mit seinem U r s p r u n g gegeben. Das ítatMí-Denken ist für Tertullian in den verschiedensten Bereichen charakteristisch: w i e in der Trinitätslehre so auch in der Seelenlehre (die Menschenseele ist ursprünglich Gottes Hauch), bei der Entthronung der heidnischen Götter (der älteste G o t t , Saturn, w a r ein Mensch), bei der A b l e h n u n g aller Schauspiele, da sie im heidnischen K u l t ihren U r s p r u n g haben, und auch bei der Z u r ü c k w e i s u n g der Häretiker auf Grund der Anciennität der Großkirche. Tertullian betont auch mit N a c h d r u c k 2 — und starker Fortwirkung -

die

historische Realität der Inkarnation des L o g o s und die volle Menschennatur des Erlösers; der innere Z u s a m m e n h a n g zwischen Christi M e n s c h w e r d u n g und der Rettung und Auferstehung der Christen - einschließlich des Leibes - wird dadurch ganz deutlich. Ihm geht es also nicht u m Erlösung v o n der Materie, sondern u m 1

Christentum ist fur Tertullian die >bessere Philosophie«: H. STEINER 1989, 194-207, bes. 205.

2

Z. B. De came Christi; De resurrectione mortuorum.

PROSA: TERTULLIAN

1225

Erlösung auch der Materie: ein kardinaler Unterschied zur Leibfeindlichkeit vieler antiker Philosophen. Bei Tertullian entspringt die Askese, was oft übersehen wird, einer prinzipiell das Körperliche bejahenden Grundhaltung, sie strebt nicht nach Verneinung, sondern nach Wandlung. Tertullians Lehre vom Heiligen Geist und der Kirche stimmt mit dem Evangelium1 überein: Entscheidend ist Gottes Geist im Menschen, nicht die Zahl von Bischöfen {pud. 2 1 , 17). Hundert Jahre früher hätte dies noch nicht anstößig geklungen. Anders in einer Zeit, in der sich die Institution auf weltweite Wirkung vorbereitet: Tertullians eschatologisch-prophetischer GeistbegrifF ohne Bindung an Ämter, seine rigorose Ethik, seine Vorstellung vom Priestertum der Laien müssen jetzt geradezu zwangsläufig zum Konflikt mit den Autoritäten fuhren. Die überspannten ethischen Forderungen Tertullians und sein bei einem Intellektuellen überraschender Glaube an konkrete Manifestationen prophetischen Geistes sind der verzweifelte und etwas krampfhafte Versuch, etwas vom Urchristentum in eine neue Epoche herüberzuretten. Zukunftweisend ist seine Leistung auf dem Gebiet der Psychologie; nicht zufallig sind die einflußreichsten Beiträge zum Verständnis der menschlichen Seele den Lateinern - Tertullian und Augustinus — zu verdanken. Im Einklang mit den Stoikern lehrt Tertullian die Körperlichkeit der Seele. Die Seele ist einheitlich und unteilbar; Vegetatives, Sensitives und Intellektuelles sind nicht unterschiedliche Seelenteile. Der Geist ist nur eine Funktion der Seele (anim. 12, 6). Antiplatonisch ist auch die Überzeugung von der Zuverlässigkeit der Sinneswahrnehmung. Hier fließt Stoisch-Epikureisches mit römischem Realismus zusammen; die Begründung ist biblisch und juristisch: Die Sinne sind wichtige Zeugen; sonst wäre das Zeugnis der Apostel nichts wert (anim. 17, 13 f.). Tertullian vertritt den Traduzianismus, lehrt also die Übertragung der Seele bei der Zeugung (anim. 36, 37). Nach Epikur entsteht und stirbt die Seele zusammen mit dem Leibe, nach Piaton ist sie ewig, also auch ohne Anfang. Nach Tertullian hat die individuelle Seele einen zeitlichen Anfang, aber sie ist unsterblich: philosophisch zweifellos die schwierigste der drei Lösungen. Durchgesetzt hat sie sich damals trotzdem, nicht zuletzt wohl deswegen, weil sie dem römischen Lebensgefiihl mit seinem individuellen Ewigkeitsstreben entsprach, das sich unschwer christianisieren ließ. Auch bei der Seele wird der Rang durch die Herkunft bestimmt: Sie ist Gottes Hauch. Ihre auctoritas beruht aufihrer maiestas naturae (test. anim. 5, 1). Man beachte die römischen rechtlichen Termini! Jede Seele ist des Irrtums angeklagt, aber sie ist auch Zeugin der Wahrheit. So ließe sich sogar die Aufgabe denken, die Wahrheit des Christentums und den Irrtum des Heidentums aus den heidnischen Philosophen und Dichtern selbst nachzuweisen (test. anim. 1 , 1 ) . Der klaren Definition der Seele (anim. 22, 2) merkt man wieder die advokatische Schulung des Autors an2. 1 :

Matth. 18, 20; castit. 7, y,fug. 14, 1. Deßitimus animant dei flatu natam, immortalem, corporalem, effigiatam, substantia simplicem, de suo

1226

LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Seine Fähigkeit, Sachverhalte präzise in Worte zu fassen, macht Tertullian zu einem der Wegbereiter der mittelalterlichen Theologie. Die Beziehung zwischen Gott und Menschen wird von Tertullian juristisch beschrieben: Vorstellungen wie Schuld, Genugtuung, Ausgleich dominieren. Der Römer verstärkt hier Aspekte, die bereits in der jüdischen Tradition vorbereitet sind. Juristisch argumentiert Tertullian auch in der Frage der Beziehung der Christen zum Staat. Im Apologeticum hebt er hervor, daß es unerhört sei, jemanden um seines Namens willen zu verfolgen. Auch betont er die Loyalität der Christen, die sogar fur den Kaiser beten (39, 2) und so fur die Kontinuität des römischen Reiches sorgen. Er spielt die Bedeutung der Christenverfolgungen, die eine böse Realität waren, herunter (apol. 5) und zeichnet von den Kaisern im ganzen ein positives Bild. Das Apologeticum stellt die Beziehung von Kirche und Staat zu idyllisch dar. Die Atmosphäre der Verfolgungen fassen wir besser in Schriften wie Scorpiace. Dort beharrt Tertullian auf dem Vorrang von Gottes Gebot vor den Gesetzen der Menschen: Man muß der Obrigkeit gehorchen, aber nur im Dienste der Gerechtigkeit und Moral. Mehr als Gott darf man weder die Eltern noch den Kaiser noch sein eigenes Leben lieben (scorp. 14). Die christlichen Märtyrer sind die modernen Vertreter altrömischer virtus (nat. 1, 18); die heutigen Römer verfolgen in ihnen die Tugenden, die ihnen selbst abhanden gekommen sind. Doch hat der Herr der Geschichte jetzt den Römern die Macht gegeben (nat. 2, 17,19). Die Betonung des staatstragenden Charakters der christlichen Kirche im Apologeticum ist zukunftweisend; doch ist deshalb Tertullian noch lange kein >ReichstheologeVulgataNuminoseganz Andere< der Offenbarung, weiter die stoisch-römische Dichotomie von Seele und Leib, die Degradierung des Geistes zu einer Funktion der Seele, die - philosophisch schwierige - Vorstellung einer Seele, die zwar einen zeitlichen Anfang, aber kein zeitliches Ende hat, vor allem aber ganz allgemein die juristische Denkweise, die Freude an praktisch-moralischer Belehrung und - daraus resultierend - die beherrschende Rolle der Rhetorik. Auch sein Insistieren auf der historischen und leiblichen Wirklichkeit des Erlösers ist im besten Sinne ein römischer Zug. Tertullians eminente Bedeutung zeigt sich allein schon daran, daß man seine Werke tradierte, obwohl er streng genommen ein >Ketzer< war. Man konnte auf sie einfach nicht verzichten. Seine Abweichungen von der kirchlichen Lehre betreffen ja auch weniger die Theologie im engsten Sinne als die praktische Ethik und die Kirchendisziplin. Cyprian liest ihn täglich, nennt ihn »den Lehrer« (Hier. vir. ill. 53) und gießt seine Gedanken in eine gefällige und kirchlich unanfechtbare Form. Minucius Felix zeigt Übereinstimmungen mit Tertullian, die wohl auf Abhängigkeit beruhen 1 . Namentlich genannt wird Tertullian erst seit Laktanz und Eusebios, und zwar ohne Erwähnung seiner Heterodoxie. Spätere drücken ihr Bedauern hierüber aus, lesen ihn aber trotzdem. Hieronymus, eine streitbare Natur wie er, zitiert ihn besonders gern. Fulgentius, ein Feind heidnischer Laxheit, verwendet ihn in den Mythologiae2. Augustinus nimmt ihn zwar in seinen Ketzerkatalog auf (haer. 86), und im Decretum Gelasianum werden seine Schriften verworfen; doch kaum ein lateinischer Kirchenvater kann ihn ignorieren. Das Apologeticum wird schon zu Beginn des dritten Jahrhunderts ins Griechische übersetzt. Spätere Ausleger des Vaterunsers kommen an Tertullian (De oratione) — oder seinem Nachbeter Cyprian - nicht vorbei. Nicht nur Hippolyts und Novatians Trinitätslehre sind von Tertullian beeinflußt; dogmatische Formulierungen, die sich bei Tertullian finden, sind in die Schriften des Papstes Leol. (Epistola dogmatica ad Flavianum, epist. 28) und in die maßgebenden Glaubensbekenntnisse von Nicaea (325) und Chalcedon (451) eingegangen. Tertullians endzeitlich-pneumatischer Kirchen- und Geschichtsbegriff lebt in der Morgendämmerung der Neuzeit wieder auf: Joachim von Floris (f 1202) verkündet das Ende der Amtskirche des Sohnes und den Anbruch eines >dritten< 1 2

Zur Prioritätsfrage s. zu Minucius Felix (S. 1232). L. G. WHITBREAD, Fulgentius and Dangerous Doctrine, Latomus 30, 1971, 1157—1161.

PROSA: TERTULLIAN

1229

Reiches im Zeichen des Heiligen Geistes und in Gestalt einer nichthierarchischen, in A r m u t und Reinheit lebenden Gemeinschaft; die damit zusammenhängende Vorstellung einer Erziehung des Menschengeschlechts (dies der Titel einer Schrift Lessings) hat eine eigene Geschichte. Tertullians Gedanke eines Priestertums der Laien findet später einen ungleich lebhafteren Widerhall als seine damit eng verknüpften asketischen Forderungen. Tertullian hat sich als Pneumatiker verstanden. V o m Standpunkt des Geistes, an dem sich die Geister scheiden, übt er Kritik am Heidentum, aber auch an einem sich mit der Welt arrangierenden Christentum. Er erfüllt damit die biblisch legitimierte, aber kirchlich unbequeme Funktion eines >Lehrers< oder >ProphetenKetzers< Tertullian in aller M u n d e . D e r E i n f l u ß seines barocken Stils auf Kanzelredner aller Zeiten ist unübersehbar g r o ß . Wenn Bossuet 1 an Maria Himmelfahrt v o n chair angéiisée spricht, so benützt er einen Ausdruck Tertullians (resurr. 26, 7). In jüngster Zeit beginnt m a n sich aufs neue an seiner Sprachgewalt zu freuen, w i e z u m Beispiel D o u g l a s s Parkers poetische Obersetzung der Tierschilderung aus pali. 3, 3 zeigt 2 . Ausgaben: apoL: Venetiis, apud Bemardinum BENALIUM 1483. * Erste Gesamtausgabe: Beatus R H E N A N U S , Basileae 1521. * F. OEHLER, Bd. 1-3, 1851-1854 (TA, Abh.). * A. REIFFERSCHEID, G. W I S S O W A , H . H O P P E , A. K R O Y M A N N , V. B U L H A R T , CSEL 20; 47; 69; 70; 76, Wien 1890-1957. * Edd. var., C C 1 und 2, Turnholti 1954. * K . KELLNER, G. ESSER (O), 2 Bde., München 1912-1916 (BKV). * adv. Hermog.: J . H . W A S Z I N K ( Ü K ) , London 1956. * adv. lud.: H. T R Ä N K L E (T, krit. K), Wiesbaden 1964. * adv. Marc.: C. MORESCHINI, Milano 1971. * E. E V A N S (TÜ), 2Bde., Oxford 1972. * adv. Marc. 1-2: R . B R A U N (TÜA), 2Bde., Paris 1990; 1991. * adv. Prax.: E. E V A N S (TÜK), London 1948. * G. SCARPAT (TÜ, Ind.), Torino 1985. * adv. Val.: A. M A R A S T O N I (TR), Roma 1971· * J -C. FREDOUILLE (TÜK, Ind.), S C 280-281, Paris 1980-1981. * anirn.: J. H. WASZINK (TÜK), Amsterdam, Paris 1933· * anim., test, anirn., cens, anim.: J. H. WASZINK (ÜA), Zürich 1980. * apol.: J. P. WALTZING (Τ), Liège 1914, (stark veränd.) 1919. * J. P. WALTZING (K), Liège, Paris 1919. * J. P. WALTZING mit A. SEVERYNS (TÜ), Paris 1929. * C. BECKER (TÜ) München 1952, ' 1 9 6 1 . * P. FRASSINETTI, Torino 1 9 6 5 . * E. PARATORE ( Κ ) , Ε . B U O N A I U T I (Ü), Bari 1 9 7 2 . * A . R. BARRILE (TÜ), Bologna 1980. * apol. 1: A. SCHNÖDER (TÜK), Neuchâtel 1968. * bapt. : B. LUISELLI (T, krit. K), Torino i960; '1968. * E . E V A N S (TÜK), London 1964. * cam.: Ε . E V A N S (TÜK), London 1 9 5 6 . * J . - P . M A H É (TÜK, Ind.), 2Bde., S C 2 1 6 - 2 1 7 , 1

2

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I230

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

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J.-C.

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P R O S A : M I N U C I U S FELIX

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MINUCIUS FELIX

Leben, Datierung M. Minucius Felix wirkt als Sachwalter in Rom. Von Geburt ist er höchstwahrscheinlich Afrikaner: Sein Werk1 ist zusammen mit dem des Afrikaners Arnobius überliefert, die Namen der Gesprächsteilnehmer im Octavius sind auf afrikanischen Inschriften bezeugt2, im Dialog zitiert Caecilius seinen Landsmann Fronto aus 1 Hieronymus (vir. ill. 58) hält eine Minucius zugeschriebene Schrift De fato vel Contra mathematicos aus stilistischen Gründen fur unecht; J. G. PRÉAUX, A propos du Defato (?) de Minucius Felix, Latomus 9, 1950, 395-413· 2 J. BEAUJEU, Ausg. S. xxvi.

1232

LITERATUR

DER

MITTLEREN

UND

SPÄTEN

KAISERZEIT

Cirta (9, 6; 31, 2). Auch in der Romkritik mag afrikanisches Selbstbewußtsein mitschwingen (2$, 1-7). Da unser Autor Fronto und Gellius kennt, schreibt er nach 160; andererseits zitiert ihn Laktanz, er muß also vor 310 gelebt haben. Die Streitfrage, ob Minucius oder Tertullian älter sei, entscheidet man meist zugunsten Tertullians1: Gedanken, die Minucius mehr rhetorisch-assoziativ reiht, stehen bei Tertullian in einem strengeren logischen Zusammenhang. Berührungen mit Minucius sind in der älteren Schrift Ad nationes weniger eng als im Apologeticum; wäre Tertullian der Nachahmer, so wäre es verwunderlich, daß er sich in der späteren Schrift enger an seine Vorlage anschlösse als in der früheren. Tertullians Angaben sind oft präziser und detaillierter; also hat Minucius sie verkürzt; er verfahrt mit dem Material aus Tertullian nicht anders als mit ciceronischen und platonischen Elementen2. Demnach wäre der Octavius nach dem Apologeticum (197) anzusetzen. Die pseudocyprianische Schrift Quod idola dii noti sint ist ein fast wörtlicher Abklatsch von Min. Fei. 18-23 und Tert. apol. 21-23; da sie vermutlich erst im 4. Jh. entstand, bietet sie für die Datierung des Octavius keinen Anhaltspunkt. Die Berührungen mit Cyprian, Ad Donatum (spätestens 248) deuten auf Priorität des Minucius hin3. Der Octavius gehört also wohl in die erste Hälfte des 3.Jh. In dieselbe Epoche4 fuhren weitere Indizien: Die Betonung der Philosophie und die Rolle der Cicero- und Vergil-Zitate erinnern daran, daß das Christentum zunehmend in die römische Oberschicht eindringt; neben der Stoa macht sich der Piatonismus bemerkbar; so paßt Minucius trefflich in die Übergangszeit zwischen der >stoischen< und der >platonischen< Phase der lateinischen Patristik. Werkübersicht Vorspiel (1-4): Auf einem Spaziergang am Strande von Ostia entspinnt sich zwischen dem Christen Octavius Ianuarius und dem Heiden Caecilius Natalis ein Streitgespräch über Religion. Minucius Felix fungiert als Schiedsrichter. ι. Hauptteil (5-13): Caecilius bestreitet die Möglichkeit sicherer Erkenntnis (erst recht für die so ungebildeten Christen) - insbesondere in bezug auf göttliche Vorsehung - und folgert 1

J . B E A U J E U , A u s g . , S . x l i v - l x x i x ; e b e n s o d i e m e i s t e n F o r s c h e r m i t B . A X E L S O N u n d C . BECKER a n

der Spitze. Für Priorität des Minucius z. B. NORDEN, Kunstprosa 605; S. Rossi, GIF 12, 1959, 289-304; 15, 1962, 193-224; 16, 1963, 17-29; 293-313. Immerhin nennen Laktanz (inst. 5, 1, 22) und Hieronymus (ιepist. 70, 5) Minucius vor Tertullian. (Doch ist das Anordnungsprinzip nicht eindeutig chronologisch und die Reihenfolge an anderen Hieronymusstellen umgekehrt). Bei Minucius fehlen alle Elemente, die Tertullian in das Apologeticum neu aus der Apollonio!-Apologie aufgenommen hat (M. S O R D I 1964). 2

3

C . BECKER 1 9 6 7 .

J . BEAUJEU Ixvii-lxxiv; fur Datierung nach Cyprian jetzt G. L. CARVER 1978 (nicht zwingend). 4 Die offizielle Anerkennung des Isis-Kults durch Gründung des Serapeum in Rom unter Caracalla dürfte ein Terminus post quem sein (2, 4; 21, 3); auch der Termin - Weinlese (2, 3) - mag eine Spitze gegen die Isis-Religion enthalten, deren Initiationsfeiern häufig in jener Jahreszeit stattfanden: P. COURCELLE, Les Confessions de saint Augustin dans la tradition littéraire. Antécédents et postérité, Paris 1963, 122.

P R O S A : M I N U C I U S FELIX

1233

daraus die Notwendigkeit, sich an die traditionellen Götterkulte zu halten, denen Rom seine Größe verdanke (5-7). Es folgen eine Kritik des Christentums (8-12) und ein skeptischer Schluß (13). Zwischenspiel (14-15): Minucius bemerkt, Wahrheit habe mehr Gewicht als Beredsamkeit, und gibt Octavius das Wort. 2. Hauptteil (16-38): Octavius erklärt einleitend, Armut biete einen besseren Zugang zur Wahrheit als Reichtum (16). Daran schließt er drei Hauptpunkte: 1. den Nachweis der Existenz des einzigen Gottes und seiner Vorsehung (17-20, 1), 2. eine Kritik des Heidentums (20, 2-27), 3. eine Widerlegung der Einwände des Caecilius gegen das Christentum (28-38, 4). Abschließend erklärt er, die Wahrheit der christlichen Offenbarung habe die skeptische Lehre überwunden (38, 5—7). Schluß: Die Rede erregt Bewunderung, und Caecilius erklärt sich fur bekehrt (39-40).

Quellen, Vorbilder, Gattungen Zwar rühmt Hieronymus die Belesenheit unseres Autors (epist. 70, 5), doch stammt vieles offensichtlich aus zweiter Hand. Griechische Lektüre ist Minucius zuzutrauen; er zitiert Homer und nimmt Bezug auf Piatons Phaidott, Staat, Symposion und Timaios, zum Teil vielleicht nach Florilegien. Bei Minucius tritt Piaton etwas mehr in den Vordergrund als bei Tertullian; es bereitet sich schon die >platonisierende< Phase der Patristik vor. Der Kampf des Minucius gilt der Skepsis, die zuletzt in Sextus Empiricus einen bedeutenden Vertreter hatte. Unter den lateinischen Vorgängern gebührt Cicero und Seneca der Ehrenplatz. Außer seiner Hauptvorlage De natura deorum kennt Minucius noch viele andere Werke Ciceros1, sogar den verlorenen Hortensias, der — wie der Octavius — den Namen eines Verstorbenen als Titel trug und ein Protreptikos war. Auch wenn er Cicero folgt, ändert Minucius stets den Wortlaut. Unter den Werken Senecas genießt De Providentia den Vorzug (z. B. Min. Fei. 20, ι ; 36-37), eine Schrift, der auch Cyprian und Laktanz verpflichtet sein werden. Die Kritik an der römischen Religion (2$, 8) geht über Seneca De superstitione* vielleicht auf Varrò zurück (25, 8). Vergil - der einzige lateinische Dichter, dem göttliche Ehren zuteil wurden dient wie Homer als Autorität bei religiösen Traditionsbeweisen, ein Vorgehen, das damals bei einem Christen nicht selbstverständlich ist. Argumente aus der Geschichte Roms schöpft unser Autor teils aus Cicero, teils aus Historikern; so versucht er - wohl im Anschluß an Tertullian - , das Heidentum mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Bezugnahmen auf die Bibel3 sind indirekt; der Name Christi wird nicht genannt, vermutlich aus Rücksicht auf den heidnischen Adressatenkreis. Den Stoff der Polemik liefert - nach 9, 6 und 31, 2 - vielleicht eine Schrift 1

Académica, Laelius, De finibus, De re publica, De legibus (fur die Technik der Rahmenerzählung), Tusculanae disputationes, rhetorische Schriften, Reden, einen Atticusbrief. 2

Sen.

3

D . S. WIESEN

βg.

33 HAASE = A u g . I97I.

civ.

6,

io.

1234

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

Christen 1 .

Frontos gegen die Man denkt auch an die Wahre Rede des Kelsos 2 (178 n. C h r . ) und an christliche Apologetik; zwar findet man - außer mit Tertullian - kaum wörtliche Berührungen, aber sachliche Gemeinsamkeiten in großer Zahl. Es gibt zwei Arten v o n A p o l o g i e n (die sich gelegentlich überschneiden): die juristisch plädierende - w i e Athenagoras' Presbeia, Tertullians Apologeticumi - und die protreptische. Minucius wählt die letztere Form, die sich an ein größeres Publikum richtet. Vorgänger sind - außer dem Protreptikos des Aristoteles und Ciceros Hortensius - Tatians Rede an die Griechen und der Protreptikos des Klemens v o n Alexandrien. Die D i a l o g f o r m w a r v o n Aristón v o n Pella und lustin verwendet worden. Minucius schließt sich nicht dem platonischen Typus an, obwohl das Zwischenstück zwischen den beiden Reden auch an den Phaidon (8 8 b-90 b) erinnert; es handelt sich vielmehr u m ein Streitgespräch vor einem Schiedsrichter wie in Plutarchs Moralia4, dem taciteischen Dialogus (4, 2-5, 2) und bei Gellius (18, 1). V o r allem m a g es Minucius gereizt haben, die wichtigste literarische Form der akademischen Skepsis — man denkt an Ciceros De natura deorum - zu verwenden, u m die Skeptiker zu bekämpfen. Verbindungen zu der Gattung der Trostschrift sollte man nicht überbetonen 5 . Literarische Technik Die Fähigkeit, einen Dialog zu schreiben, mag als Gradmesser literarischer Bildung gelten. M i t Minucius Felix präsentiert sich der heidnischen Welt ein christlicher Schriftsteller, der diesem Anspruch genügt. Das Streben nach literarischer Perfektion in b e w u ß t e m Wetteifer mit Piaton und Cicero ist innerhalb der Patristik etwas Neues, und in dem vorliegenden Falle ist es ein Lateiner, der den Schritt als erster tut. Das Prooemium mit der pietätvollen Erinnerung an den verstorbenen Freund 6 , das Vorspiel, sowie der Schluß stehen in der literarischen Tradition des philosophischen Dialogs und berühren sich zum Teil eng mit Cicero. Entsprechend platonisch-ciceronischer Tradition wird der Dialog von einem Ich-Erzähler referiert. Die Schiedsrichterrolle des dritten Teilnehmers und die Lokalisierung in Ostia gemahnen an Gellius 18, 1; die Stadt am Meer - O r t des Abschieds und

O b e r diese Schrift: P. FRASSINETTI, L'orazione di Frontone contro i Cristiani, GIF 2, 1949, 238-254. Z u r Rekonstruktion des Kelsos aus den Zitaten des Orígenes: M . BORRET (ed.), Origène, C o n t r e Celse, Paris 1967-1969 (= S C 132; 136; 147; 150); J. M . VERMANDER 1971. 3 A u c h Aristeides v o n Athen. 4 615e; 747b; 750a; I096f. 5 A . ELTER, Prolegomena zu Minucius Felix, Programm Bonn 1909. 6 C i c e r o setzt Hortensius am A n f a n g des Brutus ein Denkmal; Entsprechendes gilt von Crassus im Prooemium des dritten Buches De oratore; sprachlich lehnt sich Minucius zu Beginn an den Eingang des ersten Buches De oratore an. 1

2

PROSA: MINUCIUS FELIX

1235

Wiedersehens - wird bis hin zu Augustinus die Szenerie fur bedeutsame Gespräche bilden1. Fein beobachtete Einzelheiten scheinen den Inhalt des Dialogs vorzubereiten2, besonders gilt dies von der Kußhand, die Caecilius der Serapis-Statue zuwirft, einer Geste, die das Thema - religio - veranschaulicht und zugleich das Gespräch in Gang setzt. Kunstvoll sind Leitwörter wie religio verwendet (s. Gedankenwelt). Durch die Bekehrung des Caecilius - deren Plötzlichkeit durch die ständige Betonung seines lebhaften Naturells gut vorbereitet ist - erhält der Dialog eine dramatische Steigerung: zweifellos schriftstellerisch ein Gewinn. Die beiden Reden sind aufeinander hin komponiert3, doch ist pedantisches Einerlei vermieden. Die Rede des Christen ist länger; bestimmte Teile finden bei Caecilius keine Entsprechung: so die Kritik an der heidnischen Religion (20, 2-24) und die Ausführungen über die Dämonen (26, 8—28, 6). Warum? Unser Autor ist Advokat genug, um dem Gegner nicht Gelegenheit zu einer Apologie des Heidentums zu geben. Das Gegenstück zu der Verteufelung der heidnischen Götter wäre der übliche Vorwurf des Atheismus an die Adresse der Christen; wenn Minucius ihn nur andeutet (8, 1-3), so folgt er dem Prinzip der Rhetorik, nichts ausfuhrlich zu behandeln, was der eigenen Sache ernsthaft schaden könnte. Die Parteilichkeit des Autors erstreckt sich also auch auf die Gestaltung der beiden Reden. Dagegen ist die Inkonsistenz im Charakterbild des Caecilius, der theoretisch ein Skeptiker ist, praktisch aber das traditionelle Heidentum in Schutz nimmt, keine böswillige Erfindung, um die Widerlegung zu erleichtern, sondern eine zutreffende Beschreibung der Mentalität vieler gebildeter Römer4: So zerpflückt Cotta in Ciceros De natura deorum als akademischer Skeptiker die stoischen Gottesbeweise und verteidigt dennoch zugleich als Pontifex die römische Religion. Viele Heiden sehen die Religion als politisch notwendig an; das Ignoramus der philosophischen Skepsis liefert ihnen einen wissenschaftlichen Grund, das ohnehin unerforschliche Reich des Göttlichen kampflos der traditionellen Religion zu überlassen5. Wenn Octavius von den Widersprüchen ausgeht, die er bei Caecilius findet, so ist dies gute rhetorische Technik6. Sein eigenes Argumentieren ist freilich auch nicht widerspruchsfrei. Sind die Götter laut Kapitel 21 nur Menschen, so verträgt sich dies schlecht mit ihrer Gleichsetzung mit Dämonen an anderer Stelle (26, 8-28, 6). Hier Piatonismus, dort Euhemerismus. Auf Konsistenz achtet der 1 2 3 4 5 6

Schon Iustins Bekehrungsgeschichte spielt am Meer (dial. 3-7). Man denkt an die Doppelsonne in Ciceros Staatsschrift. Vergleichende Übersicht bei J. BEAUJEU, Ausg., S. viii-xiii. Anders (verfehlt) W. SPEYER 1964, jof. Grundsätzlich hierüber A. WLOSOK i960 (zit. zu Laktanz, unten S. 127$). Ähnliche Argunicnutioiisfornicn: Orig. ». CYIs. 6, No; auch 3, 1—3; 3, 19; 3, 31—33.

1236

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N

KAISERZEIT

A d v o k a t nicht. Z ü g e w i e das Zurückschleudern der A n k l a g e auf den Gegner (ζ. B. 30 f.), die retorsio criminis, erinnern an >juridische< A p o l o g i e n - der Octavius ist mehr als nur ein thesis-artiger Schulaufsatz. Knappheit, Formsinn und - mit seltenen A u s n a h m e n - Geschmack vermitteln im ganzen keine allzu geringe Meinung v o n der literarischen Technik des Autors.

Sprache und Stil Sprachlich und stilistisch ist der Octavius eine erfreuliche Lektüre. Minucius stellt sich nicht nur religiös, sondern auch stilistisch gegen Fronto. Er lehnt das Archaisieren ab und sucht dafür Anschluß an C i c e r o , wie es dem Genos des philosophischen Dialogs entspricht - auch Tacitus hatte sich im Dialogus diesem Gattungsstil gefugt. D i e ciceronische Oberfläche täuscht freilich über die Vielfalt der Ausdrucksmittel h i n w e g ; der doch recht kurze Text enthält eine Fülle v o n ά π α ξ λ ε γ ό μ ε ν α . Minucius verleugnet keineswegs, daß er ein Sohn seiner Zeit ist: B e i genauerem Zusehen erkennt man spätlateinische Elemente, wenn auch nicht in großer Zahl1. Bezeichnend scheint ζ. B . die V e r w e n d u n g v o n reformare2 im religiösen Sinne (1, ι , 5). Bei O v i d bezeichnet es eine V e r j ü n g u n g (met. 9, 399), bei Apuleius die R ü c k v e r w a n d l u n g des Esels in einen Menschen - eng verbunden mit seiner B e k e h r u n g z u m Isiskult (Apul. met. 11, 16, 6); entsprechend ist bei Minucius reformatus ein N a c h b a r b e g r i f f zu conversus. M i n u c i u s wählt Metaphern und Vergleiche, die Heiden wie Christen gemeinsam sind: so das Sonnengleichnis für G o t t (32, 5~8)3, die Verinnerlichung der Vorstellung des Tempels (32, 1, 3) nach stoischem und biblischem Vorgang 4 , die alte Mysteriensymbolik des Auftauchens aus der Finsternis zum Licht (1, 4), die den Christen an die Taufe erinnert, und die Wandlung v o n Blindheit z u m Sehen: A u c h Caecilius wird nicht caecus bleiben (vgl. 3, 1). N e b e n C i c e r o w i r k t Seneca auf den Stil des Minucius ein; die Epoche der zweiten Sophistik steigert bestimmte Stilmerkmale: In diatribenhaften Partien w i e 37, 8 f. herrschen kurzatmige K o m m a t a , Parallelismus der Glieder und Endreim 5 , doch versteht es der A u t o r meist, den S c h m u c k so anzubringen, daß er nicht allzu störend auffallt und mit d e m Charakter (Ethos) des jeweiligen Sprechers im Einklang steht 6 . D e r Octavius ist sehr dicht und regelmäßig rhythmisiert 7 . 1 K . ABEL 1967; C . MOHRMANN, Les éléments vulgaires du latin des chrétiens, V C h r 2 , 1948, 8 9 - 1 0 1 ; 163-184; bes. 164 f. : camalis, vivificare, resunectio; wesentlich J. FONTAINE 1968, 98-100. 2 W . FAUSCH, K o m m . 31. 3 X e n o p h o n , mem. 4, 3, 13f., v o n K l e m e n s (prolrept. 6, 71; ström. 6, 7s) und anderen Kirchenvätern gebraucht. 4 Sen .fig. 123 HAASE; 1 Cor. 3, 16; 6, 19; 2 Cor. 6, 16; vgl. auch Lucr. 5, 1198-1203 (epikureisch).

E. NORDEN 1897. Einen Kontrast zwischen dem eher klassischen Stil des Caecilius und dem w e n i g e r streng periodisierten Stil des O c t a v i u s beobachtet J. F. O'CONNOR 1976; zur Ethopoiie J. FONTAINE 1968, 119. 7 K o n r . MÜLLER, R h y t h m i s c h e B e m e r k u n g e n zu Minucius Felix, M H 49, 1992, 57-73. 5

6

PROSA: MINUCIUS

FELIX

1237

Gedankenwelt Das Literaturverständnis unseres Autors ergibt sich aus seinem Bildungsverständnis; eine Trennung der Bereiche (I und II) ist nicht möglich. Das Thema >Bildung< spielt im ganzen Dialog eine Rolle. Gegenüber dem Hochmut 1 des Caecilius will Minucius zeigen, daß Christen keine Banausen sind. Sokratische Ironie liegt darin, daß der Christ sich als nicht weniger gebildet erweist als der Heide und daß der Christ siegt, indem er die verschiedenen Ansätze des Heidentums konsequent zu Ende denkt. Die von Octavius (20, 1) behauptete Identität von Christen und Philosophen2 - Variation eines bekannten Piatonwortes - wird somit durch den Gang des Dialogs untermauert. Das Thema >Religion und Aberglauben< wird schon am Ende der Einleitung akzentuiert (1, 5). Beide Redner sind gegen Aberglauben und fur Religion - nur versteht jeder etwas anderes darunter (13, $und38, 7); diese >Homonymie< bereitet die Einigung am Ende vor. Für den Heiden wandelt sich die Bedeutung beider Wörter im Laufe des Gesprächs. Der Heide kann also seine ursprüngliche Behauptung aufrechterhalten, er hat inzwischen nur den eigentlichen Sinn von Religion (vera religio) kennengelernt. Auch die Beurteilung der Philosophie scheint zu wechseln. Anfangs kommt Minucius dem Heidentum sehr weit entgegen; man denkt an die Areopagrede des Paulus (act. 17, 22-31). Tertullian schreibt der unverbildeten Seele einen Sinn fur das Göttliche zu; Minucius stimmt hierin mit ihm überein (16, 5), gesteht aber der Philosophie zunächst größeren Spielraum zu3; erst am Ende seines Dialogs wird klar, daß auch er die Philosophie nicht bedingungslos akzeptiert (34, 6; 38, $). Einmal gilt es hier, zwischen Philosophie und Philosophie zu unterscheiden. Monotheistisch-dogmatische Philosophen haben den Vorrang vor Skeptikern einschließlich des Sokrates (38, $). Aber auch innerhalb ein und derselben Schule ist die Zustimmung nicht uneingeschränkt: Stoische Argumente zugunsten der Vorsehung werden akzeptiert, der stoische Determinismus aber verworfen. Die Zustimmung zu Piaton wird durch fere (19, 15) relativiert. Indirekt deutet Minucius seine prinzipiellen Vorbehalte dadurch an, daß er den ganzen Dialog im Vorfeld des Christentums spielen läßt und dogmatische Fragen stillschweigend der Diskussion entzieht. Er teilt Piatons Überzeugung, daß letzte Wahrheiten öffentlich schwer mitteilbar sind: »Auch wir Christen verkündigen öffentlich nur, wenn man uns verhört« (ebd.). Aus einer Not wird hier eine Tugend gemacht, vielleicht sogar ein literarisches Programm. Ein weiterer Schutz der religiösen Privatsphäre ist für unseren Autor das romanische Kunstprinzip einer vornehmen Kultur der Oberfläche. Weisheit ist ein weiteres Thema, das Christen und Heiden zugleich angeht. Das • s , 3f·; 8 , 3f·; 1 4 , >; 1 6 , 5 . 2 3

Er stellt sich so in die Nachfolge des lustin und Athenagoras. Z. B. wird 19, 4 Thaies ganz eng an gen. 1, 2 herangerückt.

1238

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N

UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Stichwort erscheint in der Einleitung (1, 4) und bei der Themastellung in der Rahmenhandlung (4, 4). Entsprechend ist am Anfang (3,1) und am Ende (40, 1) von der Überwindung des Irrtums [error) die Rede. Die Weisheitsthematik ist eng verbunden mit der Grundfrage nach der Möglichkeit von Erkenntnis und nach der Erreichbarkeit von Wahrheit. Die Gleichsetzung des Christentums mit der Wahrheit ist das Rückgrat des Dialogs. Veri tas bezeichnet im Lateinischen zugleich das Tatsächliche. Octavius will durch Fakten überzeugen. Doch warum spart er die Christologie aus? Bevor wir vorschnell annehmen, Minucius sei noch nicht tief ins Christentum eingedrungen, oder er vertrete einen häretischen, halb heidnischen Humanismus, sei nach der damaligen Situation des Christentums gefragt. Es ist in jener Zeit neben dem Judentum die einzige streng monotheistische Religion. In dieser Beziehung stimmt es mit den meisten Philosophenschulen überein, die daher als natürliche Verbündete gelten müssen. Das Publikum des Octavius ergibt sich aus der Gattung des Protreptikos: Eine gebildete Öffentlichkeit soll gewonnen werden. Dem exoterischen Charakter solcher Schriften entspricht es, die anziehenden Darlegungen nicht mit Problemen zu belasten, die der Besprechung im inneren Kreise vorbehalten sind. So erklärt sich die theologische Zurückhaltung des Verfassers. Warum gilt der Kampf nicht den Mysterienreligionen, sondern der Skepsis? Diese Haltung entspricht dem angestrebten intellektuellen Niveau. Minucius geht aufs Ganze: Im Bunde mit der Philosophie sichert er den Monotheismus rational ab und schaltet damit implizit die polytheistischen Religionen - einschließlich der Mysterien - aus, ohne sie ausdrücklich bekämpfen zu müssen. Er wendet sich gegen die Skepsis, nicht nur weil sie durch Sextus Empiricus neuen Auftrieb erhalten hat, sondern weil die wissenschaftlich verbrämte Zurückhaltung in bezug auf die Götter den alten Kulten indirekt den besten Dienst erwies; schuf sie doch ein Vakuum, in dem sie sich halten und sogar neu rechtfertigen konnten. Bei Caecilius kommen innere Widersprüche des Heidentums klar zum Vorschein, vor allem die Spannimg zwischen philosophischer Skepsis und traditionellem Aberglauben. Im Unterschied zu den Darlegungen des Caecilius - aber auch zum platonischen Dialog - liegt für den Christen freilich die Wahrheit von vornherein fest. Minucius strebt von Anfang an danach, der Auseinandersetzung wissenschaftlichen Charakter zu geben und läßt den Heiden Caecilius schon in 4, 4 einen solchen Vorschlag machen. Dabei ist der intellektuelle Ansatz des Minucius dem des paganen Propagandisten Kelsos gar nicht so unähnlich: Wirbt dieser für den Zusammenschluß aller für Geistiges aufgeschlossenen Menschen im Heidentum, so will Minucius das gleiche für das Christentum erreichen, das in seinen Augen die wahre Weisheit ist. Dafür beruft sich unser Autor nicht etwa auf transzendente Offenbarung, sondern auf das Zeugnis der Denker und Dichter. Die Liste der Philosophen gipfelt in Piaton, dessen Äußerungen über den Schöpfer (Tim. 28 C) Minucius als

PROSA: MINUCIUS

1239

FELIX

eadem fere ... quae nostra (19, 15) sehr hoch einstuft; Piatons Rede wäre »ganz und gar himmlisch«, wenn sie nicht manchmal durch Politik - wohl Rücksicht auf die Staatsreligion - getrübt würde (19, 14). Wenn Minucius (19, 2-3; 32, 1-9) von der Einwohnung Gottes in der Welt und im Menschen spricht, illustriert er stoische V o r s t e l l u n g e n m i t W o r t e n V e r g i l s : Iovis

omnia

plena

(eel.

3 , 6 0 ; v g l . georg.

4,

220-221; Aeri. 6, 724-727)', ohne Rücksicht darauf, daß solcher Pantheismus auf den persönlichen und transzendenten Gott der Christen nicht genau zutrifft. Stellen wie 17, 2 über die Zusammengehörigkeit von Selbsterkenntnis, Welterkenntnis und Gotteserkenntnis erinnern an Mittelplatonisches (Ps. Apul. Asel. 10). Minucius kennt traditionelle Gottesbeweise: den kosmologischen2 (18, 4) aus der Ordnung der Welt, die - aristotelisch - einen unbewegten Beweger voraussetzt, und den teleologischen3 aus der Zweckmäßigkeit der Schöpfung (i7f.). Er verweilt länger bei der natürlichen Theologie als die übrigen Kirchenväter. Hinzu kommt als drittes der >Traditionsbeweischristliche CiceroDeistuntheologischer< Verkündigung das Christentum als die einzige wissenschaftlich haltbare Religion zu erweisen. In der Tat ist im 3. Jh. der Mut zu Philosophie und Kultur ein Grund fur den Erfolg des Christentums unter Gebildeten. Dieselben Leser soll auch der ausgefeilte Stil gewinnen. Minucius beweist zugleich seinen Zeitgenossen die literarische Konkurrenzfähigkeit der Christen und uns die Renaissancefahigkeit des ciceronischen Dialogs. Ausgaben: Faustus S A B A E U S B B I X I A N U S , Amobii Disputationum advers us gentes libri octo, Romae 1543: Der Octavius erscheint hier als »achtes Buch< von Arnobius (AJversus naílones). * Franciscus B A L D U I N U S , Heidelberg 1560: Erstmals erscheint hier der Octavius unter dem Namen des Minucius Felix. * C . H A L M , Wien 1867 (= CSEL 2). * J . P. W A L T Z I N G (TÜK), Leipzig 1909. * J . V A N W A G E N I N G E N (TK), Utrecht 1923. * M . P E L L E G R I N O (TK), Torino 1947, Ndr. 1955. * M . P E L L E G R I N O ( Τ ) , Torino 1950, Ί963, Ndr. 1972. * G . QuiSPEL (TK), Leiden 1949. * J . B E A U J E U (TÜK), Paris 1974. * G . W. C L A R K E (ÜK), New York 1974. * B. K Y T Z L E R (TO), München 1965; Stuttgart 1977. * E. H E C K U. a. (Ü), Privatdruck Tübingen 1981. * B. K Y T Z L E R (T), Leipzig 1982, Ndr. 1992. * W. F A U S C H , Die Einleitungskapitel zum Octavius des Minucius Felix (K), Diss. Zürich 1966. * * Lexikon: J. P. W A L T Z I N G , Lexicon Minucianum, Liège-Paris 1909. * * Bibl.: bei H. v. G E I S A U (s. U . ) und in den Monographien. K . A B E L , Minucius Felix, Octavius. Das Textproblem, RhM 110, 1967, 248-283. * B. A L A N D , Christentum, Bildung und römische Oberschicht. Zum Octavius des Minucius Felix, in: Piatonismus und Christentum, FS H. D O R R I E , Münster 1983, 11-30. * M. v. A L B R E C H T , M. Minucius Felix as a Christian Humanist, ICS 12, 1987, 157-168. * B. A X E L SON, Das Prioritätsproblem Tertullian-Minucius Felix, Lund 1941. * J. B E A U J E U , Remarques sur la datation de 1 Octavius. Vacances de la moisson et vacances de la vendange, RPh 41, 1967, 121-134. * C. B E C K E R , Der Octavius des Minucius Felix. Heidnische Philosophie und frühchristliche Apologetik, SBAW 1967, 2. * R. B E R G E , Exegetische Bemerkungen zur Dämonenauffassung des M. Minucius Felix. Diss. Freiburg 1928, Kevelaer 1929. * R. B E U T L E R , Philosophie und Apologie bei Minucius Felix, Diss. Königsberg, Weida 1936. * W. D E N B O E R , Clément d'Alexandrie et Minuce Félix, Mnemosyne 11, 1943, 1 6 1 - 1 9 0 . * V. B U C H H E I T , Die Wahrheit im Heilsplan Gottes bei Minucius Felix (38, 1), VChr 39, 1985, 105-109. * F. X . B U R G E R , Ober das Verhältnis des Minucius Felix zu dem Philosophen Seneca, München 1904. * A. J. C A P P E L L E T T I , Minurio Félix y su filosofía de la religion, RVF 19, 1985, 7-62. * G. L. C A R V E R , Minucius Felix* Octavius and the Serapis Cult, G B 49, 1972, 25-27. * G. L. C A R V E R , Tacitus' Dialogus as a Source of Minucius Felix' Octavius, CPh 69, 1974, 100-106. * G. L. C A R V E R , Minucius Felix and Cyprian. The Question of Priority, TAPhA 108, 1978, 21-34. * Q· C A T A U D E L L A , Minucio Felice e Clemente Alessandrino, SIFC 17, 1940, 271-281. * G. W. C L A R K E , The Literary Setting of the Octavius of Minucius Felix, J R H 3, 1965, 195-211. * G. W. C L A R K E , The Historical Setting of the Octavius of Minucius Felix, J R H 4, 1967, 267-286. * P. C O U R C E L L E , Virgile et 1

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1242

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CYPRIAN Leben, Datierung Caecilius Cyprianus ist zwischen 200 und 2 1 0 als Sohn reicher heidnischer Eltern geboren, wahrscheinlich in Karthago. Der Vorname Thascius ist ein punischer Spottname. Von Beruf Rhetor, wird Cyprian erst in reiferem Alter Christ, bald darauf Presbyter und schon 248 oder 249 auf Verlangen des Volkes und gegen den Willen einiger Kleriker Bischof von Karthago. Der bald einsetzenden Christenverfolgung unter Decius entzieht er sich durch die Flucht, hält jedoch ständig brieflichen Kontakt mit seiner Gemeinde. In dem Streit um die Wiederaufnahme von Christen, die während der Verfolgung abtrünnig geworden sind, droht die Kirche auseinanderzubrechen: In K-"thago will Felicissimus die Wiederaufnahme

PROSA: CYPRIAN

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ohne weiteres erlauben, in Rom Novatian sie völlig verbieten. Mit Tatkraft setzt Cyprian an beiden Orten einen gangbaren Mittelweg durch. Zugleich stärkt er so die Autorität der Bischöfe gegen die Bekenner (confessores), die fur sich das Recht beanspruchen, den Gestrauchelten (lapst) aus dem Schatz ihrer religiösen Verdienste Gnade zu vermitteln. Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre organisiert er während einer schweren Epidemie aufopfernd den Krankendienst; daher gilt er später als Schutzheiliger gegen die Pest. Unter seiner Leitung verwerfen innerhalb von zwei Jahren (255 und 256) drei afrikanische Synoden die Gültigkeit der von Ketzern gespendeten Taufe - im Einklang mit den kleinasiatischen Bischöfen und entgegen der Ansicht des Bischofs von Rom, Stephanus (254—257). Während der Verfolgung unter dem Kaiser Valerian wird Cyprian im September 258 enthauptet 1 . Werkübersicht Ad Dormtum: Kurz nach der Taufe verfaßt, ist diese zeitkritische Bekehrungsschrift ein bescheidener Vorbote der Confessiottes Augustins. Ad Demetrianum: In Auseinandersetzung mit dem Heidentum sucht der Autor zu beweisen, daß die Christen am gegenwärtigen Unglück - Pest, Hunger, Krieg - unschuldig sind. Da Cyprians Argumentieren mit Bibelstellen heidnische Leser nicht überzeugen kann, nimmt man an, das Buch sei fur glaubensschwache Christen geschrieben (was wiederum dem Leser einige Glaubensstärke abnötigt). Testimoniorum libri III (249/30) und Ad Fortunatum de exhortatione martyrii (233 oder 237) sind thematisch geordnete Sammlungen biblischer Stellen, die uns den Text einer damals gebräuchlichen lateinischen Bibelübersetzung bezeugen. De ecclesiae catholicae untiate: Im Jahr 2$i 2 kämpft Cyprian gegen das Schisma Novatians in Rom und zugleich gegen die Partei des Felicissimus in Karthago. Kirche ist, wo ein rechtmäßiger Bischof ist: Habere iam non potest Deum patrem qui ecclesiam non habet matrem (6). Der Bischof von Rom ist nur primus inter pares. De lapsis (251): Die während der Verfolgung abtrünnig gewordenen Christen können nur nach ernster Buße wieder aufgenommen werden. Erbauungsschriften bzw. Predigten, die sich zum Teil eng an Tertullian anschließen, sind: De habitu virginum (249), De dominica oratione, De bono patientiae (256), De zelo et livore (251/2 oder 256/7). De mortalitate und De opere et eleemosynis stammen aus der Zeit der Pest (252 oder später). Die historisch wichtige Briefsammlung umfaßt 81 Schreiben; die meisten sind von Cyprian, 16 sind an ihn oder den Klerus von Karthago gerichtet. Dem Corpus wurde der offizielle Bericht über Cyprians Martyrium beigefugt sowie seine Vita, beschrieben von seinem Diakon Pontius (s. u. S. 1251 f.). Unter Cyprians Namen sind von anderen verfaßte Schriften der frühen afrikanischen Kirche mitüberliefert, die hier nicht alle erwähnt werden können. Der Schrift De montibus Sina et Sion verdanken wir u. a. ein außerbiblisches Wort Jesu: »Sehet mich so in euch, wie sich einer von euch im Wasser oder im Spiegel sieht« (mont. 13). Quod idola dii non sint kann

1 2

Acta proconsularia Cypriani.

Kurz nach der Synode: M. BÉVENOT, Ausg. 1972, 245.

1244

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als Textzeuge fur Tertullian gelten, der als Vorlage diente. De aleatoribus ist eine volkstümliche Predigt gegen das Würfelspiel 1 . Die Cena Cypriani, eine literarische Spielerei, ist wohl erst um 400 entstanden: Biblische Gestalten versammeln sich zu einem Gastmahl; dabei kommen ihre typischen Eigenschaften humoristisch zur Geltung.

Quellen, Vorbilder, Gattungen Cyprian nennt nie heidnische Autoren, doch läßt er erkennen, daß er mit ihnen vertraut ist. Die Bibel, die er eifrig zitiert, liest er in der damals in Afrika gebräuchlichen lateinischen Übersetzung2; Mißverständnisse zeigen, daß er es nicht für nötig hält, die griechische Vorlage einzusehen. Als Hilfsmittel für das >typologische< Verständnis des Alten Testaments und überhaupt zur Auffindung passender Bibelstellen führt er die publizierte Testimoniensammlung ein, ein ebenso praktisches wie fragwürdiges Genos. Ganz neu ist die Idee nicht: In Qumran kannte man biblische Spruchsammlungen für den internen Gebrauch in Katechese und Liturgie; Meliton von Sardes (um 170) hatte Eklogai aus dem Alten Testament veröffentlicht. Ob Zitatennester in frühchristlichen Schriften (z. B. im Bamabasbriej) auf Testimoniensammlungen beruhen, ist umstritten3; zumindest in Form privater Notizen muß es derartiges gegeben haben. Nach Cyprian breitet sich das Genos aus. Neu im Vergleich mit Tertullian ist auch das Briefcorpus, das die Gattung des pastoralen Briefes aufgreift, wie sie das Christentum von Anbeginn kennt. Die Erhaltung dieser Schreiben hängt mit der überragenden Bedeutung Cyprians für Zucht und Ordnung in der Kirche zusammen. Es sind keineswegs schlichte Briefe, sondern hochoffizielle, ausgesprochen rhetorisch stilisierte Episteln, die sich oft zu Traktaten entwickeln. Tertullian ist für Cyprian >der Lehren (Hier. vir. ill. 73); ihm folgt er treulich, doch schleift er die Kanten ab und schafft zum Teil einen kirchlich unbedenklichen und gut lesbaren Ersatz für die schwierigen Werke des umstrittenen Meisters4. Wie dieser verwendet er stoische Topoi, wenn er Standhaftigkeit unter der Folter rühmt; doch kritisiert er andererseits die stoische Intransigenz Novatians gegenüber den Gestrauchelten. Römisches Rechts- und Staatsdenken werden in einen neuen Kontext übertragen: Wenn Cyprian im Zusammenhang mit der Bischofswahl vom iudicium dei 1

2

E d . A . MIODOÑSKI, E r l a n g e n 1889.

In seinen späteren Schriften nähert Cyprian den Wortlaut oft der europäischen Version an; vgl. allg. J . SCHILDENBERGER, Die altlateinischen Texte des Proverfiíen-Buches. I. Die alte afrikanische Textgestalt, Beuron 1 9 4 1 , 6 - 8 und passim; H . J . FREDE, Die Zitate des Neuen Testaments bei den lateinischen Kirchenvätern. Der gegenwärtige Stand ihrer Erforschung und ihre Bedeutung fur die griechische Textgeschichte, in: K . ALAND, Hg., Die alten Übersetzungen des Neuen Testaments, die Kirchenväterzitate und Lektionare, Berlin 1972, 455-478, bes. 463 f. 3

4

J . - P . AUDET

1963.

Z. B. De oratione dominica, De habitu virginum, De dono patientiae.

PROSA: C Y P R I A N

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spricht, so finden sich keine Bibelzitate, ja, ein spezifisch christlicher Bezug scheint zu fehlen. Cyprian verwendet ganz selbstverständlich die Begrifflichkeit der römischen Beamteneinsetzung1. Literarische Technik Die literarische Technik Cyprians sei an seiner Schrift über die Einheit der Kirche etwas näher erläutert. Bezeichnend ist, wie er kontrastierende biblische Motive alternierend andeutet und sie allmählich im Bewußtsein des Zuhörers entstehen läßt. Die Kunst der Vorbereitung zeigt sich am Anfang, wo sich die vage Ahnung einer Gefahr über die Vorstellung des Schleichens und Kriechens zum Bild der Schlange verdichtet, einem alttestamentlichen Motiv, das die spätere Gleichsetzung des Gegners mit dem Antichrist vorbereitet. Diese Warnung vor Insinuation ist selbst ein Meisterstück der Insinuation. Der Hinfuhrung zum Thema >Kirche< dient andererseits das Bild eines Hauses, das auf Felsen gebaut ist (2-4); die Krönung bildet dann Jesu Wort zu Petrus: »Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen«. Drei altehrwürdige Bilder erläutern, daß die Einheit der Kirche in jedem einzelnen Bischof voll gegenwärtig ist, da sie auf dem gemeinsamen Ursprung beruht: die Strahlen der Sonne, die Aste eines Baumes, die Bäche, die von einer Quelle ausgehen (5). Die Idee der mater ecclesia (vgl. Gal. 4, 26) wird ebenfalls in einem Dreischritt entfaltet: Wir verdanken ihr Geburt, Ernährung und die Gabe des Geistes. Des weiteren ist sie die Braut Christi - im Gegensatz zur Ehebrecherin der Apokalypse (6) - und sein ungeteilter Rock (7). Die Kleidermetaphorik setzt sich fort: Paulinisch spricht Cyprian vom »Anziehen« Christi und der Einmütigkeit. Damit kommt unser Autor auf den Anfang zurück (4), wo er im Anschluß an Eph. 4, 4-6 von der leiblichen und geistigen Einheit gesprochen hatte. Auch der Kernbegriff sacramentum unitatis wird wieder aufgenommen. Das Motiv des >einen< Hauses, angedeutet in 2, kehrt in 8 wieder. Raubtiere sind von den Schafen und Tauben fernzuhalten. So entsteht ein Pendant zum Schlangenbild des Anfangs. Die symmetrische Struktur der Bilderwelt des Traktats ist schlicht und effektvoll, zumal die Schwarz-Weiß-Technik durchgehend für starke Kontraste sorgt. Römisch ist die Vorstellungswelt in De mortalitate2: Hier wird die militia Christi — im Anschluß an Eph. 6, 10-20 und Tertullian — zum Leitthema. Römisch und 1 J . SPEICL, Cyprian über das iudicium dei bei der Bischofseinsetzung, R Q A 69, 1974, 30-45; K. OEHLER, Der consensus omnium als Kriterium der Wahrheit in der antiken Philosophie und der Patristik, A & A 10, 1961, 103-129; erweitert in: K. OEHLER, Antike Philosophie und byzantinisches Mittelalter, München 1969, 234-271. 2 G. STRAMONDO, La personalità di Cipriano nel De mortalitate, in: Mélanges Ν . HERESCU = Societas Académica Dacoromana, Acta philologica 3, Roma 1964, 373-381; vgl. ferner: L. BAYARD, Le latin de s. Cyprien, Paris 1902; H. KOCH, Zum Ablativgebrauch bei Cyprian von Karthago .... RhM 78, 1929, 427-432; J . SCHRIJNEN, Chr. MOHRMANN, Studien zur Syntax der Briefe des hl. Cyprian, 2 Teile, Nijmegen 1936-1937; J . MOLAGER, La prose métrique de Cyprien . . . , R E A u g 2 7 , 1981, 226-244; L. D. STEPHENS, Syllable Quantity in Late Latin Clausulae, Phoenix 40, 1986, 72-91.

1246

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN

KAISERZEIT

stoisch ist auch das Motiv der Prüfung und Bewährung (mort. 12): Gubernator in tempestate dinoscitur, in acie milesprobatur. Es genügt, etwa an den 108. Brief Senecas zu erinnern. Auch das Bild des Baumes (mort. 12) klingt an Seneca an (prov. 4, 16). Das an Lukrez gemahnende vexari wird stoisch-christlich durch emendari überboten (mort. 13). Mit römischen Augen liest Cyprian auch das Neue Testament: Die göttliche Dynamis (2 Cor. 12, 9) findet er in der lateinischen Bibel mit virtus wiedergegeben; als Römer bezieht er spontan virtus auf den Menschen und fugt erklärend hinzu: nostra. Menschliche Leistung statt göttlicher Gnade! Der angeblich so kundige Exeget läßt sich durch sein Römertum theologisch und sprachlich in die Irre leiten. Aber der Irrtum dient der Geschlossenheit der Schrift De mortalitate. Cyprian wendet die Künste der heidnischen Rhetorik - besonders die insinuatio und evidentia - wirkungsvoll auf christliche Themen an, er berücksichtigt aber auch die Mentalität seiner von römischen Vorstellungen beherrschten Zuhörerschaft. Sprache und Stil Cyprians Sprache und Stil verbinden Anmut und Würde. Einerseits spiegeln sie die Strenge und Exklusivität seiner Denkart. Er zitiert gerne biblische Sätze, die starke Negationen enthalten, z. B. Qui non renuntiat omnibus quae sunt eius, non potest meus discipulus esse (domin. orat. 19; Luc. 14, 33). Oder: Nisi ederitis camem filii hominis et biberitis sanguinem eius, non habebitis vitam in vobis (Ioh. 6, 54; domin. orat. 18). Bei der Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers drückt sich Tertullian (orat. 6) positiv aus: petendo panem quotidianum perpetuitatem postulamus in Christo et individuitatem a corpore eius. Cyprian (domin. orat. 18) formuliert denselben Gedanken negativ und drohend: Hunc autem panem dari nobis cotidie postulamus, ne qui in Christo sumus et eucharistiam eius cotidie ad cibum salutis accipimus, intercedente aliquo graviore delicto, dum abstenti et non communicantes a caelesti pane prohibemur, a Christi corpore separemur. Bezeichnenderweise erfindet Cyprian >Mauern< für das Paradies (epist. 73, 10, 3). Übercharakterisierung steht nicht selten um des Nachdrucks willen: totam semel et solidam ßrmitatem inseparabiliter obtinebat (unit. eccl. 7). Das Resultat ist ein klarer und eindringlicher Stil, der den Autor als tüchtigen Didaktiker und manchmal auch als Schwarz-Weiß-Maler ausweist. Andererseits ist der Sprachduktus anmutig; Cyprian meidet Tertullians blitzdurchzuckte Dunkelheit. Poetisch wirkt die Färb- und Blumensymbolik (epist. 10, 5): Erat (Ecclesia) ante in operibus fratrum candida, nunc facta est in martyrum cruore purpurea,floribuseius nec lilia nec rosae desunt. Bezeichnend sind Synonymhäufungen und Homoioteleuta: Docet non tantum contemnendas sed et periculosas esse divitias, illic esse radicem malorum blandientium, caecitatem mentis humanae occulta deceptione fallentium (domin. orat. 20). Oder eine Verbindung von Parallelismus und Gradation: Feraeparcunt, aves pascunt, homines insidiantur et saeviunt (ebd. 21). Schließlich eine Antithese mit Umkehrung: Nam cum dei sint omnia, habend deum nihil deerit, si deo ipse non desit (ebd. 21).

PROSA:

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Eine genauere Vorstellung von Cyprians >lieblichem< Prosarhythmus, der allenthalben zu beobachten ist, vermittelt z. B. die Beschreibung der Taube, die den Heiligen Geist darstellt (unit. eccl. 9); vor jedem Satzzeichen finden sich hier rhythmische Klauseln, vor allem der Kretikus (oder Päon) mit Trochäus, sowie der Doppelkretikus1. Gedankenwelt I Literarische Reflexion Cyprians Gedanken kreisen nicht um die Literatur. Dennoch ist sein Umgang mit Texten ebenso planvoll wie bezeichnend: In den Testimonia werden alttestamentliche Zeugnisse als prophetische Hinweise auf Christus gedeutet. Es geht unserem Autor nicht um historische Exegese; vielmehr soll die Gemeinde — ihr dient auch hier sein Augenmerk - lernen, das Alte Testament im Lichte des Neuen zu lesen, das seinerseits bereits >pneumatische< und >typologische< Auslegung praktiziert. Hermeneutik paart sich mit Rhetorik: Unser Autor stellt die Parallelen zusammen, damit sie ein jeder fur sich nach den Methoden der rhetorischen Auxesis entfalten kann. Cyprian sagt, er liefere die >Wolle< und den >PurpurKleider< selbst herstellen (Fort. 3). Nebenbei sieht man auch, wie er sein Gedächtnis und das seiner Schüler trainiert und auf welchem Wege er in kürzester Zeit Schriftkenntnis und den Ruf eines Exegeten erlangt hat. Die Rhetorik2 steht bei den Lernmethoden und auch bei einigen der thematischen Oberschriften Pate; nach Diatriben klingen Titel wie Adulationem pemidosam esse (3, 115) oder De bono martyrii (3, 16).

Gedankenwelt II Cyprian ist ein begeisterter Lehrer und ein Freund von Zucht und Ordnung; man lese seinen Hymnus auf die disciplina (hab. virg. i) 3 . Wie fur den Römer der Staat, so ist fur ihn die Kirche eine geheiligte und autoritative Institution. Er ist Bischof; dementsprechend geht es ihm um die kirchliche Praxis: Buße, Taufe, Eucharistie, Nächstenliebe. Das moderne Entweder-Oder einer >päpstlichen< und einer >episkopalistischen< Kirchenauffassung muß man von Cyprian noch fernhalten; zwar erkennt er den Bischof von Rom als primus inter pares an; doch heißt das nicht, daß er in allen Fällen seine Ansicht teilt. Die schon bei Tertullian beobachtete juristische Denkweise umfaßt das religiöse Leben. Typisch römisch ist bei Cyprian die Betonung des Besitzes: Im Vaterunser 1 Simplex animal et laetum est/, non felle ama rum, non morsibus saevum/, non unguium laceratione violentum/: hospitia humana diligere, unius domus consortium nasse!, cum générant simul filios edere/, cum commeant volatibus invicem cohaerere/, communi conversatane vitam suam degere/, oris osculo concordiam pacis agnoscere/, legem circa omnia unanimitatis implere. 2 A. QUACQUARELLI, Note retoriche sui Testimonia di Cipriano, VetChr 8, 1971, 181-209. 3 O . MAUCH, Der lateinische Begriff disciplina. Eine Wortuntersuchung, Diss. Basel 1941.

1248

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versteht Cyprian »unser« Brot exklusiv: Christus, das Brot des Lebens, gehört nicht allen, sondern nur uns, der Gemeinde (domin. orat. 18). Tertullian akzentuiert, der aitiologischen Richtung seines Denkens entsprechend, den Ursprung des lebendigen Brotes im Wort (sermo dei vivi; orat. 6), Cyprian, seiner ekklesiologischen Sicht gemäß, den Besitzstand der Kirche und die Ausschließlichkeit ihres Anspruchs. Tertullian preist am täglichen himmlischen Brot die liberalitas Gottes gegenüber seinen »Söhnen« (fìlit), Cyprian grenzt die Vorstellung auf die Institution und ihre Ordnungen ein. Tertullian orientiert sich mehr am Wort, Cyprian denkt und empfindet sakramental. Allerdings ist bei ihm der SakramentsbegrifF noch recht weit gefaßt: Sacramentum, das lateinische Wort fur Mysterium, ist fur Cyprian eng mit der weltgeschichtlichen Tat Christi und der Einbeziehung der Menschen in sein Werk verbunden, es ist die Erkenntnis der Fülle der göttlichen Gegenwart in der konkreten Welt, die reale Erfüllung der figurae des Alten Testaments (epist. 64, 4), die er daher sacramentum Christi nennt (testim., praef.), vor allem aber ist es das Mysterium (Eph. 5, 32) der Einheit (unitatis sacramentum') in der Kirche (unit. eccl. 7). Die Nuance der Gemeinschaft ist lateinisch. Cyprian neigt somit dazu, die sichtbare Kirche mit dem eschatologischen Reich 2 zu identifizieren und betont ihre Mutterrolle. Die Stimmung, aus der dies möglich wird, hat römische Wurzeln: pietas erga rem publicam. Als Mutter von Söhnen (epist. 74, 6) erinnert die Ecclesia an Italia in Vergils Geórgica (2, 173 f.). Die sozialen Werte des altrömischen Patriotismus finden nun einen würdigen neuen Kontext. So wenig sich ein Römer ernsthaft um das barbarische Ausland kümmert, so wenig scheint Cyprian Erhebliches außerhalb der Kirche wahrzunehmen; ihn beschäftigt nicht die >erstezweite< Schöpfung; im gleichen Geiste wird sein Biograph Pontius keine Ereignisse berichten, die vor der Taufe liegen. Die Entwicklung der Kirche zu strafferen Organisationsformen und einem stärkeren Selbstbewußtsein ist in jener Zeit historisch notwendig. Bei beidem steht das römische Staatsgefiihl Pate; der Autoritätsverlust des Reiches unter den Soldatenkaisern erleichtert den Übergang, den Cyprians Schriften symptomatisch erkennen lassen: Die gealterte Welt gerät aus den Fugen, und man muß geradezu dankbar dafür sein (mort. 25). Der Wandel ist wenige Jahrzehnte nach dem Wirken Tertullians bereits eine vollendete Tatsache. Cyprians enge Kirchendefinition muß auch vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund gesehen werden: dem Streit um die Wiederaufnahme der während der Verfolgung Abgefallenen und dem Zwist um die Anerkennung der von Ketzern gespendeten Taufe. Was uns theoretisch als Einengung erscheint, ist praktisch eine Vertiefung. Cyprian wählt jeweils Argumente, die der Kirchendisziplin nützen: Gegenüber Ketzern betont er die Vollmacht der Kirche, gegenüber 1 2

U.WICKERT 1971. G. KLEIN, Die hermeneutische Struktur des Kirchengedankens bei Cyprian, Z K G 68, 1957, 48-68.

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allzu großzügigen Klerikern die Grenzen dieser Vollmacht: N u r Gott kann Sünden vergeben (laps.

17).

Überlieferung W. von Härtel (Ausg. 1 8 6 8 - 1 8 7 1 ) unterschied zwei Handschriftenklassen: einerseits den Seguierianus (S), nunc Parisiensis 10592, Suppl. lat. 7 1 2 , s. V I - V 1 I , andererseits die recentiores (s. I X - X I ) . Hinzu kam der (heute verlorene) Veronensis (V; wohl s. VI-VII). Dieser ist von den Gelehrten der Gegenreformation benutzt worden, die Cyprians Schriften im Jahr 1563 in Rom edierten. Viele Lesarten und die Reihenfolge der Werke Cyprians in V kann man daher rekonstruieren. Vielleicht geht der Text von V auf eine kurz nach Cyprians Tod in Nordafrika veranstaltete Ausgabe zurück 1 . M . Bévenot (1961 und 1970) 2 wählt von über 200 Handschriften etwa 1 $ aus und teilt sie in drei Klassen ein. Er rechnet S zur zweiten Klasse; von Härtel hatte also die Unabhängigkeit von S überschätzt. S ist zwar alt, aber nicht die einzig wertvolle Handschrift. Allerdings gehört S jener zweiten Klasse auch nicht ohne Einschränkung zu. Der Cypriantext ist stark interpoliert.

Fortwirken Mehr als mit Tinte und Feder hat Cyprian durch Taten gewirkt - damit steht er in guter römischer Tradition; im Unterschied zu dem prophetischen Pneumatiker Tertullian könnte man ihn, falls der Ausdruck gestattet ist, als >Pneumatiker der Institution beschreiben. Seinen Verdiensten um die Konsolidierung der Kirche entsprechend stehen Cyprians Schriften im lateinischen Reichsteil zunächst in hohem Ansehen; in der Tat füllen sie trotz ihrer geringen theologischen und schriftstellerischen Originalität eine Lücke, ist doch Tertullian Häretiker und Augustinus noch nicht geboren. Cyprians Name bewahrt auch andere frühe Zeugnisse afrikanischen Christentums vor dem Untergang. Einige Stücke des Corpus werden ins Griechische und Syrische übersetzt, doch ohne lebhaftes Echo; offenbar konnte das östliche Christentum mit Cyprians Unterordnung des Heiligen Geistes unter die Amtskirche des Sohnes schon damals wenig anfangen; die dogmatische Fixierung dieser Unterordnimg durch den Zusatz filioque im dritten Glaubensartikel wird später (1054) zum Auseinanderbrechen der Kirche fuhren. Unser Autor vermittelt der Nachwelt Gedanken Tertullians. Ein im Westen auffalliger und für die Geschichte der Hermeneutik wichtiger Texttypus sind seine thematisch gegliederten Testimoniensammlungen, die von Späteren - z. B. von Laktanz - eifrig benützt werden. Cyprian prägt den Stil lateinischer Pastoralbriefe; sein Schaffen strahlt in Afrika auch auf die Hagiographie aus3. Laktanz kennt Cyprian (inst. 5, 1, 24; 5, 4, 3); Hieronymus vergleicht seine Schreibart mit einer klaren und reinen, sanft dahinfließenden Quelle und entschul1 2

3

P. PETITMENCIN, Le codex Veronensis de saint Cyprien, REL 46, 1968, 330-378. Ihm folgt M . SIMONETTI 1971 und Ausg. 1976.

F. DOLBEAU, A propos du texte de la Passio Marcelli centurionis, AB 90, 1972, 329-335.

I250

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KAISERZEIT

digt den Vorrang des ethischen Appells vor der Schriftexegese bei ihm durch die Verfolgungssituation (epist. 58, 10; vgl. in Is. lib. 8 praef.). Augustinus, von Beruf Rhetor wie Cyprian, kritisiert dessen ersten Brief an Donat wegen des allzu lieblichen Stils (doctr. christ. 4, 14, 31), den Cyprian freilich später aufgegeben habe. Als Hermeneutiker lobt er ihn fur das viele Gold und Silber der heidnischen Wissenschaft, das der doctor suavissimus beim Auszug aus >Ägypten< (dem alten Rom) mitgenommen habe (doctr. christ. 2, 40, 61), um es der Verkündigung des Evangeliums zugute kommen zu lassen. So erkennt Augustinus mit Scharfblick die kulturelle Vermittlerfunktion der frühen Väter. Den martyr beatissimus (ebd.) rühmt Augustinus in Predigten (serm. 309-313), Prudentius preist ihn in Versen. Die Überfuhrung seiner Reliquien feiert Bischof Agobard von Lyon (f 840) in einem Gedicht 1 . Allein schon die große Zahl der Handschriften zeugt von C y prians Wirkung im Mittelalter. Noch Erasmus (f 1536) schreibt unter Cyprians Namen einen Traktat De duplici martyrio ad Fortunatum. Später bewundert man je nach der eigenen Geistesrichtung entweder Cyprians Episkopalismus oder seinen Satz salus extra ecclesiam non est (epist. 73, 21). Der Hugenotte, Mystiker und Zeitkritiker Théodore Agrippa d'Aubigné (f 1630) achtet mehr auf literarische Qualitäten und läßt sich von Cyprians anmutiger Rosen- und Liliensymbolik inspirieren, die übrigens auch vergilische Wurzeln hat (epist. 10, 5; Aen. 12, Ó4-692). Die unechte Cena Cypriani, um 400 entstanden, ist im Mittelalter beliebt gewesen und neuerdings durch Umberto Ecos Buch Der Name der Rose weiten Kreisen bekannt geworden 3 . Ausgaben:

I o . ANDREAS, R o m a e 1 4 7 1 . * W . VON HÄRTEL, C S E L 3 , 1 - 3 , 1 8 6 8 - 7 1 . * R . WE-

BER, M . BÉVENOT, M . SIMONETTI, C . MORESCHINI, C C 3 , 1 , 1 9 7 2 ; 3, 2 , 1 9 7 6 ; 3 , 3 b e v o r s t e -

hend. * J. BAER (Ü), BKV 34, München 1918; 60, München 1928. * * domin. orat.: M . RÉVEILLAUD (TÜA), Paris 1 9 6 4 . * ad Donat.;patient.: J . MOLAGER (TÜA), SC 2 9 1 , Paris 1 9 8 2 . * eleem.: E. V. REBENACK (TÜK), Washington 1 9 6 2 . * epist.: Chan. BAYARD (TÜA), 2 Bde., Paris Ί 9 6 1 - 1 9 6 2 . * epist. 1-66: G . W. CLARKE (ÜA), 3 Bde., New York 1 9 8 4 - 1 9 8 6 . * laps, und unit, ecci: M. BÉVENOT (TÜ), Oxford 1 9 7 1 . * mort.: G . STRAMONDO, Studi sul De mortalitate di Cipriano (Unters., TÜ, vollst. Index), Catania 1964. * Ps.-Cypr. Adv. lud.: D . VAN DAMME, Freiburg (Schweiz) 1 9 6 9 . * * Konkordanz: P. BOUET, P h . FLEURY, A . GOULON, M . ZUINCHEDAU, C y p r i e n , Traités. C o n c o r d a n c e .

Documenta-

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Die Texte gesammelt Ζ. Β . im Vorspann der Cyprian-Ausgabe von I. PAMELIUS, Paris 1616. S. POQUE, Des roses du printemps à la rose d'automne. La culture patristique d'Agrippa d ' A u bigné, R E A u g 17, 1 9 7 1 , I J S - 1 6 9 . 3 C . MODESTO, Studien zur Cena Cypriani und deren Rezeption, Tübingen 1992. 2

PROSA:

CYPRIAN

I25I

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Anhang: Die Cyprianvita des Pontius Die Cyprianvita des Pontius, wenige Monate nach dem Tode des Bischofs verfaßt, ist vermutlich die erste literarisch ausgeformte christliche Biographie in lateinischer Sprache. Der christliche Wort- und Bilderschatz - vorgeprägt in der Passio Perpetuae verbindet sich mit rhetorischer Anordnung und Ausgestaltung: Prooemientopoi der Redner und Historiker fehlen ebensowenig wie die Klischees aus Panegyrikus und Fürstenspiegel. Natürlich findet sich auch die aus der Aeneis wohlbekannte Rechtfertigung der Flucht durch göttlichen Befehl (vit. Cypr. 7, 14). Ihrem Ansatz nach ist Hagiographie zugleich Geschichte und Lob - ursprünglich zwar Lob Gottes, aber - schon in diesem frühen Zeugnis - auch Menschenlob im Anschluß an unausrottbare römische Denkgewohnheiten. Die Disposition richtet sich traditionsgemäß nach der Entfaltung von Werten. Die Verbindung Cyprians mit der Gemeinde wird mit Recht betont: Die Kirche tritt an die Stelle der römischen res publica. Pontius stellt Cyprian in die Nachfolge

1252

LITERATUR

DER MITTLEREN

UND SPÄTEN

KAISERZEIT

Christi (imitado). Alttestamentliche Vorbilder übertrifft der Heilige sogar. Weltliches wird nicht berichtet, auch das Kirchenpolitische tritt fast ganz zurück. Das Schwergewicht liegt auf Unterweisung, Fürsorge und Disziplin. Die Lebensgeschichte beginnt - wie das Markusevangelium - mit der Taufe und gipfelt in der Passion. Im Ansatz ist die Darstellung zwar historisch, aber es geht nur um den Weg eines Menschen mit Gott, die Verwandlung eines Einzelnen durch den Heiligen Geist. In diesem Lichte gewinnt das Reale und Individuelle doch einen gewissen Eigenwert, wenn auch gespiegelt im Bewußtsein der Gemeinde. Der römische Realitäts- und Gesellschaftsbezug ist hier zugleich fortgesetzt und spiritualisiert, ein Ansatzpunkt für viele spätere Biographien und Autobiographien. Vergleichbar (aber hier nicht mehr zu besprechen) sind die Ambrosiusvita Paulins von Mailand und die Augustinusvita von Possidius1. Auch dort findet man römisches Exemplum-Denken und Strukturen weltlicher Panegyrik (s. S. 371-381 Die Biographie in Rom). Zu Rufin s. S. 1097 und I 3 i 7 f . ; zu Sulpicius Severus S. 378; 1023; 1097. Ausgaben: W. VON HÄRTEL, C S E L 3, 3, Vindobonae 1 8 7 1 , X C - C X I V . * J . BAER (Ü), B K V 34, Mönchen 1918. * M . PELLEGRINO ( T Ü K ) , Alba 1955. * A . A . R . BASTIAENSEN, L. C A NALI, C . CARENA, C . MORESCHINI, Vita di Cipriano, Vita di Ambrogio, Vita di Agostino ( T Ü K ) , Milano 197s. * M . SIMONETTI (dieselben Texte, nur Τ ) , Roma 1977. * * Index: mitenthalten (unvollst.) bei W. VON HÄRTEL C S E L 3, 3, Vindobonae 1 8 7 1 . * * Bibl.: in: C C 3, ι, Turnholti 1972, X L I V - X L V I . A . D'ALÈS, Le diacre Pontius, RecSR 8, 1918, 3 1 9 - 3 7 8 . * J . ARONEN, Indebtedness to Passio Perpetuae in Pontius' Vita Cypriani, V C h r 38, 1984, 6 7 - 7 6 . * BERSCHIN, Biographie 1, 5 8 - 6 5 . * H . DESSAU, Pontius, der Biograph Cyprians, Hermes 5 t , 1 9 1 6 , 6 5 - 7 2 . * Α . VON HARNACK, Das Leben Cyprians von Pontius. Die erste christliche Biographie, Leipzig 1 9 1 3 . * G . LOMIENTO, La Bibbia nella compositio della Vita Cypriani di Ponzio, VctChr 5, 1968, 23-60. * M . PELLEGRINO, Reminiscenze agostiniane della Vita et passio Cypriani, in: Augustinus Magister, Congrès international augustinien, 1, Paris 1954, 2 0 5 - 2 1 0 .

NOVATIAN Leben, Datierung Novatianus ist Mitte des 3. Jh. ein angesehener Presbyter der römischen Gemeinde und ihr erster lateinischer Autor. Die Tragödie seines Lebens beruht nicht etwa auf schwachem Glauben, sondern darauf, daß er Glaubensdinge zu ernst nimmt. Ihn empört die große Milde des Papstes Silvester (251) gegenüber Rückkehrwilligen, die während der Verfolgung unter Decius vom Christentum abgefallen waren; so wird er in Rom von einer zunächst starken rigoristischen Gruppe zum Bischof ordiniert. Daraufhin schließt ihn eine römische Synode von 60 Bischöfen aus der 1 Ausgaben: Paulinus: M. PELLEGRINO, Roma 1961; Possidius: M. PELLEGRINO, Roma 1955; Paulinus und Possidius auch in den zu Pontius zitierten Ausgaben (BASTIAENSEN USW. und SIMONETTI).

PROSA: NOVATIAN

1253

Kirche aus. Er soll später den Märtyrertod erlitten haben, wohl unter Valerian. Gemeinden der >Reinen< (καθαροί, daraus unser Wort >Ketzersilbernen Tablett< zu servieren. Andererseits erhebt sich der temperamentvolle A u t o r auch zu hymnischen Höhen, so in der geradezu lyrischen A n r u f u n g des Schöpfers (1, 31). M i t Lukrezens L o b Epikurs wetteifert der Lobpreis Christi (1, 38). S p r a c h e u n d Stil D i e Sprache des A r n o b i u s ist i m Gebrauch der Kasus, T e m p o r a , M o d i , Präpositionen, Konjunktionen, Adverbien, K o m p a r a t i v e m a n c h m a l unklassisch; frühere Herausgeber haben hier vieles zu U n r e c h t normalisiert. D e n n o c h kann man keineswegs v o n vulgärem Latein sprechen; w i l l d o c h A r n o b i u s beweisen, daß es unter den Christen gebildete Autoren gibt; sogar ein D e m i n u t i v w i e commodulum ist so eingesetzt, daß es die Grandiosität des G e d a n k e n g a n g s sogar n o c h steigert (1, 1 2

H . LE BONNIEC, A u s g . 1, 73 f. 4, 22Í.'; 34; 5, 20-23.

PROSA: ARNOBIUS

1259

9, 4). Von afrikanischem Latein< sollte man natürlich nicht mehr reden. Der Wortschatz ist ungewöhnlich groß; man findet Archaismen, poetische Vokabeln und viele Abstrakta, vor allem aber ganze Listen von Gegenständen aus den verschiedensten Daseinsbereichen, besonders der Religion. Alles wird präzise mit technischen Termini bezeichnet. Durch eine Flut von Belegen will Arnobius seine Thesen mit Fleisch und Blut umkleiden. Die Fülle1, eines seiner wichtigsten Stilprinzipien, verleiht seiner Diktion einen gewissen Schwung. Zugleich beachtet er die metrischen Klauseln so streng, daß man den Prosarhythmus bei textkritischen Entscheidungen mit heranziehen kann. Gedankenwelt I Literarische Reflexion Arnobius überschätzt das Literarische nicht: Treffend urteilt er über Leser, die Ciceros Stil bewundern, Ciceros Weisheit aber übersehen (3, 7; vgl. Aug. conf. 3, 4, 7). Er verteidigt die Schlichtheit der Evangelien mit beredten Worten und in wohlklingenden Rhythmen: Wie so oft bei den Kirchenvätern, widersprechen sich in dieser Beziehung Theorie und Praxis. Das hat gute Gründe; gilt es doch, beim Publikum das Vorurteil zu widerlegen (explizit 1, 58f.), Christen seien ungebildet und hätten keine Kenntnis der Grammatik. Der heute wieder lesenswerte Exkurs über die Irrelevanz des grammatischen Geschlechts knüpft an eine Diskussion an, die es seit den Sophisten gibt2. Gedankenwelt II Den Philosophen verdankt Arnobius viele Argumente gegen den Polytheismus. Er erkennt auch an, daß manche ihrer Lehren dem Christentum den Weg bereiten. Von der Stoa, an die man bei seinem >guten< obersten Gott zunächst denkt, trennen unseren Autor sein Skeptizismus, sein entschiedenes Eintreten für den freien Willen (2, 65) und sein heftiger Kampf gegen Volksreligion und Allegorese (5, 32-45). Aufrichtig erweist er Piaton seine Reverenz; doch verwendet er platonische Argumente gegen den Meister (2, 36), ja er macht ihm durch ein eigenes Höhlengleichnis Konkurrenz, das die Anamnesis-Lehre widerlegt (2, 20-23). Während sich christliche Autoren sonst gerne auf die »heilige Allianz* von Stoa und dogmatischem Piatonismus stützen, bezieht unser nonkonformistischer Autor seine Waffen gerne von den >FeindenMethode< könnte man beweisen, daß kein Kirchenvater Christ war, weil es ihnen allen an Sanftmut und Nächstenliebe mangelt. Der Grund, w a r u m Arnobius - zumindest in der Zeit unmittelbar v o r seiner Bekehrung - nicht Epikureer gewesen sein kann, liegt vielmehr auf erkenntnistheoretischem Gebiet. Seine tiefgehende Skepsis trennt A r n o b i u s v o m Epikureismus, der unbeirrt an der Möglichkeit v o n Wahrnehmung und Erkenntnis festhält. Das Menschenbild unseres Autors ist pessimistisch. Es liegt i h m fern, das Diesseits zu verklären; auch der Römerherrschaft steht der christliche Skeptiker - und afrikanische Patriot mit Vorbehalten gegenüber 3 . D i e Entscheidung fur H o f f n u n g in hoffnungsloser Situation scheint Erfahrungen Pascals und christlicher Existentialisten v o r w e g z u nehmen; so v e r m a g Arnobius kritische Leser zu erreichen. Im Grunde sieht er freilich im Christentum eine Philosophie, keine Religion. K ö n n e n w i r sein Christentum genauer umgrenzen? Die Vorstellung, der o b e r ste G o t t könne nicht zürnen, berührt sich mit der Lehre Markions. In gleiche Richtung weist auch eine gewisse dualistische Leibfeindlichkeit (2, 77), die doketistisch getönte Lehre v o n der M e n s c h w e r d u n g (1, 61 homine simulato) s o w i e der Gedanke, die menschliche Seele sei nicht v o m obersten G o t t , sondern vielleicht v o n einem untergeordneten D e m i u r g e n geschaffen (2, 36). Hinter d e m Verzicht,

1 Wie lustin und Theophilos von Antiochien glaubt Arnobius, die Seele könne nur durch Gottes Gnade unsterblich werden (2, 32; 61 f.). 2 Die Reihenfolge ist die der φ υ σ ι κ α ί δ ό ξ α ι der hellenistischen Zeit. 3 A m o b . nat. 1, 5, 6; 2, 1; 7, 51; anders 1, 14, 1; kritisch zur Vorstellung v o m Skeptiker Arnobius: A . WLOSOK 1989, 144; doch weiß gerade W., daß sich Skepsis und Christentum in vielen Epochen keineswegs ausschließen.

1261

PROSA: ARNOBIUS

etwas über den Ursprung des Bösen auszusagen, könnte sich ebenfalls ein Dualismus, etwa die markionitische Konstruktion eines bösen Demiurgen, verbergen. Manches davon mag freilich auch auf Rechnung des afrikanischen Platonismus gehen1. Überlieferung Die Überlieferung ist dieselbe wie bei Minucius Felix, s. oben S. 1240.

Fortwirken Laktanz, der als Schüler des Arnobius gilt2, zitiert seinen Lehrer nie. Er hat Afrika wohl schon vor der Bekehrung des Arnobius verlassen; so schreiben beide Autoren etwa gleichzeitig und unabhängig voneinander. Hieronymus bezeugt eine starke Verbreitung des Werkes im 4. Jh. (vir. ill. 79). Firmicus Maternus und Augustin (civ.) zeigen Berührungen mit Arnobius, nennen ihn aber nicht. Die Frage der Abhängigkeit ist noch ungeklärt. Die pseudotertullianische Schrift De execrandis gentium diis dürfte aus Arnobius geschöpft sein3. Vielleicht hat Arnobius zur Wiederbelebung der antiken Quaestiones-Literatur unter christlichem Vorzeichen beigetragen4. Angesichts der manchmal schulfremden Ansichten des Arnobius ist es kein Wunder, daß sein Werk als apokryph auf den Index gesetzt wird 5 . Der Neuzeit6 liefert Arnobius wertvolle Nachrichten über die heidnischen Religionen. Nach der Reformation entnimmt man ihm auch Argumente gegen den katholischen Kultus. Iustus Lipsius (f 1606), zugleich Antiquar und durch seine Würdigung der Stoa ein Wegbereiter modernen Denkens, nennt ihn 1577 den Varrò christianus1. Die für Arnobius bezeichnende Verbindung von Pessimismus und Glaubens-»Wette« findet bei Pascal (f 1662) eine Parallele8. Seit Bayle (t 1706) und Lamettrie (f 1751) beginnt man sich im Zeichen der Aufklärung fur die >Skepsis< bzw. den >Materialismus< des Arnobius zu interessieren. Ausgaben: Faustos 1816-1817, 1 2 3 4

Ndr. PL

SABAEUS,

Romae

1543. *

5. * J . ALLERER ( Ü ) ,

Trier

J. C.

ORELLIUS

(TK),

1 8 5 8 . * A . REIFFERSCHEID,

Bände, Leipzig Wien 1 8 7 5 , Ndr.

3

Vgl. A. WLOSOK, Laktanz und die philosophische Gnosis, Heidelberg i960, 22s. Hier. vir. ill. 80; epist. 70, 5. E. BICKEL, Ps.-Tertullian De execrandis gentium diis, RhM 76, 1927, 394-417. Vgl. nal. 2, 64 und 65; Quaestiones finden sich unter den Werken Eusebs und des Ambrosiaster;

E . RAPISARDA 1 9 4 6 , 2 9 - 3 0 . 5

Ps.-Gelasius, PL 59, 163; Das Decretum Gelasianum de libris recipiendis et non recipiendis, hg. E. VON

DOBSCHÜTZ, L e i p z i g

1912.

6

Wertlos die Erwähnung bei J . TRITHEMIUS, De scriptoribus ecclesiasticis, Basileae 1494, 53. 7 Lipsius erhält nach seiner Konversion von jesuitischer Seite den Rat, nach Vorbild des Amobius 7 Bücher (gegen den Protestantismus) zu verfassen: J . L. SAUNDERS, Justus Lipsius. The Philosophy of Renaissance Stoicism, New York 1955, 45. 8

L i t . bei H . L E BONNIEC, A u s g . 68, A n m .

1.

I2Ó2

L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN K A I S E R Z E I T

1890 (= C S E L 4). * C . MARCHESI, T o r i n o 1 9 3 4 , k o r r . Ί 9 5 3 . * G . E . MCCRACKEN ( Ü A ) , 2

Bde., Westminster, Mass., 1949. * Adv. na t. 1: H. LE BONNIEC (TÜR), Paris 1982. * Adv. nat. }, i-ig: J. M. P. B. VAN DER PUTTEN (TTC), Diss. Leiden 1970. * * Index: L. BERKOWITZ, Index Arnobianus, Hildesheim 1967. ** Bibl.: A. WLOSOK, HLL 5, 365-375. B. AMATA, Problemi di antropologia Arnobiana, Roma 1984. * H. BLUMENBERG, Das dritte Höhlengleichnis, Filosofia 11, I960, 705-722; wh. in: Studi e ricerche di storia della filosofia 39, 1961, 3-20. * P. COURCELLE, Les sages de Porphyre et les viri novi d'Arnobe, REL 31, 1953, 257-271. * P. COURCELLE, La polémique antichrétienne au début du IVe siècle. Qui sont les adversaires païens d'Arnobe? Résumé: RHR 147, 1955, 122-123. * F. GABARROU, Le latin d'Arnobe, Paris 1921. * E. GAREAU, Le fondement de la vraie religion d'après Arnobe, CEA 1 1 , 1980, 13-23. * O. GIGON, Arnobio. Cristianesimo e mondo romano. Mondo classico e cristianesimo, Bibl. internaz. di cultura (Roma) 7, 1982, 87—100. * H. HAGENDAHL, La prose métrique d'Arnobe. Contributions à la connaissance de la prose littéraire de L'Empire, Goteborg 1937. * H. HAGENDAHL, En Ovidiusreminiscens hos Arnobius, Eranos 35, 1937, 36-40. * K.J. HIDÉN, De casuum syntaxi Arnobii, in: De Arnobii Adversus nationes libris VII commentationes, 3, Helsingfors 1921. * E. KLUSSMANN, Arnobius und Lucrez, oder ein Durchgang durch den Epikureismus zum Christenthum, Philologus 26, 1867, 362-366. * P. KRAFFT, Beiträge zur Wirkungsgeschichte des älteren Arnobius, Wiesbaden 1966. * R. LAURENTI, Π platonismo di Arnobio, StudFilos 4, 1981, 3-54. * R. LAURENTI, Spunti di teologia arnobiana, Orpheus NS 6, 1985, 270-303. * H. LE BONNŒC, Tradition de la culture classique. Arnobe témoin et juge des cultes païens, BAGB 4, 2, 1974, 201-222. * H. LE BONNIEC, Echos ovidiens dans VAdversus nationes d'Arnobe, in: R. CHEVALLIER, Hg., Colloque présence d'Ovide, Paris 1982, 139-151, wh. in: H. LE B., Etudes ovidiennes, Frankfurt 1989, 145-157. * E. LÖFSTEDT, Arnobiana, Lund 1916. * M. MAZZA, Studi amobiani 1: La dottrina dei viri novi nel secondo libro deti'Adversus Nationes di Arnobio, Helikon 3, 1963, 1 1 1 - 1 6 9 . * E. F. MICKA, The Problem of Divine Anger in Arnobius and Lactantius, Washington 1943. * I. OPELT, Schimpfwörter bei Arnobius dem Älteren, WS 88, NF 9, 1975, 161-173. * I· OPELT, Ciceros Schrift De natura deorum bei den lateinischen Kirchenvätern, A&A 12, 1966, 1 4 1 - 1 5 5 . * E. RAPISARDA,

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LAKTANZ Leben, Datierung L. Caelius1 Firmianus (qui et) Lactantius2 findet seine erste Wirkungsstätte in Afrika, das vermutlich seine Heimat ist. Hieronymus (vir. ill. 80; vgl. epist. 70, 5, 2) nennt ihn einen Schüler des Arnobius, mit dessen Schrift die Institutiones jedoch fast nur in der Anzahl der Bücher übereinstimmen3. Diokletian beruft ihn als lateinischen Redelehrer in die neuausgebaute Hauptstadt Nikomedia; zu seinen nicht sehr zahlreichen Schülern zählt wahrscheinlich Constantin. Die Bekehrung zum Christentum erfolgt erst in reiferen Jahren. Nach Ausbruch der Christen verfolgung unter Diokletian im Februar 303 gibt er sein Amt auf; in dieser Zeit arbeitet er an den Divinae institutiones. Gegen Ende seines Lebens bestellt ihn Kaiser Constantin nach Gallien zum Erzieher seines Sohnes Crispus. Unter den in Trier entdeckten Deckenmalereien eines Prunksaales befindet sich möglicherweise eine Darstellung des >Philosophen< Laktanz. Von den weltlichen Werken des Autors (einem Symposion, einem poetischen Itinerarium seiner Reise von Afrika nach Nikomedia, sowie dem Grammaticus) ist nichts erhalten; immerhin sieht man, daß Laktanz durch die Breite seines Schaffens die übliche Trennung von heidnischer und christlicher Literatur ad absurdum fuhrt. Über die Briefe An Probus (in vier Büchern) und je zwei Bücher An Severus und An Demetrianus, die von verschiedenen Gegenständen handelten - Metrik, Geographie, Philosophie — wissen wir nur, daß sie entstanden, als Laktanz schon Christ war, und recht langweilig waren4. Von den erhaltenen Schriften ist De opificio Dei mit Sicherheit älter als die Institutiones (inst. 2, 10, 15). De ira Dei wird inst. 2, 17, 5 angekündigt. Auch die Epitome ist sicher nach den Institutiones, vielleicht sogar erst nach De ira Dei und De mortibus verfaßt. Schwieriger ist die absolute Datierung; sie hängt mit der Frage der verschiedenen >Redaktionen< zusammen. Die Institutiones entstehen im wesentlichen zwischen 304 und 311 während der Verfolgung: Dafür spricht die Auseinandersetzung mit den Angriffen zweier Philosophen; nach dem Sieg des Christentums wäre sie sinnlos. Die in einigen Handschriften erhaltenen Widmungen an Constantin und eine Anspielung auf Licinius müßten dann von Laktanz anläßlich einer späteren Ausgabe hinzugefügt worden sein. In einer noch späteren Edition - vielleicht unter Constantius - wären die Lobesworte fur Constantin zusammen mit dualistischen Passagen, die das Problem des Bösen fast manichäisch zu lösen versuchen, gestrichen worden.

1 2 3 4

W o h l nicht: Caecilius; z u m Leben grundlegend A . WLOSOK 1989. Vermutlich ein Ü b e r n a m e . Dualistische Ansätze finden sich bei A r n o b i u s und Laktanz, w e n n auch nicht genau vergleichbar. D a m a s u s bei Hier, epist. 35, 2.

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L I T E R A T U R DER M I T T L E R E N U N D S P Ä T E N K A I S E R Z E I T

Die Schrift De mortibus persecutorum, die man heute fast einhellig Laktanz zuschreibt1, ist nach dem sogenannten Toleranzedikt von Mailand (313) und vor Beginn der offenen Auseinandersetzung zwischen Licinius und Constantin (314) geschrieben2. Der Verfasser, der die Verfolgung in Nikomedia selbst miterlebt hat, heißt - wie Laktanz - Lucius Caecilius, der Adressat Donatus ist derselbe wie in De ira Dei. Es gibt inhaltliche Berührungen mit Laktanzens Schriften. Außerdem ist ein Gedicht De ave Phoenice auf uns gekommen. Es ist die erste Dichtung eines Christen im Anschluß an die antike poetische Tradition. Werkübersicht De opificio Dei: Voll Sorge, sein ehemaliger Schüler, Demetrianus, könnte über all seinem Wohlstand die Güter des Geistes vernachlässigen (1), möchte der Autor ihn darüber belehren, daß der Mensch nach Leib und Seele das Werk Gottes ist. Uns ist die Vernunft gegeben, damit wir uns schützen können; wir sind also gegenüber den Tieren, die natürliche Schutzwaffen besitzen, nicht benachteiligt. Krankheit und früher Tod bedrohen uns keineswegs mehr als andere Lebewesen (2-4). Das Walten der göttlichen Vorsehung erläutert Laktanz anhand des Körpers (5-13) und der Seele des Menschen (14-19). Das Schlußkapitel (20) kündigt ein größeres Werk, die Institutiones, an. Divinae Institutiones: Buch 1, Defalsa religione: Für den Monotheismus sprechen logische und historische Argumente, Sibyllen und Propheten, Dichter und Denker. Die heidnischen Götter sind, wie schon Ennius im Euhemerus sagt, verstorbene Menschen. Buch 2, De origine erroris: Aufrechte Haltung und Schau des Himmels zeichnen den Menschen aus. Wozu Statuen und Gestirne verehren? Wunderzeichen und Orakel werden von Dämonen bewirkt, den Söhnen von Engeln und sterblichen Frauen. Kurz: Die Heiden beten Verstorbene an, verehren tote Bilder und lassen sich von unreinen Geistern beherrschen. Buch 3, De falsa sapientia: Die Philosophie ist nichtig; nur Gott hat vollkommenes Wissen, der Mensch steht seiner Erkenntnisfähigkeit nach zwischen Gott und Tier. Die Denker sind sich nie einig. Was ist das höchste Gut? Es ist immateriell, nur der Mensch, nicht das Tier kann es erlangen, und zwar durch Wissen und Tugend: die Unsterblichkeit. Die Torheit der Weltweisen zeigt sich auch an Einzelheiten ihrer Lehren. Buch 4, De vera sapientia et religione: Religion und Wahrheit lassen sich nicht voneinander trennen; das Heil liegt in der Erkenntnis Gottes. Propheten und Sibyllen haben Christi Erlösungstat vorausgesagt. Die heidnischen Vorbehalte gegen Menschwerdung und Kreuzigung sowie die ketzerischen Angriffe auf die Einzigkeit Gottes sind verfehlt. Buch 5, De iustitia: Gebildete verachten christliche Texte wegen literarischer Mängel. Angriffe zeitgenössischer Autoren gilt es formgerecht zurückzuweisen. Das von den Dichtern besungene Goldene Zeitalter war die Epoche des Ur-Monotheismus. Die Vielgötterei begann mit Iuppiter, der sich selbst an die Stelle des einen Gottes setzte. Christus stellte den Monotheismus wieder her. Die Sündhaftigkeit der Christen in den Verfolgungen beweist die Richtigkeit ihrer Lehre. Die Philosophen wissen nicht, was Gerechtigkeit ist: Die wahre Erkenntnis Gottes führt zu der Einsicht, daß alle Menschen gleich sind; dies ist

1 2

Zweifel an der Echtheit bei S. Rossi 1961 und D . DE DECKER 1970. Vgl. I.OPELT 1973; J . L . CREED, Ausg. 1984, datiert das Werk auf 3 1 4 - 3 1 5 .

PROSA:

LAKTANZ

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die Grundlage der Gerechtigkeit. Wenn Karneades Gerechtigkeit für die größte Torheit hält, so entspricht dies dem Urteil der Heiden über die Christen; im Himmel wird freilich der gerechte Ausgleich erfolgen. Buch 6, De vero cultu: Die wahre Gottesverehrung ist eine reine Gesinnung2. Man hat die Wahl zwischen dem schmalen Pfad und der breiten Straße3. Die Berührungen mit der klassischen Antike sind hier eng; doch verlangt die christliche Tugend (vgl. Matth. 22, 37-40) an erster Stelle, daß man Gott erkenne und ihn allein verehre. Dann folgt die Beziehung zu den Menschen; humanitas, in der sich iustitia und misericordia verbinden, äußert sich z. B. im Loskauf von Gefangenen, der Sorge fur Witwen, Waisen und Kranke, der Bestattung von Armen und Fremden. Im übrigen sind Affekte nicht als solche verwerflich; Schauspiele freilich sind als Sinnenlust abzulehnen. Buch 7, De vita beata: Gott schuf die Welt um des Menschen willen, den Menschen zur Verehrung Gottes; sein Lohn ist die Unsterblichkeit. Nur der Mensch weiß um Gott und Tugend. Die Weltgeschichte umfaßt sechs >Tage< — also 6000 Jahre —; am siebten Tage - der etwa >in 200 Jahren< kommen soll - wird das Tausendjährige Reich anbrechen, an dessen Ende das Weltgericht steht. Die Gerechten erwartet ein ewiger Lohn, die Verdammten ewige Qual. Die Epitome der Institutiones, auf Wunsch eines Pentadius geschrieben, ist stark verkürzt, in Einzelheiten verbessert und berührt sich gelegentlich mit Laktanzens späteren Schriften. Die griechischen Zitate sind übersetzt. Der Gedanke vom Untergang Roms (inst. 7, 15, 11-19) ist weggelassen, vielleicht mit Rücksicht auf Constantins Erfolg. Man findet neue Zitate aus Piaton, vor allem aus dem Timaios, weitere Hinweise auf Hermes Trismegistos, neue Zitate aus Terenz, Vergil, Horaz und Ovid. De ira Dei: Die Epikureer schreiben der Gottheit weder Zorn noch Güte zu, die Stoiker Güte, aber keinen Zorn. Die erste Annahme kommt praktisch dem Atheismus gleich, die zweite ist in sich unlogisch und beseitigt außerdem die Gottesfurcht. Die christliche Erkenntnis beruht auf der Verwerfung des Götzendienstes, dem Glauben an den einen Gott und an seine Offenbarung in Jesus Christus. Der Mensch ist fur die Religion geschaffen. Seine guten Taten bewegen Gott zur Gnade, seine bösen zum Zorn. Dieser ist eine Seelenregung zur Abwehr der Sünde. Es ist nicht verboten zu zürnen, sondern im Zorn zu verharren. Auch die Sibyllen bezeugen den göttlichen Zorn. Wir müssen so leben, daß wir ihn nicht verdienen. De mortibus persecutorum: Das traurige Ende der Herrscher, die Christen verfolgten, soll dem gegenwärtigen Kaiser Licinius zur Mahnung dienen, vielleicht auch Glaubensbrüdern zur Erbauung. Quellen, Vorbilder, Gattungen Für De opificio ist die Quellenfrage schwierig; mit Sicherheit sind Cicero (dessen viertes Buch über den Staat Laktanz hier ergänzen will), Varrò (der z. B . Etymologien liefert), medizinische und hermetische Literatur verwendet. Der Gattungscharakter der Divinae institutiones ist komplex. Das Werk verbindet Apologetik und Lehrbuch zu einer Einheit. Für diese erste - wenn auch 1

Cic. rep. 3, 2 i , durch Laktanz überliefert. Lucr. 5, 1198-1203; Sen. βg. 123 HAASE bei Lact. inst. 6, 25, 3; vgl. auch Lact, ira 24, 8. 3 W. RORDORF, Un chapitre d'éthique judéo-chrétienne, les deux voies, RecSR 60, 1972, 109-128; A. HARNACK, Die Apostellehre und die jüdischen beiden Wege, Leipzig 1886, '1896; aus der heidnischen Antike sei an Prodikos und die Pythagoreer erinnert. 2

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LITERATUR DER MITTLEREN UND SPÄTEN KAISERZEIT

unvollkommene - lateinische Gesamtdarstellung der christlichen Religion ist als Formtypus in erster Linie auf die systematischen Lehrbücher des römischen Rechts und der Redekunst hinzuweisen. Sprachliches Hauptmuster ist Cicero; Laktanz hat sich den Ehrentitel eines christlichen Cicero< verdient. Unmittelbar wendet er sich gegen zwei ungenannte Gegner: einen Philosophen, der für das Heidentum eintritt, und einen Richter, der Christen verfolgt, Widersprüche in der Bibel nachweist und die Wunder des Apollonios von Tyana gegen die Taten Christi ausspielt. U m darauf zu antworten, muß Laktanz philosophisch argumentieren; er darf sich zunächst nicht - wie Cyprian - auf Bibelsprüche berufen. Tut er es dennoch - wie in Buch 4 - , so schöpft er sie übrigens aus Cyprians Testimonien. Zahlreiche Zitate aus heidnischen Autoren sind ihm vermutlich durch Florilegien vermittelt worden. Im Unterschied zu Minucius Felix scheut er sich auch nicht, Griechisches einzuflechten - vor allem aus den sibyllinischen Orakeln 1 . Immerhin hat er lange in griechisch sprechender Umgebung gelebt. Piaton, dessen Denkweise viel stärker hervortritt als bei Tertullian, sieht er durch das Prisma des Klemens von Alexandrien und des afrikanischen, hermetisch geprägten Platonismus, wie er ζ. B. im pseudo-apuleischen Asclepius erscheint. Auch kennt er Theophilos' Schrift An Autolykos. Poseidonios wird ira 4, 7 und 17, 13 aus zweiter Hand - nach Cicero bzw. Seneca - zitiert. Mit den heidnischen Lateinern ist Laktanz vertraut. Wir verdanken ihm kostbare Fragmente aus Ennius' Euhemerus und Ciceros Schrift De re publica. Einer seiner Kronzeugen ist natürlich Vergil, den er 83mal zitiert; Lukrez und Ovid streiten sich um den zweiten Platz. Von dem letzteren kennt er sogar die Phaenomena2; Ovid dient als Zeuge gegen das Heidentum und ftir christliche Wahrheit. Die drei genannten Dichter sind auch im Phoenix benützt. Unter den christlichen Autoren genießt Minucius Felix eine Vorzugsstellung, nicht zuletzt aus stilistischen Gründen. Tertullian ist unentbehrlich, doch wird seine spröde Schreibart bemängelt; Cyprian wird gelesen, aber belächelt, weil er nur Überzeugte überzeugen kann. De mortibus persecutorum ist eine Rede; Gattung und Stoff bedingen eine leidenschaftlichere Stilisierung. Das Werk hat einen Vorgänger in Tertullians Ad Scapulam. Heidnische und christliche Erzählungen über Φεομάχοι bilden den Hintergrund. Die Grundtendenz erinnert an die Makkabäer-Bücher. Für große Teile stellt sich die Quellenfrage kaum, da vielfach zeitgenössische Ereignisse behandelt werden.

1 In der Epitome wird er die griechischen Zitate der Institutions latinisieren, wohl mit Rücksicht auf ein anderes Publikum. 2 H. LE BONNIEC 1986 (1989).

PROSA:

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LAKTANZ

Literarische T e c h n i k Die literarische Form der Institutio, wie sie sich in der Rhetorik und in der Jurisprudenz entwickelt hat, wird von Laktanz in die christliche Literatur eingeführt. Die Institutiones sollen nachweisen, daß das Christentum auch unter heidnischer Perspektive eine Notwendigkeit ist. Dieses Ziel bestimmt die Wahl der literarischen Mittel. Bezeichnend fur das Vorgehen des Verfassers ist das Isoheren der Probleme. Jedes Buch der Institutiones ist einem Thema gewidmet, das ausführlich abgehandelt wird, so daß am Ende des Buches jeder Zweifel beseitigt scheint. Die getrennte Behandlung der Fragestellungen kann dazu fuhren, daß z. B. stoische Gedanken mit epikureischen Argumenten und epikureische Lehren mit stoischen Argumenten bekämpft werden. Letzte Kohärenz ist nicht erreicht. Wichtig sind die Einleitungen der Bücher; ein literaturkritisches Kapitel wird unten (>GedankenweltBindung< restauriert die von Lukrez (1, 932 religionum animum nodis exsolvere) bekämpfte Religionsvorstellung. Umgekehrt ist Laktanz weniger empfindlich in der Übernahme von Termini, die heidnische Assoziationen wecken könnten (z. B. Deus summus). Daß der Ton in De mortibus persecutorum leidenschaftlicher ist als in den Lehrschriften, liegt am Gegenstand und an der Gattung; auch Cicero ist in den Reden feuriger als in den philosophischen Schriften. So manche okkasionellen Beschimpfungen stammen denn auch aus Cicero 1 . Die Herrscherkritik ist überwiegend politisch und in ihrem Charakter eher pagan als christlich - man denkt an die Historia Augusta und die Panegyrici: Schlechte Kaiser heißen tyrannus, bestia, animal, populator Italiae (an Hannibal erinnernd). Viele Schimpfwörter sind ciceronisch, viele sind mit den in der Institutio gebrauchten identisch: ein Argument fur die Echtheit von De mortibus. Z w a r können christliche Kriterien heidnische Leser nicht immer überzeugen, doch sind spezifisch christliche Schimpfwörter wie persecutor (erstmals hier 1, 6) oder praecursor diaboli ac praevius (2, 9) alles andere als saft- und kraftlos. Kaiser Maximian-Galerius wird zu einer doppelten Quelle schwarzen Humors; die Römer verspotten ihn als Barbaren: Die beiden Bären, die er sich hält, gleichen ihm an Wildheit und Größe aufs Haar (21, 5). Er verdient sich aber auch das christliche Attribut >barmherzigböser< Kaiser - Diokletian und Maximian —, wobei scheinbares Lob (>Einmütigkeitaufgelöste< Kretiker (vierte Päone), also Klauseln des Typus esse videatur und corde sapientia2. Der Klassizismus verbindet Laktanz mit seinem Landsmann und Zeitgenossen Nemesian.

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I. OPELT

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R . LACANDIA

1973. 1967.

PROSA:

LAKTANZ

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Gedankenwelt I Literarische Reflexion Laktanzens Kritik an Tertullian und Cyprian (inst. 5, 1) beweist, daß er die christliche Lehre so weit wie möglich in die Vorstellungswelt seiner Leser übertragen möchte. Im schmucklosen Stil der Bibel und in der Unvollkommenheit der christlichen Literatur erkennt er (inst. 5, 1) eine Ursache für die Vorbehalte gebildeter Heiden gegen das Christentum, das tüchtiger »Verkäufer« bedarf. Wie Lukrez (1, 936-950) will er den Arzneibecher am Rande mit Honig bestreichen, dem Honig nicht etwa der Rhetorik, sondern der himmlischen Weisheit. Es geht ihm also nicht nur um guten Stil, sondern um die - wahrhaft ciceronische Verbindung von Weisheit und Schönheit. Laktanz billigt Cicero den Wunsch nach Wahrheit zu (ira 1 1 , 10). Cicero dient auch als Zeuge fur die Bestimmung des Menschen zur Gerechtigkeit, die Gottesverehrung einschließt (ira 14, 4). Und wie einst Cicero die römischen Historiker, so rezensiert Laktanz die lateinischen Kirchenväter: Sie haben ihrer Aufgabe nicht genügt. Minucius Felix hätte ein tüchtiger Verteidiger des Christentums werden können, hätte er sich dieser Aufgabe mit ganzer Kraft gewidmet. Tertullian ist auf allen Gebieten bewandert, aber wenig leserfreundlich, vielfach rauh und dunkel und steht sich daher selbst im Wege. Cyprian, der angesehenste, ist als Stilist gewandt, erfindungsreich und attraktiv; da er sich nur an Eingeweihte wendet, kann er Außenstehende leider nicht überzeugen und wird zum Gespött. Offensichtlich gilt Laktanzens Sympathie Minucius Felix; dies mag mit dem Ciceronianismus beider Autoren zusammenhängen. Die trotz des reichlich gespendeten Lobs etwas süßsaure Würdigung Cyprians erinnert an das Urteil des Ciceronianers Quintilian über Seneca. Man sieht: Die christliche lateinische Literatur tritt mit Laktanz in ein klassizistisches Stadium ein. Der Klassizismus geht wieder einmal mit der Festigung der Zentralgewalt einher. Bedeutsam und folgenreich ist Laktanzens Berufung auf Dichter als Zeugen der Wahrheit; seine ausdrückliche Rechtfertigung der Poesie (inst. 1 , 1 1 , 23-25) wird im christlichen Mittelalter und in der Renaissance fortwirken: Non ergo res ipsas gestasfinxeruntpoetae - quod si facerent, essent vanissimi — sed rebus gestis addiderunt quendam colorem ... Totum autem, quod referas,fingere,id est ineptum esse et mendacem potius quam poetam. Nesciunt enim qui sit poeticae licentiae modus, quousque progredì fingendo liceat, cum officium poetae in eo sit, ut ea, quae vere gesta sunt, in alias species obìiquisfigurationibus cum decore aliquo conversa traducat. Der euhemeristisch desakralisierte Mythos wird als Geschichte verstanden, die in figürlicher Rede verschlüsselt ist; so wird heidnische Dichtung mit all ihrem Wahrheitsanspruch auch für Christen als quasi historische Dokumentation annehmbar. Quamvis igitur veritatis arcana in parte corruperint, tarnen ipsa res eo verior invenitur, quod cum prophetis in parte consentiunt, quod nobis adprobationem satis est (inst. 7, 22,4). Laktanz ist denn auch der

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LITERATUR DER M I T T L E R E N U N D SPÄTEN K A I S E R Z E I T

erste, der die vierte Ekloge christlich deutet (inst. 7, 24, Ii) 1 . Er weiß: Im chiliastischen Endzustand wird das Goldene Zeitalter der Dichter buchstäblich gegenwärtig sein. Laktanz deutet auch an, daß christliche Dichtung möglich ist. Der schöne Gesang soll dem Lobe Gottes dienen (inst. 6, 21, 4f.). Christliche Poesie scheint ein Novum wie zur Zeit des Lukrez epikureische Dichtung. Bei dem Dichter des Phoenix finden sich Ansätze zu einer christlichen Rechtfertigung des Ästhetischen2. Gedankenwelt II In De opificio Dei beleuchtet Laktanz die psychologischen Probleme vom Standpunkt der Skepsis. Christliches Gedankengut bleibt fast ganz beiseite, vielleicht mit Rücksicht auf die Diokletianische Verfolgung (1, 7; 20, 1). Die Gleichsetzung der Philosophen mit den Feinden der Wahrheit paßt zu Tertullians Piatonkritik, die in paulinischer Tradition steht. Trotzdem ist diese Schrift des Laktanz ausgesprochen philosophisch, ja sie ist sogar ausdrücklich als Ergänzung zum vierten Buch von Ciceros Staatsschrift eingeführt. Sapientia und Gotteserkenntnis gehören für Laktanz zusammen, ebenso religio und Gottes Verehrung. Der göttliche Lohn fur die labores hominum ist die Unsterblichkeit. In den Institutiones und in De ira Dei ist das Problem der Gnade nicht eigentlich durchdacht; Laktanz bleibt zum Teil bei römischen do ut ¿«-Vorstellungen stehen. Eine theologische Leistung ist aber Laktanzens Verbindung der christlichen Gottesvorstellung mit der römischen Idee des pater familias, dessen Wesen sich im Strafen und Belohnen, in Gericht und Gnade erfüllt3. Wie lustin und Klemens von Alexandrien kommt Laktanz über die platonische Philosophie zum Christentum. Er sieht Piaton mit den Augen des afrikanischen Piatonismus, der in der Nachfolge des Apuleius religiöse und hermetische Züge trägt. Gott ist unerkennbar, daher bedarf es der Offenbarung (vgl. inst. 1, 8, 1). Laktanz hat an einigen Stellen, die später - von ihm? - gestrichen wurden, eine dualistische, fast manichäische Auffassung vom Bösen vertreten. Allerdings umfassen die Streichungen nur die auffälligsten diesbezüglichen Passagen. Die Anthropologie knüpft an gnostische Traditionen an4, vielleicht auch mit Rücksicht auf das Leserpublikum. Dabei trägt Laktanzens römische Mysterienfrömmigkeit gesetzliche und juristische Züge. Zwischen Gott und Menschen besteht ein Rechtsverhältnis; der Mensch leistet Gehorsam und empfangt das Heil als gerechten Lohn. Römisch ist auch der moralische Aktivismus. Der Antagonismus 1 L . J . SWIFT, Lactantius and the Golden Age, AJPh 79, 2, 1968, 1 5 3 - 1 5 5 ; P. COURCELLE, Les exégèses chrétiennes de la quatrième Eglogue, R E T 59, 1957, 294-319; die Echtheit der Kaiser Constantin zugeschriebenen Deutung der vierten Ekloge ist umstritten. 2

A . WLOSOK 1990.

3

A . WLOSOK

1956.

* A. WLOSOK i960.

PROSA: LAKTANZ

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zwischen Leib und Seele erinnert zugleich an die dualistische Ethik der Stoiker. Virtus und patientia1 der christlichen Märtyrer werden im Stil römischer Stoiker wie Seneca beschrieben. Stoisch ist auch der Gedanke, Strafen s